Kitabı oku: «Den österlichen Mehrwert im Blick»
Den österlichen Mehrwert im Blick
ERFURTER THEOLOGISCHE SCHRIFTEN
im Auftrag
der Katholisch-Theologischen Fakultät
der Universität Erfurt
herausgegeben
von Josef Römelt und Josef Pilvousek
BAND 42

Den österlichen Mehrwert
im Blick
Theologische Beiträge
zu einer Kirche im Umbruch
Im Auftrag der
Katholisch-Theologischen Fakultät
der Universität Erfurt
herausgegeben von
Benedikt Kranemann
und Maria Widl
echter
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
1. Auflage 2012
© 2012 Echter Verlag, Würzburg
Satz
Matthias Kraus, Erfurt
Druck und Bindung
Difo-Druck, Bamberg
ISBN
978-3-429-03495-5 (Print)
978-3-429-04637-8 (PDF)
978-3-429-06047-3 (ePub)
www.echter-verlag.de
INHALT
VORWORT
KATHOLISCHE KIRCHE IN DEUTSCHLAND – WIE GEHT ES WEITER? VERSUCH EINER FRIEDLICHEN VERSTÄNDIGUNG ÜBER NOTWENDIGE GEMEINSAME SCHRITTE
Bischof Joachim Wanke
ISRAEL UND DIE VÖLKER IN JES 2,1–5. EIN MODELL FÜR DIE SELBSTBESINNUNG DER KIRCHE?
Norbert Clemens Baumgart
VERTRAUEN: FUNDAMENT DER BEZIEHUNGEN ZWISCHEN BISCHÖFEN UND THEOLOGEN
Konrad Feiereis
WACHSENDE BEDEUTUNG DER LAIEN FÜR DIE KIRCHE
Josef Freitag
DAS AMT IN DER KRISE
Franz Georg Friemel
„SOFORT FIEL ES WIE SCHUPPEN VON SEINEN AUGEN ...“ (APG 9,18). GLAUBENSERFAHRUNG UND GLAUBENSZEUGNIS
Michael Gabel
RECHTSENTWICKLUNG UND GOTTESERKENNTNIS
Georg Hentschel
WAS WIR ALS CHRISTEN VON ANDEREN LERNEN KÖNNEN
Siegfried Hübner
LITURGIE UND ORTSKIRCHE
Benedikt Kranemann
VATICANUM II – DAS TOR ZU EINER MODERNEN CHRISTLICHEN ETHIK WIRD GEÖFFNET
Elke Mack
AUF WEGEN DES ERBARMENS. GEDANKEN ZUR SITUATION DER KIRCHE
Claus-Peter März
CHRISTLICHE LEBENSFÜHRUNG ALS AUFGABENSTELLUNG DER THEOLOGISCHEN ETHIK
Christof Mandry
„DAS DAMALS NICHT VERGESSEN, ABER IN DIE ZUKUNFT SCHAUEN.“ ASPEKTE DES BISCHOFSDIENSTES IN DER DDR UND IM VEREINTEN DEUTSCHLAND
Josef Pilvousek
DER KULTURWISSENSCHAFTLICHE ANSPRUCH DER THEOLOGISCHEN ETHIK
Josef Römelt
„WER UNTER EUCH DER GRÖSSTE SEIN WILL, DER SEI DER DIENER ALLER“ – WIE CHRISTLICH IST MACHT? ÜBERLEGUNGEN ZUR MACHTAUSÜBUNG IN DER KIRCHE
René Roux
KONFESSIONSVERSCHIEDEN – KONFESSIONSVERBUNDEN
Eberhard Tiefensee
WO GOTT WOHNT – ASPEKTE DER REALITÄT GOTTES IN PRAKTISCH-THEOLOGISCHER PERSPEKTIVE
Maria Widl
MISSBRAUCH – VERTRAUENSVERLUST – SCHUTZ DER GERINGSTEN: EIN PARADIGMENWECHSEL FÜR KIRCHENLEITUNGEN IN DEN MISSBRAUCHSFÄLLEN
Myriam Wijlens
AUTORINNEN UND AUTOREN
VORWORT
Die katholische Kirche in Deutschland befindet sich unübersehbar in einem Umbruch. Alte Gewissheiten, gleich ob sie Lehraussagen oder das Selbstverständnis der Institution betreffen, und lange Vertrautes wie Strukturen und Institutionen, in denen sich Katholikinnen und Katholiken über die Jahre eingerichtet hatten, stehen in der Diskussion. Der Missbrauchsskandal hat in erschreckendem Maße Mängel in Alltag und Kommunikation der Kirche und der Lebenspraxis einzelner ihrer Mitglieder zutage gebracht. Das Memorandum „Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch“ hat zahlreiche Felder des kirchlichen Lebens benannt, auf denen Veränderungen anstehen; andere haben – zustimmend wie ablehnend – diesen Ball aufgenommen. Die deutschen Bischöfe haben einen Dialogprozess initiiert, der im Sommer 2011 mit einer großen Diskussionsveranstaltung verheißungsvoll begonnen worden ist, aber nun der weiteren Gestaltung und Entwicklung harrt. Über all dem kann eine generell nachlassende Bindung an die Institution Kirche und ein Verblassen des vor allem biblisch geprägten, personalen Gottesglaubens nicht übersehen werden.
Zugleich zeichnen sich in den vergangenen Jahren auch interessante Aufbrüche in der Kirche ab. Mit immer wieder neuen Initiativen und Impulsen äußert sich die Kirche im Sozialen und Kulturellen. Manche weitreichende Veränderung kann man im Bereich neuer Feierformen auch mit Menschen am Rande und außerhalb der Kirche beobachten. Und, gewiss mit vielen Schwierigkeiten und Missverständnissen behaftet, versteht sich die Kirche oder besser gesagt: begreifen Kreise in der Kirche diese wieder deutlicher als eine „missionarische“ Kirche. Sie soll den Glauben überzeugend leben und dadurch an Kreativität nach innen und Anziehungskraft nach außen gewinnen. Eine neue Sensibilität für die ernsthaft gestellte Frage, was den christlichen Glauben im Kern ausmacht, ist zu beobachten. Man begegnet einer wirklichen Offenheit für die Fragen von Zeitgenossen, seien sie gläubig oder ungläubig. Zum Teil überraschend offensiv ist sie mit dem Interesse an neuen Lebensorten und -formen des Glaubens, auch an neuen Vernetzungen von Katholikinnen und Katholiken in der Gesellschaft und den Lebensfeldern der Gegenwart verbunden.
Dem unzweifelhaften Veränderungsbedarf der Kirche auf der einen stehen eine erstaunliche Vitalität und ein Erneuerungswille auf der anderen Seite gegenüber. In dieser komplizierten Gemengelage hat Bischof Dr. Joachim Wanke 2010 in Berlin einen programmatischen Vortrag gehalten, der unter dem Titel stand „Katholische Kirche in Deutschland – wie geht es weiter? Versuch einer friedlichen Verständigung über notwendige gemeinsame Schritte“. Es sind Gedanken, die die Auseinandersetzung einmal mehr lohnen und die Perspektive mitbringen, dass sich etwas zum Guten ändern kann. Sie verlangen die offene Diskussion.
Das vorliegende Buch sucht dieses Gespräch mit Bischof Wanke, greift einzelne seiner Anstöße auf und führt sie weiter. Mit ihm als früherem Dozenten und langjährigem Diözesanbischof herzlich verbunden, gratulieren ihm die Autorinnen und Autoren zu seinem 70. Geburtstag. Alle gehören der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt und ihrer Vorgängerinstitution als Professorinnen und Professoren wie Dozenten an. Sie wollen für die anstehenden Diskussionen in der katholischen Kirche Impulse geben, aber durchaus auch im positiven Sinne provozieren und herausfordern. Was die Beiträge vereint, ist der Wille, an Perspektiven für eine gute Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland mitzuarbeiten.
Herausgeberin und Herausgeber danken für den Auftrag, die vorliegenden Aufsätze im Namen der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt zusammenzustellen und zu redigieren. Ein besonderer Dank gilt Matthias Kraus für den Drucksatz des Buches.
Erfurt, am Fest des heiligen Albert Magnus,
des Patrons der Katholisch-Theologischen Fakultät
der Universität Erfurt
Benedikt Kranemann und Maria Widl
KATHOLISCHE KIRCHE IN DEUTSCHLAND – WIE GEHT ES WEITER? VERSUCH EINER FRIEDLICHEN VERSTÄNDIGUNG ÜBER NOTWENDIGE GEMEINSAME SCHRITTE
Bischof Joachim Wanke
Gegenwärtig werden uns Bischöfen mancherlei Ratschläge gegeben, wie unsere Kirche ihre angeschlagene Glaubwürdigkeit wieder aufbessern könnte. Wir kennen die geäußerten Vorwürfe und leiden selbst unter dem, was sich als Schuld in den Reihen des Klerus und darüber hinaus gezeigt hat. Wir nehmen ein kaum zu entwirrendes Gemenge von Problemanzeigen wahr, meist untersetzt mit starker Emotionalität und Empörungsrhetorik, auf die schwer zu reagieren ist.
Wie soll ich mich als Bischof dazu verhalten? Einsichtige Analytiker wissen um den begrenzten Handlungsspielraum, den ein Bischof, eine Bischofskonferenz insgesamt hat.
Wie also vertieft neue Glaubwürdigkeit gewinnen? Wir wissen aus Erfahrung: Glaubwürdigkeit ist nur indirekt zu erlangen. Das gilt auch für unsere Kirche. Glaubwürdigkeit wird „geschenkt“, nicht gemacht. Sie ist nicht ein Produkt von gutem Management oder professioneller Medienarbeit (allein). Sie ergibt sich, wenn vieles zusammenkommt, vor allem Wille zur Wahrhaftigkeit, persönliche Integrität, Bereitschaft zum Gespräch, Entschiedenheit, die sich mit Menschenfreundlichkeit verbindet.
In der Tat: Profiliertheit muss nicht abstoßend wirken, im Gegenteil: Sie weckt Interesse, wenn denn die Intention dieser Profiliertheit, deren Bedeutung für unser Menschsein (und Christsein) verständlich wird. Der österliche „Mehrwert“, den der Gottesglaube schenkt, muss in den Blick kommen. Dazu ist Kirche da, dem dient ihre Verkündigung und alles, was sie darüber hinaus tut.
Dass es mit der Kirche weitergeht, ist keine Frage für den, der ernsthaft an die göttliche Stiftung der Kirche Jesu Christi glaubt. Die Frage ist freilich: Wie sollte sich ihr Leben in Zukunft entfalten? Welche Gestalt muss sie hierzulande, in dieser konkreten gesellschaftlichen Luft der Bundesrepublik Deutschland ausprägen? Das sind offene Fragen, über die es gemeinsam nachzudenken gilt.
Meine Überlegungen möchten einen Beitrag dazu leisten: Es gilt nüchtern auf die Situation zu schauen, in der wir leben, aber ebenso neu die biblischen und theologischen Baupläne der Kirche anzuschauen und zu fragen, wie diese zur Grundlage von kirchlichem Umbau, Ausbau und geistlicher Erneuerung werden können.
Ich gehe mein Thema in drei Schritten an (nach dem alten bewährten Dreischritt: sehen, urteilen, handeln). Dabei lehne ich mich an das bemerkenswerte Referat des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, an, das er bei der Herbstvollversammlung im September 2010 in Fulda gehalten hat. Er hatte dort das Bild einer hörenden, pilgernden und den Menschen dienenden Kirche entfaltet und zum Gespräch über diese „Kirchenvision“ eingeladen.
Veränderungen in Kirche und Gesellschaft wahrnehmen („sehen“)
Seit dem 2. Vatikanum und der nachfolgenden Würzburger Synode haben sich die Rahmenbedingungen kirchlich-katholischen Lebens in unseren Diözesen beträchtlich verändert. Manches an innerkirchlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen hat sich verschärft, anderes ist in den Hintergrund getreten. Neue Horizonte haben sich aufgetan. Seit der friedlichen Revolution 1989/90 und der nachfolgenden Wiedervereinigung ist der Anteil der nichtchristlichen Bevölkerung in der Bundesrepublik stark gewachsen. Der Prozess der europäischen Einigung ist weiter gegangen. Weltweit haben sich neue Herausforderungen in den Vordergrund geschoben: das Phänomen des Terrorismus etwa, die Klimabedrohung, die Energiefrage, aber auch ein erwachendes neues Selbstbewusstsein der großen Religionen, etwa des Islam mit den daraus erwachsenden Spannungen und Konflikten.
Für die Kirche in Deutschland ist die Erfahrung eines sich verschärfenden Säkularismus, ja eines zum Teil aggressiven Atheismus eine geistliche Herausforderung, auf die es zu antworten gilt. Der Prozess der gesellschaftlichen Freisetzung des Einzelnen von Vorgaben und Traditionen jedweder Art geht weiter – bei gleichzeitiger Zunahme neuer, besonders ökonomischer Zwänge, die vielen zu schaffen machen. Es wächst „das Unbehagen an der Moderne“ (Charles Taylor). Es wachsen – auch über die Grenzen der Kirche hinaus – die Sorgen, wie denn der innere Zusammenhalt der Gesellschaft auf Dauer gesichert bleiben kann.
Innerkirchlich haben sich in den letzten Jahren zunehmende Spannungen ergeben, die sich bis in den Kern unserer Gemeinden, aber auch unter Priestern und kirchlichen Mitarbeitern bemerkbar machen. Meist machen sich diese an der Frage fest, wie die Kirche auf den anhaltenden Rückgang der Priester- und Ordensberufe reagieren soll. Die Forderung nach der Ausweitung der Weihezulassung für Verheiratete und Frauen wird nachdrücklicher gestellt. Die Kirchenaustrittszahlen nehmen weiterhin zu, wobei die Gründe hierfür unterschiedlich sind. Es gelingt oft nicht, die nachfolgende Generation in das Mitleben mit der Kirche und ihren überkommenen Selbstverständlichkeiten einzubinden. Sparzwänge und deren Folgen machen sich bemerkbar. Die herkömmliche Struktur der Gemeinden wird weitmaschiger, was mancherorts viel Unmut bereitet. Mancherorts ist in den Diözesen eine resignative, ja verbitterte Grundstimmung zu beobachten. Dazu kommen Spannungen, die sich aus weltkirchlichen Vorgaben, etwa für die Zulassung zu den Sakramenten, ergeben. Viele leiden an dem öffentlichen Ansehensverlust der Kirche wegen der jetzt bekannt gewordenen Missbrauchsfälle durch Kleriker und Ordensleute. Die sexualethischen Weisungen der Kirche sind in manchen Bereichen, etwa der Empfängnisregelung, schwer vermittelbar. Manche meinen, die hierarchische Verfasstheit der Kirche selbst, die Art, wie in ihr Macht ausgeübt wird, sei eine der Ursachen ihrer Reformschwäche. Sie bemängeln das Fehlen eines offenen Dialogs auch über strittige Themen bzw. ein vorschnelles Abwiegeln solcher Fragen. Es gibt Anfragen an das überkommene Verhältnis von Staat und verfasster Kirche. Der so genannte „Dritte Weg“ im Arbeitsrecht und die Rolle der Kirche als Arbeitgeberin sind nicht unumstritten.
Wir sehen: Das ist eine Fülle von Themen und Problemanzeigen. Das alles muss besprochen, nüchtern analysiert bzw. in seiner theologischen und kirchlichen Bedeutsamkeit gewichtet und bedacht werden. Man kann sich in vielen Fragen nicht einfach auf frühere Regelungen und Selbstverständlichkeiten verlassen. Das Leben sowohl der Gesellschaft als auch das Leben der Kirche ist ständig im Fluss. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es für manche Fragen derzeit keine konsensfähigen Antworten gibt, zumindest keine, die wir in Deutschland allein geben können.
Was bedeutet das Verblassen bzw. das Zerbröseln einer nicht mehr „christentümlichen“ Gesellschaft für unsere Kirche, für ihre Stellung in der Öffentlichkeit und den „Stil“ ihres Wirkens? Was sagt uns die Tatsache, dass sich die Bindungsfähigkeit der Menschen schwächt, besonders bei Bindungen auf Dauer, etwa bei der Übernahme einer Weiheverpflichtung oder eines Ordensgelübdes? Welche Gründe gibt es dafür? Wie gehen wir um mit dem Phänomen, dass das Durchhalten einer Ehe heute schwieriger ist als früher, trotz des guten Willens der Einzelnen? Ist die Ausweitung von Handlungsmöglichkeiten im Blick auf die Natur und das menschliche Leben in seinen Anfängen und an seinem Ende für unseren Glauben und die sittliche Bewertung mancher Entscheidungen von Bedeutung? Was zeigt sich an neuer Suche nach „Lebensfülle“ in der Gesellschaft, auch wenn dieses Suchen derzeit oft an den Kirchen vorbeigeht? Was macht die Dominanz des Ökonomischen mit uns? Was erhoffen und wie leben junge Menschen heute? Die hier nur kurz angedeuteten Fragebereiche könnten helfen, vertiefter die Wirklichkeit um uns (und unter uns) wahrzunehmen, auch wenn uns das mit manchen Ratlosigkeiten konfrontiert.
Es geht also vornehmlich um ein vertieftes „Hören“, von dem Erzbischof Zollitsch in dem genannten Referat bei der Herbstkonferenz der DBK 2010 in Fulda sprach. Wir sollten versuchen wahrzunehmen, ob in den „Zeichen der Zeit“, und zwar der gegenwärtigen Zeit, möglicherweise Hinweise des Geistes enthalten sind, die uns besser die Absichten Gottes für seine Kirche und auch für uns Gläubige erkennen lassen.
