Kitabı oku: «DIE AUTORIN AM RANDE DES UNIVERSUMS»

Yazı tipi:

Die Autorin am Rande des Universums

Monika Niehaus zum 70. Geburtstag

Herausgegeben von

Rainer Schorm, Jörg Weigand, Karla Weigand

AndroSF 147

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: 05. September 2021

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Rainer Schorm

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 255 3

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 842 5

I
Karla Weigand – À Bientôt! – Ein eher persönliches Vorwort

Ein, zwei Mal pro Jahr (ausgenommen während der verdammten Corona-Pandemie), wenn Jörg und ich uns aus dem sonnigen Breisgau in den wunderschönen Norden in Richtung unserer nordfriesischen Trauminsel Föhr aufmachen, freuen wir uns immer ganz besonders auf eine mehrtägige Reiseunterbrechung in Düsseldorf. Dort wohnen nämlich zwei ganz besondere Menschen, die wir glücklicherweise seit Langem zu unseren guten Freunden zählen dürfen: Monika Niehaus-Osterloh und ihr Mann Jan Osterloh.

Jeder Besuch bei den beiden fühlt sich jeweils an wie ein Nachhausekommen; ganz entspannt, irgendwie selbstverständlich und vor allem sehr herzlich.

Liebe Monika, heute geht es um dich, denn am 5. September feierst du deinen 70. Geburtstag! Dein Lebensweg hat in Hinsbeck am Niederrhein begonnen und schon deine Taufe war ein bisschen ungewöhnlich. Immerhin war dein Pate kein Geringerer als Josef Beuys! (Wer kann schon mit so einem Taufpaten aufwarten?) Der Künstler war mit deinem Vater, einem Arzt, befreundet und lebte zeitweise wegen des gemeinsamen Interesses an Rudolf Steiner im Haus deiner Großmutter Elisabeth. Als ganz kleines Kind hast du dann in Unkel am Rhein gewohnt, einer Stadt, die mir bisher nur als letzter Wohnort von Exkanzler Willy Brandt ein Begriff gewesen ist.

Nach der Grundschule auf dem Land, in Birkesdorf, besuchtest du das von Nonnen geführte Gymnasium »Unserer Lieben Frau« in Bonn. Das verbindet uns schon mal, liebe Monika. Bei mir war’s das Gymnasium »Unserer Lieben Frau am Anger« in München. Wir sind sozusagen beide »kloster-« bzw. »kirchengeschädigt« …

Gemeinsam ist uns ein Elternhaus mit vielen Büchern, die auch gelesen wurden und nicht nur die Regale füllten. Dass wir das mit Begeisterung in unser späteres Leben übernommen haben, sieht man in unseren Häusern: Überall Bücher, Bücher, Bücher! Die euren habt ihr noch gesichert mittels einer zähnefletschenden Hyäne … Irgendwann könnte mal eure (oder unsere) »Hütte« unter der horrenden Papierlast zusammenkrachen – was soll’s?

Dass du nach dem Abitur 1969 in der Kunstakademie bei Beuys angenommen wurdest, hat mir Jan verraten. Ich habe übrigens ein Bild von dir über meinem Bett hängen, das ich oft mit Vergnügen betrachte … Zweifellos hast du das zeichnerische Talent von deiner Mutter, einer Modezeichnerin und Malerin, geerbt …

Im Zweitfach hast du Biologie belegt – (dank guter Zensuren gab’s ein Stipendium der Cusanus-Stiftung) – und bist dann dabei hängen geblieben. Was, nebenbei bemerkt, Jörg und ich sehr begrüßen! Sooft eine Frage bezüglich irgendeines »Viechs« auftaucht, benutzt einer von uns die bereits stereotype Redewendung »Frag’ doch mal die Monika!« Von deinem Wissensschatz zu zehren ist sehr praktisch und auch viel effektiver, als irgendwelche Schwarten zu wälzen oder Wikipedia-Einträge zu Rate zu ziehen!

In der Bretagne hast du dann deinen späteren lieben Mann Jan, einen Diplombiologen, kennen- und beim Jakobsmuschelessen und beim Skatspielen (wo du immer gewonnen hast!) auch lieben gelernt. Daher rührt wohl deine (und eure) bis heute andauernde Frankophilie. Etwas, das dich auch mit Jörg verbindet, der Jahre seines Studiums in Paris verbracht hat. Auch ich mag Frankreich, die Franzosen und ihre Lebensart sehr gerne. Leider beherrsche ich ihre wunderschöne Sprache nur noch arg rudimentär …

1974 war ein besonderes Jahr für dich: Du bist nicht nur mit Jan zusammengezogen, du hast auch deine Diplomarbeit über »die Konstruktion der Antennen des Kleinen Fuchses« geschrieben. Die zarten Flattertierchen haben dich anscheinend nicht mehr losgelassen und so hast du im Jahr 1979 mit einer Dissertation über »Das Flugverhalten und die Aerodynamik von Schmetterlingen im Windkanal« auch noch den Doktortitel erworben. Chapeau!

Vier Jahre später, 1983, haben Jan, der als Gymnasiallehrer arbeitete, und du geheiratet. Ihr bekamt im Lauf der Jahre zwei großartige Söhne (und inzwischen zwei ganz zauberhafte Schwiegertöchter) sowie vier wunderbare Enkelkinder.

Neben zig Beiträgen in Fachzeitschriften hast du auch jede Menge populärwissenschaftliche Artikel über interessante Phänomene in der Tier- und Pflanzenwelt sowie ganze Serien für den Hörfunk zu medizinischen, ökologischen und sonstigen Problemen aus der Naturwissenschaft verfasst. 1991 hast du mit zwei Koautoren das Fachbuch »Bunte Terrarienwelt: Amphibien und Reptilien« geschrieben. Erwähnen muss ich noch deine fruchtbare Zusammenarbeit mit Udo Pollmer. Dazu kamen noch zahlreiche Fachkompendien für das Fernstudium naturwissenschaftlicher, vor allem biologischer Fachbereiche.

Der Erste, der deine schriftstellerisch-belletristische Begabung erkannt hat, war dein Institutsdirektor, der Neurobiologe Professor Dr. Gerd Schneider. So hast du dich 1983 auch am Kurzgeschichtenwettbewerb des Bastei-Verlages beteiligt. Da wurde nämlich der »Robert-Sheckley-Preis« ausgeschrieben und du, als Anfängerin, hast gleich den 2. Preis für deine Erzählung »Heimweh nach Tau Ceti« gewonnen. Gratulation nachträglich!

Du merkst, liebe Monika, ich habe Jan ordentlich ausgequetscht, um etwas über deine Vergangenheit herauszubekommen. Kennengelernt habe ich dich ja erst viele Jahre später.

Stets in Erinnerung werden mir die obligaten spannenden Zoobesuche mit dir und Jan bleiben (die meisten im Krefelder Zoo, weil Jan dort jahrelang Schulklassen als Zoopädagoge unterrichtet hat), aber auch in verschiedenen anderen Tierparks. Ich kann es kaum erwarten, dass wir diesen schönen Brauch bald wieder aufleben lassen können. Irgendwann ist hoffentlich auch die abscheulichste Pandemie zu Ende.

Unvergesslich die bizarren »Aufführungen« von Schimpansenmännchen »Charlie« im Krefelder Zoo! Ab 1991 warst du oft dort, weil Jan ja Lehrer in der dortigen Zooschule gewesen ist. Charlie, der Dussel, konnte dich absolut nicht leiden, womit er meines Erachtens bewies, wie komisch er gestrickt war. Man muss dich doch einfach mögen, oder? Kaum bekam der Bursche dich zu Gesicht, fing er an, wie verrückt zu kreischen und wie ein Irrer gegen die gläserne Trennwand zum Zuschauerraum zu springen! Was er wohl mit dir gemacht hätte, wenn er dich tatsächlich erwischt hätte? Gut, dass wir’s nicht rausgefunden haben …

In den letzten Jahren war er allerdings abgeklärt (oder altersmüde?) und ließ das »Affentheater« bleiben. Du hast Charlie immerhin in einem Zookrimi verewigt … Jedenfalls hat er das schreckliche Ende, das ihm und etlichen anderen »Kollegen« letztendlich beschieden war (Brand im Affenhaus), nicht verdient.

Ein anderes Erlebnis, wenn ich mich richtig erinnere im Zoo von Wuppertal, war auch sehr speziell und sagt zudem eine Menge über dich aus. Wir vier spazierten ganz entspannt dahin (Jörg hatte gerade Bekanntschaft mit einem überraschend zutraulichen Pfauenhahn gemacht); ich marschierte hinter euch dreien her, als mir urplötzlich ein ziemlich großer Gegenstand vor die Füße knallte, dem ich grade noch ausweichen konnte. Im nächsten Moment sah ich, wie du auf einmal davongerannt bist, als wäre ein Schwarm Hornissen hinter dir her! Unsere Männer, perplex wie ich, blieben auch verdattert stehen und schauten dir hinterher. Was, in drei Teufels Namen, war denn auf einmal los? Ich hätte übrigens nicht gedacht, dass du so schnell rennen kannst …

Inzwischen hatte ich den ominösen Gegenstand als deine ziemlich umfangreiche und schwere Umhängetasche identifiziert, bückte mich danach und hob sie auf. Ich war mir sicher, dass du das gute Stück nicht für immer loswerden wolltest …

Aber was sollte die ganze Aktion? Alles spielte sich in Sekundenschnelle ab und im nächsten Moment wussten wir Bescheid: Du hattest neben dem Weg ein Streifenhörnchen entdeckt, welches mit einer höchst seltsamen »Kopfbedeckung« auf der Flucht war! Das arme Tier hatte sein Köpfchen in ein im Gras liegendes, von dummen Menschen achtlos weggeworfenes Glasfläschchen gesteckt und war nicht mehr imstande, das schreckliche Ding loszuwerden, weil sein Kopf drin stecken blieb. In Panik schoss das Hörnchen kreuz und quer über den Weg und wäre zweifellos erstickt oder verhungert.

Das hattest du richtig erkannt, hast »Ballast« abgeworfen und bist hinterher gesaust, um das neugierige Streifenhörnchen einzufangen, um es von seinem »Taucherhelm« zu befreien und so vor dem sicheren Tod zu bewahren. Eine ebenso großartige wie spektakuläre Aktion!

Als ich dir nach erfolgreicher Befreiung deine Tasche wieder aushändigte, hast du ganz erstaunt dreingeschaut; du hattest überhaupt nicht registriert, dass du sie weggeschmissen hattest. Da war der kleine Nager, glücklich befreit, längst wieder in einem Gebüsch verschwunden.

Dass du und Jan große Tierliebhaber seid, sieht man auch daran, wie ihr mit euren Katzen umgeht! Egal, ob es sich um eine sehr »spezielle«, kapriziöse Mieze handelt, wie es etwa »Kätzchen« gewesen ist, die ebenfalls dir ihr Leben verdankte, oder ob es, wie derzeit, »Don Camillo« und »Peppone« sind, auch zwei ganz besondere »Früchtchen«… Wir lieben Katzen genauso wie ihr und trauern mit euch, falls eines der Samtpfötchen mal wieder den Weg alles Irdischen gegangen ist.

Was man besonders an dir schätzen muss, ist dein »savoir vivre«, liebe Monika, deine Vorliebe für gutes Essen und Trinken und fürs Kochen! Letztere Leidenschaft teilst du ganz besonders mit Jörg. Außer in meinem Küchenschrank kenne ich niemand in unserem Bekanntenkreis, der solche Mengen und vor allem so eine Auswahl sowohl an einheimischen wie an exotischen Gewürzen hat!

Die Besuche mit dir auf dem wunderschönen Düsseldorfer Markt und die Einkäufe, die wir dort tätigen, werden mir immer im Gedächtnis bleiben! Ich selbst bin ja nicht so die geniale Köchin. Aber, was du, meine Liebe, und Jörg dann jeweils für Köstlichkeiten auf den Tisch bringen, kann sich regelmäßig »von« schreiben. Ich bin eher so der akribische Gemüseputzer, Rüben- und Kartoffel- oder Spargelschäler, »Ausklauber« und Kleinschnippler. Ich habe auch, wie du, keine Scheu, Fleisch bratfertig herzurichten und Geflügel auszunehmen (uns graust’s vor gar nix, gelle? Oder, wie du zu sagen pflegst: »Mir sin’ vor nix fies!«).

Was ich auch ganz besonders an dir schätze, ist dein Gespür, wann es Zeit ist, das passende Getränk zu offerieren! So wird jede Mahlzeit bei euch zu einem (auf neudeutsch) »Event«.

Liebe Monika, ich weiß, dass ich immer mit dir reden kann (mit Jan natürlich auch). Aber manches bespricht sich halt leichter mit einer Frau. Jede Diskussion im Hause Niehaus-Osterloh macht großen Spaß und ist ein Gewinn; egal, ob es was Politisches oder Medizinisch-Naturwissenschaftliches ist, ob es sich um Philosophie, Soziologie, Literatur oder sonst etwas »Kluges« handelt.

Genauso kann man mit dir (euch) wunderbar »blödeln« und jede Menge Spaß haben. Deine Art von schrägem Humor und gerade die oft treffend bissigen Kommentare kommen meinem sehr ähnlich gestrickten Naturell sehr entgegen: Was gibt’s Schöneres, als hin und wieder mal so richtig über jemanden zu lästern?

Weder du noch Jan haben irgendwelche ideologischen Scheuklappen – eine Wohltat gerade hier und jetzt, wo alle so tun, als wären sie komplett frei im Denken. (Und am Ende kommt dann so was Jämmerliches wie die »Querdenken-Kacke« heraus …) Du, liebe Monika, bist grundsätzlich offen für alles, denkst liberal und bist auf keinen Fall ideologisch-religiös vorgeprägt, sprich verbildet oder verdorben – trotz der »Nonnenschule« …

Um es kurz zu machen: Gerade dich zur Freundin zu haben, macht mich sehr glücklich. Das Allerwichtigste zu deinem Geburtstag (auch wenn’s banal klingt): Bleib’ gesund, achte auf dich, übertreib’ nichts, damit es die nächsten dreißig Jahre noch so bleibt und vor allem: Mach’ mit der Schreiberei so weiter wie bisher und sei weiter produktiv. Ich jedenfalls freue mich schon auf den nächsten Band mit »Donnas Kaschemmen-Geschichten« – ein kleiner Geniestreich, wenn du mich fragst!

Und nicht zu vergessen, wenn wir wieder mal was wissen wollen, sei es über Tiere oder irgendwelche körperlichen Malaisen (du kennst dich ja auch in Medizin sehr gut aus!), dann sei so gut und hilf’ uns wie bisher auf die Sprünge. (Du weißt ja: »Frag’ doch mal die Monika!«).

Noch ein weiterer Wunsch an dich: Überrede Jan und lasst euch endlich mal wieder in Grunern sehen! Corona wird ja wohl nicht ewig dauern! Ihr seid jederzeit herzlich willkommen. Das obere Stockwerk steht zu eurer Verfügung, so lange ihr wollt. Ausflüge nach Frankreich oder in die Schweiz sind hoffentlich auch bald kein Problem mehr.

Und dass ich (wir) mich (uns) darauf freue(n), mit dir, meine Liebe, wieder in der Düsseldorfer Altstadt in Buchläden oder Antiquariaten zu stöbern, über den Markt zu flanieren und in einem der zahlreichen tollen Wirtshäuser in der Düsseldorfer Altstadt einzukehren, muss ich nicht extra betonen, oder?

À bientôt, ma Chère!

Deine Karla

Jörg Weigand – Monika

Man könnte sich ganz einfach damit bescheiden: Monika ist eben Monika. Das wäre gewiss nicht falsch, aber eben auch nicht genug richtig.

Denn Monika ist eben mehr als nur Monika.

Monika ist eine Frau – zweifellos.

Sie ist eine zielgerichtete Frau; will sagen: Sie weiß genau, was sie will und was nicht.

Monika ist intelligent. Und klug (was nicht identisch ist). Und clever.

