Kitabı oku: «Das Neue Testament - jüdisch erklärt»

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Inhalt

1  Cover

2  Titelseite

3  Navigationshilfen

4  Inhalt

5  Geleitwort der Herausgeber der Originalausgabe zur deutschen Ausgabe

6  Vorwort der Herausgeber

7  Vorworte zur Originalausgabe

8  Autorinnen und Autoren

9  Hinweise zur Bibelübersetzung

10  Abkürzungsverzeichnis

11  Förderer

12 Das Neue TestamentDie Evangelien und die ApostelgeschichteDas Evangelium nach MatthäusDas Evangelium nach MarkusDas Evangelium nach LukasDas Evangelium nach JohannesDie ApostelgeschichteDie Briefe und die OffenbarungDer Brief des Paulus an die RömerDer erste Brief des Paulus an die KorintherDer zweite Brief des Paulus an die KorintherDer Brief des Paulus an die GalaterDer Brief des Paulus an die EpheserDer Brief des Paulus an die PhilipperDer Brief des Paulus an die KolosserDer erste Brief des Paulus an die ThessalonicherDer zweite Brief des Paulus an die ThessalonicherDer erste Brief des Paulus an TimotheusDer zweite Brief des Paulus an TimotheusDer Brief des Paulus an TitusDer Brief des Paulus an PhilemonDer Brief an die HebräerDer Brief des JakobusDer erste Brief des PetrusDer zweite Brief des PetrusDer erste Brief des JohannesDer zweite Brief des JohannesDer dritte Brief des JohannesDer Brief des JudasDie Offenbarung des Johannes

13 EssaysZu den EssaysGeschichteDer griechisch-römische Hintergrund des Neuen TestamentsJüdische Geschichte von 331 v. u. Z. bis 135 u. Z.Aufstände gegen RomGesellschaftJudentum und jüdische IdentitätIoudaiosArchäologie des Landes Israel zur Zeit JesuDer SanhedrinJüdisches Familienleben im ersten Jahrhundert u. Z.Ehe und EhescheidungGeschlecht und GeschlechterrollenStrömungen und GemeinschaftenStrömungen innerhalb des Judentums in neutestamentlicher ZeitDie PharisäerMessianische BewegungenDer historische JesusPaulus und das JudentumJudaisierer, Judenchristen und andereJuden und NichtjudenJüdische Perspektiven auf NichtjudenDer ‚Nächste’ in der jüdischen und christlichen EthikSpeisen und MahlgemeinschaftDie Birkat ha-Minim: Eine jüdische Verwünschung der Christen?GlaubenspraxisDas MosegesetzOpferkult und TempelDie SynagogeDas GebetZeitrechnung, Kalender und FesteDie BeschneidungTaufe und EucharistieDie Bestattung Jesu: Texte und archäologische BefundeGlaubensvorstellungenJüdische Wundertäter und Zauberei in der Spätzeit des Zweiten TempelsÜbernatürliche Wesen‚Logos’ als ein jüdisches Wort: der Johannesprolog als MidraschAuferstehung und JenseitsvorstellungenJüdische Literatur/Literarische QuellenDer Kanon des Neuen TestamentsDie Sprache des Neuen Testaments und die Übersetzung der BibelDie SeptuagintaMidrasch und GleichnisseDie Schriftrollen vom Toten MeerPhilo von AlexandriaFlavius JosephusDas Neue Testament zwischen dem Tanach und der rabbinischen LiteraturÜberlegungen aus jüdischer Sicht zum christlichen SelbstverständnisSchriftverheißung und ErfüllungReaktionen auf das Neue TestamentJüdische Reaktionen auf die Anhänger JesuJesus in der rabbinischen TraditionJesus in der mittelalterlich-jüdischen TraditionJesus im modernen jüdischen DenkenPaulus im jüdischen DenkenMaria in der jüdischen TraditionJesus und das Neue Testament in der modernen jiddisch- und hebräischsprachigen KulturDas Neue Testament in der jüdischen KunstGrundfragen der ChristologieMessianisches JudentumFalsches Zeugnis geben: Verbreitete Irrtümer über das antike JudentumDas Neue Testament und die jüdisch-christlichen BeziehungenZur Situation in Deutschland und Europa„Ertragen können wir sie nicht“ – Martin Luther und die JudenFranz Rosenzweig und Luthers BibelübersetzungZum jüdisch-christlichen Dialog im deutschsprachigen RaumJüdische Wegbereiter des Dialogs im deutschsprachigen Raum

14  Anhang Zeittafel Chronologisches Verzeichnis der Herrscher Wichtige tannaitische Rabbinen Wichtige amoräische Rabbinen Kalender Maße, Gewichte und Geldwerte Synoptische Parallelen Der Kanon der Hebräischen Bibel/des Alten Testaments Textausgaben, Übersetzungen und verwendete Literatur Der Aufbau und die Einzeltraktate der Mischna, des Talmuds und der Tosefta Glossar Impressum

Geleitwort der Herausgeber der Originalausgabe zur deutschen Ausgabe

Als viele christliche Kirchen nach 1945 erkannten, welch große Verantwortung sie über die Jahrhunderte hinweg für die Verbreitung antijüdischer Lehren trugen, aber auch, wie diese Lehren dazu halfen, die Saat des Nazi-Antisemitismus einzupflanzen, begann ein schmerzlicher Prozess der Umkehr und Korrektur. Gleich nach Ende des Zweiten Weltkriegs setzte im deutschsprachigen Raum eine Neubewertung des Verhältnisses zwischen Christentum und Judentum ein. Dies lässt sich z.B. erkennen an den berühmten „Zehn Thesen von Seelisberg“, die 1947 auf der ersten Internationalen Konferenz der Christen und Juden (auch „Emergency Conference on Antisemitism“) vom International Council of Christians and Jews beraten und verabschiedet wurden, aber auch an der „Entschließung zur Judenfrage“ des Katholikentages (1948) und an dem „Wort zur Judenfrage“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (1950).

Innerhalb dieses andauernden und bahnbrechenden Prozesses haben Christen erkannt, was sie den Juden, aber auch sich selbst angetan haben, indem sie nicht nur alle Juden pauschal für den Tod Jesu verantwortlich gemacht, sondern auch Jesus und Paulus aus ihren jüdischen Kontexten entfernt und das antike Judentum als verknöchert, legalistisch und korrupt erachtet haben. Als Antwort auf diese Selbstkorrektur haben wir Juden – die über siebzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an diesem Buch mitgearbeitet haben und viele andere – in Freundschaft und gegenseitigem Respekt reagiert, indem wir die christlichen Anfänge als Teil der jüdischen Geschichte zu sehen gelernt haben. Dabei wurden Jesus und Paulus, Jakobus und Petrus, Maria, die Mutter Jesu, und Maria Magdalena in ihren ursprünglichen Kontext als jüdische Menschen des ersten Jahrhunderts, die nie ihre jüdische Identität verleugnet haben, zurückversetzt.

Die Erkenntnis der gemeinsamen Wurzeln von Christentum und rabbinischem Judentum setzte nicht erst in den 1960er Jahren ein. Deutschland, das Ursprungsland der wissenschaftlichen, historisch-kritischen Interpretation der Heiligen Schriften, war auch das Ursprungsland des wissenschaftlichen, historisch-kritischen Studiums des Judentums (Wissenschaft des Judentums) und der Forderung, dass die Ursprünge des Christentums im Kontext des Judentums der Epoche des Zweiten Tempels verstanden werden müssen. Es geschah in Deutschland, dass Moses Mendelssohn, Abraham Geiger, Leo Baeck und andere auf negative Stereotypen über das antike Judentum reagierten (des von Verleumdern so genannten ‚Spätjudentums’, wobei diese das lebendige Judentum jener Zeit ebenso wie die immer noch blühende jüdische Gemeinschaft ignorierten) und seine ethische Lebendigkeit wiederentdeckten. Es geschah in Deutschland – jedenfalls im Wesentlichen –, dass Jesus und Paulus nach zweitausend Jahren wenigstens von einigen Juden und Christen wieder als Juden des ersten Jahrhunderts entdeckt wurden, die der Beachtung der Tora, dem Tempelkult und der jüdischen Identität eine bleibende Bedeutung beimaßen.

Die Spielarten, wie christliche Leser das Judentum in der Antike und durch die Geschichte hindurch missverstanden und entstellt haben, sind bekannt. Im deutschsprachigen Bereich lässt sich eine Linie ziehen von dem Oberammergauer Passionsspiel, Martin Luthers Schrift ‚Von den Juden und ihren Lügen’ bis hin zum ‚Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben’, das die Nazi-Ideologie unterstützte. Jedoch lässt sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine dauerhafte Bewegung in vielen deutschen Kirchen wie auch bei vielen einzelnen Autoren feststellen, in der es nicht nur darum geht, Lehren der Vergangenheit zurückzuweisen, sondern gegen die andauernden Vorurteile, die sich in der allgemeinen Kultur finden, anzugehen. Die Änderungen im Text des Oberammergauer Passionsspiels, wie sie unter der Regie von Christian Stückl erfolgt sind, stellen ein hervorragendes Beispiel dar.

Die Übersetzung des The Jewish Annotated New Testament ins Deutsche – die erste Übersetzung dieses Buches – stellt einen weiteren bedeutenden Beitrag in diese Richtung dar. Unser Dank geht an Prof. Dr. Wolfgang Kraus, der die Idee dieser Übersetzung mit uns entwickelt hat, an Dr. Florian Voss von der Deutschen Bibelgesellschaft, der das Projekt im Verlag ermöglicht hat, an Prof. Dr. Michael Tilly und Dr. Axel Töllner, die bereit waren, an der deutschen Ausgabe als Herausgeber mitzuwirken, an die Deutsche Bibelgesellschaft, die den Text der Lutherübersetzung zur Verfügung gestellt und das Werk verlegt hat, und an das ‚Institut für christlich-jüdische Studien und Beziehungen’ an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau, das sich um die Finanzierung bemüht hat. Wir würdigen ausdrücklich die große Sorgfalt, die die deutschen Herausgeber und Übersetzer an dieses Buch verwendet haben. Schließlich danken wir den deutschen Leserinnen und Lesern, die bereit sind, das Neue Testament in seinem jüdischen Kontext wahrzunehmen und sich damit zu beschäftigen, wie Juden über Jahrhunderte auf christliche Lehren reagiert haben.

Wir haben erlebt, dass wir durch das Studium des Neuen Testaments zu besseren Juden geworden sind, da wir gelernt haben klarer zu sehen, wie unsere eigene Geschichte mit christlicher Theologie und Geschichte verbunden ist – was wir gemeinsam haben und worin wir uns unterscheiden. Wir haben gelernt zu erkennen, wie Texte des Neuen Testaments zu Judenhass führen können, aber auch, was christliche Leserinnen und Leser solchen Interpretationen erwidern können. Die deutsche Ausgabe dieses Werkes zeigt, dass die Zusammenarbeit von Juden und Christen zu einem besseren Verständnis der Vergangenheit und zu einer besseren Theologie für die Zukunft führen kann. Darüber hinaus zeigt sie einen zentralen Wert, den beide, Judentum und Christentum gemeinsam haben: dass Hass in Liebe verwandelt werden kann.

Amy-Jill Levine

Marc Z. Brettler

8. Oktober 2020

Vorwort der Herausgeber

„Jesus und Judas“ lautet der Titel eines Vortrags, den Amos Oz (sel. A.) gehalten hat und in dem er an seinen vielbeachteten Roman „Judas“ anknüpft. Zu Beginn des Vortrags verweist er auf seinen Großonkel Joseph Klausner (1874-1958), der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein bedeutendes wissenschaftliches Buch über „Jesus von Nazaret“ und ein nicht weniger bedeutsames mit dem Titel „Von Jesus zu Paulus“ geschrieben hat.

Amos Oz erinnert sich: „Als kleiner Junge besuchte ich eine äußerst traditionelle orthodoxe jüdische Schule in Jerusalem. Wir wurden angewiesen, jedes Mal, wenn wir an einer Kirche oder einem Kreuz vorübergingen, unsere Augen abzuwenden und in die entgegengesetzte Richtung zu schauen. Als Begründung hieß es: ‚Wir Juden haben seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden, wegen dieses Menschen gelitten.’ Orthodoxe Juden nennen Jesus häufig nicht bei seinem Namen, sondern bezeichnen ihn abfällig als ‚diesen Menschen’. Onkel Joseph aber sagte, das dürfe ich niemals tun: ‚Wann immer du eine Kirche oder ein Kreuz siehst, sieh ganz genau hin, denn Jesus war einer von uns, einer unserer großen Lehrer, einer unserer bedeutendsten Moralisten, einer unserer größten Visionäre.’“ [1]

Diese Erkenntnis, dass Jesus ins Judentum gehört, steht vor dem Beginn der Beschäftigung mit dem Jewish Annotated New Testament, dessen erste Auflage im Jahr 2011 bei Oxford University Press erschienen ist. Bei einer Begegnung mit Amy-Jill Levine bei der Jahrestagung der Society of New Testament Studies in Amsterdam 2015 wurde der Gedanke geboren, die englische Ausgabe auch auf Deutsch herauszubringen.

Amy-Jill Levine wies darauf hin, dass eine zweite Auflage in Bearbeitung sei und man das Erscheinen der zweiten, umfangreicheren Ausgabe abwarten solle, inzwischen aber schon Vorbereitungen treffen könne.

Nach Gesprächen mit Verlagen und Verhandlungen mit möglichen Geldgebern konnte 2016 Erfolg vermeldet werden: Die Deutsche Bibelgesellschaft war bereit, das Projekt in ihr Verlagsprogramm aufzunehmen und den 2016 revidierten Luthertext als Grundlage zur Verfügung zu stellen. Dr. Florian Voss wurde unser Ansprechpartner bei der Bibelgesellschaft. Oxford University Press war, vermittelt durch Don Kraus, bereit, eine Lizenz für die Übersetzung zu erteilen. Das Institut für christlich-jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau bot an, den institutionellen Rahmen zu bieten. Mögliche Geldgeber konnten überzeugt werden, das Projekt zu unterstützen. Damit konnte sich das Team der Herausgeber und Mitarbeiter an die Arbeit machen. Mit Monika Müller konnte eine versierte Übersetzerin für die Essays, Bucheinleitungen und Infoboxen gefunden werden. Jan Raithel schließlich wurde aufgrund seiner theologischen und judaistischen Expertise der ideale Übersetzer der Erläuterungen.

Die zweite Auflage der englischen Ausgabe erschien im Herbst 2017. Wir hatten allerdings bereits vorher Zugang zu den Druckdateien und konnten die Arbeit an der deutschen Ausgabe schon aufnehmen.

Während der englische Text auf Grundlage der New Revised Standard Version verfasst wurde, stellt die vorliegende Übersetzung eine Adaption an den der deutschen Ausgabe zugrunde liegenden Text der revidierten Lutherbibel von 2017 dar. Das bedeutet, dass wir so exakt wie möglich die englischen Erläuterungen wiedergegeben haben, sofern sie sich auf inhaltliche Aspekte des Bibeltextes bzw. auf den griechischen Urtext beziehen. Wo sie sich speziell auf den Text der NRSV beziehen, haben wir sie in Absprache mit den Autorinnen und Autoren der englischen Ausgabe an den Luthertext angeglichen, an einigen Stellen auch übergangen. In wenigen Fällen finden sich Anmerkungen der deutschen Herausgeber, etwa wenn ein Hinweis auf Besonderheiten der Lutherbibel angemessen schien. Bei den Essays war die Situation anders: Sie wurden exakt aus dem Englischen übersetzt. Alle Übersetzungen wurden im Herausgeberkreis zusammen mit Florian Voss diskutiert. Der Essay von Yaakov Ariel zum Thema „Messianisches Judentum“ wurde von den deutschen Herausgebern um einen Anhang ergänzt, der die Situation in Deutschland bzw. in Europa beschreibt. Zusätzlich in die deutsche Ausgabe aufgenommen wurden Essays von Jehoschua Ahrens, Daniel Alter, Micha Brumlik und Walter Homolka. Auch sie beziehen sich auf Besonderheiten der Situation in Deutschland und Europa.

Im Zuge der Übersetzung wurden zahlreiche Stellenangaben überprüft. Dabei konnten wir verschiedene Druckfehler beseitigen, was auch in eine künftige englische Neuauflage Eingang finden wird. Die Textausgaben, die den deutschen Zitaten antiker Schriften sowie auch Talmud und Midrasch zugrunde liegen, sind im Anhang aufgeführt. Bei etwaigen Differenzen zu englischen Ausgaben bekam die deutsche Ausgabe den Vorzug. Ältere Texte wurden hinsichtlich der Rechtschreibung modernisiert.

Der fruchtbare Dialog zwischen Juden und Christen – Christen und Juden hat in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen, dass beide Seiten gelernt haben, sich besser zu verstehen und zu respektieren. Das hat in jüdischen und christlichen Erklärungen und Dokumenten Niederschlag gefunden. Noch gibt es viel zu tun, denn was auf der Ebene von Fachgelehrten, Leitungsorganen oder Arbeitskreisen gilt, trifft noch nicht für die Allgemeinheit bzw. die Situation in den Gemeinden zu. Antijüdische Stereotype und Vorurteile sind noch immer weit verbreitet. Das Jewish Annotated New Testament ist nicht nur selbst eine Frucht dieses Dialogs, sondern es liefert einen herausragenden jüdischen Beitrag zur Vertiefung des gegenseitigen Verständnisses und bietet zahlreiche Impulse für die Weiterentwicklung einer neuen Bestimmung des christlich-jüdischen Gesprächs.

Dass das Neue Testament auch für jüdische Leserinnen und Leser von Bedeutung ist, betonen Marc Zvi Brettler und Amy-Jill Levine: “Many Jews have avoided reading the New Testament for various reasons: a concern that it would disparage Jews and Judaism; the presupposition that its texts would not only be strange but also alienating; perhaps even a fear of being seduced by the gospels. JANT, written entirely by Jews, might allow Jewish readers to find the text initially less alien, or alienating. We also wanted to show Jewish readers parts of our own history, since much of the New Testament is Jewish history: its principal figures are Jews; its imagery draws from the Scriptures of Israel; its legacy has impacted relations between Synagogue and Church for the past two millennia.” [1]

Jüdische Bibelwissenschaft und christliche Bibelwissenschaft begegnen sich heute auf der Ebene von Personen und Sachfragen. Leitend dabei sind der Respekt vor dem jeweils anderen und eine Methodologie, die frei ist von konfessionellen Zwängen. Die wissenschaftliche Methodik der Bibelexegese ist inzwischen konfessionsübergreifend. Unterschiede in der Auslegung verlaufen nicht mehr entlang der Grenzen einer Religion, sondern haben sachlich bedingte Ursachen, die sich aufgrund unterschiedlicher philologischer oder historischer Erkenntnisse quer zu den Religionsgemeinschaften ergeben. Auch für die Mitgliedschaft in wissenschaftlichen Gesellschaften ist nicht die Religionszugehörigkeit, sondern der Sachverstand von entscheidender Bedeutung.

Jüdische und christliche Bibelwissenschaft können sich damit auf einer Ebene begegnen, auf der der auszulegende Text absolute Priorität erhält. Dennoch werden sich durch die jeweilige religiöse und kulturelle Prägung unterschiedliche Perspektiven ergeben, die jedoch für die jeweils andere Seite immer wieder fruchtbar sein und den eigenen Horizont erweitern können.

Dies sind die Gründe, warum wir das Jewish Annotated New Testament ins Deutsche übertragen haben, denn wir sind davon überzeugt, dass eine Perspektive, die durch jüdische Autorinnen und Autoren geprägt ist, für alle, die am Neuen Testament und am Gespräch zwischen den Religionsgemeinschaften interessiert sind, von großer Bedeutung ist. Noch etwas kommt hinzu: Der ursprünglich jüdische Kontext, in dem große Teile des Neuen Testaments entstanden sind – und der in Kirchen und christlicher Theologie lange Zeit verleugnet oder ignoriert wurde – kommt damit zu seinem notwendigen Recht.

Bereits im Jahr 2009 erschien bei der Deutschen Bibelgesellschaft eine Übersetzung der Septuaginta, des Griechischen Alten Testaments, deren Geleitwort jeweils von einem Vertreter der Evangelischen, der Katholischen und der Orthodoxen Kirche sowie der Allgemeinen Rabbinerkonferenz unterzeichnet wurde.

Mit dem vorliegenden Band erscheint nun bei der Deutschen Bibelgesellschaft eine genuin jüdische Auslegung und Erläuterung des Neuen Testaments. Man kann dies als ein weiteres hoffnungsvolles Zeichen verstehen.

Am Schluss steht der Dank:

Amy-Jill Levine und Marc Zvi Brettler danken wir für das Vertrauen, drei christlichen Theologen die Herausgeberschaft anzuvertrauen. Oxford University Press danken wir für die Gewährung der Lizenz, der Deutschen Bibelgesellschaft für die Aufnahme in ihr Verlagsprogramm und Florian Voss für die intensive Begleitung der Arbeit.

Den Geldgebern danken wir für erhebliche finanzielle Unterstützung. Im Einzelnen sind dies: Stuttgarter Lehrhaus, Stiftung für interreligiösen Dialog; Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern; Begegnung von Christen und Juden. Verein zur Förderung des christlich-jüdischen Gesprächs in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern e.V.; Evangelische Kirche im Rheinland; Evangelische Kirche in Mitteldeutschland; Im Dialog. Evangelischer Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch in Hessen und Nassau; Evangelische Kirche von Westfalen; Evangelische Kirche der Pfalz; Evangelische Kirche in Deutschland; Evangelische Landeskirche in Baden; Evangelische Landeskirche in Württemberg; Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers.

Weiterhin danken wir Jan Raithel und Florian Voss für ihre wertvolle Mitarbeit bei der Erstellung dieser deutschen Ausgabe sowie der Übersetzerin Monika Müller für ihre Arbeit. Schließlich danken wir Jonathan Müller, der an der Registererstellung mitgewirkt hat, sowie unseren studentischen Hilfskräften Ira Dibra, Nora Hempel, Kerstin Kirsch (Saarbrücken), Lisa-Marie Gerle und Christoph Lehmann (Tübingen).

Bei aller Freude, dass wir dieses Werk nun vorlegen können, wurde uns auch bewusst, was „Dolmetschen für Kunst und Arbeit sei“ (Martin Luther), und wir möchten gern auf uns beziehen, was der Enkel von Jesus Sirach schreibt, der die hebräische Schrift seines Großvaters ins Griechische übersetzt hat:

„Darum bitte ich euch, dies Buch freundlich aufzunehmen und aufmerksam zu lesen und dort Nachsicht zu üben, wo es scheint, dass wir einige der Worte nicht recht getroffen haben, obwohl wir uns bemühten, gut zu übersetzen. Denn was in hebräischer Sprache geschrieben ist, wirkt nicht ebenso, wenn man es in einer anderen Sprache wiedergibt.“ (Sirach, Prolog, 15-22)

Saarbrücken – Tübingen – Neuendettelsau

Wolfgang Kraus – Michael Tilly – Axel Töllner

8. Mai 2021

Vorworte zur Originalausgabe
Zur ersten Auflage

„… für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch. Sie sind Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem, sei gelobt in Ewigkeit … denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“

Saulus (Paulus) von Tarsus, Brief an die Gemeinde in Rom (9,3-5; 11,29)

Vor fast zwei Jahrtausenden entstanden die frühesten Texte, die dann später Teil des Neuen Testaments wurden. Diese Zeitspanne war geprägt von einer größtenteils schmerzlichen Beziehung zwischen Juden und Christen. Auch wenn sich die jüdische Wahrnehmung von Christen und die christliche Wahrnehmung von Juden in den letzten Jahrzehnten merklich gebessert haben, missverstehen beide immer noch viele Texte und Traditionen der jeweils anderen. Die Veröffentlichung dieses Buchs zeugt von dieser wesentlichen Verbesserung. Unser Ideal wäre erreicht, wenn das Werk dazu dienen kann, unser Wissen sowohl über unsere gemeinsame Geschichte als auch über die Gründe unserer Trennung zu vertiefen.

Das Wort „Jewish“ im Titel The Jewish Annotated New Testament erfüllt mehrere Funktionen: Erstens verweisen die Erläuterungen und Essays in diesem Band auf Aspekte des Judentums im ersten und zweiten Jahrhundert, die das Verständnis des Neuen Testaments vertiefen: Bräuche, Literatur sowie die Art und Weise der Auslegung biblischer Texte. Wir halten es für wichtig, dass sowohl Juden als auch Nichtjuden begreifen, wie sehr bedeutende Teile des Neuen Testaments in vielerlei Hinsicht den jüdischen Bräuchen und Überzeugungen ähneln, die in den Schriftrollen vom Toten Meer, den Werken von Philo und Josephus, der pseudepigraphischen und deuterokanonischen Literatur, den Targumim (Übersetzungen der Bibel ins Aramäische) sowie – etwas später – der rabbinischen Literatur zu finden sind, und dass viele Stellen des Neuen Testaments auf jüdische Ursprünge zurückgehen. Jesus war Jude, ebenso Paulus; die uns als Matthäus und Johannes bekannten Autoren waren wahrscheinlich Juden, ebenfalls die Autoren des Jakobusbriefs und der Offenbarung. Als sie ihre Schriften verfassten, hatten sich die Wege des Judentums und des Christentums noch nicht getrennt. Weitere Autoren wie etwa der des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte waren, obwohl wahrscheinlich nicht selber Juden, zutiefst beeinflusst vom jüdischen Denken des ersten und zweiten Jahrhunderts wie auch von der jüdischen Übersetzung des Tanach ins Griechische, der Septuaginta. Kenntnisse der vielfältigen jüdischen Gemeinschaften, die überall im Römischen Reich lebten, – ihrer Sitten und Bräuche, ihrer religiösen Praktiken – sind unerlässlich für das Verständnis der neutestamentlichen Schriften, ebenso wie eine grundsätzliche Vertrautheit mit der altrömischen Welt. Die Vertrautheit mit dem Neuen Testament hilft uns Jüdinnen und Juden wiederum, etwas von unserer eigenen Geschichte wiederzuerlangen.

Zweitens: Wir heben Verbindungen zwischen dem Neuen Testament und der späteren jüdischen (insbesondere rabbinischen) Literatur hervor, damit der Leser nachverfolgen kann, wie sich – sowohl ähnliche als auch abweichende – Ideen und Konzepte im Lauf der Zeit entwickelt haben. In der rabbinischen Literatur zum Beispiel wird der gesamte Psalter meistens David zugeschrieben, obwohl weniger als die Hälfte der Psalmen eine davidische Überschrift trägt und etliche ausdrücklich anderen Autoren, etwa Korach, zugeschrieben werden. Wie und wann kam es dazu, dass die Rabbiner alle Psalmen als davidisch (bBB 14b) ansahen? Apg 4,25 leitet ein Zitat aus Psalm 2 – einem Psalm ohne ausdrücklich davidische Überschrift – mit den Worten ein: „du hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt“. Dieser Vers liefert einen wichtigen Beweis dafür, dass die Vorstellung einer davidischen Autorenschaft der Psalmen bereits im ersten oder im frühen zweiten Jahrhundert u.Z. existierte und keine rabbinische Neuerung war. Die asketischen Tendenzen und das Interesse an der Auferstehung, an Himmel und Hölle sowie die Schilderungen gefallener Engel und des satanisch Bösen in einigen neutestamentlichen Texten lassen die Leserinnen und Leser wiederum erkennen, dass solche Vorstellungen auch im frühen Judentum existierten.

Drittens: Dieses Werk spricht Probleme an, die möglicherweise insbesondere jüdische Leserinnen und Leser des Neuen Testaments beschäftigen. Das gilt vor allem für Textstellen, die dazu dienten, Antijudaismus und antijüdische Stereotype aufrechtzuerhalten, welche nichtjüdische Leserinnen und Leser manchmal in die Texte hineinlesen. Zusätzlich zur Betonung des jüdischen Hintergrunds – oder besser: des jüdischen Kontexts – des Neuen Testaments richten wir ein besonderes Augenmerk auf solche Stellen, die über Juden oder über jüdische Gruppen wie etwa die Pharisäer oder „die Juden“ im Johannesevangelium in negativen Stereotypen sprechen. Allzu lange wurden die Juden bezichtigt, „Christusmörder“ zu sein (s. 1Thess 2,14b-16), mit Judas identifiziert oder als die korrupten Nachkommen der „Geldwechsler“ im Tempel angesehen (Mt 21,12; Mk 11,15; Joh 2,14-15, vgl. Lk 16,14). Die Autorinnen und Autoren dieses Werks wollen keine Apologetik betreiben, indem sie behaupten, diese Aussagen seien harmlos. Vielmehr verorten sie diese in einen bestimmten Kontext und zeigen auf, dass sie zur polemischen Sprache der Debattenkultur des ersten Jahrhunderts gehören, oder merken an, dass die Aussagen durch die spätere christliche Tradition möglicherweise nicht immer richtig verstanden wurden. Ein besonders gutes Beispiel hierfür ist in den Erläuterungen zu Matthäus 27,25 zu lesen: „Da antwortete alles Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ (ein Vers, der nur im Matthäusevangelium vorkommt). Die Erläuterung führt an, dass sich dieser Vers möglicherweise auf die Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 n.Chr. bezieht und dass die „Kinder“ speziell die Generation nach Jesus sein könnte, die diese Zerstörung noch erlebte, und nicht alle künftigen Juden. In ähnlicher Weise legen die Erläuterungen zur Offenbarung nahe, die Polemik gegen die „Versammlung des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind‘s nicht“ (Offb 3,9), richte sich keineswegs gegen die Juden, sondern gegen nichtjüdische Anhänger Jesu, die jüdische Praktiken förderten. Diese Erläuterungen können den Schaden zwar nicht wiedergutmachen, den solche Verse zwei Jahrtausende lang angerichtet haben; sie können aber uns allen zur Einsicht verhelfen, dass bestimmte böswillige Interpretationen des Neuen Testaments nicht, wie bisher angenommen, auf den Texten selbst fußen. Und in jedem Fall sollen die Erläuterungen und Essays christlichen Lehrern und Predigern dabei helfen, die „gute Nachricht“ (die eigentliche Bedeutung des griechischen euangelion, „Evangelium“) von Jesus in ihrer Verkündigung nicht durch antijüdische Stereotype zu beflecken.

Bisweilen müssen Leserinnen und Leser mit diesen Texten des Neuen Testaments ringen (und dasselbe gilt nach unserer Überzeugung auch für die gemeinsamen Schriften – den Tanach der Synagoge und das Alte Testament der Kirche), da sie oft Vorstellungen ausdrücken, die uns mindestens unbequem sind. Beim Studium solcher Texte geht es nicht darum, sie zu rechtfertigen, sondern sie in ihrem historischen Kontext zu verstehen und anzuerkennen, dass ihre Erben sie unterschiedlich interpretieren. Einige Texte des Neuen Testaments scheinen zum Beispiel eine Enterbungstheologie oder auch Sub­stitutionstheologie zu vertreten. Diese behauptet in ihrer schärfsten Ausprägung, dass die Juden, indem sie Jesus erst abwiesen und dann töteten, ihren Status als Gottes Bundesvolk verloren hätten und die Verheißungen an Abraham nunmehr ausschließlich den Anhängern Jesu gälten. Nach dieser Sichtweise wurden die Juden und das Judentum also durch die Christen und das Christentum abgelöst bzw. ersetzt. Am offensichtlichsten tritt diese Theologie in Hebr 8,13 zutage: „Indem er sagt: ‚einen neuen Bund’ [Jer 31,31-34], hat er den ersten zu einem alten gemacht. Was aber alt wird und betagt ist, das ist dem Ende nahe.“ Genaueres Hinsehen führt zu tieferer Erkenntnis und folglich zu einem tieferen Verständnis dafür, wie sich solche unterschiedlichen Überzeugungen bzw. Traditionen entwickeln konnten.

Und tatsächlich hat das Studium des Neuen Testaments viele Juden – auch die Herausgeber dieses Buchs – zu besseren, umfassender informierten Juden gemacht. Die Vertrautheit mit dem Neuen Testament hilft dabei zu erkennen, welche verschiedenen Optionen für Juden im ersten Jahrhundert möglich waren (Jesus oder Johannes dem Täufer zu folgen; sich der Gemeinde am Toten Meer anzuschließen oder sich die pharisäische Lehre anzueignen; sich auf Seiten Roms oder der Aufständischen zu schlagen usw.). So hilft es auch dabei, besser zu verstehen, weshalb die meisten Menschen im jüdischen Volk Jesus bzw. der sich in seinem Namen entwickelnden Bewegung nicht folgten. Bisweilen stellen wir fest, dass viele der neutestamentlichen Texte fundamentale jüdische Werte auf vorzügliche Weise wiedergeben: die Liebe zu Gott und zu seinem Nächsten (Lk 10,25-28, Dtn 6,5 zitierend; Lev 19,18; Jos 22,5; zur Liebe zu Gott s. ARN 48 [67a]; zum Primat von Lev 19,18 s. R. Aqiva in jNed 9,4/41c, der anmerkt, dies sei „ein Hauptprinzip der Tora“); Zedaqa (die in Wohltätigkeit ausgedrückte Rechtschaffenheit; Mk 10,21; Mt 25,34–40; s. Jer 22,3; Spr 21,3; zu ihrem Primat in rabbinischen Texten s. bBB 9a; bSukk 49b); die Sehnsucht nach dem Königreich bzw. der Herrschaft Gottes (Mt 16,24–26) und der Verbesserung der Welt (Offb 21,1–4); vgl. das Alenu-Gebet: „die Welt durch die Herrschaft des Allmächtigen zu verbessern“. Es ist Nichtchristen durchaus möglich, einen Großteil der (sehr jüdischen) Botschaft des Neuen Testaments wertzuschätzen, ohne dabei den Boten zu verehren.

Viele Jüdinnen und Juden sind mit dem Neuen Testament nicht vertraut oder fürchten sich sogar, es zu lesen. Sein Inhalt und seine Erzählformen sind ihnen fremd, und sie brauchen erläuternde Notizen. Andere wiederum halten die neutestamentlichen Schriften für irrelevant für ihr Leben oder argwöhnen, jegliches kommentierte Neue Testament ziele auf Überredung oder gar Bekehrung. Dieser Band, zumal von jüdischen Gelehrten herausgegeben und geschrieben, soll diesen Verdacht nicht erwecken. Es ist nicht unsere Absicht, jemanden zur Konversion zu bewegen – weder Juden zum Christentum noch Christen von ihren eigenen Kirchen fort. Vielmehr will dieses Buch allen Leserinnen und Lesern dabei helfen, die Bedeutung der neutestamentlichen Schriften innerhalb ihres je eigenen sozialen, historischen und religiösen Kontexts zu verstehen; einige der Essays beschreiben den Einfluss, den das Neue Testament auf jüdisch-christliche Beziehungen geübt hat. Ferner sind wir überzeugt, dass Juden die christliche Bibel – das, was aus christlicher Perspektive Altes und Neues Testament genannt wird – verstehen sollten, denn in dieser Form ist sie für die meisten englischsprachigen Menschen die Heilige Schrift: Es ist für Juden schwierig, ihre Mitmenschen zu verstehen oder die breite Gesellschaft, zu der jüdische Staatsbürger auch gehören, ohne mit dem Neuen Testament vertraut zu sein. Genauso, wie wir uns als Juden wünschen, dass unsere Mitmenschen unsere Texte, Überzeugungen und Praktiken verstehen, so sollten wir mit den Grundlagen des Christentums ebenfalls vertraut sein.

Es gibt weitere Gründe für eine jüdische Vertrautheit mit diesen Texten. Das Neue Testament ist eine wichtige Quelle für die Literatur, Kunst und Musik in der westlichen Kultur. Um die Meisterwerke Bachs umfassend zu würdigen, ist es sinnvoll, die Texte zu kennen, die ihnen zugrunde liegen. Die Vertrautheit mit den Schilderungen der frühen Kindheit Jesu im Matthäus- und Lukasevangelium hilft dabei, die großartigen Porträts der Madonna mit Kind zu schätzen; Kenntnisse des Neuen Testaments liefern den notwendigen Hintergrund, um zu verstehen, wie die Kulturen Jesus und Judas, Maria Magdalena und Petrus über die Jahrhunderte dargestellt haben. Das Neue Testament ist nicht nur ein religiös bedeutsames Buch, es ist ebenfalls ein Buch kultureller Bedeutung.

Das Wort Jewish im Titel erfüllt noch eine letzte, wichtige Funktion: Es spiegelt die Empfindungen der Mitwirkenden wider. Nicht nur jüdische Gelehrte verfügen über die Kompetenz zum Verfassen dieser Erläuterungen, die vielerlei Kenntnisse zu den Themen Hebräisch, Tanach, Zweiter Tempel und rabbinische Texte voraussetzen. Es ist überall ersichtlich, wie viel die Mitwirkenden der Gelehrsamkeit von Forscherinnen und Forschern jeglichen religiösen Hintergrunds verdanken. Dank der zunehmenden Anzahl jüdischer Gelehrter mit Sachkenntnis auf diesem Gebiet war es zugleich möglich, eine ausreichende Zahl an Mitwirkenden ausfindig zu machen, was die Offenheit gegenüber dem Studium religiöser Texte belegt und auch die wachsende Kooperation zwischen jüdischer und christlicher Forschung hervorhebt, wenn es darum geht, sowohl die Unterschiede als auch die Gemeinsamkeiten zwischen dem frühen Christentum und dem Judentum jener Ära zu verstehen.

Als professionelle Geisteswissenschaftler bringen die Autorinnen und Autoren der Erläuterungen und Essays dem Text die gebührende Achtung entgegen, die alle religiösen Texte verdienen. Ein genaues Verständnis des Griechischen, in dem das Neue Testament verfasst wurde, sowie fundierte Kenntnisse der griechischen wie römischen literarischen Konventionen, die es beeinflusst haben, sind für ein richtiges Verständnis des Neuen Testaments unerlässlich – genauso wie Kenntnisse nahöstlicher Kultur und der Sprachen des Altertums notwendig sind, um die gemeinsamen Schriften der Juden und der Christen zu verstehen. Die Erläuterungen legen nicht nur besonderen Wert auf das, was aus einer jüdischen Perspektive von besonderem Interesse sein könnte, sondern sie liefern auch Informationen zu geschichtlichen Hintergründen, sprachlichen Details und zeigen Bezüge zu früheren biblischen Texten, wie sie jede kommentierte Bibel bietet. Die Erläuterungen wollen und können auch nicht ein letztes Urteil über die Bedeutung der Texte sprechen, weder im Altertum noch heute: Neue Entdeckungen und neue Theorien werden unser Wissen ständig erweitern. Außerdem sind die, die an diesem Band mitgearbeitet haben, in einigen Fällen untereinander uneins, und in weiteren Fällen waren Herausgeberin und Herausgeber anderer Meinung als die Mitarbeitenden. Dies liegt in der Natur biblischer Studien. Wir sind der Meinung, dass die in diesem Werk enthaltenen Diskussionen der Kategorie von Debatten entsprechen, die im Namen des Dienstes an Gott geführt werden, wie mAv 5,17 schreibt:

„Jeder Streit, der im Namen des Himmels [geführt wird], hat endlich dauernden Erfolg; aber [jeder Streit,] der nicht im Namen des Himmels [geführt wird], hat endlich keinen dauernden Erfolg. Was ist ein Streit, der im Namen des Himmels [geführt wurde]? Das ist der Streit zwischen Hillel und Schammaj; und [was ist ein Streit,] der nicht im Namen des Himmels [geführt wurde]? Das ist der Streit des Korach und seiner ganzen Rotte.“

Solche Studien können auch zu einem noch viel größeren Ergebnis führen. Der verstorbene Krister Stendahl, lutherischer Neutestamentler, emeritierter Bischof von Stockholm und ehemaliger Professor und Dekan der Harvard Divinity School, prägte den Ausdruck „heiliger Neid“, um auszudrücken, dass eine andere religiöse Tradition als die eigene schöne und bedeutsame Vorstellungen hervorrufen könnte. Keine Religion enthält die allumfassende, vollkommen ausgedrückte Weisheit, und Vieles im Neuen Testament finden wir sowohl schön als auch bedeutsam. So ist Paulus‘ Beschreibung der Liebe in 1Kor 13,4–7 etwa außerordentlich faszinierend: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, … sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, … sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“

Genauso wie wir durch die gemeinsame Arbeit an diesem wegweisenden Projekt – das erste Mal, dass jüdische Gelehrte Erläuterungen und Essays zum gesamten Neuen Testament verfasst haben – viel gelernt haben, so hoffen und erwarten wir gleichermaßen, dass alle, die diese Erläuterungen und Essays lesen, ein tieferes Verständnis für dieses zentrale religiöse Werk gewinnen. Wir hoffen, dass nichtjüdische Leserinnen und Leser anerkennen können, dass wesentliche Teile des Neuen Testaments dem Herzen des Judentums entstammen. Wir hoffen ebenso, sie in die Lage zu versetzen, diese Texte zu verstehen, ohne falsche Vorstellungen über die Zeugnisse Jesu und seiner frühesten Anhänger in sie hineinzuinterpretieren. Und wir hoffen schließlich, dass jüdische Leserinnen und Leser durch dieses Werk offener für das Neue Testament werden (viele von ihnen sind mit seinem Inhalt nicht vertraut), dass diese neuen Leserinnen und Leser vertrauter mit den Traditionen ihrer Mitmenschen werden und dass das Lesen sogar „heiligen Neid“ in ihnen erwecken möge.

Amy-Jill Levine

Marc Zvi Brettler

28. Siwan 5771 / 30. Juni 2011

Zur zweiten Auflage

Wir freuen uns, diese vollständig überarbeitete und erheblich erweiterte zweite Auflage des Jewish Annotated New Testament vorlegen zu können. Die 2011 veröffentlichte erste Auflage wurde von zahlreichen christlichen Gruppen und einzelnen Christinnen und Christen aus dem gesamten kirchlichen Spektrum – Katholiken und Orthodoxen, landeskirchlichen Protestanten und konservativen Evangelikalen – als dringend benötigt und wegweisend gefeiert. Jüdinnen und Juden, sowohl orthodox als auch säkular, würdigten das Werk ebenfalls als sehr wertvoll. Mit dem Jewish Annotated New Testament verfasste zum ersten Mal eine Gruppe von jüdischen Gelehrten einen vollständigen Kommentar zum Neuen Testament. Das Werk erreichte ein breites jüdisches wie christliches Publikum und trug dazu bei, sowohl die jüdische Vertrautheit mit dem Neuen Testament als auch das christliche Bewusstsein für den jüdischen Kontext des Neuen Testaments zu fördern. Es findet bei Akademien, an Universitäten und theologischen Seminaren sowohl bei jüdischen und christlichen als auch gemeinschaftlichen jüdisch-christlichen Studiengruppen breite Verwendung. Viele christliche Geistliche und Religionspädagogen aus verschiedenen Konfessionen und Einrichtungen haben uns mitgeteilt, dass sie die Erkenntnisse aus diesem Buch in ihre Predigten und Andachten einfließen ließen. Dieser Band hat bewirkt, so wurde uns vielfach gesagt, dass Predigten korrigiert und antijüdische Lehren vermieden wurden und dass Christen in den Kirchen, Schulen und Bibelgruppen mehr über Jesus und seine Anhänger gelernt haben. Jüdische Leserinnen und Leser haben uns gesagt, dieses Werk habe sie ermutigt, zum ersten Mal das Neue Testament zu lesen, über die komplexe Beziehung zwischen Judentum und Christentum nachzudenken und zu einem besseren Verständnis sowohl ihrer christlichen Brüder und Schwestern als auch ihrer eigenen jüdischen Geschichte zu gelangen. Viele haben auch konstruktive Kritik geäußert – und uns dazu motiviert, diese überarbeitete und erweiterte zweite Auflage herauszugeben. Wir haben alle Erläuterungen zu den biblischen Büchern ergänzt; dort, wo die erste Auflage oft jüdische Quellenangaben aufführte, kommen in der zweiten Auflage weitere Zitate aus jüdischen Primärquellen hinzu (z.B. Philo, Josephus, die Schriftrollen vom Toten Meer, pseudepigraphische Schriften, rabbinische Literatur, Targumim). Wir haben auch allgemeine Einführungen zu jedem kanonischen Bereich des Neuen Testaments hinzugefügt, um Orientierungshilfen zu den Gattungen der Evangelien, der Apostelgeschichte, der Briefe und der Offenbarung zu geben, sodass diese zweite Auflage auch als Einführung ins Neue Testament dienen kann.

Die größte Änderung betrifft die Essays. Alle dreißig Essays der ersten Auflage wurden überarbeitet und oft beträchtlich erweitert. (Geza Vermes, Autor von „Jewish Miracle Workers in the Late Second Temple Period“, verstarb 2013; sein Essay wurde von Gideon Bohak überarbeitet.) Auf Bitten seitens der Leserschaft hat sich die Anzahl der Essays auf vierundfünfzig beinahe verdoppelt, da wir viele neue Beiträge beauftragt hatten, zum Beispiel Mary in Jewish Tradition (Maria in der jüdischen Tradition), Scripture Fulfillment (Schriftverheißung und Erfüllung) oder The New Testament and Jewish-Christian Relations (Das Neue Testament und die jüdisch-christlichen Beziehungen).

Wie in der ersten Auflage sind alle, die an diesem Werk mitgearbeitet haben, Jüdinnen und Juden und repräsentieren ein breites religiöses Spektrum. Sie sind in Nord- und Südamerika, Europa, Australien oder Israel aufgewachsen und lehren dort. Einige Leser werden es vielleicht einfacher finden, anhand dieser Essays in die Welt des Neuen Testaments einzutauchen, während andere lieber mit den Texten des Neuen Testaments selbst beginnen wollen. Wie die erste Auflage so ist auch diese zweite Auflage von The Jewish Annotated New Testament Ergebnis einer weitreichenden Zusammenarbeit auf vielen Ebenen. Beide, Herausgeberin und Herausgeber, haben jedes Wort in jeder Erläuterung und jedem Essay überprüft und mit den Autorinnen und Autoren über viele Monate einen intensiven Schriftwechsel geführt. Wir arbeiteten auch eng zusammen mit Donald Kraus, dem Herausgeber der Bibelausgaben von Oxford University Press, und mit Steve Wiggins, Herausgeber der Sparte Bibles and Biblical Studies von Oxford University Press. Die Sorgfalt, die Don und Steve diesem Projekt widmeten, ist auf jeder Seite offensichtlich. Wir bedanken uns auch bei Claudia Dukeshire, Production Editor; Lisa Grzan, Production Manager; Theresa Stockton, Team Leader; und Erina Zadra, Manufacturing Controller, allesamt Mitarbeiterinnen von Oxford University Press, welche die umfangreiche Detailarbeit auf sich nahmen, die mit jeder Veröffentlichung dieser Art verbunden ist. Die Peachtree Editorial Services bereiteten das Manuskript für die Produktion vor und lasen alle Seiten mit ihrer gewohnten Sorgfalt und Aufmerksamkeit Korrektur. 2Krogh Typesetters aus Dänemark erstellten das Design und setzten das Buch ins Layout. Allen drücken wir an dieser Stelle unsere Dankbarkeit aus.

Die Bibelausgaben von Oxford University Press tragen traditionsgemäß keine Widmungsseiten. Dennoch wollen wir uns bei unseren Familien bedanken, die zwei Auflagen dieses Projekts durchlebt und dabei oft mehr über das Neue Testament und seinen jüdischen Hintergrund gelernt haben, als sie erwarteten oder auch wollten: Jay, Sarah Elizabeth und Alexander David Geller; Tova Hartman, Talya und Ezra Brettler. Wegen Eurer Unterstützung, Eurer Liebe und Eures Verständnisses können wir solche Projekte realisieren.

Es ist unser Wunsch, dass diese zweite Auflage dieselbe Wirkung wie die erste haben möge: dass alle Leserinnen und Leser zu einem besseren Verständnis des Neuen Testaments gelangen und die Mitglieder verschiedener religiöser Gemeinschaften zu einer tieferen Einsicht in unsere Gemeinsamkeiten wie unsere Unterschiede – und dass wir erkennen, wie wir trotz unserer Unterschiede besser zusammenleben können. Wir sind davon überzeugt, dass ein besseres Verständnis der heiligen Schriften einer jeden Religion in dieser globalen Gesellschaft unerlässlich ist, und wir glauben, dass dieses Buch einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, die Art von Verständnis und Kooperation zu fördern, die so dringend notwendig ist, während wir versuchen, uns im einundzwanzigsten Jahrhundert zurechtzufinden.

Amy-Jill Levine

Marc Zvi Brettler

24. Tischri 5777 / 26. Oktober 2016

Autorinnen und Autoren

 Jehoschua Ahrens – Zum jüdisch-christlichen Dialog im deutschsprachigen Raum

 Yaakov Ariel – Messianisches Judentum

 Daniel Alter – Wegbereiter des jüdisch-christlichen Dialogs im deutschsprachigen Raum

 Alan J. Avery-Peck – Der zweite Brief des Paulus an die Korinther

 Herbert Basser – Der Brief des Jakobus

 Meir Ben Shahar – Jüdische Perspektiven auf Nichtjuden

 Gideon Bohak [Bearbeitung von Geza Vermes] – Jüdische Wundertäter und Zauberei in der Spätzeit des Zweiten Tempels

 Alejandro F. Botta – Der zweite Brief des Paulus an Timotheus

 Daniel Boyarin – ‚Logos’ als ein jüdisches Wort: Der Johannesprolog als Midrasch

 Marc Zvi Brettler, Herausgeber der Originalausgabe und Autor – Das Neue Testament zwischen dem Tanach und der rabbinischen Literatur; (mit Amy-Jill Levine) Die Evangelien und die Apostelgeschichte; Die Briefe und die Offenbarung; Einleitung zu den Essays

 Jonathan Brumberg-Kraus – Der dritte Brief des Johannes

 Micha Brumlik – Franz Rosenzweig und Luthers Bibelübersetzung

 Shaye J.D. Cohen – Der Brief des Paulus an die Galater; Judentum und jüdische Identität

 Michael Cook – Der Brief des Paulus an die Philipper

 Pamela Eisenbaum – Der Brief an die Hebräer

 Marc Michael Epstein – Das Neue Testament in der jüdischen Kunst

 Michael Fagenblat – Der ‚Nächste’ in der jüdischen und christlichen Ethik

 Steven Fine – Die Bestattung Jesu: Texte und archäologische Befunde

 Charlotte Elisheva Fonrobert – Judaisierer, Judenchristen und andere

 David Frankfurter – Die Offenbarung des Johannes

 Paula Fredriksen – Paulus und das Judentum

 David M. Freidenreich – Speisen und Mahlgemeinschaft

 Julie Galambush – Der zweite Brief des Johannes

 Aaron M. Gale – Das Evangelium nach Matthäus

 Joshua D. Garroway – Ioudaios

 Barbara Geller – Der Brief des Paulus an Philemon

 Gary Gilbert – Die Apostelgeschichte

 David Goodblatt – Der Sanhedrin

 Martin Goodman – Jüdische Geschichte von 331 v.u.Z. bis 135 u.Z.

 Leonard Greenspoon – Die Septuaginta

 Michael R. Greenwald – Der Kanon des Neuen Testaments

 Adam Gregerman – Der zweite Brief des Paulus an die Thessalonicher

 Erich S. Gruen – Der griechisch-römische Hintergrund des Neuen Testaments

 Susannah Heschel – Jesus im modernen jüdischen Denken

 Martha Himmelfarb – Auferstehung und Jenseitsvorstellungen

 Lawrence Hoffman – Die Beschneidung

 Matthew Hoffman – Jesus und das Neue Testament in der modernen jiddisch- und hebräischsprachigen Kultur

 Walter Homolka – „Ertragen können wir sie nicht“ – Martin Luther und die Juden

 Tal Ilan – Geschlecht und Geschlechterrelation

 Andrew S. Jacobs – Der Brief des Judas

 Ed Kessler – Das Neue Testament und die jüdisch-christlichen Beziehungen

 Menahem Kister – Die Schriftrollen vom Toten Meer

 Jonathan Klawans – Das Mosegesetz

 Naomi Koltun-Fromm – Der erste Brief des Paulus an Timotheus

 Jennifer L. Koosed – Der Brief des Paulus an Titus

 David Kraemer – Der Brief des Paulus an die Epheser

 Ross S. Kraemer – Jüdisches Familienleben im 1. Jh. u.Z.

 Shira Lander – Der erste Brief des Paulus an die Korinther

 Ruth Langer – Die Birkat ha-Minim: eine jüdische Verwünschung der Christen?

 Daniel R. Langton – Paulus im jüdischen Denken

 Daniel J. Lasker – Maria in der jüdischen Tradition

 Marcie Lenk – Der erste Brief des Petrus

 Rebecca Lesses – Übernatürliche Wesen

 David B. Levenson – Messianische Bewegungen

 Amy-Jill Levine, Herausgeberin der Originalausgabe und Autorin – Das Evangelium nach Lukas; Falsches Zeugnis geben: Verbreitete Irrtümer über das antike Judentum; (mit Marc Zvi Brettler) Die Evangelien und die Apostelgeschichte; Die Briefe und die Offenbarung; Einleitung zu den Essays

 Lee I. Levine – Die Synagoge

 Martin Lockshin – Jesus in der mittelalterlich-jüdischen Tradition

 Jodi Magness – Archäologie des Landes Israel zur Zeit Jesu

 Naphtali Meshel – Opferkult und Tempel

 Michele Murray – Der erste Brief des Johannes

 Mark D. Nanos – Der Brief des Paulus an die Römer

 Jacob Neusner – Überlegungen aus jüdischer Sicht zum christlichen Selbstverständnis

 Isaac W. Oliver – Taufe und Eucharistie

 Eric M. Orlin – Aufstände gegen Rom

 Jack Pastor – Flavius Josephus

 Randi Rashkover – Grundfragen der Christologie

 Adele Reinhartz – Das Evangelium nach Johannes

 David Fox Sandmel – Der erste Brief des Paulus an die Thessalonicher

 Michael L. Satlow – Ehe und Ehescheidung

 David Satran – Philo von Alexandria

 Lawrence H. Schiffman – Die Pharisäer

 Daniel R. Schwartz – Strömungen innerhalb des Judentums in neutestamentlicher Zeit

 Naomi Seidman – Die Sprache des Neuen Testaments und die Übersetzung der Bibel

 Claudia Setzer – Jüdische Reaktionen auf die Anhänger Jesu

 Ruth Sheridan – Schriftverheißung und Erfüllung

 Avigdor Shinan – Das Gebet

 David Stern – Midrasch und Gleichnisse

 Sacha Stern – Zeitrechnung, Kalender und Feste

 Sarah J. Tanzer – Der historische Jesus

 Gila Vachman – Der zweite Brief des Petrus

 Geza Vermes [bearbeitet von Gideon Bohak] – Jüdische Wundertäter und Zauberei in der Spätzeit des Zweiten Tempels

 Burton L. Visotzky – Jesus in der rabbinischen Tradition

 Lawrence M. Wills – Das Evangelium nach Markus

 Peter Zaas – Der Brief des Paulus an die Kolosser

Hinweise zur Bibelübersetzung
Der Bibeltext

Der hier abgedruckte Bibeltext stellt die zum Reformationsjubiläum 2017 überarbeitete (revidierte) Fassung der Bibelübersetzung Martin Luthers dar. Nach den großen kirchenamtlichen Revisionen des letzten Jahrhunderts (1912 und 1984) wurde der Text der Lutherbibel in den Jahren 2010 bis 2015 einer erneuten Überprüfung unterzogen. Dies geschah durch einen Kreis von Fachleuten, die die Evangelische Kirche in Deutschland berief, und in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bibelgesellschaft. Im Unterschied zur letzten Revision, die für die verschiedenen Bibelteile stufenweise abgeschlossen wurde (Altes Testament 1964, Apokryphen 1970, Neues Testament 1984), wurden bei der aktuellen Revision alle Kanonteile im Zusammenhang bearbeitet.

Grundanliegen der Revision 2017 war es, die Übersetzung Martin Luthers anhand der hebräischen und griechischen Ausgangstexte auf exegetische und sachliche Richtigkeit zu überprüfen. Auf sprachliche Modernisierungen wurde weitestgehend verzichtet. Nur dort, wo Worte oder Ausdrücke nicht mehr oder falsch verstanden werden können, kam es zu einer sprachlichen Anpassung. So wurde zum Beispiel der nicht mehr verständliche Begriff „Wehmutter“ durch das heute gebräuchliche Synonym „Hebamme“ ersetzt (Genesis 35,17). An etlichen anderen Stellen kehrte man dagegen sogar zum Wortlaut der Übersetzung Martin Luthers zurück. In Römer 10,10 heißt es jetzt wieder wie bei Luther selbst: „Wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig.“ Die vorhergehende Revision hatte – sachlich durchaus richtig – hier den Begriff „gerettet“ eingesetzt, damit aber einen zentralen theologischen Begriff preisgegeben, der einen festen Bestandteil der evangelisch-lutherischen Tradition darstellt.

Namensschreibung

Die Schreibung der Personen- und Ortsnamen folgt in der Lutherbibel seit 1984 weitgehend den „Loccumer Richtlinien zur einheitlichen Schreibung biblischer Eigennamen“, die im Interesse einer ökumenischen Vereinheitlichung der Namensformen von einer evangelisch-katholischen Kommission erarbeitet worden sind. Lediglich bei Namen, die in der evangelischen Tradition einen besonderen Stellenwert haben, wurde von dieser ökumenischen Regelung abgewichen und die lange vertraute Lutherschreibweise beibehalten.

Abkürzungsverzeichnis
Biblische Bücher


Am Amos
Apg Apostelgeschichte
Bar Baruch
1Chr 1. Chronik
2Chr 2. Chronik
Dan Daniel
Dtn Deuteronomium (5. Mose)
Eph Epheser
Esra Esra
Est Ester
Ex Exodus (2. Mose)
Ez Ezechiel (Hesekiel)
Gal Galater
Geb.Man Gebet Manasses
Gen Genesis (1. Mose)
Hab Habakuk
Hag Haggai
Hebr Hebräer
Hiob Hiob (Ijob)
Hld Hoheslied
Hos Hosea
Jak Jakobus
Jdt Judit
Jer Jeremia
Jes Jesaja
Joel Joel
Joh Johannes
1Joh 1. Johannes
2Joh 2. Johannes
3Joh 3. Johannes
Jona Jona
Jos Josua
Jud Judas
Klgl Klagelieder
Kol Kolosser
1Kön 1. Könige
2Kön 2. Könige
1Kor 1. Korinther
2Kor 2. Korinther
Lev Levitikus (3. Mose)
Lk Lukas
1Makk 1. Makkabäer
2Makk 2. Makkabäer
Mal Maleachi
Mi Micha
Mk Markus
Mt Matthäus
Nah Nahum
Neh Nehemia
Num Numeri (4. Mose)
Obd Obadja
Offb Offenbarung
1Petr 1. Petrus
2Petr 2. Petrus
Phil Philipper
Phlm Philemon
Pred Prediger (Kohelet)
Ps Psalm(en)
Ri Richter
Röm Römer
Rut Rut
Sach Sacharja
1Sam 1. Samuel
2Sam 2. Samuel
Sir Sirach
Spr Sprüche (Proverbia)
St zu Dan Stücke zu Daniel
St zu Est Stücke zu Ester
1Thess 1. Thessalonicher
2Thess 2. Thessalonicher
1Tim 1. Timotheus
2Tim 2. Timotheus
Tit Titus
Tob Tobias (Tobit)
Weish Weisheit
Zef Zefanja

Qumranschriften

Die Abkürzung „Q“ bezieht sich auf Qumran, sofern sie nicht in der Bedeutung „Quelle“ für die Logienquelle steht, eine im Rahmen der Zweiquellentheorie angenommene zweite Quelle (neben dem Markus­evangelium) für das Matthäus- und das Lukasevangelium, die deren gemeinsames Material außerhalb des Markusstoffes erklären kann. Die Manuskripte aus Qumran werden durch die vorangestellte Höhlennummer und die auf das „Q“ folgende Nummer des Manuskripts angegeben. Beispielsweise verweist 1Q34 auf das Manuskript 34 aus Höhle 1 in Qumran; 4Q174 auf das Manuskript 174 aus Höhle 4, wobei noch andere Namen in Gebrauch sind (etwa 4QFlor/4QMidrEschata für 4Q174/177).


