Kitabı oku: «Die wechselseitige Rezeption zwischen Ortskirche und Universalkirche»

Yazı tipi:

ERFURTER THEOLOGISCHE SCHRIFTEN

im Auftrag

der Katholisch-Theologischen Fakultät der

Universität Erfurt

herausgegeben

von Josef Römelt und Josef Pilvousek

BAND 46


Myriam Wijlens (Hg.)

Die wechselseitige
Rezeption zwischen
Ortskirche und
Universalkirche

Das Zweite Vatikanum

und die Kirche

im Osten Deutschlands


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

1. Auflage 2014

© 2014 Echter Verlag, Würzburg

ISBN

978-3-429-03698-0 (Print)

978-3-429-04753-5 (PDF)

978-3-429-06167-8 (ePub)

www.echter-verlag.de

Inhalt

VORWORT

Myriam Wijlens

SEELSORGE MIT KONZILIAREM RÜCKENWIND PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN AUS DER DIASPORAPASTORAL MITTELDEUTSCHLANDS

Joachim Wanke

KIRCHE UND DIASPORA. DIE KATHOLISCHE KIRCHE IN DER DDR UND DAS ZWEITE VATIKANISCHE KONZIL

Josef Pilvousek

REZEPTIONSFORSCHUNG AUS LOKALER PERSPEKTIVE – METHODOLOGISCHE REFLEXIONEN

Gilles Routhier

ANSPRUCH UND WIRKLICHKEIT. KONZILSREZEPTION ZWISCHEN INNERKIRCHLICHEM AUFBRUCH UND STAATLICHEN REPRESSIONEN IN DER DDR

Sebastian Holzbrecher

WAS BEDEUTET REZEPTION DER LITURGIEKONSTITUTION? BEOBACHTUNGEN IN DER DIASPORA OST- UND MITTELDEUTSCHLANDS

Benedikt Kranemann

ZUR REZEPTION KIRCHENRECHTLICHER NORMEN – VORAUSSETZUNGEN UND UMSETZUNGEN

Rüdiger Althaus

AGGIORNAMENTO VOR ORT – CHRISTLICHES LEBEN UND DENKEN IN DER WELT VON HEUTE UND MORGEN

Michael Quisinsky

SENSUS FIDELIUM UND KATHOLIZITÄT ORTSKIRCHE UND UNIVERSALKIRCHE IM GESPRÄCH MIT GOTT

Ormond Rush

DIALOGSTRUKTUREN IN DER KIRCHE UND DIE COMMUNIO-THEOLOGIE DES ZWEITEN VATIKANUMS

Hermann J. Pottmeyer

AUTORENVERZEICHNIS

ANMERKUNGEN

Vorwort
Myriam Wijlens

„In quibus et ex quibus“ ist eine Kurzformel aus der dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen gentium, mit der das Zweite Vatikanische Konzil zum Ausdruck gebracht hat, dass die eine und einzige katholische Kirche „in und aus den Ortskirchen“ besteht (LG 23). Wer das Zweite Vatikanische Konzil und all das, was das Konzil ausmacht, studiert, wird tatsächlich feststellen, dass diese Formel nicht nur eine lehramtliche Aussage ist, die das Verhältnis zwischen den Ortskirchen und der Universalkirche beschreibt, sondern gerade bezogen auf Vatikanum II auch zum Ausdruck bringt, was vor, während und nach dem Konzil geschah.

Vorkonziliare Entwicklungen in den Ortskirchen konnten auf dem Konzil – ein Ereignis der Universalkirche – zum Tragen kommen: die bereits in mehreren Ländern de facto existierenden Bischofskonferenzen, die in der „Logistik“ des Konzils bereits eine entscheidende Rolle spielen würden; die in mehreren Ortskirchen zuvor schon bestehenden Erfahrungen mit einer Reform der Liturgie – hier ist vor allem an Deutschland zu denken; die Impulse, die durch das Laienapostolat z.B. in Frankreich und Deutschland hervorgebracht wurden; ebenso die im Kontext des Zweiten Weltkrieges gemachte Erfahrung, dass alle Christen aufgrund ihrer Taufe primär in Christus verbunden sind und die bestehenden Trennungen deshalb überwunden werden müssen. All diese Erfahrungen, die auf der Ebene der Ortskirche gesammelt worden waren, konnten insbesondere deswegen zu entscheidenden Impulsen für die Entwicklungen im Konzil werden, weil sie mit einer theologischen Forschung vor allem hinsichtlich der Bibelwissenschaften und der Kirchenväter sowie mit einem Bewusstsein für die Geschichtlichkeit von Lehraussagen einhergingen. Nicht zu unterschätzen sind hier die Beiträge der großen klerikalen Orden – z.B. der Benediktiner, Jesuiten und Dominikaner –, die schon seit Jahrzehnten die Forschung ihrer Mitglieder förderten. Durch die Herausgabe von theologischen Fachzeitschriften, in denen die Ergebnisse nicht nur publiziert, sondern auch länder- und sprachübergreifend veröffentlicht wurden, ermöglichten die Orden einen Transfer und somit eine erste Rezeption der Forschungsresultate. Die Ergebnisse des Konzils können somit nicht ohne die Erfahrungen und theologischen Vorarbeiten in den Ortskirchen gewürdigt werden.

Es waren jedoch nicht nur die ortskirchlichen Vorläufe, sondern auch die während des Konzils getroffenen Entscheidungen, die einen vor allem auf persönlichen Kontaktmöglichkeiten basierenden Austausch der Konzilsväter begünstigten: die Sitzordnung der Bischöfe erfolgte z.B. nicht nach Sprachgruppen oder Nationalität, sondern nach Weihe-Anciennität. Es konnte also geschehen, dass ein Bischof aus Europa zwischen einem aus Afrika und einem aus Asien saß, und sich dadurch neue Lernmomente ergaben, die die rein kognitive Ebene überstiegen. Ein weiterer Baustein, der zur Vernetzung der Konzilsteilnehmer führte, waren die an den Nachmittagen von Theologen gehaltenen und von Bischöfen besuchten Vorträge. Hinzu kam, dass viele der Bischöfe aus Afrika, Asien und Südamerika gebürtige Europäer waren, die einfach Kontakte mit Mitbrüdern aus ihren Heimatländern knüpfen konnten. Ferner entstanden durch das bereits bestehende Netzwerk der Ordensinstitute Berührungspunkte. Bischöfe, die als Angehörige eines Ordensinstituts in den verschiedenen Teilen der Welt zu Vorstehern von Ortskirchen berufen waren, trafen sich untereinander, um Erfahrungen und Eindrücke zu tradieren. Diese vielfachen Austauschmöglichkeiten führten zu einer Wechselwirkung zwischen den Ortskirchen unter sich mit der Folge, dass es zu einer gesamtkirchlichen Rezeption dessen, was in den Ortskirchen vorbereitet worden war, kam. Dadurch erhielt das Konzil eine neue Gewichtung.

Nach dem Konzil galt es die Ergebnisse des Konzils in den jeweiligen Ortskirchen zu rezipieren. Dies musste unter besonderer Berücksichtigung der örtlichen Umstände und Gegebenheiten geschehen: so z.B. in der Liturgie, in Entscheidungsfindungsprozessen, in den Bistümern und Pfarreien, in der Ökumene, im Umgang mit der Gesellschaft.

Fünfzig Jahre nach dem Konzil stellt sich nun die Frage, wie diese wechselseitige Rezeption im Osten Deutschlands gerade wegen des besonderen politischen Kontextes verlaufen ist: Durch wen und wie wurde sie vermittelt? Wurde sie überhaupt und wird sie gegenwärtig noch gefördert? Welche Faktoren führten dazu, dass bestimmte Aspekte nicht oder noch nicht rezipiert werden konnten? Wie sah die Teilnahme der Kirche Mitteldeutschlands am Konzil aus und wie beeinflusst das Konzil die Kirche in dieser Region bis heute? Wer das feststellen will, muss sich über die Methode Gedanken machen, dieser Fragestellung nachzugehen, und muss dafür Kriterien festlegen. Ist die deskriptive Analyse mehr oder weniger abgeschlossen, gilt es in die systematisch-theologische Phase einzutreten, indem nun Konzepte wie Glaubenssinn (sensus fidelium) und Dialog in der Wechselwirkung zwischen Orts- und Universalkirche reflektiert werden.

Diese Fragen wurden auf einer Tagung, welche an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt am 7. und 8. Dezember 2012 unter dem Titel „In quibus et ex quibus: Die Wechselwirkung zwischen Ortsund Universalkirche 50 Jahre nach Vatikanum II im Osten Deutschlands“ durchgeführt wurde, diskutiert. Die Beiträge in dem vorliegenden Band, welcher aufgrund der Tagung entstanden ist, sind somit zutiefst von einer methodischen Reflexion über Rezeptionsforschung und -vorgänge in der Ortskirche geprägt. Sie sind in drei Gruppen zu unterscheiden: Nach einem sehr persönlich gefärbten Beitrag des emeritierten Bischofs von Erfurt, Dr. Joachim Wanke, in dem er sich erinnert, wie ihm das Konzil als Seminarist nahegebracht wurde, wie er danach als Seelsorger und junger Priester an der Rezeption beteiligt war und wie er als Ortsbischof die Rezeption förderte, beschreibt der Erfurter Kirchenhistoriker Josef Pilvousek vor allem die Teilnahme der Kirche im Osten Deutschlands auf dem Konzil. Der kanadische Konzilsforscher Gilles Routhier reflektiert in einem methodisch geprägten Aufsatz, wie die Rezeption des Konzils in den Ortskirchen überhaupt erforscht werden kann. Sein Beitrag bildet deswegen eine Brücke zu den darauffolgenden Studien des Erfurter Kirchenhistorikers Sebastian Holzbrecher, des Erfurter Liturgiewissenschaftlers Benedikt Kranemann und des Paderborner Kanonisten Rüdiger Althaus, die vor allem das, was konkret im Bereich der Wechselwirkung zwischen den Ortskirchen und der Universalkirche in der Region geschah, in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellen.

Sebastian Holzbrecher etwa beschreibt die Rezeption des II. Vatikanums in dem besonderen gesellschaftlichen und kirchlichen Umfeld der DDR und nimmt dabei konkret den sogenannten ‚Aktionskreis Halle‘, eine innerkirchliche Reformgruppe von Gläubigen in der DDR, in den Blick. Benedikt Kranemann konzentriert sich auf den Beitrag der Kirche im Osten Deutschlands für die Liturgiereform auf dem Konzil sowie auf die nach dem Konzil erfolgte Rezeption in dieser Region. Rüdiger Althaus reflektiert vor dem Hintergrund der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils, wie Entwicklungen in den Ortskirchen aus dem deutschsprachigem Raum über das Gewohnheits- und Partikularrecht in das Universalrecht aufgenommen wurden und wie die Ortskirchen umgekehrt das Universalrecht rezipieren bzw. dies wegen regionalen Besonderheiten ihrer Kirche nicht tun, ja sogar unter Berufung auf ihre Situation sich dazu nicht im Stande sehen.

Das Buch schließt mit drei Beiträgen, die die Wechselwirkung zwischen Orts- und Universalkirche vor allem aus systematisch-theologischer Sicht betrachten. Der in der Schweiz lehrende systematische Theologe Michael Quisinsky analysiert, was das konziliare ‚aggiornamento‘ mit Blick auf Zeit und Ort für die Ortskirchen, die in der heutigen Zeit theologisch betrachtet immer weniger als nur territorial zu verstehen sind, bedeutet. Der australische Fundamentaltheologe Ormond Rush konzentriert sich auf den Glaubenssinn (sensus fidelium) und fragt, wie dieser in der Wechselwirkung zwischen Ortsund Universalkirche zu verstehen ist. Der Bochumer Fundamentaltheologe Hermann Josef Pottmeyer schließt das Buch mit einer Reflektion über das Dialogverständnis im Konzil und die Implikationen für die heutige Zeit. Zentral in seinen Ausführungen ist die Ansicht, dass die Kirche für den Kontakt mit der Außenwelt den Begriff Dialog als ein „sich auf Augenhöhe begegnen“ und ein „Wahren wirklicher Gegenseitigkeit“ verstehen würde. Im innerkirchlichen Bereich würde der Dialogbegriff jedoch eher als Gespräch (colloquium) begriffen, da man sich schwer tue die oben genannte Gegenseitigkeit zu respektieren. Pottmeyer zeigt auf, warum es in der nachkonziliaren Zeit deswegen zu Schwierigkeiten in dem wechselseitigen Austausch zwischen Orts- und Universalkirche gekommen ist und weiterhin kommt.

Die Herausgabe des vorliegenden Buches wäre ohne die Hilfe meines wissenschaftlichen Mitarbeiters Michael Karger nicht möglich gewesen. Für sein unermüdliches Engagement bei der Organisation der Tagung und vor allem bei der Druckvorbereitung sei ihm ausdrücklich gedankt. Frau Doris Wagner gilt ein Wort des Dankes für die Übersetzung der Beiträge von Gilles Routhier aus dem französischen und von Ormond Rush aus dem Englischen in die deutsche Sprache.

