Kitabı oku: «Gegendiagnose II»

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Esto Mader, Cora Schmechel, Kim Kawalska, Alex Steinweg (Hg.)

Gegendiagnose II


Die Reihe Get well soon. Psycho_Gesundheitspolitik im Kapitalismus entstand aus dem Bedauern über den Platz, den eine radikale Kritik an den Institutionen und Disziplinen Psychiatrie und Psychologie aktuell einnimmt. Das Thema Antipsychiatrie wird wieder zurück in den Kanon emanzipativer Politik gebracht und inhaltlich aktualisiert. Es ist notwendig, sich mit der Reformierung des psychiatrischen Systems auseinanderzusetzen und die Kritik dem aktuellen Zustand anzupassen, entsprechend auch auf die Kategorien von mentaler Gesundheit_Krankheit schon außerhalb der Anstalt auszuweiten. Zudem wird ein Raum geschaffen, um in Abgrenzung zum verkürzten Mainstream-Diskurs, welcher vorrangig eine skrupellose Pharma-Industrie am Werke sieht, radikal die gesellschaftliche Funktion des psychiatrisch-psychologischen Systems zu beleuchten und dabei auch die Leerstellen der bisherigen Antipsychiatrie zu füllen. Daher beschäftigt sich diese Reihe vor allem mit Fragen des Zusammenwirkens psychiatrisch_psychologischer Konzepte mit rassistischen, sexistischen und ökonomischen Unterdrückungsverhältnissen und ihren Wirkungsweisen im neoliberalen Gesundheitssystem.

Esto Mader, Cora Schmechel, Kim Kawalska, Alex Steinweg (Hg.)

Gegendiagnose II

Beiträge zur radikalen Kritik an Psychologie und Psychiatrie

Get well soon. Psycho_Gesundheitspolitik im Kapitalismus. Band 2

© 2019 by edition assemblage

Postfach 27 46

D-48014 Münster

info@edition-assemblage.de | www.edition-assemblage.de

Umschlag: Henna Räsänen

Digitalsatz: Zeilenwert GmbH | zeilenwert.de

Digitalvertrieb: Libreka GmbH | info.libreka.de

ISBN ePub: 978-3-96042-813-8

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort der Herausgeber_Innen

Alex Steinweg: ›Irre‹, ›Krank‹ und ›Wahn‹ – eine (zu) kurze Einführung in die Psychiatriekritik

Perspektiven und Erfahrungsreflexionen

Da: Give me a word

Kalle H. und Blu D.: Nicht-binär_trans* in Therapie? Eine (Selbst-)Reflexion aus zwei Perspektiven

Nello Fragner: Zwischen den Knallen wachsen zarte Pflänzchen Zu Depression und (den Versuchen von) Positionierung

Nadire Biskin: Wie meine Mutter mich mit Victoria Beckham verwechselte

Caroline von Taysen: Mein Ausstieg aus der »professionellen Neutralität« Vom Umgang mit Machtverhältnissen in der psychosozialen Arbeit

Robin Iltzsche: Mit dem Rücken zur Wand – Eine Autoethnographie zum Unbehagen … in meiner professionellen, psychiatrischen Identität

Kritik an konkreten Praktiken

Peet Thesing: »Dafür sind Sie nicht stabil genug« Mechanismen der Unterwerfung und des Widerstands in der Psychiatrie

Psychiatrie-kritische Gruppe Bremen: Zur Lage der forensischen Psychiatrie

Jay: Maulkorb Diagnostik – wenn aus Gewalterfahrungen Symptome werden

Anne Roth und Clara Kern: Antifeminismus vor Gericht – Über die Macht psychologischer Sachverständiger in Sexualstrafprozessen

Anne Allex: Keine Fiktion: Erst psychiatrisch begutachtet, dann wohnungslos

Theoriegenese

Franziska Hille: Auf dass Selbstfürsorge möglich(er) wird – und zugleich auch weniger nötig.

Selbstfürsorge, ver_Rückte Zustände und Psychiatriebetroffenheit im Kontext gegenwärtiger neoliberaler gesellschaftlicher Verhältnisse

Eva Georg: Selbstsorge. Distanzierung. Professionalität. Eine problematische Trias in Beratung und Psychotherapie

Robin K. Saalfeld: Von ›Zwischengeschlechtlichkeit‹, Störungen der Geschlechtsidentität und Geschlechtsdysphorie.

Beschreibung einer Genealogie der Transsexualität als Emanzipationsversuch

Sabrina Saase: Augen auf! – Zur historischen Ver(antw)ortung intersektional zu denken

Eliah Lüthi: PsychGewalt_ig: Psych(iatrische) Gewalt als Diskriminierungsstruktur verstehen

Kritik der Kritik

Michael Zander: Trauma, Trigger, Trivialisierung.

Zur Diskussion über »Trigger-Warnungen« an Hochschulen und in der politischen Linken

Judith (ohne Nachnamen): Würdest du freiwillig in eine Psychiatrie gehen?

– Eine Erlebnisreflexion

resist_pathologization: ›Un-/Fähig, sich selbst zu regieren‹

Vom Ausschlusscharakter einer neoliberalen Norm

Bonnie Burstow (Übersetzung: Clara Funk): Die Psychiatrie klein kriegen: Das Zermürbungsmodell

Autor_Innen und Mitwirkende

Endnoten

Weitere Bücher

Vorwort der Herausgeber_Innen 1

Bald vier Jahre ist es her, dass der erste Gegendiagnose- Band der Reihe Get well soon! zur kritischen Analyse von Psycho- und Gesundheitspolitik erschien. Der Band war motiviert durch den Eindruck, dass eine Kritik an der Institution und wissenschaftlichen Disziplin der Psychiatrie, wie auch ihrer ›Schwester‹ der Psychologie, in der aktuellen linken Gesellschaftsanalyse kaum noch eine Rolle spielte. Psychische Krisen sowie Verhaltens- und Wahrnehmungskonflikte schienen vielfach unhinterfragt ein je individueller Fall für ›professionelle Hilfe‹. Die Geschichte der alten wie neuen Antipsychiatrie2 schien weitestgehend vergessen, während gleichzeitig in allen gesellschaftlichen und politischen Lagern eine Zunahme an psychiatrischen Diagnosen und psychischen Krisen festgestellt wurde.

Dies wurde vor sechs Jahren anlässlich des DSM-V (der fünften Auflage des internationalen Klassifikationskatalogs der psychischen Erkrankungen) maßgeblich auch vom US-amerikanischen Psychiater Allen Frances getan. Er kritisierte eine maßlose Gier und den Bedeutungsdrang von Psychiater_Innen und Pharmaindustrie, die Diagnosekriterien herunterstufen und neue Diagnosen ›erfinden‹ würden. Solche Ansätze beklagen zwar ein ›Zuviel‹ oder ›Zu weit gehen‹ einzelner Institutionen, aber nicht die grundlegende gesellschaftliche Funktion, die eine Unterscheidung von gesundem und krankem Denken und Empfinden bedeutet.

Das Anliegen der Gegendiagnose war und ist dagegen, eine Alternative zu allzu vereinfachten oder reformistischen Kritiken zu bieten und auch die antipsychiatrische und psychiatriekritische Bewegung selbst kritisch zu betrachten. Wichtig ist uns die Institution Psychiatrie und ihre Konzepte und Glaubenssätze in das Netz gesamtgesellschaftlicher Machtverhältnisse einzuordnen und sie gerade auch als Institution der Reproduktion und Stabilisierung gesellschaftlicher Unterdrückungsverhältnisse zu betrachten.

Anlässe einer linken Auseinandersetzung mit Konzepten und Erlebenswelten von Krise, Verrücktheit und sogenannten psychischen Störungen und vor allem mit der Frage, wie ein entstigmatisierender und emanzipativer Umgang damit aussehen kann, gab es auch in den letzten vier Jahren: die Debatte um das letztlich entschärfte Psychiatrie-Gesetz in Bayern, welches eine standardisierte polizeiliche Meldung von Psychiatriebetroffenheit zum ›Schutz‹ von Individuum und Gesellschaft vorsah; die permanente Prekarität von und bürokratische Hürden für alternative Institutionen wie dem Berliner Weglaufhaus und eine sich ausweitende Kultur des eigenverantwortlichen Selbstmanagements von Gefühlen, Stimmungen und Einstellungen in der individualisierenden und entpolitisierenden Rhetorik der Psy-Disziplinen, vom Mood Tracking bis zu Abgrenzungs- und Distanzierungstechniken als Self-Care.

Im vorliegenden zweiten Band liegt der Fokus nun auch verstärkt auf den Momenten der Selbstregierung unter Begriffen und Konzepten von psychischer Gesundheit und Krankheit, Normalität und Eigenverantwortung. Vor allem zeichnet sich die ›zweite Gegendiagnose‹ durch eine große Vielfalt an expliziter und reflektierter Diversität der Perspektiven aus, ebenso durch eine Varianz der Beitragsformen: von wissenschaftlicher abstrakter Theoriearbeit und Analyse über autoethnografische Zugänge, bis hin zu sehr persönlichen Erfahrungsberichten und Prosa, von der Betroffenen- über die Angehörigen-Perspektive bis zu der Perspektive der ›Professionellen‹. Dieses Nebeneinander der Perspektiven ist hierbei kein Zufall, sondern als Kritik an der vorherrschenden Definitionsgewalt der medizinisch-psychiatrischen Wissenschaft zu verstehen.

Und wie schon im ersten Band verfolgen wir keine einheitliche inhaltliche Stoßrichtung, weder innerhalb der Herausgebendengruppe noch in der Autor_Innenschaft. Vielmehr soll der Band Raum für unterschiedliche Sichtweisen bieten und die Vielseitigkeit aktueller kritischer Perspektiven auf Psychiatrie und Psychologie deutlich machen. Exemplarisch zeigt sich dies am Begriff der Selbstbestimmung, der in verschiedenen Beiträgen sowohl als Forderungsinhalt und Ziel wie auch als zu kritisierende Norm und voreingenommenes Ideal betrachtet wird.

Nicht zuletzt war und ist es Anliegen der Gegendiagnose, eine solidarische, aber durchaus kontroverse Debatte zu fördern.

Aufbau des Bandes

Den Auftakt macht Alex Steinweg mit einem Überblick zur Geschichte der Psychiatrie und ihrer Kritik sowie Anregungen für aktuelle praktische Psychiatriekritik und Betroffenensolidarität. Anschließend eröffnet ein Gedicht von Da das Kapitel »Perspektiven und Erfahrungsreflektionen«, in welchem Beiträge versammelt sind, die explizit oder implizit Fragen zu diversen Formen von Betroffenheit und verschiedenen Machtpositionen im psychiatrisch_psychologischen System aufwerfen. Kalle H. und Blu D. betrachten aus verschiedenen nicht-binären Trans*Perspektiven die konkreten subjektiven Auswirkungen der binär-logischen Zwangs-Pathologisierung und von Trans*geschlechtlichkeit im Gesundheitsversorgungsystem. Nello Fragner nimmt uns im folgenden Beitrag mit auf eine persönliche Retrospektive zur sanktionierenden Funktion einer immanenten Bedrohung von Psychiatrisierung. Nadire Biskins öffentlicher Brief »Wie meine Mutter mich mit Victoria Beckham verwechselte« macht im Anschluss deutlich, dass es neben ›betroffen‹ und ›nicht betroffen‹ von Psychiatrisierung durchaus noch weitere Formen der Involviertheit und Betroffenheit gibt. Die beiden anschließenden Beiträge von Caro von Taysen und von Robin Iltzsche berichten aus der Perspektive von ›kritischen Professionellen‹ von ihren Erfahrungen und Einsichten in die eigenen Verstrickungen und beschränkten Kritikpotentiale als Psycholog_In und Psychiatrie-Personal. Caro von Taysens Beitrag hinterfragt dabei die hierarchisierenden Grenzen zwischen ›denen‹ und ›uns‹, welche in der professionellen Ausbildung und Praxis sehr zentral und bedeutsam sind und Robin Iltzsche macht anhand persönlicher Erfahrungen eindrücklich deutlich, wie schwierig und ambivalent eine kritische Haltung in und zu der Institution Psychiatrie in der Praxis sein kann.

In der psychiatrischen Anstalt geht es sodann auch im zweiten Kapitel »Kritik an konkreten Praktiken« weiter. Peet Thesing beschreibt an einem Fallbeispiel die Unterwerfungs- aber auch Widerstandsmomente eines Psychiatrieaufenthaltes. Auch die Psychiatrie-kritische Gruppe Bremen beschäftigt sich mit der Institution Psychiatrie, speziell jedoch mit der forensischen, also kriminalistischen, welcher die Legitimation zukommt, Menschen auch nach Vollzug einer Haftstrafe weiterhin ›im Dienste der Sicherheit‹ gefangen zu halten. Die Praktik der Sicherheitsverwahrung wird in diesem Beitrag gesellschaftlich eingeordnet und als Menschenrechtsverletzung kritisiert. Massiv ist auch die Kritik von Jay an der Pathologisierung von Folgeerscheinungen gravierender und systematischer Gewalt. Statt gesellschaftliche Strukturen für krank zu erklären, die solche Gewalt ermöglichen, werden die Opfer pathologisiert und auf dieser Basis bevormundet und somit erneut zu Opfern gemacht. Auch Anne Roth und Clara Kern kritisieren den psychiatrisch_psychologischen Umgang mit sexualisierter Gewalt, hier konkret in Form der »aussagepsychologischen Glaubhaftigkeitsgutachten«, welche den Anspruch erheben zwischen ›falscher/eingebildeter‹ und ›richtiger/wahrer‹ Vergewaltigungs- und Missbrauchserinnerung unterscheiden zu können. Die Autor_Innen weisen nach, wie diese Praktik zu einer Täter-Opfer-Umkehr beiträgt und gesellschaftliche Machtverhältnisse stabilisiert. Den Abschluss dieses Kapitels bildet ein Beitrag von Anne Allex, welcher die immensen Folgen von psychologischen Gutachten durch den Ärztlichen Dienst der Arbeitsagentur für Betroffene darlegt.

Im anschließenden Kapitel » Theoriegenese« beschäftigen sich zunächst Franziska Hille und Eva Georg kritisch mit dem ambivalenten Konzept der Selbstsorge für Menschen in ver_Rückten Zuständen und für psychotherapeutisch oder beraterisch arbeitende Personen. Anschließend formuliert der Beitrag von Robin Saalfeld eine Genealogie des Konzeptes der Transsexualität sowie eine, auch aus persönlichen Erfahrungen speisende, aktuelle Situationsbeschreibung und Kritik. Sabrina Saase plädiert anschließend für die drängende Notwendigkeit der Einbeziehung intersektionaler Perspektiven in die wissenschaftliche Disziplin der Psychologie, gefolgt vom Beitrag Eliah Lüthis, in welchem das Konzept der »PsychGewalt« und ihre verwobenen Wirkungsformen anschaulich erklärt werden, um sie so an_greifbarer zu machen.

Ein letztes Kapitel bildet auch diesmal wieder die »Kritik der Kritik« in welchem aktuelle linke und psych_kritische bis antipsychiatrische Diskurse und Praktiken zum Gegenstand gemacht werden. Das Kapitel beginnt mit einem Beitrag von Michael Zander, der die Psychologisierung (linker) Politik kritisiert. Es folgt ein Artikel von Judith zu ihrem Erleben von allzu theoriegeleiteter linker Psychiatriekritik, die nicht an die realen Erfahrungen und Empfindungen Psychiatriebetroffener anschließen kann. resist_pathologization leistet im darauf folgenden Beitrag eine umfassende und fundierte Kritik am Konzept der Selbstbestimmung als Ziel emanzipatorischer Politik in Theorie und Praxis. Sehr freuen wir uns, als abschließenden und abrundenden Beitrag die erstmalige Übersetzung eines Textes der kanadischen antipsychiatrischen Wissenschaftlerin Bonnie Burstow präsentieren zu können. Mit dem von Clara Funk übersetzten Artikel zum »Zermürbungsmodell« endet der Band so mit einem selbstkritischen aber positiven Ausblick auf die Zukunft der emanzipativen, kritischen Umgangsweisen mit Psychologie und Psychiatrie.

Danksagungen

Zunächst einmal möchten wir uns bei all unseren Autor_Innen bedanken für die produktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit! Auch allen Leser_Innen des ersten Bandes, die für die Notwendigkeit einer zweiten Auflage gesorgt haben, danken wir hiermit – nicht zuletzt der große Erfolg des ersten Bandes hat zur Motivation für einen zweiten Band beigetragen. Auch die vielen Einladungen für Lesungen des Bandes, von Bremen bis Wien, und die hierbei geführten Diskussionen haben uns angetrieben, das Projekt weiter zu verfolgen. Trotz aller Kontroversen und letztlich getrennter Wege gilt der Dank auch Fabian Dion für die Initiierung der Gegendiagnose ›damals‹ 2014. Vor allem danken wir Willi Bischof und der edition assemblage für die Ermöglichung und Unterstützung des Projektes!

Wir freuen uns über Kritik, Anregungen und Vorschläge für den dritten Band an

getwellsoon@riseup.net

›Irre‹, ›Krank‹ und ›Wahn‹ – eine (zu) kurze Einführung in die Psychiatriekritik 3

Alex Steinweg

Einleitung

Innerhalb einer links-aktivistischen Szene scheint es in diskriminierenden Situationen einen Konsens über angemessene Handlungsweisen zu geben. Das Spektrum reicht davon eine von Abschiebung bedrohte Person zu verstecken, sexistischen und rassistischen Sprachgebrauch zu problematisieren und geht bis dahin Diskussionen über mögliche diskriminierende Lesarten einzelner Wörter, Kleidungsstile und Frisuren zu führen (vgl. u.a. Latton 2016: o.S.; Yaghoobifarah 2016a: o.S.; 2016b: o.S.).

Aber wie sieht es mit einem Konsens darüber aus, eine Person zu verstecken und zu unterstützen, die zwangsbehandelt werden soll? Schnell heißt es, dass von außen nicht nachvollziehbares Verhalten ›krank‹ sei und die Betroffenen ›professionelle Hilfe‹ bräuchten. Aber wodurch legitimiert sich ›professionelle Hilfe‹ eigentlich? Und was bedeutet eigentlich ›krank(haft)‹? Schon die ›Alte Psychiatriekritik‹, eine Bewegung vor allem kritischer Wissenschaftler_Innen und vereinzelt auch praktizierender Psychiater_Innen in den 1960er Jahren, hat sich mit diesen Fragen beschäftigt und es ist ihnen gelungen, eine emanzipative Kritik an vorherrschenden medizinisch geprägten Erklärungsmodellen zu formulieren (vgl. u.a. Basaglia: 1980; Chesler: 1977; Cooper: 1972; Dörner: 2001; Foucault: 1973; Laing: 1994; Schaps: 1982; Szasz: 1972) und ›psychische Krankheiten‹ als maßgeblich gesellschaftlich bedingt zu theoretisieren und damit zu entmystifizieren (vgl. Trotha, 2001 o.S.). Im Zuge dieser Bewegung begannen verschiedene Betroffenengruppen sich in Verbänden und Initiativen zu organisieren, eigene Kritiken zu formulieren und selbstbestimmte Unterstützungsstrukturen aufzubauen (die sogenannte »Neue Antipschiatrie« der 1980er Jahre) (vgl. ebd.).

Ziel dieses Artikels ist es, eine kleine Einführung in die formulierten Kritiken dieser Bewegung zu geben. Dabei sollen weniger die einzelnen Akteur_Innen im Vordergrund stehen, sondern der Fokus auf einer Zusammenfassung der Theorien liegen. Diese Theorien – so sehr auch diese bei weitem nicht frei von Kritik sind (vgl. Dudek 2015: 313 ff.) – können helfen, menschliches Verhalten zu entmystifizieren, die Bedeutung subjektiven Empfindens und Deutens hervorzuheben und Lebenssituationen in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zu setzen. Dies stellt eine notwendige Grundlage eines emanzipatorischen Diskurses zur Unterstützung von Menschen dar.

Abschließend leite ich aus den theoretischen Vorarbeiten Reflexionsmaßstäbe her, welche bei der Selbstreflexion helfen sollen, um bei sich selbst sowohl diskriminierende Denk- und Verhaltensmuster zu entdecken und zu verändern, als auch es einem_R zu erleichtern, sich für und in der Unterstützungsarbeit zu sensibilisieren.

Ausgesuchte Aspekte der diskursiven Entwicklung des ›Wahnsinns‹4

Eine der Grundfragen dieser Thematik ist, wie es im Laufe der Geschichte geschehen konnte, dass einige Verhaltensweisen überhaupt als ›krankhaft‹, ›wahnsinnig‹, ›irre‹ oder generell als ›abnormal‹ beschrieben wurden und werden. Wird die Geschichte des ›Wahnsinn‹ betrachtet, wird in erster Linie deutlich, dass je nach zeithistorischem Kontext unterschiedliches Verhalten als ›abnormal‹ angesehen worden ist. Dies verdeutlicht, dass es sich bei diesen Zuschreibungen um gesellschaftliche Konstruktionen handelt. Im Folgenden werde ich einzelne Aspekte der geschichtlichen Entwicklung beschreiben, die ich als diskursive Einflussfaktoren für das heutige Verständnis von ›Verrücktheit‹ hervorheben möchte.5

Von Deutungskämpfen und dem Entstehen der ›Helfenden-Profession‹

Im 17. Jahrhundert wurde der ›Wahnsinn‹ noch als eine von Gott gegebene Krankheit zur Bestrafung für Fehlverhalten gesehen (vgl. Foucault 1973: S. 22). Zu diesem Zeitpunkt wurde dem Gedanken einer ›Heilung‹ der Person noch kaum eine Bedeutung zugesprochen. Stattdessen war es das vorrangige Ziel eine Isolation der Personen von der Gesellschaft zu erreichen (vgl. ebd.: S. 25 ff.). Im Laufe der Zeit machte die gesellschaftliche Bedeutung des ›Wahnsinn‹ verschiedene Veränderungen durch, welche stets von einer gewissen Doppeldeutigkeit geprägt waren (vgl. ebd.: S. 31).