Und vor allem: Sie ist informiert. Informiert auf vielen Gebieten, die für »normale« Menschen voller Rätsel stecken, ja – sozusagen – »böhmische Dörfer« sind.

Monika ist Biologin von der Ausbildung her.

Sie ist Übersetzerin aus praktischen Erwägungen (Brotberuf) und weil es ihr Spaß macht: wenigstens die meisten der Titel, die ihr als Aufträge ins Haus flattern.

Sie ist Autorin von Science-Fiction und Fantastik mit Abschweifungen in die Fantasy aus Passion und Ehrgeiz. Ihr Liebe gehört der kurzen, der gedrängten Form. Und um diese kurzen Texte herzustellen, ist sie bienenfleißig.

Sie könnte durchaus, das hat sie bereits hinreichend bewiesen, den langen belletristischen Text zu Papier bringen. Aber … (das lassen wir offen).

Monika ist eine gute Sachdarstellerin komplizierter, oft verschachtelter Zusammenhänge. Und das mit einem Hang zum Skurrilen, Unwahrscheinlichen und Absonderlichen. In der Darstellung solcher Fakten kann sie spannend erzählen.

Monika ist aber auch – das sei betont – eine Frau, die zu leben weiß. Sie liebt das Reisen, liebt gutes Essen und weiß den passenden Wein zu schätzen. Und einen Verdauungsschluck vor oder nach dem Essen im Kreise der Familie oder von Freunden weist sie auch nicht ab.

Monika liebt Frankreich und hätte ebenso gut eine Französin hergegeben, so man es ihr bei der Geburt möglich gemacht hätte; etwa eine gebildete und dabei menschlich wie sozial anspruchsvolle Pariserin aus einem der anspruchsvolleren Arrondissements.

Sie ist eine gute Köchin und steht Neuem in der Küche (persönlich wie sachlich) immer offen und neugierig gegenüber. Und sie ist eine gute Beiköchin, auch das nicht selbstverständlich.

Alles in allem: Monika ist anspruchsvoll und ehrgeizig, ohne den in Deutschland fast üblichen Neid vor sich her zu tragen.

Monika ist liebenswert, sie hat Charme und kann zuhören. Sie nimmt Anteil, ohne in Versuchung zu geraten, unaufgefordert »gute Ratschläge« zu erteilen. Monika hat Wärme für diejenigen, die sie mag. Und sie ist hilfsbereit, wo gefordert.

Kurz: Wer Monika zur Freundin hat, hat Glück im Leben.

Monika ist eben Monika.

Gerald Bosch – Naturverwunderliches – Eine etwas andere Biologie

Die nachfolgenden, nicht ganz ernst zu nehmenden Beschreibungen wurden durch häufige frühkindliche Beobachtungen eines seinerzeit sehr bekannten und sehr narrativen deutschen Fernsehzoologen (†) inspiriert. Meine Doku beginnt mit (Pseudo-) Säugern und führt über weitere fiktive Wirbeltiere und Wirbellose zu Scheinpflanzen und Fantasypilzen. Enjoy!

1 Der majestätische Baulöwe (Leo dywidax) ist unumstrittener Beherrscher der offenen Liegenschaften, doch jagt er mitunter auch in den angrenzenden Zementwüsten und Asphaltsteppen, vereinzelt sogar in abgelegenen Straßenschluchten. Entgegen landläufigen Gerüchten ernährt er sich nicht von Erdnüssen, sondern ist und bleibt ein blutrünstiges Raubtier. Gegen Einbruch der Dämmerung, wenn die Mitglieder von Bauausschüssen nach langatmigen Komiteesitzungen und Ortsbegehungen ermattet nach Hause ziehen, geht er auf die Pirsch. Schnell und lautlos werden kleine, effektiv verzinste Rudel gebildet, die nun ein geeignetes Objekt, etwa ein geschwächtes Bauherren-Gnu (Unibos lucrativus), auf einer offenen Gemarkung zielsicher einkreisen und schlussendlich dem Boden gleichmachen. In der Wahl seiner Beute ist der Baulöwe recht anspruchslos, zumeist werden große Herdentiere bevorzugt – flinke, in der Regel langweilige Schreberparzellen (Domaena quadratica), verwilderte Amtsschimmel (Equus paragraphissimus) oder auch einzelne, behäbige Grundbuchbüffel (Bison cataster). Aber selbst Bewohner der unteren Einkommensschichten, wie Kleiner Krauter (Simplicius tucholskii), Bausparschwein (Porcus leonbergi) oder die verwandte Arme Sau (Sus lamentabilis), sind für ihn durchaus schmackhafte Häppchen, die er keineswegs verschmäht. Zielsicher durchquert er jede Lücke im Paragrafendschungel, wobei provisorische Schutzwälle wie Bauverordnungen, Flächennutzungspläne oder einstweilige Verfügungen keine ernst zu nehmenden Hindernisse darstellen. Hat er erst einmal den Angstschweiß seiner prospektiven Beute gerochen, dann ist es um diese geschehen. Natürliche Feinde besitzt die Großkatze kaum. Mitunter fallen junge, unerfahrene Exemplare dem Pleitegeier (Gyps concursus) zum Opfer, ansonsten sind es vor allem alte, vom Erfolg geblendete Männchen, die von eifrigen Steuerpanthern (Fiscus inspector) erlegt werden, wenn sie z. B. nach einem großen Beutezug durstig zu den Quellen steuern.

2 Der Wischmops (Canis domesticus var. vileda), regional – vor allem im Norden seines Verbreitungsgebietes – auch Feudel genannt, ist ein anspruchsloser Hausgenosse des Menschen und absolut standorttreu. Leider wird das friedliebende Kerlchen oftmals mit dem aggressiven Menschenmops (Canis massendemos) verwechselt. Von diesem unterscheidet ihn nicht nur sein schlichtes, graues, leicht verfilzendes Haarkleid, sondern auch seine Vorliebe für Wasser. (C. massendemos hingegen hasst beispielsweise Wasserwerfer wie die Pest.) In freier Wildbahn nimmt er gerne kurze Bäder in Putzeimern; zu langes Verweilen führt zur Ausdünstung eines unangenehmen Revierdufts. Ansonsten hält er sich oft wochenlang in Trockenstarre in wasserlosen Lebensräumen auf. Diese Hunderasse wurde speziell zur Jagd auf die nervtötende Wollmaus (Mus sublectulus var. vorwerkii) gezüchtet.

3 Beim Daxhund (Canis domesticus var. dividendus) wiederum handelt es sich um eine alte Jagdhundrasse, die früher vor allem zur Hatz auf Bullen und Bären eingesetzt wurde, heute jedoch eher als sportlicher Szenehund in Mode gekommen ist und sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Zu den besonderen Eigenschaften des Daxhundes zählen in jungen Jahren seine enorme Zuwachsrate und Agilität, speziell in den Gemarkungen des E-Commerce; allerdings ist er bereits dann schon – wie auch mit zunehmendem Alter – nicht vor plötzlichem Verfall gefeit, der ohne erkennbare Ursachen aus heiterem Himmel eintreten kann. Dieser von gewieften Analysten auch als »Talfahrt« bezeichnete Zustand lässt die Beliebtheit des kleinen Kerlchens so abrupt sinken, dass er unbarmherzig von seinen Besitzern verstoßen wird. Im Umland der Frankfurter Börse, das als ursprüngliches Zuchtgebiet dieser Rasse gilt, wird das betroffene Tier mit den altüberlieferten Worten »Sofort verkaufen!« in die Verbannung – oder »abgestoßen«, so der Fachterminus – geschickt; diese Formel muss der Tradition entsprechend via Mobiltelefon ausgesprochen werden. Ungeachtet seiner hohen Sprungkraft im Tagesgeschäft kann man sich C. dividendus aufgrund seiner Tendenz zu Kursverlusten daher kaum als beständigen, treuen Hausgenossen vorstellen, der sein Herrchen bis ins hohe Alter stützt und ernährt. (Zu diesem Behufe besser geeignete Rassen sind Golden Pension Retriever oder Mixed Fund Mastiff, die von Natur aus einfach eine größere Sicherheit bieten.) Global wurde der Daxhund immer wieder weitergezüchtet – so entstanden in Europa der Baissett und der Hausseky Dog, in den USA der Dow-Jones-Terrier und in Japan der Nikkainese.

4 Der Osterházy (Lepus dacapo) ist der einzige Vertreter der Hasenartigen (Lagomorpha), der sich bevorzugt im Orchestergraben aufhält. Stets erkennbar ist dieser Hase an einem weißen, schalartigen Halsstreifen, der sich auch über den Rücken zieht, sowie an einer ausgeprägten, schwarzen Hautfalte, die ihm wie ein Cape in den Nacken fällt. Neben seiner ausgeprägten Vorliebe für Champagner wird aber auch leichte Kost wie rote Rosen oder Tulpen (bevorzugt aus Amsterdam) von diesem Mümmelmann nicht verschmäht. Sein Nachtlager baut der Osterházy aus verlorenen Akkorden, alten Notenblättern und unvollendeten Symphonien. Aber ach, wie die meisten Langohren besitzt auch L. dacapo viele natürliche Feinde, darunter vor allem den Freischütz (Andrewia lloydweberi), doch auch Vogelhändler (Adamo pseudonobilis), Milchmänner (Anatevka galicia) und Bettelstudenten (Academicus milloeckeri) stellen ihm nach. Einen Vorteil hat die Evolution ihm jedoch in die Wiege gelegt: Dank seiner langen Ohren nimmt er schon frühzeitig gefährliche Zwischentöne wahr, sodass er sich vor einem hereinbrechenden Crescendo oder Andante furioso ziemlich allegro in Sicherheit bringen kann (s. a.  Falscher Hase, Lepus fricadellus).

5 Der Halsabschneider (Lanius guillotinus), ein unscheinbarer Singvogel mit schmutzig grauem Gefieder (»Nadelstreifen«), gleicht in seiner Biologie dem Neuntöter (Lanius collurio) oder Rotrückenwürger, der seine noch lebende Beute – teilweise sogar größere Kleintiere – an langen Dornen im Gebüsch aufspießt. Ursprünglich bis Mitte des 19. Jahrhunderts weltweit verbreitet, saß der Halsabschneider nicht wie andere Raubvögel auf einer hohen Warte, sondern lauerte gut getarnt in dunklen Mauerecken oder Hauseingängen, um sich im Schutze der Dämmerung auf seine Beute zu stürzen. Bevorzugte Opfer waren Lebewesen, die genervt, gestresst, geschwächt oder anderweitig in Not geraten waren. Aufgrund starker Verfolgung durch die jeweiligen Rechtssysteme schrumpfte der ursprüngliche Bestand beträchtlich. Vom unmittelbaren Aussterben bedroht, gelang es dem Halsabschneider jedoch, durch einen bravourösen Zug (man kann nahezu von einem Paradebeispiel für die Anpassungsfähigkeit der Natur sprechen) zum echten Kulturfolger zu mutieren, der seine Ernährungs- und Lebensweise völlig umgestellt hat. Anstelle von Blut lebt er heute von Zinsen (z. B. aus Wett- und Spielschulden), deren Niveau ähnlich wie beim Kredithai (Targocarcharias multidebitorius syn. Catarhinus monetarius progressivus) jenseits von Gut und Böse liegen. Andere Nahrungsquellen sind Mieteinnahmen, Personalkredite oder Aktienfonds. Das Nest des Halsabschneiders enthält zahlreichen Haken, an denen er seine Kontrakte aufhängt. In einem nicht nur für Ornithologen interessanten Beispiel von Mimikry imitiert der Halsabschneider smarte Vermögensberater oder adrette Sachbearbeiter von Kreditinstituten, wobei er sich geschickt durch ein charakteristisches Nadelstreifengefieder und sein angeborenes einschmeichelndes Verhalten tarnt. Aber auch Kleininserate zu Direktkrediten, die über kostenlos verteilte Wochenendblättchen in Umlauf gelangen, helfen dem gefiederten Monster immer wieder, neue ahnungslose Opfer zu finden und in den finanziellen Ruin zu treiben. Auf Anfragen der Schufa beim Vogelschutzbund NaBU wurde bei dessen letzter Jahreshauptversammlung in Erwägung gezogen, angesichts der mittlerweile drastischen Bestandszunahme eine Abschussquote (im dreistelligen Bereich) zu befürworten.

6 Der giftspritzende Talkmaster (Vipera annewilla) aus der Familie der Viperidae (Vipern und Ottern) ähnelt von Biologie und Verhalten dem Australischen Buschmeister oder Bushmaster (Lachesis muta). Die stets nach dem letzten Schrei beschuppte Schlange stammt ursprünglich aus Nordamerika und wurde bei uns über die Niederlande eingebürgert; sie bevorzugt kleine, quadratische Wohnhöhlen, deren Vorderseiten verglast sind. Nach Betätigung der Fernbedienung werden Talkmaster zu jeder Tageszeit putzmunter und plappern, was das Zeug hält. Als Nahrung dienen ausschließlich sogenannte Einschaltquoten; sobald diese einen bestimmten Level unterschreiten, geht die Schlange unweigerlich ein – ein großes Problem besonders bei Exemplaren, die unter Knebelverträgen in Gefangenschaft gehalten werden. Mithilfe eines Langzeitgifts, dem Quototoxin, werden die Opfer scharenweise gelähmt; dessen chemische Analyse ergab einen hohen Anteil Schwafelsäure (47,4 %), Gamma-Egozentrin (21,8 %), Beta-1,4-Bloedsin (14,89 %), Hissssstamin (0,66 %) sowie zahlreiche, nicht näher untersuchte Laberstoffe und Weichmacher (darunter u. a. polymere Frustrane, etliche Knalldehyde und Telegen-Derivate) – kurzum, ein recht spritziger Cocktail. Talkmaster kann man gefahrlos anfassen, weil das Gift nur über die Netzhaut in den menschlichen Körper eindringt; dort führt es jedoch nach mehrstündigem Kontakt zu Stumpfsinn, Willenlosigkeit und Hirnerweichung, auch bekannt als MIS (Maybrit-Illner-Syndrom). Der Artenschutz von Talkmastern fällt übrigens – wie auch beim Ergrauten Star (Megadiva heestersi) – in den Zuständigkeitsbereich der GEZ und wird durch eine bundesweite Gebührenordnung finanziert.

7 Die gewaltige Riesenbo-äh (Pytton bochum), auch unter den Namen Gemeine Revierschlange oder Großer Püttwurm bekannt, hat sich vortrefflich an das Leben im Großstadtdschungel adaptiert. Als Lebensräume nutzt dieses Riesenreptil ausschließlich rußreiche, versmogte Reviere, wo es vorzugsweise dunkle Förderschächte besiedelt; mitunter trifft man dieses Kriechtier aber auch in kleinen, ergrauten Reihenhäuschen (den sogenannten »Kumpelhäusken«) an. Einer Riesenbo-äh sollte man niemals von der Seite kommen, da sie den vermeintlichen Angreifer sofort unter bösartigen Zischlauten (»Gezz iss shluuusss«) attackiert. Die Nahrungsaufnahme der streng vegetarisch lebenden Schlangen erfolgt nie unter Tage, sondern stets oberirdisch. Zwar hat man in jüngster Zeit auch einzelne Exemplare gesichtet, die sich über Essensabfälle, wie Pommes frites, Pils und Currywurst, hermachten, normalerweise ernährt sich P. bochum jedoch ausschließlich vom Kohlepfennigkraut (Obulus carbonicus), einer Zivilisationspflanze aus der Familie Verwaltungskräuter (Politicaceae; vormals: Administrales). Hier steht P. bochum in direkten Nahrungskonkurrenz zum nahe verwandten Riesenrheinwurm (Pytton gartzweileri), auch Tagesbo-äh genannt, einer weiter südwestlich lebenden, meist reinbraun, oft aber auch rot-grün gezeichneten Riesenschlange. Aufgrund des hohen Nahrungsbedarfs der Tiere, der nur unzureichend aus der öffentlichen Hand gedeckt werden kann, und dem gleichzeitigen drastischen Rückgang von O. carbonicus müssen wir mit dem baldigen Aussterben dieser Riesenschlangen rechnen. Erschwerend kommt in solch einer fatalen Situation noch hinzu, dass das standorttreue Tier aufgrund seiner ausgeprägten Revierverbundenheit selbst dann, wenn ihm das Wasser bis zum Hals steht, lieber im Kohleschacht ersäuft, als ihn freiwillig verlässt.

