Kitabı oku: «Georgiens Herz»
The book was published in the frames of the program Georgia the Guest of Honor country at the 2018 Frankfurter Buchmesse with the support of Ministry of Culture and Sport of Georgia and the Georgian National Book Center.

Dieses Buch wurde im Rahmen des Programms Georgien als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2018 mithilfe vom georgischen Ministerium für Kultur und Sport und dem Georgischen Buchzentrum veröffentlich.
GEORGIENS HERZ | Reihe Via Egnatia 
Giorgi Lobzhanidze
(Hrsg.)
GEORGIENS HERZ
ist … mit Poesie infiziert
33 Gegenwartslyriker*Innen
Aus dem Georgischen von
Nana Tchigladze
Nachgedichtet von
Sabine Schiffner

Auch dein Dasein wird nur bis zum Ende des Gedichts andauern, so als ob auch du nicht wärest
…
Paata Shamugia
Dichtung bedeutet, die Welt aus den Leerstellen der Routine heraus anzuschauen.
Giorgi Shonia
Inhalt
VORWORT
Diana Anphimiadi
Paata Shamugia
Eka Bakradze
Manana Chitishvili
Giorgi Lobzhanidze
Tariel Chanturia
Diana Anphimiadi
Eka Bakradze
Zaza Koshkadze
Dalila Bedianidze
Tariel Chanturia
Manana Chitishvili
Vasil Beselia
Giorgi Lobzhanidze
Vakhtang Javakhadze
Soso Meshveliani
Kato Javakvishvili
Givi Alkhazishvili
Rusudan Kaishauri
Nino Darbaiseli
Beka Akhalaia
Nino Darbaiseli
Naira Gelashvili
Kato Javakhishvili
Zaza Bibilashvili
Tea Topuria
Rezo Getiashvili
Maia Sarishvili
Omar Turmanauli
Misho Dadiani
Naira Gelashvili
Batu Danelia
Misho Dadiani
Soso Meshveliani
Zaza Bibilashvili
Batu Danelia
Rezo Getiashvili
Tea Topuria
Giorgi Shonia
Davit Tserediani
Rusudan Kaishauri
Eka Kevanishvili
Zaza Koshkadze
Vakhtang Javakhadze
Zura Jishkariani
Zviad Ratiani
Zura Jishkariani
Ela Gochiashvili
Davit Robakidze
Zviad Ratiani
Omar Turmanauli
Lela Samniashvili
Eter Tataraidze
Maia Sarishvili
Beka Akhalaia
Davit Robakidze
Lela Samniashvili
Davit Tserediani
Vasil Beselia
Paata Shamugia
Eter Tataraidze
Eka Kevanishvili
Dalila Dedianidze
Giorgi Shonia
Givi Alkhazishvili
Vakhtang Javakhadze
Nachwort

VORWORT
Das Herz posten
Als Maia Danelia – die Literaturmanagerin des Georgischen Buchzentrums – mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, einen georgischen Lyrikband für deutsche Leser zusammenzustellen, war ich sofort begeistert, stand jedoch gleichzeitig vor einer komplizierten Aufgabe: Laut Absprache mit dem Größenwahn Verlag – der die Idee hatte, ein Buch mit unveröffentlichten, jungen Gegenwartslyrikern herauszubringen – sollte der Gedichtband höchstens 22 LyrikerInnen mit je zwei Gedichten umfassen. Ich entschied mich für eine chronologische Linie und suchte Autoren, die bis zuletzt schöpferisch aktiv waren. Um der absoluten Unbefangenheit willen schrieb ich zuerst die Namen aller derzeit in Georgien tätigen wichtigen Poeten auf und entdeckte, dass, einerseits zum Glück, andererseits zu meinem Leidwesen, ihre Anzahl die 100 überschritt.
Die Entscheidung, 33 Poeten in den Sammelband aufzunehmen, hat einen symbolischen Hintergrund: Das georgische Alphabet, das in der ganzen Welt eines der ältesten und originalgetreuesten Schriften ist, besteht aus 33 Buchstaben. Daher lässt sich die Anzahl der in der Anthologie vertretenen Dichter als symbolische Darstellung der Buchstaben des georgischen Alphabets beschreiben.
Im Sinne des Inhalts versuchte ich künstliche Exotik zu vermeiden. Genauer gesagt will ich verhindern, dass dieser Sammelband in den Augen des Publikums wie ein Klischee klingt, das in den deutschen Köpfen aufgrund zuverlässiger oder unzuverlässiger Quellen über den kaukasischen Charakter oder den Orient vorherrscht. Exotik in der Literatur ist ein treffsicherer Agent, aber ein schlechter intelligenter Berater. Daher erhoffe ich mir, diese authentischen Texte adäquat wiedergegeben zu haben. Exotik aber folgt diesem Verstehen ohnehin – Exotik der Berührung mit dem Fremden, mit dem Andersartigen.
