Kitabı oku: «Friedlaender / Mynona und die Gestalttherapie»
EHP – Edition Humanistische Psychologie
Hg. Anna und Milan Sreckovic
Die Herausgeber
Ludwig Frambach, Dr. theol., ev. Pfarrer, Ausbildung am Symbolon-Institut und am FPI, Gestalttherapeut (DVG), Lehrtherapeut (DGIK), Pastoralpsychologe/Supervisor (DGfP), Religionspädagoge, langjährige Praxis von Zen und Kontemplation, Veröffentlichungen zu Psychotherapie, Spiritualität, Mystik, Dialog der Religionen, Philosophie, Ökologie; lebt in Lauf bei Nürnberg.
Detlef Thiel, Dr. phil., freier Philosoph; mit Hartmut Geerken Herausgeber der »Gesammelten Schriften« von Friedlaender/Mynona (17 Bände bisher). Bücher über Derrida und Platon, zuletzt: Maßnahmen des Erscheinens. Friedlaender/Mynona im Gespräch mit Schelling, Husserl, Benjamin und Derrida (Nordhausen 2012). Aufsätze zur Zeichen-, Sprach- und Gedächtnistheorie, zu Literalität und Medialität der Philosophie etc.

© 2015 EHP – Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach
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Umschlagentwurf: Gerd Struwe, Uwe Giese
Satz: MarktTransparenz Uwe Giese, Berlin
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print-ISBN 978-3-89797-083-9
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pdf-ISBN 978-3-89797-579-8
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Brockhaus Commission, Kornwestheim
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Inhalt
Vorwort (Ludwig Frambach & Detlef Thiel)
Expressionistische Generation und krisenhafte Selbst- und Welterfahrung (Bernd Bocian)
Philosophie, Mystik, Psychotherapie Die Bedeutung Salomo Friedlaenders für die Gestalttherapie (Ludwig Frambach)
Die Idee von Polarität im Integralen Gestalt-Ansatz (INTEGA) (Martina Gremmler-Fuhr)
Friedlaenders Erkenntnis-Gestalt als dynamische Verlaufsgestalt der allgemeinen Wirklichkeit (Lotte Hartmann-Kottek)
Einfach beim Wort nehmen (Stephanie Hartung)
Friedlaenders Philosophie – Magie als Ermächtigung des Ich Beitrag zu einer Wieder-Vertiefung der Gestalttherapie (Kathleen Höll)
Die Technik des Äquilibrierens (Hans-Josef Hohmann)
By looking from nothingness. Ein Gespräch (Claudio Naranjo)
Fritz Perls, seine Gestalttherapie, Salomo Friedlaender Einige therapiegeschichtliche Überlegungen zu Quellen, Bezügen, Legendenbildungen und Weiterführungen (Hilarion Petzold, Johanna Sieper, Ilse Orth)
Psychologie, Psychoanalyse, Psychotherapie bei Friedlaender/Mynona (Detlef Thiel)
Die Autoren
Vorwort
Welche Bedeutung hat Salomo Friedlaenders Philosophie der schöpferischen Indifferenz für die Gestalttherapie?
Diese Frage betrifft nicht nur praktische Gesichtspunkte, sondern berührt auch systematische, theoretische und historische Aspekte. Umso erstaunlicher sind die bisherigen Antworten.
Einige erklären, Friedlaender sei für diesen psychotherapeutischen Ansatz grundlegend: »Der vielleicht wichtigste Einfluss auf die Entwicklung der Gestalttherapie ist nebst Freud das Konzept der ›Schöpferischen Indifferenz‹, das philosophische Hauptwerk von Salomo Friedlaender.« (Bongers/Schulthess 2005, 14; s. u. S. 72) Andere bestätigen: »Fritz Perls hat sich zu keinem Autor so vorbehaltlos bekannt wie zu Friedlaender.« (Blankertz u.a. 2005, 76; s. u. S. 72) Wieder andere Autoren sehen in Friedlaender eine »obskure Quelle« der Gestalttherapie, also etwas Fragwürdiges und Zwielichtiges, das man besser links liegen lässt (Gordon Wheeler 1993, 60; s. u. S. 75). Und noch andere Autoren halten Friedlaenders Einfluss auf die Gestalttherapie für derart irrelevant, dass sie ihn in ihren Darstellungen gar nicht erwähnen (Bick 2011, s. u. S. 294; Boeckh 2006, s. u. S. 196; Staemmler 2009, s. u. S. 309).
Diesen Antworten lassen sich noch weitere anfügen. Das Spektrum ist kurios, widersprüchlich und irritierend. Um Klarheit zu schaffen, haben die Herausgeber acht kundige Autorinnen und Autoren zu diesem Thema eingeladen.
Als wichtigster Referenzphilosoph der Gestalttherapie wird heute meist Martin Buber angesehen. Mit seiner »Ich-und-Du«-Philosophie thematisiert er einen für die Psychotherapie insgesamt zentralen Gesichtspunkt: Beziehung und Begegnung. Aber die Begründer der Gestalttherapie haben nur vage auf Buber verwiesen; gerade Lore Perls hat sich schriftlich kaum zu ihm geäußert. Anders sieht dies aus im Fall Friedlaender, der übrigens mit dem sieben Jahre jüngeren Buber seit 1907 befreundet und trotz aller sachlichen Differenzen lebenslang in Kontakt war. Fritz Perls hat sich mehrfach klar und prägnant zu seinem »ersten Guru« Salomo Friedlaender bekannt, den er als das »westliche Äquivalent zu Laotse« verstand. In seinem ersten Buch »Ego, Hunger, and Aggression« (1942/44; s. u. S. 72) sieht er Freud und Friedlaender als seine wichtigsten geistigen Impulsgeber, und die polarisierende Philosophie der schöpferischen Indifferenz ist der zentrale Ausgangspunkt seines Revisionsprogramms der Psychoanalyse. Daran hat Perls zeitlebens festgehalten; in späten autobiografischen Notizen bekräftigt er: »Die Orientierung an der schöpferischen Indifferenz ist einleuchtend für mich. Ich habe dem ersten Kapitel von ›Das Ich, der Hunger und die Aggression‹ nichts hinzuzufügen.« (1981, 80; s. u. S. 36, 74)
Aber leider hat Perls diese Orientierung an Friedlaender nicht in gründlicher und detaillierter Weise ausgearbeitet. Das hat er auch bei seinen anderen Quellen nicht getan. Er war ein charismatischer Praktiker mit breitem geistigen Horizont, aber kein systematisch arbeitender Wissenschaftler. Wenn trotz Perls’ enthusiastischer Wertschätzung Friedlaenders Denken in der späteren Entwicklung der Gestalttherapie theoretisch und praktisch wenig Beachtung gefunden hat, so liegt das auch daran, dass seine Schriften, insbesondere Schöpferische Indifferenz (1918/26; s. u. S. 73), nur schwer greifbar waren.
Das hat sich nun geändert. Die »Gesammelten Schriften« von Salomo Friedlaender/Mynona, herausgegeben von Hartmut Geerken und Detlef Thiel, konzipiert auf über 35 Bände, machen das außerordentlich vielseitige Werk dieses allzu lange fast vergessenen Philosophen und Kulturkritikers wieder zugänglich, auch für Gestalttherapeuten. Neben den unter dem Pseudonym Mynona veröffentlichten Grotesken und Satiren ist als Band 10 auch Friedlaenders Hauptwerk der Berliner Zeit wieder erschienen, mit Kommentar und Dokumenten.
Die Beiträge dieses Bandes zeigen, wie anregend und grundsätzlich Friedlaender/Mynonas Denken ist und in welchen bunten Perspektiven und Anknüpfungspunkten sein Einfluss auf die Gestalttherapie sich interpretieren lässt. Eben die Frage, inwieweit Fritz Perls Friedlaenders philosophischen Ansatz verstanden habe, führt, wie abzusehen war, zu kontroverser Diskussion. Die Gedankenfigur von Polarität und Indifferenz wird in ihrer Relevanz für gestalttherapeutische Praxis und Theorie in verschiedener Weise herausgearbeitet. Das zeitgenössische Klima und personale Umfeld rückt in den Blick; gelegentlich wird das Terrain von Philosophie und Psychotherapie auch überschritten in Richtung Mystik und Weltreligionen sowie Sozial- und Naturwissenschaften.
Wir danken unseren Autorinnen und Autoren für ihre interessanten Beiträge, in denen viel Mühe und Hirnschmalz steckt, und unserem Verleger Andreas Kohlhage für sein spontanes Engagement. Und wir hoffen, dass dieser Band gestalt- und psychotherapeutische Kreise zu einer Auseinandersetzung mit Friedlaender/Mynonas Werk anregt.
Ludwig Frambach
Detlef Thiel
Bernd Bocian
Expressionistische Generation und krisenhafte Selbst- und Welterfahrung
Zentrale Haltungen, Theorien und Methoden der Gestalttherapie stehen für mich in der Tradition der durch die Nationalsozialisten vertriebenen Berliner Kulturavantgarde der Jahre der Weimarer Republik. Was mit Fritz Perls 1933 aus Deutschland geflohen ist, sind im Kern die Erfahrungen der sogenannten expressionistischen Generation. Salomo Friedlaender war in den Kreisen der Berliner Avantgarde bis Anfang der Zwanziger-Jahre »eine herausragende und einflussreiche Persönlichkeit« (Bergius 1993, 233) und für Perls ein enorm wichtiger Einfluss in diesen Jahren.
Perls hat Friedlaender immer namentlich in seinen Büchern erwähnt, anstatt sich direkt auf die durch ihn hindurch wirkenden großen und anerkannten Namen wie Goethe oder Nietzsche zu beziehen. Ich halte das für eine Art persönlicher Treue zu einem wichtigen Mentor. Wenn Gordon Wheeler in Bezug auf Friedlaender von einer »obskuren Quelle« (Wheeler 1993, 60) spricht und ihn für intellektuell bedeutungslos hält, so scheint er sich nicht mit der damaligen Berliner Atmosphäre beschäftigt zu haben. Das von mir bereits vorgelegte Material nutzend, das ich zu den ersten vierzig Lebensjahren, die Fritz Perls in Berlin verbracht hat, erstellt habe (Bocian 2007), will ich hier zum Verständnis der Selbst- und Welterfahrung der Berliner Kulturavantgarde beitragen, in deren Kreisen sich Perls bewegte und durch die er »sozialisiert« wurde. Das Verhältnis Perls – Friedlaender wird so ein wenig kontextualisiert und in seine Zeit gestellt, was die große Bedeutung, die Friedlaender für Perls hatte, verständlicher macht.
Die Avantgarde-Kultur der Weimarer Republik, diese Bewegung von Neuerern, schuf am Rande der etablierten Einrichtungen Werke von bleibender Wirkung und war »Ort eines echten Bündnisses zwischen Juden und Deutschen, die sich auf dem Terrain einer gemeinsamen Revolte begegneten« (Traverso 1993, 53). Der schon im Kaiserreich wirkende grundlegende Einfluss war der Expressionismus, der als ein Epochenbegriff die Zeit von 1910 bis maximal 1925 umschließt (vgl. Vietta 1994). Die sogenannte expressionistische Generation war »unter dem Erlebnis zerstörter Tradition und verlorener Identität chaotisch zerrissen« (Glaser 1976, 200). Nach dem Ersten Weltkrieg fand sich dieser Teil der wohl ausnahmslos traumatisierten Frontgeneration1 in der Revolte wieder, suchte den »neuen Menschen« in einer sozialistischen »Brüdergesellschaft«, jenseits der patriarchalischen Gesellschaftsordnung und des bekämpften patriarchalischen Vaters, jenseits der Selbstzwangmechanismen des Über-Ich und der gesellschaftlichen Untertanenmentalität.
Wichtig ist mir an dieser Stelle der Interpretationsansatz von Vietta (1994), der die vielfältigen künstlerischen Stile und Erscheinungsformen dieser Zeit durch das Herausfiltern eines inneren Zusammenhangs zu fassen versucht. Das Kennzeichen der expressionistischen Epoche ist für Vietta die »Dialektik von persönlich erlebter Ich-Dissoziation und der Sehnsucht nach Menschheitserneuerung« bzw. von Entfremdungserfahrung und messianischem Aufruf zur Wandlung des Menschen (vgl. ebd., 22). So gesehen meint Expressionismus im Kern nicht den eigentlichen künstlerischen Akt, sondern eine spezifische Ich- und Welterfahrung.2 Diese Erfahrung ist auch bei Perls zu finden, der sich in den betreffenden Jahren in den hier gemeinten Künstler- und Bohèmekreisen bewegt hat.
In diesen Kreisen wurde Philosophie und Erkenntniskritik oftmals nicht im eigentlichen Sinne studiert, sondern weitgehend durch »Osmose« aufgenommen und »existentiell antizipiert« (ebd., 151). Die philosophische Grundlage der expressionistischen Gruppierungen (eigentlich aller oppositionellen Kreise von links bis rechts) war die Lebensphilosophie, 3 die speziell in der Gestalt Nietzsches ein Synonym für eine antibürgerliche Haltung und die Kritik am wilhelminischen Wertesystem war. An dieser Stelle werde ich auf den prägnantesten Ausdruck der sich antibürgerlich verstehenden Avantgarde-Bewegung, soweit sie sich im Bereich der gelebten Kunst bzw. philosophischen Aktion abgespielt hat, eingehen. Gemeint ist hier der Berliner Dadaismus, mit dem Perls durch Salomo Friedlaender/Mynona in Verbindung stand (vgl. Erlhoff in Hausmann, 228; Exner 1996, 264 f.). Als einer der ganz wenigen hat Perls, der im Sinne von Sloterdijk (1983b, 711 f.) durchaus ein Nachfolger des Diogenes, ein Neo-Kyniker, war, die dadaistische Haltung bis an sein Lebensende beibehalten. Dada war für den in unserem Zusammenhang wichtigsten Vertreter der Dadagruppe, Raoul Hausmann, ein »Lebenszustand, mehr eine Form der inneren Beweglichkeit als eine Kunstrichtung« (Hausmann 1982b, 229). Auf Hausmann, der aus meiner Sicht als ein Vermittler der kulturkritischen Psychoanalyse von Otto Gross im Mynonakreis angesehen werden kann, werde ich noch zurückkommen.
1. Berliner Kunstavantgarde und expressionistische Weltanschauung
»Nicht wahr, das Bauhaus, der ›Blaue Reiter‹, die ›Brücke‹ und der Dadaismus. Alles hatte dort seinen Ursprung, und ich verkehrte in diesen Kreisen.«
(Perls 1980, 21)
Berlin, die jüngste Weltstadt Europas, gehörte in den Jahren zwischen 1910 und 1930 zu den Metropolen der Avantgarde der europäischen Kunst und Kultur. Der Expressionismus hatte sich bereits im wilhelminischen Deutschland entwickelt, und die Kriegserfahrung hatte die Haltung der einzelnen Künstler radikalisiert, die sich im »Totalaufstand gegen die bestehende wilhelminische Ordnung mit all ihren militärischen, kapitalistischen und imperialistischen Begleiterscheinungen« (Hermand et al. 1989, 115) empfanden. Die Weimarer Republik gab ihnen nun die Möglichkeit, an die Öffentlichkeit zu gelangen.
Berlin wurde in den Jahren ab 1918 zu einem kulturellen Experimentierfeld und bot sich »den Geistern, die Neues wollten, den Experimentierern, den Bastlern, den Reformern und Revolutionären, als ideales Versuchsfeld an« (Roters 1989, 21). Der Magnet Berlin zog kreative Talente aus der deutschen Provinz, aus ganz Europa, Russland und Amerika an. Es gab einen internationalen Gedankenaustausch und es entstand eine Art kulturelles Weltbürgertum. Bezogen auf die Kunst formulierte Roters dieses Phänomen folgendermaßen: »Die Kunst des Industriezeitalters ist Zivilisationskunst – Zivilisationskunst ist Weltstadtkunst – Weltstadtkunst ist Weltkunst.« (ebd.)
Was in diesen Jahren im Bereich Malerei, Literatur, Theater, Kino, Architektur, Musik, Tanz, Kabarett, als Sexualreform, Reformpädagogik und als Psychoanalyse oder Individualpsychologie in Erscheinung trat, Entwicklungsraum und Publikum fand, ist zur Legende der Kultur von Weimar geworden. Perls sprach in diesem Zusammenhang rückblickend von einer interessanten und wunderbaren Atmosphäre in Berlin (vgl. Perls 1980, 20 f.). Franz Werfel hat in seinem Gedicht »Spiegelmensch« von 1920 das Kaleidoskop der philosophischen wie künstlerischen Orientierungsangebote dieser Zeit ironisch eingefangen:
»Eucharistisch und thomistisch,
Doch daneben auch marxistisch,
Theosophisch, kommunistisch,
Gotisch kleinstadt-dombau-mystisch,
Aktivistisch, erzbuddhistisch,
Überöstlich taoistisch,
Rettung aus der Zeit-Schlamastik
Suchend in der Negerplastik,
Wort und Barrikaden wälzend,
Gott und Foxtrott fesch verschmelzend.« (In: Werner 1962, 25)
Grundlage all der unterschiedlichen und oft widerstreitenden intellektuellen und künstlerischen Richtungen zwischen 1890 und 1920 war die auf Nietzsche, Bergson und Simmel basierende Lebensphilosophie. Hannah Höch berichtete, dass auf den Jour-fixe-Abenden im Künstleratelier von Arthur Segal die Lebensphilosophie intensiv diskutiert wurde (vgl. Dech et al. 1991, 49). Besonders die philosophischen Auseinandersetzungen zwischen Salomo Friedlaender und den beiden späteren Dadaisten Raoul Hausmann und Johannes Baader, bei denen »das Gehirn knackte« (Bergius 1993, 133), empfand sie als anregend.
Im Rahmen der Lebensphilosophie entwickelte sich eine Lebensutopie, die von einer vitalistischen Begeisterung getragen war und sich gegen eine als lebensfeindlich, erstarrt, entfremdet und rein materiell ausgerichtet empfundene Welt und die verlogene Sexualmoral der Spießer richtete. Fritz Brubacher, der Schweizer Arzt und Sozialist, schrieb in diesem Zusammenhang über die Bedeutung Friedrich Nietzsches:
»Für die meisten von uns in jener Generation war Nietzsche einfach die Revolte gegen die Bourgeoisie. Was er gegen die Arbeiterschaft geschrieben haben soll, das interessierte uns einfach nicht, weil die überhaupt in unserem Denken kaum existierte. Für uns war er der Zerbrecher der Tafeln der Bürgermoral, der Befreier des Individuums. Er gab einem einen ungeheuren Mut, ein ungeheures Selbstvertrauen. Er sagte einem, man habe recht gehabt, wenn man vor dem Bürger Ekel empfand. Er gestattete, befahl einem fast, zu sich selbst, zu seiner Individualität zu stehen. Das war der Grund der ungeheuren Wirkung Nietzsches auf unsere Generation.« (Brubacher 1973, 38)
Entsprechend wurde der Mensch beispielsweise in den Portraitarbeiten der expressionistischen Maler als »er selbst, das heißt, als ein Jemand, der seine Empfindungen nicht länger hinter Konventionen verbirgt« (Hülsewig-Johnen 1994, 20) vorgestellt. Es ging nicht um die perfekte Nachahmung des Aussehens, sondern Malerei wurde zum »Ausdrucksträger von Empfindungen seelischer Gestimmtheit, von Euphorie und Empathie, Pathos und Existenzangst« (ebd.). Ein expressionistisches Portrait »öffnet eher Gefühlsräume, als dass es Menschen abbildet« (ebd., 60). Das von den Konventionen befreite Ideal-Ich des neuen Menschen, das sein Inneres quasi ohne störendes Über-Ich ausdrückt, ist das befreite und eigentliche Selbst, das sich selbst verwirklicht, in dem es sich »unabhängig und unmittelbar in der Präsens, […] seiner Welt wieder sicher ist« (ebd.). Die Malerin Paula Modersohn-Becker schrieb im Jahre 1906 an Rilke: »Ich bin Ich und hoffe, es immer mehr zu werden.« (ebd.) Das war noch das Ich-Ideal des alten Perls, der dies dann, der Zeit entsprechend, in einen existenzialphilosophischen Kontext stellte. Er riet seinen Zuhörern:
»Natürlich werden, lernen, sich auf sich selbst zu stellen, seinen Kern entfalten und die Grundlage des Existenzialismus verstehen: Eine Rose ist eine Rose.« (Perls 1986, 12)
Für die Berliner Kunst, vor allem für den Großstadtexpressionismus, war die Konfrontation mit dem Widersprüchlichen in diesen Jahren ein entscheidender Entwicklungsimpuls. Der Widerspruch gegen die wirtschaftliche und politische Entwicklung sowie die erlebte Widersprüchlichkeit der modernen Industriemetropole, die sich im Stadtbild wie im extremen Aufeinanderprallen der unterschiedlichen sozialen Klassen zeigte, machten die Berliner Kunst in diesen Jahren zu einer Kunst der gesellschaftlichen Widersprüche. Roters formuliert das so:
»Der Widerspruch wird zu einem Symptom, der Heterogenität, der Koinzidenz des nicht Zusammenpassenden, des Auseinandertretens von Unzusammengehörigem wahrgenommen und empfunden, erlebt, erlitten und genossen.« (Roters 1989, 22)
Am Beispiel der Künstlergruppe »Brücke«, die in idyllischen Naturlandschaften der Provinz ihren Ausgangspunkt genommen hatte, wird die Reaktion auf die Begegnung mit der Weltstadt Berlin deutlich. Deren Rhythmus, Motorik und Tempo beeinflussten den Stil und es trat als Formelement »die Brechung« (ebd.) in Erscheinung. Nach den traumatischen Kriegserfahrungen ging dieser Entwicklungsprozess weiter, und was in der Gebrochenheit der Form latent angelegt war, kam zum Ausdruck: der Bruch. Der Bruch erfuhr
»in der Berliner Nachkriegskunst noch eine weitere Steigerung, nämlich die zum vorsätzlich herbeigeführten glatten Bruch, zum Schnitt. Der Bruch und der Schnitt, die Wunde und die Narbe; dies sind die unverkennbaren ästhetischen Symptome der Berliner Kunst der zwanziger Jahre. Es ist eine Kunst der Verletztheit.« (ebd., 33)
Wie die klassische Malerei etwa das Idealbild einer heilen Welt als Orientierung hatte, so spiegelte das durch die Dadaisten entwickelte Prinzip der Montage die realen aktuellen Widersprüche des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens. Entsprechend war die Montage »der spezifische Beitrag Berlins zur Kunst unseres Jahrhunderts« (ebd., 22).
Die für die Gestalttherapie wichtige Arbeit mit innerpsychischen Widersprüchen und Polaritäten hat Wurzeln in dieser Atmosphäre, in der die mit den Widersprüchen positiv-kreativ jonglierende Polaritätsphilosophie von Salomo Friedlaender/Mynona für Perls eine zentrale Rolle gespielt hat.
Perls im Bohèmekreis um Salomo Friedlaender/Mynona
»Indeed, if Otto Gross was Expressionism’s psychoanalytical theorist and Kurt Hiller its political activist, then Friedlaender was its philosopher.«
(Taylor 1990, 118)
Im Lebenskontext der sogenannten Bohème trafen die Außenseiter aufeinander und fanden im besonderen Großstadtkontext und in den besonderen Experimentierzeiten der Weimarer Republik Bewegungsspielraum und Erfolg. Zudem war es dieses Umfeld, in dem Juden und Deutsche auf dem Boden einer gemeinsamen Opposition gegen das Bestehende und mit der Hoffnung auf ein anderes und besseres Leben zusammenlebten und zusammenarbeiteten. Der universitär-akademische Raum eignete sich weniger, da er von der bürgerlichen deutschen Jugend und ihrer Hinwendung zu völkischen Erlösungsideen, die nicht ohne Antisemitismus auskamen, dominiert war.
Die kulturelle Avantgarde brauchte die soziale Großstadtwelt als Lebensraum und nahm entsprechend das Phänomen Metropole kritisch positiv an. Im Großstadtkontext entstand eine subkulturelle Infrastruktur, die aus Cafés, Kneipen, Ateliers, Galerien und bevorzugten Wohngegenden bestand. Die Annahme der Großstadt als Lebenskontext stellte einen wichtigen Unterschied zur sogenannten deutschen Jugendbewegung dar, in der sich ein bedeutender Teil der bürgerlichen Jugend schon vor dem ersten Weltkrieg gesammelt hatte. Die Jugendbewegung, insbesondere der »Wandervogel«, hatte sich dem einfachen Leben zugewandt und propagierte das Wandern in der Natur. Sie setzte damit und mit der Betonung des Gemeinschaftlichen, die allerdings auch bis zu völkischen Einstellungen reichte, einen Kontrapunkt zur Großstadt, die als negativ und das heißt als monströs, hektisch, zerstörerisch, materiell und multiethnisch erlebt wurde. Sich hiervon abgrenzend schrieb der Berliner Großstadtliterat Kurt Hiller: »Alles, was Zupfgeigenhansel hieß, war für uns restlos komisch. Die Natur war uns nicht gleichgültig, doch wir waren aufs betonteste ›asphalten‹«. (Hiller in Hepp 1992, 140) Betont »asphalten« war auch Fritz Perls, den seine Frau um 1925 als einen »Berlin city boy«kennen lernte, der mit Motorrad und Lederjacke durch die Stadt fuhr und anscheinend lose Kontakte »zu allen möglichen Künstlern, Poeten, Schauspielern, zu Schriftstellern und zum Theater« (L. Perls 1997, 50) hatte:
»Er hatte keinen Kontakt zur Natur, […] das war für ihn etwas ganz Neues. Ich glaube, er kannte die Natur nur aus den Schützengräben, und draußen zu sein war für ihn etwas ganz Unangenehmes.« (ebd., 50)
Fritz Perls zog, zusammen mit einigen anderen jungen Ärzten, die Bohèmekreise dem standesgemäßen Umfeld der deutschen Ärzte vor. Er bezeichnete diese in ihrer Mehrheit als verkrampft, und mit ihren »Masken äußerster Respektabilität« (Perls 1981, 78) zählten sie für ihn zur »die Nase-hoch-tragenden-gehobenen-Mittelklasse-Bourgeoisie« (ebd.). Die Außenseiterkultur bot andere Anregungen und Perspektiven. Bevor Perls sich ab Mitte der Zwanziger-Jahre in die kleine Gruppe der Berliner Psychoanalytiker und dann in den Umkreis der Kulturorganisationen der Kommunistischen Partei begab, orientierte er sich innerhalb der Berliner Bohème an Salomo Friedlaender. Noch in den späten Erinnerungen von Perls vermeine ich, seine mit dieser Zeit verbundene Faszination und Hoffnung herauszuhören:
»1922 – Neuer Anfang. Sehr aufregend. Wir-Wir! Ich vergrößere die außerfamiliare Welt. Wir: Bohemiens, auf ungewöhnlichen Wegen. Schauspieler, Maler, Schriftsteller. Eine neue Welt schaffen. Bauhaus, Brücke, Dadaismus – Neue Sachlichkeit. Entdecke einen Guru: S. Friedlaender.« (F. Perls 1993, 6)
Ein Guru ist eine Leitfigur, die freiwillig gewählt wird, in der Hoffnung, dass sie einen auf dem eigenen Weg ein Stück voranbringt. Friedlaenders Buch Schöpferische Indifferenz von 1918, das Ludwig Marcuse zu den vier wichtigsten Veröffentlichungen dieses Jahres zählte, hatte einen starken Einfluss auf ihn. In dieser Zeit hatte Perls sich mit Philosophie beschäftigt:
»Philosophie war ein magisches Wort, etwas, das man verstehen musste, um sich selbst und die Welt zu verstehen. Ein Gegengift für meine existenzielle Konfusion und Verwirrung. Intellektualismus hat mir nie Schwierigkeiten bereitet.« (Perls 1981, 79)
Lore Perls erinnerte in Bezug auf die ersten Begegnungen 1925: »Da war ein Typ, den ich mochte, intelligent, klar und originell in den kleinen Dingen.« (L. Perls 1997, 49) Was ihn all die Jahre in den künstlerischen Kreisen am Rand stehen ließ, inmitten Gleichaltriger und sogar Jüngerer, die als Künstler ihre eigne Ausdrucksform in diesen Jahren oft schon gefunden hatten, wird durch die Erinnerung von Lore Perls deutlich: »Zu dieser Zeit hatte seine Kreativität keinen bestimmten Fokus. Er war kreativ im Reden.« (ebd.)
Perls’ persönliche Entwicklung verlief langsam, unterbrochen von schweren Krisen, aus denen er sich immer wieder herausarbeitete und dann weiterging. Erst in den letzten Lebensjahren hatte er seine Ausdrucksform, seinen Stil, nicht »die« Gestalttherapie, aber seine Gestalttherapie als therapeutisch-dramatische Ausdrucksform gefunden. Da Sprache ihm in den frühen Zwanziger-Jahren wichtig war, muss der Eindruck Mynonas, der ein wahrer Sprachkünstler war, überwältigend gewesen sein. In der Tat schrieb Perls:
»Als Persönlichkeit war er der erste Mann, in dessen Gegenwart ich mich niedrig fühlte und in Bewunderung verneigte. Es gab keinen Raum für meine chronische Arroganz.« (Perls 1981, 79)
Wichtig ist, dass Mynonas Polaritätsphilosophie dem innerlich Zerrissenen zum ersten Mal eine stabile Grundorientierung bot, 4 von der aus er sich weiter vortasten konnte.
Ein engerer Kontakt mit dem Friedlaenderkreis scheint sich gegen 1922 ergeben zu haben. Ich vermute, dass Perls sich nun als 29-jähriger Arzt mit Kriegserfahrung und sozialistischer Orientierung, mit etwas mehr Selbstbewusstsein in der Öffentlichkeit bewegte und Zugang zum engeren Kreis der Bohème fand, die sich nicht nur in Cafés, sondern auch in den privaten Räumen der Künstler traf. Perls schrieb, dass man sich »meist im Studio eines Malers« (1981, 79) traf: »Viele Philosophen, Schriftsteller, Maler, politische Radikale und einige ihrer Anhänger kamen dort zusammen.« (ebd.) Wahrscheinlich waren es die Wohnungen und Ateliers der mit Friedlaender befreundeten Maler Ludwig Meidner und Arthur Segal, in denen diese Treffen stattfanden.5 Die zum Berliner Dada gehörende Hanna Höch sprach beispielsweise von einem »Mynona-Segal-Kreis« (in Exner 1996, 249):
»Viele Jahre gab es bei dem Maler Arthur Segal an jedem ersten Montag des Monats ein ›jour fixe‹. Es wurde Tee gereicht, und sonst gab es nur geistige Nahrung. […] Den Mittelpunkt dieser Abende bildete Mynona Friedländer. Wenn sich nicht Partner oder Gegner auf philosophischer Ebene fanden, erging er sich in Feuerwerken von spitzfindigen, sarkastischen bis frivolen, immer geistvollen Kapriolen und Späßen.« (Höch in Exner 1996, ebd.)
Friedlaender beschrieb diese Abende in seinem Buch »Graue Magie. Berliner Nachschlüsselroman«, in dem er sich als Friedrich Salomon bezeichnet:
»Wie Öl von Wasser, mit dem man’s zusammengießt, so schied sich hier sehr bald die Bohème (zu der auch ein paar Dadaisten und der Spaßmacher Salomon gehörten) von der gutbürgerlichen Gesellschaft, die dem Treiben der andern wie einer Komödie mit halb geringschätziger Interessiertheit beiwohnte, während natürlich sie selber für die Zigeuner zur Zielscheibe des Spottes wurden. Dazwischen gab es einige mehr vermittelnde oder noch mehr entzweiende Elemente […]. – Das Haus war nur bis acht geöffnet; wer später kam, klopfte an die Fensterscheibe oder klatschte, pfiff und rief.« (Mynona 1989, 174)
Da dieses Buch im Jahre 1922 erschien, dem Jahr, das Perls als Eintrittsjahr in den Kreis um Mynona angab (vgl. Perls 1993, 6), will ich hier einige Personen nennen, die Mynona in verschlüsselter Form als Gäste der beschriebenen Abende erwähnt: die Schauspielerin Asta Nielsen, den Filmemacher Ernst Lubitsch, den Maler Ludwig Meidner, den Kritiker Alfred Kerr, den Leiter der expressionistischen Sturm-Galerie Herwarth Walden, die Schriftsteller Else Lasker-Schüler, Ludwig Rubiner und Theodor Däubler, den philosophischen Schriftsteller Hermann Graf von Keyserling sowie den Psychoanalytiker Ernst Simmel. Regelmäßige Teilnehmer waren außerdem die Dadaisten Raoul Hausmann, Hannah Höch und Kurt Schwitters (vgl. Exner 1996, 249). Zu Mynonas Freundes- und Bekanntenkreis zählten weiterhin: Walter Benjamin, André Gide, Magnus Hirschfeld, Karl Kraus, Gustav Landauer, Georg Lukács, Erich Mühsam, Romain Rolland und Joseph Roth (vgl. Frambach 1996, 10).
Friedlaender/Mynona war Anfang der Zwanziger-Jahre also für Fritz Perls die zentrale Orientierungsfigur, und ich will kurz an einem Beispiel aufzeigen, dass sich in diesen Jahren die Wege der progressiven Künstler in Berlin bei vielen Gelegenheiten überschnitten. Ich gehe davon aus, dass da, wo der »Guru« sich engagierte, auch der Schüler in nicht allzu weiter Entfernung zu finden war.
Im Rahmen der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH), einer von Willi Münzenberg im Auftrag und in Kollaboration mit Lenin und der deutschen KPD 1921 aufgebauten überparteilichen sozialen Hilfsorganisation, wurde 1924 die ›Künstlerhilfe‹ gegründet. Anlass war, dass es, durch die Arbeitslosigkeit und die Ernährungsschwierigkeiten in dieser Zeit, einen ganz konkreten Mangel an Nahrungsmitteln und in der Folge Unterernährungssymptome bei Kindern wie alten Leuten, speziell aus der Arbeiterschaft, gab. Den Aufruf zur Beteiligung von Künstlern an der Hilfe für die von Hunger betroffenen Menschen unterzeichneten am 9.11.1923 beispielsweise Prof. Albert Einstein, George Grosz und Wieland Herzfelde, der Schauspieler Alexander Moissi, der Dichter Franz Werfel und der Arzt und Psychoanalytiker Ernst Simmel. Die ›Künstlerhilfe‹ organisierte 1924 den Verkauf von über 400 zur Verfügung gestellten Kunstwerken im Warenhaus Wertheim am Alexanderplatz. Der Erlös sollte für die Essenausgabestellen der IAH verwendet werden. Es wurde berichtet, dass sich »für das Ausmalen der Speisestellen« (Kunstamt Kreuzberg 1977, 596) namhafte Künstler angeboten hatten. Ihre tätige Mitarbeit hatten unter anderem angeboten: »Arthur Segal, Dr. Friedlaender (Mynona), 6 Johannes R. Becher, Prof. Käte Kollwitz, Max Liebermann, Kandinski, Paul Klee, Schlemmer, Feininger, die gesamten Professoren des Staatl. Bauhauses in Weimar.« (ebd.) Im gleichen Jahr, aus Anlass einer Streik- und Aussperrungswelle beim Kampf um die Erhaltung des Achtstundentages, gab es einen Aufruf der ›Künstlerhilfe‹, auf der auch wieder »Friedländer-Mynona« sowie Heinrich Zille, Ernst Toller, Erich Mühsam u. a. verzeichnet waren (vgl. ebd.). Es gab eine enge Verzahnung und häufige Kontakte von Intellektuellen und Künstlern unterschiedlicher linker Orientierung in diesen Jahren, und Perls bewegte sich in diesen Kreisen.
Ich-Dissoziation und Menschheitserneuerung
»Wir sind und wollen nichts sein als Dreck. Man hat uns belogen und betrogen Mit Gotteskindschaft, Sinn und Zweck.«
(Benn 1982, 43)
Wenn Exner schreibt, dass Friedlaender die »metaphysische Absicherung« (Exner 1996, 185) der expressionistischen Generation leistete und einer »ganzen Generation der Berliner Avantgarde« (ebd., 291) den Weg wies, so ist eine kurze Skizzierung der krisenhaften Selbst- und Welterfahrung der expressionistischen Generation angebracht.
Was Perls einmal seine »existenzielle Verwirrung und Konfusion« nannte, war ein Erlebnisgeflecht, das sich aus frühen Kindheitserlebnissen und zeitgeschichtlichen Phänomenen zusammensetzte und das als eine Bedingung für individuelles Leid wie für schöpferische Bewältigungsversuche durchgängig bei der jungen und unruhigen Expressionistengeneration anzutreffen war. Vor dem Hintergrund des Verlustes von religiösen, philosophischen, gesellschaftlichen und psychologischen Ordnungskriterien sieht Vietta als Signatur der expressionistischen Epoche von 1910 bis 1925 zum einen die »Erfahrung transzendentaler und erkenntnistheoretischer Bodenlosigkeit« (Vietta 1994, 151) und zum anderen den Zusammenhang von erlebter Ich-Dissoziation und Versuchen der Ich- bzw. Menschheitserneuerung (vgl. ebd., 186). Für Vietta gehört es zu den Verdiensten des Expressionismus »dass er die latenten und offensichtlichen Zerstörungspotenzen moderner Zivilisation, Industrialisierung und rationalen Vernunft bloßgelegt hat« (ebd., 175). Im deutschen Sprachraum war es der (literarische) Expressionismus, der zum ersten Mal »die tiefgreifende Erfahrung der Verunsicherung, ja Dissoziation des Ich, der Zerrissenheit der Objektwelt, der Verdinglichung und Entfremdung von Subjekt und Objekt« (ebd., 21) dargestellt hat und gleichzeitig die damit einhergehende Suche nach Ganzheit, Heil sein, Totalität. Die hier angesprochenen Dissoziationserfahrungen sowie die damit verbundene Sehnsucht nach einer persönlich erlebten guten Gestalt haben Perls’ Leben und die Gestalttherapie, als ein spätes Kind dieser Epoche, nachhaltig geprägt.
Vor der Folie von Viettas Expressionismusdeutung stellen sich die künstlerischen Werke des Expressionismus als sichtbarer Ausdruck einer Krise des Subjekts und der Erschütterung seiner weltanschaulich-metaphysischen Orientierung dar. Die von Freud weiterbetriebene nietzscheanische Auflösung der Einheit des Ich in unterschiedliche Ober- und Untereinheiten und seine ganz im Gegensatz zur Entwicklung der dominierenden Naturwissenschaft stehende Behauptung der Herrschaft des Unbewussten über das Rationale sowie die Auflösung des überkommenen Naturbegriffes durch Albert Einstein waren Eckpunkte der sich beschleunigenden Auflösungsdynamik der damals gültigen Selbst- und Weltanschauung. Wahrheit, Verbindlichkeit und Objektivität wichen Pluralität und sich ständig verändernder Wirklichkeitsbildung.
Was im Berliner Leben kulminierte, war die sich in der Großstadtmetropole zusammenballende und auf das Individuum einstürzende neue Welt: Die Bedrohung und Attraktivität der Großstadt, mit ihrem Tempo und ihrer Menschenmasse; die zunehmende Technologisierung aller Lebensbereiche und die Dominanz einer rationalen Vernunft in den Wissenschaften; das unaufhaltsame Wachsen der großen Industrie, die den Menschen in Massen zum Anhängsel der Maschine machte und ihn verdinglichte. Unterlegt war das alles mit dem Verlust der religiösen Gewissheit in irgendeinem Glauben, seit Nietzsche den Gott, der Sinn gibt, für tot erklärt hatte. Damit war der Mensch frei und allein. Auslöser für die persönliche Krise war in vielen Fällen das Trauma eines Krieges, der den Einzelmenschen und die herrschenden Mächte in ihrer Brutalität und ihrem Machtstreben offenbart und das einzelne Ich auch persönlich und physisch versehrt und bedroht hatte.
Mit der das moderne, technisierte und vermasste Großstadtleben begleitenden Vereinzelung und Beschädigung des Ich gingen der Wunsch und die Sehnsucht nach individueller Ganzheit und Verbindung mit den anderen, nach einer neuen und harmonischen Menschengemeinschaft einher. Diese Sehnsucht hatte sich im Frühexpressionismus noch mit der Suche nach einer Gemeinschaft in der Natur, nach der Kriegserfahrung aber vorwiegend mit der Vision eines Sozialismus der Menschheitsverbrüderung verbunden.
Was innerhalb dieser Entwicklung den Marxismus zunehmend für die Avantgarde interessant machte, war zum einen die gesellschaftliche Realität des sowjetischen Russland, die damals überwiegend noch als Gegenrealität zum Kapitalismus begriffen wurde. Zum anderen war es die in der bürgerlichhumanistischen Tradition stehende marxistische Kritik an den Entfremdungs- und Verdinglichungsphänomenen im Produktionsprozess, der den Menschen zum Anhängsel der Maschine machte und alles Leben an Produktivität und Quantität ausrichtete. Bei den Linksintellektuellen hatte hier der an Hegel orientierte Marxismus von Georg Lukács und insbesondere dessen Buch »Geschichte und Klassenbewusstsein« Einfluss. Auf seine Bedeutung für Perls werde ich an späterer Stelle eingehen. So manches isoliert leidende Großstadtindividuum fühlte sich hier verstanden und sah sein Leiden in eine größere Gesellschaftsanalyse eingebettet, was wiederum Orientierung und Hoffnung auf Abänderung und Schaffung neuer, besserer, eben sozialistischkommunistischer Zustände gab.
Friedrich Engels hatte bereits 1845 über das Londoner Großstadtleben geschrieben:
»Und doch rennen sie aneinander vorüber, als ob sie gar nichts gemein, gar nichts miteinander zu tun hätten […]. Die brutale Gleichgültigkeit, die gefühllose Isolierung jedes einzelnen auf seine Privatinteressen tritt umso widerwärtiger und verletzender hervor, je mehr diese Einzelnen auf kleine Räume zusammengedrängt sind.« (Engels in Vietta 1994, 40)
Alfred Wolfensteins Berlin-Gedicht »Städter« verdeutlicht die in den Zwanziger-Jahren immer noch aktuelle humanistische Klage Engels’ über die »Atomisierung und Isolierung der Menschen« (Engels ebd.) in der Großstadt, an der sich bis heute nichts Wesentliches geändert hat:
Nah wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, dass die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürge sehn.
Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.
Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Dass ein jeder teilnimmt, wenn ich weine,
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:
Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine. (In: Pinthus 1995, 45 f.)
Nach der Jahrhundertwende war nicht nur von der »Auflösung der Menschheit in Monaden« (Engels ebd.) die Rede, sondern jetzt brach »diese Monade selbst auf« (Vietta ebd., 41). Da, wo unterschiedliche Wirklichkeiten miteinander konkurrieren und es keine einheitliche Wahrheit mehr gibt, wird auch die Einheit des Ich fraglich und muss die Welt aus der eigenen Subjektivität heraus bewältigt, konstruiert und mit Sinn versehen werden.
Erkenntnistheoretische Verunsicherung, Subjektdissoziation, Metaphysikverlust und Vereinzelung sind Kennzeichen eines vom Individuum zu bewältigenden Veränderungsprozesses, der sich auf immer größere Teile der Bevölkerung ausgeweitet hat und heute einen wichtigen Platz in den soziologischen und sozialpsychologischen Debatten um veränderte Sozialisationsbedingungen in einer globalisierten und individualisierten Gesellschaft einnimmt.
Hannah Höch, die in engem Kontakt mit Mynona stand und unter den Berliner Dadaisten die einzige künstlerisch aktive Frau war, machte bereits 1929 deutlich, an welchem Punkt das Pionierdenken in dieser Zeit bereits angekommen war:
»Ich möchte die festen Grenzen verwischen […]. Ich will dartun, dass klein auch groß und groß auch klein ist, nur der Standpunkt, aus dem wir urteilen, wird gewechselt, und jeder Begriff verliert seine Gültigkeit. Ich möchte weiter den Hinweis formen, dass es außer deiner und meiner Anschauung und Meinung noch Millionen und Abermillionen berechtigter Anschauungen gibt.« (in Dech et al. 1991, 57)
Im wissenschaftlichen Hintergrund der simultanistischen Wahrnehmung der Dadaisten stand die Ersetzung der Newtonschen Sehweise durch die Relativitätstheorie Einsteins (vgl. Bergius in Siepmann 1977, 45 f.). Jedes Ding existiert hier nur im Kontext und in Relation mit anderen Dingen. Entsprechend postulierte Richard Huelsenbeck schon 1920 die »Gleichzeitigkeit auch in den Werten« (in Siepmann 1977, 45). Diese Denkfigur und Wahrnehmungsart taucht in der frühen Gestalttherapie als Kombination von Psychoanalyse und Gestalt/Feld-Theorie auf, nannte sich 1951 bei Perls/Goodman »kontextuelle Methode« und wurde dann von der deutschen Gestalttherapie ab den Achtziger-Jahren als Konstruktivismus und Systemtheorie wiedererinnert.
Die Erfahrung der Simultanität der Wahrnehmung, des Disparaten und Unzusammenhängenden, spiegelte sich auch in der Kunst. Als Beispiel führe ich Jakob van Hoddis berühmtes Gedicht »Weltende« an, das sich ebenso wie das oben angeführte Gedicht von Wolfenstein in der ersten Anthologie expressionistischer Gedichte findet, die unter dem Titel »Menschheitsdämmerung« 1920 von Kurt Pinthus herausgegeben wurde:
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken. (In: Pinthus 1995, 39)
Die Generation der Expressionisten wuchs in die Auseinandersetzung um das Werk Nietzsches hinein. Nietzsches Nihilismus war der Endpunkt der Kritik der Aufklärung an allem metaphysischen Denken, am Glauben an eine höhere Macht und einen höheren Sinn und Zweck von Erde und menschlichem Leben. Ab hier war die Konfrontation mit der eigenen »transzendentalen Obdachlosigkeit«, wie der frühe Georg Lukács (vgl. Vietta 1993, 142) das einmal nannte, Bedrohung und Herausforderung für jeden sensiblen Geist. Sloterdijk formulierte das so:
»Von da an verstehen die Klügeren, die sich selber gehörig auseinandergenommen haben, wie es um ihr bestes Stück, das liebe Ich, steht. Unter allen Gestalten liegt die Leere – das nimmt die Formen, die Fiktionen zurück. Mein Charaktertheater, mein Weltbild, mein Engagement – die Leere verschluckt solche Gebilde wie nichts.« (Sloterdijk 1996, 20)
Die großstädtische Avantgarde der Weimarer Jahre war für Sloterdijk die Vorhut der Moderne, und seiner Ansicht nach gibt es »kein Thema der 80er und 90er Jahre, das nicht in den 20ern vorgebildet worden wäre, mit Ausnahme der elektronischen Medien, die tatsächlich die Neuheit des letzten Jahrhundertdrittels bringen.« (ebd., 27) In dem hier zitierten Interview sagte Sloterdijk weiter:
»Wer etwas lernen will über Entformungsgefühle, muss Benn studieren. Er war der Meisterformulierer für das zersetzte Ich, wenn man ihn mit Zwanzig gelesen hat, dann kann einen keine Dekonstruktion überraschen.« (ebd., 20)
Er wird möglicherweise Zeilen wie die folgenden im Kopf gehabt haben:
»Nur ich, mit Wächter zwischen Blut und Pranke,
Ein hirnzerfressenes Aas, mit Flüchen
Im Nichts zergellend, bespien mit Worten,
Veräfft vom Licht –« (Benn ebd., 109)
Das Zerlegen der scheinbar festen Realität, einschließlich des eigenen Ich, haben die »Pioniere unter den Experimentatoren, die Angehörigen der expressionistischen Generation« (Sloterdijk ebd., 21) intensiv betrieben. Erst im Rahmen dieser dekonstruierenden Atmosphäre gab es dann auch wieder ein Bewusstsein »für die Fragilität der positiven Lebensformen vor dem nihilistischen Grund« (ebd., 22), für die »Kostbarkeit von Figur, von Gestalt, von Lebensform, von lokalen Sprachspielen, also von all dem, woraus das konkrete Leben besteht, auch wenn man unendlich darüber hinausdenken kann und alles Konstruierte als dekonstruierbar erkannt hat« (ebd.).
Sloterdijk sprach in diesem Zusammenhang auch von der »Nullpunktsituation« und merkte an: »Friedländer-Mynonas berüchtigte schöpferische Indifferenz – das war seinerzeit der Geheimtipp.« (ebd., 23)
2. Die Dadaistische Revolte und »der Kampf um das eigene Erleben«
»Ideal, Ideal, Ideal, Erkenntnis, Erkenntnis, Erkenntnis, Bumbum, bumbum, bumbum.«
(Tristan Tzara)
Gegen das expressionistische Pathos vom neuen Menschen und der neuen Zeit trat mitten in Elend, Hunger, Revolutionsunruhen und konterrevolutionärem Terror zwischen 1918 und 1920 die europäisch zusammengesetzte Künstlergruppe »Dada Berlin«7 auf. Selbst aus der expressionistischen Bewegung kommend, erlebten die jungen Rebellen die nun spätexpressionistische messianische Utopie einer neuen Menschheit und den Glauben an die wirklichkeitsverändernde Kraft der Kunst und des Dichterwortes als absurd. Die Expressionisten standen für die Dadaisten nun im bürgerlichen Lager. Im Unterschied zum hohen Pathos, mit dem die Spätexpressionisten ihre Läuterungsbotschaft an die Menschen und die Gesellschaft richteten, zeigte sich bei den Dadaisten ein »im Wesen grundverschiedenes Weltgefühl, das von Enttäuschung, Bitterkeit, Zerstörungslust und fast nihilistischer Respektlosigkeit durchtränkt war« (Schuhmann Hg. 1991, 146). Sie wollten das Ende aller Kultur zynisch zur Schau stellen. Huelsenbeck betitelte eines seiner Bücher »Deutschland muss untergehen!« und schrieb: »Alles soll leben – aber eins muss aufhören – der Bürger, der Dicksack, der Freßsack, das Mastschwein der Geistigkeit, der Türhüter der Jämmerlichkeit.« (in Riha 1977, 14) Die Dadaisten rannten gegen die expressionistische Kunst an, die sich ihnen, inmitten all der hässlichen bürgerlich-kapitalistischen Wirklichkeit der gerade geborenen Weimarer Republik, als Ersatzreligion und Beschönigungsmittel der gesellschaftlichen Zustände darstellte. Hausmann schrieb in »Der deutsche Spießer ärgert sich« gegen das expressionistische Unbestimmte und »allgemeine Weltgedusel« des schreibenden oder malenden Spießers und den schönen Schein an. Es klingt bitter und verzweifelt und nach der Kraft und dem Willen der Realität ins Auge zu sehen, wenn es bei ihm heißt: »Und nun erhebt uns nichts mehr, nichts mehr!« (ebd., 67)
Im harten Berliner Klima, in dem sich der pazifistische Dadaismus aus der Züricher Emigration rasch politisch radikalisierte, wurde entsprechend aus dem »schöpferischen Willen« Friedlaenders der »aggressive Wille Dada Berlins« (Bergius 1993, 237), die Widersprüche zu bejahen, aufzudecken und aufeinanderprallen zu lassen. Dada Berlin verspottete und persiflierte die alten wie die neuen gesellschaftlichen Institutionen und die bürgerlichen Spießer, die sie trugen. Die Errichtung der Weimarer Republik war für sie, spätestens nach der brutalen Unterdrückung der revolutionären Massenaufstände durch reaktionäre nationalistische Truppen im Dienste der sozialdemokratischen Regierung, lediglich die Wiederkehr der alten Mächte im neuen Kleid. Dada Berlin parodierte selbst die Parolen der revolutionären Organisationen und gab seiner ersten Berliner Verlautbarung, mit Anspielung auf die Kommunisten, den Titel »Dadaistisches Manifest«. Bitter-groteske Dada-Revuen mit einer Vielzahl neuer künstlerischer Stilmittel (Simultangedicht, absurde Verkleidungen und Tänze mit Musik, gebrüllte Lautgedichte und Publikumsbeschimpfungen) führten zu regelmäßigen Saalschlachten zwischen aufgebrachtem Publikum und dadaistischen Performern und sorgten für Schlagzeilen und Popularität.
Mitten in dieser unruhigen und blutigen Zeit eine Großdenkerpose einzunehmen, empfanden die Dadaisten als sinnlos, sie wollten »Geistesgegenwart im Chaos«, und nahmen immer wieder Position ein gegen die Vertreter des »Kunstblödsinns, der an der Welt vorüberschaut und sie damit zu überwinden meint« (Hausmann 1982a, 115). Hanne Bergius schrieb zur Gegenwartsorientiertheit der Berliner Dadaisten:
»Das dadaistische Individuum für das die Geschichte zu einem endlosen Hier und Jetzt, zu perpetuierter Gegenwart im individualanarchistischen Selbstverständnis zusammengeschmolzen ist … ›will seiner Weltsekunde voll Mut gegenüberstehen‹ (Hausmann), glaubt sich als ›Gott des Augenblicks‹ (Hausmann).« (Bergius 1977, 43)
Dada sagte Ja zur konkret erlebten Wirklichkeit, »um allem, was bloß ›schönes Denken‹ ist, ins Gesicht schlagen zu können« (Sloterdijk 1983b, 713). Perls hat dieses »bloß schöne Denken« später provokant »mind fucking« genannt.
Richard Huelsenbeck, der als eine der dadaistischen Zentralfiguren den Begriff Dada aus dem Züricher Exil nach Berlin brachte, war Perls spätestens Anfang der Zwanziger-Jahre bekannt, da sich ihre Interessen im Bereich Psychoanalyse und Kunst überschnitten (vgl. L. Perls in Sreckovic 1999, 28; Peters 1992, 282). Huelsenbeck, der ebenfalls Mynonas Gedanken der schöpferischen Indifferenz aufnahm, war ein Jahr jünger als Perls, schloss sein Medizinstudium 1922 in Berlin ab und arbeitete einige Zeit bei Bonhoeffer in der Charité. Er war Maler und Schriftsteller, hatte Umgang mit Karen Horney, die eine Förderin von Perls wurde, und belegte in den Zwanziger-Jahren einige Kurse am Berliner Psychoanalytischen Institut (vgl. Peters 1992, 279 f.).
Mit Friedlaender/Mynona und Huelsenbeck sind zwei persönliche Kontakte von Perls angesprochen, die darauf hinweisen, dass er sich in diesen Jahren im Umfeld der radikalsten Kräfte der Kunst-Avantgarde aufhielt, die sich in der Regel nie nur als Künstler, sondern immer auch als Lebenskünstler verstanden. Huelsenbeck hat mehrfach betont, dass Dada sich für seine Aktivitäten das kulturelle Gebiet gewählt hat, aber im Kern »eine emotionale Revolution war, deren Sinn in jedes Gebiet, Kunst, Kultur, Religion und menschliche Beziehungen projiziert werden konnte« (Huelsenbeck 1992, 109). Wenn er Verzweiflung, Zynismus und Aggression als für Dada charakteristisch benennt und von einer »Revolte der von vielen Seiten bedrängten Persönlichkeit« (ebd., 79) spricht, so trifft er hiermit auch Perls’ Gefühlslage nach dem Ersten Weltkrieg. Huelsenbeck hat dem Dadaismus eine existenzielle Deutung gegeben (vgl. ebd., 79), er war für ihn eine »Philosophie, die über die Kunst in das Leben selbst hinausschritt« (ebd. 95). Die Sehnsucht des modernen Menschen nach sich selbst, ob nun romantisch, expressionistisch, existenzialistisch oder eben dadaistisch gekleidet, tauchte in sich ähnelnden Kurzformeln immer wieder auf. Der Romantiker Schlegel forderte: »Werde, der du bist!« Und bei Johannes Baader hieß es dann: »Drum werde, was du bist, Dadaist.« (Baader in Bergius 1993, 19). Auch Raoul Hausmann beschrieb Dada als einen »Lebenszustand, mehr eine Form der inneren Beweglichkeit als eine Kunstrichtung« (Hausmann 1982a, 95). In diesem Sinn war Perls für mich Dadaist, hat Dada auf sein Gebiet »projiziert«, wie Huelsenbeck das nannte, und ist mit seiner Form der Gestalttherapie genau in dessen Sinne über die medizinische Behandlung »in das Leben selbst« hinausgetreten.
Perls’ Denken war durchdrungen von den Ereignissen und Themen seiner Zeit, und die ihn wie einen Teil seiner Generation bedrängenden Themen tauchten immer wieder in einem anderen theoretischen Gewand und Kontext auf, präzisierten sich und entwickelten sich weiter. Was sich in diesen ersten Nachkriegsjahren in ihm festgesetzt hat, ist nach meiner Vermutung das, was Sloterdijk den »kynischen Impuls« nannte. Perls war eine Art Kyniker, so wie Diogenes von Sinope und nach ihm Lukian von Samosata, den Sloterdijk im Kontext des imperialen Staatsapparates des römischen Kaiserreiches als einen Hippie und Führer einer Aussteigerbewegung ansieht. Der kynische Skandal war, dass die niedergedrückte Sinnlichkeit auf den öffentlichen Markt getragen wurde. Gegen die platonische Ideenlehre stand der Furz, gegen den feinsinnigen Eros die öffentliche Masturbation. Der Neokynismus des Dada griff »die Abspaltung und Diffamierung des Sinnlichen« (Sloterdijk 1983, 216) an und bemühte sich in der Tradition einer »grobianischen Aufklärung« (ebd., 205) darum, »aggressiv und frei (›schamlos‹) … die Wahrheit zu sagen« (ebd. 206). Im Aussprechen der Wahrheit (oder besser dessen, was der eigene Wahrnehmungsapparat als Wahrheit gerade anbietet), auch gegen die Großen, die Eltern, die Mehrheitsmeinung, die kulturelle Norm etc., liegt ein aggressives, besser produktiv-aggressives Moment. Bei der gemeinsamen Konzeption der Gestalttherapie, zusammen mit Paul Goodman, den man in diesem Zusammenhang durchaus als einen amerikanischen Kyniker bezeichnen kann, fand dann auch Aggressivität als konstruktive Kraft einen zentralen Platz.
