Kitabı oku: «Historische Begegnungen»


INHALT
Zehn historische Begegnungen
Auf Augenhöhe Agnes von Ungarn und Rudolf Brun
VON BRUNO MEIER
Der Reformator gegen den Radikalen Ulrich Zwingli und Conrad Grebel
VON PETER KAMBER
Landesvermessung in Zeiten politischen Umbruchs Franz Ludwig Pfyffer von Wyher und Jacques-Barthélemy Micheli du Crest
VON ANDREAS BÜRGI
Ein Auf und Ab in Ehe und Gewerbe Ulrich und Salome Bräker
VON REA BRÄNDLE
Der Spalter und der Einiger Constantin Siegwart-Müller und Henri Dufour
VON THOMAS BUOMBERGER
Helfen und Heilen – Homöopathie versus Schulmedizin Emilie Paravicini-Blumer und Fridolin Schuler
VON ELISABETH JORIS
Zwei «Halbnomaden» an den grossen Tunnelbaustellen Ferdinand Rothpletz und Maria Scala
VON EVA SCHUMACHER
Heisse Tage in Winterthur Hans Sulzer und Ferdinand Aeschbacher
VON ADRIAN KNOEPFLI
Die feinfühlige Adjutantin Gottlieb Duttweiler und Elsa Gasser
VON REGULA BOCHSLER
Abraham c’est moi Ludwig Abraham und Gustav Zumsteg
VON MARTIN WIDMER
AUTORINNEN UND AUTOREN
Zehn historische Begegnungen
Die alten Helden der Schweizer Geschichte haben abgedankt. Gibt es neue Hauptpersonen, Vorkämpferinnen und Schlüsselfiguren, welche bei der Entwicklung der Schweiz eine wichtige Rolle gespielt haben? Als Herausgeberin und Herausgeber haben wir zehn historische Begegnungen ausgewählt und richten damit das Scheinwerferlicht auf zehn Zusammentreffen bekannter und unbekannter Frauen und Männer, die sich bekämpften oder ergänzten, eine gemeinsame Vision oder gegensätzliche Ziele verfolgten. Die zehn Essays führen an Orte, wo sich die Wege von zwei wichtigen Personen an einem zentralen Punkt der Geschichte kreuzten.
Am Anfang steht die Begegnung vom 9. Oktober 1351, als sich die Königin Agnes von Ungarn und der Zürcher Bürgermeister Rudolf Brun in Königsfelden bei Brugg trafen. Diese Begegnung auf Augenhöhe war für die Entwicklung der frühen Eidgenossenschaft wichtiger als alle bluttriefenden Schlachten und hehren Schwüre, die noch immer in Fernsehserien und Schulbüchern abgehandelt werden. Ein Leben lang stritten Salome und Ulrich Bräker und kämpften ums Überleben. Er schrieb, und sie, das ist kaum bekannt, führte das Geschäft. Diese Geschichte aus dem Toggenburg im 18. Jahrhundert illustriert, wie prekär die Existenz- und Aufstiegsmöglichkeiten im Bereich der textilen Heimarbeit waren. Das Essay zum Migrosgründer Gottlieb Duttweiler und seiner bis heute fast gänzlich unbekannten wissenschaftlichen Mitarbeiterin Elsa Gasser spielt in Zürich zum Zeitpunkt, als die Massenkonsumgesellschaft in der Schweiz noch ganz am Anfang stand. Wer weiss, dass die Ökonomin Elsa Gasser die Selbstbedienungsläden in der Schweiz eingeführt und das Kulturprozent erfunden hat?
Die zehn Essays erzählen Schweizer Geschichte auf eine neue Art: Sie führen an unbekannte Orte, paaren prominente mit auf den ersten Blick historisch unwichtigen Figuren und stellen zehn Themen in den Vordergrund. Die Autorinnen und Autoren streben nicht nach wissenschaftlicher Vollständigkeit, viel lieber verbinden sie anhand einer historischen Begegnung Konsum- und Wirtschaftsgeschichte, verweben Textil- und Kulturgeschichte oder paaren Medizin- und Geschlechtergeschichte. Mittels einer erzählerischen Gegenüberstellung versuchen wir den Spannungsraum zwischen Protagonistinnen und Protagonisten auszuleuchten, der gesellschaftliche Prozesse erfahrbar macht.
Die Form des Essays erlaubt es den Schreibenden und Lesenden, in eine neue historische Dimension vorzustossen: eine Dimension, die Räume, Gefühle und Vorstellungen erschliesst und die allein mit Quellen aus Archiven nicht zu belegen ist. Denn das Zusammentreffen der Vorkämpfer und Vorkämpferinnen in den zehn historischen Begegnungen ist nicht lückenlos aufgezeichnet, weder bei der Begegnung auf Augenhöhe zwischen dem Zürcher Bürgermeister und der Königin von Ungarn im 14. Jahrhundert noch bei der täglichen Zusammenarbeit zwischen Gottlieb Duttweiler und Elsa Gasser auf der Chefetage der Migros im 20. Jahrhundert. Daher existieren auch keine Bilder dieser von uns als Herausgeberin und Herausgeber vorgenommenen Paarungen. Eine Ausnahme bildet das Ehepaar Salome und Ulrich Bräker, von dem es eine Farbtafel aus dem Jahr 1793 gibt. Wie Ulrich Zwingli mit seinem radikalen Gegenspieler Conrad Grebel zusammentrifft, ist in keinem Gemälde festgehalten. Ebenso wenig gibt es ein Bild davon, wie der Schulmediziner Fridolin Schuler die Homöopathin Emilie Paravincini-Blumer in ihrer Stube eindringlich davor warnt, ihre Praxistätigkeit in Glarus weiterzuführen. Auch von der dramatischen Zuspitzung der Lage im Mai und Juni 1937 in Winterthur gibt es keine Fotos, die den Industriellen Hans Sulzer gemeinsam mit dem Gewerkschafter Ferdinand Aeschbacher zeigen. Daher beauftragten wir den Illustrator Michael Raaflaub, die Begegnungen in Szene zu setzen.
Wir wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Vergnügen auf dem Gang durch diese Schweizer Geschichte voller Begegnungen.
Elisabeth Joris
Bruno Meier
Martin Widmer
Auf Augenhöhe
Agnes von Ungarn
UND
Rudolf Brun

Die verwitwte Königin und der Bürgermeister
Bruno Meier
15. Oktober 1342: Der Zürcher Bürgermeister Rudolf Brun reitet nach Brugg, eine halbe Tagesstrecke von seiner Heimatstadt gelegen. Freiherr Heinrich von Tengen will in der Anwesenheit einer Reihe illustrer Zeugen, zu denen auch Brun gehört, ein Eheversprechen für seine Tochter Herzlauda gegenüber Walter von Hallwyl leisten. Walter ist der Sohn des Johannes von Hallwyl, wichtigster Vertreter der Habsburger in den sogenannten Vorlanden und rechte Hand von Herzog Albrecht II. und seiner Schwester Agnes. Nach Brugg geladen sind zusammen mit Brun eine Reihe bedeutender Adliger, so zum Beispiel die Schultheissen von Schaffhausen und Winterthur sowie Johannes Mülner und Heinrich Biber, Vertreter wichtiger Zürcher Familien, die in engen Beziehungen zu den Habsburgern stehen.
Der Weg von Zürich nach Brugg führt Brun am Kloster Wettingen vorbei, wo Johann von Habsburg-Laufenburg, Herr in Rapperswil und Lehensmann von Herzog Albrecht II. von Österreich, begraben liegt. Um diesen scharte sich, als Rudolf Brun nach dem Umsturz von 1336 starker Mann in Zürich geworden war, die Opposition. Am 21. September 1337 fiel der Rapperswiler vor der Burg Grinau am Zürichsee im Kampf gegen die Zürcher.
Vielleicht macht Brun auch in Baden dem habsburgischen Landvogt Burkart von Ellerbach seine Aufwartung. In Gebenstorf setzt er mit der Fähre über die Reuss nach Windisch über, wie bereits König Albrecht I. am 1. Mai 1308, bevor dieser von seinem Neffen Johann und dessen Gefolgschaft umgebracht wurde. Am Ort des Königsmords, am Weg und in Sichtweite zur Stadt Brugg, gebaut auf den Ruinen des römischen Legionslagers Vindonissa, steht das Kloster Königsfelden. Vor wenigen Jahren erst fertig erbaut, ist es mit seinen frisch eingesetzten, leuchtend farbigen Chorfenstern bereits weitherum bekannt. In Königsfelden residiert auch Agnes, die Schwester Herzog Albrechts II. und verwitwete Königin von Ungarn. Man kann sich vorstellen, dass Rudolf Brun und Agnes von Ungarn einander bei dieser Gelegenheit begegneten.
Die illustre Gesellschaft trifft sich in der kleinen Stadt Brugg wahrscheinlich im Habsburger Stadtschloss, einem mächtigen, quadratischen Bau mit kleinen Fenstern, der im Vergleich zur filigranen neuen Kirche in Königsfelden altertümlich wirkt. Das Brugger Stadtschloss ist neben dem Stein in Baden Absteige der Habsburger Herzöge bei ihren Aufenthalten in den alten Einflussgebieten und liegt in Sichtweite der Stammburg auf dem Wülpelsberg.
Über die Zeremonie im Stadtschloss zum Eheversprechen und die spätere Hochzeitsfeier wissen wir nichts. Offensichtlich ist aber, dass sich Bürgermeister Rudolf Brun dem Umfeld des habsburgischen Dienstadels zugehörig fühlt. Eigentlich erstaunlich, versucht er doch zur gleichen Zeit, die Reichsstadt Zürich vor der Abhängigkeit der mächtigen Herzöge zu bewahren. Wenige Jahre später sucht er zu diesem Zweck gar den Schulterschluss mit den Waldstätten; einen Schulterschluss mit Folgen, wird dieser doch zu einer der Keimzellen der Eidgenossenschaft. Um Bruns Handeln zu verstehen, braucht es eine kurze Rückblende auf sein Leben und auf die Umwälzungen vor, während und nach der Zürcher Zunftrevolution im Jahr 1336.
Rudolf Brun: der neue Machthaber von Zürich
Rudolf Brun war um das Jahr 1300 als Sohn des Ritters und Ratsherrn Jakob Brun geboren worden. Sein Vater war zwischen 1305 und 1309 Schultheiss gewesen. Die Familie gehörte zu den ritteradligen Geschlechtern, verschwägert unter anderem mit der bedeutenden Adelsfamilie der Mülner. Die Bruns hatten ihren Wohnsitz an der Ecke Rindermarkt/Neumarkt, in unmittelbarer Nähe der markanten Wohntürme der damals in Zürich dominierenden Familie Bilgeri. Die Bilgeri waren durch Gewerbe und Handel in der aufstrebenden Textilstadt zu Reichtum gelangt und hatten in den Räten zusammen mit den Kaufleuten gegenüber dem Ritteradel die Mehrheit erlangt.
Rudolf Brun war 1332 Mitglied des Rats geworden. Sein Bruder Jakob und er waren in diesen Jahren in verschiedene Gerichtshändel verwickelt und scheinen zu den Kaufleuten in Gegnerschaft gestanden zu haben. Die Zürcher Edelleute trafen sich gern in der Trinkstube bei der Witwe Heinrichs von Lunkhofen im oberen Wettingerhaus hinter dem Limmatquai. Dort kam es zwischen den Kaufleuten und dem Ritteradel immer wieder zu verbalen Auseinandersetzungen, mitunter auch zu Raufereien.
Persönliche Differenzen und der Streit um eine neue Münzordnung führten schliesslich zur Neuaushandlung der Machtverhältnisse in der Stadt. Rudolf Brun setzte sich an die Spitze einer Umsturzbewegung, die von den bisher politisch ausgeschlossenen Handwerkern und Krämern unterstützt wurde, aber vor allem die ritteradligen Geschlechter wieder in Rang setzen wollte. Nach dem Sturm auf das Rathaus am 7. Juni 1336 und der Verbannung der wichtigsten, bisher dominierenden Familien aus der Stadt liess Brun eine neue Stadtverfassung verabschieden – den Geschworenen Brief, der den Zünften Mitsprache am Stadtregiment brachte, vor allem aber ihm selbst eine beinahe uneingeschränkte Entscheidungsgewalt. Die neue Zunftverfassung war auf seine Person zugeschnitten. In dieser Form hielt sie sich denn auch nicht lange über seine Lebzeiten hinaus. Die Figur des diktatorischen Bürgermeisters blieb eine Episode in der Zürcher Geschichte.
Die aus der Stadt vertriebenen Geschlechter sammelten sich in Rapperswil um Graf Johann von Habsburg-Laufenburg. Johann war der Sohn Rudolfs III., der 1296 die verwitwete Elisabeth von Rapperswil geheiratet hatte. Rudolfs Vater Gottfried war ein Vetter von König Rudolf von Habsburg gewesen. 1330 hatte sich die Rapperswiler Linie der Laufenburger in Lehensabhängigkeit der österreichischen Linie begeben, ähnlich wie einige Jahre zuvor die Laufenburg-Kyburg-Linie im Raum Burgdorf und Thun. Die Rapperswiler waren damit Teil des politischen Spiels von Habsburg-Österreich geworden. Ein Konflikt zwischen Rapperswil und Zürich war deshalb potenziell auch ein Konflikt zwischen Habsburg-Österreich und Zürich.
Das Brun’sche Zürich und die Habsburger fanden sich jedoch rasch wieder, trotz den gewaltsamen und blutigen Auseinandersetzungen im September 1337. Seit Juni dieses Jahres weilte Herzog Albrecht II. in Brugg und blieb bis Ende Jahr in der Gegend. Zusammen mit Rudolf von Aarburg, Vertrauensmann von Agnes von Ungarn, vermittelte er auf den 21. November 1337 einen Friedensschluss zwischen den noch unmündigen Nachkommen des vor der Grinau gefallenen Johann von Habsburg-Laufenburg und der Stadt Zürich. Der Friedensschluss wurde kurze Zeit später von Kaiser Ludwig dem Bayern in Augsburg bestätigt. Ende Januar 1340 schliesslich versöhnte Agnes von Ungarn in Königsfelden einen grösseren Teil der Verbannten vom Sommer 1336 wieder mit der Stadt. Vor diesem Hintergrund und aufgrund der Nähe Bruns zu den wichtigsten Entscheidungsträgern der Habsburger ist es nicht erstaunlich, dass sich der Zürcher Bürgermeister wie ein Fisch im Wasser des habsburgischen Hochadels fühlte. Wie weit seine Bekanntschaft mit Agnes von Ungarn ging, wissen wir nicht. Sie werden sich auf Augenhöhe begegnet sein. Brun als hervorragender Vertreter der Reichsstadt, Agnes als Frau zwar ohne rechtliche Kompetenz, als «Mater familias» einer Reichsdynastie aber mit hohem Prestige.
Agnes von Ungarn: die beste Heiratspartie Europas
«Es ist überflüssige Arbeit, hervorragende Menschen noch zu loben, gleich als wenn man denen, die im hellsten Sonnenlicht wandeln, eine Fackel vorantragen wollte!» Mit diesen Worten des Sidonius Apollinaris beschliesst Johannes, Abt des Klosters Viktring in Kärnten, 1341 die überschwängliche Beschreibung der Agnes von Ungarn in seiner Geschichte der österreichischen Herzogtümer. Das Loblied auf die verwitwete Königin von Ungarn steht in einem starken Gegensatz zur späteren Wertung der Agnes in der eidgenössischen Geschichtsschreibung, in der sie zwar als weise, aber auch als listige und gar blutrünstige Frau geschildert wird.
Viktring, ursprünglich Vertrauter von Herzog Heinrich von Kärnten, einem Onkel der Agnes, steht seit der Übernahme des Herzogtums Kärnten durch die Habsburger 1335 in Diensten von Albrecht II. Er ist für diese Zeit die wichtigste historiografische Quelle zur Dynastie und ist damit natürlich auch Partei. Viktring schreibt zu einer Zeit, in der Agnes von Ungarn schon seit über 20 Jahren in Königsfelden lebt. Nach der Ermordung ihres Vaters Albrecht begleitet Agnes zusammen mit ihrer Mutter Elisabeth die Gründung und den Aufbau des Klosters und bringt – nach dem Tod der Mutter und dem definitiven Umzug in den Aargau – Königsfelden zur Blüte. Sie tritt nicht in den Orden der Klarissen ein, fördert und führt aber das Kloster aus unmittelbarer Nähe, lässt sie sich doch östlich des Kirchenchors ein kleines Haus bauen, «ein klein demütig hus, einer klosnerin wonung me zerschetzen denn einer Küngin hoff», wie es in der Königsfelder Chronik heisst. Papst Clemens VI. erlaubt ihr in einer Urkunde vom 31. Juli 1344 explizit, mit kleinem Gefolge nicht nur die Klausur der Klarissen zu betreten, sondern auch den Chor der Kirche mit dem von ihr zweifellos stark beeinflussten Bildprogramm. Die von Familienmitgliedern gestifteten Chorverglasungen sind zu dieser Zeit frisch vollendet, ein starkes religiöses, aber auch politisches Zeichen der Habsburger. In den 20 Jahren nach der Gründung machen Agnes und ihre Brüder das Kloster zu einem der reichsten Klöster weit und breit. Dem kleinen Männerkonvent steht eine grosse Frauengemeinschaft gegenüber, in der viele wichtige Adelsfamilien nördlich und südlich des Rheins vertreten sind.
Agnes von Ungarn steht in diesen Jahren auf dem Höhepunkt ihres politischen Einflusses. Sie ist Vertreterin der habsburgischen Interessen ihres in Wien residierenden Bruders, umgeben von einer Gruppe einflussreicher Adliger, mit besten Beziehungen nicht nur zu den Städten Bern, Zürich, Basel und Strassburg, sondern auch zu den wichtigen europäischen Dynastien und zur Kurie in Rom. Für eine verwitwete Frau im damals bereits hohen Alter von über 60 Jahren eine aussergewöhnliche Stellung, die sich aus ihrer Biografie ableiten lässt, aber auch aus der Machtkonstellation der damaligen Zeit.
Agnes wurde als Tochter von Albrecht von Habsburg wahrscheinlich im Sommer 1280 geboren. Ihr Geburtsort ist nicht verbürgt. Ihre Mutter Elisabeth von Görz-Tirol hielt sich zu dieser Zeit im Aargau auf, ein Geburtsort Brugg oder Baden ist also wahrscheinlich. Zwei Jahre zuvor, nach dem Sieg von König Rudolf von Habsburg über seinen Rivalen Ottokar von Böhmen, waren die Herzogtümer Österreich und Steiermark definitiv an das heilige römische Reich zurückgefallen. Rudolf versuchte, die beiden Herzogtümer seinen Söhnen zu verleihen, was ihm 1282 mit Zustimmung der königswählenden Fürsten auch gelang. Ab dieser Zeit wird Albrecht zusammen mit seiner rasch wachsenden Familie mehrheitlich in Wien residiert haben.
Johann von Viktring spricht der Agnes schon in Jugendjahren die Eigenschaften zu, die sie später auszeichnen werden: Sie sei fromm, freigebig gegenüber den Bedürftigen, wenig interessiert an der ritterlichen Kultur, aber gebildet und intelligent. Sie scheint von eher kleiner Körpergrösse und nicht besonderer Schönheit gewesen zu sein. Als junges Mädchen war sie Spielball der dynastischen Pläne der europäischen Fürstenhäuser. Angeblich zuerst einem Angehörigen der römischen Patrizierfamilie Colonna versprochen – die Habsburger versuchten sich eine römisch-cäsarische Verwandtschaft zuzulegen –, wurde sie im Jahr 1297 zum Friedenspfand in den Auseinandersetzungen zwischen Habsburg-Österreich und dem Königreich Ungarn. Sie wurde mit Andreas III. verheiratet, dem letzten Vertreter aus dem legendären Geschlecht der Arpaden auf dem ungarischen Königsthron. Andreas war ungefähr 15 Jahre älter als Agnes und verstarb bereits im Jahr 1301. Mit gut 20 Lebensjahren war Agnes also schon eine verwitwete Königin von Ungarn, gleichzeitig aber auch eine der besten Heiratspartien im europäischen Hochadel. Das berühmte, heute im Historischen Museum Bern ausgestellte Dyptichon von Königsfelden, wahrscheinlich eine venezianische Arbeit, ist ein Zeugnis ihrer wenigen Jahre in Ungarn. Andreas III. hatte dank seiner venezianischen Mutter als junger Mann eine Erziehung in Venedig genossen. Die Herkunft des Reisealtars wird damit in Zusammenhang gebracht.
Nach dem Tod von Andreas III. fanden sich Agnes und deren Stieftochter Elisabeth – eigene Kinder hatte sie nicht – gegenüber dem ungarischen Adel rasch in einer prekären Situation. Wahrscheinlich mit der Unterstützung einflussreicher ungarischer Adliger und unter Federführung von Hermann von Landenberg, einem engen Vertrauten und Marschall von Herzog Albrecht, gelang den beiden die Flucht aus der Burg Buda, Residenz der ungarischen Könige, nach Wien. Sie konnte dabei auch den legendären Schatz mitnehmen, von dem später oft gesprochen wurde und der ihren Reichtum begründet haben soll. Ihre offensichtliche Wohlhabenheit, die sich aus den zahlreichen Schenkungen an das Kloster Königsfelden ablesen lässt, gründet wahrscheinlich aber eher im Heiratsgut, der Herrschaft Pressburg, dem heutigen Bratislava, das sie noch weit über den Tod ihres Gatten hinaus nutzen konnte. Erst 1323 ging Pressburg definitiv an Ungarn zurück.
Es gibt keine Selbstzeugnisse der Agnes, aus denen hervorgeht, warum sie sich nicht wieder verheiraten liess, sondern ihr Leben als alleinstehende Witwe führte, zuerst an der Seite ihrer Mutter, später dann als «Mater familias» der Dynastie, als Förderin der Memoria an ihren Vater in Königsfelden und als politische Repräsentantin der Habsburger im Westen. Die Geschichtsschreiber haben dies ihrem frommen Wesen zugeschrieben. 1308, im Todesjahr ihres Vaters, war ihr ältester Bruder Rudolf bereits verstorben, ihre Brüder Friedrich und Leopold waren mit 19 und 18 Jahren knapp volljährig, das Schicksal der Dynastie im Reich völlig offen. War es eine innerfamiliäre Entscheidung, die ihre neue Rolle definierte, war es eine persönliche? Wir wissen es nicht. Es spricht vieles dafür, dass sie oder die Familie diesen Entscheid schon früher, nicht erst nach der Ermordung Albrechts, gefällt hatte. Ansonsten hätte sie wahrscheinlich schon kurz nach 1301 wieder auf dem europäischen Heiratsparkett eine Rolle gespielt.
Ihre neue Rolle als Hüterin der Erinnerung an ihren Vater und als Förderin des Klosters Königsfelden übernahm Agnes nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1313. Nach der Überführung des Leichnams von Elisabeth 1316 von Wien und dessen Beisetzung in Königsfelden setzte Agnes ihren Lebensmittelpunkt definitiv im Westen fest. Hier entfaltete sie ihre politische Bedeutung als Beraterin ihrer Brüder, als Schlichterin in den Konflikten im Raum zwischen Strassburg, Konstanz und Freiburg im Üechtland und vor allem als grosszügige Förderin des Klosters Königsfelden. In diesem Umfeld begegnete sie wohl spätestens 1336 auch Rudolf Brun, dem politischen Emporkömmling aus Zürich.
Alles ist offen: der Kampf um die Vorherrschaft zwischen Bodensee und Genfersee
Am 28. September 1343, ein knappes Jahr nach dem eingangs geschilderten Eheversprechen in Brugg, gipfelt die Versöhnung zwischen der Stadt Zürich, den 1336 verbannten Räten und dem Haus Habsburg beziehungsweise Habsburg-Laufenburg in einem weit gehenden Bündnis zwischen den mittlerweile mündigen Söhnen Johanns von Habsburg-Laufenburg – Johann II. und Gottfried – und der Stadt Zürich. Die Stadt Rapperswil wird in das Bündnis miteinbezogen. Rudolf Brun kann seinen Einfluss am oberen Zürichsee stärken und die Grafen von Rapperswil, die bei verschiedenen Zürcher Bürgern Schulden haben, stärker an die Stadt Zürich binden. Herzog Albrecht – seit Ende 1337 wieder ständig in Wien – scheint in dieses Bündnisprojekt nicht involviert zu sein. In der Folge schliessen weitere Verbannte Frieden mit der Stadt. Die Wunden sind aber nicht verheilt, wie die Konspiration zur Zürcher Mordnacht nur sechs Jahre später zeigen wird.
In welcher politischen Grosswetterlage stehen aber die Stadt Zürich und Habsburg-Österreich zueinander in diesen Jahren? Dazu noch einmal eine kurze Rückblende vor den Umsturz von 1336. Nach dem Tod des Gegenkönigs Friedrich von Habsburg im Januar 1330 begannen seine Brüder Otto und Albrecht mit König Ludwig dem Bayern eine definitive Beilegung des nun schon 15 Jahre dauernden Konflikts zu suchen. Bereits am 6. August 1330 kam es zum Vertrag von Hagenau, in dem der König den beiden Habsburgern für ihre Dienste die Reichsstädte Zürich, Schaffhausen, St. Gallen und Rheinfelden verpfändete. Das bedeutete für Zürich eine unmittelbare Bedrohung, die Gefahr, in den habsburgischen Machtbereich integriert zu werden und den Status als Reichsstadt längerfristig zu verlieren. Schaffhausen wird erst 1415 wieder den Ausstieg schaffen, Rheinfelden gar nicht mehr. Die Stadt Zürich konnte sich zwar wie St. Gallen innert kurzer Zeit aus der Verpfändung freikaufen, ein gutes Einvernehmen mit Habsburg-Österreich blieb aber wichtig. Die Herzöge Otto und Albrecht riefen 1333 einen allgemeinen Landfrieden aus, dem neben vielen anderen auch die Städte Bern und Zürich beitraten. Mit Baden, Winterthur, Regensberg, Zug und den Laufenburgern in Rapperswil hatte Habsburg-Österreich zahlreiche starke Positionen rund um Zürich inne.
Auch im Westen stehen die Zeichen für Habsburg-Österreich günstig. Nach dem Laupenkrieg zwischen Bern und dem burgundisch-kyburgischen Adel 1339 und der Anfang August 1340 in Königsfelden von Agnes von Ungarn angeleiteten Versöhnung begibt sich auch die Reichsstadt Bern Ende November 1341 in ein Bündnis mit Habsburg-Österreich. Schultheiss Johann II. von Bubenberg nutzt diese Situation, indem er sich die umstrittene Herrschaft Spiez definitiv als habsburgisches Lehen sichert. Ende 1347, nach dem Tod von König Ludwig dem Bayern, erneuern die Berner das Bündnis mit Habsburg. In den unsicheren Zeiten nach dem Tod eines Königs erscheint es den Bernern angebracht, sich mit der neben Savoyen im Südwesten wichtigsten Regionalmacht, eben den Habsburgern, die auch Herren der Nachbarstadt Freiburg sind, gut zu stellen.
Das hegemoniale Netz von Habsburg-Österreich im Mittelland ist in diesen Jahren eng geknüpft. Die starken Adelsparteien in den Städten Zürich und Bern stehen dem habsburgischen Dienstadel nahe. In Luzern, das seit dem Frühling 1291 zu Habsburg gehört, sich aber seit 1332 den Innerschweizer Ländern deutlich angenähert hat, existieren ebenfalls noch starke Beziehungen zu Habsburg-Österreich. Schwyz und die Waldstätte stehen nach den Konflikten um das Kloster Einsiedeln und dem Gefecht am Morgarten seit 1318 in einem Waffenstillstand mit den Habsburgern und verlängern diesen auch 1336, nach Unruhen in der Stadt Luzern, im Jahr des Umsturzes in Zürich.
So präsentiert sich die politische Grosswetterlage Ende der 1340er-Jahre. Es ist jedoch ein äusserst labiles Gleichgewicht, das innert kürzester Zeit wieder aus den Angeln gehoben wird. Rudolf Brun und Agnes von Ungarn spielen dabei erneut zentrale Rollen im Konflikt, der 1350 zwischen der Stadt Zürich und Habsburg-Österreich ausbricht. Nicht zu unterschätzen als Hintergrund der politischen Umwälzungen dieser Jahre ist aber auch die verheerende Pestepidemie, die 1348/49 durch Mitteleuropa zieht und auch in Städten und Ländern des Mittellandes gravierende Auswirkungen hat. Konkrete Folge davon sind massive Judenverfolgungen, auch in Zürich. In der Stadt selbst herrscht nicht nur deswegen grosse Unruhe. Das Brun’sche Regiment in Zusammenarbeit mit den verschwägerten Mülnern hat in der Stadt verschiedene Konflikte aufbrechen lassen. Insbesondere eine Privatfehde der Mülner mit Basler Bürgern sorgt für grossen Ärger. Die Zürcher nehmen etwa 100 Basler und 70 Strassburger, die sich auf einer Wallfahrt nach Einsiedeln befinden, in Geiselhaft. Damit handelt sich Zürich die Feindschaft der elsässischen Städte ein. Viel Zündstoff ist vorhanden.
Die Mordnacht von Zürich und die letzte Vermittlung der Agnes von Ungarn
Am 17. August 1349 treffen sich die sogenannten «Äusseren» von Zürich, die Verbannten von 1336, auf der Burg Rapperswil mit Johann II. von Habsburg-Laufenburg. Bereits im Frühling 1348 hat der junge Graf die Burg Pfäffikon überfallen und Konrad II., den Abt des Klosters Einsiedeln, vorübergehend gefangen genommen. Pfäffikon liegt mitten in den Höfen, die Jakob Brun, der Bruder des Bürgermeisters, pfandweise aus dem ehemaligen Rapperswiler Besitz übernommen hat. Der Konflikt kann zwar durch die Vermittlung des habsburgösterreichischen Hauptmanns Hermann von Landenberg und durch Rudolf Brun selbst rasch wieder beigelegt werden. Der friedliche Status quo steht aber auf Messers Schneide. Graf Johann II. verspricht sich von einem erneuten Zusammengehen mit Bruns Gegnern einen Ausweg aus seiner Verschuldung beziehungsweise die Möglichkeit, die Höfe in der March, die er an die Familie Brun verloren hat, wieder auszulösen. Die Parteigänger Bruns in Zürich bekommen aber Wind vom geplanten Putsch. Auch dass der Rapperswiler im Bodenseeraum Söldner anwirbt, ist in Zürich ruchbar geworden.
In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 1350 schlagen die Verschwörer schliesslich los. Um Mitternacht dringen sie in die Stadt ein mit dem Ziel, Rudolf Brun und seine wichtigsten Anhänger aus dem Weg zu räumen. Die Angegriffenen sind auf den Überfall vorbereitet und können sich erfolgreich wehren. Im blutigen Strassenkampf behält Bürgermeister Brun mit seinen Leuten die Oberhand, Graf Johann wird gefangen genommen und im Wellenberg-Turm eingekerkert, viele seiner Parteigänger finden den Tod oder werden kurz darauf hingerichtet. Der militärische Auszug der Stadt Rapperswil, zur Unterstützung der Verschwörer per Schiff nach Zürich unterwegs, kehrt nach der Nachricht von der misslungenen Aktion wieder um. Rudolf Brun hingegen schlägt rasch und unbarmherzig zurück. Eine Woche nach der Mordnacht zieht der Zürcher Auszug seeaufwärts nach Rapperswil. Nach dreitägiger Belagerung ergibt sich die Stadt. Mit dem gefangenen Grafen und dem Besitz von Rapperswil scheint Brun alle Trümpfe in der Hand zu haben. Die Stadt Zürich steht aber alleine da. Die Mülner-Fehde mit Basel und Strassburg belastet die Beziehungen zu den Reichsstädten. Und Habsburg-Österreich steht sowohl auf der Seite der Grafen von Habsburg-Laufenburg wie auch der Städte Basel und Strassburg.
In dieser Situation sucht Rudolf Brun Wege, sich gleich auf zwei Seiten abzusichern. Mithilfe von Agnes von Ungarn erreicht er – einmal mehr – einen Waffenstillstand. Am 6. Juli 1350 ist es wieder Agnes, die in Königsfelden eine Vermittlung mit den Städten Basel und Strassburg in der Mülner-Fehde zuwege bringt. Und auf den 4. August ist sogar die Erneuerung eines wahrscheinlich von 1347 oder 1348 stammenden Bündnisses zwischen der Stadt Zürich und Habsburg-Österreich geplant. Dieses Bündnis liegt allerdings nur als Entwurf vor. Dass es definitiv ausgefertigt wurde, ist wenig wahrscheinlich. Und die Fehde mit Rapperswil geht trotz Waffenstillstand weiter. Die Zürcher plündern Rapperswiler Güter in der March, zerstören die Burg Alt-Rapperswil und legen Teile der Befestigungen der Stadt nieder, um sie wehrlos zu machen.
Diese unsichere Situation hält über den Winter an. Rudolf Brun sucht deshalb im Frühling 1351 Unterstützung in der Innerschweiz. Mit Schwyz hatte er bereits 1350 engeren Kontakt. Am 8. Februar 1350 war eine Zürcher Delegation in Einsiedeln bei der Beilegung des alten Marchenstreits zwischen dem Kloster und dem Stand Schwyz dabei, und im Herbst desselben Jahres kontaktierte Brun die Schwyzer bei seinem Auszug in die March. Am 1. Mai 1351 ist es dann so weit: Die Zürcher schliessen mit den Waldstätten und Luzern ein Bündnis auf gegenseitige Hilfeleistung, in einem sehr ähnlichen Wortlaut wie im nicht zustande gekommenen Abkommen mit den Habsburgern ein Jahr zuvor. Das Bündnis ist später zum Beitritt Zürichs zur Eidgenossenschaft hochstilisiert worden. In der Zeit selbst war es ein Schachzug Bruns, sich in seiner schwierigen Lage etwas Luft zu verschaffen. Selbst die Zürcher Stadtchronistik aus der Zeit erwähnt das Bündnis mit keinem Wort.
Die neue Situation veranlasst Herzog Albrecht II., selbst in den Konflikt einzugreifen. Anfang August 1351 erscheint er nach 14 Jahren Abwesenheit erstmals wieder in den Vorlanden und lässt sich vorübergehend mit seinem Gefolge in Brugg und Königsfelden nieder. Er verlangt von Zürich die im September 1350 besetzten Gebiete in der March zurück. Mit seinen Rittern und Knechten legt er sich vor Zürich und brandschatzt die Umgebung der Stadt. Für eine lange Belagerung reichen seine Kräfte jedoch nicht. Bevor der Konflikt vollends eskaliert, gelingt es der Stadt Bern, die sowohl mit Habsburg-Österreich wie mit den Waldstätten in Bündnissen steht, eine Verhandlungslösung anzubahnen. Am 1. Oktober 1351 gelobt Rudolf Brun, in acht Tagen mit seinen Schiedsleuten im Kloster Königsfelden zu erscheinen. Zürich stellt dazu 16 Geiseln, die in Baden in Gewahrsam genommen werden. Herzog Albrecht zieht mit seinem Ritterheer von der Stadt ab. Innert vier Tagen soll ein Schiedsgericht unter der Leitung der Agnes von Ungarn den Konflikt zwischen Habsburg-Österreich und Zürich beziehungsweise den eidgenössischen Orten schlichten.
Für die Verhandlung Anfang Oktober 1351 in Königsfelden können beide Seiten je zwei Schiedsleute bestimmen. Zürich lässt sich vom Berner Schultheissen Peter von Balm und Philipp von Kien, einem weiteren Vertreter aus dem Berner Stadtadel und ehemaligen Schultheissen, vertreten. Auf der Seite Habsburg-Österreichs sind es die Räte Imer von Strassberg aus dem bernisch-solothurnischen Raum und Peter von Stoffeln, Kommenthur der Johanniterkommende Tannenfels am Sempachersee. Dass Agnes von Ungarn, der mittlerweile über 70 Jahre alten Dame aus Königsfelden, die Leitung übertragen wird, scheint im Verständnis der Zeit nicht ungewöhnlich gewesen zu sein. Zwar steht sie, auch weil ihr Bruder Albrecht vor Ort ist, klar einer Partei näher. Durch ihre Vermittlertätigkeit der letzten 15 Jahre scheint sie aber eine zumindest für Rudolf Brun glaubwürdige Position eingenommen zu haben. Das Schiedsgericht soll nicht nur den Konflikt zwischen der Stadt Zürich und dem Grafen von Habsburg-Laufenburg beziehungsweise dessen Lehensherrn, dem Herzog, schlichten, sondern ist auch dazu gedacht, die offenen Fragen mit Luzern und den Waldstätten zu lösen. Ersteres gelingt, Letzteres nicht.
Am 12. Oktober 1351 eröffnet Agnes von Ungarn ihren Entscheid. Sie fällt nicht einen Kompromissentscheid zwischen den zwei Positionen, sondern erhebt den Parteivorschlag der habsburgischen Seite zum Beschluss. Rudolf Brun lässt sich darauf ein und akzeptiert. Für die Stadt Zürich bedeutet dies eine Rückkehr zum Status quo ante, das heisst zur Situation vor der Mordnacht. Agnes’ Beschluss umfasst aber auch die alten Forderungen Habsburg-Österreichs gegenüber den Waldstätten. Diese beziehen sich einerseits auf Rechte, die nach 1315 faktisch verloren waren. Dazu kommen die de jure immer noch bestehenden Vogtei- und Besitzrechte über den ehemaligen Besitz des Klosters Murbach-Luzern, den die Habsburger im April 1291 dem elsässischen Kloster abgekauft haben. Es sind dies die Stadt Luzern sowie Rechte und Güter in Sarnen und Stans. Habsburg fordert aber auch alte landgräfliche Rechte in Schwyz und Unterwalden ein, die sowohl in der damaligen Zeit wie auch aus heutiger Sicht zumindest fraglich sind. Vor allem die Habsburg-Laufenburger berufen sich auf Forderungen aus der Fehdezeit der 1240er-Jahre, als sie in der anti-staufischen Koalition gegen Schwyz standen, übrigens in Konkurrenz zu ihrem nächsten Verwandten, dem damaligen Grafen und späteren König Rudolf. Diese Ansprüche bestanden real wohl gar nie oder wurden nie durchgesetzt. Es ist denn auch nicht ganz zufällig, dass die Luzerner im folgenden Fehdekrieg die Burg Neu-Habsburg bei Meggen zerstören. Die Burg war in den 1240er-Jahren von der Laufenburger Linie als Stützpunkt in der Innerschweiz ausgebaut worden.
Es ist klar, dass die Waldstätte auf solche Forderungen nicht eingehen können. Rudolf Brun verspricht zwar den Habsburgern, die Umsetzung des Schiedsspruchs zu unterstützen, stösst aber bei seinen neuen Bündnispartnern in der Innerschweiz auf wenig Gegenliebe. Die «ehrliche Maklerin» Agnes hat die Interessen ihrer Herkunft höher gewichtet als einen möglichen Ausgleich. Ihre letzte grosse Vermittlung scheitert.
Die Fronten, die beide Seiten in der Folge errichten, sind mehr und mehr ideologisch geprägt. Auf dieser Basis gedeiht in den nächsten Jahrzehnten die «Erbfeindschaft» der Eidgenossen zu Habsburg-Österreich, eine Feindschaft, die in der eidgenössischen Geschichtsschreibung eine zentrale Bedeutung haben wird. Im Zürcher Bund mit Schwyz, Unterwalden und Luzern vom Mai 1351 wird auch das erste Mal der Begriff «Eidgenosse» verwendet. Ein Begriff, der dann auch in den folgenden Bündnissen mit Glarus, Zug und Bern Verwendung findet. Das Treffen in Königsfelden im Oktober 1351 wird zum wichtigen Markstein in der Entwicklung der Eidgenossenschaft.
Eskalation in den Jahren 1351–1354: ein Kurswechsel auf Zeit?
Einige Wochen nach dem Schiedsspruch der Agnes vom 12. Oktober kehrt Herzog Albrecht II. nach Wien zurück, da seine Frau Johanna von Pfirt am 14. November verstorben ist. Seine Söhne sind noch nicht volljährig, die Anwesenheit des Familienoberhaupts ist vonnöten. Nach dem Scheitern der Vermittlung von Königsfelden und in Abwesenheit des Herzogs ist die Bahn frei für Zürich und die Waldstätte, ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Über Weihnachten 1351 ziehen die Zürcher limmatabwärts. In Baden sind die 16 Zürcher noch immer in Geiselhaft, die Stadt wird von einer österreichischen Besatzung mit Verbündeten aus Strassburg, Basel und Freiburg gehalten. Die Bäderstadt hat unter den Habsburgern stark an Bedeutung gewonnen. Die Stadtherren fördern die Badgasthöfe und haben ihren Verwaltungssitz für die Vorlande auf die Burg Stein hoch über der Stadt verlegt, bei Föhnwetter in Sichtweite des Uetlibergs.
Der Überfall auf die Stadt gelingt den Zürchern nicht, sie plündern aber die Umgebung und zünden zumindest den rechtsseitig der Limmat liegenden Teil der Bäder, die sogenannten kleinen Bäder, an. Die Zürcher ziehen anschliessend das Siggenthal abwärts und zerstören die Freudenau, ein habsburgisches Burg- und Fahrlehen an der Aare. Sie überqueren die Limmat bei Turgi und ziehen plündernd über Gebenstorf und Birmenstorf in Richtung Dättwil und Baregg. Auf der Geländeterrasse im Bereich des Hochgerichts bei Dättwil fängt die Badener Besatzung unter der Führung des habsburgischen Hauptmanns Burkart von Ellerbach die mit Beute beladenen Zürcher ab. Die Zürcher können sich nach anfänglichen Schwierigkeiten des Angriffs erwehren und erkämpfen sich am folgenden Tag den Durchgang über den Heitersberg. Gemäss Klingenberger Chronik verlässt Rudolf Brun seine Mannschaft bereits zu Beginn des Gefechts, um sich in Zürich in Sicherheit zu bringen. Die Wendung zugunsten Zürichs soll eine Nachhut aus den Dörfern des linken Zürichseeufers gebracht haben, notabene aus denjenigen Höfen in Wollerau und Pfäffikon, die Brun 1337 den Rapperswilern abgenommen hatte. 135 Adlige auf Seiten der Habsburger sollen umgekommen sein. Sie werden teilweise im Kloster Wettingen bestattet. Die Stadt Baden beklagt gemäss den Eintragungen im ältesten Jahrzeitbuch 31 Tote, Mellingen und Brugg je 25. Agnes von Ungarn stiftet im Nachgang zum Gefecht in der Dreikönigskapelle in den Bädern eine Priesterpfründe, die die Erinnerung an die Toten aufrecht erhalten soll.
Auch die Waldstätte gehen nun in die Offensive. Nicht nur die Luzerner, die Neu-Habsburg bei Meggen brechen und in Richtung Sursee und Beromünster vorstossen, sondern vor allem die Schwyzer, die vorerst erfolglos das habsburgische Zug belagern. Das Land Glarus hat sich bereits Ende 1351 von den habsburgischen Vögten abgewendet, die Burg in Näfels gebrochen, den Bau einer Letzimauer begonnen und einen habsburgischen Rückeroberungsversuch abgewehrt. Unter starkem Schwyzer Druck gehen die Glarner am 4. Juni 1352 ein Bündnis mit Uri, Schwyz, Unterwalden und Zürich ein. Das später «böser Bund» genannte Bündnis ist allerdings mehr ein Schwyzer Protektorat als ein Zusammengehen unter Gleichen. Nach erneuter Belagerung ergibt sich am 22. Juni schliesslich auch Zug und tritt mit Urkunde vom 27. Juni wie Glarus in das Bündnis mit Zürich, Luzern und den Waldstätten ein, allerdings im gleichen Wortlaut wie Zürich Anfang Mai 1351, also mit wesentlich besseren Bedingungen als Glarus drei Wochen zuvor.
Für die Interessen Habsburg-Österreichs ist diese Entwicklung fatal. Herzog Albrecht sieht sich veranlasst, ein zweites Mal direkt in den Konflikt einzugreifen. Im Herbst 1352 kehrt er aus Wien zurück und nimmt den Feldzug gegen Zürich mit Unterstützung der Reichsstädte wieder auf. Allerdings kann er seine Verbündeten nicht lange bei sich halten beziehungsweise sie dafür entschädigen. In beiderseitigem Interesse kommt deshalb eine Vermittlung zustande, für die Markgraf Ludwig von Brandenburg, Sohn des ehemaligen Kaisers Ludwig von Bayern, gewonnen wird. Die zweite Belagerung von Zürich wird am 6. August aufgehoben. Nach längeren Verhandlungen in Zürich und Luzern kann am 23. September 1352 der sogenannte Brandenburger Friede abgeschlossen werden. Herzog Albrecht zieht sich nach Brugg zurück und gibt sein Einverständnis. Die habsburgische Herrschaft über Zug und Glarus soll wiederhergestellt, die Rapperswiler wieder in ihre Rechte in der March eingesetzt werden. Keine Rede mehr aber ist von den reklamierten landesherrlichen Rechten Habsburgs in Schwyz und Unterwalden. In Luzern bleibt der Status quo bestehen: de jure habsburgische Landstadt, de facto mit grosser Autonomie im Bündnis mit den Waldstätten und Zürich.
Der Friedensschluss ist für beide Seiten kein zukunftsfähiges Konzept. Beide suchen deshalb Anlehnung an neue Partner. Für die Waldstätte ist dies die Stadt Bern, mit der sie am 6. März 1353 ein Bündnis schliessen, in das auch Luzern und Zürich eintreten. Vor allem für Zürich ist die Verbindung mit Bern von grossem Wert; Bern notabene, das immer noch in Bündnispflichten mit Habsburg-Österreich steht. Herzog Albrecht selbst macht Reichspolitik. Er schmiedet ein grosses Bündnis mit dem böhmisch-luxemburgischen König Karl IV. Eine Doppelhochzeit seiner Söhne Albrecht und Rudolf mit Elisabeth von Mähren und Katharina von Böhmen sichert diese neue Verbindung, die ebenfalls im März 1353 zum Abschluss kommt. Der Konflikt wird damit definitiv zu einer Reichsangelegenheit. Karl IV. erscheint am 5. Oktober 1353 persönlich in Zürich und versucht zu vermitteln. Die Waldstätte zeigen ihre alten Privilegien aus dem 13. Jahrhundert vor und präsentieren sich als reichs- und königstreu. Dem haben die habsburgischen Vertreter wenig entgegenzusetzen. Der König reist nach einigen Tagen wieder ab, ohne etwas erreicht zu haben. Am 20. Oktober stattet er Agnes von Ungarn in Königsfelden einen Besuch ab. Trotz ihrem hohen Alter scheint sie in der Habsburger Dynastie noch immer eine wichtige Rolle zu spielen. Zudem ist der 1339 geborene Rudolf IV., der Sohn Albrechts und neu Schwiegersohn des Königs, zeitweise unter ihren Fittichen gewesen.
Die Habsburger reichen ihre Klagen gegen Zürich und die Waldstätte nun schriftlich beim König ein. Insbesondere beschweren sie sich, dass Glarus und Zug nicht unter ihre Oberhoheit zurückkehren wollen, dass die Waldstätte habsburgischen Besitz sperren und die Städte auf dem Land weiterhin sogenannte Ausbürger rekrutieren. Karl IV. erscheint deshalb bereits im April 1354 wieder in Zürich und vermittelt vorerst einen Waffenstillstand über den weiter herrschenden Kleinkrieg. Die Verhandlungen bringen aber wieder nichts, und der König bietet Herzog Albrecht an, im Namen des Reichs gegen Zürich zu ziehen.
Am 20. Juni erklärt Karl IV. Zürich und den Waldstätten den Krieg. Bevor das Reichsaufgebot den Habsburgern zuzieht, kauft Herzog Albrecht Ende Juli seinen Laufenburger Verwandten die Herrschaft Rapperswil ab und baut sie zu einem Stützpunkt gegen Zürich und Schwyz aus. Sein Sohn Rudolf lässt wenige Jahre später den Steg von Rapperswil nach Hurden bauen. Damit haben sich die Habsburger, gegen die Interessen Bruns und der Stadt Zürich, am oberen Zürichsee und in der March erst recht festgesetzt.
Anfang September 1354 beginnt schliesslich die gemeinsame, dritte Belagerung von Zürich. Die Truppen vereinigen sich auf der Forch und ziehen über die Klus und Hottingen vor die Stadt. Zum Reichsaufgebot gehören auch Städte wie Bern, Solothurn und Schaffhausen, die mit Zürich in Bündnissen stehen. König Karl IV. und Herzog Albrecht verfolgen jedoch unterschiedliche Ziele. Der König braucht eine Beilegung des Konflikts, nicht eine Unterwerfung Zürichs. Seine Pläne für eine Romreise zur Kaiserkrönung sind sehr konkret. Rudolf Brun zeigt sich deshalb mit seiner Stadt reichstreu, hisst die Reichsfahne und erwirkt eine Auflösung des Reichsheers nach wenigen Tagen. Mit Habsburg-Österreich verbleibt die Stadt im Kriegszustand. Karl IV. und Albrecht sprechen sich in Baden aus, bevor der König zu seiner Italienreise aufbricht.
Der nun bald fünf Jahre dauernde Konflikt kommt erst im Sommer 1355 nach der Rückkehr des zum Kaiser gekrönten Karl aus Italien zu einem Ende. Am 23. Juli 1355 vermittelt er in Regensburg den nach dieser Stadt benannten Friedensschluss. Rudolf Brun und Zürich verpflichten sich, den Schiedsspruch bedingungslos anzuerkennen. Kriegsmüde und innerhalb der Reichsstädte isoliert, muss sich Brun mit seiner Stadt auf Druck des Kaisers wieder auf Habsburg-Österreich zubewegen. Zürich wird verpflichtet, die Habsburger bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche gegen die Waldstätte und Luzern zu unterstützen. Folgerichtig tritt Brun 1356 wieder in ein Bündnis mit Habsburg-Österreich ein. Für Glarus und Zug bedeutet dies eine Rückkehr unter habsburgische Oberhoheit. In Glarus wird Brun gar Garant dafür. Ab 1359 diente er im herzoglichen Rat und erhält dafür eine Rente, die auf den habsburgischen Steuern in Glarus versichert ist. Vogt in Glarus ist sein Parteigänger Gottfried Mülner.
Mittel- und längerfristig, in Zug bereits ab 1365, erweisen sich aber die mit den Waldstätten und Zürich geschlossenen Bündnisse als tragfähiger. Entgegen den Interessen Habsburg-Österreichs bestätigt Kaiser Karl IV. den Eidgenossen ihre Bündnisse 1360 und 1362. Die Situation aus der Zeit vor 1350 scheint vordergründig wiederhergestellt. Und trotzdem zeichnet sich ein grundlegender Wandel ab, und zwar sowohl auf Seiten der habsburgischen Dynastie wie auch auf Seiten der Führungsgruppen in der Eidgenossenschaft. Darauf ist zum Abschluss noch einzugehen.
Der Anfang vom Ende? Rudolf Brun und Agnes von Ungarn als Teil einer abdankenden Generation
Rudolf Brun hält sich als herzoglicher Rat im Sommer 1360 in Thann im südlichen Elsass auf und bezeugt mit seinen Ratskollegen die Übergabe der Besitztümer des Bistums Chur für acht Jahre an Habsburg-Österreich. Wenige Wochen später stirbt er. Er wird in der Peterskirche in Zürich, deren Patronat er 1345 selbst gekauft hatte, begraben. Brun fühlt sich bis zu seinem Tod als Teil des vorderösterreichischen Adels und sucht die Nähe zu den habsburgischen Herzögen. Nach dem Tod von Albrecht II. 1358 ist dies der junge und äusserst ehrgeizige Rudolf IV., Schwiegersohn des Kaisers. Rudolf treibt den Ausbau der habsburgischen Besitzungen in Schwaben und der heutigen Schweiz intensiv voran. Vor Augen hat er eine Wiedererrichtung des seit dem Interregnum Mitte des 13. Jahrhunderts zerfallenen Herzogtums Schwaben. Die Stadt Zürich ist nach wie vor von starken Positionen von Habsburg-Österreich umgeben, und Bruns Ziel, ein städtisches Territorium vor allem am oberen Zürichsee aufzubauen, ist mit dem Regensburger Frieden vorerst gescheitert. Und trotzdem bleibt mit dem Bündnis mit den Waldstätten, Luzern und Bern etwas bestehen, das längerfristig Bestand haben wird. Bruns Nachfolger als Bürgermeister Zürichs wird Rüdiger Manesse. Manesse sucht verstärkt die Nähe zum Reich und erreicht schon 1362 eine Privilegienbestätigung des Kaisers für die Stadt. Die eidgenössisch gesinnte Partei in Zürich erstarkt. Herzog Rudolf ist unterdessen mit seinen Anmassungen bei seinem kaiserlichen Schwiegervater in Ungnade gefallen.
Nicht nur in Zürich bahnen sich Änderungen an. In den folgenden 25 Jahren werden auch die Führungsgruppen in den Waldstätten, die noch Beziehungen zum habsburgischen Adel haben, gestürzt oder ausgewechselt. Die Ära der Attinghausen in Uri ist mit dem Tod von Landammann Johann von Attinghausen 1359 zu Ende. Im gleichen Jahr löst das Land Uri einen grossen Teil der Rechte von verschiedenen Klöstern im Tal aus. Die Hunwil in Obwalden werden 1382 gestürzt, der Luzerner Schultheiss Peter von Gundoldingen zwei Jahre später. In Zürich stehen sich bis nach der Schlacht bei Sempach eine eidgenössisch und eine habsburgisch orientierte Partei gegenüber. Die Optionen sind auf beiden Seiten noch offen. 1393 gibt es einen Annäherungsversuch an Habsburg-Österreich, der aber rasch gestoppt wird. Und 50 Jahre später wechselt Zürich tatsächlich noch einmal die Seiten und nähert sich Habsburg-Österreich an. Der Alte Zürichkrieg zwischen 1436 und 1450 zeigt auf, dass die alten Fronten immer noch offen sind und auch ein anderer Ausgang möglich gewesen wäre.
Agnes von Ungarn überlebt Rudolf Brun um vier Jahre. Ihren politischen Einfluss als Schiedsrichterin hat sie schon früher eingebüsst. Ihr gescheiterter Vermittlungsversuch zwischen Zürich und Habsburg im Oktober 1351 wird ihrem Ruf als unabhängige Vermittlerin geschadet haben. In der Familie selbst scheint sie aber nach dem Tod ihres Bruders Albrecht 1358 weiterhin eine Rolle gespielt zu haben. Insbesondere vermittelt sie ihren Schützling Johann Ribi Schultheiss aus Lenzburg ihrem Neffen Rudolf als Kanzler. Ribi wird Bischof von Gurk und später von Brixen und entwickelt sich zur wichtigsten Figur um den Herzog über dessen Tod hinaus. Agnes beginnt in dieser Zeit ihren Nachlass zu ordnen. Rudolf bestätigt anlässlich eines Besuchs in Königsfelden an Ostern 1361 sämtliche von Agnes zugunsten des Klosters gemachten Vergabungen und Verordnungen. Agnes betraut Johann Ribi Schultheiss zusammen mit ihrem Neffen Rudolf am 8. Februar 1362 mit der Verwaltung der Güter. Bis kurz vor ihrem Tode kauft sie zugunsten des Klosters Besitztümer, so zum Beispiel Kirche und Dorf Birmenstorf am 11. Juli 1363. Und sie verfügt, dass ihr Haus neben dem Chor der Kirche nach ihrem Tod abgerissen wird. Altersschwach geworden, verstirbt sie im Juni 1364 im hohen Alter von 84 Jahren. Bereits ein Jahr zuvor war es Rudolf IV. gelungen, die Grafschaft Tirol in den Habsburger Machtbereich zu integrieren.
Die Dynastie gerät nach dem frühen Tod von Herzog Rudolf IV. im Jahr 1365 in eine schwere innere Krise, die mehrere Jahrzehnte andauert. Teilungen und bürgerkriegsähnliche Zustände folgen sich innert weniger Jahre. Der Präsenz und dem Einfluss der Habsburger in den vorderösterreichischen Ländern ist dies nicht zuträglich. Die Katastrophe von Sempach 1386 mit dem Tod von Leopold III. und der Verlust des Aargaus 1415, später weiterer Gebiete in der Ostschweiz, sind auch vor diesem Hintergrund zu verstehen, nicht nur als Ausdruck einer erstarkenden Eidgenossenschaft. Auch das Kloster Königsfelden verliert nach dem Tod der Agnes rasch an Glanz und Prestige.
Unterschiedliche Deutungen zweier aussergewöhnlicher Persönlichkeiten
Obwohl sich Rudolf Brun und Agnes von Ungarn auf Augenhöhe begegneten, fällt das Urteil der eidgenössischen Geschichtsschreibung mit Blick auf diese zwei aussergewöhnlichen Persönlichkeiten sehr unterschiedlich aus.
Rudolf Brun wird als der bedeutendste Politiker Zürichs im 14. Jahrhundert bewertet. Positiv wird vermerkt, dass er stets die Interessen seiner Stadt verteidigte, die Stellung der Stadt innerhalb des Reichs und gegenüber Habsburg-Österreich und den Waldstätten stärkte und eine städtische Territorialpolitik einleitete. In die Schweizer Geschichte eingegangen ist er als der Initiator des Bundes mit den Waldstätten vom 1. Mai 1351. Auch wenn eher aus der Not geboren, blieb das Bündnis für die Zukunft bedeutsam. Der Erfolg der Eidgenossenschaft im 15. Jahrhundert liegt vor allem im Zusammengehen von Städten und Ländern begründet, einem Modell, das im Reichsverband einzigartig blieb. Umgekehrt blieb Brun seiner adligen Herkunft treu, fühlte sich im Umkreis des vorderösterreichischen Adels wohler als unter den Landleuten der Innerschweiz. Und mit seinem fast diktatorisch auf seine Person zugeschnittenen Regime wurde er aus eidgenössischer Perspektive auch ambivalent beurteilt, als ehrgeiziger Emporkömmling, der wenig mit dem später so hochstilisierten demokratischen Ursprung der Eidgenossenschaft gemein hatte. Die oligarchisch geprägten Verfassungen, die keine diktatorischen Alleingänge mehr zuliessen, setzten sich in den Städten durch. In diesem Sinn war Brun eine Person des Übergangs, Vertreter einer zumindest im Raum des schweizerischen Mittellandes verschwindenden Adelslandschaft, der aber Grundlagen für die Zukunft erarbeitet hatte.
Auch Agnes von Ungarn kann in Bezug auf die Dynastie der Habsburger als Person des Übergangs betrachtet werden. Als Enkelin von Rudolf von Habsburg und Meinhard von Görz-Tirol war sie noch Teil der Generation der grossen Aufsteiger aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Sie lebte nicht mehr das Leben eines kleinen Grafengeschlechts aus dem Elsass und dem Aargau, sondern das einer Reichsfürstin mit Beziehungen in die höchsten Kreise.
In der eidgenössischen Geschichtsschreibung erfuhr die Person der Agnes eine völlig andere Beurteilung als Rudolf Brun. Sie erhielt in der Befreiungsgeschichte eine Rolle zugewiesen, die zum allergrössten Teil erfunden war: als grausame Rächerin ihres Vaters, die im Blut der Verschwörer vom 1. Mai 1308 watete. Aus der weisen wurde eine listige, aus der politisch begabten eine brutal agierende Frau. Die jüngere Geschichtsschreibung hat nachgewiesen, dass eine Beteiligung von Agnes an der Blutrache ausgeschlossen ist.
Das negative Bild aus eidgenössischer Sicht wird nicht nur aus der ihr zugeschriebenen Rolle in der Blutrache genährt. Agnes erhielt auch das Etikett der bösen Stiefmutter. Dies rührt aus dem wahrscheinlich erzwungenen Eintritt ihrer Stieftochter Elisabeth in das Kloster Töss bei Winterthur. Nachdem ein Heiratsprojekt Elisabeths mit König Wenzel von Böhmen gescheitert war und die Habsburger die Thronfolge des Karl Robert Anjou in Ungarn anerkannt hatten, hatte die ungarische Prinzessin ihre Bedeutung als politisches Pfand verloren, konnte sogar zur Hypothek werden. Ein Verschwindenlassen hinter Klostermauern war daher naheliegend. Die Chronik von Töss, wahrscheinlich im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts entstanden, schiebt Agnes die Hauptrolle in dieser Versorgung der Stieftochter ins Kloster zu. Agnes als politischer Arm der Habsburger im Westen könnte diese Rolle durchaus gespielt haben. Allerdings förderte Agnes neben Königsfelden auch das Kloster Töss stark.
Das Bild der politischen Agnes wird in der habsburgnahen vorländischen Chronistik des 14. Jahrhunderts angedeutet – bei Matthias von Neuenburg und Johannes von Winterthur, die beide die Zeit der Agnes noch zu Lebzeiten erfuhren –, aber noch wenig herausgearbeitet. Die frühe eidgenössische Chronistik – die Chronik der Stadt Zürich und die Berner Chronik des Konrad Justinger – hebt die Schiedstätigkeit der Habsburgerin erstmals deutlich hervor. Aus dieser politisch weisen Frau wurde an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert in der eidgenössischen Geschichtsschreibung die listige und böse Frau. Die Grundlage dazu legte der Zürcher Chronist Heinrich Brennwald in seiner Chronik im Jahr 1515. Brennwald würdigt zwar noch die Schiedstätigkeit der Agnes, schreibt ihr aber eine wesentliche Rolle in der Blutrache nach 1308 zu. Brennwalds Darstellung wurde dann von Johannes Stumpf und Aegidius Tschudi noch markant ausgeweitet. Bei Tschudi wird auch ihre Tätigkeit als Schiedsrichterin negativ bewertet: Sie habe immer nur den Vorteil ihres Hauses im Blickfeld gehabt. Damit war das Bild der Agnes in der Schweizer Geschichte festgeschrieben. Erst die moderne, auf Urkunden basierende Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert begann das Bild zu korrigieren. Der Biograf Hermann von Liebenau schoss dabei mit seiner fast hagiografischen Lebensgeschichte 1868 über das Ziel hinaus. Die Schweizer Geschichtsschreibung Ende des 19. Jahrhunderts würdigte Agnes schliesslich als kluge habsburgische Politikerin, ein Bild, das nach wie vor gültig ist. Aus heutiger Sicht wird man zudem ihre besondere Rolle als Frau hervorheben. Aufgrund ihrer Herkunft und ihres Status konnte sie sich als eigenständige Frau in den Herrschaftsstrukturen der Zeit behaupten – auf Augenhöhe mit den Mächtigen der Zeit. Ganz wenige Frauen haben dies geschafft.
Literatur
– Boner, Georg: Königin Agnes von Ungarn. In: Brugger Neujahrsblätter 1964, 3–30. Brugg 1963.
– Boner, Georg: Die politische Wirtksamkeit der Königin Agnes von Ungarn. In: Brugger Neujahrsblätter 1965. Brugg 1964, 3–17.
– Geschichte des Kantons Zürich, Band 1, Frühzeit bis Spätmittelalter. Hg. von der Stiftung Zürcher Kantonsgeschichte. Zürich 1995.
– Kurmann-Schwarz, Brigitte: Die mittelalterlichen Glasmalereien der ehemaligen Klosterkirche Königsfelden. Corpus Vitrearum Medii Aevi Schweiz II. Bern 2008.
– Largiadèr, Anton: Bürgermeister Rudolf Brun und die Zürcher Revolution von 1336. Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Band 31, Heft 5. Zürich 1936.
– Largiadèr, Anton: Geschichte von Stadt und Landschaft Zürich, Band 1. Zürich 1945.
– Liebenau, Hermann von: Urkundliche Nachweise zu der Lebensgeschichte der verwitweten Königin Agnes von Ungarn 1280–1364. In: Argovia 5. Aarau 1866, 1–192.
– Liebenau, Hermann von: Lebens-Geschichte der Königin Agnes von Ungarn, der letzten Habsburgerin des erlauchten Stammhauses aus dem Argaue. Regensburg 1868.
– Liebenau, Hermann von: Hundert Urkunden zu der Geschichte der Königin Agnes, Wittwe von Ungar, 1288–1364. Regensbrug 1869.
– Meyer, Bruno: Die Bildung der Eidgenossenschaft im 14. Jahrhundert. Vom Zugerbund zum Pfaffenbrief. Zürich 1972.
– Nevsimal, Alfred: Königin Agnes von Ungarn. Leben und Stellung in der habsburgischen Politik ihrer Zeit. Dissertation Universität Wien. Wien 1951 (Typoskript).
– Regli, N.: Das Bild der Königin Agnes von Ungarn in der schweizerischen Geschichtsschreibung. Lizentiatsarbeit Universität Zürich. Zürich 1970 (Typoskript).
– Schneider, Jürg E.: Bürgermeister Rudolf Brun, 1336–1360. In: Geschichte der Schweiz. Fenster in die Vergangenheit I, Heft 32. Hg. von der Gesellschaft für militärhistorische Studienreisen. Zürich 2011, 73–79.
– Stettler, Bernhard: Habsburg und die Eidgenossenschaft um die Mitte des 14. Jahrhunderts. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, 23. Jahrgang. Basel 1973, 750–764.
– Teuscher, Simon; Moddelmog, Claudia (Hg.): Königsfelden. Königsmord, Kloster, Klinik. Baden 2012.
– Zürich 650 Jahre eidgenössisch. Hg. vom Staatsarchiv des Kantons Zürich und von der Zentralbibliothek Zürich. Zürich 2001.
Der Reformator gegen
den Radikalen
Ulrich Zwingli
UND
Conrad Grebel

Wie revolutionär durfte die Zürcher Reformation sein
Peter Kamber
Zwingli gab sich kühl, als der Täufer Conrad Grebel am 8. Oktober 1525 in der Nähe von Hinwil im umkämpften Zürcher Oberland durch Landvogt von Grüningen verhaftet und in den Neuen Turm in Zürich eingeliefert wurde: «Der Unglücksmensch suchte ja immer ein Schauspiel mit traurigem Ende, jetzt hat er es.» Über mehrere Monate lagen Conrad Grebel und sein am 31. Oktober 1525 ebenfalls eingefangener Freund Felix Manz mit zahlreichen anderen Täufern und Täuferinnen im Neuen Turm, der an der damaligen Stadtmauer hinter dem Predigerkloster stand – bis ihnen allen am 21. März 1526 eine spektakuläre Flucht gelang. Mit einem losen Brett, das sie aus dem Fussboden gerissen hatten, stiessen sie in der Nacht ein loses Brett in der Decke weg, halfen einander gegenseitig ins obere Stockwerk, von wo sie sich aus einer schmalen Fensteröffnung über die Aussenmauer abseilen konnten.
Auf der Flucht erlag Conrad Grebel, der pazifistische täuferische Prediger gegen die Obrigkeit, im Sommer 1526 bei seiner ältesten Schwester Barbara in Maienfeld im Bündner Rheintal der Pest. Ohne diesen frühen Tod wäre es ihm gleich ergangen wie seinem Freund Felix Manz. Der wurde im Dezember 1526 einmal mehr gefangen genommen und auf Betreiben von Ulrich Zwingli am 5. Januar 1527 in Zürich hingerichtet – durch Ertränken in der Limmat. Auch manche Hexen und die Kindsmörderinnen starben so, aber die Strafmassnahme gegen die Täufer erschien zusätzlich als Symbol: In ihrem Taufwasser sollten sie zugrunde gehen, die daran festhielten, Jesus und seine Apostel hätten gewollt, dass zur Einsicht gebrachte Erwachsene getauft würden, nicht ahnungslose Neugeborene.
Conrad Grebel, Sohn eines Mitglieds des regierenden Kleinen Rats, und Felix Manz, das illegitime Kind eines Chorherren am Grossmünster, der schon vor der Reformation verstorben war, waren die prominentesten jungen Stadtzürcher im Kreis jener Radikalen, die im Januar 1525 in der Limmatstadt die Taufbewegung begründeten und sich mit diesem Schritt, nach langem Richtungsstreit, endgültig mit Zwingli überwarfen. Sie wollten die Kirche vom Staat lösen, um als Gemeinschaft Gleicher ohne Hierarchie helfend füreinander einzustehen, auch in der Not zu teilen, was sie besassen. Auch sollte jeder und jede predigen und aus den Evangelien vortragen dürfen. In der Glaubenstaufe sahen sie ein einigendes Zeichen.
Hoffnung einer Jugend
Conrad Grebels Geburtsdatum ist nicht bekannt, aber 1504 waren er, sein jüngerer Bruder Andreas sowie drei seiner Schwestern, Barbara, Euphrosine und Martha, schon auf der Welt. Grebel dürfte etwa 15 Jahre jünger gewesen sein als der am 1. Januar 1484 in Wildhaus/Toggenburg geborene Ulrich Zwingli.
1517 zählte Conrad Grebel vermutlich noch keine 20 Jahre und studierte seit zwei Jahren in Wien, als er einen Brief Zwinglis erhielt. In humanistischen Kreisen kannte jeder jeden, und Zwingli musste zu Ohren gekommen sein, dass da ein junger, vielversprechender Zürcher mit lateinischen Dichtungen von sich reden machte. Conrad Grebel litt an einer leichten Sprechhemmung, über die nichts weiter bekannt ist, als dass er selbst sich als «einsilbig» bezeichnete und als Jüngling in beständiger Furcht gelebt hatte, einen Anlass zu geben, ihn auszulachen. Umso freier äusserte er sich schriftlich. Wie seine zahlreichen erhaltenen Briefe zeigen, schwankte er ständig zwischen aufschiessender Euphorie und Melancholie. Oft blieb er selbst in der Schwermut ironisch.
Verschwenderisch lebte er von ungeliebten, politisch heiklen Stipendien, die ihm sein Vater zuerst bei Vertrauten des Kaisers und dann bei der französischen Krone besorgte, gab dieses Geld vielleicht gerade deshalb für «Bauch, Bücher und Kleider» aus, wie er Vadian – der bekannte St. Galler Humanist und Arzt wurde im Sommer 1519 sein Schwager – am 14. Januar 1520 selbst gestand. Seit Ende 1518 studierte Conrad Grebel in Paris weiter. Er suchte die Geselligkeit, stellte aber so hohe Anforderungen an die Freundschaft, dass er entsprechend schnell zu enttäuschen war. Durch den plötzlichen Briefkontakt mit Zwingli fühlte er sich geehrt und gerührt.
Dieser Fernfreundschaft haftete etwas Ungleiches an. Grebel hatte sich schon in Wien auf einen üblen Fechtkampf eingelassen, bei dem ihm beinahe der rechte Arm abgetrennt worden wäre. In Paris nun gerieten er und seine Freunde am 1. Mai 1519 mit Franzosen in einen Kampf, bei dem zwei französische Widersacher tot liegen blieben. Vermutlich entging Grebel nur deshalb einem Strafprozess, weil kurz danach die Pest ausbrach und er vor ihr nach Melun an der Seine flüchtete, ehe er im Januar in die Hauptstadt zurückkehrte und schliesslich Anfang Juli 1520 wieder in Zürich eintraf.
Nicht auszuschliessen ist, dass Zwingli, als er die Freundschaft des jungen Conrad Grebel suchte, mindestens ebenso sehr auf die Verbindung zu dessen Vater abzielte: Junker Jakob Grebel war ein einflussreicher Eisenhändler und im Kleinen Rat für die Zürcher Aussenpolitik zuständig. Sein Wort zählte unter Eidgenossen, nicht zuletzt wegen dessen Ehefrau Dorothea, Tochter des ehemaligen Landamanns von Uri, Hans Fries.
Um auch dies schon vorwegzunehmen: Junker Jakob Grebel wurde nur wenige Monate nach der Meldung vom Tod seines Sohnes Conrad am 30. Oktober 1526 auf massiven Druck Zwinglis nach einem Schnellverfahren mit dem Schwert auf dem Zürcher Fischmarkt hingerichtet. Jene Monate im Herbst 1526 können als die Terrorphase der Zürcher Reformation angesprochen werden. Junker Jakob Grebel galt, zu Unrecht oder zu Recht, als Anhänger der Partei Frankreichs. Die Stadt Zürich selbst aber war seit der – durch eidgenössische Bestechlichkeit – verlorenen Schlacht von Marignano 1515 antifranzösisch eingestellt.
Solddienst, Pest und die Frage nach der «Gnade»
Magister Ulrich Zwingli glänzte durch seine umfassende humanistische Bildung: Zwischen 1498 und 1506 hatte er in Wien und Basel die freien Künste – artes liberales – studiert, ehe er sich in Konstanz zum Priester weihen liess. Was seinen Predigten aber ihren besonderen Zug verlieh, war die erbitterte, durch seinen Lehrer Erasmus von Rotterdam auch philosophisch fundierte Gegnerschaft zum Krieg und zum Solddienst. Das machte ihn in Luzern und Zug verhasst, in Zürich aber anfangs beliebt.
Seine erste Priesterstelle hatte er 1506 in Glarus angetreten, und 1513 und 1515 war er während der Mailänder Kriege mit der Glarner Solddiensttruppe als Feldprediger nach Novara und Marignano gezogen. Das führte ihm drei Dinge vor Augen: die Grausamkeit der Kriege, die Unmoral des Söldnergewerbes und das riesige Ausmass der Bestechungen auf höheren staatlichen Ebenen beim Abschluss der Solddienstverträge. Einst vom Tyrannen Mailands, Ludovico Sforza, ins Land gerufen, lieferte sich Frankreich in Norditalien einen Kampf mit dem über weite Gebiete herrschenden Papst um die weltliche Macht.
Seit November 1516 war Zwingli in der grossen, der Heiligen Maria geweihten Kirche des heruntergekommenen Klosters Einsiedeln Priester. An der alljährlich zu Pfingsten stattfindenden Wallfahrt nach Einsiedeln im benachbarten eidgenössischen Länderort Schwyz lernten ihn die Zürcher Bevölkerung und ihre regierenden Ratsherren näher kennen. Er nahm die Beichte ab und predigte. So entstanden persönliche Kontakte, und als Ulrich Zwingli Anfang 1519 – trotz einem Skandal um eine schwangere, unverheiratete Barbiertochter in Einsiedeln – als Priester ans Grossmünster geholt wurde, war er für die Stadt längst kein Unbekannter mehr.
1521 gingen die Eidgenossen erneut ein Solddienstbündnis mit Frankreich ein. Nur Zürich beteiligte sich nicht und lieferte stattdessen dem Papst Truppen – entgegen Zwinglis grundsätzlichem Widerspruch gegen das blutige Gewerbe und seiner Kritik an den Kardinälen: «Sie tragen mit Recht rote Hüte und Mäntel. Denn schüttelt man sie, so fallen Dukaten und Kronen heraus; windet man sie, so rinnt deines Sohnes, Bruders, Vaters und Freundes Blut heraus», predigte Zwingli laut seinem späteren Nachfolger Heinrich Bullinger damals. Das war etwa ein Jahr bevor 1522 die Reformation in Zürich im eigentlichen Sinn begann – mit Zwinglis provokativer Übertretung der Fastengebote.
Seine persönliche Macht vermochte Ulrich Zwingli erst Schritt für Schritt auszubauen. Zürich galt damals noch als päpstlichste Stadt nördlich der Alpen. Auch die Leibgarde des Papstes wurde von einem Bruder eines der beiden Zürcher Bürgermeister befehligt. Dass die Zürcher Solddiensttruppen – etwa 2000 Mann – aber Ende Dezember 1521 zurückkehrten, ohne den ganzen zugesagten Sold erhalten zu haben, war mit ein Grund, weshalb Zürich schneller, als irgendwer vermutet hätte, reformatorisch wurde.
Zwingli selbst blieb stark antifranzösisch eingestellt. Es war das klar gegen Frankreich eingestellte Lager unter den Chorherren in Zürich, das ihn 1519 zum Prediger im Grossmünster bestimmt hatte, der wichtigsten Kirche der Stadt. Selbst als Zwingli vor seiner Wahl als Chorherr 1521 gestand, bislang jährlich 50 Gulden vom Papst bezogen zu haben – die Annahme fremder Gelder war in Zürich seit einigen Jahren streng verboten –, wurde ihm dies nicht weiter übel genommen.
Unmittelbarer Anlass für die Reformation war bekanntlich der Ablasshandel – gegen Bezahlung würden selbst die Sünden der bereits Verstorbenen erlassen, lautete das Versprechen. Die Kritik erstreckte sich aber schnell auf alle denkbaren übrigen Bereiche. Viele religiöse Handlungen galten auf einmal als nutzlos, schlimmer: als ein offener Betrug. Die reformatorische Generation befand, der Weg zum Seelenheil erfolge nur über die Predigt oder die Lektüre der Evangelien – des «Worts Gottes», das unverfälscht vorliege. Der Zugang zu den höchsten Wahrheiten bedürfe keiner weiteren Vermittlung. Weder den Heiligen noch den Geistlichen komme die Macht zu, das «Seelenheil» – die «Gnade» – zu sichern. Die einzelne Seele, so die neue Doktrin, könne weder durch Anbetung der Heiligen noch durch Opferhandlungen auf die Entscheidung Einfluss nehmen, ob der Himmel sich erbarme. Wie jede Revolution ergriff die Reformation fast jeden Lebensbereich.
Schon vor seiner schliesslich überstandenen Pesterkrankung 1519, die in ihm endgültig das Gefühl eines Auftrags des Himmels weckte, begann Zwingli, Vers für Vers die Evangelien durchzupredigen, und er hielt sich nicht mehr an die vom Bischof von Konstanz vorgegebene Auswahl der im Gottesdienst zu verwendenden Bibelzitate. Er konnte sich einer breiten Zustimmung sicher sein, denn er hatte sich bei der Seelsorge für die an Pest Erkrankten angesteckt. Damals nicht geflohen zu sein, wurde ihm in der Stadt hoch angerechnet.
Das Grossmünster war zu der Zeit noch ein Chorherrenstift. Zwinglis traditionalistische Gegner unter den Chorherren hielten sich anfänglich zurück. Sie machten sich erst nach dem Fastenstreit im Frühjahr 1522 laut bemerkbar. Ihre aufgelisteten Klagen wurden Zwingli zwar nicht in Zürich selbst gefährlich – im Grossmünsterstift hielt er seine Widersacher dank der Rückendeckung durch die meisten Ratsherren in Schach –, aber sie bedrohten ihn auf dem Umweg über die Eidgenossen umso mehr. Drohworte fielen, Entführungsgerüchte machten die Runde. Der Rat ordnete am 12. April 1522 eine Untersuchung an.
Luther war im Reich bereits seit Mai 1521 gebannt, und Luzern bekundete spätestens am 30. Dezember 1522 offen den Willen, die lutherischen und zwinglischen Lehren, die sich täglich weiter ausbreiteten, zu bekämpfen. Erste Massnahmen gegen die neue Predigtweise hatten die Eidgenossen an der Tagsatzung vom 27. Mai und 3. November 1522 beschlossen.
Die Verzweiflung Conrad Grebels
Schon in Frankreich, wo er von Ende 1518 bis Sommer 1520 studierte, wusste Conrad Grebel, wie problematisch die Stipendien waren, von denen er lebte. Dem Humanisten und Stadtarzt von St. Gallen, Vadian, der in Wien sein Lehrer gewesen war und seine Schwester Martha geheiratet hatte, klagte Grebel – in Latein – noch aus Paris sein ganzes Leid. Im bereits erwähnten Brief vom 14. Januar 1520 heisst es da über seinen Vater: «Er weiss nicht, was ich durch seine Schuld leide, seitdem er mich zuerst vom Kaiser und dann vom französischen König füttern lässt. Hätte er mich nur gelehrt, nach Väterart mit wenigem selbstverdienten Gelde auszukommen (ich hoffe nur, dass er von verbotenen Geschenken nichts empfangen hat), und hätte er gewollt, dass ich die Federn nicht höher strecke als das Nest, so würde mir nicht öffentlich und hinter dem Rücken Böses nachgesagt […]. Dann müsste ich nicht, wenn solche Gespräche geführt werden, bald erröten, bald erbleichen; so könnten nicht päpstliche Ritter und andere Leute immer sagen, mein Vater begünstige einseitig die Interessen des französischen Königs. […] Des Volkes Reichtum saugt der König aus und raubt ihm aus dem Munde wie ein Wolf die Nahrung, mit der ich mich glänzend ziere, im Überfluss lebe und einst, wenn das Gemeinwesen mich zu Würden und Ehren erhebt, zu Gott weiss was gezwungen werde.»
Es spricht manches dafür, dass Conrad Grebel sich im ersten Winter 1518/19 in Paris wegen des feuchten, kalten Zimmers eine Polyarthritis zuzog, auf jeden Fall klagte er noch im Juli 1521 gegenüber seinem Schwager Vadian über Gelenkschmerzen in Füssen und Händen gleichzeitig. Die kehrten mit Unterbrüchen ständig wieder. Manchmal war er für lange Tage ausserstande zu irgendwelcher Tätigkeit.
Zurück in Zürich, musste er bei Abwesenheit seines Vaters unvermeidlich in dessen Eisengrosshandelsgeschäft aushelfen. Er hatte in Paris Griechisch gelernt und las nun nebenbei weiter Epigramme, arbeitete auch an einem erläuternden Buch zu Homers Werken. Doch war er ziemlich verzweifelt, in Zürich das unabhängige Leben nicht mehr fortführen zu können. Er wünschte sehnlichst, sein Studium fortzusetzen. Der unzufriedene Vater drängte ihn zur Wahl einer Universität im päpstlichen Machtbereich, Pisa oder Bologna. Dies in Sachsen, das heisst im lutherischen Wittenberg, zu tun, blieb Conrad Grebels unerfüllbarer Wunsch. Aussicht auf ein Stipendium gab es nur von Seiten des Papstes – und solches Geld wollte Conrad Grebel nicht mehr annehmen müssen. Nicht nur wegen der causa Luther.
Eigenes Geld stand dem Vater offenbar nicht zur Verfügung, sogar seinem Schwiegersohn Vadian musste Junker Jakob Grebel die Mitgift lange schuldig bleiben. Das Eisengeschäft ging in jenen Jahren schlecht: Wegen der Pest von 1519/20 und dann wegen des Kriegs in Norditalien 1521 scheint es schwierig geworden zu sein, noch genügend Nachschub an Roheisen zu erhalten. Umgekehrt war Junker Jakob Grebel als Mitglied des Kleinen Rats zu einem seiner Geltung entsprechenden Lebensstil verpflichtet – mit Pferden für diplomatische Reisen sowie Gelagen und Geschenken zur Sicherung der periodischen Wiederwahl. Er gehörte der Konstaffel an, der Stubengesellschaft der Vornehmsten in der Stadt.
Das Geld war schon in Paris zum Hauptstreitpunkt zwischen Conrad Grebel und seinem Vater geworden. Aufgrund der Berichte über unvorsichtigen Umgang mit Geld hatte der ihm nämlich einen Teil des französischen Stipendiums – 400 Gulden – gar nicht mehr zukommen lassen. Ursprünglich erschien das als Erziehungsmassnahme. Er enthielt ihm dieses heikle Geld auch in Zürich weiter vor, vielleicht aus Angst, es würde unnötig zu reden geben und ihm als Ratsherrn in der sich 1521 zuspitzenden Auseinandersetzung um die aussenpolitische Ausrichtung der Stadt schaden.
