Kitabı oku: «COVID-19 - Ein Virus nimmt Einfluss auf unsere Psyche»

Der Herausgeber

Dr. phil. Charles Benoy ist Psychologe, psychologischer Psychotherapeut, Verhaltenstherapeut. Absolvent der Universitäten Luxemburg, Fribourg und Basel. Seine klinische Tätigkeit absolviert er in der Rehaklinik des Centre Hospitalier Neuro-Psychiatrique (CHNP) in Ettelbrück in Luxemburg. Er forscht am Zentrum für Psychosomatik und Psychotherapie an der Klinik für Erwachsene der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel in der Schweiz. Darüber hinaus ist er als verhaltenstherapeutischer Supervisor tätig, hat verschiedene Lehraufträge inne und ist Past-Präsident und ordentliches Mitglied des Vorstandes der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangsstörungen (SGZ).
Charles Benoy (Hrsg.)
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2., erweiterte und überarbeitete Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
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Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
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ISBN 978-3-17-040590-5
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pdf: ISBN 978-3-17-040591-2
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mobi: ISBN 978-3-17-040593-6
Grußwort
des deutschen Bundesministers für Gesundheit Jens Spahn
Die Coronavirus-Epidemie und ihre Auswirkungen erleben wir alle als besondere Belastung. In einer Zeit, in der öffentliche Einrichtungen, Schulen und Kindergärten, Sport- und Kulturstätten geschlossen sind, neue Anforderungen im Beruf gestellt werden, Einkaufsmöglichkeiten begrenzt und Besuchszeiten in Kranken- und Pflegeeinrichtungen eingeschränkt sind, stehen viele Menschen vor einer enormen Herausforderung. Bürgerinnen und Bürger werden bei der Bewältigung ihres familiären und beruflichen Alltags zu Krisenmanagern. Weniger soziale Kontakte und Austausch mit anderen, Furcht vor Ansteckung, gesundheitliche Ängste, Unsicherheit über die berufliche Zukunft und Sorgen um Kinder und Familie können zudem eine zusätzliche psychische Belastung darstellen. Die jetzt zur Verfügung stehende Corona-Schutzimpfung wird uns den Weg aus der Pandemie ebnen. Dennoch werden wir noch einige Zeit mit Einschränkungen und Belastungen leben müssen.
In dieser Situation halte ich es deshalb für besonders wichtig, dass die physische, psychische und soziale Dimension von Gesundheit gleichermaßen in den Blick genommen wird. Neben dem stärkenden Wir-Gefühl in den Familien und einem solidarischen gesellschaftlichen Zusammenstehen in der Corona-Krisenzeit zeigt sich, dass auch ein leistungsfähiges, belastbares Gesundheitswesen, wie wir es haben, den Menschen verlässlichen Halt geben kann. Mit unserer Gesundheitspolitik wollen wir dazu beitragen und für ein durch Corona verändertes Zusammenleben eine gute Basis schaffen. Das ist ein hoher Anspruch, und hierzu braucht es auch das Vertrauen der Menschen. Deshalb ist es gerade in der Coronavirus-Epidemie wichtig, dass wir jede und jeden Einzelnen mit ihren individuell unterschiedlichen Belastungen und gesundheitlichen Bedürfnissen in der jeweiligen persönlichen Lebenswirklichkeit in den Blick nehmen.
Die Beiträge in diesem Buch spiegeln diese umfassende und breite Betrachtungsweise wider. Dabei begrüße ich sehr die Vernetzung der verschiedenen gesundheitsrelevanten Bereiche, wodurch wir viele hilfreiche Erkenntnisse gewinnen werden. Ich bin überzeugt, gemeinsam können wir so die Voraussetzungen schaffen, weiter gut und noch besser mit dieser herausfordernden Situation und mit vergleichbaren künftigen Lagen umgehen zu können.
Berlin, im März 2021
Jens Spahn
Bundesminister für Gesundheit, Mitglied des Deutschen Bundestages
Grußwort
des Schweizer Bundesrats Alain Berset
Das Coronavirus hat unseren Alltag komplett verändert. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus haben unser soziales Leben stark eingeschränkt, zahlreiche Leute konnten ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen oder mussten von zu Hause arbeiten. Kinder mussten zu Hause betreut und im Homeschooling unterrichtet werden.
In dieser außerordentlichen Situation steigen der psychische Druck und die Unsicherheit. Viele Menschen machen sich Sorgen, sie fürchten eine Infektion, haben Angst um Angehörige oder wissen nicht, wie sie finanziell über die Runden kommen. Die soziale Isolation verstärkt die Einsamkeit, die Mehrfachbelastungen zu Hause führen zu Stress. Emotionale Verstimmung, problematischer Suchtmittelkonsum und Suizidgedanken können die Folgen sein.
Unter diesen Umständen ist ein niederschwelliger Zugang zu psychologischer Unterstützung besonders wichtig. Für Menschen, die bereits vor der Coronapandemie an einer psychischen Erkrankung gelitten hatten, ist die Krise eine zusätzliche Belastung. Therapien konnten oft nicht in gewohnter Form weitergeführt werden. Die Beratung per Telefon oder Video verlangte von Patientinnen und Patienten wie auch von den Psychologinnen und Psychologen viel Flexibilität, zeigte aber auch das Potenzial von telemedizinischen Behandlungsformen auf.
Wie sich diese Pandemie auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung genau auswirkt, ist derzeit schwierig abzuschätzen. Die Folgen werden uns aber noch lange beschäftigen. Es wird eine umfassende Aufarbeitung brauchen, damit wir aus diesen Erfahrungen lernen können. Wir müssen wissen, wie die psychische Gesundheit der Bevölkerung betroffen ist und welche Maßnahmen nötig sind, um die negativen Folgen zu mindern. Das vorliegende Buch leistet dazu einen wichtigen Beitrag.
Die Menschen haben dazu beigetragen, das Virus einzudämmen, indem sie sich solidarisch an die Hygiene- und Verhaltensregeln gehalten haben. Solidarität ist nun auch gefragt, um die Auswirkungen des Virus auf die psychische Gesundheit anzugehen. So können besonders vulnerable Personen in unserer Gemeinschaft vor weiteren negativen Folgen bewahrt oder angemessen unterstützt werden.
Bern, im März 2021
Alain Berset
Bundesrat der Schweiz, Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern
Grußwort
des luxemburgischen Premierministers Xavier Bettel
Es ist mir zunächst eine große Freude und ein besonderes Anliegen, die Autoren, den Herausgeber und den Verlag dieser wichtigen Veröffentlichung zu beglückwünschen für den Erfolg der 1. Auflage. Ich danke ihnen, aber auch den Lesern für das Interesse an diesem außerordentlich wichtigen Gesichtspunkt dieser weltweiten Pandemie.
In Luxemburg haben wir den Aspekt der mentalen Gesundheit von Beginn an versucht in den Vordergrund zu stellen und uns Mühe gegeben, eine Balance herzustellen zwischen einer resoluten Bekämpfung des Virus, ohne gleichzeitig die psychischen Auswirkungen von tiefgreifenden Maßnahmen völlig außer Acht zu lassen. Es ist uns sicherlich nicht immer gelungen. Wir waren und wir sind uns sehr bewusst, dass das Einschränken von elementaren Freiheiten einen Einfluss auf die Psyche der Menschen hat. Gerade Patienten mit psychischen Vorerkrankungen waren und sind hier besonders betroffen und es wird auch wohl noch einige Zeit dauern, bis das allgemeine Umfeld sich so stabilisiert hat, dass auch betroffene Patienten wieder die Ruhe und Regelmäßigkeit in ihrem Alltag vorfinden, die für eine stabile mentale Verfassung eine Grundvoraussetzung darstellt.
Allerdings sind nicht nur »Betroffene betroffen«. Vieles, was vor einem Jahr kaum bis überhaupt gar nicht vorstellbar gewesen wäre, ist zu unserem Alltag geworden und die große Mehrheit der Menschen scheint sich irgendwie daran gewöhnt zu haben, dass Atemschutzmasken zu einem Werbeartikel geworden, der Geruch von Desinfektionsmittel allgegenwärtig ist und Videokonferenzen die meisten »Meetings« ersetzt haben.
Die Annahme, dass die Bevölkerung sich in den meisten Ländern zwar etwas ungeduldig, aber ansonsten eher verständnisvoll zeigt, ist zwar nicht falsch, allerdings auch eine sehr kurzfristige Sichtweise. Die wirklichen Auswirkungen der Pandemie an sich wie auch die der Maßnahmen, die zur Bekämpfung getroffen werden mussten, sind derzeit noch kaum absehbar. In der weltweiten Berichterstattung wird in den nächsten Monaten und wahrscheinlich Jahren sehr viel die Rede sein von wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen dieser weltweiten Pandemie und der damit einhergehenden Krise. Es wird zu Rezessionen und zu staatlichen Konjunkturprogrammen kommen, Betriebe werden weltweit unterstützt werden müssen, um Arbeitsplätze zu erhalten und die wirtschaftliche Entwicklung zu sichern. Dies wird die mediale Aufmerksamkeit stark dominieren. Es beschreibt allerdings nur einen Teil dessen, was als »Langzeitfolgen« der COVID-19-Pandemie beschrieben werden kann.
Die vorliegende Publikation liefert Ansätze und einen Überblick von möglichen langfristigen Auswirkungen, die wir als Gesellschaft nicht aus dem Blick verlieren dürfen und die uns unbedingt auch weiter beschäftigen müssen. Es ist davon auszugehen, dass unser Verhalten im Alltag sich nachhaltig verändert hat und weiter verändern wird. Es ist davon auszugehen, dass besonders Kinder noch einige Zeit benötigen, um die Erfahrungen der letzten Monate wirklich einordnen zu können, und es ist auch davon auszugehen, dass die letzten Monate mehr als nur eine »Klammer« in der Geschichtsschreibung waren und es nachhaltigere Konsequenzen haben wird als nur, dass auch in Zukunft weniger Geschäftsreisen und mehr Videokonferenzen gebucht werden.
Ich begrüße diese 2., erweiterte Auflage, bin sehr gespannt, die zusätzlichen Beiträge zu lesen, und ich wünsche dem interessierten Leser viele Freude und uns allen einen möglichst baldigen Übergang in das, was wir als Normalität bezeichnen – was auch immer das in den nächsten Monaten sein mag.
Luxemburg, im März 2021
Xavier Bettel
Premierminister des Großherzogtums Luxemburg
Herausgeber- und Autorenverzeichnis
Der Herausgeber
Benoy, Charles, Dr. phil.
Psychologischer Psychotherapeut
Centre Hospitalier Neuro-Psychiatrique Luxembourg, Rehaklinik
17, avenue des Alliés, L-9012 Ettelbrück
und
Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel
Zentrum für Psychosomatik und Psychotherapie ZPP
Wilhelm Klein-Strasse 27, CH-4002 Basel
Charles.Benoy@chnp.lu
Die Autorinnen und Autoren
Cloos, Jean-Marc, Dr. med. Dr. sc. med.
Medizinischer Direktor der Psychiatrischen Abteilung
Hôpitaux Robert Schuman
9, rue Edward Steichen, L-2540 Luxembourg
jean-marc.cloos@hopitauxschuman.lu
De Boer, Claudia, Dipl.-Psych.
Staatlich anerkannte Psychotherapeutin
Privatpraxis für Psychotherapie
52, Haaptstrooss, L-6833 Biwer
claudia.deboer@pt.lu
Del Fabbro, Olivier, Dr.
ETH Zurich
Chair for Philosophy, D-GESS
Clausiusstrasse 49, CLW B 1, CH-8092 Zürich
olivier.delfabbro@phil.gess.ethz.ch
Frischlich, Lena, Dr.
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Institut für Kommunikationswissenschaft
Bispinghof 9-14, D-48143 Münster
lena.frischlich@uni-muenster.de
Gassmann, Daniel, Dr. phil.
Eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut
Praxisgemeinschaft für Psychotherapie
Bundesgasse 16, CH-3011 Bern
praxisgemeinschaft-gassmann@bluewin.ch
Gradwohl, Gassan, M.Sc.
Eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut
Praxisgemeinschaft »Am Markt«
Hutgasse 2, CH-4001 Basel
gassan.gradwohl@praxis-gradwohl.ch
Hale, Miriam-Linnea, M.Sc.
Université du Luxembourg
Department of Behavioural and Cognitive Sciences
Faculty of Humanities, Social and Educational Sciences
11, Porte des Sciences, L-4366 Esch-sur-Alzette
miriam-linnea.hale@uni.lu
Holl, Elisabeth, M.Sc.
Université du Luxembourg
Department of Behavioural and Cognitive Sciences
Faculty of Humanities, Social and Educational Sciences
11, Porte des Sciences, L-4366 Esch-sur-Alzette
elisabeth.holl@uni.lu
Kruse, Andreas, Prof. Dr. Dr. h.c.
Direktor des Instituts für Gerontologie
Universität Heidelberg
Bergheimer Str. 20, D-69115 Heidelberg
andreas.kruse@gero.uni-heidelberg.de
Lutz, Annika P. C., Dr.
Dipl.-Psychologin, Research Scientist
Université du Luxembourg
Department of Behavioural and Cognitive Sciences
11, Porte des Sciences, L-4366 Esch-sur-Alzette
annika.lutz@uni.lu
Melzer, André, Ass.-Prof. Dr. rer. nat.
Université du Luxembourg
Department of Behavioural and Cognitive Sciences
Faculty of Humanities, Social and Educational Sciences
11, Porte des Sciences, L-4366 Esch-sur-Alzette
andre.melzer@uni.lu
Michaux, Gilles, Dr. rer. nat.
Psychologischer Psychotherapeut
GesondheetsZentrum, Fondation Hôpitaux R. Schuman
44, rue d’Anvers, L-1130 Luxembourg
gilles.michaux@hopitauxschuman.lu
Neuser, Violaine
Dipl-Psychologin
GesondheetsZentrum, Fondation Hôpitaux R. Schuman
44, rue d’Anvers, L-1130 Luxembourg
violaine.neuser@hopitauxschuman.lu
Reuter, Jean, Dr. med.
Facharzt für Intensivmedizin
Centre Hospitalier de Luxembourg
4, rue Ernest Barblé, L-1210 Luxembourg
reuter.jean@chl.lu
Schatto-Eckrodt, Tim, M.A.
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Institut für Kommunikationswissenschaft
Bispinghof 9-14, D-48143 Münster
tim.schatto-eckrodt@uni-muenster.de
Schulze, Hartmut, Prof. Dr. phil.
Dozent und Leiter des Instituts für Kooperationsforschung und -entwicklung
Fachhochschule Nordwestschweiz
Hochschule für Angewandte Psychologie
Riggenbachstrasse 16, CH-4600 Olten
hartmut.schulze@fhnw.ch
Schumann, Frank
Projektleiter
Diakonisches Werk Berlin Stadtmitte e. V.
Fachstelle für pflegende Angehörige
Am Südstern 8–10, D-10961 Berlin
f.schumann@diakonie-stadtmitte.de
Sischka, Philipp E., Dr.
