Kitabı oku: «Grundwissen Eigensicherung»

Yazı tipi:

Grundwissen Eigensicherung

ISBN 978-3-86676-654-9

Clemens Lorei & Jürgen Sohnemann (Hrsg.)

Grundwissen Eigensicherung

ISBN 978-3-86676-654-9


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner enthaltenen Teile inkl. Tabellen und Abbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Übersetzung, Vervielfältigung auf fotomechanischem oder elektronischem Wege und die Einspeicherung in Datenverarbeitungsanlagen sind nicht gestattet. Kein Teil dieses Werkes darf außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ohne schriftliche Genehmigung in irgendeiner Form reproduziert, kopiert, übertragen oder eingespeichert werden.

© Urheberrecht und Copyright: 2012 Verlag für Polizeiwissenschaft, Prof. Dr. Clemens Lorei, Frankfurt

Umschlaggestaltung:

Christa Helwig-Hallenberger - Kommunikationsdesign

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte vorbehalten.

Verlag für Polizeiwissenschaft, Prof. Dr. Clemens Lorei

Eschersheimer Landstraße 508 • 60433 Frankfurt

Telefon/Telefax 0 69/51 37 54 • verlag@polizeiwissenschaft.de

www.polizeiwissenschaft.de

Vorwort

Lieber Leser,

das Buch „Grundwissen zur Eigensicherung“ verfolgt das Ziel, grundlegendes Wissen zum Thema polizeiliche Eigensicherung zur Verfügung zu stellen. Es richtet sich vor allem an Polizeibeamte; insbesondere an solche, die am Anfang ihres Berufslebens stehen. Es will aber auch allen anderen, die sich mit der Eigensicherung beschäftigen (Ordnungsbehörden, Richter, Staatsanwälte etc.), Informationen zur polizeilichen Eigensicherung auf der Höhe der Zeit anbieten. Dabei will es eine Verbindung schaffen zwischen praktischer Umsetzbarkeit sowie Verständlichkeit der Inhalte und wissenschaftlichem Anspruch. Dafür stehen die beiden Herausgeber aus Wissenschaft und Praxis.

Das Werk soll also dazu dienen, Polizeibeamte in die Lage zu versetzen, professionell auf dem neusten wissenschaftlich abgesicherten Stand zu handeln. Umgekehrt soll es anderen Professionen helfen, fundierte Informationen über Hintergründe polizeilichen Einsatzhandelns aus Expertenhand zu erhalten. Somit erhebt das Werk den Anspruch, das „Standard-Lehrwerk“ für polizeiliches Einsatzhandeln und verschiedene Gesichtspunkte der Eigensicherung zu werden. Dabei stellt der Inhalt ein Pflichtwissen für jeden in gefährlichen Situationen handelnden Polizeibeamten dar. Das muss er wissen!

Damit Eigensicherung sich den Notwendigkeiten der Veränderung in Gesellschaft, Technik und Zeit anpassen kann, werden ihre Komponenten und Aspekte ständig weiterentwickelt, ergänzt und aktualisiert. Ebensolches soll auch diesem Lehrwerk widerfahren. Die Herausgeber freuen sich deshalb auf Kommentare, Bemerkungen und Anregungen an grundwissen@polizeiwissenschaft.de.

Clemens Lorei

Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung

Jürgen Sohnemann

Polizeiakademie Hessen

Wir danken allen Autoren, die mit ihrer Bereitschaft und ihrem Engagement zum Entstehen dieses Buches beigetragen haben.

Wir wünschen den Polizeipraktikern unter den Lesern, dass sie allzeit gesund vom Dienst nach Hause kommen, den Lehrenden und Trainern viel Motivation andere bei der Optimierung ihrer Eigensicherung zu unterstützen, und alle denen, die fundiertes Verständnis der polizeilichen Arbeit in gefährlichen Situationen suchen, umfassende Erkenntnis.

Ausgangslage

• Gewalt gegen Polizeibeamte

Karoline Ellrich

Psychologische Grundlagen

• Stress

Christian Pundt

• Visuelle Wahrnehmung

Bernd Körber

Interaktion mit Personen

• Einsatzkommunikation

Peter Pfeiffer

• Psychisch Kranke

Hans Peter Schmalzl

• Alkohol und andere psychotrope Substanzen

Max Hermanutz, Daniel Watolla

• Suizid, erweiterter Suizid und Suicide by Cop

Dietmar Heubrock

Ballistik

• Waffenkunde und Ballistik

Hans R. Damm

• Wund-ballistische Grundlagen für die polizeiliche Eigensicherung

Markus A. Rothschild, Beat Kneubuehl

Fatale Situationen im Polizeieinsatz

• Lagebedingter Erstickungstod

Christoph G. Birngruber, Reinhard B. Dettmeyer

• Unbeabsichtigter Schusswaffengebrauch

Clemens Lorei, Christopher Heim

• Jagdfieber

Clemens Lorei

Was folgt im Falle eines Falles

• Was kommt danach?

Jürgen Sohnemann

• Psychische Verletzungen

Frank Hallenberger

Polizeibeamte als Opfer von Gewalt

Ergebnisse einer deutschlandweiten Befragung aus dem Jahr 2010

Karoline Ellrich

Dipl.-Psych., Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN)

Zusammenfassung

Der Beruf des Polizeibeamten gilt als einer der belastensten und gefährlichsten überhaupt. Um Erkenntnisse über das Ausmaß und die Entwicklung von Gewalt zum Nachteil von Polizeibeamten im Rahmen der Dienstausübung zu erhalten, wurde Anfang des Jahres 2010 vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) in Kooperation mit zehn Bundesländern eine Befragung von rund 20.000 Polizeibeamten zu Gewalterfahrungen im Dienst durchgeführt. Anhand von vier Leitfragen werden die Ergebnisse der Studie vorgestellt und vor dem Hintergrund bisheriger Forschungsbefunde diskutiert. Neben einer Beschreibung von Gewaltübergriffen gegen Polizeibeamte werden zudem mögliche opfer- und täterbezogene Risikofaktoren vorgestellt, die die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs bzw. einer Verletzung im Dienst erhöhen.

1 Einleitung

Polizeibeamte1 sind in ihrem täglichen Dienst mit einer Vielzahl von belastenden und gefährlichen Situationen konfrontiert. Obgleich die meisten Polizei-Bürger-Interaktionen friedlich verlaufen, kommt es auch immer wieder zu kritischen Situationen, in denen Polizeibeamte gewalttätig angegriffen werden. In einer Untersuchung von Klemisch et al. (2005) gaben bspw. 63,6 % der befragten Polizeibeamten an, im Dienst schon einmal körperlich verletzt worden zu sein, 55,4 % waren bereits in Lebensgefahr. Dass solche Ereignisse eine starke Belastung für Polizeibeamte darstellen, konnten verschiedene Studien belegen (Hallenberger & Müller, 2000; Hallenberger et al., 2003; Klemisch et al., 2005a; Neugebauer & Latscha, 2009).

Für Deutschland existieren keine offiziellen Statistiken, die das Ausmaß von Gewaltübergriffen zum Nachteil von Polizeibeamten erfassen. Deshalb wird zur Beschreibung des Phänomens oft auf die registrierten Fälle von Widerstand gegen die Staatsgewalt in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS, Schlüssel: 621000) zurückgegriffen. Dabei zeichnete sich zwischen 2000 und 2008 ein nahezu kontinuierlicher Anstieg von Widerstandsdelikten um rund ein Drittel ab (34,5 %).2 Diese Entwicklung wurde als Indiz für eine steigende Gewaltbereitschaft Polizeibeamten gegenüber gewertet. Auf Basis dieser Statistik eine Aussage über Gewalterfahrungen von Polizeibeamten sowie deren Entwicklung zu treffen, ist aber aus mehreren Gründen problematisch: Erstens bezogen sich Widerstandsdelikte bis zum PKS Berichtsjahr 2008 auf die Staatsgewalt insgesamt (§§ 111, 113, 114, 120, 121 StGB), wodurch eine differenzierte Betrachtung von Fällen, die sich gegen Polizeivollzugsbeamte richteten, nicht möglich war. Im Jahr 2009 wurden dann bereits Widerstandsdelikte gegen Vollstreckungsbeamte (§ 113) separat ausgewiesen, die sich zumindest größtenteils auf die Berufsgruppe der Polizeibeamten beziehen. Eine weitere Differenzierung erfolgte im Jahr 2010, in der erstmals Polizeivollzugsbeamte als Opfer von Widerstandsdelikten (Schlüssel 621021) ausgewiesen wurden. Zweitens weist die PKS nur das jeweils schwerste Delikt aus. Liegt neben dem Widerstand auch eine Körperverletzung vor, wird nur letztere in der PKS erfasst. Da bei Körperverletzungsdelikten bislang keine gesonderte Ausweisung der viktimisierten Berufsgruppe erfolgte, können Fälle zum Nachteil von Polizeibeamten hierbei nicht identifiziert werden.3 Folglich repräsentieren die registrierten Fälle von Widerstand weniger schwerwiegende Angriffe auf Beamte. Drittens können auf Basis der PKS keine Aussagen darüber getroffen werden, unter welchen situativen Umständen Angriffe gegen Polizeibeamte erfolgen, welche Gruppen von Polizeibeamten besonders stark von Gewalt betroffen sind und welche Konsequenzen aus den Übergriffen resultieren können. Diese Kenntnisse sind aber notwendig, um Polizeibeamte durch Aus- und Fortbildung besser auf gefährliche Situationen vorzubereiten bzw. im Falle eines Übergriffs entsprechende Hilfeleistungen anzubieten.

2 Forschungsfragen

Sowohl in- als auch ausländische Untersuchungen haben sich auf eine präzise phänomenologische Beschreibung typischer Übergriffsituationen zum Nachteil von Polizeibeamten konzentriert (z. B. Bragason, 2006; Brown, 2004; Falk, 2000; FBI, 2010; Jäger, 1988; Ohlemacher et al., 2003).4 In der deutschen Forschung wurde sich dem Thema von unterschiedlichen Perspektiven genähert, wodurch die Vergleichbarkeit der Ergebnisse mitunter eingeschränkt ist. So finden sich neben Untersuchungen zu versuchten/vollendeten Tötungsdelikten an Polizeibeamten (Ohlemacher et al., 2003; Sessar et al., 1980), auch solche, die eine mehrtägige Dienstunfähigkeitsdauer des Beamten infolge eines Angriffs in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen (Jäger, 1988; Jäger, 1991; Ohlemacher et al., 2003). Andere Studien richteten sich wiederum auf Widerstandsdelikte gegen Polizeibeamte (z. B. Falk, 2000), die zwar nicht zwangsläufig mit gewalttätigen Übergriffen bzw. Verletzungen einhergehen müssen, aber dennoch eine konflikthafte Beamten-Bürger-Interaktion darstellen.

Die letzte umfassende Studie zu Gewalt gegen Polizeibeamte wurde im Jahr 2000 vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen durchgeführt (KFN, Ohlemacher et al., 2003). Im Mittelpunkt dieser Untersuchung standen gravierende Gewalttaten zum Nachteil von Polizeibeamten, die durch eine Tötungsabsicht oder eine mindestens siebentägige Dienstunfähigkeit infolge des Gewaltereignisses gekennzeichnet waren. Seitdem beschränkte sich die Informationsbasis zum Ausmaß von Gewalt gegen Polizeibeamte im Dienst auf die registrierten Fälle von Widerstand gegen die Staatsgewalt in der PKS. Um aktuelle Daten zu gewinnen, entschied sich das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) in Kooperation mit zehn Bundesländern5 Anfang 2010, eine neue Befragung zu Gewalt gegen Polizeibeamte durchzuführen. Diese erfolgte online auf Extrapol, einer Informations- und Kommunikationsplattform der Deutschen Polizeien. Insgesamt 20.938 Polizeibeamte haben sich an der Untersuchung beteiligt, was einer Rücklaufquote von 25,1 % entspricht (Ellrich et al., 2010, S. 10). Etwa jeder fünfte Beamte war weiblich. Das Alter der Befragten variierte zwischen 19 bis 62 Jahren und betrug im Mittel 41,3 Jahre. Hinsichtlich der Dienstgruppe kann festgehalten werden, dass die Beamten zum Befragungszeitpunkt am häufigsten dem Einsatz- und Streifendienst angehörten (44,3 %), gefolgt vom Kriminal- und Ermittlungsdienst (23,2 %). Knapp jeder zwölfte Beamte (8,4 %) tat seinen Dienst in besonderen Einsatzeinheiten wie bspw. Hundertschaften (andere Dienstgruppen: 23,9 %). Zudem arbeiteten die Beamten in der Mehrheit der Fälle (72,8 %) in Gebieten, in denen die größte Stadt weniger als 250.000 Einwohner umfasst. Im Vergleich zur gesamten Polizeistärke der zehn beteiligten Bundesländer sind Polizeibeamtinnen, jüngere Beamte sowie Beamte aus westdeutschen Gebieten (darunter Berlin) in der Befragung anteilmäßig überrepräsentiert (Ellrich et al., 2010, S. 14).

Ziel der Untersuchung war es, ein umfassendes Bild zu Gewalterfahrungen von Polizeibeamten im Rahmen ihrer Dienstausübung zu erhalten. In diesem Zusammenhang sollten Erkenntnisse zu den nachfolgenden Fragestellungen gewonnen werden, die zugleich den vorliegenden Beitrag gliedern:

• In welchem Ausmaß sind Polizeibeamte verschiedenen Formen der Gewalt im Rahmen ihrer Dienstausübung ausgesetzt?

• Wie hat sich die Gewalt gegen Polizeibeamte in den Jahren 2005 bis 2009 entwickelt?

• Durch welche Merkmale sind

a) die von Gewalt betroffenen Beamten,

b) die Täter, die den Angriff ausgeübt haben und

c) die Situationen, in denen es zu Gewalt gegen Polizeibeamte gekommen ist, gekennzeichnet?

• Welche Folgen haben Gewaltübergriffe für den betroffenen Beamten?

3 Ergebnisse

3.1 In welchem Ausmaß sind Polizeibeamte verschiedenen Formen der Gewalt im Rahmen ihrer Dienstausübung ausgesetzt?

Gewalt kann ein weites Spektrum unterschiedlicher Formen umfassen. Nicht nur im körperlichen Angriff oder im Einsatz von Waffen spiegelt diese sich wider. Auch Drohungen oder Beleidigungen können als Gewalt definiert werden. Wie oft Polizeibeamte im Jahr 2009 solchen Formen von Gewalt im Dienst ausgesetzt waren, zeigt Abbildung 1.

Insgesamt 80,9 % der Beamten wurden im Rahmen ihrer Dienstausübung beschimpft oder beleidigt, wobei etwa jeder fünfte dies mindestens einmal im Monat erlebte. Etwas niedriger liegen die Raten für Drohungen mit 65,4 %, wobei auch hier die Mehrheit der Befragten dieser Gewaltform selten (einmal/einige Male) ausgesetzt war. Polizeibeamte sind demnach relativ häufig mit verbaler Gewalt konfrontiert. Alle anderen abgebildeten Gewaltformen erleben Beamte im Dienst hingegen deutlich seltener. Dass mit zunehmendem Schweregrad der Gewalt der Anteil an betroffenen Beamten abnimmt, findet sich auch in anderen Untersuchungen (vgl. auch Bosold, 2005; Manzoni, 2003). Etwas mehr als ein Drittel aller Befragten berichtete, leichte körperliche Gewalt in Form von Schubsen, Stoßen bzw. Festhalten, Anpacken erlebt zu haben, während etwa jeder fünfte bzw. sechste Beamte mindestens einmal innerhalb des Jahres 2009 von Bürgern getreten und/oder geschlagen wurde. Noch gravierendere Formen wie die Drohung oder der Einsatz von Waffen/gefährlichen Gegenständen sind im Vergleich dazu eher selten. Trotzdem gab knapp jeder elfte Beamte an, innerhalb von einem Jahr mindestens einmal mit Waffen oder gefährlichen Gegenständen angegriffen worden zu sein. Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass Beamte einem weiten Spektrum an gewalttätigen Übergriffen im Dienst ausgesetzt sind, wobei verbale bzw. leichte körperliche Formen dominieren.

Abbildung 1


3.2 Durch welche Merkmale sind die von Gewalt betroffenen Beamten gekennzeichnet?

Nachdem dargestellt wurde, in welchem Ausmaß Polizeibeamte von Gewalt im Dienst betroffen sind, soll der Frage nachgegangen werden, ob die Wahrscheinlichkeit angegriffen zu werden, für alle Beamten gleich groß ist, oder ob es bestimmte Faktoren gibt, die das Risiko, Opfer zu werden, beeinflussen. Gerade unter präventiven Gesichtspunkten ist es von Bedeutung zu wissen, ob Merkmale des Beamten mit der Angriffswahrscheinlichkeit in Beziehung stehen. So können nach Schmalzl (2005, S. 10) bspw. Nachlässigkeiten im Auftreten, Fehler bei der Eigensicherung sowie mangelnde Koordination mit dem Streifenpartner als „Gewalt-Beschleuniger“ auf Seiten des Beamten fungieren, die einen Übergriff wahrscheinlicher machen.

Generell kann bei personenbezogenen Faktoren zwischen sichtbaren und nicht sichtbaren Merkmalen unterschieden werden. Zu ersteren gehören bspw. Geschlecht, Körpergröße oder Alter des Beamten, welche für den Bürger unmittelbar erkennbar sind. Die Konfrontation mit einem dienstälteren Beamten bspw. könnte zu anderen Reaktionen auf Seiten des Bürgers führen als bei jungen Beamten. Möglicherweise wird den Anweisungen älterer Polizeibeamter stärker Folge geleistet, weil diesen mehr Kompetenz zugesprochen wird. Dadurch reduziert sich wiederum das Risiko einer Eskalation zwischen Polizei und Bürger. Nicht sichtbare Merkmale manifestieren sich hingegen erst in der Interaktion mit dem Bürger. Faktoren, die hier eine Rolle spielen, sind Einstellungen und Kompetenzen, die Auswirkungen auf das Verhalten des Beamten und somit auch des Bürgers haben. So könnten bspw. Beamte, die sehr risikobereit sind, ihre Eigensicherung stärker vernachlässigen, wodurch sie leichter Ziel eines Angriffs werden. Hingegen tragen bestimmte soziale und kommunikative Kompetenzen möglicherweise zu einer Deeskalation von Situationen bei, und verringern somit das Risiko eines Gewaltübergriffs.

Inwiefern bestimmte Merkmale der Beamten mit der Wahrscheinlichkeit, Opfer von Gewalt zu werden, in Zusammenhang stehen, soll nachfolgend untersucht werden. Da keine Informationen zu Einstellungen und Kompetenzen, also den nicht sichtbaren Merkmalen, der Beamten zur Verfügung stehen, beschränken sich die Analysen auf sichtbare Faktoren. Hier liegen die üblichen demografischen Angaben zu Geschlecht, Alter, Größe, Gewicht und Herkunft des Beamten vor. Als Opfer von Gewalt werden all jene Beamte betrachtet, die im Jahr 2009 mindestens einmal körperlich angegriffen wurden (schubsen, festhalten, schlagen, treten). Dies trifft knapp auf die Hälfte aller Befragten (50,7 %) zu. Die Auswahl erfolgte aus zwei Gründen: Erstens werden diese Formen von Gewalt verglichen mit dem Einsatz von Gegenständen/Waffen relativ häufig erlebt. Zweitens wird die physische Integrität der Beamten durch solche Gewalterfahrungen beschädigt, so dass es sich um folgenreiche Angriffe handelt. Um festzustellen, welche Faktoren das Viktimisierungsrisiko beeinflussen, wurde auf die Methode der logistischen Regression zurückgegriffen. Diese Form der Analyse erlaubt es, den Einfluss einer Variablen (z. B. Geschlecht) unter Berücksichtigung des Einflusses anderer Merkmale (z. B. Alter) festzustellen. Wie aus Tabelle 1 ersichtlich, wurden dabei zwei Modelle berechnet. Das erste konzentriert sich ausschließlich auf die genannten persönlichen Merkmale des Beamten, während der zusätzliche Einfluss von tätigkeitsbezogenen Faktoren (Dienstart, Tätigkeitsgebiet) im zweiten Modell berücksichtigt wird. Diese Faktoren beschreiben den Arbeitsalltag der Beamten und determinieren somit zu einem gewissen Teil, welchen Situationen die Beamten in ihrem Dienst üblicherweise ausgesetzt sind. Zur Interpretation des Einflusses der einzelnen Variablen wird auf den Exponentialkoeffizienten B (Exp(B)) als Kennwert verwiesen. Erreicht dieser Werte über 1, ist von einer das Verletzungsrisiko erhöhenden Wirkung des jeweiligen Faktors auszugehen. Werte unter 1 sprechen hingegen für einen risikomindernden Einfluss.