Ich erinnere mich an einen Satz des tschechischen Schriftstellers Milan Kundera: »Die kleineren Nationen haben immer viele große Dichter!« Ungeachtet der transparenten Ironie dieser scharfsinnigen Bemerkung muss man gestehen, dass diese Worte der absoluten Wahrheit entsprechen. Vielleicht deswegen, weil die Dichter kleinerer Nationen eine noch größere Aufgabe haben, als nur die Aufbewahrung literarischer Traditionen oder die meisterhafte künstlerische Beschreibung ihrer eigenen Einstellungen. Ihre Existenz gibt den Nachkommen Hoffnung auf die Zukunft. Mithilfe der Poesie treten sie der realen Gefahr der Vernichtung entgegen, um wiederum gegen das Nichtsein anzukämpfen. Dieser Zustand erfüllt einen Dichter mit jener fast mystischen Bedeutung, die er in den traditionellen Gesellschaften und Kulturen immer hatte.
Was den Titel des Vorworts betrifft, bin ich nach langem Überlegen auf die Idee gekommen, die Anthologie mit der Überschrift eines meiner hier abgedruckten Gedichte Das Herz posten zu überschreiben. Ich denke, dass diese Kopfzeile sowohl zu den Aufgaben der Poesie als auch zu dem modernen Verstehen der Lyrik in der digitalen Welt passt. Letztendlich ist jedes Gedicht, das zu Blatt gebracht wird, eine Vereinigung bestimmter Symbole und alles hängt davon ab, welchen Inhalt wir selbst in diese Symbole legen, genauso wie in die auf Facebook geposteten Herzen, die nur bloße Symbole sind – doch sie erwachen zum Leben und lernen zu schlagen, wenn der Empfänger dazu imstande ist, dieses Symbol in seiner ganzen Fülle wahrzunehmen.
Giorgi Lobzhanidze
Tiflis, März 2018

Diana Anphimiadi
Das Mähen
Der Sommer mäht an meinen Händen
Daten, Fristen,
Garben der Freude mäht er von den Augen.
Von der Wiege des Säuglings an
mäht er den Flanell, mit dem dieser in Berührung kommt
und viele
erste Gefühle –
man hörte, man sah, man wunderte sich dann.
Der Sommer mäht das Vergessen
und mäht das Andenken,
den gebrochenen Körper
– bis das Seil deiner Stimme abriss –
auf dem ich lange gelaufen bin,
eines Tages riss es ab …
die blauen Blumen des Schweigens
mäht der Sommer.
Das Wort ist das Dach auf meinem Haus und
ich stampfe es fest,
das Wort »Liebe« habe ich darauf gebaut
– das Nest eines Storches bringt Glück.
Vielleicht schlüpfst du eines Tages
aus dem Spiegel, aus dem Stein heraus –
ich bringe dir das Fliegen bei und
du flögest davon und kämest nie zurück.
Der Sommer mäht … im Gras
ließ ich die Schuhe mit den Absätzen
wie ein paar Heuschrecken …
die Sense blitzt wie ein Lachen,
die Enden der Haare und auch die Liebe
mäht der Sommer.
Das kürzeste Ende
will er sich am buntesten machen.
Paata Shamugia
Die Zielscheibe
Wenn die Fenster von alleine zugehen
und die Monde in den Pfützen erblühen
und die Flüsse ihre Wellen hochkrempeln
und unsere Herzen wie Hunde
von den Ketten losgelassen werden
und sich auf die Herzen aller Verliebten verteilen,
genau dann will ich dich hier haben.
Wenn die Lichter erlöschen
und sich die Finsternis entzündet
und die Träume sich beeilen
und sich vergrößern und wirklich werden
und die Bäume Vögel tragen
und wir die Körbe mit reifen Spatzen füllen
und sagen: »Wir haben Hunger«,
genau dann will ich dich hier haben.
Wenn die unzähligen Bewegungen des Windes
unzählige Bedeutungen bekommen
und meine Freude
mit den Winden und Winden übereinstimmt …
und ich einen von den Winden wie das schlachtbereite Schaf
am Gürtel anbinde,
genau dann will ich dich hier haben.
