Kitabı oku: «DAS ALIEN TANZT WALZER»

Yazı tipi:

Ellen Norten (Hrsg.)

Das Alien tanzt Walzer

Schwungvolle SF und Fantastik

aus einem heiteren Universum

AndroSF 119


Ellen Norten (Hrsg.)

DAS ALIEN TANZT WALZER

Schwungvolle SF und Fantastik

aus einem heiteren Universum


AndroSF 119


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


© dieser Ausgabe: Oktober 2020

p.machinery Michael Haitel


Titelbild & Illustrationen: Lothar Bauer

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Ellen Norten, Michael Haitel

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda


Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu


ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 213 3

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 880 7


Vorwort

Hereinspaziert und herzlich willkommen im intergalaktischen Tanzsaal zum Walzer. Die Aliens tanzen also wieder, konkret im Dreivierteltakt oder übertragen, indem sie schwungvoll ihre eher heiteren Geschäfte erledigen. Spaß und Originalität sind angesagt, wenn Stinkwanzen oder eine Riesenschnecke das Parkett betreten, wenn Außerirdische musizieren, heimlich Tanzunterricht geben oder sogar ihre Doktorarbeit über die Tanzgewohnheiten der Spezies Homo sapiens verfassen. Und bildlich gesprochen haben die Aliens allerlei Verständnisprobleme, konkret, mit Bräuchen oder mit der Missionsarbeit eines fleißigen Paters. Dann die frechen Aliens, die mit ihren Albernheiten den Weltfrieden gefährden, sich beim Pokern die Taschen füllen, sich als Gott verehren lassen oder den armen Menschen aus Versehen die Fettleibigkeit bescheren …

Und auf der Erde setzt sich der Reigen in fantastischer Weise fort. Da könnte Unsichtbarkeit zur ansteckenden Krankheit werden, steht schon der Tod vor der Tür, gefährden Unterhosen die Zukunft, wachsen uns Roboter über den Kopf, während ein Stern vom Himmel fällt. Und last, but not least erfahren wir endlich, wieso eigentlich der Donauwalzer komponiert wurde, denn auch da hatten natürlich Außerirdische ihre Finger mit im Spiel.

So tanzen die Aliens zum dritten Mal, nach Kasatschok und Polka nun in Wiener Tradition. Nicht nur die Außerirdischen sind anscheinend auf den Geschmack gekommen. Einige Autorinnen und Autoren tanzen zum wiederholten Male mit, andere sind dazugekommen und so werden Sie, liebe Leser, sowohl auf alte Bekannte als auch neue Gestalten treffen, mit denen wir anscheinend unsere Leidenschaft teilen. Tanzen Sie mit, lassen Sie sich entführen, lassen Sie zu, dass es im Weltall, aber auch auf der Erde nicht nur ernsthafte Probleme gibt und dass sich Mittel und Wege finden, diese auf witzige oder ganz ungewöhnliche Art und Weise zu lösen.

Ich wünsche Ihnen genauso viel Spaß, wie ich ihn hatte, als ich die Auswahl für diesen Band zusammenstellte und nun Bühne frei für den Dreivierteltakt.


Ellen Norten

Halle im Herbst 2020


Kai Focke: Gastropoda galactica

Professor Hoffbauer blinzelte, rieb sich die Augen und blickte erneut auf den Monitor: Das Bild hatte sich auch nach dem Kalibrieren nicht verändert. Kopfschüttelnd griff er zum Telefonhörer und ließ sich nochmals bestätigen, dass aktuell weder Soft- noch Hardwareprobleme bestünden. Die Teleskopanlagen, versicherte der diensthabende Ingenieur, funktionierten einwandfrei. Auf die vorsichtige Frage hin, weshalb der Professor erneut einen Defekt vermuten würde, brach der ansonsten für seine Höflichkeit bekannte Astronom das Gespräch brüsk ab. Sollte die Übertragung korrekt sein, war strengste Geheimhaltung geboten. Er wählte die Nummer seines Assistenten.

»Clemens? Keine Zeit für Erklärungen: Sagen Sie ihre Vorlesung ab und kommen Sie stante pede zum Observatorium!«

Nachdem Hoffbauer aufgelegt hatte, holte er zwei Gläser sowie die Sherryflasche aus dem Aktenschrank hervor und schenkte großzügig ein. Während er wartete, blieb sein Blick immer wieder an dem Monitor hängen. Er wusste nicht, was er sich nach Clemens’ Ankunft mehr wünschen sollte: Dessen Bestätigung seiner Beobachtung oder von diesem direkt in die örtliche Psychiatrie begleitet zu werden.


»Das … das ist … unmöglich!«, stotterte Clemens. Irritiert schaute er zwischen dem Monitor und dem Gesicht des Professors hin und her. »Funkinterferenzen? Eine Signalüberlappung? Russische Hacker?«

Hoffbauer schüttelte den Kopf und reichte seinem Assistenten ein Glas Sherry. Der eigentlich als Abstinenzler bekannte junge Mann leerte es in einem Zug.

»Ihre Reaktion verifiziert, dass ich nicht verrückt geworden bin. Was Sie dort sehen, habe ich ›Gastropoda galactica‹ genannt.«

»Weltraumschnecke?«, übersetzte der eines rudimentären Lateins kundige Assistent fragend.

»Korrekt! Nach meinen Schätzungen besitzt sie etwa die Größe unseres Mondes.« Hoffbauer deutete auf einen der anderen Monitore. »Sie hat vor Kurzem den Saturn hinter sich gelassen. Das planetare Ringsystem ist seitdem massiv ausgedünnt.«

»Es sieht so aus, als wären die Ringe des Saturn wie ein Salatblatt angeknabbert worden?«

»Nun ja, eine diskussionswürdige Assoziation … Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie ein derart gigantischer Organismus bei minus zweihundertsiebzig Grad Celsius, zumal ohne Sauerstoff, da draußen überhaupt existieren kann. Wie auch immer: Bei der Nahrungssuche dürfte Gastropoda galactica kaum wählerisch sein.«

»Das ist doch absurd und widerspricht allen Regeln der Natur!«, ereiferte sich Clemens und starrte ungläubig auf die einer gigantischen Weinbergschnecke ähnelnde Kreatur. »So etwas wie Podi dürfte es höchstens in Science-Fiction-Geschichten geben.«

»Leider musste ich als Wissenschaftler mehr als einmal feststellen, dass die Wege der Natur unbegreiflich, ja im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch sein können. Unglücklicherweise führt der Weg von Podi, um Ihren Diminutiv zu gebrauchen, direkt auf uns zu. Jedes Lebewesen benötigt Wasser. Da ist unser Blauer Planet – bitte sehen Sie mir das Wortspiel nach – ein gefundenes Fressen. Bei einer Entfernung von etwa eins Komma fünfundsechzig Million Kilometern und unter Zugrundelegung ihrer derzeitigen intergalaktischen … ähm … Kriechgeschwindigkeit wird sie die Erde in etwa vierzehn Monaten erreichen.«

»Was sollen wir tun?« Mit hängenden Schultern blickte Clemens zum Professor auf. »Unser Planet darf nicht als Schneckenfraß enden.«

»Wir müssen die Regierung und unsere Fachkollegen informieren. Ansonsten gilt es, vorerst Stillschweigen zu wahren, um eine Panik in der Bevölkerung zu verhindern. Panik bedeutet Chaos und Chaos ist nie hilfreich. Noch ist Podi nur mit Hochleistungsteleskopen auszumachen. Das verschafft uns hoffentlich ausreichend Zeit zum Handeln.«


Professor Hoffbauer legte Hut und Mantel an der Garderobe ab, stellte die Laptoptasche zur Seite und ließ sich in seinen Bürosessel fallen. Die Ereignisse der letzten Tage waren ebenso anstrengend wie frustrierend gewesen. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Nachdem die Regierungen sämtlicher Staaten realisiert hatten, dass sich eine Problemschnecke – wie Podi auf höchster Ebene genannt wurde – der Erde näherte, gründeten sie den »Globalrat«, um alle Ressourcen zu deren Abwehr zu bündeln. Zwar begrüßte der Professor die Bereitschaft einer uneingeschränkten Zusammenarbeit, doch gehörten dem Gremium ausschließlich Politiker und Militärs an. Den wenigen anwesenden Astronomen stand lediglich eine beratende Funktion zu. Ihre wissenschaftliche Expertise nahm das Gremium wohlwollend zur Kenntnis – um diese hinter vorgehaltener Hand zu belächeln.

Es klopfte an der Tür und Clemens trat ein.

»Guten Tag, Professor!«, grüßte der Assistent und überreichte seinem Chef eine Mappe. »Neues von Podi«, fügte er hinzu.

»Danke, Clemens.« Der Professor überflog die Meldungen.

»Podi hat in der Zwischenzeit also die Jupitermonde Ganymed, Io und Kallisto verschlungen und kriecht nun weiter auf die Erde zu«, stellte er fest und gab die Mappe mit ernster Miene zurück. »Ich hatte gehofft, dass die Neuigkeiten erfreulicher wären als das Geschwätz des Globalrats. Die Herren Militär prüfen die Möglichkeit eines gewaltigen Nuklearschlags, ausgeführt mit dem gesamten verfügbaren Atomarsenal. Unsere Politiker hingegen setzen auf Verhandlungen. Aus der Problemschnecke soll eine Lösungsschnecke werden: Wir stillen deren gigantischen Appetit mit dem Müll der Menschheit, im Gegenzug verzichtet sie darauf, unseren Planeten zu verschlingen. Das wäre eine Win-win-Situation.«

»Wie wollen die Politiker mit Podi kommunizieren? Woher wissen sie, ob ihr der Müll überhaupt schmeckt?«, hakte Clemens nach.

»Dieselben Fragen habe auch ich gestellt«, seufzte der Professor. »Man hielt mir vor, ich wolle diese exzellente Lösung schlechtreden. Um meine doch eher wenig relevanten Detailfragen würde sich eine Kommission kümmern, die auf der Arbeitsebene Unterkommissionen bilden könnte, welche dann … So ein Nonsens! Wir dürfen froh und dankbar sein, dass die Bevölkerung noch nichts von der Gefahr mitbekommen hat.«

»Das klingt alles nicht wirklich ermutigend. Haben Sie denn keine Idee, Professor?«

»Noch nicht, aber seien Sie unbesorgt, Clemens. Der menschliche Geist ist unschlagbar im Lösen von Problemen. Vor allem dann, wenn man Kreativität auf ein wissenschaftliches Fundament stellt.«

Hoffbauer schwieg und zwirbelte dabei an seinem Spitzbart. »Manchmal hilft es«, fügte er leise und nur für sich selbst hinzu, »große Probleme im Kleinen zu betrachten. Zudem sollte man als Theoretiker nie vergessen, auch mit Praktikern zu sprechen …«

Dann sprang er plötzlich mit einem Fingerschnippen auf und ging lächelnd zur Garderobe.

»Clemens!«, forderte er seinen verdutzt dreinblickenden Assistenten auf, »fahren Sie mich zum ›Grünen Winkel‹.«


Den »Grünen Winkel« umschlossen auf der einen Seite das Gewerbegebiet »Muffenrohr«, auf der anderen Seite die Ausläufer des Stadtwalds. Auf einer Fläche, die etwa zehn Fußballfeldern entsprach, befand sich neben dem Freibad eine idyllische Laubenkolonie, welche nicht unwesentlich zur Namensgebung des Winkels beigetragen hatte. Im Schein der Abendsonne saßen dort auf einer Holzbank drei Männer und blickten auf schnurgerade angelegte Blumenrabatte sowie eine mehr als akkurat geschnittene Rosenhecke.

»Ihr Besuch ist ebenso überraschend wie erfreulich«, leitete Alois Bockmann, zweiter Vorsitzender des Kleingärtnervereins Bohnenkraut e. V., das Gespräch ein. »Am Telefon sagten Sie, dass mein Rat gefragt sei. Wie kann ein pensionierter Berufsschullehrer und Pflanzenfreund ausgerechnet zwei Astronomen helfen?«

»Es geht um ein internationales Forschungsprojekt im Rahmen der Kultivierung des Planeten Mars«, begründete der Professor ihr Erscheinen mit einer Notlüge. »Neben dem Anbau von Agrarprodukten soll dort gleichzeitig der Grundstein für ein Ökosystem gelegt werden. Daher möchten wir uns bei einem Fachmann in Sachen Gartenbau über die Möglichkeiten einer effizienten und effektiven Schneckenabwehr kundig machen.«

»Das ist doch widersinnig!«, entfuhr es Bockmann. »Warum sollten diese kleinen schleimigen Biester überhaupt auf dem Mars angesiedelt werden?«

»Ihre Frage ist selbstverständlich berechtigt«, beschwichtigte Hoffbauer. »Nun, das Projekt wird … mit EU-Mitteln gefördert. Dabei müssen … forschungsseitig verschiedene ökologische Auflagen erfüllt werden …«

»Ich verstehe«, nickte Bockmann grimmig. »Da haben wieder selbst ernannte Umwelt-Dingenskirchen-Aktivisten von irgendeiner HNO – oder wie diese Chaotenorganisationen heißen – ihre Finger mit drin. Das sind dieselben Spinner, die weiland das schöne E 605 verboten haben.«

Der Professor räusperte sich. »Welche legalen Mittel haben sich denn aus Ihrer Sicht im Rahmen der Schneckenabwehr bewährt?«

»Die meisten Vereinsmitglieder verwenden handelsübliches Schneckenkorn. Wenn Sie mich fragen, ist das jedoch etwas für Ziergemüse züchtende Weichlinge. Echte Gärtner bestreuen die Viecher mit Salz und«, ergänzte er mit einem sadistischen Grinsen, »verwandeln damit das Pack in Blasen schlagende Klümpchen. Hierbei besteht allerdings die Gefahr, auch den Boden zu verunreinigen. Es empfiehlt sich daher, die Schnecken erst in einen Eimer zu werfen und dann kräftig einzusalzen.«

»Das klingt schon ein wenig barbarisch«, merkte Clemens vorsichtig an.

»Was die Landplage meinen Chrysanthemen angetan hat, das ist Barbarei! Ich persönlich trete diesen Schmarotzern am liebsten mit dem blanken Stahl in der Hand entgegen.« Zur Verwunderung der beiden Wissenschaftler zog Bockmann aus der Innentasche seines Jacketts eine blitzende Schere hervor. Er überreichte sie dem Professor wie ein Rapier: mit beiden Händen und dem Ende zuerst. Während der Professor das auf Hochglanz polierte Scheidewerkzeug kritisch beäugte und schließlich seinem Assistenten aushändigte, führte Bockmann mit vor Entzücken entrücktem Blick seinen Vortrag zu Ende. »Das, meine Herren, ist die wahre Waffe im Kampf gegen das Kriechgetier: Hier blickt der einsam seine Scholle verteidigende Schrebergärtner dem Feind beim Todesstreich direkt auf die Fühler. Ein ›Schnipp‹ hier, ein ›Schnapp‹ da und schon hauchen die geteilten Monster ihr Leben aus.« Er untermalte das Gesagte durch eine mit Zeige- und Mittelfinger unmissverständlich ausgeführte Geste. »Ich empfehle daher, Ihre Weltraumpioniere mit Scheren auszustatten. Übrigens habe ich in der Laube gerade eine vorzügliche Schneckensuppe auf dem Campingkocher. Darf ich den Herren einen Teller anbieten?«

Der Professor und sein Assistent schauten sich kurz an, woraufhin Letzterer dem selbst ernannten Ritter des Gartens unspektakulär dessen Schere in die Hand drückte. Mit einem gemurmelten »Vielen Dank«, »Haben schon gegessen« und »Einen guten Tag« verließen die Wissenschaftler fluchtartig das ihnen nun nicht mehr ganz so friedvoll erscheinende Kleingartenidyll.


