Kitabı oku: «HUNDE JA-HR-BUCH DREI»

Geschichten von Hunden und ihren Menschen

Inhalt
Cover
Titel
Vorwort
Jürgen Streich
Yippie
Elisabeth Petzina
Helden haben nasse Füße
Simone Kunde
Lassie
Elke Parker
Nie mehr Langeweile
Ute Dissemond
Lachende Hunde
Sabine Immken
Alles eine Frage der Energie
Sabine Nölke
Lilly und Paul
Petra Deyringer-Kühnle
Bedienungsanleitung für einen Wolf
Andrea Feder
Keine blauen Augen
Anna Wöltjen
In der Hundeschule
Hannelore Nics
Königin für einen Tag
Andrea Wachsmann
Das Geheimnis
Marion Trost
Mohrle
Anke Höhl-Kayser
Ein neuer Hund kommt in unser Haus
Karin Oehl
Nelly, die „ scharfe“ Wachhündin
Stania Jepsen
Der Schürzenjäger
Christa Wright
Wuppi - Die Geschichte einer Beziehung
Helene Oehler
Hungertage
Helga Franziska Noack
Beauty Queen auf Abwegen
Silke Walkstein
Warum gerade der?
Iris Engels
Warum ein Whippet?
Verena von Asten
Die Rasse der Hundebesitzer
Bibi Bellinda
I lost my heart in Pabianice
André Pluskwa
Die Autorinnen und Autoren
Die Reihe HUNDE JAHRBUCH (Anthologie)
Impressum
Vorwort
Kennen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, die frühesten Auswirkungen der Entstehung des Grand Canyon? Eine indianische Legende besagt dazu Folgendes: Eines lang zurückliegenden Tages brach in Nordamerika die Erde auf, ein Riss zog sich durchs Land und wurde schnell breiter und tiefer. Die Menschen wollten natürlich nicht voneinander getrennt werden und bemühten sich, alle auf eine Seite zu kommen. Ebenso die Tiere. Sie sammelten sich auf der anderen Seite. Als der Spalt schon fast unüberwindlich war, sprang ein Hund, der sprechen konnte, zu den Menschen herüber und sagte: „Ich gehöre doch zu Euch!“ So ist dieser Überlieferung zufolge die tiefe Verbundenheit zwischen Mensch und Hund entstanden. Wie bildhaft diese Darstellung auch sein mag, im übertragenen Sinne stimmt sie. Menschen domestizierten zunächst Wölfe, machten sich deren Fähigkeiten nutzbar, züchteten aus ihnen neue Hunderassen, verschieden in Aussehen, Größe und Eigenschaften, und lernten sie als Gefährten schätzen. Seither ist die Treue von Hunden zu ihren Menschen sprichwörtlich.
Der wichtigste „Nutzen“, den wir von unseren vierbeinigen Freunden haben, dürfte die Freude sein, die sie uns tagtäglich bereiten, und die Liebe, die sie uns als Familienmitglieder entgegenbringen. Und es ist folgerichtig, dass es außer absolut verlässlichen Blindenhunden längst auch Therapiehunde gibt, die Menschen bei der Überwindung persönlicher und gesundheitlicher Krisen helfen. Auch in Altenheimen erfreuen Hunde zunehmend Senioren mit ihren Besuchen. Hunde sind ein wirksames „Mittel“ gegen Einsamkeit. Kein Wunder, dass immer mehr Ärzte erkennen, dass das Zusammenleben mit einem Hund psychisch guttut und so der Gesundheit zuträglich ist. Ich selbst habe als Kind und Teenie erlebt, welch Motivator und Trostspender der Schnauzer-Pudel-Mischling war, mit dem ich aufgewachsen bin; immer übrigens auch ein vertrauenswürdiger Kumpel, wenn das Gassi-Gehen dafür herhalten musste, Freunde und erste Freundinnen zu treffen. Als junger Erwachsener begann ich meine journalistische Laufbahn in der Lokalredaktion einer Tageszeitung. Da ich auch fotografierte, musste ich oft „raus“, und Tiergeschichten lagen mir sowieso. So bin ich allein in diesen vier Jahren Hunden in allen möglichen und unmöglichen Situationen begegnet: Rettungshunden, die nach der Sprengung eines Hauses die übungshalber darin versteckten, mit getragener Kleidung angezogenen Puppen innerhalb kurzer Zeit sämtlich gefunden hatten; Wach- und Polizeihunden, denen nichts entging; bei einer Rottweiler-Prüfung dem beeindruckenden Weltsieger und auf Ausstellungen teils lächerlich zurechtgemachten Modehündchen; einem armen Bobtail, der völlig zerfleischt in eine Tierklinik gebracht worden war und auch zwei Leichenspürhunden, die engagiert bei der Aufklärung eines Verbrechens halfen. Vor allem aber schrieb ich immer wieder über Hunde, die ihre Menschen gerettet oder vor etwas Schlimmen bewahrt hatten. Einmal beispielsweise hatte eine Schnüffelnase nachts einen Schwelbrand, der ein ganzes Haus zerstörte, so rechtzeitig gewittert und seine Familie geweckt, dass diese noch flüchten konnte. In einem anderen Fall war ein Mann in der kalten Jahreszeit im Wald mit einem Kreislaufkollaps bewusstlos zusammengebrochen und wäre wohl erfroren, wenn sich nicht sein Freund mit dem – rechtmäßigen! – Pelz auf ihn gelegt und ihn so lange gewärmt hätte, bis menschliche Helfer, die auf sein Bellen aufmerksam geworden waren, herbeieilten.
Es gibt viele solche Geschichten über unsere Freunde auf vier Pfoten. Eine vielfältig zusammengestellte Auswahl – sie reicht von augenzwinkernden Darstellungen bis hin zu ernsten Begebenheiten – finden Sie in diesem Buch. Es sind lebendige Beispiele von Freundschaften zwischen Menschen und Hunden bestimmter Rassen (zwei Mischlingsgeschichten gibt es aber auch), aufgeschrieben von den beteiligten Zweibeinern. Obwohl: Ein Husky kommt auch zu Wort. Außerdem gibt es ein Kapitel über die „Rasse Mensch“, die nicht immer gut mit Hunden umgeht, wie ein weiterer Text dokumentiert. Aber es gibt Möglichkeiten zur Hilfe. Das Hunde Ja(hr)-Buch 2 enthielt übrigens die erstmalige Beschreibung einer Rasse, des Katalonischen Zwergwolfes. Diese stieß auf großes Interesse in der Presse und im Internet. Doch ob Rassehunde oder Mischlinge – sie alle erfreuen uns tagtäglich, helfen uns, halten uns fit. Und erinnern uns mit ihrer Zuneigung daran, dass wir Verantwortung tragen. Für sie und andere Tiere.
Jürgen Streich, Frechen-Königsdorf, Oktober 2010
Der Border Collie Yippie
Yippie
oder: Die Landkarte im Kopf
Elisabeth Petzina

Als ich die Geschichte mit Yippie erlebte, war ich zum ersten Mal geneigt, an Tier-Telepathie zu glauben. Wenig später lernte ich in meiner Ausbildung zur Tierpsychologin, dass es eine viel einfachere, rein naturwissenschaftliche Erklärung für Yippies Verhalten gibt – aber wunderbar genug bleibt es, egal, wie es zu erklären ist.
Ich will beim Anfang beginnen: Ich wusste von Yippie, bevor er der Hund von Dr. Schwarz wurde, denn Dr. Schwarz kam in meine „Rasseberatung“. Das ist ein preiswerter Service, den der Tierschutzverein seit Langem anbietet: Hundefreunde, die sich einen vierbeinigen Hausgenossen der Spezies „canis lupus familiaris“ zulegen wollen, können sich bei uns beraten lassen, welche Rasse und welcher Typ von Hund am besten zu ihnen passen würde. Fast immer finden wir eine für die Lebensverhältnisse des Hundefreundes geeignete Rasse. Dann kommt die Beratung bei der Auswahl des Züchters. Das alles war bei Dr. Schwarz nicht nötig, besser gesagt: nicht möglich. Er hatte sich längst für eine Rasse entschieden, hatte, wie das so oft geschieht, sich den Hund ausgesucht, der fast am schlechtesten zu ihm passte, und erwies sich als völlig beratungsresistent. Mit höflicher Geduld hörte er sich meine Argumente an, die ihn von Yippies Rasse abbringen sollten, und jedes schien seine Begeisterung nur noch zu steigern. Yippie ist nämlich ein Border Collie und seit der schlaue Border Collie Rico im Fernsehen war, sind die Borders Modehunde. Dabei eignet sich kaum ein Hund schlechter für viel beschäftigte Großstadtmenschen – und so einer war beziehungsweise ist Dr. Schwarz: Hausarzt mit großer Praxis, dazu zwei Jungen im erziehungsbedürftigsten Alter, eine berufstätige Ehefrau, ein Hausmädchen, das keine Ahnung von Hunden hat, und ein typisches Reihenhaus in guter stadtnaher Lage mit einem Gärtchen von Handtuch-Größe.
Als ich das Gespräch beendet hatte – ich hatte Dr. Schwarz geradezu angefleht, sich keinen Border Collie zu kaufen –, war ich überzeugt, ihn nie wiederzusehen. Denn ich weiß aus Erfahrung: Wenn jemandem von einem fest gefassten Plan abgeraten wird, kommt der Betreffende nicht wieder. Umso erstaunter war ich, als Dr. Schwarz beim nächsten Informationsabend für Welpenerziehung prompt mit der ganzen Familie auftauchte (ohne das Hausmädchen, das musste Yippie Gesellschaft leisten, der bereits bei Familie Schwarz eingezogen war). Er könne gar nicht verstehen, warum ich ihm von einem Border Collie abgeraten habe, Yippie sei der bravste, ruhigste Hund, den man sich denken könne, berichtete Dr. Schwarz und die ganze Familie stimmte zu und sang Yippies Loblied in den höchsten Tönen. Dass ein acht Wochen alter Welpe die ersten Tage im neuen Heim viel schläft und einen ruhigen Eindruck macht – wen wundert’s! Das kleine Gehirn muss eine solche Fülle von Eindrücken verarbeiten, dass dies allein schon müde machen kann, und auch die Anwesenheit von zwei sehr lebhaften Jungen kann so ein Hundchen schon dazu bringen, öfter mal den Schutz des Körbchens aufzusuchen, denn dort durften die Jungen ihn nicht stören. Und von der strengen Stimme, mit der ihr Vater dieses Gebot erläuterte, konnte ich schließen, dass er da wohl nicht mit sich – und dem Hund – spaßen lassen würde. Die anderen Teilnehmer waren längst gegangen. Nun war es an mir, geduldig zu sein und ein Dutzend Fragen sorgfältig zu beantworten, bis schließlich Frau Schwarz sagte: „Enno, es ist genug, die Jungen haben morgen früh Schule.“ Wir verabschiedeten uns und ich sagte, was ich in solchen Fällen immer sage: „Wenn sich ein Problem ergibt, können Sie mich getrost anrufen.“ Auch das ist ein Service des Tierschutzvereins, denn uns liegt viel daran, dass kein Hund im Tierheim landet, weil die Besitzer mit seiner Erziehung überfordert sind.
Der Anruf, mit dem ich eigentlich fest gerechnet hatte, kam nicht. Soll ich sagen: zu meiner Freude? Ich zögere, denn mir scheint nachträglich, ein paar weitere Gespräche hätten den frischgebackenen Border-Collie-Besitzern vielleicht doch gut getan. Allerdings – und das war nun wirklich zu meiner Freude – sah ich öfter an den Samstagen, an denen ich zufällig im Tierheim zu tun hatte, Familie Schwarz mit Yippie in der Welpen-Spielschule. Natürlich war Yippie der Star dieser Vormittage, denn gelehrig, wie er war, fielen ihm die einfachen Übungen, die die Welpen absolvieren, außerordentlich leicht. Dann verlor ich Familie Schwarz und Yippie aus den Augen, bis ich einmal mein Patenkind auf ein Schulfest begleitete. Auf dem Heimweg durch eine der gepflegten Siedlungsstraßen sahen wir einen Border-Collie-Junghund, der bemerkenswert unabhängig die Straße querte, noch weit vor unserem Fahrzeug, aber immerhin alleine. „Den kenne ich“, sagte die Mutter meines Patenkindes. „Der läuft hier öfter frei rum. Gehört einem Arzt, Dr. Schwarz, und ist der Liebling der ganzen Siedlung.“ Beim Namen Schwarz wurde ich natürlich aufmerksam und eine Rückfrage ergab, dass es in der Tat niemand anderes war als Yippie, der Hund, dem ich so gern eine andere Familie gegönnt hätte. Ich berichtete nun meinerseits, dass ich Yippie schon kannte, als er noch ein Wunsch in den Köpfen der Familie war, und dass er jetzt brav in die Welpenschule gehe. „Merkt man aber nicht viel davon“, meinte meine Freundin und mein Patenkind nickte altklug dazu.