Tabelle 1


Beamtenbezogene Einflussfaktoren auf einen körperlichen Angriff 2009 (logistische Regression; abgebildet: Exp(B))
Modell 1Modell 2
Geschlecht: männlich1.826***1.655***
Alter: unter 30 Jahre Alter: 30 bis unter 50 Jahre Alter: ab 50 JahreReferenz 0.408*** 0.156***Referenz 0 583*** 0.300***
Größe: klein (unter 176 cm) Größe: mittel (176 bis unter 183 cm) Größe: groß (ab 183 cm)Referenz 1.098* 1.145*Referenz 1.109* 1.177**
Gewicht: leicht (unter 78 kg) Gewicht: mittel (78 kg bis unter 91 kg) Gewicht: schwer (ab 91 kg)Referenz 0.959 0.955Referenz 0.943 0.904
Migrationshintergrund1.280*1.313*
Dienstgruppe: andere Dienstgruppe: besondere Einsatzeinheit Dienstgruppe: Einsatz- und Streifendienst (inkl. Fußstreife)Referenz 6 460*** 5.247***
Einsatzgebiet: ländlich/städtisch (unter 250.000 Einwohner) Einsatzgebiet: mittelstädtisch/großstädtisch (ab 250.000 Einwohner)Referenz 0.929
N Nagelkerkers R218.101 .08518.101 .243

*** p < .001, ** p < .01, * p < .05

Männliche Beamte weisen ein signifikant höheres Risiko auf, körperlich attackiert zu werden, verglichen mit ihren Kolleginnen. So wurden 52,1 % aller männlichen Beamten im Jahr 2009 mindestens einmal körperlich angegriffen, Beamtinnen hingegen nur zu 45,2 %. Weiterhin lässt sich ein Effekt des Alters auf die Wahrscheinlichkeit, Gewalt zu erleben, festhalten. Während etwa zwei Drittel aller unter 30jährigen Beamten (69,6 %) Opfer eines Angriffs im Dienst wurden, trifft dies nur auf rund ein Drittel aller über 50jährigen Beamten zu (31,8 %; Beamte zwischen 30 und unter 50 Jahren: 52,4 %). Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass die Körpergröße des Beamten einen risikoerhöhenden Effekt hat, wohingegen das Gewicht nicht mit dem Viktimisierungsrisiko in Zusammenhang steht. Weisen die Beamte einen Migrationshintergrund auf, d. h. dass mindestens ein leibliches Elternteil nicht deutscher Herkunft ist, finden sich ebenfalls etwas höhere Viktimisierungsraten verglichen mit deutschen Beamten ohne Migrationshintergrund. Wie das zweite Modell zeigt, spielt neben den genannten personalen Faktoren auch die Dienstgruppenzugehörigkeit eine bedeutsame Rolle. Einsatz- und Streifendienstbeamte haben ein mehr als fünffach (69,6 %), Beamte besonderer Einsatzeinheiten sogar ein über sechsfach (73,3 %) höheres Risiko, körperlich angegriffen zu werden, verglichen mit anderen Dienstgruppen (z. B. Kriminal- und Ermittlungsdienst: 22,3 %). Hingegen hat die Größe des Tätigkeitsgebietes, gemessen an der Anzahl der Einwohner, den Analysen zufolge keinen Einfluss auf das Risiko einer Opferwerdung.

Als ein Maß zur Bestimmung der Güte der Vorhersage des Viktimisierungsrisikos anhand der im Modell berücksichtigten Variablen, kann der Anteil an aufgeklärter Varianz (hier: Nagelkerkers R2) betrachtet werden. Wie deutlich wird, klären ausschließlich demografische Merkmale mit 8,5 % nur einen Teil der Varianz auf (Modell I). Der Anteil steigt um fast das Dreifache an (24,7 %), wenn zusätzlich die Dienstgruppenzugehörigkeit berücksichtigt wird. Folglich scheinen personenbezogene Merkmale einen geringen Einfluss auf das Risiko, körperlich angegriffen zu werden, zu haben. Bedeutsamer sind strukturelle Faktoren wie die Dienstgruppe und die damit in Zusammenhang stehenden Aufgabengebiete. Dass Beamte aus dem Einsatz- und Streifendienst häufig Opfer von Gewalt werden, bestätigt sich auch in früheren Untersuchungen (z. B. Falk, 2000; Griffiths & McDaniel, 1993; Manzoni, 2003). Da sie tagtäglich mit emotional aufgewühlten, betrunkenen, aggressiven und hilflosen Bürgern interagieren, ist ein erhöhtes Risiko für einen Angriff nicht überraschend. Gleiches gilt auch für besondere Einsatzeinheiten, die mit Einsätzen betraut sind, welche ein hohes Gewaltpotential bergen (z. B. Demonstrationen). Schwerer zu erklären sind die gefundenen Unterschiede im Viktimisierungsrisiko bezüglich des Geschlechts, des Alters, des Migrationshintergrunds und der Körpergröße. Im Folgenden sollen verschiedene Erklärungsansätze für die Befunde angeboten werden, die es in zukünftigen Studien zu untersuchen gilt.

Hinweise darauf, dass Polizistinnen seltener Opfer von Gewalt im Dienst werden, finden sich auch bei Bosold (2005), Bragason (2006) und Burke und Mikkelsen (2005). Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass die Angreifer, welche überwiegend männlich sind, größere Hemmungen haben, eine Beamtin anzugreifen als einen Beamten. Eine zweite Erklärung wäre, dass Beamtinnen mit anderen, weniger gewaltreichen Aufgaben betraut sind als ihre Kollegen. Hinweise auf eine geschlechtsstereotype Aufgabenverteilung, wonach Beamtinnen insbesondere in Situationen eingesetzt werden, die den Umgang mit Kindern oder Frauen erforderlich machen, finden sich bspw. bei Rustemeyer und Tank (2001). Drittens könnte es sein, dass männliche Beamte ihre Kolleginnen gerade in gefährlichen Situationen aus einem „männlichen Schutzgebaren“ heraus, vor einem Angriff verschonen wollen und sich schützend vor sie stellen („Ritterlichkeitshypothese“, Manzoni, 2003, S. 64). Des Weiteren besteht seit dem Eintritt von Frauen in die Polizei die Annahme, dass Beamtinnen aufgrund ihrer Sozialisation kommunikativer, empathischer, unterstützender und weniger aggressiv seien als ihre Kollegen (Rabe-Hemp, 2008). Folglich könnte vermutet werden, dass Beamtinnen aufgrund dieser Kompetenzen gerade in Konfliktsituationen stärker deeskalierend wirken, wodurch sich ihr Risiko angegriffen zu werden, senkt. Allerdings findet bspw. die Hypothese, wonach Beamtinnen sich dem Bürger gegenüber stärker unterstützend verhalten, nur teilweise empirische Bestätigung (ebd.). Vielmehr scheinen Frauen, verglichen mit ihren männlichen Kollegen, weniger Drohungen und Gewalt in Interaktionen mit dem Bürger einzusetzen (Garner et al., 1996; Manzoni, 2003; Rabe-Hemp, 2008; Schuck & Rabe-Hemp, 2005). Da sich der Gewalteinsatz von Bürger und Polizei gegenseitig bedingen (z. B. Garner et al, 1996; Manzoni, 2003), könnten Beamtinnen deshalb eine niedrigere Angriffsrate aufweisen.

Der Befund, dass jüngere Beamte häufiger Opfer von Gewalt im Dienst werden als ältere, kann vor dem Hintergrund anderer Untersuchungen als relativ gesichert gelten (vgl. z. B. Bososld, 2005; Bragason, 2006; Griffiths & McDaniel, 1993; Kaminski & Sorenson, 1995; Manzoni, 2003). Naheliegend ist die Vermutung, dass ältere Beamte mit anderen Aufgabenbereichen betraut sind als jüngere, so dass letztere auch ein höheres Risiko aufweisen, einen Angriff zu erleben. Der Vergleich beider Modelle (s. Tabelle 1) spricht zumindest teilweise für diese Erklärung, da sich die Koeffizienten durch die Aufnahme des Tätigkeitsbereichs abschwächen. Eine weiterer Grund für die gefundenen Unterschiede könnte darin liegen, dass ältere Beamte wegen ihrer Diensterfahrung besser in der Lage sind, die Gefährlichkeit bestimmter Einsatzsituationen bzw. Bürger einzuschätzen und entsprechend präventiv zu agieren, wodurch eine potenzielle Eskalation verhindert werden kann. Zudem wäre es möglich, dass gerade jüngere Beamte unter dem Druck stehen, sich beweisen zu müssen. Möglicherweise reagieren sie auf Provokationen seitens der Bürger weniger gelassen, sprechen folglich schneller Drohungen aus, und fördern damit einen Konflikt.

Obgleich durch die Festlegung einer Mindestkörpergröße von Polizeibeamten implizit davon ausgegangen wird, dass die Körpergröße von Bedeutung für den Beruf sein kann, wurde diese Vermutung bislang kaum empirisch geprüft. Die wenigen Studien, die auch Körpergröße und Gewicht des viktimisierten Beamten mit berücksichtigt haben, liefern diesbezüglich inkonsistente Befunde (vgl. z. B. Garner et al., 1996; Griffiths & McDaniel, 1993; Rabe-Hemp & Schuck, 2007). Insofern sind die hier erzielten Ergebnisse vorsichtig zu interpretieren. Einige der zuvor im Zusammenhang mit dem gefunden Geschlechtseffekt diskutierten Erklärungen könnten auch hier eine Rolle spielen. Demnach mögen bspw. Selektionseffekte dafür verantwortlich sein, dass größere Beamte häufiger angegriffen werden, da sie gerade aufgrund ihres Körperbaus besonders häufig in gefährlichen Situationen eingesetzt werden oder sich bei diesen zumindest im Vordergrund aufhalten. Andererseits greift möglicherweise auch das polizeiliche Gegenüber absichtlich den größeren Beamten an, da von ihm die größere Gefahr auszugehen scheint. Eine weitere Erklärung wäre, dass die Beamten selbst aufgrund des Wissens um ihre körperliche Kraft weniger vor Konfrontationen zurückschrecken.

Ebenfalls mit Vorsicht zu interpretieren, ist der gefundene risikoerhöhende Effekt bezüglich des Migrationshintergrundes, da die Fallzahlen niedrig sind.6 Die gefundenen Unterschiede können sowohl auf Seiten des Beamten selbst als auch auf Seiten des Bürgers gesehen werden. Möglicherweise haben Beamte mit Migrationshintergrund aufgrund mangelnder Akzeptanz ein ausgeprägteres Bedürfnis, sich den Respekt des Bürgers zu verschaffen, und reagieren entsprechend härter, wenn sich die Bürger ihnen gegenüber respektlos verhalten. Andererseits könnte es auch der Fall sein, dass dem Beamten von Seiten des Bürgers Fremdenfeindlichkeit entgegengebracht wird, wodurch die Situation verschärft wird.

3.3 Wie hat sich die Gewalt gegen Polizeibeamte in den Jahren 2005 bis 2009 entwickelt?

Ein zentrales Anliegen der Studie war es, Hinweise auf die Entwicklung von Gewaltübergriffen gegen Polizeibeamte zu erhalten. Wie erwähnt, ist zwischen 2000 und 2008 ein Anstieg von Widerstandsdelikten gegen die Staatsgewalt festzustellen, die als Hinweis auf eine zunehmende Gewaltbereitschaft Polizeibeamten gegenüber gewertet wurde. Um detailliertere Informationen zur Entwicklung von Übergriffen zum Nachteil von Polizeibeamten zu gewinnen, wurden die Beamten gefragt, wie häufig sie in den Jahren 2005 bis 2009 von einem Übergriff betroffen waren, der zu einer mindestens eintägigen Dienstunfähigkeit geführt hat. Die Auswahl des Referenzzeitraums von fünf Jahren kann damit begründet werden, dass die Erfassung der Übergriffe retrospektiv erfolgte, d. h. die Beamten rückblickend angeben sollten, wie oft sie in dieser Art angegriffen wurden. Es ist anzunehmen, dass Gewaltereignisse sowie deren Umstände (z. B. Ort des Übergriffs, Anzahl der Täter) innerhalb der letzten fünf Jahre verlässlicher erinnert werden können als solche, die schon deutlich länger zurückliegen. Auf Grund dessen wurde auch das Kriterium der Dienstunfähigkeit infolge eines Angriffs gewählt, wodurch besonders schwerwiegende bzw. folgenreiche Gewalterfahrungen identifiziert werden sollten.

Von allen befragten Polizeibeamten erlebte etwa jeder achte (12,9 %) innerhalb von fünf Jahren zumindest einen Übergriff, der einen Dienstausfall von mindestens einem Tag zur Folge hatte. Dabei ist der Anteil an viktimisierten Beamten zwischen 2005 und 2009 von 2,6 % auf 4,5 % kontinuierlich gestiegen (s. Abbildung 2). Die durchschnittliche Anzahl an Übergriffen pro Opfer bleibt über die Jahre hinweg dabei relativ konstant (2005: 1,09; 2009: 1,16). Eine differenzierte Betrachtung der Übergriffe nach der Dauer der Dienstunfähigkeit weist allerdings auf unterschiedliche Entwicklungsverläufe hin. Besonders schwere Angriffe, in deren Folge die betroffenen Beamten über zwei Monaten dienstunfähig waren, sind über die Jahre auf insgesamt niedrigem Niveau konstant geblieben. Die Quote an Übergriffen mit einer Dienstunfähigkeitsdauer von mindestens einer Woche bis maximal acht Wochen weist innerhalb der ersten vier Jahre ebenfalls relativ stabile Werte auf. Lediglich von 2008 (0,9 %) auf 2009 (1,3 %) ist eine deutliche Zunahme zu verzeichnen. Insofern ist hauptsächlich die Zunahme von Übergriffen mit maximal sechstätiger Dienstunfähigkeit für den gefundenen Anstieg zwischen 2005 und 2009 verantwortlich.

Abbildung 2


Bei der Interpretation der Befunde sollte bedacht werden, dass retrospektive Erhebungen immer mit dem Problem selektiver Erinnerungseffekte behaftet sein können. Besonders schwerwiegende Ereignisse, die zu einer sehr langen Dienstunfähigkeit geführt haben, werden dadurch weniger beeinflusst sein, als jene, die hinsichtlich dieses Kriteriums weniger folgenreich waren. Zu beachten ist ferner, dass die Befragung im ersten Quartal des Jahres 2010 erfolgte, wodurch nicht auszuschließen ist, dass auch Übergriffe, die sich Anfang 2010 ereignet haben, mitberichtet worden sind. Trotz der Einschränkungen lässt sich ein Anstieg der Gewalt gegenüber Polizeibeamten nicht leugnen, welcher sich insbesondere für weniger schwerwiegende Übergriffen, gemessen an der Dauer der Dienstunfähigkeit, beobachten lässt.7 Interessanterweise spiegelt sich auch in der subjektiven Einschätzung der Beamten eine Zunahme von Gewaltübergriffen wieder. Fast Dreiviertel aller Befragten (74,6 %) waren der Meinung, dass die Wahrscheinlichkeit eines Gewaltübergriffs in den letzten fünf Jahren (sehr) viel größer geworden ist (21,4 % etwas größer geworden). Nur 4,0 % halten einen Gewaltübergriff gegen Polizeibeamte im Vergleich der letzten fünf Jahre für etwas weniger bzw. gleich wahrscheinlich. Zu einem vergleichbaren Ergebnis kommt auch eine Untersuchung von Polizeibeamten im Regierungsbezirk Karlsruhe (ProPikA2009, 2010). Dabei haben nach Einschätzung der befragten Beamten sowohl Gewaltdelikte als auch andere konfliktbehaftete Alltagssituationen unterhalb der strafrechtlichen Relevanz (z. B. Provokationen) in den letzten fünf Jahren stark zugenommen.

Eine zentrale Frage ist, wie der gefundene Anstieg von Gewaltübergriffen mit nachfolgender Dienstunfähigkeit erklärt werden kann. Oft wird auf eine generell zunehmende Respektlosigkeit der Polizei gegenüber in der Bevölkerung, insbesondere aber in der Gruppe der Jugendlichen und Heranwachsenden, verwiesen. Im Widerspruch dazu stehen Untersuchungen, die zeigen konnten, dass sowohl Schüler als auch Erwachsene der Polizei gegenüber mehrheitlich positiv eingestellt sind (vgl. Schülerbefragung: Baier et al., 2010; repräsentative Bevölkerungsbefragung: Baier et al., 2011). Auch die Vermutung einer zunehmenden Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft als Grund für den Anstieg kann vor dem Hintergrund einer Abnahme der Gewaltkriminalität in der PKS seit 2007, die sich zuvor bereits in Dunkelfeldstudien abzeichnete (Baier et al., 2009), nicht aufrechterhalten werden. Ellrich et al. (2011, S. 144) weisen als mögliche Ursache für den Anstieg der Gewalt gegen Polizeibeamte auf zunehmende Polarisierungstendenzen in der Gesellschaft hin. Demnach nimmt die Spaltung der Bevölkerung in einander gegenüber stehende Gruppen zu. Eine solche Polarisierung zeigt sich in verschiedenen Bereichen, so z. B. zwischen einkommensschwachen und einkommensstarken Familien oder zwischen Einheimischen und Migranten. In den letzten Jahren ist zudem eine sich verschärfende Polarisierung hinsichtlich der politischen Orientierung (Links-Rechts) in der Gesellschaft festzustellen. Solche Spaltungstendenzen erklären für sich genommen noch nicht das Phänomen des Anstieges der Gewalt gegen Polizeibeamte. Verbunden mit der zunehmenden Polarisierung ist aber, dass heute häufiger Milieus entstehen, die sich von den Norm- und Wertvorstellungen der gesamtdeutschen Gesellschaft entfremden. Innerhalb dieser Milieus wird vor dem Einsatz von Gewalt gegen Polizeibeamte nicht zurückgeschreckt. Die Gewalthandlungen sind einerseits ein Weg, sich in den Milieus Anerkennung zu verschaffen; sie dienen anderseits aber auch dazu, politischen Ideen Nachdruck zu verleihen, wie dies bspw. für linksextreme Gruppierungen gilt. Die Verfassungsschutzberichte der letzten Jahre weisen in Übereinstimmung damit ansteigende Gewaltaktivitäten linksextremer Gruppierungen, insbesondere Polizeibeamten gegenüber, aus (BMI, 2011). Obwohl diese Überlegungen zur Rolle von Polarisierungstendenzen eine plausible Erklärung darstellen könnten, ist bislang der empirische Beleg für deren Gültigkeit noch nicht erbracht. Andere Erklärungsansätze sind daher ebenso in Betracht zu ziehen (z. B. eine zunehmende außenorientierte Freizeitgestaltung von Jugendlichen und Heranwachsenden).

3.4 Durch welche Merkmale sind die Täter, die den Angriff ausgeübt haben, gekennzeichnet?

Im Rahmen der Befragung wurden die von einem Übergriff mit Dienstunfähigkeit betroffenen Beamten gebeten, einen ausgewählten Übergriff, der zwischen 2005 und 2009 erfolgte, ausführlicher zu beschreiben.8 Somit liegen detaillierte Angaben zu 2.603 Fällen vor, die nicht nur Aussagen zu den Tätern, sondern auch zu den situativen Umständen und Folgen des Übergriffs erlauben.

In Bezug auf die Täter der Gewaltübergriffe mit Dienstunfähigkeit lässt sich dabei Folgendes festhalten (vgl. Ellrich et al., 2010a, S. 16 ff.; Ellrich et al., 2011, S. 10 ff.):

• Knapp drei von vier Übergriffen erfolgten durch einen Einzeltäter (74,8 %).