Mit pochendem Herzen schreckte Hoffbauer senkrecht hoch. Laken und Bettdecke waren zerwühlt und vom Schweiß durchtränkt. »Was für ein Albtraum!«, stöhnte er und erinnerte sich:

Podi hatte die Erde erreicht und wurde sofort von der vereinigten Globalarmee mit riesigen Salzstreuerraketen unter Beschuss genommen. Erbarmungslos ergossen sich deren tödlich weiße Ladungen über die Weltraumschnecke. Podis Schmerzensschreie wurden lediglich vom hämischen Gelächter der Generäle (die allesamt Herrn Bockmanns Gesichtszüge trugen) übertönt. Dann kam er, von Clemens frenetisch bejubelt, auf einer überdimensionalen Gartenschere reitend aus der Deckung des Mondschattens hervor. Ehe er jedoch zum finalen Schnitt ansetzen konnte, fiel sein Blick auf Podis tieftraurige Fühleraugen. Dicke Tränen liefen an ihnen herab … und er war aufgewacht. Dieser Samstagmorgen schien – für Astronomen doppelt unerfreulich – unter keinem guten Stern zu stehen.

Auf dem Rückweg vom Bäcker, links die Brötchentüte und rechts den Recup-Becher in Händen, kam Hoffbauer am Bungalow von Herrn Gähringer vorbei. Sein alter Bekannter war emsig damit beschäftigt, die Rhododendren im Vorgarten zu gießen.

»Guten Morgen«, grüßte Hoffbauer und nippte am Becher. »In diesem Sommer scheint zeitiges Gießen angebracht.«

Gähringer hielt inne und kam zum Zaun. »Guten Morgen, Professor. Die Hitze ist das Eine. Etwas Anderes, worüber Sie sich als Astronom ohne Garten nicht zu sorgen brauchen, bereitet mir erheblich mehr Kopfschmerzen: Ich habe ein Schneckenproblem.«

Hoffbauer verschluckte sich an seinem Kaffee. »Verdammte Schnecken!«, japste er.

»Genau! Als Tierfreund scheue ich mich jedoch, diesen Kreaturen ein Leid anzutun. Schließlich wollen die auch nur leben und schätzen meinen Salat sehr, was man ja auch als Kompliment verstehen kann. Daher habe ich mich zum Einsatz von Bierfallen entschlossen.«

»Bierfallen?«, fragte der Professor. Seine Neugier war geweckt. »Erklären Sie mir das bitte.«

»Nun ja, ich stelle im Garten mit Bier gefüllte Untertassen auf. Die Schnecken werden daraufhin vom Malzgeruch angelockt. Sie lassen den Salat links liegen und genehmigen sich lieber, was man ihnen nicht verdenken soll, einige kräftige Schlucke vom kühlen Nass. Daraufhin kann ich die kleinen Trinker absammeln und im hohen Bogen über den Zaun auf die gegenüberliegende Kuhwiese befördern. So ein Rauswurf ist doch humaner als sie umzubringen, oder?«

Der Professor schwieg. Während er am Spitzbart zwirbelte, klebte sein Blick an einer der Untertassen. Plötzlich schnippte er mit dem Finger, drückte dem verdutzten Hobbygärtner lächelnd seine Brötchentüte in die Hand und lief winkend einem vorbeifahrenden Taxi hinterher.


Elf Monate nach dem Dialog am Gartenzaun würde das Satellitenprojekt »Sonnenspiegel« heute zum Abschluss kommen und dabei über nichts Geringeres als den Fortbestand der menschlichen Zivilisation entscheiden. Aus diesem Grund tagte der Globalrat im großen Konferenzraum des »Lagezentrums Energieerzeugung« in geheimer Sitzung. Der Konferenzraum war in Form einer Muschel errichtet worden und verfügte über stufenförmig angelegte Sitzreihen. Er glich damit einem Kinosaal, nicht zuletzt, da in gespannter Stille mehrere Hundert Augenpaare erwartungsvoll auf die noch schwarze Leinwand an dessen Stirnseite starrten.

Endlich begann die Direktübertragung vom Erdorbit. Eine gigantische Metallkonstruktion von der Größe Australiens schob sich langsam ins Bild. Sie sah einem Suppenteller äußerst ähnlich und funkelte im Sonnenlicht wie blank poliertes Tafelsilber.

Schnellen Schrittes betrat Professor Hoffbauer die Bühne, ging zum Rednerpult und grüßte die Anwesenden mit einer angedeuteten Verbeugung.

»Meine Damen und Herren, in ungefähr zwanzig Minuten wird Gastropoda galactica – genannt Podi – den Orbit erreichen.« Ein aufgeregtes Murmeln ging durch die Reihen, schwoll an und brandete schließlich gegen die Bühne.

Der Professor räusperte sich vernehmlich. Im Saal kehrte wieder Ruhe ein.

»Das offiziell als ›Sonnenspiegel‹ bezeichnete Satellitenprojekt, welches in einer beispiellosen Kraftanstrengung aller Staaten aus der Taufe gehoben wurde, wird uns nicht nur vor Podi schützen. Nein, von Beginn an verdeckte die Konstruktion durch ihre schiere Größe den Blick auf die Weltraumschnecke, sodass sie privaten Astronomen – und damit auch der Öffentlichkeit – bis heute verborgen blieb.«

Das Bekanntwerden der herankriechenden Gefahr, sinnierte Hoffbauer, hätte zu einer globalen Massenpanik mit unabsehbaren Folgen geführt. Zumindest darin waren sich alle Verantwortlichen von Anfang an einig. Die Einigkeit stellte letztlich das Gelingen des Geheimprojekts sicher. Der gemeinsame Wille, die Menschheit vor der außerirdischen Bedrohung zu retten, führte zum Ende der Kriege auf Erden sowie zur Aussöhnung aller Nationen. Nebenbei beförderte der damit einhergehende Pazifismus die von Hoffbauer entwickelte, nicht letale Schneckenabwehr. Vertreter des Militärs waren deshalb zur heutigen Sitzung nicht geladen (sie wurden auch von niemandem vermisst).

»Meine Damen und Herren«, setzte der Professor erneut an. Er strahlte Zuversicht aus, während er das auf der Leinwand dargebotene Geschehen kommentierte. »Podi hat nicht nur den Annäherungsvektor geändert, sondern auch ihre Geschwindigkeit deutlich gesteigert. Sie scheint den Lockstoff zu wittern und hält nun direkt auf den Sonnenspiegel zu.« Wie die Schnecke im luftleeren Raum riechen, geschweige denn kriechen konnte, war nach wie vor ein Mysterium.

Ebenso wie die übrigen Zuschauer folgte Hoffbauer dem dargebotenen Schauspiel. Inzwischen hatte Podi den Sonnenspiegel erreicht und dessen Energieschild durchbrochen. Ohne den Schild wäre der in die Wölbung des Spiegels eingelagerte, mehrere Millionen Hektoliter umfassende Lockstoff längst in den Weltraum abgedriftet (es hatte Monate gedauert, diesen mithilfe eines flexiblen, von schwäbischen Tüftlern erdachten Rohrsystems direkt in den Orbit zu pumpen). Podi begann, zunächst bedächtig, doch schon nach wenigen Schlucken mit wachsender Begeisterung, den Lockstoff zu schlürfen: ein im Laufe des vergangenen Jahres weltweit in Sonderschichten gebrautes Starkbier nach bayerischer Rezeptur.

Als die Schnecke mit einem aufgrund des Vakuums unhörbaren, aber deutlich zu erkennenden Rülpsen das flüssige Mahl beendet hatte, trat die zweite Phase des Satellitenprojekts – im wahrsten Sinne des Wortes – schlagartig in Kraft: Ein riesiger, wie ein Teppichklopfer geformter Schläger löste sich vom Rand des Sonnenspiegels und verpasste der sichtlich angetrunkenen Schnecke einen Hieb, der sie in Richtung Milchstraße katapultierte. Vom Alkohol betäubt schwebte Podi davon, wobei einige Beobachter einen glücklich verklärten Gesichtsausdruck wahrzunehmen glaubten. Der Rauschzustand der Schnecke hielt an, bis sie schließlich den Sichtbereich der Teleskope verlassen hatte.

Nachdem die Gefahr mithilfe der orbitalen Bierfalle gebannt war, wurden sämtliche an der Konstruktion beteiligten Wissenschaftler und Ingenieure – allen voran Professor Hoffbauer und dessen Assistent – von den Mitgliedern des Globalrats ausgiebig gefeiert. Beim Abschluss einer im Geheimen durchgeführten Ehrenreise von einem Kontinent zum anderen waren die beiden Wissenschaftler mit Orden und Auszeichnungen behängt wie eine Kuhherde beim Almabtrieb. Zudem durfte sich Hoffbauer über Forschungszuschüsse von zahlreichen Brauereien freuen, denn das zur Schneckenabwehr verwendete Starkbier erzielte – unter dem Markennamen »Podiator« – kontinuierlich steigende Absatzzahlen.


Ein Jahr später

Nach der Rückkehr von einem längeren Forschungsaufenthalt in Mittelamerika beging Professor Hoffbauer sein übliches Samstagmorgenritual, welches mit einem Einkauf in der Bäckerei Semmelmeier begann. Auf dem Nachhauseweg schlenderte er, ausgestattet mit Brötchentüte und Recup-Becher, fröhlich pfeifend am Garten von Herrn Gähringer vorbei.

»Guten Morgen!«, rief Hoffbauer über den Zaun. »Nochmals vielen Dank für Ihren Tipp mit der Bierfalle.«

Der Angesprochene grüßte ebenfalls und trat näher.

»Gern geschehen! Ich habe allerdings noch immer nicht verstanden, wie Ihnen dies als Astronom helfen konnte. Sie sind doch noch nicht einmal Hobbygärtner.«

»Naja, es hat mir einen kreativen Anstoß gegeben. Wie so eine Art Brainstorming. Sie verstehen?«

Gähringer nickte zögernd, verstand offensichtlich jedoch gar nichts. Er seufzte lediglich.

»Immerhin war es für Sie hilfreich. Ich werde die Bierfallen zukünftig nicht mehr aufstellen. Meine Freigiebigkeit scheint sich herumgesprochen zu haben: Die Anzahl der kleinen Trinker ist von Tag zu Tag größer geworden, ebenso wie die damit verbundenen Kollateralschäden. Offenbar haben meine Bierfallen sämtliche Schnecken der Nachbarschaft angelockt.«

Zufrieden ging Hoffbauer die Zwischenergebnisse der aktuellen Forschungsprojekte durch. Unter den Papieren befand sich auch ein Bericht über den Umbau der orbitalen Bierfalle. Deren zwischenzeitlich mit Reflexionsplatten besetzte Rückseite leistete nun tatsächlich als Sonnenspiegel gute Dienste.

Der Professor tippte noch ein paar Arbeitsaufträge für sein Team in den Rechner und begab sich anschließend zur Garderobe. Es war Zeit, Feierabend zu machen und sich auf das Wochenende zu freuen. Er hatte die Bürotür fast erreicht, als ein Piepton seine Aufmerksamkeit erregte. Neugierig ging er zurück. Der an das frisch installierte Spezialteleskop angeschlossene Monitor meldete eine Abweichung weit außerhalb der üblichen Parameter. Nachdem Hoffbauer die Messeinstellungen angepasst hatte, vergrößerte er den betreffenden Ausschnitt und betrachtete die hierfür verantwortliche Anomalie. Ihm stockte der Atem.

Mit zitternden Händen griff er zum Telefon und wählte die Nummer seines Assistenten.

»Gas… Gastropoda galactica«, stotterte er in den Hörer.

»Was meinen Sie?«, fragte Clemens besorgt. »Ist Podi zurückgekehrt?«

»Ja – doch … doch nicht allein: Es sind mindestens zehn Exemplare, die allesamt zielstrebig auf die Erde zugleiten.«

»Glauben Sie, dass die Schnecken sich rächen wollen, weil wir damals ihren Artgenossen unsanft aus dem Sonnensystem befördert haben?«

»Nein«, widersprach der Professor. »Ich habe soeben die Vergrößerung maximiert und kann ihre Gesichtszüge sowie deren heraushängende Zungen erkennen. Sie scheinen keineswegs verärgert oder aggressiv zu sein – vielmehr durstig.« Der Professor schluckte. »Ich werde beim Präsidenten der globalen Brauereivereinigung anrufen. Wir werden Bier brauchen … sehr viel Bier.«

Gard Spirlin: Alles Walzer

Gulp langweilte sich. Er lümmelte in seinem TriDi-Stuhl und zappte träge durch die Unterhaltungskanäle seines All-Galactic-Accounts. Sein drittes Bein hatte er über eines der anderen gelegt, sein Kammschopf hing ihm wirr über die Augen. Wenn der geneigte Leser jetzt vielleicht messerscharf mutmaßt, dass Gulp kein Erdenbürger war, dann liegt er damit natürlich sehr richtig: Der kleine Außerirdische befand sich zig Lichtjahre entfernt auf seinem Heimatplaneten Huuryak und hatte bis dato gar keine Kenntnis von unserem Blauen Planeten in einem unbedeutenden Randbezirk der Milchstraße.

Das sollte sich allerdings bald ändern. Denn wie schon erwähnt, Gulp war gerade extrem fad. Und so schaltete er, wie er es manchmal tat, auf den Discovery-Mode seiner exklusiven Satellitenanlage, der es ihm erlaubte, Sendungen von fernen Sternensystemen zu empfangen und zu decodieren. Manchmal fand er die primitiven Sendungen anderer Kulturen recht unterhaltsam. Doch auch hier: laaangweilig! Eine Seifenoper reihte sich an die andere, nur dass die Darsteller nicht drei Gliedmaßen und eine gesunde rote Gesichtsfarbe wie bei seinen heimischen Sendern, sondern fünf, sieben oder wahlweise auch gar keine Extremitäten aufwiesen, und die Kolorierungen alle Farben des sichtbaren und auch unsichtbaren Spektrums hatten.

Doch plötzlich erweckte eine Sendung seine Aufmerksamkeit: Das primitive 2-D-Bild zeigte eine rotierende Raumstation. Das war jetzt an sich nicht so ungewöhnlich, denn fast alle halbwegs intelligenten Spezies der Galaxie (und auch die weniger intelligenten) betrieben Raumfahrt. Nein, was Gulp tatsächlich ganz und gar fesselte, war die Musik, die dazu aus seinen Sphärenboxen drang: ein himmlischer Wohlklang, rund und harmonisch, und das in einem Rhythmus, der ihn in seinen Bann zog. Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei, begann er unwillkürlich mitzuzählen. Die Raumstation drehte sich dazu wie ein riesiges Rad. Welche Spezies machte eine so herrliche Musik? Er musste unbedingt mehr darüber erfahren!

Gulp speicherte schnell die Koordinaten, woher diese Sendung kam, in seinen Assistenten und sprang voll Tatendrang auf. Dort musste er hin! Zum Glück war sein Ziel nur etwa hundert Lichtjahre entfernt, quasi ein Katzensprung, wenn es auf seinem Planeten Katzen gegeben hätte. Er eilte in seinen Quantenraumer, der stets startbereit vor seiner Behausung parkte, und übertrug die Koordinaten seines Zieles in das Navigationssystem. Man muss jetzt dazu anmerken, dass Gulp erstens dank einer Erbschaft von seinen drei Eltern recht wohlhabend war und zweitens selbst noch keine Partner gefunden hatte, also über seine Zeit und Ressourcen vollkommen frei verfügen konnte. Das machte solche Spontanausflüge erst möglich.

Nur wenige Stunden Subjektivzeit später tauchte seine Sternenjacht in unmittelbarer Nähe des Zielplaneten (die Bewohner nannten ihn »Erde«, hatte er in der Galaktopedia herausgefunden) aus dem Hyperraum. Gleich nebenan in Sichtweite befand sich ein kleines Raumfahrzeug der Einheimischen in synchronem Orbit. Er scannte zwei Lebensformen darin. Kurz entschlossen beamte er sich auf das andere Raumschiff. Irgendwo musste er ja schließlich mit seiner Suche nach dieser wunderbaren Musik beginnen.

Er materialisierte in einem unglaublich unordentlichen Raum, dessen Boden von leeren Getränkebehältern geradezu übersät war. Der Geruch von Ethanol und abgestandener Buttersäure war geradezu überwältigend. Zum Glück konnte Gulp alle drei seiner Riechöffnungen mit einem Hautlappen verschließen, was er auch sofort tat. Auf einer Sitzgelegenheit lehnte ein Erdling und stierte ihn aus nur zwei Sehorganen mit trübem Blick an.

Gulp vollzog die intergalaktische Friedensgeste, die für solche Erstbegegnungen vorgeschrieben war, und aktivierte den Universaltranslator.

»Seid mir gegrüßt, werter Bewohner dieses Planeten! Ich möchte Euch höflichst bitten, mir mit einer kleinen Auskunft weiterzuhelfen, wenn Ihr so freundlich wärt?«

Der Erdling glotzte. Gulp wartete geduldig. Nach einer angemessenen Wartezeit versuchte er es erneut: »Mein Freund, ich würde nur eine ganz kleine Information von Euch benötigen, dann könnte ich weiter meiner Wege ziehen.«

Keine Reaktion. Gulp trat vorsichtig ein wenig näher und wedelte mit einer seiner oberen Extremitäten vor dem Kopf des Fremden herum. Die Reaktion war beachtlich: Der Erdling heulte plötzlich laut auf und Flüssigkeit begann aus seinen Sehorganen zu fließen.

»Schie… schie… schie ‘at mich verla-ha-ha-assen…«, schluchzte es steinerweichend aus dem Translator.

»Wie bitte? Entschuldigen Sie, ich habe leider nicht ganz verstanden!«, zeigte sich Gulp irritiert.

»Wahahahaaaa… Sie hat mich verlaaaaaaassen!«

»Das tut mir sehr leid für Sie, wenn ich auch nicht genau weiß, was Sie damit meinen. Aber könnten Sie vielleicht trotzdem…?«

»Buhuhuhuaaaa!«

Gulp begann zu ahnen, dass er hier nicht wirklich weiterkommen würde. Der Erdling schniefte und schluchzte weiter vor sich hin, schüttelte immer wieder verzweifelt den Kopf und raufte sich die darauf wirr abstehenden dichten braunen Borsten. Gerade als Gulp überlegte, sich wieder auf seinen Quantenraumer zurückzubeamen, hörte er eine andere Stimme: »Vergessen Sie's! Das geht schon so, seit wir von Ceres aufgebrochen sind.« Gulp machte eine elegante Dritteldrehung zu dem Neuankömmling, der soeben in den Raum getreten war. Er erblickte die kleinere Version eines Erdlings, der sich gelassen an die Wand lehnte. Mit einer Art Tentakel, der aus seiner Nahrungsaufnahmeöffnung kam, leckte er an einem Kegel, der im oberen Bereich aus gefrorenem Wasser mit diversen Lipiden und Aromastoffen bestand, wie Gulps Analysator sogleich in sein Sichtfeld einblendete.

»Seien Sie mir ebenfalls gegrüßt, kleinerer Erdling!«, grüßte er höflich. »Sind Sie ein Nachkomme dieses Individuums auf jener Sitzgelegenheit dort drüben? Wo sind die anderen beiden Eltern?«

Sein Gegenüber verzog seinen Mundschlitz nach oben und entblößte dabei gruselig aussehende Kauwerkzeuge.

»Nein, eigentlich ist der dort mein Sohn. Ich heiße Lennard Ryder, Professor Lennard Ryder, um genau zu sein. Sehr erfreut.« Der Kleine hielt Gulp eine seiner oberen Extremitäten entgegen und mangels Wissen, was er damit machen sollte, ließ Gulp einen Tropfen aus seinem Begattungsorgan darauf träufeln, was auf seiner Welt eine höfliche Aufforderung zum Test auf genetische Kompatibilität war. Da der andere nicht angemessen darauf reagierte, setzte Gulp einfach die Konversation fort: »Aha, Sie pflanzen sich retrograd fort, werden im Lauf Ihres Lebens immer kleiner?«

»Aber nein, mein Aussehen ist die Folge einer unabsichtlichen Verjüngungskur auf dem Mars, aber das ist eine andere Geschichte. Was kann ich für Sie tun? Mein Sohn ist, seitdem ihn seine Tussi verlassen hat – steiler Zahn übrigens – vollkommen unansprechbar.«

»Ich begreife zwar kein Wort, was Sie mir da sagen, aber ja, Sie würden mir sehr weiterhelfen, wenn Sie mir zeigen könnten, wo ich zu mehr von dieser wunderbaren Musik kommen kann?«, bat Gulp, erfreut darüber, endlich einen vernünftigen Gesprächspartner gefunden zu haben. Er holte einen kleinen Holoschirm aus seiner Tasche und spielte das Video von der sich zum Takt drehenden Raumstation ab.

»Ah ja, klar! Ich erinnere mich daran. Das war ein Film aus meiner Kindheit: 2001 – Odyssee im Weltraum! Das ist jetzt über ein Jahrhundert her. Nein, diese Musik werden Sie heute nicht mehr finden. Die war schon veraltet, als dieser Film entstand!«

Gulp ließ enttäuscht seinen Kammschopf hängen, seine gesunde rote Hautfarbe verblasste deutlich.

»Na, na, nicht traurig sein, mein Lieber! Zumindest kann ich Ihnen sagen, wer diese Musik komponiert hat und wann und wo er gelebt hat: Das war nämlich ein gewisser Johann Strauß Sohn und er lebte vor zweihundert Jahren in einer Stadt namens Wien. Hallo? Hören Sie mir überhaupt zu?«

Gulp war in eine für seine Spezies übliche Nachdenkstarre verfallen, registrierte aber dennoch jedes Wort seines Gesprächspartners. Beim vorletzten Satz des Erdlings besserte sich seine Laune wieder merkbar. Ihm war eingefallen, warum er sich damals für den (um einiges teureren) Quantenraumer anstelle einer gewöhnlichen Hyperjacht entschieden hatte: Der äußerst eloquente Verkäufer hatte ihn damals auf die Möglichkeit hingewiesen, mit dem Schiff auch Zeitsprünge machen zu können! Seinerzeit hatte er das hauptsächlich als Prestigefeature gesehen, mit dem er in seiner Clique, vor allem bei den anderen beiden Geschlechtern, angeben konnte. Aber jetzt…

»Wann und wo genau finde ich diesen Strauss?«, fragte er den jungen Erdling, der eigentlich alt war.

Lennard Ryder sagte es ihm und Gulp beamte sich auf sein Schiff zurück, nachdem er sich hastig bedankt hatte.

Vielleicht hätte ich ihm auch sagen sollen, dass die Menschen damals nicht an den Anblick von Aliens gewöhnt waren, überlegte Ryder. Ach was, er wird es schon merken…

»Komm, Sohnemann, Zeit fürs Frühstück!«, sagte er zu dem wieder in trübseliges Starren verfallenen Mann auf dem Sofa.

»Woismeinemargarita?«, nuschelte dieser in seinen Fünftagebart.

Johann Strauss junior war verzweifelt. Da saß er nun spätabends in seiner teuren neuen Wohnung in der Praterstraße vor dem besten Flügel, der für Geld zu haben war, und dieser stand stumm vor ihm, weil ihm nichts mehr einfiel! Endlich hatte er alles, was er sich für seine Karriere als Komponist erträumt hatte, und jetzt musste ihm so etwas passieren. Seine Frau Henriette, die geliebte Jetty, hatte er in ihrem Sommerhaus in Hietzing zurückgelassen, damit er in Ruhe arbeiten konnte, aber jetzt lagen schon mehrere Flaschen Weißwein kreuz und quer am Boden neben dem Klavier, die der Künstler aus Verzweiflung und auf der Suche nach Inspiration geleert hatte. Er löschte das Licht, stand mühsam auf und wankte zum Fenster, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Gerade als er dieses öffnen wollte, hörte er ein deutliches Plopp hinter seinem Rücken, gefolgt vom Scheppern von Glas und einem Plumpsgeräusch, als ob ein nasser Sack Hafer zu Boden gefallen wäre. Er drehte sich um.

Im Schein der von der Straße herein leuchtenden modernen Gaslaternen vermeinte er, Folgendes zu sehen: Einen unförmigen Körper mit roter Haut, der versuchte, zwischen den umherrollenden Flaschen, über die er gestolpert war, wieder auf seine drei Beine zu kommen. Da er dabei auch drei Arme zur Verfügung hatte, klappte das eigentlich recht gut, fand Strauss. Er fragte sich weiters, ob er vielleicht heute außer am Wein auch noch ein wenig an der Absinthflasche genuckelt haben könnte, und musste sich eingestehen, dass er sich selbst darüber nicht schlüssig Auskunft geben konnte. Also zuckte er die Schultern und fragte seinen unverhofften Gast: »Woll'n S' vielleicht a Achterl?«

Man sollte dazu vielleicht anmerken, dass die Wiener erstens, wenn Sie nicht gerade grantig sind, eigentlich ein sehr gastliches Volk sind, und zweitens, dass sie eine Gelegenheit zum Trinken sowieso nie auslassen. Und in dieser Hinsicht war Johann Strauss junior definitiv keine Ausnahme. Gulp hingegen nahm einmal mehr den Geruch von Ethanol aus den Getränkebehältern wahr, über die er gestolpert war, und fragte sich daher nicht ganz zu Unrecht, ob dieser energiereiche Stoff auf der Erde vielleicht ein Grundnahrungsmittel sein könnte. Er sah sich einem leicht schwankenden Einheimischen gegenüber, der ihm nun ein mit der besagten Flüssigkeit gefülltes Glas entgegenhielt. Er hatte nicht nur auf dem Kopf dunkle haarige Borsten, sondern seltsamerweise in Form einer riesigen Bürste auch über seinem Mundschlitz. Wahrscheinlich dient diese Vorrichtung zum Reinigen der Nahrung, mutmaßte er.

»Gulp mein Name, verehrter Erdling. Sind Sie vielleicht Strauss, der Kleinere?«

»Johann Strauss, der Jüngere, meine Verehrung, der Herr, aber sag’n S’ ruhig Schani zu mir! Zu Ihren geschätzten Diensten.«

Gulp nahm das ihm dargebotene Glas vorsichtig entgegen und bedankte sich höflich. Der Musiker behielt gleich die ganze Flasche in der Hand und nahm sicherheitshalber einen langen durstigen Schluck daraus, bevor er fragte: »Womit kann ich Euer Gnaden dienen?«

»Ich habe Ihre wunderbare Musik gehört und würde gerne mehr davon haben. Können Sie mir vielleicht einen Datenträger davon verkaufen?«

Johann Strauß runzelte verwirrt die Stirn. Dass dies ein potenzieller Kunde sein könnte, schien ihm sicher, aber was redete der da?

»Wenn S’ Noten von mir kaufen wollen, dann können S’ in jede Musikalienhandlung in Wien gehen. Ansonsten empfehle ich Ihnen an Konzertbesuch. Am nächsten Sonntag spiel’ i im Casino Dommayer in Hietzing, wenn’s beliebt.«

»Nein, ich meine, eine Tonaufzeichnung, so wie diese hier«, sagte Gulp und spielte einmal mehr das Video auf seinem Holoschirm ab.

Die Wirkung auf den Erdling war verblüffend! Er machte vor Schreck einen Satz nach hinten, stolperte dabei und fiel auf denjenigen Körperteil, den diese Spezies normalerweise zum Sitzen benützte.

»Was haben S’ denn da? An Orchestra in der Tasch’n? ‘S is a Mirakel!«, stieß er atemlos hervor. Doch dann gewann die musikalische Neugier die Oberhand und er lauschte mit steigendem Interesse den Klängen.

»Wer ist denn der Maestro, der das komponiert haben mag?«, fragte er ehrfürchtig, als die letzten Töne verklungen waren. Gulp stutzte. War das doch nicht der richtige Erdling?

»Das waren doch Sie!«, stellte er trocken fest. Sehr trocken, denn an dem dargebotenen Glas hatte er wohlweislich nicht einmal genippt. Dann sah er auf das Display eines kleinen Geräts, das einer Fernbedienung nicht unähnlich war.

»Oh, Mist!«, meinte er dann zerknirscht. »Verzeihung, mein Herr, ich muss mich korrigieren. Ich meinte natürlich: Das werden Sie sein!«

»Wie meinen, Euer Gnaden?« Johann Strauss junior befand sich natürlich geistig äußerst fest verankert im Spätsommer des Jahres 1866 und war daher mit den Fallstricken von Zeitparadoxa eher wenig bis gar nicht vertraut.

»Nicht so wichtig!«, sagte Gulp hastig. »Leider ist meine Zeit begrenzt und ich muss jetzt gehen. Nächsten Sonntag in Hietzing, sagten Sie? Ich werde dort sein, leben Sie wohl!«

Mit einem Plopp verschwand er genauso schnell, wie er erschienen war.

»Aber dann zieh’n S’ sich was G’scheiteres an, in so an roten Anzug kann man do ned auf die Straß’ gehen, oder?«, zeigte sich der Musiker noch mild entrüstet. Doch nun beschäftigte ihn bereits ein ganz anderer Gedankengang und er setzte sich eifrig ans Klavier. Wie war die Melodie doch gleich gegangen? Er summte ein wenig im Dreivierteltakt vor sich hin. Dann griff er beherzt in die Tasten seines Flügels.

Gulp blieb noch länger in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Nachdem er ein paar sehr unerquickliche Erlebnisse mit fürchterlich erschreckten Einheimischen gehabt hatte, bestellte er sich bei Allmazon eine Holotarnung, die es ihm erlaubte, wie ein ganz normaler Bewohner von Wien durch die Stadt zu flanieren. Auch besuchte er solcherart verkleidet oft Tanzveranstaltungen, vorzugsweise, wenn Meister Strauss ein Konzert gab. Dass er dort als Walzertänzer bei der Damenwahl äußerst beliebt war, lag möglicherweise auch daran, dass er sein drittes Bein unter der Tarnung in seiner Körpermitte aufgerollt und verstaut hatte, was bei engeren Tanzschritten zu unglaublichen Verzückungen seiner Tanzpartnerinnen führte. Er selbst fand ja, dass drei Beine für den Walzer weitaus besser geeignet wären als nur zwei, aber in dieser Hinsicht hielt er sich brav an die Konventionen seines Gastplaneten. Gulps Lieblingsmusik war und blieb jedoch der »Donauwalzer«, wenn auch noch viel Wasser ebendiesen Fluss hinabfließen würde, ehe sich zu dessen luftig-leichten Klängen in einem Science-Fiction-Film das riesige Rad einer Raumstation drehte.

Stephanie Lammers: Die Gabe

Dass die Kollegen aus Johannas Abteilung es auch in diesem Jahr versäumt hatten für ein Geburtstagsgeschenk zu sammeln, tat weh.

Ach ja, richtig!

Sorry, total vergessen.

Der Stress, du weißt schon.

Johanna zwang sich zu einem Lächeln und reichte die Tupperdose mit selbst gebackenen Muffins herum. Der Schmerz, der ihr seit Tagen den Magen zusammenknüllte, hatte andere Gründe.

Einer dieser Gründe verließ soeben das Kunden-WC. Er verharrte einen Augenblick, die Hand noch auf der Klinke, schwebte dann quer durch die halbe Belletristik und blieb schließlich vor dem Regal H bis I stehen: ein Mann um die vierzig, Anzugträger, mit dezentem Schlips. Typ: Geschäftsreisender – nur dass seine glänzenden schwarzen Schuhe den Boden nicht berührten.

Johanna fröstelte, trotz der viel zu warmen Heizungsluft.

»Also, ehrlich, die Kundentoilette ist der reinste Bahnhof«, verkündete Henning, der zwar Johannas Blick gefolgt war, aber offenbar nichts Ungewöhnliches bemerkt hatte. Jedenfalls pulte er ungerührt einen Schokomuffin aus seiner Papiermanschette und biss hinein. »Die Leute kommen einfach so von der Straße reinspaziert. Und das nur, um die paar Cent für die Klofrau zu sparen.«

Demnach war Henning entgangen, dass der Kunde die Kundentoilette zwar verlassen, sie aber zuvor nicht betreten hatte.

Die Tür befand sich genau in Johannas Blickfeld. Niemand konnte das WC aufsuchen, ohne an Johannas Verkaufstresen vorbeizugehen. Der schwebende Mann war ihr ganz gewiss nicht unter die Augen gekommen.

»Schon gesehen? Das Überwachungssystem ist mal wieder im Eimer«, schimpfte Doris dazwischen und hämmerte auf der Tastatur des Bestell-PCs herum, so als könnte größerer Nachdruck die Kamerabilder zurückbringen. Der viergeteilte Flachbildschirm revanchierte sich mit Elektroschnee.

»Als wäre das hier eine öffentliche Toilette.« Henning hielt hartnäckig an seinem Thema fest. Eigentlich hatte er als Sortimenter der Reisebuchabteilung in diesem Teil des Ladens nichts verloren, aber er nutzte jede Gelegenheit, sich unter die »drei Damen von der Belletristik« zu mischen und mit Johannas Kolleginnen Doris und Edwina zu flirten. »Also, echt! Können die Leute nicht wenigstens nebenan bei MacDoof gehen?«

»Also« war eines seiner Lieblingsworte.

»Vielleicht mögen sie Bücher?«, murmelte Johanna, ohne die Augen von dem schwebenden Kunden zu wenden. Der Mann, wenn es denn ein Mann war – Johanna war da nicht sicher –, hatte langsam den Arm ausgestreckt und mit spitzen Fingern ein dickes Taschenbuch aus dem Regal gezogen. Nun drehte und wendete er es in seiner Hand, als hätte er noch nie zuvor ein Buch gesehen. Schließlich schlug er das Buch irgendwo in der Mitte auf, betrachtete die bedruckten Seiten, klappte das Buch wieder zu, und wieder auf, und wieder zu. Anschließend strich er mit den Fingerspitzen über die Rückseite, als sei der Klappentext in Blindenschrift verfasst. Zuletzt stellte er das Buch wieder an seinen Platz, nur um sich das Nächste zu greifen, streng nach Alphabet.

»Guck dir den an«, sagte Henning und wies mit dem Kinn auf den Mann, der gerade ein paar Zentimeter höher schwebte, um einen historischen Roman in seine Lücke zurückzustellen. »Also, der Typ kauft bestimmt nichts. Jede Wette.«

»Die Wette halten wir«, warf Doris rasch ein, »nicht wahr, Johanna?«

Johanna hätte sie dafür am liebsten zum Mond geschossen.

»Genau. Klingt nach einem Fall für unser Verkaufswunder«, sagte Edwina kauend und krümelnd, und nicht ohne Biss. »Unsere Johanna findet für jeden Kunden das richtige Buch. Garantiert.«

»Unsere Johanna« gab keine Antwort. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Von wegen Verkaufswunder. Das war einmal. Das war, bevor die Kunden anfingen, durch den Laden zu schweben.

»Los, zeig’s ihm, Johanna«, drängelte Edwina.

Johanna schüttelte den Kopf. Hatten Doris und Edwina nichts Besseres zu tun als diese dumme Wette?

Drüben in der Reisebuchabteilung wanderten schon zwei normale Kunden in einem unregelmäßigen Orbit um Hennings Bestellcomputer. Trotzdem machte Henning keine Anstalten, wieder an seine Arbeit zu gehen.

»Na los, Johanna, nun zier dich doch nicht so.« Edwina verzog den Mund zu einem Schmollen. »Komm schon. Die Ehre der Abteilung steht auf dem Spiel.«

Die Ehre der Abteilung war Johanna egal, jedenfalls im Augenblick. Auch der übliche Wetteinsatz von einer Runde Latte macchiato von nebenan war kein Anreiz. Aber tief in ihrem Inneren war Johanna überzeugt, dass gewisse Menschen und Bücher füreinander bestimmt waren. Johanna stellte sich oft vor, dass Schriftsteller beim Verfassen ihrer Werke eine ganz besondere Sorte Leser vor Augen hatten, bewusst oder unbewusst. Die Aufgabe des Buchhändlers war es, dafür zu sorgen, dass all die vielen Bücher ihren Bestimmungsort auch erreichten.

Bis vor ein paar Tagen noch war Johanna diese Aufgabe leichtgefallen. Doris behauptete immer, Johanna habe eine Art magische Gabe: Sie könne jedem Kunden seinen Bücherwunsch an der Nase ablesen. Das war natürlich Quatsch. Na gut, es kam gelegentlich vor, dass Johanna einem Kunden auf den ersten Blick ansah, welches Buch zu ihm passte, doch in den meisten Fällen kam sie erst im Verlauf eines kurzen Verkaufsgesprächs dahinter.

Seitdem die Kundentoilette jedoch angefangen hatte Kunden auszuspucken, die zwei bis drei Zentimeter über dem Fußboden dahinglitten, fühlte sich Johanna von ihrer Gabe im Stich gelassen. Auch wenn sie jetzt zu dem schwebenden Mann hinüberblickte, regte sich in Johanna gar nichts – abgesehen von der nagenden Angst, den Verstand zu verlieren.

In fast allen Büchern, die sie gelesen hatte, musste sich der Held am Ende seinen Ängsten stellen. Vorhersehbar, wie Johanna fand, Schema F, aber irgendwie auch tröstlich. Natürlich war sie keine Heldin, und Literatur hatte die Wirklichkeit nachzuahmen, nicht umgekehrt, und … und all diese Überlegungen führten zu rein gar nichts. Sie war Buchhändlerin. Buchhändlerinnen verkaufen Bücher, Punkt. Meinetwegen auch an den Grafen Dracula, wenn der in den Laden kam. Ein Kunde war ein Kunde war ein Kunde, oder so.

Johanna nahm einen tiefen Atemzug, zupfte ihren Pullover zurecht und setzte ein Lächeln auf, auch wenn ihr gerade nicht danach zumute war. Den Blick fest auf ihr Ziel gerichtet nahm sie Kurs auf das Regal H bis I. Schritt für Schritt.

Ein zimtiger Geruch stieg ihr in die Nase, und die Luft knisterte wie ein Polyesterpullover.

Der Mann hatte ihr den Rücken zugewandt. Er trug einen schiefergrauen Mantel, darunter Hosen in etwas hellerem Grau, gute Qualität. Nicht so flott wie ein Banker, aber auch nicht so fad wie die Sachbearbeiter des nahe gelegenen Finanzamtes. Schicke Schuhe, dachte Johanna, nervös. Oberflächlich gesehen.

Wenn sie nämlich genau hinschaute, kräuselten sich die Schuhe, die Hose, der Mantel und die blonden Haare des Mannes, wie eine Teichoberfläche, wenn Wind sacht darüberstreicht. Darunter blitzte etwas anderes auf. Nur kurz. Kaum zu sehen, schon wieder weg, unter der Oberfläche verborgen: Da waren weder Schuhe noch Füße, sondern, nun ja, etwas Glänzendes, das sich ringelte und wand wie ein Knäuel Regenwürmer.

Johanna nahm allen Mut zusammen, froh, dass der Mann nicht hören konnte, wie ihr Herz raste. »Verzeihung, kann ich Ihnen behilflich sein?«

Der Mann zuckte zusammen.

Das Taschenbuch, in dem er geblättert hatte, landete mit einem satten Plumps auf dem Teppichboden.

»Oh, verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken.« Johanna bückte sich und hob das Buch auf. Sie strich die zerknickte Titelseite glatt und blickte auf.

Fahlgraue, ungewöhnlich flache Augen starrten zurück. Reglos wie auf einer schlechten Fotografie.

Der Mann streckte langsam die Hand nach dem Buch aus. Die Nägel waren kurz geschnitten. Eine protzige Armbanduhr prangte an seinem Handgelenk. Seltsam, was für Details einem manchmal so auffielen. Und unter dem Offensichtlichen, dem Alltäglichen ein Wimmeln und Wuseln, wie von Tintenfischarmen …

Johanna reichte ihm das Buch. Den Instinkt, der ihr riet, sich umzudrehen und schreiend davonzulaufen, rempelte und schubste sie in die hinterste Ecke. Für Hysterie war auch später noch Zeit.

Der Mann verneigte sich. »Ich danke Ihnen.« Seine Stimme war schlüpfrig und nur fast menschlich, und Johanna fiel auf, dass Worte und Lippenbewegungen nicht zusammenpassten, wie bei einem schlecht synchronisierten Film.

Sie schluckte. Entweder sie hatte eine Art Kurzschluss im Gehirn und sah lauter Dinge, die nicht da waren, oder aber das Gewimmel war echt, und die menschliche Gestalt nur eine Art Tarnung. Dann allerdings war die Tarnvorrichtung, die fremdartige Bewegungen und Sprache in menschliche Ausdrucksformen übersetzte, irgendwie kaputt.

»All das«, fuhr der Mann fort und wies auf die Regale voll Bücher, »all das ist passiert, ja?«

»Was in den Büchern steht? Nein, nicht unbedingt. Was darin passiert, ist meistens erfunden, aber nicht das, worum es geht«, sagte Johanna. Ihr Herzschlag beruhigte sich ein wenig. Bei solchen Gesprächen befand sie sich auf vertrautem Terrain.

Der Mann legte den Kopf schief. Seine Stirn furchte sich. Menschliche Mimik. Ziemlich gut gelungen.

Johanna lächelte. »Gute Geschichten lügen, um die Wahrheit zu sagen.«

»Oh.« Die fahlgrauen Augen zuckten und flimmerten, aber Johanna erschienen sie jetzt nicht mehr ganz so flach. »Gibt es viele solcher ›Geschichten‹?«, fragte er und wackelte heftig mit den Fingern, so als wollte er nach etwas greifen.

»Sehr viele.« Johanna wies auf die Tische mit den Neuheiten. »Und es werden ständig neue geschrieben.«

Unzählige Fragen lagen ihr auf der Zunge: Wo kam er her? War er wirklich ein »er«? Wie viele seiner »Landsleute« gab es noch auf der Erde? Waren sie Touristen oder nur auf der Durchreise? Was war mit der Kundentoilette? Lag es an ihm, dass das Überwachungssystem ausgefallen war? Gab es dort, wo er herkam, auch Bücher – und was für welche? Hatte er überhaupt Geld, um zu bezahlen? Wie kam es, dass er menschliche Schrift lesen konnte? Und wie sahen Menschen in seinen Augen aus? Was sie ihn tatsächlich fragte, war: »Darf ich Ihnen vielleicht ein Buch empfehlen?«

»Das würden Sie tun?« Sein Gesicht hellte sich auf.

»Dazu bin ich da«, sagte Johanna.

Was sollte sie empfehlen? Ulysses? Einen Augenblick lang blitzte das Bild einer riesigen galaktischen Zivilisation vor ihrem inneren Auge auf: Milliarden von tentakelbewehrten Wesen, die gleichzeitig mit der Menschheit den Bloomsday begingen. Oder vielleicht doch eher Shakespeares gesammelte Werke? Sein oder nicht sein unter fernen Himmeln mit grünen Sonnen? Goethes Faust? Harry Potter?

Nachdenklich legte sie die Stirn kraus. Denk nach, sagte sie sich. Bücher sind wie Botschafter. Welchen Botschafter wirst du zu den Sternen schicken? Die Antwort stieg wie selbstverständlich in ihr auf. Natürlich!

Beschwingt schritt Johanna voran. Der Kunde schwebte dicht hinter ihr her. Beim Buchstaben S blieb sie stehen und griff ins Regal. »Man liest sie von vorne bis hinten«, erklärte sie, als sie ihm das Buch reichte. »Das hier ist ein Klassiker. Schauen Sie einfach mal, ob Ihnen das gefällt.«

Johanna verlor die Wette ihrer Kolleginnen. Der schwebende Mann kaufte das Buch nicht. Vielleicht hatte er keine Euros in der Tasche. Aber darum ging es Johanna ja auch nicht. Als sie zum Feierabend hinter den letzten Kunden den Laden abschloss, schwebte er immer noch dort, völlig in das Buch vertieft.

»Verzeihen Sie, wir schließen jetzt.«

Er hob den Kopf, langsam, als koste es ihn große Anstrengung, sich loszureißen. Mit einem letzten bedauernden Blick klappte er das Buch zu und hielt es ihr entgegen.

»Behalten Sie es ruhig.« Johanna lächelte.

Immer noch lächelnd zahlte Johanna den Kaufpreis in die Kasse und sah zu, wie der Mann zurück zur Kundentoilette schwebte, Gullivers Reisen wie einen Schatz unter einen Tentakel geklemmt.

Regine Bott: Der achte Kontinent

»Dein Koffer geht nicht zu!« Ich saß auf dem Gepäckstück, das Markus auf seine Seite unseres französischen Bettes gelegt hatte, und hüpfte auf und ab wie ein Gummiball. »Wie viele dieser langen, unansehnlichen, antiken Unterhosen hast du denn eingepackt? Dir ist schon klar, dass im gesamten Village angenehme Temperaturen herrschen? Und dass wir hier das Meiste zurücklassen müssen?« Das Kofferschloss schnappte endlich ein, und ich seufzte auf. »Warst du überhaupt anwesend, als wir unterschrieben haben? Geistig, meine ich? Oder hast du schon wieder alles vergessen?«

Markus, der schon im Flur stand und versuchte, seine Zahnbürste im prall gefüllten Kulturbeutel unterzubringen, zerrte ungeduldig am Reißverschluss der Waschtasche. »Ich hab’ verdammt wenig dabei!«, brüllte er über die Schulter in Richtung Schlafzimmer. »Wegen der Wakata!«

Ich stand auf, warf einen nostalgischen Blick auf das Bett, in dem wir die letzten Jahre neben- und aufeinandergelegen hatten, riss mich zusammen und ging aus dem Zimmer. »Wegen der was?«

»Der Wakata. Die gibt es doch jetzt endlich regulär im Handel. Wurde auch wirklich Zeit. Die Menschheit hat eine Ewigkeit auf diese Bereicherung warten müssen.« Der Verschluss riss und der Inhalt des Toilettenbeutels ergoss sich auf den Boden. »Verdammt!«, schrie er.

»Welche Wakata?« Ich hielt ihm seine Zahnbürste vor die Nase.

»Na – die Unterhose, die man nicht wechseln muss. Benannt nach dem Taikonauten, der sie vor fast einem halben Jahrhundert getestet hat. Hast du noch einen Ersatzkulturbeutel? Dieser ist …«

»Nein, habe ich nicht«, entgegnete ich und ging erneut in die Knie, um etliche herausgefallene Medikamentendöschen einzusammeln. »Sag mal, wozu brauchst du die Tabletten? Ad Astra. Gegen Raumkrankheit. Hast du Schiss? Sei nicht albern. Thorsten war schon dreimal geschäftlich oben und ihm ist kein einziges Mal übel geworden. Du selbst hast den Hausarztcheck und den Eignungstest erfolgreich hinter dich gebracht, sonst dürften wir gar nicht reisen. Was zum Henker ist los mit dir?«

»Thorsten ist Pilot! Ich hingegen konnte noch nie im Schwebebus gegen die Fahrtrichtung sitzen und jetzt muss ich mit Raketen unter meinem Arsch zum Lunar-Village fliegen!«

Ich schmiss das Döschen zurück in die Tasche. »Zu unserem neuen Zuhause. Zu unserem eigenen luxuriösen Apartment. Zu einem neuen Leben. Für einen Panikanfall ist es ehrlich gesagt ein wenig zu spät.«

»Dafür ist es nie zu spät. Nein, ja, vielleicht – Scheiße, keine Ahnung.« Er hielt den Kulturbeutel in der Hand, als ob er ihn erwürgen wolle.

Markus. Unentschlossen, launisch, abwägend. Zögerlich. Also alles wie immer. Aber man bekommt ja stets die ganze Medaille und lernt mit der Zeit, auch mit deren anderer Seite zu leben.

»Ist mir ehrlich gesagt Jacke wie sonst was«, sagte ich, weil ich wusste, dass argumentieren nichts bringt. Wir hatten uns entschlossen, den Blauen Planeten zu verlassen, neue Jobs angenommen und das Kapitel Erde geschlossen. »Was mir allerdings nicht egal ist, ist das Ding mit dieser Unterhose. Habe ich dich korrekt verstanden? Eine – für … dein ganzes restliches Leben? Und die hast du jetzt an? Tickst du noch richtig?«

»Koichi Wakata hat 2009 seine Unterhose in der ISS einen Monat lang nicht gewechselt, und sie hat keineswegs gestunken«, entgegnete Markus nicht ohne Stolz ob dieser Lektion in Allgemeinbildung. »Und wenn alle Stricke reißen, kann ich mir ja noch eine kaufen.«

»Eine weitere. Welch Weitblick«, spottete ich. »Soweit mir mein Geschichtsunterricht in Erinnerung geblieben ist, bindet diese Taikonauten-Windel die Gerüche nur.« Meine Augenbrauen fuhren angewidert nach oben. »Es ist also nicht der Fall, dass erst gar keine entstehen würden. Man riecht sie eben nur nicht. Außerdem will mir nicht einleuchten, warum du ein historisches Experiment wiederholen willst!«

»Ist doch interessant.«

»Es ist ekelhaft.«

»Ich will das ausprobieren.«

»Es ist ekelhaft und albern«, wiederholte ich. »Ich möchte mein restliches Leben nicht mit einem Mann verbringen, der zum Himmel stinkt!«

»Haha. Toller Flachwitz. Wer ist jetzt albern?«

»Sehr geehrte Fluggäste! Galactic Explorer heißt Sie an Bord der Wernher von Braun herzlich willkommen! Dieser Jungfernflug und alle, die an ihm teilnehmen, werden in die Geschichtsbücher und …«

Die vor Begeisterung schier überschnappende Stimme des schlanken Flugbegleiters ging im allgemein zustimmenden Gemurmel der aufgeregten Passagiere unter. Markus hatte sich auf seinem Platz am Fenster niedergelassen, stand aber gleich danach mit den Worten »lieber umgekehrt, zu viel Aussicht« wieder auf, um mit mir zu tauschen. Nach nur wenigen Sekunden behagte ihm mein Sitz indes ebenso wenig, weswegen wir schließlich mit einem älteren Paar in der benachbarten Reihe wechselten, die das wilde Herumfuchteln und die nervösen Stirnfalten von Markus schnell korrekt interpretierten. Mit einem mitleidigen Lächeln flüsterte mir die elegante Dame zu, »den Stress halten nur wenige aus«, während sie sich an mir vorbeischob.

»Wir hätten das Flugtraining ein weiteres Mal absolvieren sollen«, murmelte Markus, nachdem er sich vorsichtig nach links und rechts gewandt hatte, als müsse er seine Umgebung aufmerksam nach weiteren Störfaktoren sondieren.

Ich schnaufte tief durch und riet ihm, das Gleiche zu tun. »Jetzt beruhige dich. Das ist alles Pillepalle. Dank der künstlichen Schwerkraft gibt es keine Orientierungslosigkeit, keine Nebenwirkungen – man hat uns das doch alles ausführlich erklärt. Oder hast du wieder mal nicht zugehört? Ich verspreche dir, du wirst nicht kotzen müssen. Es ist wie im Flugzeug.«

»Ich hab’ vorhin auch noch vorsorglich ein paar Ad-Astra-Pillchen geschluckt.«

»Wie viel?« Meine Besorgnis war echt.

»Keine Ahnung. Vier, fünf …«

»Grundgütiger!« Ich starrte verzweifelt an die Kabinendecke.

»Drinks für Sie beide?« Eine ebenso schlanke Kollegin des Raumflugbegleiters beugte sich in die Sitzreihe und bedachte uns mit einem entwaffnenden Lächeln.

»Nein, danke«, murmelte Markus, und noch bevor ich auch nur den Mund aufmachen konnte, um mir einen Gin Tonic zu bestellen, fügte er laut hinzu: »Ich trage die Wakata-Unterhose!«

Peinlich berührt stellte ich fest, dass für einen kurzen Moment die Gesichtszüge der Stewardess entgleisten. Binnen Sekunden jedoch hatte sie sich wieder gefangen und antwortete mit zuckersüßer Stimme: »Gratuliere!« Hüftschwingend setzte sie ihren Weg durch den schmalen Gang fort.

»Habe ich mich eben verhört?«, zischte ich.

Alkohol musste ich mir, komme was wolle, unbedingt noch besorgen.

»Mist, ich könnte einen Whiskey gebrauchen«, grummelte Markus einige Minuten später und sprach dabei mehr zu sich selbst. »Jetzt ist sie weg.«

»Um Himmels willen, Markus. Sie fragt uns höflich nach einem Drink und du erzählst ihr von deiner Unterhose?«, raunte ich ihm zu und sah mich verstohlen um. »Und du brauchst jetzt einen Whiskey? Ich brauche einen doppelten, glaub mir!«

»Wo ist dein Problem?« Markus sprang plötzlich auf und hakte herausfordernd die Daumen in den Jeansgürtel. »Meine Herrschaften! Werte Passagiere! Ich trage eine brandneue Wakata-Unterhose! Hier und jetzt!«, brüllte er in das Gemurmel der Mitreisenden, das daraufhin schlagartig verstummte. »Sonst noch jemand?«

Ein Kind kicherte und erntete von seiner Mutter einen vorwurfsvollen Blick.

»Bist du jetzt völlig bescheuert?«, fauchte ich, spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss und zerrte ihn wieder auf den Sitz zurück. »Alles gut«, lächelte ich nervös in die Reihen. »Es sind die Medikamente.«

»Ich glaube, mir geht’s momentan nicht so …«, nuschelte Markus.

»Das ist das Ad Astra! Du hast zu viel davon geschluckt.«

»Wir sind noch nicht mal oben und ich muss gleich …« Er hielt sich geziert die Hand vor den Mund. »Doch nicht.« Er lachte meckernd. »Glück gehabt!«

Markus. Eine Katastrophe. Meine Katastrophe. Ich konnte nur hoffen, dass die Pillen ihn so müde machten, dass er schnell einnickte. Besorgt warf ich ihm einen kurzen Blick zu. Er lächelte gequält.

Plötzlich aktivierten sich die Displays auf den Kopfstützen vor uns und eine attraktive Blondine blitzte mich mit strahlend weißen Zähnen an. »Galactic Explorer begrüßt Sie ganz herzlich an Bord der Wernher von Braun! Willkommen zum Aufbruch in eine neue Ära! Bevor wir unserem Blauen Planeten den Rücken kehren und in Dimensionen aufbrechen«, sie kicherte leise, »die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat … Nein, ich scherze natürlich – aber Sie werden die ersten Eigentümer sein, die die neuen Habitate betreten werden! Bevor wir uns also auf die Reise begeben, lassen sie mich ein paar Fakten darlegen.« Die Blondine machte eine eindrucksvolle Pause und hinter ihr wurde ein Modell des Mondes eingeblendet. »Im Gegensatz zur Erde besitzt der Mond keine Strände …«

»Das ist ja ein Skandal!«, rief Markus mit gespielter Empörung dazwischen, als ob wir diese alberne Einführung nicht schon hundert Mal gesehen hätten. »Und wo baue ich meine Sandburgen?«

»Markus, benimm dich, verflucht noch mal!«, zischte ich und rutschte ein wenig tiefer in meinen Sitz hinein.

»… aber«, fuhr die Blondine fort, »die Habitatkomplexe, deren Baumaterial in über fünfzig Shuttleflügen transportiert und darüber hinaus mithilfe von 3-D-Druckern aus Regolith, also Mondstaub produziert wurden, warten mit all dem Komfort auf Sie, den Sie von Zuhause gewohnt sind. Statt eines Strands stehen Ihnen zehn Swimmingpools in unterschiedlicher Größe und mit differierenden Temperaturen zur Verfügung, alle Eigentümersuiten zeichnen sich durch integrierte Luxusduschen mit ausgewählter Sonderausstattung aus und Trinkwasser ist im Überfluss vorhanden.«

»Sauber?«, brüllte Markus dazwischen. »Ist das auch sauber? Das ist doch aufbereiteter Urin. Mein Urin. Urin von dem da!« Er zeigte mit dem Finger auf den beleibten Mann, mit dem er vorher seinen Sitzplatz getauscht hatte, der daraufhin puterrot anlief und Schluckauf bekam.

Blicke flogen in unsere Richtung. Von einigen Sitzen war leises Prusten zu vernehmen. Meiner war mir inzwischen nicht mehr tief genug. Am liebsten wäre ich darunter gekrochen.

»Die extremen Temperaturunterschiede, die auf der Mondoberfläche herrschen, werden Sie natürlich nur erahnen.« Die Blondine des Einführungsvideos schenkte ihren Zuschauern wieder ein Zähneblecken. »In jedem Apartment befinden sich Thermometer, die Ihnen die jeweilige Außentemperatur anzeigen, während Sie selbst bestimmen können, wie warm Sie es in Ihrer Suite haben wollen!«

»Was ist mit der Strahlung?«, blökte Markus.

Einige Reisegäste lachten laut.

Das Ehepaar, mit dem wir die Sitze getauscht hatten, verzog peinlich berührt die Lippen.

Das Aushängeschild des Reiseveranstalters jedoch erläuterte ungerührt die technischen Raffinessen und das spezielle Fensterglas des Komplexes, welches die Besucher vor kosmischen Einflüssen schütze und allzeit für Sicherheit und gesundheitliches Wohlbefinden sorge.

Markus atmete hörbar erleichtert aus. »O Fortuna!«

»Aus jeder der Suiten haben Sie einen atemberaubenden Blick auf die Hoch- und Tiefebenen sowie eine unverbaute Aussicht auf unseren Heimatplaneten, und wenn Sie Lust auf einen Spaziergang haben, besteht jederzeit die Möglichkeit, sich einem der vielen Ausflugsteams anzuschließen, die von erfahrenen Astronauten geleitet werden.« Die Stimme der Blondine schnappte jetzt schier über, als sie fortfuhr: »Seien Sie also die ersten Bewohner, die die Rückseite des Mondes zu Fuß erkunden!«

»Nö – keinen Bock.« Markus beugte sich vor und schaltete die Übertragung aus. Als er begann, die erste Zeile von Money zu grölen, presste ich ihm die Hand auf den Mund. Er schlug sie weg. »Das ist aus The Dark Side of the Moon«, klärte er mich euphorisch nach der ersten Strophe auf. »Ein echter Klassiker. Die Rückseite des Mondes, verstehst du?« Er gluckste ob dieser vermeintlich scharfsinnigen Assoziation.

»Ich weiß, woraus das ist!«

Einige andere zukünftige Suitenbesitzer fielen gut gelaunt in seinen Singsang mit ein.

Markus stand auf und dirigierte.

Die Stimmung im Raumschiff war auf ihrem Höhepunkt.

Noch …

Irgendwann wurden meine stillen Gebete erhört: Markus war in den Sitz zurückgesunken und hatte angefangen zu schnarchen. Wie die Wernher von Braun den Wüstenboden New Mexikos hinter sich ließ, entging ihm aus diesem Grund, und er schnappte unwillkürlich nach Luft, als er aufwachte und einen kurzen Blick aus einem der ovalen Seitenfenster warf, die bis auf den Boden reichten. Der architektonisch spektakuläre Weltraumbahnhof mit seinem sandfarbenen Dach war mit der Umgebung perfekt verschmolzen, und wir konnten die breite Landebahn, die sich wie eine Lanze aus dem Gebäude bohrte, nur noch erahnen.

»Ich glaube, es geht wieder.« Er legte zwei Finger auf sein Handgelenk, um den Puls zu fühlen. »War ich sehr peinlich?«

Ich zog die Augenbrauen hoch. »Davon kannst du dir gar keine Vorstellung machen.« Zumindest meine Empfindungen gab das korrekt wieder; die meisten anderen Passagiere schienen sich köstlich amüsiert zu haben, was ich meinem Mann aber verschwieg. Gott sei Dank hatten die Flugbegleiter nichts bemerkt, die sich schon seit geraumer Zeit in die Pilotenkabine zurückgezogen hatten. Kurz überlegte ich, den Anforderungsknopf zu drücken, um mir endlich einige Gin Tonics zu genehmigen, nahm aber dann doch davon Abstand. Es reichte schon, wenn sich einer von uns zum Gespött machte.

»Ist die von Braun nicht schön?« Der beleibte Mann neben uns, der vor einer halben Stunde angesichts Markus' geistiger Ausfälle noch abschätzig die Lippen gekräuselt hatte, breitete jetzt die Arme aus. »Die runde Formgebung, das bläulich schimmernde Licht, die großzügig angelegten Reihen, die bequemen, ergonomisch geformten Schalensitze.«

»Spektakulär bequem«, stimmte Markus zu und rekelte sich wohlig.

Dreißig Passagiere konnten im SpaceShip reisen und selbstverständlich war dieser Flug ausgebucht. Anders war es Galactic Explorer auch nicht möglich, wirtschaftlich zu arbeiten und die zukünftigen Besitzer der Lunar-Apartments zu ihren Wohnungen zu fliegen. Schon die Werbekampagne allein musste die Firma ein Vermögen gekostet haben.

Ich beschoss, mich zurückzulehnen und zu versuchen, das Spektakel in all seiner Pracht zu genießen. Dadurch, dass der Passagierraum mit blendfreiem Material ausgekleidet war, hatte man einen fantastischen Blick auf die Erde. Als der Blaue Planet immer mehr in die Ferne rückte, überkam mich kurz ein tiefes Gefühl der Verlorenheit, und meine Augen saugten sich an den Spezialraumanzügen fest, die neben den dazugehörigen Helmen im vorderen Teil der Kabine hingen. Im Falle einer Dekompression in großer Höhe waren wir also gut aufgehoben – so hoffte ich jedenfalls. Nun ja. Nichts war ohne Risiko.

Um mich abzulenken, versuchte ich, die Kontinente zu erraten, die sich teilweise unter einer aufgebauschten Wolkendecke versteckt hielten. Nordamerika, Südamerika, Europa. Da unten waren unsere Freunde, Eltern und Verwandten. Ob sie wohl genau jetzt nach oben schauten, während ich meinen Blick nach unten über die Erdoberfläche schweifen ließ? Das alles war so absurd! Aber wir hatten es uns reiflich überlegt. Es uns nicht leicht gemacht. Die Entscheidung war gefallen, unser Haus auf der Erde war verkauft, wir hatten die Zelte abgebrochen. Es gab kein Zurück mehr.

»Auf welchem Grundstück steht denn Ihr Apartment?«, fragte mich unser Nachbar betont zuvorkommend und versuchte, sich zu mir zu beugen, was ihm trotz der großzügigen Schalensitze merklich schwerfiel. Allem Anschein nach bemühte er sich, Markus’ Fauxpas mit der Unterhose durch Small Talk zu überspielen. »Ich und meine Gundula, wir werden unser Immobiliengeschäft komplett auf den Erdtrabanten verlegen, vielleicht kennen Sie unser Unternehmen? Wir sind beratend für einige bedeutende Konzerne tätig.« Er fingerte eine Weile umständlich in seiner Jackentasche herum, bis er mir schließlich eine Visitenkarte reichte.

»Moon River«, las ich laut. »Knut Hassenberg, Geschäftsführer.« Ich sah auf. »Netter Firmenname.«

»Nicht wahr? Auch wenn es natürlich auf dem Mond keinen Fluss gibt. Also, was für eins haben Sie jetzt erworben?«

»Die Suite im Habitat von Village One«, antwortete Markus stolz an meiner Statt. Es hörte sich an, als habe er sich wieder komplett im Griff. »Das ist die Anlage neben dem Nektarmeer.«

»Oh.« Hassenberg warf seiner Frau einen schnellen Blick zu. »Ich verstehe.«

Als er mich kurz ansah, kam mir sein Lächeln noch aufgesetzter vor. Gleich darauf griff er nach einem Magazin und schlug es auf.

Nervös rutschte ich in meinem Sitz nach vorne. »Was verstehen Sie?«, hakte ich irritiert nach.

Sein Blick schien an den Zeitschriftenseiten festzukleben.

»Gibt es ein Problem?«, wollte jetzt auch Markus wissen.

Frau Hassenberg, die bis jetzt der Konversation schweigend gefolgt war, stupste ihren Mann mit einem dick beringten Finger an. »Knut. Das junge Paar erwartet eine Antwort.«

»Hm«, machte Hassenberg und blätterte, scheinbar mächtig an deren Inhalt interessiert, eine Seite nach der anderen um.

»Knut!«, wiederholte sie schon ein wenig lauter. »Sie sollten es wissen.«

Ächzend legte Hassenberg das Magazin auf den Schoß. »Mare Nectaris«, begann er schließlich, »wurde doppelt … wie will ich es ausdrücken … belegt.«

»Bitte?« Ich kam nicht mit.

»Das Grundstück, auf dem Village One steht«, half er mir ein wenig weiter.

Markus beugte sich vor. »Wollen Sie damit andeuten, dass der Verkauf der Suiten in diesem Komplex nicht rechtmäßig war?«, schlussfolgerte er.

»Nun«, Hassenberg zögerte. »Momentan darf dort niemand einziehen.«

Ich lachte. Das war absurd. »Man hätte uns doch informiert«, grinste ich und versuchte, mir die Vorfreude durch die Information des Immobilienheinis nicht verderben zu lassen. »Doppelter Verkauf. Ich bitte Sie, Herr Hassenberg, solch ein empörendes Vorgehen wäre doch an die Öffentlichkeit gedrungen.«

Er schwieg.

»Wäre es doch?«, bohrte ich nach.

Markus’ Gesichtszüge waren entgleist, sein Mund stand ein wenig offen. »Das macht nur unter Insidern die Runde«, stellte er dann fest. »Insidern wie Ihnen. Das ist ein Gerücht, das in Immobilienkreisen zirkuliert. Nicht wahr, so ist es?«

Hassenberg seufzte. »So leid es mir tut – ein Gerücht ist es nicht.«

»Kennen Sie das Weltraumressourcengesetz?«, flötete nun seine Gundula.

Markus und ich schüttelten synchron den Kopf.

»Es regelt die Eigentumsrechte im Weltall«, erklärte uns ihr Mann in betont langsamer Sprechweise. Anscheinend hielt er uns nicht für besonders helle. »Luxemburg hat es vor etlichen Jahren verabschiedet. Um Weltraumressourcen zu nutzen, muss die dortige Regierung eine Genehmigung erteilen.«

»Moment«, grätschte Markus dazwischen. »Ich muss die Luxemburger um Erlaubnis fragen, bevor ich mein Schäufelchen in den Mondstaub stecke? Das ist doch albern!«

»Nein, ist es nicht«, erwiderte Hassenberg. »So ist die Gesetzeslage. Und die … Schäufelchen sind inzwischen sehr groß. Wir sprechen hier von Bergbauunternehmen.«

»Aber die sind doch nicht in der Nähe des Nektarmeers!«, warf ich empört ein. Das konnte doch alles nicht wahr sein! »Die sind doch auf der … anderen … Seite«, fügte ich unbeholfen hinzu, unfähig das geografisch korrekt zu beschreiben. Jeder, der sich für den Mond als neue Heimat entschieden hatte, wusste, dass Unternehmen dort Wasserstoff und Sauerstoff aus den Eismeeren gewannen, um sie als Raketentreibstoff zu vertreiben. Aber diese Firmen hatten ihren Sitz nicht in der Nähe der Habitate. Lärmbelästigung war auf dem Mond ja kein Thema, aber schon allein wegen des durch den Abbau umherfliegenden Mondstaubes, der sich über alles legte, war das gar nicht möglich. Und die Optik …

»Village One steht auf dem Grundstück von Dig Deep«, erklärte mir nun Frau Hassenberg ungeduldig. »Da Dig Deep eine Genehmigung der luxemburgischen Regierung vorweisen kann, der Erbauer und Betreiber von Village One aber nicht, muss Village One –«

»– abgerissen werden«, ergänzte ihr Mann nickend und schlug die Zeitschrift wieder auf, als ob damit alles gesagt sei.

Jetzt stand auch mir der Mund offen.

»Aber der Mond, der gehört doch allen!«, protestierte ich. »Da handelt es sich doch nicht um einen zusätzlichen Kontinent, den man so mir nichts dir nichts okkupieren kann! Der Mond ist eben … der Mond!«

»Von Eroberung redet ja auch keiner, meine Liebe«, korrigierte mich Frau Hassenberg mit erhobenem Zeigefinger. Inzwischen war ich dermaßen erregt, dass ich ihn ihr am liebsten gebrochen hätte. »Niemand darf den Mond besitzen, aber man darf ihn nutzen.«

»Und Sie vertreten Dig Deep, nehme ich an«, stellte Markus erstaunlich realistisch fest. »Sie sitzen also seelenruhig neben uns, haben aber vor, uns die Suite – die wir uns nur leisten konnten, weil wir alles … einfach alles verkauft haben –«, jetzt wurde sein Tonfall schärfer, »unter dem Arsch wegzuziehen und uns auf der dunklen Seite des Mondes auszusetzen, mit nichts weiter am Leib als einem verschissenen Raumanzug!«

Frau Hassenberg starrte ihn konsterniert an. »Jetzt übertreiben Sie aber ein bisschen, meinen Sie nicht auch? Natürlich werden Sie umgesiedelt.«

»Und wohin, wenn ich fragen darf?«, zischte Markus leise.

»In die Bergarbeiterunterkünfte«, teilte uns Herr Hassenberg in schulmeisterlichem Tonfall mit. »Fürs Erste. Es ist also für alles gesorgt.«

Ich rang nach Luft. »Für alles gesorgt?«, echote ich. »Sind Sie noch ganz dicht? Die leben dort jeweils zu viert in einem Raum, der nicht größer ist, als … als unser ehemaliges Scheißhaus! Unter…ird… mondisch! Die leben unter der Mondoberfläche!« Ich versuchte, nicht zu schreien, was mir außerordentlich schwerfiel. »Ich. Werde. In. Meine. Suite. Einziehen!« Mit jedem Wort deutete ich abwechselnd anklagend auf das Ehepaar. »Ist das in Ihren Oberstübchen angekommen?«

»Und als Erstes werden wir auspacken, die Duschen nutzen oder einen der Swimmingpools aufsuchen«, bekräftigte Markus und drückte beruhigend meine Hand. »Wir werden in die Bar gehen, uns im Restaurant verköstigen, ein wenig einkaufen und es dann in unserem wohltemperierten, weichen Bett zwischen den Satinlaken so lange aus Leibeskräften und hemmungslos miteinander treiben, bis die Nachbarn mit den Fäusten an unsere Tür hämmern! Ihre Bergarbeiterunterkünfte, mein lieber Herr Hassenberg, können Sie sich in Ihren ausladenden Hintern stecken!«

Mein Markus. Voll Elan. Voll Tatendrang. Erstaunlich.

Ich drückte zurück.

Frau Hassenberg, die schon während meiner Rede die Hand vor den Mund geschlagen hatte, war inzwischen rubinrot angelaufen und starrte uns mit aufgerissenen Augen entgeistert an. »Das ist unerhört«, presste sie schließlich zwischen den Brillanten an ihren Fingern hervor. »Unerhört!« Sichtlich von der Rolle nahm sie einen Schluck des dreifachen Bourbons aus ihrem Kristallglas, verschluckte sich, hustete, wedelte mit der einen Hand und reckte mir mit den anderen das Glas entgegen, als wolle sie so den Erstickungsanfall abwehren. Es gelang ihr nicht. Mit aufgerissenen Augen begann sie zu röcheln wie ein Staubsauger, in dessen Rohr sich etwas Großes verfangen hatte. Panisch nestelte sie an ihrem bunt gemusterten Halstuch.

»Ogottogottogottogott«, wimmerte ihr Ehemann und half seiner Frau, ihr Tuch aufzuknoten.

Geistesgegenwärtig drehte ich mich zu Markus. »Die Ad-Astra-Pillen«, flüsterte ich ihm zu. »Wo sind die?«

Er kapierte sofort, steckte die Hand in die Hosentasche, brachte sechs kleine weiße Pillen zutage und drückte sie aus der Blisterpackung. Ungeduldig schnappte ich mir die Dragees und warf sie in das Glas, das mir Frau Hassenberg fast weggetreten immer noch unter die Nase hielt. Die Tabletten lösten sich fast augenblicklich auf. Die Eheleute waren komplett mit sich selbst beschäftigt und bekamen nichts mit. Die Immobiliendame röchelte immer noch, hatte die Farbe von Roter Bete angenommen, und ihr Gespons riss immer wieder verzweifelt die Arme in die Luft.

»Bei so einem schlimmen Hustenanfall kann nur genügend Flüssigkeit den Reflex unterdrücken«, ermahnte ich mütterlich, nickte auffordernd und beobachtete dabei besorgt, wie sich die Stewardess anschickte, eilig unsere Sitzreihe aufzusuchen.

Hassenberg, der sich immer noch unter nutzlosem Hochdruck um seine röchelnde Frau kümmerte, führte seiner besseren Hälfte jetzt unter gutem Zureden das noch gut gefüllte Glas an die Lippen und beobachtete glücklich, wie sie es nahezu leerte. Anschließend entwand er es ihr und trank es mit großen Schlucken aus.

»Meine Güte«, schnaubte er und registrierte zufrieden, wie sich die Gesichtsfarbe seiner Gattin normalisierte. »Das ist ja noch mal gut gegangen.« Er wedelte die Stewardess beiseite. »Nein, danke, alles in Ordnung. Obwohl …« Hassenberg hielt ihr das Glas hin. »Noch einen, bitte. Nein, zwei.«

»Wie lange wird es dauern?«, raunte ich Markus ins Ohr. »In drei Stunden checken wir ein.«

»Das Zeug wirkt schnell«, beruhigte er mich. »Das wird reichen. Die Landung bekommen die nicht einmal mit. Das gibt uns auch genügend Zeit, um das Gepäck zu tauschen.«

Ich nickte und rechnete im Geist schon durch, wie viel es mich kosten würde, meine Garderobe komplett zu erneuern, schloss, über die Summe entsetzt, kurz die Augen, ermahnte mich, dass alles zum Wohle unserer Zukunft war und wandte mich an meinen Nachbarn, dem der Schweiß der Anstrengung in den Hemdkragen lief.

»Das mit vorher tut uns außerordentlich leid, Herr Hassenberg. Frau Hassenberg. Die Nerven, Sie verstehen? Es wird sich sicher alles zum Guten wenden. Ich hoffe, es geht Ihnen jetzt besser? Das war ja vielleicht knapp!«

»Sie sprechen die Wahrheit gelassen aus.« Hassenbergs Mundwinkel hoben sich wohlgesinnt, aber er hatte Mühe, ein Gähnen zu unterdrücken. »Und für Ihr schnelles Eingreifen bin ich Ihnen unendlich dankbar. Diese Geistesgegenwart! Meine Gundula wäre mir fast erstickt! Grundgütiger, das hat mich alles sehr mitgenommen.«

Ich tätschelte seine saftlose Hand. »Gern geschehen. Machen Sie doch ein Schläfchen.«

Gundula erhob sich leicht schwankend und strich sich orientierungslos eine Strähne aus dem Gesicht. »Die Hose …«, lallte sie mit einem kindischen Grinsen auf dem Gesicht. »Wakata … wer hat sie? Wer braucht sie nicht mehr? Wer kann sie mir leihen?« Mit der linken Hand begann sie ungelenk, ihren Bundfaltenrock aufzuknöpfen, ihre Rechte drückte ihren Mann, der energielos Anstalten machte, sich zu erheben, zurück in den Sitz. »Schschsch …, Knut. Wirst du wohl?«

Ich musste zugeben, dass ich nicht damit gerechnet hatte, einem Schauspiel wie diesem schon so früh beiwohnen zu dürfen.

»Das ging in der Tat schnell«, raunte ich Markus zu. »Meine Güte.«

Ungläubig verfolgten wir, wie Gundula beim Versuch, sich ihrer Unterhose zu entledigen, den Rock lüpfte und an ihrer Strumpfhose nestelte.

»Beeindruckende Beine für ihr Alter«, grunzte Markus überrascht. »Kann sich sehen lassen.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Wollen wir auf ihren Hintern wetten?«

Wir kamen nicht mehr dazu, denn unvermittelt hielt Frau Hassenberg in ihrer Bewegung inne, sank zurück auf den Sitz und erschlaffte. Ihr Kopf sank an die Schulter ihres Mannes, der dem eindrücklich vorgetragenen Lustspiel seiner Gundula nicht mehr hatte folgen können, weil er schon davor eingenickt war.

»Herr und Frau Hassenberg?« Der Steward beugte sich zu uns. Er drehte ein PDA in meine Richtung, das die Passagiernamen auflistete, und deutete auf eine Zeile.

»Ja, was gibt es?«, erwiderte ich mit einem entwaffnenden Lächeln. »Sind wir etwa schon da?«

»In wenigen Minuten werden wir den Landeprozess einleiten«, antwortete er und warf selbst einen Blick auf die digitalen Unterlagen. »Sie haben ja die Sitze dreiundzwanzig und vierundzwanzig, neben Ihnen …« Manikürte Fingernägel tippten auf das Display und sein Blick blieb an dem narkotisierten Immobilien-Ehepaar haften, das sich gegenseitig umschlungen hielt und leise vor sich hin schnorchelte.

»Das sind Herr und Frau Wagner. Markus und Sonja«, half ich dem jungen Mann entgegenkommend aus. »Sie haben eine Suite in Village One erworben.«

Sofort legte sich ein jammervoller Schleier über die Augen des jungen Mannes. »Oh, das ist sehr bedauerlich. Aber nun mal nicht zu ändern. Ich wecke sie lieber nicht, bis der Eincheckprozess durch ist und die restlichen Passagiere ihre neuen Unterkünfte bezogen haben.«

»Eine hervorragende Idee. Man mag sich gar nicht vorstellen, was jetzt mit ihnen passieren wird«, stimmte Markus mit belegter Stimme zu. »Bergarbeiterunterkunft womöglich. Es ist schrecklich.«

»In höchstem Maße unerquicklich«, pflichtete ihm der Steward bei. »Aber …«, er wedelte erneut mit den klarlackierten Nägeln. »Was will man machen?«

Geziert wischte ich mir ein paar unsichtbare Tränen des Mitleids aus den Augen. »Ja. Was will man machen?«

Verschwörerisch beugte sich der adrette junge Mann zu mir und hielt affektiert die Hand an den Mund. »Gerüchte gehen um, dass die Village-One-Bewohner wieder auf die Erde zurückgeschickt werden. Wir warten noch auf die Bestätigung der Zentrale.«

»Was Sie nicht sagen?«, quakte Markus aufgeregt. »Sie meinen, Sie lassen die einfach hier sitzen und fliegen mit ihnen wieder ab, nachdem der Rest der Gäste eingecheckt hat?«

»Pst«, ermahnte uns der Steward. »Wir wollen die«, er deutete mit dem Finger erneut auf die Hassenbergs, »doch nicht aus dem Reich der Träume reißen.«

»Wann wissen Sie Genaues?«, flüsterte ich.

»Bald. Die Chancen stehen gut. Sehr gut«, raunte der Steward zurück.

Markus sah mich an. »Gundula, meine Liebe. Hast du das vernommen?«, fragte er gespreizt.

»Aber sicher doch, Hase«, erwiderte ich. »Die Chancen stehen sehr gut, sagte der nette junge Mann.«

Als der Steward sich umdrehte und den Rückweg zum Cockpit antrat, stieß mir Markus spielerisch seinen Ellenbogen in die Seite. »Auf die Ad Astras. Mögen sie ewig produziert und ihr Hersteller reich und glücklich werden.«

»Worauf du einen in die Wakata lassen kannst«, erwiderte ich und warf einen Blick aus dem Fenster. Kurz vor der Landung waren die Krater und Meere gut erkennbar. Die imposanten Strukturen der Habitate schälten sich aus der unebenen Landschaft. Ich seufzte auf. »Was meinst du? Wo haben die Hassenbergs wohl ihre Suite gekauft? Und wo liegt ihr Büro? Unser Büro?«

Markus beugte sich vor und folgte meinem Blick. »Meer der Heiterkeit?« Er gluckste. »Nein, warte. Ich wette, es ist das Meer der Ruhe.«

Ich seufzte ein weiteres Mal.

Ja. Meer der Ruhe. Das sollte es sein und seinem Namen alle Ehre machen.

Ich schmiegte mich an Markus. Meinen Markus. Meine Medaille mit den zwei funkelnden Seiten.

Ellen Norten: Der Klimagott

Es gibt sie seit Beginn der Zeiten. Haben sie einen Namen? Menschen würden sie vielleicht als naturwissenschaftliche Konstanten bezeichnen, und als Naturgewalten, als Geister oder vielleicht auch als – Götter. Wir reden vom Weltall und wir reden von ihnen.

Die drei wabern als strukturlose Energiehaufen umher. V steht für das Vakuum, das im Weltall herrscht. Eigentlich ein Nichts und dennoch allumfassend. V kümmert sich darum, wo es den luftleeren Raum geben soll und wo nicht. E ist der Energiewart: Sterne, Supernovae, schwarze Löcher, alles, was mit Energie zu tun hat, unterliegt seinem Wohlwollen. Und dann gibt es noch K. K wie klein? Nein – K wie Klima! Doch sein Einfluss ist im Vergleich zu den anderen beiden gering und begrenzt. K bestimmt lediglich das Klima der Planeten; Sterne, Wurmlöcher und andere Weltraumattraktionen fallen nicht in sein Ressort. Armer K. V und E nehmen ihn nicht ganz für voll, sind es doch nur »lokale« Dinge, um die sich ihr kleiner Bruder kümmern darf, das große Ganze bleibt ihm verschlossen und verborgen. So war es und so wird es immer sein – oder?

Lange Zeit hatte K sich dementsprechend verhalten. Er war V und E geradezu devot ergeben und bewunderte sie. Das ging über Jahrmillionen gut. Doch die Zeiten haben sich geändert. Seit Kurzem plustert K sich auf, macht sich wichtig und braust um die Planeten. K entwickelt zunehmend Selbstbewusstsein. Er sieht sich gegenüber V und E als ebenbürtig an, in den letzten Jahren blickt er sogar auf die beiden herab, soweit ein solcher Vergleich in dieser merkwürdigen Dreierkonstellation überhaupt funktionieren kann.

»Ich bin der Klimagott«, prustet es aus K heraus und er schwebt aufgeblasen und prall in Richtung eines Planeten, der nicht nur wegen seiner schönen blauen Farbe zu seinem Lieblingsplaneten geworden ist.

»Dort wird mir gehuldigt«, teilt K seinen großen Brüdern mit. »Die Bewohner bringen mir Opfergaben dar.«

V und E hören kaum zu, lachen und glauben er mache einen Spaß. Da wird K ungemütlich. Er faucht den beiden entgegen und zitiert aus Zeitungen, Nachrichtensendungen und schildert die Weltpolitik:

»Es finden Klimagipfel statt, Klimakonferenzen. Klimaschutz ist allerorts Thema und es gilt, mich, ja mich zu schützen«, berichtet er zum Platzen stolz. »Vor wem soll ich wohl geschützt werden?«

V und E stutzen nun doch, fühlen sich zunächst gemeint, aber die Sache geht nicht auf. Ihre Namen fallen nicht einmal, und eine weitere Gefahrenquelle ist unbekannt. Wo ist also der Feind zu vermuten?

Das interessiert K nicht, er genießt seine Huldigungen: Schulkinder lassen den Unterricht ausfallen, weltweit gehen sie demonstrieren und fordern Opfergaben für den Klimagott. Energie soll für ihn eingespart werden, Verbraucher müssen auf allerlei Komfort verzichten, nur für ihn. K sieht gerührt auf seine Schäfchen herab und ein paar Tränen prasseln als Platzregen auf die Erde.

»Ich will den Menschen Wärme schenken. Wie lange haben sie an kalten Winterabenden gefroren. Es gab sogar Kältetote. Wie oft war die Ernte geschmälert, weil der Frühling seine wärmenden Sonnenstrahlen zu spät oder zu wenig ausgesandt hatte?«

K schickt seine Schamesröte als mollige Strahlen zu seinem Planeten. Er denkt an die Eiszeiten zurück, bei denen die Gletscher halb Europa bedeckten. Damals hatte ihn dies nicht interessiert. Er ließ es laufen und kümmerte sich nicht darum, schließlich gab es noch andere Planeten zu versorgen.

Doch nun ist alles anders. K fühlt sich geliebt, bestätigt und als Dank für seine Wärme nehmen die Opfergaben weiter zu. Die Menschen geben ihm das Liebste, was sie haben: Sie verschrotten ihre Autos, wollen mit ihrem Verzicht zeigen, wie sehr sie ihn schätzen. Ganze Industriezweige werden ihm zur Ehre umgestaltet und selbst die Wirtschaft unterstützt an vielen Orten die Opfergaben. Sie verteuert die Energie und Politiker schaffen einen neuen Ablasshandel: die CO2-Abgaben, all dies zu seiner Ehre.

K, der lange Zeit gelassen, ja geradezu gleichgültig existiert hatte, wie es sich für Naturgewalten eigentlich auch gehört, entwickelt Allmachtsfantasien. Was sind schon V und E, um die sich niemand schert, während er, K, zum Gott stilisiert wird, dem ein ganzer Planet dient?

V und E nehmen die Allüren ihres Mitgenossen zwar nicht wirklich ernst, denn Eitelkeit und Götzendienst sind ihnen fremd, doch wollen auch sie nun genauer sehen, was sich auf dem Planeten Erde tut. So beginnen sie den Himmelskörper und die Vorgänge darauf zu beobachten und merken sehr bald, dass die Wärmezuwendung, die K dem Planeten zollt, gar nicht erwünscht ist. Ganz im Gegenteil, die langsame Erwärmung des Klimas macht vielen Menschen Angst. Die Opfergaben sind gar keine an K gerichteten Zuwendungen, sondern sollen eigenen Einfluss auf die Temperaturentwicklung nehmen. K ist den Menschen gleichgültig, die sehen nur sich selbst und wollen den Planeten nach ihren Bedürfnissen gestalten. Dabei spielen Machtintrigen und politisches Kalkül die entscheidende Rolle. Das breite Volk dagegen soll verzichten auf Komfort, auf Autos, Energie und dergleichen. Großindustrielle, Manager, Fluglinienbetreiber und andere Wirtschaftsgiganten werden keineswegs in die Pflicht genommen.

V und E erklären K nun diesen Zusammenhang, der die Sache nicht glauben will.

»Die Erwärmung nutzt nicht allen Menschen, sondern es gibt Gewinner und Verlierer«, deklamiert der Energieexperte E, und V ergänzt:

»Je nachdem, wie stark die Temperaturen klettern, können Flutkatastrophen entstehen, begleitet von Wirbelstürmen und anderen Katastrophen. Davor haben sie Angst und das ist der Grund für ihre eigenartigen Aktivitäten, die du Opfergaben nennst. Es ist keine Huldigung an dich, mein lieber K.«

K ist beleidigt, lässt Luft ab, schrumpft regelrecht in sich zusammen und V und E entwickeln fast schon Mitleid mit ihrem Genossen. Doch dann scheint dieser sich selbst auszulüften. Er wabert und pumpt, analysiert den Sachverhalt und verblüfft sie mit seiner Idee: »Ich werde als Gott zu ihnen sprechen und mich dabei selbst vom Sockel stoßen.«

K stürmt um die gesamte Erde, braust zunächst auf und beginnt dann Worte zu blasen, die dem Spuk ein Ende setzen sollen.

»Ich bin das Klima, wie wollt ihr mich schützen?

Ich bin das Klima, wem sollte das nützen?

Ich bin das Klima und glaube es mir

Der ganze Schutz, der nützt nur dir:

Dem Menschen, der sich zu Gott aufschwingt

Der Wetter und Temperaturen bestimmt?

So meinst du zumindest und legst dich krumm

Das findet so mancher gar nicht dumm

Und zieht daraus seinen Profit

Nimmt alles, was kommt, einfach mit

Klimawandel – hilft dem Handel!

Politiker und Industrie

Fühlen sich so wohl wie nie

Füllen sich die dicken Taschen

Aus Geldern gewonnen mit dummen Maschen

Mit Klimagasen, Abgashandel

Geht es gegen Klimawandel

Und alles wird für mich getan

Meint ihr wohl – wird’s nicht getan!

Ich bin schon Jahrmillionen alt

Und ändere mich, mal heiß, mal kalt

Ich bin das Klima und wandele mich

Ohne Veränderungen geht es nicht:

Der Klimaschutz hilft einem nur

Das ist der Mensch, da bleib ich stur

Die Menschen, die ihre Gelder machen

Mit Gesetzen, Abgaben, anderen Sachen

Und alles für den guten Zweck

mich Klima schert es einen Dreck

Macht, was ihr wollt, doch müsst ihr wissen

Ihr tut es für euch, für euer Gewissen

Der Schmutz in der Umwelt ist wirklich schlimm

Ist Gift für euch und hat keinen Sinn

Der greift euch an und schädigt nicht mich

Ich bin das Klima, bin ewiglich!!!!«

Nach diesem Wortschwall geht K die Puste aus. Mit einem leichten Hauch startet er in Richtung Weltall. V und E blicken betroffen drein und folgen ihm. Nie haben sie ihren kleinen Bruder so engagiert und so bewegt erlebt. Sie nehmen ihn in ihre Mitte. Vielleicht hat seine Rede etwas bewirkt, vielleicht haben die Menschen ihn verstanden, vielleicht würden sie sachlich überlegen, was gut für sie wäre und was nicht und dementsprechend handeln? K würden sie nun vermutlich keine Autos mehr opfern oder doch? Hatten sie ihn überhaupt gehört und wollen sie ihn überhaupt hören? Die Antwort kann K nicht mehr verfolgen, denn er bewegt sich mit V und E in die Tiefen des Universums. Dort wird es sein, wie es vordem war, vom Anfang der Zeiten an bis zu ihrem Ende.

Alisha Pilenko: Wikinger vs. Indianer

»Damit wir uns richtig verstehen.« Der Wikinger neigte sich zu mir herüber. Auf seinem Kopf saß ein Helm – mit Hörnern. »Das hier ist ein Auftrag von äußerster Wichtigkeit. Bei Thors Hammer, ich verlange Ihre unbedingte Diskretion!«

Ich hatte nicht erwartet, dass er tatsächlich einen Hörnerhelm tragen würde. Auch der Bart traf mich vollkommen unvorbereitet: ein rotbraunes Gestrüpp, das ihm am Kinn entlang bis auf die Brust wucherte, sodass man unmöglich sagen konnte, wo Gesichtsbehaarung aufhörte und Brustbehaarung anfing. Sein Oberkörper glich einem Bierfass. Nur dass man dieses spezielle Fass in eine Wolltunika, knielange Hosen und lederne Stiefel gesteckt hatte.

Ich holte tief Luft und versuchte, nicht auf den Helm zu starren. »Hören Sie, Herr …«

»Eriksson«, sagte er bedeutungsvoll. »Leif Eriksson. Sie haben vermutlich von meinem berühmten Vorfahren gehört.«

Natürlich hatte ich das nicht. Daher setzte ich mein vertrauenswürdigstes Lächeln auf. »Herr Eriksson, ich bin Kapitänin Ulyssa T. Fox, Kommandantin der MS Sigmund Freud, des wohl größten Handels- und Transportschiffes der Vereinten Welten. Diskretion ist eine meiner leichtesten Übungen.« Zugegeben, das war ein wenig übertrieben. Aber ich war pleite, die Ladeluke klemmte, die Crew wartete auf ihren Sold und die Deuteriumspule des Hyperantriebs bedurfte dringend einer Generalüberholung, also würde ich diesem Wikinger alles erzählen, was er hören wollte.

Um uns herum tobte der Flohmarkt von Siphonapter Alpha, einem Freihandelsplaneten am Rande des Ebaynebels. Wer auch immer etwas kaufen, verkaufen, tauschen, transportieren oder verschwinden lassen wollte – legal oder illegal –, der war hier an der richtigen Adresse. Vom Taschenwurmloch bis zum atombetriebenen Nasenhaarschneider, Siphonapter Alpha bot alles, was das Herz (oder die heliumgefüllte Röhrenpumpe) begehrte.

»Und Sie sind sicher, dass Ihr Raumschiff über die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen verfügt, um unsere Fracht wohlbehalten ans Ziel zu bringen?«

Es entstand eine kurze Pause, als Leif Eriksson einen pastafarianischen Gläubigen abwehrte, der ihm ein Nudelsieb und andere Devotionalien verkaufen wollte.

»Aber selbstverständlich«, antwortete ich schließlich und lächelte noch ein wenig vertrauenswürdiger. »Die Freud verfügt über die neueste Technologie in Sachen Sicherheit. Und meine Crew ist bestens ausgebildet.« Dass es sich bei der MS Sigmund Freud in Wirklichkeit um ein Therapieschiff handelte, das die Terraner nach dem desaströsen Ende der Orbitalkriege an den Meistbietenden verschachert hatten, ließ ich vorsichtshalber unerwähnt.

Man nimmt, was man kriegen kann, pflegte meine Mutter immer zu sagen. Andererseits war meine Mutter Kartoffelbäuerin auf Patatia IV, also denke ich nicht, dass wir dasselbe darunter verstanden.

»Hier.« Leif Eriksson hielt mir eine Holzkiste entgegen, die mit schweren Schlössern verriegelt war. »In dieser Kiste befindet sich das legendäre Trinkhorn, das Thor im Wettkampf gegen den Riesen Utgardloki zu leeren versucht hat. Wollen Sie die Geschichte hören?«

»Eigentlich nicht.«

»Es trug sich folgendermaßen zu: Der Herr der Burg Utgard forderte den unbesiegbaren Sohn Odins zu drei verschiedenen Wettkämpfen heraus. Aber er überlistete Thor, sodass dieser unterlag. Das Trinkhorn beispielsweise war am anderen Ende mit dem Meer verbunden, Thor hätte es somit niemals leeren können. Immerhin hatte er durch seinen Versuch die erste Ebbe der Weltgeschichte verursacht. Ha, das muss ihm erst mal einer nachmachen!« Der Wikinger klopfte auf die Kiste. »Dieses Trinkhorn ist eines der wichtigsten Artefakte unseres Clans.«

»Ich verstehe«, sagte ich. Das war eine reichlich verworrene Geschichte. Außerdem war ich noch immer abgelenkt von dieser Monstrosität auf seinem Kopf. Ich meine, bitte, ein Hörnerhelm? Aber der Kunde ist ja bekanntlich König. Selbst wenn er aussieht wie die unfreiwillige Karikatur eines Geschichtshologramms von Historica VII.

»Mein Vater, Erik der Rote Thorvaldsson, bat mich, das Horn zu unserem Kolonialplaneten Walhalla IV zu bringen, wo es in einem Schrein ausgestellt werden soll, um unseren tapferen Siedlern ein Stück Heimat und Kultur zu vermitteln.« Leif Eriksson senkte die Stimme. »Ein offizieller Transport mit der Drachenbootflotte kommt natürlich nicht infrage. Das würde zu viel Aufsehen erregen. Es gibt gewisse Subjekte, denen daran gelegen ist, das Horn in ihre Hände zu bekommen.«

Ich nickte. Das bedeutete Ärger.

»Ich selbst werde selbstverständlich mit an Bord Ihres Schiffes kommen, um den Transport zu überwachen.«

Ich nickte erneut. Das bedeutete noch mehr Ärger.

»Das Volk der Wikinger vertraut Ihnen.« Leif Eriksson streckte mir die Hand entgegen.

Ich schüttelte sie. »Ich werde mein Bestes tun, es nicht zu enttäuschen.«

Und das war nur halb gelogen.

»Logbuch der MS Sigmund Freud.

Sternzeit: Keine Ahnung, wie man die berechnet, ich meine, geht es hier um ein Datum, eine Uhrzeit oder ein Koordinatensystem?

Wir haben einen neuen Auftrag: Die Freud soll eine Truhe mit dem Horn eines trinkfesten Gottes zum Planeten Walhalla IV bringen.«

Ich hielt inne. »Sigi!«

Augenblicklich erschien das Hologramm des Schiffsavatars in meinem Quartier (bei dem es sich genau genommen um die Honeymoonsuite handelte).

»Ich wünsche, bei meinem vollen Namen genannt zu werden.« Der Avatar strich sich über den weißen Bart. »Sigmund Freud. Doktor Sigmund Freud.«

»Sigi, was sagen deine Datenbanken über einen gewissen Thor oder seinen Vater Odin?«, fragte ich.