Wieder vergaß ich Yippie über der Vielzahl anderer Hunde, deren Herrchen und Frauchen ich damals zu beraten hatte, bis eines späten Nachmittags im November mein Telefon klingelte. Zufällig hatte ich nicht den Anrufbeantworter geschaltet, sodass ich unmittelbar die bemüht ruhig klingende Stimme von Dr. Schwarz hörte: „Frau Petzina, Yippie ist weggelaufen, was können wir tun?“ Schnell ließ ich mir schildern, wie Yippie abhandengekommen war: Seine Familie hatte eine Tankstelle an der A 40 aufgesucht und während Herr Schwarz zur Zapfsäule ging, blieb Frau Schwarz mit Yippie auf der anderen Seite des Zubringers stehen. In einem Augenblick der Unaufmerksamkeit zog Yippie seinem Frauchen die Leine aus der Hand und rannte in Richtung seines Herrchens. Ein Maschendrahtzaun sollte verhindern, dass jemand leichtfertig auf die Fahrbahn geriet, aber Yippie, der offenbar mehr an seinem Herrchen als an seinem Frauchen hing, hatte ganz schnell ein Loch im Zaun entdeckt und sich hindurchgezwängt, um zur Zapfsäule gegenüber zu kommen. In seinem Eifer und seiner völligen Unerfahrenheit –Yippie war damals noch keine sechs Monate alt – hatte er ein Auto übersehen, das in schnellem Tempo an die Tankstelle fuhr. Er wurde angefahren und in seinem Schrecken hatte er den Versuch abgebrochen, sein Herrchen zu erreichen. Jetzt rannte er auf dem Randstreifen der Autobahn davon.
Die A 40 ist bekanntlich die am stärksten befahrene deutsche Autobahn und ganz besonders hier bei uns in der Mitte des Ruhrgebietes bewegen sich die Autos, wenn sie nicht gerade im Stau stehen, fast Stoßstange an Stoßstange fort. Herr und Frau Schwarz hatten in diesem schrecklichen Augenblick das einzig Richtige getan: Sie hatten Yippie nicht gerufen. Hätten sie es getan und hätte er noch mal versucht, die Fahrbahn zu überqueren, wäre das wohl sein sicherer Tod gewesen. So waren sie bekümmert nach Hause gefahren und hatten mich angerufen.
Ich gab all die Ratschläge, die ich in solchen Fällen immer gebe: Polizei verständigen, Tierheime verständigen, in diesem Fall sogar mehrere, da Yippie im Grenzgebiet zwischen Bochum, Gelsenkirchen und Essen entlaufen war. Im gesamten Gebiet natürlich Zettel an die Bäume hängen – das war allerdings entlang der A 40 nicht möglich, schon weil es dort keine Bäume gibt. Dazu das häusliche Telefon nicht unbesetzt lassen, denn Yippie trug sein Halsband mit einer Telefonnummer daran, und dann eben hoffen und suchen. Das Suchen brachte wenig Erfolg, auch wenn Herr und Frau Schwarz mehrfach die Autobahn entlangfuhren. Immerhin gab es einen kleinen Lichtblick: Als die Eheleute bei der ersten Umkehr in Essen-Kray die Autobahn verließen und mehrere Passanten befragten, hörten sie, dass ein kleiner schwarzweißer Hund gesehen worden war. Er war scheu und ließ sich nicht einfangen, war aber offensichtlich einigermaßen gesund und schien zielstrebig zu laufen. Die völlige Dunkelheit des Novemberabends, dazu ein starker Wind und ein kräftiger Regen machten schließlich der Suche und auch der Hoffnung ein Ende. Ob sie sich gegenseitig oder ob die Kinder ihren Eltern Vorwürfe gemacht haben, als sie zu Hause um den Tisch herumsaßen, weiß ich nicht. Sicher weiß ich nur, dass dieser Abend der traurigste war, seit Yippie bei Familie Schwarz eingezogen war. Schließlich gingen sie alle bekümmert zu Bett. Herr Schwarz hatte angekündigt, dass er sehr früh aufstehen und noch vor der morgendlichen Stoßzeit eine Suchrunde fahren wolle. Und das tat er dann auch.
Die Jungen mussten an diesem Tag erst um zehn Uhr in der Schule sein und so saßen sie noch bekümmert am Frühstückstisch, als es schon hell war. Plötzlich ertönte von der Straße her eine Hupe. „Das ist Vater“, sagte Kai, der Ältere. Er stand nicht auf, irgendwie hatte er das Gefühl, dass jetzt mit der Rückkehr des Vaters das letzte Fünkchen Hoffnung ausgelöscht würde. Doch auf einmal mischte sich Hundegebell in das Geräusch eines zweiten Hupensignals. Die Jungen sprangen auf und stürmten zur Haustür. Auf dem Beifahrersitz, neben ihrem Vater, saß – was er sonst nicht durfte – Yippie, kläffte vergnügt und wedelte so heftig, dass sein Schwanz auf dem Autositz staubte. Herr Schwarz drehte das Fenster nur einen kleinen Spalt auf. „Haustür aufmachen und Wurst herholen!“, rief er seinen Jungen zu. Selten hatten die beiden so flott gehorcht. Dann stieg er schnell aus dem Wagen, machte die Fahrertür zu und griff Yippies Leine durch einen schmalen Spalt auf der Beifahrerseite. „Yippie, hiiiiiier“, brüllten die beiden Jungen im Chor und schwenkten das riesige Stück Wurst, das sie aus dem Kühlschrank geholt hatten. Und Yippie flitzte, wie er es in der Welpenschule gelernt hatte, zu seinen beiden jungen „Herrchen“, die sofort die Leine wieder aufnahmen, die Herr Schwarz hatte fallen lassen, Yippie mit vielen Wursthäppchen fütterten, ihn ins Haus führten und flink die Haustür zumachten.
War der gestrige Abend der traurigste im Zusammenleben von Familie Schwarz mit Yippie, so war diese Heimkehr sicherlich die fröhlichste, die es bisher gegeben hatte. Herr Schwarz griff sofort zum Telefon, um seiner Frau von der Freude zu berichten. Sie wollte schnell von der Arbeit heimkommen, aber er hielt sie davon ab. „Ich erzähle dir am Abend alles ganz genau und ausführlich. Bei mir ist es jetzt Zeit für die Praxis und die Jungen müssen allmählich in die Schule. Ich nehme Yippie in die Sprechstunde mit, melde ihn bei der Tierärztin an und die Jungen gehen gleich nach der Schule mit ihm hin.“
Yippie war schon ein paar Mal mit in der Praxis gewesen. Dort hatte er ein bequemes Körbchen im Aktenraum, von wo aus er Dr. Schwarz im Sprechzimmer hören und sehen konnte, und immer wenn Patienten Yippie bemerkten, ging es ihnen gleich besser. Der Doktor fragte natürlich stets, ob jemand Angst vor Hunden habe, was beim Blick auf den freundlichen Junghund regelmäßig verneint wurde. Außerdem war Yippie an einem Haken hinter seinem Körbchen mit einer langen, bequemen, weichen Leine festgemacht, sodass er niemanden belästigen, aber auch nicht entwischen konnte. An diesem Morgen dachte er an nichts anderes als an Futter und Schlaf. Als Doktor Schwarz die Praxis für die Mittagspause schloss und nach Hause fuhr, rollte sich Yippie ganz artig auf dem Rücksitz zusammen und schlief noch einmal ein. Kai und Thomas waren von der Schule zurück und hatten auch schon gegessen, sodass sie gleich zu einem Spaziergang aufbrechen und dann pünktlich zum verabredeten Termin beim Tierarzt sein konnten. „Lasst ihn auf keinen Fall von der Leine“, ermahnte Herr Schwarz seine Söhne, bevor sie sich auf den Weg machten.
In der Tierarztpraxis waren sie in der Tat die Ersten und Frau Dr. Weißberger konnte sich viel Zeit für sie nehmen. Kai und Thomas erzählten den Vorfall genauso, wie ihre Eltern ihn geschildert hatten, und die Ärztin schüttelte einige Male den Kopf. „Ich glaube, ihr wisst überhaupt nicht, wie viel Glück ihr hattet“, sagte sie und dann machte sie den Jungen klar, dass Yippies Verhalten an der Tankstelle für einen Hütehund völlig normal war. „Hütehunde hassen es, wenn ‚die Herde‘ auseinanderläuft. Eure Mutter hätte die Leine schon doppelt festhalten und Yippie ablenken müssen, dann wäre er vielleicht nicht zu seinem Herrchen gerannt. Das müsst ihr euch auch für alle Spaziergänge merken. Aber nun lasst mal sehen, ob der kleine Kerl größeren Schaden genommen hat, als er mit dem Auto zusammenstieß.“ Sie untersuchte Yippie gründlich. „Nein, es scheint alles in Ordnung zu sein. Hier an der Schulter, da ist eine kleine Schwellung – ein Bluterguss, aber wirklich nichts Schlimmes. Und ihr sagt, er sei mit eurem Vater im Auto nach Hause gekommen?“ Die Jungen nickten. „Das zeigt, dass er sehr starke Nerven hat. Manche Hunde hätten nach so einem Erlebnis solche Angst vor Autos gehabt, dass sie kaum noch in eines eingestiegen wären. Ihr habt auch da sehr viel Glück gehabt. Ab jetzt passt ihr doppelt auf ihn auf.“ Kai und Thomas nickten lebhaft. „Aber bitte, sagen Sie, Frau Doktor, wie konnte Yippie zur Tankstelle zurückfinden? Vater hat uns erzählt, dass er neben der Zapfsäule saß, genau wo er Vater zuletzt gesehen hatte“, fragte Thomas, und Kai fügte hinzu: „Ich habe mal was von Tiertelepathie gelesen, sicher hat er auf telepathischem Weg herausgefunden, wo er hinlaufen musste, denn wir haben doch alle so sehr an ihn und an die Tankstelle gedacht.“
Die Tierärztin lächelte. „Das ist nicht völlig auszuschließen, aber ich glaube, es gibt eine andere Erklärung. Ich kann euch das noch schnell erzählen, bevor die Sprechstunde beginnt.“
„Bestimmt hat er sich den Weg zurück erschnuppert“, meinte Thomas, aber Kai wehrte ab. „Das ist ganz ausgeschlossen, denk doch nur: Es regnete in Strömen, dazu der Wind und der Gestank der vielen Autos – nein, eine Nasenarbeit scheidet aus. Und schließlich: Wie hätte er wissen können, wie eine Tankstelle riecht …?“ Thomas nickte, das alles sah er ein.
„Nein, Nasenarbeit war es nicht“, bestätigte auch die Tierärztin. „Es war vielmehr die Landkarte im Kopf“, und dann erklärte sie den Jungen die Fähigkeit verschiedener Tierarten, von beliebigen Stellen aus zum Startpunkt eines Jagdzuges oder sonstigen Weges zurückzukehren. Kai und Thomas verstanden das alles, aber als sie am späteren Nachmittag versuchten, ihrer Mutter wiederzugeben, was Frau Weißberger ihnen erklärt hatte, konnten sie die Einzelheiten doch nicht mehr in den richtigen Zusammenhang bringen, und so rief Frau Schwarz am Abend die Tierärztin an. Nach einer höflichen Frage, ob sie so spät noch stören dürfe, hörte sie einen langen und spannenden Vortrag über die Orientierungsfähigkeiten verschiedenster Tiere und vor allem der Hunde: Hunde und ihre wilden Vorfahren, die Wölfe, können auf ihren Jagdzügen sehr weit von ihrer Höhle weglaufen und jagen und trotzdem immer auf dem schnellsten Weg nach Hause finden. Sie müssen nicht den ganzen Weg zurücklaufen, den sie auf dem Hinweg genommen haben, vielmehr scheint es so, als hätten sie eine Landkarte ihres Streifbereichs im Kopf, könnten von jedem Punkt aus den kürzesten Weg zum Ausgangspunkt „berechnen“ und ihn dann auch wählen. Freilich ist das in der Wildnis leichter als in Städten, wo Häuserzeilen unüberwindliche Hindernisse und Straßen voller Gefahren sind. Trotzdem gelingt es auch in der Stadt entlaufenen Hunden bisweilen, ihren Heimweg selbstständig zu finden, allerdings müssen sie dabei sehr viel Glück haben, damit sie nicht überfahren werden. Hütehunde besitzen die Fähigkeit des Zurückfindens in besonders hohem Maß, weil sie oft in weiter Entfernung vom Schäfer agieren müssen. „Allerdings sollten Sie sich nicht darauf verlassen, dass Yippie immer zurückkommt“, schloss die Tierärztin ihre Erklärung. „Nein, nein, wir passen jetzt oberdoppeltgut auf ihn auf“, meinte Frau Schwarz. „Und wenn es auch gar nichts Übernatürliches ist, so grenzt es für uns doch schon fast an ein Wunder, dass Yippie als junger Hund es geschafft hat zurückzufinden.“
Frau Weißberger verkniff sich die Bemerkung: Eben typisch Border Collie. Sie wollte den gefährlichen Ruhm der Rasse nicht noch verstärken. So verabschiedeten sich die beiden Damen, dankbar und glücklich darüber, dass ein gefährliches Abenteuer einen so guten Ausgang genommen hatte. Und ich war dankbar, dass Herr Dr. Schwarz mich am gleichen Abend noch einmal anrief, um die Freude der Familie mit mir zu teilen.
Die Cocker Hündin Anja
Helden haben nasse Füße
Simone Kunde

Hinein ins Gedränge. Wieder hatte ich Probleme, am Ende der vielen Hundekörper die Tür zu erreichen, vor der sie sich versammelt hatten, um nach draußen zu gelangen. Ich ließ mich – wie schon so oft – nach vorn fallen, mit der ausgestreckten Hand auf den Türgriff zu. Geschafft. Langsam drückte ich die Klinke hinunter und zog die Tür vorsichtig auf. Ohrenbetäubender Lärm erfüllte den kleinen Flur. Dann schossen sie hinaus ins Freie. Mit ihnen die Geräuschkulisse. Es waren fünf Hunde, Bologneser Mama Amrei mit ihren drei Halbstarken und Cocker Spaniel Anja. Sie alle trieb es in die Natur. Heute schien endlich mal wieder die Sonne.
Menschen sind langsam. Als ich mit meiner dicken Jacke aus der Tür trat, erwartete Anja mich bereits. Hoffnungsvoll schaute sie mich mit ihren dunkelbraunen treuen Augen an. Cocker haben einen etwas traurigen Blick, was wahrscheinlich an den langen schweren Ohren liegt, die wie Zöpfe ihr Gesicht umrahmen. Ich fühlte mich ertappt und irgendwie schuldig. War ich es doch, die zu den Hunden gesagt hatte: „Jetzt fahren wir los.“ Anja war sicher, dass dieses „Jetzt“ sofort hätte beginnen müssen. Doch ich hatte sie warten lassen, wenn auch nur wenige Minuten. Der Blick eines Cockers öffnet das Herz und lässt einem jeden Egoismus bedauern. Anja lief voraus zum Auto, ihrem Auto. Freudig wedelte der Schwanz mit dem Hund. Ich kenne sonst keine Hunderasse, die solch eine Wedel-Technik beherrscht. Ähnlich einer Laolawelle zieht sich das Wedeln von der Schwanzspitze zur Hundenase.
Alle Hunde saßen auf ihren Plätzen. Es konnte losgehen. Das Frühjahres-Hochwasser hatte sich ins Flussbett zurückgezogen. Deshalb waren die Auen unser Ziel. Hierher kamen nur wenige Menschen. Das war ideal für einen Spaziergang mit einer Hundemeute. Während die Halbstarken ihrer Mutter zeigten, wie schwierig es ist, einen Sack Flöhe zu hüten, war Anja eine Wildfährte in die Nase gestiegen. Jagdhundtypisch ertönte das regelmäßige „Klack“-Geräusch beim Schnüffeln. Ein langer Spaziergang war nicht geplant. Dieser Ausflug diente einzig und allein dem Herumtoben. Aber ein kleines Stück wollten mein Freund und ich schon noch gehen. Nichts hielt unsere Hunde auf, sie waren in ihrem Element.
Die Wiese, nicht ganz eben, ließ die Aue in kleinen Geländewellen erscheinen. Hui, machte das den Halbstarken Spaß, über die kleinen Erhebungen hinwegzutollen. Gerade verschwanden sie hinter dem nächsten Wellenkamm, als wir ein lautes Platschen vernahmen. Wir rannten los und sahen einen See, den das Hochwasser zurückgelassen hatte. Seine Ränder boten keinen Abfluss und die Erde hatte noch nicht die Möglichkeit, große Wassermengen aufzunehmen. Amrei stand am Ufer. Die Hundemutter weinte und schrie. Mit flehendem Blick schaute sie zu uns. Ihren kleinen Sohn neben sich, tapste sie unruhig hin und her. Doch wir sahen die beiden kleinen Hündinnen. Sie befanden sich im eisigen Nass und paddelten wild um ihr Leben. Ihr weiches dickes Fell saugte sich voll mit Flüssigkeit. Wir mussten uns beeilen, bevor die Kleinen auskühlten oder ertranken. Lange konnten sie sich nicht mehr halten. Dessen waren wir uns sicher.
Wir liefen, als ginge es um unser Leben. Plötzlich schoss ein schwarzer Blitz an uns vorbei und stürzte sich in die Fluten. Anja. Sie wollte den Hundekindern helfen und war, ohne zu zögern, in das eisige Wasser gesprungen. Schon hatte sie einen der Welpen erreicht. Sie stupste das Tier mit der Schnauze an, um es ans Ufer zu bringen. Wieder und wieder startete sie einen neuen Versuch. Es gelang ihr nicht. Die Kälte tat das Übrige. Doch inzwischen stand Herrchen im Wasser. Mit einem Griff zog er die beiden Hundekinder aus der eisigen Gefahr. Eilig stopfte ich mir die Kleinen in die dicke Jacke. Herrchen hatte Anja gegriffen und im Eiltempo liefen wir zurück zum Auto.
Die kleinen Abenteurer und ihre Retterin packten wir in dicke Decken und fuhren nach Hause. Dort gab es für alle Hunde eine große Wurst, und für unsere Heldin sogar zwei. Anja schaute mich mit ihren treuen, aber traurigen Augen vorwurfsvoll an. Sie schienen zu sagen: „Ist das alles, dieses bisschen Wurst?“ Ich wusste, dass Cocker einen unbändigen Appetit haben. Doch sie hatte mir an diesem Tag gezeigt, was ich so sehr an diesen Hunden liebe. Es war ihre intelligente, zuverlässige und furchtlose Art, ihr temperamentvolles und anhängliches Wesen sowie die Treue und Liebe ihrer Familie gegenüber. Ich ließ mich nicht lang bitten und gab ihr noch ein Stück Wurst mehr, was sie mir mit einer Laolawelle dankte.
Der Collie Sky
Lassie
oder: Wie heißt diese Rasse noch gleich???
Elke Parker

Sarah Rewald war für ihre elf Jahre nicht nur zu klein geraten, sondern zu allem Unglück auch noch dick. Weder pummelig noch mollig, nein, wirklich dick. Kinder sind untereinander grausam ehrlich, da war es kein Wunder, dass Sarah jeden Tag von ihren Mitschülern gehänselt wurde. Am schlimmsten gestalteten sich die wöchentlichen Sportstunden für das kleine Mädchen. Aufgrund ihrer Körperfülle hatte Sarah ohnehin schon Riesenprobleme, die geforderten Leistungen zu erbringen, und hinzu kam die Scham, sich, nur mit einer Sporthose und einem T-Shirt bekleidet, den anderen zeigen zu müssen. In der Umkleidekabine gab es dann auch prompt immer lautes Gelächter und Gegröle. Noch auf dem Nachhauseweg hallten dem Kind die gesungenen Spottreime der Klassenkameraden in den Ohren. Tränen kullerten Sarah über die Wangen und sie wollte nur noch heim, ganz schnell, sich am liebsten in einem Erdloch verkriechen und nie wieder herauskommen.