8 Die Gruppe der Amphibien ist besonders stark von Klimawandel und Umweltverschmutzung betroffen, da sich nur wenige Vertreter erfolgreich an die anthropogenen Veränderungen ihrer Lebensräume adaptieren konnten. Darüber hinaus kennt das Gros der Bevölkerung nur wenige oder überhaupt keine dieser schlüpfrigen Überlebenskünstler – entweder, weil die Tiere nur zu manchen Jahreszeiten auftauchen, wie beispielsweise der Knallfrosch (Rana sylvester), der immer in den letzten Dezemberwochen unüberhörbar in Erscheinung tritt, oder aber wie die Falsche Wechselkröte (Bufo nonindossabilis) in völliger Abgeschiedenheit leben. (B. nonindossabilis hält sich knapp oberhalb der Deckungsgrenze von Bankkonten auf und wird nur dann vom Laien wahrgenommen, wenn sie gerade mit lautem Knall geplatzt ist.) Andere amphibische Kulturfolger wie Lustmolch (Triturus nymphomanes) und Salamikröte (Bufo beefi) sind nur Personen mit bestimmten beziehungsweise ausgefallenen Geschmacksrichtungen bekannt. Umso erfreulicher ist, dass der Wetterfrosch (Rana kachelman), ein Vertreter der Anuren (Froschlurche), nicht nur als treuer Hausgenosse akzeptiert wurde, sondern auch nutzbringend zur Schönwetterprognose im Alltag eingesetzt werden kann. Allerdings hat die vermehrte Verwendung von KI-Software in der TV-Meteorologie in den letzten Jahren dazu geführt, dass dieses kleine grüne Kerlchen immer seltener zur Wettervorhersage in Nachrichtensendungen gebraucht wird.

9 Viele Menschen ekeln sich vor Spinnen, aber nicht vor dieser – die ebenso zeit- wie geschmacklose Wäschespinne (Arachne lenor) ist aus dem Leben vieler Hausfrauen einfach nicht wegzudenken. Sicherlich mag es daran liegen, dass sie weder gruselerregende Härchen besitzt, noch zottige Spinnweben hinterlässt und sich obendrein auch nicht unverhofft von der Zimmerdecke herabfallen lässt. Ihren langen, oft schlicht weiß lackierten Metallbeinen kann man sogar eine gewisse Ästhetik nicht absprechen. In Sachen Pflege, Wartung und Bedienung verschlingt sie mehr Zeit als ihre moderne Konkurrenz, der Spinn-Dryer (Turbosecator dyson), ein ursprünglich aus Nordamerika stammender, von Werbefuzzis und Austauschstudenten eingeschleppter Arachniden-Exot. Dafür punktet A. lenor in den Bereichen Nachhaltigkeit und Energieverbrauch – einmal für wenig Geld angeschafft, überlebt sie mehrere Spinn-Dryer-Generationen, die in der Regel nach zwei bis drei Jahre ihre elektronische Seele aushauchen. Gerade bei jungen Vertretern der Friday-For-Future-Generation feiert die Wäschespinne daher ein durchaus verdientes Comeback.

10 Die Lakritzschnecke (Helix haribo) zählt zu den wenigen Schneckenarten, die sich beim Menschen besonderer Beliebtheit erfreuen. Als eindeutiges Landtier (in Wasser quillt sie zu einer schwarzen, formlosen Masse auf) döst sie oft tagelang träge in hohen gläsernen Wohnhöhlen, die im Halbdunkel von Trinkhallen und Zeitungskiosken stehen. Diesen Lebensraum teilt sich H. haribo mit anderen Schnuckeltieren, wie z. B. Sauren Dropserln (Dropsophila bonbon), Mäusespeckwürmern (Camella marshmallowensis) und Gewöhnlichen Brauserlingen (Fizziphora simplex) – eine heterogene, von Biologen auch als Kiosksphäre bezeichnete Lebensgemeinschaft. Zum Schutz ihres weichen Körpers umgibt sich die Lakritzschnecke beim Verlassen der Wohnhöhle mit einem durchsichtigen, viereckigen tütenförmigen Sack, den sie mit anderen Schnecken gemeinsam nutzt. Dieser »Schneckensack« ist an den Enden so fest verschweißt, dass er selbst unter Anwendung hoher Zug- und Reißkräfte sogar an den dafür vorgesehenen Sollbruchstellen nicht aufplatzt. Lakritzschnecken sondern ein dickflüssiges, klebriges, schwarzes Sekret ab, das nicht nur sehr viel Zucker (85 % Glukose) enthält, sondern auch das euphorisch wirkende Salmiacin, welches in Forscherkreisen sogar als Suchtstoff (»Weiche Droge«) diskutiert wird.

11 Beim heimischen Kurschatten (Solanum badenbadense) aus der Familie der Nachtschattengewächse (s. a.  Treulose Tomate, Solanum perfidum) gibt es weibliche und männliche Pflanzen, von denen letztere besonders interessant sind: Mit ihren prächtig herausgeputzten cremeweißen Blüten (sogenannten »Langbindern«), mattblau-metallic glänzenden Blätter und durchtrainierten, muskulös verzwirbelten Stielen ziehen sie die Aufmerksamkeit anderer Kurpflanzen auf sich. Ähnlich wie das Gemeine Erbschleichkraut (Gigolo pseudamorosus) schmarotzt nämlich auch der Kurschatten als Halbparasit auf anderen Pflanzen. Sein Lebensraum sind die Parks von Heilbädern und Kuranlagen – als Zimmerform findet man ihn aber auch in Vier-Sterne-Hotels, Spielcasinos, Theaterfoyers sowie auf Kreuzfahrtlinern. Charakteristisch sind seine prominenten Außenranken, mit denen die meist weiblichen Wirtspflanzen umgarnt und eingewickelt werden – bevorzugte Spezies sind Reiche Witwe (Multidollaris relicta) und Altstar (Diva obsoleta). Laut einer Hypothese erzeugen die Wirtspflanzen durch Aneinanderreiben der Blätter niederfrequente Klickgeräusche, die wie herabfallende Münzen klingen und S. badenbadense beim Aufspüren seiner Opfer helfen.

12 Ein häufiger Vertreter der heimischen gewässernahen Flora ist das gar nicht so seltene Mauerblümchen (Archaeovirgo desperata), zu dessen charakteristischen Merkmalen ein unscheinbares blassrosa Blütenkleid, ein gedrungener, glanzloser Stängel sowie derbhäutige, grobporige Blätter zählen, die von einem feinen, leicht fettigen Schuppenfilm überzogen sind. Zusammen mit üppig wucherndem Seifenopernkraut (Soaponaria teenimanes), halb erblühten Backfisch-Röschen (Venusilla praeflorescens) und kurzstängeligen Halbsträuchern wie der Tauben Nuss (Corylus merknix) bildet A. desperata einen dichten Ufervegetationsgürtel, der einer vielschichtigen Hydrofauna als gut geschütztes Balz- und Laichrevier dient. Einer der häufigsten Besucher dieses ökologischen Paradieses ist der Tolle Hecht (Esox blendax), der sich bevorzugt von Kleinkrebsen und Wasserinsekten, wie Schaumschläger (Pseudomacho spumantifer), Dünnbrettbohrer (Perforator tabulinarius) oder Zockerbock (Programmatifex nerdoides), ernährt. Dieser gefräßige, abgezockte Raubfisch schnappt sich gerne auch mal einen verirrten, aus der städtischen Kanalisation entwichenen fetten Bachklokrebs (Gammarus sanitarius) und macht selbst vor den flauschigen Küken der Lahmen Ente (Anas blayphus) nicht Halt. Weil Tolle Hechte aber auch viel Mist hinterlassen, haben Mauerblümchen & Co. ein reichliches Nahrungsergänzungsspektrum, welches im Spätsommer und Frühherbst die teilweise schon abgestorbenen Pflanzen zu einem erneuten, intensiven Blütenaustrieb veranlasst, in Fachkreisen auch »Zweiter Frühling« genannt.

13 Der Gemeine Chlorbleichling (Purgatorius domestos) ist ein eher unauffälliger, heute selten gewordener Pilz, oft vergesellschaftet mit anderen Putzschrankbewohnern aus der taxonomischen Sammelgruppe der Ikearegales, z. B. Kleinem Drahtschwammerl (Abrazas borsticus), Scheuermilchstern (Ata vulgaris) oder Grünem Spülicht (Pril liquidus). Extrem lichtscheu bevorzugt er feucht-warme dunkle Standorte (Badezimmerspinde oder Küchenunterschränke), wo er zusammen mit Weichem Wollmoos (Vernellus pseudolenor) und Perligem Saubermann (Persilius megaperlis) angetroffen wird. Früher ein gern gesehener Hausgast symbolisiert der Gemeine Chlorbleichling seit alters her die Reinlichkeit und den Duft des ärztlichen Wartezimmers. So galt er bei den Ureinwohnern Nordamerikas als Lieblingspflanze von Sagro Tan, dem Gott der Keimfreiheit. Die Indianer zerstampften reife Pilze (höchstwahrscheinlich den Amerikanischen Chlorbleichling, P. danclorix), ließen den Brei gären und versprühten den Saft in alle Ecken ihrer Häuser, um böse Geister zu vertreiben. (Relikte dieses sogenannten Sagro-Tan-Kultes werden übrigens auch heute noch in vielen Teilen der USA beobachtet.) Nach seiner Einbürgerung in Europa war der Chlorbleichling trotz seines leicht stechenden, mitunter tränenden Geruchs ziemlich beliebt, da er Schmierstoff-, Tee-, Obst- und andere hartnäckige Flecken im Handumdrehen vertilgte. Als man aber herausfand, dass er den einheimischen Gemeinen Essigreiniger (Acetophilus froschii) mit seinen ätzenden Chlorgasen fast völlig verdrängt hat, wurde er – im Rahmen einer bundesweiten Renaturisierungskampagne zur Rettung des Gemeinen Essigreinigers – gnadenlos aus vielen Putzschränken verbannt.

14 Last but not least soll an dieser Stelle ein wohlschmeckender, größtenteils unbekannter heimischer Speisepilz vorgestellt werden. Den erstmals 1912 in Cannstadt bei Stuttgart gefundenen Rittersportling (Laccaria quadratica-practica-bona) kann jedes Kind leicht an seinem viereckigen, in vielen Farben schillernden Schirm sowie am knickfähigen, wiederverschließbaren Lamellensegel (Velum) erkennen. Das Velum umhüllt eine quadratisch angeordnete Ansammlung kakaofarbener Sporen, die mal nach Minze und Marzipan, mal nach Erdbeere und Orange, aber immer intensiv nach Schokolade schmecken. Aber warum ist dieses mykologische Kleinod in Deutschland eigentlich so gut wie kaum bekannt? Ein Hauptgrund könnte sein, dass die exakten Koordinaten der wenigen Standorte als wohlgehütetes Familiengeheimnis nur von Generation zu Generation weitergegeben werden. Somit gibt es so gut wie keinerlei Grundlagenforschung über diese Spezies, insbesondere deren symbiotisches Baumwurzel-Pilzgeflecht (Mykorrhiza), von Experten als Chocorrhiza bezeichnet. Spekuliert wird über eine Symbiose mit Nusszeder (Hanuta simplex) oder Borkenmilchbaum (Vaccalila [syn. Milkoidea] trapezoides). In den Folgejahren verliefen sämtliche Versuche, den Pilz unter Kunstlicht in Tunneln (ähnlich wie Zuchtchampignons) zu ziehen beziehungsweise aus seiner angestammten schwäbischen Heimat nach Norden, Süden, Osten, Westen oder gar ins Ausland zu bringen, kläglich im ariden, nicht-württembergischen Sande.

Alexander Röder – Duell der Schlemmersekten

In einem abgelegenen Gasthaus am Rande einer Pyrenäenschlucht kam es in einer stürmischen Nacht zum Kampf zweier kulinarischer Geheimgesellschaften, um Deutungshoheit, Ehre und nachhallenden Ruhm. Passend zu diesem umwälzenden Ereignis brodelten die Wolken über den schroffen Gipfeln und der Donner rollte blitzgetrieben dahin, dass es die Bäume zauste und die Hänge erbeben ließ. Das Spektakel droben würde sich zweifellos weiter unten fortführen.

Im großen Saal der Speiseherberge hatte der Patron alles herrichten lassen: Auf dem freigeräumten Parkett standen mittig drei Herde, einer elektrisch (die Kabelage sorgfältig und stolpersicher verlegt), einer mit Flaschengas betrieben und einer ganz altmodisch mit Holz geheizt und schon vor Stunden befeuert. An den gegenüberliegenden Seiten des Saales standen, in zwei Lager gespalten, die verhüllten Gestalten, helle Kutten auf der einen Seite, dunkle Kutten auf der anderen, in jeweils unterschiedlichen Farben, die gewiss eine Bedeutung besaßen, aber wer konnte das außerhalb der geheimen Verbindungen schon wissen: wir nicht.

Klar aber war, dass es sich bei diesen Gesellschaften um die Dalísten und die Pomianer handelte. Diese wie jene hatten sich nach ihrem gastrosophischen Idol benannt, respektive Salvador Dalí und Édouard de Pomiane. Da der katalonische Künstler des Surrealismus wegen seiner Exzentrik den meisten Vor-, Während- und Nachgeborenen vermutlich bekannt sein dürfte, sei es als Scharlatan, Faszinateur, Angeber, Paranoiker oder göttlicher Meister, auch und hier besonders von Bedeutung als kulinarisch Kreativer, sei rasch der andere Herr vorgestellt: Édouard de Pomiane war dreißig Jahre älter als Dalí, und statt der Surrealistengottheit nur ein Halbgott in Weiß, sprich Arzt, und vierzig Jahre am Pariser Institute Pasteur beschäftigt, dazu war er Kochkünstler, Kochlehrer und Erdenker der Gastrotechnik, während Dalí, man mag die Analogie anwenden, eher ein Gastromagier war. Und dieser Unterschied im Angang war die Grundlage der beiden Geheimgesellschaften. Beide hatten sich den mit Lust und Freude bereiteten und ebenso genossenen Speisen verschrieben, nur eben mit gänzlich gegensätzlicher Herangehensweise. Wie man sich bei Dalí denken kann, selbst wenn man nicht die einschlägigen Prachtband-Publikationen bestaunt hat, herrschte beim surrealen Grandseigneur eine überbordende Opulenz vor, die sich über Zutaten, Herstellung, Darreichung und Namensgebung der Gerichte erstreckte: Speisen aus Eiern und Fischen fasste er unter dem Begriff der ›Kannibalismen des Herbstes‹ zusammen; kleine Vorgerichte waren ihm ›Liliputaner-Malaisen‹, Schweinernes empfand er als ›Weiche Uhren im Halbschlaf‹ (obgleich eines seiner bekanntesten Bildelemente doch eher auf fließendem Camembert beruhte) und alles Vegetabilische schmähte (?) er als ›Desoxyribonuklein-Atavismen‹. Dass er weiteres Schlachtfleisch als ›Sodomitische Zwischengerichte‹, Wild und Geflügel jedoch als ›Monarchische Fleische‹ empfand, – nun, du bist, was du isst, wie der Volksmund weiß, selbst wenn dieser jenes nur selten zwischen den Zähnen hat.

