Kitabı oku: «GEGEN UNENDLICH 16»

Yazı tipi:

Michael J. Awe & Andreas Fieberg (Hrsg.)

GEGEN UNENDLICH

Phantastische Geschichten

Ausgabe 16

AndroSF 135

Michael J. Awe & Andreas Fieberg (Hrsg.)

GEGEN UNENDLICH

Phantastische Geschichten

Ausgabe 16

AndroSF 135

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: März 2021

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Stefan Böttcher (»Lange vor unserer Zeit«)

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Andreas Fieberg

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 234 8

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 861 6

Vorwort

Liebe Freunde des Fantastischen,

wenn es denn zutrifft, dass endlich gut wird, was lange währt – dann muss diese Ausgabe von GEGEN UNENDLICH vorzüglich sein … denn mehr als ein Jahr lang haben wir unsere Leser auf eine neue Nummer warten lassen. Wir sind allerdings überzeugt, dass sich das Warten gelohnt hat, und hoffen, dass die Lektüre für die überstandene Durststrecke entschädigt.

Dabei scheint eine Rückkehr zur Alltagsroutine in diesen verdrehten Zeiten kaum möglich. Vieles muss neu gedacht werden. Der in der fantastischen Literatur viel beschworene Riss in der Realität, durch den Albträume oder das Magische und das Übernatürliche in unser Leben treten, hat unversehens Gestalt angenommen.

Die Geschichte »Dann reißen wir aus« von Nicole Grom erreichte uns vor Ausbruch der Virenkrise, aber wie der Zufall es wollte, thematisiert sie eine Seuche, die die Menschheit über Jahrhunderte heimsuchte.

Wie in einem Zerrspiegel, der den Augenschein Lügen straft, zeigt sich ein anderer Blick auf unsere ach so vertraute Wirklichkeit. So gesehen kann man fantastische Geschichten auf neue Art ernst nehmen, und zwar besonders, wenn sie so gekonnt erzählt werden wie von den Autoren, die sich diesmal in GEGEN UNENDLICH zusammengefunden haben. Das Genre ist zeitgemäßer denn je. Auch diese Erkenntnis kann ansteckend sein.

Helga Anton-Beitz geht in »Momentum« der Frage nach, inwiefern naturwissenschaftliches Neuland die seelische Natur von Probanden beeinflussen kann, während Michael J. Awe seine Heldin, eine greise Astronautin, in »Die Passage« auf eine letzte Seelenreise schickt. Ein eindrückliches Stimmungsbild einer anderen menschlichen Heimat entwirft Lukas Vering in »137«. In Marjan Asgaris »Silver« gibt die Identität eines neuen Mitglieds einer Sprayergang Rätsel auf. Der Faszination von Clowns erliegt eine junge Reporterin in Ellen Nortens »Der Clown«. Oder ist es doch ganz anders? Wie etwa in Joachim A. Hagens »Das Ebenbild«: gleich und doch nicht dasselbe, Mensch oder nicht Mensch?

Alte Gewissheiten sind plötzlich infrage gestellt, vertraute Sicherheiten von heute auf morgen Makulatur. Ebenso geht es den Figuren in Luisa Henkes »Frostfreden«, die eine Begegnung im Sinne einer Aussöhnung zweier Welten erleben. In Helmut W. Mommers »Loris Wunderland« entfalten die unschuldigen Fantasien eines Kindes eine verheerende Dynamik, während in der boshaften Mär vom »Schneider« von Uwe Durst eine Frau ihren Mann bis aufs Blut quält. Der titelgebende Schausteller in Jana Grügers »Der Gaukler und die Hexe« muss für einen Moment des Zorns bitter büßen. In Kurt Tichys »Die Brille« fördern die neuen Augengläser eines Anwalts mehr zutage, als ihm lieb ist, während Telefonterror in Andreas Fiebergs »Aufwachen« die wohlverdiente Nachtruhe stört.

Und ist es etwa ein Omen, dass sich zwischen diesen Buchdeckeln exakt 13 Geschichten versammeln? Wir sind nicht abergläubisch, aber es kann nicht schaden, auf der Hut zu sein. Meiden Sie Begegnungen mit schwarzen Katzen, schauen Sie unters Bett, bevor Sie sich schlafen legen, tragen Sie stets eine Maske und wahren Sie Abstand! Am sichersten ist es, wenn Sie sich mit Ihrer Lektüre an einen einsamen Ort zurückziehen. Das Einzige, was Sie dort erreichen wird, ist das Wunderbare einer anderen Wirklichkeit. In diesem Sinne wünschen wir gute Unterhaltung!

Die Herausgeber

Michael J. Awe & Andreas Fieberg

Bonn, im Februar 2021

Helga Anton-Beitz: Momentum

Der Kokon hängt in der Mitte der Halle. Eine silberne Hülle aus einem ultradünnen, metallischen Gewebe. Er wird festgehalten von spinnwebfeinen Fäden. Nachdem ich mich hineingelegt habe, werden sie den Kokon beschleunigen, tagelang, in einem ständig neu berechneten Rhythmus. Dann werden sie wegschmelzen, einer nach dem anderen, bis ich schnell genug bin und keinen Faden mehr brauche. Mein Anzug ist aus dem gleichen Gewebe. Er ist meine zweite Haut. Das muss so sein, für den Aufbau des Anti-Higgsino-Felds um mich herum.

Gestern wurden Fotos gemacht, Heldenfotos: Ich, vor der Flagge der World Arrow Association, bereit, Geschichte zu schreiben; rechts neben mir das Jahrtausendgenie Scott Preston, Physiker, Nobelpreisträger 2027, mit 35 Jahren, aus der Altersresidenz herbeigeschafft und zurechtgemacht, noch immer die intelligentesten Augen auf diesem Planeten; links neben mir Natascha Daniels, Chefingenieurin, ebenso genial, aber ohne jede Chance auf den Nobelpreis, was sie den Physikern, insbesondere Scott, nie verzeihen wird, lebt auf dem Campus in ihrem Büro; Salvatore Ferrano, Chefkoordinator, Mann der letzten Sekunde, hat nicht nur die großen und kleinen Katastrophen verhindert, sondern dank seiner Menschenliebe auch diverse Gewaltverbrechen des geballten Ehrgeizes auf dem Campus; Maria McCormick, Chefmedizinerin, klebt an mir, wie die Sensoren auf meiner Haut; Chef-PR in der zweiten Reihe, Chefjurist, Chef- … Ich habe gestrahlt, ich war schön, trainiert wie nie, die langen schwarzen Haare machten sich gut zum silbernen Glanz meines Anzugs. Ich habe mir nichts anmerken lassen, Logan.

Die Generatoren verstecken sich hinter Boden, Decke und Wänden. Es geht also um interstellare Reisen. Der Mensch überdauert diese, indem er in Stase versetzt wird. Durch Eintunken in eine schleimige Flüssigkeit oder durch Tiefgefrieren. Das haben wir in ungezählten Filmen gesehen. Aber so ist es nicht. Dafür hätte ich mich nicht hergegeben. Nein, das hier ist viel eleganter: Das Licht reist mit 300.000 Stundenkilometern, und würden wir auf der Spitze dieses Pfeiles stehen, wären wir nicht nur genauso schnell, für uns bliebe auch die Zeit stehen. Und das ist auch schon alles. Man beschleunige einen Menschen auf eine möglichst hohe Geschwindigkeit und er wird entsprechend langsam altern. Schickt man ihn hierzu in eine Kreisbahn, eine ziemlich kleine, dann kann man ihn dabei bequem in ein Raumschiff packen. Das Anti-Higgsino-Feld sorgt dafür, dass dieser Mensch sehr, sehr leicht und sehr, sehr schnell wird und trotzdem nicht auseinanderfliegt. Mit Bakterien hat das funktioniert. Mit Mäusen und Hunden auch. Jetzt bin ich an der Reihe.