Dabei hatte Sarah durchaus ein hübsches Gesicht, dessen Mittelpunkt ihre wunderschönen dunkelbraunen Augen bildeten. Widerspenstige, brünette Locken kringelten sich bis auf die Schultern. Doch all das wurde angesichts ihrer unförmigen Figur überhaupt nicht wahrgenommen. Zu Hause führte der erste Weg die Elfjährige zum reichhaltig gefüllten Kühlschrank. Sarahs Mutter arbeitete bis spät in den Nachmittag, der Vater, ein Fernfahrer, verbrachte oft nur jedes zweite oder dritte Wochenende daheim. Ein gemeinsames Frühstück, Mittag- oder Abendessen war bei den Rewalds fast so selten wie Weihnachten. Sarahs Mutter plagte oft genug das schlechte Gewissen, aber da die Familie auf ihren Hinzuverdienst angewiesen war, wollte sie ihrer Tochter wenigstens all das gönnen, was ihr richtig schmeckte. So türmten sich Pizzas zum Aufwärmen neben fertigem Kartoffel- und Nudelsalat, Hotdogs, Fast-Food-Burgern, Vanillepuddingbechern und jeder Menge Schokolade. Obst und Joghurts dagegen suchte man genauso vergeblich wie Mineralwasser. Stattdessen standen etliche stark zuckerhaltige Limonaden zur freien Auswahl. Sarah bediente sich, nahm den gut gefüllten Teller samt einem Glas Cola mit ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein, stellte ihn so laut, als sei sie schwerhörig, und versuchte auf diese Weise, die Spottreime der anderen Kinder zu vergessen. Ganz nebenbei aß sie sich quer durch eine eigenwillige Zusammenstellung aus Nudelsalat mit Frikadelle, mehreren Hotdogs und zwei Bechern Pudding. Zum krönenden Abschluss gönnte sie sich noch einen der frisch gekauften Donuts. So verbrachte sie mehrere Stunden mit Essen, Fernsehen und natürlich der Erledigung ihrer Hausaufgaben. Sarah war eine gute Schülerin, wären da nur nicht diese Sportstunden … Sarahs Mutter kam meist recht müde von der Arbeit, ließ es sich aber nicht nehmen, Gespräche mit ihrer Tochter zu führen. Immer fragte sie: „Na, wie war dein Tag, Kind? Erzähl doch mal, war alles okay in der Schule? Hast du mit den anderen was unternommen?“ Keine Ahnung, nicht die leiseste, hatte sie, wie es Sarah in der Schule erging. Nie hatte sich ihre Tochter beschwert, nie ihre Traurigkeit offen herausgelassen. Das Mädchen wollte ihre Mutter nicht mit solchen Problemen belasten. „Ja, es war alles okay, Mum, ich hatte einen echt tollen Tag!“
Solch ein Teufelskreis machte eine Gewichtsabnahme einfach unmöglich. All das wäre wohl noch Jahre so weitergegangen, wenn da nicht eines Tages auf dem Nachhauseweg von der Schule dieser Hund hinter einem Gartenzaun gestanden hätte. Sarah war, wie so oft, in trübsinnige Gedanken vertieft, hatte sich von den Mitschülern wieder einiges anhören müssen, und die Tränen liefen ihr wieder über das hübsche, leider viel zu pausbäckige Gesicht. Sie bemerkte den vierbeinigen Beobachter überhaupt nicht, dabei war er bildschön, und das war noch untertrieben. Dicht neben Sarah, nur durch diesen Gartenzaun getrennt, stand ein Traum von Collie. Aufmerksam verfolgten die dunklen, weisen Augen des Tieres das Mädchen. Die Ohren des schottischen Schäferhundes waren hoch aufgestellt, damit ihm bloß nichts entging. Fast schon hätte man das Verhalten als Fixieren bezeichnen können, so angespannt war der Collie. Er agierte wie bei der Hütearbeit und es schien, als hätte er in Sarah soeben ein Schaf und somit eine neue Aufgabe erblickt. Das Mädchen hingegen blieb weiter in sich und seine Gedankenwelt versunken. Dem Schafshüter auf der anderen Seite des Jägerzaunes wurde es bald zu bunt. Wie konnte man ihn so ignorieren! Jeder nahm ihn doch immer gleich wahr! Stets erntete er begeisterte Rufe der Passanten, egal ob von Kindern oder Erwachsenen: „Oooooch, schaut mal, eine Lassie!!! Ist die schööööön!“ Der Gartencollie hieß im wirklichen Leben Sky und sein Frauchen reagierte immer noch etwas ärgerlich, wenn die Lassie-Rufe laut wurden. Frei nach dem Motto „Niemand soll dumm sterben“ korrigierte sie fast täglich: Die korrekte Rassebezeichnung sei Collie oder auch schottischer Schäferhund. Lassie wäre nur der Name eines Filmhundes, der an der Seite der damals noch blutjungen Liz Taylor zu unvergessenem Ruhm gelangte, dann in späteren Jahren zum Serienstar aufstieg und 1960 sogar einen Stern auf dem berühmten Walk of Fame in Hollywood erhielt.
Sky war das alles egal. Im Gegenteil, sein Aussehen verhalf ihm zu einem hohen Maß an Aufmerksamkeit, Bewunderung, Streicheleinheiten und auch zu dem einen oder anderen Leckerchen, also war sie doch okay, die Lassie-Nummer. Dass das Frauchen immer gleich so neunmalklug daherkommen musste … Momentan verblüffte und irritierte es den Rüden jedoch sehr, dass dieses Mädchen ihn überhaupt nicht wahrzunehmen schien. Sky war ein Collie par excellence. Diese sensiblen schottischen Fellnasen fühlen sich für alles verantwortlich, sie besitzen einen natürlichen Hütetrieb und wollen sich ständig „kümmern“. Sie sind relativ leicht erziehbar, vorausgesetzt man berücksichtigt, dass sie Hunde der leisen Töne sind und ein unangemessenes Erheben der Stimme nichts als Starrsinn, Scheu oder Verunsicherung hervorruft. Kurz: Collies muss man einfach lieben, schon alleine deshalb, weil sie selbst auch alles um sich herum lieben. Feinfühlig, wie sie sind, spüren sie schnell, wenn irgendetwas mit ihrem Menschen nicht stimmt oder wenn er traurig ist.
Sky waren Sarahs Tränen und ihre Bedrücktheit nicht entgangen. Er lief unruhig neben ihr am Gartenzaun entlang, dabei blieb er exakt auf gleicher Höhe mit ihr und begann letztendlich ein ziemlich zirkusreifes Programm zu veranstalten. Er sprang auf und ab, als hechtete er einer Frisbee-Scheibe hinterher, kugelte sich rollend ein Stück im Gras und überwand am Ende seiner Show durch einen eleganten Weitsprung den Gartenzaun, um direkt vor Sarahs Füßen zu landen. Sofort nahm er eine Sitzposition wie in einem Bilderbuch ein. Seine Zunge seitlich aus dem rechten Maulwinkel hängend, die Ohren immer noch aufmerksam hochgestellt, den klugen und warmen Blick zielgerichtet dem Mädchen zugewandt, schien es, als würde er lachen. „Hier bin ich, und jetzt musst du mich einfach zur Kenntnis nehmen!“ Hätte er sprechen können, wären das wohl seine Worte gewesen. Sarah zuckte zusammen. Sie stolperte fast über den Hund, der anscheinend soeben vom Himmel gefallen war. Im ersten Moment war sie fast zu Tode erschrocken, fing sich aber erstaunlich schnell wieder. Grundsätzlich hatte Sarah keine Angst vor Hunden, ganz im Gegenteil, sie mochte Tiere und einen eigenen Hund wünschte sie sich ohnehin schon lange. „Wo kommst denn du her? Du bist ja ein toller Kerl, aber bestimmt irgendwo weggelaufen. Das darf man nicht. Dein Herrchen oder Frauchen macht sich sicher schon große Sorgen.“ Sarah redete ruhig und leise mit Sky. Dann bemerkte sie die Metallmarke an seinem Halsband. Langsam bewegte sie ihre Hand in Richtung der dicken, weißen Halskrause des Collies, kraulte ihn und ergriff die runde Plakette. Sky genoss derweil die Krauleinheiten. Sarah las seine Anschrift und seinen Namen auf dem Halsbandanhänger.
