Kitabı oku: «Gott suchen in der Krise»
ULRICH EGGERS (HRSG.)

SCM ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-417-22991-2 (E-Book)
ISBN 978-3-417-26943-7 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
2. Auflage 2020
© 2020 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: info@scm-brockhaus.de
Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:
Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Witten/Holzgerlingen.
Weiter wurden verwendet:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus
in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen. (NLB)
Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete
Ausgabe © 2016 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart. (EÜ)
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. (LUT)
Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung, Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.
Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten. (NGÜ)
Zürcher Bibel © 2007 Verlag der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich. (ZB)
Lektoriert von Tabea Tacke
Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de
Titelbild: Bradley Dunn / unsplash.com
Satz: Lieverkus.Media, www.lieverkus.de
Inhalt
Über den Herausgeber
Vorwort zum Buch
Persönliche Erfahrungen
Über das große C von Ulrich Eggers
Was wirklich zählt von Stephan Holthaus
Einen anderen Glauben finden? von Ingolf Ellßel
Hoffnungslieder aus meiner Küche von Christoph Zehendner
Krise hoch drei von Claudia Filker
Sorge du! von Hanspeter Wolfsberger
Die Krise bringt uns ans Licht von Ulrike Bittner
Im Gegenwind segeln
Aus der Tiefe in die Weite von Peter Höhn
Getröstet von Birgit Schilling
Auf der Suche nach dem kleinen Sinn von Thorsten Dietz
Das Virus, die Haft, die Pest von Jürgen Werth
Gott Gott sein lassen von Astrid Eichler
In der Realität angekommen von Nicola Vollkommer
Wo ist Gott in der Krise?
Nicht im Homeoffice von Michael Herbst
Die Geige auf der Schultoilette von Ulrich Wendel
Der Schrei des Raben von Martin Schleske
Ein Wachrütteln Gottes? von Peter Strauch
Aber Gottes Wort ist nicht gebunden von Ulrich Parzany
Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe! von Bernhard Meuser
Orientierung bekommen von Ansgar Hörsting
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Über den Herausgeber

ULRICH EGGERS
ist Verleger und Geschäftsführer der SCM Verlagsgruppe und 1. Vorsitzender von Willow Creek Deutschland. Er ist verheiratet mit Christel, hat vier erwachsene Kinder und lebt in Cuxhaven.
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Vorwort zum Buch
Ich bin betroffen
»Ihr Test ist positiv, Herr Eggers!« höre ich die Dame vom Gesundheitsamt sagen – und habe es nach rund einer Woche Quarantäne und Symptomen in Hals und Lunge schon geahnt (mehr dazu in meinem Beitrag …).
Corona – das große starke Wort, das große C, das so viel Emotionen freisetzt. Und Bilder: Notkrankenhäuser in China, vermummte Gestalten, die sich um wie Aussätzige behandelte Kranke scharen. Sargtransporte in Italien, hilflose Körper unter Sauerstoffbeatmung, tägliche Todeszahlen in den Medien. Was wird mit mir? Mit meiner Frau, meiner Familie, den Enkeln – da sind Leute, die mich brauchen. Da ist doch noch so viel Zukunft, auf die ich mich freue! Und nun das große unbekannte Fragezeichen. C – wie Corona. K – wie Krise. S – wie Sterben?
K – wie Krise. Wie kann man in einer Krise glauben? Hilft mir mein Glaube jetzt? Wo ist Gott in dem Ganzen? Redet er, antwortet er, hört er mich? Ist er weiter gut? Sieht er mich und uns? Wer und wie ist Gott mitten in solch einer Krise? Wie kann ich ihn suchen – und finden? Ist Gott Stütze und Kraft in einer Lebens-Krise – oder schweigt er?
Und dabei ist klar, dass Corona ja gar nicht die Krise für Leben und Glauben ist, als die sie uns jetzt nahekommt. In Wirklichkeit ist die Krise ständig präsent. Ist Krankheit, Leid, Schmerz und Verlust immer da. Ist der Tod immer mitten im Leben da. Nur eben nicht hier – so nah bei mir und uns im reichen Westen. So präsent, dass es jeden von uns so schnell, so leise und schleichend treffen könnte.
Ich denke an meinen Pastoren-Kollegen Werner, der schon viele Monate mit Leukämie im Krankenhaus liegt. Ich denke an die Ebola-Epidemien in Afrika. Tod und Leid sind immer präsent! Sind immer böse, brutal, schrecklich. Aber das war weit weg. Ich konnte so tun, als ginge es mich nicht groß etwas an. Ja, ich kann beten, vielleicht auch betroffen hinsehen, hier oder da helfen. Aber vor allem kann ich still und heimlich unendlich froh sein, dass das alles so weit weg ist. Und mich nicht betrifft. Glauben angesichts einer Krise? Wie gut, dass wir Leid und Fragen meist verdrängen können.
Jetzt sind wir alle in Gefahr. Denn die Corona-Pandemie ist uns ganz nah. Wird uns länger erhalten bleiben und eine Grund-Verunsicherung in unser Leben tragen, weil niemand mehr nach Corona so tun kann, als säßen wir auf einer Wohlstands-Insel der Seligen, auf der Leid und Gefahr immer nur andere trifft.
Fromme Sprüche – oder belastbar?
Corona zeigt uns, dass der Tod mitten im Leben ist. Und dass ich besser hinschaue und lernen muss, bewusster angesichts des Todes zu leben. Und zu glauben. Und mit Gott in Beziehung zu sein. Der mir das Leben gab, dem ich mich verdanke – und der Herr über Leben und Tod ist. Memento mori – die Erinnerung, dass ich sterben werde. Den Tod einüben durch die kleinen Tode. Und das macht etwas mit meinem Glauben. Das ist eine Grund-Verunsicherung, mit der ich klarkommen muss. So viele gute Verheißungen in der Bibel. So viel Gutes und Liebes, das ich Gott unterstelle. Und so viel hässlicher Tod und so viel Krise – wenn ich nur genau hinsehen will.
Corona lässt uns genau hinsehen. Macht wieder zur Tatsache, was immer Tatsache war: Dass wir leben müssen angesichts des Todes. Uns freuen und genießen dürfen – dicht neben dem Leid. Dass wir mitten darin glauben wollen, können, dürfen. Mit Gott, dem Herren über Leben und Tod leben. Aber wie genau?
Für dieses Buch haben wir 20 bekannte Christinnen und Christen gefragt, wie sie Glaube, Tod und Leben zusammenbekommen. Wie sie glauben angesichts der Verunsicherung durch eine Krise wie Corona. Die ja nur für all die real vorhandenen Krisen und Verunsicherungen unseres Glaubens quer durch alle Zeiten steht. Corona ist Anlass, grundsätzlich darüber nachzudenken, ob und wie der Glaube trägt. Wer Gott ist – und auf welche Weise er verlässlich ist. Gerade in Krisen brauchen wir eine warme, belastbare, offene Beziehung zu ihm. Und er hat versprochen, dass er sich finden lässt, wenn wir ihn suchen – wie aber kann das gehen? Welche Erfahrungen haben da andere gemacht? Was ist frommer Spruch – was belastbare Lebenserfahrung? Wie kann ich glauben in einer Krise? Und wie mag diese Krise wohl aus dem Blickwinkel Gottes aussehen – redet er durch sie, vermittelt Corona uns allen eine Botschaft?
Die Autorinnen und Autoren dieses Buches haben durch ihre Glaubens- und Lebenskompetenz Standfestigkeit und Resilienz im Glauben erworben. Sie sind keine Corona- oder Krisen-Spezialisten, sondern Menschen, die ihre Lebens- und Glaubenserfahrung teilen und so Wege, Ideen und Einsichten anbieten, die uns Zuversicht und Hoffnung geben können.
Ulrich Eggers, 19. April 2020
Persönliche Erfahrungen
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Über das große C
Von Ulrich Eggers
Plötzlicher Abbruch bei Willow
Die Szenen sind wie eingebrannt: Der schwierige Auftakt vom Willow-Creek-Kongress – erstmals ohne Bill Hybels. Große Spannung bei mir, aber die Eröffnung gelingt. Erleichterung – und die Kongress-übliche Action, VIP-Empfang, Pressekonferenz, Interviews, Absprachen. Mitten in der sechsten Einheit kommt Ben Lechner vom Management-Team nach vorne in unseren Veranstalter-Block und fordert uns mit ernstem Blick auf, mitzukommen. Wir marschieren durch die Menge nach hinten, sehen fragende Blicke.
Im zweiten Stock des Verwaltungsgebäudes der Messe erfahren wir, was los ist: Einer unserer Sprecher, mit dem wir uns vor dem Start getroffen hatten, liegt mit hohem Fieber im Krankenhaus. Gerade war das positive Testergebnis da: Corona! Gemeinsam mit gut 20 anderen Leitungsleuten und Referenten, die mit beim Vortreffen waren, sitzen wir in einem Quarantäne-Raum. Und müssen jetzt nicht nur rasch entscheiden, ob der Kongress abgebrochen wird, sondern müssen auch sofort nach Hause in Quarantäne. Es ist schwer, aber klar: Wir brechen ab.
