Kitabı oku: «Dem Neuen entgegen leben»
DEM NEUEN ENTGEGEN LEBEN
Biografische Texte zum Umgang mit Kriegs- und Nachkriegserlebnissen
Herausgeberin
Erny Hildebrand
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Quellennachweis für das Cover
street art von kurznachzehn
Foto: Annette Korintenberg
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei den AutorInnen
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Erny Hildebrand
Vorwort
Christa Anderski
Kriegsende – wirklich das Ende des Krieges?
ewige spuren
Rita Bauer
Resümee oder Ein Jegliches hat seine Zeit
Margarete Gritli Blickensdörfer
Drei Generationen – drei Erfahrungen mit Krieg
Gerda Blume
Hunger und etliche Diebereien
Erwartungen
Der 8. Mai …
Ein Augenblick
Renate Dahms
Mein Lied im Wind
Was mich trägt
Ingrid Denzel
Warum hat niemand den Juden geholfen?
Rita Dietrich
„Kathrinchen, erzähl’ doch mal“
Rohe Gewalt
Vertreibung und Chaos
Ursel Fuchs
Bitte, schickt Nähgarn und Gummiband!
Der Krieg ist zu Ende
Die Russen wollten nicht in den Keller
Christiane Eichhorn
Zwischenräume
Elli Geisler
Die Not-Bremse
Angelika Gewehr
Suche nach dem neuen Leben
Die Angst sitzt tief
Monika Gockel
Getroffen
Dieters Erinnerungen
Deinen Brief in einer Hand
Mr. und Mrs. Eastgate
Mein Leben ein Tanz
Marlis Gondek
Ende der Schreckensherrschaft – Anfang einer neuen Zeit
Meinen Kindern wird es nicht so ergehen
Elisabeth Gradowski
Neuanfang
Astrid Grone
Bruchstücke
Lore Heller
Ich ging im Walde so für mich hin …
Der vereiste Baum
Barbara Heubach
Ochsenaugen
Drückeberger
Flüchtling oder Bloß a weng andersch
Der Krieg ist wieder da
Susanne Holtz
Neubeginn
Kranksein
Erny Hildebrand
Ein Lehrer, der den Krieg weitergibt
Wilma Kohlschein
Wie ich das Kriegsende erlebte
Urvertrauen
Monika Kristen
Ahnungsvolles Schweigen
Unsicherheit und Ängste – Erbe des Krieges?
Brigitte Kümper
Frühe Selbständigkeit
Nachkriegsgedanken
Beziehungen
Christa Lorenz und Isabell Lorenz
Fast eine Geschichte des 20. Jahrhunderts
Entwurzelung
Das Schweigen in der Familie
Die praktische Veranlagung
Schuldig und entlastet
Marlen Lucas
Vom Baggerloch zum Umweltpreis
Pauline Pérez Chalezquer
Zwei Porträts und viele Geheimnisse
Unter blühenden Bäumen
Marion Portz-Kube
Mein erster neuer Mantel
Der Traum vom eigenen Zimmer
Christa Reinke und Kerstin Reinke-Pust
Groß-Vater-los
Diese Tochter bin ich.
Nanni Schnitzler
Was bleibt, ist – nicht nur – die Erinnerung
Vom Geben und Nehmen
Schweigen
Regina Walter
Wunschkind
Vatertag
Meinem Kinde
Muttertag
Karina Weiß
Die Stunde Null in Berlin
Kleine Welten
Adressen
Weitere Bücher der Gruppe "Schreibzeiten"
Vorwort
Bombenentschärfung. Evakuierung der Bevölkerung. Ängste und Unsicherheiten. „Es ist wie damals“, sagt eine Frau, die mit vielen anderen in der Turnhalle sitzt und wartet, dass sie wieder in ihre Wohnung kann. Der Nachhall des II. Weltkrieges ist immer noch deutlich zu spüren. Aktuelle Erlebnisse wie eine Bombenentschärfung lassen alte Ängste wieder aufflackern. Dafür braucht es allerdings nicht einmal solch starke Reize. Einmal verbrachte ich einen Nachmittag mit meiner Mutter in unserem Garten. „Ich spür so gern die Sonne auf der Haut.“, meinte ich genussvoll. „Wenn der Himmel so richtig blau ist, habe ich immer auch Angst“, entgegnete meine Mutter und erzählte mir, dass im Krieg bei dieser Wetterlage die feindlichen Flieger kamen. Ich erinnere mich genau, wie schockiert ich war und noch heute kommt mir bei strahlend blauem Himmel häufig die Angst meiner Mutter in den Sinn.
Wenn wir heute Nachrichten über Kriege in anderen Ländern bekommen, erhalten wir nüchterne Statistiken. Gezählt werden Tote, Verletzte, zerstörte Häuser oder abgeworfene Bomben. Wenig hören wir von den Ängsten der Kinder, davon, wie Waisen ihre Eltern vermissen oder welche Alpträume sie haben. Solch tiefe Erfahrungen aber sind längst nicht befriedet, wenn der Frieden beschlossen ist. Sie wirken nachhaltig in uns fort.
In diesem Buch haben sich Kriegskinder und -enkel der Frage gestellt, wie Erlebnisse der Kriegs- und Nachkriegszeit in ihnen nachgewirkt haben. Zu Beginn des Projektes äußerten einige spontan: „Nein, damals war ich noch zu klein. Damit habe ich nichts zu tun.“ Dabei ist es nicht geblieben. War die Tür in diesen Erinnerungsbereich erst einmal geöffnet, ergaben sich tiefe Einblicke. Andere Mitglieder der Schreibgruppe „Schreibzeiten“, die dieses Buch erarbeitet hat, überlegten, ob sie überhaupt noch einmal so intensiv hinschauen wollten. Manche entschieden sich aus guten Gründen dagegen. Andere haben im Laufe der Arbeit ein Stück mehr Verständnis für bestimmte Gefühle oder Verhaltensweisen entwickelt.
Befreiend waren die Momente, in denen Autorinnen sich lange Zurückgehaltenes von der Seele schreiben und miteinander teilen konnten. Erfreulich war, wenn jemand feststellen konnte, dass es über die Jahre gelungen war, belastenden Erlebnissen die Schrecken zu nehmen. Angenehm waren Erkenntnisse darüber, dass Erfahrungen verarbeitet und auch zum Teil positiv gewendet worden waren.
Dieses Buch ist das sichtbare Ergebnis einer mehr als einjährigen gemeinsamen Arbeit. Bewegt haben uns dabei auch die heutigen Kriege auf der Welt. Käthe Kollwitz forderte „Nie wieder Krieg“. Dem können wir nur zustimmen.
Erny Hildebrand
Schreibgruppenleiterin und Psychotherapeutin
Christa Anderski
1945 in Köln geboren, 5 Kinder. Zeitweise lebte und arbeitete sie in England und Südamerika. Lange Zeit war sie als Psychologin in Düsseldorf tätig. Sie schreibt Biographien von Zeitzeugen im Rahmen des ASB-Projekts „Geschichtsschreiber“. Bisherige Veröffentlichungen: Lyrik in verschiedenen Anthologien, Fachbücher, Märchen.
Kriegsende – wirklich das Ende des Krieges?
Jahrgang Oktober 1945, das bin ich. Der Krieg mit seinen Schrecknissen war zum Zeitpunkt meiner Geburt schon fünf Monate vorbei. Und so ist der erste Gedanke, der in mir hochschießt: „Was hab ich mit dem Krieg zu tun?“ Der zweite Gedanke, der sofort darauf folgt: „Nachkriegszeit? Was habe ich mit ihr zu schaffen? Da war ich doch viel zu klein, um irgendetwas bewusst wahrzunehmen!“ Doch die Frage nach den Auswirkungen setzt sich fest, krallt sich in meine Gedanken, lässt mich nicht mehr los. Haben der 2. Weltkrieg oder die Nachkriegszeit tatsächlich keinerlei Spuren in mir hinterlassen?
Ich mache mich auf Spurensuche. Ich trage zusammen, was ich über diese Zeit weiß. Als erstes fällt mir auf, dass meine Mutter sehr wenig aus dieser Zeit erzählt hat. Nur wenn ich sie explizit danach fragte, gab sie mir einige kurze, sachlich gehaltene Informationen. Bei jeder Frage über ihr Leben während des Krieges und der Zeit danach stieg immer wieder das Gefühl in mir auf, dass ihr derartige Fragen unangenehm waren. Sie wich aus und antwortete – wenn es nicht anders ging- ohne ihre Gefühle zu zeigen. So versiegte mein Fragen. Ich habe es hingenommen, da auch in der Schule mir ein ähnliches Schweigen entgegenkam.
Wir Kinder aber spürten unbewusst trotzdem die geheime Trauer und Angst unserer Eltern, ihren Schmerz, ihre Scham oder ihre unausgesprochene Verzweiflung. Dieses Unbekannte, Nicht-Greifbare machte uns Angst – eine Angst vor Dingen, die wir nicht selbst erlebt hatten, sondern stellvertretend für unsere Eltern erlebten. Oft mussten wir stark sein für unsere verletzten Eltern.
Und waren selbst verletzt. Der Psychiater Florian Holsboer sagte: „Traumata sorgen nicht nur für Narben in der Seele, sondern auch für Narben im Erbgut.“ Ich gehe dieser Spur nach. Mitten im Krieg wurde ich gezeugt. Das Durcheinander des Krieges hatte meine Eltern zusammengebracht. In Friedenszeiten wären sie sich sicher nie begegnet.
