Kitabı oku: «DAS ALIEN TANZT IM SCHLARAFFENLAND»
Ellen Norten (Hrsg.)
Das Alien tanzt im Schlaraffenland
Schmackhafte SF und Fantastik aus einem hungrigen Universum
AndroSF 148
Ellen Norten (Hrsg.)
DAS ALIEN TANZT IM SCHLARAFFENLAND
Schmackhafte SF und Fantastik
aus einem hungrigen Universum
AndroSF 148
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Januar 2022
p.machinery Michael Haitel
Titelbild & Illustrationen: Lothar Bauer
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat: Ellen Norten
Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 269 0
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 829 6
Entrée
Wie Aliens aussehen, darüber kursieren die vielfältigsten Fantasien. Ob tentakelbewehrt, winzig klein, riesengroß oder schlichtweg die altbewährten grünen Männchen, gesehen hat sie noch niemand und so sind unserem Schöpfergeist keine Grenzen gesetzt. Doch bei allen Spekulationen dürfte eines wohl zutreffen – zum Leben, und das wollen wir unseren außerirdischen Mitbewohnern ja wohl zugestehen – gehört Energie. Irgendwie müssen sie ihren Motor am Leben erhalten, ihr Herz schlagen lassen oder ihre Antennen mit was auch immer speisen. Bezeichnen wir dies als Essen, so ist der Schritt zum Schlemmen gar nicht so weit. Warum sollte es einer anderen Wesensform nicht auch munden – vorausgesetzt sie hat einen Mund – oder warum sollte ihr die Energie zuvor nicht Spaß bereiten – lustvolles Schmausen könnte es auch auf anderen Planeten geben, ob dies mit unserer Art von kulinarischen Höhepunkten vergleichbar ist, bleibt abzuwarten.
Bisher ist auch hier unsere Fantasie gefragt und die hat in der vorliegenden Anthologie kuriose Kapriolen geschlagen. Bei manchen Menüs ist mir das Wasser im Mund zusammengelaufen, bei anderen kitzelte es eher mein Zwerchfell und bei wieder anderen zog sich mein Magen zusammen … nun, überlassen wir die genaueren Ausführungen den Autoren. Zweiundzwanzig Mal wird gegessen, mal sind die Fremdlinge bei uns zu Gast, mal werden wir in fernen Welten bewirtet, oder wir sind die stillen Beobachter, die sich an Festlichkeiten, Liebesmahlzeiten oder auch an finaler Kostverarbeitung ergötzen.
Essen spielt also die zentrale Rolle, wobei ich mich entschlossen habe, die ausführlichen Rezepte nicht mitzuliefern, denn es bestehen zumindest bis jetzt enorme Schwierigkeiten alle Zutaten zu bekommen. Natürlich könnte man Tilps durch simplen Lauch ersetzten, aber das würde dem Gericht ja seine Authentizität nehmen. Sollte aber bei Ihnen, liebe Leser, tatsächlich das Bedürfnis nach einem Alienkochbuch wachgerufen werden, so ist nichts verloren, alles ist sauber abgespeichert und vielleicht ziert bei p.machinery dann einmal ein sehr spezielles Kochbuch die AndroSF-Reihe.
Bisher gibt es dort ja unter Kuriositäten »nur« die Tanzreihe. Nachdem die Aliens in den Vorgängerbänden zu Kasatschok, Polka und Walzer ihr Tanzbein oder ein vergleichbares Körperteil geschwungen haben, wirbeln sie nun durchs Schlaraffenland. Dazu wünsche ich guten Appetit bei den Geschichten. Vielleicht findet sich dennoch dabei so manche Anregung für den eigenen Kochtopf – oder geht das jetzt zu weit …? Zumindest könnte man zur Lektüre etwas knabbern, knuspern oder schnapseln. Was das sein könnte? Lassen Sie sich überraschen.
Ellen Norten
im Sommer 2021
Kristina Baumgarten: Sterneküche

Es regnete in Strömen, als ich die Tür aufdrückte und erleichtert ins Trockene floh. Kaum hatte ich das Lokal betreten, wünschte ich mich wieder in den Regen zurück. Die Kulisse erinnerte an einen schlechten Film aus den 1980er Jahren. Der Raum war ein düsteres Rechteck, der Länge nach von einer wuchtigen Bar geteilt. Unter der Theke hingen altmodische Bierkrüge an rostigen Nägeln, aus verstaubten Boxen dudelte leise ebensolche Schlagermusik. Eine Frau blickte auf, als ich die Kneipe betrat. Mechanisch wischte sie mit einem schmutzigen Lappen über den Tresen, vor dem wenig einladend aussehende Barhocker vergeblich auf Gäste warteten. Ich schauderte unwillkürlich. Nichts wie raus aus dieser bizarren Kaschemme. Entschlossen drehte ich mich wieder zur Tür, als ihre überraschend hohe Stimme mich aufhielt.
»Sie woll’n doch garantiert zu Kuli.« Die Frau warf mit einem gezielten Schwung den Schmutzlappen in einen Eimer, dreckiges Wasser spritzte hoch. »Alle gleich«, murmelte sie etwas rätselhaft und zündete sich eine Zigarette an. Sie blies den Rauch zu mir hinüber und betrachtete mich dabei abschätzig. Dann neigte sie den Kopf zur Seite und wies stumm auf einen Tisch im Hintergrund.
Unentschlossen näherte ich mich dem hinteren Teil der Kneipe. Mir war kalt. Hatte ich mich bisher nur unwohl gefühlt, ergriff mich plötzlich eine unbestimmte Furcht. Noch immer zögernd trat ich an den Tisch. Im Dunkel des Raumes erkannte ich schwach die Umrisse eines Mannes. Er sah nicht auf.
»Setzen Sie sich.«
Ich ließ mich unsicher auf einem Plastikstuhl nieder, bemüht, die klebrige Tischplatte nicht zu streifen. »Wollen Sie was trinken?« Er wartete meine Antwort nicht ab und rief in Richtung Theke: »Hey, wir sitzen auf dem Trockenen hier, Stella!« Die kalte Stimme meines Gegenübers erzielte sofort die gewünschte Wirkung auf die Frau, die mir ansonsten wenig zuvorkommend erschienen war. Hastig eilte sie herbei und knallte Getränke auf die Tischplatte. Mein Wasserglas wies deutliche Lippenstiftspuren auf. Kurz dachte ich an einen heißen Tee, verzichtete aber angesichts der absurden Umgebung auf eine Bestellung. Er sah auf und seine rötlichen, blutunterlaufenen Augen bohrten sich in mein Gesicht, auf dem sich unwillkürlich Hitze ausbreitete.
»Mein Name tut nichts zur Sache.« Lauernd sah er mich an und ich beeilte mich, zu nicken. Frag nach Kuli, hatte man mir gesagt. Tatsächlich war der unheimliche Typ in gewissen Kreisen unter dem Namen Lukullus bekannt, ganz selten kannte jemand seinen Nachnamen. Mein Informant hatte ihn mir dennoch verraten. »Und Sie sind …«
»Tut auch nichts zur Sache«, gab ich mutiger zurück, als ich mich fühlte. Er lehnte sich zurück und musterte mich belustigt, sah mir das Unbehagen offensichtlich an.
»Schätzchen, so wird das nichts. Du wolltest mich doch beauftragen, oder?« Er nahm einen Schluck von seinem Bier, das unappetitlich schaumlos gegen den Rand des Glaskrugs schwappte. »Dein Name«, nachdrücklich sah er mich an.
»Ann«, entgegnete ich widerwillig. »Ann Droid.« Kuli wirkte überaus bedrohlich auf mich und ich wünschte mich weit fort aus dieser lausigen Bar mit der beklemmenden Atmosphäre. Er lächelte unangenehm.
»Du sagst mir den Namen, ich nenne dir die Kontodaten. Der Job wird erledigt und wir sehen uns nie wieder.« Er lehnte sich erneut zurück und fixierte mich mit seinen Echsenaugen. »Schade eigentlich, in diesem Fall«, grinste er dann. Das Gefühl von Gefahr in meinem Magen verstärkte sich.
Unbemerkt hatte sich Stella von der Theke genähert. »Was für den kleinen Hunger?«, säuselte sie mit dieser unwirklich hohen Stimmlage und stellte einen Teller mit Buletten zwischen uns.
Erschrocken wich ich zurück. Beinahe bedrohlich wirkten die fettstarrenden, ungleichmäßigen Klumpen, die auf dem schmutzigen Teller wenig kunstvoll zu einer Pyramide aufgestapelt waren.
»Widerlich«, knirschte Kuli hervor. Stella wischte beleidigt ihre Hände an der schmutzigen Schürze ab und drehte sich wortlos um. Die Stimmung war durch die Störung nicht besser geworden, unausgesprochen stand der unheimliche Anlass meines Besuches zwischen uns.
»Also, was ist jetzt?« Im Bruchteil einer Sekunde erhaschte ich einen Blick auf Kulis rote Augäpfel, die blitzschnell wie auf Stielen aus den Höhlen traten und mich anstarrten, bevor sie ebenso rasch wieder zurückschnellten. Für einen Moment fühlte ich mich wie in einem Albtraum, tatsächlich aber war ich leider hellwach. Kuli nestelte an seiner abgewetzten Lederjacke. Sollte ich noch Zweifel gehabt haben, dann waren sie jetzt endgültig verflogen. Ich registrierte seinen panzerartigen, grünlich schimmernden Körper mit den spinnenartigen Tentakeln im dämmrigen Funzellicht der Kneipe. Unangenehm spürte ich den dünnen Film aus Angstschweiß auf meiner Oberlippe.
»Wer schickt dich, Ann?« Kuli zückte zu meiner Überraschung einen altmodischen Block und einen Kugelschreiber. Seltsamerweise beruhigte sich mein Herzschlag dadurch etwas.
»Bruno«, entgegnete ich zögernd.
»Ah, Bruno!« Er verzog keine Miene und strich mit einer raschen Bewegung einen Namen auf seiner Liste durch.
»Hat er dir einen Code genannt?« Neugierig blitzten seine unheimlichen, roten Augen mich an. Im Hintergrund wechselte Tom Schilling musikalisch Inga Humpe ab. Offenbar hatte Stella eine Vorliebe für deutsche Musik, vorzugsweise der Neuen Deutschen Welle. Als wäre die Umgebung nicht gruselig genug. Ich überlegte kurz.
»Wir beginnen den ersten Gang mit Gänselebermousse neben einer Frühlingsrolle von Gänseklein und einer kross gebratenen Gänsebrust. Darum herum drapieren wir karamellisierten Blumenkohl und als Kontrast servieren wir ein Granité von Bittermandel und Mandarine in einer separaten Schale.«
Eine Weile schien Kuli in Gedanken versunken, dann kam die zweiteilige Zunge zum Vorschein und fuhr blitzschnell über seine Lippen.
»Ich würde sterben für eine Kostprobe«, seufzte er. Wie makaber, angesichts meines Auftrages. Sein Blick streifte die widerlichen Fleischbällchen, die noch immer zwischen uns auf dem Tisch standen. Das Fett trennte sich schwärzlich glänzend von den unansehnlichen Frikadellen, ein Anblick, der mir Übelkeit verursachte. Ich schüttelte den Gedanken ab und dachte daran, dass ich diesen Ort gleich für immer hinter mir lassen konnte.
»Die Zielperson?«, fuhr Kuli unerbittlich fort. Offenbar hatte er sich von seinem sentimentalen Aussetzer wieder erholt.
»Max Galax, der Küchenchef vom Le Globe«, entgegnete ich. Schweigend sah er mich an. Nervös wich ich seinen roten Blicken aus. Schließlich nickte er.
»In Ordnung. Hier sind meine Kontodaten.« Er reichte mir einen Zettel. »Vorkasse. Der Job wird sauber erledigt, sobald das Geld auf meinem Konto ist. Keine Fragen. Und komm nicht mehr her.« Eindringlich beugte er sich vor und ich wich seinem heißen Atem aus, so gut ich konnte.
»Draußen wartet ein Raumgleiter auf dich. Wenn du mich weiter empfiehlst, nenn den Code und deinen Namen. Aber überleg dir vorher gut, an wen. Nicht jeder kommt hier ungeschoren wieder raus.« Er lehnte sich mit einem dreckigen Grinsen zurück, dabei glitt die Jacke erneut auseinander und gab einen Blick auf seinen grün schillernden Echsenkörper frei.
»Wie erfahre ich denn, ob die Aktion erfolgreich …«, begann ich zaghaft, wurde aber sofort von einer ungeduldigen Handbewegung unterbrochen. Das Gespräch war beendet und zumindest meine Chancen, ungeschoren hier rauszukommen, standen offenbar nicht schlecht. Unsicher erhob ich mich, meine noch immer feuchte Jacke löste sich mit einem unangenehm knatschenden Geräusch von dem billigen Plastikstuhl. Den Zettel fest in der Hand stieß ich die Tür auf und verließ den ungastlichen Ort. Erleichtert sank ich in den Sitz des bereitstehenden Raumgleiters und sah auf die Uhr. Die Zeit war knapp, ich schaffte es gerade noch, meinen Arbeitsplatz kurz vor Dienstantritt zu erreichen. Mein Chef wartete ungeduldig, er ließ sich mir gegenüber an dem Tisch nieder, an dem wir vor dem Abendgeschäft für gewöhnlich die Dienstbesprechung abhielten.
»Hat alles geklappt?« Ich nickte wortlos. Ein mitleidiger Blick traf mich. »So hab ich mich auch gefühlt.«
»Du warst selbst schon da?«
»Bei Stella und ihren ekligen Frikadellen?« Er kicherte.
»Warum hast du den Job nicht selbst in Auftrag gegeben?«
»Niemand war bisher zweimal da. Er verlangt vollkommene Anonymität. Deswegen auch die Codes und die Sicherheitsmaßnahmen. Lassen wir ihm das harmlose Schauspiel.« Fragend sah ich ihn an.
»Kuli Narik war einer der ganz Großen der Weltenküche. Inzwischen ist die interstellare Haute Cuisine ausgestorben, niemand würde glauben, dass einer der größten Chefköche eine außerirdische Echse ist. Seitdem wir auf der Erde alle Sterne absahnen und den Gourmetmarkt allein bestimmen, ist der Soßengott vom Mars Geschichte. Sein Laden war in den Achtzigern die erste Adresse, sogar bei den Fleischsommeliers, und du weißt ja, wie sensibel die sind. Gib mir mal die Kontodaten.«
Ich reichte ihm den Zettel. »Was liefert er Weltbewegendes? Ich kam mir vor, als hätte ich einen Mord in Auftrag gegeben.« Zu meinem Ärger klang meine Stimme etwas dünn.
»Keine Angst, Ann, das war lediglich eine Bestellung für galaktische Mondsalze. Die stammen aus dem Lacus Luxuriae, dem See des Überflusses, der verborgen auf der erdabgewandten Seite des Mondes liegt. Sie werden teurer gehandelt als Gold. Ihr Gespür für Textur und Farbe ist legendär.«
»Ihr Gespür?« Ungläubig musterte ich den Starkoch, der eine Neigung zu groben Späßen hatte.
Er wedelte meine Frage mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite. »Das Salz selbst wirkt unscheinbar, besteht aus weißen, sternförmigen Kristallen. Es verfügt über besonders sensible Sensoren, die jedes Gericht perfekt veredeln. Die Entscheidung über Frische und Qualität der Zutaten, die fachgerechte Zubereitung und meine innovativen Ideen sind selbstverständlich ausschlaggebend für meine Spitzenkreationen. Sehr selten fehlt trotzdem manchmal der letzte Pfiff.«
Max schnipste mit den Fingern und küsste etwas affektiert dann deren Spitzen.
»Höhere Gewalt, wenn das Granité von Bittermandel und Mandarine sich, trotz meiner genialen Zubereitung, blass und leicht pelzig gibt. Ein paar Krümel vom grobkörnigen Salz sorgen umgehend für den satten, goldenen Farbton. Das feine Salz bewirkt die perfekte Konsistenz und den klirrenden Schmelz. Versalzen haben sich die Kristalle noch nie, sie wissen instinktiv, was und wie viel die Zubereitung adelt und wirken konsequent und zuverlässig.«
Beeindruckt schwieg ich einen Moment. »Als Lebewesen könnte es sich aber doch mal irren. Oder es hat schlechte Laune und Lust auf Vernichtung statt Veredelung?« Zu lange schon arbeitete ich in einer Sterneküche.
Max lachte und schlug mir auf die Schulter. »Keine Angst, es ist immer gut gelaunt und dabei extrem ehrgeizig. Das liegt in seiner Natur, gleichzeitig fördert der sanfte Mondstaub am Ufer des Sees die Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit.