Die Bilder aus diesem Raum sitzen tief: Schweigen, Schock, Trauer, Fragen, Witze, Entsetzen, Tränen, Gebetsrunden. Ein langer Blick zwischen mir und meiner Frau Christel, in dem alles gesagt ist … Das kleine Mädchen auf dem Flur, das hilflos weint und vergeblich getröstet wird. Hektische Entscheidungsrunden, Presse-Statements vorbereiten, welche Argumente zählen, mit wem darf ich gerade noch reden? Völlig konsterniert bereitet sich Jörg Ahlbrecht, der Willow-Producer, auf die Absage von der Bühne vor – er ist der einzige Leitende, der »unberührt« blieb und noch in den Saal darf. Dann der Strom der Besucher, die ruhig das Gelände verlassen. Schließlich dürfen auch wir gehen – unsere örtlichen Gesundheitsämter werden parallel informiert. Wir entscheiden uns, unseren Freund und Sprecher Gordon MacDonald mit nach Haus zu nehmen – er darf nicht zurück in die USA und kann ad hoc nirgendwo betreut werden.
Dann die lange Fahrt durch die Nacht, der Anruf einer unserer Töchter, die in Bremen bei der Übertragung den Abbruch mitbekommen hatte – und die sorgenvollen Blicke ihrer Gruppe. Wir trösten, geben eine erste Einkaufsliste durch, freuen uns über Liebe und Zusammenhalt. Kommen schließlich weit nach Mitternacht in das stille Haus. Lahmgelegt.
Zwischen Mut und Endzeitstimmung
Die folgenden 13 Tage aber sind nicht still, sondern voller Stress! Organisation rund um den Kongress-Abbruch und die SCM-Verlagsarbeit – eine Video-Sitzung jagt die nächste. Ständig Entscheidungen, Telefonate, Apps und Mails. Und Gordon im Haus, der die ganze Aufregung mit seinen 80 Jahren nicht so leicht wegsteckt, schwer hört (aus Sorge um die Batterien deaktiviert er gleich am Anfang sein Hörgerät, was uns unendlich Nerven kostet und erst am Ende der Zeit klar wird). Tägliche Selbstbeobachtung, Temperatur und Symptome eintragen in Listen des Gesundheitsamtes. Ich organisiere eine tägliche Mail an die Quarantäne-Leute, um einander zu ermutigen. Dann Halskratzen, erstes Fieber, Druck in der Brust – mit meiner angeschlagenen Lunge gehöre ich zur Risikogruppe, wir wissen das.
Schon bald merke ich, dass ich nur wenige Stunden arbeiten kann, dann geht es mir schlechter. Ständig horche ich in mich hinein: Bin ich positiv? Oder ist es nur der Stress draußen und im Haus? Gordons Tunnelblick und verklausulierte Fragen, die Sorge um Frau und Familie in den USA. Wir schwanken zwischen Mut und Endzeitstimmung, sind stark für Gordon und werden leise miteinander. Schließlich der Test bei mir und das positive Ergebnis – ich höre es abends und nutze die Nacht, um alles vorzubereiten: Info an Familie, Freunde, Firma, Willow-Mitstreiter, Quarantäne-Gruppe für den Morgen vorbereiten, vorsichtige Andeutungen an Gordons Familie – und am nächsten Morgen Gordon selbst: Nun ist eingetreten, was wir vor seiner Entscheidung für unser Haus bedacht hatten: »Wenn wir positiv getestet werden, bist du bei uns im Gefängnis, Gordon!«
Er trägt es mit Fassung – und wir ziehen uns noch mehr voneinander zurück. Schutzmasken, die meine Frau rechtzeitig besorgt hat, aufgeteilte Bereiche im Haus, wir schleichen mit Abstand aneinander vorbei. Gordon und Christel werden negativ getestet, meine Symptome bleiben mit viel Inhalieren und Ruhe beherrschbar wie meine übliche Winter-Bronchitis. Das Schlimmste ist die Psyche, die Vorstellungen und Ängste. Aber Christel bekommt Fieber: Ist es der Versorgungs-Stress wegen Gordon? Mit Stefan Bieber vom Willow-Büro reorganisieren wir Gordons Rückflug. Das Gesundheitsamt zeigt viel Verständnis und stellt rasch Bescheinigungen aus für etwaige Grenz-Probleme. Nervöse Stimmung im Haus: Schafft er es noch zurück, bevor die USA dichtmachen? Müssen wir ihn weitere Wochen in unserem angeschlagenen Zustand versorgen?
Die Macht der Bilder
Genau am letzten Tag vor der Schließung der US-Flughäfen schafft er es. Eine Last fällt ab, wir sind wieder frei für uns. Aber jetzt geht es meiner Frau immer schlechter, hohes Fieber – trotz mittlerweile zweimal negativem Test. Und immer wieder verfolgen uns die Bilder in den Medien, die Särge, das Leid auf den Krankenstationen, die Ohnmacht. Das Corona-Wort hat Macht, produziert Bilder. Die Infektion verläuft in Wellen. Man denkt, es geht wieder besser, aber dann wird es deutlich schlechter – und man kassiert alles positive Denken und die leichten Worte von gestern schnell wieder ein. Sorge und Angst übernehmen erneut – wo genau wird das enden? Haben wir wirklich dieses Corona, das wir da in der Tagesschau sehen? Was macht dieses große unheimliche C mit uns?
Als mich das Gesundheitsamt schließlich wieder gesundschreibt und ich endlich wieder das Haus verlassen darf, muss ich meine Frau Christel ins Krankenhaus bringen – der dritte Test und ein Lungen-CT bringen Gewissheit: Doch positiv, wohl schon länger. Und deswegen dazu jetzt eine virale Lungenentzündung, die man nur begleitend behandeln kann. Sie bekommt ein Malaria-Mittel zum Unterdrücken der Viren und Antibiotika – und erneut zieht die Angst ein bei uns. Was soll ich ohne sie? Ich lebe mein Leben so sehr zusammen mit ihr, bin so bezogen auf sie – was tue ich hier allein im Haus?
Gute Worte von Familie und Freunden sind da. Und wir beten und beten und beten. Täglich kann ich am Krankenhaus etwas abgeben, aber hinein komme ich nicht, Quarantäne-Station. Wie gut, dass es Facetime gibt! Schließlich entdecke ich ihr Fenster und winke ihr einige Male von draußen zu. Meine Tagesstimmung schwankt im Takt ihres Ergehens auf und ab. Und – danke, Gott! Nach acht Tagen kann sie das Krankenhaus verlassen. Wir sind wieder beieinander. Angeschlagen, noch geschwächt. Und nachdenklich – dem allen nach-denkend. Es wird dauern, ehe wir das alles verarbeitet haben. Und Corona gibt mir eine Erinnerung mit – ich kann nicht mehr riechen und wenig schmecken. Aber wir sind dankbar. Unendlich froh über jeden neuen Tag, den wir gemeinsam haben. Zeit ist kostbar …
Was hilft in der Krise?
Man wird hellhörig in Krisensituationen. Man hört und liest so viel gut Gemeintes. Und spürt heraus, was davon unter der Last eigener Erfahrung gesagt wird und was nur an-empfindend, in guter Absicht – aber ohne tieferes Verstehen. Manch frommen Spruch empfinde ich als aufgesetzt und billig. Weit weg von der realen Not. Bei manch zitiertem Bibelvers riecht man den pädagogischen Impetus – was aber nützt es mir, wenn ich höre, dass Gott uns keinen Geist der Furcht gegeben hat (vgl. 2. Timotheus 1,7) – ich aber gerade mitten in Angst und Sorge lebe?
So war das schon damals, als unsere erste Tochter starb. Ja, alles kann uns zum Besten dienen, was uns passiert (vgl. Römer 8,28), aber deswegen ist noch lange nicht alles gut! Seit diesem Sterben ist mir klar, wie ambivalent viele Verheißungen der Bibel verstanden werden können – und wie oberflächlich oft über die Liebe Gottes und unser Leben gesprochen wird.
Ja, Gott schützt, trägt, hält uns – und ich bin unendlich dankbar für all das, was es in meinem und unserem Leben Gutes gibt. Aber manches Gute ist durch das Schwere hindurch gewachsen. Denn nein, Gott schützt uns eben nicht vor allem Bösen – aber er trägt und hält uns darin. Und nein, nicht alles Böse endet gut. Ja, »alle Eure Sorge werft auf ihn« (1. Petrus 5,7; LUT) – nur stimmt eben nicht, dass (wie gerade in einem Corona-Ermutigungstext gelesen) »… er sich um alles kümmert«. Nein, das tut er nicht – zumindest nicht in jenem oberflächlichen Trost-Sinn, wie dieses Wort wohl verstanden werden sollte. Leben und Glaube sind komplizierter, ambivalenter, geheimnisvoller als wir es gerne hätten. Gott und mein Glaube sind keine Anti-Schmerz- und Leid-Versicherung, das Gebet kein Verhinderungsautomat für alles Ungute. Wenn Sturm kommt – stürmt es auch bei Christen.
Und genau das blenden wir so gerne aus. Denn darin begegnen wir der Unverfügbarkeit Gottes und der Ambivalenz von Leben und Tod. Der uns das Leben gab – kann es auch wieder nehmen. Kann zulassen oder wegschauen, wenn Leben bedroht ist – oder genommen wird. Warum Gott das zulässt, ist eine der bohrenden Fragen des Glaubens. Die Quelle immerwährender Zweifel. Eine fest eingebaute Ohnmacht vor dem Geheimnis Gottes – oder, ehrlicher: vor unserem Nichtverstehen Gottes. Wir können an ihn glauben, wir können ihn suchen, uns an ihn halten, den Glauben an ihn nicht aufgeben – aber wir können ihn nicht verstehen, in den Griff bekommen, unsere Ohnmacht in unangefochtene Fraglosigkeit verwandeln.