1QH 1QHa Hymnenrolle / Loblieder
1QpHab 1QpHab Habakukpescher / Habakuk-Kommentar
1QIsaa 1QJesa Die „große“ Jesajarolle
1QIsab 1QJesb Die „kleine“ Jesajarolle
1QS 1QS Gemeinderegel (hebr. Serech ha-Jachad)
1Q20 1QapGen ar Genesisapokryphon (aram.)
1Q26 1QInstruction Sapiental Work / Weisheitsschrift
1Q27 1QMyst Mysteries / Geheimnisse
1Q33 1QM Kriegsregel (M = Milchama)
1Q28a 1QSa Gemeinschaftsregel
1Q28b 1QSb Segenssprüche
4Q44 4QDtnq Fragment zum (Buch) Deuteronomium
4Q51 4QSama Samuelfragmente
4Q159 4QOrdinancesa Rechtssammlungen
4Q161 4QpIsaa Jesajapeschera / Jesaja-Kommentar
4Q163 4QpIsac Jesajapescherc / Jesaja-Kommentar
4Q169 4QpNah Nahumpescher / Nahum-Kommentar
4Q171 4QpPsa Psalmenpescher / Psalmen-Kommentar
4Q174 4QFlor Florilegium / Sammlung
4Q177 4QCatenaa Catenaa / Kommentare
4Q174/4Q177 4QMidrEschata Flor und Catena bilden den Midrasch zur Eschatologiea
4Q186 4QHoroscope Astrologischer Text
4Q242 4QOrNab ar Gebet des Nabonid (aram.)
4Q246 4QapocrDan ar Apokryphon Daniels / Gottessohn-Text (aram.)
4Q252 4QCommGen A GenesiskommentarA
4Q258 4QSD Serech Damaskus
4Q265 4QMiscellaneus Rules Verschiedene Bestimmungen
4Q270 4QDe Fragment der Damaskus Schrift
4Q271 4QDᶠ Fragment der Damaskus Schrift
4Q285 4QSefer ha-Milḥama Kriegsbuch
4Q286 4QBera Berachota / Segenssprüche
4Q372 4QapocrJosephb Josephapokryphonb
4Q394 4QMMT Miqzat Ma‘ase ha-Tora („Einige Werke der Tora“)
4Q400 4QSchirSchabba Sabbatlieder
4Q415–418 4QInstructiona-f Sapiential Work / Ethik für den Verständigen (hebr. musar lamevin)
4Q423 4QInstructiong Sapiential Work / Ethik für den Verständigen (hebr. musar lamevin)
4Q434 4QBarki Nafshia Barki Nafschia (übers.: „Preise, meine Seele“)
4Q460 4QNarrative Work and Prayer Pseudepigraphical Work 3 / Erzählung?
4Q491 4QMa Kriegsrollea
4Q496 4QpapMf Kriegsrollef
4Q502 4QpapRitMar Hochzeitsritual
4Q504 4QDibHama Worte der [Himmels-]Leuchtena (hebr. divrej ha-me’orot)
4Q510 4QSchira Lieder des Weisena
4Q511 4QSchirb Lieder des Weisenb
4Q521 4QMessianic Apocalypse Messianische Apokalypse
4Q525 4QBeatitudes Seligpreisungen
11Q5 11QPsa Große Psalmenrolle
11Q11 11QapocrPs Apokryphe Psalmen
11Q13 11QMelch Melchisedek Dokument
11Q19 11QTa Tempelrollea
11Q20 11QTb Tempelrolleb

Weitere Abkürzungen

Bei Versangaben verweist ein nachgestelltes „a“ bzw. „b“ jeweils auf die erste bzw. zweite Vershälfte (z.B. Gen 2,4b).

Die im Deutschen Titel als „Traktat“ gekennzeichneten Titel entstammen der Ordnung der Mischna, die später die Talmudim bzw. die Tosefta strukturiert. So verweist „San“ je nach vorangestelltem Kürzel auf den Traktat Sanhedrin in der Mischna (mSan), im Jerusalemer Talmud (jSan), im Babylonischen Talmud (bSan) oder in der Tosefta (tSan).


NT - jüdisch erklärt Originaltitel/Alternative Bezeichnung Deutscher Titel/Beschreibung
§ Abschnitt
// Parallelstelle
1Clem Erster Clemensbrief
1 Esdr 1. Esdras in der LXX
2Esdr 2. Esdras in der LXX (entspricht Esra-Nehemia)
4Esr Viertes Buch Esra
5 Esr Fünftes Buch Esra
6 Esr Sechstes Buch Esra
1-4 Kgt 1. bis 4. Buch der Königtümer in der LXX (entspricht 1/2 Sam und 1/2 Kön)
3 Makk Drittes Buch der Makkabäer
4 Makk Viertes Buch der Makkabäer
ActPaul Acta Pauli Paulusakten
ActPetr Acta Petri / Praxeis Petrou Petrusakten
ActPil Acta Pilati Pilatusakten
ALD Aramäisches Levi-Dokument
Anm. zu Verweis auf einen anderen Kommentar
ApkAbr Abraham-Apokalypse
ApkEl Elia-Apokalypse
ApkMos Moses-Apokalypse
ApkPetr Petrus-Apokalypse
ApkSedr Sedrach-Apokalypse
ApkZef Zefania-Apokalypse
Ar ‘Arachin Traktat ‘Arachin („Schätzungen“)
Ar.thes. Thesmophoriazousai Aristophanes, Frauen am Thesmophoriafest
aram. aramäisch
Arat.phaen. Phaenomena Aratos von Soloi, Himmelserscheinungen
Arist Aristeasbrief
Arist.e.N. Ethica Nicomachea Aristoteles, Nikomachische Ethik
Arist.gen.an. De generatione animalium Aristoteles, Über die Entstehung der Tiere
Arist.pol. Politica Aristoteles, Politische Dinge
Aristob. Aristobulos Aristobul
ARN A/B Avot de Rabbi Natan Kommentar des Mischnatraktats „Avot“ durch R. Natan (Fassung A/B)
AS ‘Avoda Sara Traktat ‘Avoda Sara („Götzendienst“)
AscJes Ascensio Isaiae Himmelfahrt des Jesaja
Ath.inc. De incarnatione Verbi Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos
äthHen Äthiopischer (Erster) Henoch
Aug.doctr.chr. De doctrina Christiana Augustinus, Über die christliche Wissensaneignung und Lehre
Aug.op.mon. De opere monachorum Augustinus, Über die Arbeit der Mönche
Av ’Avot Traktat [Pirqe] Avot („[Sprüche der] Väter“)
b Talmud Bavli Babylonischer Talmud
Barn Barnabasbrief
BB Bava Batra Traktat Bava Batra („Hintere Pforte“)
Bech Bechorot Traktat Bechorot („Erstgeburten“)
BemR Bemidbar (Numeri) Rabba Midrasch zum Buch Numeri
Ber Berachot Traktat Berachot („Segenssprüche“)
BerR Bereschit (Genesis) Rabba Midrasch zum Buch Genesis
Bez Beza/Jom Tov Traktat Beza/Jom Tov („Ei/Festtag“)
BGU Berliner Griechische Urkunden
Bik Bikkurim Traktat Bikkurim („Erstlinge“)
BM Bava Mezi‘a Traktat Bava Mezi‘a („Mittlere Pforte“)
BQ Bava Qamma Traktat Bava Qamma („Vordere Pforte“)
Calvin, Inst. Institutio Christianae Religionis Calvin, Unterweisung in der christlichen Religion
Catull.carm. Carmina Catull, Lieder/Gedichte
CD Damaskusschrift (aus der Kairoer Geniza / Cairo Document)
Chag Chagiga Traktat Chagiga („Festfeier“)
Chal Challa Traktat Challa („Teigabgabe“)
Chrys.hom.2Thess Homiliae in epistulam ii ad Thessalonicenses Johannes Chrysostomos, Predigten über den zweiten Thessalonicherbrief
Chrys.hom.Mt Homiliae in Matthaeum Johannes Chrysostomos, Predigten über das Matthäusevangelium
Chul Chullin Traktat Chullin („Profanes“)
Cic.cael. Pro Caelio Cicero, [Verteidigungsrede] für Marcus Caelius Rufus
Cic.Cat. In Catilinam Cicero, [Anklage] gegen Catilina
Cic.clu. Pro A. Cluentio Habito Cicero, [Verteidigungsrede] für Aulus Cluentius Habitus
Cic.Flac. Pro L. Valerio Flacco Cicero, [Verteidigungsrede] für Lucius Valerius Flaccus
Cic.n.d. De natura deorum Cicero, Vom Wesen der Götter
Cic.off. De officiis Cicero, Über die Pflichten
Cic.or. De oratore Cicero, Über den Redner
Cic.phil. Orationes Philippicae Cicero, Philippische Reden
Cic.somn. Somnium Scipionis Cicero, Scipios Traum
Cic.ver. In Verrem Cicero, [Anklage] gegen Gaius Verres
CIJ Corpus Inscriptionum Judaicarum
CIL Corpus Inscriptionum Latinarum
Claud.epithal. Epithalamium de nuptiis Honorii Augusti Claudianus, Brautlied zur Hochzeit des Kaisers Honorius
Claud.fescennina Fescennina dicta Honorio Augusto et Mariae Claudianus, Fescenninische Verse für Augustus und Maria
Clem.paid. Paidagogos Clemens von Alexandria, „Erzieher“
Clem.strom. Stromateis Clemens von Alexandria, „Teppiche“
D.L. Vitae philosophorum Diogenes Laertios, Leben der Philosophen
Dem Demai Traktat Demai („Zweifelhaftes“)
DER Derech Eretz Rabba „Weg der Welt“ (Midrasch)
DevR Devarim (Deuteronomium) Rabba Midrasch zum Buch Deuteronomium
Did. Didache [ton dodeka apostolon] Zwölfapostellehre
Dio.Chrys.or. Orationes Dio Chrysostomos, Reden
Diod. Bibliotheca historica Diodorus von Sizilien, Historische Bibliothek
Dion.Hal.ant.Rom. Antiquitates Romanae Dionysius von Halikarnassos, Römische Altertümer
EchaR ’Echa (Klagelieder) Rabbati Midrasch zum Buch Klagelieder
Ed ‘Edujot Traktat ‘Edujot („Zeugnisse“)
Epict.fr. Fragmenta Epiktetus, Fragmente
Epiph.haer. Liber de haeresibus (Panárion) Epiphanios von Salamis, Gegen die Häresien („Medizinkasten“)
EpJer Epistula Ieremiae Brief des Jeremia / Baruch Kap. 6
Er ‘Eruvin Traktat ‘Eruvin („Vermischungen“)
Eurip.Bacch. Bacchae Euripides, Bakchen
Eurip.Hel. Helena Euripides, Helena
Eurip.Iph.Taur. Iphigenia at Tauris Euripides, Iphigenie bei den Taurern
Eus.h.e. Historia ecclesiastica Eusebius, Kirchengeschichte
EvNik Nikodemusevangelium
EvPetr Petrusevangelium
EvThom Thomasevangelium
Gai.inst. Institutiones Gajus, Rechtssätze
Geb.Man Oratio Manasse Das Gebet Manasses
Git Gittin Traktat Gittin („Scheidebriefe“)
GLAJJ Greek and Latin Authors on Jews and Judaism (Stern, Menachem [Hg.])
gr. griechisch
grBar Griechischer (Dritter) Baruch
Greg.Naz.or. Oratio in laudem Basilii Gregor von Nazianz, Lobrede auf Basilius
HB Hebräische Bibel
Hdt. Historiai Herodot, Historien
hebr. hebräisch
hebrHen Hebräischer (Dritter) Henoch
Herm vis Hirt des Hermas, Visionen
Hes.theog. Theogonia Hesiod, Das Werden der Götter
Hist.aug., Hadr. Vita Hadriani Kaisergeschichte, Vita des Hadrianus
Hom.Il. Homer, Ilias
Hom.Od. Homer, Odyssee
Hor Horajot Traktat Horajot („Entscheidungen“)
Hor.od. Horaz, Oden
Hor.sat. Horaz, Satiren
Hs, Hss Handschrift, Handschriften
Iamb.myst. Iamblichus, De mysteriis Iamblichus, Über die Geheimlehren
IgnEph Ignatius von Antiochien, Brief an die Gemeinde in Ephesus
IgnMagn Ignatius von Antiochien, Brief an die Gemeinde in Magnesia
IgnPhld Ignatius von Antiochien, Brief an die Gemeinde in Philadelphia
IgnPol Ignatius von Antiochien, Brief an Polykarp von Smyrna
IgnSmyrn Ignatius von Antiochien, Brief an die die Gemeinde in Smyrna
Iren.haer. Adversus haereses Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien
Iust.apol. Apologiae Justin der Märtyrer, Apologien
Iust.dial. Dialogus cum Tryphone Judaeo Justin der Märtyrer, Dialog mit dem Juden Tryphon
Iuv.sat. Juvenal, Satiren
Jad Jadajim Traktat Jadajim („Hände“)
Jev Jevamot Traktat Jevamot („Schwagerehen“)
Jom Joma Traktat Joma („[der Versöhnungs-] Tag“)
Jos.Ant. Antiquitates Judaicae Flavius Josephus, Jüdische Altertümer
Jos.Apion. Contra Apionem Flavius Josephus, Gegen Apion
Jos.Bell. De Bello Judaico Flavius Josephus, Der jüdische Krieg
Jos.Vit. Vita Flavius Josephus, Autobiographie
JosAs Joseph und Aseneth
Jub Jubiläenbuch
Kall.hymn. Kallimachus, Hymnen
Kap. Kapitel
Kel Kelim Traktat Kelim („Geräte“)
Ker Keritot Traktat Keritot („Ausrottungen“)
Ket Ketubbot Traktat Ketubbot („Hochzeitsverschreibungen“)
Kil Kil’ajim Traktat Kil’ajim („Verschiedenartiges“)
LAB Liber Antiquitatum Biblicarum Buch der biblischen Altertümer (Pseudo-Philo)
lat. lateinisch
Liv. Ab urbe condita Titus Livius, Von der Gründung der Stadt (Rom)
Luc.dea.Syr. De Dea Syria Lukian von Samosata, Von der syrischen Göttin
Luc.nav. Navigium Lukian von Samosata, Das Schiff
LXX Septuaginta
m ein vorangestelltes „m“ verweist auf einen Mischnatraktat
Maas Ma‘aserot Traktat Ma‘aserot („Der erste Zehnte“)
Mach Machschirin Traktat Machschirin („Geeignetes [zum Unreinwerden]“)
Mak Makkot Traktat Makkot („Prügelstrafe“)
Mart.Epigr. Epigrammaton libri duodecim Martial, Zwölf Bücher der Epigramme
MartJes Martyrium Isaiae Martyrium Jesajas
MartPerp Martyrium Perpetuae Martyrium der Perpetua und der Felicitas
MartPol Martyrium Policarpi Martyrium des Polykarp
MechJ Mechilta deRabbi Jischma‘el Mechilta („Auslegungsregel“) des Rabbi Jischma‘el (halachischer Midrasch)
MechSch Mechilta deRabbi Schim’on bar Jochai Mechilta („Auslegungsregel“) des Rabbi Schim’on bar Jochai (halachischer Midrasch)
Meg Megilla Traktat Megilla („Esterrolle“)
MegTaan Megillat Ta‘anit Fastenrolle
Meil Me‘ila Traktat Me‘ila („Veruntreuung“)
Men Menachot Traktat Menachot („Speiseopfer“)
Mid Middot Traktat Middot („Maße“)
Miq Mikwa’ot Traktat Mikwa’ot („Tauchbäder“)
MMisch Midrasch Mischle Midrasch zum Sprüchebuch
MQ Mo‘ed Qatan Traktat Mo‘ed Qatan („Halbfeiertage“)
MSch Ma‘aser Scheni Traktat Ma‘aser Scheni („Der zweite Zehnt“)
MT Masoretischer Text
MTann Midrasch Tanna’im Midrasch zum Buch Deuteronomium
MTeh Midrasch Tehillim Midrasch zu den Psalmen
Naz Nazir Traktat Nazir („Geweihter“)
Ned Nedarim Traktat Nedarim („Gelübde“)
Neg Nega‘im Traktat Nega‘im („Plagen“)
Nid Nidda Traktat Nidda („Unreinheit [der Frau]“)
NT Neues Testament
OdSal Oden Salomos
Ohal Ohalot Traktat Ohalot („Zelte“)
Or.Afr. Epistula ad Africanus Origenes, Epistel an Julius Africanus
Or.Cels. Contra Celsum Origenes, Gegen Celsius
Or.comm.Mt Commentarius in Matthaeum Origenes, Kommentar zum Matthäusevangelium
Or.comm.Rom Commentarius in epistolam Pauli Origenes, Kommentar zum Römerbrief ad Romanos
Or.hom.Ps. Homiliae in Psalmos Origenes, Psalmenpredigten
Or.princ. De principiis Origenes, Über die Grundlagen
Orl ‘Orla Traktat ‘Orla („Vorhaut / unbeschnittene Bäume“)
Ov.am. Ovid, Ars amatoria Ovid, Liebeskunst
Ov.met. Ovid, Metamorphoseon libri Ovid, Bücher der Verwandlungen
Par Para Traktat Para („die [rote] Kuh“)
Paus.descr. Graeciae descriptio Pausanias, Beschreibung Griechenlands
Pea Pe’a Traktat Pe’a („Ackerecke“)
Pes Pesachim Traktat Pesachim („Pesachopfer“)
PesK Pesiqta deRav Kahana Pesiqta („Abschnitte“) des Rav Kahana (Homilien-Midrasch)
PesR Pesiqta Rabbati Pesiqta Rabbati (Homilien-Midrasch)
PGrM Papyri Graecae magicae Griechische Zauberpapyri
Philo Abr. De Abrahamo Philo von Alexandria, Über Abraham
Philo agr. De agricultura Philo von Alexandria, Über die Landwirtschaft
Philo apol. Apologia pro Judaeis Philo von Alexandria, Apologie
Philo Cher. De Cherubim Philo von Alexandria, Über die Cherubim
Philo conf. De confusione linguarum Philo von Alexandria, Über die Verwirrung der Sprachen
Philo congr. De congressu quaerendae eruditionis Gratia Philo von Alexandria, Über das Zusammenleben um der Allgemeinbildung willen
Philo cont. De vita contemplativa Philo von Alexandria, Über das betrachtende Leben
Philo decal. De decalogo Philo von Alexandria, Über den Dekalog
Philo det. Quod deterius potiori insidiari soleat Philo von Alexandria, Über die Nachstellungen, die das Schlechte dem Besseren bereitet
Philo ebr. De ebrietate Philo von Alexandria, Über die Trunkenheit
Philo Flacc. In Flaccum Philo von Alexandria, Gegen Flaccus
Philo gig. De gigantibus Philo von Alexandria, Über die Riesen
Philo her. Quis rerum divinarum heres sit Philo von Alexandria, Wer Erbe der göttlichen Dinge ist
Philo Jos. De Josepho Philo von Alexandria, Über Joseph
Philo leg.all. Legum allegoriae Philo von Alexandria, Allegorische Erklärung des Heiligen Gesetzbuches
Philo legat. Legatio ad Gaium Philo von Alexandria, Gesandtschaft an Caligula
Philo migr. De migratione Abrahami Philo von Alexandria, Über Abrahams Wanderung
Philo Mos. De vita Mosis Philo von Alexandria, Über das Leben des Mose
Philo mut. De mutatione nominum Philo von Alexandria, Über die Namensänderung
Philo opif. De opificio mundi Philo von Alexandria, Über die Weltschöpfung
Philo plant. De plantatione Philo von Alexandria, Über die Pflanzung Noahs
Philo post. De posteritate Caini Philo von Alexandria, Über die Nachkommen Kains
Philo praem. De praemiis et poenis Philo von Alexandria, Über die Belohnungen und Strafen
Philo prob. Quod omnis probus liber sit Philo von Alexandria, Über die Freiheit des Tüchtigen
Philo QE Quaestiones in Exodum Philo von Alexandria, Fragen und Auflösungen zum Exodus
Philo QG Quaestiones in Genesim Philo von Alexandria, Fragen und Auflösungen zur Genesis
Philo sacr. De sacrificiis Abelis et Caini Philo von Alexandria, Über die Opfer Abels und Kains
Philo sobr. De sobrietate Philo von Alexandria, Über die Nüchternheit
Philo somn. De somniis Philo von Alexandria, Über die Träume
Philo spec. De specialibus legibus Philo von Alexandria, Über die Einzelgesetze
Philo virt. De virtutibus Philo von Alexandria, Über die Tugenden
Pind.od.ol. Epinikia (Oden) Pindar, Olympische Preislieder
Plato apol. Apologia Plato, Apologie des Sokrates
Plato leg. Leges (Nomoi) Platon, Gesetze
Plato Prot. Platon, Protagoras
Plato rep. De re publica (Politeia) Platon, Der Staat
Plato Tim. Platon, Timaios
Plin.d.J.ep. Epistulae Plinius der Jüngere, Briefe
Plin.nat. Naturalis historia Plinius, Naturgeschichte
Plut.Aem. Plutarch, Aemilius Paullus
Plut.alc. Plutarch, Alcibiades
Plut.Alex Plutarch, Alexandros
Plut.Cic. Plutarch, Cicero
Plut.Is.Os. De Iside et Osiride Plutarch, Über Isis und Osiris
Plut.mor. Moralia Plutarch, Ethik
Plut.Pyth. De Pythiae oraculis Plutarch, Über die Orakel der Pythia
Plut.quaest.conv. Quaestiones convivialum Plutarch Tischgespräche
Plut.quaest.Rom. Quaestiones Romanae Plutarch, Römische Fragen
Plut.sup. De superstitione Plutarch, Über den Aberglauben
Poll.onom. Onomasticon Pollux, Namensverzeichnis
Polyk. Polycarp, Brief an die Philipper
PRE Pirqe deRabbi Eli‘eser Pirqe („Aussprüche“) des Rabbi Eli‘eser
Protev Protoevangelium des Jakobus
PS Pereq ha-Schalom Traktat über den Frieden
Ps-Phok Pseudo-Phokylides, Spruchgedicht
PsSal Psalmen Salomos
Qid Qidduschin Traktat Qidduschin („Verlobungen“)
Qin Qinnim Traktat Qinnim („Vogelnester“)
QohR Qohelet (Prediger) Rabba Midrasch zum Buch Prediger
Quintilian, Inst. Institutio Oratoria Quintillian, Unterweisung in der Redekunst
R. Rabbi
RHSch Rosch ha-Schana Traktat Rosch ha-Schana („Neujahrsfest“)
RutR Rut Rabba Midrasch zum Buch Rut
San Sanhedrin Traktat Sanhedrin („Gerichtshof“)
Sav Savim Traktat Savim („Ausflussbehaftete“)
Schab Schabbat Traktat Schabbat („Sabbat“)
SchemR Schemot (Exodus) Rabba Midrasch zum Buch Exodus
Scheq Scheqalim Traktat Scheqalim („Schekel“)
Schevi Schevi‘it Traktat Schevi‘it („Siebentes Jahr“)
Schevu Schevu‘ot Traktat Schevu‘ot („Schwüre“)
SchirR Schir ha-Schirim (Hoheslied) Rabba Midrasch zum Buch Hoheslied Salomos
Sem Semachot/’Evel Rabbati Traktat Semachot/’Evel Rabbati („Großer Traktat über Trauer“)
Sen.ep. Epistulae morales at Lucilium Seneca der Jüngere, Briefe über die Ethik an Lucilius
Sen.mai.contr. Controversiae Seneca der Ältere, Kontroversen
SER Seder ’Elijahu Rabba Die „Große Ordnung Elias“ (Midrasch)
Sev Sevachim Traktat Sevachim („Schlachtopfer“)
Sib Oracula Sibyllina Sibyllinische Orakel
SifBem Sifre (aram.: Bücher) Bemidbar Halachischer Midrasch zum Buch Numeri
SifDev Sifre (aram: Bücher) Devarim Halachischer Midrasch zum Buch Deuteronomium
Sifra Sifra (aram.: Buch) Halachischer Midrasch zum Buch Levitikus
SIG Sylloge Inscriptionum Graecarum (Dittenberger, Wilhelm [Hg.])
slawHen Slawischer (Zweiter) Henoch
Sophoc.Trach. Trachiniai Sophocles, Die Trachinierinnen
SOR Seder Olam Rabba Die „Große Ordnung der Welt“ (Midrasch)
Sota Sota Traktat Sota („die Abweichende / Ehebruchsverdächtige“)
Strab.geogr. Geographica Strabo, Geographie
Suet.Aug. Dives Augustus Sueton, Biographie des Augustus
Suet.Cl. Divus Claudius Sueton, Biographie des Claudius
Suet.Nero Nero Sueton, Biographie des Nero
Suet. Vesp. Divus Vespasianus Sueton, Biographie des Vespasian
Suk Sukka Traktat Sukka („Laubhütte[-nfest]“)
syrBar Syrischer (Zweiter) Baruch
t ein vorangestelltes „t“ verweist auf einen Toseftatraktat
T/Targum Targum, aramäische Bibelübersetzung
Taan Ta‘anit Traktat Ta‘anit („Fasten“)
Tac.ann. Annalen (ab excessu divi Augusti) Tacitus, Annalen (des römischen Reiches von Augustus bis Nero)
Tac.ger. De origine et situ Germanorum liber Tacitus, Über Ursprung und Sitten der Germanen
Tac.hist. Historiae Tacitus, Geschichte[n] (des römischen Reiches von Galba bis Domitian)
Tam Tamid Traktat Tamid („Tägliches Brandopfer“)
Tan Midrasch Tanchuma
TanB Tanchuma (Buber) Midrasch Tanchuma, Ausgabe Buber
Tem Temura Traktat Temura („Vertauschung“)
Ter Terumot Traktat Terumot („Abgaben“)
Tert.apol. Apologeticum Tertullian, Verteidigung (des Christentums)
Tert.bapt. De baptismo Tertullian, Über die Taufe
Tert.carn.Chr. De carne Christi Tertullian, Über den Leib Christi
Tert.exh.cast. De exhortatione castitatis Tertullian, Über die Aufforderung zur Keuschheit
Tert.Marc. Adversus Marcionem Tertullian, Gegen Marcion
Tert.nat. Ad Nationes Tertullian, An die Völker
Tert.praesc. De praescriptione haereticorum Tertullian, Vom prinzipiellen Einspruch gegen die Häretiker
Tert.Prax. Adversus Praxean Tertullian, Gegen Praxeas
Tert.pud. De pudicitia Über die Ehrbarkeit
Tert.res. De resurrectione mortuorum Tertullian, Über die Auferstehung der Toten
Tert.scorp. Scorpiae Tertullian, Arznei gegen den Skorpionstich
Tert.spect. De spectaculis Tertullian, Über die Schauspiele
Test Testament
TestAbr Testament Abrahams
TestAss Testament Assers
TestBen Testament Benjamins
TestDan Testament Dans
TestGad Testament Gads
TestHiob Testament Hiobs
TestIss Testament Issachars
TestJos Testament Josephs
TestJud Testament Judas
TestLev Testament Levis
TestMos Testament Moses
TestNaph Testament Naphtalis
TestRub Testament Rubens
TestSal Testament Salomos
TestSeb Testament Sebulons
TestSim Testament Simeons
TestXII Testamente der zwölf Patriarchen
TevJ Tevul Jom Traktat Tevul Jom („Tag des Tauchbades“)
Thom.STh Summa Theologiae Thomas von Aquin, Summe der Theologie
Thuc. Historiae Thucydides, Geschichte (des Peloponnesischen Krieges)
TJon Targum Jonathan (Prophetentargum)
TN Targum Neofiti
Toh Toharot Traktat Toharot („Reinheiten“)
TOnq Targum Onqelos
TPsJ Targum Pseudo-Jonathan
u.Z. unserer Zeitrechnung
Ulp.dig. Ulpian, Rechtssätze
Uq ‘Uqzin Traktat ‘Uqzin („Stiele“)
v.u.Z. vor unserer Zeitrechnung
Verg.Aen. Vergilius, Aeneis
VitAd Vita Adae et Evae Leben Adams und Evas
VitPr Vitae Prophetarum Das Leben der Propheten
WaR Wajjiqra (Levitikus) Rabba (Homilien-) Midrasch zum Buch Levitikus
Xen.cyr. Xenophon, Kyrupädie Xenophon von Athen, Erziehung des Kyros
Xen.Eph. Xenophon, Ephesiaka Xenophon von Ephesus, Abrokomes und Anthia. Die Liebenden von Ephesos
Xen.mem. Xenophon, Memorabilia Xenophon von Athen, Erinnerungen (an Sokrates)

Förderer

Diese Ausgabe wäre nicht möglich gewesen ohne die finanzielle Unterstützung von Förderern. Wir bedanken uns für großzügige Zuschüsse bei:

  Stiftung Stuttgarter Lehrhaus

  Begegnung von Christen und Juden, Bayern

  Evangelische Kirche in Deutschland

  Evangelische Landeskirche in Baden

  Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Bayern

  Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers

  Evangelische Kirche in Mitteldeutschland

  Evangelische Kirche in der Pfalz

  Evangelische Kirche im Rheinland

  Evangelische Kirche von Westfalen

  Evangelische Landeskirche in Württemberg

  ImDialog. Evangelischer Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch in Hessen und Nassau

  Institut für Christlich-Jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau

Die Evangelien und die Apostelgeschichte

Amy-Jill Levine und Marc Zvi Brettler

Definition

Der deutsche Begriff „Evangelium“ leitet sich über das gleichlautende lateinische Wort vom griechischen „euangelion“, „gute Botschaft“ oder „gute Nachricht“, her. Der englische Begriff „gospel“ für „Evangelium“ leitet sich aus dem altenglischen „gōdspel“, „gute Nachricht“ ab, was eine Übersetzung des griechischen eu („gut“) + angelion („Botschaft“, „Neuigkeit“, „Mitteilung“) darstellt. Sprecherinnen und Sprecher des Jiddischen können sich auch an „gospel“ im Licht des linguistisch verwandten gut [= auch das deutsche „gut“] + s[h]piel („Neuigkeit“, „Rede“ oder „Geschichte“ mit überzeugenden/argumentativen Elementen) erinnert fühlen. Mit der Entwicklung der englischen Sprache verwechselten die Menschen das ursprüngliche „good“/„gut“ mit „God“/ „Gott“, und so wurde dem Begriff „gospel“ die Bedeutung „Geschichte Gottes“ beigelegt. Der griechische Begriff euangelion war fester Bestandteil des politischen Wortschatzes der Römer: Eine „gute Nachricht“ war normalerweise etwas, was der Kaiser der Bevölkerung überbringen ließ, wie z.B. die Verkündigung der Pax Romana, des „römischen Friedens“, oder die Erklärung eines Steuerfreijahrs. Eine berühmte Inschrift aus dem Jahr 9 v.u.Z., die in Priene (nicht sehr weit von Ephesos in der Südtürkei entfernt) gefunden wurde, spricht davon, dass Augustus Caesar „Freudenbotschaften des Heils [gr. euangelia] ansagen lässt.“ Die berühmte Botschaft Gabriels an die Hirten in Lk 2,10: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird,“ zeigt, wie die Anhängerinnen und Anhänger Jesu diesen politischen Begriff umfunktionierten, um über ihr besonderes Evangelium, ihre „gute Botschaft“, zu sprechen.

Die Christusgläubigen erkannten auch die Verbindung des „Evangeliums“ zu der „guten Nachricht“, die von den Propheten Israels gemäß der Septuaginta verkündet worden war, wie z.B. „Jerusalem, du Freudenbotin (hebr. mevaseret, gr. euangelizomenos), erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott!“ (Jes 40,9b). Lk 4,18, ein Teil der Synagogenpredigt Jesu, zitiert Jes 61,1–2: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium (gr. euangelizō, hebr. levasēr) den Armen…

Diese speziellere Bedeutung des Begriffs „Evangelium“ als „frohe Botschaft, die Jesus bringt“, kommt z.B. in Mk 1,14 vor: „Nachdem aber Johannes überantwortet wurde, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes“. Die Erzählung des Evangeliums beschreibt im Anschluss zudem den Inhalt dieser frohen Botschaft, der von Jesu Heilungen und Lehren über seinen erlösenden Tod bis zu seiner Auferstehung reicht.

Aus diesen Bedeutungen leitet sich eine dritte ab: Der Begriff „Evangelium“ entwickelt sich zur „Erzählung über Jesus“. Mk 1,1 z.B. lautet „Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“; hier kann sich der Begriff euangelion nicht lediglich auf die Botschaft über Jesus beziehen und auf die Botschaft, die er verkündet, sondern muss auch das von Markus verfasste Buch umfassen. Der erste sichere Gebrauch des Wortes euangelion als Bezeichnung eines schriftlichen Textes stammt von Justin dem Märtyrer, dem Kirchenvater aus dem 2. Jahrhundert, der in seiner 1. Apologie (66) von „den Aposteln, in den von ihnen verfassten Memoiren/ Erinnerungen, die Evangelien (gr. euangelia) genannt werden“ schrieb. Der Begriff „Evangelist“, der sich von der lateinischen Version des griechischen euangelion herleitet, entwickelte sich in ähnlicher Weise seit dem 12. Jahrhundert als Bezeichnung für jeden, der die „gute Botschaft“ von Jesus verkündet (seit dem 19. Jh. z.B. auch in der Spezialbedeutung „evangelikales Christentum“). „Evangelist“ bezieht sich insbesondere auf die Verfasser der vier kanonischen Evangelien.

Urheberschaft und Datierung

Obwohl es in der Antike mehr als vier Evangelien im Sinne von Erzählungen über Jesus gab, erkennen heute alle Kirchen nur vier davon als kanonisch an (s. „Der Kanon des Neuen Testaments“). Zwei davon sind unter den Namen von Matthäus und Johannes, deren Namen auch im Zwölferkreis belegt sind (z.B. Mt 10,2–3; Mk 3,17–18; Lk 6,14; Apg 1,13), überliefert. Markus wird gemäß altkirchlicher Tradition als Jünger des Petrus und Gefährte des Paulus verstanden (s. Apg 12,12–14.25; 15,36–40; Kol 4,10–11; Phlm 23–24; 2Tim 4,11; 1Petr 5,12–13). Der Verfasser des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte, Lukas, wird ebenfalls in Verbindung mit paulinischen Kreisen gebracht (s. Kol 4,10–11.14; 2Tim 4,11; Phlm 23–24). Dennoch werden bis in die Gegenwart Fragen der Verfasserschaft diskutiert: Schrieben die historischen Gestalten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes wirklich die Evangelien, die ihnen zugeschrieben werden? Sind die Evangelien eher Aufzeichnungen der Erinnerungen dieser vier Gestalten oder wurden sie später von ihren Schülern verfasst? (Joh 21,20–24 enthält Hinweise auf solch einen Prozess, indem die Passage die Frage nach dem Tod des Lieblingsjüngers aufwirft, auf dessen Autorität das Evangelium sich beruft.) Sind die Evangelien Pseudepigraphen, d.h. im Namen einer Lehrautorität verfasst, wie es für die Pastoralbriefe 1–2Tim und Tit wahrscheinlich ist, die im Namen des Paulus verfasst sind, oder bei den nichtkanonischen Schriften wie dem Philippusevangelium, dem Evangelium der Maria, dem Dritten Korintherbrief und den Thomasakten?

Keines der kanonischen Evangelien nennt ausdrücklich ein Abfassungsdatum. Paulus, der wahrscheinlich während der Christenverfolgung durch Nero im Jahr 64 u.Z. in Rom starb, zitiert die Evangelien nirgends, und die Fachwissenschaft ist sich größtenteils einig, dass die kanonischen Evangelien nach den Lebzeiten des Paulus entstanden sind. Obwohl mündliche Berichte über das Leben und die Lehren Jesu schon vor Jesu Tod existiert haben müssen und vermutlich einige dieser Berichte in schriftlicher Form überführt wurden (vielleicht eine Liste der „Zeichen“ Jesu, auf der das Johannesevangelium aufbaut; vielleicht eine Liste von Worten Jesu, die Matthäus und Lukas kannten), besitzen wir keine vollständige Erzählung des Lebens Jesu zur Zeit des Paulus; möglicherweise hat es einfach keine gegeben. So zeigen die Paulusbriefe zwar eine gewisse Kenntnis dessen, was Jesus gesagt hat, auch hatte Paulus Kontakt mit einigen von Jesu engsten Jüngern wie Petrus und Johannes (s. Gal 2), er scheint aber die Evangelien nicht gekannt zu haben.

Im Lauf der Zeit wuchs der Bedarf an Erzählungen über Jesus. Die ersten Jünger starben, verschiedene Gruppen diskutierten über Fragen der Christologie (Wie sollte man Jesus verstehen: als vollkommen menschlich, vollkommen göttlich, beides, oder keines von beiden? – S. „Grundfragen der Christologie“), der Eschatologie (Wird das Gottesreich früher oder eher später hereinbrechen?), rechtliche Fragen (Konnte man sich scheiden lassen oder nicht? Wie sollte man, wenn überhaupt, die Sabbatruhe einhalten?), die Beziehungen zu Juden und Nichtjuden vor Ort usw. Die Evangelien bildeten in diesem Zusammenhang eine Art Verfassung für die Christenheit des späten 1. und frühen 2. Jahrhunderts: Sie waren unterschiedlich genug, um verschiedene Schichten zu repräsentieren und für sie attraktiv zu sein, und zugleich ähnlich genug, um häretische Diskussionen zu verhindern.

Traditionell wird das Markusevangelium, das man zumeist für das älteste Evangelium hält, auf die Zeit kurz nach 70 u.Z. datiert, da Mk 13,1–2 nahelegt, dass der Evangelist um die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahr 70 u.Z. wusste. Falls aber Jesus in der Tat diese Ungeheuerlichkeit vorhergesagt haben sollte (s.a. Mt 24,1–2; Lk 19,41–44; 21,20), wie auch Jeremia die Zerstörung des Ersten Tempels durch die Babylonier im Jahr 586 v.u.Z. vorhergesagt hatte, könnte das Markusevangelium auch vor 70 u.Z. entstanden sein.

Die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler halten das Markusevangelium für eine Quelle des Matthäus- und des Lukasevangeliums; daher müssen auch diese Evangelien später geschrieben worden sein als 70 u.Z.; zumeist werden Daten in den 80er und 90er Jahren vorgeschlagen. Das Johannesevangelium wird normalerweise in die 90er Jahre datiert, da es eine Zeit widerspiegelt, in der die jüdischen Anhängerinnen und Anhänger Jesu sich zunehmend als von der sie umgebenden jüdischen Gemeinschaft getrennt sahen. Das älteste erhaltene Fragment eines Evangeliums, das wir besitzen, ist der P52 (P steht für „Papyrus“). Dieses Papyrusstückchen, das 8,9 × 5,8 cm misst und Teile von Joh 18,31–33.37–38 enthält, befindet sich in der Ausstellung der John Rylands University Library in Manchester, England. Die Datierungen des P52 aufgrund der Handschriftenanalyse (Paläographie) reichen von ca. 120 bis ins frühe 3. Jahrhundert u.Z. Aber selbst wenn wir das Datum dieser frühesten erhaltenen Evangelien-Handschrift kennten, würde uns dies keinen Aufschluss darüber geben, welcher der älteste Text innerhalb des Neuen Testaments ist. Das Datum der Abschrift eines Textes ist eben nicht sein Entstehungsdatum.

Die Evangelien, die man nicht im Kanon findet, sind sicher jünger als die kanonischen Schriften und wesentlich von ihnen abhängig. Die „apokryphen Evangelien“ umfassen Erzählungen über die Kindheit Jesu (z.B. das Kindheitsevangelium des Thomas), über das Leben Marias vor der Geburt Jesu (das Protevangelium des Jakobus) und über Wunder, die die Kreuzigung und Auferstehung begleiteten (das Petrusevangelium). Diese Schriften könnte man auch als christliche Midraschim verstehen: Ebenso wie rabbinische Quellen die Erzählungen des Tanach über die Kindheit Abrahams und Moses ausmalten, so erzählen diese apokryphen Evangelien die Geschichten Jesu und seiner Anhänger in phantasievoller Weise fort. Andere Schriften, die gewöhnlich unter dem schwer zu bestimmenden Begriff „gnostische Evangelien“ firmieren, wie die Evangelien, die Thomas, Philippus, Judas und Maria zugeschrieben werden, bestehen vorwiegend aus Sprüchen, oftmals esoterischer Natur, und weniger aus erzählenden Materialien. Diese Evangelien, die überwiegend in einem Versteck von Schriften in Nag Hammadi erhalten und in koptischer Sprache (einer späten Form des Ägyptischen) geschrieben sind, obwohl sie vermutlich ursprünglich auf Griechisch verfasst worden waren, könnten Spuren von Material enthalten, das auf Jesus selbst zurückgeht. Mit Ausnahme von Teilen des Thomasevangeliums sind sie jedoch eher jung und den Jüngern Jesu pseudonym zugeschrieben.

Das literarische Verhältnis der kanonischen Evangelien zueinander

Angesichts der Tatsache, dass die vier Evangelien erzählerische, thematische und in einigen Fällen auch sprachliche Ähnlichkeiten aufweisen, ist es wahrscheinlich, dass sie voneinander abhängig sind. Das genaue Verhältnis der vier Evangelien untereinander wird von der Fachwelt indes kontrovers diskutiert. Die ersten drei Evangelien, die die gleiche Geschichte in ungefähr der gleichen Reihenfolge erzählen, sind als die „synoptischen“ (gr. für „zusammen-schauen“) Evangelien bekannt. Versuche, das literarische Verhältnis dieser synoptischen Evangelien untereinander zu erklären, beschäftigen sich mit dem in der Fachsprache so genannten „synoptischen Problem“: Wer benutzte welchen Text als Vorlage?

Das Markusevangelium wird gewöhnlich als das zuerst entstandene Evangelium betrachtet und gilt als Quelle für Matthäus, Lukas und vielleicht auch Johannes. Als kürzestes der vier Evangelien enthält das Markusevangelium keine Geburtsgeschichte und ursprünglich auch keine Auferstehungsberichte; es konzentriert sich auf Jesus als den leidenden Gottesknecht, der als Lösegeld für die Menschheit stirbt (Mk 10,45; vgl. Mt 20,28). Einige frühe Kirchenväter sowie einige moderne Bibelwissenschaftler sehen in Markus einen Erben der paulinischen Kritik an der Befolgung der Tora (z.B. Mk 7,19).

Matthäus, der vermutlich Markus als Quelle benutzt hat, setzt einen anderen Schwerpunkt: Das Matthäusevangelium betont die Rolle Jesu als Lehrer und seine Kontroversen mit den Pharisäern über die angemessene Interpretation der Tora. Zu den Inhalten des Markusevangeliums fügt Matthäus eine Geburtstagsgeschichte hinzu. Darin enthalten ist die Erzählung von Josefs Traum, ein Zitat aus der griechischen Übersetzung des Jesajabuches, mit dem er die jungfräuliche Empfängnis Jesu erläutert (Mt 1,18–25, vgl. Jes 7,14), dazu den Besuch der Weisen sowie den Kindermord (Mt 2). Markus‘ Geschichte vom leeren Grab ergänzt er durch die Erscheinung Jesu gegenüber einigen Jüngerinnen (Mt 28,1–11) sowie durch den Missionsbefehl (Mt 28,16–20) an die verbleibenden elf Jünger. Man kann Matthäus auch so verstehen, dass er den angeblichen Antinomismus des Markus korrigiert, indem er die dauernde Gültigkeit der Tora erklärt (Mt 5,17–19) und die Sendung des Paulus negiert (z.B. macht Matthäus Petrus und die anderen Jünger zu Aposteln für die Völker [Mt 28,19], während Paulus diese Rolle für sich beansprucht [Gal 1,16; 2,2]).

Lukas wird ebenfalls generell für abhängig von Markus gehalten. Das Lukasevangelium fügt dem Markusevangelium eine Geburtsgeschichte und Auferstehungsberichte hinzu, die sich von denen im Matthäusevangelium recht deutlich unterscheiden. Das dritte Evangelium enthält Details zur Empfängnis und Geburt Johannes‘ des Täufers, die Ankündigung des Engels Gabriel an Maria, dass sie die Mutter des Messias werden würde (daraus erwuchs das „Ave Maria“ bzw. „Gegrüßet seist du, Maria“ von Lk 1,28), die Volkszählung in der Provinz, die Geburt Jesu in einer Krippe und den Besuch der Hirten. Bei den Auferstehungserzählungen ergänzt Lukas die wohlbekannte Geschichte von der Erscheinung Jesu vor den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24,13–33) sowie die Erzählung von Jesu Himmelfahrt (Lk 24,50–51). Die bekannten/berühmten Gleichnisse vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30–38) und vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32) kommen ebenfalls nur bei Lukas vor.

Das Matthäus- und das Lukasevangelium enthalten auch gemeinsames Material, das im Markusevangelium nicht zu finden ist, wie die Seligpreisungen (Mt 5,3–12 // Lk 6,20–23) und das Vaterunser (Mt 6,9–13 // Lk 11,1–4). Gelegentlich erzählen Matthäus und Lukas die gleichen Geschichten wie Markus, aber mit Details, die Markus nicht hat, wie z.B. die längere Version der Geschichte von der Versuchung Jesu durch Satan (vgl. Mt 4,1–11 und Lk 4,1–13 mit dem begrenzteren Mk 1,12–13). Um die Herkunft des Materials zu erklären, das Matthäus und Lukas gegen Markus gemeinsam haben, gehen viele Fachleute davon aus, dass Lukas und Matthäus zu einer schriftlichen Quelle Zugang hatten, die hauptsächlich aus Worten Jesu bestand. Diese (hypothetische) Quelle ist als Q bekannt (ein vom Wort „Quelle“ abgeleitetes Kürzel). Matthäus und Lukas hatten vermutlich darüber hinaus ihre jeweils eigenen Quellen, die mit „SMt“ für das matthäische und „SLk“ für das lukanische Sondergut bezeichnet werden. Die jeweils unterschiedlichen Geburts- und Auferstehungsgeschichten könnten aus diesen Quellen stammen. Diese Standardlösung des synoptischen Problems wird gewöhnlich als die „Zwei-Quellen-Theorie“ bezeichnet. Als Diagramm sieht sie wie folgt aus:


Diese Theorie wurde unabhängig voneinander durch Christian Gottlob Wilke (1838) und Christian Hermann Weise (1838) entwickelt. Die Diskussion um die literarische Abhängigkeit der Synoptiker geht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Sie ist verbunden mit dem Namen Johann Jakob Griesbach (1789). Schon 1782 hat Johann Benjamin Koppe für die Priorität des Markus argumentiert, wie auch Gottlob Christian Storr 1794. 1835 hat der Philologe Karl Lachmann dieser Sicht zum Durchbruch verholfen. Breit akzeptiert wurde die Zwei-Quellen-Theorie dann nach Arbeiten von Heinrich Julius Holtzmann (1832-1919) und Bernhard Weiß (1827-1918).

Andere Gelehrte bezweifeln die Existenz von Q; manche gehen davon aus, dass Lukas den Text des Matthäus benutzt habe und Markus als spätestes Evangelium die beiden gekürzt und zusammengefasst habe. Diese Theorie, die nach Johann Jakob Griesbach (1745–1812) als Griesbach-Hypothese bekannt wurde, sieht im Schema folgendermaßen aus:


Eine neuere Schulmeinung (1955), die als Farrer- (oder Farrer-Goulder-) Hypothese bekannt ist, vertritt die Markuspriorität, den Gebrauch des Markus- evangeliums durch Matthäus und dann die Benutzung sowohl des Matthäus- als auch des Markusevangeliums durch Lukas.


Andere wiederum sind der Ansicht, Matthäus habe sowohl Markus als auch Lukas benutzt. Obwohl alle diese Rekonstruktionen auf der Basis guter Argumente behaupten, dass Markus, Matthäus und Lukas irgendwie untereinander literarisch abhängig sind, muss jede weitere Behauptung der Priorität eines Textes gegenüber den anderen spekulativ bleiben.

Es ist ebenfalls schwierig, eine Unterscheidung zu treffen zwischen den Materialien, die die Evangelisten aus früheren Quellen übernommen haben, und denen, die sie selbst hinzugefügt haben. Die „Redaktionskritik bzw. Redaktionsgeschichte“ konzentriert sich auf die Rekonstruktion der Tätigkeit der Evangelisten als Herausgeber oder Redaktoren. Ließ Matthäus z.B. Markus‘ Bemerkung, dass Jesus alle Speisen für rein erklärt habe (Mk 7,19), bewusst aus oder fügte Markus sie zu Matthäus‘ Geschichte (Mt 15,1–20) hinzu? Wenn Matthäus Jesus mit den Worten zitiert: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen“ (Mt 5,17), gibt der Evangelist dann ein echtes Wort Jesu wieder oder extrapoliert er Details aus überlieferter Tradition? Stammt die Betonung der „Gerechtigkeit“ (gr. dikaiosynē) bei Matthäus (3,15; 5,6.10.20; 6,1.33; 21,32) aus Material, das er vorfand, oder spiegelt sie die eigene Theologie dieses Evangelisten wider? Erfand Lukas die Geburtsgeschichten von Johannes und Jesus, um die Überlegenheit Jesu gegenüber Johannes und damit auch die Überlegenheit der Jesusbewegung gegenüber den Anhängern des Täufers aufzuzeigen, oder übernahm er diese Traditionen? Die Evangelisten sind kreative Autoren und nicht nur Sammler überlieferten Materials; was sie niederschreiben, kann durchaus, wenn schon keine wörtliche (was ohnehin unmöglich ist, da Jesus Aramäisch sprach und die Evangelien auf Griechisch verfasst sind), so doch eine sinngemäße Wiedergabe dessen sein, was Jesus sagte.

Johannes bietet viele Passagen, die in den synoptischen Evangelien fehlen, wie die Erzählung von der Verwandlung von Wasser in Wein auf der Hochzeit zu Kana (Joh 2), die detaillierten Begegnungen mit dem pharisäischen Gelehrten Nikodemus (Kap. 3) und der Samaritanerin (Kap. 4), die Auferweckung des Lazarus (Kap. 11) sowie eigenständige Schlüsselbegriffe wie „Licht“, Wahrheit“ und „Herrlichkeit“. Während die Synoptiker Jesus vorwiegend als Verkündiger der Ankunft des Reiches Gottes darstellen, der in Gleichnissen spricht, enthält das Johannesevangelium keine solchen Gleichnisse, sondern nur einen kurzen gleichnisartigen Vergleich (Joh 12,24), zwei Erwähnungen des Reiches Gottes (Joh 3,3.5) sowie eine knappe Bezugnahme auf „mein Reich“ (Joh 18,36). Jesus verkündigt vorwiegend sich selbst mit den „Ich bin“-Worten (das Brot des Lebens [Joh 6,35], der wahre Weinstock [Joh 15,1], der Weg, die Wahrheit und das Leben [Joh 14,6]), in denen sich Gottes Selbstaussage gegenüber Mose im brennenden Busch (Ex 3,14) widerspiegelt. Dennoch enthält das Johannesevangelium auch größere Übereinstimmungen mit den Synoptikern, wie die Berichte über Johannes den Täufer, die Speisung der 5.000 (Mt 14,21; Mk 6,44; Lk 9,14; Joh 6,10) und ein wichtiges Letztes Mahl. Auch in der Passionsgeschichte gibt es sowohl Überschneidungen als auch Unterschiede, wie verschiedene Datumsangaben (s. „Zeitrechnung, Kalender und Feste“) und verschiedene Ereignisse während des Letzten Mahls (bei den Synoptikern setzt Jesus die Eucharistie ein, während er bei Johannes den Jüngern die Füße wäscht). Es bleibt daher eine vieldiskutierte Frage, ob bzw. in wie weit Johannes unabhängig von allen oder einzelnen Synoptikern ist.

Unser Verständnis der literarischen Beziehungen der Evangelien untereinander beeinflusst auch unser Verständnis der Historizität der Geschichten und der konkreten Unterscheidung von Tradition (was Jesus tat und sagte) von der Redaktion (was ein bestimmter Evangelist Jesus zuschreibt). Die frühen Vertreter der Markuspriorität (d.h. der Annahme, dass das Markusevangelium das erste schriftliche Evangelium gewesen sei) und der Quelle Q dachten, dass diese Quellen eine größere historische Plausibilität besäßen, weil sie älter waren als das Matthäus- und das Lukasevangelium. Markus und Q (sofern Q als „Buch“ existierte) haben ihr eigenes Programm, und ein frühes Entstehungsdatum ist keine Garantie für Genauigkeit. Späteres Material kann sogar mehr Tatsachen beinhalten, besonders wenn es von vielen verschiedenen Quellen oder Traditionen Gebrauch macht.

Es ist auch unklar, wie die Evangelisten ihre Werke selbst im Verhältnis zu den ihnen vorliegenden Quellen verstanden. Lukas erkennt an, dass „es nun schon viele unternommen haben, Bericht zu geben von den Geschichten, die sich unter uns erfüllt haben,“ (Lk 1,1) und dass er „alles von Anfang an … in guter Ordnung aufzuschreiben“ gedenke, „nachdem [er] alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe“ (1,3). Wollte Lukas tatsächlich andere Berichte wie das Matthäus- und das Markusevangelium ersetzen? Und generell gesprochen: Wurden Evangelien verfasst, um frühere Quellen zu ersetzen, sie zu korrigieren oder sie zu ergänzen?

Darüber hinaus ist es unbekannt, an welche Gemeinden sich die einzelnen Evangelien richteten, ob sie tatsächlich besondere Gruppen ansprechen wollten oder nicht doch für alle Anhängerinnen und Anhänger Jesu gedacht waren. Zumeist geht man davon aus, dass Markus für eine vorwiegend nichtjüdische Gemeinde in Rom geschrieben habe, obwohl einige Fachleute das Markusevangelium als Ergebnis der Situation in Obergaliläa sehen, wo Juden und Nichtjuden gemeinsam eine Gemeinde bildeten. Lukas sieht man gemeinhin als Nichtjuden, der für ein vorwiegend nichtjüdisches Publikum schreibt, aber sogar hier betrachten einige Gelehrte Lukas als Juden oder Gottesfürchtigen, also einen nichtjüdischen Sympathisanten der jüdischen Gemeinde. Von Matthäus, dem gebildeten Zöllner (s. Mt 10,3), wird allgemein angenommen, dass er für ein überwiegend jüdisches Publikum schreibt, weil das Evangelium die (Relevanz der) Tora betont, weil Jesus intensiv mit den Pharisäern diskutiert und weil das Evangelium eine besondere Affinität zur späteren rabbinischen Literatur zeigt. Diese verschiedenen Interpretationen der Entstehungsumstände der Evangelien basieren wesentlich auf einem Zirkelschluss: Auf der Basis der Erzählung arbeiten wir das Programm des Autors und die Identität seiner Leserschaft heraus. Dann interpretieren wir den Text auf der Basis genau dessen, was wir aus internen Beobachtungen erschlossen haben.

Das literarische Verhältnis zwischen den Evangelien, ihr jeweiliges gesellschaftliches Umfeld und die Unterscheidung zwischen Inhalten, die die Evangelisten aus Quellen übernommen haben (d.h. aus der Tradition), und solchen, die sie aus ihrer eigenen Vorstellung hinzugefügt haben (d.h. Redaktion), sind grundlegende Themen der neutestamentlichen Wissenschaft. Diese Probleme, die nicht mit Sicherheit gelöst werden können, sind auch bei der Interpretation der Evangelien in ihrem Verhältnis zu Juden und dem Judentum wichtig: Wie wir die Kompositionsgeschichte eines jeden Evangeliums verstehen, wird notwendigerweise auch beeinflussen, wie wir seine Inhalte auffassen – einschließlich des Verhältnisses zu Juden, die Jesus nicht als Messias betrachteten.

Ebenso ist es schwierig, das Verhältnis der Evangelisten und ihrer frühen Leserschaft zum nicht-messianischen Judentum zu eruieren. Zitate aus der Septuaginta sind weder ein Hinweis auf einen jüdischen Verfasser noch auf ein jüdisches Publikum, da dieser Text auch bei den nichtjüdischen christlichen Gemeinden für heilig gehalten wurde, wie die Paulusbriefe zeigen. Das Matthäus- und das Johannesevangelium werden allgemein als Kompositionen für eine Minderheit gesehen, die von der größeren jüdischen Gesellschaft abgelehnt wurde. Dieser hypothetische Kontext wird dann herangezogen, um zu erklären, warum Mt 27,25 der jüdischen Gemeinde eine kollektive Schuld für Jesu Tod zuschreibt, weil „alles Volk“ gerufen habe: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ In Joh 8,44 sagt Jesus zu „den“ Juden (gr. Ioudaioi): „Ihr habt den Teufel zum Vater“. Literarische Polemik spiegelt jedoch nicht unbedingt tatsächliche gesellschaftliche Verhältnisse wider. Frühere Behauptungen, dass die Evangelien eine Reaktion auf eine angebliche Versammlung von Rabbinen im Jahr 90 u.Z. in Jamnia (Javne) seien, die ihrerseits beschlossen hatten, dass die Anhängerinnen und Anhänger Jesu Häretiker seien, die man aus den Synagogen ausschließen müsse, werden durch jüdische Quellen widerlegt (s. „Birkat ha-Minim“).

Die Gattung

Die neutestamentliche Wissenschaft diskutiert, inwieweit die kanonischen Evangelien als Biographien anzusehen sind. Sie sind sicher keine Biographien im modernen Sinn des Wortes: sie bieten keine komplette Lebensgeschichte, da sie z.B. Jesu Kindheit ebenso ignorieren wie das weitere Schicksal von Marias Ehemann Josef, die Fragen, ob Jesus verheiratet war oder nicht, oder welche formelle Erziehung er genoss. Sie erwähnen auch keine Fragen nach der Motivation oder geben in irgendeiner Weise vor, objektiv zu sein. Vielmehr sind sie zu einem bestimmten Zweck verfasst; Johannes (20,31) nennt ihn ausdrücklich: „damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes“.

Die Evangelien ähneln indes in ihrer literarischen Form antiken Biographien (gr. bioi, lat. vitae, Erzählungen des „Lebens“). Zu diesen narrativen Berichten, die gewöhnlich eine einzelne Schriftrolle von 10–12 m bzw. 10.000–20.000 Worte umfassten, gehören auch Plutarchs „Das Leben Alexanders (d.Gr.)“ aus dem 1. Jahrhundert, Suetons „Caesarenleben/Kaiserbiographien“ aus dem frühen 2. Jahrhundert und das vom griechischen Philosophen Philostratos (170– ca. 247 u.Z.) verfasste „Leben des Apollonius von Tyana“, eines Lehrers und Wundertäters aus dem 1. Jahrhundert. Diese Biographien bieten zumeist Informationen zur Familie des Protagonisten und den Umständen seiner Geburt, seiner öffentlichen Wirksamkeit und seinem (üblicherweise heldenhaften) Tod. Die Texte sollten die Leserinnen und Leser zur Nachahmung der Tugenden der Helden anregen.

Die Evangelien weichen in mehrerlei wichtigen Hinsichten von diesen antiken Biographien ab. Der Hauptunterschied ist die Anspielung der Evangelien auf die Schriften Israels (gewöhnlich in ihrer griechischen Übersetzung, der Septuaginta). Diese Bezugnahmen – z.B. die Genealogie am Anfang des Matthäusevangeliums, die Jesus mit Abraham, David und Mose verknüpft, die Verbindung Johannes des Täufers mit der Prophetie Jesajas am Anfang des Markusevangeliums, die Darstellung der Eltern des Täufers bei Lukas im Lichte anderer biblischer Paare, die mit Unfruchtbarkeit zu kämpfen hatten, oder der Prolog des Johannesevangeliums mit seiner großartigen Wiederaufnahme von Gen 1,1–2 – machen deutlich, dass die Evangelien als Teil einer größeren Geschichte und als Erfüllung dieser Geschichte geschrieben worden sind. Quellen aus der Zeit des Zweiten Tempels enthalten andere Beispiele von (antiken) Biographien, wie die autobiographische „Vita“ des Josephus oder Philos„Leben Moses“, aber diese Gattung gibt es nicht unter den rabbinischen Quellen. Es gibt keine rabbinischen Bücher über das Leben Abrahams, Moses oder Davids, Hillels, Rabbi Aqivas oder Rabbi Jehuda ha-Nasis. Dies ist eine von mehreren bedeutsamen Unterschieden zwischen den Evangelien und späteren jüdischen Schriften. Außerdem bezogen sich jüdische Texte im Vergleich mit denen, die die Anhänger Jesu Christi verfassten, stärker auf die Gemeinde/Gemeinschaft. So diskutieren in rabbinischen Kommentaren mehrere Gelehrte miteinander, während christliche Literatur tendenziell eher aus einer Hand stammt (wie z.B. von Paulus, Ignatius von Antiochia, Justin dem Märtyrer, Augustinus). Die rabbinische Auslegung als Traditionsliteratur erzählt die Geschichte des Volkes Israel, während die christlichen Texte als Autorenliteratur überwiegend die Geschichte nicht der Kirche, sondern einzelner Gestalten darstellen (z.B. das Martyrium des Polykarp, das Leben des hl. Antonius). Keine einzelne Figur, nicht einmal Mose, wird in der jüdischen Literatur so herausgestellt wie Jesus in den neutestamentlichen Evangelien und der späteren christlichen Literatur.

Das Ausmaß, in dem die Evangelien tatsächlich berichten, „was wirklich geschah“, kann nicht aufgeklärt werden. Obwohl die Texte auf den Erinnerungen der Anhängerinnen und Anhänger Jesu basieren, passten Lehrer und Erzähler sie stets den Bedürfnissen ihres jeweiligen Publikums und ihrem eigenen Verständnis davon an, wer Jesus war und was er zu vollbringen suchte. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass Jesus auf Aramäisch gelehrt hat und dies ins Griechische übertragen wurde. Orte, an denen die Handlungen Jesu entweder explizit oder implizit auf die Heiligen Schriften Israels anspielen, sind besonders problematisch für Historikerinnen und Historiker, die das Leben Jesu rekonstruieren wollen. Folgte Jesus selbst – oder Ereignisse in seinem Leben – den Modellen dieser Texte, oder modellierten spätere Verfasser seine Lebensgeschichte nach diesen Mustern? Die synoptischen Berichte über Jesu Tod spielen intensiv auf Ps 22 an und zitieren ihn sogar. Manche Fachleute fragen (sich) nun, ob die Evangelisten die Passionsgeschichte im Lichte dieses Psalms komponierten oder ob die Ereignisse am Kreuz selbst die Verse des Psalms abbildeten.