Es geht also um ein nüchternes Bedenken der Rahmenbedingungen unseres kirchlichen Lebens hier und heute. Für mich als Bischof etwa war es in den Jahren nach der friedlichen Revolution, nach Maueröffnung und gesellschaftlicher Liberalisierung wichtig, diesen Wandel als eine geistliche Herausforderung zu erkennen. Ist die Freiheit, die Gott uns zumutet, nicht auch religiös gesehen ein Geschenk, eine Herausforderung, die uns hilft, in mancher Hinsicht auch kirchlich ehrlicher zu leben? Hier gelten die programmatischen Anfangssätze der Pastoralkonstitution des 2. Vatikanischen Konzils „Gaudium et spes“, dass der Kirche die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst der Menschen von heute nicht fremd bleiben darf. „Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, was nicht in den Herzen der Jünger Christi Widerhall fände.“
Das Evangelium neu in den Blick nehmen und in seinem Anspruch und seinem Zuspruch tiefer verstehen („urteilen“)
Wenn sich das Gespräch innerhalb unserer Kirche nicht in den heute meist sofort diskutierten „heißen Eisen“ (Zölibat, Priesterweihe für Frauen, Umgang mit geschieden Wiederverheirateten u. ä.) verlieren soll, bedarf es eines neuen Blicks auf die Mitte unseres Glaubens: die Verheißungen Gottes und die sich daraus ergebende Antwort der persönlichen und kirchlichen Umkehr und Erneuerungsbereitschaft. Allein vor diesem, aus dem Evangelium gewonnenen Horizont heraus, ist das Gespräch auch über strittige Einzelthemen (und manches andere mehr) zielführend. Das sollte in aller Offenheit geschehen, gegebenenfalls auch kontrovers, doch in einer Haltung des gemeinsamen Fragens nach dem Willen Gottes für uns heute, in einer Gesinnung, die Einmütigkeit anstrebt und von der Liebe zur Kirche gespeist ist.
Darum rege ich an: Es sollte alles auf den Prüfstand, was im Leben unserer Ortskirchen eine säkulare Eigendynamik entwickelt und sich von der Mitte des Evangeliums entfernt hat. „Suchet zuerst Gottes Reich [...]“ dieses Wort muss wieder einen überzeugenden Ort in der Prioritätensetzung unseres kirchlichen Handelns gewinnen. Damit meine ich durchaus keine spirituelle Lyrik. Wir brauchen in der sich verändernden Welt eine neue Verständigung über das, wozu Kirche eigentlich da ist.
Der Auftrag der Kirche ist es, Gott zum Vorschein zu bringen, nicht sich selbst. Es ist einfach falsch zu meinen, wir müssten als Kirche eine Gegengesellschaft zur Welt bilden, vielleicht noch perfekter als diese werden. Gerade diese Mentalität hat in der Vergangenheit manche strukturelle Heuchelei verursacht. Der Schein war dann wichtiger als das Sein. Die Kirche muss sich als Ferment im Ganzen verstehen, nicht als Rückzugsort für die Vollkommenen und Reinen.
Zudem gilt es den „eschatologischen Vorbehalt“ zu beherzigen, dem auch unser kirchliches Tun unterworfen ist. Wir brauchen den Mut, das auch Unvollkommene, aber in der konkreten Situation Evangeliumsgerechtere zu wagen. Hier greift das zweite Stichwort aus der genannten Rede von Erzbischof Zollitsch: Wir sind eine „pilgernde“ Kirche, eine Kirche, die unterwegs ist.
Es gilt Verkrampfungen zu lösen, die daraus entstehen, immer genau zu wissen, was „das Katholische“ ist. Dieser Drang zum „Rechthaben“ lässt uns in Parteiungen zerfallen, weil wir dann dem Geist Gottes, der uns in der Wahrheit hält, nichts mehr an Führung und Wegbegleitung in unübersichtlichem Gelände zutrauen. Die latenten und z. T. offenen Schismen in unserer Kirche (Bischöfe vs. Priester; Amtsträger vs. Gottesvolk, Konservative vs. Fortschrittler, Hauptamtliche vs. Ehrenamtliche, etc.) sind „Früchte“ des Unglaubens. Ist es wirklich unsere Aufgabe, Gott gleichsam „unter die Arme“ zu greifen, als ob er ohne uns hilflos wäre? Was soll der falsche Eifer, der so manche Gruppen im rechten oder linken Kirchenspektrum umtreibt und aufeinander einprügeln lässt? Solche Polarisierungen atmen den Geist der Welt, der alles auf die Spitze treiben will und nichts von jener anderen Vollendung weiß, um die wir im Glauben wissen.
Darüber freilich sollten wir nachdenken: Hat unsere kirchliche Durchorganisiertheit, genauer: die Erwartungen, die wir daraus ableiten, noch mit dem Evangelium zu tun? Ist ein phantasieloses Festhalten an Gewohntem und Vertrautem (Stichwort: Pastoralstrukturen) mit christlicher Hoffnung vereinbar? Ist glaubhaft, dass wir auch kirchlich in „Zelten“ leben sollten, weil die Gestalt dieser Welt (und doch wohl auch der Kirche) vergeht? Und ein ganz heißes Thema: Ist eine Diakonie, die sich gänzlich (!) von öffentlichen Geldern abhängig macht, noch Caritas Christi? Lügen wir uns nicht mit manchen kirchlichen Einrichtungen in die Tasche? Oder: Ist Kirchenzugehörigkeit auch für jene praktisch und existentiell lebbar, die nicht allen kirchlichen Erwartungen entsprechen? Oder: Warum ist hierzulande das Zeugnis für das Evangelium Nichtglaubenden gegenüber so merkwürdig verhalten und ängstlich?
Dieser Gesprächsgang wird – so vermute ich einmal – schmerzlich sein. Aber er ist bitter notwendig.
Verabredung konkreter, aber verbindlicher Schritte („handeln“)
Das Gespräch über den künftigen Weg unserer Kirche in Deutschland sollte Handlungsbereiche in den Blick nehmen, bei denen wirklich etwas gemeinsam zu bewegen ist, beispielsweise etwa folgende:
Lebensdienliche Kirche bleiben und noch mehr werden
Es ist meine Erfahrung: Dort leuchtet das Evangelium am überzeugendsten auf, wo Christen Barmherzigkeit in die Strukturen dieser Welt einbringen. Diese Aussage meint nicht, dass die Welt keine Gerechtigkeit nötig hätte. Doch braucht der Mensch mehr als Gerechtigkeit. Dort wird das Licht des Evangeliums verbreitet, wo auch die Versager, die Zu-Kurz-Gekommenen, die Fortschrittsverlierer Beachtung und Zuwendung erfahren; wo diese von anderen hören: „Du bist keine Fehlkonstruktion, sondern du bist eine Sonderanfertigung Gottes!“ (für mich, für unsere Kirche). Hier lagen und liegen übrigens die überzeugenden Stärken unserer Caritas, der verfassten und der ehrenamtlichen. Hier bewährt sich auch die Ausstrahlungskraft unserer katholischen Verbände und Gemeinschaften.
Diese „Einfärbung“ der Lebensdienlichkeit muss freilich auch die Kirche selbst durchdringen, ihre Strukturen, ihre Pastoral. Ohne Erbarmen keine Umkehr zu Gott – das ist eine bleibende Erfahrung der Seelsorgegeschichte. Hier sind Bischöfe, Seelsorger und Theologen gefordert, den auch kirchenrechtlich gegebenen Spielraum für Lösungen in besonderen Lebenssituationen auszuloten. Bloßes Verurteilen und Ausgrenzen als einzige Antwort auf heutige Lebensprobleme verdunkeln das Evangelium. Das Scheitern oder das Zurückbleiben hinter dem, wozu uns das Evangelium drängt, muss dabei nicht kaschiert oder gar zur Normalität erklärt werden. Einem Kranken ist nicht geholfen, wenn man seine Not bagatellisiert. Doch sollte gelten: Auch der Gescheiterte kann sich auf Christus hin in Bewegung setzen, wenn auch manchmal nur auf Krücken.
Hier geht es also um das dritte Stichwort in der Rede von Erzbischof Zollitsch: Die Kirche ist am meisten bei sich selbst und ihrem ureigensten Auftrag, wenn sie „dient“. Dienende Kirche sind wir gottlob schon auf vielfältigste Weise, öffentlich und verborgen, als Einzelne und gemeinschaftlich, auch in der Seelsorge, in der Begleitung, im Angebot des Bußsakraments. Wir fangen mit der im kirchlichen Innenraum geübten Barmherzigkeit nicht beim Nullpunkt an. Freilich: Wie sieht heute konkret Barmherzigkeit aus? Wissen wir das wirklich? Gerade nichtprofessionelle „Barmherzigkeitsdienste“ werden künftig noch mehr gefragt sein. Es lohnt sich, darüber zu reden. In einem Beitrag vom 18. Juni 2010 im „Rheinischen Merkur“, der die Vision einer den Menschen dienenden Kirche in den Blick nahm, habe ich diese Frage noch einmal aufgeworfen. Ich hatte dabei auf die Werke der Barmherzigkeit verwiesen, die wir im Elisabethjahr 2007 „auf thüringisch“ neu durchbuchstabiert hatten. Das Echo darauf hat mir gezeigt, wie sehr sich Menschen davon ansprechen lassen.
Als Seelsorger kann ich durchaus die oft komplizierten Lebenssituationen der Menschen würdigen und in meinem Handeln berücksichtigen. Im Umgang mit konkreten Lebenssituationen könnte unsere Kirche vom ostkirchlichen „Ökonomie-Prinzip“1 lernen, auch wenn wir wissen, dass damit nicht alle Probleme gelöst sind. Unsere Seelsorge kann helfen, Menschen auf Christus hin in Bewegung zu bringen. Wir brauchen noch stärker eine Pastoral, die gestuft der Situation der Menschen in ihren Unterschiedlichkeiten Rechnung trägt, auch der Tatsache, dass Menschen scheitern können.
In unserer praktischen Diakonie tun wir das. Deswegen sind wir dort überzeugend und finden Vertrauen. Das sollte für uns eine Herausforderung sein. Warum nur leibliche Diakonie und nicht auch pastorale? Wenn das Erbarmen die Grundsignatur des Evangeliums ist, dann sind Caritas und Pastoral Geschwister im Geist. Es gibt „Sakramente“, die vor den Kirchentüren gespendet werden, wie Hans Urs von Balthasar formuliert hat. Nach Christus hungern mehr Menschen als nur jene, die unseren kirchlichen Normen entsprechen.
Nur eine, mir freilich wichtige, Nebenbemerkung: Wir spüren, dass sich die Sozialgestalt des Kirchlichen in der Gesellschaft langsam wandelt. Die bislang tragende pfarrliche Seelsorgestruktur dünnt sich aus. Sie wird gleichsam weitmaschiger. Sie entspricht zudem oft nicht mehr einer mobil gewordenen Welt, in der Menschen, besonders junge Menschen, sich anders verorten als früher.
Ich möchte einmal folgendes Bild gebrauchen: Wenn sich der Aggregatzustand eines Elementes verändert, also z. B. Wasser verdunstet, verliert sich dieses Element nicht. Es bleibt vorhanden. Und es ist zu erwarten, dass es sich in absehbarer Zeit neu „kondensiert“, in einer neuen Gestalt sich zurückmeldet. Das, was unsere herkömmlichen Gemeinden religiös getragen hat, scheint derzeit zu verdunsten. Aber ist dann wirklich weg, was an Verlangen nach Gemeinschaft, nach Verlässlichkeit, nach Angenommen-Werden, nach der Möglichkeit, wirklich Anbetungswürdiges anbeten zu können, bislang vorhanden war? Ich meine: Nein. Aber diese tragenden Grundkomponenten einer christlich-religiösen Existenz werden sich in einem anderen, veränderten „Aggregatzustand“ bemerkbar machen. Sie werden nach neuen Ausdrucksformen suchen. Hie und da kann man das schon wachsen sehen.
Hier tun sich also neue Türen auf. Ich mache es an dieser Beobachtung fest: Manche kirchlichen Einrichtungen, besonders auch solche sozialer Art, erreichen täglich viele Menschen, darunter auch nichtkirchliche Menschen. Ich denke an unsere Kindergärten, aber auch Schulen, Betreuungs- und Beratungseinrichtungen. Immer hängen an solchen Einrichtungen und Häusern auch Angehörige und Besucher, die solche „Brücken“ zur Kirche hin eher betreten als Kirchen und Pfarrhäuser. Wie können wir das stark machen, worin Kirche heute als „lebensdienlich“ erfahren wird? Die Deutsche Post z. B. scheut sich nicht, postalische Dienstleistungen in Lebensmittel-Discountern anzubieten. Es macht mich nachdenklich, was in der säkularen Gesellschaft an Beweglichkeit dieser Art zu beobachten ist. Sind wir kirchlich noch zu phantasielos? Ist unsere Pastoral noch zu sehr von der Vergangenheit fixiert?
Das Handeln von Laien in der Kirche fördern und profilieren
Ich schlage vor, den Ausbau und die „Ermächtigung“ laikaler Beauftragungen und Dienste weiter voranzubringen. Wenn das Weiheamt bei seinen spezifischen Diensten bleiben soll, wird den Getauften und Gefirmten vermehrt neue, eigenständige, aber nicht unbegleitete Verantwortung in der Verkündigung, der Liturgie, der Leitung und „ekklesialen Vernetzung“ zuwachsen.
Ich weiß um die Unersetzbarkeit des Weiheamtes. Aber diese Unersetzbarkeit darf sich nicht so absolut setzen, als ob ohne das Weiheamt vor Ort Glaube, Hoffnung und Liebe unmöglich würden. Das demütige Selbstbewusstsein aller Getauften und Gefirmten sollte gestärkt werden. Das wird auf Dauer auch positive Auswirkungen haben für ein neu akzentuiertes Dienstprofil der weniger werdenden Kleriker. Wir haben mehr und mehr Gläubige, die in Glaubensdingen wieder neu für andere auskunftswillig und auskunftsfähig sind. Das macht mich zuversichtlich für die Kirche von morgen – übrigens auch für die Weckung geistlicher Berufungen.
Hier gälte es Strategien der Weckung, der Akzeptanz und der Vernetzung solcher Kompetenzen zu entwickeln. Die Kirche morgen wird sich weniger auf Institutionen verlassen können, sondern sich mehr durch Gesichter ausweisen. Es muss sich noch mehr herumsprechen, dass wir die Sakramente nicht allein für uns selbst empfangen. Getauft- und Gefirmt-Sein ist immer auch Beauftragung für die Glaubensstärkung anderer.
Wie sehen heutige Formen an verbindlicher, vielleicht zeitlich begrenzter Laienermächtigung („Beauftragungen“) aus, auch in der Pastoral? Was bewirkt Freude am Mitmachen? Was stärkt in übernommener Eigenverantwortung? Manche Möglichkeiten neuer kirchlicher Communio-Formen sind noch lange nicht ausprobiert. Ich sehe vieles wachsen, was nach Ermunterung, Begleitung (vermutlich auch nach Korrektur) ruft. Auch hier wäre von Formen heutigen bürgerschaftlichen Engagements zu lernen.
Auf kirchliche „Leuchttürme“ setzen
In größeren Räumen sind „Leuchttürme“, die orientieren, unersetzlich. Die Kirche in Deutschland, ein Bistum, eine Region sollte überlegen, was für sie solche „Leuchttürme“ sein können und deswegen gestärkt werden müssen. Anzusetzen wäre dort, wo Menschen etwas als für sich wichtig erfahren: Wallfahrten, bistumsweite Initiativen, herausragende kirchliche „Orte“ mit Ausstrahlung, nicht zuletzt durch eine Präsenz von Menschen, die „Türen“ offen halten. Manche Ordenshäuser sind kostbare Anlaufstellen für den geistig vagabundierenden Zeitgenossen. Nicht die Vielzahl, sondern die Qualität wäre entscheidend. Was sich als wertvoll ausweist, zieht von allein an. Mir ist deutlich: Es gibt mehr „Gottesfürchtige” und am Glauben Interessierte als wir manchmal vermuten. Nicht der sich säuberlich abschließende Kokon ist Grundfigur von Kirche, sondern das Netzwerk, in das man sich einklinken und mit Eigenem einbringen kann.
Was hieße das konkret? Für das Gespräch mit der säkularen Gesellschaft? Für den Stil kirchlicher Präsenz in den Medien? Für die Bündelung von Kräften im Hochschul- und Ausbildungsbereich? Wir schieben oft genug noch anstehende Entscheidungen vor uns her und vergeben so Chancen. Unsere Bistümer, besonders in der Diaspora werden „Missionskirchen neueren Typs“ sein, die nicht flächendeckend, aber mit Anlauf- und Kontaktstellen zur Gesellschaft hin arbeiten müssen. Für neue Formen des Kirche-Seins kommt uns eine neue Beweglichkeit vieler Menschen entgegen. Generell gilt: Nicht unser Kleiner-Werden ist das Problem, sondern eher eine mentale Selbstmarginalisierung, für die es eigentlich keinen Grund gibt. Hier wäre manches von Minderheitskirchen anderswo zu lernen, zumindest was Selbstbewusstsein und spirituelle Ausstrahlung betrifft.
Demütiger werden
Bei diesem Punkt tue ich mich schwer, in Worte zu fassen, was ich derzeit empfinde. Ich sage es einmal so: Wir sollten als Bischöfe, von Amts wegen und auch ganz persönlich, demütiger werden. Wir müssen von allen falschen „Sockeln“ herabsteigen. Unsere Gewissheiten sollten bescheidener daherkommen, im Wissen um Fragwürdigkeiten, die bei manchen Problemfeldern trotz allem bleiben. Bei strittigen Themen sollten wir miteinander die kirchliche Lehre bedenken, deren Begründungen neu in den Blick nehmen und fragen, was das heute für uns bedeutet. Dabei müssen wir vermutlich auch aushalten, untereinander bei nachgeordneten Fragen nicht immer einer Meinung zu sein. Dort, wo wir als Kirche in Deutschland Rom gegenüber Anliegen haben, sollten wir diese klar und öffentlich benennen. Nicht jeder diesbezügliche Dissens muss sofort ein Dissens im gemeinsamen Glauben oder in der Einheit mit dem Papst als Petrusnachfolger sein.