Ich bin ein gewöhnlicher Mensch: 25 Jahre alt, ohne Partner, keine Kinder, Grundstimmung gelangweilt, bereit, einen nicht genau zu beziffernden Teil meines Lebens zu überspringen. Ich bin durchschnittlich in Größe und Gewicht. Aber in einer Sache bin ich besonders und unterschied mich damit von allen anderen Bewerbern. Mein Masseschwerpunkt ist genau dort, wo er sein soll, in meinem Nabel. Und, was noch wichtiger ist, meine Körpermasse ist um diesen Schwerpunkt symmetrisch verteilt. Rechts und links, oben und unten, diagonal, die Masse ist immer gleich. Das macht die Beschleunigung einfacher und reduziert die benötigte Rechnerleistung. Es spart also eine Menge Geld. Die World Arrow Association konnte ihr Glück nicht fassen, und ich hatte den Job. Ich werde also die Erste sein, die mit nahezu Lichtgeschwindigkeit auf einer Kreisbahn mit einem Radius von 10 Zentimeter dahinrasen wird. Unglaubliche 500 Millionen Mal in der Sekunde werde ich diesen Kreis beschreiben. Gloria, die silberne, diffuse Wolke. Soweit der schöne Plan.

Aber du musstest ja dazwischenkommen, Chefmentor Logan. Deine Aufgabe war es, mir die Wissenschaft halbwegs begreiflich zu machen, die hinter all dem steckte. Du solltest mir erklären, was auf mich zukam und wie sich die Zeit im Kokon für mich anfühlen könnte. Aber das hat dir nicht gereicht. Ich hätte es wissen können. Du hast diese unergründliche Ruhe ausgestrahlt, bist damit durch die Hektik des Campus geschritten, wie Moses durch das Rote Meer. Ja, dank deiner weiß ich jetzt, wer das war. Dein Interesse an diesem neuartigen Zustand, den ich erfahren würde, war grenzenlos. Transzendental könne er werden, hast du gesagt, und musstest mir erklären, was das ist. Dafür würde es aber nicht reichen, im Kokon meine Herzschläge zu zählen, wie Maria geraten hatte. Ich müsste mich schon auf meine wahre Mitte konzentrieren. Und dann hast du mich in dieses Kloster geschleppt. Ich habe mich darauf eingelassen, Logan, habe mit den Mönchen über die alten Religionen diskutiert, habe meditiert und gelesen. Irgendwann hielt ich dieses sehr alte Buch mit dieser sehr kleinen Malerei in den Händen: Ein Mann in einem Himmelbett, viele Menschen stehen bei ihm, seine Augen sind aufgerissen, der Arm hängt schlaff über der Bettkante. Der Mund ist offen und aus ihm fliegt ein Engel heraus. Die Mönche sagten, das sei die Seele, die den Körper im Moment des Todes verlässt.

Die Generatoren laufen auf niedrigster Stufe. Die Anti-Higgsinos wehen durch mich hindurch, wie eine sanfte Brise. Natascha steht neben mir. Sie wird mich zum Kokon begleiten. Nicht, dass ich den Weg nicht alleine gehen könnte, aber die Wichtigkeit des Augenblicks verlangt es. Außerdem möchte sie ihr Stückchen Ruhm abhaben. Beim Kokon stehst du, Logan, hinter dir die breite Glasfront von Mission Control. Wenn wir bei dir sind, werden ein paar der Fäden von der Decke zu uns herunterkommen. Natascha wird sie an die richtigen Stellen meines Anzugs führen und die Halle verlassen. Du wirst mir die guten Wünsche der ganzen Menschheit überbringen und ebenfalls gehen. Dann werden die Generatoren hochgefahren. Ich werde langsam aufsteigen, oben angekommen in den Kokon gleiten, die Hülle wird sich an mich schmiegen und sich über mir schließen. Aber das, Logan, wird nur passieren, wenn du die Antwort für mich hast. Wir gehen los. Es kribbelt an meiner rechten Schläfe. Das kraniale Interface hat sich eingeschaltet.

Ihr alle könnt es sehen. Es zieht sich von meinem Ohr bis zur Mitte der Stirn und schließt am unteren Rand harmonisch mit dem Bogen meiner Augenbraue ab. Meine Gedanken sind jetzt auf Sendung, für die ganze Welt. Das ist okay, das ist auch für meine Sicherheit, denn schließlich kann ich während der Zeit im Kokon nicht sprechen und mich nicht bewegen. Und mit den Körperfunktionen lässt sich nichts mehr anfangen. Auch wenn du etwas anderes behauptest, Maria. Was willst du schon über ein Herz sagen, das in deiner Betrachtung gerade noch ein Mal in der Minute schlägt? Welche Informationen geben dir meine Blutwerte, wenn ich praktisch keinen Stoffwechsel mehr habe? Pack mich nicht so fest am Arm, Natascha, auch wenn ich nicht das denke, was vereinbart war: Ich freue mich, dass dieser historische Tag endlich … ich bin dankbar, dass ich das für die Menschheit … ich verspreche mein Bestes … Nein, ich denke für euch an letzte Woche. Wir haben für das Heldenfoto geprobt. Die Flagge war aufgestellt, auf den Boden waren Kreuze gemalt, damit wir sahen, wo wir uns hinstellen sollten. Keiner der Chefs hatte Zeit für diese Probe, nur eine Woche vor dem großen Tag. Also hat man einfach die Leute, die zufällig herumstanden und von ihrer Größe her passten, um mich herum drapiert. Das hätte funktioniert, wenn nicht einer der Statisten genau in diesem Moment einen Herzschlag bekommen hätte. Er fiel zu Boden, Geschrei, Durcheinander, Notruf, jemand kniete sich zu ihm hinunter. Ich sah zu, ich sah in seine aufgerissenen Augen, sah, wie er starb. Es geschah nicht vom Bruchteil einer Sekunde auf den nächsten. Es nahm Zeit in Anspruch, und Raum. Wie eine Welle, die sich am Strand überschlägt, wie eine Sternschnuppe, die verglüht, wie ein paar Flügelschläge. Natascha, du tust mir weh. Ich werde nicht in den Kokon steigen, hört ihr, ich werde nicht einsteigen, bevor ich nicht weiß, was mit meiner Seele dort drinnen passieren wird. Bleib doch nicht so plötzlich stehen, Natascha, du zerreißt noch den Anzug. Ich kann nichts dafür, Logan ist an allem schuld. Was sind das für Leute, die auf uns zukommen? Ihr habt Sicherheitspersonal hier drinnen? Das habt ihr mir nie gesagt. Keine Angst, ich werde nichts kaputtmachen. Ich werde nur nicht einsteigen. Maria, sag ihnen, dass ich ganz ruhig atme, sag ihnen, dass ich keine aggressiven Hormone im Blut habe. Ihr wolltet doch, dass ich die Sache verstehe. Ich weiß jetzt eben, dass mein Körper mit seiner Masse den Impuls der Beschleunigung aufnehmen wird. Glaubt mir, das hier ist kein Anschlag. Setzt euch wieder hin, in Mission Control, und nehmt die Hände von den roten Knöpfen. Von meiner Seele habt ihr nie gesprochen. Hat sie eine Masse und wird mit mir auf die Reise gehen? Oder hat sie keine und wird aus meiner Zeit herausfallen? Ihr müsst mich zu Logan lassen. Bitte, lasst uns weitergehen. Logan hat nach der Antwort gesucht. Scott, Sie sind alt genug, um mich zu verstehen. Sagen sie Natascha, sie soll weitergehen. Seht ihr denn nicht, dass Logan die ganze Zeit lächelt? Er kennt die Antwort. Und wenn doch nicht, dann werde ich mit den Sicherheitsleuten nach draußen gehen. Versprochen. Na endlich, danke Scott. Bin ich noch auf Sendung? Ihr sollt wissen, dass die Anti-Higgsinos durch mich hindurchwehen wie eine sanfte Brise. Nur noch ein paar Schritte. Ich freue mich, dass dieser historische Tag endlich gekommen ist. Ich bin dankbar, dass ich das für die Menschheit tun darf und ich verspreche, mein Bestes zu geben.