Kämpfen in der Krise
Und das macht Glaube anspruchsvoll – gerade in Krisen. Denn es ist ja gerade das Wesen der Krise, dass wir sie eben nicht im Griff haben. Sondern dass sie uns im Griff hat. Sie definiert sich geradezu durch unsere Ohnmacht und Einsicht, dass wir – jetzt gerade oder auch generell und letztlich – hilflos sind gegenüber den großen Zumutungen von Leid, Schmerz, Sterben und Tod. Dass Gott etwas zulässt, das wie ein Felsblock in unser Leben ragt, an dem wir nicht vorbeikommen. Der schmerzt und wund reibt und unverrückbar ist für uns.
Kein Leben ohne Krisen-Erfahrung. Kein Glaube – ohne dass wir den Kampf aufnehmen, auch in Krisen zu glauben. Denn es ist ein Kampf. Weil dieser allmächtige Gott doch all das mit einem Fingerschnipsen wegnehmen könnte, was er da gerade in meinem – oder im Leben eines geliebten Menschen – zulässt … es aber nicht tut! Und das als guter Vater und als unendliche Liebe, wie die Bibel sein Wesen beschreibt. Zu dem ich »Papa« sagen darf und mich kindlich vertrauend flüchten soll. Der mich kennt und geschaffen hat und bejaht. Der aber trotz all seiner Liebe, Güte und Allmacht ganz offensichtlich zulässt, dass mir oder anderen dies oder das passiert. Wie soll ich da glauben? Wie soll ich da mein Vertrauen bewahren? Wer ist dieser geheimnisvolle, unverständliche, liebende Gott, wenn es so wehtut und lebensgefährlich wird?
Glaube in der Krise ist ein Kampf. Ein Kampf, ob auch jetzt, wo der Himmel dunkel ist und meine Angst und Verzweiflung groß – stimmt und wirksam bleiben soll, wozu ich mich entschlossen habe: Ich will glauben! Denn das ist meine Einsicht: Ich muss und will den Kampf aufnehmen! Ich will festhalten an dem, der mir das Leben gegeben hat. Ich lasse ihn nicht los, auch wenn ich ihn gerade nicht verstehe. Ich halte die Hand fest, die mich doch gerade zu schlagen scheint. Ich habe mich entschieden dafür – und habe es in guten Tagen eingeübt, was jetzt in schlechten Tagen gelten soll: Gott ist Gott. Und ich bin sein Kind. Und er ist meine Zuflucht, auch wenn ich ihn gerade nicht verstehe.
Dennoch-Glaube
Ich bin froh, dass die Bibel neben unzähligen schönen Verheißungen eben auch die Tiefpunkte des Lebens schon mitdenkt: »Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat« heißt es in Hebräer 10,35 (LUT). Warum steht solch ein Vers in der Bibel? Eben weil wir durch die Wirklichkeit und Härte des Lebens immer wieder dieser Versuchung begegnen, unser Vertrauen wegzuwerfen. Weil unser Vertrauen so sehr von dem Guten und Schönen lebt – und das Finstere ausblenden will.
Aber der Kampf um meinen Glauben – um bleibendes Vertrauen – ist unser Überlebensmittel! »Dennoch bleibe ich stets bei dir; denn du hältst mich an deiner rechten Hand«, sagt Psalm 73,23 (LUT). Dennoch? Ja, weil es unter unseren Dächern auch schon vor und jenseits von Corona immer wieder Leid und Schmerz und Zerbruch und Verzweiflung gibt, mit denen wir leben müssen. Gott ist mittendrin – aber nicht die Versicherung dagegen! Er lässt oder mutet zu – und ich werde gerade dann nicht weglaufen, sondern mich an ihm festklammern. Das ist es, was ich will! Das ist Kern meines Glaubens.
Das ist es, wozu ich auch in dieser Corona-Krise Zuflucht genommen habe: Mich festzuhalten an ihm! Meine Sorge, Angst und meine Bitten auf ihn zu werfen – ich habe nichts Besseres! Und ich habe es wieder erlebt: Mein größtes C ist nicht Corona, sondern Christus, zu dem ich fliehe und zu dem ich bete. Christus hält – auch in meiner Sorge, Angst und Not. Ich habe es eingeübt. Und erlebe die Gnade, dass es gelingt. Er hält mich.
Wichtige Zutaten …
Aber natürlich, Glaube in der Krise lebt auch von guter Einsicht und bewährten Verhaltensweisen. All das trägt zum Durchkämpfen von Krisen-Situationen bei:
Die Segel reffen im Sturm – eine Krise bewusst annehmen und sich nicht überlasten mit Nebenthemen.
Bewusst Tag für Tag leben – und sich nicht von den Sorgen morgen und übermorgen und in der Langfrist-Perspektive Kraft nehmen lassen.
Den Tagen Rhythmus geben – sich einen Plan machen und ihn einhalten, Lasten und Freuden einteilen – Ruhn und Tun, Bogen und Verlauf achten.
Die Situation umarmen – und nicht verdrängen oder nicht wahrhaben wollen. Was ist jetzt dran? Was gilt? Im Annehmen liegt Frieden und Kraft und Fokus. Für und gegen das Richtige kämpfen lernen.
Sich Gutes tun – Dankbarkeit und Vorfreude sind für mich die großen Glücks-Tugenden des Lebens. Wofür kann ich jetzt Danke sagen, worauf kann ich mich heute freuen? Weiser Medienkonsum: Was baut mich auf, was zieht mich runter? Was ernährt Seele und Geist? Information ist gut und wichtig – Über-Konsum von schlechten Nachrichten verzerrt meine Wahrnehmung. Ich muss nicht das Leid der gesamten Welt bewältigen.
Den Glauben ernähren – aussprechen, was ist. Denn Beten bedeutet das Ausschütten meines Herzens vor Gott und ist konstantes Gespräch. Gutes lesen, Bibelverse, Liedtexte. Meine Glaubens-Hymnen hören oder singen, die mich trösten und aufbauen.
Familie und Freunde – sind meine Beziehungen so in Ordnung und bereinigt, dass Freundschaft und Familie jetzt stärken?
Bereit sein für eine Krise – das Wesen der Krise ist die Überraschung. Bin ich vorbereitet – in meinen Beziehungen, mit Kindern und Freunden, mit meinem Besitz, mit dem, was zu ordnen ist nach mir? Bereitsein entlastet und fokussiert für den Kampf.
… und keine Formel
All das und vieles andere, von dem man in diesem Buch lesen wird, hilft – jede/r muss seinen Weg darin suchen. Zentral war für mich, dass ich mich an Jesus festhalten konnte. Mein großes C – war Christus. Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist – egal, welche Beziehungsebene zur Dreieinigkeit die vertrauteste für Sie ist. Mein Halt war, dass sich das Gewollte und Erlernte in der Krise bewährt hat. Glauben wollen, Gott meine Not sagen, im Gespräch bleiben, meinen Tag zu ihm hin leben – und von ihm her. Mich ausliefern, hinhalten, festhalten.
In einer ähnlichen Krise und großer Angst habe ich mal im Schlaf einen Bibelvers geträumt oder unbewusst wahrgenommen, der mich zum Wesentlichen gerufen und an das erinnert hat, was ich leben will. Ich empfinde darin Gottes Aufruf, Mahnung und Zuspruch – und er fasst zusammen, was mir wichtig ist: »Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, wir sind des Herrn.« (Römer 14,8; LUT) Darum geht es!
Allerdings, nein, Augenblick – das ist keine Formel! Kein frommer Spruch. Das ist ein Leben in Beziehung, voll Auf und Ab und Kampf und Wüstenstrecken und sonnig-grüner Wiese. Das habe ich nicht sicher in der Tasche, sondern es will gelebt, ausgesprochen, gewagt, getan werden. »Danke, Jesus!« Das ist die Summe meines Glaubens. Das große C hält.
| Ulrich Eggers ist Verleger und Geschäftsführer der SCM-Verlagsgruppe und 1. Vorsitzender von Willow Creek Deutschland. Er ist verheiratet mit Christel, hat vier erwachsene Kinder und lebt in Cuxhaven. |
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Was wirklich zählt
Von Stephan Holthaus
Bergamo – der Name wird mir mein Leben lang im Gedächtnis bleiben. Diese norditalienische Stadt, vor der Corona-Krise den meisten höchstens durch die dortige Fußballmannschaft bekannt, wurde nun zum Inbegriff von allem Schrecklichen, was danach jedes Land unbedingt vermeiden wollte. Nirgends sonst gab es dermaßen viele Infizierte, nirgendwo sonst in Europa so viele Tote. Die Krankenhäuser waren völlig überlastet, die Kranken lagen in den Gängen. Ärzte und Pflegepersonal arbeiteten Tag und Nacht. Es fehlte an Beatmungsgeräten. Die Mediziner mussten entscheiden, wer behandelt wird und wer nicht, weil nicht genug Intensivbetten vorhanden waren – für jeden Arzt der Super-GAU. Öffentliche Beerdigungen fanden nicht mehr statt, weil zu viele zu schnell starben. Unfassbar die Bilder im Fernsehen, als die Armee die Toten auf Lastwagen zu anderen Friedhöfen abtransportierte, weil die Kapazität der Leichenhäuser nicht mehr ausreichte. An einem Tag, dem 15. März 2020, erschienen in der dortigen Tageszeitung L’Eco di Bergamo sage und schreibe fast 160 Todesanzeigen – 160!