Ich habe immer wieder angeregt, dass wir als Bischöfe mit mancher medialen Präsenz und der Zahl unserer Verlautbarungen zurückhaltender sein sollten. Weniger könnte manchmal mehr sein. Wichtiger wäre, dass wir kirchenoffiziell selbst Themen setzen und uns dort zurücknehmen, wo man uns vorführen will.
Schließlich gilt es für uns als kirchliche Amtsträger immer neu das Verhältnis zu den Laienchristen zu überdenken. Wir sollten Zeichen setzen, dass wir auf den Glaubenssinn und die Kompetenz unserer Laienchristen vertrauen. Nicht nur die Schrift, die Tradition, das Lehramt der Kirche sind Bezeugungsinstanzen des Glaubens. Auch der Glaubenssinn des Volkes Gottes hat etwas mit der Bezeugung des Evangeliums zu tun. Auch bei gelegentlichen Konflikten muss erkennbar bleiben, dass Bischöfe mehr anzuerkennen als zu kritisieren haben. Die „christifideles“ sind es, die in Welt und Kirche (!) das Licht des Evangeliums auf den Leuchter zu stellen haben und es auch stellen. Wir Amtsträger, einschließlich Bischöfe, haben ihnen dabei durch unseren Dienst (mit Wort und Sakrament und der sachgerechten Darlegung der kirchlichen Lehre) beizustehen. Aber an der „Front“ dieser Zeit stehen sie, weniger wir.
Und schließlich liegt mir auch dieser Gesichtspunkt am Herzen, vielleicht ist er sogar der entscheidende:
Den „geistlichen Grundwasserspiegel“ heben
Das Christliche wird sich in Zukunft stärker qualitativ präsentieren und weniger quantitativ. Auch heute gilt das Wort: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts“ (Joh 6,63). Es braucht in einer sich ins Subjektive und Beliebige weiter verlierenden Moderne eine Spiritualität, die dem einzelnen Christen Stehvermögen verleiht und ihm hilft, sich dem anderen gegenüber zu öffnen. Wo kann man diese lernen, vor allem gemeinschaftlich lernen?
Zudem scheint es auch einen Frömmigkeitsstil zu geben, der mit den geistigen und intellektuellen Fragestellungen der Zeit korrespondiert. John Henry Newman etwa war ohne Zweifel bis in seine innerste Existenz hinein ein frommer Mann. Nicht umsonst ist er jüngst selig gesprochen worden. Aber er war zugleich ein fragender, suchender Mensch, der sich mit vorschnellen Antworten und gestanzten Klischees von katholischer Kirchlichkeit nicht zufrieden gab. Was zeichnet heute menschenfreundliches, profiliertes Christ-Sein aus? Wie sieht „Glaubwürdigkeit“ aus, die sich dem Evangelium verpflichtet weiß? Was bedeutet das für unseren Umgang miteinander, in der Ökumene, im Gespräch mit der Gesellschaft?
Christen, die sich mit ihrem Leben im Gottesgeheimnis verwurzeln, bleiben für die Leute immer interessant. Dass dies so ist, darauf gründet meine Hoffnung – auch für unsere Kirche in der Bundesrepublik Deutschland, die in ein neues Jahrhundert hinein unterwegs ist.
Der Aufsatz geht auf einen Vortrag zurück, den Bischof Dr. Joachim Wanke am 30. November 2010 in der Katholischen Akademie Berlin gehalten hat.
1 Die Orthodoxie unterscheidet ein Handeln kat´akribeian (gemäß „Genauigkeit“, also genaunach Vorschrift) und ein Handeln kat´ oikonomian (gemäß Barmherzigkeit, also der Einzelsituation angemessen). Die lateinische Kirche kennt die Praxis der Dispens in Einzelfällen.
ISRAEL UND DIE VÖLKER IN JES 2,1–5.
EIN MODELL FÜR DIE SELBSTBESINNUNG DER KIRCHE?
Norbert Clemens Baumgart
Hinführung
Wenn demnächst eine repräsentative Umfrage in Deutschland dazu auffordern würde, innerhalb des folgenden Textes die gegenwärtig bekannteste Formulierung zu benennen, welches Ergebnis wird man erwarten dürfen?
1 Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, über Juda und Jerusalem schaute.
2 Es wird geschehen in zukünftigen Tagen:
Fest wird stehen der Berg des Hauses JHWHs
an der Spitze der Berge, er überragt die Hügel.
Alle Nationen werden zu ihm strömen,
3 viele Völker werden hingehen und sagen:
„Kommt doch, lasst uns hinaufziehen zum Berg JHWHs,
zum Haus des Gottes Jakobs.
Er lehre uns von seinen Wegen,
dass wir gehen in seinen Pfaden.“
Ja, von Zion wird Weisung ausgehen
und das Wort JHWHs von Jerusalem.
4 Er wird richten zwischen den Nationen
und zwischen vielen Völkern schlichten.
Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden,
ihre Lanzen zu Winzermessern.
Nicht mehr wird Nation gegen Nation das Schwert erheben,
noch werden sie ferner das Kriegshandwerk lernen.
5 Haus Jakob, kommt doch, lasst uns gehen im Licht JHWHs! (Jes 2,1–5)
Man darf wohl auf die Formulierung „Schwerter zu Pflugscharen“ tippen. Die Formulierung dürfte selbst Zeitgenossen bekannt klingen, denen die Bibel eher unbekannt ist. Denn die Formulierung ist vor nicht allzu langer Zeit zu einem Slogan aufgestiegen und hat eine beeindruckende Wirkungsgeschichte entfaltet. Wie war es dazu gekommen?
Eine Skulptur trug dazu bei. Der sowjetische Bildhauer Ewgenij Viktorowitsch Wutschetitsch (1908–1974) hatte die Skulptur angefertigt: Ein Mann schmiedet ein Schwert in eine Pflugschare um. 1957 kam diese Skulptur als Geschenk der UdSSR an die UNO nach New York. Dort aufgestellt, führte das Werk zu Reaktionen, die von den Schenkenden vermutlich gar nicht beabsichtigt worden waren. Angesichts militärischer Hochrüstung sowie düsterer großpolitischer und gesellschaftlicher Erfahrungen wurde die Skulptur als eine Verdichtung von Hoffnungen gedeutet und angenommen. Das geschah von Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre an vor allem in der Friedensbewegung der DDR, die in Teilen auch christlich geprägt war. Die Skulptur wurde auf einem Kreisrund als Bild wiedergegeben. Das Bild wurde zudem im Kleinformat auf Stoff geprägt, um es auf Bekleidungsstücke aufnähen zu können. Das Bild unterlegte man mit der Formulierung „Schwerter zu Pflugscharen“. Das Wort war für viele zum Motto ihrer Einstellung und Erwartung geworden. Das Bild und das Motto wurden auch schnell im Westen Deutschlands bekannt.
Das Bild enthielt von Anfang an einen Hinweis auf die Bibel: „Micha 4“. Der Hinweis hätte ebenso „Jesaja 2“ lauten können. Die beiden Abschnitte Jes 2,1–5 und Mi 4,1–5 sind im Wortlaut sehr ähnlich.
Die hier skizzierte Wirkungsgeschichte kennt also ein inspirierendes und beflügelndes Potential, das man dem alttestamentlichen Text zu entnehmen vermochte. Aber nicht nur die Wirkungsgeschichte ist interessant.
Beachtenswert sind auch die Funktionen, die der Abschnitt 2,1–5 innerhalb des Buches Jesaja übernimmt. Dem wird dieser Beitrag nachgehen. Der Abschnitt Jes 2,1–5 übt eine Art Signalfunktion für den Lesegang durch das Prophetenbuch aus. Diese Signalfunktion entsteht aber erst dadurch, dass der Abschnitt zusammen mit den Texten, die ihm vorausgehen, eine Spannung aufbaut.
Ein erster Pol, durch den die Spannung entsteht, ist leicht einsichtig und ergibt sich aus dem Gedanken in Jes 2,1–5, dass eine künftige Wallfahrt der Völker zum Zion, nach Jerusalem, die Lage auf der Welt deutlich verbessern könnte. Dabei würden global die Grundlagen für Krieg und Zwist abgeschafft werden und verschwinden – ein kühner Gedanke im antiken Buch Jesaja, dessen Entstehung sich vom 8. Jh. bis zum 4. Jh. v. Chr. erstreckte. Allseits würde Frieden einkehren.
Der andere Pol, der zur Spannung beiträgt, wird erst deutlich, wenn man das erste Kapitel des Jesajabuches als Hintergrund hinzunimmt. Am Anfang des Buches steht es innerhalb der Gemeinschaft am Zion und in Jerusalem offenkundig nicht zum Besten. Der Anfang des Buches muss bei der Gemeinschaft Desiderate feststellen. Die Gemeinschaft folgt nicht ihren religiösen und gesellschaftlich-politischen Idealen und Satzungen, sondern verkehrt diese Ideale und Satzungen eher in ihr Gegenteil. Die Desiderate haben bereits zu fatalen Schlägen und zu Verlusten für die Gemeinschaft geführt und könnten noch weitere, ähnliche Folgen für sie heraufbeschwören.
Die Spannung, die sich aus diesen beiden Polen ergibt, ruft im Jesajabuch eine eindringliche Fragestellung hervor: Wird die in Aussicht gestellte, erstrebenswerte Zukunft der Völker von der Gemeinschaft am Zion und in Jerusalem als etwas für sie Relevantes angenommen werden? Wird sie ihr Verhalten lenken können?
Diese Spannung im Jesajabuch lädt letztendlich die Größe „Jerusalem und Juda“ ein, sich ihrer Rolle und Verantwortung in der Welt der Völker bewusst zu werden. Verkehrungen im Innenbereich sind eine schmerzliche und beklagenswerte Sache. Aber das Jesajabuch bleibt dem kleinen Innenbereich und dessen Mängeln nicht verhaftet, sondern bietet eine Art Selbstbesinnung anhand einer geweiteten Perspektive an. In der Besinnung reicht es nicht aus, nur auf sich selbst zu starren wie auf einen isolierten Binnenzirkel. Vielmehr ist es nötig, die förderliche und die fordernde Verwobenheit in die breite Völkerwelt in den Blick zu nehmen. Dieser neue, weite Blick über den Innenraum hinaus kann vielleicht eine Motivation dafür liefern, die eigene Lebensführung zu überdenken und neu zu gestalten.
Wie das konkret in den Texten und im Buch aussieht, sei nun dargestellt. Zu beginnen ist mit dem oben schon zitierten Abschnitt Jes 2,1–5.
Die Völker kommen
Die zweite Überschrift im Prophetenbuch, Jes 2,1, wirkt wie eine kommentierende Stimme. Die Stimme stellt die Lektüre des Abschnittes 2,1–5 unter eine Regieanweisung. Was in diesem Abschnitt zu vernehmen ist, gehört zu „dem Wort“, welches Jesaja geschaut hat und welches sich auf die Zweiheit „Juda und Jerusalem“ bezieht. Beide Namen benennen Themen, die das Buch Jesaja durchziehen („Juda“ bis 65,9; „Jerusalem“ bis 66,20). Das Übergreifende im Buch gilt es zu beachten. Zwar wird unser Abschnitt nur „Jerusalem“ (vgl. 2,3) erwähnen und das ansprechen, was mit diesem Stadtnamen eng verbunden ist. Aber dem stellt die Überschrift 2,1 Signale voran, die sich an die erste Überschrift im Buch anlehnen (1,1). Die erste Überschrift bezieht sich auf das ganze Buch. Somit sind die wallfahrenden Völker zusammen mit dem wahrzunehmen, worum es der prophetischen Schrift laut ihrer ersten Überschrift insgesamt auch geht: Jesajas Vision über „Juda und Jerusalem“ (1,1). Wenn im Buch erstmals der Abschnitt 2,1–5 eine Wallfahrt der Völker zum Zion schildert, will die Schilderung anscheinend als eng auf das Buch bezogen wahrgenommen werden, und zwar derart, dass die Wallfahrt der Völker für die Konzepte im Buch bedeutsam ist. Juda und Jerusalem werden mit den Völkern konfrontiert. Man kann auch sagen: Die für das Buch ausschlaggebende theologische Größe „Israel“ wird auf die Völker bezogen.
Von Jes 2,2 an kommt der literarische Prophet Jesaja sozusagen selbst zu „Wort“. Seine Stimme ist jetzt im Text zu vernehmen. Sofort richtet Jesaja seinen Blick auf die „zukünftigen Tage“. Er denkt dabei an keine jenseitige Ära, die erst nach dem Abbruch der Geschichte eintreten würde. Jesaja versteht die kommenden Tage und das, was sich an ihnen ereignen wird, binnengeschichtlich. Jesaja rechnet damit, dass Völker in die Stadt Jerusalem kommen werden. Aber es gibt noch einen zeitlichen Spielraum, bevor die Völker herbeiströmen. Dieser Spielraum wird für Jesaja noch wichtig werden.
Jesaja ordnet das Kommen der Völker in eine hintergründige Topographie ein. Die Topographie stimmt nicht überein mit unserer Kenntnis über die faktische Lage der Stadt Jerusalem, über ihr Höhenniveau im Verhältnis zum Umland. Aber das Landschaftsbild, letztlich die Weltlandschaft, wird während des Kommens der Völker verwandelt sein. Das kontrafaktische Landschaftsbild hebt theologisch-konzeptionell auf die einmalige Bedeutung „des Berges des Hauses JHWHs“, des Zions, und von Jerusalem ab. Dieser Berg werde einst eine Festigkeit in der Schöpfung besitzen, er sei dann zugleich der höchste der Berge, und kein Hügel erreiche seine Höhe. Diese metaphorische Erhöhung Zion-Jerusalems wird mit der Aufwärtsbewegung der Völker zu dieser Stätte einhergehen: Sie werden „hinaufziehen“ wollen (Jes 2,3). Diese Aufwärtsbewegung der Völker schließt den Aspekt mit ein, dass die Völker solch „göttliche“ Höhe nicht mehr bei sich und in ihrem Umfeld werden finden können. Die Antike verband oft Götter und Berge, wobei die „Höhenverhältnisse“ Religiös-Theologisches zum Ausdruck brachten. Das Jesajabuch wird später – insbesondere ab Kapitel 40 – noch ausweisen, dass sich die Götter der Völker in der Geschichte als Nichtse entpuppen und dass sich Israels Gott JHWH allein als wahrhafte Gottheit erweist. Das klingt bereits in Jes 2 verhalten an. Die Völker werden schon vor ihrer Wallfahrt einsehen, dass ihnen Göttliches sowie göttliche Belehrung und Hilfe in der eigenen Umgebung und in dem ihnen sonst Zugänglichen entschwand, wohl aber in Zion-Jerusalem zu finden sein wird und dort als Geschenk entgegen genommen werden kann.
Das attraktive, anziehende Zion-Jerusalem mit JHWHs Wohnung in der Welt wird noch vor der Ankunft der Völker eine erste, einstweilen noch provisorische Einigung unter ihnen herbeiführen. Jesaja gibt die künftigen Worte der Völker wieder und zitiert sie. Sie werden sich gemeinsam in vereinter Rede bekunden können. Zuerst werden sie sich auf eine Absicht geeinigt haben, und zwar auf ihre gemeinsame Wallfahrt: „Kommt doch, lasst uns hinaufziehen zum Berg JHWHs, zum Haus des Gottes Jakobs“ (Jes 2,3). JHWH wird für die Völker zugleich der Gott von Israels Erzvater Jakob sein. So werden die Völker auch etwas von der Geschichte JHWHs mit Israel mitbekommen haben und damit davon, wie sich JHWH über die Zeiten hin anhand von Jakob-Israel in der Welt kundgemacht hat. Die Völker werden erahnen, wer als der eine und einzige Gott im Tempel auf dem aufgesuchten Zion präsent ist. Aufgrund des Erahnten werden die Völker von JHWH Orientierung erwarten, und sie werden sich daran auch halten wollen. Denn in ihren Worten sind sie davon überzeugt, von JHWH unterwiesen zu werden, und sie erklären zudem gemeinsam ihre Bereitschaft, seiner Unterweisung zu folgen: „Er lehre uns von seinen Wegen, und wir wollen gehen auf seinen Pfaden (2,3).“ Mit der für die Bibel typischen Wegmetaphorik wird hier ein Verhalten angesprochen, welches im göttlichen Belehren vorgezeichnet und dann in lernbereiter Folgsamkeit der Völker vollzogen werden wird.
Danach übernimmt wieder Jesaja das Wort. Dem Strömen, Gehen und Hinaufziehen der Völker zum „Berg des Herrn“ stellt er eine Gegenbewegung gegenüber: „Ja, von Zion geht Weisung aus und das Wort JHWHs von Jerusalem (Jes 2,3).“ Von zentraler Bedeutung ist der Begriff „Weisung“, hebräisch „Tora“, der kurz zuvor vorbereitet wurde durch das wurzelgleiche Verb „lehren“. Zwölfmal taucht der Begriff „Tora“ im Buch Jesaja auf (von Jes 1,10 bis 51,7) und damit vielleicht nicht rein zufällig in einer biblisch bedeutsamen Anzahl. Steht hier in Jes 2 die Tora in Parallele zum „Wort JHWHs“, dürfte Jesaja an keine feststehenden Tora-Gebote denken, sondern an eine durch das aktuelle Wort Gottes neu unterbreitete Tora. Jedenfalls wird die Tora den Völkern nicht verborgen bleiben, sondern die Tora wird sich aktiv den Völkern zuwenden.