„Sky also, und einfach über den Zaun gesprungen …, na wenigstens bist du nicht weggelaufen, das ist ja dein Garten!“ Kluges Kind, schien Sky zu denken, legte den Kopf leicht schief und verwandelte sein Lächeln in ein breites Grinsen. „Du musst wieder zurück, Sky. Hopp über den Zaun, hast es doch gerade eben auch geschafft, also mach schon, hoppa!“ Sie deutete mit einer weit ausholenden Armbewegung dem Collie den Rückweg an. Der hingegen hatte nichts Besseres zu tun, als umgehend seine rechte Vorderpfote zu heben, aufzustehen und mühsam einige Schritte humpelnd auf drei Beinen zurückzulegen. „Hast du dich verletzt? Armer Kerl, lass mal sehen.“ Er reichte ihr die Pfote und Sarah prüfte sanft tastend, ob ein Steinchen zwischen die Pfotenballen geraten war, begann eine leichte Massage und stellte anschließend den Vorderlauf des Hundes zurück auf den Boden. „Sieht doch alles okay aus, nun spring schon, Sky, ich muss nach Hause.“ Der Hund hörte nicht auf Sarah, sondern zeigte im nächsten Moment unaufgefordert eine weitere Übung aus seinem schier unerschöpflichen Repertoire an Tricks und Kunststücken. Aus dem Stand fiel er auf den Boden, positionierte sich blitzschnell auf die linke Seite und hielt sich mit der Vorderpfote sein rechtes Auge zu. Frauchen nannte diese Übung „Gute Nacht, Sky“. Sarah musste lachen. Was für ein verrückter Hund!
Sie hockte sich neben ihn, nahm ihm die Pfote vom Auge und kraulte seine Lefzen. Sky schaute zwinkernd auf: Na bitte, geht doch! Nun galt es, Sarah dazu zu bewegen, vor ihm über den Zaun zu kraxeln. Dann musste er die restliche Zeit, bis sein Frauchen nach Hause kam, nicht alleine verbringen. Das Mädchen stand auf und redete erneut auf den Hund ein: “Sky, vielleicht sehen wir uns ja morgen wieder, aber jetzt ab in den Garten!“ Sie machte abermals eine ausholende Armbewegung. Sky schaute ihr zu, als verstände er die Welt nicht mehr und schon gar nicht dieses Kommando. Endlich tat Sarah, was der schlaue Collie von ihr wollte. „Okay, dann mache ich dir das jetzt vor und klettere selbst hinüber. Aber wehe, du kommst dann nicht nach, mein Freund!“ Eine leichte Drohung andeutend, hob das Mädchen den Zeigefinger und machte sich tatsächlich daran, über den Zaun zu steigen. „Als ob nicht drei Stunden Sport in der Woche Quälerei genug sind“, fluchte Sarah leise vor sich hin, schaffte es dann aber doch, zu guter Letzt schwitzend im Garten des Collies zu stehen. Sky wartete, bis Sarah die sportliche Übung mit Erfolg gemeistert hatte, und flog Sekunden später mit einem gewaltigen Satz elegant über den Zaun. „Warum nicht gleich so? Musste ich dir das jetzt wirklich erst vormachen? Dann sag ich mal: Bis morgen. Ich geh jetzt, und bleib bloß, wo du bist!“ Noch ehe Sarah das Bein erneut angehoben hatte, rannte Sky los und kehrte mit einem Tennisball im Maul zurück. Auffordernd ließ er ihn direkt vor Sarahs Füße kullern und begleitete diese Aktion mit einem fröhlichen Spielgebell. „Och nööö, ich hab dir doch gesagt, dass ich jetzt gehen muss. Gegessen hab ich auch noch nichts, und dann muss ich noch die Hausaufgaben erledigen.“ Der Collie schien solche Entschuldigungen für Ausreden zu halten und beharrte darauf, dass der Tennisball nun endlich durch die Luft flog. Da der Hund mit seiner heiteren Art und seinem Spieltrieb irgendwie ansteckend wirkte, ließ Sarah sich schließlich auf das Spiel ein und beide tollten ausgelassen durch den Garten. Sky fing fast jeden Ball auf. Unermüdlich brachte er das Spielzeug ein ums andere Mal zurück, bis Sarah, in Schweiß gebadet und ziemlich außer Puste, sich auf den Rasen setzte. Sky kuschelte sich neben sie und legte dabei den Kopf sanft auf ihr Bein. Mit seiner langen Nase stupste er die Hand des Mädchens an. Sarah verstand diese Geste nur zu gut und kraulte das weiche Fell des Hundes. Ein Gefühl von Wärme, Nähe und Geborgenheit durchströmte sie. Ein sehr schönes Gefühl war das, ganz anders, als wenn sie nachmittags vor dem Fernseher saß und die vielen Lebensmittel in sich hineinstopfte. Sky atmete ruhig und gleichmäßig vor sich hin. Er war eingeschlafen. So verweilten die beiden eine recht lange Zeit. Als Sky aufwachte und sich nach ausgiebigem Recken und Strecken zum nächsten Wasserbehälter trollte, nahm Sarah die Gelegenheit wahr, um sich für heute endgültig von dem neu gewonnen Freund zu verabschieden. Es war spät geworden. Sie würde gerade noch die Hausaufgaben schaffen, und dann käme auch schon ihre Mutter nach Hause. „Tschüss, Sky, mach’s gut. Vielleicht bis morgen, aber nicht weglaufen, und auch nicht wieder über den Zaun springen, hörst du?“ Sky setzte ein Gesicht auf, als wollte er sagen „Jawohl Chefin“ und blieb artig auf dem Rasen liegen. Gleich würde sein Frauchen kommen, es war heute überhaupt nicht langweilig gewesen.