• Die Angreifer waren fast ausschließlich männlich (92,9 %).

• Jüngere Personen sind unter den Angreifern im Vergleich zu ihrem Anteil in der deutschen Gesamtbevölkerung überrepräsentiert. Insgesamt 59,3 % der Täter waren zum Zeitpunkt des Übergriffs unter 25 Jahre alt.

• In sechs von zehn Fällen (59,4 %) wurden die Täter von den Beamten als deutsch eingestuft, 36,1 % wiesen eine nichtdeutsche Herkunft auf, wobei hier am häufigsten Länder der ehemaligen Sowjetunion (z. B. Russland, Kasachstan) bzw. die Türkei oder andere islamische Länder (z. B. Iran, Irak) genannt wurden. Bei einigen wenigen Personen (4,5 %) war die Herkunft unbekannt.9 Der Anteil nichtdeutscher Täter liegt zudem bei Übergriffen in großstädtischen Gebieten deutlich höher als in ländlichen Bereichen.

• In fast drei Viertel aller Fälle standen die Täter zum Zeitpunkt des Übergriffs unter dem Einfluss von Alkohol (71,7 %). Sie befanden sich also mehrheitlich in einem Zustand der Enthemmung und verringerter Selbstkontrolle, wenn sie der Polizei entgegen traten. Dabei ist eine Zunahme des Anteils alkoholisierter Täter über die letzten fünf Jahre hinweg festzustellen.

• Bei zwei von drei Übergriffen (64,8 %) handelte es sich zudem um Personen, die zuvor schon einmal polizeilich in irgendeiner Form in Erscheinung getreten waren.

• Die Täter setzten hauptsächlich körperliche Gewalt in Form von Rangeln, Schlägen oder Tritten gegen die Beamten ein (84,0 %). Der Einsatz von Waffen oder anderen gefährlichen Gegenständen (z. B. Zaunlatten) wurde bei jedem fünften Übergriff berichtet (19,3 %), wobei diese Art des Übergriffs im Rahmen von Demonstrationen überrepräsentiert ist. Angriffe unter Verwendung eines Autos oder anderer Vehikel stellen die Ausnahme dar (3,0 %).

Dass die Täter mehrheitlich allein handelnd, männlich, jung, alkoholisiert und polizeibekannt sind, bestätigt sich auch in anderen in- wie ausländischen Untersuchungen (vgl. z. B. Brown, 1994; Falk, 2000; FBI, 2010; Griffiths & McDaniel, 1993; Ohlemacher et al., 2003). Allerdings kann auf Basis dieser Beschreibung keine Aussage darüber getroffen werden, bei welchen Tätern ein höheres Risiko für den Beamten besteht, angegriffen zu werden. Da Polizisten häufig mit alkoholisierten Personen konfrontiert sind, ist es nicht weiter überraschend, dass diese auch zu einem hohen Anteil zu den Angreifern gehören. Ob sie ein höheres Risiko für Beamte darstellen als nicht alkoholisierte Personen, lässt sich damit noch nicht sagen. Dies sei an einem Beispiel verdeutlicht: Wenn fünf von 100 Einsätzen mit alkoholisierten Bürgern zu einem Angriff mit Dienstunfähigkeit führen, gleiches aber auch für fünf von 100 Einsätzen mit nicht alkoholisierten Bürgern gilt, ist das Risiko für einen Angriff bei beiden Tätergruppen jeweils 5 %. Angenommen, dass Einsätze mit alkoholisierten Personen aber dreimal häufiger vorkommen als Einsätze mit nicht alkoholisierten Personen, dann werden innerhalb eines bestimmten Zeitraums 15 Beamte durch alkoholisierte Täter verletzt, aber nur 5 Beamte durch nicht alkoholisierte Täter (d. h. bei 75,0 % der Übergriffe war der Täter alkoholisiert). Um eine echte Risikoabschätzung durchführen zu können, ist es notwendig, Einsätze, die in einer Gewalterfahrung resultierten mit denen zu vergleichen, die friedlich verlaufen sind. Nur wenige Studien haben sich bislang um solche Analysen bemüht (vgl. Johnson, 2011). Im Rahmen eines zusätzlichen Fragebogenmoduls, in dem es um den letzten Einsatz bei häuslicher Gewalt ging, sollte deshalb der Frage nachgegangen werden, welche Faktoren das Risiko von Beamten erhöhen können, im Einsatz verletzt zu werden (näheres s. Ellrich et al., 2011, S. 34 ff.). Neben der Zusammensetzung des Einsatzteams wurde auch danach gefragt, welche Herkunft der Täter hatte, welches Geschlecht und ob er ggf. unter Einfluss von Alkohol stand. Zudem sollten die Beamten angeben, ob sie oder ihre Kollegen bei diesem letzten Einsatz verletzt wurden. Dabei dient die Verletzung eines Beamten im Folgenden als Maß zur Abschätzung der Gefährlichkeit bestimmter Konstellationen. Bei der Analyse wurde sich auf Einsätze, in denen nur zwei Beamte vor Ort waren, beschränkt. Diese stellen zum einen die typische Einsatzsituation bei häuslicher Gewalt dar. Zum anderen sind die Einsätze überschaubarer, so dass der Einfluss bestimmter Faktoren besser abgeschätzt werden kann. Wie sich zeigt, endete etwa jeder siebzehnte Einsatz im Rahmen häuslicher Gewalt mit einer Verletzung mindestens eines Beamten (6,0 %). Welche Merkmale dieses Risiko beeinflussen, dokumentiert Tabelle 2. Dabei werden wiederum Ergebnisse einer logistischen Regressionsanalyse vorgestellt.

Tabelle 2


Einflussfaktoren auf die Verletzung mindestens eines Beamten beim letzten Einsatz im Rahmen häuslicher Gewalt (nur Zweierteams, logistische Regression; abgebildet: Exp(B)
Modell I
Täter: FrauTäter: MannTäter: andereReferenz 0.924 2.097
Täter alkoholisiert5.546***
Familie mit Migrationshintergrund1.439*
weibliche Beamte im Team0.786†
Beamter mit Migrationshintergrund im Team1.749
NNagelkerkers R23.819.067

*** p < .001, ** p < .01, * p < .05, † p < .10

Wie deutlich wird, spielt das Geschlecht des Täters der häuslichen Gewalt im Hinblick auf das Verletzungsrisiko der Beamten keine Rolle. Einsätze, bei denen Frauen die Täter der häuslichen Gewalt waren, endeten genauso häufig mit einer Verletzung eines Beamten, wie bei männlichen Tätern. Handelte es sich hingegen um andere Täterkonstellationen (z. B. Frauen und Männer als Täter), zeigt sich ein leicht erhöhtes Risiko für die Beamten, verletzt zu werden. Möglicherweise verbünden sich bei solchen Einsätzen die Parteien gegen den Beamten und gehen gemeinsam gegen ihn vor.

Der einflussreichste Faktor für eine Verletzung stellt das Vorliegen von Alkoholkonsum auf Seiten des Täters dar. Einsatzteams, die auf einen alkoholisierten Täter treffen, haben insgesamt ein etwa 5,5fach höheres Risiko, verletzt zu werden, verglichen mit Einsätzen wegen häuslicher Gewalt ohne Alkoholkonsum der Beteiligten. Mit anderen Worten endete etwa jeder vierzehnte Einsatz mit einer Verletzung der Beamten (7,2 %), wenn der Täter unter dem Einfluss von Alkohol stand, während dies nur auf 1,3 % der Einsätze mit nicht alkoholisierten Tätern zutraf. Dass Alkohol ein zentraler Risikofaktor für Übergriffe bei häuslichen Streitigkeiten darstellt, konnte auch in anderen Studien gezeigt werden (Johnson, 2011; Rabe-Hemp & Schuck, 2007). Eine mit dem Konsum von Alkohol einhergehende reduzierte Selbstkontrolle, sowie gesteigerte emotionale Reaktionen in Form von Wut, Zorn, Ärger, oder Angst, könnten verantwortlich für diesen Effekt sein (Johnson, 2011; Schmalzl, 2005). Daneben zeigt sich, dass es bei Einsätzen in Familien mit Migrationshintergrund etwas häufiger zu einer Verletzung der anwesenden Beamten gekommen ist (7,0 %; deutsche Familie: 5,3 %). Möglicherweise wird das „Einmischen“ von Polizeibeamten in private Angelegenheiten von Personen mit einem anderen kulturellen Hintergrund noch weniger akzeptiert als bei Familien deutscher Herkunft. Weiterhin ist es möglich, dass ein nicht Beachten besonderer Verhaltensregeln (z. B. als männlicher Polizeibeamter alleine mit der Frau zu sprechen), leichter zu einer Eskalation führt.

Ist mindestens eine weibliche Beamtin im Einsatzteam, sinkt hingegen das Risiko einer Verletzung (der Person selbst und/oder ihrer Kollegen) zumindest tendenziell verglichen mit ausschließlich männlichen Einsatzteams. Die Annahme, dass sich Frauen bei solchen Einsätzen hauptsächlich um die Opfer kümmern und somit die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung niedriger ist, kann an dieser Stelle keine Erklärung liefern. Zusätzliche Analysen zeigen, dass die Anwesenheit einer Beamtin insbesondere das Risiko reduziert, dass beide Beamte verletzt werden (Ellrich et al., 2011, S. 50 ff.). Vielmehr scheinen weibliche Beamte einen deeskalierenden Effekt auf die Konfliktsituation zu haben. Ob dies mit besonderen Kompetenzen der Beamtinnen zusammenhängt oder eine größere Hemmung seitens des Täters besteht, gemischtgeschlechtliche Teams anzugreifen, müsste in weiteren Studien überprüft werden. Auch ein Selektionseffekt ist nicht auszuschließen, wonach rein männliche Teams zu besonders gefährlichen Einsätzen bei häuslicher Gewalt geschickt werden, und damit generell einem höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt sind. Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass von alkoholisierten Personen sowie Familien mit Migrationshintergrund ein erhöhtes Risiko für den Beamten ausgeht, im Rahmen eines Einsatzes wegen häuslicher Gewalt verletzt zu werden. Inwiefern sich die Befunde auch auf andere Einsatzsituationen übertragen lassen, bleibt zu prüfen.

3.5 Durch welche Merkmale sind die Situationen, in denen es zu Gewalt gegen Polizeibeamte gekommen ist, gekennzeichnet?

Die Situationen, in denen es am häufigsten zu Übergriffen mit Dienstunfähigkeit gekommen ist, stellen Festnahmen/Überprüfungen Verdächtiger dar (16,9 %, s. Abbildung 3). Insbesondere Festnahmen können auf Seiten des Bürgers als massiver Eingriff und starke Restriktion der persönlichen Freiheit empfunden werden, denen sich der Bürger zu entziehen versucht (Haller et al., 1999; Schmalzl, 2005). Etwa gleichhäufig wurden die Beamten im Rahmen außer- und innerfamiliärer Streitigkeiten angegriffen (13,1 % bzw. 13,0 %). Weiterhin gab jeder neunte Befragte an, dass sich der Übergriff bei einem Einsatz wegen Störung der öffentlichen Ordnung ereignete (11,3 %), worunter überwiegend Ruhestörungen sowie Randale durch Betrunkene zu fassen sind. Zu vergleichbaren Ergebnissen kommen auch andere Studien in diesem Bereich (Bragason, 2006; Brown, 1994; Falk, 2000; FBI, 2010; Griffiths & McDaniel, 1993; Hirschel et al., 1994; Manzoni, 2003; Ohlemacher et al., 2003). Zwar lassen sich Variationen in der Rangfolge der Situationen über die Untersuchungen hinweg feststellen, diese sind aber nicht zuletzt auf unterschiedliche Kategorisierungen der Einsatzanlässe sowie der zu analysierenden Gewaltformen zurückzuführen. Gerade öffentlich diskutierte Einsatzsituationen wie Demonstrationen oder Fußballspiele werden vergleichsweise selten genannt. Daraus kann jedoch nicht geschlussfolgert werden, dass Beamte bei solchen Großereignissen mit weniger Gewalt konfrontiert sind als bspw. Beamte, die zu einer häuslichen Gewalttat gerufen werden. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Einsätze im Rahmen von Demonstrationen seltener zu Übergriffen mit Dienstunfähigkeit führen, weil die Beamten bspw. besser ausgestattet sind (insbesondere Körperschutzausstattung), sich der Gefahr solcher Einsätze eher bewusst sind und speziell hinsichtlich besonderer Gefahrenlagen ausgebildet werden. (Abb. 3).

Im Hinblick auf die zeitlichen und örtlichen Gegebenheiten kann folgendes hervorgehoben werden:

• Insbesondere an den Wochenenden findet sich eine erhöhte Konzentration von Übergriffen. Fast zwei Drittel aller Angriffe (63,1 %) ereigneten sich zwischen Freitag und Sonntag. Zudem ist im Vergleich zu früheren Untersuchungen (z. B. Ohlemacher et al., 2003) eine deutliche Verlagerung von Übergriffen auf das Wochenende festzustellen.

• Die Angriffe erfolgten überwiegend in den Abend- und Nachtstunden (zwischen 20 und 4 Uhr: 53,2 %; vgl. auch Bragason, 2006; Falk, 2000).

• Hinsichtlich des Charakters des Stadtgebietskann festgehalten werden, dass sich die Übergriffe vorwiegend in (eher) bürgerlich geprägten Gebieten ereigneten (44,0 %), während als eher sozial problematisch einzustufende Stadtteile vergleichsweise selten genannt wurden (27,4 %; vgl. auch Ohlemacher et al., 2003). Dass sozial problematische Stadtteile nicht an erster Stelle stehen, kann zum einen damit erklärt werden, dass sie prozentual gesehen nur einen kleinen Teil von Städten und Gemeinden ausmachen. Zum anderen ist zu vermuten, dass die Beamten gerade in diesen Gebieten mit einem höheren Gefährdungspotenzial rechnen und deshalb aufmerksamer sind und vorsichtiger agieren als in bürgerlich geprägten Stadtvierteln.

• Fast jeder zweite Angriff (47,0 %) fand im öffentlichen Raum (Straße, Platz, Park) statt, weitere 23,6 % der Beamten wurden in einer Wohnung, einem Haus oder Garten angegriffen. Dabei galt der Ort des Einsatzes allgemein nicht als gefährlich für die Polizei (80,3 %). Auch hier zeigen sich Übereinstimmungen mit anderen Untersuchungen (Falk, 2000; Jäger, 1988; Ohlemacher et al., 2003).

Abbildung 3


Erfasst wurde zusätzlich, welche Informationen dem Beamten zur Verfügung standen, wie der Beamte die Situation vor dem Übergriff bewertete und wie er sich dem Täter gegenüber verhielt. Dabei zeigte sich, dass:

• den Beamten relativ selten umfassende Informationen zu den Merkmalen der beteiligten Personen (z. B. Bewaffnung, polizeiliche Vorgeschichte) sowie zur Konflikthaftigkeit der Situation vorlagen (12,4 bzw. 21,5 %, Ellrich et al., 2011, S. 71 ff.). Es ist anzunehmen, dass sich ausreichend informierte Beamte besser auf die Situation bzw. den Täter vorbereiten und situationsadäquate Strategien einsetzen können, als jene, denen keine Informationen vorliegen.

• nur zwei von fünf Beamten (39,8 %) die Situation vor dem Übergriff als (eher) gefährlich einschätzten.

• in 74,4 % der Fälle der spätere Täter im Vorfeld des Übergriffs als (eher) aggressiv bewertet wurde.

• die Beamten in drei von vier Fällen (75,4 %) vor dem Übergriff mit dem späteren Täter kommuniziert haben.

• die Beamten selbst am häufigsten körperliche Zwangsmaßnahmen dem Täter gegenüber einsetzten (84,0 %). Deutlich seltener benutzten die Befragten ein Reizstoffsprühgerät oder einen Schlagstock zur Abwehr des Angriffs (26,2 bzw. 29,9 %). Lediglich bei 35 Übergriffen (1,5 %) musste von der Dienstwaffe als ultima ratio Gebrauch gemacht werden. Auch hier bestätigt sich der in anderen Untersuchungen bereits beschriebene Geschlechtsunterschied, wonach Beamtinnen seltener Drohungen und Gewalt im Umgang mit dem Bürger einsetzen (Garner et al., 1996; Rabe-Hemp, 2008; Schuck & Rabe-Hemp, 2005).

Vor dem Hintergrund, dass dem Übergriff mehrheitlich eine Kommunikation mit dem späteren Täter vorausging und dieser als aggressiv bewertet wurde, stellt sich die Frage, warum der Angriff trotz der Hinweise auf eine potenziell eskalierende Situation nicht verhindert werden konnte. Auch in anderen Untersuchungen werden Übergriffe von den betroffenen Beamten überwiegend als überraschend erlebt, obgleich diese meist nicht unmittelbar beim Eintreffen der Beamten erfolgten, sondern sich vielmehr im Zuge einer Interaktion mit den Bürgern ereigneten (Ohlemacher et al., 2003; Sessar et al., 1980). In diesem Zusammenhang diskutiert Schmalzl (2005, 2008) die Frage, ob es nicht möglicherweise doch bestimmte Hinweise oder Warnsignale auf den vermeintlich plötzlichen Angriff gegeben haben könnte, die nicht adäquat wahrgenommen bzw. bewertet worden sind. Er verweist auf die Entwicklung eines psychologischen Frühwarnsystems bzw. Gefahrenradars (s. auch Füllgrabe, 2002), welches eine bessere Wahrnehmung bzw. Risikoeinschätzung erlaubt.

Um zukünftigen Gewaltübergriffen vorzubeugen, ist es von Bedeutung, auch das eigene Verhalten in der Interaktion mit dem Bürger selbstkritisch zu reflektieren. Wie Abbildung 4 entnommen werden kann, sehen sechs von zehn Beamten rückblickend keine Fehler in ihrem eigenen Verhalten. Nur rund jeder siebte Betroffene räumte eigene Verhaltensfehler ein, die vor allem in einer Unterschätzung der Gefährlichkeit der Situation gesehen werden. Deutlich seltener wurden andere Strategien, wie z. B. Einsatz von Führungs- und Einsatzmitteln, Vermeiden eines Alleinganges, mehr Wertlegen auf die Eigensicherung, Verstärkung anfordern oder eine bessere körperliche Verfassung als Möglichkeiten genannt, durch die der Übergriff hätte vermieden werden können. Ebenfalls mehrheitlich von den Beamten verneint, wurden die Fragen, ob sie sich selbst im Vorfeld des Übergriffs konfliktfördernd verhalten haben oder ob ihr Auftreten aus Sicht des Täters als provokant hätte bewertet werden können (Ellrich et al., 2011, S. 107). Dass die Beamten ihr eigenes Verhalten insgesamt eher positiv bewerten, ist nicht überraschend. Einerseits sind sie geschult darin, deeskalierend zu agieren und sollten folglich wenig provozierendes und konfliktförderndes Verhalten zeigen. Andererseits muss bei der Beantwortung nach eigenen Fehlern auch von einem Effekt sozialer Erwünschtheit ausgegangen werden. Das Einräumen eigener Fehler erhöht die Gefahr, selbst für den Übergriff verantwortlich gemacht zu werden. Im Einklang damit steht die von Schmalzl (2008, S. 25) geäußerte Vermutung, „dass man als angegriffener Polizeibeamter schon zum Eigenschutz eher die Umstände als das eigene Verhalten für den Angriff und dessen Folgen verantwortlich machen wird“.

Abbildung 4


Im Gegensatz zum eigenen Verhalten beurteilten die Befragten die Vorbereitung auf den Übergriff durch die Aus- und Fortbildung deutlich kritischer (Ellrich et al., 2011, S. 104 ff.). Dabei wurden insbesondere mangelnde Vorbereitungen in Bereichen der Konflikthandhabung, der körperlichen Abwehr und der psychischen Beurteilung der Situation berichtet. Zudem waren über die Hälfte aller Beamten mit der Fürsorgepflicht des Dienstherrn bezüglich der Verarbeitung der Gewalttat sowie der Vorbereitung auf zukünftige Gewalttaten nicht zufrieden.