Es geht hier um eine weit zurückreichende, selbstkritische Linie innerhalb der Aufklärung, die mit dem Schlachtruf »Natur!« bis heute gegen eine Aufklärung aufbegehrt, die sich auf das Rationale, auf die instrumentelle Vernunft im Sinne von Adorno und Habermas reduziert. Gegen das sich im schönen Reden und Schreiben erschöpfende sogenannte Geistige will diese sinnliche Aufklärung Geist und Körper wieder in einen innerlichen Bezug und in tätigen und gestaltenden Kontakt mit der Umwelt bringen. Mit diesen Bezügen will ich Perls nicht idealisieren oder ihm höhere Weihen geben. Ich halte aber eine Sichtweise, die ein Individuum aus seiner historischen Zeit und seinem konkreten Lebens- und Erfahrungsraum nimmt und lediglich eine individuelle Pathologie oder einen genialischen Zug sieht, für zu eingeschränkt und unfruchtbar. Der im hier angesprochenen Sinn rebellische Kern des Gestaltansatzes transportiert gelebte Kritik an den jeweils vorgefundenen und an den als gespalten erlebten Lebensweisen.
Beispiele für neo-kynische oder neo-dadaistische Aktionen von Fritz Perls finde ich in dem Buch von Gaines (1979). Joe Wysong erinnert sich dort an einen Kongress, auf dem Perls gebeten wurde, eine Erklärung zu geben, was denn Existenzielle Psychotherapie sei. Er tat dies anscheinend mittels eines Gedichtes:
»I’m not a lady performing her farts,
I’m a scoundrel, a lover of arts,
I am who I am,
I screw when I can.
I’m Popeye the Sailor Man.« (Perls in Gaines ebd., 331)
Es wird von einer Konferenz mit einem Auditorium von über tausend Personen berichtet, wo Perls zusammen mit namhaften Psychiatern an einer Podiumsdiskussion teilnahm und dort demonstrativ einschlief (vgl. ebd., 173). Auf einer Tagung im Esalen Institut, die sich dem existenziellen Thema ›Sein‹ widmete, kroch er plötzlich auf dem Bauch über den Boden und entlockte dem ebenfalls anwesenden Abraham Maslow die durchaus nachvollziehbare Reaktion und Formulierung: »This begins to look like sickness.« (ebd., 153)
Zu den Hochzeiten der Popularität von Esalen wurde der gesamte Lehrer-Staff zu einer Hollywood-Party eingeladen, auf der zahlreiche bekannte Filmschauspieler anwesend waren. Perls »was playing havoc with Hollywood that night, and enjoying it because he did love films and he knew very well what he was doing.« (ebd., 201) Oskar Werner, Natalie Wood und andere Schauspieler bekamen Sätze zu hören wie: »You are a spoiled brat who thinks about nothing but herself« (ebd. 201), und verließen entsprechend gekränkt und empört den Swimmingpool, an dem Perls auf dieser Party seinen informellen Gestalt-Workshop abhielt. Da, wo er den Eindruck hatte, dass lediglich schönes Denken oder schöner Schein dominierten, fühlte er sich immer wieder zu direkten Aktionen provoziert und hat den kynischen, den dadaistischen Gegenpol verkörpert, für den er selbst oft das Bild des Mephisto aus Goethes Faust benutzte.
Für mich ist die Erinnerung von Jack Rosenberg als einen »established professor« (ebd., 173), der an den Esalen-Workshops von Perls teilnahm, ein gutes Beispiel für das, worum es Perls in seiner damaligen Arbeit ging. Rosenberg bekam durch die Arbeit mit Perls den Mut zu küssen und zu tanzen: »Man, it was like I had permission to be alive because he was alive!« (ebd.)
Perls war ein kluger, belesener und gebildeter deutscher Jude, der da den vernünftigen und rationalen Pol angriff, wo ihm das Zusammenspiel von Vernunft und Sinnlichkeit unter die lähmende Herrschaft der Rationalität zu geraten schien. Meine Deutung ist, dass Perls die Entstehung von sinnlicher Vernunft da provozierte, wo er instrumentelle Vernunft wahrnahm.
Kulturkritische Psychoanalyse und »Aufhebung der fremden Macht in innerste eigene Autorität«
Perls wird unweigerlich im Kontext des Mynonakreises mit den Ansichten von zwei Personen in Kontakt gekommen sein, in denen sich zentrale Positionen der damaligen Kultur-Avantgarde bündelten, die auch in der Gestalttherapie weiterleben. Dies betrifft in Bezug auf die hier behandelte Zeit in erster Linie Raoul Hausmann, »Dadasoph« und Polaritätstheoretiker, der auch eine persönliche und inhaltliche Verbindung zwischen Mynona und dem anarchistischen Psychoanalytiker Otto Gross darstellte. Dieser wiederum gab mit seiner kulturrevolutionären Anti-Introjektionstheorie der Selbst- und Welterfahrung der betroffenen sozialen Gruppe einen psychologischen Ausdruck.
Die Verbindung zwischen Friedlaender und Gross wird indirekt gewesen sein. Beide haben bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Franz Pfemferts wichtiger Avantgardezeitschrift »Die Aktion« publiziert. Die Verbindung zwischen Friedlaender und Hausmann war hingegen direkt. Hanne Bergius berichtete, dass die Berliner Dadaisten Raoul Hausmann und Johannes Baader ein »intensiveres Verhältnis« zu Friedlaender hatten und bereits 1915 mit ihm eine »vordadaistische Truppe« bildeten, die die Zeitschrift »Erde 1915« herausgeben wollte (vgl. Bergius 1993, 231). Hannah Höch, die die Geliebte des verheirateten Hausmann in diesen Jahren war, hatte eine freundschaftliche Beziehung zu Friedlaender, der ihr manchmal »um ein Viertelernst gemeinte Liebesbriefe« (Höch in Bergius 1993, 236) schrieb, während sie selber Porträtzeichnungen von Friedlaender anfertigte und Titel seiner Grotesken in ihre Collagen und Montagearbeiten einbaute (vgl. ebd.). Höch, deren wunderschöne Arbeiten im Internet angeschaut werden können, sowie Hausmann und Friedlaender haben im Februar 1921 auf einer gemeinsamen Dada-Manifestation Grotesken vorgelesen und vorgetragen (vgl. Bergius ebd., 239).
Ich gehe davon aus, dass Perls als Teil der »Mynonagemeinde« die Grundgedanken Hausmanns kannte oder Diskussionen zwischen den beiden mitbekommen hat. Hannah Höch hat ja berichtet, wie anregend sie die Diskussionen zwischen Friedlaender und Baader und Hausmann fand und Jahrzehnte später noch im Gespräch mit Hanne Bergius erwähnt, dass es Gedankengänge waren, »bei denen das Gehirn knackte« (Höch in Bergius 1993, 133).
In Hausmanns »Pamphlet gegen die Weimarische Lebensauffassung« ist zu lesen:
»Der Club Dada war die Fronde gegen den ›geistigen Arbeiten‹, gegen den ›intellektuellen‹! Der Dadaist ist gegen den Humanismus, gegen die historische Bildung! Er ist: Für das eigene Erleben!!!« (Hausmann in Schuhmann 1991, 249)
Hier ist das Programm des »Dadasophen« Hausmann auf einen Nenner gebracht. Perls hat nach vielen Jahren ernsthafter Mühe, ein »geistiger Arbeiter« innerhalb der organisierten freudianischen Psychoanalyse zu werden, ernüchtert diese Position eingenommen. Er hat sie dann radikal und persönlich verkörpert, bis in alle Einseitigkeit und Missverständlichkeit hinein. Er hat Intellektualisieren und Theoretisieren oft als ein Ausweichen vor den Fakten der augenblicklichen Lebens- und Beziehungsrealität erkannt oder begriffen und andere auf unfreundliche und oft auch auf verletzende Art und Weise konfrontiert. Perls wusste aus eigener Erfahrung, was die reduzierte Sprachpersönlichkeit entbehrt. Er hat sich selbst in Bezug auf seine psychoanalytische Zeit als »Wisdomshitter« bezeichnet, was wohl die Amerikanisierung des im Deutschen gebräuchlichen Wortes ›Klugscheißer‹ ist (vgl. Perls 1993, 6).
Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren für die jungen Rebellen nicht die Zeit der Mitte, nicht die Zeit der Synthese und Integration, auch wenn diese Themen, mit Bezugnahme auf Mynonas Konzept der schöpferischen Indifferenz, in der Diskussion präsent waren. Für Raoul Hausmann war »die Gegenläufigkeit (Ambivalenz, Polarität, Dialektik) … das Primäre« (Hausmann 1982b, 172). Es ging ihm darum, »die ungelösten Widersprüche ›zu bejahen‹, d. h. aufzudecken, zu benennen, zu zitieren, sie aufeinanderprallen zu lassen« (Bergius 1993, 237). Im neuartigen Konzept der künstlerischen Fotomontage, als deren Pioniere Raoul Hausmann, Hannah Höch und der »Monteurdada« John Heartfield gelten, wird diese Haltung sinnlich präsent (vgl. ebd., 236). In der Montage wird Realität polar vorgeführt. »Der Entstehungsprozess – das Zerschneiden, Trennen, Teilen eines bestehenden Ganzen, und dann das Montieren der Teile zu einem beliebigen Ganzen in all seinen Widersprüchen«(Nobs in Desch et al. 1991, 194) – ist ein sinnlicher Akt, der die Brüchigkeit der Realität auch im künstlerischen Akt selber erfahrbar macht.
Erst gegen Ende der Dadaphase orientierte sich Hausmann stärker an den konstruktiven und synthetischen Möglichkeiten und forderte »in der mitteleuropäischen Flachheit endlich den Aspekt einer Welt die real ist, eine Synthese des Geistes und der Materie« (Hausmann 1982b, 25), wobei er sich auf Mynonas Begriff »Présentismus« (ebd., 24) bezog. Das Konzept des Présentismus war bei Hausmann verbunden mit seiner Forderung nach der »Erweiterung und Eroberung all unserer Sinne! (ebd. b., 28). […] Damit uns bewusst sei, dass wir leben, heute leben!!« (ebd., 26 f.). Damit wurde nach Erlhoff dem Künstler die politische Funktion zugeschrieben,
»die Menschen zu enttäuschen, ihnen selber dadurch die präzise Wahrnehmung ihrer Realität zu ermöglichen und gleichsam darauffolgend sie in die Lage zu versetzen, ihren Wahrnehmungsapparat zu verbessern, ihre Sinne (Hausmann nahm das ganz physiologisch) zu qualifizieren, so dass sie sich und die Gegenstände wirklich in die Hand hätten bekommen können« (Erlhoff in Hausmann, 225).
Im Kampf gegen die aufgeblasene deutsche Geistigkeit, gegen »die bürgerliche Geschichte des Kopfes« (ebd., 230) bestand Hausmann auf dem sinnlichkonkreten Menschen. Er kämpfte, und das scheint mir als Bestandteil des Gestaltansatzes heute noch wichtig, gegen »die Idealität der Ware, die Vorstellungswelt der Performanz der Ware und deren Schein […]. Die Dinge sollten für die Menschen wieder handhabbar sein, auch transparent, deutlich, einfach – eben wahrnehmbar und begreifbar« (Erlhoff, 231). Was Erlhoff hier als Anliegen Hausmanns benennt, das nannte Perls später: »Lose your mind and come to your senses.« Durch die Ausdrucksexperimente Hausmanns und anderer Dadaisten, etwa mit Lautgedichten, sollten erstarrte bürgerliche Haltungen aufgelöst und die Sinnesempfindungen zurück gewonnen werden. In den inhaltlich sinnlosen Lautgedichten kann man durchaus das expressionistische »Verlöschen des Inhalts zu Gunsten der Expression« (Benn in Korte 1994, 21) erkennen, denn den Expressionisten wie den Dadaisten ging es um die Rückbindung der Kunst an die »Urkräfte des Lebens« (Hausmann). Diese Haltung kennzeichnete auch das Verhältnis von Perls und Goodman zum Phänomen Sprache (vgl. Bocian 2000, 52 f.). Bei ihnen geht es gegen die isolierte Sprachpersönlichkeit, gegen Sprechen als Vermeiden von Fühlen und gegen Intellektualisieren als Abwehr. Bewirkt werden soll eine »Reorganisation des Denkens« (Perls 1991, 229), damit der Mensch wieder zu Sinnen kommt, anstatt nur in Kontakt mit seinen Projektionen, Übertragungen und Maya zu sein. Im besten Falle kommt der Mensch »wieder zu Sinnen, indem er seine Vernunft anwendet« (ebd., 54), die nun eine ganzheitliche, eine sinnliche Vernunft ist. Der alte Perls hat manche seiner Workshopteilnehmer – oft akademische Lehrkräfte mit langjähriger Erfahrung auf der Couch eines freudianischen Psychoanalytikers (vgl. Gaines 1979) – aufgefordert, ihr Sprechen und Fragen zu unterbrechen und inhaltlich sinnlos loszubrabbeln. Dies waren dadaistische Lautexperimente, die die habituellen Sprech- und Denkgewohnheiten aufbrechen und den sprachlichen Ausdruck wieder mit der persönlich-leiblichen Erfahrung verbinden sollten.
Perls ist mit den Dadaisten vor dem Hintergrund der gemeinsamen Krisenerfahrung auch noch auf einer tieferen Ebene verbunden. Huelsenbeck hat betont, dass »Dada seine tiefste Verzweiflung lebte, sie in der Kunst ausdrückte und in dieser schöpferischen Teilnahme seine eigene Therapie in sich selbst fand« (Huelsenbeck 1994, 224). Dies gilt meiner Ansicht nach auch für Perls und seine persönliche Form der Gestalttherapie. Bis an sein Lebensende hat er immer wieder davor gewarnt, in Schnelltherapien die Konfrontation mit Leid und Schmerz zu umgehen, und die Notwendigkeit betont, durch das »Höllentor des Seelensumpfes, diese äußersten Leiden, hindurchzugehen« (Perls 1986, 237).
Otto Gross: Anarchismus und Psychoanalyse
»Dieser Konflikt der Individualität, mit der ins eigene Innere eingedrungenen Autorität, ist mehr als sonst der tragische Inhalt der Kindheitsperiode«
(Otto Gross)
»Wenn du giftig bist, heißt das, dass du einen Dybbuk, einen Dämonen, in dir hast, jemand, der dich vergiftet, den du ganz und gar verschlungen hast.
Die Freudsche Vorstellung, dass wir den Menschen introjizieren, den wir lieben, ist falsch. Du introjizierst immer Menschen, die dich beherrschen.«
(F. Perls 1986, 148)
Die Kulturkritik von Dada Berlin fand einen wichtigen Vorläufer in den Publikationen der Zeitschrift »Freie Straße« (1915–18), die ihren Namen einem Gedicht von Walt Whitman verdankte und die wesentlich durch die Forderungen von Otto Gross und Franz Jung nach einer erotisch-sozialen Revolution geprägt waren. Otto Gross, Arzt, Anarchist und Psychoanalytiker, war eine Schlüsselfigur der damaligen Bohème.
Die Theorie von Gross, die unter anderem an Nietzsche und den frühen kulturkritischen Freud anknüpft, beinhaltet ein kulturrevolutionäres Programm zur Überwindung des Wilhelminismus: »Innerhalb der europäischen Avantgardebewegungen markierte die Konzeption eine antibürgerlich-anarchistische Revolte, die auf eine Revolutionierung der Lebenswelt gerichtet war.« (Korte 1994, 22 f.) Gross vertrat die Utopie einer Gemeinschaft, die sich in freien Liebesbünden organisieren und in der das auf dem Patriarchat beruhende Übergewicht des Mannes über die Frau aufgehoben sein sollte. Die Revolution wurde nicht nur als ökonomische oder soziale Veränderung verstanden, sondern umfasste auch die Umwälzung der inneren Welt der Subjekte und ihrer privaten Beziehungen zueinander. Männlichkeit und Weiblichkeit waren für Gross künstliche, durch die vaterrechtliche Gesellschaftsordnung geschaffene Kategorien. Wie später für Wilhelm Reich, war für Gross die patriarchalischbürgerliche Familie die entscheidende gesellschaftliche Sozialisationsinstanz für die Weitertradierung von Unterdrückung und Herrschaft, und die Aufgabe der Psychoanalyse war es, »das ›Eigene‹ als erotisch-soziale, revolutionäre Kraft zu befreien, um die gesellschaftlichen Konventionen zu sprengen« (Bergius in Dech et al. 1991, 63).
Gross war für einige Zeit an Freud orientiert, der seine frühen Arbeiten, etwa zur Schizophrenie, positiv registrierte. Darüber hinaus bezog Gross auch Arbeiten von Alfred Adler in seine Überlegungen ein. Im Zusammenhang mit seiner Rauschgiftsucht war Gross 1908 auf Anraten Freuds freiwillig in die berühmte Klinik Burghoelzli in der Schweiz gegangen und dort von C. G. Jung in Analyse genommen worden. In dieser Zeit nannte Freud in einem Brief Otto Gross und C. G. Jung seine beiden »einzig originellen Schüler« (vgl. Nitzschke 1988, 197). Jung sah sich schon bald in eine gegenseitige Analyse einbezogen, die scheiterte, und Gross entschwand recht bald über die Krankenhausmauern.
Gross war ein Vorläufer des politischen Wilhelm Reich, der die Psychoanalyse konsequent als Mittel verstand, den Einzelmenschen für die Revolutionierung der Gesellschaft vorzubereiten, und dem dabei die Befreiung der Sexualität ein zentrales Anliegen war. Bezogen auf die Gestalttherapie kann, was die psychoanalytische Tradition angeht, ausgehend vom frühen kulturkritischen Freud eine Linie von Gross zu Reich und zu Perls gezogen werden. Psychophysische Einheit, Selbstregulation, Kontakttheorie, Anti-Introjektionstheorie, Durchsetzung des Eigenen gegen das elterliche und gesellschaftliche Fremde sind Stichworte, die sowohl eine bestimmte Lebenserfahrung als auch den Versuch skizzieren, vor diesem Hintergrund eine Theorie zu bilden. Der Einfluss der Theorien von Otto Gross lässt sich, was das Umfeld von Perls ausmacht, am deutlichsten bei Raoul Hausmann finden.
Gross und Hausmann: Revolution gegen die eigenen Konventionen
Hausmann nannte Otto Gross und Franz Jung die psychoanalytischen Quellen des Berliner Dadaismus (vgl. Bergius 1993, 79). An einer anderen Stelle schrieb er sogar, dass der Dadaismus 1918 in Berlin Fuß fassen konnte, »weil ihm die Zeitschrift ›Die Freie Straße‹ eine psychologische Grundlage bot« (in Schuhmann 1991, 167). Er sah hier »eine neue, gegen Freud gerichtete Psychoanalyse; es war Otto Gross, der die Grundformel gefunden hatte: die des Konflikts des ›Eignen‹ und des ›Fremden‹ für die Entwicklung der Persönlichkeit.« (ebd.) »Gegen Freud« meint hier, dass Gross eindeutig Partei für das Eigene und den Eigenwillen im Gegensatz zu den Forderungen der Gesellschaft nahm und Hausmann durchaus die Tendenzen der Freudschen Psychoanalyse zur Anpassung an eine Realität wahrnahm, die nur die gegebene Gesellschaftsordnung meinen konnte. In den Kriegs-, Revolutions- und Bürgerkriegszeiten war vom Berliner Psychoanalytischen Institut, das durch seine Beiträge zur Behandlung von sogenannten Kriegsneurotikern erstmalig Anerkennung von den staatlichen Autoritäten erhalten hatte, nichts Kritisches zu hören oder zu lesen gewesen. Laut Reichmayr waren die Analytiker in der Kriegszeit in der Mehrzahl, »keine Hurrabrüller, sondern Jasager, nicht begeistert, aber pflichterfüllt, nicht distanziert, sondern identifiziert« (Reichmayr 1994, 61).
Hausmann wehrte sich auch gegen die Pathologisierungstendenz der Freudschen Psychoanalytiker und nannte sie die »leibhaftigen Verdränger der Einzigartigkeit« (in Schuhmann ebd., 248). In einer seiner Satiren ließ er einen Freudianischen Psychoanalytiker sagen, er könne »jeden Revolutionär, falls er nur lange genug in meiner Behandlung bleibt, als Querulant entlarven, mag er auch noch so gesund sein« (Hausmann 1982a, 88). Es störte ihn, dass die »tapferen Schildbürger der Psychobanalyse … sanft und überlegen lächelnd« (ebd., 70) erklärten, Dada sei infantil, »Dada sei psychobanal genug, um von ihnen erklärt und aufgelöst zu werden« (ebd.). Das mag auch auf reale Ereignisse in der Wohnung von Arthur Segal zurückgehen, bei denen Mynona und der Psychoanalytiker Ernst Simmel, dem Mynona das Pseudonym »Lemmis« gab, entsprechend in Streit gerieten. Mynona berichtete, dass der »bekannte Psychoanalytiker Doktor Lemmis (vom Volksmunde Psychoanalügner genannt)« (Mynona 1989, 175) zu seinen Witzeleien »in einem entschiedenen Antagonismus stand« (ebd.). Wahrscheinlich ging es um Mynonas Satiren in dem Bändchen »Das Eisenbahnglück oder Der Anti-Freud«. Mynona schrieb: »Wie man weiß, gehört Lemmis zur Freudschen Schule und ist sogar noch etwas päpstlicher als der Wiener Papst: Er leitet jede geringste Regung des Leibes und der Seele aus der Geschlechtlichkeit ab.« (ebd.) Der Freudianer Lemmis schien ehrlich empört über Mynonas Freud-Satiren und »seine Rache bestand darin, dass er seinerseits Salomos Buch psychoanalysierte und es aus Impotenz ableitete« (ebd.).
Mit der Freudschen Sichtweise, dass unterdrückte sexuelle Motive zentral sind, war Raoul Hausmann einverstanden (vgl. Hausmann 1982a, 14), aber er wehrte sich gegen das Infantilisieren jeglicher rebellischen Regung: »Dada ist nicht das unerfahrene Kind, das gegen die Bedrückung der Familie oder des Vaters protestiert, wenn es innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft diese Gesellschaft ablehnt.« (ebd., 170) Er bestand darauf, dass der Dadaismus eine erwachsene, »eine taktische Einstellung« (ebd., 171) und eine »praktische Selbstentgiftung« (ebd.) sei. Hausmann, genau wie Georg Grosz und John Heartfield, gehörte zum Kreis um die Zeitschrift »Freie Straße«, der erkannt hatte, »dass alle geistige Gestaltung eine Art Selbsterziehung des Menschen darstellt, in der die Routine und die Konventionen unerbittlich ausgeschaltet werden mussten« (ebd.).
Der »Dadasoph« Hausmann, als Verbindungsglied zwischen Otto Gross und Mynona, ging in dieser Periode ganz im Sinne der Theorie Gross’ vom Konflikt zwischen Isolierung und Anpassung aus. Dieser Konflikt liegt in uns und ist gebunden an die »Urform der Gemeinschaft« (Hausmann 1982a, 27), an die Familie, in der der patriarchalische Vater herrscht. Dem Ich stellt sich die Aufgabe der »Eroberung der eigenen Gesetzmäßigkeit« (ebd., 28) und des eigenen Erlebens, wozu es die »Technik des Wissens um sich Selbst« (ebd.) braucht, die die »Revolution gegen die eigenen Konventionen« (ebd.) beinhaltet. Es geht um nicht weniger als die »Umgestaltung der Welt durch den Menschen der Gemeinschaft, der die Aufhebung der fremden Macht in innerste eigene Autorität […] fordert« (ebd., 32).
Als Polarist ging Hausmann davon aus, dass das Ich des »Einzeln-Einzigen« (ebd., 44) notwendig an sein »Wider-Ich« (ebd.), an den anderen, gebunden ist. So ist »Kompromissbildung« zwischen dem Willen des Ich und dem fremden Willen notwendig. Im Rahmen der damaligen politischen Diskussion verstand er die Gesellschaft, die Kommune, als diese Kompromissbildung, an der das Ich seinen »schöpferischen Trieb« (ebd., 29) betätigt. Es ging ihm dabei um den »Balancierpunkt von Freiheit und Gesetz« (ebd., 45), der aber nur gefunden werden kann (und hier denke ich wieder an Perls), wenn das Individuum den »Kampf um das eigene Erleben« (ebd., 44) aufnimmt, den Schritt »der Aufhebung der fremden Macht in innerste eigene Autorität« (ebd., 32) unternimmt und die »Freimachung des Erlebens aller fordert« (ebd.). Mit diesen Theorien hat Hausmann das Programm der kulturrevolutionären Psychoanalyse von Otto Gross im Mynonakreis verbreitet.
3. Schluss
Friedlaenders/Mynonas Polaritätsphilosophie hat Perls und Teilen der Berliner Kunstavantgarde positive Möglichkeiten der Bewältigung ihrer ›postmodernen‹ Identitätsproblematik8 geboten. Mit seiner Philosophie konstruierte Friedlaender die Möglichkeit, mit einer Art »Patchworkpersönlichkeit« (Keupp) zu leben, wie moderne Identitätsforscher das heute vielleicht nennen würden. Er entwickelte in Bezug auf sich selbst eine
»sich traditionellen Mustern verweigernde Lebenshaltung, die es ihm erlaubte, ernster Philosoph und Groteskenschreiber, Familienvater und Bohémien, Lyriker und Didaktiker, Moralist und Narr zu sein, ohne ein schizoides Bild von sich zu haben. Vielmehr entwarf er Maximen, die von ihm verlangten, möglichst Extreme zu leben, um sich der eigenen Einheit, Identität und Macht zu vergewissern.« (Exner 1996, 236)
Zum historischen Hintergrund des Gestaltansatzes gehört die Erfahrung, die die deutschen Juden in der »prima linea« der Großstadtavantgarde mit ihrer Mehrfachidentität und ihrer chronischen Nicht-Dazugehörigkeit machten: die Erfahrung, dass sie letztlich nur bei sich selbst zu Hause waren. Identität und Heimat mussten sie aus sich selbst heraus schaffen, und sie taten dies zumeist in einem kleinen menschlichen Bezugsnetz, einer »einbettenden Kultur« (Keupp et al. 1999, 296), die Halt, Dialogmöglichkeiten und Anerkennung bot und aufgrund der Emigration zum Teil mehrfach neu konstruiert werden musste. Perls’ verehrter Lehrer Mynona hat in einem seiner Briefe aus dem Exil diese Erfahrung auf den Punkt gebracht:
»Wir brauchen … einen autonomen Individualismus mit sozialer Konsequenz. Eher wird es nicht gut.« (Friedlaender/Mynona 1986, 12)
Ludwig Frambach
Philosophie, Mystik, Psychotherapie
Die Bedeutung Salomo Friedlaenders für die Gestalttherapie
Warum beschäftige ich mich so intensiv mit Salomo Friedlaender und seiner Philosophie? Oder andersherum: Warum beschäftigen mich Friedlaender und seine Philosophie so intensiv? Was spricht mich da so an? Diese Fragen stelle ich mir immer wieder, vor allem im Kontext der Gestalttherapie. Denn dort finden viele Friedlaender überhaupt nicht interessant und für diese Psychotherapieform sogar so bedeutungslos, dass man ihn in Darstellungen der Gestalttherapie nicht mal erwähnen muss. Das gibt zu denken! Bin ich vielleicht wirklich auf dem Holzweg? Messe ich ihm eine geistige Bedeutung zu, die er gar nicht hat, weder allgemein als Philosoph, noch speziell für die Gestalttherapie? Die meisten in der Gestalttherapie-Szene, sofern sie an theoretischen Hintergründen interessiert sind, sehen Friedlaender nicht als grundlegend für diesen Ansatz an. Manche kennen nicht einmal seinen Namen. Warum sollte meine Einschätzung, die von einigen in verschiedenen Graden der Zustimmung geteilt wird, die richtige sein? Nun, nach eingehender kritischer – und hoffentlich auch selbstkritischer, denn das ist das Schwerste – Überprüfung bleibe ich dennoch bei meiner ausgeprägten Wertschätzung für Friedlaender und seine Philosophie und meiner Einschätzung seiner grundlegenden Bedeutung für die Gestalttherapie. Vielleicht bin ich ja auch einfach nur stur?
Auf die Frage, was mich an Friedlaender und seiner Philosophie so anzieht, gibt es natürlich eine ganze Reihe von Antworten. Aber drei Aspekte, die mir persönlich besonders wichtig sind, möchte ich an den Anfang meiner Überlegungen zur Bedeutung Friedlaenders für die Gestalttherapie setzen: Bohème, Humor, Mystik.
1. Die Bohème
Friedlaender hat in Berlin in Künstlerkreisen gelebt, in der sogenannten Bohème, hergeleitet von der Bezeichnung »Zigeuner aus Böhmen«. Maler, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler, Philosophen, Querdenker bildeten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine lebendig-kreative Szene unbürgerlicher Existenzen, eine experimentierfreudig-freigeistige gesellschaftliche Avantgarde (Bocian 2007, 134 ff.). Friedlaender selbst hat sie so beschrieben: »Zigeuner des Geistes – eine Fülle abenteuerlich mit dem Leben experimentierender Männer und Frauen, berühmter, obskurer, ruhmwürdiger.« (M 1965, 227) Und er fühlt sich in dieser abenteuerlich bunten Melange wohl, die sich in Ateliers traf und in Cafés, wie dem »Café des Westens«, im Volksmund »Café Größenwahn« genannt, vornehmlich zu fortgeschrittener Stunde. »Ich habe nämlich niemals in den Tag, sondern immer mal wieder tief in die Nacht hineingelebt. Vereinsmeier war ich nie, gehöre aber jetzt dem Verein ehemaliger Eunuchen […] an. Denn stets wohnten (mindestens) zwei Brüste in meiner Seele.«1 So ironisiert er seinen ausgeprägten Hang zu amourösen Abenteuern, typisch nicht nur für ihn, sondern für die Bohème insgesamt.
In akademisch-universitären Kreisen bewegt sich Friedlaender kaum. Und bei den professoralen akademischen Philosophen stößt er auch auf fast keine Resonanz, bis auf wenige Ausnahmen wie z. B. Georg Simmel. Er bezeichnet die Mitglieder des akademisch-universitären Bildungsmilieus mit dem ihm eigenen Sprachwitz als die »Akadämlichen« (GS 1, 79). Ihm war das »akadämliche« Geistesmilieu wohl schlicht zu langweilig. Der spezifisch freigeistige Esprit der Bohème lag ihm da weit mehr. Hier fühlte er sich inspiriert und geistig herausgefordert. Er hat das konsequent gelebt mit all den Problemen einer finanziell ungesicherten Existenz und der fehlenden Anerkennung von Seiten der etablierten Philosophenzunft der Universitäten.
Dieser Bohème-Aspekt spricht mich bei Friedlaender besonders an. Ich wollte anfänglich einmal Kunst studieren, da ich für das Bildnerische ein gewisses Talent habe. Als mich die Kunstakademie ablehnte, überlegte ich kurze Zeit, Diktator zu werden, entschied mich aber dann doch für ein Studium der Philosophie und Kunstgeschichte und wechselte dann nach zwei Semestern zur evangelischen Theologie. Mein Freundeskreis in Nürnberg und Umgebung besteht zu einem großen Teil aus Künstlern, aus Malern und Musikern, Schriftstellern, aus unbürgerlichen kreativen Menschen. Es ist eine Art fränkischer Bohème. Von meinem Beruf her müsste ich mich wohl eher im kirchlichen und akademischen Milieu bewegen, unter Studierten, unter Theologen, Psychologen, Medizinern usw. Aber mir geht es da wie Friedlaender, mir ist das meist zu langweilig, zu unlebendig, auch wenn es dort natürlich auch sehr interessante Menschen gibt. Unter dem Titel »Ein munteres Völkchen« habe ich für einen Ausstellungskatalog meiner fränkischen Künstlerszene einen Text geschrieben, der sie aus sozial-psychologischer Perspektive in den Blick nimmt:
»Jedes Volk braucht ein Völkchen. Das Volk der Normal-Bürger braucht die unangepassten Kreativen, die Künstler. Die ›Normalen‹ brauchen die ›Ver-rückten‹, die zeigen, dass es möglich ist, kreativ anders ›ver-rückt‹ zu sein, nicht im Sinne von psychischer Krankheit. Damit das Leben nicht ganz zuwächst mit Konvention, Tradition, Bürokratie und Sicherheit, kurz mit Ordnung. In einer Gesellschaft, die rational überorganisiert verzweckt ist, fixiert auf den in Geld zählbaren Erfolg, ist es wichtig, dass es Gruppen gibt, die sich diesem Diktat nicht beugen. Sie sind so etwas wie das Salz in der gesellschaftlichen Suppe, die sonst wohl ziemlich fade schmecken würde.« (Frambach 2010, 13)
Eines möchte ich noch erwähnen, nämlich dass die Künstlerszene durchaus für soziale und karitative Belange offen und zu engagieren ist, z. B. für Benefiz-Konzerte oder -bildversteigerungen, nach meiner Erfahrung weitaus mehr als der finanziell abgesicherte Normalbürger. Man sollte nicht in eine Idealisierung zu verfallen, denn es gibt auch hier genug menschliche Unzulänglichkeiten, wie ein nicht seltener narzisstischer Hang zur Selbstdarstellung. Doch stellt das Bohème-Milieu, das keineswegs nur aus Künstlern, sondern querbeet auch aus Sozialpädagogen, Gast- und Landwirten, Lehrern, Theologen, Unternehmern usw. besteht, eine sehr anregende Mischung aus kreativem Individualismus und freier Gemeinschaftsbildung dar. Und die meisten dieser freigeistigen Menschen sind an philosophischen und religiösen Fragen ausgesprochen interessiert, wenn sie nicht autoritär dogmatisch beantwortet werden. Das mögen sie gar nicht.
»1922 – Neuer Anfang. Sehr aufregend. Wir! Ich vergrößere die familienlose Welt. Wir: Bohemiens, abseits des Weges. Schauspieler, Maler, Schriftsteller. Schaffen eine neue Welt. Bauhaus, Brücke, Dadaismus, neue Realitätsbewegung. Entdecke einen Guru: S. Friedlaender (erstes Kapitel) ›Schöpferische Indifferenz‹. Entdecke den Nullpunkt als Zentrum des Nichts, das sich in Gegensätze ausdehnt. Zum ersten Mal eine solide Position. Taste mich durch. Und weniger verwirrt.« (Perls 1998, 116)2
Ganz offensichtlich, Perls identifiziert sich mit der Berliner Bohème. »Wir!« Er sieht sich als Teil, als Mitglied dieser kreativen Szene. Und er ist davon ausgesprochen inspiriert, angeregt, ja aufgeregt. Hier wird die künstlerische Seite seines Charakters angesprochen, die er als Maler, Zeichner, Karikaturist, Schauspieler, Schriftsteller etc. etwas ausgelebt hat und die eine grundlegende Bedeutung für sein Verständnis von Therapie hat.
Die Bohème, diese ausgesprochen kreative Mischung aus Kunst, Literatur, Humor, Philosophie, Politik, Gesellschaftskritik, Wissenschaft, Utopie usw., ist ein wesentlicher geistiger Quellgrund der Gestalttherapie. Perls suchte später wieder nach einem solchen Milieu und fand etwas Ähnliches in New York um Paul Goodman und in der sogenannten »counter culture« (Frambach 2010, 35).
Dieses bunte, kulturell vielgestaltige Milieu ist charakteristisch für die Gestalttherapie von ihrer Entstehung her und zum großen Teil noch heute für ihr Erscheinungsbild. Dieser Ansatz hat eine ausgeprägte Affinität zur Kunst und steht in einer schöpferischen Wechselbeziehung zu ihr (Spagnuolo Lobb / Amendt-Lyon 2006). Aber das enthebt natürlich nicht der Aufgabe einer wissenschaftlichen, insbesondere klinischen Fundierung.
Das kreative Bohème-Milieu war ausgesprochen individualistisch und gegen bürgerliche Normen gerichtet. Zur geistig-psychischen Gesundheit bedarf es auch einer mehr oder weniger ausgeprägt nonkonformen Individualität. Aber das kann auch übertrieben werden und den Gemeinschaftssinn, das Soziale, zu sehr in den Hintergrund treten lassen. Friedlaender/Mynona hat das hellsichtig gesehen: »Wir brauchen […] einen autonomen Individualismus mit sozialer Konsequenz. Eher wird es nicht gut.« (F 1982, 44)3 Der Einzelne und die Gemeinschaft, eine Polarität, die in lebendiger Balance gehalten werden muss.
2. Der Humor
»Als echter Polarist trägt dieser Philosoph seinen Schalknarren im Busen. Er hat ihn Mynona getauft und mit seinen Eulenspiegeleien, seinen berühmten Grotesken, die Welt der Philister unsicher gemacht. Man lese ›Rosa, die schöne Schutzmannsfrau‹, die ›Bank der Spötter‹, die ›Graue Magie‹ oder gar den herrlichen ›Schöpfer‹ und man wird verstehen, was es heißt: die Kappe werf’ ich in die Luft – denn ich entsprang!« (Udo Rukser, GS 3, 877)
Friedlaender hatte ein alter ego: Mynona (anonyM murehsredna). Und Mynona schrieb vor allem Grotesken. Diese innovative literarische Ausdrucksform hat er wesentlich geprägt und virtuos beherrscht: »Kein deutschsprachiger Autor vor ihm und nach ihm hat die Form der Groteske zu solcher Meisterschaft entwickelt und so souverän gehandhabt wie Mynona.« (H. Geerken in M 1980, Bd. 2, 288) In den verqueren Geschichten, deren Anspielungen auf zeitgenössische Personen und Ereignisse heute leider oft unverständlich sind, erweist er sich, der »geradezu zirzensische Sprachartist«, als spielerischer Wortjongleur und kreativer Buchstabenanarchist, der an verfestigte und erstarrte Sprech- und Denkmuster rüttelt, um neuen Ausdrucksmöglichkeiten Raum zu schaffen. Er stellt die Dinge auf den Kopf und verdreht die Perspektiven in einem »Fasching der Logik« (Titel in F 1913). In »Trappistenstreik« z. B. verkehrt sich der streng asketische Schweigeorden in eine gröhlend zechende Meute (M 1922). Da wird jemand »durch allzu stürmische Verehrerinnen in die zweite Dimension zurückgedrängt, d. h. buchstäblich plattgeschlagen« (M 1980, Bd. 1, 67). Oder da »war eine Stille entstanden, wie sie nur zwei Tote mit vereinten Kräften bewerkstelligen können« (M 1919, 5). Die Ehe ist ein »Trauringkampf«. Er spricht vom »Königsberger Intelligenzklops«, »Immanuel (Unbe-)Kant« (M 1931, 51), von einem »Saufruf an mein Volk« (1919, 387), kreiert Wortschöpfungen wie »Hinterpretation« (M 1931, 49), »Zionanie, Ejakulyriker, Nebenbeischlaf« (M 1980, Bd. 2, 302 f.).
Schon früh (M 1922) warnt Mynona scharfsichtig vor den aufkommenden »Hakenkreuzgrünschnäbeln« und deren antisemitischem Ungeist. In der Groteske »Fast Nacht« von 1934 (in M 1980, Bd. 1, 227–229) karikiert er dann in gallenbitterer Satire das »runenalte Zauberland Hintlerien«, in dem »zur Fastnacht das Progrommaterial auszugehen droht«, da der »Antise-Mitmensch« die Juden bereits zu stark dezimiert hat. Um dem entgegenzuwirken, inszenieren das »Verführerlein«, der »weniger hochbetagte als vielmehr tiefumnachtete Landespapa« und sein »Propaghandi« oder »Propagauner« eine projüdische Kampagne, die das nun philosemitisch manipulierte Volk dazu bringt, in »Juda du Recke!«-Rufe auszubrechen. Dass der Verfasser derartig entlarvender Texte sich nach der nazistischen Machtergreifung ins Exil retten musste, bedarf keiner weiteren Erklärung (Frambach 1996, 16).
Mir ist es ausgesprochen sympathisch, dass dieser Philosoph nicht nur ernsthaft philosophiert, sondern auch seinen Humor kreativ auslebt. Und das ist für ihn nicht nur eine Beschäftigung neben seiner Philosophie, sondern zutiefst mit ihr verbunden.
»Mynona war und ist ein wohltuendes Gegengewicht gegen den Verfasser der Schöpferischen Indifferenz, die Zerstreuung zu dieser Anspannung, das Alkali zu dieser Säure, das Sichgehenlassen einer in Friedlaender verborgenen Disziplin, die Liederlichkeit meines strengen Anstandes (ohne den ich wirklich ein Luder wäre).« (Brief v. 1918; GS 4, 17)
Er sieht sich gleichsam als Doppelexistenz: »Ich bin ernsthafter Philosoph und Humorist in Personal-Union.« (F 1982, 35) Die humorig grotesken Geschichten sind für ihn spielerische Umsetzungen seiner philosophischen Überzeugungen: »Groteske Verzerrung ist die Kraft- und Belastungsprobe der seelischen Fähigkeit, Umfänglichkeit und Elastizität; die Rechnungsprobe auf die Richtigkeit des metaphysischen Prinzips der schöpferischen Indifferenz polarer Observanz.«4 Der Humor ist ihm Gegenpol zu seinem konsequenten strengen Denken und macht ihn geistig flexibel. »Ohne Spielzeug bei mir kein Ernstzeug.« (Tagebuch 5, März 1934) Damit aus dem Ernst kein tödlicher Ernst wird, kein Fanatismus, keine intolerante Ideologie, darum ist der Humor wichtig. »Es ist der Test jeder guten Religion, ob man über sie Witze machen kann.« (Gilbert Chesterton) Auch, ob sie Witze machen kann, möchte ich ergänzen. Das gilt nicht nur für Religionen, sondern auch für Philosophien, Ideologien, Weltanschauungen aller Art. Auch für Psychotherapieansätze.
Auch Fritz Perls hatte durchaus eine humoristische Ader, die sich z. B. in den selbstironischen Karikaturen seiner Autobiografie ausdrückte.
Der Humor wird viel zu wenig ernst genommen. Und wie gesagt, darum ist es mir so sympathisch, dass Friedlaender den Humor in sein Philosophieren integriert. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass ich selbst eine Neigung zu satirischem Humor habe: »Psychologie des Gartenzwergs. Eine psycho-soziale Studie über eine kleine Existenzform von großer Bedeutung.« (Frambach 1998, verfasst 1983)
Die Doppelung Friedlaender/Mynona benennt den ganzen geistigen Menschen. Darum ist es richtig, dass Detlef Thiel konsequent das Kürzel F/M verwendet. Ich spreche meist von Friedlaender, da ich mich auch meist auf den Philosophen der Personalunion beziehe.
3. Die Mystik
Dieser Punkt ist mir bei Weitem der wichtigste. Und darum ist er auch bei Weitem umfangreicher als die ersten beiden Aspekte.
Schon vor meinem Studium der Theologie habe ich mich für Mystik interessiert. Für christliche Mystik und Kontemplation, die Praxis der Mystik, aber auch für Mystik in anderen Religionen, insbesondere den Zen-Buddhismus. Hugo Enomiya-Lassalle (1898–1990), der Pionier des Zen im christlichen Raum, war mein wichtigster Lehrer der meditativen Praxis, aber ich beschäftigte mich auch mit der Philosophie des Zen, z. B. der Kyoto-Schule von Nishida und seinen Nachfolgern. Auf die Gestalttherapie stieß ich dann gegen Ende der Siebziger-Jahre. Zuerst machte ich eine Ausbildung beim Nürnberger Arbeitskreis für Gestalttherapie, dem heutigen Symbolon-Institut, später am Fritz-Perls-Institut. An der Gestalttherapie hat mich der erfahrungsbezogene, experimentelle Charakter angezogen, speziell die Betonung der »Awareness«, der in der Leiblichkeit gegründeten Bewusstheit im Hier-und-Jetzt. Das waren Aspekte, die ich auch von christlicher Mystik und Zen her kannte. Aber insgesamt hatte mich meine geistige Suche eher intuitiv als reflektiert zu Mystik, Zen und Gestalttherapie geführt. Nun wollte ich tiefer und bewusster verstehen, was diese drei Bereiche verband, das prinzipiell Gemeinsame. Nach jahrelanger intensiver, wenn auch nicht sehr systematischer Auseinandersetzung in Praxis und Theorie erschloss sich mir im Sommer 1986 ein neues vertieftes Verständnis. Struktur und Dynamik des Prozesses, der diesen drei Bereichen gemeinsam ist, wenn auch auf verschiedene Inhalte bezogen, wurden mir bewusst in einer spontanen Einsichtserfahrung, die mich auch emotional tief bewegte. (Von wegen Denken im Sinne einer intensiven geistigen Suche hat nichts mit Gefühlen zu tun!) Ich habe das in meiner Dissertation ausgearbeitet, die 1994 leicht verändert unter dem Titel »Identität und Befreiung in Gestalttherapie, Zen und christlicher Spiritualität« erschienen ist. Entscheidend für dieses Prozessverständnis war für mich Friedlaenders Philosophie schöpferischer Indifferenz und polarer Differenzierung. Dadurch konnte ich nicht nur das von Perls unklar beschriebene »Fünf-Schichten-Modell« der Neurose als Phasen von Fixierung, Differenzierung, Diffusion, Vakuum und Integration stimmig interpretieren, sondern auch den existenziellen Prozess im Zen und der christlichen Mystik.
Friedlaender ist für mich ein philosophischer Mystiker. Darum ist seine Philosophie auch in religiöser Hinsicht relevant. Er ist kein religiöser Mystiker, in keiner Weise einer bestimmten Religion zuzuordnen, auch nicht der jüdischen. Er ist ein religiös unabhängiger Freigeist und sieht sich nur der philosophisch stimmigen Erkenntnis verbunden. In hinduistischen Kategorien würde man ihn dem Jnana-Yoga zuordnen, dem Weg zur Befreiung durch Wissen und Erkenntnis. Mystik ist nicht nur als ein religiöses Phänomen zu verstehen. Hilarion Petzold (1983) spricht im Rahmen seines umfassenden Ansatzes der sogenannten Integrativen Therapie von »Säkularer Mystik«. Mystik ist ein allgemeinmenschliches, kultur- und religionsübergreifendes Phänomen und nicht nur auf die Sphäre des Religiösen beschränkt.
Das Verhältnis des Absoluten zum Relativen, der Transzendenz zur Immanenz oder, theistisch-religiös ausgedrückt, von Gott zur Welt, das ist nach meinem Verstehen das zentrale Thema von Friedlaender, das er in seiner ureigenen Terminologie ausdrückt. Und damit ist er nah an mystisch-religiösen Einsichten, wie z. B. von Meister Eckhart (um 1260–1328), den er sehr schätzt: »Eckehardt entzückt mich, er ist der göttliche Freigeist fast schon im allerreinsten Sinne.« (F/K 1986, 35) Am Beispiel einer für Eckharts Gottesverständnis zentralen Aussage möchte ich verdeutlichen, wie relevant Friedlaender für den Bereich der Mystik ist. Eckhart schreibt: »Gott aber unterscheidet sich durch seine Ununterschiedenheit, seine Unendlichkeit, von allem Geschaffenen, Unterschiedenen, Endlichen …«5
Gott unterscheidet sich durch Ununterschiedenheit. Das trifft sich mit den grundlegenden Einsichten von Friedlaender.
»Das allerallgemeinste Merkmal aller möglichen Phänomene ist der Unterschied, die Differenz.« (GS 10, 98) Damit ein Phänomen existent und wahrnehmbar sein kann, muss es im Gegensatz zu etwas Anderem stehen, sich von etwas Anderem unterscheiden, different sein. Das grundlegendste Gestaltungsprinzip, das die Differenz der Phänomene strukturiert, ist die Polarität, der Urgegensatz, der Urunterschied. »Auch die allerkomplizierteste Relativität lässt sich in korrelative Paare auflösen.« (GS 10, 155)
Geht man der relativen Wirklichkeit konsequent auf den Grund, so lässt sie sich auf polare Verhältnisse zurückführen wie plus und minus, ein und aus, groß und klein, hoch und tief, nah und fern, abstoßen und anziehen, geben und empfangen usw. »Polarität ist der Ariadnefaden im Labyrinthe der Welt.« (GS 10, 432) Pole sind nach Friedlaenders Definition exakt entgegengesetzt wie plus und minus, sie sind »oppositiv (spiegelhaft) homogen« (GS 10, 135), sie sind identisch, aber mit umgekehrtem Vorzeichen. Polarität ist nicht nur eine philosophische Theorie, die eine interessante Geschichte und Interpretation hat (Thiel 2012, 27 ff.), sondern wissenschaftlich in allen Wissensgebieten nachzuweisen (Höhl/Kessler 1974; Köhne 1981, 1983), wie z. B. in der Quantenphysik (Welle-Teilchen-Dualismus; Komplementaritätsprinzip, Nils Bohr) oder der Struktur der DNA mit 64 polaren Kombinationsmöglichkeiten. Aber Friedlaenders philosophischer Blick richtet sich vor allem auf die Mitte der Polaritäten, auf deren Indifferenz:
»Seit Alters her hat man beim Polarisieren mehr auf die Pole als auf deren Indifferenz geachtet. In dieser aber steckt das eigentliche Geheimnis, der schöpferische Wille, der Polarisierende selber, der objektiv eben gar nichts ist. Ohne ihn aber gäbe es keine Welt.« (GS 10, 436)
Diese Indifferenz ist die schöpferische Zentraldimension der Wirklichkeit, genauer die »Immension aller Dimension« (GS 10, 440), die Friedlaenders Denken in immer neuer Variation unermüdlich umkreist. Das prinzipielle Problem dabei ist, dass es sich eben um nichts Differenziertes, Unterscheidbares handelt, das darum negativ als Nichts missverstanden wird: »Es herrscht ein Lebens- und Denkfehler: man verwechselt das Nichts von plus und minus mit dem minus.« (GS 10, 133). Die »monströse Überschätzung des Differenzierten« (GS 10, 120) führt zum Ignorieren der indifferent-zentralen Wirklichkeit, dessen, was wirklich wirkt:
»Grade das Nichts des Unterschieds ist dessen Schöpfer, die Realität der Realitäten, verglichen mit welche Unterschiede bereits subaltern sind, späte Sinnenfälligkeit. Gerade das objektive Nichts ist das subjektive Herz der Welt.« (GS 10, 120)
3.1 Mystische (Theo)-Logik
Betreiben wir nun etwas mystische (Theo)-Logik im Sinne von Meister Eckhart und Friedlaender. Wer oder was auch immer sich von der differenzierten Welt der Phänomene, des Relativen durch Ununterschiedenheit unterscheidet, steht dazu in einem Verhältnis, dass das herkömmliche Denken transzendiert und die logischen wie auch sprachlichen Ausdrucksformen übersteigt. Wir kommen in den Bereich des Paradoxen (griech. para dokein kann als das Denken übersteigend interpretiert werden). Denn das normale Denken, der Intellekt, beruht auf dem Prinzip des Unterscheidens. Ich habe das in einem Aufsatz mit dem merkwürdigen Titel »Von der Unfähigkeit des Intellekts das Absolute zu erkennen oder der Wettlauf zwischen Hase und Igel« (1996 veröffentlicht, 1989 verfasst) versucht zu erklären. Das intellektuelle Unterscheiden funktioniert wie das visuelle Unterscheiden, das Sehen, nach dem Vordergrund/Hintergrund-Prinzip. Wenn im Vordergrund etwas erkannt wird, etwas als Figur Gestalt wird, worauf sich das unterscheidende Erkennen und Wahrnehmen scharf stellt, dann wird immer etwas nicht erkannt, nämlich der Hintergrund, der unscharf und diffus wird.

An der bekannten Rubinischen Kippfigur kann das gut eingesehen werden. Entweder man sieht die Vase oder die zwei Gesichtsprofile. Beides zugleich können wir nicht sehen. Anders ausgedrückt: Das Ganze, das Absolute, wird durch unser unterscheidendes Erkennen immer in zwei unterschieden.
Dieses Ganze oder Absolute kann im Zusammenhang der Vordergrund/ Hintergrund-Differenzierung als der Grund verstanden werden. Das ist für mein Verständnis der Gestalttherapie wie auch von Zen und christlicher Mystik von zentraler Bedeutung. Wie vorne und hinten sind Vordergrund und Hintergrund polar, entsprechen der polaren Differenzierung. Der Grund ist kein mit dem unterscheidenden Intellekt erkennbares Phänomen. Er entspricht der Mitte der polaren Differenzierung, der schöpferischen Indifferenz. Er ist das, was sich in Vordergrund und Hintergrund differenziert. Im Daoismus wird der Grund durch den leeren Kreis symbolisiert, der sich als Phänomen in die Polarität von Yin und Yang differenziert.
Der Grund ist ein in Philosophie und Religion nicht selten zentraler Terminus. Ich beschränke mich hier auf das Verständnis bei Meister Eckhart. Bei Eckhart ist der »grunt« von entscheidender Bedeutung für das Verhältnis von Gott und Welt sowie die mystische Gotteserfahrung. Ernst Waldschütz hat dem »Denken und Erfahren des Grundes« (1989) bei Eckhart ein gründliches Buch gewidmet. Der Grund ist nach Waldschütz »das Allerselbstverständlichste, das oft gerade nicht bemerkt wird – doch Eckhart ruft es in Erinnerung.« (ebd. 120) Der »grunt«, den er auch als »boden reif aller creaturen« (DW I 225, 5 f.) bezeichnet, ist so grundlegend, dass ihn Eckhart einfach »isticheit« nennt, was Waldschütz mit dem Begriff der »So-heit« im Buddhismus (ebd. 325) in Beziehung setzt. Weiter sieht er bei Eckhart eine den grundsätzlichen Gegensatz von Subjekt und Objekt transzendierende Auffassung, die an die »Nondualität« (Loy 1988) erinnert, die für fernöstliche Spiritualität kennzeichnend ist: »Die Einheit des Grundes bedeutet, dass ein Denken in der Zweiheit von Subjekt und Objekt nicht nur nicht möglich, sondern völlig inadäquat ist.« (ebd. 341) »Mit der Objektivität des vorstellenden Denkens verschwindet auch die Subjektivität und es tritt etwas Neues ein, jenseits dieser Zweiheit, besser: diese Zweiheit immer schon unterlaufend und in einer ursprünglichen Einheit versammelnd.« (ebd. 333)
Die Einsichten von Eckhart und Friedlaender zu Gott und schöpferischer Indifferenz übersteigen die Prinzipien der klassischen aristotelischen Logik. Sich durch »Ununterschiedenheit unterscheiden« transzendiert das fundamentale logische Prinzip des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten: »Tertium non datur.« (Ein Drittes gibt es nicht.) Was ununterschieden, indifferent ist, das ist identisch, dasselbe. Das besagt der »Satz der Identität des Ununterscheidbaren«, Principium identitatis indiscernibilium. Und daher kann es sich nicht unterscheiden. Sonst wäre es unterschieden, different, anders. Und eben nicht ununterscheidbar. Die mystische Logik von Eckhart und Friedlaender besagt nun, dass der Satz der Identität wie auch der Satz vom ausgeschlossenen Dritten hier nicht gilt. Eine Entsprechung in der Zen-Philosophie ist die Logik des »soku-hi«, was man als »Ist gleich-Ist nicht-Logik« übersetzen könnte, die sich auf das berühmte logische Tetralemma des buddhistischen Philosophen Nagarjuna (2./3. Jh. n. Chr.) zurückführen lässt (Frambach 1994, 318 f.).
Interessant, dass der logische Grundsatz des »Tertium non datur« auch anders ausgedrückt werden kann. Im Englischen ist die Bezeichnung »Law of the Excluded Middle« üblicher, womit das inhaltlich identische »Prinzip des zwischen zwei kontradiktorischen Gegensätzen stehenden ausgeschlossenen Mittleren« (principium exclusi tertii sive medii inter duo contradictoria) wiedergegeben wird.
»Mitte! Das ist ein Zauberwort« (F/K 1986, 220), schreibt Friedlaender in einem Brief an seinen Freund, den Zeichner Alfred Kubin. Nebenbei: Auch Perls spricht schlicht vom »Finden einer Mitte« (1969, 32) als dem Ziel von Therapie. Und Friedlaender behauptet nun eben dies, dass diese Mitte logisch nicht ausgeschlossen ist, sondern dass sich in ihr das schöpferische Prinzip der Welt verbirgt. Was es dafür braucht, dies zu erkennen, ist eine grundlegend veränderte geistige Sichtweise. Friedlaender sieht seine Philosophie als Anleitung zu einer »Orthopädie des Lebens, das noch immer verrenkt ist« (F/K 1986, 210). Er will die Perspektive prinzipiell, von Grund auf, in ihre polar ordnende Mitte renken:
»Das Fundament der Dinge ist daher nicht ihre untere Grund-, sondern ihre zentrale Mittellage, die Dinge sind polar. Das ›Unten‹ ist die Mitte des polaren ›Oben‹.« – »Man meint, das sei ein Gegensatz: hie Wesen, dort Erscheinung; hie ›Jenseits‹, dort ›Diesseits‹: – aber der Gegensatz besteht allein in der Erscheinung, im ›Diesseits‹: das ›Wesen‹ dagegen ist kein ›Jenseits‹, es ist das Inmitten, es ist der schöpferische Berührungspunkt der unterschiedenen, vereinzelten Erscheinungen. Es ist nichts, das heißt nichts Unterscheidbares. Alles andere Verstehen des Nichts ist Missverständnis.« (GS 10, 139 u. 129)
Friedlaender wird nicht müde, in immer neuen Variationen auf diese Mitte der schöpferischen Indifferenz hinzuweisen, die sich aber, nach meinem Verständnis, dem Erkennen des unterscheidenden Intellekts entzieht. Nicht dem Erkennen insgesamt! Aber es bedarf einer neuen Weise des Erkennens, der Einsicht. Dazu später mehr.
Bei Nikolaus von Kues oder Nicolaus Cusanus (1401–1464), dem spekulativ mystischen Theologen und Philosophen am Beginn der Neuzeit, findet sich ein Begriff, der für unseren Zusammenhang aufschlussreich ist.6 1462 verfasst Cusanus seine Spätschrift De non aliud, »Vom Nicht-Anderen«, die von Kurt Flasch (1998, 565) als Höhepunkt und Quintessenz seines Denkens betrachtet wird, das von Begriffen wie der docta ignorantia, dem »Belehrten Nichtwissen«, oder der coincidentia oppositorum, dem »Zusammenfall der Gegensätze«, geprägt ist. In seinem Verständnis des Nicht-Anderen ist Nikolaus wohl auch stark von Meister Eckhart beeinflusst, auf den er sich namentlich allerdings fast nie bezieht, da dessen Lehre als häretisch verurteilt worden war. Non aliud, das oder der Nicht-Andere, fasst in einem Wort zusammen, was sich durch Ununterschiedenheit unterscheiden meint. Es verdichtet jene paradoxe, das unterscheidende Denken übersteigende Einsicht in die Transzendenz. Gott ist grundsätzlich anders als die Welt, weil er der Nicht-Andere ist. Denn das Anders-Sein, das Unterschiedensein, ist das fundamentale Kennzeichen der Welt. Gleichzeitig kann er, weil er der Nicht-Andere ist, auch nichts anderes, also unterschieden sein. Diese für das gewöhnlich logische Denken unverdauliche paradoxe Spannung, die auch in der hinduistischen A-dvaita (»Ohne-zweites«)-Lehre zu finden ist, ergibt sich bei einem mystischen Gottesverständnis. Der Gegensatz von Identität/Indifferenz und Differenz wird transzendiert in einer übergeordneten Identität, die Friedlaender schöpferische Indifferenz nennt.
Den Ausdruck des Nicht-Anderen kann man mit einem zentralen theologischen Motiv des protestantischen Theologen Karl Barth (1886–1968) aus der Anfangszeit seiner sogenannten Dialektischen Theologie kombinieren. Für Barth war Gott der »Ganz-Andere«. Er wollte damit die radikale Transzendenz Gottes betonen und bezog sich dabei auf den »unendlichen qualitativen Unterschied von Zeit und Ewigkeit« bei Sören Kierkegaard. Kombiniert ergibt das:
»Gott ist der Ganz-Andere, weil er der Nicht-Andere ist« (Frambach 1994, 312)
»Die Transzendenz, die Ganz-Andersheit Gottes, fällt zusammen mit seiner Nicht-Andersheit, seiner Immanenz. Das Absolute unterscheidet sich vom Relativen durch Nichtunterschiedenheit. Die Transzendenz der Wirklichkeit Gottes besteht gerade in ihrer radikalen Immanenz.« (ebd.)
»Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.« Dieser vielzitierte Satz von Dietrich Bonhoeffer aus Widerstand und Ergebung, seinen Aufzeichnungen aus dem NS-Gefängnis, bringt mit einfachen Worten zum Ausdruck, dass Gott nicht unter den unterscheidbaren Phänomenen der differenzierten Welt zu finden ist. Aber er ist nur die halbe Wahrheit. Polar symmetrisch ergänzt lautet die andere Hälfte: »Einen Gott, den es nicht gibt, gibt es.«
Die Frage nach der Existenz Gottes kann man nicht mit Ja oder Nein beantworten. Sie übersteigt diese sich ausschließende Alternative. Wenn Hans Küng, dessen »Projekt Weltethos« ich sehr schätze, auf die Titelfrage seines umfang- und kenntnisreichen Buches »Existiert Gott?« (1978) abschließend mit einem klaren, überzeugten Ja antwortet, so kann ich dem nicht zustimmen. »Tertium datur«, es gibt dieses ausgeschlossene Dritte, die ausgeschlossene Mitte, worin die einfache Alternative von Ja und Nein überstiegen wird. Wobei »geben« wie »existieren« keine adäquaten Ausdrücke sind. »Die Dinge haben bloß Existenz, aber ihr persönliches Nichts hat Insistenz, es ist ihr Schöpfer und Quell« (GS 10, 129), schreibt Friedlaender.
Um auf die lebendige Mitte des Nichts der schöpferischen Indifferenz in der differenzierten Mannigfaltigkeit hinzuweisen, verwendet Friedlaender eine Vielzahl von Bezeichnungen: Ich, später oft Ich-Heliozentrum, Selbst, Wesen, Subjekt, Individuum, Identität, Person, Geist, Seele, das Absolute, ∞, Insistenz, Wille, Freiheit … Er legt sich nicht auf bestimmte definitive Wortetikettierungen fest, sondern versucht das letztlich Unbeschreibliche in kreativ vielperspektivischer Variation hinweisend zu umschreiben. Alle seine Aussagen, insbesondere (aber nicht nur) bezüglich der Indifferenz, sind »so gemeint, wie man überhaupt ehrlicher Weise etwas meinen kann: beweglich! Lebendig. Man soll sich an ihren Buchstaben nicht kehren, man soll, wo möglich, mit einem besseren ihre Bedeutung verdeutlichen« (F 1905, 203 f.).
3.2 Transdifferenz
Ich möchte hier einen für diesen Zusammenhang neuen Begriff einführen: Transdifferenz. Zur Klärung von Missverständnissen scheint er mir hilfreich zu sein. Transdifferenz meint dasselbe wie schöpferische Indifferenz, schließt aber ein Missverständnis aus. Indifferent, ohne Unterschied, kann einfach mit identisch gleichgesetzt werden. Indifferenz ist dann einfach Identität. Das jedoch meint Friedlaender mit seiner schöpferischen Indifferenz gerade nicht. Der Tag kann im Gegensatz zur Nacht verstanden werden oder als das Ganze von 24 Stunden, das Tag und Nacht umfasst. Im zweiten Sinne ist die schöpferische Indifferenz zu verstehen und nicht im Sinn der indifferenten Identität im Gegensatz zum Differenten. Friedlaender geht es darum, dass in der schöpferischen Indifferenz das fundamentale, allerallgemeinste Merkmal aller Phänomene nicht ausgelöscht und eliminiert wird, sondern transzendiert und überstiegen: die Differenz, der Unterschied. Das drückt Transdifferenz aus. Transdifferenz bedeutet eben jenes Paradoxe, den unterscheidenden Intellekt Übersteigende, »sich durch Ununterschiedenheit unterscheiden«. Die wörtlich-logisch deutsche Entsprechung wäre Überunterschiedlichkeit. Das klingt reichlich holperig, trifft aber den Punkt. Das »Überunter« lässt an den »Fernnahen«, das »überhelle Dunkel«, das »stille Geschrei« denken, paradoxe Wortverbindungen, die in der Mystik die Transzendenz Gottes zum Ausdruck bringen, indem sie durch das Verschweißen von polar gegensätzlichen Aspekten auf das hinweisen, was die Gegensätze übersteigt oder ihnen zu Grunde liegt und sich dem sprachlichen Begriff entzieht. Die Sprache »zerspricht das polar Selbe«, bringt Friedlaender (GS 10, 189) es auf den Punkt.
Der Grund ist in meinem Verständnis transdifferent, er unterscheidet sich durch Ununterschiedenheit. Schöpferische Indifferenz, Transdifferenz und Grund werden von mir synonym gebraucht.
Wissenschaftlich wird der Begriff Transdifferenz seit 2001 im Kontext kulturtheoretischer Konzepte verwendet (Allolio-Näcke / Kalscheuer / Manzeschke 2005). Ob sich mit dem hier vertretenen Verständnis von Transdifferenz Berührungspunkte oder Schnittmengen ergeben, müsste untersucht werden.
3.3 Zauberwort Mitte
Warum ist Mitte ein Zauberwort? Das möchte ich möchte mit Überlegungen erklären, die von Friedlaender inspiriert sind.
3.3.1 Die Mitte von Linie, Fläche und Raum
Ein Kreis auf einer Fläche mit einem Mittelpunkt. Dieser Mittelpunkt markiert die Mitte, genauer, er weist auf sie hin. Denn wenn wir ihn näher ansehen, mit einer Lupe oder gar mit einem Mikroskop, dann stellt sich der Mittelpunkt immer wieder als eine Fläche dar, die wiederum selbst eine Mitte hat. Kurz, ganz genau betrachtet und streng genommen ist die Mitte ein Nicht-Ort, griechisch »ou topos«, eine Utopie. Mitte auf der Linie, auf der Fläche, im Raum ist kein Phänomen, sondern eine Verhältnisbestimmung zwischen mindestens zwei Extremen, die dadurch in ein ausbalanciert polar gleiches Verhältnis kommen und distanzlos, flächenlos, raumlos durch nichts getrennt aneinandergrenzen.

3.3.2 Die Mitte der Zeit
Gehen wir von der Mitte auf der Fläche oder im Raum zur Mitte der Zeit.7 Das ist (nicht nur) nach Friedlaenders Verständnis die Gegenwart, das Jetzt. Vergangenheit und Zukunft sind die Pole und das Jetzt ist die Mitte. Bei der Messung der Zeit werden sprachlich räumliche Begriffe verwendet, wie Zeitraum, Zeitabstand, Zeitspanne oder Zeitpunkt. Darum lässt sich das Verständnis der Mitte aus den Kategorien des Raumes auch anschaulich auf die Zeit übertragen. Doch lassen wir wieder Friedlaender zu Wort kommen. Er macht den Zusammenhang am deutschen Wort »einst« deutlich, das polar doppeldeutig ist: »Es war einst …« und »Es wird einst …« Ferne Vergangenheit und ferne Zukunft in einem Wort! »So erweist sich die Zeit als Magneten mit polarem Einst und der Indifferenz Jetzt; analog der Raum als Hüben & Drüben und Hier.« (F/K 1986, 229)
Suchen wir nach der Mitte einer Zeitspanne, so kann man sich das vorstellen wie das Bestimmen der Mitte einer Linie. Wie die markierte Mitte einer Linie beim genauen Hinsehen immer noch eine Ausdehnung, sprich Länge, hat, für die man die Mitte suchen kann, so auch bei der Zeit. Das Jetzt als Zeitmittelpunkt ist immer weiter zu unterteilen in Nanosekunden (eine milliardstel Sekunde) bis zu Attosekunden, den kleinsten heute messbaren Zeiteinheiten. Auch hier ist das Jetzt als Mitte letzten Endes kein messbares Phänomen, sondern das genau polar balancierte Verhältnis von Vergangenheit und Zukunft. »Der Augenblick ist dem Menschen nicht als ein ›Zeitpunkt‹ gegeben, ebensowenig als eine abgrenzbare ›Zeitspanne‹, sondern als etwas, das nicht auf einer reellen Koordinate abgemessen wird«, konstatiert Carl Friedrich v. Weizsäcker (1988, 373), der sich als Physiker und Philosoph auch mit Religion, Mystik und Meditation (1992) befasste. Das Jetzt ist die Zentrierung der Zeit, die Zeitindifferenz. Es ist Nichts. Nicht messbar, nicht greifbar. Darauf beziehe ich die berühmte Antwort von Augustinus aus seinen Confessiones im 14. Kapitel auf die Frage, was die Zeit sei: »Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es. Wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären soll, weiß ich es nicht.«
Wenn wir ganz im Jetzt zentriert sind, dann treten wir gleichsam aus der linear vergehenden Zeit, der Chronos-Zeit, heraus und der Kairos tritt ein, um es mit Bezug auf zwei mythische Gestalten des griechischen Götterpantheons auszudrücken. Chronos, meist als ernster alter Mann dargestellt, repräsentiert die unerbittlich vergehende, objektiv messbare, lineare Zeit. Kairos, in Gestalt eines jungen Mannes mit Flügelschuhen und wehender Stirnlocke, repräsentiert den erfüllten Augenblick, den es beim Schopf zu packen gilt, die Zeit, die im Nu vergeht. Mit Chronos und Kairos werden zwei Zeitqualitäten unterschieden. Und das Wesentliche des Kairos ist die Zentrierung im Jetzt.
Das volle Erfahren der Gegenwart befreit gleichsam aus der linear vergehenden Zeit, die offene Zukunft zu Vergangenheit erstarren lässt. In der Zentrierung im Jetzt erfahren wir die Freiheit von der Zeit, Zeitfreiheit oder einfach Freizeit. Das ist die Freizeit, nach der wir uns zutiefst sehnen, auch wenn uns das meist nicht so bewusst ist: Freizeit, garantiert ohne Freizeit-Stress und ohne Langeweile.
»Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt«, ist bei Ludwig Wittgenstein zu lesen (Tractatus logico-philosophicus, 6.4311). Und der protestantische Theologe und Philosoph Paul Tillich schreibt: »Vergangenheit und Zukunft treffen in der Gegenwart zusammen und beide sind im ›Ewigen Jetzt‹ gegenwärtig.« (Tillich 1987, 447)
»Nunc aeternitatis«, das Ewige Jetzt. Dieses Wort findet sich auch bei Nikolaus von Kues. Damit drückt er eben dies aus, dass unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern die Zeitfreiheit der Gegenwart zu verstehen ist. Ein anderer mystischer Terminus dafür ist »Nunc stans«, das Stehende Jetzt. Das Jetzt, das steht und nicht vergeht, weil es der vergänglichen Zeit enthoben ist. Diese Zeitqualität des Jetzt als Mitte der Zeit, als Zeittransdifferenz, zu erfahren, wird in der Mystik als geistige Befreiung verstanden. »Die Seele, die da steht in einem gegenwärtigen Nun, in die gebärt der Vater seinen eingeborenen Sohn, und in derselben Geburt, wird die Seele wieder in Gott geboren«, lesen wir in den Deutschen Predigten von Meister Eckhart (1963, 206).
Diese befreiende Bedeutung hat die Zentrierung im Jetzt in den mystischen Traditionen aller Religionen, in unterschiedlicher Akzentuierung. Und alle ernst zu nehmenden Formen von Meditation oder Kontemplation praktizieren eine »Einübung ins Da-Sein« (Frambach 1994, 370–373), die Sammlung und Öffnung des Geistes in der Gegenwart, um dem entgegen zu warten, was das Bewusstsein im Zustand der Präsenz erfüllt. »Der gegenwärtige Augenblick muss eure Wohnung werden«, schreibt der protestantische Mystiker Gerhard Tersteegen (1697–1769).
Von Fritz Perls gibt es einige sehr prägnante Äußerungen zum Thema des Jetzt. Er konnte seinen psychotherapeutischen Ansatz sogar als »Hier und Jetzt-Therapie« bezeichnen (Perls 1976, 81). Leider hat er, wie so oft, seine Sicht des Jetzt nicht mit der nötigen Ausführlichkeit und Genauigkeit erläutert. Darum ist diese Betonung des »Hier-und-Jetzt« nicht selten sehr unreflektiert klischee- und schlagwortartig verstanden oder besser nicht verstanden worden und zu einer Floskel des Psycho-Jargons verkommen. Ich habe das mit der Unterscheidung von »Hier und Jetzt-Zentrierung« und »Hier und Jetzt-Fixierung« versucht zu thematisieren (Frambach 2001, 14 ff.). Bei der Fixierung werden Vergangenheit und Zukunft weitgehend ausgeblendet. Man ist in kurzsichtig hedonistischer Weise auf die Gegenwart fixiert: »Ich lebe im Jetzt! Und alles andere interessiert mit nicht. Gestern ist vorbei. Und nach mir die Sintflut!« So die, zugegeben überzeichnete, Haltung der Fixierung. Aber die Einstellung »Ich will Spaß, und zwar sofort!« ist doch für viele Menschen der Konsum- und Event-Gesellschaft ein lebensbestimmendes Motto, nicht zuletzt dank des massiven Einflusses der hedonistisch konsumstimulierenden Werbeindustrie.
Perls hat das »Hier und Jetzt« im Sinne einer Zentrierung verstanden, bei der Vergangenheit und Zukunft ausgewogen sinnvoll auf die Gegenwart als Zentrum bezogen sind:
»Die Gegenwart ist der sich ständig bewegende Nullpunkt der Gegensätze Vergangenheit und Zukunft. Eine gut ausgewogene Persönlichkeit berücksichtigt Vergangenheit und Zukunft, ohne den Nullpunkt, die Gegenwart, aufzugeben, ohne Vergangenheit und Zukunft als Realitäten anzusehen.« – »Das Zeitzentrum unserer selbst als raumzeitlicher Ereignisse ist die Gegenwart. Es gibt keine andere Realität als die Gegenwart. Unser Wunsch, mehr von der Vergangenheit zu behalten oder die Zukunft vorwegzunehmen, kann dieses Realitätsempfinden völlig überwuchern … Ein Mangel an Kontakt mit der Gegenwart, ein Mangel an aktuellem ›Gefühl‹ unserer selbst, führt zur Flucht, entweder in die Vergangenheit (historisches Denken) oder in die Zukunft (vorwegnehmendes Denken).« (Perls 1978, 115, 111)
Was Perls nicht thematisiert hat, ist die Flucht in die Gegenwart, das Ausblenden von Vergangenheit und Zukunft. Auch das ist eine Gefahr. Sich auf die – oder besser – in der Gegenwart zu zentrieren bedeutet nicht, Vergangenheit und Zukunft zu ignorieren, sondern sie ausgewogen polar aufeinander zu beziehen über die Mitte ihrer Transdifferenz.
Was bei diesen Perls-Zitaten wieder einmal deutlich wird, ist der grundlegende Einfluss von Friedlaenders polarer Indifferenzphilosophie, auch wenn er ihn wieder einmal nicht namentlich erwähnt.
3.3.3 Die Mitte der Materie
Wie bei Raum und Zeit kann man auch radikal in die Mitte der Materie hineinfragen. Das läuft auf die Frage nach der kleinsten Einheit der Materie hinaus und führt in die Gefilde der Atomphysik. Darüber habe ich mir in besagtem Aufsatz Von der Unfähigkeit des Intellekts das Absolute zu erkennen … (1996), inspiriert durch Friedlaenders Philosophie, Gedanken gemacht. Etwas vermessen, da diese Materie nun überhaupt nicht die meine ist. Darum habe ich mir seinerzeit 1990 meine Überlegungen dem Quantenphysiker Thomas Görnitz, damals Mitarbeiter des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, ansehen lassen und er hat ihnen im Wesentlichen zugestimmt. Sie können also nicht völlig falsch sein. Hier der entsprechende Abschnitt:
»Die Atomphysik stellt wohl den ausgeprägtesten naturwissenschaftlichen Versuch dar, mit dem Mittel des unterscheidenden Intellekts der phänomenalen Realität auf den Grund zu gehen und restlos = absolut zu erkennen. Durch einen immer weiter fortschreitenden Prozess exakt unterscheidender Beobachtung versucht man, die kleinste unteilbare Einheit oder Ganzheit (griech. atomos = unteilbar, unschneidbar) zu erkennen, aus der sich die Materie aufbaut. Das, was man Atom genannt hatte, erwies sich aber nicht als die gesuchte unteilbare Einheit und man gelangte in den Bereich der subatomaren Phänomene. Diese – Elektronen wie auch Protonen und Neutronen – zeigten jedoch eine verwirrende Zweideutigkeit, welche die daran beteiligten internationalen Forscher zur Entwicklung einer revolutionären, neuen Theorie führte, der sogenannten »Quantentheorie«. Die subatomaren Phänomene erschienen nämlich, je nach Beobachtungsmethode, einmal als Teilchen, Korpuskel, und ein anderes Mal zeigten sie sich als Welle. Eine charakteristische Eigenart ließ sich nicht eindeutig festlegen. Dieser sich ausschließende »Teilchen-Welle-Dualismus« wurde von Niels Bohr als »Komplementarität« interpretiert, als sich gegenseitig ausschließende und ergänzende Aspekte derselben Realität. Werner Heisenberg definierte das Verhältnis dieser komplementären Aspekte in komplexen Gleichungen als »Unschärferelation«. Ganz grob vereinfacht läuft sie im Prinzip auf Folgendes hinaus: je präziser der eine Aspekt (Korpuskel) wahrgenommen und beobachtet wird, desto unschärfer wird der andere Aspekt (Welle) und umgekehrt. Diese Entdeckung der Physik an der Grenze des exakt intellektuell Erkenn- und Unterscheidbaren deckt sich genau mit den hier vorgelegten erkenntnistheoretischen Einsichten. Das Prinzip der Polarität und der Vordergrund/ Hintergrund-Differenzierung des unterscheidenden Intellekts findet seine konkrete naturwissenschaftliche Entsprechung in der Komplementarität und der Unschärferelation der Quantentheorie. Auf Grund der hier dargestellten Strukturprinzipien der differenzierten Realität und des differenzierenden Intellekts wird einsichtig, dass die Erkenntnisbemühung der Physiker im Bereich kleinster Teilchen formal voraussagbar notwendigerweise zu diesem Ergebnis gelangen musste. Eine letzte eindeutige Einheit, Ganzheit, ist prinzipiell nicht restlos zu erkennen, weil Einheit, Ganzheit grundsätzlich als differenziertes Phänomen nicht zu erkennen ist. Wir erkennen nie restlos, ganz absolut, weil wir eben nur auf dem Hintergrund des Restes erkennen. Unser Erkennen ist prinzipiell unscharf. Die »Heisenbergsche Unschärferelation« ist nicht auf die subatomare Physik beschränkt, sondern ist ein erkenntnistheoretisches Grundfaktum. Im Bereich der Mathematik z. B. findet sie ihre logische Entsprechung im sogenannten »Unvollständigkeitstheorem« des Mathematikers Kurt Gödel, der nachwies, dass jedes logische System eine logische Voraussetzung haben muss, die selbst nicht logisch beweisbar ist. Auf Grund der Einsicht in die prinzipielle Polarität aller differenzierten Phänomene ist weiterhin von vorneherein klar, dass als letzte Erkenntnis im Bereich der kleinstmöglichen Teilchen die Wahrnehmung zweier sich ausschließender und ergänzender, d. h. komplementärer, polarer Phänomene übrig bleiben muss. Das, was polar als subatomares Teilchen- oder Wellenphänomen differenziert erkennbar wird – wie auch beim Licht – ist in seiner Einheit Ganzheit, indifferent. Es ist kein differenziertes Phänomen und damit dem forschenden Blick des Intellekts entzogen. Teilchen und Welle sind die polare, komplementäre Differenzierung desselben, das in seiner Identität indifferent unerkennbar ist. Was das »an sich« ist, das sich da in seinen polaren Phänomenen zeigt, lässt sich nicht erkennen und daher auch nicht sprachlich ausdrücken und begrifflich definieren. Die Physik hat die Materie bis in den subatomaren Bereich hinein verfolgt, drückte es einmal ein Physiker aus, und dann die Spur verloren. Dieses Verlieren der Spur wird durch die Einsicht in die prinzipielle Polarität der phänomenalen Realität erklärbar, als das Erreichen der intellektuellen Erkenntnisgrenze des differenzierenden naturwissenschaftlichen Erkennens im Mikro-Bereich. Das »Ding an sich« ist prinzipiell unerkennbar, wie das schon Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft intellektuell schlüssig nachwies, und zwar bezogen auf die Wahrnehmung aller Phänomene. Das »Ding an sich«, die Ganzheit, Einheit der Realität, ist das intellektuell unerkennbare Noumenon, das sich, können wir Kant mit Friedlaender präzisierend ergänzen, als Phänomen immer nur in seinem polaren Doppelaspekt zeigt. Diese Sichtweise der philosophischen »Metaphysik« Friedlaenders findet in den Erkenntnissen der exakten »Physik« ihre klare Bestätigung.« (Frambach 1996, 57 f.)
Thomas Görnitz hat sein Verständnis der Quantenphysik (2006) weiterentwickelt und auf dem Konzept der Quanteninformation ein umfassendes, über den materiellen Bedeutungsbereich der Physik hinausgehendes Wirklichkeitsverständnis konzipiert. Zusammen mit seiner Frau Brigitte Görnitz, Tierärztin wie auch Psychologin und Psychoanalytikerin, hat er in zwei didaktisch sehr gut formulierten Büchern (2008; 2009) innovative Sichtweisen beschrieben, die vielperspektivisch das Ganze der Realität erfassen. Zentral ist für sie der Begriff Protyposis:
»Für diese abstrakte und absolute Quanteninformation, die kosmisch begründet und noch bedeutungsfrei ist, führen wir einen neuen Begriff ein: Protyposis. (Er basiert auf dem Griech.: typeo – ich präge ein). Diese noch bedeutungsfreie Quanteninformation ist etwas, dem sich eine Form, eine Gestalt, schließlich sogar eine Bedeutung einprägen kann.« (Görnitz/Görnitz 2008, 7)
Diese allem zu Grunde liegende absolute Quanteninformation der Protyposis realisiert sich konkret als Materie, Energie und Bewusstsein, ähnlich wie Wasser sich als Flüssigkeit, Eis oder Dampf realisiert.
»Wir Menschen stehen, soweit wir die kosmische Evolution überblicken können, am gegenwärtigen Ende der Entwicklungslinie der Ausdifferenzierung der Protyposis, die man als das Weltsubstrat – eine abstrakte kosmische Quanteninformation – ansehen kann, die in uns Menschen dazu kommt, über sich selbst nachzudenken.« (ebd. 320) Und weiter: »Die Protyposis, die abstrakte kosmische Information, ist das Abstrakteste, was denkbar ist. Damit kommt sie von allen uns denkbaren naturwissenschaftlichen Begriffen sowohl dem am nächsten, was im Buddhismus als die »Leere«, als auch dem, was bei Platon das »Eine« genannt wird.« (ebd. 331)
Mir scheint, dass Friedlaenders schöpferische Indifferenz und polare Differenzierung, mehr noch als andere mystisch-philosophische Konzepte, wie z. B. wie der »grunt« bei Eckhart, mit diesen auf naturwissenschaftlichen Fakten basierende Theorien gut in Beziehung gesetzt werden kann. Interessant ist hier die Äthertheorie, die Friedlaender von seinem Kant-Vermittler Ernst Marcus (1969/80) übernimmt, der sie wiederum aus dem Opus Postumum von Kant herleitet. Darauf kann hier nur mit diesen wenigen und darum sehr leicht misszuverstehenden Sätzen als Möglichkeit hingewiesen werden, die einer gründlichen Untersuchung bedarf.
3.3.4 Die Mitte der Identität
»Ins Lateinische übersetzt heißt Atom das Unteilbare, Individuum. Wenn wir dem Individuum, d.h. uns selbst, unserem Ich, auf den Grund gehen, kommen wir zur gleichen Weise der Grund-Erkenntnis wie bei Materie und Zeit. Als Individuum, als isolierte unteilbare Einheit gibt es uns nicht. Wenn wir mit der Identitätsfrage: »Wer bin ich?« radikal ins Zentrum unserer Existenz hineinfragen, dann wird unser vermeintlich individuelles Ich entlarvt als egozentrische Illusion. Es ist nicht selbständig, unabhängig für sich existierend, sondern durch polaren Gegensatz bedingt: Subjekt und Objekt, Ich und Du oder einfach Ich und Nicht-Ich. Es löst sich auf, wenn wir versuchen, ihm auf den Grund zu gehen, es aus seinen polaren Existenzbezügen zu lösen und als individuelle, isolierte Einheit zu betrachten. Die Illusion des individuellen Ich löst sich auf in den Grund, die Grund-Wirklichkeit. Der ununterscheidbare transdifferente Grund ist das einzig Unteilbare. Nur Gott ist ein Individuum, ein individuelles Ich. Meister Eckhart sagt es so:
»Ego, daz wort ich, ist nieman eigen
denne gote allein in siner einekeit!« (Pfeiffer 1924, 201)
So bezeichnet Friedlaender aus seiner philosophischen Perspektive die Menschen als »Dividuen« und nur die »schöpferische Indifferenz« als das Individuum, das ICH (GS10, 306 ff. »Das magische Ich« 2001).
Wenn wir mit unserem unterscheidenden intellektuellen Erkenntnisvermögen einem Phänomen, welcher Art auch immer, sei es Materie, Zeit, individuelles Ich, radikal auf den Grund gehen, dann erkennen wir letztlich immer das Gleiche, nämlich eben den Grund. Es bleibt kein letztes unterscheidbares Einzelphänomen übrig, sondern wir werden zur Ununterscheidbarkeit, zur Indifferenz der überpolaren, nicht-dualen Grund-Wirklichkeit geführt. Der undefinierbare Grund ist einerseits Ausdruck der Grenze des dualen unterscheidenden Erkennens, auf die wir stoßen, und damit Ausdruck der Verborgenheit der letzten Realität. Aber diese Erkenntnisgrenze birgt auch die Chance, in ein überpolares Erkennen und Verstehen transformiert zu werden, in dem sich uns die in-dividuelle, überpolare Grund-Wirklichkeit Gottes erschließt – in kontemplativer Schau. (Frambach 1994, 346)
Auch der Grund, der Kern, die Mitte unserer Identität erweist sich bei gründlichem Erforschen nicht als eine letzte individuelle Einheit, sondern wir stoßen zu einer Weite durch, die jenseits aller Gegensätze liegt. Das Individuum, auf das wir treffen, ist die Indifferenz vom Einzelnen im Gegensatz zum Vielen. Die persönliche Individualität des Einzelnen wird nicht ausgelöscht und aufgelöst in einem Einheitsbrei, sondern in und durch die Ununterschiedenheit, die Übergegensätzlichkeit von Einheit und Vielheit, transformiert.
Martin Küpper hat in seiner Studie zu Psychologie und Meditation im Hesychasmus (1983) diese Suche nach der Mitte der Identität in dieser frühen mystischen Tradition des Christentums treffend beschrieben:
»Gleichzeitig sucht der Geist seine Mitte, d.h. seine ursprüngliche Identität. Er hat diese nur in dem Punkt, von dem aus sein ganzes Sein sich entfaltet. Wenn er gegenüber dem Netz von Umweltbezügen die Freiheit des zusehenden Dabeiseins erlangt hat, wird ihm bewusst, dass er nicht in der Trägerschaft dieser Bezüge aufgeht und mit keiner Rolle des Daseins identisch ist. Er hat ein Leben, das von jenen verschieden ist, und eine Mitte, die jenseits ihrer Verknotung liegt. Indem der Geist sie sucht, sucht er gewissermaßen das Herz des Geistes … Er muss also, um seine Mitte zu finden, durch sich hindurch zu einem inneren Jenseits gelangen, das innerlicher ist als er selbst.« (Küpper, 1983, 338)
Dass man, um seine Mitte zu finden, »durch sich hindurch zu einem inneren Jenseits gelangen« muss, das innerlicher ist als man selbst, das ist nicht nur für den Hesychasmus gültig, sondern für jede radikale existentielle Suche nach dem Grund der Identität, sei sie religiös oder nicht.
Friedlaender beschreibt diesen Weg zum »inneren Jenseits« in seiner Terminologie als Indifferenzierung. Seine Intention ist damit zu einem befreienden Verstehen des Ich, des Selbst, zu führen, zur wahren Identität: »Man muss wissen, wer man ist.« (GS10, 172) Diese Transdifferenzierung des Inneren, des Subjekts, meint die »Evakuierung des Selbstes von Differenz« (ebd. 489), oder, anders ausgedrückt, die Entidentifikation von dem, mit dem man sich »pseudoidentifizierte« (ebd. 555). Wenn man sich in irgendeiner Weise noch mit etwas Differenziertem, Äußerlichem, wozu auch die eigenen Gefühle und Gedanken zählen, identifiziert, so verfehlt man sich, denn: »Indifferenz erst ist die nackte Seele. Die menschliche Seele, die psychischen Differenzen, stehen zu ihr in einem ähnlichen Verhältnis wie das Kleid zum Leib.« (ebd. 450)
Eine völlige Loslösung auch aus den subtilsten differenzierten Identifikationen ist not-wendig, um zur wirklichen eigenen Wesensmitte befreit zu werden, denn der »Gedanke Identität kann nicht intim genug erlebt werden« (ebd. 174). »Wer aber sein eigenes Inneres noch nicht neutralisiert hat, ist noch gar kein Wer.« (ebd. 509) »Erst das Selbst, worin aller Unterschied vernichtet ist, ist das echte Selbst.« (ebd. 210) In immer neuer Variation umkreist Friedlaenders Philosophieren diesen Zentralpunkt der eigenen Existenz wie auch alles anderen Existierenden, der sich in seiner Transzendenz letztlich dem differenzierten Begreifen entzieht. »Das gestaltende Selbst ist gestaltlos.« (ebd. 556), es ist mit unserem unterscheidenden Intellekt nicht erkennend wahrzunehmen. Das, was die wahre Person, das wahre, wirklich ungeteilte In-Dividuum, begründet, die schöpferische Wesensmitte des Selbst, übersteigt die Prinzipien unseres intellektuellen Erkennens. »Das eigene Herz, unser Innerstes, beruhigt sich nicht eher, als bis es alles in allem ist.« (ebd. 164) Wenn Friedlaender davon spricht, sich im Innersten mit der Indifferenz, dem Individuum, zu identifizieren, dann klingt das, zumal in christlich geprägten Ohren, sehr nach Hybris. Dem stelle ich zur Klärung ein bekanntes Zitat der »jüdisch/christlichen« Philosophin und Mystikerin Simone Weil (1909–1943) aus Schwerkraft und Gnade an die Seite: »Das Ich ist mir (und den andern) verborgen; es ist auf Seiten Gottes, es ist in Gott, es ist Gott. Hochmütig sein heißt vergessen, dass man Gott ist.«
Wie dieses Indifferenzieren, diese »Evakuierung des Selbstes von aller Differenz«, diese Entidentifikation von dem, mit dem man sich »pseudoidentifizierte« vonstatten gehen soll, davon schreibt Friedlaender fast nichts. Keine Anleitung, keine Methode, keine Praxis. Warum? Weil für ihn eben dieses Philosophieren an der Grenze des Denkbaren die Praxis ist. Er ist ein radikaler Denker, dieses Denken ist sein existenzieller Vollzug des Indifferenzierens. »Denke das Nichtdenken« ist ein Prinzip der meditativen Praxis des Zen. Und das macht Friedlaender auf seine Weise, ohne im Lotussitz auf dem Kissen zu sitzen.
3.4 Der konkrete Sinn mystischer Transdifferenzerfahrung
Was ist der Sinn solch einer mystischen Erfahrung der schöpferischen Indifferenz, der Transdifferenz oder wie immer man dies philosophisch oder religiös ausdrücken will? Oder noch drastischer ausgedrückt: Was ist der Nutzen, für einen selbst und für andere? Das klingt sehr nüchtern zweckorientiert und wenig spirituell, aber diesen Fragen muss man sich stellen. Um das zu klären beziehe ich mich auf Albert Schweitzer (1875–1965), mit dem ich mich intensiv befasst habe (2005). Denn Schweitzers Ethik der »Ehrfurcht vor dem Leben« hat einen mystischen Quellgrund. Schweitzer war ein ethischer Mystiker oder mystischer Ethiker. Im Jahr 1915 fährt er auf einem Lastkahn auf dem Ogowe in Zentralafrika. Seit Jahren ringt er um ein vertieftes Verständnis von Ethik und befindet sich deswegen in der Sackgasse einer tiefen geistigen Krise, in der Phase der Diffusion, um es mit meinem Prozessverständnis auszudrücken. »Ich irrte in einem Dickicht umher, in dem kein Weg zu finden war. Ich stemmte mich gegen eine eiserne Tür, die nicht nachgab.« (Schweitzer GW 1, 167)
Dann fährt der Kahn durch eine Herde von Flusspferden. »Am Abend des dritten Tages, als wir bei Sonnenuntergang gerade durch eine Herde Nilpferde hindurch fuhren, stand urplötzlich, von mir nicht geahnt und nicht gesucht, das Wort ›Ehrfurcht vor dem Leben‹ vor mir. Das eiserne Tor hatte nachgegeben; der Pfad im Dickicht war sichtbar geworden.« (ebd. 169) Mit Schweitzers Worten geht es um die »unmittelbarste Tatsache des Bewusstseins des Menschen«: »Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.« (ebd.) An anderer Stelle drückt er in einer Predigt diesen mystischen Erfahrungszusammenhang so aus: »Der tiefste Begriff des Lebens ist erreicht, das Leben, das zugleich Miterleben ist, wo in einer Existenz der Wellenschlag der ganzen Welt gefühlt wird, in einer Existenz das Leben als solches zum Bewusstsein seiner selbst kommt … das Einzeldasein aufhört, das Dasein außer uns in das unsrige hereinflutet.« (GW 5, 130) Aus dieser Einsichtserfahrung heraus entfaltet er seine mystische Ethik der »Ehrfurcht vor dem Leben«. Bei aller Wertschätzung steht Schweitzer der Mystik doch auch kritisch gegenüber:»Von aller bisherigen Mystik gilt, dass ihr ethischer Gehalt zu gering ist. Sie bringt den Menschen auf den Weg der Innerlichkeit, aber nicht auch auf den der lebendigen Ethik« (GW 1, 237) Und noch schärfer formuliert: »Die Mystik ist nicht der Freund, sondern der Feind der Ethik. Sie zehrt sie auf.« Aber er fährt in einem spannungsvollen Gedankenbogen im nächsten Satz fort: »Und doch muss die das Denken befriedigende Ethik aus der Mystik geboren werden.« (GW 2, 370) Wenn eine mystische Einsichtserfahrung wirklich der transdifferenten Einheit und damit Verbundenheit mit allem, was lebt, was existiert, entspringt, dann drängt sie auch zu einem entsprechenden Lebensstil verantworteter Verbundenheit.
Bei Friedlaender gibt es zu dieser Sichtweise Schweitzers eine Entsprechung. Wenn er auch nicht müde wird, die grundlegende Bedeutung der schöpferischen Indifferenz aufzuzeigen, so warnt er doch auch eindringlich davor, sich im Indifferenten zu verlieren. Es geht ihm nicht um einen Rückzug aus der Welt, sondern um ein tatkräftiges kreatives Gestalten der Welt aus ihrer geistigen schöpferischen Mitte heraus, denn: »Es darf am schöpferischen Prinzip so wenig das identisch Innere fehlen wie dessen unterschiedene Äusserung.« (GS10, 122) Er spricht in diesem Zusammenhang von Indo-Amerikanismus: »Der Osten dringt auf die Kultur der Indifferenz, der Westen auf diejenige der Differenz; ich will westöstlich sein, indo-amerikanisch. Ich lehne eine Kultur der bloßen Indifferenz ebenso ab wie eine der bloßen Differenz; beide sind verführerische Scheinbarkeiten.« (F/K 1986, 57) Wirklich »Schöpferische« Indifferenz im Sinne von Transdifferenz bleibt nicht quietistisch für sich, sondern drängt zu konstruktiver Lebensgestaltung, zu kreativer Entwicklung: »∞ zu sein, genügt nicht; man soll es auch (polariter) werden.« (F/K1986, 18)
Der Wert und die Tiefe einer »spirituellen« Erfahrung zeigen sich nicht zuletzt in der konkreten Umsetzung für das »Gemeinwesen« im umfassendsten Sinn. Es geht um eine »Spiritualität des Konkreten«, wie das Petzold/Orth/ Sieper (2011, 22) auf den Punkt bringen, die sich tatkräftig engagiert, z. B. sozial, politisch, ökologisch. Das wird in der heutigen psycho-spirituellen Szene gerne aus den Augen verloren.
3.5 Gestalttherapie und Mystik/Spiritualität
Wenn ich Friedlaender als philosophischen Mystiker verstehe und die Gestalttherapie von seiner Philosophie wesentlich beeinflusst ist, was hat das als Konsequenzen? Ist die Gestalttherapie eine spirituelle, gar mystische Form der Psychotherapie? Keineswegs! Die Gestalttherapie ist, wie alle Psychotherapieansätze, primär auf die Psyche bezogen und nicht wie Spiritualität und Mystik auf den Geist. In einem Artikel über die spirituellen Aspekte der Gestalttherapie (1999, 629) habe ich das so beschrieben:
»Die Gestalttherapie, vor allem wenn man sie von der Philosophie Friedlaenders her in ihren Prinzipien begreift, ist ausgesprochen geeignet, die spirituelle Thematik in ein umfassenderes, ganzheitlicheres Therapieverständnis mit einzubeziehen. Es sind dabei aber die grundsätzlichen Grenzen zwischen Psychotherapie und einer spirituellen Methode zu beachten und zu respektieren. Grob gesprochen bezieht sich Psychotherapie auf biographisch bedingte Störungen der Ich-Entwicklung, während Spiritualität auf die Transzendierung der ich-zentrierten Bewusstheit ausgerichtet ist. Wie jede andere Form von Psychotherapie prinzipiell kann die Gestalttherapie die Funktion der Öffnung und Überleitung zum Beschreiten eines konkreten spirituellen Weges haben, und, wenn notwendig, der flankierenden Begleitung. Aber sie kann sich nicht als Ersatz und Alternative dafür anbieten.«
Psycho-spirituellen Ansätzen, die spirituelle Traditionen aus allen Religionen und Kulturen auf Workshop-Format eindampfen, um sie damit angeblich noch effektiver zu machen, stehe ich heute noch kritischer gegenüber. Das ist anmaßend und arrogant und ohne ein Verständnis für das lebenslange Lernen in allen authentischen Wegen geistigen Lebens. Da gibt es keine Abkürzungen, nur Illusionen für sensation-seeker. Leider sind GestalttherapeutInnen nicht selten unter denen zu finden, die munter Psychotherapie mit allerhand dubiosen esoterischen Ansätzen verbinden.
Wenn ich behaupte, dass Fritz Perls die Struktur von polarer Differenzierung und Indifferenz von Friedlaender übernommen hat, dann meine ich, dass er sie auf die psychologische Ebene der Emotionen übertragen hat. Er hat damit nicht die existenziell tiefere – oder höhere? – Ebene im Fokus, um die es Friedlaender im Kern geht und die man mit Mystik in Beziehung setzen kann. Perls war beileibe kein Mystiker, auch wenn er ein gewisses Interesse für diese Aspekte hatte.
Wenn ich Friedlaenders Philosophie hier mit Mystik in Beziehung setze, dann geht es mir darum zu zeigen, wie existenziell tiefgehend und grundsätzlich sein Ansatz ist, im Blick auf das Thema Identität, wie auch auf Raum, Zeit und Materie, und nicht um der Gestalttherapie spirituelle Qualitäten zuzuschreiben.
4. Friedlaender und die Gestalttherapie – Thesen
Meine Überlegungen zur Bedeutung Friedlaenders für die Gestalttherapie werde ich hier in verdichteter Form als Thesen präsentieren. Ich habe sie in verschiedenen Publikationen ausführlich dargestellt, ausgehend von meinem Buch Identität und Befreiung (1994). Die Zusammenhänge, die ich hier thesenartig formuliere, können differenziert nachgelesen werden. Ich beziehe mich hier fast nur auf Fritz Perls, da die anderen Mitbegründer der Gestalttherapie, Paul Goodman und Lore/Laura Perls, nie explizit auf Friedlaender eingegangen sind.
1. Von seinem ersten Buch (1942) bis zu seinen letzten Veröffentlichungen hat Fritz Perls die Philosophie der schöpferischen Indifferenz von Salomo Friedlaender als eine Grundlage für sein Verständnis von Psychotherapie angesehen.
Die Einsichten seines »Gurus« Friedlaender hatten für Perls eine grundlegende Bedeutung, wie er an verschiedene Stellen prägnant formulierte. Prägnant, aber leider ist er nicht differenziert und ausführlich genug. Aber das hat er auch bei seinen anderen Quellen nicht getan!! Bei einer Darstellung der Gestalttherapie auf Friedlaender nicht einzugehen, in welcher Weise auch immer, ist historisch ignorant und fachlich unangemessen.
»Fritz Perls hat sich zu keinem Autor so vorbehaltlos bekannt wie zu Friedlaender. Diese Verehrung zog sich von Das Ich, der Hunger und die Aggression (1944) bis in die späten Jahre bruchlos durch. Sie betrifft ausschließlich das Werk Schöpferische Indifferenz.« (Blankertz/Doubrawa 2005, 76)
»Der vielleicht wichtigste Einfluss auf die Entwicklung der Gestalttherapie ist nebst Freud das Konzept der ›Schöpferischen Indifferenz‹, das philosophische Hauptwerk von Salomo Friedlaender.« (Bongers/Schulthess 2005, 14)
2. Die Grundstruktur von Friedlaenders Denken, nämlich polare Differenzierung und die Mitte der schöpferischen Indifferenz, findet sich bei Perls in etlichen Konzepten, wenn auch nicht explizit darauf Bezug genommen wird.
Die elementare Denkkonzeption Friedlaenders, Indifferenz und polare Differenzierung, kommt bei Perls in unterschiedlicher Wortgestalt zur Geltung wie z. B. Mitte, Zentrum, Nullpunkt, Nichts, Leere, Prä-Differenz, Gleichgewicht, Balance, Gegensätze, Pole, Polarisieren. »Der Polaritätsgedanke gehört zur Basis der Gestalttherapie.« (Hartmann-Kottek 2008, 141).Wenn man genauer hinsieht, lässt sich bei diesen Begriffen meist unschwer die Grundstruktur von Friedlaenders Philosophieren ausmachen, aber nicht in der angemessenen Deutlichkeit und mit explizitem Bezug. Hilarion Petzold schreibt in seiner Darstellung der Gestalttherapie (1984, 11):
»Bei Friedlaender findet Perls die Konzepte, die für die Entwicklung der Gestalttherapie entscheidend werden sollten. Als er später mit der Gestaltpsychologie in Kontakt kommt und mit der Organismus-Theorie von Kurt Goldstein, findet er dort eine Terminologie, die seiner Auffassung nach den Gedankengängen von Friedlaender entspricht: Das Konzept der Homöostase bzw. der organismischen Selbstregulation und das Figur/Hintergrund-Konzept. Der alleinige Rekurs auf diese Theorien, ohne den ideengeschichtlichen und philosophischen Hintergrund von Perls mitzusehen, führt aber zu einer Verkürzung (so Walter 1984). Gegenüber der funktionalen Betrachtungsweise der Gestaltpsychologie greift nämlich das Konzept des ›schöpferischen Ichs‹, das aus sich selber, aus seiner Lage undifferenzierter Innerlichkeit alle Differenzierungen in der objektiven Welt mitbewirkt, weiter.«
Das entspricht meiner Sicht dieser Zusammenhänge, die Perls wohl aber nicht wirklich reflektiert bewusst waren. Jedenfalls hat er das nicht explizit formuliert.
3. Das Vordergrund/Hintergrund-Konzept der Gestaltpsychologie wird von mir durch das Verständnis des Grundes ergänzt. Der Grund entspricht dabei der Schöpferischen Indifferenz bei Friedlaender.
»An dieser Stelle führe ich nun eine neue Unterscheidung ein. Sie wird normalerweise weder in der Gestalttheorie und -psychologie noch in der Gestalttherapie gemacht. Für das hier entwickelte Verständnis des Befreiungsprozesses der Identität – sowohl in der Gestalttherapie als auch im Zen und in der christlichen Spiritualität – ist sie von fundamentaler und entscheidender Bedeutung: Außer der Differenzierung in Vordergrund und Hintergrund muss noch der Grund erfasst werden, um die Dynamik des Gestalt-Prozesses ganz zu verstehen. Der Grund ist dabei als indifferent zu begreifen. Er entspricht dem, was Salomo Friedlaender als ›Schöpferische Indifferenz‹ bezeichnet.
Der als Gestalt oder Figur prägnante Vordergrund und der diffuse Hintergrund sind, entsprechend Friedlaenders philosophischer Erkenntnis, als polare Differenzierung zu verstehen. Indifferenz und polare Differenzierung als Grundkonzeption für das Verständnis des kreativen Prozesses der Wirklichkeit in der Philosophie von Salomo Friedlaender finden ihre Entsprechung im Verständnis von Grund und polarer Vordergrund/Hintergrund-Differenzierung im Gestalt-Ansatz.
Fritz Perls hat diese Entsprechung nie explizit formuliert und Grund und Indifferenz gleichgesetzt. Vorgeprägt durch Friedlaenders Philosophie hat ihn m. E. jedoch genau diese strukturelle Entsprechung am Gestalt-Ansatz fasziniert und angezogen, wenn er sich dessen auch nicht völlig reflektiert bewusst war.
Der Grund darf nicht mit dem Hintergrund verwechselt werden, wie das häufig in der Formulierung ›Figur/Grund‹ geschieht. Der Hintergrund ist diffus gegenüber dem prägnanten Vordergrund. Der Grund jedoch ist indifferent, er ist kein unterscheidbares Phänomen. Er ist das, was sich differenziert. Perls spricht, wie wir später sehen werden, in seinem Verständnis des Nichts der Implosionsschicht des Fünf-Schichten-Modells, das an, was unter dem Grund zu verstehen ist.« (Frambach 1994, 55)
Der Grund ist transdifferent. Er ist in der Differenzierung in Vordergrund und Hintergrund präsent in Überunterschiedenheit. Er ist das, was sich differenziert und damit als Phänomen existent wird.
4. Mit dem Grund als Entsprechung zur schöpferischen Indifferenz kann das von Fritz Perls mehrdeutig und unklar beschriebene »Fünf-Schichten-Modell« der Neurose als stimmiger Prozess verstanden werden.
Perls hat das »Fünf-Schichten-Modell« der Neurose an drei Stellen unterschiedlich und widersprüchlich beschrieben (1969, 145; 1974, 63/64; 1980, 101). Meine Interpretation beruht vor allem auf dem Bezug zu Friedlaenders Philosophie und dem Verständnis des transdifferenten Grundes. Dadurch wird eine stimmige Dynamik deutlich, die sich in den Phasen oder Stadien von Fixierung, Differenzierung, Diffusion, Vakuum und Integration ausdrückt. Im Vakuum wird die schöpferische Indifferenz oder der transdifferente Grund erfahren. Das ist der Punkt, auf den der Prozess, in einer unbegrenzten Variation von Intensität, Zeitdauer und Wiederholung, zuläuft, der Wendepunkt, der aber keineswegs in spektakulärer Weise erlebt werden muss, sondern oft erst im Nachhinein als solcher erkannt wird. Hier nun eine dichte Beschreibung dieses Prozesses. Ausführlicher und damit weniger Missverständnissen ausgesetzt kann das an anderer Stelle (Frambach 1994, 83–106) nachgelesen werden:
»Die ›Aufgesetzte Schicht‹ der Rollen und Spiele ist bei Perls die Ausgangssituation. Die neurotische Unfreiheit besteht prinzipiell in einer Fixierung auf bestimmte Aspekte der Identität, die den Vordergrund der Bewusstheit besetzt halten. Andere, aus welchen Gründen auch immer, nicht angenommene Aspekte der Persönlichkeit, werden mehr oder weniger permanent in den Schatten des Hintergrundes, hinter die Kulissen der Lebensbühne, verdrängt. In der ›Phobischen Schicht‹ werden diese vermiedenen Impulse, unterstützt durch die therapeutische Arbeit, zunehmend bewusster, und damit auch die Angst, die phobische Haltung, die zur Vermeidung führte und sie aufrecht erhält. Es wird eine Differenzierung vollzogen, die Bewusstheit wird differenzierter, da bislang ungelebte gegenpolige Seiten und Bedürfnisse der Psyche zumindest teil- und zeitweise die Möglichkeit haben, ins Erleben zu treten und Gestalt zu werden. Zum Beispiel tritt eine permanent in den Hintergrund gedrängte Aggression in den Vordergrund, der sonst durchgehend von einer aufgesetzten, gleichsam chronischen Freundlichkeit besetzt ist. Der Widerstreit der E-motion, der Heraus-bewegung und der zurückdrängenden Gegenbewegung der Angst, verdichtet sich weiter zu einer Diffusion, von Perls als ›Impasse‹ bezeichnet. In diesem Engpass, dieser Sackgasse oder Blockierung, hat sich die alte Struktur der bisherigen vordergründigen Identifikations-Fixierung in eine diffuse Verwirrung aufgelöst. Hält man in dieser beängstigenden Phase aus, dann tritt ein Vakuum ein, von Perls ›Schicht des Todes‹, ›Fruchtbare Leere‹ oder ›Implosion‹ genannt. Hier findet keine polare Differenzierung in Vorder- und Hintergrund statt, hier wird deren kreative Mitte erfahren, der Grund, das Nichts der schöpferischen Indifferenz. Nach einseitiger, schiefer Identifikation findet der Mensch wieder zum ›Mittleren Modus‹, aus dem heraus das Selbst frei und spontan gestaltet. Das geschieht dann auch umgehend in der Phase die Perls als ›Explosion‹ bezeichnet. Ein bislang hintergründiger psychischer Aspekt, wie z. B. Aggression oder Trauer, kann sich nun unbehindert im Vordergrund entfalten und dadurch eine ›unerledigte Situation‹, eine ›offene Gestalt‹ schließen. Es kommt zu einer Integration eines nicht angenommenen seelischen Aspektes, der zusammen mit seinem bereits zugelassenen psychischen Gegenpol als balancierende Polarität in den Verantwortungsbereich der Persönlichkeit integriert wird.
Die Stadien Fixierung, Differenzierung, Diffusion, Vakuum und Integration des ›Fünf-Schichten-Modells‹, die in einer unendlichen Variation individueller Intensität, Zeitdauer, Wiederholung usw. durchlebt werden, ergeben sich als stimmiger Prozessverlauf, wenn man Friedlaenders polare Indifferenz-Philosophie als strukturierendes Interpretament anwendet und insbesondere Vorder- und Hintergrund als polare Differenzierung versteht sowie den Grund als Indifferenz. Wenn Perls diese Zusammenhänge auch nicht explizit herausgearbeitet hat, so finden sich bei ihm doch deutliche Hinweise darauf:
›Die grundlegende Lehre der Gestalttherapie ist die der Wesensdifferenzierung und der Integration. Die Differenzierung als solche führt zu Polaritäten. Als Dualitäten werden diese Polaritäten leicht in Streit kommen und sich gegenseitig paralysieren. Indem wir gegensätzliche Züge integrieren, machen wir die Menschen wieder ganz und heil. Zum Beispiel Schwäche und tyrannisches Verhalten integrieren sich als ruhige Festigkeit.‹ (Perls 1980, 155)
Klar kommt hier Perls’ grundsätzlich polare Sicht psychischer Dynamik zum Ausdruck. Es geht ihm darum, Dualitäten, einseitige Identifikationen mit eigentlich gleichwertigen psychischen Polen, zu ausgewogenen Polaritäten zu integrieren. In seinem Beispiel dreht es sich um die psychischen Fähigkeiten des Nachgebens (Schwäche) und sich Durchsetzens (tyrannisches Verhalten), die in isolierter Einseitigkeit eine negative, destruktive Qualität entwickeln. Nur wenn sie »gleich-gültig« komplementär aufeinander bezogen sind, ergänzen sie sich konstruktiv zur Ganzheit einer emotionalen Polarität, zu einer »ruhigen Festigkeit«, die flexibel und angemessen auf die Forderungen einer Situation antworten lässt.« (Frambach 1996, 14)
Dieses Prozessmodell der so genannten ›Fünf Schichten‹, eine nicht sehr glückliche Bezeichnung, ist für mich das Herzstück des psychotherapeutischen Ansatzes von Fritz Perls, wurde aber leider von ihm selbst nicht wünschenswert klar formuliert.
5. Struktur und Dynamik dieses Prozesses lassen sich auch auf der spirituellen Ebene nachweisen, beim Zen-Buddhismus und in der christlichen Spiritualität beim Hesychasmus, bei Meister Eckhart, der »Wolke des Nichtwissens«, Martin Luther und Gerhard Tersteegen. Es scheint, dass dieser Prozessverlauf für die Mystik charakteristisch ist, in kultur- und religionsübergreifender Weise.
Dieses Prozessverständnis wurde ja in praktischer und theoretischer Auseinandersetzung mit diesen drei Bereichen – Gestalttherapie, Zen und christliche Spiritualität – gefunden. Sie haben sich für mich gleichsam gegenseitig in einem inneren Polylog erklärt und geklärt. Dass die Prozessstruktur auch für den Aspekt des Transzendenten, des Religiösen, Geltung hat, bedeutet jedoch nicht, dass die Gestalttherapie selbst nun spirituelle Qualitäten hätte. Die Sphären von Psychotherapie und Spiritualität, Religion, Mystik usw. sind grundsätzlich zu trennen, wenn die Übergänge auch fließend sind:
»Psychotherapie will, vereinfacht ausgedrückt, die Entwicklung einer gesunden, d.h. stabilen und flexiblen Ich-Struktur ermöglichen. Spiritualität hingegen will, wie mehrfach aufgezeigt, das Ich überwinden, oder genauer, die egozentrische Position des Ich, das sich absolut setzt, relativieren. Beides ist für die menschliche Reifung wichtig: Ohne eine Ich-Struktur, die einigermaßen vollständig ausgebildet und gefestigt ist, kann auch kein Ich relativiert werden. Wo nichts ist, kann auch nichts überwunden werden. Der zweite Schritt kann nicht vor dem ersten erfolgen.
›Wo Es war, soll Ich werden‹ hat Sigmund Freud formelhaft das therapeutische Ziel seiner Psychoanalyse umrissen. Wollte man analog pointiert das Ziel von Spiritualität formulieren, dann könnte es lauten:
›Wo Ich war, soll Wir werden.‹
Der spirituelle Prozess, wie er sich in der christlichen Spiritualität, aber auch im Zen darstellt, zielt darauf, die egozentrische Fixierung auf das Ich aufzuheben und zu einem alles umfassenden, nichts und niemand ausschließenden Wir zu befreien.« (Frambach 1994, 286)
Wobei das spirituelle Wir im Sinne der Transdifferenz zu verstehen ist, nicht als simple Auflösung der Ich-Struktur in einer Wir-Einheit.

6. Friedlaenders Motiv von schöpferischer Indifferenz und polarer Differenzierung kann man der Sache, wenn auch nicht dem Namen nach auch in Gestalttherapie von Perls/Hefferline/Goodman ausmachen, nämlich im Verständnis des »Mittleren Modus« und des »Selbst«.
Zu Gestalttherapy (1951) hat Fritz Perls wohl nur eine Art Ideenmanuskript beigesteuert. Der theoretische Teil trägt eindeutig die Handschrift von Paul Goodman. Doch im Verständnis des Selbst und des Mittleren Modus ist die Philosophie von Friedlaender zu erkennen, die via Perls eingeflossen ist. Der hat sich später nie explizit auf Gestalttherapy bezogen.
Bei Goodman findet die Auffassung der schöpferischen Indifferenz oder des transdifferenten Grundes, der sich polar differenziert, eine strukturelle Entsprechung im Verständnis des Selbst, wenn er schreibt:
»Das Selbst ist nicht die Gestalt, die es bildet, sondern das Bilden der Gestalt, d.h. das Selbst ist das dynamische Verhältnis von Grund [m. E. müsste hier ›Hintergrund‹ stehen, L. F.] und Figur.« (Perls/Hefferline/Goodman, 1979b, 203 f.)
An anderer Stelle versteht Goodman Hintergrund und Figur (= Vordergrund) explizit polar: »Im Prozess sind Hintergrund und Figur Polaritäten.« (ebd. 202)
»Das Spontane ist zugleich aktiv und passiv, sowohl das, wozu man bereit ist, wie auch das, was einem zustößt, oder, besser, es ist ein mittlerer Modus zwischen Tun und Erleiden, eine schöpferische Unparteilichkeit, ein Desinteresse, nicht in dem Sinne, dass man nicht erregt oder nicht schöpferisch wäre, denn Spontaneität ist dies beides in außerordentlichem Maße, sondern als Einheit vor (und nach) der Trennung von Aktivität und Passivität, die beides einschließt.« (Perls/Hefferline/Goodman, 1979b, 164)
»Die Polarität von Aktivität und Passivität ist grundlegend für die menschliche Existenz. Besonders wenn es um Kreativität und Spiel geht, und auch um Spiritualität. Wenn man sich kreative Prozesse genauer ansieht, wird man feststellen, dass darin Aktivität und Passivität in eigentümlicher Weise verwoben sind. Ein Künstler, ein Wissenschaftler beschäftigt sich intensiv mit einer Fragestellung, sitzt fest, ist blockiert. Dann hat er einen Einfall. Es fällt ihm etwas zu. Er empfängt etwas. Dieses passive Moment ist meist auszumachen. Mit dem Gefühl der Freude ist dann das Gefühl der Dankbarkeit verbunden. Bei all der eigenen Anstrengung fühlt man sich auch beschenkt. In der Gestalttherapie wird dieses Ineinanderfallen, diese Koinzidenz von Aktivität und Passivität, als ›Mittlerer Modus‹ bezeichnet, ›als Einheit vor (und nach) der Trennung von Aktivität und Passivität, die beides einschließt‹.« (Perls/ Hefferline/Goodman 1979b, 164)
Das klingt doch verdächtig nach der schöpferischen Indifferenz von Friedlaender/Mynona. »Ja, schöpferische Indifferenz ist ein mittlerer Modus«, sagt Lore/Laura Perls (1989, 178), auch wenn das von Fritz Perls & Co. nicht explizit formuliert wurde.
Kreativität und schöpferische Spontaneität sind wesentlich vom Mittleren Modus, von der schöpferischen Indifferenz von Aktivität und Passivität geprägt, z. B. beim Tanzen. Wir bewegen uns und werden bewegt, von der Musik, dem Rhythmus. Oder beim Singen. Wir tönen und gleichzeitig hören wir uns und können so den Ton gestalten.
Oder in der Spiritualität, in der Meditation, die ich als einen grundlegend schöpferischen Prozess verstehe. Meditieren ist wesentlich davon geprägt, geistig in eine Balance von Aktivität und Passivität zu kommen, wie körperlich in eine Balance von An- und Entspannung. Im Mittleren Modus dieser schöpferischen Indifferenz kann sich das Befreiende ereignen, das wir in der spirituellen Übung suchen. Aber eher dosiert prozesshaft als in spektakulären Durchbruchserfahrungen, auf die spirituelle sensationseeker spekulieren.
Fritz Perls nennt Friedlaender »das westliche Äquivalent zur Lehre Laotse’s« (1969, 80). So ist es nicht verwunderlich, dass der Mittlere Modus der schöpferischen Indifferenz mit dem Wu-wei des Daoismus verglichen wird (Portele 1992, 105 ff.), das oft paradox mit »Handeln durch Nicht-Handeln« übersetzt wird.« (Frambach 2010, 44 f.)
»Der mittlere Modus ist somit die grundlegende innere Haltung, die dem Respekt vor der Selbstorganisation alles Lebendigen im Wechselspiel von Chaos und Ordnung gemäß ist.« (Fuhr/Gremmler-Fuhr 1995, 160)
Gerade das kreative Denken und Erkennen ist nach meiner Selbstwahrnehmung ein Prozess, der sich im Mittleren Modus vollzieht. Man beschäftigt sich aktiv und intensiv mit einem Thema einer Frage, bis man passiv auch unbewusst damit beschäftigt wird. Der Geist pendelt und oszilliert zwischen einem aktiven und passiven Modus, die sich gegenseitig durchdringen.
7. Das Motiv von schöpferischer Indifferenz und polarer Differenzierung ist geeignet, auch andere gestalttherapeutische Aspekte psychischer Dynamik grundlegender zu verstehen.
Das gilt z. B. für die neurotischen Vermeidungsmechanismen von Perls (1976, 48 ff.), die Introjektion und die Projektion, sowie die Konfluenz und die Retroflexion, die ich polar als »Verinnerlichen« und »Veräußerlichen«, sowie als »Auflösen« und »Verdichten« begreife, als »je zwei polar-gegensätzliche Möglichkeiten, die reale Auseinandersetzung an der realen Kontaktgrenze zu vermeiden und damit der Realität aus dem Wege zu gehen.« (Frambach 1994, 82)
»Bei der psychisch ›gestörten‹ Persönlichkeit, die aus dem seelischen Gleichgewicht geraten ist, hat sich gleichsam wie bei einer Wippe die balancierende Mitte verschoben, weil man sich zu einseitig und überwiegend mit nur einem Pol einer psychischen Gegensatzeinheit, wie z. B. Freude und Trauer, identifiziert. Dadurch kippt die innere Balance und es entsteht eine Schieflage, auf der man sich nur in einer anstrengenden Weise aufrechthalten kann, nämlich durch die Ausgleichsbewegung neurotischer Vermeidungsmechanismen. Der existentiell eigentlich ›schwerwiegendere‹ Pol, von dem man aus irgendwelchen Ängsten abgerückt ist, sinkt unter das Bewußtheitsniveau, in den Schatten des Hintergrunds, und der für einen ›leichtere‹ wird vordergründig pseudo-dominant. Die/der eigentlich ›überwiegend‹ Traurige ›neigt‹ dazu, kompensativ eine vordergründig heitere Fassade zu zeigen. Der Weg der Heilung besteht daher grundsätzlich in einem ›Prozeß der Zentrierung‹, in der ›Aussöhnung von Gegensätzen … zu einem produktiven Zusammenspiel« (Perls 1980, 95).
Diese Aussöhnung geschieht im Finden der Mitte, der schöpferischen Indifferenz, die den »Magnetismus der Extreme« (F 1926, 32) bewirkt, der widerstreitende Dualitäten zu komplementären Polaritäten integriert. Wendet man Friedlaenders polaren Denkansatz konsequent an, dann ist davon auszugehen, dass die Psyche, wie jedes andere Phänomen auch, prinzipiell polar, paarig, komplementär strukturiert ist. Es gibt keine einzelnen, für sich isolierten psychischen Phänomene, sondern es ist von Gegensatzeinheiten auszugehen, wie z. B. Zuneigung und Abneigung, Freude und Trauer, Durchsetzten und Nachgeben usw. Perls hat diese polare Sicht der Psyche nicht in einer systematischen Weise entfaltet, sie aber doch immer wieder zum Ausdruck gebracht:
»Wie jedes psychologische Phänomen wird das Selbstwertgefühl als Polarität erfahren. Während oben ein hohes Selbstwertgefühl, Stolz, Ruhm und sich großartig fühlen steht, steht unten: sich schlecht, wertlos, niedrig und klein fühlen.« (Perls 1969, 4)
Polarität ist für das Verstehen der Psyche von grundsätzlicher Bedeutung. Sie ist insbesondere in allen Ansätzen, die von der Psychoanalyse ausgehen (Jung, Adler, Reich, Szondi u. a.) mehr oder weniger deutlich aufzuzeigen, und vielleicht »eröffnet die Lehre von der Psychodynamik der Polarität die Möglichkeit, eine Gemeinsamkeit in der Neurosenpsychologie verschiedener tiefenpsychologischer Richtungen zu formulieren.« (Schlegel 1982, 275) Eventuell nicht nur dieser. Die polare Ausrichtung von Perls ist eindeutig auf Friedlaender zurückzuführen, der ihm außer dem Prinzip der polaren Differenzierung noch die zentrale Bedeutung der integrierenden Indifferenz vermittelte, und mit diesem Motiv die Denkbewegung seines gestalttherapeutischen Ansatzes anfänglich und entscheidend prägte. Ziel des gestalttherapeutischen Prozesses ist es aus dieser Perspektive, aus einseitiger Fixierung auf Vordergründiges zunehmend zum Grund zu führen, von der Peripherie zu Mitte und Zentrum, indem starre Dualitäten zu flexiblen Polaritäten integriert werden.« (Frambach 1996, 15)
Schlussüberlegungen
Wenn es um die Bedeutung von Friedlaenders Philosophie für die Gestalttherapie geht, stellt sich schließlich noch eine Frage: Was hat Fritz Perls wirklich davon verstanden? Wie gut hat er sich in diesen philosophischen Ansatz von schöpferischer Indifferenz und polarer Differenzierung vertieft? Was hat er gelesen? Wenn man einen normalen wissenschaftlichen Maßstab anlegt, dann ist das ausgesprochen dürftig. Perls hat Friedlaender kein einziges Mal wörtlich zitiert. Er hat die meisten Zusammenhänge, die ich anführe, wie den von der 4. Phase im »Fünf-Schichten-Modell« oder des Grundes mit der Schöpferischen Indifferenz, nicht explizit formuliert, geschweige denn ausgearbeitet. Aber das hat er mit seinen anderen Quellen, sei es Gestaltpsychologie, Holismus, Psychoanalyse, Organismustheorie von Goldstein, Phänomenologie, Existenz-Philosophie, Zen, usw. auch nicht getan! An normalen wissenschaftlichen Maßstäben gemessen ist Perls ein oberflächlicher Dilettant. Von Friedlaender hat er wahrscheinlich nur die Schöpferische Indifferenz gelesen. Wie genau, das kann niemand sagen. Was bedeutet es da, dass er sich von seiner ersten bis zu seiner letzten Veröffentlichung einige Male so prägnant und klar zu Friedlaenders Bedeutung für ihn bekennt? »Die Orientierung an der schöpferischen Indifferenz ist einleuchtend für mich. Ich habe dem ersten Kapitel von Das Ich, der Hunger und die Aggression nichts hinzuzufügen.« (1969, 80) Worin besteht der »tremendous impact« (Perls 1969, 74), den Friedlaender auf ihn hatte? Mit normalen wissenschaftlichen Kriterien wird man Perls nicht gerecht. Er war kein Wissenschaftler, kein systematisch gründlich denkender Mensch. Er war vor allem ein psychotherapeutischer Praktiker, ein »Aktionstyp« (Naranjo in diesem Band). Und er hatte ein ausgeprägtes Gespür, einen »Riecher« (Frambach 1996a, 41), »a keen nose« (Stoehr 1994, 81) für fruchtbare geistige Konzepte und Ideen.
»Fritz war ein ungeduldiger Genius. Sein Gründen in Ideen war niemals tief, aber er wusste augenblicklich was er von einer Theorie anderer nutzen konnte. Er vertraute seiner eigenen Intuition um Dinge auszusortieren, und scherte sich wenig darum die Einsichten zu systematisieren, die er aus anderen Gärten gepflückt hatte.« (Stoehr 1994, 52; Übers. LF)
Er hat sich intuitiv, fast möchte ich sagen instinktiv, mit diesen verschiedenen Ansätzen befasst, sie aber nie systematisch durchgearbeitet und integriert. Er ist der Typus eines charismatischen Praktikers, aber durchaus nicht ohne einen breiten intellektuellen Hintergrund. Seine provokativ anti-intellektuellen Äußerungen sind nicht als pauschal grundsätzliche Kritik zu verstehen, sondern sind »gegen eine erfahrungsferne Vermeidungs-Intellektualität gewandt, gegen eine entfremdende, aufgesetzte akademische Sprach- und Denk-Dressur.« (Frambach 1996a, 45) Perls war ein schwieriger Charakter, spannungsreich, widersprüchlich und unruhig. Das spiegelt sich auch in seiner Theoriebildung. Vieles steht relativ unverbunden nebeneinander. Man muss Perls besser verstehen, als er sich selbst verstanden hat. Ein Anspruch, der auf den ersten Blick vermessen klingt, auf den zweiten aber schlicht notwendig ist. Alle Gesamtdarstellungen der Gestalttherapie sind in hohem Maße Interpretationen, konstruieren Verbindungen zwischen unverbundenen Theorieaspekten. Für mich besteht die wichtigste Klammer, um diese Theorieaspekte zu verbinden, in Friedlaenders Philosophie schöpferischer Indifferenz und polarer Differenzierung. Um Friedlaenders Einfluss auf die Gestalttherapie zu erkennen, muss man strukturell denken, dieses Grundmuster in den Konzepten entdecken. Dass Perls Friedlaender auch in seiner Tiefendimension zumindest ansatzweise erfasst hat, das scheint für mich besonders in seinen Bemerkungen zur Leere und zum Nichts auf, die natürlich auch von anderen Quellen gespeist sind. »Nichts kommt Wirklichkeit gleich.« (Perls 1974, 65) Man kann das natürlich auch anders sehen. Mit seinen eher aphoristischen Äußerungen lässt Perls viel Spielraum für Interpretationen.
Für mich persönlich ist die Philosophie von Friedlaender eine grundlegende geistige Inspiration. Nicht nur im Blick auf die Gestalttherapie, weit mehr noch für mein Verständnis von Mystik, das für mich zentral ist für das Verstehen von Wirklichkeit überhaupt, nicht nur im religiösen Sinne. Darum habe ich das hier so ausführlich dargestellt. Oder im Blick auf das für Ökologie und gesellschaftliche Entwicklung fundamentale Thema von Maß und Mitte (Frambach 1997).
Friedlaender ist ein eminent auf sein Thema konzentrierter Denker, weil er überzeugt ist, dass es nichts Grundlegenderes gibt als dieses Thema: die schöpferische Indifferenz oder wie er es sonst nennen mag. Und seine Philosophie war für ihn Lebensphilosophie, hat ihn existenziell getragen, sich bewährt in den schwierigsten Situationen, im Exil in Paris, von den Nazis bedroht, krank alleingelassen in seiner kleinen Wohnung. »Meine Philosophie ist gar keine Philosophie mehr, sondern das Leben selber. (F/K 1986, 11).
Friedlaender ist ein Mann des Wortes, ein homme de lettres, als Philosoph, als Literat. Mir waren immer auch andere Formen der Praxis wichtig, wie die Psychotherapie oder die Meditation. Aber dafür hat er Erhellendes gedacht und geschrieben. Besonders sein grundlegendes Verständnis von Polarität als »oppositiv homogen« ist für mich immer wieder geistig anregend und in allen Aspekten des Lebens zu entdecken. »Der starke Mensch vereint in sich eine lebendige Mischung starker Gegensätzlichkeiten.« (M. L. King 1978, 11) Das Prinzip der Polarität ist einfach, aber keineswegs simpel. Oft werden falsche Pole gebildet, wie Ruhe und Bewegung: »Ruhe ist Zero der extremen Bewegung, nicht ihr Gegenteil, das vielmehr in der umgekehrten Bewegung zu finden wäre.« (GS10, 532) Oder Krieg und Frieden:
»Der Friede aber ist kein Gegensatz zum Krieg, nicht dessen anderer Pol, sondern dessen Sinn, Seele, Individuum; das schöpferische Zentrum aller Diametrik. Der Friede bedeutet die Überwindung des Krieges, keineswegs im Sinne von Vernichtung, sondern von gleichsam musikalischer Beherrschung und Besiegung alles Widerstreits.« (GS10, 103)
Oder Gut und Böse:
»Das Echte, Gesunde, Wahre, Schöne, Gute, mit einem Wort: Gott – ist kein Pol, sondern die zentrierende, harmonisierende Macht, von der die Pole, die sonst zwieträchtig, also eben falsch, hässlich, böse disharmonisieren, zur Konkordanz gezwungen werden. Im Gewölbe der menschlichen Spannungen bewirkt erst dieser Schlußstein den vollendeten Halt.« (F/M, Das magische Ich, 142)
Kurz und gut: Friedlaenders Philosophie Schöpferischer Indifferenz und polarer Differenzierung ist keinesfalls eine »obskure Quelle« der Gestalttherapie (Wheeler 1993, 60), sondern ein ausgesprochen inspirierend-tiefgründiger und vielseitiger philosophischer Ansatz, dessen Bedeutung weit über die Gestalttherapie hinausgeht.
Martina Gremmler-Fuhr
Die Idee von Polarität im Integralen Gestalt-Ansatz (INTEGA)
Einführung
Die philosophische Idee der Polarität hat eine lange Geschichte und fand Eingang in den Gestalt-Ansatz1 über Salomo Friedlaender.2 Sie ist heute in vielen Gebieten der Wissenschaften zu finden und natürlich auch in psychologischen Konzepten vertreten. So basiert zum Beispiel in dem Klassiker von Fritz Riemann (1981), Grundformen der Angst, die Grundstruktur der Typologie auf Polaritäten, aber auch in verschiedenen entwicklungspsychologischen Ansätzen, beispielsweise Robert Kegans Entwicklungsstufen des Selbst, ist eine polare Grundstruktur wesentlich (vgl. Kegan 1986). Im Gestalt-Ansatz ist beispielsweise das Figur-Hintergrund-Konzept polar, und auch die Kontaktfunktionen lassen sich – auch um ihrer Prozesshaftigkeit oder Dynamik gerecht zu werden – in Polaritäten ausdifferenzieren, indem man sie beispielsweise der Grundpolarität Eigenständigkeit und Zugehörigkeit (z. B. Kegan ebd.) zuordnet (vgl. Fuhr & Gremmler-Fuhr 1995, 119–129). Als Grundprinzip der Darstellung ist es aber auch beispielsweise in den Praxisprinzipien der Gestalttherapie verwendet worden (vgl. Fuhr 2001a).
Eine polare Grundstruktur spielt auch in der Integralen Philosophie eine besondere Rolle, die ich zusammen mit Reinhard Fuhr auf der Grundlage von Ken Wilbers Arbeiten, vor allem Eros, Kosmos Logos und Integrale Psychologie (Wilber 1996, 2006) mit dem Gestalt-Ansatz zum INTEGA (Integraler Gestalt-Ansatz) verbunden habe. Besonders zentral ist dabei zum einen die Holarchie der Entwicklung, zum anderen das Quadrantenmodell. Beide zusammen ergeben bei Wilber das AQUAL-Modell (all quadrants all levels), ein umfassendes Orientierungssystem für Entwicklung, das westliche und östliche Erkenntnisse zusammen zu führen versucht.
Beim Quadrantenmodell handelt es sich um ein Konstrukt, das versucht, vier gleichwertige Perspektiven von Realität metatheoretisch abzubilden. Die vier Perspektiven ergeben sich aus den Polen von Innen und Außen, sowie den Polen Individuell und Kollektiv. So ergeben sich vier Quadranten, mit den Perspektiven Innen-Individuell (der obere linke Quadrant, OL), Innen-Kollektiv, (unterer linker Quadrant, UL), Außen-Individuell (oberer rechter Quadrant, OR) und Außen-Kollektiv (unterer rechter Quadrant, UR).

Abb. 1: Quadrantenmodell I, (nach Wilber 1996)
© Gremmler-Fuhr 2008
Jeder dieser Quadranten hat aufgrund seiner Perspektive auf ein Phänomen seine spezifische »Erkenntnismethode«, so zum Beispiel OL die dialogische Interpretation, OR die empirische Untersuchung. Entsprechend gibt es für jeden Quadranten einen spezifischen »Erkenntnisgegenstand«, z. B. für OL innere subjektive Prozesse und für OR beobachtbares Verhalten und Sachverhalte. Und schließlich gelten auch für jeden Quadranten spezifische Wahrheitskriterien, beispielsweise für OL Wahrhaftigkeit und für OR Objektivität. In Abbildung 2 ist ein vollständiger Überblick für alle vier Quadranten3 dargestellt.
Abb. 2: Quadrantenmodell II, vier Perspektiven der Wirklichkeit und ihre spezifischen Erkenntnisweisen, Erkenntnisgegenstände und Wahrheitskriterien (nach Fuhr & Dauber 2002, 22)
© Gremmler-Fuhr 2012
Neben dem Quadrantenmodell führte ich als zweites wichtiges Modell, das wir aus der Integralen Philosophie in den Integralen Gestaltansatz eingefügt haben, die Holarchie der Entwicklung an.
Aus der westlichen Welt sind darin beispielsweise Systeme von Jean Gebser (Kultur), Abraham Maslow (Bedürfnisebenen), Lawrence Kohlberg und Carol Gilligan (moralische Entwicklung), Clare W. Graves (Persönlichkeitsentwicklung) und Don Edward Beck und Christopher C. Cowan (Werte, Führung und Wandel) eingeflossen. In der Terminologie zum Integralen Gestalt-Ansatz nehmen wir Bezug auf Gebser mit dem Ebenenmodell zu Weltsichten, beginnend mit archaisch, weiter über magisch, mythisch, mental bis zur integralen Weltsicht, aber vor allem auch auf die farbliche Bezeichnung und Erläuterungen, wie sie von Beck und Cowan in Spiral Dynamics (2011, s.u.; vgl. auch Abbildung 3; vgl. auch Anmerkung 4) benutzt werden.
Wie nicht nur oben auszugsweise erwähnt, sondern darüber hinaus in diesem Buch in anderen Beiträgen hinreichend ausgeführt, hat also die polaristische Philosophie in den Gestalt-Ansatz Eingang gefunden. Daher werde ich mich im Folgenden schwerpunktmäßig auf das konzentrieren, was Reinhard Fuhr und ich aus der Integralen Philosophie für den Integralen Gestalt-Ansatz übernommen und für unsere Zwecke aufbereitet haben. Und natürlich werde ich dabei besonders herausarbeiten, welch wichtige Bedeutung der philosophischen Grundidee der Polaritäten zukommt.
Zur Rolle von Polaritäten in der Holarchie der Entwicklung und im Quadrantenmodell
Die Holarchie der Entwicklung, auf die ich mich hier beziehe, ist ein Ebenen- oder Stufenmodell, das holarchisch aufgebaut ist und in das eine Vielzahl von östlichen und westlichen Forschungen und Traditionen eingeflossen sind. Wilber hat eine beeindruckende Arbeit geleistet, indem er in vielen Veröffentlichungen seine Forschungsergebnisse dazu dargestellt hat (vgl. 1996, 2006). Die Holarchie der Entwicklung ist ebenso wie das Quadrantenmodell ein komplexes Konstrukt mit vielen Implikationen, die hier nicht im Einzelnen hergeleitet oder dargestellt, ja nicht einmal erwähnt werden können, wenn ich noch zum eigentlichen Gegenstand dieses Beitrags kommen möchte4 – der Idee von Polaritäten!
Das Phänomen Polarität ist für die Holarchie der Entwicklung und auch für das Quadrantenmodell (dessen Perspektiven ja nichts anderes sind als Pole von zwei grundlegenden Polaritäten) ein wesentliches Charakteristikum. So ist beispielsweise bereits der Grundbaustein der Entwicklungsholarchie, das Holon, mit seiner ›Doppel-Identität‹ vom Ganzen/Teil-eines-größeren-Ganzen von polarer Struktur. Aber auch in einem inhaltlichen Charakteristikum weist die Entwicklungsholarchie (sei es bei Wilber oder auch beispielsweise bei Kegan oder nicht zuletzt bei Beck & Cowan, die von einer Spirale sprechen) eine sehr interessante Polarität auf, auf die ich hier näher eingehen möchte:
Ich spreche von der Ur-Polarität von Eigenständigkeit und Zugehörigkeit, wie sie sich durch die Kulturgeschichte der Menschheit zieht und in vielen Arbeiten so oder in ähnlichen Begriffen erwähnt wird. Sie trägt dem Phänomen Rechnung, dass Menschen ebenso das Bedürfnis nach Zugehörigkeit wie nach Eigenständigkeit haben – etwas, was wie ein Widerspruch anmutet, jedoch bei genauerer Betrachtung eine Polarität darstellt!
Bereits Robert Kegan wies in seinem als Spirale dargestellten Entwicklungsmodell (1986) explizit darauf hin, dass diese Polarität von Zugehörigkeit und Eigenständigkeit eine wesentliche Komponente der Entwicklung darstellt. Er stellt fest, dass diese beiden Bedürfnisse miteinander in Konflikt liegen, dass eine Spannung zwischen beiden besteht (ebd. 150). Auf einer jeden Entwicklungsstufe, so Kegan, wird dieser Konflikt nun neu und entsprechend der Möglichkeiten beantwortet. So weit, so gut – aber es gibt eine interessante Regelmäßigkeit bei dieser wiederkehrenden Lernherausforderung durch die Stufen hindurch. So schreibt Kegan:
»Auf jeder Stufe wird der Konflikt anders bewältigt. Der gesamte lebensgeschichtliche Entwicklungsprozess, den ich verfolgt habe, ist ein ständiger Wechsel zwischen Stufen, in denen der Konflikt zugunsten der Unabhängigkeit gelöst wird und Stufen, die zugunsten der Zugehörigkeit ausfallen.« (ebd. 150)
Für eine Darstellung dieser Abfolge müssen wir nun zu einer Bezeichnung für die Ebenen oder Stufen kommen. Ich wähle eine Mischung aus Benennungen dessen, was die Selbstentwicklung und die Weltsicht auf einer jeweiligen Stufe charakterisiert und verwende darüber hinaus den Farbcode, den Beck & Cowan für ihre Spiral Dynamics5 etabliert haben (Beck & Cowan 2011, 106 f.)
Eine erste grobe Einteilung der Entwicklung kann in die drei Bereiche präpersonal, personal und transpersonal vorgenommen werden, die jeweils noch einmal in drei Stufen oder Ebenen unterteilt werden – ich werde die einzelnen Stufen hier nur kurz skizzieren, damit ich im weiteren Verlauf zeigen kann, wie jeweils stufenspezifisch mit der Ur-Polarität und Polaritäten im Allgemeinen umgegangen wird:
BEIGE: archaisch, instinkthaft, physisches Selbst, es geht ums nackte Überleben; zu finden in der frühen Menschheitsentwicklung bzw. bei Neugeborenen und Demenz im späten Stadium
PURPUR: magisch, glaubt an und folgt Geistwesen, emotionales Selbst, ist abhängig und ergeben gegenüber Autoritäten, versucht durch Rituale das Schicksal zu beeinflussen
ROT: mythisch, es gilt das Recht des Stärkeren, der Respekt von Schwächeren fordert, hochgradig egozentrisch, impulsiv, mentales Selbst grenzt sich ab, präoperatives Denken; z. B. in Trotzphase und bei rebellierenden Jugendlichen;
BLAU: konventionell, Ordnungen, Recht und Regeln sind wichtig, Rollen können eingenommen werden (Rollen-Selbst), konkret-operatives Denken; erste personale Stufe
ORANGE: zweckrational, Leistungs- und Erfolgsorientiert, man handelt strategisch, ist fortschrittsgläubig und konkurrenzorientiert; reflexives Selbst, identifiziert mit eigener Leistung
GRÜN: relativistisch, postmodern, sensitives Selbst; Gemeinschaft, Konsens, Sensibilität, Ökologie und Spiritualität sind wichtig
GELB: integral, autonomes Selbst; Eigenverantwortung in Interdependenz, prozesshafte Entscheidung situativ verantwortet; Kompetenz und Reife werden wichtiger als Rang, Macht und Status
TÜRKIS: holistisch-globales Selbst; das Selbst ist sowohl »klar unterschiedener als auch ein mit einem größeren, mitfühlenden Ganzen verbundener Teil … alles verbindet sich in ökologischer Ausrichtung mit allem … Energie und Information durchdringen die gesamte terrestrische Umwelt … holistisches, intuitives Denken und kooperatives Handeln sind zu erwarten« (Beck & Cowan 2011, 76)
KORALLE: Beck und Cowan (ebd.) schreiben dazu lediglich die eine Bemerkung: »Koralle ist diesen beiden Autoren immer noch unklar« (ebd.), was konsequent ist, wenn man davon ausgeht, dass diese Stufe noch nicht real vorkommt. Wilber wählt hier Bezeichnungen wie »formlos«, »nichtduale Mystik«, »beständig andauerndes Bewusstsein« (Wilber 2006, Tafel 6a)
Damit haben wir die Grundlagen geschaffen, um den Verlauf der Polarität Eigenständigkeit und Zugehörigkeit durch die Entwicklungsholarchie zu verfolgen (vgl. Abb. 4).

Abb. 3: Entwicklungsholarchie
© Gremmler-Fuhr 2012
Beginnen wir mit der BEIGEN Entwicklungsstufe6, der ersten, die angenommen wird und mit allerersten Differenzierungen aus einem undifferenzierten Sein startet. Auf dieser ersten Ebene vom Bewusstsein von Eigenständigkeit zu sprechen, ist sicher nicht sehr glücklich. Aber wo das Selbst so wenig abgegrenzt ist und es tendenziell immer um das nackte Überleben geht, ist das Leben gleichermaßen asozial und abhängig. Mit anderen Worten: Man ist im Extremfall beim Überleben angewiesen auf Hilfe weiter entwickelter oder gesünderer Anderer (bspw. als Säugling oder als Demenzkranker) bzw. der eigene Organismus ist zunächst primär damit beschäftigt, sich selbst zu erhalten (statt sich um andere zu kümmern oder für andere zu interessieren). Insofern ist hier sicher nicht die Gemeinschaft im Vordergrund, sondern individuelle grundlegende Interessen.
Dies ändert sich auf der PURPURNEN Stufe deutlich, denn nun versucht man, seine soziale Isolation zu überwinden, seine Bedürfnisse nach Sicherheit, seine Angstbewältigungen und seine Sehnsüchte in Beziehung zu anderen zu realisieren. Ursprünglich neue Erfahrungen dieser Stufe werden zunehmen, man bildet neue Gewohnheiten aus, Muster werden gelernt, und das Selbst integriert die Erfahrungen dieser Stufe. Darauf folgend werden die für die ROTE Stufe typischen neuen Herausforderungen oder auch Konflikte deutlich, und neue Antworten, Kompetenzen und Bewältigungen müssen gefunden werden. Das Selbst lernt sich nun wieder deutlich von der Gemeinschaft abzugrenzen, die eigene individuelle Identität steht stark im Vordergrund und wird weiter entwickelt; ein mentales Selbst entsteht, man ist ego-gebunden und der eigenen Sicht verhaftet. Dies ändert sich dann auf der BLAUEN Stufe wieder, und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit kommt erneut zum Zuge, das Selbst entwickelt seine sozialen Kompetenzen weiter; es lernt, das zuvor in seiner Stärke entwickelte Ego wieder zurück zu nehmen und sich in der Gemeinschaft anzupassen, über das sich das Selbst auch definiert. Doch die Ego-Entwicklung ist noch nicht genügend gereift, als dass sie hier so einfach abgeschlossen sein könnte. Sie verschafft sich auf der ORANGEN Stufe erneut die primäre Beachtung. Hier erfährt sich das Selbst wieder in seinen individuellen Möglichkeiten, der Einzelne kann nun seine rationalen Kompetenzen anwenden und ausbauen und seine erfolgsorientierten Bestrebungen, seine Freude an Leistung und Wettbewerb ausleben – ein personales Selbst entsteht.
Am Ende der ORANGEN Ebene hat das Selbst fünf große Entwicklungsstufen durchlaufen. Bei Beck & Cowan und auch bei Kegan scheint sich das Pendeln der Polaritäten durch die Stufen hinweg fortzusetzen, das heißt, auf der GRÜNEN Stufe wäre jetzt wieder der Pol der Zugehörigkeit im Vordergrund. Dafür spricht natürlich, dass hier tatsächlich Gemeinschaft ein hoher Wert ist, dass das Bewusstsein ökologisch oder weltzentrisch wird usw. Andererseits – und das ist nicht sekundär – geht es auf GRÜN um Selbstverwirklichung, um das Aufspüren und Realisieren der eigenen Bedürfnisse.
Daher stelle ich die Hypothese auf, dass nun auf GRÜN ein spektakulärer Prozess seinen Anfang nimmt: die Integration von Polaritäten.
GRÜN – Integration der Polaritäten wird vorbereitet
Mit der GRÜNEN Ebene beginnt man, Vielfalt zuzulassen (Pluralismus), und man ist relativistisch; man verfügt über die kognitiven Möglichkeiten, in Wechselbeziehungen zu denken, und man kann Ereignisse in ihrer Vernetzung aus externer Perspektive wahrnehmen.
Wenn diese Kompetenzen im fortgeschrittenen Stadium von GRÜN tatsächlich umgesetzt werden, dann kommt es zwangsläufig zu einem inneren Konflikt:
Früher oder später kommt man in einen Widerspruch zwischen den Rechten, die man aus der eigenen Selbstverwirklichung ableitet, und dem Wert, allen Lebewesen gleiche Rechte zuzugestehen, denn beide Werte gelten gleichermaßen auf GRÜN. Zum ersten Mal bricht dieser Werte-Konflikt explizit auf einer Ebene auf, ohne dass einer der beiden Werte in den Hintergrund zurückweicht. Auf den vorhergehenden Stufen mussten die Pole sozusagen getrennt zur Reife gebracht werden, bis sie nun auf GRÜN aneinander reifen müssen.
Dieser Reifungsprozess stellt eine enorme Anforderung an das Selbst dar. Etwas, das bis zu dieser Stufe unvereinbar war, prallt nun aufeinander und verlangt eine Lösung, die keine weitere Abspaltung erlaubt. Der Weg der Abspaltung ist nun versperrt: zum einen, weil er sich nach den Werten dieser Stufe verbietet, zum anderen, weil das Bewusstsein entwickelt genug ist, um zu erkennen, dass weitere Abspaltung sinnlos ist, dass darin kein Fortschritt, keine Entwicklung mehr liegen kann.
Aber was dann? In der Theorie ist die Antwort einfach: Es geht um Integration, um Transzendieren und Umfassen, wie es bei Wilber heißt, wenn es um die Drehpunkte die Stufenübergänge geht. Aber was heißt das hier konkret?
Meiner Auffassung nach wird hier auf GRÜN die Integration der Pole vorbereitet, bevor sie auf der nächsten Ebene vollzogen wird. Es ist bereits eine große Leistung, beide Pole gleichwertig nebeneinander auftreten zu lassen, den sich daraus ergebenden Widerspruch zuzulassen und zu versuchen, beiden Seiten gerecht zu werden. Die GRÜNE Leistung besteht darin, aus dem durch die bisherigen Stufen hindurch praktizierten Weg der Abspaltung der Polarität in Pole auszusteigen und den Konflikt, der sich aus dem Aufeinandertreffen beider Pole ergibt, auszuhalten. Die GRÜNE Lösung dieses Konflikts kann noch nicht die große Integration sein, dafür ist noch eine weitere Transformation nötig. Die Voraussetzung für eine solche Transformation wird jedoch auf GRÜN geschaffen, indem man sich an der Quadratur des Kreises müht: Man versucht, beiden Polen gerecht zu werden, Lösungen dafür zu finden, in Gemeinschaft zu leben und den individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Das bedeutet, sowohl dem eigenen Bedürfnis nach Zugehörigkeit nachzugehen als auch dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Oder noch einmal anders ausgedrückt: anderen Menschen Selbstverwirklichung zuzugestehen bzw. sie darin zu unterstützen und eigene Grenzen zu erweitern etc.
Das führt nicht selten zu Formen des Selbstbetrugs der einen oder anderen Richtung, die aufgedeckt und durchlitten werden müssen. Da werden der Gruppenharmonie eigene starke Interessen geopfert, die sich dann andernorts Bahn brechen. Es werden Ideologien von Gleichheit vertreten, die so nicht gelebt werden können (einfach weil sie nicht der Realität entsprechen). Es werden Hierarchien (auch Holarchien) geleugnet, weil sie mit den Werten unvereinbar scheinen etc. Das alles muss ausprobiert, ausgehalten und durchlebt werden, wenn man Polarität nicht mehr verdrängt, sondern die Pole aufeinander prallen lässt.
Gegen Ende von GRÜN hat man erfahren, dass es nicht die Lösung gibt für diesen Konflikt, denn es kann keine klare, inhaltlich eindeutige Anweisung geben, wie man konkret Polarität leben kann. GRÜN hat es mit der Anweisung versucht: Beide Pole sind gleichwertig und stellen keinen Widerspruch dar!
Damit ist es zum ersten Mal möglich, beide Pole bestehen zu lassen – das ist die großartige Leistung dieser Stufe. Die Gefahr dabei ist, dass Unterschiede nivelliert, also Differenzen geleugnet werden (beispielsweise Geschlechterdifferenzen). Im Idealfall jedoch hat man erfahren, dass die Pole gleichwertig sind, also keiner der Pole per se richtig oder falsch ist. (Eine Grundidee, die uns schon im Quadrantenmodell begegnet ist, denn alle Perspektiven sind gleichwertig, keine ist wichtiger als eine andere etc.) Damit ist auch klar, dass die Antwort für einen angemessenen Umgang nicht mehr darin liegen kann, sich ein für alle Mal für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Mit dieser grundsätzlich neuen Einsicht sind nun die Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten von GRÜN umfassend ausgeschöpft und der Prozess der Integration der Pole muss sich auf der nächsten Stufe fortsetzen.
GELB – Integration der Polaritäten – von der ersten zur zweiten Ordnung
Mit GELB, der integralen Stufe, begegnen wir nicht nur in der bei jedem Stufenübergang üblichen Weise neuen Herausforderungen. Dem tragen die Modelle von Wilber Rechnung, indem sie mit Beginn der integralen Stufe (bei Wilber Schau-Logik7 genannt) den transpersonalen Bereich eröffnen, und die Spiral Dynamics von Beck & Cowan sprechen bis zu GRÜN von der »ersten Ordnung menschlicher Entwicklung« (first tier) und beginnend mit GELB von der »zweiten Ordnung menschlicher Entwicklung« (second tier). Dort heißt es:
»Wer aus der ersten Ordnung (First Tier) heraustritt, sieht zu viel und aus zu vielen Blickwinkeln, um eine Einfachheit anzunehmen, die nicht vorhanden ist. Jetzt, da die Lebensbedingungen1-6 [die ersten sechs Stufen oder WMems8] Geschichte sind, beginnen Urteile, welche die gesamte Spirale überblicken, den grünen Relativismus abzulösen. Die Realisierbarkeit von individuellen wie von Gruppenaktionen vergrößert sich, und auch die Fähigkeit des Einzelnen, zugleich mit Vielfalt und Komplexität umzugehen, wächst. Ein bisschen Disharmonie erscheint nun natürlich und die eigene Toleranz für offene Widersprüche nimmt zu. […] Eine ganz neue Denkweise schickt sich an, zu entstehen, während das gelbe WMem die zweite Ordnung (Second Tier) der menschlichen Existenz zum Leben erweckt.« (Beck & Cowan 2011, 434 f.)
An anderer Stelle sprechen sie im Zusammenhang mit der ersten Ordnung (First Tier) der menschlichen Entwicklung von der Phase des »Handlungsmenschen«, die gewissermaßen den »Gipfel unserer Primatennatur« darstelle. (ebd. 436) Und zum Übergang von GRÜN zu GELB führen sie weiter aus:
»Jedes Aufleuchten eines neuen WMems ist ein großer Schritt in der Entwicklung der Menschheit. Doch der Übergang von GRÜN nach GELB ist ›ein bedeutsamer Sprung‹, so Graves9, der uns von den Subsistenzebenen der ersten Ordnung zu den Seinsebenen der zweiten Ordnung (Second Tier) führt. Das ist nicht bloß eine neue Stufe auf der Treppe der Entwicklung. Die grünen Probleme unter den Lebensbedingungen6 [= die ersten sechs WMems) schließen alle der vorhergehenden Welten – Lebensbedingungen1, 2, 3, 4 & 5 – mit ein und schwingen oft gemeinsam mit ihnen. Unter den Lebensbedingungen7 beginnen die WMeme fast wieder von vorn, ähnlich wie ein musikalisches Thema, das in einer anderen Tonart wiederholt wird.
[…] Die Lebensbedingungen7 führen eine Komplexität ein, die sich jenseits auch noch der besten Denkweise der ersten Ordnung (First Tier) befindet.« (ebd.)
Wilber, der in seinen Ausführungen zur Integralen Psychologie (2006) die Spiral Dynamics rezipiert, ordnet diesen besonderen Stufenübergang folgendermaßen ein:
»… was keines dieser Meme [der ersten Ordnung] von sich aus kann, ist die Existenz der anderen Meme in vollem Sinn wertschätzen […] das beginnt sich mit dem Denken des zweiten Rangs10 zu verändern. Weil Bewusstsein des zweiten Ranges sich der inneren Stufen der Entwicklung ganz bewusst ist – auch wenn es sie nicht in technischer Weise artikulieren kann –, tritt es zurück und erfasst das große Bild, und so kann das Denken des zweiten Ranges die notwendige Rolle, die alle diese verschiedenen Meme spielen, wertschätzen. Indem das Bewusstsein des zweiten Ranges das benutzt, was wir Schau-Logik nennen würden, denkt es in Begriffen der Gesamtspirale der Existenz, und nicht nur in denen einer jeweiligen Ebene … das Denken des zweiten Ranges [geht] einen Schritt weiter und beginnt, diese pluralistischen Systeme in integrale und holistische Spiralen und Holarchien zu integrieren (Beck und Cowan selbst sagen von diesem Denken des zweiten Ranges, es operiere mit ›Holonen‹).« (ebd. 69)
All dies wird in der folgenden Abbildung 4 noch einmal zusammengefasst dargestellt.

Abb. 4: Polarität Zugehörigkeit/Eigenständigkeit in holarchischer Selbstentwicklung.
© Gremmler-Fuhr 2012
Friedlaenders Verständnis von Polaritäten bzw. schöpferischer Indifferenz und der Integrale Gestalt-Ansatz
Für den Gestalt-Ansatz hat, wie bereits erwähnt, Ludwig Frambach mehrfach verdeutlicht, wie sich der Einfluss von Friedlaenders Philosophie bemerkbar macht. So setzte er beispielsweise auch das Fünf-Schichten-Modell der Neurose unter Zuhilfenahme des Figur-Grund-Konzeptes in Beziehung zu Polaritäten und schöpferischer Indifferenz (Frambach 2001, 304 f.).
Aber auch in Versuchen der Weiterentwicklung der theoretischen Konzepte des Gestalt-Ansatzes griffen beispielsweise Reinhard Fuhr und die Autorin auf die Idee der Polaritäten zurück, so unter anderem bei der Darstellung der Kontaktfunktionen (z. B. Fuhr & Gremmler-Fuhr 1995, 119–133), bei der Darstellung der Dimensionen dialogischer Beziehung (Gremmler-Fuhr 2001, 406–416), bei Überlegungen zu einer Ethik im Gestalt-Ansatz (Gremmler-Fuhr 2001a, 545–561) oder Erläuterungen der Praxisprinzipien des Gestalt-Ansatzes (z. B. Fuhr 2001a, 417–437).
Mit der Darstellung der Polarität von Zugehörigkeit und Eigenständigkeit, wie sie sich durch die Stufen oder Memes der Entwicklungsholarchie manifestiert und transformiert, ist auch ein Prozessverlauf angedeutet, der nun mit Friedlaenders Verständnis von Polarität und schöpferischer Indifferenz in Beziehung gesetzt werden kann.
In der Entwicklungsholarchie gibt es, wie in der obigen Darstellung deutlich wurde, nicht nur eine Stelle, an der Polaritäten auftreten, um dann in einem nächsten Schritt transzendiert zu werden. Dieser Prozess vollzieht sich vielmehr bei jedem Stufenübergang, was nicht zuletzt dadurch evident ist, dass wir nicht ohne Grund von einer Holarchie sprechen: Holarchien sind aus Holons bestehende Hierarchien, und darin ist der polare Charakter per Definition verankert (wie ich zu Beginn andeutete). Beim Stufenübergang geht nun sowohl die alte Teil-Identität im größeren Ganzen auf und ebenso differenziert sich eine neue Teil-Identität heraus.
Im Erleben lässt sich ein solcher Stufenübergang mehr oder weniger ausführlich beschreiben – Wilber spricht bei einem jeden Stufenübergang oder jedem »Drehpunkt« vom 1–2–3–Prozess bzw. sieht darin das Erkennungsmerkmal für einen Stufenübergang, wenn er ausführt:
»Man kann also einen Drehpunkt immer an seiner dreistufigen Struktur erkennen: Identifizierung, Ent-Identifizierung, Integration oder Verschmelzung, Differenzierung, Integration oder Einbettung, Transzendierung, Einschließung.« (Wilber 1997, 191)
Wilber weist darüber hinaus auch auf eine häufige Problematik hin, nämlich auf die Verwechslung von Differenzierung und Dissoziation (Wilber 1997, 217) sowie die von Verschmelzung mit Freiheit (bzw. Integration) (ebd.). So betrachten nach Wilber viele Theoretiker
»… jegliche Differenzierung nicht als Vorbereitung auf eine höhere Integration, sondern als brutale Zerstörung der bisherigen Harmonie […] Damit über-idealisieren sie aber diesen primitiven Mangel an Differenzierung ganz dramatisch. Dass das Selbst noch nichts von Leiden weiß, bedeutet ja nicht schon, dass es umgekehrt in spiritueller Wonne baden würde. Die Abwesenheit von Bewusstsein bedeutet nicht die Anwesenheit des Paradieses!« (ebd.)
Wer den für Entwicklung notwendigen Schritt der Differenzierung mit Dissoziation, also mit Entfremdung bzw. Abspaltung gleichsetzt, der interpretiert jede Differenzierung als Herausfallen aus einem zuvor paradiesischeren Zustand und daher als Entwicklung in die falsche Richtung. Dieses Missverständnis ist nicht zuletzt im GRÜNEN Meme eine Gefahr, da hier, wie bereits erläutert, Harmonie und Gleichheit hohe Werte sind und die Orientierung relativistisch und soziozentrisch ist. Wie Wilber deutlich macht, resultiert aus Verschmelzung alles andere als Freiheit. Vielmehr ist es
»… genau umgekehrt. Verschmelzung ist Gefangenschaft – man wird von allem beherrscht, was man noch nicht transzendiert hat.« (ebd.)
Abgesehen von diesen Zusammenhängen zu Friedlaenders Konzept der Polaritäten und der schöpferischen Indifferenz gibt es m. E. noch einen spezifischeren Zusammenhang. Dies soll an folgendem Zitat von Frambach in Erläuterung von Friedlaender deutlich werden: »∞ zu sein, genügt nicht; man soll es auch (polariter) werden« (Friedlaender 1986, 18). Die Lebenskunst, die aus der indifferenten Mitte erwächst, besteht prinzipiell in einem Balancieren der polaren Gegensätze, einem Äquilibrieren. Es kommt darauf an, sich nicht einseitig und schief von einem Pol vereinnahmen zu lassen, sondern sich frei in deren Mitte zu zentrieren und sie beidseitig gleichsam wir Flügel zu regen. Eine unvoreingenommene »Gleichgern-Bereitschaft« (Friedlaender 1918, 439 u. 479), ein Gleich-Mut, kennzeichnet den Menschen, der in seiner indifferenten Mitte zentriert ist gemäß dem einen Grundgebot des »weltschwangeren Nichts: Es verbietet nichts Bestimmtes, nur das Fehlen des Gleichgewichts zwischen polar Bestimmtem« (ebd. 144). Es geht konkret z. B. darum, dass Zorn und Sanftmut nicht als sich ausschließende Widersprüche voneinander isoliert werden, sondern als polar-differenzierte Gegensatzeinheit gelebt werden, indem man flexibel in ihrer indifferenten Mitte zentriert ist. So kann man »elastisch identisch« (ebd. 195) bleiben und aus einer »Totalität des Erlebens« (ebd. 147) heraus frei beweglich auf die jeweilige Anforderung der Situation angemessen zornig oder sanft reagieren (Frambach 2001, 301).
Zunächst zum Beginn dieses Zitats: Prägnanter kann man wohl nicht deutlich machen, dass es um das Leben und Erleben aller Pole geht. Keiner der Zustände oder Phasen wird als endgültiges Ziel angestrebt, sondern es geht um die Bewegung von einem zum anderen – und nichts anderes ist der Prozess der holarchischen Entwicklung.
In der weiteren Beschreibung liest sich Frambachs Erläuterung Friedlaenderscher Philosophie jedoch im Grunde wie eine exakte Beschreibung des GELBEN Memes: im Selbst so sicher verankert zu sein (»in der indifferenten Mitte zentriert«), dass man über alle Errungenschaften der vorherigen Memes verfügen kann und diese situativ verantwortlich auswählt (»elastisch identisch«) – das ist eine Werteorientierung und ein Denken der zweiten Ordnung – also mindestens die integrale Ebene bzw. GELB!
Woran erkennt man aber eigentlich genau, ob man selbst oder jemand anderes nun aus integraler Bewusstheit heraus Position bezieht, Entscheidungen trifft und zur Handlung kommt oder ob es sich um ein Mem erster Ordnung handelt, von dem aus man all das tut? Oder anders formuliert: Wie macht es sich bemerkbar, dass bzw. ob jemand in der Lage ist, auf eine solche »elastische Identität« zurückzugreifen?
Konsequenzen aus der Integration von Polaritäten
Betrachtet man allein das Verhalten (beschränkt sich also nach dem Quadrantenmodell von Wilber auf die beiden rechten Quadranten), so kann man erkennen, was jemand tut, aber man erfährt nichts über seine Motive. Für eine Zuordnung zu den aktiven WMemen ist jedoch nur letzteres ausschlaggebend, also die Frage nach dem »Warum«? Das gilt, wie gesagt, für alle WMeme (vgl. Beck & Cowan 2011, 64, 67). Entsprechend ist auch beim Umgang mit Polaritäten nicht allein durch äußere Beobachtung zu erkennen, ob jemand dies aus einem gelben WMem heraus tut oder ob dies aus einem WMem erster Ordnung resultiert. Da das gelbe WMem darüber hinaus ja per Definition über alle Möglichkeiten der vorherigen WMems verfügen kann, wäre äußere Beobachtung ohnehin nicht hilfreich.
So bleibt man auf das Erforschen der Motive angewiesen, doch heißt das auch, dass beispielsweise ein Therapeut oder Berater (wenn wir von einem professionellen Kontext ausgehen) selbst mindestens seinen eigenen Entwicklungsschwerpunkt auf GELB haben muss. Denn sonst fehlt die Einsicht in die Phänomenologie gelber WMeme. Es kann daher zusätzlich irritierend und auch verletzend sein, wenn Klienten, die bei einem Therapeuten oder Berater Orientierung suchen, aufgrund bestimmter Entscheidungen oder Verhaltensweisen auf einem WMem erster Ordnung angesiedelt werden und ihnen möglicherweise ein »Rückschritt« attestiert wird, sie tatsächlich aber gerade erste Erfahrungen mit der integralen Ebene machen. Wilber stellt sogar fest,
»dass die Entwicklung des Denkens des zweiten Ranges mit viel Widerstand von seiten des Denkens des ersten Ranges konfrontiert ist. In der Tat hat … eine Version des postmodernen grünen Mems mit seinem Pluralismus und Relativismus aktiv das Auftauchen von mehr integrativem und holarchischem Denken bekämpft.« (Wilber 2006, 70).11
Was die innere Realität von jemandem auf integraler Stufe betrifft, so stellt sich bald ein deutliches Empfinden von Freiheit ein angesichts der gleichwertigen Wahlmöglichkeiten, die nun zur Verfügung stehen. Damit verbunden ist auch eine wesentliche Transformation, was die Ängste betrifft. Beck und Cowan zitieren dazu noch einmal ihren Mentor Clare W. Graves:
»Nachdem die menschliche Erkenntnis von begrenzten, tierähnlichen Bedürfnissen und den zwingenden Überlebensforderungen [BEIGE], von der Angst vor Geistern [PURPUR] und anderen räuberischen Menschen [ROT], von der Angst, die geheiligte Ordnung zu verletzen [BLAU], von der Angst vor seiner Gier [ORANGE] und von seiner Angst vor sozialer Ablehnung [GRÜN] eingeengt war, ist sie nun plötzlich frei. Da seine Kräfte jetzt frei für eine Aktivierung des Denkens sind, kann sich der Mensch auf sein Selbst und seine Welt konzentrieren [GELB, TÜRKIS usw.].« (Beck & Cowan 2011, 103)
Integration von Polaritäten – eine unendliche Geschichte
Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man nun meinen, mit spätestens der integralen Ebene bzw. GELB habe sich mit der Integration von Polarität dieses Phänomen sozusagen ein für allemal erledigt. Das stimmt jedoch nur zum Teil. Denn wenn wir uns an den holarchischen Charakter der Entwicklungsmodelle erinnern, folgt auch eine transzendierte Polarität diesem Prinzip, d. h. auch transzendierte Polarität ist nicht nur Ganzes, sondern wieder Teil eines höheren Ganzen! Man könnte also sagen, dass die Polaritäten erster Ordnung mit Auftreten der zweiten Ordnung (also beginnend mit GELB) transzendiert werden, um auf den Ebenen zweiter Ordnung nun einen Pol einer neuen Polarität einzunehmen. Wäre das nicht der Fall, wäre GELB bereits eine Ebene der vollkommenen Erleuchtung, wovon natürlich nicht die Rede sein kann.
Dass sich auf den Ebenen der zweiten Ordnungen auch die Herausforderungen gewissermaßen wiederholen, um auf den neuen Ebenen wiederum mit neuen Möglichkeiten bewältigt zu werden, dafür stehen auch die grundlegenden Überlegungen von Beck & Cowan über Prinzipien ihres Entwicklungsmodells. So stellen sie fest, dass die WMeme in Sechser-Ordnungen auftreten, und führen dazu aus:
Gelb, die erste Seinsebene (und keine Überlebensebene mehr), eröffnet die zweite Ordnung … der WMeme mit einer Reprise der sechs Grundthemen unserer Geschichte – erneut geht es zuerst ums Überleben, aber diesmal im Kontext der hochmobilen Informationsgesellschaft des globalen Dorfs. Das achte (türkise) System ist eine Wiederholung des zweiten, aber in einer komplexeren Größenordnung – Megastämme, Megatrends und Megaschocks, die mit allem angefüllt sind, was in der ersten Ordnung (First Tier) geschehen ist. Hält dieser eigenartige Sechs-auf-sechs-Aspekt weiter an, dann wird die neunte Ebene (Koralle) eine Version der roten dritten Ebene sein.« (Beck & Cowan 2011, 105).
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