Ich lebte in meiner Mutter im Sudetenland, einem Land, dessen deutschsprachige Gebiete 1938 von Hitler annektiert wurden. Die Tschechen wurden vertrieben und ermordet. Der Hass auf die Deutschen stieg. In dieser Zeit begann meine Menschwerdung. Ab der 15. Schwangerschaftswoche konnte ich schon Ärmchen und Beinchen bewegen. Ab der 20. Woche fing ich an zu hören. Was hörte und spürte ich? Bombenangriffe, Granateneinschläge, Flakabwehr, Schreie der Verwundeten und Verschütteten, Zusammensturz von Häusern, prasselnde Feuer und angsterfüllte Dunkelheit. Was erlebte ich durch meine Mutter? Todesgefahr, Angst, Hunger, Entsetzen vor Tod und Verwüstung, vor Brutalität; Auflösung der bisherigen Werte, Bespitzelung durch die Umwelt, ohnmächtiges Ausgeliefertsein, panische Angst vor den näher rückenden Russen, unaufhörliches Gefühl von existentieller Bedrohung.
Die heutige Neuropsychologie würde in einer solchen Situation von einer permanenten Ausschüttung von Stresshormonen bei der Mutter sprechen, die im späteren Leben zu einer erhöhten Anfälligkeit ihres Kindes für Druck und Belastung führt, oft verbunden mit „unerklärlichen“ Angstattacken, Herz-, Atem- und Kreislaufproblemen. Dinge, die mir in der Tat bekannt sind.
Meine Mutter entschloss sich zu fliehen, gab alles auf. Sie ließ alles zurück, was ihr wichtig geworden war, und versuchte – nur mit einem Rucksack auf dem Rücken – in den Westen, in eine ungewisse Zukunft zu flüchten. Sie erlebte den Kampf um das Einsteigen in übervolle Züge, das Recht des Stärkeren, das Alleinsein. Immer wieder blieb der Zug auf freier Strecke stundenlang stehen. Die Bombardierung der Züge, in denen sie saß oder aus denen sie flüchtete, ließ sie ständig den Atem des Todes spüren. Zwischendurch hielt der Zug, um die Leichen verstorbener Kinder oder an Erschöpfung gestorbener alter Leute auszuladen. Manchmal schlug sie sich kilometerweit zum nächsten Bahnhof durch, um wieder in einen einsatzbereiten Zug steigen zu können. Über 1000 Kilometer Weg – eine von Existenzangst durchtränkte Ewigkeit.
Sie erreichte das Rheinland, suchte nach einer Bleibe in der vom Krieg total zerstörten Stadt Köln: abertausend Ruinen, durch Trümmer verschüttete Straßen, Hunger, Armut – ein grausamer Überlebenskampf erwartete sie.
Zum Zeitpunkt meiner Geburt wanderte sie durch die Stadt, um ein Krankenhaus zu finden, in dem sie entbinden konnte. Aber „es gab keinen Raum in der Herberge“. Hochschwanger klopfte sie vergeblich an Krankenhauspforten. Niemand nahm sie auf. So irrte sie kilometerweit. Dann endlich kam ich auf die Welt. Eine Nottaufe fand statt, da es nicht sicher war, ob ich überleben würde. Aber ich überlebte, und meine Mutter brachte sich und mich sicher nach Hause.
Ich trank nicht genug. Meiner Mutter fiel das nicht auf, da sie felsenfest davon überzeugt war, dass Kinder instinktiv so lange essen, bis sie satt sind. Es war ihr unvorstellbar, dass ein Säugling nicht genug trinkt, obwohl genügend Milch vorhanden war. Ich kam schließlich wegen lebensbedrohlicher Unterernährung in ein Krankenhaus. Dort erfuhr ich mein erstes Alleinsein, denn meine Mutter durfte und konnte nicht bei mir bleiben.
Als ich ein Jahr alt wurde, gab sie mich in ein Kinderheim. So konnte sie in dieser äußerst schwierigen Nachkriegszeit – ohne die Belastung durch mich – Geld für unseren Lebensunterhalt verdienen.

Im Kinderheim
Sie war sich sicher, dass ich im Kinderheim genügend zu essen und eine gute Betreuung bekam. Für mich aber bedeutete es die zweite Trennung von meiner Mutter in meinem jungen Leben. Wie oft stand ich als kleines Kind am Gittertor des Kinderheims und schrie und weinte nach meiner Mutter, wenn sie mich nach einem Besuch wieder einmal im Heim zurückließ. Dieses Zurückgelassenwerden, dem ich viele Jahre hilflos ausgeliefert war, hat mein späteres Leben lange Zeit geprägt.
Irgendwann nach meinem sechsten Geburtstag holte mich meine Mutter wieder zu sich. In der Folgezeit erinnere ich mich an immer wiederkehrende Sprüche wie: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ oder „Stell dich nicht so an!“ oder „Mach nicht so ein Theater!“ Diese Worte trafen mich schmerzlich in Situationen, in denen ich Trost und emotionales Mitschwingen gebraucht hätte. Ich war hingefallen oder meine Puppe hatte ihr Bein verloren. Ich wollte getröstet und in den Arm genommen werden. Diesen Trost erhielt ich aber nicht. Und so lernte ich bald, keine Gefühle zeigen zu dürfen. Es war nicht richtig, zu weinen oder zu klagen. Man musste funktionieren, ohne eigenen Gefühlen Bedeutung zu geben oder sie gar zu zeigen. Auch der Austausch von positiven Gefühlen oder Zärtlichkeiten war äußerst selten und schamhaft besetzt. Auch das lernte ich schnell.

Endlich Schulkind
Und so haben meine Mutter und ich nie über unser Innerstes, unsere Empfindungen miteinander gesprochen. Wir haben uns voreinander abgekapselt; jeder machte seine Probleme mit sich selbst aus und behielt seine Gefühle für sich. Die für meine Mutter überlebenswichtige Verleugnung der Gefühle, der lebensnotwendige Selbstschutz, um die traumatischen Erlebnisse des Krieges überstehen zu können, hatte sie an mich weitergereicht.
Erst viel später wurde ich mir dieser unterdrückten Emotionalität bewusst. Eines Tages fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Zuneigung kannst du weder zeigen noch verbalisieren. Auch körperliche Zuwendung ist dir fremd. Du kannst sie weder geben noch empfangen. Sogar noch heute passiert es mir manchmal, dass ich kämpfen muss, diese innere Sperre zu überwinden. Ich spüre plötzlich Scham, wenn ich meine erwachsenen Kinder umarme, obwohl ich sie liebe. „Lass dich nicht so gehen! Mach nicht so ein Theater!“ hallt dann eine Stimme in mir.
Dazu kam noch eine unbewusste Wut auf meine Mutter. Uneingestanden brannte sie in mir und errichtete eine weitere unsichtbare, undurchlässige Mauer zwischen uns. Das Gefühl des Abgeschoben-Worden-Seins erstickte jede Nähe und tiefes Vertrauen. Die Unterbringung in dem Kinderheim war kriegsbedingt, aber von mir emotional lange Zeit als Ablehnung verstanden worden.
Ich forsche weiter. Welche Wesensarten oder Verhaltensweisen hat meine Mutter an mich weitergereicht? Ich lausche in mich hinein. Gibt es da weitere Sprüche, die sich tief in mich eingegraben haben? „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ „Mit Essen spielt man nicht!“ Die Angst vor dem Hunger, der Mangel an Essen während des Krieges und der Nachkriegszeit hatte diese Haltung bei meiner Mutter entstehen lassen. Sie wurde an mich weitergegeben. Ich kann mich noch gut erinnern, wie verkommen und schuldig ich mich fühlte, als ich eines Tages eine halbe, vertrocknete Brotschnitte heimlich in den Mülleimer warf. Auch heute in der Überfülle des Wohlstands ist es für mich immer noch sehr schwierig, Essen wegzuwerfen.
Ich habe auch einen Drang zum Hamstern von Lebensmitteln. Es ist für mich unabdingbar, dass immer ein bestimmter Vorrat an lebenswichtigen Esswaren im Haus sein muss, obwohl ich sie heutzutage fast zu jeder Zeit in einem Geschäft kaufen kann.
In unserem Haus fehlte der Vater, wie bei so vielen anderen Kindern meiner Generation. 2,5 Millionen deutscher Kinder waren durch den Krieg Halbwaisen, 100.000 zu Vollwaisen geworden. Die Vaterlosigkeit spielte in meinem Leben eine wichtige Rolle. Zunächst war ich mir dessen nicht bewusst. Ich wuchs auf mit der Gewissheit, dass mein Vater im Krieg gefallen war, und der Erfahrung, dass das Thema „Vater“ tabuisiert war. Ich fragte nicht nach ihm, ich traute mich nicht, über ihn zu sprechen. So verdrängte ich ihn und die Folgen der Vaterlosigkeit aus meinem Bewusstsein.
Dann aber, erst vor wenigen Jahren, wurde dieses Tabu durch einen nicht vorhersehbaren Zufall durchbrochen. Ich erfuhr, dass mein Vater noch lebte. Plötzlich stand die Frage nach einem Vater, meinem Vater, im Raum; ich konnte und wollte ihr nicht mehr ausweichen. Plötzlich wurde ich mir der Leere in mir bewusst. Ich fühlte mich irgendwie halbiert. Die eine Hälfte von mir, die Mutter, war mir bekannt. Sie konnte ich jeden Tag erleben. Aber die andere Hälfte, die mich auch ausmachte, lag im Dunkeln. Wer war mein Vater? Wie war mein Vater? Bestehen Ähnlichkeiten zwischen ihm und mir? Die kärglichen Informationen, die ich von meiner Mutter erhalten hatte, halfen mir wenig, das schwarze Loch, das ich immer stärker spürte, zu füllen. Ich wusste nichts über meinen Vater, ich wusste aber auch nicht, wie es sich anfühlt, einen Vater zu haben. Ich hatte Schwierigkeiten, meine Identität zu finden. Das machte mich oft tieftraurig.