3.7 Welche Folgen haben Gewaltübergriffe für den betroffenen Beamten?

Obgleich sich Polizeibeamte des Risikos bewusst sind, während ihrer Dienstausübung auch selbst Opfer von Gewalt zu werden, wird die Vorstellung, im Dienst körperlich verletzt zu werden, als sehr belastend empfunden (Klemisch et al., 2005). Gewalterfahrungen können ein einschneidendes Lebensereignis darstellen. Die zuvor angenommene „Unverletzlichkeit“ der eigenen Person sowie die wahrgenommene Kontrollierbarkeit von (auch kritischen) Situationen, können durch eine solche Erfahrung erschüttert werden und Ängste auslösen (Reiser & Geiger, 1984). Unter welchen körperlichen und psychischen Beschwerden die Beamten infolge des Gewaltereignisses gelitten haben, soll nachfolgend beantwortet werden.

Am häufigsten gaben die Beamten Verletzungen im Hand- und Armbereich als Folge des Übergriffs an (46,6 %, Ellrich et al., 78 ff.). Deutlich seltener wurde der Gesichts-/Kopfbereich (29,6 %) sowie die Nacken-, Hals-, Schulter- und Rückenpartie verletzt (22,6 %). Allerdings scheinen gerade letztgenannte Verletzungen besonders gravierend zu sein. So weisen Beamte mit Nacken-, Hals-, Schulter- oder Rückenverletzungen nicht nur längere Dienstunfähigkeitsdauern auf. Sie werden infolge des Übergriffs auch häufiger anders verwendet oder außendienstunfähig.

Neben den körperlichen Beschwerden wurde auch nach Problemen in anderen Lebensbereichen gefragt. Am häufigsten klagten die betroffenen Beamten mit 27,7 % über Schlafprobleme infolge des Übergriffs. Schwierigkeiten im sozialen Kontakt, sprich im Umgang mit dem Partner oder anderen Menschen des sozialen Umfelds, wurden von etwa jedem siebten Beamten berichtet (14,9 %). Dabei kann festgehalten werden, dass mit der Dauer der Dienstunfähigkeit auch der Anteil der von diesen Problemen betroffenen Beamten zunimmt.

Da Polizeibeamte in ihrem Beruf mit einer Vielzahl extremer, belastender und potenziell traumatisierender Ereignisse konfrontiert werden, worunter auch eigene Gewalterfahrungen zu subsumieren sind, haben sich mehrere Studien mit Posttraumatischen Belastungsstörungen bei Polizeibeamten auseinandergesetzt (z. B. Gasch, 2000; Latscha, 2005; Schneider & Latscha, 2010). Gekennzeichnet ist dieses psychische Beschwerdebild unter anderem durch Albträume, Rückzug, Vermeidungsverhalten und psychosomatische Beschwerden wie Nervosität oder Schlafstörungen, infolge eines traumatischen Erlebnisses (Saß et al., 2003). In der vorgestellten Untersuchung wiesen insgesamt 4,9 % der angegriffenen Beamten vier Wochen nach dem Übergriff den Verdacht auf eine Posttraumatische Belastungsstörung auf (Ellrich et al., 2011, S. 83 ff.). Dabei ergaben sich keine bedeutsamen Unterschiede bezüglich des Geschlechts, des Alters oder der Dienstgruppenzugehörigkeit. Allerdings ist ein Zusammenhang zwischen der Dauer der Dienstunfähigkeit und dem Vorliegen einer Verdachtsdiagnose festzustellen. Beamte, die über zwei Monate dienstunfähig wurden, wiesen demnach neunmal häufiger einen Verdacht auf als jene mit maximal zweitägiger Dienstunfähigkeit (18,6 zu 2,1 %). Zusätzlich konnten noch einige andere Merkmale des Übergriffs mit diesem psychischen Beschwerdebild in Verbindung gebracht werden. Dazu gehört bspw. die Wahrnehmung des Beamten hinsichtlich des Tatmotivs. So liegt bei Beamten, die dem Täter als Motiv eine Feindschaft gegenüber Polizei/Staat, eine persönliche Differenz oder eine Tötungsabsicht attestieren, häufiger der Verdacht auf eine Posttraumatische Belastungsstörung vor. Erfolgte der Angriff durch Waffen oder andere gefährliche Gegenstände, kommt es sogar zu einer Verdoppelung der Fälle mit einer solchen Verdachtsdiagnose.

Vor dem Hintergrund, dass alle Beamten infolge des Angriffs dienstunfähig geworden sind, erscheinen die berichteten Beschwerderaten jedoch vergleichsweise niedrig. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass Polizeibeamte über besondere Bewältigungsstrategien verfügen, die es ihnen erlauben, trotz des Erlebens potenziell traumatischer Situationen gesund zu bleiben (vgl. Latscha, 2005; Schneider & Latscha, 2010). Anderseits bestehen möglicherweise auch Hemmungen, insbesondere psychische Probleme zuzugeben, da diese nicht mit dem Rollenverständnis dieser Berufsgruppe i. S. eines unerschütterlichen, maskulinen Helfers konform gehen (vgl. Pieper & Maercker, 1999; „Alpha-Männer“).

Bislang wenig Aufmerksamkeit wurde den möglichen psychischen Folgen geschenkt, die sich ergeben können, wenn der Übergriff auch für den viktimisierten Beamten strafrechtliche Konsequenzen in Form einer Beschwerde, Anklage oder eines Disziplinarverfahrens nach sich zieht. Dies ist zwar eher selten der Fall, nur zwei von zehn Beamten (17,7 %) wurden in irgendeiner Form rechtlich belangt; dennoch darf die Wirkung dessen auf Polizeibeamte nicht unterschätzt werden (Ellrich et al., 2011; S. 93). Wie deutlich wird, nimmt mit dem Grad der strafrechtlichen Maßnahme auch die Belastung der Beamten zu. Insbesondre Disziplinarverfahren erweisen sich bezüglich der psychischen Konstitution des Beamten infolge des Übergriffs als besonders belastend. Etwa jeder fünfte Beamte (19,6 %), der sich sowohl in einem Ermittlungs- als auch einem Disziplinarverfahren verantworten musste, wies Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung auf, während dies nur auf 4,1 % der Beamten ohne strafrechtliche Konsequenzen zutraf. Auf Basis der Daten können keine Aussagen zu den dahinter liegenden Gründen gemacht werden. Möglicherweise sind sich manche Beamte eigener Verhaltensfehler in der Übergriffsituation bewusst und fürchten sich deshalb vor der Auseinandersetzung. Andere wiederum fühlen sich vielleicht zu Unrecht beschuldigt, können nicht nachvollziehen, dass das Täter-Opfer-Verhältnis umgekehrt wird oder ihnen zumindest eine Mitschuld an dem Übergriff, der für sie selbst sehr folgenreich war, unterstellt wird. Ganz gleich, ob eigene Fehler wahrgenommen werden oder nicht, lösen rechtliche Konsequenzen sicherlich auch Zukunftsängste aus, die für sich genommen bereits eine starke psychische Belastung darstellen können. Vor diesem Hintergrund wäre eine Unterstützung des betreffenden Beamten gerade in diesen Situationen hilfreich.

Neben körperlichen und psychischen Beschwerden können sich durch Viktimisierungserfahrungen auch Veränderungen in Einstellungen und Wahrnehmungen ergeben. Belegt ist dies bspw. für das Konzept der Kriminalitätsfurcht (Skogan, 1987). Eine Komponente dieses Konstrukts ist die kognitive Furcht, welche allgemein die Erwartung, in naher Zukunft Opfer einer Straftat zu werden, erfasst. Im Kontext der vorliegenden Befragung wurde darunter die Wahrscheinlichkeit verstanden, in den nächsten zwölf Monaten im Dienst derart angegriffen zu, dass daraus eine Dienstunfähigkeit resultiert. Die Analysen bestätigen, dass es Beamte, die solch einen Übergriff in den fünf Jahren zwischen 2005 und 2009 erlebt haben, fast 8mal häufiger als sehr wahrscheinlich erachten, im nächsten Jahr noch einmal derart angegriffen zu werden, verglichen mit Beamten ohne Opfererfahrungen (31,7 zu 4,1 %, s. Abbildung 5). Folglich könnten die viktimisierten Beamten in ihrem Dienst von einer höheren Angst begleitet werden. Es ist anzunehmen, dass sich solche Ängste gerade in Situationen manifestieren, die ein vergleichbares Muster mit der bereits erlebten Gewalterfahrung aufweisen. Eine damit einhergehende starke emotionale Belastung kann sich wiederum negativ auf die Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit des Beamten auswirken und somit letztlich das Risiko einer Reviktimisierung erhöhen. (Abbildung 5).

Abbildung 5


Wie ebenfalls aus Abbildung 5 entnommen werden kann, stehen Gewalterfahrungen auch mit dem eigenen professionellen Selbstbild des Polizeibeamten in Zusammenhang. Jene, die einen Übergriff mit Dienstunfähigkeit erlebt haben, stimmten der Aussage, dass sie Müllmänner oder Prügelknaben seien, deutlich häufiger zu. Unabhängig davon sind aber auch die Zustimmungsraten nicht viktimisierter Beamter mit 38,4 % bzw. 26,7 % recht hoch. Es ist davon auszugehen, dass Beamte, die das Gefühl haben, der Prügelknabe der Gesellschaft zu sein, auch entsprechend härter mit dem Bürger umgehen. Dies kann wiederum leichter zu Eskalationen im Umgang mit dem polizeilichen Gegenüber führen und letztlich in einer wiederholten Viktimisierung enden.

4 Diskussion

Ziel des Beitrages war es, Einblicke in das Thema Gewalt gegen Polizeibeamte zu liefern. Dafür wurden Ergebnisse aus einer Befragung des KFN von Polizeibeamten zu Gewalterfahrungen im Dienst vorgestellt, die Anfang des Jahres 2010 durchgeführt wurde. Dieser Untersuchung zufolge sind Polizeibeamte häufig verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt, wobei verbale und leichte körperliche Angriffe dominieren. Aber auch von schweren Übergriffen, die zu einer Dienstunfähigkeit geführt haben, war etwa jeder achte Beamte innerhalb eines Fünfjahreszeitraums mindestens einmal betroffen. Dabei ist eine Zunahme von Gewaltangriffen zum Nachteil von Polizeibeamten zu beobachten, die insbesondere auf Übergriffe mit weniger schwerwiegenden Folgen zurückzuführen ist. In Übereinstimmung mit bisherigen Forschungsbefunden erfolgten die Angriffe (mit Dienstunfähigkeit) meist bei Festnahmen oder Streitigkeiten, wobei die Täter der Gewalt überwiegend allein handelnd, männlich, jüngeren Alters, polizeibekannt und alkoholisiert waren. Desweiteren kann festgehalten werden, dass Gewalterfahrungen neben körperlichen und psychischen Problemen, auch mit einer erhöhten Furcht vor weiteren Übergriffen sowie einem negativen Selbstbild einher gehen können. Ein Anliegen der Untersuchung war es zudem, Faktoren zu identifizieren, die mit dem Risiko eines Angriffs auf Polizeibeamte in Zusammenhang stehen. Nur wenige Untersuchungen haben sich bislang um solche Risikoabschätzungen bemüht (Johnson, 2011; Rabe-Hemp & Schuck, 2007). Wie auf Basis der vorgestellten Studie gezeigt werden konnte, weisen männliche, jüngere, größere Beamte sowie Beamte mit Migrationshintergrund ein höheres Risiko auf, angegriffen zu werden. Zudem werden Beamte aus dem Einsatz- und Streifendienst sowie aus besonderen Einsatzeinheiten häufiger Opfer von Gewalt im Vergleich zu anderen Dienstgruppen. Auf Seiten des Täters erhöht insbesondere der Einfluss von Alkohol, aber auch das Vorliegen eines Migrationshintergrunds das Risiko für Beamte, im Rahmen von Einsätzen wegen häuslicher Gewalt verletzt zu werden.

Welche konkreten Prozesse dafür verantwortlich sind, dass bestimmte Beamte häufiger angegriffen werden als andere, lässt sich mit den Daten nur unzureichend aufzeigen. Generell ist aber davon auszugehen, dass hierbei mehrere Gründe eine Rolle spielen können. So reichen die Erklärungsansätze für den gefunden Geschlechtsunterschied bspw. von strukturellen Effekten (z. B. unterschiedliche Aufgabengebiete), über Hemmungen des Täters, eine Frau anzugreifen, bis hin zu besonderen deeskalierenden Kompetenzen, die weiblichen Beamten aufgrund ihrer Sozialisation oft zugeschrieben werden. Mit Blick auf die Entwicklung geeigneter Aus- und Fortbildungsmaßnahmen zur Gewaltprävention von Polizeibeamten erscheint insbesondere die Erforschung nicht sichtbarer Merkmale, also bestimmter Einstellungen und Kompetenzen, in denen sich männliche und weibliche Beamte voneinander unterscheiden, gewinnbringend. Würden Beamtinnen weniger Gewalt erleben, weil sie seltener mit gefährlichen Situationen konfrontiert wären bzw. weil die Täter aufgrund ihres Geschlechts eine Angriffshemmung hätten, wären besondere Trainings nicht notwendig. Hätten Beamtinnen hingegen ein niedrigeres Gewaltrisiko, weil sie sozial kompetenter agieren als ihre Kollegen, selbst weniger Drohungen oder Zwangsmaßnahmen in der Interaktion mit den Bürgern einsetzen, vorsichtiger handeln etc., könnten auf Basis dieser Erkenntnisse spezielle Programme (z. B. Kommunikationstrainings) angeboten werden.

Zu prüfen wäre weiterhin, inwiefern bestimmte Einsatzkonstellationen die Gefahr einer gewalttätigen Auseinandersetzung erhöhen können. Nicht jeder Bürger wird in jeder Situation auf jeden Beamten gleich reagieren. Hinweise auf solch differierende Effekte finden sich bspw. in einer Untersuchung von Rabe-Hemp und Schuck (2007). Sie berichten, dass für Beamtinnen das größte Angriffsrisiko besteht, wenn sie im Rahmen von Einsätzen wegen häuslicher Gewalt mit alkoholisierten Tätern konfrontiert werden. Mit anderen Worten spielt die Kombination von Alkohol, Geschlecht und Situation eine entscheidende Rolle für das Viktimisierungsrisiko. Um derart komplexe Ursachenstrukturen aufdecken zu können, sind zukünftig Studien notwendig, die sich verschiedener methodischer Zugänge bedienen (z. B. Befragung und Beobachtung, quasi-experimentelle Designs).

Literatur

Baier, D., Peiffer, C., Simonson, J. & Rabold, S. (2009). Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt: Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN (KFN-Forschungsbericht; Nr.: 107). Hannover: KFN.

Baier, D., Pfeiffer C., Rabold, S., Simonson, J. & Kappes, C. (2010). Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum. Zweiter Bericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN (KFN-Forschungsbericht; Nr.: 109). Hannover: KFN.

Baier, D., Kemme, S., Hanslmaier, M., Doering, B., Rehbein, F. & Pfeiffer, C. (2011). Kriminalitätsfurcht, Strafbedürfnisse und wahrgenommene Kriminalitätsentwicklung. Ergebnisse von bevölkerungsrepräsentativen Befragungen aus den Jahren 2004, 2006 und 2010. (KFN-Forschungsbericht; Nr. 117). Hannover: KFN.

Bosold, C. (2006). Polizeiliche Übergriffe. Aspekte der Identität als Erklärungsfaktoren polizeilicher Übergriffsintentionen. Baden-Baden: Nomos.

Bragason, O. O. (2006). Assaults against police officers: A self-report study among Icelandic police officers. Reykjavik: The Office of the National Police Commissioner.

Brown, B. (1994). Assaults on police officers: An examination of the circumstances in which such incidents occur. London: Home Office Research Group.

Bundesministerium des Innern (BMI, 2011). Entwicklung politisch motivierter Kriminalität. Pressemitteilung vom 15.04.2011. Verfügbar unter: http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2011/04/pmk.html.

Burke, R. J. & Mikkelsen, A. (2005). Gender differences in policing: signs of progress? Employee Relations, 27 (4), 425-436.

Ellrich, K., Baier, D. & Pfeiffer, C. (2010a). Gewalt gegen Polizeibeamte. Ausgewählte Befunde zu den Tätern der Polizeigewalt. Zwischenbericht Nr. 2, Hannover: KFN.

Ellrich, K., Pfeiffer, C. & Baier, D. (2010). Gewalt gegen Polizeibeamte. Begleittext zu „7 Thesen zur Gewalt gegen Polizeibeamte“. Zwischenbericht Nr. 1, Hannover: KFN.

Ellrich, K., Baier, D. & Pfeiffer, C. (2011). Gewalt gegen Polizeibeamte. Befunde zu Einsatzbeamten, Situationsmerkmalen und Folgen von Gewaltübergriffen. Forschungsbericht Nr. 3, Hannover: KFN.

Falk, E. (2000). Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Ein praxisbezogenes Forschungsprojekt (Texte Nr. 25). Villingen-Schwenningen: Hochschule für Polizei.

Federal Bureau of Investigation (FBI, 2010). Law enforcement officers killed and assaulted 2009. Verfügbar unter: http://www.fbi.gov/about-us/cjis/ucr/leoka/2009/leoka-2009 [15.11.2010].

Füllgrabe, U. (2002). Psychologie der Eigensicherung. Stuttgart: Booberg.

Garner, J., Buchanan, J., Schade, T. & Hepburn, J. (1996). Understanding the use of force by and against the police. National Institute of Justice.

Gasch, U. (2000). Traumaspezifische Diagnostik von Extremsituationen im Polizeidienst. Polizisten als Opfer von Belastungsstörungen. dissertation.de

Griffiths, R. & McDaniel, Q. P. (1993). Predictors of police assaults. Journal of Police and Criminal Psychology, 9 (1), 5-9.

Hallenberger, F. & Müller, S. (2000). Was bedeutet für Polizistinnen und Polizisten „Stress“? Polizei & Wissenschaft, 1, 58-65. Hallenberger, F., Heiderich, M. & Rieger, S. (2003). Stress und Stressbewältigung im Polizeiberuf. Polizei & Wissenschaft, 3, 36-49.

Haller, B., König, I. & Pelinka, A. (1999). Die zwei Seiten der Gewalt. Konflikte zwischen Sicherheitsexekutive und BürgerInnen. In J. Fehervary & W. Stangl (Hrsg.), Gewalt und Frieden. Verständigungen über die Sicherheitsexekutive (S. 15-34). Wien: Universitätsverlag.

Hirschel, J. D., Dean, C. W. & Lumb, R. C. (1994). The relative contribution of domestic violence to assault and injury of police officers. Justice Quarterly, 11 (1), 99-117.

Jäger, J. (1988). Gewalt und Polizei. Beiträge zur gesellschafts-wissenschaftlichen Forschung (Bd. 6). Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsgesellschaft.

Jäger, J. (1991). Gewalt und Polizei. Die Polizei, 82 (9), 213-244.

Johnson, R. R. (2011). Predicting officer physical assaults at domestic assault calls. Journal of Familiy Violence, 26 (3), 163-169.

Kaminski, R. J. & Sorensen, D. W. M. (1995). A multivariate analysis of individual, situational, and environmental factors associated with police assault injuries. American Journal of Police, 14 (3/4), 3-48.

Klemisch, D., Kepplinger, J. & Muthny, F. A. (2005). Stressfaktoren und Positiva im Polizeiberuf – Selbsteinschätzungen durch Polizeibeamte. Polizei & Wissenschaft, 2, 10-20.

Klemisch, D., Kepplinger, J. & Muthny, F. A. (2005a). Belastungen, Belastungsbewältigung und psychische Störungen von Polizeibeamten - eine Literaturanalyse. Polizei & Wissenschaft, 1, 27-42.

Latscha, K. (2005). Belastungen bei Polizeivollzugsbeamten: Empirische Untersuchung zur Posttraumatischen Belastungsstörung bei bayrischen Vollzugsbeamten/-innen. Dissertationsarbeit, Ludwig-Maximilians-Universität München.

Manzoni, P. (2003). Gewalt zwischen Polizei und Bevölkerung. Einflüsse von Arbeitsbelastungen, Arbeitszufriedenheit und Burnout auf polizeiliche Gewaltausübung und Opfererfahrungen. Zürich: Rüegger.

Neugebauer, U. & Latscha, K. (2009). Bewältigung belastender Ereignisse bei Polizeibeamten. Polizei & Wissenschaft, 3, 55-61.