Die Evangelien spiegeln auch die Erinnerung der Gemeinde(n), die von den Schriften Israels beeinflusst ist, die mündliche Ausschmückung der Geschichten über Jesus im Laufe der ersten Jahrzehnte nach seinem Tod und die Bedürfnisse der Evangelisten sowie ihrer Leserinnen und Leser wider. Allein die Tatsache, dass verschiedene Quellen innerhalb des Neuen Testaments über so grundlegende Fragen wie die, was Jesus während des Letzten Mahles sagte (die Einsetzungsworte), unterschiedliche Angaben machen, zeigt, dass die Christusgläubigen sich mehr um die grundlegende Substanz oder Bedeutung seiner Lehren sorgten als um die wörtliche Wiedergabe seiner Worte (s. Mt 26,26–29; Mk 14,22–25; Lk 22,19–20; 1Kor 11,23–26 und ähnliche Aussagen außerhalb des Kontexts des Letzten Abendmahls, Joh 6,48–60). Nicht nur die Worte Jesu, sondern auch seine Taten werden unterschiedlich dargestellt, und auch hier wiederum ist die Frage nach der Historizität der Überlieferung komplex und umstritten. Gab es z.B. zwei von Dämonen besessene Männer in einem Ort namens Gadara, wo das Ertränken einer Herde Schweine einem Exorzismus durch Jesus zugeschrieben wird (Mt 8,28–34), oder ist Gerasa der Ort des Geschehens, wo ein einzelner Besessener geheilt wird (Mk 5,1–20)? Und um die Angelegenheit weiter zu verkomplizieren: Wurde die zuletzt genannte Geschichte angesichts der Tatsache, dass gerasch im Hebräischen „vertreiben, austreiben“ heißt, die Dämonen in einer Anspielung auf das Römische Reich „Legion“ genannt werden und eines der Symbole für die römischen Truppen (Legio X Fretensis), die Jerusalem im Ersten Jüdischen Krieg eroberten, ein Eber war, als Allegorie ausgestaltet? In ähnlicher Weise fragen sich Gelehrte, die das wirkliche Leben Jesu rekonstruieren wollen: Unterbrach Jesus den Tempeldienst bereits zu einem frühen Zeitpunkt seines Lebens (Joh 2,15–16) oder erst zu Beginn seiner letzten Woche in Jerusalem (so die Synoptiker – s. Mt 2,12–13 // Mk 11,15–17 // Lk 19,45–46), oder tat er dies zweimal, wobei er jedes Mal etwas anderes sagte?

Ob man die Evangelien als „Geschichtsbücher“ versteht, hängt oft auch an der religiösen Einstellung des Auslegers oder der Auslegerin. Einige Leserinnen und Leser sind der Auffassung, dass die Wunder, die Jesus und seinen Nachfolgern zugeschrieben werden, genau so passierten wie von den Evangelien und der Apostelgeschichte beschrieben, während andere diese Berichte eher als moralische oder zeitgebundene theologische Erzählungen denn als historische Berichte ansehen. Die gleichen historischen Fragen kann man auch auf verschiedene jüdische Quellen anwenden: Soll man den Schöpfungsbericht am Anfang der Genesis einschließlich des Sechstagewerks wörtlich verstehen? Arbeitete Abraham als Kind in der Werkstatt seines Vaters, in der Götterbilder hergestellt wurden (BerR 38), oder wurde dieser Midrasch verfasst, um die Weisheit bereits des jungen Patriarchen zu verdeutlichen?

Wie man ein Evangelium lesen sollte

Jedes Evangelium erzählt seine eigene Geschichte und sollte daher auch individuell gelesen werden; erst im nächsten Schritt sollten die verschiedenen Berichte miteinander verglichen werden (die Kommentare geben häufig die Parallelstellen an). Solche Vergleiche arbeiten die verschiedenen Ansätze der einzelnen Evangelisten heraus und zeigen zugleich auf, wie dieselbe Geschichte verschiedene Botschaften transportieren kann, wenn sie auf unterschiedliche Weise erzählt wird. Einige werden bei ihrer Lektüre jeden einzelnen Abschnitt des jeweiligen Evangeliums auskosten wollen, Erzähleinheit um Erzähleinheit (der griechische Ausdruck für solche Einheiten ist perikopē, „um etwas herum schneiden“, „ausschneiden“); andere werden den ganzen Text in einem Durchgang lesen wollen. Manche werden erst den Text lesen und dann auf die Kommentare und die Essays, auf die querverwiesen wird, zurückkommen wollen; andere werden eine intensive und umfassende Lektüre bevorzugen, bei der sie jede Anmerkung und Erläuterung genau prüfen.

Einige Leserinnen und Leser sind möglicherweise mehr an Charakteren und Themen als an den Texten der Evangelien in ihrer rekonstruierten Abfolge interessiert. Sie könnten sich etwa auf die Beschreibungen der Apostel (auch als „die Zwölf“ bekannt), Marias, der Mutter Jesu, der zahlreichen Nebenfiguren (z.B. Nikodemus in Joh 3, die Samaritanerin in Joh 4, Maria und Martha in Lk 10 und Joh 11–12, Josef von Arimathäa) und der politischen Akteure (Herodes d.Gr., Herodes Antipas, Pontius Pilatus, Kaiphas und Annas) konzentrieren.

Angesichts der Konzentration dieses Bandes auf die jüdischen Kontexte und Inhalte des Neuen Testaments möchten andere Leserinnen und Leser sich vielleicht auch erst den Beschreibungen der jüdischen Feste (Sabbat, Pesach, Schawuot, Chanukka), Lebensregeln (z.B. Speisegebote, Synagogenbesuch und Toralesung, Reinheitsgebote, Pilgerfeste) und Gruppen (Pharisäer, Sadduzäer, Anhänger des Täufers Johannes) zuwenden.

Alle Leserinnen und Leser tun gut daran, sich bei ihrer Lektüre zu vergegenwärtigen, wie der erzählerische Kontext der Evangelien ihr eigenes Verständnis Jesu von Nazareth beeinflusst. Jesus polemisierte vermutlich gegen andere Juden: Dies taten im Laufe der Jahrhunderte aber auch Mose und Elia, Jesaja und Jeremia, Hillel und Schammai usw. In dem Augenblick jedoch, in dem die Worte Jesu Teil der Evangelien wurden und diese wiederum die Heilige Schrift einer bald mehrheitlich nichtjüdischen Kirche, wurden und werden ursprünglich innerjüdische Diskussionen allzu häufig aus ihrem historischen Kontext herausgelöst und als externe Verurteilungen des zeitgenössischen bzw. des ganzen Judentums gelesen. Ob bereits die Evangelien an und für sich anti-jüdisch waren, bleibt Gegenstand lebendiger Diskussionen; was wir aber mit Sicherheit sagen können, ist, dass sie von Christen bald anti-jüdisch interpretiert wurden. Wir verbinden mit diesem Buch die Hoffnung, dass es zu einer größeren Sensibilität aller Leserinnen und Leser beitragen möge, wie diese Texte im Laufe der Geschichte gewirkt haben, im positiven wie negativen Sinn. Ebenso hoffen wir, dass alle Leserinnen und Leser ungeachtet ihres religiösen Hintergrundes bei der Lektüre der Evangelien auch die jüdische Geschichte entdecken, die in ihnen enthalten ist, und die jüdischen Wurzeln der Bewegung erkennen, die später zur christlichen Kirche wurde.

Die Apostelgeschichte

Die Apostelgeschichte ist sozusagen die Fortsetzung des dritten Evangeliums, wie der Autor beider, der Evangelist Lukas, im Prolog seiner Schriften klarstellt. Die Apostelgeschichte folgt in mehrfacher Hinsicht auch dem Modell der Evangelien: Wie die Anmerkungen im Kommentarteil zeigen, führen Petrus und Paulus das Wirken Jesu weiter und dienen wie er als Rollenmuster für die Christusgläubigen. Dennoch ist die Apostelgeschichte kein Evangelium, sondern bildet eine eigene Gattung mit eigenen Quellen, die sie beeinflusst haben, und mit Verbindungen zu anderer Literatur der Antike.

Die Apostelgeschichte kann als eine Gestalt der antiken Geschichtsschreibung klassifiziert werden, in der man Lukas als Berichterstatter des Geschehens erkennen kann; dadurch kann sie mit anderen historiographischen Werken wie den Schriften Herodots und Thukydides‘ verglichen werden. Diese Sichtweise wird auch durch den Prolog des Evangeliums gestützt, in dem Lukas davon spricht, Quellen benutzt zu haben, um einen Bericht „in guter Ordnung“ zusammenzustellen (Lk 1,3). Einige Elemente in der Apostelgeschichte passen inhaltlich zu Materialien der Paulusbriefe (z.B. die Treffen zwischen Paulus und den Kirchenleitern der Gemeinde in Jerusalem [Gal 2 // Apg 15]), was manche Gelehrte zu der Annahme bringt, dass beide Quellen einander bestätigen und sie so gemeinsam eine zutreffende Geschichtsdarstellung bieten. Diese Position ist allerdings problematisch, da diese Ähnlichkeiten auch auf literarischer Abhängigkeit beruhen könnten und nicht auf einer voneinander unabhängigen Bezeugung von Fakten. Die Analogie zu Herodot und Thukydides ist auch kein Beweis für eine objektive Darstellung der Vergangenheit, da die Wissenschaft der klassischen Antike heutzutage mehrheitlich anerkennt, dass auch die antiken Historiker ihre Geschichten so präsentierten, wie sie sie ihren Leserinnen und Lesern vermitteln wollten. Das Gleiche gilt für die hellenistisch-jüdischen Zeitgenossen des Lukas wie z.B. den Geschichtsschreiber Josephus.

Anders als die klassischen griechischen Geschichtsschreiber schreibt Lukas in durchgängigem formellen wie inhaltlichen Bezug auf die Septuaginta. Er betrachtet die Ereignisse, die er im Evangelium und der Apostelgeschichte beschreibt, auf diese Weise als Teil einer „Heilsgeschichte“, eines Berichtes darüber, wie Gott die Bundesgemeinschaft rettet: Deshalb hat die Apostelgeschichte auch unauflösliche Bezüge zu den Geschichtsbüchern aus den Schriften Israels, wie den Samuel-, Könige- und Chronikbüchern sowie Esra und Nehemia. Die Bibelwissenschaft ist sich einig, dass auch diese Bücher keine reine Geschichtsdarstellung bieten. Mehr noch: Obwohl die Apostelgeschichte in den sogenannten „Wir-Berichten“, in denen der Autor Paulus auf seinen Reisen zu begleiten scheint (s. Apg 16,10–17; 20,5–21,18; 21,19–26,32; 27,1–28,16), den Eindruck eines Augenzeugenberichts erweckt, ist es unsicher, ob Lukas überhaupt persönliche Erfahrungen wiedergibt oder Zugriff auf einen Reisebericht hatte oder auch die erste Person Plural nur deshalb gebraucht, um dem Bericht Plausibilität zu verleihen.

Es existieren keine externen Quellen, die Lukas‘ Beschreibung der enthusiastischen frühen Jahre der christlichen Gemeinde in Jerusalem stützen könnten. Lukas schreibt wohl in Kenntnis der Paulusbriefe, auch wenn die Apostelgeschichte die Briefe nicht erwähnt und die Fachleute darüber streiten, ob er zu ihnen Zugang hatte. Wie das Lukasevangelium eine bestimmte Christologie vertritt, die von der bei Matthäus, Markus und Johannes verschieden ist, so vertritt auch die Apostelgeschichte eine bestimmte Sicht auf Paulus. Diese Charakterisierung des Paulus weicht von seiner Selbstdarstellung in seinen Briefen ab. Angesichts der Tatsache, dass Paulus sich einen Ruf als Redner gegen die Tora erworben hatte (s. „Paulus im jüdischen Denken“), „rehabilitiert“ die Apostelgeschichte Paulus, indem sie ihn wieder als loyalen Juden darstellt, der die Beschneidung praktiziert und an den Ritualen im Jerusalemer Tempel teilnimmt (z.B. Apg 16,1–3; 21,26).

Eine neuere, kontrovers diskutierte These zur Gattung der Apostelgeschichte ist, dass sie teilweise von antiken hellenistischen Liebesnovellen wie Charitons Chaereas und Kallirhoe und Xenophon von Ephesos‘ Ephesiaka inspiriert sei und sie somit nicht Geschichte (d.h. was wirklich passiert ist) wiedergebe, sondern vor allem unterhaltende Erzählliteratur mit einem lehrhaften Einschlag biete. Diese Klassifikation ihres Genres passt gut zu den apokryphen Apostelakten, die, wie die oben genannten apokryphen Evangelien, mehr unterhaltende und erbauliche Details über die handelnden Charaktere und Ereignisse in den kanonischen Schriften bieten. So erzählen die Akten des Paulus und der Thekla, ein Text aus dem frühen 2. Jahrhundert, die Abenteuer der Thekla nach, einer hübschen nichtjüdischen Frau, die ihrer Ehe entsagt, um Paulus zu folgen. In ähnlicher Weise in eine Botschaft der Enthaltsamkeit gekleidet, beschreiben die Thomasakten die christliche Mission Indiens durch den Apostel Thomas.

Ebenso wie diese späteren Texte, die schon durch ihren Titel („Akten/Apostelakten des/der …“) eine Beziehung zur kanonischen Apostelgeschichte herstellen, hat auch diese viele unterhaltende Facetten. Apg 14,8–18 z.B. erzählt die Missionsreise des Paulus und Barnabas nach Lystra, wo sie irrtümlich für Zeus und Hermes gehalten werden. Das Publikum des Lukas dürfte hier die Anspielung auf Ovids Legende von Philemon und Baucis (aus den Metamorphosen) wiedererkannt haben, die ebenfalls in Phrygien spielt. Apg 20,7–12 beschreibt einen jungen Mann namens Eutychus (gr. „der mit einem guten Schicksal“, „der Glückliche“), der während einer Predigt des Paulus einschläft, aus einem Fenster im Obergeschoss fällt und stirbt, nur um von Paulus wiederbelebt zu werden, welcher danach mit seinen Lektionen bis zum Morgen fortfährt (Apg 20,7–12). Diese Ähnlichkeiten sollen jedoch nicht heißen, dass alle Erzählungen in der Apostelgeschichte Fiktion sind.

Die Frage nach der Historizität der Apostelgeschichte stellt sich in ähnlicher Weise wie bei den Evangelien. Der Leser und die Leserin, die an Wunder glauben, werden die Wundergeschichten in der Apostelgeschichte vermutlich als Historie verstehen – von der Himmelfahrt Jesu (Apg 1,9) über zahlreiche Heilungswunder (z.B. Apg 3,1–8; 5,15–16; 8,6–7; 9,17–18.32–43; 10,38; 14,7–10; 16,16–18; 19,11–12; 20,9–12; 28,3–19) bis hin zu den Befreiungen aus dem Gefängnis durch Engel (Apg 5,22–23; 12,6–11; 16,26–27). Andere werden die Geschichten als literarische Mittel zum Zweck wahrnehmen, theologische Botschaften wie „Christus befreit aus allen Fesseln“ oder „Christus heilt“ zu verkündigen. Wieder andere werden diese Passagen als zeitgebundene Legenden verstehen, die in der frühen Gemeinde der Christusgläubigen aufkamen und die wenig oder gar nichts mit gegenwärtigen Ereignissen zu tun haben.

Auch hier erweist sich ein Vergleich mit Josephus als hilfreich, der ebenfalls behauptet, Geschichte zu schreiben. In seinen Jüdischen Altertümern (zu denen, wie manche behaupten, auch Lukas Zugang hatte,) verleiht Josephus seiner Absicht Ausdruck, die Geschichte des jüdischen Volkes nachzuerzählen. Wenn man jedoch Josephus mit seinen Quellen vergleicht, dann sieht man, dass er durchweg Details abändert, Material hinzufügt und das überlieferte Material kürzt oder anderweitig abändert, damit es seinen eigenen apologetischen Zwecken dient. Lukas tut wahrscheinlich das Gleiche: Sowohl die Evangelien als auch die Apostelgeschichte beruhen zwar auf historischen Zeugnissen, aber der Autor erzählt die Geschichte – wie jeder andere gute Autor in der Antike auch – auf die Art und Weise, dass er damit seine Zwecke am besten verfolgen kann. Gerade die Reden der Apostelgeschichte, wie die Reden in vielen anderen antiken „Geschichten“ – sind Kompositionen des Lukas, ebenso wie die berühmte aufrüttelnde Rede des Elasar ben Jair auf Masada vor dem Angriff der Römer (Bell. 7,339–388) von Josephus verfasst wurde. Bereits Thukydides selbst erkannte die Notwendigkeit an, solche Reden selbst auszugestalten, insofern sie dem angemessen waren, was hätte gesagt werden müssen (hist. 1,22,1).

In welchem Umfang die Evangelien und die Apostelgeschichte wiedergeben, „was wirklich geschah“, wird auch weiterhin umstritten bleiben – genauso, wie die Traditionen, die in den Schriften Israels aufgezeichnet worden sind, wie z.B. die Schöpfungsgeschichte und die Geschichte vom Garten Eden (Gen 1–3), der Exodus oder die Wunder, die Daniel und seinen jüdischen Freunden in Babylon widerfuhren, zumindest diskussionswürdig sind. Aber alle diese Materialien – gleich, ob sie im Tanach oder im Neuen Testament zu finden sind – sind eben mehr als einfache Annalen oder Ansammlungen von Details. Sie sind dazu gedacht, die Leserinnen und Leser zu inspirieren und in ihrem Glauben zu festigen; sie bieten programmatische Beispiele dafür, wie man handeln sollte; sie unterhalten und informieren zugleich.

Das Evangelium nach Matthäus

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Einleitung
Titel und Urheberschaft

Dem im 4. Jahrhundert u.Z. schreibenden Kirchenhistoriker Euseb zufolge berichtet ein Bischof namens Papias (ca. 125 u.Z.), dass der Jünger Matthäus (Mt 9,9; vgl. Mk 3,18; Lk 6,15; Apg 1,13) Worte Jesu in hebräischer Sprache aufgezeichnet habe. Der Text des Matthäusevangeliums selbst jedoch beansprucht nirgends, von Matthäus geschrieben worden zu sein, und liest sich auch nicht wie eine Übersetzung aus dem Hebräischen. Das Evangelium scheint vielmehr ein auf Griechisch abgefasster Text zu sein, in dem eine profunde Kenntnis der jüdischen Schriften und Tradition und des jüdischen Glaubens zum Ausdruck kommt.

Während eine Minderheitenmeinung innerhalb der modernen Forschung meint, dass das Matthäusevangelium sowohl Markus und Lukas als auch möglicherweise Johannes zugrundegelegen habe, stimmen die meisten Fachleute darin überein, dass Matthäus sowohl vom Markusevangelium (90% des markinischen Materials ist auch bei Matthäus zu finden) als auch von einem hypothetischen Text namens Q (für deutsch: Quelle) abhängig sei. Der gängigen Annahme nach bestand dieses Dokument oder diese Quelle nicht aus Erzähl-, sondern vorwiegend aus Lehrüberlieferung wie den Seligpreisungen (Mt 5,3–12; vgl. Lk. 6,20–23) und dem Vaterunser (Mt 6,9–13; vgl. Lk 11,2–4). Sie wird „Logien-“ oder „Spruchquelle“ genannt und kann aus den Versen rekonstruiert werden, die Matthäus und Lukas gemeinsam haben, die aber bei Markus fehlen.

Entstehungszeit und Hintergrund

Das Matthäusevangelium setzt voraus, dass der Jerusalemer Tempel zerstört ist (s. Mt 12,6; 22,7), und ist daher in die Zeit nach dem Jahr 70 u.Z. anzusetzen. Die früheste Erwähnung des Evangeliums stammt hingegen vermutlich von Ignatius von Antiochia um 110 u.Z. Sein Brief an die Gemeinde von Philadelphia scheint einige Traditionen aus dem Matthäusevangelium zu kennen. Daher erscheint eine Entstehungszeit zwischen 80–90 u.Z. nachvollziehbar. Antiochia in Syrien ist aus mehreren Gründen ein plausiber Entstehungsort für das Matthäusevangelium: Es ist das einzige Evangelium, das Jesu Wirken in Syrien kennt und erwähnt (Mt 4,24); späteren Texten zufolge lebten dort Anhänger Jesu (s. Apg 11,19–27; 13,1; 14,22–23; Gal 2,11); Petrus hat Beziehungen sowohl zu dieser Stadt als auch zum Matthäusevangelium (s. Mt 16,17–19); und wie schon oben erwähnt, scheint Ignatius von Antiochia das Evangelium zu kennen. Eine Entstehung in Galiläa ist jedoch angesichts des besonderen Interesses des Evangelisten an dieser Gegend ebenfalls möglich (s. Mt 4,12; 21,11; 26,32; 28,10).

Stellung innerhalb des Neuen Testaments

Das Matthäusevangelium steht aus verschiedenen Gründen im NT an erster Stelle: Es war im frühen Christentum besonders beliebt (es ist das meistzitierte Evangelium); es enthält Weisungen für die Gemeinden (z.B. Mt 18,15–20) und der am Anfang stehende Stammbaum Jesu stellt einen sanften Übergang zwischen den Schriften Israels und der Geschichte Jesu her. Ob das Evangelium für eine spezielle christliche (oder genauer: jüdisch-christliche) Gemeinde geschrieben wurde oder als Text für die gesamte Christenheit diente, wird immer wieder diskutiert.

Aufbau und thematische Schwerpunkte

Das Matthäusevangelium gliedert sich in fünf größere Redeeinheiten (die Bergpredigt, sodann die Missionsrede, die Gleichnisse, die Gemeinderede und die eschatologische Rede), die jeweils durch die Formel „als Jesus diese Rede vollendet hatte“ (Mt 7,28; 11,1; 13,53; 19,1; 26,1) abgeschlossen werden. Manche Ausleger*innen sehen in dieser Struktur eine Anspielung auf den Pentateuch, ähnlich wie auch der Psalter in fünf Teile untergliedert ist.

Mehr als jeder andere Text des Neuen Testaments bezieht sich das Matthäusevangelium mit ca. 50 Zitaten und Anspielungen auf die Schriften Israels, überwiegend in der Fassung der Septuaginta (LXX, die griechische Übersetzung des Tanach). Matthäus benutzt häufig die Formel „auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, …“ (z.B. 1,22–23; 2,15; 4,14; 8,17; 12,14–17; 13,35; 21,4–5; 27,9–10) und beschreibt Jesus als die Erfüllung der Tora und der Propheten (s. Mt 5,17; 7,12; 17,3.12).

Der Text lässt auch erhebliches Interesse an der jüdischen Toraobservanz erkennen; dies zeigt sich in Jesu Versicherung „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Mt 5,17) ebenso wie bei der Tilgung der Behauptung des Markus (Mk 7,19), Jesus habe alle Speise für rein erklärt, oder bei der Verpflichtung, das Sabbatgebot einzuhalten (Mt 12,1–14). Jesus zeigt, wie die jüdischen Gesetze zu verstehen und auf die Lebenssituation einer frühchristlichen Gemeinde anzuwenden sind, die sowohl aus jüdischen als auch aus nichtjüdischen Mitgliedern besteht.

Auch indem Matthäus Jesus und Mose verschiedentlich vergleicht, verortet er Jesus im Judentum. Diese Verbindung dürfte schon in Kap. 1 beginnen, mit Marias wundersamer Schwangerschaft, Josefs Entschluss, sich von ihr scheiden zu lassen, und der göttlichen Anweisung, sie doch zu heiraten, die eine gewisse Ähnlichkeit mit midraschischen Erzählungen der Empfängnis Moses aufweisen (z.B. Jos.Ant. 2,205–2017; Pseudo-Philo LAB 9,1–10; TPsJ zu Ex 2,1-2; SchemR 1,13; Sefer ha-Sichronot). In Kap.2 werden die Verbindungen noch deutlicher: Jesus wird, wie Mose, in der Kindheit gerettet und reist nach Ägypten; nachdem er Ägypten wieder verlassen hat, durchquert er wie Mose das Wasser (bei der Taufe), begibt sich in die Wüste (bei der Versuchung) und erklimmt einen Berg, bevor er seine Lehrtätigkeit beginnt (die „Bergpredigt“, Mt 5,1). Am Schluss des Evangeliums lehrt Jesus seine Jünger abermals von einem Berg aus, wie auch Mose es tat (Mt 28,16; vgl. Dtn 32,48).

Matthäus beschreibt Jesus nicht nur als „neuen Mose“, der die Tora für das Volk Israel auslegt, sondern als Mose überlegen. In der Versuchungsgeschichte (Mt 4,1–11) z.B. fastet Jesus 40 Tage und Nächte, wie Mose (Mt 4,2; vgl. Dtn 9,9), wird er herausgefordert, den Steinen zu befehlen (Mt 4,3; vgl. Num 20,8), und schaut auf „alle Reiche der Welt“ (Mt 4,8; vgl. Dtn 34,1). Während aber Jesus „alle Reiche der Welt“ schaut, sieht Mose nur Kanaan. Und während Mose außerhalb des Gelobten Landes stirbt, kehrt Jesus in es zurück (Mt 28,16–20); während Mose das Volk in seine irdische Heimat führt, führt Jesus seine Anhänger ins Reich Gottes. Mose empfängt die Tora von Gott und gibt sie an Israel weiter; Jesus ist die Erfüllung der Tora und zugleich ihr Ausleger in Vollmacht. Für Matthäus ist Jesus auch „der Sohn Davids“, der lang ersehnte ideale zukünftige Davidide, der „Messias“ genannt wird, der in der nachbiblischen jüdischen Literatur der Gesalbte (gr. christos) heißt (Mt 1,1; s. zum Stammbaum Jesu; s.a. „Messianische Bewegungen“). Das Matthäusevangelium gebraucht häufig Ausdrücke wie „Sohn Davids“ oder andere Bezeichnungen für Jesus als König (Mt 1,1; 2,2; 9,27; 12,23; 15,22; 20,30; 22,42; 27,11). Judas erhängt sich (Mt 27,5), genau wie Ahitofel, nachdem er David verraten hat (2Sam 17,23). Selbst der Titel „Sohn Davids“ wird aber überboten, indem Matthäus Jesus als göttlichen Sohn Gottes darstellt, der sein Volk retten wird (Mt 2,15; 3, 17; 4,3.6; 8,29; 14,33; 16,16; 26,63). Die Vorstellung von Jesus als Schechina, der irdischen Manifestation der Gegenwart Gottes, rahmt das ganze Matthäusevangelium (s. Mt 1,18; 18,20; 28,20). Als Sohn Gottes und Inkarnation des Göttlichen auf Erden ersetzt Jesus so den Tempel als Ort der göttlichen Gegenwart.

Matthäus und das Judentum

Neben den Anspielungen auf biblische Bilder und Vorstellungen zeigen sich bei Matthäus auch Verbindungen zur Schriftinterpretation der Rabbinen. Die Rabbinen gebrauchen zahlreiche Argumentationsformen (oder Auslegungsregeln), um die Tora zu interpretieren, wie z.B. qal wa-chomer („leicht und schwer“) oder die binjan ’av („Konstruktion eines Vaters“), die beide auch im ersten Evangelium gebraucht werden. (S. mQid 4,14; jSev 9,1/38d; bBM 87b; bPes 66a; bSan 17a; BerR 92,7.) Die Regel qal wachomer bezeichnet eine Argumentation von einer kleineren Prämisse hin zu einem größeren Sachverhalt: Wenn Gott sich um die Vögel sorgt, wieviel mehr wird Gott sich dann um seine Anhänger kümmern (Mt 6,26; vgl. 10,29–31). Die Regel Binjan ’av beinhaltet, dass man einen Tora-Abschnitt nutzt, um für einen anderen zu einer Schlussfolgerung zu gelangen: Als Jesus von den Pharisäern zur Ehescheidung befragt wird (Mt 19,3–6), zitiert er Gen 1,27; 2,23, um eine autoritative Entscheidung zu einer anderen Stelle, nämlich Dtn 24,1–4, herbeizuführen. In einer ähnlichen Weise antwortet Jesus, als einige Pharisäer sich über das Ährenraufen der Jünger Jesu am Sabbat (Mt 12,1–9; bSchab 73b) besorgt zeigen, indem er argumentiert, dass auch andere Juden die Sabbatgesetze verletzten, wenn sie in Not waren. Matthäus verdeutlicht die Notlage in 12,1, indem er gegenüber Mk 2,23 hinzufügt, dass die Jünger hungrig waren. So zeichnet Matthäus Jesus als jemanden, der die jüdischen Auslegungsmethoden gebraucht, um neue Regeln in Vollmacht aufzustellen.

Trotz dieser engen Bezüge zu jüdischen Texten, Toraauslegungen und Bildern legen andere Stellen ein gebrochenes Verhältnis zwischen der beabsichtigten Leserschaft des Matthäus und der Synagoge nahe: die Gleichnisse vom Weinberg (21,33–45) und von der königlichen Hochzeit (22,1–14), die Weherufe gegen die Pharisäer (23,3–36) und die Selbstverfluchung des Volkes: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ (27,25).

Dieses letzte Zitat, der berühmt-berüchtigte „Schrei des Blutes“, wurde von manchen Christen jahrhundertelang als Beleg dafür herangezogen, dass alle Juden zu allen Zeiten und an allen Orten dieser Welt kollektiv für den Tod Jesu verantwortlich seien. Wahrscheinlicher spiegelt der Ausruf aber Matthäus eigene Interpretation der tragischen Ereignisse von 70 u.Z. wider, als die Römer Jerusalem zerstört und den Tempel niedergebrannt hatten: Die „Kinder“ der Menschenmenge in Jerusalem waren Zeugen dieser Zerstörung.

Nach dem Ersten Jüdischen Krieg und der Tempelzerstörung wuchs die Bedeutung der Pharisäer – der Vorläufer des rabbinischen Judentums – als Leitungsfiguren in der jüdischen Gemeinde zusehends. Das Matthäusevangelium gewährt einen Blick in die Spannungen, die es in den letzten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts gab zwischen den Pharisäern und ihren Anhängern auf der einen Seite und den jüdischen und nichtjüdischen Anhängern Jesu, die ihn als Retter/Messias bekannten, auf der anderen Seite. Beide Gruppen beanspruchten für sich, Erben Abrahams und im Besitz der rechten Interpretation der Schriften Israels zu sein.

Aaron M. Gale

Matthäus 1

1 Dies ist das Buch der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.

2 Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. 3 Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. 4 Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon. 5 Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai. 6 Isai zeugte den König David.

David zeugte Salomo mit der Frau des Uria. 7 Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abija. Abija zeugte Asa. 8 Asa zeugte Joschafat. Joschafat zeugte Joram. Joram zeugte Usija. 9 Usija zeugte Jotam. Jotam zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. 10 Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. 11 Josia zeugte Jojachin und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft.

12 Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jojachin Schealtiël. Schealtiël zeugte Serubbabel. 13 Serubbabel zeugte Abihud. Abihud zeugte Eljakim. Eljakim zeugte Azor. 14 Azor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. 15 Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Mattan. Mattan zeugte Jakob. 16 Jakob zeugte Josef, den Mann Marias, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus.

17 Alle Geschlechter von Abraham bis zu David sind vierzehn Geschlechter. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Geschlechter. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus sind vierzehn Geschlechter.

Mt 1,1–17 Die Genealogie Der Stammbaum ist ungewöhnlich, da er sowohl Frauen als auch Nicht-Juden umfasst und auf moralisch fragwürdige Umstände anspielt. 1,1 Geschichte, gr. geneseōs (wörtl. „Stammbaum“) ist eventuell eine Anspielung auf das Buch Genesis. Christi, von gr. christos, hebr. maschiach, übers. „Gesalbter“; (vgl. Mt 1,16–17; Anm. zu 3,14; Anm. zu 8,20; Anm. zu 11,14–15; Mt 16,16; Anm. zu 17,12–13; Mt 26,63–64; vgl. ferner Dan 9,25–26 [LXX]; 11QMelch 2,9–13). Dieser Begriff wird im Tanach (in der Hebräischen Bibel) nie für den zukünftigen idealen davidischen König gebraucht, anders als in der rabbinischen Literatur (z.B. bSuk 52a über den „Messias, den Sohn Davids“; vgl. ferner Mt 9,27; 12,23; 15,22; 17,15; 20,30; 21,9; vgl. TestSal 20,1). David, traditioneller jüdischer Glaube nahm an, dass der Messias von König David abstammen würde (Jes 11,1; Jer 23,5; bSuk 52a; bSan 97a), was vermutlich auf der Idee der ewig währenden Dynastie davidischer Könige in 2Sam 7,12–16 beruht. 1,2 Abraham, vgl. Mt 3,9, wurde als Vater des Judentums betrachtet, wie die jüdische Literatur erkennen lässt (z.B. bNed 52a: „Unser Vater Abraham“). Lukas (Lk 3,23–38) zeichnet Jesu Stammbaum bis Adam; von David bis Jesus sind die Stammbäume bei Matthäus und Lukas uneinheitlich. 1,3 Tamar, antike Quellen halten sie entweder für nicht-jüdisch, für eine Proselytin oder eine Israelitin (Gen 38; Rut 4,12; 1Chr 2,4; LAB 9,5). Von ihrem Schwiegervater Juda empfängt sie Zwillinge (Gen 38,18; TestJud 12). 1,5 Rahab, die kanaanäische Prostituierte, die loyal zu Josuas Boten war. Sie und ihre Familie werden bei der Zerstörung Jerichos verschont (Jos 6,25; RutR 2 zu Rut 1,1); bMeg 14b führt sie als Frau Josuas auf. Rut, eine moabitische Frau, die in nachbiblischen Texten als Proselytin betrachtet wird (WaR 59,9; bJev 47b; vgl. Rut 1,16–18). 1,6 Frau des Uria, Bathseba, die Ehebruch mit David beging (2Sam 11,2–12,24; 1Kön 15,5; bSchab 56a; bQid 43a). 1,11 Babylonische Gefangenschaft, 597, ein Jahrzehnt vor der Zerstörung des Ersten Tempels und dem Exil 586 v.u.Z. (2Kön 24,10–17). Nach jBer 2,4/5a ist die Zerstörung des Zweiten Tempels (70 u.Z.) der Beginn des Zeitalters der Messiaserwartung. 1,12 Serubbabel, ist von davidischer Abstammung und wird als Erbauer des Zweiten Tempels betrachtet. Nach einigen biblischen Zeugnissen ist er auch eine messianische Figur (Hag 2,23; Sach 4,6–10). Aus der dritten hier aufgeführten Gruppe werden nur die Namen Jojachin, Schealtiël und Serubbabel im Tanach erwähnt. 1,16 Jakob zeugte Josef, vgl. Gen 35,24; Matthäus spielt auf die Vorfahren Israels an. Josef, wenn auch nicht biologisch, so ist Josef doch gesetzlich der Vater Jesu. 1,17 Vierzehn, vgl. oben „Der Stammbaum Jesu“. Von der babylonischen Gefangenschaft, Matthäus zählt im letzten Abschnitt nur dreizehn Generationen auf.

Der Stammbaum Jesu

Stammbäume gibt es überall in der frühjüdischen, griechischen und römischen Literatur (z.B. Gen 10,1–32; 11,10–26; 25,12–18; Ex 6,16–25; Esra 7,1–5; 1Chr 1,1–9; Tob 1,1; Jdt 8,1; Bar 1,1; 2Esd 1,1–3; Quintilian, Inst. 3,7,10; Aeneis 7,1–4). Ihr Ziel ist es, Heldinnen und Helden in ihrer Bedeutung herauszustellen, indem sie ihre Vergangenheit verherrlichen und ihrer Erzählung Legitimität verleihen. Der Stammbaum in Mt 1,1–17 (vgl. Lk 3,23–38) verortet Jesus als Nachkomme Abrahams und Davids und Symbolfigur der Geschichte Israels. Die Einleitungsworte zum Matthäusevangelium (biblos genēseōs, „Entstehungsbericht“) stellen dabei eine textliche Verbindung zur Schöpfungserzählung Gen 2,4 und dem Bericht über die Nachkommenschaft Adams in Gen 5,1 her.

Matthäus führt Jesu Abstammung auf den Patriarchen Abraham und damit auf ein Symbol für die jüdische Identität und Frömmigkeit (Mt 3,9; 8,11–12; 4Makk 6,17.22; tNed 2,5; PesR 11,4) zurück. Zugleich ist Abraham aber auch der erste „Konvertit“, da er vom Götzendienst abließ, um sich Gottes Berufung zuzuwenden (Gen 12,1–4). So repräsentiert er sowohl die jüdische als auch die nichtjüdische Treue zum Gott Israels.Der Stammbaum Jesu bei Matthäus schließt auch vier Frauen mit ein, deren symbolischer Wert vielfältig ist. Zum einen haben mehrere dieser Frauen nichtjüdische Wurzeln: Tamar (Gen 28) ist möglicherweise Aramäerin oder Kanaanäerin, wenngleich sie auch zur Familie Israels gehören kann. Eine rabbinische Legende behauptet, dass sie eine Waise gwesen sei, die sich dem jüdischen Glauben zugewandt habe, um in Judas Familie einheiraten zu können (bSot 10a). Rahab (Ri 2–6) ist eine Kanaanäerin, Ruth eine Moabiterin und die „Frau des Uriah“, Bathseba, war mit einem Hethiter verheiratet (2Sam 11). Wie Abraham könnten die Frauen daher für die Einheit von Juden und Nichtjuden unter den Anhängern Jesu stehen. Die unerwarteten sexuellen Beziehungen dieser Frauen – Tamar hat eine Beziehung mit ihrem Schwiegervater, Rahab ist eine Hure, und Ruth, die moabitische Vorfahren (Gen 19) hat, bringt Boas in eine möglicherweise kompromittierende Lage (Ruth 3); Bathseba begeht Ehebruch mit David – deuten nicht auf sündhaftes Verhalten hin. Im Gegenteil, die jüdische Tradition preist diese Frauen (LAB 3,14; ARN 45 B; PesR 40,3-4). Außerdem nehmen sie die überraschende Empfängnis Jesu und Josefs anfängliche Weigerung, seine schwangere Verlobte zu heiraten, vorweg.Man kann den Stammbaum Jesu bei Matthäus auch als ein Beispiel für Gematrie ansehen, eine literarische Technik, die den hebräischen Buchstaben Zahlenwerte zuweist. Die Genealogie kreist um die Zahl 14, die Summe der hebräischen Konsonanten, die den Namen „David“ bilden: (Dalet = 4, Waw = 6, Dalet = 4). Vierzehn besteht aber auch aus zweimal sieben, wobei die Zahl sieben, die Anzahl der Wochentage, auch für die Vollkommenheit des Schöpfungswerks stehen kann. Um das Generationenmuster stabil bei 14 zu halten, muss Matthäus fünf Könige auslassen: Ahasja, Joasch, Amasja, Joas und Jojakim. Dazu enthält das dritte und letzte Set nur dreizehn Namen, was nahelegt, dass die vierzehnte und letzte Generation die der Kirche sein soll.

18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut[*] war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. 19 Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen.

20 Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. 21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. 22 Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): 23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

24 Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. 25 Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

Mt 1,18–25 Jesu Geburt (Lk 1,26–2,40) 1,18 Ehe sie zusammenkamen, vgl. mKet 1,2; 5,2; vielleicht ein Hinweis auf die Zeit der Verlobung, die der eigentlichen Ehe vorausgeht. bKet 57b legt nahe, dass eine solche Verlobung mit etwa zwölf Jahren stattfand (vgl. mNed 10,5; BerR 95), wobei dieses rabbinische Ideal nicht zwingend die Praxis des ersten Jahrhunderts widerspiegeln muss (vgl. „Jüdisches Familienleben im ersten Jahrhundert u.Z.“). Die Verlobung war mit einem Ehevertrag (hebr. ketuba) rechtlich bindend. (vgl. Tob 7,13; mKet 5,2; mNed 10,5). Heiliger Geist, die schöpferische und fortwährende Präsenz Gottes (Gen 1,2; 2,7; 8,1; Ex 13,21–22; Jos 2,11; Ps 51,13; bChag 12ab). 1,19 Fromm und gerecht, ein matthäisches Motiv (Mt 3,15; 5,6.10.20; 6,33; 9,13; 10,41; 21,32; 25,37.46; vgl. Lk 1,6). Gerechtigkeit steht in engem Zusammenhang zu Recht, Ethik und der Befolgung der Tora (Gen 6,9; Lev 18,5; Dtn 6,25; Ps 85,11). Zu verlassen, Scheidung; vgl. z.B. mNed 11,12; bGit 9a-b; 32a-b; 62b; 64a. 1,20 Engel, in der apokalyptischen Literatur aus dieser Periode vermitteln Engel häufig Prophetien (vgl. „Übernatürliche Wesen“). Traum, Anspielung auf den Josef der Genesis und Amram, den Vater des Mose (Jos.Ant. 2,210–17). 1,21Jesus, hebr. Jehoschua, ein gebräuchlicher Name im ersten Jahrhundert, der „Gott rettet“ bedeutet. Philo kommentiert: „Aber auch den Namen des Osee [hebr. Hoschea/Hosea] ändert Mose zu Jesus [hebr: Jehoschua/Josua] (Num 13,17[LXX]) und prägt den irgendwie beschaffenen in eine Verhaltungsweise um. Denn Osee bedeutet ‚dieser irgendwie beschaffene’, Jesus aber ‚Heil des Herrn’, Name der besten Verhaltungsweise“ (Philo mut. 121). Die Namensänderung war in der Regel wichtigen biblischen Charaktären vorbehalten, darunter Abraham (von Abram; Gen 17,5) Sarah (von Sarai; Gen 17,15), and Israel (von Jakob; Gen 32,29). Im Tanach sind vier Männer mit dem Namen „Josua“ aufgelistet (Num 13,16; 1Sam 6,14; 2Kön 23,8; Hag 1,1). Der Auftrag Jesu ist es, Menschen aus ihren Sünden zu retten (Mt 9,1–8; 20,28; 26,28). Jüdinnen und Juden sahen Rettung traditionell als Teil des Bundes an (Ps 130,8; 2Chr 7,14; mSan 10,1: „Ganz Israel hat Anteil an der zukünftigen Welt […]“) und verstanden die immerwährende göttliche Präsenz als Teil der idealen Zukunft (z.B. Ez 48,35). 1,23 Jungfrau, Matthäus zitiert die gr. Übersetzung (LXX) von Jes 7,14, die parthenos überliefert (vgl. „Schriftverheißung und Erfüllung“). Matthäus behauptet häufig, Jesus erfülle hebräische Prophetie. Diese Aussagen, die sog. „Erfüllungszitate“, dienen als Beweis dafür, dass Jesus der Höhepunkt der Schriften Israels sei. Immanuel, wörtl. „Gott mit uns“, umrahmt das Evangelium (Mt 28,20). 1,25 Und er erkannte sie nicht, dieser Ausdruck schließt eine sexuelle Beziehung zwischen den beiden nach Jesu Geburt nicht aus. Die Annahme von Marias immerwährender Jungfräulichkeit entwickelt sich erst im zweiten Jahrhundert; zum ersten Mal wird im Protoevangelium des Jakobus darauf angespielt (vgl. Protev 9,2: Jesu Brüder werden als Söhne Josefs beschrieben, die dieser mit einer anderen Frau hatte); vgl. „Maria in der jüdischen Tradition“.

Matthäus 2

1 Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: 2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten[*].

3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, 4 und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. 5 Und sie sagten ihm: Zu Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): 6 »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«

7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, 8 und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr‘s findet, so sagt mir‘s wieder, dass auch ich komme und es anbete. 9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. 10 Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut 11 und gingen in das Haus und sahen[*] das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

12 Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Mt 2,1–12 König Herodes und die Magoi 2,1 König, Matthäus hebt diesen Titel hervor, um die Herrschaft Herodes‘ mit der von Jesus zu kontrastieren, der als Sohn Davids und somit als wahrer König Israels dargestellt wird. Herodes, regierte von 37–4 v.u.Z. Bethlehem, 10 km südlich von Jerusalem. Weise, gr. magoi waren zoroastrische Priester; frühe jüdische Leserinnen und Leser könnten sie für persische Astrologen gehalten und sie somit nicht als weise, sondern als töricht gedeutet haben. Philo nennt Bileam einen magos (Mos. 1,264); vgl. auch Dan 2,2 (LXX). Sie verweisen – wie auch Tamar, Rahab und Rut im Stammbaum – voraus auf die Völkermission (Mt 28,19). 2,2 König der Juden, vgl. Mt 27,11.29.37. Stern, steht hier vielleicht für einen Engel (Num 24,17, in Verbindung mit Bileams Prophetie; CD 7,18–26; TestLev 18,3); keine antike Quelle belegt dieses astronomische Phänomen und kein Stern im heutigen Sinn könnte über einem Haus stehenbleiben, ohne die Erde zu verbrennen. Aufgehen, sowohl das gr. anatolē als auch das hebr. qedem bedeuten auch „Osten“. 2,3 Ganz Jerusalem, Matthäus hat eine negative Einstellung gegenüber dem Jerusalem seiner Zeit (Mt 21,10; 23,37). 2,4 [Er] erforschte von ihnen, Herodes scheint, obwohl er als Jude wahrgenommen wurde, diese Tradition nicht zu kennen. Christus, vgl. Anm. zu 1,1. 2,5–6 Matthäus paraphrasiert Mi 5,1. 2,8 Forscht fleißig, Herodes trachtet danach, die magoi zu betrügen. 2,11 Gold, Weihrauch und Myrrhe, spätere Interpretationen sahen darin eine Anspielung auf Jes 60,6 (vgl. auch Ps 72,10.15), was die Tradition begründete, die magoi seien Könige; Matthäus hat eine grundsätzlich negative Einstellung gegenüber irdischen Königen, was mit der Darstellung Herodes’ beginnt (vgl. Mt 10,18; 14,9; 17,25; 20,25).

13 Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir‘s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.

14 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten 15 und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

16 Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Knaben in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. 17 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jeremia 31,15): 18 »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«

19 Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum in Ägypten 20 und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben.

21 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich und kam in das Land Israel. 22 Als er aber hörte, dass Archelaus in Judäa König war anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und im Traum empfing er einen Befehl und zog ins galiläische Land 23 und kam und wohnte in einer Stadt mit Namen Nazareth, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazoräer heißen.

Mt 2,13–23 Die Flucht nach Ägypten Als „neuer Mose“ wird Jesus im Säuglingsalter gerettet und in Sicherheit gebracht. 2,13 Traum, vgl. Anm zu 1,20. Ägypten, ein traditioneller Zufluchtsort (1Kön 11,40; 2Kön 25,26; Jer 26,21; 43,1–7). 2,15 Aus Ägypten, Hos 11,1, das Zitat bezieht sich ursprünglich auf das Volk Israel. Der literarische Kontext des Zitats aus Hosea stützt so zwar die matthäische Verwendung nicht, aber diese De-Kontextualisierung von biblischen Texten ist typisch für nachbiblische und rabbinische Literatur. 2,16 [Er] ließ alle Knaben […] töten, das „Töten der Unschuldigen“ erinnert an Ex 1,16 und baut dieses Motiv aus. 2,18 Jer 31,15; dieses Kapitel aus Jeremia, besonders beliebt unter den frühen Anhängerinnen und Anhängern Jesu, prophezeit einen „neuen Bund“ (Jer 31,31). Die auf das Zitat folgenden Verse (Jer 31,16f) – bei Matthäus ausgelassen – kündigen an, dass die „Kinder“ Israels aus dem Exil in ihr Heimatland zurückkehren werden. Rama, ca. 9 km nördlich von Jerusalem. 2,19 Herodes starb ca. 4 v.u.Z. Jesu Geburt wird üblicherweise zwischen 6 und 4 v.u.Z. datiert. 2,20 Sie sind gestorben, eine Anspielung auf Ex 4,19. 2,22 Archelaus, wurde 6 u.Z. abgesetzt und sein Gebiet der direkten Herrschaft Roms unterstellt. Galiläisches Land, dieses Gebiet wurde von Herodes Antipas, dem Bruder Archelaus’ regiert (Mt 14,1). 2,23 Nazareth, eine kleine Stadt, zu Fuß ungefähr eine Stunde von Sepphoris entfernt. Was gesagt ist durch die Propheten, das matthäische Zitat findet sich nicht im Tanach. Nazoräer, eventuell eine Anspielung auf die „Nasiräer“ (Gottgeweihte; Num 6; Ri 13,5.7) oder wahrscheinlicher auf hebr. nezer (übers. „Zweig“), ein Teil der messianischen Prophezeiung von Jes 11,1.

Matthäus 3

1 Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa 2 und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! 3 Denn dieser ist‘s, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat (Jesaja 40,3): »Es ist eine Stimme eines Predigers[*] in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!«

4 Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig. 5 Da ging zu ihm hinaus Jerusalem und ganz Judäa und das ganze Land am Jordan 6 und ließen sich taufen von ihm im Jordan und bekannten ihre Sünden.

7 Als er nun viele Pharisäer und Sadduzäer sah zu seiner Taufe kommen, sprach er zu ihnen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? 8 Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße! 9 Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken. 10 Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

11 Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. 12 Er hat die Worfschaufel in seiner Hand und wird die Spreu vom Weizen trennen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer.

Mt 3,1–12 Johannes der Täufer (Mk 1,2–8; Lk 3,1–20; Joh 1,19–28) 3,1 Johannes der Täufer, eine bekannte Persönlichkeit, die in Teilen des Judentums bewundert wurde (Jos.Ant. 18,116–19). Täufer, aus dem Griechischen, bedeutet „eintauchen“ oder „untertauchen“ (vgl. „Taufe und Eucharistie“). Wüste von Judäa, westlich des Toten Meeres. 3,2 Tut Buße, ein prophetischer Ruf (z.B. Ez 18,30). Himmelreich, anders als im Markus- und Lukasevangelium, wo stattdessen „Reich Gottes“ verwendet wird; es handelt sich dabei entweder um eine Umschreibung, um die Heiligkeit des Namens Gottes zu wahren, oder um ein Indiz dafür, dass Matthäus das Königreich für einen tatsächlichen Ort im Himmel hält. Die früheste Verwendung dieser Formulierung könnte bereits in der Hebräischen Bibel vorliegen (vgl. Ps 103,19, der andeutet, dass der Thron des Herrn im Himmel ist.). Vgl. auch PesR 15,36, wo das „Himmelreich“ mit Sach 14,9 assoziert wird. 3,3 Jes 40,3: Ursprünglich geschrieben, um Juden im babylonischen Exil zu ermutigen, nach Judäa zurückzukehren. 1QS 8,12–14 kann auch so verstanden werden, als solle die Stimme in der Wüste lokalisiert werden. Die masoretischen Kantillationszeichen, die auch als Interpunktion dienen, beziehen in der Wüste eher auf den nachfolgenden Satzteil („In der Wüste bereitet“) als zum vorherigen. 3,4 Kamelhaare […] Gürtel, erinnert an Elia (2Kön 1,8; vgl. Mt 11,14; 17,11–13), der auch im Tanach als ein neuer Mose dargestellt wird. 3,6 Jordan, zu Reinigungsriten mit Wasser vgl. Jes 4,4; 44,3; Jer 4,14; Ez 36,25–27; Sach 13,1; Jos.Bell. 4,205; mJom 8,9. Bekannten ihre Sünden, vgl. tJom 2,1; vgl. auch jJom 8,9/45c; WaR 3,3. Zur Kraft des Jordans vgl. die Erzählung über Elisa, dem Jünger von Elia, in 2Kön 5,1–19. 3,7 Pharisäer und Sadduzäer, jüdische Strömungen (Jos.Bell. 2,164–65; Ant. 13,171–173.297–298; 17,42; 18,16–17). Vgl. „Strömungen innerhalb des Judentums in neutestamentlicher Zeit“. In Lk 3,7 richtet Johannes das Wort allgemeiner an eine Menschenmenge. Otterngezücht, man nahm an, dass sich neugeborene Ottern durch den Magen ihrer Mutter fressen und sie dadurch töten. Künftiger Zorn, eschatologisches Gericht. 3,8 Frucht, gute Werke; die Taufe allein ist nicht ausreichend. 3,9 Abraham, der Vater des jüdischen Volkes, vgl. Anm. zu 1,2, Gen 17,7; Spr 17,2; bJev 64b: „Schauet auf Abraham, euren Vater“. Zum Vater, vielleicht eine Bezugnahme auf das „Verdienst der Väter“ (hebr. sechut avot), also die Vorstellung, dass die guten Werke und Charaktereigenschaften der hebräischen Patriarchen das Gericht Gottes (zum Vorteil) des jüdischen Volkes beeinflussen würden; Mose fleht, dass Gott des Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob gedenkt (z.B. Ex 32,11–14). Steine […] Kinder, ein Wortspiel im Hebräischen (avanim […] banim – Steine […] Kinder). 3,11 Feuer, wurde zur Reinigung benutzt (Num 31,23; bSan 39a).

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. 14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? 15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er‘s ihm zu.

16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Mt 3,13–17 Jesu Taufe (Mk 1,9–11; Lk 3,21–22; Joh 1,29–34) 3,14 Johannes erkennt Jesu Hoheit. 3,15 alle Gerechtigkeit zu erfüllen, eine messianische Erwartung (Jer 23,5–6; 33,15–16; TestJud 24,1), vgl. Anm. zu 1,19. 3,16 Tat sich ihm der Himmel auf, Hinweis auf eine bevorstehende göttliche Offenbarung (Jes 63,19; Ez 1,1). Geist Gottes, Jes 11,2; 42,1; 61,1; bChag 15a. 3,17 Stimme aus dem Himmel, in der jüdischen Tradition ertönt die bat qol (hebr. „Tochter [der] Stimme“), eine himmlische Stimme, die Gottes Verkündigung oder Gericht repräsentiert, v.a. in der Periode nach dem Erlöschen der Prophetie (z.B. bBer 3a; bJom 9b; bSan 96b; bEr 13b; Targum Hoheslied zu Hld 2,12). Dies ist mein lieber Sohn, vgl. Dtn 14,1; 2Sam 7,14; Jes 42,1; Jer 31,9; Ps 2,7; zu der Verbindung von „Sohn“ und „geliebter“ vgl. die Bindung Isaaks (Gen 22,2) und Hos 11,1.

Gerechtigkeit

Das Matthäusevangelium betont die Vorstellung der Gerechtigkeit (Mt 1,19; 3,15; 5,10–11; 6,1.33; 9,13; 10,41; 13,43; 21,31–32; 22,14; 23,35; 25,46). Der Ausdruck selbst (gr. dikaiosynē; hebr. zedaqa wie im Begriff Zaddiq, Gerechter) beinhaltet in jüdischen Texten auch die Konnotation der Freigebigkeit gegenüber Armen oder des „Almosengebens“ (Dtn 14,22; 16,20) und darauf aufbauend jede Liebestat. Manche rabbinischen Traditionen betrachten Zedaqa (gerechtes Handeln) als wichtiger als alle anderen Gebote zusammen (bBB 9b) und betonen, dass jemand, der Zedaqa ausübt, die Welt mit Güte füllt (bSuk 49a). Bei Matthäus erweist sich Josef dadurch als ein „gerechter“ Mann, dass er sich von Maria in aller Stille trennen (Mt 1,19) und keinen Skandal produzieren will. Jesus verkörpert diese höhere Gerechtigkeit, indem er darauf besteht, dass Johannes ihn tauft (Mt 3,15), und sich so Johannes unterwirft. Seine Bergpredigt ist dadurch sehr jüdisch, dass sie vom Streben nach „Gerechtigkeit“, dem Leben in einer gerechten Beziehung sowohl mit anderen als auch mit Gott, durchdrungen ist (Mt 5,6.10.20; 6,33).

Der Gebrauch des Begriffs Gerechtigkeit bei Matthäus unterscheidet sich vom Sprachgebrauch bei Paulus (Röm 1,16f; 3,25f u.ö) (Anm. der Hg. der deutschen Ausgabe).


Matthäus 4

1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (Deuteronomium 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11–12): »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« 7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (Deuteronomium 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

8 Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (Deuteronomium 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm.

Mt 4,1–11 Die Versuchung Jesu (Mk 1,12–13; Lk 4,1–13) 4,1 Vom Geist … geführt, deutet an, dass Gott die Versuchung geplant hatte (z.B. Jes 63,14; Ps 107,7; auch 1Sam 16,13; 1Kön 18,12; 2Kön 2,16; Ez 3,14). Versucht, Jub 17,17 bemerkt, dass Abraham Glaubensprüfungen durchstanden hat, die unter anderem in der Form von Hunger, königlichen Reichtümern und der Beschneidung über ihn kamen (vgl. auch mAv 5,3, wo von zehn Versuchungen berichtet wird, denen Abraham widerstanden hat). Teufel, gr. diabolos, identisch mit hebr. satan, übers. „Ankläger“ (Num 22,22; Sach 3,1; Ps 109,6; Hiob 1,6; 1Chr 21,1; bSchab 89b; vgl. auch „Übernatürliche Wesen“). 4,2 Gefastet, Mose fastete, als er auf dem Sinai war (Dtn 9,9; vgl. auch Ex 34,28). Vierzig Tage und vierzig Nächte, erinnert u.a. an Noah, Mose, die Wüstenepisoden und Elia etc. (vgl. Gen 7,12; Ex 24,18; 34,28; Num 13,25; Dtn 8,2; 1Kön 19,8; Ez 4,6; Jona 3,4). 4,3 Sprich, dass diese Steine […], Num 20,8. 4,4 Dtn 8,3. Jesu Antworten stammen alle aus dem Deuteronomium, dem am häufigsten zitierten Buch der Tora im Neuen Testament, in den Schriften aus Qumran und in der rabbinischen Literatur. 4,6 Ps 91,11–12. 4,7 Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen, die Autorität Gottes in Frage stellen, Dtn 6,16 (vgl. auch Num 14,22; Jes 7,12; Ps 95,9; Sir 3,16; 18,23; bSchab 32a). 4,8 Alle Reiche, das Angebot setzt voraus, dass die Welt unter der Kontrolle des Satans steht, vgl. Mt 20,28. 4,10 Dtn 6,13. 4,11 Da traten Engel herzu, Gott leistet den ihm Treuen entweder direkt oder durch göttliche Diener Beistand (Mt 13,41–42; 16,27; 18,10; 24,30–31; vgl. Gen 48,16; 1Kön 19,5–8; Hebr 1,14).

12 Da nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. 13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am Galiläischen Meer liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, 14 auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1): 15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden, 16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

17 Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Mt 4,12–17 Beginn des Wirkens Jesu (Mk 1,14–15; Lk 4,14–15) 4,12 Gefangen, durch Herodes Antipas (vgl. Mt 14,3). Er [zog] sich nach Galiläa zurück, weit nördlich des Toten Meeres. Galiläa ist Jesu Heimat und ein zukünftiges Zentrum des rabbinischen Judentums (mMach 1,3; bEr 29a; bSota 45a; bQid 20a; bAr 30b). 4,13 Kapernaum, eine Stadt am nordwestlichen Ufer des Galiläischen Meeres (See Genezareth). 4,15–16 Jes 9,1. Galiläa der Heiden, „Heiden“ meint Nichtjuden. Zur Zeit Jesu war Galiläa allerdings überwiegend jüdisch; die Wendung könnte metaphorisch gemeint sein und dazu dienen, den Unglauben der Jüdinnen und Juden dieser Region zu verurteilen (Jos.Ant. 13,337; 18,37; Vit. 12–14; 65; 112–14; 128; 134; 190–92; 418). 4,17 Tut Buße, in Jesu Botschaft klingt die Verkündigung von Johannes dem Täufer an (vgl. Mt 3,2).

18 Als nun Jesus am Galiläischen Meer entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, seinen Bruder; die warfen ihre Netze ins Meer; denn sie waren Fischer. 19 Und er sprach zu ihnen: Kommt, folgt mir nach! Ich will euch zu Menschenfischern machen. 20 Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.

21 Und als er von dort weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, im Boot mit ihrem Vater Zebedäus, wie sie ihre Netze flickten. Und er rief sie. 22 Sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten ihm nach.

23 Und er zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk. 24 Und die Kunde von ihm erscholl durch ganz Syrien. Und sie brachten zu ihm alle Kranken, mit mancherlei Leiden und Qualen behaftet, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte; und er machte sie gesund. 25 Und es folgte ihm eine große Menge aus Galiläa, aus den Zehn Städten, aus Jerusalem, aus Judäa und von jenseits des Jordans.

Mt 4,18–25 Die Berufung der ersten Jünger (Mk 1,16–20; Lk 5,1–11 ; Joh 1,35-51) 4,18 Simon, gr. Variante des hebr. Namens schim‘on, übers. „[Gott] hat gehört“. Petrus, gr. für „Stein“ (Mt 16,18). Es war für Jüdinnen und Juden jener Zeit nicht ungewöhnlich, sowohl einen hebräischen als auch einen griechischen (oder lateinischen) Namen zu führen (Apg 12,25). Andreas, der Name ist aus der gr. Wurzel für „mann-“ gebildet. Joh 1,44 gibt an, dass Petrus und Andreas aus Betsaida stammen. 4,23 Synagogen, Versammlungen, nicht zwangsläufig Gebäude (Mt 9,35; 10,17; 12,9; 13,54); vgl. „Die Synagoge“. Evangelium, gr. euangelion, die „gute Nachricht“. 4,24 Syrien, es gab dort einen großen jüdischen Bevölkerungsanteil (Jos.Bell. 2,461–68). Besessene, von einem dämonischen Geist ergriffen (Jos.Ant. 8,42–49). 4,25 Zehn Städte, gr. dekapolis; neun dieser Städte lagen östlich vom Jordan: Philadelphia, Gerasa, Gadara, Pella, Dion, Raphana, Damaskus, Kanatha, Hippos und Scythopolis; in bGit 7b wird dieses Gebiet als „Land der weltlichen Völker“ diskutiert.

