Kitabı oku: «Dionysische Nächte»
DIONYSISCHE NÄCHTE
ANTHOLOGIE
HERAUSGEGEBEN VON
JUNG WIEN ’14
ENGELSDORFER VERLAG
LEIPZIG
2017
IMPRESSUM
Erste Auflage
Leipzig, 2017
Herausgegeben von der
Autorenvereinigung Jung Wien ‘14.
https://jungwien14.com
Alle Rechte vorbehalten.
Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.
Typographisches Konzept
Julia-Dominique Krammer | signatura
Coverbild
Julia-Dominique Krammer
Illustrationen
Julia-Dominique Krammer, Anna Maltschnig
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
VORWORT
Als ich im September 2014 nach Wien kam, gab es in dieser Stadt mit ihrer so reichen literarischen Tradition keine Gruppe für junge Autoren außerhalb der Universität. Was tut man in so einer Situation? Man gründet selbst eine! Nach und nach sind mehr und mehr schreibende junge Talente dazugekommen, so dass wir nun äußerst begabte Mitglieder wie Thomas Aiginger (Kaspar: Die Welt, aus der die Wolken kamen, 2014), Katharina Goetze, Markus Grundtner, Julia-Dominique Krammer, Anna Maltschnig, Julian Morgenbesser, Christoph Reicho (Schlaraffenland, 2016) und Constantin Schwab zu unserem Kreise zählen dürfen.
Wir haben zusammen die Kaffeehäuser und kleinen Bühnen der Stadt mit unseren ebenso dramatischen wie heiteren Lesungen unsicher gemacht, was darin gipfelte, dass wir nun ein permanentes zweimonatliches Programm im Salon Schräg gestalten dürfen. Diese Lesereihe, Wortsteinschwalben, sprengt das Konzept der traditionellen Wasserglaslesung, indem drei Jung Wiener und ein Gastautor/eine Gastautorin maximal zehn Minuten lesen und auf jeden Text ein Musikstück folgt. Wer das noch nicht gesehen hat, sollte sich den nächsten Termin nicht entgehen lassen.
In unserer ersten gemeinsamen Veröffentlichung stellen wir Graphisches und Literarisches zum Schlagwort „Dionysische Nächte“ vor, in Prosa und Lyrik. Einige Texte sind eigens für die Anthologie geschrieben worden. Ich freue mich sehr, so viele herausragende, zum Teil noch unveröffentlichte junge Autoren in der Gruppe, und so viele ausgezeichnete Texte in unserem Sammelband zu haben. Mein Dank gilt Julia-Dominique Krammer und Anna Maltschnig für die graphische Gestaltung unseres Buches, und Julia insbesondere für ihre große Hilfe bei Planung und Layout. Des Weiteren Dank an alle, die Geschichten beigesteuert haben, an die großartigen Mitglieder von Jung Wien ’14, an den Engelsdorfer Verlag und alle, die uns unterstützen – insbesondere an Martin Schwarz vom Salon Schräg!
Möge dies erst der Anfang einer glänzenden literarischen Zukunft sein, die unsere wunderschöne Stadt Wien bereichert. Viel Freude beim Lesen!
Max Haberich
Wien, im März 2017

ÜBER STUNDEN, ÜBER MENSCHEN
Die Anwaltsserie
Dion war ein Gott unter den Systemadministratoren. Er brauchte keine Zustimmung eines Mitarbeiters, sich auf einen Computer zuschalten zu dürfen, um ein Problem zu beheben. Er hatte Augen und Ohren an jedem Schreibtisch der Kanzlei. Die Kameras, die in die Monitore integriert waren, zeigten ihm alle Bildschirmarbeiter beim Tippen, Telefonieren und Trödeln. Die Mikrofone der Computer übertrugen zur Untermalung das Sprechen, Seufzen und Summen.
Dion war zu jeder Tageszeit per E-Mail erreichbar. Er war im Büro allgegenwärtig. Gleichzeitig konnte niemand sagen, wo sich sein Schreibtisch befand. Ob diese rätselhafte Omnipräsenz menschenmöglich war, stellte in der Anwaltsbranche keine relevante Frage dar. Die täglichen Massen an Arbeit waren ohne Erklärungen, Nachfragen oder Entschuldigungen zu erledigen. Was zählte, war das Ergebnis.
Die technischen Komplikationen der Computer löste Dion mit dem kleinen Finger. Hauptsächlich genoss er das flimmernde und krachende Mosaik des Kanzleitreibens durch seine allsehenden Kameras. Es begann mit den Flüchen des Reinigungspersonals und den ersten Intrigen des Sekretariats am Morgen. Bald danach tauchten die Juristen auf, die wenige Stunden zuvor nachhause gefahren waren, um ihre Anzüge und Kleider für den nächsten Arbeitstag zu wechseln. Sie schrieben ihre E-Mails und erhielten Antworten. Dion las alles davon, um sein Bild zu vervollständigen.
Seit geraumer Zeit musste er mit Bedauern feststellen, dass die juristischen Aufgaben so begeistert abgefertigt wurden wie Arbeitsaufträge in Zeiten der Fließbandarbeit. Jedes rechtliche Anliegen war ein neues Ärgernis, das die Erschöpfung und Frustration der Rechtskundigen steigerte. Dabei stand hinter den Konvoluten an Dokumenten und hinter den Rechtsfragen immer eine Geschichte, die erzählt werden musste, aber stattdessen unentdeckt zu den Akten gelegt wurde. Mit jeder neuen Verschwendung missfiel Dion seine Rolle als Beobachter umso mehr. Er hasste die Ordnung um der Ordnung willen. Was er vermisste, waren der Rausch und der Schöpfungsdrang – ja, eine Spannung und eine Komik, die alle Formen sprengte.
Es fehlten die passenden Anweisungen an die Akteure. Nur ein Regisseur konnte diese erteilen. Lange war es her, dass er sich in die Geschicke einfacher Menschen eingemischt hatte. Bei nächster Gelegenheit wollte er deren Alltag aufbrechen und kreativ ordnen.
Die Kanzlei und die Ziegelfabrik
Die zwei Hochhäuser mit Fassaden aus grün getöntem Glas ragten wie Wachtürme an der Stadtgrenze in den Himmel. In einem der Hochhäuser beanspruchten die Juristen von „Stahl & Graf“ und deren administrative Handlanger ein ganzes Stockwerk für sich. In der nahen Zukunft würde die Mannschaft auch den Zwillingsturm entern, welcher in den höheren Stockwerken über Verbindungsstege zu erreichen war.
