Kitabı oku: «Demokratie in Bedrängnis: Warum wir jetzt gefragt sind»

Yazı tipi:

Thomas Mirow / Hrsg.

Demokratie in Bedrängnis: Warum wir jetzt gefragt sind

Berichte zur Lage der Nation

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Copyright © 2021 Murmann Publishers GmbH, Hamburg

Lektorat: Evelin Schultheiß, Kirchwalsede

ISBN 978-3-86774-708-0

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Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Buch Thomas Mirow

Vom »Role Model« zum Auslaufmodell? Armin Nassehi

Wenn es ernst wird Laura Spinney

Die Klimapolitik wird zum Stresstest unserer Demokratie Ottmar Edenhofer

Moderne Demokratie braucht Digitalisierung Xiaoqun Clever

Demokratie braucht gesellschaftliche Neuordnung Dennis J. Snower

Demokratie unter der Last der Gedächtnisblockaden Ines Geipel

Wie viel Westen braucht die Demokratie? Janusz Reiter

Kultur und Demokratie – ein Verhältnis auf Gegenseitigkeit Marion Ackermann

Über Herausgeber und Autorinnen und Autoren

Zu diesem Buch

Von Thomas Mirow

Die Deutsche Nationalstiftung legt hiermit im zweiten Jahr Berichte zur Lage der Nation vor. Wir wollen damit erneut unseren Stiftungsauftrag erfüllen und zum Nachdenken anregen: über den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, über die Festigung unserer Demokratie, über den weiteren Weg Deutschlands in einem vereinten, freiheitlichen Europa.

Europas Demokratien sind herausgefordert wie lange nicht – im Innern und von außen. Über Jahrzehnte bewährte Erfolgsmuster haben an Überzeugungskraft verloren. Allenthalben ist Verunsicherung zu spüren.

In der Mitte der Gesellschaft, auch in Deutschland, machen sich Zweifel breit, ob unsere Demokratien schlagkräftig genug sind, um sich im globalen Wettbewerb der Systeme zu behaupten. Nicht wenige befürchten, unsere Verfassungssysteme könnten untauglich sein, um über grundlegende politische Weichenstellungen – etwa zur Bekämpfung der Klimakrise oder gefährlicher Pandemien – zügig zu entscheiden und diese dann auch umzusetzen. Andere halten im Zeitalter sozialer Medien das Prinzip der repräsentativen Demokratie selbst für nicht mehr zeitgemäß, sehen die Ära großer, stabiler Parteien als beendet an und setzen auf mehr direkte Demokratie, zum Beispiel im Wege häufiger Volksbefragungen. Viele verweisen auf tiefe gesellschaftliche Spaltungen: zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung, zwischen Arm und Reich, zwischen gut Informierten und einer – oft lautstarken – Minderheit, die Falschmeldungen Glauben schenkt, zu Verschwörungstheorien neigt und sich in selbstreferentiellen Echokammern einigelt.

Nicht zu übersehen ist: In zahlreichen Ländern »des Westens«, aber auch in anderen Teilen der Welt, in denen die Demokratie unaufhaltsam auf dem Vormarsch schien, haben sich autoritäre Kräfte zu gefährlich einflussreichen Parteien und Bewegungen formiert.

In Deutschland konnte eine rechtspopulistische, in Teilen rechtsextreme und demokratiefeindliche Partei in alle 16 Landesparlamente einziehen und in der abgelaufenen Legislaturperiode die größte Oppositionsfraktion im Deutschen Bundestag stellen. Vor allem die Wahlergebnisse in den östlichen Bundesländern sind besorgniserregend, auch weil sie die Bildung kohärenter, stabiler Regierungen nahezu unmöglich machen. Dem zugrunde liegt offensichtlich keine schnell vorübergehende Augenblicksstimmung. Auch wenn es nicht an AfD-Erfolgen im Westen mangelt – die Größenordnung der Unterstützung, die Qualität der gesellschaftlichen Verankerung unterscheiden sich doch signifikant. In ihrem jüngsten Jahresbericht zum »Stand der Deutschen Einheit« diagnostiziert die Bundesregierung »eine in den neuen Ländern … durchgängig skeptischere, distanziertere und auch kritischer ausgeprägte Grundeinstellung gegenüber Politik«.

Verunsicherung und Spaltungstendenzen in den Demokratien werden von außen verstärkt. Autoritär geführte Staaten nehmen auf vielerlei Wegen Einfluss, um demokratische Kräfte und Strukturen weiter zu schwächen: Regierungen werden mit billigen Krediten für große Infrastrukturprojekte gelockt, rechte Parteien demonstrativ hofiert, Internetplattformen und Fernsehkanäle als Propagandainstrumente missbraucht, mehr oder weniger verdeckt hoch komplexe Cyberattacken gestartet. Das Ziel: die Diskreditierung demokratischer Prinzipien sowie die Schwächung demokratischer Bündnisse und Zusammenschlüsse, insbesondere der Europäischen Union, um sich so Vorteile im geostrategischen Wettstreit der Mächte zu sichern. Dabei geht es um viel. Das kommunistische China, über Jahrzehnte auf seinen wirtschaftlichen Wiederaufstieg konzentriert, sieht sich heute auf dem Weg zu der führenden Macht des 21. Jahrhunderts. Russland geht es – ungeachtet seiner endemischen ökonomischen Schwäche – um eine zumindest partielle Rückgewinnung des mit dem Untergang der Sowjetunion verlorenen Weltmachtstatus. Und die von einem autoritär agierenden Präsidenten geführte Türkei spannt alle Kräfte an, um sich als starke Regionalmacht zu etablieren, im Mittelmeerraum, im Nahen Osten, im Kaukasus – bis hin zu Afghanistan.

Der einst für sicher gehaltene globale Siegeszug der Demokratie ist vielerorts zu einem abrupten Halt gekommen und andernorts angeschlagen. Die große, traditionsreiche Demokratie der Vereinigten Staaten von Amerika leidet seit Langem unter einer früher undenkbaren politischen Polarisierung und wurde durch den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 bis in ihre Grundfesten erschüttert.

Was also muss geschehen?

Demokratien ohne Demokraten können nicht bestehen. Ohne Verankerung in einer demokratischen Kultur, in einer demokratischen Zivilisation kann auf Dauer auch die beste Verfassung Recht und Freiheit nicht verlässlich schützen. Das Schicksal der Weimarer Republik hat uns das in Deutschland auf bitterste Weise gelehrt.

Doch geht es dabei vorrangig nicht um eine abstrakte Wertedebatte. Demokratien werden umso stabiler sein, je besser es ihnen gelingt, die ganz konkreten Erwartungen der Gesellschaft an ein funktionierendes Gemeinwesen zu erfüllen. Bürger und Bürgerinnen registrieren sehr genau, ob die Regierung eine schlüssige Klimastrategie verfolgt. Ob sich in einer Pandemie das Gesundheitssystem bewährt. Ob es gelingt, Menschen so gut es geht vor Naturkatastrophen zu schützen. Ob Kriminalität und Terrorismus konsequent bekämpft werden. Ob die öffentliche Infrastruktur, auch im ländlichen Raum, berechtigten Ansprüchen genügt. Ob staatliche Verwaltungen bürgernah und zeitgemäß arbeiten. Ob ein Steuersystem effizient und gerecht ist. Ob das Rentensystem Altersarmut verhindert und Demografie fest ist. Ob bei der Zuwanderung die Balance zwischen eigenen Interessen und humanitärem Schutz stimmt und Integration im Alltag vor Ort funktioniert.

Vertrauen in die Kompetenz öffentlicher Institutionen und in die Unbestechlichkeit ihrer Repräsentanten ist das unentbehrliche Fundament für demokratische Stabilität. Politik und Verwaltung tragen dafür eine besondere Verantwortung. Aber auch alle anderen, die Wert auf ein freiheitliches Gemeinwesen legen, sollten wissen, dass die Vitalität unserer Demokratien immer wieder neu gestärkt werden muss: mit frischen, tauglichen Ideen und mit aktivem bürgerschaftlichen Engagement.

Davon handelt dieser Band: Wir haben führende europäische Köpfe – unter ihnen wiederum vier Mitglieder des Senats der Deutschen Nationalstiftung – gebeten, die Herausforderungen unserer Demokratie zu analysieren und durchdachte Empfehlungen für ihre Festigung zu formulieren.

Der Soziologe Armin Nassehi arbeitet in seinem Grundsatzbeitrag die Stärken der repräsentativen Demokratie heraus, die es zu bewahren gilt, und empfiehlt zugleich, durch zusätzliche interdisziplinäre Beratungsgremien »die Logik der Repräsentation« zu erweitern.

Laura Spinney, britische Autorin eines erfolgreichen Buchs über die Spanische Grippe zu Beginn des 20. Jahrhunderts, legt dar, wie Demokratien trotz ihrer oft langwierigen Entscheidungswege bei der Bekämpfung von Pandemien nicht hinter autoritären Regimen zurückstehen müssen.

Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung argumentiert anhand konkreter Vorschläge, wie es in der Demokratie gelingen kann, die für eine Klimawende erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen.

Xiaoqun Clever, eine deutsche IT-Managerin, die als junge Erwachsene ihr Geburtsland China verlassen hat, ist überzeugt, dass die Demokratie die Digitalisierung braucht, und fordert, sie energischer zu nutzen.

Dennis Snower, viele Jahre Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel plädiert für eine drastische Neuorientierung unseres Wirtschaftssystems als Bedingung für die Erhaltung unserer Demokratie.

Ines Geipel, in DDR-Zeiten eine bekannte Leichtathletin und heute erfolgreiche Publizistin, setzt sich mit den Belastungen auseinander, die Jahrzehnte autoritärer Herrschaft für die Verankerung der Demokratie in Deutschland bedeuten.

Janusz Reiter, unserem Land seit Langem als polnischer Diplomat und Intellektueller eng verbunden, untersucht die komplexe Frage, warum das westliche Demokratiemodell auch in Mitteleuropa stark an Strahlkraft verloren hat.

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, umreißt – gestützt auf ihre Erfahrungen im Freistaat Sachsen – den besonderen Beitrag, den Kunst und Kultur für eine freiheitliche Demokratie leisten können.

Gemeinsam ist allen Beiträgen die Überzeugung, dass auch Deutschland vor großen Veränderungen steht, die entschlossen angegangen werden müssen, sollen die Herausforderungen unserer Zeit bewältigt und unsere Demokratie nachhaltig gesichert werden.

Allen Autorinnen und Autoren danke ich herzlich für ihre wertvollen, gedankenreichen Beiträge, die überwiegend im Laufe des Frühjahrs 2021 verfasst wurden. Mein Dank gilt darüber hinaus Agata Klaus, der Geschäftsführerin unserer Stiftung, für die umfassende Betreuung des gesamten Projekts, der ZEIT-Stiftung für eine hilfreiche Förderung, unseren Partnern beim Murmann Verlag für ihre engagierte verlegerische Unterstützung und ganz besonders Christoph Bertram, der mit seinen konzeptionellen Ideen und seiner präzisen Redaktionstätigkeit maßgeblich zum Entstehen dieses Bandes beigetragen hat.

Mit Blick auf die Vielfalt von Meinungen zu einer gendergerechten Sprache hat der Herausgeber auf die Vorgabe einheitlicher Richtlinien verzichtet. Die Texte spiegeln auch insofern das individuelle Sprachgefühl der Autorinnen und Autoren wider.

Vom »Role Model« zum Auslaufmodell?

Kann die repräsentative Demokratie die Konfliktlinien in unserer Gesellschaft heute noch abbilden und einhegen?

Von Armin Nassehi

Überhaupt diese Frage! Muss man sie stellen? Ja, sie muss gestellt werden, und am Anfang lohnt sich vielleicht ein Blick von außen, gewissermaßen ein Umweg zur Erhöhung der Kenntlichkeit. Die Selbstkritik der repräsentativen Demokratie ist ohnehin etwas, das ihr eingeschrieben ist, denn in der Demokratie ereignen sich Herrschaft und Machtausübung, kollektiv bindende Entscheidung und ihre Durchsetzung nicht einfach – sie machen sich selbst zum Thema. Der Umweg soll ein (erwartbarer) historischer Umweg sein, aber auch ein (weniger erwartbarer) räumlicher – der erste führt nach Athen ins vierte vorchristliche Jahrhundert, der zweite nach China im 21. Jahrhundert und am Ende führt er nach Freiburg.