Matthäus 5

1 Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg. Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. 2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:

3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen[*].

6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

9 Selig sind, die Frieden stiften[*]; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Böses gegen euch reden und dabei lügen. 12 Seid fröhlich und jubelt; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.

Mt 5,1–12 Die Seligpreisungen Gr. makarios, übers. „gesegnet, glücklich“ (vgl. „Seligpreisungen und Antithesen“). Ähnliche Seligpreisungen mit der Einleitungsformel „Wohl dem/glücklich, wer“ und analogen Themen wie Arme und Demütige finden sich im Psalter (Ps 2,12; 32,1–2; 40,5; 41,1–2; 65,5; 84,5–6; 94,12; 112,1 u.a.); vgl. auch Hiob 5,17; Dan 12,12; Sir 14,1–2; 4Q525. 5,1–2 Analog zu Mose entrinnt Jesus dem Tod, flieht nach Ägypten, steigt in Wasser, geht in die Wüste und erklimmt einen Berg (Ex 2,15; 5,1; 14,26–29; 19,3). 5,3 Selig sind, gr. makarioi, vgl. hebr. aschrej (z.B. Ps 1,1). Geistlich arm, demütig (Jes 61,1; 66,2; Zef 2,3; 1QM 14,7 verkündet, dass Gott „die demütigen Geistes sind“ retten wird. 5,4 Die da Leid tragen, beschränkt sich nicht nur auf die Totentrauer, sondern könnte auch leidende Gerechte sowie diejenigen einschließen, die wegen der Sünden der Gemeinschaft in Trauer sind. Es handelt sich um ein matthäisches Motiv (Mt 5,10–12; 7,15–22; 10,23; 13,53–58; 16,24–25; 19,28; 21,12–13; 24,9–10), das aber allgemein im Judentum verbreitet ist (Jes 61,1–3; 66,10; Tob 13,14). 5,5 Sanftmütige […] werden das Erdreich besitzen, im Hintergrund steht Ps 36,11 (LXX); der MT bekundet, dass die Sanftmütigen das „Land“ (hebr. erez) erben werden (Ps 37,11). Sanftmütige, Menschen, die ihre Position nicht ausnutzen (Jes 49,13; Ps 22,27; Spr 16,19; bSchab 30b; bNed 38a; PesR 36; Jos.Ant. 19,330; Philo Mos. 2,279). 5,6 Vgl. Anm. 1,19. (vgl. Jes 51,1–5; äthHen 58,2–3). 5,7 Barmherzige, erinnert an hebr. chesed, eine hoch angesehene Eigenschaft und einer der beiden Hauptaspekte Gottes (zusammen mit der Gerechtigkeit, vgl. Ps 145,9; bSchab 151b; WaR 33). 5,8 Vgl. Ps 24,3–4; WaR 23,13. Herz, galt als Zentrum des Denkens und der Überzeugung (Dtn 28,47; Jes 35,4; Spr 27,11). 5,9 Die Frieden stiften, die Rabbinen gingen davon aus, dass weise Menschen Frieden stiften wollen (bBer 64a; PesK 18,6–9). 5,10–12 Die Jünger werden gemeinsam leiden (vgl. Mt 10,23; 13,53–58; 16,24–25; 24,9–10; Röm 8,17; Offb 1,9; 20,4). 5,10–11 Um der Gerechtigkeit willen verfolgt, die Jesusgläubigen sahen sich von jüdischer ebenso wie von nichtjüdischer Seite mit Feindseligkeiten konfrontiert (vgl. 1Thess 2,2.14–15; 1Petr 3,14; 4,14; 5,8; vgl. auch Ps 37,11). Der Vers könnte auch auf die Jüdinnen und Juden verweisen, die lieber den Tod wählten, als eine schwere Sünde zu begehen. Das jüdische Konzept des kidusch ha-schem (übers. „Heiligung des Namens [Gottes]“) verfügt, man solle besser den Tod erleiden als Götzendienst, Unzucht oder einen Mord zu begehen (vgl. bSan 74a). 5,12 Vgl. Mt 23,30–37; Apg 7,52.

Seligpreisungen und Antithesen

Der Ausdruck „Selig sind …“ (gr. makarioi) kommt in der LXX 68 Mal vor, zumeist als Wiedergabe des hebräischen ’aschrej („glücklich sind …“); s. z.B. Ps 84,5: „Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar.“ Für die Seligpreisungen gibt es auch in inhaltlicher Hinsicht biblische Vorläufer. So könnten „Selig sind, die da geistlich arm sind“ (Mt 5,3) und „Selig sind, die da Leid tragen“ (Mt 5,4) von Jes 61,1–3 abhängig sein, wo ebenfalls von den Armen und den Trauernden gesprochen wird. „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen“ ist eine Anspielung auf Ps 37,11 (LXX Ps 36,11; s.a. Jes 61,7). Der hebräische Text des Psalms spricht vom Erben des „Landes“ (ha-’ārez), was man als Anspielung auf das Land Israel sehen sollte. Die LXX und in ihrem Gefolge das NT liest gē, was entweder als „Land“ oder „Erde“ übersetzt werden kann. Die Übersetzung mit „Erde“ wurde von manchen Christen als Universalisierung eines Textes verstanden, der ursprünglich das Volk Israel mit seinem Stammland Israel verband. Das Eintreten für die, die „hungern“ oder „dürsten“, lässt Ps 107,5–6.9 anklingen (s.a. Ps 22,26); Spr 14,21LXX (s.a. Spr 17,5LXX) steht im Hintergrund der Sorge um die Barmherzigen. „Reinen Herzens“ erinnert an Ps 24,3–6 (s.a. Ps 73,1), wo ebenfalls auf das Land Bezug genommen wird; in dem Ausdruck klingt auch Ps 51,12 (LXX 50,12) an.

Kap.5 schließt mit einer Reihung von sechs Sprüchen, die wegen ihrer Form als Antithesen bekannt sind: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist … Ich aber sage euch …“ (Mt 5,21–48). Manche Fachleute missverstehen diese Antithesen als Absagen an die Tora. Da Jesus jedoch kurz vorher festgestellt hat, dass er nicht gekommen sei, die Tora aufzulösen (Mt 5,17–20), ist dies allerdings bestimmt nicht gemeint. Vielmehr verschärfen diese Antithesen das Gesetz oder in jüdischer Begrifflichkeit: sie „errichten einen Zaun um die Tora“ (s. mAv 1,1), d.h. sie gebieten, ein Gebot oder Verbot deutlich über seine Mindesterfordernisse hinaus zu befolgen, um sicherzustellen, dass das Gebot selbst beachtet wird. Die „Zäune“ in den Antithesen betreffen sowohl die Einstellung als auch das Handeln: Um Mord und Totschlag zu wehren, zürnt nicht; um Ehebruch zu verhindern, begehrt nicht; um einem falschen Schwur vorzubeugen, schwört gar nicht, denn alle Aussagen eines Menschen sollten ehrlich sein. In zwei Fällen schlagen die Antithesen von Geboten in Verhaltensmaßregeln um: Erstens wandelt Jesus das Thema der Verstümmelung, das sich in „Auge um Auge“ (Mt 5,38) ausdrückt, in nicht-körperliche Verletzungen ab. Zweitens gibt es kein Gebot, seinen Feind „zu hassen“ (Mt 5,43); Spr 24 und 25 ordnen vielmehr seine faire Behandlung an. Auch hier wieder verschärft Jesus die Tora, indem er nicht nur gerechtes Verhalten gegenüber dem Feind gebietet, sondern die Feindesliebe.

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt[*], womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. 15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. 16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Mt 5,13–16 Salz und Licht (Mk 9,49–50; Lk 14,34–35) 5,13 Salz, nach alten mesopotamischen Vorstellungen symbolisiert Salz Reinheit und Weisheit (Ex 30,35; 2Kön 2,19–22; Ez 16,4; bSota 49b). 5,14 Licht der Welt, Phil 2,15; Joh 8,12 verwendet das Epitheton mit Bezug auf Jesus; vgl. auch Jes 42,6; 49,6; 51,4–5; Spr 6,23; Dan 12,3; Sir 32,16; Joh 1,4–5; Tan 2. Die Schriften vom Toten Meer sprechen von den „Kindern des Lichts“, die auf der Seite Gottes stehen (vgl. 1QS 2,3; 3,3.19–21; 1QM 13,5–6.14–15). 5,16 Gute Werke, Matthäus besteht darauf, dass der Glaube immer von Taten begleitet wird (Mt 25,32–46).

17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. 19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.

20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Mt 5,17–20 Ansichten bezüglich der Tora 5,17 Gesetz, gr. nomos, in der LXX für hebr. tora. An dieser Stelle verweist der Begriff (in Verbindung mit „die Propheten“, gr. prophētēs) auf die Tora und die Nevi’im des Tanach (und nicht auf die Propheten selbst wie in V. 12); es wäre möglich, dass „das Gesetz und die Propheten“ ein Terminus technicus für den entstehenden jüdischen Kanon war. Nicht gekommen aufzulösen, der Jesus des MtEv hält an der Tora fest. Apg 6,13–14 vertitt die Ansicht, dass die Anschuldigung, Jesus habe die Tora aufgehoben, eine falsche Behauptung sei. 5,18Mk 13,31. Kleinste Buchstabe, gr. iota, für hebr. jod, der kleinste Buchstabe. Wenn selbst der kleinste Buchstabe nicht verändert werden kann, muss sicherlich auch der Rest der Tora auf dieselbe Weise aufrechterhalten werden. Tüpfelchen vom Gesetz, die rabbinische Lehre erlaubt nicht, auch nur einen Buchstaben der Tora zu verändern (jSan 2,6/20c; bSan 90a; SchemR 6,1, WaR 19,2). Das „Tüpfelchen“ bezeichnet den kleinsten Teil eines Buchstabens, der ihn von anderen unterscheidet. 5,19 Kleinsten Gebote, alle Gebote der Tora sind zu befolgen, egal wie scheinbar unbedeutend sie erscheinen mögen (vgl. Jak 2,10; mAv 2,1; 4,2; mQid 1,10; bNed 39b; bSchab 70b; ARN B 35). 5,20 Besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, ein hoher Anspruch, da die Pharisäer als rechtschaffene Menschen galten.

21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist (Exodus 20,13; 21,12): »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. 22 Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.

23 Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe.

25 Vertrage dich mit deinem Widersacher sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, auf dass dich der Widersacher nicht dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen werdest. 26 Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlt hast.

27 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (Exodus 20,14): »Du sollst nicht ehebrechen.« 28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.

29 Wenn dich aber dein rechtes Auge verführt, so reiß es aus und wirf‘s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. 30 Wenn dich deine rechte Hand verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.

31 Es ist auch gesagt (Deuteronomium 24,1): »Wer sich von seiner Frau scheidet, der soll ihr einen Scheidebrief geben.« 32 Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Unzucht, der macht, dass sie die Ehe bricht; und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe.

33 Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist (Levitikus 19,12; Numeri 30,3): »Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deine Eide halten.« 34 Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; 35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. 36 Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. 37 Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.

38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (Exodus 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« 39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. 40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. 41 Und wenn dich jemand eine Meile nötigt[*], so geh mit ihm zwei. 42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.

43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (Levitikus 19,18) und deinen Feind hassen.[*] 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,[*] 45 auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? 48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Mt 5,21–48 Antithesen Die übliche Bezeichnung „Antithesen“ (wörtl. „Gegensätze“) für diese sechs Lehrsprüche ist irreführend; manche dieser Sätze stellen keine entgegengesetze Lehrmeinung, sondern eine Zuspitzung dar (vergleichbar zum Prinzip „einen Zaun um die Tora [machen]“; vgl. mAv 1,1). 5,21 Du sollst nicht töten, Ex 20,13; Dtn 5,17. Wer aber tötet, vielleicht eine Paraphrase von Gen 9,6; Ex 21,12. Gericht, ein Todesurteil für Mord konnte nur von einer jüdischen Instanz ausgesprochen werden (Dtn 16,18; 21,1–9). Die Rabbinen erörtern die nötigen Verfahrensschritte für Zivil- und Strafrechtsprozesse, vgl. mSan 1,4; bSan 35a; 72a-b. 5,22 Du Nichtsnutz, Beleidigungen konnten eine strafbare Handlung sein (z.B. konnte das jüdische Gericht eine Person, die ihren Lehrer beleidigt hatte, aus der Gemeinschaft ausschließen; vgl. bBer 19a; vgl. auch bBM 58b). Hoher Rat, gr. synhedrion, hebr. sanhedrin, verweist allgemein auf das jüdische Gerichtswesen, wobei sich Sanhedrin auch konkret auf den obersten Gerichtshof in Jerusalem beziehen könnte (Mt 26,57). Aber auch Bezugnahmen auf ortsansässige Gerichte sind üblich, vgl. mMak 1,10; mSan 1,6; tSan 1,7). Höllisch, Hölle, gr. gehenna, abgeleitet vom hebr. gehinnom, dem Namen eines Tales südlich von Jerusalem, das mit Kinderopfern assoziiert wurde (2Kön 23,10; Jer 7,31; 2Chr 28,3; 33,6). In neutestamentlicher Zeit wurde gehinnom aufgrund seines düsteren Rufs mit dem Purgatorium und/oder der Hölle in Verbindung gebracht, wo – nach manchen Überlieferungen – die Gottlosen nach dem Tod gefoltert werden (vgl. Mt 25,41; die Rabbinen erwähnen Gehenna als Ort des ewigen Feuers, wo Frevler und Feinde bestraft werden; vgl. bEr 19a; bSan 110b; bPes 54a; bBer 8b). 5,23–24 Auf dem Altar, Matthäus setzt voraus, dass die Menge, zu der Jesus spricht, am Tempelopfer teilgenommen hat; vielleicht handelt es sich auch um eine Anspielung auf Gen 4 (Kain und Abel). 5,24 Versöhne dich, im Judentum wurde gefordert, zuerst Frieden mit dem Nächsten zu schließen, bevor eine Versöhnung mit Gott möglich ist (Spr 6,1–5; 16,7; mAv 3,10: „Jeder, durch den sich der Geist der Menschen beruhigt, durch den beruhigt sich der Geist des Ortes [=Gottes]“; vgl. auch mJom 8,9; BerR 93,1). 5,25–26 (Lk 12,57–59) Vgl. Spr 6,1–5. 5,27 Ehebrechen, Ex 20,14; Lev 20,10; Dtn 5,18. 5,28 Begehren, in jüdischen Quellen zeigt sich eine tiefe Verachtung gegenüber diesem Vergehen (z.B. Hiob 31,1.9; Sir 9,8; 23,18–28; 41,21; bBer 16a; WaR 23,12 [zum ehebrecherischen Auge]; 11QT 59,14). 5,29–30Mk 9,43–48, wiederholt in Mt 18,8–9. Hau sie ab, es handelt sich um hyperbolische Sprache. 5,31 Scheidebrief, hebr. sefer keritut, Dtn 24,1–4; vgl. Mt 19,9. 5,32 Unzucht, gr. porneia (vgl. Mt 19,3–9; vgl. auch Mk 10,2–12; Lk 16,18; 1Kor 7,11–13), umfasst mehr als Ehebruch; vgl. z.B. Ehen, die in Levitikus als inzestuös gelten (Lev 18,6–18). Die Sexualethik Jesu ist strenger als in den meisten Strömungen des frühen Judentums; vgl. aber 11QT 57,17–19; CD 4,12–5,14 (dort wird Gen 2 als Verbot von Wiederheirat und Polygamie ausgelegt); vgl. auch mNed 11,12; bSan 22a und Fragen zu Scheidung und Tod, v.a. mit Blick auf die erste Frau. 5,33Falschen Eid schwören, Paraphrase von Ex 20,7; Lev 19,12; Num 30,3–15; Dtn 5,11; 19,16–21. 5,34 Überhaupt nicht schwören, vgl. Pred 5,4 („Es ist besser, du gelobst nichts, als dass du nicht hältst, was du gelobst“) und Jak 5,12. Manche Rabbinen verboten bestimmte Schwüre (z.B. mNed 1,3 über verbindliche Gelübde; mSan 3,2 weist darauf hin, dass manche Eide – in diesem Fall in Bezug auf Schulden – widerrufen werden können). Gottes Thron, vgl. Mt 23,22; Hebr 12,2; Offb 7,15; 22,1–2. 5,35 Jes 66,1. 5,37 Vgl. bBM 49a (mündliche Zusagen und Verträge können als gültig anerkannt werden); RutR 7,6. 5,38 Auge um Auge, Ex 21,23–25; Lev 24,19–20; Dtn 19,21; 11QT 61,10–12; Jub 4,31–32; LAB 44,10; vgl. Lk 6,27–36); mBQ 8 verfügt die finanzielle Kompensation solcher Verletzungen. 5,39–40 Vgl. 1Thess 5,15. Jesus wird geschlagen und seiner Kleider beraubt werden (Mt 26,67; 27,35). Rechte Backe, nimmt einen Schlag mit der rechten Hand an. Biete die andere auch dar, antworte weder mit Gewalt noch mit Unterwürfigkeit (vgl. auch Klgl 3,30). Lass auch den Mantel, die meisten Menschen besaßen nur zwei Kleidungsstücke; sich komplett zu entblößen würde die Ungerechtigkeit der Justiz aufdecken. 5,41 Eine Meile, römische Soldaten hatten das Recht, Einheimische einzuziehen, damit diese ihre Ausrüstung für eine Meile trugen: Die zusätzliche Meile verdeutlicht die fehlende Gegenwehr. 5,42 Gib dem, der dich bittet, die Tora fordert das Geben von Almosen (Ex 22,25; Lev 25,36–37; Dtn 15,7–11). 5,43 Deinen Nächsten lieben, Lev 19,18; vgl. „Der ‚Nächste’ in der jüdischen und christlichen Ethik“. Deinen Feind hassen, kein biblischer Text beinhaltet diese Aussage; vgl. aber 1QS 9,21, wo es gutgeheißen wird, Frevler zu hassen. 5,44 Liebt eure Feinde, im Judentum ist es nicht gestattet, Feinde schlecht zu behandeln, vgl. Spr 24,17; 25,21-22; Jos.Apion. 2,211. 5,45 Vgl. Lk 6,35; 10,6; Joh 8,39. Kinder eures Vaters, vgl. Joh 1,12; Röm 8,14–15; Gal 3,26–27; 4,5; Eph 1,5. Auch jüdische Quellen beschreiben Gott mit elterlichen Begriffen (2 Sam 7,14; Ps 82,6; 1Chr 22,9–10; bQid 36a lehrt, dass Jüdinnen und Juden sich verhalten sollen wie „Söhne des Herrn, eures Gottes“; vgl. auch SchemR 46,4). 5,46 Zöllner, Beauftragte Roms; für Matthäus diejenigen, die die Verkündigung des Evangeliums nötig haben (Mt 9,10–14; 11,19; 18,17; 21,31–32). 5,48 Vgl. Lk 6,36; Röm 12,2; Kol 3,13; 1Joh 4,19. Vollkommen sein, gr. teleios, beinhaltet Weisheit und Reife, vgl. Mt 19,21; Jak 1,4; 3,2; vgl. auch Lev 19,2; Dtn 18,13 (und die Targumim); 1QSa 1,8–9.13; 2,1–2; 8,9–10; MTeh 119,3. Lk 6,36 fordert von den Jüngern Barmherzigkeit. In jüdischer Tradition könnte der hebr. Begriff tamim (übers. „vollkommen, tadellos“; vgl. Gen 6,9, wo Noah „ohne Tadel“ ist) die vollkommene Ausrichtung auf Gott bedeuten, was jedoch nicht notwendigerweise volle moralische Vollkommenheit einschließt. Vgl. „Jesus in der rabbinischen Tradition“.

Matthäus 6

1 Habt aber acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.

2 Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 3 Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, 4 auf dass dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir‘s vergelten.

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir‘s vergelten.

7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten:

Mt 6,1–8 Frömmigkeit 6,1 Gerechtigkeit, gr. dikaiosynē, wörtl. „Rechtschaffenheit“, vgl. Anm. zu 1,19; Mt 3,15; 5,6.10.20; 6,33; 9,13; 21,32; 25,37.46; vgl. auch 1Sam 16,7; Röm 2,28–29. Von ihnen gesehen zu werden, zum Konzept „Gerechtigkeit im Privaten“, vgl. bSuk 49b: Die Tora ordnet an, dass man sich im Bereich des öffentlichen und privaten Gebets sowie bei rituellen Handlungen „demütig bewegt“. Lohn, vgl. mAv 1,3 („Seid nicht wie Knechte, die dem Herrn dienen, um dafür Lohn zu erhalten“). Vater im Himmel, vgl. Anm. zu 5,45. 6,2 Almosen, vgl. Dtn 14,28–29; 15,11; 24,19–22; Tob 4,7; 12,8; vgl. auch bGit 11b; das Geben von Almosen wurde zu einer zunehmend bedeutsameren Praxis im hellenistischen und rabbinischen Judentum. Ausposaunen, entgegen einer christlichen Unterstellung, wurde im Judentum eine Spende nicht durch Trompeten bekanntgeben. Heuchler, ursprünglich ein gr. Begriff für „Schauspieler“, der später diejenigen bezeichnete, die öffentliche Bewunderung suchen oder trügerisch sind; Matthäus bezieht den Terminus meist auf die Pharisäer (Mt 6,2.5.16; 7,5; 15,7; 22,18; 23 passim; vgl. Hab 2,5; Spr 21,24; 2Makk 6,25; mAv 1,3; bSan 103a; PsSal 4,1–6.20); die Rabbinen nutzten den Begriff, um auf eine der vier Menschengruppen hinzuweisen, die sich nicht in der Herrlichkeit der göttlichen Gegenwart (hebr. schechina) sonnen werden (neben den „Heuchlern“ auch die Lügner, Spötter und Verleumder). Diese Polemik spiegelt vermutlich Rivalitäten aus der Zeit des Verfassers des MtEv wider. Synagogen, vgl. Anm. zu 4,23. 6,4 Almosen verborgen bleibe[n], Maimonides, ein jüdischer Philosoph aus dem 12. Jh. u.Z., bewarb anonyme Almosen als zweithöchste seiner acht Stufen der zedaqa (übers. „Wohltätigkeit“; die höchste ist die Unterstützung eines anderen Juden durch finanzielle Mittel oder andere Arten des Beistands). Vgl. auch bSuk 49b, wo die Rabbinen erörtern, dass gemilut chasidim – übers. „Werke der liebevollen Zuwendung“ – Almosen überbieten kann. 6,5–6 Vgl. Lk 18,10–14. Wenn ihr betet, traditionell werden dreimal am Tag jüdische Gebete gesprochen: Morgens, am späten Nachmittag und am frühen Abend (vgl. Dan 6,11 und Apg 3,1; 10,2–3.30; Did 8,3; mBer 4,1; tBer 3,1; bBer 26a–b). Jesus verbietet das öffentliche Gebet nicht, sondern verurteilt diejenigen, die durch ihr Verhalten beim Gebet Aufmerksamkeit erheischen wollen (vgl. Mt 23,5–7; Jes 26,20). 6,7 Nicht viel plappern, bBer 55a verurteilt wortreiche Gebete. 6,8 Euer Vater weiß, der jüdische Philosoph Philo deutete an, dass Gott die Gründe für ein Gebet bereits kennt, sich aber trotzdem wünscht, um Hilfe gebeten zu werden, vgl. Mos. 2,217.

Unser Vater im Himmel!

Dein Name werde geheiligt.

10 Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe

wie im Himmel so auf Erden.

11 Unser tägliches Brot[*] gib uns heute.

12 Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.[*]

13 Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

[Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.][*]

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Mt 6,9–15 Das „Vaterunser“ oder „Herrengebet“ (Lk 11,2–4) 6,9 Vater im Himmel, vgl. Anm. zu 5,45. Dein Name werde geheiligt, vgl. Ps 105,3 („Rühmet seinen heiligen Namen“); das aramäische Kaddisch Gebet (aus dem hebr. qadosch, übers. „heilig“, z.B. Jes 6,3, die Quelle des Gebetes), das in talmudischer Zeit gebräuchlicher wurde (bJev 79a; bSota 49a; SifDev 32,3; MTeh 25,13), setzt ein mit „Verherrlicht und geheiligt werde Gottes großer Name“ (vgl. Lev 22,32; Jes 29,23; Ez 36,23; Ps 113,2 sowie Dtn 32,3; Joh 17; Did 8,2; 9,2–4; 1QM 11,15). 6,10 Dein Wille geschehe, die Rabbinen betonen den Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen (mAv 1,11; tBer 3,7; bBer 29b; bMeg 29b; bJom 53b; 86b). Wie im Himmel, Engel haben keine eigene, unabhängige Macht (vgl. z.B. Hiob 1–2). 6,11 Tägliches Brot, vermutlich die Wiedergabe einer aramäischen Vorlage, möglicherweise lechema machar, was „Brot für morgen“ oder das eschatologische Festmahl bedeutet. 6,12 Schuld, Sünden wurden als „Schuld[en]“ angesehen (Dtn 15,1–2; vgl. auch BerR 85,2; 92,9; ShemR 25,6; 31,1; PesR 11,23; 51,8). Vgl. Lk 11,4, wo das Wort „Sünde“ verwendet wird. Vgl. Anm. zu 18,23–35. 6,13 Versuchung, oder „Zeit der Prüfung“, vgl. 2Thess 3,3; Jak 1,13. Dem Bösen, Satan; bBer 60b überliefert Beispiele von ähnlichen Gebeten. 6,14 Euch euer himmlischer Vater auch vergeben, Gott vergibt denen, die anderen vergeben (Mt 5,21–48; 18,35; vgl. auch Sir 28,1–8).

16 Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 17 Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, 18 damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir‘s vergelten.

Mt 6,16–18 Vom Fasten Eine Form der jüdischen Frömmigkeit, die mit Trauer, Buße und Selbstzucht verbunden ist (vgl. Lev 16,31; Num 29,7–11; 2Sam 12,22–23; 1Kön 21,27–29; Jes 58,3–7; Jer 14,11–12; Joel 1,14; 2,15; Jona 3,5; Sach 8,19; Dan 9,3; Jdt 8,5; 1Makk 3,47; Jos.Bell. 3,47; tTaan 2,4). Auch Jesus hat gefastet (Mt 4,1; vgl. auch Mt 9,14–17).

19 Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo Motten und Rost sie fressen und wo Diebe einbrechen und stehlen. 20 Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie fressen und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen. 21 Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

22 Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. 23 Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!

24 Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

25 Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? 27 Wer ist aber unter euch, der seiner Länge[*] eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?

28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? 31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Mt 6,19–34 Reichtum (Mk 4,21–23; Lk 12,33–34; 11,33–34; 16,13; 12,22–31) 6,19–20 Schätze sammeln auf Erden, in der jüdischen Tradition wird teilweise das hemmungslose Streben nach materiellem Reichtum verurteilt (Spr 11,4; Sir 31,8–11; Jos.Bell. 2,50; jPea 1,1/15a–16b; äthHen63,10; 94,8; 96,4; 97,8; 1QS 10,18–19; 11,2; CD 4,17; 8,7). Schätze im Himmel (Lk 12,19–21), eine eschatologische Belohnung, die durch rechtes Handeln angesammelt wird (vgl. syrBar 24,1; TestHiob 33; bBB 11a). 6,21 Vgl. Anm. zu 5,8. 6,22 Dein ganzer Leib licht sein, vgl. Mt 5,6; Lk 16,8. Jüdische Quellen verbinden Licht mit geistlicher Güte (Jes 60,20; Hab 3,3–4; Ps 56,14; 104,2; Spr 15,30; Dan 2,22; Tob 10,5; 11,14). 6,24 Mammon, gr. mamonas, Umschrift des aram. mamona. Das Wort wurde von aman, übers. „Vertrauen, das sich Stützen auf“ (i.S. dessen, „worauf man [von Gott abgesehen] sein Vertrauen setzt“) abgeleitet und nahm die Bedeutung „Reichtümer“ an; vgl. Lk 16,9.11.13. 6,25Lk 10,41; 12,11; Phil 4,6. Das Versprechen erinnert an Dtn 28,1–14. 6,26 Vögel […] Seid ihr denn nicht viel kostbarer, bQid 82b überliefert ein ähnliches Argument: Wenn Tiere (geschaffen wurden um) der Menschheit ohne Beschwerden (zu) dienen, um wieviel mehr sollten Menschen Gott ohne Beschwerden dienen. Bezüglich der rabbinischen „qal wa-chomer“ (übers. „leicht und schwer“) Argumentation, vgl. mQid 4,14; bPes 66a; bSan 17a; BerR 92,7. Vgl. auch Mt 10,24; 12,10–12; 20,26–28. 6,29 Salomo, der Sohn Davids (Mt 1,6–7). 6,30 Kleingläubige, eine häufig wiederkehrende Anschuldigung gegen die Jünger (Mt 8,26; 14,31; 16,8; 17,20). 6,33 Vgl. Anm. zu 1,19; Mk 10,29–30; Lk 18,29–30. 6,34 Jeder Tag [hat] seine eigene Plage, vgl. bJev 63b: „Gräme dich nicht über das morgige Unglück“.

Matthäus 7

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. 2 Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

3 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? 4 Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? 5 Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

6 Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.

Mt 7,1–6 Das Richten Anderer (Mk 4,24–25; Lk 6,37–42; vgl. Röm 14,10) 7,1–2 Vgl. Ps 18,25–26. Richtet nicht, rabbinische Quellen diskutieren die Bedeutung von gerechtem Urteilen (mAv 2,4–5; 4,8; mSota 1,7; bTaan 8a; bSchab 127b: „Wer seinen nächsten günstig beurteilt, über dem urteilt man ebenfals günstig“). 7,3 Splitter, in einer ähnlichen Dikussion in bBB 15b wird ebenfalls dazu aufgefordert: „Nimm den Balken von zwischen deinen Augen“. 7,6 Säue, eine allgemeine – nicht ethnische – Beleidigung.

7 Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 8 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

9 Oder ist ein Mensch unter euch, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete? 10 Oder der ihm, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete? 11 Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!

12 Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.

13 Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind‘s, die auf ihm hineingehen. 14 Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind‘s, die ihn finden!

15 Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. 16 An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? 17 So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. 18 Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. 19 Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. 20 Darum, an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Mt 7,7–15 Ethische Leitfäden 7,7 Klopfet an, so wird euch aufgetan, vgl. Mt 21,22; Joh 15,7; 16,23–24. Gott zeigt sich gegenüber wachsamem Gebet erkenntlich (2Kön 1,10.12–15; Jes 55,6; Ps 37,4; Spr 8,17; bBech 44b; vgl. bMeg 6b). 7,9Lk 11,11 (vgl. WarR 34,14). 7,11 Wie viel mehr, vgl. Anm. zu 6,26. Vater im Himmel, vgl. Anm. zu 5,45. 7,12 Das tut ihr ihnen auch, vgl. „Der ‚Nächste’ in der jüdischen und christlichen Ethik“; Lev 19,18; vgl. Tob 4,15; bSchab 31a. Das Gesetz und die Propheten, vgl. Anm. zu 5,17; Mt 22,34–40. Matthäus sieht in der „Goldenen Regel“ eine Anleitung, wie alle Gesetze interpretiert werden sollen; die Regel ersetzt den Rest der Tora nicht. 7,13–14 (Lk 13,23–24). Die Metaphorik der zwei Wege erscheint auch in jüdischen Quellen (vgl. Dtn 30,15; Ps 1,1; syrBar 85,13; mAv 2,9; TestAss 1,3.5). 7,15 Vgl. Mk 13,22. Falsche Propheten, Betrüger, die behaupten, wahre Boten zu sein (Dtn 13,1–5; 18,15–22; Jer 5,6.31; 6,13–14; 8,11; 23,2; Ez 22,27–28; Mi 3,5–8; Sach 13,2; Joh 10,12; Apg 20,29; Did 16,3–4). Jos.Ant. 6,285–88 vermutet, dass falsche Propheten einen Anteil an der Bedrängnis und am Tod vieler Juden während des Jüdischen Kriegs hatten (vgl. „Messianische Bewegungen“).

21 Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. 22 Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Machttaten getan? 23 Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch nie gekannt; weicht von mir, die ihr das Gesetz übertretet!

24 Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. 25 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.

26 Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. 27 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.

28 Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre; 29 denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.

Mt 5,1–7,29 Die Bergpredigt Vgl. die „Feldrede“ im Lukasevangelium (Lk 6,17–7,1).

Mt 7,16–29 Ethische Warnungen (Lk 6,43–45) Früchte, ihre Taten (1Sam 24,14; Spr 11,30). Um dies zu betonen, wird der Satz mehrfach wiederholt (V. 20; vgl. auch Mt 3,10; 7,22; 12,33–37; 24,5.24). 7,19 Jeder Baum, vgl. Dtn 20,20; Lk 13,6–9; Jak 3,12; EvThom 45. Ins Feuer geworfen, eine eschatologische Warnung. 7,21 Vgl. Ps 6,9. Wille […] meines Vaters, vgl. Anm. zu 6,10. Jesus fordert angemessenes Handeln mehr als religiöse Bekenntnisse. 7,22 An jenem Tage, vgl. Mt 24,22.29.36.38; 26,29; der Tag des Gerichts (Jes 2,12.17.20; Hos 1,5; Joel 1,15; 4,18). Vgl. jRHSch 1,3/57a–b; bSan 108a). Es werden viele zu mir sagen, Jesus als eschatologischer Richter (vgl. Mt 16,27; 19,28; 24,29–31; 25,31–46; 26,64; 28,18; Röm 2,16; 2Kor 5,10). Haben wir nicht […] viele Machttaten getan, rechtschaffenes Handeln, nicht Wunder ermöglichen Erlösung (Jer 14,14; Lk 10,20; 1Kor 12–14). 7,23 Vgl. Ps 6,9. 7,24–27 (Lk 6,47–49). Vgl. mAv 1,4: „Dein Haus sei ein Lehrhaus für die Gelehrten“. 7,28–29 Als Jesus diese Rede vollendet hatte, die übliche Formulierung am Ende der Reden Jesu (Mt 11,1; 13,53; 19,1; 26,1; vgl. Ex 34,33; syrBar 87,1). Ihre Schriftgelehrten, vgl. Anm. zu 13,52. Jesus wird als eine Person dargestellt, die aus eigener Autorität lehrt, während sich die Schriftgelehrten als religiöse Experten (Mt 9,3) üblicherweise auf Präzedenzfälle beriefen.

Matthäus 8

1 Als er aber vom Berge herabging, folgte ihm eine große Menge. 2 Und siehe, ein Aussätziger kam heran und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen. 3 Und Jesus streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will‘s tun; sei rein! Und sogleich wurde er von seinem Aussatz rein. 4 Und Jesus sprach zu ihm: Sieh zu, sage es niemandem, sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere die Gabe, die Mose befohlen hat, ihnen zum Zeugnis.

Mt 8,1–4 Die Heilung des Mannes mit Aussatz (Mk 1,40–45; Lk 5,12–16) 8,1 Als er aber vom Berge herabging, wie Mose steigt auch Jesus herab (Ex 34,29; vgl. auch Anm. zu 5,1–2). Mose erhielt göttliche Gebote und Jesu legt sie aus. 8,2 Ein Aussätziger, eine Person mit einer schuppigen Hautkrankheit (nicht Morbus Hansen, die heute Lepra genannt wird), die zu schwerer ritueller Unreinheit führte (Lev 5,2–6; 13–14; Num 12; bSan 47a; bHor 10a; b Ned 64b; die Rabbinen betrachteten eine an Aussatz erkrankte Person als jemanden, der sich in einem dem Tod gleichen Zustand befindet). Die Heilung von Aussatz deutet auf eine prophetische Rolle (2Kön 5,8) sowie missionarische Arbeit (Mt 10,8) hin und ist ein eschatologisches Zeichen (Mt 11,5). 8,3 [Jesus] rührte ihn an, rabbinische Quellen erwähnen Heilung durch Berührung (z.B. bBer 5b). Kein Gesetz verbietet es, Menschen mit Aussatz zu berühren. 8,4 Sage es niemandem, das Messiasgeheimnis; vgl. die Einleitung zum Markusevangelium. Zeige dich dem Priester, um für rein erklärt zu werden. Gabe, die Mose befohlen hat, Lev 14,2–9. Ihnen zum Zeugnis, den Priestern.

5 Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn 6 und sprach: Herr, mein Knecht[*] liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. 7 Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.[*] 8 Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. 9 Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er‘s.

10 Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! 11 Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; 12 aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

13 Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Mt 8,5–13 Die Heilung des Dieners des Hauptmannes (Lk 7,1–10; vgl. Joh 4,46–54) 8,5 Kapernaum, Anm. zu 4,13. 8,5 Hauptmann, römischer (nichtjüdischer) Heeresoffizier. Da Rom in den 20er–30er Jahren keine Truppen in Galiläa stationiert hatte, könnte es sich bei dem Hauptmann um einen Offizier „außer Dienst“ handeln. 8,7 Ich will kommen und ihn gesund machen, man könnte den Satz auch als Frage lesen, die Jesu Zögern zum Ausdruck bringt, eine Heilung für einen Repräsentanten Roms durchzuführen. 8,8 Ich bin nicht wert, der Zenturio hatte zwar eine gesellschaftlich höhere Stellung als Jesus, erkennt aber dennoch dessen Überlegenheit an. 8,10 Glaube, ein Vorgriff auf die Völkermission (vgl. auch Mt 9,2.20–22.27; 11,6.25; 12,46–50; 15,28; 18,6; 21,21; 24,13–14; 28,19). 8,11Lk 13,28–30. Von Osten und von Westen, erinnert an die eschatologische Hoffnung der Wiederherstellung der Exilierten (Ps 107,3). Himmelreich, vgl. Anm. zu 3,2. 8,12 Äußerste Finsternis, eschatologische Strafe. Zähneklappern, deutet Wut oder Frustration an (Mt 13,42; 22,13; 24,51; 25,30; vgl. Ps 112,10; Apg 7,54). 8,13 Wie du geglaubt hast, vgl. Mt 15,28.

14 Und Jesus kam in das Haus des Petrus und sah, dass dessen Schwiegermutter zu Bett lag und hatte das Fieber. 15 Da berührte er ihre Hand und das Fieber verließ sie. Und sie stand auf und diente ihm.

16 Am Abend aber brachten sie viele Besessene zu ihm; und er trieb die Geister aus durch sein Wort und machte alle Kranken gesund, 17 auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 53,4): »Er hat unsre Schwachheit auf sich genommen, und unsre Krankheiten hat er getragen.«

Mt 8,1–17 Jesu Autorität als Heiler

Mt 8,14–17 Heilung der Kranken und Besessenen (Mk 1,29–34; Lk 4,38–41) 8,14 Vgl. Joh 4,52; Apg 28,8. 8,15 [Er] berührte ihre Hand, eine typische Heilungsgeste. Jesus verletzt weder ein rituelles Gesetz noch eine gesellschaftliche Norm. Diente, gr. diakonein, weshalb die Bezeichnung „Diakon“ einen geistlichen Dienst bezeichnet. 8,16Mt 8,28–34. Besessene […] Geister, vgl. Lev 16,8.10.26; Jes 13,21; 34,14; Tob 6,7–8.16–17; 8,2–3; 1QM 13,11–12; bGit 70a; bBer 6a; Jos.Ant. 8,45-49; Jub 10,10–13. 8,17 Jes 53,4. Das Motiv des „leidenden Gottesknechts“ wird sonst mit der Erlösung von Sünde verbunden (vgl. Anm. zu 5,4; 1Petr 2,18–25); in bBer 5a scheinen die Rabbinen anzudeuten, dass Israel der leidende Knecht ist, den Gott – vermutlich im messianischen Zeitalter – erlösen wird; vgl. auch bSan 98a.

18 Als aber Jesus die Menge um sich sah, befahl er, hinüber ans andre Ufer zu fahren. 19 Und es trat ein Schriftgelehrter herzu und sprach zu ihm: Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst. 20 Jesus sagt zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

21 Ein anderer aber, einer seiner Jünger, sprach zu ihm: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 22 Aber Jesus spricht zu ihm: Folge mir nach und lass die Toten ihre Toten begraben!

23 Und er stieg in das Boot und seine Jünger folgten ihm. 24 Und siehe, da geschah ein großes Beben im Meer, sodass das Boot von den Wellen bedeckt wurde. Er aber schlief. 25 Und sie traten zu ihm, weckten ihn auf und sprachen: Herr, hilf, wir verderben! 26 Da sagt er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?, und stand auf und bedrohte den Wind und das Meer; und es ward eine große Stille.

27 Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: Was ist das für ein Mann, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?

28 Und er kam ans andre Ufer in die Gegend der Gadarener. Da liefen ihm entgegen zwei Besessene; die kamen aus den Grabhöhlen und waren sehr gefährlich, sodass niemand diese Straße gehen konnte. 29 Und siehe, sie schrien: Was haben wir mit dir zu schaffen, du Sohn Gottes? Bist du hergekommen, uns zu quälen, ehe es Zeit ist?

30 Es war aber fern von ihnen eine große Herde Säue auf der Weide. 31 Da baten ihn die Dämonen und sprachen: Willst du uns austreiben, so schick uns in die Herde Säue. 32 Und er sprach: Weg mit euch! Da fuhren sie aus und fuhren in die Säue. Und siehe, die ganze Herde stürmte den Abhang hinunter ins Meer, und sie ersoffen im Wasser.

33 Und die Hirten flohen und gingen hin in die Stadt und berichteten das alles und wie es den Besessenen ergangen war. 34 Und siehe, da ging die ganze Stadt hinaus Jesus entgegen. Und als sie ihn sahen, baten sie ihn, dass er ihr Gebiet verlasse.

Mt 8,18–34 Die Stillung des Sturms und Dämonenaustreibungen 8,19 Schriftgelehrter, vgl. Anm. zu 7,28–29. 8,20 Menschensohn, rabbinische Quellen benutzen den Ausdruck – ausgehend von Dan 7,13–14 – in eschatologischem Sinne und in Verbindung mit dem Messias (bSan 98a: „Wie ein Menschensohn kam er mit den Wolken des Himmels heran“; vgl. Anm. zu 10,23; vgl. Mt 16,27 sowie Ps 62,13; Spr 24,12; Röm 2,6; 1Joh 2,28; Offb 2,23; 22,12). Vgl. „Übernatürliche Wesen“. 8,21–22Lk 9,57–62. Meinen Vater begrabe, vgl. 1Kön 19,19–21. Im Judentum gilt eine siebentägige Trauerzeit (hebr. schiva, übers. „sieben“; Jdt 16,24; Sir 22,12; ApkMos 43,3; bSan 47b). Lass die Toten ihre Toten begraben, jüdische Quellen betonen, dass es von größter Bedeutung ist, einen Leichnam zur Bestattung zu begleiten (bBer 18a, wo Spr 17,5 zitiert wird); Gen 25,9 bekundet, dass Abraham von seinen Söhnen begraben wird; Tob 6,13–15 enthält eine Erzählung über einen Sohn, der sich darum sorgt, dass im Falle seines Todes niemand seine Eltern bestatten könne. 8,23–27Mk 4,35–41; Lk 8,22–25. 8,24 Großes Beben, gr. seismos, sonst auch als „Sturm“ übersetzt; ein apokalyptisches Bild (vgl. Mt 24,7; 27,51; 28,2). Er aber schlief, das Entspannen in einer Notlage signalisiert Glauben (Lev 26,6; Ps 3,6–7; 4,9; Spr 3,24–26; Hiob 11,18–19; Apg 12,6). 8,26 [Er] bedrohte den Wind, Matthäus stellt Jesus – wie Gott – als Herrn über die Natur dar, wodurch er Jona übertrifft. 8,28–34Mk 5,1–20; Lk 8,26–39. 8,28 Gadarener, Menschen aus Gadara, einer Stadt 10 km südöstlich des Galiläischen Meeres (in Mk 5,1 wird die Stadt Gerasa genannt; vgl. Jos.Vit. 42). Matthäus hat gegenüber Markus den Namen des Schauplatzes abgeändert, vermutlich damit er zu den geographischen Details der Erzählung passt. 8,29 Ehe es Zeit ist, das Jüngste Gericht (äthHen 16,1; Jub 10,7–10). 8,31 Säue, Schweine sind nicht koscher (Lev 11,7; Dtn 14,8; Jes 65,4; 66,3.17; 1Makk 1,47; 2Makk 6,18–23); Gadara ist nichtjüdisches Gebiet. 8,32 Weg mit euch, die rabbinische Tradition überliefert eine Begebenheit, bei der R. Simeon b. Jochai mit diesem Befehl einen Exorzismus durchführt (bMeil 17b). Die ganze Herde […] ersoff im Wasser, die Erzählung veranschaulicht Jesu Macht über böse Geister; Schweine können schwimmen. 8,34 Baten sie ihn, dass er ihr Gebiet verlasse, ökonomische Interessen scheinen bei den Gadarenern stärker ins Gewicht zu fallen als Heilungswunder.

Matthäus 9

1 Da stieg er in ein Boot und fuhr hinüber und kam in seine Stadt. 2 Und siehe, da brachten sie zu ihm einen Gelähmten, der lag auf einem Bett. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei getrost, mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben.

3 Und siehe, einige unter den Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lästert Gott. 4 Da aber Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: Warum denkt ihr so Böses in euren Herzen? 5 Was ist denn leichter, zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf und geh umher? 6 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben – sprach er zu dem Gelähmten: Steh auf, hebe dein Bett auf und geh heim!

7 Und er stand auf und ging heim. 8 Als das Volk das sah, fürchtete es sich und pries Gott, der solche Macht den Menschen gegeben hat.

Mt 9,1–8 Jesus heilt einen Gelähmten (Mk 2,1–12; Lk 5,17–26) 9,1 Seine Stadt, Kapernaum (vgl. Mt 4,13; 8,5). 9,2 Deine Sünden sind dir vergeben, einige Quellen führen Krankheit auf Sündhaftigkeit zurück (Ps 103,3; 4QSchir; 1QS 3,20–24; mAv 2,7; tBer 6,3). 9,3 Dieser lästert Gott, entweiht den Namen Gottes; es gibt keinen Anhaltspunkt, dass Jesus nach jüdischen Rechtsnormen der Blasphemie schuldig war. Die Vollmacht Sünde zu vergeben, liegt bei Gott (Ex 34,6; Num 14,18; 2Sam 12,13; Jes 6,7; 43,25; 44,22; Dan 9,9), aber andere können in seinem Auftrag sprechen. 9,6 Menschensohn, vgl. Anm. zu 8,20. 9,8 [Das Volk] pries Gott, vgl. Anm. zu 6,9. Das Volk hält Jesu Handeln nicht für blasphemisch. Der solche Macht den Menschen gegeben hat, vgl. bBer 58a: Die Rabbinen erörtern, wem das Recht zusteht, Autorität auszuüben – vor allem ohne Erlaubnis des Staats.

9 Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.

10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. 11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? 12 Als das Jesus hörte, sprach er: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 13 Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

Mt 9,9–13 Sünder und Zöllner (Mk 2,14; Lk 5,27–28) 9,9 Matthäus, hebr. mattitjahu, übers. „Geschenk JHWHs“ (vgl. Mt 10,3; Mk 3,18; Lk 6,15; Apg 1,13). Vgl. bSan 43a, wo die Rabbiner erwähnen, dass Matthai ein Jünger von Jeschu – eine hebr. Ableitung von „Jesus“ – war. 9,10 Zöllner, vgl. Anm. zu 5,46, vgl. auch Mk 2,15–16; Lk 3,12–13; 15,1; in bSan 25b nennen die Rabbinen Zöllner in einem Atemzug mit anderen Verbrechern (z.B. mit Räubern); vgl. auch Philo spec. 3,30; jChag 2,2/77d–78a; bBech 31a. Sünder, wer gegen das Wohlergehen der Familie oder der Gemeinschaft handelt (vgl. Mt 15,2 und Tob 4,17; PsSal 2,34; 13,1; 14,6–7; Sib 3,304; bBer 61a). 9,13 Barmherzigkeit will ich […], Hos 6,6. Sowohl bei Hosea als auch bei Jesus zielt die Rhetorik darauf, dass Barmherzigkeit Vorrang vor dem Opfer hat, nicht dass jenes beseitigt werden soll (Mt 5,23–24).

14 Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten nicht? 15 Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten.

16 Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappen reißt doch wieder vom Kleid ab und der Riss wird ärger. 17 Man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche verderben. Sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten.

Mt 9,14–17 Fasten (Mk 2,18–22; Lk 5,33–39) 9,14 Jünger des Johannes, dass Johannes (der Täufer) sich Jünger suchte, deutet an, dass er Jesus nicht als Messias betrachtete. Fasten der Pharisäer, vgl. Anm. zu 6,16–18; 2Sam 12,22–23; 1Kön 21,27–29; Sach 8,19; bzgl. der Fastenzeiten vgl. bRHSch 18b. 9,15 Bräutigam, eine frühchristliche Metapher für Jesus, der als Bräutigam der Kirche verstanden wurde (Joh 3,29; 2Kor 11,2; Eph 5,21–33; Offb 19,7; 21,2.9; 22,17); Jesus hat den Begriff vermutlich als Selbstbezeichnung verwendet. Bzgl. der Befreiung von Bräutigamen von bestimmten Handlungen, z.B. der Feier des Laubhüttenfestes, vgl. bSuk 25b (vgl. auch Dtn 20,7). 9,17 Beide [bleiben] miteinander erhalten, sowohl biblisches Recht als auch dessen Interpretation durch Jesus, bzw. die Kirche.

18 Als er dies mit ihnen redete, siehe, da kam einer der Oberen, fiel vor ihm nieder und sprach: Meine Tochter ist eben gestorben, aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig. 19 Und Jesus stand auf und folgte ihm mit seinen Jüngern.

20 Und siehe, eine Frau, die seit zwölf Jahren den Blutfluss hatte, trat von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes. 21 Denn sie sprach bei sich selbst: Wenn ich nur sein Gewand berühre, so werde ich gesund. 22 Da wandte sich Jesus um und sah sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und die Frau wurde gesund zu derselben Stunde.

23 Und als Jesus in das Haus des Oberen kam und sah die Flötenspieler und das Getümmel des Volks, 24 sprach er: Geht hinaus! Denn das Mädchen ist nicht tot, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn. 25 Als aber das Volk hinausgetrieben war, ging er hinein und ergriff es bei der Hand. Da stand das Mädchen auf. 26 Und diese Kunde erscholl durch dieses ganze Land.

Mt 9,18–26 Jesus heilt zwei Frauen (Mk 5,21–43; Lk 8,40–56) 9,18 Einer der Oberen, gr. archon, übers. „Vorsteher“; in Mk 5,22 und Lk 8,41 wird er als einer der Oberen der „Synagoge“ vorgestellt. 9,20 Blutfluss, vermutlich vaginaler oder uteriner. Saum, gr. kraspedon, Übersetzung der LXX von hebr. ziziot, dem pl. von zizit; jüdischen Männern (und möglicherweise Frauen) war geboten, Schaufäden zu tragen, die sie an die Gebote erinnern sollten (Num 15,38; Dtn 22,12; bMen 43b–44a); vgl. Mt 14,36; 23,5; TO von Num 15,38 und Dtn 22,12 verwendet einen aram. Begriff, der mit dem gr. Wort für Saum verwandt ist. 9,22 Hat dir geholfen, gr. sōzō kann „retten“ bedeuten (vgl. Mt 1,21; 10,22; 16,25; 19,25; 24,13). 9,23 Flötenspieler, nach mKet 4,4 muss ein Mann für die Beerdigung seiner Frau mindestens für „zwei Flöten und ein Klageweib“ sorgen. 9,24 Schläft, das Mädchen ist wahrscheinlich tot (Joh 11,11–14); vgl. auch Dan 12,2; 1Thess 5,10. 9,25 Vgl. 1Kön 17,22–23; 2Kön 4,17–37.

27 Und als Jesus von dort weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die schrien: Du Sohn Davids, erbarme dich unser! 28 Als er aber ins Haus kam, traten die Blinden zu ihm. Und Jesus sprach zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich das tun kann? Da sprachen sie zu ihm: Ja, Herr. 29 Da berührte er ihre Augen und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben! 30 Und ihre Augen wurden geöffnet. Und Jesus bedrohte sie und sprach: Seht zu, dass es niemand erfahre! 31 Aber sie gingen hinaus und verbreiteten die Kunde von ihm in diesem ganzen Lande.

32 Als diese nun hinausgingen, siehe, da brachten sie zu ihm einen Menschen, der war stumm und besessen. 33 Da der Dämon ausgetrieben war, redete der Stumme. Und das Volk verwunderte sich und sprach: So etwas ist noch nie in Israel gesehen worden. 34 Aber die Pharisäer sprachen: Durch den Obersten der Dämonen treibt er die Dämonen aus.

Mt 9,27–34 Zwei Blinde und ein von Dämonen Besessener (Mk 10,46–52; Lk 18,35–43) 9,27 Zwei Blinde, vgl. Mt 20,29–34. Blindheit symbolisiert oft religiösen oder geistlichen Mangel (vgl. Lev 21,18–21; vgl. auch 11QT 45,12–14, wonach es Blinden nicht gestattet ist, Jerusalem zu betreten. Sohn Davids, vgl. Mt 1,1; 9,27; 12,23; 15,22; 20,30; 21,9; TestSal 20,1. Der Titel könnte auf König Salomo hinweisen (Mt 1,6), der für seine Heilkräfte bekannt war. 9,29 Nach eurem Glauben, vgl. Anm. zu 8,10 und Mt 15,28. 9,30 Seht zu, dass es niemand erfahre, vgl. Anm. zu 8,4. 9,34 Die Pharisäer bestreiten Jesu Kraft zwar nicht, schreiben sie aber Dämonen zu (Mt 12,24; 15,22–24). bSan 43a führt Jesu Macht auf Zauberei zurück. Vgl. „Jesus in der mittelalterlich-jüdischen Tradition“.

35 Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. 36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. 38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

Mt 9,35–38 Vorausschau auf die Mission (Mk 1,39; 6,34; Lk 8,1; 10,2). Vgl. Mt 4,23–25. 9,35 Evangelium, vgl. Anm. zu 4,23. 9,36 Num 27,17; 1Kön 22,17; Ez 34,5; Sach 10,2. 9,37 Wenige sind der Arbeiter, in mAv 2,15 verwenden die Rabbinen eine ähnliche Metapher: „[…] der Arbeit ist viel, und die Arbeiter sind faul […] und der Hausherr drängt“.

Matthäus 10

1 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

2 Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; 3 Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; 4 Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet.

Mt 10,1–4 Die zwölf Jünger (Mk 6,7; 3,13–19; Lk 6,12–16; 9,1) 10,1 Zwölf, Anzahl der Stämme Israels (Mt 19,28; Gen 35,22–26; Num 1). 10,2 Apostel, von gr. apostolos, übers. „einer, der gesandt ist“ (vgl. hebr. schaliach, übers. „ein Gesandter“). Petrus, vgl. Mt 16,18. 10,3 Matthäus, vgl. Mt 9,9. 10,4 Kananäus, vermutlich abgeleitet vom aram. Begriff qenai (vgl. ARN B 6), der auf die Zugehörigkeit zu den Zeloten hinweist. Judas, Mt 26,14–16.20–25.47–56; 27,3–10. Iskariot, vielleicht aus dem hebr. ’isch (übers. „Mann aus“) und „Kerijot“, eine Stadt im Süden Judeas (Jos 15,25).

5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter, 6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. 7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr‘s empfangen, umsonst gebt es auch. 9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, 10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

11 Wenn ihr aber in eine Stadt oder ein Dorf geht, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht. 12 Wenn ihr aber in ein Haus geht, so grüßt es; 13 und wenn es das Haus wert ist, kehre euer Friede dort ein. Ist es aber nicht wert, so wende sich euer Friede wieder zu euch. 14 Und wenn euch jemand nicht aufnehmen und eure Rede nicht hören wird, so geht heraus aus diesem Hause oder dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. 15 Wahrlich, ich sage euch: Dem Land von Sodom und Gomorra wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als dieser Stadt.

Mt 10,5–15 Anweisungen für die Mission 10,5 Geht nicht den Weg zu den Heiden, Jesus beschränkt die Mission auf Juden; Mt 28,19 erweitert sie auf Nichtjuden. Samariter, Juden und Samariter hegten gegenseitige Feindseligkeiten (vgl. Lk 9,51–56; 10,29–37; Joh 4,9; Jos.Bell. 1,63; Ant. 18,29–35; 20,118–136; TestLev 5–7). 10,6 Verlorene[n] Schafe[n] aus dem Hause Israel, vgl. Mt 15,24. Entweder wird ganz Israel als verloren dargestellt oder das Volk im Gegensatz zu seinen Anführern. 10,7 Das Himmelreich ist nahe, vgl. Anm. zu 3,2. 10,8 Weckt Tote auf, vgl. WaR 10,4, wo auch von R. Jehuda ha-Nasi (Rabbi Juda, der Prinz) gesagt wird, er könne Tote auferwecken. 10,9Weder Gold noch Silber noch Kupfer, Gott versorgt diejenigen, die Tora lernen oder lehren (in bBech 29a fordern die Rabbinen, man solle Tora lehren, ohne eine Bezahlung zu erwarten; vgl. auch Tan zu Ex 29). 10,10 Ein Arbeiter ist seiner Speise wert, Missionare sollten Gastfreundschaft erfahren (1Kor 9,14; vgl. bSchab 127a über die Bedeutung von Gastfreundschaft). 10,15 Sodom und Gomorra, die Städte wurden nach Ez 16,49 wegen eines Mangels an Nächstenliebe und Gastfreundschaft zerstört; zur Sündhaftigkeit von Sodom und Gomorra vgl. Gen 13,13; 18,20; 19,24.28.

Der Umfang der Mission (Mt 10,5b–6; 15,24; 18,19; 28,19)

An zwei Stellen im Matthäusevangelium begrenzt Jesus seine Lehren – und die seiner Jünger – auf Juden: In der Aussendungsrede befiehlt er: „Geht nicht den Weg zu den Heiden …, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel“ (Mt 10,5b–6) und auch gegenüber der kanaanäischen Frau bekräftigt er: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt 15,24). In Mt 28,19 jedoch dehnt der auferstandene Jesus seine Sendung auf „alle Völker“ oder „alle Nichtjuden“ (gr. panta ta ethnē) aus. Manche frühchristlichen Quellen verstanden diesen endgültigen Missionsbefehl so, als bezöge er sich ausschließlich auf Nichtjuden (1Clem 16,6: „Wir alle sind fehlgegangen wie Schafe …“), was eine mögliche Lesart ist. Die Sendung zu Israel wird jedoch nie geleugnet.

Jesus selbst scheint seine Sendung auf seine jüdischen Mitmenschen begrenzt zu haben; die wenigen Nichtjuden, die ihm begegnen (der Hauptmann von Mt 8,5–13; die Kanaanäerin von 15,24–28), sind Ausnahmen und suchen ihn auf. So legt Matthäus ein Evangelium vor, in dem Nichtjuden von Anfang an in den Stammbaum Jesu integriert sind, und ihr Eintritt in die Kirche durch ihren Glauben wird schon durch den Stammbaum den gläubigen Soldaten und die glaubende Mutter vorweggenommen. Dennoch erweist sich Matthäus auch treu gegenüber der jüdischen Tradition und gegenüber Jesu eigenen Handlungen, indem er feststellt, dass die erste Phase der Aussendung dem Volk Israel gilt. Das gleiche Anliegen einer zweistufigen Mission zeigt sich in der wiederkehrenden Aussage des Paulus: „die Juden zuerst und ebenso die Griechen“ (Röm 1,16; 2,9.10; vgl. 3,9).

16 Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.

17 Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch den Gerichten überantworten und werden euch geißeln in ihren Synagogen. 18 Und man wird euch vor Statthalter und Könige führen um meinetwillen, ihnen und den Heiden zum Zeugnis. 19 Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. 20 Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet. 21 Es wird aber ein Bruder den andern zum Tod überantworten und der Vater das Kind, und die Kinder werden sich empören gegen ihre Eltern und werden sie zu Tode bringen. 22 Und ihr werdet gehasst werden von jedermann um meines Namens willen. Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig.

23 Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so flieht in eine andere. Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, bis der Menschensohn kommt.

24 Der Jünger steht nicht über dem Meister und der Knecht nicht über seinem Herrn. 25 Es ist für den Jünger genug, dass er werde wie sein Meister und der Knecht wie sein Herr. Haben sie den Hausherrn Beelzebul genannt, wie viel mehr werden sie seine Hausgenossen so nennen! 26 Darum fürchtet euch nicht vor ihnen.

Mt 10,16–25 Das Geschick der Jünger (Mk 13,9–13.22; Lk 12,11–12; 21,12–19; Joh 16,2; 15,18–20) 10,16 Seid klug wie die Schlangen, vgl. SchirR 2,14 (Gott weist Israel im Umgang mit anderen Völkern an, „klug wie die Schlangen“ zu sein). 10,17 Geißeln, vgl. mMak 3,12; Geißelungen waren laut der Rabbinen erlaubt und wurden durch einen Bediensteten des Staates durchgeführt. 10,18 Ihnen, aufgrund der Bezeichnung „in ihren Synagogen“ (V. 17) sind wohl jüdische Verfolger im Blick (2Kor 11,24; 1Thess 1,6; 2,1–2.14–16; 3,4). 10,20 Geist […] der durch euch, man nahm an, dass der Geist Gottes es auch denjenigen ohne prophetische Gabe ermöglichte, sich – wie etwa in Num 11,25 – frei zu äußern. 10,21 Ein Bruder den anderen, vgl. mSot 9,15 über familiäre Sittenlosigkeit und Gewalt als Vorbote des messianischen Zeitalters; vgl. Mt 10,35; Mi 7,6. 10,23 Bis der Menschsohn kommt, das letzte Gericht (vgl. Anm. zu 8,20; Mt 10,23; 19,28; 25,30–31; vgl. auch Dan 7,13). 10,25 Beelzebul, aus dem Hebräischen, übers. „Herr des erhabenen Wohnsitzes“, eine kanaanäische Gottheit, die in 2Kön 1,2–3.6.16 pejorativ als „Gott der Fliegen“ bezeichnet wird und in frühjüdischer und christlicher Tradition dem Dämonischen zugeordnet wird (TestSal 3,6; 6,1–2; Or.Cels 8,25).

Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.

28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.

32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. 35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. 36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. 38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. 39 Wer sein Leben findet, der wird‘s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird‘s finden.

40 Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. 41 Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, der wird den Lohn eines Propheten empfangen; und wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, der wird den Lohn eines Gerechten empfangen. 42 Und wer einem dieser Kleinen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: Er wird nicht um seinen Lohn kommen.

Mt 10,26–42 Letzte Anweisungen (Mk 8,34–35; Lk 12,1–12.49–53) 10,26 Fürchtet euch nicht vor ihnen, erinnert vermutlich an die Hingabe Jeremias (Jer 1,8). 10,28 Fürchtet viel mehr den, vgl. Hebr 10,31. Hölle, gr. gehenna; vgl. Anm. zu 5,22. 10,29–31 Sperlinge, wenn Gott sich um scheinbar bedeutungslose Tiere sorgt, wie viel mehr wird er sich um Menschen kümmern (ein „qal wa-chomer“-Argument; vgl. Anm. zu 6,26; Mt 10,30–32); bBM 85a bekundet, dass gegenüber Tieren barmherzige Menschen noch viel größere Barmherzigkeit erfahren werden (vgl. jSchevi 9,1/38d; BerR 33,18; vgl. auch Lk 12,6). 10,33 Wer mich aber verleugnet, eine Warnung, auch angesichts von Verfolgung treu zu bleiben. 10,34–36 Mi 7,6; vgl. Ez 38,21. 10,37–39Mt 16,24–25. 10,38 Sein Kreuz auf sich [nehmen], Leiden und Tod riskieren. 10,41 Gerechter, vgl. Anm. zu 1,19. 10,42 Eine[r] dieser Kleinen, vermutlich Missionare (Mt 25,45).

Matthäus 11

1 Und es begab sich, als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte, ging er von dort weiter, zu lehren und zu predigen in ihren Städten. 2 Da aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger 3 und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? 4 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: 5 Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; 6 und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

7 Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk über Johannes zu reden: Was wolltet ihr sehen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das vom Wind bewegt wird? 8 Oder was wolltet ihr sehen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Menschen in weichen Kleidern? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige. 9 Oder was wolltet ihr sehen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet. 10 Dieser ist‘s, von dem geschrieben steht: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.«

11 Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er. 12 Aber von den Tagen Johannes des Täufers bis heute leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es an sich. 13 Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis hin zu Johannes; 14 und wenn ihr‘s annehmen wollt: Er ist Elia, der da kommen soll. 15 Wer Ohren hat, der höre!

16 Mit wem soll ich aber dieses Geschlecht vergleichen? Es ist den Kindern gleich, die auf dem Markt sitzen und rufen den andern zu: 17 Wir haben euch aufgespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen und ihr habt nicht geweint. 18 Denn Johannes ist gekommen, aß nicht und trank nicht, und sie sagen: Er ist von einem Dämon besessen. 19 Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt, und sie sagen: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch ist die Weisheit gerechtfertigt worden aus ihren Werken.

Mt 11,1–19 Johannes befragt Jesus 11,1 Diese Gebote […] beendet hatte, Jesus entsendet seine Jünger nicht auf eine selbständige Missionsreise (im Gegensatz dazu: Mk 3,14; Lk 7,18–35). 11,2–3Gefängnis, Josephus lokalisiert den Ort von Johannes’ Inhaftierung in Machaerus, acht Kilometer östlich des Toten Meeres (Ant. 18,116–19). Christus, vgl. Mt 3,13–17. Seine Jünger, vgl. Anm. zu 9,14; Mt 14,12. 11,4–5 Was ihr seht und hört, zwar erfüllt Jesus einige messianische Erwartungen, jedoch divergierten die Erwartungen, wer der Messias sei und was passieren würde, wenn er käme (Jes 35,4–6.9–10; vgl. auch Jes 26,19; 29,18–19 und syrBar 29,6; 4Q521; 11QMelch 18). Vgl. „Messianische Bewegungen“. Matthäus lässt den Ausdruck, „den Gefangenen die Freiheit [verkündigen]“ (Jes 61,1) aus. Vielleicht will Jesus auch eine direkte Antwort vermeiden, da ein Bericht an den gefangenen Johannes mit den Worten „Ich bin der Messias“ auch zu seiner eigenen Gefangennahme führen könnte. 11,10 Vgl. Mal 3,1. 11,11 Von einer Frau geboren, Sterbliche; vgl. Hiob 14,1; 15,14; 25,4; bSchab 88b. Der Kleinste […] im Himmelreich, d.h. alle, die Jesus nachfolgen und im Himmelreich sind. 11,13 Propheten und das Gesetz, die Schrift Israels, die den Messias erwartet (Apg 3,24; bBer 34b, „Sämtliche Propheten haben über nichts anderes geweissagt, als über die messianischen Tage“; vgl. auch bSchab 63a; bSan 99a). Tertullian (pud. 8) sah in der Ankunft Johannes’ des Täufers eine Negation der Tora. 11,14–15 Vgl. Joh 1,21. Elia, Vorläufer des messianischen Zeitalters, nach Mal 3,23 aber nicht Vorbote eines Messias; vgl. auch Sir 48,10. In bSan 98a wird Elia, als der erwartete Messias, von den Rabbinen bezüglich seiner Ankunft befragt. 11,18 Aß nicht und trank nicht, er lebte asketisch. 11,19 Menschensohn, vgl. Anm. zu 8,20. Fresser und Weinsäufer, Anspielung auf den widerspenstigen Sohn (Dtn 21,20). Zöllner und Sünder, vgl. Anm. zu 5,46 und 9,10. Weisheit, gr. sophia; hebr. chochma, ist die weibliche Erscheinungsform des Göttlichen (Spr 1–9 [besonders Kap. 8]); Weish 7,21–8,1).

20 Da fing er an, die Städte zu schelten, in denen die meisten seiner Taten geschehen waren; denn sie hatten nicht Buße getan:

21 Wehe dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Wären in Tyrus und Sidon die Taten geschehen, die bei euch geschehen sind, sie hätten längst in Sack und Asche Buße getan. 22 Doch ich sage euch: Es wird Tyrus und Sidon erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als euch. 23 Und du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben werden? Du wirst bis zur Hölle hinabfahren. Denn wenn in Sodom die Taten geschehen wären, die in dir geschehen sind, es stünde noch heutigen Tages. 24 Doch ich sage euch: Es wird dem Land von Sodom erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als dir.

Mt 11,20–24 Jesus verdammt drei Städte (Lk 10,13–15) 11,21 Wehe dir, ein prophetischer Ausdruck (Jes 5,11–17; 23,1–12; 29,15–21). Chorazin […] Betsaida, jüdische Städte an der Nordspitze des Galiläischen Meeres, nahe Kapernaum (vgl. Mk 6,45; 8,22; Lk 9,10–17; Joh 1,44). Tyrus und Sidon, Städte am Mittelmeer, die wegen ihres übertriebenen Reichtums zurechtgewiesen wurden (Jes 23; Ez 28; vgl. Jer 25,22; 27,3; 47,4; Joel 4,4–7; Sach 9,1–4). 11,23 Kapernaum, vgl. Anm. zu 4,13. Hölle, gr. hades, gleichbedeutend mit gehenna; das Totenreich (vgl. Anm. zu 5,22). Sodom, vgl. Anm. zu 10,15.

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. 27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Mt 11,25–30 Jesu Vollmacht (Lk 10,21–22) 11,25 Vgl. Mt 10,42; 18,10. Unmündige, die jüdische Tradition hält dazu an, Kinder (bzw. die „Einfältigen“) zu unterrichten (Dtn 6,7; Ps 8,3; 19,8; 118,30 [LXX]; Spr 1,4; 1QH 7,21–22). 11,27 Jesus beansprucht einzigartiges Wissen über das Göttliche. 11,29 Joch, steht in Verbindung zum Torastudium (Sir 51,23.26; in mAv 3,5 legen die Rabbinen fest, dass, wer das „Joch der Tora auf sich nimmt“, von politischen Verpflichtungen und weltlicher Sorge befreit ist; vgl. auch mBer 2,2), Disziplin und Gehorsam (Gen 27,40; Jer 5,5; vgl. äthHen 103,11; PsSal 7,30; 17,30; Sib 3,391–92.448.508.537.567; in bAS 5a sehnt sich Gott nach Israels’ Gehorsam.

Matthäus 12

1 Zu der Zeit ging Jesus am Sabbat durch die Kornfelder; und seine Jünger waren hungrig und fingen an, Ähren auszuraufen und zu essen. 2 Da das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat nicht erlaubt ist.

3 Er aber sprach zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als ihn und die mit ihm waren, hungerte: 4 Wie er in das Haus Gottes ging und aß die Schaubrote, die doch weder er noch die mit ihm waren, essen durften, sondern allein die Priester? 5 Oder habt ihr nicht gelesen im Gesetz, dass die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen und sind doch ohne Schuld? 6 Ich sage euch aber: Hier ist Größeres als der Tempel. 7 Wenn ihr aber wüsstet, was das heißt (Hosea 6,6): »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer«, dann hättet ihr die Unschuldigen nicht verdammt. 8 Denn der Menschensohn ist Herr über den Sabbat.

9 Und er ging von dort weiter und kam in ihre Synagoge. 10 Und siehe, da war ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand. Und sie fragten ihn und sprachen: Ist‘s erlaubt, am Sabbat zu heilen?, damit sie ihn verklagen könnten. 11 Aber er sprach zu ihnen: Wer ist unter euch, der sein einziges Schaf, wenn es am Sabbat in eine Grube fällt, nicht ergreift und es heraufhebt? 12 Wie viel mehr ist nun ein Mensch als ein Schaf! Darum ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun.

13 Da sprach er zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus; und sie wurde wieder gesund wie die andere. 14 Da gingen die Pharisäer hinaus und hielten Rat über ihn, dass sie ihn umbrächten.

Mt 12,1–14 Anweisungen für den Sabbat (Mk 2,23–3,6; Lk 6,1–11) 12,1 Hungrig, wurde vermutlich von Matthäus in die markinische Quelle eingefügt. Ähren ausraufen, Ernten, worunter auch das Pflücken von Ähren fallen könnte, ist eine der 39 Hauptarbeiten, die nach rabbinischem Recht am Sabbat verboten sind (vgl. Ex 34,21; mPes 4,8; mSchab 7,2; bSchab 73b). 12,2 Nicht erlaubt, die Jünger übertreten nicht das Schriftgebot, das „Arbeit“ verbietet (Ex 20,10; Dtn 5,14), da der Sabbat eine Zeit der Freude sein sollte (Jes 58,13). Am Sabbat soll dem göttlichen Ruhen (Gen 2,2–3; Ex 20,11) und der Befreiung aus Sklaverei (Dtn 5,15) gedacht werden. Gesundheit überwiegt Sabbat-Verbote (mJom 8,6; bMen 96a; tSchab 15,16). 12,3–4 Was David tat, 1Sam 21,1–6; Jesus argumentiert mit einem biblischen Präzedenzfall, indem er den Hunger als üblichen Grund für das Essen von Brot angibt. Die Umstände sind jedoch andersartig: Während sich die Männer Davids in einer gefährlichen Lage befinden, trifft das auf Jesu Jünger nicht zu – diese brechen den Sabbat. Matthäus lässt die fehlerhaften Bibelzitate der Parallele im MkEv aus. Vgl. auch Lev 24,5–9. 12,5 Num 28,9-10. 12,6 Größeres als der Tempel, Jesu Anwesenheit verleiht den Jüngern die Autorität, Sabbatbräuche neu zu bestimmen. 12,7 Barmherzigkeit […] und nicht Opfer, vgl. Anm. zu 9,13. 12,8 Menschensohn, vgl. Anm. zu 8,20. Der Tora nach war der Sabbat Gottes Geschenk an das Volk (Ex 16,29). Bei Matthäus ist Jesus der maßgebliche Ausleger der Sabbatgesetze. 12,10–12 Vgl. Anm. zu 9,26. Rabbinisches Recht erlaubte es, Tieren in Notlagen am Sabbat zu helfen (tSchab 15,1; bSchab 128b); andere jüdische Traditionen widersprachen (CD 11,13). 12,13 Sie wurde wieder gesund, die passive Ausdrucksweise suggeriert einerseits eine göttliche Heilung und will andererseits andeuten, dass Jesus nicht „gearbeitet“ hat.

15 Da aber Jesus das erkannte, entwich er von dort. Und eine große Menge folgte ihm, und er heilte sie alle 16 und gebot ihnen, dass sie ihn nicht offenbar machten, 17 auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 42,1–4): 18 »Siehe, das ist mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat; ich will meinen Geist auf ihn legen, und er soll den Völkern das Recht verkündigen. 19 Er wird nicht streiten noch schreien, und man wird seine Stimme nicht hören auf den Gassen; 20 das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen, bis er das Recht zum Sieg führt; 21 und die Völker werden auf seinen Namen hoffen.«

Mt 12,15–21 Heilung der Menschenmenge (Mk 3,7–12; Lk 6,17–19). 12,16 Dass sie ihn nicht offenbar machten, Messiasgeheimnis (vgl. Anm. zu 8,4). 12,18–21 Vgl. Jes 42,1–4, es handelt sich aber um kein direktes Zitat eines noch erhaltenen hebräischen oder griechischen Texts. Mein Knecht, hier als Bezeichnung für den Messias (vgl. syrBar 70,9); „Knecht“ bezog sich üblicherweise auf Israel (Jes 42,18–19; 44,1.21; 49,3.5–7; PsSal 12,6; 17,21). 12,21 Völker, Mt 8,10; 15,28; 18,6; 21,43; 24,13–14; 28,20. Matthäus ist hier näher an der LXX-Version von Jes 42,4, wo auch die Völker bzw. Nichtjuden mit gr. ethnē eingeschlossen werden. In der hebräischen Version fehlt eine solche Bezugnahme auf die Völker.

22 Da wurde ein Besessener zu Jesus gebracht, der war blind und stumm; und er heilte ihn, sodass der Stumme redete und sah. 23 Und alles Volk entsetzte sich und sprach: Ist dieser etwa Davids Sohn? 24 Aber als die Pharisäer das hörten, sprachen sie: Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen.

25 Jesus kannte aber ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, wird nicht bestehen. 26 Wenn nun der Satan den Satan austreibt, so muss er mit sich selbst uneins sein; wie kann dann sein Reich bestehen? 27 Wenn ich aber die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. 28 Wenn ich aber die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. 29 Oder wie kann jemand in das Haus des Starken eindringen und ihm seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken fesselt? Und dann wird er sein Haus ausrauben. 30 Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

31 Darum sage ich euch: Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben; aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben. 32 Und wer etwas redet gegen den Menschensohn, dem wird es vergeben; aber wer etwas redet gegen den Heiligen Geist, dem wird‘s nicht vergeben, weder in dieser noch in der künftigen Welt.

33 Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum. 34 Ihr Otterngezücht, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. 35 Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem guten Schatz; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz. 36 Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie reden. 37 Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.

Mt 12,22–37 Jesu Macht (Mk 3,20–30; Lk 11,14–23; 12,10; 6,43–45) 12,22–24 Vgl. Anm. zu 9,34. Davids Sohn, vgl. Anm. zu 1,1. Beelzebul, vgl. Anm. zu 10,25. 12,26 Wenn […] Satan den Satan, ein Dämon würde andere Dämonen nicht austreiben (vgl. TestSal 5,5; 15,8). 12,27 Vgl. Mt 7,22–23; Mk 9,38; Apg 19,13–19. Eure Söhne, vgl. Jos.Ant. 8,46–49. 12,28 Reich Gottes, vgl. Anm. zu 3,2. 12,30 Der ist gegen mich, eine dualistische Sicht auf die Menschheit, die sich unter anderem auch in den Schriften vom Toten Meer findet. 12,31 Vgl. Anm. zu 9,3. Lästerung gegen den Geist, bestimmte, gegen Gott gerichtete Sünden, werden nicht vergeben (vgl. Ex 20,7; Num 15,30–31; Jub 15,34; 1QS 7,15–17.22–23; CD 10,3); SifDev 328 spricht davon, dass Gott „die Entweihung seines Namens [sofort] bestraft“, da sie gotteslästerlich ist. 12,32 Vgl. Anm. zu 8,20 und 10,23. Künftige Welt, hebr. ‘olam ha-ba’, das messianische Zeitalter (vgl. mSan 10,1; bSan 90a; bSchab 127a; bMen 44a; bPes 50a; bQid 39b etc.). 12,34 Otterngezücht, vgl. Anm. zu 3,7; Mt 23,33. 12,36 Tage des Gerichts, vgl. Anm. zu 7,22. 12,37 Gerechtfertigt, in eine gute Beziehung zu Gott gebracht zu werden.

38 Da antworteten ihm einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern und sprachen: Meister, wir wollen ein Zeichen von dir sehen. 39 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen, und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden außer dem Zeichen des Propheten Jona. 40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.

41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. 42 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Mt 12,38–42 Die Zeichenforderung (Mt 16,1–4; Mk 8,11–13; Lk 11,29–32; Joh 6,30) 12,38 Ein Zeichen von dir, die Pharisäer erbitten von Jesus einen Beweis, dass er der Messias ist. 12,39 Vgl. Jona 2,1. Böse und ehebrecherisch, sündhaft (Dtn 1,35; 32,5; Hos 1,2; 2,4; 4,15.18; 9,1; Jub 23,14; 1QSb 3,7; in mSan 10,3 erklären die Rabbinen, dass die vorherigen Generationen – unter Einschluss der Generation der Sintflut – frevelhaft waren). Bei Matthäus bezeichnet der Ausdruck diejenigen, denen der Glaube an Jesus fehlt (Mt 16,4; vgl. Mk 8,38). 12,40 Jona, vgl. Jona 2,1. Im Herzen der Erde, wird oft mit der Legende von der sog. Höllenfahrt Christi (Apg 2,27.31; 1Petr 3,19; 4,6) in Verbindung gebracht, durch die er jene Gläubigen erlöste, die vor seiner Kreuzigung gestorben waren. Auf frühchristlichen Sarkophagen diente Jona häufig als Symbol der Auferstehung. 12,41 Jona 3,5; rabbinische Quellen gehen davon aus, dass Gott Israel verurteilt hat, weil es nicht vermochte umzukehren, die Einwohner Ninives aber verschont hat, weil sie Buße taten; vgl. jSan 11,5/30b. 12,42 Die Königin vom Süden, die Königin von Saba (1Kön 10,1–13; 2Chr 9,1–12).

43 Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht. 44 Dann spricht er: Ich will wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er‘s leer, gekehrt und geschmückt. 45 Dann geht er hin und nimmt mit sich sieben andre Geister, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin; und es wird mit diesem Menschen am Ende ärger, als es vorher war. So wird‘s auch diesem bösen Geschlecht ergehen.

Mt 12,43–45 Die Rückkehr des unreinen Geistes (Lk 11,24–26) Die Darstellung liefert eine Erklärung für fehlgeschlagene Exorzismen oder Rückfälle. 12,45 Böses Geschlecht, vgl. Anm. zu 12,39.

46 Als er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. 47 Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden.

48 Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? 49 Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 50 Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.

Mt 12,46–50 Jesu wahre Familie (Mk 3,31–35; Lk 8,19–21) Vgl. Mt 13,55; Jud 1. Zur wahren Familie gehören nur diejenigen, die Glauben in sich tragen. 12,46 Seine Mutter und seine Brüder, vgl. Anm. zu 1,25. 12,50 Willen […] meines Vaters, vgl. Anm. zu 6,10. Jüdische Quellen berufen sich auf einen ähnlichen Glaubensgrundsatz, der sich ebenso auf Gottvertrauen gründet (Dtn 33,9; 1QS 1–9). In jQid 1,7/61a–b wird festgestellt, dass die Israeliten Kinder Gottes sind, solange sie Gott gehorchen; wenn sie das nicht mehr tun, sind sie nicht mehr seine Kinder.

Matthäus 13

1 An demselben Tage ging Jesus aus dem Hause und setzte sich an das Meer. 2 Und es versammelte sich eine große Menge bei ihm, sodass er in ein Boot stieg und sich setzte, und alles Volk stand am Ufer.

3 Und er redete vieles zu ihnen in Gleichnissen und sprach:

Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. 4 Und indem er säte, fiel etliches an den Weg; da kamen die Vögel und fraßen‘s auf. 5 Anderes fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. 6 Als aber die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. 7 Anderes fiel unter die Dornen; und die Dornen wuchsen empor und erstickten‘s. 8 Anderes fiel auf das gute Land und brachte Frucht, etliches hundertfach, etliches sechzigfach, etliches dreißigfach. 9 Wer Ohren hat, der höre!

Mt 13,1–3 Einleitung in die Gleichnisse (Mk 4,1) 13,3Gleichnisse, gr. parabolē, was „Vergleich“ bedeutet (vgl. hebr. maschal und „Midrasch und Gleichnisse“). Gleichnisse treten in mannigfaltigen Formen in der gesamten jüdischen Literatur auf (2Sam 12,1–7; Jes 5,1–7; Sir 1,24; 3,29; 20,20; 39,2; 47,17; äthHen 1,2–3; 37–71; TestHiob 18,7–8; mSot 9,15; tSot 5,9; bBer 61b).

Mt 13,3–9 Das Gleichnis vom Sämann (Mk 4,2–9; Lk 8,4–8) Vgl. EvThom 9. 13,3 Sämann, hier wahrscheinlich Jesus selbst (Mt 13,37). „Säen“ steht für die Verwirklichung des Werkes Gottes (Jer 31,27–28; Ez 36,9; Hos 2,23–25; 4Esr 9,31; syrBar 32,1). 13,4 Etliches [von dem Samen], der später als „Wort von dem Reich“ (Mt 13,19) identifiziert wird. 13,4–7 Weg […] felsiger Boden […] Dornen, verändern ihre Natur nicht.

10 Und die Jünger traten hinzu und sprachen zu ihm: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? 11 Er antwortete und sprach zu ihnen: Euch ist‘s gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Himmelreichs, diesen aber ist‘s nicht gegeben. 12 Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. 13 Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht. 14 Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt (Jesaja 6,9–10): »Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet nicht erkennen. 15 Denn das Herz dieses Volkes ist verfettet, und mit ihren Ohren hören sie schwer, und ihre Augen haben sie geschlossen, auf dass sie nicht mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, dass ich sie heile[*].« 16 Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören. 17 Wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt, zu sehen, was ihr seht, und haben‘s nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben‘s nicht gehört.

18 So hört nun ihr dies Gleichnis von dem Sämann: 19 Wenn jemand das Wort von dem Reich hört und nicht versteht, so kommt der Böse und reißt hinweg, was in sein Herz gesät ist; das ist der, der an den Weg gesät ist. 20 Der aber auf felsigen Boden gesät ist, das ist, der das Wort hört und es alsbald aufnimmt mit Freuden; 21 aber er hat keine Wurzel in sich, sondern er ist wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung erhebt um des Wortes willen, so kommt er alsbald zu Fall. 22 Der aber unter die Dornen gesät ist, das ist, der das Wort hört, und die Sorge der Welt und der trügerische Reichtum ersticken das Wort, und er bringt keine Frucht. 23 Der aber auf das gute Land gesät ist, das ist, der das Wort hört und versteht und dann auch Frucht bringt; und der eine trägt hundertfach, der andere sechzigfach, der dritte dreißigfach.

Mt 13,10–23 Jesus erklärt seine Lehre (Mk 4,10–12; Lk 8,9–10.18; 19,26; vgl. Joh 12,40) 13,11 Geheimnisse, verweisen auf einen noch nicht enthüllten göttlichen Plan, was charakteristisch für die jüdisch apokalyptische Literatur des Zweiten Tempels ist (Dan 2,18.19.27; 1QpHab 7,8; 1QS 3,23; 1QM 3,9). 13,13 Und sie verstehen es nicht, die Botschaft eröffnet sich nur einigen auserwählten Personen (z.B. den Jüngern, vgl. Mt 13,16–17), die an Jesus glauben. 13,14–15 Jes 6,9–10; Lk 8,10; Joh 12,37–41; Apg 28,26–27; eine Mahnung an jeden gerichtet, der Jesu Lehre nicht versteht. Obwohl sich Jes 6 auf die unmittelbare Hörerschaft des Propheten bezieht, wird der Text hier als Prophezeiung verstanden, die sich mehr als 700 Jahre später erfüllt. 13,16–17 Vgl. Lk 10,23–24. 13,18–23Mk 4,13–20; Lk 8,11–15. An jüdische Gleichnisse schloss sich oft direkt deren Auslegung an (z.B. Jes 5; 4Esr 4,13-18.20–21). 13,19 Der Böse, vgl. Anm. zu 8,16; Mt 6,13; 13,38; Joh 17,15; Jub 11,11–12; ApkAbr 13.

24 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. 26 Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut. 27 Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten? 29 Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. 30 Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.

Mt 13,24–30 Gleichnis vom Weizen und dem Unkraut (Mk 4,13–20; Lk 8,11–15), vgl. EvThom 57. 13,25 Feind, der Teufel (V. 39). 13,30 Lass beides miteinander wachsen, Ungläubige innerhalb der Gemeinde werden im Eschaton ausgerissen werden. Ernte, Metapher für das endgültige Gericht (Jer 51,33; Hos 6,11; Joel 4,13).

31 Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; 32 das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.

33 Ein anderes Gleichnis sagte er ihnen: Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.

34 Das alles redete Jesus in Gleichnissen zu dem Volk, und ohne Gleichnisse redete er nichts zu ihnen, 35 auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Psalm 78,2): »Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen, was verborgen war vom Anfang der Welt an.«

36 Da ließ Jesus das Volk gehen und kam heim. Und seine Jünger traten zu ihm und sprachen: Deute uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker.

37 Er antwortete und sprach zu ihnen: Der Menschensohn ist‘s, der den guten Samen sät. 38 Der Acker ist die Welt. Der gute Same, das sind die Kinder des Reichs. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen. 39 Der Feind, der es sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt. Die Schnitter sind die Engel. 40 Wie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird‘s auch am Ende der Welt gehen. 41 Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alle Ärgernisse und die, die da Unrecht tun, 42 und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird sein Heulen und Zähneklappern. 43 Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich. Wer Ohren hat, der höre!

44 Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft den Acker.

45 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, 46 und da er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

47 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Netz, das ins Meer geworfen wurde und Fische aller Art fing. 48 Als es voll war, zogen sie es heraus an das Ufer, setzten sich und lasen die guten in Gefäße zusammen, aber die schlechten warfen sie weg. 49 So wird es auch am Ende der Welt gehen: Die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden 50 und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

51 Habt ihr das alles verstanden? Sie sprachen: Ja. 52 Da sprach er: Darum gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.

Mt 13,31–52 Gleichnis vom Senfkorn und Sauerteig (Mk 4,30–34; Lk 13,18–21), vgl. EvThom 8.20.76.96.109. 13,31–32 Senfkorn, symbolisiert Kleinheit (Mt 17,20; mNid 5,2; mToh 8,8 verweist auf Teigstücke so „groß wie ein Senfkorn“; vgl. Lk 17,6), obwohl die Pflanze bis zu 1,5m groß werden kann. Ein Baum [wird], nach botanischer Terminologie handelt es sich eigentlich um einen Strauch; Jesus verwendet eine Hyperbel, um auf das Wachsen des Himmelreiches Bezug zu nehmen (Ez 17,23; 31,5; Dan 4,17–19). 13,33 Sauerteig, Hefe durchdringt den Teig, der sich daraufhin ausdehnt. Drei Scheffel, etwa 27 kg; wie in der vorherigen Parabel handelt es sich um eine Darstellung von unerwarteter Überspitzung. 13,35 Ps 78,2 (auch unter Verwendung von Ps 77,2 [LXX]). 13,37 Menschensohn, vgl. Anm. zu 8,20. 13,42 Vgl. Anm. zu 8,12; Mt 22,13. Feuerofen, steht für das Gericht (Dan 3,6; äthHen54,6; 4Esr 7,36). 13,43 Dan 12,3. 13,44 Vgl. Spr 2,4; Sir 20,30; syrBar 6,7–9. Laut rabbinischen Quellen gehört einer Person, die ein Grundstück gekauft hat, auch alles, was sich darauf befindet (vgl. mBB 4,8–9) 13,45 Perlen, jüdische Quellen bringen Perlen mit Frömmigkeit und dem Torastudium in Verbindung (PesR 23,6; ARN A 18; vgl. ActPetr 20). 13,48 Die Fischer am See Genezareth hätten koscheren und unkoscheren Fisch in ihrem Netz trennen müssen. 13,52 Schriftgelehrter […] Jünger des Himmelsreich geworden ist, an anderen Stellen werden Schriftgelehrte verurteilt (Kap. 23), was den Schluss zulässt, dass diese positive Bezugnahme sich auf Matthäus’ eigene Schriftgelehrte bezieht (vgl. Mt 5,17–20; 8,19; 9,3; 15,1; 20,18; 21,15; 23). Neues und Altes, vgl. Anm. zu 9,17; dies deutet an, dass ältere Lehren aus der Tora immer noch gültig sind, aber Jesu neue Interpretationen ebenfalls beachtet werden müssen. Die Rabbinen benutzten ebenfalls die Ausdrücke „alt“ und „neu“, um sich auf die Lehren der Tora einerseits und deren Interpretationen von Seiten der Schriftgelehrten andererseits zu beziehen (vgl. bEr 21b).

53 Und es begab sich, als Jesus diese Gleichnisse vollendet hatte, ging er davon 54 und kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, sodass sie sich entsetzten und sprachen: Woher hat dieser solche Weisheit und solche Machttaten? 55 Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? 56 Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher hat er denn dies alles? 57 Und sie ärgerten sich an ihm.

Mt 13,1–53 Gleichnisse des Königreiches

Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland[*] und in seinem Hause. 58 Und er tat dort nicht viele Machttaten um ihres Unglaubens willen.

Mt 13,53–58 Ablehnung in Nazareth (Mk 6,1–6; Lk 4,16–30; Joh 4,44) Vgl. Anm. zu 12,46–50. 13,54 Vaterstadt, Nazareth, vgl. Anm. zu 2,23. 13,55 Zimmermann, gr. tektōn, ein (Bau-)Handwerker, nicht undbeding jemand, der nur mit Holz arbeitet. 13,57 Sie ärgerten sich, auch hebräische Propheten erfuhren Ablehnung (Jer 11,21–23; 12,6; Am 7,10–17). Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland, dieser Vers führte zum hebräischen Ausdruck der Renaissance „ein navi be‘iro“, in seiner eigenen Stadt gilt eine Person nicht als Prophet. 13,58 Er tat dort nicht viele Machttaten, Matthäus stellt den Mangel an Wundern als eine Frage des Willens, nicht der Fähigkeit dar (dagegen: Mk 6,5).

Matthäus 14

1 Zu der Zeit kam die Kunde von Jesus vor den Landesfürsten Herodes. 2 Und er sprach zu seinen Knechten: Das ist Johannes der Täufer; er ist von den Toten auferstanden, und darum wirken solche Kräfte in ihm. 3 Denn Herodes hatte Johannes ergriffen, gefesselt und in das Gefängnis geworfen wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus. 4 Denn Johannes hatte zu ihm gesagt: Es ist nicht recht, dass du sie hast. 5 Und er hätte ihn gern getötet, fürchtete sich aber vor dem Volk; denn sie hielten ihn für einen Propheten.

6 Als aber Herodes seinen Geburtstag beging, da tanzte die Tochter der Herodias vor ihnen. Das gefiel Herodes gut. 7 Darum versprach er ihr mit einem Eid, er wolle ihr geben, was sie fordern würde. 8 Und wie sie zuvor von ihrer Mutter angestiftet war, sprach sie: Gib mir hier auf einer Schale das Haupt Johannes des Täufers! 9 Und der König wurde traurig; doch wegen des Eides und derer, die mit ihm zu Tisch lagen, befahl er, es ihr zu geben, 10 und schickte hin und ließ Johannes im Gefängnis enthaupten. 11 Und sein Haupt wurde hergetragen auf einer Schale und dem Mädchen gegeben; und sie brachte es ihrer Mutter. 12 Da kamen seine Jünger und nahmen seinen Leichnam und begruben ihn; und sie kamen und verkündeten das Jesus.

Mt 14,1–12 Johannes der Täufer wird enthauptet (Mk 6,14–29; Lk 9,7–11) Vgl. Jos.Ant. 18,109–19. 14,1 Herodes, der Sohn Herodes’ des Großen (vgl. Anm. zu 2,1), regierte in Galiläa von 4 v.u.Z.–39 u.Z. (vgl. „Jüdische Geschichte von 331 v.u.Z. bis 135 u.Z.“). 14,2 Johannes der Täufer, vgl. Mt 3,1–12. Von den Toten auferstanden, ein ironischer Kommentar angesichts der Tatsache, dass Matthäus Jesus und nicht Johannes als letztlich Auferstandenen darstellt. 14,3 Herodias, die Nichte von Herodes dem Großen, eine Schwester von Agrippa I. (Apg 12,1) und die Ehefrau von Antipas’ Halbbruder Herodes Boethos – und nicht von seinem Bruder Philipp. 14,4 Es ist nicht recht, die Ehefrau eines noch lebenden Bruders zu heiraten, galt als Inzest (Lev 18,16; 20,21; Dtn 25,5–10; Jos.Ant. 18,136; vgl. Mt 5,31–32). 14,5 [Er] fürchtete sich aber vor dem Volk, Josephus bestätigt Johannes’ Beliebtheit. 14,6 Tochter der Herodias, bei Josephus trägt sie den Namen Salome (Ant 18,136–37). 14,7 Was sie fordern würde, ein unbedachtes Versprechen; vgl. Est 5,3. 14,10 Ließ Johannes […] enthaupten, vgl. Mt 17,12–13. 14,12 Da kamen seine Jünger, eine ironische Vorausdeutung auf den Tod Jesu, der von seinen Jüngern im Stich gelassen wird (Mt 27,57).

13 Als das Jesus hörte, entwich er von dort in einem Boot in eine einsame Gegend allein. Und als das Volk das hörte, folgte es ihm zu Fuß aus den Städten. 14 Und Jesus stieg aus und sah die große Menge; und sie jammerten ihn und er heilte ihre Kranken.

15 Am Abend aber traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Die Stätte ist einsam, und die Nacht bricht herein; lass das Volk gehen, damit sie in die Dörfer gehen und sich zu essen kaufen. 16 Aber Jesus sprach zu ihnen: Es ist nicht nötig, dass sie fortgehen; gebt ihr ihnen zu essen. 17 Sie sprachen zu ihm: Wir haben hier nichts als fünf Brote und zwei Fische. 18 Und er sprach: Bringt sie mir her!

19 Und er ließ das Volk sich lagern auf das Gras und nahm die fünf Brote und die zwei Fische, sah auf zum Himmel, dankte und brach‘s und gab die Brote den Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volk. 20 Und sie aßen alle und wurden satt und sammelten auf, was an Brocken übrig blieb, zwölf Körbe voll. 21 Die aber gegessen hatten, waren etwa fünftausend Männer, ohne Frauen und Kinder.

Mt 14,13–21 Speisung der (mehr als) Fünftausend (Mk 6,30–44; Lk 9,12–17; Joh 6,1–15) Das einzige Wunder, das in allen vier kanonischen Evangelien geschildert wird; vgl. Mt 14,15–21. 14,19 Dankte und brach‘s und gab die Brote, vgl. Mt 26,20–29; die Beschreibung erinnert an die Speisung Israels in der Wüste (Ex 16) und verweist bereits nach vorne auf das letzte Abendmahl; syrBar 29,8 bringt Ex 16 mit dem messianischen Zeitalter in Verbindung. 14,20 Sie aßen alle und wurden satt, vgl. Ex 16,15–18; Num 11,31–32 und Joh 6,31–33; Offb 2,17 sowie das Speisungswunder des Elisa (2Kön 4,42–44).

22 Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. 24 Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. 26 Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. 27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin‘s; fürchtet euch nicht!

28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

32 Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

34 Und sie fuhren hinüber und kamen ans Land, nach Genezareth. 35 Und als die Leute an diesem Ort ihn erkannten, schickten sie aus in das ganze Land ringsum und brachten alle Kranken zu ihm, 36 und sie baten ihn, dass sie nur den Saum seines Gewandes berühren dürften. Und alle, die ihn berührten, wurden gesund.

Mt 14,22–36 Jesus geht auf dem Wasser (Mk 6,45–52; Joh 6,16–21) 14,25 Jesus [kam] zu ihnen und ging auf dem Meer, wie Gott hat auch Jesus Macht über die Meere (Gen 1,9–10.21; Ex 14,21–22; Jes 43,16; 51,9–10; Hab 3,15; Ps 77,20; Hiob 9,8; 26,11–12), vgl. Anm. zu 9,34. 14,26 Gespenst, gr. phantasma, übers. „Erscheinung“. 14,27 Vgl. Ex 3,14; Dtn 31,6. Eine rabbinische Erzählung erwähnt eine Schriftrezitation während eines Sturms (bBB 73a). 14,28–30 Soll vielleicht nach vorne auf den Mangel an Glauben des Petrus verweisen. 14,31 Kleingläubiger, ein häufiger Vorwurf gegen die Jünger (Mt 6,30; 8,26; 16,8; 17,20). Gezweifelt, vgl. Mt 28,17. 14,33 Sohn Gottes, verweist hier auf Jesu göttliches Wesen (vgl. Mt 2,15; 3,17; 4,3.6; 8,29); es könnte sich bei dem Ausdruck um einen messianischer Verweis gehandelt haben (4Q246; 4Esr 7,28–29; 13,32); kein jüdischer Text identifiziert den Messias als Sohn Gottes. 14,34 Vgl. Mk 6,53. Genezareth, an der nordwestlichen Küste des Galiläischen Meeres (Jos.Bell. 3,516–21). 14,36 Saum, vgl. Anm. zu 9,20.

Matthäus 15

1 Da kamen zu Jesus Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem und sprachen: 2 Warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Ältesten? Denn sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen.

3 Er antwortete und sprach zu ihnen: Warum übertretet denn ihr Gottes Gebot um eurer Überlieferung willen? 4 Denn Gott hat gesagt (Exodus 20,12; 21,17): »Du sollst Vater und Mutter ehren«, und: »Wer Vater oder Mutter schmäht, der soll des Todes sterben.« 5 Ihr aber lehrt: Wer zu Vater oder Mutter sagt: Eine Opfergabe soll sein, was dir von mir zusteht, 6 der braucht seinen Vater nicht zu ehren. Damit habt ihr Gottes Wort aufgehoben um eurer Überlieferung willen. 7 Ihr Heuchler, richtig hat Jesaja von euch geweissagt und gesprochen (Jesaja 29,13): 8 »Dies Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir; 9 vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts als Menschengebote sind.«

10 Und er rief das Volk zu sich und sprach zu ihnen: Hört zu und begreift: 11 Nicht was zum Mund hineingeht, macht den Menschen unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein. 12 Da traten die Jünger hinzu und sprachen zu ihm: Weißt du auch, dass die Pharisäer an dem Wort Anstoß nahmen, als sie es hörten? 13 Aber er antwortete und sprach: Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, die werden ausgerissen. 14 Lasst sie, sie sind blinde Blindenführer! Wenn aber ein Blinder den andern führt, so fallen sie beide in die Grube.

15 Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Deute uns dies Gleichnis! 16 Er sprach zu ihnen: Seid denn auch ihr noch immer unverständig? 17 Versteht ihr nicht, dass alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert? 18 Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. 19 Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. 20 Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen. Aber mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein.

Mt 15,1–20 Überlieferung der Ältesten (Mk 7,1–23) 15,2 Sie waschen ihre Hände nicht, bezogen auf Priester vgl. Ex 30,17–21. Die rabbinische Rechtssetzung dehnt einige Reinheitsvorschriften des Tempels auf Privathaushalte aus (vgl. mJad 1,1–2,4; bBer 53b; bGit 15b; bPes115a-b; bSuk 26b; 27a). 15,4 Du sollst Vater und Mutter ehren, Ex 20,12; Dtn 5,16. Wer Vater oder Mutter schmäht, Ex 21,17; Lev 20,9. 15,5 Eine Opfergabe, das Qorban-Opfer eignet Besitz dem Tempel zu (vgl. mNed 3,2; 5,6). 15,8–9Jes 29,13 (folgt der Wortstellung der LXX; vgl. Mk 7,6). 15,11 Vgl. EvThom 14. Unrein [machen], geistliche Reinheit ist wichtiger als körperliche (Mt 5,19–20; vgl. auch Ps 24,3–4; 51; 2Chr 30,18–20). 15,13 Vgl. Jes 60,21; Jer 12,12. 15,14 Blinde Blindenführer, Lk 6,39; vgl. auch EvThom 34; Matthäus warnt eher vor pharisäischen als vor Lehrern der Gemeinde, vgl. aber Mt 23,2–3. Fallen […] in die Grube, erleiden Unglück (Jes 24,18; Jer 48,44; Ps 7,16; Spr 26,27). 15,15–16 Vgl. Anm. zu 13,13. Noch immer unverständig, zu diesem Zeitpunkt sollten die Jünger keiner Erklärungen mehr bedürfen (Mt 13,16). 15,18 Vgl. Anm. zu 15,11. 15,20 Mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein, Matthäus übernimmt die markinische Behauptung nicht, Jesus habe alle Speisen für rein erklärt (Mk 7,19). Bei Matthäus bleiben die Speisegesetze in Kraft, nur einige „Überlieferungen der Ältesten“ werden nicht befolgt.

21 Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. 22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. 23 Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen[*], denn sie schreit uns nach. 24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! 26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. 27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Mt 15,21–28 Die kanaanäische Frau (Mk 7,24–30) Vgl. 1Kön 17,8–24. 15,21 Tyrus und Sidon, vgl. Anm. zu 11,21. 15,22 Kanaanäisch, die Kanaanäer sind Israels paradigmatische Feinde; die Region wurde mit dem Baalskult assoziiert (Gen 9,25; Ri 2,11–12; 3,7; 8,33; Hos 2,13). Kam, Jesus trifft auf die Frau an der Grenze. Es ist nicht klar ersichtlich, ob er nichtjüdisches Gebiet betritt. Sohn Davids, ein jüdisch-messianischer Hoheitstitel Jesu (vgl. Anm. zu 1,1.). In der Frau deutet sich bereits die Bekehrung von Nichtjuden im Voraus an (vgl. auch Anm. zu 8,10; Mt 18,6; 21,21; 24,13–14; 28,19). 15,23 Er aber antwortete ihr kein Wort, sein Schweigen wird in V. 24 erklärt. Lass sie doch gehen, gr. apoluson kann auch „befreie sie“ bedeuten, z.B. im Sinne eines Exorzismus. 15,24 Verlorene Schafe, vgl. Anm. zu 10,6. 15,27 Die Hunde [essen] von den Brosamen, die Frau erkennt zwar ihre nachgeordnete Position als Kanaanäerin an, besteht aber trotzdem auf ihr Recht. 15,28 Glaube, vgl. Anm. zu 8,10. In der markinischen Version fehlt ein Verweis auf ihren Glauben als Grund für die Heilung ihrer Tochter.

29 Und Jesus ging von dort weiter und kam an das Galiläische Meer und ging auf einen Berg und setzte sich dort. 30 Und es kam eine große Menge zu ihm; die hatten bei sich Lahme, Blinde, Verkrüppelte, Stumme und viele andere und legten sie ihm vor die Füße, und er heilte sie, 31 sodass sich das Volk verwunderte, als sie sahen, dass die Stummen redeten, die Verkrüppelten gesund waren, die Lahmen gingen und die Blinden sahen; und sie priesen den Gott Israels.

Mt 15,29–31 Jesus heilt (Mk 7,31–37) 15,31 Gott Israels, vgl. 1Kön 1,48; Ps 41,14; 68,36; 69,7; 1Chr 16,36; 1QM 13,2; 14,4; tChag 2,1. Aufgrund des Ausdrucks kann hier vielleicht auf eine nichtjüdische Menschengruppe geschlossen werden (vgl. Anm. zu 15,39).

32 Und Jesus rief seine Jünger zu sich und sprach: Das Volk jammert mich; denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen; und ich will sie nicht hungrig gehen lassen, damit sie nicht verschmachten auf dem Wege. 33 Da sprachen die Jünger zu ihm: Woher sollen wir so viel Brot nehmen in der Einöde, um eine so große Menge zu sättigen? 34 Und Jesus sprach zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben, und ein paar Fische.

35 Und er ließ das Volk sich lagern auf die Erde 36 und nahm die sieben Brote und die Fische, dankte, brach sie und gab sie den Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volk. 37 Und sie aßen alle und wurden satt; und sie sammelten auf, was an Brocken übrig blieb, sieben Körbe voll. 38 Und die da gegessen hatten, waren viertausend Männer, ohne Frauen und Kinder. 39 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er ins Boot und kam in das Gebiet von Magadan.

Mt 15,32–39 Die Speisung von (mehr als) Viertausend (Mk 8,1–10) Aufgrund der vorherigen Erzählung der kanaanäischen Frau soll diese Darstellung eines Speisungswunders vielleicht ein nichtjüdisches Setting suggerieren; vgl. Mt 14,15–21. 15,39 Magadan, eine unbekannte Stadt. Es gibt jedoch noch keine Völkermission (Mt 28,19).

Matthäus 16

1 Da traten die Pharisäer und Sadduzäer zu ihm; die versuchten ihn und forderten ihn auf, sie ein Zeichen vom Himmel sehen zu lassen. 2 Aber er antwortete und sprach zu ihnen: Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot. 3 Und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute ein Unwetter kommen, denn der Himmel ist rot und trübe. Über das Aussehen des Himmels wisst ihr zu urteilen, über die Zeichen der Zeit aber könnt ihr nicht urteilen?[*] 4 Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen; doch es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Jona. Und er ließ sie stehen und ging davon.

Mt 16,1–4 Zeichenforderung (Mk 8,11–13; Lk 11,29–32; 12,54–56) 16,1 Sadduzäer, Aristokraten, standen häufig eng mit dem Tempel in Verbindung (vgl. „Strömungen innerhalb des Judentums in neutestamentlicher Zeit“). Sie konkurrierten mit den Pharisäern (Jos.Bell. 2,164–66; Ant. 13,171–73, 297–98; 18,11.16–17), weshalb die gemeinsame Nennung beider Gruppen wohl die Ablehnung Jesu durch die Anführer aller jüdischen Strömungen andeuten soll. Versuchten, vgl. Anm. zu 4,7. Zeichen vom Himmel, eine göttliche Bestätigung von Jesu Ansprüchen (Mt 12,38–39; Lk 11,16; 21,11; Röm 1,18; vgl. auch Jer 10,2; Dan 4,23; äthHen6,2; 13,8 sowie tBQ 7,5, wo, mit einem Zitat von Lev 25,25 auf eine Stimme von Berg Sinai verwiesen wird). Vgl. Anm. zu 12,38. 16,4 Böses und ehebrecherisches Geschlecht, vgl. Anm. zu 12,39. Zeichen des Jona, vgl. Anm. zu 12,40.

5 Und als die Jünger ans andre Ufer gekommen waren, hatten sie vergessen, Brot mitzunehmen. 6 Jesus aber sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer! 7 Da dachten sie bei sich selbst und sprachen: Das wird‘s sein, dass wir kein Brot mitgenommen haben.

8 Als das Jesus merkte, sprach er: Ihr Kleingläubigen, was bekümmert ihr euch doch, dass ihr kein Brot habt? 9 Versteht ihr noch nicht? Erinnert ihr euch nicht an die fünf Brote für die fünftausend und wie viele Körbe voll ihr da eingesammelt habt? 10 Auch nicht an die sieben Brote für die viertausend und wie viele Körbe voll ihr da eingesammelt habt? 11 Wieso versteht ihr denn nicht, dass ich nicht vom Brot zu euch geredet habe? Hütet euch vielmehr vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer! 12 Da verstanden sie, dass er nicht gesagt hatte, sie sollten sich hüten vor dem Sauerteig des Brotes, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer.

Mt 16,5–12 Der Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer (Mk 8,14–21; Lk 12,1) 16,5 Vergessen, Brot mitzunehmen, ironisch wegen der zwei Brotvermehrungen. 16,6 Sauerteig, vgl. Anm. zu 13,33; hier ein negativer Verweis auf pharisäische Lehre (Mt 16,11–12). 16,8 Kleingläubige, vgl. Anm. zu 6,30. 16,9 Fünf Brote, vgl. Mt 14,17.19. 16,10 Sieben Brote, vgl. Mt 15,32–38.

13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? 14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten. 15 Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei? 16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!

17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. 19 Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.

20 Da gebot er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.

Mt 16,13–20 Die Schlüssel des Königreichs (Mk 8,27–33; Lk 9,18–22) Vgl. EvThom 13. 16,13 Cäsarea Philippi, eine überwiegend nichtjüdische Stadt, ungefähr 40 km nördlich des Galiläischen Meeres. Menschensohn, vgl. Anm. zu 8,20. 16,14 Johannes der Täufer, vgl. Mt 14,2. Elia, vgl. Anm. zu 11,14–15; Mal 3,23–24; Sir 48,10. 16,16 Christus, vgl. Anm. zu 1,1. Lebendiger Gott, vgl. Anm. zu 15,31. 16,17 Fleisch und Blut, der Glaube an Jesus gründet auf Offenbarung und nicht auf Argumenten oder Zeichen. 16,18 Petrus, ein Wortspiel mit dem griechischen Wort für „Stein“, petra; das zugrunde liegende aram. Wort kepha wird zum gr. kephas (Joh 1,42; 1Kor 1,12 et al.). Auf diesen Felsen, die christlichen Traditionen sind unterschiedlicher Ansicht, ob Petrus selbst der „Fels“ ist (was zu Ansprüchen des Papsttums führte) oder sein Glaube. Gemeinde, gr. ekklēsia (vgl. Mt 18,17). Die LXX verwendet ekklēsia (übers. „Gemeinde“, vgl. LXX Dtn 4,10; 9,10; 18,16; 31,30) für das hebr. qahal (übers. „Gemeinschaft“; vgl. 2Sam 7; 1Chr 17; 1QM 4,10). Matthäus ist das einzige kanonische Evangelium, das diesen Begriff verwendet. Pforten der Hölle, vgl. Anm. zu 11,23. 16,19 Schlüssel, verbunden mit Wissen und Autorität (Jes 22,22; Lk 11,52; Offb 3,7; syrBar 10,18; slawBar 11,2; 3Hen 18,18; SifDev 32,25; bSchab 31a-b). Gebunden […] lösen, bedeutet gemäß der rabbinischen Lehre „verbieten und erlauben“ (im rechtlichen Sinn); vgl. mPes 4,5; mTer 5,4 sowie Mt 18,18); vgl. Anm. zu 9,17. 16,20 Niemandem zu sagen, das Messiasgeheimnis; vgl. Anm. zu 8,4.

Petrus

Nur bei Matthäus verheißt Jesus seinem Jünger mit Namen Simon, Sohn des Jona: „Du bist Petrus (gr. petros, aram. kepha [die griechische Transliteration von kepha – „Kephas“ – kommt in Joh 1,42; 1Kor 1,12; 15,5; Gal 2,11.14 vor]), und auf diesen Felsen (gr. petra, aram. kepha) werde ich meine Gemeinde bauen“ (Mt 16,18). Nur im Matthäusevangelium überreicht Jesus Petrus die „Schlüssel des Himmelreichs“ (Mt 16,19). Petrus ist der Anführer der Jünger (Mt 16,19), er ist Zeuge der Verklärung (Mt 17,1–9) und folgt Jesus nach dessen Gefangennahme trotz seiner Angst (Mt 26,58). Er ist außerdem der einzige Jünger, der mit Jesus über das Wasser geht (Mt 14,28–30). Die römisch-katholische Tradition identifiziert Petrus mit dem ersten Bischof von Rom und macht ihn so zum ersten Papst (obwohl dieser Titel zunächst nicht offiziell gebraucht, sondern erst knapp 200 Jahre später eingeführt wurde, s. Iren.haer. 3). Die meisten Protestanten hingegen wenden ein, dass die textliche Verbindung zwischen dem Apostel Petrus und dem „Felsen“ der Kirche nicht eindeutig sei; es könnte auch sein, dass „Fels“ sich nur auf die Proklamation des Petrus „Du bist der Messias“ (Mt 16,13) bezieht und nicht auf Petrus selbst.

21 Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, dass er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.

22 Und Petrus nahm ihn beiseite und fuhr ihn an und sprach: Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht! 23 Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Geh weg von mir, Satan![*] Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

Mt 16,21–23 Die erste Ankündigung der Passion (Lk 9,22) Zum Begriff „Passion“ vgl. Anm. zu 26,1–28,20. Vgl. auch Mt 17,22–23; 20,17–19; 26,2. 16,21 Viel leiden, ist der Zeit der Erlösung vorangestellt (Jes 52–53; Hos 6,2; Sach 13,7–9; vgl. auch Dan 7,23, wo das vierte Tier die Erde vor einer solchen Erlösung verzehren wird). Älteste und Hohepriester und Schriftgelehrte, Matthäus schreibt Jesu Leiden der jüdischen – nicht römischen – Obrigkeit zu. Am dritten Tage, vgl. Hos 6,2; Jona 2,1; 2,11; bSan 97a („[…] am dritten Tag [wird er uns] wieder aufrichten, dass wir vor ihm leben“) suggeriert, dass Gott die Menschheit am dritten Tag nach dem Ende der gegenwärtigen Epoche auferwecken würde. 16,22 Gott bewahre, Petrus erwartet nicht, dass der Messias sterben würde (vgl. Anm. zu 1,1 und 3,14; vgl. auch Sach 9,9; Dan 9,26). 16,23 Satan, Petrus schlüpft ebenso wie Satan in die Rolle des Verführers (Mt 4,10). Ärgernis, gr. skandalon.

24 Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. 25 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird‘s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird‘s finden. 26 Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?

27 Denn es wird geschehen, dass der Menschensohn kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun. 28 Wahrlich, ich sage euch: Es sind etliche unter denen, die hier stehen, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.

Mt 16,24–28 Jesus beruft die Jünger noch einmal (Mk 8,34–9,1; Lk 9,23–27; Joh 12,25) Vgl. Mt 4,18–22; 10,38. 16,24 Vgl. Lk 14,27. Nehme sein Kreuz, vgl. Anm. zu 10,38. 16,25 Der wird‘s finden, ewiges Leben. Die Aussage ist paradox: Sich an etwas festzuklammern birgt das Risiko, es zu verlieren; es loszulassen, erhält es. Eine vergleichbare Parallele, die sich auch auf Leben und Tod bezieht, findet sich in der rabbinischen Literatur: „Jeder, der auch nur ein Ding aus der Tora behütet, seine Seele behütet er, und jeder, der auch nur ein Ding aus der Tora verliert, seine Seele verliert er“ (ARN B 35). 16,27 Menschensohn, vgl. Anm. zu 8,20. 16,28 Werden den Tod nicht schmecken, das messianische Zeitalter steht unmittelbar bevor (Mk 9,1; Lk 9,27; vgl. auch Joh 8,51–52; 1Thess 4,15; vgl. Anm. zu 28,20).

Matthäus 17

1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. 2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. 3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.

4 Petrus aber antwortete und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. 5 Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!

6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr. 7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! 8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. 9 Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

Mt 17,1–8 Die Verklärung (Mk 9,2–8; Lk 9,28–34) Vgl. auch 2Petr 1,17–18. 17,1 Petrus und Jakobus und Johannes, wie Mose nimmt auch Jesus drei namentlich bekannte Jünger mit zu einer Offenbarungserfahrung (Vgl. Ex 24,1). Hoher Berg, mit Mose und Elia assoziert (vgl. Anm. zu 5,1–2; Ex 19,20; 24,9–18; 1Kön 19,8–18). 17,2 Verklärt, gr. metamorphoō, bedeutet „sich in Gestalt oder Erscheinung verändern“ (vgl. Röm 12,2; 2Kor 3,18). Sein Angesicht leuchtete, eine Anspielung auf Mose (Ex 34,35). Wie die Sonne, vgl. Dan 10,6: „[…] sein Antlitz sah aus wie ein Blitz, seine Augen wie feurige Fackeln […]“; 2Kor 3,18; Offb 10,1. 17,3 Mose und Elia, vielleicht ein Hinweis, dass Jesus die Erfüllung von Gesetz und Propheten ist (Mt 5,17; 7,12; 17,12; Dtn 18,15.18). Auch rabbinische Texte bringen Mose und Elia miteinander in Verbindung (vgl. DevR 3,17, wo bemerkt wird, dass Gott sowohl Mose als auch Elia in der Zukunft zurückholen wird). 17,5 Vgl. Ps 2,7. Lichte Wolke, signalisiert Gottes Anwesenheit (Ex 40,35–38; vgl. auch Offb 14,14; Jos.Ant. 4,326). Den sollt ihr hören, vgl. Mt 3,17; vgl. Dtn 18,15 bezüglich des „Propheten wie Mose“.

10 Und die Jünger fragten ihn und sprachen: Warum sagen denn die Schriftgelehrten, zuerst müsse Elia kommen? 11 Er antwortete und sprach: Ja, Elia kommt und wird alles zurechtbringen. 12 Doch ich sage euch: Elia ist schon gekommen, und sie haben ihn nicht erkannt, sondern haben mit ihm getan, was sie wollten. So wird auch der Menschensohn durch sie leiden müssen. 13 Da verstanden die Jünger, dass er von Johannes dem Täufer zu ihnen geredet hatte.

Mt 17,9–13 Elia, der Prophet (Mk 9,9–13) 17,9 Ihr sollt […] niemandem sagen, das Messiasgeheimnis; s. Anm. zu 8,4; vgl. auch Mt 9,30; 16,20. 17,10 Schriftgelehrte, vgl. Anm. zu 7,28–29 und 13,52. Zuerst müsse Elia kommen, als Vorläufer; hier speziell auf den Messias bezogen und nicht wie im Tanach auf das messianische Zeitalter (Mal 3,22–24; vgl. Anm. zu 11,4–5). 17,12–13 Elia ist schon gekommen, bezieht sich auf Johannes den Täufer (Mt 3,3; Lk 1,17; vgl. auch Joh 1,21). Die rabbinische Literatur bewertet die genaue messianische Rolle und Aufgaben des Elia unterschiedlich. Vgl. Anm. zu 11,14–15. In mEd 8,7 kommt Elia, um Frieden auf Erden zu schaffen (Mal 3,23–24); in bSan 98a bezieht sich Elia selbst auf seine Rückkehr zur Erde; bEr 43b hält schließlich fest, dass Elia nicht an den Vorabenden von gewissen Festen kommen wird (vgl. SchemR 18,12).

14 Und als sie zu dem Volk kamen, trat ein Mensch zu ihm, kniete vor ihm nieder 15 und sprach: Herr, erbarme dich über meinen Sohn! Denn er ist mondsüchtig und hat schwer zu leiden; er fällt oft ins Feuer und oft ins Wasser; 16 und ich habe ihn zu deinen Jüngern gebracht und sie konnten ihm nicht helfen. 17 Jesus aber antwortete und sprach: O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn mir her! 18 Und Jesus bedrohte ihn; und der Dämon fuhr aus von ihm, und der Knabe wurde gesund zu derselben Stunde.

19 Da traten die Jünger zu Jesus, als sie allein waren, und sprachen: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? 20 Er aber sprach zu ihnen: Wegen eures Kleinglaubens. Denn wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein.[*]

22 Als sie in Galiläa zusammen waren, sprach Jesus zu ihnen: Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen 23 und sie werden ihn töten, und am dritten Tag wird er auferstehen. Und sie wurden sehr betrübt.

Mt 17,22–23 Die zweite Ankündigung der Passion (Mk 9,30–32; Lk 9,43–45) Vgl. Mt 16,21; 20,17–19; 26,2.

24 Als sie nun nach Kapernaum kamen, traten zu Petrus, die den Tempelgroschen einnehmen, und sprachen: Zahlt euer Meister nicht den Tempelgroschen? 25 Er sprach: Ja.

Und als er in das Haus kam, kam ihm Jesus zuvor und sprach: Was meinst du, Simon? Von wem nehmen die Könige auf Erden Zoll oder Steuern: von ihren Kindern oder von den Fremden? 26 Da sprach zu ihm Petrus: Von den Fremden. Jesus sprach zu ihm: So sind die Kinder frei. 27 Damit wir ihnen aber keinen Anstoß geben, geh hin an das Meer und wirf die Angel aus, und den ersten Fisch, der heraufkommt, den nimm; und wenn du sein Maul aufmachst, wirst du ein Zweigroschenstück finden; das nimm und gib‘s ihnen für mich und dich.

Mt 17,24–27 Tempelsteuer Vgl. Mt 22,15–22. 17,24 Kapernaum, vgl. Anm. zu 4,13. Tempelgroschen, jüdische Männer hatten jährlich die Tempelsteuer von einem halben Schekel für den Jerusalemer Tempel zu bezahlen (Ex 30,11–16; Neh 10,33). Jüdische Quellen erklären z.T., dass alle Männer über 20 Jahren (d.h. Minderjährige nicht) die Steuer zahlten (mScheq 1,1–3); andere deuten an, dass es nicht obligatorisch war (mScheq 1,4; bMen 65a; 4Q159 Fragm. 1 II 6–7 legt nahe, dass die Steuer nur einmal im Leben gezahlt werden musste). Zahlt euer Meister nicht, die Lehre Jesu hat vielleicht Argwohn dahingehend erregt (Mt 12,6). Die Frage dürfte auch für Juden innerhalb der matthäischen Gemeinde relevant gewesen sein. 17,26 So sind die Kinder frei, Jesus und die Jesusgläubigen sind letztlich davon ausgenommen. 17,27 Damit wir […] keinen Anstoß geben, eine Lehre für die Zeit des Matthäus, als Rom die Tempelsteuer durch den Fiscus Iudaicus ersetzte, der auch jüdischen Menschen vorschrieb, den Jupiter Capitolina Tempel in Rom zu unterstützen (vgl. „Jüdische Geschichte von 331 v.u.Z. bis 135 u.Z.“). Fisch, rabbinische Quellen erwähnen Fische, die Reichtümer enthaltem (bSchab 119a; PesR 23,6; QohR 11,1). Zweigroschenstück, ein tyrischer Stater im Wert von vier Drachmen; genug um für zwei Menschen zu bezahlen.

Matthäus 18

1 Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wer ist nun der Größte im Himmelreich? 2 Und er rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie 3 und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. 4 Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich. 5 Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.

Mt 18,1–5 So wie die Kinder werden (Mk 9,33–37; Lk 9,46–50) Vgl. Mt 19,13–14; 20,20–28; EvThom 12. 18,1 Wer ist nun der Größte, die Frage ist unangebracht, da sie auf Ansehen zielt. 18,3Mk 10,13–16; Lk 18,15–17. Werdet wie die Kinder, Kinder symbolisieren diejenigen ohne Macht, die von anderen abhängig sind.

6 Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein um seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist. 7 Weh der Welt der Verführungen wegen! Es müssen ja Verführungen kommen; doch weh dem Menschen, der zum Bösen verführt!

8 Wenn aber deine Hand oder dein Fuß dich verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass du lahm oder verkrüppelt zum Leben eingehst, als dass du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das ewige Feuer geworfen. 9 Und wenn dich dein Auge verführt, reiß es aus und wirf‘s von dir. Es ist besser für dich, dass du einäugig zum Leben eingehst, als dass du zwei Augen hast und wirst in das höllische Feuer geworfen.

Mt 18,6–9 Hindernisse 18,6 Vgl. Anm. zu 16,23. 18,8 Hau sie ab, vgl. Anm. zu 5,29–30.

10 Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.[*]

12 Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? 13 Und wenn es geschieht, dass er‘s findet, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. 14 So ist‘s auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.

Mt 18,10–14 Das verlorene Schaf (Lk 15,3–7) Vgl. EvThom 107. 18,10 Engel, vgl. Anm. zu 4,11. 18,12–13 Eins unter ihnen verirrte sich, jedes Mitglied der Gemeinschaft ist wichtig (Ez 34,11–22; 1Tim 2,4–5; 2Petr 3,9).

15 Sündigt aber dein Bruder[*], so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. 16 Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch zweier oder dreier Zeugen Mund bestätigt werde. 17 Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner. 18 Wahrlich, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein.

19 Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch einig werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. 20 Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

Mt 18,15–20 Gemeinderegel 18,15Lk 17,1–4. Rabbinische Quellen bemerken, dass diejenigen, die anderen Scham zufügen, aus der kommenden Welt ausgeschlossen sein könnten (mAv 3,11; bSan 107a). 18,16 Durch zweier oder dreier Zeugen Mund, vgl. Dtn 17,6–7; 19,15; vgl. tSan 8,3. 18,17 Heide und Zöllner, Menschen, die das Evangelium nicht kennen. 18,18 Binden […] lösen, vgl. Anm. zu 16,19. 18,20 Wo zwei oder drei versammelt sind, das Göttliche (hebr. schechina) ist anwesend, wenn Menschen gemeinsam Tora lernen (mAv 3,2.6).

21 Da trat Petrus hinzu und sprach zu ihm: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist‘s genug siebenmal? 22 Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal[*].

Mt 18,21–22 Vergebung 18,21 Vgl. Anm. zu 16,18. Siebenmal, rabbinische Quellen erklären, dass man nur drei Mal um Vergebung bitten muss (z.B. bJom 86b–87a), aber dass derjenige, der um Vergebung gebeten wird, auch vergeben sollte, so z.B. bTaan 20a („Stets sei der Mensch biegsam wie das Rohr und nicht hart wie die Ceder“ in Dingen der Vergebung) und bSchab 151b: „Wer sich seiner Mitmenschen erbarmt, dessen erbarmt man sich im Himmel, wer sich seiner Mitmenschen nicht erbarmt, dessen erbarmt man sich auch nicht im Himmel“ (vgl. auch bRHSch 17a; bMeg 28a). 18,22 Siebzigmal siebenmal, dieselbe Formulierung wie in Gen 4,24 (LXX), wo Brudermord verhandelt wird. Die Formulierung bei Matthäus könnte auf diese Art eine klassische Blutfehde mit der Intimität der jesuanischen Gemeinschaft kontrastieren wollen.

23 Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. 24 Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. 25 Da er‘s nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und zu zahlen. 26 Da fiel der Knecht nieder und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir‘s alles bezahlen. 27 Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei und die Schuld erließ er ihm auch.

28 Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du schuldig bist! 29 Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir‘s bezahlen. 30 Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war.

31 Als nun seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. 32 Da befahl ihn sein Herr zu sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; 33 hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? 34 Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er schuldig war.

35 So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.

Mt 18,23–35 Das Gleichnis des unversöhnlichen Dieners Vgl. Lk 7,41–43 und Sir 28,1–5, wo das Vergeben des eigenen Nachbarns Bedingung dafür ist, selbst Vergebung zu erfahren. Dieses Gleichnis findet sich nur im MtEv. Obwohl Matthäus häufig Reichtum thematisiert, beziehen sich die „Talente“ (gr. talantōn, die Lutherbibel übersetzt in V. 4 „Silber“) hier auf geistliche Güter. Sünde als Schuld(en) zu bezeichnen ist im Aramäisch sprechenden Judentum bereits verbreitet: Das aram. chov bezeichnet beide Begriffe zugleich. Vgl. auch Mt 6,12; Lk 11,4. Auch in Dtn 15,1–2 sind Schuld(en) und Sünde miteinander verbunden; vgl. auch BerR 85,2; 92,9; et al. 18,23 König, klassischerweise als Gott gedeutet; die allegorische Verbindung zwischen Gott und einem König findet sich auch in rabbinischen Quellen (z.B. tBer 6,18; tBQ 7,2; bBer 33b, bChag 16a). 18,24 Zehntausend Zentner Silber, mehrere Millionen Euro in heutiger Währung (Est 3,9). 18,25 Befahl […] ihn zu verkaufen, biblisches und römisches Recht gestatteten Schuldknechtschaft; Rom hob diese Praxis 326 u.Z. durch die Lex Poetelia auf. Vgl. Ex 21,2; 1Sam 22,2; Jes 50,1; Am 2,6; mSot 3,8 gibt zu verstehen, dass eine Frau nicht als Entschädigung verkauft werden kann, ein Mann jedoch schon; bezüglich der römischen Praxis vgl. Liv. 2,23; 8,28. 18,35 So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, ein strenges, eschatologisches Gericht.

Matthäus 19

1 Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, machte er sich auf aus Galiläa und kam in das Gebiet von Judäa jenseits des Jordans; 2 und eine große Menge folgte ihm, und er heilte sie dort.

3 Da traten Pharisäer zu ihm und versuchten ihn und sprachen: Ist‘s erlaubt, dass sich ein Mann aus irgendeinem Grund von seiner Frau scheidet? 4 Er aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang schuf als Mann und Frau 5 und sprach (Genesis 2,24): »Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein«? 6 So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!

7 Sie sprachen zu ihm: Warum hat dann Mose geboten, ihr einen Scheidebrief zu geben und sich von ihr zu scheiden? 8 Er sprach zu ihnen: Mose hat euch erlaubt, euch zu scheiden von euren Frauen, eures Herzens Härte wegen; von Anfang an aber ist‘s nicht so gewesen. 9 Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Unzucht, und heiratet eine andere, der bricht die Ehe.

10 Da sprachen seine Jünger zu ihm: Steht die Sache eines Mannes mit seiner Frau so, dann ist‘s nicht gut zu heiraten. 11 Er sprach aber zu ihnen: Dies Wort fassen nicht alle, sondern die, denen es gegeben ist. 12 Denn es gibt Verschnittene[*], die von Geburt an so sind; und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten worden sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen. Wer es fassen kann, der fasse es!

Mt 19,1–12 Scheidung und Eheschließung (Mk 10,2–12) 19,1–2 Jenseits des Jordans, östlich des Jordans. Jesus umgeht Samaria (Mt 10,5). 19,3–9 Vgl. Lk 16,18. 19,3 [Sie] versuchten ihn, vgl. Anm. zu 16,1. Aus irgendeinem Grund, jüdische Lehrer gestatteten Scheidung (indem sie an Dtn 24,1–4 anknüpften) aber diskutierten die Gründe, warum sie zu erlauben sei (vgl. Anm. zu 5,31–32; mGit 9,10; mKet 7,6; mNed 11,12; bSan 22a). 19,4–6 Vgl. Anm. zu 6,26. Habt ihr nicht gelesen, die rabbinische Regel „binjan ’av mi-schne ketuvim“ (übers. „Errichtung eines Vaters aus zwei Schriftstellen“) bedeutet, dass unter Benutzung von zwei Bibelversen („als Mann und Frau“, Gen 1,27; „Ein Mann [wird] […] verlassen […] ein Fleisch“, Gen 2,24) eine Entscheidung über einen dritten Vers gefällt wird (Dtn 24,1–4; z.B. bBM 87b; vgl. Mal 2,16). 19,7 Scheidebrief, Dtn 24,1–4; vgl. Anm. zu 5,31–32. 19,9 Unzucht, vgl. Anm. zu 5,32 und 19,4–6. Jesu Beurteilung der Scheidung ähnelt der Entscheidung der rabbinischen „Schule des Schammai“, die Scheidung nur bei schwerwiegenden Verfehlungen gestattete. Die „Schule des Hillel“ urteilte milder (vgl. bGit 90a). 19,12 Es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben, könnte wörtlich gemeint sein oder auch diejenigen bezeichnen, die der Ehe und Fortpflanzung abgeschworen haben. Jüdische Quellen ermutigen sowohl zur Heirat als auch zur Fortpflanzung (Gen 1,28; vgl. Gen 9,1.7; CD 4,20–5,2; bJev 63a), wenngleich in Teilen des Judentums zur Zeit des Zweiten Tempels auch Ehelosigkeit Wertschätzung erfuhr (vgl. CD 6,11–7,9, wo evtl. angedeutet wird, dass zumindest einige Mitglieder der Qumrangemeinde, die hinter den Schriften vom Toten Meer stehen, zölibatär lebten; diese Schlussfolgerung ist in der Wissenschaft jedoch umstritten; vgl. auch Philo cont 8,68).

13 Da wurden Kinder zu ihm gebracht, dass er die Hände auf sie legte und betete. Die Jünger aber fuhren sie an. 14 Aber Jesus sprach: Lasset die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solchen gehört das Himmelreich. 15 Und er legte die Hände auf sie und zog von dort weiter.

Mt 19,13–15 Die Segnung der Kinder (Mk 10,13–16; Lk 18,15–17) Vgl. Anm. zu 18,3. 19,13 Kinder [wurden] zu ihm gebracht, ein Zeugnis der jüdischen Liebe zu und Sorge um Kinder. Die Hände auf sie leg[en], vermutlich, um sie zu segnen; vgl. Gen 48,14; Dtn 34,9. 19,14 Denn solchen, vgl. Mt 18,1–5.

16 Und siehe, einer trat zu ihm und sprach: Meister, was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe? 17 Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich nach dem, was gut ist? Gut ist nur der Eine. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote. 18 Da sprach er zu ihm: Welche? Jesus aber sprach: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; 19 ehre Vater und Mutter« (Exodus 20,12–16); und: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Levitikus 19,18).

20 Da sprach der Jüngling zu ihm: Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch? 21 Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib‘s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach! 22 Da der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt davon; denn er hatte viele Güter.

23 Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen. 24 Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. 25 Da das die Jünger hörten, entsetzten sie sich sehr und sprachen: Ja, wer kann dann selig werden? 26 Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist‘s unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich.

27 Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür zuteil? 28 Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt, wenn der Menschensohn sitzen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit, auch sitzen auf zwölf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels. 29 Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird‘s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben. 30 Aber viele, die die Ersten sind, werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein.

Mt 19,16–30 Der reiche Jüngling (Mk 10,17–30; Lk 18,18–30; 22,28–30) 19,16 Was soll ich Gutes tun, die Frage ist inkorrekt; das ewige Leben wurde als Teil des Bundes mit Israel aufgefasst; in diesem Bund zu leben ist die Antwort auf dieses Geschenk (Lev 18,5; vgl. mSan 10,1: „Ganz Israel hat Anteil an der zukünftigen Welt“). 19,18–19 Aus dem Dekalog (Ex 20,12–16; Dtn 5,16–20) in Kombination mit der Nächstenliebe (Lev 19,18), die als Grundstein der Gebote angesehen wurde (bSchab 31a; vgl. Röm 13,9–10; Jak 2,11; vgl. auch „Der ‚Nächste’ in der jüdischen und christlichen Ethik“). 19,21 Vgl. Mt 26,6–13; Lk 12,33; Apg 2,43–47; 4,34–37; Gal 2,10. Gib‘s den Armen, im rabbinischen Recht geboten (bBB 10a; vgl. Tob 4,5–11), das aber Menschen davon abhält, sich selbst so in Armut zu stürzen, dass man von anderen abhängig wird. Schatz im Himmel, vgl. Mt 6,19–20. 19,24 Ein Kamel […] geht durch ein Nadelöhr, etwas Unmögliches (bBer 55b; bBM 38b). 19,26 Alle Dinge [sind] möglich, Gen 18,14; Jer 32,17. 19,28 Bei der Wiedergeburt, das messianische Zeitalter; vgl. Anm. zu 8,20 und 10,23; Mt 25,30–31; äthHen 62,14–16. Zwölf Stämme Israels, die Jünger Jesu werden andere Juden richten. 19,29 Das ewige Leben ererben, vgl. Anm. zu 19,16. 19,30 Die Ersten […] werden die Letzten, eine eschatologische Umkehrung der Verhältnissse (Mk 10,31; Lk 13,30).

Matthäus 20

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg. 2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.

3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen 4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. 5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. 6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? 7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. 9 Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. 10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. 11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn 12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.

13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? 14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. 15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?

16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Mt 20,1–16 Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg20,1 Sein Weinberg, Israel (Mt 21,33; Jes 5; Jer 12,1–4). 20,2 Silbergroschen als Tagelohn, gr. denarion; Mt 18,28; 20,10; 22,19. 20,8 Als es nun Abend wurde, Arbeiter wurden noch am selben Tag für ihre Arbeit bezahlt (Lev 19,13; Dtn 24,14–15). Herr, gr. kyrios (vgl. mAv 2,14: Auf allegorische Weise bezahlt Gott als „Herr deiner Arbeit“ jedem seinen Lohn). Fang an bei den letzten, der Besitzer lässt die zuerst angeworbenen Arbeiter glauben, sie würden mehr erhalten als die später angeheuerten. 20,12 Du hast sie uns gleichgestellt, die zuerst Angeworbenen fragen danach, was sie als gerecht erachten; für den Besitzer zählt, was er für recht hält. 20,13 Mein Freund, die Anrede impliziert nicht notwendigerweise eine vertraute Beziehung, sondern ist eher förmlich zu verstehen (Mt 22,12; 26,50). In jBer 2,8/5c findet sich eine ähnliche Erzählung über gleiche Löhne bei unterschiedlichen Arbeitszeiten, die darauf abzielt, dass eine Person, die nur zwei Stunden arbeitet, theoretisch dennoch mehr leisten kann als jemand, der den ganzen Tag arbeitet. 20,15 Siehst du darum scheel, wörtl. „ist dein Auge böse?“ 20,16 Vgl. Mk 10,31; Lk 13,30. So werden die Letzten die Ersten [sein], vgl. Anm. zu 19,30.

17 Und Jesus zog hinauf nach Jerusalem und nahm die zwölf Jünger beiseite und sprach zu ihnen auf dem Wege: 18 Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überantwortet werden; und sie werden ihn zum Tode verurteilen 19 und werden ihn den Heiden überantworten, damit sie ihn verspotten und geißeln und kreuzigen; und am dritten Tage wird er auferstehen.

Mt 20,17–19 Die dritte Ankündigung der Passion (Mk 10,32–34; Lk 18,31–34) Vgl. Mt 16,21–23; 17,22–23; 26,2. 20,19 Heiden, Pilatus und seine Soldaten. Kreuzigen, eine Hinrichtungsmethode im römischen Reich des ersten Jahrhunderts. Rabbinische Quellen diskutieren Verbrennung, Steinigung, Strangulierung und Enthauptung – erwähnen Kreuzigungen jedoch nicht (vgl. Jos.Bell. 2,308; 5,451; mSan 7,1–4). Am dritten Tage, vgl. Anm. zu 16,21.

20 Da trat zu ihm die Mutter der Söhne des Zebedäus mit ihren Söhnen, fiel vor ihm nieder und wollte ihn um etwas bitten. 21 Und er sprach zu ihr: Was willst du? Sie sprach zu ihm: Lass diese meine beiden Söhne sitzen in deinem Reich, einen zu deiner Rechten und den andern zu deiner Linken. 22 Aber Jesus antwortete und sprach: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. 23 Er sprach zu ihnen: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten und Linken zu geben steht mir nicht zu. Das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist von meinem Vater.

24 Als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über die zwei Brüder. 25 Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. 26 So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; 27 und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, 28 so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.

Mt 20,20–28 Die Mutter von Jakobus und Johannes (Mk 10,35–45; Lk 22,24–27) Bei Markus und Lukas stellen die Brüder selbst die Frage. 20,20 Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes (Mt 4,21). 20,21 Zu deiner Rechten […] zu seiner Linken, Ehrenplätze. Ironischerweise werden zu Jesu Rechten und Linken zwei Räuber gekreuzigt werden (Mt 27,38). 20,23 Kelch, Leiden und Tod (Mt 26,27–28; Joh 18,11; vgl. auch Jes 5,13; 51,17; Jer 25,15; Ez 23,31; Hab 2,16; Ps 75,9). Die Jünger müssen an Jesu Leiden teilhaben, vgl. Anm. zu 5,10–12. 20,25 Herrscher ihre Völker niederhalten, das heidnische Rom und seine Klientelkönige. 20,27 Sei euer Knecht, wahre Herrscher dienen denen, die sich in ihrem Verantwortungsbereich befinden. 20,28 Lösegeld, vgl. Mk 10,45 sowie Ex 6,6; 15,13; Jes 43,1; 44,22; Ps 77 (76 LXX),16, im Sinne der göttlichen Befreiung aus Sklaverei und Exil. Um „sein Volk zu retten“ (Mt 1,21; vgl. auch Joh 13,13–15; 1Tim 1,5-6; 1Petr 1,18–19) bezahlt Jesus das Lösegeld für ihre Schuld/Sünden.

29 Und als sie aus Jericho hinauszogen, folgte ihm eine große Menge. 30 Und siehe, zwei Blinde saßen am Wege; und als sie hörten, dass Jesus vorüberging, schrien sie und sprachen: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich unser! 31 Aber das Volk fuhr sie an, dass sie schweigen sollten. Doch sie schrien noch viel mehr und sprachen: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich unser!

32 Jesus aber blieb stehen, rief sie und sprach: Was wollt ihr, dass ich für euch tun soll? 33 Sie sprachen zu ihm: Herr, dass unsere Augen aufgetan werden. 34 Und es jammerte Jesus und er berührte ihre Augen; und sogleich wurden sie sehend, und sie folgten ihm nach.

Mt 20,29–34 Jesus heilt zwei Blinde Männer (Mk 10,46–52; Lk 18,35–43) Vgl. Mt 9,27–31. 20,29 Jericho, eine Stadt 24 km östlich von Jerusalem. 20,30 Sohn Davids, vgl. Anm. zu 1,1 und 9,27. 20,31 [Es] fuhr sie an, dass sie schweigen sollten, vielleicht um die Lehre zu hören, die Jesus von sich geben könnte.

Matthäus 21

1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«

6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. 8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? 11 Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.

Mt 21,1–11 Der triumphale Einzug (Mk 11,1–11; Lk 19,28–40; Joh 12,12–19) 21,1 Betfage, die Lage des Ortes kann nicht identifiziert werden. Ölberg, östlich von Jerusalem; verknüpft mit messianischen und eschatologischen Vorstellungen (Ez 11,23; Sach 14,4). 21,2 Eselin […] und ein Füllen, Sach 9,9; nach bSan 98a wird der Messias kommen „und reitet auf einem Esel“. 21,4–5 Durch den Propheten, Matthäus kombiniert Jes 62,11 und Sach 9,9. 21,7 Er setzte sich darauf, wörtlich: „auf sie“, vermutlich auf die Kleider, nicht auf zwei Tiere. 21,8 Hieben Zweige, vgl. Lev 23,39–40; 2Kön 9,13; 2Makk 10,5–8; nur Joh 12,13 erwähnt Palmen. 21,9 Hosianna, hebr. für „Rette doch!“ (Ps 118,25). Eine Variante dieses Ausdrucks („Hilf“) wird vorher auf König David bezogen verwendet (2Sam 14,4). Sohn Davids, vgl. Anm. zu 9,27. Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, aus den Hallelpsalmen („Lobgesang“; Ps 115–118), die laut der rabbinischen Tradition während Pessach gesungen werden (tSuk 3,2; bAr 10a). 21,10 Die ganze Stadt [erregte sich], vgl. Mt 2,3. 21,11 Prophet Jesus, die Menge spricht ihn nicht als Messias an. Aus Nazareth in Galiläa, Matthäus bevorzugt Galiläa gegenüber Jerusalem.

12 Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb hinaus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler 13 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.

14 Und es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. 15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich 16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«? 17 Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Mt 21,12–17 Der Vorfall im Tempel (Mk 11,15–19; Lk 19,45–48; Joh 2,13–22) 21,12–13 Verkäufer und Käufer, Handel mit Tieren für das Tempelopfer (mScheq 1,3; mKer 1,7). Geldwechsler, wechselten Fremdwährungen in tyrische Schekel, qualitativ hochwertige Silbermünzen, die im Tempel angenommen wurden. Taubenhändler, Lev 5,7. 21,13 Bethaus, vgl. Jes 56,7; 1Makk 7,37 und Mt 6,5; Ps 141,2; 2Makk 10,26. Räuberhöhle, Jer 7,11 (Mt 12,6), ein Ort, an dem sich Verbrecher sicher fühlen. 21,14 Blinde und Lahme, im Tempel anwesend; vgl. im Gegensatz dazu 2Sam 5,8: „Lass keinen Blinden und Lahmen ins Haus“. 21,15 Hosianna, vgl. Anm. zu 21,9. 21,16 Ps 8,2–3; vgl. Anm. zu 11,25 und 17,23. 21,17 Betanien, eine Kleinstadt östlich von Jerusalem (Mt 26,6).

18 Als er aber am Morgen wieder in die Stadt ging, hungerte ihn. 19 Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege, ging hinzu und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nie mehr wachse Frucht auf dir in Ewigkeit! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich.

20 Und als das die Jünger sahen, verwunderten sie sich und sprachen: Wie ist der Feigenbaum so plötzlich verdorrt? 21 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr solches nicht allein mit dem Feigenbaum tun, sondern, wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird‘s geschehen. 22 Und alles, was ihr bittet im Gebet: so ihr glaubt, werdet ihr‘s empfangen.

Mt 21,18–22 Der Feigenbaum (Mk 11,12–14; Lk 13,6–9) 21,19 Feigenbaum, steht hier für das Gericht (Jes 34,4; Jer 8,13; 24,1–10; Hos 2,14; Joel 1,7). Verdorrte, die Obersten des Tempels und die Einwohner Jerusalems werden verurteilt, da es ihnen an Glauben an Jesus mangelt (Mt 24,2).

23 Und als er in den Tempel kam und lehrte, traten die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu ihm und sprachen: Aus welcher Vollmacht tust du das, und wer hat dir diese Macht gegeben? 24 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ich will euch auch eine Sache fragen; wenn ihr mir die sagt, will ich euch auch sagen, aus welcher Vollmacht ich das tue. 25 Woher war die Taufe des Johannes? War sie vom Himmel oder von den Menschen?

Da bedachten sie‘s bei sich selbst und sprachen: Sagen wir, sie war vom Himmel, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? 26 Sagen wir aber, sie war von Menschen, so müssen wir uns vor dem Volk fürchten, denn sie halten alle Johannes für einen Propheten. 27 Und sie antworteten Jesus und sprachen: Wir wissen‘s nicht. Da sprach er zu ihnen: So sage ich euch auch nicht, aus welcher Vollmacht ich das tue.

Mt 21,23–27 Jesu Autorität wird angezweifelt (Mk 11,27–33; Lk 20,1–8) 21,23 Die Obersten des Tempels stellen Jesus auf die Probe (vgl. Mt 9,34; 12,22–24; 19,3–9; 22,15–22.34–46). Hohenpriester, gr. archiereus, im sg. „Hohepriester“; der Plural „Hohenpriester“ schließt ehemalige Hohepriester mit ein. Lk 3,2 spricht von der Zeit, „als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren“; auf Hannas, der 15 u.Z von den Römern abgesetzt wurde, folgten seine Söhne sowie sein Schwiegersohn Kaiphas im Amt, der von 18–36 u.Z. Hohepriester war. 21,25 Taufe des Johannes, vgl. Mt 3,1–12. 21,26 Sie halten alle Johannes für einen Propheten, vgl. Anm. zu 17,12–13.

28 Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. 29 Er antwortete aber und sprach: Ich will nicht. Danach aber reute es ihn, und er ging hin. 30 Und der Vater ging zum andern Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. 31 Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan?

Sie sprachen: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. 32 Denn Johannes kam zu euch und wies euch den Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr‘s saht, reute es euch nicht, sodass ihr ihm danach geglaubt hättet.

Mt 21,28–32 Das Gleichnis der zwei Söhne Vgl. Mt 20,1–16. 21,29 Danach aber reute es ihn, der erste Sohn steht für all diejenigen, die Buße tun. 21,30 Und ging nicht hin, der zweite Sohn, ein Lügner und Heuchler, repräsentiert jene, die das, was sie predigen, nicht tun (Mt 23,2–3).

33 Hört ein anderes Gleichnis: Es war ein Hausherr, der pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter darin und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. 34 Als nun die Zeit der Früchte herbeikam, sandte er seine Knechte zu den Weingärtnern, damit sie seine Früchte empfingen. 35 Da nahmen die Weingärtner seine Knechte: Den einen schlugen sie, den zweiten töteten sie, den dritten steinigten sie. 36 Abermals sandte er andere Knechte, mehr als die ersten; und sie taten mit ihnen dasselbe. 37 Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. 38 Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie zueinander: Das ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten und sein Erbe an uns bringen! 39 Und sie nahmen ihn und stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn.

40 Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er mit diesen Weingärtnern tun? 41 Sie sprachen zu ihm: Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben.

42 Jesus sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen in der Schrift (Psalm 118,22–23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen, und er ist ein Wunder vor unsern Augen[*]«? 43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt. 44 Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen.[*]

45 Und als die Hohenpriester und die Pharisäer seine Gleichnisse hörten, erkannten sie, dass er von ihnen redete. 46 Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten sich vor dem Volk, denn es hielt ihn für einen Propheten.

Mt 21,33–46 Das Gleichnis vom Weinberg (Mk 12,1–12; Lk 20,9–19) Vgl. EvThom 65. 21,33 Weinberg, eine Adaption von Jes 5,1–2.7; vgl. Anm. zu 20,1–16. Weingärtner, die Hohenpriester und Pharisäer (Mt 21,45). 21,34 Knechte, die Propheten Israels (Mt 22,3). 21,37 Seinen Sohn, Jesus (Mt 21,41.43; vgl. Anm. zu 7,16–20). 21,39 Stießen ihn zum Weinberg hinaus, Jesus wurde außerhalb der Stadtmauern Jerusalems gekreuzigt (Mt 27,32–34; Mk 15,20; Lk 23,26–33; Joh 19,17; vgl. auch Hebr 13,12–13). 21,41 Vgl. Mt 8,12; Apg 13,46. Die Anführer sprechen ihr eigenes Urteil über sich selbst. 21,42 Ps 118,22–23, auch aus den Hallelpsalmen (vgl. Anm. zu 21,9); vgl. auch Apg 4,11; 1Petr 2,7. 21,43 Einem Volk […], das seine Früchte bringt, die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu. 21,46 Propheten, vgl. Mt 21,11. Spätere rabbinische Quellen behaupten, die Prophetie wäre schon Jahrhunderte vorher erloschen (so verweist z.B. bBB 12a auf die Tempelzerstörung; nach ARN B 47 erlosch die Prophetie aufgrund der brutalen Behandlung durch das Volk; PesR 35 nennt als Grund des Erlöschens den Mangel an Rückkehrern aus dem Exil nach Israel). Josephus und andere geben jedoch die weit verbreitete Annahme zu erkennen, dass es auch während der Zeit des Zweiten Tempels noch Prophetie gab.

Matthäus 22

1 Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach: 2 Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. 3 Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen; doch sie wollten nicht kommen. 4 Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! 5 Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. 6 Die Übrigen aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. 7 Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.

8 Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren‘s nicht wert. 9 Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. 10 Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen alle, die sie fanden, Böse und Gute; und der Hochzeitssaal war voll mit Gästen.

11 Da ging der König hinein zum Mahl, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, 12 und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. 13 Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis! Da wird sein Heulen und Zähneklappern.

14 Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

Mt 22,1–14 Das Gleichnis des Hochzeitsmahls (Lk 14,15–24) Vgl. Mt 21,33–41; EvThom 64. 22,2 Hochzeit ausricht[en], das Himmelreich (Mt 25,1–13); in einem Gleichnis in bSchab 153a genießen die, die auf das königliche Gastmahl vorbereitet waren, seine Annehmlichkeiten; die Unvorbereiteten aber werden leiden. 22,3 Knechte, vgl. Anm. zu 21,34. 22,5 Aber sie verachteten das, eine schwere Beleidigung des Gastgebers. 22,6 Töteten sie, die Reaktion der Pächter entwickelt sich von einer Beleidigung zu Rebellion. 22,7 Zündete ihre Stadt an, bezieht sich auf die Zerstörung Jerusalems; die Propheten Israels hatten die Zerstörung des Ersten Tempels vorhergesagt (Jes 5,24–25; Jer 4,5–8). 22,10 Wen ihr findet, für Matthäus Juden und Nichtjuden (vgl. z.B. Mt 13,47). 22,11–12 Hochzeitliches Gewand, das Kleidungsstück steht für rechtschaffenes Handeln (Röm 13,12; Gal 3,27; Offb 3,4–5.18; 6,11; 7,13–14; 19,8; 22,14). 22,13 Äußerste Finsternis, Mt 8,12; 25,30. 22,14 Wenige sind auserwählt, nicht jeder wird gerettet werden (vgl. 4Esr 8,3: „Viele sind zwar geschaffen, aber nur wenige werden gerettet“; vgl. auch 4Esr 9,15; bMen 29b).

15 Da gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, dass sie ihn fingen in seinen Worten, 16 und sandten zu ihm ihre Jünger samt den Anhängern des Herodes. Die sprachen: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen. 17 Darum sage uns, was meinst du: Ist‘s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt, oder nicht?

18 Da nun Jesus ihre Bosheit merkte, sprach er: Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? 19 Zeigt mir die Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Silbergroschen. 20 Und er sprach zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? 21 Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! 22 Als sie das hörten, wunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen davon.

Mt 22,15–22 Die kaiserliche Steuer (Mk 12,13–17; Lk 20,20–26) Vgl. EvThom 100; vgl. auch Mt 17,24–27. 22,16 Anhänger des Herodes, eine politische Gruppierung, die die Klientelkönige Roms unterstützte. 22,17 Dem Kaiser Steuern zahl[en], Rom erhob eine jährliche Zensussteuer von einem Denar sowie andere Steuern (Lk 2,1–2; Jos.Bell. 1,154; 2,118; Tac.ann. 2,42). Steuereintreiber und -eintreibung wurden mit Sündhaftigkeit in Verbindung gebracht (Mt 9,10; Lk 3,12–13; mSan 3,3; bSan 25b). 22,18 Was versucht ihr mich, vgl. Mt 4,7; 16,1; 19,3; 22,35. Heuchler, vgl. Mt 6,2.5.16; 15,7; 23 passim; 24,51. 22,19 Silbergroschen, ein Tageslohn; vgl. Anm. zu 20,2. 22,21 Gebt dem Kaiser, Jesus bittet seine Gesprächspartner selbst zu entscheiden, was Gott gehört (vgl. Anm. zu 17,27; Röm 14,13–23; 1Kor 9,19–23; 1Petr 2,17; vgl. im Gegensatz dazu Offb, v.a. Kap. 13).

23 An demselben Tage traten Sadduzäer zu ihm, die sagen, es gebe keine Auferstehung, und fragten ihn 24 und sprachen: Meister, Mose hat gesagt (Deuteronomium 25,5): »Wenn einer stirbt und hat keine Kinder, so soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen erwecken.« 25 Nun waren bei uns sieben Brüder. Der erste heiratete und starb; und weil er keine Nachkommen hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder; 26 desgleichen der zweite und der dritte bis zum siebenten. 27 Zuletzt nach allen starb die Frau. 28 Nun in der Auferstehung: Wessen Frau wird sie sein von diesen sieben? Sie haben sie ja alle gehabt.

29 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ihr irrt, weil ihr weder die Schrift kennt noch die Kraft Gottes. 30 Denn in der Auferstehung werden sie weder heiraten noch sich heiraten lassen, sondern sie sind wie Engel im Himmel. 31 Habt ihr denn nicht gelesen von der Auferstehung der Toten, was euch gesagt ist von Gott, der da spricht (Exodus 3,6): 32 »Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs«? Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.

33 Und als das Volk das hörte, entsetzten sie sich über seine Lehre.

Mt 22,23–33 Fragen zur Auferstehung (Mk 12,18–27; Lk 20,27–40) 22,23 Es gebe keine Auferstehung, die Sadduzäer bestritten das Konzept einer körperlichen Auferstehung (Apg 4,1–2; 23,6–10). Vgl. Anm. zu 3,7 und „Strömungen innerhalb des Judentums in neutestamentlicher Zeit“. 22,25 [Er hinterließ] seine Frau seinem Bruder, vgl. Anm. zu 1,3; Gen 38,8; Dtn 25,5–10; Jos.Ant. 4,254–56; mJev 2,2. 22,28–30 Wessen Frau wird sie sein von diesen sieben, die Sadduzäer versuchen herauszustellen, wie absurd das Konzept einer körperlichen Auferstehung ist (vgl. syrBar 51,10–11; äthHen 39,5; 69,11; bBer 17a). Jos.Bell. 3,374 überliefert, dass die verstorbenen Rechtschaffenen in der kommenden Welt „heilige Leiber beziehen dürfen“. 22,32 Gott Abrahams […] Jakobs, die Tora betont die ewige Natur der Beziehung Gottes mit Israel (Ex 3,6.15–16; 1Chr 29,18; 2Chr 30,6; und äthHen 22,3–14; 62,15–16; 2Makk 7,9.36).

34 Als aber die Pharisäer hörten, dass er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich. 35 Und einer von ihnen, ein Lehrer des Gesetzes, versuchte ihn und fragte: 36 Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? 37 Jesus aber sprach zu ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (Deuteronomium 6,5). 38 Dies ist das höchste und erste Gebot. 39 Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Levitikus 19,18). 40 In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Mt 22,34–40 Das höchste Gebot (Mk 12,28–34; Lk 10,25–29) 22,35 Lehrer des Gesetzes, gr. nomikos; der Begriff tritt bei Matthäus nur hier auf; daneben in Lk 7,30; 10,25; 11,45.46.52; 14,3; Tit 3,13. Den Titusbrief ausgenommen, wo „Zenas, der Rechtsgelehrte“ ein Mitglied der Gemeinschaft zu sein scheint, treten die Gesetzeslehrer in den Evangelien nur in Erscheinung, um Jesus auf die Probe zu stellen. Versuchte, vgl. Anm. zu 4,7. 22,36 Welches […] Gebot, die traditionelle Zahl der Gebote in rabbinischer Literatur ist 613; teilweise wurde versucht, das Gesetz zusammenzufassen (vgl. z.B. bMak 23b; bSuk 49b zitiert Mi 6,8 und andere Verse). 22,37 Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, Dtn 6,5. Dtn 6,4–5 ist das Schema, die grundlegende Bekräftigung des jüdischen Glaubens. 22,39 Du sollst deinen Nächsten lieben, Lev 19,18; mAv 1,2: „Auf drei Dingen ruht die Welt: auf der Tora, auf dem Gottesdienst und auf den Werken der Barmherzigkeit“; vgl.Röm 13,9; Gal 5,14; Jak 2,8. 22,40 Hängt das ganze Gesetz, vgl. Anm. zu 7,12. Jesus verbindet zwei Gebote (Gottesliebe, Menschenliebe) zu einem „höchsten“ Gebot. Diese Kombination findet sich auch in älteren jüdischen Quellen (z.B. TestIss 7,6: „Den Herrn liebte ich und ebenso jeden Menschen mit aller meiner Kraft“; vgl. auch das jüngere TestDan 5,3).

41 Als nun die Pharisäer beieinander waren, fragte sie Jesus 42 und sprach: Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie sprachen zu ihm: Davids. 43 Er sprach zu ihnen: Wie nennt ihn dann David im Geist »Herr«, wenn er sagt (Psalm 110,1): 44 »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege«? 45 Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er dann sein Sohn? 46 Und niemand konnte ihm ein Wort antworten, auch wagte niemand von dem Tage an, ihn hinfort zu fragen.

Mt 22,41–46 Jesus befragt die Pharisäer (Mk 12,35–37; Lk 20,41–44) 22,42 Davids, vgl. Anm. zu 1,1 und 9,27. 22,44 Vgl. Ps 110,1 sowie Apg 2,34–35; 1Kor 15,25; Hebr 1,13; 10,12–13. Der Herr sprach zu meinem Herrn, in Ps 110 bezieht sich das Substantiv beim ersten Mal auf Gott, beim zweiten auf David. 22,45 Jesus behauptet implizit, dass er größer als David sei, da in seiner Interpretation David (der vorausgesetzte Autor der Psalmen) den Messias „Herr“ nennt.

Matthäus 23

1 Da redete Jesus zu dem Volk und zu seinen Jüngern 2 und sprach: Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und die Pharisäer. 3 Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen‘s zwar, tun‘s aber nicht. 4 Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür rühren.

5 Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. 6 Sie sitzen gern obenan beim Gastmahl und in den Synagogen 7 und haben‘s gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden. 8 Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. 9 Und ihr sollt niemand euren Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater: der im Himmel. 10 Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. 11 Der Größte unter euch soll euer Diener sein. 12 Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

13 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hineinwollen, lasst ihr nicht hineingehen.[*]

15 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Land und Meer durchzieht, damit ihr einen Proselyten gewinnt; und wenn er‘s geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, doppelt so schlimm wie ihr.

16 Weh euch, ihr blinden Führer, die ihr sagt: Wenn einer schwört bei dem Tempel, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Gold des Tempels, der ist gebunden. 17 Ihr Narren und Blinden! Was ist denn größer: das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt? 18 Und: Wenn einer schwört bei dem Altar, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Opfer, das darauf liegt, der ist gebunden. 19 Ihr Blinden! Was ist denn größer: das Opfer oder der Altar, der das Opfer heiligt? 20 Darum, wer schwört bei dem Altar, der schwört bei ihm und bei allem, was darauf liegt. 21 Und wer schwört bei dem Tempel, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt. 22 Und wer schwört bei dem Himmel, der schwört bei dem Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt.

23 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. 24 Ihr blinden Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!

25 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln außen reinigt, innen aber sind sie voller Raub und Gier! 26 Du blinder Pharisäer, reinige zuerst das Innere des Bechers, damit auch das Äußere rein werde!

27 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch scheinen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! 28 So auch ihr: Von außen scheint ihr vor den Menschen gerecht, aber innen seid ihr voller Heuchelei und missachtet das Gesetz.

29 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und schmückt die Gräber der Gerechten 30 und sprecht: Hätten wir zu Zeiten unserer Väter gelebt, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden am Blut der Propheten! 31 Damit bezeugt ihr von euch selbst, dass ihr Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben. 32 Wohlan, macht auch ihr das Maß eurer Väter voll! 33 Ihr Schlangen, ihr Otterngezücht! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?

34 Darum: Siehe, ich sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte; von ihnen werdet ihr einige töten und kreuzigen, und einige werdet ihr geißeln in euren Synagogen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zur andern, 35 auf dass über euch komme all das gerechte Blut, das vergossen ist auf Erden, vom Blut Abels, des Gerechten, bis zum Blut Secharjas, des Sohnes Berechjas, den ihr getötet habt zwischen Tempel und Altar. 36 Wahrlich, ich sage euch: Das alles wird über dieses Geschlecht kommen.

Mt 23,1–36 Sieben Weherufe gegen Schriftgelehrte und Pharisäer (Mk 12,38–40; Lk 11,37–52) 23,2 Auf dem Stuhl des Mose sitzen, Jesus würdigt die Torainterpretation der Pharisäer. 23,4 Schwere und unerträgliche Bürden, Jesus wirft den Pharisäern vor, strenge Lehren aufzustellen (dagegen: Mt 11,28–29). Im Judentum gilt die Tora traditionell als Segen, nicht als Bürde. 23,5 Gebetsriemen, gr. phylaktēria, übers. „Schutzkästchen“; hebr. tefillin von tefilla, übers. „Gebet“; Kästchen aus Leder, die Schriftverse (Ex 13,1–16; Dtn 6,4–9; 11,13–21) enthalten und an der Stirn sowie einem Arm während des Gebets getragen werden (Ex 13,9.16; Dtn 6,8; 11,18; bBer 6a; bMen 34b; 35b; 37a). Quasten, vgl. Anm. zu 9,20. 23,7 Rabbi, hebr. für „mein Erhabener“, was „Lehrer“ oder „Herr“ bedeutete; im MtEv ein negativer Begriff (z.B. Mt 26,49; dagegen Joh 20,16). Vgl. „Rabbi“. 23,11 Der größte unter euch (Mk 9,33–37; 10,41–45; Lk 9,46–50) Vgl. Mt 18,4; 20,26. 23,12 Vgl. Mt 18,4; Lk 14,11; 18,14. 23,13 Weh euch, vgl. Anm. zu 11,21. Schriftgelehrte und Pharisäer, meint vermutlich Schriftgelehrte der Pharisäer (vgl. mSot 3,4; bSot 22a; dagegen Mt 13,52; 23,2). Heuchler, vgl. Anm. zu 6,2. Zuschließt vor den Menschen, für Matthäus bedeutet den Pharisäern zu folgen, verurteilt zu werden. 23,15 Einen Proselyten gewinn[en], gr. proselytos; es gab nur wenig jüdische Missionbestrebungen, um Nichtjuden als Proselyten zu gewinnen (Jos.Ant. 20,17.34–36); im Hintergrund steht hier die Sorge, dass die Pharisäer andere Juden überzeugen, ihrer Lehre zu folgen (Apg 2,11; 6,5; 13,43). 23,16 Blinde Führer, vgl. Anm. zu 15,14. Schwört, vgl. Mt 5,33–37; 23,24. 23,17 Vgl. Ex 30,29. 23,21 Vgl. Ex 29,37. 23,23 Den Zehnten geb[en], vgl. Lev 27,30; Dtn 14,22–23; Mi 6,8. Minze, Dill und Kümmel, Dill und Kümmel waren bekannte aromatische Pflanzen (Jes 28,25.27; mMaas 4,5; mDemai 2,1), Minze allerdings wird in jüdischen Quellen nie in Zusammenhang mit dem Zehnten erwähnt. Das Wichtigste im Gesetz, vgl. Mt 7,12; 22,34–40. 23,24 Mücken aussieb[en], vgl. Lev 11,44–45 und Mt 19,24. 23,25–26 Außen reinigt, Lk 11,33–34. Jesus beschuldigt die Pharisäer, unreine Herzen zu haben (Mt 6,22; 15,16–20) und nur äußerlich fromm zu erscheinen (Mt 23,3; vgl. bBer 28a und bJom 72b: „Ein Schriftgelehrter, dessen Inneres nicht seinem Äußeren gleicht, gilt nicht als Schriftgelehrter“). 23,27 Übertünchte Gräber, mit einer Kennzeichnung versehen, damit durch Leichen verursachte Unreinheit vermieden werden konnte; vgl. Num 19,11–22; Lk 11,44. 23,33 Otterngezücht, vgl. Anm. zu 3,17; Mt 12,34; Lk 3,7. 23,34 Lk 11,49–51. Propheten und Weise und Schriftgelehrte, angesehene Personen im Tanach und ihre Erben. Ihr [werdet] einige töten, vgl. Anm. zu 16,24 und 20,19. Geißeln in euren Synagogen, vgl. Anm. zu 5,10–11. 23,35 Blut Abels, des Gerechten, Gen 4,8. Jüdische Quellen verweisen auf seine Rechtschaffenheit (Jos.Ant. 1,53; LAB 16,2; TestAbr 13a). Secharjas, des Sohnes Berechjas, Sach 1,1 ist mit 2Chr 24,20–22 verschmolzen. In jüdischen Quellen wurde Blutvergießen mit dem göttlichen Gericht in Verbindung gebracht (Sib 3,12; TestSeb 3,2; bSchab 33a; bJom 9b). 23,36 Über dieses Geschlecht, Matthäus verurteilt die, die Jesus abgelehnt haben (Mt 11,16; 12,41–42.45; 17,17; 24,24).

37 Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! 38 Siehe, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden« (Jeremia 22,5; Psalm 69,26). 39 Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!

Mt 23,37–39 Jesus klagt über Jerusalem (Lk 13,34–35) 23,37 Eine Henne [versammelt] ihre Küken, vgl. Ps 17,8; 91,4. 23,38 Euer Haus soll euch wüst gelassen werden, die göttliche Präsenz verlässt den Tempel bei seiner Zerstörung (Jer 12,7; vgl. Tob 14,4; Jos.Apion. 1,132.154; PsSal 7,1). 23,39 Gelobt sei […], Ps 118,26 (wiederum aus dem Hallel; vgl. Anm. zu 21,9); Röm 11,25–27.

Matthäus 24

1 Und Jesus ging aus dem Tempel fort und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. 2 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

3 Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? 4 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. 5 Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen. 6 Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn es muss geschehen. Aber es ist noch nicht das Ende. 7 Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. 8 Das alles aber ist der Anfang der Wehen.

9 Dann werden sie euch der Bedrängnis überantworten und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. 10 Dann werden viele zu Fall kommen und werden sich untereinander verraten und sich untereinander hassen. 11 Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. 12 Und weil die Missachtung des Gesetzes überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. 13 Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig. 14 Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

Mt 24,1–14 Die Tempelzerstörung (Mk 13,1–13; Lk 21,5–19) 24,1–2 Der nicht zerbrochen werde, erinnert an prophetische Drohungen gegen den Tempel (z.B. Jer 26,4–6; Mi 3,12; vgl. auch Mt 26,61; 27,40; Mk 14,58; Apg 6,14; 2Makk 2,22; Jos.Bell. 6,267; 1QpHab 9,6–7; bSuk 51b). Herodes der Große begann ca. 19 v.u.Z. den Tempel zu renovieren, was aber zu Jesu Lebzeiten noch nicht vollendet war. 24,3 Ölberg, vgl. Anm. zu 21,1; von dort konnte der Tempel gesehen werden. Zeichen, ebenso wie die Pharisäer fordern auch die Jünger ein Zeichen; Jesus bietet ihnen eine Prophezeiung an. Dein Kommen, gr. parousia wurde mit militärischen und kaiserlichen Paraden assoziiert. Unter Jesu Anhängerschaft bezeichnete der Begriff die Rückkehr Jesu, um das Jüngste Gericht zu eröffnen und das vollständige messianische Zeitalter einzuleiten (z.B. 1Thess 2,19). 24,5 Ich bin der Christus, zu falschen Propheten vgl. Anm. zu 7,15. Josephus führt einige Messiasprätendenten des ersten Jahrhunderts auf (Bell. 2,259–63; 6,288). Vgl. „Messianische Bewegungen“. 24,6 Kriegsgeschrei, vgl. Jes 19,1–4; Jer 51,46; Sach 14,1–19; Dan 7,21; 9,26; 11 und Offb 6,4.12–17; PsSal 15,7–13; syrBar 27,3–5; 4Esr 13,31–32; Sib 3,635–51. 24,8 Wehen, Jes 26,17; Dan 2,28; 4Esr 4,40; 13,31–32; äthHen 62,4; vgl. auch Joel 2,10–11; Am 4,6–13; Sach 14,5; Offb 6,8; 18,8; syrBar 27,6; 70,8; mBer 9,2; bBer 55a. 24,9 Euch […] überantworten, vgl. Anm. zu 10,16–25 und 16,24; Joh 15,18–21. 24,10–12 Werden sich untereinander verraten, vgl. Anm. zu 18,6. 24,14 Alle Völker, Juden als auch Nichtjuden (vgl. Anm. zu 8,10.; Mt 9,17; 15,28; 18,6; 21,21; 28,19). Matthäus stellt die Endzeit zurück, bis die Welt evangelisiert wurde (vgl. Anm. zu 28,19–20). Jüdische Quellen binden das Ende der Welt an den Gehorsam und die Buße Israels; vgl. Ez 36,24–29; Dan 12,12–13; Tob 13,6; bBB 10a; bNed13b.

15 Wenn ihr nun sehen werdet den Gräuel der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel (Daniel 9,27; 11,31) – wer das liest, der merke auf! –, 16 alsdann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist; 17 und wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter, etwas aus seinem Hause zu holen; 18 und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, seinen Mantel zu holen. 19 Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! 20 Bittet aber, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat. 21 Denn es wird dann eine große Bedrängnis sein, wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt und auch nicht wieder werden wird. 22 Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Mensch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen werden diese Tage verkürzt.

23 Wenn dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus!, oder: Da!, so sollt ihr‘s nicht glauben. 24 Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, sodass sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten. 25 Siehe, ich habe es euch vorausgesagt. 26 Wenn sie also zu euch sagen werden: Siehe, er ist in der Wüste!, so geht nicht hinaus; siehe, er ist drinnen im Haus!, so glaubt es nicht. 27 Denn wie der Blitz ausgeht vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird auch das Kommen des Menschensohns sein. 28 Wo das Aas ist, da sammeln sich die Geier.

29 Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Tage wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 30 Und dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und dann werden wehklagen alle Stämme der Erde und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. 31 Und er wird seine Engel senden mit hellen Posaunen, und sie werden seine Auserwählten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern.

32 An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige jetzt saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. 33 Ebenso auch: Wenn ihr das alles seht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist. 34 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. 35 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. 36 Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

Mt 24,15–35 Das Kommen des Menschensohns (Mk 13,14–32; Lk 21,20–33) 24,15 Gräuel der Verwüstung, Dan 9,27; 11,31; 12,11. Dieser Ausdruck bezog sich ursprünglich auf die Entweihung des Altars im Jerusalemer Tempel durch Antiochus IV (auch „Epiphanes“ genannt) im Jahr 168 oder 167 v.u.Z. (1Makk 1,54). 24,16 Fliehe, Matthäus spielt vielleicht auf den Aufstand von 66–70 u.Z. an, als Juden aus Jerusalem flohen (Eus.h.e. 3,5,3); vgl. auch Sach 14,5. 24,20 Am Sabbat, im jüdischen Recht darf der Sabbat gebrochen werden, um Leben zu retten (vgl. Anm. zu 12,2; 1Makk 2,41, bSchab 128b; bJom 85a-b). 24,21–22 Vgl. Joel 2,2; Dan 12,1. Auserwählte, bei Matthäus gläubige Mitglieder der Kirche (Ex 19,16; Dtn 30,3–4; Jes 11,11.16; 18,3; 27,13; Ez 39,27). Diese Tage [werden] verkürzt, Sir 36,10; syrBar 20,1–2; 54,1; 83,1; 4Esr 4,26. 24,23–24 Vgl. Anm. zu 24,5. 24,28 Geier, gr. aetoi, wörtl. „Adler“, vielleicht eine Anspielung auf die römischen Truppen. 24,29 Jes 13,10; Ez 32,7; Joel 2,10–11; Am 8,9; Zef 1,15. 24,30 Zeichen, d.h. das Kommen des Menschensohns, der sein eigenes Zeichen ist. [Der] Menschensohn komm[t] auf den Wolken des Himmels, vgl. Anm. zu 8,20 und 10,23; Mt 26,64; Dan 7,13–14; 1Thess 4,16. 24,31 Posaunen, vgl. Jes 27,13; Sach 9,14. Seine Auserwählten, vgl. Anm. zu 24,22. 24,34 Vgl. Mt 10,23; Anm. zu 16,28 und 23,36.

37 Denn wie es in den Tagen Noahs war, so wird es sein beim Kommen des Menschensohns. 38 Denn wie sie waren in den Tagen vor der Sintflut – sie aßen, sie tranken, sie heirateten und ließen heiraten bis an den Tag, an dem Noah in die Arche hineinging; 39 und sie beachteten es nicht, bis die Sintflut kam und raffte sie alle dahin –, so wird es auch sein beim Kommen des Menschensohns. 40 Dann werden zwei auf dem Felde sein; der eine wird angenommen, der andere wird preisgegeben. 41 Zwei Frauen werden mahlen mit der Mühle; die eine wird angenommen, die andere wird preisgegeben.

42 Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. 43 Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausherr wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, so würde er ja wachen und nicht in sein Haus einbrechen lassen. 44 Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr‘s nicht meint.

Mt 24,36–44 Wachsamkeit (Mk 13,33–37; Lk 21,34–36; 17,26–35) 24,36Mt 11,27. Der Sohn erscheint dem Vater untergeordnet (vgl. Joh 14,28; 1Kor 15,28). Nur Gott weiß, wann die Zeit gekommen ist (Sach 14,7; syrBar 21,8). 24,37 Tage Noahs, sündhafte Zeit (Gen 6,11–12; vgl. Jes 54,9 und bSan 108a: „Die Zeitgenossen der Sintflut haben keinen Anteil an der zukünftigen Welt (hebr. ‘olam ha-ba’)“. 24,39 Kommen des Menschensohns, ohne Warnung. 24,40–41 Auf dem Felde […] mahlen mit der Mühle, geschlechtsspezifische Beispiele. 24,42 Wachet, Mt 25,13 (Mk 13,35.37; 14,34; 1Thess 5,6). 24,43 Wie ein Dieb, vgl. 1Thess 5,2; Offb 3,3; 16,15.

45 Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den der Herr über sein Gesinde gesetzt hat, dass er ihnen zur rechten Zeit Speise gebe? 46 Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. 47 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen. 48 Wenn aber der böse Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, 49 und fängt an, seine Mitknechte zu schlagen, isst und trinkt mit den Betrunkenen, 50 dann wird der Herr dieses Knechts kommen an einem Tage, an dem er‘s nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, 51 und er wird ihn in Stücke hauen lassen und ihm seinen Platz geben bei den Heuchlern; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Mt 24,45–51 Gleichnis des treuen Knechts (Lk 12,42–46) 24,45 Der treue und kluge Knecht, die Obersten der Gemeinschaft, die dafür verantwortlich sind, die Christusgläubigen bis zur Wiederkunft Jesu (des „Herrn“) im Glauben zu bewahren. Speise, geistliche Nahrung (Num 11,12–13; 1Kor 3,1–3; 2Tim 2,15; Hebr 5,12.14). 24,51 Vgl. Anm. zu 8,12; Mt 13,42.50; 21,41; 22,13; 25,30.41.46.

Matthäus 25

1 Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. 2 Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug. 3 Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. 4 Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen.

5 Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. 6 Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen! 7 Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig.

8 Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. 9 Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zu den Händlern und kauft für euch selbst.

10 Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. 11 Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! 12 Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.

13 Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.

Mt 25,1–13 Das Gleichnis der Brautjungfern (Lk 12,35–36) Vgl. Mt 22,1–14; Offb 19,7–10; bSchab 153a: Die, die auf das königliche Gastmahl vorbereitet waren, genießen seine Annehmlichkeiten; die Unvorbereiteten aber werden leiden. 25,1 Jungfrauen, gr. parthenoi. Bräutigam, vgl. Anm. zu 9,15. 25,3–4 Öl, in Verbindung mit „Lampen“ dient Öl manchmal als Metapher für Gerechtigkeit und gute Werke (Ps 119,105: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege“; Spr 6,23; 13,9; Hiob 18,5; syrBar 59,2; 4Esr 14,20–21). 25,13 Wachet, Mt 24,42.

14 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; 15 dem einen gab er fünf Zentner[*] Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und ging außer Landes. Sogleich 16 ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. 17 Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. 18 Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.

19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. 20 Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe fünf Zentner dazugewonnen. 21 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!

22 Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe zwei dazugewonnen. 23 Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!

24 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; 25 und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. 26 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? 27 Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. 28 Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. 29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. 30 Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Mt 25,14–30 Das Gleichnis der Talente (Lk 19,11–27) Vgl. Mt 18,23–35; 25,1–13. 25,15 Fünf Zentner/Talente, entspricht mehreren Jahreslöhnen. 25,19 Der Herr [kam], die Wiederkunft Jesu. Forderte Rechenschaft, das Jüngste Gericht, in dem sich alle für ihr Handeln verantworten müssen (Mt 18,23). 25,25 Ich verbarg deinen Zentner, Menschen vergruben ihr Geld, um es vor Dieben zu schützen (vgl. Hor.sat. 1,141–42). Hier bezieht sich die Wendung auf alle, die es nicht vermögen rechtschaffen zu handeln. 25,29–30Lk 8,18; 13,28. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, vgl. EvThom 41 und bBer 40a; 55a. Äußerste Finsternis, vgl. Mt 8,12; 22,13.

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.

44 Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? 45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. 46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Mt 25,31–46 Das endgültige Gericht 25,31 Menschesohn, vgl. Dan 7,13–14 und Anm. zu 8,20. 25,32 Alle Völker, vgl. Anm. zu 24,14. Das Gericht über Juden und Nichtjuden (vgl. Mt 5,21–22; 7,2; 12,36.41–42; 16,27 und Jes 66,18; Ez 34,17; Mi 4,3; Röm 2,13–16). Er wird sie voneinander scheiden, in jüdischen Schriften wird teilweise ein verherrlichter Mensch bezeugt, der die Völker richten wird (syrBar 72,2–6; 11QMelch 2,13); in rabbinischen Quellen ist Gott der Richter (bRHSch 8a; 16a-b). Schafe von den Böcken, steht für die Gerechten bzw. die Frevler (Ez 34,17). 25,33 Zu seiner Rechten, die Seite der Gerechtigkeit und des Rechts (Mt 20,21.23; 1Kön 22,19; Ps 110,1; vgl. auch 1Kön 2,19; Ps 45,10; Röm 8,34). 25,34 Vgl. Mt 5,3; Lk 12,32; Offb 13,8; 17,8. 25,35–36 Den Notleidenden zu helfen bedeutet in Wirklichkeit, Gott zu dienen; vgl. Jes 58,7; 2Tim 1,16; Hebr 13,2–3; Jak 2,15–16. Nach bBB 10a führt wohltätiges Spenden zur Erlösung Israels. 25,40 Vgl. Mt 10,42. 25,41 Ewiges Feuer, vgl. Anm. zu 7,19. 25,46 Vgl. Dan 12,2; Joh 5,29; syrBar 51,6. Gerechte, die Erlösung beruht auf Werken der Barmherzigkeit (vgl. Anm. zu 1,19 und 3,14; Mt 5,6; 6,1; 10,11; 21,32; 22,14; vgl. auch Joh 5,29).

Matthäus 26

1 Und es begab sich, als Jesus alle diese Reden vollendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: 2 Ihr wisst, dass in zwei Tagen Passa ist; und der Menschensohn wird überantwortet werden, dass er gekreuzigt werde.

Mt 26,1–2 Die vierte Ankündigung der Passion Vgl. Mt 16,21–23; 17,22–23; 20,17–19. 26,2 Passa, ein Wallfahrtsfest, bei dem der Auszug der Israeliten aus Ägypten gefeiert wird; das Fest zog zehntausende Pilger nach Jerusalem, wo sie das Passalamm darbrachten. Vgl. „Opferkult und Tempel“.

3 Da versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der hieß Kaiphas, 4 und hielten Rat, Jesus mit List zu ergreifen und zu töten. 5 Sie sprachen aber: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr gebe im Volk.

Mt 26,3–5 Jüdische Anführer verschwören sich (Mk 14,1–2; Lk 22,1–2; Joh 11,47–53) 26,3 Hohepriester, nominelles Oberhaupt des Volkes, das keinen König hatte (Jos.Bell. 2,232–44; 6,300–309; Ant. 20,199–203). Kaiphas, Hohepriester von 18–36 u.Z. (Jos.Ant. 18,35). 26,4 [Sie] hielten Rat, Priester und Älteste sind Jesu Hauptgegner in der Passionserzählung. 26,5 Aufruhr, vgl. Mt 27,24.

6 Als nun Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen, 7 trat zu ihm eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit kostbarem Salböl und goss es auf sein Haupt, als er zu Tisch saß. 8 Da das die Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Vergeudung? 9 Es hätte teuer verkauft und das Geld den Armen gegeben werden können.

10 Als Jesus das merkte, sprach er zu ihnen: Was bekümmert ihr die Frau? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 11 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit. 12 Dass sie dies Öl auf meinen Leib gegossen hat, hat sie getan, dass sie mich für das Begräbnis bereite. 13 Wahrlich, ich sage euch: Wo dies Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Mt 26,6–13 Die salbende Frau 26,6 Bethanien, vgl. Anm. zu 21,17. Simon, wird sonst nicht erwähnt. 26,7 Goss es auf sein Haupt, Könige wurden mit Öl gesalbt (z.B. 1Sam 10,1; 16,13; 2Kön 9,6). 26,8–9 Das Geld den Armen geben, eine rabbinische Tradition ordnet den Verkauf von Luxusgütern an, um für die Armen zu sorgen (bTaan 20b). Passa galt als Zeit des Almosengebens (mPes 9,10; 10,1). 26,11 Ihr habt allezeit Arme bei euch, vgl. Dtn 15,1–11. 26,12 Dass sie mich für das Begräbnis bereite, als Vorbereitung auf die Bestattung salbte man im Judentum die Leichname (Joh 19,39–40; TestAbr 20,11; Jos.Ant. 17,199; mSchab 23,5). Vgl. „Die Bestattung Jesu: Texte und archäologische Befunde“.

14 Da ging einer von den Zwölfen, mit Namen Judas Iskariot, zu den Hohenpriestern 15 und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge. 16 Und von da an suchte er eine Gelegenheit, dass er ihn ausliefere.

Mt 26,14–16 Judas ist bereit, Jesus zu verraten (Mk 14,10–11; Lk 22,3–6) 26,14 Judas Iskariot, vgl. Anm. zu 10,4. Bis zu diesem Zeitpunkt war Judas ein treuer Jünger. 26,15 Was wollt ihr mir geben, Matthäus präsentiert Habgier als Motiv, Lukas (22,3–6) und Johannes (13,2.27) bringen Judas mit dem Satan in Verbindung. Dreißig Silberlinge, Ex 21,32: Dreißig Silberlinge war auch die Ausgleichszahlung für einen Sklaven, der von einem Rind gestoßen wurde. In Sach 11,12–13 entsprechen dreißig Silberlinge dem Lohn eines Schäfers. Als Silbermünze befand sich damals die athenische Tetradrachme (Vierdrachmenstück) im Umlauf, die ungefähr vier Denaren entsprach. Ein Denar war der Tageslohn eines Arbeiters, womit der hier genannte Betrag etwa 120 Tageslöhnen entspräche.

Judas

Obwohl Judas Iskariot bei Paulus nicht erwähnt wird, da dieser nur feststellt, dass Jesus von Gott (s. Röm 4,25) „ausgeliefert“ wurde (gr. paradidomi), erinnert man sich bei Matthäus an ihn als treulosen Jünger, der Jesus für 30 Silberlinge verraten hat. Die Motive der Gier und der Bezahlung tauchen nicht schon bei Markus, sondern erst im Matthäusevangelium auf (Mt 26,14–16; 27,1–10; vgl. Mk 14,10–11; 15,1). Diese Details bilden den Anfang des Stereotyps vom käuflichen und illoyalen Juden, eine Entwicklung, die von der Tatsache befördert wurde, dass der Name „Judas“ (Jehuda) ursprünglich „Jude“ bedeutet. Es gibt jedoch keinerlei Anzeichen dafür, dass zur Entstehungszeit des NT Judas für das ganze jüdische Volk stand. Diese Interpretation kam erst später auf. Es ist wahrscheinlich, dass Matthäus die Erwähnung der 30 Silberlinge einfügte, um mit der Handlung des Judas auf Sach 11,11–12 anspielen und so einen Bezug zur hebräischen Prophetie herstellen zu können.

Gemäß jüdischem Gesetz musste derjenige, der jemanden fälschlich bezichtigt hatte, die gleiche Strafe erleiden wie der Betrogene (Dtn 19,16–20; bMak 5a; s.a. 11QT 61,7; Jos.Ant. 4,219; bSan 9b). Judas‘ tragische Entscheidung, seinem Leben ein Ende zu bereiten, indem er sich erhängt – am Kreuz oder an einem Baum hängen sind im Griechischen verwandte Begriffe –, ist ebenfalls nur bei Matthäus zu finden (im Gegensatz zu Apg 1,16–20). Der Tod des Judas spielt auf die Geschichte von Davids Knecht Ahitofel an, der sich selbst nach seinem Verrat an König David, dem wiederum Jesus (bei Matthäus) nachempfunden ist, erhängt (2Sam 17,23–24). Rabbinische Quellen berichten, dass Ahitofel seinen Verrat bereute und daher seinen Selbstmord als erlösenden Akt verstand, der es ihm ermöglichte, (dennoch) in die künftige Welt einzugehen (bSan 104b–105a).

17 Aber am ersten Tag der Ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wo willst du, dass wir dir das Passalamm zum Essen bereiten? 18 Er sprach: Geht hin in die Stadt zu einem und sprecht zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; ich will bei dir das Passamahl halten mit meinen Jüngern. 19 Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Passalamm.

20 Und am Abend setzte er sich zu Tisch mit den Zwölfen. 21 Und als sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln zu ihm zu sagen: Herr, bin ich‘s? 23 Er antwortete und sprach: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. 24 Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. 25 Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich‘s, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es.

26 Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach‘s und gab‘s den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. 27 Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; 28 das ist mein Blut des Bundes[*], das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. 29 Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich. 30 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Mt 26,17–29 Das letzte Abendmahl (Mk 14,12–31; Lk 22,7–34; Joh 13,21–30) 26,17 Ungesäuerte Brote, hebr. maza, vgl. Anm. zu 26,19. Das Passalamm zum Essen bereiten, das rituell geopferte Lamm (Ex 12,3.6; mPes 7,9; 10,3.9; Jos.Ant. 3,249; CD 11,18–21). 26,19 Passalamm, zur damaligen Zeit wurde ein Passalamm gegessen, was sich später zum Seder weiterentwickelte (Hebräisch für „Ordnung“), bei dem jüdische Familien den Auszug aus Ägypten nacherzählen und besonderes Essen verzehren (Matzen, Passalamm, Bitterkräuter; vgl. Ex 12,18–27; Lev 23,4–8; Num 9,1–14; 28,17; Dtn 16,1–8; vgl. mPes). Das heutzutage begangene Sederritual beruht allerdings zu einen großen Teil auf späteren, rabbinischen Entwicklungen (z.B. bPes 95a; 103a; 114a; eine Überlieferung bringt den berühmten R. Gamaliel den Jüngeren mit den frühesten Passafeiern der rabbinischen Epoche in Verbindung [vgl. tPes 10,12]). 26,24 Menschensohn, vgl. Anm. zu 8,20. 26,25 Rabbi, vgl. Anm. zu 23,7. 26,26–28 Das ist mein Leib […], das ist mein Blut, der Ursprung der christlichen Eucharistie, Kommunion oder Herrenmahl, die Wiederholung bzw. Erinnerungsfeier des letzten Abendmahls (vgl. auch Ex 24,6–8; Jes 53,11–12; 1Kor 11,23–25; Hebr 9,20). Vgl. „Taufe und Eucharistie“. Mein Blut des Bundes, im Christentum teilweise als Verweis auf den „neuen“ Bund Jesu verstanden (Jer 31,31; vgl. auch Ex 24,8; Sach 9,11). Zur Vergebung der Sünden, wie das Blut von Sündopfern hat auch das Blut Jesu Kraft, Sünden zu vergeben (vgl. auch Mt 1,21; Anm. zu 9,2.3.8; Mt 12,6; 20,28; 21,12–13). Die Opfergabe des Passafestes ist allerdings kein Sündopfer (vgl. „Opferkult und Tempel“).

31 Da sprach Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr euch alle ärgern an mir; denn es steht geschrieben (Sacharja 13,7): »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.« 32 Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.

33 Petrus aber antwortete und sprach zu ihm: Wenn sich auch alle an dir ärgern, so will ich doch mich niemals ärgern. 34 Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 35 Petrus sprach zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle Jünger.

Mt 26,30–35 Die Ankündigung der Verleugnung des Petrus 26,30 Lobgesang singen, vgl. Anm. zu 21,9. Ölberg, vgl. Anm. zu 21,1 und 24,3. 26,31 Sach 13,7; Joh 16,32. [Ihr] werdet euch alle ärgern, gr. skandalisthēsesthe, wörtl. „zu Fall gebracht werden“ (von gr. skandalon, übers. „Stolperstein“; vgl. Anm. zu 18,6). 26,32 Galiläa, vgl. Anm. zu 4,12; Mt 21,11; 28,7.10. Lukas und Johannes lassen die Erscheinungen des Auferstandenen in Judäa stattfinden.

36 Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete. 37 Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen. 38 Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir!

39 Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist‘s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst! 40 Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? 41 Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.

42 Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist‘s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe[*], ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! 43 Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. 44 Und er ließ sie und ging wieder hin und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte. 45 Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird. 46 Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.

47 Und als er noch redete, siehe, da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes. 48 Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist‘s; den ergreift. 49 Und alsbald trat er zu Jesus und sprach: Sei gegrüßt, Rabbi!, und küsste ihn. 50 Jesus aber sprach zu ihm: Mein Freund, dazu bist du gekommen? Da traten sie heran und legten Hand an Jesus und ergriffen ihn.

51 Und siehe, einer von denen, die bei Jesus waren, streckte die Hand aus und zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab. 52 Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen. 53 Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, und er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken? 54 Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, dass es so geschehen muss?

55 Zu der Stunde sprach Jesus zu der Schar: Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich gefangen zu nehmen? Habe ich doch täglich im Tempel gesessen und gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. 56 Aber das ist alles geschehen, auf dass erfüllt würden die Schriften der Propheten. Da verließen ihn alle Jünger und flohen.

Mt 26,36–56 Gethsemane (Mk 14,32–52; Lk 22,39–54; Joh 18,1–12) 26,36 Gethsemane, hebr. für Ölpresse (gat shemanim), nahe dem Ölberg. 26,37 Söhne des Zebedäus, vgl. Anm. zu 20,20. 26,38 Meine Seele ist betrübt, ein innerlicher Kampf, vgl. Ps 31; 42,6–7. Wachet, vgl. Mt 24,42. 26,39 Gehe dieser Kelch an mir vorüber, vgl. Anm. zu 20,23; Mt 26,27–28 sowie Ez 23,31–34. 26,41 Anfechtung, vgl. Anm. zu 6,13 und Röm 6,19. 26,42 Mein Vater […] so geschehe dein Wille, vgl. Mt 6,9–13. 26,48 Küssen, ein unter den Nachfolgerinnen und Nachfolgern Jesu verbreiteter Gruß (Röm 16,16; 1Kor 16,20; 2Kor 13,12; 1Thess 5,26; 1Petr 5,14), aber auch ein Symbol des Betrugs (2Sam 20,9). 26,49 Rabbi, vgl. Anm. zu 23,7; Mt 26,25. 26,50 Freund, vgl. Anm. zu 20,13. 26,52 Der wird durchs Schwert umkommen, vgl. Gen 9,6; Jer 15,2; Offb 13,10. 26,53 Legionen, römische Militärverbände von 5000–5500 Männern (zur Beschreibung der römischen Armee vgl. Jos.Bell 3,59–109; 5,39–70). 26,54 Schrift, Matthäus zitiert hier aber keine Schriftstelle; keine vorchristlichen Quellen werden als Ankündigung der Gefangennahme, des Leidens und der Kreuzigung eines Messias angeführt. 26,55Joh 18,19–21. 26,56 Schriften der Propheten, vgl. Anm. zu 26,54.

57 Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und die Ältesten sich versammelt hatten. 58 Petrus aber folgte ihm nach von ferne bis zum Palast des Hohenpriesters und ging hinein und setzte sich zu den Knechten, um zu sehen, worauf es hinauswollte.

59 Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, dass sie ihn töteten, 60 und fanden keins, obwohl viele falsche Zeugen herzutraten. Zuletzt aber traten zwei herzu 61 und sprachen: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen. 62 Und der Hohepriester stand auf und sprach zu ihm: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen? 63 Aber Jesus schwieg still. Und der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes. 64 Jesus sprach zu ihm: Du sagst es. Doch sage ich euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.

65 Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört. 66 Was meint ihr? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig. 67 Da spien sie ihm ins Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten. Einige aber schlugen ihn ins Angesicht 68 und sprachen: Weissage uns, Christus, wer ist‘s, der dich schlug?

Mt 26,57–68 Der Prozess vor dem Sanhedrin (Mk 14,53–72; Lk 22,54–71; Joh 18,13–14) 26,57 Kaiphas, vgl. Anm. zu 26,3. Die Historizität des Prozesses vor dem Sanhedrin, der im JohEv nicht belegt ist, ist höchst fragwürdig. Er wäre illegal gewesen, da Anhörungen an Festtagen verboten waren (mSan 4,1; mBez 5,2; tBez 4,4). Darüber hinaus würde sich das Gerichtskollegium nicht in der Kammer des Hohepriesters treffen (vgl. bAS 8b; bSchab 15a). Zudem konnte ein Verbrecher nicht so schnell zum Tod verurteilt werden, da grundsätzlich erst ein ganzer Tag vergehen musste, bevor die Todesstrafe ausgeführt werden konnte (mSan 4,1). Vgl. „Der Sanhedrin“. 26,59 Der ganze Hohe Rat, der Sanhedrin (eine Einberufung in der ersten Nacht des Passafestes ist unwahrscheinlich). 26,60 Falsches Zeugnis, mindestens zwei Zeugen waren notwendig, um eine Todesstrafe zu verhängen (vgl. Anm. zu 18,16; vgl. auch Dtn 17,6–7; 19,15; tSan 8,3). 26,61 Vgl. Mt 24,2; 27,40; Joh 2,19; EvThom 71. 26,63 Jesus schwieg still, vielleicht eine Anspielung auf Jes 53,7. Sohn Gottes, vgl. Anm. zu 14,33. 26,64 Du sagst es, Matthäus schwächt das markinische „Ich bin’s“ (Mk 14,62) ab. Menschensohn […] Himmel, Dan 7,13–14. 26,65 Der Hohepriester [zeriss] seine Kleider, ein Hinweis auf Trauer, die nach jüdischem Brauch als Reaktion auf das Hören von gotteslästerlichen Worten vorgeschrieben war (mSan 7,5; bSan 60a). Er hat Gott gelästert, streng genommen lästert Jesus Gott nicht. In mSan 7,4–5 wird Blasphemie als das Aussprechen des Gottesnamens definiert (vgl. auch Lev 24,10–16). Das Urteil ist so erfunden wie der Prozess (vgl. Anm. zu 9,3; Mt 12,31). 26,66 Er ist des Todes schuldig, zu dieser Zeit hatte das jüdische Gerichtswesen vermutlich keine Autorität, ein Todesurteil auszusprechen (Joh 18,31; bSan 41a erwähnt, dass der Sanhedrin bereits vierzig Jahre vor der Zerstörung des Zweiten Tempels (70 u.Z.) aufgehört hatte, Kapitalverbrechen zu verhandeln).

69 Petrus aber saß draußen im Hof. Und es trat eine Magd zu ihm und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa. 70 Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst. 71 Als er aber hinausging in die Torhalle, sah ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth[*]. 72 Und er leugnete abermals und schwor dazu: Ich kenne den Menschen nicht.

73 Und nach einer kleinen Weile traten hinzu, die da standen, und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich. 74 Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Und alsbald krähte der Hahn. 75 Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

Mt 26,69–74 Die Verleugnung des Petrus Er fing an […] zu schwören, Petrus verstößt gegen Jesu Lehren (Mt 5,33–37).

Matthäus 27

1 Am Morgen aber hielten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volkes einen Rat über Jesus, dass sie ihn töteten, 2 und sie banden ihn, führten ihn ab und überantworteten ihn dem Statthalter Pilatus.

3 Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück 4 und sprach: Ich habe gesündigt, unschuldiges Blut habe ich verraten. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu! 5 Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging davon und erhängte sich.

6 Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir sie in den Tempelschatz legen; denn es ist Blutgeld. 7 Sie beschlossen aber, den Töpferacker davon zu kaufen zum Begräbnis für die Fremden. 8 Daher heißt dieser Acker Blutacker bis auf den heutigen Tag. 9 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: »Sie nahmen die dreißig Silberlinge, den Preis, der geschätzt worden war – den hatten einige von den Israeliten geschätzt –, 10 und gaben sie für den Töpferacker, wie mir der Herr befohlen hat.«

Mt 27,1–10 Der Suizid des Judas 27,1–2 (Mk 15,1; Lk 23,1). Pilatus, römischer Präfekt von Judäa von 18–36 u.Z., bekannt für seine Grausamkeit (Tac.ann. 15,44; Jos.Bell. 2,166–77; Ant. 18,35.55–64.85–89.177; vgl. „Jüdische Geschichte von 331 v.u.Z. bis 135 u.Z.“). 27,3 Reute es ihn, dies überliefert einzig Matthäus. Dreißig Silberlinge, vgl. Anm. zu 26,15. 27,4 Unschuldiges Blut, vgl. Dtn 27,25; Jer 19,4. Judas (Mt 27,4), die jüdische Obrigkeit (Mt 26,59), Pilatus (Mt 27,23–25), dessen Frau (Mt 27,19), die Mengen (Mt 27,18) und der Hauptmann (Mt 27,54) bekennen Jesu Rechtschaffenheit und Unschuld offen. 27,5 Erhängte sich, das MtEv überliefert dies als einziges Evangelium (dagegen: Apg 1,16–20) und parallelisiert Judas‘ Tod mit dem des Ahitofel, dem Gegenspieler von David (2Sam 17,23). 27,6 Blutgeld, Geld, das mit dem Tod oder Unsittlichkeiten in Verbindung gekommen ist, kann nicht für heilige Zwecke verwendet werden (vgl. Dtn 23,18–19: Die Vergütung einer Prostituierten darf nicht in das „Haus des Herrn“ gebracht werden). 27,9–10 Eine Kombination aus Sach 11,12–13; Jer 18,1–19; 32,6–15.

11 Jesus aber wurde vor den Statthalter gebracht; und der Statthalter fragte ihn und sprach: Bist du der König der Juden? Jesus aber sprach: Du sagst es. 12 Und als er von den Hohenpriestern und Ältesten verklagt wurde, antwortete er nichts. 13 Da sprach Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, was sie alles gegen dich vorbringen? 14 Und er antwortete ihm nicht auf ein einziges Wort, sodass sich der Statthalter sehr verwunderte.

15 Zum Fest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. 16 Sie hatten aber zu der Zeit einen bekannten Gefangenen, der hieß Jesus Barabbas. 17 Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? 18 Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten.

19 Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.

20 Aber die Hohenpriester und die Ältesten überredeten das Volk, dass sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten. 21 Da antwortete nun der Statthalter und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben? Sie sprachen: Barabbas! 22 Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich dann machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: Lass ihn kreuzigen! 23 Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrien aber noch mehr: Lass ihn kreuzigen! 24 Da aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen; seht ihr zu! 25 Da antwortete alles Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!

26 Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt würde.

Mt 27,11–26 Jesus vor Pilatus (Mk 15,2–5; Lk 23,1–7.13–25; Joh 18,29–19,16) 27,11 König der Juden, Pilatus würde einen jüdischen „König“ als Bedrohung für das Imperium betrachten. 27,14 Er antwortete ihm nicht, vgl. Anm. zu 26,63; 1Tim 6,13. 27,15 Einen Gefangenen losgeben, Rom ließ hin und wieder Gefangene frei, aber nicht diejenigen, „die offenbar den Tod verdient hatten“ (Jos.Ant. 20,215; vgl. mPes 8,6). 27,16 Vgl. Mk 15,7; Lk 23,25. Rom würde keinen bekannten Häftling entlassen. Jesus Barabbas, aram. für „Sohn des/eines Vaters“. In einigen frühen Handschriften fehlt „Jesus“. Der Name Barabbas taucht auch in rabbinischer Literatur auf, wo unter anderem ein Abba bar Abba („Vater, Sohn des Vaters“), Vater eines berühmten Gelehrten namens Samuel, erwähnt wird; vgl. bBer 18b. Der Name steht für ein theologisches Argument: Der unschuldige „Jesus, Sohn des Vaters“ zahlt das Lösegeld für sein schuldiges Gegenüber. 27,19–20 Seine Frau, nur bei Matthäus erwähnt (vgl. ActPil 2,1). Traum, erinnert an Josef (Mt 1–2). 27,22 Kreuzigen, die römische Hinrichtungsmethode für nicht-Bürger und Aufständische – manchmal in großen Gruppen. Der Kreuzigung ging oft eine Geißelung voran (Jos.Bell. 5,449–51). Das Opfer wurde an den Querbalken (durch die Handgelenke) angenagelt oder angebunden; die Strafe schloss öffentliche Bloßstellung (die Opfer waren oft nackt) und einen schleichenden Tod durch Ersticken ein, da die Erschöpfung des Gekreuzigten es mit der Zeit unmöglich machte, den Körper zum Atmen anzuheben. Die Tora fordert, durch Pfählung Hingerichtete noch am selben Tag zu bestatten (Dtn 21,22–23). Auch der böse Haman wurde auf einem Pflock (Est 7,10) zusammen mit seinen zehn Söhnen (Est 9,13–14) gepfählt. 27,24 Wusch sich die Hände, nur bei Matthäus erwähnt. Die rituelle Handlung kann mit Reinigung oder der Befreiung von Schuld assoziiert werden (Dtn 21,1–9; Ps 26,6; 73,13). Da Pilatus das Recht nicht durchsetzen kann, ist er an der Hinrichtung Jesu mitschuldig. 27,25 Sein Blut komme über uns und unsere Kinder, dieser nur bei Matthäus überlieferte Vers führte dazu, dass Christinnen und Christen vieler Generationen Juden für den Tod Jesu verantwortlich machten (Vgl. Anm. zu 21,37-39). Die frühe Leserschaft des MtEv hat den Satz wahrscheinlich auf die Einwohner Jerusalems bezogen, die in der Folge des jüdischen Krieges (66–70 u.Z.) getötet oder versklavt wurden. Frühe Christusgläubige könnten diese Verwüstung als Strafe für die Verurteilung Jesu angesehen haben.

Der „Schrei des Blutes“

Nur Mt 27,25 stellt „das ganze Volk“ (gr. pas ho laos) so dar, dass es nach Jesu Kreuzigung verlangt, ja, während Pilatus zögert, auf ihr besteht: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ Dieser Ausruf, der gewöhnlich als „Schrei des Blutes“ bezeichnet wird, wurde von Christen durch die Jahrhunderte hindurch so verstanden, dass er sich auf alle Juden zu allen Zeiten und an allen Orten beziehe, die so für Jesu Tod verantwortlich gemacht werden. Die erste Bezeugung dieser Ansicht konnte man in 1Thess 2,14–16 finden, also in der Mitte des 1. Jahrhunderts u.Z., wo Paulus „die Juden“ für den Tod Jesu verantwortlich macht, obwohl die Bedeutung von „die Juden“ hier fraglich ist, zumal Paulus selbst Jude war. Paulus meint hier vermutlich die jüdischen Autoritäten, einige wenige Mitglieder der Gemeinde oder „Judäer“, also lediglich die Bevölkerung Judäas (s. Iou-daios, S.640). Zur Zeit Justins des Märtyrers im 2. Jahrhundert u.Z. zeigt sich die Meinung, die Juden seien allgemein für den Tod Jesu verantwortlich, schon deutlicher (s. Iust.dial. 16; s.a. EvPetr 1,25: „Da erkannten die Juden und die Ältesten und die Priester, welches Übel sie sich angetan hatten“ – das impliziert einen generellen Schuldvorwurf für Jesu Tod). Aber schon in der Antike stellten sich manche gegen diese Lesart (z.B. Chrys.hom.Mt 86,2, der z.T. anführt, dass Paulus selbst Jude war). Mit der Verkündung der Erklärung des 2. Vatikanischen Konzils, „Nostra Aetate“, im Jahre 1965, gab die römisch-katholische Kirche, und in ihrem Gefolge zahlreiche andere christliche Kirchen, diese Sicht der Kollektivschuld auf.

Da dieser Vers wahrscheinlich aus früheren Schriftaussagen stammt (Lev 20,9; Dtn 19,10; Jos 2,19; 2Sam 1,16; bes. Jer 26,15: „so werdet ihr unschuldiges Blut auf euch laden“; vgl. auch Apg 5,28), diente er Matthäus vermutlich eher als Aussage über die Erfüllung von Prophetenworten denn als eine universelle Verurteilung der Juden. Im Kontext des Matthäus waren außerdem „das ganze Volk“ von Jerusalem und ihre Kinder Zeugen der Zerstörung der Stadt im Jahr 70 u.Z. Manche Fachleute sind auch der Ansicht, dass Matthäus hier absichtlich ironisch ist: Unwissentlich ruft die Menge Jesu heilsames Blut auf sich selbst herab (s. Mt 26,28).

27 Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium und versammelten um ihn die ganze Kohorte 28 und zogen ihn aus und legten ihm einen roten Mantel an 29 und flochten eine Dornenkrone und setzten sie auf sein Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König!, 30 und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit auf sein Haupt.

31 Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen. 32 Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug.

33 Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, 34 gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und da er‘s schmeckte, wollte er nicht trinken. 35 Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. 36 Und sie saßen da und bewachten ihn. 37 Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.

38 Da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.

39 Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe 40 und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! 41 Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: 42 Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Er ist der König von Israel, er steige nun herab vom Kreuz. Dann wollen wir an ihn glauben. 43 Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. 44 Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.

45 Von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani?[*] Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

47 Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. 48 Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. 49 Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe! 50 Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.

51 Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, 52 und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf 53 und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. 54 Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

Mt 27,27–54 Die Kreuzigung (Mk 15,16–41; Lk 23,26–49; Joh 19,17–37) 27,27–31Verspotteten, vgl. Mk 15,16–20; Lk 23,26–32; Joh 19,1–2; EvPetr 2,5–3,9. Das matthäische Thema der prophetischen Erfüllung setzt sich fort (Mt 20,19; vgl. auch Jes 50,6; Jer 48,27 und Ps 22,7). 27,27 Kohorte, ca. 600 Männer. 27,28 Einen roten Mantel, die Tunika eines römischen Soldaten; im Gegensatz zu den anderen Evangelien ist sie scharlachrot, eine königliche Farbe; vgl. Mk 15,17; Joh 19,2. 27,32 Kyrene, im heutigen Libyen; im ersten Jahrhundert war die Gegend Heimat einer großen jüdische Gemeinschaft. 27,33 Golgotha, die gr. Umschrift des aram. Wortes für „Schädel“. Die Herkunft des Namens ist unsicher; er könnte auf die Form des Hügels verweisen. 27,34 [Sie] gaben […] ihm Wein zu trinken, um den Schmerz zu lindern (Spr 31,6; bSan 43a; vgl. auch Mk 15,23). Er [wollte] nicht trinken, vgl. Mt 26,29. 27,35 Verteilten sie seine Kleider, Ps 22,19. 27,38 Zwei Räuber, vgl. Anm. zu 20,21. 27,39 Lästerten ihn, wörtl. „fluchten ihn“; vgl. Anm. zu 9,3; Ps 22,8–9; 109,25. 27,40 Den Tempel [abbrechen], vgl. Anm. zu 1,11; 23,38 und 24,1–2. Wenn du Gottes Sohn bist, erinnert an die Anfechtung durch den Teufel (Mt 4,3.6; vgl. auch Mt 26,63). 27,46 Eli, Eli, lama asabtani, vgl. Ps 22,2. Die ersten zwei Worte sind Hebräisch, vermutlich um den bekannten hebräischen Psalm ins Gedächtnis zu rufen, gefolgt von Aramäisch, der Volkssprache jener Zeit. Der Psalm, der einen Großteil der Kreuzigungsszene inspiriert hat, endet mit einem triumphalen Ton. 27,47 Elia, hebr. Eli-jahu, der Prophet, der das messianische Zeitalter verkündigen sollte (Anm. zu 11,14–15). Laut rabbinischer Tradition hilft Elia den Gerechten in Notlagen (bAS 17b; bTaan 21a). 27,51–53 Vgl. Ex 26,31–35; Hebr 9,8; 10,19. 27,48 Essig, vgl. Ps 69,22. 27,51 Der Vorhang im Tempel zeriss in zwei Stücke, dies könnte symbolisch für die Tempelzerstörung stehen. Jesu Rolle als „Einer, der Sünden vergibt“ und als „göttliche Gegenwart“ ersetzen dabei den Tempel (Mt 12,6; vgl. Anm. zu 2,12–13 und 23,38; vgl. auch Mt 1,23; 18,20; 28,20 sowie ActPil 11,1). Es kann sich aber auch um göttliche Trauer handeln. Die Erde erbebte, gr. seiō, Substantiv seismos, wörtl. „Erdbeben“ (vgl. Anm. zu 8,24; Mt 24,7; 28,2 und Ri 5,4; Jes 24,19–22; 29,6; Ps 18,7–8; Offb 6,12; 8,5; 11,13.19). Keine nichtchristlichen Quellen berichten von diesen Vorgängen; der Fokus liegt hier auf theologischen Fragen und nicht auf dem geologischen Phänomen. 27,52 Heilige, gr. hagioi. Standen auf, viele Strömungen des Judentums erwarteten eine allgemeine Auferstehung als Teil des messianischen Zeitalters (Joh 11,24). 27,54 Hauptmann, vgl. Anm. 8,10.

55 Und es waren viele Frauen da, die von ferne zusahen; die waren Jesus aus Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient; 56 unter ihnen war Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus und Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.

Mt 27,55–56 Die Frauen als Zeuginnen 27,55 Hatten ihm gedient, Frauen dienten als Mäzenatinnen (Lk 8,1–3). Matthäus erwähnt zum ersten Mal weibliche Nachfolgerinnen mit Namen (Mt 27,61). Maria Magdalena, Magdala, auch unter dem Namen Tarichea bekannt, ist ein für die Verarbeitung von Fisch bekanntes Dorf in Galiläa. Maria, die Mutter des Jakobus und Josef, sonst unbekannt. Die Mutter der Söhne des Zebedäus, vgl. Anm. zu 20,20.

57 Am Abend aber kam ein reicher Mann aus Arimathäa, der hieß Josef und war auch ein Jünger Jesu. 58 Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, man sollte ihm den geben. 59 Und Josef nahm den Leib und wickelte ihn in ein reines Leinentuch 60 und legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon.

61 Es waren aber dort Maria Magdalena und die andere Maria; die saßen dem Grab gegenüber.

Mt 27,57–61 Jesu Begräbnis (Mk 15,42–47; Lk 23,50–56; Joh 19,38–42) 27,57–58 Am Abend, Beerdigungen waren am Sabbat nicht gestattet (mSchab 23,5; vgl. auch Joh 19,31). Das jüdische Recht fordert, dass Verstorbene rasch bestattet werden (Dtn 21,22–23; vgl. auch Tob 1,17–18; 2,3–7; mBer 3,1; bBer 14b). Vgl. „Die Bestattung Jesu: Texte und archäologische Befunde“. Wie mit den anderen gekreuzigten Männern verfahren wurde, wird nicht erwähnt. Reich, vgl. Jes 53,9. Spätere christliche Traditionen, die vielleicht vom englischen Historiker Wilhelm von Malmesbury aus dem zwölften Jahrhundert stammen, lassen Josef in Britannien missionarisch tätig sein. 27,61 Es wird nicht erwähnt, dass die Frau des Zebedäus zum Grab geht.

62 Am nächsten Tag, der auf den Rüsttag folgt, versammelten sich die Hohenpriester und die Pharisäer bei Pilatus 63 und sprachen: Herr, wir haben daran gedacht, dass dieser Verführer sprach, als er noch lebte: Nach drei Tagen werde ich auferweckt. 64 Darum befiehl, dass man das Grab bewache bis zum dritten Tag, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste. 65 Pilatus sprach zu ihnen: Da habt ihr die Wache; geht hin und bewacht es, so gut ihr könnt. 66 Sie gingen hin und sicherten das Grab mit der Wache und versiegelten den Stein.

Mt 27,62–66 Die Pharisäer erinnern sich ironischer Weise an die Vorhersage 27,62 Rüsttag, gr. paraskeuē, übers. „vorbereiten“, ist ein mehrdeutiger Begriff. Im Neuen Testament taucht er an dieser Stelle und in Mk 15,42; Lk 23,54 auf, wo er den Tag vor dem Sabbat bezeichnet (das Passafest hatte bereits begonnen); in Joh 19,14.31.42 steht er hingegen für den Tag vor dem Passafest, wobei Joh 19,42 impliziert, dass das Passafest auf einen Sabbat fällt. Matthäus übernimmt hier vermutlich Mk 15,42, vielleicht um zu bestätigen, dass die Kreuzigung an einem Freitag stattfand. 27,63 Nach drei Tagen, vgl. Hos 6,2 und EvPetr 8,28–32. 27,64 Dass man das Grab bewache, vgl. Dan 6,18; ApkMos 42,1.

Matthäus 28

1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3 Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. 4 Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. 6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; 7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. 8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. 10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

Mt 28,1–10 Das leere Grab (Mk 16,1–8; Lk 24,1–11; Joh 20,1–18) 28,1 Der erste Tag der Woche, Sonntag, also der dritte Tag nach Jesu Tod. Im Judentum ging man teilweise davon aus, dass die Seele den Körper nach drei Tagen verlasse (mJev 16,3; jMQ 3,5/82b; bSan 90b–91a; bSchab 151b; BerR 100; Sem 8,1). Um nach dem Grab zu sehen, sowohl Frauen als auch Männer besuchten und/oder pflegten Gräber. 28,2 Vgl. ActPil 13. Großes Erdbeben, vgl. Anm. zu 8,24 und 27,51–53. 28,3 Sein Gewand [war] weiß wie der Schnee, vgl. Dan 7,9; 10,6 und Offb 1,14; 2,18; bzgl. des Lichts vgl. 1QS 3,20; 1QM 13,9–10. 28,4 [Sie] wurden, als wären sie tot, die Wächter fürchten sich mehr als die Frauen. 28,6 Er ist nicht hier, viele Juden glaubten an eine körperliche Auferstehung, die beim Anbruch des messianischen Zeitalters geschehen würde (Dan 12,2; Jos.Bell. 2,158.163; 3,374; Ant. 10,277–80; 16,397–98; 18,14; PsSal 3,11–12; 15,12–13; äthHen 22,13; bSan 90). 28,7 Sagt seinen Jüngern, die Frauen werden als Überbringerinnen des Evangeliums eingesetzt. Nach Galiläa, Mt 4,12; vgl. Anm. zu 26,32. 28,9 Da begegnete ihnen Jesus, vgl. Joh 20,14–18. Fielen vor ihm nieder, gr. proskyneō, übers. „niederknieen“ oder wörtl. „fußfällig verehren“ (in der LXX für das hebr. schacha, „sich niederwerfen“ in Anbetung, z.B. Ps 5,8); vgl. Mt 28,17.

11 Als sie aber hingingen, siehe, da kamen einige von der Wache in die Stadt und verkündeten den Hohenpriestern alles, was geschehen war. 12 Und die kamen mit den Ältesten zusammen, hielten Rat und gaben den Soldaten viel Geld 13 und sprachen: Sagt, seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. 14 Und wenn es dem Statthalter zu Ohren kommt, wollen wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass ihr nichts zu fürchten habt. 15 Sie nahmen das Geld und taten, wie sie angewiesen waren. Und dies Gerücht hat sich bei Juden verbreitet bis auf den heutigen Tag.

Mt 28,11–15 Der Bericht der Wächter 28,13 Seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, diese Erzählung blieb im Umlauf (Iust.dial. 102,8). Während wir schliefen, die matthäsche Darstellung ist eher unwahrscheinlich, da römische Wächter wohl nicht behauptet hätten, sie hätten geschlafen. 28,15 Bis auf den heutigen Tag, eine biblische Formel, die sich auf die Zeit der Autorenschaft des Matthäus bezieht (Mt 11,12.23; 27,8; vgl. auch Gen 35,20; Dtn 11,4).

16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. 17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.

18 Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und lehret alle Völker:[*] Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Mt 26,1–28,20 Passion und Auferstehung (Mt 16,21–23; 17,22–23; 20,17–19). Die Bezeichnung „Passion“ für die Erzählung von Jesu Gefangennahme, Prozess und Kreuzigung stammt aus dem lat. passio, übers. „Lei-den(-sgeschichte)“.

Mt 28,16–20 Der Missionsbefehl Vgl. ActPil 14,1. 28,16 Wie Mose gibt auch Jesus seine letzten Anweisungen von einem Berg aus (vgl. Dtn 32,48–49). 28,17 Einige aber zweifelten, Zweifel an und Treue zur Mission Jesu schließen sich nicht gegenseitig aus. 28,18 Alle Gewalt im Himmel und auf Erden, der Herrschaftsbereich des auferstandenen Christus ist nun die ganze Welt (vgl. Mt 11,27; Dan 7,14.18.27; Eph 1,20–23; Phil 2,9–11). 28,19 Lehret alle Völker, die Veränderung von Jesu Status führt zur Ausweitung der Mission (Mt 10,6; 15,24) und umfasst jetzt Juden und Nichtjuden (Mt 8,10; 9,17; 15,28; 18,6; 21,21; 24,13–14; 28,20). Alle Völker, gr. panta ta ethnē kann als „alle Nichtjuden“ gelesen werden. Die Mission an Israel wird nie aufgehoben. Auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, die Trinitätslehre wurde nicht vor dem zweiten Jahrhundert – frühestens – offizielle christliche Lehre. (Did 7,1–3; Ign.Mag. 3,2; vgl. 1Kor 8,6; Eph 4,6); eine ähnliche Formel findet sich nur in 2Kor 13,13. Dieser Ausdruck könnte den liturgischen Gebrauch in der späteren Gemeinde des Matthäus widerspiegeln, da andere Taufberichte (z.B. Apg 2,38) die Formel nicht verwenden. 28,20 Ich bin bei euch alle Tage, der Rahmen des Evangeliums (Mt 1,23; 18,20; 28,20). Indem Jesus als dauerhaft Anwesender dargestellt wird, der die weltweite Mission anordnet, wird die Spannung der Parusieverzögerung durch den Missionsbefehl abgeschwächt. Vgl. Jer 1,19 („Denn ich bin bei dir“), der auf Jer 1,17 („Predige Ihnen alles, was ich dir gebiete“) als prophetische Bevollmächtigung folgt.

Das Evangelium nach Markus

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Einleitung
Urheberschaft und Entstehungszeit

Das Evangelium erhielt bereits in den frühesten erhaltenen Handschriften den Titel „Nach Markus“. Es ist möglich, dass der Autor der Johannes Markus aus Apg 12,12; 15,37 ist, der in Kol 4,10; 2Tim 4,11; Phlm 24 und 1Petr 5,13 lediglich Markus genannt wird. Papias, ein Bischof in Kleinasien im frühen 2. Jahrhundert (Eus.h.e. 3,39,15–16), glaubte, Markus habe Petrus nach Rom begleitet und seine Worte aufgezeichnet. Laut Papias war Markus außerdem als Autor weniger verlässlich als Matthäus, da Matthäus (auf der Grundlage von Mt 9,9) gemeinhin als einer von Jesu ersten Jüngern galt. Diese traditionelle Sicht der relativen Autorität der beiden ersten Evangelien hielt sich bis ins 19. Jahrhundert. Heute gehen viele Fachleute davon aus, dass die Evangelien ursprünglich anonym tradierte Schriften waren; die Namen der Autoren wurden später hinzugefügt, um ihnen Legitimität zu verleihen.

Als kürzestes der Evangelien diente das Markusevangelium vermutlich Matthäus und Lukas als Quelle; das Johannesevangelium könnte das Markusevangelium indirekt gekannt haben, ist aber möglicherweise auch unabhängig von ihm entstanden (s. die Einleitung zum Johannesevangelium). Obwohl gewichtige literarische Gründe für die Annahme der quellenkritischen Prioriät des Markusevangeliums sprechen, hat diese Annahme auch religiöse Implikationen: Die These, dass das Markusevangelium das älteste Evangelium sei, kam im 19. und 20. Jahrhundert insbesondere in Deutschland auf und machte es einfacher, Jesu jüdischen Hintergrund herunterzuspielen, der im Matthäusevangelium stärker hervortritt.

Das Markusevangelium wurde wahrscheinlich zwischen 64 und 72 u.Z. geschrieben, zur Zeit des 1. Jüdischen Krieges gegen Rom, als der Jerusalemer Tempel zerstört wurde, also mehrere Jahrzehnte nach Jesu Tod am Kreuz. Die Erwähnung der Tempelzerstörung (Mk 13,2) und von Kriegshandlungen (Mk 13,7) sowie die Schilderung von Flüchtlingen (Mk 13,14–17) könnten sich auf die Ereignisse dieser Zeit beziehen, sind aber zu allgemein, um eine genauere Datierung zuzulassen. Sowohl für die Entstehung des Evangeliums in Rom, wo Papias Markus ansiedelt, als auch für seine Abfassung im südlichen oder nördlichen Galiläa oder auch in Antiochia im südlichen Syrien (vgl. Karte „Geografie des Markusevangeliums“) sind überzeugende Argumente vorgetragen worden.

Der Evangelist (fortan: Markus) benutzte vermutlich unterschiedliche Quellen für sein Evangelium, darunter eine Passionserzählung (d.h. einen Bericht über die Tage bis zur Kreuzigung Jesu), Heilungsgeschichten sowie Streitgespräche mit Pharisäern und Gleichnisse. Das Markusevangelium macht auch reichlich von der Septuaginta (LXX) Gebrauch. Einige Texte – Daniel, Jesaja, das Deuteronomium, Sacharja und einige Psalmen – werden sehr häufig zitiert. Aber während Markus jüdische Schriften oft zitiert und die Predigt Jesu und Johannes des Täufers allgemein in die religiösen Vorstellungen des Judentums einordnet, äußert er auch ambivalente Ansichten gegenüber dem oder gar eine Kritik am Jerusalemer Tempel (vgl. die Anm. zu Mk 11,12–25), wie dies auch andere Gruppen innerhalb des Judentums taten, z.B. die Gemeinschaft vom Toten Meer.

Obwohl Markus einen irdischen Jesus zeichnet und keinen himmlischen Mittler, wie er in den Paulusbriefen betont wird (z.B. Phil 2,6–11), haben Markus und Paulus einige wichtige Themen gemein: die Wichtigkeit des Glaubens der Gemeinde, die Betonung des Todes Jesu im Vergleich zu seiner Auferstehung und Vorbehalte gegenüber der Rolle des Petrus. Beide betonen, dass alle Speisen rein seien (Mk 7,19; Röm 14,20). Paulus beschreibt sich selbst als „Apostel für die Völker“ (Röm 11,13) und Markus hebt Aspekte der Mission unter den Völkern hervor: Jesus begibt sich in nichtjüdische Gegenden wie die Region um Tyrus, wo sich die nichtjüdische Syrophönizierin an ihn wendet (Mk 7,24–30). Er sagt auch (Mk 13,10), dass die frohe Botschaft allen Völkern verkündet werden müsse. (Allerdings sollte man auch erwähnen, dass auch jüdische Quellen davon sprechen, dass die Völker zur Verehrung des Gottes Israels kommen, z.B. Jona; Sach 8,22–23.)

Dennoch sind die häufig angeführten Indizien dafür, dass Markus ein Nichtjude gewesen sei oder eine ‚gesetzesfreie’ Mission unterstützt habe, zweifelhaft. Für diese Ansicht sprechen Markus‘ offensichtliche Ungenauigkeit bei der Beschreibung jüdischer Praktiken und seine Aussage, dass Jesus „alle Speisen für rein“ erklärt habe (Mk 7,19); dieser Satz fehlt im parallelen Bericht bei Matthäus (Mt 15,1–20). Dass Markus die Tage vom Sonnenauf- statt vom Sonnenuntergang her zählt (Mk 14,1.12), ist ungewöhnlich, aber dennoch auch im antiken Judentum bekannt (Josephus, Ant. 6,248.336; mPes 5,1). So, wie es letztlich unklar bleibt, wo das Markusevangelium geschrieben wurde, bleibt es unsicher, ob Markus Jude oder Nichtjude war, ob die ursprüngliche Leserschaft jüdisch oder nichtjüdisch war und ob Markus die Absage an die Gebote der Tora befürwortete, um die Mission unter Nichtjuden zu erleichtern. Sicher wissen wir jedoch, dass das Evangelium zu einem bestimmten Zeitpunkt mit Rom und sowohl mit den Ansichten des Paulus als auch mit der Abschaffung jüdischer Praktiken in Verbindung gebracht wurde.

Hauptthemen

Jedes Evangelium zeichnet sein eigenes Bild von Jesus. Bei Markus ist Jesus eine von Gott bevorzugte, wenn nicht göttliche Gestalt, die an Jesajas Gottesknecht (Jes 52–53), die Klagepsalmen (z.B. Ps 22) und den leidenden Gerechten (Weish 2–5) erinnert. Markus berichtet von der Zurückweisung Jesu durch seine Familie (Mk 3,19b–21), durch die Einwohner von Nazareth (Mk 6,1–6), durch Nichtjuden, die seine Heilkraft bezeugen (Mk 5,17), durch Petrus (Mk 8,32; 14,71), andere Jünger (Mk 14,50), die Hohepriesterschaft und den Sanhedrin, die „Menge“, das Volk, das durch sie beeinflusst ist (Mk 14; 15,8.11.15), die, die am Kreuz vorbeigehen (Mk 15,29), die beiden mit ihm Gekreuzigten (Mk 15,32) und letzten Endes – dem Anschein nach – auch durch Gott (s. Anm. zu Mk 15,34; und Jesu „Verlassenheitsschrei“).

Man behauptet oft, Markus zeichne einen sehr menschlichen Jesus (sog. Christologie von unten), weil die Vorstellung eines vollkommen göttlichen Christus zur Entstehungszeit des Evangeliums noch nicht artikuliert worden sei. Dennoch gab es schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt (z.B. Phil 2,6–11) sog. Hoheitschristologien auf der Basis der Vorstellung eines göttlichen oder präexistenten Christus. Darüber hinaus lässt Markus Jesus nicht nur dreimal seine Kreuzigung vorhersagen (Mk 8,31; 9,31; 10,34), sondern impliziert an manchen Stellen auch, dass Jesus göttlicher Natur sei, etwa indem er beschreibt, wie Jesus über das Wasser geht (Mk 6,48) und verklärt wird (Mk 9,2). An anderen Stellen werden wiederum Behauptungen der göttlichen Natur Jesu heruntergespielt (s. Anm. zu Mk 16,5). Manchmal wird sogar gesagt, Jesus habe keine Vollmacht besessen (Mk 6,5; s.a. Mk 14,36; 15,34). Markus betont stattdessen die Vorstellung von Jesu Leiden und Sterben als Lösegeld (Mk 10,45). Vermutlich deshalb schließt das Markusevangelium nicht mit einer triumphalen Auferstehungsszene, sondern mit den Frauen, die voller Furcht von Jesu leerem Grab fliehen (Mk 16,8). Die Leserschaft des Markusevangeliums weiß jedoch, dass ihr Schweigen nicht das ultimative Ende der Geschichte ist.

Paradoxerweise beinhaltet dieses beredte Schweigen zugleich ein weiteres Hauptthema des Markus, das Messiasgeheimnis. Vielfach befiehlt Jesus den Menschen, über seine Wunder oder seine Identität Schweigen zu bewahren. Diese Schweigebefehle sind Ausdruck eines „paradoxen“ Verständnisses Jesu, insofern sie die Ehrfurcht vor Jesus gerade steigern (besonders, weil die Leserschaft die wahre Bedeutung des Geheimnisses kennt). Sie weisen darauf hin, dass es in einer Situation, in der die Regierung charismatischen Anführern misstraut (wie man nicht nur an Jesu Kreuzigung, sondern auch am Tod Johannes‘ des Täufers durch Herodes Antipas erkennen kann), oft die beste Strategie ist, sich unauffällig zu verhalten. Das Motiv dürfte Teil der markinischen Christologie sein: Das Evangelium betont, dass Jesu messianische Identität notwendigerweise das Leiden einschließt und Jesu Tod ein „Lösegeld“ darstellt (Mk 10,45); seine Rolle ist daher erst nach der Kreuzigung vollauf verständlich. Der deutsche Bibelforscher William Wrede (1901) schrieb diese Schweigegebote nicht Jesus selbst, sondern dem Evangelisten zu: Wrede vertrat die Ansicht, dass der Autor auf diese Weise zu erklären versuchte, warum nicht mehr Menschen Jesus zu seinen Lebzeiten als Messias angenommen hatten. Während das Motiv der Geheimhaltung von Matthäus und Lukas übernommen wird, fehlt es bei Johannes fast vollständig. Wie das Motiv innerhalb der Erzählung funktioniert und woher es stammt (von Jesus? aus der mündlichen Tradition? von Markus?), bleibt Gegenstand der Diskussion.

In den Texten des Neuen Testaments begegnet eine große Bandbreite von Ansichten, ob Nichtjuden in großer Zahl zur christlichen Gemeinde hinzustoßen würden oder nicht, und ebenso von Meinungen, in welchem Ausmaß das jüdische Gesetz auch weiterhin befolgt werden müsse. Einer der interessantesten Aspekte des Markusevangeliums ist seine Zweideutigkeit in dieser Frage. Nachdem das Markusevangelium lange Zeit als unstrittiges Beispiel für einen an Nichtjuden gerichteten Text galt, wird nun jede Passage in dieser Hinsicht neu hinterfragt. Der Grund für diese Ambivalenz mag schlicht darin liegen, dass der Autor sein Evangelium schrieb, bevor die präziseren Begriffe dieser Debatte aufkamen. Markus könnte so viel typischer für die Diskussionen innerhalb des Judentums des 1. Jahrhunderts sein, als bisher generell angenommen wurde.

Lawrence M. Wills

Markus 1

1 Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.

2 Wie geschrieben steht im Propheten Jesaja: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten soll.« 3 »Es ist eine Stimme eines Predigers[*] in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!«, 4 so war Johannes in der Wüste, taufte und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. 5 Und es ging zu ihm hinaus das ganze judäische Land und alle Leute von Jerusalem und ließen sich von ihm taufen im Jordan und bekannten ihre Sünden. 6 Und Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Lenden und aß Heuschrecken und wilden Honig. 7 Und er predigte und sprach: Nach mir kommt der, der stärker ist als ich; ich bin nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe löse. 8 Ich habe euch mit Wasser getauft; aber er wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

9 Und es begab sich zu der Zeit, dass Jesus aus Nazareth in Galiläa kam und ließ sich taufen von Johannes im Jordan. 10 Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn. 11 Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

Mk 1,1–11 Die Taufe des Johannes (Mt 3,1–17; Lk 3,1–22; Joh 1,6–34) 1,1 Evangelium, gr. euangelion, übers. „gute Nachricht“, wurde im ersten Jahrhundert nicht auf ein Buch bezogen verwendet; das hebr. Äquivalent (Jes 52,7 [mevaser, übers. „{frohe} Kunde bringen“; gr. euangelizō, übers. „eine gute Nachricht verkündigen“]) suggeriert, dass es sich um die gute Nachricht der Befreiung durch Gott handelt. Im römischen Kontext bezieht sich euangelion auf gute Neuigkeiten wie die des Friedens, der durch den Kaiser herbeigeführt wurde. Markus verleiht dem gängigen Begriff eine neue Konnotation: Die gute Nachricht, die durch und über Jesus verkündet wird. Der Eröffnungssatz identifiziert Jesus als den Christus (aus gr. christos; dahinter steht hebr. maschiach, übers. „Gesalbter“). Der Messiastitel wurde bereits auf Könige Israels, den Hohenpriester, Propheten und sogar auf König Kyrus von Persien angewendet, als dieser Gottes Plan ausführt (Jes 45,1). Der Tanach benutzt den Begriff „Messias“ nie für den idealen, zukünftigen davidischen König, obwohl das Versprechen, dass die davidische Linie andauern wird, in Ps 89,19–37 (vgl. auch 2Sam 7) eine ewige Salbung suggeriert. Die Leserinnen und Leser des MkEv müssen also entscheiden, welche Art von „Messias“ Jesus ist: ein königlicher, priesterlicher, prophetischer, heilsbringender usw. oder eine Kombination der genannten Möglichkeiten. Sohn Gottes, der Hoheitstitel fehlt in manchen antiken Manuskripten (vgl. Anm. zu 1,9–11); es könnte sich auch um eine königliche Titulatur handeln (Ps 2,7; 89,27–28). 1,2–8 Jesaja, eines der biblischen Bücher, das im Judentum – die Anhängerschaft Jesu eingeschlossen – am häufigsten zitiert wurde, aber das Zitat im MkEv beginnt tatsächlich mit Mal 3,1; Matthäus (Mt 3,3) und Lukas (Lk 3,4–6) korrigieren diese Fehlzuschreibung, indem sie „Siehe […] deinen Weg“ auslassen. Markus könnte diese Texte aus der „Testimonienliteratur“ gekannt haben, in der Verse zu einem bestimmten Thema zusammengestellt wurden; in diesem Fall zum Sujet des „Weges Gottes“. „Weg“ ist ein terminus technicus im griechischen, jüdischen und christlichen ethischen Diskurs, bei dem es um die Entscheidung für den guten Weg geht; dieser ist allerdings meist mühevoller als der unmoralische und einfachere Weg. Die Wege Gottes werden in biblischen Perikopen wie Dtn 5,33 und Jer 7,23 herausgestellt. Das Wort „Weg“ (gr. hodos) kann mit den jüdischen Vorstellungen der Halacha (also „wie jemand geht“) und des derech erez (übers. „der Weg des Landes“, vgl. Jub 12,21; 4Esr 7,12-13; Derech Erez Rabba) verglichen werden; äthHen 71,17 spricht von dem „ebene[n] Weg“ des Menschensohns. Nach Apg 9,2 bezeichneten sich die frühen Anhänger Jesu nicht als Christinnen und Christen, sondern als „Anhänger dieses Weges“. Deshalb hörte die Leserschaft des MkEv den Täufer eventuell nicht nur den richtigen „Weg“, sondern vielmehr den „Weg Jesu“ verkündigen. In seinem eigentlichen Kontext prophezeit Jes 40,3 eine Straße in der Wüste, auf der die Exilierten direkt von Babylon nach Jerusalem zurückkehren können. 1,4–5 Johannes, initiierte eine Bewegung, die – indem er Umkehr und Vergebung predigte (Mk 1,15) – der Jesusbewegung sehr ähnlich war. Es gibt sowohl in der israelitischen als auch der jüdischen Überlieferung die Tradition eines Paares aus zwei einander beigeordneten bedeutenden Anführern – Mose und Aaron, David und Jonathan, Elia und Elisa, Esra und Nehemia, Jeschua und Serubbabel, Hillel und Schammai; vgl. auch Petrus und Paulus in der Apostelgeschichte. In allen vier Evangelien sind Jesus und Johannes eng verbunden, wenngleich die Art der Verbindung unterschiedlich ist. Im MkEv beginnt das Wirken Jesu mit Johannes, übertrifft diesen aber; trotzdem ist der Tod des Johannes bedeutsam für die Anhänger Jesu und deutet auf Jesu Tod voraus (vgl. Mk 6,29; 15,45f.). 1,4 Der Tanach erwähnt Reinigungsriten mit Wasser (vgl. Lev 13,6; 15,5–10); während der Zeit des Zweiten Tempels stieg das Interesse an solchen Riten: Jdt 12,7–9 (ca. 100 v.u.Z.) erwähnt Bäder als Reinigungsmaßnahme. Zum Zweck der rituellen Immersion begegnen nach und nach Tauchbecken (hebr. miqwaot) an verschiedenen Orten, v.a. im südlichen Galiläa. Vgl. auch Jos.Bell. 2,130–32; bBer 53b. Ausgedehnte Zisternen und Wasserkanäle in Qumran spiegeln die rituellen Bäder wider, die in 1QS 5–6 erwähnt werden. Taufe der Buße, ein rituelles Bad, dessen Durchführung die Vergebung der Sünden herbeiführen sollte. Damit führt Johannes einer üblichen Praxis eine neue symbolische Dimension zu: Das Ritual dient nicht mehr (nur) der Befreiung von Unreinheit (z.B. aufgrund von Menstruation oder dem Kontakt mit einer Leiche), sondern fungiert als öffentliches Zeugnis der Buße und der Vorbereitung auf das Einbrechen des Reiches Gottes. 1,6 Johannes der Täufer wird als neuer Elia dargestellt (Mk 9,13; 2Kön 1,8). 1,8 Mit dem heiligen Geist taufen, vielleicht ein Reflex frühchristlicher Praktiken (Apg 2,1–4; 8,14–17). 1,9–11 Die Rabbinen bezeichnen Worte vom Himmel als bat qol, übers. „Tochter der Stimme“ (tSot 13,2; bEr 13b); an dieser Stelle sind die Worte von Ps 2,7 und Jes 42,1–2 beeinflusst: Der Psalm zeichnet eine königliche Adoption – sobald der davidische König gesalbt ist, wird er ein Sohn Gottes. Jesus wird von den Jüngern nie als „Sohn Gottes“ bezeichnet, erhält diese Titulatur jedoch von Gott und wird von unreinen Geistern (Mk 5,7), von jüdischen Autoritäten (Mk 14,61, in einer Frage) und von einem römischen Soldaten (Mk 15,39) so angesprochen. In bestimmten christlichen Kreisen schloss der Titel „Sohn Gottes“ die Attribute der Präexistenz (Joh 1,1–14) und der Ebenbürtigkeit Gottes (Joh 5,18) ein. Bei Markus wurde „Sohn Gottes“ wohl eher als Erhöhung eines Menschen in eine Sonderrolle vor Gott verstanden; als Pendants könnten der davidische König und der römische Kaiser gelten (Liv. 1,16). Gott hat Jesus als Gottes Sohn adoptiert, wie auch der König durch Gott adoptiert wurde (wie in Ps 2,7). 1,10 Auftat, vgl. Anm. zu 15,38. Taube, vielleicht als Symbol der Sanftmut (Ps 74,19).

12 Und alsbald trieb ihn der Geist in die Wüste; 13 und er war in der Wüste vierzig Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den Tieren, und die Engel dienten ihm.

Mk 1,12–13 Jesu Versuchung (Mt 4,1–11; Lk 4,1–13) Dem markinischen Bericht von Jesu Versuchung fehlen die dramatischen Elemente, die sich bei Matthäus und Lukas finden. Satan, der „Widersacher“ oder „Ankläger“, tauchte in jüdisch-nachexilischen Quellen auf, als diese Figur, anfangs unter persischem Einfluss (548–333 v.u.Z), bedeutend wurde (Sach 3,1–2; Hiob 1,6; vgl. BerR 57,4). In Jub 17 und 18 wird Satan Mastema genannt, ein Name, der auch in Qumran auftaucht (1QS 3,23; 1QM 13,11). Christliche Quellen halten Satan gewöhnlich für eine dämonische Macht; die rabbinische Tradition beschreibt den Satan einerseits als böse, stellt ihn andererseits aber immer noch als Satan, d.h. als „Ankläger“ dar, dessen Aufgabe es ist, die Gerechten zu prüfen (wie bei Hiob). Im Babylonischen Talmud (bBB 16a) erklärt Resch Laqisch: „Der Satan, der böse Trieb und der Totesengel sind identisch“. Wüste und vierzig Tage spielen sowohl auf die Wanderungen während des Exodus (Ex 15,22ff.) als auch auf das Fasten von Mose und Elia (Dtn 9,18; 1Kön 19,8) an.

14 Nachdem aber Johannes überantwortet war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes 15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

Mk 1,1–15 Einleitung Die Eröffnung bei Markus umreißt mehrere Themenkomplexe: Umkehr und Vergebung (V. 4), den Geist (V. 8.10), Jesus als Sohn (V. 11) und das Königreich Gottes (V. 15). Anders als das MtEv und LkEv enthält das MkEv keine Erzählung von Jesu Geburt.

