Kitabı oku: «Biblische Sprachen im Theologiestudium»

Yazı tipi:

Stefan Fischer / Jan Heilmann / Thomas Wagner

Forum Exegese und Hochschuldidaktik – Verstehen von Anfang an

Jg. 3 – 2018 | Heft 1

in Zusammenarbeit mit Melanie Köhlmoos

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-7720-0070-6

Inhalt

  Stefan Fischer/Jan Heilmann: Editorial

 HauptbeiträgeViktor Golinets: Hebräischunterricht und Hebraistik in Deutschland und deutschsprachigen Ländern: Eine Bestandsaufnahme1 Einführung2 Orte und Kontexte des Hebräischunterrichts in der Bundesrepublik3 Hebraistische Forschung in Deutschland im 19. und 20. Jh.4 Hebraistik im 21. Jh.Melanie Köhlmoos: Ad Fontes. Aber wie?1 Die Problematik: Sachliches Zentrum, curriculare Peripherie2 Sprachen als Voraussetzung des Studiums3 Sprachen als ‚Lektoratsfächer‘4 Alte Sprachen und theologische Praxis5 Zusammenfassung und PerspektivenJohannes F. Diehl/Dirk Schwiderski: In fünfzehn Wochen zum Hebraicum?1 Einleitung2 Anforderungen an den Hebräisch-Unterricht/Rechtliche Voraussetzungen2 Anlage des Kurses3 Unterrichtsmaterialien (Grammatikphase)4 Hebräisch-Materialien zum Selbststudium (Lektüre- und Vertiefungsphase)5 NachhaltigkeitMichael Rydryck/Michael Schneider: Übersetzen als hermeneutisches, exegetisches und theologisches Problem1 Übersetzungen, Übersetzung, Über-Setzungen und Über-Setzungen2 Fallstudie: Übersetzungen von Apg 2,1–13 (von Sophie Hopp)3 Übersetzungskompetenz als hermeneutische Kompetenz4 Sprachkompetenz in theologischen Studiengängen — Probleme und Perspektiven

 Lehr-/LernbeispieleEva Hiby: Tutorien zu biblischen Sprachen1 Zur didaktischen Ausgangssituation2 Zur Zielsetzung3 Zur DurchführungDaniel Bohnert: Einführung in die lateinische Terminologie und Nomenklatur für Theologiestudenten. Ein Werkstattbericht1 Problem und Ansatz2 Anforderungen und Ziele3 Methoden und Inhalte4 Ein Beispiel

 FrontendThomas Wagner: The Open Richly Annotated Cuneiform Corpus1 Das Projekt2 Content3 Suchfunktionen4 Hilfefunktionen5 Datenexport6 User Exchange7 Einsatzmöglichkeiten im akademischen Unterricht

 RezensionenThomas Römer/Jean-Daniel Macchi/Christophe Nihan (Hg.): Einleitung in das Alte Testament. Die Bücher der Hebräischen Bibel und die alttestamentlichen Schriften der katholischen, protestantantischen und orthodoxen Kirchen, aus dem Französischen übertragen von Christine Henschel, Julia Hillebrand und Wolfgang Hüllstrung1 Zum Buch2 Zur Didaktik3 Zur Methodik4 Das Buch als Lehr- und LernbuchMarkus Lau/Nils Neumann (Hg.): Das biblische Methodenseminar1 Zum Buch2 Zur Didaktik3 Zur Methodik4 FazitInterview mit … Aaron Schart

Forum Exegese und Hochschuldidaktik Verstehen von Anfang an (VvAa)

Jahrgang 3 – 2018, Heft 1

Editorial

Stefan Fischer/Jan Heilmann

In dieser Ausgabe wendet sich das Forum Exegese und Hochschuldidaktik der Vermittlung der alten Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein zu, die eine zentrale Rolle im Studium der Theologie haben. Die Beiträge nehmen vor allem die Situation an den Universitäten in Deutschland auf. Wurden Theologiestudierende früher vielfach aus altsprachlichen Gymnasien rekrutiert, so ist dieses heute nur noch selten der Fall. Alle drei Sprachen, Griechisch, Hebräisch und Latein, werden an Gymnasien fast nirgends mehr angeboten. So wird das Erlernen dieser Sprachen in zunehmendem Maße zu einem Teil des fachwissenschaftlichen Studiums in den Fächern Altes und Neues Testament sowie Kirchengeschichte.

Eine Herausforderung des akademischen Unterrichts besteht darin, dass an den meisten Hochschulen die Sprachanforderungen je nach Studiengang variieren, sodass die Lerngruppen bezüglich ihrer Sprachkenntnisse häufig sehr heterogen sind. Obwohl sich der Evangelisch-Theologische Fakultätentag um einheitliche Sprachanforderungen bemüht, führt die Gewichtungsverschiebung von klassischem Griechisch zur Koine in der Schweiz und in Österreich – wie es für die Pfarramtsausbildung in allen deutschsprachigen Ländern bis in die 1970er Jahre univeristärer Standard war – dazu, dass Abschlüsse wegen unterschiedlicher Sprachvoraussetzungen nicht anerkannt werden und divergente hochschulpolitische Positionen ‚auf dem Rücken von Studierenden‘ ausgetragen werden. Während die auf das Pfarramt oder das Diplom führenden Studiengänge mit rückläufigen Einschreibungszahlen zu kämpfen haben, nimmt die Anzahl an Studierenden in den BA- und MA-Studiengängen, in denen es z.T. keine oder nur eingeschränkte Sprachvoraussetzungen gibt, zu. Die Lehrenden der exegetischen Fächer stehen damit vor der Herausforderung, auf die ursprachlichen Texte bezogene philologische Fachwissenschaften an Studierende ohne Kenntnisse dieser Sprachen zu vermitteln. Vielerorts ist zu beobachten, dass die mit dieser Problemstellung befassten Kolleginnen und Kollegen ihren Studierenden ein Mindestmaß an Sprachkompetenz vermitteln und von diesen einfordern. Welchen Umfang diese Vermittlung besitzen sollte und unter welchen Gesichtspunkten sie erfolgen kann, wird in verschiedenen Beiträgen dieser Ausgabe behandelt.

Die Beiträge setzen folgende Schwerpunkte: Viktor Golinets bietet einen forschungsgeschichtlichen und gegenwartsanalytischen Überblick über die Vermittlung der hebräischen Sprache und ihren unterschiedlichen Unterrichtsformen in der Bundesrepublik Deutschland. Dabei skizziert er Orte und Kontexte des Hebräischunterrichts und fasst die Hebraistische Forschung vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart zusammen. Melanie Köhlmoos geht der Lage der alten Sprachen im Studium der Evangelischen Theologie in Deutschland nach. Sie hebt hervor, wie im universitären Alltag Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Sie beschreibt die Wahrnehmung von Studierenden, die den Erwerb der alten Sprachen am Anfang des Studiums als Hürden betrachten. Wenn diese überwunden sind, so kommt die ‚sprachenfreie‘ Zeit des Studiums; eine widersinnige Bezeichnung angesichts der Tatsache, dass die Sprachen ständige Referenz theologischen Arbeitens sein sollten. Nach ihrer eher niederschmetternden Analyse der Situation zeigt sie Wege zum konstruktiven Einsatz der alten Sprachen im Studium auf. Ergänzend zu ihrer auf Deutschland bezogenen Analyse sei hinzugefügt, dass in der Deutschschweiz (Basel, Bern, Zürich) Hebräisch und Griechisch ins Bachelorstudium integriert worden sind, so dass die damit erworbenen Kreditpunkte angerechnet werden. In Wien gilt dieses immerhin für das Hebräische.

Dirk Schwiederski und Johannes Diehl setzen sich mit Lehrveranstaltungen auseinander, die auf das Hebraicum vorbereiten. Sie plädieren für einen nachhaltigen Hebräisch-Unterricht, der in einem 15-wöchigen Kurs, also innerhalb eines Semesters zum Hebraicum führt. Dabei ziehen sie dieses Modul gegenüber anderen Formen vor, die etwa in zwei Semestern parallel zu einer zweiten Sprache oder sehr kompakt in den Sommerferien durchgeführt werden. Sie unterteilen ihren Kurs in drei Phasen: Auf die zehnwöchige Grammatikphase folgt in ihrem Konzept eine vier- bis fünfwöchige Lektüre- und Vertiefungsphase, die durch das Hebraicum abgeschlossen wird. Mit Beispielen aus den verschiedenen Phasen schildern sie, wie solch ein Sprachunterricht durchgeführt werden kann. Insbesondere die von ihnen vorgestellten Übungsklausuren und die Grammatikkarten im E-Learning sind praxisnahe Studienhilfen.