Wenn ich lerne, den Steinen auszuweichen
und mit den nach mir geworfenen
»Steinen einen Tempel erbaue«
in den die Götter eintreten und
mich leise um Glück und Hoffnung bitten,
die sie mir kein einziges Mal gespendet haben,
erst dann werde ich existent, wie die Fahne,
die auf dem Mond gesetzt wurde
und ich werde erwartet
wie das wechselnde Wetter
und ich werde unruhig
wie die zu erwartende Liebe,
genau dann will ich dich hier haben.
Eka Bakradze
Der Amethyst
Er war eine Schneeflocke und sie starb in meiner Hand,
er war eine Träne und sie floss mir vom Gesicht,
als es ihn nicht mehr gab, war er in einem anderen Land,
als es ihn noch gab, berührte er mich nicht.
Er war ein Herz und es ließ mich mitmachen,
er war ein Wind und er ließ mich mitgehen,
er war ein Kummer und ich hatte nichts zu lachen,
es war einmal ein Märchen und es gab nichts mehr zu sehen …
Ich vergnügte mich mit tausendundeinem Gedanken,
ich lebte mit den zehn Geboten und voller Begeisterung,
er war eine Ikone und ich eine Kerze, brennend ohne Schwanken,
er war ein Gebet und ich betete für meine Seele um Erlösung.
Er war ein Kummer, nicht los wurde ich ihn,
er war allein und ich kam an ihn nicht ran,
es war der März, den hab ich versäumt, er ging so dahin,
er war eine harte Nuss und fasste mich nicht an,
er war eine Träne, die auf meiner Brust verschied,
er erschien mir im Traum und ließ mich nicht mehr gehen,
er war ein Feuer, aber der Wind fehlte, weil er mich mied,
eine Frau war ich und … er hat mir zugeredet!
Manana Chitishvili
Der Herbst
Egal, was mir für eine Mär erzählt wird,
hier setzen mir völlig andere Gedanken zu,
du, Pschawi-Aragwi, verwahrlost siehst du aus, groß
wie die Tränen von Wascha-Pschawela bist du.
Wenn auch dieser Tag gottgewollt war,
sage ich nicht, das Schicksal sei keine Zierde,
wie viele hören auf zu leben, da
sie nicht anders können, wegen ihrer Begierde.
Mit seiner Verzierung aus goldenen Blättern
drückt der Wald seine Schönheit aus,
der geweihgeschmückte Hirsch geht röhrend
über Magharoskari nach oben von dannen.
Du, Herz, du bist mit Kummer gebrannt, nicht beglückt,
du bist mit dem Kalk der Tränen geschliffen,
wie glücklich bist du, den Hirsch, geweihgeschmückt,
vermisst du,
– dann brüllst du!
Giorgi Lobzhanidze
Die Fliege
Der Frühling hat hier später begonnen,
Winde verfinsterten den Hof ja.
Ich konnte nicht zurückkommen,
blieb direkt vor der Regenzeit da.
Ich vermisste dich, grub mir selber ein kaltes Bett,
das war wie ein Grab.
Ich bin zu, kann nicht denken;
– war’s ein Hindernis, eine Türschwelle, die es da gab …
Was ist bloß hinter dieser Tür?
Was ist bloß außerhalb von diesem Haus? –
Löwenzahnsamen, die sprachlos den Aprilwinden folgen,
fliegen zu dir raus,
oder dieser Brief, oder der ätzende Brennnesselstiel im Wald,
oder aber:
Eine Fliege, die unter Schmerzen gegen das Fenster knallt …
Ich weiß es nicht; denn ich weiß nur:
Um deinen Körper kreist des Sanddorns Wind,
du entkamst dem Regen nicht,
stehst auf der Straße, die Regentropfen nie zuende sind …
Es gelingt mir nicht, dir zu helfen,
ich sitz immer so da am Tisch der Erinnerung;
aber ich sitze nicht, werfe mich gegen die Fensterscheibe,
so wie die Fliege, mit Schwung.
Das Glas ist so glatt wie das Herz …
Ich folge den Wolken, die voller Regen sind,
und breite mich zu deinen Füßen aus,
so wie die armselige Pfütze, der Regenwolken Kind.
Zieh dich nicht von mir zurück,
nicht von der Straße, von den Bäumen, die prahlend steh’n;
zieh dich aus und komm in mir,
ich ergieße mich über dir, und das ist warm und schön …
Ob ich jetzt schmutzig bin?!
Ist doch kein Problem! Schmutzig ist selbst der Jordan,
getauft wirst du in mir,
sauber sind wir beide aber nicht immer dann.