Seelsorge mit konziliarem Rückenwind Persönliche Erinnerungen aus der Diasporapastoral Mitteldeutschlands 1
Joachim Wanke

Es ist eine aus der Kirchengeschichte vielfach bewährte Erkenntnis: Konzilien können erst in einem größeren zeitlichen Abstand in ihren jeweiligen Auswirkungen gewürdigt werden. Es hängt von vielen Faktoren ab, ob Konzilien mit ihren lehrmäßigen Entscheidungen und sonstigen Verlautbarungen in der Breite der Kirche aufgegriffen oder eher vernachlässigt werden. Zudem sind gerade die großen Konzilien der Neuzeit, das Tridentinum und das I. Vatikanum ohne einen Blick auf die Herausforderungen der jeweiligen Zeit, auf die sie zu antworten suchten, nicht zu verstehen.

Sind 50 Jahre schon eine hinreichende Zeitspanne, um das II. Vatikanische Konzil (1962-1965) in seiner Bedeutung gebührend zu würdigen? Dass dieses Konzil, von Papst Johannes XXIII. überraschend einberufen2, zu den Höhepunkten der Kirchengeschichte im 20. Jahrhundert zählt, und zwar weit über die Grenzen der römisch-katholischen Kirche hinaus, ist unbestritten. Allein schon die Tatsache, dass ein solches Konzil mit so weitreichenden und mutigen Aussagen zum Glauben und kirchlichen Leben möglich war, ist in sich als ein staunenswertes Werk des Heiligen Geistes zu bezeichnen. Wie schwierig sich etwa eine Konzilsabsicht in die Tat umsetzen lässt, zeigt das langwierige Bemühen der orthodoxen Schwesterkirche um ein panorthodoxes Konzil, bei dem derzeit noch kein Ende abzusehen ist.

Meine Konzilserinnerungen und meine Würdigung des Konzils setzen biographisch an. Sie sind daher notwendig subjektiv und in ihrem Erkenntniswert begrenzt. Doch zeigt sich mir im Rückblick auf das II. Vatikanum und seine Auswirkungen in der Kirchen- und Pastoralgeschichte des mitteldeutschen Raumes, wie tiefgreifend dieses Konzil mich und viele andere geformt hat, die das Leben der Kirche im Raum zwischen Werra und Neiße mitgestaltet haben.

Am 8. Dezember 1965 fand das II. Vatikanum seinen Abschluss. Ich befand mich im letzten Jahr der Ausbildung vor der Priesterweihe. Der Spiritual und spätere Regens des Priesterseminars Neuzelle, Erich Puzik, hat uns Diakone intensiv mit den schon vorliegenden Konzilstexten vertraut gemacht. Ich weiß, dass er uns auf das damals gerade erschienene Buch von Johann Baptist Metz, Christliche Anthropozentrik3, aufmerksam machte, das wir als hermeneutische Hilfe für die durch das Konzil eingeleiteten Horizontverschiebungen in der Theologie empfanden. Der Erfurter Dogmatiker Otfried Müller4 kam eigens zu Vorlesungen nach Neuzelle, um in die dogmatische Konstitution über die Kirche einzuführen und andere Grundentscheidungen des Konzils, etwa im Bereich der Ökumene oder zur Religionsfreiheit zu erläutern. Die Hinführung zum liturgischen Dienst war schon von der Liturgiekonstitution des Konzils geprägt, der ja bald die ersten konkreten Ausführungsbestimmungen folgten. Die Priesterweihe 1966 im Erfurter Dom durch Bischof Hugo Aufderbeck erfolgte schon nach dem neuen Ritus als Konzelebration mit dem Bischof.

Im Raum der DDR konnten wir relativ schnell und unkompliziert das Konzilsgeschehen verfolgen und die entstehenden Texte nachlesen. Ab der 2. Sitzungsperiode (1963) durften die DDR-Ordinarien am Konzil persönlich teilnehmen. Otfried Müller hat schon bald eine erste kommentierte Sammlung der Beschlüsse des II. Vatikanums im Leipziger Benno-Verlag vorlegen können. Eine der Rahner-Vorgrimler-Ausgabe vergleichbare vollständige Edition der Konzilstexte erfolgte ebenfalls im St. Benno-Verlag im Jahr 19855, auch eine Auswahl an wichtigen Konzilsaussagen für die Gemeindearbeit, herausgegeben von Hans-Andreas Egenolf.6 Dazu kamen bald Aufsätze im Theologischen Jahrbuch Leipzig (eine Art Ersatz für eine fehlende theologische Zeitschrift, meistens mit Nachdrucken aus dem deutschen Sprachraum)7, ferner im sog. Theologischen Bulletin (kirchlicher Samisdatdruck)8 und in den pastoralen Aufsatzbänden, die Bischof Hugo Aufderbeck in den 70er Jahren herausgab.9 Dort wurden viele praktische Fragen der Konzilsrezeption angesprochen. Schließlich boten auch die Seelsorgeämter der östlichen Jurisdiktionsbezirke schnell Hilfen zur Weiterbildung an, um den Klerus und interessierte Laien mit dem Konzil und seiner Bedeutung vertraut zu machen. Man kann sagen: Klerus und Gemeinden hatten reichlich Möglichkeit, sich mit dem Konzil auseinanderzusetzen. Dazu trugen natürlich auch die von Bischof Otto Spülbeck (von 1958-1970 Diözesanbischof des Bistums Dresden-Meißen) angefangene und nicht vollendete Meißener Diözesansynode und die Dresdner Pastoralsynode aller Jurisdiktionsgebiete in der damaligen DDR (1973-1975) bei. Dort zeigten sich auch erste Kontroversen bei der Interpretation der Konzilstexte, etwa von Gaudium et spes, was natürlich teilweise auch dem gesellschaftlichen Kontext des kirchlichen Lebens in der DDR geschuldet war.

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, den konziliaren Anstößen und Gedankenimpulsen in meinem Dienst als Priester und Bischof im Detail nachzugehen. Ich hatte das Glück, mit dem gerade abgeschlossenen Konzil, das allgemein als Öffnung der Kirche und Freisetzung zu neuen Wegen in der Seelsorge empfunden wurde, meinen priesterlich-seelsorglichen Dienst zu beginnen. Eigentlich bis heute ist das Denken des Konzils, seine Neuansätze im Kirchenbild, in der Liturgie, in der Ökumene und in seiner Sicht des Verhältnisses des Christentums zu den anderen Religionen für mich die Folie meines theologischen und pastoralen Nachdenkens und Handelns.

1. In der erneuerten Liturgie beheimatet

Beispielhaft sei etwa auf die Impulse der vom Konzil angestoßenen Liturgiereform hingewiesen. Unsere Diasporakirchen waren für diese Neuansätze gut vorbereitet, zum einen durch das Wirken der Leipziger Oratorianer, die wie Josef Gülden, Theo Gunkel, natürlich mit vielen anderen, in Berlin etwa Johannes Pinsk, von der Liturgischen Bewegung inspiriert waren, zum anderen durch den Erfurter Bischof Hugo Aufderbeck, der zusammen mit dem unvergessenen Berliner Bischof Wilhelm Weskamm schon in den 50er Jahren wichtige pastoral-liturgische Akzente setzte.

So wurde in uns als jungen Theologen und dann als Priestern die Liebe zur Liturgie geweckt, genauer: zur gottesdienstlichen Versammlung, in der das Wort Gottes, die Heilige Schrift ihren ersten und wichtigsten Sitz im Leben hat. Die Erneuerung der Liturgie durch das Konzil wollte ja tiefer in das „Heilsmysterium“ – das Innerste der gottesdienstlichen Feier – hineinführen und zugleich ihr Äußeres so gestalten, dass ein wirkliches Hören und Verstehen des Wortes Gottes in seiner ganzen Breite und eine ganzheitliche Beteiligung aller an der Liturgie der Kirche möglich wurde.

Für mich als jugendlichen Ministranten war ein prägendes Erlebnis, dass 1955 die „Große Woche“, speziell das Ostertriduum, die jährliche Feier des Pascha Domini, liturgisch neu geordnet wurde. Eine für die Hand der Gläubigen verbreitete Hilfe zur Mitfeier war, wie sich manche erinnern werden, das Büchlein „Pascha Domini“10 und für die Hand des Klerus das von Aufderbeck im Leipziger St. Benno-Verlag 1958 herausgegebene Werkbuch „Die Feier der vierzig und fünfzig Tage“ (der österlichen Festzeit)11. Solche und ähnliche liturgische Impulse, etwa die deutsche Komplet (herausgegeben von den Leipziger Oratorianern), von der katholischen Jugend gern übernommen, haben auf die Reformimpulse des Konzils gut vorbereitet.

So wurde jenseits aller rechtlichen Verpflichtungen in unserer Generation das Gespür dafür wach, wie unverzichtbar für die christliche Gemeinde die wöchentliche „Versammlung“ am Herrentag ist. Dort sammelt der Erhöhte seine Gemeinde und stärkt sie mit seinem Wort. Dort zieht er sie mit hinein in seine Hingabe an den Vater, die mehr und mehr das Leben der Mitfeiernden prägen soll. Aus dem Bemühen um die sonntägliche Versammlung der Gemeinde auch in der priesterarmen Diaspora kommt auch die Anregung Hugo Aufderbecks zu den sogenannten Stationsgottesdiensten, eine Gottesdienstform, die noch in ihrer heutigen Form als Wort-Gottes-Feier ohne Priester seine Handschrift erkennen lässt.

An diesen, vom Konzil her aufgegriffenen und legitimierten liturgischen Impulsen galt es immer wieder Maß zu nehmen, auch in kritischer Abwehr von Pseudoreformen und Fehlentwicklungen, wie etwa der Überbetonung des Pädagogischen und Belehrenden im Vollzug der Hl. Messe. Wir brauchen wieder neu – in einem veränderten geistigen und kulturellen Kontext – „Mystagogen“, die es verstehen, in die Tiefenschichten der liturgischen Feiern, speziell der Eucharistie, einzuführen und Menschen dort geistlich zu beheimaten. Das gilt zum einen in dem Sinn, die Feiern und ihre Elemente sachgerecht zu erschließen, zum andern auch als ein Bemühen, die geistliche Bedeutung des Lebens aus dem Wort Gottes und den liturgischen Zeichen auch für den heutigen Lebensalltag aufzuzeigen. Es geht um eine „ars celebrandi“, eine Kunst des Liturgen, den Innenraum des liturgischen Geschehens als eine Begegnung mit Christus zu öffnen. Wer einmal mit Bischof Aufderbeck im Hohen Chor des Erfurter Domes die Osternacht mitgefeiert hat, dürfte wissen, was damit gemeint ist.

Es braucht in einer sich ins Subjektive und Beliebige weiter verlierenden Moderne eine Spiritualität, die dem einzelnen Christen Stehvermögen verleiht und ihm hilft, sich dennoch den Mitfeiernden gegenüber zu öffnen. Überhaupt gilt: Mehr und mehr werden „Wege erwachsenen Glaubens“ notwendig, die den Einzelnen, kleinen Gruppen und den Gemeinden insgesamt bei der Feier der Liturgie in ihren vielfältigen Formen helfen und nicht zuletzt dadurch in eine mündige, auskunftsfähige Form des Christseins einweisen.

Noch heute kann uns das II. Vatikanische Konzil helfen, Antworten auf die Frage zu finden, wie eine biblische und liturgische Spiritualität für heute und morgen aussehen kann. Natürlich müssen wir immer neu die klassischen geistlichen Erfahrungen befragen. Es gilt, sich an der Heiligen Schrift und der Feier der Sakramente festzumachen, am Kirchenjahr, an geistlichen Orten, an Personen. Der Christ wird eine „Alltagsmystik“ zu entwickeln haben, die auch Erfahrungen der Verborgenheit Gottes auszuhalten weiß, und das alles in ganz unpathetischer, nüchterner Weise. Dankbar möchte ich in diesem Zusammenhang an meinen Lehrer Heinz Schürmann12 erinnern, der meiner Generation die Bibel nicht nur wissenschaftlich-exegetisch vorbildlich erschloss, sondern sie uns als Buch der Kirche und als Wort Gottes nahe brachte, aus dem man geistlich leben kann. Bei dieser spirituellen Durchdringung unseres „kirchlichen Alltagsbetriebes“ sehe ich übrigens auch ein Feld fruchtbringender ökumenischer Zusammenarbeit und des gemeinsamen Austausches mit anderen Christen. Wir sollten darin nicht nachlassen.

2. Der Ökumene verpflichtet

Das führt mich zu dem anderen Feld, dem das Konzil meinem Denken und Arbeiten bis heute wichtige Anregungen gab: die Öffnung in der Ökumene, näher hin zu den Kirchen der Reformation. Es ist nicht überflüssig, dies besonders herauszustellen, weil es eben nicht selbstverständlich ist. Noch vor dem II. Vatikanischen Konzil war das anders, was wir gern vergessen. Damals gab es nur die Vorstellung einer „Rückkehr“ der anderen zur katholischen Kirche. Hier hat das Konzil mit seinen theologischen und pastoralen Entscheidungen einen Neuanfang ermöglicht.