Auf der einen Seite existierte durch die Assoziation von Freiheit und einem kritischen Bewusstsein eine fast schon romantische Vorstellung von ›Wahnsinn‹ (vgl. ebd.: S. 31, S. 48). Demgegenüber stand die Interpretation von ›Wahnsinn‹ als Symbol für gesellschaftliches Chaos und Weltschmerz (vgl. ebd.: S. 40 ff.). Die Deutungshoheit der Kirche wirkte dahingehend auf diesen Diskurs ein, dass ein eher abstraktes Verständnis von ›Wahnsinn‹ als gesellschaftlicher Zustand oder gesellschaftliche Bedrohung abgelöst wurde. Stattdessen setzte sich das kirchliche Erklärungsmodell durch, in welchem das ›wahnsinnige Verhalten‹ auf einzelne Menschen projiziert wurde, welche vom Satan gelenkt oder von Gott bestraft worden wären (vgl. ebd.: S. 48).

Die Sichtweise, dass sich die Ursachen von Verhaltensweisen in dem Menschen selbst verorten lassen würden, wurde durch das Aufkommen der Industrialisierung und der Psychopathologie als medizinisch-biologische Disziplin im 18. und 19. Jahrhundert deutlich verstärkt. Ein nicht zu unterschätzender Einflussfaktor dafür, lässt sich in dem neu entstandenen Arbeitsethos während der Industrialisierung sehen. Bestandteil von diesem war eine Verbindung von Arbeit mit ethischen Werten, wodurch Armut nicht mehr als ein Mangel an Waren oder bezahlter Arbeit gesehen wurde. Stattdessen wurde er durch ein Nachlassen von Disziplin erklärt (vgl. ebd.: S. 92). Dabei entstand eine Trennung in die sogenannten ›würdigen Armen‹, die aufgrund einer Beeinträchtigung nicht arbeiten konnten, und die sogenannten ›unwürdigen Armen‹, von denen angenommen wurde, dass sie nicht arbeiten wollten (vgl. Dörner 2001: S. 20). Galten die Gründe für die nicht geleistete Arbeit als nicht nachvollziehbar, wurden die Menschen zu den unwürdigen Armen gezählt und hatten mit einer Verbannung in die Arbeitshäuser zwecks Umerziehung durch Zwangsarbeit zu rechnen.

Die Industrialisierung zeigte jedoch noch weitere Effekte: Wurde in der vormodernen Gesellschaft die Pflege- und Fürsorgearbeit ebenso wie die (Re-) Produktionsarbeit meistens innerhalb der Haus- und Hofgemeinschaften erledigt, entstand durch die Einrichtung von Produktionshäusern wie Fabriken, Werkstätten und Büros eine räumliche Trennung von Arbeitsbereichen (vgl. ebd.: S. 22). Durch diese Aufspaltung kam es sowohl zu einer Verstärkung der Geschlechterungleichheit, da meistens Frauen in den häuslichen, unbezahlten Bereich der Reproduktion verbannt wurden, als auch dazu, dass zum ersten Mal eine breite Diskussion in Europa entstand, was mit denen geschehen soll, die für den Markt als zu ›leistungsschwach‹ oder zu ›störend‹ galten (vgl. ebd.: S. 23). Diese Diskussion beeinflusste die Entstehung von ›Sozialen Institutionen‹, in denen sich nun ›Professionelle‹ als Lohnarbeiter_Innen um die »Erziehung, Therapie, Verpflegung, Versorgung [und] Verwaltung« (ebd.: S. 24.) von Betroffenen kümmern sollten. So entwickelte sich mehr und mehr die Überzeugung, dass nur ›Professionelle‹ in der Lage wären, Menschen zu unterstützen und ihnen zu helfen (vgl. ebd.: S. 27)6.

Beeinflusst durch die Aufklärung und den immensen technischen Fortschritt dieser Zeit, erreichte die Naturwissenschaft und mit ihr die Psychopathologie als ›objektive‹ und ›rationale‹ Wissenschaft einen gottähnlichen Status (vgl. Harms 2011: S. 89).

Dabei beinhalteten psychopathologische Denkmodelle das Bild eines durch seine Biologie und die Genetik festgelegten Menschen (vgl.: ebd.). Es wurde somit davon ausgegangen, dass die Psychopathologie in einer direkten Beziehung zu einem natürlichen Menschen stehen würde und an diesen den Maßstab für ›Normalität‹ anlegen könnte (vgl. Foucault: S. 126). Diese Form der Pathologisierung von Verhalten führte dazu, dass als wahnsinnig klassifizierte Personen zu den sog. ›würdigen Armen‹ gezählt wurden (vgl. ebd.: S. 128), was zum einen dazu führte, dass sie gesellschaftlich als ›hilfebedürftig‹ eingestuft wurden, zum anderen jedoch den Effekt hatte, dass ihnen ihre Selbstbestimmung und -verantwortung verweigert wurde. Da schon zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich weiße7, gesunde, heterosexuelle, akademische Männer den Wissenschaftsbetrieb bestimmten und dadurch festlegten, was ›Natürlichkeit‹ bedeutete, wurde der Maßstab der ›psychischen Normalität‹ auf deren Sichtweise und Lesarten festgelegt. Dieses Erbe zieht sich bis heute durch (vgl. Haraway 1988: S. 581 ff.). Sollte nun eine Person sich also für Verhaltensweisen entscheiden, die zu weit von dem ›normalen‹ Raster eines weißen, gesunden, heterosexuellen, akademischen Mannes abweichen, müsse dies somit an dessen ›kranker‹ Natur liegen.

Vernichtung im Namen der ›Volksreinheit‹ – Der deutsche Sonderweg

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts spitze sich die Diskussion um die sogenannte ›soziale Frage‹ zu. Die Vorstellung eines biologisch determinierten Menschen in Kombination mit einem moralisch aufgeladenen Arbeitsethos und dem Konkurrenz- und Verwertungsgedanken des Kapitalismus führten dazu, dass über alle politischen Spektren und Länder hinweg die Frage diskutiert wurde, ob ›nicht wirtschaftlich Verwertbare‹ eher zwangssterilisiert oder vernichtet gehörten (vgl. Klee 2009: S. 25 ff.). Dabei ist es erwähnenswert, dass, trotz des weltweit stattfindenden Diskurses, die Deutschen als einzige sich dazu entschieden, im Namen der Wirtschaftlichkeit und Reinheit des ›Volkskörpers‹ die systematische Vernichtung all jener durchzuführen, die ihrem Traum eines ›arischen‹ und effizienten Volkes entgegen standen: Im Sommer 1939 verfasste Adolf Hitler ein formloses Ermächtigungsschreiben und die Deutschen setzten, geleitet von der herrschenden Ideologie, die Euthanasie in ihrer Vernichtungsmaschinerie um (vgl. Dießelhorst 1989: S. 120 f.). Zwar endete mit dem Sieg der Alliierten auch der sozialdarwinistische Vernichtungsfeldzug der Deutschen, jedoch kamen die für die ›Euthanasie‹ verantwortlichen Ärzt_Innen, Psycholog_Innen und Richter_Innen größtenteils straflos davon und konnten – teils nach kurzen ›Arbeitspausen‹ – wieder ihrer Arbeit nachgehen (vgl. Drecktrah 2008: S. 282; Hechler 2015: 143 ff.). Dies zeigte sich unter anderem auch in der Kontinuität der naturalisierenden Ideologie, welche es erlaubte, die ›Behandlung‹ von ›psychischen Krankheiten‹ weiterhin in dem Aufgabenbereich der Medizin und Psychiatrie zu verorten (vgl. Szasz 1972: S. 57).

Die ›alte‹ Psychiatriekritik in den 1960er & -70er Jahren

Während in den USA und Großbritannien schon in den Anfängen der 1950er Jahre die menschenverachtenden Verhältnisse in den Psychiatrien aufgedeckt wurden (vgl. u.a. Goffman: 1972), dauerte es in der BRD erheblich länger, bis sich mit den Verhältnissen in den Anstalten auseinandergesetzt wurde (vgl. Häfner 2003: S. 122). Dies war nicht zuletzt ein Resultat aus der »Verdrängung oder Verleugnung der Massentötung« (ebd.: S. 123) Psychiatrisierter während der NS-Zeit. Wie beschrieben, verblieb die Mehrzahl der an den sogenannten ›Krankenmorden‹ beteiligten Deutschen in ihren Ämtern (vgl. ebd.: S. 123). Daher verwundert es kaum, dass auch in den Jahren nach dem Krieg Einweisungen noch offen als eine »probate Lösung, [um] die Störung des Verwaltungsgeschäfts zu beheben« (Coché 2017: S. 81) genutzt wurde. Internationale Kritik an den Zuständen in Psychiatrien fand erst im Zuge der ›alten‹ psychiatriekritischen Bewegung Gehör in der Öffentlichkeit. Dabei schaffte es jedoch vor allem der menschenverachtende Zustand und Umgang mit den ›Patient_Innen‹ in das öffentliche Bewusstsein. Besonders die Kritik, dass Psychiatrien – genau wie andere totale Institutionen – hauptsächlich den Zweck verfolgten, »den Charakter von Menschen zu verändern« (vgl. Goffman 1972: S. 23) und sie damit auf einer Stufe mit Gefängnissen, Konzentrationslagern und Klöstern zu sehen seien, erlangte Aufmerksamkeit. Im Zuge einer Reihe von Studien, die erstmals die Sichtweise der Betroffenen und nicht der Psychiater_Innen in den Fokus rückten (vgl. ebd.: S. 8), wurde deutlich, was das geltende psychiatrische Paradigma mit den Betroffenen machte. Menschen, welche in allen Lebensbereichen systematisch durch dieselbe Instanz verwaltet, beobachtet, versorgt, erzogen und behandelt werden, laufen Gefahr eine »Diskulturation« (ebd.: S. 24) zu erleben. Dies bedeutet, dass ein »Verlern-Prozeß« (ebd.) von Verhaltensmustern einsetzt, der bis hin zu einem Identitätsverlust reichen kann (vgl. ebd.: S. 54). Eine totale Institution nutzt diese Dynamik »als strategischen Hebel zur Menschenführung« (ebd.: S. 25). Im Falle der Psychiatrie wäre das Ziel der Menschenführung somit die Anpassung der Betroffenen an das Verständnis der Psychiater_Innen von ›Normalität‹. Wobei die zu dieser angestrebten Normalisierung genutzten Techniken Menschen teils endgültig das selbstständige Zusammenleben in einer bürgerlichen Gesellschaft verlernen ließen.

Andere Kritiken griffen noch tiefer das psychologisch-psychiatrische Verständnis an und negierten grundsätzlich den Glauben an die Existenz von ›psychischen Krankheiten‹. Dabei lehnten sie eine individualisierende Sichtweise auf Verhalten ab und setzten es stattdessen in einen Zusammenhang mit familiären Strukturen und gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen (vgl. u.a. Cooper 1976: S. 90 ff.; Rittmeyer 1988: S. 29; Szasz 1972: S. 21). So kämen zum Beispiel Widersprüche, welche sich innerhalb eines familiären Systems finden, in dem Verhalten einzelner Personen zum Ausdruck (vgl. Cooper 1972: S. 36 ff.). Zum Schutz des Systems Familie*8 sei es nun notwendig, dass die betroffene Person sich entweder den Widersprüchen innerhalb der Familie* unterwirft, oder das System verlässt (vgl. ebd.: S. 33 f.). Teilweise komme es so dazu, dass die Betroffenen ihre zugeschriebene Rolle als die_der ›psychisch Kranke_n‹ annehmen und ihr System in ›akzeptabler‹ Form verlassen, mit der Hoffnung nach vollendeter ›Heilung‹ wiederkehren zu dürfen (vgl. ebd.: S. 46 f.). Durch die Abhängigkeit einer Person zu ihren direkten Bezugspersonen – dies ist gerade bei Kindern, welche in besonderer Abhängigkeit zu ihrer Familie* stehen, der Fall – könne es aufgrund widersprüchlicher Erwartungen an die Person zu einer Entfremdung der eigenen Person von sich selbst kommen. Dies könne dazu führen, dass der Mensch sich als fremdgesteuert wahrnimmt (vgl. ebd.: S. 50). Dabei sei es wichtig zu betrachten, wann welche Erklärungsmodelle oder Weltanschauungen als ›psychotisch‹ mystifiziert werden und warum z. B. antisemitische, rassistische und sexistische Überzeugungen als vielleicht verachtenswerte, jedoch trotzdem ›gesunde‹ Überzeugungen zu sehen seien (vgl. Cooper 1976: S. 53).

Nicht nachvollziehbares menschliches Verhalten ließe sich nach diesem Erklärungsansatz somit eher als eine »Sonderform von Kommunikation« (Szasz 1972: S. 26) sehen und es dürfe nicht darum gehen, mechanisch nach Ursachen zu forschen, sondern zu betrachten, wie diese Sprache »gelernt wurde und was sie bedeuten soll« (ebd.: Herv. i.O.). Durch ein solches Verständnis wird hervorgehoben, dass das Verhalten von Menschen letztendlich ein Produkt der sozialen Umgebung ist (vgl. ebd.: S. 28). Würde diese Sichtweise ignoriert, führe es schnell zu einer Stigmatisierung von Menschen als ›psychisch Kranke‹, was meist mit einer Absprache der (Selbst-)Verantwortung und Abnahme dieser einhergehe (vgl. ebd.).

Während die meisten Psychiatriekritiker aus einer rein ›männlichen‹ Perspektive heraus auf Verhalten schauen, zeigt Phillis Chesler von einer feministischen Analyse ausgehend auf, wie stark der Komplex Psychiatrie von einer patriarchalen Logik durchzogen ist und somit Frauen*9 in einer spezifischen Weise bedroht sind (vgl. Chesler 1977: S. 65 ff.). Nicht nur die Person des männlichen Psychiaters stelle hierbei eine spezifische Gefährdung dar, sondern ebenfalls die klinische Ideologie, die selbst einer patriarchalen Deutungshoheit unterliegt (vgl. ebd.). ›Professionelle von Beruf‹ würden von Beginn an darin geschult, jegliche Verhaltensweisen zu pathologisieren (vgl. ebd.). Diese durchgängig stattfindende Pathologisierung erfolge jedoch bei Frauen* und Männern nach unterschiedlichen Maßstäben (vgl. ebd.: S. 67). Studien zeigten, dass die Vorstellung der Psychiatrie von den Eigenschaften eines gesunden erwachsenen Mannes und denen eines gesunden Erwachsenen im generellen quasi identisch waren, und somit die allgemeine Vorstellung von gesund mit der spezifisch männlichen Vorstellung von gesund gleichgesetzt wird (vgl. ebd.). Eine andere Studie zeigte, dass die mit der männlichen Gesundheit einhergehenden Eigenschaften jene sind, welche als gesellschaftlich erwünscht gelten (vgl. ebd.: S. 68). Die Vorstellung über die Gesundheit einer Frau* unterschied sich jedoch signifikant von denen der beiden übrigen Kategorien und basierten auf Eigenschaften wie Unterordnung, Abhängigkeit, Beeinflussbarkeit, »weniger dem Konkurrenzkampf zugeneigt, leichter erregbar bei kleineren Krisen, […] emotionaler [und] eitler […]« (ebd.: S. 68). Daraus lässt sich folgern, »daß sich eine Frau, um als gesund zu gelten, an die Verhaltensnormen für ihr Geschlecht ›anpassen‹ und diese akzeptieren muß, obwohl diese Verhaltensweisen im allgemeinen als weniger gesellschaftlich erwünscht angesehen werden« (ebd.: S. 68). Hielten Frauen jedoch an ›männlichen‹ (oder geschlechtsunspezifischen) Verhaltensweisen fest, würden sie Gefahr laufen in psychiatrische Heilanstalten gebracht zu werden, »bis sie zu ihrer ›Weiblichkeit‹ bekehrt sind« (ebd.: S. 69). Es wird somit deutlich, dass die Normen, die an die ›psychische Gesundheit‹ der Frau* angelegt werden, jene devoten und angepassten Eigenschaften sind, welche die patriarchale Gesellschaft von der Frau erwartet (vgl. ebd.: S. 72).

Im Zuge der beschriebenen Theorien geriet auch die Stigmatisierung durch Diagnosen in das Zentrum der Kritik. Eine Diagnose im Bereich sogenannter ›psychischer Krankheiten‹ stelle letztendlich den Versuch dar, für Außenstehende nicht nachvollziehbares Verhalten durch mechanische Ursache-Wirkungszusammenhänge greifbar und somit ›heilbar‹ zu machen (vgl. ebd.: S. 51). Neben der oben beschriebenen Kritik, dass sich Verhalten aus den komplexen Biographien von Menschen ergäbe und sich somit nicht verallgemeinern ließe, könne eine einmal gestellte Diagnose, zum einen auch dazu führen, dass die Betroffenen sich unbewusst nachträglich die diagnostizierten Verhaltensweisen aneignen. Zum anderen könne auch auf Basis einer gestellten Diagnose Verhalten erst in eine Person hineingelegt werden, beziehungsweise zur ›Findung‹ einer Diagnose erst entdeckt werden. Ferner ließe sich die Diagnostik auch aus einer sehr pragmatischen Sicht heraus kritisieren:

Thomas Szasz beschrieb, dass der erste Schritt einer Diagnose erstmals der Einteilung in zwei verschiedene Klassen bedürfe: Klasse-A (›gesund‹) und nicht-Klasse-A (nicht-gesund) (vgl. ebd). Schon in diesem Schritt ergäben sich mögliche Fehlerquellen, die eine Diagnostik in diesem Bereich unmöglich mache:

1.Die klassifizierende Person verfügt nicht über das nötige Wissen um eine ›richtige‹ Klassifikation durchzuführen (vgl. ebd.).

2.Symptome eines Verhaltens sehen von außen betrachtet aus, wie eine bestimmte Klassifikation, sind aber eigentlich etwas anderes (vgl. ebd.: S. 52).

3.Symptome werden bewusst vorgetäuscht, um eine bestimmte Klassifikation zu erhalten (vgl. ebd.).

Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass es bei dieser Form der Klassifikation, um eine Bewertung und Beurteilung von Verhalten durch außenstehende Personen geht. Eine Bewertung ist niemals ›objektiv‹, sondern findet auf Basis von Moral- und Wertvorstellungen statt (vgl. ebd.: S. 56). Klassifikationsmo-delle und Diagnosen entstünden somit immer unter spezifischen historischen und herrschaftsvollen Situationen und wären somit nicht als ein »natürliches‹ Ereignis« (ebd.) misszuverstehen. Somit ergibt sich insgesamt die Frage, warum von der Norm abweichendes Verhalten, überhaupt klassifiziert werden müsse (vgl. ebd.: S. 57) und zum anderen, warum sogenannte ›Professionelle‹ die Definitionsmacht über die Diagnose haben sollten.

Stattdessen wäre es notwendig, Betroffenen mit ihrer subjektiven Sichtweise und ihren eigenen biographischen Erfahrungen und Deutungen die Definitionsmacht über ihren Seins-Zustand zuzugestehen (vgl. Laing 1994: S. 27). Anders als in medizinisch-psychiatrischen Modellen ist es in einem solchen Verständnis von psychosozialen Krisen nicht das Ziel ›wissenschaftlicher‹ oder ›objektiver‹ (ebd.: S. 37) zu sein, sondern sich einem Verständnis über den subjektiven Sinn und Zweck des Verhaltens anzunähern (vgl. ebd.). Aufgabe von Unterstützter_Innen ist es somit nicht, Betroffenen zu erklären, was sie zu tun hätten oder wie sie Dinge zu sehen hätten, sondern den Ausdruck des spezifischen »In-der-Welt-Seins« (ebd.: S. 39) nachzuvollziehen und je nach Wunsch Reflexions- oder Alltagsunterstützung zu bieten.

Exkurs: Kritik an der Naturalisierung menschlichen Verhaltens

Der vorher beschriebene gottähnliche Status der (Natur-)Wissenschaften (vgl. Lewontin et al. 1988: S. 40) zeigte sich auch darin, wie medizinisch-naturalistische Denkmodelle den Diskurs der Unterstützung dominierten und sich dies bis heute noch hält. Der Bezug auf eine angenommene Natur des Menschen wird genutzt, um gesellschaftliche Verhältnisse und individuelles Verhalten zu erklären. In diesem naturalistischen Erklärungsmodell wurde davon ausgegangen, dass sich »so unterschiedliche Phänomene wie die sexuelle Orientierung, psychische Probleme, Erfolg im Leben […] und die Gewalt auf den Straßen« (Rose 2000: S. 295) durch die einzelnen Gene der Individuen erklären ließen. Kritisch lässt sich einwenden, dass eine solche deterministische Betrachtung des Menschen grundlegende Aspekte außen vor lässt. Erstens lässt sich das menschliche Sein nicht alleine durch die biologische Materie begreifen. Der Mensch ist potenziell in der Lage auf seine eigenen Handlungen von außen zu schauen und diese an – in seiner individuellen Biographie erlernten – Werten und Normen zu messen (vgl. Mead 1968: S. 179). Durch diese Form der Selbstreflexion, kann ein Mensch das eigene Verhalten hinterfragen und verändern, zumindest innerhalb eines gesellschaftlich beeinflussten (aber nicht determinierten) und potentiell veränderbaren Möglichkeitsraumes (vgl. Leiprecht 2011: S. 39 f.). Der zweite grundlegende Denkfehler in der medizinisch-naturalistischen Theorie liegt in der Annahme, die menschliche Natur sei unveränderbar (vgl. Rose 2000: S. 9). Dabei sind sowohl die einzelnen Zellen, Körperstrukturen und Moleküle des menschlichen Körpers vergänglich, wodurch der Körper selbst einer sich ständig verändernden Dynamik unterliegt (vgl. ebd.: S. 55), als lebendige Systeme auch »definitionsgemäß offene Systeme« (vgl. ebd.: S. 112) sind und sich zum Überleben den umweltbedingten Schwankungen anpassen müssen (vgl. ebd.: S. 176).