Kuli ist die einzige Quelle und ohne die sind wir praktisch aufgeschmissen. Seit er nicht mehr aktiv im Geschäft ist, hat er den Handel komplett im Griff. Auch wenn er etwas schräg ist, er hat seinen Spaß und ich behalte meine drei Sterne.« Zufrieden drehte Max Galax sich um.
»Na los, Ann, die Arbeit!« Er lachte wie immer über seinen flachen Witz am lautesten. Exzentrischen Sterneköchen muss man schon mal was nachsehen, intergalaktischen Echsen in Achtzigerjahre-Kneipen genau wie Maîtres de Cuisine auf der Erde mit Sterneniveau.
Jol Rosenberg: Frischer Exquisit-Rasen mit Bolvan an Trak und Upsen1
In meinem Vorgarten endet ein Wurmloch. Es ist seit der Raumverschiebung, die zu dieser unerwünschten Umleitung geführt hat, gesperrt. Aber gelegentlich übersieht ein ignoranter Pilot das Sperrschild, brettert durch und landet mit einem nervötenden Flonk in meinem Garten. Wo er natürlich den gut gepflegten Rasen zerstört.
Meistens handelt es sich um Jugendliche, die ihre illegal erworbenen Schrottmobile auf unbenutzten Strecken zu Geschwindigkeiten bringen, für die sie nicht zugelassen sind. Daher war meine Laune ziemlich im Keller, als ich an diesem Mittag das bekannte Geräusch hörte, mit dem das Wurmloch sich öffnet und etwas auf meinen Rasen spuckte. Ich schnappte mir die Wasserpistole und raste nach draußen, um den Marodeuren eine Abreibung zu verpassen. Ich war wütend und nicht ganz bei der Sache, daher erkannte ich erst, als ich fast damit zusammenstieß, dass das, was da vor meinem Haus parkte, nicht meinen Erwartungen entsprach. Ganz und gar nicht. Ich bremste scharf ab und versteckte die Pistole hinter meinem Rücken, während ich versuchte, eine möglichst gelassene Körperhaltung einzunehmen. Es gelang mir nur für einen kurzen Moment, dann sackten meine Tentakel nach unten und jedes einzelne meiner Augen weitete sich zu einem Glotzen.
Was da vor mir stand, war ein Raumschiff völlig unbekannter Bauart. Es war zylindrisch mit einem netten Kegel an der Spitze und fensterlos. Die Bemalung auf der Außenhaut bestand aus kryptischen Zeichen. Mein Blick wanderte zu dem, was unter dem Schiff von meinem Rasen übrig war. Der Kegel war mehrere Meter über den Garten gerutscht und hatte eine tiefe Rinne hineingegraben. All die Arbeit, die ich die letzten Jahre auf dieses Beet verwendet hatte, war zunichte gemacht. Ich schnapselte2 und meine oberen Tentakel sackten noch mehr nach unten.
Das Schiff vibrierte leicht und kleine Beinchen fuhren aus seinem Rumpf. Wimmernd sah ich zu, wie sie sich in den Rasen bohrten und drei bislang nicht ruinierten Stellen zusetzten. Das Schiff richtete sich etwas auf und vibrierte wieder. Mit schreckgeweiteten Augen sah ich, wie sich eine Klappe öffnete. Ein Lichtkreis erschien. Ratternd glitt eine Rampe nach unten und zerdrückte weitere zarte Halme. In der entstandenen Öffnung erschien jemand. Etwas.
Ich ließ die Wasserpistole fallen, trat zurück, stolperte darüber und fiel hin. Ich gebe zu, ich blieb länger als nötig liegen. Dachte darüber nach, ob das ein Filmdreh war. Aber es fehlten die Kameras. Dann vielleicht ein Überfall! Nein, niemand bedrohte mich. Dann war es vielleicht ein Erstkontakt. Nein nein, kein Erstkontakt! Ich war in meinem Garten und irgendein verrückter Forscher hatte ein eigenwilliges Gefährt gebaut und es durch das gesperrte Wurmloch gesteuert. So musste es sein.
Als ich mich wieder aufgerappelt hatte, waren zwei Wesen aus dem Schiff getreten. Sie gaben merkwürdig abgehackte Laute von sich und sahen mich neugierig an. Oder hungrig. So genau weiß man das nie bei fremden Spezies. Ich ging im Kopf das Lexikon raumfahrender Spezies durch. Diese da kannte ich nicht. Wahrscheinlich irgendwelche Aliens aus der hintersten Ecke der Galaxie, die nur im Anhang aufgeführt wurden.
»Guten Tag«, sagte ich. »Ich muss den Universaltranslator holen. Bitte warten Sie.«
Erwartungsgemäß starrten die beiden mich an. Ich wartete darauf, dass sie ihren Translator aktivierten. Dann konnte ich mir den Gang sparen. Schließlich waren sie in meinen Garten gepurzelt und darauf vorbereitet. Ich dagegen hatte seelenruhig ein paar Hilaps3 beschnitten und nicht damit gerechnet, in den nächsten Minuten ein Übersetzungsgerät zu brauchen.
Aber die Wesen ließen nur weiter ihre unverständlichen Laute auf mich niederrieseln und sahen sich um. Ich nehme an, dass sie sich umsahen. Sie hatten winzige Äuglein und, wie es schien, nur zwei davon. Insgesamt hatten sie sehr merkwürdige Körper: lang gestreckt und mit nur vier Extremitäten, zwei unten, auf denen sie sich fortbewegten, und zwei oben, deren Funktion mir noch nicht klar war.
Ich ließ sie stehen, eilte ins Haus und wühlte nach dem Translator. Ich hatte ihn ewig nicht mehr gebraucht und nur eine vage Idee, wo er sich befand. Wenn das wirklich Gestrandete waren, musste ich gastfreundlich sein. Ich musste sie zum Essen einladen und das, obwohl ich kaum etwas im Haus hatte. Das Gras war in schlechtem Zustand, aber vielleicht fand ich in einer Ecke noch etwas, das sich anbieten ließ. Wenn ich dann aus dem Keller ein wenig Bolvan4 holte und es leicht mit Trak5 würzte, konnte es vielleicht …
Endlich hatte ich den Translator gefunden. Nur noch einen geladenen Kristall einsetzen. Die Funktionslampe leuchtete auf. Fertig.
Als ich wieder draußen war, standen die fremden Wesen immer noch auf meinem Rasen. Ich schaltete den Translator ein, wiederholte die Begrüßung und bat sie, von meinem Gemüse herunterzukommen.
»Was?« Das größere Wesen sah mich an.
Ich deutete auf einen Fleck einige Meter von mir entfernt. »Bitte gehen Sie dorthin«, sagte ich nachdrücklich.
Die beiden bewegten sich zögerlich. Oder einfach nur langsam. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich die Spezies nicht nachgeschlagen hatte. Wenn das weiter so ging, trat ich in ein Fettnäpfchen nach dem anderen. Ein ruinierter Rasen war eine schlimme Sache. Aber er war nichts gegen Unhöflichkeit.
»Verstehen Sie uns?«, fragte das kleinere Wesen, als die beiden dicht nebeneinander auf dem bezeichneten Flecken standen.
»Sicher. Ich habe meinen Translator geholt.« Ich hielt ihn mit meinem linken Mitteltentakel in die Höhe.
Das Wesen schaute auf den Translator, dann auf mich. Sein Blick glitt über meinen Körper, auf eine intensive, wenig angenehme Weise. Ich hoffte, dass das nicht der erste Schritt hin zu der Bitte war, einen meiner Tentakel verspeisen zu dürfen. Wie die Achsiuner. Bei denen musste man aufpassen. Ich hatte das Essen vergessen! Und nun, wo ich sie genauer besah, sahen die Wesen sehr hungrig aus.
»Wenn es Ihnen nichts ausmacht«, schlug ich vor, »würde ich Sie bitten, auf meiner Terrasse Platz zu nehmen. Ich war nicht auf Ihren Besuch vorbereitet und würde Ihnen gern etwas anrichten.«
Ich deutete um das Haus herum. Unauffällig betrachtete ich die Körper der Fremden und fragte mich, wie sie die wohl bequem verstauten. Meine Lümmelgelegenheiten waren wahrscheinlich wenig passend für sie.
»Natürlich«, sagte das größere Wesen und wackelte mit dem oberen Abschnitt. Wahrscheinlich sein Kopf, beschloss ich.
Ich lotste die beiden um das Haus herum und deutete auf die Sitzgruppe. Dann entschuldigte ich mich und witschte ins Haus. Was sollte ich tun? Als Erstes die Snacks. Ich nahm die Rasenschere und huschte aus dem Hintereingang, bemüht, den Blick auf den Rasen zu vermeiden. Es war zu schmerzhaft und außerdem gab es dringlichere Probleme. Ich musste diese Wesen versorgen und Höflichkeitskomplikationen vermeiden. Um den Rasen – oder das, was davon übrig war – würde ich mich später kümmern.
In einer schattigen Ecke fand ich unbeschädigtes Gras und setzte die Schere an. Viel war nicht zu holen, aber wenn ich es gut anrichtete, sah es nach mehr aus. Die Halme waren frisch und lila. Ich kostete einen und schmatzte genüsslich. Schade, dass ich die ein paar Fremdlingen anbieten musste, die sie wahrscheinlich nicht zu schätzen wussten. Mein Gras war in der ganzen Stadt gefragt und erzielte Höchstpreise. Hatte Höchstpreise erzielt. Würde nun für eine Zeit lang keine … Ich eilte ins Haus, stellte den Teller mit der kargen Ernte auf die Anrichteplatte und knipste etwas Bolvan aus dem Zuchtkasten. Wenig später war alles angerichtet. Meine Gäste sollten nicht das Gefühl bekommen, schlecht behandelt zu werden. Nein, das konnte mir wirklich niemand nachsagen!
Ich musste unbedingt die wichtigsten Höflichkeitsregeln ihrer Kultur nachschlagen, bevor ich schlimme Fehler beging. Aber das Lexikon kannte sie nicht. Ratlos blätterte ich darin herum. Es handelte sich eindeutig um eine bipedale Spezies. Ein wenig ähnelten sie Tentufianern, aber die hatten laut Lexikon drei obere Fortsätze und machten zwitschernde Geräusche. Meine Wesen zwitscherten nicht. Ich klemmte mir das Buch unter einen Tentakel, nahm das Essen mit einem anderen und öffnete die Tür.
Rezept: Frischer Exquisit-Rasen mit Bolvan an Trak und Upsen 6
Frischen Rasen von höchster Qualität sorgfältig ernten und auf einen gekühlten Teller legen. Frisches Bolvan mit Lusöl verrühren und unter galtischen Schwingungen rechtsherum darüber gießen. Unmittelbar vor dem Servieren den Trak vorsichtig darüber streuen. Mit frischen Upsen anrichten.
Die Wesen hockten immer noch auf der Terrasse. Das kleinere hatte seinen Körper in der Mitte abgeknickt und sich auf meine Lümmeleinheit drapiert. Es sah merkwürdig und unbequem aus. Das größere stand noch auf seinen Unterextremitäten und glotzte in der Gegend herum. Ich war froh, dass ich heute morgen den Sichtschutz aktiviert hatte. So würden sich wenigstens die Nachbarn nicht aufregen.
Ich richtete das Bolvan an und streute Trak darüber. Im Keller hatte ich noch einige Upsen geerntet, die legte ich sorgfältig daneben und zupfte die Blättchen zurecht.
»Greift zu«, sagte ich und lümmelte mich auf eine freie Einheit.
Die beiden sahen erst das Essen, dann mich an.
»Entschuldigung«, sagte das Kleinere. »Wir haben uns noch nicht vorgestellt. Ich bin Ingrid Möckelhausen und das ist Kofi Asamoah.«
Aha. Also eine Spezies, bei der das Nennen von Namen zum guten Ton gehörte. Zum Glück erinnerte ich mich an meinen.
»Ich bin Troks T’arso’schraftwin«, sagte ich.
»Angenehm.« Ingrid erhob sich und streckte eine Extremität in meine Richtung. Sie endete in fünf winzigen Fortsätzen und hatte eine warme braune Farbe. Sehr hübsch, befand ich. Ich streckte einen meiner Tentakel vor und Ingrid sah ihn kurz an, ergriff ihn dann und schlenkerte ihn einmal auf und ab. Es war eine nicht unangenehme Berührung. Das Wesen ließ mich los und schien zufrieden.
Es drapierte seinen Körper wieder auf die Einheit und kratzte sich mit einem seiner Extremitätenfortsätze am Kopfvorderteil. »Es ist uns schrecklich peinlich, das zuzugeben, aber wir wissen nicht, wo wir hier gelandet sind. Können Sie uns da weiterhelfen?«
»Sicher. Sie sind im Quadranten 23 B Omega.«
Ingrid sah zu Kofi, dann wieder zurück zu mir. »Bezieht sich das auf den Planeten oder auf … das Universum?«
»Der Planet ist Teil des Universums«, stellte ich heraus.
»Sicher. Aber wie heißt der Planet?«
»Sch’kod’malxan.«
Die beiden glotzten mich an. So wie ihre Sprachwerkzeuge aussahen, waren sie nicht in der Lage, diesen Namen nachzusprechen.
»Gehört zum Amrasn-System. Linker hinterer Spiralarm der Ponklat-Galaxie.« Seit ich das Wurmloch in meinem Garten hatte, hatte ich das so oft gesagt, dass ich es auswendig wusste, auch wenn ich nur ein einfacher Gärtner bin.
Die beiden drehten einander die Köpfe zu. So langsam verstand ich, dass die behaarte Seite hinten war. Aber ihre Mimik konnte ich nicht gut lesen. Trotzdem hatte ich eine ungute Vermutung, was den weiteren Verlauf dieses Besuchs anging.
»Sie haben sich verfahren«, mutmaßte ich.
Sie wackelten betreten mit den Köpfen, was der Translator als Zustimmung übersetzte. Ich schob ihnen tröstend den Teller zu. »Wollen Sie nicht zugreifen?«
»Ähm«, machte Kofi. »Wir müssten es erst analysieren. Ob es für uns bekömmlich ist.«
»Oh«, sagte ich. Daran hatte ich nicht gedacht. Dabei war es ein riesiges Fettnäpfchen. Am Ende hätte ich sie versehentlich vergiftet! »Es tut mir leid, aber Sie sind im Lexikon nicht verzeichnet.«
Die beiden wandten einander wieder die Köpfe zu. Dann drehten die Köpfe sich zurück.
»Was ist das für ein Lexikon?«, fragte Ingrid.
Ich hielt das abgeschrabbelte Buch hoch. Ich hatte es, nach dem dummen Missgeschick mit dem Wurmloch, gebraucht erworben. »Das Lexikon der raumfahrenden Spezies. Es ist eine wertvolle Kontakthilfe.«
Ich hatte schon zig Beschwerden an das Raumstraßenamt geschrieben. Es hatte mehrere Jahre gebraucht, bis der Fall überhaupt untersucht worden war. Die Verschiebung des Raumkontinuums war der Nebeneffekt eines Schnellstraßenbaus gewesen und niemand hatte gewollt, dass dieses Aushängeprojekt sich verzögerte. Was war schon der Garten eines einzelnen Sch’kod’malxaners gegen Milliarden galaktischer Währungseinheiten? Richtig: nichts. Ich war mir recht sicher, dass meine Beschwerden auf irgendeinem Computer verrotteten, weil das Straßenbaukonsortium Geld in die richtige – oder aus meiner Perspektive falsche – Richtung fließen ließ. Mit exquisitem Rasen verdient man gut Geld – aber so gut nun wieder auch nicht, dass ich da mithalten konnte. Ich musste mich mit diesem Wurmloch arrangieren. Auch wenn es dummerweise gerade über dem Flecken mit der besten Erde erschienen war.
»Dürfen wir uns das ansehen?«, fragte Ingrid.
Erst jetzt fiel mir auf, dass es eine lange Gesprächspause gegeben hatte. Und dass ich irgendetwas Höfliches tun musste, um der Etikette Genüge zu tun. Ich schob das Buch über den Tisch – die Bilder konnte sich jede Spezies ansehen – und ging im Geiste meinen Garten durch. Was konnte ich ihnen noch anbieten?
»Mögen Sie Tilps7?«, fragte ich.
Tilps war eine der wenigen Pflanzen, die von fast allen Spezies gegessen wurde. Ich hatte ein Glas Samen im Keller stehen, für Notfälle. Wenn ich sie in den Schnellwachser tat, waren sie in wenigen Stunden verzehrbereit.
»Was ist Tilps?«
»Eine sehr wohlschmeckende und weithin bekömmliche Pflanze«, erklärte ich.
Rezept: Tilps für alle Spezies (außer für homo sapiens)
Tilps leicht walken, dann muffalen 8 und unter registren Schwingungen 9 sorgfältig anrichten. Schmeckt am besten leicht gekühlt.