Die anderen „Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften“ werden seither im katholischen Raum anders gewürdigt als zuvor. Einzelne Elemente des Kirche-Seins in diesen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften werden positiv benannt (z. B. die gemeinsam anerkannte Taufe, die Verkündigung des Wortes Gottes, die tätige Nächstenliebe u. a. m.). Das Konzil vermeidet freilich, konkret die aus der Reformation entstandenen Kirchen auch theologisch als Kirchen zu bezeichnen. Das signalisiert ein theologisches Arbeitsfeld, das dringlich zu bearbeiten ist. Dennoch bleibt es dabei: Auch in den nichtkatholischen Kirchen und Gemeinschaften ist Gottes Geist am Werk, wird das Evangelium verkündigt und gewinnt die Liebe Christi praktisch Gestalt. In ihnen kann der einzelne Mensch das ewige Heil erlangen.

Dazu kommt eine positive Würdigung des ökumenischen Bemühens insgesamt. Papst Johannes Paul II. hat in seiner Enzyklika „Ut unum sint“, die ganz der Ökumene gewidmet ist, gesagt, dass die ökumenische Bewegung in dem von Kriegen und schrecklicher Inhumanität gekennzeichneten 20. Jahrhundert ein Geschenk des Geistes Gottes sei.13 Dieser Aussage stimmen wohl weithin alle Christen zu. Dass dies so ist, sollte uns Anlass zu immer neuem Dank gegenüber Gott sein.

Lange habe ich mich lokal und auch auf Bundesebene in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Deutschland eingebracht, von 1995 bis 2001 sogar als deren Vorsitzender. Ich hätte mir nicht vorstellen können, ohne eine vom Konzil her inspirierte Theologie diese Arbeit leisten zu können. Natürlich kamen dabei auch die kontroversen Gesichtspunkte zum Vorschein, insbesondere im Kirchenverständnis. Immer wieder musste ich manches vorschnelle Urteil richtigstellen: Es ist nicht zutreffend, wenn z. B. häufig die katholisch-evangelische Grunddifferenz mit der Formel festgemacht wird: Nach evangelischem Verständnis erfolge Rechtfertigung des Sünders vor Gott „in“ der Kirche, nach katholischem Verständnis „durch“ die Kirche. Genau bei solch gewichtigen Fragen half mir mein vom Konzil her geprägtes Kirchenbild, für die im Glauben getrennten Geschwister gesprächsfähig zu bleiben.

Kirche schiebt sich für Katholiken eben nicht zwischen Christus und den Menschen. Sie enthüllt mir vielmehr das Angesicht des Herrn, damit ich von ihm im Wort und Sakrament „erleuchtet“, österlich lebendig werden kann. Die Kirche ist mir Heilsraum, aber nicht Heilsursache. Darum gilt für mich: An ihrer Hand habe ich den gefunden, den „meine Seele liebt“ (Hld 3,1). Paulus gebraucht einmal das Bild, er wisse sich als „Brautwerber“ (2 Kor 11,2), der zu Christus führen will. Eben das ist für mich das Wesen der Kirche. Und so habe ich es auch als ein in der Diaspora aufgewachsener Katholik konkret in meiner Biographie erfahren. Aber das bestätigt mir nur biographisch, was ich, belehrt durch das Konzil, theologisch weiß.

Meine Erfahrung, besonders auch später im Bischofsamt, hat mir gezeigt: Es wird kein Voranschreiten in der Ökumene geben, wenn wir uns Christen nicht gegenseitig im Blick behalten. Damit meine ich nicht, dass es nicht auch Sachkritik am anderen geben könne. Wichtiger ist freilich, in welcher Gesinnung solche gegenseitige Kritik geschieht. In uns muss das konkrete Wissen wachsen und sich emotional verankern, dass der und die andere neben mir von Christus geliebt sind. Kinder hören zu streiten auf, wenn sie sich der gemeinsamen Liebe ihrer Eltern wieder sicher sind.

Gerade durch die ACK habe ich gelernt, meine eigene Kirche auch mit den Augen der ökumenischen Partner zu sehen. Das ist manchmal schmerzlich, weil ich dann auch eigenes Fehlverhalten und Versagen deutlicher erkenne. Aber alles in allem ist dies eben auch heilsam. Ich hatte einmal den Vorschlag gemacht, im jeweiligen sonntäglichen Gottesdienst einer Gemeinde regelmäßig (etwa in den Fürbitten) auch der anderen Christen am Ort zu gedenken. Hier und da erlebe ich, dass dies gemacht wird. Darüber kann man sich nur freuen. In einer solchen Gemeinde bleibt der „Geist des Konzils“ lebendig.

Aber auch in anderer Hinsicht brauchen wir die Ökumene – und das scheint kein Gegensatz zu dem soeben Gesagten. Wir sollten gemeinsam immer wieder auf Aufgaben schauen, die uns als Christen in Deutschland und angesichts einer zerrissenen Welt herausfordern. Freundschaft wächst und vertieft sich durch gemeinsame Bewährung, nicht durch fortwährendes gegenseitiges sich Fixieren und Bemessen. Wir brauchen eine ökumenische Grundeinstellung, die nicht als Motto ausgibt: „Mal sehen, was dem anderen zuzumuten ist“, sondern: „Gemeinsam schauen auf das, was diesem Land nottut, nämlich: neu nach Gott zu fragen“. Das führt mich zu einem weiteren, mir wichtigen Lernfeld, zu dem mich gerade auch das Konzil angeleitet hat. Ich meine damit die Aufgabe, mutig auf eine neue, missionarische Präsenz des Evangeliums in unserer Gesellschaft hinzuarbeiten.

3. Den Menschen das Evangelium anbieten

Für mich ist unter den Konzilsdokumenten die Pastoralkonstitution „Kirche in der Welt von heute“ (Gaudium et spes) wichtig geworden, besonders auch für meine Grundeinstellung zur Aufgabe der Kirche im damaligen Ideologiestaat DDR. Dieses Dokument hat mir geholfen, mit anderen zusammen die Mentalität der kirchlichen „Einigelung“, der „Überwinterung“ im Warten auf bessere Zeiten aufzubrechen. Eine erste Frucht dieses Bemühens waren manche neue Töne in den gemeinsamen Hirtenschreiben der Bischöfe im Osten, ferner das im Dresdener Katholikentreffen von 1987 sich zeigende neue Selbstbewusstsein der katholischen Christen im Osten und schließlich auch die Bereitschaft unserer Kirche, sich an den drei Ökumenischen Versammlungen unmittelbar vor der friedlichen Revolution von 1989/90 zu beteiligen, die bekanntlich einen wichtigen Beitrag leisteten für den gesellschaftlichen Neuanfang in den nachfolgenden Jahren.14

Dem Konzilsdokument „Kirche in der Welt von heute“ wurde manchmal eine gewisse theologische „Blauäugigkeit“ vorgeworfen. Aber damit tut man diesem, sicher in das Denken und Empfinden der damaligen Zeit eingebundenen Dokument unrecht. In dieser Pastoralkonstitution geht es um eine grundsätzliche Neubestimmung des Verhältnisses von Kirche und Welt. Es geht im Letzten um eine Absage an die herkömmliche Auffassung einer Dominanz der Kirche auch über die weltlichen Dinge und ihre Ordnungen. Zum ersten Mal wird hier in einem Konzilsdokument von einer (wenn auch durch Gott umfangenen) Autonomie der weltlichen Wirklichkeit gesprochen, die auch die Kirche zu respektieren hat und die von den Laienchristen bei ihrem Welteinsatz zu berücksichtigen ist. Daraus folgt unmittelbar die Einsicht, dass in manchen Fragen der Gesellschaft, die heute anstehen, die Kirche keine endgültigen und abschließenden Antworten geben kann. Das Konzilsdokument ruft vielmehr die Christen auf, im gemeinsamen Gespräch, auch mit Nichtchristen, nach den richtigen Wegweisungen für eine bessere Weltgestaltung zu suchen. Das Konzil gesteht freimütig, dass die Kirche selbst immer auch eine lernende Kirche ist.

Es ist schon erstaunlich, welcher Wandel der Selbsteinschätzung von Kirche in ihrem Verhältnis zur Welt in diesem Dokument zum Ausdruck kommt. Gaudium et spes ist sicherlich das Konzilsdokument, das am zutreffendsten die Vision von Papst Johannes XXIII. zum Ausdruck bringt, die Kirche möge zu ihrem Grundauftrag zurückfinden, nicht nur Wahrheiten „an sich“ zu verkünden, sondern sie den Menschen von heute so nahezubringen, dass die befreiende und heilende Wirkung des Evangeliums erkennbar werden kann.15 Aggiornamento, „Verheutigung“ im Sinne von Papst Johannes XXIII. meint ja nicht eine billige Anpassung oder gar Anbiederung der Kirche an die Welt von heute, sondern eine heilsame Zusammenführung des Evangeliums und des Menschen mit seinen Fragen, Ängsten und Sehnsüchten, die allein in Jesus Christus ihre letzte Beantwortung erhalten. Und das bedeutet für den Glaubenden immer auch schmerzliche Auseinandersetzung, ja die Bereitschaft zur Kreuzesnachfolge und ggf. auch zum Martyrium. Johannes Paul II. hat immer wieder darauf hingewiesen, dass gerade das letzte Jahrhundert für die Kirche ein Jahrhundert der Märtyrer gewesen ist.

Es stimmt nicht, wenn dem Konzilsdokument nachgesagt wird, es vernachlässige die Glaubenserfahrung, dass auch das Kreuz zur christlichen Existenz in dieser Welt gehört. Ohne Zweifel ist die Pastoralkonstitution von einem gewissen Optimismus erfüllt, der Chancen und Möglichkeiten der Verkündigung des Evangeliums auch an die Menschen von heute sieht. Aber zum einen weiß das Dokument auch um die Aufgabe jedes Gläubigen, „gegen das Böse durch viele Anfechtungen hindurch anzukämpfen und auch den Tod zu ertragen“ (GS 22), es weiß um das durch die Sünde verderbte menschliche Handeln und die Notwendigkeit, dass dieses „Elend“ „durch Christi Kreuz und Auferstehung gereinigt“ und „alles Tun des Menschen, das durch Stolz und ungeordnete Selbstliebe täglich gefährdet ist“, durch Christi Heilswerk „zur Vollendung gebracht werden muß“ (GS 37). Zum anderen betonen die Konzilsväter, dass sie mit der Pastoralkonstitution keine letztgültige Lehre über den Weltauftrag der Kirche verfasst haben. Das geht von der Sache her auch gar nicht, weil die Dinge dieser Welt immer in Entwicklung sind. Was sie intendierten war „die Schleifung der Bastionen“ (so der Titel einer wichtigen Streitschrift von Hans Urs von Balthasar aus dem Jahr 195216). Sie wollten die Bereitschaft der Kirche signalisieren, sich für das Gespräch mit der Welt zu öffnen und nicht in einer kirchlichen „Festungsmentalität“ zu verharren.

Es ist noch lange nicht ausgemacht, welche Früchte aus diesem Gesprächsangebot wachsen. Vermutlich wird die Öffnung der Kirche für die Welt von heute, die Gaudium et spes angestoßen hat, ihre Bedeutung erst voll im gerade angebrochenen Jahrhundert entfalten. Denn dieses Jahrhundert wird zeigen, ob die großen Weltreligionen und unter ihnen das Christentum einen entscheidenden Beitrag für die Sicherung einer humanen Zukunft der Welt zu leisten vermögen, auch in Gesellschaften, die dabei sind, zumindest weithin im Westen, sich von den eigenen Quellen einer universal verpflichtenden Ethik zu verabschieden.

Wenn ich persönlich meine Erfahrungen mit den Ereignissen der friedlichen Revolution von 1989/90 reflektiere, so muss ich sagen: Ich bin auch im Blick auf die seelsorglich-kirchliche Arbeit dankbar, dass die alte DDR aufhörte zu bestehen. In Kurzfassung: Wir leben jetzt auch kirchlich ehrlicher als früher. Anpassung und Leisetreterei sind in einem repressiven Staat nichts Unnormales, aber eben auch nichts Gutes. Was Kirchen und christlicher Glaube an geistiger Widerstandskraft gegen die alte Ideologie mobilisiert haben, muss sehr gewürdigt werden. Aber auch das Leben in einem geistigen Gefängnis macht „blind“. Zwar hat die DDR-Zeit viel zwischenmenschliche und kirchliche Grundsolidarität unter den Menschen erzeugt, aber die vom Staat gezielt herbeigeführte gesellschaftliche Isolierung der Kirche hat ihr nicht gutgetan. Es ist gut, wenn nun die Kirchen und jeder einzelne Christ positiv, und nicht nur durch Verweigerung, zeigen kann, was der christliche Glaube zur humanen Gestaltung eines Gemeinwesens beiträgt. Eine solche Einstellung kann sich mit Recht auf das Konzil berufen, das zu einem solchen „Welteinsatz“ ermunterte.