Das naturalistische Erklärungsmodell für das Verhalten von Menschen trägt einen gewissen Doppelcharakter in sich, welcher sich einerseits darin zeigt, dass Betroffene leicht als ›Opfer der eigenen Gene‹ gesehen werden (Rose 2000: S. 21). Damit einher geht sowohl eine Befreiung aus der Verantwortung für das eigene Handeln, als auch das Absprechen des Selbstbestimmungsrechtes über den eigenen Körper, das eigene Verhalten, das eigene Denken und Sein im Generellen. In einer zweiten Erscheinungsform zeigt er sich andererseits darin, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse als Natur gegeben beschrieben und der Mensch als ›Opfer der Umstände‹ betrachtet wird (vgl. Lewontin, Rose & Kamin 1988: S. 40). Dies impliziert die Vorstellung, dass die betroffene Person sich in ihrem Verhalten den Verhältnissen und den damit einhergehenden Erwartungen anzupassen habe. In beiden Fällen wird die Wechselwirkung von gesellschaftlichen Strukturen und Verhältnissen mit den Handlungen und Denkmustern der betroffenen Person ignoriert und das spezifische Verhalten durch eine biochemische Dysfunktion erklärt (vgl. Rose 2000: S. 310).

Die ›neue‹ psychiatriekritische Bewegung der 1970er & -80er Jahre

In Deutschland manifestierte sich die ›alte Psychiatriekritik‹ anfangs in der sog. Psychiatrie-Enquete, dem Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland von 1975 (vgl. Deutscher Bundestag 1975). Dieser kritisierte neben einer schlechten Versorgungsstruktur (vgl. ebd.: S. 8 ff.), einer mangelnden Qualifikation der ›Professionellen‹ (vgl. ebd.: S. 9 ff.), auch die Struktur und Bausubstanz der Gebäude (vgl. ebd.: S. 11). Was sich leicht lesen lässt, bedeutete für die Betroffenen in erster Linie eine höhere Wahrscheinlichkeit auf Inhaftierung in einer geschlossenen Institution und die tägliche Gefahr in heruntergekommenen, überfüllten Schlafsälen der Willkür von Psychiater_Innen, Pfleger_Innen, Ärzt_Innen und Therapeut_Innen ausgesetzt gewesen zu sein. Die Psychiatrie-Enquete schaffte in der Praxis jedoch keine radikalen Veränderungen. Die vollzogenen Reformen ermöglichten im psychiatrischen System zwar die »Abkehr vom Konzept der Verwahrung und Ausschließung« (Trotha 2001: o.S.) der Betroffenen, jedoch ohne »die grundsätzlichen Positionen des psychiatrischen Diskurses in Frage stellen zu müssen« (ebd.). Hinzu kamen neue Entdeckungen im Bereich der Psychopharmaka, welche – im Zuge der ›Psychiatrie Reform‹ von Ärzt_Innen als Fortschritt gefeierten – zur Verschiebung von Behandlungsmethoden führte: Weniger direkte Gewalt durch die »mit Problem belasteten Elektro-, Kardiazol- und Insulinschocktherapie« (Häfner 2003: S. 124), mehr Gewalt durch teils unter Zwang verabreichten Psychopharmaka (vgl. Weigand 2015: 20 ff.).

Auch bei der ›alten‹ Psychiatriekritik, welche mit ihrer Dekonstruktion und Entmystifizierung von psychosozialen Krisen neue Denk- und Handlungsmuster zur Unterstützung anbot, blieb die Kritik – wie auch in diesem Artikel – meistens bei einer akademischen Betrachtung und Umdeutung stehen.

Jedoch begannen – durch den Einfluss der oben beschriebenen Kritiken gestützt – verschiedene Betroffenengruppen sich in Selbsthilfe- und Betroffenenverbänden zu organisieren. Dabei stand nun, wie auch in der ›alten‹ Psychiatriekritik weniger die Forschung an und über die Betroffenen und deren Verhalten im Vordergrund, sondern es wurden verstärkt die gesellschaftlichen Verhältnisse analysiert unter denen Menschen leiden können. Neu war nun vor allem die hierbei entstehende Selbstorganisierung von Betroffenen bzw. Patient_innen. Einige sahen in dem Verständnis, dass ›krankes‹ Verhalten aus kranken Gesellschaftsverhältnissen entstünde, den Ausgangspunkt für eine Analyse, in der als ›krank‹ Klassifizierte die eigentlichen revolutionären Subjekte wären, sofern sie die »progressiven Momente der Krankheit in Anspruch [nehmen]« (Sozialistisches Patientenkollektiv & Sartre 1972: S. 61). Diese Haltung hatte jedoch auch einen gefährlichen Effekt: Sollten Parolen wie »Aus der Krankheit eine Waffe machen« (Sozialistisches Patientenkollektiv & Sartre 1972) ein neues Selbstbewusstsein erschaffen und so zu einem Umsturz der Verhältnisse führen, entstand für einige Betroffene durch den Verweis auf die Psychiatrie und Therapie als herrschaftsstabilisierende Institutionen ein Vakuum in Bezug auf gewollte Unterstützung. Dabei ging unter, dass auch gängige medizinische Erklärungsmodelle einigen Betroffenen durchaus helfen konnten, mit ihren Krisensituationen umzugehen.

Manche Gruppen versuchten daher Unterstützungsstrukturen aufzubauen, in denen sie sich möglichst ohne den Einfluss einer kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft um sich selbst kümmern konnten (vgl. Lehmann 1998: S. 31). Wieder andere versuchten mit Unterstützung von sog. Allies10 Strukturen aufzubauen, in denen Menschen vor psychiatrischer Gewalt geschützt leben und gleichzeitig ihre Krisen durchleben konnten (vgl. ebd.).

Dies ist der Standpunkt, an dem ich die heutige linke Bewegung nach wie vor sehen würde. Während die Psychiatrie-Reform im Zuge der 1970er Jahre gestarteten Psychiatrie-Enquête versucht hat, einige akademische Kritiken umzusetzen und in ihrer Reform die sog. Sozial-Psychiatrie erschaffen hat, haben radikalere Gruppierungen versucht sich ein unabhängiges Unterstützungssystem aufzubauen. Dabei gibt es innerhalb eines bewegungslinken Kontextes in Deutschland scheinbar zwei Hauptmeinungen zum Thema Psychiatriekritik und Unterstützungsarbeit: Die einen gehen davon aus, dass die alten Kritiken in der Psychiatriereform aufgehen würden und lediglich mangelnder Zugang zum System und stereotype Darstellung noch aktuell vorhandene Probleme seien. Diese Position schiebt somit die Verantwortung für eine als notwendig betrachtete ›Heilung‹ dem medizinisch-therapeutischen Komplex zu. Die andere Position beinhaltet meist den Gedanken, dass die Kritik am Unterstützungssystem bereits formuliert worden wäre, sich aber real in der herrschenden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft nichts verändern kann. Diese Position betrachtet somit die spezifischen Verhältnisse als gegeben und unveränderbar und die Betroffenen müssten sehen, wie sie selbst in dieser Welt zurechtkommen.

Gemein ist beiden Positionen, dass als ›krank‹ erklärtes Verhalten auf irgendetwas in einer Person verortetes projiziert wird und diese daher professionelle Hilfe benötigen würden. Entweder es heißt, die Person trage keine Verantwortung für ihre ›Krankheit‹, da sie biologisch oder rein gesellschaftlich bedingt wäre, oder sie trüge die volle Verantwortung für ihr Handeln. Beides führt dazu, dass Menschen in Krisensituationen vor allem an sog. ›Professionelle‹ verwiesen werden.11

Und nun?

Die Fragen, die sich nun anbieten, wären: Was kann eine emanzipatorische Bewegung aus den vorhandenen Analysen lernen und wie könnte sich eine linke Bewegung einer fortschrittlicheren Unterstützung annähern? Dafür möchte ich einzelne Bezugspunkte für eine Selbstreflexion anbieten, welche sich aus den vorher beschriebenen Kritiken ergeben.

1. Die Differenzlinie psychisch ›gesund‹ // psychisch ›krank‹ ist gesellschaftlich konstruiert.

Es soll an dieser Stelle nicht behauptet werden, dass das Verhalten vom Menschen nichts mit biologischen Faktoren zu tun haben kann (vgl. Cooper 1972: S. 32; Szasz 1972: S. 27). Jedoch besitzt sowohl Verhalten als auch der Umgang mit Verhalten immer eine gesellschaftliche Dimension (vgl. Cooper 1972: S. 14; Laing 1994: S. 50; Rose 2000: S. 310). Sich als Verbündete_R für gesellschaftliche Dimensionen von Krisen zu sensibilisieren und nicht das daraus resultierende Verhalten von Menschen zu problematisieren, kann Entlastung für Betroffene schaffen. Gerade Strukturen wie der kapitalistische Verwertungsdruck, patriarchale und sexistische Verhältnisse, struktureller und direkter Rassismus, Unterdrückung und Ächtung von Lebensweisen etc. sind allgegenwärtig und schaffen beständige Drucksituationen, die zu Verhalten führen können, das zwar einen Sinn erfüllt, für nicht Betroffene jedoch nicht nachvollziehbar ist.

Reflexionsfragen: Bin ich mir bewusst, dass das individuelle und situative Verhalten von Menschen immer auch in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext zu betrachten ist? Was kann ich tun, um den ausgeübten Druck auf Personen zu verringern und sie dadurch zu entlasten? Was kann ich tun, um den Druck zu verringern, den ich auf Menschen ausübe? In welchen Situationen wird es mir selbst zu viel? Wie kann ich Räume schaffen, in denen Betroffene so sein können, wie es ihnen gut tut? Wie würde ein solcher Raum für mich aussehen?

2. Eine Klassifizierung menschlichen Verhaltens – von anderen als den Betroffenen selbst – ist abzulehnen.

Eine Diagnose stellt eine externe Beschreibung der Symptome einer komplexen Lebenssituation einer Person dar und verdeckt dabei die gesellschaftlichen und gruppenbezogenen Prozesse, die das Verhalten ausgelöst haben (vgl. Cooper 1972: S. 32; Szasz 1972: S. 26). Damit einhergehen kann ein Prozess der Depersonalisierung eines Menschen, da die Gefahr besteht, dass dieser fortan nur über die Diagnose definiert wird oder sich selbst nur darüber definiert (vgl. Laing 1994: S. 27). Gesellschaftliche Dimensionen werden spätestens ab dem Punkt der Klassifikation ausgeblendet und eine – meist naturalisierende – Erklärung für das Verhalten in die Person hineingelegt (vgl. Rose 2000: S. 306).

Reflexionsfragen: Was löst es bei mir aus, wenn mir eine Person von einer (psychischen) Diagnose erzählt? Wie sehr nutze ich Diagnosen von Menschen, um mir ihr Verhalten zu erklären? Projiziere ich in meinem Umfeld (verdeckte) gesamtgesellschaftliche Verhältnisse auf das Verhalten von Einzelpersonen und mache sie dafür (allein) verantwortlich? Erwarte ich aufgrund von Diagnosen bestimmtes Verhalten von Personen?

3. Den Menschen als selbstverantwortliches Subjekt betrachten.

Durch eine naturalistische Betrachtung von psychosozialen Krisen entsteht häufig ein Herrschaftsgefälle zwischen ›gesunden‹ und ›krank‹ klassifizierten Personen. Dies drückt sich im institutionellen Bereich nicht zuletzt durch den Zwang zur sog. ›Krankheitseinsicht‹ (vgl. Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie 2000: S. 155 f.) aus. Eine Ursache hierfür lässt sich darin sehen, dass die Definitionsmacht über den Gesundheitsstatus, bei Dritten liegt (vgl. Szasz 1972: S. 57). Diese versuchen meist, an Hand von historisch gewachsenen ›wissenschaftlichen‹ Kriterien (sprich weiße, männliche, heterosexuelle, westliche Sicht) (vgl. Haraway 1988: S. 585), die ›dysfunktionalen‹ Strukturen innerhalb einer Person zu verorten. Mit dem dadurch entstehenden hierarchischen Verhältnis, geht meistens auch eine Absprache der Selbstverantwortung für die eigenen Handlungen einher (vgl. Rose 2000: S. 315).12

Reflexionsfragen: Wann halte ich selbstverletzendes Verhalten für selbstbestimmt (z. B. Rauchen), wann spreche ich Personen ihre Selbstbestimmtheit ab (z.B. ›Ritzen‹)? Wie bewerte ich grenzüberschreitendes Verhalten von Personen mit und ohne Diagnose? Gibt es Momente in meinem Leben, an denen ich die Verantwortung über mich abgeben möchte? Was bedeutet es für mich, wenn ich die Verantwortung abgebe? Was bedeutet es für mich, wenn jemand mir die Verantwortung überlässt? Verweigere ich Menschen durch meine ›Hilfe‹ ihre Selbstbestimmung und welche Alternativen gibt es?

4. Emanzipatorische Diskurspositionen öffentlich vertreten.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse erlauben es nicht allen Menschen gleichberechtigt an der Gestaltung von Diskursen teilzunehmen. Einer der Ausschlussmechanismen besteht darin, den ›Wahnsinn‹ per Definition aus dem Diskurs auszuschließen (vgl. Foucault 2014: S. 16). Dies verdeutlicht noch einmal die Notwendigkeit von Allies sich öffentlich zu positionieren. Die Rolle von Unterstützer_Innen darf sich nicht durch ein hierarchisches Verhältnis definieren, stattdessen muss die Definitionsmacht über die Situation in der Hand der Betroffenen liegen (vgl. Laing 1994: S. 27). Die eigene privilegierte Stellung zu hinterfragen und sowohl zu teilen, als auch zu nutzen um eine politische Bewegung zu stärken, ist in vielen emanzipatorischen Diskursen angekommen. Diese Notwendigkeit besteht auch in Bezug auf die Differenzlinie psychisch ›gesund‹ // ›krank‹.

Reflexionsfragen (viele davon sind in dem Aufruf Bonnie Burstows Starting the New Year with a Bang zu finden) (vgl. Burstow 2016: o.S.): Wie ist meine Positionierung im Diskurs? Welche Meinung vertrete ich nach außen in Bezug auf biologisch-medizinische Erklärungsansätze? Wodurch legitimiert sich meine Rolle als Unterstützer_In? Muss ich mein theoretisches Wissen über psychiatriekritik noch verfeinern? Sehe ich die aktivistische Notwendigkeit einer psychiatriekritischen Bewegung? Sehe ich Überschneidungspunkte zwischen anderen emanzipatorischen Strömungen und einer psychiatriekritischen Bewegung? Nehme ich Erfahrungsberichte von Betroffenen ernst, oder relativiere ich sie auf Grund ihrer Diagnose?

Ziel dieser Einführung sollte es sein, eine Perspektive und einen kleinen Überblick zum Thema Psychiatriekritik zu geben. Hierbei lag der Schwerpunkt vorrangig auf einer akademischen, westlichen und weißen Analyse. Viele wichtige Positionen kommen in diesem Artikel somit zu kurz oder bleiben außen vor (vgl. u.a. Mader 2015: 76 ff.).13 Gerade in den letzten Jahren wurden die kritischen Analysen des psychiatrischen Diskurses deutlich erweitert. Dies beinhaltete auch die Erkenntnisse der Mad Studies (vgl. u.a. Burstow, LeFrancois & Diamond 2014; Russo & Sweeney 2016), welche Psychiatriekritik aus betroffener Perspektive äußert, und der disability Studies mit dem Neurodiversitätsansatz (vgl. u.a. Graby 2015), welche für eine Akzeptanz von neurologischen Unterschieden des menschlichen Organismus kämpft.

Wir als linke Bewegung müssen dahinkommen, dass das Verhalten einzelner auch Symptom einer kaputten Gesellschaft darstellt. Wir müssen einen anderen Umgang mit Krisensituationen, von außen nicht nachvollziehbarem Verhalten und persönlicher Überforderung finden, als die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft es vorsieht. Statt mit der Absprache von Selbstbestimmung, naturalistischen Ideologien oder mechanischen Tipps wie Therapie oder Medikamentation zu reagieren, sollten wir uns in einer solidarischen Form von direkter und diskursiver Unterstützung üben. Das ist natürlich anstrengender und komplexer, als auf existierende psychiatrische Strukturen und Denkmuster zurückzugreifen, ermöglicht aber langfristig den Weg für eine tatsächlich solidarische Unterstützung.

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Perspektiven und Erfahrungsreflexionen

Give me a word

Da

Gib mir ein Wort

eine Entschuldigung

dafür, wie ich mich verhalte

Ich lasse

mein Selbstverständnis gehen

wenn du es willst

Weil

du die Person bist

die mich am besten kennt

oder?

Und diese Person davor

Und diese Person davor

Ich habe gelernt

mir zu ent_trauen

weil

du mich am besten kennst

oder?

Du hast mich angesehen

wie die Gesellschaft

Da ist etwas falsch

mit mir

Anpassungsstörung

weil ich es nicht schaffe

zu funktionen

gut zu performen

Gib mir ein Wort

eine Entschuldigung

dafür, wie ich mich verhalte

eine Diagnose

weil die mich am besten beschreibt

weil die mir raus hilft

oder?

Lass uns vergessen we_r ich sein könnte

Lass uns vergessen, dass ich nicht (rein)

passe

Hilf mir

zu heilen

Lass meine Symptome verschwinden

Analysier mich

Ent_traue meiner Geschichte

Da sind Fehler in meiner Persönlichkeit

Ent_traue mir

weil

Das meine Geschichte ist

Vertrauensverlust

in mich

Weil wie ich sein

gibt es nicht

sagt die Gesellschaft

Weil wie ich sein

falsch ist

sagt die Gesellschaft

Wenn du möchtest, dass ich heile

hör mir zu

Hör einfach zu

lass es zählen

damit ich anfangen kann

Mir zu

Ver_trauen

Give me a word

Da

Give me a word

an excuse

to behave the way I do

I‘ll let go of

my self-concepts

if you want me to

Because

you‘re the person

who knows me best

right?

And this person before

And this person before

I‘ve learned

to dis_trust myself

because

you know me the best

right?

You looked at me

like society does

There‘s something wrong

with me

personality disorder

Anpassungsstörung

because I didn‘t manage

to work

to perform well

Give me a word

an excuse

to behave the way I do

a diagnosis

because that describes me the best

that will help me out

right?

Let‘s forget who i was meant to be

Let‘s forget that I don‘t fit in

Heal me

Cure me

Let my symptoms fade

Analyse me

Dis_trust my story

Looking for faults in my personality

Dis_trust me

because

That‘s my story

the loss of trust

in myself

Because being me

doesn‘t exist

society says

Because being me

is wrong

society says

If you want me to heal

listen

Just listen

and let it count

so I can start learning

to Re_trust

Myself

Nicht-binär_trans* in Therapie? Eine (Selbst-)Reflexion aus zwei Perspektiven

Kalle H. und Blu D.

Der Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen ist für alle Personen, die sich nicht mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren, bis heute beschränkt. Um Zugang zu Hormonen oder Operationen zu erhalten, müssen sich binäre wie nicht-binäre trans* Personen in Psychotherapie begeben.14 Gegenüber Psychiater_innen oder Psychotherapeut_innen müssen sie immer wieder eine binäre Trans*identität nachweisen, bis ihnen am Ende ein Schreiben ausgestellt wird, dass ihnen diese bestätigt und somit den Zugang zu medizinischen Maßnahmen ermöglicht. Diese Situation ist für alle trans* Personen eine starke Einschränkung der Entscheidungsfreiheit und persönlichen Autonomie und sollte als ein Ausdruck von struktureller Trans*feindlichkeit verstanden werden. Inwieweit nicht-binäre trans* Personen in der Auseinandersetzung mit therapeutischen Settings jedoch noch einmal spezifische Erfahrungen (von Diskriminierung) machen, möchte der folgende Beitrag aus autobiographischer Perspektive untersuchen. Hierfür werden die Erfahrungen zweier Personen, die sich als nicht-binär trans* verorten, in ihren Verbindungen, Brüchen und Widersprüchen nebeneinander und miteinander vorgestellt. Wir verzichteten darauf, deutlich zu markieren, wer an welcher Stelle spricht, um einerseits diese Verbindungen aufzuzeigen. Andererseits hoffen wir, dass durch Verwirrung und Momente der Irritation alte Geschlechtervorstellungen und -bilder bewusster werden und ein Raum entsteht, um diese zu hinterfragen.