Research Scientist
Université du Luxembourg
Department of Behavioural and Cognitive Sciences
11, Porte des Sciences, L-4366 Esch-sur-Alzette
philipp.sischka@uni.lu
Sollberger, Daniel, PD Dr. med. Dr. phil.
Chefarzt und stv. ärztlicher Direktor
Erwachsenenpsychiatrie Baselland
Bienentalstrasse 7, CH-4410 Liestal
daniel.sollberger@pbl.ch
Stadler, Christina, Prof. Dr. phil. Dr. med.
Klinische Professorin und Leitende Psychologin
Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken
Wilhelm Klein-Strasse 27, CH-4002 Basel
christina.stadler@upk.ch
Steffgen, Georges, Prof. Dr. rer. nat.
Professor für Sozial- und Arbeitspsychologie
Université du Luxembourg
Department of Behavioural and Cognitive Sciences
11, Porte des Sciences, L-4366 Esch-sur-Alzette
georges.steffgen@uni.lu
Tammen-Parr, Gabriele
Projektleiterin
Pflege in Not – Beratungs- und Beschwerdestelle bei Konflikt und Gewalt in der
Pflege älterer Menschen
Diakonisches Werk Berlin Stadtmitte e. V.
Bergmannstr. 44, D-10961 Berlin
info@tammen-parr.de
Vögele, Claus, Prof. Dr.
Professor für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie
Université du Luxembourg
Department of Behavioural and Cognitive Sciences
11, Porte des Sciences, L-4366 Esch-sur-Alzette
claus.voegele@uni.lu
Walitza, Susanne, Prof. Dr. med. Dipl.-Psych.
Klinikdirektorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie
Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Neumünsterallee 9, CH-8032 Zürich
susanne.walitza@puk.zh.ch
Walter, Marc, Prof. Dr. med.
Chefarzt und stv. Klinikdirektor
Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel
Wilhelm Klein-Strasse 27, CH-4002 Basel
marc.walter@upk.ch
Weichbrodt, Johann, Dr. sc.
Senior Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Teamleiter
Fachhochschule Nordwestschweiz
Hochschule für Angewandte Psychologie
Riggenbachstrasse 16, CH-4600 Olten
johann.weichbrodt@fhnw.ch
Wolff, Kira, Dr. med.
Oberärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
Zentrum für Psychische Gesundheit
Universitätsklinikum Frankfurt
Heinrich-Hoffmann-Straße 10, D-60528 Frankfurt am Main
kira.wolff@kgu.de
Inhalt
1 Grußworte aus der Politik
2 Herausgeber- und Autorenverzeichnis
3 Geleitwort: Wenn du das Virus aushalten willst, richte dich auf den Widerstand ein – ein philosophischer Kommentar
4 Olivier Del Fabbro
5 Vorwort zur 2. Auflage
6 1 Psychologische Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und der einhergehenden Maßnahmen
7 Charles Benoy
8 2 Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den sozialen Zusammenhalt
9 Georges Steffgen und Philipp E. Sischka
10 3 Auswirkungen des Maskentragens
11 Annika P. C. Lutz und Claus Vögele
12 4 Umgang mit den Ängsten der Pandemiezeit
13 Gassan Gradwohl und Daniel Gassmann
14 5 Umgang mit Ärger und Aggressionen in Zeiten der Pandemie
15 Georges Steffgen und Claudia de Boer
16 6 Mediennutzung und Medienwirkung in Zeiten der Pandemie
17 André Melzer, Elisabeth Holl, Miriam-Linnea Hale, Tim Schatto-Eckrodt und Lena Frischlich
18 7 Krankenhäuser im Ausnahmezustand – psychologische Begleitung des Gesundheitspersonals
19 Jean Reuter, Violaine Neuser, Gilles Michaux, Charles Benoy und Jean-Marc Cloos
20 8 Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psycho- therapeutische und psychiatrische Versorgung
21 Kira Wolff und Marc Walter
22 9 Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die kindliche Entwicklung – Risikofaktoren und Resilienz
23 Christina Stadler und Susanne Walitza
24 10 Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf ältere Menschen
25 Andreas Kruse
26 11 COVID-19 bringt pflegende Angehörige in Not
27 Gabriele Tammen-Parr und Frank Schumann
28 12 Homeoffice als Pandemie-Maßnahme – Herausforderungen und Chancen
29 Johann Weichbrodt und Hartmut Schulze
30 Nachwort: Wie wird die COVID-19-Pandemie unsere Gesellschaft verändern?
31 Daniel Sollberger
Geleitwort: Wenn du das Virus aushalten willst, richte dich auf den Widerstand ein – ein philosophischer Kommentar
Olivier Del Fabbro
1910, im Antlitz des 1. Weltkrieges, schreibt der US-amerikanische Philosoph, Psychologe und Arzt William James einen Aufsatz mit dem Titel The Moral Equivalent of War – Das moralische Äquivalent des Krieges (James 1987). James behauptet hier, dass die Geschichte ein Blutbad ist – »History is a bath of blood« (James 1987, S. 1282). Die Aussage bezieht sich auf die brutale und grausame Menschheitsgeschichte, die zahlreichen Kriege, Revolutionen und bewaffneten Kämpfe jeglicher Art.
James’ Essay will dem Krieg den Krieg erklären. Doch auch wenn James sich als Pazifist sieht, ist er nicht ›naiv‹, wie er selbst zugibt. Er weiß nur zu gut, dass Kriegsbefürworter sich nicht von Friedensrhetorik überzeugen lassen. Patriotismus oder Skepsis am ›Gutmenschentum‹, wie man heute sagt, sind zu tief im Idealismus solcher Kriegsbefürworter verankert. Wie aber sollen letztere überzeugt werden?
James sieht zwei Möglichkeiten. Erstens muss man in den kriegerischen Tugenden, wie zum Beispiel der Furchtlosigkeit und dem Gehorsam von Befehlen, Werte sehen, die es auch heute noch zu verteidigen gilt. Und zweitens lassen sich diese Werte ohne Probleme auf den zivilen Alltag übertragen. Das Leben, so James, ist hart. Menschen schuften und erleiden alltäglich Schmerzen. Heroisch wird deswegen nicht mehr nur gegen eine gegnerische Armee gekämpft, sondern ganz allgemein gegen die Natur. Fensterputzer und Tellerwäscher, Minenarbeiter und Straßenbauer, sie alle, so James weiter, bezahlen ihre Blutsteuer im alltäglichen Kampf gegen die Natur.
Seit Beginn des Jahres 2020 wurde dies wieder besonders deutlich. Bereits kurz nach dem Ausbruch der Pandemie wurde kriegsmetaphorisch gesprochen: Macron, Trump und sogar der Papst äußerten sich über die Pandemie als Kriegssituation und bezeichneten das Virus als Gegner, den es zu bekämpfen gilt, wobei Ärzte und Pflegekräfte die Soldaten sind, die an der Front kämpfen (Del Fabbro 2020, S. 16 f.). Doch mittlerweile kämpfen, nach den vielen Restriktionen und unzähligen Ausgangssperren, nicht mehr nur Ärzte und Pflegekräfte an der Front, auch der Alltagsbürger und die Bevölkerung selbst befinden sich im Krieg. Die deutsche und die südkoreanische Regierung zum Beispiel versuchen mit Videokampagnen die Bürger ihres Landes, mal ironisch mit Witz und sarkastisch als Faulpelz auf der Couch (Bundesregierung 2020), mal als heldenhafte Kämpfer begleitet von dramatischer Musik (KCIS 2020), zu stilisieren und anzusprechen. Ersteres tritt wohl jenen zu Nahe, die an der Isolation, aus welchen Gründen auch immer, leiden. »Nichts tun«, wie es im Video heißt, ist nicht immer lustig. Das südkoreanische Video erscheint eher wie ein Propaganda-Video, das versucht, Leid und Elend angesichts der alltäglichen hochstilisierten Helden unter den Teppich zu kehren. Zur Propaganda dient auch die seit Winter 2020 installierte Ausstellung in Wuhan, die die Bekämpfung des Virus seitens der kommunistischen Partei Chinas glorifizierend darstellt (Wurzel 2020).
Doch wer in den Krieg zieht, benötigt realistisch betrachtet weit mehr als nur Ideologie, kriegerische Tugenden oder Witz. Es benötigt auch Handfestes wie logistische Organisation, Strategie, Material, heute wie immer schon die jeweils verfügbaren hochtechnologischen Waffen, gut ausgebildete Soldaten. Die Kriegsgeschichte lehrt uns, dass derjenige mit den besseren Waffen und der schlaueren Strategie gewinnt und nicht Moral oder Ideologie (Morris 2015). Doch wie schützen Menschen sich gegen die sie bedrohende Natur? Wie passen sie sich dieser Bedrohung an? Welche Strategie entwickeln sie?
Solche Probleme werden heute nicht individuell, sondern strukturell, d. h. institutionell angegangen. Von Ministerien oder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis hin zu Krankenhäusern und Altenheimen. Egal, wie diese Institutionen konkret organisiert sind, sie alle haben eine duale Machtstruktur, die sich von der Makrostruktur der Entscheidungsträger bis zur Mikrostruktur der einzelnen vor Ort operierenden Akteure durchzieht. Je mehr eine Institution auf ihre auf dem Feld Operierenden hört, weil diese am meisten Einblick in die Sachlage haben, desto pragmatischer, will heißen: anpassungsfähiger an neue Problemlagen ist sie (Ansell 2011). Es geht also nicht darum, Hierarchien aufzulösen, sondern Entscheidungsträger, d. h. Manager, Generäle und Politiker davon zu überzeugen, dass der einzelne Soldat, Arzt, Pfleger auf dem Schlachtfeld keine passive Marionette, sondern ein aktiver Bestandteil des funktionierenden Apparates ist.
Als Institution ist die WHO damit unmittelbar an die Erfahrungen und Berichte der Ärzte und Pfleger vor Ort gebunden, und genau das ist auch beim Auftauchen des Virus in Wuhan passiert. Nur hat die chinesische Regierung als Vermittlerin zwischen Ärzten und WHO hier zunächst die Ansteckungsgefahr von Corona heruntergespielt und vertuscht – trotz Warnung der Ärzte – und im wahrsten Sinne des Wortes nichts getan (Mitchell et al. 2020). Donald Trump, der die Chinesen in allen möglichen Aspekten angreift, tritt diesbezüglich in das genau gleiche Fettnäpfchen: Auf der einen Seite die öffentliche Diskreditierung der eigenen wissenschaftlichen Beratergruppe rund um den mittlerweile bekannten Arzt und Immunologen Anthony Fauci und die Wissenschaft per se (Viglione 2020). Auf der anderen Seite das Ignorieren derselben Berater und die Unterminierung ihrer Partizipation in Sachen Entscheidungen durch Trumps Corona-Task-Force-Koordinatorin Deborah Birx (Piller 2020).
Doch während Politiker und hohe Beamte ihre Machtkämpfe unter sich austragen, sendet CNN mehrfach Berichte von in Tränen aufgelösten Ärzten und Pflegern, die sich entweder selbst infiziert und dadurch im Krankenhaus isoliert seit Monaten ihre Familie nicht mehr gesehen haben oder die von ihren Erfahrungen mit allein sterbenden Personen berichten (CNN New Day 2020a; CNN New Day 2020b; CNN News 2020). In Europa scheinen Politiker im Vergleich zu den USA und China mehr auf die Wissenschaftler zu hören. Dennoch hat es auch in der norditalienischen Lombardei, dem ersten Krisenherd in Europa, an Allgemeinmedizinern vor Ort gefehlt, die Krankenhäuser hätten vorwarnen können (Johnson und Ghiglione 2020). Zudem tauchen immer mehr Berichterstattungen des müden und überstrapazierten Pflegepersonals auf (Brotz 2020). Sollte beispielweise die Situation in Belgien eintreten, dass das Gesundheitssystem überfordert sein wird und nicht mehr alle Patienten aufgenommen werden können, so eine belgische Pflegerin schluchzend, muss über Leben und Tod entschieden werden (Matthaei und Wellenzohn 2020). Wie im ›richtigen‹ Krieg also. Wie soll man mit einer solchen Entscheidung leben können, fragt die Pflegerin mit Tränen in den Augen: »Je ne sais pas« – »Ich weiß es nicht«, so ihre Antwort …
Ärzte und Pflegekräfte am Anschlag, in Isolation Alleinsterbende, Wissenschaftlern misstrauende Politiker und so weiter und so fort – ist die Welt aus den Fugen? Befinden wir uns im Chaos?
Der Krieg gegen die Natur, so Bruno Latour in Face à Gaïa, bleibt nur dann ein Naturzustand im Hobbesschen Sinn, wenn kein Gesellschaftsvertrag mit der Natur abgeschlossen wird (Latour 2015). Mit anderen Worten: Nicht-menschliche Akteure, wie das neuartige Coronavirus, müssen einen repräsentativen Platz in unserer politischen und juristischen Landschaft erhalten – ein sogenanntes Parlament der Dinge – und zum Teil haben sie diesen Platz auch. Wenn die in der Öffentlichkeit stehenden Virologen und Immunologen à la Anthony Fauci, Christian Drosten, Hendrik Streeck, Anders Tegnell, Pflegekräfte und Ärzte, Patienten und Infizierte, sich momentan zu Wort melden, dann sprechen sie im Namen des Virus, was es angerichtet hat und wie es zukünftig wahrscheinlich handeln wird und sie informieren die Öffentlichkeit – die res publica – darüber, was Fakten und mögliche Szenarien sind. Politik, Gesellschaft und das soziale Leben an sich geraten dort in Gefahr, wo dieser Dialog zwischen Mikro- und Makrostruktur nicht mehr möglich ist, der Zugang zur öffentlichen Debatte versperrt wird und politische Entscheidungen damit nur noch einer Handvoll Akteuren überlassen wird.
Der Kriegsveteran Karl Marlantes, der seine Erfahrungen aus dem Vietnamkrieg in What it is like to go to war festgehalten hat, plädiert für einen aufgeklärten Umgang mit dem Krieg (Marlantes 2011). Zwischen Krieg, Liebe, Sex, Frieden und Gerechtigkeit herrscht die Harmonie, die eine Vermittlerposition zwischen all diesen Aspekten einnimmt. Vielleicht hilft diese Perspektive auch in Zukunft als Vorbereitung für einen aufgeklärten Umgang im Krieg gegen die Natur. Natürliche Agenten werden im Verhältnis zu den gesellschaftlichen Mächten immer brutaler, angriffslustiger, wandlungsfähiger und gnadenloser (Gill 2020). Vielleicht sollte der Mensch darüber nachdenken, wie er seinen natürlichen Gegnern in Zukunft überlegter, besonnener und das bedeutet in der aktuellen Lage des Klimawandels wohl auch friedlicher entgegentreten kann. Ein Anfang würde darin bestehen, seine eignen Reihen so zu organisieren, dass die Kriegsführung agiler, anpassungsfähiger, weniger sklerotisch, weniger grausam und damit schließlich auch gerechter zugeht.