Mein Blick in meine Dienstbiographie zeigt mir, dass wir im Osten letztlich noch zu zögerlich die Impulse des Konzils aufgegriffen haben. Wir waren zu wenig oder kaum ausgerichtet auf eine geistige und geistliche Präsenz, die angriffig ist, die anregen will, die auf andere abzielt, die mehr bewegen als bewahren will. Wir stellten zu wenig „das Licht auf den Leuchter“ (so ein pastorales Schwerpunktthema vor einigen Jahren im Bistum Erfurt)17. Damit meine ich nicht unser eigenes Licht, sondern das Licht eines Gottesglaubens, den auch wir geschenkt bekommen haben und der allen – Gläubige wie Ungläubige – gemeinsam Wegweisung geben will.

Im Osten wird sich exemplarisch entscheiden, ob es eine neue Zuversicht, einen neuen Aufbruch in der Verkündigung des Evangeliums in ganz Deutschland geben wird oder nicht. Hier wird die Kirche zeigen müssen, wie das Evangelium auch in der Gesellschaft von morgen neuen Glanz gewinnen kann. Ob wir die Konzilstexte nicht doch noch einmal nachdenklich neu lesen sollten, etwa was in Gaudium et spes zum Atheismus und Agnostizismus so vieler Zeitgenossen gesagt ist (vgl. GS 19-21)?

Dass es derzeit keine, zumindest keine schlüssigen „Pastoralrezepte“ gibt, macht mich weniger besorgt. Das ist ja ein Kennzeichen von Umbruchzeiten, in denen alte Horizonte versinken, aber die neuen noch nicht voll erkennbar sind. Was mich besorgt sein lässt, ist vielmehr die Ahnung der Möglichkeit, dass das religiöse Fragen überhaupt verstummt. Friedrich Nietzsche ist heute wohl aktueller als am Ende des vorigen Jahrhunderts, zumindest radikaler als der Marxismus, der letztlich noch eine Zukunftsvision hatte, freilich eine rein innerweltliche, eine Art „Christentum ohne Gott“. Nietzsche dagegen sah schon den „blinzelnden“ Menschen, der alles durchschaut – bis dieser am Ende überhaupt nichts mehr sieht. Er sah den Menschen, der sich seine Lebenswohnung so mit den Produkten seiner Hände und seines Geistes vollgestellt hat, dass er Gottes nicht mehr ansichtig wird.

Darum ist die wahre Herausforderung unserer Kirche in der Tat die Gottesfrage. Wir sind gehalten, wieder das Evangelium völlig neu zu entdecken, an der Hand des Lehrers Jesus selbst, im Rückgriff auf die Ursprünge über alle kirchlichen Traditionen hinweg – die wir als Korrektive brauchen, die aber so nicht mehr Glaubensleben wecken können.

Wenn ich das so formuliere, wird klar, dass es die von uns machbaren Chancen für die christliche Botschaft gar nicht gibt. Es gibt nur jenen kairos, jenen Gnadenzeitpunkt, den Gott jeder Zeit neu schenkt. Was wir tun können ist, noch redlicher die geistige Situation der Zeit wahrzunehmen, keinen Illusionen nachzujagen, uns zu konzentrieren auf das Wesentliche und Zentrale dessen, warum es Kirche überhaupt gibt. Das wollte das Konzil. Aber das Konzil bleibt toter Buchstabe, wenn es nicht Glaubende gibt, die heute das neu in ihr Leben übersetzen, was damals Johannes XXIII. wollte: dem Geist Gottes in ihrem je eigenen Leben und im Leben der Kirche neuen Raum und Einfluss zu verschaffen.

Worauf ich immer wieder Hinweise: Ich spüre bei den Leuten speziell hier im Osten eine tiefe Sehnsucht nach gelingenden „Beziehungen“, nach menschlicher Nähe und nach „Angenommen-Sein“. Wenn es irgendwie gelingt, das erste Misstrauen gegenüber Kirche zu zerstreuen, wirklich absichtslose Nähe zum anderen glaubhaft zu machen, dann öffnen sich oftmals sehr bald die Herzen. Es gehört zu den schönsten Erfahrungen im Leben eines Priesters, wenn er bei einem Hausbesuch gesagt bekommt: „Das ist aber schön, Herr Pfarrer, dass die Kirche (!) einmal nach mir schaut!“ Übrigens sagen das manche auch zu einem aus dem Pfarrgemeinderat, der im Namen der Gemeinde einen Besuch macht.

Die Chance kirchlich-pastoralen Wirkens besteht heute darin, in der zunehmenden Vereinzelung der Menschen Beziehungsnetze zu knüpfen. Ich gebe zu: Wir erfahren in diesem Bemühen auch Ablehnung, wir begegnen Vorbehalten und Misstrauen. Doch sehe ich auch, dass es in unserer Leistungsgesellschaft, vielleicht gerade wegen ihrer oft unerbittlichen Härte und Stressigkeit, Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Annahme gibt. „Du bist angenommen!“ Diese Grundbotschaft des Evangeliums hat auch heute ihren kairos. Das Elisabethjahr 2007, die Feier von Elisabeths 800. Geburtstag, die weit über den kirchlichen Raum hinein in die Öffentlichkeit ausstrahlte, hat mir das eindrucksvoll gezeigt: Das Evangelium hat mehr Sympathisanten als wir meinen. Diese Botschaft, diese „Barmherzigkeits-Melodie“ soll durch uns das Herz der Menschen erreichen.

Begleiten erfordert die Bereitschaft, die Buntheit und Unterschiedlichkeit menschlicher Biographien auszuhalten. Ich sage gern: Wir müssen lernen, auch mit den kirchlich nicht ganz „Stubenreinen“ umzugehen. Hier tun wir uns bekanntlich sehr schwer. Die Menschen müssen das Gefühl haben, dass sie in der Kirche „willkommen“ sind. Zeichen des Willkommen-Seins sind ja nicht nur die Sakramente. Der ganze Bereich der vorsakramentalen Seelsorge, in dem die Kirche an sich doch reiche Erfahrung hat, wird zunehmend Bedeutung erlangen. Ich denke an die vielen Nichtgläubigen und „Halbgläubigen“, die punktuell Berührung mit der Kirche suchen, etwa beim festlichen Weihnachtsgottesdienst, bei der Einschulung ihrer Kinder, bei der Beerdigung eines Angehörigen, in eigener Krankheit oder anderen Notsituationen usw. Die Kirche, das Pfarrhaus, die eine oder andere Gruppe von Gläubigen muss als Ort des Erbarmens, des Angenommen-Seins, der mitmenschlichen Nähe bekannt sein. Derzeit ist die Kirche mehr im Verdacht, die Menschen zu verschrecken und ihnen das Leben zu vermiesen, als sie für Gott und füreinander freizusetzen. Diesem Grundverdacht muss energisch entgegengewirkt werden. Dass aus einer echten Christusbeziehung dann auch Lebensumkehr erwächst, steht auf einem anderen Blatt. Umkehr erwächst freilich aus Annahme, nicht umgekehrt!

Meine Erinnerung an eine vom Konzil inspirierte Pastoral ist unmerklich in die Betrachtung der Gegenwart eingetaucht. Aber so muss es wohl auch sein. Ich möchte noch einmal meine theologische und pastorale Grundeinstellung zum Ausdruck bringen, von der ich meine, dass ich sie nicht zuletzt dem Konzil verdanke. Die Kirche hat keinen Selbstzweck. Sie hat eine universelle Sendung. Sie soll und will Instrument des Heils für alle sein und so dem Plan Gottes dienen, allen Generationen das Angebot seiner Freundschaft, seiner Nähe zu machen. So darf die Kirche das Vertrauen haben, dass auch im Wandel der Zeiten der Herr mit ihr geht. Vermutlich ist sogar der uns so herausfordernde und pastoral bedrängende kulturelle Wandel eine Hilfe des Himmels, immer neu auf die Mitte des Evangeliums aufmerksam zu machen. So ist es auch gut, auch für unsere Kirche und ihr Leben, dass die politische „Wende“ gekommen ist. Ich ermuntere die Priester und Mitarbeiter in der Pastoral, die gewandelten Verhältnisse auch innerlich anzunehmen, auch wenn diese Verhältnisse uns mancherlei neue Probleme bescheren. Aber die Freiheit ist immer besser als Zwang, besser als der sublime Druck, mit dem uns das alte System früher „geholfen“ hat, die Gemeinden beisammenzuhalten. Eines ist freilich erforderlich: Wir müssen Profil zeigen. Wir müssen uns am Evangelium messen. Wir müssen uns auf unseren eigentlichen Auftrag besinnen. Und das ist vermutlich ganz im Sinne der Heilspläne Gottes.

Kirche und Diaspora. Die Katholische Kirche in der DDR und das Zweite Vatikanische Konzil 18
Josef Pilvousek

Die Brisanz des zu behandelnden Themas scheint mir sowohl durch die politischen und kirchlichen Entwicklungen Ende der 50er bis Mitte der 60er Jahre als auch durch die doppelte Diasporasituation (konfessionelle und gesellschaftliche) der Kirche in der DDR gegeben zu sein. Seit 1958 hatte der in Westberlin lebende Kardinal Döpfner keine Einreise mehr in die DDR erhalten. In Dr. Alfred Bengsch19 bekam er 1959 einen in Ostberlin ansässigen Weihbischof. Am 3. Juli 1961 wurde Döpfner Erzbischof von München. Die drei Jahre waren durch mannigfaltige staatliche Aktivitäten gekennzeichnet, die eine Spaltung der katholischen Kirche in der DDR und in Berlin zum Ziel hatten und deren „Gleichschaltung“ beabsichtigten. Am 13. August 1961 wurde mit dem Bau der Mauer die völlige Abriegelung der DDR begonnen. Für die Kirche bedeutete dies die Gefahr der Isolation. Wie würde sich der Staat gegenüber einer Teilnahme ostdeutscher Ordinarien am Konzil verhalten, das man bereits einen Monat nach seiner Ankündigung am 9. Februar 1959 als Plattform gegen „das sozialistische Weltsystem“20 bezeichnet hatte. Würde der Staat Reisegenehmigungen erteilen und womöglich Gegenleistungen erwarten? Durfte man damit rechnen, dass Beschlüsse des Konzils publiziert werden konnten? Welche Rezeptionsprozesse waren in einem „sozialistischen“ Staat möglich?

Die folgenden Ausführungen werden keine systematische Darstellung des Konzils und seiner Bedeutung für die DDR oder eine Gesamtgeschichte dieser Thematik sein können. Die Quellenlage ist äußerst kompliziert21; manche Archivalien werden erst in einigen Jahrzehnten zugänglich sein. Darüber hinaus legten die Teilnehmer aus der DDR, um die Mitarbeit am Konzilsgeschehen nicht zu gefährden, wenig Wert darauf, alle Einzelheiten für die Öffentlichkeit zu dokumentieren. Auch eine theologiegeschichtliche Gesamtdarstellung ist, trotz einiger wichtiger Vorarbeiten, noch nicht möglich. Dennoch erlaubt eine Zusammenschau aller bisher zugänglichen Quellen einen fragmentarischen Überblick. In meiner Darstellung wird es mir vor allem darum gehen, das Zweite Vatikanische Konzil historisch mit den Besonderheiten einer Kirche eines Ostblockstaates marginal zu erhellen. Dazu gehört auch über den Rahmen kirchenpolitischer und theologischer Erörterungen hinaus, Teilnehmer, ihre Funktionen und, soweit wie möglich, ihre Aufgaben darzustellen.

1. Vorbereitung und kirchenpolitischer Rahmen

Am 25. Januar 1959 hatte Papst Johannes XXIII. ein neues Ökumenisches Konzil angekündigt. Mit Datum vom 29. Juni 1959 ausgestellt, war allen „Ostordinarien“ der Brief Kardinal Tardinis an die zukünftigen Konzilsväter zwecks Erforschung der eventuell zu behandelnden Themen zugegangen.22 Diverse Manuskripte in den Handakten der Bischöfe, wie das von Karl-Heinz Schmidthüs „Auf dem Weg zum Konzil – Was dürfen wir erwarten?“23, lassen den Schluss zu, dass man sich anfangs vorwiegend aus zweiter Hand über die Konzilsvorbereitungen informierte und orientierte.