Unser erstes Treffen findet in einem spärlich eingerichteten Zimmer statt. Blick auf den Hinterhof. Weiße Wände, abstrakte Gemälde. Wir sitzen uns in unbequemen Kunstledersesseln gegenüber. Zwischen uns ein kleines IKEATischchen, auf das die Therapeutin ein Formular nach dem anderen legt. Ich unterschreibe ihr eine vorbereitete Erklärung zur Berichtspflicht gegenüber meines Hausarztes, eine Behandlungsvereinbarung, eine Honorar-Ausfallvereinbarung, eine Einverständniserklärung zur Bild- und Tonaufzeichnung für Ausbildungszwecke, eine Aufklärung nach dem Patientenrechtegesetz und eine Einverständniserklärung zur Behandlung. Wir haben wenig Blickkontakt und unser Gespräch ist auf die Erklärung zu den Formularen beschränkt.

Nach einer halben Stunde ist der bürokratische Teil unseres Kennenlernens beendet. In den letzten Minuten bekomme ich den Raum um zu reden. Nun möchte sie wissen: »Warum möchten Sie eine Therapie beginnen?« Meine Worte sind bereits zurechtgelegt, bevor ich zu sprechen beginne. Ich erzähle ihr m_eine Geschichte und merke, dass es für mich doch eine Überwindung ist, mich so verletzlich vor ihr zu zeigen. Ich erzähle ihr davon, dass ich mich als trans* verorte, dass ich seit mehr als eineinhalb Jahren einen selbstgewählten, männlich* gelesenen Namen für mich benutze, dass ich keine ›Frau‹ bin, nicht als ›Frau‹ in meinem Alltagsleben wahrgenommen werden möchte. Ich spreche davon, wie viel Energie es mir zieht, wenn mich Personen dennoch als ›Frau‹ wahrnehmen und z.B. mit dem Pronomen ›sie‹ über mich sprechen. Ich unterlasse es bewusst zu sagen, dass ich ein ›Mann‹ bin oder als ›Mann‹ in meinem Alltag wahrgenommen werden möchte. Stattdessen vertraue ich auf die binäre Logik der Gesellschaft, dass ich als Nicht-Frau dann wohl ein ›Mann‹ sein müsste. Ich verschweige meine nicht-binäre Identität und hoffe, dass ich auch ohne die Reproduktion von binären Trans*narrativen von ›falschen Körpern‹ und ›immer schon gewusst‹ für die Ohren der Therapeutin ›trans genug‹ bin.

Sie hört mir zu, Stift auf dem Klemmbrett. Ich überwinde mich ein bisschen und erzähle weiter, von verschlechterten Beziehungen zu meiner Familie und zu alten Freund_innen, seitdem ich zu meinem Trans*sein stehe. Zuletzt erwähne ich kurz meine sozialen Unsicherheiten und Ängste, die mich seit so vielen Jahren begleiten, die mich mal mehr und mal weniger einschränken.

Ich spreche mehrere Minuten, ohne dass sie mich unterbricht. Währenddessen spüre ich einen Druck, meine Anliegen kurz vor Ende unserer ersten Sitzung schnell und präzise zu erklären. Die Therapeutin zeigt keine emotionale Reaktion und wird mir erst beim nächsten Treffen sagen, dass sie meine Geschichte traurig fand. Dabei werde ich keine Spur von Traurigkeit in ihren Gesichtszügen erkennen.

In der nächsten Sitzung fragt mich die Therapeutin, mit welchem Pronomen ich angesprochen werden möchte. Ich bin positiv überrascht und denke, dass dies meine Chance auf Sichtbarkeit als nicht-binäre trans* Person ist. Ich erzähle vorsichtig, dass ich in meinem Alltag ein nicht-binäres Pronomen für mich verwende und mich am wohlsten damit fühle, wenn Personen bei einer förmlichen Anrede meinen Vor- und Nachnamen nutzen. Ich bin kein ›Er‹ und keine ›Sie‹, kein ›Herr‹ und keine ›Frau‹.

Die erste Reaktion der Therapeutin ist gelassen. Sie kommentiert meinen Pronomenswunsch nicht. Dann erklärt sie, dass sie keine Übung oder Sicherheit im Umgang mit nicht-binären Pronomen hat und sich nur die Verwendung von ›er‹ oder ›sie‹ als Pronomen vorstellen kann. Auch bei meiner Anrede ist sie wenig flexibel und bietet mir nur die Option ›Herr‹ an. Enttäuschung und Verärgerung. »Warum hatte sie mich überhaupt gefragt, welches Pronomen und welche Anrede ich verwenden möchte, wenn ich dann doch keine Wahl habe?«, überlege ich wütend auf dem Weg nach Hause.

Als ich mich für den Trans*March 2016 schminkte und mir das erste Mal knallroten Lippenstift auftrug, wurde die ganze Sache realer. Ich sah in den Spiegel und erkannte mich. Ich wollte von jetzt an für immer in femininer Kleidung und geschminkt herumlaufen, aber wer war ich dann? Und würde ich das wirklich aushalten?

Der Trans*March war wunderbar. Ich sah soo viele Queers und Trans* an diesem warmen, sonnigen Tag und fühlte mich sehr wohl. Angetrieben von den positiven Erfahrungen experimentierte ich weiter herum und stolperte irgendwann über den Begriff nicht-binär. Damit fingen auch Fragen nach körperlicher Veränderung an: Was sollte ich tun, wenn ich meinen Bart nach so vielen Jahren loswerden möchte, aber es mir nicht leisten kann?

Ich müsste Therapie machen. Das wollte ich nicht. Ich redete mit vielen Menschen über ihre Therapieerfahrungen und immer wieder kam neben dem ganzen Mist, den sie über sich ergehen lassen mussten, eine Sache raus: nicht-binär gibt es in der Therapie nicht. Wie sollte ich damit umgehen, wenn meine Trans*geschichte nicht zu der allgemein anerkannten und bekannten Trans*geschichte passt?

Auf dem Weg zur Therapie stelle ich fest, dass ich nicht auf meine Kleiderauswahl geachtet habe. Ich trage ein lockeres, hellblaues T-Shirt, darunter einen Binder15, eine enge Jeans mit eher femininem Schnitt und bronze-glänzende Turnschuhe. In meinem Alltag mag ich dieses Outfit und fühle mich wohl darin. Ich mag die Verwirrung, die ich damit provoziere. Mir gefällt es an bestimmten Tagen eher als queerer boy gelesen zu werden. Aber im Kontakt mit der Therapeutin ist mir dieser Geschlechtsausdruck auf einmal unangenehm und ich mache mir Sorgen, dass ich auf einer imaginären Trans*Skala Punkte verliere, sobald ich mich (so) zeige.

Ich rutsche verunsichert auf dem Kunstledersessel herum und versuche so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf mein Outfit zu lenken. Vor allem versuche ich meine Schuhe und meine Hose zu verstecken. Jedes Mal, wenn ich die Beine überschlagen möchte, erinnere ich mich im letzten Augenblick daran, es nicht zu tun. Ich will nicht durch eine feminin konnotierte Körperhaltung noch weniger als trans*maskulin wahrgenommen werden. Um sicherzugehen entscheide ich mich daher für eine eher breitbeinige Pose und reproduziere damit eine normative Vorstellung von Männlichkeit. In den weiteren Sitzungen kontrolliere ich mein Auftreten genauer, bevor ich das Haus verlasse. Manchmal lackiere ich mir lieber noch einmal einen rosafarbenen Fingernagel ab. Manchmal entscheide ich mich dafür, noch einen Binder anzuziehen, obwohl ich mich an diesem Tag mit meinen Brüsten eigentlich ganz ok fühle. Manchmal ziehe ich kurzfristig einen Packer16 an, um mir Bestätigung für meine queere Form von Maskulinität zu geben.

Ich bin nicht abhängig von ihrem Blick, um mich zu sehen. Aber ich bin sehr abhängig von ihren Urteilen über meine Geschlechtsidentität. So wenige normative Vorstellungen, was Trans*sein ausmacht, treffen auf mich zu. Ich möchte kein Risiko eingehen. Ich weiß, dass ich hier durch meine Aussagen, Kleiderauswahl und Körperhaltung beweisen muss, welches Geschlecht ich habe. Und ich weiß, dass Therapeut_innen immer wieder über Kleidung und Körperhaltung Rückschlüsse auf die Geschlechtsidentität einer Person ziehen. Ein anderer Therapeut wird mir Monate später verraten, dass er es positiv vermerkt, wenn Patient_innen einen eindeutig femininen oder maskulinen Geschlechtsausdruck wählen und dementsprechend über einen längeren Zeitraum hinweg in der Therapie erscheinen. Er wird mir sagen, dass er meine Erscheinung positiv bemerkt hat.

Meine Geschichte handelt von einem Jungen, der sich nie so ganz wohlfühlte, aber auch nicht total unwohl, der gerne mit Jungssachen spielte, aber auch mit anderen Sachen, der einen Leidensdruck hatte, aber es nie als im falschen Körper beschrieben hätte.

Meine Geschichte handelt von einer Person, die dachte, dass es nur möglich ist, jetzt eine Frau zu sein, aber sich weder als Mann noch als Frau fühlt(e). Diese Person konnte sich dann mit dem Begriff nicht-binär anfreunden und sich in diesem Wort entspannen, auch wenn es nicht einfach ist. Als die Person diesen Ort gefunden hatte, war sie 26 Jahre alt.

»Hört sich nicht so gut an für die Therapie, hm?«, denke ich.

Mir bleiben also zwei Möglichkeiten: Entweder ich mache keine Therapie und versuche irgendwie so weiterzumachen oder ich würde mich durchlügen und -mogeln.

Es würde mir vermutlich ganz gut helfen, mich mit einer außenstehenden professionellen Person auszutauschen, aber wie soll mir das helfen, wenn ich nicht ehrlich sein darf?

Ich kann nicht entspannt über mein Leben reden, weil ganz viele Dinge nicht passen. Ich würde permanent in mir die Angst spüren, dass ich mich verquatsche. Unter diesem Druck kann ich das nicht.

Diese Person kann mir eine Tür öffnen, um vielleicht irgendwann eine Haarepilation durch die Krankenkasse finanziert zu bekommen. Diese Person bewacht eine Tür zu einem besseren Gefühl mit mir selbst. Sie reagiert auf Codes, die ich nur teilweise kenne. Ich bin von ihr und ihren Urteilen abhängig.

Wie kann ich für nicht-binär-Sein kämpfen, Menschen in Workshops sensibilisieren und empowern und gleichzeitig bei anderen Personen, die standardbinäre Geschichte erzählen? Und somit den einen Trans*weg, wie über trans* Personen gedacht und geredet wird, weiter zementieren? Dabei zieht es sich in meinem Bauch zusammen.

Es ist ein Dilemma. Manchmal tendiere ich in die eine Richtung, manchmal in die andere. Es gibt Tage, da fühle ich mich mit mir ganz gut und andere, an denen ich alles ändern möchte und es nicht mehr aushalte.

Zum Ende der probatorischen Sitzungen vereinbaren wir Therapieziele. An erster Stelle steht das ›Störungsverständnis‹, dahinter kommt als zweitwichtigstes Ziel, die ›Vorbereitung und Begleitung von geschlechtsangleichenden Maßnahmen‹. Laut ihrer Aussage ist das wichtig für die Krankenkasse und eine Therapie für trans* Personen wird angeblich nur bewilligt, wenn Fragen rund um eine körperliche Transition mit hoher Priorität behandelt werden. Für mich ist es aktuell eine relevante Frage, ob ich demnächst eine Hormontherapie beginnen, also Testo_steron nehmen möchte. Immer wieder habe ich den (schwankenden) Wunsch nach körperlicher Veränderung, um in dieser Gesellschaft weniger als ›Frau‹ eingelesen zu werde.

Dennoch ist der Wunsch nach Testo nicht der einzige Grund, warum ich eine Psychotherapie beginne. Die Entscheidung, offen mit meinem Trans*sein umzugehen, warf mein Leben durcheinander. Bezugspersonen brachen weg. Ich gab mein Studium auf und entschied ziemlich schnell, nach Berlin umzuziehen. Viele Veränderungen in kurzer Zeit. Ich wünsche mir Unterstützung, um damit umzugehen. Ich wünsche mir Unterstützung, Respekt und Annahme, weil mir das in dieser Gesellschaft so oft verweigert wird.

Bei der Antragsstellung wird mir eine Diagnose verpasst. F 64.0: Transsexualismus. Ein Begriff, der sich so weit weg anfühlt, dass er beinahe lustig ist. Würde ich im Alltag nicht einfach lachen, wenn mich eine andere Person als ›transsexuell‹ bezeichnen würde? Der Begriff ist so alt, dass er in meinem Ohren so lächerlich klingt wie ein Song aus den 80ern. Der Begriff ist so alt, dass in ihm so viel Gewalt, Trans*feindlichkeit, Stigmatisierung und Unterdrückung steckt. Nein, ich würde auch nicht im Alltag lachen, wenn mich eine andere Person als ›transsexuell‹ bezeichnet. Der Begriff ist und bleibt für mich eine pathologisierende psychiatrische Fremdbezeichnung, die ich mir nicht aneignen kann und möchte. Und wenn ich mich darüber lustig mache, dann ist das meine vorübergehende, machtlose Umgangsstrategie um mit diesem medizinischpsychotherapeutischen Apparat klarzukommen.

Es überschreitet meine Grenze, dieses Wort zugeschrieben zu bekommen. Vor allem von einer Person, die in diesem System die Definitionsmacht hat. Ich werde zum ›Kranken‹ und ›Anderen‹ gemacht, damit ich Anspruch auf Therapie habe. Es reicht nicht zu sagen: dieses System ist so verdammt anstrengend, zermürbend, belastend und schmerzhaft für Queers und alle weiteren Personen, die sich jenseits von gesellschaftlichen Normen bewegen und täglich Diskriminierung erfahren. Es reicht nicht zu sagen: wir wollen diesen Menschen einen Raum bieten. Einen Raum, wo all die Schmerzen durch die lebenslange, strukturelle Diskriminierung endlich gehört, angenommen und umsorgt werden. Mein Trans*sein ist, war und wird nie das Problem sein, warum ich eine Therapie beginne. Mein Problem ist die Trans*feindlichkeit in diesem System, die ich täglich erfahre. Mein Anliegen ist es, die erfahrenen Verletzungen von Trans*feindlichkeit zu heilen und widerständiger für noch kommende Erfahrungen zu werden. Das ist natürlich kein Therapieziel, das wir gegenüber der Krankenkasse formulieren können. Wieviel Unterstützung kann mir eine Therapie anbieten, die strukturelle Formen von Diskriminierung nicht mitdenken kann und die mich stattdessen pathologisiert?

Einige Probleme und das Niedergeschlagen-Sein, das ich oft spüre, sind auf mein Trans*sein zurückzuführen. Die heteronormative und cisnormative17 Gesellschaft macht mir zu schaffen. Die ganzen kleinen Stiche, die mir jeden Tag zu verstehen geben, dass ich anders bin. Das Versteckspiel in gefährlichen Situationen, z.B. wenn ich in der Männersammelumkleide bin, den Blick auf den Boden gerichtet halte und hoffe, dass meine lackierten Fingernägel nicht auffallen. Währenddessen konzentriere ich mich darauf so schnell wie möglich alles in den Spind zu schmeißen und dann schnell hinauszuhechten. Ich bin dann schon nach dem Umziehen von der ganzen Angst, die in mir aufsteigt, gut aufgewärmt.

Nach dem Training zurück in der Umkleide sprühe ich mich fast mit meinem süßlich riechenden Deo ein, welches ich so sehr mag, kann mich aber gerade noch zurückhalten. Dann lache ich in mich rein und freue mich traurig darüber, dass meine nicht-binäre Super-Agent_innen-Identität nicht aufgeflogen ist und ich weiter sicher in der Unsichtbarkeit bin. Ich komme mir so absurd und verdreht vor und bin erleichtert, als ich auf meinem Fahrrad nach Hause sitze.

In manchen Momenten frage ich mich, was für eine Person ich in einer Gesellschaft geworden wäre, in der queer sein gefeiert wird. Hätte ich mich auch so oft verunsichert oder unwohl gefühlt? Hätte ich mich häufiger als zugehörig zu Gruppen wahrgenommen und weniger diese diffuse Angst gehabt, als Nicht-Frau oder Nicht-Mädchen aufzufliegen? Hätte ich mich als kleiner Mensch öfter getraut, auf andere kleine Menschen zuzugehen und Freund_innenschaften zu knüpfen? Wäre meine Angst ›vergessen zu werden‹ heute genauso groß, wenn mich mehr Menschen in meiner queeren Geschlechtsidentität gesehen hätten?

In einer Sitzung, in der wir über mein Trans*sein sprechen, hakt die Therapeutin nach, woher ich denn gewusst habe, dass ich trans* bin. Am liebsten hätte ich einfach gesagt, dass ich es weiß und dass es vollkommen ausreicht, wenn ich das so sage. Aber die Regeln sind anders und ich unterwerfe mich dem Rechtfertigungszwang. Ich erzähle von dem Unwohlsein in meiner ersten und einzigen Hetero-Beziehung. Es war mir so unangenehm, die Cis-Frauen Rolle in dieser Beziehung auszufüllen und durch Blicke immer wieder darauf reduziert zu werden. Ein Schlüsselmoment war ein Spaziergang mit jener Beziehungsperson und meinem Vater. An jenem Tag trug ich Ohrringe, einen roten, knielangen Cord-Rock, ein schreiend buntes Oberteil und Sandalen mit leichtem Absatz. Mein langes Haar hatte ich zu einem Pferdeschwanz gebunden. Während wir spazierten, spürte ich plötzlich eine so große Distanz zu mir selbst. Ich selbst war unsichtbar. Stattdessen hätte ich genauso gut ein_e Schauspieler_in auf der Bühne sein können, die hier die Rolle der ›Tochter‹, der ›Freundin‹, der ›Cis-Frau‹ übernimmt. Ich war ein buntes, schmuckes Paradiesvögelchen in einer Drag-Performance, mit der ich mich selbst nicht wohlfühlte.

Ich vertraue der Therapeutin mein Unwohlsein und diese Erinnerung an. Und ihre Reaktion: »Wer fühlt sich schon wohl als Cis-Frau?« Mir fällt keine schlagfertige Antwort ein. Heute bin ich noch immer über diesen Kommentar wütend. Natürlich gibt es Personen, die sich als Cis-Frauen wohlfühlen. Und natürlich gibt es auch solche, die es nicht tun, die sexistische Rollenerwartungen einengen und die Zuschreibungen belasten. Aber diese Tatsache macht mich nicht weniger trans* und hat mit meiner Geschichte wenig zu tun.

Ein weiterer Kommentar in dieser Sitzung: »Und vielleicht möchten Sie dann irgendwann Testo nehmen und stellen fest, dass sie gar nicht so queer sind.« Ich habe keine Verteidigung für diese trans*feindlichen Aussagen im therapeutischen Setting. Jedes Mal erwischt mich die Therapeutin auf kaltem Fuß. Oft merke ich erst im Nachhinein, dass hier erneut mein Trans*sein und meine Queerness in Frage gestellt wurden. Ich bin dann tagelang aufgewühlt und suche mir emotionale Unterstützung bei Freund_innen und Beziehungspersonen. In diesen Gesprächen kann ich stückweise aufdecken, warum die Aussagen der Therapeutin mich belasten und verfolgen.

Ich würde den Aussagen der Therapeutin gerne kraftvolle Gegenfragen entgegensetzen: »Was genau meinen Sie damit, wenn Sie sagen, dass ich vielleicht irgendwann Testo nehmen möchte und dabei feststelle, dass ich gar ich nicht so queer bin? Warum macht mich ein Wunsch nach körperlicher Veränderung weniger queer? Warum wird impliziert, dass ›richtige‹ Queers keine Hormone nehmen? Wer hat hier die Definitionsmacht darüber, was queer (nicht) ist?« Aber zu dieser Konfrontation kommt es nie und ich fühle mich ohnmächtig in einer machtdurchtränkten Beziehung, in welcher ich der cis-geschlechtliche Therapeutin als trans* Person und Patient_in doppelt unterlegen bin.

Als ich darüber nachdachte, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, beschlichen mich immer wieder Zweifel und Ängste. In jener Zeit litt ich sehr stark unter meiner Queerness, fühlte mich allein, einsam und verängstigt. Ich wollte nicht, dass ein Kind von Anfang an ein schweres Leben hätte. Ich wollte nicht, dass es mich mit meinen inneren und äußern Kämpfen als Elternteil hätte und wegen mir ausgeschlossen würde. So entschied ich mich unter anderem deswegen erst einmal dagegen, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen.

Das ist ganz und gar nicht »proud to be trans*_queer«. Ich weiß. Ich dachte lange, dass andere trans* Personen oder Menschen, die aufgrund anderer Identitätsbausteine diskriminiert werden, nie abwertenden Gedanken haben. Dann fand ich heraus, dass es sehr wohl so ist. Diskriminierte Personen leiden nicht nur unter den kleinen stetigen Stichen von Außen, sondern sie setzen sich auch selbst herab, weil sie den Außenblick verinnerlichen.

Diese (Selbst-)Abwertungen stressen mich! Sie machen mich krank!

Nach der Bewilligung meines Therapieantrags durch die Krankenkasse treffen wir uns erneut in einem nicht-sagend eingerichteten Raum. Die Therapeutin beginnt die Sitzung, indem sie mir eröffnet, dass nur eine Kurzzeittherapie bewilligt wurde. Der Sachbearbeiter, der für die Bearbeitung meines Antrags zuständig war, zweifelt meine Geschlechtsidentität an, weil ich in meinem Leben noch keiner langfristigen Lohnarbeit nachgegangen bin. Seine Argumentation ist einfach, wenig kapitalismuskritisch und in meinen Ohren trans*feindlich. Ohne eine berufliche Identität könne ich meine Geschlechtsidentität nicht finden. Ich müsse erst beruflich oder lohnarbeitstechnisch Orientierung finden, um glaubwürdig trans* sein zu können. Wo kommt dieser Gedanke her, dass berufliche und geschlechtliche Identität in irgendeiner Form zusammenhängen?