Ohlemacher, T., Rüger, A., Schacht, G. & Feldkötter, U. (2003). Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und -beamte 1985-2000. Baden-Baden: Nomos.

Pieper, G. & Maercker, A. (1999). Männlichkeit und Verleugnung von Hilfsbedürftigkeit nach berufsbedingten Traumata (Polizei, Feuerwehr, Rettungspersonal). Verhaltenstherapie, 9 (4), 222-229.

ProPikA2009 (2010). Polizei in konfliktbehafteten Alltagssituationen - Aggression und Provokation gegen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte. Abschlussbericht. Regierungspräsidium Karlsruhe (Hrsg.): Karlsruhe.

Rabe-Hemp, C. E. & Schuck, A. M. (2007). Violence against police officers. Are female officers at greater risk? Police Quarterly, 10 (4), 411 -428.

Rabe-Hemp, C. E. (2008). Female officers and the ethic of care: does officer gender impacts police behaviors? Journal of Criminal Justice, 36 (5), 426-434.

Reiser, M. & Geiger, S. P. (1984). Police officer as a victim. Professional Psychology: Research and Practice, 15 (3), 315-323.

Rustemeyer, R. & Tank, C. (2001). Akzeptanz von Frauen im Polizeiberuf. Polizei & Wissenschaft, 3, 3-14.

Saß, H., Wittchen, U.-H. & Zaudig, M. (2003). Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen – Textrevision - DSM-IV-TR. Göttingen: Hogrefe.

Schmalzl, H. P. (2005). Das Problem des „plötzlichen“ Angriffs auf Polizeibeamte. Polizei & Wissenschaft, 3, 8-18.

Schmalzl, H. P. (2008). Einsatzkompetenz. Entwicklung und empirische Überprüfung eines psychologischen Modells operativer Handlungskompetenz zur Bewältigung kritischer Einsatzsituationen im polizeilichen Streifendienst. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft.

Schneider, D. & Latscha, K. (2010). Polizeikultur als Schutzfaktor bei traumatischen Belastungen. Polizei & Wissenschaft, 4, 30-40.

Schuck, A. M. & Rabe-Hemp, C. (2005). Women police: the use of force by and against female officers. Women & Criminal Justice, 16 (4), 91-117.

Sessar, K., Baumann, U. & Müller, J. (1980). Polizeibeamte als Opfer vorsätzlicher Tötung. BKA-Forschungsreihe, Bd. 12. Wiesbaden: Bundeskriminalamt.

Skogan, W. G. (1987). The impact of victimization on fear. Crime and Delinquency, 33, 135-154.

1 Aus Gründen der einfacheren Darstellung wird im Folgenden meist die männliche Form verwendet, obwohl in diesen Fällen sowohl weibliche als auch männliche Personen gemeint sind. Wenn sich Aussagen nur auf männliche oder weibliche Personen beziehen, wird dies kenntlich gemacht.

2 Seit dem Jahr 2009 ist allerdings wieder ein Rückgang der polizeilich registrierten Fälle von Widerstand festzustellen.

3 Auch hier wird es Veränderungen in der PKS geben. Ab dem Berichtsjahr 2011 werden um die Berufsgruppe erweiterte Opferstatistiken ausgewiesen.

4 In der Regel beruhen diese Untersuchungen auf einer Analyse derjenigen Fälle, in denen es zu einem Übergriff gekommen ist (Johnson, 2011; Ohlemacher et al., 2003). Damit können Aussagen darüber getroffen werden, unter welchen Umständen und durch welche Täter sich die Gewalt ereignet hat. Risikoabschätzungen, also die Frage, welche Situationen oder Personen besonders gefährlich sind, sind damit allerdings nicht möglich. Um dies zu leisten, müssen Informationen vorliegen, wie häufig Beamte im Rahmen ihrer Dienstausübung mit bestimmten Situationen und Personen konfrontiert sind.

5 Hierbei handelt es sich um die Länder Berlin, Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Saarland, Schleswig-Holstein und Thüringen.

6 Lediglich 2,5 % der befragten Beamten wiesen einen Migrationshintergrund auf. Zudem stammten die Beamten aus verschiedenen Ländern, so dass ein vorhandener Migrationshintergrund nicht zwangsläufig erkennbar sein muss.

7 Die Zunahme von Gewaltübergriffen mit Dienstunfähigkeit zwischen 2005 und 2009 ergibt sich insbesondere bei Einsätzen im Rahmen von Veranstaltungen, Störungen der Öffentlichen Ordnung und (versuchten) Straftaten, also Situationen im öffentlichen Raum. Zudem haben sich Übergriffe bei innerfamiliäreren Streitigkeiten nahezu verdoppelt. Letztgenanntes kann als Folge des im Jahr 2002 in Kraft getretenen Gewaltschutzgesetzes bewertet werden kann (Ellrich et al., 2010, S. 34f.).

8 Die Auswahl erfolgte anhand zweier Kriterien: es wurde jeweils der schwerste Übergriff auf einen Beamten, operationalisiert über die Dauer der Dienstunfähigkeit, bzw. der am kürzesten zurückliegende Übergriff für eine detaillierte Beschreibung ausgewählt (s. Ellrich et al., 2010a, S. 10 ff.).

9 Im Fragebogen wurde nicht nach der Staatsangehörigkeit der Täter gefragt, sondern nach der Herkunft, wobei der Herkunftsbegriff nicht explizit definiert wurde. Insofern bleibt offen, ob ein vermuteter oder festgestellter Migrationshintergrund angegeben wurde. Davon ist allerdings aufgrund des hohen Anteils nichtdeutscher Täter auszugehen.

Stress

Christian Pundt

Kriminologe M. A., Diplomverwaltungswirt (FH), Polizeiakademie Niedersachsen

Die Fragestellungen, die in diesem Kapitel bearbeitet werden, sind:

1. Was ist Stress? Wie kann man das Phänomen Stress definieren?

2. Was bedeutet Stress für Polizeibeamte?

3. Welcher Stress ist für Polizeibeamte zu erwarten? Wie kann man darauf konkret reagieren?

Einführung

Der Polizeidienst ist geprägt durch eine Vielzahl von Einwirkungen und Belastungen, die etymologisch dem Begriff Stress zuzuordnen sind. Stressoren wie Wechselschichtdienst, eine relativ starre Hierarchie und eine hohe individuelle Anforderung an die Flexibilität des Einzelnen seien hier freilich ebenso genannt, wie starke persönliche Belastungen. Als persönliche Belastungen werden u. a. das Anwenden und Erleben von Gewalt, die Aufnahme schwerer Verkehrsunfälle sowie die Betreuung von Opfern und Angehörigen angesehen.1 Allgemeine Stressoren, die zusätzlich zum Einsatzgeschehen auf Polizeibeamte einwirken, sind aufgrund der Thematik des Fachbuches aus dieser Betrachtung auszuschließen und werden in einem weiteren Fachbuch „Grundwissen Stress“ ausführlich erläutert.2 Ein wichtiger Aspekt dabei ist jedoch, dass alle Stressoren, seien sie privater oder dienstlicher Natur, auf das Arbeitsverhalten, die Konzentration und damit auf die Einsatzbewältigung Einfluss haben können.3

Abbildung 1


In der Psychologie werden die auftretenden Stressoren jedoch differenzierter eingeteilt. Unterschieden wird grundsätzlich in physische, psychische und soziale Stressoren (Abbildung 1).

Grundsätzlich sind jedoch nicht alle Einflussfaktoren negativ zu bewerten sondern können je nach individueller Sichtweise auch als Schutzfaktoren die Arbeit des Einzelnen erleichtern. Zu nennen sind eine gute Teamarbeit, ein gutes Arbeitsklima sowie ein gutes soziales Umfeld.

Der Einsatz- und Streifendienst, aber auch Ermittlungstätigkeiten außerhalb der Dienststelle, orientieren sich zum Großteil an der Bewältigung und Bearbeitung polizeilicher Standardlagen. Bei der Aufnahme polizeirelevanter Sachverhalte können die eingesetzten Beamten meist nur reagieren, anstatt selbst zu agieren. In jeder Standardlage entsteht somit immer ein „blinder Fleck“, der nicht vorausgesagt werden kann. Mit zunehmender Berufserfahrung entstehen bei der Aufnahme von Standardlagen Handlungsroutinen, die positiv wie negativ bewertbar sind. Die Auswertungen dieser „polizeilichen Standardlagen“ (Ruhestörung, innerfamiliäre Streitigkeiten und Gewalt) zeigen deutlich, dass gerade bei diesen scheinbaren Routineeinsätzen Polizeibeamte angegriffen und mit extrem aggressivem Verhalten konfrontiert werden.4 Dabei müssen sie trotzdem handlungsfähig und professionell bleiben. Betrachtet man die Stressbelastung, ist besonders hervorzuheben, dass sich Einsatzsituationen innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde ändern und der Stresslevel von absoluter Ruhe auf ein Höchstmaß ansteigen kann. Es ist gerade im Polizeialltag umso wichtiger, die Einsatzsituation und den auftretenden Stress entsprechend bewerten zu können, um handlungsfähig zu bleiben. Deshalb sollte jede/r Polizeibeamte/-in wissen, was für ihn/sie persönlich Stress bedeutet, wie er/sie sich innerpsychisch zeigt und welche Reaktionen für den Einzelnen zu erwarten sind.

Beispiel

Verden

19.07.2009

Messereinsatz gegen Polizeibeamten

Durch den Rettungsdienst wurde der Polizei in Verden/Osterholz ein polizeirelevanter Sachverhalt gemeldet, bei dem eine verletzte Person vor einer Gaststätte stehen sollte. Die Verletzungen seien eventuell durch ein Messer zugefügt worden. Als die beiden Polizeibeamten vor Ort eintrafen, standen zwei Personen vor einem Kaffee. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um Vater und Sohn. Der jüngere von beiden wirkte aufgrund seiner Kleidung (Schlafanzughose, Shirt und barfuß mit Blut an der Körperseite) wie ein Opfer. Der Polizeibeamte (30) erkannte aufgrund seiner Bewertung der Situation keinerlei Gefahrenmomente und ging auf die beiden Personen zu. Ohne eine Ansprache durch einen der beiden Beamten an die Personen „wirbelte“ der Täter (19) plötzlich herum und stach dem Polizeibeamten mit einem Messer in den Hals. Der Polizeibeamte sah den Angriff nicht voraus und war völlig überrascht. Der Kollege sprach den Täter mit gezogener Waffe zu Boden und hielt die Lage statisch, bis der Rettungswagen eintraf. Sein Kollege berichtet später, dass der Angriff wie ein ausgeholter Tennisschlag aussah. Erst bei der Verletzung habe der Polizeibeamte gemerkt, dass etwas im Argen ist. Er konnte nicht mehr funken und sich auch nicht mehr auf den Beinen halten. Die Gefahrensituation sei für ihn nicht erkennbar gewesen. Eigene Anmerkung: Mittlerweile ist Herr Biernath glücklicherweise wieder im Dienst.

Quelle: Auszüge aus einem Interview mit dem lebensgefährlich verletzten Kollegen Mirko Biernath, welches im Rahmen einer Bachelorarbeit (2010) geführt und mir durch den Kollegen Biernath freundlicherweise für weitere Projekte in der Polizeiwissenschaft zur Verfügung gestellt wurde.

Stress

Das Wort Stress hat seinen Ursprung aus dem lateinischen strictus, was so viel wie straff bedeutet. Im englischsprachigen Raum wird das Wort Stress mit Anspannung oder Druck übersetzt.

Die Schwierigkeit des Terminus Stress ist die unterschiedliche Möglichkeit der Interpretation. Das Wort Stress wird häufig als Synonym für Belastung, Krankheit und dem Burnout Syndrom verwendet. Es ist ein universeller Begriff, der in der Alltagssprache unspezifisch verwendet wird und eine Vielzahl von körperlichen und seelischen Zuständen in einem Wort zusammenfasst. In der konkreten Situation sollte also hinterfragt werden, was genau als Stress angesehen und bewertet wird.

In der Literatur (u. a. Krampl, (2007); Nitsch (1981); Sapolsky (1998)) werden neben den unterschiedlichen Stressoren („Psychisch, Physisch und Soziale Stressoren“) vier Kategorien von Stress unterschieden. Die erste Kategorie beinhaltet den „normalen“ Alltagsstress, der alle üblichen Belastungen (Arbeit, Freizeit, Verkehr etc.) zusammenfasst. Die zweite Kategorie ist der kumulative Stress. Hierunter werden zusammen auftretende Stressoren aus dem Alltagsstress als erhöhte Belastung bewertet. Eine weitere, die dritte Kategorie, ist der chronische bzw. Dauerstress. Hierbei kommt es zu starken Belastungen über einen andauernden Zeitraum. Als vierte und gravierendste Stresskategorie wird der Terminus „Traumatischer Stress“ verwendet. Als traumatische Stresssituationen werden die Belastungen definiert, die das Grundvertrauen bzw. eigene Grundannahmen erschüttern oder bedrohen können. Zu dieser Stresskategorie werden grundsätzlich u. a. massive Angriffe, Schusswaffengebräuche und Katastrophen gezählt, die jedoch nicht immer eine traumatische Belastung zur Folge haben müssen. Hier können Bewältigungsstrategien, Einstellungen, Erfahrungen und auch entsprechende Trainings traumatische Folgen verhindern.

Allgemein beschreibt der Begriff Stress eine körperliche und psychische Reaktion auf einen Umweltreiz.5 Stress erfordert also die Reaktion eines Organismus (Mensch) auf einen Stimulus (Reiz). Die Einflüsse auf eine Person können so groß sein, dass die Fähigkeit zur Resilienz stark beansprucht wird oder der Einfluss die Grenze der Belastbarkeit/Widerstandsfähigkeit übersteigt. Wird die Grenze überschritten, kann der erlebte Stress negative gesundheitliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Nichts desto trotz ist Stress und eine Stressreaktion die Grundvoraussetzung, damit sich ein Körper und die Psyche an veränderte Gegebenheiten anpassen und reagieren kann. Die Ambivalenz zwischen positiven und negativen Eigenschaften, die dem Begriff Stress zugeordnet werden, beschrieb der Forscher Hans Selye mit den Begriffen Eustress und Distress (auch: Dystress).

Eustress und Disstress (Dystress)

Eustress (Lateinisch Eu = gut) gilt dabei als positive Form des erlebten Stresses. Bei einer Herausforderung wird dabei mit den üblichen „Stresshormonen“ ein Erregungszustand im Körper aufgebaut, der für die Bewältigung einer individuellen Aufgabe erforderlich ist. Diese Form des Stresses wird als Motivator und grundsätzlich leistungsstimulierend angesehen. Die Folge ist, dass bei der Bewältigung der Aufgabe, zu den üblichen Stresshormonen Adrenalin und Noradrenalin, auch Glückshormone (Endorphine) ausgeschüttet werden.

Man bezeichnet den Einfluss oder Reiz dann als Disstress (aus dem lateinischen „Dis“ = Schlecht; im englischsprachigem Raum: Distress), oder auch Dystress (aus dem griechischen „Dys“ = Schlecht), wenn er als negativ und belastend wahrgenommen wird. Die Häufigkeit und die Dauer des erlebten Reizes ist ein wichtiger Faktor für die Bewertung des Stressniveaus. Je häufiger und länger ein Reizzustand anhält, umso eher bestehen die Gefahr einer Belastung und die Wahrnehmung als negativen Stress. Um mit dem Phänomen Stress im Einsatzfall besser umgehen zu können, ist es notwendig, Einzelheiten über theoretische Grundlagen bzw. Modelle zu kennen. Nachfolgend stelle ich die für die polizeiliche Einsatztätigkeit bedeutendsten Stressmodelle dar. Zum einen ist es das Allgemeine Adaptionssyndrom von Selye. Zum anderen sind es das „Fight or Flight“ Modell von Walter B. Cannon und das „Transaktionale Stressmodell“ von Richard S. Lazarus.

Stressmodelle

Die folgend dargestellten Stressmodelle können entweder der Physiologie oder Psychologie zugeordnet werden. Während Cannon und Selye ihre Modelle anhand der physiologischen Veränderungen erläutern, orientieren sich die Modelle von Holmes & Rahe und Lazarus an der Psychologie. Je nach Zielsetzung können die unterschiedlichen Modelle für allgemeine Erklärungen zum Thema Stress genutzt werden.

Das Allgemeine Adaptionssyndrom (General Adaptation Syndrom, GAS)

Einer der ersten Forscher, der sich mit den Auswirkungen von andauerndem Stress beschäftigt hat, war der kanadische Endokrinologe6 Hans Selye (*1907 in Wien, +1982 in Montreal). Er definierte 1936 den Begriff Stress und begründete die Lehre vom Allgemeinen Adaptionssyndrom, auch Generalisiertes Adaptionssyndrom genannt. (Schwarzer, 1993, S.12 ff.)

Obwohl eine Begriffsbestimmung des Phänomens Stress bis heute schwierig erscheint, hat Selye den Begriff aus seiner Sicht frühzeitig definiert.

Definition Stress nach Selye:

„Stress kann als die unspezifische Reaktion des Organismus auf jede Art von Anforderung verstanden werden“.

(Selye, 1956, 1981)

Abbildung 2


Hans Selye beschrieb und untersuchte die körperlichen Auswirkungen von Stress. Insbesondere ging er auf die grundsätzlich hormonellen Reaktionen des Körpers auf akute und chronische Belastungen ein, wobei er sich auf die stark belastenden bzw. chronischen Stressoren spezialisierte. Das Individuum mit seinen individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten wird in Selyes Theorie nicht mit in die Bewertung einbezogen. Er beschränkt sich in seinen Ausführungen rein auf die hormonellen Reaktionen des Körpers. Die kognitive transaktionale Stresstheorie von Lazarus geht über die Beschreibung von rein körperlichen Vorgängen hinaus und findet einen eher ganzheitlichen Ansatz.

Das Allgemeine Adaptionssyndrom nach Selye ist wie in Abbildung 2 in drei Phasen eingeteilt:

1. Alarmphase

2. Widerstandsphase

3. Erschöpfungsstadium

In den einzelnen Stufen kommt es zu jeweils aufeinander bezogenen Reaktionen, die in Abbildung 3 zusammengefasst dargestellt sind.

Stress

Stress kann nach Selye (1981) „als die unspezifische Reaktion des Organismus auf jede Art von Anforderung verstanden werden.“

Im Allgemeinen Adaptionssyndrom findet die körperliche Reaktion immer in drei Phasen statt:

1. Alarmphase

2. Widerstandsphase

3. Erschöpfungsstadium

Abbildung 3


In der Abbildung 4 ist übersichtlich verdeutlicht, welche körperlichen Reaktionen im Allgemeinen bei Stress auftreten können. Kommt es zu einer Alarmreaktion, wird durch den Hypothalamus und das limbische System die Hormonausschüttung angeregt. Der Körper reagiert daraufhin mit der Ausschüttung der sogenannten Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin. Im Anschluss daran ziehen sich die Blutgefäße zusammen. Durch die Leber wird Blutzucker kurzfristig zur Verfügung gestellt. Der Blutdruck und die Herz-Frequenz werden gesteigert und die Bronchien erweitern sich. Der Verdauungstrakt verringert seine Tätigkeit und die Augen werden auf eine erhöhte Weitsicht eingestellt. Der Körper befindet sich in höchster Alarmbereitschaft, um bei Bedarf schnell reagieren zu können. In einer Stresssituation kann die Ausschüttung von Adrenalin den 10-fachen Wert der normalen Ruheausschüttung übersteigen. Bei chronischem Stress ist durch den andauernden Erregungszustand die Gefahr erhöht, gesundheitliche Schädigungen zu erleiden, da keine Erholungsphasen zwischen dem auftretenden Stress liegen (Siehe Abbildung 3, Stufe III.).

Walter B. Cannon (Fight or Flight) (*1871- +1945)

Der Physiologe Walter B. Cannon (USA) beobachtete die Reaktionen von Menschen und Tieren bei Bedrohung. Er veröffentlichte 1915 seine Abhandlung zu den Notfallreaktionen von Menschen und Tieren, ohne jedoch den Begriff Stress explizit zu erwähnen. In seiner Abhandlung beschrieb er die Vorgänge im Körper beim Auftreten von Bedrohungen (Stress). In Notfällen ist der Mensch anhand seiner körperlichen Reaktionen in der Lage, entweder der Bedrohung aktiv entgegen zu treten (anzugreifen), oder sich zurückzuziehen (fliehen).

