Kitabı oku: «Fachbewusstsein der Romanistik»

Fachbewusstsein der Romanistik
Romanistisches Kolloquium XXXII
Lidia Becker / Julia Kuhn / Christina Ossenkop / Anja Overbeck / Claudia Polzin-Haumann / Elton Prifti
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
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ISBN 978-3-8233-8418-2 (Print)
ISBN 978-3-8233-0242-1 (ePub)
Inhalt
Einleitung
I. Theorien und MethodenSelbstdarstellungen der Romanistik während der Gründungsphase, um 1900 und nach 19881 Die Aufgaben der philologischen Arbeit2 Klassische Philologie und Romanistik3 Die Romanistik im Gefüge der Universitäten des 19. Jahrhunderts4 Romanische Sprachwissenschaft in der Anfangsphase der Romanistik5 Die Blüte der Romanistik vor dem Ersten Weltkrieg6 Die Romanistik zwischen den beiden Weltkriegen7 Neuanfang der Romanistik in Deutschland und Österreich nach 19458 Der Umbruch der Romanistik in den sechziger Jahren9 Neue Lexika der Romanistik am Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert10 Die Rolle der Summae Romanisticae in der WissenschaftsgeschichteBibliographieLa valeur méthodologique des quatre axiomes constitutifs de l’analyse philologique des langues romanesAxiome n° 1: Les langues romanes ne proviennent pas du latin classique, donc le latin comme il nous a été transmis dans sa forme écrite. (principe d’oralité)Axiome n°2 : L’origine des langues romanes n’est pas monogénétique, c’est-à-dire qu’il n’existe pas une langue d’origine. (principe d’hétérogénéité)Axiome n°3 : Avant que les langues romanes existent, il y avait seulement des variétés romanes se développant constamment dans l’espace géographique (dialectes, « patois »). (principe d’aréalité)Axiome n°4 : Les langues romanes se sont constituées dans un processus complexe de diversification normative. (principe de standardisation)BibliographieVon sprachlich korrekt zu politically correct1 Einleitung2 Zur Begriffsgeschichte der political correctnessExkurs3 Situierung der political correctness im Diasystem der Sprache4 Fallbeispiel: Feminisierung5 SchlussbetrachtungLiteraturNotizen zu einer historisch-vergleichenden kognitiven Grammatik1 Einleitung2 Kognitive Linguistik: Bestimmung und Kontextualisierung3 Kognitive Linguistik und junggrammatische Sprachpsychologie: Alter Wein in neuen Schläuchen?4 Programm einer erneuerten historisch-vergleichenden kognitiven Grammatik5 Romanische Zeigeaktkonstruktionen in historisch-vergleichender Perspektive: Der Fall <ECCE TIBI NP>6 AusblickLiteratur„Zentrale“ und „randständige“ Gebiete in der Romanistik? Die Beispiele Sprachkontakt, Mehrsprachigkeit und Kreolsprachen 1 Einführung2 Publikationen3 Qualifikationsschriften4 Drittmittelprojekte5 Fachtagungen6 Denomination von Professuren. Bachelor- und Masterstudiengänge7 SchlussbetrachtungVerwendete QuellenMethodologische Probleme in der romanischen Sprachwissenschaft1 Einleitung2 Methodologische Probleme und ihre Folgen3 SchlussLiteratur
II. Universitäres Romanistik-StudiumSprachenvielfalt schützen – Mehrsprachigkeit(sdidaktik) einfordern1 Fragen an unser Fach, die Romanistik2 Vorschläge zur Integration verschiedener Sprachen in die universitäre Lehre3 Curriculare Einbettung der Mehrsprachigkeitsdidaktik – ein DesideratLiteraturSoll der wissenschaftliche Nachwuchs Lateinkenntnisse haben? – Bemerkungen zu Pro- und Contra-Standpunkten1 Einleitung2 Pro-Perspektive3 Überlegungen zu einer Reform des Lateinunterrichts für Romanistikstudierende4 Contra-Perspektive5 ConclusioLiteraturWebverzeichnisRomanistik nach Bologna? Zum Nachdenken über zukünftige Positionen der romanistischen Sprach- und Kulturwissenschaften1 Zeiten des Nachdenkens2 Mehr Fragen als Antworten3 Fragmente einer Situationsbeschreibung4 Folgen für das Fach?5 Statt einer SchlussbetrachtungLiteraturQuo vadis, Romani(stic)a? Das romanistische Lehramtstudium heute1 Einführung2 Wodurch definiert sich eine ‚gute‘ Fremdsprachenlehrkraft?3 Die Vorgaben der KultusministerkonferenzLiteratur
III. PerspektivenGedanken zu möglichen Konturen einer „engagierten“ romanischen SprachwissenschaftLiteraturFacheinheit vs. Auseinanderdriften der romanischen Sprachwissenschaft1 Auseinanderdriften? Die veränderte Landschaft der Studienstandorte und -angebote2 Was trennt (manchmal)?3 Was eint, was muss einen?4 Schlussfolgerungen für den Erhalt von Facheinheit und -bewusstseinLiteraturRomanische Philologie – Eintrittskarte in eine superdiverse Welt?1 Einführung2 Status Quo der Post-Bologna-Romanistik3 Herausforderungen für das Fach4 FazitBibliographieInterkulturelle Sensibilität als romanistische Kernkompetenz1 Einführung2 Zur Diskussion um eine Vollromanistik3 Der Bildungsauftrag der romanistischen Lehre4 Interkulturalität in der romanistischen Lehre5 FazitLiteraturAnhang: Stellenwert der interkulturellen Ausrichtungen innerhalb der deutschen RomanistikFAIRness weist den Weg – von der Romanischen Philologie in die Digital Romance Humanities1 Vorbemerkung2 Wissenschaftkommunikation im Internet3 Ein lexikographisches Beispiel – aus Anlass neuerer Arbeiten zu den galloitalischen Orten in Sizilien3.2 Jenseits aller FAIRness3.3 Mit FAIRness in die Zukunft4 Epilog zum LEILiteraturFortschritt durch Interdisziplinarität1 Gesellschaftliche Relevanz der Romanistik – Begründung für und Ergebnis von Interdisziplinarität2 Interdisziplinarität innerhalb der Romanistik3 Angewandte interdisziplinäre Forschung in der romanistischen Linguistik4 SchlusswortLiteratur
Kapitel
Einleitung
Das XXXII. Romanistische Kolloquium, das vom 15. bis zum 17. Juni 2017 an der Leibniz Universität Hannover veranstaltet wurde, widmete sich dem Thema „Fachbewusstsein der Romanistik“. In Zeiten der fortschreitenden Ökonomisierung und der einseitig verstandenen „Internationalisierung“ der universitären Forschung und Lehre, die sich in den beiden ersten Jahrzehnten des 21. Jh. vor allem durch substantielle Stellenkürzungen auf das Fach Romanistik ausgewirkt haben, muss die Frage „Quo vadis, Romani(stic)a?“ neu gestellt werden. Die hier zu präsentierenden Antworten darauf lassen sich schwerpunktmäßig drei Themenblöcken zuordnen: Theorien und Methoden, Romanistik-Studium und Zukunftsperspektiven des Faches. Den roten Faden, der sich durch die Mehrheit der Texte zieht, bilden Überlegungen zum Sinn und Zweck der sogenannten „Voll-„ bzw. „Mehr-Fach-Romanistik“ und zum heutigen Selbstverständnis der romanischen Sprachwissenschaft. Weitere Schwerpunkte betreffen „zentrale“ und „randständige“ Gebiete der Romanistik, den Stellenwert identitätsstiftender Wissenschaftsdiskurse, eine Verzahnung zwischen der Romanistik und der Politik, den Ist-Zustand der romanistischen Studierendenschaft, das methodische Verbesserungspotenzial sowie die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Engagements seitens der Fachvertreter*innen. Der vorliegende Band versammelt die in Hannover gehaltenen Vorträge, Impulsreferate im Rahmen der Diskussionsrunden „Was soll der romanistische Nachwuchs können?“ und „Vollromanistik: Pro und Contra“ sowie zwei ergänzende Beiträge von Johannes Kramer und Georg Kremnitz.
Der Beitrag von Johannes Kramer, „Selbstdarstellungen der Romanistik während der Gründungsphase, um 1900 und nach 1988“, bietet einen fachgeschichtlichen Einstieg und vergleicht Meilensteine der romanistischen Forschung von den Anfängen bis heute. Die Gründerväter der Romanistik beschäftigten sich zunächst mit älteren Texten aus hermeneutischer Perspektive und hielten die Nähe zur klassischen Philologie sowie die Einheit von Sprach- und Literaturwissenschaft für selbstverständlich. Am Anfang des 20. Jh., in der Blütezeit der historisch-vergleichenden Romanistik, wurde eine Synthese der bereits umfangreichen Forschungsergebnisse in einer Reihe großangelegter Einführungswerke und Handbücher geleistet. Zwischen den beiden Weltkriegen wurde das Fach auf das Essentielle reduziert, ein Neuanfang gelang erst in den 60er Jahren des 20. Jh. Der Übergang vom 20. zum 21. Jh. zeichnete sich erneut durch romanistische Großprojekte wie das Lexikon der romanistischen Linguistik und die Romanische Sprachgeschichte aus. Das aktuelle romanistische Großunternehmen, die Reihe Manuals of Romance Linguistics, behandelt eine prinzipiell offene Menge von romanistischen Teilgebieten und übertrifft somit in seinem Anspruch und Umfang die früheren Summae Romanisticae, wobei das Deutsche als Publikationssprache nicht mehr zugelassen ist.
Ulrich Hoinkes stellt im Beitrag „La valeur méthodologique des quatre axiomes constitutifs de l’analyse philologique des langues romanes“ die folgenden vier Grundprinzipien der romanischen Sprachwissenschaft zur Diskussion: Die romanischen Sprachen gehen auf das gesprochene „Vulgärlatein“ zurück (Prinzip der Mündlichkeit); die romanischen Sprachen stammen nicht nur von einer, sondern von mehreren Sprachen ab (Prinzip der Heterogenität); die romanischen Sprachen haben sich aus protoromanischen Varietäten (Dialekten) im geographischen Raum kontinuierlich weiterentwickelt (Prinzip der Arealität); die romanischen Sprachen sind in einem komplexen Prozess der normativen Ausdifferenzierung entstanden (Prinzip der Standardisierung). Obwohl bereits dargelegt wurde, dass das „Vulgärlatein“ ein Konstrukt ist, fällt ein Abschied von diesem identitätstiftenden Konzept schwer, wie der Autor feststellt. Auch das Prinzip der Heterogenität, das dem bekannten romanistischen „Dia-Modell“ der „Spracharchitektur“ mit diatopischen, diastratischen, diaphasischen und diamesischen Varietäten zugrundeliegt, birgt Gefahren, wenn es unkritisch weiter tradiert wird. Das Prinzip der Arealität, dass mit der Sprachgeographie seine Blüte erfahren hat, sollte einer differenzierten historisch-sozial-kulturellen Betrachtung des Sprachraums weichen. In Bezug auf das Prinzip der Standardisierung schlägt der Autor eine auf Mündlichkeit basierende Standardologie vor, die im Unterschied zur diasystematischen Variation innersprachliche Nivellierungsprozesse in den Fokus rücken und die Dynamik sowie die sozial-normative Dimension der Standardisierungsprozesse berücksichtigen sollte.
Antje Lobin widmet sich im Beitrag „Von sprachlich korrekt zu politically correct. Normkonzepte im Wandel und Implikationen für die italienische und französische Sprachdiskussion“ einem kontrastiven Vergleich der Entwicklung und des Status quo der genderneutralen Sprache in Frankreich und Italien. Diese Form des politisch korrekten Gebrauchs wird sowohl in der Forschungsliteratur zum Italienischen als auch in derjenigen zum Französischen mehrheitlich negativ bewertet. Unterschiede lassen sich zum einen bei den Einstellungen der allgemeinen Bevölkerung gegenüber staatlichen Eingriffen in die Sprachnorm feststellen (Skepsis in Italien vs. Akzeptanz in Frankreich) und zum anderen bei den Positionen der beiden traditionsreichen Normierungsinstitutionen, der Accademia della Crusca, die sich inzwischen gegenüber der Feminisierung im institutionellen Kontext offen zeigt, und der Académie française, die den inklusiven Formen nach wie vor eine Absage erteilt. Die Autorin plädiert für ein Engagement der Romanistik zum Zweck einer umfassenden Deutung gesellschaftlicher Dynamiken rund um die Sprachnorm.
Felix Tacke rekonstruiert im Beitrag „Notizen zu einer historisch-vergleichenden kognitiven Grammatik“ die Geschichte der Sprachpsychologie, die im junggrammatischen Programm ihren Ursprung nahm und innerhalb der Romanistik mehrfach aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Am Beispiel des morphosyntaktischen Wandels von Zeigeaktkonstruktionen stellt er heraus, dass der sprachpsychologische Ansatz die Prämissen der aktuell einflussreichen Cognitive Linguistics US-amerikanischer Prägung vorweggenommen hat, während die modernen kognitivistischen Ansätze aber auch wichtige Aktualisierungen bereitstellen. Der Autor spricht sich für eine reflektierte und traditionsbewusste Synthese der junggrammatischen Sprachpsychologie mit den neueren kognitivistischen Modellen aus, um einen interpretatorischen Beitrag zum historisch-vergleichenden Studium der Grammatik der romanischen Sprachen zu leisten.
Silke Jansen und Alla Klimenkowa gehen im Beitrag „‚Zentrale‘ und ‚randständige‘ Gebiete in der Romanistik? Die Beispiele Sprachkontakt, Mehrsprachigkeit und Kreolsprachen“ der Frage nach, welche Rolle die Themenfelder Sprachkontakt, Mehrsprachigkeit und Kreolisierung im romanistischen Fachkanon gespielt haben. Sie stellen fest, dass obwohl die Beschäftigung mit mehreren Sprachen seit je zum Wesenskern der romanischen Sprachwissenschaft gehört hat, bis zur Jahrtausendwende die Erforschung romanischer Standardsprachen aus eurozentrischer Perspektive richtungsweisend war. Anhand reichen Datenmaterials zu Publikations- und Tagungsaktivitäten, Qualifikationsarbeiten, DFG-Forschungsprojekten, Stellenausschreibungen und Schwerpunktsetzungen bei Masterstudiengängen zeichnen die Autorinnen nach, dass aufgrund der gesellschaftlichen Relevanz von Themen wie Migration und Mobilität, Schutz der Minderheitenrechte, Globalisierung und Postkolonialismus die einstigen Randgebiete sich inzwischen zu einem hochdynamischen Feld innerhalb der Romanistik entwickelt haben.
Carsten Sinner behandelt im Beitrag „Methodologische Probleme in der romanischen Sprachwissenschaft. Über fehlendes Varietätenbewusstsein, Verallgemeinerungen und Mängel in der Quellennutzung“ einige wesentliche Probleme der sprachwissenschaftlichen Auseinandersetzung aus der varietätenlinguistischen Perspektive: die Frage nach den Ebenen des innerromanischen Vergleichs bzw. die bei Aussagen zu verschiedenen Varietäten einer Sprache anzusetzenden Vergleichsebenen, u.a. die Frage nach der Abgrenzung von Idiolekt, Soziolekt und Funktiolekt, die Überbewertung des eigenen Idiolektes, Verallgemeinerung von Forschungsergebnissen sowie das Problem des sorglosen Umgangs mit Quellen und Ergebnissen anderer Studien. Eine Schieflage sieht der Autor ferner in der unkritischen Orientierung mancher Romanist*innen an den Postulaten der allgemeinen und der angloamerikanischen Sprachwissenschaft. Obwohl hinsichtlich der methodischen Sorgfalt Verbesserungspotenzial besteht, zeigen romanistische Untersuchungen aus romanischen Ländern und aus dem deutschsprachigen Raum eine stärkere Sensibilisierung für varietätenlinguistische Fragestellungen als US-amerikanische und englische Autor*innen aus denselben Fachgebieten oder Vertreter*innen der Germanistik und der allgemeinen Sprachwissenschaft.
Der Beitrag von Sylvia Thiele „Sprachenvielfalt schützen – Mehrsprachigkeit(sdidaktik) einfordern“ leitet den Abschnitt zum universitären Romanistik-Studium ein. Die Autorin setzt sich dafür ein, dass methodische Ideen zur rezeptiven Mehrsprachigkeit stärker in den Vordergrund gerückt werden, vor allem in Bezug auf romanische Klein- und Minderheitensprachen, und über den romanischen Sprachraum hinaus kultur- und sprachübergreifend, auch im Hinblick auf genetisch nicht verwandte Idiome Gebrauch finden sollten. Die Aufgabe mehrsprachiger Lehrender bestehe darin, Lernende für eine solche analytisch-didaktische Arbeitsweise zu sensibilisieren. Diese Kompetenzen sollten im ‚mehrsprachigen Klassenzimmer‘ an Schulen und Universitäten, u.a. auch in internationalen Studiengängen, eingeübt werden.
Die von Sandra Herling und Holger Wochele aufgeworfene Frage „Soll der wissenschaftliche Nachwuchs Lateinkenntnisse haben? – Bemerkungen zu Pro- und Contra-Standpunkten“ stellt bereits seit einigen Jahrzehnten einen Stein des Anstoßes in der Romanistik dar. Der Beitrag systematisiert die Argumente von Latein-Befürworter*innen, die einschlägigen romanistischen Publikationen entnommen sind, sowie von Latein-Gegner*innen am Beispiel der Debatte in Nordrhein-Westfalen über die Abschaffung des Latinums für Lehramtsstudiengänge. Ferner stellen die Autorin und der Autor die Frage nach der Angemessenheit der aktuell während des Universitätsstudiums erteilten ‚Crash‘-Latinumskurse. Auch ein Blick auf die Ausrichtung einzelner Studiengänge an Romanischen Seminaren Nordrhein-Westfalens zeigt, dass historische Inhalte, die Lateinkenntnisse voraussetzen würden, kaum mehr Berücksichtigung finden. Angesichts der sich wandelnden Studiengangs- und Forschungslandschaft erscheint eine Abschaffung der Latinumspflicht nachvollziehbar.
Alf Monjour stellt im Beitrag „Romanistik nach Bologna? Zum Nachdenken über zukünftige Positionen der romanistischen Sprach- und Kulturwissenschaften“ das Postulat der „Vollromanistik“, d.h. des Fachzuschnitts nach den Kriterien der historischen-vergleichenden Sprachwissenschaft, zur Debatte. Möglicherweise hat gerade dieser derzeit einzigartige Zuschnitt der romanistischen Fremdsprachenphilologie zu den Stellenkürzungen beigetragen, da wenige Professuren nach wie vor viele romanische Sprachen vertreten können. Der Ist-Zustand der Studierendenschaft am Beispiel eines mittelgroßen romanistischen Instituts an der Universität Duisburg-Essen lässt erkennen, dass die Mehrheit der Studierenden sowohl in den Lehramts- als auch in den Fachstudiengängen nur ein romanistisches Fach (Französisch oder Spanisch) belegen. Die Tatsache, dass zahlreiche Studierende bedingt durch aktuelle Migrationsbewegungen mehrsprachig sind, aber in der Regel nur eine romanische Sprache und kein Latein beherrschen, kann nicht ohne Folgen für das Fach und die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses bleiben. Die Konzentration der Romanist*innen auf die eine Zielsprache und die eine Zielkultur nicht nur in der Lehre, sondern auch in der Forschung scheint immer mehr überlebensnotwendig zu sein. An größeren Instituten dürfte die Möglichkeit einer Koexistenz romanistischer Komparatist*innen und einzelsprachlicher Sprach- und Kulturwissenschaftler*innen hingegen auch in Zukunft gegeben sein.
Aline Willems beschäftigt sich im Beitrag „Quo vadis, Romani(stic)a? Das romanistische Lehramtsstudium heute“ mit den Anforderungen an die Studierenden der romanistischen Lehramtsstudiengänge. Mit diesem Ziel untersucht sie die curricularen Vorgaben der Kultusministerkonferenz, die in den Prüfungsordnungen und Modulhandbüchern berücksichtigt werden müssen. Diese umfangreichen Vorgaben, unterteilt in fünf Studienbereiche Sprachpraxis, Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft sowie Fachdidaktik, wurden im Jahr 2017 darüber hinaus um das Themenfeld Inklusion ergänzt. Die Autorin stellt abschließend die Frage, ob dermaßen umfängliche Standards mit der Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre sowie mit den allgemeinen Grundsätzen von Universitäten überhaupt vereinbar sind, so dass eine Rückkehr zu Pädagogischen Hochschulen bedacht werden sollte.
Der Abschnitt zu den Perspektiven des Faches Romanistik wird mit „Gedanken zu möglichen Konturen einer ‚engagierten‘ romanischen Sprachwissenschaft“ von Georg Kremnitz eingeleitet. Unter „Engagement“ versteht der Autor ethische Mindestanforderungen für wissenschaftliche Arbeiten und das Bewusstsein der Verantwortung für die Forschungsfolgen. Als Beispiel aus der Soziolinguistik nennt er die Auseinandersetzung zwischen den Vertreter*innen der Defizit- (Basil Bernstein) und Differenzhypothesen (William Labov), die einen erheblichen Einfluss auf die Unterrichtspraktiken in den westlichen Industriestaaten hatte, ohne jedoch das gewünschte Ziel – die sozialen Chancen der Unterschichten zu verbessern – erreichen zu können. Für ein vergleichbares Engagement in der Sprachwissenschaft, das humanistisch geleitet ist und sprach- bzw. bildungspolitische Reformen herbeiführen soll, empfiehlt der Autor entsprechend eine konsequent politisch denkende Vorgehensweise. Am zweiten Beispiel der unterschiedlichen Zählweisen der Sprachen zeigt er auf, welche Folgen die fragmentierenden und die synthetisierenden Darstellungen für die kommunikative Bedeutung der entsprechenden Varietäten haben können. Die Mindestvoraussetzung für soziolinguistische Forschung, insbesondere für die Beschäftigung mit Minderheitensprachen, ist folglich eine genaue Kenntnis der sozialen, politischen und sprachlichen Situation sowie eine eigene politische Positionierung.