Wenn wir heute glauben, im Krieg mit der Natur als ganzer zu sein, weil Corona ausgebrochen ist, dann lehrt uns James’ Essay auch, dass wir eigentlich immer schon im Krieg mit den natürlichen Agenten waren und es eben wohl auch immer sein werden. Nicht nur der Corona-Infizierte und die Pflegekraft auf der Intensivstation, sondern auch der Krebskranke und der Grundschullehrer ›kämpfen‹ und leisten Widerstand. Damit wird eigentlich jeder alltägliche Atemzug zu einem Kampf, der, so Arthur Schopenhauer, den »beständig eindringenden Tod« abwehrt (Schopenhauer 1986, S. 427). Letztlich aber, so Schopenhauer weiter, weiß jeder zur Reflexion fähige Mensch, dass der Tod über das Leben siegen wird: »[…] er spielt nur eine Weile mit seiner Beute, bevor er sie verschlingt.« (Schopenhauer 1986, S. 427) Schopenhauers Pessimismus ist kaum zu übertreffen, doch lässt sich mit Sigmund Freud, im Angesicht des lauernden Todes, der Gewalt und schlussendlich auch des Krieges, Schopenhauers Pessimismus ummünzen. Da für Freud das Leben zu ertragen die Pflicht aller Lebenden ist, schlägt er vor, das lateinische Sprichwort »Si vis pacem, para bellum – Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Kriege« umzuändern in »Si vis vitam, para mortem – Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein« (Freud 1974, S. 60).
Vielleicht ist in der jetzigen Zeit eine weitere Umformulierung vonnöten: Wenn du das Virus aushalten willst, richte dich auf den Widerstand ein.
Literatur
Ansell C K (2011) Pragmatist Democracy. Evolutionary Learning as Public Philosophy. New York/Oxford: Oxford University Press.
Brotz S (2020) Pflege-Leiter schlägt Alarm. »Ich habe noch nie so viele Ärzte und Pflegende weinen sehen«. SRF News, 19.12.2020. (https://www.srf.ch/news/schweiz/pflege-leiter-schlaegt-alarm-ich-habe-noch-nie-so-viele-aerzte-und-pflegende-weinen-sehen, Zugriff am 10.01.2021).
Bundesregierung (2020) #besonderehelden. Zusammen gegen Corona. (https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/besonderehelden-1-1811518, Zugriff am 10.01. 2021).
CNN New Day (2020a) Doctor fights back tears describing single day of heartbreaking losses. CNN, 24.11.2020 (https://edition.cnn.com/videos/health/2020/11/24/minneapolis-doctor-shirlee-xie-coronavirus-hospitalizations-intv-newday-vpx.cnn, Zugriff am 10.01.2021).
CNN New Day (2020b) Doctor chokes up describing virus cases: this is really upsetting. CNN, 08.07.2020 (https://edition.cnn.com/videos/health/2020/07/08/doctor-chokes-up-coronavirus-covid-19-deaths-newday-vpx.cnn, Zugriff am 10.01.2021).
CNN News (2020) Woman’s story from hospital bed brings Anderson Cooper to tears. CNN, 21.08.2020 (https://www.youtube.com/watch?v=Y6bobmaLGys, Zugriff am 10.01. 2021).
Del Fabbro O (2020) Geleitwort: Gebt mir ein Virus und ich werde die Welt aus den Angeln heben – ein philosophischer Kommentar. In: Benoy C (Hrsg.) COVID-19 – Ein Virus nimmt Einfluss auf unsere Psyche. Einschätzungen und Maßnahmen aus psychologischer Perspektive. 1. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer Verlag. S. 15–19.
Freud S (1974) Zeitgemässes über Krieg und Tod (1915). In: Mitscherlich A et al. (Hrsg.) Studienausgabe Band IX, Fragen der Gesellschaft, Ursprünge der Religion. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.
Gill V (2020) Coronavirus: This is not the last pandemic. BBC News, 06.06.2020 (https://www.bbc.com/news/science-environment-52775386, Zugriff am 10.01.2021).
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Vorwort zur 2. Auflage
Das Vorwort zur 1. Auflage begann ich mit der Aussage, dass uns die Pandemie unvorbereitet trifft. Trotz aller Ankündigungen und Vorhersagen der virologischen und epidemiologischen Expertinnen und Experten muss ich zum Zeitpunkt der Fertigstellung der 2. Auflage jedoch feststellen – und beziehe mich damit vor allem auf mein ganz persönliches Empfinden – dass uns nun wohl gleichermaßen die Dauer dieser Krise unvorbereitet trifft. Ohne Zweifel ist die COVID-19-Pandemie aus psychologischer und verhaltenswissenschaftlicher Perspektive hochspannend. Wir können sozusagen live dabei zuschauen, mit welcher Flexibilität und Geschwindigkeit alle Menschen gemeinsam ihr Verhalten anpassen und Gewohnheiten umstellen. Vieles ist heute alltäglich, das vor einem Jahr noch undenkbar schien. Wenn ich einen Schritt zurücktrete und dies mit etwas Distanz betrachte, finde ich das faszinierend. Gerade weil kleinste Verhaltensänderungen im Alltag oft so schwermütig, langsam und kräfteraubend sein können.
Betrachte ich die Krise jedoch nicht von außen, sondern befinde mich in meinem persönlichen Alltag selbst mitten drin, so merke ich, wie schwer es mir auch nach mehr als einem Jahr immer noch fällt zu akzeptieren, dass wir in einer Pandemie leben. Regelmäßig hänge ich gedanklich im Davor fest, bewerte in alten Bezugsrahmen oder warte sehnsüchtig darauf, dass das alles bald aufhört. Und so zeigt mir die aktuelle Situation auch an mir selbst – zum Beispiel an Momenten wie gerade eben, in denen ich beim Schreiben darauf schaue und nicht drinsitze –, wie schwer es meiner eigenen und der menschlichen Psyche allgemein fällt, Unangenehmes, Ungewolltes oder Schmerzhaftes zu akzeptieren. Als psychologische Psychotherapeuten wissen wir, dass es in dieser Situation um die innere Haltung geht, also darum, mit dem Virus statt trotz des Virus zu leben. Dass also ein aktiver, bewusster und selbstbestimmer Umgang uns in schwierigen oder herausfordernden Situationen hilft und unsere Psyche stärkt. Und so hat mir ganz persönlich die Arbeit an dem nun vor Ihnen liegenden Sammelwerk geholfen, aktiv mit der Pandemie umzugehen und mich immer wieder gedanklich von ihren alltäglichen Hürden und Bürden zu lösen.
Nachdem die Autoren und Autorinnen sowie der Verlag für die 1. Auflage einen Kraftakt in Rekordzeit hinlegten, war es mir zugegebenermaßen ein wenig unangenehm, die Autoren knapp ein halbes Jahr später bereits für die 2. Auflage anzuschreiben. Umso mehr freue ich mich über die durchgängig positive Resonanz und ganz speziell darüber, dass das Autorenteam für die Nachauflage sogar äußerst bereichernden Zuwachs erhalten hat. Alle Autorinnen und Autoren haben erneut in Rekordzeit den aktuellsten Wissensstand ihres spezifischen Gebietes aufgearbeitet, alle Kapitel wurden umfänglich aktualisiert und dem Sammelwerk wurden neue wichtige Aspekte hinzugefügt. Ich möchte mich daher an dieser Stelle sehr herzlich bei allen Kolleginnen und Kollegen für die bereichernde und fruchtbare Zusammenarbeit bedanken. Auch möchte ich den Ministern der Länder Deutschland, Schweiz und Luxemburg erneut danken, dass sie die wissenschaftliche Arbeit aller Autorinnen und Autoren erneut mit einem Grußwort ehren. Schlussendlich danke ich dem Lektorat des Kohlhammer Verlags für das Vertrauen und die Wertschätzung sowie dafür, das vorliegende Werk in allen verlegerischen Prozessen vorgezogen zu haben, um der Leserschaft den aktuellen Wissensstand anbieten zu können.
Alle Autorenbeiträge wurden bis zum 5. Februar 2021 eingereicht und berücksichtigen daher nur jene Entwicklungen bis zum besagten Datum.
Nun wünsche ich allen Leserinnen und Lesern eine spannende Lektüre und hoffe, auch mit der 2. Auflage die Erwartungen unterschiedlichster Interessengruppen zu erfüllen.
Luxemburg, im März 2021
Charles Benoy
1 Psychologische Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und der einhergehenden Maßnahmen
Charles Benoy
1.1 Einleitung
Am 31. Dezember 2019 wurde der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals von einer Häufung unbekannter Lungenerkrankungen in Wuhan, der weitläufigen Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hubei, berichtet. Bereits einige Tage später meldeten die chinesischen Behörden, ein bisher unbekanntes und neuartiges Coronavirus als Erreger für die Lungenerkrankungen identifiziert zu haben, welches den Namen SARS-CoV-2 erhielt. Am 30. Januar 2020, lediglich einen Monat nach der erstmaligen Meldung aus Wuhan, stufte die WHO die neuartige Epidemie als internationale Notlage ein. Die ersten bestätigten Neuerkrankungen außerhalb Chinas wurden Ende Februar 2020 gemeldet. Nur ca. zwei Wochen später, am 11. März, erklärte die WHO den Ausbruch schlussendlich zur Pandemie, was mit weitreichenden weltweiten Maßnahmen einherging.
Infektionserkrankungen dieses globalen Ausmaßes, einhergehend mit den weitreichenden Maßnahmen und Einschränkungen, die uns allen (immer noch) gegenwärtig sind, sind für die Psyche eine sehr bedeutsame Belastung. Diese außergewöhnliche Situation trifft unsere Psyche unvorbereitet, die Maßnahmen sind unvergleichlich. Wir Menschen haben für diese Situation keine gelernten Verhaltensmuster, auf die wir zurückgreifen können. Die Situation ist zudem unvorhersehbar und langandauernd. Für unsere Psyche, die auf das Streben nach Sicherheit und Kontrolle eingestellt ist, bedeutet das in erster Linie sehr ausgeprägten Stress und die Notwendigkeit einer umfassenden Anpassungsleistung. Aus vorhergehenden Epidemien wissen wir um die psychischen Belastungen und Folgen dieser Stressreaktionen. Neben der Eindämmung aller somatischen Folgen des neuartigen Coronavirus sollten die psychologischen Risiken nicht außer Acht gelassen werden. Vorherige Epidemien sind im Ausmaß zwar nicht vergleichbar, weisen aber gleichwohl auf beträchtliche psychische Folgen hin (z. B. Barbisch et al. 2015).
Die vielzähligen weltweiten Untersuchungen über die psychischen Folgen der COVID-19-Krise und den damit zusammenhängenden Maßnahmen bestätigen die vorhergesagten ausgeprägten Auswirkungen auf die menschliche Psyche. Untersuchungen aus früheren Epidemien erlauben uns zudem, die langfristigen Folgen abzuschätzen.
In der vorliegenden 2. Auflage wurden die Struktur des Kapitels an die vielen neuen Erkenntnisse angepasst und die Inhalte vollständig überarbeitet und ergänzt. So werden aufeinanderfolgend erst die wichtigsten negativen Faktoren für die menschliche Psyche, die in Studien ermittelten Auswirkungen auf die menschliche Psyche sowie die spezifischen gesellschaftlichen Risikogruppen ausgeführt, um schlussendlich Empfehlungen und Maßnahmen zu beschreiben, die die psychischen Belastungen mindern können.
1.2 Negative Einflussfaktoren der Pandemie auf die menschliche Psyche
Einschränkung menschlicher Kontakte
Im Gegensatz zu den meisten Erkrankungen, unter denen vor allem die direkt Betroffenen und deren Angehörige leiden, hat COVID-19 Auswirkungen auf das Leben der gesamten Gesellschaft. Auch wenn sich die Maßnahmen länderübergreifend unterscheiden, so haben alle das gleiche Ziel: die direkten zwischenmenschlichen Kontakte einzuschränken, um die Übertragung des Virus einzudämmen. Diese Einschränkung von direkten sozialen Kontakten stellt jedoch für unsere Psyche eine der wohl größten Herausforderungen dar.
Der Mensch ist nämlich ein soziales Wesen. Wie kein anderes Lebewesen wissen wir uns mit einer großen Anzahl anderer Menschen (und über weite Distanzen) zu vernetzen. Die Verbindung zu Artgenossen herzustellen und aufrechtzuerhalten, ist in gewissem Maße ein Teil unserer genetischen Aufgabe und löst im menschlichen Gehirn positive Gefühle wie Verbundenheit, Glück und Sicherheit aus. Wir brauchen den direkten Austausch zu anderen Menschen, um uns zugehörig zu fühlen, Feedback einzuholen und uns sicher zu fühlen. Die menschliche Kommunikation funktioniert vielschichtig und nicht lediglich über die Sprache. Hier spielen direkter Körperkontakt, Körpersprache, Mimik und vieles mehr eine sehr wichtige Rolle. Schränken wir gewisse Kommunikationskanäle der zwischenmenschlichen Kommunikation ein, fehlt es dem Menschen an zwischenmenschlichem (Beziehungs-)Feedback, wie beispielsweise der Rückmeldung, auch weiterhin geliebt, gebraucht, geschätzt oder gesehen zu werden. Fehlen dem menschlichen Hirn diese wichtigen Informationen, reagiert es mit Stress und Unsicherheit. Emotionen wie Einsamkeit, Trauer, Angst oder auch innere Unruhe, Wut oder Aggressionen können die Folge sein.
Die aus den reduzierten zwischenmenschlichen Kontakten resultierenden negativen emotionalen Folgen betreffen alle gesellschaftlichen Bereiche. Zu Beziehungsängsten im privaten Bereich kommen meist auch Ängste bzgl. der Zugehörigkeit oder Leistungsängste im beruflichen Kontext aufgrund fehlenden Feedbacks oder unzureichendem Kontakt zum Arbeitgeber im Homeoffice dazu. Es fallen zudem viele weitere gemeinschaftliche, religiöse oder spirituelle Unterstützungsangebote weg, die Zugehörigkeitsgefühle vermitteln und sich so nachweislich positiv auf das psychische Wohlbefinden auswirken (z. B. Reger et al. 2020).