Athen: Teilung der Macht

Es hat fast etwas Rituelles, Erörterungen über die (westliche) Demokratie damit zu beginnen, diese sei gewissermaßen als Erbe dem abendländischen Denken und Tun tief eingeprägt. Dabei ist die Praxis der Athenischen Demokratie weit davon entfernt, der »repräsentativen Demokratie« zu entsprechen, wie wir sie hier befragen wollen. Dennoch gibt es eine Kontinuitätslinie von den athenischen Wurzeln der Demokratie hin zu unseren Tagen. Dabei geht es weniger um die Demokratie als ein Verfahren der Entscheidungsfindung und der Legitimation solcher Entscheidungen, sondern um die Herausbildung dessen, was bis heute »Politik« heißt. In den Worten des Historikers Paul Nolte heißt es über die Politik der Athener: »Politik war danach nicht mehr mit einem faktischen System von Herrschaft identisch; sie trat aus der Normalität, aus der scheinbaren Natürlichkeit der Lebensverhältnisse heraus und etablierte sich als eine eigene Sphäre, in der man sprechen, debattieren und entscheiden konnte.« 1

Es ist gewissermaßen der Einbau einer folgenreichen gesellschaftlichen Selbstbeschreibung in den gesellschaftlichen Prozess. Gemeint war damit noch gar nicht eine Form von Staatlichkeit. Aber wenigstens erwuchs die Idee, dass die gute Ordnung nicht, wie noch von Platon präferiert, durch den gerechten und vernünftigen Staatsmann zu garantieren sei, sondern durch die Beteiligung der Bürger, die die Teilung der Macht und den Wechsel in der Verantwortung verlangt und nicht etwa nur unmittelbare Demokratie.

Für Aristoteles war die Demokratie, verstanden als die bloße Mehrheitsherrschaft, zwar in der Lage, die Mehrheit zufriedenzustellen, droht dann aber womöglich an Kompetenzfragen und leicht zu beeinflussenden Stimmungen des Wahlvolks zu scheitern. Das bloße Mehrheitsprinzip löst noch keine Probleme – und dieser Gedanke reicht tatsächlich von Aristoteles und dem griechischen Historiker Polybios, der die Ochlokratie, also die Herrschaft der Masse und des Pöbels anprangert, bis zu Alexis de Tocquevilles Kritik an der Tyrannei der Mehrheit. Aristoteles hat konsequenterweise die Lösung in der Politie gesehen, einer Mischform aus Demokratie im Sinne des bloßen Mehrheitswillens und der Oligarchie politischer Entscheidungsträger. Diese Mischform erlaubt es der Mehrheit, durch Wahl der Entscheidungsträger einerseits mitzuentscheiden, andererseits vom tagespolitischen Entscheidungsgeschäft ferngehalten zu werden.2

Die Legitimations- und Kompetenzbasis der repräsentativen Demokratie liegt darin, tatsächlich jenen Demos abzubilden, der zugleich herrschen und beherrscht werden soll.

Das Problematische an der Demokratie ist nach diesem Verständnis einerseits das Verhältnis von Legitimation zu Kompetenz, andererseits das Verhältnis der politischen Sphäre zu ihren gesellschaftlichen Voraussetzungen. Das ist exakt die Frage der repräsentativen Demokratie, deren Legitimations- und Kompetenzbasis darin liegt, tatsächlich jenen Demos abzubilden, der zugleich herrschen und beherrscht werden soll. Dass dieses Verhältnis nicht unproblematisch ist, liegt an der gesellschaftlichen Funktion des Politischen, auf die zurückzukommen ist. Jedenfalls lässt sich die repräsentative Demokratie nicht mit dem bloßen Hinweis rechtfertigen, eine vollständige Demokratie müsse den Demos vollständig abbilden und repräsentieren. Denn offensichtlich fügt die Demokratie diesem Demos etwas hinzu, was er selbst nicht enthält. Und offensichtlich ist die politische Demokratie von etwas abhängig, das sie selbst nicht voraussetzen kann.

Peking: Im Zentrum die Gesamtheit, nicht der Einzelne

Die westliche sozialwissenschaftliche und philosophische Debatte über die Bedeutung der repräsentativen Demokratie ist zumeist eine sehr selbstbewusste Debatte. Niemals lässt sie Alternativen zur demokratischen Herrschaftsform auf theoretischer und normativer Augenhöhe zu, auch wenn die Geschichte der westlichen politischen Systeme ihre Selbstdementierung in faschistischen Systemen, im Nationalsozialismus von rechts sowie im Stalinismus und der kommunistischen Ideologie von links zur Genüge unter Beweis gestellt hat. Es ist womöglich dieser innere Konflikt des Westens, der den Blick nach außen erschwert; man erkennt im Spiegel undemokratischer und autokratischer Herrschaft mehr an Eigenem, als man es sich wünschen würde. Deshalb entlastete die eigene dunkle Geschichte womöglich davon, diese Herausforderungen wirklich ernst zu nehmen. Im Selbstbild scheint sich mit der westlichen repräsentativen Demokratie eine zumindest normativ alternativlose Form etabliert zu haben, von der abzuweichen allenfalls eine empirische Evidenz besitzt, aber sicher keine guten Gründe.

Freilich haben sich die Verhältnisse geändert. Alternativmodelle zur westlichen liberalen Demokratie lassen sich beim besten Willen nicht mehr bloß als fehlerhafte Alternativen abtun, die trotz geschichtsphilosophischer Zuversicht den entsprechenden Standard nur noch nicht erreicht hätten. Das fängt in der postkolonialen Kritik des westlichen Selbstbewusstseins an und führt über die Neubetrachtung der kanonischen Schriften des Westens bis zur feministischen Kritik und rassismuskritischen Zurückweisung des universalistischen Modells.

All diese Herausforderungen lassen sich noch in der Weise integrieren, dass etwa die Kritik an einer mangelnden Repräsentation von Frauen, People of Color oder diverser Minderheiten letztlich auf Erfüllung der liberalen und universalistischen Versprechen der Einbeziehung aller zielt. Solche Kritik ist im Wesentlichen Selbstkritik, sie wirft ihrem Gegenstand vor, seinen eigenen Standards nicht gerecht zu werden, und zehrt von dem, was sie kritisiert. Noch das identitätspolitische Pochen auf Anerkennung partikularer Ansprüche nährt sich am universalistischen Repräsentationsmodell, auch wenn es sich in unauflösbare Paradoxien verstrickt beim Versuch, den Universalismus mit partikularistischer Verve zu erreichen. Das galt rhetorisch sogar für die inzwischen kaum mehr relevante linke und realsozialistische Kritik der westlichen »kapitalistischen« Demokratie, die wenigstens semantisch zumeist den Terminus des Demokratischen in Anspruch nahm.

Inzwischen gibt es selbstbewusste politische Konzepte, die nicht bloß die eigene kulturelle Inkompatibilität mit dem individualistischen Westen ins Feld führen, sondern ebenso die Dysfunktionalität der westlichen Demokratie.

Aber inzwischen finden sich auch selbstbewusste, hochnormative politische Konzepte, die nicht defensiv bloß die kulturelle Inkompatibilität mit dem individualistischen Westen ins Feld führen, sondern ihrerseits die Dysfunktionalität der westlichen Demokratie zum Ausgangspunkt der eigenen Argumentation machen. Wer diese Form des Denkens verstehen will, sollte das kürzlich ins Deutsche übersetzte Buch des Philosophen Zhao Tingyang lesen, der an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften und an der Universität Peking lehrt. Es ist die selbstbewusste Verteidigung einer Gesellschaftsordnung ohne Massendemokratie mit marktkritischen Elementen.

Zhaos Buch ist keineswegs eine defensive Rechtfertigung der chinesischen Autokratie gegen die normativen Ansprüche des Westens, sondern eine offensive Kritik an deren inneren Widersprüchen. Dieses Denken kommt einer naturrechtlichen Ordnungsvorstellung am nächsten – und wenn man das Buch mit seiner neokonfuzianischen Perspektive unvoreingenommen liest, fühlt man sich an die gegenrevolutionäre Attitüde eines Joseph de Maistre erinnert.3 Wie dieser spricht auch Zhao dem »Egoismus die Berechtigung« ab, die Welt selbst gestalten zu wollen, und zwar durch »Maximierung des eigenen Nutzens«. In ihr sieht er vor allem die »Unterwerfung der Natur unter grenzenlose Entwicklung« und also die »Zwangsläufigkeit allen Übels«.4

Man muss zugeben: Allzu fremd klingt das nicht. Für Zhao ist der Populismus, dessen Wortführer gerade mit demokratischen Mitteln ins Amt gewählt werden können und werden – die Beispiele liegen vor Augen –, ein Hinweis darauf, dass es die innere Verfasstheit der Demokratie selbst sei, die die Falschen ins Amt wähle und mit Macht ausstatte. Die Demokratie transformiere sich in eine »Publikratie« 5, weil Grundlage des Demokratiekonzepts nicht die Repräsentation des Ganzen, sondern die der unterschiedlichen Einzelinteressen sei. Zhao zeigt an Thomas Hobbes’ Konzept, dass dieses seinen Ausgangspunkt an der Differenz der Perspektiven nehme, zwischen denen letztlich (wenn auch nur potenzielle) staatliche Gewalt vermitteln müsse. Der Fehler liege schon im Ausgangspunkt des Denkens, nämlich mit der Existenz des Individuums zu beginnen, also mit dem Problem statt der Lösung.

»Die Koexistenz geht der Existenz voran, mit anderen Worten, die Koexistenz ist die Voraussetzung der Existenz.«

Zhao bezieht sich dabei auf den antiken konfuzianischen Philosophen Xunzi, ein Zeitgenosse von Aristoteles: »Anders als Hobbes sah Xunzi im Urzustand ein Gen der Kooperation, die Gruppe gehe dem Individuum vor.« 6 Daraus folgt ein »ontologisches Prinzip: Die Koexistenz geht der Existenz voran, mit anderen Worten, die Koexistenz ist die Voraussetzung der Existenz.« 7 Einer Demokratie bedarf es dann gar nicht, weil diese ja nicht das Gemeinsame verwalte, sondern gerade die Differenz unterschiedlicher Ansprüche, Interessen, Meinungen, Lebensformen und dergleichen anstachele. Die Demokratie befördert nach diesem Verständnis sogar das Trennende, weil sie gerade den Differenzen einen Wert gibt, nicht der Einheit und dem »Kriterium der vollständigen Einbeziehung«.8 Zhao meint also, die Demokratie versuche letztlich, ein Problem zu lösen, das sie selbst erst erzeugt, und macht das Christentum mit seiner Hervorhebung des Individuums als Ebenbild Gottes dafür verantwortlich, universelle und oberste Prinzipien einer monotheistischen Ordnungsvorstellung gegen alles andere, also das Partikularistische, durchzusetzen. Gegen Universalismus als Legitimation zur Einstufung des Anderen setzt Zhao »Kompatibilität«: »Die Politik muss dem Himmel entsprechen, nicht einem Gott.« 9

Man kann Zhao durchaus als einen staatsnahen Philosophen lesen, der die chinesische Autokratie rechtfertigt und dem Westen nicht nur vorhält, mit seinem demokratischen Verfahren keineswegs gegen Inkompetenz, politische Hasardeure und starke innergesellschaftliche Konflikte gefeit zu sein, sondern zudem die Gesellschaft nicht wirklich erreichen und mitnehmen zu können, man denke an seine mangelnde Krisenkompetenz bei Klimawandel oder Migrationsfragen.