Michael Rydryck und Michael Schneider reflektieren in ihrem Beitrag über das Übersetzen als hermeneutisches, exegetisches und theologisches Problem. Sie stellen Konzeption und Ertrag einer interdisziplinären Summer-School vor, in welcher diese drei Bereiche der Theologie mit Studierenden behandelt wurden. Ein studentisches Fallbeispiel, in welchem die Übersetzung der Pfingstgeschichte aus Apg 2 in drei deutschen Bibelübersetzungen analysiert wurde, zeigt auf, wie Hermeneutik, Exegese und Theologie in die Übersetzung einfließen. Ihren Kurs präsentieren Rydryck und Schneider als einen Ansatz vernetzten Lernens. Darin heben sie das Übersetzen als eine hermeneutische Kompetenz hervor, bei der Ausgangs- und Zielhorizont ineinander verschmelzen.

In den Lehr-/Lern-Beispielen wendet sich Eva Hiby dezidiert den BA-Studiengängen zu. Sie skizziert die didaktische Ausgangssituation der Studienordnungen und die Problematik fehlender Sprachkompetenz in Bezug auf die Fachliteratur. Sie stellt ein BA-Modul vor, in dessen Kontext ein Tutorium zur Vermittlung von Grundkenntnissen biblischer Sprachen gehört, so dass Studierende eine grundlegende Sprachkompetenz erwerben, die es ihnen ermöglicht, exegetische Fachliteratur zu lesen. Sowohl für Hebräisch, als auch für Griechisch wird schrittweise aufgezeigt, wie solch ein Tutorium aufgebaut ist.

Das zweite Lehr-/Lern-Beispiel ist ein Werkstattbericht. Daniel Bohnert nimmt sich der lateinischen Sprache an, wie sie insbesondere für die Kirchengeschichte von Bedeutung ist und von dort ihre Rückwirkung in die exegetischen Fächer besitzt. Er verdeutlicht dieses an einem Beispiel zum Römerbriefkommentar Bugenhagens.

Die letzte Ausgabe unserer Zeitschrift, die sich mit dem Thema Digital Humanities befasst und eine Sammelrezension von Internetressourcen enthält, nehmen wir zum Anlass, von nun an in der Rubrik Frontend jeweils eine digitale Ressource vorzustellen und zu evaluieren. Thomas Wagner hat dazu The Open Richly Annotated Cuneiform Corpus erprobt und beschrieben. Zwei Rezensionen, eine Einleitung in das Alte Testament und ein exegetisches Methodenbuch, das sich an Lehrende richtet, sowie ein Interview mit Aaron Schart beschließen diese Ausgabe.

In eigener Sache sei gesagt, dass das Herausgeberteam der Zeitschrift von Anfang an das Ziel besaß, eine regelmäßige Fluktuation zwischen den Herausgebern und dem erweiterten Herausgeberkreis zu haben. Dieses soll nicht nur die Arbeitslast, welche die halbjährliche Herausgabe einer Zeitschrift mit sich bringt, reduzieren, sondern auch jüngeren Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit geben, sich einzubringen. Die Zeit einer ersten Veränderung ist nun gekommen. Jan Heilmann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter mit einem Schwerpunkt im Neuen Testament an der TU Dresden, rückt mit dieser Ausgabe vom erweiterten in den Hauptherausgeberkreis, um einen allfälligen Wechsel vorzubereiten.

Zu guter Letzt möchten wir auf die kommende Tagung des Forums Exegese und Hochschuldidaktik hinweisen, die vom 3. bis 6.9.2018 an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. zum Thema „E-Learning“ stattfinden wird. Die Beiträge werden in Heft 2/2019 einfließen. Nun aber wünschen wir Ihnen ein gewinnbringendes Studium dieses Bandes. Anregungen und Rückmeldungen sind wie immer willkommen unter info@vvaa.de.

Stefan Fischer, Wien, und Jan Heilmann, Dresden

Hauptbeiträge

Forum Exegese und Hochschuldidaktik Verstehen von Anfang an (VvAa)

Jahrgang 3 – 2018, Heft 1

Hebräischunterricht und Hebraistik in Deutschland und deutschsprachigen Ländern: Eine Bestandsaufnahme

Viktor Golinets

Abstract | The paper describes developments within Hebrew Studies in Germany with an outlook to other German-speaking countries. It reviews several research trends of the nineteenth and twentieth centuries and delineates the current state. Traditionally, Hebrew Studies in Germany deal with Biblical Hebrew, and academic teaching of this language takes place at theological institutions. This chronological and institutional focus restricts the research field, whereby later stages of linguistic development become neglected. Even today, while Modern Hebrew is a flourishing language, its teaching is being conducted at a very small number of locations. Currently, there is only one chair in Modern Hebrew Studies in Germany and German speaking countries, and that is merely of an Assistant Professor range. Present growth of Israel and Near Eastern Studies in Germany and continuing interest in Modern Hebrew demands establishing of Hebrew Studies at more locations. The research and teaching should cover all chronological and geographical layers of Hebrew as well as apply sundry linguistic methods.

Viktor Golinets, *1976, studierte Semitistik, Judaistik und allgemeine Sprachwissenschaft in München und promovierte in Altorientalistik in Leipzig. Seit 2012 ist er Juniorprofessor für Hebräische Sprachwissenschaft an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Geschichte der hebräischen Sprache, Sprach- und Textgeschichte der Hebräischen Bibel, sowie semitische und hebräische Onomastik.

1 Einführung

Die deutsche Bezeichnung des Faches, das sich mit dem Hebräischen befasst, macht deutlich, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser Sprache in Deutschland ihren Anfang nahm. Der Begriff Hebraistik wurde mit dem gräzisierenden Suffix –ik gebildet, wodurch er eine äh+knliche Bildung wie die Namen einiger anderer Disziplinen wie z.B. Anglistik, Linguistik, Romanistik und Informatik aufweist. Diese Bildungen unterscheiden sich von älteren Fachbezeichnungen, die wie Philologie und Biologie auf der einen und Geographie auf der anderen Seite griechische Komposita sind. Fächer mit Namen, die auf –ik auslauten, sind relativ jung im Verbund der wissenschaftlichen Disziplinen. Die deutsche Fachbezeichnung Hebraistik wurde in die slawischen Sprachen übernommen, was eines der Beispiele für den Einfluss der deutschen akademischen Kultur in osteuropäischen Ländern darstellt, während westeuropäische Sprachen eigene Bezeichnungen prägten.1

Der Anfang der wissenschaftlichen Hebraistik in Europa wird mit dem Erscheinen der ersten nichtjüdischen Beschreibung des Hebräischen, der Grammatik von Johannes Reuchlin, angesetzt, die 1506 in Pforzheim gedruckt wurde.2 Die Wiederaufnahme der jüdischen Erforschung des Hebräischen ist ebenfalls mit Deutschland sowie mit dem deutschsprachigen Basel verbunden, und zwar durch das Wirken von Elia Levita (1469–1549).3 Geboren in Mittelfranken, war er in Venedig und Rom tätig, ließ in Venedig und Basel seine Bücher drucken, lebte aber zwischen 1540 und 1542 in der freien Reichsstadt Isny im Allgäu, wo fünf seiner Bücher nachgedruckt wurden. Zwischen 1542 und 1544 lebte er in Konstanz.

In diesem Aufsatz werden der Stand und einige Entwicklungen innerhalb der Hebraistik in Deutschland und in deutschsprachigen Ländern beschrieben.