»Die Antwort, Logan!«

»42«, du lächelst, »Gramm.«

Michael J. Awe: Die Passage

Die Sterne spiegelten sich in den Augen der alten Frau, die reglos vor der transparenten Hülle der Außenwand stand. Die Uniform an ihrem immer noch aufrechten Körper war ihr nach all den Jahren im Weltraum zu einer zweiten Haut geworden. Ihr tiefes Blau verschmolz mit dem schwarzen Hintergrund des Alls. Für einen Moment stellte sie sich vor, wie sich das Sichtfenster ihres Raumes auflösen und das Vakuum sie in die eisige Stille hinaussaugen würde, wo ihr Körper Ewigkeiten umhertreiben konnte. Ein verschwindend kleiner Gegenstand zwischen den Sternen. Das Letzte, was sie wahrnehmen würde, wäre die absolute Geräuschlosigkeit, die alles Leben erstickte.

Ein leises Türsignal ertönte, dann glitt die Tür zu ihrem Raum auf.

»Kapitän«, erklang eine Stimme hinter ihr. Es war Ivan, der Chefmechaniker an Bord.

»Was gibt es?«, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Sie verspürte einen Widerwillen, ihren Blick von der endlosen Weite abzuwenden.

»Das sollten Sie sich einmal angucken«, antwortete Ivan. »Wir haben einen blinden Passagier.«

Neben der breiten Gestalt ihres Chefmechanikers stand ein Mädchen von vielleicht vierzehn Jahren, in dicke, robuste Sachen gehüllt, die ihr alle eine Nummer zu groß waren. Ihr strähniges, schwarzes Haar ließ erkennen, dass sie lange kein Bad mehr gesehen hatte. Der Kapitän überschlug im Kopf ihren jüngsten Landaufenthalt, der auf Deleria 4 vor knapp drei Wochen gewesen war. Einer der letzten bewohnten Planeten vor der Passage.

Sie fixierte das Mädchen, das unter ihrem Blick nervös wurde. Mit einem Wink gab sie dem Chefmechaniker zu verstehen, dass er sie allein lassen sollte. Mit ruhigen Schritten ging der Kapitän zu einem altmodischen Holztisch, der an der Kopfseite des Raumes stand.

»Mein Name ist Shavon«, sagte sie. Ihr Name kam ihr ein wenig schwerfällig über die Lippen, da sie meistens nur als der Kapitän bezeichnet wurde. Sie nahm eine Porzellantasse zur Hand, deren Form und Dekor von vergangenen Zeiten zeugten. Das Licht von der Decke blitzte für einen Moment auf den silbernen Abzeichen an ihren Unterarmen.

»Du bist an Bord der Ikarus.«

Sie goss Tee in die Tasse. Das Mädchen stand wie angewurzelt neben der Tür und beobachtete jede ihrer Bewegungen. Ihr Haar war von so einem tiefen Schwarz, dass es im Schein der Deckenbeleuchtung bläulich schimmerte.

»Damals hatten die Namensgeber der Raumschiffe noch Humor!«

Der Kapitän nahm einige Butterkekse aus einer verzierten Keksdose und legte sie auf einen Teller. Der Blick des Mädchens verharrte auf dem Gebäck.

Der Kapitän machte eine einladende Geste auf den freien Stuhl ihr gegenüber und nahm am Tisch Platz. »Weißt du, was man früher mit blinden Passagieren gemacht hat?«, begann sie beiläufig und schenke sich ebenfalls von dem schwarzen Tee ein. »Zu der Zeit, als die Schiffe noch die Meere der Erde befuhren, warf man ungebetene Gäste ins Wasser und überließ sie ihrem Schicksal. Oder man kielholte sie.«

Die Augen des Mädchens weiteten sich und ihr schmaler Brustkorb unter der groben Kleidung hob und senkte sich sichtbar.

»In heutigen Zeiten muss sich der Kapitän allerdings mit der Luftschleuse begnügen.«

Das hagere Gesicht der Offizierin glich einer ausgehärteten Maske aus Lehm, in die man Muster geritzt hatte. Ihr kurzes graues Haar, das sie wie ein Mann trug, war in der schwachen Beleuchtung des Raumes ein heller Fleck.

»Das All ist ein unwirtlicher Ort«, sagte sie und griff nach dem Sahnekännchen. »Glaube mir, wir Menschen haben hier nichts verloren.« Sie winkte den blinden Passagier heran. »Komm her, Kleines! Stell dich nicht so an!«

Die Lippen des Mädchens pressten sich aufeinander. Ohne sie anzusehen, nahm das Kind ihr gegenüber Platz.

»Du bist stumm«, sagte der Kapitän. Es war eine Feststellung, keine Frage.

Das Mädchen zog aus ihrer Jacke ein Büchlein aus Papier und schrieb mit einem Stift einige Buchstaben hinein. Mit schmutzigen Händen schob sie das dünne Heft über den Tisch. Die alte Frau beugte sich nach vorne und las: Aline.

»Ein schöner Name!« Der Kapitän berührte mit den Fingerspitzen das Papier. »Und ein schönes, altes Material.«

Aline schielte heimlich zu dem Keksteller hinüber und der Kapitän schob ihr den Teller hin. Zögernd nahm das Mädchen einen Keks und biss hinein.

»Aber was machen wir nun mit dir?«

In der einsetzenden Stille war das Kauen Alines deutlich zu hören. Sie zog wieder das dünne Heft hervor und schrieb in kleinen Druckbuchstaben etwas unter ihren Namen.

»Wirfst du mich nach draußen?«, las der Kapitän.

Der Kapitän beobachtete das zierliche Ding in den zu großen Klamotten, die sie nervös ansah. »Warum bist du hier?«

Aline schüttelte den Kopf.

»Du weißt es nicht oder du möchtest es mir nicht sagen?«

Das Mädchen starrte auf ihre Hände und rührte sich nicht mehr. Ihr langes schwarzes Haar bedeckte ihr schmales Gesicht. Die alte Frau lehnte sich im Sessel zurück und betrachtete Aline über den Rand der Tasse hinweg. Vierzig Jahre hatte sie auf Schiffen im All verbracht und nie war ein blinder Passagier an Bord gewesen. Nicht einer. Und jetzt tauchte dieses dünne Geschöpf in zu großen Klamotten auf, schmutzig und stinkend … Es kam ihr bedeutsam vor.

»Erst mal bleibst du an Bord. Notgedrungen …«

Aline schaute auf.

»Und ich schlage eine Dusche vor …«

Das Mädchen roch am Ärmel ihres Pullovers, die blassen Wangen hatten etwas Farbe bekommen.

»Iss erst mal! Den Rest erledigen wir später.«

Aline schnappte sich einen weiteren Keks und stopfte ihn sich in den Mund. Der Kapitän fragte sich, von was das Kind die letzten drei Wochen gelebt hatte? Ruhig sah sie Aline dabei zu, wie sie ein Plätzchen nach dem anderen verdrückte. Die Weite des Alls und das Alter hatten sie Geduld gelehrt. Erst als der ganze Teller leer war, griff das Mädchen nach der Tasse und trank sie in hastigen Zügen.

»Weißt du eigentlich, wohin die Reise geht, Kleines?«

Aline erstarrte mitten in der Bewegung.

»Das ist meine letzte Fahrt, mein Kind«, sprach der Kapitän. »Du hast dir einen merkwürdigen Zeitpunkt ausgesucht, um zu uns zu stoßen!«

Ein akustisches Signal ertönte aus einem Lautsprecher an der Decke und Aline zuckte zusammen. »Kapitän«, erklang eine Stimme »Wir sind da!«

Eine Weile blieb die alte Frau sitzen und beobachtete das Mädchen, als wäre nichts vorgefallen. Dann erhob sie sich und zog die Uniformjacke zurecht. »Ich glaube, das sollten wir uns ansehen!«

Als sie mit Aline die Brücke betrat, konnte sie die Neugierde in den vertrauten Gesichtern erkennen. Die meisten dienten seit zwanzig Jahren unter ihr, sie hatten vieles gesehen und gehört, aber ein blinder Passagier stellte eine kleine Sensation an Bord dar.