Die Kritik ist nicht von der Hand zu weisen. Sie ähnelt in ihrer meritokratischen Tendenz durchaus den Bedenken des Aristoteles, ob das Demokratieprinzip in der Lage sei, kompetente Akteure an die Macht zu bringen, die weder von ihren Partikularinteressen, noch von ihrem Unwissen korrumpiert werden. Das Problem der Demokratie, so Zhao, bestehe also in dem Zweifel, ob die richtigen Personen und die richtigen Konzepte zum Zuge kommen könnten. Dass das nicht immer der Fall ist, ist kaum zu bestreiten. Zugleich räumt Zhao aber ein, dass es in jeder komplexen, modernen Gesellschaft Zielkonflikte und widerstreitende Interessen gibt, die nur unter einer entscheidenden Voraussetzung versöhnt werden könnten: »Ein System ist dann und nur dann legitim, wenn es der Volksseele entspricht.« 10

Es ist hier nicht der Ort, darüber zu räsonieren, ob diese Argumentation an einer Petitio Principii laboriert, aber es gilt doch, auf eine empirische und eine normative Falle hinzuweisen, die dieses neokonfuzianische Konzept der »Tianxia« enthält. Die empirische Falle ist die Frage, ob und wie sich ein Zustand »vollständiger Einbeziehung« einstellen kann, die normative Falle besteht in der Frage, wer darüber entscheidet, was jener »Volksseele« entspricht und wie mit Abweichungen davon umzugehen ist. Die chinesische Praxis jedenfalls vermag beide Fragen nicht befriedigend zu beantworten. Denn auch sie steht vor der zu klärenden Herausforderung, wie viel gesellschaftliche Kohäsion vorausgesetzt werden kann und muss, damit Konflikte gelöst werden können. Oder anders formuliert: Wenn, wie für Zhao, die Demokratie als ein Verfahren zur Verarbeitung und zum Ausgleich unterschiedlicher Perspektiven und Interessen prinzipiell ausgeschlossen ist, bleibt es dann eher eine Frage der unmittelbaren Macht und des Ausschlusses von Differenzen und Kritik, ob man den »Himmel auf die Erde« holen kann.11 Die Demokratie beginnt eben nicht im Himmel, sondern auf der Erde – und muss ihre Probleme mit terrestrischen Mitteln lösen.

Freiburg: Böckenfördes Gesetz

Hat der bisherige Weg von Athen nach Peking geführt – und dabei durchaus in den Grundfragestellungen nach Athen zurück –, muss er nun in den Westen, genau genommen den Südwesten Deutschlands verlängert werden. Kaum eine staatswissenschaftliche Debatte kommt heute ohne Rekurs auf den berühmten Satz des Freiburger Staatsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde aus: »So stellt sich die Frage nach den bindenden Kräften (in unserem Gemeinwesen) von neuem und in ihrem eigentlichen Kern: Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.« 12 Böckenförde beschreibt hier die Folge jenes Säkularisationsvorgangs, der nicht nur zu einer operativen und semantischen Trennung von Politik und Kirche/Religion geführt hat, sondern auch bewirkt, dass die zuvor religiös und konfessionell gestifteten gesellschaftlichen Bindungskräfte nun eben säkular, also irdisch gestiftet werden müssen. Es führe »kein Weg über die Schwelle von 1789 zurück, ohne den Staat als die Ordnung der Freiheit zu zerstören«.13

Schon diese einfache Formulierung macht den Unterschied deutlich. Nicht die All-Einheit einer Volksseele ist, anders als bei Zhao, hier Ausgangspunkt. Der bietet letztlich einen quasi-religiösen konfuzianischen Säkularismus an, der es dem Staat leicht macht, immer schon das Allgemeine zu repräsentieren; dem Volk werden innere Konflikte oder gar Widerspruch gar nicht zugemutet und dies dann als Legitimation für die autoritäre Herstellung von Einheit benutzt. Böckenförde dagegen rechnet mit Differenzen und Konflikten, er sieht auch den quasi-religiösen Charakter der »Nation«, der einst die inneren Widersprüche zu verdecken in der Lage war, aber nun, in säkularer Verfassung, das Unterschiedliche irgendwie zusammenbringen muss.14 Das Ambivalente am Konzept der Nation ist eben, dass diese neben einem ausschließenden auch ein emanzipatorisches Element in sich trägt, weil die Nation in einer von Ungleichheit geprägten Gesellschaft Gleichheit und Gleichberechtigung versprechen kann. Gerade deshalb stellt sich die Frage, welche Voraussetzung die vorpolitischen, nichtpolitischen Sphären der Gesellschaft erfüllen müssen, damit der Staat politische Konflikte demokratisch austragen kann. Hier erst sind wir bei der Repräsentationsfrage angekommen.

Wen und was muss die Demokratie repräsentieren?

Die Frage nach der Relevanz der repräsentativen Demokratie würde unterschätzt, beschränkte man sie darauf, zu klären, ob parlamentarische Verfahren oder das Angebot an Parteien oder der gesetzliche Minderheitenschutz tatsächlich die gesamte Bevölkerung entsprechend abbilden könnten.15 Denn dies würde bedeuten, dass man die zu repräsentierende Gesellschaft gewissermaßen als gegeben hinnimmt, um sie dann politisch zu repräsentieren, als seien Interessen, Milieus und Gruppen schlicht vorpolitisch schon vorhanden. Das neokonfuzianische Modell kann so denken und dabei mit der Voraussetzung einer Volksseele jenen zu repräsentierenden Raum schon vordefinieren und quasi-religiös untermauern. Es würde, ganz anders als bei Böckenförde, in der Konsequenz die Voraussetzungen politisch garantieren, die in einer liberalen und pluralistischen Gesellschaft zwar politisch miterzeugt, aber eben nicht staatlich garantiert oder gar kontrolliert werden können.

Politik kann nicht einfach Macht ausüben, sondern muss diese Macht in der Gesellschaft umsetzen, um von dort die Macht wieder zurückgespiegelt zu bekommen.

In der liberalen Demokratie stellt sich das Repräsentationsproblem erheblich komplexer dar. Das liegt vor allem daran, dass in der Demokratie Herrscher und Beherrschte in eins fallen. »Die Einheit des (politischen, A. N.) Systems kommt in der Paradoxie zum Ausdruck, dass das Volk zugleich Souverän und sein eigener Untertan ist.« 16 In der repräsentativen Demokratie wird diese Paradoxie dadurch abgemildert, dass Herrscher und Beherrschte trotz Identität differenziert werden und sich in dieser Oszillation von Identität und Differenz wechselseitig beobachten. Daraus entsteht ein Machtkreislauf, in dem die Macht sowohl von der Politik als auch vom Volk ausgeht. Politik kann nicht einfach Macht ausüben, sondern muss diese Macht in der Gesellschaft umsetzen, um von dort die Macht wieder zurückgespiegelt zu bekommen.

Diese systemtheoretische Denkungsart, die die Einheit des Politischen in dieser Wechselseitigkeit vorfindet, lässt sich bereits in Max Webers Herrschaftsbegriff wiederfinden. Anders als amorphe Macht, die sich gegen alle Widerstände durchsetzen kann, markiert Weber Herrschaft als die Chance, Gefolgschaft und Gehorsam zu finden, zugleich aber auch Zustimmung zur Legitimationsquelle der ausgeübten Herrschaft.

Von dieser Verbindung zehrt letztlich politische Herrschaft, die nicht einfach auf Machtausübung beruht, sondern jenen Machtkreislauf im Blick hat, der seine Durchsetzungsmöglichkeiten nicht beliebig, zur Not mit Gewalt und autoritärem Zwang, ausnutzt, sondern auf eine wenigstens prinzipielle Zustimmung der Machtausübung gründet. Das ist es, was Böckenförde stark machen will: nicht einfach Bindungskräfte einer Gesellschaft in einem vorausgesetzten Konsens bündeln, sondern jene Bindungskräfte in der Demokratie fördern, die es aushalten können, dass die Gesellschaft selbst nicht homogen, sondern heterogen ist.

Die repräsentative Demokratie setzt die Gesellschaft nicht als einen Raum konsentierter Zustimmung voraus, sondern als einen Raum zum Teil unüberwindlicher Konflikte, der erst die Bedingung der Freiheit ist.

Hier liegt die entscheidende Stärke der repräsentativen Demokratie. Sie setzt die Gesellschaft nicht als einen Raum konsentierter Zustimmung voraus, sondern als einen Raum zum Teil unüberwindlicher Konflikte, der erst die Bedingung jener Freiheit ist, die als Korrelat einer offenen Gesellschaft gelten kann. »Offenheit« ist dabei nicht nur als normatives Prinzip zu verstehen, sondern als empirische Bedingung für Koexistenz in einer komplexen Gesellschaft, die sich schon aus operativen Gründen nicht auf eine vorkonsentierte All-Einheit verlassen kann. Den »Himmel auf die Erde« zu holen, ist die Chiffre einer am Ende doch ängstlichen und deshalb notwendig autoritären Form, die die gesellschaftliche Dynamik als Bedrohung, nicht als Chance begreift.

Das repräsentative Element an der repräsentativen Demokratie hat zwei Funktionen: Zum einen entlastet es die Gesellschaft davon, kollektiv bindende Entscheidungen stets kollektiv und damit noch volatiler zu treffen als ohnehin schon. Zum anderen versorgt es das politische System mit ausreichend Komplexität, Variabilität, Diversität und Konfliktmöglichkeiten, um es mit jener Entscheidungsoffenheit auszustatten, die für eine komplexe Gesellschaft vonnöten ist.

Die chinesische Kritik an der (repräsentativen) Demokratie muss deshalb gar nicht am politischen System ansetzen, sondern an der Gesellschaft: Diese muss als vollständig integriert, als hierarchisch geordnet beschworen werden, um Konflikte nicht als Interessensgegensätze zu markieren.17 Der Umgang mit der Forderung nach Alternativen, mit Entscheidungsunsicherheit, mangelndem Wissen und Lösungskonzepten wird in das politische System selbst hineinverlagert. Das Äquivalent zum Prinzip der demokratischen Repräsentation wird auf eine meritokratische Ebene verschoben, die in der Lage sein soll, sachorientierte Lösungsansätze vollständig politisierbar und konsensfähig zu machen.

Dass auch daraus eine wenigstens wissenschaftlich-technisch und ökonomisch erfolgreiche Gesellschaft werden kann, lässt sich in China beobachten. Dass eine solche Gesellschaft keine Mangel-, sondern eine Konsumgesellschaft sein kann, ebenfalls. Aber ob tatsächlich jene Vielfalt (requisite variety) entstehen kann, die zur Anpassung an Veränderungen in komplexen Systemen nötig ist, darf bezweifelt werden. Jedenfalls ist der Grad an Autokratie und politischem Zwang ein direktes Korrelat der Unfähigkeit, mit Varianz und dem Denken in Alternativen umzugehen. Das ist es, was die repräsentative Demokratie ausmacht. Das Prinzip der Repräsentation reagiert auf die funktionale Notwendigkeit, die Konflikte innerhalb der Gesellschaft als deren innere Pluralität abzubilden, die ja eine Pluralität politischer Programme ist und nicht einfach klar definierter sozialer Gruppen.

Die Demokratie ist ein Legitimationsgenerator für politische Entscheidungen, zugleich aber auch ein Themengenerator für das politische System, in dem Entscheider und Beherrschte sich wechselseitig beobachten.

Ausgeübte Macht trifft auf ein Publikum, das seinerseits in einer Art Gegenbewegung den Mächtigen den Spiegel vorhält. In der repräsentativen Demokratie sind Herrscher und Beherrschte voneinander abhängig, weil Macht sich nur darin manifestieren kann, wenn die Beherrschten, die ja als Quelle der Macht fungieren, ihre Loyalitätsbereitschaft nicht verlieren. Deshalb spielt in der Demokratie die Opposition die logisch entscheidende Rolle. Ihre Integration in das politische System gewährt auch denen Loyalitätschancen, die nicht zu den Befürwortern bestimmter Entscheidungen gehören.18 Die Demokratie ist also ein Legitimationsgenerator für politische Entscheidungen, zugleich aber auch ein Themengenerator für das politische System, denn der doppelte Machtkreislauf lässt Entscheider und Beherrschte sich wechselseitig beobachten.

Diese idealtypische Beschreibung freilich unterschätzt, dass der doppelte Machtkreislauf und damit die politische Partizipation mit beeinflusst wird durch nicht politisch legitimierte Akteure (Experten, pressure groups, ökonomische Akteure etc.). Dieser keineswegs neue Sachverhalt, als »Postdemokratie« 19 diskutiert, setzt aber die Abhängigkeit demokratischer Entscheidungen von einer bestätigenden öffentlichen Kommunikation nicht außer Kraft.20 Letztlich lebt die repräsentative Demokratie nicht nur von der »Abbildung« der gesellschaftlichen/politischen Pluralität, sie erzeugt sie mit.

