Kitabı oku: «Eros und Logos»

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Eros und Logos

Literarische Formen des sinnlichen Begehrens in der (deutschsprachigen) Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Albrecht Classen / Wolfgang Brylla / Andrey Kotin

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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© 2018 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0090-8

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Inhalt

  Liebe, Erotik und Sexualität in der deutschen und europäischen Literaturgeschichte

  Gott, der an Frauenbrüsten ruht

  Erotik und Sexualität im Märe des Spätmittelalters

  Erotisierende Rezeptionen von Claudians Epithalamium an Palladius

  „Was ist erquickender als schoͤne Brust-Granaten“

  Liebe und Sexualität in Friedrich Schlegels Lucinde

  „Das Fleisch hat seinen eigenen Geist“

  Eros und Thanatos oder von kleinen Lieben im Großen Krieg

  Die heiligen Gespräche in Der Mann ohne Eigenschaften

  Sinn und Sinnlichkeit Berlins

  Inszenierungen von Geschlechtsidentitäten

  Gottfried Benns Briefe an Ursula Ziebarth

  Rose Ausländers frühe Liebesgedichte

  Frauenkörper als Tauschobjekt

  Horror in sexualibus

  „[A]ls hätten sie das Fremdsein erfunden, um sich tiefer lieben zu können“

  Lust auf Verbotenes?

  Anormalität als Normalität

  Weiblichkeitsdarstellungen in Szczepan Twardochs Roman Morphin

  Autorenverzeichnis

Liebe, Erotik und Sexualität in der deutschen und europäischen Literaturgeschichte

Eine Diskussion universeller Lebensbedingungen im fiktionalen Kontext

Albrecht Classen (Tucson, Arizona)

I

Erotik ist angesagt; sie war schon immer ein zentral menschliches Thema, in der Dichtung, in der visuellen Kunst, in der Musik und in anderen Medien und bewegt sowie begleitet den Menschen in zahllosen Situationen und unter verschiedenen Umständen. Erotik ist von solch grundlegender Bedeutung für alle Kultur, dass es gar keiner besonderen Erklärung bedarf, warum wir hier einen Sammelband mit literaturwissenschaftlichen Studien zu diesem Thema vorlegen und die Beziehung zwischen der Liebeserfahrung und deren poetischen Umsetzung eruieren. Wohin wir auch blicken, entdecken wir erotische Aussagen, Motive, Sujets und literarische oder visuelle Materialien. Menschliches Leben ist getragen von Erotik und erreicht seine eigene Überhöhung mittels erotischer Energie. Es handelt sich dabei um einen ungemein wichtigen Motor in der humanen Existenz, der uns zunächst zutiefst in die materielle Dimension hineinträgt, von dort aber überraschend auf ein spirituelles Niveau katapultiert. Religion, Liebe, Lust, Ästhetik, Philosophie, Spiritualismus und Sinnlichkeit finden sich alle vereint in und bestimmt von Erotik.

Inwieweit in der Vergangenheit über solche Aspekte mehr oder weniger deutlich gesprochen wurde, einschließlich der Sexualität und sogar der Pornographie, herrscht oftmals Unklarheit, weil man sich mit den relevanten Quellen nicht auseinandergesetzt hat, entweder aus Scheu vor heiklen Sujets, die sich dort finden, oder aus selbstverschuldeter Blindheit, denn gewisse Epochen sollen anscheinend allein von einer bestimmten Sichtweise her beurteilt werden. Dies trifft genauso auf das Mittelalter wie auf die Reformationszeit, auf den Barock und die Klassik zu. Die Literaturgeschichte hat uns da oftmals ziemlich starke Scheuklappen aufgesetzt. Betrachtet man sich z.B. die barocke Aneignung des Epithalamium an Palladius und Celerina von Claudius Claudianis (ca. 400 n. Chr.) durch Johann von Besser, Benjamin Neukirch, Christian Hölmanns und einen Anonymus, kann man nur staunen, wie drastisch die menschlichen Geschlechtsorgane und der ersehnte Koitus beschrieben und zugleich metaphorisiert werden (vgl. dazu den Beitrag von Antonius Baehr).

Zugleich gilt aber, dass sich die westliche Gesellschaft immer wieder vehement gegen die öffentliche Behandlung von Erotik oder Sexualität gewandt hat, was zu einem wichtigen literarischen Thema gerade des 19. und 20. Jahrhunderts anwuchs, wobei doch nur natürliche menschliche Triebe unterdrückt wurden, wie die Werke von Frank Wedekind explizit zum Ausdruck bringen (vgl. dazu den Beitrag von Anja Manneck). Besonders problematisch ist dazu stets noch das literarische Bekenntnis zur Homosexualität gewesen, im Mittelalter weitgehend vollständig unterdrückt, ja tabuisiert, selbst im 20. Jahrhundert mit großer Vorsicht gehandhabt, wie z.B. der Roman Lyrische Novelle (1933) von Annemarie Schwarzenbach (1908–1942) gut veranschaulicht (vgl. dazu den Beitrag von Karolina Rapp). In der modernen Großstadt wie Berlin während der 1920er Jahre gewann sie aber erheblich an Bedeutung, auch wenn sie in der Öffentlichkeit umstritten blieb (vgl. dazu den Beitrag von Marlene Frenzel).

Wie es nicht anders zu erwarten war, spielt auch in der neuesten Literatur die Erotik bzw. das Sexuelle eine gewichtige Rolle, weil hierbei die eigene Identität hinterfragt und neu ausgekundschaftet werden kann. Die Spannungen zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen oder einfach zwei Geschlechtstypen, um die Homosexualität bzw. Transsexualität mitzuberücksichtigen, konstituieren unablässig das Medium der Selbsterprobung, wie jetzt die polnischen Romane von Szczepan Twardoch eindringlich vor Augen führen (siehe dazu den Beitrag von Rafał Biskup).

Gleichgeschlechtliche Liebe hat es immer gegeben, ist oft ein Teil der biologischen Struktur des Menschen, auch wenn gerade die Kirchen stets heftig dagegen gekämpft haben. Umso wichtiger ist das literarische Medium gewesen, in dem homoerotische Anliegen durchaus mehr oder weniger codiert häufiger zum Ausdruck gekommen sind. Wie auch immer, menschliche Kultur, Sprache (Logos) und Natur erweisen sich zutiefst von Erotik determiniert, wenn nicht sogar der Logos ein Ausdruck von Erotik sein dürfte, was uns dazu zwingen könnte, die Literaturgeschichte nach ganz anderen als den bisher verfolgten Kriterien (neu) zu schreiben, insoweit als die Sexualität allenthalben auftritt und eine viel wichtigere Rolle einnimmt, als es die Forschung noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wahrhaben wollte. Erotik dient vielmals als eine Brücke zwischen den Kulturen und ist häufig das Bindeglied zwischen fremden Gesellschaften gewesen, wie wir es u.a. in den Romanen Alfred Anderschs (1914–1980), der Renate Ahrens (geb. 1955) und Joseph Zoderers (geb. 1933) beobachten (zum letzteren vgl. den Beitrag von Verena Zankl und Irene Zanol). Die Liebe katapultiert das Individuum aus seinem vertrauten Lebensbereich, aber oftmals findet es sich dann selbst innerhalb der neuen Liebesbeziehung in einer spannungsreichen und konfliktgeladenen Situation. Ist denn Liebe als solches nicht das Fremde schlechthin? Findet nicht derjenige, der liebt, Gott in sich selbst?

In Krisenzeiten wie dem Ersten und Zweiten Weltkrieg intensivierte sich die Erotik beträchtlich, weil die Menschen angesichts des drohenden Todes dazu tendierten, traditionelle Normen zu vernachlässigen und danach strebten, im Hier und Jetzt sexuellen Gelüsten zu frönen. Polnische Romane, die den Ersten Weltkrieg behandeln, illustrieren dieses Phänomen in höchst eindrucksvoller Weise (vgl. dazu den Beitrag von Paweł Zimniak), aber wir entdecken es auch in der deutschen Barocklyrik (siehe die Beiträge von Wolfgang Brylla und Antonius Baehr) oder im Zauberberg (1924) von Thomas Mann. Heinrich Wittenwilers Ring (ca. 1400) kommt uns hier genauso in den Sinn wie Bertolt Brechts Mutter Courage und ihre Kinder (1938/1939). Eros und Thanatos reichen sozusagen einander die Hände in der existentiellen Erfahrung von Extremen in der menschlichen Existenz.

Szczepan Twardoch (geb. 1979) bietet jetzt ein gutes Beispiel dafür in seinem Roman Morphin (2012; siehe dazu die Studie von Rafał Biskup), in dem sozusagen das Goethesche Diktum vom ‚Ewigen Weiblichen‘ neu aufgegriffen und reflektiert wird. Die frühe Liebesdichtung von Rosa Ausländer (1901–1988), die von der Forschung oftmals eher ignoriert worden ist, vor allem weil sie diese Werke lieber nicht publiziert sehen wollte, verdient ebenfalls kritische Aufmerksamkeit, wie Oxana Matiychuk in ihrem Beitrag überzeugend belegt, denn wenngleich Ausländer, wie andere bukowinische Dichter ihrer Zeit, stark auf die romantische Tradition zurückgriff, gelang es ihr hier, fulminant die Liebeserfahrung sprachlich anzusprechen und ausdrucksmächtig zu reflektieren. Hinzuzufügen wäre auch die Gattung der Liebesbriefe, in denen sich die zwei Partner intensiv austauschen und ihre Gefühle formulieren – vgl. etwa die ungemein aussagekräftigen Briefe zwischen Peter Abelard (gest. 1142) und seiner einstigen Geliebten, dann Ehefrau Heloise –, wie dies der Fall mit den erst jüngst veröffentlichten Briefen Gottfried Benns (1886–1956) an seine Geliebte Ursula Ziebarth war, von der aber nur drei Antwortschreiben an ihn erhalten sind (siehe dazu den Beitrag von Maciej Walkowiak in diesem Band). Benn pflegte diese Beziehung erst gegen sein Lebensende, obwohl er verheiratet war, aber dies entsprach seiner Lebensphilosophie allgemein, obwohl er dadurch immer wieder einen Skandal auslöste. Für ihn war es aber eine zutiefst bewegende Erfahrung, im hohen Alter immer noch Liebe von einer viel jüngeren Frau zu erleben, was seine Vitalkräfte enorm steigerte. Zugleich aber ergaben sich, worauf uns Walkowiak aufmerksam macht, sehr viele Spannungen zwischen Benn und Ziebarth, die intellektuell und sozial gesehen sich um einiges unterschieden. Liebe erweist sich also über alle Zeiten und in allen Kulturen als ein äußerst schwieriges Unterfangen, ungemein Glück vermittelnd, zugleich zutiefst Unzufriedenheit, Frustration und sogar Zorn und Wut auslösend.

Erotik und Sexualität haben aber immer unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen, wurden entweder idealisiert und sogar mystifiziert, wie wir es bei den Romantikern gut beobachten können (siehe dazu Friedrich Schlegels [1772–1829] Roman Lucinde [1799]; vgl. dazu den Beitrag von Andrey Kotin), oder grotesk physisch desavouiert, wie vor allem in der Moderne z.B. von Elfriede Jelinek (geb. 1944) gestaltet.

Beginnen wir aber chronologisch. Das Hohelied Salomos im Alten Testament setzt ein mit diesen erstaunlichen Versen:

Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein. Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Jungfrauen. Zieh mich dir nach, so laufen wir. Der König führte mich in seine Kammern. Wir freuen uns und sind fröhlich über dir; wir gedenken an deine Liebe mehr denn an den Wein. Die Frommen lieben dich.

Und kurz darauf lesen wir:

Da der König sich herwandte, gab meine Narde ihren Geruch. Mein Freund ist mir ein Büschel Myrrhen, das zwischen meinen Brüsten hanget. Mein Freund ist mir eine Traube von Zyperblumen in den Weinbergen zu Engedi. Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen.1

Natürlich soll der Leser hier nicht erotisch erregt werden, aber diese Lieder aus der Zeit von ca. 300 vor unserer Zeitrechnung besitzen viele Ähnlichkeiten mit griechischer und ägyptischer Lyrik säkularer Herkunft und erfüllten daher sicherlich einen doppelten Zweck: einerseits religiöse Metaphern für die Beziehung zwischen Mensch und Gott zu bieten, andererseits diese erotische Tradition für den biblischen Diskurs funktionell zu machen. Wie dem auch sein mag, bestechen diese Verse durch ihre eindringliche Sprache, mit der das Liebesverhältnis zwischen Mann und Frau höchst sinnlich beschrieben wird, und dies in einem zutiefst religiösen Kontext, wo das Verhältnis zwischen dem göttlichen Liebhaber und dem Gläubigen erotisch ausgemalt wird. Erotik erweist sich mithin als ein Paradox, denn obgleich diese Energie materiell begründet zu sein scheint, ermöglicht sie dem Individuum, genau diese materielle Begrenztheit schnell zu überwinden und zu neuen Dimensionen aufzusteigen.

Wir könnten aber noch weiter zurückschauen und z.B. die erotischen Passagen in Homers Ilias identifizieren, um eine Bestätigung dafür zu finden, dass Erotik von Anfang an eines der Grundelemente jeglicher literarischen Aktivität gewesen sein dürfte (Entführung Helenas durch Paris nach Troja, was den nachfolgenden Trojanischen Krieg auslöste). Aus der römischen Klassik ist uns insbesondere das Meisterwerk von Publius Ovidius Naso bekannt, der die Grundlagen für die literarische Auseinandersetzung mit dem Universalthema ‚Liebe‘ schuf. Zwar starb Ovid um 17 n. Chr. in der Verbannung in Tomis am Schwarzen Meer – auch dies ist etwas umstritten – , aber zeit seines Exils konnte er weiter in Rom publizieren und so wichtige Werke wie seine Tristia und die Metamorphosen schreiben bzw. vollenden. Hier treten so bekannte Liebespaare wie Pyramus und Thisbe, Philemon und Baucis, Orpheus und Eurydike, Pygmalion und Galatea und Leda und Medea auf, die der erotischen Phantasie in der westlichen Welt Tor und Tür geöffnet haben. Die Gründe für Ovids Verbannung mögen darin bestanden haben, dass er nach der Veröffentlichung seiner berühmten Abhandlung Ars amatoria ca. 2 n. Chr., in der das Verhältnis zwischen zwei Liebenden neu auf diskursive Weise ausgelotet wurde, indem er mehr oder weniger Gleichheit zwischen den Geschlechtern postulierte, seine Arbeit an dem Thema fortsetzte und schließlich seine Remedia amoris veröffentlichte, also seine Ratschläge, wie man die Gefahren und Verführungskünste von Liebe überwinden und hinter sich lassen könne. Wie die jüngere Forschung deutlich gemacht hat, diente der Bezug auf seine Remedia bloß als Vorwand, um die politischen Gründe für seine Verbannung zu kaschieren.2 Ovid genoss aber seitdem das höchste Ansehen als Liebesdichter, auch wenn er schließlich eher satirisch die Kehrseite dieses Gefühls beschrieb.

Etwas mehr als 1000 Jahre später verfasste dann der Kleriker Andreas Capellanus seinen eigenen Traktat über die Liebe, Ars amatoria (ca. 1180–1190), der eine verblüffende Struktur aufweist, insoweit als zunächst definitorische Bemerkungen über Liebe und das richtige Alter der Liebenden geboten werden, darauf eine lange Reihe von Dialogen zwischen Mann und Frau, meist unterschiedlichen Sozialstandes, die unterbrochen werden von geradezu juristischen oder allegorischen Texten über die festen Regeln der Liebe außerhalb der Ehe. Zum Abschluss des zweiten Buches stoßen wir schließlich auf eine kurze arturische Erzählung, durch die der absolute Wert von Liebe im höfischen Rahmen erneut deutlich unterstrichen wird. Das Ergebnis besteht dann darin, dass die Gesetze, wonach sich die Liebenden richten müssten, in der ganzen Welt verbreitet werden. Damit scheint jeder notwendige Aspekt angesprochen zu sein, aber das dritte Buch richtet sich auf einmal radikal gegen Liebe an sich und vor allem gegen Liebe außerhalb der Ehe, denn Gott habe diese streng verboten. Außerdem sei Frauen überhaupt nicht zu trauen, wie auch das Liebesstreben grundsätzlich abzulehnen sei. Bis heute fragt man sich daher in der Forschung, welche Intentionen der Dichter wirklich verfolgt haben mag, denn die Dialektik dieses Traktats stürzt uns mehr in Verwirrung, anstatt Aufklärung darüber zu vermitteln, wie das Phänomen der Liebe zu verstehen sei.3

Zur gleichen Zeit entstand geradezu eine Flut an einschlägigen höfischen Liedern und Versromanen, in denen die verschiedensten Blickwinkel bezogen auf die Erfahrung in der Liebe (vor-, außer- und ehelich an sich) durchexperimentiert wurden. Mit am bekanntesten dürften die lais der Marie de France (ca. 1170–1190) oder der Tristan von Gottfried von Straßburg gewesen sein, wo eine höchst problematische Dreiecksbeziehung zur Sprache kommt, insoweit als Tristan und die irische Prinzessin Isolde, die aber mit dem König Marke von Cornwall, dem Onkel Tristans, verheiratet ist, eine heftige Liebesbeziehung miteinander pflegen, die soweit führt, dass sie schließlich vom Hofe verstoßen werden und in einer geheimen Liebesgrotte fern von jeglicher menschlichen Gesellschaft Zuflucht finden, wo sie gewissermaßen in eine Utopie geraten, genießen sie ja genügend ihre gegenseitige Liebe und sind damit von allen körperlichen Bedürfnissen enthoben. Allerdings vermögen Tristan und Isolde nicht unbegrenzt dort zu verharren und sich an ihrer Idylle zu erfreuen, fehlt ihnen ja die Gesellschaft, und als sie zufällig von Marke entdeckt werden, der sich dabei erneut über ihre wahren Gefühle füreinander (freiwillig?) täuschen lässt, kehren sie, weil ihnen die Erlaubnis gewährt wird, erneut an den Hof zurück.

Die Utopie dauert nicht lang, aber in Cornwall bleiben die beiden Liebenden weiterhin erotisch unabwendbar aneinander gebunden, was schließlich zu ihrem Unglück führt.4 Marke ertappt sie schließlich in flagrante, was Tristan dazu zwingt, schnell abzureisen, ohne je zu seiner Geliebten zurückkehren zu können. Die sich anschließenden Komplikationen mit einer anderen Frau, ebenfalls Isolde (Weißhand) genannt, mit der sich Tristan dann verheiratet, brauchen hier nicht gesondert diskutiert zu werden, reicht es ja hervorzuheben, mit welcher Intensität Gottfried die Erotik und Liebe im Leben von Tristan und Isolde auslotet und sie als den höchsten Wert für die höfische Gesellschaft hinstellt, so blasphemisch dies auch innerhalb des christlichen Weltbildes klingen mag. Aber bereits in seinem Prolog hatte Gottfried darauf aufmerksam gemacht, dass die Intention seiner Geschichte auf diejenigen in seinem Publikum zielt, die ein edles Herz und die nötige Tugendkraft besitzen, um den vorzustellenden Liebesstoff in seiner ganzen Paradoxie und Dialektik zu begreifen.5

Nicht unbeachtet bleiben darf in diesem Kontext Walthers von der Vogelweide berühmtes Lied Under der linden (Nr. 16/L 39, 11), wo erotische Phantasie, Reflexionen über persönliche Erfahrungen intimster Art, Schamempfindung und Glückserfahrung in einzigartiger Weise eine Verbindung eingehen.6 Nicht nur hat hier der Dichter eine weibliche Stimme gewählt, sondern zieht auch das Rollenspiel systematisch bis zum Ende durch, um ihre erotischen Erlebnisse vollständig im poetischen Gewand auszuformen. Wie sie berichtet, wartete ihr Geliebter bereits auf sie unter der Linde, dem klassischen Liebesbaum (so bereits bei Ovid), als sie sich verstohlen zur Wiese begab. Dort hatte er aus Blütenblättern und Gras eine Liebesstätte eingerichtet, wo sie sich beide miteinander vergnügten, wie die später daran Vorbeischreitenden deutlich am Eindruck, den ihre Körper hinterlassen haben, erkennen können. Erstaunlicherweise appelliert die Frauenstimme sogar an die Jungfrau Maria, deren Segen sie sich für diese Liebesbeziehung erwünschte (2. Strophe). Obwohl die Sängerin immer wieder darauf insistiert, dass es eine sehr private Affäre gewesen sei, und dass sie sich schämen würde, wenn andere davon erfahren würden, was durch den onomatopoetischen Refrain „tandaradei“ sehr eindringlich gespiegelt wird, erfahren wir doch nur zu deutlich, dass der Öffentlichkeit klar vor Augen geführt werden sollte, was hier geschehen war, denn „des wirt noch gelachet / inneclíche“ (III, 4–5).

Die Betrachter spotten nicht, sie lachen nicht hämisch, und sie drücken keinen Zynismus aus. Sie freuen sich inniglich, dass Liebe stattfand, erfüllt und in vollständiger Harmonie, wie der Augenschein unverkennbar vermittelt. Obwohl wir nicht vernehmen, wie sich die zwei Liebenden zueinander verhielten oder was sie miteinander trieben, erweist sich die ganze Szenerie als höchst erotisch und glückserfüllt: „Bî den rôsen er wol mac, / tandaradei, / merken, wâ mirz houbet lac“ (III, 7–9).7 Genauso macht sich dieses Phänomen in der gesamten höfischen Literatur des hohen Mittelalters bemerkbar, ob wir die Troubadour­lyrik, den Minnesang, die Carmina Burana oder den Stil dolce nuovo berücksichtigen. Spielerisch wurde die sexuelle Anziehungskraft für erzieherische und sozialisierende Zwecke eingesetzt und damit gesellschaftlich funktionalisiert.

Wie diese große Faszination an Erotik innerhalb einer Gesellschaft, die zu dem Zeitpunkt bereits weitgehend von der christlichen Kirche durchdrungen war, so tiefgreifende Wurzeln fassen konnte, entzieht sich unserem Verständnis, aber die europäische Dichtung bietet über die Jahrhunderte hinweg eindringliche Zeugnisse von der großen Bedeutung dieses Themas. Sowohl Wolfram von Eschenbach (Parzival, ca. 1205) als auch Dante (Divina Commedia, ca. 1320), sowohl Giovanni Boccaccio (z.B. Decameron, ca. 1350) als auch Geoffrey Chaucer (Canterbury Tales, 1400) stellten Liebesbeziehungen und -konflikte in den Mittelpunkt ihrer Werke, und jedesmal kommt auf sehr individuelle Weise zum Ausdruck, dass die Erotik als ein Katalysator von höchst komplexer Aussagekraft fungierte. Zur gleichen Zeit entstand die große Bewegung der europäischen Mystik, primär getragen von solchen Frauen wie Hildegard von Bingen (1089–1179), Mechthild von Magdeburg (gest. Ende des 13. Jahrhunderts), Marguerite de Porète (gest. 1310), Catarina di Siena (1347–1380), Julian of Norwich (ca. 1341–ca. 1416) oder Teresa da Ávila (1515–1582), die regelmäßig auf traditionelle Bilder von höfischen Liebebeziehungen zurückgriffen, um ihre göttlichen Visionen zu umschreiben.8 Erotik gewann hierbei eine ganz andere Bedeutung, insoweit als die physische Attraktion hin zu einer spirituellen führen sollte, womit Erotik zum Sprungbrett für religiöse Epistemologie umfunktioniert wurde.

Wie Cezary Lipiński in seinem Beitrag über Mechthild deutlich macht, erwies sich dabei oftmals die erotische Ausdrucksweise als effektives Medium, um die visionäre Gotteserfahrung auf epistemologische Weise sprachlich umzusetzen. Gerade weil Mechthild unbändig danach strebte, die apophatische Erfahrung systematisch zu analysieren und praktisch für sich selbst umzusetzen, sah sie sich immer wieder dazu gedrängt, sorgfältig kategoriale Konzepte der Liebe an sich zu entwickeln und diese für den Weg der Seele zu Gott hin anzuwenden. Im Grunde würde es schwerfallen, in der volkssprachlichen Literatur des Mittelalters individuelle Werke zu finden, die nicht in einer oder anderen Art und Weise das Thema ‚Erotik‘ gestalten würden.

Die jeweiligen Absichten und Ziele, die dabei verfolgt wurden, waren meist sehr unterschiedlich, ob religiös oder sexuell, aber das erotische Element an sich erweist sich geradezu als ubiquitär. Alle großen Sammelwerke mit Verserzählungen (fabliaux, tales, novelle, mæren) oder Prosatexten (Schwänke) sind überwiegend von erotischen Anliegen bestimmt, ohne dass eigentlich die Gefahr bestände, dass daraus plötzlich Pornographie oder Obszönität entstände, auch wenn wir Beispiele davon ebenfalls schon in der Literatur der Vormoderne finden können.9

Die Gründe für dieses konsistente Phänomen lassen sich mühelos aufzählen, ohne dass wir jemals ganz erschöpfend damit zurande kämen. Die erotische Attraktion zwischen den Geschlechtern – im Falle der Homosexualität zwischen den gleichen Geschlechtern, was hier durchgängig so verstanden werden soll – hat stets noch das menschliche Leben bestimmt, denn ohne sie käme es kaum zur Fortpflanzung. Die Erotik wäre als das Vorspiel zu bezeichnen, worauf dann die Sexualität folgt, und Dichter aller Zeiten haben stets noch intensiv darauf Rücksicht genommen, was schon vielfach in Spezialuntersuchungen zur Sprache gekommen ist.10 Ein außerordentlich eindrucksvolles Beispiel aus der Romantik liegt uns mit Friedrich Schlegels Lucinde (1799) vor, wo die erotische Verführung der eigentlich sehr willigen Frau in höchst eindringlichen Dialogen vonstatten geht (vgl. dazu den Beitrag von Andrey Kotin). Im Vergleich zu den Gesprächen in Andreas Capellanus‘ De amore (ca. 1180–1190) gelingt es dem männlichen Sprecher, mittels seiner sprachlichen Strategien zum Ziele seiner Wünsche zu gelangen, die aber weit über dem Sexuellen darin bestehen, die Unterschiede zwischen Mann und Frau aufzuheben und im Erotischen die universal-göttliche Vereinigung zu erreichen, was explizit dem bürgerlich-realistischen Ethos zuwiderstrebte und für viele Zeitgenossen als äußerst skandalös erschien.

Erotik und Sexualität spielten also sowohl im Barock als auch in der Romantik, sowohl in der Klassik als auch im Realismus gewichtige, wenn nicht zentrale Rollen. Wem wäre nicht Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers (1774) bekannt? Und von hier kann man mühelos zu Robert Musils Roman Mann ohne Eigenschaften (1930ff.) springen, oder auf den Bestseller Der Vorleser von Bernhard Schlinck (1995) eingehen. Die Welt, wie sie in den Romanen oder Dramen, in den Gedichten oder Balladen vor unsere Augen tritt, ist von Liebessehnsucht und Liebeserfüllung bestimmt.11 Das gleiche lässt sich genauso gut für die Literaturen anderer europäischer Länder konstatieren (vgl. Szczepan Twardochs Morphin, 2012), und der Sprung nach Indien oder Japan auf der Fährte nach dem selben Phänomen erweist sich dann als genauso mühelos.

Zu fragen wäre aber sofort, ob es sich überall und zu allen Zeiten um dieselbe parallele menschliche Erfahrung handelt, ob wir also tatsächlich Gemeinsamkeiten bei der Auseinandersetzung mit dem Erotischen feststellen können. Worum handelt es sich bei Erotik an erster Stelle? Natürlich ändert sich dies von Mensch zu Mensch, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von kultureller Epoche zur nächsten. Barockdichter haben auf ihre eigene Art das erotische Element in ihrer Lyrik eingesetzt und so dem Thema ihren eigenen Stempel aufgeprägt. Erotik in der Romantik war individuell anders als in der Klassik, und moderne Dichter des 20. und 21. Jahrhunderts bedienen sich neuer, idiosynkratischer Bilder und Interessen, um ihr erotisches Anliegen zu formulieren. Allen gemeinsam bleibt aber, dass die erotische Kraft das Bindeglied zwischen den Geschlechtern ausmacht und dass gerade das poetische Wort dazu dient, dem esoterischen, zugleich aber auch so physisch relevanten Phänomen Ausdruck zu verleihen.

Wählen wir zwei scheinbar sehr weit auseinander liegende Beispiele zum Vergleich und zur Illustration. In einigen der Lieder Oswalds von Wolkenstein (1376/77–1445) vernehmen wir von Badefreuden, die er mit seiner frisch getrauten Frau Margaretha von Schwangau genießt. Obwohl das Lied Kl. 75 Wol auff, wol an offensichtlich mehr für den Privatgebrauch gedacht gewesen sein mag, gehört es trotzdem zu den öffentlich präsentierten Liedern, die in seinen beiden Prachthandschriften A und B (Pergament), später auch in der Papierkopie c, enthalten sind.12 Mehr noch als jemals zuvor sehen wir uns in eine höchst intime, zugleich extrem erotische Situation versetzt, denn das junge Ehepaar vergnügt sich in einer Badewanne, die offensichtlich auf einer Wiese aufgestellt worden ist. Nach einem intensiven, wenngleich immer noch topischen Natureingang, in dem die Vogelschar die frühlingshafte Umwelt bejubelt, melden sich Oswald und Margarethe zu Wort, die sich begeistert gegenseitig berühren und sexuell erregen: „,wascha, maidli, / mir das schaidli!‘ / ‚reib mich, knäblin, / umb das näblin! / hilfst du mir, / leicht vach ich dir das rätzli‘“ (34–39). In der folgenden, dritten Strophe bewegt sich der Blick weg von der Badewanne hin zu den Pflanzen und Geschöpfen auf der Wiese, wo überall Freude und Zufriedenheit herrschen, weil der Winter verschwunden ist und dem lieblichen Mai gewichen ist, worauf alles wieder zu wachsen und zu sprießen beginnt. Erotik und Sexualität durchdringen diese Welt, die kaum deftiger beschrieben werden könnte, ohne ins Obszöne abzugleiten.

Beim folgenden Gedicht, Kl. 76 Ain graserin durch küelen tou, wird man dies aber nicht mehr so sicher betonen wollen, denn der Dichter bedient sich nun einer kaum noch verhüllten Metaphorik, insoweit als die Arbeit beim Heumachen direkt zum sexuellen Austausch überspringt: „Ain graserin durch küelen tou / mit weissen blossen füesslin zart / hat mich erfreut in grüener ou; / dast ir sichel braun gehart“ (1–4). Nachdem der Liebhaber ihr geholfen hat, das Gatter zu richten – eine Metapher, die sich mühelos in ihrer Anspielung ausdeuten lässt –, bemerkt er, dass ihm die Zeit lang wird und es ihn danach dürstet, ihr erneut seinen Dienst anzubieten: „mein häcklin klain hett ich ir vor / embor zu dienst gewetzet, / gehetzet, netzet; wie dem was, / schübren half ich ir das gras“ (14–17). Während sich die beiden dann zusammentun, d.h. miteinander kopulieren, fordert er sie dazu auf, tüchtig mitzumachen: „,zuck nicht, mein schatz!‘ simm nain ich, lieber Jensel‘“ (18), und so geht es dann noch eine ganze Strophe weiter.13 Hat Oswald dabei die Grenze zum Anstand durchbrochen oder ein Meisterwerk der erotischen Lyrik geschaffen? Wer hieran Anstoß nehmen möchte, dem steht dies ganz frei zu, aber es würde nichts an dem hohen Ansehen ändern, dass Oswald genau für diese und andere Lieder genießt, weil sie so frisch autobiographisch wirken und die Dinge schlicht beim Namen nennen.

Außerdem wäre zu bedenken, wie umfangreich zeitgenössische Dichter in Verserzählungen (mæren) auf Erotik und Sexualität eingingen, ob wir an Geoffrey Chaucer, Heinrich Kaufringer, Franco Sacchetti oder Poggio Branchetti denken. Einige Beispiele kommen in meinem eigenen Beitrag gesondert zur Sprache, in dem ich aufzeige, inwieweit spätmittelalterliche Dichter auf europäischer Ebene darum bemüht waren, Liebeslust, eheliche Liebe, persönliche Ehre, Geldgier und Profitstreben, Identitätsschwächen gerade männlicher Protagonisten und sozialen Machtkampf zu thematisieren, fast so, als ob sie über unsere eigene Zeit vorausschauend geschrieben hätten.

II

Eine Gruppe von Beispielen aus der Zeit der Anakreontik, die Gedichte von Friedrich Hagedorn (1708–1754), bietet uns die Möglichkeit, sowohl die Wandlungen als auch die Kontinuitäten in der erotischen Lyrik wahrzunehmen, während Wolfgang Brylla Einschlägiges zur Barocklyrik beitragen wird, in der viel mehr deftige Erotik, ja Pornographie zu finden ist, als man gemeinhin vermuten würde. Stark auf die klassische Antike zurückgreifend (Horaz, Ovid etc.) operiert Hagedorn laufend mit erotischen Anspielungen, ohne dabei jemals schlüpfrig zu werden, auch wenn die Aussagen ziemlich eindeutig erotisch gezeichnet sind. In dem besonders bekannten humorvollen Gedicht Die Küsse (in Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch, zuerst gedruckt 1738) erfahren wir, dass sich Elisse jeden Kuss, den sie ihrem Geliebten Coridon gewährt, mit dreißig Schafen bezahlen lässt. Sie gewinnt Geschmack daran und begehrt nun selbst, von Coridon geküsst zu werden, so dass er dreißig Küsse für ein Schaf erwirbt. Allerdings erkalten dann bei ihm die Gefühle, was für sie bedeutet, dass sie ihm alle Schafe zurückgeben muss, um überhaupt noch einen Kuss von ihm geschenkt zu bekommen. Zuletzt aber geht dieses Liebesverhältnis in die Brüche, weil sich Coridon einer neuen Dame zugewendet hat, einer Doris, der er kostenlos seine Küsse gewährt.1 Mit am intensivsten mag aber Hagedorn der musa iocosa gefrönt zu haben, als er das Gedicht Der Blumenkranz verfasste, in dem wir erneut auf zwei Liebende stoßen, die sich in freier Natur aufhalten und miteinander zu schäkern beginnen, was schließlich zu den letzten erotischen Freuden führt, über die das poetische Wort aber verschwiegen wird: „Hier schließt sich Buch und Wald / sie huelfreich zu verstecken“ (Erstes Buch, S. 148).

Ganz ähnlich wie bei Walther bekommen wir freilich nur Andeutungen mitgeteilt, denn Hagedorn gelingt es genauso gut wie seinen Vorläufern, die Erotik in der Schwebe zu halten, wenn er zum Abschluss formuliert:

Man glaubt/sie thaten dieß/was einst Aeneas that /

Als Dido und der Held in einer Hoehle waren.

Was aber thaten die? Wer das zu fragen hat /

Der ist nicht werth, es zu erfahren. (S. 148).

Hagedorn bietet die gesamte Palette einschlägiger poetischer Sinnbilder und Motive, Themen und Stoffe auf, um sein Anliegen, Liebe, sexuelle Erfüllung, physische Freuden, Gesang und körperliche Schönheit zu besingen und wird damit zu einem der hervorragendsten erotischen Dichter seiner Zeit. Die Antike wirkte natürlich stark auf ihn ein, aber er besticht noch heute durch seine unbändige Lust daran, das Leben in vollen Zügen so zu genießen, dass die Erotik zwar voll ausgeschöpft werden kann, aber ohne die Grenzen des öffentlichen Anstands zu übertreten.2 Und von hier könnten wir mühelos auf viele zeitgenössische deutsche, französische, italienische oder auch außereuropäische Autoren ausgreifen, ohne zu wesentlich anderen Ergebnissen zu kommen, denn der erotische Diskurs übte allenthalben zutiefst Attraktion aus, wurde aber von Epoche zu Epoche unterschiedlich ausgeprägt.

III

Springen wir von hier zu Goethes Römischen Elegien, die während seines Aufenthalts in der Ewigen Stadt und auf der Reise durch Italien 1786–1788 bzw. unmittelbar im Anschluss daran entstanden sind. Bereits die erste Elegie endet mit den vielsagenden Versen: „Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe / Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom“.1 In der zweiten Elegie betont er sogleich, welch attraktive Position er bei der römischen Geliebten einnimmt, im Gegensatz zu den Einheimischen: „Mutter und Tochter erfreun sich ihres nordischen Gastes, / Und der Barbare beherrscht römischen Busen und Leib“. Mit deutlichem Rückgriff auf die römische Antike, d.h. wiederum auf Ovids Metamorphosen2, hebt Goethe in der dritten Elegie das dort gebotene Vorbild für die unerwartete und überwältigende Liebeserfahrung, die sich aus der günstigen Gelegenheit ergibt, wie die vierte Elegie umschreibt, hervor.

Der Höhepunkt ist aber erst in der fünften Elegie erreicht, wo Goethe davon berichtet, wie er zwar tagsüber durch Rom streift und die klassische Antike studiert, nachts aber bei der Geliebten liegt und durch die lustvolle Erfahrung mit ihr wesentlich tiefere Erkenntnisse gewinnt als alle theoretischen Studien es ihm sonst ermöglichen würden. Stärkste Sinnlichkeit durchglüht ihn, die es ihm erst ermöglicht, die ästhetische Dimension der alten Ruinen zu begreifen und poetisch selbst schöpferisch zu werden: „Und belehr ich mich nicht, indem ich des lieblichen Busens / Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab? / Dann versteh ich den Marmor erst recht: ich denk und vergleiche, / Sehe mit fühlendem Aug, fühle mit sehender Hand.“3 Unverhüllt und ganz selbstbewusst entwirft der Dichter ein Glückserleben höchst erotischer Art, wobei die Schönheit des nackten Frauenkörpers unmittelbar mit der Schönheit der antiken Skulpturen in Verbindung gebracht wird und die erotische Empfindung als Anlass für eine ganze Kette an kreativen Leistungen dient. Der Dichter selbst vermag so erst vollständig die Ideen der Antike zu begreifen und auf diesem Wege innovativ neue Verse zu schaffen. Erotik entpuppt sich damit als ein wesentliches Instrumentarium für die Schaffung neuer Lyrik, neuer Kunst und für die Entwicklung eines neuen Weltverständnisses. In Bezug auf moderne erotische Gedichte definiert Veronika Neumann daher das erotische Element folgendermaßen:

das nachhaltig Affizierende, d.h. das durch die Gestaltung des Gedichtes auf die Lesenden spezifisch erotisch Wirkende, zweitens eine Mittlerstellung des Erotischen zwischen den Bereichen Liebe und Sexualität, drittens der zugleich verhüllende und enthüllende sprachliche Schleier und viertens ein eingeschriebenes Streben.4

Wie wir oben bereits gesehen haben, lässt sich genau diese Begriffsbestimmung auch auf die Werke der älteren Literaturgeschichte übertragen, womit interessante Gemeinsamkeiten kulturhistorischer Art zwischen allen Epochen auftreten. Die Sprache, die Bildlichkeit, die äußeren Umstände, die Freiheit, mit der erotische Aspekte ausgedrückt werden, die Freude am Erotischen schlechthin usw. mögen alle immer etwas unterschiedlich gewesen sein, aber die menschliche Natur ist von jeher erotisch geprägt und bedarf des erotischen Gefühls, um sich voll zu entfalten und die ganze Potenz auszuleben. Der poetische Diskurs bot sich schon immer außerordentlich fruchtbringend für dieses Phänomen an, wie die verschiedenen Studien in unserem Band vor Augen führen.

Der Grat, den wir bei der Diskussion von Erotik beschreiten, erweist sich jedoch als schmal und droht, uns leicht bei einem Fehltritt in den Abgrund abstürzen zu lassen, was nicht unbedingt ein Werturteil darstellen soll. Der Fall von E.T.A. Hoffmanns (?) Roman Schwester Monika (1815) illustriert dies eindringlich, denn an sich befinden wir uns hier schon auf dem Gebiet der Pornographie, so wenn an einer Stelle zu lesen ist: „Er zog ihr die zarten kleinen Lenden voneinander und befriedigte seine Lust so vollständig, als es ihm nur möglich war“ (S. 9), oder: „Ehe noch Franziska sich zu besinnen vermochte, stand sie schon mit nackendem Untertheil vor dem weiblichen Areopag, der, entzückt über die Schönheit ihres Hinterns, mit einem dreymaligen Händeklatschen sein Lob aussprach“ (S. 15).5

Friedrich Schlegels Lucinde (1799) hingegen stellte den Versuch dar, das Erotisch-Sexuelle mit dem Göttlichen zu verschmelzen, was freilich erneut viele im zeitgenössischen Publikum brüskierte (vgl. dazu Andrey Kotins Aufsatz). Der Dichter projizierte jedoch zugleich eine selbständig agierende weibliche Protagonistin, die selbst bestimmt, wie sie sexuelle Lust erfahren will.

Wollten wir aber diese Texttradition weiter verfolgen, kämen wir sofort vom Hundertsten zum Tausendsten, denn sexuell-orientierte Literatur gibt es in Hülle und Fülle bis in die unmittelbare Gegenwart, wie es z.B. der neue Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre von Clemens Setz (2015) illustriert, in dem das Sexuelle in der Balance zwischen Normalität und Anormalität austariert und der sexuelle Trieb als Urgrund im menschlichen Dasein dargestellt wird (siehe dazu den Beitrag von Maciej Jędrzejewski; vgl. dazu auch die Studie von Rafał Biskup über den oberschlesischen Autor Szczepan Twardoch). Wahre Erotik zeichnet sich hingegen durch die kunstsinnige Verhüllung, das Spiel mit der Andeutung aus und verliert sich nicht in drastischer, rein körperlicher Reflexion über die menschliche Kopulation, was ins Gebiet der Pornographie gehört, die z.B. von Charlotte Roche in erstaunlicher und frecher Art und Weise in ihrem Roman Feuchtgebiete (2014) gestaltet wird. Gehört dies noch zur ‚gehobenen‘ Literatur, oder handelt es sich bereits um einen trivialen Text komerzieller Ausrichtung?

Durchforsteten wir die verschiedensten Anthologien mit Lyrik oder Prosa, relevante literarische Zeitschriften oder selbständige Publikationen, würden wir auf eine große Zahl von mehr oder weniger erotischen Beispielen stoßen, und dies aus praktisch allen Epochen der Neuzeit. Verena Neumann macht u.a. auf Else Lasker-Schüler, Rosa Ausländer (vgl. dazu Oxana Matiychuk), Gottfried Benn (siehe die Untersuchung von Maciej Walkowiak), Marie Luise Kaschnitz oder Günter Kunert aufmerksam6, und wir könnten nun viele weitere Namen hinzufügen, denn das Thema ‚Erotik‘ erweist sich als unerschöpflich, als universal und zeitlos und hat sich stets schon in Dichtung und anderen literarischen Werken niedergeschlagen. Sowohl im Druck als auch online finden sich immer weitere Gedichte und andere Texte, die stark durch Erotik geprägt sind und diese mysteriöse aber zentrale Erfahrung im menschlichen Leben gestalten, ob wir an Christian Morgenstern (1871–1914), Theodor Storm (1817–1888), Rainer Maria Rilke (1875–1926), Klabund (1890–1928) oder eine ganze Menge zeitgenössischer Dichter denken. Selbst vom jungen Karl Marx (1816–1883) ist eine große Zahl von Liebeslyrik bekannt, obgleich deren Qualität eher zu bezweifeln wäre, zeigt sich ja hier dieser später so berühmte Denker als ein Epigone durch und durch, der die späte Romantik in seinen Dichtungen explizit wieder aufleben lässt.7

In der Literatur des Berlins während der Weimarer Republik dominierten Themen wie Prostitution, Vergewaltigung und Homosexualität, denn Sinnlichkeit und Erotik spielten eine zentrale Rolle (vgl. dazu die Beiträge von Marlene Frenzel und Arletta Szmorhun). Durchaus nachvollziehbar war wegen der schweren Lebensbedingungen Erotik im öffentlichen Diskurs nach dem Zweiten Weltkrieg weniger relevant oder präsent, aber die gründliche Durchsicht einschlägiger Publikationen beweist, dass zumindest seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ein neues Interesse an und Bewusstsein von Erotik zum Vorschein kam, so wenn wir an Marie Luise Kaschnitz (1901–1974), Günter Kunert (geb. 1929), Karl Krolow (1915–1999), Erich Fried (1921–1988) oder Ulla Hahn (geb. 1946) denken.8

Warum aber fühlen sich so viele Dichter und Autoren von dem Thema ‚Erotik‘ zutiefst angesprochen und gestalten dann Texte darüber? Eine fast töricht zu nennende Frage, die genauso wenig zu beantworten sein wird wie die nach der Relevanz von Tod, nach Gott oder nach dem Sinn des Lebens. Die menschliche Kreatur ist eben wesentlich von dem Bedürfnis durchdrungen, solche esoterischen und doch tangiblen Phänomene sprachlich umzusetzen, womit die eigene Phantasie beflügelt wird und sich freier zu bewegen vermag.9

Natürlich steht das Verlangen nach Genuss dahinter, imaginiertem oder realem, und die poetische Aussagekraft dient dazu, den kruden physischen Sexualakt zu überhöhen und ästhetisch zu steigern, wobei zugleich Glücksempfindung hinzukommt, oft auch religiöse Vision, denn die erotische Kraft transformiert den Menschen und lässt ihn zu einem neuen Wesen heranwachsen. Kein Wunder, dass sich der Liebesdiskurs mit dem damit eng verbundenen Prostitutionsdiskurs des 20. Jahrhunderts überschneidet, wie er von Hans Fallada und Hans Werner Richter in ihren Romanen behandelt wird (vgl. dazu den Beitrag von Arletta Szmorhun).

Andererseits gehört das unendliche Sehnen nach sexueller Erfüllung dazu, was Dichter stets noch dazu angetrieben hat, mehr oder weniger deutliche erotische Anspielungen oder sogar derb-deftige Bemerkungen in ihre Werke einzuflechten (vgl. dazu den Beitrag von Wolfgang Brylla über die Barockdichtung). Dass in der neuesten Literatur auch anti-heteronormative Vorstelllungen von sexueller Identität zur Sprache kommen, wie Marta Wimmer in ihrem Beitrag dokumentiert, braucht dabei nicht mehr zu überraschen. Erotik nimmt schlichtweg immer und überall zentrale Bedeutung ein und spiegelt zugleich sozial-historische Veränderungen und sich neu austarierende Verhältnisse zwischen den Geschlechtern (hetero-, homo-, trans- oder intersexuell) wider.

Daher soll hier zu guter Letzt noch das älteste erotische Lied der deutschen Literaturgeschichte angesprochen werden, um zu demonstrieren, um welch zeitloses und universales Thema es sich wirklich handelt und dass es unsinnig ist, aus modernistischer Sicht die Augen vor Dichtungen der Vormoderne zu verschließen. Selbst im vermeintlich so dominierend christlichen Mittelalter genossen die Menschen erotische und sexuelle Beziehungen, und die christliche Kirche war keineswegs in der Lage, hier einen festen Riegel vorzuschieben, pflegte man ja selbst im monastischen Kontext die ovidische Tradition im Sprachunterricht (vgl. dazu die Carmina Burana, ca. 1220/1240).

Unter den namenlosen Liedern in der berühmten Sammlung Des Minnesangs Frühling finden wir auch den bezaubernden Sechszeiler Dû bist mîn, ich bin dîn, der den Schluss eines lateinischen Liebesbriefes wahrscheinlich einer Frau auf Blatt 114v der ehemals Tegernseer Pergamenthandschrift clm 19411 der Bayerischen Staatsbibliothek München bildet.10 Die Frauenstimme beschwört den Geliebten darauf, dass sie beide eine Einheit bildeten, denn der andere sei fest in ihr Herz eingeschlossen, aus dem er niemals mehr herauskommen werde: „verlorn ist daz sluzzelîn:/dû muost ouch immêr darinne sîn“ (V. 5–6). Die poetische Stimme ist bestimmend, drängend, versprechend und zärtlich zugleich. Die Liebesempfindung ist hier im Herzen angesiedelt, und genau dort sollen sich die beiden Personen treffen und dann nie mehr sich daraus entfernen. Die Sängerin projiziert Glücksempfindung, aber sie drückt auch eine gewisse Besorgnis aus, denn der Geliebte befindet sich ja noch nicht im Herzen, soll erst dorthin gelockt werden; oder, anders gesehen, er befindet sich bereits dort – „dû bist beslozzen“ (V. 3) –, und soll jetzt nur darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Vereinigung der zwei Geliebten bereits geschehen sei, ein Zurück gebe es jetzt nicht mehr, denn der Schlüssel, der das Schloss zum Herzen öffnen könnte, sei verloren gegangen.

Trotz des hohen Alters dieser Tegernseer Verse sprechen sie uns bis heute unmittelbar an, schwingen voller Erotik, Hoffnung und Glück, deuten aber zugleich die potentielle Gefährdung dieser Liebesbeziehung an. Nirgends macht sich sexuelle Thematik erkennbar, wenngleich diese sicherlich mitzudenken wäre, während die reine Liebesempfindung, also das Sehnen danach, mit der geliebten Person innig verbunden zu sein und zu bleiben, das ganze Gedicht beherrscht. Damit ist bereits damals die reine Erotik in höchster ästhetischer Form ausgedrückt worden. Der Dichter oder die Dichterin hat insoweit von vornherein der deutschsprachigen Literaturgeschichte einen bemerkenswerten Stempel aufgedrückt und explizit betont, wie zentral Erotik für alle poetischen Anstrengungen sei.

Hans Castorp und Madam Clavdia Chauchat in Thomas Manns Der Zauberberg (1924) bzw. Ulrich und Agatha in Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften (1930–1943) hätten dem ohne weiteres zugestimmt, vor allem weil sie, wie Elisa Meyer in ihrem Beitrag bestätigt, durch ihre inzestuöse Beziehung eine neue Stufe der Erotik erzielen, die quasi religiös-sexueller Art zu sein scheint. Das Körperliche wird aber nicht ausgelebt, weil der sprachliche Austausch erst recht zur Intensivierung ihrer Gefühle füreinander beiträgt. Zugleich beobachten wir die Entwicklung von literarischen Reflexionen über transnormative erotische und sexuelle Beziehungen in den Werken neuester Autoren wie Matthias Hirth, Cornelia Jönnson und Jürgen Lodemann (vgl. dazu den Beitrag von Marta Wimmer).

In der polnischen Literatur, die den Ersten Weltkrieg behandelt, treten bemerkenswert viele Konfliktsituationen auf, in denen Eros mit Thanatos ausbalanciert werden muss, denn der Krieg droht stets noch, die traditionellen ethischen, moralischen und religiösen Bande aufzulösen, was angesichts des massenhaften Sterbens dazu führt, dass die Liebessehnsucht und das sexuelle Verlangen ungemein ansteigen (vgl. dazu den Beitrag von Paweł Zimniak). Die sexuelle Erfüllung, ob nun in Gedichten des 12. Jahrhunderts, in solchen der englischen Renaissance (John Donne) oder in Romanen des 20. Jahrhunderts thematisiert, erweist sich mithin als ein Signament menschlicher Existenz schlechthin. Der Chor an Stimmen, die ein Loblied auf die Liebe im poetischen oder narrativen Rahmen gesungen haben, reicht also von der frühesten Zeit bis in die unmittelbare Gegenwart.

Allerdings kann gerade Sexualität, also die physische Manifestation von Erotik, auch zum Zweck der Machtausübung eingesetzt bzw. missbraucht werden, wie es sich u.a. in Ernst Jüngers Roman Die Zwille (1973) zeigt, den Manuel Mackasare in seinem Aufsatz analysiert. Durchaus ähnlich wie in Heinrich Manns Professor Unrat (1905) thematisierte Jünger die Rolle von Sexualität als Symbolon eines zusammenbrechenden gesellschaftlichen Systems, das zunehmend von Technokratie beherrscht wird, aus dem eventuell nur die Asexualität des Helden Clamor zu retten vermag.

Welche tiefen und umfassenden Probleme die Unterdrückung von Erotik und Sexualität bewirken kann, hat bereits Frank Wedekind (1864–1918) besonders eindringlich in seinen Theaterstücken, Gedichten und theoretischen Reflexionen zum Ausdruck gebracht (vgl. dazu die Studie von Anja Manneck). Wie mühsam besonders homosexuelle Dichter und Autoren um Anerkennung kämpfen mussten, illustriert das Werk der schweizerischen Autorin Annemarie Schwarzenbach (gest. 1942) (vgl. dazu den Beitrag von Karolina Rapp). Wir können aber auch in den früheren Jahrhunderten eine Reihe von Beispielen finden, selbst wenn dort meist das Siegel der Verschwiegenheit nur schwer zu lüften ist. Inzwischen scheint aber sexuelle Identität freier zur Verfügung zu stehen, wie es die neueste Literatur vor Augen führt, in der sogar die ungehemmte Verfolgung von sexuellem Genuss jenseits traditioneller Geschlechterkategorien deutlich positiv gezeichnet wird (vgl. dazu den Beitrag von Marta Wimmer).

Über diesen großen, sich unablässig wandelnden Komplex reflektieren nun die Beiträger zum vorliegenden Sammelband durch wissenschaftliche Spezialuntersuchungen von konkreten Fällen, die aus den verschiedensten Jahrhunderten stammen und auf einer Tagung zum Thema „Eros und Logos: Sexualitätsnarrative in der deutschsprachigen Literatur“ vom 16. bis 17. November 2016 an der Universität Zielona Góra (Uniwersytet Zielonogórski), speziell am Institut für Germanistik (Instytut Filologii Germańskiej) in Zielona Góra, Polen, vorgestellt und diskutiert worden sind. Die Organisatoren, Wolfgang Brylla, Andrey Kotin und ich entwickelten während der Tagung und im Anschluss daran eine enge Kooperation über die Kontinente hinweg, deren Endresultat hiermit vorgelegt wird. Die Redaktion wurde zentral von mir übernommen, dies aber stets in enger Zusammenarbeit mit Brylla.

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Gott, der an Frauenbrüsten ruht

Zur Rolle der Erotik in der christlichen Mystik am Beispiel des Fließenden Lichts der Gottheit Mechthilds von Magdeburg

Cezary Lipiński (Zielona Góra)

Zusammen mit der Antwerpener Begine Hadewijch und dem italienischen Franziskaner Jacopone da Todi wird Mechthild von Magdeburg zuweilen als das „Dreigespann der größten mystischen Dichter des 13. Jahrhunderts“1 bezeichnet. Was sie als „hervorragende Vertreterin der Minnemystik oder mystique courtoise“2 erscheinen lässt, und ihr einziges Werk, das Bekenntnis- und Offenbarungstagebuch, das Fließende Licht der Gottheit, einzigartig macht, sei nach Kurt Ruh die Weiterentwicklung der nuptialen Mystik, die einerseits in der mittels der forcierten Dialogizität erstmals erreichten Aufhebung der Distanz zwischen Gott und Geschöpf, andererseits in der bezeichnenden, auf Direktheit und Rückhaltlosigkeit aufbauenden Weiblichkeit des Duktus Mechthilds zum Ausdruck komme.3 Hinsichtlich der Bedeutung ihres Werkes im mystischen Paradigma Deutschlands sind sich die Gelehrten weitgehend darüber einig,, dass „[f]ür die Erforschung der voreckhartischen deutschen Mystik […] unter den Texten in deutscher Sprache Mechthilds ‚Fließendes Licht‘ unbestritten an vorderster Stelle“4 stehe.

Aus diversen Gründen stellt Mechthild seit mehreren Jahrzehnten ein besonderes Faszinosum für die Forschung dar. Ihr Leben und Werk bilden „eine in der deutschsprachigen Literatur vorher so nicht anzutreffende Einheit“5, was auch den Charakter des „Tagebuch[s] ihrer Seele als historische Autobiographie mit Zahlen“6 begründet. Gleichzeitig besticht das sich „definierenden Gattungsbegriffen“7 entziehende Fließende Licht, „ein sehr fraulich unsystematisches Werk“8 – um mit Hans Neumann zu sprechen – nicht nur durch „überall hervortretende Unmittelbarkeit der Beziehung zwischen gegenwärtigen Erlebnissen und vergangenen Lebenszuständen“9, sondern auch einen schwer zu überbietenden Formenreichtum, der sich von diversen Formen von Liedern, Gedichten und Merkversen über (Lehr-)Dialoge, (Streit-)Gespräche und quasi dramatische Szenen bis hin zu Reden, Erzählungen und Passagen in rhythmischer Prosa erstreckt.10 Vervollständigt wird diese Vielfalt durch zahlreiche Bilder, Allegorien und eine die Möglichkeiten einer hoch entwickelten Metaphorik nutzende „leidenschaftliche Minnesprache“.11 Alle diese Elemente werden originell „in etwas Neues, Eigenes umgeschmolzen, das sich formal kaum einordnen“12 lasse. Geschöpft wird dabei mit vollen Händen nicht nur aus der Tradition der biblischen Literatur (das Hohelied), sondern auch der höfischen Dichtung. Dabei üben einerseits der paradoxe „minneweg der Seele“13, der grob gesehen von der Weltflucht über die unio mystica bis zum freiwilligen Verzicht auf die gerade gewonnene Nähe des Bräutigams („Lassen Gottes“14) verläuft, andererseits die „Gewagtheit der erotischen Bildsprache“15 eine besondere Anziehungskraft auf den heutigen Rezipienten aus.

Zahlreiche Versuche der Dichterin, nicht nur die Mannigfaltigkeit der Aspekte, Modelle, Erscheinungsformen und Modi der Liebe zu beschreiben, sondern auch die Liebe selbst zu typologisieren, trugen im Fließenden Licht zur Fundierung einer fortgeschrittenen Mystik und Philosophie der Liebe bei. So ist das eigentliche Ziel dieses Beitrags, auf das breite Spektrum der dort vorgenommenen Funktionalisierung der Liebe einzugehen16.

1. Mechthild und ihr Werk

Um 1207 (nach Neumann) in einer ritterlichen Familie in der westlichen Mittelmarkt geboren und höfisch erzogen1, soll Mechtild Offenbarungen empfangen haben, die sie als den unmittelbaren Gruß des Heiligen Geistes gedeutet und über dreißig Jahre später zu verschriftlichen begonnen hatte:

Ich unwirdigú súnderin wart gegruͤsset von dem heligen geiste in minem zwoͤlften jare also vliessende sere, do ich was alleine, das ich das niemer mere mohte erliden, das ich mich zuͦ einer grossen teglichen súnde nie mohte erbieten. Der vil liebe gruͦs was alle tage und machte mir minnenklich leit aller welte suͤssekeit und er wahset noch alle tage. (IV, 2, 228)2

„[U]m 1230 [flüchtete sie] aus dem Elternhaus nach Magdeburg in ein Beginenhaus, um ein Leben in asketischer Heimatlosigkeit, Armut und Kasteiung zu führen“.3 Neumann vermutet hinter dieser einschneidenden Entscheidung einen schweren inneren Konflikt:

Die tiefbegriffene Gegensätzlichkeit von weltlichem Herrenturn und geistlicher Gottesknechtschaft, die Unvereinbarkeit irdischer Ehre und religiöser Demut, die Gefährlichkeit der ästhetischen Lebensverwirklichung in Zeremoniell und Kunstübung für die Seele ist gerade das Zentralerlebnis ihrer Jugend und der Anstoß zu ihrer Flucht ins Beginentum gewesen.4

Auf die Frage, warum sie nach der ersten, bereits um 1219 stattgefundenen und anschließend täglich wiederkehrenden Gotterfahrung so lange damit gewartet hatte, gesteht Mechthild am Anfang des vierten Buches (IV, 2, 231), dass es „schon seit langer Zeit […] [ihr] Wunsch gewesen sei, ohne eigene Schuld erniedrigt zu werden“ („Do hatte ich lange vor gegert, das ich ane mine schulde wurde versmaͤhet“). Nach ihrem ca. vierzig Jahre dauernden Aufenthalt im Beginenhof, dessen Vorsteherin sie später wahrscheinlich wurde, begab sie sich um 1270 aus nicht ganz ersichtlichen Gründen – vielleicht in Folge der Bestimmungen „einer Magdeburger Dominikanersynode von 1261 gegen das Beginentum“5, vielleicht – wie Kurt Ruh vermutet – „auf Anlaß der Familie bzw. ihres Bruders Balduin oder Heinrichs von Halle“6, vielleicht aber – wie Ursula Peters und Otto Langer wollen – wegen der „Unsicherheit und Gefährdung der semireligiösen Existenz“7 – in das Zisterzienserinnenkloster Helfta bei Eisleben, wo sie unter der Äbtissin Getrud von Hackeborn in die Ordensgemeinschaft aufgenommen wurde. Dort starb sie um 1282.

1250 hatte Mechthild mit der Niederschrift des Fließenden Lichts begonnen. Zwar wurde sie dazu direkt durch ihren Beichtvater, den Dominikaner Heinrich von Halle, bewogen, doch glaubte sie damit primär der Aufforderung Gottes („du hies mich es selber schriben“ [II, 26, 136]; „Hette es got vor siben jaren nit mit sunderlicher gabe an minem herzen undervangen, ich swige noch und hette es nie getan“. [III, 1, 156]) Genüge zu leisten. Die durch Neumann ermittelte Chronologie sieht drei Entstehungsstufen des Werkes: Bücher I-V (zw. 1250–1259), VI (zw. 1260–1270/71), VII (zw. 1271–1282).8 Das niederdeutsche Original des Fließenden Lichts ist verschollen; auf uns gekommen ist nur eine lateinische, wahrscheinlich kurz nach Mechthilds Tod entstandene Übersetzung der ersten sechs Bücher und eine etwas spätere, auf ca. 1343/45 datierte oberdeutsche Übertragung des ganzen Textes. Der Mangel an tieferer Bildung, den die Mystikerin selbst als ein Handicap ansah und der die lateinunkundige Frau dazu zwang, sich bei der Niederschrift ihres Werkes mit einem deutschen Dialekt zu behelfen, erwies sich im Nachhinein als Glücksfall. Auch in dieser Hinsicht markiert Mechthilds Buch einen tiefen Einschnitt, da es „ein herausragendes Beispiel für den in der Geschichte der abendländischen Mystik epochalen Schritt vom Latein zur Volkssprache“9 darstelle.

2. Zur Eigenart der Erotik im Fließenden Licht

Den Namen der vielleicht „kühnste[n] erotische[n] Dichtung, die wir aus dem Mittelalter besitzen“1 verdiente sich das Fließende Licht nicht nur dank seiner „unverhüllt erotischen Metaphorik“.2 Otto Langer stellt als eine besondere Eigentümlichkeit Mechthilds heraus, dass sie in ihrem „Ansatz Brautmystik und Passionsmystik zu einer spannungsvollen Einheit“3 verbinde. Gemeint ist die ausufernde Ekstatik des Liebeserlebnisses, aus der sich auf einer höheren Stufe dessen paradoxe Ambivalenz ergibt. Für die durch Gott liebevoll gegrüßte Seele stellt die traditionell höchste Stufe der mystischen Erfahrung, die unio mystica, d.h. die in Form einer mystischen Hochzeit vollzogene Vereinigung mit Christus als Bräutigam, hier lediglich eine Zwischenetappe dar. Die Bewusstwerdung der verworfenheit der Liebe, deren Ausformung Kurt Ruh übrigens für den originellsten Beitrag Mechthilds hält4, führt zur freiwilligen Entfernung von Gott als Folge des graduell verlaufenden Entfremdungsprozesses. Als der Aufstieg in einen Abstieg umschlägt, sinkt die Seele in die Tiefe ab. Ihre „sinkende Demut“ lässt sie bis auf den Grund der Hölle fallen, wo sie einen Platz unter Lucifers Schwanz einnimmt.

und bringet si denne an die stat, da si nit fúrbas mag, das ist under Lucifers zagel. Moͤhte si denne in der gerunge nach irem willen gotte ze eren da wesen, da woͤlte si nút fúr nemen. (V, 4, 328)

Der Gedanke, dass die freiwillige, Gott zuliebe erlittene Not eine Steigerung der Liebe bedeutet, lässt sich bei Mechthild relativ früh finden. Einige Forscher5 vermuten hinter dieser systemischen Denkfigur, die im Endeffekt darauf hinausläuft, die angenommene Qual als das schlechthinnige Glück der Seele zu verstehen, einen Nachhall der Idee der resignatio ad infernum. Diese später besonders durch Luther popularisierte Anschauung, die von den Gläubigen sogar bedingungslose Akzeptanz der Verwerfung durch Gott fordert, wird im dritten Buch des Fließenden Lichts als eine „dialektische Versöhnung“6 von Liebe und Erniedrigung thematisiert: „von minnen wirt man schoͤne und lobesam, von smacheit wirt man vil hohe in gotte erhaben“ (III, 24, 220, 222): „Das Heilsgeschehen setzt Freiheit voraus, die resignatio ad infernum ist ein Akt der Selbstverantwortung.“7 Mit ihr schließt die große Epopöe, deren eigentlicher Sinn die Reifung der Seele ist. Sie kann zwar mittelfristig durch die Entbindung vom Körper geschehen; letztendlich führt aber kein Weg an der Selbstaufgabe der Seele vorbei:

Als si alsus ufgestigen ist in das hoͤhste, das ir geschehen mag, die wile si gespannen ist ze irme lichamen, und har nider gesunken ist in das tieffeste, das si vinden mag, so ist si denne vollewahsen an tugenden und an helikeit. (V, 4, 330)

Der hier grob skizzierte Prozess vermittelt zwar erste Einsichten in die eindrucksvolle Spannbreite des Erotischen im Fließenden Licht, sagt aber wenig über den systemischen Ansatz Mechthilds mit all den einzelnen Etappen, Stufen und Facetten aus. Und die Mystikerin entpuppt sich hier als Morphologin und Systematikerin der Liebe, die nach scholastischer Art gern katalogisiert und systematisiert, schlechthin. So unterscheidet und charakterisiert sie u.a. sieben Stationen der Liebe (I, 44), sieben Formen der Gottesliebe (II, 11), sechzehn Arten von Liebe (III, 13), sieben Formen der Liebe (III, 24), zwanzig Wirkkräfte der Gottesliebe (V, 30), zehn Wirkkräfte der Liebe (V, 31), vier Eigenschaften der lauteren Liebe (VI, 30), sieben Aspekte des Liebesbegehrens (VII, 45) u.a.m. Das typologische Dickicht macht den Eindruck, als ginge es um die Fundierung einer Wissenschaft der Liebe, eine Tendenz, deren Ursprung womöglich teilweise in der wissenschaftsfreundlichen Atmosphäre Helftas in der Zeit der Äbtissin Gertrud von Hackeborn zu suchen wäre. Trotz ihrer Überzeugung, dass „wenn der Eifer für die Wissenschaft verloren geht, so werde auch die Pflege der Religion aufhören“8, war das Fließende Licht für das auf dem materialistischen Axiom aufbauende 19. Jahrhundert verständlicherweise schon eindeutig dem „Gebiet der Poesie als der Wissenschaft”9 zuzuordnen:

Poesie sind diese Ergüsse einer entzückten Seele und entbehren desswegen aller jener Formen der Wissenschaft, welche so oft nur zu sehr von dem Schönen sich entfernen. Es finden sich daher auch keine Citate, nicht einmal solche aus der heiligen Schrift, denn da ist Alles nur unmittelbare Schilderung innerer Seelenzustände.10

Gleichwohl darf man die Tatsache nicht ignorieren, dass Mechthilds systematischer Einsatz nicht nur nicht im Widerspruch zum dichterischen Charakter ihres Werks steht, sondern ihn erst recht ermöglicht. Man nehme als Beispiel das achtzehnte Kapitel des siebten Buches von den „sieben Tageszeiten, die der Marter unseres Herrn gedenken“, in dem die Ordnung der Zeiten ein Anlass für ausgedehnte Metaphorisierungsmaßnahmen, Bilderreichtum und fortgeschrittene Literarisierung der Sprache ist.

Die Liebe beschreibt Mechthild, indem sie sich generell der Metapher eines Weges bedient, der allerdings alles andere als einheitlich oder strikt auf einen Punkt ausgerichtet ist. Seine Heterogenität setzt nicht nur verschiedene Stufen und Etappen, sondern auch eine Vielfalt der Ziele voraus. Dass es sich am Ende dennoch um den einen Weg handelt, gibt den universellen Zusammenhang allen Streben, Dinge und Erscheinungen in Gott wieder.

Paradigmatisch für die Ekstatik der liebevollen Vereinigung der Seele mit Gott steht der Verlauf ihrer Reise an den Hof des Herrn:

So wiset er ir mit grosser gerunge sin goͤtlich herze. Das ist gelich dem roten golde, das da brinnet in einem grossen kolefúre. So tuͦt er si in sin gluͤgendes herze. Alse sich der hohe fúrste und die kleine dirne alsust behalsent und vereinet sint als wasser und win, so wirt si ze nihte und kumet von ir selben. Alse si nút mere moͤgi, so ist er minnesiech nach ir, als er ie was, wan im gar zuͦ noch abe. So sprichet si: »Herre, du bist min trut, min gerunge, min vliessender brunne, min sunne und ich bin din spiegel.« (I, 4, 26, 28)

Das spielerisch-erotische Fundament der Szene bildet die für Mechthilds Ansatz wesentliche Komponente der Gegenseitigkeit.11 Die Liebe stellt für die Seele nicht nur den Anlass dar, sich auf den Weg zu ihrem Geliebten zu machen, sondern lässt auch den himmlischen Bräutigam schmachtend nach ihr glühen.12 Auf dem Höhepunkt des Liebesaktes wird die Seele durch Gott berührt, wodurch sie aus allen weltlichen Bindungen gerissen und ins Himmlische und Zeitlose (Vorzeitliche?) entrückt wird. Die betörende, sowohl die Sinne als auch das Bewusstsein raubende Wonne des Einswerdens darf jedoch nicht von Dauer sein. Der abrupte Abbruch der Liebesvereinigung ist unumgänglich13, zum einen, weil es der Natur der Liebe entspreche, sich im Feuer des Trennungsschmerzes zu bewähren und durch das Streben nach der Wiederherstellung der verlorenen Glückseligkeit immer höhere Stufen zu ersteigen („Wiltu liep haben, so muͦstu liep lassen“ [II, 23, 118]); zum anderen, weil das freie Schweben der Seele auf ihrem minneweg zu Gott wegen ihrer Körperverhaftung und Weltverfallenheit14 nur auf tagtraumgleiche Momente der Entrückung beschränkt bleiben müsse:

wenne der endelose got die grundelosen selen bringet in die hoͤhin, so verlúret sú das ertrich von dem wunder und bevindet nút, das si ie in ertrich kam. Wenne das spil aller best ist, so muͦs man es lassen. So sprichet det bluͤjende got: »Juncfroͮ, ir muͤssent úch neigen.« So erschrikket si: »Herre, nu hast du mich hie so sere verzogen, das ich dich in minem lichamen mit keinem orden mag geloben, sunder das ich ellende lide und gegen dem lichamen strite.« (I, 2, 22)

Die hier geschilderte Erfahrung ist für die Seele prägend. Sie stellt den Ansporn für ihre groß angelegte Weltflucht als Ergebnis der Verwirklichung eines lebenspraktischen Programms, dessen Eckpunkte bereits im ersten Buch festgelegt sind, dar: „Swelch moͤnsch die welt úbersiget und sime lichamen allen unnútzen willen benimet und den túvel úberwindet, das ist die sele, die got minnet.“ (I, 1, 32)

Das schwierige Unterfangen bekommt im mystischen Idiom Mechthilds die Form eines erbitterten Kampfes gegen den die Liebe vergiftenden „hündischen Leib“ („huntlichen lichamen“ [II, 23, 116]), „der tote hunt, min lichamen“ [III, 5,170]). Er ist ein gefährlicher, bewaffneter „Feind“, der von Natur aus am Diesseits klebt, d.i. mit seinen Bedürfnissen die Kommunikation zwischen der Seele und der geistigen Welt beeinträchtigt oder gar vereitelt und mit seinen kleinen Freuden vom Wesentlichen ablenkt. Um seine störende Vitalität zu brechen, wird er permanenten Qualen unterzogen:

do sach ich minen lichamen an; do was er gewaffent sere uf mine arme sele mit grosser vollede der starken maht und mit vollekomner naturen kraft. De sach ich wol, das er min viant was (IV, 2, 236).

Einsichten in die beklemmende Grausamkeit der Praktiken jener übrigens bei Mechthild sehr reale Gestalt annehmenden Mortifikation vermittelt die Begine im vierten Buch:

Do sach ich oͮch miner sele wafen an; was dú here matter únsers herren Jhesu Christi. Da mitte werte ich mich. Do muͦste ich steteklich in grossen vorhten stan und muͦste alle mine jugent grosse schimeschlege uf minen lichamen schlan, das was: súfzen, weinen, bihten, vasten, wachen, besemenschlege und betten steteklichen an. Dis waren dú waffen miner sele, da ich den lip mit úberwant also sere, das bi zwenzig jaren nie die zit wart, ich were muͤde, siech und krank allererst von rúwen und von leide, da nach von guͦter gerunge und vom geistlicher arbeit und dar zuͦ manig swere siechtag von nature. Hie zuͦ kam dú gewaltige minne und beschaste mich se sere mit disen wundern, das ich es nit getorste verswigen (IV, 2, 236).

Der unerbittliche lebenslange Kampf gegen den eigenen Leib charakterisiert nur die edlen kühnen Seelen, während die „abgestumpften“ („stumpfen selen“ [II, 23]) selbstzufrieden in der Welt ihrer Körperlichkeit ruhen („Ich ruͦwen in der welte mines lichamen“ [II, 23, 116]), ohne jemals den Mut aufzubringen, sich in die Gewalt der „nackten Liebe“ zu begeben („das er sich ihr getoͤrre legen in die gewalt der nakkenden minne“ [II. 23, 116]), um Gott Treue zu erweisen, indem sie in Liebe seinem Geist folgen („Wiltu got rehte trúwe leisten, so soltu in siner liebin volgen sinem geiste“ [II, 23, 116]). Die Ausdauer im Kampf gegen die durch den Leib auferlegten Fesseln und die Unerschrockenheit im Sich-hinaus-Wagen auf das unbegrenzte Meer der göttlichen Liebe stellen die einzigen Wege dar, die wahre Freiheit, die kein Trugbild ist, zu erlangen. Sie setzen die Ablehnung der institutionalisierten, ritualisierten, an sich steifen und auf die Dauer jeglichen persönlichen Erlebnisses beraubten Formen der Gläubigkeit („Wiltu mit im wonen in edeler vriheit, so muͦstu e rumen diese wonunge der boͤsen gewonheit.“ [II, 23, 116]) voraus. Der von Zuhause in die relative Ungebundenheit des Beginenlebens geflüchteten Mechthild durfte gerade dieser Aspekt nicht nur besonders wertvoll, sondern vor allem einleuchtend vorgekommen sein. Letzten Endes, „[d]ie Welt wählen bedeutet Gott verlieren, Gott wählen die Welt verlieren“.15

Ein Umbruch in der Liebesauffassung Mechthilds tritt im zwölften Kapitel des vierten Buches ein.16 Die ihrem Charakter nach beinahe bacchantische Liebesverzückung (zum Beispiel: „Du hast mich gejagt, gevangen, gebunden und so tief gewundet, das ich niemer wirde gesunt“ [I, 3, 24]) der frühen Phase macht einer reiferen – was nicht bedeutet, ruhigeren17 –, dafür dunkleren Konzeption der Liebe mit der Integration des Leids als deren auffälligem Charakteristikum Platz. Schon etwas früher hatte sich die Seele dazu hinreißen lassen, aus Liebe zu Gott im Fegefeuer die Qualen länger zu ertragen: „Nu, lieber herre, swenne ich stirbe, ich wil durch dine liebi gerne noch dar inne qweln. Dis spriche ich nit von sinne, es heisset mich die minne.“ [IV, 2, 234]

Damals waren es v.a. anhaltende Gewissensbisse wegen der Sünden der frühen Jugend, die den Anlass dazu gaben, jetzt ist es das Bewusstsein einer prinzipiellen Unwürdigkeit des Menschen.

Mir smekket nit wan alleine got, ich bin wunderliche tot./ Dis smakes wil ich allerdikost gerne enberen, uf das er wunderlich gelobet werde; wand wenne ich unwirdiger mensche mit miner maht got nit kan geloben, so sende ich alle creaturen ze hofe und heisse si, das si got fúr mich loben mit aller ir wissheit, mit aller ir minne (IV, 12, 258, 260).18

So wendet sich die liebende Seele wiederholt an Gott mit der Aufforderung, sie immer tiefer fallen zu lassen, weil ihr die einzelnen Stufen der Freudlosigkeit und Verlorenheit immer noch nicht schlimm genug vorkommen. Am Ende muss sogar die Liebe geopfert werden, sodass der Seele nur noch das herzzerreißende Fernsein Gottes („dine vroͤmedunge“) übrig bleibt:

Eya selige gotz vroͤmdunge, wie minnenklich bin ich mit dir gebunden! Du stetigest minen willen in der pine und liebest mir die sweren langen beitunge in disem armen libe. (IV, 12, 264)

Erst dann erreicht sie, die verstanden hat, dass je tiefer sie sinkt, umso süßer ihre Existenz wird, das erwünschte Niveau („Mere ie ich tieffer sinke, ie ich suͤssor trinke“ [IV, 12, 264]). Die Wonne der unio mystica auf der einen Seite und der selbstquälerische Fall in die Gottesferne auf der anderen markieren die Ausdehnung der erotischen Dimension der Liebe, die sich hier – paradox genug – trotz der zu erwartenden Selbstvergessenheit und sinnesraubenden Ekstase unter striktem Ausschluss des Körpers entwickelt. Die Neuausrichtung der anfänglich liebesblinden Seele verläuft über die Erkenntnis des Ausmaßes der Aufopferungsbereitschaft der Liebe, die der Sohn Gottes der sündhaften Menschheit entgegengebracht hatte. Und weil jene per se nicht überbietbar ist, kann die Seele nur ihre Nachfolge, deren Ordnung im Gebot und Schema der Idee der imitatio Christi vorgegeben ist, antreten.

Ein Engpass in Mechthilds Programm der geistigen Minne ist die nicht auszuschließende Gefahr der Liebesverliebtheit der Seele, die sich mitunter erdreistet, den nach ihr schmachtenden Gott zurückzuweisen, um nur in die süßen Qualen der Gottesfremdheit und Gottesferne zurückgeworfen zu werden. Selbst der viel zitierte Grundsatz „Wiltu liep haben, so muostu liep lassen“19 könnte aus dieser Sicht, als eine Warnung vor dem völligen Eintauchen in die Wonne der alles um sich vergessenden unio mystica interpretiert werden. So bleibt das Risiko, dass die Liebe, die als der Weg zu Gott legitimiert wird, sich in das Ziel per se verkehrt, latent vorhanden.

Eines der Paradoxe des eigentümlichen Idioms Mechthilds ist der Versuch, die an sich ausschließlich geistig gedachte Vereinigung der liebenden Seele mit dem göttlichen Bräutigam mittels sprachlicher und ikonischer Instrumentarien darzustellen, die dermaßen mutige, körperlich-erotische Elemente und Anspielungen enthalten, dass in der Forschung zuweilen von einer „spirituellen Sexualität“20 die Rede ist.21 Dennoch legen etliche Forscher nahe, „Mechthilds Visionen trotz mancher Gewagtheit der erotischen Bildsprache als rein geistige Erlebnisse“22 anzusehen, da sie „in ihrem Werk den Weg einer seelischen Sublimierung“23 gegangen sei. Dies mag einerseits schon angesichts der spirituellen Natur des Bräutigams einleuchten, schafft aber andererseits an manchen Stellen, wie zum Beispiel im fünffachen Lob Gottes durch die Seele, zusätzliche Interpretationsprobleme:

»O du giessender got an diner gabe,/ o du vliessender got an diner minne,/ o du brennender got an diner gerunge,/ o du smelzender got an der einunge mit dinem liebe,/ o du ruͦwender got an minen brústen!/ Ane dich ich nút wesen mag!« (I, 17, 36).

Ähnliche Schwierigkeiten entstehen im Zusammenhang mit dem häufigen Gebrauch der Brust-, Blut-, Milch- u.a. Metaphern

Trotz der klaren Ausrichtung auf das geistig-erotische Einswerden der Seele mit ihrem himmlischen Bräutigam erschöpfen sich die Funktionalisierungen des minnewegs nicht in seiner Beschaffenheit als der Weg zu Gott. Dass die Liebe auch den Modus des Zusammenseins der Seele mit Gott ausmacht, geht aus dem Ursprung der letzteren als der von Gott aus Liebe Geschaffenen hervor: „Ich bin in der selben stat gemachet von der minne. Darumbe mag mich enkein creature nach miner edelen nature getroͤsten noch entginnen denne allein die minne“ (I, 22, 40).

Von dieser Anschauung leitet Mechthild eine ganze Gedankenkette ab, die sie in ihrer Zeit an die Grenze zur Häresie brachte. Noch Gall Morel stellte fest, dass „[d]ie Ansichten und Ausdrücke in diesem Buche […] allerdings oft gewagt [seien], und wer den streng dogmatischen Maßstab anlegen wollte, könnte leicht Häretisches herausfinden.“24 Die gefährliche Anschauungsweise beginnt bei Mechthild noch relativ harmlos im ersten Buch mit der Funktionsbestimmung der Liebe als den eigentlichen Impuls zur Erschaffung der Seele: „In dem jubilus der heligen drivaltekeit, do got nit me mohte sich enthalten in sich selben, do mahte er die selen und gab sich ir ze eigen von grosser liebi“ (I, 22, 40).

Im ausführlichen neunten Kapitel des dritten Buches wird dann die pygmalionartige Erschaffung der Menschen durch die Heilige Dreifaltigkeit mit allen Details geschildert. Auch dort spielt die Liebe eine entscheidende Rolle, nur dass sie im Gegensatz zur früheren Vorstellung nicht nur als der innere Anstoß, sondern auch als der Modus und vor allem als die Substanz der Schöpfung fungiert.

Do sprach der vatter: »Sun, mich ruͤret oͮch ein kreftig lust in miner goͤtlichen brust und ich doͤnen al von minnen. Wir wellen fruhtber werden, uf das man úns wider minne und das man únser grossen ere ein wenig erkenne. Ich wil mir selben machen ein brut, dú sol mich mit irem munde gruͤssen und mit irem ansehen verwunden; denne erste gat es an ein minnen!«/[…] Do neigte sich du helige drivaltekeit nach der schoͤpfunge aller dingen und mahte úns lip und sele in unzellicher minne. (III, 9,176)

Besonders wegen des Wesens-Aspektes konnte Mechthild schmerzliche Konsequenzen zu spüren bekommen haben, weil er den Eindruck der Identität Gottes und der Materie der Seele entstehen lässt. Danach war die der Heiligen Dreifaltigkeit immanente Liebe nicht nur der Anlass der Schöpfung, sondern auch das in ihrem Verlauf Geteilte, wie es an einer anderen Stelle aus demselben Kapitel stärker herausgestellt wird: „Der himmelsche vatter teilte mit der sele sin goͤtlich minne“ (III, 9, 178). Noch eindeutiger wird die Aufhebung der Grenze zwischen Mensch und Gott in der wesensmystischen Aussage des Bräutigams an die Braut: „Froͮw sele, ir sint so sere genatúrt in mich, das zwúschent úch und mir nihtes nit mag sin“ (I, 44, 64). Ruh und Langer erinnern vor diesem Hintergrund an ein zeitgenössisches Gutachten (1270/73) von Albertus Magnus, das deutlich machte: „Zu sagen, daß die Seele aus der Substanz Gottes genommen sei, ist manichäische Häresie.“25

Abgesehen von der gefährlichen Gratwanderung Mechthilds zwischen der theologischen Korrektheit und Ketzerei erscheint die Liebe auch in anderen Kapiteln als das eigentliche Wesen bzw. die Substanz Gottes. So wird beispielsweise Gott im siebenfachen Lob Gottes durch die Seele als Liebe gepriesen: „Ich lobe dich mit dir selben in der minne“ (III, 2, 160). Dass sie auch der menschlichen Seele nicht einfach eigen ist, sondern sie ausmacht, lässt die Liebe aus der menschlichen Sicht als etwas mehr als bloßen Konvergenzpunkt der Schöpfung erscheinen. Dieser sich aus der Partizipation an der Essenz Gottes ergebende Unterschied wird bereits im ersten Buch verdeutlicht. Im allegorischen vierundvierzigsten Kapitel sucht die nach dem Verlobungstanz erhitzte Seele Kühlung bei ihrem Bräutigam. Die Sinne bemühen sich, sie davon mit dem Verweis auf die alles verbrennende glühende Hitze der Gottheit abzuhalten. Die Seele weist aber die Bedenken zurück, indem sie die Kongruenz der Naturen, Gottes und ihrer eigenen in den Mittelpunkt rückt:

Der visch mag in dem wasser nit ertrinken, der vogel in dem lufte nit versinken, das golt mag in dem fúre nit verderben; wand es enpfat da sin klarheit und sin lúhtende varwe. Got hat allen creaturen das gegeben, das si ir nature pflegen, wie moͤhte ich denne miner nature widerstan? Ich muͤste von allen dingen in got gan, der min vatter ist von nature, min bruͦder von siner moͤnscheit, min brútegoͮm von minnen und ich sin ane anegenge. (I, 22, 62)

Ihre prägnanteste und dichterisch ansprechendste Form fand die Idee in der süßen Sehnsuchtsklage („suͤsse[n] jamerclage“): „Wer von minnen stirbet, den sol man in gotte begraben“ (I, 3, 26).

Die Schilderung der Schöpfung legt ein beredtes Zeugnis davon ab, wie tief das Sezieren der Liebe durch Mechtild geht. Die Mystikerin begnügt sich nicht mit Oberflächlichkeiten und Allgemeinheiten; vielmehr unterzieht sie die Liebe einer Vivisektion, bis sie beruhigt sagen kann: „Herre, din bluͦt und min ist ein, unbewollen –/ din minne und minú ist ein, ungeteilet“ (II, 25, 134).

Mechthilds Vorliebe für Entdeckung und Beschreibung von immer neuen Funktionen, Modi und Aspekten der Minne, die letztlich auf eine eigenartige Systematik hinausläuft, hat ihren Grund im hier hervorgehobenen Zusammenhang zwischen Liebe und Erkenntnis: „Minne ane bekantnisse dunket die wisen sele ein vinsternisse, bekantnisse ane gebruchunge dunket si ein hellepin, gebruchunge ane mort kan si nit verklagen.“ (I, 21, 38) Die Überzeugung von ihrem sinnlichen Charakter durchzieht Mechthilds Werk vom ersten bis zum letzten, siebenten, Buch. Gleichgültig, ob die Liebe – wie im ersten Buch – der Erkenntnis die Tür öffnet,

Ich mag nit tanzen, herre, du enleitest mich. Wilt du, das ich sere springe, so muͦst du selber vor ansingen; so springe ich in die minne, von der minne in bekantnisse, von bekantnisse in gebruchunge, von gebruchunge úber alle moͤnschliche sinne. Da wil ich bliben und wil doch fúrbas crigen. (I, 44, 60)

oder – wie im siebten – deren Voraussetzung darstellt,

Sus sin wir aber mit gotte vereinet in annemmelichet liebin und demuͤtiger dankberkeit. […] So wirt únser herze minnenvol, so werdent únser sinne geoffenet und so wirt únser sele also clar, das wir sehen in die goͤtlichen bekantnisse als ein mensche sin antlize besihet in eime claren spiegel (VII, 7, 544, 546)

es bleibt der Weg der Liebe mit dem Weg der Erkenntnis aufs engste verknüpft. Dies betrifft alles, sogar Gott, der – auf welche Art auch immer – wahrnehmbar und sinnlich greifbar sein muss: „An einem gedachten Gott ist Mechthild nicht interessiert, sie sucht den in den Affekten und mit den verwandelten Sinnen unmittelbar erfahrbaren Gott.“26 „[D]ú wise minne hat bekantheit“ (II, 11, 98) stellt sie im zweiten Buch des Fließenden Lichts fest. Nur „die bekante minne git sich allen creaturen gemeine“ (III, XXIV, 222); nur die „erkennende Liebe“ ist fähig, die Fesseln des Irdischen zu sprengen, zu Gott hinaufzusteigen oder den himmlischen Bräutigam unwiderstehlich an sich zu ziehen, und ihn nach sich schmachten zu lassen.

Erst mit der Verwundung beginnt die wahre Liebe, sagt Gott im angeführten Zitat (III, 9). Die Erkenntnis der Unvermeidbarkeit des Leids ist bei Mechthild ein fester Bestandteil des Schreckens der Liebe (III, 24, 222), der eine notwendige Erfahrung jeder edlen, von „zergenglichen dingen“ (III, 24, 222) befreiten, Gott suchenden Seele ist. Dies ist auch die ultimative Rekapitulation des die Liebe und Erkenntnis einschließenden Programms, das zwei Engel der Seele im letzten Buch des Fließenden Lichts verraten: „Wir wellen dich bringen von pine ze pine, von tugenden zuͦ tugenden, von bekantnisse zuͦ bekantnisse, von minnen ze minne.“ (VII, 9, 550)

Schlussfolgerungen

Alle einzelnen Aspekte und Funktionen der Liebe erscheinen bei Mechthild als eigentümliche Inszenierungen, die den Allzusammenhang in der Liebe deutlich machen:

Dis buͦch ist begonnen in der minne; es sol oͮch enden in der minne, wand es ist niht also wise noch also helig noch also schoͤne noch also stark noch also vollekomen als die minne. (IV, 28, 312)

Die Mystikerin selbst vertrat den Standpunkt, über die ihr geoffenbarten Dinge sprechen zu müssen („Ich muͦs sprechen got ze eren und oͮch durch des buͦches lere“ [IV, 2, 228]). So verwickelte sie sich in eine paradoxe Situation: Sie fürchtete Gott, wenn sie nicht geschrieben hätte, sie fürchtete aber auch die Reaktionen der Menschen, wenn sie schrieb („Ich han da inne ungehoͤrtu ding gesehen, als mine bihter sagent, wan ich der schrift ungeleret bin. Nu voͤrhte ich got, ob ich swige, und voͤrhte aber unbekante lúte, ob ich schribe.“ [III, 1,148]). Sie war sich darüber im Klaren, dass eine Lehre, die den Aufstieg der Seele zu ihrem Einswerden mit Gott und darüber hinaus, ohne Vermittlung der Kirche, mitunter im Widerspruch zu deren bindenden Auslegung, auf Widerstand stoßen konnte. Trotzdem teilte sie mit, was sie glaubte geoffenbart bekommen zu haben: dass die Liebe der Weg zu Gott sei, dass sie den gemeinsamen wesenhaften Nenner darstelle, der Gott und den Menschen zusammenbringe; dass dem Ruf der Liebe nicht folgen zu wollen, ein Leben bedeute, in dem es keinen Platz für Erkenntnis und Freiheit gebe.1

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Erotik und Sexualität im Märe des Spätmittelalters

Sprachwitz, Intelligenz, Spiel und sexuelle Erfüllung

Albrecht Classen (Tucson, Arizona)

I

Was wäre die Weltliteratur ohne das große und unerschöpfliche Thema von Erotik und Sexualität? Das menschliche Leben ist bis heute stets noch von dem Verlangen nach erotischer oder sexueller Erfüllung bestimmt, wenngleich sich die sozialen, ökonomischen, politischen und religiösen Rahmenbedingungen im Laufe der Zeit erheblich gewandelt haben. Liebe gehört zum A und O der menschlichen Existenz, wie uns bereits das Hohelied im Alten Testament deutlich zu erkennen gegeben hat. Zugleich handelt es sich um eines der schwierigsten Probleme in unserem Dasein, das uns quält, beglückt, zufrieden oder unzufrieden stellt, leicht zu Hass und Streit führt und unablässig Unruhe, ja sogar Konflikte auslöst, immer wieder unendliche Freude bereitet und die Erfüllung all unserer Wünsche repräsentiert.1

Ob wir an Ovid in der römischen Antike oder an Shakespeare im 17. Jahrhundert denken, die Spannungen zwischen Liebenden oder Ehepartnern treten immer wieder auf, denn nicht nur gibt es gravierende Unterschiede zwischen den Geschlechtern, sondern die Intensität und Art der Gefühle variieren ununterbrochen. Das ganze menschliche Leben findet sich vielfach gebrochen und reflektiert vor allem im literarischen Diskurs über die Liebe, die als ‚Grundton der Weltmusik‘ stets gleich bleibt, die aber im Laufe der Zeit in ihrer gesellschaftlichen Ausprägung beträchtlichen Abwandlungen unterworfen ist. Hinsichtlich des Liebesdiskurses können wir sogar einen gemeinsamen Nenner auf den verschiedenen Kontinenten über alle Zeiten hinweg feststellen, womit wir über soziale und kulturelle Barrieren hinweg ein gleichartiges Interesse im menschlichen Leben wahrzunehmen vermögen. So findet sich das Genre des Tageliedes auf der ganzen Welt verbreitet und hat noch jede Generation von Dichtern zu neuen Schöpfungen angeregt.2 Wir dürfen trotzdem grob einschätzend postulieren, dass das spezifische Wesen von Liebesbeziehungen als Charakteristikum von kulturellen Epochen angesehen werden kann, was ja die bisherige Forschung im großen Umfang und in korrespondierender Intensität sehr deutlich vor Augen geführt hat. Literaturwissenschaft ist oftmals mit nichts anderem als mit dem Erotik-Diskurs beschäftigt, d.h. mit der zentralen Thematik des Lebens. Schließlich ergänzt ja das Streben nach Liebe den grundsätzlichen Überlebenstrieb, wobei die materielle Dimension mittels der Liebeserfahrung ihre faszinierende Überhöhung/Sublimierung erfährt.

Bei genauerer Betrachtung wird man sicherlich zur Erkenntnis gelangen, dass Dichter oder Autoren über alle Zeiten hinweg meistens nur ganz wenige zen­trale Anliegen angesprochen haben, sei es die Gottessuche, Tod, Selbstfindung, Welterfahrung oder eben Liebe in ihren vielen Ausprägungen. Zugestandenermaßen lässt sich z.B. der höfische Roman nicht ohne weiteres mit einem Roman des 19. oder 21. Jahrhunderts vergleichen, und sicherlich differieren die politischen oder ideologischen Anliegen von Verfassern von Heldenepen beträchtlich von denjenigen von Dramatikern oder Lyrikern der modernen Epoche. Das zentrale Wesen des Menschen verändert sich aber nicht, insoweit als jeder schon immer nach Liebe und Glück, ausgedrückt durch das Grundmuster der Erotik, gesucht hat, was in literarischen Werken unablässig und in zahllosen Manifestationen zum Ausdruck kommt.3 Die äußeren politischen, religiösen oder ökonomischen Bedingungen wandeln sich natürlich ständig, aber nicht das Streben nach persönlicher Liebeserfahrung.

Die vorliegende Forschung zum Cluster Erotik und Sexualität ist natürlich dementsprechend mittlerweile so umfangreich angewachsen, dass es absurd erscheint, auch nur den Versuch zu wagen, eine konzise Zusammenfassung der einschlägigen Literatur zu diesem Thema zu bieten. Sowohl im gesamten Mittelalter als auch in der Barockzeit, sowohl in der Romantik als auch im Realismus begegnen wir fortlaufend Bemühungen von Dichtern unter anderen, den Fragen, Anliegen, Hoffnungen oder der Sehnsucht nach erotisch-sexuellen Erfüllungen poetischen Ausdruck zu verleihen. Im vorliegenden Aufsatz soll es aber darum gehen, in dem Rahmen einer besonderen Gattung mehr Aufmerksamkeit zu widmen, weil wir hier ein wichtiges Übergangsphänomen identifizieren können, das recht gut die Transformation vom Mittelalter zur Renaissance bzw. Reformationszeit auf der Ebene des Privatlebens, d.h. innerhalb des Diskurses über Erotik, Ehelehren und Sexualität zu erklären vermag.4

Die Rede ist hier von den spätmittelalterlichen mæren, deren Ausgangspunkt bereits im Werk Des Strickers (erste Hälfte des 13. Jahrhunderts) zu finden ist, die im Laufe der Zeit immer größere Beliebtheit genossen und letztlich die Grundlage für die Entstehung des prosaischen Schwanks darboten, der in großer Zahl die öffentliche Unterhaltung seit dem 16. Jahrhundert bestritt, oftmals geprägt von Witz und Erotik, Satire und derbem Spott.5 Die meisten Werke wurden von uns fast ganz unbekannten Dichtern geschaffen, auch wenn wir öfters ihre Namen kennen. Wie populär sie wirklich gewesen sein mögen, können wir heute auch nicht mehr präzise einschätzen, denn der sehr wahrscheinliche Verlust von handschriftlichen Kopien hat dieser Kalkulation einen Riegel vorgeschoben. Aber die Überlieferung von einschlägigen Texten erweist sich insgesamt als sehr beeindruckend, und so manche der mæren lassen sich durchaus als Meisterwerke ihrer eigenen Art beweisen.6

Viele dieser Verserzählungen sind bisher schon das Objekt kritischer Analysen gewesen, während es mir hier nicht so sehr um die spezifischen Gattungsfragen oder inhaltlichen Aussagen geht, sondern darum, wie hier Erotik und Liebe gespiegelt werden und wie dieser Themenkomplex insgesamt dazu führte, dass intelligente Prozesse in die Wege geleitet werden können, die sich auf die individuelle Lebensbewältigung und das Arrangement mit der sozialen Struktur bzw. der Gesellschaft beziehen. Weiterhin soll dargestellt werden, wie stark einzelne Autoren der mæren darauf zielten, mittels ihrer ‚Liebesgeschichten‘ erkenntnisvermittelnd zu wirken, indem sie vor Augen führten, auf welche Weise das Medium Sprache dazu dienen konnte, um Verständnis davon zu entwickeln, wie religiöse, philosophische, ethische und moralische Aspekte im Leben zu bewältigen wären. Anstatt wie andere Forscher darauf zu insistieren, dass hier in dieser Gattung Elemente des Bösen, des Chaos und der Dekonstruktion stark zutage treten, was gelegentlich wohl der Fall sein mag,7 soll der Nachweis erbracht werden, dass über diese mæren ein fundamentaler Diskurs gepflegt wurde, wie die Erotik zum Einsatz gebracht werden konnte, um grundsätzliche Probleme in der Liebe, der Ehe und der Sexualität anzugehen und neuartig zu lösen bzw. zumindest kritisch zu umschreiben, um somit zur pragmatischen und glückserfüllten Lebensbewältigung beizutragen.

Die Vielfalt an diesen Verserzählungen ist ungemein groß, aber bei genauerer Hinsicht entdecken wir doch, dass insgesamt nur einige wenige wichtige Aspekte zur Sprache kommen. Ich konzentriere mich zunächst auf Dietrichs von der Gletze Der Borte, wende mich dann Ruprechts von Würzburg Die Treueprobe zu, um schließlich Heinrich Kaufringers Die Suche nach dem glücklichen Ehepar anzugehen. Es handelt sich jeweils um einen narrativen Versuch, das Verhältnis zwischen Mann und Frau innerhalb einer Ehebeziehung auszuloten und auf ironische Weise Missverständnisse, persönliche Eitelkeiten, Minderwertigkeits-komplexe, Angstzustände und Unsicherheiten zu diskutieren. Während die höfische Lyrik weitgehend allein aus männlicher Sicht nur solche Liebesbeziehungen aushandelte, die nicht ehelich bestimmt waren, und während die höfischen Versromane zwar auch Eheverhältnisse berücksichtigten, diese aber nur im Hintergrund behandelten, geht es bei sehr vielen spätmittelalterlichen mæren viel mehr um die Frage, wie das persönliche Verhältnis zwischen den Geschlechtern austariert werden konnte trotz zahlreicher Konflikte individueller und sozialer Art, wobei der jeweilige Erzähler stets die Intention verfolgte, sein (oder ihr?) Publikum zu unterhalten und intellektuell herauszufordern.8

Genauso wie in der Gegenwart erwies sich bereits in der Vormoderne die Ehe als ein Ort zahlreicher Konflikte zwischen den Geschlechtern. Ganz gleich, ob eine Ehe freiwillig geschlossen oder von den Eltern arrangiert wurde, so behandeln doch die mæren-Autoren das Verhältnis zwischen Mann und Frau durchwegs und konsistent als problemgeladen und schwierig, sei es, weil einer der Ehepartner unter Minderwertigkeitskomplexen leidet, sei es, weil die Kommunikation zwischen ihnen nicht reibungslos funktioniert, oder sei es, weil materielle Schwierigkeiten die guten Beziehungen zwischen den Partnern zu stören drohen. Dazu kommen oftmals Altersunterschiede, die Interessen von Außenstehenden, mithin Ehebruch, Gewaltausbruch etc. Natürlich beobachten wir allenthalben noch viele andere Konflikte, vor allem häusliche Gewalt, diverse Formen der Misshandlung, sexuelle Verführungen, Bedrohungen von außerhalb und, was ein kontinuierliches und überall wahrnehmbares Problem ausmacht, Missverständnisse, Eifersucht, Angst und Sehnsucht. Wenn man die Fülle von mæren genauer betrachtet, wirkt es schließlich geradezu erstaunlich, wie verwandt die Anliegen zu denjenigen sind, die uns heute weiterhin beschäftigen. Wir lachen und klagen mit den Protagonisten und können erstaunlich leicht nachvollziehen, warum es zu Konflikten kommt und warum sich die dann gebotenen Lösungsvorschläge als produktiv erweisen, d.h. sogar anwendbar für unsere eigene Welt.

Zwar sind all diese Verserzählungen durch die sie tragenden historisch-kulturellen Bedingungen geprägt, denn sie spiegeln eindeutig die Welt des europäischen Spätmittelalters wider, aber wir bedürfen nur weniger Übersetzungsanstrengungen, um schnell wahrzunehmen, dass auch diese literarischen Werke für die eigene Gegenwart von Relevanz sind und Bedeutung besitzen. Gerade weil sie sich alle durch einen gewissen Grad an Fremdheit auszeichnen, die aber nicht unüberwindliche Hürden ausmacht, vermögen sie selbst heute noch ausgezeichnet als literarische Medien zu dienen, um zeitlose Fragen anzugehen und kritisch zu behandeln.9

Obwohl wir uns hier auf deutschsprachige Beispiele beziehen, darf niemals vergessen werden, dass es sich um ein pan-europäisches Phänomen handelt, das stark beeinflusst, geprägt und gestaltet wurde durch so große Dichter wie den anonymen Verfasser der Gesta Romanorum (spätes 13. oder frühes 14. Jahrhundert), dann den Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach (Dialogus Miraculorum, ca. 1220) und den italienischen Renaissance-Gelehrten Giovanni Boccaccio (Decamerone, ca. 1351). Gerade letzter wurde stark in ganz Europa rezipiert, wie Geoffrey Chaucers Canterbury Tales (ca. 1400) und die Sammlung Cent Nouvelles Nouvelles (ca. 1450–1460) beweisen, und wie wir es zahlreich auch in deutschen mæren und dann Schwänken beobachten können.10

Viele andere Namen und Werktitel wären hier noch zu erwähnen, es genügt dies alles aber bereits, um deutlich zu machen, wie intensiv besonders im Spätmittelalter auf diesem literarischen Gebiet die Themen von Liebe, Ehe, Sexualität und dann natürlich viele andere damit zusammenhängende Problemen zwischenmenschlicher Art behandelt wurden. Der Diskurs jener Zeit appelliert weiterhin an uns heute, zwar nicht als eine direkte Antwort auf moderne Fragen oder Konflikte, dafür aber als ein relativ fremder, dennoch signifikanter Spiegel menschlicher Verhaltensformen.11 Allerdings beschränken sich weder Boccaccio noch Chaucer, weder Kaufringer noch Poggio Bracciolini – siehe auch Franco Sacchetti, Johann Pauli, Marguerite de Navarre etc. – bloß auf das erotische Element, sondern führen von dort meistens schnell zu ethischen, religiösen, moralischen oder politischen Aspekten über, womit gerade die Erotik sich als ein Katalysator erweist, um globale soziale oder emotionale Probleme anzusprechen, die die Harmonie der spätmittelalterlichen Gesellschaft zu gefährden drohen. Gerade deswegen ist die Fülle von diesen Erzählungen bis heute höchst attraktiv geblieben, weil sie präzise die horazische Regel in die Tat umsetzen, auf der Grundlage von delectatio das prodesse nahezubringen. Schließlich trifft universal gesehen zu, dass uns immer schon Erotik interessiert hat, die parallel zu Religion ausschlaggebend alle Gesellschaften stark bestimmt hat. Aus der literarischen Unterhaltung oft pikanter Art entsteht dabei ein wichtiger Diskurs über philosophische oder theologische Anliegen.

II

In den letzten Jahren hat man sozusagen Dietrichs von der Gletze Der Borte neu entdeckt, ein mære, in dem der Erzähler ungemein spannende und bis heute wichtige Fragen zum Verhältnis von Mann und Frau aufwirft und sogar die Aufmerksamkeit auf das Thema ‚Homosexualität‘ lenkt, ohne dass diese tatsächlich als identifizierbares Phänomen auftreten würde. Der Erzähler entwirft vielmehr eine Situation vor unseren Augen, in der die Ehefrau, die sich als Mann verkleidet hat, um ihren Mann wieder zurückzugewinnen, ihm vorwirft, sich schändlicherweise bereit erklärt zu haben, einen homosexuellen Akt zu begehen, um materiellen Gewinn daraus zu schlagen.1

Die Handlung basiert auf dem Problem des männlichen Protagonisten Kuonrât, dass er wohl wegen seiner jungen Jahre noch nicht genügend gesellschaftliches Ansehen erworben hat, weswegen er sich von seiner Frau verabschiedet, um in der Nähe an einem Turnier teilzunehmen. Während seiner Abwesenheit begibt sie sich in einen wohl topisch aufzufassenden Garten, als sich ein fremder Ritter nähert und um die Gunst der Dame wirbt, die sich aber standhaft weigert, sie liebt ja ihren Mann und hat kein Interesse selbst an magischen Tieren (Windhunde, Jagdfalke, Pferd), mit denen jeder Besitzer leicht größte Ehre am Hof erwerben könnte. Erst als er schließlich seinen Gürtel anbietet, der demjenigen, der ihn trägt, überall den höchsten Preis eintragen würde – „Der wirdet nimmer êren blôz“ (V. 309)2 – kann sie nicht mehr standhalten, weil sie genau diesen Gürtel für ihren Ehemann gewinnen möchte.

Sie gibt sich also dem Ritter hin, worauf sie all seine wertvollen Tiere und den Gürtel erhält, womit sie später die höchsten Triumphe feiern kann. Wieso sie auf die ersten Angebote nicht eingeht, die ja den gleichen Effekt gehabt hätten, und erst dann nachgibt, als der Ritter den Gürtel anbietet, bleibt unerfindlich, es sei denn, wir akzeptierten die hohe symbolische, nämlich erotische Bedeutung eines Gürtels. Der Erzähler spielt offenkundig mit den unterschiedlichen Aussageebenen dieser Objekte/Tiere und kitzelt sozusagen die erotische Phantasie des Publikums, ohne eindeutige Erklärungen zu bieten.

Das mære problematisiert aber sogleich diese Situation, denn die Dame sendet gerade nicht eine der Neuerwerbungen zu ihrem Mann, womit ihm sofort ge­holfen wäre. Sie wird vielmehr von einem Diener heimlich beobachtet, der darauf Kuonrât verrät, seine Frau habe Ehebruch begonnen, was formal gesehen stimmt. Dies bringt den letzteren dermaßen in Rage, dass er sich entfernt, sich zum Hof von Brabant begibt und dort verharrt, ohne jeglichen Versuch zu unternehmen, mit seiner Frau zu kommunizieren oder zu verhandeln. Diese wartet zwei Jahre geduldig, aber vergeblich, auf ihn und folgt ihm schließlich, verkleidet sich aber als Mann und taucht dann in Brabant als Heinrich von Schwaben auf, der überall den Sieg davonträgt, besitzt er/sie ja diese Wundertiere – vom Gürtel ist zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr die Rede. Genau dies trifft aber Kuonrât empfindlich, verlangt es ihn ja offensichtlich mehr als jemals zuvor danach, endlich die ersehnte Anerkennung als Ritter zu gewinnen, die ihm offensichtlich bis zu diesem Moment vorenthalten worden ist.

Als die beiden neuen ‚Freund‘ in einer Kriegssituation gemeinsam einen Posten beziehen und somit ungestört sind, bittet Kuonrât den Fremden darum, ihm eines der Wundertiere zu schenken, die dieser noch nicht einmal dem Herzog hatte verkaufen wollen. Nach einigem Hin und Her scheint es aber zu einer Einigung zu kommen, denn Heinrich gesteht, dass es ihn in der Liebe nach Männern gelüste, und wenn sich ihm Kuonrât gefügig zeige, wolle er ihm den Jagdfalken überlassen. Genau dies zu tun, d.h. sich dem anderen als männlichen Prostituierten hinzugeben, erklärt er sich bereit, womit die kritische Wende in der Erzählung erreicht ist. Denn nun bricht es aus Heinrich heraus, als sich der andere bereits auf den Rücken gelegt hat: „ir sit worden mir ein spot: / Welt ir nû ein kezzer sîn / durch hunde und den habech mîn“ (V. 776–78). Wie eine Schimpfkanonade lädt es sich auf ihn ab, er habe sich schändlich und schmählich verhalten, er sei noch schlimmer als ein Ketzer, denn er habe allein materielle Ziele verfolgt und sei völlig unchristlich in seinem Denken, während sie keineswegs einen richtigen Ehebruch begangen habe, weil sie sich dem anderen Ritter nur deswegen überantwortet habe, um ihrem eigenen Mann in seinem Streben nach Ehre zu helfen: „Daz ich tet, daz was menschlîch“ (V. 795).

Bei genauerer Hinsicht stellt sich natürlich heraus, dass Kuonrât keineswegs als ein wahrer Homosexueller zu bezeichnen wäre, denn er bedauerte sogar die sexuelle Orientierung Heinrichs – „ez muoz mîn klage immer sîn“ (V. 746) – und war allein deswegen zu dieser Transgression bereit, weil er eines der Zaubertiere für sich gewinnen wollte.3 Sein Ehrenkonzept erweist sich mithin als stark materiell orientiert und ermangelt von vornherein der ideellen Grundlage, während seine Frau sich als eine energische, selbstbewusste, zugleich opferbereite und dann dennoch zielstrebige Person entpuppt, die sogar zu dieser radikalen Tat zu schreiten bereit war, als Cross-Dresser aufzutreten, um ihrem flüchtigen Mann eine Lektion zu erteilen und ihn so eines Besseren zu belehren. Genau dies trifft dann auch zu, er gibt klein bei, unterwirft sich ihr, gesteht seine Schuld ein und erkennt sie als ihm überlegen vor allem in ethischer Hinsicht an, womit eine neue Machtstruktur entsteht, die relevant für das Eheverhältnis in der Zukunft gewesen sein dürfte.

Aber seine Frau ist nicht nachtragend, wirft ihm nur vor, der Hauptverantwortliche in dieser ganzen Krise gewesen zu sein, übergibt ihm darauf all diese Wundertiere und den speziellen Gürtel, denn diese hatte sie ja nur seinetwegen erworben. Insbesondere betont sie dann, dass sie selbst für ihn eine gute Ehefrau sein wolle: „ich wil ouch, herre, lernen / Allen dînen willen“ (V. 808–809). Die Verserzählung klingt so aus, indem der Dichter betont, dass sie von da an „zuht und êre“ (V. 819) gemeinsam pflegten und sich inniglich liebten (V. 820).

Dieser Ausgang klingt zu gut, um wahr zu sein, aber es geht ja im literarischen Diskurs nicht um den Wahrheits- und Realitätsgehalt, sondern um Problemanalyse und -lösung, indem extreme Verhältnisse und Situationen entworfen werden, die die Bedingungen auf dem Boden der Tatsachen in etwa spiegeln und Empfehlungen vermitteln, wie das zwischenmenschliche Leben besser gestaltet werden könnte. An zentraler Stelle macht sich bemerkbar, wie schwach und unsicher Kuonrât ist, der weder auf dem Turnier in der Nähe von zu Hause noch in Brabant wirklich zum Mann heranreift und offensichtlich nirgends die Anerkennung gewinnt, die ihm so vonnöten ist. Aber er ist mit einer ihn liebenden, einer selbstbewussten und sehr intelligenten jungen Frau verheiratet, die selbst unter schwierigsten Bedingungen Wege und Möglichkeiten findet, um Alternativen bereitzustellen und Lösungen für die krisengeschüttelte Ehe zu entwickeln. Allerdings ist die Eheinstitution als solche gar nicht gefährdet, während in der Praxis die Ehe der zwei Protagonisten sich als unreif und instabil erweist.

Wir können zwar nichts über die Identität des fremden, geradezu mysteriösen Ritters oder über die Herkunft der Zaubertiere bzw. des zentral als Motiv dienenden Gürtels sagen, aber all diese Elemente fungieren dafür, um das altbekannte, schwer anzugehende Problem in den Griff zu bekommen, wie sich ein Ehepaar vernünftig zusammenzuraufen versteht. Wie Dietrichs Verserzählung deutlich zum Ausdruck bringt, entstehen viele Konflikte dadurch, dass eine der zwei Personen innere Schwäche demonstriert, eine Identitätskrise durchläuft, sich vom anderen zu sehr herausgefordert sieht und sich in seinem/ihrem Ehrgefühl gekränkt oder erniedrigt fühlt. Dietrich thematisiert zwar oberflächlich die Frage, wie eine Ehe konstruktiv gestaltet werden kann, lenkt aber letztlich seine Aufmerksamkeit auf die persönlichen Schwierigkeiten des Individuums, weswegen die Beziehung über die Geschlechtergrenzen hinweg gefährdet erscheint.

Zugleich betont aber der Autor, wie wesentlich das erfüllte Liebesverhältnis für die glückliche Ehe sei, denn nachdem das Ehepaar den schweren Streit überwunden hat, finden sie harmonisch wieder zueinander und erfreuen sich aneinander bis zu ihrem Tode. Das mære erweist sich mithin als eine Meistererzählung, weil es fundamentale Probleme zwischen Mann und Frau aufgreift und sie auf überraschende und doch produktive Art und Weise zu lösen vorschlägt. Wie überaus deutlich wird, versagt Kuonrât vor allem deswegen, weil er seiner eigenen Frau aus Eifersucht weniger traut als einem Diener, weil er Angst vor der Auseinandersetzung mit ihr hat und lieber vor ihr flieht, als sie mit der Anklage auf Ehebruch zu konfrontierten. Ob sich all dies letztlich als Rechtfertigung konstruieren ließe, dass sie in ihrer Entscheidung gerechtfertigt gewesen wäre, aus dem Grund mit dem fremden Ritter zu schlafen, um dessen Gürtel für ihren eigenen Ehemann zu erwerben, bleibt etwas in der Schwebe. Aber ob es sich bei diesem Ritter wirklich um eine wahre Person handelt, lässt sich auch nicht sicher bestätigen, denn sie spottet ja nach dem Geschlechtsverkehr, der seltsamerweise auch mit einem Kuss zwischen beiden endet, obwohl sie ihn vorher so ablehnend behandelt hatte, über ihn als Ritter, der all seine Attribute verloren und mithin gar nicht mehr als männlich angesehen werden könnte: „Irn’ sît niht wol gemuot“ (V. 365).

Wie dem auch sein mag, sie hat durch ihr kalkulierendes Handeln die wichtigsten Instrumente gewonnen, um ihrem Ehemann dazu zu verhelfen, die höchsten gesellschaftlichen Ehren zu gewinnen. Im Grunde setzt Kuonrât natürlich die gleiche Strategie ein, erweist sich aber als viel eher dazu bereit, seinen Körper zu prostituieren, um eines der Tiere zu gewinnen. Seine Frau verfolgt zwar eher ideelle Ziele, aber die Erzählung belässt es doch ziemlich unbeantwortet, wer von beiden mehr verantwortlich für den schwerwiegenden Konflikt zwischen beiden anzusehen wäre.

Von hier aus ergeben sich viele weitere Fragen, die den ganzen Text durchziehen, denn bei genauerer Betrachtung beobachten wir noch eine Reihe von Widersprüchen, die sich der leichten Erklärung entziehen. Entscheidend bleibt aber, worauf Dietrich an zentraler Stelle hinzielt, nämlich die Reflexion über ein gutes Eheleben, das niemals ganz einfach zu gewinnen ist. Wie unsere Verserzählung deutlich vor Augen führt, leidet die innere Harmonie leicht darunter, wenn einer der zwei Eheleute innere Schwäche demonstriert und unsicher ist, vergeblich nach Anerkennung strebt und nicht genau weiß, wie er oder sie seine/ihre Rolle im Leben zu finden vermag.

Im Grunde spielt sich hier vor unseren Augen ein dramatischer Kampf zwischen Mann und Frau ab, ohne dass ein wahrer Streitpunkt vorläge. Sie schläft mit dem fremden Ritter, um Kuonrât zu helfen; er vernimmt diese schlimme Nachricht, versteht aber nicht den Hintergrund und verurteilt sie daher von vornherein als Ehebrecherin. Seine Handlung darauf ist aber wiederum als schwächlich zu bezeichnen, denn er trennt sich nicht offiziell von ihr, er bestraft sie nicht, er spricht nicht mit ihr oder über sie und geht dafür sozusagen ins selbstgewählte Exil, wo sich jedoch für ihn gar nichts Besonderes ergibt, ja wo er sogar bei einem Turnier, an dem inzwischen auch seine als Ritter verkleidete Frau teilnimmt, kläglich gegen einen Briten scheitert, der ihn nur so von seinem Pferd fegt. Erst Heinrich zeigt, was einen ‚Mann‘ wirklich ausmacht, aber er/sie verfügt ja über Zaubermittel, was das gesamte Prozedere des Turniers und des Rittertums in ein etwas schräges Licht wirft, ohne dass dadurch die wichtigste Thematik vergessen werden würde, wie nämlich ein junges Ehepaar wirklich zueinander finden und eine harmonische, glückserfüllte Partnerschaft über viele Jahre hinweg entwickeln kann.

III

In Ruprechts von Würzburg Zwei Kaufmänner und die treue Hausfrau (1. Hälfte des 14. Jahrhunderts) begegnen wir einer leicht anderen Konstellation, denn das junge Ehepaar leidet im Grunde niemals unter dem Problem der Eifersucht, obwohl gerade sie auf eine ungeheure Probe gestellt wird, die sie aber letztlich glänzend besteht.1 Wir befinden uns hier in der Welt von Kaufleuten, und sogar die Ehe der Protagonisten wird fast kommodifiziert, denn der Wirt Hogier und Bertram wetten darum, ob die Frau des jungen Mannes, Irmengart, wirklich treu sein würde oder ob sie nicht wie alle anderen Frauen durch finanzielle Versprechungen verführt werden könnte (Prostituierung). Hogier ist davon überzeugt, dass das monetäre Angebot nur groß genug sein muss, um selbst die ehrenvollste Ehefrau dazu zu bringen, ihre Tugend hintanzustellen und den Gewinn einzustreichen. In diesem Fall scheint aber der Plan des Wirtes nicht zu funktionieren, obwohl am Ende sogar die Verwandten und Eltern der jungen Frau sie ernsthaft davon überzeugen wollen, das große Geldangebot anzunehmen, auch wenn sie sich dafür dem fremden Mann hingeben würde. Keiner weiß aber von der Wette und den dahinterstehenden Bedingungen, die darauf hinauslaufen, dass Bertram sein gesamtes Vermögen abgeben müsste, wenn sich seine Frau tatsächlich verführen lassen würde. Hogier weiß also genau, warum es sich für ihn lohnt, seinen Einsatz immer höher zu schrauben, denn persönlich hat er ja gar kein Interesse an Irmengard, sondern er will nur Bertrams Besitz durch diese Wette gewinnen.

In ihrer Verzweiflung wendet sich schließlich Irmengart an ihre Magd Amelin und überredet sie, an ihrer Statt die Liebesnacht mit Hogier zu verbringen – eine Operation, die sich häufiger in der Literatur des Mittelalters findet, so wenn wir an Gottfrieds von Straßburg Tristan (ca. 1210) oder an Heinrich Kaufringers Die unschuldige Mörderin (ca. 1400) denken. Der Wirt plant sein Vorhaben sorgfältig, genießt die Nacht mit seinem ‚Opfer‘, zückt jedoch am Ende ein Messer und schneidet der Sexpartnerin an seiner Seite im Bett den kleinen Finger ab, den er dann im öffentlichen Prozess als Beweis hochhält, dass er tatsächlich mit Irmengart geschlafen habe. Diese aber kann bei der Verhandlung ihre zwei heilen Hände vorzeigen und damit den Gegenbeweis erbringen, was Bertram höchst erfreut und damit schnell die Handlung zum Abschluss bringt, insoweit als das Ehepaar den gesamten Besitz von Hogier übernehmen darf, sich aber als gnädig zeigt und ihn mit der Magd verheiraten, die an Stelle ihrer Herrin die Liebesnacht mit dem Werber verbracht hatte.

So schlicht auch diese Erzählung auf erstem Blick sein mag, ergeben sich doch viele spannende und aussagekräftige Fragen bezogen auf das Verhältnis des Ehepaars zueinander, bezogen auf die gesamte Kaufmannsfamilie und die Gesellschaft insgesamt, in der solch ein „Kaufkontrakt“ überhaupt als möglich oder befürwortbar angesehen wurde, dann bezogen auf männliche Vorstellungen von weiblicher Verführbarkeit und das grundsätzliche Verhältnis zwischen den Geschlechtern.2

Obwohl Bertram und Irmengard ihre Heirat auf Wunsch der Eltern schließen, entwickelt sich offensichtlich ein herzhaftes und liebendes Verhältnis zwischen ihnen.

Trotzdem ergeben sich signifikante Probleme, nicht aus Eifersucht, sondern aus dem übermäßigen Vertrauen des Ehemanns, denn Bertram gibt in der Fremde mit der Treue seiner Frau an und sieht sich damit dem Widersacher Hogier ausgesetzt, laut dessen Weltsicht Frauen generell schwach seien und sich leicht verführen ließen. Man könnte zwar Bertram Anerkennung dafür aussprechen, dass er sogar soweit geht, sein gesamtes Vermögen auf seine Frau zu setzen, auf die er sich vollkommen verlässt, aber es trifft trotzdem zu, dass er leichtfertig mit dem Feuer spielt, denn er hat nicht mit der kommerziellen Mentalität seiner Familie gerechnet. Außerdem unterwirft er seine Gattin dem ungeheuren Druck des Werbers und dann zusätzlich der verschiedenen Familienangehörigen, die alle Irmengart dazu drängen, für die gebotene hohe Summe Hogier eine Liebesnacht zu gewähren, obwohl dies vollkommen ihrer Ehrvorstellung widerspricht.

Mit anderen Worten, die Mitglieder dieser Kaufmannswelt verraten hemmungslos all ihre eigenen Werte, wenn ein gewisser Profit daraus zu schlagen ist. Ironischerweise ist ihnen aber gar nicht bewusst, welch großer Verlust für Bertram eintreten würde, wenn seine Frau tatsächlich mit Hogier geschlafen hätte, wie ihre entsetzte Reaktion zeigt, als die Hintergründe des Abkommens zwischen den zwei Männern bekannt werden (900–901), Sie zeigen sich überhaupt nicht entrüstet wegen des vermeintlichen Ehebruchs, sondern sind zutiefst geschockt wegen des großen ökonomischen Verlusts, den sie mitverschuldet haben könnten.

Im Wesentlichen wird hier Sex verhandelt, denn für Hogier sind alle Frauen schlicht kaufbar, solange nur der richtige Preis geboten wird. Bertram hofft darauf, dass seine Ehefrau diesem Stereotyp misogyner Art nicht entspreche, aber er hätte fast die Wette verloren, wenn nicht Irmengart eine intelligente Gegenstrategie entwickelte, durch die alle Pläne Hogiers kläglich scheitern, obwohl die Magd den Verlust ihrer Unschuld und ihres Fingers hinnehmen muss.

An der aufrichtigen Liebe zwischen dem Ehepaar wird niemals Zweifel geäußert, aber die Erzählung formuliert doch erheblich Kritik an Bertram, der sich sträflich leichtsinnig verhält, sein gesamtes Vermögen als Wetteinsatz benutzt im Vertrauen auf das Ehrgefühl seiner Frau, während seine gesamte Familie letztlich kläglich versagt, nur an den Gewinn denkt, den die einmalige Prostituierung Irmengarts einbringen würde, und dadurch fast größten Verlust hätte einstecken müssen. Natürlich geht die Handlung erfolgreich für das Ehepaar aus, aber nur deswegen, weil Irmengard von einer so starken Ehrempfindung durchdrungen ist und sich klug und rational selbst in dieser höchst schwierigen Situation zu verhalten vermag.

Insgesamt bietet also der Dichter Ruprecht hier eine beißende Kritik am fehlgeleiteten kapitalistischen Denken, das beinah dazu geführt hätte, dass Bertram sowohl sein Vermögen als auch seine Ehre, von seiner Ehefrau ganz zu schweigen, verloren hätte. Ruprecht lehnt allerdings nicht die Kaufmannswelt an sich ab, sondern warnt ihre Repräsentanten davor, mittels ethischer Transgression schnell einen Gewinn erzielen zu wollen, eine Form des Denkens, die freilich am Ende zum Fiasko geführt hätte, wenn nicht Irmengart jegliches ihr zur Verfügung stehendes Mittel eingesetzt hätte, um ihre Tugend und ihre Ehe zu bewahren. Innerhalb eines narrativen Rahmens, in dem primär merkantilistische Kriterien ins Spiel gelangen, wird dennoch die Frage ausdiskutiert, wie das erotische Verhältnis zwischen Mann und Frau gestaltet sein soll, ganz gleich, wie die ökonomische Situation aussehen mag. Wir erkennen deutlich, dass der Erzähler primär die Kaufmannsfamilie attackiert, d.h. die gesamte urbane Gesellschaft, die nur vordergründig die ökonomischen Kriterien wahrzunehmen vermag, das globale Bild jedoch gänzlich ignoriert und dazu auch die Bedeutung der erotischen Beziehung innerhalb der Ehe missachtet. So sehr auch Bertram seine Frau zu lieben scheint, versagt er doch kläglich angesichts der globalen Situation, in der er Irmengart als die treueste Person der Welt hinstellt und dies von sich aus unter Einsatz all seines Geldes zu beweisen versucht.

Er gibt mit ihr in der Öffentlichkeit an und macht sie damit zu einem Verhandlungsobjekt, ohne dass sie jeglichen Einfluss darauf hätte und so zum Spielball im Wettstreit der zwei Männer wird. Der Erzähler stellt aber deutlich dar, dass all diese ökonomischen Strategien fürchterlich gescheitert wären, wenn nicht Irmengart höchste ethische Ideale verfolgt hätte und unter Einsatz größter Bemühungen bewiesen hätte, dass sie nicht korrumpierbar ist. Sie vermag sich jedoch am Ende erfolgreich durchzusetzen, weil sie eine parallele Gegenstrategie einsetzt, bei der sie Hogier mit seinen eigenen Mitteln schlägt – der Betrüger wird von ihr raffiniert betrogen.

Das Ehepaar pflegt offensichtlich eine enge Liebesbeziehung, wie es vielfache Bemerkungen des Erzählers nahelegen, aber dies verhindert nicht, dass Bertram trotz allem die Existenz Irmengarts und sogar seine Ehe aufs Spiel setzt, um sich gegen den misogynen und besitzgierigen Wirt Hogier durchzusetzen. Der kritische Anklagepunkt ruht jedoch letztlich auf dem Phänomen, dass die Familie hemmungslos Irmengart dazu drängt, das Angebot des Wirtes anzunehmen, weil sie nur an den Besitzerwerb denkt und nicht an ethisches Verhalten. Für sie ist die Ehe praktisch disponibel, während Irmengard verzweifelt nach Wegen sucht, um sich gegen die Verführungsversuche Bertrams zu verteidigen. Ironischerweise vermag gerade ihr Insistieren darauf, ihre Ehre zu bewahren, Bertram großes Vermögen zuzuspielen, womit merkantilistische mit ethischen Kriterien eng zusammengeführt werden. Ruprecht zeigt mithin auf, wie schwierig es für Eheleute sein kann, ihre erotische Beziehung von sozialen, ökonomischen oder gar politischen Bedingungen fernzuhalten.

IV

Durchaus vergleichbar dazu verfolgt auch Heinrich Kaufringer in seinem mære u.d.T. Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar (ca. 1400) diese Thematik, wo ein Ehemann mit seiner Frau in einen Konflikt gerät, weil er sie als zu geizig beurteilt, während sie ihn für seine übermäßige Freizügigkeit und Interesse, Freunde einzuladen und mit ihnen zu feiern, kritisiert. Als ihm schließlich der sprichwörtliche Kragen platzt, begibt er sich auf die Suche nach einem Ehepaar irgendwo in der Welt, das tatsächlich glücklich miteinander lebt. Wenn er nicht erfolgreich sein würde, hat er nicht vor, zu seiner Frau zurückzukehren.

Obwohl er zweimal glaubt, bei dieser Suche erfolgreich geworden zu sein, stellt sich jedes Mal heraus, dass diese vermeintlich glückliche Ehe durch die Strategie erkauft worden ist, dass der Mann mittels einer Illusion der Welt vorgaukelt, vollkommen zufrieden zu sein. Unterdrückung, psychische Misshandlung, Impotenz, Bestrafung und klägliche Hilflosigkeit machen sich sofort bemerkbar, als der Protagonist auf die wahren Verhältnisse aufmerksam gemacht wird. Am Ende wird ihm sogar deutlich vor Augen geführt, dass seine eigenen Probleme kaum wert sind, erwähnt zu werden im Vergleich zu denen, unter denen die vermeintlich glücklichen Ehemänner zu leiden haben. Sobald er diese Erkenntnis erworben hat, kehrt er sofort zu seiner Ehefrau zurück und akzeptiert von da an ihre persönliche Schwäche, während er nachgibt und seine Feierfreude zum Teil zurücknimmt. Sie besitzt, wie der Suchende lernen muss, Ehre und öffentliches Ansehen, und ihre Sparsamkeit sei im Grunde kaum ein Charakterfehler im Vergleich zu den Schwächen anderer Frauen. Im Laufe der Zeit erweist sich, dass sich die Spannungen zwischen ihnen aufzulösen beginnen, weil sich die Gegensätze abmildern und sich so am Ende doch eheliche Freude einstellt. Es geht also grundsätzlich um die Suche nach individuellem und sozialem Glück, das eigentlich viel näher liegt, als der Protagonist meint, denn auch wenn er selbst am Ende nicht vollkommen mit der Sparsamkeit seiner Frau zufrieden ist, weiß er sie doch nach seinen Erfahrungen in der Fremde viel mehr zu schätzen und kann so ein zufriedenes und freudenreiches Eheleben mit ihr führen.1

V

Insgesamt liegt uns mit der Analyse dieser drei mæren interessantes Belegmaterial vor, das uns gut vor Augen führt, wie stark sich gerade der Themenkomplex von Liebe, Ehe und Sexualität im Spätmittelalter als ein Objekt kritischen Diskurses herausstellte.1 Eindeutige Negativurteile fallen aus, wenngleich viel gelacht und kritisiert wird. Wenngleich das Augenmerk oftmals auf dem Körperlichen ruht, besteht doch das zentrale Anliegen darin, die konstruktive Beziehung zwischen Frau und Mann als das Ergebnis von vielen kommunikativen Bemühungen zu identifizieren, wobei es meistens gar nicht so sehr um Sex geht, sondern um Ehre, gegenseitige Anerkennung und Unterstützung und darum, die Schwächen und Stärken des jeweils anderen wahrzunehmen und möglichst durch den Einsatz eigener Methoden zu kompensieren, ohne übermäßig zu kritisieren oder sogar den anderen rundherum zu verurteilen.

Wenn wir noch andere Beispiele heranziehen würden, könnten wir gut feststellen, dass in dieser Gattung viel gelacht wird, insoweit als die erotische Paarbeziehung in ihrer Konstruktion bloßgestellt und doch als eine wesentliche Plattform für das gesellschaftliche Zusammenleben der zwei Geschlechter akzeptiert wird.2 Deutlich kommt immer wieder zum Ausdruck, mit welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten das Individuum innerhalb der Gesellschaft zu kämpfen hat, in der oftmals ökonomische oder politische Interessen mehr überwiegen als ethische und moralische Ideale, ohne die aber das wahre Glück innerhalb der Ehe nicht zu erzielen zu sein scheint.

Auf den ersten Blick könnte die Gefahr bestehen, die Fülle an mæren bloß als Puzzlestücke eines sich ausfächernden literarischen Diskurses zu identifizieren.3 Nimmt man aber noch mehr Beispiele in Augenschein, als es hier möglich gewesen wäre, stellt man hinter der Maske des Komischen deutlich fest, wie intensiv nach persönlicher Erfüllung und Freude sowohl alleine als auch insbesondere innerhalb einer Ehebeziehung gestrebt wird. Diese Einsicht hilft uns, nicht nur größeres Interesse an den Vertretern dieser Gattung zu gewinnen, sondern außerdem auch eine Brücke zwischen dem Spätmittelalter und der Moderne zu schlagen, denn die Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern setzt sich ja fort und verlangt immerfort neue kritische Ansätze, um auch die tiefsten Feinheiten in dieser konfliktuösen, aber produktiven Konstellation wahrzunehmen, diese zu akzeptieren und dann zu lernen, mit den unterschiedlichsten Aspekten konstruktiv umzugehen.

Auf diese Weise lernt auch der moderne Leser, diese literarischen Werke des Spätmittelalters in ihren zeitlosen Qualitäten wahrzunehmen, in denen dieser alte Diskurs selbstverständlich fortgesetzt wurde, wenngleich sich die thematische Orientierung zunehmend vom Hof in den bürgerlichen Bereich verlagerte. Die traditionellen Motive wie Misogynie, Minderwertigkeitskomplexe, Eifersucht, Geldgier etc. blieben aber letztlich die gleichen, und so auch die unablässige Suche nach dem Glück für das Individuum und für ein Ehepaar.

Das mære erweist sich mithin als ein höchst bemerkenswerter literarischer Ratgeber in Hinsicht auf die Erotik, Sexualität, das Eheleben und vielerlei soziale Konflikte. Das soziale Zusammenleben fand sich bereits damals aufgehoben und getragen von dem Bedürfnis des Individuums nach Gemeinschaft, nach der Erfüllung körperlicher Bedürfnisse, nach Kommunikation, gegenseitigem Respekt und schließlich auch Liebe. Die Autoren dieser mæren verraten uns, wie eindringlich all diese Aspekte im 14. und 15. Jahrhundert öffentlich diskutiert wurden, wobei jedoch zunehmend die erotische und sexuelle Komponente sich als Medium erwies, um ethische, epistemologische, soziale und philosophische Fragen im komischen Kontext zu diskutieren.

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Erotisierende Rezeptionen von Claudians Epithalamium an Palladius und Celerina im Barock

Antonius Baehr (Freiburg i. Br.)

1. Venus in Claudians Epithalamium an Palladius und Celerina (c.m. 25)

Als Symbol für unermessliche Schönheit, Erotik und Sexualität wurde die Liebesgöttin Venus in den bildenden Künsten und der Literatur immer wieder abgebildet und beschrieben. Vor allem die Dichtung des Barock hat ihr Bild häufig aufgegriffen und es fortwährend transformiert. Als wichtiges Vorbild für die Venusrezeption im Barock muss das Epithalamium an Palladius und Celerina (um 400 n. Chr.) von Claudius Claudiani gelten, das motivgeschichtlich deshalb eine wichtige Rolle spielt, weil es in der Eingangsszene die nackte, ruhende Venus darstellt, die von Statius (silv. 1,2) poetisch geprägt, von Ennodius (carm.1,4) erotisch verschärft und fortan in der Malerei und Dichtung vielfältig nachgebildet wurde.1 Wie die Claudian-Rezeption insgesamt2 ist die Rezeption des c.m. 25 noch nicht gewürdigt worden, obwohl Joachim Haertel bereits 1910 auf mehrere barocke Adaptionen des Motivs der nackten bzw. schlafenden Venus aufmerksam gemacht hat.3 Dazu gehören vier Gedichte, die alle zuerst in der Neukirchschen Sammlung4 veröffentlicht wurden: Johann von Bessers Ruhestatt der Liebe/ oder Die Schooß der geliebten (1695), Benjamin Neukirchs Auff die Perlitz-Mühlendorffische Hochzeit (1695), das anonyme Gedicht Die Schlaffende Venus nach des Claudiani lateinischen (1697) und Christian Hölmanns Abbildungen der Schooß (1704).

Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, die vier Claudian-Rezeptionen in „dichten“ intertextuellen Lektüren vorzustellen. Gezeigt werden soll, mit welchen Aneignungsstrategien5 die Bearbeitungen die Vorlage nachahmen oder überbieten, ganz nach den barocken Prinzipien der imitatio und aemulatio. Dabei wird vor allem die Eingangsszene des Claudian‘schen Epithalamium in den Blick genommen, um anhand der erotisierenden Rezeptionen exemplarisch den Wandel des erotischen Diskurses am Ende des 17. Jahrhunderts nachzuvollziehen.

Aufgrund der unsicheren Datierungen der Texte kann allerdings nicht von einer streng chronologischen Abfolge der vorgestellten Rezeptionen ausgegangen werden.6 Stattdessen wird mit dem anonymen Gedicht Die Schlaffende Venus nach des Claudiani lateinischen zunächst eine überbietende Imitation der lateinischen Vorlage analysiert. Anschließend wird mit Bessers berüchtigter Ruhestatt der Liebe eine gewagte Parodie auf Claudians Epithalamium vorgestellt, bevor gezeigt wird, wie sich die Claudian-Rezeption mit Benjamin Neukirchs Parodie Auff die Perlitz-Mühlendorffische Hochzeit und Christian Hölmanns Abbildungen der Schooß verselbstständigte.

2. Das c.m. 25 als erotisches Gedicht

Der Inhalt des 146 Hexameter umfassenden Epithalamiums an Palladius und Celerina1 lässt sich kurz zusammenfassen: In der Mittagshitze legt sich Venus in einer Grotte nieder; in ihrer Nähe schläft ihr Gefolge von Armoretti und Nymphen. Plötzlicher Lärm eines Hochzeitsfestzuges weckt die Liebesgöttin, die den Hochzeitsgott Hymen ruft. Weil sich dieser im Flötenspiel übt, anstatt die Ehe zu schließen, tadelt ihn Venus, um sich dann nach den Brautleuten zu erkundigen. Der Hochzeitsgott gibt in einer Lobrede auf die Familien des Ehepaars Auskunft, worauf Venus zum Brautpaar fährt, um die Vorbereitungen für die Hochzeit zu treffen, den Brautleuten eine Anleitung zur sexuellen Vereinigung vorzutragen und die Ehe mit dem Schuss zweier Liebespfeile in die Herzen von Braut und Bräutigam besiegelt.

Damit gliedert sich das Gedicht grob in drei Abschnitte: Im ersten Teil – nach einer vorangehenden Praefatio – wird die ruhende Göttin Venus mit ihrem Gefolge beschrieben (V. 1–24). Der zweite Teil umfasst einen Dialog zwischen Venus und Hymen, der dem Brautpaar huldigt (V. 25–99), während im dritten Abschnitt die Eheschließung geschildert wird (V. 99–145). Das im ersten Teil des Gedichts beschriebene Bild der schlafenden Venus wurde häufig „als Gleichnis für die noch zu erweckende eheliche Liebe und Sexualität“2 interpretiert. Nachstehend soll gezeigt werden, wie gerade diese Eingangsszene in der barocken Rezeption deutlich erotisch aufgeladen und verschärft wurde.

3. Anonym: Die Schlaffende Venus nach des Claudiani lateinischen (1697)1

Das Hochzeitsgedicht Die Schlaffende Venus nach des Claudiani lateinischen bietet eine nachahmende Aneignung der lateinischen Vorlage, wie sie seit Martin Opitz’ epochaler Poetik, dem Buch der deutschen Poeterey (1624), im gesamten 17. Jahrhundert praktiziert wurde. Der Titel verweist metatextuell auf die antike Vorlage und markiert den Bezug hinreichend und prägnant. Die Hexameter von Claudians Epithalamium gibt der anonyme Dichter in formvollendeten Alexandrinern mit durchgehenden Mittelzäsuren wieder. Das Reimschema, ein umarmender Reim mit einem darauffolgenden Paarreim (abbacc), wirkt strukturgebend: Das Ende gedanklicher Einheiten fällt mit dem Ende eines jeden sechsten Verses zusammen, wodurch die Paarreime pointierend wirken. Damit setzt der anonyme Verfasser ein Strukturelement ein, das der lateinischen Vorlage fehlt, und stellt die formalästhetische Überlegenheit seiner übersetzerischen Aneignung unter Beweis. Bezeugt wird das Formbewusstsein auch durch die einheitlichen Kadenzen, die für alle umschließenden Verse stumpf, für die umschlossenen und paargereimten Verse klingend gestaltet sind.

Inhaltlich gliedert sich die anonyme Übersetzung analog zur Vorlage: Im ersten Teil wird die ruhende Göttin Venus mit ihrem Gefolge beschrieben (V. 1–36); der zweite Teil gibt stark gekürzt den Dialog zwischen Venus und Hymen wieder (V. 37–66), während der dritte Abschnitt die Fahrt der Venus zum Brautpaar und die Eheschließung bietet (V. 67–90). Ein quantitativer Abgleich führt vor Augen, dass die anonyme Übersetzung den Fokus stärker auf den erotisch-voyeuristischen Charakter des Gedichts richtet.


Inhalt Claudian Unbekannt
Beschreibung der nackten Venus und ihrem Gefolge V. 1–24 V. 1–36
Dialog zwischen Venus und Hymen V. 25–99 V. 37–66
Fahrt der Venus zum Brautpaar und Eheschließung V. 99–145 V. 67–90

Der erste, die nackte Venus darstellende Abschnitt ist partiell amplifiziert, während die letzten beiden Abschnitte stark reduziert sind. Nimmt in Claudians Epithalamium der Mittelteil mit der Hälfte der Verse noch den Großteil des Gedichts ein, sind die relativen Anteile der Abschnitte in der anonymen Übersetzung mit je ca. dreißig Versen gleichmäßig verteilt. Hymens Laudatio auf die Familien des Brautpaars, die bei Claudian in knapp vierzig Versen (V. 58–95) facettenreich Berufe und Vorzüge der Familienmitglieder schildern, gibt der Dichter pauschalierend, anonymisiert und drastisch gekürzt in sechs Versen wieder:

Er sprach: mich wunderts sehr/ o göttin! daß solch eh

Dir unbewust mag seyn; zwey hochberühmte häuser

Verknüpfen würd‘ und glanz/ und flechten lorbeer-reiser

Um ihre Scheitel rum; des ehrenstandes höh

Erfordert gleich gedicht/ des bräutgams grosse tugend

Verschonet auch zugleich der braut hochedlen jugend. (V. 61–66)

Mit der anonymisierten Schilderung harmonisiert der Dichter das quantitative Verhältnis der drei Gedichtabschnitte. Darüber hinaus nutzt der anonyme Dichter die Reduktion dazu, das Epithalamium von dessen spezifischen Anlass zu lösen und es sich so anzueignen. Dagegen ist die Venusbeschreibung rhetorisch deutlich ausgedehnt. Bei Claudian ist die halbnackte Venus in nur sieben zurückhaltenden Versen dargestellt:


1 Forte Venus blando quaesitum frigore somnum Vitibus intexti gremio successerat antri Densaque sidereos per gramina fuderat artus adclinis tlorum cumulo; crispatur opaca
5 pampinus et musto sudantem ventilat uvam, ora decet neclecta sopor; fastidit amictum aestus et exuto translucent pectore frondes.

(Zufällig hatte sich Venus, um in schmeichelnder Kühle Schlaf zu suchen, in den Schoß einer mit Weinreben bedeckten Grotte zurückgezogen und ihre strahlenden Glieder über den dichten Rasen ausgebreitet, gelehnt auf einen Haufen Blumen; das schattenspendende Weinlaub kräuselt sich und fächelt der vom jungen Wein schwitzenden Traube Kühlung zu.

Der Schlaf schmückt das nicht zurechtgemachte Gesicht; die Hitze verschmäht das Gewand und durch das Laub schimmert ihre entblößte Brust.)2

In der anonymen Übersetzung hingegen wird die voyeuristische Venusbeschreibung rhetorisch deutlich erweitert und fast auf die vierfache Länge amplifiziert:


1 Die Sonne hatte kaum den mittag heiß gemacht/ Als Venus gantz ermatt ihr eine höl erwehlet/ Wo weder schlaff noch ruh/ noch kühler schatten fehlet/ Und wo ein reben-blat gab dunckel-grüne nacht/
5 In die ein linder west mit sanftem rauschen spielte/ Und so der göttin hertz und müde seele kühlte. Sie warf die sternen-pracht/ die glieder in das graß/ Der blumen höchster wunsch war so gedrückt zu werden/ Die nelcke schien ein feur/ die ros’ ein stern der erden/
10 Die veilg ein blau saphir/ die lilg ein spiegelglaß/ Und Venus goldnes haupt entschlieff nur auff narcissen. Iesminen legten sich zu pfül und unterküssen/ So lag die lust der welt ohn alle kleider bloß/ Indem die volle brust die trauben nachbar nennte/
15 Und der belebte schnee von zwey rubinen brennte. Hold/ freude/ lieb und gunst ruht’ in der schönen schoos/ Der süß geschwollne mund war etwas aufgeschlossen/ Aus dem die zucker-bäch und nectar-quellen flossen. Den schlaf ergötzte noch ein angenehmer bach/
20 Der sein bemostes haupt mit reinem silber tränckte/ Und nichts als liebligkeit auf grüne wiesen lenckte/ Der etwas zitternd floß/ und küsse nach und nach Dem lieben ufer gab/ das lorber-bäume zierten/ Um die die Gratien holdreiche täntze führten/ […] (V. 1–24)

In kunstvoller Bildlichkeit umschreibt der Dichter den von Venus erwählten locus amoenus: Das von Claudian beschriebene „schattenspendende Weinlaub“ ist mit pars pro toto „ein reden-blat“, das „dunkel-grüne nacht“ gibt (V. 4), dargestellt; metonymisch ist die durch das Blätterdach fallende Sonne abgebildet. Dagegen haben die polysyndetischen Partikel „weder schlaff noch ruh/ noch kühler schatten fehlet“ (V. 3) eine mimetische Funktion. Weil sie mit den Verssenkungen zusammenfallen, rhythmisieren sie den Alexandriner monoton und stellen dadurch das zur Ruhe kommende Gemüt der Venus dar. Die in den ersten sechs Versen hergestellte idyllische Atmosphäre steht der sich sprichwörtlich ins Blumenbeet werfenden Venus entgegen: „Die nelcke schien ein feur/ die ros’ ein stern der erden/ Die veilg ein blau saphir/ die lilg ein spiegelglaß.“ (V. 9–10). Das paradoxe Bild einer auch in der Dunkelheit der Höhle überlebenden Blumenpracht spiegelt metaphorisch die nie verwelkende Schönheit der Venus, während in den Preziosen-Metaphern der evozierte locus amoenus weiter ausgeschmückt wird. Darauffolgend wird die nackte Schönheit hyperbolisch abstrahiert: „So lag die Lust der welt ohn alle kleider bloß“ (V. 13), bevor die nackte Göttin dann tatsächlich beschrieben wird. Deutlich überbietet der anonyme Dichter den erotischen Gehalt der Vorlage, denn während die Venus bei Claudian noch ein „Gewand“ trägt und die Brust „durch das Laub schimmert“ (V. 6), ist die Venus in der Übersetzung unbekleidet und unbedeckt. In petrarkistischen Preziosen-Metaphern wird die völlige Nacktheit der Venus gemäß dem Zeitgeschmack beschrieben. Dabei dient vor allem die pittoreske Beschreibung der leicht geöffneten Vulva dazu, das voyeuristische Moment des Gedichts maximal auszureizen (V. 17–18). Dies wird zusätzlich verstärkt, indem die sexuelle Handlung an der betrachteten Göttin über den personifizierten Fluss, „der etwas zitternd floß/ und küsse nach und nach Dem lieben ufer gab“ (V. 22–23), antizipiert wird.

Die gewagte übersetzerische Aneignung überbietet Claudians lateinische Vorlage, indem darin die erotische Darstellung formal ästhetisiert und imaginativ ausweitet, so dass die nackte Venus zum imaginierten Objekt der Begierde wird. Trotz der metaphorischen Sprache ist die Mittelbarkeit der Erotik in der Rezeption also deutlich gesenkt, und damit wird die erotische Konnotation für die Leserschaft zu einem voyeuristischen Erlebnis.

4. Johann von Besser: Die Ruhestatt der Liebe / oder die schooß der geliebten (1695)

Das berüchtigte, 240 Alexandriner umfassende Gedicht Die Ruhestatt der Liebe / oder die schooß der geliebten1 von Johann von Besser beschreibt, wie Claudians Epithalamium eingangs eine nackte, schlafende Frau beobachtet. Allerdings substituiert Besser die Venus mit der Schäferdame Chloris, die nicht von dem Hochzeitstrubel, sondern von ihrem Verehrer Celadon durch eine nicht einvernehmliche sexuelle Handlung geweckt wird. Daraufhin muss sich Celadon für sein Fehlverhalten rechtfertigen, schafft es durch seine apologetische Rhetorik jedoch, Chloris wieder für sich zu gewinnen. Das Gedicht endet mit dem einvernehmlich vollzogenen Beischlaf. Während der Götterapparat also getilgt und die Handlungsführung auf die beiden Liebenden verschoben ist, lässt sich die intertextuelle Beziehung der beiden Gedichte durch die Eingangsszene bei Besser nachweisen, in der er unmissverständlich die Eingangsverse von Claudians Epithalamium zitiert:


1 Bey diesen brennenden und schwülen sommertagen Ließ Chloris sich einmahl in ihren garten tragen/ Und suchte vor dem brand der sonnen eine klufft/ Von kühler witterung und schattenreicher lufft.
5 Sie setzte sich erhitzt bey einem baume nieder/ Und streckte bald darauff die perlen-volle glieder In das noch frische gras/ geruhiger zu seyn/ Und schlieff auch/ wie sie lag/ halb von der seiten ein. Ihr alabaster-leib war nur mit flor bekleidet/
10 Und weilen man den zwang nicht bey der hitze leidet/ Ward ihre blosse brust im grünen klee gespürt/ Die zur gemächligkeit sie eben auffgeschnürt. Der sanffte westen-wind/ bereit sie abzukühlen/ Ließ seinen othem gleich auff diese wellen spielen/
15 Und bließ mit stillem hauch bey ihrer süssen ruh Ihr aus der floren hand die weichsten blumen zu. Es wiegte gleichsam sie sein angenehmes weben; Doch als er sich bemüht den leichten rock zu heben/ Riß endlich unversehns von der gestreckten schooß
20 Der vorgeschürzte flor mit seinem gürtel los. (V. 1–20)

Das Bild der sich auf das Gras legenden Göttin2 gibt Besser nahezu wörtlich wieder (V. 6–7), wobei er „sidereos“ nicht mit „glänzend/strahlend“ übersetzt, sondern preziös-metaphorisch mit „perlen-voll“ (V. 6). Ferner bieten die Verse 10–11 eine ziemlich getreue Übersetzung von Claudians Versen 6–7: „ora decet neclecta sopor; fastidit amictum aestus et exuto translucent pectore frondes“. Offensichtlich übernimmt Besser also nicht nur das Motiv der schlafenden, nackten Venus und projiziert es auf „Chloris“ (V. 2), sondern schließt auch textuell wörtlich an die lateinische Vorlage an. Damit lässt sich Bessers Ruhestatt der Liebe eindeutig als Parodie von Claudians Epithalamium bestimmen.3

In alexandrinischen Reimpaaren mit wechselndem Versgeschlecht amplifiziert Besser im epischen Ausmaß das erotische Moment und steigert es ins pornographische. Dabei fokussiert die Beschreibung wie in der anonymen Übersetzung das weibliche Geschlechtsteil. Geschickt wird der Leser als Komplize in Mitwissenschaft gezogen, indem das lyrische Ich sich und den Leser dreifach mit „uns“ apostrophiert (V. 23–26), bevor die Betrachtung in 26 Versen bildlich beschrieben und dem Leser dadurch tatsächlich eine Art Mitsicht geboten wird. Die akkumulatio von petrarkistischen Preziosen-Metaphern („castell von marmor“ „in einem liljenthal“ „eingang von rubin“ „schatten-werck von myrthen“ „von helffenbein […] hüffte“ (V. 29–37)) spitzt Besser kunstvoll zu, indem er zwei abschließende Metaphern anaphorisch mit der antithetischen Pointe verklammert:

Kein apffel kan so frisch sich an dem stengel halten/

Kein purpur-pfirsig ist so sanfft und zart gespalten/

Kein kleiner raum der welt hat so viel überfluß/

Als in der Chloris schooß der weisse nabel-schluß. (V. 41–44)

Dabei ist dieses hyperbolische Zwischenfazit durchaus als selbstironischer Kommentar auf die eigene Programmatik zu deuten. Denn Besser stellt mit der weiblichen Scham ohnehin ein pikantes Thema vor, weshalb die übermäßige Länge der Illustration übertrieben, fast unangemessen, wenn nicht gar pornographisch erscheint. Gerade dies ist jedoch Teil des galanten Programms, das Besser wie folgt zusammenfasst: „Das liebste/ das man kennt/ und doch sich scheut zu nennen/ Weil auch das blosse wort uns schon vermag zu brennen“ (V. 25–26). Paralyptisch täuscht das lyrische Ich Hemmungen gegenüber der selbst vorgebrachten Thematik vor, um dann in epischer Breite das weibliche Geschlechtsteil zu beschreiben. Die ‚insistierende Nennung‘ ist hierbei jedoch Teil der arguten Technik, mit der die Beschreibung der weiblichen Scham künstlich überformt wird und an Schärfe verliert. Insofern ist Bessers Ruhestatt der Liebe als Probe aufs Exempel für die galante Poetologie zu verstehen4, die Besser freilich auf die Spitze treibt. Denn während in Claudians Epithalamium noch eine Anleitung für die Sexualität in der Ehe gegeben (V. 130–138) und in der Übersetzung die betrachtete Göttin zum Objekt der imaginierten Sexualität transformiert wird, gestaltet Besser auch den sexuellen Akt aus. Die raumdeiktischen Demonstrativpronomen antizipieren die nachstehende Aktbeschreibung bereits in der vorhergehenden Naturschilderung:

Die brunnen wollten sich durch diesen garten winden

Die blumen glaubten hier ihr blumen-feld zu finden

Die Nymphen waren selbst wie halb darein vernarrt. (V. 49–51)

Doch dabei belässt es Besser nicht, sondern schildert in aller Deutlichkeit die Penetration durch Celadons Hand, die sich unmissverständlich als Vergewaltigung herausstellt:


65 Was halff ihm alle furcht vor dem geliebten weibe? Die finger glitten aus auff dem polirten leibe/ Und rollten mit gewalt vor das gelobte land/ Das eine hole faust in allem überspannt. […]
81 Er wuste nicht was er vor hitze sollt beginnen; Er fieng wie weiches wachs vor ohnmacht an zu rinnen/ Und hätt/ ich weiß nicht was/ vor raserey vollbracht/ Wenn Chloris nicht davon zum unglück auffgewacht.
85 Sie stieß/ noch voller schlaffs/ mit ihren beyden händen/ Den frembd- und kühnen gast von ihren weissen Lenden/ Der ihre zarte schooß durchwühlet und verheert/ Und sprach/ als sie ihn sah: du bist des stranges werth. (V. 65–88)

Claudians Gleichnis der schlafenden Venus für die erwachende eheliche Sexualität invertiert Besser ironisch-grotesk, indem er seine weibliche Protagonistin durch den Sexualakt erwachen lässt. Dirk Niefanger hat bereits darauf hingewiesen, dass „ein wesentlicher Teil der Barockerotik […] aus dem Reiz des Verdeckens und der mehrstufigen Fiktionalisierung der Sexualität“5 entsteht. Ferner konnte er zeigen, wie Benjamin Neukirch in seinen Sylvia-Gedichten „die üblichen Grenzen erotischer Lyrik um 1700 – im Sinne einer aemulatio – überschreitet“6, indem er die Imagination des Sprechers in die Brüste der Frau projiziert. Johann von Besser geht jedoch noch einen Schritt weiter, wenn er die Imagination in die Darstellung einer konkreten sexuellen Handlung überführt. Freilich hält er teilweise an den verdeckenden Fiktionalisierungsstrategien fest, die für die Barockerotik maßgeblich sind; mit dem extensiven Gebrauch von Metaphern z.B. stellt Besser eine Diskrepanz zwischen der konkreten Vorstellung des Geschilderten und der sprachlichen Realisierung her. Dagegen wird die sexuelle Handlung durch die drastische Beschreibung ihrer Folgen und der von Chloris gewünschten Konsequenzen unverkennbar deutlich und das Vexierspiel der vorangegangenen Fiktionalisierung dechiffriert: „Der ihre zarte schooß durchwühlet und verheert/ Und sprach/ als sie ihn sah: du bist des stranges werth“ (V. 87–88).

So, wie Hymen bei Claudian vor der erwachenden Venus dafür Rechenschaft ablegen muss, dass er sie nicht früher über die bevorstehende Hochzeit informiert hat, muss sich Celadon für die an Chloris vorgenommene sexuelle Handlung rechtfertigen. Damit übernimmt Besser den rhetorischen Kunstgriff Claudians, der mit dem eingeleiteten Dialog den Gottheiten den Austausch über die Brautleute und damit den Einstieg in die Laudatio auf das Hochzeitspaar ermöglicht.7 Während bei Claudian jedoch dem Brautpaar und den Eltern der Brautleute gehuldigt wird, nutzt Besser den Dialog, um in Cedalons apologetischer Rede den Sexualakt zu ästhetisieren. In einer dreistufigen Argumentation hält Celadon zunächst eine „laudatio“ auf die weibliche Scham (V. 97–124), führt dann Beispiele aus der Natur und der Mythologie an, die sein Handeln begründen und rechtfertigen (V. 125–208), bevor er Chloris selbst für seinen forschen Vorstoß verantwortlich macht (V. 209–240) und sie schlussendlich besänftigt:


104 Durch jene Demmerung die um dein auge tagt/ Durch deine tulpen-schooß/ durch deine nelcken-brüste/ Durch die von beyden mir noch unbekandten lüste/ Durch deine schöne hand die mich jetzt von sich stößt? Was hab ich denn verwürckt/ das zephyr dich entblößt? Daß ich es mit beschaut/ was dessen hauch verübet/
110 Daß ich es angerührt/ was erd und himmel liebet/ Was selbst der Götter mund begierig hat geküst/ Und was der inbegriff von deiner schönheit ist. Es ist ja deine schooß der auszug aller zierde/ Der enge sammel-platz der schmeichelnden begierde/
115 Das rund/ wo die Natur zusammen hat gedrängt/ Was sich nur reitzendes den gliedern eingemengt. Hier ist der kleine schatz der deinen reichthum zeiget/ Der lebendige thron der alle scepter beuget/ Der süsse zauber-kreyß/ der unsern geist bestrickt/ Und deß beschwehrungs-wort die felsen auch entzückt (V. 104–120)

In anaphorisch verklammerten Parallelismen und anspielungsreicher, bildlicher Sprache überformt Besser die weibliche Scham ästhetisch. Mit der Zentrierung auf die weibliche Scham travestiert er jedoch gleichzeitig das so häufig in barocken Epithalamien vorgebrachte Schönheitslob. Vor allem die Metaphern, die das weibliche Geschlechtsteil mit Herrschaftsakzidenzien vergleichen, wirken komisierend, weil sie das Herrscher- und Frauenlob vulgär auf die weiblichen Geschlechtsteile bündelt.

Gleichsam wirkt Celadons Anschuldigung, Chloris sei selbst für den Übergriff verantwortlich, grotesk, weil sie das Opfer zum Täter verkehrt. Während mit der ‚insistierenden Nennung‘ die Schuldzuweisung jedoch ironisch gebrochen wird (das lyrische Ich erklärt: „Er fuhr voll eyffers auff/ um dieses unrechts willen“ (V. 229), variiert Besser die petrarkistische Liebeskonzeption, für die die Ablehnung des Liebhabers und die Unerfüllbarkeit seiner erotischen Wünsche konstitutiv sind, überraschend. Die erzürnte Chloris kommt selbst zu Wort und willigt zur Liebesvereinigung ein: „Sie zog/ nunmehr erweicht/ nach dem bezeugten haß/ Den ausgesöhnten feind mitleidig in das graß“ (V. 231–232).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Bessers Ruhestatt der Liebe als aemulatio in zwei Diskursbereichen eingebunden ist. Einerseits ist die Ruhestatt der Liebe als Claudian-Rezeption zu lesen und damit im Kontext der kulturpatriotischen Nationalliteratur zu verorten, die seit Martin Opitz versucht, antike Vorbilder imitierend zu überbieten. Andererseits bricht Besser mit der streng imaginativen Tradition der erotischen Lyrik und damit auch ein eingängiges Tabu. Obwohl er mit den Preziosen-Metaphern das petrarkistische Liebesideal alludiert, sprengt seine Schilderung des sexuellen Übergriffs klar die Grenzen dieses Liebesideals, das die erfüllte Körperlichkeit höchstens imaginiert oder hypothetisch topisch (carpe diem) zulässt.

5. Benjamin Neukirchs Parodie: Auff die Perlitz-Mühlendorffische Hochzeit

Mit Bessers Großgedicht nimmt die Claudian-Rezeption jedoch eine eigene Dynamik an. Benjamin Neukirch nämlich veröffentlichte ebenfalls in dem ersten Band der Neukirchschen Sammlung sein Epithalamium Auff die Perlitz-Mühlendorffische Hochzeit.1 In 100 kreuzgereimten Alexandrinern invertiert Neukirch die Handlung des Epithalamiums für Palladius und Celerina, indem er nicht mehr eine schlafende Dame, sondern einen schlafenden Mann beschreibt. Besonders pikant ist diese Inversion deshalb, weil sie vorgeblich eine biblische Geschichte neu erzählt: Der betrachtete Mann ist Adam und die betrachtende Frau Eva.

Dass Neukirch die erotisierende Adaption Bessers parodiert, lässt sich zunächst durch inhaltliche Ähnlichkeiten hinreichend zeigen: Der Beschreibung des nackten Adams, der hier die Rolle der Venus bzw. der Chloris einnimmt, folgt Evas sexueller Übergriff, durch den Adam erwacht. Eine Rechtfertigung nötigt Adam seiner Eva nicht ab, stattdessen vollzieht er mit ihr den Beischlaf. Die Begründung für die Natürlichkeit der Sexualität, die bei Besser Celadon zu seiner Verteidigung liefert, ist der Beischlafszene nachgestellt und fungiert als Aufforderung an das Brautpaar, sich ebenfalls zu vereinigen.

Die intertextuelle Abhängigkeit zu Bessers Großgedicht und zu Claudians Epithalamium lässt sich neben der analogen Handlungsführung auch textuell nachweisen. Die den Schoß der Venus bedeckenden Weinreben (Claudian) transformiert Neukirch in „[d]as grüne feigenblatt/ das Adam vor sich nahm“ (V. 1), bevor Eva ihren Adam in einem Feld liegend findet. Während Venus bei Claudian „ihre strahlenden Glieder über den dichten Rasen ausgebreitet“ (V. 3) hatte und Bessers Chloris ihre „perlen-volle[n] glieder/ in das noch frische gras“ (V. 6) streckt, heißt es bei Neukirch:


[…] sie zu felde gieng Und ihren Adam fand im grünen grase liegen.
25 Sein leib war mehrenteils von kleidern unbedeckt/ Die glieder streckten sich/ wie silberne Colossen/ Nur diß/ was die natur zum zunder ausgesteckt/ War noch zu mehrer lust in rauches fell verschlossen. (V. 23–28)

Die Beschreibung des im Grase liegenden Adams lässt sich nach Stocker trotz der getauschten Geschlechterrollen als Zitat ausweisen, das Neukirch eindeutig den Versen Claudians und Bessers nachgebildet hat.2 Wirkungsvoll innoviert er das Motiv der nackten Venus, indem er das Bild der paganen Liebesgöttin in das des biblischen Stammvaters verkehrt und damit das erotisch-antike Motiv christlich verzerrt – die umgekehrten Geschlechterrollen potenzieren das Wagnis. Verstärkt wird das komische Moment dadurch, dass Eva der männlichen Anatomie offensichtlich nicht gewahr ist. So folgert sie:


Ey/ warum haben wir uns beyde doch verbunden?
5 Ist Adam so wie ich an gliedern auch bestellt/ So dürffen wir uns ja nicht vor einander schämen? Und führt er sonsten was/ das etwan mir gefällt/ Warum will die natur mir mein geschencke nehmen? Sie hätte noch vielmehr der sachen nachgedacht/
10 Was aber ließ sie doch die kurtze zeit umfassen? Weil gleich den augenblick das urtheil ward gebracht: Sie solten beyderseits das paradieß verlassen. Nach diesem schlug das feur zwar frische flammen an/ Sie fand sich aber noch zu zeiten sehr betrogen;
15 Denn Adam war nunmehr mit peltzen angethan/ Und hatte leib und haut mit fellen überzogen. Wer war wohl ärmer nun als Eva dazumahl? (V. 4–17)

Alleine ihre Gedanken an Adams Schoß begründen die Verbannung aus dem Paradies. Damit geht bisher jedoch noch keine sexuelle Handlung einher. Erst als sie Adam eben im Felde findet, kann sie nicht an sich halten und vergreift sich – so wie Bessers Celadon an Chloris – an Adam:


Sie forschte weiter nach/ und blößte seinen schooß/
45 Ihr finger rührte sich um seine weiche lenden; Da war sie völlig nun der alten sorgen loß/ Und schaute den betrug in ihren liljen-händen. Ja/ sprach sie/ voller scham/ das hab ich wohl gedacht/ Daß Adam nicht umsonst die blätter vorgenommen;
50 Wer aber hat ihm nur den plunder angemacht/ Und wo ist Adam doch zu diesem schaden kommen? Doch/ was bedenck ich mich? die brust ist ja zu klein; Vielleicht hat die natur mir meinen mann betrogen/ Und hat/ was sonsten soll am busen oben seyn/
55

Neukirch treibt die Komik auf die Spitze, wenn Eva die Bestückung Adams als Ausgleich für den fehlenden Busen in Betracht zieht. Anders als bei Besser reagiert der erwachende Adam nicht entsetzt über Evas Vergehen, sondern muss „selbst der blinden einfalt lachen“ (V. 57) und schließt sie liebevoll „mit seinen armen ein“ (V. 58), bevor das biblische Paar den Beischlaf vollzieht. Mutet Johann von Bessers pornographische Beschreibung eines sexuellen Übergriffs auf die schlafende Chloris bereits gewagt an, gelingt es Neukirch, mit seiner Überformung des Sündenfalls die Innovation Bessers zu überbieten.

6. Christian Hölmann: Abbildungen der Schooß

Einer anderen, aber nicht minder innovativen Strategie bedient sich Christian Hölmann in seinem Zyklus über weibliche Körperteile1, dessen pointierter Abschluss das Gedicht Abbildungen der Schooß bildet. Hier wird dem Leser nicht die voyeuristische Mitsicht auf eine entblößte Schlafende geboten. Stattdessen nimmt das lyrische Ich die Perspektive des weiblichen Schoßes selber ein und legt einen umfassenden Bericht über sich ab. Mit der veränderten Perspektive thematisiert Hölmann wie seine Vorgänger das Motiv der weiblichen Scham und stellt es ins Zentrum des Gedichts, in dem es in 84 kreuzgereimten Alexandrinern beschrieben wird. Hatte Neukirch noch die Geschlechter der Persona von Bessers Ruhestatt der Liebe invertiert, verkehrt Hölmann die Kommunikationssituation und macht aus dem heimlich mitwissenden Leser nun den von einer Vagina apostrophierten:


In meinen gründen ist die liebe ja gebohren/ Ich bin ihr erster Sitz/ ihr Stammhauß/ Vaterland/
15 Mich hat zu dieser See selbst die natur erkohren/ An deren ufern sich das schöne Mädgen fand. Ihr glieder möget nun vor mir die seegel streichen/ Weil ich die Götter selbst durch mich hervor gebracht/ Ihr selber müstet auch im Mutterleib' erbleichen/
20 Wenn nicht durch mich das Thor wär' in die welt gemacht. Es füllet meine frucht den Himmel und die Erde/ Ich mache daß der bau der wundergrossen welt/ Nicht vor der letzten zeit zu einer wüsten werde/ Die nichts als distel-sträuch und dörner in sich hält. (V. 13–24)

Die Häufung der Personalpronomen konfiguriert unmissverständlich die surreale Kommunikationssituation, durch die die Beschreibung der weiblichen Scham surreal verzerrt wird. Während die bisher beschriebenen, voyeuristisch figurierten Prätexte Hölmanns auf das erotische Vorstellungspotential der Leserschaft zielen, löst Hölmann das Gedicht aus seinem eigentlich erotischen Kontext, denn das beschriebene Motiv entzieht sich durch die Erzählsituation jeder realistischen Vorstellung.

Eindeutig markiert Hölmann den intertextuellen Bezug zu Besser, wenn sich das lyrische Ich – Bessers Titel zitierend – metaphorisch als „[d]er liebe ruhestadt“ (V. 61) beschreibt. Da Hölmann den vierten und fünften Teil der Neukirchschen Sammlung selbst herausgab, ist anzunehmen, dass er auch die Gedichte der ersten beiden Bände gut kannte und den Bezug zu Claudians Epithalamium bewusst über das wirkungsmächtige Gedicht Bessers markierte. Die Konkurrenz zu den motivgeschichtlich verwandten Gedichten ist bei Hölmann durchaus programmatisch:


1 Der geist des alterthums schrieb den beschaumten wellen Die künstliche Geburth der liebes-Göttin zu/ Und daß ein muschelhaus auf den gesalznen stellen So wohl zur überfuhr als ihrer ersten ruh
5 An statt der wiege sey damals bestimmt gewesen; Allein so wurde da die wahrheit eingehüllt/ Wer ihre Perlen nun wolt' aus dem schlamme lesen Der fand sie endlich zwar/ doch frembde vorgebildt. (V. 1–8)

Den Geburtsmythos der Venus nach Hesiod2 weist Hölmann als Verschleierung der Wahrheit aus und nimmt so auch die aemulatio mit der Antike auf. Bei den antiken Dichtergrößen könne man die „Perlen“ nur „frembd[…] vorgebildt“ aus „dem schlamme lesen“; für die Wahrheit solle man jedoch den „vorhang weg [ziehen] und […] die fabeln schweigen“ (V. 9) lassen. Durch die ‚sprachliche Handlung‘ lässt das lyrische Ich Hölmanns tatsächlich „alle Hüllen fallen“ und straft in seiner Offenheit alle Prätexte als eingehüllte Wahrheit ab. Da die Erzählsituation aber wiederum fiktionalisierend wirkt, wird der Wahrheitsanspruch ironisch gebrochen und das Motiv künstlich überblendet. Die aemulatio gelingt, weil Hölmann mit der neufigurierten Erzählsituation die technischen Möglichkeiten der extremen Gestaltung ausreizt und die Verhüllung neu dimensioniert.

7. Fazit

Wie gezeigt werden konnte, spitzen alle Claudian-Rezeptionen den erotischen Gehalt des Epithalamiums zu. Häufig wurden solche erotischen Dichtungen als manieristische Obszönitäten abgetan. Wie die Untersuchung jedoch zeigen konnte, birgt die Erotisierung der lateinischen Vorlage großes innovatives und provozierendes Potential, das erst vollständig ersichtlich wird, wenn der rezeptionsästhetische Charakter der Dichtungen gewürdigt wird. Durch die Betrachtung der Gedichte als Claudian-Rezeptionen zeigt sich ein stark ausgeprägtes Verständnis von Intertextualität, das die literarische Praxis der galanten Dichtung prägte.

Bibliographie

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Maria Moog-Grünewald (Hrsg.), Der Neue Pauly. Suppl. Mythenrezeption. Die antike Mythologie in Literatur, Musik und Kunst von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. 5, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 2008.

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„Was ist erquickender als schne Brust-Granaten“

Barocke Gelüste und lyrische Brüste oder

Zu erotischen Gedichten des Barock

Wolfgang Brylla (Zielona Góra)

„Eröffne mir das Feld der Lüste, /

Entschleuß die wollustschwangre Schooß,“

(Johann Christian Günther)

Barocke sexuelle Revolution

Auf dem Gemälde des italienischen Malers Bartolomeo Passerotti, Die verrückten Liebenden – Ende des 16. Jahrhunderts entstanden –, fasst von seiner Physio­gnomie her eher ein ruppig, fast eklig aussehender Mann die ausgemergelte nackte Brust seiner weiblichen Partnerin an. Beide Figuren entsprechen nicht dem damals gängigen Schönheitskanon und -ideal. Passerotti entwirft und skizziert eine Mann-Frau-Konstellation, die von Kargheit und einer Unästhetik des Schönen geprägt ist, die wiederum im völligen Gegensatz steht zu den Werken von bspw. Velasquez – erwähnt sei bspw. Die Venus mit dem Spiegel – oder Rubens mit seinen Venusvorstellungen, in denen füllige aneinandergereihte Frauenkörper in Feierlaune ausgiebig und unbeschränkt ihren Lüsten freien Lauf lassen.1 In der Zusammenstellung dieser und ähnlicher barocken Bilder wird die innere Zerrissenheit der Epoche und das für sie so charakteristische Merkmal der Kontrastivität und Diffusität offensichtig.2 Es gibt keine einzige Norm und keine einzig geltende Kunstregel, an die man sich hat halten müssen, obwohl Johann Christoph Gottsched und seine anderen aufklärerischen Gleichgesinnten im 18. Jahrhundert eben die Normativität des Barock und dessen kodifizierte Schemenpoetik scharfer Kritik unterzogen3; der Schaffenskraft und dem Interpretationstrieb sind keine Grenzen gesetzt, der Mensch des 17. Jahrhunderts legt die Moralfesseln ab und fängt an, ein Leben zu führen, das man als freizügig bezeichnen könnte. Vor kurzer Zeit hat der britische Historiker Faramerz Dabhoiwala bewiesen, dass es in der Barockzeit zu einer Art sexuelle Revolution gekommen sei, in der Sexualität und Kopulation zu einer privaten Angelegenheit wurden, die nicht von höheren weltlichen oder sakralen Instanzen gesteuert worden wären.4 Sex wurde nicht mehr aus der Perspektive der Religion, sondern aus der Perspektive des persönlichen Welt- und Anschauungsbildes betrachtet, was heißt, dass die Kirche(n) in Sachen Sexualmoral keine relevante Rolle mehr spielte(n), sondern in den operativen Handlungshintergrund gerückt ist/sind, aus dem sie keinen Einfluss mehr auf die Ausübung der rechten und der natürlicherweise aus dem Blickwinkel der Kirche korrekten Sexualität hat(te). Der im und durch den Barock ausgelöste Sexboom fand seinen Niederschlag in der Kunst, wenn er nicht sogar von der Kunst – der Malerei, der Poesie – mit eingeleitet wurde.5 Schaut man auf die Unmenge von Gedichten, die in dieser Zeit verfasst worden sind, und vergleicht sie unter anderem mit den typischen barocken christlichen Lyrik-Texten, in denen Gott gehuldigt wurde, fragt man sich eigentlich, um es salopp auszudrücken, wie „deftig“ war eigentlich das Perlen-Zeitalter? Denn in vielen der Gedichte, die man in der Regel dem Barock zuschreibt und die in diesem Geiste geschrieben wurden, sind Szenen zu finden, die nicht nur an zarte Erotik und außergewöhnliche Sexualität erinnern, sondern auch in Richtung Perversität oder Gewaltmissbrauch gehen. Man orientierte sich nicht an Vorschriften, stattdessen schuf man sich neue, die einerseits sich auf das vorhandene Verhaltens-Reglement und das etablierte Weltkonstrukt beziehen, andererseits damit auch bewusst brechen und im Endeffekt in einem dialektischen Verhältnis stehen. Quasi antithetisch profiliert sich die deutsche Barocklyrik, indem sie mit Gegensätzen und textlichen Referenzen gezielt spielt, Stoffe und Inhalte ummodelt, um letztendlich die vonstatten ge­hende oder schon stattgefundene Bruchsituation offen zu legen. Mehr oder weniger wird im Barock der Reflex der sexuellen Befreiung und Neubestimmung antizipiert, der für die Nach-Moderne prototypisch und symptomatisch erscheint. Auch die Sprache, trotz eines 300 bzw. 400 Jahre langen Abstandes, ist ähnlich, die Metaphern und Symbolsemantik sowie -semiotik, die zur Verbildlichung und Darstellbarkeit des Sexparadigmas zu Rate gezogen werden, fußen auf demselben verbalen Kern. „Schönes Fräulein Lust auf mehr / Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr / Schnaps im Kopf du holde Braut / Steck Bratwurst in dein Sauerkraut“, singt die Band Rammstein in dem lange indizierten Song Pussy. Dieses „Steck Bratwurst in dein Sauerkraut“, das ein eindeutiges Szenario vor Augen führt, hat einen barocken Vorläufer, und zwar bei Georg Rodolf Weckherlin, der in Garten Buhlschafft / oder Kraut Lieb auch eine sexuelle Annährung beschreibt:

Liebstöckel mögen wir auch wagen /

Dieweil sie gut für die / die blaich /

So stöck es tief in das Glidweich.

Glidkraut mein glid mit lust durchdringet /

Wan es kein Muterkraut mit bringet:

Auch leb vnd süß ist die Manstrew /

Mit Zapfen-kraut die frewd wirt new: […]6

Wenn man Weckherlins Lyrik, also die eines Dichters an der Schwelle zum 17. Jahrhundert, als ästhetisch hochwertig bewertet – so die Tendenz –, da sie unter anderem in den kleinen Reclam-Gedichtband zum Thema Erotik herausgegeben von Harry Fröhlich aufgenommen wurde, dann müsste dasselbe Prinzip auch für die Industrial Metal-Band aus Ostberlin gelten. Überhaupt ist das Relationsgeflecht zwischen Rammstein und den Barockdichtern ziemlich eng gesponnen, es gibt Berührungspunkte und Überschneidungsflächen. So ist das Cover von Liebe ist für alle da eine Hommage an Rembrandt und an Rubens, die auf eine visuell-plastische Art und Weise mehrfach zitiert werden. „Ich schleich mich an / Und rede fein / Wer ficken will / Muss freundlich sein“ heißt es in Liebe ist für alle da; ein ganz ähnlich anmutendes Diktum findet sich ebenfalls bei Weckherlin, bei dem die Redegewandtheit des jungen Mannes zum sexuellen Akt führen soll:

Ach! was empfind ich in dem hertzen /

Sprach sie / ich antwort / laß vns schertzen:

Je läng’r je lieber bist du mir /

Ja Tag vnd Nacht lieb bin ich dir /

Laß vns mit maß vnd ohn Maßlieben /

Laß vns das Nabelkraut verschieben /

Das so süß / vnder deinen Schurtz.

Ja Knabenwurtz vnd Ständelwurtz /

Sprach sie / mir allzeit wol zu schlagen7

Demgemäß soll in den Fokus der folgenden Bemerkungen die Frage nach den Darstellungsmodalitäten und lyrischen Inszenierungsmodi des Sexuellen und Erotischen in der Dichtung des deutschen Barock gestellt werden. Herauspräparieren und bestimmen lassen sich dabei fünf Hauptkategorien, die in den Gedichten zum Ausdruck gelangen und die parallel dazu zueinander entweder im Widerspruch stehen oder in einen Dialog treten und somit auch das Gesamtbild und den Gesamteindruck vom „(un-)galanten“ Barock vervollständigen und erneut die innere polarisierende Antonymie der Epoche belegen.8 Dieses ‚Gespräch‘ wird nicht nur auf der Poetik-Ebene geführt, sondern vor allem auch auf der Rezeptionsebene, d.h. zwischen Autor, Text und Leser.9 Zu unterscheiden sind folgende thematische Schwerpunkte, auf die man im Weiteren zu sprechen kommt, um den lyrischen Konturen des triebhaften Erotischen im Barock gerecht zu werden, obwohl man sich stets dessen bewusst sein muss, dass die Vollständigkeit und Komplexität nur ein Schein ist, weil man nur einen kurzen Ausschnitt aus der barocken Sexualitätsdichtung präsentieren kann: 1) Occasio, 2) Liebe, 3) Kuss, 4) Wollust, 5) Homo eroticus.10

1. Occasio

Wie Dirk Niefanger argumentiert, wurde das Erotische erst im Barock entdeckt, was im Zusammenhang mit der Entwicklung der Körperpflege und der Körperkosmetik zu erklären ist.1 Die Kaprizierung auf die körperbetonte Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, mit dem Menschen, war laut Niefanger die simple Folge des „Prozesses der Zivilisation“2, ein Endresultat der Umwälzungen, die im Mittelalter beginnen, dann während der Reformation Anfang des 16. Jahrhunderts weiterverfolgt wurde. Die Nacktheit als Medium der eigenen Identität war kein Grund fürs Schämen, das man lieber verhüllen sollte, sondern ein Mittel zur Selbstwahrnehmung und Selbstkonstitution. Offen zur Schau gestellte Brüste oder Geschlechtsorgane zeugten weniger von der Transzendenz, vielmehr von der Diesseitigkeit.3 Dieses Phänomen des Hier-und-Jetzt war sowohl an den königlichen oder fürstlichen Höfen zu bemerken als auch im Bürgertum, das langsam emporkletterte, um Ende des 18. Jahrhunderts das Zepter in die Hand zu nehmen und mit den Schlagwörtern von liberté, égalité, fraternité für die Rechte der Mittelschicht gegen das patriarchalische Herrschaftssystem zu kämpfen. Im Barock ergatterte die Erotik eine „poetische Lizenz“; dieser Lizenz lag die „Kultivierung des menschlichen Zusammenlebens“4 zugrunde, dieses machte wiederum mehr oder weniger eine „Kommunikationsform“ aus.5 Sexualität wird als Form des Gedankenaustausches und als Form der manifestierten Freiheit des Körpers begriffen, der bis dato eingezwungen in Regelkorsetts keine Chance hatte herauszukommen. Das Entblößen und das erwähnte Verhüllen, diese skurrile Divergenz von offen und geschlossen, spiegelt sich in der ganzen Barockdichtung wider. Der barocken Metaphorik, meint Harry Fröhlich, gehe es nicht ums Verstecken, sondern um die „Dialektik von Verbergen und Enthüllen, das eigentliche Wesen der Metapher und der Erotik“.6 Anders gewendet, es geht ums Anziehen und Ausziehen, Ausziehen und Anziehen. In dieser bipolaren Ergänzungsstruktur von widersprüchlichen Komponenten, die eine Einheit bilden, in diesem Begehren der „Apologie der Lust“ kann man erste „Befreiungsversuche hin zu einer aufgeklärten Humanität entdecken“.7 Mit der Apologie verbindet sich die Philosophie der Lust, die im Barock eine doppelte war und durch die Gegensätzlichkeit von Wollust und Erotik getragen wurde. Als Wollust versteht man die momentane Triebbefriedigung, als Erotik die Sinnhaftigkeit und langanhaltende Sinnlichkeit der körperlichen Berührung.8 Auf den Punkt gebracht: Wollust ist Sex, Erotik ist zarter Sex mit Gefühlen. Auf diese Dualität rekurrieren direkt oder indirekt fast alle Barockdichter, die erotische Gedichte zu Papier brachten.

Mit einem konkurrierenden Dualismus, mit einer Ambivalenz, bekommt man es schon bei Martin Opitz’ Ach Liebste / laß uns eilen zu tun, in dem das Motiv der Occasio, der „rechten Zeit“9, nicht nur an das semantische Bedeutungskonvolut der Liebe, sondern vor allem an das Sterben, den Tod gebunden ist. Liebe wird als Rettungsanker vor dem Ableben verstanden. Das lyrische Ich, das sich als junger Mann identifizieren lässt, wendet sich mit einer Bitte an eine Frau, dass man sich endlich in die Arme fallen solle, denn die Zeit sei reif dazu und man habe keine Restzeit mehr: „Es schadet das verweilen / Uns beiderseit. / Der edlen Schönheit Gaben / Fliehn Fuß für Fuß“.10 Die Schönheit vergeht11, die Lust vergeht12, die Gefühle vergehen. Um diesem Vanitas-Gedanken zu trotzen, um der Verbleichung der „Wangen Zier“13 nicht zusehen zu müssen, um das Altwerden nicht zu erfahren, muss die Gelegenheit beim Schopfe gefasst werden, man muss die Occasio nützen und „[d]er Jugend Frucht“ genießen.14 Dieses Genießen der Jugend gesellt sich zum Carpe diem, d.h. genieße den Tag, lebe und lass leben, liebe und lass lieben, gib und nimm: „Wo du dich selber liebest / So liebe mich / Gib mir, dass, wann du gibest / Verlier auch ich.“15 Das sich Aneinander-Verlieren bedeutet zugleich ein Einander-Gehen.16

Liebe oder besser gesagt der Wunsch nach Liebe wird bei Opitz durch egoistische Denkmuster und egozentrisches Ich-Benehmen motiviert. Liebe ist da, man muss nur nach ihr greifen, sie drehen und wenden, sie anpassen. Durch solche sprachlich artikulierte Gewalteinwirkung lässt sich jedoch keine Liebesbeziehung generieren, sondern bloß ein Hauch von Liebe, eine Scheinliebe, denn Liebe ist nicht für alle da. Die Bittsprüche des jungen Mannes sind auch als Phantasiegebilde zu apostrophieren, als Wunschbilder, die in Erfüllung gehen können, aber nicht müssen.

In Rammsteins Zeilen wird Ähnliches thematisiert: „Ich mach‘ die Augen zu dann seh‘ ich sie / Ich sperr‘ sie ein in meine Fantasie / Ich mach‘ die Augen zu / sie wehrt sich nicht / Liebe ist für alle da / Nicht für mich“. Das Schließen von Augen, was paradoxerweise das Sehen erst ermöglicht, lässt sich auch auf den Konnex von Sprechen und Schweigen übertragen, den man im Gedicht Willst du mein Herz mir schenken von einem unbekannten Dichter beobachten kann:

Die Liebe muß bei beiden /

Allzeit verschwiegen sein, /

Drum schließ die größten Freuden /

In deinem Herzen ein! //

Behutsam sei und schweige /

Und traue keiner Wand, /

Lieb innerlich und zeige /

Dich außen unbekannt.17

Über das Liebesgefühl muss ein Mantel des Schweigens ausgebreitet werden, weil „Die Lust, die wir genießen, / Muß ein Geheimnis sein.“18 Auszulegen ist dieses anonym verfasste Gedicht als Gedicht der Übergangsphase zwischen dem Nicht-Sagen-Dürfen und dem Sagen-Können, zwischen der Dunkelheit des Gestern und der Helligkeit des Jetzt, bevor man aus dem „unglückseligen Gefängnis der Leidenschaften“ ausbricht.19

Dass die Gelegenheit zur Liebe genützt werden muss, ist auch bei Simon Dach zu erblicken. In seinem Brauttanz wird wie bei Opitz der „richtigen Zeit“ eine Relevanz beigemessen, die man nicht ungeachtet lassen kann:

Wer der Jugend Kerzen /

Trägt im frischen Herzen, /

Hat zu tanzen Lust; […]

Kinder, strebt nach Freuden, /

Niemand wird euch neiden, /

Nur der Ehrbarkeit /

Und der Zucht indessen /

Werde nicht vergessen; /

Lebt und liebt allzeit, /

Flieht dabei auch Müßiggang, /

Seid der Wollust ernster Zwang, /

So wird euer Werk für allen /

Gott gefallen.20

Dach korreliert die Liebe mit dem Glauben; es handelt sich dabei um eine Art geschenkte Liebe von Gott, um eine geschenkte Gelegenheit, eine geschenkte Occasio des Himmels. Bei Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau wird dahingegen die „rechte Zeit“ zu „deiner Zeit“ umgewandelt, in der man „den liebes-lüsten freyen zügel“ lassen soll.21 Die okkasionelle Zügellosigkeit der zwischengeschlechtlichen Beziehung im Gedicht Albanie / gebrauche deiner zeit wird als Profitieren von der gegenseitigen Körperlichkeit realisiert; der Frauenkörper ist „vor uns nur zugericht“, das lyrische Ich spricht sein Anliegen aus, gemeinsam mit Albanie „die liebes-äcker“ zu pflügen und mit ihr die „süßigkeit“ des Augenblicks zu entdecken. Der „wollust-thau“, der „die glieder netzt“, erweist sich als eine Momentaufnahme, die sich zu verflüchtigen droht und die deshalb an Ort und Stelle ‚geschmeckt‘ werden müsse.22

2. Liebe

Die Liebe als ausgedrückte Emotion und als Gefühl der Zuneigung zu einem anderen, meistens weiblichen Subjekt ist in der barocken Lyrik in den meisten Fällen männlich konnotiert; es sind männliche Figuren, männliche lyrische Ichs, die ihr Liebesbegehren kundtun, ihre Liebe bekennen und auf die Erwiderung warten. Häufiger als eine geglückte Liebesliaison wird das Scheitern der Liebe dargestellt. Schuld daran haben die Frauen, die verschlossen gegenüber den Bemühungen des anderen Geschlechts sind und auf alle Anpirschversuche mit Schweigen und Verachtung reagieren. In Paul Flemings An Anna, die Spröde wird der Fatalismus der Liebesbeziehung, das Gegenteil vom Triumph und Siegeszug der Liebe, die nur in Aussicht gestellt worden und nicht verwirklicht worden ist, bloßgelegt. Liebe wird als Gelächter der Götter geschildert, die mit den Menschen ein böses Spiel führen:

Nicht, nicht so ist mein Sinn gesinnet, /

Bei mir ist alles umgewandt. /

Ich liebe, die mir Böses gönnet, /

Ich folge der, die nicht hält Stand. /

Ich lauf, ich ruf, ich bitt, ich weine, /

Sie weicht und schweigt und stellt sich taub; /

Sie leugnets und ists doch alleine, /

Die mir mein Herze nimmt in Raub.1

Das lyrische Ich ist der „Sie“ zugetan, „Sie“ geht auf Distanz, bemerkt zwar die mühevollen und entwürdigenden sowie unritterlichen Handlungen des Mannes, der weint, bittet und ruft, nur um „Sie“ für sich zu gewinnen, aber „Sie“ ist diesen Liebesoperationen nicht erlegen. Das Sehnen nach der Gegenliebe ist a priori zu einer Niederlage verdammt, nicht wegen der Ausweglosigkeit der Beziehung selbst, sondern wegen der implizierten Charakterzügen der spröden Anna. Nicht der Mann ist für die Erfolglosigkeit der Liebesverbindung verantwortlich – es ist die Frau, die jedes Anwerben von sich abprallen lässt. Dasselbe Motiv findet sich bei Johann Christian Günther in dessen Als er seine Liebe nicht sagen durfte; es wird allerdings modifiziert; das Bemühen Flemings wird konterkariert durch den eingeschriebenen Verzicht Günthers. Das aussagende lyrische Subjekt ist sich seiner Gefühlswelt sicher, aber es kann sie nicht laut äußern:

Ich leugne nicht die starken Triebe /

Und seufze nach der Gegenliebe /

Der Schönheit, die mich angesteckt. /

Der Traum entzückt mir das Gemüte, /

So oft mir mein erregt Geblüte /

Dein artig Bild auch blind entdeckt.2

Dort Taubheit, hier Blindheit – die Liebe lässt fast alle Sinnes- und Wahrnehmungsorgane in die Irre leiten und ausschalten. Aus Ehrfurcht kann die Liebe nicht bekannt werden; die Liebe setzt das fundierte Weltgerüst außer Kraft, missachtet Konventionsregeln. Der Einzelne, der im Stillen Leidende ist nur imstande, vor sich selbst „heimlich gerne [zu] brennen“3 und das Zueinandergefühl zu bezeugen. „Die Schönheit dieser Welt“4 darf nur aus einem gewissen Abstand, im Kosmos des Schweigens, des Vakuums und des Nicht-Ausgesprochenen bewundert werden, sonst wäre der anvisierte Weltzusammenbruch nicht nur Alternative, sondern auch Wirklichkeit. Deswegen wird bei Günther die Liebe mit dem Prädikat „verworfen“ versehen, weil die Liebe den Denkapparat und die Rationalität verrückt spielen lässt:

Komm, selige Freiheit, und dämpfe den Brand, /

Der meinem Gemüte die Weisheit entwand. //

Was hab ich getan! /

Jetzt seh ich die Triebe /

Der törichten Liebe /

Vernünftiger an;5

Die „törichte Liebe“ wird mit „Falschheit“ umschrieben, die den Liebenden in den Abgrund stürzt, die Liebe selbst gleicht einem „zärtlichen Schmerz“.6 In der binären Zusammenführung von Zärtlichkeit und Schmerz verbirgt sich die kontradiktorische Kraft der Liebe, auf die unter anderem Hans Assmann von Abschatz abhebt. Die fremde Regung, so einer seiner Gedichttitel, diskutiert die Liebe als „angenehmen Schmerz“, der durch Regungen und Triebe verursacht wird: „So glaub ich, daß ich liebe.“7 Geliebt sein bedeutet, Schmerzen produzieren, lieben bedeutet, Schmerzen ertragen. Das Schmerzliche und Schmerzhafte können unterschiedliche Gestalt annehmen. In Hoffmannswaldaus Abriß eines Verliebten wird das Wehtuende mit Krankheit oder Gefangenschaft gleichgesetzt; dieser Schmerz ist jedoch ein notwendiger verspürter Schmerz: „Er ist ein Kranker, den ein sinnlich Fieber plaget […] / Ein arm Gefangener, der seine Fessel liebt“.8 Dass die Liebe nicht entgegnet wird, nimmt man in Kauf; die Absicht besteht nicht in der Er-Werbung, sondern vielmehr in der Werbung um die Frauen, denen man Tribut zollen und um ihre Gunst kämpfen sollte. Der Moment des Verliebens wird bei Hoffmannswaldau als Moment des Freiheitsverlustes präsentiert:

So soll der purpur deiner lippen /

Itzt meiner freyheit bahre seyn? /

Soll an den corallinen klippen /

Mein mast nur darum lauffen ein /

Daß er an statt dem süssen lande /

Auff deinem schönen munde strande? //

Ja / leider! […]9

Obwohl der Verliebte aufgrund der fehlenden Gegenliebe zugrunde geht, wird er bis zu seinem Lebensende diesem einmaligen Gefühl treu bleiben:

Da will / so bald ich angeländet /

Ich dir ein altar bauen auff /

Mein hertze soll dir seyn verpfändet /

Und fettes opffer führen drauff; /

Ich selbst will einig mich befleissen /

Dich gött- und priesterin zu heissen.10

Die barocke Dichtkunst bietet zwei Möglichkeiten an, um aus dieser einseitigen Liebesmisere einen Ausweg zu finden. Möglichkeit 1: zu Gott beten, damit er durch seine Macht das Herz der liebkosenden Frau erwärmt und gefügiger macht. Diese Lösungsvariante taucht in Jacob Regnarts Brennendes Herz auf, wo es in der letzten von vier dreizeiligen Strophen heißt: „Ach Gott der Lieb, laß doch ihr Herz empfinden / Dein Feuer, tu sie gen mir in Lieb entzünden, / So will dein Lob ich ewiglich verkünden“.11 Möglichkeit 2: zu Gott beten, damit er den Liebenden aus seiner verzweifelten Not rettet. Entweder mit dem Tod oder mit der Kittung des verwundeten Herzens, das wegen des abgeschossenen Cupido-Pfeils blutet. Christoph Demantius plädiert eher für die zweite Option:

Mein hertz hat sich verwirrt, /

In labyrinth verirrt /

Der inbrünstigen liebe, /

Der ich mich stetig übe; /

Cupido durch sein schießen /

Lässt mich kein gnad genießen […] /

Rett mich aus solcher not /

O Gott durch dein genad.12

Die Bilder des Liebeswerks, auf die man in der Barocklyrik stoßen kann, haben wenig gemeinsam mit der Liebe definiert als glückliches Beisammensein von zwei Menschen. Konterfeit wird vielmehr die Liebe aus der Sicht der Unmöglichkeit ihres weltlichen Bestehens, was den Rückschluss erlauben könnte: der Barock kennt die Liebe nicht. Überall dort, wo eine Liebesbeziehung problematisiert wird, überall dort wird sie als Minus-Beziehung, als Unlust taxiert. Denn wahre Gefühle bewirken nur Schmerzzustände, die man nicht zu heilen in der Lage ist.

3. Kuss

„Es gibt eine Sache, die ich gar nicht leiden kann / kommen deine feuchten Lippen zu nah an mich ran“ – singen Die Prinzen a capella in Küssen verboten. Die deutschsprachige Barocklyrik verbietet nicht das Küssen, sie gibt sogar Hinweise und Patentrezepte, wie das Kussprocedere richtig und erfolgreich zu Ende geführt werden sollte, denn das „Küssen in der Liebe“ sei deren „Quintessence“.1 In solcher lyrischen Kuss-Bedienungsanleitung wird allerdings das Küssen nicht als Vorstufe der Liebe bebildert, sondern als Widerhall und Ausdrucksmittel des gespürten und ausgelebten inneren Triebes bzw. der Leidenschaft wie in Flemings O liebliche Wangen:

O liebliche Wangen, /

Ihr macht mir Verlangen, /

Dies Rote, dies Weiße, /

Zu schauen mit Fleiße! /

Und dies nur alleine /

Ists nicht, das ich meine /

Zu schauen, zu grüßen, /

Zu rühren, zu küssen, /

Ihr macht mir Verlangen, /

O liebliche Wangen.2

Ein Küssen-Manifest, das ebenfalls von Fleming stammt, verdeutlicht die Potenz des Kusses; der richtige Kuss setzt sich aus vielen verschiedenen Handlungssequenzen oder aus der nachvollziehbaren Dosierung des Kusses zusammen. Mit anderen Worten: Küssen wurde einerseits zur techne, andererseits zur Kunst, die ihresgleichen sucht:

Nirgends hin als auf den Mund, /

Da sinkts in des Herzen Grund. /

Nicht zu frei, nicht zu gezwungen, /

Nicht mit gar zu fauler Zungen. //

Nicht zu wenig, nicht zu viel, /

Beides wird sonst Kinderspiel. /

Nicht zu laut und nicht zu leise, /

Bei der Maß ist rechte Weise.3

Der richtig ausgeführte Kuss basiert auf diversen Verhaltensmaßnahmen, im Grunde auf einem Kuss-Knigge des Barock, der zwar in Rechnung gestellt wird, der allerdings simultan dazu auch Freiheiten im Kussprozess zubilligt. In der letzten Strophe bei Fleming wird die Kusslust von den kodifizierten Ketten befreit: „Küsse nur ein jedermann, / Wie er weiß, will, soll und kann! / Ich nur und die Liebste wissen, / Wie wir uns recht sollen küssen“.4 Als Augenblickerscheinung hypostasiert wird der Kuss zum Symbol der Lust und Willenslust. Hoffmannswaldaus Zehnzeiler Auf den Mund beginnt in jedem Vers mit der Anapher „Mund!“, die das Ziel und die Intention der angepeilten Tätigkeit unterstreicht und dem ganzen Gedicht einen spezifischen Rhythmus verpasst, einen Kuss-Rhythmus von planmäßigem und fluktuierendem Küssen sowie Geküsstwerden:

Mund! der die Seelen kann durch Lust zusammen hetzen, /

Mund! der viel süßer ist als starker Himmelswein, […] /

Mund! Ach Korallen-Mund, mein einziges Ergetzen! /

Mund! laß mich einen Kuß auf deinen Purpur setzen.5

Nicht mit Gewalt wird der Kuss vom Ich genommen, er wird erbeten; der Kuss resultiert aus der beiderseitigen Erlaubnis, aus der freien Entscheidung des Küssenden und des Geküssten; zu einem Kuss kann man nicht gezwungen werden, denn eine brachiale Gewaltausübung zerstört die magische Dimension des Kusses, die letztendlich in die Wollust übergeht, um in der körperlichen Annäherung zu münden.

4. Wollust

Setzt man sich mit der barocken Liebeslyrik genauer auseinander, fällt die Diversifizierung zwischen zwei Beschreibungsformen der Wollust als solche auf. Auf der einen Seite wird die Wollust, also der körperliche Akt der Liebesvollziehung, mit rhetorischen Mitteln und Metaphern der Camouflage dargestellt, auf der anderen Seite wird die Wollust als Sex pur („ein Königreich voll Lust“1) ins Bild gesetzt, in dem die symbolische Mimikry der zarten Zuwendung zueinander durch schwülste und derbe Vergleiche sowie eine lyrische Wahrheit ersetzt wird, die nur eine Deutungsmöglichkeit zulässt. Die erste der oben erwähnten Stilrichtungen und Schreibweisen im Hinblick auf die Beschreibbarkeit der Liebesmechanik lässt sich beispielsweise in den Gedichten von Hoffmannswaldau erkennen, vor allem in dessen programmatischem Gedichtcredo mit dem eindeutigen Titel Die Wollust. Paradoxerweise fällt dort die Wollust, das gegenseitige Begehren, nicht als Drang nach sexueller Befriedigung ins Auge, sondern als Inanspruchnahme der Freiheit, die der Menschheit von der Natur kredenzt wurde. Wollust wird zum Freiheitsgedanken, zur Selbstbestimmung und Selbstkonstituierung. Allerdings werden die autonomen Selbstverdinglichungsversuche durch das geltende Gesetz gestört und zunichte gemacht; eine Stigmatisierung des Ich macht sich breit:

Nur das Gesetze will allzu tyrannisch sein. /

Es zeiget jederzeit ein widriges Gesichte, /

Es macht des Menschen Lust und Freiheit ganz zunichte /

Und stößt für süßen Most uns Wermuttropfen ein. /

Es untersteht sich, uns die Augen zu verbinden /

Und alle Lieblichkeit aus unsrer Hand zuwinden.2

Dabei geht es Hoffmannswaldau nicht um die Überwindung der herrschenden Gesetzgebung, sondern um den bloßen Vollzug der Naturgesetze, die die Wollust zulassen:

Es schaut uns die Natur als rechte Kindern an, /

Sie schenkt uns ungespart den Reichtum ihrer Brüste, /

Sie öffnet einen Saal voll zimmetreicher Lüste.3

Aus der Klarheit der Worte wird eine Metaphernwelt der Wollustsymbolik erbaut; die Konstruktion der heilen Welt der Gelüste ist als Gegenpart zu der zerstörten – der 30-jährige Krieg – Außenwelt des 17. Jahrhunderts zu deuten. Nur die Wollust kann man dieser infernalischen Welt-Hölle auf Erden entgegensetzen:

Die Wollust bleibet doch der Zucker dieser Zeit, /

Was kann uns mehr denn sie den Lebenslauf versüßen? /

Sie lässet trinkbar Gold in unsre Kehle fließen /

Und öffnet uns den Schatz beperlter Lieblichkeit. /

In Tuberosen kann sie Schnee und Eis verkehren /

Und durch das ganze Jahr die Frühlingszeit gewähren.4

Nicht zufällig wird in der letzten Zeile der einleitenden Strophe auf den Frühling hingewiesen, der in der Regel als Erwachen, als Erneuerung und Wiederauferstehung interpretiert wird. Die Wollust offenbart sich bei Hoffmannswaldau als endlose Frühlingszeit des permanenten Aufblühens, sie sei durch Unvergänglichkeit gekennzeichnet, weil sie nicht an die historischen oder politischen Außenumstände gekoppelt ist und nicht von ihnen abhängt im Gegensatz zu der Vergänglichkeit der Lust wie in Verliebte Aue, wo die Lust aus dem Geisteszustand des liebenden Betrachters herausgelotet und mit dem Wahrnehmungshorizont der „Gegenwärtigkeit“ kombiniert wird.5

Gegen die Verbote, die die Welt, die Herrschaftsordnung und die Moralapostel aufwerfen und dem Menschen oktroyieren, zieht auch Philipp von Zesen ins Feld. In Zugelaßene Liebes-uͤbung wird der Kontrast zwischen der „schoͤnen Seele“ und der „bloͤden welt“ veranschaulicht.6 Die „bloͤde welt“ quält die Menschen, nur mit „wohl-lust“ kann man dem Eindringen dieser Welt in die persönliche Lebens- und Liebessphäre der Menschen Einhalt gebieten:

Sie setzt den lastern straks zur seiten /

das allerliebste Lebens-licht /

und weil sie fluͤht die liebligkeiten /

lebt sie auch selbst im leben nicht. […] //

Auf! laßst die augen laͤchlend fechten /

uͤmhalset / schertzet / hertzt und kuͤsst /

und spielt auch selbst bei allen naͤchten /

was fuͤr ein spiel euch mehr geluͤst. //

Besucht aus suͤßen rasereien /

das edle volk der liebes-lust /

das euch im kummer kan erfreuen /

und letzet lippen / hand und brust.7

Das Konzept der „Liebes-uͤbung“, die bei von Zesen noch aus „suͤße[m] sinnen-pein“8 zusammengerührt wird und auf dem Konkurrenzkampf mit der Welt beharrt, wird bei Celander nicht nur relativiert, sondern erfährt eine weitgehende Umgestaltung und Verschärfung. Celander kann man als Vertreter der anderen der zwei anfangs angedeuteten barocken Stilistiken klassifizieren, die das ummantelnde Herumgerede um die Sexualität durch ein Sex-Handeln substituiert und enttabuisiert haben. Die metaphorisch umhauchte Ausdrucksweise eines Hoffmannswaldau, die an einen Sinnesleser adressiert ist, spielt bei Celander, der für die späte Phase des Barock steht, keine signifikante Rolle mehr. Mit Tollkühnheit verwandelt er die symbolische Magie der Worte in symbolische Magie der Taten, die häufig sich an der Grenze zur Perversität bewegen und die die Fragilität des Sexualitätsbewusstseins, das nicht ausgesprochen worden ist, infrage stellen.

Celanders Lyrik ist nicht metaphernfrei; mehr noch, sie ist eher metaphernreich, aber dieser Reichtum speist sich nicht aus der Palette von ausgeklügelten uneindeutigen Gleichnissen, sondern aus der Direktheit des Vergleichs.

Und nimm die Perlen-Milch in deine Muschel ein; /

Groß Schade / daß sie wird so liederlich versprützet /

Da wo sie keiner Schooß / auch nicht den Tüchern nützet.9

– heißt es in Als einer im Schlaff verschwenderisch gewesen. Die „Perlen-Milch“, mit der der männliche Samen gemeint ist, soll von der Muschel, der Vagina einer Frau, aufgenommen werden, um ihn nicht sinnlos zu verschwenden. Die Frauengestalt wird nicht höfisch angehimmelt im Sinne einer Liebesminne, sondern sie wird als Spermienrestposten und Spermienlager betrachtet:

Ach stelle doch mein Kind die Sprödigkeit nur ein! /

Laß deine Muschel mir nicht mehr verschlossen seyn /

Eröffne ihren Helm die Nahrung zu empfangen /

Wo in dem Liebes-Thau / die Anmuths-Perlen prangen.10

Celander stellt eine eigenwillige Werbungsart eines Mannes dar, der die Frau nicht mit Rosen zur Durchführung des Liebesaktes überzeugen will, sondern mit ‚nackten‘ Tatsachen, die körperlichen Couleurs sind:

Vergönne mir hinfort in deinem Schosse Platz /

Und laß den Liebes-Thau daselbsten sich ergiessen /

Wo er mit größrer Lust wird als im Schlaffe fliessen. /

Dein dürrer Acker wird alsdenn von Wollust feist /

Die Brüste härten sich / die Lust entzückt den Geist; /

Die Anmuth / die durchdringt des gantzen Leibes-Glieder /

In Lachen steigt man ein / mit Kitzeln kommt man wieder.11

Der auf diese Weise vorteilhaft beschriebene Geschlechtsverkehr für den Mann als auch für die Frau hat nur Vorzüge. Wenn in Johann Christian Günthers An seine Schöne der Liebesverzehr noch vor der Folie einer schönen Landschaft in Gang gesetzt wird und sich ereignen soll („Die Nacht ist unsrer Lust bequem, / Die Sternen schimmern angenehm / Und buhlen uns nur zum Exempel; / Drum gib mir der Verliebten Kost, / Ich schenke dir der Wollust Most / Zum Opfer in der Keuschheit Tempel“12), dann wird bei Celander der Außenraum der Natur, der willig machen soll, durch den Innenraum der zwischenmenschlichen Beziehung abstrahiert, in dem nicht die Natur das Sagen hat, sondern der Mensch allein mit seinem Tonfall und seiner Überzeugungskraft. Sexualität wird demzufolge nicht durch die Umwelt beeinflusst, sondern durch eine In-Welt, in der es nicht auf Wortklauberei, Sentimentalität und kitschige Schwülstigkeit ankommt, stattdessen nur auf die Wahrheit und Ungezähmtheit des Wortes: „So soll das Liebes-Safft mit süssen Quellen fliessen. / Und sich mit vollem Strohm in deine Muschel giessen.“13 Dass Celanders Gedichte – Celander ist ein Pseudonym, man nimmt an, dass sich hinter ihm Johann G. Gressel versteckte –, die 1716 in Leipzig bei Christian Liebzeit unter dem Titel Verliebte-Galante erschienen sind, frivol anmuten, liegt klar auf der Hand. Vom heutigen Standpunkt aus könnte man sie entweder als höchstmodern einschätzen, oder man könnte sie auch als billige Trivialware abtun, die auf die massive Schockierung der Leserschaft aus war. Ein lyrischer Softporno im barocken Duktus.

Das Pornohaftige in den Gedichten Celanders ist jedoch nicht auf die von ihm vorgestellten Sexszenen zurückzuführen, sondern auf den verwendeten Wortschatz, der sich in einem Unkonvergenz-Verhältnis zu der lyrischen Sprache befindet. Celanders Sprachgenuss wird nicht durch rhetorische Feinheiten getragen; er bildet vielmehr eine eigene sprachliche (F)Einheit des Obszön-Normalen, weil er Handlungen ans Licht bringt, die in dieser eindrücklichen und bestechlichen Beschreibungsform bis dato nicht vorhanden waren. Celanders lyrische Gemälde sind zwar konstruiert, in seinen Gedichten kommen immer wieder Wiederholungen, repetierende Reimschemata oder iterative Wortgruppen vor, aber diese lyrische Komposition scheint gewollt zu sein, denn erst dank der Wiederholung des Gegebenen wird die sexuelle Thematik und deren textliche Handhabung vervollständigt. Das Metrum und der Zeilenaufbau von Celanders Gedichten gleicht dem Rein-Raus-Modus des sexuellen Aktes. Auch dort, wo der Gedichtanfang eher einen harmlosen Liebesstoff vermuten lässt, findet später eine Explosion von sexuellen Anspielungen statt. Lieben und geliebet werden ist das höchste Vergnügen zeigt diese Entwicklung von zarter Zuneigung über Fokussierung auf die Äußerlichkeiten/Körperlichkeiten bis hin zu den für Celander so charakteristischen Muscheln:

Was ist Vergnuͤglichers im gantzen Rund der Erden, /

Als Lieben / und zugleich mit Ernst geliebet werden? /

Was ist annehmlichers als ein ambrirter Kuß? /

Den reine Liebe schenckt aus innerm Hertzen-Fluß /14

Nach diesen Anfangsversen folgt der sich einschleichende Übergang zur Sexbegegnung:

Was ist erquickender als schoͤne Brust-Granaten /

Worinnen Milch und Blut zur Küehlung hingerahten? /

Was ist bezaubernders als der gewöelbte Schooß? /

Der uns entzuͤcket, macht der satten Sinnen loß. /

Was ist verzuckerter als feuriges Umhalsen, /

Das Honig-Kuchen macht aus bittern Wermuths-Salsen. /

Was ist anmuhtiger als ein polirter Leib /

Von zarten Helffenbein zur Naͤchte Zeit-Vertreib? /

Was ist gewuͤnscheters als Leib an Leiber leimen /

Und feuchten Perlen-Thau in Liebes-Muscheln schaͤumen? /

Was ist entzuͤckender als in der Muschel ruhn, /

Wo Lust und Kitzelung der Wollust-Thor auf thun?15

Der Perzeptionsblickwinkel von Celander ist männlich, das sexuelle Beisammensein ist in Wirklichkeit ein Samen-Sein, eine Samen-Ergießung. Sexuelle Vorlieben der Frauen werden außer Acht gelassen, die ganze Zeit geht es nur um die Einzelbefriedigung des männlichen Egos. Aus der maskulinen Perspektive reicht es nur zu lachen, zu grinsen und zu sprechen, um der Frau das Ja-Wort zum Koitus zu erzwingen wie in Als Mirando die kleine untersetzte Fulvine bey sich wegwatzscheln sahe:

Du kleines dickes Pumpelmeisgen, /

Du bist gewiß sehr artig ausgeschmückt, /

Ach! laß mich in dein Vogelhäusgen, /

Eh mir der Liebes-Safft entrückt, /

Warumb wilst du vor meinem steiffen Stehen /

So schleunig gehen? […] /

Ich will dir nichts weiter thun, /

Als nur ein kurtzes Viertel-Stündgen /

In deinem Vögelhäusgen ruhn.16

Was die Frauen gebrauchen würden, sind in Celanders Optik ein „steiffer Mann“ (An Sambretten, als sie blaß sahe), der das bleich gewordene Fräulein wieder erröten lässt: „Nimm mich ein eintzigmahl die Woche mit zu Bette, / Solst du bald wieder roth (geh nur den Vorschlag ein), / Ja, ja, weit schöner noch, als wie vor dessen seyn.“17 In anderen lyrischen Texten wird das weibliche Geschlechtsteil als ein „schoͤne[r] Port“ (Man will die mannsüchtige Talestris im Bette sehen)18 im „Marmor-Meer der Lust“ (Arismene verweiset ihm seine Dreistigkeit)19 beschrieben, in den man sein „Liebes-Schiff“ lenken kann (Man will die mannsüchtige Talestris im Bette sehen)20, die Brüste sind dagegen „feurge Rubinen“ (Auf ihre Bruͤste)21, die dem Mann Vergnüglichkeiten bereiten: „Die Brüste bleiben doch der Liebe schönstes Ziel“22; die Frauen sollten ihre Vorteile klar an den Tag legen und sie nicht vor den Männeraugen verstecken:

Mein Kind / sey doch so bloͤde nicht /

Laß deinen Busen offen /

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