Auf dem holografischen Display an der Stirnseite des Raumes erschien das Bild eines winzigen Himmelskörpers. Während sie alle auf den unscheinbaren Fleck schauten, spürte der Kapitän die Anspannung der Mannschaft. Es war ein kurzer Zwischenstopp, bevor sie die Passage nahmen. Viele Schiffe hielten hier, ehe sie ins Ungewisse sprangen. Und doch war es mehr als das. Eine Legende unter den Sternenfahrern.

»Schau dir diesen armseligen Felsbrocken an«, sagte der Kapitän zu Aline. »Kaum groß genug, damit unser Schiff landen kann. Aber er beherbergt einen der heiligsten Orte des bekannten Universums.«

Der Kapitän sah die Spiegelung des Planeten in den dunklen Augen des Mädchens. Was für eine seltsame Kombination, dachte sie. In dem Moment wusste sie, was sie zu tun hatte.

»Du kannst mich begleiten!«, sagte sie.

Das Mädchen starrte den grauen Fleck auf dem Display an.

Die Landedüsen des Sternenschiffes wirbelten hellen Staub auf, als es inmitten der öden Steinlandschaft aufsetzte. Noch während der Antrieb erlosch, eilte der Kapitän mit schweren Schritten durch die Gänge, das Mädchen dicht hinter ihr, und ließ die schweigsame Mannschaft zurück. Sie war nie ein Freund überflüssiger Worte gewesen und es gab nichts mehr zu sagen. Als sie mit Aline nach draußen trat, standen sie unter einem üppigen Sternenhimmel.

»Dort«, sagte der Kapitän und deutete auf einen entfernten Klecks in der tiefen Schwärze. »Da hinten befindet sich die Erde. Ich bin so weit weg von ihr, wie ich es noch nie war.«

Aline zeigte zum Himmel, rieb sich über die Arme und machte eine fragende Geste.

»Das stimmt!«, antwortete der Kapitän. »Keine Sonne! Und doch erfrieren wir nicht. Du bist sehr schlau.«

Aline atmete tief ein und klopfte auf ihre Lungen.

»Die Atmosphäre und die Schwerkraft des Planeten sind künstlich, aber niemand weiß, wie es gemacht wird. Man sagt, dass sich die Lebensbedingungen hier an die Besucher anpassen, sodass jeder die Möglichkeit hat, das heilige Buch zu sehen.«

Das Mädchen blickte skeptisch. Das hätte sie, wie die alte Frau dachte, in ihrem Alter auch getan. Als Kind hatte sie an Wunder und all die Phänomene geglaubt, die die Naturgesetze nicht erklären konnten. Das war der Grund gewesen, warum sie die Offizierslaufbahn angestrebt hatte. Sie wollte irgendwann ins All starten und das Unerklärliche mit eigenen Augen sehen. Aber als es endlich so weit war, war von den Vorstellungen ihrer Kindheit nicht mehr viel übrig geblieben.

In einiger Entfernung befand sich ein hohes Gebäude, in dessen Fenster ein schwacher Schein glomm. Es war das einzige sichtbare Bauwerk in der öden Wüstenlandschaft. Der Kapitän sah sich nach der Ikarus um. Die vertrauten Umrisse des Raumschiffs hatten ein schwarzes Loch in den Sternenhimmel gestanzt. Sie spürte die Blicke ihrer Mannschaft, die ihr ein halbes Leben lang gefolgt war.

Seite an Seite mit Aline ging sie auf das Heiligtum zu. Der stechende Schmerz in ihrem Unterbauch machte sie kurzatmig, aber sie hatte gelernt, mit ihm auszukommen. Der Boden leuchtete schwach im Glanz der Sterne.

Sie waren nicht lange gegangen, da schälten sich die Umrisse einer Gestalt aus der Dunkelheit. Zuerst hatte der Kapitän an eine Sinnestäuschung gedacht, aber bald konnte sie eine Kutte erkennen, deren Kapuze wie der übergroße Kopf eines Jungvogels wirkte. Langsam bahnte sich die Gestalt einen Weg zwischen den Steinen entlang, verschwand kurz in einer Senke und tauchte schließlich mit ihrem gemächlichen Schritt oben wieder auf. Als sie vor ihnen stehen blieb, stellte sie sich als schlanker Mann von unbestimmbaren Alter heraus, dessen bloße Füße in schlichten Sandalen steckten. Seine graue Robe besaß die Farbe der Steinwüste. Er schob seine Kapuze zurück und sah sie mit unergründlich schwarzen Augen an. »Seid Ihr gekommen, um das Buch der Sterne zu sehen?«

Der Kapitän nickte und legte die Hand auf die Schulter von Aline. »Wir haben einen weiten Weg hinter uns.«

»Folgt mir!«

Langsam ging der Mönch vor ihnen her. Sie passten sich seinem gemächlichen Schritttempo an, während sich ihre Augen allmählich an die Dunkelheit gewöhnten. Der Kapitän betrachtete den Mönch und fragte sich, ob er nur ihnen wie ein Mensch erschien oder ob er wirklich einer war? Unter den Sternenfahrern erzählte man sich, dass die Hüter des Heiligtums von Menschen abstammten, die vor langer Zeit die Erde verlassen hatten. Mehrere Generationen lang sollen sie durchs All gestreift sein, bis sie hier ankamen, kaum noch eine Handvoll Individuen. Sie errichteten das Gebäude mit ihren bloßen Händen.

Während sie einen sanften Abhang hinuntergingen, zog Aline erschrocken die Luft ein und zeigte mit der Hand nach vorn.

Mehrere Gestalten verließen gerade das hohe Gebäude. Aline sah mit schreckgeweiteten Augen zu den Skeletten hinüber, deren bleiche Knochen sich deutlich in der Dunkelheit abzeichneten.

»Es heißt«, flüsterte der Kapitän dem Mädchen zu, »dass der Mönch ewig lebt, aber das ist nicht wahr. Er lebt nur sehr lange. Eines Tages muss auch er sterben und dann … Nun, das wirst du bald sehen.«

Sie kamen an einem Hang vorbei, in dem der Eingang einer Höhle lag. Eines der Skelette trat mit einem Tablett heraus und ging direkt auf sie zu. Aline wich ein wenig zurück. Die bleichen Knochen schimmerten, wie mit einer klaren Flüssigkeit eingerieben, und als es vor ihnen stehen blieb, brachte es den Duft von Weihrauch mit sich. Auf dem Tablett standen zwei irdene Becher.

Der Kapitän nahm die beiden Becher, einen davon reichte sie an das Mädchen weiter, das misstrauisch an dem blutroten Inhalt schnupperte. Die alte Frau trank den schweren Gewürzwein in einem Zug aus. Das Aroma breitete sich in ihrem Mund aus. Trauben, dachte der Kapitän. Muskat. Zimt. Und irgendetwas Süßes.

Aline nippte an dem Wein und schüttelte sich. Das Skelett wartete, bis sie ihre Becher wieder auf das Tablett gestellt hatten, und entfernte sich ohne ein Wort. Das Mädchen ließ das Wesen nicht aus den Augen.

Der Mönch blickte Aline fragend an.

»Das Mädchen ist stumm«, sagte der Kapitän.

Der Mönch musterte das Mädchen und wandte sich ab. Schweigend ging er weiter voran zu dem Gebäude.

Aline wäre beinahe gestolpert, weil sie sich immer wieder umblickte, und stieß den Kapitän fragend an.

»Man sagt«, erklärte die alte Frau, »dass ein Mönch nach seinem Tod weiterhin dem Heiligtum dient. Was du hier siehst, sind alles seine Vorgänger. Sie kümmern sich um die Instandhaltung des Gebäudes und die Versorgung des Mönchs. Es sind die stummen und dienstbaren Geister dieses Ortes.«

Der Mönch ging langsam voran. Das Gebäude vor ihnen wurde allmählich größer, war aber immer noch undeutlich zu erkennen. Seine Umrisse verschwammen vor dem Grau der Steinwüste.

Als Mädchen war der Kapitän häufig in einen nahe gelegenen Wald gegangen und schon etliche Meter, bevor sie zwischen den ersten Bäumen stand, hatte sie eine Veränderung der Luft wahrgenommen, als würde sie in eine andere Atmosphäre eintauchen. An heißen Tagen war es wie der Aufenthalt am Ufer eines Sees gewesen, dessen Wasser ihren Körper kühlte und ihre Lungen reinigte. Während sie dem Heiligtum näherkam, hatte sie dasselbe Gefühl. Mit einem Schlag war sie wieder ein elfjähriges Mädchen in den Wäldern Nordenglands. Alles um sie herum veränderte sich, als würden die Dinge eine andere Nuance erhalten oder als wäre ihr Blick auf die Umgebung ein anderer, sie vermochte es nicht zu sagen.

Dann ist es also wahr, dachte sie.

Das heilige Gebäude war alt und verwittert. Es war nicht sonderlich groß, viel kleiner, als seine Bedeutung erwarten ließ, und aus demselben grauen Gestein wie die Landschaft. Wie direkt aus dem Boden gewachsen, dachte die alte Frau. Die oben abgerundete Tür bestand aus einem durchscheinenden Material und war von Raben bedeckt, die mit ausgebreiteten Flügeln in das Gebäude strebten. Der milchige Verlauf der Tür brach das Licht aus dem Inneren und erinnerte den Kapitän an einen Wasserfall, der plötzlich erstarrt war.

Sie wusste, dass die Tür nur für sie so aussah. Es gab unzählige Berichte darüber. Die alte Frau musterte die Raben, die in den Wäldern ihrer Kindheit allgegenwärtig gewesen waren. Ihr heiseres Krächzen und der kluge Blick, wenn man unter den Baumkronen entlangging, die Geschichten, die man sich von ihnen erzählte, weitergegeben von der Mutter an die Tochter und vom Vater an den Sohn. Der Anblick der Vögel brachte etwas zum Klingen in ihr. Sie legte die Hand auf die Außenseite der Tür, die keinen Griff hatte. Alte Worte stiegen in ihr auf.

»Der Regen bildete eine Tür für mich und ich trat hindurch.«

Nachdem die Worte in der klaren Luft verklungen waren, gab die Tür unter ihrer Berührung nach. Die alte Frau betrachtete ihre Finger, die halb in das vormals diamantharte Material eingesunken waren. Der Wein?, überlegte sie. Irgendwelche psychotropen Substanzen? Das schwere, süße Getränk war ihr zu Kopf gestiegen und alles wirkte ein wenig unscharf. Sie zog die Finger heraus und ließ sie wieder in die Tür gleiten, die keinen Widerstand bot. Es kam ihr nicht vor wie ein Taschenspielertrick.

Der Kapitän trat durch die Tür.

Es fühlte sich an, wie durch eine Nebelwand zu treten. Als sie die Augen wieder öffnete, befand sie sich im Inneren des Gebäudes. Es roch nach dem Staub von Jahrhunderten. Durch ein hohes Fenster am anderen Ende konnte man das Firmament mit den unzähligen Sternen sehen. Unter dem Fenster stand ein kantiges Bücherpult, links und rechts von zwei leuchtenden Kugeln eingerahmt, die auf kleinen Säulen saßen. Sie spendeten ein kaltes, bläuliches Licht. Der Kapitän hörte, wie Aline in den Raum schlüpfte, erschrocken nach Luft schnappend. Die alte Frau achtete nicht auf das Mädchen und fixierte das große, durchscheinende Buch auf dem Pult. Der Schmerz flackerte in ihrem Unterleib, so rot glühend und scharf, dass es ihr den Atem nahm. Mit klopfenden Herzen schleppte die alte Frau sich weiter.

Die Innenwände bestanden aus einer schwarzen, glatten Steinschicht, die das wenige Licht im Gebäude verschluckte, sodass die Ausmaße des Raumes verschwammen.

»Ich wandle durch die sternenlose Schwärze«, murmelte der Kapitän.

Sie bemerkte, dass Aline sie fragend ansah, doch sie hielt den Blick auf das Objekt am anderen Ende des Raums geheftet. Die Schritte auf dem bloßen Steinboden hallten leise wieder.

Vor dem steinernen Buchständer blieb sie stehen. Obwohl alles in ihr danach rief, in das Buch aus Glas zu schauen, irrte ihr Blick über die Ränder des Buchständers, der aus dem grauen Gestein der Außenwand bestand und nach Alter und Staub roch. Aus der Nähe wirkte die Steinoberfläche porös, wie die verkraterte Oberfläche eines Mondes.

Ihr Gesicht, von dem sie wusste, dass es keine Regung zeigte, war hart wie das Material um sie herum, aber ihre Augen brannten. Seit Jahren vermochte sie nicht mehr zu schlafen, und sobald sie doch einmal die Augen schloss, waren dort nur Träume zu finden. Bilder, aus lang vergangenen Zeiten, ihrer nordenglischen Heimat, ihres Dorfes, die ihre Ruhephasen durchfurchten wie ein Pflug den Acker. Obwohl sie so weit gekommen war und ein Leben zwischen den Sternen gelebt hatte, kehrten sie während des Schlafes immer wieder in ihre Kindheit zurück. Längst vergessene Details wurden lebendig, als wäre sie erst gestern aufgebrochen. Ihr altes Gehirn ließ sie durch Wälder streifen und Gänseblümchen pflücken, ein junges Mädchen, das sich nie davor gefürchtet hatte, sich zu verlaufen. Und erst das Wecksignal holte sie zurück in die kleine Koje zwischen den kahlen Wänden der Ikarus.

Der Kapitän beugte sich über das Buch und schlug es auf.

Es war immer so: Keiner wusste, was ihn erwartete, wenn er in das Gläserne Buch blickte. Jeder sah etwas anderes, und doch war niemand von seinem Inhalt überrascht. Und so war es auch bei ihr.

Vor ihr erstreckte sich das endlose All und instinktiv stützte sie sich auf dem Buchständer ab, um nicht kopfüber zwischen die Sterne zu fallen. Es war, als hätte man ein Fenster ins Universum geschlagen, das sich unter ihr auftat. Sie stöhnte erschrocken auf, Schwindel erfasste sie und es gelang ihr nur mit Mühe, auf den Füßen zu bleiben. Sie zwang sich, den Blick nicht abzuwenden, während die Sterne sich vor ihren Augen zu bewegen begannen. Sie umklammerte das steinerne Bücherpult so fest, dass sie das Gefühl in ihren Händen verlor. Sie erkannte die Sterne, die ihre noch jungen Augen gesehen hatten, als sie als Offiziersanwärterin auf ihrem ersten Flug von der Erde aufgebrochen war. Ein Eindruck, der sich ihr für immer eingebrannt hatte. Planeten und Sternenbilder zogen vorbei wie die Jahre, die sie zwischen ihnen verbracht hatte, eine lange Zeit für einen Menschen, aber nicht einmal ein Wimpernschlag für die Unendlichkeit. Die alte Frau lächelte, während die vertrauten Bilder an ihr vorüberzogen. Wie im Schnellraffer sah sie ihre Reisen an sich vorüberziehen, und sie lächelte noch immer, als die Sterne ihren Zeitlauf überschritten und in die Zukunft hinforteilten. Der Zeitpunkt kam, an dem ihr irdisches Dasein endete und die Ewigkeit begann. Das Ende ihrer Reise. Aufmerksam sah sie hin, bevor sie sich langsam aufrichtete.

Sie war ein wenig zitterig, aber sie hatte genug Zeit gehabt, sich auf diesen Moment vorzubereiten, und das Alter hatte sie gelehrt, Unvermeidliches auszuhalten. Aline griff nach ihrer Hand und die menschliche Berührung überraschte sie. Wie lange war es her, dass jemand ihre Hand genommen hatte? Ein wenig unbeholfen tätschelte sie die glatte Haut des Mädchens. Langsam, und ohne ein Wort, kehrte sie zum Eingang zurück. Die Tür stand nun offen und ließ die öde Steinwüste erkennen.