Die Juristen besetzten die Bürozellen an den Glasfronten, die einen Ausblick auf die ausufernde Stadt und die Dörfer in der Ferne freigaben. Der Gebäudekomplex stand auf der Spitze eines Bergrückens, der „Ziegelberg“ hieß. Der Name ging zurück auf die Ziegelei, welche hier als erstes der heute hier ansässigen Unternehmen ihren Sitz gehabt hatte. Im 19. Jahrhundert erstreckte sich auf dem Gelände die größte Ziegelfabrik Europas. Außerdem gab es Wohnhäuser für die Arbeiter und „Kinderbewahranstalten“, für deren Nachwuchs. Vor nicht einmal 60 Jahren lohnte sich der Abbau von Lehm jedoch nicht mehr. So wurde Land frei, das die Stadtregierung für sich in Anspruch nahm, um es als Deponie für Abfall und Schutt verschiedenster Herkunft zu nutzen. Nach einem städtepolitischen Umdenken entstand auf ebendiesem Boden ein bewaldetes Erholungsgebiet mit Golfplatz, Teichen und Tennisanlagen, aus dem mittendrin die beiden Bürotürme, mehrere Wohnhausblöcke und ein Unfallkrankenhaus herausragten.
Der Ziegelproduzent war auch der größte Mandant von „Stahl & Graf“: Das staatsnahe Unternehmen orientierte sich nach der Schließung der Fabrik jedoch auf dem Markt nicht neu. Weitere Werksschließungen und Stilllegungen folgten, die kostspieliger waren als notwendig. Übrig blieb ein Schuldenberg, den es nun galt, Stein für Stein abzutragen. Der Mandant hieß daher auch „die Abbaugesellschaft“. Dies war juristisch nicht korrekt, aber passend.
Die Juristen in ihren Glaskästen interessierte die Vorgeschichte nicht, die Details des Restrukturierungsplans und drohende Gläubigerprozesse vereinnahmten ihr Denkvolumen. Jeder von ihnen hatte seinen eigenen abgesteckten Bereich – Arbeitsrecht, Prozessrecht und Insolvenzrecht – und sie alle wiederholten auf ihrem Gebiet ihre Schriftsätze und Memoranden nach vorliegenden Mustern. Vielfalt sah anders aus.
Auf den ersten Blick unterschieden sich auch die Bürozellen nicht, in denen sie stundenlang hockten. Seit Längerem brachte das „Facility Management“ keine Namensschilder mehr an. Die Personalfluktuation rechtfertigte den Aufwand nicht. Das einzige, aber wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen den Arbeitsplätzen der Juristen war, dass die Gründungspartner der Kanzlei Anspruch auf ein Eckbüro hatten. Sie hatten damit einen weitläufigeren Ausblick und saßen hinter einer Milchglastür. Jedoch blieben diese Büros in der Regel leer, weil die Partner Auswärtstermine wahrnahmen oder von zu Hause aus ihre Arbeit erledigten. Die Rechtsanwaltsanwärter und Rechtsanwälte saßen dagegen hinter Schiebetüren aus Glas. Ihre Aufgaben verrichteten sie in der Gewissheit, unter ständiger Beobachtung von Kollegen und Vorgesetzten zu stehen. Während sie also so vor sich hin werkten, zogen sie – nach einer Zurechtweisung oder aufgrund der Gesamtsituation ihres Daseins – in Richtung ihres Bildschirms böse Grimassen. Sie lebten in dem Glauben, dass sie nur in ihrem Rücken Augen hatten.
Im Zentrum des Stockwerks, und damit beschienen durch künstliches Licht, verteilten sich die Mitarbeiter der Buchhaltung und des Sekretariats auf zusammengewürfelte Büroeinheiten. Ihre Schreibtische waren von Trennwänden begrenzt, enge Gänge ausgelegt mit grauem Teppichboden verbanden die Arbeitsplätze.
Obwohl es auf den ersten Blick nicht so schien, gab es in den unendlichen Weiten des Großraumbüros eine Hierarchie. Nur war sie in eine einzige Ebene ineinander gefaltet worden.
Die Abrechnung
Jonathan Kramers Leben war eine Abfolge von „To-do“-Punkten, er führte ein Listenleben. Die Momente zwischen seiner Arbeit als Konzipient reservierte er für seine Familie, welche sich im Gründungsstadium befand. Seine Listen unterteilte er in Berufliches und Privates. So vergaß er nie eine Erledigung, etwa die Anzughemden aus der Reinigung zu holen oder zur Taufe seines Sohnes zu erscheinen. Da immer neue Aufgaben hinzukamen, war seine Liste unendlich. Wie viele unterlag er der Illusion, dass es mit seinem Leben nicht anders sein würde.
An jedem Abend in der Kanzlei blickte er auf die vergangenen Stunden zurück und rechnete ab. Erledigtes strich er mit einem Lineal durch. Neben die einzelnen Aktenzeichen hatte er die Dauer der Bearbeitung notiert. Er übertrug die Zahlen in die digitale Aktenverwaltung. So verwandelte er Minuten in Geldbeträge. Durch die Abrechnung bekam seine Zeit einen Wert. Die Leistungsliste war in Wahrheit ein Fantasieprodukt wie der Punktestand eines Videospiels. Sie verschaffte ihm kein zusätzliches Gehalt. Dafür verspürte er ein flüchtiges Hochgefühl, ein „Lawyer’s High“. Es war die Ekstase des Angestellten, der nicht wusste, woher er sich Kokain beschaffen sollte.
Jonathan brauchte diesen Rausch für seine Tatkraft. Während in den Großraumbüros der Konzerne die Mehrheit der Kopfarbeiter ihre Arbeitsplätze verließ, begann für Jonathan die Nachtschicht. Er musste noch einiges abarbeiten, was bis „close of business“, also heute noch, fertig zu sein hatte. Gerade als angehender Experte im Arbeitsrecht hätte er seinen Dienstvertrag genauer lesen sollen. Laut diesem galt hinsichtlich seiner Überstunden eine „all in“-Klausel. Und „all in“ hatte ihn die Kanzlei verschlungen.