Matthias Heinz reflektiert im Beitrag „Facheinheit vs. Auseinanderdriften der romanischen Sprachwissenschaft“ am Beispiel der Salzburger Romanistik über divergente und konvergente Entwicklungen innerhalb des Faches. Zunächst macht er auf fehlende Vergleichbarkeit zwischen kleineren und größeren Instituten sowie auf die stark aufgefächerten Fachmasterstudiengänge neben den klassischen Lehramtsstudiengängen aufmerksam. Neue Kombinationsstudiengänge wie Romanistik und Wirtschaft wurden zuletzt an mehreren Standorten, auch in Salzburg, gegründet. In der Forschung stehen die Vertreter*innen der allgemeinen und theoretischen Linguistik mit einem geringen Bezug zum Proprium des Faches den Romanist*innen traditioneller Prägung mit philologischen und sprachhistorischen Interessen gegenüber. Doch in vielen Fällen kommt es zu einem fruchtbaren Austausch, so dass unterschiedliche Sichtweisen auf Sprache sich ergänzen können. Um die Einheit des Faches zu bewahren, empfiehlt der Autor eine Reihe von Strategien: Allianzen mit der Slawistik, Skandinavistik und Latinistik, aber auch mit der Germanistik und Anglistik suchen; das Potenzial des komparatistischen Ansatzes ausschöpfen; Zusammenarbeit mit Romanistik-Instituten an anderen Universitäten fördern; die der Romanistik inhärente Internationalität nutzen; den Nachwuchs aus neuen Kombinationsstudiengängen gewinnen; wissenschaftliche Kommunikation auf Deutsch, in romanischen Sprachen und auf Englisch führen und den Mehrwert der Romanistik im Vergleich zur Linguistik tout court herausstellen (dazu gehört ein besonderes Verhältnis zur Sprachgeschichte, zum Sprachenvergleich und zur Variation).
Eva Martha Eckkrammer stellt im Beitrag „Romanische Philologie – Eintrittskarte in eine superdiverse Welt?“ die Frage nach adäquaten Bildungsinhalten sowie nach dem Stellenwert des Faches in der globalisierten und superdiversen Welt. Zum Einstieg diskutiert sie die aktuelle Situation der Romanistik in der Post-Bologna-Zeit auf der Grundlage einer Vollerhebung des Deutschen Romanistenverbandes e.V. im Studienjahr 2014/2015. Inzwischen hat eine flächendeckende Umstellung auf romanistische Monobachelor-Angebote stattgefunden, die als Folge der starren ECTS-Zähllogik gesehen werden kann. Genuine romanistische Studiengänge mit mindestens zwei romanischen Sprachen sind an nur wenigen Standorten vertreten, häufig beschränken sich diese entweder auf die Sprach- oder die Literaturwissenschaft. Ein weiteres Novum stellen zahlreiche mit anderen Fächern kombinierte Studiengänge dar. Obwohl gerade in Zeiten der Superdiversität und der EU-Erweiterung der Umgang mit Mehrsprachigkeit und Heterogenität eine Schlüsselrolle spielen sollte, wird der vergleichende Ansatz aufgegeben und die mehrsprachige Kommunikation, auch in der Romanistik, gibt dem einsprachigen Habitus auf Englisch statt. Die Autorin plädiert für den Einsatz der Romanist*innen für Minderheitensprachen sowie für eine selbstbewusste Kommunikation der romanistischen Expertise in den Bereichen der Interkulturalität, der sprachlichen Diversität sowie nicht zuletzt der Textkompetenz und der strukturierten Denkfähigkeit. Nicht zu unterschätzen ist außerdem der Appell, im Rahmen der europäischen Integration die hohe Bedeutung der romanischsprachigen Länder und ihrer Kulturen herauszustellen.
Elmar Eggert widmet sich im Beitrag „Interkulturelle Sensibilität als romanistische Kernkompetenz. Warum die Romanistik als übergreifend-vergleichendes Fach heute wichtiger denn je ist“ ebenfalls der romanistischen Expertise in den Bereichen der Interkulturalität und Diversität. Er hebt die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Einbindung der Romanistik hervor, die durch die Hinwendung zu kulturwissenschaftlichen und interkulturellen Fragestellungen erreicht werden kann. Als besonders geeignet für die Herausbildung interkultureller Kompetenzen sieht der Autor den gesamtromanistisch-vergleichenden Ansatz sowie die historische Betrachtung an. Die Romania ist dabei ein Raum, der nicht allein durch die genealogischen Verbindungen zwischen den romanischen Sprachen, sondern durch eine gemeinsame kulturelle Prägung zu begründen ist. Somit sollte die ausgeprägte interkulturelle Kompetenz, welche die Romanistik bereits seit ihrer Gründung auszeichnet, stärker nach außen transportiert werden.
Thomas Krefeld vertritt im Beitrag „FAIRness weist den Weg – von der Romanischen Philologie in die Digital Romance Humanities“ eine hoffnungsvolle Perspektive für eine konstruktive Zusammenarbeit im Sinne der Digital Humanities. Er stellt zunächst die traditionellen Wege der Wissenschaftskommunikation den neuen Möglichkeiten gegenüber und kommt zum Schluss, dass Webtechnologien klare Vorteile mit sich bringen. Die Pluspunkte der webbasierten Wissenschaftskommunikation sind in einigen Bereichen der romanischen Sprachwissenschaft, etwa in der Lexikographie, augenfällig. Am Beispiel des Projekts VerbaAlpina zeigt der Autor, welche Elemente eine umfassende virtuelle lexikographische und kartographische Umgebung ausmachen.
Der Beitrag „Fortschritt durch Interdisziplinarität. Methodische Offenheit in der Romanistik“ von Anna Ladilova und Dinah Leschzyk schließt den Band ab. Die Autorinnen vertreten die Ansicht, dass die gesellschaftliche Bedeutung der Romanistik durch das Zusammenspiel mit anderen Disziplinen geprägt wird. Einerseits sollten die romanistischen Fachteile Sprach-, Literaturwissenschaft und die Fachdidaktik näher zusammenrücken, statt sich voneinander wegzubewegen, andererseits sollte sich die Romanistik gegenüber anderen Fächern, die ebenfalls romanischsprachige Länder erforschen, öffnen. Wie dies gelingen kann, wird an zwei Beispielen, dem Feld der politischen Online-Kommunikation in Kombination mit der Kritischen Diskursanalyse sowie der Gestikforschung, aufgezeigt. Die Autorinnen legen außerdem nahe, dass Romanist*innen eine stärkere Positionierung und mediale Wirksamkeit als Expert*innen für gesellschaftliche Vorgänge in romanischsprachigen Ländern anstreben sollten.
Die Herausgeber*innen bedanken sich bei Kathrin Heyng (Narr Francke Attempto Verlag) für die Betreuung der vorliegenden Publikation sowie bei Dr. Marta Estévez Grossi und Daria Mengert für ihre tatkräftige Unterstützung bei der Erstellung der Druckvorlage.
Lidia Becker
Julia Kuhn
Christina Ossenkop
Anja Overbeck
Claudia Polzin-Haumann
Elton Prifti
I. Theorien und Methoden
Selbstdarstellungen der Romanistik während der Gründungsphase, um 1900 und nach 1988
Johannes Kramer
1 Die Aufgaben der philologischen Arbeit
Die Romanistik gehört zur Gruppe der neuphilologischen Fächer, die im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts entstanden, wie auch die Indogermanistik, die Germanistik und etwas später die Slavistik. Wenn man die Veröffentlichung des ersten Bandes der Grammatik der romanischen Sprachen von Friedrich Diez im Jahre 1836 als „Geburtsstunde“ der wissenschaftlichen Romanistik ansieht (Swiggers 2014, 48), so ist dieser Zweig der Wissenschaft etwa 180 Jahre alt, damit ein Menschenalter jünger als die Germanistik, wenn man deren Beginn mit dem ersten Band der Deutschen Grammatik von Jacob Grimm im Jahre 1819 ansetzen will, aber deutlich jünger als die Klassische Philologie, die mit den Forschungen der alexandrinischen Gelehrten am von Ptolemaios I. (367–283 v. Chr.) gegründeten Museion der Stadt begann (Pfeiffer 1970, 125–132) und die somit auf eine mehr als zweitausendjährige Geschichte zurückblicken kann.
Was man freilich mit der sprachlichen Arbeit an älteren Texten erreichen wollte, das hat sich seit der Zeit der Alexandriner nicht verändert: Man arbeitete sich an Texten wie den homerischen Epen ab, die lange vor der eigenen Zeit entstanden waren, in einer anderen gesellschaftlichen Umgebung und in verschiedenen literarischen Traditionen. Nach einer heutigen Einführung in die klassische Philologie gab es drei Hauptaufgaben:
Man musste versuchen, 1. In den Texten Echtes von Unechtem zu scheiden; 2. die Eigenheiten der fremden Sprachform festzustellen; 3. Schwierigkeiten des Textverständnisses zu klären“ (Jäger 1975, 11). Die Verständnisschwierigkeiten bei älteren Texten mussten in drei Bereichen überbrückt werden: „1. Es kann sich darum handeln, den authentischen Wortlaut des Textes zu ermitteln (Textkritik und Editionstechnik); 2. Es kann darum gehen, die Sprache des Textes zu verstehen bzw. zu erläutern (Lexikographie und Grammatik; sprachliche Kommentierung); 3. Es kann bei literarischen Texten auf ein angemessenes Verständnis des Textes als ein Stück Literatur ankommen (Interpretation). Dazu gehört auch die sachliche Klärung des Textes sowie seine Einordnung in den historischen Zusammenhang. (Jäger 1975, 12)
2 Klassische Philologie und Romanistik
Anfänglich wichen die Arbeitsansätze und die Antworten, die die Romanistik auf diese Fragen gab, kaum von denen der zeitgenössischen klassischen Philologie ab, obwohl traditionellerweise die Beziehung zwischen beiden Fächern nicht allzu eng gesehen wurde und wird und man eher den Akzent darauf legte, dass die Romanistik in einigem Abstand der Herausbildung der Germanistik folgte (Christmann 1985, 21). Dennoch war die Verwandtschaft mit der Latinistik unübersehbar: Die romanischen Sprachen stammen aus dem Lateinischen ab, wie man in der Klassischen Philologie die beiden Zweige Gräzistik und Latinistik behandelte, so waren die nach damaliger Auffassung sechs romanischen Sprachen ein würdiger Gegenstand für die Romanistik, die vergleichende und historische Komponente der neuen Sprachbetrachtung passte gut zur philologischen Untersuchung, die gerade modern wurde, und die Herstellung guter mittelalterlicher Texte vertrug sich bestens mit den altphilologischen Bemühungen und originalnahe „Urtexte“ – die Textkritik, mit der man zuverlässige Ausgaben von Dante, den altfranzösischen Texten, den Troubadourliedern oder den altspanischen Romanzen herstellen wollte, waren die natürliche Verbindung zwischen den Forschungsinteressen der alten klassischen Philologie und der neuen Romanistik (Christmann 1985, 13).
Das frühe 19. Jahrhundert ist ja geprägt von der Romantik, und die Zugänglichmachung mittelalterlicher Textzeugnisse durch Ausgaben, Kommentare und Übersetzungen standen im Zentrum des Interesses. Friedrich Diez hatte, bevor er sich Grammatiken und Wörterbüchern widmete, 1821 ein Werk über Altspanische Romanzen veröffentlicht, und 1823 folgte Die Poesie der Troubadours. Man soll auch nicht vergessen, dass er 1863 eine Arbeit Über die erste portugiesische Kunst und Hofpoesie veröffentlichte und so die Aufmerksamkeit auf dieses oft vernachlässigte Randgebiet der Romanistik lenkte. Generationen von Studienanfängern sind durch die Chrestomathie de l’Ancien Français von Karl Bartsch in den Reichtum der altfranzösischen Literatur eingeführt worden, bevor diese Aufgabe 1921 vom Altfranzösischen Lesebuch von Karl Voretzsch übernommen wurde. Solange die Beschäftigung mit den altprovenzalischen (= altokzitanischen) Texten noch zum Kernprogramm der Romanistikstudien gehörte, lernte man die mittelalterlichen Texte durch die Chrestomathie provençale von Karl Bartsch kennen, bevor, was die Troubadour-Dichtungen anbetrifft, Texte und Nachdichtungen 1917 im Provenzalischen Liederbuch von Erhard Lommatzsch leicht aufzufinden waren. Bei diesen und bei vergleichbaren Ausgaben von Einzeltexten sieht man deutlich den Parallelismus zwischen den Aktivitäten der klassischen und der frühen romanischen Philologie: Man wollte zuverlässige Textausgaben verfügbar machen, und man wollte die „dunklen“ Stellen durch Einzelkommentare verständlich machen; Wortverzeichnisse und Kurzgrammatiken stellten das her, was man im Bereich der altphilologischen Zeugnisse durch die weit ausführlicheren Schulwörterbücher und Grammatiken zur Verfügung hatte. Ein Unterschied tat sich aber auf: Während es im 19. Jahrhundert noch zum normalen Handwerkszeug eines Latinisten gehörte, wissenschaftliche Abhandlungen auf Latein schreiben zu können, hatte man keine Fertigkeiten darin, altfranzösische oder altokzitanische Texte schreiben zu können, und selbst die Anfertigung einigermaßen korrekter neufranzösischer Texte brachte viele Romanisten an die Grenze ihrer sprachpraktischen Fähigkeiten.
Während die textkritische Arbeit an Ausgaben der antiken Zeugnisse zu einer Haupttätigkeit der klassischen Philologie wurde und die Erstellung von Kommentaren zu Einzelschriften für lange Zeit die Arbeit der Fachleute bestimmte, entwickelte sich die Romanistik in einer anderen Richtung: Herausgabe und Kommentierung der vor allem altfranzösischen Texte wurde zunehmend zu einer Art „Gesellenarbeit“ von begabten Studierenden, die damit zu beweisen hatten, dass sie die Grundzüge des historisch-philologischen Arbeitens beherrschten, bevor sie sich dann anderen Spezialgebieten zuwenden konnten. Typisch ist hier der Fall von Ernst Robert Curtius (1886–1956), der sich seinen Interessen für mittellateinische Literatur auf der einen Seite, als Spezialist für moderne französische Literatur auf der anderen Seite erst zuwenden konnte, nachdem er eine (mustergültige) Ausgabe der Quatre livre des Rois aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts veranstaltet hatte.
3 Die Romanistik im Gefüge der Universitäten des 19. Jahrhunderts
Die eigentlichen wissenschaftlichen Höhepunkte der neuen Romanistik bildeten sich auf anderen Gebieten als im Bereich der Ausgaben von Einzeltexten heraus. Die Universitätsgeschichte in den deutschsprachigen Ländern hatte dazu geführt, dass sich ein tiefer Graben zwischen den Altphilologen, die einer allgemein wertgeschätzten Kategorie der Geisteswissenschaften angehörten, und den sogenannten modernen Philologen oder Neuphilologen, die mühsam um ihre Anerkennung rangen, auftat. Bei der Neukonstituierung der Universitäten 1810, die mit dem Namen Wilhelm von Humboldt verbunden zu sein pflegen, bekam die Altphilologie ganz selbstverständlich zwei Professuren in klassischer Philologie (Friedrich August Wolf, 1759–1824; August Boeckh, 1785–1867), während die erste ordentliche Professur für Romanistik in Berlin erst 1870 für den Schweizer Adolf Tobler (1835–1910) eingerichtet wurde, der seit 1867 Außerordentlicher Professor dort war. Für die vorangehende Zeit kann man natürlich nicht davon ausgehen, dass man sich nicht mit den modernen Sprachen abgab, aber das erfolgte meist nicht auf der normalen professoralen Ebene. Zuständig waren vielmehr die sogenannten Sprachmeister (frz. maîtres), die prinzipiell aus der schulischen Tradition stammten, wo sie für die Vermittlung von Sprachkenntnissen (und gesellschaftlichen Verhaltensformen) an die fortgeschrittenen Schüler verantwortlich waren (Schöttle 2015, 89). Vom 17. und 18. Jahrhundert an gab es Sprachmeister auch im Umfeld der akademischen Ausbildung, und da man mit der Vergabe des Titels Professor oft freigiebig umging (Kramer 2018a, 9), gab es unter den Sprachmeistern auch Träger dieser Bezeichnung. Eine Zeitlang gab es noch Professoren „alten Stils“ und Professoren „neuen Stils“ nebeneinander (Kramer 2018a, 10), bevor die Sprachmeister spätestens in den achtziger Jahren von der Bildfläche verschwanden.
Die neue „wissenschaftliche Neuphilologie“ konnte sich auf programmatische Schriften berufen, die in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts erschienen. Hier ist zunächst der früh verstorbene Karl W.E. Mager (1810–1858) zu nennen, der Begründer des Realschulwesens, der wohl den Begriff „moderne Philologie“ erfunden hat und deren drei Bestandteile „Kritik, Exegese und Theorie der Dichtkunst und Beredsamkeit“ festlegte (Swiggers 2014, 45). Adelbert von Keller (1812–1883), der sich besonders als Editor mittelalterlicher Texte einen Ruf erworben hat, hat in einer „Inauguralrede“ die Beschäftigung mit Sprache und Literatur als Aufgabe der modernen Philologie festgelegt (Swiggers 2014, 45) und die historisch-vergleichende Untersuchung des romanischen Sprachstammes als Zukunftsprogramm herausgearbeitet (Christmann 1985, 17). Carl August Friedrich Mahn (1802–1887) plaidierte schießlich 1863 für ein umfassendes Programm der romanischen Philologie: „L’auteur, qui fut le maître de Karl Bertsch, y plaide pour une organisation scientifique de la philologie moderne, dont le domaine englobe l’histoire littéraire, la grammaire historico-comparative, la grammaire de l’état actuel d’une langue et l’explication des auteurs“ (Swiggers 2014, 45).
Diese theoretischen Überlegungen hatten inzwischen auch ihren Einzug in die universitäre Praxis gehalten, wenn auch unter dem hinhaltenden Widerstand der Klassischen Philologen, die ihre wirkliche oder vermeintiche Vorrangstellung gefährdet sahen: Der Vorreiter ist der Dante-Spezialist Ludwig Gottfried Blanc (1781–1866), der 1822 in Halle an der Saale zum Professor für romanische Sprachen und Literaturen ernannt wurde, Friedrich Diez folgte in Bonn 1823, Adelbert von Keller 1841 in Tübingen, Konrad Hofmann 1853 in München und Karl Bartsch 1858 in Rostock (Swiggers 2014, 45).
4 Romanische Sprachwissenschaft in der Anfangsphase der Romanistik
Was die Neuphilologie prinzipiell von der Altphilologie unterschied, war die gleichwertige Behandlung der Sprach- und der Literaturwissenschaft. Die Altphilologie hatte die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft weitgehend an die Indogermanistik abgegeben, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre erste Blüte erlebte, und sie war so weitgehend zu einer reinen Literaturwissenschaft mit sprachpraktischen Bestandteilen („Stilübungen“) geworden. In der Romanistik bestimmte das Verhältnis der acht romanischen Schriftsprachen zum gut bekannten Latein die Aktivitäten der ersten Wissenschaftsgeneration: Zwischen 1831 und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erfolgten die maßgeblichen Veröffentlichungen von Friedrich Diez und von seinem geistigen Erben Wilhelm Meyer-Lübke (1861–1936). In ihren gesamtromanischen Studien ging es prinzipiell darum, wie sich aus einer gemeinsamen lateinischen Basis eine Vielzahl romanischer Weiterentwicklungen ergeben konnten. Friedrich Diez verfolgt auf romanischem Gebiet die Erkenntnisse, die Franz Bopp auf indogermanischem Gebiet und Jacob Grimm in der Germanistik erzielt hatten, und Wilhelm Meyer-Lübke verfolgte die Ansätze der junggrammatischen Schule mit romanischem Material. Das Material ist in beiden Fällen eine historische Grammatik und ein etymologisches Wörterbuch: Zwischen 1836 und 1843 veröffentlicht Diez die drei Bände seiner Grammatik der romanischen Sprachen, denen im Jahre 1869 die dritte Auflage des ersten Bandes folgt, in der zum ersten Male klar zwischen Erbwörtern und gelehrten Elementen unterschieden wird. Durchgeführt wird eine dreifache Gliederung der romanischen Schriftsprachen: Im Osten das Rumänische (Walachische) und das Italienische, im Westen das Spanische und das Portugiesische, im Norden das Französische und das Okzitanische (Provenzalische). Freilich zeigt diese Grammatik durchaus noch die typischen Erscheinungen einer Erstlingsarbeit:
L’aspect comparatif se limite encore trop souvent à la juxtaposition de formes (le troisième volume a une allure trop comparative), et l’aspect historique n’est pas sans failles non plus: Diez estime que l’évolution linguistique est faite de processus dont les uns sont réguliers et les autres irréguliers, et très souvent il ne parvient pas à reconnaître le conditionnement linguistique des processus évolutifs. (Swiggers 2014, 48)
Ein Etymologisches Wörterbuch der romanischen Sprachen folgt 1853 und kennt mehrere Neuauflagen. Dieses Wörterbuch muss mit Umsicht benutzt werden: Wörter, deren Herleitung in den Augen von Diez offenkundig ist, wurden nicht aufgenommen. Die Wörter sind aufgeteilt nach den „gemeinromanischen Wörtern“, wo die italienischen Wörter das Stichwort bilden, gefolgt von den spanischen und französischen Formen; eine zweite Abteilung umfasst „Wörter aus einzelnen Gebieten“, in der Reihenfolge italienisch, spanisch, französisch.