Viele wissenschaftliche Untersuchungen rund um den Globus bestätigten diesen negativen Effekt. So stellte beispielsweise eine internationale Studie aus 78 Ländern fest, dass soziale Unterstützung ein Schutzfaktor (sog. protektiver Faktor) gegen psychisches Leiden seit Beginn der Pandemie ist (Gloster et al. 2020). Eine Studie mit über 20.000 Teilnehmenden während des ersten Lockdowns unterstrich gleichermaßen den in sehr bedeutsamem Maße verstärkenden Faktor von sozialer Isolation und Einsamkeit auf die psychischen Belastungen der COVID-19-Pandemie (Fiorillo et al. 2020). Eine große deutsche Studie stellte ergänzend fest, dass stärkere Maßnahmen und stärkere Einschränkungen der sozialen Kontakte wie erwartet mit stärkeren Einsamkeitsgefühlen, ausgeprägterem psychosozialem Stress und größerer Lebensunzufriedenheit einhergingen (Benke et al. 2020). Wenngleich die Maßnahmen nicht direkt mit psychischen Störungen in Verbindung zu bringen sind, so sind Einsamkeitsgefühle und psychosozialer Stress als begünstigende Faktoren für die Entwicklung von psychischen Störungen bekannt (Benke et al. 2020). So musste der Faktor Einsamkeitsempfinden während des ersten spanischen Lockdowns als stärkster Vorhersagefaktor (sog. Prädiktor) für psychische Symptome wie Depression, Angst oder auch posttraumatischen Stress festgestellt werden (González-Sanguinoa et al. 2020). Und längst vor den pandemischen Entwicklungen des letzten Jahres waren die starken Zusammenhänge von Einsamkeit und sozialer Isolation zu Suizidgedanken und suizidalem Verhalten bekannt (Reger et al. 2020), weswegen von der Einschränkung der sozialen Kontakte und der damit einhergehenden potenziellen Vereinsamung wohl eine der größten Gefahren für die menschliche Psyche ausgeht.
Einschränkung der (Bewegungs-)Freiheit
Neben dem zuvor beschriebenen Grundbedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit und Vernetzung haben Menschen ebenfalls Grundbedürfnisse nach Freiheit und Kontrolle. Fühlt sich der Mensch in seiner Bewegung, Mobilität oder in seinen Handlungsalternativen eingeschränkt, so führt dies zu innerem Widerstand, der sich in psychischem Stress, innerer Unruhe, Anspannung bis hin zu Aggressionen äußern kann. Dies ist ganz besonders dann der Fall, wenn er oder sie sich zu Unrecht oder unfreiwillig eingeschränkt fühlt. Die Art und Weise, wie eine Einschränkung verstanden oder interpretiert wird, spielt somit eine wichtige Rolle in Bezug darauf, wie viel psychisches Leiden diese auslöst. So wirkte sich eine subjektiv angenommene, aber nicht offiziell verkündete Anordnung, zuhause zu bleiben, beispielsweise ganz besonders negativ auf das psychische Wohlbefinden aus (Benke et al. 2020). Unabhängig davon, in welchem Ausmaß die Maßnahmen einschränken, löst nämlich bereits alleine das Gefühl der Fremdbestimmung in Bezug auf das menschliche Grundbedürfnis nach Freiheit und Kontrolle Stress im menschlichen Hirn aus. Um dies aber nicht unnötig zu verstärken, sollten die Einschränkungsmaßnahmen effektiv und transparent kommuniziert und begründet werden, da es sonst ggf. zu den beschriebenen unnötigen Verstärkungsprozessen kommen kann.
Zusätzlich zu dem Effekt, dass der Mensch von außen eingeschränkt wird, addiert sich der Effekt der Maßnahme selbst. So kommt es aufgrund der Maßnahmen bei vielen Menschen zu einer verminderten körperlichen Betätigung (u. a. Wegfall des Arbeitsweges), zur reduzierten Zufuhr an Tageslicht oder zu einem Wegfall von wohltuenden und Freude bereitenden Freizeitaktivitäten (wie Kulturangebote oder Vereinsaktivitäten). Aufgrund der notwendigen beruflichen Ausübung im Homeoffice kann es zudem zu fehlenden Rückzugsmöglichkeiten innerhalb der Familie bzw. der eigenen vier Wände kommen. So kann es sein, dass Betroffene ihre Arbeit im Wohnzimmer zusammen mit anderen Familienangehörigen im Homeoffice oder im Homeschooling verrichten müssen. Zudem besteht die Gefahr, dass Menschen zu keinem Zeitpunkt des Tages mehr die Möglichkeit haben, einen Moment allein zu sein und sozusagen zu verschnaufen. Des Weiteren muss in Zeiten von Quarantäne oder Ausgangseinschränkungen auf eine Vielzahl von alltäglichen Gewohnheiten und Routinen verzichtet werden, die dem menschlichen Hirn im Normalfall Sicherheit und Stabilität vermitteln. Es droht der Verlust der Tagesstruktur und -inhalte. Auch die hierfür notwendige Adaptation geht mit einer starken psychischen Aktivierung einher. Gelingt keine nachhaltige Anpassung, kann dies mittelfristig zu unterschiedlich starkem Leiden führen.
Ansteckungsgefahr und Infektion
Ein weiteres menschliches Grundbedürfnis ist die körperliche Unversehrtheit und Sicherheit. Deswegen lösen unvorhersehbare Situationen und körperliche Erkrankungen auch immer psychisches Leiden aus. Ganz besonders stark sind die psychologischen Auswirkungen der Pandemie daher für Menschen, die unter seltenen, wenig erforschten und potenziell gefährlichen Erkrankungen leiden. Aufgrund fehlenden Wissens über die Erkrankung COVID-19 (Genesungschancen, Heilungsprozesse, Langzeitfolgen usw.) gehen sie daher meist mit deutlich stärkeren Ängsten und Sorgen einher. Zudem sind im Falle des hochansteckenden neuen Coronavirus Infizierte und Erkrankte von anderen Menschen abgeschottet, was Ängste weiter verstärken und Einsamkeits- und Verlassenheitsgefühle auslösen kann. Auch können sie nicht von Angehörigen besucht und unterstützt werden. Betroffene stehen dieser existenziellen Situation also ohne moralische Unterstützung ihrer Angehörigen und Freunde gegenüber und sorgen sich, diese ggf. nie wieder zu sehen und sich nicht verabschieden zu können, was die Angst vor dem möglichen Tod weiter verstärkt. Dieser Angst sehen sich auch Angehörige ausgesetzt. Sie haben nur eingeschränkte Möglichkeiten, sich über den Gesundheitszustand ihres infizierten Angehörigen zu informieren, fürchten sich um die Vereinsamung des erkrankten Angehörigen und haben die Sorge, sich im Falle eines Todes nicht verabschieden zu können. Im Todesfall wären sie dann zudem mit erschwerten Bestattungsbedingungen konfrontiert – ein Ritual, das für das Abschiednehmen und die psychologische Verarbeitung des Verlustes von großer Bedeutung ist. Ein weiterer Aspekt sind mögliche Stigmatisierungen. (Ehemalig) Infizierte können von anderen als Bedrohung angesehen werden und werden ggf. über die Erkrankungszeit hinaus mit mehr oder weniger ausgeprägtem sozialen Vermeidungsverhalten oder Ausgrenzungen konfrontiert. So zeigten aktuelle Studien, dass Menschen, die sich für eine kurze Zeit in Quarantäne begeben mussten, anschließend von Mitmenschen gemieden und nicht mehr zu sozialen Anlässen eingeladen wurden. Sie erlebten zudem kritische Kommentare und empfanden das Verhalten der Mitmenschen als misstrauischer und ängstlicher (siehe z. B. in Brooks et al. 2020).
Neben den psychischen Auswirkungen, die mit einer Infektion selbst einhergehen, leiden Menschen natürlich auch unter der Angst vor der eigenen Ansteckung mit dem Virus und dem Umstand, dass sie (ggf. unbemerkt) andere anstecken könnten. Die verlängerte Inkubationszeit wirkt im Falle von COVID-19 wohl weiter verstärkend auf diese Sorgen. So konnte im Falle der aktuellen pandemischen Situation bereits gezeigt werden, dass individuelle Ängste in Regionen mit hohen Infektionszahlen deutlich stärker waren (Fitzpatrick et al. 2020) und sich eine geringere Infektionsgefahr positiv auf die mentale Gesundheit auswirkte (Wang et al. 2020a). Auch die Sorge, Familienangehörige oder Freunde anzustecken, wirkte sich negativ auf die mentale Gesundheit aus (Luceño-Moreno et al. 2020). Aus Erkenntnissen der SARS-Epidemie im Jahr 2002/2003 ist zudem bekannt, dass die Anzahl an direkten Kontakten zu Infizierten in direkter Verbindung zu deren psychischer Befindlichkeit (in diesem Fall von Pflegenden) zu stehen schien (Marjanovic et al. 2007). Dies lässt sich auch im Falle von COVID-19 bestätigen: Pflegende, die in direktem Kontakt mit COVID-19-Patienten standen, zeigen stärkere psychische und physische Belastungssymptome (Sagherian et al. 2020). Neben der zusätzlichen Arbeitsbelastung, die alle Pflegenden betreffen, spielen somit auch Infektions- und Krankheitsängste eine wesentliche Rolle, und dies nicht nur in Gesundheitsberufen, sondern auch in der Allgemeinbevölkerung.
Schlussendlich ist eine unzureichende Versorgung mit Lebensmitteln und anderen notwendigen Alltagsartikeln ein bedeutsamer Risikofaktor für psychisches Leiden (Serafini et al. 2020). Neben älteren oder isolierten Menschen sind hiervon eben auch Menschen mit ausgeprägten Ängsten, sich oder andere anzustecken, betroffen. Dadurch haben sie ggf. nicht die Möglichkeit, sich ausreichend zu versorgen, und so kann es zu weiteren gegenseitigen Verstärkungen dieser beiden Belastungsfaktoren kommen.
Bedrohung der finanziellen Existenz
In westlichen Gesellschaften sind finanzielle Sorgen stark mit existenziellen Ängsten verknüpft. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass finanzielle Absicherungen Bedürfnisse nach Sicherheit und Kontrolle erfüllen. So waren finanzielle Schwierigkeiten und existenzielle Befürchtungen längst vor der COVID-19-Pandemie als Hauptrisikofaktoren für Suizide bekannt (Reger et al. 2020). In Zeiten von Lockdown, Ausgangssperren, Schließungen ganzer Wirtschaftszweige und stattgefundener sowie weiter drohender wirtschaftlicher Rezessionen sind massive Zunahmen psychischer Belastungen infolge finanzieller und existenzieller Ängste die logische und zu erwartende Konsequenz. Umfragen zufolge verloren beispielsweise allein in der ersten Phase der COVID-19-Pandemie etwa 9 % der Italiener und Spanier ihren Job oder wurden nicht bezahlt. Zudem gaben zwischen 13 und 24 % der französischen, italienischen und spanischen Bürger an, deutliche Einbußen der Haushaltseinkommen hinnehmen zu müssen (Vögele et al. 2020). Somit ist es nicht verwunderlich, dass finanzielle Sorgen auch während der COVID-19-Pandemie als bedeutsame verstärkende Faktoren für erlebten psychischen Stress nachgewiesen wurden (z. B. Achdut und Refaeli 2020; Zajacova et al. 2020). Eine großangelegte norwegische Studie der frühen COVID-19-Zeit zeigte gleichermaßen, dass die Faktoren finanzielle Schwierigkeiten und Ängste um den Arbeitsplatz mit posttraumatischen Stressreaktionen in Verbindung stehen (Bonsaksen et al. 2020). Im Umkehrschluss hat sich wirtschaftliche Stabilität in dieser Krise als protektiver Faktor für psychische Syndrome wie Depressivität, Ängstlichkeit oder posttraumatischen Stress während des ersten Lockdowns erwiesen (González-Sanguinoa et al. 2020).
Fehlende Informationen oder Fehlinformationen
Informationen und Fakten vermitteln ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit und können sich somit positiv auf Ängste und Sorgen auswirken. Im Falle von neuartigen Bedrohungen, in denen noch nicht ausreichende Informationen vorhanden sind, können fehlende oder fehlerhafte (oder ggf. widersprüchliche) Informationen aber auch Unsicherheit auslösen und Ängste schüren oder verstärken. Daher ist eine adäquate, transparente und möglichst genaue, valide und vollständige Informationsvermittlung von staatlichen Institutionen von immenser Bedeutung. Findet diese nicht statt oder erreicht sie nicht alle Menschen, geht davon ein ausgeprägtes Risiko für die psychische Befindlichkeit aus. Darunter ist ebenfalls die (ggf. bewusste) Verbreitung von Fehlinformationen durch nicht staatliche/offizielle Institutionen zu verstehen.
So kam beispielsweise eine kürzlich erschienene Übersichtsarbeit im Rahmen von COVID-19 zum Schluss, dass inadäquate oder ungenügende Informationen durch staatliche Behörden einer der Hauptrisikofaktoren für psychische Belastungen sind (Serafini et al. 2020). Weiterführend zeigte eine chinesische Studie, dass Informationen, die nicht vollständig aufgefasst werden können und deren Inhalte nicht präzise oder nicht ausführlich genug dargelegt werden (im Falle dieser Studie in Form von zu kurzen Informationen im Radio), mit höheren Angst- und Depressionswerten einhergingen (Wang et al. 2020a). Hinzu kommt der Faktor Vertrauen. Umso vollständiger und ehrlicher die vermittelten Informationen erscheinen, desto mehr Vertrauen haben Menschen in die jeweiligen Institutionen. Der Glaube, dass die adäquate Information weitergegeben wird, hat dann wiederum einen positiven Effekt auf psychisches Wohlbefinden (González-Sanguinoa et al. 2020).
Zusätzlich zu den erwähnten Aspekten Vertrauen in Informationen und Vollständigkeit und Validität von Informationen spielt die Akzeptanz von Maßnahmen eine wichtige Rolle hinsichtlich psychischer Auswirkungen. Diese Akzeptanz ergibt sich wohl aus der Summe dieser Faktoren. Ergebnisse aus einer Studie zur H1N1-Influenzapandemie (Schweinegrippe) von 2009 deuten nämlich darauf hin, dass wohl nicht die Quarantäne per se einen negativen Effekt auf das psychische Befinden hat, sondern vielmehr der Aspekt, ob Betroffene mit den Maßnahmen einverstanden sind (Wang et al. 2011). Wenngleich die Quarantänebedingungen der H1N1-Pandemie nur bedingt auf die COVID-19-Situation übertragbar sind, so unterstreichen diese Ergebnisse die Bedeutung einer effektiven Kommunikation von Maßnahmen, da deren Akzeptanz wohl mehr als die Maßnahmen selbst das Ausmaß der psychischen Belastungen bestimmt. So gibt es auch bereits erste Ergebnisse von COVID-19-bezogenen Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass die Unzufriedenheit mit Kontrollmaßnahmen negative psychologische Folgen vorhersagt (Zhu et al. 2020), weshalb fehlende oder Fehlinformationen einen solch bedeutsamen psychischen Risikofaktor darstellen. Die wichtige Rolle der Medien sowie deren Umgang mit Verschwörungstheorien werden daher in
Kap. 6 ausgeführt.