Die Therapeutin nimmt eine vermittelnde Position zwischen mir und dem Sachbearbeiter ein und meint, sie könne sowohl seine als auch meine Position verstehen. Doch das reicht mir nicht. Ich will Solidarität und ich will, dass meine Geschlechtsidentität respektiert wird, egal, wie viel Zeit ich in meinem Leben mit Lohnarbeit zugebracht habe. Ich will, dass meine Geschichte respektiert wird.

Die Gewalt der Argumentationsweise wird mir auf dem Nachhauseweg bewusst. Wieder einmal wird meine Geschlechtsidentität angezweifelt. Wieder einmal behauptet eine Person mit Cis-Privilegien und Entscheidungsgewalt besser zu wissen, wer ich bin. Ich stehe neben mir, bin wie weggetreten und merke erst am Ostkreuz, dass ich eigentlich schon eine Station vorher hätte aussteigen wollen.

Und hier in Berlin ist die Situation relativ gut. Es gibt Listen von trans*freundlichen oder einigermaßen trans*freundlichen Therapeut_innen. Doch die Hürde bleibt groß, vor allem wenn ich immer wieder sehe, wie Freund_innen keine guten Therapeut_innen finden und daran verzweifeln. Andere machen immer und immer wieder Erfahrungen mit Therapeut_innen, die sich mit queeren oder speziell nicht-binären Themen nicht auskennen. Dann stürze ich mich doch lieber in Berge von Arbeit und lenke mich von diesem Thema ab.

Anfang August breche ich die Therapie ab. Das anfängliche Gefühl von Erleichterung, dass ich nun endlich einen Schlussstrich gezogen und diese kraftzehrende Beziehung beendet habe, ist schnell verflogen. In mir kommt Ohnmacht auf. Ich habe im Moment keine Energie für eine neue Therapeut_innen-Suche. Eine Liste von trans*freundlichen Therapeut_innen arbeitete ich im März bereits ab. Auf einer anderen Liste entdecke ich nur wenige neue Namen. Die Namen auf den Listen verraten mir nicht, ob eine Person für nicht-binäre trans* Personen offen ist oder sich mit diesem Thema überhaupt schon einmal auseinandergesetzt hat. Ich beschließe die Suche erst einmal auf Eis zu legen.

Im Herbst schaffe ich es zu einer queeren Beratungsstelle und bekomme eine weitere Liste. Mit einem Freund, der gerade ebenfalls auf Therapeut_innenSuche ist, gehen wir gemeinsam die Namen durch und erzählen uns, wen wir schon einmal angeschrieben haben, welche Namen uns schon empfohlen wurden und von welchen Personen uns eher abgeraten wurde. Ich nehme meine Energie zusammen und schreibe eine Handvoll Therapeut_innen an. Daraus ergibt sich ein Vorgespräch, dass ich mit einem ambivalenten ersten Eindruck verlasse. Dieser Therapeut hier kann sich zumindest vorstellen, mich mit nichtbinären Pronomen und ohne binäre Anrede anzusprechen. Trotzdem spüre ich nur ein halbes Ja in mir. Nach meiner letzten Erfahrung bin ich vorsichtig und gebe die Rückmeldung, dass ich noch andere Therapeut_innen kennenlernen möchte.

An Testo gelange ich schließlich über Kontakte. Ein Freund fragt für mich seinen Therapeuten, ob er mich mit einem Indikationsschreiben unterstützen würde. Zuerst habe ich Schuldgefühle, weil ich eine Möglichkeit nutze, die nicht für alle offensteht. Verhalte ich mich unsolidarisch gegenüber anderen trans* Personen, die nicht durch trans* Freund_innen Unterstützung erfahren und sich monatelang mit Therapeut_innen herumschlagen müssen?

Ich entscheide, dass es keiner Person hilft, wenn ich mich allen Regeln dieses trans*feindlichen Systems unterwerfe, und vereinbare einen Termin mit dem Therapeuten. In den zwei Sitzungen mit ihm beantworte ich viele Fragen. Ich sammele Trans*punkte, wenn ich von meinem aktuellen Namen, dem Unwohlsein mit dem Pronomen ›sie‹ und meinem Wunsch nach körperlicher Veränderung erzähle. Ja, ich bin mir sicher, dass ich Testo nehmen möchte. Für mich ist die Vorstellung einen Bart, eine tiefere Stimme und veränderte Gesichtszüge zu haben stimmig. Ich will das jetzt. Und ja, ich habe diesen Wunsch schon länger. Und noch einmal ja, ich nehme auch Stimmungsveränderungen durch Hormone in Kauf. Während ich auf all diese Fragen eingehe, bleibt mein Blick an der Tür hinter dem Therapeuten hängen. Gatekeeping. Egal wie sympathisch mir dieser Therapeut gerade erscheint, er und andere Therapeut_innen haben doch so viel Macht darüber, mir den Zugang zu Testo und anderen geschlechtsangleichenden Maßnahmen zu ermöglichen oder zu verwehren.

Wann müssen sich Cis-Personen eigentlich einmal für ihre Geschlechtsidentität erklären? Warum wird nur bei trans* Personen angenommen, dass die Entscheidung Testosteron oder Östrogene zu nehmen durch eine ›Expert_in‹ abgesegnet werden muss? Warum dieses große Aufheben um die sogenannten ›Geschlechtshormone‹? Als ich vor Jahren Schilddrüsenhormone verschrieben bekam, war es doch auch keine große Sache.

Ich bestehe den Trans*test. Meine Antworten haben den Therapeuten so weit zufriedengestellt, dass er mir das gewünschte Schreiben ausstellt: „Bei dem Patienten kann von einer ausreichenden stabilen Stimmigkeit und Konstanz seines männlichen Identitätserlebens ausgegangen werden.“ Von Nicht-Binarität ist schon lange keine Rede mehr.

Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Was ich mir gewünscht hätte, ist nicht mehr und nicht weniger als Respekt für meine Identität. Ob ich trans* bin oder nicht, ob ich nicht-binär bin oder nicht, kann ich am besten selbst sagen. Und trotzdem war ich in der Auseinandersetzung mit Therapeut_innen damit konfrontiert, dass eine andere Person, die meine Erfahrung nicht teilen kann, zugestanden wird, das besser beurteilen zu können als ich selbst. Für mich gibt es keine akzeptable, nicht-trans*feindliche Begründung, um dieses Misstrauen an meiner Selbstverortung zu rechtfertigen.

Ich hätte mir gewünscht, dass mein Pronomen und meine Präferenz für eine nicht-gegenderte Anrede akzeptiert wird. Im Alltag ist es für mich anstrengend genug, immer wieder mit dem binären Geschlechtersystem konfrontiert zu sein, wenn mir Personen ein Geschlecht zuschreiben und mich dann auf eine unerwünschte Weise ansprechen. Therapie konnte mir nicht einmal so viel Abstand von der Zweigeschlechtlichkeit bieten, dass zumindest mein Pronomen und meine Identität respektiert wurde. Das empfinde ich als besonders bitter, weil ich mir gerade dort einen Raum wünschte, um den Schmerz über mangelnden Respekt für meine Identität, meinen Namen und mein Pronomen zu thematisieren.

Nachdem ich mich vorübergehend vom therapeutischen System verabschiedet hatte, verlegte ich mich auf das Träumen von einer anderen, nicht allzu fernen Welt. Alle Personen hätten selbstbestimmt und pathologisierungsfrei Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen. Auch könnten Personen, egal wie nah sie binären Vorstellungen wären, durch einen simplen, bürokratischen Verwaltungsakt den Namen und Personenstand ändern. Trans* Personen und Personen jenseits der binären Geschlechterkategorien bekämen in der Therapie endlich die Unterstützung, die sie sich zur Bewältigung ihres (cis- und heteronormativen) Alltags wünschten. Und auch Personen, die mehrdimensional von Diskriminierung betroffen wären, könnten Therapie als einen geschützten Raum erleben, weil es grundsätzlich mehr Vielfalt unter Therapeut_innen gäbe und eine queere Person of color, eine nicht-binäre Jüd_in oder eine Schwarze, trans* Person mit Behinderung eine_r Therapeut_in gegenüber säße, die ihre Positionierung teilt.

Ich möchte mich in den nächsten Jahren dafür einsetzen, dass diese Wünsche nicht nur in Träumen erfüllt werden, sondern diese nicht allzu ferne Welt mit jedem Tag ein bisschen näherrückt.

Die Euphorie am 8.11.2017 in meiner WG ist übergroß, als eine Entscheidung vom Bundesverfassungsgericht aus dem Oktober veröffentlicht wird. Das Gericht gab Vanja Recht. Bis Ende 2018 muss es eine Änderung im Personenstandsrecht geben und damit eine dritte positive Geschlechtsoption in offiziellen Dokumenten geschaffen werden. Es besteht auch die Möglichkeit, dass das Personenstandsrecht so verändert wird, dass der Geschlechtseintrag komplett gestrichen wird.

»Den Geschlechtseintrag komplett streichen?! Wow!«

Lange hatte ich nicht mehr einen so schönen Tag. Ich grinse die ganze Zeit nur noch vor mich hin. Endlich wurden die Forderung von einer nicht-binären inter* Person nach einer dritten Geschlechtsoption gehört.

Was bedeutete das Urteil für nicht-binäre trans* Personen? Was hieß es für mich? Könnte ich bald ganz einfach meinen Namen und Personenstand ändern? Was hätte das Urteil für Auswirkungen auf das sogenannte »Transsexuellengesetz«(TSG)? Könnte ich bald meine sehnlichst herbeigewünschte Haarepilation ganz ohne Gutachten und Indikationsschreiben bekommen? Könnte mein Gesicht, mein Oberkörper und meine Beine bald ganz frei von Haaren sein? Würde es vielleicht nur noch ein oder zwei Jahre dauern, bis das alles möglich wäre? All diese Fragen wirbeln schnell in meinem Kopf herum und machen mir ein warmes Gefühl im Bauch.

Nachdem die anfängliche Freude verflogen war, klärte sich die Lage in den nächsten Tagen ein wenig. Ja, das Urteil ist super für Sichtbarkeit/Anerkennung von allen nicht-binären Identitäten, auch wenn die Klage von einer nichtbinären inter* Person eingereicht wurde. Die Formulierungen der RichterInnen in Karlsruhe lassen sich so interpretieren, dass das Urteil alle Personen betrifft, die sich als weder nur männlich* oder nur weiblich* einordnen wollen. Das heißt, dass es Bedeutung für nicht-binäre Personen, nicht-binäre trans* Personen, nicht-binäre inter* Personen und nicht-binäre inter* trans* Personen hat. Aber es ist noch ein politischer Kampf, diese inklusive Interpretation durchzusetzen. Wenn dies gelingt, könnte es tatsächlich für alle nicht-binären Personen in Zukunft einfach werden, den Namen oder Personenstand zu ändern.

Und nein, das Urteil hat keine direkten Auswirkungen auf das TSG und darauf, die Gutachtenprozesse für geschlechtsangleichende Maßnahmen abzuschaffen. In der gleichen Woche, in der Vanjas Klage stattgegeben wurde, erfuhr das TSG durch das Bundesverfassungsgericht erneute Bestätigung, indem die Klage einer trans* Person abgewiesen wurde. Die Begutachtungspflicht durch sogenannte Sachverständige bei der Namens- und Personenstandsänderung wurde als verfassungskonform erklärt. Obwohl dieses fast 40 Jahre alte Sondergesetz an vielen Stellen schon als verfassungswidrig eingestuft wurde, ist es weiterhin an dieser Stelle wirksam und trägt zu Diskriminierung und Fremdbestimmung von trans* Personen bei. Bevor das TSG und damit der Gutachtenszwang und die Pathologiserung bei Personenstands- und Namensänderung abgeschafft und geschlechtliche Selbstbestimmung für alle Menschen möglich wird, braucht es noch einige Kraft und Mobilisierung von queeren Aktivist_innen und Interessenverbänden, auch wenn es bereits Verbündete in den etablierten Parteien und auf bundespolitischer Ebene gibt.

Ich hoffe, dass es bald abgeschafft wird. Darauf freue ich mich schon jetzt. Bis dahin warte ich und hoffe, dass dann auch der Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen vereinfacht wird. Ich habe Zeit. Ich werde weiter für nicht-binäre Sichtbarkeit und Teilhabe in meinem Alltag und in meiner Bildungsarbeit kämpfen. Ich werde mich an Initiativen wie »Queering Therapy« erfreuen, die Fortbildungen für Psychotherapeut_innen anbieten. Und ich werde erst einmal keine Therapie machen.

Zwischen den Knallen wachsen zarte Pflänzchen Zu Depression und (den Versuchen von) Positionierung

Nello Fragner

Dieser Text thematisiert Depression, Diagnostizierung, Street Harassment, Selbstverletzung, Selbsthass.

Träumen

Die Vision hat viele einzelne Teile, die sich im Lauf der Zeit zusammensetzen werden. Wie sie am Ende aussehen wird, weiß ich nicht.

Ich fange mit der Vision an, weil sie aus dem Jetzt entsteht, aus meinem Lernen, aus den Geschenken, die ich von befreundeten und geliebten Personen um mich herum bekomme. Durch all diese neuen Teile entsteht in mir eine Haltung zu dem Leben, das ich bisher gelebt habe. Ich finde Wünsche, ordne neu ein, gebe mich hin.

So, wie ich gelernt habe, mit mir und der Welt und anderen Menschen umzugehen, möchte ich es nicht weiter machen. Ich mache mich auf die Suche, weil ich es nicht mehr aushalte, so zu leben und zu sein, wie ich es bisher war.

Dieses Unerträgliche ist nicht die Stimme der Depression in mir, die ich betäuben, übertönen, überhören will. Es sind Härte, Schmerz, Traumatisierung, Sehnsucht, Verletzungen, die unrealistischen Anforderungen eines Lebens im Kapitalismus. Es sind die Enge, der Lärm, die vielen Grenzüberschreitungen, die jeden Tag ganz beiläufig ausgeübt werden. Es sind die Machtverhältnisse, die um mich herum und in mir drin sind: sie durchziehen mein Fühlen und Handeln, meine Beziehungen, meine Träume, meine Strategien. Es sind queeres Begehren und eine geschlechtliche Positionierung als trans, nicht-binäre Person, beides Dinge, die beschämt und bestraft werden. Es sind Erfahrungen von Ausgeschlossen-Werden und Ausschließen, Konkurrenz und Angst.

Ich erlaube dem Unwohlsein, das aus dem Wahrnehmen all dieser Dinge kommt, sehr viel Raum und erkenne darin die Stimme wieder, die mich in Veränderung bringt. Aber manchmal bringt sie mich außer Atem und in einen altbekannten Zustand, in dem alles steif wird, mein Herz rast und meine Gedanken austrocknen.

Als Kind besaß ich einige Setzkästen. Das sind unterschiedlich große Rahmen aus Holz mit kleinen, verschieden förmigen Unterteilungen, meistens rechteckig. Für Mineralien sind sie gedacht, für Glastiere, Murmeln, Münzen, Glücksbringer aller Arten, Kakteen, Kiesel, Holzstücke, Gräser und kleine Bilder.

Ich setzte all die Dinge hinein und beschäftigte mich immer wieder damit, sie einzeln herauszunehmen, zu entstauben und in einer neuen Ordnung wieder hineinzusetzen. Ich befühlte die Oberflächen, schnupperte an ihnen und leckte an Salzsteinen und samtüberzogenen Tierchen. Manche hatten ähnliche Farben oder Strukturen, manche kamen im gleichen Strandurlaub zu mir, manche stammten aus dem gleichen Erdzeitalter.

Vor einigen Jahren hatten sich Selbsthass und Verzweiflung so dicht in mir zusammengeballt, dass Teller zerschlagen, schreien und ins Kissen boxen nicht mehr reichten. Für einen Moment zerstob die Wut in diesen nach außen gerichteten Gesten, und blieb zugleich als bedrohlicher Unterton einer deutlicher werdenden Gewissheit: ich muss etwas ändern, wenn ich nicht immer wieder an den Punkt gelangen will, an dem ich es nicht mehr aushalte ich selbst zu sein. Es nimmt mir den Atem und den Schlaf, lässt meine Haut rot und trocken werden, dreht mir den Magen um und lässt den Migränekopfschmerz wie einen Blitz in mich fahren.

Ich saß vor dem Kissen, in das ich geboxt hatte, und dachte an die lange Reihe von Erlebnissen, die in diesem Selbsthass stecken. Ich dachte über Vereinzelung nach und Bilder von Glück, Stärke und Erfolg. Ich dachte darüber nach, ob es mir irgendwann möglich sein würde, mich als liebenswert zu denken, fähig dazu, für mich einzustehen und mich um mich selbst zu kümmern. Ich fragte mich, ob ich es mir irgendwann erlauben könnte, Grenzen zu setzen, Unwillen zu äußern, mich in meiner begrenzten Energie wahrzunehmen und meine Tage dementsprechend zu gestalten. Ich überlegte, ob ich in Beziehung treten könnte zu all den Verletzungen, die ich mit mir herumtrug, anstatt die verletzten Bereiche möglichst gründlich von allen anderen Bereichen, die ich zum Funktionieren brauchte, abzuschneiden. Ich stellte mir die Frage, ob ich mich, mit all meinen bisherigen Erfahrungen, annehmen könnte.

Und ich dachte an die Setzkästen, erinnerte mich an meine Sorgfalt und die Begeisterung, mit der ich sammelte und anordnete, die kleinen Objekte pflegte und mit ihnen in Beziehung blieb, auch wenn sie schon länger bei mir waren; wenn die Steine ihren Glanz verloren oder von den getrockneten Blättern Teile abbrachen. Ich habe nie eines der Objekte aussortiert. Aber plötzlich habe ich keinen Setzkasten mehr, die gesammelten Dinge sind nicht mehr bei mir, einzelne habe ich über die Jahre behalten, andere müssen wohl verloren gegangen sein.

Fallen lassen

Küche

-If there’s nothing missing in my life, then why do these tears come at night?

-Ich weiß auch nicht. Ich mache ja alles auch mit, weißt du? Ich gehe auf Parties und ich mache mir die Haare und studiere tagsüber. Ich gehe einkaufen und koche. Wenn es nur jemanden gäbe, der alles von mir sehen könnte. Diesen Teil von mir, der nach Hause kommt, die Einkaufstaschen abstellt und weint. Zwei Stunden. Immer wieder, einen ganzen Tag lang. Und dann wieder aufsteht und Essen macht. Wenn es jemanden gäbe, um das zu sehen. Dann würde es vielleicht realer werden, diese Teile.

-Warst du schon beim Arzt?

-Nein, aber ich überlege jetzt schon öfters, hinzugehen. Vielleicht kann der mir was verschreiben. Vielleicht erklärt der mir, was los ist.

Arztpraxis

-Sie können also nicht schlafen?

-Manchmal nicht. Mein Kopf dreht einfach immer weiter.

-Brodelt es in Ihnen? Würden Sie sagen, Sie sind unruhig? Wühlt da etwas?

-Ja, da wühlt was. Ich kann Ihnen nur leider nicht genau sagen, was. Wissen Sie, manchmal fällt mir die Gabel aus der Hand, und ich hasse mich so sehr dafür, dass ich es nicht mehr aushalte, ich selbst zu sein. Manchmal gehe ich ganz geschäftig durch den Tag und nichts passiert, alles läuft so, wie ich mir das vorgestellt habe, und dann wieder bricht es herein, dieses Unvorhergesehene, die Gedanken, die ich nicht stoppen kann, das Gefühl, dass ich mich auflöse. Letztens hatte ich einen Weinkrampf, ich saß auf dem Bett, habe zum Fenster geschaut und konnte nicht mehr feststellen, ob ich hier aufhöre, wo ich sitze und mich festhalte, oder ob ich vielleicht bis zum Fenster reiche. Ob das Fenster ein Teil von mir ist. Wie kann ich das feststellen? Vor zwei Monaten, da hat mir jemand auf der Straße an den Hintern gefasst. Ich habe mich umgedreht und habe gesagt: ich möchte das nicht. Der ist mir gefolgt, an der Ampel musste ich stehenbleiben, und wieder war da die Hand an meinem Po. Ich habe mich umgedreht und ihm eine Ohrfeige gegeben. Er hat zurückgeschlagen. Mit voller Wucht. Ich habe zu schreien begonnen, ich war so fassungslos. Ich konnte kaum stehen, weil ich gezittert habe. Vor Wut und Schmerz. Er hat auch geschrieen. Er hat geschrieen, dass ich verrückt bin. Dass ich schreie wie verrückt. Er hat sich umgedreht und ist gegangen.

Wie soll ich denn feststellen, wo ich aufhöre und wo ich beginne? Wie soll ich denn herausfinden, wie sich mein Körper anfühlt? Es ist so viel leichter auszuchecken. Es ist so viel leichter, auf die Schmerzen nicht mehr zu reagieren. Schicht um Schicht haben sie sie aufgestapelt, ich will ja auch nicht mehr fühlen. Ich stelle mir das schön vor, nichts mehr zu fühlen.

-Ich verschreibe Ihnen was. Und ich gebe Ihnen eine Liste mit Therapeuten. Sie suchen sich einen aus. Medikamente alleine helfen nicht.

Küche

-Und dann hat er mir den Befund in die Hand gedrückt und da stand »mittelschwere Depression«. Ich frage mich, wie er das festgestellt hat. Ich bin froh, dass ich keine »leichte Depression« habe. »Mittelschwer« klingt schon ernster. »Schwer« wäre noch besser. Dann könnte ich.. dann hätte ich kein schlechtes Gewissen mehr, mich ins Bett zu legen und nichts mehr zu tun.

