Kitabı oku: «DAS ERZ DER ENGEL»
Detlef Klewer (Hrsg.)
Das Erz der Engel
Story Center
AndroSF 133

Detlef Klewer (Hrsg.)
DAS ERZ DER ENGEL
Story Center
AndroSF 133
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Oktober 2021
p.machinery Michael Haitel
Titelbild & Illustrationen: Detlef Klewer
Exlibris: Lothar Bauer
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Detlef Klewer, Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 258 4
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 839 5
Gard Spirlin: Nur ein Schritt nach links

Gott, war ich müde! Obwohl, man sollte den Namen vom Alten nicht so leichtfertig in den Mund nehmen. Schließlich ist er der Boss und man weiß nie, wann er mitlauscht. Er besitzt ja nicht umsonst das Attribut ›allwissend‹. Unter anderem.
Tatsache war jedoch an diesem trüben Tag auf einem beschissenen Planeten namens Erde am Rande der Galaxis, dass ich mich in einem Zustand befand, gegen den ein Jetlag wirkte wie ein Schnupfen gegen Gonorrhö. Nicht, dass ich eines davon schon mal gehabt hätte. Aber man bekommt ja so einiges mit. Ich war jedenfalls vollkommen fertig, kein Wunder, hatte ich doch in dieser Dienstperiode schon den fünften Auftrag in Serie erledigt – ohne Pause dazwischen und zur vollsten Zufriedenheit vom Boss, wie ich bemerken darf. Schließlich bin ich Uriel, bekannt für meine Zuverlässigkeit, sozusagen die Delta Force vom Alten. Im Gegensatz zu Gabriel, Michael und Raphael wird mir aber selten die gleiche Anerkennung zuteil wie diesen Strebern. Aber egal, der Boss weiß schon, was er an mir hat. Er schickt mich immer dann, wenn die anderen nicht mehr weiter wissen. Oder, wenn es richtig hässlich wird. Könnte ja sonst dem Image der feinen Saubermänner schaden. Mir egal, ich bin der Engel fürs Grobe und ich habe kein Problem damit.
Ich hegte den leisen Verdacht, dass es auch diesmal kein besonders angenehmer Job werden würde. Schon der Text des Auftrags – wie üblich übers transdimensionale Engel-Telex versendet – ließ nichts Gutes ahnen: »Rebellengruppe Pharzuph auf Sol 3 aufspüren, reintegrieren oder ggfs. neutralisieren«, hieß es knapp.
Ein mieses Gefühl weckte einerseits die Formulierung der Nachricht, die mir im äußersten Fall vollkommen freie Hand bei der Wahl der Mittel ließ, andererseits die Tatsache, dass ich Pharzuph persönlich kannte, wenn auch nur flüchtig. Er hatte schon seinerzeit eine geradezu fanatische Bewunderung für die Bewohner von Sol 3 gepflegt und war anderen Engeln damit auf den heiligen Geist gegangen. Meiner Meinung nach verhielt er sich schon damals mittelmäßig durchgeknallt, aber offene Rebellion? Das hätte ich ihm eigentlich nicht zugetraut.
Aber egal, Auftrag ist Auftrag, und so warpte ich trotz mentaler Erschöpfung unverzüglich hierher, auf diesen besch… – aber das sagte ich bereits. Mann, ist die Luft trocken hier, auf anderen Planeten mit Humanoiden ist es wesentlich angenehmer. Ja, bitte noch ein Bier! Oder besser zwei, eines noch für meinen Freund hier, der sich morgen sowieso nicht mehr an dieses Gespräch erinnern wird. Aber hin und wieder muss sich auch ein Engel ausquatschen, oder?
So, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Pharzuph. Ich hatte geglaubt, dass er schwierig aufzufinden sein würde, aber im Gegenteil: Er machte gar keinen Hehl aus seinem Aufenthaltsort, ganz so, als wollte er gefunden werden. Und als ich an die wuchtige Eichentüre des alten Herrenhauses klopfte, in dem er angeblich zurzeit wohnte, öffnete er mir sogar persönlich die Tür. Allerdings musste ich zweimal hingucken, um ihn zu erkennen. Nun ist es ja mit der äußeren Erscheinungsform von Engeln im Allgemeinen so, dass wir in jeder beliebigen Gestalt auftreten können. Untereinander erkennen wir uns aber trotzdem immer, nämlich an ganz charakteristischen Merkmalen in unserer Aura. Dennoch blieb mir erst mal die Spucke weg: Da stand Pharzuph vor mir, in der Gestalt eines männlichen Erdbewohners – aber angezogen wie eine Frau!
»Uriel! Was für eine schöne Überraschung, dich zu sehen! Komm doch herein, wir feiern gerade eine Party und du bist natürlich herzlich willkommen!«, flötete er mir entgegen.
Ich muss ziemlich verdutzt dreingeschaut haben, denn er hob eine Augenbraue, und als ich nach fünf Sekunden noch immer nicht reagierte, nahm er (oder sie? Warum hatte er nicht gleich Frauengestalt angenommen, wenn ihm das besser gefiel?) meinen Arm, hakte sich unter und führte mich in die große Halle.
Da tanzte aber tatsächlich der Bär, bei meiner nichtvorhandenen Seele! Er hatte offenbar eine ziemlich umfangreiche Gefolgschaft um sich geschart, die hauptsächlich aus zweit- und drittklassigen Engeln, aber auch aus vielen Erdbewohnern zu bestehen schien. Sie tanzten zu wilder Musik durcheinander, allesamt in bunte Kostüme gekleidet, die allerdings mehr zeigten als verhüllten. Engelschöre waren das definitiv nicht. Ich wollte gerade eine spitze Bemerkung darüber fallen lassen, da erinnerte ich mich an Pharzuphs ›Fachgebiet‹: Er war ja der Engel der Unzucht und Lust!
Sollte er in geflissentlicher Diensterfüllung ein wenig zu tief in die Materie eingetaucht sein? Aber warum dann der Auftrag? Wo war die Rebellion? Es blieb mir ein Rätsel, aber ich beschloss, zunächst einmal den Ahnungslosen zu spielen und den Guten zuerst möglichst auszuhorchen, bevor ich auf die Pauke haute.
Pharzuph hingegen schien voll in seinem Element. Während er sich und mich durch die Schar der Gäste manövrierte, mich da und dort vorstellte (»Mein guter Freund Uriel«) und sowohl Männlein wie Weiblein hin und wieder beiläufig, aber lustvoll ans Gesäß griff, laberte er mich mit einem Lobgesang nach dem anderen auf die menschliche Spezies voll. Nichts für ungut, ich mag euch auch ganz gerne, solange ihr den Rand haltet und nicht allzu viel Ärger verursacht, aber der Kerl äußerte sich ja geradezu euphorisch über euch!
Dennoch fand ich in Pharzuphs Äußerungen nach wie vor keinen Grund für einen derartig drastisch formulierten Einsatzbefehl. Er brüstete sich zwar mit unzähligen Eroberungen, sowohl von weiblichen als auch männlichen Erdlingen, aber wenn das ein Verbrechen sein sollte, müsste man den ganzen Planeten eliminieren. Außerdem, wie schon gesagt, das gehörte ja zu seinem göttlichen Auftrag, auch wenn ein solches persönliches Engagement schon sehr außergewöhnlich war. Er nahm halt seinen Job ernst, könnte man vielleicht argumentieren.
Nein, da musste noch etwas anderes dran sein und ich wollte freiwillig hundert Jahre bei Luzifer den Türsteher machen, wenn ich nicht dahinterkommen würde! Es sollte indessen keine besondere Anstrengung meinerseits dazu nötig sein, wie sich noch herausstellen würde, aber zunächst einmal bewegte ich mich unauffällig durch die Menge, nachdem ich Pharzuph kurzfristig losgeworden war, und hielt meine Augen offen. Die Party näherte sich offensichtlich langsam, aber stetig ihrem Höhepunkt. Ebenso wie jede Menge Pärchen, wie ich bemerken musste. Die trieben es ganz ungeniert auf den Treppen, an Fensternischen und sogar auf einigen Tischen, umtanzt von anderen Feierwütigen. Und zwar bunt gemischt: Menschen mit Menschen, Menschen mit Engeln in Menschengestalt, Engel mit anderen Engeln in sonst welcher Gestalt. Eros hätte seine Freude gehabt, wenn wir ihn nicht seinerzeit mit seinem ganzen olympischen Pack zum Teufel gejagt hätten, buchstäblich natürlich. Egal, entgegen der Meinung so manch selbst ernannten Religionsstifters hier oder auch auf anderen Planeten sind wir Engel ja nicht prüde – und unser Chef übrigens auch nicht. Aber noch immer gab es überhaupt keinen Anhaltspunkt, weshalb ich überhaupt hierher bestellt worden war. So kam ich nicht weiter!
Entschlossen hielt ich auf die große Tafel zu, auf der sich gerade Pharzuph lang ausgestreckt unter einem niedlichen Cherub wand, die auf ihm ritt und gleichzeitig hingebungsvoll und ambitioniert am Mittelstück eines Erdlings nuckelte. Ich tippte den Engel der Wollust heftig an, was ihn aber nur dazu brachte, seinen Arm um meinen Nacken zu schlingen und mich zu sich herunterzuziehen, um mich zu küssen. Ich gab ihm einen Brusthammer, dass der Tisch zusammenbrach. Als er sich aus den Trümmern aufrappelte, war mir zumindest seine Aufmerksamkeit sicher.
»Los, komm mit! Sofort!«, befahl ich ihm, drehte mich um und ging auf ein Separee zu.
»Aber Uriel, Schätzchen, dazu müssen wir uns doch nicht verstecken! Außerdem wusste ich gar nicht, dass du auf mich stehst.«
Ich drehte mich nur um und schaute ihn böse an. Wie gesagt, das war Auftrag Nummer sechs und ich war definitiv urlaubsreif. Jedenfalls schlich der Gute nun schnell an mir vorbei, zog den Vorhang zum Separee auf und scheuchte mit einer Handbewegung zwei sich dort vergnügende Erdlingsfrauen hinaus. Dann verbeugte er sich artig und ließ mich eintreten.
»Was kann ich für dich tun?«, fragte er in geschäftsmäßigem Ton, nachdem wir uns gesetzt hatten.
»Die Frage ist wohl eher, was hast du mir zu sagen? Ich bin schließlich dienstlich hier!«
»Ach, die Obrigkeit wird aufmerksam auf uns? Sehr fein, sehr fein! Du siehst ja, was wir hier aufgebaut haben. Wir leben in völliger Harmonie und Eintracht, Menschen wie Engel. Keine Eifersüchteleien mehr, von wegen keine Seele oder keine Unsterblichkeit, nur freie Liebe, ganz im Sinne vom Boss! Unsere kleine Gemeinschaft floriert und wird mit jedem Tag größer. So nähern wir uns beständig SEINEM Ziel: In jeder Hinsicht gottgleich zu werden! Was soll daran falsch sein?«
»Nein, nein, mein Freund, so brauchst du mir nicht zu kommen! Wegen ein paar Orgien, von mir aus auch mit Menschen, sendet mich der Alte nicht quer durch die Milchstraße. Also raus mit der Sprache: Was hast du ausgefressen?«
Pharzuph seufzte theatralisch, zupfte am Saum seiner Strümpfe, die durch das hoch geschlitzte Kleid hervorblitzten, und zog einen Lippenstift aus seinem Handtäschchen, um sich mit geübtem Strich die Lippen nachzuziehen.
»Ach Urilein, sei doch nicht gleich so böse! Genieße doch ein bisschen die Party! Ich verspreche dir, bald wirst du alles erfahren. Wir stehen nämlich kurz vor unserem großen Ziel und als Höhepunkt dieser kleinen Feier werde ich es präsentieren. Also Geduld, mein Süßer, du wirst begeistert sein!« Mit diesen Worten kniff er mich in die Wange, stand auf und stöckelte davon.
Manchmal denke ich, ich werde langsam zu alt für diesen Job. Sechstausend Jahre sind genug, sollte man meinen. Aber als Erzengel hat man keinen geregelten Pensionsanspruch, leider. Also machte ich zunächst das Beste daraus, sprich: Ich trank ein paar Biere. Bier ist wahrscheinlich das Genialste, was ihr auf diesem Planeten je erfunden habt. Nicht, dass ich davon betrunken werde, aber es schmeckt mir. Im Gegensatz zu dir, mein Freund, wird mich also morgen kein Brummschädel plagen und ich werde mich noch sehr genau an alles erinnern können. Auf dein Wohl! Was sagst du? Wie viele andere Planeten mit Menschen es noch gibt? Millionen, mein Freund, Millionen. Aber für euch gibt es keine Chance eines Besuchs. Haben wir uns fein ausgedacht, das mit der Lichtgeschwindigkeit, gell?
Aber wo war ich stehen geblieben? Ach ja, die große Präsentation …
Pünktlich um Mitternacht dimmte jemand das Licht im Saal, eine Trennwand bewegte sich wie von Geisterhand beiseite und offenbarte eine Bühne, die jedoch noch von einem Vorhang verhüllt wurde. Erwartungsvolles Schweigen senkte sich über die Partygäste. Als der Vorhang hochging, sah man zunächst nur die Silhouette eines großen quaderförmigen Kastens auf einem Podest gegen den spärlich beleuchteten Bühnenhintergrund. Davor, ebenfalls nur als Umriss zu erahnen, stand eine Gestalt, in der ich Pharzuph erkannte. In die Stille hinein konnte man die Anspannung geradezu knistern hören.
Da! Gleißende Scheinwerfer flammten zugleich mit einem grellen Fanfarenstoß auf, ließen den Engel in dunklem Glanz erstrahlen. Hoch aufgerichtet stand er da und badete in der dramatischen Musik, sein schwarzes Kleid floss geradezu an ihm herab. In absoluter Verzückung reckte er seine Arme hoch gegen den Himmel, den Kopf weit in den Nacken gelegt. Er hatte schon immer ein Faible für bombastische Auftritte gehabt, aber das stellte alles Bisherige in den Schatten. Die Musik drängte empor, steigerte sich zu einem orgiastischen Höhepunkt – und verstummte. Und Pharzuph sprach zu seinem Volk.
»Meine lieben Freunde, Mitengel und Sterbliche! Ihr wisst, was dieser Tag für unsere Gemeinschaft bedeutet: Der Preis, das lang ersehnte Ziel unserer Wünsche, ist zum Greifen nah. Ihr alle habt hart gearbeitet, um dieses Ziel zu erreichen, und manchmal schien das Scheitern nah. Doch nun sollt ihr belohnt werden. In wenigen Augenblicken werden wir uns endlich zu dem erheben, was unsere Bestimmung ist! Freunde, es ist so weit: Lasst uns beginnen!«
Er ließ seine Arme sinken und in diesem Moment begann der Kasten hinter ihm in elektrischem Blau zu pulsieren, zunächst nur schwach, doch mit jedem Herzschlag verstärkte sich das Glühen, die Konturen verzerrten sich, Dimensionen schienen zu zerfließen, Umrisse waberten in irrwitzigen Farben, kleine Blitze wisperten entlang verschwimmender Körperlichkeit. Dann: eine donnernde Entladung, die die Zeit selbst gleißend entzweizureißen schien. Dunkelheit. Stille …
Ein einzelner Scheinwerfer blendete verhalten auf und beleuchtete das Podest. Statt des Kastens lag nun dort eine Gestalt auf dem Rücken, zugedeckt mit einem weißen Laken. Pharzuph trat gemessen heran. Er griff unter das Tuch und zog einen leblosen muskulösen Arm darunter hervor. Zärtlich zeichnete er mit dem Finger die zarten Linien der Venen auf diesem nach. Als sich keine Reaktion einstellte, begann er, den Arm zu streicheln, zunächst sanft, dann immer stärker, bis er ihn regelrecht knetete. Das Publikum begann zu tuscheln und Pharzuphs Gesichtsausdruck hatte sich indessen von Verzückung zu Verzweiflung gewandelt.
Doch da! Ein Finger der Gestalt zuckte kurz auf! Pharzuph schrie auf und intensivierte seine Massage. Ein kollektives Stöhnen ging durch die Menge, als der Arm tastend um sich zu greifen begann. Pharzuph sprang auf und riss das Laken von dem Körper. Ein wunderschöner Jüngling lag da und blinzelte mit Babyaugen in das Licht.
Da fiel es mir wie Schuppen von den Engelshaaren! Vor zweihundert Jahren ereignete sich auf der Erde ein dubioser Vorfall, bei uns intern nur als ›Shelley-Zwischenfall‹ bekannt. Darin verwickelt: Pharzuph … Damals konnte er sich irgendwie aus der Sache herausreden und im Endeffekt war auch nicht wirklich etwas passiert, außer dass eine Schriftstellerin plötzlich eine schier unglaubliche Vision zu Papier brachte.
Hier entwickelte sich aber eine völlig andere Sache! Jetzt wusste ich auch, was es bedeutete, als er sagte, er wolle gottgleich werden: Pharzuph wollte Leben erschaffen!
Und anscheinend war ihm das auch gelungen. Nur leider enthielt die Sache einen gewaltigen Haken: Das durfte außer dem Boss niemand!
Die Menge wich erschrocken zurück, als ich mit einem einzigen Schwung meiner Flügel auf die Bühne neben Pharzuph und sein Geschöpf glitt und mich zu dreifacher Menschengröße aufrichtete, silbern glänzend, bewehrt mit dem Schwert aus Licht. Es geht nichts über ein gediegenes Imponiergehabe, sage ich immer. Ich hatte aber ansonsten echt keinen Bock mehr auf Konversation und beförderte das Arschloch daher mit einem einzigen Streich meines Schwertarms Richtung Schöpfer.
Dann wandte ich mich dem Homunkulus zu, der mich mit großen unschuldigen Augen angsterfüllt ansah. Meine erste Vermutung wurde nach einer kurzen Inspektion seiner Aura nun zur Gewissheit: Pharzuph hatte ihm keine Seele geben können! Woher auch, könnte man natürlich sagen. Somit konnte ich den armen Tropf getrost sich selbst überlassen. Auf einen mehr oder weniger ohne Seele kam es auf diesem Planeten sowieso nicht an.
Nun noch zu den Partygästen. Gewiss hatten einige aktive Mitstreiter dabei geholfen, diesen Schlamassel anzurichten, aber ich war sicher, nach dem gerade statuierten Exempel (Pharzuphs Reste glimmten noch auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, vor sich hin), würde die Sehnsucht nach Wiederholung solcher Aktivitäten wohl eher verhalten sein. Also begnügte ich mich damit, deren Aura mit einem kleinen Andenken zu versehen, was im körperlichen Sinne dem äquivalenten Schmerz eines Brustwarzenpiercings entsprechen würde.
Und dann beschloss ich spontan, noch eine Bar aufzusuchen, um noch ein wenig after work zu chillen, bevor ich womöglich den nächsten Auftrag aufgebrummt bekommen würde. Deshalb bin ich hier, mein betrunkener Freund. Jetzt habe ich so viel von meinem Job erzählt, was machst du eigentlich beruflich? Musiker? Ah, Komponist! Was? Du möchtest ein Musical darüber schreiben? Na, viel Spaß dabei, die Story mit uns Engeln wird dir aber niemand abkaufen. Schreib lieber etwas über Außerirdische, das glauben die Leute noch eher! Und du würdest gerne wissen, wie man zwischen den Dimensionen warpt? Das ist ganz einfach: It’s just a jump to the left …
Celin Aden: Aizong 3

»Aufwachen, ihr Schlafmützen! Wir erreichen Aizong 3 in ein paar Minuten!«, erklang Uriels heitere Stimme. Träge öffnete Gabby die Augen und überlegte, wie der Lautsprecher im Quartier von der internen Com-Verbindung abgekoppelt werden konnte, ohne dabei Raphaels Aufmerksamkeit zu erregen – oder das halbe Schiff lahmzulegen.
Ihr technisches Geschick hielt sich in eng gesteckten Grenzen. Sie hatte schon einmal versucht den Partikelinterzeptor ihres Anzugs zu erhöhen – mit dem Erfolg, den subharmonischen Oszillator des Schiffs zu überladen, als sie ihren Anzug anschließen wollte.
Die Rückkopplung hatte beinahe die Schiffssensoren geschmort und Raphael einige Tage Arbeit beschert.
Verschlafen blinzelte sie den Wecker auf dem Sideboard neben dem Bett an, als ein abgehacktes Kichern im Zimmer erklang.
Fassungslos schnappte Gabby nach Luft. Dann setzte sie sich auf, presste die Laken an die Brust und ließ den Blick wachsam durch das Quartier schweifen.
Tatsächlich, Uriel stand im Türrahmen und grinste!
»Verschwinde, du Spanner!« Wutschnaubend packte sie ihr Kissen und schleuderte es Uriel mitten ins Gesicht. Abermals kicherte er gackernd, tat ihr aber den Gefallen und ging.
»Eve, Türe schließen und verriegeln«, grummelte Gabby und ließ sich rücklings wieder auf ihr Lager fallen. »Verfluchter Idiot!«
»Lass gut sein, Gabby«, brummelte Michael neben ihr. Laken raschelten, als er sich zu ihr drehte und einen Arm um ihre Taille legte.
»Er wird uns alle noch umbringen!« Schnaubend schob Gabby seine Hand weg, schwang die Beine über die Bettkante und warf die Bettdecke von sich.
»Uriel hat es unter Kontrolle«, versicherte Michael seufzend und wälzte sich auf die andere Seite.
»Sieht mir nicht so aus. Wenn du mich fragst, ist er unzurechnungsfähig. Er sollte nicht mit Sprengstoffen hantieren, die binnen eines Augenblicks einen halben Planeten implodieren lassen könnten, geschweige denn unser Schiff!« Gabby klaubte ihre Hose vom Boden und zog sie sich über die Beine.
»Ist das deine Meinung als Expertin?«
Schnaubend stand Gabby auf und griff nach ihrem Oberteil. »Er hat Zwangsneurosen und schizophrene Schübe, das ist meine Meinung als Expertin.« Sich in ihr Shirt kämpfend, durchquerte sie zügig Michaels Quartier und ließ sich von Eve, der schiffsinternen KI, die Quartiertüre öffnen.
»Wir sind alle etwas verrückt, Gabby«, rief Michael ihr hinterher, bevor sie entlang des schmalen Korridors zu ihrem eigenen Quartier stapfte.
»Da hat er nicht unrecht«, schaltete sich Raphael ein, ohne von dem Display an der Wand aufzusehen.
»Kümmere dich um deinen eigenen Kram.« Gabby verpasste dem Blondschopf einen sanften Schlag auf den Hinterkopf. Aber bereits erneut zu vertieft in die Daten vor sich, registrierte Raphael es gar nicht, oder schenkte dem keinerlei Beachtung.
Kopfschüttelnd betrat Gabby ihr Quartier und steuerte zielstrebig ihre Dusche an.
Als sie unter dem nebeligen Dampfstrahl stand, erklang Eves Stimme über die Schiffslautsprecher:
»Wir erreichen unsere Zielkoordinaten in zwanzig Standardminuten.«
»Ja …«, knurrte Gabby, verließ den warmen Nebel in ihrer Duschkabine und rubbelte sich nur flüchtig mit einem Handtuch trocken.
Dann steuerte sie das Regal neben ihrem Schlafplatz an und streifte einen der schwarzen Bioanzüge über. Raphael scherzte immer, dass die Anzüge wie zu groß geratene Strampler aussahen. Zweifelsohne musste Gabby ihm darin zustimmen, obwohl der Anzug sie schon vor so mancher Gefahr geschützt hatte. Ihre Körpertemperatur ausgleichend, bewahrte er sie nicht nur anlässlich einer Gelegenheit davor, womöglich Finger oder Zehen zu verlieren. Hinzu kam eine nahezu kaum mögliche Zerstörbarkeit des dünnen Stoffs, weder mittels Schneidwerkzeugen, noch durch Energiestrahlen.
Trotzdem war es ganz gut, dass sie außer ihrem Team niemand in diesem Bioanzug sah.
Bei dem Gedanken schmunzelte Gabby und durchquerte den Flur eilig in Richtung der backbord gelegenen Rüstkammer.
Als sie den Raum betrat, zog sie sich gerade die Anzugkapuze über den Kopf und entdeckte Michael, der schon in seinem goldenen Kampfanzug steckte. Daneben machte sich gerade Uriel an seiner matten, nachtschwarzen Rüstung zu schaffen.
»Was hältst du heute für unsere Gegner bereit, Uriel?«, hakte Gabby nach und verstaute ihre schneeweißen Haarsträhnen sorgfältig unter der Kopfbedeckung.
»Rubidium-Kern-Granaten«, grinste Uriel und kletterte seinerseits in seine Panzerung.
Gabby verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse und warf einen Blick zu Michael, der das Ganze mit einem Achselzucken quittierte. Rubidium war hochempfindlich. Allein eine unachtsame Bewegung vermochte das Element zur Explosion zu bringen.
Sie waren alle am Arsch …
Seufzend überprüfte Gabby die Daten ihres rot glänzenden Kampfanzugs, ehe sie dessen Rückenpartie aufspringen ließ, um hinein zu klettern.
»Willkommen, Erzengel Gabriel. Alle Funktionen Ihrer Panzerung befinden sich in akzeptablen Norm-Werten. Die Restladung des Deuterium-Energiekerns beträgt aktuell achtundneunzig Prozent«, empfing sie im Inneren die KI der Rüstung.
»Sollte die Ladung nicht hundert Prozent betragen, Raphael?«, erkundigte sich Gabby mit vorwurfsvollem Blick in Richtung des Technikers.
»Steht nicht auf meiner Prioritätenliste, Gabby, aber keine Sorge, ich vergesse nichts.« Raphael klopfte sich mit einem Finger gegen den Teil seines Schädelknochens, den eine Metallplatte ersetzte. Hinter ihr befand sich ein regelrechtes Arsenal an Kabeln und Festplatten. Sein Gehirn ähnelte mittlerweile mehr einem Computer, was die häufige Einnahme hoher Dosen eines Medikamentencocktails nötig machte. Bevor er mit einem strahlenden Lächeln in seinen blauen Kampfanzug stieg, kämmte sich Raphael mit der gleichen anmutigen Bewegung durch die schulterlangen, blonden Haare, die mit schöner Regelmäßigkeit reihenweise ahnungslose, junge Mädchen seufzend auf seinen Schoß beförderte.
Gabby rollte nur genervt mit den Augen.
Mittlerweile prallte solches Gehabe an ihr ab, wie Geschosse an der Osmium-Hülle ihres Kampfanzugs.
»Fertig?«, erklang Michaels Stimme über Gabbys Com-System in ihrer Kampfmontur.
»Fertig«, bestätigte sie und hörte die beiden anderen Teammitglieder ebenfalls bestätigen.
»Eve, den Ausgang öffnen«, verlangte Michael und stapfte an ihnen vorbei in Richtung der Außenwandluke.
»Schiff befindet sich in konstantem Orbit um Aizong 3«, erläuterte die KI. »Backbordausgang wird geöffnet.«
Dampf schoss aus den Druckluftventilen, als die schweren Seitenteile der Luke sich bewegten. Gabby erkannte einen winzigen Ausschnitt einer blassen Sonne vor einem weißen Planeten.
»Dann wollen wir mal.« Michael durchstieß ungehindert das Kraftfeld. Binnen eines Augenblicks befand er sich schwebend im luftleeren Raum, öffnete seine Thoron-Schwingen, aktivierte sie und steuerte den Planeten an.
Gabby folgte ihm auf dem Fuße und ließ sich von ihren Flügeln in einem weiten Bogen zu ihren Zielkoordinaten bringen.
»Enthielt der Hilferuf irgendwelche Informationen?« Michaels Stimme erklang in Gabbys Helm. Mittlerweile war ihr kommandierender Offizier nur noch als winziger Punkt auf dem Weiß der Planetenatmosphäre zu erkennen.
»Negativ, Chef. Es wurde nur ein automatischer Funkspruch abgesetzt. Eine Endlosschleife, die bis jetzt nicht abgestellt wurde. Es besteht seit zweiundsiebzig Stunden kein Funkkontakt zu der Siedlung auf Aizong 3«, erläuterte Raphael, der sich nur wenige Hundert Meter hinter Gabby befinden musste.
Ein euphorisches Jubeln schrillte durch die Com-Verbindung, als Uriel an ihr vorbei schoss.
»Das darf nicht wahr sein«, grollte Gabby und folgte ihm eilig.
Uriel traute sie mittlerweile alles zu. Womöglich legte er die Siedlung ohne ersichtlichen Grund in Schutt und Asche, und sie würden nie in Erfahrung bringen, was dort zuvor geschah. Sofern überhaupt etwas passiert war, und die Probleme nicht von einer defekten Com-Anlage herrührten.
Uriel ungeschützt auf die ahnungslosen Siedler loszulassen, schien ihr noch fahrlässiger, als ihm hochexplosive Materialien in die Hand zu drücken.
»Uriel, langsam«, befahl Michael, als der Waffenexperte scheinbar sogar ihren kommandierenden Offizier überholte.
»Ich sagte doch, irre …«, grummelte Gabby und durchbrach die Exosphäre des Planeten.
»Verrückt sind nur die, die denken, sie seien normal!«, lachte Uriel durch die Com-Verbindung und jubelte wieder wie ein Zehnjähriger auf Achterbahnfahrt.
»Dann bin ich ziemlich verrückt«, erwiderte Gabby zynisch und ließ sich von ihrem Navigationsprogramm in Richtung der Zielkoordinaten führen.
Als sie schlussendlich in einer kargen, schwarzen Felslandschaft aufsetzte, hob sie erstaunt die Augenbrauen.
Skurrile Formationen steinerner Säulen, die sich spiralförmig in den wolkenlosen Himmel schraubten, breiteten sich vor ihnen aus.
Eis auf den glatt polierten Oberflächen glitzerte in den blassen Strahlen der düsteren Sonne.
Als Gabby auf die Anzeigen ihres Kampfanzugs linste, entwich ihr ein besorgtes Schnauben: Die Werte zeigten minus einhundertsiebenundfünfzig Grad Celsius und eine für Menschen ungeeignete Atmosphärenzusammensetzung.
»Und hier sollen Menschen leben?« Michael sprach den Gedanken aus, der auch Gabby durch den Kopf schoss.
Zugegeben, die Menschheit fand und besiedelte nur wenige geeignete Planeten in der Galaxie. Mittlerweile wurden Raumstationen den unzähligen gescheiterten Terraforming-Projekten vorgezogen.
Aber dieser Planet wirkte noch lebensfeindlicher als so manches Versuchsobjekt, an dem die Forestics mit ihren Umwelt-Umwandlungsprojekten scheiterten. Gabby und ihr Team mussten es wissen. Mehr als einmal statteten sie einem solchen Planeten einen Besuch ab, um in Not geratene Mitarbeiter und Siedler zu retten.
»Sicher, dass der Hilferuf von einer Siedlung abgesetzt wurde, und nicht von einem abgestürzten Schiff?«, hakte Michael nach.
»Ganz sicher«, bestätigte Raphael, »auf Aizong 3 soll sich laut Angaben der G.O.T.T.-Datenbanken seit achtzehn Monaten eine menschliche Siedlung befinden.«
»Welche Firma ist dafür verantwortlich?«, erkundigte sich Gabby und folgte dem vorwärts stapfenden Michael.
»Laut Verzeichnis mehrere, aber Hauptinvestor ist Orange Enterprises, eine Bergbau- und Bergungsfirma«, antwortete Raphael prompt. »Den Koordinaten nach sollte sich die Siedlung neunhundert Meter vor uns befinden.« Er deutete in besagte Richtung und Gabby musterte die vor ihr liegende Felsformation gründlich.
Viele niedrige Steinspitzen ragten vor ihnen aus dem Boden, während metertiefe Spalten die Zwischenräume durchzogen.
Dahinter befand sich eine kreisförmige Öffnung, inmitten einer der spiralförmigen Säulen.
»Unterirdisch«, erklang Michaels Stimme abermals über Funk. Gabby und die anderen folgten ihrem kommandierenden Offizier. Dank der Thoron-Schwingen überbrückten sie die Entfernung von wenigen Hundert Metern mit einem Sprung.
Als Gabby die Öffnung betrat, erkannte sie tiefe und einem Gewinde ähnelnde Rillen im Stein. Den Blick auf die steinernen Wände gerichtet, aktivierte sie den Scheinwerfer ihres Helms und folgte ihrer Einheit in die Tiefe.
Der Weg erwies sich schnell als abschüssig, aber dank unregelmäßiger Furchen fanden ihre Stiefel Halt auf dem gewölbten Boden.
»Da unten ist etwas«, murmelte Uriel und griff nach seiner Pistole, »ich kann es riechen.«
»Du steckst in einem hermetisch abgeriegelten Kampfanzug. Du kannst nichts riechen«, warf Gabby genervt ein.
»Wärmesignaturen?«, hakte Michael an Raphael gewandt nach.
»Negativ. Meine Sensoren nehmen weder Bewegungen noch Wärme über null Grad Celsius wahr.«
»Seit wann werden eigentlich Siedlungen unterirdisch angelegt? Bedeutet das nicht mehr Aufwand, als eine Raumstation in Betrieb zu nehmen?« Eine Antwort blieb man Gabby schuldig, denn gleichzeitig mündete der Weg in einer ausladenden Tropfsteinhöhle, mit einer Unzahl von Stalaktiten und Stalagmiten.
Die raue Oberfläche leuchtete rosa und erhellte die Höhle genug, um gut hundert Meter weit sehen zu können.
»Wahnsinn …«, hauchte Uriel und huschte zu der nächstbesten Säule. Als seine Handschuhe die Oberfläche berührten, blitzte sie blau auf, bevor sie wieder ihr zartes Rosa annahm.
»Hat jemand eine Ahnung, was das ist?«
»Ein Wunder!«, flüsterte Uriel und Gabby verdrehte genervt die Augen.
»Wo geht es lang?«, mischte sich Michael ein, bevor Gabby erneut Gelegenheit fand, in eine Schimpftirade zu verfallen.
»Dreitausend Meter in diese Richtung.« Raphael schickte jedem die Koordinaten und Michael fuhr seine Thoron-Schwingen aus, während er neben Gabby stand und sie durch das Helmvisier angrinste.
»Wettrennen?«, lockte er, aktivierte den Antrieb, hob vom Boden ab und jagte bereits zwischen den ersten Säulen hindurch, während Gabby sich noch die Frage stellte, welcher der Jungs wohl der kindischere sei.
Als auch sie ihre Thoron-Schwingen aktivierte, schoss Uriel bereits an ihr vorbei, flog Loopings und streifte immer wieder mit den Flügelkanten eine der leuchtenden Säulen.
Aber auch Gabby musste zugeben, dass es Spaß machte, zwischen den dicht stehenden Tropfsteinen hindurch zu rasen. Auf so engem Raum nutzten sie die Thoron-Schwingen selten.
Sie drehte sich auf den Rücken und passierte die Säulen in atemberaubender Geschwindigkeit.
Als sie Raphaels Zielort erreichte, landete sie vor einem geschlossenen Portal mit schweren, doppelt gesicherten und verriegelten Torflügeln. So wie es schien, hatten sie die Siedlung gefunden. Sich über das Display neben dem Tor beugend, schloss Raphael seinen Anzug an, um Zugang zu dem Sicherheitssystem zu erhalten.
»Sesam, öffne dich«, murmelte er nach erfolgreichem Abschluss. Die metallenen Torhälften glitten zur Seite, während alle wachsam einen Schritt zurücktraten.
»Gut gemacht«, kommentierte Michael und betrat als Erster die Dekontaminationsschleuse dahinter. Als sich alle darin befanden, schloss sich das äußere Tor automatisch. Der Vorgang dauerte keine Sekunde, aber Gabby empfand auf einmal eine innere Unruhe. Uriel hatte recht, irgendetwas … stimmte nicht. Ihre Hand zuckte zu ihrer Pistole.
»Noch nicht!«, hallte Michaels Stimme über Funk, als er ihre Bewegung aus dem Augenwinkel wahrnahm. »Wenn es sich nur um eine defekte Com-Anlage handelt, wollen wir die Siedler nicht erschrecken.«
Gabby gab einen zustimmenden Laut von sich, umfasste aber trotzdem den Pistolengriff.
Sicher war sicher.
Zischend öffnete sich das Innentor und Gabbys Griff um die Waffe verstärkte sich.
Die Anlage lag friedlich vor ihnen.
Oberlichter flackerten, bevor sie sich vollständig einschalteten. Das Summen eines Generators und regelmäßiges Tropfen drang an ihre Ohren. Durch ein Leck an einer der Oberleitungen bildete Wasser eine Pfütze auf dem steinernen Boden. An den Säulen, die die Deckenkonstruktion und die zweite Ebene abstützten, wiesen Warnschilder darauf hin, dass Rauchen und offenes Feuer in diesem Bereich verboten sei.
Als Gabby die Anzeigen in ihrem Helm kontrollierte, entdeckte sie, dass die Temperatur nun ungefähr fünf Grad Celsius betrug sowie ausreichende Sauerstoffsättigung vorlag.
Ein großer Lüfter ratterte über ihnen und pumpte stetig Luft in die Halle. Zu beiden Seiten führten Treppen in nächstgelegene Räume, während sich der Verlauf des Flures vor ihnen nach wenigen Metern in einer Kurve verlor. Einzig die Siedler fehlten.
»Mir gefällt das nicht«, kommentierte Raphael die anhaltende Stille.
Michael brummte, betrat den breit angelegten Gang vor ihnen und spähte hinein. »Finde heraus, wo sich die zentrale Verwaltung befindet.«
Raphael steuerte das wenige Meter vor ihnen stehende Display an, während Gabby sich langsam um die eigene Achse drehte und skeptisch die offene Ebene über ihnen musterte.
Ein Schniefen erklang über Funk. »Hier ist etwas … Ich kann es riechen!«, murmelte Uriel vor sich hin.
Als Gabbys Blick zu ihm schwenkte, hob sie erstaunt die Augenbrauen. »Wo zum Teufel hast du eine Minigun her?«
»Gefunden«, erwiderte Uriel knapp und Gabby ersparte sich die Frage, wo um alles in der Welt man so ein Ding finden konnte. Ob er die auf dem Schiff auch schon hatte?
In einer Siedlung wie dieser, dürfte eine solche Waffe wohl nicht einfach auf dem Boden herumliegen.
Ein weiteres Schniefen über Funk ließ Gabby genervt aufstöhnen.
»Hör auf zu schnüffeln, Uriel!«
»Feindkontakt!«, hallte Michaels Stimme durch den Funk.
Noch ehe Gabby herauszufinden vermochte, aus welcher Richtung der Angriff erfolgte, sahen sie sich auch schon umringt von gut drei Metern langen, massigen Riesenwürmern. Das rundliche Maul umgaben unzählige kleine Zangen und zuckende Tentakel. Keine erkennbaren Augen, dafür mehrere Reihen spitzer Zähne. Mit armähnlichen Gliedmaßen hangelten sich die Würmer vorwärts, hingen an Rohren von der Decke oder krochen an den Treppengeländern entlang.
»Sieht nach einer einheimischen Tierart aus«, analysierte Raphael ganz pragmatisch, während Gabby ihre Pistole aus der Halterung zerrte.
»Scheint, als hätten sie die Siedler für Snacks gehalten«, konterte Gabby trocken, jetzt doch dankbar, dass Uriel mit seiner Minigun neben ihr stand.
»Sie trauern … um ihre Lieben und um sich selbst. Sie sind tot, sie wissen es nur noch nicht«, warf Uriel ein und Gabbys Nervosität stieg.
»Was meinst du damit? Dass wir diese Monster gleich erschießen werden?«
»Nein …« Weiter kam Uriel nicht, weil sich eines der hässlichen Viecher dazu entschied, von der Decke zu fallen und genau zwischen ihnen zu landen. Gabby hechtete zur Seite. Wollte den Waffenlauf auf die Kreatur richten, entschied sich jedoch anders und zielte auf den Riesenwurm, gegen den sie geschlittert war. Sie spürte den Rückstoß ihrer Waffe, als sie abdrückte. Ein markerschütterndes Kreischen erklang, als die Kugeln das Vieh durchschlugen und ihr eine schlammig rote Masse entgegenspritzte. Gleichzeitig jagte eine Gänsehaut über ihren Rücken.
Es klang beinahe wie der gequälte Aufschrei eines … Menschen. Der Bildschirm ihres Helms zeigte sämtliche Angreifer in Form von Punkten an.
Als das Tier starb, verschwand der rot leuchtende Punkt vor ihr, dafür flammte ein weiterer auf. Ein Warnton in ihrem Helm schrillte.
Gabby gelang es gerade noch, sich auf den Rücken zu werfen und die Pistole auf den herabfallenden Wurm zu richten. Er landete halb auf ihr und sein Gewicht presste sie zu Boden.
Fluchend drückte sie den Abzug und hörte im gleichen Augenblick das Donnern von Uriels Minigun. Ein Kugelhagel durchschlug den Wurm – und verfehlte sie nur knapp. Schmerzgepeinigt krümmte sich die Monstrosität über ihr, bevor sie regungslos zusammensackte.
»Scheiße, Uriel! Pass auf, wohin du schießt!«, fluchte Gabby und kämpfte sich unter dem Kadaver hervor. Dank ihres Anzugs gelang ihr dieses Kunststück ohne allzu viel Kraftaufwand.
Eine Verschnaufpause war ihr jedoch nicht vergönnt, denn schon sprang ihr das nächste wurmähnliche Wesen entgegen. Gabby hob ihre Waffe, drückte ab – aber diesmal folgten keine Kugeln. Ein schneller Blick genügte, um zu erkennen, dass das schleimige Blut der Kreatur die Pistole vollkommen verklebte.
Verärgert schnaubend drückte sie die Pistole auf die Magnethalterung ihrer Montur und bewegte hektisch ihren Arm. Als das dort eingearbeitete Schwert aus Oran-Stahl heraussprang, ging Gabby in Angriffsposition. Ihr Kampfanzug konnte es leicht mit diesen Viechern aufnehmen. Noch einmal würde sie sich nicht zu Boden werfen lassen. Den besten Moment abwartend, sprang sie zur Seite, stieß dem Angreifer die messerscharfe Klinge kurz hinter seinem Maul in den Leib, riss das Schwert nach oben und trennte das Vorderteil beinahe vollständig vom Rumpf. Abermals ergoss sich über sie ein Schwall blutigen Schleims, aber die Kreatur sackte kreischend vor ihr zusammen.
»Uriel, eine von deinen Granaten wäre jetzt praktisch!«, erklang Michaels Stimme über Funk.
»Seid ihr wahnsinnig?«, zischte Gabby.
»Es sind zu viele Gegner«, erwiderte Raphael im üblich objektiven Tonfall.
»Sammeln! Sofort!«, verlangte Michael, ohne auf die Diskussion einzugehen und sprintete auf Gabby zu. Raphael befand sich nur wenige Meter links von ihr, Uriel rechts. Ein ärgerliches Schnauben unterdrückend, und einen weiteren hinter ihr heran kriechenden Monsterwurm ignorierend, hetzte sie vorwärts.
Alle vier erreichten den Sammelpunkt. Gabby ließ sich auf die Knie fallen und spürte, wie Raphael sie anrempelte, als er mit zu viel Schwung schlitternd bremste.
»Jetzt!«, rief Michael und Uriel schleuderte eine seiner Granaten senkrecht in die Höhe. Im nächsten Moment umschloss sie Michaels Schutzschild. Eine golden flirrende Energiebarriere, die bislang allem und jedem standgehalten hatte. Durchdringendes Pfeifen schmerzte Gabby in den Ohren, aber die erwartete Explosion blieb aus. Immerhin keine Rubidium-Kern-Granate, dachte sie erleichtert. Somit würden sie auf ihrer vermeidlich letzten Mission nicht unter Tonnen von Gestein begraben werden.
Eine Sekunde des Durchatmens genügte Gabby, um sich zu sammeln und ihre Aufmerksamkeit auf die Helmanzeigen zu richten. Eilig überprüfte sie die Vitaldaten ihres Teams.
»Du bist verwundet«, murmelte sie erschrocken in den Funkkanal und vernahm Michaels belustigtes Brummen.
»Das merkst du erst jetzt?«
»Ist aber kein Notfall. Keine lebenswichtigen Organe wurden verletzt.«
»Das ist beruhigend.« Für eine Bestätigung des deutlich mitschwingenden Lächelns in Michaels Stimme brauchte sie nicht zu ihm aufzuschauen.
Ihre Augen spähten durch den goldenen Energieschild. Wie Schnee in der Sonne schmolzen die wurmartigen Tiere dahin. Hinterließen lediglich unansehnliche Flecken und Knochenhaufen auf dem Boden.
»Sauber«, meldete Raphael und Michaels goldene Schutzbarriere erlosch.
»Gute Arbeit«, lobte Michael und schritt den Flur entlang, um die Überreste eines dieser Tiere in Augenschein zu nehmen.
»Denkt ihr, es lebt noch jemand von den Siedlern?«, hakte Gabby nach, beugte sich über eine der Knochenansammlungen und scannte kniend die Überreste. Schließlich nahm sie einen der Knochen in die Hand. Es handelte sich um einen Oberarmknochen. Grübelnd legte sie den Kopf schief. Anscheinend hatten diese Monster wirklich die Siedler gefressen.
Betrübt legte sie den Knochen zurück und stand auf.
»Wir durchsuchen die Station«, entschied Michael und setzte sich in Bewegung.
Nach Kontrollblicken in jeden angrenzenden Raum, folgten sie dem Verlauf des Flures. Stillstehende Maschinen und Fließbänder säumten ihren Weg. Nur wenige der Riesenwürmer begegneten ihnen noch, während sie die Messe, die Quartiere, unzählige Arbeitsbereiche, Labors und Toiletten durchsuchten.
Als sie schließlich eine weitläufige Grotte erreichten, in der zuvor anscheinend Erze und Metalle abgebaut wurden, verließ Gabby schon jede Hoffnung, doch noch jemanden zu finden. Laut Raphaels Lageplan aus der Datenbank existierten hinter diesem Ort nur noch einige Lagerräume. Dennoch schritt Michael unbeirrt voran – und schon allein dafür bewunderte Gabby ihn.
Er verlor einfach nie den Glauben, selbst angesichts einer hoffnungslosen Lage nicht.
Der hintere Bereich präsentierte sich deutlich verwahrloster. Lampen flackerten und Rost bildete sich an den stählernen Wänden.
Als Michael einen der Zugänge zu den Lagerräumen öffnete und eintrat, erwartete Gabby, eine weitere Wurmkreatur würde sie gleich anspringen. Stattdessen empfingen sie vollgestopfte Lebensmittelregale – und entsetzt dreinblickende Siedler.
»Wir sind von G.O.T.T., bitte haben Sie keine Angst«, erklärte Michael ganz in seinem Element als Anführer.
Für einen kurzen Augenblick vermochten die Siedler ihr Glück kaum zu fassen. Dann brachen sie in Schluchzen und erleichterte Rufe aus.
Solche Momente waren Gabby immer die liebsten. Durch das Visier ihres Helms lächelte sie einen der Siedler an und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter, als dieser sich nach endloser Danksagung immer noch nicht von ihr losreißen wollte.
»Sie trauern …«, wiederholte Uriel plötzlich murmelnd, »… um ihre Lieben und um sich selbst. Sie sind tot. Sie wissen es nur noch nicht.«
»Was faselst du da?«, murrte Gabby mit einem Seitenblick auf ihren Waffenexperten. »Wir holen diese Leute hier raus.«
Jedenfalls die, die noch leben, dachte Gabby verbissen. Laut Einsatzbericht befanden sich an diesem Ort ursprünglich tausendvierhundertvierzig Menschen, aber in diesem Raum waren höchsten fünfzig versammelt.
»Hat hier jemand das Sagen?« Inmitten der Menschen ließ Michael seinen Blick in die Runde schweifen. Eine Frau, vielleicht Ende vierzig, hob zaghaft die Hand. Ihre dunkelbraunen, zerzausten Haare durchzogen graue Strähnen.
»Das … bin wohl ich …«, erwiderte sie zögernd und räusperte sich.
»Ich bin Michael«, stellte er sich vor und Gabby lächelte schief, bevor sie sich hinzu gesellte. »Falls jemand ernsthafte Verletzungen hat, kümmert sich Gabriel darum.« Seine Hand deutete auf Gabby.
Als ob das weiße Kreuz auf ihrer Brust nicht schon deutlich genug sei, dachte sie belustigt und musterte die Siedler fachmännisch. Allesamt sahen sie nicht gut aus. Ausgemergelt, mit rot unterlaufenen Augen und grauer Haut, unter der man an manchen Stellen deutlich die Venen in dunklem Blau erkannte.
»Wie heißen Sie?«, wandte sich Michael an die Frau.
»Marple Wozniak«, antwortete diese und wischte sich mit einer Hand über die Stirn.
»Gut, Marple – darf ich Marple sagen?« Als ein Nicken erfolgte, fuhr Michael zügig fort. »Wir holen Sie alle hier raus und bringen Sie nach Arawak 5, aber vorher: Können Sie mir erzählen, was passiert ist?«
Bar jeder Energie schüttelte Marple schwach den Kopf. »Ich weiß es nicht. Schlagartig sind diese grauenvollen … Dinger … aufgetaucht. Im Schlafraum, in den Fabriken, einfach überall. Wir sind um unser Leben gerannt. Thomas gelang es, einen Funkspruch abzusetzen, aber er selbst … kam nie bei uns an …« Kraftlos sank ihr Kopf zur Seite, ehe sie erneut zu Michael aufschaute.
»Wir dachten, wir müssten hier sterben!«, warf ein junger Mann ein und legte Marple einen Arm um die Schultern. Gabby schätzte sein Alter auf vielleicht zwanzig Jahre. In Anbetracht der Tatsache, dass die beiden sich sehr ähnlich sahen, lag die Vermutung von Mutter und Sohn nahe.
»Gut, dann sammeln Sie alle Ihre Sachen ein. Wir verschwinden von hier. Raphael, kontaktiere Eve: Sie soll das Schiff nahe des Eingangs landen.«
»Verstanden!«, bestätigte Raphael.
Gabbys Aufmerksamkeit driftete zu einem der Siedler, der sich schlagartig schwer schnaufend gegen ein Regal lehnte.
Michael befand sich bereits im Begriff, sich abzuwenden, als Marple ihm eine Hand auf den Arm legte und ihn aufhielt.
»Du bist es, nicht wahr?«
»Ich … verstehe nicht ganz«, erwiderte Michael irritiert, und Gabbys Blick huschte wieder zu ihrem Teamführer und der Siedlerfrau.
»Zachary … du … ich dachte, du bist tot. Ich hätte nie gedacht, dass du bei den Erzengeln bist.«
Michael runzelte die Stirn, ehe er sich räusperte. »Das muss eine Verwechslung sein, Marple. Ich kenne Sie nicht.«
»Nein, ich bin sicher!« Marples Finger krallten sich jetzt so fest um die Panzerung an Michaels Arm, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. »Ich bin … war deine Frau und das ist Aaron, unser Sohn.« Marple deutete auf den jungen Mann neben sich, der erstaunt aufsah.
Dunkelbraune Augen und beinahe schwarze Haare, genau wie Michael, schoss es Gabby durch den Kopf, ehe sie den Gedanken eilig verscheuchte. Die Frau litt einfach nur unter Hirngespinsten, vermutlich verursacht durch ein posttraumatisches Stresssyndrom.
Unbeirrt fuhr Marple fort: »Unser Sohn wurde mit gerade einmal zwei Jahren krank. Wir besaßen kein Geld für die notwendige Operation. Du bist damals gegangen, wohin wolltest du mir nicht sagen. Aber am nächsten Tag befand sich genug Geld auf unserem Konto. Ich erhielt ein Schreiben, dass du umgekommen wärst. Aber das stimmte nicht! Es gibt da … Gerüchte … über die G.O.T.T-Organisation, Zachary«, flüsterte sie Michael eindringlich entgegen.
Obwohl Gabby nur allzu gespannt auf diese Gerüchte war, ruckte ihr Kopf nun in die andere Richtung. Der anscheinend erkrankte Siedler, der sich bis zu diesem Zeitpunkt noch mit Mühe und Not auf den Beinen gehalten hatte, brach in diesem Augenblick zusammen. Mit wenigen raschen Schritten eilte sie zu ihm, kniete neben ihm und ließ einen Scan ablaufen. Seine Werte spielten vollkommen verrückt! Extrem niedrige Sauerstoffsättigung, die Herzschlagfrequenz dafür viel zu hoch.
»Wie geht es ihm?«, erkundigte sich Michael, offensichtlich dankbar für diese Unterbrechung.
»Nach den Werten steht er kurz vor einem Herzinfarkt. Er muss auf die Krankenstation. «
Bevor Gabby jedoch agieren konnte, geschah etwas gänzlich Unerwartetes: Der Brustkorb des Kranken riss auf!
Herausquellendes Fleisch schien den Mann zu verschlingen. Sein qualvoller Schmerzensschrei erstarb erst, als sich die Fleischmasse um seinen Kopf stülpte.
Hilflos und mit offenem Mund starrend kniete Gabby neben ihm, während die anderen Siedler voll Panik mit schreckgeweiteten Augen zurückwichen. Entsetzt über das Unmögliche, das sich vor ihr abspielte.
»Gabby!« Michael packte sie an der Schulter und riss sie zurück. Stolpernd kam sie auf die Beine. Deutlich erkennbar formte sich die Fleischmasse vor Gabbys Augen immer mehr zu einer ihr bekannten Gestalt mit kreisrundem Maul und langen, deformierten Armen, die sich allmählich aus den Seiten bohrten.
»Die Siedler selbst sind diese Würmer! Rückzug! Sofort!«, befahl Michael durch den Funk, packte Gabby am Arm und zog sie mit sich.
»Scheiße«, fluchte sie und wollte im ersten Moment nach ihrer Pistole greifen. Im nächsten Moment erinnerte sie sich daran, dass die Waffe erst gereinigt werden musste und langte nach dem auf ihrem Rücken zwischen ihren Thoron-Schwingen befestigten Sturmgewehr. Auch die verängstigten Siedler wollten aus dem Lager entkommen. Sich um die eigene Achse drehend, aktivierte Michael seinen Schutzschild, der sich schließlich wie eine Wand um die Vierergruppe herum bog.
Da sich der einzige Ausgang hinter Michaels Rücken befand, kamen die vorandrängenden Siedler nicht weit. Sie versuchten zwar, die goldene Barriere zu passieren, doch es erwies sich als unmöglich.
»Zachary! Lass uns durch!«, flehte Marple und presste ihre Hände gegen den Schild, während Michael zurücktrat, sie verbissen zu ignorieren versuchte und stattdessen Gabby ansah.
»Was, denkst du, verändert die Siedler?«
»Keine Ahnung. Ein Virus?«
Michael trat einen weiteren Schritt zurück. »Glaubst du, alle sind betroffen?«
Raphael und Uriel flankierten sie, und als der Mutierte sich bewegte, schoss Raphael ihn durch das Kraftfeld nieder.
»Nun ja, sie sehen alle nicht besonders gesund aus«, kommentierte Gabby und rief die Werte des Mannes, dessen Körper sich vor ihren Augen gewandelt hatte, erneut auf ihren Helmbildschirm.
Ohne Bluttest oder Gewebeproben vermochte sie unmöglich zu sagen, was diese Verwandlung auslöste. Ihr Blick glitt über Michaels Gestalt. Er hatte mehr als genug blutigen Schleim abbekommen, genau wie sie selbst. Sie strich mit ihrem Finger über ihre Brustplatte, und verteilte die klebrige Masse auf ein Gerät an ihrem Arm. Daten ratterten auf einer Seite ihres Helms herunter, während sie nach einem Scanner an ihrem Gürtel griff, in die Hocke ging und die flache Scheibe durch Michaels Schild in den Lagerraum schob. Kurz füllte das hell flirrende Kraftfeld den Raum aus und übermittelte ihr das Ergebnis.
»Scheint sich um eine Mutation zu handeln. Wodurch sie ausgelöst wird, kann ich nicht sagen«, erwiderte Gabby endlich und hörte Michael tief durchatmen.
»Sind alle davon betroffen?«
»Ja«, erwiderte sie knapp und schaute zu den Siedlern, »und ich weiß nicht, wie man es aufhält.«
Uriel hatte recht, diese Menschen waren schon tot, wussten es nur noch nicht. Es stellte sich nur noch die Frage, welche Art des Todes die Siedler erwartete. Entweder würden sie durch verwandelte Würmer gefressen – oder mutierten.
Jede dieser Möglichkeiten … grausam.
»Zurück. Raphael, verriegle die Türe, sobald wir draußen sind«, entschied Michael und bewegte sich rasch rückwärts in den Flur.
Marple, wie auch einige andere, folgten ihnen und stemmten sich oder schlugen voll Panik gegen den Energieschild.
»Bitte, tu das nicht!«, flehte sie. Schluchzen und wütende Schreie vermischten sich zu einem qualvollen Rauschen, während Gabby auf den Flur stolperte.
Michael hielt seinen Schild aufrecht und versperrte den Fluchtweg, bis Raphael den Durchgang geschlossen hatte. Dann erlosch der goldene Schimmer und graue Düsternis senkte sich über Gabby und die anderen. Für einen Moment schwiegen alle, ehe Michael sich an Uriel wandte.
»Befestige eine deiner Rubidium-Kern-Granaten. Timer auf fünf Minuten.«
Uriel klatschte in die Hände und kramte in einem der Rüstungsfächer an seinem Bein.
»Meinst du nicht, dass fünf Minuten knapp sind?«, hakte Raphael nüchtern nach.
»Dann sollten wir uns beeilen«, erwiderte Michael, wartete, bis Uriel sein Werk vollendete, und rannte los. Gabby und die anderen folgten ihm eilig den Flur entlang.
Als sie die Grotte erreichten, aktivierte Michael wortlos seine Thoron-Schwingen – und jagte davon. Gabby hatte alle Mühe ihm zu folgen, denn er klappte seine Flügel nicht einmal ein, als sie sich der Fabrik näherten. In den engen Fluren musste sie sich in die Schräge legen, da die Spannweite ihrer Flügel nur so in die Gänge passten.
Die Fabrik ließ sich leichter durchqueren, und auch die Korridore vor der Schleuse waren dank der zweiten Ebene wesentlich breiter. Als sie endlich den Ausgang erreichten, brach auf dem Timer gerade die letzte Minute an. Das Team durchquerte die Dekontaminationsschleuse und jagte dank ihrer Thoron-Schwingen durch die anliegende Tropfsteinhöhle, als unter tiefem Grollen die Luft erbebte.
Einige der Stalaktiten brachen ab und schossen gleich gewaltiger Pfeile auf die vier nieder. Ein Steinbrocken traf die Spitze von Gabbys Schwinge. Er brachte sie nur mäßig aus dem Gleichgewicht. Innerlich aber fluchte sie in dem Bewusstsein, dass die Angelegenheit Michael weit mehr mitnahm als gedacht.
Ob er Marples Behauptung Glauben schenkte?
Nie würde er sein Team einer Gefahr aussetzen, sofern sich dies vermeiden ließ.
Den Timer so knapp einzustellen und sie alle leichtsinnig der Gefahr durch eine einstürzende Höhle auszusetzen, entsprach so gar nicht seiner Art.
Andererseits bot jede weitere Minute den todgeweihten Siedlern die Möglichkeit, sich zu verwandeln – und gegenseitig aufzufressen. Ihnen dieses grauenvolle Schicksal zu ersparen entsprach wiederum vollkommen Michaels Charakter.
Als sie schließlich ihr Schiff erreichten, atmete Gabby erleichtert auf. Die Schiffs-KI hatte es einige Hundert Meter vom Höhleneingang entfernt gelandet und ersparte ihnen somit den langen Weg durch die Atmosphäre von Aizong 3.
Vor Verlassen ihrer Anzüge, wies Gabby jeden ihres Teams an, sich zunächst ein weiteres Mal einer gründlichen Dekontamination zu stellen.
Bis jetzt stand nicht fest, ob die Mutation ansteckend war. Darauf, es herauszufinden, wollte sie lieber verzichten.
Erleichtert stieg Gabby aus ihrem Anzug und dehnte die Nackenmuskeln. Ihr Blick glitt zu der Rüstung ihres kommandierenden Offiziers. Schon ungewöhnlich, dass Michael derartig eilig den Raum verließ.
Sie fand nicht einmal Gelegenheit, einen Blick auf seine Verletzung zu werfen, geschweige denn zu überprüfen, ob er womöglich infiziert war.
Besorgt presste sie die Lippen zusammen und verließ den Rüstungsraum.
»Eve, wo befindet sich Michael?«
»In seinem Quartier«, erläuterte die Schiffs-KI hilfsbereit. Eilig überbrückte Gabby die wenigen Schritte zu ihrem Ziel, öffnete die Türe und hörte das leise Summen der aktivierten Dampfdusche. Energisch klopfte sie an die Badezimmertüre und lehnte sich mit der Schulter daneben an.
»Ich will dich auf der Krankenstation sehen, Michael. Jetzt!«, verlangte sie eindringlich und hörte ein gereiztes Brummen.
Ungeduldig ließ Gabby ihren Blick durch den Raum schweifen.
Statt Sternen und Aizong 3 zeigte die großzügig angelegte Sichtluke derzeit nur bunte Schlieren. Sie befanden sich anscheinend im Hyperraum. Offenbar hatte Michael die Schiffs-KI angewiesen, Kurs zu setzen.
Dann wandte sich ihre Aufmerksamkeit dem ordentlich hergerichteten Bett zu, in dem sie noch vor wenigen Stunden an Michaels Seite geschlafen hatte.
Ein aufgeschlagenes Buch lag auf seinem Nachttisch, abgegriffen und fleckig. Der Leitfaden für den Umgang mit Menschen in Extremsituationen. Sicher beherrschte Michael jede einzelne Seite davon auswendig. Jedes Mal, wenn er nicht schlafen konnte, las er üblicherweise darin. So lange, bis er mit der Anleitung in Händen einschlief.
Ansonsten präsentierte sich der Raum sehr spartanisch.
Genau wie ihr Quartier.
Einige Datenpads, dreckiges Geschirr und – in Michaels Fall – eine verkümmerte Pflanze auf dem Schreibtisch, bildeten die spärliche Dekoration.
Keinerlei privater Kram. Ausschließlich Dinge, die in Zusammenhang mit ihrer Aufgabe standen. Private Gegenstände waren auf dem Schiff nicht erlaubt.
Stirnrunzelnd überlegte Gabby, ob sie überhaupt etwas besaß, was über schlichte Zweckmäßigkeit hinausging, aber weder fiel ihr dazu etwas ein, noch hatte sie je Verlangen danach verspürt.
Obwohl, nun ja, manchmal kritzelte sie Zeichnungen auf ein Datenpad, löschte sie aber sofort wieder.
Die Flüge von einem Auftrag zum nächsten dauerten manchmal Tage, sogar Wochen. Dann verbrachten sie die meiste Zeit gemeinsam in der Kombüse, quatschten, lachten und aßen zusammen.
In unbeobachteten Momenten zeichnete Gabby gerne Michaels Profil – oder Raphaels Auge. Bis jetzt war es ihr noch nie gelungen, dieses Strahlen darin auf das Pad zu bannen.
Kopfschüttelnd verscheuchte sie diese Gedanken, als das Summen verstummte und sich die Badezimmertüre endlich öffnete.
»Mir geht es gut.« Mit einem um die Hüften gewickelten Badetuch betrat Michael sein Quartier, während Gabbys Blick an ihm herunter wanderte und die Verletzung an seinem Arm musterte. Ein Seufzen unterdrückend, verschränkte sie stattdessen die Arme vor der Brust.
»Wenn sich die Mutation als ansteckend erweist …«
»Du sagtest nichts von einem Virus«, unterbrach er und warf ihr einen missmutigen Blick über die Schulter zu.
»Um genau in Erfahrung zu bringen, was die Mutation ausgelöst hat, müsste ich Überreste der Siedler in einem Labor untersuchen, aber es gibt weder ein Labor auf dem Schiff, noch besteht darin mein Auftrag. Meine momentan einzige Aufgabe besteht darin, mich davon zu überzeugen, dass mit der Besatzung alles in Ordnung ist.«
»Und ich muss mich darum kümmern, dass diese Siedlung unter Quarantäne gestellt wird.«
Sofern noch etwas davon übrig ist, dachte Gabby trocken und starrte in die dunklen Augen ihres Gegenübers. Den Blick kannte sie nur zu gut. Michael verhielt sich manchmal störrischer als ein verdammter Esel!
Resigniert warf Gabby die Arme in die Luft. »Gut, von mir aus. Du hast zwanzig Minuten. Dann will ich dich auf der Krankenstation sehen!« Kopfschüttelnd verließ sie sein Quartier und steuerte ihr eigenes an.
Eine Dampfdusche würde jetzt gut tun.
Erwartungsgemäß fand sich Michael nach dem Ultimatum von zwanzig Minuten auf der kleinen Krankenstation ein. Gabby hatte schon die notwendigen Geräte hochgefahren und die passenden Instrumente bereitgelegt. Mit einer stummen Geste bedeutete sie Michael auf der einzigen Liege Platz zu nehmen und griff nach dem Scanner.
Kurz betrachtete sie die kreisrunde Verletzung an seinem Unterarm. Sein Anzug schien die meiste Wucht abgefangen zu haben.
Dann aktivierte sie den Scanner und ließ sich die Verwundung anhand eines Diagramms anzeigen, das keine Armlänge entfernt vor ihr im Raum schwebte. Die Wunde war nur oberflächlich. Schien eine Verbrennung zu sein. Weder Knochen noch Muskelgewebe waren verletzt.
Ob womöglich Uriels Waffe ihn getroffen hatte?
Vorsorglich entschied sie sich für einen DiaCheck.
Die Anzüge besaßen zwar ein automatisches Notfallprogramm, falls die Hülle beschädigt wurde, aber es galt die Möglichkeit auszuschließen, dass sich Michael binnen der nächsten Stunden ebenfalls in eines dieser Ungeheuer verwandelte.
Der Anzug registrierte eine Verletzung seines Trägers und desinfizierte und versiegelte die jeweilige Stelle großzügig, dennoch hätte etwas in seinen Blutkreislauf gelangen können. Mittels einer winzigen Injektionsnadel entnahm sie Michael Blut und schickte es durch das Diagnose- und Analyseprogramm.
»Die Verletzung ist wirklich nicht schlimm«, räumte Gabby schließlich ein und säuberte die Wunde abermals, bevor sie sie mit einem Gel sorgfältig verschloss.
»Sagte ich doch«, grummelte Michael und rutschte unruhig auf der Liege herum. Er war noch nie ein guter Patient gewesen.
Als Gabby fertig war, richtete sie sich auf und musterte das kantige Gesicht mit dem grimmigen Zug um die Lippen und dem verwegenen Dreitagebart.
»Du denkst über Marple nach, nicht wahr?«
Als wollte er verneinen, zuckte Michaels Kopf zunächst zur Seite, dann senkte sich sein Blick auf seinen Arm. Abwesend strich er mit den Fingern über die kleine Verletzung.
»Sie war krank«, antwortete er schließlich und Gabby nickte.
»Ich denke, sie war sogar sehr krank. Und ich denke, sie stand psychisch so stark unter Druck, dass sie halluzinierte. Vermutlich ist ihr Mann als einer der ersten zu einem dieser Monster geworden, und sie brauchte eine Möglichkeit, sich von diesem Schmerz zu befreien.«
»Und …« Michael sah auf und dunkle Augen fixierten sie eindringlich, »was, wenn sie recht hatte?«
»Ändert es etwas?«
Nachdenklich wanderte sein Blick zur Seite und sein Mundwinkel zuckte.
»Erinnerst du dich an die Zeit, bevor du ein Erzengel wurdest?«
Gabby schüttelte den Kopf.
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