Unterschiede der persönlichen Einstellungen
Seit Beginn der Pandemie werden die damit einhergehenden politischen Maßnahmen vielfach und heftig diskutiert. Die meisten Menschen haben es im Laufe des letzten Jahres sicherlich mehrfach erlebt, dass mit Freunden oder Familienangehörigen lautstark über die Maßnahmen diskutiert wurde. In diesen Diskussionen spielen sich viele sozialpsychologische Prozesse ab, die ggf. zu einer Häufung von Konflikten und/oder zu Polarisierungen der eigenen Ansichten führen können. So halten sich Menschen z. B. grundsätzlich lieber in gesellschaftlichen Gruppen auf, die ähnliche Einstellungen und Weltbilder wie sie selbst vertreten. Es kann in Gruppen mit ähnlichen vorherrschenden Einstellungen zur Extremisierung der Gruppenmeinung (group polarization) kommen oder man blendet im Sinne der Harmonie der Gruppe gerne realistische Bewertungen aus (groupthink) (z. B. Janis 1982; Myers und Bishop 1970). Wir tendieren also dazu, uns bevorzugt in sozialen Kreisen zu bewegen, die relativ homogene Meinungen und Weltansichten bilden. Im Rahmen der COVID-19-Pandemie mussten wir uns jedoch rasch neue Meinungen bilden. So kann es im Verlauf in gewissen Gruppen des eigenen sozialen Umfelds einerseits eher zu Verstärkungen bis hin zur Extremisierung der eigenen Meinung kommen. Anderseits kann unsere gebildete Meinung sich unter Umständen auch deutlich von Einstellungen unseres bestehenden sozialen Umfeldes unterscheiden. Viele Menschen sind infolge der Pandemie daher unerwartet und ungewohnt oft mit neuartigen Konflikten im engen Freundes- oder Familienkreis konfrontiert, müssen Unverständnis für die eigenen Meinungen oder Ansichten erfahren oder erleben gar Aggressionen und Ausgrenzungen. Diese Situationen sind für die menschliche Psyche hochgradig bedrohlich. Einerseits sehen wir uns mit unseren eigenen Konzepten über uns und die Welt konfrontiert und müssen uns ggf. in Frage stellen, was wiederrum unsere Integrität in Frage stellt, der wir auf der Suche nach Sicherheit und Kontrolle nacheifern. Zudem kann es zum Verlust von langjährigen Freundschaften oder stabilisierenden sozialen Beziehungen kommen und soziale Ablehnungsempfindungen können die Folge sein, was für uns (als soziale Wesen) meist starken Stress bedeutet.
Stigmatisierung
Im Rahmen der COVID-19-Pandemie kann es vorkommen, dass sich Menschen in unterschiedlichen Situationen mit Merkmalen kategorisiert sehen, mit denen sie sich vor der Pandemie noch nicht oder zumindest nicht in dem Maße identifiziert sahen. Das ist ein natürliches menschliches Phänomen. In bedrohlichen Situationen versucht der menschliche Verstand, sich rasch eine Übersicht zu verschaffen, und neigt umso mehr dazu, in einfachen Kategorien zu verarbeiten. Zudem »verengt« sich sozusagen das Sichtfeld zunehmend und wir neigen in Notfallsituationen (noch mehr also sonst) zu einfachen, unifaktoriellen und kausalen Schlussfolgerungen. So kann es schnell zu Stigmatisierungen bis hin zu Ausgrenzungen oder Benachteiligungen gewisser Bevölkerungsgruppen kommen. So fühlen sich manche z. B. »wegen der Alten« eingeschränkt, andere machen »die junge unvorsichtige« Altersgruppe für die Verbreitung des Virus verantwortlich oder kategorisieren Mitmenschen ggf. vorschnell als »Covidioten« oder »Corona-Leugner«, was wiederrum zu Ausgrenzungserfahrungen wie auch zu Benachteiligungen und Stigmatisierungen führen kann. So führen sowohl direkte als auch befürchtete soziale Ausgrenzungs- und Benachteiligungserfahrungen infolge von Stigmatisierungen zu ausgeprägtem psychischem Leiden.
Neben den bereits oben beschriebenen Stigmatisierungen von (ehemalig) Infizierten muss somit von vergleichbaren Stigmatisierungen von Risikogruppen (
Kap. 10), andersdenkenden und vielen anderen Menschen ausgegangen werden (siehe z. B. Brooks et al. 2020). Vorstellbar ist beispielsweise, dass Betroffene von chronischen Krankheiten mit grippeähnlichen Symptomen anderen Ursprungs (z. B. Allergien), die bei Drittpersonen Infektionsängste auslösen, von gesellschaftlichen Stigmatisierungen betroffen sein könnten und Ausgrenzungserfahrungen machen könnten. Dies könnte gar zu weiteren gesellschaftlichen Gefahren führen wie beispielsweise, dass sich betroffene Personen nicht testen lassen, was eine weitere Virus-Verbreitung begünstigen könnte (Jung und Jun 2020). Weitere Stigmatisierungen könnten beispielsweise im Rahmen des Impfens oder bei der Festlegung von im Zusammenhang mit Impfungen veränderten Maßnahmen eine Rolle spielen. Sollte z. B. entschieden werden, dass für verschiedene Subgruppen der Bevölkerung unterschiedlich restriktive Maßnahmen gelten, könnte dies im Umkehrschluss zu einer Verstärkung der negativen psychischen Folgen dieser Subgruppen führen.
Neben der sozialen und psychologischen Stigmatisierung soll an dieser Stelle zudem auf strukturelle Stigmatisierungen hingewiesen werden, die gleichermaßen einen negativen Effekt auf die Psyche von Betroffenen haben können. Beispielhaft kann hier die Ungleichheit von Hilfsangeboten (Beratungs- sowie Versorgungsangeboten wie beispielsweise Lebensmitteltafeln) und medizinischen Verfügbarkeiten (ländliche vs. städtische Wohnräume) oder die ungleiche Betroffenheit ärmerer und reicherer Gesellschaftsschichten von COVID-19 (u. a. infolge anderer Möglichkeiten, sich vor Infektionen zu schützen) genannt werden.
Stigmatisierungserfahrungen und -empfindungen führen zu starkem Stress und zu Gefühlen von Ausgrenzung, Benachteiligung und Spaltung und bedeuten für unsere Psyche meist das Wegbrechen des so wichtigen Gefühls der Zugehörigkeit und der Verbindung zu Artgenossen.
Impfung
Mitten in der Zeit, in der die gerade vor Ihnen liegende 2. Auflage des Sammelwerkes verschriftlicht wird, starten weltweit die großen Corona-Impfkampagnen. Wenngleich Fachpersonen und Politiker davor warnten, dass damit wahrscheinlich noch nicht das ersehnte schnelle Ende der Pandemie eintreten würde, verbreitet sich mit dem Impfstart vielerorts Hoffnung. Doch für einen bedeutsamen Anteil an Menschen dürfte das geplante »Massenimpfen« sehr belastend und bedrohlich sein. So werden wohl bestehende Zurückhaltungen oder Sorgen in Bezug auf Impfungen verstärkt und andere pandemische Ängste weiter genährt.
Aus verhaltenswissenschaftlicher Perspektive sind Impfungen schon weit vor COVID-19 ein wichtiges Forschungsfeld, denn Impfskepsis und Impfablehnung sind bekannte psychologische Phänomene. So verbreitete sich in psychologischen Fachkreisen bereits vor dem Wirkungsnachweis des ersten COVID-19-Impfstoffs die Sorge, dass Impfangst, Impfskepsis oder allgemein das Zögern der Menschen, sich impfen zu lassen, ggf. die nächste COVID-19-bezogene Herausforderung werden könnte (Dror et al. 2020). Weshalb Menschen zögern, skeptisch sind und sich ggf. lieber nicht impfen lassen wollen, lässt sich psychologisch vergleichsweise leicht nachvollziehen. Hier spielen einige bekannte psychologische Phänomene eine Rolle. Menschen bevorzugen einerseits generell eine potenziell schädliche Untätigkeit gegenüber einer potenziell weniger schädlichen Handlung (der sogenannte omission bias), da hiermit kurzfristig weniger notwendige Ressourcen verbunden sind. Zudem scheint der Mensch seine eigene Meinung und sein eigenes Wissen über Themen generell eher zu überschätzen und sucht meist vorwiegend nach Informationen, die seine bereits bestehende Meinung über etwas bestätigt. Er versucht, wenn nur irgend möglich, seine Meinung nicht ändern zu müssen (der sogenannte confirmation bias). Diese Korrektion der eigenen Meinung könnte nämlich die eigene Integrität und Kompetenz in Frage stellen, was wiederrum sehr bedrohlich wäre. Hinzu kommt, dass bei Meinungsbildungen persönlichen Erfahrungen oder Erzählungen von Menschen, denen wir vertrauen und die wir wertschätzen, mehr Bedeutung zufließen als objektiveren und unpersönlichen Informationsquellen. Schlussendlich fürchten sich viele Menschen vor möglichen Langzeitfolgen der Impfungen, welche in diesem Falle zudem durch die neuartige Impfsubstanz sowie die außergewöhnlich schnelle Entwicklung verstärkt werden. Alles in allem führt dies dazu, dass der verbreiteten Zurückhaltung gegenüber den Impfungen nur sehr schwer rationale Argumente entgegengestellt werden können und Menschen sich meist nur bedingt offen für faktenbasierte Gegenargumente zeigen oder die wissenschaftliche Faktenlage schlichtweg zu komplex für fachfremde Personen ist (umfassendere Ausführungen zu den zugrundeliegenden Effekten sind Pluviano et al. 2020 zu entnehmen). Schlussendlich spielen wohl auch Ekelgefühle in Zusammenhang mit abgestorbenen Viren oder andere komplexe Empfindungen, ausgelöst durch die Injektion einer fremden und unbekannten Substanz in den eigenen Körper, eine wichtige Rolle.
Im Umgang mit Impfängsten und -skepsis wurde zudem noch keine durchbrechende Lösung gefunden, was wiederum zeigt, wie komplex dieses psychologische Thema ist. Wenngleich Fehlinformationen und rationale Herangehensweisen einen Teil der Lösung darstellen könnten (z. B. Trujillo et al. 2020), so sind wohl auch weiterhin viele Menschen durch rationale Argumente nicht so einfach zu überzeugen. Hier könnten persönliche Erfahrungen von Vertrauenspersonen in Bezug auf die Akzeptanz des Impfstoffes eine wichtige Rolle spielen. Deshalb ist bei der Ausarbeitung einer Impfstrategie auch aus psychologischer Sicht zu empfehlen, im Sinne einer breiten Impfakzeptanz möglichst rasch Teile der ganzen Breite der Bevölkerung zu impfen, um möglichst viele positive persönliche Bezüge durch die ganze Gesellschaft hindurch herzustellen. Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung ging zudem der Frage nach, ob Eigenverantwortung oder Verbote zu einer besseren Akzeptanz von Maßnahmen führen. Wenngleich die Antwort nicht eindeutig, sondern vielmehr abhängig von der jeweiligen Maßnahme zu sein scheint (Schmelz 2021), kann nichtsdestotrotz davon ausgegangen werden, dass ein Impfzwang sehr wahrscheinlich kontraproduktiv wäre und den Widerstand und die Skepsis eher weiter verstärken dürfte.
Es muss also gegenwärtig noch davon ausgegangen werden, dass sich die breite Bevölkerung nicht von Anfang an offen und bedenkenlos impfen lassen wird und eine Impfskepsis im weiteren Verlauf der Pandemie ggf. noch eine wichtige Rolle spielen wird. So könnten zusätzlich zu den Ängsten in Bezug auf Impfungen auch zuvor dargelegte Stigmatisierungen im Zusammenhang mit Impfprozessen eine größere Rolle spielen und für bedeutsame Anteile der Bevölkerung weitere psychische Belastungen hervorrufen.
Mehrfachbelastungen
In der COVID-19-Pandemie kommt es aufgrund der Vielzahl notwendiger Anpassungen in nahezu allen Lebensbereichen sowie infolge der engen Verflechtungen und Zusammenhänge unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche für viele Menschen nicht nur zu einer qualitativen, sondern auch zu sich aufsummierenden Belastungen und notwenigen Anpassungsleistungen. Genauer gesagt werden einerseits gewisse Aufgaben aufwändiger und komplizierter (z. B. aufgrund von Hygiene- und Sicherheitskonzepten). Andererseits können aufgrund von COVID-19-bezogenen Maßnahmen oder Umständen aber auch Doppel- oder gar Mehrfachbelastungen entstehen. Beispiele hierfür wären anfallende Zusatzaufgaben oder -schichten bei verschiedenen, v. a. systemrelevanten Berufsgruppen (Gesundheitsämter, medizinisches Personal, Sicherheitsbeamte, systemrelevanter Einzelhandel u. v. m.) oder die Doppelbelastung durch Homeoffice und Kinderbetreuung oder durch Arbeitstätigkeit und Pflege unter erschwerten Bedingungen. Die oben erwähnten oder auch weitere Belastungsfaktoren können sich individuell kombinieren und eine psychisch stark herausfordernde Gesamtsituation ergeben.
1.3 Auswirkungen auf die menschliche Psyche
Kurzfristige Effekte
Zu den zuvor beschriebenen – eher allgemeinen – Belastungsfaktoren kommen in vielen Fällen noch individuelle Belastungen hinzu, die je nach Lebensumstand und -kontext sehr unterschiedlich sein können. Seit Beginn der Pandemie müssen viele Menschen daher ausgeprägte Orientierungs- und Anpassungsleistungen erbringen. Diese benötigen viel Energie und Ressourcen. Als Stressreaktion wird die dafür freigesetzte Energie bezeichnet, wobei drei unterschiedliche Stressphasen unterschieden werden (Wang et al. 2020c). In der ersten, der sogenannten Alarm-Phase, reagiert die menschliche Psyche mit Wachsamkeit, Vorsicht, Konzentration, Fokussierung und der Mobilisierung und Freisetzung von Energie. In der zweiten, der sogenannten Resistenzphase, liegt der Fokus auf zielgerichtetem, effizientem und problemorientiertem Verhalten. Diese Phase kann länger andauern, weshalb proaktives und effektives Verhalten hier von großer Bedeutung ist. Schafft es der Mensch, in der zweiten Phase die Stressoren zu überwinden, kann die dritte, die Ermüdungsphase, umgangen werden. In dieser Ermüdungsphase führen meist anhaltende negative Gefühle, anhaltender psychologischer Stress sowie äußere Belastungsfaktoren, gegen die unermüdlich angekämpft wird und mit denen kein effektiver Umgang gefunden wird, zu Ermüdungserscheinungen, körperlichen und psychischen Beschwerden sowie zu einer Häufung von anhaltenden psychischen Symptomen, wie sie im nachfolgenden Kasten aufgeführt sind. Diese sind in Qualität und Quantität individuell. Halten diese Stressreaktionen lange an und wird kein Umgang mit den Stressoren und/oder den Symptomen gefunden, so können diese längerfristig zur Entwicklung von psychischen Störungen beitragen.