Ganz anders nun Pomiane: Der schwor jeglicher komplizierten Verkünstlerung ab und propagierte die schnelle Küche, die jedoch keinesfalls minderwertig sein würde. Vielmehr sollte mit guten, wenngleich schlichten Zutaten (im Gegensatz zu Dalís Wachteln, Krammetsvögeln, Seeigeln, Schnecken, Krebsen und dergleichen) die gute, bürgerliche Küche für jene mit knapper Mittagspause (und dennoch Zwang oder Wille zum Selbstbekochen, aus welchen Gründen auch immer) ermöglicht werden: Pomianes Gastrotechnik bestand im Grundsatz aus Gerichten, die mit Geschick dank genauer, doch einfacher Anleitung in zehn Minuten zu bereiten waren, um in einem einstündigen Zeitfenster, am Ende noch Zeit für einen geruhsamem Kaffee samt Träumerei und Entspannung – quasi am realen Fenster – zu finden. Seine schlichten Empfehlungen waren denn oft Kurzgebratenes mit Gemüsen (was ihn nicht daran hinderte, bei der Beschreibung eines in Butter gebratenen Kalbskoteletts an grünen Erbsen poetisch zu werden), rasche Suppen, soßierte Nudeln, auch Frittiertes und Salate, je nach Geschmack und Jahreszeit, wodurch er sich durchaus in den Ruch der nouvelle cuisine setzte, obgleich sein wichtigstes Wirken in den Dreißiger Jahren geschah. Auch widmete er seine Gerichte und Zubereitungen all jenen, die vom Tempo der Moderne getrieben waren, und nicht nur, wie Dalí es tat, dessen Muse Gala.

Es wurde unruhig im Saal. Unter den Dalísten befanden sich mehr Galas als kleine Verkäuferinnen, wenngleich die Pomianer sich keineswegs allein aus Angestellten rekrutierten: Auch und gerade der darbende Künstler konnte sich die feinschmeckerischen Festivitäten des Dalí kaum leisten und suchte seine Erfüllung notgedrungen im Frugalen. Dem aber hatten sich auch Wohlhabende verschworen und suchten ihr Heil im Kargen, in der cucina povera, ohne jedoch einem historisierenden Pauperismus zu verfallen und nur noch Rinden zu nagen, wie die ganz Armen, falls diese überhaupt einen Kanten Brot besaßen. Wiederum tummelten sich unter den Dalísten reichlich Möchtegerne, die ihr bescheidenes Einkommen durch reiches Äußeres zu kaschieren suchten. Einerlei, bei den jeweiligen Treffen waren ohnehin alle maskiert, um Anonymität zu wahren und sich trotz gleicher Interessen nicht allzu sehr der Gleichmacherei zeihen zu lassen. Ab und an ließ man seine wahre Gesinnung ohnehin zu Hause, oder gab sie an der Garderobe ab.

Doch nicht heute, heute wurde es ausgefochten! Enthusiasmiert und ungeduldig harrten die Anwesenden. Die Türflügel zum Saal knarrten und die beiden Zeremonienmeister traten ein, von jeder Partei einer. (Genauer auch eine, denn das Dalístengewand bauschte sich hier und da verdächtig und unter der ans Venezianische gemahnenden Gesichtsmaske klang es hernach recht hell.) Gravitätisch wurde zu den drei Herden geschritten, sich knapp verneigt und dann die Estrade erklommen, auf der zwei Pulte standen, jeweils mit passenden Girlanden geschmückt, recht bunt, aber eher hell oder eher dunkel gehalten, wir erinnern uns. (Die helleren Gesellen waren übrigens die Pomianer, was wohl den Arztkitteln und Kochschürzen Tribut zollen sollte, während die Dalísten sich eher im Stand von Hohepriestern und Würdenträgern sahen. Es blinkerte bei jenen auch etwas mehr, so hier und da, manche trugen gar Epauletten wie die Palastköche. Kochmützen gab es aber nicht, sondern bei allen nur Kapuzen.)

Oh doch, Kochmützen! Die kamen nun in den Saal, denn die beiden kulinarischen Duellanten hatten sich gewissermaßen mit heldischen Helmen versehen. Keck fiel die Haube beim einen zur einen, beim anderen zur anderen Seite. Darunter glänzten die Halbmasken, denn Nasen und Münder mussten beim kämpferischen Kochen ja frei bleiben. Auch trugen sie keine Kutten, sondern reinweiße Kochjacken, mit jeweils hellem oder dunklen Halstuch, zum allbekannten, kompakten Knoten geschlungen. Die Beinkleider bauschten sich passend kariert, man hielt denn doch auf Tradition. Zugegeben, etwas davon abweichend war dem Anlass entsprechend der Uniform ein kleines Detail beigefügt worden: Um beider Schultern, unterhalb des hohen Umklappkragens, schmiegte sich ein kurzer Umhang, ein knappes Cape, das bis zur die Nierengegend reichte, und bei jedem Schritt dekorativ wippte. Die Duellanten schritten auf dem Weg zur dreifachen Herdstatt die Reihen ihrer Getreuen ab, nickten huldvoll und nahmen die Komplimente entgegen, während sie Gegner und Widerstreiter keines Blickes würdigten. Konzentration tat not und kühler Kopf galt zu bewahren, zumal die drei Herde bald gemeinsam ihre Hitze ausstrahlen würden.

Die Kulinarduellisten bauten sich auf, einander gegenüber stehend, die Reihe der Herde zwischen sich. Sie würden sich in die Augen sehen können, außer wenn die beiden Kaminröhren des Holzfeuerherdes in der Mitte den Blickkontakt behinderte. Zu erklären ist noch, dass die drei Herde Sonderkonstruktionen waren, mit je zwei Bratröhren im Korpus und zwei Reihen von Schaltern für die Kochstellen, jeweils am gegenüberliegenden Ende. So konnten die Duellanten gleichzeitig wirken, ohne einander in die Quere zu kommen, gleichzeitig waren Kontrolle und Einschüchterung möglich. Zweifellos, das Duell war höchst durchdacht.

Hinter den Duellanten standen die Tische mit den Rohwaren und den Kochutensilien: Die blanken Töpfe und die glänzenden Gerätschaften, die prangenden Früchte, Gemüse, Fische und Fleische, nebst Flaschen und Schalen mit mannigen Zutaten, zudem reichlich Freiraum zum Herrichten und Vorbereiten. Und dann stand da noch jeweils ein Pult, ein hölzerner Hybrid aus Katheder und Notenständer, verdächtig schlicht, als sollte es nicht ablenken, doch von was? Ah, da traten zwei hochgewachsene Männer in Schwarz heran, jeder trug eine flache, lackierte Schatulle, die eine größer, die andere kleiner. Jetzt wurden zwar keine Waffen verteilt, doch das wichtigste Rüstzeug überhaupt: Die Heiligen Schriften.

Der Dalíst öffnete die breitere Kassette und entnahm unter dem andächtigen Raunen seiner Mitgläubigen den prächtigen, goldglänzenden Folianten mit den Rezepten und hob ihn empor. Gleichzeitig griff der Pomianer in das kleinere Behältnis und zog ein schmales Brevier von schlichtem Äußeren hervor, was die Seinen mit nicht weniger Andacht bedachten als die Gegner das Ihrige. Beide Duellanten schritten zu ihren jeweiligen Buchständern und legten die Werke sachte ab. Dann wandten sie sich der Estrade zu. Die Zeremonienmeister nickten, hoben die Arme und sprachen in einer Art Wechselgesang diverse Mantren, wiederholten den Anlass der Zusammenkunft und einiges mehr, was für uns nicht von Belang ist und zudem arkanes Geschwafel und durchaus befremdlich für Nichteingeweihte. Interessanter für uns ist das Folgende, was den Mund wässern machte, und nicht die trockenen Zeremonielle: Denn endlich schritten die Duellanten zur kulinarischen Tat. Auf der Estrade spielte eine kleine Kapelle dezente, appetitanregende Weisen, die zudem ein rhythmisches Kochen ermöglichten. Zudem würde das sich allmählich steigernde Tempo der Stücke auch der weiter nahenden Klimax der Veranstaltung ankünden: Nach der Verkostung des Gekochten folgte die Verleihung des Preises, die Kür des ewigen Siegers.

Die Pomianer und Dalísten am Rande zogen ihre Programme heraus, hübsch auf Bütten gedruckt, darauf stand die zu erwartende Speisenfolge, gewissermaßen das Libretto der kommenden Koch-Oper.

»Meine Herren, starten Sie die Herde«, sprachen die Zeremoniellen, und das traf nicht allein auf die elektrischen und gasbetriebenen Feuerstellen zu, nein, es wurden auch die Klappen des Holzofens gelüftet, um tüchtig das Feuer zu schüren. Die Hitze im Saal stieg. Es begann.

Unter der Ägide ihrer Schutzheiligen nahmen die Duellanten ihr Werk in Angriff.

Die Vorspeise:

Der Dalíst bereitete ein exquisites Heringspüree, indem er nebst der Fische auch Zwiebeln und Kartoffeln in thymianparfümierter Bouillon sott und die Masse hernach fein zerstampfte. Dazu eine Mayonnaise mit Cayenne und Safran, frisches Meterbrot anbei.

Der Pomianer war gemäß seines Glaubens rascher in der Zubereitung: Austern auf Bordelaiser Art. Die Mollusken wurden in ihren Halbschalen von krossen Bratwürstchen begleitet. Dies war als Eingangsgericht vielleicht etwas mächtig, doch von höherer Kulinarik als das schlichte Käseomelett, welches der Pomianer dennoch parallel bereitete. Auch die schnelle Küche bot ihre Gourmandisen.

Alles wurde den unbewussten Unparteiischen serviert: Einer Riege von Herren und Damen, die in einem Raum nebenan saßen und glaubten, sie wären schlichte Gäste, oder zumindest solche, die es in jener Gewitternacht per Zufall in das abgelegene Lokal verschlagen hatte, weil ihr gemeinsames Gefährt havariert war. Dass dies alles perfide geplant war, ahnten sie wohl nicht. Dennoch würde ihr Urteil über die Gerichte einen Teil der Entscheidung ausmachen. In diesem Augenblick jedoch freuten sie sich darüber, dass ihnen unverhofft in all dem Unglück ein solch exquisites Nachtmahl serviert wurde. Der Patron flunkerte etwas von übrig gebliebenen Übungsgerichten daher.

Währenddessen ging der Dalíst über, das Hauptgericht zu bereiten: speckummantelten, überkrusteten Kalbsschlegel mit Sauerampfer, dazu Lammhirntoast und Anchovishäppchen. Letztere beiden waren eigentlich Zwischengerichte, doch als Beilagen verstärkten sie das Gesamtbild.

Der Pomianer mengte grünen Lattich und schälte bereits Obst für die Brieplatte. Er wusste, dass er mit diesen schlichten, erfrischenden Genüssen gegenüber den überspannten Dalísmen würde punkten können: Denn das Lammhirn wurde von Alligatorbirnen begleitet, die manche ganz unverständlich Avocado hießen, und die Anchovis wurden, obwohl bloß provenzalisch aromatisiert, als auf weihnachtliche Art angepriesen. Derlei verwirrt ehrliche Gaumen, klar, da mochte es noch so sehr munden.

Der Dalíst ließ sich dazu hinreißen, noch weiter zu trumpfen und begann, die hochgerühmten Trüffelwachteln auf Mais mit Kalbsfarce und Rohschinken zu füllen. Der Pomianer briet schlicht Schnitzel naturell und dämpfte grüne Erbsen, in geradezu mönchshafter Ruhe und Konzentration. Der Dalíst hingegen wirbelte exzentrisch in seinen Schuhen aus ausgehöhlten Broten herum, setzte gar die doppelverglaste Brille mit den Ameisen darin auf. Den Pomianer und auch unsereinen hätte das doch sehr gestört.

Das Dessert nahte. Der Pomianer rührte süßes Kastanienpüree und versah Schälchen voller Ziegenrahmkäse mit einem Klecks Schattenmorellenkonfitüre, der Dalíst hingegen kochte Pinienkerntoffee und Aprikosenfruchtcreme. Der Pomianer goss bloß noch den Kaffee auf.

Wer nun nicht in den Prozederes der Dalísten und Pomianer bewandert war, mochte sich fragen, wie es gelang, dass die aufwendigen Gerichte auf der einen und die einfacheren auf der anderen Seite (wortwörtlich auch auf die Herde und Kochstellen bezogen) so zeitnah vervollständigt waren, dass die unwissenden Speisenden der Jury sie dennoch im zeitlichen Rahmen eines schmackhaften Abends genießen konnten. Nun, der Pomianer taktete sich gewissermaßen gastrotechnisch gemäß des Metronoms der Quantenkomputistik und des menschlichen Multitaskings, während der Dalíst schlichtweg surreal schummelte und die Zeit sich dehnen und zäher fließen ließ. Aber das bemerkte niemand, weil er so viel Aufhebens, Brimborium und Schall und Rauch zelebrierte: Er hatte auch eine Schwäche fürs Flambieren und anderes Gefackel, auch wenn es die Gäste im Nebenraum gar nicht sahen, die aßen, was auf den Tisch kam, und all das mit Freude. Was am Ende leider zum Problem wurde. Denn als die fröhlich Gesättigten ihre Grüße in die Küche sandten, konnte auch nach penetrantem Nachhaken nicht ermittelt werden, welche der Gerichte oder welche Kombination denn allen am meisten zugesagt hatten. Es herrschte Gleichstand. Das kommt davon, wenn man Laien fragt. Die Zeremonienmeister – welche sich währenddessen als Kellner und Serviertochter getarnt und selber nachgefragt hatten – kamen nach Beratung in den Saal zurück und wollten das problematische Urteil verkünden, als etwas Unerhörtes geschah.

Hier sei aus Gründen der dramaturgischen Verzögerung, des Spannungsaufbaus und der Vorahnungsbildung eine Anekdote eingestreut: Niemand soll nämlich glauben, die Dalísten und Pomianer seien aus der Luft gegriffen oder passender gesagt aus dem Zwischenrippenstück geschnitten. Derlei Gesellschaften gibt es in der Tat und ihre Zwiste führen oft zu üblem Ende. Etwa hier: Im Dezember 1982 starb in Castelnaudary, welches im französischen Département Languedoc gelegen ist, ein Monsieur Bémer aus Toulouse während eines kulinarischen Zwistes an einer Bohne. Einer blauen, wie man früher sagte, sprich, einem Bleigeschoss. Und das kam so: Seit Langem schon schwelte im Languedoc der Hass unter den Freunden des Cassoulets, also jener traditionellen südfranzösischen Speise, die so viel mehr ist als ein robuster Fleischeintopf mit Bohnen. Es geht nämlich stets auch um die Zubereitung, welche durchaus eine Glaubensfrage ist. Die einen fügen den weißen Bohnen, dem Speck, der Knoblauchwurst, dem Schweinefleisch noch eingemachte Gans bei. Die anderen bestehen auf Ente. Andere lehnen das Geflügel gänzlich ab und bescheiden sich mit Lamm als Dreingabe. Aber was ist nun das Wahre, das erhabenste Cassoulet? Darob gründeten sich im Languedoc zu jener Zeit verschiedene Vereine, die beide ›Freunde des Cassoulet‹ sich nannten, aus Carcassonne und aus Toulouse, welche respektive zur Gans- und Lammfraktion sich zählten, die Ente insgesamt verschmähten, was wiederum einige in Castelnaudary, die nicht vereinsmäßig organisiert waren, gelassen, aber anders sahen. In jenem Dezember nun wollten die Widersacher sich versöhnen, bei einem Essen im ›Maison de Cassoulet‹, wo es besagten Eintopf ohne Gans und ohne Ente gab, dafür vorschriftsmäßig sieben Mal überbacken und die Kruste jeweils untergerührt, für den exquisiten, knusprigen Genuss. Aber trotz des Schmausens brauste der Streit auf, es flogen Fäuste und Geschirr, die Prügelnden strömten auf die dunkle Gasse, es krachte ein Schuss und die Bescherung war da, der Monsieur Bémer war dem Streit ums Cassoulet erlegen. Die Vereine wurden auf Befehl der Präfektur aufgelöst, doch der Hass garte und gärte weiter. Siebenfach überbacken!