2 Orte und Kontexte des Hebräischunterrichts in der Bundesrepublik

Es ergab sich aus dem theologischen Interesse am Hebräischen, das in der Spätrenaissance und der Neuzeit bei der Beschäftigung mit dieser Sprache leitend war, dass der Sprachunterricht an den theologischen Einrichtungen stattfand. Man könnte meinen, diese Lage habe sich zu Beginn des 21. Jh.s wenig verändert. Allerdings kommt es bei der Beschreibung des Standes der Hebraistik in Deutschland auf den Blickwinkel an. Je nachdem, ob wir nach Hebräischlernenden innerhalb der Theologie oder in anderen Fächern und dementsprechend an anderen Fakultäten Ausschau halten, werden Ergebnisse der Standortanalyse unterschiedlich ausfallen. Eine andere Perspektive wäre, nicht vom Angebot, sondern von der Nachfrage her den Stand der Sprache und des Faches zu eruieren. Des Weiteren sollten wir bedenken, dass die hebräische Sprache sich in den letzten hundert Jahren stark gewandelt hat. Diese Wandlung wird gemeinhin metaphorisch als ‚Wiederbelebung des Hebräischen‘ bezeichnet, und sie rief eine neue Situation hervor, sowohl in Bezug auf die Forschung, als auch hinsichtlich der Nachfrage und des Angebots. Aus diesen Gründen scheint es angebracht, zuerst Personenkreise zu benennen, die sich für diese Sprache interessieren und sie erlernen.

Die Interessengruppen könnten nach fachlicher Ausrichtung oder nach Berufen genannt werden, aber auch eine altersabhängige Aufzählung ist möglich. Versuchen wir die letztere, dann wird es vielleicht für einige Leser dieser Zeilen neu sein, dass die jüngsten Hebräischschüler in Deutschland Kinder in jüdischen Kindergärten und Grundschulen sind.1 In diesen Einrichtungen wird modernes Hebräisch unterrichtet.

Die nächste Altersgruppe der Hebräischschülerinnen und -schüler sind Gymnasiasten. Auf dieser Stufe findet eine Angebotserweiterung statt, denn an Gymnasien wird sowohl biblisches, als auch modernes Hebräisch unterrichtet. Der Unterricht des Biblisch-Hebräischen wird an einigen Gymnasien, vor allem an humanistischen, als Teil des philologischen Fächerkanons Griechisch-Latein-Hebräisch im Rahmen eines Wahlfaches oder einer Arbeitsgemeinschaft ab der Mittelstufe angeboten.2 Am Ende des Sprachkurses kann eine Hebraicumsprüfung abgelegt werden. An manchen Gymnasien in Nordrhein-Westfalen kann auch modernes Hebräisch als Prüfungsfach gewählt werden. Iwrit wird auch an jüdischen Gymnasien in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und München als ein eigenes Fach unterrichtet.3 Gewisse Hebräischkenntnisse werden des Weiteren innerhalb des jüdischen Religionsunterrichtes vermittelt, der an öffentlichen Schulen von staatlich geprüften Lehrerinnen und Lehrern und in jüdischen Gemeinden abgehalten wird.

Alt- und Neuhebräischkenntnisse, die an Grundschulen und Gymnasien erworben wurden, können im Studium der Judaistik/Jüdischen Studien, der Semitistik, der Orientalistik, der Religionswissenschaft, der Theologie und anderer geisteswissenschaftlicher Fächer vertieft werden. In Fächern wie Judaistik, Semitistik und Theologie sind Kenntnisse des Biblisch-Hebräischen im Umfang des Hebraicums obligatorisch. Unterricht des Biblisch-Hebräischen findet an Universitäten und Hochschulen in staatlicher und privater/kirchlicher Trägerschaft sowie an theologischen Seminaren statt, während rabbinisches bzw. mittelalterliches sowie modernes Hebräisch nur ins Curriculum der judaistischen Institute gehört. So umfasst das Hebraicum an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg Prüfungen in zwei Bereichen des Hebräischen – im biblischen und modernen.

An den meisten Universitäten – auch in Österreich und in der Schweiz – werden Hebraicumskurse an theologischen Fakultäten angeboten. Diese Lage ist durch regelmäßigen Bedarf an diesen Kursen für angehende Theologinnen und Theologen und somit kulturell und historisch bedingt.4 Studierende anderer Fächer belegen die Kurse und lassen danach die erworbenen Qualifikationen ‚bei den Theologen‘ prüfen. Die Sprach- und Lektürekurse zum Biblisch-Hebräischen werden – je nach dem Schwerpunkt des jeweiligen (alttestamentlichen) Lehrstuhls sowie den Forschungsinteressen der Dozierenden – durch Leseübungen zum inschriftlichen sowie Qumran-Hebräischen ergänzt. Lektüreübungen zum Qumran- und rabbinischen Hebräisch werden zudem an einigen neutestamentlichen Lehrstühlen angeboten. Ebenfalls an theologischen Fakultäten einiger Universitäten – z.B. in Heidelberg, Marburg und Münster – kann ein Studium des Biblisch-Hebräischen als Lehramtsfach für Gymnasien abgeschlossen werden.5

Modernes Hebräisch ist an deutschen Hochschulen unterrepräsentiert – nur an wenigen Instituten wird die Sprache regelmäßig unterrichtet. Sie wird vor allem an Instituten für Judaistik oder jüdische Geschichte,6 vereinzelt auch an theologischen Fakultäten angeboten, wie z.B. in Göttingen. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, die an der Hochschule für Jüdische Studien gemacht wird, dass sich Iwrit als eine moderne nichteuropäische Sprache bei Studierenden eines breiten Fächerspektrums einer steten Nachfrage erfreut. Studierende folgender Disziplinen nehmen dort an Iwritkursen teil: Semitistik, Assyriologie, Theologie, Philosophie, Religions-, Islam- und Politikwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte, Soziologie, Ethnologie, Mittelalterstudien, Slawistik, Mathematik, Physik, Biologie, Medizin und Pharmazie.

Das Sprachangebot an den Instituten für Judaistik bzw. Jüdische Studien wird mit Kursen zu jüdischen aramäischen Dialekten wie biblisches, jüdisch-palästinisches und jüdisch-babylonisches Aramäisch ergänzt, denn das Aramäische stellt die zweitwichtigste Sprache für jüdische Kultur und Religion dar. An den Rabbinerseminaren, die dem Studiengegenstand entsprechend nicht nur jüdische, sondern auch judaistische Einrichtungen sind, wird dagegen weder Hebräisch noch Aramäisch unterrichtet, da anscheinend davon ausgegangen wird, dass angehende Rabbinerinnen und Rabbiner entsprechende Qualifikationen in beiden Sprachen mitbringen.7

Neben ‚Ganztagsangeboten‘ für den Unterricht in verschiedenen Bereichen des Hebräischen, gibt es auch ‚Teilzeitangebote‘. Wer sich für Iwrit interessiert, aus beruflichen Gründen jedoch nur abends über Lernzeit verfügt, kann Sprachkurse an einer der vielen Volkshochschulen besuchen.

Wer als staatlich geprüfte/r bzw. vereidigte/r Übersetzerin und/oder Dolmetscher arbeiten möchte, kann nach seinem Studium Iwritkenntnisse durch die zuständigen Landesbehörden gemäß dem jeweiligen Landesrecht prüfen lassen und eine entsprechende Eignung nachweisen.

Diese Übersicht über die Angebote an Hebräischunterricht in unterschiedlichen Lehrinstitutionen und in mehreren Sprachstufen verdeutlicht, dass es in der Bundesrepublik viele Menschen gibt, die aus persönlichen oder beruflichen Gründen über Kenntnisse in verschiedenen Sprachstufen des Hebräischen verfügen bzw. als Nichtmuttersprachler/in Iwrit sprechen. Hierzu kommt, dass manche in ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in Israel gearbeitet, und andere während ihres Studiums eine Zeitlang in Israel gelebt haben – z.B. innerhalb eines akademischen Austauschprogramms wie Studium in Israel – und Iwrit im Rahmen von Ulpan-Kursen der sechs angebotenen Stufen lernten. Wer als Auslandsmitarbeiter in Israel tätig ist – sei es in der Wirtschaft, Wissenschaft oder bei Stiftungen – kann sich auch leicht Alltagshebräisch aneignen. Ebenfalls sprechen einige ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Initiativen des christlich-jüdischen Dialogs Iwrit. Iwritbeherrschung ist selbstverständlich conditio sine qua non für Politik- und Sozialwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Nahost,8 auch wenn Israel-Studien im Lande an diesem Punkt noch schlecht aufgestellt sind.