-We never thought that we get caught up, stuck in the teenage waste.

-Aber echt. Weißt du, meine Wohnung sieht jetzt mehr nach Jugendzimmer aus als damals. Ich wusste, ich durfte nicht auseinanderfallen. Ich hätte auch nicht gewusst, wie. Alles war so eng. Auch das Ritzen, darüber haben wir Scherze gemacht, als wir in der Pause Cola kaufen waren. Es gab keinen Ort, an den wir hätten gehen können.

-Dann hast du die Zeit vielleicht verpasst, um es dir mal richtig schlecht gehen zu lassen. Jetzt bist du erwachsen. Ich dachte, Erwachsene kommen klar. Meinst du, Erwachsene kommen gar nicht klar?

-Wenn alle Leute das so machen, dass sie erst zu weinen beginnen, wenn die Wohnungstür hinter ihnen zugefallen ist, dann kann man das ja nicht sagen.

-Hast du mit deiner Mutter gesprochen?

-Ja, sie hat mich gefragt, ob ich mein Medikament regelmäßig nehme. Als ich das letzte Mal zu Besuch war, hat sie mir Geld gegeben, damit ich mir neue Sachen zum Anziehen kaufe. Ich habe ganz schön viel eingekauft. Ich dachte, ich kann ja wenigstens gut aussehen, wenn ich schon depressiv bin. Danach war ich irgendwie leer. Ich habe geweint, als ich im Zug zurück saß.

Schlafzimmer

-Hallo?

-Hey. Sorry dass ich anrufe. Ich kann nicht schlafen. Du hast bestimmt geschlafen.

-Ja. Was ist denn los bei dir?

-Ich weiß nicht. Ich kann nicht schlafen. Ich gehe in der Nacht verloren. Ich habe Angst, dass ich nicht wieder ich bin, wenn ich einschlafe. Dass ich aufwache und ein wichtiger Teil von mir verloren gegangen ist. Ich spüre mich nicht mehr. Ich würde dir auch noch gerne erzählen, dass mein Schlafzimmer alles ist, was es noch gibt, und dass ich mich in dem Zimmer verirrt habe, auch wenn es nur eines ist, mit 15 Quadratmetern. Ich würde dir sagen, dass ich nicht mehr weiß, was hier drin zu mir gehört. Ich würde dir erzählen, dass ich darauf warte, dass die Antidepressiva zu wirken beginnen, denn der Arzt hat gesagt, dann kann ich schlafen. Ich versuche an Fight Club zu denken, denn die Hauptfigur da kann ja auch nicht schlafen. Daraus entsteht Tyler Durden und daraus entsteht diese revolutionäre Truppe, das ist doch was Gutes. Den Film haben wir zusammen geschaut, und du hast meine Haare mit einer Häkelnadel gehäkelt, weißt du noch? Wir waren 15. Ich war so verliebt in dich und ich glaube, du wusstest es und hast darum getrauert, dass du nicht in mich verliebt warst, nie.

-Das klingt, als wärst du traurig. Ich bin ganz müde, ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Vielleicht kannst du versuchen zu schlafen. Wir sehen uns bald, okay?

-Ja. Sicher.

Straße

-Klopf klopf. Die Welt ist zurück!

-Und was soll ich jetzt machen?

-Setz einen Fuß vor den anderen. Der Gehweg ist stabil, da schwankt nichts.

-Das bedeutet, ich schwanke. Bist du dir sicher mit ›einen Fuß vor den anderen‹? Schau mal, der Baum schwankt ja auch.

-Komm, du hast gerade zehn Stunden geschlafen. Vielleicht ist das einfach so, wenn die Antidepressiva wirken.

-Ich habe gestern… ich habe gestern… ich habe mit meiner Mutter telefoniert und sie sagte, eine Bekannte hat ihr erzählt, dass ist wie in Watte gepackt sein. Ganz weich eingepackt. Nichts dringt so richtig durch. Ich frage mich, ob das bei mir auch so… und jetzt? Ich stehe unter dem schwankenden Baum. Ich weiß nicht mehr, was ich hier wollte.

-Du wolltest zu Penny. Du hast gesagt, einkaufen wäre gut und essen wäre dann auch gut. Irgendwas schnelles, was fertiges, dann legst du dich wieder hin. Du hast dein Handy auch gar nicht eingeschalten. Die Rollos aber hast du zumindest hochgezogen und mal gelüftet. Das Wäsche waschen hast du übrigens auf morgen verschoben. Ich erinnere dich dann daran.

-Ich weiß nicht, ich glaube, die Straße schlägt Wellen. Nicht so große, nur ganz leicht. Warum soll ich das Handy auch einschalten? Niemand ruft an.

-Komm, erst mal einkaufen. Dann hast du den Tag auch schon fast geschafft.

-Ich schmecke nichts, es ist egal, was ich kaufe.

-Einen Fuß vor den anderen. Erstmal schwankt da nichts.

Beratungszimmer

-Ihre Kindheit kommt nie wieder. Sie werden das nicht nachholen können. Diese Liebe, die Sie als Kind nicht bekommen haben, können Sie nicht nachholen. Aber Sie können Ihr Leben so einrichten, dass Sie jetzt Liebe erfahren.

Straßenbahn

-Und das hat er wirklich so gesagt?

-Ja, ich glaube schon. Oder ich sage es mir selbst. Das ist doch ein Werkzeug, um es auszuhalten, oder? Er hat auch noch gesagt, als ich von D. erzählt habe, und dass er Drogen nimmt, da hat er gesagt: »Das machen Sie doch jetzt auch.« Er meinte die Antidepressiva. Er findet das nicht gut. Er sagt, die machen mich unempfindlich und ich bin dann zu betäubt, um meine Muster zu verändern. Ich kann mich einfach nicht erinnern, ob er das gesagt hat, dass ich mein Leben jetzt so gestalten kann, dass es liebevoller wird. Ich meine, ich wüsste nicht, woher ich den Gedanken sonst hätte. Ich dachte immer, das ist mein Schicksal, ein liebloses Leben. Aber erzähl es niemandem, dass ich das denke. Das ist undankbar, das zu denken.

Ich sitze auf der Couch und er in diesem dunkelblauen Stuhl und zwischen uns steht die Uhr mit dem Zifferblatt in seine Richtung, so dass ich nicht sehen kann, wie viel Zeit wir schon verbraucht haben. Er schreibt nicht mehr so viel mit wie am Anfang, aber manchmal sieht er mich so an, als hätte er Mitleid. Ich möchte ihm gern sagen, dass ich es versuche. Ich versuche es wirklich. Ich weiß nicht, wo ich hin soll. Ich schäme mich für jeden Versuch, der schief geht. Für jede Begegnung, nach der ich mich schlecht fühle. Ich weiß wirklich nicht, wo meine Grenzen liegen. Ich weiß nicht, ob er mich wirklich verstehen kann. Ich kam mir sehr stark vor, als ich die erste Stunde bei ihm hatte und erzählt habe, was gerade bei mir los ist. Ich höre mir selbst beim Reden zu und denke irgendwann, ich habe es immerhin bis hierher geschafft. Ich fand mich mutig. Es tat gut. Aber jetzt geht es mir zu schnell, Muster ändern, Motivationen herausfinden, Strategien finden, Verantwortung übernehmen. Ich bin immer noch müde. Ich bin doch schon froh, dass ich wieder schlafen kann. Wohin soll ich denn die Wut packen, und das Weinen, und die Schreie? Am Ende geht es doch wieder ums Verstecken und Funktionieren.

-Such a funny thing for me to try to explain how I’m feeling and my pride is the one to blame. Du musst dich einlassen, vielleicht kann er dir doch was sagen, was geben, was dir helfen kann. Vielleicht weiß er besser, was du brauchst. Willst du wirklich an dir festhalten?

Stadtstrand

-Ich habe mich dafür entschieden, die Antidepressiva abzusetzen. Im Internet steht, man soll sich beraten lassen, aber ich habe meinen Arzt nie wieder gesehen, nach der Diagnose-Stellung. Ich dachte, ich mache das jetzt einfach, es ist ja Sommer, es ist warm und hell, ich habe den Schlaf nachgeholt, ich will nicht mehr. Ich will wieder.

-Und, wie ist es bis jetzt?

-Mein Herz rast.

Küche

-Zwei, drei, vier. Vier Teller in zwei Jahren, das ist in Ordnung, findest du nicht? Eins, zwei, dort drüben noch zwei. Die großen Scherben sind leicht zu finden. Mit den Gläsern habe ich aufgehört, die zerbersten richtig, da ist es so schwer, alle Scherben einzusammeln.

-Es sollte einfach niemand mitkriegen.

-Niemand kriegt etwas mit. Ich bin richtig gut darin geworden, dass niemand etwas mitkriegt. Auch hier, in den hellen Nächten, bleibe ich für mich. Wenn ich nachts rausgehe und mir das vorkommt wie unter Wasser, dann schreibe ich es auf, speichere das Dokument und klappe meinen Laptop zu. Niemand liest das. Ich räume auf, ich wasche Wäsche, ich koche, ich schneide mich nicht mehr. Ich warte, bis ich alleine bin, um zu weinen. Ich bin viel alleine. Ich schlafe und ich gehe und die ganze Zeit ist es laut in meinem Kopf, aber das hört niemand sonst. Ich mache keine Umstände. Ich habe mich im Griff.

-Kein Wunder, dass M. schon eine neue Beziehung hat. Dass D. sich nie richtig für dich interessiert hat. Du spielst fünfhundert Mal am Tag durch, wie du überraschend zurück kommst und M. erkennt, dass er eigentlich dich liebt, und das erschöpft dich so sehr, dass du keine Energie mehr für die Party hast oder die Ausstellungseröffnung oder das Pizzaessengehen.

-Ich fühle mich ganz schön falsch. Weißt du, seit ich denken kann, schaue ich mir die Pärchen um mich herum an und frage mich, was falsch an mir ist, warum ich nicht Pärchen bin.

-Ich glaube, das wirst du nie herausfinden.

-In einem Tagebucheintrag steht, auch xy ist in einer Beziehung, ich habe es gesehen, sie haben während des Studi-Stammtisches Händchen gehalten, irgendwann werde ich so kalt wie Stein. Hier sind die Steine kalt, der Boden, die Wände, die Hände, die Decken, die Nächte, die Scherben, die Worte. Ich unterscheide mich gar nicht mehr von meiner Umgebung. Ich bin kurz davor, zu verschwinden. Verschwinde ich?

-Du bist noch hier.

Sofa

-Die Socken habe ich lange nicht getragen. Die können auch weg.

-Und die Unterhose?

-Kann auch weg, die hat ein Loch.

- Und die hier?

- Die hier. Ja. Die habe ich zusammen mit meiner Mutter gekauft. Sie ist in die Umkleidekabine gekommen, hat meine Wunden gesehen und ist weinend wieder raus. Nein, ich glaube, so war es gar nicht. Vielleicht ist sie mit mir in der Kabine stehen geblieben. Ich glaube, sie hat mich auch berührt. Prüfend, um sich einen Überblick zu verschaffen. Aber an den Blick kann ich mich nicht erinnern. Auch an die Berührung nicht. Vielleicht hat sie mich gar nicht berührt. Aber ich bin mir sicher, irgendwann zwischen der Umkleidekabine und heute, da hat sie gesagt: wenn du das weiter machst, müssen wir dich einweisen lassen. Wenn du das weiter machst, dann müssen wir dich einweisen lassen. In die Psychiatrie.

- Vielleicht ist sie Stein und du bist Stein, weil ihr ja verwandt seid.

- Manchmal kann ich mich nicht so richtig an Sachen erinnern. Sie hat sich sicher Sorgen gemacht. Kontrolle ist so wichtig. Sich im Griff haben.

- Und was ist mit den Socken?

- Die will ich aufheben.

Schieben

Als ich ein Kind war, gab es in meiner Welt keine Möglichkeit, seelischen Schmerz auszudrücken. Seelischen Schmerz zu empfinden, war verdächtig. Damit kam die Möglichkeit auf, die Dinge könnten nicht gut laufen. Seelischer Schmerz bedeutete in meiner Sozialisation, etwas falsch gemacht zu haben, ein persönliches Versagen, damit ging Scham einher. Denn Traurigkeit, Wut oder Unruhe warfen einen Schatten auf den hellen, freundlichen Alltag, um den sich doch alle bemühten.

Wenn hinter dem reibungslosen Ablauf der Dinge Katastrophen lauern, ist es unheimlich wichtig, diesen Ablauf nicht zu stören – nicht durch Gefühle zu stören.

Wenn das Durchleben des Alltags bereits alle Kraft braucht, ist jede unerwartete oder neue Situation, jedes komplexere Thema, jeder Konflikt, jeder ambivalente oder unklare Kontakt eine potentielle Überforderung. Wenn Gefühle nicht mit einkalkuliert sind, ist ihr Aufkommen eine Belastung. Es ist eine Schuldfrage, Gefühle zu haben, Schmerz auszudrücken oder Bedürfnisse zu äußern.

Als ich ein Kind war, bestand meine Arbeit darin, keinen seelischen Schmerz zu empfinden, nicht wütend, traurig oder gelangweilt zu sein. Ich lernte, dass meine Angst, meine Wünsche nach Liebe und Geborgenheit, meine Unsicherheit und meine Einsamkeit nicht sein sollten. Als Kind lernte ich, fröhlich zu sein. Ich lernte, mich für Dinge zu interessieren, wenn ich wusste, jemand wünschte sich das von mir. Ich lernte mich selbst leer zu machen und davon auszugehen, dass andere meine Präsenz, so klein sie auch sein mochte, als Störung empfinden würden.

Ich lernte, vorauszuahnen, welches Verhalten andere von mir erwarteten. Ich lernte Gesichter und Stimmen bis in die Nuancen zu deuten. Dadurch würde ich den Katastrophen vorgreifen, sie verhindern, mir die Menschen um mich herum – meine Welt – gewogen halten.

Wenn hinter dem reibungslosen Ablauf der Dinge verschiedene Bedürfnisse und einander widersprechende Wünsche sitzen, ist der Knall immer nur wenige Zentimeter entfernt. Mich von meinen eigenen Bedürfnissen auf Distanz zu halten war daher ein Beitrag zum gelingenden Alltag.

Ich weiß heute, dass das nicht aufgeht. Als Kind wusste ich das nicht. Als ich ein Kind war, war Gefühle-Haben etwas Gefährliches, was ich so gut es ging vermeiden und verstecken wollte.

Mit dem Wissen, wie ich meine Gefühle, auch vor mir selbst, verstecken kann, bin ich nicht alleine. Auch mit meinem Schmerz bin ich nicht alleine. Auch das konnte ich als Kind nicht wissen.

Runden drehen

Ich sitze vor meinen Erinnerungen, den verschiedenen zeitlichen und thematischen Ebenen, und stoße an ein altbekanntes Begehren: meinem Sein eine Begründung zu verleihen.

Die Art und Weise, wie ich bin, hinterfrage ich, spüre ein leise schwebendes Nichts, ein bodenloses Fallen hinein in das Wissen, ich werde die Frage nie abschließend beantworten können, ob es denn wirklich so schlimm war. Wirklich schlimm im Vergleich zu was? Schlimm genug, um darüber schreiben zu können? Schlimm genug, um Narben davon zu tragen? Es – was denn genau? Das Aufwachsen, der Leistungsdruck, die sozialen Zwänge, die Zurichtungen in eine Normalität, die mich von mir selbst entfremdet? Mit diesen Spalten sitze ich nun da und versuche alle Teile von mir selbst zu greifen, aber immer wieder entwischen sie mir, weil sich beschwichtigend Sätze in den Weg stellen. Andere hatten es schlimmer, andere sind tatsächlich eingewiesen worden, andere wurden geschlagen, vernachlässigt, hatten weniger Geld und keine Möglichkeit, ihren Interessen nachzugehen. Ich hatte das schon, und das ist Teil dieses Privilegs, dass ich heute darüber nachdenken und schreiben kann, wie mein Aufwachsen geprägt war von diesen Vorstellungen von Normalität, und welche Gewalt in Normalität steckt.

Das ist keine leichte Aufgabe und eine wichtige, um zu Visionen zu kommen, wie Kontakt zu mir selbst aussehen könnte, ein liebevoller Kontakt. Ich stelle mir die Frage, wie ich zu meiner Sozialisation genügend Distanz bekommen kann, um sowohl Kritik als auch Alternativen entwickeln zu können, und dabei tauchen in meiner Erinnerung die Schiebebilder auf, deren kleine Quadrate aus Plastik so lange hin- und hergeschoben werden mussten, bis das Bild zusammenpasste. Es gab nur ein leeres Feld, mithilfe dessen die Quadrate bewegt werden konnten, und manchmal wurde ich ungeduldig, habe mit der Nagelfeile ein oder zwei Teilchen herausgebrochen, und damit ein zweites und drittes leeres Feld geschaffen. Dann lies sich das Bild leichter zusammensetzen.

Ich finde es wichtig, genau zu sein und gleichzeitig sanft zu den Leerstellen, den herausgebrochenen, den bewusst erzeugten Erinnerungsteilen, die Schutzmechanismen langsam und vorsichtig einladen, zurückzutreten, damit sich neue Zusammenhänge ausprobieren lassen.

Ich möchte dich dazu einladen, darüber nachzudenken, was du als normal denkst, und wie du zu deinem Wissen über Normalität gekommen bist. Ich möchte dich einladen, sanft zu dir zu sein, und genau, und assoziativ. Dieser Text ist ein Angebot, und geht hier zurück an den Anfang: die Vision, die sich nach und nach zusammensetzt, in Veränderung begriffen ist, und bereits Atem schöpft.

Wie meine Mutter mich mit Victoria Beckham verwechselte

Nadire Biskin

Liebe Leser_innen,

dieser Brief handelt von mir, meiner Mutter und ihrer Verwechslung. Ich werde erst von unserer Beziehung zueinander berichten, dann von der Verwechslung und anschließend einige Frage stellen.

Verzeihen Sie mir den Umstand, dass ich diesen Brief einer wissenschaftlichen Arbeit ähnlich strukturiert beginne. Dabei bin ich nicht der straightwhite-man mit der Akademikerwampe und den dünnen, langen Beinen, sondern lediglich die Tochter einer Frau, der es manchmal schlechter geht als den Meisten, die ich kenne. Sieben Jahre Studium hinterlassen jedoch in meiner chuzpen Kommunikation ihre unschönen Narben in Form von Strukturiertheit, Hyperliteralität und Nüchternheit.

Nun von mir zu meiner Mutter und mir. Wir gehören zusammen. Sie liebt mich ohne Bedingung. Ich bin ihr Lieblingskind. Sie glaubt, ich bin Superwoman, weiß alles, kann alles. Manchmal glaube ich es auch. Selten stimmt es.

Ich wache auf und schaue auf mein Handy, um zu erfahren wie spät es ist. Sechs Anrufe in Abwesenheit von Emilia Galotti. Alle zwischen 5:30 Uhr und 6:00 Uhr. Ich frage mich, welchen Gedanken meine Mutter jetzt hat, der sie nicht schlafen lässt und sie dazu bringt, mich aus dem Schlaf zu reißen. Hat sie einen Brief bekommen, den ich ihr übersetzen soll? Hat sie Angst, dass ich verschlafe und möchte mich viel zu früh wecken, weil ihr Drang nach Pünktlichkeit sie wieder mal unter Kontrolle hat? Mama drückt mich weg. Ich muss schmunzeln. Sie verwechselt immer noch den roten Button mit dem Grünen. Beim zweiten Anruf nimmt sie das Gespräch an. Sie sagt etwas. Aber ich verstehe sie nicht. Sie wiederholt sich. Die Sätze unvollendet, ebenso wie ihre Worte. Das Beben in ihrer Stimme ist sicher und verständlich. Ich möchte, dass das Beben aufhört. Versuche sie zu beruhigen. Alles, was sie sagt, ist: »Ich. Tüt. Du Schlange, ich möchte dich nicht mehr sehen.« Sie legt auf. Ich rufe sie wieder an. Sie antwortet nicht. Ich nehme Schlüssel, Handy und steige aufs Fahrrad, los zu ihr. Ich fühle ihre Angst, ich fühle ihre Verzweiflung. Ich fahre schneller, damit der Wind mich zur Ruhe bringt und ich dann Mutters Wind sein kann. Ich ahne nicht, dass ihr Feuer sich durch den Wind vergrößern wird. Angekommen bei ihr, schließe ich die Tür auf. Ihre Augen verdeutlichen mir: Jemand ist nicht willkommen. Ich schaue mich um und sehe niemanden außer mir. Mutter sagt, ich hätte ihr die Tüte weggenommen. Die HA-EM-Tüte. Ich sage ihr: »Gut, ich habe sie nicht und kann mich nicht an sie erinnern, aber ich besorge dir eine neue Tüte.« Sie möchte diese Tüte, sie wäre unersetzbar. Sechs Anrufe für eine Tüte. Ich frage sie, warum sie die Tüte möchte, wie sie darauf kommt, dass ich in Besitz dieser Tüte bin. Mutter antwortet nicht mehr. Sie möchte nur noch, dass ich weggehe. Sie möchte, dass ich verschwinde. Während die bedingungslose Liebe meiner Mutter sich in eine Liebe, die sich an eine Tüte bindet, verwandelt, verstehe ich, dass die HA-EM Tüte mit Davut Bakalim, also David mal-schauen, die eingetürkischte Version von »H&M Tüte« und »David Beckham« ist. Mutter denkt, ich hätte ihr die Tüte weggenommen. Ich zeige ihr auf Google die Beckhams. Sie sagt, dass ich auf dem Foto die Haare sehr kurz hätte. Sie sagt, sie ertrage das Leben nicht mehr.