Jonathan stand aus seinem Sessel auf und streckte sich. Er trat ins Zentrum des Stockwerks und ging durch die Kanzlei, als wäre es seine eigene – mit erhobenem Haupt und eingezogenem Bauch. Insgeheim hoffte er, so bald mit der Arbeit fertig zu sein, dass ihn das Reinigungspersonal nicht schon wieder frühmorgens aus seinem Büro vertreiben würde.
Die Anwesenheitspflicht
Tom Nietzsch lehnte sich in seinem Bürosessel weit zurück, warf eine Walnuss in die Luft und fing sie mit seinem Mund auf. Dann zog er seine Schuhe aus. Seine Krawatte und sein Sakko hingen längst am Bücherregal.
Jonathan ging an Toms Büro vorbei und hob den Arm ungelenk zum Gruß. Jonathan erinnerte Tom an einen Nussknacker, der laufen gelernt hatte. Das lag weniger an Jonathans steifem Gang, Tom aß derzeit einfach so viele Nüsse als Kraft- und Hirnnahrung. Tom nickte ihm verschmitzt zu. Als Jonathan vorbeigegangen war, schüttelte Tom den Kopf: Jonathan hatte sich in den letzten Monaten schrecklich gehen lassen. Sein Slimfit-Hemd tat sein Möglichstes, um nicht zu platzen. Tom notierte sich gedanklich, Jonathan demnächst vor versammelter Mannschaft zu fragen, ob er auch beim Stadt-Triathlon im Kanzlei-Team mitmachen würde.
Er schmunzelte, dann klatschte er in die Hände, um sich wieder zu konzentrieren. Er hatte es fast. So murmelte er vor sich hin: „Wenn Anlageberater vollständig aufklären, …“ Auf den Zehenspitzen drehte er sich mit seinem Sessel im Kreis. Er wiederholte: „Wenn Anlageberater vollständig aufklären, …“ Dann formte er mit den Lippen stumm den zweiten Halbsatz, ging den Reim im Kopf noch einmal durch, um ihn laut auszusprechen: „Wenn Anlageberater vollständig aufklären, dürfen sich Kunden nicht beschweren.“
Tom schrieb sich den Reim auf ein Post-It und holte seine Sporttasche unter dem Schreibtisch hervor. Sein Tagwerk war vollbracht. Er vertrat den zweitgrößten Mandanten der Kanzlei, ein Vermögensberatungsunternehmen, in einem Verfahren, das geschädigte Anleger angestrengt hatten. Für die nächste Verhandlung hatte er nach einem markigen Spruch gesucht, welcher die Angelegenheit einfacher erschienen ließ, als sie war. Da die Gegenseite sich auf richtige, aber komplizierte Rechtsausführungen verließ, vertraute er darauf, so simpel wie möglich zu bleiben und auch den einen oder anderen Reim zu platzieren. Reimende Formulierungen veredelten die schwachsinnigsten Argumente und befestigten die aussichtslosesten Standpunkte. Ihm spielte diese Taktik in die Hände, Tom äußerte nie ein Wort mehr, als nötig war.
Als er seine Sportschuhe aus seiner Tasche nahm, fiel sein Blick auf seine Armbanduhr. Er knurrte entnervt: Wie so oft hatte er nichts mehr zu erledigen, aber ins Fitness-Center konnte er trotzdem nicht gehen. In den Wirtschaftskanzleien dieser Welt hatte sich ein Gewohnheitsrecht herausgebildet: Wer nicht mit seiner Arbeit überfordert war, machte sie falsch oder zu wenig davon. Wer demnach abends nicht länger blieb, leistete fehlerhaft oder nicht genug. Tom hatte noch ein paar Stunden „Facetime“ vor sich. Sprich: Anwesenheit nur um der Anwesenheit willen.
Um auszudrücken, dass er es hasste, trotz getaner Arbeit Büropräsenz zeigen zu müssen, schrieb er eine E-Mail an seine Kollegen aus dem Team „Dispute Resolution“, welches auch liebevoll „Streitabteilung“ bezeichnet wurde. Die Nachricht bestand aus einem Smilie, das Kaffee trank. Gäbe es „Emoticons“ nicht seit mehreren Jahrzehnten, der wortkarge Tom hätte sie eigens erfunden. „Er drückte auf „Senden“. Während die Nachricht die Runde machte, fielen ihm aus seinen Augenwinkeln die Lichter eines Helikopters auf, der durch den Abendhimmel draußen vorbeizog.
Die Streitabteilung
Dion trommelte gespannt mit den Fingern auf seinen Schreibtisch. Er hatte die Kamera-Feeds von den Bildschirmen der streitigen Juristen nebeneinander aufgereiht. Nun hatte er eine Galerie künstlich angespannter Gesichter vor sich. Sie zeigten erst wahre Emotion in dem Moment, als Toms Nachricht bei ihnen einlangte. Die Mienen verzogen sich zu Fratzen der Verachtung, um sogleich wieder in vorgetäuschte Gedankenversunkenheit zu verfallen.
Dion konnte vieles, aber nicht Gedanken lesen. Doch ihre Überlegungen waren offenkundig: Natürlich würden sie nicht auf einen Kaffeeplausch gehen. Sie saßen abends und nachts nicht im Büro, um Spaß zu haben. Sie saßen abends im Büro, um so zu tun, als würden sie arbeiten. Sie wollten Karriere machen. Vorläufig war es hauptsächlich eine in Schauspielerei.
Schauspieler. Die kannte Dion. Daher sah er in einem der Gesichter auch echte Fokussiertheit. Es zeigte keinerlei Regung angesichts der E-Mail. Es war die ungerührte Miene von Larissa Hartinger.
Kürzlich hatte sie die Anwaltsprüfung bestanden und betraute nun die „Abbaugesellschaft“ in prozess- und insolvenzrechtlicher Hinsicht. Der Ziegelfabrikant war ein Selbstbedienungsladen für die Politik und dessen Freundeskreis gewesen. Und nun waren die gleichen Politiker (a.D.) in beratender Funktion für die Gläubiger tätig, welche ihre Schulden einforderten – notfalls auch gerichtlich. Beratungshonorare und Anwaltskosten erhöhten die Geldbeträge, die im Spiel waren, so als liefe ein Taxameter immer weiter und weiter.