Drohte ein Ähnliches bei der Zusammenkunft der Pomianer und Dalísten? Ob nun bei Versöhnungsmahl oder Kulinarduell, ohne Einigung und Sieger war kein friedliches Ende zu erhoffen. Die Luft im Saal war unheilschwanger, unter die köstlichen Düfte der Gerichte mischte sich Bitternis.

Nestelte da schon jemand unter der Kutte nach dem Mordgerät, ballten sich schon Fäuste, wurde nach den Pfannen und Messern geschielt? Unruhe im Saal, die Gewänder bauschten sich, die Kapuzen zitterten!

Und dann geschah das bereits angekündigte Unerwartete – doch für die Anwesenden tatsächlich überraschend: Mitten im Saal (Donner und Blitz draußen hatten kurz zuvor eine Atempause eingelegt und legten hernach umso ärger nach) materialisierten sich drei kuriose Gestalten. Sie trugen keine sektiererischen Kutten, sondern schimmernde Einteiler, mit wulstigen Applikationen an Schultern, Kragen, Ärmelaufschlägen, dazu Schweißerbrillen mit kleinen Antennen daran. Die Leserschaft grübelt noch, die Pomianer und Dalísten jedoch waren nach kurzer Schreckstarre hellwach und erkannten: Das sind Futuristen!

Die Futuristen waren eine ganz schlimme Bande, die sich den Thesen des italienischen Dichters Filippo Tommaso Marinetti (Weiteres zu dieser heiklen Person ist auf eigene Gefahr nachzuforschen) verschrieben hatten. Alles musste schnell gehen bei denen: Tempo, Tempo, auch und gerade bei der Nahrungsaufnahme, die im idealen Falle nur aus ›essbaren Plastiken‹ bestand, nüchtern gesprochen aus belegten Broten, wenngleich optisch einigermaßen gefällig geschichtet, aber eben doch nur eine aufgehübschte Klappstulle. Doch das wurde nur als Übergang gesehen: Nährpillen und Speisekomprimate wären die angestrebte Zukunft. Schrecklich, aus Sicht der Dalísten, Pomianer und im Grunde auch aller anderen. Nurmehr Tabletten und ein Glas Wasser als Atzung – niemals! Die Futuristen hingegen sahen alle höhere Kulinarik als Hemmschuh für die Zukunft und in den Dalísten und Pomianern ihre ärgsten Feinde, die es bei jeder Gelegenheit zu piesacken galt. Warum nicht also hier und heute beim großen Duell? Und so ging alles ganz fix: Tempo, Tempo griff je ein Futurist und eine Futuristin nach den heiligen Büchern der Kochduellisten und schnappten sie vom Pult fort, um hernach in einem bunten Strahlenblitz zu verschwinden. Der übrige Futurist, der auch eine Futuristin sein mochte, drehte den Zeremonienmeistern eine lange Nase und warf eine Handvoll Pressnahrung wie Konfetti nach oben. Im farbigen Hagel verschwand auch er oder sie. Die Zurückbleibenden starrten baff. Hochamt und Versammlung waren entweiht, die holden Bücher entführt und alle waren samt und sonders beschämt. Das bedeutete Krieg! Sogleich begann ein eifriges und einiges Palaver über die weiteren Pläne. Bis auf Weiteres war der Zwist vergessen. Bis … na, man ahnte, wie lang das halten würde.

Im Nebenraum erhoben sich nach dem Verdauungsschnäpschen die gedungenen Gäste, die jedoch gar nicht so gedungen waren, sondern die schlimmsten Feinde von allen zusammen, ob von Dalísten, Pomianern oder Futuristen und allen die gerne kochten und speisten. Es waren die getarnten Gastrokritiker Peter Schwan-Hofgarten, Jean-Baptiste Andouille, Gesine Goodfry Gigott und Jakob Schaelribb, die für diverse Gazetten und Postillen gar zu gerne Verrisse schrieben, nachdem sie kostenfrei und gar nicht mal schlecht gespeist hatten, und die höchstens dann und wann gönnerhaft ein paar Empfehlungen wie Brosamen fallen ließen. Und heute hatten sie zur Krönung einen kulinarischen Krieg angezettelt. Man würde noch davon hören oder vielmehr schmecken. Und nun zu Tisch. Bon Appétit.

Kai Riedemann – Das Kreuz mit den Neuroparasiten bei der Bundestagswahl 2025

Nicht drängeln, meine Damen und Herren, es ist noch genug Zeit zum Wählen. Zeigen Sie uns einfach Ihre Toxoplasma-Unbedenklichkeits-Bescheinigung vor, und schon kann es losgehen. Wie bitte? Noch nie davon gehört? Da haben Sie wohl Ihre Wahlbenachrichtigung nicht gründlich gelesen. Hier steht’s: Bitte bringen Sie zur Wahl diese Wahlkarte, einen gültigen Personalausweis und das ärztliche Attest mit.

Wer Toxoplasma-infiziert ist, darf bei der Bundestagswahl 2025 kein Kreuz machen. Und das ist auch gut so. Neue wissenschaftliche Studien zeigen nämlich, dass die winzigen Neuroparasiten für das Wahlchaos überall auf der Welt verantwortlich sind.

Die Parasiten dringen unbemerkt in unseren Körper ein und programmieren das Gehirn um. Wie sich das auswirkt, zeigt am besten das Beispiel der Maus. Infizierte Mäuse verändern ihr Verhalten. Sie haben plötzlich keine Angst mehr vor Katzen. Im Gegenteil: Sie finden Katzen sogar höchst attraktiv. Meine Damen und Herren, Sie können sich die dramatischen Folgen sicherlich vorstellen. Der infizierte kleine Nager läuft seinem Erzfeind nahezu beglückt direkt ins Maul. Haps. Das war’s.

Bei Menschen ist das ähnlich. Studien an der Karls-Universität Prag zeigen, dass Infizierte plötzlich viel mehr Risikobereitschaft zeigen. Sie wagen sich öfter in gefährliche Situationen, neigen mehr zum Selbstmord, finden es sogar toll, gequält zu werden. Jetzt wird Ihnen hoffentlich klar, warum Radfahrer nachts ohne Licht bei Rot über Kreuzungen rasen. Und Millionen Deutsche ekelerregt zuschauen, wenn Toxoplasma-Infizierte im Fernsehen rufen: »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!«

Na? Dämmert es Ihnen? Genau hier kommt die Sache mit den Wahlen ins Spiel. Warum haben damals so viele Amerikaner Donald Trump gewählt? Toxoplasma! Warum lassen sich weltweit so viele Menschen gerne von egomanen Alleinherrschern regieren? Toxoplasma!

Vor allem Katzen gelten als Überträger. Experten schätzen, dass ein Drittel der Weltbevölkerung von Toxoplasma gondii befallen ist. In Deutschland sind es fünfzig Prozent, bei den über Fünfzigjährigen sogar siebzig Prozent. Das erklärt einiges oder? Stellen Sie sich vor: Arbeitslose wählen plötzlich die FDP, Unternehmer die Linken. Und Asylbewerber treten in die AfD ein. Wie gesagt: die Maus und die Katze. Haps.

Um das zu vermeiden, dürfen ab sofort nur noch Bürger mit einer Toxoplasma-Unbedenklichkeits-Bescheinigung wählen. Wir lassen uns unsere schöne Demokratie doch nicht von Neuroparasiten kaputtmachen. Nein, Amerika darf da kein Vorbild sein!

Also machen Sie sich schon mal frei. Nein, nein, der rechte Arm reicht. Sie da hinten können die Hose ruhig wieder anziehen. Wir brauchen nämlich einfach nur eine Blutprobe. In spätestens einer Stunde sollten die Ergebnisse vorliegen und Sie können im Idealfall gleich in die Wahlkabine.

Ach, und falls Sie jetzt denken, die spinnen, die Wahlhelfer, dann empfehle ich Ihnen das Buch von Monika Niehaus über Psycho-Trojaner. Damit Sie endlich verstehen, was wirklich in der Welt los ist.

Frank G. Gerigk – Der Drachenkrug des Po-Tse

Einst geschah einst ein besonderes Ereignis während der Herrschaft der Sòngcháo unweit des Dorfes Jianci, im Kreis Quyang in der Provinz Héběi, die man auch Jì nennt. In dieser Gegend wurden die besten Tonwaren der bekannten Reiche hergestellt; viele davon so delikat und auserlesen, dass sie weit über die Lande bekannt wurden. So kam es über die Zeiten, dass die Kaiser ihren Tee ausschließlich aus Tassen aus Quyang genossen, und alle Gouverneure und Minister es ihnen gleichtun wollten. So erfreute sich die Gegend eines gewissen Wohlstands.

Der alte Meister Po-Tse, dessen kleine Manufaktur etwas abseits des Dorfes lag und in höchsten Ehren stand, hatte diese von seinem Vater übernommen, welchem man den Ehrentitel Kannenbäcker verliehen hatte, und von diesem all das gelernt, was man in seinem Beruf wissen konnte. Der Kannenbäcker war sehr alt geworden, man sagte über einhundert Jahre, und so kam es, dass Po-Tse, der sich um alles gekümmert hatte, zu der Zeit, als er das Geschäft übergeben bekam, selbst schon graue Haare hatte. Erst zu diesem Zeitpunkt jedoch wollte er sich um eine eigene Familie kümmern.

Po-Tses großes Glück war leider nicht von langer Dauer, denn nach nur einem Jahr schon verlor er seine Frau: Als sie dereinst im Reisfeld unversehens mit ihrem ersten Kind niederkam, einem wunderschönen Mädchen, ward sie darauf nie wieder gesehen. Po-Tse verfiel daraufhin lange in Schwermut und dem Reiswein Huangjiu. Das Mädchen hieß Néng, wurde von einer Amme genährt und verblieb die ersten sieben Jahre im Haushalt einer Cousine. Dann zog es bei seinem Vater ein, der sich liebevoll um sie kümmerte. Nach und nach hatte das Töchterchen indessen zunächst den Haushalt übernommen und gelernt, die Weinkrüge vor ihrem Vater zu verstecken. Und mit den Jahren erlernte sie auch die Geheimnisse der Herstellung des feinsten Porzellans, dem sie fortan eine Andeutung von Eleganz versah. Die Manufaktur ihres Vaters und der Handel erblühten daraufhin erneut.

Da wurde der Gouverneur Yang Yúchun auf ihn aufmerksam. Yang war ein grober Klotz, sowohl von Statur und auch vom Geiste. Seine Soldaten waren gefürchtet, und so musste Po-Tse ihm einen Sonderpreis gewähren. Er bekam den Auftrag, einhundert Krüglein zu formen – einander so identisch, dass sie nicht voneinander zu unterscheiden wären. Dies würde Po-Tses komplette Meisterschaft erfordern – immerhin wäre die Entlohnung, wenngleich auch nicht den Marktpreisen entsprechend, immer noch hoch genug, dass er sich seinen Lieblings-Reiswein aus Shaoxing, Huādiāojiu, würde leisten können. Po-Tse arbeitete wie besessen, dass die Krüglein auch unter allen Umständen identisch produziert und gebrannt würden – doch am Tag des Brands schlief er, vom Reiswein zusätzlich ermüdet, vor dem Brennofen Dìng yáo ein und verpasste die entscheidenden Augenblicke. So kam es, als ein Prüfer des Gouverneurs vorbei kam, dass alle Krüglein zersprangen.

Po-Tse warf sich in den Schmutz und flehte um sein Leben. Es wurde angeordnet, dass er nun einhundertundzwanzig Krüglein an einem bestimmten Tag zu liefern hätte. Wieder arbeitete er wie besessen, Tag und Nacht, und alle Angestellten ebenfalls. Am Tag des Brandes allerdings drohte ein Unwetter. Po-Tse wusste, dass er unter diesen Umständen kaum seine Arbeit fortsetzen könnte – da tauchten zwei Soldaten des Gouverneurs auf, um ihn an sein Versprechen zu erinnern. Po-Tse, in seiner Verzweiflung, hoffte auf das Wunder, dass die Wolken Jianci verschonen würden, und ließ den Brand beginnen. Das Unwetter jedoch riss das Dach der Werkstatt fort und drückte das Feuer nieder. Nicht eines der Krüglein gelang.

Dem Gouverneur Yang Yúchun blieb, um sein Gesicht nicht zu verlieren, nichts anderes übrig, als Po-Tse in seine Hauptstadt Baodìng shì bringen zu lassen und ihn dort in das Gefängnis zu werfen.

Po-Tses Tochter Néng wurde im Palast des Gouverneurs vorstellig. Sie bot an, selbst den Auftrag des Yang Yúchun auszuführen, als Geschenk, um ihren Vater auszulösen. Der Gouverneur, ein Mann eigener Prinzipien, ließ das ablehnen.

Néng überlegte lange. Dann bot sie an, den alten Meister Po-Tse gegen einen einmaligen Krug auszulösen, der eines Kaisers würdig wäre! Erst, als der Gouverneur persönlich erschien, erzählte sie, was das bedeutete: Denn ihre Mutter hatte sich, als sie vergebens in den Wehen lag und keine Hoffnung mehr hatte, einem Drachen geopfert. Nur Néng, ihre Tochter, die im Mutterleib von dem magischen Drachen berührt wurde, könnte sich diesem Drachen nähern, denn nur sie könne ihn sehen. Diesem würde sie ein Haar auszupfen und es ihn die Tonmasse geben. Gebrannt würde daraus eine magische Form entstehen, die es nie zuvor gegeben hatte und die es auch sonst niemals wieder geben könne.

Yang Yúchun lachte sie aus und warf sie aus dem Palast. Er, ein Gouverneur, würde nicht an Märchen glauben. Heimlich aber sandte er einen Tag später einen Boten in das Dorf Jianci, um herauszufinden, ob Néng die Wahrheit spräche. Tatsächlich beschieden ihm alle Anwohner, die die alten Geschichten kannten, dass die Ehefrau des alten Po-Tse wirklich am Tag ihrer Niederkunft im Reisfeld verschwunden war. Er grübelte einige Zeit, und da er keine besondere Verwendung für einen alten Mann in seinem Gefängnis hatte, schickte er erneut zwei seiner Soldaten aus, um der Tochter des Po-Tse auszurichten, dass er sich möglicherweise erbarmte, sofern der Krug so schön wie einzigartig sei.

Néng ließ die Werkstatt auch mit Unterstützung vonseiten des Dorfvorstehers wieder herrichten.

Beim nächsten Morgennebel verschwand Néng; erst am Vormittag war sie wieder da. Sie erzählte den Soldaten, dass sie ein Haar des Drachen ausgezupft hätte, es jedoch niemand außer ihr sehen könne. Zur Feier des Tages schenkte sie so viel köstlichen Reisschnaps Báijiu aus, dass die Soldaten davon einschliefen. Mithilfe des Vorarbeiters erschlug sie die Männer, zerteilte sie in der Küche, und warf die einzelnen Teile ihrer Körper nach und nach in den Ofen. Die Asche der Knochen sammelte sie, mischte sie unter die Tonmasse, und formte daraus zwei große, überaus elegante Krüge. Jeder wurde einzeln gebrannt, so heiß und so lange sie es bestimmte.

Der Bote des Gouverneurs, ein gebildeter hoher Beamter, erstarrte vor Ehrfurcht, als er die beiden Krüge erblickte. Niemals zuvor hatte er solche Kunst erblickt. Sie besaßen eine traditionelle Form, doch waren sie durchscheinend, und es schien, als würden sie einen Nebel beinhalten, der sich, je nach Blickwinkel, langsam bewegte.

Der Drache hätte im Austausch für das Haar die Soldaten gefressen, erzählte Néng. Jeder Krug hielte den Geist eines der Soldaten gefangen, daher wären es zwei Krüge. Dann ergriff sie eines der Gefäße, um es auf den Boden zu werfen. Es hüpfte erst einmal, bevor es mit einem grässlichen Geräusch zerschellte. Von diesen Krügen, behauptete sie, dürfe es immer nur jeweils einen geben.