Jesaja entfaltet keine konkreten Inhalte des JHWH-Wortes, dafür aber den Zweck, wozu das göttliche Wort ergeht. Der Zweck besteht keineswegs darin, dass JHWH zum Strafgericht über die Völker anhebt. Er wird nicht „über“ dieses oder jenes Volk richten. Vielmehr wird JHWH „zwischen“ den Völkern richten. JHWH wird sich ihres Zusammenlebens und Miteinanders annehmen, für gerechte Rechtssprechung eintreten und auf diese Weise unter ihnen Schlichtung bewirken: „Er wird richten zwischen den Nationen und zwischen vielen Völkern schlichten (Jes 2,4).“
Wird JHWH so die Angelegenheiten der Völker auf gerechte Weise entschieden haben, kommt es sodann unter den Völkern zu einem erstaunlichen Selbstlauf. Jesaja wendet sich mit poetisch dichten Worten diesem Selbstlauf zu, und dabei folgt nun die Formulierung, deren eindrückliche Wirkungsgeschichte im 20. Jahrhundert eingangs skizziert wurde: „Schwerter zu Pflugscharen“. Die Völker werden – so darf man meinen – wieder nach Hause reisen und dort eine so genannte „Rüstungskonversion“ vernehmen. Die teuren Materialien für Waffen und ihre aufwendigen Herstellungen hatten schon in der Antike wertvolle Ressourcen der Völker gebunden, die ihnen so für andere Entwicklungen und vielleicht sogar auch für soziale Aufgaben fehlten. Der Sinn des Verses 2,4 würde verkannt werden, wenn man ihn nur als romantische Idylle abtut. Der Vers befasst sich vielmehr mit dem, worauf kollektive Energien mit weitreichenden sozial-gesellschaftlichen und politischen Folgen ausgerichtet sein können. Was die Völker an Bodenschätzen in der Welt vorfinden und was ihnen an Potentialen selber zueigen ist, wird nicht mehr für Abschreckungen vergeudet oder für Eroberungen und Vernichtungen eingesetzt werden („Schwerter“, „Lanzen“), sondern wird der Ernährung dienen und das tägliche Arbeiten erleichtern dürfen („Pflugscharen“, „Winzermesser“). Doch damit nicht genug. Mit den abhandengekommenen Waffen wird auch selbstredend das Lernen und Einüben ihrer Anwendungen verschwinden: „Und sie werden ferner nicht mehr den Krieg erlernen (Jes 2,4).“ Der Prophet Jesaja rechnet somit mit einem Pazifismus, der in Zukunft möglich werden kann.
Die Grundlagen für diese kühne und hoffnungsvolle Aussicht im Jesajabuch sind zu beachten. Keine rein innerweltlichen Bestrebungen werden die neue und allseits friedliche Lage herbeiführen können. Menschliche Bemühungen allein werden das in Aussicht Gestellte nicht herbeizwingen können. Zuerst werden mittels der Tora und durch JHWH selbst Recht geschaffen und Schlichtungen herbeigeführt werden müssen, bevor die Konversionen der Rüstungsgüter erfolgen und die alten Gewohnheiten, das Kriegshandwerk zu lernen, enden. Beide, JHWH und auch seine Tora, werden Initiatoren jenes manifesten Friedens sein, in dem sich erst die Waffen und das Kriegshandwerk erübrigen werden. Die Völkerwelt wird keinen Frieden „machen“, sondern einen solchen geschenkt bekommen. Die Völker werden friedlich agieren, nachdem sie „von oben“ her und ohne Gewalteinwirkung befriedet worden sind.
Der Abschnitt endet auf eine beachtenswerte Weise und gelangt im Vers 2,5 an sein Ziel. Jesaja hat in diesem Schlussvers immer noch das Wort. Doch Jesaja ändert in diesem Vers seine Sprechrichtung. Dabei wechselt er von einer Zeitdimension in eine andere. Bei Letzterem, dem Zeitwechsel, sei begonnen. Der literarische Jesaja blickte bisher im Abschnitt in die Zukunft und besprach das, was eintreten kann. Nun wendet sich Jesaja der Gegenwart zu, in der er agiert und in welcher er redet. Jesaja spricht dabei erstmals im Abschnitt seine Adressaten, seine Hörer, an – und damit letztlich auch die Leser des Buches. Dabei stellt sich Jesaja sofort auf die Seite seiner Adressaten und reiht sich ihnen ein, wenn er ein Wir, ein „uns“ aufblitzen lässt. Jesaja geht es letztlich um die eigene Gegenwart und die seiner Adressaten.
Der Prophet zieht aus dem zukünftigen Verhalten der Völker die Konsequenzen für sein Hier und Heute. Dabei greift er in seiner Wortwahl, mit der er sich seinen Adressaten zuwendet, bezeichnenderweise auch die Sprechweise unter den Völkern auf: „Haus Jakob, kommt doch! Wir wollen gehen im Licht JHWHs! (Jes 2,5).“ Hat Jesaja soeben noch die künftige Aufmunterung unter den Völkern zur Wallfahrt auf den Berg JHWHs zitiert – „Kommt doch (2,3)!“ –, so macht er daraus einen Appell an sich selbst und an seine Klientel: „Kommt doch! (2,5).“ Hat Jesaja kurz zuvor die Bereitschaft der herbeikommenden Völker wiedergegeben, den Pfaden JHWHs zu folgen: „Wir wollen gehen (2,3)“, so appliziert er jetzt Vergleichbares auf seine Gemeinschaft und auf das, was sie tun solle: „Wir wollen gehen (2,5).“
Aufschlussreich ist in Jes 2,5 zudem, dass Jesaja den Eigennamen „Jakob“ aufgreift. Die Völker nennen ihr Ziel, den Tempel auf dem Zion, „Haus des Gottes Jakobs“ (2,3). Wie erwähnt, deuten die Völker damit an, wer auch für sie die Gottheit im Heiligtum aufgrund der bekannt gewordenen Geschichte ist. Jesaja spricht nun seine Adressaten als lebendiges „Haus Jakob“ (2,5) an. Die von den Völkern gesuchte Gottheit ist jene, welche mit den Adressaten vor Ort eine gemeinsame Vergangenheit teilt. JHWH hatte sich in der Welt bekundet und dies u.a. auch zugunsten derer getan, die unter dem Signalwort „Jakob“ firmieren. Die so Benannten leben aufgrund von Gottes Handeln auf dem Berg und in Jerusalem. Die künftige Hinwendung der Völker zum „Gott Jakobs“ betrifft – so Jesaja – seine jetzigen Adressaten als „Haus Jakobs“.
Jesaja erzeugt so im letzten Vers einen Nachklang zum erwarteten Gespräch unter den Völkern. Jesaja lässt zwar verhalten, aber doch gut vernehmbar das lokale Ziel der Völker, ihre religiöse Ausrichtung und ihre ethisch-religiöse Lernbereitschaft nachhallen. Jesaja spielt aber nicht nur mit dem „Echo“ auf die Intentionen der Völker an. Vielmehr spornt er mit dem Appell seine Adressaten dazu an, dass die Vorhaben und Ziele der Völker hier und jetzt „nachhaltige“ Wirkungen in den eigenen Reihen hervorrufen. Die Adressaten werden von ihm dazu gedrängt, sich gegenwärtig „im Licht JHWHs“ aufzuhalten und zu bewegen.
Bezieht sich Jesaja mit dem „Licht JHWHs“ auf seine eigene Rede kurz zuvor, als er von der „Tora“ und vom „Wort JHWHs“ gesprochen hat (2,3)? Von solch einem Bezug kann man wohl ausgehen. Jesajas Bezugnahme impliziert allerdings einen nicht näher entfalteten Gedankenschritt. Wenn die Tora und Gottes Wort den Völkern darlegen werden, was ihnen den Frieden ermöglicht, dann versteht Jesaja unter anderem dieses mögliche Resultat, den Frieden, theologisch-metaphorisch als „Licht JHWHs“. Somit ist von folgendem Gedankenschritt Jesajas auszugehen: JHWH wird für den künftigen globalen Zustand (sein Licht) zuvor das bereitstellen, was den Völkern ermöglicht (Tora und sein Wort), den Zustand zu erreichen, und was von den Völkern auch ergriffen wird (gehorsames Befolgen). Für Jesaja sind einerseits der Frieden und das Licht JHWHs und andererseits die Tora, das Wort JHWHs und deren Akzeptanz und aktive Umsetzung wie zwei Seiten einer Medaille zu sehen. Jesaja betrachtet dieselbe Medaille, nur ihre Kopfseite hat eine andere Prägung als die Zahlseite. Was bedeutet das nun für Jesajas Appell an seine Adressaten? Jesaja fordert seine Hörer auf, sich vom Toragehorsam der Völker und dem damit verbundenen Bewirken des Friedens so motivieren zu lassen, dass solche Wirkung oder eine ähnliche Wirkung zugleich der Status sind, in den sie sich versetzen mögen und in dem sie sich bewegen und aufhalten können: „Lasst uns gehen im Licht JHWHs!“ (2,5). Jesajas Adressaten sollen sich so verhalten und leben, wie es dem kommenden Weltfrieden entspricht.
Kommt man vom ersten Kapitel des Prophetenbuches her, so wird deutlich, dass Jesaja bei seinen Adressaten in Jes 2,5 eine eigene, breitere Kenntnis der Tora und des JHWH-Wortes voraussetzt und ein tieferes Wissen darüber, was deren gehorsames Befolgen bewirken kann. Kenntnis und Wissen der Adressaten sind jedenfalls umfangreicher, als ihnen aus den Andeutungen Jesajas in 2,1–5 hervorgehen kann. Jesaja geht davon aus, dass die Adressaten seine Einlassungen in 2,1–5 auf bereits Gehörtes beziehen. So ist jetzt diesem Gehörten und damit Kapitel 1 nachzugehen, um dann dessen Inhalte genauer auf den Appell Jesajas in 2,5 beziehen zu können.
Israel angesichts der Völker
Die Völker werden künftig von JHWH durch die Tora und sein Wort belehrt werden. Ein vergleichbares Belehren von Jesajas Israel, des „Hauses Jakob“, hat bereits in Kapitel 1 stattgefunden.
Kapitel 1 bettet dieses Belehren Israels in einen dramatischen Zusammenhang ein. Das Belehren Israels durch JHWH war überaus notwendig geworden. Denn Israel hatte sich auf Irrwegen befunden und war dabei in sein eigenes Verderben gerannt. Bevor ab Jes 1,10 die „Anführer“ und das „Volk“ Israel darüber unterrichtet werden, was JHWH wirklich gefällt, wird im Kapitel 1 hervorgekehrt, in welcher heillosen, verlustreichen Lage und belasteten Situation sich Israel vorfand.
JHWH selbst musste über sein Volk klagen und es anklagen (Jes 1,2–3). „Himmel“ und „Erde“ wurden dabei als Zeugen angerufen, um das Ausmaß des Beklagenswerten anzudeuten. JHWH hatte sich zwar Israel auf eine Art und Weise zugewandt, wie Eltern es zu tun pflegen, wenn sie ihre Kinder mühe- und hingebungsvoll großziehen. Doch trotz seines Einsatzes musste JHWH feststellen, dass sein Volk ihm gegenüber abtrünnig geworden und nicht zur Einsicht gekommen war. Dem literarischen Propheten Jesaja kommt es dann zu, in einem Weheruf die Folgen zu schildern, die sich aus Israels schuldhaftem und sündigen Verhalten ergeben hatten (1,4–9). Ein schweres Gericht war über das Volk und Land ergangen und hatte diese tief gebeugt. Das Strafgericht hatte zu weitreichenden Vernichtungen unter Israel geführt. Nur ein kleiner Rest Israels, die „Tochter Zion“, war übrig geblieben. Jesaja macht deutlich, dass sich dieser Rest von „Israel“ allein einem göttlichen Verschonen verdankt. Schuld und Sündhaftigkeit hätten auch dazu führen können, dass Israel ein unwiderruflicher Untergang ereilt und es ausgelöscht wird – wie einst „Sodom“ und „Gomorra“ (vgl. Gen 19,25.28). Doch zu solcher Auslöschung kam es nicht. JHWH hat davon abgesehen und den Rest erhalten. Jesaja deutet mit einem „Wir“ an, dass seine Adressaten und er selbst nur aufgrund der göttlichen Verschonung existieren: „Hätte JHWH Zebaot nicht einen kleinen Rest übrig gelassen, wie Sodom wären wir geworden, Gomorra wären wir gleich“ (Jes 1,9).
Beim Ton der Anklage bleibt es, wenn dann die Belehrung Israels erfolgt. Der Prophet redet in Jes 1,10 anscheinend zu den Bewohnern Jerusalems, sozusagen zum Rest Israels. Dieser Rest war zwar gerade einem Geschick entgangen, wie es ehedem Sodom und Gomorra ereilt hatte. Doch in puncto Schuld und Sündhaftigkeit sieht Jesaja sein Israel immer noch auf derselben Stufe wie die einstigen Bewohner von Sodom und Gomorra stehen. Jesaja redet deshalb seinen Hörerkreis in Israel mit den Worten an: „Anführer von Sodom [...] Volk von Gomorra!“ Mit diesem provozierenden und schockierenden Tonfall streicht Jesaja erneut die Dringlichkeit der Belehrung heraus. Israel befand sich – noch – in der Gefahrenzone, in der ihm Untergang und Auslöschung drohen. So lenkt Jesaja mit einem Höraufruf die Konzentration auf die Lehrinhalte, durch die Israel aus der Gefahr herauskommen wird, falls es diese Inhalte auch beachtet und beherzigt. Die Lehrinhalte benennt Jesaja mit zwei Begriffen, die er später ebenso bei seiner Schilderung der Völkerwallfahrt einsetzen wird (2,3) und die dort chiastisch gewendet, also in umgekehrter Reihenfolge auftauchen: „Wort JHWHs“ und „Tora (unseres Gottes)“ (1,10). Lesende werden sich so in 2,3 leicht daran zurückerinnern können, dass vor der Tora für die Völker zuerst dem gefährdeten Israel eine Tora JHWHs mitgeteilt wurde. Die Lesenden werden diese erste Tora für Israel auch bei Jesajas Appell in 2,5 mitdenken können, mit dem der Prophet Israel, das „Haus Jakob“, auffordert, sich im „Licht JHWHs“ zu bewegen. Dem gefährdeten Israel hat Jesaja jedenfalls in 1,10 zugerufen: „Hört das Wort JHWHs, Anführer Sodoms! Horcht auf die Tora unseres Gottes, Volk von Gomorra!“
Nach diesem Aufruf kommt Jesaja, der Prophet und berufene Rufer (vgl. Jes 6), seinem göttlichen Botendienst nach und unterbreitet Israel die Tora in Form einer belehrenden Rede JHWHs: Jes 1,11–17. Die Gottesrede wendet sich als Erstes Israels Kult, dessen Gottesdienst und dessen religiöser Praxis zu und übt daran heftige Kritik (1,11–15). Die Kritik geht auf göttlicher Seite mit weitreichenden Konsequenzen einher. Diese Konsequenzen reichen von JHWHs Erklärung, keinen Gefallen an Israels Opferdarbringungen zu haben (1,11), bis zu JHWHs Ansage, Israels Gebete nicht erhören zu wollen (1,15). Andere Prophetenbücher verwenden ebenso diesen Topos einer so genanten „Kultkritik“. Der Topos lehnt keineswegs jeglichen Kult und alles liturgische Agieren ab. Wohl aber entlarvt der Topos Haltungen und Verhaltensweisen in Israel, die mit einer aufrichtigen religiösen Hinwendung zu JHWH unvereinbar sind. Das alltägliche Verhalten und der soziale Umgang untereinander müssen in Israel dem Wollen und den Anliegen JHWHs entsprechen. Nur so wird Israel kultisch und religiös JHWH begegnen können. Andernfalls wird die Begegnung unmöglich. U.a. ein Detail deutet die gegenwärtige Unmöglichkeit zur Begegnung mit JHWH an. In Israel opferte man mit „Händen“ (1,12) und betete mit ausgebreiteten „Handflächen“ (1,15), doch die „Hände“ waren voller Bluttaten (1,15). Opfer und Gebete konnten die Bluttaten, die Gewaltausübungen am Nächsten (vgl. Gen 4), nicht verschleiern, und JHWH musste sich so von Israel abwenden. Folgerichtig unterbreitet deshalb die Tora am Schluss, was JHWH von Israel einfordert und was Israel tun soll (Jes 1,16–17). Bezeichnend sind die beiden letzten Forderungen. Israel hat „Waise“ und „Witwe“ bei Rechtsangelegenheiten aktiv zu unterstützen. Waise und Witwe stehen in der Antike und Bibel beispielhaft für die Kreise der Wehrlosen und Schutzbedürftigen. Damit schlägt die Tora einen Bogen, der von der Kultkritik bis zu den göttlichen Sozialforderungen reicht.
Die Tora stellt Israel vor die Entscheidung. Das macht die folgende Gottesrede deutlich (Jes 1,18–20). Diese Rede ahmt einen Rechtsstreit vor Gericht nach. JHWH setzt sich wie in einem Rechtsstreit mit Israel als seinem Gegenüber auseinander. JHWH zeigt sich bereit, auch die schwersten Vergehen in Israel zu vergeben (1,18). Die göttliche Bereitschaft zur Vergebung gestattet Israel aber keineswegs, dass es sich bequem zurücklehnen kann. Die Tora hat soeben Israel kundgemacht, was JHWH wirklich gefällt. Nun macht JHWH klar, dass Israel auf die Anliegen in der Tora reagieren muss. Diese Reaktion wird die Weichen stellen, wie sich Israels Zukunft und Geschick gestalten werden. Macht sich Israel willig und gehorsam die göttlichen Anliegen zueigen, wird es ein glückliches Leben im Land führen (1,19). Falls nicht, kommt ein gewaltsames Sterben auf Israel zu (1,20).