Der fehlende und unbekannte Vater bestimmte für eine lange Zeit meine Beziehungen zu Männern. Ich unternahm im Laufe meines Lebens mehrere Anläufe, diese Leere und dieses Verlustgefühl zu verändern.
Bei meinen Versuchen, meine im Alter immer stärker werdenden psychosomatischen Auffälligkeiten zu lindern, habe ich einen Mangel an Selbsteinfühlung und die Gefühlsferne in Bezug auf eigene Empfindungen festgestellt. So war ich lange Zeit nicht in der Lage zu sagen, wie ich mich fühlte und was ich mir wünschte. Ich fühlte mich nicht. Ich war mir fremd. Hinzu kam, dass ich nur sehr schwer über mich sprechen konnte. Deshalb blieb ich mir und auch den anderen fremd und erlebte oft das Fremd-Gefühl anderen Menschen gegenüber. Ich erinnere mich noch gut daran, wie verzweifelt ich einst war, als ich auf die Frage: „Wie kann Selbstliebe aussehen?“ keine Antwort zu geben wusste. Ich wusste es tatsächlich nicht. Ich wusste zwar genau, was Pflichterfüllung, was Verantwortlichkeit für andere war, aber was Selbstliebe war, davon hatte ich keine Ahnung.
Betrachte ich heute zurückblickend die mir bewusst gewordenen Auswirkungen des Krieges, so denke ich, dass viele von ihnen ihre Ursache in der Traumatisierung meiner Eltern haben. Wie sollte meine Mutter, deren Welt zusammengestürzt war, die tagtäglich dem Tod gegenüber gestanden und die in ihrem Leid erstarrt war, sich in die Situation und die Gefühlslage ihres Kindes hineinfühlen können? Sie kannte sich nicht einmal selbst. So verleugnete meine Mutter ihre inneren Nöte und ihren inneren Kummer, sie verdrängte ihre Gefühle und Wünsche. Sie war nicht in der Lage, sich selbst und ihr Schicksal zu betrauern und ihre schrecklichen Erlebnisse mitzuteilen. Und so gab sie unausgesprochen und unbewusst ihre Verletzungen und ihre psychischen Folgen an mich weiter und es entstand ein Zustand, den ein anderes Kriegskind einmal so ausdrückte: „Ich trage einen Schmerz, der meiner, aber doch nicht meiner ist.“ (B. Alberti, Seelische Trümmer, S. 22, Kösel, 2010)
Wenn ich zudem daran denke, dass meine Mutter, die als Erwachsene den 2. Weltkrieg erlebte, selbst ein Kriegskind des 1. Weltkrieges war, dann wird mir klar, dass sie emotionale und körperliche Nähe, emotionale Sicherheit, emotionale Verlässlichkeit und Bindungsfähigkeit nicht weitergeben konnte. Wie sollte sie als zweifach Traumatisierte die Kraft und die Fähigkeit dazu haben? Sie konnte ihre Zuneigung allein durch materielle Versorgung zeigen – in Form von Essen, Trinken, Haus und Geld.
Als Nachkriegskind, das den zwei vorherigen Kriegsgenerationen entsprossen ist, habe ich viel mehr „Altlasten“ zu tragen, als es mir vorher je bewusst gewesen ist.
Ich weiß, dass ich selbst die Verantwortung für mein Leben übernehmen muss. Ich kann nicht die vorherige Generation dafür verantwortlich machen. Mir geht es darum, die Verletzungen, die verunsichernden Erfahrungen in meiner Kindheit, meine früh erlernten Verhaltensmuster aufzudecken und mein Erleben ihnen gegenüber zu verändern. So kann ich die lange Familienkette der Verdrängungen und die Weitergabe an meine Kinder und Enkel durchbrechen.
ewige spuren
wind weht über
gegenwart
vergangenes
deckt sich auf
krieg brennt löcher
ins jetzt
vergessen verfällt
schmerz steigt auf
puls fliegt
im bombenhagel
tote schreien
hunger foltert
sterne fallen -
unmöglich der zeit
sie aufzufangen
es war zuviel
---------
eingebrannt
die spuren
der unmenschlichkeit
vergraben
unterm vergessen
die zermalmungen
doch spurensamen
suchen licht
schwarzes taucht auf
wir taumeln
im schmerz
unserer eltern
--------
krieg fand
ein ende
doch in uns
ist er endlos
atem bebt
noch immer
zersplittert
das einst und jetzt
ein engel aber
streut hoffnung
in uns
Rita Bauer
Geboren 1935 in Düsseldorf. Während des Krieges Aufenthalt in verschiedenen Ländern. Kaufmännische Ausbildung in der Fotobranche. Tätigkeiten noch in anderen Metiers. Von 1987 – 2002 selbstständig in einem Handwerksbetrieb und Studium der Klassischen Homöopathie.
Resümee oder Ein jegliches hat seine Zeit
Unser schönes Land hat sich – ohne Krieg – in siebzig Jahren zu einem blühenden Staat entwickeln können. Diesen Aufstieg habe ich als damaliges Kriegskind bis heute, mit achtzig Jahren, erfahren, durchlitten und letztendlich gemeistert. Das erfüllt mich mit Stolz. Auf diesen langen Lebensweg blicke ich immer wieder zurück. Dabei gab es Zeiten von Kummer, Armut und Sisyphus-Arbeiten.
Dazu gehört das Zusammenleben mit einem aus dem Krieg kommenden traumatisierten Vater, der nur ein einziges Mal über diese schreckliche Zeit gesprochen hat. Er schilderte kurz eine fast ausweglose Situation, in der er geschworen hatte: „Wenn ich hier lebend rauskomme, werde ich in meinem Leben nie wieder unzufrieden sein.“ Diesen Schwur hat er gehalten. Sonst sprach er nicht viel; er war ein stiller Vater.
Meine Mutter war während des Krieges Krankenschwester in heimatnahen Lazaretten und pflegte meist sterbende Soldaten. In dieser Zeit erkrankte sie an einer schweren Hirnhautentzündung und wurde mangels Medikamenten nie wieder gesund. Ich lebte in dieser Zeit in einem Kindersanatorium für lungenkranke Kinder. Alle Kinder, auch ich, waren mit der Milch von TBC-kranken Kühen infiziert worden. Endlose Liegekuren in einer langen Reihe von Liegestühlen mit dem Blick auf endlose hohe schwarze Tannen des Schwarzwaldes. Ich fühlte mich schrecklich alleine, und das Heimweh rang mir nicht mal mehr Tränen ab. Wir hatten immer Hunger, und es gab nur eine Mahlzeit am Tag. Ein fast ungenießbarer Brotauflauf.
Meine Eltern waren indes mit sich beschäftigt. Nach dem Krieg versuchte mein Vater alles – inklusive zusätzlicher Kuraufenthalte – damit meine Mutter wieder gesund würde. An einem Sonntagnachmittag saß er mit dem Uhrwerk seiner Taschenuhr in der Hand im Wohnzimmer und hatte Tränen in den Augen. Das wunderschöne goldene Gehäuse und die Uhrkette hatte er verkauft, um die letzten zusätzlichen Arztrechnungen zu bezahlen. Die Uhr war sein letztes Vermögen gewesen und zudem das einzige Andenken an seinen verstorbenen Vater.
Der Geist meiner Mutter verwirrte sich unter dramatischen Umständen immer mehr. Als sie nachts mehrmals nur leicht bekleidet, barfuß, weggelaufen war, konnten wir sie nicht mehr beschützen, und Vater brachte sie in die Psychiatrie der Landesklinik. Sie kam nie wieder zu uns zurück. Da war ich fast 14 Jahre alt, konnte eine Lehre in der Photobranche machen und war auf mich selbst gestellt. Meine drei Jahre jüngere Schwester wurde in einer Pflegefamilie untergebracht. Mein Weg zur Arbeitsstelle war morgens und abends je eineinhalb Stunden weit. Wenn ich nach Hause kam, war Vater manchmal da, lag auf der Couch und las. Gesprochen haben wir wenig.
Mit 19 Jahren wurde ich von meinem Freund ungewollt schwanger und mein Vater zwang mich zu heiraten. Ich bekam einen Sohn und lebte lange 14 Jahre an der Armutsgrenze, in denen ich fast immer für das tägliche Auskommen sorgte. Mein Mann kam abends immer sehr spät angetrunken nach Hause. Ich hatte gelernt, auszuhalten. Keine Arbeit war mir zu viel oder unangenehm. Dann aber, irgendwann, ließ ich mich scheiden.

1936 – als die Welt für mich noch in Ordnung war
Mit 35 heiratete ich ein zweites Mal, durchlitt eine Krebserkrankung, hatte mehrere Fehlgeburten und eine Totgeburt. Wieder hatte ich einen Ehemann, der nicht mit Geld umgehen konnte, und ich weiß heute nicht mehr, wie ich es mit ihm ausgehalten habe. Ich durchlitt Mangel bei drei Konkursen meines Mannes. Auch hier sorgte ich mit vielen Arbeitsstellen für unser Auskommen und versuchte Pläne fürs Überleben mit meinem Mann zu entwickeln. Manchmal gibt es aber auch Situationen im Leben, in denen alle Ampeln auf Grün stehen. Wir lebten zu dieser Zeit im Südwesten von München. Durch Fügung und glückliche Umstände gelang es mir mit 52 Jahren, mich erfolgreich selbständig zu machen.