Sarah lief mit schnellen Schritten heimwärts, da die Zwischenepisode mit dem Collie über zwei Stunden Zeit in Anspruch genommen hatte. An diesem Tag fiel der Gang zum Kühlschrank flach und der Fernseher blieb aus. So sollte es auch an den darauffolgenden Nachmittagen der nächsten Wochen sein. Sarah wurde gelenkiger und schaffte den Kletterakt über den Gartenzaun jedes Mal ein bisschen schneller. Sky wartete bereits mit seinem Tennisball und nach dem gemeinschaftlichen Spiel fehlten an keinem Tag die Kuscheleinheiten im Rasen. An einem dieser Tage hatte Sky offenbar bemerkt, dass Sarah Hunger hatte, zumindest hätte man das aus der Tatsache schließen können, dass das kluge Tier mit einem Apfel im Maul vor ihr stand. Das Mädchen lehnte dankend ab: „Ach Sky, lass mal, ich mag Äpfel nicht so gerne.“ Doch Sky gab nicht auf und irgendwann ließ Sarah sich zu einer Kostprobe hinreißen. Sie wusch den Apfel in der Tonne mit dem frischen Regenwasser gut ab und biss herzhaft in das rotwangige Stück Obst. Zu ihrem Erstaunen schmeckte es und sie verzehrte gleich noch ein „Diebesgut“. Sky zeigte ihr beim Gang durch den großen Garten weitere Erlesenheiten wie Himbeeren, Brombeeren und Birnen. In der Schule wurden Sarahs sportliche Leistungen allmählich besser und ihre Fortschritte sowohl von den Lehrern als auch ihren Mitschülern durchaus registriert. Ein zusätzlicher positiver Nebeneffekt war, dass Sarah Pfund um Pfund in den letzten Wochen verloren hatte. Kein Wunder, denn anstatt sich wie früher mit einem Teller voller Fast Food vor den Fernseher zu hocken, tobte sie nun täglich mit Sky durch den Garten. Ihre Mutter sah die Veränderungen, zog allerdings die falschen Schlüsse daraus. Sie war der Ansicht, dass wohl die erste große Liebe gekommen sein musste, denn da fingen die jungen Mädchen irgendwann alle an, sich mehr um ihr Äußeres und vor allem um ihre Figur zu kümmern. Dass diese erste große Liebe den Namen Sky trug und auf vier Pfoten daherkam, ahnte niemand. Doch nach einigen Wochen kam es, wie es kommen musste. Sarah tobte gerade wieder ausgelassen mit Sky durch den Garten, als plötzlich eine junge Frau vor ihnen stand. Der Collie unterbrach das Spiel mit Sarah, um Karin, sein in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen gekleidetes Frauchen freudig und stürmisch zu begrüßen. Sarah begann sofort und ungefragt ihre Erklärungen. Sie gab den Diebstahl der Äpfel zu, erzählte, wie sie Sky kennengelernt hatte, und beichtete, dass sie nun schon seit einigen Wochen nach der Schule mit dem Collie spiele. Karins Gesichtszüge entspannten sich mehr und mehr. Sie hörte den Schilderungen des Mädchens zu, ihre Mundwinkel begannen zu zucken und das leichte Schmunzeln wurde schließlich zu einem sympathischen breiten Lachen.
„Sky hat mir kein Sterbenswörtchen erzählt“, grinste sie. Dann fuhr sie fort: „Weißt du, dass du dich so mit meinem Hund beschäftigt hast, finde ich toll. Manchmal habe ich mich gewundert, dass er abends müde, ruhig und ausgeglichen unter meinem Schreibtisch lag, obwohl ich ihn so viele Stunden alleine gelassen hatte. Es ging leider nicht anders in der letzten Zeit. Eine Arbeitskollegin ist nun schon etliche Wochen krank, das bedeutete für mich, einiges an Überstunden ableisten zu müssen. Zum Glück ist nun eine Aushilfe eingestellt, aber wenn du mit Sky vielleicht weiterhin ein Mal in der Woche … “
Sarahs Blick wurde traurig. Sie schaute auf Karin und dann auf ihren vierbeinigen Freund.
„Ein Mal in der Woche?“
„Ja, aber nur wenn du die Zeit hast und es dir nicht zu viel wird. Bezahlen würde ich dir auch etwas, als kleine Taschengeldaufbesserung.“ „Er freut sich jeden Tag so auf mich – und ich mich auch auf ihn! Ich nehme doch kein Geld dafür, dass ich mit ihm spiele.“ Dann gab sie sich einen Ruck und traute sich zu fragen: “Kann ich auch öfter kommen?“
„Aber sicher!“, lachte Karin. Sie nahm Sarah in den Arm und drückte sie leicht an sich. „Wann immer du willst, ihr seid wohl richtige Freunde geworden, nicht wahr?“
Das Mädchen nickte. Sie setzten sich ins Gras und Karin erzählte Sarah von Sky. Er sei vor zwei Jahren als Notfall zu ihr gekommen. Sie hätte auf einer Tierschutzseite im Internet den dringenden Aufruf gelesen, einem armen Collie, der in Spanien in der Tötungsstation abgegeben worden war, vorübergehend einen Pflegeplatz zu geben, und sich sofort gemeldet. Von da an wäre Sky immer bei ihr gewesen. Sie hätte sich nicht mehr von ihm trennen können, obwohl er eigentlich zu dem Zeitpunkt gar nicht in ihr Leben passte. Viel Arbeit und zwei Umzüge machten es nicht immer leicht, dem Collie gerecht zu werden. Im nächsten Jahr sei ein mehrmonatiger Auslandsaufenthalt geplant, wohin solle sie dann mit Sky?
Sarah schaute Karin an: „Na, zu mir.“ Karin lächelte über so viel Enthusiasmus, merkte aber sofort, dass es dem Mädchen durchaus ernst war. Am selben Abend erzählte Sarah ihrer Mutter, was geschehen war. Die Mutter gab nach längerem Drängen ihrer Tochter die Erlaubnis, Sky in Karins Abwesenheit aufnehmen zu dürfen. Die beiden Frauen lernten sich ein paar Tage später bei Kaffee und Kuchen kennen. Auch Sarahs Mutter erlag dem Colliecharme, dem sich wohl kaum einer so leicht entziehen kann. Sarah und Sky blieben Freunde fürs Leben, und selbst als die zu einer hübschen, jungen Frau herangereifte Sarah ihr Studium in einer anderen Stadt aufnahm, ließ sie es sich nie nehmen, Sky zu besuchen, wann immer es ging. Sky war mittlerweile alt geworden. Die Hinterläufe waren steif und seine Lefzen umspielte ein weise ausschauendes Altersgrau. Bis zuletzt bezauberte er durch sein Wesen, seine immer freundliche Ausstrahlung und seinen Charakter.
Drei Tage vor Weihnachten bekam Sarah einen Anruf von Karin: „Willst du ihn noch mal sehen? Es geht zu Ende mit ihm. Er hat keine Kraft mehr. Ich denke, wir sollten ihm weiteres Leid ersparen. Er hat es einfach nicht verdient, noch mehr Schmerzen aushalten zu müssen.“
„Ich bin schon auf dem Weg, Karin. Wir gehen zusammen zum Tierarzt. Sky soll uns beide bis zuletzt riechen, fühlen und um sich haben dürfen.“
Sie fuhr die weite Strecke, ohne eine Pause zu machen. Noch am selben Tag wurde Sky erlöst und ging über die Regenbogenbrücke. Sarah weinte um ihren Freund, doch sie hatte ihn noch einmal sehen, streicheln und halten können. Er hatte es wohl gespürt, denn sein Abschiedsblick war voller Dankbarkeit. Ein letztes Mal ließ er die Zunge seitlich aus dem Maul hängen und das Grinsen des jungen Hundes von einst blitzte auf. Später traten in Sarahs Leben immer wieder Collies, die auf irgendeine Art und Weise in Not geraten waren. Sky jedoch vergaß sie nie, ganz im Gegenteil, er war und blieb der Urvater all seiner Nachfolger. Durch ihn war Sarah „auf den Collie“ gekommen.
Danke, Sky! – FÜR ALLES.
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