Auf der Ordinarienkonferenz am 12.-13. Juli 1960 scheint erstmals das Thema Konzil ausführlich erörtert worden zu sein. Kardinal Döpfner, Vorsitzender der Berliner Ordinarienkonferenz (BOK), erklärte: „In diesem Kreis brauche ich nicht ins einzelne zu gehen. Es muß nicht näher erläutert werden, daß das kommende Konzil kein Unions-Konzil im eigentlichen Sinn sein wird, aber nach vielfältigen Hinweisen des Heiligen Vaters (und auch in der Erwartung des katholischen Volkes der ganzen Christenheit) soll das Konzil ausdrücklich beitragen zur Wiedervereinigung der Christenheit in der katholischen Kirche. Die sehr weit gespannte und wenig detaillierte Zielsetzung des Konzils in der ersten Enzyklika des Papstes 'Ad Petri cathedram' (29.6.1959) ist Ihnen bekannt: 'Das Hauptziel des Konzils besteht darin, die Entwicklung des katholischen Glaubens zu fördern, das christliche Leben der Gläubigen zu erneuern und die kirchliche Disziplin den Bedingungen unserer Zeit anzupassen'. Das letzte Motu proprio 'Superno Dei nutu' (5.6.1960) wiederholt diesen Satz und sagt nichts Neues aus. Als bezeichnend für dieses Konzil darf wohl ausgesprochen werden, daß im Gegensatz zu den Konzilien der Vergangenheit nicht eine bestimmte Irrlehre, eine bestimmte Gruppe von Mißständen als Anlaß für dieses Konzil genannt werden. Vielleicht darf man so sagen, daß gerade unser Heiliger Vater das Konzil, das doch eine Funktion des magisterium extraordinarium ist, stärker als eine normale Darstellung der kollegialen Struktur der kirchlichen Hierarchie sieht.“24

So gilt es zunächst festzuhalten, dass man in der katholischen Kirche der DDR über die Vorbereitungen zum Konzil informiert war und römische Dokumente sowie theologische Kommentare interessiert zur Kenntnis genommen hatte. Aber erst seit Mitte des Jahres 1960 scheint man sich auf der Ordinarienkonferenz mit den möglichen Konsequenzen für die Kirche in der DDR beschäftigt zu haben. „Für uns als Bischöfe der Kirche in atheistischer Umwelt in der Diaspora ergeben sich im Zusammenhang mit dem Konzil einige wichtige Fragen“, formulierte Döpfner und nannte vier Problemfelder:

„1. Wie versteht sich das Konzil in der heutigen Auseinandersetzung zwischen Kommunismus und der Kirche (zwischen Kommunismus und Religion, zwischen Kommunismus und der freien Welt)? Sicherlich wird das Konzil vom Kommunismus als Politikum erster Ordnung gewertet und eingeordnet in die augenblicklich so starke Ideologie des politischen Klerikalismus. Gewiß werden einige Nuancierungen, um nicht zu sagen Auseinandersetzungen, in der Auffassung des Konzils unvermeidlich sein. Wir sind wohl einhellig der Meinung, das Konzil sollte jede betont antikommunistische Spitze vermeiden.

2. Welche Themen werden behandelt? Werden die für uns so wichtigen anthropologischen Fragen behandelt? Erfolgt eine ausdrückliche Verurteilung des Kommunismus?

3. Wird das Konzil hinausgehend über die unerläßliche klärende Funktion für die Katholiken, seine rufende Funktion hinein in die nichtkatholische Christenheit, ja in die nichtchristliche, sogar ungläubige Menschheit wahrnehmen?

4. Werden Bischöfe des kommunistischen Machtbereiches am Konzil teilnehmen können? Sicherlich wird diese Frage bis zur letzten Stunde offengehalten werden und man wird ähnliche Versuche einer Einflußnahme machen wie eben jetzt im Hinblick auf den Eucharistischen Weltkongress in München.”25

In den folgenden sechs Jahren sollte sich zeigen, dass die als Fragen formulierten Problemfelder tatsächlich für die Kirche in der DDR, die Konzilsteilnehmer und schließlich die Rezeption des Konzils bedeutsam wurden. Noch gab es nicht die Berliner Mauer und in ihrer Folge undurchlässige Grenzen, noch war nicht absehbar, dass Kardinal Döpfner Erzbischof von München und sein Weihbischof Dr. Alfred Bengsch am 16. August 1961 zu seinem Nachfolger ernannt werden sollte.

In den folgenden Ordinarienkonferenzen bis 1962 kommen nur spärlich Nachrichten über das Konzil vor. Auf der Konferenz am 31. Januar/1. Februar 1961 berichtete der Vorsitzende über den „gegenwärtigen Stand der Vorbereitung des II. Vatikanischen Konzils“26. Die Berufung des Bischofs von Berlin in die Zentralkommission und des Bischofs von Meißen in die Kommission für die Hl. Liturgie wurden dankbar begrüßt. Die Gläubigen sollen immer wieder zum Gebet für das bevorstehende Konzil aufgerufen werden.27 Auf der Maikonferenz (2./3. Mai 1961) referierte Bischof Spülbeck über die Arbeit der liturgischen Kommission.28 Im Juli (3./4. Juli 1961) erfolgte lediglich eine „Orientierung über die Konzilsvorbereitung“29, und im Januar 1962 (9./10. Januar 1962) hatte die BOK Prof. Dr. Hirschmann eingeladen, der „der Konferenz einen recht instruktiven Einblick in die Vorarbeiten zum II. Vatikanischen Konzil bot“30, wie es lapidar in dem Protokoll hieß.

Der Brief der Zentralkommission an die „Ostordinarien“ zur rechtzeitigen Anmeldung und zur Wahl ihrer Unterkunft war am 2. Januar 1962 ausgestellt, über die Nuntiatur an die zuständigen Ordinarien geschickt oder über den „kirchlichen Dienstweg“31 nach Ostberlin gekommen und so weitergeleitet worden. Bis zum 31. März sollten die erbetenen Angaben auf gleichem Weg zurückgeschickt werden. Ein Höhepunkt in dieser Phase der Konzilsvorbereitung dürfte der Besuch von Augustin Kardinal Bea gewesen sein. Am 11. April 1962 hatte er an der Sitzung der BOK teilgenommen, um im Anschluss daran vor einer Priesterversammlung und den ostdeutschen Ordinarien über die Vorbereitungen zum Konzil zu referieren.32

Im Frühsommer 1962, wenige Monate vor Beginn der ersten Sessio, wurden die notwendigen Reisevorbereitungen getroffen. Das Protokoll der Sitzung vom 2./3. Juli 1962 vermerkte: „Zur Teilnahme der Bischöfe am Konzil werden die Anträge auf Reisegenehmigung bei der Regierung in Berlin gemeinsam gestellt und zwar für den Bischof von Berlin, den Bischof von Meißen, den Weihbischof von Magdeburg und den Weihbischof von Schwerin. Jeder der Bischöfe darf zwei Priester als Begleiter mitnehmen. Freusberg33 und Piontek34 werden nicht am Konzil teilnehmen. Die Informationen über das Konzil gehen über das Commissariat der Berliner Ordinarienkonferenz. Zur Teilnahme an der Fuldaer Bischofskonferenz Ende August werden die Bischöfe von Berlin, Meißen und der Kapitelsvikar von Görlitz Antrag auf Interzonenpässe stellen.35 Die Professoren Müller36 und Löwenberg37 werden zur Teilnahme am Konzil beurlaubt.“38 Erwähnung fand bei dieser Konferenz allerdings nicht, dass der Erfurter Professor Dr. Erich Kleineidam39 seit dem 8. März 1961 zum Mitarbeiter in der Vorbereitunsgkommission „De Studiis et Seminariis“ berufen worden war.40 Er, der bisher seine Mitarbeit auf „schriftlichem Wege“ erledigt hatte, war durch Kardinal Pizzardo zu der Sitzung vom 26. Februar-20. März 1962 nach Rom eingeladen worden, erhielt aber trotz Intervention von Weihbischof Freusberg und Prälat Zinke41 keine Ausreisegenehmigung. Dr. Werner Becker42, Oratorianer aus Leipzig, der 1961 Konsultor im Sekretariat für die Einheit der Christen wurde, war erst zur 2. Sessio in Rom. Man durfte gespannt sein, wie der Staat die Reiseanträge der Konzilsteilnehmer behandeln würde.

Auf der Septemberkonferenz der BOK (19./20. September 1962) teilte Erzbischof Bengsch den Teilnehmern mit, dass er am 14. September 1962 aus Anlass der Reisegenehmigung zum 2. Vatikanischen Konzil ein Gespräch mit dem Staatssekretär für Kirchenfragen geführt habe und die Erteilung der Reisegenehmigung für alle zwölf vorgesehenen Konzilsteilnehmer mit Sicherheit zu erwarten sei.43

Der Bericht, den Erzbischof Bengsch der BOK vorlegte, machte bereits deutlich, welche Absichten die DDR mit einer Teilnahme der katholischen Kirche der DDR verband. Nachdem Bengsch erläuternd darlegte, dass es internationalen Gepflogenheiten entspräche, dass die Bischöfe und Weihbischöfe zum Konzil mit einem Theologen und einem persönlichem Begleiter fahren, formulierte Staatssekretär Seigewasser44 die Erwartungen der DDR-Regierung:

Falls es beim Konzil zu einer Hetze (gegen die DDR) komme, erwarte die Regierung von den Konzilsteilnehmern aus der DDR, dass sie sich daran nicht beteiligen.45

Zweitens bat der Staatssekretär den Erzbischof, seinen großen Einfluss geltend zu machen, dass die Diskriminierung der DDR-Bürger in Bezug auf Auslandsreisen aufhöre. Seltsam mutet es an, wenn der Vertreter des Staates, der seine Bürger nicht reisen ließ, formulierte: „Während Italien die Bischöfe aus der DDR einreisen lasse, würde dies anderen Gruppen etwa Sportlern und Wissenschaftlern nicht gewährt. Diese Auswahl gehe gegen die Souveränität der DDR.“46 Bengsch erwiderte Seigewasser, dass es unmöglich sei, dass das Konzil zu politischen Fragen Stellung nehme; deshalb könne der Weltepiskopat sich auch nicht mit der deutschen Frage beschäftigen. Seigewasser nannte ergänzend für die von der Regierung gewünschte Haltung der Konzilsteilnehmer aus den Diözesangebieten der DDR als Beispiel die Frage der Diözesangrenzen. Er halte es für möglich, dass der polnische Episkopat diese Frage vor das Konzil bringe. Um nicht selbst die Forderung nach Verselbstständigung der Jurisdiktionsgebiete zu erheben, hatte er nicht ungeschickt mögliche polnische Forderungen genannt.

Bengsch erwiderte, „daß der Hl. Stuhl Diözesangrenzen immer nur und deshalb auch bei uns erst nach Abschluß eines Friedensvertrages festlegen würde. Außerdem sei die Frage der Diözesangrenzen in Deutschland konkordatär geregelt und daher eine Änderung durch Konzilsbeschluß nicht möglich”47.

Nach der 1. Sitzung des II. Vatikanischen Konzils gab der Bischof von Meißen einen eingehenden Bericht auf der Konferenz vom 8./9. Januar 1963. Die Konferenzmitglieder, besonders die, die nicht in Rom sein konnten, waren dankbar für die Berichterstattung, die „ihnen einen Einblick in die für die Weltkirche so bedeutsamen Wochen vom 11. Oktober-8. Dezember 1962“48 gab. In dem vorausgehenden Bericht zur kirchenpolitischen Lage war eindeutig die Frage beantwortet worden, was die DDR-Regierung dazu bewogen habe, so relativ freizügig Reisegenehmigungen zu erteilen. Offenbar hat „Moskau die entscheidenden Weisungen gegeben“49, resümiert Erzbischof Bengsch. „Und offenbar hat auch Moskau die Weisungen gegeben, wie sich Regierungen der sozialistischen Länder in der Konzilsfrage verhalten sollten“, ergänzt er. „Nachdem Moskau seit langer Zeit Erfahrungen damit hat, wie man die Russisch-Orthodoxe Kirche vor den Wagen spannen kann, und nachdem man damit in Neu Delhi auch einen beträchtlichen Erfolg erzielt hat, der im Blick auf die neutralen Staaten auf die afro-asiatischen und die Entwicklungsländer als außenpolitischer Erfolg angesprochen werden kann, lag die Frage nahe, wie man beim Konzil zu einem ähnlichen Erfolg kommen könnte.“ „Der Kommunismus hofft, und zwar nicht ganz zu Unrecht“, analysiert der Erzbischof, „daß die Teilnahme der Bischöfe aus sozialistischen Ländern neben der Dämpfung der antikommunistischen Tendenzen auch den Eindruck erzielt: So schlimm können die Kommunisten ja schließlich nicht sein, man wird schon einen modus vivendi finden“.

Auch wenn im Folgenden auf staatliche Versuche, das Konzil zu beeinflussen, kaum noch eingegangen werden wird, sollten die latenten Bemühungen einer staatlichen Vereinnahmung als kirchenpolitischer Hintergrund präsent bleiben.50

Zu den folgenden Sitzungsperioden des Konzils konnten alle ernannten und ausgewählten Teilnehmer reisen. Lediglich vor der 4. Sitzungsperiode einigte man sich, „um die Gefahr politischer Auflagen zu vermeiden, grundsätzlich nur für die gleiche Zahl wie im vergangenen Jahr die Genehmigung zur Reise zu beantragen“51. Dennoch überschritt man die Teilnehmerzahl der 3. Sessio.

2. Reisemodalitäten

Die Anträge auf Erteilung von Reisegenehmigungen wurden gemeinsam eingereicht und durch Prälat Zinke, dem Geschäftsführer des Commissariates der Fuldaer Bischofskonferenz in Berlin, den verschiedenen staatlichen Stellen in Ost- und Westberlin zur Bearbeitung vorgelegt. Bei der Westberliner Behörde handelte es sich um das westalliierte „Allied Travel Office“. Zu den zwei ersten Sitzungen des Konzils wurden die von ihr ausgestellten sogenannten Travel-Dokumente auch mit Duldung der DDR benutzt.52 Die Antragstellung erfolgte einerseits bei der Regierung der DDR zur Aus- und Einreise und in Westberlin andererseits wegen der notwendigen Visa beim Kontrollrat, wobei Anträge an das italienische und österreichische Konsulat und die schweizerische Delegation ausgefüllt werden mussten. 14 Antragsformulare hatte man im Normalfall vorzulegen, dazu 13 Passbilder. Wer bisher keinen Alliierten-Reisepass besaß, musste zudem eine Geburtsurkunde oder einen Taufschein vorlegen. Ein Konzilsteilnehmer beschrieb in seinem Tagebuch das Abholen der Pässe: „Dank für Pässe, Ankunft bei Prälat Zinke, Übergangsscheine. Alle Pässe dort (in Westberlin) sicher, Invalidenstraße zum Kontrollrat. Zu Zinke.“53

Zur 2. Sitzungsperiode weigerte sich zunächst der Staat, die Benutzung der Travel-Dokumente zu gestatten.54 Der Vorschlag, die Visa zur Einreise nach Italien über die Italienische Botschaft in Prag zu besorgen, wurde vom Italienischen Außenministerium abgelehnt. Über die Nuntiatur werde man künftig versuchen, erklärten die kirchlichen Verhandlungsführer, zeitlich befristete Vatikanpässe zu erhalten. Es blieb schließlich beim alten Modus und der Staatssekretär für Kirchenfragen erklärte am 19. September, dass „der Herr Erzbischof sich in Rom anmelden könne“55. Erst zur 3. Sitzungsperiode musste man „Vatikanpässe“ benutzen, da trotz anderer Versuche nur noch diese Möglichkeit übrigblieb56, die auch zur 4. Sessio genutzt wurde. Ausdrücklich betonte der Staat bei der erneuten Weigerung, die „Machenschaften des alliierten Reisebüros torpedieren“57 zu wollen.

Den Teilnehmern aus der DDR war es nicht erlaubt und möglich, über die Bundesrepublik zu reisen. Es blieb der Weg über die frühere Tschechoslowakei, Österreich oder die Schweiz nach Italien. Reiste man per Flugzeug, führte der Weg von Berlin-Schönefeld nach Wien und von dort per Bahn oder Flugzeug – manchmal mit Zwischenstation in Zürich – nach Rom. Die Zugreise begann in Dresden, führte über Prag nach Wien und Innsbruck und von dort nach Italien, wobei in Österreich und Südtirol häufig Pausen eingelegt wurden. Einige Konzilsteilnehmer benutzten das Auto, mussten aber ebenfalls über die Tschechoslowakei durch Österreich oder auch durch die Schweiz nach Italien reisen. Am meisten Aufsehen dürfte der Schweriner Weihbischof Schräder58 mit seinem „Wolga“ erregt haben, einem sowjetischen Auto, das in DDR-Zeiten als „Funktionärsfahrzeug“ galt.

Da im Normalfall DDR-Bürger kein „Westgeld“ besaßen und sogenannte „Devisenvergehen“ strafbar waren, reiste man ohne Geld; lediglich für die über die Tschechoslowakei Reisenden waren Bons ausgegeben, die es ihnen erlaubten, damit Speisen zu erwerben. Manche Schwierigkeiten ergaben sich, wenn man beispielsweise in Österreich oder Italien etwas zu Essen kaufen wollte. Trotz Deponierung von sogenannten Devisen in Wien oder bei anderen Anlaufstationen und der großen Solidarität der österreichischen und westdeutschen Mitbrüder, kam es immer wieder zu kuriosen Zwischenfällen, die manchmal bei der Bahnhofsmission endeten. Die Rückreisen erfolgten in ähnlicher Weise. Dass manche der Konzilsteilnehmer die Rückreisen nutzten, um Abstecher in die Alpen oder zu touristischen Orten zu unternehmen, sei nur am Rande erwähnt.

3. Teilnehmer und Unterkunft

Quantitative Aussagen vermögen keine Wertungen über die Bedeutung der Konzilsteilnehmer aus der DDR zu geben. Dennoch sei zunächst hervorgehoben, dass die katholische Kirche der DDR – vergleicht man sie mit den anderen Ländern des Ostblocks – zu jeder der Sitzungen gut vertreten war. Die meisten der „ostdeutschen“ Konzilsteilnehmer, vor allem die, die gebürtig aus „Westdeutschland“ stammten oder Theologie in Rom oder einer der deutschen oder österreichischen Universitäten studiert hatten, fanden in Rom frühere Kommilitonen, Freunde oder „Landsleute“. Von besonderer Bedeutung waren auch die Quartiere, die man bezog oder in die man eingewiesen wurde59 und die – zumindest für die meisten – zu Recht als Kommunikationszentren bezeichnet werden können. Hier vollzog sich theologisches Gespräch, persönlicher Austausch und Kontaktpflege, die nach dem Konzil für die Kirche in der DDR bedeutsam blieb. Konzilspausen über Allerseelen und Allerheiligen nutzte man zu Reisen, und so mancher Plan für die DDR-Jurisdiktionsbezirke, wie das Projekt einer Meißner Diözesansynode, entstand dabei.60

Jeweils zwei Professoren des Philosophisch-Theologischen Studiums Erfurt, die die Erfurter Professorenkonferenz aus ihren Reihen als Begleiter bestimmte, wurden zu jeder Sitzung mitgenommen, wobei die Begleitung von Erzbischof Bengsch von ihm selbst festgelegt wurde. Jeweils ein anderer Bischof fungierte als Antragsteller. Außerdem nahmen einige Bischöfe neben ständigen Begleitern auch Diözesanpriester mit, um die „Konzilserfahrungen und Begegnungen“ in die Jurisdiktionsbezirke und Bistümer zu tragen und möglichst viele an dem Konzilsgeschehen teilnehmen zu lassen.

An der ersten Sessio (11. Oktober-8. Dezember 1962) nahmen 12 Personen teil61, an der zweiten (29. September-4. Dezember 1963) 1562, bei der 3. Sitzung (14. September-21. November 1964) waren 17 Teilnehmer aus der DDR anwesend63 und zur letzten Sessio (14. September-8. Dezember 1965) waren es 2164.

An allen Sitzungen nahmen Erzbischof Dr. Alfred Bengsch, Berlin, Vorsitzender der Berliner Ordinarienkonferenz und sein Begleiter Ordinariatsrat Otto Groß65, Chefredakteur des St. Hedwigblattes, teil. Zu jeder Sitzung nahm er einen anderen theologischen Berater mit, und zwar in der Reihenfolge: Domkapitular Erich Puzik66, Neuzelle, Prälat Professor Dr. Erich Kleineidam, Erfurt, Prof. Dr. Heinz Schürmann67, Erfurt und schließlich Dozent Dr. Wilhelm Ernst68, Erfurt. Seit der zweiten Sitzungsperiode nahm auch sein Weihbischof Heinrich Theissing69 und an der 4. Sessio der spätere Ostberliner Generalvikar Ordinariatsrat Prälat Theo Schmitz70 teil. Mit Ausnahme von Dozent Dr. Ernst71 wohnte diese Gruppe in der Via Lucrezio Caro 51.

Bischof Dr. Otto Spülbeck72, Meißen, Bischöflicher Rat Josef Gülden73, Chefredakteur des Tag des Herrn, Leißling, und Pfarrer Hermann Josef Weisbender74, Wilsdruff, nahmen ebenfalls an allen Sitzungen teil. Als Fachtheologe kam zur 4. Sessio Prof. Dr. Johannes Lubsczyk75, Erfurt, hinzu. Die „Meißner“ wohnten bei den Grauen Schwestern von der Hl. Elisabeth, Via dell‘ Olmata 9.

Weihbischof Dr. Friedrich Maria Rintelen76, Magdeburg, und Assessor Eduard Quiter77, Magdeburg haben ebenfalls an allen Sitzungsperioden teilgenommen. Prof. Dr. Bruno Löwenberg, Erfurt, war zur 1. Sessio, Prälat Martin Fritz78, Magdeburg,79 war zur 4. Konzilssitzung als Begleiter mitgereist. Sie alle wohnten bei den Karmelitinnen, Via Trionfale 6157.

Weihbischof Dr. Bernhard Schräder, Schwerin, und Kommissariatsrat Friedrich Kindermann80, Schwerin, die an allen Sessionen teilnahmen, hatten bei der ersten Sessio Prof. Dr. Otfried Müller, Erfurt, als Begleiter. Sie wohnten mit dem Osnabrücker Bischof Wittler in der „Olmata“.

Ab der 2. Sitzungsperiode nahm der Erfurter Weihbischof Hugo Aufderbeck81 am Konzil teil. Zur 2. Sessio hatte er Professor Dr. Fritz Hoffmann82, Erfurt, zur 3. Sessio Professor Dr. Benno Löbmann83, Erfurt, und Domkapitular Karl Schollmeier84, Erfurt, und zur 4. Sessio Msgr. Ernst Göller85, Heiligenstadt, und für wenige Wochen auch Ordinariatsrat Paul Uthe86, Erfurt, als Begleiter gewählt. Sie wohnten bei den „Fuldaern“ Villa Maria Regina, Via della Camilluccia 687.

Bischof und Kapitelsvikar Gerhard Schaffran87, Görlitz, der ebenfalls seit der 2. Sitzungsperiode regelmäßig teilnahm, reiste zur 3. Sitzung mit dem Bischöflichen Sekretär Assessor Hubertus Bauschke88, Görlitz und zur 4. Sessio mit Ordinariatsrat Bernhard Huhn89, Görlitz. Auch diese Gruppe wohnt in der „Olmata“.

Dr. Werner Becker, Consultor im Sekretariat für die Einheit der Christen, Leipzig, nahm seit der 2. Sessio am Konzil teil. Sein Domizil hatte er in der Casa Pallotti, Via die Pettinari 64.

Prälat Johannes Zinke, Berlin, war kurzzeitig zur 4. Konzilssitzung in Rom anwesend.90

Zu den bedeutendsten Vertretern der katholischen Kirche in der DDR auf dem Konzil gehörte zweifelsfrei Erzbischof Dr. Alfred Bengsch. Im November 1961 war er von Johannes XXIII. in die Zentralkommission zur Vorbereitung des Konzils berufen worden.91 In die „Kommission für den Klerus und das christliche Volk“ wurde er zu Beginn des Konzils gewählt.92 Hervorgetan hat er sich als Konzilsvater vor allem in der Schlussphase bei der Diskussion über die Vorlage „Kirche in der Welt von heute“.

Bischof Dr. Otto Spülbeck, Meißen, wurde in die liturgische Kommission gewählt93 und ergriff in dieser Funktion und bei der Diskussion um Gaudium et spes mehrfach das Wort in der Konzilsaula. Weitere Bischöfe waren Mitglieder von Subkommissionen.

Selbstverständlich lassen sich trotz der schwierigen Quellenlage Beispiele für die Konzilsarbeit der „ostdeutschen“ Konzilsbegleiter anführen. Dass ihre Namen weniger in den Medien zu finden waren, mag auch daran gelegen haben, dass sie sich, wie die „ostdeutschen“ Bischöfe überhaupt, aus kirchenpolitischen Gründen mit öffentlichen Äußerungen zurückhielten.

Obschon die periti privati bei der ersten Sitzungsperiode nicht in der Konzilsaula zugelassen waren, haben sie sich an den Zuarbeiten und theologischen Diskussionen engagiert beteiligt. Professor Dr. Otfried Müller wurde zum Sprecher der deutschsprachigen Theologen bei der 1. Sitzungsperiode gewählt. Dies hatte seinen Grund vor allem darin, dass der „Ostprofessor“ wegen seines gediegenen theologischen Wissens in Fachkreisen bekannt war und geschätzt wurde. Natürlich dürften sein einjähriger Studienaufenthalt an der Anima 1937/38 ebenso wie ein gewisser „Ostbonus“ eine Rolle gespielt haben. Wie sehr diese Wahl gerechtfertigt war, zeigt sich aber auch durch die Veröffentlichung des fünfbändigen Sammelwerkes „Vatikanum Secundum“94, das er in Zusammenarbeit mit Werner Becker und Josef Gülden herausgegeben hat. Besonders Band I, der schon 1963 erschien, fand höchste Anerkennung.95

Professor Dr. Erich Kleineidam, Gründungsregens und Gründungsrektor des Erfurter Priesterseminars und Teilnehmer an der zweiten Sitzungsperiode, war, wie bereits dargelegt, an den Vorarbeiten und an der Erarbeitung des Dekretes über die Ausbildung der Priester beteiligt.

Am 12.10.1964 wurde der Erfurter Neutestamentler, Prof. Heinz Schürmann, zum Konzilstheologen berufen.96 Später wurde er (1969), wie auch der Erfurter Moraltheologe Wilhelm Ernst, Mitglied in der durch das Konzil initiierten Theologenkommission. Dr. Werner Becker ist zu nennen, der von 1961 bis 1978 Konsultor im Sekretariat für die Einheit der Christen war. Nicht zuletzt verdient Josef Gülden Erwähnung, der Mitarbeiter von Gerhard Fittkau – Leiter der deutschen Abteilung des Konzilspresseamtes97 – wurde und der durch seine engagierte Berichterstattung über das Konzil in der DDR den Rezeptionsprozess förderte.