3 Hebraistische Forschung in Deutschland im 19. und 20. Jh.

Die Inhalte der hebraistischen Forschung in Deutschland sind von alters her ebenfalls durch die institutionelle Verankerung des Hebräischen innerhalb des Faches Altes Testament an theologischen Fakultäten bedingt. Der am stärksten ausgeprägte Bereich war im 19. Jh. die Herausgabe sowohl von Unterrichtsgrammatiken als auch von umfangreicheren Werken bis zu Referenzgrammatiken des Biblisch-Hebräischen. Die Fülle von Unterrichts- und Nachschlagewerken, von denen viele mehrere Auflagen erfuhren,1 belegt die hohe Anfrage nach Lehrmaterialien. Sie wurden für Schul- bzw. Gymnasial-, sowie Universitätsunterricht und Selbststudium konzipiert. Gleichzeitig drängt sich der Verdacht auf, dass jede Privatdozentin/jeder Privatdozent und jede Professorin/jeder Professor seine/ihre eigene Sicht der hebräischen Grammatik präsentieren wollte. Abgesehen von einigen Sprachlehrern an Gymnasien handelt es sich bei den Verfassern dieser Bücher fast ausschließlich um Theologen. Eine Ausnahme war Julius Olshausen, der aus der Orientalistik kam. Wilhelm Gesenius, Hermann Hupfeld und Heinrich Ewald waren sowohl Theologen, als auch Orientalisten sowie auch Hermann Leberecht Strack und Carl Siegfried, die die erste deutschsprachige Grammatik des Neuhebräischen herausgaben, wie seinerzeit das mischnische Hebräisch genannt wurde.2 Diese Sprachbezeichnung kommt auch im Titel der Wörterbücher von Jacob Levy und Gustaf Hermann Dalman vor.3

Parallel zur Menge der von christlichen Gelehrten herausgegebenen Lehrmittel gab es auch eine große Anzahl von Lehrbüchern des Biblisch-Hebräischen, deren Verfasser herkunftsbedingt nicht an einer theologischen Fakultät und nicht einmal an einer öffentlichen Bildungseinrichtung tätig sein durften. Viele jüdische, als Schullehrer und Rabbiner tätige Autoren haben Unterrichtsbücher geschrieben,4 die teilweise dezidiert „für die israelitische Jugend“5 bzw. „für die Jugend jüdischer Nation“6 bestimmt waren. Die didaktische Erschließung des Hebräischen von jüdischen Autoren mag sich teilweise am Beispiel der von christlichen Gelehrten geschriebenen Bücher orientieren, gleichzeitig war sie aber auch eine Antwort auf die von der Haskala, der jüdischen Aufklärung, geforderten Zuwendung zum Hebräischen als Nationalsprache.

Der Unterrichtsgegenstand der jüdischen Lehrbücher war biblisches Hebräisch, seine grammatischen Regeln sowie sein Wortschatz; aber im Unterschied zu ihren christlichen Pendants zeichneten sie sich durch den Gebrauch hebräischer grammatischer Terminologie sowie durch zum Teil frei konstruierte Übungssätze aus.

Philippssohn fügte seinen Beispieltexten „Gedichte, Gebete, Sittensprüche, Erzählungen und Fabeln“7 hinzu, während das Lehrbuch von Troller, wie es im Untertitel heißt, „besondere Rücksicht auf Ermittlung [sic] eines leichteren Verständnisses der Gebetssprache“8 nahm und Beispielsätze in teilvokalisierter oder vokalloser Form anführte. Sowohl in der Zielsetzung als auch im Aufbau zeigen diese zwei Bücher eine programmatische Ausrichtung auf in jener Zeit bekanntes nachbiblisches Hebräisch. Das Buch von Wolf und Salomon war gemäß dem Untertitel zwar für das „Erlernen des Hebräischen und des Rabbinischen“9 vorgesehen, aber in seinem fünften Abschnitt wurden nicht die grammatischen Merkmale des Mischna-Hebräischen erklärt, sondern lediglich einzelne Wörter sowie Talmudtexte in kursiver mittelalterlicher ‚Raschi‘-Schrift dargeboten.

Was die zu Beginn des 19. Jh.s erschienenen Lehrbücher von Philippssohn und Wolf/Salomon besonders interessant macht, sind die Abschnitte zum Jüdisch-Deutschen, also Deutsch geschrieben in hebräischen Buchstaben.10 Diese Anlage der Unterrichtswerke zeigt, dass es den Verfassern im Sinne der Haskala um eine umfassende sprachliche Bildung der Volks- und Glaubensgenossen ging. Dabei wurden zwischen zwei Buchdeckeln Lehrmaterialien gemäß der von Aufklärern geforderten Zuwendung sowohl zum Hebräischen als traditioneller Nationalsprache, als auch zum Deutschen als Bildungssprache angeboten. Das Lehrbuch des Biblisch-Hebräischen von Schalom Yakob Kohen wurde in Daytshmerish verfasst – einem sehr stark am Deutschen orientierten Yiddisch.11

Neben der Suche nach der inhaltlich und didaktisch optimalen Form der sprachlichen Beschreibung wurden im 19. Jh. viele Einzelfragen der biblisch-hebräischen Grammatik und Lexikographie in Monographien und Aufsätzen untersucht. Ein stark ausgeprägter Forschungsbereich war die Textkritik, deren Behandlung zum großen Teil mit (Er-)Klärungen von grammatischen Phänomenen einherging. Die meisten Aufsätze erschienen in theologischen bzw. alttestamentlichen Publikationsorganen, aber auch in einigen breiterer, z.B. orientalistischer und semitistischer, Ausrichtung. Jüdische Gelehrte veröffentlichten ihre Studien meist in Zeitschriften, die jüdische Tradition und Religion im Geiste der Wissenschaft des Judentums erforschten, wie z.B. die von Zacharias Frankel herausgegebene Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Mit dem ersten Heft des 83. Bandes im Januar 1939 wurde ihr Erscheinen eingestellt.

Die lexikographische Arbeit fand ihren Ausdruck in mehreren umfangreichen Wörterbüchern.12 Von besonderem Interesse ist das deutsch-neuhebräische Wörterbuch von Carl Gottlieb Elwert.13 Das biblisch-hebräische Wörterbuch von Wihelm Gesenius wurde von verschiedenen Gelehrten weitergeführt, erlebte im Vergleich mit anderen Lexika die meiste Anzahl von Auflagen und erhielt durch das Mitwirken von Frants Buhl14 (ab 1895) seine im 20. Jh. als ‚kanonisch‘ geltende Form.15

Die Herausgabe der biblisch-hebräischen Grammatiken16 und Wörterbücher17, wurde im 20. Jh. in kleinerem Umfang weitergeführt. 1913 erschien die zweite deutschsprachige Grammatik des Mischna-Hebräischen von Karl Albrecht.18 Während einige aus dem 19. Jh. stammenden Werke neue Auflagen und Bearbeitungen erlebten, ist ein deutlicher Mangel an deutschen Neuerscheinungen zwischen 1933 und 1945 bemerkbar, da aufgrund der politischen Situation sowohl jüdische Benutzer/innen, als auch Verfasser/innen der entsprechenden Bücher Verfolgung und Vernichtung erlitten. Gleichzeitig gab es in dieser Zeit neue hebräische Grammatiken auf Französisch, Italienisch, und – selbstverständlich – Englisch. Die Buchautoren waren genauso wie im 19. Jh. überwiegend Theologen, mit Ausnahme von Gotthelf Bergsträßer, Hans Bauer und Pontus Leander, bei denen es sich um Semitisten und Orientalisten handelte. Es fällt auf, dass in der Liste kein von einer Frau verfasstes Lehrbuch vorkommt.