Walter B. Cannon: Fight or Flight So beschrieb Cannon die Abfolge von Ereignissen im Körper, die den Menschen oder das Tier in der Folge befähigt, entweder anzugreifen (verteidigen) oder zu flüchten (in Sicherheit bringen).

Abbildung 4


Die kognitiv-transaktionale Stresstheorie nach dem amerikanischem Psychologen Richard S. Lazarus (*1922 - †2002)

Die kognitiv-transaktionale Stresstheorie kann für die Beschreibung und Erklärung von belastenden Einsatzlagen der Polizei als wichtigste Theorie bezeichnet werden. Im Gegensatz zu den Theorien von Selye oder Cannon wird ein eher ganzheitlicher Ansatz für die Erklärung von Stress gebraucht.

Das „Transaktionale Stressmodell“

Der Begriff der Transaktion beschränkt sich nicht auf den Reiz, der auf eine Person trifft. Transaktion spiegelt „…die Verbindung zwischen einer sich verändernden Situation und einer denkenden, fühlenden und handelnden Person…“ wieder. (Schwarzer, 1993, S.14)

Es findet nach dieser Theorie grundsätzlich eine individuelle Bewertung des Umweltreizes als positive oder negative Anforderung (Reiz, Stress) statt. Was für den einen negativer Stress und damit eine massive Belastung darstellt, hat für den anderen eventuell noch keine Bedeutung in psychologischer Hinsicht erlangt. Die individuelle Bewertung ist also entscheidend für das Ergebnis, ob ein Reiz, der auf eine Person einwirkt, auch als negativer Stress wahrgenommen wird oder nicht. Es findet somit immer eine Interaktion zwischen Individuum und der aufgetretenen Situation statt. Der Stress ist demnach subjektiv und individuell und die Bewertung dieser Wahrnehmung kann somit auch bewusst verändert und beeinflusst werden.

Lazarus hat die kognitive Bewertung der Anforderungen (Reize, Einsatzsituationen) in zwei Phasen unterschieden.

Für die erste Einschätzung zur Ernsthaftigkeit einer Anforderung verwendet er den Begriff primary appraisal (primäre Bewertung). Die Phase beginnt seiner Ansicht nach mit folgenden Fragestellungen: Was passiert gerade? Ist es gut, schädlich oder unwichtig für mich? Führt die Beantwortung der Frage zu der Einschätzung, dass die Anforderung schädlich sein kann, werden die potentiellen Auswirkungen des Stressors bewertet.7

Wird daraufhin eine Handlung als erforderlich angesehen, werden in der secondary appraisal (sekundären Bewertung) persönliche und soziale Ressourcen inklusive der eigenen Handlungsmöglichkeiten für die Bewältigung des Stressors mit einbezogen. Mit den individuellen Möglichkeiten wird dann versucht, die Situation zu bewältigen. Während der gesamten Einsatzphase kommt es zu einer immer fortwährenden Neubewertung der Situation, die sich durch notwendige Änderungen des Verhaltens und der Strategie bei der Bewältigung des Stressors zeigt. (Zimbardo, 1999, S. 376 ff.)

Lazarus & Launier (1981) differenzieren des Weiteren zwischen der psychischen Bedrohung und der Herausforderung. Ebenso entwickelten Lazarus & Folkmann (1987) die Möglichkeit, dass eine Situation auch als Nutzen, Vorteil oder Gewinn bewertet werden kann. Aufgrund der vorher beschriebenen kognitiven Bewertungsprozesse wird eine Situation oder ein Ereignis entweder als irrelevant, günstig bzw. positiv oder als stressend aufgefasst und eingestuft. Hierbei spielen die individuellen Möglichkeiten, vorhandene Strategien zur Stressbewältigung sowie Einstellungen und Überzeugungen der Person eine zentrale Rolle.

„Aus psychologischer Sicht setzt Stress die Feststellung voraus, dass die Transaktion ein Risiko (Bedrohung), Schädigung/Verlust oder eine Gelegenheit beinhaltet, die Probleme zu überwinden und sich weiter zu entwickeln (Herausforderung), indem mehr als die normalen Fähigkeiten aktiviert werden. Wenn eine Anforderung die Fähigkeiten übersteigt, fühlt sich das Individuum sozusagen überwältigt (Trauma) und besiegt. Der Schweregrad hängt dabei davon ab, was auf dem Spiel stand (Wertungsdisposition). Die Folge könnten Erschöpfung, Zusammenbruch, Regression oder Dekompensation sein (um einige der Begriffe der klinischen Psychologie zu gebrauchen).“

(Lazarus/Launier, 1981, S. 226)

Akuter und chronischer Stress

Die allgemeine Stressforschung unterscheidet nicht nur in positiven oder negativen Stress, sondern auch zwischen akutem und chronischem Stress. Die Dauer des erlebten Umweltreizes (Stressors) hat eine grundlegende Bedeutung für die individuelle Wahrnehmung und Bewertung.

Die kognitive Bewertung einer Stresssituation ist für die Deutung und späteren Bewältigung einer Einsatzsituation von zentraler Bedeutung. Kommt es zu einer falschen Deutung, kann das gerade bei Polizeibeamten im Einsatz zu fatalen Folgen führen.

Stress (Akut)

Der akute Stress ist grundsätzlich ein vorübergehender physischer und psychischer Erregungszustand. Die körperliche Anpassung an einen Reiz ist normal und eine der wichtigsten Bedingungen, um sich veränderten Situationen optimal anpassen zu können. Abbildung 6 verdeutlicht die auftretenden Stressphasen.

Akuter Stress:

Der Erregungszustand steigt stark an und kann nach der Bewältigung (Angriff oder Flucht) und eine Erholungsphase wieder seinen Ruhezustand erreichen.

Abbildung 5


Abbildung 6


Beispielsachverhalt

Phase 1 (Vorphase): Zwei Polizeibeamte werden zu einer Ruhestörung gerufen. Beide Beamte haben bis zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Erkenntnisse, außer dass es sich um eine polizeiliche Standardlage handelt, die routiniert abgearbeitet werden soll.

Phase 2 (Alarmphase): Im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses kommt ihnen eine männliche Person entgegen und greift die beiden Beamten plötzlich mit einem Messer an.8 Beide Polizeibeamten versuchen sich möglichst schnell aus der Gefahrenzone zu begeben und setzen das Einsatzmittel Pfefferspray ein. Durch die einsetzende Wirkung können die beiden Polizeibeamten den Mann nun überwältigen und entwaffnen.

Phase 3 (Widerstandsphase): Die Person wird aufgrund der weiteren Sachverhaltsaufnahme zur Wache verbracht. Die Situation ist beruhigt und die Beamten können eine Pause machen. Sie sprechen über den Einsatz (Nachbereitung) mit ihren Kollegen und gehen nach der Nachtschicht nach Hause.

Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass der akute Stress einen klaren Anfang und ein absehbares Ende enthält. Im Gegensatz dazu ist der chronische Stress zu sehen.

Chronischer Stress

Problematisch wird es bei einer weiteren Häufung von Stressoren. Häufen sich im Verlauf mehrerer Dienste weitere belastende Einsätze, in denen beispielsweise Gewalt eingesetzt bzw. selbst erfahren wird, kann es zu einer Dauerbelastung kommen. Die inneren und äußeren Ressourcen zur Stressbewältigung werden durch die Betroffenen grundsätzlich niedriger wahrgenommen, als der chronische Erregungszustand. Der Stresslevel kann nicht mehr abgebaut werden und führt im schlimmsten Fall zur Aufhebung der Erholungsphase (Abb. 7). Dieser andauernde Erregungszustand wird von den Betroffenen als äußerst belastend empfunden. Wiederholen sich Einsätze und Schichtabläufe dieser Art und treten zusätzlich außerberufliche Belastungen auf, kann chronischer Stress die Folge sein, der auch gesundheitliche Folgen für die Beamten hat. Der Körper ist aufgrund der eingeschränkten Leistungsfähigkeit nicht mehr in der Lage, auf akut belastende Einsatzlagen entsprechend zu reagieren. Erhöhte Fehlerqouten sind die Folge und führen im schlimmsten Fall zu schwerwiegenden Einsatzentscheidungen für sich selbst und andere.

Chronischer Stress: Durch anhaltenden Stress wird die Erholungsphase aufgehoben und die Stresskurve liegt dauerhaft über der Normalgrenze. Gesundheitliche negative Folgen wie Belastungsstörungen, erhöhte Fehlerqouten im Einsatz und das Burnout Syndrom etc. können entstehen.

Abbildung 7


Traumatischer Stress

Die Stressbelastung, die als tatsächliches, extrem stressreiches äußeres Ereignis definiert wird, kann zu einem Trauma werden, wenn es als „äußerste Bedrohung“ (Huber, 2003, S. 39) gewertet wird. Diese sogenannte Annihilationsdrohung (annihilate, engl.: vernichten, zerstören, ausrotten) führt zu körperlichen Reaktionen, die die erlebende Person kaum mehr bewusst beeinflussen kann. Im schlimmsten Fall kommt es bei den Polizeibeamten zu dem Eindruck, dass „nichts mehr geht und alles aus“ sei. Der Terminus „Traumatischer Stress“ kann in der Polizeiarbeit zum besseren Verständnis auch mit dem Begriff Hochstress definiert werden. Traumatische Erlebnisse können zu akuten Stressbelastungen, Posttraumatischen Störungen und in der Konsequenz auch zum Posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS, postraumatic stress disorder) führen.

Die Themenbereiche, psychische Verletzungen und traumatischer Stress, werden in einem anderen Beitrag des Fachbuches behandelt. Neben psychischen Verletzungen kann der Einfluss von Stress jedoch weitere Folgen für den Polizeibeamten haben. Unterscheiden kann man hier Folgen für die Gesundheit und Leistungsfolgen.

Folgen von Stress

Gesundheitliche Folgen

Indirekt schädliche Folgen

Durch Stress, insbesondere Dauerstress, können direkte gesundheitsschädliche Folgen auftreten. Mit indirekten Folgen kann das Verhalten beschrieben werden, um sich beispielsweise nach einem stressreichen Tag zu entspannen. Übermäßiges Essen, Alkoholkonsum, Tee/-Kaffeekonsum und der Griff zur Zigarette werden in der Literatur als Hauptgründe aufgeführt, die zu indirekten schädlichen Folgen führen können. Der Griff zur Zigarette ist beispielsweise rein subjektiv beruhigend, da Nikotin nachweislich eine anregende Wirkung hat. Koffein und Tein haben eine ähnliche Wirkung und führen zu Stresssymptomen (Schwitzen, innere Unruhe, Zitternde Hände). (Litzke, 2005, S. 45 ff.)

Direkt schädliche Folgen

In einer akuten Stressreaktion kommt es zu einer Erhöhung der Pulsfrequenz und der Blutdruck steigt an. Ist es möglich, dass der Stressphase eine Erholungsphase folgt, kann sich der Blutdruck wieder normalisieren. Bei chronisch auftretendem Stress kann der Körper nicht mehr entspannen. In der Folge erreicht der Blutdruck ein ständig erhöhtes Niveau. Dieser chronische Erregungszustand wird in der Folge zur Hypertonie (Bluthochdruck). Die Hypertonie verursacht in der Folge eine Arteriosklerose (Gefäßverkalkung), die zu einer verschlechterten Durchblutung der Organe führt. Chronischer Stress, Bluthochdruck und die damit einhergehende Gefäßverkalkung steigern das Risiko, in der Folge einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden.

Chronischer Stress kann auch akute Ängste auslösen, die zu Panikattacken führen können. Die Betroffenen haben beispielsweise rein subjektiv das Gefühl, einen Herzinfarkt oder Herzstillstand zu erleiden, obwohl keine medizinische Indikation vorliegt (funktionelle Herzbeschwerden).

Durch die dauernde chronische Stressbelastung kann der Krankheitsverlauf einer Asthma-Erkrankung negativ beeinflusst werden. Die Häufigkeit und Schwere der Anfälle ist dabei von zentraler Bedeutung für die betroffenen Personen. Im Allgemeinen führt andauernder Stress zu einer Störung der Immunkompetenz, während dem akuten Stress eine immunstimulierende Wirkung zugeschrieben wird. Dies kann sich bei den Betroffenen in Krankheitsverläufen von Infektionen zeigen. Erkrankungen haben einen schwereren Verlauf und die Heilung dauert länger. In diesem Zusammenhang wird auch die Meinung vertreten, dass ein geschwächter Körper auch anfälliger für Krebserkrankungen ist. (Litzke, 2005, S. 48 ff.)

Stressbelastungen haben ebenfalls Einfluss auf die Schwere von Allergien und anderen Hautkrankheiten. In der Naturheilkunde wird die Haut als Spiegelbild der Seele bezeichnet. Weitere Folgen von Stress sind chronische Kopfschmerzen, zentralnervöse Störungen (Schlafstörungen, innere Unruhe u. a.) und das Auftreten des sogenannten Burnout Syndroms. Im weiteren Verlauf können affektive Störungen, wie Depressionen, ausgelöst werden.

Burnout Syndrom

Dem Burnout Syndrom kommt in der heutigen Polizeiarbeit eine immer größere Bedeutung zu. Dabei handelt es sich um ein Erschöpfungssyndrom durch chronisch erlebten Stress. Mit einer Rückschau auf die Eingangsbemerkungen zu möglichen Stressoren, die nicht nur im beruflichen sondern auch im privaten Bereich zu finden sind, sei hier anzumerken, dass meist ein Faktorenbündel von Stressoren die Person stark überfordert. Diese Vielzahl von einwirkenden Stressoren kann durch die Personen in einem langwierigen Prozess nicht mehr bewältigt werden. Es entsteht ein Gefühl der Leere und die persönliche Motivation geht verloren. Am Ende dieses Prozesses erkranken Menschen dann am Burnout Syndrom. (Latscha, 2005)

Leistungsfolgen durch Stressbelastungen

Leistungsfolgen sind Reaktionen des Körpers auf Stressbelastungen. Diese können für Polizeibeamte in Stressbelastungen (Beispielhaft: Schlägereien, Festnahmen, die Verfolgung eines Täters nach einer strafbaren Handlung, Personenkontrolle, Fahrzeugkontrolle, Haus- und Familienstreitigkeiten, Ruhestörungen, Häusliche Gewalt) massive negative Folgen haben. Leistungsfolgen sind für das polizeiliche Vorgehen von hoher Bedeutung. Mit individuellen Bewältigungsstrategien und der Nutzung des SOR-Modells (Stress-Organismus-Reaktion) ist es möglich, eigene Reaktionen besser einzuschätzen. Negative Leistungsfolgen werden dadurch grundsätzlich gemindert und im besten Fall verhindert. Leistungsfolgen können in fünf Reaktionsebenen eingeteilt werden, wie sie auch im SOR-Modell dargestellt sind. Im Einzelnen handelt es sich um die kognitive, die emotionale, die vegetative, die muskuläre und die Verhaltensebene.

Leistungsfolgen sind Reaktionen des Körpers auf Stressbelastungen. Sie können Polizeibeamte in Einsatzlagen einschränken und zur Handlungsunfähigkeit führen.

Unter der kognitiven Ebene werden alle Wahrnehmungs- und Denkprozesse zusammengefasst. Die Verhaltensebene (Behaviorale Ebene) beschreibt die konkrete Reaktion auf das Gegenüber. Unterschieden wird dabei zwischen der Kontrolle des Stressors durch aktive Reaktion, dem Tolerieren oder der Resignation. (Litzke, 2005, S. 29) Bei der weiteren Beschreibung der Leistungsfolgen werden nun die negativen Folgen für Einsatzkräfte beschrieben. Kurzfristige und langfristige Bewältigungsstrategien werden anschließend dargestellt.

Kognitive Ebene

Belastende Polizeieinsätze können zu Denkblockaden und Denkstörungen führen, durch die in der Folge die Konzentrationsfähigkeit und die Beobachtungsgabe herabsetzt wird. Als weitere negative Folge ist es möglich, dass Versagensängste ausgelöst werden. Eine mangelnde Beobachtungsgabe und Konzentrationsfähigkeit führt zu Fehlern in der Eigensicherung, die möglicherweise zu schweren Folgen für sich und andere am Einsatz beteiligte Personen führen. Bei schweren Verkehrsunfällen beispielsweise kann das Szenario so unwirklich erscheinen, dass Polizeibeamte aufgrund der Konzentrations- und Denkstörungen den üblichen Straßenverkehr nicht mehr beachten und auf die Straße laufen. Ein weiteres Beispiel ist die Sachverhaltsaufnahme bei einer Großveranstaltung. Die Anwesenheit der Polizei führt zu Gruppenbildungen beim polizeilichen Gegenüber. Das Vorgehen der Polizei wird kritisch betrachtet und kann zu Solidarisierungseffekten gegenüber den eingesetzten Polizeibeamten führen. Die Konzentrations- und Denkstörungen können dazu führen, dass Angriffe aus der Personengruppe zu spät erkannt werden. Weiterhin ist es wahrscheinlich, dass langfristige Denkprozesse nachlassen und die Fehlerhäufigkeit steigt. Dies führt beispielsweise bei komplexen Ereignissen zu Fehlern in der Sachverhalts- bzw. Tatortaufnahme, die im Nachhinein schwierig bis gar nicht aufzuarbeiten sind. Ein eingeschränkter Merkprozess bei hohen Stressbelastungen ist ebenfalls zu beobachten. Das Kurz- und Langzeitgedächtnis lässt nach. Wichtige Lageinformationen können dabei eventuell verloren gehen. (Siehe die Ausführungen zu Stress im Einsatzgeschehen und mögliche Konsequenzen)

Emotionale Ebene

In dieser Ebene werden Leistungsfolgen beschrieben, die Gefühle und das eigene Empfinden beinhalten. Die Folgen von Stress können Gefühlsausbrüche sein, die mit einem erhöhten Aggressionspotential einher gehen. Dies könnte zu Überreaktionen durch Polizeibeamte führen, die sich im Einsatz befinden. Überreaktionen führen zu unrechtmäßigen Maßnahmen mit dem Ergebnis, dass der Polizeibeamte selbst Gegenstand polizeilicher Ermittlungen wird. Eine weitere Folge von Stress ist die Abnahme des Selbstwertgefühls und der Zufriedenheit. Außerdem kann ein Gefühl der Ohnmacht entstehen und der betroffene Einsatzbeamte fühlt sich den Situationen nicht mehr gewachsen.

Vegetativ-hormonelle Ebene

Direkte Folgen in der vegetativ-hormonellen Ebene sind nicht steuerbare Reaktionen des Körpers auf veränderte Umgebungen oder Ereignissen. Dazu zählt das Austrocknen der Mundschleimhaut, Herzklopfen, die stockende Stimme und das Erröten in Stresssituationen. Der trockene Mund oder das Herzklopfen ist für das polizeiliche Gegenüber nicht deutlich erkennbar. Unsicherheit und Stress zeigen sich jedoch mit der „belegten“ Stimme und einer geröteten Gesichtshaut. Dies kann beim Gegenüber das Gefühl der Überlegenheit auslösen und im schlechtesten Fall zu Widerstandshandlungen beziehungsweise Angriffen gegen die eingesetzten Polizeibeamten führen. Vegetativ-hormonelle Veränderungen sind nicht willentlich steuerbar, da der Körper sich immer wieder an neue Veränderungen der Umgehung anpasst. Zu weiteren vegetativen Reaktionen verweise ich auf die Ausführungen in der Abbildung 4, in der die Reaktionen im Körper schematisch dargestellt werden.

Muskuläre Ebene

Bei Stressbelastungen besteht die Möglichkeit, dass unterschiedliche muskuläre Folgen entstehen. Massive Stressoren führen häufig zu unkontrolliertem, deutlich sichtbaren Zittern. Der Körper reagiert mit Anspannung der gesamten Skelettmuskulatur und ist auf Aktion eingestellt. Durch einen länger andauernden Stressreiz ermüdet der Körper schneller. Dies ist insbesondere bei längerfristigen Einsätzen zu beachten. Die Koordination lässt ebenfalls nach und einfache Handgriffe können schwierig werden. Problematisch wird dies bei Einsatzlagen, in denen Einsatzmittel eingesetzt werden müssen. Bei Dunkelheit wird dieser Umstand noch verstärkt, da zusätzlich zu normalen Einsatzmitteln auch die Handhabung der Taschenlampe koordinativ bewältigt werden muss. Unter die muskuläre Ebene wird auch Stottern und eine starre Mimik gefasst.