Bergamo machte selbst den letzten Leugnern deutlich: Corona ist da, und brandgefährlich. Andere Großstädte stehen als Synonyme für die weltweite Bedrohung – seien es Wuhan oder New York City. Ja, sogar New York, die Stadt, die niemals schläft. Ein kleines, unsichtbares Virus wird zu einer der größten Bedrohungen der Menschheit. Kein Impfstoff vorhanden. Die Menschen sind ihm fast schutzlos ausgeliefert.
Und plötzlich steht unsere so unruhige, pulsierende Welt still. Lockdown überall. Die Uhr ist einfach über Nacht stehen geblieben. »Rien ne va plus« – nichts geht mehr. Einkaufshäuser und Schulen werden geschlossen, ganze Wirtschaftszweige kommen zum Erliegen. Lieferketten funktionieren nicht mehr, Auftragsbücher bleiben leer. Millionen werden arbeitslos oder gehen in Kurzarbeit. Von heute auf morgen stehen Unternehmen vor dem Aus. Besuche in Alten- und Pflegeheimen werden verboten. Gottesdienste finden nur noch online statt. Hochzeiten ohne Publikum, Beerdigungen nur im kleinsten Kreis, leere Fußballstadien, verwaiste Fußgängerzonen, Menschen mit Mund- und Nasenschutz, lange Schlangen vor den Bäckereien und Apotheken. Jeder geht auf Distanz. Und das weltweit, in jedem Land.
Corona macht mich sehr nachdenklich. Das Virus lehrt uns so vieles:
Corona zeigt uns – unser Leben ist unglaublich fragil und begrenzt. Es ist eine eigentümliche, kränkende Erfahrung in einer Zeit, in der doch alles unbegrenzt scheint. Unbegrenzt reisen. Unbegrenztes Wachstum. Unbegrenzte Möglichkeiten. Online sind wir weltweit unterwegs, immer mobil, alles steht uns offen. Und plötzlich sind wir eingesperrt, isoliert, können nur begrenzt eingreifen. Ohnmächtig stehen wir daneben, der Stift ist uns aus der Hand genommen. Wir können nur noch reagieren, nicht mehr agieren.
Corona ist eine bittere, aber heilvolle Botschaft an uns Menschen: Wir sind begrenzt. Wir haben nicht alles in der Hand. Corona macht demütig, zeigt unsere Abhängigkeit. Wir sind nur Geschöpfe, nicht Schöpfer, immer die vorletzte Instanz, nie die letzte. Eine harte Erfahrung, aber vielleicht auch heilsam. Sie rückt uns in die rechte Dimension, hebt uns herunter vom Sockel, führt uns zurück auf den Boden der Tatsachen. Wir sind Abhängige, Ohnmächtige.
Corona zeigt uns auch: In der Krise denken viele zuerst an sich. Hamsterkäufe offenbaren etwas sehr Grundsätzliches. Sie zeigen, was tief in uns steckt. In der Not ist jeder sich selbst der Nächste. Man macht die Schotten dicht, dreht die Augen nach innen, macht zu. Auch die Staaten schotten sich ab. Jeder will die Gesichtsmasken zuerst für sich haben. Rangeleien um Toilettenpapier, so kurios sie erscheinen, lassen tief blicken.
Das Virus legt eben auch manche dunkle Seite in uns offen. Wir sind nicht so gut, wie wir dachten. Corona erinnert an ein anderes Virus, das in uns allen steckt: das Virus der Sünde, der Selbstsucht. Corona zeigt: Wir sind alle erlösungsbedürftig.
Corona zeigt uns aber auch die andere Seite, was wirklich im Leben zählt. Unter Druck zeigt sich, worauf unser Leben ruht. Dieser weltweite Stresstest führt uns zum Wesentlichen zurück.
Solidarität und Mitgefühl brechen auf. Jahrelang vernachlässigte Nachbarschaftshilfe keimt auf. Die Alten und Schwachen werden geschützt, gerade die, die vorher wenig oder nichts galten. Ärzte, Pflegepersonal und Verkäuferinnen erfahren nie gekannte Wertschätzung. Kreativität wird freigesetzt. Lehrerinnen und Lehrer schicken ihren Schülern berührende Ermutigungsbilder. Regierende wachsen über sich selbst hinaus. Hoffnungslieder erklingen auf den Balkonen der eingesperrten Menschen in den Städten. Andrea Bocelli singt zu Ostern vor einem menschenleeren Mailänder Dom »Amazing Grace« – und über 30 Millionen hören auf YouTube zu. Die Kirchen lassen die Glocken läuten, Pastoren halten ihre Predigt des Lebens – online. Millionen von Christen vereinigen sich wie nie zuvor zum Gebet – per Mausklick.
Zurück zu Bergamo – die Corona-Todesstadt in Europa, deren Name ich nie mehr vergessen werde. Bergamo ist auch die Stadt, in der Gott erlebt wurde wie kaum woanders. Von dort kamen viele berührende Nachrichten. Ein Arzt aus einer der Kliniken, Atheist, erlebte einen dem Tode geweihten, weil an COVID-19 erkrankten Priester. Der schenkte noch im eigenen Leid anderen Zuspruch und Hoffnung. Noch in den letzten Stunden betete er mit den Menschen und segnete sie. Das berührte den Mediziner so sehr, dass er anfing, in seiner Verzweiflung selbst zu Gott zu beten. Er fand den, der selbst großes Leid auf sich nahm, um uns Menschen zu erlösen: Er fand Christus. Der Bischof von Bergamo, Francesco Beschi, der selbst sechs seiner Priester durch Corona verlor, fand in der Krise die richtigen Worte: »Gott ist auch in Prüfungen mit uns und lässt uns nicht im Stich.«
»Gott lässt uns nicht im Stich!« Diese Zusage steht, gerade in den Krisen- und Notzeiten des Lebens. Dann erweist sich nämlich, ob das Fundament des Lebens wirklich feststeht, oder ob es wackelt.
Ich habe es mehr als einmal erlebt, dass Gott mich in den »finsteren Tälern« meines Lebens durchgetragen hat, ob in meiner Arbeit oder privat. Wenn ich keinen Ausweg mehr sah, hat Gott mir neuen Mut geschenkt. Deshalb kann ich mit dem Bischof von Bergamo bezeugen: »Gott ist auch in den Prüfungen mit uns und lässt uns nicht im Stich.« Er hat auch mich nie im Stich gelassen. Er hält, wenn nichts mehr hält. Ihm zu vertrauen, ist das Beste, was wir jetzt tun können, weltweit.
»Gott lässt uns nicht im Stich!«
| Prof. Dr. Stephan Holthaus, Rektor der Freien Theologischen Hochschule in Gießen, ist Professor für Wirtschaftsethik. Er ist Vorsitzender der Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten und engagiert sich in Unternehmensbeiräten und Stiftungen. |
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Einen anderen Glauben finden?
Von Ingolf Ellßel
In die Corona-Krise gehe ich mit einer ganz eigenen Biografie.
Man müsste sich auf einen Berg setzen und die momentanen Wirren des Lebens mit mehr Abstand betrachten. Da würde der Blick freier werden von den ständigen Nahaufnahmen der aktiven Krisen, die uns täglich fordern oder in den Medien serviert werden.
Zunächst sollten all die Dinge betrachtet werden, die gut sind. Da sollte jeder fündig werden. So könnte man Gott inmitten der Krise doch noch danken. Und überhaupt könnte man so den Weisungen der Bibel leichter nachkommen, die uns empfiehlt, »alle Bitten mit Danksagung vor Gott zu bringen« (vgl. Philipper 4,6).
Nun folge ich aber dem einsichtigen Trend »Wir bleiben zu Hause« und sitze an meinem Schreibtisch. So bleibt mir nur der gedankliche Berg.
Eine Freundin von uns kümmert sich indes um meine Frau Sigrid, die vor zweieinhalb Jahren während einer Dienstreise in Jerusalem ein Aneurysma erlitt, einen Monat im Koma lag und sich an der Schwelle des Todes aufhielt. Gott sei Dank, sie lebt. Ist aber halbseitig passiv und mit Pflegegrad 4 plus braucht sie mich rund um die Uhr. Und nun noch Corona. Das Virus wäre medizinisch gesehen ihr Todesurteil, da der linke Lungenflügel auch von der Passivität betroffen ist.
Von meinem gedanklichen Berg schaue ich auf meine Berufung zum Pastor. Als Student der Fachrichtung Maschinenbau saß ich in einem lutherischen Gottesdienst in Sittensen und hörte eine Predigt von Pastor Döring über die Mission Jesu. Das war die Wende. Ich wechselte 1975 zur Theologie, heiratete die Tochter des Pastors und startete 1979 als Vikar in Tostedt. 35 wunderbare Jahre warteten dort auf uns. Wir bekamen vier Kinder und noch einen Pflegesohn. Die Gemeindearbeit boomte – von anfänglich 20 Gottesdienstbesuchern auf über 500. Alle Kinder fanden den christlichen Glauben, heirateten und bescherten uns bis heute insgesamt 12 Enkelkinder. Die Jahre waren prall gefüllt mit Ereignissen, die es uns leicht machten, Gott dankbar zu sein.