Liebe_r Leser_innen,

was soll ich tun? Wie soll ich Mutter davon überzeugen, dass ich nicht Victoria Beckham bin, dass die Beziehung zwischen Mutter-Tochter wertvoller ist, als eine Tüte? Wie soll ich später die Frau von der Krisen-Hotline davon überzeugen, dass ich Mutters Autonomie nicht weiter einschränken möchte, indem ich sie zwinge mit mir ins Krankenhaus zu gehen? Wie überzeuge ich sie davon, dass sie noch autonom ist, während die Frau mir sagt, dass meine Mutter keine Autonomie hat, weil ihr Wahn sie ihr geraubt hat? Wie überzeuge ich später die Assistenzärztin in der Notaufnahme davon, dass wir nicht zurück nach Hause gehen können um am nächsten Tag den Termin beim Psychiater wahrzunehmen, ohne uns vor ihr ausziehen zu müssen? Wie erkläre ich der Assistenzärztin, dass ihre Überforderung im ersten Jahr und die Untersuchung ohne Mentor sowie die daraus resultierende Frage unpassend, verletzend, destruktiv ist? Wie antworte ich meinem Vater am Telefon auf die Frage, wie es uns geht? Wie halte ich meinen Bruder aus der Verwechslung raus? Was sind meine filialen Rechte und Pflichten? Was sind die Rechte und Pflichten einer Frau im Wahn? Was sind die Rechte und Pflichte einer Angehörigen? Wie kann ich diese Situtation in Zukunft vermeiden? Wie hätte ich sie vermeiden sollen? Wie reagiere ich auf die Gaslightingversuche im Krankenhaus? Wie habe ich mehr Stimmmacht? Wie gebe ich all den anderen Müttern und Töchtern eine Stimme? Wie schreibe ich darüber und wie erkläre ich meiner Mutter, warum und wie ich schreibe? Wie reagiere ich auf diejenigen, die mir vorwerfen, dass ich nicht darüber schreiben soll? Wie werde ich in einer Situation allen gerecht, wenn es keine Gerechtigkeit gibt, wenn es um Krankheit geht?

Viele Grüße

Nicht-Marie-Sophie

Mein Ausstieg aus der »professionellen Neutralität« Vom Umgang mit Machtverhältnissen in der psychosozialen Arbeit

Caroline von Taysen

Von der Theorie zur trialogischen Praxis

Ich möchte einige meiner Eindrücke und Erfahrungen schildern, die ich beim Netzwerk Stimmenhören e. V. (NeSt) in den letzten 16 Jahren sammeln konnte und die mich in meiner Identität als klinische Psychologin sehr geprägt haben. Zum NeSt kam ich direkt nach meinem Psychologiestudium. Neben der naturwissenschaftlich geprägten Mainstream-Psychologie wurden auch zwei alternative Denkweisen gelehrt. Zum Einen die marxistisch geprägte Kritische Psychologie: sie kritisiert den Machtanspruch von Psycholog*innen und Psychiater*innen und die hierarchischen Strukturen psychosozialer und psychiatrischer Einrichtungen. Der Einfluss der kapitalistischen Logik unserer Gesellschaft auf individuelle Handlungsfähigkeit und damit verbundenem psychischem Wohlbefinden wird betont. Zum anderen wurde der sozialkonstruktivistische Ansatz vermittelt. Hier wird davon ausgegangen, dass es keine objektiven Wahrheiten gibt. Stattdessen erschaffen wir mithilfe unserer subjektiven Wahrnehmungen unsere eigenen Wirklichkeiten. Auf sozialer Ebene konstruieren Gesellschaften Werte und Normen, die dann zu ›objektiven Realitäten‹ erhoben werden. Diese ›Wahrheiten‹ befinden sich jedoch in stetigem Wandel und sind nicht ›naturgegeben‹. Ich war begeisterte Verfechterin dieser beiden Ansätze (und bin es bis heute) und freute mich darauf, sie nun endlich in die Praxis umsetzen zu können.

Meine Vorstellung war ganz einfach: Die armen Opfer der unterdrückerischen Psychiatrie müssen gerettet werden! Ich positionierte mich auf die Seite der Psychiatrieerfahrenen und wollte für ihre Rechte kämpfen. Ich wusste, man sagt nicht Krankheit sondern Phänomen zu psychotischem Erleben, und die Behandlung durch Psychopharmaka war ein gesellschaftlicher Unterdrückungsmechanismus, der abgeschafft werden musste. Außerdem faszinierten mich diese außergewöhnlichen Wahrnehmungen, wie zum Beispiel das Stimmenhören.

Das war also die Theorie.

Während des Studiums hatte ich kaum mit psychiatrieerfahrenen Menschen zu tun gehabt, konnte mir daher dieses Bild aufrechterhalten und selbstbewusst meine Positionen vertreten. Kaum war das Studium vorbei, sank jedoch mein Selbstbewusstsein. Ich war nun arbeitslos und kannte mich in der psychosozialen Szene in Berlin kaum aus. Ich hatte keine Ahnung, wie und wo ich denn nun gerne arbeiten würde, und welcher Arbeitsplatz meinen Ansprüchen genügen würde. Wie konnte ich denn nun praktisch umsetzen, was theoretisch so gut geklungen hatte? Wie sah denn nun korrektes Verhalten gegenüber psychiatrieerfahrenen Menschen konkret aus?

Zuallererst als Caro

In dieser Phase meiner beruflichen Identitätsfindung kam ich zum Netzwerk Stimmenhören e.V.. Ich erinnere mich an meine ersten Besuche der Trialoggruppe. Relativ verschüchtert saß ich in der Runde und stellte fest, wie wenig Ahnung ich eigentlich hatte.

Was mich aber vor allem wunderte, war, wie unterschiedlich die Leute in der Gruppe waren. Ich war bis dahin nur relativ homogene politische Gruppen gewöhnt gewesen. Hier kamen die Leute aus unterschiedlichsten Berufsgruppen und verschiedensten sozialen Schichten. Sie waren allen möglichen Alters und vertraten unterschiedlichste Meinungen. Was mich dabei sehr beeindruckte, war der respektvolle Umgang miteinander. Die oberste Regel, dass alle als Expert*innen ihrer eigenen Lebenserfahrungen respektiert werden sollen, und dass die jeweiligen Meinungen und Erfahrungsberichte möglichst ohne Bewertung angenommen werden sollen, fand ich gleichzeitig inspirierend und verunsichernd.

Einige meiner so politisch korrekten Ansichten fingen an zu bröckeln: da gab es stimmenhörende Menschen, die positiv von ihren Medikamenten erzählten, und welche, die die Psychiatrie gerne als Schutzraum aufsuchten. Wie konnte das denn sein? Es gab auch diejenigen, die darauf beharrten, krank zu sein und die damit, dass ihre Stimmen eine Bereicherung für ihr Leben sein könnten, gar nicht einverstanden waren.

Dieser respektvolle Umgang miteinander und das Achten der jeweiligen Grenzen der einzelnen Personen war für mich innerhalb eines Gruppenzusammenhangs keine Selbstverständlichkeit. Auf niemanden wurde Druck ausgeübt, es wurden keine Positionierungen verlangt und vor allem ging es nicht um das Aufstellen von Theorien, sondern um ganz persönliche Erfahrungen. Es ging darum, sich gegenseitig kennen und die verschiedenen Sichtweisen besser verstehen zu lernen.

Was mich berührte, war, dass mit mir als relativ ahnungsloser Psychologin genauso umgegangen wurde. Als ich einmal eine Meinung kundtat, ermahnte mich Hannelore Klafki (psychiatrieerfahrene Stimmenhörerin und Gründerin des NeSt), ich solle doch bitte deutlich machen, dass das meine persönliche Sichtweise sei und keine allgemeingültige Aussage. Das war mir peinlich… Hannelore hatte hier die Funktion einer Professionellen und sicher nicht ich! Ich wurde wohlwollend und akzeptierend aufgenommen. Ich hatte das Gefühl, in erster Linie als Mensch gesehen zu werden, als Caro, und unter anderem auch als Psychologin. Ich hatte auch das Gefühl, genau so viel Platz und Raum zu bekommen, wie ich es brauchte, um im NeSt anzukommen und meinen Platz zu finden. Diese Art des Umgangs miteinander habe ich als sehr heilsam erlebt.

Wer empowert wen?

Ein weiterer Grundsatz des Netzwerkes hat mich geprägt: einer der Hilfen beim Umgang mit problematischen Stimmen ist es, zu lernen, wieder ›Herr*in im eigenen Hause‹ zu sein, also die Kontrolle und Eigenverantwortung über das eigene Leben zu erlangen, und sich nicht den Stimmen unterzuordnen. Als Studentin hatte ich das Prinzip des Empowerment kennengelernt. Dabei ging es allerdings eher darum, als professionelle Person den Betroffenen ihre Machtposition wiederzugeben, sie sozusagen aus ihrer Opferrolle zu befreien. Nun stellte ich fest, was für eine arrogante Haltung das eigentlich ist. Ich hatte noch nie eine betroffene Person gefragt, ob sie überhaupt empowert werden wollte. Wie soll das funktionieren, von außen irgendjemandem sozusagen gnädiger Weise eine Machtposition zuzusprechen?

Heute glaube ich, dass es hier wichtig ist, zwei verschiedene Ebenen zu unterscheiden: die gesellschaftliche, politische, strukturelle Ebene und die persönliche, individuelle Ebene. Auf politischer Ebene macht es meines Erachtens Sinn, hierarchische Strukturen zu kritisieren, festzustellen, welche Gruppen stigmatisiert und benachteiligt werden, Selbstorganisierung zu unterstützen und Forderungen an die Politik zu stellen. Auf einer zwischenmenschlichen bzw. persönlichen Ebene funktioniert das jedoch nicht, da das in eine neue Bevormundung bzw. Anspruchshaltung mündet. Hier müssen wir die menschliche Diversität anerkennen. In einem System, in dem es privilegierte und weniger privilegierte Menschen gibt, ist es logisch, dass der ›Einfluss der Mächtigeren‹ steigt, wenn sie den angeblich ›Schwachen‹ helfen. Damit gehe ich ja implizit davon aus, dass sie meine Hilfe brauchen und das alleine nicht schaffen würden, zementiere damit also die strukturell gegebenen Rollen noch zusätzlich. Bis heute muss ich mich immer wieder neu darum bemühen, nur dann zu helfen, wenn ich darum gebeten werde…

›Des Glückes Schmied‹

Eine weitere Falle für uns Expert*innen durch Beruf ist die individualistische Brille, die uns während unserer Ausbildungen so gründlich aufgesetzt wird. Verbunden mit einer Haltung, dass ›alle alles schaffen können, wenn sie es nur genug wollen‹ wird sie regelrecht gefährlich. Psychotherapie geht davon aus, dass wir in einer vom restlichen Lebensumfeld isolierten Zweierbeziehung zwischen Therapeut*in und Klient*in unsere ›störenden‹ kognitiven, emotionalen und Verhaltensmuster ändern und durch ›bessere‹ ersetzen können. Das Ziel ist meist, innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft wieder gut (oder noch besser) funktionieren zu können. Der britische Psychologe David Smail beschreibt das sehr schön:

[…] psychology has over the past century invented and sustained a magical theology in which it seems that people may choose themselves and shape their future by eradicating their past. Tragedy may be averted by no more, essentially, than wishing that things might be otherwise, and reality is reduced to a set of stories that may be manipulated to result in happy endings. The only thing that people are called upon to do to realise their dreams is to consume, and psychology has been fundamental to the creation of the perfect consumer. […] The strength and integrity of the subject is determined not (as therapeutic psychology would have us believe) by efforts of free will, but by the adequacy or otherwise of the environment (including, crucially, the public societal structures) in which it is located. (Smail 2005: ii-iv, Hervorh. i.O.)18

Ich möchte das an meinem eigenen Beispiel verdeutlichen: Im Rahmen meiner körperpsychotherapeutischen Ausbildung machte ich auch selbst eine Körperpsychotherapie. In dieser Zeit erlebte ich Phasen, in denen ich das Gefühl hatte, kaum noch klar zu kommen. Ich verbrachte dann diese Tage zu Hause im sicheren Bett und hoffte, die Krise würde bald wieder aufhören. Verschiedene Ängste, düstere Vorstellungen und Auflösungsgefühle tauchten auf und ich war mir manchmal nicht sicher, ob ich da wieder heil herauskommen würde.

Ich wusste aber: wenn es zu schlimm würde, könnte ich jederzeit meine beste Freundin anrufen, die im gleichen Haus wohnte und als Krisenberaterin arbeitete. Ich war finanziell und beruflich abgesichert, hatte von daher genügend Zeit zur Verfügung, mich frei von existentiellen Sorgen meinem Innenleben zu widmen. Mein Freund*innenkreis und das Netzwerk Stimmenhören waren an meiner Seite. Außerdem fanden die Krisen im therapeutischen Rahmen statt, ich konnte neue Ideen zu den Bedeutungen der finsteren Welten, die mir da erschienen, entwickeln und konnte sie in meinen therapeutischen Prozess einordnen. Äußerst günstige Rahmenbedingungen also, um an mir ›erfolgreich zu arbeiten‹. Auch verstand meine Therapeutin ihre Arbeit nicht darin, mich auf die kapitalistische Realität einzuschwingen, sondern sie war mir eine Stütze darin, mich möglichst selbstbestimmt und kraftvoll mit diesem System auseinandersetzen zu können.

Ich glaube, es wird deutlich, wie anmaßend und verletzend es ist, dieses ›erfolgreiche Arbeiten‹ von allen Menschen zu verlangen, und ihnen bei ausbleibendem ›Therapieerfolg‹ fehlende Motivation vorzuwerfen! Der Großteil der Bevölkerung ist nicht so privilegiert wie ich. Immer weiter verbreitete materielle Ängste, soziale Isolation, (Selbst-)Stigmatisierung, pathologische Erklärungsmodelle und der immerwährende Leistungsdruck sind das Gegenteil von hilfreichen Ressourcen zur Krisenbewältigung! Viel hilfreicher ist es, explizit anzuerkennen, wie entkräftigend und einengend diese Umstände sind und wie sehr sie außerhalb des individuellen Wirkungskreises liegen.

Versteckt hinterm Mantel der Professionalität?

Auf den verschiedenen Veranstaltungen der Stimmenhören-Bewegung19 fällt mir immer wieder auf, dass die Mehrheit der Expert*innen durch Beruf weiterhin an ihren Machtpositionen festhält, auch wenn wir davon reden, Hierarchien aufzulösen. Wir benutzen eine akademische Sprache und wir sprechen, so wie wir das gewöhnt sind, über unsere Klient*innen anstatt über uns selbst. Unsere jahrelangen Ausbildungen haben uns verinnerlichen lassen, dass Theorien gültiger sind als persönliche Geschichten. Und wenn wir ehrlich sein wollen, müssen wir zugeben, dass wir davon auch profitieren, weil das unsere Machtposition festigt: wir sind auf der souveränen Seite. Wir wissen, was wahr und was falsch ist.

Aber gerade auf diesen Veranstaltungen geht es nicht darum, die professionelle Distanz zu wahren. Es geht darum, als Gemeinschaft zusammen zu kommen und uns gegenseitig dabei zu unterstützen, mit uns selbst besser klar zu kommen und auch das psychiatrische System zu verändern. So, wie es mir das vor vielen Jahren in der Trialoggruppe erging. Es ist ja so einfach, sich hinter dem Mantel der Professionalität zu verstecken, während wir die Expert*innen durch Erfahrung dazu auffordern, ihre intimsten Geschichten zu erzählen. Wie viel Lebendigkeit könnten wir zurückgewinnen, würden wir unseren Mantel nur ein bisschen öffnen und auch unsere Schwachpunkte mehr durchscheinen lassen? Wie oft haben wir uns schon gefragt, was eigentlich unser persönlicher Bezug zum sogenannten Wahnsinn ist? Warum wir uns ausgerechnet diesen Beruf ausgesucht haben? Geben wir es vor uns selbst zu, wenn wir unsicher oder ängstlich sind?

Hören wir auch ein bisschen Stimmen?

Wo sind wir selber ein bisschen merkwürdig oder spleenig, haben vielleicht bestimmte Ansichten, von denen wir denken, dass sie nicht von der Allgemeinheit geteilt werden? Meine Tante erzählte mir zum Beispiel vor ein paar Jahren, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter einige Male deren Stimme hörte, die vom Armsessel im Wohnzimmer her ihren Namen rief. Erst durch ein Gespräch mit mir übers Stimmenhören fiel ihr das wieder ein und ihr wurde deutlich, dass sie das vorher nie jemandem erzählt hatte, vor Angst, ihr würde sowieso niemand glauben. Religiöse oder spirituelle Menschen erzählen von Gesprächen mit Gott oder von Visionen, die sie geängstigt und/oder ihnen weitergeholfen haben, oder einfach davon, in manchen Situationen die Anwesenheit von bestimmten Energien zu spüren. Manche Menschen haben ähnliches unter dem Einfluss von halluzinogenen Drogen erlebt.

Ist das nun schon eine Gehirnstoffwechselerkrankung? Oder nur einer von vielfältigen Versuchen, die komplexe und widersprüchliche Welt, in der wir leben, zu begreifen?

Literatur- und Quellenverzeichnis

Kearney, Anne 2018: Counselling, Class and Politics: Undeclared influences in therapy. 2nd Edition by Gillian Proctor. Manchester.

Proctor, Gillian 2017: The Dynamics of Power in Counselling and Psychotherapy. Manchester.

Smail, David 2005: Power, Interest and Psychology. Elements of a social materialist understanding of distress. Monmouth.

Mit dem Rücken zur Wand – Eine Autoethnographie zum Unbehagen in meiner professionellen, psychiatrischen Identität

Robin Iltzsche

Ich habe so lange geschwiegen, da wird es jetzt aus mir brechen wie eine Sturzflut, und sie werden […] sagen, das ist so schrecklich, das kann nicht wirklich passiert sein, das ist so schrecklich, das kann nicht die Wahrheit sein! Und doch, bitte. Es fällt mir immer noch schwer, mit klarem Kopf darüber nachzudenken. Es ist jedoch die Wahrheit, auch wenn es gar nicht passiert ist. (Ken Kesey – Einer flog über das Kuckucksnest – 1995/1962: 14)

Prolog20

Schon als Kind wusste ich, dass die Irrenanstalt in Arnsdorf ein dunkler, unheimlicher Ort war. Wir machten Späße darüber, wenn sich ein*e Mitschüler*in ›verrückt‹ verhielt: »Der kommst doch aus Arnsdorf, oder?« Späße, die aus der Gemeinheit gespeist sind, die gerade auch Kindern eigen sein kann. Späße, die auch unsere eigenen Ängste vor dem Wahnsinn und der Psychiatrie überdeckten21.

Der Mythos um die Irrenanstalt und eigentlich die ganze verrückte Stadt Arnsdorf blieb der einzige, entfernte Orbit, in dem die Psychiatrie meine Jugend umkreist, bis eine Freundin von mir unter der Last ihrer Welt zusammenbricht, mir in langen Gesprächen, in denen sie übergangslos von Lachen zu Weinen wechselt, das Leid und die Widersprüchlichkeit ihrer Existenz vor Augen führt. Ihr wird später in Arnsdorf eine Borderline-Störung diagnostiziert, womit ich damals nichts anfangen kann, außer dass meine Mutter schluckt, als sie es hört, und meint, dass es also wirklich etwas Ernstes sei. Ich besuche sie in Arnsdorf und stelle fest, wie viel besser es ihr in der Klinik geht – sie wirkt zwar blasser und erschöpfter als vorher, aber wir können wieder ›normal‹ miteinander reden. Die psychiatrische Anstalt, die bis dahin allein eine Quelle von Horrorgeschichten und gemeinen Witzen war, scheint jetzt ein steriler, ruhiger und neutraler Ort zu sein, eine Zufluchtsstätte, ein Rückzugsort und Schutzraum für Menschen in Krisen. Die Klinik in Arnsdorf sieht in Wirklichkeit gar nicht so anders aus, als beispielsweise die Herzklinik in Dresden, die ich gut kenne, da dort nicht nur meine Mutter schon lange als Krankenschwester arbeitet, sondern ich mir auch mal als Hilfskraft ein paar Mark dazuverdiene.

Zugang

Einige Jahre später studiere ich Psychologie und wähle aus Mangel an besseren Alternativen immer wieder die klinische Ausrichtung. So folge ich eher unbewusst einem Pfad, der mich immer näher an das psychiatrische Krankenhaus bringt, von dem sich meine infantilen und existentiellen Ängste nie vollständig gelöst haben. Damit nähere ich mich auch gerade der Krankenhausmaschinerie, die meine Mutter so verflucht, da sie unter der bürokratisierten, hierarchisierten und auf Leistung und Gewinn getrimmten Praxis ihrer Klinik leidet. In der es nämlich schon lang nicht mehr ›um den Menschen geht‹, wie sie sagt. Aber durch eigenen Antrieb und äußere Umstände politisch radikalisiert und mehr und mehr gesellschaftstheoretisch informiert, wähle ich den Angriff nach vorn (der in seinem Schatten vielleicht eine andersgeartete Abwehr und Rationalisierung mit sich führt) und entschließe mich, bestärkt durch intelligente und bewundernswerte, zum Teil kritische und zum Teil keifende Mitstreiter*innen, diesem Feld der Psychiatrie meine primäre akademische Aufmerksamkeit zu schenken. Während der Phase der anderthalbjährigen theoretischen und methodischen Einarbeitung, einer Bachelorarbeit zum Thema, erster ethnographische Probeversuche und dem Versuch sich mit anderen Gruppen zu vernetzen, habe ich mein erstes Bewerbungsgespräch in einer psychiatrischen Klinik, in der ich sowohl ein Praktikum als auch eine ethnographische Feldforschung machen will.