Parteien domestizieren den politischen Streit

Die Kontrahenten im politischen Prozess sind unterschiedliche Parteien – deshalb heißen Parteien auch Parteien. Eine der ironischsten Figuren der politischen Sprache ist der Begriff der Einheitspartei – ein logisches Oxymoron und ein politischer Offenbarungseid. Er ist ein logisches Oxymoron, weil Partei (lat. pars) nur eine Partei neben einer anderen sein kann. Wenn es nur eine Partei gibt, gibt es keine Parteien. Ein Offenbarungseid ist er, weil er den Mechanismus des Politischen außer Kraft setzt: nämlich nicht schlicht Macht zu exekutieren, sondern diese zum reflexiven Gegenstand ihrer selbst zu machen.

In den klassischen Parteienarrangements spiegelt sich eine Systematik gesellschaftlicher Ordnung wider, die Konflikte in die Form politischer Entscheidbarkeit bringt.

Parteien spielen dafür eine entscheidende Rolle, denn in den klassischen Parteienarrangements spiegeln sich nicht einfach Meinungen oder Weltbilder wider, sondern genau genommen eine Systematik gesellschaftlicher Ordnung, die Konflikte in die Form politischer Entscheidbarkeit bringt. Ihre Genese aus dem 19. Jahrhundert ist insbesondere an der sozialen Frage scharf gestellt.21 In einer groben Phänomenologie lässt sich die Systematik in etwa so darstellen:

Für Konservative ging es um die Rettung sogenannter gewachsener Lebensformen und die Verteidigung einer überkommenen Schichtung der Gesellschaft bei gleichzeitiger Anerkennung der modernen Komplexität, die sie vor allem durch Rekurs auf die Idee der Nation als Einheit simulieren. Die semantische Übersteigerung der Nation kann jedoch nicht kompensieren, was der Konservatismus für die eigene Tradition hält. Deshalb ist der Konservatismus eine eminent moderne politische Form, weil er eine semantische Problemlösung für Modernisierungsfolgen anbietet. Die Staatsnähe des Konservatismus ist eine Nähe zum Staat als Garant einer gewachsenen Ordnung, wozu meistens auch die Wirtschaftsordnung gehört. Auch der politische Konservatismus ist an der Etablierung ordnungspolitischer Maßnahmen im Sinne sozialpolitischer Maßnahmen interessiert – deutlich zu sehen gerade in Deutschland an den unterschiedlichen Quellen in der katholischen und auch evangelischen Soziallehre einerseits, in der sozialistischen andererseits. Konservative Formen der Herstellung von Kontinuität sind Formen, die an Strukturen ansetzen, die in der Gesellschaft bereits als vorhanden gelten: regionale Traditionen, Konfessionen, Berufsstände und familiale Kontinuitäten.

Für die Sozialdemokratie oder für sozialistische politische Akteure ging es noch expliziter um die Herstellung von Kontinuität in einer diskontinuierlichen Wirtschaftswelt, nämlich trotz der Volatilität von Märkten eine Lebens- und Versorgungsperspektive für die arbeitenden Menschen zu ermöglichen. Es ging um die Erzeugung von Kontinuität, weswegen solche Parteien in der Vergangenheit tatsächlich mehr als nur politische Organisationen waren, sondern auch Bildungs- und Kulturorganisationen als Identitätsangebot für diejenigen, die von traditionellen Versorgungsstrukturen nicht erfasst wurden. Klassische sozialdemokratische Politik zeichnete sich durch eine größere Bereitschaft zur Umverteilung sowie zur Ermöglichung sozialen Aufstiegs aus.

Der politische Liberalismus schließlich stand einerseits für Abwehrrechte gegen einen autoritären Staat, andererseits für die Idee, der Volatilität und Eigendynamik der Gesellschaft und den ordnungsbildenden Kräften des Marktes zu vertrauen. Der Liberalismus war auf der einen Seite eine starke Freiheitsbewegung, die von der Kritik der Bevormundung durch den Staat, durch die Kirche, durch Traditionen und tradierte Lebensformen geprägt ist. Darin ist der klassische Liberalismus vor allem an den Bürgerrechten orientiert und strahlt in kulturlinke und linksliberale Denkungsarten aus. Andererseits neigt er bisweilen zu einer merkwürdigen Anfälligkeit für libertäre Ideologien bis in die Nähe zu rechten Denkungsarten, weil ein staatsferner Liberalismus in der Konsequenz dem Recht des Stärkeren und der Verdrängung des Schwachen nahesteht.

Diese idealtypische, also übersteigerte Phänomenologie soll zeigen, wie sich unterschiedliche politische Programme vor allem an der sozialen Frage beziehungsweise am Verhältnis von wirtschaftlicher Dynamik und Volatilität definieren. Die Gegnerschaft dieser Parteien wird dadurch zusammengehalten, dass ihre repräsentative Funktion für das politische System nicht nur darin besteht, unterschiedliche Milieus und Gruppen beziehungsweise Interessen abzubilden, sondern vor allem den Grundkonflikt des politischen Raums. In den Grundstrukturen des klassischen modernen politischen und sozialen Konflikts geht es stets und in erster Linie um das Verhältnis von Volatilität und Stabilität, um die Frage von mehr oder weniger Regulierung des Ökonomischen durch den Staat, um Verteilungs- und Umverteilungsfragen und nicht zuletzt um die Anerkennung unterschiedlicher Lebensformen der Gesellschaft in diesem Konfliktfeld.22 Solche Konflikte fallen nicht vom Himmel, um noch einmal die chinesische Metapher aufzunehmen, sie sind auch nicht einfach positiv in der Gesellschaft vorhanden, sondern werden durch die den Machtkreislauf des Politischen strukturierende Form entscheidbarer politischer Probleme erst in eine prozessierbare Gestalt gebracht.

Für die Bundesrepublik (auch für andere westeuropäische Länder) war die Existenz von zwei komplementären Volksparteien ein Stabilitätsfaktor. Union und SPD erreichten lange Zeit etwa 90 Prozent der Wählerschaft (wie übrigens parallel dazu etwa dieselbe Rate Mitglied einer der beiden großen Kirchen in Deutschland war). Heute bilden die einstigen großen Volksparteien weit weniger als die Hälfte der Wähler ab. Das muss kein grundlegendes Problem sein, aber es ist ein Hinweis darauf, was das für die repräsentative Demokratie bedeutet: An der Veränderung der Parteiensystematik lässt sich deutlich sehen, welche Funktion das repräsentative Element der Demokratie hat.

Es geht nicht einfach darum, die Sozialstruktur des Wahlvolks proportional im Parlament abzubilden, sondern einen stabilen Rahmen für die Austragung politischer Konflikte zu schaffen. Stabil verliefen politische Konflikte immer dann, wenn im Parlament die entscheidenden Konfliktlinien abgebildet werden konnten. Gewiss haben dabei das Wahlrecht und das Wahlsystem in unterschiedlichen Ländern direkte Auswirkungen darauf, wie sich vor allem kleinere Parteien etablieren können.23 Aber an der grundlegenden Systematik hat das für die Form der westlichen Demokratie wenig geändert.

Es sollte deutlich geworden sein, dass die repräsentative Demokratie nicht einen repräsentativen Konsens im Parlament abbildet, sondern den Dissens dadurch etabliert, dass die widerstreitenden Parteien (im engeren und im weiteren Sinne) eine Form dafür finden, ihren Streit zivilisiert zu inszenieren. Diese Inszenierung ermöglicht es erst, der Entscheidungsfindung eine rationale und stete Gestalt zu geben. Die repräsentative Demokratie muss in diesem Sinne keine homogene Gesellschaft voraussetzen, also keine vorpolitischen Bindungskräfte an bestimmte Entscheidungen, wohl aber eine Bindungskraft an die Legitimität und Legitimation der Form und der Verfahren der demokratischen Prozeduren.

Legitimation durch Verfahren

Die repräsentative Demokratie muss notwendigerweise ein Rechtsstaat sein. Ein Rechtsstaat bindet alle an das Recht: die Herrschenden ebenso wie die Beherrschten, die in der Demokratie paradoxerweise auch noch in eins fallen. Verfahren sind die entscheidende Legitimationsquelle des Politischen. Die sprichwörtliche »Legitimation durch Verfahren« 24 reagiert darauf, dass man etwa in Gesetzgebungs- oder Gerichtsentscheidungen nicht einfach auf die Rationalität der beteiligten Akteure zurückgreifen kann. Das wäre eine zu riskante Strategie, die sich auf Voraussetzungen verlassen müsste, die schwer zu kontrollieren und schwer zu verstetigen sind. An die Stelle dieses kontrafaktischen Vertrauens auf die Vernunft der Menschen lenken Verfahren die Geltungsfrage von der alleinigen Vernunft des Urteilens auf die Geltung der Verfahren selbst. Die Legitimität der Macht stützt sich dann nicht mehr auf die vermeintliche Rationalität eines Entscheiders, sondern auf ein rationales Verfahren. Auf der Suche nach der Vernunft, die der Demokratie zugrunde liegen soll, stößt man auf die in den Verfahren aufbewahrte Form einer Vernunft, deren Geltung der Geltung der in den Verfahren verhandelten Argumente und Inhalte noch vorgeordnet ist. Vernünftige Verfahren sollen vernünftige Entscheidungen generieren, die mit den Verfahren selbst Einzug in die eigenen Begründungen finden. Verfahren haben in diesem Sinne eine zivilisierende Funktion.

Die rechtsstaatliche Form der Entscheidungsfindung erzwingt eine Langsamkeit, die der schnellen Willkür entgegensteht, zugleich dem Kompromiss Geltung verschafft, weil sich die meisten Verfahren ohne solche Kompromisse gar nicht durchhalten lassen. Verfahren disziplinieren. Sie regeln durch Reduzierung von Komplexität das Handeln der Beteiligten, sie zivilisieren und zwingen sie dazu, auch der Gegenseite Gehör zu schenken. Zugleich erhöhen sie die Kreativität, weil durch die Komplexitätsreduktion der Prozeduren eine höhere Komplexität in den Entscheidungen möglich wird. Die Vernunft der Demokratie in ihren legislativen, judikativen und exekutiven Funktionen gründet auf den Verfahren selbst.25

Verfahren können missbraucht werden – aber sie haben am Ende eine Widerständigkeit, die womöglich stärker ist als die mentale und kognitive Widerständigkeit beteiligter Akteure, die durch die Verfahren selbst in ihren angemessenen Motiven unterstützt werden können. Die Stärke der repräsentativen Demokratie besteht darin, dass sie tatsächlich in der Lage sein kann, über Verfahren die widerstreitenden Teile der politischen Auseinandersetzung zusammenzuhalten und damit auch der unterlegenen Seite des politischen Streits die Möglichkeit zu geben, einer Entscheidung, die sie anders gefällt hätte, dennoch Loyalität zu erweisen.

Exakt deshalb ist die Opposition in der repräsentativen Demokratie womöglich der wichtigere Teil des repräsentativen Demokratiemodells, weil die verfassungsmäßige und auch operative Integration der Opposition in die Routinen des politischen Systems politische Gegnerschaft innerhalb des Systems und nicht gegen das System ermöglicht. Wo man in der illiberalen Demokratie, die den Himmel auf die Erde holt, Opposition nur gegen das politische System ermöglichen kann, ist Opposition in der repräsentativen Demokratie der Garant dafür, dass diejenigen, die qua Mehrheit die Macht haben, mindestens öffentlich gute Gründe für ihr Tun nennen müssen. Der gesellschaftliche Machtkreislauf zwischen Staat/Politik und Gesellschaft/Volk wird innerhalb des politischen Systems als ein Kreislauf zwischen Regierung und Opposition noch einmal abgebildet – repräsentiert, wenn man so will. Deshalb ist es nur in dieser Art der Demokratie möglich, dass eine amtierende Regierung stets von einer wenigstens potenziellen Regierung vor sich hergetrieben wird.