Der walachischen in der fremde erzogenen, mit den übrigen nicht aufgewachsenen tochter der römischen mutter habe ich keine eigene stelle eingeräumt, sie nur zur vergleichung zugelassen, nicht anders als die churwälsche. Die volksmundarten […] habe ich überall zu rathe gezogen, so weit die mir gestatteten hülfsmittel ausreichten, ihnen auch zuweilen beispiele halber kleine artikel vergönnt“ [IX-X]. (Diez 1853, S. IX-X)
Wenn also das etymologische Wörterbuch schwer zu benutzen ist und die Auswahl der romanischen Wörter als recht subjektiv bezeichnet werden muss, so ist doch mit Pierre Swiggers (2014, 49) festzuhalten, dass es sich um eine „réalisation remarquable“ handelt, „par la masse des matériaux réunis, par le souci de méthode et l’attitude prudente de l’auteur, enfin par la présence d’ouvertures à l’histoire sémantique des mots et à des problèmes d’onomasiologie (avant la lettre), ce qui renforce le caractère plus ‚narratif‘ (et lisible) des articles du dictionnaire“.
Der begabteste Schüler von Friedrich Diez war zweifellos der früh verstorbene August Fuchs (1818–1847), der in seinem posthum veröffentlichten Werk über Die romanischen Sprachen in ihrem Verhältnisse zum Lateinischen die Einheit zwischen Latein und Romanisch darin sah, dass das gesprochene Latein im Romanischen seine natürliche Weiterentwicklung erlebte und dass es sich dabei nicht um eine Dekadenz der eigentlich vollendeten Sprache Latein, sondern um die Weiterentwicklung der lateinischen Umgangssprache zu einer Sprachform größerer Klarheit handele.
Ein wichtiges Bindeglied zwischen Diez und Meyer-Lübke stellt Gustav Körting (1845–1913) dar, nicht weil er wissenschaftlich große Neuerungen durchgeführt hätte, sondern weil er in seinem Lateinisch-romanischen Wörterbuch (1890) von den (oft rekonstruierten) Etyma ausging, die er durchgehend nummerierte.
5 Die Blüte der Romanistik vor dem Ersten Weltkrieg
Wilhelm Meyer-Lübke stellte den Werken von Friedrich Diez parallele Neufassungen auf dem Stand der damaligen Junggrammatiker mit ihren unausweichlichen Gesetzen an die Seite: Die vierbändige Grammatik der romanischen Sprachen (1890–1901) und das Romanische Etymologische Wörterbuch (1911; 1935) bilden auch heute noch ein Nachschlagewerk für jeden Romanisten, seine Einführung in das Studium der romanischen Sprachwissenschaft (1901; 1920) war für Generationen das Referenzwerk für Studienanfänger und ist in ihrem Materialreichtum bis heute unübertroffen.
Le modèle néo-grammairien, basé sur le couple „loi phonétique/actions analogiques“, est manié avec flexibilité, non seulement à cause de l’interprétation large des faits analogiques, mais aussi par l’inclusion de processus explicatifs comme le croisement, la réfection, la „réanalyse“. (Swiggers 2014, 51)
Einführungen in die Romanistik bildeten zu Anfang des 20. Jahrhunderts das Gerüst der wissenschaftlichen Bemühungen. Es ging hier von Werken mit Basiswissen wie die zwei schmalbrüstigen Göschen-Bände zur Romanischen Sprachwissenschaft bis zu enzyklopädischen Darstellungen wie die drei Lexikonbände des Grundrisses der romanischen Philologie von Gustav Gröber (1888–1902; zweite Auflage von Band I 1904–1906). Die erste Auflage hatte einen Absatz von über tausend Exemplaren, sehr viel für die damalige Zeit. Günter Holtus, der den Grundriss mit dem ein Jahrhundert später erschienenen LRL verglichen har, hat herausgearbeitet, dass sich die romanische Philologie am Ende des 19. Jahrhunderts „vornehmlich mit den nicht mehr unmittelbar verständlichen Zeugnissen vergangener Zeiten“ zu beschäftigen habe (Holtus 1997, 378), während des LRL weniger geschichtlich orientiert sei und „die romanischen Sprachen in ihrer Gesamtheit unter Berücksichtigung der diachronischen wie der synchronischen Betrachtungsweise“ behandeln müsse (Holtus 1997, 385) – also ein viel umfassenderes Informationsziel, aber natürlich war der literaturwissenschaftliche Teil von Gröbers Grundriss ersatzlos gestrichen worden.
Gröbers anspruchsvolles Werk, an dem 27 Mitarbeiter beteiligt waren, war nicht unbedingt auf Anhieb von Anfängern zu lesen, so dass ein eher auf ein studentisches Publikum ausgerichtetes Einführungswerk wie das Handbuch der romanischen Philologie von Gustav Körting eine weiter reichende Wirkung hatte, die über den engen Kreis der Spezialisten im engeren Sinne hinausging. Dadurch, dass bei Gustav Körting, der sein Werk allein geschrieben hat, Grundfragen wie die Definition der Philologie, die Geschichte der Romanistik, Sprache und Schrifttum, Latein und Romanisch, Wahl der Studienfächer (Zweitfach Latein und nicht etwa Englisch), praktische Beherrschung romanischer Sprachen, Privatlektüre, „Neuphilologische Vereine“ besprochen werden, kann man die Breitenwirkung dieser Einführung gar nicht hoch genug einschätzen; besonders Eltern von studierwilligen Jugendlichen und Lehrer der oberen Gymnasialklassen werden ihre Beratungen oft am diesem Werk von Gustav Körting ausgerichtet haben.
In der Zeit kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte die Romanistik in den deutschsprachigen Ländern den Höhepunkt ihrer Breitenwirkung erreicht, und von den wichtigen Werken etwa von Friedrich Diez oder Wilhelm Meyer-Lübke gab es französische und italienische Übersetzungen, so dass diese Arbeiten auch international zugänglich waren.
6 Die Romanistik zwischen den beiden Weltkriegen
Es ist hier nicht der Ort, die weitere Geschichte der Romanistik zu skizzieren. Neu hinzukamen die Sprachgeographie, die Etymologika der romanischen Einzelsprachen, die verschiedenen strukturalistischen Schulen, die generativen Ansätze im Gefolge von Noam Chomsky, die Soziolinguistik, die angewandte Linguistik, die Textlinguistik und die Pragmatik, um nur einige hervorstechende Bereiche zu nennen (Kramer/Willems 2014). Es ist auffällig, dass die Epoche der Erneuerung der Romanistik sich nicht in gewichtigen Gesamtdarstellungen dieser Wissenschaft niederschlug: Es gab natürlich weiterhin Darstellungen der Romanistik als Wissenschaftszweig, aber das waren meist Neubearbeitungen von Werken aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, etwa Die romanischen Literaturen und Sprachen von Heinrich Morf und Wilhelm Meyer-Lübke (1925), womit ein umfänglicheres Werk von 1909 aktualisiert wurde.
Insgesamt gelangten die Länder, in denen die Kernbereiche der Romanistik intensiv betrieben wurden, sukzessive unter den Einfluss von rechtsgerichteten politischen Diktaturen: 1923 breitete sich der Faschismus über Italien aus, das hatte aber abgesehen vom zunehmend pompösen Stil der Abhandlungen wenig inhaltliche Auswirkungen auf die Romanistik, und Spanien war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass der Sieg der Franco-Allianz von 1936 Auswirkungen auf die Romanistik gehabt haben könnte. Anders war es in Deutschland, das ab 1933 im Sumpf des Nationalsozialismus versank. Schon 1933 wurden aus rassischen oder politischen Gründen 10 Professoren entlassen, das Französische war in der „Deutschen Oberschule“ seit 1935 kein Pflichtfach mehr, die Restromanistik geriet in den Sog der Rassenkunde und der Wesenskunde, Forschungen zur Völkerwanderungszeit wurden zu Abhandlungen über den Wettkampf zwischen romanischen und germanischem Volkstum (Romania Germanica von Ernst Gamillscheg [1887–1971], Verfasser des Romanistik-Artikels in der Hitler-Festschrift von 1939). Die Romanistik war freilich kein politisch bedeutsames Fach, und so konnte man immer noch unverdächtige Spezialbereiche finden, um den politischen Ansprüchen des Nationalsozialismus auszuweichen (Kramer 2008), und insgesamt kam „die deutsche Romanistik, gemessen an anderen Disziplinen, noch einmal glimpflich davon“ (Hausmann 1989, 47), freilich als auf das Essentielle zurückgeführtes Schrumpffach ohne Gefolgschaft in der jüngeren Generation.
7 Neuanfang der Romanistik in Deutschland und Österreich nach 1945
1945 musste man in Deutschland und in Österreich einen romanistischen Neuanfang versuchen, aber es fehlte das Personal für diesen Neuanfang, denn man musste ja weitgehend auf diejenigen zurückgreifen, die vor den dreißiger Jahren studiert hatten – mit Romanistik konnte man ja in der Zeit des Nationalsozialismus keine Karriere machen. Der Neuanfang musste versucht werden mit Romanisten mit einer Prägung aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, mit – wie damals üblich – kaum Auslandserfahrung oder Auslandskontakten, und neue Kontakte mussten ja erst geknüpft werden. So wurden die alten Themen (Ausgliederung der romanischen Sprachen, Germanen und Romanen, Dialektologie, verschiedene Sprachstufen) weiter betrieben, aber der Strukturalismus, die Textlinguistik oder die entstehende Soziolinguistik klopften noch sehr bescheiden an die Türe. In Deutschland bemühte man sich darum, Anschluss an die Zeit vor 1933 zu gewinnen, freilich unter Betonung der traditionellen Aspekte (Kuhn 1951; der vorgesehene Band über die Literatur ist nie erschienen). Der Versuch, eine Einführung unter Berücksichtigung des Strukturalismus zu schreiben, wurde 1956 von Heinrich Lausberg begonnen, aber die „Wortlehre und Synax“ dieses als Ersatz von Zauner 1905 gedachten Göschen-Werkes ist nie erschienen, obwohl die Bände über Vokalismus und Konsonantismus sehr positiv aufgenommen wurden und immer wieder neue Auflagen erlebten.
Ausländische Werke konnten in der Nachkriegszeit auch nur partiell Ergänzungen zum eingeschränkten deutschen Angebot bieten. In Frankreich hat sich die Romanistik unter anderen Vorzeichen entwickelt, so dass dort die Éléments de linguistique romane von Édouard Bourciez (1854–1946), die 1910 erstmals erschienen sind, bis zum Ende der sechziger Jahre als Pflichtlektüre für Studierende vorgeschrieben waren und natürlich unübertrefflich altmodisch waren. Auch die englische Einführung von William Dennis Elcock (1960) ist konservativ und eher auf die Bedürfnisse von Studienanfängern eingerichtet. Die ausgezeichnete und alle romanischen Einzelsprachen berücksichtigende Darstellung von Carlo Tagliavini litt lange darunter, dass nur das italienische Original vorlag und Übersetzungen in andere Sprachen erst spät erfolgten. Das Werk bleibt aber „le meilleur manuel en termes d’équilibre interne et de qualité du traitement“, und als Gesamturteil gilt: „Tagliavini reste insurpassable“ (Glessgen 2007, 35).
8 Der Umbruch der Romanistik in den sechziger Jahren
Ein Moment der Krisis erlebte die internationale und besonders die deutsche Romanistik in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts: Der unvermeidliche Generationenwechsel fand statt, aber es fehlte die verbindende Generation, weil niemand sich in der Zeit des Nationalsozialismus für die Romanistik begeistern konnte. So drängten völlig neue junge Kräfte seit den sechziger Jahren nach vorne, so dass oft die Jüngeren es an Verständnis für die Älteren fehlen ließen und deutlich „Opas Romanistik“ verachteten. Man lehrte und forschte weitgehend aneinander vorbei, man schrieb eher in kurzlebigen Sammelbänden statt in etablierten Zeitschriften, statt gut geschriebener Beiträge in der eigenen Muttersprache begannen französische, spanische und vor allem englische Beiträge sich durchzusetzen, und nicht ganz selten ahmte man Fragestellungen nach, die sich schon in der Germanistik oder in der Allgemeinen Sprach- und Literaturwissenschaft „bewährt“ hatten. Die Diversifizierung der Universitätslandschaft mit der Neugründung zahlreicher Universitäten und der Erschaffung zahlreicher Sonderforschungsbereiche, oft ex nihilo, führte zur Konstituierung zahlreicher neuer – und oft auch nicht so neuer – Themenbereiche, an denen man sich gemeinsam abarbeitete, meist aber ohne Verbindung zu anderen Romanistinnen und Romanisten, die sich mit anderen Gebieten beschäftigten.
9 Neue Lexika der Romanistik am Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert
Aus der Impasse der Romanistik mussten neue Gemeinschaftsunternehmungen und vor allem die umfangreichen Lexikonbände herausführen, die in Deutschland in drei Veröffentlichungsschritten den Stand der Wissenschaft darstellen und zugleich eine Öffnung zur Internationalität bilden. Neue englischsprachige Großpublikationen liefern außerdem neuerdings eine internationale Abrundung.
Kommen wir zunächst zu den Sammelbänden, die im Wesentlichen den Status der Romanistik abbilden, wie er in erster Linie, wenn auch keineswegs ausschließlich, im deutschen Sprachraum erzielt wurde! Die acht Bände des Lexikons für Romanistische Linguistik (LRL), die in 12 Einzelbänden zwischen 1988 und 1995 von Günter Holtus, Michael Metzeltin und Christian Schmitt veröffentlicht wurden, eröffnen die Reihe. Was die Wahl der Darstellungssprache anbelangt, war man offen: Man findet Beiträge in deutscher, englischer, französischer, spanischer, portugiesischer und italienischer Sprache; einen „nationalistischen Ausreißer“ stellen lediglich die auf Galizisch geschriebenen Beiträge zum „galego“ (Band VI, 2, 1–129) dar, die durch ihre Abkehr von den internationalen Wissenschaftssprachen schon dadurch auffallen, dass beispielsweise kein einziger Beitrag auf Rumänisch geschrieben ist. Insgesamt enthält das LRL 583 Artikel (VIII, 98), die jeweils zwischen grob zehn und zwanzig Seiten mit Bibliographie umfassen. Die Artikel richten sich an die „Lehrenden und Studierenden der Romanischen Sprachwissenschaft“, darüber hinaus sollen sie ein Hilfsmittel für alle sein, die „in der Sprachwisssenschaft und speziell in der Romanistik eine funktionale Hilfswissenschaft erkennen“ können (VIII, 5).
Das zweite Unternehmen, das von Gerhard Ernst, Martin-Dietrich Gleßgen, Christian Schmitt und Wolfang Schweickard zwischen 2005 und 2008 herausgegeben wurde, trägt den Titel Romanische Sprachgeschichte; es handelt sich um drei umfängliche Lexikonbände, die als Band 23 in die Reihe der Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft eingeordnet werden. Thematisch sind die Bände auf die Sprachgeschichte eingeschränkt, wobei der Umfang der Beiträge umfangreicher als beim LRL ausgefallen ist.
Das zeitlich dritte, jetzt vom De Gruyter Verlag betreute Unternehmen, das inzwischen den Niemeyer-Verlag übernommen hat, firmiert unter dem (englischen!) Gesamttitel Manuals of Romance Linguistics, mit den romanischen Entsprechungen Manuels de linguistique romane = Manuali di linguistica romanza = Manuales de lingüística románica. Die Herausgeber sind Günter Holtus und Fernando Sánchez-Miret, und die Planung ist auf ungefähr sechzig Bände veranschlagt, also ein Riesenunternehmen wahrhaft pharaonischer Dimension; inzwischen (2019) sind mehr als ein Dutzend Bände erschienen, und man erkennt auch allmählich, dass die Menge der romanistischen Sondergebiete unendlich ist, die Menge der Romanstinnen und Romanisten aber nicht, so dass bislang viele Gebiete von denselben Persönlichkeiten unter verschiedenen Aspekten behandelt wurden – schlimm ist das nicht, aber es erhöht die Übersichtlichkeit keineswegs. Prinzipiell ist für jeden Band eine und nur eine romanische Darstellungssprache oder das Englische vorgesehen, wobei dieses Prinzip gelegentlich durchbrochen wurde; das Deutsche ist aus dem Kreis der Darstellungssprachen ausgeschlossen, wenn man so will, ein typischer Fall des autoodi cap a la llengua pròpia der deutschsprachigen Romanistinnen und Romanisten, der sich mit der zurückgehenden internationalen Fähigkeit, deutsche Texte zu verstehen, trifft.
Die englischsprachige Tradition der substantiellen Einführungen in Wissensgebiete basiert auf umfangreichen einbändigen Sammelbänden. Das beste Beispiel dafür ist der neue Oxford Guide to the Romance Languages (mit LIV + 1194 Seiten), der 2016 von Adam Ledgeway und Martin Maiden herausgegeben wurde. In 60 Kapiteln, aufgeteilt auf zehn Sachgebieten („parts“), wird ein Panorama der sprachwissenschaftlichen Romanistik geboten, das von internationalen Fachleuten dargeboten wird, die die einführenden Kapitel in englischer Sprache schreiben konnten oder wollten – der vielsprachige Charakter der Romanistik, in der im Wesentlichen jeder in seiner Lieblingssprache internationaler Verbreitung schreibt, wird damit natürlich zu Grabe getragen. Wir haben hier aber ein Werk vor uns, das das, „was man in der englischsprachigen Welt für das Grundwissen in der sprachwissenschaftlichen Romanistik hält“ überzeugend, wenn auch nicht immer leicht lesbar, darstelllt, technisch-struktureller ausgeführt, als man das in den Bänden aus dem Niemeyer-De Gruyter-Verlag findet, die eher kulturhistorische und soziolinguistische Fragestellungen mitberücksichtigen (Kramer 2018b, 1251).
10 Die Rolle der Summae Romanisticae in der Wissenschaftsgeschichte
In der Rückschau kann man sagen, dass es drei Perioden in der Geschichte des Faches gibt, die umfassende Darstellungen der Romanistik bieten: Das ist einmal die Anfangsperiode der Wissenschaft, als man sozusagen das eigene Interessengebiet absteckte und von Nachbarterritorien (Latinistik, Indogermanistik, andere Neuphilologien) abgrenzte, dann ist da die Zeit vor dem Ausbruch der Ersten Weltkrieges, als man im Vollbewusstsein des sich vermeintlich abzeichnenden Triumphes der historisch-vergleichenden Methode darstellte, was die Romanistik erreicht hatte, und schließlich ist da die Gegenwart, in der man die Romanistik in den Kanon der anderen Sprachwissenschaften einzuordnen versucht und zugleich ihr Spezifikum herausstellt. In der Geschichte jeder Wissenschaft gibt es Momente, in denen sich das Bedürfnis herausstellt, eine Summa zu haben, weil das eigene Gebiet zu umfangreich geworden ist, um es auch nur einigermaßen zu übersehen, und wenn böse Zungen auch behaupten, dass die Entwicklung der mittelalterlichen Theologie an einem bestimmten Endpunkt angelangt war, als der „Markt“ mit verschiedenen Summae theologiae überschwemmt wurde, so muss man doch sagen, dass die systematische Wissenschaftsdarstellung jeweils einen Zielpunkt darstellten, von dem aus man neue Enzwicklungen angehen konnte. Hoffen wir, dass es bei den neuesten Guides, Manuals, Handbüchern und Lexika der Romanistik wie bei den spätmittelalterlichen Summae ist: Rekapitulation des Ist-Standes und Vorbereitung zukünftiger neuer Horizonte, von denen noch niemand wissen kann, was sie beinhalten werden.
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La valeur méthodologique des quatre axiomes constitutifs de l’analyse philologique des langues romanes
Ulrich Hoinkes
Les langues romanes représentent un cas particulier de famille de langues et trouvent leur source dans une langue d’origine historiquement attestée : le latin. En cela, elles se différencient par exemple de la famille des langues germaniques ou slaves.1 Alors qu’en cherchant un proto-germanique ou proto-slave, il faut remonter à environ trois mille ans dans l’histoire, nous trouvons les débuts des langues romanes, donc le proto-roman, environ entre 500 et 800 après Jésus-Christ. Nous nous situons alors au haut Moyen Âge de notre histoire culturelle directe et bien documentée. Mais nous voici au cœur du problème : faut-il continuer à chercher l’origine des langues romanes dans un proto-roman, ce qui serait conséquent du point de vue des études indo-européennes, ou peut-on s’accommoder du latin comme langue d’origine des langues romanes, ce qui rendrait superflue la recherche d’un proto-roman ?