Man könnte mir diesen Blick in die Vergangenheit als Nostalgie ankreiden. Doch ich fliehe nicht vor der harten Wirklichkeit, die mich umgibt. Stattdessen ist das für mich eine Übung, die den Glauben stärkt. Wir sollen nicht vergessen, was Gott Gutes in unserem Leben getan hat. Zu oft habe ich diese wertvollen Weisungen in der Bibel gelesen und gelernt, dass man eben genauso seinen Glauben regeneriert.
Dazu fällt mir David ein, als er noch kein König war. Er steht vor seinem übermächtigen Gegner Goliat und erinnert sich zuvor dankbar daran, wie Gott ihm in den lebensbedrohlichen Auseinandersetzungen mit Bären und Löwen geholfen hat, bevor er sich der aktuellen Herausforderung stellt. Gewiss, Dankbarkeit in schweren Zeiten ist zunächst ein emotionales Opfer, öffnet aber das Herz erst für das Eingreifen Gottes. In Psalm 50,23 lese ich: »Wer Dank opfert, verherrlicht mich und bahnt so einen Weg; ihn werde ich das Heil Gottes sehen lassen.« Wenn man solche Zusagen Gottes aus der Bibel einmal im Glauben in Besitz genommen hat, entsteht sogar ein emotionales Wunder: Vorfreude!
Und ich denke an Paulus und Silas, die im Gefängnis sitzend auf ihr Todesurteil warteten und gegen Mitternacht anfingen, Gott laut zu danken (vgl. Apostelgeschichte 16,25). Und die beiden bekamen sofort danach Hilfe.
Aber wie geht es denen, die auf Gottes Hilfe warten müssen?
Noch einen anderen Glauben finden
Vom Berg aus bekommt man auch mal eine gesunde Distanz zu seinen Lieblingsversen in der Bibel, die an sich zwar ihre Richtigkeit haben, aber auch die nicht so schönen Verse verdrängen.
Dabei denke ich an den dunklen Teil des ach so oft zitierten elften Kapitels des Hebräerbriefes. Zunächst strotzen die ersten 35 Verse dieses Kapitels vor Glaubenshelden, die mit bewundernswerten Taten Gottes Eingreifen freisetzten. Und dann wechselt die Perspektvie der Berichterstattung: Furchtbare Lebensumstände werden dort beschrieben, die sich kein Mensch wünscht. Ganz so, als wäre das kein Widerspruch zu den beschriebenen Glaubenstaten.
Hier eine Kostprobe: »Sie wurden gesteinigt, zersägt, starben den Tod durch das Schwert, gingen umher in Schafpelzen, in Ziegenfellen, Mangel leidend, bedrängt, geplagt« (Hebräer 11,37). Das offensichtliche Schweigen Gottes im Leben dieser Leidenden wird schier mysteriös erklärt: »Und diese alle, die durch den Glauben ein Zeugnis erhielten, haben die Verheißung nicht erlangt, da Gott für uns etwas Besseres vorgesehen hat, damit sie nicht ohne uns vollendet werden.« (Hebräer 11,39-40) Keine Bewahrung. Kein Schutz. Kein Engel, der hilft. Mangel statt Versorgung. Wie ist das zu verstehen? Not lehrt beten, heißt es in einem Sprichwort. Das diese Leidenden gebetet haben, ist anzunehmen. Doch was haben sie von Gott empfangen? Einen Glauben mit einem inneren Zeugnis. Das ist das innere Überführtsein von Dingen (d.h. Vorherwissen, Inhalte, Entwicklungen, Gnaden …), die man noch nicht sieht (vgl. Hebräer 11,1).
So gibt es offenbar auch einen Glauben, der Missstände aushält. Der leidgeprüfte Asaf bekennt diesen Glauben so: »Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil« (Psalm 73,26; LUT).
Es ist fraglos schwieriger, den Glauben auf Gottes Hilfe aufrechtzuerhalten, wenn seine Hilfe auf sich warten lässt oder im jetzigen Leben möglicherweise gar nicht eintrifft. In einem Sprichwort heißt es so tiefsinnig: »Die Länge bringt die Last.« Zudem fällt mir auf, dass die Leidenden in ihrem Glauben meistens von einem Happy End ausgingen. Das deckt sich mit der paulinischen Einsicht, dass demjenigen, der Gott liebt und sich zu seinem Wort hält, alle Dinge zum Besten dienen werden (vgl. Römer 8,28).
So gesehen bekommt auch die Zusage Jesu, dass dem Glaubenden alles möglich ist, eine weite Perspektive. Ein fester Glaube im Leid ist eine Gabe Gottes. Eben ein geschenktes inneres Zeugnis, dass Gott auch im und durch Leid höhere Ziele in unserem Leben verfolgen kann. Und das durchaus auch mit Ewigkeitsperspektive. Dieser erweiterte Glaubensinhalt bewahrt vor Bitterkeit gegen Gott. Die Warum-Frage wird zur Wozu-Frage.
Es ist gut auf dem Berg zu sitzen.
Zurück zu meiner Krise.
Das innere Zeugnis
Meine Frau und ich hatten eine Woche mit circa 100 Singles in einem Hotel auf der Insel Zypern verbracht. Diverse Gottesdienste lagen hinter uns, als wir von dort direkt nach Israel flogen, um am Laubhüttenfest der Internationalen Christlichen Botschaft von Jerusalem (ICEJ) teilzunehmen. Nach drei Veranstaltungen binnen eines Tages entschied meine Frau am Abend des 9. Oktobers 2017, im Hotel zu bleiben. Sie wollte ein Buch lesen und bat mich, allein zu gehen. Nun saß ich dort in der Pais Arena von Jerusalem. Tausende Teilnehmer füllten die Halle. Es war der politische Abend. Knesset-Abgeordnete waren als Ehrengäste anwesend. Als Vorstandsvorsitzender repräsentierte ich die ICEJ und saß in der ersten Reihe bei der Politprominenz. Das Programm in meiner Hand kündigte mir eine Dauer von 3,5 Stunden an. Nach 45 Minuten hatte ich die romantische Idee, jetzt einfach die Veranstaltung zu verlassen und »statt Blumen« meine Frau durch vorzeitiges Wiederkommen zu überraschen. Es war der Wunsch, ihr zu zeigen, wie wichtig sie mir ist. Gedacht – getan. Ich verließ die Halle, ohne mich zu entschuldigen. Bekam das einzig freie Taxi und war 10 Minuten später im Hotel angekommen. Als ich fröhlich den Raum betrat, sah ich meine Frau ohnmächtig neben dem Bett auf dem Boden liegen. Ein furchtbarer Anblick. Dann ging alles ganz schnell. Kurzes Gebet, keine spontane Besserung, Notarzt, Krankenhaus, Kopfoperation, Koma, geringe Überlebenschancen.
Die Nacht im Krankenhaus zog sich wie Jahre hin. Mein Glaube zitterte vor Furcht. Mein Goliat hieß »geringe Überlebenschancen«. Dann versuchte ich mich zu erinnern. Warum war ich, ganz entgegen meiner Berufsethik, einfach aus der Veranstaltung gegangen und in das Hotel gefahren?
Die Absicht hinter diesem Handeln war so sanft, aufrichtig, freundlich und überzeugend. Ich hatte keine bösen Vorahnungen. Alles geschah so liebevoll in mir. In mir verfestigt sich zunehmend der Gedanke, dass es Jesu Geist war, der mich aus der Veranstaltung zu meiner Frau geleitet hatte.
Mein zitternder Glaube beruhigte sich, logische Gedanken wurden lauter: Wenn Gott mich zeitnah in die Notlage meiner Frau führte, um ihr zu helfen, dann gibt es einen Plan. Ein inneres Zeugnis baute sich in mir auf, Gewissheit festigte sich.
Am nächsten Morgen weckte mich im Hotel ein Telefonat. Ein messianisch-jüdischer Pastor aus Äthiopien war am Apparat. Wir kannten uns nicht. Er fragte, ob er ein Gebet sprechen dürfte. Nach meiner Erlaubnis legte er los. Seine Worte waren wie Balsam für mein geschundenes Herz. Eine tief greifende, tröstende Kraft durchströmte mich und Tränen erlösender Freude strömten über mein Gesicht. Das war ungewöhnlich für mich, denn ich bin nicht nah am Wasser gebaut. Mein inneres Zeugnis des Glaubens für einen bevorstehenden Leidensweg mit Happy End baute sich auf.
Hätte ich meine Frau zwei oder drei Stunden später im Hotel gefunden, hätte sie das Aneurysma nicht überlebt. Das waren die Worte des Chefarztes der Jerusalemer Klinik. Dann kündigte er mir bei der Verabschiedung an, dass meine Frau noch Monate im Koma liegen könne und ein Aufwachen nicht gewiss sei.
Nach vier Wochen holten deutsche Ärzte mit einem Medical-Jet meine Frau in die Göttinger Uniklinik. Ich durfte nicht mitfliegen. Bei der Verabschiedung gab ich ihr einen Kuss und ein Satz des Glaubens huschte über meine Lippen: »In Göttingen hol’ ich dich mit einem Gebet aus dem Koma.«
Was dann auch so geschah.
Corona – was machst du mit meinem Glauben?
Steigende Todeszahlen werden gemeldet. Überfüllte Krankenhäuser in Italien, Spanien und Amerika. Düstere Prognosen für die nächsten Jahre wollen sich auf das Gemüt legen. Verharmloser überhöre ich. Sie sind oft jünger und haben keine Vorerkrankung. Doch mein inneres Zeugnis sagt mir, dass der Gott, der meine Frau vor dem Tod bewahrt hat, sie dem Coronavirus nicht preisgeben wird.
Zuversicht und Weisheit ist gefragt. König Salomo hilft mir dabei: »Der Kluge sieht das Unglück kommen und verbirgt sich; die Unverständigen laufen weiter und müssen büßen« (Sprüche 22,3; LUT). Deswegen habe ich kein Problem mit Quarantäne. Ich erlebe sie nicht als freiheitsberaubend, sondern als schützend.
Dazu schöpfe ich neue Gedanken über das Wesen Gottes. Wenn die Not am größten ist, kommt seine Hilfe. Viele Menschen werden mehr beten als gewöhnlich. Gebet hat Verheißung.
Der Verlust der Gottesdienstgemeinschaft wird ein neues Verlangen für eine alte Verheißung bringen. Denn Jesus hat versprochen: Wenn man sich in seinem Namen versammelt, wird er gegenwärtig sein (vgl. Matthäus 18,20). Kirchen werden wieder voller werden. Neue Gnaden Gottes warten auf uns, weil sein Volk sich demütigt und übermütigen Lebensstil verändern lässt.
So blicke ich hoffnungsvoll in die Zukunft und bedanke mich bei dem Propheten Habakuk, der das Wesen Gottes so treffend definiert: »Da entsteht ein Glanz, dem Licht der Sonne gleich, Strahlen ihm zur Seite, und in ihnen verbirgt sich seine Macht. Vor ihm her geht die Pest …« (Habakuk 3,4-5).
Nach der Nacht geht die Sonne auf.
Nach Karfreitag kam Ostersonntag.
Nach der Christenverfolgung die Mission.
Nach dem Holocaust kam die Staatsgründung Israels.
Nach der Teilung Deutschlands kam die Einheit.
Nach Corona …?
Wähle Deinen Glauben!
| Ingolf Ellßel war 35 Jahre Pastor im Christus Centrum in Tostedt und ist Altpräses vom Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden. Mit seiner Frau Sigrid hat er fünf Kinder. |
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Hoffnungslieder aus meiner Küche
Von Christoph Zehendner
Abgesagt, einfach so.
Zunächst ein Referat beim Frühstückstreffen für Frauen. Dann zwei, drei und immer noch mehr Konzerte. Referate, Predigten, Musik beim Männertag, Mitarbeit bei Freizeiten … und es ging immer so weiter.
Allein in den Monaten März und April 2020 fallen für mich rund 20 lang geplante und gut vorbereitete Veranstaltungen aus. Und damit zugleich auch die Möglichkeit, Menschen mit der frohen Botschaft von Jesus zu erreichen, sie zu ermutigen und herauszufordern, aufzubauen und zu begleiten. Und ganz nebenbei entfallen auch kleine Honorare und die Möglichkeit, vor Ort meine CDs und Bücher zu verkaufen.
Stattdessen: Nichts. Ein schwarzes Loch. Kein Ende absehbar. Für viele meiner Musikerfreunde ein absolutes finanzielles Desaster. Schließlich sind die meisten von ihnen ganz auf Honorare und CD-Verkäufe angewiesen. Für mich ist es noch eine mittelschwere Katastrophe. Denn neben meiner freiberuflichen Tätigkeit als Liedermacher und Prediger bin ich noch im Kloster Triefenstein bei den Christusträger-Brüdern angestellt und beziehe jetzt von dort Kurzarbeitergeld.
Aber wie ich darüber hinaus die Personalkosten für meine freiberufliche Tätigkeit, die Leasingrate fürs Auto und andere Fixkosten bezahlen soll – großes Fragezeichen.
Die Corona-Krise trifft mich hart und unvorbereitet. Habe ich doch gerade erst vor ein paar Monaten wieder anfangen können, normal zu arbeiten. Fast ein Dreivierteljahr hatte ich wegen diverser medizinischer Behandlungen pausieren müssen – Lymphknotenkrebs und Bandscheibenvorfälle zwangen mich dazu. Und kaum kann ich meinem Herzensanliegen endlich wieder nachgehen, singen, predigen und referieren, schlägt der Coronavirus ein und macht alle Pläne zunichte.
Warum ich so schwarz male? Weil man ein Wunder wohl erst dann erkennen kann, wenn man vorher am Boden ist. Obwohl ich mich sonst eher als nüchternen Journalisten denn als einen euphorisch veranlagten »Wundergeschichten-Erzähler« beschreiben würde.
Das Wunder beginnt mit einer mutigen und einfallsreichen Frau: Meine Musikerkollegin Judy Bailey erlebte im März die gleiche Krise wie ich: Absagenflut, ausbleibende Einnahmen, finanzielle Unsicherheit. Und auch ihr stellten sich die Fragen: Was bleibt uns christlichen Künstlern, wenn wir unsere Lieder von Glauben und Trost, Hoffnung und Zukunft nicht mehr singen dürfen? Oder noch anders, etwas frommer ausgedrückt: Welchen Beitrag könnte Gott von uns in einer solchen Situation erwarten?
Judys Antwort darauf: Sie singt. Am 14. März, abends um halb acht. Mit der ganzen Familie. In der heimischen Küche. Persönlich. Mutmachend. Mitreißend. Und sie überträgt das fröhliche Küchenkonzert in die große weite Medienwelt hinaus. Via »Facebook live«.
Judy und ihr Mann Patrick heben bei der Gelegenheit eine Veranstaltungsform aus der Taufe, die für mein Empfinden in die Kirchengeschichte eingehen sollte: Die »Hopesongs from my kitchen«. Geistliche Konzerte voller Rhythmus, Freude und Kreativität, die damit zugleich den Gemeinschaftsgeist fördern, Einsamkeit aufbrechen und Hoffnungslosigkeit dämpfen, gute Ideen verbreiten und Blicke über den Tellerrand ermöglichen, zum Mitmachen einladen und den Blick weglenken von den Sorgen des Tages auf den Auferstandenen: Jesus Christus.
Dabei macht Judy eigentlich gar nichts Besonderes: Sie setzt sich mit ihrem Mann Patrick und ihren drei Jungs in die Küche, steckt ihr Handy auf ein Stativ und geht auf »Facebook live«. Kurz darauf ist sie live im Internet zu erleben. Mit mäßigem Sound und manchmal stotternden Bildern. Aber eben live, echt, persönlich. Und einfach wohltuend. Schon nach kurzer Zeit haben sich etliche Zuschauerinnen und Zuschauer vor ihren Computermonitoren und Handydisplays versammelt. Sie erleben den Start von Judys Reihe »Hopesongs from my kitchen«.
Wenige Tage später klinke ich mich ein. Baue meinerseits mit zitternden Fingern ein ausgeliehenes Stativ in unserer Küche auf, kämpfe damit, mich nicht seitenverkehrt und auch nicht um 90 Grad gekippt in Szene zu setzen, und mein Gesicht mithilfe einer Stehlampe wenigstens einigermaßen auszuleuchten. Als alles vorbereitet ist, so gut ich es eben kann, betet meine Frau Ingrid mit mir und segnet mich für diesen »Spezialeinsatz«. Dann lege ich los. »Hopesongs from my kitchen« aus Triefenstein in Unterfranken, am 23. März im Corona-Jahr 2020, um 19.30 Uhr.
Warum ich mir das so genau gemerkt habe? Weil mich das, was ich bei diesem ungewöhnlichen Konzert erlebt habe, schier wegbläst. Nach wenigen Minuten schon werden mir 100 Teilnehmer gemeldet. Dann haben sich 200 zugeschaltet, dann 300. Nach etwa 20 Minuten sitzen an bis zu 670 Standorten schätzungsweise 1.000 Menschen und erleben meine Hopesongs live mit. Einfach so. Unfassbar.
Klar, die Leute sind in diesen Tagen ausgehungert. Sie lechzen nach sozialen Kontakten. Nach einem kleinen Scherz und einem Lächeln. Nach einem Bibelvers, der Mut macht. Nach einem Segenswort für die schwere Zeit. Fast alle sitzen in diesen Zeiten ja zu Hause und müssen sich auf die wenigen Kontakte innerhalb der Familie beschränken. Beim Facebook-Live-Konzert erleben sie direkt-indirekt gemeinsames Lachen und Singen, können per Knopfdruck mitgestalten (indem sie als »Applaus« Herzchen oder hochgestreckte Daumen auf den Displays nach oben steigen lassen). Viele Zuschauerinnen und Zuschauer spüren dabei: Ich bin nicht allein. Auch wenn ich hier allein vor dem Monitor sitze – ich bin verbunden mit Hunderten von Menschen dort draußen, die jetzt genau das Gleiche erleben, spüren, genießen wie ich. »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte«, hat Jesus versprochen (Matthäus 18,20). Hier sind erheblich mehr Menschen versammelt – und er ist mittendrin. In diesen Tagen im März haben Kirchen, Gemeinden und Verlagen erst zaghaft begonnen, ihre Medienangebote an die neue Situation anzupassen und zu erweitern.
Und so empfehlen viele noch während des Konzerts die »Hopesongs« ihren Freunden. So regnet es in der knappen Stunde des Konzerts Hunderte begeisterter Kommentare wie »Was kann das Internet für ein Segen sein – ich ziehe gestärkt in den Abend« oder »Solang so viele Menschen in dieser Krise zusammenhalten, überstehen wir das mit Gottes Hilfe gut«. So werde ich regelrecht bestürmt, bald schon wieder »live zu gehen« und zu singen.
Erst nach der Aufregung des Konzerts realisiere ich: Mein erstes Konzert dieser Art erlebten live auch etliche Nachbarn aus meiner Straße mit – und sogar Menschen in Italien, Indien, Südafrika, Paraguay, Argentinien und Israel. Nach dem Live-Konzert sehen sich viele andere im Nachhinein den Mitschnitt an – insgesamt interessieren sich mehr als 4.000 Menschen für meine kleinen Lieder zur Klampfe.
Ich rechne durch: Hätte meine Tournee mit sieben Konzerten wie geplant stattgefunden, hätten wir dabei vermutlich nicht einmal halb so viele Menschen erreichen können wie mit diesem Live-Konzert aus der Küche – mit einfachsten Mitteln und doch gewaltiger Reichweite. Unfassbar.
Aber es sind in erster Linie gar nicht die großen Zahlen, die mich begeistern. Es ist die Tiefe der Reaktionen, es sind die vielen Dankesmails, die kleinen und großen Aktionen, die durch mein Konzert angeregt und in die Wege geleitet wurden.
Ein paar Beispiele gefällig?
Eine Zuschauerin bastelte spontan nach dem ersten Konzert Windlichter mit der Aufschrift »Hoffnungsschimmer« und verteilte Dutzende davon an Menschen, die in der Corona-Krise Zuspruch und Zuversicht brauchen. Bei einem zweiten Konzert erzähle ich davon – und sofort finden sich Nachahmer. Eine Zuschauerin berichtet mir, dass sie während des Konzerts tröstliche Postkarten an Bekannte schreibt. Etliche andere nähen in dieser Zeit Atemschutzmasken für Pflegeheime. Insgesamt drei Sponsoren melden sich bei mir und vertrauen mir Geld für meine Künstlerkollegen an, die sonst keinerlei Einnahmen mehr haben – und die wiederum überglücklich das als ein Geschenk des Himmels entgegennehmen.
Wunderbar, oder?
Judys Idee zieht Kreise. Jeden Abend um halb acht gibt’s ein »Hopesongs«-Konzert im Internet. Viele Kolleginnen und Kollegen steigen ein: Sefora Nelson, Andi Weiss, Njeri Weth, Andrea und Albert Frey, Carola und Ebi Rink, Samuel Rösch und Jan Jakob präsentieren ihre »Hopesongs«. Samuel Koch, Schauspieler und Autor, steuert an einem Abend Texte aus seinen Büchern bei. Musiker aus Kolumbien, Kenia, Indien, Neuseeland, England, Italien und den USA singen ihre Lieder von Glaube, Liebe und Hoffnung. Seit dem 14. März Abend für Abend um 19.30 Uhr, ergänzt durch »Hopesongs specials«. Grob geschätzte Gesamtzuschauerzahl – sicher mehr als 100.000 Menschen! Oder noch mehr?
Gerade in dieser Krise und der Ungewissheit sind menschliche Kontakte ganz wertvoll – keimfreie, versteht sich. Bei den »Hopesongs« beobachte ich auf eindrückliche Weise: Die sozialen Medien bieten eine Riesenchance für gegenseitige Ermutigung, für Stärkung und Hoffnung. Ich erlebe: Die unkomplizierte, spontane Art der Hoffnungslieder-Reihe tut mir selbst gut. Mal ist es die lockere Art des Interpreten, mal eine Textzeile, die mich Gott näherbringt, mal ist es ein Witz oder ein schräger Akkord, der mich aufhorchen lässt und etwas Gutes in mir auslöst. Gott beschenkt und segnet mich durch das, was ich da direkt miterleben kann.
Und umgekehrt wünsche ich mir ja genau das für all meine Zuhörerinnen und Zuhörer da draußen: Ich will ihnen mit meinen Liedern vom Glauben guttun. Will ihren Blick von der Sorge hin zu Jesus, dem sicheren Halt unseres Lebens lenken. Will mit ihnen singen: »Bist zu uns wie ein Vater, der sein Kind nie vergisst« (übrigens nicht nur auf Deutsch …). Will mit ihnen darüber nachdenken, worauf es jetzt wirklich ankommt im Leben. Will mich mit ihnen gemeinsam zu Gott aufmachen: »Wir suchen deine Nähe, wir sehnen uns nach dir. Und spüren doch, wir sind nicht offen dafür.« Will ihnen Mut machen zu Gebet und Stille. Aber auch aktiv zu werden für Menschen, die dringend Unterstützung brauchen, z.B. durch ein Telefongespräch, eine Postkarte, eine Mail oder ein Geschenk.
Als Christ möchte ich gerade jetzt Hoffnung verbreiten, wo die Stimmung von Angst geprägt ist. Bei den »Hopesongs« gelingt das bereits außerordentlich gut. Vielleicht gerade weil sie so spontan, unkompliziert und ungeplant daherkommen. Mehr und mehr verbreitet sich der gute Ruf dieser besonderen Konzerte. Die Medien berichten staunend über das Phänomen.
Dass wir uns nicht falsch verstehen: All die »Hopesongs«-Konzerte haben fürs geneigte Publikum »Eintritt frei«. Geld verdient damit niemand. Trotzdem habe ich und auch andere Interpreten erlebt: Teilen macht reich!
Wie es weitergehen wird mit den »Hopesongs«? Bis Mitte April jedenfalls hat es schon an die 50 dieser Küchenkonzerte gegeben. Vielleicht ist mit dem weiteren Verlauf der Krise ja bald Schluss. Oder aber es geht noch ein Weilchen. Oder ein anderer kreativer Kopf erfindet ein anderes, neues Format. Meine Einschätzung heute: Die »Hopesongs« waren goldrichtig für ein paar ganz besondere Wochen der Weltgeschichte. Goldrichtig im Sinne von Jesu Auftrag: »Was ich euch sage in der Finsternis, redet im Licht; und was ihr ins Ohr geflüstert hört, ruft aus auf den Dächern« (Matthäus 10,27).
Sind sie nun ein kleines Wunder, diese »Hopesongs from my kitchen«? Oder sind sie vielmehr ein großes? Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Gott hat es geschenkt, dass Judy zur richtigen Zeit die richtige Idee hatte. Er hat es geschenkt, dass sich die gute Idee sofort durchgesetzt und weit verbreitet hat.
Und ganz persönlich kann ich ergänzen: Gott hat mir ein wunderbares Geschenk in der Zeit der Krise gemacht, das mich selbst gestärkt hat und das ich vielfältig weiterreichen darf. Mal sehen, wie lange noch. Gott sei Dank jedenfalls für das Wunder der »Hopesongs«!
| Christoph Zehendner, gelernter Journalist und studierter Theologe, lebt und arbeitet mit seiner Frau als Mitarbeiter der Christusträger-Bruderschaft im Kloster Triefenstein/Unterfranken. Als Liedermacher und Autor ist er für Konzerte, Lesungen und Predigten unterwegs.www.christoph-zehendner.de |
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Krise hoch drei
von Claudia Filker
Krise, die erste …
So einen Geruch habe ich noch nicht in der Nase gespürt: Eine seltsame Mischung aus abgestandenem Essen, feuchter Wäsche, Schweiß. Wir stehen mitten in der Halle einer vor Jahren geschlossenen Zigarettenfabrik. Unzählige Biertischgarnituren stehen in der Mitte des Raumes. Rechts und links Stellwände. Später werden wir erfahren, dass sich dahinter jeweils ein Männer- und ein Frauenschlaftrakt befindet. 800 Schlafmöglichkeiten. Doppelstockbett an Doppelstockbett. Fast über Nacht wurde an diesem unwirtlichen Ort eine neue Notunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet und in die Verantwortung der Berliner Stadtmission übergeben.
Ich beginne mit dieser »Krise«. (Wobei es mir mehr denn je schwerfällt, Menschen – hier Flüchtlinge – als Krise zu bezeichnen.)
Warum dieser Anfang? Weil diese Krise etwas mit der aktuellen Corona-Krise zu tun hat – jedenfalls in meinem Leben. Und weil diese Krise eine der drei gesellschaftspolitischen und geistlichen Herausforderungen ist, die mich seit einigen Jahren verändert haben. Und weil diese zeigen, wie es uns immer wieder gelingt, unangenehme Dinge zu verdrängen. Ja, durchaus – Krisen sind manchmal einfach so da. Scheinbar aus dem Nichts. Die lebensbedrohliche Diagnose, vom Arzt schonend beigebracht, löst eine existenzielle Krise aus. Vielleicht ist die Krise schon bald eine Katastrophe. Oder ein Treuebruch in der doch krisenfest geglaubten Paarbeziehung. Das Ende einer kleinen Welt. Doch die meisten Krisen – auch die großen – kündigen sich an, senden Boten. »Wer Ohren hat, der höre« (Matthäus 11,15; LUT).
November 2015. Wir befinden uns auf dem Höhepunkt der sogenannten »Flüchtlingskrise«. Wochenlang habe ich abends die Nachrichten gesehen und immer wieder gedacht und gebetet: »Was kann ich nur tun?! Gott, wo ist mein Platz?« Tausende ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer. Bilder von an Land gespülten Kinderleichen, katastrophal überfüllten Flüchtlingslagern, ein nicht enden wollender Krieg in Syrien. Alles nicht neu. Und doch ist für mich etwas anders geworden. Ausgelöst durch die Lektüre eines kleinen Büchleins: »Krieg: Stell dir vor, er wäre hier«. Geschrieben von der dänischen Jugendbuchautorin Janne Teller, die die Leser in ein Gedankenexperiment hineinführt: Deutschland befindet sich im Krieg. Die Europäische Union ist zerfallen. Die Häuser Ruinen. Lebensmittel kaum noch zu bekommen. Die Familie des jugendlichen Erzählers wurde auseinandergerissen. Wohin können wir fliehen? Wer rettet uns? Dieses Gedankenexperiment war und ist für mich zutiefst verstörend, aufrüttelnd. Eigentlich wusste ich es doch schon längst: Nichts habe ich dazu beigetragen, dass ich hier in Deutschland im Wohlstand lebe, Frieden in meinem Land ist, meine Kinder und Enkelkinder in Sicherheit leben. Deutsch zu sein ist kein Verdienst. Plötzlich sehe ich die jungen Familien im Flüchtlingstreck, die die Abendnachrichten in mein geruhsames Leben bringen, durch diese Augen: Wohin könnten sich meine Kinder mit meinen Enkelkindern retten? Wer würde ihnen Asyl gewähren?
An diesem Samstagnachmittag im November 2015 haben mein Mann und ich uns mit einer Gruppe aus unserer Tegeler Stadtmissionsgemeinde auf den Weg in die umgebaute Zigarettenfabrik gemacht, um mit den gerade eingezogenen afghanischen, syrischen, iranischen Kindern zu spielen. Wie schon lange nicht mehr habe ich das Gefühl, eine unerfahrene Anfängerin zu sein. Ich bin aufgeregt. Fühle mich hilflos. Das ist der Ernstfall. Dafür konnten wir nicht proben. Ich hänge mir meine Gitarre um, schlage ein paar Akkorde an und schon strömen die Kinder herbei. Ich lächle die kleinen Menschen an. Zum Glück habe ich eine kräftige Singstimme: »Einfach spitze, dass du da bist. Komm, wir loben Gott den Herrn!« In der ersten Reihe steht ein vielleicht elfjähriges Mädchen. Selten habe ich mich in meinem Leben so angeblickt gefühlt. Sie strahlt. Versucht mir jedes Wort von den Lippen abzulesen und mitzusingen: »Lasst uns klatschen, lasst uns stampfen.« Seitdem gehört Samira zu unserem Leben. Und ihre vier Geschwister und ihre Eltern. Und die anderen Waheedas, Mujibs, Nilabs, Robinas und Hobebs, die unser Leben seit diesem November ziemlich umgekrempelt haben. Hatten mein Mann und ich uns doch im Herbst 2015 noch gefragt, wo Gott uns mit Eintritt des Ruhestandes meines Mannes haben wollte. In den darauffolgenden Wochen wird alles klar. Wirklich glasklar. Beziehungsarbeit mit Geflüchteten ist seitdem unsere Leidenschaft, unsere Berufung. Heute sind wir BAMF-, Ausländerbehörden-, Jobcenter-erprobt. Wir sitzen wieder in Elternabenden und führen Lehrerinnengespräche. Und kochen ganz viele Nudeln mit roter Soße für afghanische Teenies an unserem Esstisch. In der Zwischenzeit haben wir auch in unser Haus, aus dem unsere erwachsen gewordenen Kinder schon lange ausgezogen sind, zwei Flüchtlinge aufgenommen, einen afghanischen und einen äthiopischen jungen Mann. Auch das ist unser Beitrag zur gesellschaftlichen »Krisenbewältigung«. Selten habe ich in meinem Leben so klar Gottes Beauftragung erlebt.
Krise, die zweite …
Das Jahr 2018 toppte alle Vorjahre. Völlig entspannt konnten mein Mann und ich schon im Mai schwimmen gehen – die starke Frühlingssonne hatte das Gewässer kräftig erwärmt – und bis weit in den September konnten wir das Wasser genießen. Wer mich kennt, weiß, wie sehr ich es liebe, im Sommer in den Berliner und Brandenburger Gewässern zu schwimmen. Abends noch mal schnell in die Havel springen und in die untergehende Sonne hineinzuschwimmen – das macht mich wirklich glücklich. 2018 – der Supersommer! Doch irgendwann kippte die Stimmung. Die Freude über den herrlichen Sonnenschein und ungetrübte Badefreuden wichen einem mulmigen Gefühl: Irgendetwas stimmt hier nicht. 2018 wird wohl als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem viele Europäer den Klimawandel erstmals realisierten. In dem sie selbst spürten, was ein sich erwärmender Planet bewirkt. (Das, was in Asien und Afrika schon lange die Menschen quält, konnten wir ja gut verdrängen.) Es ist das Jahr, in dem das Reden über das Wetter seinen Smalltalk-Charakter (Wetter geht immer) verliert und die Klimadebatte richtig Fahrt aufnimmt. Es ist das Jahr, in dem nicht nur Ernten zerstört werden, sondern auch Selbstverständlichkeiten. Eine davon lautet: In Deutschland regnet es mehr als genug. Wassermangel? Ist doch kein Problem bei uns.
Bis dahin konnte auch ich gut verdrängen. Wissen wegdrücken. Klimawandel – wird schon nicht so schlimm werden. Damit ist jetzt Schluss. Und ganz ehrlich – das fühlt sich nicht gut an. Krise, die zweite … Die Diskussion um den Klimawandel findet Gott sei Dank endlich in unserer Gesellschaft statt.
Es irritiert mich, wie wir das Bekenntnis zu Gott, dem Schöpfer, so wenig im wahrsten Sinne des Wortes geerdet haben. Wir singen inbrünstig Lobpreislieder und vergessen Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, die Ehre zu geben: Sorgloser Umgang mit der Schöpfung, als hätte uns Gott, der Schöpfer, nicht diese wunderbare Gabe anvertraut, hat kaum Raum im Schuldbekenntnis – erst recht nicht im Auftrag der Gemeinden.
Gottes Geist weht, wo er will. Und weil die Großen nicht so recht in Schwung kamen, hat er die Jungen losgeschickt. Mich beeindruckte, wie im Rahmen einer Ringvorlesung der Präsident der Technischen Universität Berlin – ein Physiker – sehr freimütig bekannte, dass auch er erst durch den Protest der »Fridays for Future«-Bewegung wirklich realisierte, was er schon seit mindestens fünfzehn Jahre als Wissen in seinem Kopf hatte. Wir sind halt gut im Verdrängen.
In dieser Zeit lese ich ein grandioses Buch: Hans Rosling, »Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist«. Was für eine Entdeckung! Hans Rosling, ein schwedischer Wissenschaftler und Mediziner, zeigt anschaulich, wie sehr wir Menschen – d.h. Wissenschaftler aller Fachrichtungen und aus aller Welt, Menschen aller Bildungsschichten, Manager, Alte und Junge – dazu neigen, die Welt viel schlechter zu sehen, als sie in Wirklichkeit ist. Das Buch ist ein echtes Mutmachprogramm, weil es nachweist, in wie vielen Bereichen (Bildung, Gesundheitsversorgung, Lebenserwartung, Friedensentwicklung usw.) die Welt sich zum Besseren entwickelt hat. Ein echter Gegenentwurf zu der bei vielen – auch Christen – verbreiteten Haltung: In der Welt wird doch alles immer schlechter. Nein, wir können und wir haben Dinge zum Positiven verändert! Unterschätzt nicht eure Möglichkeiten.
So weit, so sehr gut.
Hans Rosling benennt am Ende seines Buches jedoch fünf Risiken, die eine ernsthafte Bedrohung für die Menschheit sind: eine globale Pandemie, ein Finanzkollaps, ein dritter Weltkrieg, der Klimawandel und extreme Armut.
Seine ermutigenden Einsichten begleiten mich. In meiner Gemeinde habe ich das Buch in einem Gesprächskreis in mehreren Etappen vorgestellt. Ich weiß noch genau, wie ich zum Schluss auch die fünf Risiken darlegte und vor allem auf die reale Gefahr eines Klimawandels mit den verheerenden Folgen hinwies. Die Pandemie jedoch erwähnte ich so nebenbei. Und soll ich ganz ehrlich sein? Die Vorstellung einer drohenden, weltumgreifenden Pandemie fand ich ziemlich exotisch.
Ich kann mir jetzt sparen, den Lesern und Leserinnen den Turbolauf, mit dem uns die Realität einer Pandemie einholte, noch einmal vorzustellen. Unvorstellbares traf ein. Zack!
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