Erst als sie gemeinsam vor das heilige Gebäude traten, fand der Kapitän die Worte wieder.

»Du bist nicht zufällig an Bord gekommen, weißt du«, sagte sie unter dem gigantischen Sternenhimmel zu dem Mädchen. »Ich war ungefähr so alt wie du, als ich mit meiner Ausbildung begann.« Der Kapitän machte eine Pause und musterte die Sternenkonstellation, stockte für einen Augenblick. »Manchmal ist es ein Schiff, das sich seine Menschen wählt.«

Aline sah sie fragend an.

»Ich glaube, du würdest gut an Bord der Ikarus passen. Sie hat noch die eine oder andere Reise vor sich und die Mannschaft könnte etwas Nachwuchs gebrauchen.« Der Kapitän lachte ein heiseres Altfrauenlachen. »Wir sind alle nicht mehr die Jüngsten.«

Aline wirkte überrascht und sah eine Weile zu dem entfernten Raumschiff hinüber, dessen Schatten in der Ferne nur zu erahnen war. Dann nahm sie das kleine Büchlein zur Hand und schrieb etwas hinein.

»Meine Eltern sind tot«, las der Kapitän.

Alines Finger, die das Heft hielten, zitterten.

»Wenn du an Bord eines Raumschiffes dienst«, sagte sie zu dem Mädchen, »bekommst du eine neue Familie. Sie werden auf dich aufpassen und sich um dich kümmern. Es ist leichter, an Bord zu sein, wenn du keine Familie zurücklässt!«

Der Kapitän aktivierte mit einem Sprachbefehl ein holografisches Terminal, das blauschimmernd zwischen ihnen auftauchte, und sendete eine kurze Nachricht an ihren Stellvertreter an Bord.

»Bereitet alles für unser neues Crewmitglied vor«, sagte sie. »Schaut, was sie kann, und bildet sie aus. Sie heißt Aline.«

»Verstanden, Kapitän«, antwortete Marl.

»Nachdem das erledigt ist, sollten wir …«

Aline zupfte energisch an ihrem Ärmel und zeigte auf sie.

»Was meinst du, Kleines?«

Aline kritzelte einige Wörter in das Büchlein und hielt es der alten Frau entgegen.

»Was ist mit dir?«, las der Kapitän. »Wie ich schon sagte, das ist meine letzte Reise! Komm mit!«

Die unweit des Heiligtums in den Felshang führende Höhle war kaum mehr als ein schmaler Gang, der sich erst nach ein paar Schritten weitete. Einige Seitengänge führten tiefer in den Felsen, von dem der Kapitän nicht sagen konnte, ob sie natürlichen Ursprungs waren oder über Jahre mühevoll in den Stein gehauen worden waren. In regelmäßigen Abständen befanden sich Behältnisse mit leuchtenden Steinen an den Wänden, die die Umgebung notdürftig erleuchteten. Der Gang endete in einer kleinen Kammer.

Der namenlose Mönch kniete vor einem verblichenen Gemälde, das im flackernden Licht einer Feuerschale golden glänzte. Drei Skelette standen neben ihm und musterten sie mit ihren dunklen Augenhöhlen. Der ganze Raum roch nach Weihrauch.

Der Kapitän erkannte, dass der Mönch ein- und dasselbe Wort immer und immer wieder wiederholte, eine endlose Litanei gemurmelter Silben, die zu einem monotonen Singsang verschmolzen. Bei jedem Ausatmen sprach er das Wort ohne hörbare Gefühlsregung, fast wie ein Hauchen, ohne besondere Betonung. Aber so sehr sich die alte Frau auch bemühte, sie konnte nicht verstehen, um welches Wort es sich handelte. Durch die beständige Wiederholung schien es von Schatten umgeben zu sein, als wäre es von einer übergroßen Deutlichkeit verhüllt.

Nach einer Weile verstummte der Mönch und drehte sich zu ihnen um. Außer dem leisen Flackern des Feuers war nicht das geringste Geräusch zu hören. Der Mönch nahm seine Kapuze ab und winkte Aline zu sich heran.

»Geh, mein Kind«, sagte die alte Frau leise.

Zögerlich ging Aline zu dem knienden Mann hinüber und ließ sich vor ihm nieder. Das schmale Gesicht des Mannes mit den schwarzen Augen wandte sich dem Mädchen ruhig zu. Aline blieb regungslos hocken und für eine Weile rührte sich keiner von beiden. Dann nahm der Mönch ihre beiden Hände in die seinen, beugte sich vor und flüsterte ihr ein Wort ins Ohr.

Das Mädchen schloss die Augen, als würde es in sich hineinlauschen.

Eine Weile passierte nichts.

Der Kapitän warf einen Blick zu dem alten Bild an der Wand, dessen Motiv er immer noch nicht erkennen konnte. Die Farben waren so ausgeblichen, dass man das Motiv erst erkennen konnte, wenn man nahe vor der Leinwand stand. Der Kapitän sah, dass das Bild eine Sternenkonstellation zeigte. Dieselbe Sternenkonstellation, erkannte sie, die ihr das gläserne Buch am Schluss gezeigt hatte.

Eine Weile stand die alte Frau da und betrachtete das Bild. Sie hatte lange genug in die Sterne geblickt, um bemerkt zu haben, dass die Sterne über diesem kleinen Gesteinsbrocken dieser Konstellation entsprachen. Alles war so klar, aber der letzte Schritt erforderte häufig die größte Anstrengung.

Ein Aufkeuchen riss sie aus ihren Gedanken. Aline lag auf dem Rücken und atmete schwer. Der Kapitän trat auf das Mädchen zu, aber der Mönch hob seine Hand. Ein Zittern durchlief den dünnen Körper. Das Gesicht, umrahmt von dem tiefschwarzen Haar, war kalkweiß.

»Was ist mir ihr?«, fragte der Kapitän.

Auf dem bleichen Gesicht des Mädchens lag ein Ausdruck des Schreckens, zwischen ihren zusammengepressten Lippen ragte der Stängel einer Rose hervor. Der Kapitän starrte auf den grünen, dornigen Stiel mit den tiefroten Blütenblättern, der Aline den Mund verschloss. Es war die eine Geschichte, von der sie noch immer träumte. Die erste, die ihr ihre Mutter erzählt hatte.

Wir sehen das, dachte sie, was in uns ist. Was für ein merkwürdiger Ort!

Bis heute gab es Menschen in den abgelegenen Ortschaften ihrer Heimat, die auf die Rückkehr des Rabenkönigs warteten. Die dem Glauben ihrer Vorfahren treu geblieben waren.

Die alte Frau kniete sich neben das Mädchen, das mit schreckgeweiteten Augen ihren Blick suchte. Die Rose, die den Mund verschloss. Das Zeichen des Paktes.

Der Mönch blickte sie erwartungsvoll an. In seinen dunklen Augen sah sie ihr nahes Ende.

Es überraschte sie, dass es so enden sollte. Mit diesem Symbol aus ihrer Kindheit. Einer alten Legende, an der sie ihr halbes Leben nicht mehr gedacht hatte.

»Hab keine Angst!«, sagte sie zu dem Mädchen.

Jeder sieht nur das, was er kennt … In ihrem langen Leben hatte sie Leben entstehen und Leben enden sehen. Im großen Ganzen der Schöpfung spielte es keine Rolle. Aber das menschliche Herz sehnte sich nach Bedeutung, nach etwas, das blieb.

»Kann ich hierbleiben?«, fragte sie den Mönch. »Wenn alles vorbei ist …«

Er neigte seinen kahlen Kopf.

Die Vorstellung, für ewig unter diesem Sternenhimmel zu liegen, erleichterte sie.

Langsam beugte sie sich nach vorne und hauchte dem Mädchen einen Kuss auf die Stirn. Ihre Finger fanden die Rose.

»Zu den Sternen, mein Kind …!«

Sie nahm die Rose von den Lippen des Mädchens.