Mk 1,14–15 Verkündigung des Reiches Gottes (Mt 4,12–17; Lk 4,14–15) Die Botschaft Jesu betont – wie auch die von Johannes – das Reich Gottes sowie dessen unmittelbare Nähe. 1,14 Galiläa, die Region nördlich von Judäa und Samaria, westlich des galiläischen Meeres, wo der überwiegende Teil der Erzählung stattfindet, bevor Jesus nach Jerusalem kommt. Galiläa hatte keine klaren Grenzen, umschloss aber oft Teile oder das ganze Gebiet der Stämme Issachar, Sebulon, Naftali und Asser (Jos 18–19). Da es ländlicher geprägt und im ersten Jahrhundert u.Z. weniger hellenisiert war als Judäa, offenbart sich – belegt auch durch archäologische Untersuchungen – im unteren Galiläa ein starkes Interesse an jüdischen Identitätsmarkern wie rituellen Bädern, Steingefäßen (denen keine Unreinheit anhaften konnte) und Münzgeld (von Herodes Antipas geprägt; ohne Abbildungen von Menschen). 1,15 Reich Gottes, die Vorstellung, dass Gott der wahre König ist, findet sich bereits in früheren jüdischen Quellen (Ps 5,3; 10,16; 103,19; 145,11.13, usw.), aber der Ausdruck „Reich Gottes“ taucht nur vereinzelt in der Literatur des Zweiten Tempels und in rabbinischen Texten auf (Weish 10,10; mBer 2,2.5); dort bezieht sich der Begriff meist auf das Versprechen eines idealen Staates, wie in Sach 14,9. Tut Buße, gr. metanoia, übers. „Sinneswandel“, wobei „Sinn“ das gesamte innere Wesen meint; normalerweise ist dies die LXX-Übersetzung des hebr. n-ch-m, übers. „bereuen, Buße tun“. In Jer 31,19 wird nicham mit schuv, übers. „sich wenden, umkehren“, in Verbindung gebracht; Buße bezieht sich nicht auf individuelle Sünden, sondern auf das „Zurückkehren“ zu Gott. Glaubt an das Evangelium, das Substantiv „Glaube“ und das Verb „glauben“ (zugrunde liegt dieselbe griechische Wurzel) werden im NT besonders betont (z.B. Mt 8,10; 24,23; Mk 13,21; Joh 11,40; 1Kor 15,11). Im antiken Israel und auch bei Markus bezeichneten „Vertrauen“ und „Glaube“ (hebr. Wurzel: ’aman; vgl. „Amen“, Anm. zu 3,28) häufig Treue und Vertrauenswürdigkeit gegenüber Menschen (z.B. Jes 38,3) und Gott (z.B. Ps 71,22); vgl. auch also die amana bzw. den Glaubensbund in Neh 10,1. Während der Zeit des Zweiten Tempels erlangte Vertrauen/Glaube weitere Bedeutungen: Überzeugung, Beichte und sogar Bekehrung (Jdt 14,10; Weish 1,2; 16,26; Sir 1,14; 2,6). Im rabbinischen Judentum werden die, die den Zehnten gewissenhaft abgeben als ne’emanim, d.h. als „Treue“ bezeichnet (mDem 4,6). Bei Markus werden Glaube und Tora zwar häufig thematisiert, Glaube und Gesetz jedoch nie auf dieselbe Weise kontrastiert wie bei Paulus (vgl. aber Mk 2,1–12).

16 Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. 17 Und Jesus sprach zu ihnen: Kommt, folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! 18 Und sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.

19 Und als er ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze flickten. 20 Und sogleich rief er sie, und sie ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und gingen fort, ihm nach.

Mk 1,16–20 Die Berufung der ersten Jünger (Mt 4,18–22; Lk 5,1–11; Joh 1,35–42) 1,17 Menschenfischer, das Bild vom Fischfang erscheint in biblischen Texten als positive wie negative Metapher (Jer 16,16; Am 4,2); rabbinische Texte reden teilweise metaphorisch von neuen Jüngern als von Fischen (ARN A 40). In griechischen und römischen Philosophenkreisen sowie im rabbinischen Judentum wird eher beschrieben, dass Schüler sich Lehrer suchen, als dass sie von ihnen berufen werden (wie in Joh 1,35–40; vgl. bEr 30a; bKet 61b). Die jesuanische Methode der Berufung fußt vermutlich auf der Berufung des Elisa durch Elia (1Kön 19,19–21). Sowohl Jesus als auch Elia berufen ihre Nachfolger; die Jünger und Elisa reagieren prompt und verlassen – wie ausdrücklich festgehalten wird – ihre Eltern, um nachzufolgen.

21 Und sie gingen hinein nach Kapernaum; und alsbald am Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. 22 Und sie entsetzten sich über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten.

23 Und alsbald war in ihrer Synagoge ein Mensch, besessen von einem unreinen Geist; der schrie: 24 Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, uns zu vernichten? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes! 25 Und Jesus bedrohte ihn und sprach: Verstumme und fahre aus von ihm! 26 Und der unreine Geist riss ihn hin und her und schrie laut und fuhr aus von ihm. 27 Und sie entsetzten sich alle, sodass sie sich untereinander befragten und sprachen: Was ist das? Eine neue Lehre in Vollmacht! Er gebietet auch den unreinen Geistern, und sie gehorchen ihm! 28 Und die Kunde von ihm erscholl alsbald überall in das ganze Land um Galiläa.

Mk 1,21–28 Exorzismen und Lehre in Vollmacht (Mt 7,28–29; Lk 4,31–37) 1,21 Synagoge, vgl. „Die Synagoge“. Dass sich Menschen am Sabbat in der Synagoge versammelt hatten, verweist auf eine Art Gottesdienst (vgl. Mk 6,2). 1,22–24 Lehre, die Lehre Jesu meint nicht nur seine Worte, sondern auch seine Vollmacht, unreine Geist[er] auszutreiben. Markus verwendet den Begriff unreiner Geist häufiger als die üblichere Bezeichnung „Dämon“. Der Heilige Gottes, Bezeichnung für Elisa (2Kön 4,9); als Gegenpart zum unreinen Geist würde ein solcher Prophet die Grenze zwischen dem dämonischen Reich und der von Gott geschaffenen Welt des Lebens wiederherstellen. 1,25 Bedrohte, ein üblicher Begriff in jüdischen Exorzismen (gr. epitimaō, hebr. ga‘ar; 1QGenAp 20,28–29; vgl. Ps 106,9). Vgl. auch 1QM 14,9–11 mit einem Verweis auf Gott, der Gegner im Kampf besiegt oder Satan überwindet, sowie spätere rabbinische Quellen (BemR 19,8; PesR 36,1). Verstumme, wörtl. „dir sei der Mund geknebelt“, verweist auch auf die Kontrolle über unreine Geister. 1,27 Vollmacht, gr. exousia, die Freiheit, seine eigene Macht auszuüben, indem man lehrt, ohne sich auf andere Lehrer oder Schriftgelehrte zu beziehen, während man gleichzeitig über unreine Geister herrscht.

29 Und alsbald gingen sie aus der Synagoge und kamen in das Haus des Simon und Andreas mit Jakobus und Johannes. 30 Die Schwiegermutter Simons aber lag darnieder und hatte das Fieber; und alsbald sagten sie ihm von ihr. 31 Und er trat zu ihr, ergriff sie bei der Hand und richtete sie auf; und das Fieber verließ sie, und sie diente ihnen.

32 Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. 33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. 34 Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn.

Mk 1,29–34 Kurze Angaben über viele Heilungen (Mt 8,14–17; Lk 4,38–41) Die Summarien, die beschreiben, wie Menschen zu Jesus drängen, werden später ironisch mit den Schweigegeboten Jesu kontrastiert (Mk 2,1–2; 3,7–8; 6,53–56). 1,30–31 Die Schwiegermutter [des] Simon [Petrus], sie erscheint nur in dieser Szene; die Frau von Petrus wird nie erwähnt, vgl. aber 1Kor 9,5. Diente, das gr. Wort für ihren Dienst (diakoneo, vgl. „Diakon“) greift zum einem dem Gebot Jesu voraus, Anderen zu dienen (Mk 10,45); andererseits verweist es auch auf die anderen Frauen, die Jesus zu Diensten waren (Mk 15,41).

35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. 36 Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach. 37 Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. 38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. 39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.

Mk 1,35–39 Der Auftrag Jesu (Mt 4,23–25; Lk 4,42–44) Die Jünger werden Jesu Identität und Mission ständig missverstehen, wobei Jesus tatsächlich oft recht mehrdeutig spricht. Dagegen wurde der Hörerschaft von Markus bereits in Mk 1,1 seine Bedeutung mitgeteilt. Einsame Stätte […] betete dort, Jesus betet häufig allein, was den Eindruck verstärkt, dass er von seinem Umfeld abgesondert blieb (z.B. Mk 1,12–13; 14,35; vgl. Mt 4,1–11 und in der Einleitung).

40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. 41 Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will‘s tun; sei rein! 42 Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. 43 Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich 44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden.

Mk 1,21–45 Eine Reihe von Heilungen Krankheit wurde weitgehend mit dämonischer Besessenheit assoziiert (Ps 91; Jos.Bell. 7,185; bKet 61b). Bei Markus dienen Heilungen dem Vollzug der eschatologischen Versprechen von Jes 35,5–6, begründen die Macht Jesu über die Kräfte des Satans und sind ein Nachweis dafür, dass das Reich Gottes nahe ist. Unreine Geister wurden manchmal mit gefallenen Engeln in Verbindung gebracht. (äthHen 15,8–16,1; Jub 7,21; 10,1; 1QM 13,5; 11QPsa19,15). Der moderne Ansatz, zwischen den Heilungen Jesu einerseits und den Wundertaten von Juden seiner Zeit (etwa Chanina ben Dosa) oder nichtjüdischen Wundertätern (etwa Apollonius von Tyana) andererseits zu unterscheiden (vgl. „Jüdische Wundertäter und Zauberei in der Spätzeit des Zweiten Tempels“), ist vielleicht theologisch motiviert. Die Wunder der Evangelien bedienen sich derselben Verfahren, Heilungsformulare (z.B. „den Mund geknebelt bekommen“, „bedrohte ihn“ V. 25) und Erzählstrukturen wie auch die jüdischen und nichtjüdischen Quellen.

Mk 1,40–45 Heilung einer Hautkrankheit (Mt 8,2–4; Lk 5,12–16) Aussatz, der Begriff Lepra verweist heute auf die Hansen-Krankheit, eine schwerwiegende, entstellende und ansteckende Erkrankung. Das hebr. zara‘at (gr. lepros, übers. „schuppig, spröde“) bezeichnet wohl eher Schuppenflechte, einen Hautausschlag oder eine Pilzinfektion (vgl. Lev 13–14), also geringfügige Hautkrankheiten, die als eine Art ritueller Unreinheit galten. 1,41 Rührte ihn an, die Berührung des unreinen Mannes verletzt kein Gebot und die Bibel führt nicht explizit aus, dass die Unreinheit dieser Krankheit ansteckend ist. Rein, vier Mal betont Markus, dass Jesus den Mann rein von seiner Krankheit macht, was andeutet, dass dies das Hauptaugenmerk der Heilung ist. Diese Reinigung hebt die Reinheitsgesetze nicht mehr auf, als es die Reinigung des Naaman in 2Kön 5,10 tat. Jesus gebietet dem Mann, das in der Tora vorgeschriebene Opfer darzubringen. Im Hinblick auf die geistliche Welt unterscheidet Markus zwischen dem „heiligen“ Geist und unreinen Geistern (vgl. Sach 13,1–2; äthHen 10,17–11,2; 38,2; 1QS 4,20–21; 9,3). Das rabbinische Judentum erwähnt eine Reinigung, die nahe dem Tempelaltar stattfindet (mSev 9,1); in apokalyptischen Texten wird teilweise angenommen, dass diese Reinigung auch die errettete Gemeinschaft betrifft, die sich fern vom Tempel aufhält (1QM 13,2–6; 1QS 4,18–23). Bei Markus tilgt Jesus die jüdischen Unterscheidungen von Unreinheit nicht, sondern er besiegt unreine Geister durch die Tätigkeit des Heiligen Geistes. Diese Beseitigung der Unreinheit ist ein Zeichen der Erneuerung der Gemeinschaft am Ende dieses Zeitalters, was besonders in den Exorzismen sichtbar wird.


Markus 2

1 Und nach etlichen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. 2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. 3 Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. 4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. 5 Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.

6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: 7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 8 Und Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? 9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin? 10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 12 Und er stand auf und nahm sogleich sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.

Mk 2,1–12 Glaube und die Vergebung der Sünde (Mt 9,1–8; Lk 5,17–26) 2,4 Dächer wurden typischerweise aus Holzbalken über den Wänden errichtet, die mit Schilf und Ton bedeckt wurden. Es wäre wohl möglich gewesen, den Ton abzutragen, um eine Person zwischen den Balken herabzulassen, es ist aber schwer vorstellbar, wie dieser Prozess durchgeführt werden konnte, während Menschen darunter versammelt waren. In der Erzählung werden die außergewöhnlichen Maßnahmen zu einem Zeichen des Glaubens, das Jesu Aufmerksamkeit verdient. 2,5 Die Umkehr von den Sünden wird hier nicht erwähnt (dagegen: Mk 1,4.15; 6,12). Glaube, der Glaube an Jesu Heilungskräfte ist das entscheidende Kennzeichen derer, die Jesus nachfolgen (vgl. Anm. zu 1,15). Vergeben, teilweise hat die christliche Tradition in dieser Erzählung einen Gegensatz zwischen einem Judentum mit eingeschränkter Vergebung und einem Christentum gesehen, in dem Vergebung schon erteilt wird, bevor danach gefragt wird. Keine der beiden Auffassungen ist präzise. Im Judentum gibt es verschiedene Verständnisse von Vergebung und dem Prozess, durch den Sünder wieder angenommen werden. Das NT bejaht an anderen Stellen Ausschluss, Meidung, Verfluchung und sogar den Tod von Sündern (Mt 18,17; Apg 5,1–11; 1Kor 5,1–5.9–11; 2Kor 6,14–7,1). 2,6–7 Schriftgelehrte, in einer zum Großteil illiteraten Gesellschaft waren Schriftgelehrte gebildete Personen, die mit der Handhabung von Texten und Aufzeichnungen betraut waren und darüber hinaus die Ausleger des Gesetzes waren. Sie traten sowohl auf lokaler Ebene in den Dörfern Galiläas als auch auf den höchsten Ebenen der Jerusalemer Gesellschaft auf. Wenngleich sie in den Evangelien häufig mit den Pharisäern assoziiert werden, waren sie auch Funktionsträger in anderen Gruppen. Hier und in den nachfolgenden Perikopen erscheinen sie als pedantisch gegenüber ihren Regeln und unfähig, die Bedeutung von Jesu Wirken zu verstehen. 2,7 Er lästert Gott, da Gott selbst es ist, der vergibt, verstehen die Schriftgelehrten die Aussage als Blasphemie; Jesu Anhängerschaft hingegen erhob Anspruch auf die Kraft der Vergebung (vgl. Mt 16,19; 18,18; Joh 20,22–23). Ein älterer jüdischer Text, das Gebet des Nabonid (4Q242), beschreibt einen jüdischen Exorzisten, der dem babylonischen König Nabonid seine Sünde vergibt und ihn heilt. In der Hebräischen Bibel können Menschen zwar bei Gott Fürsprache dafür einlegen, dass er anderen vergebe, aber sie vergeben nie – nicht einmal Mose – unmittelbar (z.B. Num 14,19; Am 7,2). 2,10 Menschensohn, vgl. „Der Menschensohn“.

Der Menschensohn

Der Titel Jesu, den Markus am häufigsten verwendet, ist „Der Menschensohn“ (gr. ho hyios tou anthrōpou). Obwohl ursprünglich nur ein Wort, mit dem man jemanden als „Mensch“ bezeichnete (Ez 2,1), machte der Begriff in vorchristlicher Zeit eine bedeutsame Veränderung durch, die sich z.B. in Dan 7,13 zeigt, wo der Engel des Gerichts (vermutlich Michael) als „einer wie ein Menschensohn“ bezeichnet wird, d.h. als jemand, der aussieht wie ein Mensch. In jüdischen apokalyptischen Texten wie äthHen 37-71 wurde „Der Menschensohn“ zu einer Bezeichnung für Gottes endzeitlichen himmlischen Richter. Jesus könnte vom Menschensohn als einer von ihm unterschiedenen Figur gesprochen haben, also einem zukünftigen Richter; der erzählerische Kontext des Markusevangeliums identifiziert diese Gestalt hingegen eindeutig mit Jesus selbst. Markus führt zudem die wichtige Vorstellung ein, dass der Menschensohn leidet und getötet wird; diese Vorstellung wird von Matthäus und Lukas beibehalten. So identifiziert Markus den Gottesknecht aus dem Jesajabuch (Jes 52,13–53,12) und den leidenden Gerechten (Weish 2–5) mit dem Messias und Menschensohn (s. Anm. zu Mk 8,27–33). Soweit wir wissen, geht diese Identifikation usrprünglich auf Markus zurück.

13 Und er ging wieder hinaus an das Meer[*]; und alles Volk kam zu ihm, und er lehrte sie. 14 Und als er vorüberging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.

15 Und es begab sich, dass er zu Tisch saß in seinem Hause, da setzten sich viele Zöllner und Sünder zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern; denn es waren viele, und sie folgten ihm nach. 16 Und als die Schriftgelehrten unter den Pharisäern sahen, dass er mit den Sündern und Zöllnern aß, sprachen sie zu seinen Jüngern: Mit den Zöllnern und Sündern isst er? 17 Da das Jesus hörte, sprach er zu ihnen: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

Mk 2,13–17 Zöllner und Sünder (Mt 9,9–13; Lk 5,27–32) 2,14 Folge mir nach, vgl. Anm. zu 1,16–20. 2,15 Zöllner, vgl. „Das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner“. Sünder, vgl. Anm. zu 2,5.

Zöllner und Pharisäer

Zöllner genießen bei Matthäus, Lukas und insbesondere bei Markus einen besonderen, fast bevorzugten Status. Bei Paulus, Johannes und den meisten anderen frühchristlichen Texten sind sie dagegen vollständig abwesend. Da sie weder die direkten römischen Steuern oder die jüdische Tempelsteuer eintrieben noch Sklaven oder bettelarm waren, fungierten die Zöllner der Evangelien als kleinere Amtsleute, die für das Eintreiben der örtlichen Steuern und Zölle verantwortlich waren; in manchen Fällen kontrollierten sie auch örtliche Monopole wie den Salzhandel. Da diese selbständigen Kleinunternehmer alles behalten konnten, was über das hinausging, was sie an die römische Verwaltung abtreten mussten, werden sie (zu Recht oder Unrecht) sowohl in rabbinischen als auch christlichen Texten als Erpresser, moralisch fragwürdig und eher unbußfertig dargestellt (Mt 5,46; 32,31; Lk 3,12–13; mChag 3,6; mNed 3,4; mBQ 10,1–2). Für Markus stellen die Zöllner einen positiven Gegensatz zu den Pharisäern dar, die als besonders gerecht, treu und dem Reichtum abgeneigt galten. S. „Die Pharisäer“.

18 Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel. Und es kamen etliche, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, aber deine Jünger fasten nicht? 19 Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. 20 Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen ist; dann werden sie fasten, an jenem Tage.

21 Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab und der Riss wird ärger. 22 Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche.

Mk 2,18–22 Fasten (Mt 9,14–17; Lk 5,33–39). Die Anhängerschaft von Jesus und Johannes dem Täufer vereinigte sich nie vollständig (Mt 11,18–19). Die Mandäer sind eine kleine Gruppe von Menschen, die heute zum größten Teil an der Grenze zwischen dem Iran und Irak lebt. Sie führen ihre Entstehung auf Johannes den Täufer zurück. Die Hebräische Bibel erwähnt Fasten in Zusammenhang mit Buße, bei Trauer (eingeschlossen der Trauer über die Zerstörung des Tempels: Sach 7,3. Der Prophet deutet in 8,19 an, dass diese Praxis in der Zukunft aufgehoben werden wird) und bei Bittgesuchen (Joel 1,14; Est 4,16; Esra 8,21). In der Zeit des Zweiten Tempels erscheinen erstmals festgesetzte Fastentage (vgl. Sach 7,3; 8,19). Auf jüdischer Seite, etwa unter den Pharisäern oder Johannes dem Täufer und seinen Jünger, sowie unter den Jesusgläubigen wurde gefastet (Mt 6,16–18; Did 8,1), aber hier und in Lk 7,33–34 wird das Fasten abgelehnt, solange der Bräutigam, der eschatologische Menschensohn, anwesend ist.

23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. 24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Mk 2,23–28 Ährenraufen am Sabbat (Mt 12,1–8; Lk 6,1–5) Wie viele andere Streitgespräche beinhaltet dieser Bericht eine rechtliche Herausforderung an Jesus, die als kleinlich und bösartig charakterisiert wird, sowie eine prägnante Erwiderung, die dringlichere menschliche Bedürfnisse anspricht (V. 27). Die Argumentationsstruktur, die sowohl aus griechisch-philosophischen als auch aus rabbinischen Rechtstexten bekannt ist, schließt vom Kleineren auf das Größere: Wenn David das Recht aufheben konnte, um menschliche Grundbedürfnisse zu befriedigen (1Sam 21,1–6), können das auch die Jünger Jesu (V. 25–26; vgl. auch Mk 7,6–13; 10,3–8; 12,26–27). Markus zitiert den biblischen Text nicht genau, eine Tatsache, die die Frage „Habt ihr nie gelesen?“ unbeabsichtigt ironisch werden lässt. Die Erzählung von Samuel wird hier auf verschiedene Arten modifiziert: In 1Sam 21 wird nicht ausdrücklich erwähnt, dass David aus Hunger handelt, und er betritt auch das Haus Gottes nicht, um die Schaubrote zu essen; der Priester war Ahimelech, nicht Abjatar. Diese Erzählung wurde, wie auch die anderen Streitgespräche der Evangelien, vermutlich geschaffen, um die Identitäten der Gefolgschaft Jesu und ihrer Opponenten abzugrenzen. Die Darstellung der Pharisäer, die auf dem Feld das Verhalten anderer beobachten, ist wahrscheinlich historisch nicht korrekt, sondern wurde erst als Teil dieser abgrenzenden Charakterisierung entworfen. 2,27–28 Im rabbinischen Recht sollten Einschränkungen am Sabbat außer Kraft gesetzt werden, wenn ein Leben in Gefahr war. Jesus tritt für eine ähnliche Ausnahme am Sabbat ein (tSchab 16,12; vgl. auch Mk 3,1–6). Da Menschensohn schlicht „Person“ bedeuten könnte (vgl. „Der Menschensohn“), ist es möglich, dass der Ausspruch ursprünglich nur meinte, dass jeder Mensch Herr auch über den Sabbat ist – im Sinne, dass man den Tag genießen anstatt sich durch die Sabbatgesetze belastet fühlen sollte (bJom 85b überliefert: „Er [der Sabbat] ist euch anvertraut, nicht aber ihr ihm“).

Markus 3

1 Und er ging abermals in die Synagoge. Und es war da ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand. 2 Und sie gaben acht, ob er ihn am Sabbat heilen würde, damit sie ihn verklagen könnten. 3 Und er sprach zu dem Menschen mit der verdorrten Hand: Steh auf und tritt in die Mitte! 4 Und er sprach zu ihnen: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes tun oder Böses tun, Leben retten oder töten? Sie aber schwiegen still. 5 Und er sah sie ringsum an mit Zorn, betrübt über ihr erstarrtes Herz, und sprach zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus; und seine Hand wurde wieder gesund. 6 Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten alsbald Rat über ihn mit den Anhängern des Herodes, dass sie ihn umbrächten.

Mk 2,1–3,6 Eine Sammlung von brisanten Erzählungen Obwohl Jesu erster „Tag“ der Wunder positiv angenommen wurde, trifft er nun in fünf Konflikten auf Widerstand. Wie auch die Rabbinen untereinander hinsichtlich bestimmter Praktiken stritten, so waren sich auch Jesus und andere Juden uneins.

Mk 3,1–6 Heilung am Sabbat (Mt 12,9–14; Lk 6,6–11). Jesus reagiert auf eine weitere Ausnahme des Sabbats, die sich auch in rabbinischer Tradition findet: „Jede Lebensgefahr bricht den Sabbat“ (mJom 8,6). Die Damaskusschrift, die zu den Schriften des Toten Meeres gehört, zeigt sich weniger nachgiebig, wenn es um das Retten von Menschenleben am Sabbat geht (CD 11,16–17). 3,4 Obwohl Jesus die Heilung mit den Begriffen Gutes oder Böses tun, Leben zu retten oder töten bezeichnet, ist der Zustand des Mannes nicht lebensbedrohlich, weshalb diese Heilung vielleicht auch metaphorisch für ein gerettetes Lebens steht. 3,5 Erstarrtes Herz, erinnert an dieser Stelle an die Verstockung des Herzens des Pharaos. In Ex 4,21 verstockt Gott das Herz des Pharaos, während dieser in Ex 8,15.28 sein eigenes Herz verhärtet. In Mk 4,12 wird Jes 6,10–11 auf eine Weise zitiert, die andeutet, dass Gott die Verstockung lenkt. Wurde wieder gesund, das Passiv könnte andeuten, dass Jesus nichts tut, was als „Arbeit“ angesehen werden konnte. 3,6 Nur hier spricht Markus davon, dass die Pharisäer versuchten, Jesus umzubringen. In den Evangelien sind es meist die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten, die nach seiner Hinrichtung trachten (Mk 14,1–2) und dies auch nur im Zusammenhang mit der Passionserzählung (Mk 8,31). Anhänger des Herodes, Unterstützer von Herodes Antipas, dem Klientelherrscher Roms in Galiläa (Mk 6,17–29).

7 Aber Jesus entwich mit seinen Jüngern an das Meer, und eine große Menge aus Galiläa folgte ihm; auch aus Judäa 8 und Jerusalem, aus Idumäa und von jenseits des Jordans und aus der Umgebung von Tyrus und Sidon kam eine große Menge zu ihm, da sie von seinen Taten hörten. 9 Und er sagte zu seinen Jüngern, sie sollten ihm ein Boot bereithalten, damit das Volk ihn nicht bedränge. 10 Denn er heilte viele, sodass sie über ihn herfielen, damit ihn anrührten alle, die geplagt waren. 11 Und wenn ihn die unreinen Geister sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist Gottes Sohn! 12 Und er bedrohte sie hart, dass sie ihn nicht offenbar machten.

Mk 3,7–12 Zusammenfassung von Jesu Erfolg (Mt 12,15–21; Lk 4,41; 6,17–19). In Jes 2,1–4 wird die Sammlung Israels und der Zustrom der Völker nach Jerusalem prophezeit; hier wird dieser Vorgang auf Jesus fokussiert und nicht auf Jerusalem. Der Verweis scheint sich hauptsächlich (wenn nicht sogar exklusiv) auf das Diasporajudentum zu beziehen. 3,11–12 Unreine Geister, vgl. Anm. zu 1,22–24. Bei antiken Exorzismen sprach normalerweise der Exorzist und nicht die Dämonen (vgl. Mk 1,24–25). Jesus muss mit Gewalt auf die Dämonen reagieren, indem er sie zum Schweigen bringt, was vermutlich mit dem Motiv des Messiasgeheimnisses zusammenhängt (zum Messiasgeheimnis vgl. Einleitung.). Gottessohn, vgl. Anm. zu 1,9–11.

13 Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm. 14 Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen 15 und dass sie Vollmacht hätten, die Dämonen auszutreiben. 16 Und er setzte die Zwölf ein: Simon – ihm gab er den Namen Petrus – 17 und Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, den Bruder des Jakobus – ihnen gab er den Namen Boanerges, das heißt: Donnersöhne – 18 und Andreas und Philippus und Bartholomäus und Matthäus und Thomas und Jakobus, den Sohn des Alphäus, und Thaddäus und Simon Kananäus 19 und Judas Iskariot, der ihn dann verriet.

Mk 3,13–19a Die Ernennung der Zwölf (Mt 10,1–4; Lk 6,12–16) 3,14 Zwölf, die Zahl deutet auf die zwölf Stämme Israels hin, eine symbolische Zahl, die das gesamte Volk Gottes repräsentiert. Die Zwölf sind Jünger (gr. mathētai, was ursprünglich die „Lernenden, Schüler“ bezeichnete, die sich um einen Lehrer sammelten); Sie werden hier Apostel genannt (gr. apostolos, übers. „ein Ausgesandter“, als Repräsentant oder um einen Auftrag zu erfüllen). Im NT wird nur eine Frau, Tabita in Apg 9,36, ausdrücklich als Jüngerin bezeichnet, obwohl Jesus auch weibliche Anhängerinnen hatte (Mk 15,40; 16,1). Paulus beanspruchte den Status eines Apostels (Gal 1–2). Der Hebräische Begriff limmud, übers. „ein Unterrichteter“, könnte sich auf Jünger beziehen. Elisa, einer der Prophetenjünger (z.B. 2Kön 2,3), wird als Jünger Elias dargestellt, der als sein „Vater“ bezeichnet wird (vgl. auch Jes 8,16; 50,4; 54,13).

20 Und er ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, sodass sie nicht einmal essen konnten. 21 Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.

22 Die Schriftgelehrten aber, die von Jerusalem herabgekommen waren, sprachen: Er hat den Beelzebul, und: Durch den Obersten der Dämonen treibt er die Dämonen aus. 23 Und er rief sie zu sich und sprach zu ihnen in Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben? 24 Wenn ein Reich mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen. 25 Und wenn ein Haus mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen. 26 Erhebt sich nun der Satan gegen sich selbst und ist mit sich selbst uneins, so kann er nicht bestehen, sondern es ist aus mit ihm. 27 Niemand aber kann in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken fesselt; und dann wird er sein Haus ausrauben.

28 Wahrlich, ich sage euch: Alles wird den Menschenkindern vergeben werden, die Sünden und die Lästerungen, so viel sie auch lästern mögen; 29 wer aber den Heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig. 30 Denn sie hatten gesagt: Er hat einen unreinen Geist.

31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. 32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. 33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? 34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Mk 3,19b–35 Beelzebul und Satan (Mt 12,22–32.46–50; Lk 8,19–21; 11,14–23; 12,10) 3,21 Die Seinen […] wollten ihn ergreifen, so werden Jesu Verwandte in den Evangelien dargestellt: Sie missverstehen ihn oder sind gegen sein Wirken (Mt 12,46–50; Lk 8,19–21). 3,22 Beelzebul, ein Name Satans, abgeleitet vom kanaanäischen obersten Himmelsgott Baal; die Bezeichnung bedeutet vielleicht „Baal, der Prinz“ (in 2Kön 1,2.3 wird der Name als baal-sevuv, übers. „Herr der Fliegen“, also als beleidigende Parodie wiedergegeben). Dieser Abschnitt zeigt, wie sich Zaubereivorwürfe entwickeln: Was von einer Gruppe als Wunder wahrgenommen wird, wird von einer anderen dämonischen Kräften zugeschrieben. 3,23–27 Die Gleichnisse widerlegen die Anklage dämonischer Kraft, indem sie eine Analogie zu einem menschlichen Königreich ziehen, in dem gegenläufige Kräfte wirken. Daraufhin stellt Jesus eine weitere Analogie her: Jemand, der einen Starken fesselt, damit dessen Hausrat geraubt werden kann, ist wie Jesus, der die dämonische Welt vernichtet, indem er Satan besiegt. 3,28–30 Heiligkeit wurde in Israel mit Gott und dem Tempel, mit Engeln und gelegentlich mit dem ganzen Volk (Ex 19,6) oder den Propheten assoziiert; vgl. 2Kön 4,9; Mk 6,20. An dieser Stelle scheint der Heilige Geist mit Prophetie unter den Anhängern Jesu in Verbindung gebracht zu werden und wird noch nicht als Teil der Trinität verstanden; dieses Dogma wurde erst später entwickelt (vgl. aber Mt 28,19). Vgl. Anm. zu 1,40–45. In manchen jüdischen Apokalypsen (äthHen 38,2) ist der Heilige Geist die göttliche Macht, die die neue Gemeinschaft ins Leben ruft. In rabbinischen Texten sind Sünden gegen Gott und die Heiligkeit der Gemeinschaft von unentschuldbarer Art (mAv 3,11: „Rabbi Eleazar aus Modiim sagt: Wer die heiligen Dinge entheiligt, wer die Halbfeiertage verachtet, wer seinen Nächsten öffentlich beschämt, wer den Bund Abrahams, unseres Vaters, bricht, oder wer vor der Tora sein Gesicht nicht der Halaḵa entsprechend entblößt, der hat keinen Anteil an der zukünftigen Welt, auch wenn er Tora[kenntnis] und gute Taten aufzuweisen hat“). 3,28 Wahrlich, das hebr. amen wurde im Griechischen beibehalten; vgl. Anm. zu 1,15. Jesus verwendet Amen nicht auf die typisch biblische, bzw. jüdische Weise, um dem Gebet eines anderen beizupflichten, sondern als feierliche Bekräftigung dessen, was er zu sagen im Begriff ist (vgl. 1Kön 1,36 und Jer 28,6, wo der Prophet am Beginn seiner Rede „Amen“ verwendet, um sich – vermutlich ironisch – auf die vorherige Rede des Propheten Hananja zu beziehen). 3,31–35 In neuen religiösen Bewegungen wurden die Angehörigen oft als „Brüder und […] Schwestern“ bezeichnet, um sich als neue Familie zu verstehen; vgl. Anm. zu 10,29–30.

Markus 4

1 Und er fing abermals an, am Meer zu lehren. Und es versammelte sich eine so große Menge bei ihm, dass er in ein Boot stieg, das im Wasser lag, und er setzte sich; und alles Volk stand auf dem Lande am Meer. 2 Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und in seiner Predigt sprach er zu ihnen:

3 Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. 4 Und es begab sich, indem er säte, fiel etliches an den Weg; da kamen die Vögel und fraßen‘s auf. 5 Anderes fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. 6 Da nun die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. 7 Und anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten‘s, und es brachte keine Frucht. 8 Und all das Übrige fiel auf das gute Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach. 9 Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

10 Und als er allein war, fragten ihn, die um ihn waren, samt den Zwölfen nach den Gleichnissen. 11 Und er sprach zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; denen draußen aber widerfährt es alles in Gleichnissen, 12 auf dass sie mit sehenden Augen sehen und doch nicht erkennen und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.

13 Und er sprach zu ihnen: Versteht ihr dies Gleichnis nicht, wie wollt ihr dann die andern alle verstehen? 14 Der Sämann sät das Wort. 15 Diese aber sind es, die an dem Wege sind: Wo das Wort gesät wird und sie es gehört haben, kommt alsbald der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät war. 16 Und diese sind es, die auf felsigen Boden gesät sind: Wenn sie das Wort gehört haben, nehmen sie es sogleich mit Freuden auf, 17 aber sie haben keine Wurzel in sich, sondern sind wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung um des Wortes willen erhebt, so kommen sie alsbald zu Fall. 18 Und andere sind es, die unter die Dornen gesät sind: Die haben das Wort gehört, 19 und die Sorgen der Welt und der trügerische Reichtum und die Begierden nach allem andern dringen ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. 20 Und jene sind es, die auf das gute Land gesät sind: Die hören das Wort und nehmen‘s an und bringen Frucht, einige dreißigfach und einige sechzigfach und einige hundertfach.

21 Und er sprach zu ihnen: Zündet man denn ein Licht an, um es unter den Scheffel oder unter die Bank zu setzen? Und nicht, um es auf den Leuchter zu setzen? 22 Denn es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werden soll, und ist nichts geheim, das nicht an den Tag kommen soll. 23 Wer Ohren hat zu hören, der höre!

24 Und er sprach zu ihnen: Seht zu, was ihr hört! Mit welchem Maß ihr messt, wird man euch zumessen, und man wird euch noch dazugeben. 25 Denn wer da hat, dem wird gegeben; und wer nicht hat, dem wird man auch das nehmen, was er hat.

26 Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft 27 und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. 28 Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. 29 Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

30 Und er sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? 31 Es ist wie mit einem Senfkorn: Wenn das gesät wird aufs Land, so ist‘s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; 32 und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.

33 Und durch viele solche Gleichnisse sagte er ihnen das Wort so, wie sie es hören konnten. 34 Und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen; aber wenn sie allein waren, legte er seinen Jüngern alles aus.

Mk 4,1–34 Gleichnisse und das Reich Gottes (Mt 13; Lk 8,4–18; 13,18–19) Das Kapitel der Gleichnisse ist das Zentrum der Lehre im MkEv (vgl. „Midrasch und Gleichnisse“). 4,1 Bezüglich der späteren rabbinischen Vorstellung, dass Prophetie in Wassernähe stattfindet, vgl. MechJ Bo 1,42–76. 4,10–12 Geheimnis des Reiches Gottes, wird durch Gleichnisse vermittelt, die den Eingeweihten erklärt werden. Markus deutet damit an, dass die Gleichnisse ohne Erklärung unverständlich sind und für das Verständnis eine Aufschlüsselung notwendig ist. Jesus spricht in Gleichnissen, auf dass die Außenstehenden sie nicht verstehen und nicht nach Vergebung trachten – damit der schwierige Jesajatext (Jes 6,9–10) erfüllt würde –, gibt aber gleichzeitig den Anwesenden einen Schlüssel mit (dieser harte Kurs wird in Mt 13,13 aufgeweicht, vgl. Anm. zu Mk 3,5). Unklar ist, ob das Königreich bereits angebrochen oder zukünftig ist – oder beides. 4,26–29 Dieses Gleichnis ähnelt dem vorherigen über den Sämann, ist aber wenig komplex, da nur ein Same gesät wird und die Pointe in der Überraschung des Wachsens der Pflanze liegt. 4,27 Er weiß nicht wie, in vielen Gleichnissen sind wundersames Auftreten und unerklärliches Wachstum Metaphern für das Königreich. 4,31–32 Große Bäume, üblicherweise Zedern, waren Symbole für Reichtum (Ez 17,22–23; Dan 4,17–19), aber Senfpflanzen wuchsen nur wenige Meter hoch. Wie viele andere Gleichnisse ist auch dieses eine humorvolle Satire: Das Königreich ist wie ein struppiger, invasiver Strauch! Das Gleichnis deutet an, dass das Königreich von unauffälligen Anfängen ausgeht, aber wie durch ein Wunder wächst.

35 Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren. 36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. 37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. 38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? 39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. 40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? 41 Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!

Mk 4,35–41 Die Stillung des Sturmes (Mt 8,23–27; Lk 8,22–25) Wie Jona schläft auch Jesus inmitten eines Unwetters; anders als Jona (Jon 1,4–6) kann Jesus den Sturm beruhigen. 4,35 Anderes Ufer, Jesus verlässt den überwiegend jüdischen Teil Galiläas zum ersten Mal, um sich nach Osten, zur vorwiegend nichtjüdischen Uferregion, zu begeben. 4,38–40 Hier und an anderer Stelle beschreibt Markus die Jünger als unverständig, willensschwach und feige (Mk 4,13.38.40; 5,31; 6,52; 7,18; 8,17). Markus könnte damit anzeigen, dass sie die Autorität, die sie in den frühen Gemeinschaften der Jesusanhänger genossen, gar nicht verdienen. Andererseits konnten sich die Hörerinnen und Hörer auch mit den Schwächen der Jünger identifizieren und so ermutigt werden, treu nachzufolgen. Diese Perikope erinnert an das wiederkehrende Motiv des murrenden Volkes in den Wüstenepisoden in Exodus und Numeri. Das Boot ist vielleicht als Metapher für die kleine hin- und hergeworfene Gemeinschaft gedacht – so wurde es zumindest später in der christlichen Kunst interpretiert. 4,39 [Er] bedrohte den Wind [und das] Meer, im Hintergrund steht das antik-nahöstliche und israelitische Bild des Gottes, der das Meer bezwingt (z.B. Ps 65,7; 89,9; 107,29).

Markus 5

1 Und sie kamen ans andre Ufer des Meeres in die Gegend der Gerasener. 2 Und als er aus dem Boot stieg, lief ihm alsbald von den Gräbern her ein Mensch entgegen mit einem unreinen Geist. 3 Der hatte seine Wohnung in den Grabhöhlen. Und niemand konnte ihn mehr binden, auch nicht mit einer Kette; 4 denn er war oft mit Fesseln an den Füßen und mit Ketten gebunden gewesen und hatte die Ketten zerrissen und die Fesseln zerrieben; und niemand konnte ihn bändigen. 5 Und er war allezeit, Tag und Nacht, in den Grabhöhlen und auf den Bergen, schrie und schlug sich mit Steinen. 6 Da er aber Jesus sah von ferne, lief er hinzu und fiel vor ihm nieder, 7 schrie laut und sprach: Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, du Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht! 8 Denn er hatte zu ihm gesagt: Fahre aus, du unreiner Geist, von dem Menschen! 9 Und er fragte ihn: Wie heißt du? Und er sprach zu ihm: Legion heiße ich; denn wir sind viele. 10 Und er bat Jesus sehr, dass er sie nicht aus der Gegend vertreibe.

11 Es war aber dort am Berg eine große Herde Säue auf der Weide. 12 Und die unreinen Geister baten ihn und sprachen: Lass uns in die Säue fahren! 13 Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren sie aus und fuhren in die Säue, und die Herde stürmte den Abhang hinunter ins Meer, etwa zweitausend, und sie ersoffen im Meer.

14 Und die Sauhirten flohen und verkündeten das in der Stadt und auf dem Lande. Und die Leute gingen, um zu sehen, was da geschehen war, 15 und kamen zu Jesus und sahen den Besessenen, der den Geist »Legion« gehabt hatte, wie er dasaß, bekleidet und vernünftig, und sie fürchteten sich. 16 Und die es gesehen hatten, erzählten ihnen, was dem Besessenen widerfahren war und das von den Säuen. 17 Und sie fingen an und baten Jesus, aus ihrem Gebiet fortzugehen.

18 Und als er in das Boot stieg, bat ihn, der zuvor besessen war, dass er bei ihm bleiben dürfe. 19 Aber er ließ es ihm nicht zu, sondern sprach zu ihm: Geh hin in dein Haus zu den Deinen und verkünde ihnen, welch große Dinge der Herr an dir getan und wie er sich deiner erbarmt hat. 20 Und er ging hin und fing an, in den Zehn Städten auszurufen, wie viel Jesus an ihm getan hatte; und jedermann verwunderte sich.

Mk 5,1–20 Der besessene Gerasener und die Legion der unreinen Geister (Mt 8,28–34; Lk 8,26–39) Der Exorzismus auf nichtjüdischem Gebiet ähnelt dem Bericht von Mk 1,21–28: In beiden Szenen erkennen die Dämonen Jesus, er treibt sie durch Befehle aus und die Zuschauer verbreiten eilig, was geschehen ist. Durch seine Handlungen lenkt Jesus erneut den Heiligen Geist Gottes (Mk 1,24; 3,29) gegen die unreinen Geister (V. 2). 5,1 Gerasener, Gerasa liegt etwa 64 km nördlich vom Galliläischen Meer, womit sich die Lokalisierung und das Geschehen in V. 13 widersprechen. Gerasa könnte auf die hebr. Wurzel g.r.sch. anspielen, was „austreiben“ bedeutet. Der Begriff erscheint in biblischen Erzählungen, in denen Gott die Völker aus dem Land treibt (z.B. Ex 23,28), wie hier unreine Tiere verjagt werden (vgl. auch Anm. zu 6,6b–13). 5,2 Unreiner Geist, vgl. Anm. zu 1,22–24. 5,7 Der Geist erkennt Jesus als den Sohn des höchsten Gottes (gr. hypsistos, die LXX-Übersetzung von hebr. ‘elijon, übers. „Höchster“; ein antiker Name für Gott [z.B. Ps 9,3]). 5,9 Wie heißt du, um Engel und Dämonen in Dienst zu nehmen oder sie zu kontrollieren, war die Kenntnis ihrer Namen unentbehrlich. Legion, ein lateinisches Lehnwort, das eine Einheit von bis zu 6000 Soldaten in der römischen Armee bezeichnet. Diese Erzählung wirft einige Fragen auf, ohne sie zu beantworten: Repräsentiert das Schwein die Vertreibung (hebr. gerusch) von unreinen Tieren oder der römischen Armee? Sind die Gerasener aufgrund des Verlusts ihrer Herden zornig? Was bedeutet es, dass ein Nichtjude darum bittet, Jesus nachfolgen zu dürfen? Warum spielt hier das Messiasgeheimnis keine Rolle? 5,20Die Zehn Städte, gr. dekapolis, sind ein Bund von zehn vorwiegend nichtjüdischen Städten östlich des Galiläischen Meeres.

21 Und als Jesus im Boot wieder ans andre Ufer gefahren war, versammelte sich eine große Menge bei ihm, und er war am Meer. 22 Da kam einer von den Vorstehern der Synagoge, mit Namen Jaïrus. Und als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen 23 und bat ihn sehr und sprach: Meine Tochter liegt in den letzten Zügen; komm und lege ihr die Hände auf, dass sie gesund werde und lebe. 24 Und er ging hin mit ihm.

Und es folgte ihm eine große Menge, und sie umdrängten ihn. 25 Und da war eine Frau, die hatte den Blutfluss seit zwölf Jahren 26 und hatte viel erlitten von vielen Ärzten und all ihr Gut dafür aufgewandt; und es hatte ihr nichts geholfen, sondern es war nur schlimmer geworden. 27 Da sie von Jesus gehört hatte, kam sie in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand. 28 Denn sie sagte sich: Wenn ich nur seine Kleider berühre, so werde ich gesund. 29 Und sogleich versiegte die Quelle ihres Blutes, und sie spürte es am Leibe, dass sie von ihrer Plage geheilt war. 30 Und Jesus spürte sogleich an sich selbst, dass eine Kraft von ihm ausgegangen war, wandte sich um in der Menge und sprach: Wer hat meine Kleider berührt? 31 Und seine Jünger sprachen zu ihm: Du siehst, dass dich die Menge umdrängt, und sprichst: Wer hat mich berührt? 32 Und er sah sich um nach der, die das getan hatte. 33 Die Frau aber fürchtete sich und zitterte, denn sie wusste, was an ihr geschehen war; sie kam und fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. 34 Er aber sprach zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht; geh hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage!

35 Als er noch redete, kamen Leute vom Vorsteher der Synagoge und sprachen: Deine Tochter ist gestorben; was bemühst du weiter den Meister? 36 Jesus aber hörte nicht auf das, was da gesagt wurde, und sprach zu dem Vorsteher: Fürchte dich nicht, glaube nur! 37 Und er ließ niemanden mit sich gehen als Petrus und Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.

38 Und sie kamen in das Haus des Vorstehers, und er sah das Getümmel und wie sehr sie weinten und heulten. 39 Und er ging hinein und sprach zu ihnen: Was lärmt und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft. 40 Und sie verlachten ihn. Er aber trieb sie alle hinaus und nahm mit sich den Vater des Kindes und die Mutter und die bei ihm waren, und ging hinein, wo das Kind lag, 41 und ergriff das Kind bei der Hand und sprach zu ihm: Talita kum! – das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! 42 Und sogleich stand das Mädchen auf und ging umher; es war aber zwölf Jahre alt. Und sie entsetzten sich sogleich über die Maßen. 43 Und er gebot ihnen streng, dass es niemand wissen sollte, und sagte, sie sollten ihr zu essen geben.

Mk 5,21–43 Die Auferweckung der Tochter des Jaïrus und die Heilung der blutflüssigen Frau (Mt 9,18–26; Lk 8,40–56) Jesus kehrt schnell wieder um, zurück zum westlichen, stärker jüdisch geprägten Ufer. 5,22 Vorsteher der Synagoge, vermutlich kein religiöser Amtsträger, sondern eine bedeutende Persönlichkeit der Gemeinschaft. 5,25 Blutfluss, das jüdische Recht unterschied zwischen menstruierenden Frauen (nidda) und einer Frau, die unter irregulärem und anhaltendem Blutfluss leidet (sava; Lev 15,19–30), worauf sich Markus hier bezieht. Lev 15 behandelt reguläre und irreguläre genitale Ausflüsse. Alle verursachen rituelle Unreinheit, für die allerdings unterschiedliche Reaktionen vorgeschrieben sind. Im Text wird allerdings gar nicht erwähnt, ob eine solche rituelle Unreinheit auch in einem hiesigen Dorf ein Problem gewesen wäre, wo der Zugang zum Tempel keine Rolle spielte. 5,25–34 Häufig wird angenommen, dieses Wunder stelle die Zurückweisung solcher jüdischer Reinheitsvorschriften durch Jesus dar, die als besonders belastend für Frauen angesehen wurden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es hier um die Unterscheidung zwischen Krankheit und Heilung aus Glauben geht, wie der Text zweifach bemerkt (V. 28–29; 34). Wie auch in Mk 1,40–45, wo die Reinigung durch Jesus im Mittelpunkt steht, ist das Reich Gottes eine Zeit der Befreiung von Unreinheit, nicht von Reinheitsgesetzen (Sach 13,1–2; 14,20–21). 5,41 Talita kum, die aramäische Fassung von Jesu Worten ist vermutlich der Überrest einer mündlichen Tradition und vielleicht, für die griechisch sprechende Leserschaft von Markus, die Andeutung einer magischen Formel. 5,42 Zwölf Jahre, das Alter des Mädchens entspricht der Leidensdauer der blutflüssigen Frau (V. 25), was ein Verweis auf die Erneuerung des gesamten Israels sein kann, da „zwölf“ für die zwölf Stämme und damit für das gesamte israelitische Volk stehen kann. Es besteht keine Verbindung zum heiratsfähigen Alter.

Markus 6

1 Und er ging von dort weg und kam in seine Vaterstadt, und seine Jünger folgten ihm nach. 2 Und als der Sabbat kam, fing er an zu lehren in der Synagoge. Und viele, die zuhörten, verwunderten sich und sprachen: Woher hat er dies? Und was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist? Und solche Taten geschehen durch seine Hände? 3 Ist der nicht der Zimmermann, Marias Sohn und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie ärgerten sich an ihm. 4 Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland[*] und bei seinen Verwandten und in seinem Hause. 5 Und er konnte dort nicht eine einzige Tat tun, außer dass er wenigen Kranken die Hände auflegte und sie heilte. 6 Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Und er zog rings umher in die Dörfer und lehrte.

7 Und er rief die Zwölf zu sich und fing an, sie auszusenden je zwei und zwei, und gab ihnen Macht über die unreinen Geister 8 und gebot ihnen, nichts mitzunehmen auf den Weg als allein einen Stab, kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel, 9 wohl aber Schuhe an den Füßen. Und zieht nicht zwei Hemden an!

10 Und er sprach zu ihnen: Wo ihr in ein Haus geht, da bleibt, bis ihr von dort weiterzieht. 11 Und wo man euch nicht aufnimmt und euch nicht hört, da geht hinaus und schüttelt den Staub von euren Füßen, ihnen zum Zeugnis. 12 Und sie zogen aus und predigten, man sollte Buße tun, 13 und trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund.

Mk 6,1–13 Die zweite Ablehnung in Jesu Heimatstadt und die Aussendung der Zwölf (Mt 10,1–14; 13,53–58; Lk 4,16–30; 9,1–6). 6,3 Bruder […] Schwestern, die christliche Tradition hat diese Geschwister teilweise als Söhne Josefs mit einer anderen Frau als Maria erklärt, bzw. als Cousins und Cousinen. Die hebräischen, aramäischen und griechischen Worte für „Bruder“ und „Schwester“ können jedoch auch einfach „Verwandter“ bedeuten (Tob 7,9). Der Kontext legt nahe, dass es sich um nahe Familienmitglieder handelt; die Jungfrauengeburt Jesu wird bei Mk nicht erwähnt (Mt 1,18–25; Lk 1,34–35). Das Wesentliche ist, wie auch in Mk 3,19b–30, dass die Familie und Heimatstadt Jesu ihn ablehnten (vgl. Einleitung). 6,4 Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland, der hebräische Ausdruck aus der Renaissance, ein navi be‘iro, könnte von diesem Vers abgeleitet sein. 6,5–6a Der Mangel an Glauben beschränkt Jesu Macht. 6,6b–13 Jesus verleiht den Jüngern seine Gewalt über unreine Geister; wie mBer 5,5 überliefert: „der Beauftragte eines Menschen ist wie dieser selbst.“ 6,7 Je zwei und zwei, vielleicht, damit es immer mindestens zwei Zeugen gemäß Dtn 19,15 gäbe, was für das Zeugnis von V. 11 von Bedeutung sein könnte. 6,13 Salbten […] mit Öl, eine übliche, medizinische Praxis (Jes 1,6; Jos.Bell. 1,657).

14 Und es kam dem König Herodes zu Ohren; denn der Name Jesu war nun bekannt. Und die Leute sprachen: Johannes der Täufer ist von den Toten auferweckt worden, und darum wirken solche Kräfte in ihm. 15 Andere aber sprachen: Er ist Elia; wieder andere: ein Prophet wie einer der Propheten. 16 Als es aber Herodes hörte, sprach er: Es ist Johannes, den ich enthauptet habe, der ist auferweckt worden.

17 Denn er, Herodes, hatte ausgesandt und Johannes ergriffen und ins Gefängnis geworfen um der Herodias willen, der Frau seines Bruders Philippus; denn er hatte sie geheiratet. 18 Johannes aber hatte zu Herodes gesagt: Es ist nicht erlaubt, dass du die Frau deines Bruders hast. 19 Herodias aber stellte ihm nach und wollte ihn töten und konnte es nicht. 20 Denn Herodes fürchtete Johannes, weil er wusste, dass er ein gerechter und heiliger Mann war, und hielt ihn in Gewahrsam; und wenn er ihn hörte, wurde er sehr unruhig; doch hörte er ihn gern.

21 Und es kam ein gelegener Tag, als Herodes an seinem Geburtstag ein Festmahl gab für seine Großen und die Obersten und die Vornehmsten von Galiläa. 22 Da trat herein seine Tochter, die von Herodias, und tanzte, und sie gefiel Herodes und denen, die mit zu Tisch lagen. Da sprach der König zu dem Mädchen: Bitte von mir, was du willst, ich will dir‘s geben. 23 Und er schwor ihr feierlich: Was du von mir bittest, will ich dir geben, bis zur Hälfte meines Königreichs.

24 Und sie ging hinaus und fragte ihre Mutter: Was soll ich bitten? Die sprach: Das Haupt Johannes des Täufers. 25 Da ging sie sogleich eilig hinein zum König, bat ihn und sprach: Ich will, dass du mir gibst, jetzt gleich auf einer Schale, das Haupt Johannes des Täufers. 26 Und der König wurde sehr betrübt. Doch wegen der Eide und derer, die mit zu Tisch lagen, wollte er sie nicht abweisen. 27 Und alsbald schickte der König den Henker hin und befahl, das Haupt des Johannes herzubringen. Der ging hin und enthauptete ihn im Gefängnis 28 und trug sein Haupt herbei auf einer Schale und gab‘s dem Mädchen, und das Mädchen gab‘s seiner Mutter. 29 Und da das seine Jünger hörten, kamen sie und nahmen seinen Leichnam und legten ihn in ein Grab.

Mk 6,14–29 Die Enthauptung von Johannes dem Täufer (Mt 14,1–12; Lk 9,7–9). Der jüdische Historiker Josephus deutet an (Ant. 18,116–19), dass Johannes der Täufer eine berühmte und geschätzte Persönlichkeit war (Mk 11,30–32). Markus stellt Johannes als Propheten dar, der Herodes (V. 16) Antipas verurteilt, weil dieser, indem er die Frau seines [noch lebenden] Bruders heiratete (V. 18), die Tora übertreten hatte (Lev 18,16). 6,15 Elia, Mk 8,28. 6,16 Johannes […] ist auferweckt worden, Herodes fühlt sich an Johannes den Täufer erinnert, da ihre Predigten ähnlichen Inhalts waren und beide große Menschenmengen anzogen. Die Vorstellung einer Auferstehung Vieler war verbreitet, aber kein allgemein gültiger jüdischer Glaubensinhalt (Ez 37; Dan 12,2; 2Makk 7,12–14; Mk 12,18). Ungewöhnlich ist jedoch die Vorstellung, dass eine Einzelperson von den Toten auferweckt wurde, ohne dass es sich um den Teil eines umfassenderen Vorgangs handelt. Hier wird dies jedoch nur als Vermutung des Herodes angeführt. Der Bericht fußt vermutlich auf der tatsächlichen Hinrichtung von Johannes, obwohl Josephus (Ant. 18,116–119) eine davon leicht abweichende Darstellung bietet, bei der die Tötung in einer Festung am Toten Meer (Machaerus) stattfindet.

30 Und die Apostel kamen bei Jesus zusammen und verkündeten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. 31 Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. Denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht Zeit genug zum Essen. 32 Und sie fuhren in einem Boot an eine einsame Stätte für sich allein. 33 Und man sah sie wegfahren, und viele hörten es und liefen aus allen Städten zu Fuß dorthin zusammen und kamen ihnen zuvor. 34 Und Jesus stieg aus und sah die große Menge; und sie jammerten ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing eine lange Predigt an.

35 Da nun der Tag fast vergangen war, traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Die Stätte ist einsam, und der Tag ist fast vergangen; 36 lass sie gehen, damit sie in die Höfe und Dörfer ringsum gehen und sich etwas zu essen kaufen. 37 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Und sie sprachen zu ihm: Sollen wir denn hingehen und für zweihundert Silbergroschen Brot kaufen und ihnen zu essen geben? 38 Er aber sprach zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht hin und seht nach! Und als sie es erkundet hatten, sprachen sie: Fünf, und zwei Fische. 39 Und er gebot ihnen, dass sich alle lagerten, tischweise, auf das grüne Gras. 40 Und sie setzten sich, in Gruppen zu hundert und zu fünfzig.

41 Und er nahm die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel, dankte und brach die Brote und gab sie den Jüngern, dass sie sie ihnen austeilten, und die zwei Fische teilte er unter sie alle. 42 Und sie aßen alle und wurden satt. 43 Und sie sammelten die Brocken auf, zwölf Körbe voll, und von den Fischen. 44 Und die die Brote gegessen hatten, waren fünftausend Männer.

Mk 6,30–44 Die Speisung der Fünftausend (Mt 14,13–21; Lk 9,10–17; Joh 6,1–13) Markus schildert zwei wundersame Speisungen, eine in vorwiegend jüdischem und die andere (Mk 8,1–10) in einem überwiegend nichtjüdischen Gebiet. Matthäus übernimmt beide, während Lukas und Johannes jeweils nur einen Bericht bieten. Die Erzählung erinnert an den Exodus und auch an die Wunder von Elisa (Ex 16–18; 2Kön 4,42–44). 6,33 Es ist unwahrscheinlich, dass die Menge sie mit dem Boot wegfahren sieht, aus allen Städten weitere Personen aufnimmt, vorauseilt und dennoch vor ihnen an der einsamen Stätte ankommt (vgl. auch die Menschenmenge in Mk 3,7–12). Diese Beschreibung hebt die wundersame Natur des Königreiches hervor. 6,34 Schafe, die keinen Hirten haben, 1Kön 22,17. Wie Mose wird auch Jesus aus der von ihm bevorzugten Abgeschiedenheit (V. 31) aufgrund seines Mitgefühls für die Menschen herausgerufen (z.B. Ex 3–4), die ihn aber letztendlich im Stich lassen werden. Hirte, Num 27,17; Jes 40,11. 6,41 Nahm […] dankte […] brach […] gab, die Formulierungen ähneln den Worten des letzten Abendmahls sehr (Anm. zu 14,22–25); die wundersame Speisung verweist so nach vorne auf die Eucharistie, während sie gleichzeitig an das Mahl von Jes 25,6 erinnert (vgl. 1QM 2,11–22; äthHen 10,18–19). 6,43 Zwölf Körbe, ein Verweis auf die zwölf Jünger und die eschatologische Sammlung der zwölf Stämme (Lk 22,28–30).

45 Und alsbald trieb er seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren nach Betsaida, bis er das Volk gehen ließe. 46 Und als er sich von ihnen getrennt hatte, ging er hin auf einen Berg, um zu beten.

47 Und am Abend war das Boot mitten auf dem Meer, und er war an Land allein. 48 Und er sah, dass sie sich abplagten beim Rudern – denn der Wind stand ihnen entgegen –, da kam er um die vierte Nachtwache zu ihnen und wandelte auf dem Meer und wollte an ihnen vorübergehen. 49 Als sie ihn aber auf dem Meer wandeln sahen, meinten sie, es wäre ein Gespenst, und schrien; 50 denn sie sahen ihn alle und erschraken. Aber sogleich redete er mit ihnen und sprach zu ihnen: Seid getrost, ich bin‘s; fürchtet euch nicht! 51 Und er stieg zu ihnen ins Boot, und der Wind legte sich. Und sie entsetzten sich über die Maßen; 52 denn sie waren um nichts verständiger geworden angesichts der Brote, sondern ihr Herz war erstarrt.

Mk 6,45–52 Der Gang auf dem Wasser (Mt 14,22–33; Joh 6,15–21). Alle Speisungswunder bei Markus sind mit einem Wasserwunder verbunden, was auf den Exodus anspielt (z.B. die Teilung des Wassers durch Gott [Ex 14,19–31], Gottes Speisung des Volks in der Wüste [Ex 16,13–21]). 6,49 Ein Gespenst, gr. phantasma, eine undeutliche Erscheinung. 6,52 Das Unverständnis der Jünger ist ein bedrohlicher Zustand, der mit dem Unverständnis des Pharaos, der die Israeliten unterdrückt hatte (Ex 7–11), verwandt ist. Herz war erstarrt, wie das des Pharaos (z.B. Ex 7,14), aber auch bei anderen Menschen (Ex 17,1–7; Ps 95,8).

53 Und als sie hinübergefahren waren ans Land, kamen sie nach Genezareth und legten an. 54 Und als sie aus dem Boot stiegen, erkannten ihn die Leute alsbald 55 und liefen im ganzen Land umher und fingen an, die Kranken auf Tragen überall dorthin zu bringen, wo sie hörten, dass er war. 56 Und wo er in Dörfer, Städte oder Höfe hineinging, da legten sie die Kranken auf den Markt und baten ihn, dass diese auch nur den Saum seines Gewandes berühren dürften; und alle, die ihn berührten, wurden gesund.

Mk 6,53–56 Eine zusammenfassende Darstellung (Mt 14,34–36). Vgl. Anm. zu 1,29–34. 6,56 Saum seines Gewandes, die blauen Fäden (hebr. zizit), die die männlichen Israeliten auf Gottes Geheiß an den Zipfeln ihrer Gewänder tragen mussten (Num 15,37–40; Dtn 22,12). Jesus befolgt die Tora.

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