Die Krise der Repräsentation

Die bisherige Argumentation sollte deutlich gemacht haben, dass die repräsentative Demokratie aus systematischen Gründen keineswegs ein Auslaufmodell ist. Denn anders als das neokonfuzianische Modell mit seinem Vorrang der Koexistenz vor der Existenz wird hier Koexistenz nicht einfach vorausgesetzt. Die Funktion von Politik besteht vielmehr gerade darin, Existenz in Koexistenz zu verwandeln, also »kollektiv bindende Entscheidungen« zu ermöglichen und dafür Formen und Verfahren zu finden und bereitzustellen.26 Dass diese Formen und Verfahren, vor allem aber auch die Aspekte von Steuerungskompetenz und Entscheidungskriterien als politischer Konflikt und politische Entscheidungsfindung inszeniert werden, wird gerade durch die Repräsentation nicht nur von Gruppen, sondern von Perspektiven auf die gesellschaftlichen Grundkonflikte ermöglicht.

Ein meritokratisches und autokratisches Modell muss dies immer schon als lösbar beziehungsweise gelöst voraussetzen. Das neokonfuzianische Modell setzt ausschließlich auf Harmonie im Sinne der Unterwerfung unter ein Allgemeines, bleibt aber im Hinblick auf die Qualität der Entscheidung stumm – das Problem wird durch Rekurs auf die Meritokratie gewissermaßen unsichtbar gemacht. Wo der neokonfuzianische Philosoph eher schweigt, wird freilich die technokratische Agenda in Staaten wie etwa Singapur lautstark als Vorbild und als durchaus erfolgreiches Alternativmodell diskutiert, zum Beispiel von dem indisch-amerikanischen Politologen Parag Khanna.27 Es ist aber ein Modell, bei dem der Staat letztlich schon weiß, was das Richtige ist, und dafür dann entsprechend qualifizierte Funktionäre einsetzt.

Dennoch kann man schwer daran vorbeisehen, dass sich mit den gesellschaftlichen Komplexitätssteigerungen die Qualität von kollektiv bindenden Entscheidungen und auch ihre Legitimität in den westlichen Demokratien nicht gerade erhöht hat. Es ist im Gegenteil ein Trend zur Elitenskepsis, zur politischen Radikalisierung von rechts und von links, zum Populismus und zur radikalen Vereinfachung von Problemlagen zu beobachten, von dem man tatsächlich nicht behaupten kann, dass er die Problemlösungskompetenzen signifikant verbessert. Selbst wenn man die systematischen Schwächen und Kurzschlüsse, IIliberalitäten und den versteckten Autoritarismus in Zhaos neokonfuzianischem Modell aus der Gleichung herausrechnet, bleibt der Vorwurf einer »Publikratie« gegen das westliche Modell bestehen. Wie ist damit umzugehen?

Wenn es stimmt, dass die Stärke der repräsentativen Demokratie darin besteht, nicht nur Interessengruppen, sondern auch und vor allem gesellschaftliche Grundkonflikte abzubilden, dann kann man durchaus eine Krise der Repräsentation diagnostizieren. Womöglich passen die klassischen Parteiengestalten nicht mehr, um den gesellschaftlichen Konflikten eine entscheidbare Form zu geben. Es dürfte heute schwerfallen, konservative Bezugsprobleme noch nach dem Bilde zu formen, wie es seit dem 19. Jahrhundert aus den religiösen Soziallehren und aus der Betonung regionaler Traditionen hergeleitet wurde. Das, was man ein sozialdemokratisches Bezugsproblem nennen kann – einst stark orientiert an Berufsgruppenidentitäten, an der Anerkennung eher kleinbürgerlicher Schichten und am sozialen Aufstieg – wird heute von fast allen politischen Lagern als Ziel geteilt. Auch der Liberalismus schließlich kann sich heute weniger als Pluralismusanwalt aufstellen und nicht als Sachwalter von Abwehrrechten gegen den Staat, weil dies fast Gemeingut ist. Vielleicht ist die Krise des Liberalen vor allem darin zu sehen, dass es fast nur noch für ökonomischen Liberalismus steht.

Dass zum Teil neue politische Spieler entstehen, ist kein Zufall. Das Aufkommen ökologischer Parteien verweist darauf, dass mit dem Umweltschutz und dem Klimawandel ein epochales Problem entstanden ist, das quer zu den klassischen politischen Konfliktlinien liegt. Rechte Parteien hat es immer gegeben, aber ihr derzeitiger Erfolg verweist darauf, dass sich Fragen der Zugehörigkeit und auch der Sachkompetenz für komplexe Entscheidungslagen völlig neu stellen. Und alle mit Migration, ethnischem Pluralismus und der Emanzipation sexueller Orientierungen verbundenen politischen Konflikte verweisen einerseits auf eine liberale Pluralisierung, andererseits auch auf ein verunsicherndes Konfliktpotenzial.

Die Krise der repräsentativen Demokratie ist also eher eine Krise der Repräsentation. Die Preisfrage lautet: Wie lassen sich die neuen Konfliktlinien in eine Form bringen, die den politischen Konflikt so zivilisiert, dass daraus entscheidbare Dichotomien werden? Ich wiederhole: Politische Probleme und Konflikte liegen nicht einfach vor, sie müssen politisch erzeugt und ermöglicht werden, und dafür bedarf es komplementärer politischer Spieler, die einen zivilisierten politischen Konflikt dazu ermöglichen. Die Komplexitätssteigerungen der Gesellschaft haben die Anforderungen verändert.

Man kann das an merkwürdigen Anomalien beobachten. In Deutschland etwa, wo in einigen Bundesländern der Konflikt zwischen den Parteien gewissermaßen suspendiert werden muss, um offenkundigen Feinden der demokratischen Verfahren und einer liberalen Gesellschaft in Gestalt der AfD entgegenzutreten. Diese Situation erzwingt Harmonie dort, wo sie schädlich ist, nämlich zwischen unterschiedlichen politischen Spielern, und erzeugt Konflikt dort, wo er nicht weiterführt, weil die rechtsradikale Politikform keinen sachlichen Beitrag zur Problemlösung leisten kann.

Eine ähnliche Anomalie lässt sich in osteuropäischen Ländern beobachten. Wie Stephen Holmes und Ivan Krastev auf beeindruckende Weise gezeigt haben, ist nach einer liberalen Euphorie in osteuropäischen Ländern eine tiefe Enttäuschung eingetreten, die viel damit zu tun hat, dass der »Nachahmungsdruck« 28, unter dem viele dieser Länder sich mit Blick auf ihre neuen westeuropäischen Partner sahen, ebenfalls eine Repräsentationslücke hervorgebracht hat. Die illiberalen und offenkundig mit demokratischen Verfahren inkompatiblen Reaktionen sind die Folge.

Solange politische Akteure sich nicht auf die Komplexität kommender Herausforderungen einstellen, werden technokratische oder meritokratische Modelle für sich reklamieren, höhere Kompetenzen mobilisieren zu können als die repräsentative Demokratie.

Diese wenigen Hinweise sollen genügen, um zu zeigen, dass die Zukunft der repräsentativen Demokratie sich nicht im Hinblick auf Verfahren oder auf die staatsrechtliche Verfassung entscheidet, sondern explizit politisch. Solange es politischen Akteuren nicht gelingt, sich inhaltlich auf neue Konfliktlinien und auf die Komplexität der kommenden Herausforderungen einzustellen, werden technokratische oder meritokratische Modelle wenigstens den Vorteil für sich reklamieren können, auf der Sachebene höhere Kompetenzen mobilisieren zu können. Ob das freilich wirklich gelingen kann, ist zu bezweifeln. Denn es würde fast notwendigerweise bedeuten, dass politische Herrschaft autoritärer werden muss und Politik sich stärker auf die Exekutive konzentrieren wird. Es ist ein Traum, der auch in unseren Breiten gerade im Nachgang zur Pandemie von manchen geträumt wird,die meinen, man könne etwa den Klimawandel eher mit exekutiven Ausnahmerechten als mit demokratischer Debatte und Abstimmung bekämpfen.

Für ein flankierendes »Parlament der Funktionen«

Deshalb sei zum Schluss dieser Überlegungen darauf hingewiesen, dass sich Expertise und die Form der Sachebene verändern müssen. Die parlamentarische repräsentative Demokratie war erfolgreich, solange es gelang, die Repräsentation unterschiedlicher Gruppen in der Gesellschaft mit der Repräsentation unterschiedlicher programmatischer Lösungskonzepte in Einklang zu bringen. Vielleicht war deshalb die Orientierung von Politik und politischen Konfliktlinien an der »sozialen Frage« so integrierend. Nun soll hier nicht argumentiert werden, die soziale Frage stelle sich nicht mehr. Sie wird im Gegenteil sowohl im Hinblick auf die Digitalisierung der Ökonomie als auch auf den Umbau hin zu einer ökologischen Wirtschaft eine besondere Rolle spielen, auch was migrationspolitische Fragen angeht.29 Aber die Konflikt- und Programmlinien liegen heute quer dazu und können deshalb nicht mehr so geschmeidig repräsentiert werden wie in der klassischen Phase der westlichen Demokratien im »Goldenen Zeitalter« (Eric Hobsbawm) des Westens.

Vielleicht müssen aus der technokratischen und meritokratischen Herausforderung Schlüsse gezogen werden. Vielleicht muss die Logik der Repräsentation sich ändern – oder besser: erweitert werden. Es ist sicher kein Zufall, dass sich etwa in interdisziplinären Beratungsgremien oder in Ethikräten Formen etabliert haben, die in der Lage sind, Expertise aus unterschiedlichen Funktionssystemen beziehungsweise ihrer wissenschaftlichen Repräsentation zusammenzubringen und für entscheidbare Lösungen zu suchen.30 Ich habe an anderer Stelle einmal ein »Parlament der Funktionen« 31 vorgeschlagen, in dem sich Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Verwaltung, Religion etc. zusammenfinden, um Szenarien für Lösungskonzepte zu entwickeln, deren Aufgabe es ist, das Arrangement der Funktionen und unterschiedlicher Zielkonflikte durchzuspielen, etwa bei der Kombination ökologischer und ökonomischer Logiken, beim Transfer von Wissen(schaft) in politische und ökonomische Entscheidungen oder bei der Darstellbarkeit von Wertschöpfung und Technologien etc. Man denke an eine zweite Kammer, die die erste mit Wissen versorgt – keine Meritokratie, sondern eine Flankierung des parlamentarischen Prozesses durch Repräsentation von Funktionen.

Das wird kaum praktikabel sein. Aber diese Erwägungen verweisen darauf, dass die erhebliche Komplexitätssteigerung der Gesellschaft und die Querlage von Herausforderungen zu den klassischen politischen Programmen Strategien erfordern, die Funktionen der Gesellschaft, ihre Expertise und ihre jeweiligen Logiken wieder repräsentationsfähig zu machen. Wenn das gelingt, ist die repräsentative Demokratie keineswegs ein Auslauf- sondern ein Zukunftsmodell. Denn das Neue kann nur dort gelingen, wo es gerade keine politischen und ideologischen Einschränkungen für denkbare Szenarien gibt. Wo anders als in liberalen Politikmodellen wird das Neue prinzipiell prämiiert und nicht nur dann, wenn es einer allgemeinen Harmonie der Beherrschten mit den Herrschenden dient, was am Ende nur autoritär gesichert werden kann.

Anmerkungen

1 Paul Nolte: Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart. München 2012, S. 32.

2 Vgl. dazu grundlegend und einführend Reinhold Zippelius: Geschichte der Staatsideen. 9. Aufl., München 1994, S. 28 ff.

3 Vgl. Joseph de Maistre: Von der Souveränität. Ein Anti-Gesellschaftsvertrag. Berlin 2016; Beatrice Bondy: Die reaktionäre Utopie. Das politische Denken von Joseph de Maistre. Köln 1982.

4 Zhao Tingyang: Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung. Berlin 2020, S. 214.

5 Ebd., S. 221.

6 Ebd., S. 18.

7 Ebd.

8 Ebd., S. 48.

9 Ebd., S. 202.

10 Ebd., S. 44.

11 Ausführlich zu Zhao Tingyang vgl. Armin Nassehi: Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft. München 2021 (i. E.).

12 Ernst-Wolfgang Böckenförde: »Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation«. In: Ders.: Staat, Gesellschaft, Freiheit. Studien zur Staatstheorie und zum Verfassungsrecht. Frankfurt am Main 1976, S. 42–64, hier S. 60.