Aline keuchte auf, schnappte mit weitaufgerissenem Mund nach Luft. Der Kapitän hielt die Rose in beiden Händen. Sie brannte auf der Haut, als wäre sie ein Eiszapfen. Im nächsten Augenblick kam der Boden auf sie zu.

Langsam atmete der Kapitän aus. Ihre alten Augen richteten sich zu der hohen Decke, über der sich das letzte Sternenbild ihrer sterblichen Existenz befand, weit aufgespannt in all seiner Pracht, in all seiner Dauer, die in menschlichen Maßstäben nicht zu messen war. Jemand beugte sich über sie und das Gesicht Alines sah auf sie herab. Sie hatte Tränen in den Augen.

Der Torheit der Menschen, dachte die alte Frau ohne Trauer, da aller Schmerz von ihr abfiel.

Das Licht nahm um sie herum ab, und sie hatte Mühe, Aline zu erkennen. Ihr Kopf fühlte sich so lebendig wie nie zuvor, aber ihr Körper stellte nach und nach seine Funktionen ein. Wie ein Baum, dachte sie, der kurz bevor er stirbt noch einmal austreibt.

»Ich wollte doch nur meine Eltern wiedersehen«, flüsterte Aline.

Die alte Frau wollte etwas sagen, aber ihre Lippen waren wie versiegelt. Die älteste Vereinbarung von allen. Ein Ende für einen Anfang.

Mühsam öffnete sie ihre Hände, aber sie waren leer.

Langsam fuhr sie mit den Fingern durch das Gras und pflückte ein Gänseblümchen ab, die einfachste unter den Blumen des Waldes, aber wie ein ganzes Universum voller Wunder in der Hand.

Lukas Vering: 137

Von unserem schmalen Balkon aus wirkt unsere neue Stadt wie ein Labyrinth zum Ausmalen. Solche, die auf den Rückseiten von Müslischachteln abgedruckt sind. Oder auf den Papierunterlagen von Fast-Food-Läden. Doch würde ich einen Stift nehmen und einen Weg durch den Irrgarten zeichnen, würde ich immer nur in Sackgassen enden. Da müssen Abbiegungen und Auswege sein, die ich in der vagen Beleuchtung einfach nicht sehen kann. Das bisschen Licht, das einen Weg durch die dichten, staubfarbenen Wolken findet, bleibt irgendwo in den obersten Stockwerken der hohen Gebäude hängen. Hier unten bleibt uns dann nichts als das gelbe Schimmern der Straßenlaternen und das blaue Flickern der Computerbildschirme.

Hinter mir dringen lauter werdende Stimmen durch die dünne Balkontür. Sie streiten wieder. Über Dinge, die sie nicht mehr ändern können. Die sie niemals hätten ändern können. Die sich niemals ändern werden. Sie sind wie eingesperrte Wildkatzen, immerzu laufen sie auf und ab in ihrem kleinen, engen Käfig aus Plastik, bis sie die Geduld verlieren und aufeinander los gehen. Dann werden ihre Worte zu krallenbesetzten Pranken, die verletzen wollen. Ich habe schnell gelernt, nicht zwischen ihre Fronten zu geraten. So wird man nicht verletzt, wenn Wut und Verzweiflung aus Eltern Wildkatzen machen. Aber Wildkatzen, hat Mutter schon so oft gesagt, sind ausgestorbene Wesen. Sie weiß, dass Gleiches in unserer neuen Stadt schon bald auch für Eltern gilt.

Ich kenne einen Trick, um aus dem Kreuzfeuer zu fliehen. Ich muss mich nur über das Geländer schwingen, die Füße ins Leere baumeln lassen, bis sie den unter uns liegenden Balkon finden und dann loslassen. Nach vier Balkonen erreicht man ein Flachdach, von dem aus eine Feuerleiter bis hinab in eine enge Gasse auf der Straßenebene führt. Die Plastikwände der Wohnblöcke sind in der Gasse so nah, dass ich die Arme nicht ausstrecken kann. Schaut man von hier nach oben, sieht man nur Wände, Brücken, Kanten und Ecken. Alles aus dem gleichen, farblosen Plastik gegossen, dass sie aus den vergifteten Meeren gefischt und mit hierher gebracht haben. Irgendwo dazwischen erhascht man mit viel Glück einen Fetzen Himmel. Orange, beige, staubig, blass, aber gefüllt mit einer Idee von weit entferntem Sonnenlicht. Wenn man das Gesicht in Richtung so eines Fetzens streckt und die Augen schließt, könnte man beinah glauben, so etwas wie Wärme auf seiner Haut zu spüren. Aber viel davon dringt nicht durch die Plastikglocke, die unsere neue Stadt umgibt. In den Pflichtlektüren unserer neuen Schule habe ich gelesen, dass die Glocke uns vor Staub, Wind und Strahlung schützt. Und dass sie derzeit immer noch daran arbeiten, dass die kleinen Partikel im Material der Glocke einen strahlend blauen Himmel simulieren. Vielleicht, wenn es soweit ist, könnten sie dann auch ein bisschen Wärme vortäuschen.

Ich verlasse die Gasse und betrete die Straße. Sie ist nicht viel breiter, nur ein Gehweg. Die wirklich breiten Straßen, auf denen die Tube verkehrt, sind die einzigen Schneisen, die sich durch die dichte Stadt fräsen. Alles andere sind nur Risse. Ich lasse meinen Blick wieder nach oben wandern, versuche von hier aus den Balkon zu erkennen, von dem ich gerade geflohen bin, doch es ist unmöglich, den richtigen zwischen den Abertausenden von baugleichen Balkonen auszumachen. Alle haben das gleiche schwarze Plastikgeländer, den gleichen halben Meter bis zur Tür aus durchsichtigem Hartplastik und das gleiche viereckige Fenster daneben. Reihen über Reihen über Reihen davon schichten sich aufeinander, nebeneinander, ineinander. In irgendeiner dieser engen Plastikschachteln streiten meine Eltern und bemerken nicht, wie ich verschwinde. Wie ich immer weiter verschwinde.

Nach der Flucht war alles anders. Es gab keine andere Wahl, sagt Vater immer. Wir haben zurückgelassen, geopfert und aufgegeben. Alles, was wir einmal waren, ist jetzt nicht mehr von Bedeutung. Das große Haus, das viele Geld, das schnelle Auto, der Platz an der Sonne. Jetzt gibt es nichts mehr zu wählen, sagt Mutter dann immer.

Ich tauche in das Licht einer Straßenlaterne ein. Es ist kalt und steril, gefühlloses LED. Für einen Moment bin ich strahlend gelb, dann wechsle ich wieder in die trübe Dunkelheit, die hier unten regiert. Andere Menschen kommen mir entgegen, ihre Gesichter kann ich nur in den flüchtigen Momenten erkennen, in denen sie selber durch einen Laternenkegel streifen. Sie sind blass und schmallippig, genau wie ich. Verlorene Raubtiere in einem Urwald aus Schatten. Ich frage mich, welche Sprache sie sprechen.

Der Gehweg mündet in einer breiteren Straße, über deren Mitte eine Schiene verläuft. Darauf gleitet die Tube geräuschlos durch die Innereien der Stadt, windet sich einen Weg über den Bodensatz dieser riesigen, in Plastik verschweißten Blase. Ich schaue nach links und rechts, doch kann nirgendwo eine herannahende Tube erspähen. Ich nutze den Moment, stelle mich auf die Mitte der Straße und schaue aufwärts. Von der Mitte dieser breiten Schneise hat man den besten Blick nach oben. Ich erspähe mehr himmelfarbige Flecken, als ich zählen kann. Von hier aus fällt es mir fast leicht, mir vorzustellen, den ganzen weiten Horizont zu überblicken, über alle Dächer hinweg, bis zu der Linie, die Land und Himmel trennt. Wie wäre es wohl, über diese magische Linie zu treten? Ich würde meine eigene Rakete bauen, die mich vom Land in den Himmel trägt und weit, weit fort von hier bringt. Weg von den beengenden Gassen, den schwindelerregend hohen Häusern, den endlos übereinandergeschichteten Schachtelwohnungen, den nimmersatten Schatten. Weg von den zahllosen Ebenen der Stadt, von denen ich die unterste behause. Doch egal wie sehr ich die Himmelfetzen in meiner Fantasie zusammenflicke, es wird doch keine Decke daraus. Also schaue ich nur verzweifelt auf die Brücken, die sich zwischen den höchsten Häusern spannen, und auf die stummen Fassaden, die mir den Blick verbauen. Ob die Menschen, die dort oben leben, wohl den Horizont sehen? Sie haben schließlich genug dafür bezahlt.