Der Avatar seufzte. »Einen Moment bitte, Frau Fox. Seit dem großen Datencrash während der Orbitalkriege ist es schwierig, derartige Informationen zu extrahieren. Ah, ja, hier haben wir es. Odin. Auch Wodan oder Wotan genannt. Hauptgottheit der Germanenstämme auf Terra. War bekannt für sein achtbeiniges Pferd, seine Einäugigkeit und seine Vorliebe für Raben. Experten vermuten, dass es sich bei ihm um das Vorbild der Legende des sogenannten einäugigen Königs unter den Blinden handelt. Allerdings rätselt man noch immer, in welcher Beziehung er zum altgriechischen Stamm der Zyklopen steht. Thor. Oder Donar. Donnergott und Beschützer der Welt der Menschen. Verfügte über ein cholerisches Temperament und einen exorbitanten Hammer – eindeutig ein Phallussymbol, wenn Sie mich fragen.«

»Interessant.« Ich strich mir eine Strähne meiner Dreadlocks hinter die Ohren. Bei einem meiner wenigen Besuche auf Terra hatte ich in einem Museum die Statue einer stattlichen Frau mit Flügelhelm gesehen. Sie wurde als Brunhild die Walküre bezeichnet und war vermutlich die Ehefrau eines Germanen namens Richard Wagner. Dieser verbrachte sein Leben damit, einen Ring zu suchen, um ihn in einem Fluss zu versenken oder von einem Berg zu werfen, darin waren sich die Quellen nicht einig.

»Danke, Sigi.«

»Ich heiße Sigmund«, wiederholte der Avatar. »Ist das denn so schwer?«

Doch ich fuhr bereits mit meinem Logbucheintrag fort:

»Dies ist also eine neue Chance für die Crew der Freud, sich zu bewähren. Wir werden keine Mühen scheuen, um die wertvolle Fracht an ihr Ziel zu bringen.

P. S.: Ich weiß jetzt, wofür das ganze Trockeneis im Maschinenraum da ist: Es kühlt den Hauptprozessorkern. Schade, Schokoladeneis wäre mir lieber gewesen. Memo an mich selbst: Eismaschine kaufen. Ach, ja, und die Kaffeesahne ist alle.«

»Essen!« Das Gesicht der Schiffsköchin erschien auf dem Intercom-Bildschirm meines Handgelenkskommunikators. »Schwingt sofort eure Beine, Tentakel oder was auch immer hierher, ihr undankbaren Blutegel, oder ich entsorge eure Mahlzeit über die Latrinenschleuse!« Betty-nicht-wenn-ich-dich-vorher-kriege-Sue war nicht gerade für ihr geduldiges Temperament bekannt. Im Grunde war sie auch nicht für ihre herausragende Kochkunst bekannt. Aber in Zeiten der Not nimmt der Breitaugenquongo auch mit einer rotschaligen Süßkartoffel vorlieb. Altes patatianisches Sprichwort.

Das Bordrestaurant hatte seinen Zenit lange überschritten. Die Bar führte lediglich eine Sorte Alkohol (einen patatianischen Kartoffelschnaps namens Zieht-dir-die-Schuhe-aus), in der Theke klafften mehrere Einschusslöcher, die Beleuchtung funktionierte nur zur Hälfte und man musste lange suchen, um einen Stuhl zu finden, der nicht wackelte. Betty-nicht-wenn-ich-dich-vorher-kriege-Sue tischte eine undefinierbare Brühe auf.

»Was ist das?«, fragte Archibald McLean.

»Dein Essen«, sagte Betty.

»Das ist kein Essen, das ist …« Der Elektromechaniker verstummte, als er Bettys Blick begegnete. Betty-nicht-wenn-ich-dich-vorher-kriege-Sue hatte in den Orbitalkriegen gekämpft. Sie hatte mehrere Orden erhalten und einen Arm verloren. Seither war sie nicht gut drauf. Posttraumatische Belastungsstörung, sagte Sigi. Schlechte Laune, sagte ich.

»Hngada wontu?« Ctbtnctl, Navigatorin und Hyperraumpilotin, tunkte einen ihrer Tentakel in die Brühe und saugte daran.

»Bin ganz deiner Meinung«, stimmte ich zu und würgte einen Löffel meines eigenen Essens hinunter. Im Grunde hatte ich keine Ahnung, was sie gesagt hatte, aber seit der Übersetzungschip streikte, taten wir einfach so, als könnten wir uns verstehen. Meistens funktionierte das ziemlich gut. Ctbtnctl machte ihre Arbeit und ich war froh, wenn sie den richtigen Kurs hielt und wir uns nicht plötzlich im Zentrum des Staubsaugernebels wiederfanden.

»Hört mal alle zu«, rief ich. »Ich habe das Trinkhorn Thors unter Wahrung der höchsten Sicherheitsstufe in unserem Frachtraum eingeschlossen.« Was bedeutete, ich hatte die Kiste in eine noch größere Kiste gesteckt und ein Schloss drangehängt. »Ich erwarte von euch vollsten Einsatz für diese Mission.«

Allgemeines Gemurmel ertönte, das ich großzügigerweise als Zustimmung wertete.

»Was ist überhaupt ein Trinkhorn?«, fragte Tinga.

»Und was ist ein Thor?«, fragte Singa.

Die gestaltwandelnden Zwillinge hatten zur besseren Nahrungsaufnahme eine annähernd humanoide Form angenommen – obwohl sie immer noch rosa waren. Durch ihre Formvariabilität waren sie für die unterschiedlichsten Aufgaben an Bord geeignet: vom Verstauen der Ladung, über das Reinigen schwer zugänglicher Luken bis hin zum Füttern der Säbelzahnratten, die seit Monaten auf ihre Auslieferung an einen seforischen Wanderzoo warteten (was dem Umstand geschuldet war, dass dieser immer schon weg war, wenn wir ankamen).

Eine schleimige bläuliche Masse kroch über den Fußboden.

»Hallo, Bob«, sagte ich. Bob antwortete nicht. Er war im Allgemeinen nicht sehr gesprächig. Genau genommen gehörte er gar nicht zur Crew. Er war einfach schon da gewesen, als ich das Schiff gekauft hatte. Und wer will sich schon mit einer zabajanischen flüssigen Entität anlegen, jeder weiß, wozu die fähig sind. »Ich wünsche dir noch einen schönen Tag«, rief ich ihm hinterher. Bob schwieg und schleimte davon.

»Nachtisch!« Betty-nicht-wenn-ich-dich-vorher-kriege-Sue klatschte kleine, mit einer bräunlichen Masse gefüllte Förmchen auf den Tisch.

»Oh«, brummte Archibald, »Pudding.«

»Das sind Muffins!«, schrie Betty und packte Archibald am Kragen.

»I… …e…omme …eine …uft«, japste der Elektromechaniker.

»Ahem.« Das Hologramm des Schiffsavatars erschien. »Ich spüre hier unbewusste Bewertungsängste, die sich in Form primitiver körperlicher Aggressionen ausdrücken, um schamhafte Gefühle vom Ich fernzuhalten.«

»Wer ist hier primitiv?«, zischte Betty-nicht-wenn-ich-dich-vorher-kriege-Sue und schüttelte Archibald vorsichtshalber noch einmal hin und her, bevor sie ihn zu Boden plumpsen ließ.

»Das hier ist lediglich Ausdruck eines vollkommen bewussten und zugleich trivialen interpersonellen Konfliktes«, winkte ich ab.

Sigi rückte seine runde Brille zurecht. »Ich sehe, dass Sie zum Abwehrmechanismus der Intellektualisierung gegriffen haben, Frau Fox. Eine gute Wahl. Spiegelt ein reifes Strukturniveau wider.«

»Danke, Sigi.« Ich tauchte meinen Löffel in den Muffin-Pudding-Brei und zwang mich, den Bissen herunterzuschlucken.

»Es heißt Doktor Sigmund Freud«, berichtigte der Avatar. »Ich darf darauf hinweisen, dass ich als Therapieschiff eigens dafür konstruiert wurde, die verdrängten Konflikte meiner wohlhabenden Passagiere auf dem Weg zu ihren Urlaubsorbitalen zu analysieren.«

»Und ich darf darauf hinweisen, dass du nun ein Transportschiff bist, Sigi, finde dich damit ab.«

»Ich verspüre erneut einen leichten Anflug von Aggression«, sagte der Avatar. »Natürlich bin ich zu therapeutischer Abstinenz verpflichtet und daher bestens in der Lage, damit umzugehen.« Er schwieg einen Moment beleidigt. Dann fügte er hinzu: »Eigentlich bin ich hier, um unseren Gast zu Tisch zu geleiten.« Er machte eine einladende Geste und hinter ihm betrat Leif Eriksson das Bordrestaurant.

»Odin zum Gruße«, sagte er, ließ sich auf einen Stuhl fallen und legte die Füße auf den Tisch.

»Höchst erfreut.« Betty-nicht-wenn-ich-dich-vorher-kriege-Sue reichte dem Wikinger ihre Hand. »Für dich, starker Mann, habe ich eine extragroße Portion.«

Leif Eriksson war wie Bauchschmerzen. Und zwar jene, die man bekommt, wenn man genau weiß, dass man die fünfte Portion Kartoffelchips mit Schlagsahne nicht mehr essen sollte, es aber trotzdem tat. Er erzählte unentwegt von den glorreichen Heldentaten seiner Vorfahren (die im Großen und Ganzen daraus bestanden, andere Völker zu überfallen und sie an Habseligkeiten ärmer, dafür an Wikingergenen reicher zu machen), blieb mit seinem Hörnerhelm am Inventar hängen und verschüttete andauernd seinen Honigmet, den er nicht nur überallhin mitnahm (selbst aufs stille Örtchen), sondern auch aus einem Horn trank, das für derartige Zwecke ungefähr so geeignet war wie eine anagorische Bullenpeitsche zum Fangen eines unsichtbaren Drillentulu.

»Ich meine, wenn er wenigstens hinterher aufwischen würde … Aber dieses Honigzeug klebt.« Ich seufzte.

»Nun«, Sigi strich sich nachdenklich über den weißen Bart. »Das Horn als archaisches Phallussymbol …«

»Was willst du damit sagen?«, fuhr ich dazwischen.

»Ich möchte gar nichts sagen, ich analysiere nur«, gab der Avatar zurück. Er holte eine goldene Taschenuhr aus seiner Westentasche und schaute demonstrativ darauf. »Wollen Sie fortfahren, sich in unbedeutendem Geplänkel zu verlieren, Frau Fox, oder sollen wir uns der Bearbeitung Ihres Grundkonfliktes widmen?«

»Ist ja schon gut, Sigi.«

»Sigmund, ich heiße Sigmund.«

Ich lag auf der Chaiselongue in meinem Quartier und hatte die Augen geschlossen. An der Decke drehte sich ein altmodischer Ventilator. Das trug zwar nicht zur Verbesserung des Raumklimas bei, sorgte aber für eine konstante Geräuschbelästigung. »Weißt du, Sigi«, sagte ich nach einem kurzen Moment. »Ich habe da manchmal diesen Traum.«

»Hm-hm.«

»Ich werde von einer riesigen Kartoffel verfolgt, die mich verspeisen will. Ich renne und renne, komme aber keinen Meter voran.«

»Erzählen Sie mir mehr.«

»Und kurz bevor die Kartoffel mich frisst, sehe ich an mir herunter und habe nur Unterwäsche an. Und ich denke mir: Wunderbar, jetzt wirst du von einer Mutantenkartoffel gefressen und trägst einen Sternschnuppentanga.«

»Hm-hm.«

»Glaubst du, der Traum hat etwas mit meiner Mutter zu tun?«

»Was glauben Sie?«

»Ich …« Aber ich kam nicht mehr dazu, irgendetwas zu glauben, da plötzlich Bettys Gesicht auf dem Intercom-Bildschirm erschien.

»Boss, wir haben ein Problem!«

»Da ist etwas in meiner Küche«, flüsterte Betty-nicht-wenn-ich-dich-vorher-kriege-Sue. In der Hand hielt sie ein nuklearbetriebenes Nudelholz. Sie wies damit auf die Vorratskammer, aus der polternde Geräusche drangen.

»Kakerlaken?«, mutmaßte ich und griff nach der 360er Kill-o-Matic, die an meinem Gürtel hing.

»Dann müssen das aber verdammt große Kakerlaken sein«, sagte Betty.

»Also gut.« Ich stieß die Tür auf, sprang in die Vorratskammer und erblickte einen Wikinger, der mit einem Schwert in der Müslipackung herumstocherte.

»Wo ist es?«, rief er.

»Was?«, fragte ich.

»Was wohl?«, entgegnete der Wikinger und fuchtelte mit seinem Schwert vor meiner Nase herum. »Thors Trinkhorn. Ich weiß genau, dass es hier irgendwo sein muss.«

»Aber hier ist die Küche«, sagte Betty-nicht-wenn-ich-dich-vorher-kriege-Sue.

Der Wikinger schluckte. »Küche, so, so. Na ja.« Vorsichtshalber schlug er nach ein paar Power-Energy-Proteinkugeln, die bröselnd zu Boden gingen. »Und in dieser Küche befindet sich nicht zufällig das legendäre Trinkhorn Thors, wertvolles Artefakt des Stammes der Wikinger?«, fragte er vage hoffnungsvoll.

Ich schüttelte den Kopf.

»Aha.« Er schien einen Moment darüber nachzudenken. Dann richtete er das Schwert auf mich. »Führen Sie mich auf der Stelle zum Horn!«

Ich sah ihn an. Er war deutlich kleiner als Leif und hatte ein nervöses Zucken am linken Augenlid. »Hören Sie, Herr … Wikinger.«

»Thorvald«, sagte er. »Thorvald Eriksson. Sie haben sicherlich von meinem berühmten Vorfahren gehört.«

»So ungefähr.«

»Dann wissen Sie, dass wir Wikinger todesmutig, kampferprobt und überaus einfallsreich sind. Sehen Sie nur, wie mühelos ich Ihre Sicherheitssysteme überlistet habe.«

Das war in der Tat beunruhigend. »Sigi?«, fragte ich. »Was ist mit der Sicherheitstechnik?«

Der Schiffsavatar materialisierte sich. »Wir haben keine«, erklärte er. »Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Ich bin ein Therapieschiff.«

»Aber haben wir nicht auf Omega-3 diesen nanoelektronischen Security-Sensor erworben?«

»Sie sagten, der sei zu teuer und – ich paraphrasiere – wozu braucht man schon eine Alarmanlage? Dann haben Sie Hologrammclips für Ihre Haare gekauft.«

»Die waren im Sonderangebot.« Memo an mich selbst: Sicherheitssysteme installieren.

Thorvald Eriksson räusperte sich. »Ähm, ich muss jetzt wirklich darauf bestehen, dass Sie mich zum Horn führen!« Zur Vorsicht fuchtelte er ein wenig stärker mit seinem Schwert herum. »Ich werde nämlich derjenige sein, der das legendäre Trinkhorn Thors zu seinem angestammten Platz bringt. Nicht mein Bruder. Ich habe es satt, dass er immer auf die interessanten Missionen geschickt wird, nur weil sein Namensvetter vor Hunderten von Jahren auf Terra ein Land namens Amerika entdeckt hat, während die Taten meines Namensvetters sich darauf beschränkten, in eben jenem Land von wütenden Ureinwohnern getötet worden zu sein. Ich kann ebenso gut plündern und rauben wie er, jawohl!«

»Wir haben Sie überhaupt erfahren, dass das Horn hier ist?«, unterbrach ich seinen Redeschwall.

»Ich habe meine Augen und Ohren überall. Außerdem spricht mein Bruder im Schlaf. Und nun: vorwärts!« Er pikte mir mit dem Schwert in den Oberschenkel.

»Und was soll das sein?«, fragte ich.

»Die traditionelle Waffe der Wikinger. Sicher, präzise, tödlich.«

»Das ist doch keine Waffe.« Ich hielt ihm meine 360er Kill-o-Matic ins Gesicht. »Das ist eine Waffe.«

Thorvald wirkte unbeeindruckt. »Scheint mir nicht sehr gut geeignet, um damit jemanden auf qualvolle Weise aufzuspießen.«

»Dafür kann ich damit jemanden auf qualvolle Weise zu Staub pulverisieren«, entgegnete ich.

Er schluckte und ließ das Schwert fallen.

»Kein Wunder, dass Ihr Vater lieber Ihren Bruder auf Missionen schickt«, sagte ich. »Sigi?«

»Sigmund«, stöhnte der Avatar, »ich heiße Sigmund.«

»In welche Zelle können wir unseren Wikingerfreund sperren?«

»In keine. Ich besitze kein Gefängnis.«

Ich überlegte kurz. »Dann bringen wir ihn in die Sauna, die benutzt sowieso niemand. Betty, wenn du so freundlich wärst.«

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