Einige neue Lehrbücher des Biblisch-Hebräischen, verfasst von jüdischen Autoren, gab es ebenfalls zu Beginn des 20. Jh.s.19 Gleichzeitig entstand ein neuer Typ von Lehrbüchern, nämlich für das Neuhebräische, also Iwrit.20 Sie enthielten moderne Übungstexte, die zum Teil in kursiver Schrift dargeboten wurden. Einmalig ist die Beschreibung des Biblisch-Hebräischen von M.A. Wiesen, die in Iwrit verfasst wurde.21 In dieser Zeit erschienen auch Wörterbücher des Neuhebräischen.22 Diese Entwicklung ist mit dem Aufkommen des Zionismus verbunden, wodurch das Erlernen des Iwrits sowohl zum Ausdruck des nationalen Selbstbewusstseins wurde, als auch der Vorbereitung auf die Einwanderung ins Land der Väter diente.23 In der Zeit nach 1933 dürfte das letztere Motiv eine starke Rolle beim Verfassen dieser Grammatiken gespielt haben.24 Das Buch von Ben-Chaviv hieß programmatisch Lerne Hebräisch, die Sprache Palästinas.

Im 20. Jh. gab es in Deutschland und in der Bundesrepublik keinen Lehrstuhl für Hebraistik. Nur in den Jahren 1983–1994 bestand am Institut für Assyriologie und Hethitologie der Fakultät für Altertumskunde und Kulturwissenschaften der LMU München eine Professur für Hebräische und Ugaritische Sprach- und Literaturwissenschaft, die für den von der Katholisch-Theologischen Fakultät wechselnden Professor Wolfgang Richter ad personam eingerichtet wurde.25 Die Bezeichnung seines vorherigen Lehrstuhls Einleitung und Exegese des Alten Testaments und biblisch-orientalischer Sprachen verdeutlicht, dass Forschung und Lehre zum Althebräischen nur im Verbund anderer Sprachen institutionell angesiedelt war. Die Forschungsstelle für Althebräische Sprache und Epigraphik, eingerichtet von Diethelm Michel, ist an der Universität Mainz ebenfalls an der Theologischen Fakultät verankert. Ebenso bestand die Forschungsstelle Qumran-Wörterbuch, die seit 2006 an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen als Langzeitprojekt beheimatet ist, ursprünglich an theologischen Fakultäten in Heidelberg und Marburg, und sie ist auch jetzt eng an die Theologie angebunden.26

So erfolgte die Forschung zur hebräischen Sprache vor allem an den alttestamentlichen und im viel kleineren Maß an den judaistischen und semitistischen Instituten. Auch die klassischen hebräischen Texte wie die Hebräische Bibel sowohl in der Form der Kittel’schen Biblia Hebraica, als auch später als Biblia Hebraica Stuttgartensia sowie die Mischna27 wurden von Theologen ediert und herausgegeben. Die Edition des Samaritanischen Pentateuchs wurde ebenfalls vom Theologieprofessor August Freiherr von Gall herausgegeben,28 auch wenn er von seiner Ausbildung her Orientalist war. Dies war eine Fortsetzung der bisherigen Entwicklung, die der wissenschaftsorganisatorischen Lage des 18. und des 19. Jh.s geschuldet war, einer Zeit, in der die Herausgabe jüdischer Texte von Orientalisten und Theologen wie Johann David Michaelis, Karl Gottfried Wilhelm Theile und Hermann L. Strack initiiert wurde.29 Wie im 19. Jh. wurden oft Fragen der Morphologie und Syntax des Biblisch-Hebräischen im Zusammenhang mit der Textkritik des Bibeltextes untersucht.

Ebenso wie im 19. Jh. wurden Einzelfragen der Grammatik in Monographien und unzähligen Aufsätzen behandelt. Wie schon oben erwähnt, beschäftigte sich die Forschung auch mit der Lexikographie sowie mit althebräischer Epigraphik. Der Orientalist (und Theologe) Paul Kahle untersuchte bis zur seiner Suspendierung 1939 in Bonn masoretische Traditionen des Hebräischen. Seine Schüler erschlossen im Rahmen ihrer Promotionsarbeiten verschiedene Bereiche der mittelalterlichen Grammatik sowie der Masora und edierten Texte.30 In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurden ebenfalls an einzelnen Orten Forschungsschwerpunkte ausgebildet. So beschäftigte sich Wolfgang Richter mit syntaktisch-semantischen Fragestellungen sowie der strukturellen Beschreibung und computergestützten Erschließung des Bibeltextes, Diethelm Michel erforschte die Satzsyntax, während die von Karl Georg Kuhn in Heidelberg ins Leben gerufene Qumranforschungsstelle ihrem Namen entsprechend die Texte von Qumran zum Gegenstand hatte.

Herbert Donner arbeitete an der Gesenius-Arbeitsstelle in Kiel (1983–2010) an der Neubearbeitung des Wörterbuches von Wilhelm Gesenius. Im Jahre 1953 wandte sich der Springer-Verlag an den Jenaer Alttestamentler Rudolf Meyer mit einer Anfrage bezüglich einer Neuedition. 1954 begann Meyer an einer Revision zu arbeiten, im März 1974 war das Manuskript mit den ersten drei Buchstaben des Alphabets fertig; der erste der Einzelbände erschien aber erst 1987.31

Der Einfluss der deutschsprachigen Hebraistik in anderen Ländern war schon im 19. Jh. erkennbar, als einige Lehrbücher sowie die Grammatik32 und das Wörterbuch33 von Gesenius ins Englische übersetzt wurden. Dieser Trend wurde im 20. Jh. mit dem Erscheinen einer weiteren englischen Übersetzung der Grammatik34 sowie einer weiteren Übersetzung und Bearbeitung des Wörterbuches von Francis Brown/Samuel Rolles Driver/Charles Augustus Briggs35 fortgesetzt. Das in den Niederlanden erschienene Wörterbuch der Schweizer Theologen Ludwig Köhler und Walter Baumgartner36 erfuhr ebenfalls eine englische Übersetzung und Überarbeitung,37 und seine dritte, von Walter Baumgartner und Johann Jakob Stamm bearbeitete Auflage wurde auch übersetzt.38 An der Bearbeitung dieser Auflage beteiligten sich auch die israelischen Hebraisten und Aramaisten Ze’ev ben Ḥayyim und Eduard Yechezkel Kutscher.

Die Grammatik von Bergsträßer wurde von Mordechai Ben Asher ins Hebräische übersetzt.39

Zum Iwrit erschienen in Deutschland im 20. Jh. nur wenige Lehrbücher,40 drei Wörterbücher41 und vereinzelte Studien.

Die Ansiedlung der Lehrstühle, an denen hebraistische Sprachforschung möglich war, an theologischen Fakultäten sicherte auf der einen Seite gewisse Möglichkeiten dieser Forschung. Auf der anderen Seite war die entsprechende institutionelle Anbindung dem Fortschritt der Wissenschaft teilweise abträglich, da die Promotionsordnungen der theologischen Fakultäten nur Kirchenmitgliedern Promotions- und Habilitationsmöglichkeiten in Aussicht stellen. Da an einigen Standorten die judaistischen Lehrstühle an theologischen Fakultäten angesiedelt sind, besteht auch hier keine Aussicht auf eine wissenschaftliche Laufbahn für diejenigen, die keiner unter dem (Staats-)Kirchenvertrag stehenden Kirche angehören.42 Dieser Zustand, der sowohl dem Verständnis der Universität als einer für alle offenen Einrichtung als auch dem Zeitgeist entgegenläuft, versperrt(e) vielen Juden und Menschen anderer Volksgruppen43 den Weg in die Bibelwissenschaft und benachbarte philologische und historische Disziplinen. Die Fokussierung auf die Erforschung des Hebräischen der Bibel brachte dazu eine Engführung des Forschungsfeldes mit sich, sowohl in diachroner als auch in synchroner Hinsicht. Was ersteres betrifft, so wurde im vergangenen Jahrhundert mit den Texten vom Toten Meer ein großer neuer Sprachkorpus entdeckt, der erforscht und in den Kontext der hebräischen Sprachgeschichte gestellt werden musste. Dadurch entstand Qumranistik, ein neuer hebraistischer und judaistischer Forschungszweig. Auch die Anzahl der Inschriften unterschiedlicher Orte und Zeiten wuchs stark an. Systematische Suche nach und Katalogisierung von mittelalterlichen Handschriften aller Gattungen machte ebenfalls eine Fülle des Sprach- und Textmaterials zugänglich. Die Erforschung dieser Gebiete ist allerdings weniger ausgeprägt als im Bereich des Biblisch-Hebräischen. Was den Aspekt der Synchronie betrifft, so war die Forschung zum Biblisch-Hebräischen sehr stark auf den Bibeltext tiberischer Prägung fixiert, während nichttiberische masoretische Sprachtraditionen kaum beachtet wurden.