Jemand ruft. Ich verstehe nicht was, aber ich verstehe den Tonfall. Hastig löse ich den Blick von der fremden Welt über mir und erkenne sofort die Tube, die auf mich zu rast. Eine längliche, durchsichtige Röhre, zwei Scheinwerfer fräsen sich vor ihr durch die Dunkelheit, in ihrem Bauch sitzen und stehen Körper ohne Ausdruck. Sie ist noch weit genug entfernt. Ich muss nur zur Seite treten, in die nächste Gasse verschwinden, mich von den Schatten verschlucken lassen.

Ich kenne einen Ort, den es nicht geben sollte. Ich habe ihn auf einem meiner Streifzüge entdeckt. Sicher war es ein Fehler im Bauplan unserer neuen Stadt. Vielleicht aber auch eine Falle. Für neugierige Wesen wie mich. Es ist ein Aufzug. Nicht einer von denen, die von einem Stockwerk im Wohnkomplex ins nächste fahren. Und auch nicht einer von denen, die von der Straßenebene auf die höherliegende Ladenzeile steigen. Dieser Aufzug schraubt sich durch eines der großen Gebäude, der wirklich großen Gebäude. Unsere neue Stadt ist nicht nur die zwielichtige Welt hier unten auf der Straßenebene. Weit über uns, dort wo die ersten Brücken ein neues Netz aus Gehwegen spannen, leben jene, die mit volleren Händen als wir auf die Flucht gingen. Und noch weiter oben, weit, weit oben, wo die Dächer der Häuser schon fast an der Plastikglocke kratzen, leben jene, deren Gnade wir es zu verdanken haben, dass es überhaupt eine Flucht gab. Man erzählt sich, dass sie dort in riesigen Wohnungen leben, auf den Dächern grüne Gärten angebaut haben, das Sonnenlicht durch ihre Fenster flutet. Von hier unten kann ich nur schweigende Fronten und schwebende Schienen erkennen. Lautlos schieben sich die Tuben dort oben am Himmel von einem Gebäude zum nächsten. Manchmal, an Tagen, an denen sich die staubige Wolkendecke etwas lockert, glaube ich sogar Fußsohlen durch den transparenten Tubenboden erkennen zu können.

Die Tür zu dem Aufzug liegt in einem Hof. Diese runde Aussparung im Häuserdickicht ist in das tiefrote Licht einer surrenden Lampe getaucht, die gleich über der Tür zum Fahrstuhl hängt. Als ich den Hof das erste Mal fand, während ich mich mit Absicht in den Wirrungen des Labyrinths verlor, fühlte ich mich ganz unreal im rubinroten Licht. Es malte mich in einer Farbe an, die nicht mir zu gehören schien. Ich entdeckte die Tür, weil zwischen ihren beiden Flügeln ein heller Schlitz leuchtete. Ich zog sie auf, betrat das überraschend geräumige Innere und fand einen Knopf mit der unglaublichen Zahl 137. Damals wagte ich nicht, ihn zu drücken.

Jetzt presse ich meinen Finger energisch auf die 137. Im Inneren des Fahrstuhls schiebt sich eine Tür vor meinen Ausgang, der letzte Schimmer des roten Lichts verschwindet. Ich halte den Atem an. Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass es sich um einen Lastenaufzug handeln muss. Wer weiß, was die von da oben zu uns herunter transportieren müssen. Was sie loswerden müssen. Ich bin auch zu dem Schluss gekommen, dass sie wohl kaum die Türen eines Lastenaufzuges überwachen werden. Und selbst wenn, werden sie wohl kaum ein Kind aus dem hundertsiebenunddreißigsten Stockwerk werfen. Keine Zeit zum Zweifeln. Der Fahrstuhl fährt bereits. Ich spüre, wie Stockwerk nach Stockwerk an mir vorüberzieht. Ein Kribbeln steigt in meine Finger. Meine Füße fühlen sich schwer wie Stein an, mein Herz leicht wie Sand. Die Gedanken an meine Wehrlosigkeit verfliegen. Auf einem Display steigen die Zahlen immer höher. Plötzlich flutet gleißendes Licht den Fahrstuhl. Erschrocken reiße ich die Hände vor das Gesicht. Die Aufzugkabine ist in Wirklichkeit ein Glaskasten, der nun von einem dunklen in einen transparenten Schacht gewechselt hat. Tageslicht flutet ohne Gnade vor meinen lichtentwöhnten Augen auf mich ein. Fassungslos trete ich an die durchsichtige Wand heran und schaue hinaus in die Stadt, die klein und verschlungen und zerfressen von Schatten unter mir liegt. Kein Wunder, dass niemals jemand von hier oben zu uns herunterkommt.

Ich hebe den Blick, löse ihn vom schrumpfenden Labyrinth unter meinen Füßen. Ich sehe rechteckige Hochhäuser mit schimmernden Fassaden, an denen ich vorbeiziehe, bis ich auf ihre flachen Dächer schauen kann. Ich sehe keine grünen Gärten darauf, aber riesige Satellitenschüsseln. Suchen sie Kontakt? In einiger Ferne erkenne ich das Gerüst einer Druckmaschine. Vermutlich thront sie auf einem niedrigeren Gebäude und sprüht gerade Schicht für Schicht heißes Plastik aufeinander, bis daraus ein neues Dutzend Schachtelwohnungen entsteht. Dann schichtet sie eine Handvoll geräumiger Wohnungen für die oberen Etagen darauf, und wer weiß, was zu guter Letzt als krönender Abschluss folgt. Vielleicht sind wir getrennt durch Ebenen und Stockwerke, doch das Plastik aus den Druckmaschinen macht uns alle gleich. Es war das einzige Material, dass wir auf die große Flucht mitnehmen konnten. Viel hat nicht auf unsere Schiffe gepasst, die in die schwärzeste See stachen, um unserer brennenden Heimat zu entfliehen. Noch nicht einmal Mitleid für jene, die wir zurückgelassen haben, in dem Chaos, das wir durch unsere Gier und Selbstsucht entzündet haben. Wir ließen sie glauben, sie könnten die Welt mit Bio-Siegeln, Fair-Trade-Kaffee und ein bisschen Klimaschutz retten, dabei war der Untergang längst unabwendbar und unsere Flucht lange geplant. Es gab keine andere Wahl, sagt Vater immer, verzweifelt und geschlagen vor Schuld. Jetzt gibt es nichts mehr zu wählen, sagt Mutter dann immer, ernüchtert und ausgebrannt von der Erkenntnis, dass sie jetzt zu denen gehört, die man einmal zurücklassen wird.

In weiter Ferne, hinter den riesigen Pumpen der Druckmaschine und den letzten Hochhausfassaden, erkenne ich das vage Schimmern der Glocke, die dort als Wand in die Vertikale steigt. Mein Blick wandert an ihr empor, bis sie sich wie ein Himmel aus Plastik über die Dächer unserer neuen Stadt spannt. Hinter ihr, in noch weiterer Ferne, nach einer Wüste aus rotem Staub und Fels, sehe ich eine weitere Glocke. Und bevor ich die Linie ausmachen kann, die Land und Himmel trennt, noch eine dritte und eine vierte Stadt unter ihrer eigenen Plastikglocke. Geschützt vor Staub, Wind und Strahlung. Und der atemlosen Luft unseres neuen Planeten.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺166,12

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
180 s.
ISBN:
9783957658616
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar