Kitabı oku: «Hartmann von Aue»

Cordula Kropik
Hartmann von Aue
Eine literaturwissenschaftliche Einführung
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
Umschlagabbildung: Autorbild zu den Liedern Hartmanns von Aue in der großen Heidelberger Liederhandschrift ©, Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cpg 848, Bl. 184v.

Prof. Dr. Cordula Kropik ist Inhaberin des Lehrstuhls für Germanistische Mediävistik an der Universität Bayreuth. Ihr Arbeitsgebiet umfasst die Literatur und Kultur des Mittelalters bis zum Beginn der Neuzeit.
© 2021 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen
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Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
ISBN 978-3-8252-5562-6 (Print)
ISBN 978-3-8463-5562-6 (ePub)
Inhalt
Einleitung
A Dichter und Werk
1. Literatur um 1200. Hartmanns Dichtung im literaturhistorischen Kontext1.1. Wer war Hartmann von Aue? Biographischer Autor und literarische Autorbilder1.1.1. Der Name1.1.2. Datierung und Herkunft1.1.3. Stand und Bildung1.2. ‚Höfische‘ Dichtung. Hartmann und der literaturgeschichtliche Kontext1.2.1. Die klerikale Schriftkultur und der Bildungshorizont adliger Laien1.2.2. Weltliche Dichtung am Adelshof1.2.3. Literaturgeschichtliche Linien I: Die Anfänge höfischer Dichtung im deutschsprachigen Raum1.2.4. Literaturgeschichtliche Linien II: Hartmann von Aue als Dichter1.3. Fazit
2. Hartmanns Texte: Fassungen und Überlieferung2.1. Mittelalterliche Textualität: Zum Verständnis von Text und Autorschaft2.2. Die Überlieferung der Werke Hartmanns von Aue2.2.1. Stabile, überschaubare Überlieferungsverhältnisse: ‚Klage‘ und ‚Gregorius‘2.2.2. ‚Iwein‘ und ‚Armer Heinrich‘: Variantenreiche Überlieferung in mehreren Fassungen2.2.3. Lückenhafte Überlieferung: Der ‚Ereck‘2.2.4. Die Lyrik: Überlieferung im Zeichen von mouvance und Performanz2.3. Fazit
B Poetologische Zugänge I – Lyrische und rhetorische Formen
3. Gesungene Geschichten? Hartmanns Lyrik3.1. Überblick3.1.1. Überlieferung3.1.2. Formale Aspekte3.1.3. Zeitliche Einordnung3.1.4. Gattungen / Thematische Schwerpunkte3.2. Narrativität
4. Ein Streitgespräch im Schnittpunkt der Diskurse: ‚Die Klage‘ 4.1. ‚Klage‘, ‚Büchlein‘, Streitgespräch? Aspekte der Überlieferung und Gattungszuordnung 4.2. Schwierige Kohärenz: Reimpaardialog und Schlussgedicht als selbstwidersprüchliche stæte-Demonstration 4.3. Gnade vor Recht? Diskursinterferenzen 4.4. Rezeption
C Poetologische Zugänge II – Hartmanns Erzählungen
5. Vorlagenbindung und Übertragungspraxis 5.1. Die Problemlage: Hartmann und seine Vorlagen 5.2. Die frühe Forschung und die Debatte um Hartmanns Eigenständigkeit 5.3. Worstbrocks Konzept des Wiedererzählens und die aktuelle Forschung 5.4. Hartmanns Bearbeitungsverfahren 5.5. Bearbeitungstendenzen in den drei Übertragungen
6. Komposition und Erzählwelt 6.1. Exemplarische Textbeobachtungen 6.2. Hartmanns Kompositionstechnik 6.3. Die âventiure und andere weltlenkende Instanzen 6.4. Doppelweg 6.5. Queste und quaestio 6.6. Fazit
7. Poetologische Fiktion und Selbstreflexion des Erzählens 7.1. Nur eine Frage der Ehre? Kalogreant, Iwein und die Logik des Wiedererzählens 7.2. âventiure, waz ist daz? Der ‚Iwein‘ als falsch verstandener ‚Erec‘ 7.3. Lunetes (Er-)Findungen: Ein unsihtiger geist öffnet der Erzählung Tür und Tor 7.4. Minne-Vergessenheit: Warum der Hof kein Ort für Liebesgeschichten ist 7.5. Liebeswerbung oder Hofliteratur? Die doppelte Adressierung des Löwenritterromans 7.6. Fazit
8. Hartmanns Erzähler8.1. Zur narratologischen Kategorie des ‚Erzählers‘8.2. Autorsignatur und Erzähler in den höfisch-religiösen Verserzählungen8.2.1. Der ‚Arme Heinrich‘8.2.2. ‚Gregorius‘8.3. Experiment und Reflexion: Autorsignatur und Erzähler in den Artusromanen8.3.1. ‚Erec‘8.3.2. ‚Iwein‘8.4. Fazit
D Thematische Zugänge
9. Männer und Frauen 9.1. Aspekte männlicher und weiblicher Agency 9.2. Fokalisierung, Figurenpivilegierung und doing gender
10. Liebe und Gesellschaft 10.1. Der Hof als kulturelles Zentrum 10.2. Der Hof als herrschaftliches Zentrum 10.3. Gewalt als Bestandteil adliger Lebensform 10.4. Ehre als Leitwert der höfischen Gesellschaft 10.5. Ein weiteres Ordnungsmuster: Die Ehe 10.6. Liebe 10.7. Herkommen und Genealogie 10.8. Umakzentuierungen in den Legendendichtungen
11. Gott und Welt11.1. Weltliches und geistliches Leben11.1.1. ‚Gregorius‘11.1.2. Der ‚Arme Heinrich‘11.2. Der wunderlîche Gott in ‚Erec‘ und ‚Gregorius‘11.2.1. ‚Erec‘11.2.2. ‚Gregorius‘11.3. Weltliches und geistliches Erzählen: Strukturmodelle und Gott als Handlungsinstanz11.3.1. ‚Erec‘11.3.2. ‚Gregorius‘11.3.3. Der ‚Arme Heinrich‘ und ‚Iwein‘
E Wirkung
12. Kanonisierung: Dichter über Hartmann12.1. Wahrnehmung und Wertschätzung12.2. Frühe Möglichkeiten der Bezugnahme12.2.1. Stilkritik im Literaturkatalog12.2.2. Hartmann als Herr der arthurischen Figuren12.3. Zwîvellop, daz hoenet? Die ‚Krone‘ Heinrichs von dem Türlin12.4. Kanonisierung in der Gattungsgeschichte12.4.1. Die drei großen Meister: Hartmann, Gottfried und Wolfram12.4.2. Voraussetzungsreiches Erzählen: der Verweis auf Bekanntes12.5. Lob und doch auch Tadel? Ein kurzes Fazit
13. Rezeption und Kontinuität: Die Nachwirkung von Hartmanns Werk13.1. Hartmanns Lieder – (un)geliebt13.2. Hartmanns Epik auf dem Weg in die Neuzeit13.2.1. Die Artusromane13.2.2. Der ‚Arme Heinrich‘ und ‚Gregorius‘13.3. Hartmanns Epik im 19. Jahrhundert13.3.1. Die Artusromane13.3.2. Der ‚Arme Heinrich‘ als Volksliteratur, erbauliches Lesedrama und Kantate13.3.3. Gregorius’ wechselvolle Karriere13.4. Hartmann modern13.4.1. Der ‚Arme Heinrich‘13.4.2. ‚Gregorius‘: Thomas Manns Mittelalter-Mirakel13.4.3. Nachlese13.5 Verzeichnis der genannten Rezeptionszeugnisse (chronologisch)Lieder [in:]ErecDer Arme HeinrichGregoriusIweinHartmann als Figur
Verzeichnis der Handschriften und FragmenteLieder‚Die Klage‘‚Erec(k)‘‚Der Arme Heinrich‘‚Gregorius‘‚Iwein‘
Abgekürzt zitierte Textausgaben Sonstige Textausgaben
Sekundärliteratur
Bildnachweise
Autoren- und Werkregister
Personenregister
Begriffs- und Themenregister
Einleitung
Als einer der wichtigsten deutschsprachigen Dichter des Mittelalters ist Hartmann von Aue in Forschung und Lehre außerordentlich präsent. Kaum ein anderer wird in Pro- und Hauptseminaren so oft besprochen, kaum einem anderen haben Germanistische Mediävist_innen aus aller Welt so viele Studien gewidmet. Freilich stellt gerade die Fülle der wissenschaftlichen Zugänge Lehrende wie Studierende vor eine beträchtliche Herausforderung. Sich im weiten Feld des Forschungsdiskurses einen Überblick zu verschaffen, ist schwierig, und noch schwieriger ist es, ihn in all seinen Voraussetzungen zu vermitteln. Wo aktuelle Beiträge im Kontext jahrzehntelanger Debatten stehen, auf anspruchsvollen methodischen Grundlagen beruhen oder erhebliche literaturgeschichtliche Vorkenntnisse verlangen, stoßen die Möglichkeiten des akademischen Unterrichts rasch an ihre Grenzen.
Diese Einführung möchte hier helfend einspringen. Sie versammelt Beiträge, die wichtige und aktuelle Themen der Forschung zu Hartmann von Aue verständlich darstellen, um Studierenden den Einstieg in eine forschungsbasierte Beschäftigung mit dem Werk dieses Klassikers der mittelhochdeutschen Literatur zu erleichtern. Dabei wendet sie sich insofern an eine etwas weiter fortgeschrittene Leser_innenschaft, als sie die inhaltliche Kenntnis von Hartmanns Texten voraussetzt. Ziel ist also nicht die Unterstützung der Erstlektüre – dafür liegt mit den Einführungen von Cormeau/Störmer ³2007, Wolf 2007 und Lieb 2020 schon eine Auswahl an fachkundigen Handreichungen vor –, sondern die Begleitung von vertiefenden Zweit-, Mehrfach- und Neulektüren.
Für diese vertiefenden Lektüren ist der Blick auf die Forschung aus mehreren Gründen von höchster Relevanz. Wenn man sich eingehender mit Hartmanns Werk auseinandersetzen möchte, sollte man erstens wissen, inwiefern man dafür auf bestehende Forschung zurückgreifen kann. Die Beiträge dieses Buches führen deshalb exemplarisch an solche Themen, Ansätze und Methoden heran, die sich als forschungsprägend erwiesen haben, wobei sie auch Entwicklungen und historische wie konzeptuelle Hintergründe beleuchten. Um das so vermittelte Wissen für die eigene Arbeit fruchtbar zu machen, reicht die bloße Kenntnisnahme freilich noch nicht aus. Dafür bedarf es ferner sowohl der Einübung in den Forschungsdiskurs als auch eines weitergehenden Verständnisses jener Kräfte, die ihn bestimmen und vorantreiben. Beides wird den Leser_innen dieses Buches praxisnah vermittelt: Für alle Beiträge konnten erfreulicherweise Forscherinnen und Forscher gewonnen werden, die in jüngster Zeit selbst zu den jeweiligen Themen gearbeitet haben. Da sie mithin auf eigener Forschung beruhen, lassen sie Vieles von dem hervortreten, was den Fachdiskurs ausmacht. Sie zeigen, wie sehr er von dem Interesse lebt, das Forschende an ihre Gegenstände herantragen; sie verdeutlichen, welch große Rolle die Perspektive spielt, die jeweils auf Texte eingenommen wird; und sie illustrieren nicht zuletzt die enorme Bedeutung einer stetig wachen Bereitschaft zu Kritik. Forschung findet nur da statt, und sie kommt nur da voran, wo Lesende kritische Fragen stellen: Auch das soll diese Einführung ihren studierenden Leser_innen vermitteln.
In diesem Sinn ist die titelgebende Ankündigung einer literaturwissenschaftlichen Einführung zu verstehen. Die Spezifikation bedeutet zuallererst den Abschied von jenen Sicherheiten, die Studierende am Anfang ihres Studiums gern suchen. Stattdessen rückt sie die Prozesse forschenden Fragens und Hinterfragens in den Blick. Die Beiträger_innen dieses Buches sind als Expert_innen in besonderer Weise dazu berufen, den aktuellen Stand in verschiedenen Bereichen der Hartmannforschung zu erläutern. Darüber hinaus repräsentieren sie die stimmliche Vielfalt eines Forschungsdiskurses, dessen Vitalität im Nebeneinander ganz verschiedener Positionen und Herangehensweisen zum Ausdruck kommt. Wenn die Beiträge in einzelnen Punkten differieren, wenn sie von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen oder zu verschiedenen Schlussfolgerungen einladen, dann ist das darum keinesfalls als Inkohärenz oder Widerspruch zu betrachten, sondern allein als Signum ihrer wissenschaftlichen Authentizität.
Der Konzeption des Buches entspricht, dass es auf Inhaltsangaben, kommentierende Paraphrasen und ausführliche Analysen von Einzeltexten größtenteils verzichtet. In einigen Beiträgen werden zwar bestimmte Texte bzw. Gattungen fokussiert; dies geschieht jedoch im Rahmen einer konzertierten Abfolge von historischen, methodischen, generischen und thematischen Schwerpunktsetzungen. Daraus ergibt sich der übergreifende Nexus der Einführung: Unter der Rubrik ‚Dichter und Werk‘ (A) diskutieren zwei Beiträge zunächst literaturgeschichtliche Voraussetzungen von Hartmanns Schaffen (→ Kap. 1.) und Probleme der Überlieferung (→ Kap. 2.). Daran anschließend widmen sich zwei Kapitel Aspekten der Poetik von Hartmanns Werk. Zuerst (B) entfalten Beiträge zu Hartmanns lyrischen (→ Kap. 3.) und rhetorischen Formen (→ Kap. 4.) verstärkt Fragen der generischen Verortung und Überschneidung. Danach geht es in etwas anderer Perspektivierung um Hartmanns Erzähltexte (C): Hier werden speziell das Verhältnis zu den französischen Vorlagen (→ Kap. 5.), konstruktive Spezifika von Erzählwelten (→ Kap. 6.), die narrative Selbstreflexion (→ Kap. 7.) und Erzählerprofile (→ Kap. 8.) fokussiert. Teil D wendet sich demgegenüber drei thematischen Aspekten zu, die die Forschung zum Werk Hartmanns über längere Zeit geprägt haben und die im akademischen Unterricht bis heute präsent sind: ‚Männer und Frauen‘ (→ Kap. 9.), ‚Liebe und Gesellschaft‘ (→ Kap. 10.) sowie ‚Gott und Welt‘ (→ Kap. 11.). Am Ende stehen zwei Beiträge zur zeitgenössischen Kanonisierung (→ Kap. 12.) sowie zur Rezeption (→ Kap. 13.): Sie schließen den literaturgeschichtlichen Rahmen und öffnen den Blick für die bis in die jüngste Gegenwart hineinreichende Wirkung von Hartmanns Schaffen (E).
Insgesamt ist dieses Buch so angelegt, dass es sowohl durchgehend als auch in einzelnen Teilen mit Gewinn gelesen werden kann. Die Beiträge bauen konzeptuell aufeinander auf, sind aber in ihrem inhaltlich-gedanklichen Nexus jeweils in sich geschlossen. Korrespondenzen und Verbindungen werden durch (→) Querverweise markiert. Um die Orientierung im Band zu erleichtern und Studierende zu eigenen Erkundungen in der Forschung zu ermutigen, sind den einzelnen Beiträgen Abstracts voran- und Hinweise zu weiterführender Literatur nachgestellt. (Zitier-)Ausgaben der mittelalterlichen Texte und Nachweise der Sekundärliteratur werden in den Verzeichnissen am Ende des Bandes aufgeschlüsselt; dort findet sich auch eine vollständige Aufstellung der überlieferten Handschriften und Fragmente von Hartmanns Texten.
Gedankt sei allen, die dieses Buch ermöglicht und an ihm mitgewirkt haben. Zuallererst sind das die Beiträgerinnen und Beiträger. Sie haben sich spontan und mit Begeisterung zur Mitwirkung bereit erklärt und dem Konzept der literaturwissenschaftlichen Einführung durch kenntnisreiche Überblicke, detaillierte Textanalysen, kluge Auswahlentscheidungen und Pointierungen gleichermaßen Kontur und Tiefe verliehen. Dank gebührt darüber hinaus Tillmann Bub, der die Arbeit an diesem Buch angestoßen, seine Entstehung auch in Phasen des Stockens geduldig begleitet und die Publikation umsichtig betreut hat. Rebecca Küster war mir als studentische ‚Probeleserin‘ sowie bei der Einrichtung der Beiträge und der Literaturverzeichnisse eine große Hilfe, Katharina Gerhardt hat das Buch sorgfältig lektoriert. Auch ihnen sei dafür herzlich gedankt.
A Dichter und Werk
1. Literatur um 1200. Hartmanns Dichtung im literaturhistorischen Kontext
Timo Felber
Abstract: Das Kapitel ordnet den Autor und sein Werk in den Kontext zeitgenössischer Kultur und Literatur ein. Dabei werden Probleme scheinbar biographischer Selbstaussagen ebenso thematisiert wie Besonderheiten mittelalterlicher Schrift- und Lesekultur im Zusammenhang der Herausbildung einer neuen Form von ‚höfischer‘ Dichtung.
Hartmann von Aue ist der bedeutendste deutschsprachige Dichter des 12. Jahrhunderts. Seine außerordentliche schriftstellerische Vielseitigkeit findet ihren Niederschlag in einem Werk, das verschiedene groß- und kleinepische sowie lyrische Gattungen umfasst. Unter Hartmanns Namen überliefert sind die Artusromane ‚Erec(k)‘ und ‚Iwein‘, die legendarischen Erzählungen ‚Gregorius‘ und der ‚Arme Heinrich‘, die Dialogdichtung ‚diu Klage‘ sowie ein Korpus von 18 Liedern. Er greift auf Vorbilder in der traditionellen lateinischen Dichtung (Legende, Vita, selbstbetrachtender Dialog), v.a. aber auf zeitgenössische Formen und Prätexte der RomaniaRomania (roman courtoisroman courtois) sowie der Germania zurück (MinnesangMinnesang). Als einer der ersten profilierten volkssprachigen Dichter steht er für das Aufblühen der sogenannten höfischen Kultur, aus der sein Werk hervorgeht und die es zugleich maßgeblich prägt. Zahlreiche Autoren des 13. Jahrhunderts preisen Hartmann als einen Autor, der das Erscheinungsbild der deutschen Literatur dieses Zeitraums mitgeprägt habe. Obwohl seine literaturgeschichtliche Bedeutung mithin immens ist und er sich zudem in all seinen Texten wenigstens kurz über sich selbst äußert, verfügen wir – wie auch bei anderen Autoren der Zeit um 1200 – kaum über gesichertes biographisches Wissen. Im ersten Abschnitt dieses Kapitels soll daher der Frage nachgegangen werden, wie Hartmann unter den Bedingungen des Literaturbetriebs um 1200 überhaupt als Autorperson greifbar wird und wie ein solcher Zugriff unser Textverständnis befördern kann. Der in dieser Einführung angestrebte differenzierte wissenschaftliche Zugang setzt darüber hinaus die Rekonstruktion der kulturellen und literarischen Kontexte seines Œuvres voraus. Aus diesem Grund widmet sich der zweite Abschnitt des Kapitels dem hochmittelalterlichen Bildungswesen, der Wechselwirkung von geistlicher und weltlicher Kultur sowie den Wissenshorizonten von Dichter und Publikum und ordnet das Werk Hartmanns in die grundlegenden Linien der literaturgeschichtlichen Epoche der sogenannten höfischen Dichtung ein.
1.1. Wer war Hartmann von Aue? Biographischer Autor und literarische Autorbilder
Auch wenn die poststrukturalistische Kritik den Autor als Interpretationskategorie wirkmächtig in Frage gestellt hat, bleibt das wissenschaftliche Verständnis literarischer Texte auf den AutorAutorschaft als Produktionsinstanz bezogen. Das Wissen um die biographische Existenz des Autors hilft, Texte gesellschaftlich sowie wissensgeschichtlich zu kontextualisieren, nicht zuletzt mit dem Ziel, Interpretationen zu plausibilisieren (Jannidis 1999:25). Dies müsste auch und gerade für die mittelalterliche Literaturpraxis gelten, doch entziehen sich deren Akteure aufgrund der desaströsen Quellensituation zumeist einem wissenschaftlichen Zugriff: „Wir kennen im Mittelalter in der Regel nicht den Autor, der den Text hervorgebracht hat, sondern nur den Text, der den Autor hervorbringt“ (Wenzel 1998:5). Dies lässt sich beispielhaft an Hartmann von Aue zeigen. Unser gesamtes Wissen über ihn stammt aus literarischen Texten. Andere Quellen (Tauf- oder Sterberegister, Urkunden o.ä.), die Aufschluss über sein Leben geben könnten, gibt es nicht. Bei einer biographischen Rekonstruktion, die sich auf die Lektüre literarischer Texte des Mittelalters stützt, begegnen deshalb einige unhintergehbare methodische Probleme. Anders als in modernen Textausgaben existieren in mittelalterlichen Handschriften keine Titelblätter mit Angaben zum Verfasser. Wenn ein Autor seinen Text mit seinem Namen in Verbindung bringen wollte, musste er sich selbst nennen: Prologe und Epiloge sind bevorzugte Stellen solcher Selbstnennungen. Da diese in der Überlieferung nicht selten weggelassen wurden, war es für den Verfasser jedoch sicherer, seinen Namen an verschiedenen Stellen seines Werkes einzuflechten. Wer biographische Informationen aus solchen SelbstnennungenAutorsignatur Selbstnennunggenerieren möchte, steht schließlich vor dem methodischen Problem, dass Dichter über die Lizenz verfügen, Unwahres über sich zu erzählen (Kablitz 2008). Es gilt folglich, die biographische Autorexistenz nicht mit der literarischen Szenerie der Autorbilder und -stilisierungen zu verwechseln (Peters 1991:31). Nichtsdestotrotz hat die germanistische Forschung zahlreiche biographische Informationen aus solchen Selbstnennungen abgeleitet: Im Licht der Quellenkritik sind sie oft genug nicht haltbar (z.B. Bumke 2006:1–4, Wolf 2007:31–35). Was kann vor diesem Hintergrund denn überhaupt als gesichertes oder doch zumindest wahrscheinliches biographisches Wissen über Hartmann von Aue gelten?
1.1.1. Der Name
Hartmann nennt sich in seinen Texten selbst Hartmann von Ouwe. Diese Selbstbezeichnung Autorsignaturfindet leicht variiert (Der von Ouwe, Der Ouwære) Bestätigung in den Dichtungen anderer Autoren, die Hartmann als einen der größten Dichter seiner Zeit herausstellen (→ Kap.12.). So heißt es im ‚Tristan‘ Gottfrieds von StraßburgGottfried von Straßburg‚Tristan‘:
Hartman der Ouwære,
[…]
swer guote rede ze guote
und ouch ze rehte kan verstân,
der muoz dem Ouwære lân
sîn schapel unde sîn lorzwî (GoTr 4621; 4634–4637)
Hartmann, der Ouwære, […] wenn einer gute Dichtung gut und auch richtig beurteilen kann, so muss der dem Ouwære seinen Ehrenkranz aus Lorbeer zugestehen.
Die Schreiber der großen Lyrik-Sammelhandschriften um 1300 nennen ihn übereinstimmend Her Hartman von Owe (zur Weingartner LiederhandschriftLiederhandschriftenWeingartner Liederhandschrift (B) B und Codex ManesseLiederhandschriftenCodex Manesse (C) C, → Abb. 1.1. und 1.2.). Auch wenn das Owe hier dem vielfach im Minnesang genutzten Leidausruf owê entspricht (so z.B. in Hartmanns Lied IV: Owê, waz tæte si einem man, / dem sî doch vient wære, MF 209,15f.) und daher die literarische Klagefigur des unglücklichen Liebenden aufruft, machen die weitgehenden Namensübereinstimmungen nahezu sicher, dass es einen Autor mit Namen Hartmann von Aue gegeben hat.
Abb. 1.1.
Autorbild zu den Liedern Hartmanns von Aue in der Weingartner Liederhandschrift (B).
Abb. 1.2.
Autorbild zu den Liedern Hartmanns von Aue in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (C).
1.1.2. Datierung und Herkunft
Die Entstehung mittelalterlicher Literatur kann in aller Regel nicht genau datiert werden. Anders als moderne Textausgaben gibt es in mittelalterlichen Codices keine Titelei, der das Erscheinungsdatum zu entnehmen wäre. Zudem haben wir weitestgehend keine Autographe, d.h. vom Autor selbst verfasste Texte. Mittelalterliche Literatur liegt nahezu immer in Abschriften vor, die lange Zeit nach der Entstehung der Dichtung angefertigt wurden. Das gilt auch für Hartmanns Texte. Die überlieferten handschriftlichen Zeugnisse seines Werks datieren vom frühen 13. Jahrhundert bis ins frühe 16. Jahrhundert (→ Kap. 2.). ÜberlieferungFerner gibt es in den Texten Hartmanns keine einzige zeitgeschichtliche Anspielung, die einen sicheren Anhaltspunkt für eine Datierung bietet. Dennoch können wir die Schaffenszeit Hartmanns ungefähr auf die Jahre 1180–1200/05 eingrenzen. Dazu bedienen wir uns der Erwähnung Hartmanns sowie seiner Romane ‚Erec(k)‘ und ‚Iwein‘ im ‚Parzival‘ Wolframs von EschenbachWolfram von Eschenbach‚Parzival‘. Aus dieser Erwähnung resultiert, dass Hartmann seine Romane vor der Entstehung des ‚Parzival‘ verfasst haben muss. Den ‚Parzival‘ aber können wir ungefähr datieren, weil sich darin eine Anspielung auf ein historisches Ereignis findet. Wolfram vergleicht nämlich die im Roman geschilderte Zerstörung einer Landschaft durch ein Belagerungsheer mit der Verwüstung der Erfurter Weingärten in der historischen Realität:
Erffurter wîngarte giht
von treten noch der selben nôt:
maneg orses vuoz die slâge bôt. (WoPz 379,18–20)
Die Erfurter Weingärten befinden sich durch Tritte immer noch in der gleichen Not: Viele Hufschläge verwüsteten sie.
Damit spielt Wolfram wahrscheinlich auf die Zerstörungen im Erfurter Umland an, die während der Belagerung der Stadt im Zuge des Thronstreits zwischen Philipp von SchwabenPhilipp von Schwaben und Otto IV.Otto IV. von Braunschweig im Jahr 1203 entstanden sind. Da in der Formulierung Wolframs die Weingärten immer noch zerstört sind, setzt man die Entstehung dieser Textstelle des ‚Parzival‘ um 1205 an. Damit wäre für Hartmanns Dichtung ein terminus ante quem gewonnen.
Noch unsicherer sind die Indizien für den Beginn von Hartmanns Autorschaft. Autorschaft Die Prätexte der beiden Artusromane Hartmanns, Chrétiens de TroyesChrétien de Troyes‚Yvain‘Chrétien de Troyes‚Erec et Enide‘ ‚Erec et Enide‘ und ‚Yvain‘, lassen sich ebenfalls nicht genau datieren. Man nimmt als Entstehungszeiten die Jahre um 1165 bzw. um 1175 an. „Die verwertbaren Anhaltspunkte sichern nur einen Datierungsrahmen. Hartmanns literarische Aktivität gehört in die letzten beiden Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts; ob sie das vorletzte Jahrzehnt ganz oder nur zum Ende hin ausfüllte und auch noch in das erste Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts reichte, ist nicht sicher auszumachen“ (Cormeau/Störmer ³2007:31).
Eine relative ChronologieChronologie, also eine Reihenfolge der Dichtungen Hartmanns, ist nicht wirklich zu erweisen, auch wenn man sich in der Forschung konsensual auf die Reihung der Erzähltexte in der Abfolge ‚Erec(k)‘ – ‚Gregorius‘ – ‚Armer Heinrich‘ – ‚Iwein‘ verständigt hat. Diese Anordnung gründet auf den Vergleich von Reimtechnik, Wortwahl und Versrhythmus. Man geht dabei stillschweigend von der problematischen Prämisse aus, dass ein Autor sich mit fortschreitender Zeit stilistisch stetig verbessert. Gesichert scheint in der Reihung nur, dass der ‚Erec[k]‘ vor dem ‚Iwein‘ entstanden ist, da hier auf die Handlung des Erec[k]romans Bezug genommen wird, dessen Kenntnis bei den Rezipienten also erwartet werden kann. Die ‚Klage‘ wird zuweilen als Erstlings- oder neben dem ‚Erec(k)‘ als Frühwerk Hartmanns angesehen, doch bietet die als Beleg für diese Einordnung herangezogene Selbstbezeichnung Hartmanns als jungelinc (HaKl 7) keine hinreichende Sicherheit (zur Problematik der biographischen Auswertung der Selbstaussagen: → Kap. 1.1.3.). In den Liedern gibt es nicht einen einzigen Anhaltspunkt, der eine Datierung zuließe.
Noch größere Schwierigkeiten als die zeitliche Einordnung bereitet die Frage nach der Herkunft Hartmanns. Wir können ihn familiär gar nicht, regional nur sehr bedingt verorten. Beides hängt damit zusammen, dass es im 12. Jahrhundert noch keine Nachnamen gibt. ‚Von Aue‘ ist eine Herkunftsbezeichnung. Es handelt sich bei unserem Autor folglich um Hartmann aus Aue. Allerdings wissen wir nicht, aus welchem ‚Aue‘ Hartmann stammt. In der Forschung gilt der Südwesten Deutschlands, das alte Herzogtum Schwaben, als wahrscheinliches Herkunftsgebiet, weil seine Reimsprache geringe Spuren eines alemannischen Dialekts aufweist und Heinrich von dem TürlinHeinrich von dem Türlin‚Die Krone‘, ein Dichter aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, in seinem Artusroman ‚Die Krone‘ behauptet, dass Hartmann von der Swaben lande stammt (HeKr 2353). In Schwaben existieren freilich viele Orte mit Namen Aue, sodass eine genauere Zuordnung Spekulation bleiben muss.
1.1.3. Stand und Bildung
Man liest in zahlreichen aktuellen Literaturgeschichten und Einführungen, dass Hartmann Ministeriale – d.h. Dienstmann eines adligen Herrn – und gelehrter Ritter gewesen sei, der in seinen Mußestunden gedichtet habe. Dieses scheinbar gesicherte Wissen verdankt sich freilich ausschließlich den literarischen SelbstaussagenAutorsignatur Hartmanns, deren biographischer Zeugniswert zweifelhaft ist. Denn der Entwurf einer Autorfigurauktoriale Selbstdarstellung im literarischen Text muss sich nicht an der Biographie des realen Autors orientieren, sondern kann Funktionen für das Erzählte haben. Die Selbstdarstellung in literarischen Texten richtet sich dann an rhetorischen Strategien aus, die der Legitimierung des Autors und dem Nachweis seiner besonderen Qualifizierung dienen. Um dies zu erreichen, stellt der Autor mit seinem poetischen Selbstentwurf üblicherweise eine Beziehung zur fiktiven Geschichte her, verklammert also die Ebenen von Erzählung und Erzählen. Durch die Anpassung seines poetischen Selbstentwurfs an das Sujet gewinnt der reale Autor an Autorität und Legitimität. Er wird von den Rezipienten als Fachmann für das Erzählte wahrgenommen. Genau diese Rhetorik der Selbstlegitimation findet sich im Œuvre Hartmanns. Daher lassen sich aus seinen fingierten Selbstentwürfen keine biographischen Fakten ableiten. Dass in fiktionaler Literatur Autoren nicht an eine Wahrheitskonvention gebunden sind, wenn sie Aussagen über sich machen, wird auch in der neueren Forschung immer noch gern übersehen (zum schwierig zu fassenden Verhältnis von Autor und ErzählerErzähler / Erzählinstanz sowie ihrer Überblendung in den Texten Hartmanns → Kap. 8.). Die folgende ausführliche Darstellung soll daher dazu dienen, die rhetorische Funktion der Selbstaussagen Hartmanns offenzulegen (nach Reuvekamp-Felber 2001).
Zunächst einmal sollen zwei prominente und vielzitierte Textstellen aus dem ‚Iwein‘ und dem ‚Armen Heinrich‘ in den Blick genommen werden, in denen sich Hartmann als gelehrter Ritter auktoriale Selbstdarstellungbezeichnet. Dabei redet er von sich – wie es der lateinisch-rhetorischen Tradition entspricht – in der dritten Person (Unzeitig 2010:135f., 230f.):
Ein rîter, der gelêrt was
unde ez an den buochen las,
swenner sîne stunde
nicht baz bewenden kunde:
daz er ouch tihtens pflac.
daz man gerne hœren mac,
dâ kêrt er sînen vlîz an.
er was genant Hartman
unde was ein Ouwære,
der tihte diz mære. (HaIw 21–30)
Ein Ritter, der gelehrt war und es [d.h. das zuvor Berichtete, T.F.] in Büchern gelesen hatte, dichtete auch, sobald er mit seiner Zeit nichts Besseres anzufangen wusste. Er richtete auf das seine Bemühung, was man gerne hört. Hartmann hieß er und war ein Ouwære. Der dichtete diese Geschichte.
Ein rîter sô gelêret was
daz er an den buochen las
swaz er dar an geschriben vant;
der was Hartman genant, […] (HaAH 1–4).
Ein Ritter war so gelehrt, dass er in Büchern lesen konnte, was immer er darin fand; der wurde Hartmann genannt, […]
Bereits die Aussage im ‚Iwein‘,auktoriale Selbstdarstellung dass Hartmann nur dichte, ‚wenn er mit seiner Zeit nichts Besseres anzufangen‘ wisse, dürfte kaum der Wirklichkeit entsprechen: Immerhin war er ein außerordentlich produktiver Autor, für den das Dichten eher eine Haupt- als eine Nebenbeschäftigung gewesen sein dürfte (Bumke 2006:4). Darüber hinaus bezeichnet er sich als buchgelehrter Ritter und ruft damit eine Figur auf, die nur schwer mit der sozialen Wirklichkeit in Deckung zu bringen ist. In aller Regel wachsen Ritter nämlich als Analphabeten auf, während angehende Kleriker das Lesen und Schreiben in einer Kloster- oder Kathedralschule erlernen. Bildung, klerikaleDie vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Bildungssituation paradox anmutende Figurauktoriale Selbstdarstellung des buchgelehrten Ritters erweist sich als Teil einer Legitimationsstrategie, wenn man sie in Bezug zum Erzählten, den Erlebnissen des jungen Ritters Iwein, setzt: Als Buchgelehrter besitzt Hartmann die Fähigkeit des Dichtens, als Ritter vermag er, von der Ritterschaft Iweins kompetent zu erzählen. Die Rezipienten werden so eher geneigt sein, ihm die AutoritätAutorität zuzubilligen, über Nöte, Konflikte und richtiges Verhalten seines ritterlichen Protagonisten zu sprechen. Dass Autoren eine solche Vermittlungs- und Legitimierungsstrategie nutzen, ist in der wissenschaftlichen Forschung schon früh erkannt worden: „Der Autor soll die erzählte Welt durch ein dieser möglichst angemessenes Sehorgan sichtbar machen […]. Vom Schlaraffenland erzählt am plastischsten, wer gern und gut ißt, oder ein Koch, oder ein Hungerleider“ (Mecke 1965:14). So sind alle Autorselbstbilder im erzählerischen Werk Hartmanns konstruiert: Sie passen sich jeweils dem Gegenstand an, von dem sie erzählen.
Hartmann entwirft auf der Ebene des Erzählens ein Autorbild, auktoriale Selbstdarstellung das sich dem Protagonisten des Erzählten angleicht, um seine Kompetenz herauszustellen. Der dieser narrativen Vermittlungsstrategie zugrunde liegende Gedanke, dass man nämlich von dem, was man selbst nicht kennt, nur unzureichend erzählen kann, findet sich an vielen Stellen mittelalterlicher Literatur. Hartmann selbst ruft diesen Gedanken etwa auch in seiner Verslegende ‚Gregorius‘ auf, als er schildern soll, wie sehr die MutterMutter/Schwester (‚Gregorius‘) des Gregorius leidet, als sie ihr Neugeborenes in einem Weidenkörbchen auf dem Meer aussetzen muss:
Ir wizzet wol daz ein man
der ir iewederz nie gewan,
reht liep noch grôzez herzeleit,
dem ist der munt niht sô gereit
rehte ze sprechenne dâ von
sô dem der ir ist gewon.
Nû bin ich gescheiden
dâ zwischen von in beiden,
wan mir iewederz nie geschach:
ichn gewan nie liep noch ungemach,
ich enlebe übele noch wol.
dâ von enmac ich als ich sol
der vrouwen leit entdecken […] (HaGr 789–801)
Ihr wisst genau, dass ein Mensch, der weder wahre Liebe noch großes Leid erfahren hat, nicht die Worte findet, um in dem Maße richtig über Liebe und Leid zu sprechen, wie derjenige, der beides gut kennt. Nun stehe ich zwischen den beiden, weil mir beides nicht widerfahren ist: Ich erlebte weder Liebe noch Leid, ich lebe weder schlecht noch gut. Deshalb kann ich nicht, wie ich es sollte, das Leid der Dame beschreiben.
Hartmann bedient sich eines Unzulänglichkeitstopos: Er kann den Liebesschmerz der Mutter nicht angemessen beschreiben, weil er selbst kein Liebesleid erfahren habe. Literarische Kompetenz ist in dieser Vorstellung also an Selbsterfahrung geknüpft.
Wenn man davon ausgeht, dass es Hartmann darum zu tun ist, sich als auktoriale Erzählinstanz Erzähler / Erzählinstanzauktoriale Selbstdarstellungzu legitimieren, ist auch zu verstehen, warum sich seine Selbstdarstellung im ‚Gregorius‘ von dem im Ritterroman entworfenen ritterlichen Selbstbild deutlich unterscheidet. Diese Legende erzählt die fingierte Vita des Papstes GregoriusGregorius, der, nachdem er sich als Ritter in die Sünde des Inzests verstrickt hat, extreme Buße tut und aufrichtig seinen Lebenswandel bereut, um schließlich ins Amt des römischen Bischofs aufzusteigen. Der geistlichen Thematik entsprechend entwirft Hartmann das Selbstbild eines alten, weisen und weltabgewandten Autors, der das Trügerische der irdischen Welt in jungen Jahren kennengelernt und in seinen früheren Dichtungen gepriesen hat:
Mîn herze hât betwungen
dicke mîne zungen
daz si des vil gesprochen hât
daz nâch der werlde lône stât:
daz rieten mir diu tumben jâr.
nû weiz ich daz wol vür wâr:
swer durch des helleschergen rât
den trôst ze sîner jugent hât
daz er dar ûf sündet,
als in diu jugent schündet,
daz er gedenket dar an:
‚dû bist noch ein junger man,
aller dîner missetât
der wird noch vil guot rât:
dû gebüezest si in dem alter wol‘,
der gedenket anders danne er sol.
[…]
Durch daz wære ich gerne bereit
ze sprechenne die wârheit
daz gotes wille wære
und daz diu grôze swære
der süntlichen bürde
ein teil ringer würde
die ich durch mîne müezikeit
ûf mich mit worten hân geleit.
wan dâ enzwîvel ich niht an:
als uns got an einem man
erzeiget und bewæret hât,
sô enwart nie mannes missetât
ze dirre werlde sô grôz,
er enwerde ir ledic unde blôz,
ob si in von herzen riuwet
und si niht wider niuwet. (HaGr 1–16; 35–50)
Mein Herz hat oft meinen Mund unterworfen, sodass er Vieles gesprochen hat, was auf Belohnung im Diesseits zielt: Das gab dem Herz meine Unerfahrenheit ein. Jetzt aber weiß ich genau: Wer durch den Rat des Höllenschergen sich versündigt, wie es ihm seine Jugend eingibt, und sich in seiner Jugend damit tröstet, dass er folgendermaßen denkt: ‚Du bist noch ein junger Mensch, allen deinen schlechten Taten wird noch abgeholfen: du büßt sie alle, wenn du alt bist‘, der denkt anders, als er sollte. […] Deshalb stehe ich bereit, die Wahrheit zu verkünden, damit Gottes Wille geschehe und die große Beschwernis der Last meiner Sünden ein wenig geringer würde, die ich aufgrund meiner Leichtfertigkeit mit Worten begangen habe. An einem zweifele ich nämlich nicht: Wie uns Gott an einem Mann gezeigt und vorgeführt hat, können die schlechten Taten eines Menschen im Diesseits nicht so groß werden, dass er sich nicht wieder von ihnen befreien könnte, wenn er sie nur von Herzen bereut und sie nicht erneut begeht.
Wie der Titelheld der Erzählung hat auch Hartmann in seinem poetischen Selbstentwurfauktoriale Selbstdarstellung in seiner Jugend Sünde auf sich geladen, die er jetzt im Alter durch eine gottgefällige Dichtung abbüßt (ze sprechenne die wârheit / daz gotes wille wære). Hartmann ist schon von vornherein im Besitz der Einsicht, die GregoriusGregorius während der Handlung erst noch erwerben muss. Er hat die Wandlung (conversio) bereits vollzogen, die dem Protagonisten noch bevorsteht. Nicht als Ritter profiliert sich der Autor in seiner geistlichen Erzählung, sondern als büßender Mensch, der die Einsicht in seine Schuld (gesprochen zu haben, daz nâch der werlde lône stât, statt ze sprechenne die wârheit) in richtiges Handeln überführt. Wie schon im ‚Iwein‘ gewinnt Hartmann demnach auch hier literarische Kompetenz und auktoriale Legitimation durch die Anpassung der Autorfigur an den Protagonisten.
Dass man die literarischen Selbstentwürfe auktoriale SelbstdarstellungHartmanns nicht biographisch auswerten kann, zeigt auch ein Beispiel aus der ‚Klage‘, einem selbstbetrachtenden Dialog, der in Form eines allegorischen Streitgesprächs über die richtige Art des Liebens zwischen dem Herzen und dem Körper entworfen ist. Der Prolog der ‚Klage‘ stellt dar, wessen Herz und Körper sich in welcher lebensweltlichen Situation streiten: Es sind das Herz und der Körper des jungen Hartmann, die aneinandergeraten, als seine Liebe von einer Frau nicht erwidert wird:
Minne waltet grôzer kraft,
wande sî wirt sigehaft
an tumben und an wîsen,
an jungen und an grîsen,
an armen und an rîchen.
gar gewalticlîchen
betwanc si einen jungelinc,
daz er älliu sîniu dinc
muose in ir gewalt ergeben
und nâch ir gebote leben,
sô daz er ze mâze ein wîp
durch schœne sinne und durch ir lîp
minnen begunde.
dô sî im des niht engunde
daz er ir wære undertân,
sî sprach, er solde sîs erlân.
Doch versuochte erz ze aller zît.
[…]
er klagete sîne swære
in sînem muote
und hete in sîner huote,
sô er beste kunde,
daz ez ieman befunde.
daz waz von Ouwe her Hartman,
der ouch dirre klage began
durch sus verswigen ungemach.
sîn lîp zuo sînem herzen sprach: […] (HaKl 1–17; 24–32)
Die Liebe besitzt große Kraft, denn sie besiegt die Dummen und die Weisen, die Jungen und die Alten, die Armen und die Reichen. Mit großer Gewalt bezwang sie einen Jüngling, sodass er sich ganz und gar ihrer Macht unterwerfen sowie nach ihrem Gebot leben musste und sich mit Anstand in eine Frau verliebte wegen deren Wohlerzogenheit und Schönheit. Als sie ihm nicht gewährte, ihr zu dienen, sagte sie, er solle sie damit in Ruhe lassen. Dennoch versuchte er es immer wieder. […] Er klagte sein Leid nur innerlich und hielt es verborgen, so gut er es vermochte, damit niemand es herausfände. Dieser (Jüngling) war Hartmann von Aue, der diese Klage wegen eines solch verschwiegenen Leids begann. Sein Körper sprach zu seinem Herzen: […]
Im Selbstentwurf als alter Mann im ‚Gregorius‘auktoriale Selbstdarstellung behauptete Hartmann, von der Qual der Liebe freigeblieben zu sein (ichn gewan nie liep noch ungemach, HaGr 798), hier stellt er sich als über beide Ohren verliebter Jüngling dar: ein Widerspruch, der sich biographisch nicht auflösen lässt. Das Bild des Alten, der in seiner Weisheit und neu gewonnenen Einsicht vor den Trügnissen dieser Welt warnt, wie das des Jungen, der in seiner Unerfahrenheit der Liebe verfällt, sind keine Aussagen über den realen Autor, sondern Selbstentwürfe, die der Legitimation des Erzählens dienen. Hartmann muss nicht alt gewesen sein, als er den ‚Gregorius‘ schrieb, und nicht jung, als er die ‚Klage‘ verfasste. Und es ist mithin auch fraglich, ob er ein Ritter war. Biographisches ist aus den literarischen Autorbildern nicht zu gewinnen. Seine Autorbilder sind ausschließlich funktionale Textgrößen, mit deren Hilfe die erzählte Geschichte und die Erzählinstanz in einer raffinierten literarischen Konstruktion verschränkt werden. Erzähler / Erzählinstanz
Das gilt nicht zuletzt für eine Selbstaussage Hartmanns im ‚Armen Heinrich‘auktoriale Selbstdarstellung, Autorsignaturder in der germanistischen Forschung immer noch biographischer Zeugniswert beigemessen wird: dienstman was er ze Ouwe (HaAH 5). In mittelalterlichen Rechtstexten bezeichnet der Begriff dienstman einen Ministerialen. Ein Ministeriale ist ein unfreier, im Dienst eines Laienadligen oder der Kirche stehender Mann. In der Forschung hat man Hartmann wegen dieser Selbstbezeichnung mit der Ministerialenfamilie von Aue in Verbindung bringen wollen, die sich nach dem Dorf Au bei Freiburg nannte und zur Ministerialität der Herzöge von ZähringenZähringer gehörte. Allerdings gibt es dafür genauso wenig einen Anhaltspunkt wie für die Spekulation, dass Hartmann im Auftrag der zähringischen Herzöge gedichtet hat. Zwar ist volkssprachliche epische Dichtung im Mittelalter nach allem, was wir wissen, AuftragsdichtungAuftragsdichtung. Hartmann nennt in seinen Texten jedoch anders als viele Dichter des 12. und 13. Jahrhunderts keinen Auftraggeber. Und auch der dienstman-Begriff hilft bei der ständischen Einordnung unseres Autors nicht weiter, meint er in der Dichtung doch meist etwas anderes als in den Rechtstexten. Während er hier einen Vertreter der Ministerialität bezeichnet, bezeichnet er dort einen Mann, der in einem Dienstverhältnis jeder Art stehen kann. So werden in der Literatur Männer im Frauendienst als dienstman bezeichnet, auch wenn sie dem Hochadel entstammen. Eine ständische Einordnung Hartmanns mithilfe dieser Selbstbezeichnung lässt sich daher kaum rechtfertigen. Im ‚Armen Heinrich‘ fungiert Hartmann jedenfalls als gelehrter Dienstmann, der in verschiedenen Büchern nach einer Geschichte sucht, dâ mite er swære stunde / möhte senfter machen (HaAH 10f.). Der Begriff bezieht sich hier folglich auf Hartmann als Autor, der einen Schreibdienst leistet, nicht aber explizit auf Hartmann als Ministerialer. Autorschaft
Während wir über den sozialen Status und den Lebensraum Hartmanns nicht wirklich informiert sind, lassen die literarischen Zeugnisse Aussagen über seinen Bildungshorizont durchaus zu: Dieser ist nämlich als Summe der poetischen Möglichkeiten des Autors Autorschaftgreifbar. So konnte Hartmann nicht nur lesen und schreiben, sondern besaß auch umfängliches Wissen über Rhetorik und PoetikRhetorik und Poetik. Dies bezeugen seine Prologtopik im ‚Iwein‘ und im ‚Gregorius‘, die Kenntnisse poetischer Verfahren der dilatatio materiaedilatatio materiae (geradezu musterhaft vorgeführt in der Beschreibung von Enites Pferd im ‚Erec[k]‘, HaEr 8271–8747; vgl. dazu Worstbrock 1985), des aus antiken Dichtungen bekannten stichomythischen Dialogs (vgl. dazu Miedema 2006) u.a.m. Dieses Wissen konnte man sich im Mittelalter nach allem, was wir wissen, nur aneignen, wenn man als Geistlicher eine lateinische Schule in einem Kloster oder an einem Bischofssitz besucht hat. Hartmann dürfte eine solche geistliche Ausbildung erhalten haben, auch wenn er dies in keinem seiner Texte von sich behauptet.klerikale Bildung Nicht auszuschließen ist aber auch, dass die eigentlich der Selbstlegitimation dienenden Autorbilderauktoriale Selbstdarstellung partiell mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Vom Schlaraffenland könnte doch wirklich jemand erzählen, der gern und gut isst, oder ein Koch oder ein Hungerleider. Welchem Stand Hartmann angehört hat, als er seine Dichtungen verfasst hat, wissen wir nicht mit Sicherheit. So könnte er tatsächlich in den weltlichen Stand eingetreten sein, nachdem er eine klerikale Ausbildung erhalten hatte. Oder er könnte als Ministerialer gedient oder auch als alter Mann den ‚Gregorius‘ gedichtet haben. Den auktorialen Selbstentwürfen ist dies aber alles nicht zu entnehmen. Diese dienen erst einmal Hartmanns rhetorischer Strategie, sich Kompetenz qua fingierter Erfahrung zuzuschreiben, um sich als versierter Autor zu profilieren. Zugleich sind seine Selbstdarstellungen als Ritter und die um Liebe, Abenteuer und Gewalt kreisenden Texte auch Ausdruck eines tiefgreifenden kulturellen Wandels in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, in der eine Gruppe adliger Laien Einfluss auf die Entstehung literarischer Formen nimmt, die ihren weltlichen Interessen entspringen.
1.2. ‚Höfische‘ Dichtung. Hartmann und der literaturgeschichtliche Kontext
Somit verweist das von Hartmann entworfene ritterliche Selbstbild auktoriale Selbstdarstellungin den Raum einer neu entstehenden und an der klerikalen Schriftkultur partizipierenden Form literarischer SchriftlichkeitSchriftlichkeit. Denn der gelehrte Ritter ist ja nicht zuletzt ein Ritter, der den Anspruch geistlicher Bildung ins Weltliche transponiert und so als Ausdruck für ein neues Selbst- und Kunstbewusstsein volkssprachlicher Dichtung verstanden werden kann. Der gelehrte Ritter, der über Lesekompetenzen und Bildungswissen verfügt, wird zum Repräsentanten und Protagonisten ‚höfischer‘ Dichtung. Diese Dichtung mit ihrer Schwerpunktsetzung auf profane, lebensweltliche Gegenstände (Ritterschaft, Liebe, Abenteuer) markiert eine literaturgeschichtliche Zäsur. Zwar gab es auch schon zuvor eine volkssprachliche Schriftlichkeit; diese aber diente Mönchen und Geistlichen fast ausschließlich dazu, den weniger Lateinkundigen Glaubenstexte und christlich-heilsgeschichtliche Inhalte nahezubringen. Ab Mitte des 12. Jahrhunderts begann dann eine kleine kulturelle Elite innerhalb des Laienadels Einfluss auf die literarische Produktion zu nehmen. Der Literaturbetrieb, der wahrscheinlich an den großen Fürstenhöfen sein neues Zentrum fand, wurde nun von ganz anderen Faktoren bestimmt als zuvor in den Klöstern. HofkulturDas Urteil und die Wünsche des Publikums dürften die literarischen Werke geprägt haben, aber die zentrale Instanz war der adlige Gönner, der die Tätigkeit der Autoren finanzierteAuftraggeberAuftragsdichtung. Ohne dessen Bereitstellung von literarischen Vorlagen, Schreib- und Beschreibstoffen sowie materieller Entlohnung ist die Entstehung der ‚höfischen‘ Literaturhöfische Dichtung nicht denkbar. Gleichwohl findet sich im Werk Hartmanns von Aue kein einziger Name eines Gönners. Ausgerechnet der bedeutendste ‚höfische‘ Autor des 12. Jahrhunderts verzichtet darauf, seinem Finanzier die Ehre zu erweisen und ihn namentlich zu erwähnen. Dies ist umso erstaunlicher, als nahezu unser gesamtes Wissen über die Gönnertätigkeit von Adligen den literarischen Texten selbst entnommen werden muss, da historische Quellen weitestgehend fehlen.
Im folgenden Abschnitt werden die bildungsgeschichtlichen Voraussetzungen für diesen tiefgreifenden kulturellen Wandel dargestellt und das Werk Hartmanns von Aue in die literarische Entwicklung bis um 1200 eingeordnet. Dafür wird zunächst einmal die Frage erörtert, wer in der mittelalterlichen Gesellschaft überhaupt lesen und schreiben konnte und wie wir uns die Rezeption der neu entstehenden ‚höfischen‘ Literaturhöfische Dichtung vorzustellen haben (1.2.1.). Anschließend wird die Bedeutung der großen Fürstenhöfe für die Verbreitung der neuen literarischen Formen erörtert (1.2.2.) und die Vorreiterrolle der Romania skizziert (1.2.3.). Die deutschen Adeligen orientieren sich nämlich an der HofkulturHofkultur, die in verschiedenen Regionen des heutigen Frankreich schon in der ersten Jahrhunderthälfte entstanden war. Volkssprachliche Literatur war ein zentraler Bestandteil dieser romanischen HofkulturHofkultur und wurde ab ca. 1160 in der deutschen Dichtung adaptiert. Die deutschen Autoren übernahmen ausgewählte lyrische Subtypen und übersetzten Romane – so auch Hartmann von Aue, der zwei Artusromane Chrétiens de TroyesChrétien de Troyes ins Deutsche übersetzte, daneben aber auch auf einheimische und lateinische literarische Traditionen zurückgriff (1.2.4.).
1.2.1. Die klerikale Schriftkultur und der Bildungshorizont adliger Laien
SchriftlichkeitSchriftlichkeit hatte im Mittelalter, also vor der Erfindung des Buchdrucks, einen ganz anderen Stellenwert als in der Moderne. Sie war eine knappe kulturelle Ressource, einerseits bedingt durch die enormen Kosten des Beschreibstoffs Pergament (→ Kap. 2.), andererseits durch den geringen Bildungsgrad innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft. Nur eine kleine kulturelle und gesellschaftliche Elite verfügte über die finanziellen Mittel und Bildungsressourcen, an der Schriftlichkeit zu partizipieren. Lesen und schreiben lernte man in der Regel an Kathedral- und Klosterschulen. Bildung, klerikaleDie in lateinischer Sprache ausgebildeten Schüler waren für eine geistliche Laufbahn vorgesehen. Die Verkehrssprache im pragmatischen Schrifttum – in der Theologie, in der Verwaltung, im Recht, in der Wissenschaft usw. – war im 12. und 13. Jahrhundert nahezu ausschließlich Latein. Volkssprachliche Texte stellen nur einen Randbereich innerhalb der mittelalterlichen SchriftlichkeitSchriftlichkeit dar. Die Autoren umfangreicher Erzähltexte haben höchstwahrscheinlich eine klerikale Ausbildung erhalten und eine Lateinschule besucht, da sich sonst ihre umfangreichen Kenntnisse in Rhetorik, Theologie, Naturkunde usw. kaum erklären lassen. Zudem speisen sie in die volkssprachige Dichtung gelehrtes Wissen ein, das aus den lateinischen Text- und Bildungstraditionen stammt (Reuvekamp 2013). Als Rezipienten volkssprachiger Erzähltexte kommen in erster Linie Laienadelige infrage, die nicht für eine geistliche Laufbahn bestimmt und des Lateins nicht mächtig waren. Wie man sich konkret die Rezeption der volkssprachlichen Literatur vorstellen muss, ist in der Forschung umstritten. Die meisten Mediävisten gehen davon aus, dass Erzähltexte den laienadeligen Analphabeten vorgelesen wurden (Green 1994)Vortrags--praxis. Zeugnisse für eine solche Vorlesesituation sind aber spärlich und begegnen nur in der Literatur selbst. Wenn eine Lesung in der Dichtung als Motiv begegnet, dann sind es nicht schulgebildete Geistliche, die den Text an eine analphabete laienadelige Zuhörerschaft vermitteln, sondern (zumeist weibliche) Einzelpersonen aus dem Laienadel selbst. Charakteristisch für eine solche Lesung ist eine Stelle im ‚Iwein‘ Hartmanns, wo ein Mädchen ihren hochadeligen Eltern etwas auf Französisch vorliest:
unde vor in beiden saz ein magt,
diu vil wol, ist mir gesagt,
wälsch lesen kunde:
diu kurzte in die stunde.
ouch mohte sî ein lachen
lîhte an in gemachen:
ez dûhte sî guot swaz sî las,
wand sî ir beider tohter was. (HaIw 6455–6462)
Vor ihnen beiden saß ein Mädchen, die sehr gut, wie mir erzählt wurde, französisch lesen konnte. Die vertrieb ihnen die Zeit. Zudem konnte sie die beiden sehr leicht zum Lachen bringen: Was auch immer sie vorlas, gefiel ihnen, denn sie war ihrer beider Tochter.
Lesekundige Laienadelige begegnen allenthalben in der volkssprachlichen Literatur. Daraus ist gegen die Mehrheitsmeinung in der Mediävistik geschlossen worden, dass Lese- und Schreibkenntnisse im Laienadel weit verbreitet gewesen sein mussten (Scholz 1980, Ernst 1997). Die Divergenz der wissenschaftlichen Annahmen gründet in der schlechten Quellenlage, die es verunmöglicht, sich ein genaues Bild zu machen. Wenn man geneigt ist, den literarischen Zeugnissen über Lese- und Schreibfähigkeiten von Laien Erkenntniswert für die historische Wirklichkeit zuzugestehen, so bleibt dennoch das Dilemma, dass sich diese Zeugnisse widersprechen: Neben solchen, die den schriftliterarisch gebildeten Laienadeligen fokussieren, finden sich Texte, in denen Laien der Schrift verständnislos gegenüberstehen und auf die Hilfe klerikaler Vermittler angewiesen sind (Reuvekamp-Felber 2003). Vortrags--praxis HofkulturAm plausibelsten erscheint die Annahme, dass innerhalb der Gruppe des weitgehend schriftunkundigen Adels eine kleine kulturelle Elite existierte, die sich durch Lese- sowie Schreibkenntnisse auszeichnete und literarische Texte in Lesungen oder in privater Lektüre rezipierte. Denn auch für die private Lektüre von Literatur bietet die mittelalterliche Dichtung einige wenige Zeugnisse. Ein instruktives Beispiel begegnet in der Kurzerzählung ‚Der Welt Lohn‘ Konrads von WürzburgKonrad von Würzburg, ‚Der Welt Lohn‘ (nach 1250). Der Protagonist sitzt zu Beginn der Erzählung zu Hause und liest in einem Buch:
Sus saz der hôchgelobte
in einer kemenâten,
mit fröuden wol berâten,
und hæte ein buoch in sîner hant,
dar an er âventiure vant
von der minne geschriben.
dar obe hæte er dô vertriben
den tag unz ûf die vesperzît;
sîn fröude was vil harte wît
von süezer rede die er las. (KoWL 52–61)
Einst saß der Hochgerühmte glückselig in einem Zimmer und hielt ein Buch in seiner Hand, worin er Liebesgeschichten fand. Damit hatte er sich den ganzen Tag bis zum Abend vertrieben. Er hatte sehr große Freude an den köstlichen Erzählungen, die er las.
1.2.2. Weltliche Dichtung am Adelshof
Anders als moderne Literatur ist mittelalterliche volkssprachige epische Dichtung ab der Mitte des 12. Jahrhunderts AuftragsdichtungAuftragsdichtung. In der Regel waren es Mitglieder des Adels, die als AuftraggeberAuftraggeber weltlicher Literatur in Erscheinung traten. Da die politische und kulturelle Organisation des Adels mit den (Fürsten-)Höfen als HerrschaftszentrenHerrschaft / feudale (Rechts-)OrdnungHofkultur verbunden ist und die mediävistische Forschung dort auch die Produktion, Rezeption und Distribution der Dichtungen verankert, spricht man literaturgeschichtlich auch von der Periode der höfischen Dichtunghöfische Dichtung. Der Begriff ‚höfisch‘ verweist dabei einerseits räumlich auf den Betriebsort von Literatur, eben den Adelshof, andererseits aber auch auf die spezifische Ausprägung der Literatur dieser Periode: Die Werthaltung und thematischen Interessen der adligen Hofmitglieder schlagen sich in den Texten nieder. HofkulturVor der Mitte des 12. Jahrhunderts war volkssprachige Dichtung nahezu ausschließlich von religiösen oder heilsgeschichtlichen Themen geprägt und gehörte überwiegend in den klösterlichen Bereich. Ihr Zweck war zumeist die Festigung des Glaubens sowie die Belehrung über die Natur und die Historie. Dies änderte sich mit dem zunehmenden Einfluss adliger Laien auf die Literaturproduktion: Weltliche Themen wie Liebe, Sexualität, Ritterschaft, Gewalt, Herrschaft usw. prägten fortan – genauso wie ein christlicher Wertehorizont, rhetorische Darstellungsverfahren und gelehrt-lateinisches Wissen – einen erheblichen Teil der volkssprachigen Dichtung (auch wenn die vornehmlich religiöse Literatur weiterhin ihren festen Platz im Kanon besaß). Allerdings sollte man sich hüten, nur den Fürstenhof und seine Repräsentanten als Motor dieser neuen literaturgeschichtlichen Entwicklung anzusehen. Als Rezipienten der neuen ‚höfischen‘ Dichtunghöfische Dichtung Hofkultursind auch Kleriker und sogar Mönche wahrscheinlich. Dies legt jedenfalls eine Anekdote nahe, die der Abt und Zisterziensermönch Caesarius von HeisterbachCaesarius von Heisterbach, ‚Dialogus Miraculorum‘ in seinem in die 20er Jahre des 13. Jahrhunderts zu datierenden ‚Dialogus Miraculorum‘ erzählt. Darin berichtet er, dass beinahe alle seiner Mitbrüder im Kloster Heisterbach während seiner Predigt in tiefen Schlaf fallen. Als er aber mit lauter Stimme das Wort ‚Artus‘ ertönen lässt, wachen alle auf, schauen aufmerksam hoch und brennen vor Lust und Begierde, eine Geschichte von König Artus zu hören. Dies nimmt er zum Anlass, die Mönche mit einem Augenzwinkern zu tadeln:
Videte, fratres, miseriam magnam. Quando locutus sum de Deo, dormitastis; mox ut verba levitatis inserui, evigilantes erectis auribus omnes auscultare coepistis. (CHD, Bd. 1:205)
Brüder, schaut dieses große Elend! Wenn ich von Gott spreche, schlaft ihr. Sobald ich aber leichtfertige Worte äußere, so wacht ihr auf und fangt alle an, mit gespitzten Ohren zu lauschen.
Egal, ob diese Anekdote auf einer historischen Begebenheit fußt oder fingiert ist: Sie zeigt, dass die ‚höfische‘ Dichtunghöfische Dichtung, deren zentrales Sujet die Geschichten über König Artus sind, nicht nur beim Laienadel an den (Fürsten-)Höfen en vogue waren. Der Begriff ‚höfische‘ Dichtung ist also eine Verlegenheitslösung zur Bezeichnung eines bestimmten, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts neu aufkommenden Typs von Literatur, der von einer kleinen kulturellen Elite gefördert wurde, die nicht ausschließlich an den Adelshöfen zu finden warHofkultur (Johnson 1999:10).
1.2.3. Literaturgeschichtliche Linien I: Die Anfänge höfischer Dichtung im deutschsprachigen Raum
Die Neuorientierung des Literaturbetriebs fiel mit einem tiefgreifenden kulturellen Umbruch im Regnum Teutonicum zusammen. Der Adel, der die Herrschaft über die deutschen Territorien ausübte, orientierte sich bereits ab der Mitte des 11. Jahrhunderts – aber nun im 12. Jahrhundert verstärkt – in seinen kulturellen Ausdrucksformen an seinen französischen Standesgenossen.Hofkultur RomaniaDie französische Sachkultur, die sich in der Architektur, der Mode, den Sitten, im Essen, im Waffenhandwerk usw. ausdrückte, war im Reich en vogue und beeinflusste den deutschen Adel massiv. höfische RepräsentationAuch die mittelalterliche deutsche Sprache (mittelhochdeutsch und mittelniederdeutsch) spiegelt den kulturellen Einfluss Frankreichs in dieser Zeit: Viele französische Wörter gelangten ins Deutsche. Für das 12. Jahrhundert hat man 350, für das 13. Jahrhundert 700 französische Lehnwörter wie Turnier/turnoi, tanzen/danser usw. nachgewiesen. Was in unserer heutigen Zeit die Anglizismen sind, waren im 12. Jahrhundert die Französismen. Hofkultur RomaniaDoch nicht nur französische Kleidungsstücke, Anstandsregeln, Baustile und Lehnwörter fanden durch den Kulturkontakt ihren Weg ins Reich, sondern ab Mitte des 12. Jahrhunderts eben auch literarische Texte, die von adligen Werthaltungen und Interessen geprägt waren (Bumke 1990). Am Beginn dieses Literaturtransfers standen zum einen antike historische StoffeAntikenroman, deren mittelalterliche französische Neudichtungen in der Germania adaptiert wurden. So wurde um 1150/60 der ‚Roman d’Alexandre‘ Alberics von BisinzoAlberic von Bisinzo, ‚Roman d’Alexandre‘, der die Geschichte Alexanders des Großen erzählt, von einem Geistlichen namens Lamprecht Lamprecht, ‚Alexanderroman‘in deutscher Sprache retextualisiert, um 1180/85 folgte dann der ‚Eneasroman‘ Heinrichs von VeldekeHeinrich von Veldeke‚Eneasroman‘, eine Adaptation des anonymen französischen ‚Roman d’Eneas‘‚Roman d’Eneas‘. Stoffliche Grundlage beider Romane ist die ‚Aeneis‘ VergilsVergil, ‚Aeneis‘, die von den Abenteuern und Irrfahrten des Trojaflüchtlings Aeneas erzählt, der auf Geheiß der Götter das brennende Troja mit seinem Gefolge verlässt, in Italien ansässig wird und dort eine Herrschaft begründet, die schließlich das (genealogische) Fundament des späteren Römischen Reiches darstellt. Zum anderen begegnen Texte, die von Begebenheiten der eigenen, mittelalterlichen Geschichte erzählen: So um 1170 das ‚Rolandslied‘ des Pfaffen KonradKonrad, ‚Rolandslied‘, das auf die anonyme französische ‚Chanson de Roland‘ ‚Chanson de Roland‘zurückgeht und vom Spanienfeldzug und der militärischen Niederlage Karls des Großen erzählt, sowie wohl auf einheimische mündliche Traditionen zurückgehende (pseudo-)historische Epen wie ‚König Rother‘‚König Rother‘, der die (kriegerische) Brautwerbungsfahrt des Großvaters Karls des Großen imaginiert, oder ‚Herzog Ernst‘‚Herzog Ernst‘, der von der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Kaiser Otto und dem Titelhelden sowie von dessen Abenteuern im Exil im Orient erzählt. Allen diesen Texten ist gemeinsam, dass sie historisch-politische oder auch religiös-heilsgeschichtliche Fragen in den Vordergrund stellen: nach (idealer) Herrschaft, der Reichsgeschichte, dem Kreuzzug, der Auseinandersetzung mit dem Islam usw.
Solche thematischen Akzentuierungen von Krieg, Herrschaft und Religion erfuhren im ‚Eneasroman‘ Heinrichs von VeldekeHeinrich von Veldeke‚Eneasroman‘ eine für die weitere deutsche Literaturgeschichte spezifische Erweiterung, da der Protagonist Eneas am Ende des Romans seiner späteren Ehefrau und großen Liebe, Lavinia, begegnet. Bereits der anonyme französische Autor hat das römische Staatsepos VergilsVergil, ‚Aeneis‘ über weite Strecken in einen Liebesroman verwandelt. Er hat die Abenteuer des Trojaflüchtlings gekürzt und die politischen Motive zurückgedrängt, aber dafür die beiden Liebesepisoden mit Dido und Lavinia stark ausgebaut. Veldeke ist seiner Vorlage in dieser Umakzentuierung gefolgt und kann damit für die deutsche Literaturgeschichte als Neuerer gelten, der erstmals die emotionale und erotische Beziehung zweier Menschen zum Thema der epischen Literatur macht – und dies mit all ihren möglichen Folgen: höfische Liebedem drohenden Selbstverlust, der reflexiven Infragestellung der eigenen emotionalen Stabilität, den Unwägbarkeiten, Unsicherheiten, dem Leid, aber auch dem Glück. In der Nachfolge Veldekes war die Liebe oft das Hauptthema deutschsprachiger Dichtung. So ist es nicht verwunderlich, dass Gottfried von StraßburgGottfried von Straßburg‚Tristan‘ in seinem epochalen Liebes- und Abenteuerroman ‚Tristan‘ um 1210 in Heinrich von Veldeke, der auch als Liebeslyriker in Erscheinung trat, den Ursprung meisterlicher Dichtkunst und das Vorbild zeitgenössischer Autoren sieht:
von Veldeken Heinrîch
der sprach ûz vollen sinnen;
wie wol sanc er von minnen!
wie schône er sînen sin besneit!
Ich wæne, er sîne wîsheit
ûz Pêgases urspringe nam,
von dem diu wîsheit elliu kam.
ine hân sîn selbe niht gesehen;
nû hœre ich aber die besten jehen,
die, die bî sînen jâren
und sît her meister wâren,
die selben gebent im einen prîs:
er inpfete daz êrste rîs
in tiutischer zungen:
dâ von sît este ersprungen,
von den die bluomen kâmen,
dâ sî die spæhe ûz nâmen
der meisterlîchen vünde;
und ist diu selbe künde
sô wîten gebreitet,
sô manege wîs zeleitet,
daz alle, die nu sprechent,
daz die den wunsch dâ brechent
von bluomen und von rîsen
an worten unde an wîsen. (GoTr 4726–4750)
Heinrich von Veldeke dichtete mit großem Sachverstand. Wie gut er von der Liebe sang! Wie schön er den Sinn herausarbeitete! Ich vermute, dass er seine Weisheit aus der Quelle des Pegasus schöpfte, von wo alle Weisheit stammte. Ich habe ihn selbst nicht mehr kennengelernt, aber ich höre jetzt noch die Besten sagen, die zu seiner Zeit und danach Meister (der Dichtkunst) waren, dass sie ihm einen Verdienst zurechnen: Er pflanzte den ersten Baum in deutscher Sprache. Aus diesem entsprangen seither Äste, aus denen jene Blumen hervorsprossen, aus denen die Dichter nach ihm die Kunst der meisterlichen Ideen herausbrachen. Dieses Wissen (über Heinrich) hat sich so weit verbreitet und in so viele Richtungen zerstreut, dass alle, die heutzutage dichten, ihre Kreativität im Umgang mit Worten und Melodien von seinen Blumen und Ästen hernehmen.
1.2.4. Literaturgeschichtliche Linien II: Hartmann von Aue als Dichter
Nicht zu Unrecht kann man Heinrich von VeldekeHeinrich von Veldeke‚Eneasroman‘ als den eigentlichen Erfinder des deutschsprachigen ‚höfischen‘ Romanshöfische Dichtung ansehen (Johnson 1999:231). Sowohl an seiner Darstellungstechnik von Artefakten, Personen und deren inneren Zuständen als auch an seiner sprachlichen Formkunst, die sich an der lateinischen RhetorikRhetorik und Poetik orientiert, schließen nachfolgende deutschsprachige Autoren an. Das gilt auch für Hartmann von Aue, den man dennoch ebenfalls als Neuerer in der deutschen Literaturgeschichte ansehen kann. Mit dem ‚Erec(k)‘ dichtete er nämlich den ersten ArtusromanArtusroman in deutscher Sprache und schuf damit für die zentrale Gattung der ‚höfischen‘ Epik das Modell, an welchem sich Generationen nachfolgender Autoren im Personeninventar (die Ritter der Tafelrunde), in den Motiven (Abenteuer in der außerhöfischen Welt) und in der erzählerischen Vermittlung (Ausgestaltung der ErzählinstanzErzähler / Erzählinstanz) orientierten. Dieser Prototyp des deutschsprachigen Artusromans geht auf die französische Vorlage Chrétiens de TroyesChrétien de Troyes zurück, der einzelne Ritter der Tafelrunde zu Protagonisten eigener fiktiver Erzählwelten erhob (→ Kap. 5.). Von den fünf Artusromanen Chrétiens adaptierte Hartmann zwei in deutscher Sprache: neben ‚Erec et Enide‘ (um 1160/70) Chrétien de Troyes‚Erec et Enide‘ auch den ‚Yvain‘ (um 1170/80)Chrétien de Troyes‚Yvain‘. Grundlage beider Romane ist der bretonische Erzählstoff von König ArtusArtus, welcher in der RomaniaRomania und auf der britischen Insel durchaus einen (wenn auch umstrittenen) historischen Stellenwert hatte. Der erste Schrifttext im 12. Jahrhundert, der ArtusArtus zu einem großen europäischen Herrscher aus der britischen Frühzeit erhob, war nämlich eine Chronik, ein Text der lateinischen Geschichtsschreibung: die ‚Historia regum Britanniae‘ des Geoffrey of MonmouthGeoffrey of Monmouth, ‚Historia regum Britanniae‘ (1135/36). Zwar wurde Geoffrey bereits von zeitgenössischen Historikerkollegen Geschichtsfälschung vorgeworfen, gleichwohl bewahrte ArtusArtus bis ins 12. Jahrhundert einen historischen Rang als großer britischer König der Vorzeit. Geoffrey datierte dessen Herrschaft genau und deren Untergang auf das Jahr 542. Anders als Geoffrey ging es Chrétien in seinen Artusromanen indessen nicht um eine historische Darstellung mit genauen Zeit- und Ortsangaben, sondern darum, spannende Geschichten zu erzählen, die in einem ‚es war einmal in einem Irgendwo‘ spielen und sich um Liebe, Ritterschaft, Kampf sowie Ehre drehen. Während den Chrétien’schen Romanen trotz ihrer zahlreichen Fiktionalitätsmerkmale Fiktionalitätin Frankreich Romaniaein historischer Zeugniswert zugesprochen wurde und diese sogar in Chroniken integriert werden konnten (Wolf 2009:53), kommt den Artusromanen in der deutschen Literaturgeschichte keine gleiche realhistorische Relevanz mehr zu: Der bretonische Erzählstoff (matière de Bretagnematière de Bretagne) wurde als fiktionaler adaptiert, womit sich Chrétiens Tendenz zur Enthistorisierung verstärkte. Am Beginn dieser literaturgeschichtlichen Entwicklung steht Hartmann von Aue, der mit dem ‚Erec(k)‘ das volkssprachliche Erzählen vom Anspruch historischer Verbindlichkeit befreit hat (Haug 21992, Raumann 2010). Der ArtusromanArtusroman war als Gattung so erfolgreich, weil er für eine Vielzahl von Themen besetzbar war, die im Fokus einer kulturellen Elite standen, die einerseits ihren eigenen Lebensstil feierte und andererseits zugleich dessen Grundlagen problematisierend reflektierte: den Umgang mit Liebe, Sexualität, Gewalt, Macht, Ehre, Familie, Religion, dem Fremden und Vertrauten. Hofkultur
Wie seine beiden Artusromane folgt auch der ‚Gregorius‘ einer französischen Vorlage, der um 1150 entstandenen, anonym überlieferten LegendeLegende ‚La vie du Pape Saint Grégoire‘‚La Vie du Pape Saint Grégoire‘. Eine Legende ist eine Erzählung von heiligen Ereignissen oder Personen, deren Leben und oftmals Wandlung im Mittelpunkt stehen. Die deutschsprachige Legendenliteratur schließt weitgehend an eine lateinische Tradition an, die der Erinnerung an herausragende Taten heiliger Menschen und der Erbauung ihrer Rezipienten dient. Diese legendarische Erzähltradition reicht bis in die Antike zurück und wird in Klöstern und kirchlichen Gemeinschaften gepflegt. Im Zuge des kulturellen Umbruchs im 12. Jahrhundert wird diese lateinisch-geistliche Gattung in die deutsche Sprache überführt. Im Gegensatz zu anderen deutschsprachigen Legendenautoren des 12. Jahrhunderts wandte sich Hartmann jedoch einer französischen Vorlage zu und schafft mit seinem ‚Gregorius‘ einen Text, der zwar – wie die überwiegende Überlieferung in legendarisch-geistlichen Sammelhandschriften zeigt – als Legende rezipiert wurde (Ernst 1996), den aber auch romanhafte Elemente und eine „geradezu melodramatische Handlung“ (Johnson 1999:403) kennzeichnen. Damit knüpft der ‚Gregorius‘ deutlich an Paradigmen der ‚höfischen‘ Erzählliteratur an. höfische DichtungDennoch wurde er als erster deutschsprachiger Text ins Lateinische übersetzt, fand also die Aufmerksamkeit der geistlichen Gelehrtenwelt. Bereits um 1210 schrieb Arnold von Lübeck, der Abt des benediktinischen Lübecker Johannisklosters, im Auftrag des Welfenherzogs Wilhelm von Lüneburg, dem Sohn Heinrichs des Löwen, die ‚Gesta Gregorii Peccatoris‘Arnold von Lübeck, ‚Gesta Gregorii Peccatoris‘, die auf Hartmanns Prätext gründet. Auch wenn der Abt den ‚Gregorius‘ abschätzig beurteilt hat – ‚wir haben nicht die Gewohnheit, derartiges zu lesen‘ –, zeigt die zeitnahe Übersetzung in die Gelehrtensprache, dass die ‚höfische‘ Literatur nicht nur für den Laienadel von Interesse ist. Davon zeugt auch eine Prosaauflösung von Hartmanns Versdichtung in der sehr verbreiteten Legendensammlung ‚Der Heiligen Leben‘ ‚Der Heiligen Leben‘um 1400.
Deutlicher noch als die Legende vom armen Büßer Gregorius stellt sich Hartmanns ‚Armer Heinrich‘ als Gattungshybrid mit legendarischer Motivik dar. Das versifizierte Kleinepos erzählt die Geschichte eines Adligen, der von Gott einer Prüfung unterzogen wird: Heinrichs glückliches Leben wird durch eine unheilbare Krankheit, den Aussatz, zunichte gemacht. Als er erfährt, dass das einzige Heilmittel das Herzblut einer Jungfrau im heiratsfähigen Alter sei, die sich freiwillig opfert, und ein Bauernmädchen genau dazu bereit ist, will er zuerst einmal dieses Opfer annehmen. Doch HeinrichHeinrich (‚Armer Heinrich‘) besinnt sich im letzten Moment: Kurz bevor das Mädchen von einem Arzt getötet wird, versteht er, dass er wie Hiob aus dem Alten Testament Gottes Willen geduldig ertragen muss, und bricht die Opferzeremonie ab. Diese Erkenntnis und die aus Mitleid erwachsende Rettung des Bauernmädchens honoriert Gott mit der Heilung Heinrichs. Die vielen religiösen Elemente erinnern an eine Legende, doch wird am Ende das irdische Leben nicht zugunsten einer jenseitigen Perspektive überwunden, sondern wiederhergestellt. In einer handschriftlichen Fassung heiratet nämlich der Adlige das Bauernmädchen und beide kommen nach einem langen glücklichen Leben in den Himmel. Der kleinepische Text weist in einer anderen handschriftlichen Fassung einen alternativen Schluss auf, der die legendarischen Züge stärker betont (→ Kap. 2.): Die Ehe wird sexuell nicht vollzogen, Heinrich wählt den geistlichen Stand und zieht sich wie das Mädchen für den Rest seines Lebens ins Kloster zurück, um Gott zu dienen. Der ‚Arme Heinrich‘ lässt stärker noch als der ‚Gregorius‘ erkennen, dass Weltliches und Geistliches in der ‚höfischen‘ Literatur keine Gegensätze darstellen, sondern (auf verschiedenste Art) miteinander verwoben sind (→ Kap. 11.). Und er zeigt, dass Hartmann Erzählmuster und Motive kennt, die in der lateinischen Gelehrtenkultur wurzelnklerikale Bildung. So begegnen Heilungsgeschichten von Aussätzigen nicht nur in der Bibel, sondern auch in der lateinischen Legendenliteratur. Daher verwundert es nicht, dass auch der ‚Arme Heinrich‘ im 14. Jahrhundert in lateinische Prosa (als ‚Henricus pauper‘ ‚Henricus pauper‘und ‚Albertus pauper‘ ‚Albertus pauper‘in zwei Breslauer Handschriften) übertragen wird (Wolf 2007:108f.). Hartmanns spezifische Leistung aber ist es, die traditionellen, aus dem Lateinischen stammenden Motive mit den profanen Inhalten der ‚höfischen‘ Literatur kreativ zu verschränken: Als Protagonist im ‚Armen Heinrich‘ fungiert ein Ritter, das Opfermotiv wird in eine erotisch aufgeladene Beziehung zwischen Adligem und einem Bauernmädchen eingekleidet, das Ende wird (in einer Textfassung) von einem Märchenschluss dominiert.
Die originelle Verbindung lateinischer Texttypen mit profanen Inhalten der ‚höfischen‘ Kulturhöfische DichtungHofkultur kennzeichnet auch die ‚Klage‘ Hartmanns von Aue (→ Kap. 4.). Als erste deutschsprachige LehrdichtungLehrdichtung über die Liebe kann der Text keiner Gattung wirklich zugeordnet werden. Die ‚Klage‘ entzieht sich einer klassifikatorischen Gattungsbestimmung, weil sie durch ganz verschiedene generische – epische, lyrische, dramatische, epistolarische – Formen geprägt ist und sich durch ein dichtes Geflecht von Traditionsreferenzen auszeichnet. Hartmann experimentiert mit Überkommenem und akzentuiert etablierte Formen neu. So greift er einerseits in der formalästhetischen Ausgestaltung auf lateinische Leib-Seele-DialogeLeib-Seele-Dialog als Traditionskontext zurück und darüber hinaus auf das „Modell der abendländischen Selbstgespräche“ (Hess 2016:13). Diese Selbstgespräche in Form des selbstbetrachtenden Dialogs entstehen im Übergang von der Spätantike zum Mittelalter (zu denken ist etwa an Augustins ‚Soliloquia‘Augustinus, ‚Soliloquia‘ oder Boethius’ ‚Consolatio Philosophiae‘Boethius, ‚Consolatio Philosophiae‘) und etablieren sich „als ‚sprachliche Technik der Selbstformung‘, mit der eine Neuausrichtung in Denken und Handeln erreicht wird“ (Hess 2016:71). Hartmanns originäre Leistung ist es, diesen Dialogtyp des Selbstgesprächs in die höfische Literatur eingeführt und ihn als Medium für deren Themen und Motive etabliert zu haben.
Neben dem Artusroman ist der MinnesangMinnesang die zweite zentrale Gattung der ‚höfischen‘ Periode der Literaturgeschichtehöfische Dichtung (vgl. zum Folgenden Johnson 1999:45ff. sowie Schnell 2012a, Schnell 2012b), die in Hartmanns Œuvre vertreten ist. Immerhin 18 Lieder können ihm zugewiesen werden (→ Kap. 3.). Mittelalterliche Lyrik unterscheidet sich signifikant von moderner Lyrik. Zwar sind formale Mittel wie Rhythmus und Reim vorhanden, allerdings schafft sie weniger Stimmung oder subjektives Empfinden, als es in der modernen Lyrik oft – aber auch nicht ausnahmslos – der Fall ist. Mittelalterliche Lieddichtung ist eine ausgesprochen intellektuell kalkulierte Form lyrischen Sprechens. Sie diskutiert mehr, als dass sie Empfindungen ausdrückt oder evoziert. Dabei ist es nicht so, als würden Gefühle und Empfindungen keine Rolle spielen, nur werden diese extrem typisiert und konventionalisiert. Trotz aller Konventionalität präsentiert aber das Minnelied seinen Inhalt als Erlebnis eines Einzelnen. Der geschilderten Situation kommt dabei aber höchstwahrscheinlich keine historische Referenz zu. Ein Ich singt in den Liedern also nicht über seine persönlichen Gefühle oder Erlebnisse, sondern reflektiert mit topischen Argumenten und rhetorischen Ausdrucksmitteln über konventionalisierte Gefühle. Mittelalterliche Liebeslyrik entspricht also weniger expressiven Formen des eigenen Gefühlsausdrucks als vielmehr Erzeugnissen der modernen Schlager- oder Popkultur. Sie ist eine Form von Rollenlyrik, nicht Erlebnislyrik. Auch wenn Hartmann von Aue eine ausgesprochene Kunstfertigkeit als Lyriker vonseiten der mediävistischen Forschung und anderer Autoren des 13. Jahrhunderts (Heinrich von dem TürlinHeinrich von dem Türlin sowie der Minnesänger von GliersDer von Gliers [SMS 8]) attestiert wird, hat er hier anders als in der Epik keine exzeptionelle Stellung. Während er in der Epik zur ersten Generation von Autoren gehört, die auf französische Romane zurückgreift und lateinische Texttypen neu akzentuiert, liegt die Sache in der Lyrik anders: Bereits seit etwa 1160 werden romanische Liedtypen in der deutschen Literatur adaptiert. Hartmann schließt in seinen Minneliedern an solche schon bestehenden deutschen Traditionen an. Alle vier lyrischen Subgattungen, die in seinem Œuvre vorkommen (Werbelied, Kreuzlied, Frauenlied, Minneabsage), hatten sich im deutschsprachigen Minnesang bereits ausgebildet. Generische Experimente oder Neuerungen bei der Etablierung von Gattungen kennt die Lyrik Hartmanns nicht. Er zeigt sich bei aller artistischer Virtuosität im Einzelnen als ein Lyriker, der bestehende deutschsprachige Traditionen fortführt und sich an etablierten Gattungskonventionen orientiert.
1.3. Fazit
Mit Hartmann von Aue begegnet uns ein ausgesprochen vielseitiger Autor, der lyrische, groß- und kleinepische Texte verschiedener Gattungen gedichtet hat und mit der romanischen, lateinischen und auch deutschsprachigen Literaturtradition bestens vertraut war. In seiner Traditionsbindung an romanische und einheimisch deutschsprachige literarische Formen zeigt sich Hartmann als typischer (aber qualitativ herausragender) Vertreter des hochmittelalterlichen Literaturbetriebs, in dem nicht das Dichten von Originalen, sondern v.a. das kunstvoll-überbietende (Nach-)Dichten bekannter Stoffe sowie die Retextualisierung bereits existierender Erzählungen (ähnlich wie heutzutage das Remake eines Films) hoch angesehen waren (Worstbrock 1999, Bumke/Peters 2005). Daneben besticht er durch die Neuakzentuierung lateinischer Texttypen, die er mit Motiven und Themen verschränkt oder auch wie in der ‚Klage‘ ausfüllt, die der sich entwickelnden ‚höfischen‘ Literatur des 12. Jahrhunderts entstammen. Vor allem in seiner Legende vom guten Sünder Gregorius, aber auch in seiner Erzählung vom Armen Heinrich wirken sprachliche Konventionen weiter, die sich bereits in der deutschsprachigen Literatur mit geistlicher Thematik im 11. und 12. Jahrhundert herausgebildet haben (Unzeitig 2010:231). Der Rückgriff auf die literarischen Formen der Leib-Seele-Dialoge und des selbstbetrachtenden Dialogs in der ‚Klage‘ zeigen darüber hinaus, dass Hartmann auch mit der lateinischsprachigen Literaturtradition vertraut war. Diese Texttypen sind in der deutschsprachigen Literatur vor Hartmann nicht vertreten.
Auch zeitgenössische und nachfolgende mittelalterliche Dichterkollegen weisen ihm eine Ausnahmestellung unter den deutschsprachigen Autoren zu und stellen ihn auf eine Ebene mit Wolfram von EschenbachWolfram von Eschenbach‚Parzival‘, dem Dichter des ‚Parzival‘ und des ‚Willehalm‘, sowie Gottfried von StraßburgGottfried von Straßburg‚Tristan‘, dem Verfasser des ‚Tristan‘. Sie rühmen v.a. Hartmanns sprachliche Virtuosität, seine gedankliche Brillanz und seine Gedankentiefe. Am eindrücklichsten hat dies Gottfried formuliert, der ihn als den größten lebenden Dichter bezeichnet und ihn mit schapel und lorzwî, also mit Sieges- und Lorbeerkranz, zum virtuellen Dichterkönig krönt:
Hartman der Ouwære
ahî, wie der diu mære
beide ûzen unde innen
mit worten und mit sinnen
durchverwet und durchzieret!
wie er mit rede figieret
der âventiure meine!
wie lûter und wie reine
sîniu cristallînen wortelîn
beidiu sint und iemer müezen sîn!
si koment den man mit siten an,
si tuont sich nâhen zuo dem man
und liebent rehtem muote.
swer guote rede ze guote
und ouch ze rehte kan verstân,
der muoz dem Ouwære lân
sîn schapel unde sîn lôrzwî. (GoTr 4621–4637)
Hartmann der Ouwære, ei, wie der die Erzählungen sowohl auf der Oberfläche als auch auf der Bedeutungsebene mit Worten und mit Sinn einfärbt und durchzieht! Wie er mit der Sprache die Bedeutung der Geschichte formt! Wie klar und wie rein seine kristallinen Wortelein sind und immer sein werden! Sie kommen dem Menschen mit Anstand näher, sie gehen dem Menschen nahe und erfreuen den rechten Geist. Wer auch immer gute Sprache gut und auch richtig verstehen kann. der muss dem Ouwære seinen Sieger- und seinen Lorbeerkranz lassen.
Weiterführende Literatur: Einen vorzüglichen Überblick über die Literaturgeschichte des 12. und 13. Jahrhunderts sowie ihre historischen Kontexte bietet Bumke 1990. Literarische Autorbilder dieser Epoche stellt Peters 1991 vor. Eine differenzierte Analyse der Formen, in denen Autorschaft zum Thema in den literarischen Texten des 12. und 13. Jahrhunderts wird, und ihre Herkunft bietet Unzeitig 2010. Die in der älteren und neueren Literaturwissenschaft gleichermaßen geläufige Trennung zwischen Autor und Erzähler problematisiert überzeugend Kablitz 2008. Den mangelnden Zeugniswert der literarischen Autorstilisierungen für die Rekonstruktion einer Biographie Hartmanns zeigt Reuvekamp-Felber 2001 auf. Raumann 2010 arbeitet minutiös das Vexierspiel von Historizität und Fiktion in den Artusromanen Hartmanns heraus. Über die Rezeption literarischer Texte im Mittelalter bis 1300 informiert grundlegend Green 1994. Einen hervorragenden Überblick über die deutschsprachige Lyrik bis in die Zeit Hartmanns von Aue bietet Schnell 2012a und 2012b.
2. Hartmanns Texte: Fassungen und Überlieferung
Andreas Hammer
Abstract: Das Kapitel zeichnet die Überlieferung von Hartmanns Werken unter der spezifischen Perspektive der mittelalterlichen Textualität nach. Anders als in der Moderne werden die Texte über mehrere Jahrhunderte variantenreich und losgelöst vom Autororiginal tradiert; dabei tritt die Medialität der mittelalterlichen Handschriftenkultur besonders deutlich hervor. In diesem Kapitel werden für die Werke Hartmanns nicht alle Handschriftenkontexte einzeln besprochen, vielmehr sollen die überlieferungs- und rezeptionsgeschichtlichen Besonderheiten im Mittelpunkt stehen. Ausgehend von der relativ konstanten (‚Gregorius‘) bzw. unikalen Überlieferung (‚Klage‘) soll es v.a. um drei Problembereiche gehen: 1. die Überlieferung verschiedener Fassungen des ‚Iwein‘ und des ‚Armen Heinrich‘, die v.a. die Schlusspartien der Texte betrifft, 2. die unvollständige und lückenhafte Überlieferung des ‚Ereck‘ sowie 3. die in den einzelnen Handschriften von mouvance gekennzeichnete Lyrik.
2.1. Mittelalterliche Textualität: Zum Verständnis von Text und Autorschaft
ÜberlieferungDie mittelalterliche Kultur ist von völlig anderen medialen VoraussetzungenMedialität geprägt als die der Moderne. Es ist eine ‚semi-orale‘ Kultur, d.h., sie basiert, obwohl Schrift und SchriftlichkeitSchriftlichkeit durchaus bekannt sind, zu großen Teilen weiterhin auf MündlichkeitMündlichkeit und mündlicher Überlieferung. Die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben bleibt wenigen Eliten vorbehalten, und bis zum Hochmittelalter lag das Schriftmonopol fast ausschließlich bei den Kirchen und Klöstern.klerikale Bildung Erst mit den nicht nur in gesellschaftlicher Hinsicht bedeutenden Umwälzungen gegen Ende des 12. Jahrhunderts erlangen auch größere Gruppen außerhalb klerikaler Kreise Lese- und Schreibfähigkeiten – darunter Teile der Ministerialität, zu der vermutlich auch Hartmann von Aue gehörte (→ Kap. 1.). Dennoch bleibt die Anzahl derer, die mit Schrift umgehen können, weiterhin sehr überschaubar. Auch wenn der Schrift eine entsprechend hohe Verbindlichkeit zukommt: Das gesprochene Wort besitzt stets eine immense Bedeutung, die auf andere Weise, etwa durch symbolische Handlungen oder Rituale, durch Zeugen oder andere Beglaubigungsstrategien hergestellt wird.
Es ist einleuchtend, dass unter solchen Voraussetzungen der Umgang mit schriftlichen Zeugnissen keine Selbstverständlichkeit ist, zumal bereits die Herstellung und Produktion ungleich schwieriger war als heute: Texte jeglicher Art sind im Mittelalter, anders als nach der Erfindung des Buchdrucks oder gar in Zeiten des schnellen Internets, nicht beliebig verfüg- und reproduzierbar, sondern müssen mühsam einzeln von Hand abgeschrieben werden. Dazu kommt, dass allein die Materialkosten für eine Handschrift immens waren, denn sie bestand üblicherweise aus Pergament, Tierhäuten also, von denen man für einen einzigenÜberlieferung Codex bereits eine ganze Menge benötigte (Papier wird erst im 14. Jahrhundert langsam bekannt). Wenn man bedenkt, dass eine kleinbäuerliche Familie oftmals nur eine einzige Kuh besaß, man aber schon für ein kleineres Buch die Häute einer halben Herde benötigte, werden die Relationen klarer: Schrifttexte sind nur etwas für reiche, privilegierte Eliten. Allein in solch einem Umfeld kann sich eine ausgeprägte HandschriftenkulturHandschriftenkultur entwickeln, in der die Produktion und Weitergabe von Texten stattfindet. Für die Bewertung der Überlieferung ist das von entscheidender Bedeutung.
FassungDiese besonderen Umstände mittelalterlicher MedialitätMedialität haben auch ein besonderes Verständnis von TextText und AutorschaftAutorschaft hervorgebracht. Hier ist mit offenen Begriffen von Text und Autorschaft zu rechnen, die sich erheblich von ihren von OriginalitätOriginalität und Geniegedanken geprägten, modernen Äquivalenten unterscheiden: „Texte wurden nicht als Originale, nicht als ‚fixierte Lebensäußerungen ihrer Autoren‘ […] begriffen, sondern als veränderliche, verfügbare Gegebenheiten, die der konkreten GebrauchssituationGebrauchssituation, in die hinein sie sprechen sollten, angepasst werden konnten. Man fühlte sich frei, in überlieferte Texte einzugreifen, ohne damit den Anspruch zu verbinden, ein neues Werk zu schaffen; man konnte Umfang, Wortlaut und Abfolge eines Textes verändern, ohne dessen Identität antasten zu wollen“ (Kraß 1996:100f.). Das betrifft auch den Umgang mit den Erzählstoffen: ‚Gregorius‘, ‚Ereck‘ und ‚Iwein‘ sind Texte, die Hartmann aus dem Französischen übertragen hat, freilich nicht in wortwörtlicher Übersetzung, sondern in einer Art freier Bearbeitung (→ Kap. 5.)Wiedererzählen. Ebensowenig lässt sich so etwas wie ein Autororiginal oder eine ‚Fassung letzter Hand‘ rekonstruieren, wie wir sie aus dem Druckzeitalter kennen. Fassungautorisierte F.
FassungErschwerend kommt hinzu, dass die handschriftliche Überlieferung in den meisten Fällen erst Jahrzehnte, teilweise sogar erst Jahrhunderte nach der (mutmaßlichen) Entstehung eines Werkes einsetzt. Im Laufe ihrer Überlieferung sind die Texte immer wieder Veränderungen unterworfen, die teils gezielte Eingriffe darstellen, teils durch die Überlieferungssituation bedingt sind: Im Rahmen eines meist mehrfachen Abschreibprozesses unterlaufen den Schreibern beispielsweise immer wieder Fehler oder Missverständnisse, die dann ihrerseits beim nächsten Mal mit abgeschrieben werden. Ebenso kann ein Schreiber nurmehr eine defekte VorlageVorlage haben, bei der z.B. einige Seiten fehlen, so dass der Text dadurch unvollständig wird. Beim Wiederabschreiben ist der Umgang mit Überlieferungsolch ‚offensichtlichen‘ Fehlern wiederum unterschiedlich: Sie werden entweder einfach mit abgeschrieben und sozusagen ‚konserviert‘, oder aber die Schreiber bemühen sich um Korrektur, wobei sie dann aber vielfach wiederum nicht unbedingt auf ‚Originale‘Originalität zurückgreifen können, sondern nach anderen Kriterien, auch nach eigenem Ermessen verfahren müssen. Schon hieran zeigt sich, dass es in den meisten Fällen unmöglich ist, so etwas wie eine originale, vom Dichter quasi autorisierte FassungFassungautorisierte F. zurückzuverfolgen.
Noch viel schwieriger wird dies, wenn man sich klar macht, dass manche Eingriffe offenbar ganz gezielt vorgenommen wurden. Betrachtet man beispielsweise die reichhaltige Überlieferung des ‚Iwein‘, so weichen die einzelnen Handschriften teils erheblich voneinander ab. Es gibt nicht nur spätmittelalterliche Kurzfassungen,FassungKurzfassung vielmehr weisen schon die beiden ältesten Handschriften erhebliche Unterschiede auf (→ Kap. 2.2.2.1.). Derartige FassungsdivergenzenFassungFassungsdivergenz – d.h. verschiedene Versionen eines Textes ohne Abhängigkeitsverhältnis, die zwar in vielen Punkten meist wörtlich übereinstimmen, sich jedoch im Textbestand bzw. der Textfolge signifikant unterscheiden (Bumke 1996:42–53) – sind gerade für die Werke Hartmanns kennzeichnend, und es ist rückblickend oft nicht mehr zu entscheiden, ob überhaupt eine ‚echte‘ darunter ist oder zumindest eine, welche auf Hartmanns ‚Original‘ zurückgeht. Solche EchtheitsfragenEchtheitsdiskussion, wie sie die Textphilologie des 19. und 20. Jahrhunderts immer wieder gestellt hat, haben sich als wenig zielführend erwiesen. Denn es ist sehr heikel, derart unterschiedlichen Fassungen einen ‚primären‘ oder einen ‚sekundären‘ Status zuzuweisen, schon allein, weil damit eine gewisse Wertung verbunden ist, welche dann eine FassungFassungautorisierte F. schnell zu derjenigen erklärt, die allein vom Dichter autorisiert wäre – doch genau diesen Nachweis kann man nie erbringen, ja mehr noch: Er ist für das Verständnis des zeitgenössischen Publikums offensichtlich gar nicht wichtig gewesen. Entscheidend ist, dass alle Varianten in der mittelalterlichen Überlieferung Interesse gefunden, die Rezipienten die Erzählung also auf ganz unterschiedliche Weise wahrgenommen haben. Es ist daher angeraten, verschiedene Versionen oder Fassungen nicht auf ihren (ohnehin nicht mehr rekonstruierbaren) Ursprung zurückzuführen, sondern vielmehr gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen (so auch die Forderung der ‚New Philology‘New Philology, vgl. programmatisch Nichols 1990). Sie sind kulturhistorische Zeugnisse des Umgangs und der Auseinandersetzung mit den entsprechenden Erzählstoffen – und diese ÜberlieferungAuseinandersetzung kann im Rahmen einer HandschriftenkulturHandschriftenkultur mitunter so tiefgreifend sein, dass sie gravierende Spuren in der Textüberlieferung zurücklässt. Die Texte können dann entsprechend umgeschrieben werden, oder besser, sie erfahren Umformungen, die sich nach den Bedürfnissen der Rezipienten richten.
Das bedeutet keineswegs einen Eingriff in ein Autororiginal, Fassungautorisierte F. allein schon, weil es ein derartiges Verständnis in der deutschen Literatur des hohen Mittelalters so noch gar nicht gibt. Der Text wird selbstverständlich weiterhin als einer von Hartmann, Wolfram oder Walther betrachtet. In der konkreten GebrauchssituationGebrauchssituation jedoch kommt den Rezipienten eine viel weitreichendere Verfügungsgewalt zu, als es in der Neuzeit möglich und denkbar wäre. Wo Texte durch den Druck in ein und derselben Gestalt massenhaft herausgegeben werden können, sind vergleichbare Veränderungen kaum mehr möglich. Erst der erneute Medienwandel des 21. Jahrhunderts zeigt parallele Tendenzen: Texte, die übers Internet verbreitet werden, sind einerseits weltweit in kürzester Zeit verfügbar, andererseits genauso schnell zu verändern und den Gegebenheiten anzupassen. Auch hier lassen sich die Spuren vielfach kaum mehr zurückverfolgen, ist die Verfügungsgewalt über Texte (gerade in der Anonymität des World Wide Web) wieder ungleich höher geworden, während das Prinzip der Autorschaft und des Originals im Schwinden ist. Das zeigt, wie wichtig es ist, den Überlieferungskontext der einzelnen Werke zu kennen, um derartige Bedingungen und Verhältnisse einschätzen zu können, denn in den meisten Fällen sind auch produktions- und rezeptionsästhetische Fragestellungen bei der Interpretation zu berücksichtigen.
2.2. Die Überlieferung der Werke Hartmanns von Aue
Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Überlieferung der Werke Hartmanns, so fällt auf, dass sie sich in den meisten Fällen als äußerst komplex erweist. In der Blütezeit der höfischen Literatur, also der Zeit um 1200 bis 1220, gehörte Hartmann von Aue vermutlich zu den bekanntesten deutschsprachigen Dichtern; dies erweist sich nicht zuletzt in zahlreichen zeitgenössischen Rezeptionszeugnissen, die ihn nennen (→ Kap. 12.). Man sollte meinen, dass sich dieser Bekanntheitsgrad auch in der Überlieferung widerspiegelt, doch dies ist in der Mehrzahl der Fälle nicht so. Der ‚Ereck‘ und die ‚Klage‘ sind beide nur in Überlieferungdem zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstandenen Ambraser HeldenbuchAmbraser Heldenbuch (weitgehend) vollständig überliefert. Ginge man allein nach der Zahl der Überlieferungsträger, so scheint der ‚Iwein‘ (15 vollständige Handschriften) ein deutlich beliebterer und bekannterer Text gewesen zu sein – freilich ist dies ein sehr unzureichendes Kriterium. Die Tradierung dieser Texte über Jahrhunderte unterliegt so vielen Zufällen, dass mit der Anzahl, dem Layout oder dem Entstehungszeitraum der Handschriften alleine nicht viel Aussagekraft gewonnen ist. Hinzu kommt, dass von einigen der Texte Hartmanns (das gilt auch für die Lyrik) nicht nur eine, sondern gleich mehrere Fassungen überliefert sind – im ‚Iwein‘ wie im ‚Armen Heinrich‘ weichen gerade die Erzählschlüsse in auffälliger Weise voneinander ab. Es ist daher nicht sinnvoll, die einzelnen Handschriften und Fragmente der jeweiligen Werke in toto aufzuzählen (vollständig erfasst im → Verzeichnis der Handschriften und Fragmente), vielmehr gilt es, die Eigenarten der teilweise sehr verworrenen Überlieferung herauszuarbeiten. Die Vorgehensweise richtet sich daher im Folgenden auch nicht nach chronologischen oder gattungstypologischen Kriterien, sondern vielmehr danach, ob und welche Auffälligkeiten sich in der Überlieferungssituation zeigen.
2.2.1. Stabile, überschaubare Überlieferungsverhältnisse: ‚Klage‘ und ‚Gregorius‘
Ausgesprochen überschaubar ist die Überlieferung der ‚Klage‘, denn sie ist nur in einer einzigen Handschrift, dem sogenannten Ambraser HeldenbuchAmbraser Heldenbuch überliefert. Dabei handelt es sich um eine besonders junge Handschrift vom Beginn des 16. Jahrhunderts. Zwischen Entstehung und einziger Überlieferung liegen somit über drei Jahrhunderte – eine Schwierigkeit, die auch für den ebenfalls nur dort (annähernd) vollständig überlieferten ‚Ereck‘ gilt und am Ende des Kapitels noch ausführlicher zu Sprache kommen wird (→ Kap. 2.2.3.). Auch der ‚Gregorius‘ weist insgesamt eine sehr stabile Überlieferung auf: Der Text ist neben sechs Fragmenten in insgesamt sechs Handschriften überliefert (→ Verzeichnis der Handschriften und Fragmente), die einen weitgehend übereinstimmenden Textbestand aufweisen. Eine Besonderheit ist allerdings erwähnenswert, denn sie ist typisch für die mittelalterliche Handschriftenkultur: In den älteren Handschriften fehlt nämlich der Prolog, diesen beinhalten nur Überlieferungzwei Handschriften aus dem 15. Jahrhundert. Da der ‚Gregorius‘ jedoch bereits Anfang des 13. Jahrhunderts durch Arnold von Lübeck ins Lateinische übersetzt wurdeArnold von Lübeck, ‚Gesta Gregorii Peccatoris‘ und darin aus dem Prolog zitiert wird, scheint dieser nicht erst im Spätmittelalter hinzugekommen zu sein, vielmehr haben die uns erhaltenen frühen Handschriften den Prolog offenbar weggelassen.
Im Falle des ‚Gregorius‘ zeigt sich, dass nicht nur unterschiedliche Fassungen oder Versionen den Umgang der Rezipienten mit einem Text beleuchten können, sondern auch der Überlieferungskontext Überlieferungskontext– diejenigen Texte also, die in der Handschrift mitüberliefert sind. Das ist im Falle des ‚Gregorius‘ besonders für die umstrittene Frage des Status dieses Textes interessant, der ja Genregrenzen überschreitet: Handelt es sich um eine LegendeLegende oder einen höfischen Roman – oder um das ‚Gattungshybrid‘ eines Legendenromans? Derartige Fragestellungen einer neuzeitlichen Philologie evozieren freilich ein Gattungsbewusstsein, das es im Mittelalter so nicht gegeben haben dürfte. Das kann man hier besonders gut erkennen (vgl. Ernst 1996): Der ‚Gregorius‘ ist fast durchweg zusammen mit anderen religiösen Texten überliefert; in der späten Sammelhandschrift E aus dem 15. Jahrhundert steht er hingegen gemeinsam mit anderen Artusepen (u.a. dem ‚Iwein‘). Offenbar haben die mittelalterlichen Rezipienten den ‚Gregorius‘ also in den meisten Fällen in eine Reihe mit anderen Legendendichtungen gesetzt – aber eben nicht alle, denn zumindest eine Handschrift zeigt ja, dass man im Spätmittelalter weniger den legendarischen als vielmehr den höfischen Charakter der Erzählung ins Auge fasste. Das Changieren zwischen den Gattungen, zwischen Legendendichtung und ArtusromanArtusroman, lässt sich folglich bis in den Überlieferungskontext verfolgen, wenngleich die meisten Handschriften das Werk eher in einen legendarischen Zusammenhang stellen.
2.2.2. ‚Iwein‘ und ‚Armer Heinrich‘: Variantenreiche Überlieferung in mehreren Fassungen
2.2.2.1. Die Erzählschlüsse des ‚Iwein‘
Gemessen an der ÜberlieferungZahl der erhaltenen Handschriften ist Hartmanns ‚Iwein‘ ein reich tradierter und bis ins Spätmittelalter offenbar viel gelesener Text gewesen: 15 vollständige Handschriften und 17 Fragmente sind bis heute bekannt – nur WolframsWolfram von Eschenbach‚Parzival‘ ‚Parzival‘ ist unter den Artusromanen noch häufiger überliefert (Wolf 2008:259). FassungFassungsdivergenzDer ‚Iwein‘, so scheint es, ist bereits kurz nach seiner Entstehung zu einem viel gelesenen Werk avanciert. Diese enorme Wirkung schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts schlägt sich auch in der Überlieferung nieder: Neben zahlreichen Textzeugen aus dem 15./16. Jahrhundert finden sich auch zwei, die schon sehr bald nach der Entstehung des Werkes abgefasst worden sind: Die beiden ältesten Handschriften A und B (→ Abb. 2.1. und 2.2.) stammen etwa aus der Zeit um 1220 – die Entstehung des ‚Iwein‘ setzt man um oder vor 1203 an. Trotz ihrer in etwa gleichen Abfassungszeit unterscheidet sich der Textbestand der beiden Handschriften auf signifikante Weise. Gegenüber A weist B insgesamt über 150 Verse mehr auf; dem stehen 24 Verse gegenüber, die A, nicht aber B überliefert. Eine solche Varianz ist beachtlich, besonders, da die Plusverse von B gegenüber A z.T. längere Passagen von bis zu 42 Versen umfassen.
Abb. 2.1.
Beginn des ‚Iwein‘ in ÜberlieferungHandschrift A (um 1220).
Abb. 2.2.
Beginn des ‚Iwein‘ in ÜberlieferungHandschrift B (um 1220).
FassungFassungsdivergenzInhaltlich besonders gravierend sind die Abweichungen am Schluss – wenn hier von ‚Erweiterung‘ gesprochen wird, so bezieht sich dies nur auf den Textbestand von B im Vergleich zu A, ohne dass unterstellt werden soll, es handele sich damit auch automatisch um Erweiterungen gegenüber einer autornahen ‚Originalfassung‘. Denn der Schluss der Handschrift B enthält nicht einfach nur detailliertere, ausgeschmückte Schilderungen der Handlung, sondern weist gegenüber A massive inhaltliche Differenzen auf, die sich v.a. auf die Figurenkonzeption LaudinesLaudine beziehen: IweinIwein hat es eigentlich nur einer List zu verdanken, dass Laudine überhaupt bereit ist, ihn am Ende doch noch als Ehemann und Hüter der Gewitterquelle zurückzunehmen – sie will hierfür nämlich den mittlerweile berühmten Löwenritter haben und merkt erst dann, dass es sich dabei um niemand anderen handelt, als um ihren (Ex-)Mann Iwein. Erfreut ist sie über diese Entwicklung nicht gerade, da sie aber zuvor ihr Wort gegeben hatte, bleibt ihr kaum etwas anderes übrig, als sich mit Iwein wieder zu versöhnen. ÜberlieferungBesonders emotional ist das von ihrer Seite her nicht; eher kühl nimmt Laudine ihren früheren Gatten wieder bei sich auf, während Iwein sie für das durch ihn erlittene Unrecht um Verzeihung bittet. Dabei belässt es der Text von A dann auch und bringt die Handlung schnell und effektiv zu Ende: Das Paar ist wieder vereint, der Protagonist hat seine Ehre und seine Ehe wiederhergestellt, und beide führen fortan ein glückliches Leben. Demgegenüber hat die Textfassung, wie wir sie in B finden, einen entscheidenden Zusatz: Hier fällt Laudine nach Iweins Entschuldigung unvermittelt vor ihm auf die Knie und bittet um Verzeihung für das Leid, das er ‚von mînen [d.h. Laudines] schulden erliten‘ (HaIw 8125) habe. Iwein heißt sie aufzustehen und beteuert, nicht sie trage Schuld, sondern vielmehr sei alles seiner (fehlerhaften) Einstellung zuzuschreiben.
FassungFassungsdivergenzAuf diese Weise erhält der ganze Schluss in B eine wesentlich versöhnlichere Tonlage. LaudineLaudine ist nicht so kühl und berechnend, sondern durch die Rückkehr Iweins emotional ergriffen, ja sie gesteht am Bruch der Beziehung sogar eine Mitschuld zu. Das verändert freilich die Sichtweise auf ihre Figur radikal: Sie wirkt milder und versöhnungsbereit, nicht mehr so unnahbar wie in den vorangegangenen Szenen, zugleich wird die Schuld an der Trennung nicht mehr nur einseitig auf IweinIwein abgewälzt. Dazu passt, dass B in einem weiteren Zusatz ganz am Ende das glückliche Leben des wiedervereinten Paares weiter ausmalt und sogar die Dienerin LuneteLunete, die alles eingefädelt hatte, durch die Heirat mit einem Herzog noch bedenkt – ein Happy End á la Walt Disney, könnte man fast meinen. Laudines Kniefall allerdings passt so gar nicht zum Verhalten der stolzen und pragmatischen Königin, als die sie zuvor, gerade bei der Heirat mit Iwein, dargestellt worden ist. Das gegenseitige Eingeständnis von Schuld findet zwar eine Parallele im ‚Ereck‘, doch in der Stringenz der Figurenkonzeptionen und des Handlungsverlaufs bedeutet es auch einen gewissen Bruch.
FassungFassungsdivergenzSchon früh sind daher DiskussionenEchtheitsdiskussion aufgekommen, wie ‚echt‘ dieser Schluss sein könne. Es wäre immerhin möglich, dass ein Bearbeiter in Hartmanns Text eingegriffen und ihn an einigen Stellen (möglicherweise unter Zuhilfenahme der VorlageVorlagefranzösische von ChrétienChrétien de Troyes) erweitert hat. Dafür würde sprechen, dass fast alle längeren Passagen, in denen sich B gegenüber A unterscheidet, ausschließlich in dieser einen Handschrift B zu finden sind; alle späteren Handschriften gleichen in diesen Abschnitten dem Text von A. Doch anders als die übrigen Erweiterungen findet sich gerade jene Szene mit Laudines Kniefall noch in Überlieferungzwei weiteren Handschriften, einer aus dem 15. und einer anderen, der jüngsten, aus dem 16. Jahrhundert. Die Schreiber dieser späten Handschriften hatten offenbar eine Vorlage zur Verfügung, welche jenen versöhnlichen Schluss ebenfalls enthielt; die beiden unterschiedlichen Schlüsse scheinen sich somit bis ins Spätmittelalter weitertradiert zu haben. Anders als die sonstigen Erweiterungen, die B gegenüber A aufweist, hat diese inhaltlich gravierendste Veränderung also eine Auseinandersetzung in der späteren Rezeption des Werkes erfahren.
FassungFassungsdivergenzSolche Überlegungen setzen freilich voraus, dass man immer mit einem Autororiginal zu rechnen hätte, das einen einheitlichen, festen und von Hartmann autorisierten Text vorgibt – Fassungautorisierte F.und das hieße in diesem Fall: Handschrift A bewahrt einen Text, der dem Original Hartmanns am nächsten steht. Doch es könnte ja auch genau umgekehrt sein: Die Handschrift B mit dem Kniefall bewahrt den ‚originalen‘, von Hartmann so gewollten und verfassten Schluss, den ein früher Bearbeiter dann zugunsten einer einheitlichen Figurenkonzeption ‚getilgt‘ hat – dann wäre A gegenüber B sekundär. Es ist also weder das eine noch das andere auszuschließen oder gar zu beweisen (vgl. als letzten, argumentativ z.T. höchst fragwürdigen Versuch eines solchen ‚Beweises‘ Schröder 1997, dagegen Hausmann 2001). Die zeitliche Nähe beider Handschriften zueinander sowie zur Entstehung des ‚Iwein‘ könnte hingegen bedeuten, dass es von Anfang an zwei Versionen gegeben hat, sozusagen zwei ‚Iweine‘, einen mit, einen ohne Laudines Kniefall, aber beide Schlüsse aus der ‚Feder‘ Hartmanns oder zumindest aus seinem Umfeld (Bumke 1996:33–42).
Abb. 2.3.
Schluss des ‚Iwein‘ in Handschrift f (1415) mit Hinzufügungen aus dem ‚Willehalm von Orlens‘ des Rudolf von Ems.
FassungFassungsdivergenzAll diese Spekulationen (die ÜberlieferungForschung bringt noch viel mehr) zeigen v.a. eines: Ein vom Autor ‚veröffentlichtes‘ Original, Fassungautorisierte F.ein ‚echter‘ oder ‚ganzer‘ Text in der Gestalt, wie sie Hartmann tatsächlich entworfen hat, ist nicht herstellbar und für die mittelalterliche Schriftkultur offenbar auch längst nicht so relevant wie für die Moderne. Man muss vielmehr mit unterschiedlichen, inhaltlich konkurrierenden Fassungen rechnen, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen (so Bumke 1996). Begriffe wie ‚primär‘ und ‚sekundär‘, ‚Eingriff‘ oder ‚Erweiterung‘ usw. können selbst vor dem Hintergrund des gesamten Überlieferungskontextes nur bis zu einem gewissen Wahrscheinlichkeitsgrad geklärt werden und dürfen sich auch nicht auf ein wie auch immer gestaltetes ‚Original‘ beziehen. Das soll nicht heißen, dass sich in einigen Handschriften nicht trotzdem deutliche Bearbeitungsspuren finden lassen: So steht es außer Frage, dass z.B. die ‚Iwein‘-Handschrift z aus dem Jahr 1464–1467, die insgesamt einen um etwa ein Sechstel kürzeren Text bietet, eine späte Bearbeitung darstellt und aus dem Text eine für das Spätmittelalter typische KurzfassungFassungKurzfassung formt (vgl. Krusenbaum/Seebald 2012). Ähnliches ist für die Handschrift f aus dem Jahr 1415 zu sagen, die zwar nicht die Kniefall-Szene enthält, aber dafür einen stark erweiterten Schlussabschnitt, in dem die weitere Geschichte IweinsIwein und LaudinesLaudine bis hin zur Inthronisation ihres gemeinsamen Sohnes in der Herrschaftsnachfolge ausgesponnen wird: Allerdings ist dieser Schluss in weiten Teilen aus einem ganz anderen Werk, dem ‚Willehalm von Orlens‘ Rudolfs von EmsRudolf von Ems‚Willehalm von Orlens‘, fast wörtlich ‚abgeschrieben‘; lediglich die Namen sind ausgetauscht und einige überleitende Verse zwischen einzelnen Passagen neu hinzugedichtet (Gerhardt 1972, → Abb. 2.3.). Von solchen Fällen ist der Befund der unterschiedlichen Schlüsse jedoch streng zu unterscheiden: Hier kann schon aufgrund der frühen Parallelüberlieferung, erst recht aber aufgrund der Rezeption und Tradierung der Szene auch in späteren Handschriften die Echtheitsfrage kaum Überlieferungentschieden werden.
FassungFassungsdivergenzDas ist ein Ergebnis mit methodologischen Konsequenzen. Wir müssen uns von herkömmlichen, sicherlich auch bequemen, aber eben v.a. neuzeitlichen Konzepten wie dem einer Einheit von Autor und Werk verabschieden. Natürlich gibt es weiterhin den Autor AutorschaftHartmann, der mit einem Werk oder einem Œuvre identifiziert wird (und zwar auch schon im Mittelalter, wie die Lyriküberlieferung zeigt, s.u., 2.4.), entscheidend ist aber, dass zwischen Original und Bearbeitung nicht mehr trennscharf unterschieden werden kann. Vielmehr ist mit einem offenen TextbegriffText zu rechnen: Obwohl die Gesamtheit einer Erzählung weiterhin stets mit dem Namen Hartmanns verbunden bleibt, ist es dem mittelalterlichen Rezipienten dennoch möglich, sich dieses Textes gewissermaßen zu bemächtigen, ihn umzuformen, inhaltlich anders zu akzentuieren, ja sogar gänzlich umzudeuten. Laudines Kniefall stellt in diesem Zusammenhang einen besonders interessanten Fall dar, weil er offensichtlich einen heiklen Punkt im Hinblick auf die Gesamtinterpretation aufgreift, eine Szene, in der sich „die in der Geschichte von Iwein und Laudine angelegten Aporien verdichten“ (Hausmann 2001: 92). Die unterschiedlichen Schlussversionen zeigen eine vehemente Auseinandersetzung mit diesen Aporien, je nachdem ist dann das Verhältnis zwischen Iwein und Laudine entweder besser aufgelöst oder aber die Handlungslogik und Figurenkonstellation stimmiger. Das allerdings ist, jenseits aller Echtheitsfragen, ein Ausdruck der Rezeption, der Auseinandersetzung mit und Diskussion über diese Erzählung und ihre Figuren; nur so lassen sich die darin angelegten Differenzen erfassen und bewerten. FassungFassungsdivergenz
2.2.2.2. Die drei Fassungen des ‚Armen Heinrich‘
FassungFassungsdivergenzEine vergleichbare Situation finden wir auch in der Überlieferung des ‚Armen Heinrich‘ (→ Verzeichnis der Handschriften und Fragmente). Obwohl es sich um einen mit 1500 Versen relativ kurzen Text handelt, können wir heute noch mindestens drei völlig verschiedene Fassungen nachvollziehen – bei nur drei vollständigen Handschriften und drei Fragmenten. Wieder ist es v.a. das Ende der Erzählung, das die größten Abweichungen bietet. Doch anders als beim ‚Iwein‘ sind auch an anderen Stellen grundlegende konzeptuelle Unterschiede zu beobachten. Die uns erhaltenen Fassungen vermengen unterschiedliche Erzählschemata und hybridisieren sie zu einer Einheit (Warning 2004). Das erschwert die gattungstypologische Einordnung dieses kleinepischen Textes, der zwischen LegendeLegende, Märchen und Exempel steht. Ich versuche, die Situation knapp zu umreißen; im Ergebnis kann man auch hier, wie beim ‚Iwein‘, nicht mehr von einem autornahen Text sprechen, sondern nur noch von nebeneinander existierenden Fassungen. Der Text der Handschrift A (die Handschrift ist 1870 in StraßburgÜberlieferung verbrannt, jedoch durch frühere Abschriften vollständig rekonstruierbar) aus dem 14. Jahrhundert galt bis in jüngste Zeit als der Hartmann am nächsten stehende. Hier heiratet HeinrichHeinrich (‚Armer Heinrich‘) nach seiner wunderbaren Genesung am Ende die MeierstochterMeierstochter (‚Armer Heinrich‘). Wegen des Standesunterschiedes (ein Ritter heiratet eigentlich kein Bauernmädchen) ist das allerdings ein ‚Märchenschluss‘ mit einem alle zufriedenstellenden Happy End.
FassungFassungsdivergenzDemgegenüber steht Fassung B, repräsentiert durch zwei Handschriften (Ba → Abb. 2.4. und Bb), von denen die eine nachweislich eine ziemlich getreue Abschrift der anderen (z.T. sogar durch den gleichen Schreiber) ist; sie hängen also sehr eng miteinander zusammen. Hier gibt es zwar auch einen glücklichen, aber keinen so märchenhaften Ausgang: Nach Gesundung und freudiger Rückkehr heiraten HeinrichHeinrich (‚Armer Heinrich‘) und die MeierstochterMeierstochter (‚Armer Heinrich‘) nicht, sondern gehen ins Kloster – nach dem abgewendeten Opfertod des Mädchens und der wundersamen Heilung Heinrichs wollen sie sich aus der Welt zurückziehen und auf diese Weise neben dem körperlichen auch ihr Seelenheil gewinnen. Ein solcher moniage, ein Rückzug der Protagonisten ins Kloster, ist ein durchaus konventioneller, aber eher geistlicher Schluss. Zu dieser Grundkonzeption passen auch weitere, tiefgreifende Änderungen, die B gegenüber A aufweist: Die wichtigste ist das Alter des Mädchens, das zu Beginn der Handlung in A erst 8 Jahre alt ist, in B jedoch immerhin schon 12. Wenn es drei Jahre später beschließt, sich für Heinrich zu opfern, ist es in A immer noch ein unmündiges Kind, das freilich bereits rhetorisch brillant und theologisch überzeugend argumentieren kann – dieses wenig wirklichkeitsnahe Verhalten passt in gewisser Weise zum Märchenschluss von A. In Fassung B ist das Mädchen dagegen bereits 15 Jahre alt, im heiratsfähigen Alter und reifer; ihre Beziehung zu Heinrich trägt zudem deutlich erotischere Züge. Umstellungen und Erweiterungen gegenüber A, v.a. in der Argumentation, mit der die MeierstochterMeierstochter (‚Armer Heinrich‘) ihre Eltern von ihrem Opferwillen überzeugt, lassen sie eigenständiger erscheinen und zielen darauf ab, mit ihrem Opfer nicht nur Heinrich zu retten, sondern zugleich auchÜberlieferung das eigene Seelenheil zu gewinnen (vgl. Schiewer 2002). In dieser nur knapp umrissenen Konstellation ist ein geistlicher Schluss nur folgerichtig und fügt sich in die Gesamtkonzeption von B ein.
2.4.
Beginn des ‚Armen Heinrich‘ in Handschrift Ba (erstes Viertel des 14. Jahrhunderts).
Bezieht man zu diesen Überlegungen nun auch noch den ÜberlieferungskontextÜberlieferungskontext mit ein, so bilden die beiden Fassungen auch hier ein eigenständiges Profil aus. Im Gegensatz zu den beiden ältesten ‚Iwein‘-Handschriften, die nur diesen einen, freilich auch wesentlich längeren Text enthalten, findet sich der deutlich kürzere ‚Arme Heinrich‘, soweit sich das noch nachweisen lässt, stets im Verbund mit anderen Texten. Es handelt sich um Sammelhandschriften, die hauptsächlich kurze bis kürzeste Werke (bis hin zu Sinnsprüchen), dies jedoch in großer Anzahl, beinhalten; zum überwiegenden Teil Mären- und Exempeldichtungen. Handschrift A umfasste 27 solcher Texte, die beiden Handschriften der Fassung B enthalten sogar weit über 200. Vergleicht man die anderen Texte der jeweiligen Handschriften inhaltlich miteinander, so lässt sich zumindest ein Trend erkennen: Die Mehrheit der kurzen Erzählungen und Sprüche in A sind eher komisch bis derb, zugespitzt formuliert bieten sie vor allen Dingen unkomplizierte, launige Unterhaltung. Das ‚Happy End‘ mit Märchenschluss passt gut in Überlieferungeinen solchen Zusammenhang. Umgekehrt beinhalten die beiden Handschriften der B-Fassung auch sonst überwiegend Texte mit einer geistlich-religiösen Komponente. Insbesondere diejenigen in der unmittelbaren Umgebung des ‚Armen Heinrich‘, also die vor und nach dieser Erzählung stehenden Texte, sind dezidiert religiös konnotiert. In eine solche Reihe wiederum fügt sich gerade der geistliche Schluss von B hervorragend ein, der dagegen neben den anderen Texten von A regelrecht deplatziert wirken würde (Hammer/Kössinger 2012:160–162). A bietet die problematischere, weil unrealistische Fassung, während der religiöse Anspruch in B wohl eher den literarischen Konventionen entsprochen haben dürfte; beide Fassungen stimmen mit der Schwerpunktsetzung ihres jeweiligen Überlieferungskontextes überein.
FassungFassungsdivergenzVerkompliziert wird die Lage durch den Fund von Fragmenten, die 1965 bei Restaurierungsarbeiten an der Orgel der Klosterkirche Benediktbeuern aufgetaucht sind: Insgesamt 11 Pergamentstreifen einer Handschrift waren zur Abdichtung in die Orgelpfeifen eingeklebt, der Erhaltungszustand des Pergaments ist dadurch ziemlich schlecht. Da sie der Länge nach zerschnitten sind, lassen sich vielfach nur noch die Versanfänge oder -schlüsse der enthaltenen Texte erkennen; erst kriminaltechnische Methoden konnten die Lesbarkeit einiger Abschnitte wieder entscheidend herstellen. Zufällig jedoch sind in diesem mit E bezeichneten Fragment sowohl der Anfang als auch der Schluss des ‚Armen Heinrich‘ erhalten (der Anfang vollständig, der Schluss über die Versanfänge rekonstruierbar), während der Text in der Mitte weitgehend verloren ist (→ Abb. 2.5.). Aus dem wenigen, was erhalten ist, lassen sich weitreichende Schlüsse ziehen: Hier liegt offenbar eine Fassung vor, die sich von den bisherigen gründlich unterscheidet; u.a. fehlt der Prolog, in dem sich Hartmann als Autor nennt. Gekürzt ist aber auch der Schluss: Gegenüber A und B endet der Text von E nicht mit Heirat oder moniage, sondern schon viel früher, nämlich mit der wunderbaren Heilung und der Rückkehr von HeinrichHeinrich (‚Armer Heinrich‘) und Überlieferungder MeierstochterMeierstochter (‚Armer Heinrich‘), deren weiteres Schicksal offen bleibt.
Abb. 2.5.
Zwei der elf Teile von Fragment E des ‚Armen Heinrich‘ (um 1300).
FassungFassungsdivergenzDa die Entstehungszeit dieser Handschrift aus paläographischen Gründen noch ans Ende des 13. Jahrhunderts zurückreicht, scheint es sich nicht um eine v.a. für das Spätmittelalter typische KurzfassungFassungKurzfassung zu handeln, wie sie beispielsweise mit der ‚Iwein‘-Handschrift z vorliegt (s.o.). Da man außerdem anhand der erhaltenen Versanfänge sowie der Blattgrößen in etwa den ursprünglichen Gesamtumfang des Textes von E errechnen kann, lässt sich feststellen, dass die wesentlichen Kürzungen v.a. den Prolog und eben das Ende betroffen haben, der Textbestand ansonsten aber offenbar nicht wesentlich kürzer gewesen sein dürfte. Das legt den Schluss nahe, dass es sich bei E nicht einfach um eine gekürzte Fassung handelt, sondern um eine Textform, die der des religiösen Exempels nahesteht (Hammer/Kössinger 2012:158f.). Dazu würde die Anonymität des Textes passen (die Autornennung fällt ja mit dem Prolog weg), v.a. aber der rasche Abschluss der Handlung, der dann den Akzent ganz auf die gnadenvolle Heilung setzt und sich für das weitere Schicksal der Protagonisten nicht interessiert. Dass der Text jedenfalls für didaktische Zwecke geeignet war, zeigt die Aufnahme des Stoffes in lateinische ExempelsammlungenBreslauer Exempelkollektionen (Mertens 2004:939–941), wo der Erzählstoff vom Armen Heinrich als exemplarische Geschichte dargeboten wird, um Gottes Gnade und Barmherzigkeit unter Beweis zu stellen, welche den sündigen Menschen vom Aussatz (der dann weniger im wörtlichen denn im übertragenen Sinne zu sehen ist) heilen kann.
FassungFassungsdivergenzDie Überlieferung von ‚Iwein‘ und ‚Armer Heinrich‘ könnte also unterschiedlicher nicht sein. Der Artusroman ist in zahlreichen Handschriften erhalten, der kurze, legenden- oder Überlieferungexempelhafte ‚Arme Heinrich‘ dagegen nur in drei vollständigen Handschriften. Dennoch zeigt sich ein vergleichbares Bild, denn beide Texte präsentieren sich in ganz unterschiedlichen Fassungen, die insbesondere im Erzählschluss ausgesprochen prägnant voneinander abweichen. Welche Fassung nun das ‚Original‘ Fassungautorisierte F.von Hartmann ist, wäre dabei erneut die falsche Frage. Man kann nur aus der Rezipientenperspektive argumentieren: Offensichtlich lassen sich gerade an den Schluss des ‚Iwein‘ seit jeher ganz unterschiedliche Interpretationsangebote anschließen, und zwar bis ins Spätmittelalter hinein, was das Bewusstsein für und die Auseinandersetzung mit den Ambivalenzen der handelnden Figuren unterstreicht. Es gibt daher keinen ‚richtigen‘ oder ‚falschen‘ Schluss; die beiden Fassungen existieren praktisch von Beginn an nebeneinander.
FassungFassungsdivergenzÄhnlich sieht es beim ‚Armen Heinrich‘ aus, nur dass die geringere Zahl der erhaltenen Überlieferungsträger hier für Unsicherheiten sorgt. Dennoch zeigt sich zumindest, dass am und mit dem Text gearbeitet worden ist, der grundsätzlich offen für Veränderungen und unterschiedliche Interpretationsmodelle war. Verbunden bleiben alle Texte dennoch stets mit dem Namen Hartmann von Aue, dessen schöpferische Tätigkeit damit für die Rezipienten hinter jeder Fassung steht; lediglich die an religiöse Exempel angelehnte und ohne Autornennung überlieferte Fassung E des ‚Armen Heinrich‘ bildet hier eine Ausnahme und zeigt dadurch, wie sich die Übernahme in andere Erzählgenres regelrecht verselbständigt: Da sich der Stoff für Exempeldichtungen eignet, wird der Kern der Erzählung innerhalb derartiger Kontexte losgelöst vom Autor weitertradiert – erst recht erweist sich darin die prinzipielle Offenheit mittelalterlicher Textualität, die unabhängig von Konzepten wie dem des Autors und des Originals‘ von ‚echt‘ oder ‚falsch‘ funktioniert.
2.2.3. Lückenhafte Überlieferung: Der ‚Ereck‘
Ganz anders stellt sich die Situation beim ersten Artusroman in deutscher Sprache, dem ‚Ereck‘, dar. Hartmanns mutmaßlich erstes Werk wird in der Literatur des 13. Jahrhunderts immer wieder erwähnt, so in Wolframs ‚Parzival‘Wolfram von Eschenbach‚Parzival‘ (mit Hartmann als Autor verbunden) oder dem ‚Welschen Gast‘ des Thomasin von ZerklæreThomasin von Zerklære, ‚Welscher Gast‘, einem Lehrgedicht für höfische Tugenden und Verhaltensweisen (vgl. Wolf 2008:26 und 258f.). Entgegen dieser offensichtlichen Präsenz im literarischen ÜberlieferungBewusstsein ist die Überlieferungslage aber denkbar schlecht: Neben ein paar Fragmenten aus dem 13. und 14. Jahrhundert finden wir den gesamten Text überhaupt nur in einer einzigen Handschrift (A), und nicht einmal dort ist er vollständig erhalten. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Handschrift erst Anfang des 16. Jahrhunderts angefertigt worden ist, also über drei Jahrhunderte nach der Entstehung des ‚Ereck‘: Das sogenannte Ambraser HeldenbuchAmbraser Heldenbuch (benannt nach dem früheren Aufbewahrungsort Ambras in Österreich) wurde von niemand Geringerem als Kaiser Maximilian I.Maximilian I. in Auftrag gegeben. Maximilian war begeistert vom Mittelalter, präsentierte sich oftmals selbst als Ritter und hing so einem für ihn selbst schon längst vergangenen Zeitalter nach, das er idealisierte und als ‚letzter Ritter‘ bisweilen offenbar auch nachzuleben versuchte. Dementsprechend war er auch an der Literatur dieser Zeit interessiert (vgl. Müller 1982), und so beauftragte er den Zollschreiber Hans RiedRied, Hans, sich auf die Suche nach alten Handschriften zu machen und diese in einem großen, repräsentativen Codex abzuschreiben. Von 1504–1516 war Ried mit dieser Arbeit beschäftigt, wobei es offenbar nicht ganz einfach war, von allen Texten brauchbare Manuskripte aufzutreiben.
Abb. 2.6.
Überschrift zur ‚Mantel‘-Erzählung Überlieferungmit Ankündigung des ‚Ereck‘ im Ambraser Heldenbuch (A) (mittlere Spalte unten, vgl. Abb. 2.7.).
Das Ambraser HeldenbuchAmbraser Heldenbuch ist für die Literaturwissenschaft von unschätzbarem Wert, da es nicht weniger als 15 Texte enthält, die ansonsten gar nicht oder nur in wenigen Fragmenten überliefert sind. Von Hartmanns Werken enthält es neben dem ‚Ereck‘ auch den ‚Iwein‘ sowie die ‚Klage‘ und ein weiteres minnedidaktisches Werk, das ‚zweite Büchlein‘‚Zweites Büchlein‘, das zur Abfassungszeit des Codex offenbar ebenfalls Hartmann von Aue zugeschrieben wurde. Die beiden minnetheoretischen Stücke sind gerahmt von den beiden Artusromanen ‚Iwein‘ und ‚Ereck‘, was darauf schließen lässt, dass hier gezielt ein ganzer Block aus dem Hartmann-Œuvre aufgeschrieben werden sollte, und zwar allesamt Werke, in denen über das Thema der höfischen Minne reflektiert wird. Hans RiedRied, Hans hat die Texte aus seinen wohl sehr alten, aber nicht immer vollständigen VorlagenVorlage mit kalligraphischer Genauigkeit abgeschrieben, allerdings sprachlich modernisiert: Die mittelhochdeutsche Sprache seiner meist aus dem 13. Jahrhundert Überlieferungstammenden Texte überträgt er ausnahmslos in die frühneuhochdeutsche, Tiroler Mundart seiner Zeit. Wir finden Hartmanns ‚Ereck‘ daher nur in der Sprache des frühen 16. Jahrhunderts wieder, und da wir bis auf wenige Bruchstücke keine anderen Textzeugen mehr besitzen, ist es praktisch unmöglich, das mittelhochdeutsche ‚Original‘ Hartmanns wiederherzustellen – wenngleich fast alle Ausgaben anhand sprachlicher und stilistischer Vergleiche mit anderen Werken Hartmanns eine Rückübersetzung ins Mittelhochdeutsche unternommen haben. Das Ambraser HeldenbuchAmbraser Heldenbuch ist daher in erster Linie ein Rezeptionszeugnis; anders als beim ‚Iwein‘ ist es für den ‚Ereck‘ und die ‚Klage‘ allerdings auch das einzige Überlieferungszeugnis.1
Doch die Schwierigkeit einer über 300 Jahre jüngeren, sprachlich stark veränderten Textfassung ist nicht die einzige. Hinzu kommt nämlich das Problem, dass die Überlieferung des ‚Ereck‘ im Ambraser HeldenbuchAmbraser Heldenbuch an zwei Stellen scheinbar unvollständig oder zumindest gestört ist, einmal gleich am Anfang und ein weiteres Mal in der Mitte der Handlung. Besonders problematisch ist die erste Stelle: Geht man nach den ‚üblichen‘ Konventionen der höfischen Romane sowie nach der französischen Vorlage ChrétiensChrétien de Troyes, so wäre auch für den ‚Ereck‘ ein Prolog zu erwarten, in dem der Autor sich nennt und den Stoff seiner Erzählung vorstellt, die dann, ähnlich wie bei Chrétien, mit der Hirschjagd von König ArtusArtus beginnt. Der Text im Ambraser Heldenbuch beginnt mit einer längeren Überschrift, in der es zuletzt heißt, man erfahre nun ‚besonders von Ereck und seiner Frau einen Großteil und eine schöne Lektüre‘ (Súnderlich von Erick und seiner hausfrauen ein tail ain schön lesen → Abb. 2.6. und 2.7.). Allerdings setzt erst einmal eine ganz andere Handlung ein, es geht nämlich um einen Mantel‚Der Mantel‘, der an den Artushof für eine Tugendprobe gebracht wird, um die Treue der dortigen Frauen zu testen. Diese schwankhafte ErzählungÜberlieferung hat ebenfalls eine französische Vorlage Vorlagefranzösische (‚Du mantel mautaillé‘); ‚Du mantel mautaillé‘eine mittelhochdeutsche Version ist allerdings einzig hier, im Ambraser Heldenbuch, überliefert.2 Nach fast tausend Versen, inmitten der Handlung, ja mitten im Satz und in der Handschrift durch nichts – kein anderes Layout, keine Überschrift, nicht einmal einen Absatz – gekennzeichnet, geht der Text dann unmittelbar in die ‚Ereck‘-Handlung über, wie wir sie von Chrétien her kennen: Plötzlich handelt die Erzählung vom Ausritt der Königin in Begleitung Erecks, während die bei Chrétien zuvor erzählte Hirschjagd der Artusritter nicht vorkommt, jedoch für das Verständnis der nachfolgenden Szenen vorausgesetzt werden muss (→ Abb. 2.8. und 2.9.).
Wie kommt es zu dieser merkwürdigen Kombination zweier so unterschiedlicher Erzählhandlungen mit zwei französischen Vorlagen, von denen nur Schauplatz und Personal übereinstimmen? Für sich betrachtet sieht es so aus, als ob es sich um zwei differierende Texte handelt, wobei von dem einen, dem recht kurzen ‚Mantel‘‚Der Mantel‘, der Schluss, von dem anderen, dem ‚Ereck‘, wiederum der Anfang fehlt; beide gehen ziemlich unvermittelt ineinander über und erscheinen in der Handschrift als ein gemeinsamer Text. Die philologische Forschung hat hierfür verschiedene Erklärungen beigebracht. Die einfachste wäre sicherlich, von einer Überlieferungspanne auszugehen: Hans RiedRied, Hans könnte, so die Vermutung, bereits eine fehlerhafte Vorlage verwendet haben, bei der mehrfach ein Blatt verlorengegangen sei (schließlich gibt es noch eine zweite Lücke im ‚Ereck‘). Das erste Blatt wäre dann genau an der Stelle ausgefallen, an der das Ende der ‚Mantel‘- und der Anfang der ‚Ereck‘-Erzählung gestanden hätten; Ried habe die Lücke womöglich nicht einmal bemerkt, sondern stur den Text der Handschrift kopiert (so z.B. Honemann 1999). Diese Erklärung greift freilich zu kurz. Hans Ried war ein ausgesprochen sorgfältiger Schreiber, der zwar manche für ihn fremdgewordene Ausdrücke des Mittelhochdeutschen nicht mehr verstanden und falsch umgesetzt hat, dem jedoch ein solcher Überlieferungsfehler durchaus aufgefallen sein müsste. Das zeigen nicht Überlieferungnur die älteren ‚Ereck‘-Fragmente K und V (dazu Scholz 2000), sondern auch Vergleiche mit anderen Texten des Ambraser HeldenbuchesAmbraser Heldenbuch, von denen noch andere, z.T. deutlich ältere Handschriften vorliegen (vgl. Thornton 1962, Fuchs-Jolie u.a. 2013:697f.).
Abb. 2.7.
Beginn des ‚Mantel‘ mit Ankündigung des ‚Ereck‘ im Ambraser Heldenbuch (A) (Detail).
Abb. 2.8.
Beginn der ‚Ereck‘-Handlung im im ÜberlieferungAmbraser Heldenbuch (A) (mittlere Spalte unten, D-Initiale, vgl. Abb. 2.9.).
Abb. 2.9.
Beginn der ‚Ereck‘-Handlung im Ambraser Heldenbuch (A) (Detail).
Der Befund ist also differenzierter zu bewerten. So ist anzunehmen, dass dem Text, ebenso wie seiner französischen Vorlage Vorlagefranzösischeund Hartmanns zweitem Artusroman ‚Iwein‘ ursprünglich ein Prolog vorausging, und anzunehmen ist auch, dass er die Hirschjagd ähnlich darstellte wie Chrétien. Es ist daher wahrscheinlich, dass es sich bei der eigenwilligen Verbindung von ‚Mantel‘-Handlung‚Der Mantel‘ und ‚Ereck‘ um eine spätere Bearbeitungsstufe handelt, wobei der für seine Verhältnisse recht umfangreiche Prolog des ‚Mantel‘ gar als ein ‚Ersatz‘ für einen ‚Ereck‘-Prolog fungiert haben könnte (so Bumke 2006:11f.). Die bei der Verbindung Überlieferungauftretenden Unstimmigkeiten scheinen für das Spätmittelalter kein Problem gewesen zu sein: Selbst in den Augen eines so sorgfältigen Schreibers wie Hans RiedRied, Hans stellte der ‚Ereck‘ mit dem ‚Mantel‘-Anfang offenbar einen einzigen Gesamttext dar. Und mit großer Sicherheit hat Ried den Text so, wie er ihn abgeschrieben hat, bereits in seiner Vorlage als zusammengehörend vorgefunden. Dass die beiden Handlungsstränge zumindest nicht zufällig durch eine unglückliche Überlieferungspanne zusammengeklammert wurden, legen auch inhaltliche Korrespondenzen nahe: Am Ende der Mantelprobe, die die Treue der Frauen am Artushof erweisen soll, treten nämlich EreckErec und EniteEnite auf (in der französischen Version kommen die beiden dagegen gar nicht vor). Enite besteht die Probe bis auf einen kleinen Schönheitsfehler, erweist sich also als die treueste unter den Frauen am Hof – nicht einmal Königin GinoverGinover hatte bis dahin überzeugt! Kurz darauf setzt dann, wenngleich abrupt und übergangslos, die ‚Ereck‘-Handlung ein, in der die Treue Enites zu ihrem Mann ja eines der zentralen Themen ist. Die Geschehnisse um den Mantel und Enites Rolle darin werden auf diese Weise erst verständlich, wenn man rückblickend die des ‚Ereck‘ hinzunimmt, der damit beinahe wie eine Art ‚Prequel‘ für die ‚Mantel‘-Handlung erscheint.
Dies und weitere Korrespondenzen (vgl. dazu Hess 2011:170–175, Hammer 2015:434–444) lassen darauf schließen, dass die ‚Mantel‘-Handlung‚Der Mantel‘ möglicherweise planvoll mit der des ‚Ereck‘ verschmolzen wurde. Über die Gründe kann man nur spekulieren: Ist der Beginn von Hartmanns ‚Ereck‘ irgendwann verlorengegangen und dann von einem findigen Kompilator mit der ‚Mantel‘-Erzählung verbunden worden? Allerdings vermutet man aus sprachlichen Gründen, dass die Vorlage, die Hans RiedRied, Hans verwendet hat, möglicherweise noch ins 13. Jahrhundert zurückreicht – es wäre aber eher unwahrscheinlich, dass schon zu einem derart frühen Zeitpunkt ein Teil des Textes nicht mehr greifbar ist. Hat man gar den vorhandenen Anfang bewusst ersetzt, etwa, weil er nicht zu gefallen wusste? Auch das kann mangels weiterer Textzeugen weder überprüft noch bewiesen Überlieferungwerden. Ebenso muss unklar bleiben, ob der ‚Mantel‘ ursprünglich ein selbständiger mittelhochdeutscher Text nach französischer Vorlage Vorlagefranzösischewar, der erst später mit dem ‚Ereck‘ verbunden wurde, oder ob die Handlung lediglich als Folie diente, um eine neue oder andere Version eines ‚Ereck‘-Beginns herzustellen. Die unterschiedlichen Schlussfassungen des ‚Iwein‘ zeigen allerdings, dass solche Spekulationen reizvoll, aber wenig zielführend sind. Besitzen wir im Falle des ‚Iwein‘ verschiedene, gewissermaßen miteinander konkurrierende Fassungen, so haben wir beim ‚Ereck‘ den noch problematischeren Fall, nur einen einzigen, zumal sehr späten Überlieferungszeugen zu besitzen. Vieles mag sich im Laufe der Zeit vom ‚ursprünglichen‘ Text verändert haben – so werden an einigen Stellen, wie etwa dem umfangreichen Namenkatalog bei der Hochzeitsfeier, spätere Zusätze vermutet. Das aber lässt sich nicht rekonstruieren, was die Frage nach dem ‚Original‘ erst recht obsolet macht. Auch wenn mithin einiges dafür spricht, dass der Text des Ambraser HeldenbuchesAmbraser Heldenbuch eine bereits bearbeitete Fassung von Hartmanns ‚Ereck‘ darstellt: Es bleibt uns nur übrig, diesen als Rezeptionszeugnis der frühen Neuzeit in seiner vorliegenden Gestalt ernst zu nehmen.
FassungFassungsdivergenzDie ohnehin problematische ‚Ereck‘-Überlieferung wird durch die Fragmente noch weiter verschärft. Der im Ambraser Heldenbuch erhaltene Text weist an mindestens einer weiteren Stelle noch eine Lücke auf: Vor Erecks zweiter Begegnung mit der Artusgesellschaft gibt ein erneuter Sprung in der Handlung (auch im Vergleich mit ChrétienChrétien de Troyes) zu erkennen, dass hier offensichtlich etwas fehlt, denn plötzlich finden sich die Leser_innen in einem Gespräch zwischen EreckErec und KeieKeie, ohne dass deren Zusammentreffen vorher geschildert worden wäre (HaEk 5616f./HaEr 4629f.). Auch diese handlungslogische Lücke ist in der Handschrift durch nichts gekennzeichnet. Mit dem Fund von zwei nicht ganz vollständigen Pergament-Doppelblättern in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel konnte die Lücke allerdings fast vollständig geschlossen werden: Das Fragment (nach dem Fundort Wolfenbüttel mit der Sigle W bezeichnet) stammt noch aus dem 13. Jahrhundert und enthält über 300 Verse von Hartmanns ‚Ereck‘, die fast genau an der Stelle einsetzen, an der die etwa 80 Verse im Ambraser HeldenbuchAmbraser Heldenbuch fehlen, weshalb sie recht gut zu deren Rekonstruktion verwendet werden können. Allerdings weicht der Text von W in vielerlei Hinsicht von dem des Ambraser Heldenbuches ab. Abgesehen davon, dass es sich nicht um Frühneuhochdeutsch, sondern um ein Mittelochdeutsch des 13. Jahrhunderts handelt, weist die Schreibsprache von W Überlieferungmitteldeutsche Merkmale mit niederdeutschen Einflüssen auf – auch hier war also ein Schreiber am Werk, der Hartmanns Werk nach den Gegebenheiten seiner eigenen Sprache aufgeschrieben hat (vgl. Klein 2007).
FassungFassungsdivergenzDie Wolfenbütteler Fragmente bieten einen Text von Hartmanns ‚Ereck‘, der nicht nur sprachlich, sondern auch gestalterisch anderen Kriterien unterworfen ist als der viel später entstandene des Ambraser HeldenbuchesAmbraser Heldenbuch. Im Jahr 1978 sind in Wolfenbüttel weitere Fragmente dieser Handschrift aufgetaucht: ein Pergamentblatt, das in schmale Streifen zerschnitten wurde, um den Einband einer anderen Handschrift zu verstärken. Beim Zusammensetzen der einzelnen Streifen konnte man feststellen, dass sie vom selben Schreiber und derselben Handschrift stammen wie die beiden bereits bekannten Wolfenbütteler Blätter. Auch sie beinhalten, soweit man das bei diesem zerschnittenen Blatt noch erkennen kann, Teile der ‚Ereck‘-Handlung. Der hier gefundene Text gibt eine Szene aus dem Kampf zwischen Ereck und GifuraisGifurais wieder, in der Handlung also unweit der Stelle, an der die zuerst entdeckten Wolfenbütteler Fragmente einsetzen. Doch hat die hier geschilderte Szene überhaupt keine Parallele im Ambraser Heldenbuch, sondern ist viel stärker an die französische Vorlage Vorlagefranzösischeangelehnt. Dieser verwirrende Befund deutet darauf hin, dass es im 13. Jahrhundert offenbar noch eine weitere (aufgrund der Schreibsprache wohl hauptsächlich im mitteldeutschen Bereich kursierende) Version des ‚Ereck‘ neben der Hartmanns von Aue gegeben haben muss. Diese These wird durch die jüngst entdeckten Fragmente aus dem Kloster Zwettl ( Z) gestützt: Auch hier handelt es sich um insgesamt 11 kleine Papierschnipsel, die zur Verstärkung von barocken Einbänden in Bücher geklebt und erst bei der Restaurierung freigelegt und 2002 (das letzte erst 2013) bekannt wurden (→ Abb. 2.10.). Auch sie präsentieren einen ‚Ereck‘-Text in mitteldeutscher Schreibsprache, der nicht mit dem des Ambraser HeldenbuchsAmbraser Heldenbuch übereinstimmt, sondern sich viel enger an ChrétienChrétien de Troyes anlehnt (vgl. Glauch 2009b, Hammer/Reuvekamp-Felber 2014). Die Textausschnitte stammen aus dem ersten Teil der Handlung, etwa um das Hoffest nach der Hochzeit zwischen Ereck und ÜberlieferungEnite.
Abb. 2.10.
Der ‚mitteldeutsche Ereck‘ im 2002 entdeckten Zwettler Fragment (Mitte des 13. Jahrhunderts).
FassungFassungsdivergenzOb dieser zweite, ‚mitteldeutsche Ereck‘ ein Vorläufer oder ein Nachahmer Hartmanns ist oder vielleicht gar ebenso von diesem selbst stammt, bleibt erneut im Dunkeln (zur Diskussion vgl. Nellmann 1982, Gärtner 1982). Es ist allerdings schon sehr erstaunlich, dass die Wolfenbütteler Fragmente aus einer Handschrift stammen, die offenbar zunächst jene zweite, mitteldeutsche ‚Ereck‘-Version beinhaltete und dann, etwa ab der Mitte der Handlung, zum Text Hartmanns, wie wir ihn aus dem Ambraser HeldenbuchAmbraser Heldenbuch kennen, übergeht. Es handelt sich also um die Kompilation zweier unterschiedlicher Versionen, wahrscheinlich auch zweier Autoren. Es wäre demnach sogar denkbar, dass Hartmann einen Vorläufer hatte und der erste Artusroman in deutscher Sprache gar nicht ihm zuzuschreiben ist! Genauso denkbar wäre freilich auch, dass die zweite, mitteldeutsche Version nur an einigen Stellen in den Text Hartmanns eingegriffen hat, also quasi eine sehr eigenständige Bearbeitung Hartmanns darstellt. Eine dritte Möglichkeit wäre, dass jener zweite ‚Ereck‘-Roman nie vollständig existiert hat, sondern irgendwo in der Mitte zugunsten Hartmanns Darstellung abbrach (vielleicht, weil sich Hartmanns Version bereits durchgesetzt hatte?). Spekulationen ließen sich viele anbringen, Gewissheiten gibt es jedoch keine: Die wenigen, z.T. kaum mehr lesbaren Fragmente werfen mehr Fragen auf, als sie klären, und die einzige annähernd vollständige Handschrift ist so weit von der Entstehungszeit des ‚Ereck‘ entfernt, dass auch hier wenig Rückschlüsse über die Tradierung und Überlieferungsgeschichte gezogen werden können. Wir müssen uns damit begnügen: Die tatsächlichen Verhältnisse aus der Zeit Hartmanns werden wir wohl niemals nachvollziehen können. Umso mehr müssen wir uns bei der Interpretation dessen bewusst Überlieferungsein, dass wir stets mit Rezeptionszeugnissen arbeiten. FassungFassungsdivergenz
2.2.4. Die Lyrik: Überlieferung im Zeichen von mouvance und Performanz
Die Überlieferung der mittelhochdeutschen Lyrik ist grundsätzlich anders gelagert als die narrativer, epischer Texte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass mittelalterliche Lyrik stets mit einer spezifischen AufführungssituationVortrags--situationAufführung verbunden war. MinnesangMinnesang war, wie der Name schon nahelegt, keine ‚Leselyrik‘, sondern wurde vor Publikum vorgetragen, und diese PerformanzPerformanz sorgte dafür, dass die Texte schon von vornherein wandelbar waren, um dem Publikum und der Aufführungssituation angepasst zu werden. Wie genau sie aufgeführt worden sind, wissen wir heute zwar nicht mehr (zur Diskussion vgl. Boll 2007, pointiert zugespitzt die Thesen von Haferland 2000:65–90), doch zumindest sind für einige der Lieder auch Noten überliefert, so dass man davon ausgehen kann, dass sie als einstimmige Melodien vorgetragen wurden (vgl. zum Überblick Schweikle 1995:54–61, mit zahlreichen Literaturhinweisen). Der Vortrag kann zunächst durch die Dichter persönlich erfolgt sein, daneben gab es aber auch fahrende Sänger, die Texte ihrer ‚Kollegen‘ vortrugen.Vortrags--praxis Die Lieder des Minnesangs waren auf diese Weise noch das gesamte 13. Jahrhundert hindurch lebendig und sind wahrscheinlich auch nach dem Tod ihrer Dichter noch eine ganze Weile auf mündlichem Wege weitergegeben worden. Möglicherweise gab es gleichzeitig auch schon so etwas wie ‚Liederbücher‘, kleinere Sammlungen von Liedern verschiedener Autoren, die als Vortragshilfe benutzt werden konnten; erhalten geblieben ist davon freilich nichts mehr.
Es ist auffällig, dass etwa um 1300 fast zeitgleich mehrere umfangreiche Textsammlungen angelegt wurden, die drei wichtigsten sind heute die Weingartner LiederhandschriftLiederhandschriftenWeingartner Liederhandschrift (B) (B) sowie die kleineLiederhandschriftenKleine Heidelberger Liederhandschrift (A) (A) und die große Heidelberger LiederhandschriftGroße Heidelberger Liederhandschrift (C); letztere besser bekannt unter dem Namen Codex ManesseLiederhandschriftenCodex Manesse (C). Bei dieser handelt es sich um eine äußerst prachtvoll gestaltete, großformatige (etwa 35x25 cm) Handschrift, welche die einzelnen Lieder nach Autoren ordnet, wobei jedem Œuvre als ganzseitige Miniatur ein Bild Autorbild (Miniatur)vorangestellt wird, das den jeweiligen Autor zeigen soll (in idealisierter Form, keinesfalls als Portrait, → Abb. 1.2.). Genauso aufgebaut, allerdings in kleinerem Format (etwa Taschenbuchgröße) ist die Weingartner Liederhandschrift B (→ Abb. 1.1.), während A ebenfalls kleinformatig und nach Autoren geordnet, jedoch ohne Illustrationen angelegt ist. Mehrere Fragmente belegen, dass um diese Zeit offenbar noch Überlieferungweitere vergleichbare Sammlungen entstanden sind; offenbar war es knapp ein Jahrhundert nach dem Wirken der meisten Dichterpersönlichkeiten notwendig geworden, deren Texte schriftlich aufzuzeichnen und auf diese Weise zu bewahren. Dies scheint inzwischen losgelöst von einer konkreten Aufführungssituation geschehen zu sein, da Melodien selten mitüberliefert sind; freilich wäre es trotzdem denkbar, dass die Melodien aus dem Gedächtnis heraus noch bekannt waren und die Lieder weiterhin zur Aufführung kamen – immerhin werden in den Handschriften noch sogenannte Töne, also Melodievorgaben, genannt.Vortrags--praxis
LiederhandschriftenCodex Manesse (C)LiederhandschriftenWeingartner Liederhandschrift (B)LiederhandschriftenKleine Heidelberger Liederhandschrift (A)Hartmanns Lieder (→ Kap. 3.) sind in allen drei großen Handschriften überliefert, doch (man ahnt es schon) wiederum in großer Varianz. Schon die Anzahl der Strophen ist höchst unterschiedlich. C überliefert unter dem Namen Hartmanns insgesamt 60, B 28 und A nur 10 Strophen, wobei Reihenfolge und Wortlaut teils weit auseinandergehen. Acht der insgesamt 18 Lieder finden sich ausschließlich in C, die damit die vollständigste Sammlung präsentiert. Doch bei den Liedern, die mehrfach tradiert sind, geht die Überlieferung z.T. weit auseinander. Stellvertretend sei ein typisches Beispiel genannt: Das Lied I (Sît ich den sumer truoc riuwe unde klagen, MF 205,1) ist in B und C überliefert. In B steht es gleich an erster Stelle des Hartmann-Œuvres und besteht aus lediglich zwei Strophen: In der ersten beklagt das Sänger-Ich seine unerfüllte Liebe zu einer Dame, die es am Ende deshalb anklagt; in der zweiten Strophe bezichtigt sich das Sänger-Ich statt dessen selbst und gibt sich die Schuld an der unglücklichen Situation. In C gibt es dagegen gleich vier Strophen: Nach den beiden auch in B überlieferten Strophen schließen sich zwei weitere an, die allerdings inhaltlich keine Neuerung bieten, sondern die ersten zwei Strophen lediglich variieren; erneut geht es um Klage (Str. C 3) und um Selbstanklage (Str. C 4). Auch hier ist nicht zu entscheiden, welche die ‚ursprüngliche‘ Version war. Möglich wäre, dass in B Strophen verlorengegangen sind. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass es sich stets um ein nur zweistrophiges Lied gehandelt hat, das allerdings variabel gestaltet war (so Kühnel 1989:13f.). Je nach Publikum und AufführungssituationVortrags--situation konnte der Sänger die Strophen austauschen, also die 3. Strophe statt der 1. oder die 4. statt der 2. wählen, die jeweils Variationen eines Themas (Anklage der Frau, Selbstanklage) sind. Dazu würde passen, dass C zwischen der zweiten und dritten Strophe noch ein ÜberlieferungVerweiszeichen eingefügt hat (→ Abb. 2.11.), das sich auf eine auf dem nächsten Blatt nachgetragene Strophe bezieht, welche erneut eine motivliche Variation der (in B und C) zweiten Strophe (Selbstanklage des Sänger-Ichs) beinhaltet. Während der Schreiber/Kompilator der Handschrift B entweder nur die eine Variante kannte oder sich auf eine bestimmte festgelegt hatte, kam es dem der Handschrift C darauf an, möglichst alle Variationen zu bewahren. Die nachgetragene Variationsstrophe wäre ihm dann möglicherweise erst später, z.B. aus einer anderen Vorlage, bekannt geworden und der Vollständigkeit halber mit Verweiszeichen auf das entsprechende Lied an anderer Stelle nachgetragen worden. LiederhandschriftenCodex Manesse (C)LiederhandschriftenWeingartner Liederhandschrift (B)LiederhandschriftenKleine Heidelberger Liederhandschrift (A)
mouvanceSchon an diesem Beispiel zeigt sich, wie sehr der performative Akt der Aufführungspraxis Vortrags--praxisdie Überlieferung der Lieder beeinflusst haben dürfte – zumal deren Aufzeichnung deutlich später und vermutlich abgekoppelt von der eigentlichen Darbietung stattgefunden hat; die großen Liederhandschriften bilden viel eher Sammlungsinteressen denn Aufführungsabsichten ab. Von den Liedern sollte offenbar möglichst alles, was noch bekannt ist, erhalten werden, was dazu führte, dass entweder alle verfügbaren Varianten aufgezeichnet wurden (wie im oben beschriebenen Fall von C) oder nur eine bestimmte (wie in B). Ein derartiger Befund ist typisch für die mittelhochdeutsche Lyrik-Überlieferung, wobei nicht nur die Strophenanzahl variabel sein kann, sondern auch die Reihenfolge der Strophen. Variationsmöglichkeiten wie oben beschrieben sind dafür nur eine Erklärung; durch Weglassen oder Hinzufügen bestimmter Strophen können natürlich auch ganz andere Aussagen entstehen, ebenso durch die Reihenfolge, wie sich z.B. am Lied II zeigt (Swes vröide an guoten wîben stât, MF 206,19): In allen drei Handschriften ist es mit drei Strophen überliefert, in A und C in der gleichen, in B jedoch in umgekehrter Reihenfolge. Die Strophenfolge in A und C ergibt eine typische Klage über das (‚Minne-‘)Paradox, dass die Frau für das Sänger-Ich unerreichbar bleibt, während die umgekehrte Strophenfolge in B nicht in Klage endet, sondern mit der halbwegs Überlieferungoptimistischen Aussicht der vröide an guoten wîben.
Abb. 2.11.
Beginn des Hartmann-Œuvres in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (C) mit einer Markierung zwischen der zweiten und dritten Strophe (linke Spalte).
Dieses als mouvancemouvance bezeichnete Phänomen, das die Beweglichkeit der Strophen innerhalb der mittelhochdeutschen Lyriküberlieferung kennzeichnet, hängt ebenfalls mit der bereits beschriebenen Diskrepanz zwischen der Aufzeichnung des bloßen Textes und der Aufführungssituation zusammen. Vortrags--praxisWährend die Sänger die Lieder bei der Darbietung immer wieder variieren, neu gestalten, verändern, anpassen und damit flexibel auf das Publikum reagieren konnten, geht eine solche Flexibilität bei der schriftlichen Aufzeichnung verloren. Diese mitunter auch spontane Möglichkeit der Variation abzubilden, ist in der Schrift unmöglich – ebenso wenig wäre es möglich, um ein modernes Beispiel anzubringen, ein Drehbuch für die Aufführung einer Stand-up-Comedy zu schreiben. Verschriftlicht werden die Lieder vielmehr statisch, sie bilden gewissermaßen nur eine spezifische Möglichkeit der Aufführung, eine spezielle Lesart ab, oder sie versuchen, wie es der prachtvolle Codex Manesse tut, möglichst alle Varianten zu erfassen, was die sich aus dem Augenblick der Performanz heraus ergebende Flexibilität und Beweglichkeit der Lyriktexte aber erst recht nicht abzubilden vermag.
Doch nicht nur die Überlieferung der Lieder an sich, ihre Strophenzahl und -reihung sowie teilweise Überlieferungauch ihre inhaltliche Ausgestaltung erweisen sich als äußerst variabel, sondern sogar die Autorzuschreibung ist bisweilen offen. So ist das Lied XII (Dir hât enboten, vrouwe guot, MF 214,34) in A und C unter Hartmanns Namen überliefert, und zwar als dreistrophiges Lied. Das gleiche Lied taucht noch in einer anderen Handschrift, dem sogenannten Hausbuch des Michael LeoneHausbuch des Michael LeoneLiederhandschriftenWürzburger Liederhandschrift (E) (E) auf – dort aber in einer Sammlung von Liedern Walthers von der Vogelweide. Die ersten drei Strophen stimmen mit den in A und C unter Hartmanns Namen überlieferten überein, danach folgt noch eine weitere Strophe, die in einer anderen, nur fragmentarisch überlieferten Handschrift LiederhandschriftenHaager Liederhandschrift (s)(s) ebenfalls WaltherWalther von der Vogelweide zugeschrieben wird (aber als Einzelstrophe, also ohne in den Kontext eines größeren Liedes gestellt zu werden). Eine Strophe im gleichen Ton, die gewissermaßen auf Hartmanns Lied parodistisch zu reagieren scheint, findet sich zusätzlich noch in C und E unter den Liedern Walthers. Es wäre also möglich (so Kühnel 1989:29), dass Walther von der Vogelweide Hartmanns Lied aufgegriffen und parodiert hat, wobei C dann das eigentliche Lied unter Hartmanns Namen, die ‚Parodie-Strophe‘ aber unter Walthers Œuevre überliefert hätte, während E das komplette Lied allein Walther zuschrieb.
Doch auch das muss notwendigerweise Spekulation bleiben. Es kommt häufig vor, dass die Handschriften die gleichen Lieder oder einzelne ihrer Strophen unterschiedlichen Autoren zuschreiben – vermutlich, weil auch hier die Aufführungspraxis Vortrags--praxisso gewesen sein könnte, dass die Sänger (besonders wenn sie ihre eigenen Lieder vortrugen) auch Lieder der Konkurrenten aufgriffen und entsprechend verarbeiteten. So wird das Lied XVIII (Wê, war umbe trûren wir, 38MF:429f.) in verschiedenen Handschriften mal Hartmann, mal Walther und einzelne Strophen sogar ReinmarReinmar der Alte zugeordnet. Dennoch zeigt gerade die Lyrik-Überlieferung, dass es durchaus einen ausgeprägten Autor- und Werkbegriff gegeben hat, sind doch die Handschriften meist nach Autoren geordnet, auch wenn nicht immer alle Werke konsequent den gleichen Dichtern zugewiesen werden. Das freilich dürfte eng mit der mündlichen Aufführungssituation zusammenhängen, deren Eigenheiten im Zuge der Verschriftlichung kaum mehr abgebildet werden können.
2.3. Fazit
Am Phänomen der mouvancemouvance und der unterschiedlichen Autorzuschreibung mancher Lieder zeigt sich vielleicht Überlieferungam deutlichsten, dass die Sicht auf den Autor und sein Werk im Rahmen der mittelalterlichen Überlieferung in einem ganz anderen Lichte erscheint als in der Neuzeit. Wir sind es gewohnt, einem Autor ein festes Œuvre zuzuweisen, seine Werke gedruckt und gebunden zu lesen, und wir erwarten, dass diese Werke in dieser Form unveränderlich feststehen. Auch wenn die Lyrik-Handschriften genau das abzubilden scheinen, sind all dies Eigenschaften, die für die mittelalterliche Literatur so nicht gelten. Wenn wir heute Hartmanns Werke in modernen Ausgaben präsentiert bekommen, so erzeugt dies lediglich die Illusion eines modernen Buches. Was wir darin als Text lesen können, ist hingegen stets nur eine Möglichkeit dessen, was die mittelalterliche handschriftliche Überlieferung tatsächlich zeigt: Mittelalterliche Textualität ist viel stärker von einem offenen Werkbegriff und Textverständnis Textgeprägt.
Das gilt analog für das uns heute vertraute Konzept von AutorschaftAutorschaft, das viel weiter gefasst werden muss. Die besonders im Sturm und Drang idealisierte Vorstellung eines ‚Originalgenies‘Originalität, das alle künstlerische Schaffenskraft allein aus sich selbst hervorbringt, existiert im Mittelalter nicht – im Gegenteil: Hier ist es vielmehr entscheidend, sich auf bereits Bestehendes zu beziehen, also nichts Neues zu erschaffen, sondern das Traditionelle, Bekannte und Erprobte zu bewahren, weiterzuentwickeln und den veränderten Bedürfnissen anzupassen. Ein mittelalterlicher Autor schafft Neues nur auf vertrautem Boden. Neu mag vielleicht die Form sein, weniger aber der Inhalt, der aus bewährten Traditionen übernommen wird, von denen der Dichter übersetzt, auswählt und umformuliert. Seine Leistung begreift er dadurch nicht so sehr als die eines Schöpfers denn als die eines Gestalters und Vermittlers. So ist es auch nicht erstaunlich, dass die drei größeren Erzählwerke Hartmanns (‚Ereck‘, ‚Iwein‘ und ‚Gregorius‘) auf französische Vorlagen Vorlagefranzösischezurückgehen, die für ein deutschsprachiges Publikum entsprechend umgeformt wurden. Dadurch verschwimmt die Rolle des Autors mit der des Übersetzers, Redaktors und des Kompilators. Denn da Texte losgelöst vom Autor verfügbar sind, sind sie von Anfang an Veränderungen unterworfen, sei es durch den Autor selbst, sei es durch Bearbeiter in einer späteren Rezeptionsstufe.
Was bedeutet dieses unterschiedliche Werk- und Autorverständnis nun aber für die Interpretation der Texte? Lassen sich unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch literaturwissenschaftliche Analysen betreiben? Mit gutem Recht schreiben wir die einzelnen Werke ja dennoch Hartmann von Aue zu: Dass es so etwasÜberlieferung wie ein Autorverständnis, wenn auch ein wenig anders als heute, auch im Mittelalter gegeben hat, belegen die nach Autoren geordneten Lyrik-Handschriften ebenso wie das Ambraser HeldenbuchAmbraser Heldenbuch, das ja ein regelrechtes Hartmann-Œuvre zusammenstellt. Freilich kann eine Interpretation der Werke Hartmanns nicht im herkömmlichen, ‚modernen‘ Sinne erfolgen. Da wir über Hartmann ohnehin wenig gesicherte Informationen besitzen, rückt der Autor selbst aus dem Fokus der Interpretation. Die mitunter zahlreichen und sehr verschiedenen Fassungen und Varianten machen es zudem kaum möglich, zwischen ‚Original‘ und ‚Bearbeitung‘ zu unterscheiden.
Dennoch gilt es, literaturwissenschaftlich einen pragmatischen Umgang mit den Werken Hartmanns (und generell mittelalterlichen Texten, die ja den gleichen schwierigen Bedingungen unterworfen sind) zu finden – es macht schließlich nur selten Sinn, stets alle möglichen Textvarianten mit einzubeziehen. Wenn wir also Hartmann interpretieren, dann gehen wir letztlich von einem Autor- und Werkverständnis aus, das es zur damaligen Zeit wohl durchaus gab, das in dieser Form für uns aber nicht mehr greifbar ist. Das zeigt sich am deutlichsten bei den TextausgabenEdition: Anders als die Editionsphilologie des 19. Jahrhunderts gehen die kritischen Ausgaben der Werke Hartmanns inzwischen nicht mehr davon aus, so etwas wie ein ‚Autororiginal‘Fassungautorisierte F. zu rekonstruieren. Sie bieten vielmehr eine Art pragmatischen Kompromiss: unter Einbeziehung aller Fassungen und Varianten wird ein Text erstellt, der möglichst vielen Merkmalen entspricht, die nach dem Konsens der Forschung für Hartmanns Werke bedeutsam sind. Je nach Gewichtung der einzelnen Kriterien kann es dann aber durchaus zu unterschiedlichen Ausgaben mit abweichenden Textvarianten kommen.1 Darum ist es entscheidend, bei der Interpretation stets auch den Überlieferungsbefund mit zu bedenken und zu berücksichtigen – oder sich zumindest darüber im Klaren zu sein, dass der Text, den man interpretiert, nur eine von z.T. unterschiedlichen Überlieferungsvarianten darstellen kann und dass das, was sich am Ende zwischen zwei Buchdeckeln findet, stets nur eine Möglichkeit der mittelalterlichen Rezeption abbilden kann, kaum aber die tatsächliche, sozusagen ‚ursprüngliche‘ Gestaltung des Autors. Wenn man sich aber im Klaren darüber ist, dass die handschriftlichen Überlieferungen unserer Texte selbst bereits Rezeptionszeugnisse darstellen und die darauf basierenden Editionen bis zu einem gewissen Grade hypothetische Konstruktionen sind, die ihrerseits selbst bestimmte Interpretationsansätze verfolgen (man denke an die differierenden Schlüsse des ‚Iwein‘), so steht einer literaturwissenschaftlichen Analyse und Interpretation dieser Werke nichts im Wege. Überlieferung
Weiterführende Literatur: Ein vollständiges Verzeichnis der Überlieferungszeugen von Hartmanns Werken bietet das → Verzeichnis der Handschriften und Fragmente. Die Iwein-Schlüsse diskutiert Schröder 1997, mit Präferenz für den Kniefall als ‚ursprünglich‘; dem widerspricht Hausmann 2001. Die Varianzen der unterschiedlichen Schlussfassungen v.a. in den spätmittelalterlichen Handschriften diskutieren Krusenbaum/Seebald 2012. Den Überlieferungskontext des ‚Armen Heinrich‘ bereiten Hammer/Kössinger 2012 auf, die interpretatorischen Unterschiede zwischen den Fassungen A und B erläutert Schiewer 2002. Die problematische Überlieferung des ‚Ereck‘ im Ambraser Heldenbuch greift Bumke 2006 auf, die Schwierigkeiten der Fragment-Überlieferung und einer möglichen zweiten ‚Ereck‘-Dichtung erörtern Nellmann 1982 und 2004 sowie Gärtner 1982 und 2004. Hess 2011 stellt Überlegungen zum Beginn des ‚Ereck‘ und der Kompilation mit der ‚Mantel‘-Erzählung an. Kühnel 1989 untersucht Hartmanns Lyrik vor dem Hintergrund ihrer Überlieferungsvarianz.
B Poetologische Zugänge I – Lyrische und rhetorische Formen
3. Gesungene Geschichten? Hartmanns Lyrik
Jens Haustein
Abstract: Der Beitrag wirft in einem ersten Teil zunächst einen Blick auf die Überlieferung von Hartmanns Liedern, dann auf formale Aspekte und Probleme der zeitlichen Einordnung. Anschließend werden die Lieder kurz inhaltlich charakterisiert. Der zweite Teil legt mehrere Lieder Hartmanns als angedeutete Erzählungen mit einer Zeit- und Raumstruktur aus und verbindet dies abschließend mit ihren in der Forschung oft kritisierten reflexiven Momenten.
3.1. Überblick
MinnesangUnter Hartmanns Namen sind 18 Lieder mit 60 Strophen überliefert. Dieses nicht sonderlich umfängliche Œuvre hat in der Forschung deshalb eine besondere Aufmerksamkeit erfahren, weil es mehrere Lieder umfasst, in denen die konzeptionellen Voraussetzungen des Minnesangs selbst diskutiert werden. Die ältere Forschung hat Hartmanns Minnelyrik deshalb als ‚leidenschaftslos‘ oder ‚kühl‘ beurteilt, die jüngere gelegentlich als ‚intellektuell‘ (Reusner 1985:171), ‚sentenziös‘ und ‚rhetorisch‘ (Salmon 1971, Urbanek 1992) oder ‚didaktisch‘ (Kasten 1995:731), bestenfalls ‚ironisch‘ (Mertens 1978c:326). Bei dieser Beurteilung hat stets die Nähe zu den Erzählwerken, besonders der ‚Klage‘ und dem ‚Iwein‘, eine wichtige Rolle gespielt. Hinzu kommt, dass man das kleine Œuvre in einer Absage an den Minnesang in Lied XV (MF 216,29)1 und in der Wendung hin zum Kreuzzugsthema in Lied XVII (MF 218,5), Kreuzzug / -sthemadem sogenannten dritten Kreuzlied, kulminieren sehen wollte. Diese ‚Biographisierung‘ der hartmannschen Lyrik liegt auch den beiden – heute kritisch beurteilten – Versuchen zugrunde, die Lieder zyklisch zu einem Liebesroman mit einem Ende zu ordnen, das der weltlichen minne absagt und sich stattdessen einer religiösen minne zuwendet (Kienast 1963, Blattmann 1968, auch Wapnewski 21964:30–32). Auch wenn am Ende keine Absage Hartmanns an Minne und Minnesang als letztes Wort gestanden haben muss, diskutiert er doch durch seine Protagonisten – den Erzähler, die Dame oder das Ich – die Voraussetzung und Bedingungen der Gattung Minnesang in einer dann erst wieder bei Walther von der VogelweideWalther von der Vogelweide anzutreffenden Radikalität, und er verbindet diese Gattungsdiskussion mit fragmentarisch erzählten Geschichten.
3.1.1. Überlieferung
ÜberlieferungDie Überlieferung der hartmannschen Lyrik beruht im Wesentlichen auf den drei großen Lyrik-Handschriften. Die (Große) Heidelberger Liederhandschrift CLiederhandschriftenCodex Manesse (C) tradiert 60 Strophen, davon sind 28 auch in der Weingartner Liederhandschrift B LiederhandschriftenWeingartner Liederhandschrift (B)erhalten und 10 in der (Kleinen) Heidelberger Liederhandschrift A. LiederhandschriftenKleine Heidelberger Liederhandschrift (A)In C ist im Œuvre Walthers von der VogelweideWalther von der Vogelweide eine formgleiche Strophe zu Hartmanns Lied XII (MF 214,34) überliefert; das Hausbuch des Michael de Leone, die MinnesangLiederhandschrift E,LiederhandschriftenWürzburger Liederhandschrift (E) hat Lied XII unter Walthers Namen gestellt, ebenso die Haager Liederhandschrift s LiederhandschriftenHaager Liederhandschrift (s)Strophe 5 dieses Liedes. 4 der 5 Strophen von Lied XVIII, die B und C Hartmann zuschreiben, begegnen in E unter dem Namen Reinmars des AltenReinmar der Alte, 3 davon im Möserschen Bruchstück m LiederhandschriftenMösersches Bruchstück (m)unter Walther (zur Forschungsgeschichte von Lied XII und XVIII und den unterschiedlichen Zuweisungen s. Burkert 2013).
In C (und ähnlich in B) ist dem Liedœuvre eine MiniaturAutorbild (Miniatur) vorangestellt, die Hartmann als reitenden Ritter mit blauer Pferdedecke, Fahne und Schild zeigt, die jeweils mit weißen Adlerköpfen geschmückt sind (→ Abb. 1.2.). Der Helm ist von einem ehemals silbernen, heute schwarzen Adlerkopf bekrönt. Rechts ist eine den Minnesang symbolisierende Blumenranke zu sehen, von der der Ritter wegreitet. Reiterminiaturen dieser Art sind in C etwa auch dem Œuvre Heinrichs von RuggeHeinrich von Rugge oder Walthers von MezzeWalther von Mezze vorangestellt (→ Abb. 3.1. und 3.2.).
Abb. 3.1.
Autorbild zu den Liedern MinnesangHeinrichs von Rugge in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (C).
Abb. 3.2.
Autorbild zu den Liedern WalthersMinnesang von Mezze in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (C).
ÜberlieferungUnstrittig ist, dass die Überlieferung der drei großen Liederhandschriften auf unterschiedliche Quellen zurückgeht. Für die Strophen C 1–34 wird es eine gemeinsame Quelle *CB gegeben haben, die Strophen 35–60 sind nur durch C überliefert, die Kienast als ein planvoll angelegtes, zyklisches Hartmann-Büchlein („Hartmann-Liederbuch C²“, Kienast 1963) verstanden hat, wohingegen Kühnel (1989: bes. 35–39) plausibel machen konnte, dass hier kleinere Sammlungen, ja Einzellieder zusammengestellt worden sind. Ein Indiz dafür, dass die Redaktoren von C ihr Material selbst für unvollständig hielten, stellt die Lücke dar, die sie bei der Aufzeichnung des vierstrophigen Liedes XIV (MF 216,1) für genau eine weitere Strophe gelassen haben.
ÜberlieferungGerade die Divergenz in der handschriftlichen Zuweisung der Strophen von Lied XII und XVIII hat zu zahlreichen Diskussionen geführt, wem die Lieder bzw. Strophen ‚gehören‘ (vgl. zu dieser Problematik → Kap. 2., zur Lyrik bes. 2.2.4.).Echtheitsdiskussion Während Minnesangman in der älteren Forschung das ganze Lied XII WaltherWalther von der Vogelweide zugesprochen hat (zur älteren Literatur s. jeweils den Kommentar bei Reusner 1985), geht die jüngere davon aus, dass wir stärker an die handschriftlichen Zuweisungen gebunden sind: Strophe 1–3 von XII gehören Hartmann, vielleicht hat Walther das Lied mit Ergänzung von Strophe 4 und 5 im Repertoire gehabt, von wo aus vier Strophen in die Liederhandschrift E gekommen sind, die nur Walther und Reinmar kennt (Kühnel 1989, Henkel 1998, Kornrumpf 22008). Für das fast durchweg Hartmann abgesprochene Lied XVIII gilt zuerst einmal, dass es schon – und in derselben Strophenreihenfolge – der Quelle *BC angehört haben muss. Wie es später in die Handschriften E (Reinmar) und m (Walther) gekommen ist, ist für uns undurchsichtig (Kühnel 1989:30–32). Einen validen Grund, es Hartmann abzusprechen, gibt es nicht. Noch weniger gilt dieses für Lieder, die nur in C und nur unter Hartmanns Namen überliefert sind, obwohl es auch hier entsprechende Versuche gegeben hat. Noch Cormeau spricht davon, dass das Frauenlied IX (MF 212,37) „wohl zurecht“ auf Grund eines sonst in Hartmanns Werk nicht begegnenden Reims ihm abzusprechen sei (Cormeau 1981:504). Die Überlieferung spricht jedoch eine andere Sprache. Überlieferung
3.1.2. Formale Aspekte
Die meisten der Lieder Hartmanns sind dreistrophig. Es gibt zwei, eventuell drei oder gar vier fünfstrophige Lieder (I, XVIII; XII, XIV?) und ein sechsstrophiges (V). Auffällig sind drei zweistrophige Lieder (IV, X, XI) und eine im Kontext der Zeit archaisch wirkende Einzelstrophe. Alle Lieder Hartmanns, auch die Kreuzlieder, sind in der Form der Kanzone mit zweigeteiltem Auf- (Stollen) und Abgesang gedichtet; alle haben zweiversige Stollen, nur Lied II hat dreiversige. Lied XIII ist als einziges daktylisch und scheint romanischen Vorbildern zu folgen, so dass wir uns in diesem Fall auch eine Vorstellung von einer dazugehörigen Melodie machen können. „Der Ton findet sich in rund 40 provenzalischen und altfranzösischen Liedern, eine unmittelbare Vorlage ist jedoch nicht entdeckt worden“ (Reusner 1985:137).
3.1.3. Zeitliche Einordnung
Eine Antwort auf die Frage, in welcher Lebensphase Hartmann seine Minnelieder (und Kreuzlieder) gedichtet hat, dürfte kaum zu finden sein, hängt sie doch von zwei miteinander verbundenen Vorannahmen ab: Ist das Lied XVII (MF 218,5), das zum KreuzzugKreuzzug / -sthema aufruft, MinnesangHartmanns letztes Wort in weltlichen Minneangelegenheiten oder konnte er danach zur Klage über abgewiesenen Minnedienst oder zum Freudenlied zurückkehren? Und: wann rief er zum Kreuzzug auf? Die erste Frage wird gern, auch vor der Nachwirkung der Zyklustheorie, in der Weise beantwortet, dass Lied XVII der lyrische Schlusspunkt in Hartmanns Werk sei. Aber können wir uns dessen gewiss sein? Eine Antwort auf die zweite Frage, die vielleicht in der Hartmann-Forschung am häufigsten behandelte (Reusner 1985:151–153 mit älterer Literatur, Mertens 1978c, Nellmann 1987, Urbanek 1992, Ortmann 1996), hängt davon ab, wie man den Vers und lebte mîn her Salatîn und al sîn her / dien braehten mich von Vranken niemer einen vuoz (MF 218,19.) versteht. Folgt man Mertens mit seiner den gelegentlich ironischen Ton Hartmanns aufgreifenden Übersetzung („und wenn auch Monsieur Saladin noch lebte und sein ganzes Heer – die brächten mich keinen Schritt aus Frankistan fort“, Mertens 1978c:327), dann kann nur, da SaladinSalahaddin Yusufs ibn Ayyub (Saladin) 1193 starb, der Kreuzzug Kaiser Heinrichs von 1197Heinrich VI. (Kaiser) gemeint sein etwa im Sinne von: ‚Nicht Saladin, sondern nur die Liebe Gottes kann mich bewegen, auf den Kreuzzug zu gehen.‘ Da Hartmann in Lied V den Tod seines Herren erwähnt (MF 210,23f.), schlug Hermann Paul vor, auch hier vom Tod des Herren auszugehen und ‚erfand‘ damit das ‚Komma-Problem‘: und lebte mîn herre, Salatîn … (‚Wenn mein Herr noch lebte, dann würden selbst Saladin und sein Heer mich nicht …‘). Damit war die Möglichkeit geschaffen, von dem früheren Kreuzzug BarbarossasFriedrich I. Barbarossa von 1189 auszugehen. Abgesehen davon, dass der Gedanke nicht recht in die Logik des Liedes passt (Salmon 1971:821, Johnson 1999:142) und man sich fragt, wie ein Hörer ein für das Verständnis unerlässliches Komma hören kann, gilt hier auch der gekürzte Konjunktiv lebt(e) als Problem. In der Folge wurden mehrere weitere Konjekturen vorgeschlagen, von denen keine allgemeine Zustimmung fand (zusammengestellt bei Reusner 1985:157f.)
Auch die immer wieder beobachteten Parallelen zu anderen Werken Hartmanns helfen bei der Frage nach der zeitlichen Einordnung nicht recht weiter. Chronologie Mehrfach wurde Minnesangeinerseits auf wörtliche Übereinstimmungen zum wohl letzten Werk Hartmanns, dem ‚Iwein‘, hingewiesen. So zitiert Lied I, Str. 5,9 (MF 206,9) offenbar wörtlich den ‚Iwein‘-Vers 3224, wie man überhaupt dieses Lied als eine lyrische Paraphrase des ganzen Romans verstanden wissen wollte (Seiffert 1968, Salmon 1971). Weitere offenkundige Parallelen zum ‚Iwein‘ wurden für andere Lieder beigebracht. Anderseits berührt sich Lied IX (MF 212,37) mehrfach offenkundig mit der – ohne dass sich dies sichern ließe – als Frühwerk geltenden ‚Klage‘ (vgl. Reusner 1985:128, Cormeau/Störmer 32007:98), wobei die Parallelen bis ins Formale hinein gehen: Die Reimpaare des Abgesanges hat man als Vagantenzeile interpretiert und mit der Form des Schlussgedichtes der ‚Klage‘ in Verbindung gebracht (Kraus 1939:466, Kasten 1995:730f. mit weiterer Literatur, vgl. auch → Kap. 4.). – Lied III (MF 207,11) muss nach Lied II (MF 206,19) entstanden sein, weil es dieses zitiert.
3.1.4. Gattungen / Thematische Schwerpunkte
Von den 18 in den Handschriften Hartmann zugewiesenen Liedern thematisieren 15 das Thema ‚Minne‘ aus unterschiedlicher Perspektive. Sechs davon kann man als Werbelieder zusammenstellen, die den Misserfolg des Sprechers bei der geliebten Dame beklagen (I, II, III, IV, VII, XVIII), fünf haben einen deutlich hoffnungsvolleren Ton (VIII, X, XI, XII, XIII), drei Lieder sind aus der (Rollen-)Perspektive einer Frau gesprochen (Frauenlieder: IX, XIV, XVI), eines, das ‚Unmutslied‘, greift mit der Absage an die Geliebte den später vielfach behandelten ‚wîp-frouwe‘–Gegensatz auf (XV), drei Lieder werden den Kreuzliedern zugerechnet, in denen das Verhältnis von Geschlechter- und Gottesliebe diskutiert wird (V, VI, XVII).
Die Klage über den versûmten (‚vergeudeten‘) Dienst an der Dame wird in Lied I (MF 205,1) zunächst jahreszeitlich eingekleidet: auch der Gesang trägt des winters wâpen (1,3 = MF 205,3). Str. 2 bringt dann zwei Motive ins Spiel, die auch sonst begegnen: das der Selbstanklage wegen mangelnder staete (MF 205, 16) – Cormeau hat von Hartmanns „rigorose[m] ethischen Realismus“ (1981:505) gesprochen – und das eines gegen die Gebote der Klugheit handelnden Ich, das sich so selbst zum Feind wird (vgl. HaKl 1453). Str. 3 (MF 206,14) bringt dann das für ein Minnelied singuläre und überraschende Moment vom Tod des Herren (der 1186 gestorbene Zähringer Berthold IV.Berthold IV. von Zähringen?), das genau in der Mitte des Liedes steht, wenn man Brackert (1969:177) folgt. Was die beiden Themen – die Absage der Dame, der das Ich seit Kindertagen gedient hat, und der Tod des Dienstherrn – miteinander verbindet, ist unklar: Gibt es in dieser Welt keine MinnesangBeständigkeit? Zeigt der Minnesang angesichts existentieller Bedrohung seinen Spielcharakter? In Str. 4 und 5 werden Motive aus 1 und 2 abwandelnd aufgegriffen: Die Dame hat das Ich aufgrund ihrer Klugheit (ir wîsheit MF 206,4) verstoßen, weil er unzuverlässig (wandelbaere[], MF 206,3) war (Wenzel 2013). – Lied II (MF 206,19), das als konventionell gescholten wurde (Reusner 1985:103), hat allerdings den radikalen, auf Lied XV (MF 216,29) vorausverweisenden Gedanken, dass, wenn das Ich sagen dürfte, was es möchte, es nicht mehr singen müsste (Str. 2). Auf diese Weise wird auch das allgemeinere Thema des Singens im Kontext höfischer Geselligkeit angesprochen. – In Lied III (MF 207,11) schwankt das Ich zwischen der radikalen Absicht, der Dame nach langem Dienst diesen, der nicht belohnt wird, aufzukündigen und der Frage an sich selbst, warum es nur haz findet, wo es minne (MF 208,15) gesucht hat. Kann, so die hier und immer wieder dialektisch angelegte und offen gelassene Frage, ein Hoffen, das keine Erfüllung bringen wird, eigentlich glücklich machen? Hartmann hat darauf ganz unterschiedliche Antworten gegeben. – Die Gegnerschaft von Kaiser und Reich wäre leichter abzuwehren als die der Dame (Lied IV = MF 209,5). – Bei Lied VII (MF 211,27) schwanken die Urteile erheblich: Man hat es für unecht gehalten, die Einheit bestritten und es zudem selbstquälerisch oder komisch gefunden (Reusner 1985:119f.). Die erste Strophe stellt die Maxime auf, dass nach Leid stets Glück folgen wird, die zweite Strophe berichtet, dass das Ich auf Grund seiner unstaetekeit (MF 211,37) verlassen worden sei, die dritte erzählt, dass das Ich nun eine staete (neue) Dame gefunden habe, die das Ich zur eigenen staete (MF 212,12) motivieren werde. Aus dem Blick zurück gesehen, kann also, und auch damit unterläuft Hartmann Grundsätze des Minnesangs, auch eine Unbeständigkeit ins Glück führen. – Auch Lied XVIII ‚entblößt‘ im Grunde die Spielregeln des Minnesanges: ‚Meine Dame will nicht, daz ich ir gelige bî (4,2), will aber trotzdem nicht auf mich und meinen Dienst verzichten. Dann sollte sie wenigstens verlässlich bleiben in ihrer Absicht, meinen Dienst zu belohnen‘. Bewusst offen bleibt, wie dieser Lohn aussehen könnte.
Mit Lied VIII (212,13) beginnt eine Reihe von Liedern, die die Bedingungen einer glücklichen Minnebeziehung diskutieren (Reusner 1984:17–20), eingewoben in diese Diskussion ist mehrfach der Gegensatz von Nähe und Ferne. In VIII selbst, das in ein hübsches Wortspiel ausläuft, wird der etwas eigenwillige Gedanke formuliert, dass es dann nicht schwerfalle, beständig zu sein, wenn die Geliebten Minnesangsich dauernd sehen. Wahre Liebe zeige sich in der auch während der Zeit der Trennung von beiden Partnern bewiesenen staete (MF 212,33). – In X (MF 213,29) sagt das Ich seiner Dame, die er nur selten sieht, trotz allem die eigene Beständigkeit zu. – Lied XI (MF 214,12), das man sogar vereinzelt zu den Kreuzliedern gestellt hat (Reusner 1985:175), könnte man als ‚Abschiedslied‘ bezeichnen: das staete Ich, dass in der ersten Strophe den ‚klugen‘ Rat gibt, für den Fall eines Abschiedes besser nicht zu lieben, leidet selbst in der Situation der Trennung im Gedanken an diejenige, diu mîn schône pflac (MF 214,33). – Lied XII (MF 214,34) beginnt mit einer Minneversicherung eines Boten, dem die Dame entgegnet, dass der Ritter lieber anderswo dienen solle, sie könne oder wolle ihn nicht belohnen. In Strophe 3 repliziert das Ich so trotzig wie verzweifelt, dass es vom Dienen nicht ablassen könne: diu grôze liebe hât sô vaste zuo genomen, / daz si mich nien lâzet vrî (3,6f.). Strophe 4 und 5, die Hartmann abgesprochen wurden, variieren das Thema von Dienen und Hoffen, in der sich wahre Minne zeige und die von Unminne radikal unterschieden sei. – Lied XIII (MF 215,14), das man wegen seines fröhlichen Tons angesichts eines rekonstruierten (!) Minneromans, der in die Absage an die weltliche Liebe auslaufe, ohne Grund an den Anfang von Hartmanns Minnesang gestellt hat, greift wiederum das Thema der Klugheit auf, die der Dame zugebilligt wird. Strophe 3 erzählt eine kleine, spannungsreiche Geschichte: Bei einem Abschied scheint das Ich stumm geblieben zu sein, später, nach der Rückkehr, fand er die Dame âne huote (MF 215,25) und konnte ihr seinen Willen kundtun, auf den sie in einer Weise reagierte, daz irs got iemer lône (MF 215,28). Open end!
Ausgesprochen witzig beginnt das Frauenlied IX (MF 212,37): ‚Brächten Lügen Menschen in den Himmel, dann wäre derjenige, der mich betrogen hat, ein Heiliger. Seine falschen Worte sind so verführerisch, dass man sie eigentlich aufschreiben möchte. Aber ich bin selber schuld, weil ich mein Herz und meinen Verstand (sin) nicht befragt habe‘. In der dritten Strophe vergleicht sich die Dame mit einer, die klüger war und deshalb nicht leiden muss. Mehrfach ist das Lied mit der ‚Klage‘ (ab HaKl 217) und dem ‚Iwein‘ (Laudine) verglichen worden (Nachweise bei Reusner 1985:128–130). – Vollkommen aus dem Rahmen des Üblichen fällt Lied XIV (MF 216,1), das in der älteren Literatur gern getadelt oder gleich für unecht gehalten wurde (Reusner 1985:139f.). In ihm überlegt eine Dame, wie sie es anstellen könne, dass der Geliebte auch im Winter in ihren Armen liege. Die Familie habe sie (Str. 2) vor die Alternative gestellt: entweder Verzicht auf den Geliebten oder auf die Familie. In Strophe 3 undMinnesang 4 hält sich die Frau für undankbar, wenn sie dem Mann den Dienst nicht lohnt, auch wenn Gefahr droht. Aber zum Glück ist der Geliebte bescheiden (MF 216,26), also so klug wie diskret, zwei Eigenschaften, die bei Hartmann stets Voraussetzungen fürs Gelingen sind. – Lied XVI (MF 217,14) ist neben XVII (MF 218,5) eines der in der Forschung am häufigsten behandelten Lieder: echt oder unecht, vor oder nach Reinmars Witwenklage (MF 167,31), Witwenklage oder Klage über die Kreuznahme des Mannes sind dabei die zentralen Fragen. Die Echtheit wird heute kaum mehr bestritten, dass Hartmann der Gebende gegenüber Reinmar ist,EchtheitsdiskussionReinmar der Alte gilt als gesichert, die dritte Frage bleibt kontrovers, obwohl viele Autoren dazu neigen, in XVI eine Witwenklage zu sehen (Reusner 1985:146–148). Die Frau klagt in Strophe 1, dass sie einen (ihren) geliebten Mann verloren habe (MF 217,19), um den sich nun Gott kümmern möge; er ist ihr, so Strophe 2, ‚plötzlich‘ (gaehes MF 217,28) entrissen worden. In Strophe 3 blickt die Dame auf ein trauriges Altwerden voraus (im Gegensatz zu denjenigen Frauen, die sich der Liebe enthalten haben). Gerade die Tatsache, dass das Lied keinerlei Zuversicht auf ein mögliches Wiedersehen kennt, dass die Trauer plötzlich kam und zudem andauern wird, sprechen eher für eine Witwenklage, auch wenn das Wort tôt nicht begegnet.
Völlig singulär im Kontext des hohen Minnesangs ist Lied XV (MF 216,29), selbst wenn Walther von der VogelweideWalther von der Vogelweide später den Gegensatz von vrouwe und wîp aufgreifen wird. Was bei Walther dialektisch entfaltet wird, gestaltet Hartmann dichotomisch (Seiffert 1982:86f.), übrigens auch auf der Seite der Männer. Die einen wollen zu den ritterlîche[n] vrouwen (MF 216,32), der andere, Hartmann, der sich selbst so anreden lässt (Lange 2016), zu den armen wîben (MF 217,1), wo aller Gegensatz aufgehoben ist: als sî mir sint, als bin ich in (MF 216,38). Und wie der Hartmann-Erzähler des ‚Iwein‘, wenn er nichts Besseres zu tun hat, seine Zeit mit Dichten hinbringt (HaIw 23–25), so das Hartmann-Ich von Lied XV seine mit einer (nicht mit allen!), diu mich dâ wil (MF 217,3). Diese Einstellung resultiert aus einer Erfahrung, die in Strophe 3 nachträglich – dem Publikum oder den anderen Männern? – mitgeteilt wird. Nicht nur inhaltlich, sondern auch formal bricht das Lied mit den Konventionen: Der Aufgesang ist mit 4a 4a 3b- 3b- unstollig. Sollte schon die Form anzeigen, dass das Lied mit dem Werbelied und seinen ‚Gesetzen‘ bricht?
Ob Hartmann auf einem KreuzzugKreuzzug / -sthema war, wissen wir nicht. Nachgewiesen ist dies nur bei Friedrich von HausenFriedrich von Hausen und Otto von BotenlaubenOtto von Botenlauben. In Lied V (MF 209,25) wird der ‚ganze‘ Mensch verlangt: Es nützt nichts, das Kreuz zu tragen, aber im Herzen andere weltliche Dinge zu bewegen (Str. 1, MF 209,33–361,9–12). Strophe 3 bringt das conversio-Motiv ins Spiel: ‚Ich bin lange der Dirne MinnesangFrau Welt hinterhergelaufen, nun aber auf dem Weg der Umkehr‘. Dazu hat auch die Erfahrung des Todes beigetragen: Der Dienstherr des Ich ist gestorben, ihm soll die Hälfte des Verdienstes im Himmel zugutekommen (MF 210,31–34). Im Rückverweis auf die Blumen des Minnesangs, der als weltlicher Liebesdienst auf der Textoberfläche einerseits überwunden zu sein scheint, aber anderseits als lyrische Sprechweise erhalten bleibt und mit der religiösen Rede verschränkt wird (Ortmann 1996:82, Reichlin 2014:185), wählt sich das Ich nun die Kristes bluomen (MF 210,37 ‚Kreuzzeichen‘, Reusner 1985:16f., Brackert 1983:20, Reichlin 2014:180), die ihn in den zehnten Himmelschor führen mögen. Das ganze Lied ist gewissermaßen auf die Grenze zwischen Früher und Jetzt, zwischen Welt und Himmel, zwischen zu Hause und der Ferne des Kreuzzugs gestellt. – Das einstrophige Lied VI (MF 211,20) greift den Gedanken vom geteilten Lohn auf. Dieses Mal wird er nicht dem toten Dienstherren, sondern der (treuen!) Ehefrau zugesprochen, die ihren Mann bereitwillig auf den Kreuzzug ziehen lässt. – Hartmanns vielleicht bekanntestes Lied, das sogenannte 3. Kreuzlied (XVII = MF 218,5), ist vielfach Gegenstand der Forschungsliteratur gewesen (ältere Literatur bei Reusner 1985:151–155, Nellmann 1987, Urbanek 1992, Ortmann 1996, Reichlin 2014). Es ist wie Lied V (MF 209,25) auf einem Gegensatz aufgebaut: dem nämlich von weltlicher und göttlicher minne. Hinter ihrer Entgegensetzung scheint freilich auch immer wieder ihr semantischer wie konzeptueller Bezug aufeinander deshalb auf, weil, wenn Gott an die Stelle der Dame tritt, die Positionen zwar umbesetzt werden, ihr Verhältnis zum Ich aber erhalten bleibt. Die Dame ist es, die dem Ich eine Fahrt gebot (damit dürfte den Zuhörern vom ersten Vers an klar gewesen sein, auf welches Thema das Lied zielt, so auch Mertens 1978c:327, anders Kuhn 21973). In Strophe 2 werden zunächst die Taten zu den Worten eingefordert. Die Liebe Gottes zu den Menschen ist die wahre Minne, die jetzt, im Moment der Not, zur Fahrt ins Heilige Land auffordert. Strophe 3 stellt den wahren Liebenden, der auf (göttliche) Gegenliebe stößt, die erfolglosen weltlichen Minner gegenüber, deren vergebliches Minnen nichts als wân (MF 218,22) ist. Die Gegenseitigkeit der Liebe zwischen Mensch und Gott hat die einseitige Minnekonstruktion des Minnesangs damit endgültig überwunden (Ortmann 1996:95). Es Minnesangfällt nicht ganz leicht sich vorzustellen, dass Hartmann nach diesem Lied noch Minnelieder verfasst hat (was große Teile der Forschung für unmöglich halten), aber völlig ausschließen wird man es nicht können.
3.2. Narrativität
Das kritische Urteil der älteren Forschung über Hartmanns Lyrik, sie sei „zu glatt, zu kalt, zu hell“ (vgl. Haustein 2011:85), wurde immer wieder mit der Beobachtung verbunden, dass Hartmann in seiner Lyrik erzählt. Im Mittelpunkt dieser Beobachtung stand stets Lied XV (MF 216,29, vgl. Johnson 1999:150). Vor dem Hintergrund der neueren Forschung zum Phänomen lyrisch-narrativer Interferenzen (vgl. Haustein 2011:86–89), die auch andere Texte auf der Grenze zwischen Lyrik und NarrationLyrik und Narration unter diesem Gesichtspunkt in den Blick genommen hat, kann vielleicht ein der hartmannschen Lyrik eigener Charakter präziser (und positiver) beschrieben werden. Denn nicht nur in Lied XV wird erzählt, sondern in vielen anderen Liedern auch. Sie erzählen kleine, abgekürzte Geschichten, die in Zeit und Raum eingespannt sind und in denen die Figuren des Ich und der Dame über die sie betreffenden Zusammenhänge erzählend nachdenken, Zusammenhänge, die im Roman zumeist den Erzähler interessieren.
Schon über Lied I (MF 205,1) spannt sich ein Zeithorizont auf, der von der frühesten Jugend des Ich (MF 206,12 und 18) bis in die eigene Gegenwart, ja bis in dessen Alter (MF 205,23) reicht. Das Lied setzt also als Fixpunkte einer nicht auserzählten Geschichte einen Anfang und ein Ende eines ‚Helden‘ wie in einem Roman und imaginiert so auch eine „Evidenz des Körperlichen“ (Wenzel 2013:90). Diese Zeitstruktur wird mit dem Motiv des Wandels verbunden, deutet also auch so ein Vorher und ein Nachher an: vil wandels hât mîn lîp unde ouch der muot (MF 205,12) oder grôz was mîn wandel (MF 205,24). Was diesen Wandel verursacht hat, erfahren wir freilich nicht, nur dass dieser auf Seiten des Ich zum Verlust an Zeit geführt hat (MF 205,6f.). Stellt der in Strophe 3 erwähnte Tod des Dienstherrn eine andere kleine, nicht erzählte Geschichte dar? Strophe 5 fasst die Minnereflexion des Ich „in einem beinahe erzählenden Ablauf zusammen“ (Cormeau/Störmer 32007:84). Das Thema ‚Zeit‘ durchzieht auch Lied III (MF 207,11) „wie ein roter Faden“ (Reusner 1985:104f.). Angedeutet wird eine Geschichte vom zunächst fast trotzig an den Tag gelegten Wankelmut Minnesangdes Ich, den dieses späterhin bereut, um wenigstens in Gedanken zu seiner Dame zurückzukehren. Diese Geschichte hat sich übrigens, wie der explizite Bezug ausweist, nach dem Erleben, von dem Lied II (MF 206,19) berichtet, ereignet. Mehrere Lieder sind durch Vor- und Rückgriffe strukturiert: In Lied VII (MF 211,27) wird ein zukünftiges Glück angekündigt, in Strophe 2 eine kleine Geschichte von Untreue angedeutet, die in Strophe 3 als Voraussetzung des in der ersten Strophe angekündigten neuen Glücks fungiert. Ähnlich ist Lied XV (MF 216,29) gebaut: Erst die abschließende dritte Strophe berichtet von einer Erfahrung, die zeitlich vor der Situation der ersten Strophe liegt und aus der heraus ‚Hartmann‘ nicht mehr zu den ritterlîche[n] vrouwen gehen will (MF 216,32). Und auch in Lied XVI (MF 217,14) dominiert das Thema ‚Zeit‘, wenn dort ein früheres Glück, jetziger Schmerz und die Aussicht auf eine traurige Zukunft thematisiert werden. Lyrik und Narration
Auffälligerweise arbeiten gerade die Lieder mit einer Zeitstruktur auch mit oft nur angedeuteten Raumvorstellungen. Das gilt etwa für Lied IV (MF 209,5), in dessen Verlauf Strophe 1 eine Zeit- und Strophe 2 eine darauf bezogene Raumstruktur stiftet. In Lied VIII (MF 212,13) wird das Moment der räumlichen Ferne explizit mit Gegenwart und Zukunft verbunden und auf die Gefahr einer möglichen Untreue bezogen. Das in seiner Echtheit umstrittene Lied XII (MF 214,34) verbindet in der ersten Strophe das Motiv der Ferne mit dem des Dienstes, der in diesem sumer (MF 214,38) geleistet werden soll. Und auch die in den Handschriften Hartmann zugewiesene Strophe 3 erzählt ganz in der Art der anderen Hartmann-Lieder eine Geschichte vom wandel (zehant bestuont si ein ander muot, MF 217,4), die in eine Zeit- (êrste rede…ie…zehant…nien…iemer) und Raumstruktur (nâhen…in mac von ir niht komen) eingebunden ist (Strophe 4 und 5 sind eher begrifflich orientiert und auf das Thema ‚Leid‘ bezogen). Lyrik und Narration
Die eingangs erwähnte Einschätzung der hartmannschen Lyrik als ‚didaktisch‘, ‚sentenziös‘ oder ‚intellektuell‘ könnte man aus der Perspektive der Gattungsdifferenzen als Folgen einer erzählerischen Grundhaltung im Lied interpretieren. Die Lieder werden von einem ErzählerErzähler / Erzählinstanz erzählt, der nicht auftritt bzw. sich hinter dem erzählenden Ich verbirgt. Lied IX (MF 212,37) deutet in einem Vers von Strophe 1 (MF 213,2) eine kleine Verführungsgeschichte durch list an, erzählt in Strophe 2 einiges über die Macht der Worte und isoliert in Strophe 3 die erzählende Dame dadurch, dass der Blick auf andere Handlungsoptionen freigegeben wird. Lied XIV (MF 216,1) erzählt die Geschichte eines Dilemmas und lässt uns an den anschließenden Reflexionen über unterschiedliche Handlungsoptionen teilhaben. Die Dame wird im Ergebnis dieses Denkprozesses die Minnesangrigiden Normen ihrer vriunde unterlaufen, indem sie ihnen zwar zu gehorchen scheint, tatsächlich aber ein unerlaubtes Liebesverhältnis beginnen will. Die Voraussetzung dafür ist zum einen die Diskretion des Mannes und zum anderen die Klugheit der Dame, mit der sie genau der Zwickmühle (das getilte spil, MF 216,8f.) entkommen wird, in die auch die Romanfiguren Enite (HaEr 3153–3155) und Iwein (HaIw 4872f.) geraten sind. Umgekehrt vertraut sich in Lied XIII (MF 215,14) das männliche Ich einer Frau an, deren wîplichen Verstand (sin) es als Voraussetzung dafür akzeptiert, dass dem herze auch dann kein Leid geschieht, wenn der lîp in der Ferne ist. Diese erzählerisch entfaltete Reflexion mündet unversehens in eine kleine Genreszene von Abschied und Erhörtwerden, in der im Grunde alle narrativen Möglichkeiten, die dem Lyriker zur Verfügung stehen, zusammengeführt werden: Erinnert wird aus der Ferne ein angedeutetes, aber nicht auserzähltes Erlebnis, das zeitlich zurückliegt. Lyrik und Narration
Die zum Ende des 12. Jahrhunderts entwickelten lyrischen Sprechweisen, die auf Präsenz und Gegenwärtigkeit zielen – das Leid des Mannes, das im Lied ‚vorgeführt‘ wird, ist jetzt und immer und die Abweisung der Dame zeitlos – werden in den hartmannschen Liedern zum einen oft mit einer ‚wenn-dann‘-Konstruktion auf ihre ‚logischen‘ Bedingungen hin geprüft, zum anderen narrativ angereichert. Hartmanns Lieder haben selbst im performativen Akt des Vorsingens einen reflektierenden und erzählerischen Überschuss, was man ihnen in der Forschung, die erzählerische Züge offenbar nicht in ihren ‚lyrischen‘ Lyrikbegriff integrieren kann, oft genug angekreidet hat, wohingegen sie von Autoren des 13. Jahrhunderts geschätzt wurden (Wolf 2007:124, vgl. → Kap. 12.). Sie ereignen sich erzählend in Raum und Zeit und sind dabei reflexiv aufgebaut, was auch Hartmanns „Vorliebe für kausale und konditionale Nebensätze“ (Brackert 1969:174) oder für axiomatische Liedanfänge (Salmon 1971:814) erklärt. Indem die Geschichten andeutend erzählt werden und die Figuren entweder ihre Situation bedenken und entsprechend schlussfolgern oder ein Erzähler dieses tut, werden auch die Grundbedingungen des Minnesangs bedacht. Reflexion und Erzählung bleiben dabei eng aufeinander bezogen. Hartmanns Lieder stammen von einem der bedeutendsten Erzähler der Zeit um 1200, der gerade dadurch, dass er das andeutende und reflexive Erzählen in die Lyrik brachte, neue Ausdruckformen für diese schuf. Lyrik und NarrationMinnesang
Weiterführende Literatur: Mit Gewinn zu benutzen ist von Reusners Ausgabe von 1985 mit Übersetzung und Verzeichnis der älteren, entweder philologisch oder biographisch orientierten Literatur, die hier im Literaturverzeichnis nicht wiederholt wird. Für metrische und philologische Fragen ist immer noch der Kommentar von Carl von Kraus 1939 sowie Reusner 1984 nützlich. Bei Seiffert 1968 steht der Zusammenhang mit den Erzählwerken im Vordergrund; Salmon 1971 und Urbanek 1992 behandeln die rhetorische Anlage der Lieder; Blattmann 1968 ist für viele Einzelaspekte wichtig; Kühnel 1989 für Fragen der Überlieferung. Neuere Ansätze bieten Haustein 2011 zu Zeit- und Raumstruktur, Wenzel 2013 zu Fragen der Inszenierung der Lieder und Reichlin 2014 zu den Kreuzliedern.
4. Ein Streitgespräch im Schnittpunkt der Diskurse: ‚Die Klage‘
Susanne Köbele
Abstract: Hartmanns ‚Klage‘ ist ein performativ gerahmtes, rhetorisch brillantes Streitgespräch zwischen den personifizierten Ich-Instanzen Herz und Leib. Eine Besonderheit des Textes liegt darin, dass mit ihm heterogene Gattungs- und Wissenstraditionen zusammengeführt werden: romanische Lyrik, Minnesang, allegorische Minnelehren, lateinische Leib-Seele-Streitdialoge, Psychomachie. Achtet man auf diese Verschränkung volkssprachlich-höfischer und gelehrt-lateinischer Diskurse, wird die ‚Klage‘ zu einem spannungsreichen Text, der vom epochalen Minnethema aus Spielräume und Grenzen literarischer Ich-Konstitution auslotet. Leib und Herz – untrennbar zusammengehörig, aber unüberbrückbar getrennt – bleiben mit ihren Ansprüchen bis zum Schluss asymmetrisch zueinander. Der Beitrag arbeitet exemplarisch Aspekte dieser grundsätzlich gestörten Innen-Außen-Kommunikation heraus und zeigt, dass es v.a. Zeitaporien sind (das stæte-Dilemma des Hohen Sangs), die das Ich in allusive Grenzbereiche zwischen christlicher Leib-Seele-Anthropologie und höfischem Minnedienst-Ethos führen.
4.1. ‚Klage‘, ‚Büchlein‘, Streitgespräch? Aspekte der Überlieferung und Gattungszuordnung
Zusammen mit dem ‚Erec‘ gilt die ‚Klage‘, ohne dass sich das sichern ließe, als Frühwerk Hartmanns. Zwischen Textentstehung (um 1180/1200) und uns einzig greifbarer Textüberlieferung (um 1504 im Ambraser HeldenbuchAmbraser Heldenbuch, Handschrift A) liegen rund dreihundert Jahre. Entsprechend schwierig sind angesichts der unikalen und späten Überlieferung alle Versuche der Herstellung eines autornahen Textes. Die Neuedition der ‚Klage‘ durch Gärtner (2015) kehrt für Metrik und Sprachform möglichst weit zur Überlieferung zurück (zu den vorausgehenden Editionen der ‚Klage‘ Gärtner 2009, ders. 2015:XIV–XXII) und erleichtert das Verständnis des vielfach dunklen Textes durch eine Fülle hilfreicher Anmerkungen.
Die Forschung versteht Hartmanns ‚Klage‘ als in ihrer Zeit isoliertes Gattungsexperiment. Uneindeutig zwischen lyrischen und narrativen Sprechakten angesiedeltLyrik und Narration, ist das rund 1900 Verse umfassende StreitgesprächStreitgespräch / disputatio ein signifikantes Beispiel dafür, wie die mittelhochdeutsche Literatur zur Gestaltung innerer Konflikte die widerstreitenden Tendenzen einer Figur in Form allegorischer PersonifikationenPersonifikation / Allegorie auslagern und selbstwidersprüchlich vervielfältigen kann. Schon der Prolog spielt ein Spiel mit verschiedenen Formtraditionen. Der Text beginnt topisch mit einer Sentenz über die Allmacht der Minne: Minne waltet grôzer kraft, / wande sî wirt sigehaft / an tumben und an wîsen, / an jungen und an grîsen (HaKl 1–4). Wenige Verse später kommt er beim konkreten Einzelfall an. Einen jungelinc habe die Minne überwältigt (HaKl 7) – in der autobiographischen Inszenierung auktoriale Selbstdarstellungdes Textes ist es Hartmann von Aue selbst (HaKl 29f.) –, doch weise ihn die Dame trotz stetem Dienst zurück. Nach außen zur Verschwiegenheit verpflichtet, klagt er sein Leid dem muote, seinem Inneren: er klagete sîne swære / in sînem muote / […]. daz waz von Ouwe her Hartman, / der ouch dirre klage began / durch sus verswigen ungemach (HaKl 24–31). Damit ist die Situation exponiert. Der knappe Erzähleingang variiert eine klassische Minnesang-Situation: Minnesang
dô sî im des niht engunde
daz er ir wære undertân,
sî sprach, er solde sîs erlân.
Doch versuochte erz ze aller zît.
disen kumberlîchen strît
entorste er nieman gesagen;
dar umbe wolde ern eine tragen,
ob er sî des erbæte
daz si sînen willen tæte,
daz ez verswigen wære. (HaKl 14–23)
Aber sie gewährte ihm nicht, daß er ihr Gefolgsmann würde, sie sagte, er solle sie mit seinem Dienst verschonen. Trotzdem versuchte er es unablässig. Von diesem leidvollen Konflikt wagte er niemandem zu erzählen; er wollte ihn deswegen allein ertragen, damit, wenn er von ihr erbäte, dass sie nach seinem Willen handelte, dies verschwiegen bliebe.
Dieser diskret als „Reden um des Schweigens willen“ (Gebert 2019:147) ins Innere verschobene Klagemonolog wird unüberhörbar als hochminnesängerische Konstellation eingeführt (HaKl 14–17). Doch er wird gerade nicht lyrisch, sondern narrativ entwickeltLyrik und Narration, im Erzählgestus und Erzählmetrum vierhebiger Reimpaarverse. In der Folge wird er dann außerdem gar nicht als monologische Klage umgesetzt, sondern als Dialog, genauer: als StreitgesprächStreitgespräch / disputatio zwischen Herz und Leib, und dieses dialogisch inszenierte Selbstgespräch kommt ganz ohne Erzähler aus. Stattdessen kann das personifizierte Herz mitten im Streit einen veritablen Natureingang improvisieren (HaKl 821–848), eine lyrische herzeklage im Reimpaarvers. Schließlich, nach rund 1600 paargereimten Dialogversen, verlässt überraschend der Leib die Kontroverse, um im Auftrag des Herzens als Minnesänger vor die Dame zu treten (HaKl 1645–1914). In direkter Anrede an die Dame trägt er das gemeinsame Minneanliegen in fünfzehn kreuzgereimten Strophen vor. Deren Umfang nimmt (die lückenhaft überlieferte 6. und 7. Strophe ausgenommen) kontinuierlich um jeweils ein Verspaar ab, von 32 Versen der ersten Strophe bis zu schlanken vier Versen der letzten Strophe, wobei je zwei Verse zusammengenommen einen alten Langzeilentypus ergeben, der als sogenannte Vagantenzeile in mittellateinischen und mittelhochdeutschen Texten der Zeit weit verbreitet ist.
Die Vielschichtigkeit, mit der Hartmanns nach innen wie nach außen gerichteter Dialog episch-lyrische Formzitate einspieltLyrik und Narration, ist historisch neu. Bereits der Prolog spielt mit Gattungs- und Diskursinterferenzen. Er kündigt eine „Klage“ an (dirre klage, s.o. HaKl 30), was wir weniger als konkretes Gattungssignal verstehen sollten (complainte) als vielmehr im Sinn eines allgemeinen minnelyrischen Sprechakts des Klagens, der schon im MinnesangMinnesang höfische Liebezwischen Liebes- und Rechtsdiskurs schillert und im bekannten Doppelsinn von planctus (Wehklage) und accusatio (Anklage) auch den Sonderfall der Selbstanklage einschließen kann. Gleichzeitig nimmt der Begriff des strît (s.o. HaKl 18), mit dem der Prolog den Widerspruch zwischen stetem Dienst des jungelinc und steter Dienstverweigerung der Dame benennt, die Form des StreitgesprächsStreitgespräch / disputatio implizit vorweg, ähnlich wie die um 1505 von Hans Ried im Ambraser Heldenbuch vermerkte Werküberschrift ‚Disputatz‘ den Text an die Form einer gelehrten Kontroverse anschließt. Der ‚Disputatz‘-Werktitel, mit dem Ried hier die Komplettierung des Hartmann-Corpus in seiner Handschrift erläutert, heißt vollständig: Ein schoene Disputatz Von der Liebe so einer gegen einer schoenen frawoen gehabt vnd getan hat (Bl. 22r → Abb. 4.1., dazu Gärtner 2015:1); der Titel ruft also im selben Atemzug auch den ästhetischen Anspruch des Textes, das Rahmenthema Minne und einen narrativen Hintergrund auf. Diese schillernde Vielfalt bereits historischer Titelgebung ist kein Zufall, und sie wiederholt sich mit wechselnden, kontrovers diskutierten Versuchen der Gattungszuordnung durch die ‚Klage‘-Forschung.
Abb. 4.1.
Überschrift zur ‚Klage‘ im Ambraser Heldenbuch (A) (Detail)
Die ältere Forschung hat den Text wenig geschätzt und überwiegend als Minnedidaxe Lehrdichtungaufgefasst, als ein auf Ausgleich und Integration bedachtes minnetheoretisches Frühwerk Hartmanns, das dessen episches und lyrisches Werk eher beiläufig flankiere. Anders als im komplexeren Fall von Hartmanns Liedern könne die ‚Klage‘ „fraglos, und ohne dass latente Spannungen spürbar werden, innerhalb der gegebenen Ordnungen bestehen“ (so noch Glier 1971:23). Doch schon in formaler Hinsicht ist die Rahmung des dialogischen Hauptteils durch Prolog und Schlussgedicht ungewöhnlich. Die Wechselrede selbst variiert zwischen längeren Redebeiträgen von bis zu 500 Versen und stichomythischem Sprecherwechsel, wobei sich aggressiver und kooperativer Redemodus nicht immer eindeutig voneinander abheben lassen. Entsprechend vielfältig fallen die Versuche der ‚Klage‘-Forschung aus, den Text als diskurs- und gattungsübergreifendes Experiment zu beschreiben: als Übergangsform zwischen der augustinischen Tradition des Soliloquiums, das mit seiner Form der Selbstverdopplung besonders einschlägig sei, „intrapersonale Widersprüche und Aporien zu benennen und aufzulösen“ (Hess 2016:122), lateinischen Leib-Seele-DialogenLeib-Seele-Dialog der ‚Visio Fulberti‘-Tradition ‚Visio Fulberti‘(altercatio, disputatio, conflictus; vgl. Bossy 1976) sowie der scholastischen disputatio-Tradition (zum „Gattungsproblem“ bereits Gewehr 1972).Streitgespräch / disputatio Das dialogische Auseinandertreten von Leib und Herz des (Sänger-)Ich findet sich darüber hinaus auch im kontemporären Minnesang (bereits Glier 1971:22; Parallelen zum lateinischen und romanischen Streitgespräch débat oder dit bei Kasten 1973; zu inhaltlichen Berührungen der ‚Klage‘ mit Hartmanns Liedern → Kap. 3.1.3. und 3.1.4.), auch dort mit auffällig rekurrentem Motiv der Selbstanklage. Nahe liegen außerdem die Tradition des Liebesbriefs (saluts d’amour, ‚Büchlein‘-Tradition) und der heterogene Bereich der sogenannten Minnerede (Glier 1971:20, fasst die ‚Klage‘ als in ihrer Zeit eigentümlich isolierten Minnereden-„Vorläufer“). Moriz Haupt, der die erste vollständige kritische Edition des Textes vorlegte (1842), gab dem Werk den Titel ‚Büchlein‘, was später auch die Edition von Arno Schirokauer (1979) übernahm, Ludwig Wolff (1972) hingegen edierte den Text als ‚Das Klagebüchlein‘. Dieser Titel stelle, so Gärtner (2015:XVIII), „einen Kompromiss zwischen Haupts Gattungsbezeichnung ‚Büchlein‘ und der inhaltlichen Bestimmung klage in V. 30 des Prologs dar“.
Die Forschung ist sich mittlerweile einig, dass die ‚Klage‘ als uneindeutiges Geflecht aus unterschiedlichen Traditionssträngen zu beschreiben sei, für das keine konkreten Prätexte aus der deutschen, französischen oder lateinischen Literatur der Zeit nachgewiesen werden können. Zwar ist Hartmanns ‚Klage‘ ohne diese Kontexte der romanisch-frühhöfischen Literatur und lateinisch-klerikalen Liebes- bzw. Wahrnehmungstheorie nicht denkbar. Die Suche nach Vorlagentexten blieb gleichwohl bis heute ohne greifbare Ergebnisse. Die Quellen von Hartmanns Text „liegen im Zwielicht“, so bereits Cormeau/Störmer (32007:105). Am experimentellen, transgenerischen Status des Textes hält die jüngste Forschung fest, etwa Hess (2016), die die Übertragung des augustinischen Soliloquium-Modells Augustinus, ‚Soliloquia‘Leib-Seele-Dialogauf den Diskurs der höfischen Liebe höfische Liebeins Zentrum ihrer ‚Klage‘-Analyse stellt, während Gebert (2019) stärker auf die Psychomachie-Tradition zurückgreift und deren spezifische Transformation in der höfischen „Wettbewerbskultur“ des Mittelalters verfolgt. Direkte Linien lassen sich hier wie dort kaum ziehen.
Hartmanns formal innovatives, kunstvoll arrangiertes StreitgesprächStreitgespräch / disputatio ist dabei gegenüber seinem Gattungsexperimentstatus in inhaltlicher Hinsicht keineswegs herunterzustufen als „spannungslose“, „optimistische“ Minnelehre (so noch Glier 1971:23). Die ‚Klage‘ ist im Gegenteil, wie hier gezeigt werden soll, Medium einer komplexen Diskursivierung paradoxer Affekte und grundsätzlich gestörten Innen-Außen-Kommunikation des Ich: ein êwiger strît (HaKl 900). Für diese Frage, wie die Gattungs- bzw. Diskursinterferenzen – ihre textübergreifenden Funktionen und Effekte – genau einzuschätzen seien, schwanken die Urteile der Forschung erheblich. Zielt Hartmanns Streitgespräch mit seiner charakteristischen Vervielfältigung von Sprechakten und Sprecherperspektiven auf Krisenbewältigung oder eher auf Konfliktentfaltung?
4.2. Schwierige Kohärenz: Reimpaardialog und Schlussgedicht als selbstwidersprüchliche stæte-Demonstration
Im Blick auf sämtliche Textteile (Prolog, Wechselrede, Schlussgedicht) stellt sich die methodisch nicht einfache Frage nach der Kohärenz des Textes und der „Emergenz“ (Hess, 2016:12) seiner Form. Makrostrukturell ergibt sich ein auch lateinischen Seelenkampftexten geläufiger dreiteiliger Aufbau (differenzierte Gliederungsvorschläge bereits bei Zutt 1968, Cormeau/Störmer 32007:99–105, Strittmatter 2013:149f.), der sich wie folgt darstellen lässt:
| I. 1–32: | Prolog |
| II. Dialogteil: | |
| 33–484: | Anklage des Herzens durch den Leib |
| 485–972: | Gegenklage des Herzens |
| 973–1125: | Versöhnungsangebot durch den Leib |
| 1126–1167: | Bereitschaft des Herzens zur Versöhnung |
| 1168–1268: | Stichomythie |
| 1269–1375: | Kräuterzauber (Rede des Herzens) |
| 1376–1644: | Situationsklärung durch Leib und Herz (mit zweimaligem Redewechsel) |
| III. 1645–1914: | Schlussgedicht (15 Strophen) |
Für den mittleren Dialogteil lassen sich wiederum vier Binnenabschnitte unterscheiden und inhaltlich so zusammenfassen: 1. Der Leib klagt das Herz an; die Anklage lautet auf Untreue und gezielte Irreführung (HaKl 33–484); 2. das Herz widerlegt die Anklage und bezichtigt seinerseits den Leib des Ungehorsams (HaKl 485–972); 3. das Einlenken des Leibes führt 4. zur Versöhnung und Kooperationsbereitschaft der beiden Gegner und zu einer ausführlichen Minne- und Rechtsbelehrung des Leibes durch das Herz. Insgesamt sieben Mal wechseln im Dialogteil die Redebeiträge von Leib und Herz, bevor der überlieferte Schluss aus der Dialogsituation herausführt: Das Ich überbringt der Dame einen mehrstrophigen Liebesgruß, der emphatisch beständige Dienstbereitschaft beschwört (HaKl 1645–1914). Der textkonstitutive Konflikt scheint sich also im Textverlauf aufzulösen in einer klaren Dramaturgie von Klage, Gegenklage, Einigung, Belehrung und Dienstbestätigung.
Doch genau genommen kann der Leib, schon zu Beginn, den Prozess nur in der Wunschform eröffnen: ‚Wärest du etwas anderes – oder: ein anderer – als ich, hättest du verdient, dass ich dich verklage‘ (Ouwê, herze und dîn sin, / wærst dû iht anders danne ich bin, / dû hætest wol verschuldet umb mich, / daz ich klagete über dich, HaKl 33–36), und wiederum in Wunschform erläutert der Leib die Strafe, die er für das Herz vorsähe: Wärest du nur etwas anderes als ich, Herz, ‚wahrlich, ich würde dich töten‘ ([…] zewâre, ich tæte dir den tôt, HaKl 41). Diese Aussagen zielen auf eine dilemmatische Zusammengehörigkeit von Herz und Leib, auf ihr erzwungenes Aufeinanderangewiesensein under friunden (HaKl 59). Das Herz beharrt auf der Inkommensurabilität des Leidens: ‚Unser Kummer lässt sich nicht vergleichen‘ (ja enmac sich niht gelîchen / unser kumber den wir tragen. / […] Dîner sorgen ist sô vil, / si wæren wider die mînen ein spil, HaKl 652–656). Der Leib verschlafe ohnehin das halbe Leben und vertreibe sich die übrige Zeit mit vergnüglicher Ablenkung (HaKl 673–678), während das Herz dafür sorge, dass die Unerreichbare dem Leib wenigstens im Traum nahe sei (HaKl 695ff.). Wenn zum Schluss seiner Gegenklage das Herz verlangt, der Leib müsse gehorchen (HaKl 896) und die innere Einstellung (den muot) ändern, dann hat auch der Leib überraschend ein Innen, das von dem ihm gegenübergestellten Herzen noch einmal verschieden ist (HaKl 860, auch schon 99): wil aber dû dich rehtes muotes / noch ze mir gesellen, / wir enden swaz wir wellen (HaKl 966–968). Der Leib erinnert daran, Gott habe ihnen beiden eine Seele gegeben (wir müezen iemer sament wesen, / wir enmugen uns niht gescheiden. /got der hât uns beiden / eine sêle gegeben, HaKl 1032–1035). Für diese seien sie beide verantwortlich, mit ungewissem Ausgang (die nimet er uns swanne er wil; / des enhân wir dehein gewissez zil, HaKl 1037f.). Daher will sich der Leib auch bei ausbleibendem Lohn zu beständigem Dienst verpflichten, sicherheitshalber. Er hat damit seine Conversio erreicht, und das Herz kann ausdrücklich die bessere Disposition (ze bezzerunge muot, HaKl 1130) und vil guote wandelunge (HaKl 1154) des Leibes hervorheben.
Äußeres Zeichen der inneren Annäherung der Kontrahenten ist, so scheint es, im folgenden vierten Binnenabschnitt eine stichomythische Passage von hundert Versen (HaKl 1168–1268). Doch bei näherem Hinsehen ist diese Passage kein harmonisches Miteinander, sondern im Gegenteil der beschleunigte, dramatisch zugespitzte Dissens. ‚Stichomythie‘Stichomythie bezeichnet einen konsequenten Sprecherwechsel von Vers zu Vers. Sie erzeugt hier einen rasanten Schlagabtausch, der in seiner unaufgelösten Spannung abgekürzt paraphrasiert sei. Am Anfang der Passage steht die Versöhnungsbereitschaft des Leibes: herze, daz ist mir iemer leit, / unde büeze ez swâ ich sol (HaKl 1168f.). Doch er bleibt misstrauisch: ‚Woher kommt eigentlich, Herz, Deine Überlegenheit?‘(HaKl 1175). Das Herz reagiert verstimmt: ‚Was macht dich so aggressiv?‘ Der Leib: ‚Ich leide.‘ Das Herz: ‚Du bist krank?‘ Der Leib: ‚Nein, es ist eine andere Not.‘ Das Herz: ‚Tu etwas dagegen!‘ Der Leib: ‚Hilf mir dabei!‘ Das Herz: ‚Wobei?‘ Der Leib: ‚Spar dir deinen Spott. Ich leide und bin gesund.‘ Das Herz: ‚Das verstehe ich nicht.‘ Der Leib: ‚Du weißt es genau.‘ Das Herz: ‚Nicht, eh du mir’s sagst.‘ Der Leib: ‚Hast du kein Leid?‘ Das Herz: ‚Doch. Von ihr‘ (‚dâ twinget mich diu frouwe mîn.‘ HaKl 1208). Endlich verstehen beide, dass ihr Leid die gleiche Ursache hat (‚lîp, ist ouch dir daz?‘ ‚Leib, auch dir geht das so?‘ HaKl 1210), doch der Streit hört nicht auf. Denn der Leib besteht im selben Atemzug darauf, mehr zu leiden (so geloube mir, mich deste baz, HaKl 1209), und das Herz drängelt: ‚Dann sorg du dafür, dass etwas daraus wird‘ (‚sô schaf selbe daz ez ergê‘, HaKl 1212). Der Leib stimmt freundlich zu (‚das möge uns so geschehen‘), wird aber sogleich vom Herzen zurechtgewiesen: ‚Dein Wünschen bringt uns kein bisschen voran‘ (daz müeze uns beiden noch geschehen. / ‚dîn wünschen hilfet dich niht ein hâr.‘, HaKl 1256f.). Die Auseinandersetzung endet damit, dass der Leib den abschließenden Rat des Herzens annimmt, den Ernst seiner Bemühungen zu beweisen: ‚sô lâ dînen ernest wesen schîn.‘ ‚Beweis endlich, dass du es ernst meinst!‘ (HaKl 1263, wie bereits HaKl 738ff. und 801ff.) – als gäbe es Beweise für das, was sich nur in widersprüchlichen Symptomen zeigt, im steten Wechsel von Hoffnung und Zweifel (noch HaKl 1826–1830). Die Argumentation dreht sich im Kreis. Damit liegt auf der Hand: Die stichomythische Passage der ‚Klage‘ ist kein konsensorientierter Musterdialog, sondern Medium der Konfliktsteigerung.
Doch die Versöhnungsbereitschaft des Leibes am Ende des stichomythischen Psychodramas ermöglicht immerhin einen ausführlichen ‚Rat‘ des Herzens, eine Minnelehre. Sie wird als allegorischer Kräuterzauber (krûtzouber HaKl 1304) aus der Apotheke Gottes präsentiert (HaKl 1269–1348, vgl. Masse 2012) und verspricht das Gelingen der Balance göttlicher und weltlicher Ansprüche: ez ist bêdenthalp ein gewin, / got und diu werlt minnet in: / swer den selben zouberlist kan, / der ist zer werlte ein sælic man (HaKl 1345–1348). Magischer Liebeszauber hingegen verspiele das Heil für sêle unde lîp (HaKl 1366). Auch wenn diese Verse ausdrücklich eine religiös motivierte Versöhnung in Aussicht stellen, ist die Seele in Hartmanns ‚Klage‘ gerade nicht das einigende Band für Leib und Herz, sondern das, worin sie sich konfliktträchtig überschneiden. „Der Dialog von herze und lîp bringt […] zu keinem Moment der Rede zwei klar trennbare, miteinander konkurrierende Standpunkte hervor, sondern immer eine Verschränkung der Positionen“ (Strittmatter 2013:195f.). Hartmann erzählt keine trennscharfe (höfisch oder religiös dominierte) Anthropologie. Herz und Leib sind in instabiler Asymmetrie verbunden, was der Text auch metaphorisch über wechselnde Formen von Koordination (‚Partner‘, ‚Freunde‘, z.B. HaKl 121, 421, 978; Nussschale-Kern, HaKl 449–464; Wasser im Kessel, HaKl 465–484) bei gleichzeitiger Subordination durchspielt (Richter-Rächer, HaKl 69–71 und 417; Herr-Diener, HaKl 1961–1074; Lehrer-Schüler, HaKl 1252). Zugleich weist das vom Leib für die Minneüberwältigung vorgebrachte Gegenbild einer gefährlich unter dem Meeresspiegel verborgenen ‚Tiefenströmung‘ auf unkontrollierbare Risiken (HaKl 353–366 und 1803–1806) und eine unhintergehbare Intransparenz des Ich, die auch durch den Verweis auf die beiden gemeinsame Instanz der Seele (s.o.) oder den Appell zu gemeinsamer steter Dienstanstrengung – mit übereinstimmendem muot – nicht aufgehoben ist. Im Gegenteil: „Ab der stichomythischen Mittelachse beginnt die Klage, ihre Paradoxien zu restabilisieren“ (Gebert 2019:160). Ein nach innen und nach außen vil ungewisser wân (HaKl 1077) lässt sowohl das Ich am Erfolg seines Dienstes kategorisch zweifeln wie umgekehrt die Dame an dessen Aufrichtigkeit, und zur Auflösung dieses Zweifels bleiben nichts als Worte:
Sît ir daz gemüete mîn
alsô verborgen muoz sîn
daz sî es niht anders wizzen mac
wan als ich ir ez, sô man ie phlac,
mit worten bescheine
– so enweiz sî ob ich ez meine
mit rehten triuwen oder niht; (HaKl 1397–1403)
[…] da ihr mein Inneres so verborgen sein muss, dass sie davon nichts anderes zu wissen vermag als das, was ich ihr, wie man das stets zu tun pflegt, mit Worten zu erkennen gebe – weiss sie doch nicht, ob ich es aufrichtig ernst mit ihr meine oder nicht;
Die Beharrlichkeit des Dienstes spielt in der ‚Klage‘ also eine ambivalente Rolle, und nicht bloß in der Stichomythie. Zwar ist stæte auf der einen Seite ein Normbegriff: Der Dienst soll stæte sein, weil die Dame stæte ist. Doch führt er auf der anderen Seite als Zeitkategorie in Aporien, weil der stæte dienest ein vil ungewissez zil hat und gerade nicht mechanisch zu stetem Heil führt (vgl. Hartmann, MF 205,1, Strittmatter 2013:349–361), sondern am steten Widerstand der Dame scheitern kann. Unermüdlich, erst recht in den Schlussstrophen, wie sich gleich zeigen wird, appelliert das Herz an den Leib: ‚Dien’ ihr beständig, ausdauernd, nicht überstürzt!‘ (nu ensûme ez ouch ze deheiner frist, HaKl 1540), ‚Fang damit an, aber nicht zu schnell!‘ (Unrehtez gâhen sûmet dich, HaKl 1551). Alle Zeitimplikationen des Begriffs stæte werden bereits im dialogischen Teil paradox ausgefaltet – Dauer, Geschwindigkeit, Kontinuität –, und auch das überlegene Herz bleibt am Ende des Dialogteils noch und wieder im Zeitdilemma stecken: ‚Ich begreife nicht, warum die Dame ihren beharrlichen Verehrer immer so lang hinhält‘ (Welch wünne ein wîp dâ mite hât / daz sî ir friunt sô lange lât / an zwîvellîchen sorgen, / die sint mir gar verborgen, HaKl 1585–1588). Zwar sieht der Leib sich veranlasst zu korrigieren: Auch ewiges Warten könne ja selig machen (HaKl 1601), und das Herz stimmt schnell zu, ja, steter Tropfen höhle den Stein (HaKl 1616–1625). Aber auch das ist keine Lösung, sondern bloß eine Hypothese: ist sî danne ein guot wîp, / sich, sô lônet sî dir, lîp (HaKl 1631f.). Wenn sie gut ist, lohnt sie. Vielleicht.
Das stæte-Dilemma fungiert als entscheidende Klammer zwischen Dialogteil und Schlussgedicht. Wie verhält sich der Streitdialog (HaKl 1–1644) zu den an die Dame adressierten Schlussstrophen, die so überraschend die Intimität des Selbstgesprächs nach außen wenden (HaKl 1645–1914)?
Dass die erste der Schlussstrophen mit 32 Versen genauso lang ist wie der einleitende Prolog des Textes, lässt sich als formale Entsprechung sehen mit dem kompositorischen Effekt einer Art Triptychon, auch die vergleichbar hohe Frequenz von Sentenzen in beiden Rahmenteilen sowie lexikalische Wiederaufnahmen (zusammenfassend Strittmatter 2013:200–204) weisen auf gezielte Kohärenzbildungsmaßnahmen hin. Die Materialität der Texteinrichtung ist für den Übergang des Streitgesprächs zum Schlussgedicht aufschlussreich. Auch wenn der von Teilen der älteren Forschung bezweifelte ‚Echtheitsstatus‘ des Schlussgedichts (Kischkel 1997)Echtheitsdiskussion in letzter Instanz unvermeidlich hypothetisch bleiben muss: Mit ihrer Untersuchung der in der Handschrift verwendeten Gliederungselemente (Überschrift, Zeilenabstand, Initiale, Randverzierung) kann zuletzt Hess ältere Forschungshypothesen dahingehend bestätigen, dass zumindest die Überlieferung „den Text als Ganzes wahrgenommen hat und wahrgenommen haben wollte“ (2016:27, auch bereits Gärtner 2015:IX), und einen anderen Text als den im Ambraser HeldenbuchAmbraser Heldenbuch überlieferten haben wir für die ‚Klage‘ nicht. Zwar scheint Hans RiedRied, Hans (vorlagenbedingt?) in den Formwechsel etwas hineinzustolpern: So lässt in der Ambraser Handschrift der Übergang von vierhebigen Paarreimversen in die fünfzehn kontinuierlich verkürzten, kreuzgereimten Vagantenzeilen Inkonsistenzen im Interpunktionsprinzip erkennen (Doppelpunkt, aber auch einfacher Punkt zur Reimmarkierung), die man als Symptom eines „‚unorganischen‘“ Übergangs von Dialog- und Strophenteil gedeutet hat (zusammenfassend Hess, 2016:54, Kischkel 1997, deutet den Schluss als bloßes Anhängsel). Doch schon Glier (1971:21) sieht mit einer differenzierteren Formulierung den Schlussteil „lose aber konsequent“ dem lehrhaften allegorischen Streitgespräch angefügt, bleibt allerdings für ihre Bewertung dieser inkohärenten Kohärenz die Begründung schuldig (er bestätige „die nunmehr erreichte Gleichsinnigkeit von herze und lîp“ auch formal). In genau dieser Frage nach dem integrativen oder ambivalenten Status der Schlussstrophen ist die jüngere Forschung uneins. Hess (2016:58 und 249) fasst die klangästhetisch und rhetorisch anspruchsvollen Schlussstrophen als redundanzverdächtiges „Zurücktreten des Inhalts hinter die Form“ auf und versteht die Form wie Glier wiederum als Zeichen der erreichten Harmonie zwischen Herz und Leib, insofern „sich die Asymmetrie zwischen den Dialogpartnern Leib und Herz sukzessive verringert und damit zum einen die vollständige Hingabe der ganzen Person, zum andern ihre vollständige Betroffenheit von der Liebe gezeigt wird“ (ebd.:265f.). Andere jüngere Arbeiten akzentuieren im Gegenteil ein grundsätzliches, bis zum Schluss unaufgelöstes Konfliktpotential des Textes. Der strophische Frauenpreis wiederhole „jene Klagen und Aporien, von denen der Streitdialog ausging“ (Gebert 2019:159).
Im Folgenden wird das Schlussgedicht als ambivalente stæte-Demonstration verstanden. Der lîp lässt am Ende des Streitgesprächs seine Rolle als Gegenspieler des mit sich zerfallenen Ichs hinter sich und tritt im Auftrag des Herzens als ihrer beider Vermittler (fürspreche, HaKl 1643) vor die Dame, nun selber ‚Ich‘ sagend: ‚nû solt dû, lîp, hin ze ir / unser fürspreche sîn.‘ / daz tuon ich gerne, herze mîn (HaKl 1642–1644). Doch sein Sprechakt ist eine hyperbolische Klage, die so beginnt: Swaz kumbers ich unz her erleit / sît ich sorgen begunde, / daz was ein senftiu arebeit / unz an dise stunde (HaKl 1645–1648). Dass auch dieses gewissermaßen integrale lîp-Ich dann seinerseits von ‚meinem Herzen‘ spricht (swære die mîn herze treit, HaKl 1667), weist weniger auf einen erneuten Sprecherwechsel von Herz und Leib (erwogen bei Klingner/Lieb 2013:85) hin als vielmehr auf eine texttypische rekursive Verdoppelung von Ich-Instanzen (Köbele 2006). Dass „sowohl Herz als auch Körper für sich ebenfalls Innenseiten produzieren, wie sie der muot für die Rahmenperson eröffnet“ (Gebert 2019:159), lässt v.a. die Instanz des muot als psychophysischen Dachbegriff schillern (Strittmatter 2013:161–168) und ermöglicht permanente Perspektivenwechsel. Mhd. muot fungiert in der gesamten ‚Klage‘ als integrale, also gerade nicht distinktive, entsprechend schwer übersetzbare Kategorie für den Innenraum, in dem der Prolog das Selbstgespräch stattfinden lässt: er klagete sîne swære / in sînem muote (s.o. HaKl 24f.). Anderseits verfügen sowohl das Außen-Ich, der Leib (z.B. HaKl 99), wie das Innen-Ich, das Herz (HaKl 662), gleichfalls über einen muot (fallabhängig ein ‚Innen‘, eine ‚Haltung‘, ‚Absicht‘ oder ‚Imaginations- und Erinnerungskraft‘), so dass sich mit dem ‚muot im muot‘ (HaKl 140, 208, 662, 916 u.ö.) je neue paradoxieanfällige Reduplikationen von Außen-Ich und Innen-Ich ergeben, und d.h. auch ein je neuer Dissens: Uns dienet niht gelîcher muot (HaKl 945), obwohl wir ein ‚Gespann‘ sind (HaKl 909).
Die Schlussstrophen reformulieren den stæte-Appell v.a. im Konjunktiv und Konditional: ‚Wenn du mich umarmtest, könnte ich genesen, andernfalls wird mir das Leben zu lang‘ (vgl. Str. 3). In der fünften Strophe ist das Ich bereit, für seine beständige Treue sogar seine Seele als Pfand zu geben: die sêle gibe ich ze phande / daz mîn triuwe niht zergât, / wan der schade bræhte schande (HaKl 1770–1773). Auch die sechste und siebte Strophe führen das Hin und Her von Hoffnung und Illusionsbereitschaft des Ich fort. Das Ich wendet sich erneut an die Dame: ‚Hilf, eh ich (ver-)zweifele! Wenn du nicht Gnade zeigst, werde ich sterben‘ (Str. 7). Der Schwur in Strophe 8 ist eine einzige emphatische stæte-Übertreibung: ‚Bevor ich von dir lasse, meine Göttin‘ (HaKl 1844), ‚verbrennt die ganze Welt, zerrinnen alle Tage, ist das Ende der Welt da, und werde ich in deinem Dienst noch so alt‘ (HaKl 1831ff). Die neunte Strophe greift das Zeitthema wieder im Konjunktiv auf (‚noch wäre Zeit, dass du mir meine stæte lohntest‘: Frouwe, nû bedenke daz / ê sich dîn trôst verspæte, / daz ich dîn noch nie vergaz / ze frümiclîcher stæte. HaKl 1845–1848). In Strophe 10 und 11 wird dann ausdrücklich die Liebeshoffnung mit der religiösen Hoffnung auf Erlösung parallelisiert: Ist daz ich mînen langen wân / nâch heile volbringe / den ich nach dînen minnen hân / als ich an got gedinge, / sô hât er wol ze mir getân / an gnædiclîchem dinge (HaKl 1861–1866). Das Ich spekuliert hier im irrealen Konditional: ‚Wenn meine Beharrlichkeit, meine lange Erlösungshoffnung, Erfolg hätte, mit der ich an deine Liebe glaube wie an Gott, dann hätte er – Gott – das bewirkt.‘ Zwar sind geistliche und weltliche Perspektive explizit zusammengeführt, aber nicht als Lösungsmodell, denn das Ich bleibt Urheber und zugleich Betroffener der Situation. Noch kurz vor Schluss ist alles offen, bleibt nur die mit ungewissem Ausgang verbundene Alternative (Dîn spil […] geteilet, HaKl 1905) von Erlösung oder Verderben. Liebesheil und Seelenheil werden dabei so verschränkt, dass die permanente Verwechslung der Diskursebenen und der Zeitebenen naheliegt. Diese Dynamik scheint das Hauptkennzeichen des Dialogs zu sein: die Fallsetzungen im Konjunktiv, die Pluralisierung von Perspektiven im Dialog und in Metaphern, die Ambivalenz des problemgenerierenden und zugleich problemschließenden Begriffs stæte. Auch der strophische Frauenpreis am Ende wiederholt nur ein weiteres Mal den im Prolog narrativ exponierten, dann je neu dialogisch inszenierten Sprechakt Klage, wobei die bis zum Schluss durchgehaltene Doppelsemantik von Klage und Anklage zusätzlich Aspektwechsel erzeugt (zu lyrisch-epischen Interferenzen allgemein vgl. Bleumer/Emmelius 2011). Auch die fünfzehn Schlussstrophen bleiben als stæte-Demonstration widersprüchlich, denn die performativ beschworene Dienstkontinuität impliziert zugleich Zeitverlust. Die Zeit – wie auch die Strophenlänge – schrumpft mehr und mehr, und woraus könnte das Ich seine Zuversicht ziehen, dass die Dame am Schluss auf einmal doch ihre ‚Gnade‘ zeigen würde?
Dabei scheint die systematische Vers-Abbreviatio der Schlussstrophen ein genuin hartmannscher Kunstgriff, der noch der genaueren Beschreibung harrt. Für die systematische Versreduktion im Schlussgedicht findet sich im lateinischen Bereich kein Pendant.1 Weiter führt hier, auf intratextuelle Strukturäquivalenzen zu achten. Denn schon im vorausgehenden Dialog wird ja mit Tempounterschieden gespielt, verkürzen sich die z.T. sehr langen Redebeiträge der Kontrahenten zwischendurch stichomythisch, und vielleicht ist das abschließende Strophenverkürzungsmodell auch mit der textübergreifenden, im Schluss besonders dominanten Zeitregie zusammenzusehen (steter Tropfen höhle den Stein, HaKl 1616–1621). In der zweiten und sechsten Schlussstrophe steigern zudem grammatische Reime und iterative Rhetorik das Äquivalenzprinzip der von Strophe zu Strophe jeweils identischen Kreuzreime; auch sie beschleunigen und stauen zugleich den Zeitverlauf. In diesem Sinn könnte (ohne daß die Funktion dieser ungewöhnlichen formalen Abbreviatio damit ausgeschöpft wäre) die stete Strophenverkürzung am Ende Artificium-Demonstration des Dichters und zugleich performative stæte-Demonstration des Minnedieners sein, die in der allerletzten kreuzgereimten Viererstrophe gewissermaßen an ihr natürliches Ende kommt, als Minimalform, in der sich der Kreuzreim noch umsetzen lässt.2 Nur so kommt der Text an sein Ende, aber das Ich (noch) nicht an sein Ziel: Ich hân in dînen gewalt ergeben / die sêle zuo dem lîbe. / die emphâch! jâ müezen sî dir leben / und mê deheinem wîbe (HaKl 1911–1914). Das ist nichts anderes als ein Aufschub ins Ungewisse. Die Zeit bleibt stehen, und zwar genau auf der Schwelle zwischen Verheißung und Erfüllung.
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