Vieles deutet aber darauf hin, dass Junker Jakob Grebel 1519/20 diese Summe benutzte, um Löcher im Eisenhandelsgeschäft zu stopfen oder die mit grossen Ausgaben verbundene Hochzeit seiner Tochter Martha mit Vadian am 19. August 1519 auf Schloss Wädenswil auszurichten – zu der nota bene Conrad Grebel, der die Verbindung der beiden überhaupt gestiftet hatte, mangels Geld nicht mal hatte anreisen können. Die Sache belastete die Vater-Sohn-Beziehung schwer. Im Bedürfnis, sich abzugrenzen und der Empörung Luft zu verschaffen, zog Conrad Grebel trotz Vadians Ermahnungen zu strengem Stillschweigen alle seine Freunde ins Vertrauen, darunter auch Zwingli. Der vergass die Sache nicht und machte das ihm anvertraute Geheimnis 1526 zum Hauptanklagepunkt gegen den einflussreichen Ratsherrn, obwohl Junker Jakob Grebel die Summe inzwischen wieder zurückgelegt hatte – die 400 Gulden fanden sich bei seiner Verhaftung im Herbst 1526 in einem Beutel, sorgsam aufbewahrt bei ihm zu Hause. Formal gesehen war er nur Treuhänder dieses Geldes gewesen, das rechtmässig seinem Sohn gehörte.
Es gab noch einen weiteren dramatischen Konflikt: Ohne seinen Eltern auch nur ein Wort zu verraten, hatte sich Conrad Grebel kurz nach der Rückkehr aus Paris in eine junge Frau verliebt. Aller Wahrscheinlichkeit nach war sie zu jenem Zeitpunkt Novizin im Zürcher Oetenbach-Kloster, und eine Tante, die dort als Nonne lebte, deckte diese geheime platonische Liebe. Eine jüngere Schwester Conrads, Euphrosyne, die dasselbe Kloster gewählt hatte, war kurz vor seiner Heimkehr nach Zürich gestorben. Vielleicht stattete Conrad der Tante einen Trauerbesuch ab und sah die junge Frau bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal. In dem Fall hätte sie nach Ablauf des Noviziats seinetwegen auf die Ablegung eines Gelübdes verzichtet und das Kloster verlassen. Wäre sie Nonne geworden, hätte sie erst zwei Jahre später im Zuge der Reformation austreten dürfen – frühestens im Juni 1523.
Fest steht, dass die beiden den Plan fassten, nach Basel durchzubrennen. Conrad Grebel bereitete alles vor. Er hatte Kontakte zum Basler Buchdrucker Cratander, der händeringend nach Hilfskräften suchte. Der Buchhandel in Basel florierte. Conrad wusste, er könnte als Korrektor für Latein und Griechisch eigenes Geld verdienen – und an der Universität Basel fertig studieren. Noch zögerte er den Absprung hinaus, wegen einer Lungenentzündung seiner Mutter. Im Sommer 1521 reiste die junge Geliebte, die wie seine älteste Schwester Barbara hiess, ihm voraus, mit 50 Gulden, die Conrad Grebel sich unter Vortäuschung falscher Tatsachen beim Sekretär des päpstlichen Legaten verschafft hatte – der glaubte, der junge Mann wolle nun doch mit einem päpstlichen Stipendium in Pisa studieren.
Allein zurückgeblieben, fühlte sich Conrad Grebel in Zürich wie in der Verbannung. Wenn er ihr nicht auf der Stelle folge, werde er elend sterben, klagte er Vadian. Schliesslich stimmte der Vater, der noch immer nichts von der Existenz jener jungen Barbara wusste, der Abreise des Sohnes nach Basel zu und gab ihm 40 «francos» – umgerechnet 20 Gulden – mit. Offenbar setzte Junker Jakob Grebel nun ganz auf den jüngeren Sohn Andreas als Nachfolger im Eisengeschäft.
Ein «Oceanus» der Glückseligkeit warte auf ihn, schrieb Grebel dem Schwager Vadian, als er sich auf die Reise machte. In Basel verlebte er wohl die wunderbarste Zeit seines Lebens, blühte gesundheitlich auf und entfaltete in der Buchdruckerei Cratanders, für die auch der Künstler Hans Holbein der Jüngere tätig war, vielfältige Eigeninitiativen. Doch dann starb sein Bruder Andreas am 3. September 1521 plötzlich an unbekannter Ursache. Und da erzwang der Vater die Rückkehr Conrads– als einziger männlicher Erbe. Widerstrebend fügte er sich.
Noch finden sich keine reformatorischen Töne in den Briefen, noch fühlte er sich als humanistischer Dichter mehr den Musen und Gottheiten der Antike verpflichtet. Erst im November 1521 berichtet Conrad Grebel, dass er und zwei Freunde mit Zwingli einen Plato-Lesekreis gegründet hätten. Noch immer hielt er seine Liebe zur ehemaligen Novizin Barbara geheim. Seine Befürchtung, dass sich Vater und Mutter der Verbindung widersetzen würden, bewahrheitete sich, als er schliesslich alles offenlegte. Da nutzte Conrad Grebel die erste sich bietende Gelegenheit, als sein Vater wegen einer diplomatischen Mission nicht in der Stadt war, und heiratete die junge Frau gegen den erklärten Willen der Eltern am 6. Februar 1522, indem er sie vor aller Augen zum Fraumünster führte.
Von da an gestalteten Conrad und seine Frau Barbara ihr eigenes, wenn auch kärgliches Leben, offenbar in einem Haus, das ebenfalls der Familie gehörte. Seit November 1522 hatten sie einen Sohn – Theophil. Ein zweiter, Joshua, wurde im August 1523 geboren. Conrad gab Privatstunden in Griechisch, und als die Reformation in jenem Frühling 1522 mit dem Fastenstreit einsetzte, zählte er sogleich zu Ulrich Zwinglis engstem Anhängerkreis. Dies traf auch auf Felix Manz zu, als der in eben jenem Jahr 1522 nach zwei Jahren Studium aus Paris zurückkam. Manz hatte in Frankreich Hebräisch gelernt und vertiefte es in Zürich, zusammen mit Zwingli, der sich damit anfänglich aber noch schwer tat.
Zwingli – vom humanistischen Kirchenrebell zum Gehorsamsprediger
In seiner Anti-Fasten-Schrift «Von der Auswahl und der Freiheit der Speisen» vom April 1522 schrieb Zwingli wohl für die jungen Heisssporne einladend genug: «Der Herr ist mit seinem Licht gekommen und hat die Welt mit dem Evangelium erleuchtet, damit sie ihre Freiheit erkenne.» Die Schrift trug den Titel «Von Erkiesen und Freiheit der Speisen». Diese christliche Freiheit – die sowohl von seinen jüngeren Anhängern wie von den Bauern auf dem Land befreiungstheologisch verstanden wurde – schränkte Zwingli dann aber in der Folge, durch Drohungen der Eidgenossen und das Drängen des Zürcher Rats genötigt, zwischen Sommer 1523 und 1525 im Sinn einer strengen Obrigkeitstheologie wieder stark ein.
Kann es wirklich erstaunen, dass da, spätestens vom Herbst 1523 an, Zwinglis jüngere Freunde offen und herausfordernd Kritik an ihm übten und ihn immer wieder an seine Frühthesen erinnerten, von denen er bereits im Januar 1523, an der Ersten Zürcher Disputation, nicht alle schriftlich niederzulegen wagte? Seit Mai 1522 trafen sich die Radikalen in Castelbergers Bibelkreis – der Bündner Andreas Castelberger galt als der wichtigste reformatorische Buchhändler der Stadt und war lange Zeit Zwinglis Vertrauter. Aus diesem Bibelkreis ging Anfang 1525 die Täuferbewegung hervor. Castelberger muss in Zürich insbesondere die Schriften von Andreas Bodenstein von Karlstadt verbreitet haben, der weiter ging als Luther und auf den sich Zwingli erst recht nicht offen berufen wollte.
Den jungen Kritikern zufolge schritt Zwingli mit der Kirchenreform überhaupt zu zaghaft voran – nicht «unerschrocken» genug, wie es in einer späteren Formulierung hiess – und schien eben seine radikalen Frühthesen zu verwässern oder gar ins Gegenteil zu verkehren. Verstanden die Radikalen seine Taktik nicht, wollte sich Zwingli im kräftigen Gegenwind, auf den er stiess, «unterstellen», wie bei einem «Gewitter»? So schrieb Zwingli es dem eng mit ihm befreundeten Vadian am 11. November 1523, der als Conrad Grebels Schwager eine schwierige Stellung hatte.
Als Zwingli anlässlich der Zweiten Disputation vom 26. bis 28. Oktober 1523, die sich mit der Forderung nach Abschaffung der Bilder und der Messe befasste, die Entscheidungsbefugnis über diese nächsten grossen kirchlichen Reformschritte formell an den Zürcher Rat abtrat, der den Beschluss, wie kaum anders zu erwarten gewesen war, auf die lange Bank schob, rebellierten die jungen Radikalen, allen voran Simon Stumpf, ein guter Freund Conrad Grebels, der in Höngg das Predigtamt ausübte, aber kein Zürcher war. Darauf liess Zwingli diesen Stumpf als lästigen Kritiker fallen. Auch die ersten Bilderstürmer schmorten weiter in der Haft und wurden daraufhin vom Rat aus der Stadt verbannt, so auch der aus Zollikon stammende Schuster Niklaus Hottinger. Dieser hatte im September 1523 mit einem Gefährten das Stadelhofer Kreuz umgelegt. Später sollte er von den Eidgenossen gefasst und im März 1524 in Luzern öffentlich als Ketzer verbrannt werden.
Im wachsenden Ärger sagten sich die Jungen schliesslich von Zwingli als ihrem früheren Wortführer los. Conrad Grebel schrieb seinem Schwager Vadian am 18. Dezember 1523 aufgebracht: «Wer von Zwingli meint, glaubt und sagt, er handle gemäss der Pflicht eines Hirten, der meint, glaubt und redet gottlos.» Das war zwar fundamentalistisch gedacht – Zwingli aber war nicht notwendigerweise weniger wortgläubig. Der Streitpunkt lag auf einer anderen Ebene und betraf sozusagen die politische Theologie: Conrad Grebel beharrte auf einer Distanz der Kirche zum Staat und schien den Eindruck zu haben, Zwingli liefere die Kirche dem Staat aus. Wenn sich Zwingli von einem zwar anfänglich menschlich milden, aber stets schon scharf disputierenden Kirchenrebellen zu einem harten Verfechter des Obrigkeitsprinzips wandelte, so ist leicht zu ersehen, dass sich diese Umgestaltung seiner Theologie unter dem Drängen des Zürcher Rats und als Reaktion auf die Drohungen der Eidgenossen vollzog, welche die Reformation verabscheuten.
Die Spannungen zwischen Zürich und den übrigen Eidgenossen erreichten im Sommer 1523 einen ersten Höhepunkt. Zwingli liess sich zwar gegen aussen nichts anmerken, aber er fühlte sich zunehmend verfolgt. In der Innerschweiz gab es ein Spottlied auf ihn, das auf seine rötlichen Haare Bezug nahm – die auch in dem bekannten Gemälde von Hans Asper zu erkennen sind: «[…] der Zwingli, der ist rot, wärint die von Zürich nit, er käm in grosse Not». Anlässlich eines Fasnachtsspiels Ende Februar 1523 war er in Luzern in effigie, also als Puppe oder Bild, verbrannt worden. In einer merkwürdigen Spukgeschichte erfand ausserdem eine Frau in Zürich, die später alle ihre Lügen gestand, ein angebliches Mordkomplott der städtischen Predigermönche gegen ihn. Die Befürchtungen Zwinglis wuchsen, als die Tagsatzung in Baden, die am 15. Juni 1523 zusammenkam, etwas zum Traktandum machte, das Zwingli gerüchteweise gepredigt haben soll: Die Eidgenossen «verkaufen das christliche Blut und essen das christliche Fleisch». Brisant war der Vorwurf deshalb, weil da Zwinglis ethische Solddienstkritik und seine reformatorische Abendmahlkritik direkt vermengt schien.
Die Eidgenossen wollten am darauffolgenden Tagsatzungstreffen – das war durchgesickert – auch schauen («luogen»), wie man Zwingli loswerde. Der Streit liess sich nicht beilegen, und wirklich beschloss daraufhin die Tagsatzung in Bern vom 7. Juli 1523, den Landvogt vom Thurgau und den Landvogt von Baden zu beauftragen, «den Zwingli von Zürich auf Betreten zu verhaften, aus Ursachen, die jeder Bote weiss». An dieser Verhandlung hatte Junker Jakob Grebel offenbar teilgenommen, denn sein Sohn Conrad erwähnt am 28. Juli, der Vater werde als Leiter einer Delegation im Auftrag des Zürcher Rats nach Bern «zurückkehren».
Erst am 27. Juli 1523 befahl der Zürcher Rat selbst eine Untersuchung. Diese brachte zutage, dass denen von Luzern zugetragen worden war, wie Magister «Uolrich Zwingli» unlängst auf der Kanzel öffentlich («offenlich») geredet habe, «die von Luzern» seien «Blutverkäufer oder Blutfresser». Zwingli hatte genaue Kenntnis davon erhalten, dass er an jenem 7. Juli in Bern Gegenstand der eidgenössischen Verhandlungen werden würde, und der Tagsatzung eine Schrift zukommen lassen, in der er die ihm zur Last gelegten Worte dementierte. Er gab lediglich zu, im Jahr zuvor, 1522, während der Fastenzeit gepredigt zu haben: «Es schilt manch einer das Fleischessen übel und hält es für eine grosse Sünde […]; aber Menschenfleisch verkaufen und zu Tode schlagen hält er nicht für eine grosse Sünde.»
Genützt hatte diese gedruckte Rechtfertigung nichts. Zürich geriet im eidgenössischen Bündnis in immer grössere Bedrängnis. Mit reger diplomatischer Aktivität sollten wenigstens Bern und Solothurn, die der Stadt an der Limmat eher gewogen schienen als Luzern, davon überzeugt werden, dass sich wegen der neuen Predigtweise niemand bedroht zu fühlen brauche: Sie dürften nicht glauben, schrieb Zürich bereits am 25. Juni 1523, was geredet werde, dass durch die «lutherische Sache […] etliche in ihrem eigenen Haus nicht mehr sicher» seien. In Zürich werde, «soviel wir wissen», nichts anderes gepredigt und gelehrt als das «heilige Evangelium und das, was mit der göttlichen Lehre und der heiligen Schrift bewährt» werden mag. Ihre Prediger würden sich nicht «des Luthers beladen». Wo sie das täten, «würden wir es ihnen nicht gestatten».
Zürich stellte im Brief auch die Gerüchte in Abrede, dass es «Zwietracht in unserer Stadt und unserer Landschaft» gebe und dass die Bauern den Zins und den Zehnten «nicht mehr geben wollten». Aber die ersten bäuerlichen Zehntenverweigerungen auf reformatorischer Grundlage waren schon 1522 erfolgt und sollten 1523 – was die Eidgenossen anscheinend schon voraussahen – im Erntemonat August grosse Ausmasse annehmen. Zwingli muss im Sommer 1523 jedenfalls endgültig bewusst geworden sein, welch enge Grenzen seinen Reformationszielen gesteckt waren. Er musste den Zusammenhang mit Luther bestreiten und die Bauern streng darauf verpflichten, weiter die Zehntabgabe zu leisten, um jeden Eindruck zu vermeiden, die Kirchenreform führe in irgendwelcher Form zu Unruhen – zu «Aufruhr», wie das Schlüsselwort damals lautete. Die Pflicht zum Gehorsam stellte seit einem Übereinkommen aus dem Jahre 1370, dem sogenannten «Pfaffenbrief», einen Grundpfeiler in der Alten Eidgenossenschaft dar.
Gerade in jenem Sommer arbeitete Zwingli intensiv an der Ausarbeitung der Thesen, die er an der Ersten Disputation im Januar 1523 vorgetragen hatte. In Buchform erschienen sie – ausgiebig erläutert und an etlichen Stellen entschärft – am 14. Juli 1523. Gleichzeitig brachte er ein zweites Werk heraus und gab ihm den Titel «Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit». Das Wort «Gerechtigkeit» stand damals für «Gesetz» oder sogar «Herrschaft». Gedruckt wurde das Buch am 30. Juli 1523. Darin legte er sich mit Bezug auf Paulus’ Römerbrief 13 darauf fest: «[…] ein jeder lebender Mensch soll den übergeordneten Obrigkeiten oder Oberen gehorsam sein. Denn es ist keine Obrigkeit, die nicht von Gott wäre. Die Obrigkeiten aber, die sind, die sind von Gott verordnet. Also, welcher sich wider die Obrigkeit legt, der ist der Ordnung Gottes widerstanden. Diejenigen aber, die widerstehen, werden ihr eigenes Urteil oder [die] Verdammnis [in Empfang] nehmen.» Auch baute Zwingli eine für die ganze Entwicklung des Protestantismus in der Schweiz folgenschwere Theorie vom Strafgericht Gottes in seine Staatsphilosophie ein – was die Menschen quäle und bedrücke, sei eine gerechte Strafe für ihre Sünden: «Zum ersten heisst Gott durch den Mund Pauli, dass alle Menschen der Obergheit gehorsam sein sollen; denn alle Obrigkeit sei von Got. Woraus wir merken, dass auch die bösen, gottlosen Oberen von Gott sind; doch gibt Gott solche Oberen, um unsere Sünden zu strafen.»
Mit den beiden Büchern vollzog Zwingli eine Wende. Unmissverständlich sagte er sich von früheren, radikalen Positionen los, gewichtete die Argumente neu und wollte gegenüber den besorgten Eidgenossen den Beweis führen, dass die Kirchenreform keinerlei Unordnung nach sich zöge. Nachdrücklich forderte er den Gehorsam ein, Aufruhr schloss er kategorisch aus. Am 5. August 1523 wies er in einem Brief an die mit Zürich befreundete Stadt Konstanz auch als «unchristliche Lüge» zurück, was zum «Blut Christi» über ihn «erdacht» worden sei. Doch seine Anhänger Conrad Grebel und Felix Manz hielten an den zwinglischen radikalen Frühthesen fest und verweigerten sich seinem staatspolitischen Gehorsamkeitsdiktat.
Radikale Opposition zu Zwingli
In der Täuferforschung gilt gemeinhin die Zeit von Dezember 1523 bis September 1524 als quellenlose Zeit. Es klafft eine Lücke zwischen dem bereits zitierten Brief von Conrad Grebel an Vadian, in dem er Zwingli verdammt, und einem aufschlussreichen Brief Grebels und seiner Freunde an den predigenden Rebellen und Anführer des Bauernkriegs Thomas Müntzer vom 5. September 1524 – den dieser aber vermutlich nie erhalten hat.
Diese knapp neun Monate, in denen das Denken der kleinen radikalen Gruppe definitiv eigene Formen annahm, lässt sich aber rekonstruieren: Letztlich war es die Radikalisierung der bäuerlichen Reformation, die der städtischen Reformation einen neuen Schub verlieh. Die Zehntenverweigerung der Bauern, die sich 1523 trotz scharfen, von Zwingli gedeckten Mandaten ausbreitete, wurde von den Bauern reformatorisch begründet: Die Abgaben wollten sie nicht mehr länger ohne seelsorgerische Gegenleistung an Klöster geben, sondern direkt für ihre evangelischen Prediger verwenden. In der Zielsetzung ebenfalls klar reformatorisch war der Aufstand in Wädenswil am Zürichsee zum Jahreswechsel 1523/24. Der Versuch des städtischen Rats, einen bei den Bauern beliebten evangelischen Pfarrer zu verbannen, hatte die Unruhen ausgelöst.
Eine ähnliche reformatorische Ursache hatte die Mobilisierung der Bauern in Weiningen – sie versuchten im Januar 1524 ihren bilderstürmerischen Pfarrer Georg Stähelin vor dem Zugriff des eidgenössischen Landvogts von Baden zu schützen. Bei Stähelin hatte niemand anders als der aus Höngg vertriebene Conrad-Grebel-Freund Simon Stumpf Unterschlupf gefunden. Stumpf und Stähelin sorgten schon im November 1523 durch eine Doppelhochzeit, bei der sie sich gegenseitig mit je einer Frau trauten, für einen Skandal bei den Eidgenossen.
Ebenfalls im Januar 1524 verlangten die Bauern des Chorherrenstifts im zürcherischen Embrach mit evangelischer Logik die Abschaffung der Leibeigenschaft, und zwar in Punkt drei der acht Artikel ihrer Beschwerdeschrift: «Zum dritten: diewil jetzt im heiligen Evangelio und rechter göttlicher Schrift die Freiheiten gefunden werde, insbesondere dass kein Mensch des andern Eigen sein solle […].»
Der illegale Zollikoner Bildersturm vom 15. Mai 1524 schliesslich zeigte, dass die Forderung nach Abschaffung der soeben noch inbrünstig angebeteten Heiligenbilder auch auf dem Land Zustimmung fand. Doch erst der überraschende Tod der zwei sich halbjährlich ablösenden älteren Bürgermeister am 13. und 15. Juni 1524 machte in der Stadt den Weg frei für den – peinlich geordnet verlaufenden – Zürcher Bildersturm, der am 20. Juni begann und 13 Tage dauerte. Es sollte ihm alles Anstössige genommen werden, doch es blieb eine Kulturzerstörung grössten Ausmasses. Schrittweise muss sich in jenen Sommermonaten 1524 die Stossrichtung der jungen Radikalen um Conrad Grebel und Felix Manz gewandelt haben.
Den grössten Einschnitt aber, politisch gesehen, brachte kurz darauf der sogenannte Ittinger Sturm vom 18./19. Juli 1524 – die Besetzung und Zerstörung der Kartause Ittingen. Sie lag in der von den Eidgenossen gemeinsam verwalteten Herrschaft Thurgau. Zürcher Bauern waren massgebend daran beteiligt. Deshalb drohte ein eidgenössischer Bürgerkrieg. Nur durch die Auslieferung einiger vermeintlicher Hauptverantwortlicher – zweier bäuerlicher Untervögte und zweier dörflicher Prediger – an die katholischen Eidgenossen konnte die Stadt Zürich ihn vermeiden.
Die schwierigen Verhandlungen in Baden endeten am 28. September 1524 mit der Hinrichtung von drei der vier Ausgelieferten, darunter die zwei dörflichen Untervögte. Von Zürcher Seite war niemand anders als der Vater von Conrad Grebel, Junker Jakob Grebel, hindelegiert worden, und dass er nur das Leben von Adrian Wirth, des jüngsten der beiden zum Tod verurteilten evangelischen Prediger, hatte retten können und schon froh war, den befürchteten eidgenössischen Bürgerkrieg verhindert zu haben, verzieh ihm Zwingli nie.
In dieser aufgeheizten Stimmung reiste Grebels Freund Felix Manz nach Basel und sorgte im Herbst 1524 heimlich für den Druck etlicher Schriften des bis zu jenem Zeitpunkt radikalsten reformatorischen Denkers überhaupt: des ehemaligen Luther-Gefährten und Doktors der Theologie Andreas Bodenstein von Karlstadt. Seine 1520 erschienene Schrift über das Weihwasser – «Von gewychem Wasser und Salcz» – hatte sich in verschiedenster Hinsicht als bahnbrechend erwiesen. Karlstadt war der Semiotiker unter den Reformatoren. Den Sakramenten wies er nur noch eine Zeichenfunktion zu. Während Luthers Untertauchen auf der Wartburg hatte er in der Universitätsstadt Wittenberg die Reformation radikalisiert und im Januar 1522 den ersten Bildersturm ausgelöst. Darauf kehrte Luther im März 1522 überraschend zurück und vertrieb Karlstadt.
Zwingli – und in noch höherem Mass nachher Conrad Grebel und Felix Manz – richteten sich viel stärker an Karlstadt aus als an Luther, und auch der spätere Streit Zwinglis mit Luther über die Bedeutung des Abendmahls liess sich im Grund nur deshalb nicht beilegen, weil Luther in Zwinglis Argumentation jene seines ehemaligen Wittenberger Widersachers Karlstadt herausspürte: Wein und Brot galten auch Zwingli nur als Zeichen, selbst wenn er dem Abendmahl den Charakter eines Sakraments beliess. Luther indessen – auch wenn er die katholische Lehre der Verwandlung (Transsubstantion) ablehnte – hielt mit Berufung auf die Allgegenwart (Ubiquität) von Jesus am Glauben einer realen Gegenwart Gottes im Abendmahl fest.
Wie der Brief Conrad Grebels und seiner Freunde an Müntzer vom 5. September 1524 zeigt, stand für sie nun – nach Erledigung der Bilderfrage – die bedingungslose Abschaffung der Messe, also die Beseitigung des herkömmlichen Opfergottesdienstes, auf dem Programm. Das Abendmahl sollte in Zürich strikt nach dem Evangelium gefeiert werden.
Verblüffend ist, dass Conrad Grebel und Felix Manz auch in der Tauffrage direkt an frühere Überlegungen ihres einstigen Vorbilds Zwingli anknüpften. Schon im Zusammenhang mit der Fegefeuer-Kritik hatte dieser nämlich 1521 – laut der Klageschrift des Zürcher Chorherrn Konrad Hofmann – verlauten lassen, «dass kleine Kinder, die nicht getauft sind», im Falle eines Todes «nicht verdammt werden». In der Auslegung seiner 18. These sprach sich Zwingli am 14. Juli 1523 auch dafür aus, dass die «Sitte» wieder «angenommen» werden sollte, «die Kinder» erst zu taufen, «so sie den festen Glauben im Herzen» hätten und ihn «mit dem Mund» bekennen würden. Wie bei der Absage an die Bilder und an die Messe hätte sich zwischen den Streithähnen auch in dieser Tauffrage leicht ein Kompromiss finden lassen müssen. Denn was das Weihwasser und den Akt der Taufe betraf, so blieb Zwingli dem Argument Karlstadts treu, dass dem geweihten Wasser keinerlei Kraft innewohne und es sich lediglich um ein äusserliches Zeichen handle. Dennoch erblickte Zwingli in der Taufe weiterhin ein Sakrament, und gerade als Zeichen wollte er die Kindertaufe spätestens ab 1524 nachdrücklich erhalten wissen – als äusseres Merkmal der Einheit der Kirche. Damit änderte er seine ursprüngliche Meinung.
In zahlreichen hitzigen Taufdebatten und zum Teil öffentlichen Disputationen stritten sich Conrad Grebel, Felix Manz und deren Freunde mit Zwingli – und stritt Zwingli im Grund mit sich selbst, da seine glühendsten Anhänger von einst nur eine Meinung verfochten, auf die er sie selbst früher gebracht hatte: «Denn der Irrtum», gestand er im Buch «Von der Taufe» vom 27. Mai 1525, «hat auch mich vor einigen Jahren verführt, dass ich meinte, es wäre viel besser, man taufte die Kindle erst, so sie zu gutem Alter gekommen wären, wiewohl ich nicht so unbescheiden verfuhr, dass ich so freventlich dastünde, als jetzt etliche tun, die noch viel zu jung und grün in der Sach dastehen […]».
Nervenkrieg mit den Eidgenossen
Für diese Kraftprobe wegen der Tauffrage hätten Conrad Grebel und Felix Manz keinen schlechteren Zeitpunkt finden können. Trotz den erfolgten Todesurteilen Ende September 1524 schien der Ittinger Sturm vom Juli für die Innerschweiz noch längst nicht erledigt. Schon die durch die Reformation möglich gewordenen Hochzeiten von Nonnen und Pfaffen sowie die bäuerlichen Zehntenstreiks, erst recht aber die als Frevel gewertete Verbrennung der Heiligenbilder waren für viele Eidgenossen nicht nachvollziehbar.
Am 25. Februar 1524 hatte Papst Clemens VII. in einem Schreiben an die eidgenössische Tagsatzung zur «Vertilgung der Häretiker» aufgerufen und zum Kampf gegen «das Treiben der unfrommen Geistlichen». Ein erneutes päpstliches Schreiben am 19. April 1524 warnte vor dem «Pestgift, das in die Seelen der Gläubigen gesät» werde. Unverhohlene Morddrohungen gegen Zwingli wurden aus Zug und Luzern gemeldet. Das alles wurde in Zürich bekannt. Die Spaltung der Eidgenossenschaft drohte.
Eine Panik in Rapperswil im November 1524 schien den Krieg schliesslich unvermeidlich werden zu lassen. Auf einmal wurde herumerzählt, Zürich stehe kurz davor, mit zwei Kriegsschiffen – andere sprachen von vier oder fünf Schiffen, alle mit Geschützen gerüstet – in See zu stechen, um Rapperswil zu bekriegen. In Luzern wurden Truppenaushebungen in einem nie vorher erfolgten Ausmass vorgenommen.
Möglicherweise ging die Rapperswiler Panik auf ein Durchsickern geheimer Zürcher Strategiestudien zurück. Der sogenannte Plan zu einem Feldzug, bei dessen Formulierung Zwingli offenbar einen gewichtigen Anteil hatte – die Schrift gilt als Teil seiner gesammelten Werke –, enthielt zahlreiche diplomatische Schritte und sah für den Fall eines Angriffs des Gegners vor, diesen mit einem «Gegenzug» in sein unverteidigtes Gebiet zu treffen. Geplant wurde auch eine – monströse – Blitzaktion zur Entführung der Frauen und Kinder der Mächtigen im Hauptort Schwyz. Lastete Zwingli womöglich dieses mutmassliche Informationsleck insgeheim gar Junker Jakob Grebel an, dem Vater Conrad Grebels?
Nur die aussenpolitische Konstellation verhinderte den Ausbruch eines offenen Religionskriegs schon zu jenem Zeitpunkt: Die katholischen Eidgenossen hatten Tausende von Kriegern als Söldner auf Seiten des französischen Königs in Italien stehen, der das Herzogtum Mailand wieder in seine Gewalt zu bringen suchte. Dadurch waren den Innerschweizern einstweilen die Hände gebunden.
In der Schrift «Wer Ursache gebe zu Aufruhr» spitzte Zwingli seine strikten Gehorsam einfordernden Argumente im Dezember 1524 noch zu. Seinen radikalen früheren Anhängern warf er polemisch «Affenspiele» vor. «Mal wollen sie keine Obrigkeit haben; mal wollen sie die Obrigkeit haben; doch sei keiner ein Christ, welcher ein Oberer sei. Bald wollen sie eine eigene Kirche haben […] Und solche Affenspiele bringen sie täglich mehr hervor als Afrika seltsame Tiere.» Wohl speziell an Conrad Grebel gerichtet, dessen melancholische Seite er stets für eine Schwäche gehalten hatte, schrieb Zwingli in Aufkündigung der letzten verbliebenen Freundschaft: «Und heisst sie das ein armes, verwirrtes, bitteres Gemüt: spiritus, Geist, der doch nicht anderes ist als ein saturnisches, melancholisches Fleisch […].»
Damit waren die Eidgenossen keinesfalls zu beruhigen. Das wurde offenkundig, als die Gesandten der sechs Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Freiburg an der Tagsatzung in Bern vom 30. Dezember 1524 den übrigen eidgenössischen Orten eine «Instruktion» übergaben, in der sie die Abstrafung weiterer Verantwortlicher für den Ittinger Sturm verlangten. Dieses Schreiben las sich wie eine letzte Mahnung vor einer Kriegserklärung. Darauf begaben sich die Gesandten von Bern, Glarus, Basel, Solothurn, Schaffhausen, Appenzell und St. Gallen am 13. Januar 1525 nach Zürich, um zu schlichten.
Verbote und Verfolgung
Ausgerechnet in dieser brenzligen Lage um die Jahreswende 1524/25, als der Zürcher Rat und ihr erster Prediger Zwingli peinlich darauf achteten, keinen weiteren Anlass zur Verstimmung der Eidgenossen zu geben, verlangten Conrad Grebel und seine Freunde, von politischen Rücksichten unbekümmert, die Abschaffung der Kindertaufe. Sie predigten gegen eine Wand der Ablehnung. Am 18. Januar 1525 stellte der Zürcher Rat die Verweigerung der Kindertaufe und jede Aufforderung zum Verzicht auf sie unter Strafe. Die erste Taufdisputation, die am Vortag, dem 17. Januar 1525, stattfand, war ergebnislos verlaufen.
Am 21. Januar 1525 schliesslich, acht Tage nach dem Besuch der gemässigten Gruppe der Eidgenossen, belegte der Zürcher Rat die Gruppe der jungen Radikalen ihrer abweichenden Meinung wegen mit einem Versammlungs- und Redeverbot. Sie hatten nicht nur eine eigene Bibelschule unterhalten und öffentlich bei jeder Gelegenheit disputiert, sondern unterhielten engste Kontakte zu den zwei in Kirchenfragen rebellischsten Landgemeinden – Witikon, hoch oberhalb der Stadt gelegen, und Zollikon, der stadtnächsten Gemeinde am See. Nun sollten die Nichtzürcher unter ihnen des Landes verwiesen werden, darunter der Prediger Wilhelm Reublin, den die Witikoner Bauern selbst eingestellt hatten und Johannes Brötli, der in Zollikon radikal-evangelisch predigte.
Ebenfalls in jenen Tagen, am 6. Januar 1525, hatte Conrad Grebels Frau Barbara eine Tochter geboren: Rachel. Sie sei «noch nicht in dem Römischen Wasserbad getauft und geschwemmt», meldete Conrad seinem Schwager Vadian am 14. Januar 1525 herausfordernd. Ahnungsvoll hatte er ihm bereits am 15. Dezember 1524 geschrieben: «Ich meine nicht, dass Verfolgung ausbleiben wird.»
Nach jenem Verbot vom Samstag, 21. Januar, kamen die Radikalen ein letztes Mal in der Zürcher Wohnung von Felix Manz und dessen Mutter Anna Manz zusammen – ob noch am selben Abend oder einem der folgenden Tage ist nicht bekannt. Da kniete Blaurock, ein verheirateter ehemaliger Priester aus Graubünden, der erst seit wenigen Wochen in Zürich wohnte und eigentlich Georg Cajacob hiess, vor Conrad Grebel nieder und bat darum, so wie es in den Evangelien von Johannes dem Täufer und Jesus geschrieben stand, von ihm getauft zu werden. Mit dabei waren auch der Bündner Andreas Castelberger, Zwinglis langjähriger Buchhändler, sowie der Zürcher Bäcker Heinrich Aberli und zahlreiche andere. Conrad Grebel erfüllte Blaurocks Bitte, goss ihm anscheinend mit einer Schüssel Wasser über das oben kahle Haupt mit den am Rand noch langen, schwarzen Haaren und vollzog das Ritual, das fortan ihren Zusammenhang stiften sollte. Darauf erhob sich Blaurock und taufte alle übrigen. Ohne priesterliche Weihe zogen Conrad Grebel und Felix Manz fortan predigend und taufend über die Lande.
Zwar brachte die blutige Niederlage des französischen Heers und der eidgenössischen Söldner in der Schlacht bei Pavia am 24. Februar 1525 eine vorübergehende Entspannung der Kriegsgefahr. Der entscheidende Schlagabtausch erfolgte schliesslich 1529 und 1531 in den beiden Kappeler Kriegen. Im zweiten fand Zwingli auf dem Schlachtfeld bekanntlich den Tod.
Doch das vorübergehende Nachlassen des eidgenössischen Drucks auf Zürich im Jahr 1525 blieb für die Auseinandersetzung zwischen den Täufern und Zwingli selbst folgenlos. Seit dem 18. Januar 1525 drohte denen, die tauften oder sich taufen liessen, die Verbannung. Das wurde im Ratsbeschluss vom 11. März 1525 bestätigt und blieb auch so nach der erneut ohne eine Annäherung der Standpunkte verlaufenen zweiten Taufdisputation vom 20. März 1525. Doch faktisch wurde die Strafe gegen die «Wiedertäufer», wie sie nun polemisch genannt wurden, bereits verschärft: Der Zürcher Felix Manz, der seit Anfang Februar gefangen war, ebenso wie viele andere aus Zollikon, die nicht widerrufen wollten, kamen in unbefristete Beugehaft – zunächst wurden sie wegen ihrer grossen Zahl im ehemaligen Augustinerkloster eingesperrt.
Conrad Grebel blieb zunächst in Freiheit, weil er Ende Januar nach Schaffhausen auswich – «betrübt, aber in Christo», wie ein Mitstreiter über ihn berichtete. Dort feierte er als Laie Abendmahl, indem er ein Brot zerschnitt und verteilte. Willige taufte er im Rhein – offenbar aber erst, nachdem Wolfgang Uoliman, ein ehemaliger Klosternovize und seit Jahren auf Seiten der Reformation, Grebel dazu gedrängt hatte, wie es der Chronist Kessler überliefert hat.
In St. Gallen dann, wo Mitstreiter schon erfolgreich vorgearbeitet hatten, zog Conrad Grebel am Palmsonntag, 9. April 1525, mit einer Volksmenge vor die Tore der Stadt und taufte eine grosse Zahl Menschen, die sich aller Kleider entledigten und mit ihm in die Sitter, den örtlichen Fluss, stiegen. Auf diese Wassertaufe geht auch Grebels Ausspruch zurück, mit dem er angeblich Diskussionen mit Gegnern aus dem Weg ging: Er forderte sie nämlich auf, «nackt» zu ihm zu kommen, wenn sie mit ihm reden wollten – das hiess für ihn so viel wie: zuerst das sündige Leben ganz hinter sich zu lassen.
Als der Druck auf die Täufer auch in St. Gallen zunahm, begab sich Grebel wieder nach Zürich zu seiner Frau – und hielt sich eine Zeit lang vorsorglich zurück. Vermutlich war ihr erwähntes drittgeborene Kind, die Tochter Rachel, die er nicht dem «römischen Wasserbad» hatte ausliefern wollen, während seiner Abwesenheit gestorben. Getauft? Es ist möglich, dass der Ehestreit um die Seele von Rachel mit ein Grund war, weshalb er Zürich verlassen hatte.
Zu einem neuen Streit der Eheleute kam es, als Manz nach einigen Wochen aus der Haft flüchten konnte und bei ihnen anklopfte. Wann genau, lässt sich nicht bestimmen – es gibt zwar einen Brief Conrad Grebels an den Buchhändler Andreas Castelberger, der die Vorgänge schildert, aber der trägt kein Datum. Vermutlich erfolgte dieser erste Gefängnisausbruch Ende April oder Anfang Mai 1525. Felix Manz durfte sich eine Nacht lang bei Conrad und Barbara Grebel verstecken, doch in der darauffolgenden Nacht wollte Conrad Grebel den Freund Manz auf seiner Flucht begleiten und wieder in den Untergrund gehen. Seine Frau Barbara vereitelte es, indem sie bei ihrem Schwiegervater Junker Jakob Grebel «kein geringes Trauerspiel» verursachte, wie Conrad Grebel an Castelberger schrieb. Manz floh allein und wandte sich nach Graubünden, in die Heimat des längst ausgewiesenen Blaurock, um mit ihm weiter zu predigen. Aber die Stadt Chur fasste ihn – in einem Schiff wurde Manz schliesslich am 18. Juli 1525 nach Zürich ausgeliefert.
Inzwischen hatten die verbliebenen Zollikoner Täufer – vermutlich am Sonntag, 11. Juni 1525 – eine aufsehenerregende, endzeitliche Bussdemonstration in Zürich durchgeführt, über die Zwingli in seinem Buch «Elenchus» berichtete: Auch Frauen und Kinder nahmen teil, statt eines Gürtels trugen sie «eine Weidenrute oder einen Strick um die Lenden». «Auf den Strassen riefen sie schauerlich: Wehe, wehe! Wehe Zürich! Einige gaben, Jonas nachahmend, der Stadt noch eine vierzigtägige Frist.» An jenem Tag war wegen der anhaltenden Unruhen auf der Landschaft eine Anfrage bei den Zünften und den Landgemeinden angesetzt worden – die Überraschung war also vollkommen.
Am Montag, 12. Juni, erliess der Zürcher Rat ein Verbot solcher Umzüge und ordnete Folgendes an: eine kleine Gruppe von Ratsleuten erhalte die Vollmacht, die Wachen an den Toren und auf dem Rathaus je nach Lage zu verstärken und Massnahmen zu ergreifen, wenn die Täufer aus Zollikon mit ihren Frauen und Kindern – zu ergänzen wäre wohl: wieder – in die Stadt hineinkämen «und über ein statt Zürich o we unnd derglich schrygen weltind». Gleichentags wurde auch Castelberger mit seiner Frau und den Kindern auf ein Schiff gesetzt und verbannt. Da er an einer Krücke ging, war die schon am 21. Januar verfügte Ausweisung mehrfach hinausgeschoben worden.
Bei der Räumung von Castelbergers Wohnung muss jener undatierte Brief, den Conrad Grebel ihm über die Umstände der Flucht von Manz geschrieben hatte, den Ratsherren in die Hände gefallen sein. Auf jeden Fall floh Grebel aus der Stadt. War es Castelberger noch gelungen, ihn zu warnen? Oder hatte Conrad Grebel die Bussdemonstration mitorganisiert und musste ohnehin eine Verhaftung befürchten?
In Abwesenheit wurde nunmehr auch eine Untersuchung gegen Conrad Grebel durchgeführt. Währenddessen trat er selbst in den Zentren des Bauernaufstands auf, unter anderem in Hinwil im Zürcher Oberland, predigte und las aus den Evangelien. Aufgefordert, sich zu stellen, verlangte Conrad Grebel freies Geleit – es wurde ihm nicht gewährt, und sein Bote wurde verhaftet, zusammen mit vieren aus Zollikon, die sich, anders als er, guten Glaubens im Zürcher Rathaus eingefunden hatten.
Die bäuerlichen Forderungen im Deutschen Bauernkrieg, vor allem die Zwölf oberschwäbischen Artikel, die zwischen dem 28. Februar und dem 3. März 1525 verfasst worden waren und einen klar evangelischen Anspruch hatten, wirkten auf jene Artikelbriefe zurück, welche die Zürcher Bauern Ende April, Anfang Mai 1525 erhoben, im Anschluss an die Besetzung der Klöster Rüti und Bubikon im Zürcher Oberland, 23. bis 25. April 1525. Die schwere Niederlage der deutschen Bauern blieb ebenfalls nicht ohne Rückwirkungen – Zürich nahm sich mit der Beantwortung der bäuerlichen Beschwerden plötzlich viel Zeit und lehnte die allermeisten Forderungen ab. Nur in der Frage des Kleinen Zehnten kam die Stadt den Bauern entgegen, und die Leibeigenen, die der Stadt Zürich gehörten, wurden für frei erklärt, mit Ausnahme derjenigen aus der Landvogtei Grüningen im Zürcher Oberland, die dadurch für die Klosterbesetzung bestraft werden sollten. Sie blieben unfrei, genauso wie die Leibeigenen aller übrigen Herren, deren Rechte Zürich schützte.
Felix Manz wurde am 7. Oktober 1525 überraschend aus der Haft entlassen. Fast scheint es, als hätten die Behörden ihn ohne sein Wissen dazu verwenden wollen, sie auf die Spur Conrad Grebels zu führen – der im Zürcher Oberland unter den enttäuschten Bauern grossen Zulauf fand. Denn schon einen Tag später, am 8. Oktober 1525, gelang der Zugriff auf Conrad Grebel und auf Blaurock, der inzwischen in die Zürcher Landschaft zurückgekehrt war. Truppen wurden bereitgestellt, um gegebenenfalls mit Zürcher Kriegsschiffen nach Zollikon gebracht zu werden («wann sie erfordert werden»). Felix Manz selbst konnte sich zwar der Verhaftung entziehen und versteckte sich im Wald oberhalb von Bäretswil in der seither so genannten «Täuferhöhle», doch am 31. Oktober 1525 wurde auch er gefasst.
In der dritten Taufdisputation, die vom 6. bis 8. November 1525 mit den Gefangenen durchgeführt worden war, erhielten sie wegen ihrer früheren Klage, Zwingli lasse niemanden zu Wort kommen, freie Redezeit. Die Veranstaltung im Grossmünster glich trotzdem eher einem öffentlichen Gerichtsverfahren – die Täufer wurden für überwunden erklärt und, da sie sich weigerten zu widerrufen, in Haft behalten.
Hinrichtung der Täufer in der Limmat
In der publizistischen Kontroverse zwischen Luther und Thomas Müntzer nahmen Conrad Grebel und seine Freunde klar Stellung für Letzteren. In der Frage der Gewalt aber entschieden sich die Zürcher Täufer für eine gänzlich andere Position als Müntzer und ermahnten ihn: «Man soll auch das Evangelium und seine Anhänger nicht mit dem Schwert schirmen, und sie sollen es auch selbst nicht tun […].» Doch genau dies macht die Theologie von Conrad Grebel und seinen Freunden zu etwas ganz eigenem: In ihr vereinten sich ein radikal pazifistischer und ein sozialrevolutionärer, obrigkeitskritischer Zug. Zwingli erklärte später gegenüber dem Rat, Grebel habe mehr als einmal auf ihn eingeredet, «dass alle gemeinsamen Dinge gemeinsam sein müssen» – das heisst, gemeinhin allen gehören sollten.
Auffällig ist, dass der eingangs geschilderte spektakuläre Ausbruch der Täuferinnen und Täufer aus dem Neuen Turm direkt an der Stadtmauer 14 Tage nach einer drastischen Strafverschärfung für Täufer erfolgte – ein Ratsmandat vom 7. März 1526 hatte erstmals die Todesstrafe durch Ertränken für diejenigen festgelegt, die weiterhin die Erwachsenentaufe vollzogen. Zwingli, der ja seitens der Eidgenossen selbst mit dem Tod bedroht wurde, billigte das neue Mandat und schrieb gleichentags an Vadian: «So hat sich endlich die lang genug auf die Probe gestellte Geduld erschöpft. Umsonst hat Dein Schwiegervater [Junker Jakob Grebel] den Rat um Erbarmen angefleht.»
Doch diese neue kurze Freiheit der beiden «Erzwiedertäufer» Grebel und Manz, wie sie der Chronist und Zeitgenosse Johannes Kessler nannte, führte die von ihnen erhoffte Wende nicht herbei: Conrad Grebel erlag schon im Sommer 1526 der Pest, und am 5. Januar 1527 wurde in der Zürcher Limmat mit der Todesstrafe an Felix Manz von Zwingli ein schauderhaftes Exempel statuiert.
Folgenreich war, dass sich Zwinglis harte Haltung gegen die Täufer aus seiner theologischen Erwählungslehre (Prädestination) speiste und er das gefällte Urteil als Ratschluss Gottes hinstellte: «Ich bedaure die unverbesserliche Kühnheit dieser Leute sehr, […] aber wir sind nicht Gott, dem es nun einmal gefällt, auf diese Weise zukünftigem Unheil vorzubeugen […]», schrieb er Vadian am 7. März 1526, als die Todesstrafe für neu Taufende und neu Wiedergetaufte beschlossen wurde. Und an den Basler Reformator Oekolampad schrieb er am 3. Januar 1527, zwei Tage vor dem Vollzug der Todesstrafe an Conrad Grebels bestem Freund Felix Manz: «die Wiedertäufer», die schon längst «zu den Raben» hätten geschickt werden sollen, störten «bei uns die Ruhe der Frommen». «Aber ich schätze, das Beil ist angesetzt. Der Herr stehe seiner Kirche bei! Amen.»
In seinem Werk «Elenchus» vom Juli 1527 erinnert er sich, wie die Täufer in einem der zahlreichen Gespräche mit ihm forderten, «wir müssen uns Christus in allem angleichen», worauf er replizierte: «Wer stellt das in Abrede?» Sie «aber», so schrie er sie an, seien «Wölfe und Pseudoapostel».
Reformatorischer Terror
Zwischen dem Tod der beiden Freunde lag die Hinrichtung von Conrad Grebels Vater am 30. Oktober 1526, nach einer Farce von Prozess. Vorangegangen war ein weiterer Höhepunkt des rhetorischen Kriegs zwischen katholisch gebliebenen Eidgenossen und Zürich. Der Badener Disputation der XII Orte vom 25. Mai bis 8. Juni 1526, die Züge eines Ketzergerichts trug, blieb Zwingli zwar mit guten Gründen fern, wenn er nicht wie einst der böhmische Reformator Jan Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen enden wollte. Zwinglis Lehre aber wurde erwartungsgemäss verworfen – und jener des in England 1384 hingerichteten John Wyclif und des 1415 verbrannten Jan Hus gleichgestellt.
Zwingli stand unter grosser Anspannung. Wie sein Brief vom 31. März 1525 an Vadian zeigt, überschritt er auch regelmässig seine eigenen Grenzen: «Ich schreibe eben mitten in so viel Arbeit und bei derartigem Kopfweh, dass, wenn ich nicht die Feder vorwärts laufen sähe, ich fast nicht mehr wüsste, was eigentlich geschieht.» In anderen Briefen setzte er nach dem Datum ein Komma und die Bemerkung: «bei der Kerze».
Zudem waren am 28. August 1525 in Zwinglis erst wenige Monate zuvor neu bezogener Wohnung bei einem nächtlichen Angriff mit ausgegrabenen Pflastersteinen die Scheiben eingeschlagen worden. Die betrunkenen Bewaffneten riefen ihm laute Drohungen zu. Im April 1524 war er mit der Witwe Anna Reinhart, die er schon seit Längerem kannte, die Ehe eingegangen, und seit Juli 1524 hatten sie eine kleine Tochter, Regula. Einer der Täter, ein Zürcher Weber, war in der Limmat schwimmend aus der Stadt entkommen. Ein zweiter der nächtlichen Frevler, von Beruf Metzger, kam nach dem Folterverhör und kurzer Haft im Turm frei. Das erregte Zwinglis Unwillen, denn in den unbekannten anderen Steinewerfern vermutete er Verräter mit Verbindungen zu einer versteckten Opposition im Rat. Zwingli nutzte diesen nächtlichen Vorfall, um eine Hebelwirkung gegen diese vermuteten oder nur vermeintlichen geheimen Gegner unter den Ratsherren zu erzielen. Zu ihnen zählte er offenbar schon damals auch den Vater Conrad Grebels – wie zutreffend oder unzutreffend Zwinglis Verschwörungstheorie auch immer war.
Bereits im Juli 1525 während der Untersuchung gegen den flüchtigen Conrad Grebel lautete einer der Hauptvorwürfe, dieser habe im Zürcher Oberland das Gerücht verbreitet, Zwingli hätte auf die Bauern schiessen lassen wollen, falls diese zu einem Angriff auf die Stadt übergegangen wären: «[…] man solle die Büchsen auf sie richten und 300 oder 400 totschiessen, dann dächten die andren daran». Ergänzend wurde auch verbreitet, Meister Ulrich Zwingli habe gepredigt, «man solle sechs oder sieben [unter den Bauern] die Köpfe abschlagen, so werde es besser etc.».
Gesetzt den Fall, der Reformator hätte insgeheim im Rat auch nur andeutungsweise solche martialische Massnahmen vorgeschlagen – wo wäre von ihm das Informationsleck am ehesten vermutet worden? In Zwinglis Vorstellung könnte sich tatsächlich der Verdacht gebildet haben, trotz ihrem heftigen Widerstreit hätten Vater und Sohn Grebel doch eines gemeinsam – die Ablehnung seiner Person.
Um nicht mit einzelnen Menschen «scharf ins Gericht zu gehen», lege er, Zwingli, sich zwar «Zurückhaltung» auf, wie er seinem Freund Oekolampad in Basel am 1. Dezember 1525 schrieb. Doch war bei ihm, diesem Sohn eines Amtsmanns aus dem Bergbauerndorf Wildhaus, ein starker Reflex gegen Edelleute festzustellen – und zu denen schien er auch Junker Jakob Grebel zu zählen. Die Eidgenossen hätten «sich von dem mutwilligen Adel befreien» können, hatte er am 2. Mai 1524 in einer anonymen Schrift an die Eidgenossen geschrieben und betont, dass Alexander der Grosse von seinem Vater Philipp eingeschärft bekommen hatte, «es wäre keine Stadt und kein Schloss so fest, dass sie nicht erobert würden, wenn ein Esel mit Gold beladen hinein kommen möchte».
Eines schien zum anderen zu passen. So verdichtete sich bei Zwingli der Verdacht, die franzosenfreundlichen Anhänger des Solddienstes in der Stadt – und zu ihnen rechnete er nach wie vor Junker Jakob Grebel – bildeten die Hauptmacht unter den heimlichen Anhängern des alten katholischen Glaubens, wenn sie sich auch vordergründig für die Reformation aussprächen. In der altrömischen Verschwörung von Catilina, die er wiederholt anführte, erblickte er ein mahnendes Exempel.
Doch erst der Pesttod Conrad Grebels fern von Zürich im Sommer 1526 senkte letztlich die Waage zu Ungunsten des Vaters. Wie ein Brief vom 10. April 1526 beweist, hatte Zwingli nämlich bislang den Geschichten Conrads über das Geld, das sein Vater ihm vorgehalten hatte, nur geringe Glaubwürdigkeit zugestanden. Dann aber kam Zwingli nach Conrad Grebels Tod zu Ohren, dass die Witwe Barbara Grebel bei ihrem Schwiegervater um jenes Geld bat, von dem Conrad immer gesprochen hatte, Junker Jakob Grebel sie aber abwies. Dieser betonte noch auf der Folter und kurz vor der Hinrichtung, es liege kein Unrecht vor, da sein Sohn Conrad in den Jahren des Studiums in Wien und Paris offiziell das Zürcher Bürgerrecht aufgegeben hatte und darum die Stipendien habe annehmen dürfen. Es bleibt aber schleierhaft, warum Vater Grebel sich gegenüber der Witwe seines Sohnes verschloss, als sie den Bittgang zu ihm tat. Fürchtete er sich davor, dieses heisse Geld zur Sprache zu bringen? Tatsache ist, dass er sich gerade damit eine Blösse gab – die einzige, die Zwingli ausnutzen konnte.
Die Hinrichtung am 30. Oktober 1526 erfolgte nur knapp zwei Monate nachdem Junker Jakob Grebel mit zwei anderen Ratsherren beauftragt worden war, Empfehlungen auszuarbeiten, wie gegen jene vorzugehen sei, die auswärts, in katholischen Gebieten, die Messe besuchten. Befürchtete Zwingli, Grebel würde zu grosse Nachsicht zeigen?
Zwinglis Vorname lautete, wie die Ratsberichte zeigen, klar auf Ulrich. Er liess sich aber von einem bestimmten Zeitpunkt an Huldrych Zwingli nennen – reich an Huld, das heisst: an Wohlwollen und Freundlichkeit. Die phantasievolle Wortabstammungslehre der Zeit ermunterte geradezu, in Namen tiefere Bedeutungen zu erkennen. So wechselte Martin Luther, der eigentlich Martin Luder hiess, seinen Namen gegenüber engen Freunden erst zu Eleutherius – griechisch: der Freie, Befreite oder Befreier – und dann ganz allgemein zu Luther, in dem auch noch das Wort lauter anklingt.
Als Zwingli sich im Jahr 1500 in Wien einschrieb, gab er noch Udalricus als seinen Vornamen an. Der entsprechende Eintrag an der Universität Basel 1502 lautete ebenfalls so. In späteren Briefen und Publikationen unterzeichnete er mit Huldrich. Die öffentlichen Behörden in Zürich und auch anderer Städte gaben seinen Vornamen aber immer mit Ulrich oder Uolrich wieder, sogar noch in den Akten der Zweiten Disputation Ende Oktober 1523. Bei den Freunden, die ihm schrieben, war es gemischt: Es findet sich ebenso häufig Ulricho, Udalrico, Ulderico, Ulricho, Uodalricho wie Huldricho, Hulderico, Huldericho, Huldereicho, Huldarico und so weiter. Doch ganz so huldvoll erlebten ihn weder Conrad Grebel noch dessen Vater. Da bei der Erwähnung des Vornamens Huldrych der Anteil an Selbststilisierung Zwinglis stets mitbedacht werden muss, scheint es unverfänglicher, von Ulrich Zwingli zu sprechen.
Ein historischer Roman des Verfassers über Conrad Grebel
wurde 2013 als Manuskript fertig.
Quellen und Literatur
Quellen:
– Amtliche Sammlung der älteren Eidgenössischen Abschiede, Bd. 4, Abt. 1a. Brugg 1873.
– Egli, Emil: Actensammlung zur Geschichte der Zürcher Reformation in den Jahren 1519 bis 1533. Zürich 1879.
– Farner, Oskar: Hulrdrych Zwinglis Briefe, Bd. 1 (1512–1523), Zürich 1918; Bd. 2, Zürich 1920.
– Harder, Leland (Hg.): The Grebel Letters and Related Documents. [Wipf & Stock Publishers] Eugene, Oregon/USA 1985.
– Hottinger, J.J.; Vögeli, H. H. (Hg.): Heinrich Bullingers Reformationsgeschichte, hg. von Frauenfeld 1838, Bd. 1.
– Kessler, Johannes: Sabbata [Chronik]. St. Gallen 1902.
– Köhler, Walther: Das Buch der Reformation Huldrych Zwinglis von ihm selbst und gleichzeitigen Quellen erzählt. München 1931.
– Muralt, Leonhard von; Schmid, Walter: Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz. Zürich 1952ff.
– Strickler, Johannes: Actensammlung zur Schweizerischen Reformationsgeschichte in den Jahren 1521–1532, 5 Bde. Zürich 1878–1884.
– Vadianische Briefsammlung, Bd. I–VII. In: Mitteilungen zur Vaterländischen Geschichte. St. Gallen 1888–1913.
– Huldreich Zwinglis sämtliche Werke, Berlin 1904ff (im Internet zugänglich).
Literatur:
– Baumgartner, Mira: Die Täufer und Zwingli. Eine Dokumentation. Zürich 1993.
– Bender, Harold S.: Conrad Grebel. The Founder of the Swiss Brethren. Eugene, Oregon/USA 1998.
– Blanke, Fritz: Brüder in Christo. Die Geschichte der ältesten Täufergemeinde (Zollikon 1525). Zürich 1955.
– Leu, Urs B.; Scheidegger, Christian (Hg.): Die Zürcher Täufer 1525–1700. Zürich 2007.
– Gäbler, Ulrich: Huldrych Zwingli. München 1983.
– Goertz, Hans-Jürgen: Konrad Grebel. Ein Radikaler in der Zürcher Reformation. Eine biografische Skizze. Zürich 2004.
– Goeters, J. F. Gerhard: Die Vorgeschichte des Täufertums in Zürich. In: Festschrift für Ernst Bizer, hg. v. L. Abramowski/J. F. G. Goeters, 1969.
– Kamber, Peter: Reformation als bäuerliche Revolution. Zürich 2010.
– Keller-Escher, Carl: Die Familie Grebel. Blätter aus ihrer Geschichte. Frauenfeld 1885.
– Krajewski, Ekkehard: Felix Mantz (ca. 1500–1527). Das Leben des Zürcher Täuferführers. Dissertation Universität Zürich. Zürich 1956.
– Lichdi, Diether Götz: Konrad Grebel und die frühe Täuferbewegung. [Logos Verlag] Lage 1998.
– Schilling, Heinz: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie. München 2012.
– Strübind, Andrea: Eifriger als Zwingli. Die frühe Täuferbewegung in der Schweiz. Berlin 2003.
– Wirz, Hans Georg: Zürcher Familienschicksale im Zeitalter Zwinglis (Teile I–IV). In: Zwingliana, Bd. VI, Heft 4, 1935; Bd. VI, Heft 5, 1936; Bd. VI, Heft 9, 1938; Bd. VI, Heft 9, 1938.
Landesvermessung
in Zeiten politischen
Umbruchs
Franz Ludwig Pfyffer
von Wyher
UND
Jacques-Barthélemy
Micheli du Crest

Von Topografie und Politik
Andreas Bürgi
Einer sass im Gefängnis, der andere lief durchs Gebirge, und beide taten dasselbe: Sie vermassen das Land. Das brachte sie zusammen, denn beiden schwebte das Gleiche vor, eine exakte Karte der Schweiz. Der Gefangene, Micheli, war erfahrener in Vermessung und Topografie, weshalb sich der Jüngere, Pfyffer, um Rat an ihn wandte. Er könne ihm nicht genug danken für den Brief, den Micheli ihm gesandt habe, und rechne fest damit, ihn im Juni zu besuchen, er freue sich auf das Vergnügen, mit ihm zu plaudern, «j’irai exprès pour vous prier de me donner des instructions.» Als Pfyffer diesen Brief am 28. April 1761 an Micheli richtete, war dieser schon zwölf Jahre auf der Festung Aarburg eingesperrt, weil Bern ihm vorwarf, in den sogenannten Burgerlärm verwickelt gewesen zu sein, besser bekannt als Verschwörung einer Gruppe von Bürgern um Samuel Henzi gegen das allmächtige Berner Patriziat.
Schauplatz einer Pioniertat in der Geschichte der europäischen Landschaftsdarstellung war eine Gefängniszelle. 1755 veröffentlichte Jacques- Barthélemy Micheli du Crest seinen Prospect Geometrique des Montagnes neigées, dittes Gletscher, telles qu’on les découvre en tems favorable, depuis le Chateau d’Arbourg, dans les territoires des Grisons, du Canton d’Ury, et de l’Oberland du Canton Berne. Der umständliche Titel bezeichnet einen Papierstreifen von 65 Zentimeter Länge und 19,5 Zentimeter Höhe mit dem ersten wissenschaftlichen Alpenpanorama. Er zeigt einen Sektor zwischen Uri Rotstock und Rinderhorn im Berner Oberland von rund 56 Grad, den Micheli auf der Terrasse neben seiner Aarburger Zelle mit behelfsmässigen Instrumenten aufgenommen hatte. Dieser Kupferstich hält die Erinnerung an seinen Urheber bis heute wach. Der Prospect Geometrique war die erste grafische Ansicht einer Gebirgskette aufgrund vermessungstechnisch ermittelter Werte. Sein Massstab war die Richtigkeit, nicht die Schönheit. Er zeigte mehr, als man von blossem Auge sehen konnte, und er zeigte es schematisiert, bereits mit codierten Geländemerkmalen, wie sie später die Kartografen entwickelten. Das Augenmerk lag auf dem Horizont, jener Linie, wo Himmel und Erde aneinanderstossen und die doch nicht das Ende der Welt markiert, wie man seit dem Ausgang des Mittelalters wusste, sondern nur das des Gesichtskreises. Aber so wie Micheli hatte den Horizont noch niemand gezeichnet.
Michelis Prospect hatte Auswirkungen weit über die Kartografie hinaus und kann als eines der ersten Zeugnisse einer veränderten Wahrnehmung der Landschaft bezeichnet werden. Die Wissenschafter und Künstler bezogen ihn in ihre Diskussionen ein und in die eigenen kartografischen, topografischen und zeichnerischen Unternehmungen, so auch Pfyffer. Seine Pläne waren ebenso pionierhaft, wie es diejenigen Michelis gewesen waren: Zum ersten Mal wollte er ein dreidimensionales Modell der Innerschweiz bauen, ein Relief der Landschaft rund um den Vierwaldstättersee und bis tief ins Mittelland und hinauf in die Alpen; wäre es ihm möglich gewesen, er hätte die ganze Schweiz vermessen und nachgebildet. Das Relief der Urschweiz basiert auf geodätischen Daten und wurde gut 30 Jahre nach dem Prospect fertig. So kamen die beiden zusammen, dank ihrer Leidenschaft für die Geometrie, die ihre Gespräche im Berner Staatsgefängnis bestimmte und die ihnen bis heute einen Platz im Gedächtnis der Nachwelt bewahrt. Einziges Zeugnis ihrer Begegnung sind elf Briefe, zehn von Pfyffer aus dem Jahr 1761 und nur ein einziger von Micheli von 1762. Wahrscheinlich handelt es sich dabei bloss um einen Ausschnitt aus einer umfangreicheren Korrespondenz. Aus diesen Briefen geht hervor, dass Pfyffer Micheli regelmässig auf der Aarburg besuchte.