4. Kirchenpolitische Implikationen

Als Fallbeispiele für kirchenpolitisch hochbrisante theologische Aussagen, die für DDR-Teilnehmer einer Gratwanderung gleichkamen, seien folgende Themen exemplarisch genannt.

Zu einem Entwurf, der die Verdammung des atheistischen Kommunismus intendierte und Vorschläge für die Seelsorge in jenen Ländern machte, die unter kommunistischer Herrschaft standen, hatte Erzbischof Bengsch bereits im Mai 1962 das Wort zu ergriffen.98 Ihm ging es vor allem darum, den Kommunismus als Erscheinungsform des Atheismus und Materialismus zu brandmarken und Begrifflichkeiten zu meiden, die den Kampf gegen die Kirche unter kommunistischer Herrschaft neu entfachen könnten. Dass es zu keiner verbalen Verurteilung des Kommunismus kam, ist sicher auch auf Bengsch und andere DDR-Bischöfe zurückzuführen. Die damaligen Weihbischöfe Aufderbeck, Schaffran und Theissing hatten beispielsweise für Kardinal Alfrink eine Intervention über den Dialektischen Materialismus vorbereitet99 und Weihbischof Aufderbeck war an der Entstehung des Textes zum Atheismusproblem beteiligt.100 Am 25. Oktober 1964 konnten die Erarbeiter der Intervention für Kardinal Alfrink erfreut konstatieren: „Kein Kapitel und keine neue Verurteilung des Kommunismus und des Dialektischen Materialismus“101.

Erzbischof Bengsch gehörte zu den 75 Konzilsvätern, die bei der Schlussabstimmung am 7. Dezember 1965 gegen die Pastoralkonstitution Gaudium et spes stimmten. Seine Ablehnung hatte er in einem Brief an Papst Paul VI vom 22. November begründet.102 Ihm ging es darum, den Missbrauch des Textes durch totalitäre Regime zu verhindern.103 Ein halbes Jahr nach dieser Entscheidung schrieb Bengsch Kardinal Döpfner einen Brief, erinnerte an diese Vorgänge und zeigte erste Konsequenzen für eine „neue“ vatikanische Ostpolitik auf: „Du erinnerst Dich, daß bereits im Verlauf der 4. Konzilssession mich die kirchenpolitischen Konsequenzen der im Schema 13 fixierten theologischen Akzentsetzungen bedrängten. Mir schien bereits damals die Bejahung der Welt, der Kultur, der Technik zu ungesichert. Wahrscheinlich hast Du noch die Durchschriften meiner Interventionen in der Frage der Weltfriedensorganisationen und meines Memorandums über die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen bei Verhandlungen mit den Ostblockländern. Alle meine damaligen Bemühungen haben aber nichts genützt. Der Papst hat mir in der Audienz gesagt, daß er meine besondere Lage wohl verstehe, sie aber nicht zum Maß für gesamtkirchliche Entscheidungen und Unternehmungen machen könne. Es ist mir aber klar, dass die theologische Akzentsetzung im Schema 13 das volle Placet des Papstes hat und von dieser theologischen Konzeption aus der Weg der Weltsendung, der Regierungskontakte, des Dialoges zielstrebig gegangen wird. Die möglichen Dauerkontakte des Vatikans mit allen Ostblockländern, ausgenommen die DDR, dürften natürlich für uns schwerwiegende Folgen haben. Da der hiesige Staatssekretär für Kirchenfragen unter allen Umständen Informationen über bereits laufende Verhandlungen besitzt, muß er die Konsequenz ziehen, dass die politische Abstinenz der mitteldeutschen Bischöfe ernstlich nicht mehr vom Vatikan gedeckt wird. Während bisher manche Forderungen nach politischem Engagement der Kirche gestoppt wurden, weil man hinter der abstinenten Haltung der Bischöfe eine wenigstens indirekte Weisung des Vatikans vermutete, kann man in Zukunft unter Berufung auf das Konzil und den Papst die Bischöfe unter Druck setzen.“104 Die weitere Entwicklung der vatikanischen Ostpolitik gegenüber der DDR bis 1978 folgte durchaus der von Bengsch skizzierten Linie.

Auf die zahlreichen Begegnungen der Teilnehmer aus der DDR mit anderen Konzilsteilnehmern wurde bereits hingewiesen. Gemeinsame Konferenzen der ost- und westdeutschen Bischöfe sowie Sitzungen der ostdeutschen BOK in Rom fanden regelmäßig statt.105 Wie argwöhnisch die DDR diese Begegnungen betrachtete, wurde nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Brief wechsels der Bischöfe von 1965 deutlich. Am 18. November hatten die polnischen Bischöfe einen Brief an ihre deutschen Mitbrüder verfasst.106 Am 5. Dezember hatten die deutschen Bischöfe mit einem Brief, den auch alle ostdeutschen Bischöfe unterzeichneten, geantwortet.107 Sie baten, so zusammenfassend der Inhalt, um Vergebung und gewährten Vergebung.108 Auf polnischer Seite war offensichtlich der Erzbischof von Breslau, Kominek, federführend beteiligt, auf deutscher Seite dürfte Weihbischof Schaffran, der im Mai 1965 Breslau, Oppeln und Tschenstochau besucht hatte und in Rom vermittelte, eine wichtige Rolle gespielt haben.109 Nach Bekanntwerden in der DDR und Abdruck des Briefwechsels im Ostberliner St. Hedwigblattes kam es zum Eklat. Zum einen sah die DDR-Führung eine ernstliche Loyalitätsverletzung sowie ein totales Einschwenken auf die politische Linie der westdeutschen „Militärkirche“110. Zum anderen sah man einen Eingriff in die nur der Regierung der DDR zustehenden Außenpolitik.111 Das St. Hedwigsblatt wurde zwar nicht beschlagnahmt, musste aber in der Ausgabe vom 19. Dezember 1965 einen Auflage-Text abdrucken.112 „Die katholischen Bischöfe der DDR haben den Briefwechsel mit den polnischen Bischöfen angeregt und sich bisher in keiner Weise von ihm distanziert. Im Gegenteil, Bischof Spülbeck hat sich als Initiator dieses Briefwechsels gerühmt und seine Konzeption nach Kräften verteidigt“113, resümierte man im Staatsekretariat für Kirchenfragen. Dass die DDR-Bischöfe den Briefwechsel angeregt hatten, war bekanntgeworden, vom eigentlichen Initiator, Weihbischof Schaffran, wusste man nichts.

5. Rezeptionsprozesse

Der Begriff der theologischen Rezeption setzt zunächst voraus, dass Informationen und Inhalte transportiert werden, die rezipiert werden sollen. In diesem Sinn setzte der Rezeptionsprozess hinsichtlich des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Kirche der DDR bereits dann ein, als Inhalte vermittelt wurden, die es aufzunehmen galt, und dies war seit 1962 der Fall. Die wenigen katholischen, kirchlichen Druckmedien der DDR, der St. Benno-Verlag in Leipzig, die Kirchenblätter „Tag des Herrn“ und „St. Hedwigsblatt“ haben seit Ankündigung des Konzils und vor allem während des Konzils ständig darüber berichtet, aber auch das Geschehen kommentiert. Die Konzilsberichte für den „Tag des Herrn“ beispielsweise kamen auf folgende Weise schnell nach Leipzig: Die Redaktionssekretärin rief den Chefredakteur Josef Gülden zu abgemachter Zeit abends in Rom an. Alles wurde telefonisch durchgegeben, „weil es billiger als telegrafische Übermittlung oder durch den Fernschreiber war“114.

Der Begleiter von Erzbischof Bengsch, Prälat Groß, gab im Auftrag des Berliner Ordinariates seit der ersten Konzilssitzung regelmäßig „Informationen zum Konzil“ heraus, die als „Nur für innerkirchlichen Dienstgebrauch“ eine Besonderheit neben den offiziellen Druckerzeugnissen der DDR darstellten. Die verschiedenen Ordinariate und Generalvikariate konnten diese bestellen und zugeschickt bekommen.115 Seit der 3. Sitzungsperiode war auf Vorschlag von Weihbischof Aufderbeck mit Zustimmung von Erzbischof Bengsch ein Informationsdienst „Vaticanum II, Informationen zum Konzil“ eingerichtet worden.116 Allen Gemeinden war es damit möglich, nachdem man über die Ordinariate und Generalvikariate die Bestellungen aufgegeben hatte, vierzehntägig Informationsmaterial zu erhalten. Der recht umständliche Weg – Papier, Kuverts und Adressen mussten nach Berlin gebracht werden – minderte nicht den Erfolg des Unternehmens.

Aber auch für die breite katholische Öffentlichkeit, die sich nicht nur über die Kirchenblätter informieren konnte oder wollte, gab es durch die sogenannten „Hausbücher“, die jährlich erschienen, Informationen, Kommentare, Hintergrundinformationen und Bildmaterial. Das Hausbuch 1964 trug sogar den Titel „Unser Konzil und aus der Konzilsgeschichte“117. In den folgenden Jahren waren etwa ein Drittel der Beiträge dem Konzil gewidmet, bis sich das Jahrbuch 1967 der unmittelbaren Rezeption der Liturgiekonstitution mit der Gesamtthematik „Liturgische Erneuerung bei uns daheim“118 zuwandte.

Auf die erste theologische Veröffentlichung von Prof. Dr. Otfried Müller von 1963 war bereits an anderer Stelle eingegangen worden. Nach Abschluss der 3. Konzilsperiode fand in Berlin vom 25. Januar 1965-28. Januar 1965 ein Liturgischer Kongress statt, dessen Beiträge im gleichen Jahr publiziert wurden.119 Eine für einen breiten Leserkreis verfasste Auswahl von Texten des II. Vatikanischen Konzils erschien 1966.120 Die erste vollständige, gedruckte Textausgabe wurde 1967 herausgegeben.121

„Mit etwas zeitlicher Verzögerung konnten die meisten liturgischen Bücher im St. Benno Verlag erscheinen oder aus dem Westen eingeführt werden. Auch wenn das Fehlen von Zeitschriften und anderen publizistischen Möglichkeiten beklagt wurde, wurden die vorhandenen Möglichkeiten erstaunlich effektiv genutzt. Vor allem Priester und kirchliche Mitarbeiter hatten Zugang zu wesentlichen Informationen rund um die Liturgiereform.“122

Neben der BOK hat sich um den Rezeptionsprozess vor allem das Philosophisch-Theologische Studium in Erfurt verdient gemacht. Die Teilnehmer des Studiums haben in zahlreichen Veröffentlichungen vor allem aber auch durch zahlreiche Vorträge und Bildungsveranstaltungen Idee und Inhalte des Konzils vermittelt. Nicht zuletzt sind wissenschaftliche Untersuchungen oder Dissertationen in der Folge des Konzils zu nennen, die in Erfurt entstanden oder angeregt wurden: „Die Bedeutung des Hörers für die Verkündigung“123, „Die Diözesan- und Regionalsynoden im deutschen Sprachraum nach dem Zweiten Vatikanum“124, „Der Priesterrat“125, „Kirchliches Ordensverständnis im Wandel“126, eine „Untersuchung zu Funktion und Inhalt der Christologie im 1. Teil der Pastoralkonstitution ‚Gaudium et spes127 und schließlich eine Dissertation „Kirche und sozialistische Welt. Eine Untersuchung zur Frage der Rezeption von ‚Gaudium et spes‘ durch die Pastoralsynode der katholischen Kirche in der DDR“128.

Es ist die erste Untersuchung zur Frage der Rezeption von Gaudium et spes in der DDR, die sich aber auch mit dem Rezeptionsprozess des gesamten Vatikanums in der katholischen Kirche in der DDR beschäftigt. Der Verfasser, Rolf Schumacher, hat hinsichtlich der Thematik eindeutig herausgearbeitet: Beim Prozess Pastoralsynode, dem Rezeptionsprozess für das II. Vatikanische Konzil in der Kirche der DDR, handelt es sich insgesamt um eine überzeugende Rezeption von Gaudium et spes unter den gegebenen Bedingungen der DDR. Natürlich gab es Themen, wie die Soziallehre, bei denen man von einer bewussten Nichtrezeption sprechen kann. Doch dafür war die Synode geradezu vom II. Vatikanum legitimiert worden, indem die Ortskirchen dazu aufgerufen waren, die Lehre des Konzils an die jeweilige Situation und Denkweise anzupassen.129

Dass das II. Vatikanische Konzil in der katholischen Kirche der DDR rezipiert wurde, steht außer Frage. Besonders hinsichtlich der Ökumene130 könnten ausführlich und differenziert in einer eigenen Untersuchung die vielfältigen, positiven nachkonziliaren Aktivitäten dargestellt werden. Ob es nicht hinsichtlich bestimmter Konzilsaussagen eine beabsichtigte Nichtrezeption bestimmter Inhalte gegeben habe, ist oft gefragt worden. Die Frage ist mit Ja zu beantworten, weil gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen einer Rezeption entgegenstanden. Ein Hinweis auf die kirchlich-politische Situation in anderen Ländern und die ebenfalls unterschiedliche Rezeption sowie die Tatsache, dass die Rezeption des Konzils in vielen Teilen in der Katholischen Kirche überhaupt noch aussteht, kann dieses scheinbar „nur“ spezifische DDR-Phänomen relativieren.