Voici le dilemme de la philologie romane, car le latin comme il nous a été transmis dans sa forme écrite, donc en l’occurence le latin classique et certaines formes de latin écrit médiéval, ne livrent, de par leur norme, que peu d’éclaircissements sur l’origine des langues romanes. Les romanistes doivent donc partir à la recherche du latin non-normatif qui était parlé dans l’Antiquité et au haut Moyen Âge, mais qui est peu documenté, en général de manière indirecte et dans tous les cas lacunaire. Lorsqu’ils entament cette recherche d’un latin parlé et non-normé, ils reconstruisent une langue d’origine dont nous ne connaissons pas le degré exact d’uniformité et de conformité avec le proto-roman, qui était parlé à une époque où le latin parlé n’était définitivement plus du latin. Ainsi, il est salvateur d’accepter qu’il ne reste pas grand-chose de la prémisse que « toutes la langues romanes sont issues du latin » en termes de clarté historico-linguistique lorsqu’on cherche à expliquer scientifiquement l’origine des langues romanes.2
L’histoire de la philologie romane se résume, dans ses grandes lignes, à l’effort de pallier au manque de clarté décrit. Une série d’axiomes a été énoncée ce faisant ; je voudrais les nommer ci-après comme principes constitutifs de la philologie romane.3
| Axiome n°1 : | Les langues romanes ne proviennent pas du latin classique, donc le latin comme il nous a été transmis dans sa forme écrite. (principe d’oralité) |
| Axiome n°2 : | L’origine des langues romanes n’est pas monogénétique, c’est-à-dire qu’il n’existe pas une langue d’origine. (principe d’hétérogénéité) |
| Axiome n°3 : | Avant que les langues romanes existent, il y avait seulement des variétés romanes se développant constamment dans l’espace géographique (dialectes, « patois »). (principe d’aréalité) |
| Axiome n°4 : | Les langues romanes se sont constituées dans un processus complexe de diversification normative. (principe de standardisation) |
Ces idées ne se sont établies qu’au cours de l’histoire de la discipline. Elles ont acquis néanmoins un caractère réellement axiomatique, c’est-à-dire qu’elles sont toujours constitutives de l’identité définitoire de la philologie romane comme discipline s’étant établie dans le temps. Ci-après, je voudrais tenter de mettre en lumière les corollaires, les conséquences méthodiques et interprétatives ainsi que les traditions et erreurs qui peuvent découler de ces quatre axiomes. N’omettons pas de souligner que les quatre axiomes sont intrinsèquement liés d’un point de vue méthodologique et que les explications relatives à chacun d’entre eux ne peuvent être lues qu’en relation aux autres. En règle générale, mes remarques peuvent donc être attribuées à plus d’un axiome à la fois.
Axiome n° 1: Les langues romanes ne proviennent pas du latin classique, donc le latin comme il nous a été transmis dans sa forme écrite. (principe d’oralité)
Cet axiome est un plaidoyer pour l’oralité de la langue, non seulement dans la recherche scientifique de l’origine des langues romanes, mais aussi quant à leur formation et développement au cours du temps. D’un point de vue méthodologique, ce plaidoyer pour l’oralité implique la reconnaissance du primat de la langue parlée. Les grandes contributions de romanistes à la linguistique générale s’inscrivent dans cette tradition. La théorie du romaniste influent Eugenio Coseriu (1921–2002), qui trouve écho jusqu’aujourd’hui, en est un exemple par excellence. Il a travaillé à transformer la philologie romane en une discipline moderne structuraliste, dont il voyait les fondements dans une théorie de la compétence linguistique et de l’usage de la parole :
Un changement radical de point de vue doit se produire dans l’observation de la compétence linguistique : à l’inverse de Saussure, c’est l’usage de la parole qui est l’élément essentiel du langage pour Coseriu. Il est composé d’une couche biologique et d’une couche culturelle. Culturellement, la parole est d’abord une activité qui repose sur un savoir et qui est produite de manière parlée et écrite. La parole est une activité linguistique générale qui est exercée de manière individuelle (discours) par les représentants d’une même tradition du savoir parler (langues historiques à part). Le produit de cette activité est, de manière générale, la totalité des propos, historiquement la langue abstraite et individuellement le texte. Coseriu en arrive ainsi à un élargissement de la théorie générale de l’usage de la parole.1
À la suite de Coseriu, les romanistes Peter Koch et Wulf Oesterreicher ont développé dans les années 1980 une théorie dans le cadre d’un projet de recherche de l’Université de Freiburg. Elle a engendré un nouvel élan au-delà des frontières de la discipline et quasiment unique pour la linguistique en Allemagne et dans certaines régions d’Europe. Il s’agit de la théorie de l’oralité que les fondateurs caractérisent eux-mêmes par le binôme « langue de proximité et langue de distance ». La proximité et la distance doivent être comprises comme deux dimensions du comportement communicatif et ne se résument pas à la description d’une seule langue.2 Koch et Oesterreicher définissent la proximité et la distance dans l’activité communicative d’une part au travers des conditions communicatives objectives, d’autre part au travers des stratégies langagières des usagers. Ils créent ainsi une base théorique communicative pour l’oralité du parler qui peut être employée à différents égards. Koch et Oesterreicher eux-mêmes ont mis l’accent sur deux emplois méthodiques. Ils utilisent leur concept de proximité et de distance de la parole dans le but d’élargir le modèle structuraliste de la variété linguistique d’une part. D’autre part, grâce au concept-clé de l’« oralité expressive », ils développent la signification de leur concept pour une théorie du changement linguistique fondée sur la communication.
La mise en exergue de l’oralité et des conséquences méthodiques qu’elle implique est donc fondamentale pour la philologie romane moderne. En regardant de plus près, on peut supposer que les convictions linguistiques et communicatives théoriques qui vont de pair avec elle ont particulièrement facilité le rapprochement entre la philologie romane et des disciplines de recherche encore plus jeunes, comme la pragmatique et la linguistique cognitive.
Mais revenons aux débuts dans le cadre d’une perspective historiographique et demandons-nous dans quelle mesure l’axiome selon lequel les langues romanes ne proviennent pas du latin écrit a été décisif dans la construction d’une théorie historico-linguistique. En nous intéressant à cette question, nous avons affaire – d’un point de vue actuel – à une philologie romane bien moins moderne. Cette dernière se contente jusqu’aujourd’hui d’éviter des points de vue exagérés et des idées fausses. Une erreur de jugement précoce ayant des conséquences pour la discipline fut la recherche de langues d’origine concrètes qui auraient pu représenter une alternative au latin. Au XIXe siècle, deux opinions s’opposent sur ce sujet.
Entre 1816 et 1821, le chercheur François-Juste-Marie Raynouard, alors reconnu de ses contemporains pour son travail sur le provençal, prononça l’idée que l’origine des langues romanes comportait deux volets.3 Dans la Romania centrale et occidentale, la langue originelle qui se forma aurait correspondu dans ses grandes lignes à l’ancien provençal. À l’opposé, le valaque, comme on appelait alors le roumain, se serait construit sur une autre variété romane originelle. Autant la forme occidentale qu’orientale se seraient constituées grâce à des mélanges linguistiques particuliers, un point de vue tout à fait courant à l’époque. Dans la tentative de réfuter cette opinion tout en accordant une origine commune aux langues romanes, les philologues allemands Friedrich Diez et Hugo Schuchardt prirent une place à part. C’est à leurs travaux et enseignements que l’on doit l’établissement d’une philologie romane comme discipline autonome, qui expliqua le développement de toutes les langues romanes à partir d’un latin populaire relativement uniforme, donc d’un latin avant tout parlé, pour lequel le terme de « latin vulgaire », c’est-à-dire latin du peuple, s’est imposé sur le plan terminologique.4
La formule trouvée paraissait simple : les langues romanes ne proviennent pas du latin classique écrit, mais du latin vulgaire parlé. Le problème de cette hypothèse était cependant que la mise en exergue de l’oralité anéantissait de cette manière le concept d’une langue de culture uniforme s’étant construite au cours de l’histoire et qu’on séparait ainsi le latin en une partie écrite normée et une partie orale non normée (du moins non normée uniformément). Cette division ne pouvait cependant valoir pour un concept concevable et valide d’une langue construite dans l’histoire et encore moins dans la vision d’une langue comme organisme, comme elle a été prédominante dans la philologie romane depuis ses débuts et pendant longtemps.5
La philologie romane se sert encore aujourd’hui de l’idée du latin vulgaire parlé afin de déterminer l’origine des langues romanes (cf. la note de bas de page n°2). Mais aujourd’hui, une majorité de romanistes reconnaît que le latin vulgaire est une construction hypothétique, qui peut être qualifiée de reconstruction méthodologique et descriptive abstraite se référant ainsi à la méthodologie des études indo-européennes précoces. Quoi qu’il en soit, le concept de latin vulgaire n’est plus compatible avec l’idée contemporaine d’une définition socio-culturelle et communicative de la langue. Ainsi, il est même ouvertement rejeté aujourd’hui par certains6 ou n’est simplement plus mentionné dans des présentations historico-linguistiques.7 Mais il n’est pas si simple de le rejeter ou de le bannir de la philologie romane,8 car la discipline a construit sa légitimité sur la base de prémisses qui ont vu le jour en relation avec la construction théorique du latin vulgaire. Afin d’expliquer cette idée, il est opportun de s’intéresser aux conséquences du second axiome.
Axiome n°2 : L’origine des langues romanes n’est pas monogénétique, c’est-à-dire qu’il n’existe pas une langue d’origine. (principe d’hétérogénéité)
À première vue, cet axiome semble contradictoire au modèle du latin vulgaire. En réalité, on ne pouvait défendre le latin vulgaire comme définition imparfaite d’une langue, donc comme modèle d’une langue de culture dont la forme écrite est totalement différente, que si on acceptait que l’interprétation monogénétique de l’origine des langues romanes se référait de manière unilatérale à un modèle de langue écrite de cette langue d’origine, dans lequel on ne pouvait trouver de potentiel pour le développement de différentes langues romanes.
Essayons à présent de cerner la problématique à l’aide d’une comparaison. La langue écrite allemande s’est développée comme un concept relativement uniforme pour les variations très hétérogènes de l’allemand. Les Allemands du Nord utilisaient déjà ce modèle de langue écrite à une époque où le bas allemand étaient prédominant dans le domaine parlé. Les Bavarois, eux, conservent leur dialecte jusqu’aujourd’hui mais se servent également de la langue écrite allemande uniforme. Les variétés autrichiennes, suisses et alsaciennes de l’allemand, qui ne se comprennent mutuellement qu’avec peine, utilisent dans le domaine écrit, par exemple dans la presse, la langue allemande uniforme.1
Ce principe d’une langue écrite commune, dans laquelle une variété-standard parlée neutre de l’allemand prend sa source, peut s’appliquer à la construction des langues romanes. Il nous faut alors imaginer que le latin normé de l’Empire romain exerçait cette fonction englobante mais admettait l’existence de variétés orales hétérogènes du latin. Nous ne connaissons pas ces variétés du latin parlé dans l’Empire romain car elles n’avaient pas d’équivalent écrit et n’ont pas été transmises. Nous savons néanmoins qu’elles existaient, même si romanistes et latinistes ont longtemps ignoré cette évidence. Plus récemment, un latiniste a apporté d’importants éclaircissements à ce sujet, qui permettent d’adopter un point de vue nouveau et adéquat du problème. Dans le cadre d’une étude de grande ampleur, J.N. Adams a souligné qu’une approche différenciée du latin de l’Empire romain est nécessaire, surtout en considération des sources littéraires, et qu’une structure de variétés diatopiques se dessine. L’ouvrage d’Adams paru en 2007, The Regional Diversification of Latin. 200 BC – AD 600,2 ne reçoit toujours pas l’attention des romanistes qu’il mérite.3 On y trouve l’explication détaillée du développement de différences régionales dans le latin écrit transmis jusqu’aux débuts des langues romanes. Ce faisant, l’auteur livre des preuves de l’hétérogénéité supposée des formes parlées du latin de cette époque.
Les romanistes de leur côté ont d’abord appliqué l’axiome de l’hétérogénéité linguistique concernant l’origine des langues romanes à un concept théorique des mélanges et du contact linguistiques. À l’origine, c’est l’idée de mélanges linguistiques incontrôlables qui était prédominante. Elle amena par exemple August Wilhelm Schlegel, un « romaniste » avant la lettre, à considérer les langues romanes comme langues mixtes dès le début du XIXe siècle.4 Se mélanger ou se fondre : cela n’était possible que pour des dialectes italiques ou gaulois et certaines formes régionales du latin, par exemple, dans des situations de contact purement orales et sans considération des traditions de langue écrite.
Ainsi, la recherche sur les strats, donc la définition de substrats et de superstrats comme explication du développement des langues romanes, qui a sa place dans la philologie romane, s’est construite sur l’idée d’un contact des langues orales et a contribué à l’image d’origines hétérogènes avant même l’émergence des dialectes romans. L’interprétation historique du territoire linguistique italien en est l’illustration parfaite : ce que nous considérons aujourd’hui comme la « langue italienne » n’est, en regardant de plus près, qu’un territoire linguistique complètement hétérogène qui se caractérise par l’existence de dialectes très variés et en partie très différents sur le plan de la forme. L’idée que toutes ces variétés constituent ensemble « l’italien » s’explique uniquement par la fonction englobante du dialecte florentin, qui s’est développée depuis la Renaissance. L’émergence et la diffusion d’une langue écrite normée toscane a eu sa part dans cette évolution.5
Ces efforts ont vu la naissance du modèle de l’architecture de la langue. Il constitue le cœur d’une linguistique des variétés considérée comme profondément romaniste – du moins par les romanistes – et qui considère que chaque langue historique varie à trois niveaux (au moins) : d’après les dimensions de l’espace géographique, du groupe social des locuteurs et de la situation de la communication dans un contexte spécifique.6 Ce modèle s’est également fait connaître sous le nom de « dia-modèle » car il classifie les variétés selon les dimensions nommées en diatopique, diastratique et diaphasique. L’idée que toutes les langues (ledit latin vulgaire inclus) que nous pouvons considérer comme préromanes ou romanes dans le processus historico-linguistique constituent un espace de variétés se structurant en dia-modèle, est devenue une des convictions principales de la plupart des linguistes qui se déclareraient eux-mêmes romanistes. Le consensus méthodique des représentants de la discipline est étonnant et s’explique à mes yeux par le caractère axiomatique d’une conviction de principe que l’origine des langues romanes se situe dans l’oralité et la communication, et n’est pas monogénétique.
Cependant, ce consensus méthodique comporte aussi des dangers. Je souhaite en mentionner deux qui me paraissent cruciaux. Le modèle de la langue de proximité et de distance de Koch et Oesterreicher, certes innovant et stimulant, pouvait s’appuyer avec une telle certitude sur le dia-modèle de la variation linguistique que les deux linguistes n’eurent même pas peur de légitimer leur propre modèle de proximité/distance au moyen du modèle structurel de variétés « diatopique – diastratique – diaphasique », déjà reconnu à cette époque, et de faire fusionner les deux modèles en un seul. Ce faisant, ils firent fusionner l’axiome d’oralité et d’hétérogénéité en un seul concept de base, ce qui est convaincant d’un point de vue de romaniste dans un premier temps, mais rend l’application des deux modèles sensiblement plus difficile dans l’analyse linguistique concrète. Johannes Kabatek fait partie des quelques romanistes qui ont reconnu ce problème et travaillé à corriger ce point de vue très répandu. Kabatek écrit avoir montré
qu’il ne me semble pas nécessaire de créer de nouvelles terminologies en plus des traditionnelles pour décrire les variétés linguistiques et que cela serait même contraire au principe scientifique de base qui nous conseille que le plan de la description ne soit jamais plus complexe que celui de l’objet. Toutes les données linguistiques, qui sont considérées soit comme les faits d’une variété « diamesique » ou d’une variété de proximité et de distance, sont soit universelles et n’appartiennent ainsi à aucune « grammaire » d’une variété spécifique (par exemples les anacoluthes, corrections, hesitation phenomena, etc.), soit des éléments diaphasiques, c’est-à-dire des éléments de style. […]
Dans l’histoire concrète d’une langue, certaines variétés ont une forme écrite, certaines non (ou certaines plus souvent que d’autres). Ce sont les textes du domaine de la distance qui sont, en général, écrits, et non du domaine de la proximité. Cela nous amène à une identification de certaines variétés par la langue écrite, et d’autres par la langue orale. Il peut même y avoir des techniques linguistiques qui émergent au sein de la langue écrite […]. Or toutes ces techniques ont immédiatement une valeur stylistique et entrent ainsi dans la variation diaphasique. Dans les langues de culture marquées par la présence prédominante de la langue écrite (comme par exemple le français, l’espagnol ou l’allemand), le degré d’identification de certaines variétés diaphasiques avec la langue écrite ou d’autres avec la langue parlée peut être très élevé. En conséquence, la variation diaphasique dans son intégralité est marquée par la différence entre le niveau oral et écrit. (Kabatek 2003)7
Il résulte de l’argumentation de Kabatek qu’en fin de compte, tous les domaines de la dia-variation d’une langue peuvent avoir une empreinte conceptionnelle orale ou écrite, ce qui l’amène à la conclusion que les deux modèles sont précieux pour l’analyse, mais non ensemble puisqu’ils tentent d’élucider deux aspects fondamentalement différents de l’usage de la langue. La philologie romane doit donc se méfier de ne pas mener ses propres modèles ad absurdum et de restreindre ainsi leur pouvoir analytique et l’extensibilité de leur application méthodique.
Un autre danger issu du consensus théorique et méthodique des romanistes et qui trouve sa justification dans l’axiome de l’hétérogénéité, est l’aveuglement par rapport à des méthodes alternatives et l’évolution de modèles. Ce danger concerne surtout la sociolinguistique romane, qui s’est concentrée au niveau méthodique à maintes reprises sur le modèle architectural structuraliste de la langue, à partir duquel elle souhaite aller au-delà d’une description de la variation linguistique au fil du temps. On constate en effet que la linguistique des variétés a essayé à plusieurs reprises d’éclairer les dimensions de l’interaction sociale à travers l’utilisation du langage dans ses formes de variation diatopique, diastratique ou diaphasique. Ainsi, certaines formes régionales n’ont pas été examinées comme phénomènes de contact mais plutôt comme langues de groupes bien distinctes sous forme de « dialectes tertiaires »8 divergeant sur le plan structurel, ou encore d’émanations d’un plurilinguisme urbain dû à la migration.9 Cependant, la légitimation d’une base de la linguistique des variétés mène à la non-considération de théories sociolinguistiques innovantes comme elles existent par exemple au sein de l’ethnolinguistique et de la linguistique interactionnelle aux États-Unis. D’un point de vue moderne, la complexité des conséquences de l’hétérogénéité linguistique semble telle que les romanistes ont continué à œuvrer au développement d’une analyse linguistique des variétés sur la base d’un dia-modèle structuraliste.
Devrions-nous romanistes prendre nos distances avec l’axiome d’hétérogénéité ? Non, car il implique toujours une explication valable de l’émergence et du développement des différentes langues romanes. À mes yeux, nous devrions cependant nous intéresser davantage à une optique non seulement politico-historico-linguistique, mais en même temps socio-linguistique et socio-culturelle afin de trouver une approche méthodique adaptée à l’évolution des langues romanes depuis leurs débuts jusqu’aujourd’hui. Les efforts sont visibles et un intérêt grandissant pour l’histoire sociale et culturelle des langues romanes ainsi que pour une histoire de la conscience de la langue se dessine.10 La cohérence de la discipline serait cependant en danger si certains courants de recherche en venaient à se détacher de la tradition romaniste. Dans tous les cas, il serait souhaitable que la recherche s’investisse davantage dans l’histoire culturelle et sociale des périodes précoces de l’histoire de la langue romane et préromane.11
Axiome n°3 : Avant que les langues romanes existent, il y avait seulement des variétés romanes se développant constamment dans l’espace géographique (dialectes, « patois »). (principe d’aréalité)
L’idée de paysages linguistiques sans frontières définies et changeant constamment dans l’espace a sa place dans la philologie romane traditionnelle. En général, elle résiste même face à la reconnaissance historique de frontières politiques, d’espaces linguistiques construits idéologiquement et de formes de société plurilingues.1 Le point de vue que des espaces linguistiques territoriaux peuvent être modifiés par l’influence d’un pouvoir politique et/ou religieux, mais non radicalement changés, va de pair avec la première acceptation. Ainsi, la philologie romane avec ses classifications historiques d’espaces linguistiques laisse bien souvent de côté ces démarcations de frontières politiques, religieuses ou administratives.
Walther von Wartburg par exemple a proposé une organisation en Romania occidentale et Romania orientale du territoire d’expansion européen des langues romanes, dont la frontière traverse l’Italie du Nord, et qui suppose en outre qu’on peut unir les deux parties dans une Romania globale.2 Cette représentation n’a jamais sérieusement été remise en question alors que dix à quinze langues romanes ainsi qu’un grand nombre de dialectes romans et beaucoup de langues et variétés non romanes sont parlées dans l’ensemble du territoire.3
La philologie romane a toujours travaillé de manière prioritaire avec ce concept de la Romania globale. Ainsi, Gerhard Rohlfs a émis le postulat d’une Romania centrale et de la périphérie, mais à laquelle il n’accorde qu’une importance de principe, c’est-à-dire à laquelle il n’associe pas de frontières précises (à l’exception, à la limite, de certaines isoglosses).4 Enfin, n’oublions pas de mentionner l’Introduction à la philologie romane de Carlo Tagliavini, dans laquelle est défendue une division en quatre Romaniae qui ne se justifie que d’un point de vue géographique, et non linguistique : la Romania ibérique (sur la péninsule ibérique), la Romania gallique (dans l’hexagone français jusqu’à la frontière linguistique germanique), la Romania italique (en Italie, donc la vallée du Po et la « botte ») et la Romania dacique (aire de diffusion du roumain dans les Balkans).5
La philologie romane est encore moins précise dans l’organisation des espaces linguistiques extra-européens, donc la soi-disante « Romania nova ». Il est intéressant que là aussi, elle ne respecte quasiment pas les frontières étatiques mais bien plus les anciens territoires coloniaux ou des espaces linguistiques définis par des isoglosses comme principe d’organisation linguistique. On retiendra donc que toute orientation à une répartition politico-territoriale des espaces linguistiques romans est secondaire face au déplacement géographique constant de variantes linguistiques. Cette posture analytique a eu des conséquences majeures d’un point de vue méthodique. Je m’y intéresse ci-après.
Depuis le début du XXe siècle, la géographie linguistique, qui s’est développée à partir de la dialectologie comme méthode descriptive, défend sa place dans la linguistique romane. Dès ses débuts, elle s’impose face à des recherches sur le style, par exemple, qui s’inscrivent dans une tradition continue jusqu’aujourd’hui, et contribue ainsi à creuser un fossé entre les lettres et la linguistique qui n’existait pas aux origines de la philologie traditionnelle. Ces observations montrent à leur tour les conséquences d’une focalisation conséquente sur la dimension orale de l’usage du langage.6
La géographie linguistique est axée sur la « production » depuis ses origines. Elle poursuit l’objectif de générer des atlas linguistiques, et, à cet effet, de déterminer une sélection représentative de données, de les traiter méthodiquement et de les présenter de façon systématique. Ainsi, la géographie linguistique est la conjonction d’une linguistique des données et de structuralisme interprétatif qui, pendant des décennies, a contribué à la définition du cœur des recherches de la philologie romane. D’autres aspects comme la dimension sociolinguistique ont été laissés de côté. Cette discipline a considéré la définition d’espaces linguistiques géographiques comme sa contribution centrale au sein de la philologie romane. Elle les démarque en déterminant les frontières linguistiques sur la base de « faisceaux d’isoglosses », sans considération des dimensions socioculturelles de l’usage du langage.
Les opinions sont partagées sur les avancées scientifiques de la géographie linguistique. Daniela Pirazzini a proposé une belle synthèse de ses apports il y a quelques années.7 Il est indéniable qu’une précieuse documentation de la variation linguistique romane est née du paradigme scientifique de la géographie linguistique – précieuse, avant tout parce qu’un grand nombre des ces variations linguistiques sont régressives de par la dé-dialectalisation de l’usage du langage et que beaucoup d’entre elles sont abandonnées d’une génération à une autre. D’un autre côté, l’orientation prédominante de la philologie romane pendant des décennies sur les variations diatopiques s’avère être une barrière au développement de procédés d’analyse innovants à propos des formes modernes de plurilinguisme, qui bien souvent s’exprime plutôt à travers la mobilité sociale des locuteurs que la fixation géographique.
Dans ce sens, la géographie sociale par exemple, qui est reconnue aujourd’hui comme discipline, a peu de chances d’entrer dans une relation interdisciplinaire avec la géographie linguistique.8 Cependant, la géographie linguistique doit reconnaître qu’en concentrant ses recherches sur les espaces de plurilinguisme urbains, son objet de recherche véritable, l’espace rural peu touché par la civilisation, perd en importance. Quelques romanistes comme Thomas Krefeld ont tenté de faire de la géographie linguistique une linguistique de l’espace qui intègre dans son observation de la variation linguistique géographique les conditions sociales, l’usage du langage et l’interaction. Malheureusement, sa théorie des « glossotopes »9 reste marginale dans le développement de méthodes de la philologie romane, qui risque de disparaître dans les remous de la construction théorique post-structuraliste, comme par exemple dans la sociolinguistique urbaine10 représentée par Thierry Bulot.
Mais revenons à l’axiome formulé afin de souligner que l’intérêt primordial pour une recherche territoriale de la variation linguistique orale n’est pas nécessairement le corollaire de cette conviction profonde. La supposition qu’il n’existait pas de langues-ancêtre dans le sens de « proto-langues standard » avant la formation des langues romanes, mais seulement des dialectes et « patois » romans, reste certainement valide. Nous observons (de nouveau) une situation similaire là où aujourd’hui l’occitan, l’aragonais ou le vénitien sont encore parlés. Par ailleurs, l’influence de langues de contact non-romanes et de langues-toit de culture comme le latin ou le grec dans les anciens territoires linguistiques proto-romans est reconnue. Ainsi, on constate la création d’espaces de plurilinguisme complexes et dynamiques depuis l’émergence des langues romanes, qu’il faut expliquer dans une perspective historico-linguistique, -sociale et -culturelle.
Voilà la clé d’une analyse moderne du troisième axiome. Interpréter cet axiome dans sa dimension territoriale uniquement s’avère être une erreur, car on laisse de côté les acquis sur la dynamique d’espaces linguistiques sociaux. L’axe de recherche linguistique avant tout géographique a rendu aveugle la philologie romane pendant des décennies et lui a suggéré une conception de l’espace purement géographique, qui a perdu sa valeur d’un point de vue historiographique. Pourtant, le potentiel de l’axiome de la dialectalité de l’origine des langues romanes est immense, car il peut et doit être le point de départ d’une réflexion sur les conditions d’émergence d’une standardisation linguistique et des paramètres ethnologiques et socioculturels ayant engendré les langues romanes. À présent, nous nous écartons, sur le plan méthodique, de l’analyse synchrone d’une linguistique géographique des données pour nous dédier à une histoire sociale des langues et du caractère progressif de l’action linguistique. Ce pas est important pour le développement futur de la discipline; c’est une réforme nécessaire. Il correspond au transfert de l’optique du troisième axiome de l’aréalité vers la spatialité du parler. Consacrons-nous donc en conclusion au quatrième axiome, formulé ci-avant.
Axiome n°4 : Les langues romanes se sont constituées dans un processus complexe de diversification normative. (principe de standardisation)
Cet axiome important ne peut être interprété de manière convenable que si l’on en tire les conséquences appropriées de l’axiome discuté plus haut. La philologie romane a longtemps rechigné à analyser de manière convaincante méthodologiquement l’émergence des langues-standard romanes. Une série de mises en perspective peu équilibrées en ont été le résultat, qui demandent à être corrigées. Tout d’abord, le concept de langue-standard a souvent été interprété comme langue écrite et littéraire, donc en mettant l’accent sur sa tradition scripturale. Il peut être facilement remis en question compte tenu de l’histoire précoce de la formation des langues romanes, puisque les premiers vestiges littéraires des langues romanes se situent seulement vers l’an 1000, donc environ 200 ans après l’émergence des formes romanes à partir du latin. La focalisation sur la création littéraire et le développement de la norme écrite a, bien sûr, sa place dans l’explication de processus de standardisation. Cependant, la philologie romane a dévoilé une certaine tendance à expliquer ces processus historico-linguistiques en insistant sur l’influence des traditions scripturales, donc de cultures écrites dont la réalisation ne correspond ni aux traditions de la langue parlée, ni à la structure de ses variétés. Dans son introduction à l’ancien italien, Andreas Michel décrit ce dilemme :
La totalité de notre savoir sur les langues anciennes que sont le latin et le grec ainsi que sur les formes anciennes des langues nationales modernes comme l’allemand, le français ou l’anglais est fondée sur des textes transmis, qui ne nous renseignent que partiellement sur la réalité linguistique d’une époque. D’abord, une différence structurelle entre langue parlée et langue écrite a toujours existé ; par ailleurs, les écrits anciens dans les langues populaires européennes laissent deviner l’influence importante de la tradition écrite latine au Moyen Âge […]. Le contact entre le latin et les langues populaires est particulièrement visible dans les langues romanes, surtout en ce qui concerne les variétés relativement conservatives en Italie. Ainsi, d’innombrables documents du haut Moyen Âge sont rédigés dans une langue mixte de latin médiéval/roman. (Michel 1997, 132)1
Le problème décrit par Michel a amené les linguistes spécialistes du Moyen Âge à centrer leurs recherches sur les traditions écrites uniquement et à documenter leur propre schéma de l’évolution de variétés-standard. Les recherches se consacrant à l’ancien italien, l’ancien français ou l’ancien espagnol ne contribuent que marginalement à l’exploration de la standardisation de l’italien (donc toscan), du français (donc du francien) et de l’espagnol (donc du castillan). Concrètement, les études médiévales ne nous renseignent que de manière sommaire sur les débuts de la standardisation des dialectes de base de ces trois grandes langues romanes. Les lacunes sont particulièrement importantes quant aux origines du français, dont les structures linguistiques historiques remontent probablement au dialecte d’ancien français d’Île-de-France, le francien. Pourtant, cette origine ne peut être documentée ou attestée par des sources littéraires ou historico-culturelles. La philologie romane ne fait qu’émettre des hypothèses aujourd’hui.2
Mais les incertitudes face à l’explication du francien comme variété-standard du français en cours de formation ne s’avèrent faire figure d’exception dans l’analyse historico-linguistique qu’à la surface. Cette impression est due au fait qu’il est quasiment impossible de créer un lien entre la tradition scripturale d’Île-de-France, difficilement attestable, et l’influence politique et historico-culturelle plus tardive de Paris. Mais en regardant de plus près, il s’avère également délicat d’attribuer une fonction de standardisation au toscan et au castillan, variétés d’origine de l’italien et de l’espagnol, avant le XIIIe siècle. Contrairement au francien pour le territoire d’Île-de-France, il est possible de relever l’activité de deux hommes influents pour les débuts de la standardisation de l’italien et de l’espagnol, autant à Florence qu’en (Nouvelle-)Castille. Il s’agit de Dante Alighieri pour l’italien et d’Alphonse le Sage pour l’espagnol, qui ont très largement contribué à la standardisation de ces deux langues.
Cependant, en attirant l’attention sur les constellations du pouvoir politique et l’activité de régents et lettrés influents, la standardisation des langues romanes ne s’explique que de manière hypothétique en ce qui concerne ses débuts, et dans tous les cas de manière lacunaire pour ce qui en est de son évolution. Si on voulait en arriver là – la lecture de certaines histoires linguistiques peuvent en donner l’impression – on s’éloignerait considérablement d’une histoire de la langue parlée, qui représente pourtant l’angle d’analyse décisif pour une réflexion du problème dans la lignée de la tradition romanistique. Nous devons alors nous poser la question comment la standardisation des langues romanes s’est déroulée depuis la base d’espaces de variétés de langues parlées au Moyen Âge, autant dans sa phase précoce que dans son évolution qui en a suivi.
Dans cette optique, Helmut Lüdtke a fourni d’importants éclaircissements pour l’histoire des langues romanes. Dans son œuvre tardive intitulée Der Ursprung der romanischen Sprachen. Eine Geschichte der sprachlichen Kommunikation (2005), Lüdtke approfondit la problématique évoquée ci-haut. Il développe un point de vue théorico-communicatif sur la formation des langues romanes qui ne s’inscrit pas à l’intérieur des frontières méthodiques décrites. C’est en cela que sa contribution est unique. Pourtant, il est intéressant de constater que Lüdtke ne nie aucun des quatre axiomes de la philologie romane que je postule ici. Il en déduit des conséquences méthodologiques en partie totalement différentes. Je voudrais m’arrêter sur ce point en développant l’exemple de la standardisation.
Lüdtke lui aussi considère que la standardisation des langues romanes est à mettre sur le même pied que le processus de formation des langues romanes écrites, qui pour la philologie romane englobent traditionnellement les langues nationales, littéraires et de culture de la Romania. En partant de cette prémisse, Lüdtke construit un modèle théorique de la standardisation qui se concentre uniquement sur l’écrit :
En accord avec une vision communément acceptée […], les langues sont des acquis culturels qui se caractérisent en premier lieu par leur nom et leur système orthographique. Une langue peut donc être « construite » volontairement, et cela arrive d’ailleurs de temps à autre. À la différence de dialectes « naturels », les langues sont accaparées par les autorités : nous disons qu’elles sont standardisées. Les sept critères ci-après permettent d’identifier une langue-standard et de la démarquer d’autres langues :
(1) dénomination
(2) orthographie
(3) domaine de diffusion
(4) outils d’enseignement et d’apprentissage
(5) textes
(6) actes de parole
(7) enseignement. (Lüdtke 2005, 723–724)3
Ainsi, si nous nous interrogeons où en est la philologie romane en ce qui concerne l’explication de la standardisation des langues romanes, nous devons constater que les acquis de la recherche à ce niveau n’ont pas ou peu pris en considération les axiomes 1 à 3 de la philologie romane et leurs conséquences méthodologiques. L’adhésion au caractère oral de la langue et la considération prioritaire de l’usage de la parole ont largement été ignorées dans l’explication de l’origine des langues-standard romanes – comme s’il n’y avait pas de forme de standardisation de langues qui ait explicitement lieu dans le domaine oral. Le concept d’une langue historique est bien évidemment toujours défini par l’interdépendance entre l’oral et l’écrit, ce qui a été décrit de manière convaincante par Koch et Oesterreicher. Mais c’est justement pour cette raison qu’une approche théorico-méthodique de la standardisation linguistique doit considérer l’aspect de l’oralité et prendre en compte le primat de la langue parlée, qui est valable pour toute forme de changement linguistique.
C’est pour cela que je souhaite suggérer ici un nouveau concept de standardisation linguistique que j’avais déjà présenté en 1997 dans un article intitulé « Varietät und Standard im Sprachkontakt ».4 L’approche que je propose s’intègre aux réflexions faites ici en ce qu’elle adopte non seulement l’axiome d’oralité, mais aussi celui de l’hétérogénéité de la parole. Elle part du modèle classique des structures de variétés de la philologie romane, sans le restreindre à son aspect diatopique.
La définition de langues-standard comme langues par élaboration au sens de Heinz Kloss constitue le point de départ de ma réflexion. Les variétés devenues langues-standard doivent être comprises comme des langues de culture à large fonction, qui ne sont pas homogènes mais constituent un espace linguistique de variétés caractérisé par un usage communicationnel multiforme :
La différenciation diatopique, diastratique, diaphasique et diamediale des langues de culture est le résultat d’un procédé hautement complexe qui s’explique par l’expansion de la fonctionnalité communicative et la conservation de traditions discursives. Dans ce contexte, les processus de nivellement intralinguistiques jouent un rôle bien aussi important que les démarcations lectales. (Hoinkes 1997, 37)
Ma proposition d’une standardologie basée sur l’oralité s’inscrit dans la conception de processus de nivellement intralinguistiques qui, en ce qui concerne le changement linguistique, représentent un antagonisme à l’éventuelle différenciation en dia-variétés. Le procédé s’explique de manière communicative et interactionnelle ; il est déclenché en premier lieu par des situations de contact. Un des fondements du modèle basé sur les variétés linguistiques est la thèse que les langues-standard se définissent à travers l’existence de variétés-standard. De ce point de vue, la langue commune peut être interprétée comme une formation complexe de différentes structures de variété au sein de laquelle la variété-standard se démarque et exerce une fonction communicative importante dans la communauté de locuteurs. La question si la variété-standard observée est endogène ou exogène est décisive pour le processus de standardisation. Elle est endogène si elle est engendrée par l’usage communicatif de la langue de la communauté linguistique et exogène si elle est décisive pour l’évolution linguistique en tant que variété de prestige institutionnalisée.
Les variétés-standard endogènes et leur formation sont un phénomène auquel la recherche a porté peu d’attention jusqu’à présent :
D’un point de vue théorique, la formation d’une norme est considérée comme un mécanisme de nivellement entre des variétés ou bien comme préférenciation d’une variété et non comme la création d’une variété totalement nouvelle. Elle repose sur le procédé de la sélection de variantes.
D’un point de vue structurel, la fonction de la standardisation repose sur la réduction de variations diatopiques, diastratiques et diaphasiques au niveau de la langue commune, en considérant que chaque domaine peut être traité isolément. Cependant, une telle réduction de la variation d’une langue ne se produit pas de manière arbitraire ou aveugle, mais s’oriente toujours à un usage de la langue considéré comme faisant autorité ou même obligatoire. Jörn Albrecht interprète cet usage comme l’existence d’une « forme canonique » d’une langue. […]
Dans le cadre d’une étude standardologique fondée sur les principes de la linguistique des variétés, il semble cohérent de considérer la « forme canonique » d’une langue et les relations complexes qu’elle entretient avec les normes existantes dans la communauté linguistique comme l’émergence d’une propre variété-standard. (Hoinkes 1997, 38)
La variété-standard que je postule est, en quelque sorte, le produit provisoire d’une standardisation en constante mouvance, dont on retrouve la dynamique dans les schémas de comportement linguistique provoqués socialement et dans les normes de la communauté linguistique qu’ils engendrent. Ainsi, le quatrième axiome se transforme en axiome de normativité, qui ne peut être mis au même plan que la codification linguistique. L’interprétation proposée détourne notre approche des effets de la planification et conservation linguistique vers l’aspect de l’interaction sociale par la langue, dans laquelle de nombreux paramètres définissant la vie en communauté dans des espaces définis au plan ethnique et culturel dévoilent leur importance. Elle attribue par ailleurs une fonction essentielle aux conditions de vie institutionnelles du lieu ou de la région dans le processus de standardisation.
Dans un premier temps, la standardologie esquissée n’est qu’une ébauche théorico-méthodologique. Pourtant, et comme je l’ai montré dans mon article de 1997, elle pourrait devenir une méthodique pour l’analyse empirique concrète de formes conflictuelles et dynamiques du contact linguistique (par exemple dans le cas du contact linguistique gascon-français ou catalan-espagnol). Par ailleurs, cette approche ne reste pas uniquement spéculative en ce qui concerne l’interprétation de processus de formation de variétés-standard romanes précoces et de langues-standard. Bien au contraire : elle peut se servir de toute forme de documentation de la production linguistique historique, du comportement linguistique et de la réflexion linguistique historique afin d’analyser les conditions d’un comportement linguistique normatif alors valables. C’est exactement en cela que je vois une mission essentielle de la philologie romane du futur. Ce faisant, elle peut non seulement expliquer pertinemment l’origine orale hétérogène des langues romanes, mais aussi, dans une optique méthodologique s’intéressant au présent, proposer une analyse moderne de processus linguistiques dynamiques dans les différents espaces linguistiques sociaux, ethniques et culturels.
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Von sprachlich korrekt zu politically correct
Normkonzepte im Wandel und Implikationen für die italienische und französische Sprachdiskussion
Antje Lobin
1 Einleitung
Der vorliegende Beitrag ist dem Wandel im Bereich sprachlicher Normen und den Auswirkungen, die bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen auf länderspezifische Normdiskussionen haben, gewidmet. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt auf Italien und Frankreich, die beide auf eine lange Tradition sprachnormerischer Aktivitäten zurückblicken, in deren Zentrum die Etablierung und Durchsetzung einer überregional gültigen Sprachform für die mündliche und schriftliche Kommunikation stand und steht.1
Über unterschiedliche Disziplinen hinweg, aber auch innerhalb der Linguistik besteht eine Vielfalt an Normauffassungen. Im vorliegenden Kontext wird Norm nach Gloy (2004, 392) definiert, der unter Norm im engeren Sinne den intentionalen Sachverhalt einer Verpflichtung (Obligation) versteht. Hierbei verkörpert eine Norm zwar häufig ein Richtigkeits- bzw. Korrektheitsurteil, der Verpflichtungscharakter kann sich aber auch auf das Zweckmäßige oder das Angemessene beziehen. Für die Existenz einer Norm ist ihre Formuliertheit nicht ausschlaggebend. Von dieser Norm im engeren Sinne ist die Norm im weiteren Sinne abzugrenzen, die statistisch-strukturelle Sachverhalte wie Häufigkeiten oder Distributionen umfasst.
Seit dem ausgehenden 20. Jh. ist eine Tendenz zu beobachten, die darin besteht, dass sich vor die innerlinguistische Perspektive der präskriptiven oder deskriptiven Norm gleichsam eine soziolinguistische Norm schiebt. Das Phänomen, um das es hier gehen soll, ist die sog. political correctness,2 die sich in unterschiedlichen Ausprägungen zeigt und sich zunehmend verbreitet. Marazzini (2009, 222–223) erläutert diesbezüglich:
[…] si traduce […] nel tentativo di imporre una norma (nuova rispetto alla tradizione), condannando (a volte con durezza) coloro che non si adeguano. […] Recentemente i problemi legati al linguaggio ‚politicamente corretto‘ si sono allargati, e si sono moltiplicati i tentativi di censurare parole ed espressioni […].
Im Jahr 1995 stellte Lampert (1995, 247) fest, dass sich die Sprachwissenschaftler bislang praktisch nicht zur PC-Problematik geäußert hatten. Dies wird auch von Schmitt (2001, 464) belegt, der bezüglich der LRL-Bände beobachtet hat, dass bestimmte, moderne Formen der Normdiskussion im Italienischen bei Erscheinen des ersten LRL-Bandes (IV, 1988) noch nicht bekannt waren. Ebenfalls für das Italienische stellt Canobbio (2009, 35) fest: „L’evoluzione del fenomeno dell’interdizione linguistica sembra in realità un po’ trascurata nelle analisi delle trasformazioni (etno- e socio-)linguistiche in atto nel nostro paese.“
Die Sprachdiskussion verlagert sich zusehends von der Bewertung der sprachlichen Korrektheit oder der Beschreibung des Sprachgebrauchs hin zur Bewertung der Angemessenheit sprachlicher Formen, v.a. hinsichtlich der Wortwahl. Die lexikalische Ebene, die nach Maier (1984, 70) in normtheoretischen Abhandlungen lange Zeit kaum berücksichtigt wurde, rückt nun in den Vordergrund der Betrachtung. Es würde allerdings zu kurz greifen, das Phänomen der political correctness auf die lexikalische Ebene zu beschränken.
Eine zentrale Rolle spielen bei der Verbreitung politisch korrekter Ausdrücke die Medien, die diesen Sprachformen einen bisher unbekannten Resonanzraum bieten (Merle 2011, 11):
Le problème est que les moyens de communication actuels, donc les moyens de „mise en circulation“ des mots, des modes, et des modes de mots et d’expressions, sont sans commune mesure avec les époques antérieures. En effet, la périphrase, l’euphémisme de vaine précaution, la litote de fausse pudeur, la préciosité ridicule et toute la clique clinquante des artifices de langage […] bénéficient d’une caisse de résonance sans limites et sans précédent.