Du gehst nach Haus, trocknest dich ab,
verteilst die Nachtcreme auf dem Gesicht,
dann setzt du dich leise ans Fenster,
strickst Strümpfe mir bei Kerzenlicht …
Vor dir haben viele schon gut gestrickt,
der Asche und dem Ruß ist das alles gleich,
aber, meine Liebe,
Odysseus kehrt nicht mehr zurück nach Haus in sein Reich.
Ich bin hier, hier bin ich,
ich hänge im Dach wie das verführerische Netz der Spinnen,
nur bin ich darin gefangen wie eine Fliege …
jemand anderes will dich mit Briefen gewinnen …
Ich aber bin eingesperrt …
draußen sind die Menschen … aber diese viel zu dicke Mauer
begrenzt mit unbeschreiblich undurchlässiger Strenge
meinen winzigen Hof und ich lauer’
dahinter, wohn nicht mitten im Dorf,
bin eine Fliege am Fensterglas, gefällt
liege ich am Rande des Dorfes so da, wie ein Baum auf dem Feld.
Es ist mir egal,
trampelte mich auch alles Vieh der Welt kaltherzig nieder,
stand ich doch in der nächsten Minute wie Unkraut bei Fuß wieder …
Jetzt aber bin ich in Not,
ich muss die kalte Fruchtlosigkeit dieses Netzes zerstören,
schau, die Liebe nährt sich an mir, wie die Spinne,
sie will auf mich nicht hören,
was will die Spinne, Blut oder Fleisch,
oder vielleicht den Schaum der hohlen Träume?
Es regnet.
Wie entkomme ich ihr,
an ihren Beinen mit tausend Fäden festgebunden …
Penelope,
ich sitze mit meiner Traurigkeit an der Tafel der Erinnerung,
hab dich nicht gefunden,
ich bin das Spinnennetz und …
die zur selben Zeit in diesem Netz gefangene Fliege …
Tariel Chanturia
Das Lob
Die Liebe! Eine einseitige?
Das ist die echte Liebe!
Du hast keinen Rivalen,
das ist deine Liebe …
Eine einseitige Liebe
ist mehr als die Liebe!
Was wären mein
Leben und mein Dasein –
wenn ich nicht jene Nächte
der Qual durchwachte …
Sie ist so groß – man wundert sich, dass
sie in ein Herz passt!
Übrigens, ihre Treue
ist anderen überlegen!
Sie ist zweimal größer
als die Liebe dieser beiden! –
Es lohnt sich nicht, sie zu benennen,
weder Nestani noch Medea …
Glücklich ist derjenige, der
in diesem Sinne ein Sonntagskind ist!
Wer einseitig liebt,
oder wer einseitig geliebt wird …
Diana Anphimiadi
Die Medusa-Gorgona
Als ich dir sagte, es passiere nichts,
habe ich gelogen.
Es passiert, es passiert jeden Tag,
Brücken, Aussichten …
Da ich mich von der Liebe habe erobern lassen,
streite ich, für manche – geköpft,
für die anderen – ein Spiegel – beim Hinsehen
versteinert man,
erstarrt.
Als ich dir sagte, es passiere nichts,
habe ich es einfach vergessen. Seit diesem Tag
trägt jeder Reiter, jeder Fußgänger
meinen Namen
– den Namen einer Geköpften –
als Schild mit sich herum …
Wenn mir jemand Steine zuwirft,
kommt die Antwort mit den Steinen …
Als ich dir sagte, es passiere nichts, habe ich dich angelogen.
Es passiert nicht Nichts, ich atme, ich existiere,
das Herz
ist ein erstickender Tumor in meiner Brust, an meinem Busen,
ich schnitt die Melodien aus,
die bösartigen Eigenschaften der Musik, Metastasen,
die die Stimmen der verlorenen Tage mitnahmen,
das Herz – ist ein Warzenkrautstrauch,
der verwelkt.
Wehe, es würde sich lohnen,
nachts hängt der Kopf an einem Härchen
an meinem Hals, morgens brennt die frisch verheilte Wunde
dann von Neuem …
Eka Bakradze
Das Plötzliche
Ganz plötzlich springt mir das Herz entzwei,
denn es gibt gar keine Spuren mehr davon,
worüber ich mich vor einer Minute freute,
wo vor einer Minute der Vogel sang,
malt dieser Ast jetzt
seinen eigenen Schatten
auf den Boden …
Zaza Koshkadze
Die Straßen
In den Straßen,
den Adern der Stadt,
bewegen sich die Menschen wie Blut.
Du aber bist so traurig,
als hättest du vom Frühling Abschied genommen.
Die auf die Trassen gezeichneten weißen Gleise
bringen Wärme in die Stadt.