13 Ebd.

14 Vgl. ebd., S. 59.

15 Grundlegend dazu vgl. Dolf Sternberger: Ursprung der repräsentativen Demokratie. Zürich 1970.

16 Niklas Luhmann: Die Politik der Gesellschaft. Frankfurt am Main 2000, S. 256 f.

17 So programmatisch nachzulesen bei Daniel A. Bell, Wang Pei: Just Hierarchy. Why Social Hierarchies Matter in China and the Rest of the World. Princeton 2020.

18 Vgl. dazu Armin Nassehi: »Abwählen! Warum in Demokratien die Opposition regiert, es aber in Europa nicht gelingt«. In: Kursbuch 174: Richtig wählen. Hamburg 2013, S. 25–36.

19 Vgl. Colin Crouch: Postdemokratie. Frankfurt am Main 2008; Chantal Mouffe: Das demokratische Paradox. Wien 2008; Oliver Marchart: Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben. Berlin 2018.

20 Paul Nolte: »Von der repräsentativen zur multiplen Demokratie«. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 1–2, 2011, S. 5–12.

21 Vgl. dazu Klaus von Beyme: Parteien in westlichen Demokratien. München 1982; Oskar Niedermayer, Richard Stöss, Melanie Haas (Hg.): Die Parteiensysteme Westeuropas. Wiesbaden 2006; Jasmin Siri: Parteien. Zur Soziologie einer politischen Form. Wiesbaden 2012.

22 Vgl. klassisch dazu Ralf Dahrendorf: Der moderne soziale Konflikt. Essay zur Politik der Freiheit. München 1994.

23 Vgl. dazu Henner Jörg Boehl: »Wahlrecht und Volksparteien«. In: Die Politische Meinung, Nr. 506/507, 2012, S. 85–89.

24 Vgl. Niklas Luhmann: Legitimation durch Verfahren. 11. Aufl., Frankfurt am Main 1983.

25 Vgl. dazu Birte Förster, Armin Nassehi: »Die wohlkalkulierte Strategie der ›Querdenker‹«. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.09.2020.

26 Vgl. Armin Nassehi: »Soziologie des Politischen«. In: Martin Endreß, Benjamin Rampp (Hg.): Handbuch politische Soziologie. Baden-Baden 2021 (i. E.).

27 Vgl. Parag Khanna: Unsere asiatische Zukunft. 3. Aufl., Berlin 2020, S. 353 ff.

28 Vgl. Ivan Krastev, Stephen Holmes: Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung. Berlin 2019, S. 17 ff.

29 Dazu sehr instruktiv das Sonderheft Sozialstaat 4.0 – Digitale Ökonomie und Sozialpolitik, hg. von Sebastian Haunss und Frank Nullmeier der Zeitschrift für Sozialreform 4, 62, 2016.

30 Vgl. dazu Armin Nassehi, Irmhild Saake, Matthias Tann: »Anerkennung und Eigensinn. Übersetzungskonflikte am Beispiel der Ethikratsdebatte zu Intersexualität«. In: Soziale Welt 3/4 70 (2019), S. 233–267; Armin Nassehi, Irmhild Saake, Niklas Barth: »Die Stärke schwacher Verfahren. Zur verfahrensförmigen Entdramatisierung von Perspektivendifferenzen im Kontext der Organspende«. In: Zeitschrift für Soziologie 48 (2019), S. 190–208.

31 Vgl. Armin Nassehi: Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss. Hamburg 2015, S. 289.

Wenn es ernst wird

Stärken und Schwächen der Demokratie im Kampf gegen die Pandemie

Von Laura Spinney

So merkwürdig es auch klingen mag, aber die Frage, ob man bei Ausbruch einer Pandemie besser in einer Demokratie, einer Autokratie oder irgendetwas dazwischen leben sollte, ist alles andere als entschieden.

Natürlich gibt es abgesehen von gesundheitlichen noch viele andere Gründe, sich, sofern man die Wahl hat, für ein Leben in einer Demokratie zu entscheiden. Nimmt man jedoch speziell das Verhältnis von Demokratie und Gesundheit, die beide schwer zu messen sind, in den Blick, liefern neueste Daten dazu einige hilfreiche Erkenntnisse.

Auf den ersten Blick: Vorteil Demokratie

In Zeiten ohne Pandemie ist die Allgemeinheit in demokratischen Staaten mit allgemeinem Wahlrecht, freien Wahlen und unabhängigen Medien im Vergleich gesundheitlich eher besser aufgestellt. Demokratien sind, wie unter anderem der Ökonom Daron Acemoğlu vom Massachusetts Institute of Technology gezeigt hat,1 tendenziell wohlhabender als nichtdemokratische Staaten und investieren mehr in Humankapital und Gesundheit. Und diese Investitionen führen nach Thomas Bollyky vom amerikanischen Council on Foreign Relations 2 nachweislich, wenn auch nicht auf direktem Wege zu besseren Gesundheitswerten.

Tendenziell weisen Demokratien eine höhere Lebenserwartung auf (lässt man die immer noch andauernde HIV-Pandemie einmal außer Acht) und eine geringere Belastung mit chronischen und nicht übertragbaren Krankheiten wie Herzkrankheiten und Schlaganfällen. Gleichwohl kann man nicht ignorieren, dass in letzter Zeit einige der beeindruckendsten Erfolge im öffentlichen Gesundheitswesen in Staaten erzielt wurden, denen man nicht gerade eine florierende Demokratie bescheinigen kann. In Äthiopien und Myanmar zum Beispiel ist die allgemeine Lebenserwartung seit 1996 um über zehn Jahre gestiegen.

Wie kommt das? Bollyky zufolge liegt es hauptsächlich daran, dass in diesen Ländern übertragbare Krankheiten, insbesondere infektiöse und parasitäre Kinderkrankheiten, erfolgreich eingedämmt wurden. Ein Erfolg allerdings, den Regierungen und internationale Hilfsprogramme mit gezielten Kampagnen relativ einfach erreichen können. Demgegenüber sind nicht übertragbare Krankheiten schwerer zu bekämpfen, da dies stabile, langfristige Investitionen in das Gesundheitswesen erfordert. Viele Länder befinden sich heute insofern an einem Wendepunkt: Da Krankheiten, gegen die man mit einfacheren Mitteln vorgehen kann, verschwunden sind, müssen sie, um weitere Fortschritte zu erzielen, Strategien ändern und mehr Ressourcen einsetzen. Und dies zu realisieren, liegt ohne Unterstützung durch demokratische Institutionen möglicherweise außerhalb ihrer Möglichkeiten.

Demokratien sind im Hinblick auf die Gesundheit ihrer Bürgerinnen und Bürger gegenüber Autokratien im Vorteil – zumindest, wenn keine Pandemie ausbricht.

Alles in allem sind Demokratien also im Hinblick auf die Gesundheit ihrer Bürgerinnen und Bürger gegenüber Autokratien offenbar im Vorteil – zumindest in »normalen« Zeiten, also ohne Pandemie.

Ungesunde Demokratie?

Doch gilt dies auch in Pandemiezeiten? Doch vor der Beantwortung dieser Frage scheint der Hinweis erforderlich, dass längst nicht alle Demokratien dieser Welt ihrerseits wirklich »gesund« sind. Über die Zukunft der Demokratie gehen die Meinungen auseinander. Manche Beobachter – nennen wir sie die »Optimisten« – weisen darauf hin, dass die Zahl formeller Demokratien weltweit wächst, auch wenn sich dieser Trend in letzter Zeit verlangsamt hat. Andere – nennen wir sie die »Pessimisten« – sehen diese Verlangsamung bereits als Vorbote einer Trendumkehr. Sie verweisen auf einen weit verbreiteten, langfristigen Vertrauensverlust in politische Institutionen in Ländern wie Ungarn, Polen und die Türkei, die man lange wie selbstverständlich für demokratisch hielt. In einigen anderen Staaten wie Venezuela, Russland und Thailand sei die Demokratie in den vergangenen Jahrzehnten geradezu implodiert.

»Manche Demokratien sterben nicht durch die Hand von Generälen, sondern durch die ihrer gewählten Anführer«, schreiben die Harvard-Politologen Steven Levitsky und Daniel Ziblatt in ihrem 2018 erschienenen Buch How Democracies Die. »[Dies sind] Präsidenten und Premierminister, die eben jenen Prozess untergraben, durch den sie an die Macht gekommen sind.« Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) unterstützt diese These und schätzt,3 dass im Jahr 2020 weltweit 50 Journalisten getötet wurden, was dem Rückgang im letzten Jahrzehnt entspricht, aber viele dieser Vorfälle ereigneten sich an Orten, wo man es nicht unbedingt erwarten würde: »Während die Zahl der in Kriegsgebieten getöteten Journalisten weiter sinkt«, so RSF, »werden mehr Journalisten in Ländern ermordet, in denen es keinen Krieg gibt.«

Hinzu kommt, dass in Zeiten von Pandemien die soziale Ungleichheit tendenziell verschärft wird, zumindest klarer hervortritt und der lang gehegte Glaube, dass die Demokratie die soziale Ungleichheit in einer Gesellschaft verringert, in den letzten Jahren immer stärker infrage gestellt worden ist. Das Verhältnis zwischen Demokratie und sozialer Ungleichheit ist komplex und vielfältig, und, wie viele kluge Menschen schon betont haben, ist Demokratie immer fragil. Sie kann von Eliten »gekapert« werden. Sie kann gezielt die Mittelschicht auf Kosten anderer bevorzugen. Und sie kann neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen, die, anders als man vielleicht vermuten würde, die sozioökonomische Spaltung weiter vertiefen. Acemoğlus Forschungsgruppe am MIT kam im Jahr 2013 zu dem Ergebnis, dass aus all diesen Gründen Demokratie im Hinblick auf soziale und materielle Ungleichheit von ambivalenter Wirkung ist und unter Umständen sogar bestehende Ungleichheiten noch verstärken kann.4

Als sich Ende 2019 Covid-19 ankündigte, lebten etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung in Demokratien – 200 Jahre zuvor waren es nur ein Prozent. Die soziale Ungleichheit war 2019 weitaus geringer als knapp 100 Jahre zuvor, am Vorabend des Ersten Weltkriegs und dann der Grippepandemie von 1918, auch wenn sie nach einer Jahrzehnte währenden Korrektur ab den 1980er-Jahren wieder gewachsen war. Ebenfalls ab den Achtzigern vernetzte sich die Welt über den internationalen Handel immer stärker. Auch wenn diese Globalisierung im Großen und Ganzen als positive Entwicklung gilt – sie hat vielen geholfen, sich aus schlimmster Armut zu befreien –, so hat sie doch die Kluft zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden weiter vergrößert. Das Kapital kann nun frei und ungehindert in der Welt zirkulieren, was viele Reiche und transnationale Unternehmen zur Steuerflucht anregt und von Investitionen in jene Länder, die die meisten Arbeitskräfte bereitstellen, abhält. Im Gegenzug werden diese daran gehindert, faire Steuersysteme einzuführen und einen starken Sozialstaat aufzubauen, der beispielsweise in das Gesundheitswesen und die entsprechende Infrastruktur investiert. Zugleich hat die Globalisierung soziale Spannungen innerhalb der reicheren Länder geschürt, deren Arbeitnehmer mit den billigen Arbeitskräften aus den ärmeren Ländern konkurrieren müssen.

Pandemien treten meist auf, wenn intensive globale Vernetzung und starke soziale Ungleichheit zusammenfallen.

Was lehren 15 Pandemien aus 500 Jahren?

Es gibt eine (zugegeben recht spekulative) Theorie,5 dass Pandemien meist in Zeiten intensiver globaler Vernetzung und starker sozialer Ungleichheit aufgetreten sind, auch solche, die weiter zurückliegen. Schätzungen zufolge gab es in den vergangenen 500 Jahren 15 Pandemien. Die Antoninische Pest ab 165 v. Chr., die das Ende sowohl des Römischen als auch des Chinesischen Reichs einläutete, brach in einer Zeit aus, als in diesen beiden Gesellschaften eine extrem soziale Ungleichheit herrschte und die unstillbare Nachfrage der Reichen nach exotischen Luxusgütern für einen lebhaften internationalen Handel auf der Seidenstraße sorgte. Zugleich weiteten sich beide Imperien durch Kriege aus. Händler wie Soldaten zogen kreuz und quer durch die Kontinente und schleppten, ohne es zu ahnen, tödliche Keime in die großen Städte beider Reiche ein. Dorthin waren längst die Ärmsten der Armen auf der Suche nach Arbeit geströmt, die sich aufgrund ihrer Armut und ihrer ohnehin bereits mangelhaften Gesundheit als extrem anfällig für diese Keime erwiesen.