Auch der Beamte war erschüttert. Néng ließ den verbliebenen Krug in Seidenpapier einwickeln, in eine hölzerne Kiste legen, und überreichte sie ihm.

Drei Tage später war Po-Tse wieder zu Hause, doch er war verändert. Néng nahm den Vorarbeiter zum Ehemann, übernahm den Betrieb, und wurde eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Einen Drachenkrug schuf sie niemals wieder. (Erst achthundert Jahre später konnten in einem anderen Land andere Künstler wieder solch eine Kunst erschaffen – aber das ist eine andere Geschichte.)

Der Drachenkrug beeindruckte in seiner Einzigartigkeit nicht nur Yang Yúchun. Dieser, auch von der Erzählung seines Gesandten eingeschüchtert, machte letztlich den Krug dem Kaiser zum Geschenk. Nachdem dieser daraus einen blutroten Reiswein genossen hatte, überfiel und besiegte er das Land Tang.

Rainer Schorm – Essen und wohin so etwas führen kann …

Essen? Die Stadt?

Nein, keineswegs. Eher Düsseldorf. Das liegt, wie der geneigte Leser weiß, etwas über dreißig Kilometer südwestlich davon. Dort siedelt die Jubilarin. Aber darum geht es eindeutig nicht, obwohl auch in Düsseldorf Essen zu finden ist … erzählt man.

Gemeint ist demzufolge die Kulinarik in all ihren Formen – auch den gruseligen.

Dass Monika Niehaus Essen liebt, wird dadurch verständlich … ein bisschen zumindest. Ihr eignet eine intime Nähe zum Grotesken. Aber auch völlig normales Essen findet ihre begeisterte Zustimmung und warum auch nicht?

Das häufig ins Essen führende Kochen bekommt gleichzeitig eine deutlich höhere Wertigkeit und es erklärt, neben der einen oder anderen literarisch-kulinarischen Schweinerei, eben auch ein Tätigkeitsfeld, in dem sie sich hervortat.

Bücher über Essen, oder besser: den falschen Umgang damit sind ein wichtiger Bestandteil des niehausschen Œuvres.

Die provokanten Titel lauten etwa: »Wer gesund lebt, ist selber schuld: Was uns Gesundheitsapostel verschweigen.«1 oder »Wer gesund isst, stirbt früher: Tatsachen und Trugschlüsse über unser Essen.«2

Der mitschwingende Sarkasmus sollte jedem zu denken geben, denn wie so häufig und keineswegs von selbst gehören die Dinge, die man eben weiß, in die Kategorie Irrtum. Was mit angeblich gesundem Essen angerichtet wird, ist gerade deshalb brisant, weil so unglaublich viele vorgeblich aufgeklärte Menschen eben diese Irrtümer geradezu liebevoll pflegen. Man weiß es eben – und da sind wir genau dort, wo's weh tut.

Aufklärung ist das Stichwort. Das kantsche »Sapere aude!« ergibt lediglich dann Sinn, wenn der Denkende sich bezüglich der Fakten, die er zum Denken benutzt, vergewissert. Ansonsten dreht sich auch das Denken sehr schnell im Kreis. Auswüchse dieses Problems kann der geneigte Leser dieser Tage auf vielen Feldern studieren. Ob Klima, ob Corona, ob Energie …

Es ist erschreckend, wer heutzutage Wissenschaftlichkeit für sich in Anspruch nimmt. Der bessere Begriff wäre »Geiselhaft«.

Die Jubilarin hingegen weiß sehr wohl, was Wissenschaft tatsächlich bedeutet: ein ewiger Prozess der Falsifizierung. Skepsis tut not, soll »die Wissenschaft« (welche eigentlich?) nicht zur Zementierung neuer Dogmen dienen.

Das gilt für die oben genannten Bücher wie auch für »Food-Design: Panschen erlaubt: Wie unsere Nahrung ihre Unschuld verliert« und »Wer hat das Rind zur Sau gemacht?: Wie Lebensmittelskandale erfunden und benutzt werden.«3 Sie sind aufklärerisch im besten Sinne des Wortes. Monika Niehaus hat hier in Zusammenarbeit u. a. mit Udo Pollmer der Wahrheit eine Chance gegeben. Oder gar »Opium fürs Volk: Natürliche Drogen in unserem Essen«.4 Sogar Menschen, die sich für Nahrungsmittel interessieren, werden hier den einen oder anderen Augenöffner finden.

Dass die Bücher sich überdies amüsant lesen, ist ein weiterer Pluspunkt. Da die üblichen Aussagen zum Thema sich gerne moralinsauer geben und die Diskussion dominieren, ist der Weg zum Sarkasmus wahrscheinlich sogar zwingend. Sozusagen als würzende Zutat.

Dehnt man den Bezugsrahmen ein wenig aus, so könnte man Gifte aller Art durchaus als »Zutat« verstehen – in Ergänzung der gerade eben erwähnten Drogen. »Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solch üblen Tricks schützt: Rauschpflanzen und Gifte in antiken Mythen und Sagen«5 verlässt die Umgebung der Gegenwart und bezieht einen zeitlichen Kulturrahmen mit ein, der die ganze Breite des Phänomens beschreibt. Ein weiter Horizont schadet nicht. Es sei denn, man leidet unter intellektueller Agoraphobie. Dieser Angststörung liegt übrigens die Furcht vor Kontrollverlust zugrunde. Insofern wäre wissenschaftliches Denken immer eine Gefahr: Wer mag es schon, wenn die Fakten das eigene Weltbild infrage stellen?

Schlagen wir die Kurve zu den Giften, dann ist die Wissenschaft (sic) für jedes Dogma toxisch.

Das schreibt ein »alter, weißer Mann«, dessen Männlichkeit heutzutage von einigen Schwerstverwirrten grundsätzlich als toxisch angesehen wird.

Apropos »toxisch« …

Wer erinnert sich noch an den Lebensmittelskandal, bei dem … nein, nicht Rind, Schwein oder Huhn, die üblichen Verdächtigen eben … die Zucchini der Übeltäter war? Ignorieren wir an dieser Stelle bakteriell allzu aktive Sprossen.

Das Blütengemüse kann giftige Bitterstoffe (Cucurbitacine) enthalten. Diese sind sehr giftig und rufen bereits in kleinen Mengen Übelkeit, Erbrechen und Durchfall bis hin zu lebensbedrohlichen Darmschäden hervor. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich an einige bizarre Erlebnisse mit Zeitgenossen, die primär vegetarisch oder gar vegan unterwegs waren und sind. Bemerkungen wie »aber das ist doch Gemüse / gesund!« waren eher Regel als Ausnahme. Eigene Warnungen, wie z. B. dass Kochen diese Bitterstoffe nicht zerstört, wurden nicht geglaubt.

Hier wird Nichtwissen, das sich aufs Essen bezieht, gefährlich. Die Gleichung: pflanzlich = gesund hält sich beinahe so hartnäckig, wie die oben genannten Cucurbitacine. Unangenehm ist, dass diese sich keineswegs nur in Zucchini finden, sondern auch anderen Gemüsen: Gurken (Cucumis), Kürbisgewächsen (Cucurbitaceae, s. o.) und einigen Kreuzblütlern (Brassicaceae, Kohlarten). Die Mär vom »gesunden Gemüse« bekommt da doch die eine oder andere Mikrofraktur.

Es geht eben nichts über ein einfaches Weltbild.

Die Geschichte vom tödlichen Bärlauch ist aktueller. Man sollte das leckere Gewächs nämlich von anderen, sehr viel weniger harmlosen Pflanzen ähnlichen Aussehens, unterscheiden können: zum Beispiel von der Herbstzeitlosen oder Maiglöckchen, die stattdessen verspeist wurden. Zumindest für eine Person war der Genuss im schlimmsten Sinne final.

Auch in einer Zeit, in der ein Großteil der Nahrung aus dem Supermarkt kommt, wäre Wissen also angesagt. Zumal Dinge, die noch vor Kurzem jedes Kind wusste, dem Vergessen anheimfallen. Und der in seiner Selbstgewissheit omnipotente Städter geht hinaus in die Natur, um ihr nahe sein zu können. Harmonie gilt dieser Klientel als Essenz der Natur schlechthin.

Tatsächlich ist Mutter Natur hingegen ein Miststück, das im Laufe der Erdgeschichte den Großteil aller Arten wieder ausgerottet hat. Ob es nun zweiundneunzig oder achtundneunzig Prozent waren, spielt nicht einmal ansatzweise eine Rolle. Eine Giftmischerin ist sie, zudem eine fähige.

Das sollte man wissen.

… ein weiterer Grund, die oben genannten Bücher zu lesen, denn Lesen bildet. Wissen kann man nie genug.

Guten Appetit! Wir treffen uns auf einen Drink in Donnas Kaschemme. Ob giftig oder nicht.

Prost.

Anmerkungen

1 »Wer gesund lebt, ist selber schuld: Was uns Gesundheitsapostel verschweigen.« BLV, ISBN 978 3 835 40651 3

2 »Wer gesund isst, stirbt früher: Tatsachen und Trugschlüsse über unser Essen.« BLV, ISBN 978 3 835 40312 3

3 »Wer hat das Rind zur Sau gemacht?: Wie Lebensmittelskandale erfunden und benutzt werden.« Rowohlt-Taschenbuch, ISBN 978 3 499 62760 6

4 »Opium fürs Volk: Natürliche Drogen in unserem Essen.« Rowohlt-Taschenbuch, ISBN 978 3 499 62635 7

5 »Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solch üblen Tricks schützt: Rauschpflanzen und Gifte in antiken Mythen und Sagen.« Hirzel, ISBN 978 3 7776 2842 4

Gisbert Haefs – Die Zwerge von Zülpich

Bekanntlich gibt es keine Zwerge, außer in privaten Vorgärten, der Politik und anderen Sperrbezirken. Und eigentlich ist das hier eine traurige Menschengeschichte. Da ich für Traurigkeit aber nicht zuständig bin, fangen wir einfach mit den Zwergen an.

Um die möglichen Missverständnisse gleich zu kräftigen: Es ist hier nicht die Rede von Liliputanern, Kleinwüchsigen, vertikal Geforderten, sondern von Zwergen, Gnomen, Kobolden, Wichteln und Heinzelmännchen. Wenn Sie denen passende Namen geben wollen, schauen Sie in der Edda nach, wie Tolkien; es ist aber müßig, weil es sie, wie gesagt, nicht gibt.

Gundolf ist im Prinzip ein Riese (die gibt’s aber auch nicht), und weil er nicht so heißen will, wie er heißt, nennt er sich Kuno. Vielleicht haben die Eltern ihn Gundolf genannt, weil der Großvater so hieß oder ein netter Onkel.

Bei Kirspenich, nicht weit von Zülpich, gibt es einen Zwerchberg, der wahrscheinlich so heißt, weil er quer steht. Natürlich gibt es andere Worterklärungen, und besonders beliebt ist jene, deren Ergebnis die Schreibweise Zwergberg ist. Was allerdings in der Eifel nichts an der Aussprache ändert.

Gundolf alias Kuno sagt, er sei mit seinem Vater früher oft in der Gegend spazieren gegangen, und vielleicht komme sein Hang zu Zwergen daher. Frühkindliche Prägung, wissen Sie; manche rennen ihr Leben lang hinter Graugänsen her, andere suchen bis zum Abwinken Zwerge.

Aber genug der Erklärungen, die ohnehin alle an den Haaren herbeigezogen sind, die Kuno fehlen. Er ist seit Jahren kahl, und zwar völlig, und glatzköpfige Riesen namens Gundolf, die überall Zwerge vermuten, haben’s im wirklichen Leben schwer. Gundolf leidet darunter; niemand nimmt ihn richtig ernst, weder beruflich noch privat. Beruflich ist das kein Wunder; er ist städtischer Beamter, und wer nimmt die schon ernst? Nicht einmal seine Kollegen achten besonders auf ihn, weil er bei jedem größeren Bauvorhaben, sobald die Erdoberfläche angekratzt werden muss, einen Antrag auf Suche nach unterirdischen Gängen oder Behausungen stellt. Andere mögen eine besondere Wühlmausart schützen wollen oder nach speziellen Grottenolmen des Typs Axolotlus Tolbiacensis suchen. Gundolf Kuno dagegen sucht Zwerge. Inzwischen haben sich die Kollegen daran gewöhnt und lächeln nur noch matt; schlimmstenfalls gönnen sie ihm ein kleines Lachen, kaum umfangreich genug, einen Zwerg einzuwickeln.

Er sucht Zwerge und züchtet Brieftauben, hätte aber gern größere. Möglicherweise will er sie, wenn er mit seinem Hauptanliegen irgendwann Erfolg hat, als Reittiere für die Zwerge abrichten, wiewohl die schwedische Variante bekanntlich Wildgänse vorzieht. Aber lassen wir das ebenfalls beiseite; wer weiß denn schon, wie groß Zwerge werden.

Ob es an den Zwergen oder den Brieftauben liegt, ist nicht recht klar; vielleicht hat es auch mit dem leichten haut goût zu tun, der ihn wie ein mobiler Käfig umgibt, seit er vor Jahren das Duschen weitestgehend einstellte, weil es ihm zu nass ist. Angeblich sind Zwerge ja auch wasserscheu. Egal, woran es liegt, Kuno ist es nie gelungen, sich der Damenwelt aufzudrängen. Keine Ahnung, ob es in Zülpich und Umgebung ohnehin einen Männerüberschuss gibt, aber wahrscheinlich hätte Kuno auch in extremen Mangelgebieten kaum Chancen. Jedenfalls nicht ohne Einweichen, Vorspülen und Schleudern.

Insgesamt hat er etwas von jener Sorte Mann, die in schlechten Filmen oder der schlechteren Realität auf Kunstmaler macht, insgeheim an einem Primzahlengesetz herumbastelt oder an öden Wochenenden versucht, aus körpereigenem selbstgemolkenen Plasma die ultimate Vernichtungswaffe zu bauen. Da er das aber nicht an jedem Wochenende tun mag, besucht er manchmal einen anderen Sonderling, der ebenfalls Tauben dressiert, nicht besonders gut riecht und keine Hemmungen hat, sich mit Kuno an ein Schachbrett zu setzen.

Dieser Bekannte – ach was, nennen wir ihn Freund, es gibt ja keine Konkurrenz, die sich beschweren könnte – wohnt in der Nähe von Bürvenich, und jetzt kommen wir zum eigentlichen Anlass dieser Geschichte. Der Freund heißt Karl-Heinz, ich habe ihn zufällig vor Jahren kennengelernt, als er mir eine Beule in den Wagen fuhr, und weil er so schön verrückte Geschichten erzählt, besuche ich ihn manchmal in Bürvenich. Am liebsten, wenn ich Schnupfen habe; dann kann ich ihm zuhören, ohne ihn zu riechen.

Also, Karl-Heinz hat mir das zuerst erzählt, und ich habe es ein bisschen sortiert. Jetzt habe ich Ihnen Kuno vorgestellt, damit Sie wissen, womit Sie es zu tun haben. An einem Samstag vor ein paar Wochen kam Kuno nach Bürvenich, um sich mit Karl-Heinz an den Schachtisch zu setzen. Karl-Heinz hatte aber vergessen, dass sie verabredet waren, oder sein Wochenendeinkauf zog sich länger hin – er weiß es selbst nicht mehr so recht –, also stand Kuno vor der Tür und klingelte, und als er des Klingelns überdrüssig ward, beschloss er, eine halbe Stunde oder so zuzugeben, durch das malerische Bürvenich zu spazieren und es dann noch einmal zu versuchen.

Er spazierte also, und am Ortsende machte er nicht etwa kehrt, sondern spazierte weiter gen Südosten (ungefähr), wo es einen Berg und ein paar nette Gebäude gibt, außerdem einen Bach und etliche Felder. Ganz die Gegend, mag er sich gesagt haben, wo sich an einem gewöhnlichen Samstagnachmittag Zwerge zu Kaffee, Kuchen und Sackhüpfen treffen könnten. Dort gibt es auch den berühmten Felsenkeller, in dem früher einmal eine Brauerei ihr Bier gekühlt hat. Und kalte, feuchte Felsenhöhlen sind bei Zwergen zum Sackhüpfen besonders beliebt. Er beschloss also, an diesem Felsenkeller vorbeizugehen und an der versperrten Tür zu lauschen, ob sich da drin etwas täte, was wie Sackhüpfen einer Zwergenhorde klänge.

Ich glaube, an dieser Stelle muss ich ein paar Dinge erklären. Wir alle wissen, dass es keinen Sinn hat, jemandem, der von etwas überzeugt ist, mit vernünftigen Argumenten zu kommen. Wer meint, die Nazca-Linien seien ein Landeplatz für Außerirdische, den kümmert die Frage nicht, wieso die nicht einfach so landen können, wenn sie im Sternendschungel die Erde zu finden fähig sind. Einen kämpferischen Antiraucher auf seine Sterblichkeit hinzuweisen, hindert ihn nicht daran, mir das Rauchen verbieten zu wollen. Missionarische Atheisten sind genauso unerträglich wie fundamentalistische Gläubige und ebenso wenig imstande, den sanften Agnostiker in Ruhe zu lassen. Und wer an Zwerge glaubt … Na ja.

Aber in der Eifel gibt es eben viele Dinge, die man so oder so sehen kann. Als ich Kuno endlich kennenlernte, hat er mir alles, was ich von Karl-Heinz schon gehört hatte, noch einmal ein bisschen anders erzählt: der Zwerg- oder Zwerchberg (vulgo Zwerschbersch) bei Kirspenich, die alten Minen bei Killewittchen, angelegt von den ebenfalls Killewittchen genannten Bergbauzwergen, die alten Sagen von kleinwüchsigen Bergleuten und von den zwergenhaften Nibelungen, die bekanntlich am Nibel- oder Niffel- oder Neffelbach gewohnt haben, der an Orten wie Elvenich (ha, Elfen!) und Wichterich (ha, Wichtel!) vorbeifließt. Als ich ihn fragte, ob er denn schon mal einen Kobold oder Leprechaun oder Gnom oder derlei gesehen habe, sagte er ganz vernünftig: »Nee, ich suche und hoffe. Aber Sie, Mann, haben Sie schon mal den Nordpol gesehen? Nein? Sie glauben aber trotzdem daran, dass es ihn gibt, oder? Und dass er Ihre Kompassnadel anzieht. Also!«

Also ging Kuno spazieren, und auf dem Weg zum Felsenkeller überlegte er, nicht zum ersten Mal, ob er sich vielleicht doch anders nennen sollte. Nicht Kuno (er weiß sowieso nicht, wie er darauf gekommen ist), sondern irgendwie gundolfisch. Dolf, zum Beispiel, oder Olf, was ja nahe bei Alf ist, und das ist ja nicht nur Außerirdische LebensForm, sondern auch der Elf oder Alb, und der Anfang von Alberich, und überhaupt.

Dann kam er zum Felsenkeller, und statt innezuhalten, um zu lauschen, hielt er inne, um sich verblüffen zu lassen. Das Schloss, das die Tür zum Keller gewöhnlich versperrte, lag nämlich aufgebrochen im Unkraut auf der Schwelle, und die Tür war zwar fast zu, aber eben doch nur angelehnt.

Und Kuno zögerte nicht lange, sondern ging hinein. Er sagt, er hätte sich nicht gewundert, wenn auch noch das Licht eingeschaltet gewesen wäre, aber es war aus. Er lauschte eine Weile, und da er keinerlei Geräusche hörte, weder von sackhüpfenden Zwergen noch von anderen unziemlichen Vorgängen, raffte er sich schließlich dazu auf, das Licht anzuknipsen und sich in die Kavernen vorzuwagen.

Zuerst hat er sich wohl nur umgesehen. Immerhin war er zum ersten Mal dort. Der Keller gehörte ja früher einer Brauerei, und oben auf dem Berg, wo die Villa des Brauereibesitzers steht, befindet sich jetzt ein Heilpädagogisches Eingliederungszentrum der Lebenshilfe e.V. In der Verwaltung, in der alten Villa, bewahrt man den Schlüssel zum Keller auf und begleicht die untergründige Stromrechnung, und außer wenn jemand dort nach dem Rechten sieht oder ein Besucher sich angemeldet hat, ist die Tür verschlossen und versperrt.

Er sagt, er sei zu dem hohen Schacht gegangen, durch den man früher von oben Eis zur Bierkühlung hinabgeworfen hat. Und dort habe er dann etwas gesehen, aus den Augenwinkeln, wie man so sagt, oder etwas gespürt. Wörtlich sagte er: »Es war, als ob mich ein Zwerg gezupft hätte.«

Er folgte dem Zupfen – es war ein Zupfen mit Richtung – in die Nebenkaverne, und dort fand er die Leiche. Es war die eines kleinen Mannes. Um den Hals hatte er einen Strick. Nicht so einen wie im Western, Sie kennen das ja sicher, mit kompliziert umwickeltem Gleitknoten. Gleitknoten schon, aber keine Umwicklung. Der Knoten saß seitlich am Hals, ein bisschen mehr nach hinten als in der Mitte, und der Strick lag auf dem Boden. Ein kleinwüchsiger Erhängter, der nicht hing.

Tja, da hatte er seinen Zwerg gefunden, jedenfalls so was Ähnliches, und der war nicht nur Zwerg, sondern auch tot, und er war zwar erhängt, lag aber auf dem Boden. Ein im kalten, feuchten Felsenkeller zu ebener Erde erhängter Zwerg. Niemand kann es Kuno verdenken, dass er den Keller schnell verlassen hat; und zwar ist er gerannt, hat die Tür irgendwie halb zugezogen oder -geschoben, und dann ist er weitergerannt nach Bürvenich. Wenn er gewusst hätte, dass die Verwaltung der Lebenshilfe oben auf dem Berg zuständig ist, wäre er vielleicht bergauf gerannt und hätte sie in Sachen Todeshilfe konsultiert, aber er wusste es damals noch nicht. Also rennt er nach Bürvenich und klingelt bei Karl-Heinz, klingelt Sturm, und Karl-Heinz ist inzwischen vom Samstagseinkauf zurück (seit die Geschäfte nicht mehr alle um zwei Uhr schließen, kann man sich ja auf nichts mehr verlassen), und Karl-Heinz öffnet und stützt ihn ein bisschen, weil er keucht und taumelt.

Dann haben sie die Polizei angerufen, und hier endet eigentlich die Geschichte, soweit sie Kuno alias Olf und Karl-Heinz betrifft. Jedenfalls beinahe. Die Polizei ist gekommen, Kuno musste eine Aussage machen und wiederholen und nochmals wiederholen, die Leiche wurde fortgebracht – nicht gleich, sondern erst, nachdem die Zülpicher Polizei die Kollegen in Bonn alarmiert hatte, die für gröbere Dinge zuständig sind, und es kam ein Hauptkommissar samt Geleit aus Bonn, und dann ging alles den üblichen Weg.

Kuno und Karl-Heinz haben an diesem Nachmittag und Abend das Schachbrett nicht angefasst. Sie haben – als das mit der Aussage erledigt war – über den Fund und den Keller und die Leiche unterhalb der Lebenshilfe debattiert, und darüber, dass Zwerge eigentlich in Höhlen sackhüpfen, nicht tot herumliegen sollten, und darüber, dass man nicht waagerecht erhängt sein kann. Und natürlich haben sie gründlich getrunken. Bei Anglern macht so etwas den Fund, den Fisch, immer größer; bei Kuno ließ der Alkohol den kleinwüchsigen Toten schrumpfen, bis er wirklich Zwerg war.

Natürlich konnte Kuno nicht mehr fahren, deshalb hat er bei Karl-Heinz auf dem Sofa übernachtet. Am nächsten Morgen haben sie, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, einen langen Spaziergang über die Felder gemacht, bis nach Langendorf, und weil sie schon mal da waren, haben sie beschlossen, bis zur Chlodwig-Stele zu gehen, sie gewissermaßen als Halbzeit- oder Wendemarke zu umrunden und dann heimzukehren.

Nun ist es aber mit dieser Stele so ähnlich wie mit Kunos Zwergen. Nicht ganz, aber fast, denn es gibt diese Stele, der Kunstprofessor Rückriem hat sie aus galicischem Granit gefertigt, und man hat sie dort aufgestellt, wo angeblich anno 496 der Frankenfürst Chlodwig die Alemannen schlug. Er war ein anständiger Heide, aber in der Bedrängnis soll er seiner burgundischen Gemahlin, einer Christin, gesagt haben, wenn ihr Gott ihm den Sieg gäbe, wolle er sich taufen lassen. Er siegte, und mit seiner Taufe begann das christliche Frankreich, weshalb es in Paris Straße und Brücke de Tolbiac gibt, und das ist natürlich Tolbiacum, Zülpich. Wo die Alemannen aber nie gewesen sind. Die Schlacht hat möglicherweise in der Nähe von Toul stattgefunden, nicht bei Langendorf bei Zülpich, also, die Schlacht hat es nicht gegeben, nicht hier, aber die Stele gibt es.

Und an dieser Stele hing an diesem Sonntagmorgen ein Zwerg. Aufgeknüpft, mit einer ganz ähnlichen Schlinge wie bei dem Kleinwüchsigen im Felsenkeller. Es war ein richtiger Zwerg, ein Gartenzwerg, und er hing wirklich da. Und zwar so, dass man ihn vom Weg nicht gleich sehen konnte; man musste die Stele umrunden.

Kuno und Karl-Heinz taten dies; danach gingen sie zurück zur Wohnung von Karl-Heinz, riefen abermals die Polizei an und tranken weiter. Gründlich.

Olf, der sich nicht mehr Kuno nennen mag, bastelt seither an wahnsinnigen Theorien über meuchelnde und gemeuchelte Zwerge. Ich glaube, er versucht seit Wochen, einen sensationellen Artikel mit dem Titel »Die Meuchelzwerge von Zülpich« in irgendeiner Zeitung unterzubringen, aber bisher hat sich niemand so richtig für die Zwergenmetzelei interessieren mögen. Ein Jammer übrigens; nach dem, was Olf-Kuno und Karl-Heinz mir erzählt haben, muss es in diesem Text wüst hergehen. Es wimmelt dort wohl von Zwergensärgen, Wichtelhenkern und dergleichen mehr, und da beide Stricke – im Keller und an der Stele – aus Hanf waren, gibt es auch Hanfhänflinge, Schlingenschlingel und ein Heinzelpendel, nicht zu reden von Koboldkillern und dem geplanten Gnomengenozid.

Gestern habe ich mit Olf-Kuno telefoniert und vorgeschlagen, er solle doch in den alten Minen bei Eschweiler beziehungsweise bei Killewittchen nachsehen, ob sich dort vielleicht ein Killewittchenkiller herumgetrieben habe.

»Was meinen Sie denn, was ich seit Tagen mache?« sagte Olf; dabei stöhnte er. »Ich hab schon ganz platte Füße. Und zwei Hosen durch, vom Rutschen auf den Knien durch niedrige Gänge. Und sieben Batterien leer, ach was, acht!«

»Und?«, sagte ich. »Schon was gefunden?«

»Nix. Was aber schon verdächtig ist, oder?«

»Wie meinen Sie das?«

Er zögerte einen Moment. »Na ja«, sagte er dann. »Da muss doch was passiert sein, und wenn nix zu finden ist, heißt das wahrscheinlich, dass jemand alle Spuren beseitigt hat.«

Mir fiel ein alter Witz ein – ein Archäologe findet Draht, was beweist, dass es dort vor Jahrhunderten schon Telefon gab; ein anderer findet keinen Draht, was beweist, dass die Ahnen schon drahtlosen Funkverkehr hatten –, aber ich habe mir gesagt, dass Kuno vermutlich nicht in der Stimmung für so etwas wäre. Statt ihm also schlechte Witze zu erzählen, habe ich noch schlechtere Vorschläge in ernstem Tonfall gemacht.

»Haben Sie schon mal an Zwergenverzehr gedacht?« sagte ich.

»Hä?«

»Na ja, Kobold-Kannibalismus. Gastrognomie, wenn Sie so wollen.«

»Wie meinen Sie das denn?«

»Also, vielleicht sind da ja überall Zwerge von ihren Artgenossen umgebracht worden, und hinterher haben die die Leichen gegessen, um keine Spuren zu hinterlassen. Und um satt zu werden.«

»Von Zwergen wird man nicht satt«, sagte er; es klang wie ein Tadel, aber zugleich ein wenig düster.

»Nicht einmal Zwerge?«

»Auch die nicht, nee.«

»Sind Sie sicher?«, sagte ich. »Wäre aber doch interessant. Stellen Sie sich die Rezepte vor.«

»Was für Rezepte?«

»Heinzelmännchen à la plancha. Zarte Windelwichtel auf Kressebett. Gnomengnocchi. So was.«

Er schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: »Kann es sein, dass Sie mich verarschen wollen?«

»Ich Sie? Ah bah, wie kommen Sie denn darauf? Nein, will ich wirklich nicht. Ich würde aber gern Ihren Artikel lesen.«

»Nix da. Da müssen Sie warten, bis er veröffentlicht ist.«

Mir fiel noch eine andere Frage ein – spät, wie ich zugeben muss, aber immerhin rechtzeitig, ehe er auflegen konnte. »Warum wollen Sie eigentlich über ›Zwerge und Zülpich‹ oder so schreiben? Ich meine, der Felsenkeller gehört zu Bürvenich, die Stele zu Langendorf, und wenn’s in Killewittchen was gibt, das ist dann eher Eschweiler …«

»Ja, und der Zwergberg ist bei Kirspenich, und das gehört zu Münstereifel. Aber haben Sie sich das mal auf der Karte angesehen?«

»Nee, muss ich zu meiner Schmach gestehen. Warum?«

»Tun Sie das mal. Dann werden Sie sehen, dass all die Stellen so was wie ‘nen Kreis ergeben, und Zülpich liegt im Zentrum.«

Ich dachte an die Konzentrik der Zülpicher Zwerge – Zülpich, Zentrale der Zwergenzehrung. »Wenn Zülpich von den Amerikanern nicht so plattgemacht worden wäre«, sagte ich, »könnte man da ja vielleicht noch einen kleinen Zwergenturm finden. Oder Zwergenkeller. Ein Gnomenverlies. So was.«

Er schwieg, und irgendwie kam es mir wie ein abwehrendes Schweigen vor.

»Sind Sie noch dran?«

»Ja.«

»Hören Sie, warum wollen Sie mir denn Ihren Artikel nicht zeigen, ehe er gedruckt ist? Vielleicht kann ich Ihnen bei der Veröffentlichung helfen.«

»Nee, nee, nix da.« Er klang jetzt ganz energisch. »Sie sind doch schon dabei, mir Ideen zu klauen, die ich noch gar nicht gehabt habe. Ich bin lieber vorsichtig.«

Ich war gerade dabei, über das Klauen ungezeugter Ideen nachzudenken, als er hinzusetzte: »Und abgesehen von allem anderen – haben Sie mal über die Kunstfertigkeit von Zwergen nachgedacht?«

»Goldschmuck?«, sagte ich. »Feinste Kettenpanzer? Schwerter für Siegfried und Wagner? Oder was meinen Sie?«

»Waagerecht am Boden erhängen. Das meine ich. Warten Sie’s ab, Mann; Sie werden staunen, wenn Sie’s lesen!«

Damit legte er auf. Und seitdem warte ich auf die gewaltigen Enthüllungen über grimme Gnomen und ihre Kunst, einander waagerecht zu erhängen. Es wird bestimmt großartig und verblüffend zu lesen sein.