Und der Himmel ist mein himmelblauer Rucksack,
mit dem ich dir die Sonne bringe.
Dalila Bedianidze
Die Kraft
»Sag mir, wo du deine Kraft hernimmst,
sag es mir, sag« –
fragte mich mein untreuer Freund
und lächelte mich dabei an,
ich vergaß,
dass er untreu gewesen ist und …
sagte es ihm …
Tariel Chanturia
Die Carmen
Ich sehe die aufgeschlagenen Zelte am Rande des Weges,
ich sehe die traurige Carmen vor dem Zelt:
Carmen singt!
Carmen tanzt!
Carmen ist gierig nach Kleidern!
Und obwohl ihr Wesen die zweifelhafte Gabe des Verrats
nicht besaß,
– musste sie verraten! – Wo ist der Kerl,
der für ihren Verrat taugt?
Manana Chitishvili
Die Rosen
Ich schaue die goldene Mahd des Feldes an
und gräme mich, der Sommer ist vorbei, er ist gegangen …
du dachtest,
du hättest mir mit dem Dolch einen Stich versetzt,
aber in meinem Herzen blüht eine Rose.
Da kam der Mazili mit der Dunkelheit der Nacht Nabadi
und reichte mir seine blutbeschmierten Pranken …
du dachtest,
ich sei gefallen und habe das Bewusstsein verloren,
aber ich stand mit neuer Größe vom Boden auf.
Alle märchenhaften Säume der Vergangenheit,
die ständig wogen wie das Meer, sind abgerissen,
du dachtest, ich sei am Ende, ich gehe aus,
genau dann habe ich den Hals gereckt, um zu singen.
In der Ferne klirrt eine göttliche Tschangi
Und sie ruft Osiris zur Auferstehung …
Warum erschreckst du mich mit dieser Klaue,
ich bin von einem anderen Licht umhüllt.
Auf den Bergen wuchert der Nebel,
die Sonne zeigt sich durch die Schlossmauer der Wolken
und im Herzen blüht nicht das Blut,
sondern Rosen.
Vasil Beselia
Die Erinnerungen
Solange ich dich wie den Tod
immer wieder suche,
regnet es über mir,
der grüne Regen von der Zeit,
an die ich mich immer wieder erinnere
auf den Wegen von Tabachmela,
von Mohnblumen,
zerkratzten Wangen;
solange ist der Bach aus Erinnerungen
voller Tränen
auf meiner
Insel der Einsamkeit,
und im Traum brennen mir die Hände,
der rosa Busen der Stalaktiten …
… Halte mein Handgelenk genauso wie damals,
wenn du mir einen Kuss gabst,
der war wie ein Schmetterling,
wenn du mich aus der Schlucht der Leidenschaft ziehst,
um mich wieder in die Schlucht zu werfen …
… die Jahre haben sich
gehorsam genährt,
nun lohnt es sich gar nicht mehr,
das Leichentuch der Erinnerungen zu sticken …
Verzeihe mir, einem Normalsterblichen …
ich konnte gar nicht
so verlässlich sein
wie der Tod …
Giorgi Lobzhanidze
Das Herz
posten
Ich bin so allein,
glaube an die bei Facebook geposteten Herzen
wie an einen Gott,
der mich seit meiner Kindheit in den Arm genommen hat
und mich jetzt dem Schicksal ausliefert
und durch enge Tunnel leitet,
jeden allerkleinsten Fehler
reibt er mir unter die Nase …
Nur dadurch fühle ich,
dass er existiert,
und auch durch dich,
die ich wie Gott,
entsetzt vor lauter Einsamkeit,
erfunden habe …
Den in den Februargewässern zappelnden
Fischen kommt es normal vor,
sich die Vorstellung als Wirklichkeit zu backen
und in diesem Öl zu zappeln
wie in einer Pfanne …
Das Brutzeln ist eine Erfindung.
Und der Kohlenmeiler ist es,
das von dir Gedichtete und Geschaffene,
wenn sie dir sagt: »Ich existiere nicht für dich,
ich bin nicht die, die du schufst!
Ich wurde aus dem Garn der Sünde geflochten
und nicht von deiner lichterfüllten Hand!«
So ist es bei den Februarfischen üblich,
sie schwimmen fort
von den heimischen Felshöhlen,
sie brutzeln wie erfunden
in der Pfanne …
Und das ist einfach,
so lange, wie es die Erfindung von jemandem ist,
so wie auf Facebook ein blutrotes Herzicon zu posten,
bis dieses Herz eines Tages wahrnimmt
und lernt
zu schlagen …

Ela Gochiashvili
Der Mensch
In diesem Haus,
im Haus der Großmutter,
hieß ich Finklein.