Der impliziten Anrufung der ›ordentlichen Erscheinung‹ gehorchend wurde aus meinem Sidecut eine ordentliche Kurzhaarfrisur, ich war geduscht, rasiert und nicht in kaputter Baggy und Kapuzenpullover, sondern in Hemd und Hose gekleidet. Ich fühle mich dabei immer ein wenig unwohl, wenn ich mich so ›verkleiden‹ und als ›ordentliche‹ Person präsentieren muss.

Von einer Pflegerin am Empfang abgefangen, werde ich zum Warten auf eine Stuhlreihe vor das Büro geschickt, in dem ich meinen Termin habe. Warten ist das erste zentrale Ritual der Psychiatrie, das ich damit vor der Tür der Psychologin kennenlerne. Es ist ein Warten, das besonders auf Seiten der Patient*innen die quälende Last der Langeweile produziert. Es ist ein Warten, das das Vakuum zwischen den festgelegten Zeiten, der festgelegten Gespräche und der festgelegten Aktivitäten durch sein eigenes Nichts verkörpert – es beinhaltet vielleicht sogar den horror vacui, die Angst vor der Leere, der Leere und des Stillstands des eigenen Lebens.

Ohne zu wissen, ob ich nicht auch von selbst hereingebeten werden würde, ergreife ich selbst Initiative und klopfe pünktlich kurz nach 9 Uhr an die Tür. Eine adrette, ältere, brillentragende, weißhaarige Dame in weißem Kittel (die entweder versucht das Klischee ihrer Profession abzubilden oder an der sich dieses Klischee orientiert) begrüßt mich freundlich mit Nachnamen und bittet mich herein. Obwohl ich in unserem E-Mailverkehr den Eindruck gewonnen hatte, dass ich das Praktikum auf jeden Fall machen könne, inszeniert sie doch ein wirkliches Bewerbungsgespräch, indem sie immer wieder skeptisch abschätzend und irgendwie auch abschätzig mit mir meinen Lebenslauf, mein Bewerbungsschreiben und meine ›gesellschaftskritische Haltung‹, die ich in meinem Lebenslauf nicht versteckten wollte, diskutiert; gleichzeitig erwähnt sie von sich aus Widersprüche der Psychiatrie (gesellschaftliche Probleme nicht im Individuum lösen zu können) und zu kritisierende Zustände (die stetigen Kürzungen im sozialen Bereich sowie den Anspruch auf Effizienz der Behandlung auf Seiten der Krankenkassen). Dies ist ein Habitus der Selbstreflexion und Selbstkritik, den ich nicht erwartet habe, dem ich aber immer wieder in der Psychiatrie begegne; es gibt eine Art kollektives Gedächtnis, welches die Angriffe auf ihre Praxis und Profession konserviert (denn die Geschichte der Psychiatrie war immer schon eine Geschichte der Antipsychiatrie; Brink 2010, Foucault 2005), und ein Bewusstsein für die gesellschaftlich vorherrschenden Vorurteile gegenüber der psychiatrischen Institution (der »Stigmatisierung der Klinik«, wie es mal ein Arzt mir gegenüber bezeichnete).

Ihr war auch wichtig, noch einmal mit Nachdruck die Schwierigkeit der Arbeit mit »diesen Leuten« zu erwähnen und dies an die Frage zu koppeln, ob ich mir das auch zutrauen würde. Meines Erachtens lässt sich hier eine Beziehung zu der von Mentzos (1976) so bezeichneten »institutionalisierten Abwehr von Angst« herstellen. Die Psychiatrie übernimmt nicht nur die Aufgabe einer institutionellen Abwehr, sondern sie produziert und inszeniert auch einen angstbesetzten Raum, den Mythos von Arnsdorf, eine Drohkulisse, um für alle eine Abschreckung zu sein; um ein Ort zu sein, an dem niemand sein will und von dem alle wegwollen, wenn sie doch mal dort gestrandet sein sollten. Die Funktionalität für die Psychiatrie der Gegenwart liegt hier in ihrem Gegensatz zum Asyl, das sie gerade nicht mehr langfristig gewähren will; denn obwohl der moderne Mensch in einer Klinik geboren wird und in einer Klinik stirbt, so soll er doch nicht in einer Klinik wohnen. Die Klinik braucht die Unheimlichkeit, auch um nicht ›heimisch‹, um kein alternatives Heim zu sein. Ein weiteres grundsätzliches, immer wiederkehrendes Ritual der psychiatrischen Praxis wird ebenfalls in der Aussage der Psychologin deutlich. Es ist die Produktion einer Dichotomie zwischen Normalität und Wahnsinn, der Patient*innen (»dieser Leute«) und der Normalen (»uns«). Es ist wahrscheinlich auch dieses ›Othering‹, diese Distanzierung, Verfremdung und Exotisierung, die nicht nur das gesteigerte Interesse am Pathologischen, sondern auch die Angst vor selbigen hervorbringt.

Zur Verabschiedung führt sie mich hinaus auf den Gang und in das Stationszimmer, das, wie ich später erfahre, von allen ›Stützpunkt‹ genannt wird und damit in mir eine, vermutlich ungewollt, militärische Assoziation wachruft. Hier händigt sie mir ein paar Informationsmaterialien aus, die gewöhnlich den Patient*innen gegeben werden. Vor allen Anwesenden betont sie noch einmal, dass diese aber auch für die »andere Seite« interessant wären und erklärt damit den Pflegerinnen, die mich und den Vorgang nur beiläufig beobachten, dass ich auf ›ihre‹ Seite und nicht auf die der Patient*innen gehöre.

Das Letzte, was ich sehe, als ich das Gelände dann verlasse, ist ein parkendes Polizeiauto in der Einfahrt für Notfälle, was ich irgendwie schon fast zu plakativ in seiner Symbolik finde. Das Polizeiauto, als Repräsentant des staatlichen Gewaltmonopols, steht ›versteckt‹ hinter dem Klinikgebäude und ist hier trotz der Unscheinbarkeit das Bindeglied verschiedener Sicherheits-, Ordnungs- und Kontrollsysteme.

Nun beginnt ein Warten, das sich für mich über ein ganzes Jahr erstreckt, das Warten auf den Beginn des Praktikums. Je nachdem wie dringlich sie erscheinen oder sie sich präsentieren, sind es für Patient*innen auf der Warteliste zwar häufig nur wenige Wochen bis Monate (so gab es z.B. während meines Praktikum mehrere Fälle in denen Patient*innen, die so bezeichnete ›Suizidkarte‹ ausspielten, das heißt ihnen wurde unterstellt, dass sie eine Suiziddrohung strategisch einsetzen, um die langen Wartezeiten zu umgehen), doch das Warten der Patient*innen in einer essentiellen Lebenskrise kennt eine eigenwillige Zeitlichkeit, das Warten auf Hilfe und Behandlung tickt nicht so gleichförmig und linear wie die Uhren an den Wänden der Klinik.

Eintritt

Ich hatte mir die Wochen vor dem Beginn meines Praktikums endlich mal wieder Urlaub gegönnt und temporär zu verdrängen versucht, dass ich in einer Psychiatrie arbeiten werden muss – vielleicht gleichermaßen der Angst vor der Anstalt als auch dem Unwillen geschuldet, ein weiteres Mal zum Praktikumsprekariat zu gehören und unentgeltlich arbeiten gehen zu müssen. Eine letzte Belohnung und den krönenden Abschluss dieser Ferien stellt ein Festivalbesuch dar und eng geplant, wie es sich ergeben hatte, bin ich erst morgens halb zwei wieder daheim angekommen.

Schon auf der siebenstündigen Rückreise befinde ich mich in einem unwirklichen Zustand, psychiatrisch ausgedrückt: in einem Zustand der Derealisation und Depersonalisation. Gerade war ich noch in einer ausgelassenen und glücklichen Stimmung, habe viel getanzt und gelacht, habe alte Freund*innen getroffen und neue gemacht. Ich war eingetaucht in die Atmosphäre befreit feiernder Menschen, die sich ein paar Tage einer bunten, liebesüberströmten Heilen-Welt-Illusion hingeben. Hier waren die Menschen geschminkt und verkleidet. Sie waren so, wie sie sein wollten oder gerne wären, zwanglos und unkontrolliert, empathisch und solidarisch, hatten gedopte Körper, die nicht müde wurden, und Gedanken und Gefühle, die kurzzeitig wahrnehmen konnten, was Anderen verborgen blieb. Es war die Zelebration des kollektiven Ausnahmezustands. Es war ein Festival der Sinne und der Sinnlichkeit, mit vielerlei Unsinn und noch mehr Bedeutung. Doch nun sitze ich im Bus, auf dem Weg ins Praktikum, auf dem Weg in die Psychiatrie. Ich habe Angst vor der Psychiatrie, da sie mir wie eine Inversion des Festivals erscheint, eine schrecklichere Heterotopie22: ein einfarbiger, klinischer Ort, ein Ort mit viel Leid, Trauer und Gewalt, ein Ort mit geschlossenen Türen, klaren Regeln und einer hierarchischen Ordnung, ein Ort an dem die Andersartigkeit und der Ausnahmezustand Anzeichen von individuellen Krankheiten sind, ein Ort in dem ebenfalls viele Drogen konsumiert werden, aber aus ganz anderen Gründen und mit ganz anderen Folgen, ein Ort an dem auch die zwischenmenschlichen Beziehungen so zentral scheinen und doch häufig gerade durch einen Mangel, durch Machtverhältnisse und Abhängigkeiten gekennzeichnet sind.

Doch neben dieser zugrundeliegenden surrealen Stimmungslage läuft eigentlich alles nach Plan. Ich stehe um 7 Uhr auf, frühstücke, verkleide mich mit meinem Hemd, suche mir ein Notizbuch aus dem Schrank, um meine Feldnotizen machen zu können und radele pünktlich los. In der Klinik angekommen erhalte ich im Sekretariat einen Schlüssel für die Offenheit ausstrahlenden, aber stets abgeschlossenen Milchglastüren der Klinik. Ich werde gebeten, draußen Platz zu nehmen und einen kurzen Moment auf die morgendliche Klinikkonferenz zu warten. Dort soll auch entschieden werden, zu welcher Station ich zugeteilt werde. Das erhöhte meine Aufregung, da ich lieber in einem eins-zu-eins-Gespräch erfahren hätte, ›sie werden der Station XY zugeteilt‹, als in einer Gruppe über mich reden zu lassen. Damit erfahre ich mehr als einen psychiatrischen Initiationsritus, denn das Reden in Gruppen, über andere und über sich selbst, ist ein weiteres zentrales Ritual in der Klinik. Auf Seiten der Professionellen werden so Informationen ausgetauscht, Einschätzungen validiert und mehr oder weniger kollektiv Entscheidungen getroffen, auf Seiten der Patient*innen ist die Gruppe währenddessen immer ein Art ›Versuchsraum‹, in der die Interaktion mit Anderen für die ›richtige‹ Welt geübt werden kann und auch ein Korrektiv, das durch beständige Rückmeldungen die Wahrnehmung der Patient*innen korrigiert, lenkt und formt (die Gruppe, die Klausner 2015: 142, als »das Rückgrat der modernen Psychiatrie-Reform« bezeichnet). Als die Psychologin, die auch das Bewerbungsgespräch vor einem Jahr geführt hat, in den Gang kommt, begrüßt sie mich mit den Worten »Hallo Herr Iltzsche. Sie können sich doch noch an mich erinnern? Gut. Kommen sie rein. Setzen sie sich irgendwo hin.« Ich setze mich natürlich nicht irgendwo hin, sondern begebe mich hinter die U-Form der Konferenztische, da ich sehe, dass hinter den Tischen, an der Wand, noch eine weitere Reihe aus Plastikstühlen und Hockern steht, auf denen auch schon ein paar jüngere Personen sitzen, die zum Teil auch keinen Kittel tragen. Die Sitzung geht für mich viel zu schnell, um mehr zu verstehen, als dass hier anscheinend alle Neuzugänge und Entlassungen besprochen werden, die über das Wochenende stattgefunden haben. Kurz vor Abschluss der Sitzung werde ich als »neues Mitglied des Teams auf Station XY« vorgestellt, wozu ich unbeholfen aufstehe und in die Runde lächele.

Nach der Klinikkonferenz folge ich den Ärzt*innen auf meine neue Station. Im Stützpunkt erhalte ich einen weißen Kittel (das sei so »besser, da man dich dann sofort einordnen kann«) und meine äußerliche Metamorphose gab mir auch einen innerlichen Kraftzuwachs. Der Kittel gab mir Selbstvertrauen, im Kittel war ich sicher. Ich war plötzlich ein Arzt, männlich, weise und sehr weiß.

Doch diese Sicherheit war fragil und kurzlebig. So beschlich mich besonders an diesem ersten Tag, wahrscheinlich unterstützt durch die kurzen und unregelmäßigen Schlafphasen der letzten Tage, mehrfach das skurrile Gefühl in einem Film zu sein. Ich erschrak dabei besonders in der Visite mit einem ›cannabisabhängigen‹ und ›depressiven‹ Patienten in meinem Alter, der ein paar Karrierezufälle weiter vielleicht auch ich hätte sein können.

Begegnung

Ungefähr vier Wochen später hänge ich gerade gelangweilt im Stützpunkt rum. Ich bin jeden Tag genervter von diesem Praktikum. Ich frage mich, wie ich mir so was nur selbst antun kann. Gibt es vielleicht irgendeinen masochistischen Trieb in mir oder erlebe ich eine dem kapitalistischen System geschuldete Entfremdung? Vermutlich beides. Aber es ist nicht mehr lang und ich halte das jetzt durch.

In den Stützpunkt kommt Frau Müller. Sie ist eine junge, hübsche Schülerin, die vorgestern aufgenommen wurde, da sie anscheinend während eines drogeninduzierten, psychotischen Schubs ihre ältere Schwester für eine Art Dämonin hielt und sie mit einem Küchenmesser angegriffen hat. Sie hat sich seitdem meist weinend auf ihrem Zimmer aufgehalten. Sie kommt zum Stützpunkt und will mit Herrn Schmitz, einem Assistenzarzt reden (ihre Mutter ist auch gerade zu Besuch und hält sich währenddessen weiterhin in ihrem Zimmer auf). Ich sitze im hinteren Teil des Stützpunktes und schaue immer mal rüber, was ihr anscheinend auffällt, da sie halb an Herrn Schmitz, halb an mich gerichtet zu erfahren verlangt, wer ich eigentlich sei. Ich gehe rüber und stelle mich als Herr Iltzsche und psychologischen Praktikanten auf der Station vor. Daraufhin bleibe ich bei ihnen stehen und schenke ihr zusammen mit Herrn Schmitz mein Gehör. Ich verstehe nicht alles, was sie erzählt. So spricht sie mehrmals irgendwas von Jesus, vor dem sie sich zu fürchten scheint, bis sich herausstellt, dass sie einen bärtigen Pfleger meint, der gerade im Flur vorbeigelaufen ist und in dem sie anscheinend Jesus wiedererkennt. Was sie aber eigentlich wissen will, ist, wie lange sie noch hierbleiben muss, da sie »hier unbedingt wieder raus« muss. Sie insistiert auf der Frage, was sie denn tun müsse, um wieder entlassen zu werden und beteuert, dass es ihr leidtut und sie ja auch nichts mehr anstellen wird. Der Arzt umgeht die Beantwortung der Frage geschickt, indem er ihr erzählt, dass »sie ja erst mal hier ist, damit sie wieder zur Ruhe kommen kann« und »ihr hier auch nichts Schlimmes passieren wird«. Anscheinend unbefriedigt von der Antwort, fragt Frau Müller an mich gewandt noch einmal, was sie denn tun muss, um entlassen zu werden. Ich erkläre ihr, dass es eigentlich nur zwei Gründe gibt, die es nach dem Gesetz erlauben, jemanden gegen seinen Willen in der Psychiatrie unterzubringen: der gesicherte Verdacht auf Fremd-oder Eigengefährdung. Sie erklärt sofort, dass beides nicht vorliegt, aber muss sogleich feststellen, dass ihre Beteuerungen auch nichts ändern. Zumindest scheint sie durch meine konkretere Antwort Vertrauen zu mir gewonnen zu haben, da sie nun sagt, dass sie sich mit mir gerne allein unterhalten will. Obwohl ich eigentlich gerade Feierabend habe und der Arzt mir zu verstehen gibt, dass ich darauf nicht eingehen muss, stimme ich ihrem Vorschlag zu und wir suchen uns ein anderes Zimmer, um uns ungestört zu unterhalten. Da der Aufenthaltsraum durch andere Patient*innen besetzt, die ›Bibliothek‹ gerade durch ein Extrabett belegt ist und sie nicht zu ihrer Mutter in ihr Zimmer gehen will, schlägt sie vor, sich doch einfach kurz auf den Boden vor ihre Tür zu setzen. Da ich keine bessere Alternative vorschlagen kann, stimme ich ihrem Vorschlag zu und wir setzen uns mit dem Rücken zur Wand auf den Boden. Ich bin unglücklich über diese Lösung, aber zumindest beruhigt, dass gerade kaum noch Mitarbeiter*innen auf Station sind und sich gerade niemand im Flur aufhält. Ich frage sie, wie es dazu gekommen ist, dass sie nun hier ist, was sie für mich nur wirr und unverständlich mit der Geschichte beantwortet, dass sie im Krankenhaus war und sie da verfolgt wurde. Ich frage sie, was sie gemacht hat, bevor sie im Krankenhaus war, woraufhin sie mir ein wenig von illegalen Raves, Drogen und ihren Schulfreund*innen erzählt. Im Gespräch wird mir plötzlich klar, dass sie davon auszugehen scheint, dass auch ich »auf einem Trip bin«, was ich verblüfft und beschämt verneine und ihr nochmal erkläre, dass ich psychologischer Praktikant auf dieser Station und »gewiss gerade auf keinem Trip« bin. Sie fragt sich, ob sie denn später wieder Drogen nehmen darf und welche, dass ja »Kiffen bestimmt kein Problem« sei usw., worauf ich ihr zu erklären versuche, dass das bestimmt keine gute Idee ist, da eine einmal ausgelöste Psychose ganz schnell durch Drogenkonsum wieder ausgelöst werden kann, und dass es jetzt erst mal für sie darum gehen muss »gesund zu werden«. Sie meint, dass sie unbedingt raus will, fängt an zu weinen und sagt »ihr macht meinen Kopf Matsch«, worauf ich die in der Klinik gelernte Floskel anwende: »Dabei wollen wir Ihnen nur helfen.« Zwischenzeitlich wirft sie mir auch vor, dass ich das ja hier eigentlich toll finde, wenn sich ein Mädchen »so vor mir ausheult«, worauf ich ihr ehrlich zu versichern versuche, dass eigentlich das Gegenteil der Fall ist und ich es ziemlich schrecklich finde, zu sehen, wie es ihr geht. Wir reden noch ein bisschen über ihre religiöse Einstellung, dass sie am Religionsunterricht teilnimmt und auch bei einer christlichen Jugendgruppe aktiv ist. Als sie am Ende des Gesprächs nochmal fragt, was sie jetzt tun muss, sage ich eindringlich, dass ihr Ziel sein muss »wieder klar zu kommen« (womit ich absichtlich einen Sprachstil verwende, den ich normalerweise in der Klinik nicht an den Tag legen würde, aber der mir hier angemessen erscheint) und sie wieder lernen muss, die Realität von ihrer Phantasie zu unterscheiden. Als wir aufstehen, will sie mich zum Abschied umarmen, was ich wiederum beschämt ablehnen muss. Holprig versuche ich ihr zu erklären, dass wir uns so verabschieden könnten, wenn wir uns außerhalb der Klinik kennengelernt hätten, in der Klinik aber eine gewisse Distanz zwischen Patient*innen und Personal vonnöten ist.

Ich bleibe auf Abstand zur Psychiatrie. Es bleibt ein generelles Unbehagen bei dem, was hier geschieht. Ich bleibe widerständig, sei es nur im Kleinen. Mich stört es, wie Patient*innen infantilisiert werden und bemühe mich selbst um eine ehrliche Begegnung. Ich will mich nicht mit dem leeren Sprechen ohne inhaltslosen Antworten zufriedengeben, noch unterwerfe ich mich allen Regeln, die auch mein Verhalten hier strukturieren sollen. Doch hat die Psychiatrie mich schon längst eingeholt und eingefangen. Ich sitze mit dem Rücken zur Wand. Ich bin damit ein Teil von ihr und sie ist es in mir, auch ohne und gegen meinen Willen, schon längst geworden. Es ist längst eine subtile psychiatrische Subjektivierung23 im Gange. Ich versuche zu verstehen, doch verwirrendes tue ich ab. Höre ich nicht zu? Ich folge der psychiatrischen Suche nach Gründen und gebe Empfehlungen. Weiß ich es denn besser und wurde ich um Ratschlägen gebeten? Wenn ich nicht mehr weiterweiß, verstecke ich mich hinter der Ideologie der Hilfe und der Fürsorge. Bin ich damit jetzt Freund und Helfer? Ich gehe (therapeutische) Beziehungen ein. Doch bestimme ich nicht letztlich die Distanz?

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
474 s. 8 illüstrasyon
ISBN:
9783960428138
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