Verhaltensebene

Bei den Reaktionen in Stresssituationen wird zwischen aktiven und defensiven Verhalten differenziert. Bei aktiven Verhalten in Stresssituationen besteht die Möglichkeit, dass die Gemütsverfassung in Aggressivität und Gereiztheit umschlägt. Das Verhalten zeigt sich nicht nur gegenüber den von der polizeilichen Maßnahme Betroffenen sondern auch im Kollegen- und Familienkreis. Jede Kleinigkeit führt zu Gereiztheit und negativen Reaktionen. Werden die Probleme größer, entsteht ein Teufelskreis. Das Familien- und Berufsleben leidet aufgrund des erlebten Stresses und entwickelt sich eventuell zu einem ernsten Problem im zwischenmenschlichen Bereich. Entgegengesetzt führt passives Verhalten in Bezug auf Stressreize langfristig zu Hilflosigkeit und Selbstzweifel bis zum Realitätsverlust. Das Gefühl von grenzenloser Traurigkeit kann sich einstellen bis zur Entwicklung einer psychischen Störung (Depression). Mit zunehmendem Stresseinfluss vermindert sich das Sprachvermögen. Persönlich Ziele werden aufgegeben und am Arbeitsplatz nehmen Abwesenheitszeiten zu. Weiterhin sind Schlafstörungen die Folge und anstehende Probleme werden nur noch oberflächlich gelöst. Freilich müssen Stressreaktionen nicht zu diesem einschneidenden Ergebnis führen. Im Einsatzgeschehen sind negative Stressreaktionen jedoch kontraproduktiv und sollten vermieden werden.

Stress im Einsatzgeschehen und mögliche Konsequenzen

Problematisch in Einsatzsituationen ist die Kumulation unterschiedlichster Eindrücke (Heubrock, 2001). Die Wahrnehmungen leiden unter den Einwirkungen des Stressors und können nicht mehr verarbeitet werden wie im Normalzustand. Gehen wir auf das Eingangsbeispiel des Kollegen zurück. Die Informationen zum Sachverhalt waren nach seinen Aussagen sehr dürftig. Nun erweitern wir den Informationsgehalt um einen Faktor. Nehmen wir an, es wäre im Vorfeld klar gewesen, dass der Bruder des späteren Täters sich in das Café geflüchtet und der Vater versucht hat, auf den draußen stehenden jüngeren Bruder beruhigend einzuwirken. Die Wahrnehmung einer eventuellen Gefahr wäre vermutlich anders gewesen. Im Ursprungssachverhalt hat der Informationsmangel zu einer (verständlichen) Fehleinschätzung des Polizeibeamten mit einem lebensbedrohlichen Ausmaß geführt.

Ungerer & Ungerer (2008, S. 39 ff.) haben die „Stressentstehung im Augenblick des Divergierens von Lageinformation und Informationskapazität …“ beschrieben. Eine polizeiliche Lage- oder Einsatzbewältigung beginnt mit den Informationen zum Sachverhalt, die der Streifenbesatzung über die Dienststelle mitgeteilt werden. Erst durch diese Informationen und deren Verarbeitung sind Polizeibeamte in der Lage, sich emotional auf den Einsatz bei der Anfahrt vorzubereiten und gegebenenfalls untereinander abzusprechen. Erhalten die Einsatzkräfte in der Einsatzvorphase (Anfahrt) zu viele Informationen, entsteht durch den Informationsüberschuss eine Bedrohung (Hyperstress). Informationen können durch den Stress nur noch begrenzt verarbeitet werden. Die Einsatzbewertung ist aufgrund der fehlenden Inhalte nur noch bedingt möglich. Dies führt im weiteren Einsatzverlauf eventuell zu situativ falschen Entscheidungen, durch die eine Überforderung entsteht.

Im Gegensatz zum Informationsüberschuss führen Informationsdefizite ebenfalls zur Auslösung von Stress. Das Informationsdefizit kann Unsicherheiten verursachen, die sich auch im Einsatzverlauf als Stressbelastung manifestieren. Merkenswert ist also, dass die Differenz zwischen Information und Informationsverarbeitung den Stress im Einsatz fördert (Hypostress).

Konsequenzen

Führt die Informationsflut und die Einsatzentwicklung zu einer Überlastung, sollte eine personelle Unterstützung angefordert werden, um diesem Stressreiz effektiv begegnen zu können. Dies ist auf den ländlicher gelegenen Dienststellen mit geringer Schichtstärke leider nicht immer sofort möglich, so dass an einsatztaktische Maßnahmen gedacht werden sollte. Eventuell ist ein „taktischer Rückzug“ als sinnvoll in die Lagebewertung einzubeziehen, um den Einsatz mit Verstärkung anschließend optimal lösen zu können. Idealerweise stellt sich eine optimale Konstellation zwischen den individuellen Fähigkeiten einer Person und den unterschiedlichen Einsatzbelastungen, die bearbeitet werden müssen, ein. Führt eine Einsatzsituation zu einem Kontakt mit einem unbekannten flüchtenden Täter, entsteht durch die Stressbelastung häufig ein „Jagdtrieb“. Durch die hormonellen Reaktionen ist der Körper auf Aktion eingestellt. Ein weiter Faktor ist der Erfolgsdruck, also die Festnahme eines Täters, der sich automatisch einstellt. Dieser „Erfolgsgedanke“ führt im Einsatzverlauf zu einer erhöhten Risikobereitschaft bei der Verfolgung von Personen oder Fahrzeugen.

Der sogenannte „Jagdtrieb“ sollte in Lagen mit extrem wenigen Informationen vermieden werden. Gerade die direkte Verfolgung von potentiellen Tätern ohne Zusatzinformationen birgt massive Gefahren für die eingesetzten Polizeibeamten. (Pokojewski, B., 2009, S. 21 ff.)9

Beispiel

Auf einem Volksfest kommt es zu Streitigkeiten zwischen Polizeibeamten und einer Gruppe junger Männer. Einer der Männer zieht ein Klappmesser und verletzt einen Polizeibeamten mit diesem durch Glück nur leicht am Hals. Bei der anschließenden Flucht wird der Täter durch einen anderen Polizeibeamten verfolgt. Hinter einer Haus wand tritt eine weitere Person (Mittäter) plötzlich hervor und schlägt dem verfolgenden Polizeibeamten eine volle Bierflasche unvermittelt in das Gesicht. Der Polizeibeamte erlitt tiefe Schnittwunden im Gesicht.

Doch was kann Polizeibeamten bei Stress wirklich helfen und welche kurzfristigen Maßnahmen im Einsatz sind möglich, wenn die optimale Lösung aufgrund personeller Schwierigkeiten oder akuter Lageentwicklung nicht möglich ist?

Verhaltensempfehlungen bei akutem Stress im Einsatz

In Einsatzfällen mit akuten Stressbelastungen ist das Wissen um die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten ein großer persönlicher Vorteil. Die Möglichkeiten der Stressbewältigung mit dem SOR-Modell (Stressoren-Organismus-Reaktionen) werden in Abbildung 8 übersichtlich dargestellt.

Tritt ein Stressor auf, wird dieser aufgrund der vorhandenen Einstellungen, Erfahrungen, Veranlagungen, der persönlichen Verfassung und der individuellen Fähigkeiten eingeschätzt. Je nach Bewertungsergebnis kommt es dann zu unterschiedlichen Reaktionen.

Grundsätzliche Fragen, die sich in Stresssituationen und deren Analyse bewährt haben:

• Welche Ereignisse zählen zu den persönlichen Stressoren?

• Was sind typische Reaktionen in der Belastungssituation?

• Welche Bewältigungsstrategien sind persönlich verfügbar? (ebda., S.10 ff.)

Abbildung 7


Durch diese Fragestellungen ist es möglich, eine akute Einsatzlage und den auftretenden Stress individuell bestimmen zu können. Werden die eigenen Fähigkeiten als ausreichend angesehen, kann der Stressor beseitigt werden. Polizeiliche Einsatzlagen lassen diese Möglichkeit aufgrund der zu treffenden Maßnahmen jedoch nicht immer zu, so dass andere Ansätze gewählt werden müssen. Ein weiterer Ansatz, möglichen Stressoren zu begegnen, besteht in der Veränderung der Stresseinschätzung. Mit einer veränderten Stresseinschätzung ändert sich auch die Wahrnehmung. Die Ereignisse werden durch die veränderte Einschätzung besser verarbeitet und die Handlungskompetenz bleibt erhalten. Die eigenen Stressreaktionen sind durch eine gefestigte Handlungskompetenz kontrollier- und lösbar.

Kurzfristige Stressentlastung bzw. Spontanentspannung

Polizeibeamten ist es in akuten und belastenden Einsatzlagen grundsätzlich nicht möglich, eine Pause einzulegen. Eine Flucht vor dem Stress auslösenden Reiz ist für Polizeibeamte dadurch nicht ohne weiteres möglich. Kurzfristige Erleichterungen führen dazu, dass auftretende Stressreaktionen gemildert und Stressspitzen reduziert werden. (ebda., S. 51) Die Handlungsfähigkeit bleibt erhalten und es entstehen kurze Erholungszeiten, mit denen das Hochschaukeln von Stressempfindungen vermieden wird. (Litzke, 2005, S. 51)

Abreaktion und Progressive Muskelentspannung

Durch Abreaktion können kurzfristig Stresshormone abgebaut werden. Abreaktion ist häufig verbunden mit Wutausbrüchen, die im Einsatzgeschehen kontraproduktive Ergebnisse erzielen. Eine körperliche Betätigung führt in positiver Hinsicht zu einer kurzfristigen Reduzierung der Stresshormone. In der Einsatzsituation ist es also sinnvoll, die Hände in kurzen Abständen anzuspannen, zu lösen und in der Folge wieder anzuspannen. Hilfreich ist auch eine kurzfristige innere Anspannung des ganzen Körpers, da die Möglichkeit entsteht, dass der innere Druck so kanalisiert wird. Diese Technik wird auch der Abreaktion zugeordnet. Die Technik Anspannung/Entspannung usw. hat ihren Ursprung in der progressiven Muskelentspannung und ist eine alternative Entspannungstechnik, die auch außerhalb des Dienstes zu Hause durchgeführt werden kann. Sie muss jedoch erlernt werden, um in konkreten Situationen spontan bewusst entspannen zu können. Die progressive Muskelentspannung hat einen kurzfristigen Effekt, da durch die Anspannungsphasen Stressspitzen abgebaut werden können.

Atemtechnik

Des Weiteren sollen Einsatzkräfte sich auf ihre Atmung konzentrieren: Vor oder im Einsatz wird die Atmung durch den erlebten Stress schnell und flach. Der Organismus arbeitet unökonomisch, da weniger Sauerstoff durch die Lungen in die Blutbahn abgegeben werden kann. Eine falsche Atmung kann im Stress zu Atemnot (Hyperventilation) führen. Die Stimme wird durch die fehlende Kraft automatisch leiser. Somit leidet eventuell ein sehr wichtiger Punkt im Einsatz, die Kommunikation. Als Atemtechniken sollten entweder die Zwerchfell- oder Vollatmung präferiert werden. Da die Brustatmung in der Literatur als Atemtechnik erklärt wird, möchte ich sie der Vollständigkeit halber mit erläutern.

Brustatmung (Schulter-, Flanken- und Rückenatmung)

Bei der Brustatmung weiten sich die mittleren Lungenflügel und Luft strömt ein. Die Brustatmung führt zu einer verkrampften Atmung, durch die ein ineffizienter Luftaustausch entsteht.

Zwerchfellatmung (Bauchatmung)

Eine effizientere Möglichkeit, um kurzfristig die Stresssituation zu entlasten, ist die sogenannte Bauch-Zwerchfellatmung.

Die Zwerchfellatmung, auch Bauchatmung genannt, konzentriert die Atmung bewusst auf den Bauch. Das hochgewölbte Zwerchfell flacht durch die Atmung ab und das untere Drittel der Lungenflügel dehnt sich aus und wird mit Luft gefüllt.

Vollatmung (Bauch-Zwerchfellatmung und Brustatmung)

Durch die Vollatmung findet ein ganzheitlicher Austausch der Luft im Körper statt. Die Vollatmung vereint die Bauch-Zwerchfellatmung mit der Brustatmung. Die Kombination beider Atemtechniken führt zur Dehnung des gesamten Rippenbogens. Durch diese Dehnung wird ein maximaler Luftaustausch erreicht.

• Die Atmung konzentriert sich auf den Bereich des Bauches. Die unteren Rippenbögen wölben sich und das Zwerchfell flacht ab. Luft kann in die unteren Lungenflügel strömen.

• Setzt im weiteren Verlauf des Atemprozesses die Brustatmung ein, weiten sich die mittleren Lungenflügel und die Brust dehnt sich weiter aus. Wird im letzten Drittel der Atmung noch das Schlüsselbein angehoben, strömt noch zusätzlich Luft in die Lungen ein. Somit füllen sich zum Abschluss die Lungenspitzen mit Luft. Ein ganzheitlicher Luftaustausch und eine verbesserte Sauerstoffversorgung sind die Folge.

Gedanken-Stopp

Sollten sich im Verlauf einer belastenden Einsatzlage (Todesermittlung, schwerer Verkehrsunfall etc.) negative und quälende Gedanken einstellen, kann es hilfreich sein, die Gedanken-Stopp Technik einzusetzen. Schränkt negatives Gedankengut die Tätigkeit ein, soll innerlich das Wort „Stopp“ gesagt werden. Ziel ist es, die negativen Gedanken möglichst schnell abzubrechen, damit diese sich nicht festigen können. Kommt es wieder zu belastenden Gedanken, kann mit der „Unsinn-Formel“ (Litzke, 2005, S. 54) Abhilfe geschaffen werden. Dabei sollten Einsatzbeamte ein mehrsilbriges Wort erfinden und direkt im Anschluss an den Gedanken-Stopp mehrmals hintereinander wiederholen. Da das selbst erfundene Wort keine Assoziationen hervorruft, kann somit die Entwicklung neuer negativer Gedanken verhindert werden.

Positive Selbstinstruktion

Hilfreich ist es auch, sich direkt im Einsatzverlauf selber positiv zu motivieren. Die positive Selbstinstruktion („Ich kann das“ oder „Ich bin gut vorbereitet“) kann helfen, auch belastende Ereignisse als Herausforderung zu sehen. Denkt ein Polizeibeamter, dass er den vor ihm liegenden Einsatz nicht bewältigen kann, wird ihm das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht gelingen. Es schleichen sich durch den eigenen Pessimismus Fehler ein, die eine Bewältigung des Einsatzes wesentlich erschweren können. Die Technik der Selbstinstruktion ist im Modell von Lazarus verankert, da sie genau an der sekundären Bewertung ansetzt und das Verhalten zur Stressbewältigung danach ausgerichtet wird.

„Entschleunigung“ der Kommunikation durch bewusste Temporeduzierung

Einsatzlagen sind häufig geprägt durch hektisches Sprechen der Personen am Einsatzort. Diese Hektik überträgt sich auch auf das eigene Einsatzhandeln. Dieser Dynamik kann mit einer bewussten Reduzierung der Sprechgeschwindigkeit entgegengewirkt werden. Die bewusste Reduzierung der Sprechgeschwindigkeit wirkt sich positiv auf die eigene Denkzeit aus und verhindert bzw. reduziert eigene Verhaltensfehler. Möglich ist dies jedoch nur in Einsastzlagen, die es möglich machen, diese Technik anzuwenden.

Teamarbeit

Eine gute Arbeit im Team am Einsatzort ist eine grundlegende Voraussetzung, um Stressbelastungen aufgrund der Informationsfülle von Einsätzen entgegen wirken zu können. In der Teamarbeit besteht die Möglichkeit, Ressourcen zu schonen und sich kurz aus der direkten Interaktion mit dem polizeilichen Gegenüber zurückzuziehen, um neue Energie zu sammeln. (Wechsel der Positionen im Team). Eine klare Aufgabenteilung im Team kann auch unter widrigen Umständen helfen, den Stresseinfluss zu begrenzen. Problematisch bleibt hier anzumerken, dass aufgrund der veränderten Schichtmodelle klare Teamstrukturen verloren gehen können, die für Einsatzsituationen eine große Bedeutung haben. Die individuelle Planbarkeit eines bedarfsorientierten Schichtmodells ist auf der anderen Seite wieder positiv für die Begrenzung der belastenden Alltagseinflüsse zu bewerten. Somit findet grundsätzlich ein Austausch von Belastungen statt und vermutete Nachteile können eventuell wieder ausgeglichen werden.

Kurzfristige wie langfristige Schutzfaktoren Vor- und Nachbereitung von Einsätzen

Die Vor- und Nachbereitung von Einsätzen ist fester Bestandteil im Leitfaden 371, besser bekannt als das Einsatzmodell. Die Vor- und Nachbereitung ist vergleichbar mit der Planung der eigenen Urlaubsreise. (Urlaubsvorbereitung, Urlaub genießen und die Nachbereitung des Aufenthaltes wie Bilder entwickeln lassen etc.). Die detaillierte Vor- und Nachbereitung würde zu einer Erleichterung und Entlastung in der Einsatzbewältigung führen, auch wenn sich die Lage anders entwickelt. Zum Dienstbeginn und Dienstende wäre es von Vorteil, wenn Polizeibeamte ein festes Ritual entwickeln würden. Somit ist gewährleistet, dass alle Maßnahmen auch bei Stress optimal ablaufen. Die Fahrt zum Einsatzort ist ein guter Zeitraum, in dem man den zu erwartenden Einsatz besprechen kann. Dabei sollten Polizeibeamte auch ihrem „Können“ und der eigenen „Intuition“ vertrauen. Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz. Werden Einsätze gut nachbereitet, sind Polizeibeamte für den nächsten Einsatz gut vorbereitet. Auch das mildert die Einsatzbelastung und stärkt die eigene Wahrnehmung für das eigene Können. Die Vor- und Nachbereitung von Einsätzen kann bereits dem Coping zugeordnet werden.

Coping (englisch to Cope with = bewältigen, überwinden, kämpfen mit)

Der Begriff Coping wurde durch Lazarus (1981) geprägt und bedeutet so viel wie die Bewältigung von Stress.10 Er hat dabei zwischen dem problemorientierten und emotionsorientierten Coping unterschieden. Als dritte Möglichkeit ist auch das bewertungsorientierte Coping in diese Betrachtung einzubeziehen.

Beim problemorientierten Coping zielt das gesamte Verhalten auf die meist zukünftige Lösung eines Problems. Bei Einsätzen beispielsweise versuchen die eingesetzten Beamten, möglichst viele Informationen zu generieren. Somit können sie problemorientierter Sachverhalte betrachten und auch die Eigensicherung veränderten Situation anpassen. Ähnliche Einsätze sind in der Zukunft durch die entwickelten Lösungsmöglichkeiten besser zu bewältigen. Dies wird im Polizeiberuf bei Einsätzen täglich durchgeführt und schult die eigene Wahrnehmung von Gefahrensituationen.

Das emotionsorientierte Coping beinhaltet die Linderung von Belastungssymptomen. Durch Selbstgespräche und Kanalisierungen durch Ablenkungen sollen Lösungsstrategien entwickelt werden. Weiterhin kann man selber Spannungen reduzieren, beispielsweise durch Rauchen, Essen & Trinken oder Sport. Die Verdrängung von Problemen und der Wunschgedanke, dass alles gut werden wird, werden ebenfalls hierunter zusammengefasst. Das problem- und emotionsorientierte Coping kann auch immer zusammen stattfinden und baut nicht aufeinander auf.