»Es ist wirklich sehr freundlich, dass Sie uns etwas anbieten. Aber wir haben beide keinen Hunger«, sagte Ingrid langsam. Bei »kein Hunger« entspannten sich meine Tentakel merklich. Nur um sofort wieder in Spannung zu zucken, als es weitersprach.
»Aber wenn Sie uns etwas Wasser geben könnten …«
Ich starrte die beiden kurz an, dann hatte ich mich wieder unter Kontrolle. Womit hatte ich sie beleidigt? Oder hatte ich sie gar bedroht?
»Ja, Wasser wäre wirklich gut«, sagte Kofi. »Wir haben zu wenig dabei. Oder besser gesagt, wir haben …« Die beiden tauschten schnelle Blicke.
»Wir hatten eine Havarie«, sagte Kofi schließlich.
»Ihr Antrieb?«, fragte ich erleichtert.
Ingrid nickte.
»Das klingt spannend. Wasserstoffantriebe haben wir schon vor hundertzwanzig Jahren verworfen. Irgendwie waren die Systeme nicht stabil zu kriegen. Aber wenn Ihre Spezies diese Technologie gemeistert hat, dann wäre ich froh, einen Blick darauf zu werfen.«
Die beiden schwiegen. Betreten, hatte ich das Gefühl.
»Ich fürchte, wir haben keinen Wasserstoffantrieb. Wir haben ein Flüssigkeitsraketentriebwerk. Irgendwie ist der Druck in der Brennkammer während der Passage durch das Wurmloch zu hoch geworden. Das hat einen Brand ausgelöst. Unser Wasser ist beim Löschen draufgegangen.«
Ich sah die beiden mitleidig an. Das war wirklich dumm gelaufen. Dann sah ich mich selbst mitleidig an. Ich hatte nicht nur zwei zum Glück nicht akut hungrige Aliens im Garten, denen ich nichts zu essen anbieten konnte, sondern es war auch noch so, dass sie nicht nach dem Mittag einfach abfliegen würden. Ich unterdrückte ein Schnapseln. Dann fiel mir auf, dass sie aus irgendeinem Grund Wasser an Bord gehabt hatten und ich musste ein weiteres Schnapseln unterdrücken.
»Wo wollten Sie eigentlich hin?«, fragte ich, um vom Thema abzulenken. Die Sache mit dem Wasser war einfach zu heikel.
»Alpha Centauri«, sagte Kofi.
Ich hatte keine Ahnung, wo das war. »Da waren Sie bei diesem Wurmloch aber ohnehin falsch. Ganz davon abgesehen, dass Sie die Sperrung missachtet haben.« Es war unhöflich, ich weiß, aber ich konnte es mir nicht verkneifen, darauf hinzuweisen. Niemand konnte wollen, dass dies ein weiteres Mal geschah.
»Sperrung?«, fragte Ingrid.
»Das Wurmloch ist bei einer permanenten Raumverschiebung versehentlich in meinen Garten umgeleitet worden. Seitdem ist es gesperrt.«
Ingrids kleine Extremitätenfortsätze wanderten zum Kopfvorderteil und krochen darin herum. Dann bemerkte es, dass ich es ansah, und ließ die Extremität wieder nach unten wandern. »Wie sieht denn so ein Sperrschild aus?«, fragte es.
»Groß, rot und voller Sogfa-Wellen«, sagte ich.
Irgendetwas tat sich in seinem Kopfvorderteil. Das, was ich für einen Mund hielt, wurde schräg, kräuselte sich. Dann entspannte es sich wieder. Der Translator schwieg.
»Es scheint, dass wir die entsprechende Technologie nicht haben«, gab Kofi zu und schob mir das Lexikon entgegen, in dem es während der letzten Minuten interessiert geblättert hatte. »Gibt es alle diese Spezies wirklich?«
»Natürlich«, sagte ich. Ein Lexikon mit ausgedachten Spezies wäre wohl kaum hilfreich. »Woher stammen Sie denn?«
»Von der Erde«, sagte Kofi. »Die ist in einem Planetensystem in der Milchstraße. Gleich hinter Proxima Centauri.«
»Ah ja«, sagte ich höflich. Sie stammten wirklich von irgendwo am Rande des Weltalls. Ich hatte noch nie von der Erde oder einer Milchstraße gehört. Oder von irgendeinem Centauri, sei es nun Alpha oder Proxima.
»Wir sind Menschen«, fügte Ingrid hinzu.
»Dachte ich mir schon«, log ich. Ich wollte sie nicht damit beleidigen, dass ich zugab, noch nie von ihnen gehört zu haben. »Sie sind für Ihre … Kunstwerke berühmt, nicht wahr?«, riet ich aufs Geratewohl. Komplimente waren immer gut. Fast alle Spezies hielten viel auf ihre Kunst. Gleich nach der Kulinarik.
Die beiden sahen einander wieder an. Dann sahen sie zu mir.
»Wir benötigen leider Ihre Hilfe, fürchte ich«, sagte Kofi.
»Unser Antrieb ist kaputt«, fügte Ingrid hinzu.
»Und unser Wasser alle«, schloss Kofi.
»Ich helfe Ihnen gern«, behauptete ich. Und versuchte, nicht daran zu denken, dass ich mich möglicherweise an der Reparatur von Waffensystemen beteiligen musste. Waffen, die sich dann gegen werweißwen richteten.
»Haben Sie denn Ahnung von Raketenantrieben?«
Ich hatte dieses Wort noch nie gehört. »Ich kann es mir ja mal ansehen«, sagte ich diplomatisch.
Die beiden wackelten eifrig mit den Köpfen.
Ihr Raumschiff war eng und muffig, die Spuren des Feuers nicht zu übersehen. Ich kannte so etwas nur aus absurden Filmen. Es war anregend, es einmal real zu sehen. Ein Teil der Einrichtung schien geschmolzen; rußige Streifen zogen sich über die Wände. Ich stupste mit dem Tentakel dagegen und betrachtete die schwarze Substanz. Wirklich interessant! Ich schob mich durch die engen Gänge auf den Antrieb zu und wackelte mit den Tentakeln, um von meiner unwillkürlich gerümpften Nase abzulenken.
Endlich waren wir beim Antrieb angekommen. Es handelte sich offenbar um eine Verbrennungseinheit. Solche Dinger waren noch weit gefährlicher als Wasserstoffantriebe. Unkontrollierbar! Kein Wunder, dass es ein Feuer gegeben hatte. Ich hatte von so etwas gelesen, in irgendeinem Science-Fiction-Roman. Dass jemand wirklich mit etwas Derartigem herumflog, schien mir absurd. Aber als ich den Schraubenschlüssel ansetzte, kam etwas hervor, was mir doch vage bekannt vorkam. Das hier funktionierte irgendwie mit flüssigen Gasen, aber die Art, wie es das Raumschiff antrieb, erinnerte an meinen Rasenmäher.
Es ist peinlich, aber mein Rasenmäher ist uralt. Mein Urahn hat das Ding irgendwo aufgetrieben und es mir feierlich überreicht. »Hält ewig«, versicherte der Ahn und es stimmte: Seit zig Jahren hatte der Rasenmäher mich kein einziges Mal enttäuscht. Immer wieder blätterte ich sehnsüchtig in den Katalogen mit neuen Geräten. Solange der alte noch funktionierte, konnte ich keinen neuen kaufen. Endlich schien meine große Chance gekommen.
»Ich habe da eine Idee«, sagte ich.
Ich quetschte mich nach draußen, holte den Rasenmäher aus dem Geräteschuppen und schleppte ihn in das fremde Raumschiff. Ingrid ging mir begeistert zum Tentakel und kurze Zeit später war die Antriebseinheit wieder funktionstüchtig. Außerdem war die unfallträchtige Verbrennungseinheit durch einen vorsintflutlichen Kristallheber ersetzt. Der nun, glücklicherweise, meinem Rasenmäher fehlte.
»Wow«, sagte Kofi. »Das ist wirklich kompatibel!«
»Hält ewig«, versicherte ich.
»Dann brauchen wir nur noch Wasser!10«
Ich schnapselte unwillkürlich. Laut. Aber die beiden störten sich nicht daran.
»Warum?«, fragte ich vorsichtig, nachdem ich mich etwas beruhigt hatte. Ich weiß, ich hatte vorher geplant, die Jugendlichen zu benetzen, aber ich schwöre, ich hätte keine lebenswichtigen Stellen anvisiert. Ich wollte sie nur etwas … oberflächlich …
»Wir brauchen es zur Kühlung. Und als Löschmittel.«
»Kristallheber bilden keine Brandgefahr«, stellte ich heraus.
»Wir brauchen das Wasser auch zum Trinken«, gab Kofi zu.
»Ihr trinkt …« Ich bemühte mich vergeblich, sie nicht zu fassungslos anzustarren.
»Wir sind eine kohlenstoff- und wasserbasierte Spezies«, erklärte Ingrid.
Kohlenstoff- und wasserbasiert. Ich schluckte. Wer hätte gedacht, dass es so etwas gab. Ich wurde sie lieber los. Sehr schnell.
»Ich kann euch etwas Wasser geben«, sagte ich tonlos. Und hoffte, dass ich keinen gravierenden Fehler beging.
Als sie das Wasser in ihren Tank gepumpt hatten, sah das Essen, das ich so sorgfältig angerichtet hatte, schon etwas welk aus. Ich nahm einen Happen, einfach weil es schade war, es verkommen zu lassen. Gedankenverloren kaute ich. Korrekterweise war das ein Fall für eine Erstkontakteinheit. Eine Erstkontakteinheit, die das Raumschiff untersuchte. Die durch meinen Garten trampelte. Die jede Menge Proben nahm und meinen Pflanzen zusetze. Und mir. Ich vertrage Aufregung nicht gut. Deshalb bin ich auch nur Gärtner.
Ich würde höflich und freundlich sein. Und sie so bald wie möglich loswerden, ohne dass jemand wusste, dass sie hier gewesen waren. Das Gute an gesperrten Wurmlöchern ist, dass sie keinerlei Überwachung unterliegen. Ein positiver Nachteil sozusagen. Die fremden Wesen würden sicher bald auf jemanden treffen, der sie besser erstkontakten konnte als ich.
Ich hörte ihre Schritte auf mich zu tapsen und steckte mir rasch eine weitere Portion Upsen in den Mund.
»Wir sind dann soweit«, sagte Kofi.
»Das freut mich«, entgegnete ich und fragte mich, ob ich sie einladen musste, zum Abendessen zu bleiben.
»Wir haben Ihnen etwas mitgebracht«, sagte Ingrid und hielt mir ein zylindrisches Metallobjekt hin. An den geschlossenen Enden glänzten konzentrische Kreise. Ich nahm es vorsichtig und betrachtete die kryptischen Zeichen und das Bild auf den gekrümmten Seiten. Es zeigte eine Art Teller, in dem eine merkwürdige Pampe schwamm. Mit rundlichen Objekten darin.
»Das ist unser Essen«, erklärte Kofi. »Bohnen mit Speck!«
»Vielen Dank, es ist mir eine große Ehre!«, erwiderte ich. Ich musste das loswerden. Bald. Vielleicht konnte ich es in ihr Schiff schmuggeln, bevor sie abreisten. Ich konnte es mir nicht leisten, einen Beweis ihres Hierseins aufzubewahren.
Gemeinsam bewegten wir uns auf ihr Schiff zu. Am unteren Ende der Rampe blieben die beiden stehen. Sie wirkten irgendwie verloren. Etwas unglücklich. Ich streckte einen Tentakel aus und strich Kofi tröstend über die Seite.
»Wir hätten da noch eine Frage«, sagte es.
Oh nein! »Ja, bitte?«
»Wissen Sie, wie wir nach Alpha Centauri kommen?«
»Natürlich«, behauptete ich voll ausgesuchter Höflichkeit. »Durch das Wurmloch und dann links halten.« So falsch konnte es nicht sein. Rechts war nur Leere.
»Danke. Auf Wiedersehen!«
Hoffentlich nicht! »Auf Wiedersehen!«, sagte ich freundlich.
Die beiden stiegen die Rampe hinauf, ohne dass ich eine Möglichkeit hatte, das zylindrische Objekt hineinzuschmuggeln. Die Öffnung schloss sich, das Schiff vibrierte, die Beinchen fuhren ein. Ich trat etwas zur Seite und sah zu, wie es sich langsam in Bewegung setzte. Wenn ich den richtigen Moment abpasste … ich holte aus und starrte auf den Punkt, an dem sich in Kürze das Wurmloch öffnen würde. Mit einem schmatzenden Geräusch erschien es, faltete sich langsam auf und saugte das Raumschiff ein. Blitzschnell warf ich das Objekt hinterher. Das Wurmloch schloss sich flonkend. Erleichtert sah ich in den Himmel. Dann fiel mein Blick auf den verwüsteten Rasen. Eine Menge Arbeit lag vor mir.
Bohnen mit Speck (driftend im Weltall)
Dose aufmachen. Schauen, ob sich der Inhalt bewegt. Wenn er das nicht tut: Speckbohnen in einen Topf geben und unter Rühren erhitzen. Aufessen.
Anmerkungen
1 Bei diesem Dokument handelt es sich um eine offizielle Übersetzung des Universaltranslators 3/10/x2. Sie wurde vom Ministerium für Erstkontakt und interplanetare Kommunikation überprüft und entspricht wahrscheinlich weitgehend den Gegebenheiten zum Zeitpunkt der Überprüfung.
2 Emotionsausdruck der Sch'kod'malxaner, der mindestens sechs Tentakel und einen Mund erfordert. Kann am ehesten mit einem erstaunten Nachluftschnappen übersetzt werden, kombiniert mit einem beschämten Erröten.
3 Beliebte Nahrungspflanze, strauchartig. Gegessen werden die frischen Triebe im zweiten Jahr.
4 Pilzartiges Gewächs, das (für Sch'kod'malxaner) schmackhafte Knollen bildet.
5 Gewürzpflanze, schmeckt wie . nichts, was auf der Erde bekannt ist.
6 Frucht, die wie eine Mischung aus Apfel und Schraubenschlüssel aussieht, Geschmack leicht säuerlich mit bitterer Note.
7 Salatähnliche Pflanze mit langen orangefarbenen Blättern.
8 Das Muffalen dient der Bekömmlichkeit und neutralisiert die Dornen.
9 Registre Schwingungen intensivieren den Geschmack, wobei darauf zu achten ist, einen hochwertigen Schwingungserzeuger zu verwenden. Außerdem wird das in den Pflanzen möglicherweise enthaltene Restwasser so verträglich.
10 Da die Benetzung mit Wasser bei einer großen Zahl an Spezies zu schwerwiegenden Verätzungen führt, ist dessen Verwendung außerhalb landwirtschaftlicher Bereiche auf Sch'kod'malxan streng reglementiert .
Andreas Fieberg: Durch den Magen
Die beiden Schiffe lagen längsseits, aber obwohl der Käpt’n den Funkspruch auf wechselnden Frequenzen wiederholen ließ, blieben die Aliens eine Antwort schuldig. Sie redeten einfach nicht mit den Menschen.
»Was sagen Sie dazu?«, fragte der Käpt’n den Exosemiologen Zarthek, den er für die erste Kontaktaufnahme auf die Brücke geholt hatte. Zarthek kaute auf seinem Schnurrbart und fixierte nachdenklich den Schiffsmonitor, der das stumme Alienschiff in seiner ganzen Pracht zeigte. Es sah aus wie eine gigantische Spreewaldgurke, und Zarthek fragte sich unwillkürlich, wie damit interstellare Reisen möglich sein sollten. Aber was wusste er schon? Schließlich war er Semiologe, kein Raketentechniker.
»Zwei Möglichkeiten«, hob er bedächtig an. »Entweder sind die Aliens taub« – er machte eine Kunstpause – »oder stumm.«
Der Käpt’n schnaufte. »Großartig! Es ist immer gut, einen Experten an Bord zu haben, der einem die Welt erklärt …«
Zarthek zog die Augenbrauen zusammen. »Es ist nicht so simpel, wie es sich anhört. Vermutlich benutzen sie eine völlig andersartige Kommunikationsform. Etwas so Fremdes, dass wir es gar nicht als Sprache erkennen.« Er funkelte den Käpt’n verärgert an. »Dann sind wir es, die taub sind. Und stumm.«
Aber der Käpt’n hatte gar kein Ohr mehr für seine Replik. Er hob witternd den Kopf. »Riechen Sie das?«
Wie aufs Stichwort war der Duft von Pellkartoffeln durch den Kommandostand gezogen.
Der Käpt’n schaltete das Interkom ein, auf dem Display erschien das Gesicht der Köchin, Spitzname Madame Bocuse. Sie strich sich gerade eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Was gibt’s, Käpt’n?«
»Küchengerüche auf der Brücke!«
»Ich verstehe nicht.«
»Vielleicht irgendeine Fehlfunktion in der Umluftanlage? Es riecht hier plötzlich nach …« Er atmete tief ein. »… nach gedünstetem Kohl.«
Während der Käpt’n noch mit der Kombüse den Speiseplan erörterte, um der Geruchsquelle auf die Spur zu kommen, hatte sich Zarthek der Funkanlage genähert. Er verharrte einige Augenblicke, schnüffelte und wandte sich dann kopfschüttelnd um. Der Duftstrom trug jetzt eine Note von Cumarin, es roch wie eine frisch gemähte Wiese.
»Der Geruch stammt nicht von Bord. Ich weiß nicht, wie sie es gemacht haben, aber …« Zarthek zögerte. »Offenbar haben die Aliens uns eine olfaktorische Nachricht geschickt!«
»Schauen Sie nur!« rief der Käpt’n und wies auf den Breitwandmonitor. Dort tat sich etwas. Nach einer Weile der Starre schien das Alienschiff aus seinem Dornröschenschlaf zu erwachen. Eine Luke öffnete sich und senkte sich als Rampe herab. Zwei kleine graue Figuren tauchten auf der Plattform auf. Sie waren von zylindrischer Gestalt und bewegten sich auf Tentakeln. Mit den Gliedmaßen, die frei waren, boten sie etwas dar, was entfernt an ein Konditoreiprodukt erinnerte.
»Statt vieler Worte eine Torte«, murmelte Zarthek vor sich hin.
»Wie bitte?«, sagte der Käpt’n.
»Äh … das, das sieht aus wie … wie eine Einladung zum Essen«, sagte Zarthek aufs Geratewohl. Es war die einzige Erklärung, die ihm spontan einfiel.
»Wenn das so ist!« Der Käpt’n lachte erleichtert auf. »Vielleicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Liebe geht immerhin auch durch den Magen!«
Die Delegation der Menschen, bestehend aus dem Käpt’n, Zarthek und zwei weiteren Crewmitgliedern, wurde von den beiden Aliens, deren Tentakel beständig durch die Luft ruderten, in eine Art Empfangsraum geleitet. Als wüsste man bereits, mit wem man es zu tun hatte, war dort alles zur Annehmlichkeit der menschlichen Gäste vorbereitet. An der Tafel, die den Großteil des Raums einnahm, gab es sogar Stühle, die auch für die menschliche Anatomie bequem waren. Der Käpt’n ließ sich ächzend auf einem davon nieder, seine Galauniform spannte etwas an den Knöpfen.
»Ich hab gehört, diese Aliens haben doch immer eine überlegene Technik, oder?«, tuschelte er Zarthek zu. »Da gibt es doch bestimmt so was wie einen Telepathikus, einen Universalübersetzer oder einen Babelfisch fürs Ohr, richtig?«
»Darauf würde ich mich nicht verlassen. Wahrscheinlicher ist, dass wir uns ohne Hilfsmittel auf ihre Sprache einstellen müssen.«
Der Käpt’n klopfte Zarthek auf die Schulter. »Sie machen das schon …«
Aber das Aufzeichnungsgerät, das Zarthek für die Sprachstudien mitgebracht hatte, erwies sich rasch als überflüssig. Die Aliens waren stumm und blieben es auch. Wie sich zeigte, konnten sie gar nicht sprechen, jedenfalls nicht per akustischer Signale, denn dazu fehlten ihnen passende Organe, mit denen sie Laute hätten erzeugen können. Sie besaßen nicht einmal annähernd humanoide Gesichter. Auf ihren zylindrischen Körpern thronte ein einziges, großes Facettenauge, das ihnen offenbar einen Rundumblick erlaubte und in dem sich die winzigen Abbilder ihrer Gäste kaleidoskopartig spiegelten.
Auf der Tafel zwischen der menschlichen Abordnung und den fremden Gastgebern drängte sich eine unüberschaubare Ansammlung aus Schälchen, angefüllt mit breiartigen, dickflüssigen und pulverförmigen Substanzen.
Niemand rührte sich, die Aliens schienen auf etwas zu warten. Endlich öffnete sich eine Tür in der hinteren Wand, und ein drittes Alien, etwas größer als die anderen und im Gegensatz zu ihnen mit einem rosigen Schimmer überhaucht, schwebte herein und platzierte sich zwischen den beiden anderen, die sogleich damit begannen, einzelne Schälchen herüberzuschieben.
Wie zur Aufforderung tunkten sie selber ihre Tentakel in die Soßen und beschmierten damit die große Membran, die sich unterhalb des Facettenauges befand. Die Speisen wurden von den Membranen osmotisch aufgenommen, sie versickerten in Sekundenschnelle.
Da fackelte der Käpt’n nicht lange. Gierig griff er zu und probierte von den angebotenen Speisen. Der Wissenschaftsoffizier füllte eine Probe in ein Reagenzglas, das er in einen Analysator steckte, während der Erste Offizier damit beschäftigt war, die Begegnung mit einer kleinen Kamera aufzuzeichnen.
»Vielleicht sollten Sie ein wenig vorsichtiger …«, setzte Zarthek an, aber der Käpt’n hielt ihm schon den ersten Napf hin und sagte mit vollem Mund: »Stellen Sie sich nicht so an! Das schmeckt köstlich.«
»Soweit ich das sagen kann: unbedenklich«, meldete der Bordchemiker.
»Sehen Sie! Na, los doch, wir dürfen unsere Gastgeber nicht brüskieren.«
Zarthek beugte sich seiner Pflicht und schloss sich dem Käpt’n an. Unbedenklichkeit hin oder her, bald brannte Zartheks Gaumen von den vielen exotischen Gewürzen, die das ganze Repertoire der Geschmacksrichtungen bereithielten, süß, sauer, bitter, salzig – und noch einige mehr, denen er noch nie in seinem Leben begegnet war. Zarthek musste aufstoßen. Zurück in seiner Kabine, würde er eine Handvoll Kaisernatron benötigen, um des Aufruhrs in seinem Magen Herr zu werden.
Unterdessen ließ der Käpt’n alle Hemmungen fallen und fuhr unverdrossen fort, die kleinen Snacks zu vertilgen.
»Dieser Eintopf ist ein Gedicht!«, verkündete er und streckte die Hand mit der leeren Schüssel aus. »Ich hätte gern noch eine Strophe!«
Ein Tentakel schnellte vor und nahm die Schüssel entgegen – Nachschlag gab es allerdings nicht. Offenkundig waren die Aliens gar nicht zufrieden damit, wie die Gäste sich über die Kulinarien hermachten, und geboten der Beköstigung Einhalt. Plötzlich lag eine atmosphärische Spannung über der Zusammenkunft. Zarthek geriet ins Schwitzen. Erwarteten die Aliens eine bestimmte Reaktion? Falls ja, mußten sie enttäuscht werden. Selbst wenn der Käpt’n und sein Gefolge so etwas wie eine Restaurantkritik gebracht hätten, wäre die nicht auf offene – oder auch nur verständige – Ohren gestoßen. Denn die gab es nicht. Ehe man sich’s versah, war die Tafel abgeräumt.
»Ich bin noch nicht fertig!«, protestierte der Käpt’n. Aus dem Gewölbe hinter der straffen Galauniform ertönte ein hungriges Knurren. Es wurde nicht erhört.
»Das ist ja gründlich schiefgegangen. Irgendwelche Vorschläge?« Der Käpt’n trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. Er hatte die Mitglieder der Delegation zu einer Krisensitzung zusammengerufen. Seit Tagen herrschte wieder Funkstille zwischen der Besatzung des Alienschiffes und den Menschen. Der Versuch eines Erstkontakts musste vorerst als gescheitert gelten.
Zarthek meldete sich. »Ich habe mir die Aufzeichnungen nochmals genau angesehen. Fangen wir an mit dem Begrüßungskomitee …«
Auf dem Bildschirm erschienen die zwei Aliens, wie sie mit der Einladungstorte auf der Rampe standen. »Die Aufforderung, an Bord zu kommen, haben wir wohl richtig verstanden«, sagte Zarthek. »Aber niemand hat auf die Gürtel geachtet, die sie umgeschnallt hatten.«
Der Käpt’n und die anderen beugten sie vor. »Sieht aus wie ein Patronengürtel. Mit kleinen, gefüllten Fläschchen, als wären die zwei auf dem Weg zu einem Barbecue.«
Zarthek nickte eifrig. »Und jetzt passen Sie mal auf!« Er schaltete die Aufnahme um in Zeitlupe. Man sah, wie die Aliens die Tentakelspitzen in die Fläschchen tunkten und ihrem Begleiter damit an die Seite tippten, mehrfach und aus wechselnden Quellen. Zarthek hielt den Film an. Der Käpt’n war ratlos.
»Was schließen Sie daraus?«, fragte der Erste Offizier.
Zarthek lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Was wir da sehen, ist Kommunikation. Die Aliens kommunizieren miteinander.«
»Ich wüsste nicht …«
»…, und zwar, indem sie sich aromatisierte Substanzen auf die kleineren Membranen tupfen, von denen sich auch welche an der Körperseite befinden.«
Dem Käpt’n ging ein Licht auf. »Dann waren die Schälchen, die uns angeboten wurden, so etwas wie eine Botschaft.« Er hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. »Und wir haben sie nicht verstanden!«
Zarthek seufzte. »Kein Wunder, dass die Zusammenkunft so schnell beendet war.«
»Dann wissen Sie ja, was zu tun ist«, brummte der Käpt’n. »Entschlüsseln Sie ihre Sprache und setzen Sie eine Rede auf, die ich den Aliens vortragen werde!«
»Ich bin Semiologe, kein Koch«, maulte Zarthek.
»Dann tun Sie sich gefälligst mit Madama Bocuse zusammen, die soll Ihnen bei der Zubereitung zur Hand gehen. Außerdem weiß sie am besten, wie wir an die passenden Zutaten kommen. Ich erwarte schnelle Ergebnisse!«
Zarthek kraulte sich den Bart. »Das könnte aber dauern. Eine fremde Sprache von null an zu dechiffrieren ist komplex. Außerdem sind wir auf die Kooperation der Aliens angewiesen, die sie uns beibringen müssen.«
Tage später fing der Käpt’n den Exosemiologen an der Luftschleuse ab, als der gerade vom Alienschiff zurückkehrte.
»Zarthek, wo treiben Sie sich rum!«, rief er. »Hab’ Sie ewig nicht mehr zu Gesicht bekommen.«
»Sprachstudien«, entgegnete Zarthek zerstreut. Kochdünste umwaberten ihn. »Ich muss den einzelnen Geschmacksrichtungen die korrekte Bedeutung zuweisen. Es kommt nicht nur auf die jeweilige Speise selbst an, sondern auch auf das richtige Mischungsverhältnis der Zutaten. Knifflige Sache!«
»Schon klar. Aber denken Sie an meine Rede.«
Zarthek schwenkte eine eselsohrige, vor Fettflecken strotzende Kladde. »Bald sind wir soweit!«, sagte er vollmundig. Und er hatte keineswegs zu viel versprochen. Das entschlüsselte Vokabular war schließlich so umfangreich, dass es für eine kleine Ansprache reichen würde. Aber noch war man nicht am Ziel, es galt, eine weitere Hürde zu meistern. Zuvor musste Zarthek den Käpt’n in die Sprache einführen, ihn in dem korrekten Gebrauch der Grammatik unterweisen und mit rhetorischen Besonderheiten vertraut machen. Sie übten in der Kombüse. Der Käpt’n stand vor einer Auswahl von Schälchen und räusperte sich.
»Also gut, womit fange ich an?«
»Nehmen Sie zuerst das Honigmöhrenpüree.«
Der Käpt’n tat wie geheißen, wählte dann ein Schälchen mit Avocadocreme – und geriet ins Stocken. »Jetzt diese hier?«
»Nein, es muss die Lachspaste sein.«
»Natürlich, wie dumm von mir.«
»Denken Sie auch an eine persönliche Ansprache, ganz wichtig! Hier haben wir die Namen der Aliens, die sich um den diplomatischen Kontakt kümmern. Das ist die Botschafterin, Leiterin der Delegation.« Zarthek wies auf ein Buttercremetörtchen mit Heringsaroma. »Und hier haben wir ihre beiden Begleiter, zwei männliche Vertreter: ein Bananensmoothie und ein Kiwismoothie. Höflichkeitsfloskeln ergänzen Sie, indem sie diese oder diese Kräutermischungen hinzufügen.«
»Gut zu wissen! Und weiter im Text.« Der Käpt’n hantierte mit Lauchzwiebelmus und Karamellsoße, wollte zur nächsten Schale greifen, als Zarthek unterbrach: »Obacht, Käpt’n, Sie dürfen auf keinen Fall Subjekt und Objekt eines Satzes verwechseln.« Er schob die Schale mit Tandurri-Blumenkohl nach links und das Gaspacho nach rechts. »Und Passivkonstruktionen lassen wir fürs Erste ganz weg. Wir beschränken uns auf reines Aktiv.« Er stellte ein Schälchen mit Zuckerrübenraspeln an die Seite. »Gefährlich sind auch doppelte Verneinungen. Führt nur zu Missverständnissen.« Er schüttelte den Kopf. »Fahren Sie fort!«
So kämpften sie sich durch die einzelnen Sätze, bis die Rede halbwegs saß. Jetzt konnten sie den Fremden erneut gegenübertreten. Ein menschliches Empfangskomitee erwartete die Alienabordnung schon bald zum Gegenbesuch in der Schiffsmesse.
»Hoffentlich macht der Käpt’n nichts verkehrt. Am Ende erklärt er ihnen noch aus Versehen den Krieg, und wir werden angegriffen.«
»Dann schießen wir eben mit der Gulaschkanone zurück.«
»Sehr witzig …«
»Ruhe, sie kommen!«
Das Trio, das sie schon vom ersten Treffen kannten, rauschte in die Messe, wiederum angeführt von der rosig überhauchten Botschafterin. Der Käpt’n wies ihnen die Plätze zu und trat an die zusammengeschobenen Tische, die sich unter der Last der Speisen bogen.
Atemlos verfolgte die Crew, wie ihr Käpt’n selbstgewiss wie ein aldebaranischer Hütchenspieler auf einer intergalaktischen Kirmes die Schälchen hin- und herschob. Nach anfänglichem Zögern waren die Aliens ganz bei der Sache, sie fraßen ihm förmlich die Worte aus der Hand. Er präsentierte ihnen die Speisen in der festgelegten Reihenfolge, und Tentakel sausten herab, wurden eingetunkt und zur Membran geführt und die Delikatessen wurden unter Schmatzen und Schlürfen absorbiert.
Alles schien nach Plan zu laufen, bis plötzlich die Botschafterin zur Salzsäule erstarrte und ihre Tentakel zitternd auf dem Tisch ruhen ließ. Sie hatte die Nahrungsaufnahme ohne erkennbaren Grund unterbrochen, und bei Zarthek schrillten alle Alarmglocken. In den Facetten ihres optischen Organs spiegelte sich nur noch ein Bild – das des Käpt’ns, der munter und blind für seine Umgebung die Rede hielt.
Nachdem seine Ansprache zu Ende war, drehte sich der Käpt’n grinsend zu seinen Leuten um. »Na, wie war ich?«
Doch bevor er eine Antwort erhielt, machte eins der Aliens einen Satz über die gedeckten Tische und schnellte auf ihn zu. Blitzschnell stülpte es ein energetisches Gitter, das aussah wie ein Einkaufsnetz aus Glühfäden, über den Käpt’n. Mit dem Bündel im Schlepp hasteten die Aliens tentakelwedelnd zur Luftschleuse. Der Lichtblitz ihres Hyperraumantriebs war das Letzte, was die menschliche Crew, die ihnen bis zum Dock gefolgt war, von ihnen zu sehen bekam.
Zarthek war blass geworden. »Was haben Sie in die Chimichurri getan?«, blaffte er Madame Bocuse an.
»Drei Blatt Koriander?«, entgegnete die Schiffsköchin unsicher. Zarthek schlug sich an die Stirn.
»Um Himmels willen, es hätte Petersilie sein müssen. Das verfälscht die Aussage total!«
»Ich bin Köchin, keine Sprachwissenschaftlerin!«, vermeldete Bocuse spitz.
»Wunderbar, das haben Sie prima hingekriegt. Einmal mit Profis!«
»Und was bedeutete das Ganze denn nun in Wirklichkeit? Welche Botschaft haben die Aliens vom Käpt’n erhalten?«, wollte der erste Offizier wissen.
»Der genaue Wortlaut? Augenblick …« Zarthek zog die fleckenübersäte Kladde zurate. Endlich fand er, was er suchte.
»Ich will Sie heiraten und den Rest meines Lebens mit Ihnen auf Ihrem Heimatplaneten verbringen!«, zitierte er.
»Er hat der Botschafterin einen Heiratsantrag gemacht?«
Zarthek zuckte die Schultern. »Sieht so aus. Und was wir eben gesehen haben, gehörte wohl zum Hochzeitsritual der Aliens.«
Der erste Offizier war sprachlos. Endlich fand er seine Worte wieder.
»Wir müssen ihnen nach, den Käpt’n retten!«, schrie er.
Zarthek winkte ab. »Vergessen Sie’s, die fliegen mit Überlichtgeschwindigkeit. Die holen wir nie mehr ein.«
»Da ist der Käpt’n aber ganz schön ins Fettnäpfchen getreten …«
»Er wird schon noch auf den Geschmack kommen …«
»Ich habe eure Kalauer so satt!«
Die Crew schaute betroffen zu Boden, Schweigen machte sich breit.
»Warum riecht es hier plötzlich nach Frikadellen?«, fragte einer.
»Verschonen Sie mich!«, stöhnte die Schiffsköchin. Ihr Gesicht war so käsig, als wollte sie sich gleich übergeben.
»Nein, wirklich …«
Zarthek bückte sich und hob ein Blatt Papier auf. Er schnüffelte daran und reichte es dem ersten Offizier.
»Was ist das?«
»Ein letzter Gruß unserer Besucher.«
»Und der wäre?«
»Die Quittung für den Käpt’n«, sagte Zarthek.
Claudia Aristov: Omega und die verschwundene Taverne
Der Weltraum. Fünfter Quadrant der nexutorianischen Hochebene. Unendliche Weiten ewiger Finsternis …
Genau diesem Orkus trostloser Ödnis, um den selbst die Gesetze der Physik einen großen Bogen machten, näherte sich unverdrossen eine kleine Raumkapsel: die Cucullatus. Viele Jahre war sie umhergeirrt – nicht um fremde Welten zu finden, sondern eine schmuddelige Taverne auf Kappa-Omikron-3. Sie tat dies, wenngleich widerwillig, im Auftrage ihrer zweiköpfigen Besatzung: eines ehemaligen Architekten des altägyptischen Großreiches sowie eines in Ungnade gefallenen Hyperraum-Bauingenieurs.
»Geschafft!«, brüllte Omega und rammte Massud begeistert einen Ellenbogen in die Rippen. In den lidlosen Augen irrlichterte fanatische Begeisterung, während sich sein Blick am Übertragungsbildschirm festsaugte, der eine schnell größer werdende Kugel zeigte.
»Da ist es! Kappa!« Der Ingenieur riss eine Snacktüte auf und hielt sie Massud unter die Nase.
»Na, dann eben nicht.« Ungerührt stopfte sich Omega einen Skorpion in den Mund und zerbiss ihn krachend, während er gedanklich schon in einer der dunklen Ecken seiner Lieblingstaverne, des Bumms, weilte. Dann zündete er die antiquierten Bremsraketen.
Die Wucht des Landungsaufpralls ließ keine masochistischen Bedürfnisse unbefriedigt.
»Na, wie habe ich das gemacht?!« Selbstgefällig klopfte sich Omega den Staub von den Schultern, welcher die Zerstörungskraft des Landeanflugs genutzt hatte, um aus rissig gewordenen Raumverschalungen zu entweichen.
»Und jetzt portieren wir uns direkt ins Bumms.« Der Hyperraumingenieur überprüfte den Tarnmodus des Schiffes, trug die Koordinaten der Taverne ein und drückte den Knopf des Higgs-Teleporters.1
Eine Nanosekunde später standen Omega und Massud vor dem Bumms – theoretisch. Massud fluchte, während er argwöhnisch seinen Körper abklopfte, um sicherzustellen, dass sich alle Gliedmaßen an den dafür vorgesehenen Stellen befanden.
»Verdammt! War das wirklich nötig? Ich meine, wir hätten auch einfach laufen können.« Mühsam bewegte er seinen Kopf, der sich anfühlte, als wäre eine wütende Elefantenherde darüber hinweggetrampelt.
Omega hörte gar nicht hin. Seine Augen schienen aus den Höhlen treten zu wollen. Er ruckte den Kopf hin und her, während Lungen, Kiemen oder was immer sich in dem schmächtigen Brustkorb befinden mochte, mit der Vehemenz eines Hochleistungsblasebalgs pumpten. Betäubt stierte er auf etwas unmittelbar vor ihnen. »NEIN! Das ist jetzt nicht wahr!« Sein heiseres Krächzen verlor sich in Gestammel. »Kann … darf … nicht … unglaublich.«
Massud folgte seinem Blick, vermochte aber nichts Ungewöhnliches festzustellen. Vielleicht einmal abgesehen von der bemerkenswerten Geschmacklosigkeit des Gebäudes, welches sich direkt vor ihnen auftürmte.
»Nun, der Kollege scheint seinen Beruf nicht besonders zu mögen, fürchte ich.« Der Architekt legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen. »Aber bei Osiris, da habe ich schon ganz andere Verbrechen gesehen.«
»Das ist nicht …«
»… schön. Natürlich nicht. Total verbockt. Wir haben in solchen Fällen immer behauptet, dass die minimalistische Bauweise, äh, Ausdruck elitären Understatements ist. Hat prima funktioniert, außer …«
»… das Bumms!«
»Was?!«
»Das! Ist! Nicht! Das! Bumms!« Omega schien sich soweit von seinem Schock erholt zu haben, dass er nunmehr wieder die vollen Kapazitäten seiner Atmungsorgane nutzen konnte. Und tatsächlich. Dort, wo ehemals das Bumms gestanden hatte, ragte nun ein monströses Bauwerk aus Glas und Stahl empor. Genauer gesagt ragte es nicht, sondern bewegte sich auf einer zehntausend Squotsch langen Vertikalachse zwischen Planeteninnerem und Mesosphäre hin und her. Ein kleines Platinschild wies das Gebäude als Grand Restaurant Sechseinhalb Jahreszeiten aus.
Massud hatte mittlerweile einzelne Informationseinheiten zu einem mehr oder weniger schlüssigen Bild zusammengesetzt. Trotzdem gefiel ihm die Schlussfolgerung nicht. Er übte sich in Hoffnung: »Wie meinst du das? Das ist nicht das Bumms?«
»Es ist weg. Offensichtlich abgerissen. Sieh dich doch um. Überall dieser Kommerzscheiß. Das ist nicht mehr mein Kappa.«
»Stopp! Stopp! Stopp! Wie abgerissen?«
»Abgerissen halt. Weg. Futsch. Was weiß ich.«
Massud stopfte sich einen Finger ins Ohr, stocherte darin herum und gab vor, etwas daraus entfernen zu wollen. »Ich hab mich verhört, oder? Du willst mir doch nicht im Ernst erzählen, dass wir auf der Suche nach deiner scheiß Taverne jahrelang orientierungslos durch Zeit und Raum taumeln, nur um dann festzustellen, dass sie gar nicht mehr existiert! Das wolltest du NICHT sagen, oder?!«
Der Hyperraumbauingenieur trat nervös von einem Fuß auf den anderen. »Na ja, wir waren immer so beschäftigt, und da habe ich die letzte Zeit nicht mehr …«
»Letzte Zeit?!«, echote Massud. »Das Ding wurde offensichtlich vor Jahren abgerissen. Kriegst du überhaupt mal irgendwas auf die Reihe?«
Empört reckte Omega seine schmächtige Brust: »Das sagt ja der Richtige. Wer kümmert sich denn immer um alles, hä?! Lässt sich wie ein Pharao durch die Gegend kutschieren, kümmert sich einen Dreck um irgendetwas, aber reißt die Klappe auf.«
»Kümmern?!«, giftete Massud. »Kümmern nennst du das?« Mit einer Hand packte er Omega und schüttelte ihn durch.
»Aua, du tust mir weh!«
Erschöpft lockerte Massud seinen Griff ein wenig: »Deinetwegen musste ich aus Ägypten fliehen. Frau und Kind zurücklassen.«
»Meinetwegen? Du spinnst wohl. Deine Frau ist dir weggelaufen, und dein erwachsener Sohn hat sich der nubischen Befreiungsfront angeschlossen.«
Der ehemalige Architekt drückte wieder fester zu. »Idiot! Skorpionfresser! Wag es bloß nicht … ach, was soll’s.« Erschöpft ließ Massud die Hand sinken.
»Und was jetzt?« Omega sah an dem Gebäude hoch und schloss gequält die Augen.
Unschlüssig zuckte Massud die Schultern. »Lass uns reingehen und gucken. Vielleicht ist es ja ganz nett.«
Omega maß ihn mit einem Blick, der ernsthafte Zweifel an Massuds Zurechnungsfähigkeit ausdrückte.
Noch immer drückten sich Omega und Massud vor dem Sechseinhalb Jahreszeiten herum und musterten eine Art gläserne Röhre, die Gäste aufnahm, um sie, nun, verschwinden zu lassen, wie es schien. Architekt und Ingenieur warfen sich einen unschlüssigen Blick zu. Dabei handelte es sich um jene Art touristischer Unentschlossenheit, die einheimische – und vor allen Dingen am Gewinn beteiligte – Mitarbeiter ebenso magisch anzog wie Freudenhäuser klaganische Ordensbrüder.
Ein Frack näherte sich ihnen. In ihm steckte ein dürres Männchen mit einem zerknitterten Gesicht, das von einem dafür umso gepflegteren Moustache beherrscht wurde. Die langen, dünnen, zu den Seiten hochgezwirbelten Enden beschworen in Omega irritierende Bilder von schmelzenden Uhren und brennenden Giraffen herauf.
Das Männchen hüstelte diskret. »Darf ich die Ärrän in dän Leichtström-Teleportär gäleitän? Är wird Sie binnen einär Fämtosekünd in dän von Ihnen gewünschtän Bäreich ünsäräs Gron Restoron bringen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, schob der Portier die beiden – selbst nach intergalaktischen Maßstäben höchst exzentrischen – Besucher in die gläserne Kabine, um aus sicherem Abstand nach deren Wünschen zu fragen.
»Waas darf äs dänn sein? Unsärä prämierte Ót Cüisin für dän geobänän Geschmáck – krädänzt im lüxüriös-elegont Ombjänte? Odär där Schlämmär-Nostalschie-Tómple für dän gäschichtsbewüsstän Gast odär vielleischt …« Er ließ seinen Blick über das ungleiche Paar gleiten. ». ünsere fliegändän Bars für ein römantisches Tête-à-Tête, n'est-ce pas.« Er lächelte fein.
»Ich nehme näs-pa, das hört sich lecker an«, entschied Massud. Omega rammte ihm den Ellenbogen in die Rippen.
»Und was ist dieses Nostalgiedings?«
»Dort können Sie Speisän aus alle Épock und Galaxie bäställän.«
»In Ordnung«, beeilte sich Massud zu sagen, um seine Chancen auf eine halbwegs akzeptable Mahlzeit zu vergrößern.
»Güte Waal, die Ärrän!«
»Wirklich aus allen Zeitaltern?«, fragte Omega skeptisch.
»Bien sûr«, versicherte der Portier aalglatt, ohne auch nur eine seiner zahlreichen Falten zu verziehen. »Ich wünsche Ihnän eine schöne Aufentaalt.«
Mit leisem Zischen schloss sich die Tür der Leichtström-Teleportationskabine. Und exakt eine Femtosekunde später befanden sich die beiden Baumeister im Nostalgietempel.
»Femtosekunde, blöder Angeber«, schnaubte Omega, als sie die Empfangshalle betraten. »Kürzer als nano geht überhaupt nicht.«
Der Service des Grand Restaurants ließ keine Wünsche übrig. Kaum hatten sie die zweihundertdreiundfünfzigste Ebene erreicht, eilte ihnen schon beflissen ein Bediensteter in Livreé entgegen: »Ich darf Sie ganz herzlich im Sechseinhalb Jahreszeiten begrüßen! In welchem Culinario-Tempel genau wünschen Sie einzuchecken?«
»Hä?«
Das Gesicht des Concierge blieb ausdruckslos. »Was die Herren zu speisen wünschen«, sagte er und schaffte es, durch seine Besucher hindurchzusehen und gleichzeitig jede ihrer optischen Eigentümlichkeiten wahrzunehmen. Nun, vermutlich waren es derer zu viele. Denn obwohl er hätte schwören können, dass ihm irgendetwas an diesem seltsamen Gespann bekannt vorkam, kramte er vergeblich in den Schubladen seines Gedächtnisses. Er schloss sie und besann sich wieder auf seine Rolle.
»Unsere heutigen Tagesempfehlungen sind: ein Zwölf-Gänge-Urzeit-Menü aus der Ära tugarischer Schnorchelbären oder ein supergalaktischer Solarneutrino-Trunk mit …«
»Also, ich hätte gern näs-pa«, verkündete Massud fest und setzte eine weltmännische Miene auf.
Kaum merklich zuckte der Concierge zusammen. »Ich fürchte …«
»Er meint Skorpione«, log Omega glatt.
»Wie bitte?«
»Skorpione. Sie wissen schon. Diese kleinen schwarzen Biester mit Giftstacheln. Die gab es hier mal vor geraumer Zeit.« In Omegas Stimme schwang Bitterkeit mit. »Im Bumms.«
»Im Bumms?!« Trotz jahrzehntelang antrainierter Professionalität vermochte es der Concierge nicht, den leichten Anflug von Ekel aus seiner Stimme zu verbannen. »Nun, unter diesen, äh, speziellen Umständen werde ich mich bemühen, Ihnen etwas Adäquates anzubieten. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, ich muss kurz Rücksprache halten.« Ihm gelang das Kunststück, sowohl hastigen als auch würdevollen Schrittes, die Szenerie zu verlassen.
Omega pulte ein Stück Skorpion aus seinen Zähnen. »Komischer Kerl!«
»Finde ich auch«, pflichtete ihm Massud bei und ordnete seinen Lendenschurz.
Das Bemerkenswerteste des Grand Restaurants war, dass das Volumen des Baukörpers um ein Vielfaches größer war, als es nach herkömmlichem Verständnis hätte sein dürfen. Allerdings muss angemerkt werden, dass Kappa seit Beginn seiner Existenz mathematische und physikalische Gesetze rigoros ignorierte. Diesen Umstand nutzte auch das Sechseinhalb Jahreszeiten, dessen Nostalgie-Restaurant sich über Hunderte von Ebenen erstreckte. Als besondere Attraktion galten die im Westflügel untergebrachten Nostalgieblasen, von denen jede eine kleine Welt in sich trug. Der geneigte Gast brauchte nur eine jener Blasen zu betreten, seinen Wunsch zu äußern und schon präsentierte sich ihm ein perfekter kulinarischer Mikrokosmos bei passendem Ambiente.
Omega und Massud hatten an einem der Tische Platz genommen. Der Architekt nahm einen Schluck Squirtsch2 und sah sich um. Unweit von ihnen saß eine vierköpfige Familie, wobei der Ausdruck vierköpfig insofern unpassend erschien, als dass die Wesen keine Schädel im eigentlichen Sinne besaßen. Massud hätte sie für riesige Seeigel gehalten, wären da nicht die oberen und unteren Extremitäten gewesen, die dicken Schläuchen glichen.
»Das sind Echinodorianer«, flüsterte Omega, »ein ganz merkwürdiges Völkchen. Die fressen alles, was tot ist.« Omega schüttelte sich und griff in seine Snacktüte, aus der er einen sich verzweifelt wehrenden Skorpion hervorzog.
Argwöhnisch beobachtete Massud, wie sich die Echinodorianer blau-weiß karierte Tücher auf ihre Stacheln piksten, dort wo bei Menschen die Brust gewesen wäre.
»Nicht hinstarren!«, zischte Omega, »das macht die aggressiv.«
Trotzdem konnte Massud nicht widerstehen. Der Architekt kniff die Augen zusammen und schielte unauffällig zur Seite.
Das echinodorianische Familienoberhaupt blätterte hastig in einem kleinen Buch, während zwei kleinere Exemplare symmetrisch verschlungene Teigwaren in stiefelgroße Krüge tunkten, in denen eine goldgelbe Flüssigkeit schwappte. Ein Frack näherte sich und wies die darin steckende Giganto-Heuschrecke als Servicepersonal aus. Während sie sich dem Tisch der Echinodorianer näherte, durchlief ihre Kleidung eine Metamorphose. An den Schenkeln schlabberte jetzt eine kurze Lederhose. Ein blau-weiß-kariertes Hemd komplettierte die Tracht.
Der Heuschreckenkellner knallte seinen Gästen eine Platte mit weißlichen Zylindern auf den Tisch, welche eine auffällige Ähnlichkeit mit dem Genital des berühmten trakelischen Zwergochsen aufwiesen.
»Weißwuarscht mit Semft, biddscheen«, zirpte er, wobei seine Facettenaugen mit einem undefinierbaren Ausdruck über die kleine Familie glitten.
»Dangschee, Märsi«, sagte der Seeigelvater nach intensiven Studien seines Sprachführers und stippte die Weißwuarscht in eine Soße, die Massud an etwas erinnerte, das er einmal nach einer squirtschdurchtränkten Nacht von sich gegeben hatte.
»Hm, lecker«, sagte Omega und schnalzte genießerisch mit der Zunge.
»Die Wuarscht?«, fragte Massud und beobachtete angeekelt, wie die lange Zunge des Echinodorianers das Fleischprodukt mit einem Schwupps in den Kauapparat beförderte.
»Quatsch. Der Kellner! Vermutlich das einzig Frische hier. Angeröstet mit Feuerwurz eine echte Delikatesse.«
»Apropos. Können wir hier auch irgendwann mal was zu essen bestellen?« Missmutig schnippte Massud gegen die mittlerweile geleerte Flasche Squirtsch2.
Omega beobachtete die vorbeieilenden Kellner, die immer größere Kreise um ihren Tisch zu ziehen schienen. Einer warf ihnen aus dem Augenwinkel einen scheuen Blick zu.
»Gibt sowieso keine Skorpione hier«, behauptete Omega, »jedenfalls nicht auf Bumms-Niveau.« Er schnaubte. »Ich meine, was soll das? Du kannst dich hier quer durch alle Galaxien und Epochen fressen, aber …«
»Komm, lass zahlen und abhauen.« Massud stützte den Kopf auf die Hände und versuchte, das Pochen in seinem Kopf zu ignorieren.
Nachdenklich stierte Omega aus glasigen Augen auf den Tisch. »Ich habe da eine Idee. Ist zwar illegal, aber hey, wer sind wir, dass wir nach den Regeln Anderer spielen!«
Er spürte Massuds skeptischen Blick auf sich ruhen.
»Du kannst mir vertrauen«, fügte er hastig hinzu und bemerkte verwundert, dass er es ernst meinte.
Während Omega mit anarchistischen Gedanken liebäugelte, hatte der Concierge erfolgreich in den Schubladen seiner Erinnerung aufgeräumt und vermochte nunmehr zwei einsame Socken zu einem Paar zu verknüpfen. Vor ihm lag ein Fahndungsplakat. Es zeigte die Gesichter der verruchtesten Kriminellen Kappas in aufsteigender Reihenfolge: Serienkiller, Terroristen, skalische Finanzbeamte und … Der Concierge heftete seinen Blick auf einen Ausschnitt des Steckbriefs. Lidlose Augen starrten ihn aus dem Gesicht eines Mannes an, welchem ein Skorpion halb aus dem Mundwinkel hing. Für die Ergreifung war ein Kopfgeld in Höhe von zwanzigtausend Xerx-Pesetero ausgelobt. Nach einer kurzen Überschlagsrechnung, bei der eigene Lohnhöhe, Bedienung von Krediten sowie Alimente eine Rolle spielten, kam der Concierge folgerichtig zu dem Schluss, dass es an der Zeit wäre, sein bis dato bescheidenes Leben zum Besseren zu wenden. Er schaltete den Kommunikator ein und ließ sich mit einem Captain Meluran vom Dezernat für Verstöße gegen das Raum-Zeit-Kontinuum verbinden.
Omega stellte zwei Fläschchen auf den Tisch. »Bitteschön! Unsere Fahrkarte ins Bumms.«
Massud starrte ihn verständnislos an.
»Ein Wirklichkeitsverzerrer«, erklärte Omega. »Pass auf. Das Wichtigste in Kürze: Punkt eins: Wer den Wirklichkeitsverzerrer herstellt, sich verschafft und/oder in Verkehr bringt, wird mit Freiheitsstrafe von mindestens zweihunderteinundneunzig Xerx-Jahren bestraft. Punkt zwei: Mit der Einnahme des Wirklichkeitsverzerrers öffnest du eine parallele, real existierende, Wirklichkeitsebene, die nicht verändert werden darf. Punkt drei: Trinke niemals einen Wirklichkeitsverzerrer, ohne dir die Ohren zuzuhalten. Dein sich verflüssigendes Hirn würde hinaustropfen. Punkt vier: Vergiss den ganzen Scheiß, der dich nur nervös macht, und hau weg die Kacke. Prost!«
Die Meldung kam im denkbar ungünstigsten Moment, frönte doch Captain Meluran gerade hingebungsvoll seiner heimlichen Leidenschaft: dem Ballett. Genauer gesagt befand er sich mitten in einer Pirouette, als der Kommunikator einen eingehenden Anruf meldete und den Übertragungsbildschirm einschaltete. Mit einem Hechtsprung rettete sich Meluran in jenen Teil der Kabine, welcher optisch nicht erfasst wurde. Schnell, hier war eine gewisse Routine erkennbar, zupfte er sich die Ohrclips ab und wischte sich mit einem Tuch über den alarmrot geschminkten Mund, bevor er – betont würdevoll – im Bild erschien.
Im Verlauf des nachfolgenden Gesprächs wich sein anfänglicher Verdruss über die ungehörige Unterbrechung seiner künstlerischen Darbietung einem Hochgefühl. Ein Triumph kündigte sich an. Sein Triumph. Und damit die Gelegenheit, endlich Satisfaktion zu erfahren. Als er den Kommunikator abschaltete, spielte ein sardonisches Lächeln um seine verschmierten Lippen.
Der Wirklichkeitsverzerrer wirkte, und die Physik wehrte sich. Vergeblich. Ein Erinnerungsmoment wurde real. Der Raum krümmte sich. Zeitlinien bildeten zufällige Überlagerungszustände. Wände und Eingeweide des Restaurants flimmerten und veränderten sich. Kurz: Binnen weniger Sekunden wandelte sich das Sechseinhalb Jahreszeiten zu einer düsteren Kaschemme. Und mit ihr zurück kamen all jene, welche sich just in dieser – in Omegas Hirn abgespeicherten – Momentaufnahme im Bumms befunden hatten. Unter ihnen der ehemalige Koch Schmierer, der sich plötzlich in der Küche des Bumms wiederfand. Dies war höchst erstaunlich, denn das Bumms existierte schon seit Jahren nicht mehr. Übrigens ebenso wie Schmierer selbst, welcher nur kurze Zeit nach Schließung der Taverne auf der Gemeinschaftslatrine vor seinem Haus von einem Asteroideneinschlag tödlich getroffen worden war.
Jetzt also stand er wieder an jenem Ort, mit dem ihn eine jahrzehntelange Hassliebe verbunden hatte. Mit äußerstem Misstrauen blickte Schmierer sich in seiner neuen Realität um. Ungewaschenes Geschirr stapelte sich in den Tiefen verkrusteter Spülbecken. Schaben, sogenannte Imperialkakerlaken, flitzten über verstreut liegende Essensreste. Und ein muffig säuerlicher Geruch von Verfaultem und Schimmel lag in der Luft. Kein Zweifel: Er stand in der Küche des Bumms. Und da er – wie nahezu alle kohlenstoffbasierten Lebewesen – einen ausgeprägten Hang zu Automatismen aufwies, seufzte er nur kurz und wandte sich umgehend dem Kunststück zu, halb vergammelte Nahrungsmittel zu einem fast genießbaren Mahl zu veredeln.
Als Captain Melurans schwerbewaffnete Truppen in die zweihundertdreiundfünfzigste Etage des Sechseinhalb Jahreszeiten einrückten, erfasste ihr ratloser Blick lediglich einen verwaisten Tisch. Der Erste Offizier nahm Kontakt mit seinem Vorgesetzten auf: »Verzeihung, Sir. Kommen Sie bitte. Wir haben ein Problem.«
Währenddessen wallte noch einmal ein leichtes Beben durch das Bumms und ließ Becher und Teller auf den derb gezimmerten Tischen erzittern. Ungläubig blickte Omega sich um. Tränen liefen ihm über das Gesicht.
»Endlich!«, hauchte er. »Mein Bumms, ich habe dich so vermisst!« Sein Mund verzog sich zu einem seligen Lächeln. »Na, habe ich zu viel versprochen?« Er machte eine ausladende Geste und kickte unauffällig eine empört quiekende Ratte zur Seite.
Erschüttert blickte Massud sich um. Der Raum hüllte sich größtenteils in Dunkelheit. Ein Vorteil, wie der Architekt sogleich feststellen musste. Denn die Taverne als Kaschemme übelster Sorte zu bezeichnen, wäre glatt gelogen. Über den stinkenden Strohboden huschten katzengroße Nagetiere, und an den fleckigen Wänden klebten die Reste halb verdauter Mahlzeiten.
Massud schluckte. Aus der Küche drangen Schreie. Ein dreibeiniges Wombathuhn weigerte sich hartnäckig, seinen bescheidenden Beitrag zum Gelingen eines kulinarischen Verbrechens zu leisten. Erbost rannte der selbst ernannte Maître de Cuisine mit einem Beil hinter dem Flüchtigen her, um schlagende Argumente sprechen zu lassen.
Am gleichen Ort in einer anderen Zeitlinie tobte Captain Meluran: »Wie weg? Wie konnte das passieren? Seid ihr jetzt schon zu blöd, um den größten Idioten des Universums einzufangen?!«
»Sir, bitte um Verzeihung, Sir. Offensichtlich haben sie einen Wirklichkeitsverzerrer benutzt und damit eine parallele Zeitlinie eröffnet.«
Meluran stöhnte gequält auf. »Gibt es eine Möglichkeit, ihnen zu folgen?«
»Nun, Sir. Ja, Sir. Ist aber äußerst riskant.«
»Das ist mir scheißegal. Ich will ihn haben!«
»Sir. Bei allem Respekt, aber das könnte eine unkontrollierbare Kettenreaktion in Gang setzen.«
»Bringt. Ihn. Mir!«
»Ja, Sir! Ähm, Verzeihung. Sir? Sie haben da was Rotes an der Lippe.«
Massud bockte. »Ich esse nichts, was mal Wuff oder Miau von sich gegeben hat oder gar einen Namen trägt.« Mürrisch schob er die fleckige Speisekarte in die Mitte des Tisches.
»Das ist so’n Prinzipiending, oder?«, mutmaßte Omega und schloss die Augen. Sachen versprachen immer dann kompliziert zu werden, sobald sie mit Glaubenssätzen behaftet waren. Menschen liebten Prinzipien, entwickelten die absurdesten Konstrukte, um sie dann bei erstbester Gelegenheit auf dem Altar des Utilitarismus zu opfern.
Ein missgelaunter Bass riss ihn aus seinen Überlegungen.
»Hey, Jungs!«
Frieda, die fette Aushilfsköchin, watschelte an ihren Tisch. Ihr einziges Auge starrte Massud humorlos an, während sie ihn mit einem Arm, dick wie ein Baumstamm, packte.
»Pass mal auf, Jungchen. So geht das aber nicht.« Anklagend deutete sie auf die Tüte mit Skorpionen, die vor ihnen auf dem Tisch lag.
»Entschuldigung«, beeilte sich Massud zu erklären, »wir wollten gerade bestellen.«
Frieda hörte gar nicht hin. »Widerlich. Das ist einfach nur widerlich!« Ihr rosiger Zeigefinger bohrte sich in Massuds Rippen. »Die sind ja schon fast tot.« Mit einer Handbewegung wischte sie die Tüte vom Tisch. »Passt mal auf, Jungs. Ich mache euch jetzt mal Skorpione in einer schönen Schwubbelsoße.« Ohne eine Antwort abzuwarten, schob sie sich Richtung Küche.
Während Massud der Köchin verdutzt hinterherstarrte, schnalzte Omega genießerisch mit der Zunge. »Du wirst es lieben. Es gibt nichts Vergleichbares!«
»Davon bin ich allerdings überzeugt«, erwiderte Massud düster. Einmal mehr bedauerte er, nicht auf seine Mutter gehört zu haben, die ihm – statt eines Architekturstudiums – zu einer soliden Ausbildung als Ziegenhirte geraten hatte.
Ein schriller Pfeifton beendete abrupt die traute Harmonie. Das InterFluKom, ein interstellarer Flugobjektkommunikator, meldete die unmittelbar bevorstehende Ankunft eines nexutorianischen Zeitstrahlgleiters und ließ Omega gleich mehrfach die Gesichtsfarbe wechseln. »Verdammt. Sie sind uns auf den Fersen.«
Panik wallte in Massud auf. »Wer?«
»Captain Meluran und seine Mannschaft natürlich.«
»Was heißt hier natürlich. Scheint ja beileibe nicht der Einzige im Universum zu sein, der dich auf dem Kieker hat.«
»Ja, aber DER macht Ernst! Hält sich für den Hüter des Raum-Zeit-Kontinuums.«
»Apropos Zeit. Wie viel haben wir?«
»Kann ich nicht sagen. Das InterFluKom tickt nicht sauber.« Omega schüttelte das kleine Gerät, als könnte er ihm so eine Antwort entlocken. Er machte eine Pause und probierte es jetzt mit Klopfen.
»Lass das. Das bringt doch nichts. Wie konnten die uns überhaupt finden?«
Der Ingenieur drückte den schmalen Rücken durch und holte tief Luft. »Die Eröffnung einer rückwärtsgewandten Parallelzeitlinie mit exponentiellem Abweichungswachstum hinterlässt Spuren. Signaturen, denen sie folgen können.« Er dachte kurz nach. »Trotzdem merkwürdig. Sie müssen gewusst haben, dass wir uns auf Kappa befinden.«
Bis auf den letzten Teil hatte Massud kein Wort verstanden, hielt es aber angesichts der Situation für klüger, keine ehrgeizigen Fragen zu stellen. »Alles klar. Dann nichts wie weg.« Schon zerrte er an der Miniaturausgabe des Großen Häckslers in Omegas Tasche.
Omega kreischte auf. »Bist du wahnsinnig? Und die Skorpione? In Schwubbelsoße?« Er schlug nach Massuds Hand und entriss ihr den Teleporter, der mit dieser groben Verfahrensweise nicht einverstanden war. Ein leises, dafür umso bösartigeres, Klicken ertönte, als sich ein Schalter umlegte.
Nun geschahen mehrere Dinge gleichzeitig:
Frieda brachte eine dampfende Schüssel Schwubbelsoße an den Tisch, in der eine Armee Skorpione kraulte.
Ein nexutorianischer Zeitstrahlgleiter durchbrach die Hinterwand des Bumms und feuerte Zeitschlingen in die Tiefe der Taverne.
Der Teleporter spuckte Raum-Zeit-Blasen aus.
Tempuslinien überlappten sich. Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten rangen miteinander. Zeit reiste rückwärts. Und der Raum krümmte sich, bis ihm schlecht wurde.
Schmierer warf entnervt das Handtuch in die Ecke und beschloss, das Schicksal zu beschwören, indem er eine Gemeinschaftslatrine aufsuchte.
Chaos gewann die Oberhand …
… und drei Personen verschwanden vor den Augen Captain Melurans.
(Absolute Finsternis)
»Omega?«
»Hm.«
»Ziemlich dunkel hier.«
»Kann man wohl sagen.«
»Sind wir tot?«
»Ich glaube nicht.«
»Äh, ich möchte jetzt nicht unnötig kompliziert wirken. Aber wo sind wir?«
»Könnte eine chaotische Raum-Zeit-Blase sein.«
»Ach so. Dann ist ja gut.« (Pause) »Äh, ist das jetzt gut oder schlecht?«
»Kommt ganz drauf an.«
»Verstehe.« (Lange Pause) »Wie hoch ist unsere Chance zu überleben?«
»Reicht dir eine Wahrscheinlichkeit von eins zu zehn hoch dreiunddreißig?«
(Sehr lange Pause) »Und was jetzt?«
»Ach, das wird schon.«
»Hey Jungs, ich will euch ja nicht bei euren philosophischen Betrachtungen stören, aber die Skorpione werden kalt.«
»Frieda?«
Anmerkungen
1 Der Higgs-Teleporter, auch als Großer Häcksler bekannt, ist ein äußerst nützliches Gerät, welches eigens für die Teleportation von Materie ersonnen wurde. Sein Erfinder, ein allseits geschmähtes Genie, betrachtete die Entwicklung eines solchen Apparates als prima Gelegenheit, sich an der Menschheit im Allgemeinen und an seiner Ehefrau im Besonderen rächen zu können.
2 Squirtsch: Ursprünglich ein im altägyptischen Reich verwendetes Leichenkonservierungsmittel. Ein findiger Hohepriester entdeckte, dass eine orale Einnahme noch zu Lebzeiten eine spätere Konservierung nicht nur enorm erleichterte, sondern auch deutlich mehr Spaß versprach. Seitdem ein Exportschlager. Wird auch gern als Rohrreiniger genutzt.
Volker Adam: Die Sache mit den Mucken
»Angekommen, Kinder!« Ich aktivierte die Handbremse und schaltete den Motor aus. Mehr als mein Ausruf schien die plötzlich fehlende Fahrbewegung meine Töchter aus ihrer Starre zu reißen und von ihren Handys zu lösen. Die müden Gelenke streckend quälten sie sich von der Rückbank ins Freie. Wir waren diesmal glatt durchgekommen, einmal quer durch die halbe Republik gereist, und der Spätnachmittag versprach, warm und trocken zu bleiben. Bestens geeignet noch mal Hand an das Auto zu legen, das morgen glänzen sollte, da ich einen wichtigen Firmengast vom Flughafen abholen musste.
»Also, ihr beiden Hübschen: Schnappt euch mal Eimer und Schwamm und schrubbt ihn vorne schön sauber. Ich kümmere mich anschließend um den Innenraum«, verkündete ich meine Bitte. Immerhin hatte ich gerade fünf Stunden für sie am Steuer gesessen, damit sie ihre Cousinen hatten besuchen können. Da sollten sie auch mal was tun.
»Nö, das ist umweltschädlich. Fahr halt zur Waschanlage. Dafür gibt’s die ja«, verkündete die Jüngere und die Ältere fügte hinzu: »Und wieso sauber machen? Das Auto fährt doch noch, das reicht völlig.« Und ehe ich mich versah, stand ich selbst mit Eimer und Schwamm in der Einfahrt. Das nächste Mal können sie von ihrem Taschengeld per Zug zur Verwandtschaft fahren, grollte ich innerlich. Zu meiner Jugendzeit hätte es nach so einer Reise gar keine Diskussion, dafür aber reichlich Spülmittel gegeben. Die Umwelt schützen taten damals weder Fabriken noch Privathaushalte. Und das Beste am Autowaschen war eh der ganze Schaum, den man am Ende wegspritzen konnte.
Da hatten sich die Zeiten doch geändert! Immerhin war ich heute bewusst genug, der Motorhaube und Windschutzscheibe nur mit warmem Wasser zu Leibe zu rücken. Als ich zum Wischen ansetzte und die erste Lage Insektenspritzer anging, beschlich mich plötzlich ein eigenartiges Gefühl. Da war noch etwas Anderes, was sich in all den Jahren geändert hatte, durchfuhr es mich. Ich hielt mit tropfendem Schwamm in der Hand in meiner Bewegung inne und starrte auf die Windschutzscheibe: Statt meiner spiegelte sich in ihr plötzlich ein anderes Gesicht, das ich Jahrzehnte lange verdrängt hatte: Es war meine Tante Else, die mich mahnend anblickte, als wolle sie mir sagen: »Na, habe ich es dir nicht gesagt?!«
Mit einem Schlag stand sie wieder vor mir, und es schien, als wäre es gestern erst gewesen, dass sie auf ihre typische Art verkündete: »Mit Geduld und Spucke fängt man eine Mucke.«
Diesen Satz wiederholte Tante Else in meiner Kindheit stets und ständig. Er war als Kommentar für alle Art Tätigkeit verwendbar, die sie mit uns Kindern unternahm: zum Beispiel Apfelsaft aus selbst gepflückten Äpfeln pressen oder Maiglöckchen zu Sträußen zusammenbinden. Sie spürte es wohl, dass wir ihn gern hörten, und ließ uns meist nicht lange zappeln.
Dabei war der Satz nicht nur phonetisch bedenklich, sondern auch inhaltlich irreführend – denn wer hatte schon jemals eine Mücke mit seiner Spucke gefangen? Dass er aus heutiger Sicht pädagogisch zudem noch höchst fragwürdig, da tierquälerisch, war, interessierte in den späten 70ern und frühen 80ern noch kaum jemand. Da lag in jedem Haushalt eine Fliegenklatsche, und die Zeiten, in denen man ähnliche Objekte benutzt hatte, um die eigenen Kinder zu klatschen, waren auch noch nicht so lange vorbei. Selbstredend benutzte niemand Spucke, wenn er zur Fliegenklatsche griff, und auch Geduld gehörte gemeinhin nicht zu den Tugenden eines Menschen, der mit einer Klatsche auf Fliegenjagd ging.
An all diese Zusammenhänge dachten wir als Kinder nicht. Der Spruch gehörte einfach zu Tante Else, die auf ihre liebenswerte Art mit Kindern umzugehen vermochte, weswegen wir uns immer freuten, wenn sie aus dem fernen Düsseldorf anreiste und unsere Oma für ein paar Tage besuchen kam. Vielleicht, so dachten wir, wollte sie altersweise uns ungestümen Kleinen einfach nur eintrichtern, dass gut Ding Weile haben musste und wir einer alten Frau nachsehen sollten, wenn nicht alles ratzfatz erledigt war.
Beindrucken tat sie uns mit ihren spannenden Geschichten, die sie uns nach getaner Garten- oder Hausarbeit erzählte, während unsere Oma für uns kochte. Denen lauschten wir gerne, denn sie waren überraschend modern. Da ging es nicht um »Tischlein deck dich« oder den gestiefelten Kater, sondern um Peterchens Mondfahrt, aber etwas zeitgenössischer: Peter und die seinen hatten Raumanzüge an und erkundeten die Mondoberfläche, ja manchmal ging die Reise weiter bis zum Mars oder der Venus. Tante Else verstand es unglaublich, uns mit spannenden Details und gefahrvollen Ereignissen zu fesseln, die während einer langen Raumfahrt auftreten konnten, wobei Peterchen, Anneliese und Herr Sumsemann immer auch ulkig blieben. Wir wunderten uns schon, woher ein alter Mensch so viel vom Weltall wusste und sich für diese Thematik interessierte. Aber auf »Krieg der Sterne« angesprochen, winkte sie ab. Nein, ins Kino gehe sie seit dreißig Jahren nicht mehr und Laserschwerter oder Todessterne seien Tinnef.
Klar waren wir enttäuscht, dass sie sich in diesem Punkt so von gestern zeigte und über Jediritter nicht mitdiskutieren wollte, aber sie war halt schon um die fünfundsiebzig. Da mussten wir uns eben damit begnügen, dass sie klassische Erzählungen ein wenig aufpeppte, damit es uns nicht langweilig wurde. Deutlich erinnern tue ich mich heute noch an einen Vorfall, der sich im November 1980 zugetragen haben muss. Tante Else war wieder angereist, um meiner Oma beim Sammeln von Kastanien und Nüssen zu helfen. Die Medien überschlugen sich damals mit Berichten und Bildern von der Voyager-Mission am Saturn. Es gab spektakuläre Aufnahmen im Fernsehen zu sehen. Der war bei uns leider noch schwarz-weiß, sodass ich bereit war, mein Taschengeld in zwei Illustrierte zu stecken, die ausführlich und in Farbe von dem Rendezvous im All berichteten. Frisch gekauft brachte ich sie zu unserer Oma mit, wo an dem Tag unser Einsatz im Garten gefragt war. Wir Kinder und die beiden Alten hatten den ganzen Nachmittag im feuchten Novembernebel Kastanien gesammelt. Zur Stärkung bekamen wir hinterher in Omas Küche erst einmal heiße Schokolade. Als ich mit meiner Tasse ins Wohnzimmer schlenderte, sah ich Tante Else, wie sie in meinen Zeitschriften blätterte. Sie sprach dabei zu sich selbst und hatte mich nicht bemerkt. Ich verstand nur wenig. Es schien um die Saturnmonde zu gehen: Das da noch viel mehr seien, die die Voyager nicht entdeckt habe und die sich perfekt als Versteck eigneten. Wenn diese Mucke glaube … in dem Moment muss sie meine Anwesenheit gespürt haben und brach ab. Sie warf mir einen seltsamen Blick zu, wobei um ihre Augen ein grünliches Licht flackerte.
»Interessierst dich wohl fürs Weltall, gell?! Tolle Bilder, ach, ich wünschte, ich könnte selbst mal hinfliegen.«
»Das geht erst in zweihundert Jahren, wenn es so Raumschiffe wie die Enterprise gibt. Das erleben wir nicht mehr«, platzte es aus mir raus.
»Die Enterprise? Völlig veralteter Antrieb, die kämen nicht mal bis Wolf 359, wenn du mich fragst«, antwortete Else, während sie eher in sich hineinsprach als zu mir und auch ihre Stimme klang nicht nach Tantenstimme. Das musste ihr aufgefallen sein, denn sie fuhr bedeutend freundlicher fort: »Aber setz du dich doch. Warst heute fleißig, Bub. Dann lies mal deine Voyager-Geschichten hier!«
In den folgenden Tagen präsentierte sich Tante Else als verhuschte und schusselige alte Frau, der man kaum zutrauen mochte, alleine mit der Bahn von Düsseldorf in unsere Kleinstadt zu kommen. Nichts erinnerte mehr an die Erzählerin von coolen Weltraummissionen. Das kam mir seltsam vor, denn mir waren die Erlebnisse vom Kastaniensammeltag noch präsent und die passten so gar nicht zu dem Bild, das sie uns nun vermittelte.
Als sie abgereist war, sprach ich meine Oma mal an, woher sie Tante Else eigentlich kenne. Oma überlegte kurz und meinte dann, sie habe Else erstmalig während ihrer Evakuierung Anfang ‘45 kennengelernt, wo sie Evakuierten wie unserer Familie geholfen habe. An der Stelle schwieg meine Oma kurz beim Kartoffelpellen und schüttelte leicht ungläubig den Kopf: »Seltsam, wenn ich das so bedenke, sah Else zu der Zeit schon so aus wie heute. Schon komisch! Nur dass ich jetzt auch eine alte Frau bin.«
»Was ist denn mit Tante Elses eigener Familie«, wollte ich wissen, »darüber hat sie noch nie erzählt.«
Da wisse sie auch nicht viel, meinte Oma, »In dem Punkt hält sich Tante Else immer bedeckt und weicht aus. Sie hat sich aber damals so rührend um unsere Familie gekümmert, dass enge Bande entstanden sind. Und wenn sie über das Thema nicht sprechen möchte, sollte man sie in Ruhe lassen.«
Ehrlich gesagt war ich nach dieser Unterhaltung noch neugieriger als vorher. Ich erzählte es den anderen, aber sowohl Geschwister als auch Cousinen winkten nur ab: Ich hätte zu viel Fantasie und würde mir sonst was einbilden. Tante Else sei auf ihre Art lustig und nicht geheimnisvoll, und Mucke meine eben Mücke, wahrscheinlich sei das Düsseldorfer Dialekt.
In der Winterzeit bekam man Tante Else selten zu Gesicht. Kaum aber war der Frühling in voller Blüte und Tausende von Maiglöckchen reckten in Omas Garten ihr hübsches Hälschen am Hang der Sonne entgegen, da standen meine Oma und Tante Else schon mit hochgekrempelten Ärmeln darüber und zupften sie gnadenlos ab. Mit dem Verkauf besserte Oma ihre kümmerliche Rente auf, und Tante Else machte es offensichtlich Freude uns alle wiederzusehen. Nachdem alle Maiglöckchen gepflückt, gebündelt und zu Großhändlern auf den Wochenmarkt gebracht worden waren, hatte Tante Else wieder Zeit für ihre spannenden Geschichten. Die Kleinen freuten sich auch schon sehr auf neue Abenteuer von Sumsemann und Co. Ich hingegen hörte diesmal nur mit halbem Ohr zu, da ich in Gedanken bei der hübschen Deutschfranzösin aus der Parallelklasse war, die vor ein paar Tagen tatsächlich zugesagt hatte, mit mir ins Kino zu gehen. Insofern wurde ich erst aufmerksam, als herauskam, warum die drei tapferen Reisenden den gemeinen Holzdieb vergeblich auf dem Mond suchten, wohin ihn die Fee zur Strafe ja verbannt hatte. Der war schon längst ausgebüxt und hatte seine Beute, das Maikäferbein, in ein Schmugglerdepot auf der sonnenabgewandten Seite des Merkur gebracht. Als unsere drei Abenteurer dort eintrafen, fanden sie das Depot aber geleert vor. Vom Holzdieb keine Spur, dafür gab es aber deutliche Hinweise, dass hier in organisiertem Ausmaß Hehlerei mit Körperteilen irdischer Insekten getrieben wurde. Überall lagen Reste von Käferbeinen, Mandibeln sowie Bienenflügel verstreut herum.
»Ihr müsst wissen«, fuhr Tante Else mit erhobenem Zeigefinger fort, »dass solche Insektenteile manchen Spezies in der Galaxie als Aphrodisiakum dienen und daher heiß begehrt sind.« Ich sah den Gesichtern meiner jüngeren Verwandten an, dass sie nur Bahnhof verstanden.
»Was für Spezies sind das denn?«, fragte ich, um zu zeigen, dass wenigstens ich mitkam.
Mit einem Seufzer antworte Else: »Es handelt sich um kleine, auf zwei Beinen gehende echsenartige Wesen, die ganze Planeten abgrasen, um an solche Leckerbissen zu kommen. Ihre Heimatwelt ist unzugänglich. Daher konnte ihnen bislang nicht das Handwerk gelegt werden.«
Ich bemerkte schnippisch, dass es ja wohl auffallen würde, wenn hier überall kleine Echsenschiffe landen und Minidinosaurier herumlaufen würden.
Ja, das würde es, meinte Tante Else und fügte hinzu: »Deshalb bedienen sie sich interstellarer Diebesbanden, die sich in jede Art Kleintier, ob Säuger, Vogel oder Reptil verwandeln können.« Diese zu enttarnen und zu fangen sei schwer, weil sie sehr gerissen seien. Doch sei es dringend notwendig, ihrem Treiben Einhalt zu gebieten, schloss Tante Else ihre Erzählung an jenem Tag.« Denn sonst wird es auf der Erde in ein paar Jahrzehnten keine Maikäfer, Bienen, Libellen usw. mehr geben.«
Ich atmete auf. Für ein paar Augenblicke hatte die Art, wie Tante Else diese Geschichte erzählte, in mir den Verdacht geweckt, es handele sich nicht um ein Märchen, sondern um etwas Reales, von dem sie Hintergrundwissen besaß. Doch die Vorstellung, es könne irgendwann bei uns keine Maikäfer oder Bienen mehr geben, war dann doch starker Tobak und ein Beweis für ihre blühende Fantasie.
Insofern konnte ich mich unbeschwert auf den Kinobesuch mit Aurélie freuen, der mein ganzes Denken in den kommenden Tagen beherrschte. Leider lief das Treffen anders ab als geplant: Sie hatte zwei Freundinnen mitgebracht, die mit diebischem Vergnügen geschickt alle Ansätze torpedierten, mit der Angebeteten mal einen kleinen Dialog zu führen. Immerhin, Aurélie schloss im Anschluss ein zweites Treffen nicht grundsätzlich aus! Und so stapfte ich nach der Verabschiedung gut gelaunt den Berg zu unserer Wohngegend hoch. Vor lauter Testosteron im Körper beschloss ich nicht den Hauptweg zu nehmen, sondern einen steilen, kaum bepflasterten Nebenweg am Hang zu beschreiten.
Er war jetzt, Anfang Juni, überwuchert mit Unkraut und Sträuchern, sowohl auf der rechten Seite, wo die Gärten der Straßenhäuser endeten, als auch auf der linken, wo es nach wenigen Metern einen bewaldeten Hang hinaufging. Ich schnappte mir einen längeren Ast und begann auf das hochgewachsene Unkraut einzudreschen wie Fanfan, der Husar, auf seine Widersacher. Dutzende von Gegnern säbelte ich auf diese Weise nieder. Als ich den halben Weg zurückgelegt hatte, erspähte ich noch ganz in Kampfeslaune einen Hund weiter oberhalb des Pfades. Beim Näherkommen bemerkte ich, dass es sich um einen Fuchs handelte. Schlagartig wich das Testosteron aus mir und ich stand wie angewurzelt vor Aufregung still. Mir kamen die Gespräche der Erwachsenen in den Sinn, die seit Wochen über Tollwut bei Füchsen redeten und dass das für Menschen sehr gefährlich sei. Und dieser blöde Fuchs kam auch noch auf mich zu getrottet, statt vor mir Reißaus zu nehmen. Mit einem Schlag war ich nicht mehr Fanfan, sondern spürte meine Knie zittern.
Auf einmal blieb der Fuchs abrupt stehen und blickte wachsam in das Gebüsch auf der Hangseite. Seine Körperhaltung verriet Anspannung und Gefahr. Eine Gestalt in einem dunklen Umhang mit Kapuze brach aus dem Unterholz neben ihm hervor, verharrte am Rande des Gehwegs und blickte in Richtung Fuchs. Mich hatte die Person offenbar nicht wahrgenommen. Plötzlich und unvermittelt stieß sie eine Art große Schleimblase aus, die auf den Fuchs zuschoss und ihn im nächsten Moment völlig eingehüllt hatte. Ich wollte meinen Augen nicht trauen: Diese Flüssigkeit, oder was immer es war, denn es schien sich netzartig um den Fuchs zu wickeln und sich eigenaktiv zusammenzuziehen, war aus Höhe des Gesichtes geschossen gekommen. Das war aus meinem Blickwinkel gesehen zwar durch die Kapuze verborgen geblieben, aber genau dort musste sich bei einem Menschen der Mund befinden. Jede Art Waffe hätte aus Höhe der Hände abgefeuert werden müssen. Die Arme hatten aber im Moment des Ausstoßes am Körper heruntergehangen. So unglaublich es auch klang, die Person musste diese Ladung gespuckt haben. Aber wer konnte eine solche Menge Schleim spucken und was war das für ein fast lebendig wirkendes Zeugs? Während mein Hirn noch versuchte das Gesehene zu ordnen, gab der nun völlig eingewickelte und sich am Boden windende Fuchs ein unheimliches Kreischen von sich, das mir durch Mark und Bein fuhr. Es klang irgendwie unnatürlich. Zwar hatte ich noch nie Füchse bellen hören, aber ich spürte: Hier schrie eine Kreatur in Todesangst.
Vielleicht löste dieses Kreischen meine Lähmung, denn meine Füße begannen sich nach hinten zu bewegen, wobei sie laut über die Rollsteine schlurften. Ruckartig drehte die Gestalt ihr Gesicht in meine Richtung. Ich war aber schon dabei mich umzudrehen und den Weg zurückzurennen. Das Letzte, was ich wahrnahm, war ein grüner Schimmer unter der Kapuze – sonst war nichts zu erkennen.
Zuhause angekommen verkroch ich mich zitternd ins Bett und konnte nur noch an das soeben Erlebte denken. Der Kinobesuch mit Aurélie, um den sich tagelang meine ganze Existenz gedreht hatte, schien völlig vergessen. Am Morgen darauf gab ich mir einen Ruck und rief nach der Schule bei Oma an, um mit Tante Else zu sprechen. Die, hörte ich meine Oma klagen, sei am Morgen leider plötzlich wieder nach Düsseldorf abgereist, um einen wichtigen Arzttermin wahrzunehmen, der ihr kurzfristig angeboten worden sei.
Der Sommer nahm langsam seinen Lauf und recht bald war Aurélie wieder wichtiger als Tante Else. Aber leider nicht weniger rätselhaft, und als ich gegen Ende des Schuljahres mitbekam, dass Aurélie nun mit einem Typen aus der Obersekunda ging, waren für mich die Sommerferien ruiniert, bevor sie begonnen hatten. Missgelaunt zog ich mich von Familie und Freunden zurück, um die Niederlage alleine zu verarbeiten. Der Sommer war warm und regenarm und so streifte ich tagelang durch das Randgebiet der Stadt, um mich abzureagieren. Fand ich einen Ast, bekämpfte ich imaginäre Gegner. Dabei handelte es sich aber nicht mehr um die Schergen Richelieus oder Mazarins, sondern um Obersekundaner. Die mähte ich in jenem Sommer felderweise nieder. Meine Eltern waren froh, dass der Bub in den Sommerferien beschäftigt war – Youtube, Switchboxen, WhatsApp oder Netflix gab es ja noch nicht und all das hätte 1981 ohnehin nach Science-Fiction geklungen.
Anfang August hatte ich mich wieder etwas beruhigt und freute mich auf die Erntesaison in Omas riesigem Hanggarten. Stangen- und Brechbohnen konnten mir dabei gestohlen bleiben, auch wenn Oma stundenlang über deren korrekte Ernte lamentierte. Uns Kinder interessierten die Früchte, insbesondere die vielen Stachel- und Johannisbeeren, die jetzt in voller Reife standen.
Selbstredend war Tante Else wieder rechtzeitig angereist und packte kräftig mit an. Ich behielt sie stets im Blick und dabei fiel mir auf, dass sie ab und an verstohlen um sich blickend in dem kleineren der beiden in den Hang gemauerten Lagerräume verschwand, der für uns Kinder tabu war. Dort lagerten angeblich Unkrautvernichtungsmittel und Rattengifte, weswegen er immer verschlossen blieb, damit wir Kinder beim Spielen nicht zufällig reingerieten. Tante Else jedenfalls schien da etwas Geheimnisvolles zu treiben, denn jedes Mal, wenn sie aus dem Raum herauskam, wirkte ihr Blick ernst und nachdenklich. Brechbohnen konnten dafür kaum die Ursache gewesen sein.
Da ich der älteste und stärkste unter den Kindern war, fiel mir am letzten Arbeitstag die Aufgabe zu, nach getaner Arbeit die Ernte- und Gartengeräte einzusammeln und sie in den unteren Lagerraum zu bringen. Als ich dies erledigt hatte, eilte ich nach oben zum Haus, um mir meinen verdienten Lohn in Form von frisch gebackenem Kirschkuchen abzuholen. Und so hastete ich zwei Stufen gleichzeitig nehmend zum Haus hoch, als Tante Else aus dem Lagerraum heraustrat. Unsere Blicke trafen sich und ihrer schien zu sagen: So, Bürschlein. Ich meine, wir sollten uns mal ernsthaft unterhalten!
Wie angewurzelt verharrte ich ihr gegenüber. Schließlich seufzte Tante Else auf und sprach: »Na dann komm schon rein. Groß verheimlichen kann ich dir wohl ohnehin nichts mehr, du Schlaumeier!«
Neugierig trat ich in den Raum, der uns Kindern bisher verwehrt geblieben war. Im spärlichen Dämmerlicht des hereinbrechenden Abends konnte ich zunächst wenig Aufregendes erkennen, nur einen lang gezogenen und breiten Tisch, auf dem undefinierbare Bündel in Reih und Glied lagen. Was mochte da drin sein? Als sich meine Augen etwas an das trübe Licht gewöhnt hatten, fiel mir auf, dass es sich nicht um Plastik- oder Stoffbeutel handelte. Zudem waren die Formen recht unterschiedlich, als würde sich das Verpackungsmaterial perfekt dem Inhalt angepasst haben. Auch merkte ich, dass die Zeitungsblätter, die als Tischbezug dienten, dort, wo die Beutel lagen, feucht wirkten. Je länger ich starrte, und Tante Else gab hinter mir stehend kein Wort von sich, umso mehr konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Beutel glibberig, ich will nicht sagen lebendig, wirkten.
Ich drehte mich zu meiner Tante um und fragte mehr verblüfft als ängstlich: »Was ist das alles?«
»Oh«, meinte sie und schien eine Sekunde wirklich überrascht, »ich dachte, das hättest du erraten. Vor dem da«, und ihre Hand zeigte auf einen Sack in unmittelbarer Nähe, »habe ich dich vor ein paar Wochen beschützt, als er dich anfallen wollte.«
Der Fuchs?!? Dann war sie es also doch gewesen und ich hatte mir das nicht bloß eingebildet!! Doch was war das für ein Fangseil gewesen? Warum tat Tante Else so etwas und was ist das mit ihren Augen? Fragen über Fragen stürzten auf mich ein, heraus kam aber nur eine fast belanglose: »Aber ein Fuchs ist doch viel größer als das, was hier im Sack steckt?!
»Richtig«, gab sie mir zur Antwort, »der Fuchs war ja nur Verkleidung wie bei all den anderen, die hier liegen: Dachse, Feldhasen, Schwäne, Katzen und so weiter. Nachdem ich sie gefangen habe, reduzieren sie sich auf ihre wahre Größe zurück, wenn sie auch die Tiergestalt behalten.«
»Aber, wenn das keine Tiere sind, was sind es dann?« Und was bist du, wollte ich fragen, aber meine Stimme war schon am Ersticken.
»Na, Mucken, was denn sonst?!? Und die fängt man nur mit …« Hier brach sie den Satz bewusst ab und ließ mich ergänzen: »Geduld und Spucke.«
»Genau! Wenn man nicht dauernd von solchen naseweisen Schnüfflern wie dir gestört wird.«
»Wie kannst du bloß so viel spucken?«, fragte ich mit zitternder Stimme und hätte mich dafür ohrfeigen können, da ich spürte, dass es wesentlich wichtigere Fragen gab. Immerhin, auch wenn mir die Knie ein wenig weich geworden waren, verspürte ich neben Tante Else keine wirkliche Angst. Dafür erschrak ich mich einen Moment später fast zu Tode, als zwei der Bündel heftig zu zucken begannen. Ich muss wohl auch geschrien haben, denn Tante Else legte den Finger auf den Mund, um mich zum Schweigen zu bringen, und streichelte beruhigend mit der anderen Hand meinen Kopf.
»Sind die, sind die …?«, stotterte ich.
»Noch am Leben? Die meisten ja. Ich möchte die Mucken verhören, bevor ich sie unserer Justiz ausliefere. Aber mach dir keine Sorgen! Aus der Spucke kommen sie nicht mehr raus. Sie hält sie aber auch gleichzeitig am Leben und dient als Raumanzug.«
Ich brachte vor Aufregung keinen Ton mehr über die Lippen und starrte nur auf das Gesicht von Tante Else, das immer noch gütige Züge aufwies.
»Und um deine wichtigste Frage zu beantworten: Weder die Mucken noch ich stammen von diesem Planeten. Wir haben nur die Formen von hier angenommen: Die Mucken die von Kleintieren und ich passe mich euch Menschen an. Jetzt sag nicht, dass du das nicht schon geahnt hast?«, fügte sie verschmitzt hinzu und ihre Augen blinkten kurz in intensivem Grün auf. »Ab und an fällt meine Tarnung auf, da es nicht ganz leicht ist, meine Gestalt euren Hüllen anzupassen und dann auch noch Mucken aufzulauern.«
»Wie siehst du denn in Wirklichkeit aus?« Endlich hatte ich die Sprache wiedergefunden.
»Den Anblick möchte ich dir ersparen. Für euch Menschen sähe ich aus wie eine Mischung aus tibetischem Yak und riesiger Vogelspinne. Das würde dir nicht gefallen!«, antwortete Tante Else und hatte dabei einen Gesichtsausdruck, der mich vor weiterem Nachfragen abhielt.
»Und was ist so schlimm an Mucken?«, fragte ich stattdessen.
Jetzt huschte ein Ausdruck von Sympathie über ihr Gesicht: »Ach, ihr Kinder, was seid ihr doch für zauberhafte Wesen. Erwachsene Erdenbürger hätten längst zu einer Waffe gegriffen, die Polizei alarmiert oder wären hysterisch geworden. Kinder hingegen akzeptieren viel schneller, dass es verschiedene Realitäten gibt, und passen sich denen an. Aber um auf die Mucken zu kommen«, und hier wurde ihr Gesichtsausdruck wieder sehr ernst, »ich habe euch bei Peterchens Mondfahrt schon von ihrem schändlichen Treiben erzählt.« Ihre Hand zeigte auf die Beutel auf dem Tisch. »Das hier ist die Ausbeute dieses Jahres, eine besonders große und hartnäckige Sippe von Insektenbeinhehlern.«
»Dann waren die Geschichten also alle wahr, die du uns erzählt hast?«, fragte ich vor Verwunderung.
»Nur zum Teil. Irdische Erzählungen finde ich meist langweilig, da flicke ich dann eigene Erlebnisse mit ein. Die Mucken hier haben im letzten Jahr die Rückseite des Merkur, solange sie im Schatten lag, genutzt, um ihre Beute zu horten. Ich kam meist zu spät. Wenigstens konnte ich dem Kopf der Bande jetzt das Handwerk legen. Aber es gibt noch so viel zu tun«, seufzte Tante Else und sah auf einmal alt aus.
»Warum jagst du sie denn hier, auf unserem Planeten?«, wagte ich zu fragen, nachdem ein Schweigen eingetreten war.
Sie atmete tief durch und hob an: »Damit ihr nicht das Schicksal erlebt, das uns widerfahren ist. Unsere Heimatwelt hat zu spät darauf reagiert, sodass alle insektenartigen Wesen verschwanden und die Ökosysteme kollabierten. Nun sind große Teile unserer Welt für viele Generationen unbewohnbar geworden und die Mehrheit von uns lebt als Nomaden im Weltall. Ihr Menschen verhaltet euch wie wir damals. Ihr beschäftigt euch mit allen möglichen großartigen Zukunftsplänen und habt keine Augen für die kleinen Dinge neben euch, die ihr für selbstverständlich haltet. Das nutzen die Mucken aus und schwuppdiwupps verschwindet ein Teil eurer Fauna, bevor ihr es gemerkt habt. Und dann nehmen sie sich den nächsten Planeten mit ähnlichen Lebensräumen vor. Daher haben wir ihnen den Kampf angesagt, auch als Rache dafür, was sie uns angetan haben.« Sie hielt einen Moment inne und fuhr dann wesentlich düsterer fort: »… und weil wir uns mit den Hintermännern nicht wirklich anlegen können.«
»Du meinst diese echsenartigen Wesen, die unsere Insekten als Afro, Afro Diadingsbums benutzen?!«, platzte ich stolz, mich an die Zusammenhänge zu erinnern, heraus.
»Aphrodisiakum«, korrigierte mich Tante Else: »Nein, die armen Würmer meine ich nicht.«
»Wieso denn? Ihr seid doch sicherlich viel größer und intelligenter«, widersprach ich, nun wieder mutiger werdend. »Und außerdem sind die es doch, die auf unsere Insekten aus sind!?«
Else schüttelte den Kopf. »So einfach ist das leider alles nicht. Das hängt mit der intergalaktischen Nahrungskette zusammen. Pass auf: Die Mucken sind nur Gangster, schlau und gerissen, im Prinzip aber an der Erde nicht interessiert. Es sei denn, hier tut sich ein Rohstoff auf, für den andere Spezies bereit sind zu zahlen.«
»Unsere Käfer und Bienen und so …?«
»Richtig! Die Echsen sind aber nicht die Endabnehmer, sondern im Grunde nur die Zwischenproduzenten. Schau: Je mehr Aphrodisiakum sie bekommen, umso mehr Nachwuchs erzeugen sie. Das sind im Frühstadium nichts als Würmer, die erst später Glieder zur Fortbewegung entwickeln. Aber nur, solange sie wurmartig sind, gelten sie einer anderen Rasse als Delikatesse. Und diese verlangt immer mehr davon.«
»Dann müsst ihr die fertigmachen!«, rief ich aus.
Tante Else schüttelte den Kopf und wirkte mutlos.
»Die sind leider viel zu zahlreich und dazu noch extrem kriegerisch. Sie haben mittlerweile begriffen, dass wir die Nahrungskette zu ihrer Leib- und Magenspeise, Gach genannt, unterbrechen, und finden das gar nicht lustig. Noch kennen sie die Erde nicht, denn die Mucken möchten keine Betriebsgeheimnisse preisgeben. Aber glaube mir, wenn die Klingoten, so heißen sie, einmal von der Erde erfahren sollten, dann sind fehlende Bestäuber das geringste Problem, was dieser Planet hat.«
»Klingoten«, murmelte ich, »klingt irgendwie ulkig der Name.«
»Sind sie aber nicht«, fuhr mich Tante Else auf einmal ungewohnt heftig an. »Es ist eine aggressive Spezies, der man besser nicht begegnet!!« Sie hielt kurz inne und fügte dann deutlich milder hinzu: »Du magst vielleicht von ihr gehört haben, bei Star Trek nennt man sie Klingonen.«
»Die gibt es wirklich?«, rief ich vor Begeisterung aus. Ich war hin und weg und hatte Mucken und kollabierende Ökosysteme schon ganz vergessen. »Aber heißt das, dass es auch die Vulkanier gibt?«, wollte ich wissen.
Sehr zu meiner Überraschung prustete Tante Else vor Lachen auf. Nein, so einen Unsinn wie logisch denkende Vulkanier könne sich nur ein Hollywood-Regisseur ausdenken, meinte sie und fügte dann hinzu: »Rabauken wie die Klingoten hingegen kommen in dieser Galaxie leider viel zu häufig vor.
Aber genug für heute, dein Kirschkuchen wird kalt und von der Schlagsahne haben sie uns vermutlich nichts mehr übrig gelassen, die gierigen Hälse. Also schnell hoch, aber kein Wort zu niemandem, hast du verstanden?! Sonst entkommen mir die Mucken!!«
Ich bejahte und wollte mich schon rumdrehen, fragte dann aber: »Was ist mit Oma? Weiß sie alles?«
Tante Else überlegte kurz: »Deine Oma ist eine liebe Freundin. Sie bekommt das eine oder andere mit, ohne Fragen zu stellen. Vorsichtshalber lösche ich aber bei jeder Abreise ihr Kurzzeitgedächtnis.« Sie muss meinen Schrecken bemerkt haben, denn sie fuhr fort: »Bei dir bin ich mir noch nicht sicher, was ich tun soll. Du bist noch ein Kind und ich will dir keinen Schaden zufügen. Aber die Sache muss unter uns bleiben. Würde dir ja auch kaum jemand glauben, oder?«
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