In einer Mittagspause führte mich mein Dackel beim Gassi gehen zu einem kleinen Jungen, der vor der Haustüre am Boden auf einer Decke saß und Spielsachen verkaufte. Mein Hund stupste mit der Nase an einen wunderschönen bunten Gummiball, der mir vor die Füße rollte. Genau so einen Ball hatte ich mir als Kind immer gewünscht – nun erfüllte ich mir diesen Wunsch. Wir handelten einen Preis aus, und ich gab dem Jungen das Doppelte. Der Ball lag viele Jahre auf dem Boden in meinem Büro – manchmal kullerte ich ihn.
Durch Heilung einer schweren Burn-out-Situation, mit homöopathischer Behandlung, lernte ich Jahre später diese wunderbare Heilweise kennen und ich begann berufsbegleitend das Studium. Die Hauptausbildung fand in Griechenland, auf der Insel Alonissos, bei der Internationalen Academie für klassische Homöopathie statt. Ich flog von 1996 bis 2000 zweimal pro Jahr für einige Wochen dorthin. Ich vergesse nie das Glücksgefühl – den Moment des Abhebens des Fliegers vom Boden. Dies war für mich die glücklichste Zeit meines Lebens. Lernen an einem wunderschönen Ort. Aude sapere – wage zu wissen, stand vor der Academie im Boden in Sandstein eingelegt. Ich konnte bisher vielen Menschen, und auch mir selbst, mit diesem Wissen helfen.
Während dieser Zeit war mein Mann bereits sehr schwer erkrankt und später als Pflegefall bei uns zu Hause. Das konnte ich fünf Jahre alles mit zwei Pflegediensten bewältigen. Als ich 67 Jahre alt war, übergab ich meinen seit 17 Jahren erfolgreichen Betrieb an meinen Meister. In der gleichen Woche starb mein Mann. Innerhalb einer Woche war mein Lebensinhalt – mein Betrieb und mein pflegebedürftiger Mann – nicht mehr da.
Wie wohl mein Leben verlaufen wäre, wenn es diesen schrecklichen Krieg nicht gegeben hätte? Wenn sich meine Eltern um uns Kinder hätten sorgen können? Wenn Krankheit, Not und Hilflosigkeit nicht so selbstverständlich meine Kindheit begleitet hätten?
Ich hätte gerne die höhere Schule mit Abschluss Abitur machen wollen, um einen Beruf meiner Wahl zu verwirklichen. Ich hätte mir auch einen Mann gewünscht, der mit Geld umgehen kann und dem die Familie wichtiger als der Alkohol war.
Seit 10 Jahren lebe ich wieder in meiner Heimat in Düsseldorf in großer Freiheit, einem selbst geschaffenen Auskommen und genieße den Spätherbst meines Lebens.
Margarete Gritli Blickensdörfer
1944 in Homburg/Saar geboren. Sie lebte bei ihren Großeltern, bis sie mit der Einschulung zu ihren Eltern und jüngeren Geschwistern in die Pfalz zog. Als sie selbst eine eigene Familie gründete, machte ihr ein weiterer Umzug zu schaffen.
Drei Generationen – drei Erfahrungen mit Krieg
Ich bin bald 70 Jahre alt, lebe die meiste Zeit meines Lebens in friedlichen Zeiten, hier, in Deutschland. Seit vielen Jahren bin ich Mitglied einer kirchlichen Friedensgruppe: im Mennonitischen Friedenszentrum Berlin, MFB. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir, die wir in einem demokratischen Land, im Europa des einundzwanzigsten Jahrhunderts leben, alles tun müssen, um Frieden zu bewahren. Das heißt für mich, in der kleinsten „Zelle“, der Familie und in der Nachbarschaft bereits anfangen, friedlich miteinander umzugehen. UND: NIE WIEDER KRIEG!
Ich möchte berichten, wie mich selbst die beiden letzten Weltkriege als Kind „gestreift“, meine Kinderseele belastet haben. Als werdendes Kind, im Mutterleib noch, zog ich mit meiner Mutter über Land, um Essbares zu beschaffen von Bauernhöfen des Saarlandes und aus „dem Reich“(so wurde Großdeutschland damals genannt). Meine Mutter marschierte weite Strecken, nahm einen Zug, wenn einer fuhr. Einmal musste sie sogar mit einem Boot einen Fluss überqueren, der als Grenze galt zwischen einer englisch besetzten und ihrer, der französisch besetzten Zone. Sie hatte erfahren, dass sie dort zwei Ziegen kaufen könne. Die Reise war beschwerlich, das Verhandeln bzw. „Fuggern“, wie es dort hieß, dauerte lang, doch letztlich konnte sie mit ihren beiden Ziegen und den streng kontrollierten Frachtpapieren auf dem Boot Platz nehmen. Ihre Nerven hatten sich nach dem Verladen der beiden störrischen Ziegen langsam wieder beruhigt, als sie gerade noch den letzten Schnipsel Papier im mahlenden Maul einer der beiden Ziegen entdeckte. Zu spät! Die Papierschnipsel stammten von den Frachtpapieren! Ziegen knabbern alles, schlucken fast alles! Auch wichtige Dokumente, die sie „als gekauft“ und nicht „als gestohlen“ auswiesen. Trotzdem schaffte es meine Mutter, sie nach Hause zu bringen. Diese beiden Ziegen, d.h. die Milch, die sie täglich für die werdende Mutter, wie für meine Großmutter gaben, waren sehr wichtig für uns drei!
Vertraute Männer gab es zu der Zeit nicht im dreistöckigen Haus! Im Erdgeschoss lebte eine ängstliche kinderlose Frau, deren Mann „als vermisst“ galt, so, wie mein Vater ebenfalls damals vermisst war. Meine Mutter hatte ihre Wohnung im dritten Stock, hielt sich jedoch die meiste Zeit bei ihrer Mutter, in der Mitte des Hauses auf. Sie gaben einander Halt in den schweren Zeiten des tobenden Zweiten Weltkrieges, rieben ihre verschiedenen Charaktere aneinander. In lauten Disputen „unterhielten“ sie sich manchmal und trockneten hernach vergossene Tränen der Reue.
Hinter dem großen Haus bepflanzten sie einen Gemüsegarten, am äußersten Ende „wohnten“ die oben genannten Ziegen in einem kleinen Stall. Außer den Ziegen gab es zwei Kaninchen, sowie freilaufende Hühner, die Eier lieferten. Einen Gockel gab es auch! Wenn die Tiere genügend gefüttert worden waren, vertrieben sie mit ihren Erzeugnissen Hunger und Not. Ich, im Bauch meiner Mutter, profitierte als „persona incognita“ mit! Mir ging es gut – zumindest, was die Ernährung anging!
Die Ängste, die immer wieder ausgehalten werden mussten, und die tiefe Trauer wegen des Todes zweier sehr junger Söhne meiner Großmutter bzw. Brüder meiner Mutter, bedrückten die Seelen der tapferen Frauen sehr. Das Bangen um den Ehemann, der irgendwo in Gefangenschaft oder gar verschwunden war, die ganz direkt bedrohlichen Erlebnisse – all das spürt ein sich entwickelndes Kind genauso mit. Wie seine Mutter mussten alle Frauen tapfer sein! Auch die nächtlichen Bombenangriffe auf die Stadt oder die Evakuierungen in weniger gefährdete Landstriche mussten viele erdulden. Die Flucht in fremde Gegenden, in denen sie als „Flüchtlinge“ galten, blieb Mutter und Großmutter zum Glück erspart!
Ich kam am 13. August 1944, einem Sonntagmorgen, zur Welt. In der Universitätsklinik Homburg/Saar. Bis kurz zuvor hatte meine Mutter dort als Krankenschwester ab und zu gearbeitet. Nach der Geburt packten Helferinnen mich mit anderen Säuglingen in einen großen Wäschekorb und brachten die „wertvolle Fracht“ in den Luftschutzkeller der Klinik. Meine gerade schlafende Mutter ließen sie in der Aufregung zurück. Ein Drama gab es, als meine Mutter aufwachte und um mich Angst bekam!
Nach einigen Tagen holte uns meine Großmutter nach Hause. So wuchs ich als dritte Generation Frauen heran. Meine Mutter bekam irgendwann Nachricht von meinem Vater, „getürmt“ aus den Fängen des Feindes. Er musste sich jedoch noch mit Briefen aus der Feder meiner Mutter begnügen – erst viel viel später durfte er zum Fronturlaub nach Hause, um seine Ehefrau und sein erstes Kind zu begrüßen.
Nach dem Krieg, inzwischen war das Jahr 1947, wollte sich mein Vater als Arzt niederlassen. Das wurde ihm nicht gestattet, da das Saarland zu der Zeit unter französischer Verwaltung stand, mein Vater als Deutscher galt und deshalb keine Praxis eröffnen durfte. In der angrenzenden Pfalz fand er schließlich eine verwaiste Arztpraxis in einem Dorf. Die dortige Verwaltung erlaubte ihm die Niederlassung als praktischer Arzt. Meine Eltern verzogen mit meiner inzwischen geborenen Schwester nach Rheinland-Pfalz, quasi ins Ausland.
Mich ließen sie zurück in Homburg, bei meinen Großeltern. Das empfand ich zunächst als großen Verlust: kleine Schwester weg, Mama weg und der noch kaum vertraute Vater auch schon wieder weit weg! Kinder trösten sich. Ich tröstete mich, da mir meine Großmutter ja blieb! Großvater ging sechs Tage in der Woche zur Arbeit, von morgens bis abends war ich mit Oma alleine in der Wohnung, im Garten, auf dem Markt beim Einkaufen. Klingt alles heil und gut, war es aber nicht!
Oma wollte mich ganz, sie ließ mich nicht zu anderen Kindern, aus Angst, mir passiere etwas. Den Tod ihrer beiden Söhne konnte sie nicht verwinden, ihr Mann konnte oder wollte nie mit ihr darüber sprechen. So „erlebte“ i c h durch sie immer wieder den Schrecken, den sie mir durch ihre Erzählungen nahebrachte. Sie erzählte mir auch Märchen, sang mit mir Lieder. Sie sang gut, sie konnte auch Gedichte und Balladen. Aber sie erzählte auch immer wieder „Kriegsgeschichten“! Wenn ich fieberte, musste ich das Gehörte ganz grauenvoll nacherleben: Dann sah ich „Tannenbäume am Himmel“, Vorzeichen kommender Fliegerangriffe! Feuer, Feuer... und erwachte schreiend oder wimmernd.
Meine Großmutter hatte keine Therapie bei einem Arzt oder einem Therapeuten! Sie prahlte sogar, dass sie nie einen Doktor brauche, dass sie sich immer mit „Hausmitteln“ helfen könne. So sah ich auch nie einen Kinderarzt, selten meine Eltern. Die waren sehr mit ihrer Arbeit und dem weiteren Kindersegen beschäftigt. Ihre Älteste beklagte sich nie am Telefon, wünschte sich nie, zu ihnen und den Geschwistern zu gelangen. Es ging ihr ja gut! Und Oma wurde über den Verlust ihrer Söhne getröstet, abgelenkt und beschäftigt durch das heranwachsende Kind.
Als viele Jahre später meine Seele erkrankte, ich nach und nach in eine schwere Depression abglitt, wusste ich lange Zeit nicht, wo die Ursache für die Erkrankung zu suchen war. Erst mit Hilfe von Psychologie wurde mir selbst klar, dass auch ich ein Opfer von Krieg und Schrecken geworden bin. Die enorme Vorstellungskraft eines kleinen Kindes bzw. meine junge Seele konnte die Kriegsfolgen nicht verkraften.
Heute empfinde ich mich als geheilt. Gott sei Dank!
Gerda Blume
1942 in Delmenhorst geboren. Ihr Vater war schon vor ihrer Geburt gefallen. Als sie sieben Jahre alt war, heiratete die Mutter ein zweites Mal. Der neue Vater brachte einen zwei Jahre älteren Bruder mit. Ein Jahr später wurde noch ein gemeinsamer jüngerer Bruder geboren. Nach dem Abitur studierte sie Jura und wurde Rechtsanwältin. Sie ist mit einem Arzt verheiratet und hat drei Söhne und sieben Enkel, für die sie ihre Geschichten schreibt.
Hunger und etliche Diebereien
Wir hatten nach dem Krieg unser ganzes Haus voller Flüchtlingsfamilien, mit Kindern, die auf die verschiedenen Zimmer des Hauses nach bestem Vermögen verteilt waren. Da das Haus ursprünglich nur für eine – wenn auch große – Familie ausgerichtet war, war es mit dem Kochen schwierig; denn alle Familien mussten in der großen Küche meines Elternhauses kochen. Das ging nur im Schichtdienst.
Schwierig war auch die Toilettenfrage; denn es gab in der großen Eingangsdiele eine geräumige Gästetoilette und im Küchentrakt des Hauses eine weitere kleine. Im ersten Stock gab es ein sehr großes Badezimmer mit Toilette und zwei weitere einzelne Toiletten. Es gab aber in allen Schlafzimmern kein fließendes Wasser, sondern Waschtische, auf denen wunderbare mit bunten Blumen bemalte Waschschüsseln und Wasserkannen aus Porzellan standen. Wie das damals mit so vielen fremden Menschen – es waren insgesamt sechs Flüchtlingsfamilien, alle mit vier bis sechs Personen – überhaupt geklappt hat, weiß ich heute nicht mehr.
Ich erinnere mich vor allen Dingen an die vielen Kinder, die mitgekommen waren, so dass ich an Spielgefährten keinen Mangel hatte. Als Einzelkind hatte ich mir immer Geschwister als Spielgefährten gewünscht und nun war in kurzer Zeit das ganze Haus voll davon, und ich fand es herrlich.
Mein Großvater funktionierte unseren riesigen Garten, der mein Elternhaus umgab, zu Kartoffel- und Gemüsegärten um, so dass jede Familie einen eigenen Garten zugewiesen bekam, in dem sie anpflanzen konnte, was sie wollte. Rasenflächen und gepflegte Kieswege, wie vorher, gab es damals nicht mehr. Lediglich Bäume durften nicht gefällt werden, um etwa Platz für Ackerflächen zu schaffen. Die Flüchtlinge kamen teilweise aus dem Osten, aber auch aus der schwer zerstörten nahegelegenen Stadt Bremen.
In dieser schweren Zeit war es meinem Großvater gelungen, von einem Bauern in der Nachbarschaft ein Schwein zu organisieren, das in der Waschküche zerlegt und portioniert wurde. Es wurde gemeinsam eingekocht, in Gläser gefüllt, gepökelt und geräuchert oder zu Würsten verarbeitet. Alle Hausbewohner waren glücklich; denn es besserte das tägliche Gemüse- und Kartoffeleinerlei auf.
Eines Morgens kam meine Großmutter zusammen mit einer Ostpreußin völlig entsetzt aus dem Keller: der Vorratsraum, in dem das Fleisch in Gläsern und die Würste aufbewahrt wurden, war leer. Das Problem wurde im ganzen Hause lebhaft diskutiert; denn es konnte schließlich nur ein Mitbewohner gewesen sein, da es keine Einbruchsspuren von außen gab und kein Fremder so einfach ins Haus gelangen konnte. Der Täter wurde nie gefunden.

Gerda mit ihrer Mutter
In unserem Hause wohnte zu der Zeit auch eine Familie aus Oberschlesien, die von den umliegenden Bauernhöfen die Schafswolle aufkaufte. Frau Jacziewski, so hieß die Familie, spann die Wolle, wusch und trocknete sie und fertigte daraus wunderbare Pullover, Jacken und Socken an. Solch eine weiß-braune Schafwolljacke ist mit mir durch meine ganze Kindheit gegangen, sie wuchs einfach mit. Einmal hatte Frau Jacziewski große Mengen frisch gesponnener und anschließend gewaschener Wolle auf die Wäscheleine zum Trocknen gehängt. Da es Sommer und sehr warm war, ließ sie die noch nasse Wolle über Nacht auf der Leine draußen hängen. Am nächsten Morgen war die gesamte Wolle verschwunden. Die mühsame Spinnarbeit vieler, vieler Tage war umsonst gewesen. Die Wolle tauchte nie wieder auf, und auch ein Dieb war nicht zu ermitteln.
Da es nach dem Krieg ja so wenig zu essen gab, hatten alle Familien unseres Hauses außer den Gartenflächen auch Hühner, die frei herumliefen, und vor allen Dingen Kaninchen als willkommene Fleischlieferanten. Von einer Familie bekam ich ein Kaninchen geschenkt, und der Mann baute mir sogar einen eigenen Stall auf vier hohen Holzbeinen auf. Mein Kaninchen war einfarbig grau und durch das viele Anfassen und Streicheln von mir ganz zahm und zutraulich. Eines Morgens, als ich mein Kaninchen füttern wollte, war der Stall leer. Ich war entsetzt und prüfte all die vielen anderen Ställe der Kaninchen der Hausbewohner, aber es war nirgends. Ich habe furchtbar geweint und immer nur gedacht, dass mein Kleines gestohlen und geschlachtet würde, wie all die anderen Kaninchen auch. Das ganze Haus tröstete mich und man versprach mir ein neues, sobald ein neuer Wurf alt genug wäre. Aber ich wollte kein neues Kaninchen mehr. Dann geschah das Unglaubliche: Eines Morgens saß mein Kaninchen wieder in seinem Ställchen. Es war unzweifelhaft meines; denn es war einfarbig grau, zahm und hörte auf seinen Namen. Ich konnte vor Glück gar nicht aufhören zu weinen. Auch in diesem Falle hat sich nie herausgestellt, wo es gewesen war und wer es mir – vielleicht gerührt durch meine Trauer – wiedergegeben hatte.
In meiner Erinnerung war es eine wunderbare Zeit, als unser Haus so voll war. Ich war nie alleine. Bemerkenswert fand ich in späteren Jahren, dass auch meine Familie das überquellende Haus nicht nur lästig, sondern auch als Bereicherung empfunden haben muss; denn mit allen Flüchtlingsfamilien – bis auf eine – blieben die Kontakte auch nach deren Auszug aus unserem Haus bestehen. Ich selbst war tief gerührt, als so viele der damaligen Flüchtlinge bei den Beerdigungen meiner Urgroßmutter und Großeltern in den folgenden Jahrzehnten anwesend waren.
Erwartungen
Erwartung kann eine sehr belastende Hürde sein, wenn einem selbst bewusst ist, was andere von einem erwarten. Mir war als kleinem Mädchen sehr bald klar, dass die ganze Familie mich in allem und jedem mit meinem im Krieg gefallenen Vater verglich. Das begann mit meinem Aussehen und ging weiter über meine Leistungen und meinen Werdegang. Meine Groß- und Urgroßeltern erwarteten von mir, dass ich tadellos durch die Schule kam. Es war für alle selbstverständlich, dass ich Abitur machen und dann studieren würde. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich in meiner Jugend Formulierungen wie: „Das hätte dein Vater jetzt nicht, oder anders oder besser gemacht, gesagt oder getan“ gehört habe. Ich hörte aber auch: „Das hätte deinen Vater aber gefreut“ oder auch „traurig gemacht.“
Das war ein Kapitel, das mich oft sehr belastete, so dass ich mich in vielen Situationen selbst zu fragen begann: „Was hätte dein Vater jetzt wohl dazu gesagt?“ Erst sehr viel später, als ich schon erwachsen wurde, wurde mir klar, dass man im Vergleich mit einem Toten nur geringe Chancen hat, selbst zu bestehen.

Gerdas leiblicher Vater
Mit zunehmendem Alter allerdings wurde es für mich leichter. Ich war eben kein Junge und es ließ sich nicht alles vergleichen – weil ich nun mal ein Mädchen war. Außerdem absolvierte ich ja problemlos die Schule, und meinen Freiheitsdrang mit beginnender Pubertät badete in erster Linie meine Mutter aus, ohne dass der Rest unserer großen Familie so viel davon mitbekam – jedenfalls glaube ich das.
Es hat mir unendlich geholfen und war mein größtes Glück, dass ich einen zweiten Vater bekam, dass ich zwei Brüder bekam, die mich alle so liebten, wie ich war, die keine Vergleichsmöglichkeiten hatten und daher auch keine Erwartungen in mich setzten, die mich unter Druck gesetzt hätten.
An der Erwartungshaltung der Familie insgesamt aber änderte sich bis heute nicht sehr viel – man erwartete schlicht, dass ich mich so verhielt, wie es sich gehörte. Ich durchlief die Schule, die Universität, den Beruf, bekam die Kinder und zog sie groß – und da ich das alles bis heute mache und also die Erwartungen aller erfülle, ist die Welt in Ordnung – solange ich nicht auf die absurde Idee verfalle, Weihnachten ohne die ganze Familie oder meinen Geburtstag in der Schreibgruppe, statt zu Hause feiern zu wollen.
Der 8. Mai …
Mit den Eltern konnten wir Kinder über die Erfahrungen des 3. Reiches sprechen, nachdem wir alt genug geworden waren, um die Katastrophe zu verstehen und zu ermessen, was dies für uns Deutsche bedeutete.
Im Schulunterricht wurde die neuere Geschichte ausgeblendet, jedenfalls in den unteren Klassen. Das änderte sich erst, als wir 1957 bedingt durch die berufliche Versetzung meines zweiten Vaters – mein leiblicher Vater war im Krieg gefallen – der Berufsoffizier war, nach Frankreich zogen. Wir Kinder kamen auf eine internationale Schule, auf der es auch zwei deutsche Lehrer gab, die das 3. Reich im deutschen Geschichtsunterricht, den die deutschen Schüler zusätzlich erhielten, nicht aussparten. Hier in Frankreich erlebte ich erstmals, wie der 08. Mai 1945, der Tag der deutschen Kapitulation, festlich begangen wurde. Man feierte den „Sieg über Deutschland“.
Zunächst war ich ganz verwirrt; denn ich wusste nicht recht, wie ich damit umgehen sollte. Dann empfand ich, einmal aufmerksam geworden, die in diesen Tagen vor und nach dem 08. Mai zunehmend antideutsche Stimmung in der Schule. Das war auch nur zu verständlich; denn der Krieg war ja erst seit 11 oder 12 Jahren vorbei, also eigentlich erst seit ganz kurzer Zeit. Wir deutschen Schüler bemühten uns, in diesen Tagen durch ganz besonders nettes und freundliches Verhalten gegenzusteuern, und unser deutscher Lehrer versuchte, in Vorträgen aufzuklären und für Entspannung zu sorgen.
In diese Zeit fiel auch ein Ereignis, das mich zutiefst berührte: In meiner Klasse war neben vielen anderen Nationen auch ein italienischer Junge, der besonders nett war und in der Klasse neben mir saß. Je besser mein Französisch wurde, desto besser verstanden wir uns. Er war, wie wir wussten, jüdischen Glaubens. Eines Tages erschien er nicht mehr zum Unterricht und von unserem Klassenlehrer wurde uns lediglich mitgeteilt, dass er die Schule verlassen habe. Ein Grund wurde uns nicht genannt.
Wenige Tage später jedoch kam mein Vater abends ganz erschüttert nach Hause und erzählte uns, dass er morgens im Dienst von dem Direktor unserer Schule angerufen worden sei und dieser ihn um ein Gespräch am Spätnachmittag nach Schulende gebeten habe; denn mein Vater war Elternvertreter für die deutschen Schüler an der Schule. Selbstverständlich fuhr mein Vater sofort nach Dienstschluss in die Schule und begab sich zu Monsieur Tallard, unserem Direktor. Monsieur Tallard eröffnete ihm, dass er wenige Tage zuvor Besuch von den Eltern dieses italienischen Jungen aus meiner Klasse gehabt habe. Die Eltern hätten ihm erklärt, dass sie Juden seien und ihre Familien im Krieg ganz entsetzlich unter dem deutschen Nationalsozialismus gelitten hätten. Zahlreiche Familienmitglieder seien in Konzentrationslagern umgekommen. Und nun hätten sie zu ihrem Entsetzen gehört, dass auch deutsche Schüler diese Schule besuchten und dass ihr Sohn sogar in seiner Klasse neben einem deutschen Mädchen säße. Sie hatten Monsieur Tallard aufgefordert, sofort dafür Sorge zu tragen, dass die deutschen Schüler die Schule verließen und dass vor allen Dingen ihr Sohn nicht mehr mit deutschen Schülern zur Schule gehen und die Schulbank teilen müsse. Der Direktor, ein sehr weltoffener und kluger Mann, hatte den Eltern erklärt, dass sie sich doch in Kenntnis der Tatsache, dass es sich bei diesem Gymnasium um eine internationale Schule handele, für diese Schule für ihren Sohn entschieden hätten und jedes Kind, gleich aus welchem Land, das Recht hätte, diese Schule zu besuchen. Er habe sich große Mühe gegeben, so versicherte er meinem Vater, dieses aufgebrachte Elternpaar zu beruhigen und ihnen sein Mitgefühl für das im Dritten Reich erlittene Unrecht auszudrücken, er habe ihnen aber gleichzeitig erklären müssen, dass er nicht in der Lage sei, Schüler einer Nation von der Schule zu verweisen. Daraufhin hätten die italienischen Eltern sich entschlossen, ihren Sohn von der Schule zu nehmen. Nun hatten wir also die Erklärung für den plötzlichen Verlust unseres Klassenkameraden. Und nicht nur das, wir waren alle zutiefst verstört; denn es war für uns nie ein Thema gewesen, welcher Glaubensrichtung der einzelne Klassenkamerad angehörte. An unserer Schule waren fast alle Religionen vertreten, das war für uns etwas ganz Normales, und nun gab es plötzlich dieses Problem. Ich selbst fühlte mich schuldig, ohne recht zu wissen warum, denn der italienische Klassenkamerad hatte ja neben mir gesessen, wir hatten uns gut verstanden, und sicher hatte er auch zu Hause von mir erzählt, so wie ich von ihm.
In der Folgezeit wurde in unserer Klasse – und nicht nur in unserer, sondern auch in den anderen höheren Klassen – sehr ausführlich im Unterricht über die Katastrophe der Judenverfolgung in Deutschland gesprochen, und vor allen Dingen wir deutschen Schüler stellten fest, wie wenig wir zu diesem Zeitpunkt über das Geschehen in unserer Heimat, das ja nun noch gar nicht so lange zurücklag, wussten. Je mehr ich erfuhr, desto mehr bedauerte ich, dass ich mit meinem so plötzlich verschwundenen Banknachbarn nicht mehr über all das reden konnte, was da Entsetzliches geschehen war, und ihm versichern konnte, wie erschüttert ich war.
Als ich dann für die letzte Klasse, die Oberprima, nach Deutschland zurück auf ein Gymnasium nach Heidelberg wechselte, bekam ich dort eine ganz bemerkenswerte Geschichtslehrerin, Frau Dr. Meyer-Kramer, eine Tochter des ehemaligen Leipziger Oberbürgermeisters Carl Friedrich Goerdeler, der als einer der führenden Köpfe des deutschen Widerstandes im Rahmen der Prozesse um den 20. Juli 1944 hingerichtet worden war. Auch sie machte den 08. Mai 1945 und die ganze Katastrophe des Dritten Reiches zum Gegenstand des Unterrichts und zwar so lebendig, dass meine ganze Klasse das Gefühl hatte, das Vergangene selbst unmittelbar miterlebt zu haben. Es war gleichermaßen bedrückend und befreiend für uns alle.
Aus den Augen verloren und vergessen habe ich den Tag bis heute in keinem Jahr und bis heute denke ich an jedem 08. Mai darüber nach, wie es wohl meinem Klassenkameraden ergangen und was aus ihm geworden ist. Allerdings lernte ich im Studium einen Kommilitonen kennen, mit dem mich bis heute eine herzliche Freundschaft verbindet, der am 08. Mai, allerdings 1943, geboren war, und wir haben seitdem an diesem Tag auch viele schöne und vergnügte Geburtstage gefeiert.
Ein Augenblick
Ich saß im Zug von Heidelberg nach Norden, nach Hause. In vier Wochen wollte ich dort, im Hause meiner Großeltern, meine Hochzeit feiern und es galt, jetzt die letzten Vorbereitungen zu treffen. Glücklich und entspannt saß ich im Zugabteil, las in einem Buch und freute mich auf die geliebten Großeltern und die schöne Zeit, die vor mir lag. Irgendwann, ich wusste nicht genau warum, hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Vorsichtig sah ich mich um und musterte die mit mir im Abteil sitzenden Fahrgäste, auf die ich bisher noch überhaupt nicht geachtet hatte. Zuletzt fiel mein Blick auf eine mir direkt gegenüber sitzende Dame, die mich ebenfalls ansah. Sie war offensichtlich groß, schlank, dunkelhaarig, sah attraktiv aus und war elegant gekleidet. Schnell senkte ich meinen Blick wieder auf mein Buch und versuchte, mich auf seinen Inhalt zu konzentrieren. Es gelang mir nicht richtig und so oft ich auch in Abständen immer wieder kurz aufsah, die dunkelhaarige Dame sah mich an. Ich überlegte, ob es sich noch lohnte, das Abteil zu wechseln; aber ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass wir in einer halben Stunde in Bremen einliefen, wo ich aussteigen musste. Ein Wechsel lohnte sich also nicht mehr. Plötzlich sagte die Dame zu mir: „Es stört Sie, nicht wahr, dass ich Sie so beobachte?!“ „Das kann man wohl sagen“, erwiderte ich, „zumal ich mir nicht erklären kann, warum Sie das tun!“
„Sie erinnern mich sehr stark an jemanden, den ich gut gekannt habe – würden Sie mir wohl Ihren Namen sagen?“
„Nein!“, entgegnete ich, „ich sehe keinerlei Veranlassung, das zu tun!“
„Dann will ich es Ihnen sagen“, entgegnete sie, „heißen Sie Meyer-Bornemann?“ Sie sah meine Verblüffung und setzte hinzu: „Sehen Sie, ich habe Ihren gefallenen Vater sehr gut gekannt – und Sie sehen aus wie er. Ich wünsche Ihnen viel Glück.“
In meiner Verwirrung war ich froh festzustellen, dass der Zug in den Bremer Bahnhof einlief. Ich raffte meine Sachen zusammen und verließ nach kurzem Abschiedsgruß das Abteil. Auf dem Bahnsteig fiel ich meinen Großeltern, die mich erwarteten, in die Arme und berichtete ihnen mein eben gehabtes Erlebnis. „Wie sah die Dame denn aus?“, fragte mein Großvater, und als ich sie beschrieben hatte, sah ich, wie meine Großeltern sich anlächelten, und dann sagte meine Großmutter: „Das war die Dame, die Deinen Vater sehr gerne geheiratet hätte, und er sie wohl auch, nur dann lernte er Deine Mutter kennen.“
Renate Dahms
Geboren 1941 in einem kleinen Vorort von Düsseldorf. Als jüngstes Kind von vier Geschwistern war sie die meiste Zeit sich selbst überlassen. Ihre Gestaltungsfreude war und ist der Motor für ihr Leben. Sie hat in Allem ihr eigenes „Rezept“.
Mein Lied im Wind
Mein Kinderlachen froh und munter
Ward gestört
Durch Bomben laut Gebrüll
Lief die Berge rauf und runter
Nicht ahnend
Dass zurückblieb
Meiner Seele Hüll
Hab die Bomben unversehrt zurückgelassen
Meine Lieder neu gestimmt
Hab gespielt, getanzt
War ausgelassen
Und geglaubt,
dass keiner sie mir nimmt
Viele Lieder habe ich gesungen
Manche Tänze mitgetanzt
Immer wieder um mich selbst gerungen
Manchmal glaubt ich ohne Chance
All die Wunden die das Leben mir geschlagen
Tief und brennend meiner Seele Mantel wurd
Haben mich dann doch getragen
Hin
Zu meinem Lied
Im Wind
Was mich trägt
Nach dem Krieg zog meine Mutter mit uns Kindern – wir waren vier Geschwister – in eine kleine Zweizimmerwohnung am Dorfrand. Mit dabei war auch meine Tante, deren Mann – er war der jüngste Bruder meines Vaters – vermisst gemeldet war. In dem Haus wohnten noch weitere Familien mit ihren Kindern, es verfügte über einen Innenhof und ein kleines Häuschen im Garten mit Herzchen in der Türe.
Wir waren ausgebombt und arm. Wir schliefen zum Beispiel unter dem nackten Plumeau, weil wir für Bezüge kein Geld hatten. Als Kind störte mich diese Armut nicht. Es gab so vieles, an dem ich Freude hatte. Ich liebte die Sommermonate, die mich mit ihren vielfältigen Angeboten aufforderten, kreativ zu werden.
So baute ich am Wegrand vor unserem Haus kleine Gärten oder Osternester und schmückte sie aus, mit allem, was ich auf der Straße vorfand, mit bunten Glasscherben, Stöcken, Blumen und vielem mehr. Ich konnte alles gebrauchen. Ich band Blumenkränze und legte sogar Gärten in Suppentellern an, um meine Mutter zu erfreuen. Wir bauten Buden, in denen wir verbotenerweise unsere Körper erkundeten. Wir ließen die Seilchen durch die Luft fliegen und versuchten, darüber zu springen. Die Häuserwände waren das Ziel unserer Bälle.
Ganz wichtig waren für mich meine akrobatischen Kunststückchen. Aus dem Stand nach hinten eine Brücke bilden, und die Beine immer ein bisschen mehr spreizen, bis sie rechts und links zum Spagat ausgebreitet neben meinem Körper lagen. Kopf- und Handstand so lange an der Wand üben, bis ich auch frei kopfüber stehen konnte. Im Nachhinein glaube ich, dass ich mich bemühte, jemand Besonderes zu sein, weil ich mich als Jüngste von vier Kindern immer unerwünscht gefühlt habe.
Der Innenhof des Hauses, in dem wir gewohnt haben, war im Sommer immer mit Leben erfüllt. Dort wurden Bohnen geschnibbelt, Weißkohl gehobelt und vieles mehr vorbereitet, was für den Winter eingekocht oder eingestampft wurde. Ich liebte es auch, mit meiner Mutter im nahe gelegenen Wald Beeren zu suchen, die später zu Marmelade verarbeitet wurden. Der Innenhof war auch der Treffpunkt der Frauen und Kinder des Hauses. Der pure Luxus war mein Swimmingpool in Form einer alten Zinkbadewanne, die ich Eimer für Eimer mit Wasser füllt, bis ich schließlich genüsslich in das von der Sonne aufgeheizte Wasser stieg und mich darin aalte. Einmal spaltete so ein voller Eimer meinen dicken Zeh. Was machte das schon? Pflaster drauf und weiter ging’s. Passierte ein „Unglückchen“, half die Mutter, die gerade anwesend war.
Im Winter hatte ich eine weitere Möglichkeit gefunden, der Enge und den Streitereien in meiner Familie zu entfliehen. Ich entdeckte Stoff- und Wollreste, mit denen ich nach und nach meine Lust am Gestalten auslebte. Vielleicht war meine Tante, die bei uns wohnte, inzwischen mein Vorbild geworden. Sie nähte für die Leute die schönsten Roben. Ich saß oft bei ihr, schaute zu oder sortierte ihre Knopfkiste, bis ich selbst im Nähen und Handarbeiten aktiv wurde. Zunächst organisierte ich mir Wolle und fing an, mit den Fingern zu häkeln. Viele solcher Luftmaschen zu einem Kreis zusammengenäht, ergaben einen Teppich für meine selbst gebastelte Puppenstube. Aus Stoff bastelte ich kleine Kopfkissen, meine Ideen waren grenzenlos. Ich vermisste nichts.
Später wurde ich auf der Straße „Fritzchen“ gerufen, was ich überhaupt nicht verstand, war ich doch eine Puppenmutter durch und durch. In einem Schreibseminar standen einmal als Impuls unsere Spitznamen im Vordergrund. Bei den gefragten Eigenschaften wurde „Fritzchen“ unter anderem Eigensinnigkeit zugeordnet. Da verstand ich! In der Armut der Nachkriegszeit hatte ich gelernt, meine Kreativität und eigenen Ausdrucksmöglichkeiten zu entwickeln. Eine Fähigkeit, auf die ich später im Leben immer wieder zurückgreifen konnte.
Meine Eltern waren beide durch die Kriegserlebnisse schwer traumatisiert. Mein Vater widmete sein Leben danach seinen Freunden, seinen Tauben und dem Alkohol. Trotzdem gab es Situationen, in denen er mir zur Seite stand. Und vielleicht sogar das Leben rettete. Er trug mich zum Beispiel zum Arzt, als ich schwer verletzt am Straßenrand lag. Ein Pferdefuhrwerk hatte mein Bein überrollt. Meinem Vater verdanke ich auch, dass ich weiterhin auf zwei Beinen durch mein Leben laufen kann, weil er bei den Ärzten durchsetzte, dass sie das verletzte Bein operieren und nicht abnehmen. In den zwei Jahren darauf trug er mich mehrmals durch die Nacht, wenn Krämpfe mich quälten. Er besorgte mir eine Lehrstelle und glättete die Wogen, als ich einmal meine Arbeitsstelle verließ, weil ich mich ungerecht behandelt gefühlt hatte. Eine stabile Beziehung zu seinen Kindern konnte er aber nicht aufbauen. Ich habe ein Bild von meinem Vater, wie er oft betrunken und schlafend auf einem Stuhl saß. Er starb einsam mit 57 Jahren an Speiseröhrenkrebs.
Meine Mutter hat nach der Rückkehr meines Vaters aus der Gefangenschaft mehr oder weniger den „Löffel“ abgegeben. So sagt man eigentlich, wenn jemand gestorben ist. Meine Mutter starb über mehr als 20 Jahre Stück für Stück. Als meine Schwester plötzlich mit 33 Jahren starb, gab sie sich ganz auf. Sie starb, einsam wie mein Vater, mit 67 Jahren an Herzversagen.