Das bewertungsorientierte Coping ist die Konsequenz aus der primären und sekundären Bewertung der Belastung. Durch die ständige Interaktion zwischen der primären und sekundären Bewertung wird im Idealfall die Belastung eher als Herausforderung denn als Belastung angesehen. (Reininger, Gorzka, 2011)

Langfristige Schutzfaktoren Rationalisierung

Belastende Ereignisse (schwere Verkehrsunfälle, Tote, Schwerverletzte) lassen sich mit der nötigen Berufserfahrung „aus einer gewissen „professionellen Distanz“…“ (Krampl, 2007, S. 14) betrachten, um die eigene Anteilnahme und das eigene emotionale Miterleben in Grenzen zu halten. Die Gefahr bei der Rationalisierung besteht in der Verdrängung persönlicher Belastungen, die im Einsatz erlebt worden sind. Die nötige emotionale Distanz von der Verdrängung zu differenzieren, ist für persönlich betroffene Kollegen und Kolleginnen häufig nicht so leicht. Es sollten daher nach Einsatzende weitere Nachbesprechungen und Hilfsangebote wahrgenommen werden. Hierbei sind die polizeilichen Beratungsstellen nicht außer Acht zu lassen. Ihre Wichtigkeit und Kompetenz gewinnt bei den Dienststellen und Polizeibeamten immer mehr Akzeptanz und Bedeutung. Wo Polizeibeamte sich früher eher als „schwach, unzulänglich und nicht belastbar gesehen haben, nehmen heute immer mehr Beamte die Hilfs- und Präventionsangebote in Anspruch. Das Thema der dienstlichen Belastung ist kein Tabu-Thema mehr.

Eigene Kompetenzerwartung und Erfahrung durch Einsatz und Training

Die Bewältigung unterschiedlicher Einsätze und den daraus resultierenden Erfahrungen führt zu einem positiven Selbstbild. Es entwickelt sich ein positives Selbstverständnis und der Eindruck, mit belastenden Situationen gut umgehen zu können. Zusätzlich wächst auch das Vertrauen zu Kollegen und den vorhandenen Einsatzmitteln, wie beispielsweise die Schutzweste, die nicht nur in Nachtschichten getragen werden sollte. Auch ein gutes theoretisches Grundlagenwissen hilft, Kompetenzen schneller zu entwickeln und diese auch nach außen auszustrahlen. Des Weiteren ist vorbereitendes Training in objektiver und subjektiver Hinsicht von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der Handlungskompetenz

Kompetenzgewinn durch Training

Schulungen und Fortbildungen bieten die Grundlage und das Fundament für jedes Einsatzhandeln. Es kommt zur Ausbildung von Kompetenzen und Handlungsalternativen, die im Realeinsatz benötigt und nicht erst herausgebildet werden können. Es müssen Automatismen in Form von grundsätzlichen Grundlagentrainings gelehrt werden, um in einer Einsatzsituation bestehen zu können. Dabei ist der sichere Umgang mit Einsatzmitteln und das Bewusstsein der Einsetzbarkeit unter Stress ein wichtiges vorbereitendes Element, um auch Einsätze unter Stress bewältigen zu können. Hier sollten folgende Unterweisungsmethoden aus der Trainingslehre angewendet werden:

• Vom Leichten zum Schweren

• Vom Bekannten zum Unbekannten

• Vom Einfachen zum Komplexen

Dies zeigen auch die mit Studierenden der Polizeiakademie Niedersachsen durchgeführten Untersuchungen zur Bewältigung von polizeilichen Hochstressphasen, die in meiner Dissertation zum Ausdruck kommen werden. Durch intensive realistisch nachgestellte Szenarien unter Hochstress mit im Vorfeld durchgeführten Grundlagentrainings können implizite Lernprozesse angeregt werden, die auch in Extremsituationen noch eine Handlungskompetenz möglich machen.11 Im Idealfall entsteht eine Handlungsroutine bei der Bewältigung von Extremsituationen (zur Bedeutung gedächtnispsychologischer Grundlagen für die polizeiliche Tätigkeit vgl. auch Heubrock, 2010).

Anerkennung von Vorgesetzten/Führungskräfte

Als weiterer Aspekt, der nach den Aussagen von Polizeibeamten präventiv bei Stressbelastungen wirkt, ist der positive Rückhalt von Führungskräften innerhalb der Polizei. Haben die Mitarbeiter das Gefühl, dass die Arbeitsergebnisse anerkannt werden, wächst auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Durch die positive Rückkopplung wird in kritischen Situationen verhindert, dass Beamte eher an die Bewältigung der Einsatzlage als an die Folgen durch die Führungskraft denken. Gerade bei jungen Kollegen, die noch eine geringe Anzahl an Einsätzen und somit auch relativ wenige notwendige Einsatzerfahrungen sammeln konnten, ist dies ein positiver Effekt für die Stressprävention (Gruschinske, 2010).

Das Vorhandensein einer Polizeikultur

Die „Polizeikultur“ wirkt im Rahmen der Prävention von Posttraumatischen Belastungsstörungen als Schutzfaktor in der polizeilichen Arbeit. Durch die „Subkulturentwicklung“ mit eigenen Werten und Normen bilden sich eigenständige soziale Muster, die berufstypisch sind und als Polizeikultur bezeichnet werden können.12 Weitere Schutzfaktoren sind ein Gemeinschaftsgefühl (Identifikationsbezug) und die soziale Unterstützung durch Kollegen. Polizeibeamte werden in der Ausbildung grundsätzlich auf Einsatzsituationen vorbereitet und belastende Ereignisse werden im Allgemeinen als Teil ihres Arbeitsplatzes angesehen. (Schneider, Latscha, 2010, S. 39)

Mentale Vorbereitung

Die mentale Vorbereitung ist bisher in die polizeiliche Tätigkeit wenig integriert. Schmalzl (2008, S. 108 ff.) beschreibt in seiner Untersuchung zur Einsatzkompetenz, dass die mentale Vorstellungskraft einen positiven Effekt auf komplexe Trainingseinheiten bewirkt. Etabliert hat sich die mentale Vorbereitung in der Sportpsychologie. Spitzensportler nutzen das mentale Training als einen Baustein in ihren Trainingsplänen. (Bioni, Achtziger, Gentsch, 2010, S. 16). „In der mentalen Bedingung stellen sich die Versuchspersonen vor, wie sie die Aufgabe meistern, entweder indem sie sich selber bei der Ausführung „zuschauen“ oder indem sie sich unter mentaler Einbeziehung aller beteiligten Sinne vorstellen, wie sie die Aufgabe bewältigen.“(Schmalzl, 2008, S. 110) Die mentalen Übungen sollten jedoch eine Dauer von 20 Minuten nicht überschreiten. Eine mentale Vorbereitung ist aufgrund der Ergebnisse der Sportpsychologie auch innerhalb der Ausbildung von Polizeibeamten anzustreben. Einsatzübungen könnten so mit klaren Aufgaben im Rahmen des Selbststudiums integriert werden. Das Verständnis für mentales Training muss jedoch noch etabliert werden. Dazu sollte im Vorfeld das Personal speziell geschult werden, damit die mentale Vorbereitung auch mit dem praktischen Training korrelieren kann. Durch die Einführung des mentalen Trainings in die Ausbildung kommt es vermutlich auch zu einer späteren Übernahme und Akzeptanz innerhalb der Fortbildung von Polizeibeamten.

Fazit

Empfehlungen zum Umgang mit Stress: Stress gehört zum Leben wie Atmen. Ohne Stress können sich Polizeibeamte nicht an veränderte Einsatzbedingungen gewöhnen. Das Bewusstsein über unterschiedliche Belastungen führt zu einem besseren Umgang mit negativem Stress. Eine gute körperliche Verfassung, ein sozial stabiles Umfeld, gute Fachkenntnisse und praktische Fertigkeiten erhöhen die Stressstabilität. Eine gute Vor- und Nachbereitung von Einsätzen erhöht die Widerstandskraft gegen belastende Einflüsse. Es gibt in und nach stressigen Einsatzsituationen Möglichkeiten, kurzfristig und langfristig Stress abzubauen. Nehmen sie Stress und die Eigensicherung auch bei Routinetätigkeiten ernst und reagieren sie auf negative Einflüsse.

Literatur

Behr, R. (2006). Polizeikultur. Routinen - Rituale - Reflexionen. Bausteine zu einer Theorie der Praxis der Polizei. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden

Bioni, D., Achtziger, A., Gentsch, R. (2010). Psychologisch orientiertes Training in der Polizeiarbeit. Mentale Vorbereitung im Einsatztraining durch „Goal Shielding“. In: Polizei & Wissenschaft (04/2010). Verlag für Polizeiwissenschaft. Frankfurt a. M.

Bulling, A. (2010). Psychologische Krisenintervention im Kontext polizeilicher Einsätze. Was hilft während und nach traumatischen Ereignissen, die psychische Gesundheit aufrecht zu erhalten und Traumafolgen abzuschwächen. Bremen: Unveröffentlichte Diplomarbeit.

Cannon, Walter B. (1975). Wut, Hunger, Angst und Schmerz; eine Physiologie der Emotionen / aus d. Engl. übers. von Helmut Junker. Hrsg. von Thure von Uexküll, Erste engl. Ausgabe 1915 Verfasser: Cannon, Walter B., Verleger: München, Berlin, Wien: Urban und Schwarzenberg.

Füllgrabe, U. (2003). Suicide by Cop. Ein Gewaltdelikt gegen Polizeibeamte. In: Kriminalistik, Jg. 57 (4), 225-233.

Gasch, U. (1998). Polizeidienst und psychische Traumen; Eine Pilotstudie über traumatisierende Erlebnisse und deren Bewältigung. Kriminalistik, 12, 819-823.

Gasch, U. (2000). Trauma spezifische Diagnostik von Extremsituationen im Polizeidienst: Polizisten als Opfer von Belastungsstörungen. Berlin: Dissertation.

Gruschinske, M. (2010). Prävention psychischer Folgen von Belastungen im Polizeidienst. Bremen: Unveröffentlichte Diplomarbeit.

Hallenberger, F. & Mueller, S. (2000). Was bedeutet für Polizistinnen und Polizisten „Stress“?, Polizei & Wissenschaft, 1, 58-65. Hermanutz, M. & Buchmann, K. E. (1994). Körperlich und psychische Belastungsreaktionen bei Einsatzkräften während und nach einer Unfallkatastrophe. Die Polizei, 11, 294-302.

Heubrock, D. (2001). Angst, Streß und Panik: Ursachen und Bewältigungsmöglichkeiten. Vortrag an der Nachschubschule des Heeres [jetzt: Logistikschule der Bundeswehr] in Garlstedt am 13. November 2001 (unveröffentlichtes Manuskript).

Heubrock, D. (2010). Gedächtnispsychologische Grundlagen der Zeugenvernehmung — Zum Nutzen neurowissenschaftlicher Erkenntnisse für die polizeiliche Vernehmungspraxis. Kriminalistik, 64, 75-81.

Holmes T. H., Rahe R. H. (1967). The Social Readjustment Rating Scale. Journal of Psychosomatic Research, 11, S. 213-218

Huber, Michaela (2009). Trauma und die Folgen. 4. Auflage Paderborn. (Trauma und Traumabehandlung,/Michaela Huber, Teil 1).

Klemisch, D., Kepplinger, J. & Muthny, F. A. (2005): Stressfaktoren und Positiva im Polizeiberuf - Selbsteinschätzungen durch Polizeibeamte. In: Polizei & Wissenschaft, 02/2005, Verlag für Polizeiwissenschaft Frankfurt a. M.

Krampl, M. (2003). Ursachen und Auswirkungen von Stress und Belastungsreaktionen bei Einsatzkräften nach belastenden Ereignissen. In: Lorei C. (Hrsg.): Polizei & Psychologie. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft, 433-444.

Latscha, Knut (2005). Empirische Untersuchung zur Posttraumatischen Belastungsstörung bei bayerischen Polizeivollzugsbeamten/-innen.

Lazarus, R. S. & Launier, R. (1981). Stressbezogene Transaktion zwischen Person und Umwelt. In: Mitsch J. R: (Hrsg.), Stress (S. 213-259). Bern: Hans Huber.

Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1987). Transactional theory and research on emotions and coping. European Journal of Personality, 1, p. 141-169.

Ley, T. (1996). Methodische Überlegungen zur Untersuchung der Verarbeitungsmechanismen traumatischer Ereignisse im Polizeidienst. Dissertation.

Litzke, S. M., Schuh, H. (2007). Stress, Mobbing und Burn-out am Arbeitsplatz. 4. vollständig überarbeitete Auflage. Springer Verlag, Heidelberg.

Lorei, C., 2003 (Hrsg.). Polizei & Psychologie. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft.

Lorei, C., Meyer, S. & Wittig, G. (2010). Polizei im Jagdfieber. Eine kognitive Annäherung. In: Polizei & Wissenschaft. §3/2010). Verlag für Polizeiwissenschaft. Frankfurt a. M.

Nitsch, J. R. (1981). Stress – Theorien, Untersuchungen, Maßnahmen, Bern: Huber.

Meichenbaum, D. (1991). Intervention bei Stress. Bern: Verlag Huber.

Pokojewski, B. (2009). Verfolgung zu Fuß: Ein weißer Fleck in der Eigensicherung. In: Polizeitrainer Magazin. (12/2009). Polizeitrainer in Deutschland e. V., Taunusstein.

Puzicha, Klaus J. (2001). Psychologie für Einsatz und Notfall: Internationale truppenpsychologische Erfahrungen mit Auslandseinsätzen, Unglücksfällen, Katastrophen. Bonn. Bernard & Graefe.

Reininger, Claus Michael, Gorzka, Robert (2011). Copingmuster bei Polizistinnen und Polizisten. In: Polizei & Wissenschaft, Heft 1/2011. Verlag für Polizeiwissenschaft. Frankfurt a. M.

Sapolsky, R. M. (1998). Warum Zebras keine Migräne kriegen. Wie Streß den Menschen krank macht. München Serie Piper.

Schmalzl, H. P. (2005). Das Problem des „plötzlichen“ Angriffs auf Polizeibeamte. Polizei & Wissenschaft, 3, 8-18.

Schmalzl, H. P. (2008). Einsatzkompetenz: Entwicklung und Überprüfung eines psychologischen Modells operativer Handlungskompetenz zur Bewältigung kritischer Einsatzsituationen im polizeilichen Streifendienst. Verlag für Polizeiwissenschaft. Frankfurt a. M.

Schneider, D., Latscha, K. (2010). Polizeikultur als Schutzfaktor bei traumatischen Belastungen. In: Polizei & Wissenschaft (04/2010).Verlag für Polizeiwissenschaft. Frankfurt a. M.

Schwarzer (1993). Streß, Angst und Handlunsregulation. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Kohlhammer. Stuttgart

Selye, H. (1981). Geschichte und Grundzüge des Stresskonzeptes. In: Nitsch, J. R. (Hrsg.), Stress (S 163-187). Bern: Hans Huber.

Selye, H. (1983). Stress: Lebensregeln vom Entdecker des Stress-Syndroms. Reinbeck. Rowohlt.

Steinbauer, M. (2001). Stress im Polizeiberuf und die Verarbeitung von belastenden Ereignissen im Dienst. Polizei & Wissenschaft, 4, 46-59.

Teegen, F., Domnick, A. & Heerdegen, M. (1997). Hochbelastende Erfahrungen im Berufsalltag von Polizei und Feuerwehr: Traumaexposition, Belastungsstörungen, Bewältigungsstrategien. Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, 4, 583-599.

Teegen, F. (1999). Berufsbedingte Traumatisierung bei Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. In: Zeitschrift für Politische Psychologie, 4, 437-453.

Teegen, F. (2003). Posttraumatische Belastungsstörungen bei gefährdeten Berufsgruppen. Prävalenz-Prävention-Behandlung. Hans Huber Verlag. Bern.

Ungerer D. & Ungerer J. (2008). Lebensgefährliche Situationen als polizeiliche Herausforderung. Entstehung-Bewältigung-Ausbildung. Verlag für Polizeiwissenschaft. Frankfurt a.M.

Violanti, J. M. & Aron, F. (1995). Police stressors: Variations in perception among police personnel. Journal of Criminal Justice, 23 (3), 287-294.

Wagner, D., Heinrichs, M. & Ehlert, U. (1999). Primäre und sekundäre Posttraumatische Belastungsstörung: Untersuchungsbefunde bei Hochrisikopopulationen und Implikationen für die Prävention. Psychomed, 1, 31 -39.

Wagner, H. (1986). Belastungen im Polizeiberuf. Die Polizei, 77, 80-84.

Schneider, Daniel, Latscha, Knut (2010). Polizeikultur als Schutzfaktor bei traumatischen Ereignissen. In: Polizei & Wissenschaft, Heft 4/2010. Verlag für Polizeiwissenschaft. Frankfurt a. M.

Zimbardo, Philip G., Gerrig, Richard J. (2004) : Psychologie. 16.,aktualisierte Auflage. Pearson Studium, München.

Carpi, John (2010). Stress: It‘s Worse Than You Think. In: Psychology Today http://www.psychologytoday.com/articles/199601/stress-its-worse-you-think.

Klemisch, Dagmar (2006). Psychosoziale Belastungen und Belastungsverarbeitung von Polizeibeamten. URL: http://miami.uni-muenster.de/servlets/DerivateServlet/Derivate3182/diss_klemisch.pdf. (Zuletzt geprüft: 29.11.2010).

Sennekamp, W. & Martin, H. (2001). Extreme dienstliche Belastungssituationen und Unterstützungsbedarf im Polizeidienst. Psychotraumatologie.

1 Mit den Folgen von psychosozialen Belastungen und der Belastungsverarbeitung von Polizeibeamten hat sich unter anderem Dagmar Klemisch (Klemisch, 2006) in Ihrer Dissertation befasst. Weitere Untersuchungen zur Belastung von gefährdeten Berufsgruppen: (Latscha, (2005); Teegen et al., (2003), (1997); Gruschinske, (2010); Hermanutz et. al. (2001); Gasch (1998), (2000))

2 Zu weiteren Allgemeinen Stressoren zählen u. a. Belastungen im Privatleben, verschiedene Rollenerwartungen von Vorgesetzten, nahen Verwandten, der eigene Gemüts- und Gesundheitszustand, hohe Schulden. Zur Vertiefung dieses Themenbereiches sei hier auf das Lehrbuch „Grundwissen Stress“ (herausgegeben von Hallenberger & Lorei, 2012, Verlag für Polizeiwissenschaft) verwiesen.

3 Erschöpfungszustände, der Gesundheits- oder Gemütszustand etc. werden auch als Moderatorvariablen bezeichnet. Es handelt sich hierbei um Einflüsse, die eine Reaktion auf einen Stressor (physiologisch oder psychologisch) beeinflussen. Bei guter körperlicher Verfassung ist ein besserer Umgang mit einem Stressor zu erwarten, als bei Müdigkeit und gesundheitlichen Problemen. Auch eine persönliche Betroffenheit kann den Umgang mit Stressoren erschweren.

4 Vgl.: KFN, Zwischenbericht 1, 2010, S.18 ff.)

5 Die Verbindung von physischen und psychischen Reaktionen bei auftretenden Stressoren wird in der Stressforschung als Personen-Umwelt-Beziehung verstanden und findet seine theoretische Grundlage im Transaktionalen Stressmodell von Lazarus.

6 Als Endokrinologie wird auch die Lehre von den Hormonen als Teilgebiet der inneren Medizin bezeichnet.

7 Als Stressoren werden Reize, Einflüsse, Anforderungen beschrieben, die eine Anpassung des Körpers an die Situation erfordern.

8 Zur weiteren Information über den plötzlichen Angriff auf Polizeibeamte siehe auch Hans Peter Schmalzl (2005).

9 Vgl. Weiterführende Literatur zum Thema „Jagdfieber“: Lorei, Meyer, Wittig (2010)

10 Vgl. auch: Lazarus, (1981); Lazarus & Folkmann, (1987); Reininger, Gorzka, (2011))

11 Füllgrabe (2003) verwendet für die Vorbereitung auf belastende Einsatzsituationen den Terminus „Stressimpfung“. Zur Erweiterung der Stressbewältigungskompetenz siehe auch Schmalzl (2010) und Gasch & Lasogga (2001), die das Stressimpfungstraining (SIT) nach Meichenbaum erläutern.

12 Vgl.: Behr, R. (2006)

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺826,19

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
429 s. 49 illüstrasyon
ISBN:
9783866766549
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar