Kitabı oku: «Fahrend? Um die Ötztaler Alpen»

Yazı tipi:

Fahrend? Um die Ötztaler Alpen



Inhalt

Einführung Edith Hessenberger/Michael Haupt

Migration und Mobilität im Tiroler Oberland in der Frühen Neuzeit Michael Span

Die Jenischen im Tiroler Oberland Roman Spiss/Elisabeth Maria Grosinger-Spiss

Die Haiminger Landfahrer im Spiegel der Zeit Manfred Wegleiter

Fragmente einer Familiengeschichte aus dem Oberland Stefan Dietrich

Die Vinschger sain Korrner! Helene Dietl Laganda

Die Jenischen im Nationalsozialismus Horst Schreiber

Was bleibt vom Pionier, Kulturvermittler, Sammler und Dichter Romed Mungenast? Überlegungen mit Blick auf seine Sammlung im Forschungsinstitut Brenner-Archiv Christine Riccabona

„Ich habe mein Leben geändert.“ Romed Mungenast im Gespräch Thomas Huonker

Fremdbilder >< Selbstbilder. Leben mit der Geschichte jenischer Ahnen Edith Hessenberger

Gedichte Sieglinde Schauer-Glatz

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Personenregister

Ortsregister

Autorinnen- und Autorenverzeichnis


Krippenfigur „Karrenzieher“ von Johann Giner d.J. (1806–1872), Sammlung Tiroler Volkskunstmuseum


Jenische Realität oder bürgerliche Romantik? – Skizze des Imster Malers Johann Linser, 1875

Einführung
Edith Hessenberger/Michael Haupt

Die jenische Geschichte Tirols ist keine, die häufig erzählt wird, sie ist keine Geschichte, die sich in Schul- oder in Dorfbüchern findet. Sie ist unsichtbar, wie auch die Jenischen unsichtbar sind. Ihre Existenz ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten, ihre Realität wird meist nicht als Teil der Tiroler Geschichte erinnert. Das ist einer der Gründe, warum die Ötztaler Museen, die Initiative Minderheiten und das Vintschger Museum diesen Aspekt unserer Geschichte im Rahmen des von der Europaregion Tirol-Trentino 2021 ausgerufenen Museumsjahres zum Thema „Transport –Transit – Mobilität“ (einmal mehr) in ihren Fokus genommen haben. Der Blick schweift dabei ganz bewusst über den „Tälerrand“ hinaus.

Schon im Titel des vorliegenden Buches steckt eine Frage: „Fahrend? Um die Ötztaler Alpen. Aspekte jenischer Geschichte in Tirol“. – Welche Bilder tauchen in unseren Köpfen auf, wenn wir von Jenischen hören, und wie sehr entsprechen sie der historischen, aber auch der aktuellen Realität? Waren Jenische wirklich ein fahrendes Volk, wie häufig kolportiert wird? Wie sehr unterschieden sich Jenische in dieser Hinsicht von der sesshaften Bevölkerung, war diese tatsächlich so immobil und ortsgebunden, wie häufig angenommen wird?

Bis heute wird in Bezug auf Jenische in Tirol häufig von Karrnern, Dörchern, Laningern etc. gesprochen. In Nordtirol hat sich in der wissenschaftlichen Arbeit zur jenischen Geschichte die Überzeugung durchgesetzt, dass diese landläufigen Bezeichnungen vermieden werden sollten. Zu lange transportierten sie sowohl negative Stereotype als auch romantische Verfälschungen, bis heute werden sie im Tiroler Sprachgebrauch als Schimpfwörter verwendet. Das stärkste Argument ist jedoch, dass eine Reihe Jenischer, die sich heute um eine kritische Aufarbeitung ihrer Geschichte in Tirol bemühen, die Bezeichnung Karrner etc. deutlich von sich weisen und als beleidigend empfinden.

In Südtirol stellt sich die Situation etwas anders dar. Hier wurde der Begriff Korrner durch kritische Kulturarbeit, wie etwa in Form der literarischen Arbeiten von Luis Stefan Stecher, seit den 1970er Jahren teils auch positiv konnotiert. 1978 wurde Stechers Band „Korrnrliadr: Gedichte in Vintschger Mundart“ veröffentlicht, in dem er Jenischen ein Denkmal setzen und von ihrem Alltagsleben berichten wollte. Durch die Vertonung von Ernst Thoma sind viele dieser Gedichte zu Volksliedern geworden. Zuletzt wurden von Heiner Stecher, Luis Stefan Stechers Sohn, zusammen mit seiner Band Flouraschwarz mehrere Gedichte neu vertont.

So kommt es, dass im vorliegenden Band nicht nur unterschiedliche Herangehensweisen an Fragestellungen rund um jenische Geschichte in Tirol, sondern auch unterschiedliche sprachliche Zugänge deutlich werden. Diese Tatsache macht die Komplexität der Geschichte und Gegenwart Jenischer in Tirol deutlich, die zwischen Diskriminierung und Marginalisierung, vollkommener Integration und nicht zuletzt in den aktuellen Bemühungen um Anerkennung als Volksgruppe in Österreich mündet.

In diesem Band

Für eingehende Betrachtungen verschiedenster Aspekte jenischer Geschichte in Tirol konnten dankenswerterweise eine Reihe hervorragender Wissenschafterinnen und Wissenschafter gewonnen werden. Mobilität ist das Thema des EUREGIO-Museumsjahres 2021 – aus diesem Grund wird auch die Frage danach, ob Mobilität nun Ausnahme oder Alltag im historischen Tirol war, an den Eingang des Buches gestellt. Der Historiker Michael Span erstellt unter dem Titel „Migration und Mobilität im Tiroler Oberland in der Frühen Neuzeit“ einführend einen Überblick über die Formen und die Bedeutung von Mobilität in Tirol – in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen. Bereits im 16. Jahrhundert gab es erste Bestrebungen im Rahmen der Tiroler Landesordnung, die Mobilität der Tiroler strenger zu regeln. Wanderhandel, Bettel und Migration standen jedoch bis ins 20. Jahrhundert an der Tagesordnung.

Von der allgemeinen Mobilitätsgeschichte hin zur Geschichte der Jenischen führen Elisabeth Maria Grosinger-Spiss und Roman Spiss im Beitrag „Die Jenischen im Tiroler Oberland“, in dem sie am Beispiel konkreter Familiengeschichten historische Realität erfahrbar machen. Diese war geprägt von der Verachtung der „Vagabunden“, die manchmal ihre gesamte Habe auf Karren mit sich führten, abseits der Siedlungsgebiete lagerten und sich als Tagelöhner oder als Besenbinder, Scherenschleifer, Regenschirmund Pfannenflicker oder Korbflechter den Lebensunterhalt verdienten, durch die sesshafte Bevölkerung. Ihre Lebensweise brachte sie regelmäßig in Konflikt mit dem Gesetz und den Interessen der sesshaften Bevölkerung, die sie als „Karrner“, „Dörcher“ oder „Laninger“ bezeichnete.1 Die marginalisierten Dauer-Wanderer waren schon bald stigmatisiert, wie ein Bericht des Brunecker Kreisamtes aus dem Jahr 1818 verdeutlicht: „Als Hauptschule des Verbrechens sieht (man) die sogenannten Landfahrer, Dörcher, Karrenzieher; die Deserteurs und die arbeitsscheuen Vagabunden an.“2


Abb. 1: Schloss Wiesberg mit fahrender Familie im Vordergrund, gezeichnet von Carl Viehbeck, 1820

Maßgeblich zur Verachtung dieser sozialen Gruppe trugen, neben der Abstiegsangst der Sesshaften,3 nicht zuletzt die mit dem Anwachsen der Gruppe zunehmenden Kosten für die Gemeinden bei. Die Gemeinden waren – wenn seitens der Verarmten ein Heimatrecht bestand – für die Ausstattung der Kinder und die Armenfürsorge zuständig.4 Wie die Situation in Gemeinden aussah, in denen viele Jenische daheim waren, zeichnet der Chronist Manfred Wegleiter exemplarisch für die Gemeinde Haiming nach. Für seinen Beitrag „Die Haiminger Landfahrer im Spiegel der Zeit“ hat er eine Vielzahl an Dokumenten aus verschiedenen Archiven durchgearbeitet und analysiert sowie Zeitungen nach jenischen Spuren durchforstet. Dabei spielen Quellen wie Gemeinderatsprotokolle oder das Totenbuch am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert eine große Rolle, anhand derer etwa die Suche nach Wohnraum oder die Hygienebedingungen und die daraus resultierende hohe Kindersterblichkeit nachvollzogen werden können. Wegleiter bemüht sich um ein differenziertes Bild, liefert Erklärungen für zugeschriebene Verhaltensweisen und streicht beispielsweise auch Leistungen aus dem Schulbereich hervor, die gängigen Vorurteilen widersprechen. Ergebnis ist ein vielstimmiges Bild einer Gemeinde, das vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht.

Mit einer spannenden Zusammenschau von „Fragmenten einer Familiengeschichte aus dem Oberland“ setzt der Historiker Stefan Dietrich die Überlegungen fort und lässt die Leserschaft an der eigenen Familiengeschichte teilhaben, die über fast 200 Jahre hinweg Anekdoten aus dem Leben der Katharina Mayr in mündlicher Überlieferung erhalten hat. Dietrich stellt die Erzählungen den schriftlichen Quellen rund um Katharinas Biografie gegenüber. Interessantes Detail: In der Hoffnung auf das Sakrament einer sogenannten „Rom-Ehe“ führte ihr Lebensweg tatsächlich bis nach Rom. Gerade für Menschen, denen in den Heimatgemeinden die Bewilligung zur Heirat verweigert wurde, stellte eine Trauung durch einen päpstlichen Vertreter in Rom die einzige Möglichkeit dar, eine Ehe zu schließen. Trotz der Gefahr einer mehrwöchigen Gefängnisstrafe nach der Rückkehr in die Heimatgemeinde wurde diese Möglichkeit im 19. Jahrhundert häufig von Jenischen angenommen.

Im darauffolgenden Beitrag „Die Vinschger sain Korrner!“ wirft Helene Dietl Laganda einen Blick auf die Situation in Südtirol bzw. speziell ins Vinschgau. Wie eingangs erwähnt, kam es in Südtirol durch eine frühe kritische Kulturarbeit zu einer bemerkenswerten Diskursverschiebung, die zur Folge hatte, dass sich die Vinschger Bevölkerung kollektiv im Erbe der „Korrner“ sieht. Andererseits scheint aber der Bezug zu realen Personen der Vergangenheit zu fehlen und es wird davon ausgegangen, dass es keine „Korrner“ mehr gibt. Von der Eigenbezeichnung als Jenische und einer eigenen Sprache fehlt heute jegliche Spur.5 Eine in letzter Instanz nicht ganz befriedigende Erklärung, warum dies so sein könnte, liegt in der sogenannten Option. Der deutschsprachigen Bevölkerung wurde mit dem Hitler-Mussolini-Abkommen 1939 vor die Wahl gestellt, entweder ins nationalsozialistische Deutschland zu emigrieren oder mit dem Verbleib in Südtirol die Repressionen infolge der Italianisierungskampagne der faschistischen Regierung in Rom in Kauf zu nehmen. Offensichtlich waren unter den ersten und dauerhaften Optanten viele Südtiroler Jenische, die als Ärmste der Armen wenig zu verlieren hatten.6 Paul Rösch vermutet auch, dass ihnen von den Bürgermeistern „goldene Brücken gebaut wurden, dass sie gehen“.7 Auch Alois Federspiel („Storchn Lois“), dessen Biographie als die eines der „letzten“ Südtiroler „Korrner“ in diesem Buch wieder abgedruckt wird, hat sich für die Option entschieden. Die Bezüge zwischen Süd- und Nordtiroler Jenischen zeigen sich aber schon früher. Im Bewusstsein, dass es schwierig ist, sich an Familiennamen zu orientieren, und damit Vorurteile reproduziert werden, die etliche Jenische dazu veranlasst haben, andere Namen anzunehmen,8 können doch familiäre Beziehungen über den Reschenpass festgestellt werden. Auch in persönlichen Gesprächen mit Nordtiroler Jenischen im Rahmen der von der Initiative Minderheiten seit 2016 veranstalteten Jenischen Kulturtage werden diese Verbindungen immer wieder erwähnt.

Einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte widmet sich der Zeithistoriker Horst Schreiber unter dem Titel „Die Jenischen im Nationalsozialismus“. In atemberaubender Dichte zeichnet Schreiber die politische Linie des nationalsozialistischen Regimes nach, die eine Anerkennung der Jenischen als zugehörig zur „Volksgemeinschaft“ in Aussicht stellte, wenn diese ihre Lebensweise aufgeben würden und sich assimilierten. Zugleich wurde Jenischen von Anfang an unterstellt, ebendiese „Volksgemeinschaft“ zu zersetzen, und sie wurden als „Asoziale“ verfolgt. Einzelne dieser Schicksale finden, wo sie sich rekonstruieren lassen, im Beitrag Eingang und geben so ein fundiertes Bild der Situation Jenischer in der NS-Zeit sowie in den ersten Jahrzehnten danach. Einmal mehr zeigen sich ideologische und personelle Kontinuitäten nach 1945. Doch auch die Tatsache, dass die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Bezug auf die Diskriminierung und Verfolgung der Jenischen „mehr Kontinuität als Bruch“ bedeutete, wird deutlich.

Romed Mungenast als Person einerseits und besonders als Pionier in den Bemühungen um die Dokumentation der jenischen Geschichte andererseits nimmt in einem Sammelband zur jenischen Geschichte in Tirol wenig überraschend einen wichtigen Platz ein. In einem ersten Beitrag gibt die Literaturwissenschaftlerin Christine Riccabona auf die Frage „Was bleibt vom Pionier, Kulturvermittler, Sammler und Dichter Romed Mungenast?“ eine Antwort in Hinblick darauf, welche Teile von Mungenasts Sammlung im Innsbrucker Forschungsinstitut Brenner-Archiv Eingang fanden. Darin und in seinem literarischen Nachlass findet sie „Spuren einer Haltung“ und stellt ein bleibendes Interesse an Werk, Leben und Sammlung von Romed Mungenast fest.

Im darauffolgenden Beitrag „Ich habe mein Leben geändert“ wird das Gespräch des Historikers Thomas Huonker mit Romed Mungenast aus dem Jahr 2003 in Auszügen wiedergegeben. Darin erzählt Mungenast offen und selbstkritisch über Schlüsselerlebnisse, die ihn bei der Entwicklung von einem diskriminierten und ausgegrenzten Kind – durch eine Phase der Wut über dieses Unrecht – hin zu einem Forscher und Kenner der jenischen Geschichte unterstützten und ihn zu einem Vorkämpfer für die Anerkennung Jenischer als Teil der Tiroler Geschichte und Gesellschaft werden ließen. Man freut sich posthum mit ihm, wenn man ihn, wenige Jahre vor seinem zu frühen Tod 2006, von seinem späten persönlichen Glück erzählen hört.

Edith Hessenberger widmet sich in ihrem Beitrag „Fremdbilder >< Selbstbilder. Leben mit der Geschichte jenischer Ahnen“ den Spuren Jenischer im Ötztal. Sie stellt Erzählungen, Anekdoten und historische Quellen über Jenische zwei lebensgeschichtlichen Interviews mit Jenischen gegenüber. Durch diese Konfrontation von Fremd- mit Selbstbildern regt sie eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung an. Divergenzen zeigen sich hier etwa besonders deutlich in Bezug auf die Inszenierungen der „Karrner“ und „Laninger“ in den Fasnachten der Region sowie den Reaktionen Jenischer darauf. – Ist es Zufall, dass beide jenischen Gewährsleute ihren Ausdruck in Kunst und Literatur gefunden haben?

Mit Gedichten von Sieglinde Schauer-Glatz in jenischer Sprache und im Ötztaler Dialekt schließt die vorliegende Publikation den Bogen auf poetische Weise. In den abgedruckten Texten verhandelt die Dichterin, die für ihr jahrzehntelanges Engagement für Menschen mit Behinderung 2010 mit der Verdienstmedaille des Landes Tirol ausgezeichnet wurde, Ausgrenzungen. Der Abschluss ist jedoch geprägt durch den versöhnlichen Ton im Gedicht „Die Hoamat“, in dem sie auf ihre Kindheit in Huben zurückblickt.


Abb. 2: Jenisches Lager am Wegesrand im Vorderen Ötztal

An dieser Stelle soll ein Wort zum Titelbild dieses Bandes nicht fehlen: Wir stellen – symbolisch für die Herangehensweise an dieses komplexe Thema – eine Fotografie von Meinhard Pfaundler aus dem Jahr 1931 an den Anfang dieses Buches (und auf die Titelseite des Projektes): Sie befindet sich mit der Bildbeschriftung „Karrner“ in einem Fotoalbum über Piburg (Gemeinde Oetz) und lässt viele Fragen offen. Nicht nur die Fragen danach, wer auf diesem Foto zu sehen ist oder wo dieses Foto gemacht wurde. Auch die Frage danach, ob es sich wirklich um Jenische handelt oder ob uns einige stereotype Elemente hier in die Irre leiten. Ausgehend von den wenigen Daten, die uns heute noch vorliegen, den wenigen Zeugnissen wie Fotos oder Erinnerungserzählungen sollen Aspekte jener Geschichte von Tirolerinnen und Tirolern rekonstruiert und bewusst gemacht werden, die mitunter gezielt unsichtbar gehalten wurden.

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1 Pescosta 2003, S. 20 u. 30.

2 Jäger 2005, S. 227.

3 Spiss 1993, S. 100.

4 Kluibenschedl 1985, S. 72.

5 Als Paul Rösch, der sich in den späten 1980er Jahren als einer der Ersten umfassend mit den „Korrnern“ im Vinschgau wissenschaftlich auseinandergesetzt hat, Interviews für seine Dissertation (vgl. Rösch 1988) führte, waren wenigen älteren Leuten zwar noch einzelne jenische Worte geläufig, aber als eigenständige Sprache war Jenisch nicht mehr in Verwendung. (Vgl. Rösch und Obwegeser 2019, 49:45 min.) Die Tochter von Alois Federspiel hingegen erzählte davon, dass ihr Vater gelegentlich die Sprache benutzte.

6 Vgl. auch ebd., 38:00 min.

7 Ebd., 41:20 min.

8 Für den Vinschgau konstatiert Paul Rösch etwa, dass viele Jenische im Rahmen der Italianisierung der Faschisten recht früh italienische Namen annahmen. Ebd., 40:35 min.


Das Bild der wandernden „Tirolerin“ – schon durch die Kleidung Inbegriff stereotyper Zuschreibungen. Georg Emanuel Opitz: „Die Tyrolerinn, der Hausmeister und ein Italiäner mit Gypsfiguren in Wien“, 1804–1812

Migration und Mobilität im Tiroler Oberland in der Frühen Neuzeit
Michael Span

Dass Migration und Mobilität so alt wie die Menschheit selbst sind, gilt als allgemein bekannt. Dabei sind ganz unterschiedliche Typen von Wanderungsbewegungen zu unterscheiden. Von der dauerhaften Ein- oder Auswanderung über zyklisch wiederkehrende Migration bis zum Leben als Fahrende ganz ohne festen Wohnsitz, von Migration aus religiösen, politischen, wirtschaftlichen, ökologischen oder gesundheitlichen Gründen bis zu Vertreibung, Versklavung und/oder Verschleppungen, von der Binnenmigration in die nächste Stadt oder das Nachbardorf bis zur Auswanderung auf andere Kontinente. Der Trend zu vermehrter Sesshaftigkeit habe sich – nach einer Phase besonders hoher Mobilität während der Industrialisierung – erst mit dem 20. Jahrhundert, in besonderem Maße nach 1945, verstärkt, erklärt etwa Sylvia Hahn in ihrem Überblick zur Migrationsgeschichte.1

Auch im Tiroler Raum waren Migration und Mobilität in der (Frühen) Neuzeit üblich. Tatsächlich ist es sogar so, dass die Alpenregion in besonderer Weise von unterschiedlichen Wanderungsbewegungen geprägt wurde. Und einige Aspekte dieser alpinen Migrationsgeschichte – beispielsweise die saisonale Arbeitsmigration von Tiroler*innen – trugen einerseits bereits früh zur Ausbildung stereotyper Bilder bei und fanden andererseits auch in einschlägiger Grundlagenliteratur bereits Erwähnung.2

Im Folgenden sollen einzelne Schlaglichter auf Aspekte dieser Geschichte geworfen und so versucht werden, diese in ihrer Mehrdimensionalität zu umreißen und im Tiroler Oberland in der Frühen Neuzeit zu verorten. Dies soll anhand relevanter Literatur zur Thematik erfolgen, deren Grundgerüst durch konkrete Quellenfunde zur Region ergänzt wird. Grundsätzlich mitzudenken gilt es dabei, dass die Region sowohl Ziel- als auch Ausgangsort von Migration sein konnte. In vielen Fällen war sie beides zugleich, denn keineswegs gab es nur transregionale bzw. grenzüberschreitende Wanderungsbewegungen.

Im Folgenden wird der Ausgang bei der Tiroler Landesordnung aus dem 16. Jahrhundert genommen, die für den in diesem Band behandelten Raum bis weit in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts als rechtliche Grundlage diente. Hier kommt vor allem die sicherheitspolizeiliche Dimension von Wanderungsbewegungen auf landesfürstlichem Territorium respektive in dieses zum Ausdruck. Dabei wird bereits deutlich, dass die Obrigkeit vor allem mobilen Formen von Handel und Dienstleistungsgewerben sowie Bettler*innen ihre Aufmerksamkeit widmete. Auf die Spuren, die diese Personengruppe als „Vagabund*innen“ in den lokalen Quellen hinterließ, wird in diesem Beitrag ein besonderer Fokus gelegt.


Abb. 1: Bettler vor der Stampfanger-Kapelle bei Söll, Bleistiftzeichnung, um 1820

Migrationsbewegungen, ob in Form einer einmaligen dauerhaften Auswanderung oder als wiederkehrende, saisonale Wanderung, die aus der Region hinaus führte, wurden in der Tiroler Landesordnung indes im Grunde nicht berührt.3 Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen aus dem ländlichen Raum in großer Zahl als Arbeitsmigrant*innen auf der Suche nach Einkommensmöglichkeiten die Grenzen der Grafschaft hinter sich ließen. Unterschiedlichen Ausformungen dieser Wanderungsbewegungen soll im Folgenden ebenfalls Raum gegeben werden.

Entstehen soll so ein konziser Einblick in die Vielschichtigkeit des Themenfeldes Migration und Mobilität, der die eingangs angeführte, triviale Diagnose der historischen Normalität von Wanderungsbewegungen konkretisiert und im regionalen Kontext verankert darstellt.

Die Region als Ziel von Wanderungen
Migration und Mobilität als Problem – die Tiroler Landesordnung

„Schotten“, „Savoyer“, „Juden“, „Bettler“, „Zigeuner“, „Riffianer“ – die Tiroler Landesordnung in ihrer Form von 1573 nennt gleich mehrere Gruppen, für die offenbar aufgrund ihrer Mobilität besonderer Regelungsbedarf gesehen wurde. Am deutlichsten wurde dies im Zusammenhang mit den „Schotten“, so wurden zeitgenössisch wandernde Händler genannt, die keineswegs aus Schottland stammen mussten,4 und „Sophoyren“ (Savoyern), für die dasselbe in Hinblick auf Savoyen galt,5 formuliert. Ihnen wurde untersagt, ihre Geschäfte von Haus zu Haus, abseits offizieller Marktzeiten und außerhalb der Kontrollsphäre der Obrigkeit zu betreiben – eine Bestimmung, die auch auf jüdische Handelsleute ausgedehnt wurde. Betrügereien sollten damit unterbunden werden.6 Falls sich „Schotten“ oder „Savoyer“ aber „mit wonung vnnd hauß-hablichem wesen niderlassen“, also sesshaft werden würden, so dürften sie – gleich wie die anderen Untertanen auch – ihren Geschäften „frey vnd vnuerhindert“ nachgehen. Die Mobilität wurde hier insofern als kritisch betrachtet, als durch sie obrigkeitliche Kontrollen erschwert oder gar verunmöglicht wurden.7 Ebenfalls wohl aufgrund sozioökonomischer Merkmale und wegen ihrer Mobilität standen die sogenannten „Riffianer“ im Visier der Obrigkeit.8 Sie zögen „mit grossem Spil / Zerungen vnnd Weybern“ von Jahrmarkt zu Jahrmarkt bzw. Kirchtag zu Kirchtag, heißt es in der Landesordnung, was „Mordt / vnd annder vil Args“ zur Folge habe. Einreise nach und Aufenthalt in Tirol war ihnen daher untersagt.9 Selbiges galt auch für nicht näher definierte „Zigeuner“. Wer ihnen Unterkunft gab, sollte bestraft werden, während im Gegenzug Gewalt gegen sie straffrei gestellt und damit legitimiert wurde.10 Über die Zugehörigkeit zu den Gruppen der Schotten, Savoyer, Riffianer oder Zigeuner entschieden wohl die jeweils sesshaften Bevölkerungsteile bzw. deren obrigkeitliche Vertreter. Wesentliches Kriterium für diese Zuschreibungen bildete dabei zweifelsohne der Faktor Mobilität.

Ähnlich verhielt es sich mit Bettler*innen beziehungsweise allgemein Menschen, die auf Almosen angewiesen waren. Jede Gemeinde sollte für die Versorgung ihrer eigenen Armen zuständig sein. Das Betteln in anderen Gemeinden war verboten. Argumentiert wurde dies einerseits mit den Kosten, die Almosenempfänger*innen verursachten, andererseits damit, dass so gewährleistet werden sollte, dass niemand, der eigentlich seinen Lebensunterhalt auch auf anderem Wege verdienen konnte, Almosen bezog. Persönliche Bekanntschaft durch Sesshaftigkeit sollte hier somit als Korrektiv fungieren. Ein weiterer Grund, der ins Treffen geführt wurde, war sicherheitspolizeilicher Natur: Bettler*innen wurden mit „bösen Missstalten und Handlungen“ in Verbindung gebracht.11 Aus diesen Gründen waren es im Besonderen „fremde“, ausländische Bettler*innen, die in der Tiroler Landesordnung problematisiert wurden. Ihnen sollte nach Möglichkeit die Einreise verweigert werden; jene, die sich bereits auf landesfürstlichem Territorium befanden, sollten außer Landes geschafft werden. „Vmbschwaiffendt[e]“, also mobile, ausländische Bettler*innen, die von den Obrigkeiten im Land betreten wurden, sollten bestraft werden.12


Abb. 2: Der Markt als Begegnungsort, dargestellt von Jakob Placidus Altmutter, ca. 1819

„Vagabundinnen“ und „Vagabunden“

Eine Bezeichnung für nicht ortsansässige Menschen, die sich zwar nicht in der Landesordnung, wohl aber in lokalen frühneuzeitlichen Quellen häufig findet, ist die des „Vagabunden“ bzw. der „Vagabundin“. Welche für die zeitgenössischen Schreiber die Kriterien waren, die sie dazu veranlassten, diesen Begriff zu verwenden, ist dabei nicht ganz klar. So wird etwa zuweilen dezidiert erwähnt, dass die so Bezeichneten um Almosen baten bzw. bettelten, während an anderen Stellen von der Ausübung mobiler Gewerbe die Rede ist. Wesentlich war sicherlich das Fehlen eines dauerhaften Wohnsitzes – zumindest in der fraglichen Region. Doch auch darüber hinaus ist der Begriff, wie Beate Althammer auseinandersetzt, von Ambiguität geprägt.13 So handelte es sich in der Regel nicht um eine Selbstbezeichnung, sondern vielmehr um eine von verschiedenen Akteur*innen und unterschiedlichen Situationen beeinflusste Zuschreibung, in deren Zentrum zumindest die Motive der Mobilität und der Armut als Konstante standen, wenngleich Letztere zuweilen als lediglich vorgetäuscht oder aber selbst verschuldet unterstellt wurde.14 Armut per se war allerdings nicht das entscheidende Kriterium für die prekäre soziale Stellung, die Vagabundierenden zugewiesen wurde. Wesentlich sei, dass sie zumeist nicht als Teil einer „integrierten“ Armut, einer Form der Bedürftigkeit, die als „normal“ betrachtet wurde, da die ökonomischen Unterschiede zwischen manifest armen und anderen Teilen der Bevölkerung lediglich gering waren, verstanden worden seien. „Vor allem in Gesellschaften, in denen große Teile der Bevölkerung nahe am Existenzminimum leben, muss Armut kein Makel sein“, so Althammer.15 Vagabundierende werden dementgegen von der Historiografie zur frühen Neuzeit in der Regel „als Prototypen der marginalen Armut“ betrachtet, als Angehörige von „Randgruppen“, die von einer kontinuierlich neu ausverhandelten Norm abwichen. Die Frage, ob und in welcher Weise diese Abweichung in historischer Perspektive als Problem betrachtet wurde, ist damit in weiterer Folge verbunden. Zumindest ab der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert lassen sich jedenfalls wachsende Bestrebungen verorten, eine Inklusion der Betroffenen zu erreichen: „Der Vagabund galt nicht allein als Problem wegen seiner Armut, sondern vor allem wegen seiner Devianz, seiner Abweichung von der Norm einer ordentlichen und nützlichen Existenzweise.“16

Die Spuren von Vagabund*innen finden sich im lokalen Kontext beispielsweise in den Kirchenmatriken. Das Totenbuch von Längenfeld im Ötztal berichtet etwa von Todesfällen von Vagabund*innen, wie dem des 1679 verstorbenen Wolfgang Jenewein17, dem des als Vagabund und Bettler bezeichneten Franz Grienauer18, der im Sommer 1765 auf der Suche nach Almosen in den Lehnbach in Längenfeld im Ötztal stürzte und starb, oder dem der Vagabundin Maria Hueberin19 aus Pfaffenhofen im Jahr 1772. Auch in den Taufbüchern des Ortes werden immer wieder Kinder genannt, deren Eltern (oder zumindest ein Elternteil) als Vagabund*innen bezeichnet werden.20 Zumeist ist dabei nicht ersichtlich, dass derartige Taufen oder auch Todesfälle von der zuständigen Geistlichkeit in einer besonderen Weise gehandhabt worden wären. Beim Eintrag zu einer Taufe in Längenfeld am 18. Mai 1716 wird jedoch erkennbar, dass die Mobilität der involvierten Personen von der kirchlichen Obrigkeit als problematisch betrachtet wurde: Den Angaben der Mutter des Täuflings wurde mit offener Skepsis begegnet, die zwar im Falle möglicherweise „illegitimer“, also unehelich geborener, Kinder durchaus nicht unüblich war, die sich durch die Migrationsgeschichte der Mutter jedoch noch verschärfte. Weder der Name, den diese angab – Maria Schreterin –, noch deren Herkunft aus Salzburg und auch nicht ihre Ehe mit einem gewissen Johann Michael Saxenhamer, der laut ihren Angaben von Soldaten verschleppt worden war, wurden als erwiesen betrachtet. Erforderliche Unterlagen konnte die Frau nicht vorlegen.21

Bemerkenswert sind vor diesem Hintergrund die kirchlichen Aufzeichnungen einiger anderer Orte im Tiroler Oberland: So wurden in Flaurling (1740–1796), Inzing (1767–1818) und Hatting (1786–1814) für die Taufen der Kinder von Vagabundierenden eigene Rubriken in den Taufbüchern angelegt, sodass es mit dem separaten „Liber Vagantium“ bzw. „Liber Vagorum Baptizatorum“ jeweils eine dritte Abteilung neben den Verzeichnissen der ehelich und der unehelich geborenen Kinder der Orte gab.22 In Ranggen (1729–1783) wurden „Vagi & Illegitimi“, also die Kinder von Vagabundierenden und jene, deren Eltern nicht miteinander verheiratet waren, zusammengefasst.23 Dass mit den Eintragungen in diese separaten Listen ein gewisses Stigma verbunden war, darf wohl angenommen werden, eine detaillierte Untersuchung steht allerdings noch aus.


Abb. 3: „Tyroler auf der Reise“ um 1833, Stich von N. Pötschke nach einer Zeichnung von (Carl Friedrich Moritz) Müller

Wanderhändler*innen, Hausierer*innen

Nicht ohne Schwierigkeiten von den in den Quellen genannten „Vagabund*innen“ abgrenzbar waren Wanderhändler*innen und wandernde Dienstleister*innen, die durch das Land zogen und ihre Waren oder Leistungen auf Märkten oder auch hausierend vertrieben. Robert Büchner führt vor allem Quellen aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert als Belege für „Schotten und Niederländer“ sowie vor allem „Savoyer und Welsche“ als wandernde Krämer*innen, aber auch als Dienstleister*innen oder Schausteller*innen auf Tiroler Territorium an. Die Angebotspalette war umfangreich: von Südfrüchten über Geschirr und Stoffe bis zur Unterhaltung – häufig als Beispiel genannt werden etwa Aufführungen mit dressierten Murmeltieren. Der wirtschaftliche Erfolg war demzufolge ebenfalls sehr unterschiedlich. Vielfach bedienten die oft saisonal wandernden auswärtigen Händler*innen die Nachfrage nach Dingen, die der lokale Handel nicht zu decken vermochte, weshalb die Obrigkeiten sie zuweilen trotz an sich geltender Verbote und Restriktionen gewähren ließen. Eine dauerhafte Ansiedelung auf dem Gebiet der Grafschaft Tirol, wie dies die Tiroler Landesordnung – oben wurde es erwähnt – anregte, war offenbar nur wenig attraktiv, erklärt Büchner. Vor allem größere Städte strahlten mehr Anziehungskraft aus.24

Im 18. Jahrhundert wurden die Maßnahmen gegenüber inländischen Hausierer*innen zwar reduziert, dennoch blieb eine Restskepsis der Obrigkeiten bestehen.25 Dass der Hausierhandel auch im lokalen Kontext Konfliktpotenzial barg, das zeigen Beispiele aus Quellen: Durchaus gängig war nämlich unter anderem auch der Handel mit alkoholischen Getränken – zum Missfallen der lokalen Wirtsleute, aber auch der Verwaltung.26 So wurde etwa gegen Ötztaler Kraxenträger vorgegangen, die Branntwein, den sie über das Timmelsjoch ins Tal gebracht hatten, ohne Genehmigung ausschenkten.27 Dieses Problem war auch in anderen Regionen Tirols bekannt. Im Stubaital forderten die Wirte die Gerichtsobrigkeit 1823 auf, sie möge gegen „sogenannte Karrenfahrer – u. Traghausierer“ tätig werden, „welche allerlei Getränke in alle Enden dieses Thales“ brächten, wodurch die „christlichen Sitten“ verdorben und ganze Familien in den finanziellen Ruin gestürzt würden.28


Abb. 4: Der Import und Vertrieb von Südfrüchten war eine Einkommensquelle für mobile Händler*innen aus Tirol.

Die Region als Ausgangspunkt von Wanderungen
Dauerhafte Auswanderung

Am 13. März 1795 bekannten Johann Kien und seine Ehefrau, Genoveva Hoferin, im Rahmen eines Gerichtstermins in Rietz, dass sie ihrem Bruder bzw. Schwager, Anton Kien, 95 Gulden aus einer Erbschaft schuldig waren. Solche und ähnliche Einträge finden sich in den Verfachbüchern im Tiroler Landesarchiv zuhauf. Dieser spezielle Fall weist jedoch eine Besonderheit auf: Anton Kien befand sich zum Zeitpunkt des Gerichtstermins Tausende Kilometer entfernt von Rietz, in „Philadelphia in Nordamerika“.29

Ähnliche Hinweise auf ausgewanderte Untertanen finden sich häufiger in den gerichtlichen Aufzeichnungen zu Verlassenschaft sabhandlungen, etwa aus dem Gericht Petersberg, welches im Wesentlichen das Ötztal, einen Abschnitt des Inntals zwischen Karres und Rietz sowie das Mieminger Plateau umfasste. Neben dem genannten Anton Kien finden sich hier in den Jahren um 1800 zum Beispiel auch Maria Josepha Kuenin30 aus Längenfeld, die einen Kaufmann aus Pavia in der Nähe von Mailand geheiratet hatte, oder Kaspar Neurauter31, der als Seemann in den Niederlanden angeheuert hatte. Diese Quellenfunde zeigen, dass Emigration aus der Region im 18. und 19. Jahrhundert durchaus nicht unüblich war, und auch, dass der geografische Radius dabei sehr weit gefasst war. Darüber hinausgehende Informationen zu den Ausgewanderten und deren Familien finden sich ohne vertiefende Nachforschungen in zusätzlichen Quellenbeständen jedoch nicht im Verwaltungsschriftgut der Herkunftsregion. Überhaupt ist verlässliches Zahlenmaterial zu Auswanderungen aus der Habsburgermonarchie für die Zeit vor der Mitte des 19. Jahrhunderts rar.32


Abb. 5: Diese zwei namentlich heute leider nicht mehr bekannten Frauen waren nach Chicago ausgewandert und sandten um 1900 dieses Foto an ihre Familie im Gasthof Hirschen in Längenfeld.

Im lokalen Kontext führten mitunter Erbfälle dazu, dass zwischen Verwandten nach einer Auswanderung wiederum Kontakt hergestellt wurde, die sonst nur in losem – zuweilen wohl auch gar keinem – brieflichen Austausch standen.33

Saisonale Migration

Wesentlich häufiger als dauerhafte Auswanderungen über weite Distanzen hinweg waren in der gesamten Frühen Neuzeit verschiedene Formen zyklischer bzw. saisonaler Migration. Sylvia Hahn weist in ihrem Überblickswerk zur Migrationsgeschichte darauf hin, dass auch die Bevölkerung Tirols schon früh, nämlich von Joseph Rohrer in seinem Werk „Uiber die Tiroler“ aus dem Jahr 1796, als in dieser Hinsicht sehr mobil charakterisiert wurde:34 „Es ereignet sich nämlich in mehreren unfruchtbaren Thälern alljährig der Fall, daß sie auf einige Monathe von ihren männlichen Einwohnern, wie unsere Donauufer von den wilden Gänsen verlassen, und erst nach einer geraumen Zeit wieder besucht werden.“35 Verschiedene Wege des Nebenerwerbs waren notwendig, da die Landwirtschaft alleine nicht ausreichte, um alle Bewohner*innen des Landes zu ernähren,36 so Rohrer, das betreffe im Besonderen auch den „sehr unfruchtbaren Imsterkreis“, also auch das Tiroler Oberland.37 Als Händler*innen und Hausierer*innen, als Handwerker oder aber Hilfskräfte in der Landwirtschaft suchten viele Menschen im Ausland oder zumindest außerhalb ihrer unmittelbaren Herkunftsregion Verdienstmöglichkeiten. Besonders prominent werden in der Literatur Bauhandwerker aus Tirol und Vorarlberg erwähnt, die entweder einzeln oder in Gruppen von bis zu über 100 Personen auf Baustellen in verschiedenen Regionen Europas tätig waren, von Süddeutschland nordwärts bis nach Luxemburg, im vorderösterreichischen Gebiet sowie im Osten und auch Süden Frankreichs.38

Die zahlenmäßig bedeutendste saisonale Wanderungsbewegung machten jene aus, die sich in der Landwirtschaft verdingten – zumindest bis um 1800. Die Auswirkungen des Erbrechts auf die Bodenbesitzstrukturen waren dabei ein wesentlicher Faktor. War Grund und Boden stark aufgesplittert, wie in Gebieten mit Realteilung, etwa dem Tiroler Oberland, begünstigte das saisonale Migration. Aus diesen Regionen zogen die Menschen nicht selten in solche, in denen konzentriertere Besitzstrukturen saisonale Helfer*innen in der Landwirtschaft erforderlich machten, um dort ihr Geld zu verdienen. Die Poebene bzw. Oberitalien oder auch Süddeutschland waren zum Beispiel Ziele solcher Wanderungsbewegungen, aber auch im Tiroler Pustertal waren große Höfe im Sommer auf Hilfskräfte angewiesen.39 Auch die saisonale Migration von Kindern aus dem Tiroler Oberland, die bis ins 20. Jahrhundert hinein vorkam, ist hier zu erwähnen. Als „Schwabenkinder“ fanden sie nicht nur Eingang in die Forschungsliteratur,40 sondern auch in die Populärkultur.41

Neben jenen, die ihre Arbeitskraft zu Markte trugen, zogen – verstärkt ab dem 18. Jahrhundert – außerdem Tausende über die Landesgrenzen hinaus, um mit unterschiedlichsten Produkten Handel zu treiben. Stubaier Metallwaren, Grödner Schnitzwaren, Deferegger Teppiche und Decken oder Handschuhe aus dem Zillertal wurden in weite Teile Europas exportiert, Oberinntaler Vogelhändler*innen, Ölträger*innen sowie Wein- und Südfrüchtehändler*innen und viele andere mehr betrieben ihre Geschäfte oft auch im Ausland.42 Dies konnte in Form eines einfachen Hausierhandels durch einzelne Kraxenträger geschehen oder auch deutlich professionalisierter durch Handelsgesellschaften mit mehreren Teilhabern.43


Abb. 6: Gerade in und um Imst waren Vogelhandel und Vogelzucht eine Einkommensquelle. Kupferstich von Johann Ernst Mansfeld nach einer Zeichnung von Johann Christian Brand, 1798

Ziel- und Ausgangspunkt zugleich war die Region auch für weitere Formen von Mobilität als Arbeitsmigration: die Touren von Handwerksgesellen etwa44 oder die Wanderbzw. Lehrjahre des männlichen Nachwuchses der ländlichen Eliten.45 In den Quellen finden sich neben diesen bekannten Migrationsmustern jedoch mitunter auch Hinweise auf ungewöhnliche Karrieren, wie etwa die der aus Silz stammenden Wundarzt-Tochter Therese Stockerin, die 1802 „zu Warschau in Königreich Pohlen als Kammerjungfer“ tätig war.46 All diese Erscheinungsformen von Migration bzw. Mobilität, die aus Tirol hinausführte, können an dieser Stelle jedoch nicht eingehender behandelt werden.

Wie viele Tiroler*innen – es waren vorrangig Männer – auf diese Weise außer Landes unterwegs waren, ist unklar. Eine Schätzung für das 18. Jahrhundert geht von rund 30.000 aus, eine Erhebung in den Jahren 1811/1812 zählte 27.800 (bei einer Gesamtbevölkerung von rund 700.000 Personen). Wesentlich ist, dass die beschriebene saisonale Mobilität keineswegs ohne Weiteres immer als Folge von Überpopulation und ungenügenden Erträgen aus der Landwirtschaft sowie einer allgemeinen wirtschaftlichen Krise zu interpretieren ist: „Die Subsistenzsicherung durch Mehrberufigkeit stellte […] den ‚Normalzustand‘ dar“, und vor allem hinsichtlich des Wander- bzw. Hausierhandels mit heimgewerblich gefertigten Produkten, dessen Bedeutung im 18. Jahrhundert anwuchs, erklärt Ammerer, dass diese Wanderungen durchaus als „Karrieremöglichkeiten bzw. Chancen für ein ‚besseres Leben‘“ betrachtet wurden.47

„Tyroler“ und „Tyrolerin“ im frühneuzeitlichen Europa

„Da in großer Anzahl vor allem Männer […] auf Handelswanderschaft gingen, waren neben den Savoyarden die Tiroler schon den Zeitgenossen weithin ein Begriff“,48 so Gerhard Ammerer.49 Die Eindrücke, die Tiroler*innen auf ihren Reisen hinterließen, fanden als Stereotype auch Eingang in die Literatur.50 Eines der wohl bekanntesten Beispiele in dieser Hinsicht ist Heinrich Heines bissiger Kommentar über die Tiroler*innen, der ganz selbstverständlich voraussetzte, dass seine Leser*innenschaft „diese bunten Deckenverkäufer, diese muntern Tiroler Bua, die wir in ihrem Nationalkostüm herumwandern sehen“, kannte.51

Diese Stereotype wurden von Tiroler Händler*innen und Dienstleister*innen auch selbst zu Vermarktungszwecken aufgegriffen. Sie antizipierten gewisse Erwartungshaltungen ihres Publikums, wie z. B. aus einer zeitgenössischen Replik auf den Spott Heines hervorgeht.52 Dieser wiederum ortete bereits 1828 den kommerziellen Ausverkauf tirolerischer Eigenarten im Ausland und führte dabei die bekannte Zillertaler Sängerfamilie Rainer, die mit ihren Auftritten in Deutschland, England und sogar Nordamerika Tirol weithin bekannt machte, als Beispiel an.53 Ganz ähnlich inszenierte Felix Mitterer Ende des 20. Jahrhunderts einen Zillertaler Wanderhändler des ausgehenden 18. Jahrhunderts: In seinem Stück „Das wunderbare Schicksal“ erblickte er im Handschuhhändler


Abb. 7: Ein mobiler Teppichhändler um 1775, hier auf einem etwas jüngeren colorierten Nachdruck aus Johann Christian Brands Sammlung von „Zeichnungen nach dem gemeinen Volke besonders Der Kaufruf in Wien“ Peter Prosch, der als „Hoftyroler“ im süddeutschen Raum bekannt war und 1789 seine Lebenserinnerungen veröffentlichte,54 „den ersten Fremdenverkehrstiroler“.55

Schlussbemerkung

Im vorliegenden Beitrag wurde versucht, einen knappen Überblick über einen als Migrations- bzw. Mobilitätsgeschichte Tirols in der Frühen Neuzeit nur überaus grob umrissenen Themenkomplex zu vermitteln. Einzelaspekte konnten dabei lediglich gestreift werden. Offensichtlich wurde dennoch, dass es sich um ein vielfältiges und keineswegs randständiges Thema handelt. Das historische Tirol fungierte sowohl als Destination als auch als Ausgangsregion für unterschiedlich motivierte Wanderungsbewegungen, die in verschiedenen Quellen ihren Niederschlag fanden. Die Berücksichtigung dieser beiden Perspektiven erscheint zentral für die Migrationsgeschichte einer Region. Die sicherheitspolizeilichen Maßregeln und wirtschaftlichen Bedenken gegenüber äußeren Einflüssen werden durch den Eindruck einer überaus mobilen Gesellschaft konterkariert. Tiroler Migrant*innen, die in ganz Europa spätestens ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Bekanntheit erlangten, waren wesentlich an der Konstruktion eines Bildes von Tirol als romantisiertem Sehnsuchtsort im 19. Jahrhundert beteiligt, das bis heute nachhallt. Dass dieses Bild zuweilen mit besonders ausgeprägter Sesshaftigkeit und Verwurzelung der Tiroler*innen mit ihrem Heimatland verbunden zu werden scheint, ist bemerkenswert.

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1 Hahn 2012, S. 9f. Vgl. dazu auch das mit „Migration – eine historische Normalität“ überschriebene Schlusskapitel von: Holenstein et al. 2018, S. 347–360. Zur zunehmenden Sesshaftwerdung im 20. Jahrhundert z. B. auch: Althammer 2017, S. 23f.

2 Hahn 2012, S. 16, 41, 86f. u. 123f. Die Stereotypenbildung und deren Ausnützung durch die Tiroler*innen selbst erwähnt zum Beispiel bereits Heine 1834, S. 70–72. Kürzlich aufgegriffen und auf die Herausbildung von „Typen“ in Wien umgelegt wurde dieses Motiv der sich außerhalb der Landesgrenzen selbst vermarktenden Tiroler*innen von: Wietschorke 2013. Zur Dominanz der agrarischen Arbeitsmigration in der frühen Neuzeit siehe z. B. Noflatscher 2002.

3 Eine Ausnahme ist etwa die Verheiratung adeliger Töchter ins Ausland: TLO 1573, Buch 3, Titel 34.

4 Schmeller 1836, S. 415f.

5 Robert Büchner hat sich in seinem Buch über Tiroler Wanderhändler eingehender mit den zeitgenössischen Begrifflichkeiten beschäftigt. Er berichtet beispielsweise davon, dass etwa auch Händler aus den Fürstbistümern Trient und Brixen mitunter als „Savoyer“ bezeichnet werden konnten, der Begriff also als Synonym für fremde Wanderhändler insgesamt verwendet wurde. Ganz ähnlich verhielt es sich mit den „Schotten“ oder auch den „welschen Krämern“: Büchner 2011, S. 72–83.

6 Die unlauteren Methoden, die bei – vor allem auswärtigen – Spezereihändlern befürchtet wurden, sind zum Beispiel beschrieben in der TLO 1573, Buch 6, Titel 12. Im Kern gleichlautend – das gilt ebenfalls für die im Folgenden zitierten Passagen – auch die Landesordnung von 1532: TLO 1532, Buch 6, Titel 12.

7 TLO 1573, Buch 6, Titel 13, §§ 1 u. 2.

8 Beim Begriff Riffianer handelt es sich nicht um eine Herkunftsbezeichnung mit Bezug auf das im Passeier gelegene Dorf Riffian. Im Tirolischen Idiotikon wird der Begriff, der so viel wie „Lotterbube“ oder „herumvagierender Spitzbube“ bedeute, etymologisch auf das italienische „ruffiano“, das mit „Kuppler“ oder „Zuhälter“ übersetzt werden kann, zurückgeführt: Schöpf und Hofer 1866, S. 177 u. 569.

9 TLO 1573, Buch 7, Titel 8.

10 Ebd., Titel 7. In der Landesordnung von 1532 werden „Zigeuner“ und „Riffianer“ in einem Artikel zusammengefasst: TLO 1532, Buch 7, Titel 8.

11 TLO 1573, Buch 7, Titel 4. In TLO 1532, Buch 7, Titel 5.

12 TLO 1573, Buch 7, Titel 4.

13 Vgl. zum Folgenden: Althammer 2017, S. 25–38.

14 Auf die grundlegende Unterscheidung zwischen „bedürftigen“ und „unwürdigen“ Armen und deren weitläufige Folgen verweist beispielsweise auch Jütte 2000, S. 1–10.

15 Althammer 2017, S. 29f. Zur Typologie von Armut verweist Althammer auf: Paugam 2008, S. 121–269.

16 Althammer 2017, S. 37.

17 TLA: Totenbuch Längenfeld, 05.10.1679 (MF 0797-11).

18 TLA: Totenbuch Längenfeld, 22.07.1765 (MF 0799-02). Laut Peter Stöger sei Grienauer bzw. Grünauer ein auch unter jenischen Familien Tirols verbreiteter Nachname: Stöger 2002, S. 180.

19 TLA: Totenbuch Längenfeld, 26.06.1772 (MF 0799-02).

20 Vgl. z. B. TLA: Taufbuch Längenfeld, 12.11.1712, 18.05.1716 u. 23.02.1718 (MF 0796-01); sowie 29.04.1814 (MF 0796-05).

21 TLA: Taufbuch Längenfeld, 18.05.1716 (MF 0796-01).

22 TLA: Taufbuch Flaurling, „Liber Vagantium“ (MF 0758-05); sowie Taufbuch Inzing, „Liber Vagorum Baptizatorum“ [S. 220–232] (MF 0755-05); sowie Taufbuch Hatting, „Liber Vagorum Baptizatorum“ (MF 0755-01). Das Taufbuch für Inzing wurde bis 1767, jenes für Hatting bis 1786 bzw. 1788, das für Oberhofen bis 1740 und das für Pfaffenhofen bis 1784 in Flaurling, dem Sitz der Pfarre, geführt. Auffallend ist, dass vereinzelt auch Kinder von auswärtigen Soldaten und deren Frauen in diesen Listen genannt werden. Eine Überprüfung, inwiefern diese Eltern „Vagabund*innen“ waren oder zumindest zeitgenössisch als solche betrachtet wurden, steht noch aus. Schließlich könnte auch das Fehlen eines festen Wohnsitzes vor Ort grundsätzlich die Ursache für die Einordung in diese Rubrik gewesen sein.

23 TLA: Taufbuch Ranggen, „Vagi & Illegitimi“ (MF 0753-04).

24 Büchner 2011, S. 15f. u. 72–83.

25 Ammerer 2003b, S. 84.

26 Büchner 2011, S. 251–258.

27 Ebd., S. 255f.

28 TLA: Beschwerde „Gewerbspartheyen“, 04.01.1823, Aktenserie LG Matrei, Fasz. 2, 1823, Abt. IV. Ausführlicher zu den Bemühungen der Stubaier Wirtsleute im Kampf gegen illegale Konkurrenz: Span 2017, S. 420–422.

29 TLA: VB Petersberg/Silz 1795, Bl. 32v.

30 TLA: VB Petersberg/Silz 1799, Bl. 177r–v.

31 TLA: VB Petersberg/Silz 1802, Bl. 59v–60r.

32 Neyer 1996, S. 61. Zahlenmaterial für das 19. Jahrhundert z. B. in: Deák 1974. Auch die jüngere Migrationsforschung zur Habsburgermonarchie beschäftigt sich vorrangig mit der Phase ab ca. 1850: Bethke 2020.

33 SLA: VB Oberamtsgericht Bruneck 1782/1783, Abschnitt 1782, Bl. 116r–117v (inkl. Beilagen).

34 Hahn 2012, S. 41; Rohrer 1796.

35 Rohrer 1796, S. 28.

36 Ebd., S. 29.

37 Ebd., S. 40–51.

38 Hahn 2012, S. 86. Vgl. auch Reith 2010, S. 1034f.

39 Noflatscher 2002, S. 18 u. 35–37.

40 Z. B. Spiss 2010; sowie Ulmer 1943; sowie Uhlig 1998.

41 Z. B. literarisch von Lang 1989 und Bereuter 2002 sowie im Film von Baier 2003.

42 Büchner 2011; sowie Hahn 2012, S. 41, 86f. u. 123f.; sowie Ammerer 2003a sowie 2003b, S. 84–91.

43 Ein Beispiel, anhand dessen die unterschiedlichen „Handelsmodelle“ vom einzelnen Hausierer bis zum Verleger und Spediteur in Personalunion – gut ersichtlich sind, ist der Stubaier Metallwarenhandel. Vgl. Span 2017, S. 359–409.

44 Vgl. z. B. Wadauer 2005.

45 Vgl. Span 2017, S. 51–54.

46 TLA: VB Petersberg/Silz 1802, Bl. 28v.

47 Ammerer 2003a, S. 203–209.

48 Ammerer 2003b, S. 86.

49 Siehe auch: Ammerer 2003a, S. 212.

50 Ebd., S. 212–220.

51 Heine 1834, S. 70–72.

52 Der Kaiserlich Königlich privilegirte Bothe von und für Tirol und Vorarlberg, Nr. 2, 05.01.1829, S. 8; Nr. 3, 08.01.1829, S. 12; Nr. 4, 12.01.1829, S. 16; Nr. 5, 15.01.1829, S. 20.

53 Heine 1834, S. 70–72. Zur Familie Rainer eingehend: Hupfauf 2016. Die von Heine festgestellte Vermarktung von Volkskultur durch Tiroler*innen im 19. Jahrhundert fand auch Eingang in: Hügel 2003, S. 84f.

54 Prosch 1789.

55 Mitterer 1992.


Darstellungen von Landfahrerfamilien im 19. Jhd. nach Joseph Scholz

Die Jenischen im Tiroler Oberland
Roman Spiss/Elisabeth Maria Grosinger-Spiss
Klassische abwertende Stereotype

Im Jahr 1910 verfasste Pfarrer Johann Weber aus Hall in Tirol für die Innsbrucker Nachrichten einen Feuilleton-Artikel über „Die Dörcher“, der weitestgehend gängigen Klischeebildern und Vorurteilen über die Jenischen entsprach:1

Ab dem Frühjahr würden sie mit ihrer Familie das Heimatdorf verlassen und als Kesselflicker, Korbflechter, Scherenschleifer oder Geschirrhändler durch die Lande ziehen: ökonomisch besser gestellte Familien mit einem vom mageren Pferd gezogenen vierrädrigen Karren, die meisten aber nur mit einem zweirädrigen Gefährt, das von einem Esel oder vom Landfahrerpaar gezogen werde. Die Frau habe

in ihrem zarten Munde die Tabakspfeife, welche fortwährend dampft und glüht. Die größeren Kinder, welche barfuß und in Lumpen gehüllt hinten nachlaufen, haben den strengen Auftrag und Befehl, jeden Wanderer um einen Kreuzer anzubetteln, und sie tun dieses mit beispielloser Aufdringlichkeit, ja Unverschämtheit und zäher Ausdauer. Die jüngsten Sprößlinge, halbnackte Fratzen mit zerzausten Haaren, sitzen oder liegen im Karren. 2

Der Kleinhandel sei nur Vorwand für das Betteln, in dem man es zu einer wahren Meisterschaft bringe. Die

armen Bauern, welche im Schweiße ihres Angesichts erworbenes Brot zum eigenen Unterhalt notwendig brauchen, scheuen sich, dem Laniger nichts zu geben; sie fürchten sein böses Maul, seine gräßlichen Flüche und Verwünschungen, seine schrecklichen Drohungen mit dem „roten Hahn“ und überhaupt seine tückische Rache. 3

Das solcherart erworbene Geld werde dann vom Familienoberhaupt im Wirtshaus für Alkohol ausgegeben, was beim Ehepaar in der Folge zu einem heftigen Disput führe:

Fast täglich geraten sie unter sich in hitzigen Zank und Streit, wobei sie die häßlichsten Schimpfworte gebrauchen und denselben mit Faust und Fingernägeln kräftigen Nachdruck zu geben wissen. Deshalb zeigen die Gesichter der Dörcher nicht selten blutige Furchen und andere Merkmale ehelicher Zärtlichkeit. Es ist aber durchaus nicht ratsam, in den häuslichen Zwist der Laniger sich einzumischen oder gar es zu versuchen, die raufenden Gatten zu versöhnen. Ja, der Friede ist bei den Dörchern bald wieder hergestellt; liebevoll reichen sie einander die Rechte und überhäufen sich gegenseitig mit den größten Zärtlichkeiten, so daß man in Tirol von Eheleuten, bei denen Sturm und Sonnenschein schnell wechselt, sprichwörtlich zu sagen pflegt: „Sie leben wie die Dörcher!“ 4

Im Herbst kehrten sie wieder in die zuständige Gemeinde zurück, wo sie auf deren Kosten einquartiert werden müssten.

Die Kinder kommen im Winter entweder gar nicht zur Schule, oder, wenn sie kommen, nützt bei ihnen der Unterricht wenig oder nichts, weil zu Hause wieder „niedergerissen wird, was in der Schule ist aufgebaut worden“. Zudem verderben sie ihre Mitschüler und verleiten dieselben zur Trägheit und Ungezogenheit. 5

Als Stammsitz der „tirolischen Zigeuner“ nannte der Geistliche die armen Dörfer Mötz, Schönwies und Stilfs. Dies rief eine harsche Reaktion von Leopold Gatt, Obmann des Verschönerungsvereins eines der „aufblühendsten und schönsten Dörfer des Oberinntales“6, Mötz, auf den Plan,

das derart herabgesetzt, bzw. erniedrigt wird, als ob dort nur ein niederträchtiges und im ganzen Lande gefürchtetes Gesindel hausen würde. Demgegenüber muß hier öffentlich festgestellt werden, daß wohl wenige Orte im Lande sich eines so großen Aufschwunges und eines so massenhaften Besuches erfreuen, wie gerade der von dem uns leider unbekannten Herrn J. Weber beschimpfte Ort Mötz.7

Der Ort verfüge nicht nur über eine Hochdruckwasserleitung, elektrisches Licht, diverse humanitäre Vereine, Feuerwehr und Scharfschützenkompanie, eine Viehzuchtgenossenschaft und eine Raiffeisenkasse, sondern werde jährlich auch von Tausenden von Fremden und Wallfahrern besucht und könne sich eine derartige Schmähung auf keinen Fall gefallen lassen.


Abb. 1: Fotografie „Karrner“ aus der Innsbrucker Kunsthandlung Carl Alexander Czichna, Aufnahme von 1880


Abb. 2: Adolf Haslacher nach der Arbeit beim Sandwirt in der Reichenau, ca. 1958

Ähnlich wie im Oberinntal war einige Jahre zuvor schon im Pustertal gegen die durchziehenden Jenischen aus dem westlichen Tirol argumentiert worden, die sich ausschließlich auf Kosten der Bauern und städtischen Grundbesitzer ernähren würden:

Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß die Karrner eine höchst unliebsame Belästigung der Sommerfrischler betreiben, denen sie ihre Kinder auf den Hals schicken. Dadurch wird noch die Gegend in Verruf gebracht, da der Fremde nicht wissen kann, daß der bettelnde Fratz kein Einheimischer, sondern ein zugewanderter Schmarotzer ist. […] Wir betrachten das Treiben der Karrnerbanden als einen Schandfleck für das Land Tirol, indem es nichts anderes ist, als eine Landstreicherei unter dem Titel eines Gewerbebetriebes. Die zahlreichen Personen, die als Törchler8 ihr Leben verbringen, sind für eine anständige, bürgerliche Beschäftigung, überhaupt für die bürgerliche Gesellschaft verloren; die tirolischen Zigeuner bilden ein Element im Lande, dem jede Daseinsberechtigung mangelt. Es gibt auch andere Gegenden mit einer Überfülle armer Bewohner, die ihr Brot auswärts suchen müssen, sie thun es aber ehrlich durch ihrer Hände Arbeit und sind nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft, während unsere Karrner eine verwerfliche Proletarier-Colonie bilden.“9

Abwehrmechanismen der Sesshaften

Diese gehässigen und pauschalierenden Abwertungen wurzeln letztlich in unterschiedlichen Werthaltungen und Lebensentwürfen. Viele Bauern und Bäuerinnen hatten vor allem ein Problem mit dem Eigentumsbegriff der Jenischen: „Was aber frei wächst, das ist für alle, und keiner hat Ursache zu sagen, das ist mein. Das hat der Herrgott wachsen lassen, nicht der Bauer. Also ist’s für alle.“ Pflücken von Feldfrüchten, aber auch das Einfangen von Kleintieren wie z. B. Hühnern verstanden sie daher nicht als Diebstahl, sehr wohl aber das Mitnehmen von „toten“ Dingen wie Werkzeugen. Hinzu kamen kleine Betrügereien wie der Taufschwindel, wenn Fahrende unter dem Vorwand, sie hätten ein Kind zu taufen, die Übernahme einer Patenschaft erbaten. Die Bauern pflegten sich nämlich der angeblich bevorstehenden kirchlichen Handlung durch Loskaufen zu entziehen. Die ländliche Bevölkerung behelligte die Gerichte wegen der angeführten Delikte meist nicht, sie hatte sich, um mit einer Quelle aus der Schweiz zu sprechen, „an den Kessler-Tribut10 geradeso gut gewöhnt […] wie heutzutage ans Steuerzahlen.“11

Mag auch im Text der Innsbrucker Nachrichten von einer „Proletarier-Colonie“ die Rede gewesen sein, so hat sich die junge Arbeiterbewegung dennoch keineswegs energisch der Sache der Jenischen angenommen. Die Sozialdemokraten sangen das „Lied der Arbeit“, hielten die Arbeit hoch, während es die Landfahrer durchaus verstanden, in den Tag hinein zu leben. Energisch reagierte man in der Arbeiterbewegung vor allem dann, wenn man selbst als „Karrner“, als „rote Karrner“ angegriffen wurde. In Landeck gingen die Gehässigkeiten gegenüber den „Roten“ sogar so weit, dass im Stadtratssitzungsprotokoll vom 24.03.1925 auf Veranlassung des christlichsozialen Bürgermeisters statt vom Ball der Sozialdemokraten vom „Dörcherball“ die Rede ist. Überliefert ist auch eine Episode aus dem Tiroler Landtag im Jahr 1921, wo sich die Sozialdemokraten die Beschimpfungen als „Karrner“ nicht mehr gefallen lassen wollten und in Gestalt ihres Landeshauptmannstellvertreters Dr. Franz Gruener die provokante Forderung „Tirol den Karrnern!“ erhoben, was zu einem Riesenwirbel führte, weil der politische Gegner darin eine Beleidigung des Tirolertums erblickte.12


Abb. 3: Martin und Josef Haslacher in Flecken am Pillersee, ca. 1965. Im Hintergrund eine alte Zeltbauweise: Es wurde eine Rosshaardecke verwendet, das Zelt mit Stroh ausgelegt. Mit einer Decke zugedeckt, schlief man in der freien Natur.

Die ebenfalls im Zeitungsartikel angesprochenen Bürgerlichen störte einerseits der jenische Drang zur Ungebundenheit und ein angebliches Leben völlig frei von Zwängen des Anstands und der Moral, wobei des Öfteren die verwendeten Zuschreibungen auf eigene unterdrückte Wünsche und Sehnsüchte hindeuten. Da seitens der Gemeinden meist keine Eheerlaubnis vorlag, lebten Jenische häufig in illegitimen Partnerschaften, die Kinder galten als unehelich. Geistliche wie der Landtagsabgeordnete Franz Speckbacher aus Mieming (1813–1901) prangerten in aller Öffentlichkeit den „unsittlichen Lebenswandel von Dörchern“ an, die in einem Fall sogar „schon zehn uneheliche Kinder erzeugt haben.“13 Den Jenischen wurde auch die Leichtigkeit des Gelderwerbs und die Genusssucht vorgeworfen, womit neben der angeblich ausschweifenden Sexualität auch Ess- und Trinklust gemeint waren, falls einmal genügend Verpflegung zur Verfügung stand. Liberale stießen sich auch am Aberglauben, den sie bei den Fahrenden für noch wesentlich stärker verankert hielten als bei der restlichen ländlichen Bevölkerung:14

Im Karrnerleben ruht ein Stücklein übrig gebliebener mittelalterlicher Poesie! Der Mann und das Weib ziehen lieber im Schweiße ihres Angesichts den Gratten über die sonnen- und staubbedeckte Straße dahin, als daß sie „dienen“ mögen. Ein Freiheitsdrang, eine innere Auflehnung gegen alles, was der Knechtschaft nur im Entferntesten ähnlich sieht, bildet den Grund zu diesen ziel- und planlosen Wanderzügen. Der eigentliche Dörcher ist auf seinen Vagabundenstand stolz wie ein König! […] Auf unserem Bilde lagern die Dörcher wohl nicht aus Zufall neben dem gekreuzigten Christus, nein, es möge damit angedeutet werden, daß gerade unter den Karrenziehern oftmals die Religion stark vertreten ist, wenn auch leider durch den krassesten Aberglauben entwürdiget! Die Familie hat z. B. seit Jahren an dieser Stelle ihr Lager aufgeschlagen – würde sie heuer einen anderen Platz wählen, so würde nach ihrer Meinung das Unglück auf dem Fuße folgen. 15

Eine klassische Denkfigur der Bürgerlichen war die „Weisheit“, sich nur ja nicht in die „Händel“ der Jenischen einzumischen, das Sprichwort besage: „Wer Dörcher einigen will, der darf sich blos in ihre Händel mischen. […] Man hat auch Beispiele, daß diese Vagabunden Scheinhändel anstiften, um Einheimische daran zu kriegen.“16 Bei Bürgern wie Bauern grassierten Ängste, die Landfahrer könnten überhandnehmen und letztlich nicht mehr kontrollierbar sein. In der Gemeinde Schönwies, an der östlichen Grenze des Bezirks Landeck gelegen, wurden im Jahr 1862 insgesamt 194 „Lahninger“ gezählt. In bayrischen Besatzungszeiten hätten vier „Dörcher-Burschen“ erklärt, sie würden für die Gemeinde zum Militär gehen, wenn man sie danach in Schönwies aufnehme. Diese vier wären die Stammväter der oben angeführten überaus großen Zahl der „Lahninger“. Am Sterbebett der kürzlich verstorbenen „Dörcher-Nale“17 wären nicht weniger als 42 lebende Nachkommen gestanden. Aber das sei noch nicht alles:

Eine andere „Dörcherin“ hat vier Töchter und sieben Söhne. Zwei Töchter haben jede vier, eine drei und die Älteste sieben uneheliche Kinder; der Sohn von der ältesten Tochter hat auch schon wieder zwei uneheliche Kinder. 25 Dörcher-Kinder sind schulpflichtig aber besuchen die Schule ungemein nachlässig, und wachsen so unter dem fortwährend schlechten Beispiel der Eltern und der Geschwister als wahre Wildlinge auf. Auch bedeutende materielle Auslagen muß die Gemeinde für diese Leute machen. 18

Zwar wäre das Bild, das dieser Bericht erzeugte, durch eine landesweite Zählung im Kronland Tirol von Kufstein bis Ala im Jahr 1864 konterkariert worden, die Angstszenarien blieben aber auch in diesem Fall dieselben und hatten Forderungen nach rigorosen Maßnahmen zur Eindämmung des Landfahrertums zur Folge. Johann Sartori berichtete für das Gemeindekomitee in der 17. Sitzung des Landtags,

daß sich in ganz Tirol 1.564 Individuen dörcherlichen Standes befinden, die sich auf 35 Bezirke vertheilen, worunter der Bezirk Silz, der sich einer Dörcherschaft von 387 Köpfen erfreut, als der mit dieser Menschenrasse am meisten beglückte sich herausstellt. Zum eigentlichen Vagabundieren trage die nachlässige Handhabung der Gesetze seitens der Gemeinden, der Sicherheitsorgane und der Behörden bei. Aufgabe dieser und vorzüglich der Gemeinden werde es sein, den Übelständen abzuhelfen und besonders für die Erziehung der Kinder zu sorgen, damit wenigstens die künftige Generation veredelt werde. 19

Obwohl der Landtag daraufhin mit einem strengen Maßnahmenpaket den Jenischen das Leben wesentlich erschwerte (Entfernung fremder Bettler*innen, Begünstigung der Auswanderung, Erschwerung des Wanderns, Hausierpatente, Verbot der Mitnahme von Kindern, Arreststrafen oder körperliche Züchtigung), erkannte der Abgeordnete Johann Scharmer aus Mieming (1811–1866) „die angenommenen Maßnahmen als ungenügend und nur dazu angethan, die Last der Dörcher noch mehr auf die betreffenden Gemeinden zu wälzen.“20 Die Volks- und Schützen-Zeitung hielt seine Arbeit für umso „anerkennenswerther, als es einigen Muth voraussetzt gegen eine Klasse Menschen von dieser Sorte zu kämpfen, neben welcher man leben muß.“21 Unter den Auswanderern des Jahres 1868 in das südamerikanische Pozuzo befanden sich zahlreiche Jenische aus seiner Heimatgemeinde, aber auch aus Obsteig, Schönwies oder Telfs, deren Reisekosten von diesen Orten „großzügig“ übernommen wurden, um sie für immer loszuwerden.22


Abb. 4: Josef Haslacher, Korbflechter und Handwerker, in Laimach im Zillertal, ca. 1965. Auch Arbeitspausen mussten gemacht werden. Die noch nicht schulpflichtigen Kinder wurden zum Korbflechten mitgenommen.

Mit seinen bösartigen Diffamierungen stand Scharmer sogar in bemerkenswertem Gegensatz zu zeitgenössischen Darstellungen, wie zum Beispiel einer in der Österreichischen Alpenpost, die sehr wohl zu differenzieren versuchten:

Es sind aber auch vereinzelte Fälle bekannt, wo sich diese Leute durch Geschirrhandel ein kleines Vermögen erworben haben und sich nachher in der oberinntalischen Heimat angekauft haben. Wenn man vor den Laningern Tür und Tor versperrt, so mag dies im Allgemeinen eine gut angebrachte Vorsichtsmaßregel sein, jedoch gibt es unter ihnen auch viele ehrliche Familien, besonders diejenigen, welche mit Geschirr aus Steingut handeln. Mancher Steingutfabriksbesitzer vertraut ihnen Waren für bedeutenden Wert ohne Sicherheit an und in der Regel wird nach beendeter Reise das Verkaufte pünktlich bezahlt. 23

Das Fallbeispiel Stanzertal

Besonders gut dokumentiert ist die Geschichte der Jenischen im Stanzertal, einem westlichen Seitental des Oberinntales zwischen Stanz und St. Anton am Arlberg. Die ohnehin schon schwierige naturgeographische Ausgangslage hatte sich dort noch durch die „Kleine Eiszeit“ (zweite Hälfte des 13. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts), die einer mittelalterlichen Warmperiode folgte und in ihrer Hauptphase vom 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts durch Gletscherhochstände gekennzeichnet war, verschärft.24 Die durchschnittlichen Temperaturen lagen nahezu ein Grad unter jenen der Gegenwart und haben zu deutlichen Ernterückgängen geführt. Die wachsende Bevölkerung hatte nun mit äußerst ungünstigen Witterungsbedingungen zu kämpfen. Die Korrespondenz des Stamser Zisterzienserklosters aus den 1660er Jahren zeugt von außerordentlich schlechten Ernten; aufgrund der fehlenden Mittel konnten keine Ordensbrüder mehr aufgenommen werden.25 Für das Frühjahr 1692 ist aus dem Unterengadin überliefert, dass zahlreiche Arme wie das Vieh Gras aßen oder sich mit gesottenen Kräutern ihren Magen verdarben.26

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) und im Gefolge der Reunionskriege in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zogen deshalb aus dem Oberland Jahr für Jahr tausende Männer auf Saisonarbeit in die zerstörten Gebiete nördlich der Alpen, im 19. Jahrhundert dann immer häufiger in die Schweiz. Selbst im Jahr 1868 wurden aus dem „Oberinntal, Paznaun und Stanzertal“ 3.000 Männer gemeldet, die Jahr für Jahr in die Fremde zogen.27 Trotz dieser sehr mobilen, im bäuerlichen Milieu verwurzelten Gesellschaft gab es aber ein durch Mobilität bedingtes Außenseitertum marginalisierter Gruppen, in der wichtigsten Quelle der Kirchenbücher lange Zeit als „Vagabundus“, „Vagus“ oder „Vagi“ bezeichnet. Dieser Umstand wurde auch immer wieder im Landtag thematisiert. So verwies z. B. in der Sitzung vom 5. Oktober 1868 der Südtiroler Landtagsabgeordnete Anton Kemenater darauf, dass „in jenen Gegenden, wo die schrankenlose Zerstückelung des Grundes und Bodens existiert“, die größte Armut herrsche und sich das „Proletariat mit dem Vagabundenwesen“ einstelle, wie im Oberinntal und im Vinschgau mit den sogenannten „Lahningern“ und „Dörchern“.28

Anteil der Landfahrerkinder an der Gesamtzahl der Geburten im Stanzertal29


Zeitraum Landfahrerkinder Anteil %
Bis 1650 2 -
1651–1700 33 0,5
1701–1750 52 0,7
1751–1800 107 1,4
1801–1850 62 0,8

Die ersten Jenischen, die sich nachweisbar über einen längeren Zeitraum hinweg im Stanzertal aufhielten, waren Peter Freiseisen und seine Gattin Maria Farcherin30, „sich überall herumtreibende Vagabunden“. Im Taufbuch von Grins sind zwischen 1653 und 1660 die Geburten von vier Kindern verzeichnet.31 Jakob, einer der Söhne, wird mit seiner Gattin Elisabeth Gartzangerin im Jahr 1681 als „Khramer folkh“, angesiedelt in Strengen, genannt.32 Sein Bruder Johannes, geboren in Stams, heiratete im Jahr 1672 in Stanz Anna Brenngruber aus Laas.33 Erst im Jahr 1752 taucht dann in den Unterlagen ein Felix Freiseisen auf, der mit Theresia Jäger verheiratet war und aus Telfs stammte. Er starb 1802 in Quadratsch (Gemeinde Pians), „wo er sich meistentheils aufhielt.“34

Sein Sohn Johann Anton heiratete im Jahr 1785 in Pettneu Magdalena Seitz aus Prad.35 Ihr Sohn Anton unternahm als Geschirrhändler weite Fahrten und verehelichte sich 1839 in Varaždin (Kroatien) mit Anna Maria König aus Grins. Aufgrund der Geburts- und Sterbeorte der Kinder sind Aufenthalte in Grins, Dalaas, Lustenau und Matrei am Brenner nachgewiesen.36 Oft blieb das Heimatrecht, das man durch seine Abstammung erworben hatte, das einzige Band, das die Jenischen mit einem bestimmten Ort verknüpfte. Von den elf Kindern der Veronika Freiseisen, einer Tochter des Anton, sind nur zwei in Pettneu zur Welt gekommen, die übrigen wurden im mittleren Inntal geboren oder sind dort schon in frühester Kindheit verstorben. Als Vater wird nur in einem Fall Jakob Glatz aus Mötz genannt.37

Die Gegenwartsüberlieferung hat wie in Schönwies auch für Pettneu die Wurzeln der jenischen Familien Freiseisen, Lei und Gabelon darauf zurückgeführt, dass Landfahrer für einheimische Bessergestellte Militärdienst leisteten, sich aber ausbedungen hätten, im Gegenzug von der Gemeinde Wohn- und Heimatrecht zu erhalten.38 Besonders nachhaltig in Erinnerung blieb einem betagten Zeitzeugen der im Jahr 1870 in Roppen geborene Jenische Leonhard Gabelon, ein Sohn des Pfannenflickers Alois Gabelon und der Maria Anna Falatina.39 Der Korbflechter heiratete 1898 in Vilpian die in Winnebach gebürtige Maria Tschaup.40

Der Zeitzeuge41 erinnert sich an Erzählungen, Leonhard habe der Gemeinde Pettneu gedroht, dass er mit der Frau „einfach so“ zusammenleben werde, wenn er nicht heiraten dürfe. Als Pfarrer Johann Weber dann doch endlich das Aufgebot in Pettneu bekanntgab, habe er von der Kanzel verkündet: „Zum Sakrament der Ehe haben sich entschlossen: Leonhard Gabelon, Korbflechter und Dörcher von Pettneu.“ Leonhard sei danach zum Pfarrer gegangen und habe sich furchtbar über diese despektierliche Bezeichnung aufgeregt.

Als er noch weniger Kinder hatte, sei er mit seinem Karren mehr auf den Straßen unterwegs gewesen. Er stellte vor allem Besen und Körbe her, letztere für das Auftragen der abgeschwemmten Erde auf die steilen Hänge im Frühjahr und für das Tragen von Holz, und wurde vor allem mit Lebensmitteln bezahlt. Kurze Zeit arbeitete er auf der Bahn, dort habe es ihm aber nicht gefallen, weil er in der Früh länger schlafen wollte. An einem drückend heißen Tag sei er im Schatten unter einem Baum gelegen, während die Bauern schwitzend ihr Heu einbrachten. Als ihn einer ansprach: „So schian wie du mecht I’s ah hoben!“, sei seine Erwiderung gewesen: „I schiss dr auf d’Ormut, wenns mar nit besser gang wie dir!“42 Wenn er im Winter Holz brauchte, sei er einfach Erlen schlagen gegangen, während die Bauern natürlich für diese Jahreszeit Vorsorge getroffen hätten.

Da der Weg am Wohnzimmer von Haus Nr. 10 in Garnen vorbeiführte, habe man die Steigen mit den eingefangenen Vögeln bewundern können, Leonhard habe Kontakte zu den Imster Vogelhändlern unterhalten. Seppl, ein Bub, hätte einmal eine Amsel gefangen und liebevoll abgerichtet: Zum Gaudium der Dorfbewohner habe sie den ganzen Tag „O du lieber Augustin“ gepfiffen. Bis sie dann aber eines schönen Tages von einer Katze erwischt wurde, die der Seppl dann auch gleich erschlagen habe. Im Erdgeschoß dieses Hauses wohnte die Jenischenfamilie Lei, der man seitens der Gemeinde das Essen vorbeibringen musste. Ansonsten galt im Ort die Regelung: Wer nicht mehr arbeiten konnte und nicht von den Kindern versorgt wurde, ging von Haus zu Haus auf Kost.

„Nazl“, der Bruder von Leonhard, habe 21 Kinder mit seiner Frau Gretl gehabt. Einmal wurde beobachtet, wie sie in einem Pillen43 ein Kind auf die Welt brachte. Sie ging zum nächsten Bauern und bat „um ein Lackele Milch für das Kind.“ Sie habe auch öfters glaubhaft erklärt: „Für einen Wecken Brot würde ich jederzeit ein Kind auf die Welt bringen, so leicht ist das!“ Fast alle Kinder wurden bei anderen Familien in Pflege gegeben. Nazl fand kurz als Straßenarbeiter Beschäftigung, landete später beim Militär und erhielt im Ersten Weltkrieg eine Kriegsauszeichnung. Für die Ortsgröße Postmeister Geiger, der einrücken musste, sei es eine Demütigung gewesen, ausgerechnet „vom Nazl abgerichtet zu werden.“ Die vielen Kinder seien verschwunden, etliche gefallen.


Abb. 5: Schirmemacher und Pfannenflicker aus Tirol

Der Pfannenflicker Seppl Freiseisen hauste in einem elenden Verschlag aus Steinen, Kasten und Tür im Pettneuer Ortsteil Reith. Er sei ein feiner Mensch gewesen, habe aber viel Schnaps getrunken. Im vorgerückten Alter habe er sehr schlecht gesehen und die Pfannen nur mehr neben dem Lock geflickt. Immer wieder habe er Hunde und Katzen verschwinden lassen, lebend in einen Sack gesteckt, geschlachtet und dann gegessen. Katzenfleisch schmecke gut, wie Hasen, Hundefleisch sei aber schlecht, habe gestunken und wäre nur mit vielen Kräutern als Würze genießbar. Seppl starb noch vor dem Krieg, „der Hitler hätte ihn glei aso …“.


Abb. 6: Rudolf Wenzel, genannt „Rudl Vater“, ca. 1950. Er übte das Korbflechtergewerbe aus und zog mit seinem Karren bis nach Bludenz. Seine Körbe waren bei der bäuerlichen Bevölkerung sehr begehrt.

Was den Gottesdienst betrifft, habe es in Pettneu geheißen: „Am Heiligen Abend gehen alle Dörcher!“ Ansonsten habe man sie das ganze Jahr nicht in der Kirche gesehen.

Bei vielen Jenischen war ein von der Institution Kirche unabhängiger privat praktizierter Glaube verankert. Die schwierigen Lebensumstände wurden religiös reflektiert und Sinn, Rechtfertigung und Schutz auf der persönlichen Ebene gesucht. Dies bringt auch noch in den 1980er-Jahren ein jüngerer Jenischer im Feature von Bert Breit auf den Punkt:

Ich sage jetzt so, dass die Religion liegt in jedem Mensch selber, der eine läuft jeden Tag in die Kirche und speisen und beichten und wenn er von der Kirche herauskommt, dann schimpfen sie über andere Leute. Ist das für mich eine Religion? Ich habe auch einen Glauben und ich tu auch, wenn ich am Abend beten will, dann bete ich am Abend, aber mir hat der Herrgott noch kein Stückl Brot gegeben, wofür soll ich da beten, in die Kirche laufen, Modenschau machen? Nein. Schau, ich bin jahrelang in die Kirche hineingeprügelt worden von meinen eigenen Leuten und von den Bauern, wo ich aufgewachsen bin, musste ministrieren und wenn ich das nicht gemacht habe, habe ich meine Fotzen bekommen. Religion liegt am Mensch selber.44

Ökonomischer Wandel

Industrialisierung und die Erschließung durch Bahnlinien entzogen den Jenischen einen Teil ihrer bisherigen Existenzgrundlage, die Zahl der Fahrenden ging zurück. In den Zeitungen wurde nach der Jahrhundertwende nahezu nostalgisch auf das Leben soeben verstorbener jenischer Originale zurückgeblickt:

Die „Steirerkatl“ Katharina Monz starb 1907 in Mötz nach „Abschluss eines abenteuerlichen Lebens“. Die gebürtige Steirerin war nach St. Leonhard im Passeier zuständig:

Nach Dörcherart wechselte sie Dörfer und Länder; fehlte ein Quartier, so wurde mit dem Anhang im Freien kampiert. So wird erzählt, dass sie drei Winter in der Höhle auf der Martinswand zugebracht habe. Auch in der sogenannten Streichenhöhle oberhalb Mötz hauste sie, und, weil die Dorfjugend sie plagte, übersiedelte sie im Winter in die sogenannte Lag bei Silz. 45

Ebenfalls in Mötz verstarb am Neujahrstag 1909 im Gemeindearmenhaus mit Gottlieb Glatz der „letzte seiner Gattung“ im Alter von 76 Jahren. Er

handelte mit Hunden und Vögeln und flickte alles, was zerrissen war […]. Wegen seiner drolligen Einfälle und ulkigen Streiche war er bei Jung und Alt beliebt. […] Mit ihm verschwand der Typus der Laninger, wie ihn kein Schönherr charakteristischer auf die Bühne bringen könnte.46

Größere Teile der Bevölkerung hatten nun nur mehr wenig oder gar keinen Kontakt mehr mit den Landfahrern. Informationen über die Jenischen entnahmen sie daher vor allem den Medien, während die Sesshaften früher durchaus ein differenzierteres Bild vom nichtsesshaften Leben gehabt hatten. Die Berichte der Tiroler Zeitungen sind fast durchwegs negativ und vermitteln das Bild von rauflustigen und streitsüchtigen Menschen, die ständig in Konflikt mit der Obrigkeit geraten. Außenstehende sollten sich vor ihrer Gewalttätigkeit, ihren Betrügereien und ihrer Rache in Acht nehmen.47

Ganz typisch ist zum Beispiel ein Bericht vom christlichsozialen Tiroler Anzeiger über einen Streit „unter Karrnern“ in der Imster Oberstadt am 7. September 1935. Josef Winkler aus Mieming und Klement Monz aus Reith bei Seefeld hatten gemeinsam in einigen Wirtshäusern gezecht. Im Gefolge eines Streits durchstach Monz mit einem Messer die linke Wange von Winkler und verletzte diesen zudem hinter dem Ohr. Auch er selbst erlitt im Zuge der Rauferei eine Verletzung und schoss sich schließlich mit einem Trommelrevolver durch den linken Handteller. Beide Beteiligten wurden dem Gericht übermittelt.48

Die Zeitungsberichte sollten das Bild, das sich viele Bürger von den Jenischen machten, prägen: „Jenische sind zwanghafte Gewalttäter und Diebe.“

Etwas einfühlsamer informierte zum Teil die sozialdemokratische Volks-Zeitung, der wir auch den Bericht über einen bemerkenswerten Fall verdanken:

Am 21. November 1929 hatte der Jenische Alfons Monz mit seiner hochschwangeren Frau in einem Gasthaus in Reith bei Seefeld gezecht. Das Nachtquartier wurde ihnen aber verweigert, der Fahrende warf einen Bierstutzen nach dem die Sperrstunde verkündenden Gendarmen. Der Beamte zog daraufhin den Säbel und brachte das Paar in ein Stallloch. Im Jänner 1930 wurde Monz durch einen Schöffensenat des Innsbrucker Landesgerichts zu sechs Wochen schwerem verschärftem Kerker verurteilt.

Der Verteidiger brachte für seinen Mandaten folgende Argumente vor:

Vor Jahrhunderten zwang die Not Tiroler Landsleute zum Herumziehen – und sie wurden mit der Zeit zu dem, als was wir sie heute kennen: Karner! Dem Karnerwesen könnte man wohl abhelfen, indem man die Karner sesshaft macht. Ihre Ahnen waren ja einst alle sesshaft. Statt dem verachtet man sie aber. Der Angeklagte hat nicht einmal in seiner Heimat mit seiner schwangeren Gattin ein Obdach erhalten! […] Auch Karner sind Menschen! 49


Abb. 7: Anna und Josef Haslacher, ca. 1965 am Pillersee. Nach getaner Arbeit spielte Josef auf der Ziehharmonika, die er ausgezeichnet beherrschte.

Nationalsozialismus

In der NS-Zeit wurde Friedrich Stumpfl im Mai 1939 auf die Professur für Erb- und Rassenbiologie der Universität Innsbruck berufen. Armand Mergen unterstützte ihn bei seinen Untersuchungen an den „Karrnern“. Nach dem Krieg traten sie als deren Retter auf. Tatsächlich waren aber die Vorarbeiten der Nationalsozialisten schon weit gediehen, um jederzeit eine flächendeckende Vernichtungswelle einleiten zu können.50 Die Lehrerin Maria Spiss erzählt, dass sie im Jahr 1940 beauftragt worden ist, im Sommer in Haiming Erhebungen anzustellen. Alle jenischen Familien mussten ihr die Vorfahren bis zu den Großeltern zurück anführen, so wie das alte Mariele:

Eine alte Frau, die hat so lange Pfeifen geraucht, die hat sich mit ihren Ersparnissen ein Häuschen gebaut, ein nettes Haus. Die ist damals schon alt gewesen, wie ich diese Aufnahmen gemacht habe. […] Auf meine Frage, wo die Kinder auf die Welt gekommen sind, hat sie gesagt, dass sie von München bis nach Rom gekommen ist. […] Die hat die Namen alle gewusst, aber die Geburtstage hat sie nicht gewusst: „Jo, des woaß i nimma!“, hat sie gesagt. 51

Ein älterer Jenischer aus dem Oberland erinnerte sich bei Bert Breit noch in den 1980er-Jahren:

Wir haben schon gewusst, dass es uns Jenische auch putzt. Wir haben ja eine Verschnaufpause gehabt, weil man viel Arbeit mit den Juden und den Zigeunern gehabt hat. Da haben wir eine längere Lebensdauer bekommen, eine Gnadenfrist will man sagen. Das haben wir aber gewusst. […] Das war ja ein ausgesprochener Diktaturstaat und wenn du nicht genau spurst, wie es ihnen passt, dann warst du außer ihrer Gesellschaft gestellt und das hat dann bedeutet einsperren, Strafkompanien, Zuchthaus wegen einer Kleinigkeit, KZ, politisch unzuverlässig, wehrunwürdig usw. … 52

Die nationalsozialistischen Gruppenetiketten wie „Arbeitsscheue“, „asoziale Elemente“, „Berufs- und Gewohnheitsverbrecher“ bedrohten auch Jenische. Opfer der „Euthanasie“ wurde zum Beispiel der nach Pettneu zuständige Hermann Freiseisen, der im Alter von 39 Jahren am 10. Dezember 1940 nach Schloss Hartheim in Oberösterreich deportiert wurde.53 Ein Zeitzeuge erzählt von einem sozial handelnden Arzt, der eine jenische Familie vor einem schlimmen Schicksal bewahrte:

Ich weiß nur von einem in Zirl, der hat „Monzen Peter“ geheißen, den hat der Zirler Arzt, der Doktor Pfurtscheller, der Gemeindearzt, hat ihn während und nach dem Krieg, hat er den als Kutscher hergenommen. Der hat ein Rössl gehabt und der hat ihm dann ein paar Schilling dafür gegeben, dass er ihn zu den Patienten gebracht hat. Der Pfurtscheller der hat keinen Menschen leiden sehen können. Während der Nazizeit hat auch er ihn und seine Familie gedeckt. Sie wären weggekommen, ob ins KZ das weiß ich nicht, aber sie wären weggekommen und das hat der Doktor Pfurtscheller immer versucht zu verhindern. 54


Abb. 8: Die Eltern von Alois Lucke mit drei ihrer Kinder hinter dem Soldatenfriedhof in Amras, ca. 1946

Letztlich versetzten die Nationalsozialisten den Landfahrern in Tirol den Todesstoß: Jene Jenischen, die nicht in Lagern verschwanden, wurden sesshaft.

Weiterhin am Rand der Gesellschaft

Auch nach dem Ende des Krieges änderte sich an der Außenseiterposition nichts. Selbst auf universitärem Boden dominierten bis Anfang der 1980er-Jahre nach wie vor erbund rassebiologische Denk- und Argumentationsschemata. Nichtbürgerliches oder von den strengen Normen der katholischen Kirche abweichendes Verhalten wurde pathologisiert. In den Schulen, Gerichten und Fürsorgeeinrichtungen agierten von der NS-Zeit geprägte Beamte, die häufig sogar Parteimitglieder gewesen waren.

Die jenischen Kinder saßen in der Schule auch noch in den 50er-Jahren in einer eigenen Bank entweder ganz vorne oder ganz hinten, wie eine Zeitzeugin aus Nassereith erzählt:

Man hat sie nicht beachtet, auch nicht der Lehrer, das ist mir heute so bewusst. Es war egal, ob sie da waren oder nicht! […] Zuerst hatten sie von der Gemeinde eine Wohnung im alten Schulhaus. Später bekamen sie am Ende des Dorfes einen Bauplatz. Der Platz war außerhalb der Siedlung, also noch weiter weg vom Dorf. […] Der Mann war als Hilfs- bzw. als Gelegenheitsarbeiter tätig. 55

In kinderreichen jenischen Familien wurde weiterhin wie z. B. in Haiming ein Teil der Kinder zu Pflegeeltern gegeben. Diese kamen dort immer im Februar auf das Gemeindeamt, um dafür das Pflegegeld zu kassieren.56 Dabei konnte man Glück oder Pech haben, wie der Fall eines Jenischen vor Augen führt:

Mit acht Wochen hat man mich verschenkt wie einen kleinen Hund, meine richtigen Eltern. Meine Ziehmutter ist zu meinem Vater eine Schwester. So wie sie mir erzählt haben, haben sie mich mit acht Wochen angenommen. Bei mir sind im Kinderbettstattl die Würm aus dem Buckel herausgekrochen, so sauber bin ich gewesen. Die Ziehmutter hat mir erzählt, dass man mich zwei Jahre hindurch hochpäppeln hat müssen. […] Die Mutter ist mit die Strümpfe und mit diesen Sachen hausieren gegangen. Der Ziehvater hat Körbe gemacht. Dann haben beide eine Linke gedreht und dann haben sie beide eingesperrt. Mich hat man dann wieder geschoben, zu meinen richtigen Eltern. Da haben sie gesehen, dass man da wieder eine Kinderbeihilfe kassieren kann. Hiaten57 geht er auch, weil dem Trottel nehmen wir das Geld eh ab, aber dass ich schlauer war als die alle miteinander, das haben sie vergessen und so bin ich hin- und hergewandert. […] Bis zum 21. Lebensjahr war das so, bis kurz vor dem Einrücken. Beim Bundesheer bin ich dann schlauer geworden. Dann habe ich gesagt, dass sie von mir nichts mehr bekommen. 58

Der Zeitzeuge Franz Götsch, in der Gemeindepolitik von Haiming zwischen 1946 und 1986 aktiv, konnte sich bei einem Gespräch im Jahr 1999 noch besonders gut an das Lisele erinnern, die in Haiming Vorsitzende der Kommunistischen Partei war. „Die Lisl war eine rasante Frau. Ich habe sie nicht ungern mögen, weil sie aufrichtig war. […] Mit der Lisl habe ich viele Auseinandersetzungen, aber nicht im bösen Sinn gehabt, sondern eigentlich …“59. Viele Jenische seien in Magerbach geblieben:

Da ist immer die Sonne gewesen, das ist ein bevorzugtes Platzl von denen gewesen, von den Karrnern. […] Auf dem Nikolausmarkt haben die Kastanien gebraten zum Verkaufen und die Glatzen Rosl ist hochschwanger gewesen […]. Dann ist sie heimwärts gegangen, dann hat sie noch einen Pudel Schnaps getrunken. Dann sind sie heimgekommen, hat ein Kind geboren und am nächsten Tag ist sie auf dem Markt gestanden und hat wieder Kastanien verkauft. 60

Die letzten Behausungen der Jenischen in Magerbach seien im Zuge des Autobahnbaus abgerissen worden. Er wisse schon noch, wer im Ort eigentlich jenischer Abstammung sei, aber: „Das darfst du in Haiming heute gar nicht mehr sagen. Die haben sich heute schon alle akklimatisiert.“61

Karl Schatz, ein weiterer Gesprächspartner im Jahr 1999, führte Anfang der 1970er-Jahre mit einer Theatergruppe das Stück „Die Karrnerleut“ von Karl Schönherr auf. Man habe damals schon gesehen, dass die Zahl der Jenischen stark zurückging. Es seien Gesetze beschlossen worden, die es verunmöglichten, dass Mütter mit ihren Kindern einfach in andere Gemeinden abgeschoben werden konnten. Als Vorbereitung auf das Stück hielt er sich drei Monate lang im Sommer jeden Tag von 17 bis 22 Uhr bei Jenischen auf, die am Inn zwischen Inzing und Zirl ein Zelt aufgeschlagen hatten und Holzkörbe und Ruckkörbe flochten sowie Besen banden.

Ich weiß es nur so von den 60er-Jahren. Da haben sie fünf Schilling für so einen Korb bekommen und im Geschäft hättest du 50 Schilling bezahlt. Für mich ist so etwas beschämend. Von denen habe ich seinerzeit eine Wiege bauen lassen. Die hat damals 150 Schilling in den 70er-Jahren gekostet. Im Kaufhaus hätte dieselbe Wiege 600 Schilling gekostet. […] Lorenz war der Familienname. Das waren insgesamt vier Leute. Er, seine Frau, zwei Kinder und vier Hunde. Die werden halt mit der Zeit aufgegessen. Die gibt es heute nicht mehr. Die sind schon gestorben. Die Kinder sind verzogen. So wie damals, das gibt es nicht mehr, dass sie so wild hausen dürfen, zumindest nicht im Inntal. Die Behörde ist da schon dahinter. Wenn sie länger in der Gemeinde angesiedelt waren, dann haben sie von ihr Notunterkünfte zur Verfügung gestellt bekommen. 62

Die Pfannen wurden von den Jenischen im Inn gewaschen, sie hätten sehr viel Alkohol getrunken: „Sie sind gerne angeheitert, als möchten sie ihr Dasein leicht ertränken. Das ist mir auch bei denen aufgefallen, dass sie täglich ihren leichten Spiegel gehabt haben.“63 Der Speiseplan war sehr karg:

Bei denen gibt es kein Schnitzel. Wenn es Fleischgerichte gibt, sind es Bratln. Wenn sie einen Raben fangen, dann wird eben der als Hendl gegessen. Wenn ein Hund Junge bekommt, dann wird der alte verrammt, als Bratl. (…) Wo ich bei ihnen war, da hat es einen Hasen gegeben, ob es ein Hase oder ein Dachhase war wie man so schön sagt, also eine Katze, das weiß ich nicht. Ich glaube, dass es eher eine Katze war oder sie haben eben mit der Schlingen einen Hasen gefangen. Dazumal gab es in den Innauen schon noch solche Tiere. Das ist jetzt alles durch die Autobahn zurückgedrängt worden. Hauptsächlich war es eben was Gestohlenes, wie Erdäpfel, die sie eben ausgegraben haben, Türkenkolben und so weiter. 64

Untereinander verwendeten sie das Wort „Dörcher“ als Schimpfwort, z. B. „Du verfluchter Dörcher du!“, „Du Schweindörcher!“ oder „So ein dreckiger Dörcher!“, niemals aber das Wort „Karrner“.

Die Solidarität der meisten Bauern gegenüber den Armen in der Gesellschaft habe sich in sehr engen Grenzen gehalten:

Ich weiß zum Beispiel von Zirl, Erdäpfel herausnehmen und die Gagl, das waren die kleinen Erdäpfel, die für die Schweine, und manche sind dann eben noch in der Erde geblieben und da gab es Leute, die auf die Felder nachpecken gegangen sind, eben dass sie etwas zum Essen hatten. Ich weiß das von vielen Bauern, die lieber die Erdäpfel in der Erde haben wollten, als dass sie ihnen erlaubt haben, diese Winzlinge herauszuarbeiten. Die haben lieber das Obst auf dem Boden verfaulen lassen, bevor sie einem Kind etwas über den Gartenzaun hinausgereicht hätten. Das war der Geiz. Von mir ein Onkel, das war ein Großbauer, der hat einen Traktor noch mit einem Schwungrad gehabt. Den haben einmal die Gendarmen aufgehalten, weil ein Licht nicht funktioniert hat. Dann hat er sich vor den Gendarmen niedergekniet und hat gesagt, dass er ein armer Bauer ist und dass man einen so armen Bauern doch nicht strafen kann. Die Strafe wären 5 Schilling gewesen. Dann haben sie ihn gehen lassen. Das musst du erst einmal zusammenbringen, dass du dich als Großbauer, mit 30 Stück Vieh im Stall vor der Polizei niederkniest, damit sie dir 5 Schilling Strafe erlassen. 65

Bert Breit besuchte in den 1980er-Jahren auch die jenische Familie Mungenast in Zams. Die in bitterster Armut in einer kleinen Hütte lebende Familie war eigentlich nur vom Kapuzinerpater Ludwig vom Kloster in Landeck-Perjen regelmäßig unterstützt worden, der neben Essbarem auch immer wieder Kerzen vorbeibrachte:

Wir sind froh gewesen um diese Kerzen. Man muss aber auch sagen, dass das kalte Winter waren. Ich kann mich erinnern, dass der Vater die Wasserkübel oben auf dem Wasserbankerl gehabt hat, da haben wir den alten Eisenherd geheizt, die ganze Nacht. Die halbe Nacht hat der Vater geheizt und die andere halbe Nacht habe ich geheizt und in der Früh war das Wasser in die Kübel gefroren, so eine Hütte war das. 66


Abb. 9: Die „jenische Musikgruppe Haslacher“ beim Gelände hinter dem Pradler Friedhof. Josef Haslacher (Ziehharmonika), der Vater von Alois Lucke, Franz Haslacher (Gitarre), ca. 1930

Wer von Kindheit an wandern musste, wollte sich ein Stück Freiheit bewahren und verzichtete auch zu diesem Zeitpunkt noch auf eine Wohnung von der Gemeinde, wie ein anderer Jenischer erzählte:

Sicher, andere fühlen sich in einer Gemeinschaft drinnen wohl, aber ich möchte in einem Parteienhaus nicht einmal einigmolen sein, auch nicht wenn ich die Wohnung umsonst bekommen würde. Jenisch, wenn du heute etwas auf dich selber gibst, dann möchtest du allein sein. Mir ist eine Baracke ohne Strom lieber als das schönste Miethaus. Da herinnen kann ich hupfen, tanzen und wenn ich mit dem Schädel da oben am Dachboden ein paar Mal anschlage, dann regt sich keine Sau auf. Wenn du dich in der Küche ein paar Mal schneller umdrehst wird schon geschrien. 67

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