Know-how oder Savoir-faire
Wer sich im 17. und 18. Jahrhundert für Geometrie und Aufgaben wie Strassen- und Brückenbau, Festungswesen, Geländeverbauungen, Topografie und Kartenherstellung interessierte, begab sich am besten nach Frankreich, denn dort verfügte man über den fortgeschrittensten Stand des Wissens. 1748 eröffnete der Kriegsminister, Comte d’Argenson, für die Ausbildung von Militäringenieuren in Mézières die Ecole royale du génie. Schwerpunkte der zweijährigen Kurse waren Mathematik, Statik, Hydraulik, Festungsbau, Vermessung und Kartografie. Unmittelbare Vorläufer waren die Ingénieurs du Roi, die unter Ludwig XIV. für den Festungsbau und zunehmend für das Kartenwesen verantwortlich waren. Bereits 1747 hatte auf Geheiss Ludwigs XV. die Ecole royale des ponts et chaussées ihren Betrieb aufgenommen, die weltweit erste Ingenieurschule. Sie ging aus dem Corps des ingénieurs des ponts et chaussées hervor, das Jean-Baptiste Colbert im 17. Jahrhundert eingerichtet hatte. Frankreich besass mit diesen beiden Schulen erstklassige Ausbildungsstätten, die dem gewachsenen Bedarf an Ingenieurwissen im militärischen und zivilen Bereich entsprachen und zudem eine einheitliche Qualifikation ihrer Absolventen gewährleisteten. Von dieser fortschreitenden Professionalisierung profitierten auch Micheli und Pfyffer, denn der Familientradition entsprechend waren sie als älteste Söhne für das Kommando der eigenen Kompanie in Frankreich vorgesehen, und das setzte eine militärische Ausbildung voraus, in der die Schulung der Offiziere in Mathematik, Geometrie, Trigonometrie, Vermessung und sogar in architektonischem und technischem Zeichnen einen wichtigen Platz einnahm.
Militärkarrieren in Frankreich …
Jacques-Barthélemy Micheli du Crest entstammte einem Genfer Patriziergeschlecht. Sein Vater Jacques Micheli, Seigneur auf der Herrschaft Le Crest in Jussy bei Genf, war wie seine Vorfahren Besitzer einer halben Infanteriekompanie im Dienst Frankreichs und stand im Rang eines Hauptmanns. Der Kommandant seines Regiments, der Bündner Oberst Johann-Baptist Stuppa, war ein Bruder Peter Stuppas, des mächtigsten Schweizers im Frankreich Ludwigs XIV., Generalleutnant, Kommandant der Schweizergarde, Besitzer eines Regiments und Vertrauter von Louvois, dem Kriegsminister Ludwigs XIV. Als Generaloberst der Schweizer und Bündner war er Verbindungsmann zur französischen Regierung, ein begehrtes weil sowohl einflussreiches wie sehr lukratives Amt. Auf Peter Stuppas Protektion war jeder Schweizer Offizier angewiesen, der es in der Armee oder am Hof zu etwas bringen wollte. Auch Pfyffers Urgrossvater, ebenfalls mit Namen Franz Ludwig, verdankte Stuppas Unterstützung viel. Er erhielt bei der Armeereform von 1671 ein Regimentskommando, behielt daneben aber gleichwohl die Familienkompanie innerhalb der angesehenen und vom König privilegierten Schweizergarde. Diese Regimentsgründung war ein wichtiger Baustein für die Position des Wyher-Astes der weitverzweigten Luzerner Pfyffer-Familie in Frankreichs Armee, wenn auch noch nicht für ihren Reichtum. Dafür legte mit einer geschickten Heirat Pfyffers Grossvater Ludwig Christoph die Grundlage.
Als die beiden Nachfahren zur Welt kamen – 1690 Jacques-Barthélemy auf der Besitzung Le Crest, 1716 Franz Ludwig auf Schloss Wyher im luzernischen Ettiswil –, war der Solddienst in Frankreich in beiden Familien seit Langem Tradition und trug neben den Erträgen aus dem Grundbesitz massgeblich zum Einkommen bei, und vielleicht hatten bereits persönliche Bekanntschaften zwischen den Micheli du Crest und den Pfyffer von Wyher bestanden. Es ist kaum anders vorstellbar, als dass sich Jacques-Barthélemys oder Franz Ludwigs Grossvater oder Vater am Hof oder bei Stuppa irgendwann über den Weg gelaufen waren.
Im Schweizer Patriziat bestimmten die Erfordernisse der Fremdendienste Kindheit und Jugend der ältesten Söhne von Kindsbeinen an. Ihre Erziehung war einerseits auf die Übernahme des Kommandos der Familienkompanie ausgerichtet, anderseits darauf, einen Sitz im Parlament und später in der Regierung ihrer Heimatkantone einzunehmen, um den Einfluss im Staat zu erhalten und womöglich auszubauen. Dieser Einfluss war für Familien elementar, die ihren Lebensunterhalt zu guten Teilen aus den Fremdendiensten bezogen, ging es doch darum, die sehr weitgehenden Befugnisse der Räte beim Besetzen von Offiziersstellen, bei der Rekrutenwerbung, beim Aufstellen einer neuen Kompanie oder bei ihrer Übergabe vom Vater an den Sohn zum eigenen Vorteil zu nutzen. Nur so liess sich das einträgliche Geschäft in den eigenen Reihen halten und Konkurrenz ausschalten. Auch konnte man als Ratsmitglied über die Abgeordneten in der Tagsatzung auf die Vertragsverhandlungen zwischen dem König und der Eidgenossenschaft einwirken. Nicht zuletzt sicherte einem ein Frankreich wohlgesonnenes Abstimmungsverhalten im Rat weitere Einnahmen, die der König seinen partisans in den Kantonen grosszügig und teils auf Lebenszeit zusprach.
Bereits im Alter von zehn Jahren kam Franz Ludwig Pfyffer nach Paris, wo er die französische Sprache zu lernen hatte und als Kadett in der Kompanie seines Vaters Jost in der Schweizergarde diente. Die nächsten 40 Jahre seines Lebens verbrachte er in der Armee, nahm an den Feldzügen des Polnischen und des Österreichischen Erbfolgekriegs teil und erklomm bis 1768 Stufe um Stufe bis zum Rang eines Generalleutnants. Die Aufgaben der Schweizergarde – Schutz des Königs und seiner Familie – brachten ihn an den Hof und dort in Kontakt mit wichtigen Machtträgern, unter anderem war er ein Protegé von Etienne-François de Choiseul, dem wichtigsten Minister Ludwigs XV. In Versailles waren ihm wenige Schweizer überlegen, vielleicht einzig der Solothurner Peter Viktor Besenval, mit dem er um das Amt des Generalinspektors der Schweizer und Bündner rivalisierte und verlor.
Michelis Kindheit und Jugend werden nicht grundlegend anders verlaufen sein. Allerdings trat er erst mit 18 Jahren als Fähnrich in die Kompanie des Vaters ein, und sein Engagement dauerte weniger lang, nur 29 Jahre. Trotz Teilnahme an mehreren Feldzügen des Spanischen Erbfolgekriegs, wo er sich unter anderem im Juli 1712 in der Schlacht bei Denain gegen die niederländischen Truppen auszeichnete, erreichte Micheli bloss den Grad des Hauptmanns. Sein Regiment war nicht in einem der Vororte von Paris stationiert, sondern in der Provinz. In Friedenszeiten verschob es sich entlang der Grenze im Norden und Osten, zwischen den Garnisonen von Dünkirchen und Strassburg. Michelis Dienstverpflichtungen erlaubten ihm kaum, Beziehungen zum Hof zu knüpfen, wenngleich er zum damaligen Generalobersten der Schweizer und Bündner, dem Duc du Maine, einem illegitimen Sohn Ludwigs XIV., privilegierten Zugang gehabt haben soll. 1738 demissionierte er und verkaufte seine halbe Kompanie dem Genfer Mitbürger François Gallatin.
In diesen Jahren bildeten sich beide in ihren Interessengebieten weiter und profitierten von den neuen zivilen und militärischen Ingenieurkompetenzen, die in den Armeealltag einflossen. Der Dienst in Friedenszeiten liess einem Offizier viel freie Zeit, und unter Schweizer Offizieren wurden allerlei Steckenpferde gepflegt, von Landwirtschaft, Archäologie und Numismatik über Musik, Literatur, Sammeln von Kupferstichen und Gemälden bis hin zu Astronomie, Kartografie und Vermessungswesen. Inspiriert vom berühmtesten Baumeister der Zeit, Marschall Vauban, der für Ludwig XIV. sämtliche wichtigen Festungen entworfen hatte, begann sich Micheli nach dem Friedensschluss von 1714 im Festungs- und Städtebau weiterzubilden. In den Kampagnen des Spanischen Erbfolgekriegs hatte er gesehen, wie sich Vaubans Bauten bei Belagerungen wie Verteidigungen bewährten. Als er in den folgenden Jahren Alternativen zu den offiziellen Genfer Befestigungsprojekten entwickelte, weitete er seine Studien auf die Untersuchung der Fliessmechanik von Gewässern aus auf die Hydraulik, galt es doch, die Rhone in das Verteidigungskonzept einzubeziehen. Michelis Kenntnisse im Festungsbau und in der Gewässerverbauung trugen ihm grosses Lob von seinen Vorgesetzten ein, sein Förderer, der Duc du Maine, wollte in ihm gar einen zweiten Vauban sehen. Michelis Fähigkeiten kamen der Vaterstadt zugute. 1725/26 erhob der Architekt und Geometer Jean-Michel Billon unter seiner Leitung die Daten für einen detaillierten, qualitativ hochstehenden Katasterplan. Und 1730 schenkte Micheli seine Karte Geneva Civitas der Bibliothèque publique. Noch Guillaume-Henri Dufour sprach davon mit grosser Bewunderung.
Auch Pfyffer lernte in den Jahren in Frankreich viel über Vermessung, vor allem aber über Landschaftsmodelle. Dabei kam ihm zugute, dass er jünger war als Micheli. Diese 26 Jahre machten viel aus, denn nach dem Spanischen Erbfolgekrieg ortete die Armeeführung gravierende Mängel bei der Geländeinformation und steckte in der Folge grosse Summen in die Herstellung von besseren Karten. Sie wertete die damit betrauten Ingénieurs géographes auf und fasste sie zu einer Einheit zusammen, die von einem Brigadier kommandiert wurde. Viele von ihnen kamen aus der Kaderschmiede von Méziéres, mit einigen wird Pfyffer während der Feldzüge des Polnischen und des Österreichischen Erbfolgekriegs in Kontakt gekommen sein, später bezog er sich in den Briefen an Micheli auf die gleiche Spezialliteratur, wie sie bei den Ingenieurgeografen in Gebrauch war.
Noch eine weitere Anregung brachte er aus Paris mit, den Reliefbau. Er war damit im Louvre in Berührung gekommen, wo in der zur Seine hin gelegenen Galerie du bord de l’eau die Sammlung der plans en relief der französischen Könige aufbewahrt wurde, die auf Vauban zurückging. Dieser hatte seine Festungen massstabsgetreu im Modell nachbauen lassen, um ihre Lage und Anlage so übersichtlich wie möglich darzustellen. Ihre Verteidigungsstruktur mit vorgeschobenen Befestigungen, Gräben, vorgelagerten Erhebungen, Wällen und sternförmigen Bastionen war so komplex, dass sich das Ganze nur mit einer minutiösen Planung optimal ins Gelände einpassen liess. Dies machte genaue Terrainvermessungen nötig, zudem Geländemodelle, weil die Kartografie noch nicht in der Lage war, mittels Höhenkurven die Niveauunterschiede der Landschaft abzubilden. Man wählte den grossen Massstab von 1 : 600, was eine detailgetreue Darstellung gestattete. 1697 listete Vauban bereits 184 Reliefs auf, darunter die berühmten Festungen der ceinture de fer wie Calais, Lille, Ath, Charleroi oder Philippsbourg und Neuf-Brisach im Elsass und die gegen das Königreich Savoyen gerichteten Alpenwerke von Briançon, Embrun und Exilles. Später kamen die Häfen von Saint-Tropez, Marseille oder Saint-Martin-de-Ré am Atlantik dazu. Diese Modelle fanden in der Offiziersausbildung Verwendung, wo Pfyffer sie kennengelernt haben muss. Heute ist eine Auswahl davon, zum Teil wahre Kunstwerke, im Hôtel des Invalides ausgestellt.
Micheli und Pfyffer konnten während ihrer Dienstzeit viel Fachwissen und Erfahrung erwerben, die den einen, Pfyffer, zu einem soliden Topografen machte, den andern, Micheli, zu einer anerkannten Grösse in all den Disziplinen, die mit dem Festungs- und Städtebau zusammenhingen. Das ist bezeichnend für diese frühe Phase der angewandten technischen Wissenschaften: Selbst der Laie und Autodidakt konnte sich so tief in die Materie einarbeiten, dass er zu Recht als Fachmann auftreten konnte, auch ohne institutionell abgesicherte Ausbildung.
… und politische Karrieren in Genf und Luzern
In den Solddienstfamilien wurde von den Ältesten nicht nur eine militärische Karriere erwartet, sondern auch eine politische, sie sollten die Sitze in den Räten ihrer Kantone einnehmen. Diese Karrieren verliefen bei den beiden diametral entgegengesetzt. War Pfyffer bis wenige Jahre vor seinem Tod eines der einflussreichsten Mitglieder in der Regierung Luzerns, so befand sich Micheli nahezu während der Hälfte seines Lebens auf der Flucht oder sass als Häftling auf der Aarburg ein. Zwar kam er mit 30 Jahren in den Grossen Rat der Stadt Genf, doch was ihm in Frankreich Lob und Anerkennung eingetragen hatte, war in Genf nicht gefragt. Er überwarf sich mit führenden Räten wegen des Projekts der Erneuerung der Stadtbefestigung, das er, der von höchsten französischen Armeeautoritäten beglaubigte Experte, als dilettantisch und zu teuer ablehnte. Darin hatte er von Anfang an Recht, und je länger die Arbeiten dauerten, desto offensichtlicher wurde dies, vor allem was die Kosten anging, die förmlich explodierten und die Bürgerschaft in Unruhe versetzten. Er stritt sich lange und immer erbitterter mit seinen Kontrahenten, bis diese genug hatten und bewirkten, dass ihm die Stadt 1730 das Bürgerrecht aberkannte und ihn ein paar Jahre später in effigie köpfte. Da war er längst auf der Flucht. Zunächst hielt er sich in Paris auf, wo er politische Rechtfertigungsschriften und Pamphlete gegen die heimische Elite verfasste und sich damit sowohl in Genf wie in Paris immer stärker von den Freunden isolierte, die ihn noch unterstützten. Mehr und mehr galt er als Querulant, der mit seiner Renitenz nicht nur nervtötend war, sondern zunehmend als Gefahr für die öffentliche Ordnung betrachtet wurde. Neben diesen Kämpfen betätigte er sich wissenschaftlich. Er verkehrte mit angesehenen Vertretern der Gelehrtenrepublik, darunter Réaumur und Maupertuis, und verfasste beachtete Schriften zur Temperaturmessung. Im Bemühen, seine Rehabilitation in Genf zu erreichen, suchte er in den folgenden Jahren erfolglos Hilfe in Zürich, Bern, Basel und Strassburg. 1746 liess er sich im liberalsten Territorium der damaligen Schweiz nieder, im preussischen Neuenburg. Dort verfasste er als Summe seiner jahrelangen Auseinandersetzung mit der Genfer Regierung das erst nach seinem Tod gedruckte Manuskript Maximes d’un Républicain, eine radikale Kritik an der oligarchischen Struktur Genfs und zugleich eine Hinwendung zu republikanischen Auffassungen. Auf Ersuchen Genfs, Berns und Zürichs wurde er verhaftet und zunächst im Berner Inselspital inhaftiert. Nur drei Jahre später beschuldigte ihn Bern der Teilnahme an der Verschwörung von Samuel Henzi, der sich mit einer Gruppe von Bürgern gegen das allzu mächtig gewordene Patriziat erhoben hatte, das mehr als drei Viertel der Burgerfamilien aus dem Rat fernhielt und alle einträglichen Ämter unter sich aufteilte. Ähnliche Bewegungen gegen die Zurücksetzung des grösseren Teils der Bürgerschaft sind in diesen Jahrzehnten auch in anderen patrizisch regierten Orten zu beobachten. Allerdings konnte Michelis Rolle in den folgenden Prozessen nicht zweifelsfrei geklärt werden, was ihm das Schwert ersparte, aber für den Rest des Lebens Festungshaft auf der Aarburg eintrug. Dort sollte er 20 Jahre, bis unmittelbar vor seinem Tod 1766, bleiben, und daher gilt er bis heute als der am längsten eingekerkerte politische Gefangene der Schweiz.
Spätestens in dieser Zeit lernte ihn Pfyffer kennen. Sein Leben hatte sich ganz anders entwickelt. Er erfüllte politisch die in ihn gesetzten Erwartungen und gelangte über die Ämter des Stadtrichters und des Grossrats bereits im Alter von 36 Jahren in den Kleinen Rat, in die Regierung. Immer öfter vertrat ihn sein Bruder Jost-Christoph im Kompaniekommando, selber hielt er sich während Monaten in Luzern auf, wo er vermehrt Einfluss nahm, politisch und mit seinen Ingenieurkenntnissen. Und auch wenn es, etwa beim Neubau der Strasse nach Basel, zu zeitweise heftigen Meinungsverschiedenheiten mit den Ratskollegen kam, war man in Luzern froh um diese Kompetenzen und belohnte seine Leistung, ganz anders, als dies bei Micheli in Genf der Fall gewesen war. 1768 kehrte er endgültig zurück und gehörte nun auch dem Kriegsrat an, dem Verteidigungsministerium des Standes Luzern. Vor allem aber betätigte er sich im Auftrag des Ministers und Protektors Choiseul als Verbindungsmann Ludwigs XV., dessen Interessen in der Politik Luzerns und der Innerschweiz er durchzusetzen hatte. Konkret bedeutete dies, die politischen Mechanismen zu schmieren, damit die Entscheidungsträger die Bedingungen für die Fremdendienste in Frankreich so vorteilhaft wie möglich ausgestalteten. Zu diesem Zweck stellte ihm das Aussenministerium ein Füllhorn zur Verfügung, aus dem auch für ihn reichlich abfiel, eine gängige Praxis auch in anderen Kantonen und seitens anderer europäischer Mächte. Das ging lange gut. Doch mit dem Jahr 1789 – da war der unglückliche Micheli schon seit 25 Jahren tot – begannen sich die Dinge zu ändern, und als nach dem Tuileriensturm von 1792 sämtliche Schweizer Truppen von der gesetzgebenden Versammlung in Paris entlassen wurden, versiegten die französischen Geldquellen fast ganz, auch die Renten der regulär entlassenen Offiziere und Soldaten. Pfyffer sah sich gezwungen, seinen Aufwand zu reduzieren, die politischen Aussichten waren für den prominenten Vertreter des Ancien Régime ohnehin düster. Das böse Ende kam 1798 mit dem Einmarsch der französischen Truppen. Ende Januar dankte das Luzerner Patriziat ab, und fortan war es seinen Vertretern verboten, politische Ämter auszuüben. Damit verschwand Pfyffer von der Bühne Luzerns, auf der er eine so glänzende Rolle gespielt hatte. 1802 starb er.
Betrachtet man die beiden Lebensläufe, könnte man den einen als tragische Geschichte eines gleichermassen hellen Kopfes wie notorischen Querulanten und Pechvogels, den andern als zwar ausgesprochen erfolgreiche, insgesamt jedoch nicht ungewöhnliche Karriere eines Schweizer Aristokraten ansehen. Micheli forderte seine Standesgenossen sowohl mit seinen Sachkenntnissen als Ingenieur heraus wie mit seinen, wie sich im Nachhinein zeigte, fortschrittlichen Auffassungen über Staat und Gesellschaft, aber er war ein Moralist, politisches Geschick beim Umsetzen seiner Absichten ging ihm vollständig ab. Pfyffer war nicht weniger klug, aber er beherrschte den Umgang mit Macht und Einfluss und besass einen geschmeidigeren Charakter, den er am Hof noch verfeinert hatte. Und dennoch wäre beider Leben längst vergessen, wenn Micheli und Pfyffer nicht ihrer Leidenschaft nachgelebt hätten, ihrer Leidenschaft für die Geometrie.
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