Eines ist noch zu den sozialethischen Ansprüchen JHWHs an Israel zu sagen. Diese Ansprüche werden in Kapitel 1 insbesondere mit den Begriffen „Recht“ (Jes 1,17) und „Gerechtigkeit“ benannt. Israels Geschick ist an das Ausüben von Recht und Gerechtigkeit gebunden. Literarische Pendelschläge machen das deutlich: Der Vers 1,21 muss eine Totenklage anstimmen; denn in Jerusalem waren zwar früher Recht und Gerechtigkeit vorhanden gewesen, beide Größen sind aber momentan abhandengekommen. Durch deren Verdrängen ist die Stadt JHWH untreu geworden und benimmt sich wie eine Dirne. Es werde schon ein Gerichtshandeln Gottes nötig sein müssen (1,24–25), das Jerusalem wieder auf ihren früheren Stand bringt, damit man sie „Stadt der Gerechtigkeit“ (1,26) nennen kann. Der Vers 1,27 schließlich bezieht Recht und Gerechtigkeit in eine mögliche zukünftige Erlösung ein: „Zion wird durch Recht erlöst, und ihre Umkehrenden durch Gerechtigkeit.“
Damit ist ein wenig das Kapitel Jes 1 beschrieben, auf dessen Hintergrund die Schilderung der Völkerwallfahrt und Jesajas Appell an seine Adressaten in Jes 2,5 zu stehen kommen. Auf diesem Hintergrund werden an Jes 2,1–5 einige Aspekte sichtbarer. Diese lassen sich in vier Punkten bündeln.
(1) Von Jes 1,1 bis Jes 2,5 wechseln die Perspektiven auf eine Weise, dass sich ein Kreis schließt. Sieht man von Randerscheinungen ab, so hat sich das erste Kapitel mit dem Binnenraum Israel befasst und ist auf diesen Binnenkreis konzentriert gewesen. Der erste Abschnitt des zweiten Kapitels weitet danach den Blickwinkel und nimmt die Völkerwelt, „alle Nationen“ (2,2), in den Gesichtskreis mit hinein. Nach dieser geweiteten Perspektive kehrt der Schlussvers des Abschnittes 2,5 wieder zum Binnenraum zurück. Ein wichtiger Effekt dieser Perspektivwechsel besteht darin, dass nun der Binnenraum Israel, das lebendige „Haus Jakob“, in eine Horizonterweiterung gebracht worden ist. Spricht Jesaja in 2,5 Israel auffordernd an, muss dieses Israel dabei die künftige Umtriebigkeit in der Völkerwelt mitbedenken.
(2) Wenn der Vers Jes 2,5 an Israel appelliert, sich im „Licht JHWHs“ aufzuhalten, dann geht dieser Appell nicht einfach davon aus, dass Israel bei einem neutralen Nullpunkt anzufangen hat, als ob nichts gewesen wäre. Kapitel 1 hat gezeigt, dass sich Israel an einem Tiefpunkt befindet. Mit der Metaphorik des Verses 2,5 gesprochen, hält sich Israel noch wie in einer Finsternis auf, dem Gegenpol von Licht, und in keiner bloßen Grauzone. Schuld und Sünde, kultische Defizite und sozialethische Mängel haben Israel von seinem Gott JHWH entfernt und das Gottesvolk belastet. Israel steht vor einem langen Weg ins Licht, den es – wie Jes 1 darlegte – mit JHWHs Hilfe und orientiert am Maßstab Tora und an Recht und Gerechtigkeit beschreiten kann. Die beiden angesprochenen Wege, der der Völker und der Israels, sind einander ähnlich, aber sie sind auch voneinander unterschiedlich. In Zukunft wird die globale Völkerwelt sowohl eine örtliche als auch eine innere Bewegung vollziehen (2,2–4), aber der Binnenraum, das Haus Jakob, möge jetzt eine sehr weitgreifende innere Bewegung vollziehen (2,5).
(3) Der Binnenkreis Israel weiß durch den geweiteten Gesichtskreis zur Genüge um die hoffnungsvollen und vielversprechenden Chancen für ein Zusammenleben in der Welt. Nationen und Völker werden in einen Friedenszustand eintreten können. Das Aussichtsreiche und Erfolgversprechende für das globale Miteinander werden dem Binnenkreis Israel wie ein Anreiz vor Augen gestellt, selber aktiv zu werden und sich zu bewegen. Was den wallfahrenden Völkern widerfahren soll, kann und darf Israel als anspornende Motivation aufgreifen. Der Gedanke bei der Motivation für den Binnenraum kann etwa so beschrieben werden: Handeln und leben wir als Haus Jakob derart, dass unsere eigene Gemeinschaft dem zukünftigen Friedenszustand und Glück unter den Völkern entspricht! – Falls aber diese Motivation nicht greift, könnte sich zumindest hypothetisch auch ein sehr düsteres Szenario einstellen, das nicht nur Israel, sondern auch die Völkerwelt betrifft:
(4) Denn der Binnenkreis Israel ist in der literarischen Darstellung von Jes 1,1–2,5 alles andere als eine in seiner Existenz gesicherte Größe. Jes 1 hatte an Vernichtungen von Teilen Israels erinnern müssen. Die Gründe und Auslöser für die Vernichtungen herrschen aber immer noch im verschonten Rest-Israel vor. Falls dieses Rest-Israel weiterhin auf dem sündhaften Stand von Sodom und Gomorra verbleiben würde, droht dann diesem Israel nicht doch noch der Untergang (vgl. 1,20)? Im Falle eines solchen Untergangs könnten die Völker in Zukunft auch keinen bewohnten Zion und keine belebte Stadt Jerusalem mehr aufsuchen. Die kühne Zukunftsvision vom Frieden unter den Völkern hätte dann eine ihrer Grundlagen verloren. Eine Ermöglichung des Völkerfriedens am Zion und in Jerusalem wäre abhandengekommen. Damit ist beim Appell in Jes 2,5 ein weiterer Gedanke präsent. Das Israel am Zion und in Jerusalem, der Binnenkreis, ist vor die Aufgabe gestellt, durch eigenes Aktivwerden den zukünftigen globalen Frieden mit zu ermöglichen und nicht zu verhindern. Dieser weitere Gedanke beim Appell lässt sich in etwa auch so umschreiben: Werden wir als Haus Jakob zu einer Tora-konformen, zu einer gerechten Gesellschaft und dadurch überlebensfähig, damit sich dadurch der Frieden unter den Völkern realisieren kann!
Die Gedanken in Jes 1,1–2,5 sind eingeflochten in eine richtungsweisende Theologie. JHWH hegt die Absicht, Zion-Jerusalem als Ausgangspunkt für einen weltweiten Frieden einzusetzen. Angesichts und aufgrund dieser göttlichen Absicht hat der Binnenraum Israel nicht allein an die eigenen Belange zu denken und nicht nur um sich selbst zu kreisen. Der Binnenraum muss auch die universellen Pläne seines Gottes mit den Völkern einbeziehen. Wenn Israel durch Toragehorsam seine Existenz schützt, bewahrt Israel zugleich seinem eigenen Gott die Möglichkeit, eine Stätte in der Welt zu haben, von der Tora ausgehen und an der ein Frieden unter den Völkern beginnen kann. Israel wird dann von JHWH eine der Chancen erhalten, mit der er Krieg und Zwist überwinden kann.
Jes 1,1–2,5 stellt im umfangreichen Jesajabuch eine Art Ouvertüre dar. Die Ouvertüre lässt vieles anklingen, was dann im Buch weiter entfaltet wird. Einzelne Punkte, die für aufschlussreiche oder für überraschende Weiterführungen stehen, seien kurz angedeutet.
Israel und die Völker
„Tora“ als eines der Leitworte des Buches kommt im Kapitel 51 das letzte Mal vor. Das Leitwort steht auch hier im erhellenden Zusammenhang: Zion befand sich in einer desolaten Lage. Doch JHWH tröstet Zion und „ihre Trümmerstätten“, und er richtet Zions Umland neu her (Jes 51,3). Die Aufforderungen am Anfang des Buches, die Tora zu befolgen, münden u.a. in Kapitel 51 in einen Toragehorsam unter den Bewohnern am Zion. JHWH kann nun solche anreden, die sich als „Kenner der Gerechtigkeit“ und als „Volk mit meiner Tora im Herzen“ erweisen (51,7). Entsprechend verkündet JHWH das Ende von Not und die Beständigkeit seines Heils (51,7–8). Erhoffte der Buchanfang, dass die Tora die Völker erreichen wird, erfüllt sich solches u.a. auch hier. Denn innerhalb der Darstellung vermeldet JHWH seinem Volk: „ [...] Tora wird von mir ausgehen und mein Recht als Licht der Völker [...] Meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil ist hinausgegangen, und meine Arme verschaffen den Völkern Recht“ (51,4–5). Standen in der Ouvertüre die Tora für Israel und die Tora für die Völker eher unverbunden nebeneinander, so sind nun beide einander näher gerückt. Der Toragehorsam im Inneren geht mit einer heilsamen Wirkung der Tora in der Völkerwelt einher.
Höchst beachtlich ist nun, dass die Völker Israel in seiner Zusammensetzung verändern können: Das Jesajabuch setzt viele historische Veränderungen einfach voraus. In einer Phase gelangten ‚Israeliten’ außerhalb ihres Ursprungslandes. Sie weilen dann im Exil (Babylon) oder leben in einer Diaspora. Die Rückkehr dieser Israeliten zum Zion wird so im Buch zum Thema (vgl. Jes 48,20; 52,11–12; 55,12–13), zudem wird auch ein Zug der Völker zum Zion thematisiert, bei dem sie Nachfahren der Israeliten mitbringen (vgl. 60,5). Anscheinend passend zu diesem Hin und Her nimmt das Buch JHWH-Verehrer aus anderen Völkern in den Blick und problematisiert die Stellung dieser Verehrer im Gottesvolk Israel. Das Buch spiegelt dabei eine Auseinandersetzung im Inneren der Gemeinde Israels wider: Wer darf zur Gemeinde gehören und wer nicht? Die Auseinandersetzung spaltet die Gemeinde Israel. Eine entscheidende Gruppe im Buch Jesaja sieht die Mitgliedschaft von JHWH-Gläubigen aus den Völkern in der Gemeinde Israel als angemessen und richtig an, und die Gruppe kann sich auch auf Worte JHWHs berufen. Die Zulassung zur Gemeinde darf nicht davon abhängen, welche ethnische Herkunft jemand hat. Entscheidend sind zuerst das ethische Verhalten, die Beachtung des Sabbats, das Bekenntnis zu JHWH (vgl. 56,1–8) und die Abkehr von Fremdgottverehrungen (vgl. 66,17). Von JHWH her gilt, dass sein Tempel auf dem Zion „ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden soll“ (56,7; vgl. 1Kön 8,41–43) und dass an dieser Stätte Fremde werden wohlgefällig opfern können. Das Finale des Buches unterstreicht diese Auffassung von einer offenen Israel-Gemeinde und schreibt sie buchintern fest: Hier gehen JHWHs Worte erneut auf einen gottgefälligen Kult und angemessenen Gottesdienst ein (Jes 66,20–23). „Alles Fleisch“ wird nach Jerusalem kommen, um JHWH zu verehren (66,23). Der Begriff „alles Fleisch“ benennt die neue Größe und Gemeinde, die sich aus Teilen Israels und aus Teilen der Völkerwelt zusammensetzt. Dieser Begriff „alles Fleisch“ verwies schon am Anfang der Bibel auf eine Menschheit (Gen 6–9), die noch nicht in verschiedene Ethnien gespalten war (Gen 10). Die Gottesdienstgemeinde im Buchfinale realisiert sich durch das Miteinander von jenen, die sich aus Israel und aus den Völkern aufrichtig JHWH zuwenden können.
Das Ende des Buches ist von seiner Ouvertüre her zu lesen. Dabei sind drei Punkte ausschlaggebend: (1) Wie gesehen, gelang in der Ouvertüre dem Binnenraum Israel kein JHWH gefallender Kult und Gottesdienst. Aber auch am Ende des Buches ist einem abgeschlossenen Binnenraum Israel allein ein solcher Kult und Gottesdienst nicht möglich, auch wenn Israel in Teilen von Schuld und Sünden gereinigt sein mag. Gelingender Kult und Gottesdienst werden erst durch Vertreter „allen Fleisches“, eben aus Israel und den Völkern, vollzogen werden können.
(2) Der Appell an das Haus Jakob in Jes 2,5 zielte „nur“ auf eine theologische Ethik ab. Israel sollte seinem Gott die Möglichkeit offen halten, vom Zion aus Frieden in der Völkerwelt herbeiführen zu können. Die Entwicklungen im Buch gehen dann über diese Ethik hinaus und führen zu einer neuen „Ekklesia“ (vgl. LXX Dtn 23,2–9) im Jesajabuch. Sollte eingangs die Zion-Israel-Gemeinde lediglich zugunsten der Völker agieren, treten dann zu guter Letzt Vertreter der Völker in die Gemeinde ein und formatieren ihre Zusammensetzung neu.
(3) Das Buchende erwähnt eine fortbestehende Gefahr, die schon in der Ouvertüre zum Gericht geführt hat und die im Brechen mit JHWH und mit seinen Anliegen besteht (Jes 1,2.18). Der Schlussvers hebt von der neuen Gemeinde Einzelne ab, die durch solch ein Brechen ihren Untergang herbeigeführt haben (66,24). Das Neue und das Richtungsweisende ist gegeben, aber das Alte und die Existenz Bedrohende besteht fort. Die Lesenden haben am Buchende zu überlegen und zu entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen.
Schlussreflexion
Das Jesajabuch entfaltet das Thema „Israel und die Völker“ viel breiter, als es hier wenige Federstriche andeuten konnten. Doch wurden zumindest Einzelaspekte des Themas deutlich. Israel hat eine Aufgabe und Verantwortung für die Völkerwelt. Dabei sollen die Geschicke der Völker Israel im Inneren bewegen. Im Gegenzug können dann Vertreter der Völker die Zusammensetzung Israels verändern.
Die folgende Reflexion zu diesem Befund holt zu einem weiten Bogen aus und wird zugegebenermaßen gewagt anmuten. Die Reflexion bezieht einige pastorale Gedanken von Bischof Joachim Wanke ein, dem dieser Band gewidmet ist. Wanke entwickelte seine Gedanken zunächst in einer konkreten geschichtlichen Situation.
Die Geschichte der katholischen Kirche in der ehemaligen DDR und in den neuen Bundesländern durchlief einige Phasen. Eine erste Phase war geprägt von negativen Erfahrungen mit den politischen und ideologischen Realitäten im Ostblock. Die katholische Kirche und die Bischöfe der DDR richteten sich in dieser Phase mehr oder weniger im eigenen, mühsam freigekämpften Binnenraum ein. Pastorale Konzepte dachten von einem „geschützten Raum“ Kirche her. „Geschützt“ bedeutete in diesem Fall zugleich: abgeschottet. Selten geschah eine interne Ermutigung der Gläubigen und der Kirche dahin, dass sie sich gesamtgesellschaftlich engagieren könnten. Ihre notgedrungene geistige Distanz zum realen System ließ für die Kirche auch das Land und die Gesellschaft, in denen das System herrschte, eher als Nichtheimat und als Fremdes erscheinen. Diese Sichtweise und Einstellung änderten sich schrittweise – nicht zuletzt mit der Übernahme des Bischofsamtes in Erfurt durch Joachim Wanke.
Wanke trat sein Bischofsamt 1980 an, nachdem das Zweite Vatikanische Konzil zu alten, bisweilen vergessenen Einsichten über das Wesen der Kirche Gottes zurückgefunden hatte. In den Einsichten des Konzils ist der Kirche ein Weltauftrag gegeben, der sich jeweils am Ort und in der konkreten Zeit segensreich auszuwirken hat. Wanke vermochte für sein Aufgabenfeld als Bischof eine Differenzierung vorzunehmen. Er unterschied zwischen zwei Seiten: dort Staat und System, hier das Land und seine Menschen. Auf die zweite Seite lenkte Joachim Wanke seine pastoralen Überlegungen. Schon 1981 sah der Bischof auf Pastoralkonferenzen den DDR-Raum nicht mehr nur als unleidliche Schicksalsstätte für die Kirche an. Dieser Raum war für Wanke und seine Mitbrüder im Presbyterium zuerst einmal Heimat, in der das Evangelium auf „mitteldeutsch“ buchstabiert werden muss. Der Sendungsauftrag der Kirche wurde von Wanke mit einer neuen Positionierung zur Mitwelt im gemeinsamen Raum verbunden. Die Konsequenzen daraus gingen für Wanke dahin, dass die Kirche in vielen ihrer Lebensäußerungen unterschiedslos für alle Menschen des Landes solidarisch da sein muss. Der Raum für die Kirche ist eine von Gott gegebene Realität und verlangt eine Hinwendung zu den Menschen, welche dem gemeinsamen Raum angehören.
Wanke griff seine frühen pastoralen Gedanken mehrfach auf, spitzte sie aber auch zu. Dreißig Jahre nach seiner Weihe zum Bischof, am 30.11.2010, hielt er in der Katholischen Akademie Berlin einen Vortrag mit dem Titel „Katholische Kirche in Deutschland – wie geht es weiter?“ Der Vortag befasste sich mit der „Glaubwürdigkeit“ dieser Kirche. Diese hat bekanntlich in den letzten Jahren arg gelitten. Wanke nahm seine Kirche in die Pflicht: „Der Auftrag der Kirche ist es, Gott zum Vorschein zu bringen, nicht sich selbst. Es ist einfach falsch zu meinen, wir müssten als Kirche eine Gegengesellschaft zur Welt bilden, vielleicht noch perfekter als diese werden. Gerade diese Mentalität hat in der Vergangenheit manche strukturelle Heuchelei verursacht. Der Schein war dann wichtiger als das Sein. Die Kirche muss sich als Ferment im Ganzen verstehen, nicht als Rückzugsort für die Vollkommenen und Reinen.“ Ferment bedeutet u.a. „Gärungsmittel“ oder „Sauerteig“. Beide wirken, sobald sie in organischer Materie eingemischt sind. Wo hat Kirche zu wirken?
Die pastoralen Gedanken Wankes enthalten Momente, die offenkundig dem ähneln, was hier aus dem Jesajabuch erhoben werden konnte: Gemeinschaften, die sich vom biblischen Gott her verstehen, können keine rein auf sich bezogenen Binnenräume bleiben, sondern haben sich in weiten Bezugsfeldern wiederzufinden. Doch ein direkter Vergleich der Gedanken Wankes mit den Inhalten des Jesajabuch verbietet sich. Die Differenzen in den historischen Umständen und in den Konstellationen, in den die jeweiligen Gemeinschaften stehen, sind zu groß.
Vor allem aber ist der Unterschied zu beachten, ja zu betonen, dass im Jesajabuch Israel im Fokus steht und bei Wankes Gedanken die Kirche. Zwar fußt die christliche Kirche auf dem biblischen Israel auf, und Christen begegnen im aktuellen Judentum ihren „älteren Brüdern“ (Johannes Paul II.). Doch das Alte Testament kreist im sogenannten ersten Lesegang durch die christliche Bibel zunächst einmal um Gott, die Welt und insbesondere Israel, und Bezüge auf Christen und Kirche fehlen dabei im Alten Testament. Erst danach kommt von christlicher Seite her der notwendige zweite Lesegang unter Kenntnis des Neuen Testamentes hinzu, und dabei erst dürfen sich Christen im Alten Testament – ohne das Judentum zu vereinnahmen – erhellend widerspiegeln.
Unter diesen Konditionen und Einschränkungen lassen sich dem Jesajabuch Aspekte ablauschen, die sowohl Wankes Gedanken als auch eine Selbstbesinnung der Kirche theologisch grundieren und vertiefen können.
Das Prophetenbuch stellte sich dem Wandel und Wechsel in der Geschichte. Das Gottesvolk erlebte Verluste und Niederlagen, machte Erfahrungen mit dem Exil und in der Diaspora und hatte mühsame Neuanfänge in der alten Heimat zu bestehen. Die geschichtlichen Entwicklungen wurden im Buch nicht nur einfach zur Kenntnis genommen. Die Geschichte wurde von Gott her gedeutet und verstanden. Nicht zuletzt die Einsicht, dass JHWH mit langem Atem sein Volk durch Zeiten und Räume leitet, führte im Buch zur Erkenntnis der Einzigkeit JHWHs. Aufgrund dieser Einzigkeit wurde JHWH zugleich als Schöpfer der Welt und als der Lenker auch der Geschichte der Völkerwelt angesehen.
Damit war im Prophetenbuch eine zentrale theologische Ausgangsbasis gegeben. In dieser Denkweise steht zuerst JHWH in universellen lebendigen Bezügen. Und umgekehrt steht dann auch jede Mitwelt, die es zum Gottesvolk geben kann, schon immer in Beziehung zu JHWH. Von dieser Theologie her hat das – bzw. ein – Gottesvolk je neu seine Mitwelt in den Blick zu nehmen und der Mitwelt zu begegnen.
Literatur
Berges, U., Das Buch Jesaja. Komposition und Endgestalt, Freiburg i. Br. 1998 (Herders biblische Studien 16).
Beuken, W. / Berges, U., Jesaja 1–12, Freiburg i. Br. 2003 (Herders theologischer Kommentar zum Alten Testament).
Fischer, I., Tora für Israel – Tora für die Völker. Das Konzept des Jesajabuches, Stuttgart 1995 (Stuttgarter Bibelstudien 164).
Henrix, H. H., Judentum und Christentum. Gemeinschaft wider Willen, Kevelaer 2004 (Topos 525).
Lohfink, N. / Zenger, E., Der Gott Israels und die Völker. Untersuchungen zum Jesajabuch und zu den Psalmen. Stuttgart 1994 (Stuttgarter Bibelstudien 154).
VERTRAUEN: FUNDAMENT DER BEZIEHUNGEN
ZWISCHEN BISCHÖFEN UND THEOLOGEN
Konrad Feiereis
Bei Jes 40,31 lesen wir: „Die aber auf den Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft, sie bekommen Flügel wie Adler. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.“
Paulus formuliert in Gal 6,8 einen seiner Grundgedanken wie folgt: „Wer […] im Vertrauen auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten.“
Marie von Ebner-Eschenbach schreibt in einem ihrer Aphorismen: „Vertrauen ist Mut und Treue ist Kraft.“ (Marie von Ebner-Eschenbach, 3)
Vertrauen gehört zu den höchsten Gütern unseres menschlichen Lebens. Vertrauen ist zuerst das Fundament unserer Beziehung zu Gott. In diesem Vertrauen aus unserem Glauben heraus besitzen wir zugleich Urbild und Vorbild für das Vertrauen zwischen uns Menschen. In herausragender Weise gilt das auch für das Verhältnis zwischen Bischöfen und Theologen in unserer Kirche in der heutigen Zeit.
Wir erleben gegenwärtig erhebliche Spannungen im Verhältnis zwischen Bischöfen und Theologen im deutschsprachigen Raum. Sie wurden besonders sichtbar anlässlich der Veröffentlichung des Memorandums von 144 Theologieprofessoren unter dem Titel „Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch“. Die Diskussion darüber ist bis heute heftig und kontrovers, auf Seiten der Bischöfe wie der Theologen. Der erste eindrucksvolle Beitrag stammt von Hermann Josef Pottmeyer mit einer zum Nachdenken anregenden Analyse. Eine soeben erschienene Veröffentlichung setzt diese Diskussion in differenzierter Weise fort. Sie trägt den Titel des Memorandums und enthält zahlreiche „Argumente zum Memorandum“, so der Untertitel (hg. von Marianne Heimbach-Steins u.a.). Der erste Beitrag ist verfasst von dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch. Neben zahlreichen namhaften Theologen aus unserem Sprachraum ist auch unser Erfurter Kollege Benedikt Kranemann, Professor für Liturgiewissenschaft, mit einer Abhandlung vertreten.
Bereits am 30.11.2010 plädierte Bischof Joachim Wanke in einem Vortrag in der Katholischen Akademie in Berlin für eine neue „Glaubwürdigkeit“ unserer Kirche, welche „Bereitschaft zu Gespräch, Entschiedenheit“ und „Menschenfreundlichkeit“ aufweisen müsse. Er betont, dass ein „Drang zum Rechthaben“ zu „Parteiungen“ führe, an dessen Ende der Zerfall stehen könnte. Am Ende appelliert Bischof Wanke an seine Mitbrüder im Bischofsamt in eindrücklicher Weise u.a. dazu, „demütiger“ zu werden.
Aus langjähriger persönlicher Erfahrung heraus möchte ich einige konkrete Beispiele dafür nennen, wie die Beziehung zwischen den Bischöfen und den Theologieprofessoren in der Zeit der Ostzone bzw. der DDR charakterisiert werden kann: durch ein beide Seiten umfassendes Grundvertrauen.
Völlige Veränderung des eigenen Lebens
Am 1. September 1953 überschritt ich zum ersten Mal die Grenze, die beide deutsche Staaten voneinander trennte. Ich hatte meine theologischen Studien gerade abgeschlossen und mich – mit sechs anderen Klassenkameraden – zum Pastoralkurs im Bamberger Priesterseminar angemeldet. Da erhielt ich von meinem zuständigen Ordinarius aus Görlitz, Kapitelsvikar Piontek, die Aufforderung, den Pastoralkurs im Priesterseminar Neuzelle an der Oder zu absolvieren. Anfangs wehrte ich mich dagegen. Daraufhin erhielt ich aus Görlitz die Antwort: „Kommen Sie mit Vertrauen in unser heimatliches Priesterseminar Neuzelle.“ Ich fand mich am Ende meiner Bahnfahrt unter dem Ortsschild „Stalinstadt“, früher Fürstenberg, wieder, plötzlich hineingeworfen in eine völlig andere Welt, der größte Umbruch in meinem Leben nach der Flucht aus Schlesien. Bis zum heutigen Tage habe ich jedoch mein Leben im Osten Deutschlands nicht bereut. Ein Grundvertrauen hat mich stets getragen: Vertrauen auf die Vorsehung Gottes, aber auch Vertrauen in die Lenkung dieses Lebens durch die Kirche.
Vertrauen bestimmte die Tätigkeit in der Seelsorge
Von 1954 bis 1959 habe ich als Kaplan, von 1965 bis 1967 als Pfarrer im Jurisdiktionsbezirk Görlitz wirken dürfen. Im Rückblick auf diese Zeit bin ich noch immer darüber erstaunt, welche Verantwortung uns Seelsorgern übertragen wurde und welches Vertrauen uns entgegengebracht worden ist. Misstrauen oder Kontrolle erlebten wir nicht.
Die hl. Messe feierten wir in der brandenburgischen Diaspora auf Außenstationen, z.T. in den Klassenzimmern der kommunistischen Schulen, mit dem Anblick großer Fotos von Stalin und Ulbricht. Selbst ein Versehgang in das streng abgeschirmte NVA-Lazarett in Bad Saarow war möglich und für mich bis heute unvergessen, weil im Allgemeinen in diesem Umfeld die Spendung der hl. Sakramente undenkbar war.
Noch im Jahre 1957 hielt ich in Görlitz am Nachmittag Religionsunterricht in einem Klassenzimmer einer staatlichen Schule. Keiner unserer Vorgesetzten hätte uns Priester einer Kumpanei mit Vertretern des Staates verdächtigt: Diese unsere Oberen waren der bald zum Bischof ernannte Kapitelsvikar Piontek, sowie die Ordinariatsräte Theissing und Schaffran. Beide wurden ebenfalls später zu Bischöfen geweiht.
In der Stadt Görlitz gab es damals drei Kapläne. Wie veranstalteten im Katechetenseminar fröhliche Abende mit Tanz für die Jugend unserer drei Pfarreien, ohne jemals die dazu erforderliche staatliche Genehmigung einzuholen. Natürlich wussten wir, dass die gesamte Seelsorge, insbesondere die Jugendarbeit, von der Staatssicherheit scharf observiert wurde. Kein Bischof hat gegen unsere Arbeit jemals Bedenken geäußert. Ähnliches galt u.a. auch für große Treffen der Kolpingsvereine.
Zu den unvergessenen Erinnerungen gehören auch Abende oder Nächte, in denen bei uns zwei Kaplänen von Heilig Kreuz polnische Flüchtlinge vor der Tür standen. Sie waren durch die nahe gelegene Neiße geschwommen und baten um Hilfe, um Westberlin erreichen zu können. War der betreffende Flüchtling glaubwürdig, handelte es sich vielleicht um eine Falle? Wir Kapläne haben in etwa fünf Fällen geholfen und waren glücklich, wenn eine Karte mit unverfänglichem Text aus Westberlin das Gelingen der Flucht bestätigte.
In meiner Zeit als Pfarrer zwischen 1965 und 1967 beauftragte mich mein Bischof mit der Bildungsarbeit und der Akademikerseelsorge im Diözesanbezirk. Die Bildungsarbeit befasste sich hauptsächlich mit der Glaubenslehre unserer Kirche. Sie fand statt für die Pfarreien in Görlitz und Cottbus und für die Pfarrei Senftenberg und die Pfarrei Hoyerswerda. Sie wurde angeboten jeweils monatlich im Winterhalbjahr, unter in Kaufnahme von z.T. schwierigen Straßenverhältnissen. Die Aufgeschlossenheit unserer Gläubigen war in Senftenberg und Hoyerswerda, also in der tiefsten Diaspora, am größten. Dort hatte ich jeweils etwa 50 Zuhörer.
Über Vertrauen zwischen Bischöfen und Seelsorgern wurde nie gesprochen, es war selbstverständliche Grundlage unserer Beziehungen. Das gegenseitige Vertrauen wurde gelebt.
Das Vertrauen der Bischöfe in unsere wissenschaftliche Arbeit
Im Jahr 1967 durfte ich meine Lehrtätigkeit am Philosophisch-Theologischen-Studium Erfurt beginnen. Ich habe niemals erlebt, dass einer unserer Bischöfe unsere Arbeit als Lehrer für Philosophie und Theologie mit Misstrauen betrachtet hätte. Das Gleiche gilt für die Herausgabe unserer Theologischen Studien, unserer Theologischen Schriften, unseres Theologischen Jahrbuches und für die Herausgabe der exegetischen und pastoralen Schriftenreihen. Oft ergaben sich unermessliche Schwierigkeiten für die Drucklegung zwischen Verlag und staatlicher Zensur (Hübner 2010, 294–304). Das Vertrauen der Bischofskonferenz war so groß, dass sie die Erteilung des „Nihil obstat“ in die Verantwortung der Mitglieder unseres Professorenkollegiums legte.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass auch nur einer der von uns Professoren für einen Lehrstuhl vorgeschlagenen Kandidaten von der Bischofskonferenz abgelehnt worden ist. Sie entsandte Mitglieder unserer Konferenz zum Zweiten Vatikanischen Konzil und in die bis heute bedeutsame „Internationale Theologenkommission“, ebenso in zahlreiche wichtige philosophische und theologische Gremien, Konferenzen und Arbeitskreise. Besonders – für unseren damaligen gesellschaftlichen Kontext – der Erinnerung wert erscheint mir im Rückblick die Arbeit, die meine Kollegen vor allem in der Ökumene und in der Pastoral geleistet haben. Wir durften ferner viele der anerkanntesten deutschsprachigen Theologen – auf dem Weg einer privaten Einladung! – zu Gastvorlesungen bei uns begrüßen, von Professor Joseph Ratzinger bis hin zu Professor Johann Baptist Metz. Nach meiner Erinnerung gab es in unserem Kollegium nur ein einziges Mal keine Zustimmung für eine Einladung eines bekannten Tübinger Professors, weil wir fürchteten, dass durch diesen Besuch ein Zwiespalt mit unseren Bischöfen entstehen und Vertrauen zerstört werden könnte.
Gesellschaftliche Relevanz theologischen Wirkens
Der katholischen Kirche in der DDR wurde häufig zum Vorwurf gemacht, sie habe sich von der Gesellschaft abgeschottet und ein Binnendasein geführt. Im Vergleich zur evangelischen Kirche, die nach dem Krieg eine Volkskirche war, waren wir gewiss nur eine „kleine Herde“. Doch ist dieser Vorwurf gegenüber uns Katholiken nur zum Teil berechtigt. So lebten unsere Gläubigen mitten in einer sozialistischen Gesellschaft, wenn auch nicht gleichberechtigt, oft diskriminiert, aber sie waren präsent und bezeugten ihren Glauben. Ich möchte daran erinnern, dass alle Mitglieder unseres Professorenkollegiums in die Gesellschaft durch vielfältige theologische Arbeit hinein gewirkt haben: bei kirchlichen Veranstaltungen, in unseren Bildungshäusern, mit Vorträgen, durch Literatur und durch vieles andere mehr.
Für mich hatte zunächst die Pastoralsynode von 1973 bis 1975 in Dresden eine besondere Bedeutung. Die Diözesen wählten selbstständig ihre Kandidaten als Mitglieder diese Synode. Daneben wurden aber auch Teilnehmer aus überpfarrlichen und überdiözesanen Gremien delegiert; aus dem Philosophisch-Theologischen Studium und dem Priesterseminar waren es vier. Ich selbst wirkte in zwei Arbeitsgruppen als Berater mit. Die eine konzipierte einen Beschluss zu dem Thema „Der Christ in der Arbeitswelt“, die andere über den „Dienst der Kirche für Versöhnung und Frieden“. Leiter der Synode war Alfred Kardinal Bengsch. Ihm war es ein primäres Anliegen, jede Nähe zum Staat oder sozialistischen Gruppierungen zu vermeiden. Ein erster Entwurf des Beschlusses über die Arbeitswelt suchte – ohne mein Zutun – Gemeinsamkeiten zwischen Christen und Marxisten herauszuarbeiten. Kardinal Bengsch befürchtete Missverständnisse und Vereinnahmungen seitens des Staates. Er vertraute darauf, dass die zwei in dieser Arbeitsgruppe mitwirkenden Erfurter Professoren, Professor Wilhelm Ernst und meine Person, diesen Gefahren entgegenwirken würden. Unvergesslich bleiben mir die Diskussionen mit dem Kardinal bis in die Nachtstunden hinein. Wir mussten bei beiden genannten, sehr brisanten Themen eine Reaktion der staatlichen Stellen befürchten. Schließlich gelang es in der Arbeitsgruppe über den Christ in der Arbeitswelt, zwei sehr unterschiedlich argumentierende Richtungen der Synode zu einem veränderten Beschlusspapier zu bewegen, welches auf die Betonung einer Gemeinsamkeit zwischen Christen und Kommunisten verzichtete. In der damaligen Situation war es nicht möglich, Missstände in der DDR offen beim Namen zu nennen. Das hätte sofort zu Schikanen gegen unsere pastorale Arbeit geführt. Schwerpunkt war für uns die Darstellung eines christlichen Verständnisses von Arbeit. Es enthielt aber eine bis an die Grenze gehende indirekte Kritik an der herrschenden Ideologie mit ihrer Deutung von Leistung und Arbeit. Später wurde zwar öfter auf Defizite dieses Beschlusses hingewiesen, zugleich aber meistens zugestanden, die Synode habe versucht, das in dieser politischen Situation Mögliche zu sagen, ohne weitere Benachteiligungen für die Christen zu provozieren (Schumacher 1998, 181–193).