Man schätzt, dass die Spanische Grippe von 1918 weltweit 50 bis 100 Millionen Menschen das Leben kostete, weit mehr als der Erste Weltkrieg mit schätzungsweise 18 Millionen Opfern.

Eine ähnliche Konvergenz von sozialer Krise, internationaler Vernetzung und dem globalen Ausbruch einer tödlichen Krankheit können wir bei der Justinianischen Pest im 6. Jahrhundert beobachten, beim Schwarzen Tod im 14. Jahrhundert (der mit dem Hundertjährigen Krieg zusammenfiel) und wieder 1918, als in den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs die schlimmste Pandemie der jüngeren Geschichte ausbrach. Man schätzt, dass der Schwarze Tod zwischen 30 und 60 Prozent der europäischen Bevölkerung auslöschte und damit weit mehr als der Hundertjährige Krieg, und die Spanische Grippe von 1918 weltweit 50 bis 100 Millionen Menschen das Leben kostete, weit mehr als der Erste Weltkrieg mit schätzungsweise 18 Millionen Opfern.

Die faszinierende Theorie, begründet von dem Historiker Peter Turchin, nach der Pandemien von gleichzeitigen Phasen hoher internationaler Verflechtung und hoher sozialer Ungleicheit begünstigt werden, beruht zunächst noch auf Korrelation, nicht auf Kausalität und eher auf einem statistischen Zusammenhang als auf einer Regel. Allerdings gibt es eine weitere, zuverlässiger zutreffende Schlussfolgerung aus der statistisch ermittelten Erkenntnis, dass die Welt in 500 Jahren von 15 Pandemien getroffen wurde. Nämlich die, dass Pandemien, wenn auch unvorhersehbar, so doch nicht so selten sind wie allgemein gedacht. 15 Pandemien in 500 Jahren, das sind im Schnitt drei pro Jahrhundert. Es ist also durchaus denkbar, dass ein Hundertjähriger – und davon gibt es im Zuge der steigenden Lebenserwartung immer mehr – in seinem Leben drei Pandemien durchmacht. Wie Gesundheitsexperten nur allzu gut wissen, ist unser Gefühl, Pandemien seien Ausnahmeerscheinungen, trügerisch. Allerdings sind ihre Auswirkungen sehr unterschiedlich, und die ganz großen kehren oft noch einmal zurück, wenn sie aus dem kollektiven oder institutionellen Gedächtnis längst gelöscht ist. Das ist einer der Gründe, weshalb große Pandemien die Menschheit meist unvorbereitet treffen.

Um das Überraschungsmoment zu verringern, setzen Regierungen, Gesundheitsexperten und andere Fachleute seit Beginn der 2000er-Jahre ein neues Hilfsmittel ein – Krisensimulationen, manchmal auch als »Table Top Exercises« bezeichnet. Der Gedanke dahinter ist, den Mangel an institutionell verankerten Pandemieerfahrungen dadurch zu kompensieren, dass alle verantwortlichen Stellen gemeinsam eine hypothetische Pandemie bewältigen müssen (oft eine Grippepandemie, da die Grippe wahrscheinlich die meisten Pandemien in der Geschichte verursacht hat). Auf diese Weise können in einem sicheren Umfeld verschiedene Szenarien und geeignete Gegenmaßnahmen erprobt werden, um so besser auf die nächste Pandemie vorbereitet zu sein. Im Oktober 2019 veröffentlichten das Johns Hopkins Center for Health Security in Baltimore und die in Washington, D.C. ansässige Nuclear Threat Initiative ein unter anderem auf den Erkenntnissen solcher Simulationen basierendes Ranking von 195 Ländern nach ihrer Fähigkeit, Ausbrüchen von Infektionskrankheiten erfolgreich zu begegnen. Bei diesem sogenannten Global Health Security Index (GHSI) lagen die USA und Großbritannien auf Platz eins und zwei. Südkorea belegte den neunten Rang, Deutschland kam auf Rang 14, Neuseeland auf Platz 35 und China auf 51.6 Eine ganze Reihe afrikanischer Länder bildete das Schlusslicht.

Nur wenige Monate später brach eine echte Pandemie aus, mit einer neuen Krankheit, die wir heute als Covid-19 kennen. Nach den ersten gemeldeten Fällen von Covid-19 war rasch klar, dass der GHSI die Realität nicht sehr genau abbildete. China, wo die ersten Fälle gemeldet worden waren, war es gelungen, die Ausbrüche einzudämmen. Neuseeland, das seit Ende März 2020 eine strikte »Null Corona«-Strategie verfolgt hatte, war quasi virusfrei, und auch Südkorea hatte es geschafft, die Kurve der Neuinfektionen abzuflachen. Die USA und Großbritannien hingegen sahen sich wegen ihrer verzögerten und inkohärenten Schutzmaßnahmen in der Kritik.

Auf den zweiten Blick: ein gemischtes Bild

Die Gründe für die Diskrepanz zwischen Simulation und Realität zu ermitteln, ist nicht ganz einfach, zumal mitten in einer Pandemie und vielleicht sogar auch danach. Die 34 Indikatoren, die die Entwickler des GHSI für ihr Ranking verwandten, umfassten messbare Faktoren wie Maßnahmen zur Seuchenüberwachung, die Kapazität von Intensivstationen und die sozioökonomische Belastbarkeit. Was sie nicht berücksichtigten, waren – zugegeben weniger messbare – Faktoren, die wir während der Pandemie vielleicht eher intuitiv wahrnehmen, die aber nicht weniger wichtig sind, wie politische Führungsqualitäten, Vertrauen in die Wissenschaft oder Solidarität in einer Gesellschaft.

Vielleicht erklärt dies in gewissem Maße die geringe Vorhersagekraft des GHSI-Studie, obgleich die Situation – auch 16 Monate nach Beginn der Pandemie – noch immer extrem unbeständig ist. Manche Länder wie Deutschland und Finnland, die anfangs gut reagierten, büßten an Leistungsfähigkeit ein; andere, die anfangs Schwierigkeiten hatten, haben sich im Laufe der Zeit gesteigert, wie Haiti, Island und Niger. Nachdem es den USA und Großbritannien nicht gelungen war, die anfänglichen Herausforderungen zu meistern, schneiden sie nun bei den Impfungen relativ gut ab.

Vor allem aber ist noch nicht entschieden, ob in dieser Pandemie Demokratien oder Autokratien im Vorteil sind. Die Autokratie China ist in Bezug auf einige wichtige Eckpunkte recht gut gefahren. Dort hat man nicht nur die Krankheit eingedämmt, China ist auch die einzige große Weltwirtschaft, die im Jahr 2020 gewachsen ist. Kanada, die USA und die Schweiz hingegen – drei Länder, die als mustergültige Demokratien gelten – stehen nach denselben Maßstäben gemessen relativ schlecht da. Die Demokratien Australien und Neuseeland haben gut abgeschnitten, die autokratischen Staaten Kambodscha und Venezuela schlecht. Was das für beide Regierungsformen bedeutet, lässt sich nicht eindeutig ermessen.

Autokratien, so das klassische Argument für sie, können besser mit einer Pandemie umgehen, weil sie dank der zentralisierten politischen Macht entschlossener handeln können, während dezentralisierte Demokratien sich schwer damit tun, schnell und kohärent zu reagieren. Das klassische Argument zugunsten der Demokratien ist ihre Transparenz. Ein autokratisches Regime kann Informationen unterdrücken und Warnungen ignorieren, wie offenbar beim ersten Ausbruch von Covid-19 im chinesischen Wuhan geschehen. In einer Demokratie, in der freie Meinungsäußerung ein hohes Gut ist und die Medien nicht gleichgeschaltet sind, gelingt das nur schwer.

Drei mögliche Strategien für Demokratien

Das alles galt schon lange vor Covid-19, und in einem im August letzten Jahres veröffentlichten Aufsatz vertrat der Politökonom David Stasavage die Meinung, dass es auch für heute noch zutrifft.7 Es sei wenig sinnvoll, danach zu fragen, welches der beiden Systeme eine Pandemie besser bewältigt. Stattdessen solle man die Stärken und Schwächen beider Systeme betrachten und sich dann damit beschäftigen, wie man die Schwächen beseitigen kann. Stasavage schlug drei verschiedene Strategien vor, wie eine Pandemie in einer Demokratie besser bewältigt werden könnte. Die erste besteht darin, einer zentralen Stelle außerordentliche Befugnisse einzuräumen. Die zweite läuft im Grunde genommen ins genaue Gegenteil, nämlich dahin, die Autonomie auf lokaler Ebene zu stärken. Und die dritte betrifft die Schaffung »staatlicher Präventivkapazitäten«, um die Handlungsfähigkeit staatlicher Organe so zu stärken, dass es keiner Notstandsbefugnisse bedarf.

Es gibt historische Präzedenzfälle für den Erfolg zeitlich begrenzter zentraler Bündelung staatlicher Macht für den Katastrophenfall. Das war im Prinzip das Konzept der Diktatur in der Römischen Republik. Bemerkenswert ist hierbei, dass die für die Krise jeweils bestimmten Führungspersonen danach von ihrem Amt wie vorgesehen zurücktraten.

Es gibt historische Präzedenzfälle für den Erfolg des ersten Ansatzes – eine zeitlich begrenzte zentrale Bündelung staatlicher Macht für den Katastrophenfall. Das war im Prinzip das Konzept der Diktatur in der Römischen Republik, und wie uns Historiker mitteilen, hat es gut funktioniert. Bemerkenswert ist hierbei, dass die für die Krise jeweils bestimmten Führungspersonen danach von ihrem Amt wie vorgesehen zurücktraten. Modernen Demokratien gelingt es in der Regel nicht allzu gut, diesem Vorbild zu folgen. Aber bei Covid-19 gab es durchaus erfolgreiche Beispiele dafür. Sowohl Taiwan wie Südkorea haben anhand früherer Epidemieerfahrungen verfassungsrechtliche Rahmenbedingungen entwickelt, um vorübergehende Sondervollmachten zu erteilen und so Infektionsketten besser nachverfolgen und die Ausbreitung des Virus eindämmen zu können. Auch auswärtige Beobachter haben die Ausübung beider Sonderermächtigungen als verhältnismäßig, zeitlich begrenzt und angemessen kontrolliert bewertet.

Allerdings gab es auch zahlreiche Fälle, in denen Sondervollmachten missbraucht wurden. In Ungarn rief Ministerpräsident Viktor Orbán den Notstand aus und ließ sich Sondervollmachten ohne zeitliche Beschränkung übertragen, die es ihm seither erlauben, weitgehend ohne gerichtliche Kontrolle per Verordnung zu regieren. In Israel löste der Einsatz von Sicherheitsdiensten bei der Nachverfolgung von Infektionsketten Sorge vor unzulässigen Eingriffen in die Privatsphäre aus. Und Polens Regierungspartei PiS bestand mitten in der Pandemie auf direkten Wahlen, wobei der Wahlkampf erheblich eingeschränkt war. »Für angehende und etablierte Autokraten hätte Covid-19 wohl zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können«, schrieb Stasavage.

Während die meisten Pandemiemaßnahmen gerechtfertigt sind, haben 43 Prozent aller Demokratien Restriktionen eingeführt, die entweder illegal, unverhältnismäßig, unbefristet oder unnötig waren.

»Während in dieser beispiellosen globalen Gesundheitskrise die meisten Pandemiemaßnahmen gerechtfertigt sind, haben 43 Prozent aller Demokratien Restriktionen eingeführt, die entweder illegal, unverhältnismäßig, unbefristet oder unnötig waren«, kritisiert ein im Dezember 2020 veröffentlichter Bericht von International IDEA, einer pro-demokratischen, zwischenstaatlichen Organisation, die in Stockholm ansässig ist.8 »Wenn wir auch die nicht demokratischen Länder berücksichtigen, steigt die Zahl auf 61 Prozent.« Derartiges Verhalten verringert natürlich das Vertrauen der Menschen in die demokratischen Institutionen, aber er schadet auch der öffentlichen Gesundheit. Der Virologe Christian Drosten, einer der Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, äußerte sich im April 2020 anerkennend zu ihrer Reaktion auf Covid-19 und fügte hinzu: »Vielleicht ist es ein Merkmal für gute Staatsführung, dass sie die gegenwärtige Situation nicht taktisch-politisch ausnutzt, sondern weiß, wie kontraproduktiv das wäre.« 9

International IDEA wies in ihrem Bericht aber auch auf Entwicklungen hin, die Hoffnung machen: »In den meisten Demokratien haben Mechanismen der parlamentarischen Kontrolle verhindert, dass die Exekutive über ihr Ziel hinausschießt.« Einige Gerichte, Gesetzgeber und politische Parteien hätten sich erfolgreich dagegen gewehrt, dass demokratische Rechte mit Füßen getreten werden. Der Politikwissenschaftlerin Sheena Chestnut Greitens zufolge sollte man zudem zwischen Befugnissen unterscheiden, die die Demokratie, und solchen, die Freiheitsrechte des Einzelnen beschneiden.10 Schließlich kursieren in den liberalen Demokratien neben soliden Nachrichten auch jede Menge Fehlinformationen. Fake News über Covid-19 haben den staatlichen Gesundheitskampagnen nachweislich geschadet 11 und sogar eine ganze Armada von Verschwörungstheoretikern 12 hervorgebracht, die, wie die rechten Demonstranten, die im Januar 2021 das US-Kapitol stürmten, in einer alternativen Realität leben, in der Covid-19 nicht existiert.

Ein Notstandsgesetz wie jenes, das dem kambodschanischen Premier Hun Sen gestattete, jede individuelle Kommunikation zu kontrollieren und gleichzeitig strikt die Medien zu überwachen, ist ohne jeden Zweifel undemokratisch. (Kambodscha gilt heute als relativ autoritärer Staat mit demokratischer Fassade.) Aber was ist mit einer Verordnung wie jener, die im sozialistischen Einparteienstaat Vietnam verabschiedet wurde und Geldstrafen für Social-Media-Nutzer vorsieht, die »falsche, unwahre, verzerrte oder verleumderische Informationen teilen«? Amnesty International gehört zu den Kritikern der vietnamesischen Verordnung, aber Daten von YouGov deuten darauf hin, dass die große Mehrheit der vietnamesischen Bevölkerung die Reaktion ihrer Regierung auf die Pandemie gutheißt. Auch international gilt sie als Erfolgsgeschichte 13 für das öffentliche Gesundheitswesen im Land.

Als die Vereinigten Provinzen der Niederlande im 17. Jahrhundert mit England in einen Seekrieg gerieten, brauchten die Generalstaaten wegen ihrer dezentralen Entscheidungsstrukturen viel zu lange, bis Januar 1654, um die Finanzierung ihrer Flotte zu beschließen, obwohl sie schon im Jahr davor eine Niederlage durch England erlitten hatten und die Niederlande der reichere der beiden Staaten waren. Dies ist nur ein Beispiel für die enttäuschende Erfolgsbilanz, wenn im Notfall staatliche Befugnisse auf lokale Stellen delegiert werden. Dennoch wird es auch während der aktuellen Pandemie immer wieder versucht, etwa in den USA, deren Demokratie ohnehin stark dezentralisiert ist und wo es im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im November 2020 an klarer föderaler Führung mangelte.

Die Dezentralisierung von Zuständigkeiten kann nützlich sein, da die staatlichen Maßnahmen dann oft besser auf die lokalen Verhältnisse zugeschnitten sind. Sie muss aber von klaren, zentralisierten Vorgaben begleitet sein.

Frühere Pandemien haben gezeigt, was auch in der jetzigen wieder deutlich wird. Die Dezentralisierung von Zuständigkeiten kann zwar nützlich sein, da die staatlichen Maßnahmen dann oft besser auf die lokalen Verhältnisse zugeschnitten sind. Sie muss aber von klaren, zentralisierten Vorgaben begleitet sein. Berichte über US-amerikanisches Pflegepersonal, das aus Mangel an persönlicher Schutzausrüstung (PSA) Müllsäcke trug, zeigt beispielsweise die Notwendigkeit eines landesweiten PSA-Vorrats und unterstreicht, wie zentrale Investitionen in ein Test-and-Trace-Programm und dessen rasche Koordinierung das Risiko einer unentdeckten Virusausbreitung zwischen benachbarten Bundesstaaten verringert hätten.

Das Covid-19-Virus konnte im Schengen-Raum beinahe ungehindert zirkulieren. Die EU hatte es nicht mit 27 nationalen Epidemien, sondern mit einer großen regionalen Epidemie zu tun.

Zentrale Führung könnte auch den wenig hilfreichen Wettstreit zwischen lokalen Akteuren um begrenzte Ressourcen und damit eine größere soziale Ungleichheit verhindern. In der Europäischen Union beispielsweise wird die Gesundheitspolitik auf nationaler Ebene bestimmt. Aber das Virus konnte in dieser Pandemie im Schengen-Raum beinahe ungehindert zirkulieren; die EU hatte es im Grunde genommen mit einer großen regionalen Epidemie zu tun statt mit 27 nationalen Epidemien. Der Mangel an Koordination zwischen den 27 Mitgliedsstaaten ist zuweilen schmerzlich offensichtlich, nicht zuletzt beim Einsatz von Impfstoffen. Die Europäische Kommission trug diesem Mangel im September 2020 Rechnung, als Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Schaffung einer »europäischen Gesundheitsunion« ankündigte, die nationale Gesundheitsstrategien ergänzen soll. Eine wichtige Säule davon wird die Health Emergency Preparedness and Response Authority (HERA) 14 sein, die nach dem Vorbild der US-amerikanischen Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA) 15 unter anderem »flexible Herstellungskapazitäten sowie Forschung und Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten« überwachen soll.

Vorbeugung ist die beste Strategie

Die dritte Strategie für Demokratien in einem Pandemienotfall hält Stasavage für die vielversprechendste – den präventiven Aufbau staatlicher Kapazitäten für den Ernstfall. Er warnt allerdings, dieser Ansatz sei nur dann von Erfolg gekrönt, wenn die Öffentlichkeit die Entscheidungsträger auch für langfristiges Denken belohnt – was in Demokratien, die naturgemäß auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet sind, alles andere als selbstverständlich ist. Das Faszinierende an dieser Strategie aus meiner Sicht ist: Sie gibt dem kollektiven Gedächtnis eine wichtige Rolle. Eine Bevölkerung, die sich an frühere Notfälle erinnert – vor allem, wenn es sich um negative Erfahrungen handelt –, ist im Zweifel eher bereit, ihrer Regierung zu erlauben, in vorbeugende Maßnahmen zu investieren. So geschehen in Ländern, die 2002 bis 2004 die Epidemie des Schweren Akuten Respiratorischen Syndroms (SARS) durchmachten oder im vergangenen Jahrzehnt das Middle East Respiratory Syndrome (MERS) (beide Krankheiten werden durch Coronaviren verursacht).

Im Zuge von SARS wurde zum Beispiel in Taiwan ein National Health Command Center eingerichtet, dessen Aufgabe es ist, Datenquellen zu integrieren und Notfallpläne für Pandemien zu erstellen. Als die neue Bedrohung Covid-19 auftauchte, besaß Taiwan bereits ein fertiges, effektives Test- und Nachverfolgungssystem und konnte die Datenbank der nationalen Krankenversicherung mit Informationen der Zoll- und Einwanderungsbehörden sowie Handydaten abgleichen. So konnte der Covid-Ausbruch in Taiwan ohne kompletten Lockdown eingedämmt werden. Wobei zu betonen ist, dass ein solches System nicht erst während einer Pandemie zu entwickeln ist – zumindest nicht so, dass es seinen Nutzen voll entfaltet. Dass hierbei umfangreiche personenbezogene Datensätze an die Regierung weitergeleitet wurden, mag in den Augen datenschutzbewusster Menschen Warnzeichen ausgelöst haben, aber die üblichen verfassungsrechtlichen Schutzmechanismen bezüglich der Weiterverarbeitung dieser Informationen blieben jedoch in Kraft. Zudem, so betont Stasavage, »geben die meisten Bürger in den Vereinigten Staaten ohnehin schon haufenweise Daten über sich selbst an Tech-Unternehmen weiter, ohne dass sie dafür große Gegenleistungen bekämen«.16

Eine Bevölkerung, die sich an frühere Notfälle erinnert – vor allem, wenn es sich um negative Erfahrungen handelt –, ist im Zweifel eher bereit, ihrer Regierung zu erlauben, in vorbeugende Maßnahmen zu investieren.

Ähnlich wurde der Senegal früh für seine Covid-19-Maßnahmen gelobt. Auch dort knüpfte man an Erfahrungen an, nämlich die aus der Ebolaepidemie im Jahr 2014, und konnte mit Reisebeschränkungen und Tests den Ausbruch wirksam unter Kontrolle halten. Das Interessante an beiden Beispielen ist, dass Taiwan und Senegal im Kampf gegen Covid-19 kaum so erfolgreich gewesen wären, wenn nicht die Bevölkerung und die Behörden aus vorherigen Epidemien gelernt hätten. Oder wie es John Nkengasong, der Leiter der afrikanischen Seuchenschutzbehörde Africa CDC, Anfang 2021 mir gegenüber zusammenfasste: »In Ländern wie Ihrem ist die Kontaktpersonen-Nachverfolgung Theorie, in unseren Ländern ist sie Realität.« Viele Afrikanerinnen und Afrikaner haben auf die harte Tour gelernt, was die Einhaltung bestimmter Vorgaben bedeutet und warum sie notwendig ist.

Gleiches gilt für die chinesische Bevölkerung mit ihrer noch lebhaften Erinnerung an die SARS-Epidemie. Und obwohl China als ausgewiesener autokratischer Staat keine Rücksicht auf irgendwelche Bürgerrechte nehmen muss, hat auch hier auf Regierungsebene ein Lernprozess eingesetzt. Nachdem SARS im November 2002 in der südchinesischen Provinz Guangdong ausgebrochen war, infizierten sich rund 8000 Menschen in 26 Ländern damit, fast jeder zehnte starb. Die meisten Todesfälle ereigneten sich auf dem chinesischen Festland und in Hongkong, wo die Menschen erneut daran erinnert wurden, wie furchtbar eine Epidemie ist. Aber die chinesische Regierung musste einsehen, dass sie sich nicht mehr auf den bedingungslosen Gehorsam der Bevölkerung verlassen konnte. Als sie versuchte, den Ausbruch zu vertuschen, füllte sich die Informationslücke mit Angst und Gerüchten, im ganzen Land brachen Unruhen aus. Da sich in China der Zugang zum Internet und zu Social Media seit SARS massiv ausgeweitet hat, war es 2020 für die Regierung noch schwieriger, den Ausbruch der neuen Krankheit Covid-19 zu vertuschen. Selbst Autokratien müssen sich veränderten Umständen anpassen.

Jüngst gemachte Erfahrungen können also die Bürger dazu bringen, ihre politisch Verantwortlichen für präventives Handeln zu belohnen. Genau davon konnte Taiwan profitieren. Nachdem das Land »nur« 180 SARS-Tote zu beklagen hatte, investierte die Regierung so viel in die Pandemievorsorge, dass es in der Lage war, in der potenziell viel schlimmeren Katastrophe von Covid-19 wirksam gegenzusteuern. Umgekehrt hatten die USA und Westeuropa, die von SARS, MERS und Ebola fast völlig verschont geblieben waren, die Lektion über den Wert von Prävention nicht gelernt; hier wurde die Politik nicht für Weitsichtigkeit belohnt. In Großbritannien brauchte man drei Jahre,17 um die 2016 im Rahmen der Simulationsübung »Exercise Cygnus« aufgedeckten Mängel in der Pandemievorsorge zu beheben, und in den USA strich die Regierung Trump den mit Notfallplanung betrauten Behörden die Mittel.

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