Auf der einen Seite des Schlachtfelds stand die Gläubiger-Meute, auf der anderen Seite Larissa. Dank der beratenden Ex-Politiker hatten die Geldgeber einen Vorteil, wenn auch nur einen geringen. In Larissas Lebenslauf gab es keine Kinkerlitzchen wie Auslandsstudien oder einen Doktortitel: Auf das Studium im Eiltempo folgte das Gerichtsjahr, dann die Konzipientenzeit und zum frühestmöglichen Termin die Anwaltsprüfung. Sie wusste, was sie sie wollte und was sie konnte. Sie ließ sich von nichts und niemandem ablenken. Deshalb zählte sie zu den „Besten der Besten der Besten“.
Nachdenklich strich Dion über seinen Backenbart. Es war Zeit, auf dem Gleis, auf dem Larissas Leben dahinlief, eine Weiche umzustellen. Dion fälschte eine E-Mail an sie: Der Vorstandsvorsitzende der Abbaugesellschaft erteilte ihr einen Auftrag, der aus der Reihe fiel.
Ein Kaffee am Abend
Tom stand alleine am Stehtisch in der Kaffeeküche. Per Smartphone sandte er einen Totenkopf an seine Team-Kollegen. Dann nahm er sich Kaffee und fischte einen grünen Apfel aus dem Obstkorb. Mit der freien Hand durchstöberte er die Lesezeichen in seinem Smartphone-Browser: Er recherchierte gründlich, er wollte bei nächster Gelegenheit am anderen Ende der Welt Bungee-Springen.
Larissa hetzte vorbei: Mit einer Hand tippte sie auf ihr Smartphone-Display, in der anderen hielt sie eine Dose „Red Bull“. Tom biss in den Apfel, kräftig und lautstark wie in einem Werbespot für Zahnpasta. Mit fahrigen Augen blickte sie auf und hauchte ertappt: „Oh.“ Ihr Telefon zog sie vorwärts wie eine Wünschelrute, ihre guten Manieren hielten sie zurück. So als wandte sie große Kraft auf, nicht weiterzugehen, gesellte sie sich zu Tom.
„Der Mandant ist mühsam“, brummte sie. Tom hob die Schultern, wie um ihr beizupflichten und zu sagen: „Das sind sie immer.“ Larissa trank ihr „Red Bull“, das fast voll war, in einem Zug aus. „Unglaublich mühsam. Die Abbaugesellschaft eben. Eine Katastrophe jagt die andere.“ Mit ihren Händen fuhr sie mehrmals über ihre aschblonden Haare. Sie waren straff zu einem hoch sitzenden Pferdeschwanz zurückgebunden. Es wirkte, als wollte sie einzelne Haare einfangen, die sich befreit hatten. „Der Auftrag ist derart rätselhaft. Wir durchstöbern sogar das Archiv nach alten Akten.“
Tom fragte: „Wen meinst du mit ‚wir‘?“
„Den Praktikanten.“
Toms Mundwinkel zuckten. Er wusste selbst nicht, ob es der Ansatz eines Lächelns war oder eine kurze Regung der Abneigung. Er war sich unsicher, ob sie einen Witz machen wollte. Larissa verwirrte ihn. Nicht nur in dieser Hinsicht.
Ein süffisantes Pfeifen riss ihn aus seinem Grübeln.
Die Ratten
Stephan Edel näherte sich triumphierend. Er stemmte drei dicke Akten über seinen Kopf. Staub und feinste Papierschnipsel rieselten auf die Schultern seines marineblauen Marken-Sakkos herab.
Stephan kam an drei Abenden in der Woche in die Kanzlei. Er war immer „overdressed“. Da er der Praktikant für alles war, hätte er eine fleckige Latzhose anhaben können, doch er sah aus, als würde er beim Fernsehgericht auftreten. Er trug seine Nadelstreifenanzüge nie ohne Krawatte und dazu immer ein seidenes Stecktuch in der Brusttasche. Schuhe, Gürtel und Ledertasche stammten aus Italien und waren im Farbton penibel aufeinander abgestimmt. Seine Manschettenknöpfe waren Paragraphenzeichen aus Edelstahl. Niemand wusste, was er außerhalb der Kanzlei tat. Stephan verwies immer wieder darauf, dass seine letzte Prüfung kurz bevorstand. Das sagte er seit gut zwei Jahren.
Mit stolzem Grinsen legte Stephan die Akten vor Larissa. Sie wies auf ihr Büro. Während er die Akten zu ihrem Schreibtisch trug, fragte er: „Ist der Vorstand wieder unvernünftig? Soll ich mit ihm reden?“ Stephan machte sich auf schallendes Gelächter gefasst, doch Larissa gab ihm eine Antwort, die ihm fast kollegial vorkam.
„Könnten diese Menschen ihre Probleme durch Reden lösen, bräuchten sie uns nicht.“
Stephan nickte. Er fühlte sich kurz wie einer von ihnen. Dann erinnerte er sich, dass er heute noch eine Spezialaufgabe für den Partner aus dem Arbeitsrecht erledigen musste. Er ging zur Anrichte und holte den Transportkäfig unter dem Spülbecken hervor. Der Futter-Ratte ging es gut.
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Bei aller Konzentration: Eine Ratte in der Kaffeeküche konnte sogar Larissa nicht übersehen.
„Was soll das?“, fragte sie.
Tom deutete in Richtung des nächstgelegenen Eckbüros. Stephan übernahm die Erklärung: „Mag. Lunk hat seit Kurzem eine Schlange im Büro. Ein Geschenk von einem Arbeitskräfteüberlasser.“ Stephan ergänzte: „Ganz geheuer ist ihm die Schlange nicht. Es ist eine seltene mexikanische Klapperschlange, die ist zwar giftig, aber nicht tödlich.“ Larissa griff sich an die Stirn: „Ja, sind denn alle verrückt geworden?“ Stephan schien persönlich beleidigt: „Also, mir macht das Füttern Spaß. Weißt du, die Schlange an sich ist nicht nur selten. Das Besondere an ihr ist, dass …“ Doch Larissa unterbrach ihn: „Ein Partneranwalt quartiert Raubtiere ein. Ein Mandant will, dass ich ein Theaterstück schreibe.“ Tom schnaubte überrascht. Stephan prustete: „Was?“ Larissa zeigte den beiden ihr Smartphone, weil sie es selbst noch nicht glauben konnte. Vielleicht spielte ihr Verstand ihr einen Streich. Bei der E-Mail handelte sich nicht um den gewohnten weit verzweigten unternehmensinternen Nachrichtenverlauf, über dem das übliche „Bitte zeitnah erledigen“ des Partneranwalts thronte. Die Nachricht bestand nur aus einem Satz: „Bringen Sie das Beraterproblem bis morgen auf die Bühne. Machen Sie einen kurzen Prozess daraus.“
Stephan starrte kurz in die Luft und sagte dann: „Vielleicht liegt es an der Autokorrektur? Es könnte ja sein, dass du das Beraterproblem ÜBER die Bühne bringen sollst. Und das in einem KURZEN Prozess.“ Stephan kratzte sich am Hinterkopf: „Du kannst auch einfach beim Mandanten rückfragen.“
Larissa wunderte sich, dass Stephan in seiner Zeit hier nicht die erste und wichtigste Regel gelernt hatte. Sie versuchte, ihm gelassen zu antworten, doch sie merkte selbst, dass ihr Ton schärfer war, als beabsichtigt: „Einer allein kann diese Sache niemals zu Ende bringen. Schon gar nicht bis morgen und vor allem nicht durch einen Prozess.“ Stephan hob den Zeigefinger: „Weißt du, was das Beraterproblem ist?“ Larissa hätte ihm am liebsten den Finger gebrochen. Tom kam ihr zur Hilfe: „Wer fragt, verliert. Akten sind selbsterklärend.“ Sie versuchte sich zu fassen, was ihr erneut misslang, und sie nur noch ungehaltener werden ließ: „Das Beraterproblem ist das einzig Klare an dem Auftrag. Politiker haben während ihrer Amtszeit ihren Einfluss ausgenutzt, um die Abbaugesellschaft auszunehmen. Danach sind sie nahtlos in den Consultingbereich gewechselt, um nun die Gläubiger des Unternehmens zu beraten, wo es noch etwas zu holen gibt.“ Stephan schien zu begreifen: „Klingt kompliziert. Das bringst du nicht einmal AUF eine Bühne.“ Tom merkte an: „Sie kriegen den Hals nicht voll.“
Tom sah, wie Larissas Blick stählern wurde – wie bei einer Läuferin, die durch die Hürden vor ihr auf das Ziel dahinter sah: „Eine Management Summary in dramatischer Form. Das will der Mandant.“ Sie schnippte und zeigte auf Stephan: „Recherchier mir bitte die gesamte Theatergeschichte Mitteleuropas. Du hast eine Stunde Zeit.“ Stephan antwortete: „Ich erledige es in einer halben.“ Dann verschwand er in Richtung Bibliothek.
Larissa wollte ebenso davoneilen, doch Tom konnte sich die Tragödie, die sich vor ihm entspann, nicht ansehen. Er packte sie an der Schulter und sagte: „Du brauchst ein Auge fürs Wesentliche.“ Er schlug mit der Handkante in seine andere Handfläche: „Du willst etwas erzählen – Anfang, Mitte, Schluss – Fakten, Details – Verdichte! – Plot! Los!“ Tom hoffte, dass Larissa nicht wusste, woher der Spruch stammte – aus einem Film mit vielen Explosionen und Kampfrobotern.
Larissa war begeistert von Toms glasklarer Anweisung. Tom erschien ihr als genau der richtige Sparring-Partner für diesen außergewöhnlichen Auftrag. Daher folgte sie auch seinem Vorschlag: „Lass uns nach draußen gehen, um den Kopf frei zu kriegen.“ Eigentlich verließ Larissa die Kanzlei ungern – nicht einmal in der Mittagszeit. Die Arbeit erledigte sich nicht von alleine. Selbst Phasen von Müdigkeit oder Erschöpfung übertauchte sie in ihrem Bürostuhl, wartend auf neue Energie. Aber ein Spaziergang war wohl in diesem Fall genau das Richtige, denn, wie hieß es so schön: „Verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen.“
Mission Impossible – Part Deux
Die Ruhe der Nacht kehrte in der Kanzlei ein. Dies waren Jonathans Bonus-Stunden, um all die Punkte zu bearbeiten, die unten auf seiner Prioritätenliste standen. Wie die Gesetze der Kanzlei so wollten, konnte er dafür meist auch keine Leistungen verzeichnen. Anders gesagt: Er erledigte jene Aufgaben, die nicht verrechenbar waren, in den Überstunden, die er nicht einzeln entlohnt bekam. Das System funktionierte. Heute etwa überarbeitete Jonathan den Entwurf eines Fachartikels, der unter dem Namen seines Ausbildungsanwalts Mag. Lunk erscheinen würde.
Dion erfasste alles, was in der Kanzlei vor sich ging. Selbst war er jedoch kaum fassbar. Dion beobachtete Jonathan und zoomte sich Details herbei – seinen Ehering, sein Hemd und den Aktenordner mit dem Recherchematerial für den Artikel. Dabei blieb Dion hin- und hergerissen, ob er Jonathan respektierte oder bemitleidete. Dion musste herausfinden, woraus der Mann gemacht war. Er bereitete eine weitere Szenenanweisung vor.
Jonathan nahm seinen Ehering ab und legte ihn neben die Fotocollage seines Sohns, der vor einem Monat geboren worden war. Die Bilder im naturfarbenen Holzrahmen hielten die Illusion aufrecht, dass Jonathan seinen Nachwuchs regelmäßig zu Gesicht bekam. Jonathan krempelte seine Ärmel hoch. Das Hemd war neu. Es stammte von dem Modekonzern, für den er im letzten Monat die Dienstverträge geschrieben hatte.
Sein Blick wanderte auf den Aktenordner mit dem Recherchematerial von 500 Seiten für einen Artikel, der höchstens drei Magazinseiten lang werden durfte. In seinem Kopf begann es zu rattern, er holte das Schema hervor: Die Texte begannen mit der Wendung „Grundsätzlich ist es so, dass …“, gefolgt von einer Wiedergabe des Gesetzestextes. Daran schloss „Ausnahmen hiervon sind …“, welches in „Die Rechtsprechung lautet dazu …“ und „Die Lehre vertritt demgegenüber …“ mündete. Es war wie ein Haus zu bauen, zuerst die Steine des Fundaments zu legen und irgendwann das Dach darauf zu setzen. Bloß nicht umgekehrt.
Bevor er mit dem Artikel weitermachte, wollte er auch noch eine freiwillige Feedback-Mail wegen seiner gestrigen Heimfahrt schreiben. Ein Online-Vermittlungsdienst für Fahrdienstleistungen hatte letzten Sommer eine kurze Anfrage an die Kanzlei geschickt, die er beantwortete hatte. Sie hatten sich seitdem nicht mehr gemeldet. Dennoch nahm Jonathan nur noch deren Dienst für Heimfahrten aus der Kanzlei in Anspruch. Brav schickte er auch immer Feedback-Mails über die Mietfahrer. Er wusste, zwischen ihm und dem Vermittlungsdienst konnte nach diesem „One-Night-Stand“ eine Beziehung fürs Leben entstehen.
Der Ton einer eingehenden E-Mail erklang: Jonathan erwartete um diese Zeit nur automatisch versandte Newsletter, doch hielt er beim Hemdaufkrempeln inne, da als Absender Mag. Lunk aufschien. Der Betreff lautete: „Ihr Entwurf“. Und der Text dazu: „Ich bitte Sie, Ihren Artikel bis morgen 09:00 radikal umzuarbeiten. Das Thema ‚Die Entlassung unter dem Aspekt der unverzüglichen Geltendmachung personenbezogener Auflösungsgründe‘ kann wahrlich anders aufbereitet werden als in der aktuellen Form. Nämlich nervenaufreibender.“ Jonathan wunderte sich, dass Mag. Lunk das Wort ‚nervenaufreibend‘ verwendet hatte, doch die E-Mail war noch nicht zu Ende. „Lassen Sie es knallen! Begeistern Sie nicht nur mich, begeistern Sie die Welt. Präsentieren Sie das pralle Leben – in einem juristischen Fachartikel.“ Jonathan las einen Satz, wanderte mit den Augen zurück und las den gleichen Satz wieder. „Lieber Kollege, seien Sie das Feuer in der Nacht.“ Und es ging noch weiter: „PS: Wenn Sie Inspiration brauchen, genehmigen Sie sich die eine oder andere Flasche Wein aus meinem Medizinschrank.“
Jonathan stutzte, Unwohlsein überkam ihn. Schon länger bemerkte er einen anwachsenden inneren Widerstand in sich. Die Aufgaben kamen ihm wie Ohrfeigen vor. Sie wurden zwar nicht heftiger, jedoch fühlten sich so an, weil sie ohne Pause auf die gleiche Wange ausgeteilt wurden. Aber wenigstens waren diese Ohrfeigen berechenbar und er konnte sie sich schönreden. Das nun war dagegen ein unerwarteter Faustschlag in die Magengrube.
Stephan klopfte an Jonathans Glastür und schob sie zur Seite: „Hast du zufällig Larissa gesehen?“ Jonathan erhob sich und sah, dass Stephan einen Stapel Ausdrucke theaterwissenschaftlicher Artikel dabei hatte. Er schlug sie Stephan aus der Hand und sagte: „Du bist nicht hier zu deinem Privatvergnügen. Es gibt echte Arbeit.“
Ein Spaziergang durch den künstlichen Wald
Der Schein ihres Smartphones erhellte Larissas Augen. „Wusstest du, dass manche Theatermacher Filmprojektionen auf der Bühne einsetzen?“, sagte Larissa, während sie den Spazierweg neben Tom entlangging. Dabei stolperte sie beinahe über einen Ast. Der Weg war schmal, es gab keine Laternen, die Lichter der Stadt beleuchteten den künstlichen Wald. Über ihnen thronten die beiden Türme und die Dächer der Wohnbauten.
Tom sagte: „Du musst lange in dich gehen, um nach außen scheinen zu können.“ Larissa blieb stehen: „Also deshalb redest du nicht viel. Weil dann so etwas rauskommt.“ Dafür sprach er in Verhandlungen immer die richtigen drei Worte aus, dachte Larissa, hätte es aber nie ihm gegenüber zugegeben. Tom reagierte nicht auf die Bemerkung: „Wann warst du das letzte Mal auf einer Reise?“
„Ich war auf einer Fachtagung in London diesen Sommer.“
Tom seufzte und ging weiter. Larissa widmete sich wieder ihrem Smartphone. Sie murmelte: „Wenn du schon so naturverbunden bist, weißt du, ob es hier Pilze gibt, die wir einwerfen könnten? Vielleicht fällt uns dann was ein.“ Tom lachte trocken: „Wenn Juristen Pilze nehmen, kommt nur Böses dabei raus.“ Larissa seufzte: „Ich komme mir so vor, als müsste ich etwas erschaffen. Die Fakten sind alle in meinem Kopf – aktenweise davon. Aber all das zusammenfassen. Verdammt noch mal, das ist neu. Das ist irgendwie … unseriös.“
Durch das Gestrüpp war die Driving Range des Golfplatzes zu sehen, die noch beleuchtet war. Tom hielt inne und beobachtete die weißhaarigen Golfer am Abschlag: „Eher sterbe ich auf meinem Surfbrett.“
Larissa musterte ihn – es gab unter den Männern ihrer Kanzlei drei Typen: Diejenigen, die zunahmen, diejenigen, die dünn oder dick blieben, wie sie immer schon waren, aber krumm wurden, und diejenigen, die sich im Fitness-Center abmühten. Tom zählte zur dritten Art. Tom ertappte sie bei ihrem Blick, mit welchem sie seine physische Verfassung abschätzte. Sie tat so, als wäre sie in Arbeitsgedanken verloren: „Vielleicht sollte ich einfach eine umfangreiche Powerpoint-Präsentation gestalten.“ Doch rutschte ihr sogleich die Frage heraus: „Wohin gehst du trainieren? Bei unseren Arbeitszeiten?“
„Ich habe über einen Bekannten einen Schlüssel für die Tennishalle am anderen Ende des Erholungsgebiets bekommen. Dort gibt es einen Fitnessraum. Ich kann ihn benutzen, wann ich will.“ Tom zog aus seiner Gesäßtasche den Schlüssel hervor, außerdem ein kleines Büchlein. Es war ein Handkodex. Er reichte ihr beides. „Das sind die Werkzeuge, um dein Problem zu lösen.“
„Sozialrecht?“, lachte sie.
„Hast du einmal ein Gesetzbuch gelesen?“
„Natürlich.“
„Nein, ich meine, nicht einzelne Paragraphen nachgeschlagen. Wirklich gelesen. So wie einen Roman. Von vorne bis hinten.“
„Nein.“
Er setzte sich auf die nächste Parkbank und bedeutete Larissa es ihm gleich zu tun.
„Dann lies.“
„Wozu? Das hat nichts mit dem Thema zu tun.“
Tom verzog keine Miene: „Es gibt keine härtere Droge, als den Regelungen des Sozialversicherungsrechts für längere Zeit ausgesetzt zu sein.“
Larissa sah ihn skeptisch an, dann fiel ihr Blick auf die Uhr und sie sah, wie spät es geworden war. Sofort begann sie bei § 1. Tom legte die Hände in den Nacken und versuchte die Sterne hinter all dem Stadtlicht ausfindig zu machen. Die Zeit verging, bis Larissa entnervt ausrief: „Meine Augen tun weh, aber das war es auch schon.“ Tom blieb sachlich: „Das wundert mich nicht. Das ist ganz normales Sozialversicherungsrecht. Na, ja … nicht ganz.“ Er nahm ihr das Büchlein aus der Hand und blätterte nach hinten, wo die Seiten aus dickerem Papier waren, aus dem sich kleine Quadrate herauslösen ließen. Tom sagte nur: „Alice D.“ Larissa schlug ihm kameradschaftlich gegen die Schulter: „Und das bringt Ideen und Inspiration?“ Er sprang auf und reichte ihr die Hand: „Mir immer. Die Tennishalle ist um die Zeit schon leer. Am besten unternehmen wir heute noch eine kleine Reise.“ Larissa ließ sich von ihm hochhelfen.
Das Duell
Die Weinflasche stand vor Jonathan und Stephan geöffnet auf dem ovalen Tisch des Konferenzraums. „Es war eine Weisung.“, sagte Jonathan zweifelnd. Stephan lachte: „Eine dienstliche.“ Er trug vor: „Der Arbeitgeber darf mittels Weisungen die Pflichten des Arbeitnehmers konkret ausgestalten, die dieser mit Abschluss des Arbeitsvertrages übernommen hat. Nur so kann der Inhalt des Arbeitsvertrages an die Erfordernisse des Arbeitsplatzes angepasst und der Arbeitnehmer in die Organisation des Unternehmens eingegliedert werden.“
Jonathan war überzeugt. „Hol zwei Gläser.“, sagte er. Als Stephan zurückkam, hatte Jonathan das Flipchart vorbereitet: „Es gibt keine Veränderung in der Welt ohne Mindmaps und Cluster.“ So tranken die beiden und assoziierten. Irgendwann fragte Jonathan mit schwerer Zunge: „ Was haben wir?“ Stephan zeigte auf die teilweise unlesbaren Kritzeleien auf dem Flipchart: „Ein Bonmot zur Kündigung und drei Wortspiele zur Entlassung.“ Dann blickte er auf den Laptop vor sich: „Außerdem folgenden Witz.“ Er räusperte sich: „Wie lässt sich die Geschichte der Arbeit in einem Dialog zusammenfassen?“ Er machte eine Pause, obwohl Jonathan die Pointe kannte. „Sagt der Arbeitgeber zum Arbeitnehmer: Stellen SIE sich nicht so an. Darauf der Arbeitnehmer: Stellen Sie MICH nicht so an.“
Jonathan lehnte sich zurück. Er wusste selbst, dass es fesselndere Themen gab als jenes für den Artikel. Aber ihm blieb nichts weiter übrig, als kreativ zu sein. Die Desorganisation des Anwalts ist der Stress des Konzipienten.
Jonathan starrte auf sein leeres Weinglas: „Mir fällt nichts ein.“
Stephan schenkte ihm nach. „Vielleicht holen wir uns Dion aus der IT noch als Ideengeber. Du weißt ja, wie der auf Firmenfeiern immer abgeht, wenn er zu viel getrunken hat.“ Jonathan brummte: „Nur, weil er mit nacktem Oberkörper in Trance auf der Bar tanzen kann, ist er noch kein Ausbund an Schöpfertum. Gut, der lange Bart und der Lockenkopf deuten auf einen Künstler hin … oder einen Terroristen. Die Personalabteilung sollte einen zweiten Background Check machen.“ Jonathan hatte seinen gedanklichen Filter weggetrunken, bestimmte Dinge nicht auszusprechen. Stephan redete darüber hinweg und lehnte sich im Sessel nach vorne: „Er ist sogar ein Poetry-Slammer. Sehr kreativ ist er nicht, er tritt unter seinem Kanzleikürzel bei Poetry Slams auf.“ Jonathan lachte: „Was? Dion.Sys? Das kann doch keiner aussprechen. Und was ist überhaupt ein Poetry Slam?“
„Ein Schriftsatzwechsel. Nur kürzer.“ Jonathan schien nicht zu verstehen. Stephan erklärte: „Wenn du sagst: ‚Mir fällt nichts ein.‘, ginge das blumiger. Zum Beispiel: Mein Kopf ist so leer wie die Regale eines Blumengeschäfts während eines einmonatigen Betriebsurlaubs.“ Stephan ließ sein Wortbild wirken. „Und nun musst du darauf replizieren. Also, ich meine, was fällt dir so ein? Irgendwas?“ Jonathan griff zu seinem Glas und nahm einen kräftigen Schluck, so als hätte ihm Stephan einen Fehdehandschuh hingeworfen. Er antwortete: „Ich habe für Mag. Lunk eine Klage vorbereitet, in der die Gültigkeit einer schwindligen Betriebsvereinbarung bestritten wird. Die Betriebsvereinbarung regelt die Inanspruchnahme von Zigarettenpausen. Ich habe den Satz reingeschummelt: Die Rechtsnatur der Vereinbarung ist vom Rauch vernebelt.“ Jonathan setzte nach: „Weil ich es poetisch fand.“
Stephan funkelte ihn böse an – das fand er unglaublich gut – und attackierte Jonathan mit: „Unter meiner Krawatte bleibt der oberste Hemdknopf immer geöffnet.“ Er beugte sich vor, um flüsternd zu ergänzen und so Punkte für eine gute Performance zu bekommen: „Das ist meine Revolution des Alltags.“ Jonathan schien schwer getroffen, doch er spielte seinen Trumpf des Betrunkenen aus: „Ich bin ein harter Verhandler. Immer wenn es um Geld geht, RAUFHANDEL ich die Summe.“ Stephan wollte sich nicht geschlagen gegeben. So begann er über den Wein zu dozieren, um mit seinem vinologischen Wissen zu prahlen. Er leitete seine Lektion ein mit den Worten: „Du weißt es vielleicht nicht, aber ich bin ein Weinsinniger ...“
Jonathan klinkte sich irgendwann während der Fachsimpelei aus. Er tat sich schwer, ob der feinen Wortklinge und Stephans lexikalischem Wissen über Wein nicht neidisch zu werden. „Der Praktikant? Ein Mann der Renaissance?“, dachte er und fragte laut: „Woher weißt du das alles?“
„Ich war auf der Tourismusschule. Ich habe mich aber dagegen gewehrt, Koch oder Hotelier zu werden. So habe ich mich für die Juristerei entschieden.“
„Warum?“
„Wegen der ausbeuterischen Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe und im Tourismus.“
„Und jetzt willst du in die Großkanzlei?“
„Ja.“
„In DIESE Großkanzlei?“ Jonathan fiel grölend von seinem Drehstuhl. Stephan rückte sein Stecktuch zurecht und sagte ungerührt: „Außerdem wollte ich keine Küchen-Uniformen tragen.“ Jonathan blieb lachend liegen und prustete: „Bitte, schreib das auf.“
Der Zoo
In den Wasserrohren über Larissas Kopf rumorte es. Jeder ihrer Schritte hallte durch den Raum. Die Geräusche blieben an der Dunkelheit hängen, die zäh und klebrig war wie Teer, wurden von dieser umschlossen und erstarben. Larissa wagte keinen Schritt mehr. Sie wusste nicht, wo sich Tom befand. Sie wusste nur, dass sie eine Treppe hinabgestiegen war, um etwas zu suchen.
Licht breitete sich im Raum aus, so als ginge der Glühfaden einer Lampe in Zeitlupe an. Was sich vor Larissa befand, gewann nur langsam an Kontur und schließlich an Formen und Farben. Vier Linien erstreckten sich vor ihr auf einen schwach glühenden Fluchtpunkt zu. Es war ein Gang ohne Fenster und Türen. Ein Fadengitter legte sich über Boden, Wände und Decke. Graubraune Farbe breitete sich darüber aus, so als liefe sie grifaus den Poren der Mauern, die so vor ihr entstanden. Teilweise blieben die Gitter an den Wänden zurück. Sie verdichteten sich zu Eisenstäben. Larissa befand sich in einem langen Kellergang, der an einer beleuchteten Tür endete. Vergitterte Abstellräume säumten den Gang.
Doch das Licht wurde noch stärker, mehr als das einer einfachen Glühbirne, bis es so stark war, dass es die Decke wegbrannte und ein blauer Himmel sich über Larissa aufspannte. In den Abstellräumen schmolz das Gerümpel weg. Pflanzen des Dschungels schossen aus dem Boden. Kaum waren sie gewachsen, raschelte es in den Zweigen und zwischen den Blättern. Larissa tat einen Schritt nach vorne und Papageien flogen hinter dem ersten Gitter auf und davon. Die Stäbe hinderten Larissa daran an die Tiere zu kommen, auf der anderen Seite lag jedoch Urwald, soweit das Auge reichte. Larissa schlenderte durch den umgekehrten Zoo, sie selbst befand sich im Gehege für Besucher. Sie beobachtete Weißbüscheläffchen, die in den Baumkronen herumturnten. Im Gebüsch erkannte sie die Musterung eines vorbeischleichenden Jaguars. Ein paar Schritte weiter sah sie Krokodile faul an einem Flussufer liegen. An den Wänden waren Schilder angebracht, die jedes der Tiere kurz vorstellten – sie stammten alle aus Mittel- und Südamerika.
Larissa näherte sich der letzten Tür, die sie für den Ausgang hielt, weil diese nicht von einem Gitter versperrt war. Als sie näherkam, bemerkte sie, dass aus der Tür Nebel waberte, in dem tief drinnen ein Licht grün-schwarz pulsierte. Es gab auch ein Schild, auf dem jedoch nur eines stand, nämlich „Die Abbaugesellschaft“.
Die grüne Lichtquelle schwebte im Nebel davon. Larissa erinnerte sich, wonach sie suchte und warum sie hier war. Sie folgte dem flüchtenden grünen Schein. Doch jemand lief gegen sie und rempelte sie um. Über ihr blieb eine unkenntliche Person stehen. An ihrer Brust glühte auf einer Plakette das Wort „Wärter“. Ein Gesicht konnte sie nicht erkennen. Nur eine Hand, die ihr gereicht wurde. Larissa griff ins Leere. Die Gestalt huschte davon, so als bestünde sie selbst aus Nebel.
Also stand Larissa von selbst auf. Der Nebel lichtete sich, sie fand sich am anderen Ende des Kellers beim ersten Gitter wieder. Die Tür in der Ferne war immer noch beleuchtet. Sie blinkte wie eine Ampel, die auf Grün geschalten war. Larissa blinzelte und mit einem Mal stand eine Silhouette in der Tür: einen Mann in einem „Cutaway“-Anzug, er trug Gamaschen mit Steg an seinen Füßen, einen Gehrock, dessen Ecken abgeschnitten waren, und einen Zylinder auf dem Kopf. Der Mann griff nach der Tür, um sie zu schließen. Die Stimme eines Unsichtbaren flüsterte Larissa ins Ohr: „Das ist dein einziger Ausweg.“ Sie wollte loslaufen. Bereits mit einem Schritt, so als hätte sie Superkräfte, stand sie an der Tür und fasste die Türschnalle. Sie presste sich gegen die Tür. Diese gab nicht nur nach, sie verschwand komplett. Larissa stolperte fast über jemanden, der am Boden kauerte. Es war Tom. Sie blickte sich suchend um und sah den „Cutaway“-Mann in der Ferne. Sie gab Tom die Hand: „Komm! Wir müssen weiter.“
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