Der Beschluss „Dienst der Kirche für Versöhnung und Frieden“ kam ebenfalls erst nach heftigen, vielleicht noch schärferen Auseinandersetzungen zustande. Entwürfe von Gemeinden und Gruppen wollten dieses Thema mit anderen Fragen in Zusammenhang bringen, wie z.B. mit dem Thema „Jugendweihe“ oder mit dem Problem über das „Verhältnis zwischen Kirche und sozialistischem Staat“. Ein erster Entwurf wurde folglich vom Präsidium der Synode abgelehnt. Daraufhin bat mich Relator Pfarrer Bruno Diefenbach um eine Textvorlage aus eigener Feder. Zunächst lehnte ich diesen Wunsch ab, ich glaubte nicht, dieses Minenfeld heil durchschreiten zu können: Die DDR behauptete, sie sei ein Friedensstaat wie kein anderer. Sie missbrauchte ständig die Enzyklika „Pacem in terris“ von Papst Johannes XXIII. zur eigenen Rechtfertigung. Außerdem ging es in der DDR–Gesellschaft oft sehr unfriedlich zu: es gab keine Gleichberechtigung der Christen, keine Reise- und Pressefreiheit, die Militarisierung der Jugend wurde vorangetrieben u.a. Diefenbach überzeugte mich dann doch mit dem Argument, nur unsere Kirche könne im Ostblock – im Vergleich zu allen anderen sozialistischen Ländern – zu diesem Thema unseren christlichen Standpunkt öffentlich darlegen, für alle Kirchen in den anderen Ländern sei dies unmöglich; wir sollten also nicht schweigen. So habe ich einen Entwurf für eine Beschlussvorlage konzipiert, die zwar Korrekturen erfuhr, wesentliche gesellschaftliche Themen aussparen musste, doch im Wesentlichen konsensfähig war und schließlich von der Synode verabschiedet wurde. Bischof Hugo Aufderbeck hat sich in hervorragender Weise als Vermittler zwischen den gegensätzlichen Strömungen bewährt. (Schumacher 1998, 194–208)
Schon damals erlebte ich Kardinal Bengsch als eine herausragende Persönlichkeit. Im Rückblick aus unserer Gegenwart heraus wird immer deutlicher, wie sehr ihn Klarsicht und Willensstärke auszeichneten. Sein übergeordnetes Ziel war die Einheit unserer Kirche. Tendenzen von einzelnen Persönlichkeiten oder Gruppen, mit dem Sozialismus damaliger Prägung zu paktieren, widersprach er mit Entschiedenheit. Sein Vertrauen in die theologische Arbeit unseres Professorenkollegiums bildete die wesentliche Grundlage unserer Lehrtätigkeit. Er holte auch während der Synode häufig den Rat der Vertreter aus der Erfurter Priesterausbildung ein und führte – bei all seinem Berliner Temperament – stets eine sachliche Diskussion. Nicht selten kam es zu Gesprächen zwischen einzelnen Kollegen von uns in seiner Berliner Wohnung. Er suchte oft unseren Rat. Unvergessen bleibt mir, wie der Kardinal vor einem Gespräch, zu dem er mich gebeten hatte, das Radio einstellte. Dieses Vorgehen hatte einen makabren Hintergrund: man hatte zuvor seine Räume mit Abhörwanzen bestückt. Alle Welt erfuhr von diesem Schurkenstück sofort nach dessen Entdeckung. Kardinal Bengsch habe ich als einen klugen Seelsorger, Hirten und Kirchenpolitiker in Erinnerung, aber auch als mitunter eigenwilligen Theologen. Das wurde besonders deutlich in seiner Ablehnung der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“. Wir Theologen fühlten uns, so glaube ich sagen zu dürfen, unter seiner Führung geborgen und in Sicherheit, besonders vor staatlichen Einmischungsversuchen und Repressionen, seien sie gegen einzelne Persönlichkeiten oder gegen unser Philosophisch-Theologisches Studium beabsichtigt gewesen.
Die Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung fand in der DDR 1988/89 statt. Heute wird weithin anerkannt, dass sie wesentlich dazu beigetragen hat, Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft aufzudecken und bewusst zu machen. Die Perestroika-Politik Gorbatschows hatte bereits damit begonnen, die Versteinerungen des kommunistischen Sozialismus zu sprengen. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass dieses große, einmalige ökumenische Ereignis wesentlich zum Verschwinden der DDR beigetragen hat. Die katholische Kirche erklärte sich erst nach langem Zögern am 1. / 2. Dezember 1987 zur vollen Teilnahme bereit. Die Eröffnung fand bereits am 12. Februar 1988 statt. Das lange Zögern der Bischöfe erklärt sich aus ekklesiologischen und politischen Bedenken. (Seifert 2000, 112) Träger der Vollmitgliedschaft unserer Kirche waren 26 Delegierte, fast ausschließlich aus der Gruppe „Justitia et Pax“, die durch Joachim Kardinal Meisner eine offizielle Beauftragung erhielten. Wiederum wurde seitens unserer Bischöfe an Professoren aus dem Erfurter Studium ein wichtiger Auftrag erteilt: Sie sollten die katholische Theologie in der Ökumenischen Versammlung vertreten, ein Beweis großen Vertrauens. Lothar Ullrich urteilt wie folgt: „Es war ganz wichtig, weil die Mitglieder unserer katholischen Arbeitsgruppe ´Justitia et Pax` weithin als ein ausgleichendes Element in den Versammlungen und Kommissionen empfunden wurden. Wir haben die Mitte stark gemacht.“ (Seifert 2000, 105) Unsere Mitarbeit vollzog sich vor allem in der Arbeitsgruppe „Theologische Grundlegung“. Innerhalb der evangelischen Kirche gab es Tendenzen, den christlichen Glauben mit einem „ursprünglich idealen Verständnis von Sozialismus“ zu verknüpfen, gleichsam einen dritten Weg unter Distanz zum real existierenden Sozialismus zu beschreiten. Dieses Anliegen vertrat besonders Propst Heino Falcke, der sehr nachdrücklich das Ziel verfolgte, die DDR-Gesellschaft umzugestalten. Dadurch zog er sich den Hass der Kommunisten zu. (Seifert 2000, 107f) Ich selbst vertrat die Ansicht, unterstützt von Lothar Ullrich, dass der real existierende Sozialismus in der DDR nicht reform- und verbesserungsfähig sei, denn sein dem Christentum im innersten Kern widersprechendes Menschenbild sollte nach Ansicht der Kommunisten keinesfalls preisgegeben werden.
Unsere Bischöfe nahmen alle zwölf Beschlüsse der Ökumenischen Versammlung einhellig und ohne Widerspruch an. Eine ausführliche Beurteilung dieses Ereignisses habe ich in einem anderen Zusammenhang zu geben versucht. (Seifert 1999, 103–111) Widerstand gegen die Ökumenische Versammlung war nur bei wenigen Christen in der DDR festzustellen, hingegen aber bei engen Mitarbeitern der Berliner Bischofskonferenz. Sie lehnten die Ökumenische Versammlung bis über das Ende der DDR hinaus entschieden ab. Man scheute in diesem Kreise auch nicht vor einer Herabsetzung meiner Person vor dem Staatssekretär für Kirchenfragen zurück. Es fiel die vom Staatssekretariat dokumentierte Formulierung, die Ökumenische Versammlung wie auch meine Person hätten „Phantastereien“ verbreitet und die Bischöfe stünden nicht hinter mir. Man grenzte mich damit aus unserer Kirche aus. Solches Verhalten eines Mitbruders hat bei mir bis heute Wunden hinterlassen.
Ein anderes Erlebnis am Rande: In der Nacht zum 1. Mai 1989, nach dem feierlichen Abschluss der Ökumenischen Versammlung in der Dresdener Kreuzkirche, stellte bei der Heimfahrt ein Tankwart fest, dass die Benzinleitung an meinem Wartburg angesägt war. Zufall?
Besondere persönliche Erfahrungen
Veranstaltungen: Mitglieder unseres Kollegiums wurden häufig als Einzeldelegierte aus unserer Kirche zu internationalen Veranstaltungen entsandt. Ich selbst denke hier zunächst an das „Internationale Wissenschaftliche Kolloquium“ vom 8. bis 10. Oktober 1986 in Budapest zurück. Es wurde veranstaltet vom Päpstlichen Sekretariat für die Nichtglaubenden und der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Von katholischer Seite nahmen teil die Kardinäle König und Poupard (als neuer Präsident) und Theologen aus acht europäischen Ländern. Die marxistische Seite hatte Vertreter aus neun europäischen Ländern und aus Kuba delegiert. Es ist als das „größte und bedeutendste Dialogtreffen zwischen Vertretern der katholischen Kirche und des Kommunismus in die Geschichte eingegangen“. (Christen und Marxisten 1991, 317) Dort bin ich, der zum Konsultor des Päpstlichen Sekretariates berufen worden war, zum ersten Mal zwei marxistischen Philosophieprofessoren aus der DDR begegnet. Zwischen unserer Theologischen Fakultät und den philosophischen Lehrstühlen der Universitäten, die ja nur von Kommunisten besetzt waren, gab es zu keiner Zeit irgendeinen Kontakt. Alle Vorträge dieses Dialogtreffens sind u.a. vom Bennoverlag dokumentiert worden (Christen und Marxisten 1991, 317–374). Ich durfte einen Vortrag halten über das Thema „Zusammenleben und Kooperation von Christen und Marxisten in der Gesellschaft“. (Feiereis 1991, 357–371)
In der DDR erregte dieses Treffen große Aufmerksamkeit. In katholischen und evangelischen Kirchen, z.B. in Dresden, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Erfurt und anderswo fand ich bei Vorträgen volle Kirchen vor. Die Christen spürten, dass die alten Verhältnisse in der Gesellschaft keine Zukunft mehr besaßen. Sie schöpften z.T. Hoffnung, dass ihre Situation sich im Alltag verbessern könnte und auch müsste.
Ein zweites Kolloquium verdient ebenfalls Erwähnung: Es fand vom 18. bis 21. Oktober 1989 zwischen dem Vatikan, unter der Leitung von Kardinal Poupard, und dem „Sowjetischen Komitee für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ in einem kleinen Kreis in der Nähe von Straßburg, statt. Zu diesem „Komitee“ gehörten u.a. der Chefredakteur der Zeitschrift „Kommunist“ und der Direktor des „Atheismus-Instituts beim Zentralkomitee der KPdSU“. Ziel dieses Treffens war die Vorbereitung des ersten Besuches von Gorbatschow bei Papst Johannes Paul II., der dann auch am 1.12.1989 stattgefunden hat. Ich erinnere mich, dass unsere sowjetischen Partner in der Nacht vom 18.10. zum 19.10. äußerst aufgeregt waren und ständig mit Moskau telefonierten. Der Grund: Honecker war an diesem Tag gestürzt worden. Auch vor diesem Gremium durfte ich, als einziger deutscher Theologe, ein Referat halten, das den Titel trug: „Das gemeinsame europäische Haus.“ (Feiereis 1990, 41–47)
Das Vertrauen unserer Bischöfe hat mich, der nicht gern im Rampenlicht stand, zu diesen wichtigen Veranstaltungen entsandt. Ich erlebte unmittelbar den Beginn des bald einsetzenden großen politischen Erdbebens, das kurz danach unsere Welt veränderte.
Große Verantwortung wurde mir auch in anderen Bereichen übertragen. Ich wurde für fünf Jahre zum kirchlichen Hilfswerk Renovabis delegiert, wo ich bei der ersten Tagung das Einleitungsreferat halten durfte. Ich habe ferner manche Einweihungsrede gehalten, so bei der Eröffnung der Edith-Stein-Schule Erfurt 1992 oder anlässlich der Gründung der Katholischen Fachhochschule Berlin 1991. Das in dieser Weise bezeugte Vertrauen wurde auch in gleicher Weise allen meinen damaligen Kollegen entgegengebracht.
Spannungen: Auch in unserer kleinen Kirche blieb es nicht aus, dass es Unterschiede der Ansichten und auch Auseinandersetzungen gab. Das äußerte sich besonders im Jahr 1989 als es um die Frage ging, ob sich auch unsere Kirche den Problemen der Gesellschaft mehr öffnen sollte. Sie hat es schließlich auch getan, wie die Hirtenbriefe und Predigten jenes Herbstes dokumentieren, darunter besonders auch die unvergessliche Predigt von Bischof Wanke anlässlich der Herbstwallfahrt in Erfurt am 17. September 1989. Meinungsverschiedenheiten zwischen Bischöfen und Theologen wurden nicht verleugnet, aber fair ausgetragen und nie nachgetragen.
Mir persönlich bleibt schmerzlich in Erinnerung, dass einige meiner Publikationen, die bereits im Westen Deutschlands (Herderkorrespondenz), aber auch in Italien und in der Slowakei erschienen waren (darunter u.a. mein Budapester Vortrag), nicht nur vom Staat, sondern auch von kirchlichen Dienststellen von vornherein für den Druck abgelehnt worden sind. Man unternahm nicht einmal den Versuch, die staatliche Genehmigung für eine Veröffentlichung einzuholen. Die Begründung lautete, die Zeit sei dafür noch nicht reif. (Jahrbuch 1991, 15, vgl. 307–371)
Begegnungen: Unsere Bischöfe pflegten ein ständiges, oft freundschaftliches Verhältnis zu den Mitgliedern unserer Professorenkonferenz. Sie zogen uns heran bei der Abfassung von gesellschaftlich relevanten Hirtenbriefen (besonders über Erziehung, über Frieden u.a.) Unvergesslich in Erinnerung bleibt mir Bischof Hugo Aufderbeck, dem die Situation der Christen bei uns ein Herzensanliegen war. Er suchte stets unsere Mitarbeit in der Seelsorge. Auf seinem Sterbebett rief er uns Priester zu sich und bat um die Zelebration der hl. Messe und um das gemeinsame Gebet.
Kardinal Meisner, mit welchem ich einmal einen größeren Disput hatte, der aber fair beigelegt wurde, zog mich heran zu einem wichtigen Dienst anlässlich des Katholikentreffens in Dresden am 12. Juli 1987. Dort sprach er auch das Wort, das in die Geschichte eingegangen ist: „Die Kirche, die Christen in unserem Land möchten ihre Begabungen und Fähigkeiten in unsere Gesellschaft einbringen, ohne dabei einem anderen Stern folgen zu sollen als dem von Bethlehem.“
Natürlich stand und steht unsere Erfurter Fakultät in einer besonderen und engen Beziehung zu unserem Jubilar Bischof Wanke. Er ist nicht nur unser Ortsbischof und Kanzler der Fakultät, er war ja ehemals auch Professor in unserem Kollegium. Seine freundliche, gewinnende Art, seine für die gesamte deutsche Kirche richtungweisenden pastoralen Anstöße sind hochgeschätzt und geachtet. Er verfolgt wachen Geistes die Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft. Er ist stets Theologe und Seelsorger zugleich geblieben. Das Vertrauen, das er den Menschen allgemein und unserem Kollegium besonders entgegengebracht hat, trug von Anfang an reiche Frucht und wird seiner Person gegenüber in Dankbarkeit erwidert.
Zurück zum Ausgangspunkt: Im Blick auf die heutige Situation der Kirche in der Bundesrepublik lassen sich einige Analogien zu unserer damaligen Situation herstellen, auch wenn die äußeren Bedingungen völlig verschiedenartig waren und sind. Angesichts einer sich ausbreitenden Kirchenferne und atheistischer Strömungen sollten partikuläre Interessen einzelner Gruppen zweitrangig sein. Bischöfe und Theologen sind auf einander angewiesen. Will sich ein einzelner oder eine Gruppe abseits der Gemeinschaft der Kirche profilieren, so gereicht es dieser unausweichlich zum Schaden. Bischöfe und Theologen haben ein gemeinsames und höheres Ziel, das sie verbindet. Das Fundament dafür ist ein Grundvertrauen zueinander.
Literatur
Ebner-Eschenbach, M. v., Aphorismen, Schriften Bd. 1, Berlin 1893, 3.
Feiereis, K., Das gemeinsame europäische Haus. Bereiche der Zusammenarbeit zwischen Ost- und Westeuropa, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 5. 1990, 411–421 (vgl. mein Literaturverzeichnis: http://www2.unierfurt.de/tiefensee/feiereis.htm).
Feiereis, K., Zusammenleben und Kooperation von Christen und Marxisten in der Gesellschaft, in: Theologisches Jahrbuch 33, 1991, 357–371.
Hübner, S., Das Theologische Jahrbuch des St. Benno-Verlags. Vergessene Seiten im Überleben der katholischen Kirche in der ehemaligen DDR, in: Theologie der Gegenwart 53, 2010, 294–304.
Theologisches Jahrbuch 1991. Unter kommunistischer Zensur. Hg. v. Wilhelm Ernst u. a. Leipzig 1992.
„Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch“. Argumente zum Memorandum. Hg. v. Marianne Heimbach-Steins [u. a.], Freiburg i. Br. 2011.
Schumacher, R., Kirche und sozialistische Welt. Eine Untersuchung zur Frage der Rezeption von „Gaudium et spes“ durch die Pastoralsynode der katholischen Kirche in der DDR, Leipzig 1998 (Erfurter Theologische Studien 76).