Das Haus stand in der Mitte des Winters.
Es schneite leise
auf den Platz wo der Ofen steht,
auf die Zäune, die Süßkirschenbäume.
Der Winter siedete in der Teekanne,
er wurde aufgebrüht,
mit den über den Dampf ausgestreckten Händen,
der dreiunddreißigjährige junge Mann,
– ein Alkoholiker und Begabter –
war mein Onkel.
Der Ex-Gulagbewohner, mein Urgroßvater,
war lange nicht mehr am Leben,
den meine Urgroßmutter
auf einer Geburtstagsparty kennengelernt hatte.
»Die Tschocha hatte er schräg über die Schultern getragen«,
erinnerte sie sich,
während ihre unglaublich
jungen blauen Augen blitzten.
Es schneite draußen ohne Unterlass …
Auf dem Dachboden gab es Unmengen von Mäusen
und »Tamro«-Birnen.
Den ganzen Winter hindurch wurden bei uns
Maiskolben entkernt,
entkernt wurden sie langsam,
dabei unterhielt man sich.
Beinah überwinterten bei uns
die Alten unserer Wohngegend:
Mascho, Nanija.
Es ist höchste Zeit, einen Tee zu trinken, sagte der Opa,
dabei legte er den Bleistift ins Buch;
wir nahmen die eingemachten Pfirsiche heraus –
sie waren zuckrig und schwer zu essen;
einen in der Kohlenglut gebackenen Kürbis
entfernte die Oma, die Asche abkratzend
und es schneite draußen …
»das Finkenvöglein möchte schlafen«,
sagte der junge Mann,
der die Hände über dem Dampf ausstreckte,
der ein Alkoholiker und folgsam war,
der mein Onkel war,
und dem
nur seine große Schwäche und Hilflosigkeit
die Kraft gab,
um aufzuhören zu leben.
… Mit den Händen über dem Dampf –
So ist er in meiner Erinnerung geblieben.
»Das Finkenmädchen möchte schlafen«,
zitterte er mit seiner Sanftheit,
Engel der Ortschaft,
dann legte sich die Oma neben mich hin,
vom Duft des Ofens und der Märchen
war sie voll.
Sie flüsterte die Geschichte von den vermissten Waisen;
auf der gekalkten Wand aber
formte sich die Welt,
die nur für mich sichtbar war,
und ich fürchtete mich …
Meine Oma, müde vom Leben,
freudloses, unglückliches Einzelkind.
Sie zeigte sich als Sorglose
und so versteckte sie sich vor den Menschen.
Sie schaffte es nicht, den Kummer aus dem Herzen zu holen,
und ihn auf alle Zäune aufzuhängen.
Eine zufluchtsuchende Katze und Kummer
darf man nicht aus Mitleid nach draußen werfen.

Heute steht auf diesem Hof
ein fremder Mann und sagt:
mein Hof,
mein Haus,
alles ist meins, meins!
Ihm gehört alles, Gott vermehre seine Nachkommen,
aber wo kann ich mich
nach meiner Kindheit erkundigen,
wo kann ich nach dem Finken fragen!
Unsere Wurzeln grub der Neusiedler heraus,
er schmiss sie über den Zaun
als nutzlos, unnötig, fremd …
Meinen Schnee,
meine Alten,
mein Dach und »Tamro«-Birnen,
wie kann ich euch einen Gruß schicken?

Was ist heute aus eurem Fink geworden?!
Niemand –
eine geduldige Frau
und
eine Dichterin des Todes,
aber ihr ist nicht zu verzeihen,
weil Gott eigentlich
etwas völlig anderes mit ihr vorhatte:
den Menschen – die Lebendgebärende.
Vakhtang Javakhadze
Die Kinder
Ihr seid so wundervoll, Kinder,
bis eure Kindheit verrinnet.
Solange spielt ihr mit Sonne,
solang spielt mit euch die Sonne,
bis ihr gleich Schafen ganz sanft seid,
bis ihr vollkommen ganz sanft seid,
wird eure Kindheit verrinnen
seid ihr bald gleich euren Eltern.
Soso Meshveliani
Die Stimmlose
»Ich gehe, klage und trauere.«
Galaktion
Mir kommt alles so bekannt vor, von den langen
Tagen des Sommers träume ich im Schlaf immer wieder.
Den Kropf füllen sich die Puten mit Heuschrecken,
die sie gefangen,
und in den warmen Pfützen des Dorfes
legen sich die Schweine nieder.