Die Pastoralsynode der DDR selbst, die von 1973 bis 1975 in Dresden stattfand, und ihre Dokumente131 wurden kaum rezipiert und sind beinahe in Vergessenheit geraten. Von Synodenmüdigkeit wurde schon während der letzten Sitzungen gesprochen, auch wenn eine Kommunikation zwischen Synode und Gemeinden stattfand.132 Zwar zeigen neuere Forschungen, dass unterhalb der kirchenamtlichen Ebene, oftmals versteckt und anonym, Synodeninhalte rezipiert wurden, an der Gesamteinschätzung ändert dies nichts.133

Festzuhalten bleibt, dass es ein Versäumnis der BOK war, ihrerseits die Rezeption nicht voranzutreiben. Vielleicht aber liegt der Grund für die unbewusst intendierte Passivität der BOK auch an der doppelten Diasporasituation, die, wenn schon nicht zur Ängstlichkeit, so doch manchmal zu übergroßer Vorsicht bewog. Für eine solche Mentalität aber boten die optimistischen Texte der Synode wenig Rückhalt.

Eine Zusammenfassung wird zunächst die drei Ausgangsfragen beantworten müssen. Der Staat hatte eine Teilnahme der ostdeutschen Ordinarien am Konzil gestattet. Reisegenehmigungen wurden erteilt, wenn auch der Versuch gemacht wurde, Einfluss, zu nehmen. Informationen über das Konzil und seine Inhalte wurden zu keiner Zeit verhindert. Rezeptionsprozesse kamen zustande, wenn auch unter den besonderen Bedingungen einer Kirche in einem „totalitären“ Staat. Besondere Bedeutung erlangte das Zweite Vatikanische Konzil, an dessen Vorbereitung und Sitzungen Bischöfe und Theologen aus der DDR beteiligt waren aber auch durch andere Momente.134 Auf dem Konzil geknüpfte Kontakte der Bischöfe der DDR zu anderen Konzilsteilnehmern wurden über Jahre, u.a. durch Gäste der Weltkirche bei den Diözesanwallfahrten, gepflegt. Sie förderten ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Weltkirche. Die Konzilstexte selbst fanden ein z.T. euphorisches Echo, das vor allem in der Diözesansynode des Bistums Meißen und den dort verabschiedeten Dokumenten zum Ausdruck kam. Hinweise auf die Zugehörigkeit und Verbindung zur Weltkirche bei Auseinandersetzungen mit dem Staat waren nunmehr durch das Lebensgefühl der DDR-Katholiken gedeckt und wurden der Öffentlichkeit z.B. durch von Wallfahrten verschickte Grußtelegramme an den Papst dokumentiert. Berufungen von Bischöfen und Theologen aus der DDR in internationale und päpstliche Gremien verhinderten seit dem Konzil eine menschliche, kirchliche oder wissenschaftliche Isolation.

Rezeptionsforschung aus lokaler Perspektive – Methodologische Reflexionen
Gilles Routhier

Studien über die Konzilsrezeption schenken den Ortskirchen – mit nur wenigen Ausnahmen – kaum Beachtung. Gerade weil das der Fall ist, werden solche Geschichten des Konzils und seiner Rezeption in die Kategorie der oft etwas abschätzig so bezeichneten „Lokalgeschichte“ eingeordnet, der neben der „großen Geschichte“, der universalen, vermeintlich einzig Beachtung verdienenden, oft nur wenig Bedeutung beigemessen wird. Wenn aber Rezeption die Assimilation eines Gutes durch ein Subjekt ist, dem dieses angeboten wird und das es also nicht selbst hervorgebracht hat, muss man die Rezeption des Konzils in erster Linie ausgehend von den Ortskirchen untersuchen bzw. ausgehend von einer Gruppe von Ortskirchen in einem Land oder einer Region. Tut man dies nicht, bleibt man schlicht bei der Untersuchung der Bemühungen zur Umsetzung des Konzils stehen bzw. bei der Untersuchung der pastoralen Initiativen dazu. Das ist aber etwas anderes als die Erforschung der Konzilsrezeption. Die Erforschung der Rezeption untersucht das Handeln der Subjekte, die sich das, was ihnen angeboten wird, zu eigen machen, es assimilieren. In diesem Prozess der Assimilation und der Appropriation dessen, was von einem anderen empfangen wurde, lässt sich ein Prozess der Transformation des Dargebotenen beobachten. Die Rezeption führt uns weg vom Handeln der Gestalter oder „Produzenten“ des Dargebotenen sowie von dem seiner Verbreiter hin zur Untersuchung der Aktivität jener, die sich dieses zu eigen machen. Indem wir bedenken, dass es ebenso wichtig ist, das Konzil zu rezipieren, wie es weiterzugeben oder Initiativen zu seiner Umsetzung zu ergreifen, gleiten wir also in eine andere Perspektive hinüber.

Ich will im Folgenden die Bedeutung solcher Untersuchungen auf lokaler Ebene zeigen indem ich auf ihren hohen Ertrag für die historische Forschung hinweise. Schließlich möchte ich die Wege skizzieren, die eine solche Untersuchung einschlagen kann, und abschließend einige davon vorstellen.

1. Die Rezeption auf lokalem Niveau: Skalen und Ebenen

Wenn die Rezeption eines Konzils immer ein Subjekt erfordert, das im Stande ist es zu rezipieren, und wenn sie sich immer in einem spezifischen Raum menschlichen Lebens realisiert, dann stellt sich unmittelbar die Frage nach der Determination 1. des Subjektes und 2. des Raumes (geographisch, kulturell oder soziologisch), den wir in Betracht nehmen müssen. Ich werde nur kurz auf die erste Frage antworten, um die zweite weiter ausführen zu können.

Das Subjekt, das im Stande ist ein Konzil zu rezipieren, ist vor allem ein kirchliches Subjekt. Ich persönlich fördere keine Studien, die sich individuellen Subjekten widmen und mit Hilfe von Meinungsumfragen oder persönlichen Gesprächen durchgeführt werden. Ein Konzil richtet sich nicht in erster Linie an Individuen, es richtet sich nicht an die Gläubigen als voneinander getrennte und isolierte Subjekte, sondern es ist der Rezeption der Kirchen dargeboten. Daher mag man von der Rezeption durch eine Ortskirche sprechen oder evtl. durch kirchliche Vereine oder Bewegungen oder auch durch Gruppen von ihnen, wie beispielsweise den Kirchen eines Landes oder einer Region.

Dies vorausgeschickt, ist ebenso klar, dass das gewählte Subjekt, der Rezipient, zugleich den Raum bestimmt, in dem die Rezeption stattfindet. Ich möchte nun bei diesem Punkt bleiben, um zu zeigen, dass der Ertrag der Forschungsarbeit eng mit der Wahl der Ebene verbunden ist, auf der man die Konzilsrezeption erforscht: lokal, regional, national, kontinental oder sogar weltweit. Daran anschließend möchte ich zeigen, dass sich die praktische Rezeption, die den Abschluss des Rezeptionsprozesses darstellt, am besten auf lokaler Ebene beobachten lässt.

1.1. Die verschiedenen Skalen

Die Arbeit mit Geografen hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Wahl der Skala135 entscheidend ist, und zwar schon bei der Festlegung des Untersuchungsgegenstandes. Die gleiche Erfahrung machen Soziologen. Es gibt Phänomene, die sich überhaupt nur auf bestimmten Ebenen nahbar und greifbar machen lassen. Je mehr man in die Höhe steigt, desto weiter wird der Raum, der freigelegt wird, sodass man in der Lage ist, ein Element im größeren Ganzen einzuordnen und Verbindungen mit verschiedenen anderen Elementen herzustellen, die im Gesamtumfeld sichtbar werden, das sich dem Auge des Beobachters darbietet. Dennoch tendieren die Feinheiten des Reliefs auf dieser Ebene dazu zu verschwinden; man erkennt die Einzelheiten der gleichsam aus großer Höhe betrachteten Gebiete nicht mehr. Es gilt, sich auf eine andere Ebene zu begeben, wenn man Details genau erfassen will, sonst entgehen sie uns und werden undeutlich.

Wer über Konzilsrezeption forscht und sich sorgsam mit der Wahl einer guten Untersuchungsebene befasst, sollte eine Ebene festlegen, die ein möglichst gutes Verständnis der untersuchten Phänomene erlaubt. Die Resultate bereits veröffentlichter Untersuchungen führen uns vor Augen, wie sehr die Entscheidung zur Arbeit auf kleiner Skala, also auf der Ebene einer Stadt, einer Diözese, einer Region oder eines Landes das Nachvollziehen einzelner Aspekte ermöglicht, die sich dagegen nur schwer festmachen lassen, wenn man auf einer zu großen Skala arbeitet (kontinental oder weltweit). Natürlich muss man auch die zahlreichen Interrelationen zwischen diesen verschiedenen Ebenen berücksichtigen, dennoch verdient die Untersuchung jeder einzelnen dieser Ebenen es, unternommen zu werden.

Heute bin ich der Überzeugung, dass die Studien auf kontinentaler Ebene keine befriedigenden Ergebnisse liefern, sodass ich jedem Studenten, der ein solches Thema in Angriff nehmen möchte, davon abraten würde. Diese Bemerkung führt mich zu der Frage nach der Ebene, mit der sich am besten zufriedenstellende Ergebnisse erzielen lassen. Es gibt bisher Studien, die sich der Untersuchung der Konzilsrezeption in Afrika, Asien oder auf einem anderen Kontinent gewidmet haben136. Die Ergebnisse sind oft sehr allgemein und enttäuschend. Um das anhand eines Beispiels zu veranschaulichen, möge man sich nur einmal vor Augen führen, dass die Rezeption beispielsweise der Liturgiereform auf dem europäischen Kontinent nicht überall denselben Lauf nimmt: in Polen, Frankreich, Italien oder Spanien137. Selbst Spanien ist diesbezüglich kein homogenes Ganzes, wie es die Forschungen von Bellavista zu Katalonien und von Unzueta zum Baskenland gezeigt haben. Was soll man da erst sagen, wenn man an die Erklärung zur Religionsfreiheit und deren Rezeption denkt! Der Verlauf fällt so unterschiedlich aus, je nachdem ob man sich in den Ländern des Ostens oder in einer westeuropäischen Demokratie befindet, in mehrheitlich katholischen Länder (Spanien, Italien, Portugal) oder in solchen, die eine große konfessionelle Vielfalt kennen (England, Deutschland, etc.).

Es gibt Studien, die sich mit der Rezeption auf nationaler Ebene befassen, oder genauer: auf der Ebene eines Landes arbeiten138. Das ist ein Raum, der sich zuweilen als sehr komplex, nicht immer homogen und oft stark differenziert erweisen kann, wie es in Kanada der Fall ist. Daher ist es manchmal schwierig aussagekräftige Schlüsse zu ziehen, wenn man auf dieser Ebene arbeitet. Seltener sind die Studien, die von Anfang an auf regionaler Ebene arbeiten139. Die meisten Forscher bevorzugen die diözesane Ebene140, die ihnen einen klar begrenzten und leicht abzusteckenden Raum bietet. Hingegen sind die Untersuchungen wieder sehr rar, die sich tatsächlich für die Ebene der Pfarrei interessieren, obwohl ich einräumen muss, dass es sich hier um eine höchst relevante Ebene handelt141. Anders gesagt: ich habe oft den Eindruck, dass die wirklich ausschlaggebenden Orte, an denen die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils tatsächlich stattfindet, zugleich diejenigen sind, die am wenigsten in den Genuss von ernstzunehmenden und gründlichen Untersuchungen gekommen sind.

Ich selbst bevorzuge oft die diözesane142, die regionale (mehrere Diözesen)143 oder nationale144 Skala. Natürlich dispensiert die Wahl einer Diözese, einer Region oder eines Landes als Forschungsgrundlage uns nicht davon, die Phänomene größeren Ausmaßes, die unsere Skala sprengen, zueinander in Beziehung zu setzen und die Fakten, die wir in unserem Gebiet beobachten mit denen in Relation zu bringen, die sich auf anderen und größeren Ebenen zeigen. Es geht also nicht darum, diesen Raum isoliert zu betrachten, sondern vielmehr darum, ihn als Ausgangspunkt zu sehen. In einer Untersuchung von einem klar abgesteckten Raum, wie etwa einer Diözese auszugehen, impliziert außerdem eine gewisse Aufmerksamkeit für kleinere Gebiete unterhalb der diözesanen Ebene, für Pastoraleinheiten, Pfarreien, einzelne Gruppen usw., so wie eine Untersuchung auf nationaler Ebene ihrerseits Verallgemeinerungen vermeiden und die verschiedenen Untereinheiten und Diözesen in den Blick nehmen muss.

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