Die Wahrheit ist wie immer viel blöder, und die Geschichte dessen, was sich zugetragen hat, ist eigentlich viel zu traurig, als dass man sie so erzählen könnte. Da ich aber schon mal damit angefangen habe und Kunos Zwerge nicht für mich behalten konnte …

Also: Der Mann, der im Felsenkeller gefunden wurde, war gar nicht so klein; aber wie ich schon sagte, machen Zwergenfreaks es ähnlich wie Angler, nur anders herum. Der Tote stammte aus einem Dorf bei Zülpich, war früh verwitwet und nach Aussagen von Bekannten einigermaßen verbittert. Sein einziges Kind, ein Sohn, um den er sich rührend gekümmert hatte, war geistig behindert und seit Jahren in der Heilpädagogik der Lebenshilfe über dem Felsenkeller gefördert worden. Er machte gute Fortschritte, und dann starb er. Der Vater hatte damit seinen Lebensinhalt verloren. Der Sohn liebte Gartenzwerge, und den Lieblingszwerg hat der Vater an die Stele gehängt, zu der er mit dem Sohn oft spaziert war. Dann hat er das Schloss an der Tür des Felsenkellers aufgebrochen und tagelang – immer abends, unbeobachtet – aus der heimischen Tiefkühltruhe große Eisklumpen hingebracht, die sich in dem ehemaligen Eiskeller gut hielten. Neben einem Abschiedsbrief an die Behörden fand man auf seinem Schreibtisch einen Stapel von Büchern: über die Kunst des Erhängens, die Schwierigkeiten, den Knoten so anzubringen, dass beim Fall ins Leere das Genick bricht und der Kandidat nicht langsam erstickt, sondern schnell stirbt, Memoiren alter Henker, Berechnungen dazu, wie tief man bei welchem Körpergewicht fallen muss, um das Genick zu brechen, also, wie viel Spiel der Strick braucht. Er hat Strick und Knoten bereitet, einen starken Haken über dem Durchgang zur Nebenkaverne in die Wand geschlagen, auf dem am Boden liegenden Ende des Stricks eine Pyramide aus Eisklötzen errichtet, ist hinaufgeklettert, hat den Strick über den Haken geführt und sich unterhalb des Orts, an dem sein Sohn gestorben war, erhängt. Nach und nach schmolz das Eis, und der von der Kälte konservierte Leichnam und der Strick fielen zu Boden.

Scheußlich, traurig, tragisch. Und trotzdem wüsste ich gern, was für eine Theorie über waagerechtes Erhängen unter Zwergen Kuno ausgeheckt hat. Aber bis jetzt ist der Artikel nicht erschienen.

Bernd Schuh – Candy and Sugar

Auf der Welt verschwinden erstaunlich viele Menschen. Jeden Tag. Spurlos. Etwa die Hälfte geht bei Firmenbesichtigungen verloren, sagt man. Das ist natürlich ein dummer Scherz. Oft tauchen Vermisste wieder auf oder hinterlassen eine Nachricht, warum sie weg sind und warum man sie nicht suchen soll. Andere tauchen erst als Leiche wieder auf und häufig weit entfernt von dem Ort, an dem sie verschwanden. Aber ein wirklich beträchtlicher Teil verschwindet einfach so. Hinterlässt nichts. Und taucht nie wieder auf.

Man stelle sich vor, es gebe eine geheime Bibliothek, in der nur Reiseberichte von Verschwundenen stehen. In jedem Buch könnte man nachlesen, wann, warum und wohin der Betreffende verschwand und was dann weiterhin geschah. Der Zugang zu dieser Bibliothek hat allerdings seinen Preis: Man verschwindet selbst. So bleiben die Verschwundenen unter sich.

Es gibt eine solche Bibliothek. Ich weiß es. Und ich weiß auch, dass sie einen Bericht von Candy und Sugar enthält, einem jungen Pärchen, frisch verliebt, das während seiner Hochzeitsreise auf den Seychellen spurlos verschwand. Lassen wir Sugar selbst berichten.

Das mit Candy fing schon vor drei Tagen an. Da hatten wir den Hubschrauberrundflug mit ZilAir gemacht. Nach der Zwischenlandung auf La Digue war Candy auf dem Landeplatz plötzlich ohnmächtig geworden. Nur ein paar Sekunden, und es deutete sich früh genug an. So konnte der Pilot Candy auffangen, als er zu Boden sackte. Er war sofort wieder wach. »Wo sind wir?«, waren seine ersten Worte. »Ich fühle mich so … so schwindelig«, murmelte er. Im Lauf des Tages wurde es dann besser. Wir machten den Rundflug zu Ende, aber im Hotel auf Praslin legte sich Candy gleich aufs Bett und schlief ein. Die nächsten zwei Tage ging es ihm etwas besser, aber eine grundsätzliche Orientierungslosigkeit schien zu bleiben. Ich hatte das Gefühl, Candy war irgendwie … abwesend. Er verwechselte Strände, glaubte, wir hätten die Dschungeltour schon gemacht und klagte öfter über Kopfschmerzen und die schwüle Hitze.

Als wir dann heute mit der Fähre den Ausflug nach North Island machen wollten, brach er völlig ein. »Ich kann nicht mehr. Es tut mir leid, Sugar, ich glaube, ich bin ernsthaft krank. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich will nach Hause, einfach nur nach Hause, weg von hier, und so schnell wie möglich. Es tut mir so leid, Sugar.« Wir diskutierten noch ein bisschen hin und her, ich tröstete ihn, versuchte, ihn auf andere Gedanken zu bringen, aber seine Panik wurde immer schlimmer. Im Endeffekt wollte auch ich nicht mehr bleiben. Wir packten unsere Sachen und ließen uns zum Flughafen bringen.

Flughafen ist ein großes Wort. Es gibt nur eine einzige Rollbahn und es starten und landen nur zweimotorige Propellermaschinen. Sie bringen dich zur Hauptinsel, und da kannst du am internationalen Flughafen umsteigen. Die Abflughalle in Praslin ist in einem von drei Gebäuden untergebracht, die von außen an eine Industriellenvilla erinnern. Menschen liefen geschäftig hin und her. In einer Ecke wurde am Gebäude gearbeitet. Handwerker waren auf einem Gerüst zugange. Man hörte Bohr- und Schleifmaschinen, sah Farbeimer und Abdeckplanen. Vielleicht reparierten sie auch die Klimaanlage. Die war ganz deutlich spürbar außer Betrieb. Ein paar verstreut aufgestellte Ventilatoren kämpften erfolglos gegen die Schwüle an, die von draußen hereinkam.

Suchend blickte ich mich nach dem Ticketschalter um. Oder so etwas wie einer Anzeigetafel oder einem Fahrplan. Stattdessen fiel mir ein älterer Mann auf, der neben einer Nische am entfernten Ende der Halle stand. Er hatte einen weißen Tropenanzug an, dazu trug er eine Kopfbedeckung, so eine Art Tropenhelm, der ihn wie einen Insektenforscher aussehen ließ. Dichtes weißes Haar lugte unter dem Hut hervor, passend zu dem gepflegten Vollbart. Vielleicht fiel er mir auf, weil er bei all dem Gewusel in der Halle auffällig unbeweglich dastand. In seiner Ruhe wirkte er vertrauenerweckend, aber zugleich etwas unheimlich.

Plötzlich spürte ich den heftigen Drang, Wasser zu lassen. Auf dem Weg in die Halle hatte ich ein Hinweisschild »Toilettes« gesehen. »Ich muss mal«, sagte ich zu Candy, »bin gleich wieder da. Du kannst ja schon mal nach dem Ticketschalter fragen.« Ich verließ die Halle. Als ich nach dem Pinkeln wiederkam, stand Candy immer noch am selben Fleck. Ich schaute ihn fragend an.

»Der Mann«, sagte er nur und wies mit einer Bewegung seines Kopfs auf den weißen Mann, den Insektenforscher.

»Was ist mit dem Mann?«, fragte ich.

»Den müssen wir fragen«, antwortete Candy, »mit dem geht es am schnellsten. Er vergibt Sondertransporte. Und ohne Umsteigen.«

»Hä? Woher weißt du das?«, wollte ich wissen.

»Ein Kind hat es mir gesagt. Ich habe gefragt.«

Innerlich schüttelte ich den Kopf. Was war nur mit Candy los? Er war fast genauso unbeweglich wie der Mann, den er nun für einen Ticketverkäufer oder was auch immer hielt. Und er redete wirres Zeug. Von dieser Insel kam man nicht ohne Umsteigen nach Frankfurt. Von einem Kind!

»Da«, sagte Candy und zeigte auf den Mann. Eine Frau und ein Kind waren an ihn herangetreten, schienen mit ihm zu sprechen. Na gut, dachte ich, gucken wir mal, was passiert. Man hörte nicht, was sie sprachen, aber der Mann nahm etwas aus der Hand der Frau – Geld, vermutete ich, ich konnte es nicht genau sehen, dazu war die Szene zu weit weg. Er gab etwas zurück und wies mit einer knappen Geste auf die Nische neben ihm. Frau und Kind traten in die Nische. Jetzt geht er weg, dachte ich, unter irgendeinem Vorwand, nimmt das Geld und lässt die beiden dort stehen, taucht nie wieder auf. In diesem Moment hallte ein Scheppern durch den Raum, begleitet von lautem Fluchen. Unwillkürlich sah ich zu den Bauarbeitern auf dem Gerüst. Einem von ihnen war ein Arbeitsgerät hinunter gefallen und zerbrochen. Ein anderer beschimpfte ihn, und auch ein Vorübergehender, der fast getroffen worden wäre, beschwerte sich lauthals mit drohenden Gesten.

Als ich zu dem weißen Mann zurückblickte, stand er immer noch am selben Fleck, in sich ruhend wie zuvor. Die Frau und das Kind standen nicht mehr in der Nische, ich konnte sie nirgends entdecken.

»Siehst du?«, sagte Candy neben mir.

»Was?«

»Sie sind einfach verschwunden. Sie sind jetzt an ihrem Bestimmungsort.« Candy sagte das mit völlig teilnahmslosem Gesicht, als wäre diese Mitteilung die normalste, die man in dieser Situation machen konnte. Ich machte mir nun wirklich Sorgen um ihn.

»Candy!«, sagte ich. »Was redest du da? Menschen verschwinden nicht einfach so. Du wirst einen Moment nicht hingesehen haben. Und in diesem Moment sind die beiden weggegangen.«

»Nein. Ich habe die ganze Zeit hingesehen. In einem Augenblick standen sie da, im andern waren sie weg. Sie sind gereist.« Er sagte das so apodiktisch, dass mir klar war: Argumentieren hatte keinen Sinn mehr. Ich packte ihn am Arm.

»Komm«, sagte ich, »nimm den Koffer, wir gehen da jetzt hin und fragen den Mann. Wir fragen ihn, was die Frau und das Kind von ihm wollten, und wo der Ticketschalter ist. Damit du endlich Ruhe gibst.« Widerstandslos ging Candy mit. Je näher wir dem weißen Mann kamen, desto leerer schien der Raum zu werden. In gleichem Maße nahm mein Widerwille gegen die ganze Situation ab. Candy spürte ich kaum noch neben mir. Er schien sich unwiderstehlich zu dem Mann hingezogen zu fühlen. Als wir bei ihm ankamen, schien es fast, als wären wir mit ihm allein. Ich hatte mir auf dem Weg einige Fragen zurechtgelegt, holte gerade Luft, um die erste auszusprechen, als die Stimme des Weißgekleideten ertönte.

»Sie wollen nach Frankfurt?«

Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, ausgesprochen mit einer völlig unauffälligen dumpfen Stimme, die gar nicht zu seinem exaltierten Äußeren passte. ›Zirkusdirektor‹, schoss es mir durch den Kopf, ›Dompteur, Tiger, Käfig‹, aber auch ›Insektenforscher‹, ich sah aufgespießte Schmetterlinge, die hellblau schillernden Augenflecken eines Pfauenauges wurden immer größer und verschwammen schließlich mit dem kalten Blau der Augen des weißen Mannes. Ich hatte das Gefühl, in aufsteigendem Sand zu versinken. Ich kam nicht zu Wort.

»Ja, dringend«, sagte Candy sofort.

»Kann ich Ihre Kreditkarte sehen?« Diesmal hörte ich die etwas raue Stimme eines älteren Mannes durch. Auch dies mehr Aufforderung als Frage. Candy hatte seine Karte schon in der Hand. Wieso eigentlich? Er gab sie ihm und bekam sie nach einem kurzen Blick darauf zurück.

»Treten Sie bitte in die Nische. Mit dem Gepäck. Und denken Sie an Frankfurt!« Wieder kam ich nicht zum Zug. Warum ging alles so schnell? Verzweifelt versuchte ich, die Kontrolle zurückzugewinnen.

»Augenblick mal!«, fing ich an, da packte mich Candy ungewohnt kräftig am Arm, bugsierte mich wie einen zweiten Rollkoffer in die Nische und redete eindringlich auf mich ein. »Sugar, bitte! Ich muss. Hier. Weg. Das ist unsere Chance. Tu einfach, was er sagt! Vertrau mir!« Diese Formel kannte ich nur aus schlechten Filmen. Doppelagenten sagen so etwas, wenn sie ihren besten Freund in den Tod schicken. Aber aus Candys Mund hatte ich so etwas noch nie gehört. Wo war das Häufchen Elend geblieben, das mir in den letzten Tagen mit seiner Panik in den Ohren gelegen hatte? Ich holte tief Luft, schloss die Augen und sagte mir: Du zählst jetzt bis drei. Dann machst du die Augen wieder auf und diesem Zirkus hier ein für alle Mal ein Ende!

Als ich die Augen wieder öffnete, …

… sind alle Geräusche weg. Es ist still, absolut still. Alles steht still. Die Halle und alles in ihr ist wie eingefroren. Keine Schwüle mehr, keine Kälte, kein Nichts. Die Rotoren der Ventilatoren stehen still. Menschen mit einem Bein in der Luft, andere mit offenen Mündern und halb geschlossenen Augen, die Handwerker merkwürdig verrenkt mit ihren Werkzeugen bei der Arbeit. Einem Mann ist der Griff des Rollkoffers aus der Hand geglitten, der Koffer trotzt der Schwerkraft und schwebt zwischen Stand und Fall. Einem anderen ist Kaffee aus einem Becher geschwappt. Ich kann die Flüssigkeitstropfen in der Luft sehen. Ich sehe die Welt als das, was sie ist: ein Haufen Atome, die der Zufall zu mehr oder minder funktionslosen Ansammlungen zusammenführt. Es ist, als sähe ich ein Hologramm der Abflughalle von Praslin. Nein, ich sehe es nicht nur, ich bin selbst Teil dieses Hologramms. Ein unbewegliches, eingefrorenes Teil eines Welthologramms. Und zugleich sehe ich viel mehr. Ich bin, wo ich bin, und zugleich überall. Ich bin Teil dieses Welthologramms, bin auch Teil der geheimen Bibliothek mit den Reiseberichten der Verschwundenen. Und ich lese in ihren Geschichten, lese in der Geschichte von Candy und Sugar. Lese meine eigene Geschichte. In der auch steht, dass Monate später am Frankfurter Flughafen ein unzustellbares Paket von den Seychellen geöffnet wurde. Es war voller Süßigkeiten.

Und wenn du mir bis hierhin hast folgen können, wenn du dies hier liest, dann weißt du ja, was das bedeutet. Es gibt kein Zurück. Willkommen im Club!

Kleines Nachwort des Autors

Vor einiger Zeit habe ich angefangen, eigene Träume zu kurzen Geschichten zu verarbeiten. Monika war immer die erste Leserin dieser Storys, die ich Crazy Dreams nannte. Die meisten gefielen ihr, vor allem, wenn sie eine Pointe hatten und zum Schmunzeln anregten. Aber auch die ernsten und düsteren Traumgeschichten hat sie mit Interesse gelesen und konstruktiv kommentiert. Und immer bestärkte sie mich darin, weiter zu machen.

Deswegen widme ich dir in diesem Geburtstagsbuch einen crazy dream, den du noch nicht kennst.

Danke, Monika, dafür und für alles andere, das uns verbindet!

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