Seifert, K., Glaube und Politik. Die Ökumenische Versammlung in der DDR 1988/89, Leipzig 2000 (Erfurter Theologische Studien 78).
Seifert, K., Durch Umkehr zur Wende. Zehn Jahre „Ökumenische Versammlung in der DDR“ – Eine Bilanz, Leipzig 1999.
WACHSENDE BEDEUTUNG DER LAIEN FÜR DIE KIRCHE
Josef Freitag
Bischof Joachim Wanke hat eine unnachahmliche Art, mit wenigen Sätzen Dinge anzusprechen und selbst Schwieriges, Umstrittenes und Hochempfindliches so zur Sprache zu bringen, dass man sich darauf einlässt, bereit hinhört und Neues entdeckt:
Wie geht es weiter für die katholische Kirche in Deutschland?
Die Nöte nennt er ohne Scheu beim Namen, aber ebenso unter den möglichen Schritten zur Lösung als zweiten: „Das Handeln von Laien in der Kirche fördern und profilieren.“ (Wanke 16; vgl. den Beitrag von Bischof Wanke in diesem Band) „Ich schlage vor, den Ausbau und die ‚Ermächtigung‘ laikaler Beauftragungen weiter voranzubringen. Wenn das Weiheamt bei seinen spezifischen Diensten bleiben soll, wird den Getauften und Gefirmten vermehrt neue, eigenständige aber nicht unbegleitete Verantwortung in der Verkündigung, der Liturgie, der Leitung und ‚ekklesialer Vernetzung‘ zuwachsen.
Ich weiß um die Unersetzbarkeit des Weiheamtes. Aber diese Unersetzbarkeit darf sich nicht so absolut setzen, als ob ohne das Weiheamt vor Ort Glaube, Hoffnung und Liebe unmöglich würden. Das demütige Selbstbewusstsein aller Getauften und Gefirmten sollte gestärkt werden. Das wird auf Dauer auch positive Auswirkungen haben für ein neu akzentuiertes Dienstprofil der weniger werdenden Kleriker. Wir haben mehr und mehr Gläubige, die in Glaubensdingen wieder neu für andere auskunftsfähig und auskunftswillig sind. Das macht mich zuversichtlich für die Kirche von morgen – übrigens auch für die Weckung geistlicher Berufungen.
Hier gälte es Strategien der Weckung, der Akzeptanz und der Vernetzung solcher Kompetenzen zu entwickeln. Die Kirche von morgen wird sich weniger auf Institutionen verlassen können, sondern sich mehr durch Gesichter ausweisen.
Wie sehen heutige Formen an verbindlicher, vielleicht zeitlich begrenzter Laienermächtigung (‚Beauftragungen‘) aus, auch in der Pastoral? Was bewirkt Freude am Mitmachen? Was stärkt in übernommener Eigenverantwortung? Manche Möglichkeiten kirchlicher Communio-Formen sind noch lange nicht ausprobiert.“ (Wanke 17)
Es kann hier nicht um fertige Vorschläge oder Lösungen gehen. Aber eine Grunddynamik möchte ich hier freilegen und näher anschauen: In dem Maße, als die Kirche wirklich Kirche in dieser Welt und für diese Welt wird, d. h. das Programm des Konzils der „Kirche in der Welt von heute” verwirklicht, nicht nur allgemein, sondern konkret lokal, situativ und profiliert, muss die Rolle und Bedeutung der Laien, also der Christen „in der Welt”, in der Kirche und für die Kirche wachsen.
Wachsende, doppelte Bedeutung der Laien in der sich pluralisierenden Gesellschaft
Hier ist nicht nur an die Verantwortung der Laien als Christen in ihren jeweiligen Berufen zu denken, vielmehr gilt die wachsende Bedeutung darüber hinaus in einem doppelten Sinn, nämlich einer doppelten Vermittlung. Zunächst ist in und für unsere heutige plurale und sich weiter pluralisierende Gesellschaft der christliche Glaube und die Kirche vor allem durch die Laien präsent und zugänglich (abgesehen von der medialen Vermittlung der Kirche als Institution), da die Laien in ihrem Beruf, ihren Aufgaben, ihren Lebenssituationen in unmittelbarem Kontakt mit der „Welt” und ihren Mitmenschen leben und dort erreichbar wie ansprechbar sind. Nicht die Geistlichen, sondern die Laien werden zuerst von Kollegen und Nachbarinnen angesprochen und gefragt, wenn Kirche öffentlich zum Thema wird. Sie bekommen Nachfragen, Kritik und Zuspruch, aber auch Gleichgültigkeit und Widerspruch als erste zu hören und zu spüren. Umgekehrt können sie ihre Lebens-, Berufs- und fachlichen Erfahrungen mit der jeweils zugehörigen „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen” (GS 1), deren Anliegen, Erwartungen und Nöten in das Leben der Gemeinden und Kirche am direktesten einbringen. In dieser „feed-back Funktion” und entsprechendem Engagement werden sie für die Kirche je wichtiger, weil diese Erfahrungen der Menschen und ihre Reaktionen und Erwartungen zuerst und vorrangig durch die Laien – vielleicht sogar als deren eigene – der Kirche zukommen und in ihr Gehör und gegebenenfalls Antwort finden können. Diese Erfahrungen aus Alltag und Gegenwart sind weder aus der Offenbarung noch aus der Theologie ableitbar; sie sind auch nicht schon biblisch berichtet, sondern kommen auf die gegenwärtige Kirche als Herausforderung, als Erprobung und als Wachstums- und Entwicklungschance zu. An ihnen kann von Nichtchristen Haltung und Inhalt des Glaubens erfahren, erkannt und gelernt werden.
Ohne diese Rückmeldungen „aus der Welt”, ohne deren Wahrnehmung und die Antworten darauf, kann die Kirche ihrer Sendung in die Welt (Joh 3,16f. 20,21; Mt 28,19f) überhaupt nicht gerecht werden. Die Laien, nicht die Bischöfe, scheinen mir das erste und weitgespannteste (nicht das einzige!) „Wahrnehmungsorgan“ der Kirche zu sein. Vielleicht sind sie so etwas wie die Haut, die anders als Auge, Ohr und Nase, aber wie der Geschmacks- und Tastsinn aus unmittelbarer Betroffenheit und Kontakt wahrnimmt. Auch wenn Paulus (oder heute die Amtsträger) auf dem Areopag herumgeht und den Anknüpfungspunkt für seine Verkündigung, für das Gespräch und die Auseinandersetzung sucht und findet, so bleiben doch die Erfahrungen der Gemeindemitglieder (mit Dritten und untereinander) für seine Verkündigung unersetzlich (vgl. die Korintherbriefe). Sie bilden für Paulus den Ausgangs- und Ansatzpunkt für seine Darlegung des Evangeliums – so sehr es darin das Evangelium Jesu Christi ist und bleibt. Als Antwort auf die Erfahrungen der Gemeindeglieder und in ihre Situation hinein ist die Botschaft des Paulus – in seinen Briefen – auf uns gekommen. Er nimmt die Herausforderungen auf, die sich für die Christen und unter den Christen ergeben. Er erhellt und deutet sie im Licht des Glaubens, der auf diese Weise sehr konkret wird. Umgekehrt wird dieser Glaube für die Glaubenden praktisch und lebensbestimmend erst in solchen Herausforderungen und durch sie, nicht schon im abstrakten, richtigen Bekenntnis (das ja den Auseinandersetzungen als gemeinsame Basis voraus- und zugrunde liegt).
Unabdingbarkeit der Kompetenz und Beteiligung von Laien für viele Entscheidungen der Hierarchie / Kirche
Dies Grundgesetz der Verkündigung und des Glaubenslebens, dass Glaube sich in konkreten Herausforderungen und durch sie entfaltet wie realisiert, wird akuter, dringlicher und vertiefter in unserer pluralistischen und sich immer weiter pluralisierenden Gesellschaft. Die heutige Pluralisierung ist keine bloße Ausdifferenzierung mehr, die ja immer noch von einem gemeinsamen ursprünglichen Ausgangspunkt her erfolgt, daher wenigstens prinzipiell auf Gemeinsames rückführbar ist; im gegenwärtigen Prozess der Globalisierung, die vor Ort als „Glokalisierung” durchschlägt, also als Bestimmtwerden von weltweiten Prozessen, die lokal neue, unvorhersehbare Folgen haben und Ungeahntes, Neues bewirken und freisetzen (neue Unübersichtlichkeit, Postmoderne), reicht die eine Zentralperspektive nicht mehr.
Wir erleben die Begegnung mit ganz anderen und die Auseinandersetzung mit wirklich fremden, (von uns) unabhängigen Kulturen, Religionen, Mentalitäten und Reaktionen, die nicht auf einen Nenner zu bringen, nicht auf eine gemeinsame Quelle rückführbar, nicht unter einer Perspektive subsummierbar sind.
Überdies bekommen wir es mit Fragen und Problemen zu tun, die tatsächlich neu sind, die nicht aus bisherigen Erfahrungen und mit bisherigen Mitteln und Methode zu lösen sind. Man denke nur an die Atomkraft, an die reale Fähigkeit, die Welt zu vernichten, die Dimensionen und Dynamiken des Umweltschutzes, die Fragen an den Grenzen des Lebens und in der Reproduktionsmedizin. All diese neuen Fragen, Probleme und Aufgaben sind mit üblicher theologischer und moraltheologischer Kompetenz allein nicht zu beantworten, sondern nur unter Voraussetzung des zugehörigen Sachwissens und Verstehens der dahinter stehenden Interessen, Dynamiken und neuen Forschungen. Theologie und Kirche, besonders Amt und Hierarchie, können aus bloß eigener Kompetenz in diesen Fragen nicht mehr hinreichend Antwort geben. Auch richtige Prinzipien allein reichen nicht mehr zur Lösung wichtiger Fragen (noch abgesehen von der Unersetzbarkeit des Gewissens der einzelnen für eine Entscheidung).
In politischen, gesellschaftlichen, sozialen Fragen, in Biologie und Medizin und praktisch allen Bereichen des modernen Lebens kommt man für tragfähige Antworten ohne die Erfahrung, den Sachverstand und die Beteiligung der je kompetenten Laien nicht mehr aus. Selbst ein Zweitstudium einzelner Priesteroder Ordensleute wird heute nicht reichen, um über allgemeine Auskünfte hinauszukommen.
Es reicht wahrscheinlich auch nicht mehr die – selbst exzellente – Kompetenz eines einzelnen. Die Komplexität heutiger Fragen ist (wohl wegen der Wechselwirkung der Probleme) nur noch aus mehreren Perspektiven und Kompetenzen, also im Team, zu erfassen und darzustellen. Ein einzelnen dürfte überfordert sein (für die Beurteilung wissen wir das schon lange: vgl. Richterkollegien und Kommissionen, die entscheiden). Hier tut sich vielleicht oder wahrscheinlich ein neuer Sinn, eine neue Chance von Kirche als communio, von Lehren der Kirche „in communione“, also nicht nur von Amtsträgern, sondern von Amtsträgern und Laien (hier Fachleuten!), auf. Ist das vielleicht eine neue Erfahrung des Lehramtes und der Kirche, die die Kirche und ihr Lehramt (auch in der Kirche) glaubwürdiger, freier, machen kann? (Ganz unbekannt ist der Kirche die Beteiligung von „Laien“ an ihren Entscheidungen nicht; man denke nur an die Fürsten und ihre Rolle auf den Konzilien des Mittelalters und des Altertums. So verständlich ihr späterer Ausschluss ist, er macht weder die vorherige Praxis falsch noch verhindert er, in neuen Konstellationen zu neuen Beteiligungen zu kommen. Die Orthodoxie zeigt das in der Praxis ihrer Synoden, deren Zusammensetzung noch nach anderen Regeln läuft als die evangelischer Kirchen).
Unabdingbar sind die Laien auch in der Politik, die den Rahmen für das konkrete Leben bestimmt. Das gilt nicht nur de facto, sondern programmatisch und vom kirchlichen Selbstverständnis her. Diese neue Sicht ist der Kirche nicht aufgezwungen worden, sondern sie selbst hat entschieden, dass Priester nicht mehr als Parlamentarier und Regierungsmitglieder arbeiten sollten, dass das nicht ihre Aufgabe, sondern die der Laien sei (in Deutschland spätestens seit dem Reichskonkordat 1933); das gilt inzwischen weltweit. Die direkte politische Verantwortung und Gestaltung ist definitiv in die Hände der Laien gelegt. Deswegen hat die Kirche oder die Hierarchie der Politik durchaus noch etwas zu sagen, aber sie hat nicht „das Sagen“.
Auch in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen geht es – gerade wegen der kirchlichen Soziallehre – für die Kirche nicht ohne die Laien. Das gilt grundlegend für die Wahrnehmung der Probleme, die Amtsträger einfach nicht wie die Laien direkt erfahren, auch wenn sie sie durchaus analysieren, reflektieren und ein fachliches Urteil dazu haben können. Ohne Laien ließe sich darüber hinaus in Wirtschaft und Gesellschaft weder theoretisch noch praktisch eine Idee oder Lehre vermitteln oder durchsetzen. Auch die meisten Beiträge zur Soziallehre stammen heute von Laien. Das ist nicht nur eine quantitative Frage. Vielmehr bleibt die Rolle der Laien wesentlich, weil die Methodik des „Sehen – Urteilen – Handeln“ gilt. Die Erarbeitung und Wirkung des Wirtschaftshirtenbriefes der deutschen Bischöfe, in ökumenischer Zusammenarbeit mit den evangelischen Mitchristen durchgeführt, hat diese Unabdingbarkeit der Laienbeteiligung paradigmatisch gezeigt.
Analoges müsste man von Recht, Rechtsstaat und Rechtsstaatlichkeit sagen.
Wachsende Bedeutung der Laien auch in ekklesiologischen Fragen
Die wachsende Bedeutung der Laien gilt auch in genuin theologischen, sogar in ekklesiologischen Fragen, und zwar in dem Maße, wie der sensus fidelium, der Glaubenssinn der Gläubigen ernst genommen und nicht übergangen oder gar überspielt wird. Der Glaubenssinn der Gläubigen trägt grundlegend die Infallibilität der Kirche. Er ist auch unentbehrlich und bestimmend im Bereich der Rezeption lehramtlicher Entscheidungen, also für die konkrete Umsetzung und Prägung des christlichen Lebens. Denn von den Gläubigen und ihrem Glaubenssinn werden diese Entscheidungen realisiert und ausgestaltet oder nicht wirklich wahrgenommen und angenommen. Gilt das Letztere, kommen diese Entscheidungen nicht wirklich zur Geltung, werden nicht praktiziert, prägen das Leben der Kirche nicht, obwohl ihre Gültigkeit nicht bestritten wird. Sie werden einfach nicht wirksam, laufen ins Leere. Welche Formen und Gestalten christlichen Lebens also wirklich als praktikabel, anziehend, überzeugend und hilfreich angenommen und so wirksam werden, erspüren, entdecken und bestimmen die Laien. Erst wenn es bei ihnen „zündet“, gibt es Bewegung und Bewegungen (movimenti) in der Kirche, werden Konzilsentscheidungen umgesetzt, statt auf dem Papier zu bleiben, kommt es im Falle von vorbildlichen Christen zu Informativprozessen, Selig- und Heiligsprechungen. Natürlich geht es in diesen Prozessen nicht ohne Lobbyarbeit in Rom, aber ohne die Basis im Volk und im Gebet der Vielen reicht keine Lobbyarbeit hin. Und selbst wo man einen als Heiligen in den Kalender gebracht hat, entscheiden die Gläubigen weiterhin Jahr um Jahr, welche Gestalten für sie wirklich Gestaltungskraft haben. Der Glaubenssinn der Gläubigen unterscheidet und bestimmt auch auf Dauer, welche Optionen, Orientierungen und Erkenntnisse der Theologie und Theologen sich für das Leben der Christen bewähren oder eben nicht. Die Laien wirken viel prägender als sie selbst meinen. Ohne sie und ihr Engagement lebt keine Gemeinde und keine Kirche.
Für das reale Leben der Kirche, für dessen Erneuerung und langfristige Entwicklung werden m.E. die Laien entscheidend. Jedenfalls kommen fast immer von ihnen die wichtigen und langfristigen, nachhaltigen Anstöße. (Als Ausnahme fällt mir nur die Gregorianische Reform und unter den Ordensgründern der Domherr Dominikus ein). Man denke nur an die Gründerinnen und Gründer von Orden und Kongregationen oder movimenti wie Benedikt, Franziskus, Ignatius von Loyola, Chiara Lubich (Focolarini), Mutter Teresa (Missionaries of Charity), Andrea Riccardi (Sant’ Egidio), die alle als Laien angefangen haben (Mutter Teresa hat für ihren Neuanfang ihren Orden verlassen). Seine grundlegende Bekehrung hat Charles de Foucauld als Laie durch den Islam und ihn überzeugende christliche Laien erfahren. Die nähere Gestaltung und Ausformung seiner Berufung geschah unter Begleitung durch Amtsträger. Foucauld selbst wurde schließlich Priester, um das Evangelium in Gemeinschaft leben und Jesus zu den Verlassensten bringen zu können. Auch Ignatius von Loyola begann als Laie und mit Gesprächen mit Laien. Erst die Inquisitionsverhöre brachten ihm bei, um kirchlich-öffentlich anerkannt Sünden unterscheiden zu dürfen, Theologe werden zu müssen, und führten ihn dazu, Theologie zu studieren, um Priester zu werden und so „den Seelen helfen“ zu können. Seinen geistlichen Weg und die Exerzitien durchlebte und entdeckte er als Laie. Die Säkularinstitute und die „movimenti“ sind weitere Beispiele, wie Laien (-initiativen) nicht nur das Leben, sondern auch die Struktur von Kirche beeinflussen.
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