Im Vergleich zu anderen außergewöhnlichen Situationen scheint die gegenwärtige Pandemie eine rasche und erfolgreiche Bewältigung besonders zu erschweren. Einerseits hält die Bedrohung seit langer Zeit an und das Ende bleibt nur schwer abschätzbar und andererseits kommt es immer wieder zu größeren Veränderungen der Eindämmungsmaßnahmen, sodass die Menschen immer wieder aufs Neue Anpassungs- und Orientierungsleistungen erbringen müssen. Zudem kann es in diesem speziellen Fall dazu kommen, dass das aus der ersten Phase resultierende Verhalten zwar vor Ansteckungen schützt, zu viel Vorsicht jedoch auch kontraproduktiv im längerfristigen Umgang mit Pandemien sein kann und psychisches Leiden gar verstärken und verlängern kann (Wang et al. 2020c).
Psychische Symptome, die mit ausgeprägten und anhaltenden Stressreaktionen infolge der COVID-19-Pandemie einhergehen
Angst- und Panikzustände (vor Infektion, Krankheit, Gesundheit, Verlust, Existenz, finanzieller Not, Freiheitseinschränkung, Unterdrückung etc.), Langeweile, innere Unruhe, Anspannung, Frustrationen, Ärgererleben, Wut oder Aggressionen, Beklemmungsempfinden, Erschöpfung, chronische Ermüdung, Schmerzen, Migräne, Schwitzen, Verdauungsbeschwerden, Antriebsverminderung, Schlafstörungen, soziales Abgrenzungsverhalten, Konzentrationsprobleme, Gedächtnisprobleme, Trauer, Nervosität, Entscheidungsschwierigkeiten, Einsamkeit, Gefühle von Isolation und Verletzlichkeit, schädigender Substanzgebrauch, vermehrtes Händewaschen, übermäßiges Abstandhalten, Horten von Lebensmitteln, Masken, Desinfektionsmittel oder anderen Alltagsprodukten, Abnahme der (beruflichen) Leistungsfähigkeit oder berufliche Abneigungs-/ Resignationsempfinden (Bai et al. 2004; Brooks et al. 2020; Caleo et al. 2018; Cava et al. 2005; Jung und Jun 2020; Pan et al. 2005; Reynolds et al. 2008; Serafini et al. 2020; Wang et al. 2020b)
Eine systematische Literaturaufbereitung, die kürzlich in einem renommierten Fachjournal veröffentlicht wurde und viele qualitativ hochwertige Studien zusammengefasst hat, bestätigte die Befürchtung von verbreiteten psychischen Belastungssymptomen in der Allgemeinbevölkerung. Wenngleich die Zahlen zwischen den einzelnen Studien und je nach Durchführungsland variierten, so scheint das Bild jedoch in seiner Gesamtheit eindeutig. Angstsymptome, depressive Symptome, Symptome von Posttraumatischen Belastungsstörungen und psychischer Stress haben deutlich zugenommen, wobei gewisse Studien gar Symptome in der großen Mehrheit der untersuchten Bevölkerung feststellen mussten (Xiong et al. 2020). Dabei scheinen Frauen und jüngere Menschen (unter 40 Jahren) besonders belastet zu sein (z. B. Bonsaken et al. 2020; Delmastro und Zamariola 2020), was wohl vordergründig auf die Mehrfachbelastungen (z. B. Kinderbetreuung, Arbeit und Wegfall von Unterstützungsleistungen) sowie die instabileren beruflichen Situationen zurückzuführen ist. Die Erkenntnisse scheinen somit eindeutig: Es ist ein deutlicher Anstieg der Prävalenz von psychischem und posttraumatischem Stress zu verzeichnen. Bis zum Sommer 2020 war wohl mindestens jeder vierte Mensch von psychischem oder posttraumatischem Stress betroffen (Cooke et al. 2020).
Zusätzlich und als Reaktion auf die beschriebenen und zugenommenen psychischen Belastungen ist zudem kurz- und mittelfristig von einer Zunahme von Risikoverhalten in der Bevölkerung auszugehen. Dieses verstärkt wie eine Art Teufelskreis die längerfristigen Folgen und erhöht das Risiko für psychische Störungen. So dürften beispielsweise Alkohol-, Tabak- und Drogenkonsum zugenommen haben, es dürfte wohl zu deutlich vermehrtem und schädlichem Gebrauch von Medikamenten, Internet, Fernsehen (und anderen Medien) gekommen sein (z. B. Brooks et al. 2020). Zudem dürfte das Risiko von problematischem (Online-)Glückspiel deutlich zugenommen haben (
Kap. 6). Eine internationale europäische Befragung musste beispielsweise feststellen, dass während der ersten Pandemiephase zwischen 4 und 8 % der Bevölkerung angaben, höhere Dosen an Medikamenten einzunehmen, als dies verordnet ist (Vögele et al. 2020).
Wie bereits zuvor beschrieben, zeichnet sich die Belastungssituation in der COVID-19-Krise im Vergleich zu anderen außergewöhnlichen Situationen vor allem auch dadurch aus, dass sie lange andauert, die äußeren Belastungsfaktoren (in Form von Eindämmungsmaßnahmen) nicht stabil sind und es immer wieder zu Verstärkungen kommt. So nimmt die Belastung, anders als beispielsweise bei Naturkatastrophen, nicht nach einer mehr oder weniger langen Anpassungsphase sukzessive ab, sondern wiederholte und neue Stressoren verlängern und verschärfen ggf. gar das Belastungserleben über die Zeit. Das stellte auch die Schweizer Untersuchung Swiss Corona Stress Study der Universität Basel fest, an der mehr als 11.000 Menschen teilnahmen. So nahm der Anteil an Personen, die maximalen Stress angaben, über die Zeit der Pandemie stetig zu. Während des ersten Lockdowns waren es noch rund 11 %, wobei in der November-2020-Umfrage bereits mehr als 18 % der Befragten von maximalem Stress berichteten (De Quervain et al. 2020). Insgesamt berichteten etwa 40 % von deutlich stärkerem Stress und führten dies vor allem auf notwendige Veränderungen und Anpassungen bei der Arbeit und Ausbildung sowie auf das eingeschränkte Sozialleben zurück (De Quervain et al. 2020). So scheint sich zu bestätigen, dass viele Menschen Stress akkumulieren und die psychischen Belastungen nicht nach kurzer Zeit abnehmen, sondern anhalten und für gewisse Menschen gar zunehmen. Dadurch ist auch die Wahrscheinlichkeit von längerfristigen Effekten und psychischen Folgen erhöht.
Langfristige Effekte
Schaffen es Menschen in Stresssituationen nicht hinreichend, die äußeren Stressoren zu bewältigen, oder ist die Stressreaktion anhaltend, verstärkt dies das Leiden zunehmend und trägt zur Entwicklung von psychischen Störungen bei. Aus anmutend vergleichbaren Situationen (Ebola-/SARS-Epidemien) wurde anhaltendes psychisches Leiden über die akuten Situationen hinweg sowie eine längerfristige Häufung von Symptomen psychischer Störungen berichtet (z. B. Brooks et al. 2020). Dies ist wohl vor allem auf die akkumulierte Dauer der Belastung zurückzuführen sowie darauf, dass Menschen nach längeren Eindämmungsmaßnahmen und andauernden Belastungen nicht einfach so zum Alltag zurückkehren können. So berichten Studien davon, dass lange Quarantänen oder Isolationssituationen zu weitaus längerem und andauerndem Vermeidungsverhalten (über die eigentliche Maßnahme hinaus) sowie zu ausgeprägterem Aggressionserleben und Empfindungen von emotionaler Erschöpfung führen (z. B. Marjanovic et al. 2007). Es muss also davon ausgegangen werden, dass auch aufgrund der Dauer der COVID-19-Pandemie die Ausprägung der längerfristigen Effekte sowie der Anteil an Menschen, die unter längerfristigen Effekten leiden, hoch sein dürfte. Hinzu kommt, dass die längerfristigen Folgen gewisser Umstände, wie beispielsweise des deutlich verstärkten Medienkonsums (bspw. während des Lockdowns), gegenwärtig noch nicht abschätzbar sind und erst noch weiter beobachtet und erforscht werden müssen (Holmes et al. 2020).
In den Medien, in Experteninterviews, aber auch in Fachzeitschriften ist vielfach von einer sehr bedeutsamen Zunahme an psychischen Störungen zu lesen. Mit dem weiteren Verlauf der Pandemie müsse man sich zudem wohl noch auf höhere Raten einstellen. Viele Studien scheinen diese Befürchtung auf den ersten Blick zu bestätigen, denn eine Vielzahl der Teilnehmenden erfüllt zum Erhebungszeitpunkt die diagnostischen Kriterien einer psychischen Erkrankung (z. B. Xiong et al. 2020). Diese hohen Werte sollten jedoch unbedingt mit der notwendigen Vorsicht und Präzision interpretiert werden und es sollte nicht voreilig daraus der Schluss gezogen werden, dass psychische Störungen allgemein zugenommen haben. Psychische Belastungen, ob milderen oder stärkeren Ausmaßes, sind nämlich nicht mit psychischen Störungen gleichzustellen. Menschen, die beispielsweise infolge massiver Isolation unter ausgeprägter Vereinsamung leiden, sind zwar in erheblichem Maße psychisch durch die aktuelle Situation belastet, sie benötigen aber wohl weniger eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung als vielmehr die Unterstützung und Zuwendung von Familienangehörigen, Freunden oder anderen Bezugspersonen. Dass psychische Belastungen in Ausnahmezeiten dieses globalen Umfangs zunehmen, ist vielmehr als ein normaler Umstand zu werten. Eine akute psychische Belastung, unabhängig des erhobenen psychometrischen Ausmaßes, ist nicht mit einer ausgebildeten psychischen Erkrankung gleichzustellen. Die Diagnose einer psychischen Erkrankung benötigt eine fundierte zeitliche und kontextuelle Einordnung. Somit ist der Anteil an Menschen, die infolge der COVID-19-Situation anhaltende und klinisch relevante psychische Syndrome (gemeinsames Auftreten gewisser spezifischer Symptome eines Krankheitsbildes) entwickelt haben, die auch psychotherapeutisch/psychiatrisch behandlungsbedürftig sind, nicht mittels fragebogenbasierter Erhebungen ermittelbar. Zudem sind methodische Mängel zu beachten. Die meisten Erhebungsinstrumente der gegenwärtigen Studien sind nicht für Ausnahmesituationen ausgelegt und können den Umständen der aktuellen Pandemie keine Rechnung tragen. Auch können Anteilszahlen von Studien, die vor der COVID-19-Pandemie durchgeführt wurden, nicht einfach mit Erhebungen aus der COVID-19-Zeit verglichen werden, weil die Erhebungskontexte unterschiedlicher nicht sein könnten.
Da wir uns gegenwärtig noch in pandemischen Zeiten befinden, lässt sich aktuell nur festhalten, dass die psychischen Belastungen zwar deutlich und nachweislich zugenommen haben, ob dies aber auch zu einer signifikanten Zunahme an psychischen Störungen führen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt (noch) nicht abschätzbar. Internationale Experten berichten zwar von Zunahmen schwerer psychischer Erkrankungen (z. B. Thome et al. 2020), diese könnten aber auch auf das deutlich reduzierte psychotherapeutische bzw. psychiatrische Angebot während des ersten Lockdowns zurückzuführen sein. So konnten Betroffene vielleicht später als gewöhnlich entsprechende Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Ob es sich in diesem Fall zudem um eine Zunahme von erstmanifestierten psychischen Erkrankungen handelt oder ob die Zahlen ggf. vor allem auf eine Zunahme an Rückfällen früherer oder bestehender psychischer Erkrankungen zurückzuführen sind, ist noch offen. In der 1. Auflage dieses Buches wurde an mehreren Stellen nämlich bereits auf die Rückfallgefahr oder die Verschlechterung (sog. Exazerbation) bestehender psychischer Störungen hingewiesen. So könnten beispielsweise pathologische Ängste wieder oder weiter verstärkt werden, Depressionen aufgrund von sozialer Isolation oder fehlender Tagesstruktur wieder ausbrechen oder Wahninhalte durch öffentlich angeordnete Maßnahmen befeuert werden. Dies scheint sich bereits jetzt als eine der längerfristigen psychischen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie erwiesen zu haben. So zeigen Studien, dass das Risiko, beispielsweise starke und anhaltende depressive oder Angstsymptome zu entwickeln, besonders für Menschen mit früheren oder bestehenden psychischen Störungen deutlich erhöht ist (Fiorillo et al. 2020).
Untersuchungen in Zeiten vorhergehender Epidemien weisen zudem auf weitere längerfristige Auswirkungen hin. So wurde anhaltendes soziales Vermeidungsverhalten über die Gefahrenzeit hinweg berichtet, bspw. eine Meidung von öffentlichen Plätzen oder Menschenmengen (Reynolds et al. 2008). Ebenso dürften sich unser direkter sozialer Umgang miteinander, die soziale Nähe und Vertrautheit, die Art der Begrüßung etc. längerfristig verändern. Auch zeigte sich, dass sich die Interaktion zwischen medizinischem Personal und Patienten anhaltend im Sinne stärkerer Vermeidungshaltungen und größerer Zurückhaltung wandelte (Marjanovic et al. 2007).
Ähnlich könnte unser Umgang mit der direkten Umwelt und unserem Körper ängstlicher und vorsichtiger werden, so die Erfahrung aus früheren Epidemien. So wurden u. a. anhaltend verändertes und intensiveres Händewaschen im Sinne von pathologischen Kontaminationsängsten im Rahmen einer Zwangserkrankung berichtet (Cava et al. 2005). Internationale Experten berichten auch bereits im Zusammenhang der COVID-19-Pandemie von vergleichbaren Beobachtungen (Thome et al. 2020). Auch eine verstärkte Sensibilität für eigene Körperempfindungen und -symptome (Jeong et al. 2016) wurde festgestellt, was wohl zu einer generellen Verstärkung der Selbstaufmerksamkeit auf Körpersymptome und damit einhergehend einem stärkeren Krankheitsbedenken führt. Diese innerpsychischen Prozesse sind unter anderem bei psychosomatischen Erkrankungen (im weitesten Sinne) von Bedeutung und könnten somit zu einem Anstieg solcher Krankheitsbilder führen. So wurde beispielsweise auch ein längerfristiger Anstieg von Arbeitsausfällen im Gesundheitssystem berichtet (Marjanovic et al. 2007).
Wenngleich sich das Tragen von Masken wohl positiv auf das eigene Angsterleben auswirken mag (Wang et al. 2020a), ist unsere nonverbale Kommunikation dadurch eingeschränkt (
Kap. 3). Vor allem sozial verängstigte Menschen könnten dadurch weiter verunsichert werden und soziale Kontakte komplett meiden. Unser soziales Interaktionsverhalten und Zusammenleben werden sich somit wohl zumindest mittelfristig verändern und von stärkerer Angst oder Unsicherheit geprägt sein. Auch bereits zuvor beschriebene Stigmatisierungen werden wohl zunehmen und könnten in einigen Fällen zu Spaltungen, Ausgrenzungen, sozialem Rückzugsverhalten oder Aggressivität führen. Dies auf unterschiedliche Arten zu kompensieren, ist aus psychologischer Sicht von großer präventiver Bedeutung – die soziale Vernetzung und das Gefühl der gesellschaftlichen Zugehörigkeit und Verbundenheit sind nämlich von immenser Bedeutung für unser psychisches Wohlbefinden.
Bereits früh im Verlauf der COVID-19-Pandemie wurde zudem vielfach auf die längerfristige Gefahr eines spezifisch auf die Einhaltung von Eindämmungsmaßnahmen bezogenes psychologisches Ermüdungssyndrom hingewiesen. Es wurde meist als pandemic oder behavioral fatigue bezeichnet. Darunter wird der Prozess vermutet, dass Menschen im Laufe der Zeit eine Art Müdigkeit gegenüber den Maßnahmen zu Eindämmung des Virus entwickeln könnten und sich somit mittel- und längerfristig immer weniger an Letztere halten würden. Diesem Verständnis liegt eine Analogie zur muskulären Ermüdung zugrunde, nachdem sich nach einer längeren Anstrengung eine unausweichliche psychische Ermüdung einstellen würde. Dieses Phänomen lässt sich jedoch nicht einfach auf die menschliche Psyche übertragen und es gibt gegenwärtig keine wissenschaftliche Evidenz für solche verhaltensbezogenen Ermüdungserscheinungen als längerfristige Folge der Pandemie (z. B. Harvey 2020). In vorherigen Epidemien scheint vielmehr das gegenteilige Phänomen beobachtet worden zu sein, dass sich Sicherheits- und Vermeidungsverhalten über die Zeit eher verstärkt haben (Marjanovic et al. 2007). Längerfristig muss somit eher von anhaltendem oder sich zunehmend verstärkendem als von vernachlässigtem Vermeidungsverhalten ausgegangen werden. Individuell beobachtbare Veränderungen des social distancing lassen sich wohl eher dadurch erklären, dass die subjektiven Infektionsängste ggf. im Laufe der Zeit abnehmen. Generelles fatigue-Verhalten in Bezug auf pandemische Maßnahmen ist aber wissenschaftlich und theoretisch gegenwärtig nicht herzuleiten. Was hingegen, wie bereits zuvor beschrieben, beobachtbar ist, sind körperliche und psychische Ermüdungserscheinungen (Ye et al. 2020). Diese beziehen sich hingegen – ähnlich wie bei einem Burnout-Syndrom – auf einen körperlichen und mentalen Ermüdungs- und Erschöpfungszustand, wenn Betroffene keinen erfolgreichen Umgang mit (anhaltenden) Stressoren finden. Neben der Erschöpfung spielen hier auch anhaltende Ruminationen (passives repetitives Gedankenkreisen um Gründe und Konsequenzen) und Grübelverhalten über das pandemische Geschehen eine verstärkende Rolle und werden mit längerfristiger depressiver Symptomatik in Verbindung gebracht (Ye et al. 2020). Sie sind jedoch nicht mit einer pandemischen fatigue oder allgemein vernachlässigtem Sicherheitsverhalten zu verwechseln.
Schlussendlich sind unter den möglichen längerfristigen Effekten ebenfalls die Gefahren, die von Verschwörungstheorien ausgehen, zu erwähnen. Aufgrund deren Bedeutung wird im Kapitel zur Mediennutzung näher auf die Umstände rund um Verschwörungstheorien eingegangen (
Kap. 6).
1.4 Risikogruppen: besonders gefährdete Gesellschaftsgruppen
Manche Gesellschaftsgruppen sind aus psychologisch-wissenschaftlicher Sicht besonders von den zuvor erwähnten Risikofaktoren, die mit der COVID-19-Pandemie einhergehen, betroffen. Diese Gruppen werden in den folgenden Unterkapiteln umschrieben. Darüber hinaus gibt es Gesellschaftsgruppen, denen aufgrund ihrer hohen Anfälligkeit (sog. Vulnerabilität) besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte, weswegen diese in separaten Kapiteln ausführlich behandelt werden: Mitarbeitende des Gesundheitswesens (
Kap. 7), Kinder und Jugendliche (
Kap. 9) sowie ältere Menschen (
Kap. 10).
Schlussendlich muss an dieser Stelle noch darauf hingewiesen werden, dass es sich bei der Darstellung von Risikogruppen um eine Generalisierung handelt, die Einzelnen ggf. nicht gerecht wird. Hierbei bestehen große individuelle Unterschiede und nicht jeder Mensch, der zu einer Risikogruppe zählt, ist gleichzeitig gefährdet. Hier spielen viele weitere einzelne, individuelle, protektive oder ggf. auch verstärkende Faktoren zusätzlich eine große Rolle, die bei Rückschlüssen auf Einzelne unbedingt zu beachten sind.
Infizierte und/oder Isolierte (sowie ihre Angehörigen)
Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben oder die sich aufgrund eines Kontaktes zu einer infizierten Person isolieren bzw. in Quarantäne begeben müssen, sind mehreren Risikofaktoren gleichzeitig ausgesetzt, weswegen sie als besondere Risikogruppe gelten. Zusätzlich zu verstärkten Infektions- oder Krankheitsängsten könnten sie unter der Angst leiden, andere Menschen angesteckt zu haben, oder müssen mit Schuldgefühlen umgehen, sollte es zu einer vermeintlichen Infektion gekommen sein. Zusätzlich sind sie ganz besonders von den Kontakteinschränkungsmaßnahmen betroffen, da sie in Quarantänesituationen meist über eine gewisse Zeit gar keine direkten sozialen Kontakte haben dürfen. Dies ist ebenfalls für ihre Angehörigen belastend, die auch unter der sozialen Trennung leiden (insbesondere, wenn die oder der Infizierte beispielsweise die Mutter oder der Vater eines minderjährigen Kindes ist). Darüber hinaus entwickeln Angehörige trotz Quarantäne des (potenziell) Infizierten wohl stärkere Infektionsängste, sie sorgen sich um den Krankheitsverlauf des Angehörigen und/oder sind ggf. mit zuvor ausgeführten Stigmatisierungen konfrontiert. Davon könnten auch Infizierte oder Isolierte über die Quarantänezeit und Erkrankung hinaus betroffen sein. Besonders belastend sind jene Fälle, in denen die Infizierten mit schweren Verläufen zu kämpfen haben und in der Klinik behandelt werden müssen. Hier kann meist gar kein direkter Kontakt hergestellt werden (auch nicht visuell) und die Kommunikation ist ggf. nur in knapper Form und über das Klinikpersonal möglich. Zudem werden anhaltende neurologische, kognitive und psychologische Symptome im Anschluss an intensivmedizinische COVID-19-Behandlungen berichtet. Dadurch dürfte sich zusätzlich zu den möglichen körperlichen Langzeitfolgen ebenfalls das Risiko für psychische Störungen nicht nur durch die äußeren Maßnahmen, sondern ggf. auch die Erkrankung selbst weiter erhöhen (z. B. Moreno et al. 2020).
Klinische Untersuchungen bestätigen diese besondere Vulnerabilität. So ging aus einer Studie zur Zeit der SARS-Epidemie hervor, dass etwa die Hälfte der Genesenen anhaltende Ängste aufwiesen. Bei Genesenen von schweren Verläufen wurde gar ein deutlich erhöhtes Risiko für anhaltende psychische Störungen wie Posttraumtische Belastungsstörungen oder Depressionen beobachtet (Holmes et al. 2020). Im Falle von COVID-19 berichten zudem immer mehr körperlich genesene Patienten von anhaltender körperlicher Müdigkeit und neurologischen Symptomen. In der aktuellen wissenschaftlichen Literatur wird darüber hinaus zunehmend von postinfektiöser Fatigue und einem möglichen Post-COVID-Syndrom gesprochen, wie es auch im Anschluss anderer Intensivbehandlungen berichtet wird. So ist auch im Falle von COVID-19 davon auszugehen, dass sich Betroffene zwar körperlich erholen, sie aber gefährdet sind, ggf. unter langanhaltenden mentalen Gesundheitsproblemen zu leiden und längerfristig eine reduzierte Lebensqualität zu empfinden (Lamprecht 2020).
Menschen mit aktuellen oder früheren psychischen Erkrankungen
Menschen mit aktuellen oder früheren psychischen Erkrankungen sind besonders gefährdet, unter den COVID-19-Maßnahmen zu leiden. Die erfolgreiche soziale Reintegration ist meist ein sehr essenzieller Faktor bei der Rehabilitation von Menschen mit psychischen Krankheiten. Gleichermaßen ist die geregelte Tagesstruktur von großer Bedeutung, beispielsweise hinsichtlich der Prävention depressiver Rückfälle. Auch spielen körperliche Betätigung und gesunde Ernährung eine wichtige Rolle. Die Einschränkung von sozialen Kontakten und die damit einhergehenden Schließungen von wichtigen Behandlungs- oder Betreuungsstrukturen (Arbeitsrehabilitation, Tagesstrukturen etc.) sowie abendliche Ausgangsbeschränkungen könnten viele Menschen mit aktuellen oder früheren psychischen Erkrankungen in erheblichem Maße destabilisieren. Die Folge könnte ein zunehmender Verlust der Tagesstruktur (Rückfall in Tag-Nacht-Umkehr), der sozialen Integration, der Arbeitsfähigkeit und der notwendigen Versorgung mit Alltäglichem (u. a. Nahrung) sein. Dies führt nicht selten zu sogenannten Abwärtsspiralen, in denen sich selbstverstärkend negative Faktoren aufsummieren und in kurzer Zeit zu Rückfällen führen können. Zudem besteht die Gefahr deutlicher Verstärkungen pathologischer Ängste, depressivem Vermeidungs- und Rückzugsverhaltens, rückfälligen Konsums von Suchterkrankten aufgrund ausbleibender äußerer Stimuluskontrolle oder der Befeuerung von Wahninhalten bei Menschen mit Psychosen durch die behördlichen Anordnungen, um nur einige der vielen potenziell-verstärkenden Effekte der Pandemie auf psychische Störungen zu listen. Hinzu kommt, dass der Zugang zu psychischer Behandlung durch diese Umstände der Pandemie erschwert ist. So sind neben psychotherapeutischen und psychiatrischen Praxen auch direkte Anlaufstellen und Beratungsstellen nicht mehr gleichermaßen geöffnet. Nebst dem Wegfall von Face-to-Face-Behandlungsangeboten, die für viele Betroffene eine adäquate Behandlung erst ermöglichen, führten ebenfalls Schließungen von stationären Behandlungsangeboten zu Rückfällen (z. B. Moreno et al. 2020). Die Gegebenheit, dass die Anwesenheit von Freunden oder Angehörigen in Notaufnahmen oder anderen Anlaufstellen nicht mehr gestattet ist, erhöht zudem die Hürde der (frühzeitigen) Inanspruchnahme vieler Anlaufstellen um ein Vielfaches, sodass ggf. einige Menschen nicht mehr rechtzeitig erreicht werden könnten.
Schwere psychiatrische Rückfälle könnten zudem dazu führen, dass Betroffene erforderliche hygienische Maßnahmen nicht aufrechterhalten können, nicht mehr in der Lage sind, die social distancing-Maßnahmen einzuhalten, die Therapietreue (sog. therapeutische Compliance) ohne externe Unterstützung nicht aufrechterhalten können, andere präventive Strategien nicht mehr umsetzen oder durch fehlende therapeutische Nähe keine frühzeitige Unterstützung mehr anfordern können. Hinzu kommt, dass viele chronisch psychisch erkrankten Menschen infolge ihres Störungsbildes und ihrem damit zusammenhängenden Lebensstil zur Risikogruppe gehören (Rauchen, Adipositas, körperliche Inaktivität, geschwächtes Immunsystem etc.) und somit in unterschiedlichsten Aspekten in Pandemiezeiten stark gefährdet und wohl auch längerfristig belastet sind (z. B. Kavoor 2020).
Eine Untersuchung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe konnte bestätigen, dass Menschen mit psychischen Vorerkrankungen, insbesondere mit vorbestehenden Depressionen, deutlich stärker unter der Pandemie leiden als die Allgemeinbevölkerung: Wenngleich sie nicht unbedingt mehr Angst vor dem Virus haben, so fühlen sie sich durch Lockdowns deutlich belasteter. Sie leiden doppelt so häufig unter fehlender Tagesstruktur, sie blieben deutlich häufiger im Bett liegen und bewegten sich zu wenig. Zudem berichtete etwa jeder zweite Befragte von ausgefallenen ambulanten Behandlungsterminen beim Psychiater oder Psychotherapeuten und bei fast 10 % sei es zu Absagen der geplanten stationären Behandlungen infolge der COVID-19-Situation gekommen (Stiftung Deutsche Depressionshilfe 2020). Internationale Experten berichten zudem aus vielen Ländern von fehlender Infrastruktur und fehlenden Schulungsangeboten, um auf digitale Behandlungsalternativen ausweichen und Ausfälle kompensieren zu können (Thome et al. 2020).
Menschen mit chronischen körperlichen oder anderen Vorerkrankungen
Menschen mit (chronischen) körperlichen Erkrankungen leiden meist auch psychisch unter ihrer Erkrankung. Sie fürchten sich vor der Krankheit selbst, vor deren Behandelbarkeit, deren Langzeitfolgen und haben zudem ggf. Sorge um die Verfügbarkeit der notwendigen Behandlungsangebote. Die angespannte COVID-19-bedingte Situation dürfte auch hier eine verstärkende Wirkung haben, da in den letzten Monaten infolge überlasteter Kliniken wiederholt Behandlungen anderer Erkrankungen beeinträchtigt waren. Infolge des reduzierten Behandlungsangebots dürfte auch das Vertrauen in das Gesundheitssystem von Patienten mit anderen und ggf. chronischen Erkrankungen gesunken sein. Zudem sind weitere wichtige Faktoren zur Vorbeuge psychischer Belastungen von chronisch körperlich Erkrankten weggefallen oder zumindest nur eingeschränkt verfügbar gewesen. Hier ist beispielsweise der Kontakt zu Freunden und Angehörigen, der Seelsorge oder Selbsthilfegruppen nebst vielen anderen zu nennen. Wie bereits im vorhergehenden Punkt beschrieben, haben auch Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen und Beeinträchtigungen unter der (Teil-)Schließung von Behandlungs- und Betreuungsangeboten zu leiden (bspw. im Falle körperlicher oder geistiger Behinderungen, neurologischer Erkrankungen etc.). Als Folge muss wohl auch von einer erhöhten Suizidrate bei (chronischen) körperlichen Erkrankungen ausgegangen werden (Reger et al. 2020).
Schlussendlich sind natürlich auch Kinder und Jugendliche mit körperlichen, psychischen und/oder anderen Entwicklungsstörungen wie z. B. sozialen Ängsten, Autismus-Spektrum-Störungen oder Sprachentwicklungsstörungen zu nennen, für die ggf. nicht nur die dringend notwendige Therapie (Psychotherapie, Logopädie, Motologie, Physiotherapie etc.) wegfällt oder beeinträchtigt ist, sondern deren Erkrankungen sich durch die ausbleibenden Kontakte zu Gleichaltrigen weiter verstärken.