Im Kontext eines Spannungsverhältnisses zwischen einer linguistisch begründeten und einer politisch motivierten Normdiskussion ergeben sich unterschiedliche Fragenkomplexe. Zunächst stellt sich die Aufgabe einer differenzierten Charakterisierung des Phänomens der political correctness. Darüber hinaus gilt es, die Frage nach dem Geltungsgrad zu beantworten. Eine weitere Fragestellung richtet sich darauf, zu erfassen, wie sich ein solcher Sprachgebrauch im Diasystem der Sprache einordnen lässt. Auch muss die Rolle der herkömmlichen Normierungsinstanzen beleuchtet werden und deren aktuelle Akzeptanz hinterfragt werden. Ebenso muss der Beitrag, den die Massenkommunikationsmittel in Normierungsfragen leisten, näher betrachtet werden. Schließlich ist die Frage der lexikographischen Erfassung politisch korrekter Begriffe relevant3 und damit auch die Frage, in welchem Maße Wörterbücher politisch korrekt sein können und sollen. Das skizzierte Feld weist enge Berührungspunkte zu Fragen der Sprachkultur (Klare 1999, 2007) und des Sprachbewusstseins sowie zur Laienlinguistik auf.
Grundsätzlich sei an dieser Stelle schon einmal hervorgehoben, dass es Aufgabe der romanistischen Linguistik ist, den Widerhall gesellschaftlicher Dynamiken in der Sprache, der sich jenseits offizieller Normierungsbestrebungen vollzieht, in den romanischen Sprachen vergleichend zu erfassen und übergreifende Deutungsversuche anzubieten.
2 Zur Begriffsgeschichte der political correctness
Der Begriff der political correctness ist im Zusammenhang mit den Emanzipationsbestrebungen von People of Color und Frauen in den USA entstanden. Der Erstbeleg der Formel politically correct wird auf das Jahr 1969 datiert und erscheint in einem Essay von Toni Cade Bambara (Lampert 1995, 249). Während mit der Wendung ursprünglich eine positiv bewertete Haltung bezeichnet wurde, hat sich die Bedeutung mit der Zeit gewandelt. In der Folge diente sie der Signalisierung von Selbstironie, heutzutage ist sie oftmals negativ konnotiert (Lampert 1995, 249–250). In Amerika wie auch in Europa hat sich der Begriff inzwischen von der Einschränkung auf die Bereiche Ethnie und Geschlecht gelöst und umfasst heute auch Diskursvorgaben und -empfehlungen zum Schutz weiterer Minderheiten (Reutner/Schafroth 2013, 12). Über den in semantischer Hinsicht problematischen Ausdruck schreibt Hughes (2010, 17): „[…] the formula political correctness is an inherently problematic semantic construct.“ Auch Merle (2011, 8–9) spricht von einer „formule boiteuse et d’ailleurs polysémique“.
Es ist bereits angeklungen, dass der Begriff der political correctness sehr unterschiedliche Phänomene umfasst. Wir haben es geradezu mit einem Sammelbecken von Erscheinungen zu tun, das der Binnendifferenzierung und Systematisierung bedarf. Eine wichtige Dichotomie ist zunächst die Folgende: Zum einen geht es im Bereich des politisch korrekten Sprachgebrauchs darum, dass etwas nicht gesagt/benannt werden darf – daher der Begriff norma surrettizia von Antonelli (2016, 60) –, zum anderen geht es darum, dass etwas gerade gesagt/benannt werden muss. Man denke hier beispielsweise an die Feminisierung v.a. institutioneller Texte. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang gefordert, dass Frauen explizit benannt und mit angesprochen werden. So positionierte sich die Accademia della Crusca, die sich inzwischen deutlich von den puristischen Zielen früherer Zeiten abgewandt hat (Lieber 1994, 61), im Dezember 2015 in der Rubrik tema del mese sehr deutlich bezüglich der Feminisierung im institutionellen Kontext und forderte:
L’Accademia […] auspica […] che i termini che indicano ruoli istituzionali […] riferiti alle donne siano di genere grammaticale femminile […]. Si eviteranno così anche usi discriminanti e formulazioni che mal si accordano con le funzioni del linguaggio istituzionale, a tutto vantaggio della sua chiarezza e trasparenza. (Marazzini/Robustelli 2015)
Was die erste Spielart des politisch korrekten Sprachgebrauchs betrifft, so sprechen Reutner/Schafroth (2013, 12) von einer speziellen Art der Tabuisierung. Zur Illustration sei ein aktuelles Beispiel aus der Tageszeitung La Repubblica angeführt. Es geht hierbei um die Veränderung von Begrifflichkeiten aus dem Feld des Strafvollzugs mit der Begründung der Anpassung an europäische Verhältnisse.
Cambia il lessico carcerario: ‚Ci adeguiamo all’Europa‘: La cella non si chiamerà più così, ma ‚camera di pernottamento‘. E chi in carcere prende le ordinazioni per il sopravvitto non dovrà essere più definito ‚spesino‘, ma ‚addetto alla spesa dei detenuti‘ […] e non si dirà più ‚piantone‘, ma ‚addetto alla persona‘ per indicare il detenuto che viene pagato per assistere il compagno di cella che, dietro certificazione medica, non riesce a badare a sé stesso. (Cravero 2017)
Mitunter kommt es mit der Zeit zu wahren Ketten von Bezeichnungen, die immer wieder durch neue Formen ersetzt werden. So wurde handicappato durch disabile ersetzt, das wiederum diversamente abile oder auch diversabile Platz machte (Antonelli 2016, 63). Auch das fragwürdige diversamente fortunato begegnet in diesem Kontext. In Analogie zu den Bildungen mit diversamente wurde übrigens die Formel des diversamente corretto gebildet. Eine weitere Bezeichnungskette für das Italienische und Französische ist diejenige des Alters: Italienisch: vecchio → anziano, in età, non più giovane, appartenente alla terza età, dai capelli d’argento; Französisch: vieillard → vieux, ancien, personne âgée, personne du troisième âge, senior (Abalain 2007, 50). Marazzini (2009, 223) liefert für diese Bezeichnungsketten folgende Erklärung:
Le parole adibite allo scopo di correggere i presunti pregiudizi linguistici, insomma, si ‚consumano‘, assumendo via via la connotazione e l’aura negativa dei termini che dovevano sostituire con vantaggio.
Nicht in jedem Fall ist der neue Begriff der eindeutigen Kommunikation zuträglich, wie es Abalain (2007, 50) für die Ersetzung von les aveugles durch les malvoyants feststellt: „Le mot est ambigu, car il peut aussi s’appliquer à ceux dont la vue a diminué.“1
Sowohl in der Literatur zum Italienischen als auch in derjenigen zum Französischen wird diese Form des politisch korrekten Sprachgebrauchs, die Jürgen Trabant (2017) in der Frühjahrsausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte als „Sprachwaschmaschine“ bezeichnete, weitestgehend negativ bewertet. Dies deckt sich mit einer Beobachtung von Reutner (2013), die bezüglich der Verwendungsweisen von spanisch políticamente (in)correcto ein deutliches Vorherrschen an negativen Einstellungen ermittelt hat. Diesen liegt nach Reutner (2013, 152) die Auslegung des Begriffs als Antonym von Wahrheit zugrunde. Die negativen Einstellungen im Italienischen und Französischen werden exemplarisch in folgenden Zuschreibungen manifest: hygiénisme langagier (Santini 1996, 9)2, art de l’esquive (Merle 2011, 8), abile maquillage linguistico (Canobbio 2009, 40), acrobazie verbali (Canobbio 2009, 45). Merle (2011, 16) spricht darüber hinaus von einem terrorisme verbal und von einem empoisonnement et emprisonnement du français (2011, 7). Der Gift-Metapher bedient sich auch Canobbio (2009, 38–39), wenn sie über die Debatten schreibt, die im Zusammenhang mit der political correctness geführt werden:
L’ansia fin troppo spesso ipocrita per il Politicamente corretto ha già fatto scorrere parecchio inchiostro e non poco veleno tra sociologi, linguisti, storici, studiosi di costume […].
Der Linguist Massimo Arcangeli sieht in der Verteidigung des politisch korrekten Sprachgebrauchs eine „subdola e assai ipocrita forma di totalitarismo“ (2005, 125) und bezeichnet dessen Verfechter als „nuovi crociati“ (2005, 135). Ähnlich drastisch formuliert es Crisafulli (2004, 150):
I giacobini della purezza linguistica prendono le mosse da un’idea sacrosanta – la pari dignità di ogni cultura e di ogni persona – ma approdano al fondamentalismo.
Selten finden sich neutralere Zuschreibungen, z.B. die Einordnung als euphemistischer Sprachgebrauch,3 oder differenziertere Betrachtungen wie diejenige von Fabio Rossi (2016), der in einem Interview im April 2016 zwischen einem „guten“ und einem „schlechten“ politisch korrekten Sprachgebrauch unterschied.4 Letzterer trage zu einer verbesserten Kommunikation, zu einem gesitteteren bzw. zivilisierteren, demokratischeren und respektvolleren Umgang bei. Auch Reutner/Schafroth (2013, 12) gestehen dem politisch korrekten Sprachgebrauch eine positive Wirkung zu.5 Sie beziehen sich in dieser Bewertung allerdings auf das, was hier als zweite Spielart der political correctness eingeordnet wurde. Im Feld der Femininbildungen von Berufsbezeichnungen werde – so die Autoren – die Gleichbehandlung durch sprachliche Innovation gefördert.
Exkurs
Politisch korrekte Formulierungen und deren Aushandlung haben auch Eingang in die Literatur gefunden, wie es anhand eines kurzen Romanauszugs illustriert werden soll. In Jean Anglades Erzählung Le Tilleul du soir (1975) wird ein Gespräch dargestellt zwischen einer älteren Dame, Mathilde, und dem Arzt Lenoir, der sie überzeugen möchte, in ein Altersheim zu gehen. Für das, was Mathilde als hospice ‚Heim‘ deutet, führt er allerlei beschönigende Ausdrücke an (hospice → maison de repos, maison de retraite, résidence pour le troisième âge). Zwar verwendet er einen abschwächenden Hedging-Ausdruck, dennoch geht der Arzt Lenoir soweit, die besagte Einrichtung in die Nähe eines Hotels zu rücken (des sortes d’hôtels).
— L’été, passe encore. Mais l’hiver ! […] Savez-vous ce que vous devriez faire ? Vous avez de bonnes pensions, n’est-ce pas ?
— Oh ! bonnes !
— Suffisantes, je crois savoir, pour que vous vous retiriez dans une de ces maisons où l’on reçoit les vieilles personnes. Elles y sont bien nourries, bien logées, bien chauffées, bien soignées. Libres de sortir à leur fantaisie. Jamais seules, toujours en compagnie de gens de leur âge. La télévision, un jardin, des bancs à l’ombre. Que peut-on désirer de plus ?
— L’hospice ! Vous voulez m’envoyer à l’hospice ?
— Il ne s’agit pas d’hospice ! Ça n’existe plus, les hospices ! Je vous parle d’une maison de repos, d’une maison de retraite, d’une résidence pour le troisième âge. Des sortes d’hôtels.
— Le troisième âge ? Qu’est-ce que c’est, le troisième âge ?
— Celui que vous avez. On trouve de ces hôtels un peu partout dans la région : à Maringues, à Lezoux, à Aigueperse, à Thiers, à Billom, à Pont-du-Château… Voulez-vous que je m’en occupe ? Que je vous cherche une place ?
— Non, non… Pas encore.
3 Situierung der political correctness im Diasystem der Sprache
Der politisch korrekte Sprachgebrauch wird weit häufiger bewertet und kritisiert als dass versucht würde, seinen Geltungsbereich zu erfassen oder auch ihn in das Sprachsystem bzw. Diasystem der Sprache einzuordnen. Daher soll an dieser Stelle eine diesbezügliche Annäherung unternommen werden. Canobbio (2009, 36) zufolge geht es hierbei um ein „rimodellamento del lessico e delle sue regole d’uso“. Hughes (2010, 59, Hervorhebung im Original) betont seinerseits den Aspekt des Sprachgebrauchs:
The enterprise of political correctness was and continues to be an attempt to change or suppress, not the whole langue or linguistic system, but the meanings of particular paroles.
Zu weitreichend scheint die Einschätzung von Stefano di Michele, der im Vorwort des Buches von Crisafulli (2004) den politisch korrekten Sprachgebrauch als linguaggio geneticamente modificato bezeichnet. Ein zentraler Aspekt wird m.E. von der Autorin Natalia Ginzburg eingebracht. In ihrem Essay L’uso delle parole (Scarpa 2001, 149–152) schreibt sie 1989 über die mit heuchlerischer Motivation künstlich geschaffenen Wörter:
Ci troviamo […] circondati di parole che […] sono state fabbricate artificialmente con motivazioni ipocrite, per opera di una società che ne fa sfoggio e crede con esse di aver mutato e risanato il mondo. […] Per docilità, per ubbidienza […] ci si studia di adoperare quei cadaveri di parole quando si parla in pubblico o comunque a voce alta, e il nostro vero linguaggio lo conserviamo dentro di noi clandestino. Toccherebbe agli intellettuali […] fare in modo che sui giornali e nella vita pubblica riappaiano le parole della realtà.
Hier erscheint der politisch korrekte Sprachgebrauch als diaphasische und auch diamesische Varietät, die situativ an die Öffentlichkeit gebunden ist und dem mündlichen Realisierungsmodus vorbehalten scheint. Ebendiese Dimensionen werden bei Canobbio (2009, 36) nicht genannt. Sie beschreibt das Phänomen sprachlicher Verbote vielmehr als querlaufend zur diastratischen, diatopischen und diachronischen Dimension:
Fenomeno dunque tipicamente relativo questo dell’interdizione; trasversale alla diastratia e alla diatopia dei diversi gruppi umani, e naturalmente variabile in diacronia […], e in ogni caso così capillarmente diffuso che proprio la sua evidenza rappresenta una delle più convincenti dimostrazioni del legame tra lingua e cultura.
Lampert (1995, 253) verweist ebenfalls auf ein Delta zwischen öffentlichem – „politisch-korrektem“ – und privatem Sprachgebrauch nach den „alten“ Mustern. Und auch bei Hughes (2010, 292) wird das Phänomen innerhalb der diaphasischen Dimension verortet. Er unterscheidet verschiedene „levels of discourse“, die einen je spezifischen Grad an political correctness aufweisen, und setzt mitunter gar einen „double standard“ an. So schreibt er mit Bezug zur Pressesprache: „Frequently the double standard is apparent in that the headline of a story will use sex worker, but the main body of the text will use prostitute“ (Hughes 2010, 292).
Geht es nun um die Frage nach dem Geltungsgrad und nach der Verbindlichkeit des politisch korrekten Sprachgebrauchs, liefert Arcangeli (2005, 125, Hervorhebung im Original) folgende Antwort:
Chi sono i padroni di una lingua? Chi ne governa l’uso? Difficile, per il tempo presente, affermarlo con risoluta certezza. Un ruolo di primo piano giocano però sicuramente i paladini a oltranza del politicamente corretto.
Analog geht Antonelli (2016, 61) bezüglich der amerikanischen Gesellschaft so weit zu behaupten, dass es sich bei der political correctness um eine Sprachnorm handelt, die in gewisser Hinsicht stärker ist als die grammatikalische Norm. Zur Begründung führt er an, dass es sich bei der Ahndung von Verstößen um einen Verweis oder eine Maßregelung moralischer Art handelt.
[…] il politically correct ha finito col diventare – nella società americana – una norma linguistica più forte, per certi versi, di quella grammaticale, perché espone i trasgressori a una censura di tipo morale. Censura che ha in molti casi perso la sua originaria caratterizzazione progressista ed egualitaria, finendo cosil diventare una versione nobilitata dell’eufemismo.
Demgegenüber sieht Merle (2011, 17) im politiquement correct nur eine „apparence de norme“:
Le propre d’une mode qui réussit, donc qui s’installe, c’est de finir par avoir l’air d’une évolution naturelle. C’est très exactement ce qui s’est passé pour un politiquement correct désormais bien implanté dans notre façon de parler, et cela jusqu’à s’être donné […] une apparence de norme.
4 Fallbeispiel: Feminisierung
Ergänzend zum vorgestellten, politisch motivierten Nichtsagbarkeitskodex, der in Italien und Frankreich in vergleichbarer Weise diskutiert wird, soll ein kontrastives Fallbeispiel angeführt werden, in dem unterschiedliche normative Ausprägungen und Bestrebungen zum Ausdruck kommen. Dieses Fallbeispiel bezieht sich auf einen ausgewählten Aspekt der geschlechtergerechten Sprache, die nach Robustelli (2016, 13) insbesondere in institutionellen und politischen Zusammenhängen von höchster Aktualität ist.
In Frankreich ist das Aufkommen des geschlechtergerechten Sprachgebrauchs eng verbunden mit der Regierung von François Mitterrand, der zu Beginn seiner Präsidentschaft (1981) eigens ein Frauenministerium eingerichtet hat. Es dauerte jedoch bis zum Jahr 1999, bis unter der Regierung Lionel Jospins ein Feminisierungsleitfaden veröffentlicht werden konnte (Femme, j’écris ton nom… Guide d’aide à la féminisation des noms de métiers, titres, grades et fonctions) (Becquer et al. 1999; s. auch Berschin et al. 2008, 410). Im italophonen Raum erhielt die geschlechtergerechte Sprachverwendung zentrale Impulse durch das Werk von Sabatini Il sessismo nella lingua italiana (1987; 1993). Hierin stellt die Autorin einen Katalog sog. „raccomandazioni“ auf (1993, 97). Es sei festgehalten, dass es sich hier um eine der seltenen Maßnahmen des italienischen Staates handelt, die die Sprachverwendung beeinflussen und regulieren sollten. Eine aktuellere Handreichung bilden zudem die Linee guida per l’uso del genere nel linguaggio amministrativo, die von Cecilia Robustelli in Zusammenarbeit mit der Accademia della Crusca im Jahr 2012 veröffentlicht wurden.
Unter den romanischsprachigen Ländern ist Frankreich das erste Land, das hinsichtlich der Geschlechtergerechtigkeit sprachpolitische Maßnahmen eingeleitet hat. Diese Maßnahmen sind jedoch auf die Feminisierung von Berufs- und Funktionsbezeichnungen beschränkt, so dass der geschlechtergerechte Sprachgebrauch in Frankreich auf ein Terminologieproblem reduziert wird (Burr 1999, 133–134). Fragen der Kongruenz von Adjektiven und Partizipien, deren Relevanz Robustelli (2016, 16) hervorhebt, werden vernachlässigt. Robustelli schreibt:
La riflessione sulla possibile discriminazione linguistica non si ferma al piano delle scelte lessicali, ai suffissi che indicano le uscite femminili dei vocaboli riferiti alle professioni, ma investe, per esempio, la concordanza di aggettivi, pronomi, sostantivi.
Sehen wir uns die einzelsprachlichen Regeln des accordo/accord näher an. Zum Italienischen schreibt Serianni (1989, 199) in der Grammatica italiana:
Se i nomi sono di genere diverso, l’aggettivo assume il numero plurale e, di preferenza, il genere maschile.1 […] Ma si può anche avere, per ragioni d’immediata contiguità sintattica, la concordanza dell’aggettivo con l’ultimo nome della serie, e quindi il maschile se questo è un maschile […], il femminile se esso è femminile […]. La concordanza dell’aggettivo con l’ultimo nome al femminile va però soggetta ad una duplice restrizione: l’ultimo nome deve essere plurale, e riferirsi ad un’entità inanimata. […] Nel dubbio, e per evitare ambiguità, sarà comunque preferibile attenersi alla concordanza dei nomi di genere non omogeneo con l’aggettivo al maschile plurale.
Hiernach erscheint ein Adjektiv, das sich auf Substantive unterschiedlicher Genera bezieht, im Plural im Maskulinum. Ausnahmen hiervon sind möglich. So kann das Adjektiv auch im Femininum erscheinen, allerdings müssen hierzu zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Erstens muss das letzte Substantiv einer Reihe im Plural stehen, zweitens muss es sich auf einen unbelebten Referenten beziehen. Diese Verhältnisse wurden von Sabatini (1993, 24) als „dissimmetrie grammaticali“ beklagt, die zu „cancellazione“, „marginalizzazione“ und „riduzione delle donne“führe. Ihr Unmut richtete sich insbesondere gegen die unterschiedliche Handhabung der Feminisierung bei belebten und nichtbelebten Referenten:
Questa regola, detta anche dell’„assorbimento“ o „inglobamento“ del femminile da parte del maschile, è generalmente trattata dalle grammatiche in modo sommario, come se fosse „naturale“ e ineluttabile, mentre per la concordanza di nomi di inanimati si prevedono anche altre soluzioni (ad es. l’accordo con l’ultimo nome). (Sabatini 1993, 24)
In ihrem Feminisierungsleitfaden forderte sie daher bezüglich des participio passato (1993, 105):
Evitare di accordare il participio passato al maschile, quando i nomi sono in prevalenza femminili. Si suggerisce in tal caso di accordare con il genere largamente maggioritario oppure con il genere dell’ultimo sostantivo della serie.
Unter Berufung auf Dardano/Trifone (1985, 138) heißt es weiterhin: „In caso di difficoltà nel determinare il genere maggioritario si suggerisce di accordare con l’ultimo sostantivo della serie“ (Sabatini 1993, 105).
Zum accord im Französischen lesen wir bei Grevisse/Goosse (2016):
L’épithète se rapportant à plusieurs noms coordonnés […] se met d’habitude […] au pluriel. a) Si les noms sont de même genre, l’épithète prend ce genre. […] b) Si les noms sont de genres différents, l’épithète se met au genre indifférencié, c’est-à-dire au masculin. (Grevisse/Goosse 2016, 460–461)
Contrairement à la règle générale […], mais, selon une tendance spontanée très ancienne […], on trouve assez souvent des accords avec le donneur le plus proche. […] Rarement, fém. au lieu du masc. : […] Dans les mouvements et les habitudes les plus JOURNALIÈRES (Giraudoux, Littérature, p. 310). (Grevisse/Goosse 2016, 607–608)
Im Französischen gibt es nun seit einigen Jahren Bestrebungen, die Regeln des accord zu reformieren und die sog. règle de proximité, wie sie bis zum 17. Jh. Bestand hatte, wieder einzuführen. Während es im Altfranzösischen (ebenso wie im Griechischen und Lateinischen) durchaus üblich war, das attributive Adjektiv, das sich auf Substantive unterschiedlicher Genera bezieht, im Plural im Femininum aufzuführen, vollzog sich hier im 17. Jh. ein Wandel. Bei Ménard (1994, 120–121) heißt es zum Altfranzösischen noch:
Lorsqu’un adjectif se rapporte à deux substantifs coordonnés, il n’est généralement exprimé qu’une seule fois et il s’accorde avec le substantif le plus proche. Il n’avoit onques veü plus richement encortinee eglise ne mostier. (Mort Artu, 48, 82) „Il n’avait jamais vu d’église et de monastère plus richement ornés de tentures.“
Demgegenüber lesen wir in den Remarques sur la langue françoise von Vaugelas (1647, 381) aus dem 17. Jh.:
Trois substantifs, dont le premier est masculin, & les deux autres, féminins, quel genre ils demandent. Parce que le genre masculin est le plus noble, il prévaut tout seul contre deux féminins, même quand ils sont plus proches du régime.
Auch Bouhours führt in seinen Remarques nouvelles sur la langue françoise aus dem Jahr 1675 das Kriterium der noblesse an: „[…] quand les deux genres se rencontrent, il faut que le plus noble l’emporte“ (1675, 4). Noch expliziter ist Beauzée in seiner Grammaire générale (1767, 358): „Le genre masculin est réputé plus noble que le féminin à cause de la supériorité du mâle sur la femelle.“
Bereits in der französischen Revolution hatte es einen Versuch gegeben, diese Regel abzuschaffen (Harten/Harten 1989, 4). Aus dem Jahr 1792 datiert ein projet de décret, die sog. Requête des dames, à l’Assemblée nationale, in der es in Artikel 3 heißt:
Le genre masculin ne sera plus regardé, même dans la grammaire, comme le genre le plus noble, attendu que tous les genres, tous les sexes et tous les êtres doivent être et sont également nobles.2
Etwa zweihundert Jahre später wurde in dem Runderlass (circulaire) von 1976 zu den sog. „tolérances grammaticales et orthographiques“ eingeräumt, dass die Berechtigung manch einer Norm schwierig aufrechtzuerhalten sei. So heißt es im Journal Officiel de la République Française Nr. 827 vom 9. Februar 1977:
La dernière catégorie est celle des expressions auxquelles la grammaire, dans son état actuel, impose des formes ou des accords strictement définis […]; dans certains cas, ce sont les normes elles-mêmes qu’il serait difficile de justifier avec rigueur, tandis que les transgressions peuvent procéder d’un souci de cohérence analogique ou logique.
Auf Initiative des Verbands L’égalité, c’est pas sorcier und der Ligue de l’enseignement wurde nun im März 2015 die Petition: Que les hommes et les femmes soient belles! initiiert und bei der damaligen Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem eingereicht.
In den alten und neuen Medien finden rege Debatten um diese règle de proximité statt. Ergänzend zur Berichterstattung in der Tagespresse, z.B. in Le Figaro (Leclair 2015), wird die Diskussion intensiv in den sozialen Medien, v.a. auf Facebook, befeuert. Neben der Ankündigung der Petition und Aufforderung zur Unterzeichnung ergeben sich ganze Kommunikationsstränge. Die Aufforderung zur Unterzeichnung wird entweder höflich als Frage formuliert oder aber expliziter mittels Imperativen der 1. oder 2. Person: Continuons à nous mobiliser; Signez et partagez la pétition. Auch familiäres und vergemeinschaftendes on wird verwendet: on signe, on partage, on se mobilise. Schließlich wird das Thema auch in Blogs von Politikern aufgegriffen, wie es bei Marc Jammet (2015) deutlich wird.
Im Herbst des Jahres 2017 erfährt die Debatte einen neuen Höhepunkt, als 314 Lehrerinnen und Lehrer ein Manifest unterzeichnen, in dem sie erklären: „Nous n’enseignerons plus que ‚le masculin l’emporte sur le féminin‘“ (s. a. 2017). In diesem Zusammenhang wird auch eine neue Petition initiiert („Nous ne voulons plus que ‚le masculin l’emporte sur le féminin‘“, Viennot 2017). Die Académie Française reagiert mit einem Communiqué, in dem gar von einem „péril mortel“ für die französische Sprache gesprochen wird (Académie française 2017). Um dieser Debatte ein vorläufiges Ende zu setzen, veröffentlicht der französische Premierminister Édouard Philippe am 22. November im Journal Officiel die sog. circulaire du 21 novembre 2017 relative aux règles de féminisation et de rédaction des textes publiés au Journal officiel de la République française. Der écriture inclusive und der règle de proximité wird hierin eine Absage erteilt.
5 Schlussbetrachtung
So spät man die Relevanz auch erkannt haben mag (Schmitt 2001, 438), stellt die Beschäftigung mit sprachlichen Normen nunmehr eine linguistische Daueraufgabe dar (Schmitt 2001, 463), denn: „Eine geordnete verständnissichernde Kommunikation erscheint ohne die Befolgung von Sprachnormen unmöglich“ (Winkelmann 1990, 335). Sprachnormen entstehen in bestimmten historischen Zusammenhängen und sind in ihrer jeweiligen Ausprägung relativ arbiträr (Settekorn 1988, 7). Serianni (1991, 4) verglich den Wandel der Normen einmal mit dem Wandel des Schamgefühls in der Gesellschaft:
Il ‚comune senso linguistico‘ è un po’ come il ‚comune senso del pudore‘ ammesso dal vigente codice penale: benché entrambi siano soggetti a cambiare nel tempo e nello spazio, esistono certi comportamenti sicuramente devianti che susciterebbero in ogni caso e in qualunque situazione una reazione di rifiuto.
Für den Nichtsagbarkeitskodex gibt es hinreichend historische Belege. Man denke z.B. an die préciosité des 17. Jh. in Frankreich und Italien (Lebouc 2007, 82). Einige Ausdrücke konnten sich nachhaltig in der Gemeinsprache etablieren, so etwa perdre son sérieux oder laisser mourir la conversation (Lebouc 2007, 85). Auch das Hexagonal, das darin besteht, dass statt eines einfachen, klaren Ausdrucks ein möglichst prätentiöser, aufgeblasener gewählt wird, reiht sich hier ein.1
Wunderli (2006, 362–363) zufolge ist Romanische Philologie oder vergleichende Romanistik immer dort gefragt, wo es um Sprachverwandtschaft oder um den Vergleich von (romanischen) Sprachen geht. Ergänzend zur historischen Dimension bietet eine solche Betrachtung auch Erklärungen für das aktuelle Sprachgeschehen. In einer zunehmend globalisierten und mediatisierten Welt scheint mir eine solche vergleichende Perspektive einen angemessenen Rahmen zu bilden für das Verständnis von Normdiskussion und Normwandel, aber auch von Diskussionswandel, wie er sich am Beispiel der neuen Medien zeigt. So konnte in diesem Beitrag gezeigt werden, dass zwar die Sprachverwendungskritik, die sich auf das Phänomen des sog. re-namings (Hughes 2010, 15) richtet, in Italien und Frankreich konvergiert, dass die Diskussion in anderen Bereichen, wie dem geschlechtergerechten Sprachgebrauch, jedoch unterschiedlich verlaufen kann.
In einer übergeordneten Perspektive steht die Beschäftigung mit sprachlichen Normen im Dienste der Herausbildung und Förderung von Sprachbewusstsein (Scharnhorst 1999, 275). Zwar besteht in Italien – anders als in Frankreich – große Skepsis gegenüber staatlichen Eingriffen in die Sprachentwicklung: „C’è una gran diffidenza verso gl’interventi in fatto di lingua. Si ha paura che vengan giudicati non democratici“ (Nencioni 1995, 92). Antonelli (2016, 61) zufolge begünstigt ein gewisser Druck jedoch durchaus Veränderungen im Sprachbewusstsein. In einem mehrsprachigen Europa ist ein solches Sprachbewusstsein elementar, und die Romanistik kann viel zu dessen Herausbildung beitragen. Die Einnahme der Beobachterperspektive und die vergleichende Reflexion dürfen hier nicht unterschätzt werden. Treffender als mit den Worten Bolellis (1988, 70) könnte die Aufgabe der Linguistik in einem solchen Kontext nicht beschrieben werden.
Io ritengo che [il linguista] debba oggi non solo osservare la realtà ma intervenire e non tanto per condannare quanto per spiegare e soprattutto per far riflettere i lettori.
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Notizen zu einer historisch-vergleichenden kognitiven Grammatik
Felix Tacke
1 Einleitung
Ihre erste Blütezeit erlebte die romanische Sprachwissenschaft mit den Junggrammatikern, in einer Zeit also, als die historisch-vergleichende Grammatik unter der das 19. Jahrhundert prägenden Episteme der Geschichte den Kernbereich der Linguistik schlechthin darstellte (vgl. Foucault 1966, Kap. VII; zur Fachgeschichte vgl. Christmann 1977 sowie Wunderli 2001; Swiggers 2014a, 2014b mit weiterführender Bibliographie). Neben der Indogermanistik und der Germanistik konnte gerade die romanische Philologie durch die weltweit beispiellose Dokumentation von sprachlichen Fakten, die von der Antike bis heute reicht und nur im Grenzfall – gewissermaßen als letztes Mittel – auf das methodische Hilfsmittel der Rekonstruktion angewiesen war, ihre Vorteile ausspielen. Hiervon zeugen insbesondere auch die großen historischen Grammatiken und Wörterbücher, welche erst in jüngerer Zeit signifikante Erneuerungen erleben.1 Das ‚goldene Zeitalter‘ der historisch-vergleichenden Grammatik war – wie es für die Pionierzeit einer Wissenschaft kaum anders denkbar ist – in erster Linie positivistisch geprägt: In einem ersten Schritt galt es, die Fakten zu sammeln und zu klassifizieren, um auf dieser Grundlage zu Theorien mit explikativem Anspruch gelangen zu können. In Gröbers Grundriss der romanischen Philologie (1888–1902; 21904–1906) und der dort vorgenommenen Einteilung der Disziplin und ihrer Aufgaben nach verschiedenen Erkenntnisinteressen entsprach dies noch vornehmlich der historischen Sprachkunde, der es um die Beschreibung der „zeitlichen Anordnung der sprachlichen Veränderungen“ (²1904–1906, 286) ging; dem gegenüber kam der genetischen Sprachbetrachtung (Meyer-Lübke bezeichnete sie später als ‚evolutionistisch‘) laut Gröber die Aufgabe zu, diese Entwicklungen einer Erklärung zuzuführen und damit die Prinzipien des Sprachwandels aufzudecken – ein Unternehmen, für das paradigmatisch Die Prinzipien der Sprachgeschichte (11880) des Germanisten Hermann Paul steht.
Die Leistungen der Junggrammatiker werden in der Rückschau oft auf das Postulat der ‚Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze‘ reduziert (vor allem über Schuchardt 1885; vgl. dazu Swiggers 1982; Schneider 2001). Seltener wird dabei berücksichtigt, dass innerhalb des junggrammatischen Programms eine sich zur Lautphysiologie komplementär verhaltende Sprachpsychologie entwickelt wurde, welche die der Sprachproduktion und dem Sprachwandel zugrundeliegenden Prinzipien zum Gegenstand haben sollte und die heute auf die europäischen Philologien zurückwirkenden Cognitive Linguistics in mancher Hinsicht vorweggenommen hat. Der sprachpsychologische Ansatz endete jedoch noch nicht mit den Junggrammatikern. Er wurde zunächst in die von Gilliéron geprägte Sprachgeographie übernommen, bei der das synchrone geographische Nebeneinander der Formen im Sinne einer géologie linguistique, d.h. hinsichtlich der daraus ableitbaren historischen Schichtung (stratigraphie), gedeutet und im Programm einer biologie linguistique erläutert werden sollte (vgl. Grassi 2001; Lauwers et al. 2002, 7–9). Und auch die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkommende Wörter und Sachen-Forschung sowie die Onomasiologie griffen den Ansatz auf (vgl. dazu Schmitt 2001). Die in der (deutschen) Romanistik verspätet einsetzende Rezeption des Strukturalismus (vgl. dazu Albrecht 1988, 2011) als aufstrebendem Leitparadigma stoppte jedoch die Weiterentwicklung der europäisch geprägten Sprachpsychologie, an die erst ab den 1970er Jahren durch Gauger (z. B. 1970, 1976) und, etwas später, dessen Schüler Blank, der mit seinen Prinzipien des lexikalischen Bedeutungswandels (1997) den vielleicht wichtigsten romanistischen Beitrag leistete, wieder angeknüpft wurde.
Die Bezeichnung ‚kognitive Sprachwissenschaft‘ verweist heute nicht auf diese Sprachpsychologie, sondern auf die nordamerikanische Theoriebildung, die sich im Rahmen der allgemeinen Sprachwissenschaft als Gegenmodell zu der nicht minder kognitiven, aber auf deutlich anderen Prämissen beruhenden Generativen Grammatik entwickelt hat. Die Cognitive Semantics, deren Ursprung wiederum in der Generativen Semantik liegt, entstand aus der Annahme heraus, dass Sprache in erster Linie aus bedeutungstragenden Strukturen besteht, die auf der (körperlichen) Erfahrung der Sprecher (embodiment) beruhen (vgl. dazu in Deutschland schon Weinrich 1976), und die Semantik folglich nicht bloße Ergänzung, sondern der Ausgangspunkt linguistischer Forschung sein müsste (zu den Hintergründen der Entwicklung der kognitiven Semantik aus der generativen Semantik vgl. Harris 1993). Komplementär zur kognitiven Semantik entstanden kurz darauf umfassende Grammatikmodelle beziehungsweise Sprachtheorien, allen voran die einflussreiche Cognitive Grammar Langackers (1987–1991, 2008).2 Diese Modelle finden in jüngerer Zeit wiederum zunehmend Eingang in die europäischen Philologien; als das gegenwärtige Forschungsparadigma beschäftigt die kognitive Linguistik insbesondere seit der Jahrtausendwende nicht mehr nur die allgemeine Sprachwissenschaft, sondern sie wird von Linguisten sämtlicher Richtungen auf immer neue Gegenstände angewendet. Wenn wir das Verhältnis der europäischen Einzelsprachenlinguistiken zu diesem Trend betrachten, fällt auf, dass dieser zuvorderst die Anglistik betrifft, denn das Englische wird ohnehin spätestens seit der Expansion der Chomsky’schen Linguistik als Anschauungslieferant genutzt und stellt zugleich die Mutter- bzw. wissenschaftliche Verkehrssprache der Mehrzahl der allgemeinen Sprachwissenschaftler dar. Erkenntnisse über das Englische werden in diesem Zusammenhang nicht selten als Erkenntnisse über Sprache im Allgemeinen betrachtet. Neben der Anglistik hat sich die kognitive Sprachwissenschaft darüber hinaus aber auch in der Germanistik etabliert, die sich traditionell recht affin zu amerikanischen Theorieentwicklungen zeigt, wenngleich sie im deutschsprachigen Raum meist etwas verzögert rezipiert werden. Dagegen ist die deutschsprachige Romanistik – vermutlich aufgrund der Tatsache, dass ihr fachlicher Fokus nicht auf die ‚innerlinguistische‘ Sprachanalyse begrenzt ist – bislang zurückhaltender in der Übernahme als ihre Nachbarfächer; über die kognitive Semantik hinaus ist die Anzahl der Studien, welche von entsprechenden Grammatikmodellen ausgehen, vergleichsweise überschaubar (s. unten, Abschnitt 2). Dabei gehen von der mittlerweile durchaus ausgereiften kognitiven Sprachwissenschaft wichtige Impulse aus, von denen nicht zuletzt auch das historisch-vergleichende Studium der Grammatik der romanischen Sprachen profitieren könnte. Ohne die eigene Tradition zu verleugnen, können die jüngeren kognitivistischen Modelle zielführend an dem Ort integriert werden, den die Junggrammatiker für die Sprachpsychologie vorgesehen hatten und einen wesentlichen, nicht nur deskriptiven, sondern insbesondere explikativen Beitrag zum Studium der historischen Grammatik der romanischen Grammatik leisten.
Vor diesem Hintergrund soll im vorliegenden Aufsatz einerseits das Verhältnis der (romanistischen) historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft zur Sprachpsychologie und andererseits dasjenige der junggrammatischen Sprachpsychologie zur heutigen kognitiven Sprachwissenschaft beleuchtet werden. Ziel ist es, auf diese Weise die Anknüpfungsmöglichkeiten zwischen romanistischer Fachtradition und gegenwärtiger Grammatiktheorie herauszuarbeiten, die es erlauben, ein im besten Sinne fach- und traditionsbewusstes Programm einer historisch-vergleichenden kognitiven Grammatik zu skizzieren. Unter Zuhilfenahme der modernen Psychologie und der kognitiven Semantik- und Grammatikforschung könnte ein solches Programm auch die Grundlage für eine historische Grammatik bilden, welche dort ansetzt, wo sie vor rund einhundert Jahren stehen blieb: bei der Syntax. Denn während das, was noch bei Meyer-Lübke als der „Stoff“ der historisch-vergleichenden Grammatik bezeichnet wurde, sich vor allem auf die Entwicklung des gemeinsamen Wortschatzes begrenzte, liegt mit der Entwicklung der romanischen Syntax im Lichte des erweiterten Zeichen- (Konstruktions-)begriffs ein äußerst interessantes Forschungsfeld vor. Aufgrund der exzellenten Datenlage, welche die romanischen Sprachen zu bieten haben, eröffnen sich hier Einblicke in das Funktionieren des Sprachwandels und die heutige Form der romanischen Sprachen, welche erst in vergleichender Perspektive sichtbar werden. In Abschnitt 2 wird dazu zunächst der epistemologische Kern der kognitiven Linguistik nordamerikanischer Prägung dargestellt und ein knapper Überblick über deren Rezeption in der Romanistik bzw. in romanischen Linguistiken gegeben. Daran anknüpfend werde ich in Abschnitt 3 speziell auf diejenigen Affinitäten eingehen, die zwischen der traditionellen europäischen Sprachwissenschaft und den neueren Theorieentwicklungen der kognitiven Sprachwissenschaft bestehen. Zum Schluss möchte ich in Abschnitt 4 das Programm einer aktualisierten historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft skizzieren und – in Abschnitt 5 – am konkreten Beispiel der Entwicklung romanischer Zeigeaktkonstruktionen veranschaulichen.
2 Kognitive Linguistik: Bestimmung und Kontextualisierung
Als kognitive Linguistik wird heute die nordamerikanische, vorwiegend von der Westküste der USA aus geprägte Theorieschule bezeichnet. Als die zentralen Akteure der ersten Jahrzehnte gelten bekanntlich George Lakoff, Ronald Langacker und darüber hinaus Leonard Talmy sowie, daran anknüpfend, Gilles Fauconnier. Die meisten sind selbst im Kontext der Generativen Grammatik ausgebildet worden, jedoch im Laufe der 1970er Jahre zu der Auffassung gelangt, dass sich die beobachtbare Sprachverwendung, insbesondere die Bedeutungs- und Funktionsseite der Sprache, im Rahmen einer von der Syntax ausgehenden Sprachbetrachtung nicht abbilden lässt. Die kognitive Linguistik ist in der Folge zunächst mit Blick auf die semantische Beschreibung der Sprache entstanden und hat sich in besonderem Maße durch die Ablehnung der grundlegenden Annahmen des Vorgängers konstituiert (vgl. etwa Johnson 1992). Während die These von der Angeborenheit der Sprachfähigkeit zumindest in Frage gestellt wird, lehnen die Vertreter der kognitiven Linguistik in jedem Fall die Modularität von Sprache ab. Stattdessen gehen sie davon aus, dass das Sprachvermögen integraler Bestandteil der allgemeinen Kognition ist. Im Vordergrund stehen daher Prinzipien der Weltwahrnehmung, Kategorisierung und Verarbeitung. Annahmen über das Funktionieren von Sprache sollen dem Anspruch psychologischer Plausibilität genügen.