Es gab auch Entwicklungen, die einen gewissen Ausbau der Disziplin und Erweiterung des Forschungskreises bedeuteten. Die Einrichtung von einzelnen, oben erwähnten Forschungsstellen gehört dazu. Die seit 1988 erscheinende Zeitschrift für Althebraistik ist ein Forum für Publikationen aus den Bereichen biblisches, epigraphisches, qumranisches und masoretisches Hebräisch.

Hebräischdozentinnen und -dozenten treffen sich seit 1979 jährlich zur Internationalen Ökumenischen Konferenz der Hebräischlehrenden (IÖKH), bei der Themen der Hebraistik und der Textauslegung sowie methodische und didaktische Fragen des (biblisch-)hebräischen Unterrichtes Diskussionspunkte bilden. Der Titel der Konferenz öffnet sie programmatisch für Teilnehmende, die sowohl an Institutionen jeder kulturellen und religiösen Ausrichtung tätig sind, als auch von außerhalb Deutschlands und der deutschsprachigen Länder kommen. Die Konferenz ist aus einem informellen jährlichen Treffen hervorgegangen, deren erstes schon 1971 stattfand.

Seit 1998 findet zweijährig das Mainz International Colloquium on Ancient Hebrew statt, das von der Forschungsstelle in Mainz ausgetragen wird. Gemäß der Ausrichtung der Forschungsstelle wird beim Colloquium das Althebräische vor dem Hintergrund von und im Verbund mit anderen westsemitischen und kanaanäischen Sprachen erforscht. Diese Ausrichtung ist auch aus dem Titel der an der Forschungsstelle herausgegebenen Reihe Kleine Untersuchungen zur Sprache des Alten Testaments und seiner Umwelt ersichtlich.

4 Hebraistik im 21. Jh.

Das aktuelle Unterrichtsangebot in verschiedenen Bereichen des Hebräischen wurde schon oben beschrieben. Die institutionelle und personelle Lage der Hebraistik erfährt gegenwärtig einige Veränderungen.

2010 wurde der Hebraistenverband e.V. gegründet, der in der Tradition der IÖKH den Austausch zwischen Hebräischlehrenden fördert und ihre Belange in einem institutionalisierten Rahmen vertritt. Die meisten Lehrenden sind an den theologischen Institutionen tätig, was ein weiteres Mal die Ausrichtung der Hebraistik in Deutschland illustriert. Gleichzeitig gibt es dank der Gründung von Israel- und Nahoststudien in Heidelberg, München und Potsdam seit 2015 sowohl verstärktes Interesse am Iwrit, als auch verstärkten Bedarf am Unterricht des Modern-Hebräischen sowie an seiner Erforschung.

Ende 2012 wurde an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg eine Junior-Professur für Hebräische Sprachwissenschaft eingerichtet, die ausdrücklich für die gesamte hebräische Sprachgeschichte ohne Festlegung auf eine bestimme Zeitperiode geschaffen wurde. Die Einrichtung einer solchen Professur war überfällig. Denn zum einen stellt das Hebräische als eine Sprache mit einer ca. dreitausendjährigen Geschichte einen linguistischen Untersuchungsgegenstand dar, der genauso wie der anderer philologischer Disziplinen in seiner Gesamtheit erforscht werden muss. Zum anderen sollte die Erforschung desselben aus Interesse an der Sprache alleine und nicht als eine Hilfswissenschaft im Dienste der Theologie oder Judaistik durchgeführt werden (zumal auch die Erforschung des Iwrit als einer modernen Sprache kaum Berührungspunkte mit den Fragestellungen der klassischen Judaistik aufweist). Selbstverständlich sollen auch klassische hebräische Texte von Sprachwissenschaftlern ediert und herausgegeben werden. Daher bedarf es weiterer Lehrstühle für Hebräisch, sei es an philologisch ausgerichteten Instituten für Semitistik bzw. allgemeine Sprachwissenschaft oder an kulturwissenschaftlich arbeitenden Instituten für Orient- bzw. Nahost-Studien oder Judaistik. In der Iwrit-Forschung sollen Methoden der Linguistik angewandt werden, wie z.B. Feld-, Sozio-, Gesprächs- und Psycholinguistik sowie Pragmatik und Graphemik, die bei der Beschreibung von modernen Sprachen zum Einsatz kommen. Ebenfalls ist eine Untersuchung von Phänomenen wie Sprachstandardisierung sowie Sprachpolitik und -planung möglich. Beim Studium der Phänomene der Koexistenz des Hebräischen und Arabischen in Israel ist eine Kooperation nicht nur mir Arabistik, sondern auch mit Soziologie unabdingbar. Die in den letzten Jahren rapide zunehmende Digitalisierung von bekannten sowie die Auffindung neuer Handschriften erlaubt nicht nur Neueditionen von einer unüberschaubaren Menge von klassischen Texten wie Bibel, Talmud und exegetische Werke bis zu Briefen und Merkzetteln aus den Genizot, sondern sie machen diese notwendig. Diese Aufgabe kann die Hebraistik sowohl rein philologisch, als auch im Verbund mit allen anderen judaistischen Disziplinen angehen. Die genannten Beispiele verdeutlichen, dass die hebräische Sprachwissenschaft mit mehreren Disziplinen aus den Bereichen Sozial-, Politik- und Gesellschaftswissenschaften zusammenarbeiten kann und muss. Durch die Erschließung neuer Forschungsschwerpunkte für Iwrit und weiterer historischer Sprachstufen sowie durch eine stärkere Anwendung von linguistischen Methoden kann sie ihre Fixierung auf das Biblisch-hebräische tiberischer Prägung sowie ihre Rolle als ancilla Theologiae endgültig überwinden.

Mehrere Neuerscheinungen von Lehrbüchern für biblisches und modernes Hebräisch belegen die gegenwärtige Nachfrage an Lehrmaterialien.1 Auch ein neues thematisches Wörterbuch zum Iwrit wurde verlegt.2 Ebenfalls wurde die lexikalische Arbeit am biblischen Hebräisch weitergeführt. Im Jahre 2010 wurde die von R. Meyer angefangene und später von Herbert Donner herausgegebene 18. Auflage des Wörterbuches von Gesenius zum Abschluss gebracht.3 Parallel dazu erfolgte in der Schweiz und Deutschland die Arbeit an einer revidierten Fassung des Wörterbuchs von Köhler und Baumgartner, die 2013 unter dem Titel Konzise und aktualisierte Ausgabe des Hebräischen und Aramäischen Lexikons zum Alten Testament erschien.4 Samuel Arnet publizierte 2006 in Zürich ein Lehrwörterbuch des Biblisch-Hebräischen.5 Ein neues Lernvokabular zum Biblisch-Hebräischen wurde 2010 herausgegeben.6 2017 ist der erste Band des Qumran-Wörterbuchs erschienen, maßgeblich erarbeitet von Annette Steudel und Ingo Kottsieper an der Forschungsstelle Qumran-Wörterbuch in Göttingen.7 Am Institut für Bibelwissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wird im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes an einer Neuedition des Samaritanischen Pentateuchs gearbeitet. Die Ergebnisse der in Deutschland durchgeführten hebraistischen Forschung werden, wie es schon immer der Fall war, auch in ausländischen Publikationsorganen veröffentlicht.

Literatur

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Bergsträßer, Gotthelf: Hebräische Grammatik mit Benutzung der von E. Kautzsch bearbeiteten 28. Auflage von Wilhelms Gesenius hebräischer Grammatik, Leipzig: 1918/1929. (Nachdruck Hildesheim 1962. Übersetzt als דקדוק הלשון העברית, Jerusalem 1972.)

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Forum Exegese und Hochschuldidaktik Verstehen von Anfang an (VvAa)

Jahrgang 3 – 2018, Heft 1

Ad Fontes. Aber wie?

Zur Lage der Alten Sprachen im Studium der Evangelischen Theologie

Melanie Köhlmoos

Abstract | This essay deals with the conditions of language acquisition in German universities. By law, it is required that a student who aims for a Master of Divinity must know Hebrew, Greek, and Latin before starting course work at university. However, most secondary schools in Germany do not possess a curriculum for Classical philology. Hence Faculties of Theology offer language courses which are more or less desintegrated into the study as a whole. The author discusses several aspects of this problem.

Melanie Köhlmoos, *1966, Dr. theol., ist Professorin für Altes Testament, Goethe-Universität Frankfurt a.M. Sie lehrte alttestamentliche Exegese an unterschiedlichen Standorten und mit unterschiedlichen Lerngruppen (Kirchliche Hochschule Bethel, Universität Bielefeld, Universität Kassel, Universität München, Universität Frankfurt). Sie bietet regelmäßig als Referentin Fortbildungen für Pfarrer und Pfarrerinnen sowie Religionslehrkräfte in verschiedenen Landeskirchen an. 2013 gewann sie den 1822-Hochschulpreis für exzellente Lehre in Frankfurt.

1 Die Problematik: Sachliches Zentrum, curriculare Peripherie

Das Studium der Evangelischen Theologie verlangt von einem großen Teil der Studierenden eine umfangreiche Fremdsprachenkompetenz. In den Studiengängen mit Abschlussziel Pfarramt, Magister Theologiae und Diplom wird die Prüfung in drei Sprachen gefordert: Hebräisch, Griechisch und Latein.1. Für die Lehramtsstudiengänge ist die Situation derzeit komplex. Der gültige Beschluss des Evangelisch-Theologischen Fakultätentages von 2002 sieht für Studierende des gymnasialen Lehramts zwei Sprachen vor.2 Bei den weiteren Lehramtsstudiengängen sind Sprachkenntnisse wünschenswert, aber keine Pflichtanteile.

Diese Wertschätzung der Alten Sprachen für die Evangelische Theologie gehört zu den Traditionsbeständen des Fachs, besitzt aber nicht nur akademische Gründe. Der fachkompetente Umgang mit den Quellen des Glaubens und der Theologie unterscheidet in der Logik und Tradition der Theologie den ‚Profi‘ vom ‚Amateur‘. Für Studierende des Pfarramts gilt nach wie vor, dass nur der- oder diejenige das „Evangelium rein predigen und die Sakramente gemäß dem Evangelium reichen“3 kann, der den Ausgangstext verstehen und auslegen kann. Für Lehrkräfte, die künftige Pfarrerinnen und Pfarrer ausbilden und vorbereiten, gilt dies entsprechend auch.4 Die Formulierung der EKD lautet:

„Sachlich steht hinter der Breite der Fächer das, was nach evangelischer Ansicht das Wesen des christlichen Glaubens zu bestimmen hilft. Weder lässt sich verzichten auf die Reflexion der Begründung noch der Geschichte, noch der gegenwärtigen Gestalt von Kirche und ihren Aufgaben.“5

Die Alten Sprachen gehören somit nicht nur zu den wissenschaftlichen Standards eines Studiums der Evangelischen Theologie (wie Akkadisch für die Altorientalistik), sondern zum Profil des Fachs (wie Arabisch für die Islamische Theologie). Pfarrerinnen und Lehrer sollen ihre Verkündigung also stets als Übersetzung gestalten, die Gestalt und Gehalt des Ausgangstextes kompetent in die Gegenwart überträgt. Die sachgemäße Erschließung quellensprachlicher Texte ist eine der Grundkompetenzen Evangelischer Pfarramtskandidaten und -kandidatinnen und wird daher noch im Zweiten Examen gefordert.6

Dieser sachlichen Position der Sprachen im Zentrum der Evangelischen Theologie entspricht aber nun keineswegs ihr Stellenwert im Studium. Eher ist das Gegenteil der Fall. Verräterisch ist bereits die Konvention, das Studium nach Hebraicum, Graecum und Latinum als ‚sprachfrei‘ zu bezeichnen. In dieser Phase kommen die erworbenen Sprachkenntnisse ja gerade zur Anwendung (oder sollten es zumindest). Ein weiteres Problem ist die Staffelung der Sprachanforderung nach Studiengängen: Dass Lehramtskandidaten und -kandidatinnen reduzierte Sprachkenntnisse erwerben, trägt eine Ungleichbehandlung späterer ‚Profis‘ der Theologie ein, die der Sache eigentlich nicht angemessen ist.

Die größte Herausforderung für die Alten Sprachen im Studium der Evangelischen Theologie liegt indes in ihrer curricularen Position: Nach den einschlägigen Studien- und Prüfungsordnungen ist die zertifizierte Kenntnis von Hebräisch, Griechisch und Latein eine Voraussetzung des Studiums. Mit anderen Worten: Wer Evangelische Theologie studieren will, muss die drei Sprachen können. Demzufolge ist die Phase der Sprachkurse eigentlich noch nicht wirklich Teil des Studiums. Damit steht man vor einer merkwürdigen Ausgangssituation: Was sachlich eigentlich im Zentrum des Fachs steht, wird curricular in die Peripherie verlegt: der Erwerb einer bestimmten Sprachkompetenz. Den Konsequenzen dieses Sachverhalts ist im Folgenden nachzugehen.

2 Sprachen als Voraussetzung des Studiums

Wie bereits erwähnt, gilt die – wie immer geartete – Beherrschung der drei Alten Sprachen zu den Voraussetzungen eines Studiums der Evangelischen Theologie. Das setzt seinerseits voraus, dass es die Möglichkeit geben muss, diese Sprachen vor dem Studium zu lernen. Der Ort dafür ist die Schule. Die an den Universitäten angebotenen Sprachkurse mindestens für Hebräisch und Griechisch verstehen sich als eine Art ‚Brückenkurs‘, in dem nachgeholt wird, was in der Schule ‚verpasst‘ wurde.1 Bereits hier ergibt sich jedoch ein Ungleichgewicht: Während Griechisch und Latein noch überall ordentliches Lehrfach des Gymnasiums sind, ist das für Hebräisch nur noch in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg der Fall. Holen die Graecums- und Latinumskurse also etwas nach, was ein Schüler oder eine Schülerin prinzipiell hätte lernen können, so sind die Hebraicumskurse für alle etwas völlig Neues. D. h. kaum jemand, eigentlich niemand, der oder die Theologie studieren will, hat die Chance, schon die eigene Schulbildung darauf auszurichten.

In einem programmatischen Aufsatz wies Ina Willi-Plein schon 1991(!) darauf hin, dass das Curriculum der Evangelischen Theologie hinsichtlich des Spracherwerbs „schulische Verhältnisse voraus[setzt], die es nicht mehr gibt“2.

Ob die Sprachanforderungen – wie oft gemutmaßt wird – in größerem Umfang Studierwillige vom Studium abhalten, vermag ich nicht zu beurteilen. Entscheidend ist vielmehr, dass die Konstruktion ‚Sprachen als Voraussetzung des Studiums‘ seitens der Kirchen und der Universitäten – vorsichtig ausgedrückt – eine bedauernswerte Kontaktarmut zu den Schulen zeigt. Hebräisch ist nur in zwei Bundesländern noch ordentliches Lehrfach.3 Griechisch ist als Schulfach zwar in allen Bundesländern vorgesehen, das Angebot ist jedoch kaum flächendeckend. Die Bundesländer und Schulen drücken mit ihren Lehrplänen u.a. aus, was sie für derart bildungsträchtig oder berufspraktisch wünschenswert halten, dass schon die Schule darin einführt. Hier ist das Angebot bemerkenswert breit und reicht von Astronomie bis Niederländisch.4 Es wäre wünschenswert, dass die Kirchen hier aktiver würden.