Mutter erzählt mir einen echten Traum.
Unter den Bäumen reifen Mirabellen,
sie kann den Traum nicht dem Wasser anvertrauen,
auch nicht dem Feuer,
die Hähne krähten vor langem und die Hunde bellen,
durch das offene Fenster bringt der Wind den Erdgeruch heuer.
In den nassen Maisfeldern sehe ich
die Finger meines Vaters und
die unscharfe grüne Farbe vom Ackerfeld
ragt aus den Nebelwinden,
ein blauer Schmetterling flog heraus
aus dem engen Blütenmund
der gelben Kürbisblüte,
um dann für immer zu verschwinden.
Kato Javakvishvili
Die Wiesen
Sie legten sich hinein.
Sie waren verloren und legten sich hinein.
Sie rasierten sich die Köpfe kahl und legten sich hinein.
Sie grasten die Wiesen ab und legten sich hinein.
Sie legten sich hinein und berührten sich
mit den von Erbsensuppe geschwollenen Bäuchen.
Ein Büffel ging vorbei
und schleppte die abgegrasten Wiesen fort.
Ein Büffel ging vorbei und man machte Matsoni.
Ein Büffel ging müßig umher und jemand hielt die Zeit an.
Ich saß am Tor eines städtischen Hofes und beobachtete.
Ich hatte ein städtisches Profil
und verputzte die Wände meines Hauses
mit kotbeschmierten Händen.
Ich führte ein städtisches Gespräch
und die mit Urin getränkten Haare
lagen mir auf den Schultern.
Sie lagen in der Ruhe des städtischen Hofes
und sahen mich nicht.
Der Büffel schleppte mich hinein und heraus.
Der Büffel trampelte mich nieder
und von seinem Schwanz heruntergefallene Holzkäfer
lagen auf meiner Zunge wie unausgesprochene Wörter.
Ich schob mich selbst beiseite und kroch hinein.
Ich krabbelte mit den Holzkäfern und kroch hinein.
Sie fühlten nichts.
Neun Monate lang lagen sie
und neun Monate lang wartete ich auf mich selbst.
Neun Monate lang wurden ihre Bäuche mit Erbsensuppe gefüllt
und neun Monate lang fastete ich.
Neun Monate lang streichelte sie den Bauch mit der Hand
und neun Monate lang war ich taub.
Mir war langweilig.
Ich kratzte und kratzte an ihrer Geduld.
Ich kratzte und kratzte an ihrer Liebe.
Mit den Fingernägeln kratzte ich und
bat um Luft für die sauerstoffloseste Geburt.
Sie gehorchten mir und schnitten mir die Nase ab.
Ich bekam keine Luft und nähte sie zu.
Hier, der Aschenbecher – mein Ohr,
eingemachte Walnüsse kocht die Oma.
Ich verließ den Schatten meiner Augen
und tunkte das Brot hinein.
Kratzte und kratzte diese Augen.
Kratzte und kratzte.
Wie kannst du mich bloß verraten,
wenn du von mir doch schon verraten bist und
wie kann ich für dich beenden,
was ich noch nicht begonnen habe und
wie kannst du dich in mich verlieben,
wenn ich schon so viel Liebe mitgenommen hab
ich bin aufgeblasen wie ein Luftballon,
du aber hältst mich für einen Drachen
und winkst mir zu, mir, die in deinem Körper
bequem gefangen ist.
Ich aber stehe zu dieser Zeit
an unterster Stelle unter den Menschen und
zeichne mir Wiesen auf den kahl rasierten Kopf.
Von welcher bösen Fee hast du geträumt
in der Nacht meiner Zeugung, Mutter.
Warum hast du die Augen nicht abgewandt,
und stattdessen meinen Vater angeschaut?
Givi Alkhazishvili
Der Eisverkäufer
Der da, dieser Mann,
der die fünfzig erreicht hat und grau geworden ist
und vor einem Geschäft Eis verkauft,
ist mein Bruder.
Wer hätte das früher gedacht –
dass er so eine einfache Arbeit annehmen,
sich unter einen bunten Schirm stellen
und den Passanten Eis anbieten würde.
Morgens und abends
schaue ich aus dem Bus,
um in den Menschenmengen sein Gesicht zu entdecken,
er ist einer der letzten Zeugen meiner Kindheit
und ich fürchte mich davor, ihn zu verlieren.
Wir haben doch zusammen Schwimmen gelernt
und zur selben Zeit Oboe gespielt,
am Tisch saßen wir ohnehin gemeinsam
während des Mittagessens
und schnitzten zusammen Pfeil und Bogen,
mal aus den Ästen eines Granatapfelbaums,
mal aus denen einer Kornelkirsche,
Oma hat uns beiden vor dem Einschlafen Märchen erzählt,
und unsere Träume ähnelten sich – nehme ich an –,
wie unsere kindlichen Phantasien,
die sich allesamt nicht erfüllten.
Dann ist er plötzlich fortgegangen,
er wurde vom Leben aufgefressen
und verschwand für lange Zeit.
Während ich auf ihn wartete,
fing ich an, mich in Gedichtform zu denken und
mir durch das Fenster die Sterne anzuschauen
und die Tränen in der Kehle zurückzuhalten,
damit sie nicht durch die Augen
nach draußen dringen konnten.
Dann kam er zurück
und als er zurück war, war das einzige Ding,
dass er kennengelernt hatte,
andauerndes Leiden,
– genauer gesagt – Leiden zu erdulden.
Er zieht sich ein langärmeliges Hemd an,
damit sein Tattoo nicht sichtbar wird
und die Spuren seiner bitteren Jahre nicht verrät.
Er sitzt jetzt da und verkauft Eis,
dabei weiß er ganz genau – morgens und abends –,
wie unsere Augen einander finden können.
Ich schaue durch das offene Fenster meines Busses
und suche scharfsichtig nach meinem Bruder,
er aber folgt währenddessen dem abfahrenden Bus
mit seinem Blick,
bemerkt mich und lacht – in meine Richtung?
Die Lehre daraus wiederholt sich tagtäglich:
Wir knabbern am Proviant unserer Kindheit,
solange die heiße Zeit
des Sommers andauert.
Rusudan Kaishauri
Die Hölle
Mein Vater dachte,
der Teufel sei in der Nähe,
meine Mutter schickte ihn dorthin,
aber ließ ihn auf halbem Wege umkehren.
Dann wurden die beiden dreist:
Einer hat sich mit Schimpfen bewaffnet,
der Andere zahlte es ihm mit gleicher Münze heim.
Einmal aber hat sie ihn »In die Hölle schmoren«
geschickt,
damit er von dort das Lebenselixier
brächte.
Kann sein,
mein Vater ist im Alkohol ertrunken
und nicht mehr zurückgekommen.
Man dachte vielleicht, er sei auf der Suche nach dem Glück,
– er war so jung und hatte noch keine grauen Haare –,
dort, im »In die Hölle schmoren« existieren viele Frauen
und sie haben meinen Vater,
wie auch die anderen vom richtigen Weg Abgekommenen,
weggepustet.
Zwischendurch ist er sogar älter geworden
und eine federleichte Pusteblume
schickt man mir
aus einem absenderlosen Land.
Nino Darbaiseli
Die Verheiratete
Mutter,
Schwiegermutter,
ich gehorche Ihnen!
Das Hemdchen
des Säuglings –
– mein weißes
Fähnchen.
Beka Akhalaia
Die Rückkehr
Ich komme mit den an vielen Stellen abgenutzten,
nackten Füßen daher,
ich bin von der Müdigkeit fast überwältigt,
der Schlaf schleicht sich ein,
ich bin einfach ich, ein Träumer, ein einfacher Bauer,
nicht mehr,
ich werde von niemandem begleitet,
mit dem ich reden könnte.
Bin ganz allein.
Vielleicht hast Du mich
in wiederkehrend blassen Träumen gesehen,
du glaubst nicht länger,
dass ich Gras schneide oder zur Mahd bin und fort,
ich erinnere mich an dein Gesicht
– ein schönes Gesicht konnte ich sehen –
auf die Stirn zeichne ich es als ein trauriges Profil.
Vielleicht dachtest du,
ich sei in der Stadt und tot und warte
nicht länger,
ein falsches Vöglein sang dir selbstlos ein Lied davon,
während ich, dein unwürdiger und unersättlicher Gatte,
in finsteren Nächten schlaflos reime und Gedichte schreibe.
Ich stehe auf, ich falle runter und ich komme trotzdem,
ich werde bald da sein
– wir behausen den Schlund dieser Felsen –,
alle Fehler gebe ich der einfallenden Dämmerung mit,
wenn ich nur in mein Haus zurückkehrte und dich sähe.
Es ist abendlich gefärbt.
Von den Hütten steigt dünner Rauch auf,
– die Dorfbewohner
beendeten ihre Streitereien mit einem Husten –,
ich werde auf die Knie fallen
und mit beiden Armen deine Knie umfassen,
du aber … leg einfach nur die Hand auf meinen Kopf!
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