In den vielen Jahren nach Kriegsende und dem Ende meiner Kindheit merkte ich, dass auch ich durch die Traumatisierung meiner Eltern in meiner Lebensgestaltung stark begrenzt war. Ich hatte nie eine Mutter, die ich um Rat fragen oder auf die ich stolz sein konnte. Ich hasste sie, weil sie nicht für sich gekämpft hatte. Am Ende ihres Lebens zeigten ihre Hände die Folgen ihrer Lebenshaltung. Sie waren zu Fäusten gekrümmt. Jetzt konnte sie wirklich nicht mehr. Ihr Satz „Das kann ich nicht“, sollte für mein Leben nicht stimmen.
Es war schließlich meine Kreativität, die ich in der Armut der Nachkriegsjahre entwickelt hatte, die mir half, den Satz meiner Mutter umzukehren. Meine Tochter drückte es einmal so aus: „Ich brauche, um was Schönes zu gestalten, Geld. Du machst aus Scheiße was!“
Bunt die Wege in meinem Leben
Verschlungen
Verknotet
Voll Musik.
Bewegungsreich
Mit Sonnenlandschaften
An steinernen Wegflächen
Über Hängen schön.
Zwischen buntem Wiesengrün
Manchmal langsam
Wie eine Nacktschneckenparade.
Mein Leben
Ist wie eine Thymianwolke
Die durch
Kühle Morgenstille weht.
Mein Leben ist Vielfalt
Und bleibt in
Gott.
Ingrid Denzel
Am 8. Juli 1949 in Bad Pyrmont geboren. Obwohl Wunschkind, blieb sie Einzelkind, nicht zuletzt, weil ihr Vater körperlich wie seelisch vom Krieg schwer traumatisiert war. Die Tatsache, dass sie Einzelkind und außerdem rothaarig war, ließ sie oft zur Außenseiterin werden. Allerdings fühlte sie sich in ihrer Familie, Mutter, Vater, Oma, Opa, Tanten, (weniger bei den Onkels) geborgen und unterstützt, was dazu beitrug, dass sie sich mutig und kämpferisch statt schüchtern und zurückhaltend zeigte.
Warum hat niemand den Juden geholfen?
Hätte der Zweite Weltkrieg nicht stattgefunden, hätten meine Eltern sich wohl kaum kennen gelernt. Mein Vater stammte aus einer Handwerker- und Bauernfamilie aus Lauenburg/Leba in Hinterpommern, meine Mutter aus einer in prekären Verhältnissen lebenden, kinderreichen Familie aus Dortmund. Der Krieg wirbelte alles durcheinander. – Mein Vater, der seine Kriegsverletzung im Lazarett in Bad Pyrmont ausheilte, verliebte sich dort bei einem Tanzabend in meine Mutter, die als Zimmermädchen und Serviererin in einem Kurhotel in Stellung war und an diesem Abend Ausgang hatte. Mein Vater musste wieder an die Front und kam in russische Gefangenschaft. Nach Kriegsende wurde er wegen seiner Kriegsverwundung an der Hand schnell entlassen, traute sich aber zunächst nicht zu seiner Verlobten, weil er wegen der Entlausung eine Glatze hatte und sich entstellt vorkam. Erst nachdem seine Haare wieder nachgewachsen waren, begab er sich nach Bad Pyrmont, wo meine Mutter verzweifelt auf ihn gewartet hatte.
Sie heirateten am 25. Dezember 1945. Ich wurde 1949 geboren und blieb das einzige Kind meiner Eltern. Meine Mutter wollte auf keinen Fall eine große Familie, weil sie die Not und das Elend ihrer Mutter mit neun Kindern und einem arbeitslosem Mann vor Augen hatte. Mein Vater, so wurde mir immer wieder gesagt, sei zu nervös, um mehr als ein Kind zu ertragen. Ich hörte oft, ich solle Rücksicht auf meinen Vater nehmen, er habe im Krieg so viel Schlimmes erlebt. Wenn ich hingefallen war oder mir sonst wie wehgetan hatte, traute ich mich meist nicht zu weinen, denn mein Vater schimpfte mich deswegen nicht nur aus, weil ich zu wild gewesen sei, sondern er gab mir mit seiner kriegsverletzten Krallenhand auch Ohrfeigen. Einer seiner Sprüche hieß: „Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder.“
Vieles war ich seiner Meinung selber Schuld. Hatte ich mal wieder „Magen-Darm-Katarrh“, wie es damals von ärztlicher Seite hieß, hatte ich bestimmt zu viel Süßes, Fettiges oder sonst etwas Falsches gegessen. Mitgefühl zeigte er selten. Meine Mutter tröstete mich dann und schob alles auf das Kriegselend, das meinen Vater so schwer getroffen hatte, dass er nicht ertragen könne, sein Liebstes, und das sei ich nun mal, leiden zu sehen. Auch die Jähzornanfälle, die er bekam, gab ich Widerworte, war ich unpünktlich oder unordentlich, kamen ihrer Meinung nach daher. „Deutsche Tugenden sind Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß“, lautete ein weiterer Ausspruch meines kriegsbeschädigten Vaters. Nach so einem Jähzornanfall war mein Vater immer ganz zerknirscht und merkwürdig still. Ich wusste: „Jetzt kann ich ihn um den Finger wickeln“ und manchmal nutzte ich es schamlos aus.

Ingrid und ihr Vater
Je älter ich wurde, desto mehr lernte ich mit meinem traumatisierten Vater umzugehen, Aber auch als kleineres Kind konnte ich einiges gut nachvollziehen. Wenn ich mir seine durch eine Schussverletzung verkrüppelte Hand anschaute, hatte ich starkes Mitleid mit ihm. Als er mir einmal vom Krieg erzählte, wie er in Lebensgefahr gewesen sei, versicherte ich ihm, ich sei damals ein Engel gewesen und habe ihn beschützt. Es war einer dieser kostbaren innigen Momente, die es eben auch hin und wieder zwischen uns gab. Besonders nah fühlte ich mich ihm, wenn er von Pommern erzählte. Ganz speziell bei Geschichten, in denen er als kleiner Junge Streiche gespielt hatte und dafür von seinem Vater, meinem Opa, bestraft worden war. Aber auch, wenn er von dem schönen Haus mit großem Garten und den Kaninchen, Ziegen, Hunden und Katzen erzählte. „Wir sind aus unserer Heimat von den Russen vertrieben worden, weil wir den Krieg verloren haben“, sagte er dann. „Ich bin auch aus meiner Heimat vertrieben worden“, entgegnete ich und meinte damit unseren Umzug aus dem idyllischen Bad Pyrmont nach Düsseldorf, wo es noch hässliche zerbombte Trümmergrundstücke gab und wo mir alles ganz fremd war.
Das Erzählen vom Krieg, von marschierenden Soldaten, von Vertreibung, vom Mangel an Lebensmittel, vom Hamstern, von in Bunkern verschütteten und zu Tode gekommenen Verwandten, von den Tannenbäumen am Himmel, bevor die Bomben einschlugen, von Vertreibung und Gewalt begleitete meine Kindheit und beeindruckte mich so, dass ich mehrmals von Alpträumen geplagt – Soldaten marschierten um mein Kinderbett – schreiend aufwachte und in das Bett meiner Eltern floh, wo sich der Traum, sobald ich einschlafen wollte, zu wiederholen begann. Nur die Körpernähe, Wärme, der vertraute Geruch meiner Eltern und die Versicherung, dass es nie wieder Krieg gäbe und dass wir ja Glück gehabt hatten, konnten mich dann beruhigen.
Ich muss ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein, als ich im Schulfunk eine Sendung über die Judenverfolgung hörte. Es wurde über die Konzentrationslager gesprochen, über die Selektion von Alten, Gebrechlichen und Kindern an den Rampen und über deren Vernichtung im Gas. Das war so grausam, so unglaublich entsetzlich für mich, davon zu hören. Ich saß an dem Nachmittag allein vor dem Radio und war völlig verstört. So hatte mir noch niemand darüber etwas erzählt. Es gab – wenn überhaupt – nur vage Andeutungen und Äußerungen wie: „Bei uns in der Gegend gab es keine Juden.“ Oder: „Wir haben keinem Juden was getan.“ Als meine Mutter an diesem Nachmittag nachhause kam, fiel ich sofort über sie her. Ich fragte sie, ob sie das gewusst hätte mit dem Vergasen, und warum niemand den Juden geholfen hätte, und wie jemand so etwas hätte tun können. Meine Mutter wollte mich beschwichtigen, sie erklärte mir, sie hätte geglaubt, die Juden wären nach Israel ausgewiesen worden, und sie habe nicht so genau Bescheid gewusst, sie sei noch zu jung gewesen. Später habe sich keiner getraut, etwas gegen Hitler zu sagen, weil alle wussten, sie kämen ins KZ. Ich konnte mich nicht beruhigen und es wurde noch schlimmer, als sie mir erzählte, sie habe später gehört, dass die Menschen gedacht hätten, sie würden geduscht, und nichts von ihrem Tod gemerkt hätten.
Wie unser Gespräch endete, weiß ich heute nicht mehr, nur dass mich das Grauen bis heute nicht verlassen hat, dass so etwas geschehen ist. Leider weiß ich inzwischen auch, wie schwer es ist, in einem totalitären Regime etwas zu bewirken; wie perfide der Mechanismus von Bespitzelung und Denunziation funktioniert. Ich hätte gerne so viel Mut zum Widerstand, wie es einige wenige besessen haben, aber ob ich es geschafft hätte?
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