Unter dieser Prämisse, dass die Alten Sprachen nicht Teil des Studiums sind, sondern seine Voraussetzung, gestaltet sich nun auch der aktuelle Sprachunterricht. Soweit ich sehen konnte, ist ein eindeutiges Ziel des bibelsprachlichen Unterrichts nirgendwo in öffentlich zugänglichen Modulhandbüchern oder Curricula differenziert festgelegt. Der Marburger Master-Studiengang sowie einige Lehramtsstudiengänge bilden dabei die Ausnahme. Die Tatsache, dass in den Sprachkursen eine notwendige Studienvoraussetzung – schnellstmöglich – nachgeholt wird, macht eine differenzierte und reflektierte Zielbestimmung offenbar obsolet: Der Sprachunterricht ist der Gegenstand von Prüfungsordnungen, nicht jedoch von (hochschuldidaktischer) Reflexion. Damit ist das generelle Ziel des Unterrichts festgelegt: Man lernt Hebräisch und/oder Griechisch, um Prüfungen zu bestehen bzw. um zu bestimmten Seminaren zugelassen zu werden. Unabhängig davon, wie sich der Unterricht konkret gestaltet, vermittelt diese Praxis eine problematische Botschaft: Sprachenerwerb zielt auf ein abprüfbares ‚Können‘, das man schnellstmöglich erwirbt.

David Käbisch weist darauf hin, dass der aktuelle Sprachunterricht im Theologiestudium ebenfalls weit von den derzeit gültigen schulischen Standards abweicht. Der altsprachliche Unterrricht ist inzwischen auf Kompetenzen ausgerichtet, wohingegen die Universitätskurse nach wie vor eine klassiche Wortschatz- und Grammatikarbeit darstellen.5 Hier konvergieren die beiden Probleme: Wenn Sprachkenntnis zur Voraussetzung des Evangelischen Theologiestudiums gehört, muss sie schnellstmöglich erworben werden, so dass für den echten Kompetenzerwerb keine Zeit ist: Die Rahmenordnung für das Evangelische Theologiestudium veranschlagt für die drei Sprachmodule zwei Semester.6 Dass es in dieser kurzen Zeit kaum möglich ist, auch nur in einer Sprache die gültigen Prüfungsanforderungen für das Abitur zu erreichen,7 versteht sich von selbst. Ina Willi-Plein resümmierte 1991:

„Das Hebraicum ‚bringt man hinter sich‘; danach hat man offenbar nichts mehr vor sich, was das Hebräische betrifft. Der hebräische Text in der theologischen Abschlussprüfung kann dann nur noch als Schikane empfunden werden.“8

Und ähnlich stellt David Käbisch 2013 fest:

„Es handelt sich dabei in der Regel um Kurse, die ein Minimum an Formenlehre und Syntax vermitteln, um in möglichst kurzer Zeit die ‚Ciceroklausur‘ bestehen und mit dem ‚richtigen‘ Studium beginnen zu können.“9

Wie viel Studienmotivation beim derzeitgen Sprachenlernen verloren geht, untersuchte Thomas Heller 2011 empirisch.10 Dass es darüber hinaus nur selten gelingt, dass die Studierenden Sprachkompetenz erwerben, darüber wird häufig geklagt.

Es kann kein Zweifel bestehen, dass die Sprachdozenten und -dozentinnen hervorragende Arbeit leisten und ihre Aufgaben erfüllen. Gleichwohl ist die herkömmliche Position der Kirchen und der Universitäten zum Thema ‚Sprachen‘ veraltet und verschenkt im Blick auf die Studierenden wesentliches Potential. Erfahrungsgemäß ist der Unterricht erfolgreich und nachhaltig, der transparent über seine Ziele Auskunft gibt. Wegweisend und vorbildlich sind in dieser Hinsicht die Initiativen der Universitäten Mainz und Hamburg, die die Ziele und Inhalte des Griechischunterrichts (für Lehramtsstudierende) öffentlich zugänglich machen.11 Auch der Marburger Master-Studiengang für das Pfarramt tut dies.12 Das sollte auch für die Pfarramts-Sprachkurse gelten. Selbst wenn in ihnen ‚nur‘ eine Voraussetzung nachgeholt wird, ist nicht einzusehen, warum nur in diesen Kursen ein Unterricht stattfinden sollte, der sich aufs Bestehen von Prüfungen konzentriert. Wenn die Fakultäten ihrem Selbstverständnis nach eine Lücke schließen, die die Schule hinterlies, sollten sie sich hier auch der Schule anpassen und ihre Lehr-/Lernziele transparent kommunizieren. Der Wunsch ist daher, dass Modulbeauftragte und Studienkommissionen sich mit den Anforderungen und Zielen der Sprachkurse auseinandersetzen. Das Ziel sollte sein, dass in diesem Zusammenhang eindeutige Kompetenzen und Qualifikationsziele in Studienordnungen und Modulhandbüchern kommuniziert werden. Die Lehrbücher und Lehrpläne für Griechisch und Latein bieten hier gutes Material.13 Für Hebräisch ist es noch zu entwickeln. Doch auch bei den Kirchen als potentielle Arbeitgeber der Studierenden besteht hier noch Nachholbedarf. Die Informationsbroschüre der EKD Studium der Evangelischen Theologie zur Vorbereitung auf den Pfarrberuf von 2008 formuliert zum Thema ‚Sprachen‘ pauschal:

„Das Erlernen der Alten Sprachen steht am Anfang und sollte innerhalb des Grundstudiums möglichst konzentriert erfolgen. Nach Maßgabe der jeweiligen staatlichen bzw. kirchlichen Prüfungsordnung sind ein Latinum, ein Graecum und das Hebraicum nachzuweisen.“14

Indes wird bei keiner Teildisziplin erwähnt, dass sie an und mit den Quellensprachen arbeitet:

„Zum Studium des Alten Testaments sind Hebräisch-Kenntnisse nötig. Im Mittelpunkt steht die Auslegung ausgewählter Schriften (z.B. Genesis aus dem Pentateuch, Jesaja aus den Prophetenbüchern, Psalmen aus den übrigen Schriften). Außerdem werden die Entstehungsverhältnisse zusammenhängend dargestellt (sogenannte ‚Einleitungsfragen‘) und die Theologie des Alten Testaments sowie die Geschichte Israels behandelt. Unentbehrliche Hilfswissenschaft ist die Biblische Archäologie, die die Religions- und Kulturgeschichte des Alten Orients mitberücksichtigt.

„Für das Neue Testament ist Griechisch erforderlich. Auch hier steht im Mittelpunkt die Auslegung der einzelnen Schriften (Evangelien und Apostelgeschichte, Paulusbriefe, sonstige Briefe und Schriften). Die Einleitungsfragen, die Theologie des Neuen Testaments und die Geschichte des Urchristentums werden auch hier im Zusammenhang behandelt. Unverzichtbar ist die Kenntnis der hellenistisch-römischen Umwelt und des antiken Judentums.

Beim Studium der Kirchengeschichte, für das Latein erforderlich ist, ist zu unterscheiden zwischen der Geschichte der Kirche als Institution, die eingebettet ist in die Erforschung des Christentums in allen seinen historischen Erscheinungsformen (Kirchengeschichte im engeren Sinn), und der Entwicklung der Theologie (Dogmen- oder Theologiegeschichte). Darum wird das Fachgebiet bisweilen in seiner Gesamtheit auch als Historische Theologie bezeichnet. Es wird im Allgemeinen in folgende Epochen unterteilt: Alte Kirche, Mittelalter, Reformation und Gegenreformation, neuere und neueste Kirchengeschichte (18./19. bzw. 20. Jahrhundert).“15

Zwar wird in allen drei Disziplinen auf die Notwendigkeit der Sprachkenntnisse hingewiesen, dass und wie sie bei den Inhalten auch zum Einsatz kommen, bleibt offen. Für die tatsächliche Wertigkeit der Sprachen für das Studium wäre es ausgesprochen sinnvoll, noch einmal zu sagen, dass die Auslegung am Ausgangstext vollzogen wird und dass man in der Kirchengeschichte durchaus auch Griechischkenntnisse benötigt. Dass auch die Systematische Theologie mit Quellentexten arbeitet, wird in der Broschüre nicht einmal erwähnt. Damit gibt die Informationsbroschüre von 2008 einen Bereich auf, der durch den Beschluss des Fakultätentages von 200216 bereits abgesteckt wurde.

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