Alleinstehende
Alleinstehende und Alleinlebende sind ganz besonders von den Kontakteinschränkungen betroffen, da sie – anders als Menschen, die den eigenen Haushalt mit Angehörigen oder Mitbewohnern teilen – bei Lockdowns und Kontaktbeschränkungen komplett auf direkte soziale Kontakte inkl. Körperkontakt verzichten müssen. Hinzu kommt, dass Alleinlebende in gewissen Ländern und zu gewissen Zeiten von Ausgangsbeschränkungen/-sperren zusätzlich auf den direkten Kontakt mit dem Partner verzichten müssen. Zudem sind Alleinstehende weiteren Risikofaktoren ausgesetzt, weshalb sie in pandemischen Zeiten besonders gefährdet sind. So kann es beispielsweise in Quarantänesituationen zu Versorgungsproblemen kommen oder aufgrund fehlender anderer Menschen zum kompletten Wegfall externer tagesstrukturierender Faktoren, sodass das Risiko des Verlustes der geregelten Tagesstruktur und einer Tag-Nacht-Umkehr mit einhergehenden psychologischen Auswirkungen besonders hoch ist. Gemeint sind beispielsweise soziale Rituale wie das gemeinsame Essen oder abendliche Aktivitäten. Alleinlebende, die zudem im Homeoffice arbeiten müssen, haben ggf. über längere Zeiten gar keine anderen direkten zwischenmenschlichen Kontakte. Hier kann es zu massivem Vereinsamungserleben kommen. Die Faktoren Einsamkeit und soziale Isolation sind schon weit vor der aktuellen Pandemie als einer der Hauptrisikofaktoren für Suizide bekannt (Reger et al. 2020). Auch in COVID-19-Zeiten konnte der Zusammenhang zwischen alleinlebenden Menschen und psychischen Symptomen nachgewiesen werden (Delmastro und Zamariola 2020). Dies gilt zusätzlich für Alleinlebende, die im Homeoffice arbeiten müssen und daher das Haus weitaus seltener verlassen.
Sozioökonomischer Status und Arbeitsplatzunsicherheit
Der Verlust des Arbeitsplatzes und Arbeitslosigkeit sind stark mit psychischem Leiden und Suiziden assoziiert. Das musste während der Weltwirtschaftskrise im Jahre 2008 erneut festgestellt werden. Basierend auf Zahlen von 2008 wird der Anstieg der weltweiten Suizide im Zusammenhang mit Arbeitsplatzverlusten in der gegenwärtigen Krise auf 20–30 % geschätzt (Kawohl und Nordt 2020). Eine aktuelle israelische Studie unterstreicht gleichermaßen Arbeitslosigkeit als verstärkenden Faktor für psychologischen Stress während der COVID-19-Pandemie (Achdut und Refaeli 2020). Darüber hinaus bestätigt eine amerikanische Studie stärkere individuelle Ängste vor der COVID-19-Erkrankung in sozial vulnerablen Gesellschaftsgruppen, wodurch sich auch deren erhöhtes Risiko, anhaltende psychische Belastungen und Beeinträchtigungen zu entwickeln, erklären lässt (Fitzpatrick et al. 2020). Schlechte Wohnverhältnisse gehen zudem mit einer erhöhten Gefahr für ausgeprägte depressive Symptome einher, wobei Faktoren wie die Größe der Wohnung, die Aussicht und die Innenraumqualität eine Rolle spielen (Amerio et al. 2020). Da seit Beginn der Pandemie ein Großteil der Menschen von zuhause aus arbeiten muss, ist davon auszugehen, dass die individuelle Arbeitsleistung von den eigenen Wohnverhältnissen abhängt, somit ein niedriger sozioökonomischer Status in Form von wenig Wohnraum oder einem ungeeigneten Heimarbeitsplatz die Arbeitsleitung negativ beeinflusst. Eine große italienische COVID-19-Studie mit weitaus mehr als 6.000 Teilnehmenden stellte zudem Zusammenhänge zwischen psychischen Symptomen und Arbeitsplatzunsicherheit, aber vor allem auch mit dem sozioökonomischen Status insgesamt fest (Delmastro und Zamariola 2020).
Es lässt sich also zusammenfassen, dass wohl nicht nur Arbeitslosigkeit, finanzielle Sorgen oder befürchteter Jobverlust, sondern eine Vielzahl von Faktoren in Zusammenhang mit eher niedrigeren sozioökonomischen Verhältnissen auch aus psychologischer Sicht als bedeutsame Gefahr erkannt und benannt werden müssen. Es besteht zudem die Gefahr, dass sich diese Faktoren gegenseitig bestärken und aufsummieren und Menschen in unsicheren oder prekären Situationen weiter destabilisieren und benachteiligen könnten.
Weitere gefährdete Gesellschaftsgruppen
Die COVID-19-Pandemie wird oftmals metaphorisch als Brennglas für gesellschaftliche Probleme umschrieben. Tatsächlich sind Menschen in sozial-ökonomisch prekären Situationen verhältnismäßig stark getroffen, sodass sie wohl auch deutlich stärker psychisch unter der COVID-19-Krise zu leiden haben und auch hier negative, gefährliche und sich selbst verstärkende Ausgangslagen entstehen können. So sind beispielsweise Obdachlose, Wohnungslose, Arbeitslose, Menschen in Flüchtlingsunterkünften und andere Menschen in finanziellen und existenziellen Schieflagen besonders gefährdet. Viele soziale Angebote fallen weg, Anlaufstellen sind geschlossen oder nur noch bedingt verfügbar (z. B. weniger verfügbare Schlafplätze in Notunterkünften aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen). Sie haben ggf. keinen Zugang zu Informationen und zum Internet, es fehlen technologische Hilfswerkzeuge, sie leben in beengten Wohnverhältnissen ohne Rückzugsmöglichkeiten, um nur einige der vielen Risiken für Menschen aus sozial benachteiligten Gesellschaftsgruppen zu nennen.
Besonders gefährdet sind zudem Arbeitnehmende, in deren beruflicher Tätigkeit in COVID-19-Zeiten sich mehrere psychische Belastungsfaktoren akkumulieren. So sind beispielsweise viele Menschen in systemrelevanten Berufen erhöhten Infektionsgefahren und somit einer deutlich erhöhten und anhaltenden Mehrbelastung ausgesetzt. Hier sind exemplarisch Arbeitnehmende des öffentlichen Dienstes, z. B. Polizisten, oder Kassierer zu erwähnen, die sowohl durch Infektionsängste angesichts zahlreicher Sozialkontakte wie auch durch Mehrarbeit belastet sind. Zudem sind auch Bewohner von Wohnheimen zu erwähnen, deren Alltag durch die geltenden Sicherheitsmaßnahmen in ausgeprägtem Maße seit dem Beginn der Pandemie beeinträchtigt ist und folglich auch in dieser Gruppe höhere Raten an depressiven und Angstsymptomen berichtet werden (D’Ambrosio et al. 2020).
Zugehörigkeit zu mehreren Risikogruppen
Menschen, die einer der zuvor genannten Gesellschaftsgruppen angehören, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, durch die COVID-19-Krise psychisch belastet zu sein und ggf. längerfristig an einer psychischen Störung zu erkranken. Einige Menschen gehören aber nicht nur einer, sondern zwei oder gleich mehreren Risikogruppen an, weshalb sich hier Belastungsfaktoren aufsummieren und diese Menschen gleichzeitig um ein Vielfaches durch die Situation belastet sind. So kann eine Person beispielsweise im Gesundheitsbereich arbeiten, eine Vorerkrankung haben und ggf. gar selbst infiziert (gewesen) sein. Ebenso kann ein Solo-Selbstständiger im Homeoffice ebenfalls alleinlebend sein und eine psychische Vorerkrankung haben. Durch diese Beispiele soll veranschaulicht werden, wie vielschichtig Belastungen sein können und dass sich Risiken in nicht seltenen Fällen aufsummieren, weshalb breite und vielfältige (Unterstützungs-)Maßnahmen zur Eindämmung der psychischen Belastungen von immenser Bedeutung sind.
1.5 Maßnahmen zur Eindämmung der psychischen Belastungen
Anlehnend an die zuvor beschriebenen Belastungsfaktoren können eine Vielzahl an Maßnahmen zur Eindämmung der psychischen Belastungen umgesetzt werden. Dabei wird zwischen Maßnahmen, die jeder und jede für sich selbst beachten kann, und Maßnahmen, die in Organisationen und oder im politisch-gesellschaftlichen Kontext berücksichtigt werden sollten, unterschieden.
Individuelle Ebene
Einsamkeitsgefühle verstärken den durch die notwendigen Maßnahmen unumgänglichen psychologischen Stress in der aktuellen Zeit (Achdut und Refaeli 2020). Daher ist es von großer Bedeutung, möglichst aktiv gegen Einsamkeit vorzugehen. Soziale Vernetzung und das daraus resultierende Gefühl der sozialen Zugehörigkeit ist für das menschliche Gehirn von immenser Bedeutung und vermittelt Sicherheit. Daher besteht wohl eine der wichtigsten persönlichen Maßnahmen darin, auch auf Distanz sozial vernetzt zu bleiben und Beziehungen jetzt ganz besonders bspw. via Telefon, Videotelefonie oder auch wenn möglich im Freien und unter Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen zu pflegen.
Zudem ist es in Zeiten starker Veränderungen, in denen ausgeprägte Anpassungsleistungen notwendig sind, hilfreich, an bestehenden Ritualen festzuhalten. Diese vermitteln Sicherheit in Zeiten, in denen externe Fixpunkte wegfallen, und haben eine beruhigende und stabilisierende Wirkung. In Zeiten von Homeoffice oder Ausgangsbeschränkungen/-sperren sollten daher möglichst viele alltägliche Rituale im Sinne eines geregelten Tagesablaufs aufrechterhalten werden, wie fixe Mahlzeiten, Körperhygiene am Morgen, Arbeitskleidung anlegen, kurzer Spaziergang vor dem Start des Arbeitsalltags, feste Arbeits- und Pausenzeiten etc. Dies ist insbesondere auch deswegen wichtig, weil unregelmäßige Tagesabläufe, fehlende Rituale oder nur wenige äußere Strukturen nicht nur die menschliche Psyche, sondern auch unser körperliches Wohlbefinden sowie die Immunität beeinträchtigen (Wang et al. 2020c). Zudem kann es in diesen Zeiten zu deutlich weniger körperlicher Bewegung und Aufnahme von Sonnenlicht kommen, weshalb proaktiv feste Zeiten der körperlichen Betätigung im Freien eingeplant werden sollten.
Ein hoher Konsum von sozialen und insbesondere COVID-19-bezogenen Medien konnte in einer großangelegten internationalen Übersichtsarbeit neben Faktoren wie chronische Krankheiten oder Arbeitslosigkeit als einer der Hauptrisikofaktoren für psychologisches Leiden identifiziert werden (Xiong et al. 2020). Gleichzeitig vermitteln Informationen Sicherheit. Dies trifft jedoch nur zu, wenn sie relevant sind und in Maßen konsumiert werden. Daher wird empfohlen, sich lediglich über offizielle und vertrauenswürdige Quellen und in begrenztem Maße zu informieren (Wang et al. 2020c). Stellt man fest, dass wiederholt länger als eigentlich geplant Medien konsumiert werden, sollte möglichst interveniert werden.
Um Unsicherheiten, Ängsten oder Schuldgefühlen (eigenen und den von anderen) vorzubeugen, sollte offen und ehrlich über eigene mögliche COVID-19-Symptome geredet werden, um somit frühzeitige vorsorgliche Isolierung oder Quarantäne einhalten zu können und nicht längerfristige (eigenverschuldete) Infektionsketten auszulösen. Zudem sollten frühzeitig medizinische Behandlungen und Testungen aufgesucht werden, damit nicht gewöhnliche (Erkältungs-)Symptome bei sich oder anderen ausgeprägtere Infektionsängste auslösen und Vermeidungsverhalten verstärken.
Das alexithyme Persönlichkeitsmerkmal, also die Schwierigkeit, Gefühlszustände bei sich und anderen erkennen, benennen und beschreiben zu können, wurde in einer großen Übersichtsarbeit als Risikofaktor für psychisches Leiden und die Entwicklung von psychopathologischen Symptomen während der COVID-19-Pandemie hervorgehoben (Serafini et al. 2020). Dies unterstreicht, wie wichtig es in diesen außergewöhnlichen Zeiten ist, offen mit den eigenen Gefühlen und Belastungen umzugehen, sich über seine Emotionen auszutauschen, darüber zu sprechen und einen Ausdruck für diese zu finden.
Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass sich psychische Flexibilität und Resilienz (u. a. Widerstandsfähigkeit und flexibler Umgang mit äußeren Stressoren) positiv auf die mentale Gesundheit in pandemischen Zeiten auswirken und protektive Faktoren sind (Pakenham et al. 2020; Ye et al. 2020). Daraus lässt sich die Empfehlung ableiten, möglichst offen, aktiv und positiv mit eigenen unangenehmen Gedanken und Gefühlen, dem sozialen Umfeld und allen weiteren pandemischen Herausforderungen umzugehen (spezifischere Umgänge mit Angst und Ärger siehe
Kap. 4 und
Kap. 5). Schlussendlich wirken sich auch empfundenes Vertrauen, Optimismus und Kontrollempfinden positiv auf psychologischen Stress während der COVID-19-Pandemie aus (Achdut und Refaeli 2020), was zudem die Bedeutung der persönlichen Haltung der gegenwärtigen Krise gegenüber hervorhebt.
Es ist zudem für die persönliche Akzeptanz der eigenen Emotionen und Reaktionen auf die COVID-19-Krise meist hilfreich, sich selbst immer wieder daran zu erinnern, dass es die Situation ist, die außergewöhnlich ist, und nicht die eigene Reaktion (Angst, Stress, Unruhe, Anspannung, Aggression etc.) darauf. Sich in diesen Zeiten gestresst zu fühlen ist normal und kein Zeichen von Schwäche oder fehlender Willenskraft. Diese Gefühle sind durch die Außergewöhnlichkeit der Situation bedingt. Entspannungsübungen, Meditation oder Atemtechniken können dabei helfen, mit Stresssymptomen einen besseren Umgang zu finden (Wang et al. 2020c).
Schlussendlich ist es von immenser Bedeutung für jeden Einzelnen, die soziale Verbundenheit und Vernetzung innerhalb des eigenen sozialen Umfelds und der ganzen Gesellschaft aufrechtzuhalten und gar zu stärken. Menschen sind in allererster Linie soziale Wesen. Sich mit anderen zu solidarisieren, ihnen wertschätzend zu begegnen und sich gegenseitig zu unterstützen wirkt sich beruhigend und positiv auf unser Gehirn aus und ist somit eine der wichtigsten Maßnahmen zum Schutze der eigenen Psyche.
Bei anhaltenden psychischen Belastungsempfindungen über mehrere Wochen und sobald übliche und normale Alltagsabläufe durch psychische Belastungen beeinträchtigt sind, sollte zudem frühzeitig und proaktiv nach professioneller Hilfe gesucht werden.
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