In einem 2016 erschienenen Themenheft der Zeitschrift Cognitive Linguistics (Divjak et al. 2016), das ein Zwischenfazit dieses Paradigmas präsentiert, wird der Versuch unternommen, die kognitive Sprachwissenschaft in einem größeren wissenschaftsgeschichtlichen Kontext zu betrachten. Üblicherweise wird die kognitive Linguistik lediglich hinsichtlich ihres Fortschritts (‚Überwindung‘) gegenüber den formalistischen Theorien des Generativismus in den Blick genommen und erscheint in entsprechenden Darstellungen oft als revolutionäres Programm. Dirk Geeraerts wiederholt an dieser Stelle jedoch seine bedachtere, schon 2010 (Geeraerts 2010; vgl. auch schon Lakoffs Kritik an Chomsky bei Harris 1993, Kap. 6) gegebene Einschätzung, dass die kognitive Linguistik eine Grammatikauffassung stark macht, die den Kontext, also die Sprachverwendung und die Funktion von Sprache, wieder in den Blick nimmt:
Generative grammar decontextualizes grammar by disassociating what is considered to be the core of linguistics from the discursive context of performance and language use, from the social context of interaction and variation, and from the cognitive context of meaning and experience. Cognitive Linguistics is a recontextualizing approach in that it reincorporates these contextual domains into the scope of the grammar – including, needless to say, the social perspective. (Geeraerts 2016, 530)
Peter Harder teilt diese Meinung, ist sich aber der inhärenten räumlichen Beschränkung dieser Aussage bewusst, insofern er feststellt, dass der europäische Strukturalismus zwar ebenfalls weniger an der Semantik als an den Formen bzw. deren Strukturen interessiert war, dass jedoch Form und Funktion hier nie in einem so krassen Gegensatz gestanden haben: „Function and structure have co-existed peacefully and productively in European structuralism, as opposed to the polarization that took place in the US“ (Harder 2010, 230, Anm. 4).
Anders als in den Vereinigten Staaten und der allgemeinen Sprachwissenschaft ist der Generativismus in Europa eben nicht das alles beherrschende Paradigma gewesen, sondern wurde parallel zu genuin europäischen Entwicklungen angewendet, was gelegentlich auch zu gewissen Differenzen zwischen hiesigen Grammatikern bzw. Linguisten geführt hat. Der Generativismus entstand in Gegenbewegung zum amerikanischen Strukturalismus Bloomfields (vgl. die Kritik am Behaviorismus in Chomsky 1959); er setzt die Fokussierung der materiellen und die Ausblendung der funktionellen Seite fort (auch wenn die sogenannte ‚Tiefenstruktur‘ von den Funktionen ausgeht), stellt dabei jedoch erstmals die Syntax in den Vordergrund; dem Bloomfield’schen Antimentalismus wird von Chomsky ein sogenannter Mentalismus, „verstanden als Bezug zur Intuition des natürlichen Sprechers“ (Coseriu 1975, 40) entgegengesetzt. In Europa, dessen eigene Strukturalismen die Bedeutung der sprachlichen Einheiten ja immer mitberücksichtigt haben – schon das Phonem ist ohne Bezug zur bedeutungsunterscheidenden Funktion der Laute nicht definierbar –, nahmen dagegen Semantik und später Pragmatik eine stetig größere Rolle ein und fügten sich in eine tendenziell funktionalistische Sprachauffassung, die im Übrigen der Humboldt’schen Tradition durch ihr Interesse an der Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus, also an den Einzelsprachen, treu blieb (vgl. die Auseinandersetzung mit dem Generativismus bei Coseriu 1975, hier: 33–44). Im Sommersemester 1971 merkte Coseriu genau dies in seiner Vorlesung zu Leistung und Grenzen der Transformationellen Grammatik an:
Die europäischen Linguisten haben sich im allgemeinen immer auf die Bedeutung bezogen und versucht, die verschiedenen Formen nicht einfach nach materiellen Gesichtspunkten zu klassifizieren, sondern sie nach ihrer Funktion zu interpretieren. Man vergleiche auch die Arbeiten auf dem Gebiet der Phonemik. (Coseriu 1975, 43)
Die zu würdigenden Leistungen des Generativismus sah Coseriu nun vor allem in den Konstituentenanalysen der Syntax, zumal er einräumte, man „könnte fast […] von einer Art Syntaxfeindlichkeit im Strukturalismus sprechen“ (1975, 43). Doch kann man an dieser Stelle natürlich auf die in der Romanistik erst ein paar Jahre später zur Entfaltung kommende – Syntax und Semantik inhärent verknüpfende – Valenztheorie (vgl. Baum 1976; Koch/Krefeld 1991, 5) verweisen, deren Leistung in der generativistischen Entwicklung der Theorie der Tiefenkasus schließlich auch eine indirekte Würdigung erhalten hat (vgl. Koch/Krefeld 1991, 15) und die – wie schon angesprochen – mit den Prinzipien der Konstruktionsgrammatik weitgehend kompatibel ist (s. dazu ausführlich Ágel 2015). Wenn sich die kognitive Linguistik also weithin als Überwindung früherer sprachtheoretischer Irrwege präsentiert, dann ist dies nicht generell für die Linguistik zutreffend, sondern in erster Linie für die allgemeine Sprachwissenschaft nordamerikanischer Prägung, die lange Zeit nichts als die Betrachtung der sprachlichen Formseite kannte. Lazard (2007, 5–6) stellt diesbezüglich fest:
La „linguistique cognitive“ apparait comme un retour à la vue traditionnelle de la langue en tant que système symbolique servant à la communication entre les humains. C’est cette vue traditionnelle qui a inspiré intuitivement toutes les grammaires et tous les dictionnaires, depuis qu’on en fait, et qui s’est trouvée au XXème siècle théorisée et précisée par le structuralisme. Cette doctrine a défini la langue comme un système synchronique dont les unités se définissent mutuellement par leurs oppositions. Comme chaque unité (chaque signe) est constituée par l’union indissoluble, comme dit Saussure (2002, p. 48), d’un signifiant et d’un signifié et comme seul le signifié [sic!] est observable directement, la description commence nécessairement par l’observation de la forme et du comportement du signifiant. Puis, à partir de cette observation et par confrontation avec les unités voisines, on analyse le contenu du signifié en examinant les contextes et en consultant les locuteurs. Cette analyse peut être poussée aussi loin qu’on voudra. C’est justement ce que font les cognitivistes.
Vor diesem Hintergrund ist sie für die europäische Theoriebildung aber nur ein interessantes Modell, eine funktionalistische Grammatik, welche sich ‚kognitiv‘ nennt, weil sie die Zusammenhänge zwischen Denken und Sprechen besonders stark betont und zur Erklärung sprachlicher Phänomene heranzieht.1 Als funktionalistisches Sprachmodell bietet sie aus europäischer Perspektive also viele Gemeinsamkeiten und interessante Anknüpfungspunkte; es als revolutionär zu bezeichnen, wäre hingegen eine traditionsvergessene Einschätzung. Insofern ist Lazards Kritik, es handele sich bei der kognitiven Sprachwissenschaft schlicht um Linguistik, für die europäische Tradition durchaus zutreffend (vgl. insbesondere die französische Auseinandersetzung: Mathieu 2003; Fuchs 2004, 2008; François 2005, 2008; Legallois/François 2006).
Was nun die kognitive Semantik anbelangt, so ist diese längst in sämtlichen Philologien angekommen. Auch ohne dass diese gleich immer als ‚kognitiv‘ bezeichnet würden, gehören die Theorie der konzeptuellen Metapher (Lakoff/Johnson 1980), die Prototypentheorie (Berlin/Kay 1969; Labov 1973; Rosch 1973) und die Frame-Semantik (vgl. etwa Busse 2012) natürlich längst zum Kernbestand der Semantik und sind auch aus der Romanistik nicht mehr wegzudenken. In diesem Kontext genügt es vielleicht, neben den schon erwähnten Prinzipien Blanks (1997), auf die zahlreichen Arbeiten Kochs zur Semantik (z.B. Koch 1995, 1996, 1998, 2001, 20122) sowie, in ganz ähnlicher Weise, die Theorie der Expressivität von Pustka (2015) hinzuweisen.
Darüber hinaus wurden aber auch umfassendere grammatische Modelle entwickelt, die auf denselben Prämissen aufbauen, ihrerseits jedoch dort ansetzen, wo die generative Syntaxtheorie an ihre Grenzen gestoßen ist, nämlich bei der Phraseologie. Hier beschäftigen sich die ersten Arbeiten entsprechend mit idiomatischen Ausdrücken, deren Semantik nicht kompositionell erklärt werden kann, wie engl. let alone (Fillmore et al. 1988; siehe zuvor bereits Lakoff 1987) und welche die Einführung eines erweiterten Symbolbegriffs erforderten. Dieser ist in der Folge auch auf ‚reguläre‘ grammatikalische Strukturen angewendet worden, wodurch sich die sogenannte ‚Konstruktionsgrammatik‘ gewissermaßen zu einer vollständigen Sprachtheorie entwickelt hat (Goldberg 1995, 2006). Neben diesem erweiterten Zeichenbegriff gehört es weiterhin zum Kernbestand dieser nur im Detail unterschiedlichen Modelle, dass sie grammatische Struktur als ‚emergent‘, d.h. im Sprachgebrauch (usage-based) entstehend, betrachten.3
Der Symbolbegriff wird sowohl in dem wohl umfassendsten und heute einflussreichsten Modell, der Cognitive Grammar (CG) Langackers (1987–1991, 2008), als auch in den verschiedenen, nur in Nuancen unterscheidbaren sogenannten Konstruktionsgrammatiken (CxG), wie Goldbergs Cognitive Construction Grammar (1995, 2006) und Crofts Radical Construction Grammar (2001) insofern erweitert, als anstelle der traditionellen Trennung von Wortschatz und Grammatik von einem Kontinuum zwischen beiden ausgegangen wird. Sprache besteht demnach ausschließlich aus symbolischen Zeichen, die sich einerseits in der Komplexität unterscheiden, also vom Morphem bis hin zu abstrakten Textschemata reichen können; andererseits wird der Saussure’sche Zeichenbegriff ausgeweitet, sodass sprachliche Elemente jeder Komplexität als bedeutungstragende Einheiten begriffen werden, wobei die Bedeutung ihrerseits als eher spezifisch (d.h. traditionell bezeichnet ‚lexikalisch‘) oder eher schematisch (d.h. traditionell ‚grammatisch‘ bzw. ‚ohne Bedeutung‘) aufgefasst wird. Wie Tomasello (2003) in seinen Studien zum Spracherwerb zeigt, wird Sprache in der konkreten Erfahrung durch bedeutungstragende Versatzstücke erlernt, deren interne Strukturiertheit und Variabilität dann schrittweise von den Sprechern abstrahiert wird. Prinzipiell sind valenztheoretische und konstruktionsgrammatische Ansätze dabei kompatibel, wenngleich sie den Gegenstand aus unterschiedlicher theoretischer Richtung erfassen: Während die Valenztheorie das Verb in das Zentrum stellt und dessen Ergänzungen untersucht, werden verbale Strukturen in der Konstruktionsgrammatik als bedeutungstragende Konstruktionsschemata begriffen, deren Leerstellen nur prototypisch von Verben mit entsprechender Valenz gefüllt werden, die jedoch auch von Verben ‚bestückt‘ werden können, deren Valenz prototypisch nicht der geforderten entspricht und deren Semantik sich dann an die Konstruktionsbedeutung anpasst. Goldberg (2006, 7) veranschaulicht dies an der sogenannten caused motion construction durch die Gegenüberstellung eines für die Vorstellung der versprachlichten Szene prototypischen Verbes mit einem Verb anderer Valenz:
| (1) | [Subj. | Verb | Object | Place] | |||
| He | threw | the napkin | off the table | ||||
| He | sneezed | the napkin | off the table | ||||
Aus der Konstruktionsbedeutung lässt sich erklären, dass das eigentlich intransitive Verb sneeze ‚nießen‘ eine semantische Erweiterung erhält und damit eingebettet in den Diskurs gewissermaßen in eine Verbklasse wechselt, die mit der abgebildeten Szene kompatibel ist.
Bislang ist das Modell nur selten auf die romanischen Sprachen angewendet worden. Nach Pionierarbeiten des in Houston, Texas, lehrenden französischen Linguisten Michel Achard (Achard 1996, 2010, 2015), welche auf der Cognitive Grammar Langackers aufbauen, sowie verschiedenen (kontrastiven) Einzelstudien (Martínez Vázquez 2003; Boas 2010; Yoon/Gries 2016), sind in der Romanistik nach Martínez Vázquez (2003) vor allem die auf entsprechende romanistische Kongresssektionen zurückgehenden Sammelbände von Bouveret/Legallois (2012), De Knop et al. (2013) und Boas/Gonzálvez-García (2014) sowie die Bände von Selig/Morlicchio/Dittmar (2016), Erfurt/De Knop (2019) einschlägig, zu denen sich in naher Zukunft Bände von Hennecke/Wiesinger (in Vorb.), Gévaudan/Hennemann (in Vorb.) und Döhla/Hennemann (in Vorb.) gesellen werden. Darüber hinaus ist das seit 2018 von der DFG geförderte Projekt „Gebrauchsbasierte Phraseologie des Italienischen“ von Elmar Schafroth zu nennen (vgl. auch Schafroth 2015; Benigni et al. 2015; Imperiale/Schafroth 2016). Trotz der geringen Zahl der Studien, lässt sich in den letzten Jahren ein zunehmendes Interesse, insbesondere für synchrone Studien, erkennen. Doch bietet das Theoriemodell durch die Annahme komplexer sprachlicher Einheiten mit gesamtheitlicher Konstruktionsbedeutung auch für diachrone Studien wichtige Anknüpfungspunkte, wie ich am Beispiel des morpho-syntaktischen Wandels von Zeigeaktkonstruktionen veranschaulichen werde (Abschnitt 5).
3 Kognitive Linguistik und junggrammatische Sprachpsychologie: Alter Wein in neuen Schläuchen?
Doch viel interessanter als die heutige Rezeption der kognitiven Linguistik im Allgemeinen ist die Tatsache, dass deren Prämissen, also eine funktionalistische Sprachauffassung, nach der die Sprachverwendung auf allgemeinen kognitiven Fähigkeiten basiert und sich das Funktionieren der Sprache wie auch Sprachwandelphänomene durch diese erklären lassen, ebenfalls unmittelbar kompatibel mit der europäischen Theoriebildung sind. Hier liegen die Ursprünge jedoch noch vor den Strukturalisten, nämlich – wie bereits angesprochen – bei den Junggrammatikern, die sich neben der Physiologie des Sprechens, also den Lautgesetzen, auch für ihre Psychologie, in besonderem Maße für das Prinzip der Analogie, interessierten.
Um die Konzeption dieser Sprachpsychologie hat sich dabei schon damals eine aus heutiger – wieder kognitivistischer – Perspektive bemerkenswerte Diskussion entwickelt, denn ähnlich wie bei den Lautgesetzen lag hier zu Anfang noch eine rein mechanistische, gar volkspsychologische, auf der Herbart’schen Psychologie bzw. „Vorstellungsmechanik“ beruhende und durch Steinthal vermittelte Sichtweise zugrunde. Diese prägte auch noch das epochemachende Werk von Hermann Paul, was Ottmar Dittrich dazu veranlasste, in seiner Rezension zur dritten Auflage der von ihm als „allgemeine[s] Programm der neuen [= junggrammatischen] Lehre“ (Dittrich 1899, 538) gefeierten Prinzipien des Sprachwandels „zu zeigen, wie [die von Wundt ausgebaute Experimentalpsychologie] sich für die Zwecke der Sprachwissenschaft nutzbar machen läßt, wie sich verschiedene grundlegende Fragen von ihrem Standpunkte aus anders, und, wie ich glaube, richtiger darstellen“ (Dittrich 1899, 540; vgl. in diesem Sinne schon die Rezension von Misteli 1882 zur 1. Auflage).
Dies muss in der Perspektive der gegenwärtigen kognitiven Sprachwissenschaft bekannt klingen, sofern man die damalige Bindung an spezifische psychologie-theoretische Paradigmen durch die heutige allgemeine Anlehnung an die Psychologie ersetzt. Gleiches ließe sich auch über die am individuellen Sprecher orientierte, heute als usage-based bezeichnete Sprachauffassung Pauls sagen. Interessanterweise ist es im Übrigen ein Anliegen Dittrichs, das Paul’sche Werk als den Vorboten einer „Principienwissenschaft“ (Dittrich 1899, 539, 552f.) herauszustellen, in der es um den „Ausdruck von Regelmäßigkeiten“ (Dittrich 1899, 552) und eben nicht um Gesetze geht. Und daran erinnert ganz (selbst-)bewusst auch das von Andreas Blank (1997) als Prinzipien des lexikalischen Bedeutungswandels betitelte Werk. In diesem Sinne geht es der nordamerikanischen kognitiven Linguistik auch heute generell darum, das Funktionieren der Sprache im Sinne von Prinzipien, die an den allgemeinen kognitiven Fähigkeiten der Sprecher orientiert sind, zu erklären.
In der romanistischen historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft lag der Schwerpunkt der Theoriebildung zwar weniger deutlich als bei Hermann Paul in der Sprachpsychologie, doch hat dessen Sprachwandelauffassung unübersehbaren Einfluss auf die noch als junggrammatisch betrachtete Grammatik der romanischen Sprachen Meyer-Lübkes (1890–1902) ausgeübt, in der insbesondere morphosyntaktische Analogieprozesse genuin kognitivistisch erklärt werden. Gleiches gilt freilich für die Studien zum Bedeutungswandel im Rahmen der ausführlichen wortgeschichtlichen Erläuterungen des nun nicht mehr junggrammatischen FEW. Und wenn die Betrachtung der Syntax hier gegenüber Laut- und Formenlehre mitunter noch im Hintergrund stand (vgl. Wunderli 2001, 165f.), so wurde mit dem Altfranzösischen Wörterbuch von Tobler-Lommatsch (TL) doch ein Werk vorgelegt, das die Wörter im Kontext ihrer syntaktischen Fügungen, einschließlich ggf. spezifischer – man würde heute sagen – ‚Konstruktionsbedeutungen‘ betrachtet (zu weiteren Überschneidungen vgl. Tacke 2020a, 184f.).
So kann man festhalten, dass es durchaus schon vor den nordamerikanischen Linguisten Ideen zu einer funktionalistischen Sprachlehre gab, welche die Sprachverwendung unter kognitiven Gesichtspunkten untersuchte und die in Ansätzen bereits umgesetzt wurden. Man muss zwar einräumen, dass diese Gesichtspunkte vom europäischen Strukturalismus eher vernachlässigt wurden und das Interesse an der Kognition somit in einer teleologisch betrachteten Wissenschaftsgeschichte, als deren Höhepunkt man stets das aktuelle Paradigma betrachten möchte, historisch unterbrochen wurde. Aber die Rezeption älterer Werke geschieht ja stets nach Maßgabe der je aktuellen Fragestellungen. So wurde Hermann Pauls Werk Anfang der 1990er Jahre im Text „En relisant Hermann Paul“ (Malmberg 1990) bereits strukturalistisch ausgedeutet. Und nach demselben Prinzip ist vor einigen Jahren am FRIAS (Freiburg Institute for Advanced Studies) eine neue Teilübersetzung – nun ins Englische – und kognitivistische Neubesprechung unter dem Titel Hermann Paul’s ‚Principles of Language History‘ Revisited. Translations and Reflections (Auer/Murray 2015) entstanden, die hervorhebt, dass Paul in mancher Hinsicht seiner Zeit voraus gewesen und dessen nicht nur positive zeitgenössische Rezeption zumindest teilweise mit „Paul’s status as a cognitivist, usage-based linguist“ (Auer/Murray 2015, 8) zu begründen sei. Darüber hinaus werden aber auch die Ideen eines Romanisten, nämlich die Hugo Schuchardts, heute neu entdeckt; so etwa von Joan Bybee, die in Vorlesungen über historische Sprachwissenschaft, die Theo Vennemann in den 1970er Jahren an der UCLA hielt, auf dessen Ausführungen zum Zusammenhang von Frequenz und Sprachwandel (vgl. Schuchardt 1885) aufmerksam wurde und in diesem folgerichtig einen Vorboten der heute als usage-based bezeichneten kognitiven Sprachwissenschaft sieht (vgl. Bybee 2007, 8, 12, 23–27, 235f.). Die Kompatibilität mit den heutigen Modellen rührt hier freilich auch daher, dass – wie Wunderli schreibt – Sprache für Schuchardt weniger Organismus oder System als vielmehr Produkt menschlichen Handelns ist, Sprachwissenschaft für ihn daher eine Handlungswissenschaft darstellt und sich Schuchardt zu seiner Zeit folglich wie kaum ein anderer „als legitimer Nachfolger Humboldts“ (2001, 130) erwiesen habe. Anders als dem Generativismus liegt der kognitiven Sprachwissenschaft nämlich zumindest implizit ein Humboldt’scher Sprachbegriff zugrunde (vgl. dazu Tacke 2020a).1 Vor diesem Hintergrund darf man also konstatieren, dass Teile der gegenwärtigen kognitiven Linguistik, gerade wenn sie sich Sprachwandelphänomenen zuwenden und das usage-based-Postulat konkret zur Anwendung kommt, die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft als historischen Vorläufer und Anknüpfungspunkt erkannt haben. Und umgekehrt lässt sich für die europäische im weiteren Sinne und die romanistische Sprachwissenschaft im engeren Sinne feststellen, dass eine Affinität zur kognitiven Linguistik besteht, insofern beiden eine funktionalistische Sprachauffassung zugrunde liegt, die, wenn wir an das einflussreiche Modell Coserius denken, philosophisch noch immer auf Humboldt fußt. Dies ist grundsätzlich erfreulich, denn so ist die Forschung der allgemeinen Sprachwissenschaft, in der die kognitive Linguistik mittlerweile dominiert, mit den traditionelleren Modellen der europäischen Tradition bestens kompatibel. Zugleich könnte letztere dabei selbstbewusster sein und diese Verknüpfungen auch explizit hervorheben. Statt neuen Untersuchungen bloß das Etikett und die Terminologie der Cognitive Linguistics anzuheften, wäre eine reflektierte Synthese beider Traditionen – der europäischen und der amerikanischen – wünschenswert. Dabei wäre differenzierter als bisher zu würdigen, was früher schon erkannt wurde und was im Lichte der heutigen, deutlich reiferen Erkenntnisse über die Zusammenhänge von Sprache und Kognition etwa im Lichte der Prototypentheorie noch plausibler erklärt werden kann.
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