Kitabı oku: «Identitätskonzepte in der Literatur»

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Hermann Gätje / Sikander Singh

Identitätskonzepte in der Literatur

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© 2021 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISSN 2512-8841

ISBN 978-3-7720-8722-6 (Print)

ISBN 978-3-7720-0162-8 (ePub)

Inhalt

  Vorwort

 I.Akkumulative Identitätszuschreibungen in der Region: Die Literatur(en) der Böhmischen Länder als ParadigmaKarl Hans Strobl: Der FenriswolfSchriftstellerische Identitätsentwürfe im mehrsprachigen Luxemburger Literatursystem der 1960er bis 1980er JahreIdentität oder Identitäten? Interdiskurstheoretische Überlegungen am Beispiel von Frank Goosen und der RuhrgebietsliteraturI. AusgangsüberlegungenII. Identität (inter-)diskurstheoretisch denkenIII. Identitäten in der RuhrgebietsliteraturDas Institut „Moderne im Rheinland“ – Zum Forschungsprojekt und seinem identitätskritischen Ansatz einer „Rhetorik der Region“Ein Blick in die Geschichte des Instituts „Moderne im Rheinland“Die Aktualität der RhetorikDie Rhetorik als „Lehre“ zur IdentitätsfindungLiteraturbegriffe und Literaturwissenschaften im Kontext von Kulturtopographien – Mit einem Fokus auf die Matrix des An-Instituts „Moderne im Rheinland“

 II.Herders neue Anthropologie: Identitätsbildung im Zuge der Verwirklichung von HumanitätAufklärerische (Anti-)Identitätsentwürfe und (trans-)nationale Gründungsmythen: Jakob Michael Reinhold Lenz’ Der neue Menoza oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi (1774)I. Zur Einführung. Lenz’ Neuer Menoza: Nichts ist, wie es scheint?II. Aufklärerische Identitätsentwürfe als (trans-)nationale GründungsmythenIII. Anti-aufklärerische Identitätsentwürfe und anti-(trans-)nationale Gründungsmythen?IV. Anstelle nationaler Gründungsmythen: Familie und WeltbürgertumV. Deutsche:r – Europäer:in – Weltbürger:in? Lenz’ Neuer Menoza als „Mischmasch“ unterschiedlicher IdentitätsentwürfeDas Faustische Streben als Vermittlung von Identität und DifferenzI. Goethe und FichteII. Methode und ForschungsüberblickIII. Das erkenntnistheoretische Programm der WissenschaftslehreIV. Identität und Differenz in der Wissenschaftslehre und im FaustV. Die Vermittlung von Identität und Differenz innerhalb der limitativen DialektikVI. Mensch-Sein als aussichtslose WetteVII. Fazit und AusblickIdentität und Entität: Zu Annette von Droste–Hülshoffs Novelle Die JudenbucheI.II.III.IV.Nation durch Emanzipation: Jüdische Identität und deutscher Nationalismus bei Berthold AuerbachWechselwirkungen zwischen Individuum und DorfgemeinschaftEmanzipation des Individuums, der Dorfgemeinschaft, der religiösen Gemeinschaft, der NationErschütterte Selbstverortungen an territorialen Rändern: Identitätskrisen in Dostoevskijs Der Doppelgänger (Dvojnik) und Stifters Der CondorSelbstkopie und Fremdspiegelung im fremden (Schrift)RaumVerkehrte Selbstporträts durch Perspektivenwechsel„Kehre bald zurück in das Vaterland, Du findest doch nicht das was Du suchst in der Fremde“ – Der „Romantiker“ als Rohmaterial des „deutschen Volkes“ bei Raabe und ScheffelHeine und die Folgen: Die gebrochene jüdische Identität im magischen Medium der SpracheI. Auftakt: Heines Stellung zwischen Judentum und ModerneII. Engführung: Fliegender Holländer und Kafkas Gracchus als jüdische RevenantsIII. Coda: Von Mauscheln, Musik und MäusenZur Problematik kulturbezogener Identität am Beispiel von Clara Viebigs Roman Die Wacht am RheinIm Grenzland der Identität: René Schickeles Das Erbe am RheinI. VielheitII. GrenzenIII. SchreibweisenIV. Schluss: Die Vielheit des EinenDeutsche, Französin, Elsässerin, Lothringerin – oder einfach nur Frau? – Identitätskonzepte deutscher Frauen an der Grenze zu Frankreich in Antwort auf die „Kriege der Männer“I. EinleitungII. Literaturbeispiele: Zwischen Nationen/RegionenIII. Abschluss: Michel und Marianne. Ethnopluralismus oder Europäisches Ur-Paar?Identität und Identifizierung national – sozial – global: Ausweise und Pässe in Texten von Anna Seghers – Saul Friedländer – Louis BegleyPolyphone Identitätskonstruktion am Beispiel der Figur ‚Heinrich Böll‘I. EinleitungII. Der Autor als ‚Figur‘III. Der Begriff der PolyphonieIV. Beispiele der sprachlichen Differenzierung des Autors als ‚Figur‘Lost in (post-)modernism: Prekäre Identität(en) im Romanwerk Wilhelm GenazinosI. Individuum? Subjekt? Selbst?II. Zwei Modernen, drei Kränkungen, vier SelbstbehauptungsräumeIII. „Zerbröckelung“, „Zerfaserung“, „Ausfransung“: Depersonalisation und Dissoziation bei GenazinoIV. Kohärenz(bestreben)V. (Problematische) selbstbehauptende Verhaltensstrategien„Ich ist ein Anderer.“ – Identitäre Krisen im Kontext von MigrationsgeschichtenI. Das fremde Ich im Spiegel. Psychologische Identitätsbildungsprozesse im Kontext von MigrationsbewegungenII. Das Motiv der Ich-Spaltung in Migrationsgeschichten der GegenwartEntfremdung und Identität im „Heimat“-Roman der Gegenwart – Raphaela Edelbauer Das flüssige Land (2019) und Reinhard Kaiser-Mühlecker Enteignung (2019)

Vorwort

Als Begriff wie als Diskurs wird Identität in der Gegenwart zunehmend einseitig vereinnahmt und (tages)politisch instrumentalisiert. Die daraus abgeleitete „Identitätspolitik“ gilt vielen mittlerweile als Chiffre für eine gesellschaftliche Polarisierung und argumentative Kompromisslosigkeit. Der Soziologe Andreas Reckwitz hat sich in zahlreichen Schriften sachlich mit den gegenwärtigen sozialen Phänomenen beschäftigt, die unter dem Zeichen der Identitätsdebatte stehen:

Was das überhaupt heißt, Identität? Was Identität zunächst bezeichnet, ist das Selbstverstehen von Individuen. Also, wie sie sich selber verstehen, wie sie sich selber interpretieren, wie sie sich einordnen als XY.

Das hat auch immer so eine selbstreflexive Dimension. Man interpretiert sich auf eine bestimmte Art und Weise als ein Individuum oder als Teil einer Gruppe. Wir unterscheiden auch soziologisch personale Identität von kollektiver Identität. Also, Individuen verstehen sich selbst als Individuum. Das ist die personale Identität. Und dann kann es sein, dass sie sich auch als Teil einer bestimmten Gruppe wahrnehmen. Das wäre die kollektive Identität.1

Die Beiträge des vorliegenden Bandes perspektivieren vor diesem Hintergrund den Terminus im Hinblick auf seinen Gehalt und seine historischen Bedeutungsdimensionen. Der Fokus auf die Literatur ist hierfür in besonderer Weise geeignet, weil dieser seit dem Aufkommen national(staatlich)er Diskurse im 18. Jahrhundert eine wesentliche Rolle für die Konstitution und die Bestätigung von Identität zugefallen ist. Vor allem der Literatur mit regionalem Bezug kommt in diesem Prozess zentrale Bedeutung zu, aus der sich Stereotypen der Verengung und Trivialität, z.B. im Hinblick auf das Genre Heimatliteratur, entwickelt haben. Die aktuelle Literaturproduktion belegt, dass die politische Debatte nicht ohne Spuren geblieben ist. Unter den Neuerscheinungen finden sich signifikant häufig Texte, die sich thematisch auf identitätsstiftende Faktoren wie Geschlecht, Generation, Ethnie, soziale Schicht oder geographische Herkunft fokussieren.

Indem die Funktion der Konstitution wie der Stiftung von Identität durch die Literatur vergleichend und epochenübergreifend betrachtet wird, werden signifikante Aspekte und Tendenzen aktueller Diskussionen hinterfragt und vertieft: Wie verhalten sich regionale Identitätskonzepte mit geschlechts-, gruppen- oder generationsbezogenen Entwürfen, die sich in der Literatur nachweisen lassen? Im Hinblick auf die regionale Referenz stellt sich weitergehend die Frage, ob sich gleichermaßen antagonische und analoge Identitätsentwürfe wie „Europäer:in“ oder „Weltbürger:in“ mit der zunehmenden Globalisierung und kulturellen Vernetzung herausgebildet haben und sich in ein literarisches Programm fassen lassen?

Weil bereits der Begriff der Identität unscharf, vielschichtig und polyvalent ist, diskutieren die Beiträge des Bandes darüber hinaus Konzeptualisierungen und Diskursfelder von Identität im Werk einzelner Autorinnen und Autoren.

Die hier versammelten Aufsätze sind Ergebnis einer Tagung, zu der das Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass der Universität des Saarlandes im November 2019 nach Saarbrücken eingeladen hat. Das Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes hat die Ausrichtung der Tagung sowie die Drucklegung dieses Bandes durch sein großzügiges Engagement finanziell unterstützt. Die Herausgeber sagen hierfür Dank.

Ferner danken wir den Referentinnen und Referenten für ihre engagierten Diskussionsbeiträge und – nicht zuletzt – den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass für ihre hilfreiche Mitarbeit bei der Durchsicht und Einrichtung der Manuskripte für den Satz.

Saarbrücken, im Sommer 2021

Hermann Gätje und Sikander Singh

I.
Akkumulative Identitätszuschreibungen in der Region: Die Literatur(en) der Böhmischen Länder als Paradigma1

Jörg Krappmann, Olomouc

Als Friedrich A. Kittler die Aufschreibesysteme mit einem Nachwort ausstattete, lagen die Auseinandersetzungen um die Anerkennung seines diskursanalytisch grundierten medientheoretischen Ansatzes bereits einige Zeit zurück.2 In diesem paratextuellen Statement blickt Kittler mit einigem Stolz auf das mittlerweile Erreichte zurück und spart – wie nicht anders zu erwarten – Seitenhiebe auf das (nicht nur) germanistische Establishment nicht aus. Nachbetrachtung und kritische Gegenwartsdiagnose gerinnen in der resümierenden Feststellung: „Der Glaube an unerschöpfliche Werke ist einfach die Unlust, neben heiligen Schriften auch ihre verstaubten Geschwister zur Hand zu nehmen“.3 Unlust wie Verstaubtheit lassen sich auch auf Umgang und Zustand der Regionalliteratur übertragen. Wurde doch die Region, gerne als Provinz bezeichnet, nur aufgesucht, um ihr vergessene Texte der deutschen Literatur zu entreißen, die selbstverständlich einem überregionalem Anspruch genügen müssen (Mecklenburg), oder um unter der Devise einer (angeblichen) Komplexitätsreduktion im begrenzten Raum (literatur-)soziologische Studien zu erstellen (von Heydebrand, Stüben), die weitaus mehr über die Produktionsverhältnisse aussagen als über die regionalliterarischen Texte selbst, die meist ungelesen blieben.4 In beiden Vorgehensweisen fand die Regionalliteratur als eigenständige literaturwissenschaftliche Einheit mit epistemischem Anspruch keine Anerkennung.

Um die Leistungsstärke regionalliterarischer Untersuchungen aufzuzeigen, die scheinbar feststehenden Wertungen und unterkomplexen Zuschreibungen entraten, werden im Folgenden Modellierungen von Künstleridentitäten in der Moderne anhand einiger Beispiele aus den Böhmischen Ländern aufgezeigt,5 in denen der Aufbau von Mehrfachidentitäten behandelt wird. Dass die Ansätze zu einem „regional turn der Literaturwissenschaft“ gerade in dieser Kulturregion ihren Ausgangspunkt nahmen,6 ist zum einen der Dichotomisierung zwischen der „Prager deutschen Literatur“ und der sogenannten sudetendeutschen Literatur geschuldet, die den Konstruktionscharakter von Ab- und Ausgrenzungsmodellen gegenüber regionalen Literaturphänomenen besonders deutlich hervortreten lässt. Die umfassende Debatte kann hier zwar nicht nochmals aufgerollt werden, aber so viel sei gesagt: Die Prager deutsche Literatur ist eine rein heuristische Kategorisierung, die der Germanist Eduard Goldstücker in den 1960er Jahren konzipierte, um innerhalb des kommunistischen Regimes der Tschechoslowakei überhaupt wieder eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der deutschen Literatur zu ermöglichen. Eine Ausweitung des Objektbereichs war angestrebt, konnte aber aufgrund der Zerschlagung des Prager Frühlings durch den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes 1968 nicht mehr vollzogen werden. Die Prager deutsche Literatur, als deren Zentrum nun Franz Kafka gesehen wird, ist also ein ideologisch grundiertes Narrativ, das jedoch über eine enorme Reichweite innerhalb der germanistischen Literaturwissenschaft verfügt.7

Zum anderen war diese Region von jeher von (nicht nur) kulturellen Austauschprozessen geprägt. Das liegt zum einen an der interethnischen Konstellation der Bevölkerung, die neben kleineren Minderheiten auf einem Zusammenleben von Deutschen, Tschechen und Juden beruht. Zum anderen auf einer Mittellage zwischen den lange Zeit preußisch dominierten deutschen Gebieten auf der einen und der Habsburger Monarchie auf der anderen Seite, wobei sich im 19. Jahrhundert zunehmend eine kulturelle Eigenständigkeit artikulierte. Durch den Aufstieg des Nationalgedankens, der sich am Ende des 19. Jahrhunderts zum hegemonialen Dispositiv des Nationalismus entwickelt hatte, wurden die soziopolitischen Verhältnisse prekär, da eindeutige nationalkulturelle Positionierungen präferiert und landespatriotische oder utraquistische Identitätsmodelle abgelehnt, zumindest aber mit Argwohn betrachtet wurden. Die Formulierung von Hildegard Kernmayer, dass „radikalisierte Kontingenz-, Differenz- und Alteritätserfahrungen in der Kultur der zentraleuropäischen Moderne jene Krisen der Identität zeitigen, die mittlerweile als Signatur der Epoche fungieren“ trifft auf die Böhmischen Länder deswegen in besonderen Maße zu.8

Karl Hans Strobl: Der Fenriswolf

Karl Hans Strobl (1877–1946) ist heute – wenn überhaupt – noch aus zwei Gründen bekannt. Einerseits als früher Vertreter einer deutschsprachigen literarischen Phantastik (Die Eingebungen des Arphaxat 1904; Eleagabal Kuperus 1910), andererseits wegen seiner späteren Verstrickung in den Nationalsozialismus, dem er als auslandsdeutscher Vorzeigeautor galt.1 Der Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn sah ihn aber – für die österreichische Literatur ungewöhnlich – als engagierten Vertreter einer spezifisch deutschen Moderne unter naturalistischem Vorzeichen. Zu seinen ersten Publikationen zählten Essays über das Kunstprinzip von Arno Holz oder die Integration einer buddhistischen Weltanschauung in die lebensreformerisch geprägte Modernedebatte. Aus dieser Frühzeit stammt auch sein 1903 erschienener autobiographischer Schlüsselroman Der Fenriswolf, in dem Strobl vier Schriftstellerexistenzen skizzierte und damit vier Lebenswege aufzeigte, wie in einer Kleinstadt der böhmisch-mährischen Grenzregion, in der unschwer Strobls Geburtsstadt Iglau/Jihlava zu erkennen ist, ein Leben als moderner Künstler möglich werden konnte. Die einzelnen Schriftsteller konnten inzwischen identifiziert werden, so dass diesen Konzeptionen zu einem gewissen Grad empirische Authentizität zugesprochen werden kann.2

Ein aus Wien zugezogener Autor fungiert zu Beginn der Handlung als Katalysator für die beiden ortsansässigen Schriftsteller. Zu dritt gründen sie den titelgebenden Dichterbund Fenriswolf – der Name entstammt der nordischen Mythologie – auf dessen Zusammenkünften sie thematische Versatzstücke der Moderne um 1900 in die städtische Gesellschaft tragen. Die Texte von Gerhart Hauptmann, Arno Holz und Jens Peter Jacobsen werden diskutiert, die zeitgenössische Kunst und Musik sowie die Problematik des Eros, aber auch die Frauenemanzipation und die sozialen Konsequenzen des neuen darwinistischen Weltbildes. Dadurch geraten sie rasch in Konflikt mit dem Pragmatismus der Stadtbürger, die noch den Werten und Regeln der vormodernen Gesellschaftsformation verpflichtet sind. Alle drei Autoren werden als Außenseiter behandelt, da sie Identitätskonstruktionen anstreben, die zunächst nicht mit der bürgerlichen Norm korrelieren. Im Verlaufe der Romanhandlung ergeben sich daraus wiederum zunächst drei differente Identitätsstrategien, die ich, um von der allzu kleinteiligen Figurenebene des Regionalromans zu abstrahieren, als Modellautoren anspreche:

Modellfall 1 beharrt auf der Höherwertigkeit seiner Künstlerexistenz. Er setzt seine moderne Weltanschauung absolut und versteht seinen Weg als Exempel, dem die Bürger folgen sollen. Er wird dadurch vom Außenseiter zum Ausgegrenzten. Trotz eines (einmaligen) Erfolgs in der Fremde bleibt ihm die lokale Anerkennung versagt. Die Romanfigur stirbt schließlich vereinsamt und zeigt so überdeutlich das Scheitern dieses Weges an.

Modellfall 2 ist die autobiographische Referenzfigur von Strobl. Er tritt nicht offensiv als „Herold einer neuen Zeit“ auf wie Modellfall 1, verkriecht sich aber auch nicht in den Elfenbeinturm, sondern erreicht in individuellen Austauschbeziehungen und kulturellen Verhandlungen eine Koexistenz mit dem Bürgertum. Da er die bürgerlichen Lebensentwürfe akzeptiert, wird ihm zugestanden, seine abweichende Identität als Künstler zu verteidigen, falls er sie in Frage gestellt sieht. Dagegen vertritt Modellautor 1 ein emphatisches Künstlerverständnis, das bereits auf die Avantgarde vorausdeutet. Zwar sind die avantgardistischen Bewegungen – noch dazu in der Frühphase zu Beginn des 20. Jahrhunderts recht heterogen, aber doch in dem Ziel verbunden, gegen das traditionelle Kunstverständnis des Bildungsbürgertums aufzubegehren.3 Diese soziale Schicht fällt aber in Strobls Modellkleinstadt aus, womit der Romantext die realen Verhältnisse regionaler Gesellschaften in den Böhmischen Ländern hyperbolisiert. In Bezug auf Karoline von Günderrode, also in gänzlich anderem Zusammenhang prägte Christa Wolf die Formel von einer „Avantgarde im Hinterland“,4 deren Bildlichkeit aber auch auf die hier beschriebene Situation angewendet werden kann. Während Modellautor 1 sich im ursprünglichen Wortsinn von Avant-garde als Vorhut der Moderne in der Provinz sieht, akzeptiert Modellautor 2 die mangelhaften Voraussetzungen für eine offene Propagierung moderner Ideen und schafft sich neben seiner Künstleridentität auch eine stabile bürgerliche Identität, wodurch er in der Lage ist, die eigenen Ansprüche der Zusammensetzung unterschiedlicher Rezipientengruppen anzupassen.

Modellfall 3 ist ein aus der Metropole, in diesem Fall Wien, aufgrund einer Versetzung gleichsam von Amtswegen in die Kleinstadt geratener Dichter. Die Genese zum Künstler erfolgte hier vor der regionalen Fixierung und wird als solche nicht angezweifelt. Identitätskonstruktion und Identitätszuschreibung kommen somit zur Deckung. Die unterschiedlichen Voraussetzungen zur Modellierung einer künstlerischen Identität zeigt folgender Gesprächsausschnitt, in dem bereits die Anrede eine vorab vorgenommenen Höherwertung des Wiener Autors impliziert: „Bei Ihnen, Herr Doktor, da is was andres … Sie sind ein Dichter … Aber der Klappenbach [d. i. der gescheiterte Modelfall 1], den haben wir doch all Tag g’sehn … und wissen, was er macht. Woher soll er’s denn haben.“5

Auf den Wert von interurbanen Migrationsbewegungen für die Literatur und Kultur der Habsburger Monarchie hat zuletzt Alexandra Millner in ihren Studien zu Transdifferenz und Transkulturalität hingewiesen und man könnte auch hinsichtlich Modellfall 3 von einer positiven Integration durch Migration sprechen.6 Allerdings mit zwei Einschränkungen: Erstens macht der Wiener Dichter, der eine Avantgarde im Hinterland grundsätzlich für ein unsinniges Unterfangen hält, keinen Hehl daraus, dass er die Stadt bald möglichst wieder verlassen wird. Sein manchmal exzentrisches Verhalten wird deswegen als vorübergehender Unterhaltungseffekt für die städtische Gesellschaft verbucht, da eine dauerhafte und dann möglicherweise problematische Integration in das ortsansässige Bürgertum von beiden Seiten nicht angestrebt wird. Zweitens liefert die Romanhandlung auch einen Modellfall für eine gescheiterte Migration. Der Finanzkonzipist Neumann entpuppt sich nämlich im Laufe der Handlung ebenfalls als Schriftsteller, der versuchte, in Wien Fuß zu fassen, aber sich zwischen Literatencafés und Salonkultur in der Kulturtopographie der Habsburgermetropole nicht etablieren konnte. Nach der Rückkehr des Erfolglosen in seine Heimatstadt erlauben ihm die Schranken des bürgerlichen Wertekanons nicht einmal mehr den Anschluss an den Fenriswolf, sondern lediglich noch das Verfassen von anzüglichen Sketchen für den als Laientheater getarnten Männerverein, der an der künstlerischen Betätigung vor allem die sich anschließenden Saufgelage schätzt. Im Gegensatz zum tödlichen Ende von Modellautor 1 stirbt er zwar nur den geistigen Tod als verhinderter Schriftsteller, aber die daraus hervorgehende individuelle Tragik wird in zwei längeren monologischen Passagen eindringlich aufgezeigt.

An dieser Stelle muss die Abstraktionsebene kurz in Richtung regionalliterarischer Kleinteiligkeit verlassen werden. Während Modellautor 1 in Josef Trübswasser (1867–1902), Modellautor 3 in Egid Filek von Wittinghausen (1874–1949) und Modellautor 2 in Strobl selbst ihre kaum verschlüsselten Vorbilder klar erkennen lassen, scheint Modellautor 4 keine reale Grundlage zu besitzen. Aber es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen dem Finanzkonzipisten Neumann im Text und Karl Hans Strobl, der kurz vor Abfassung des Romans in derselben Rangstufe in die Gebührenbemessungsstelle der Finanzverwaltung in der Mährischen Landeshauptstadt Brünn eingetreten war. In gewisser Weise deutet Strobl also aus rückschauender Perspektive und räumlicher Trennung vom Handlungsgeschehen die Instabilität seines Identitätskonstruktes an, das durchaus die Gefahr zum Scheitern in sich getragen hätte.7

Aus Argumentationsgründen kann die narrative Struktur des Romans hier nicht näher dargestellt werden. Ebenfalls nur angedeutet werden kann das erhebliche Potential an Selbstreferentialität des Textes, das u.a. dadurch zum Ausdruck kommt, dass der Modellautor 1 sich auch durch das Abfassen eines investigativ-polemischen Stadtromans endgültig mit der Bevölkerung vor Ort überwirft. Er schreibt also als Figur des Romans von Strobl genau den Schlüsselroman selbst, in dem er als Figur auftritt. Festzuhalten bleibt aber, dass die in Strobls Roman vorgeschlagene Lösungsstrategie für konkurrierende Identitätsentwürfe nicht in einer Verschmelzung zu einer homogenen Identität besteht, sondern in einer akkumulativen Aneignung und Aufrechterhaltung mehrerer Identitäten.

Die dialogischen Auseinandersetzungen im Fenriswolf sind vergleichbar mit den prozessualen Strukturen der Identitätstheorie von Habermas, der in kritischer Auseinandersetzung mit der traditionellen Rollentheorie das von Erik Erikson erstellte psychoanalytische Modell in Hinsicht auf eine Theorie der Sozialisation und der Moralentwicklung präzisierte.8 Nach Habermas gründet die Kompetenz zur Identitätsbildung darin, „auch unter Belastungssituationen Krisen der Ich-Struktur durch Umstrukturierung zu lösen und die Ichorganisation auf einer höheren Ebene wieder zu stabilisieren“.9 Das Ziel ist für Habermas der Aufbau einer konsistenten und kontinuierlichen Identität, so dass eine situative Segmentierung bzw. eine „Abschnürung der unvereinbaren Lebensbereiche“ lediglich als letzter Ausweg akzeptiert werden kann.10 In Strobls regionaler Sichtweise erscheint aber gerade die Segmentierung als erfolgversprechendste Strategie, weil sie auf die Zielvorstellung einer konzisen Identität verzichtet und die Segmentierung als Akkumulation begreift, die nicht Einschränkung auferlegt, sondern Variabilität verspricht. Das liegt sicherlich auch darin begründet, dass in Strobls Modell die Künstleridentitäten zwar als krisenhaft wahrgenommen werden können (Modellautor 1, teilweise Modellautor 4), es aber die Krise und deren Überwindung nicht voraussetzt. Das – hier freilich nur angedeutete – Modell einer Identitäts-Akkumulierung schwächt sogar die Gefahr identitätskritischer Kollisionen mit Normsystemen anderer sozialer Gruppen ab, indem Mehrfachidentitäten angehäuft werden können, die zu einer Kontrolle der identitätsbezogenen Selbst- und Fremdbilder durch variable Steuerung der eingesetzten Identitätskonstruktion befähigen. Letzteres ist notwendig, da anhand regionaler Kontexte sichtbar wird, dass die Identitätszuschreibungen durch Andere maßgeblich den individuellen Identitätsbildungsprozess beeinflussen, wenn nicht sogar bestimmen.

Das kann noch verdeutlicht werden anhand der Schriftstellerin Marie Knitschke, die im Gegensatz zu den angeführten vier männlichen Modellautoren Strobls in realiter noch die Vorbehalte gegenüber weiblichen Akteuren im Kulturbetrieb Ende des 19. Jahrhunderts überwinden musste. In Erlebtes und Erdachtes (1892) publizierte sie Skizzen und Aphorismen, die in ihrer Modernität weit über das Maß an Exaltiertheit hinausgingen, welches die Einwohner in der Kleinstadt Mährisch-Schönberg, in der sie als Musiklehrerin arbeitete, zu akzeptieren bereit waren. Sie erschrieb sich ihre schriftstellerische Freiheit, indem sie – ähnlich dem vierten Modellautor Strobls – Salonstücke für den örtlichen Damenverein und kleine Dramen sowie Zeitungsartikel zur Heimatgeschichte der Stadt verfasste. Ihrer lokalen Gebundenheit entfloh sie in umfangreichen Briefwechseln mit Persönlichkeiten der modernen Kulturszene: u.a. Gerhart Hauptmann, Anton Bruckner und Edvard Grieg, dem auch ihre Aphorismenbände gewidmet sind.

Knitschkes Biographie und Strobls autobiographischer Roman belegen, dass sich künstlerische Ambitionen außerhalb der wenigen anerkannten modernen Metropolen wie Paris, London, Berlin und bereits mit Abstrichen Wien, zunächst kompensatorisch mit den konkreten Erwartungen des soziokulturellen Umfelds auseinandersetzen mussten. In den Böhmischen Ländern war diese „Anpassungsleistung“ für deutschsprachige Autoren umso drängender, da auch die Hauptstadt Prag um 1900 keineswegs großstädtische Bedingungen aufwies. Zum Vergleich: Um 1900 lebten in Prag ca. 10.000 nichtjüdische Deutsche und damit etwas weniger als in Mährisch-Schönberg, dem Wohnort Knitschkes. Dazu kamen noch 11.000 Juden, die sich in den amtlichen Zählungen zur deutschen Umgangssprache bekannten, aber auch dadurch werden nicht die 25.000 Einwohner der Kreisstadt Iglau erreicht, in der Strobls Roman spielt. Obwohl der Kulturbetrieb in Prag stärker institutionalisiert und freilich auch vielfältiger war, lassen sich deshalb innerhalb der Prager Literatur dieselben Mechanismen nachweisen, wie sie Strobl paradigmatisch für die Region Mähren beschreibt und selbstverständlich treten auch die vier Modellautoren in Erscheinung. Natürlich fehlen in der Literatur aus Prag auch nicht die heimatgeschichtlichen Referenzen, mit denen Marie Knitschke ihr modernes Schreiben rechtfertigte: von Rainer Maria Rilkes urbane Landschaft und Bevölkerung gleichsam verklärenden Larenopfern und Franz Kafkas Erzählung Das Stadtwappen über Oskar Wieners Alt-Prager Guckkasten und die fiktionalen Stadtreportagen Egon Erwin Kischs bis zu den Romanen Der Stadtpark von Hermann Grab oder Der Golem von Gustav Meyrink.

Auch die Autoren Prags unterliegen also den regionalen Identitätsmodellen, aber sie werden – und das ist die Crux, mit der regionalorientierte Ansätze immer noch zu kämpfen haben – von der Literaturwissenschaft nicht ebenso behandelt. Einerseits wird die regionale Verortung bei den Exponenten der sogenannten Prager deutschen Literatur gerne verschwiegen. So bietet das bei Metzler erschienene Rilke-Handbuch als kulturräumliche Kontakte zwar Beiträge zu u.a. Ägypten, Italien, Skandinavien und Spanien an, aber keinen zu den Böhmischen Ländern.11 Das mag vordergründig damit zu rechtfertigen sein, dass Rilke selbst die frühen Prager Arbeiten aus den entstehenden Werkausgaben redigierte, weil sie nicht den Blick auf die späteren Leistungen trüben sollten. Allerdings bezieht Rilke diese kritische Haltung nur auf die Texte, nicht auf die eigene Stellung im soziokulturellen Kontext der Böhmischen Länder. Seine Unterstützungsanträge bei der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Litteratur in Böhmen zwischen 1899 und 1913 erweisen ihn als ebenso interessierten wie kundigen Teilnehmer an den regionalen Debatten.12 Wird bei Autoren wie Rilke also der Anteil regionaler Phänomene am Prozess der Künstlerwerdung ausgeblendet, so wird bei denjenigen, die es nicht in den rezenten Kanon der deutschen Literatur geschafft haben, gerade der Teil der literarischen Arbeit überbetont, mit dem sie sich innerhalb eines regionalen Gefüges in ihrer Künstleridentität legitimierten. So führte beispielsweise der im gleichen Maße erfolgreiche wie belanglose Dorfroman Der Glockenkrieg dazu, dass sein Verfasser Ernst Wolfgang Freissler als provinzieller Heimatliterat eingestuft wurde. Wegen dieser minderen Qualifizierung wird dann erst gar nicht in Erwägung gezogen, dass Freissler in anderen Texten einen komplexen Umgang mit fremdkulturellen Sichtweisen hätte entwickeln können, wie sie kulturwissenschaftliche und postkoloniale Lesarten privilegieren. Während Joseph Conrad, dessen Texte durch die Übersetzungen Freisslers erstmals in den deutschen Sprachraum vermittelt wurden, mit der Erzählung Herz der Finsternis zum Paradeautor kulturwissenschaftlicher Forschung aufstieg, fristen die in manchem vergleichbaren Erzählungen und Romane Freisslers ihr Dasein bis auf weiteres in den Tiefen regionaler Literaturbetrachtung.13

In beiden Richtungen, die Beispiele könnten unschwer vermehrt werden, wird die akkumulative Identitätszuschreibung missachtet, die ich hier thesenhaft und vorerst nur als heuristisches Element vorgestellt habe. Die Fälle sollen zeigen, dass die akkumulative Identitätszuschreibung, die in kulturell eigenständigen Regionen üblich ist, bisher in den gängigen Forschungsparadigmen nur unzureichend anerkannt wird. Aber sowohl in den literarischen Texten als auch in den Lebenswegen der regionalen Akteure ist eine Reflexion über Identitätsstrategien gegeben. Während also divergierende, ambivalente und nicht valide Überzeugungen und Haltungen in der Forschung nachgerade zur Moderne längst anerkannt sind, besteht noch ein Defizit darin, diese als multiple Identitätsvarianten den jeweiligen literarischen Akteuren auch zuzugestehen.

Dass Strobls Texte sich für aktuelle Interpretationsansätze – etwa anhand des Theorieensembles von Judith Butler – eignen, wurde bereits nachgewiesen.14 So scheint es auch lohnenswert, den Fokus von der im Fenriswolf explizit behandelten Modellierung von Künstleridentitäten hinsichtlich allgemeiner Identitätsbildungsmodelle zu erweitern und zu fragen, ob die narratologisch auratisierten Lebenswege der Modellautoren nicht als itinerative Re-inszenierungen gelesen werden könnten, somit ein respektables Spektrum maskuliner role-models zur Zeit der Jahrhundertwende abgeben würden.15 Das sei aber einer anderen Studie vorbehalten. Aber schon jetzt gilt: Staubmilben aller regionalen Literaturen, hütet euch!

Schriftstellerische Identitätsentwürfe im mehrsprachigen Luxemburger Literatursystem der 1960er bis 1980er Jahre1

Fabienne Gilbertz, Luxemburg

Mehrsprachigkeit ist nicht erst seit den Zeiten der Globalisierung ein wesentliches Merkmal vieler Literatursysteme; weltweit sind literarische Systeme durch ein Neben- und Miteinander verschiedener Sprachen geprägt. Das Luxemburger Literatursystem ist keine Ausnahme: Seit seiner Entstehung sind Deutsch, Französisch und Luxemburgisch die am meisten verwendeten Literatursprachen.2 Dabei ist der Sprachgebrauch jedoch nicht, wie in Belgien, der Schweiz oder anderen mehrsprachigen Literatursystemen Europas, an bestimmte Regionen oder Sprachgemeinschaften gebunden. Daraus ergibt sich nicht nur die wesentliche Frage, ob es sich um mehrere Luxemburger Literaturen oder um eine Literatur in mehreren Sprachen handelt;3 die Luxemburger Schriftsteller:innen sehen sich darüber hinaus immer wieder dazu veranlasst, ihre Sprachwahl zu motivieren, ja zu rechtfertigen. In den 1980er Jahren erklärte der Autor Georges Hausemer in diesem Zusammenhang: „Die Frage nach der Wahl einer bestimmten Sprache kommt für die meisten luxemburgischen Autoren der Frage nach der Liebe gleich: warum und wieso diese und nicht jene, warum die Blonde und nicht die Brünette, wieso der Bärtige anstatt des Langhaarigen?“4 Hausemer zufolge haben jeder Autor und jede Autorin je individuelle Gründe, sich für eine und gegen eine andere Literatursprache zu entscheiden. Dieser Aspekt der literarischen Sprachwahl wird dementsprechend im vorliegenden Beitrag nicht eingehender behandelt. Im Folgenden wird vielmehr diskutiert, inwiefern sich die Sprachwahl auf die Identitätsentwürfe – oder, mit Jérôme Meizoz argumentiert, auf die textuelle und kontextuelle posture – von Luxemburger Autorinnen und Autoren auswirkt.5 Im Fokus steht dabei die Frage, ob und wie die in literarischen Texten, aber auch in Interviews, Artikeln und Briefen artikulierten Identitätsentwürfe mit der Wahl der Literatursprache zusammenhängen.

Die Mehrsprachigkeit der Luxemburger Gesellschaft, die sich im Literatursystem als einem gesellschaftlichen Teilsystem spiegelt, führt zu Reflexionen über die sozialen Funktionen und das künstlerische Potential der verschiedenen Sprachen.6 So stellt der Soziologe Fernand Fehlen ein „klares Prestigegefälle“7 zwischen der französischen und der deutschen Sprache bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein fest. Dabei kommen dem Französischen als Sprache der Bourgeoisie nicht nur symbolische Funktionen zu: Indem seine Beherrschung eine Voraussetzung für den Zugang zum höheren Dienst ist, gewinnt das Französische ganz konkrete, soziale Relevanz und wird zur Sprache der gesellschaftlichen Eliten.8 Das Deutsche hingegen ist als Alphabetisierungssprache die am besten beherrschte Schriftsprache für einen Großteil der Luxemburger:innen, während das Luxemburgische lange Zeit vor allem als mündliche Alltagssprache diente.9 Obwohl sich diese Konstellation in den letzten Jahren verändert hat (durch eine allmähliche Aufwertung des Luxemburgischen als Schriftsprache, aber auch durch eine stärkere Präsenz des Englischen), haben die soziolinguistischen Verhältnisse einen nachhaltigen Einfluss auf die ästhetische Beurteilung der Literatursprachen: Den drei Sprachen werden je unterschiedliche ästhetische Wirkungsbereiche zugesprochen.10 So begründet der Literaturwissenschaftler Frank Wilhelm seine These, dass es sich bei der mehrsprachigen Luxemburger Literatur tatsächlich um drei verschiedene Luxemburger Literaturen handele, mit einer angeblichen Affinität zwischen Literatursprache und beschriebenem Gegenstand:

Globalement on peut dire que les littératures en langues allemande et luxembourgeoise induisent des œuvres proches du vécu de leur public, correspondant à la sensibilité générale, alors que la littérature de langue française, produite par et pour la bourgeoisie, donne des œuvres plus abstraites où le quotidien luxembourgeois est moins à l’honneur, mais où l’écrivain peut davantage s’inscrire dans l’universel ou, au contraire, cultiver ses propres lubies. La littérature de langue allemande a peut-être le mieux assimilé la réalité socioéconomique. Même si certains auteurs grand-ducaux s’expriment en deux, voire en trois langues, cela ne veut pas dire qu’ils abordent la littérature sous le même angle. Certains sujets se traitent mieux dans telle langue que dans telle autre.11

Wilhelm argumentiert, dass sich mit dem Luxemburgischen und dem Deutschen alltägliche Erlebnisse besonders gut ausdrücken ließen, während das Französische einen höheren Abstraktionsgrad ermögliche. Die Literaturwissenschaftlerin Jeanne E. Glesener hat an anderer Stelle bereits dargelegt, dass Wilhelms These als Sprachtypologie nicht haltbar ist:12 In ihrem Aufsatz The Separateness of Luxembourgish Literatures revisited erläutert Glesener, dass eine strikt getrennte Betrachtung der Literatursprachen nicht erst seit dem vermehrten Aufkommen mehrsprachiger Texte in den 2000er Jahren wenig sinnvoll erscheint, da eine solche Trennung den Blick für sprachübergreifende literarische Entwicklungen versperrt.13 Wenngleich Wilhelms Unterscheidung demnach als generelle Taxonomie nicht funktioniert, trifft sie jedoch auf bestimmte Perioden zu, beispielsweise auf die 1960er bis 1980er Jahre. Luxemburgisch wurde lange Zeit von vielen Autor:innen nicht als ernstzunehmende Literatursprache berücksichtigt; dem Literaturwissenschaftler Mars Klein zufolge wurde es „in manchen poetologischen Überlegungen […] als reines Medium für volkstümliche Unterhaltung vornehmlich in den Sparten Volkstheater und Volkspoesie“14 angesehen. Seit den 1970er Jahren – im Zuge der 68er-Bewegung – wurden jedoch vermehrt auch „sozialkritische Stoffe vom Kabarett bis zum Roman, vom Hörspiel bis zum Dokumentartheater“15 auf Luxemburgisch verhandelt. Deutsch war ab diesem Zeitpunkt zwar immer noch die zentrale, jedoch nicht mehr die einzige Sprache des literarischen Engagements, der Subversion und des Experiments. Tatsächlich waren es zumeist auch die Schriftsteller:innen, die zunächst auf Deutsch schrieben, die sich in den 1970er und 1980er Jahren der luxemburgischen Sprache zuwandten. Die französischsprachige Luxemburger Literatur dieser Zeit war hingegen von ästhetizistischen und puristischen Tendenzen bestimmt.

Diese unterschiedlichen Literaturkonzeptionen, so die These des vorliegenden Beitrags, existierten jedoch nicht nur innerhalb des Luxemburger Literatursystems, sondern können vielmehr als ein Ausdruck von Tendenzen gedeutet werden, die sich auch außerhalb des Großherzogtums in den deutsch- und französischsprachigen Literatursystemen vollzogen. Besonders sichtbar wurden diese Tendenzen anlässlich der Mondorfer Dichtertage, die zwischen 1962 und 1974 alle zwei Jahre im Luxemburger Kurort Mondorf organisiert wurden und namhafte Vertreter:innen der deutsch- und französischsprachigen Literatur zusammenbrachten.16 Jede Ausgabe der Dichtertage stand unter einem Motto, so z.B. „Kann Poesie die Welt verändern“ (1966) oder „Deutsche und französische Literatur seit 1945“ (1968). Diese Fragestellungen, die den Diskussionsrahmen definieren und den Austausch zwischen deutsch- und französischsprachigen Autor:innen anstoßen sollten, kehrten jedoch vielmehr die grundlegenden Unterschiede zwischen den Sprachgruppen hervor. Dem Luxemburger Autor und Journalisten Henri Blaise zufolge ging es bei der Konfrontation in erster Linie „um moderne und progressive Literatur, um Engagement, um ‚neuen Wein in alten Schläuchen‘, kurz die traditionsbelastete ‚querelle des Anciens et des Modernes‘.“17 In einem Beitrag für den Deutschlandfunk fasste der deutsche Autor und Redakteur Dieter Hasselblatt seinen Eindruck, den er bei der Mondorfer Tagung 1966 von seinen französischsprachigen Kolleg:innen gewonnen hatte, folgendermaßen zusammen:

Die französischen Kollegen sind zu bewundern: daß sie sich so stark von einer Weltliteratur und deren jüngsten Entwicklungen abzukapseln vermögen, daß sie mit einem so guten Gewissen nichts zur Kenntnis nehmen als sich selbst, und daß sie nicht bemerken, wie sehr sich ihre eigene Gegenwartsliteratur […] um anderthalb literarische Epochen verspätet. Symbolismus, nichts anderes als was Mallarmé gemacht hat, und wenn die Frage der Veränderung der Welt durch die Literatur diskutiert wurde, vermochten die französischen Schriftsteller und Kritiker sich mit der schönen Gebärde eines selbstsicheren Eskapismus auf die Devise zurückzuziehen „der Schriftsteller wohne zuallererst nicht in der realen Welt, sondern in einer ‚Monde des Mots‘, in einer Welt der Worte.“18

Den Luxemburger Kommentator:innen zufolge vertraten die meisten der anwesenden französischsprachigen Autor:innen eine ästhetizistische Literaturkonzeption, während ihre deutschsprachigen Kolleg:innen eine gesellschaftskritische, engagierte Kunst forderten. Der Luxemburger Germanist Alain Weins spricht rückblickend von einem in Mondorf zutage tretenden „interkulturellen Mißverständnis“,19 und dem Schweizer Schriftsteller Urs Widmer zufolge passten die französisch- und deutschsprachigen Autor:innen so gut zusammen „wie Pfeffer und Schlagsahne“.20 Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass sich diese Aussagen in erster Linie auf die Mondorfer Gäste bezogen; es handelt sich um Eindrücke, die anlässlich der Dichtertage entstanden und generelle Tendenzen widerspiegelten. Natürlich existierte damals auch im französischsprachigen Raum die Idee einer engagierten Literatur – man denke nur an Sartre. Diese in Mondorf sichtbar gewordenen Unterschiede zwischen den Sprachgruppen sind für die Beschreibung des Luxemburger Literatursys­tems in den 1960er und 1970er Jahren insofern relevant, als auch in Luxemburg ein Antagonismus zwischen Deutsch und Französisch schreibenden Autor:innen bestand.21 Wie bereits erwähnt, gilt in der Tat auch für den Luxemburger Kontext, dass die Deutsch schreibenden Autor:innen eine gesellschaftspolitisch engagierte Literatur vertraten, während ihre Französisch schreibenden Kolleg:innen sich kaum politisch äußerten. Es liegt nahe, das jeweilige Literaturverständnis durch eine Orientierung der Luxemburger:innen an deutsch- bzw. französischsprachigen Vorbildern zu erklären. Darüber hinaus ist es jedoch interessant, dass sich die Luxemburger Autor:innen je nach Literatursprache unterschiedlich zu ihren ausländischen Vorbildern positionierten: Während viele Französisch schreibende Luxemburger Autor:innen eine größtmögliche Nähe zu ihren französischen und belgischen Kolleg:innen suchten – bis hin zu einer Negierung der eigenen nationalen Identität –, war es den meisten Deutsch schreibenden Luxemburger Autor:innen ein Anliegen, im engen Kontakt mit dem deutschsprachigen Ausland ihre Luxemburger Identität zu betonen. Dieser Unterschied im Verhältnis zur eigenen nationalen Identität sowie zur gewählten Schriftsprache äußerte sich auf mehreren Ebenen, die im Folgenden kurz skizziert werden.

In den 1960er und 1970er Jahren thematisierten viele Deutsch schreibende Luxemburger Autor:innen das Land und den Literaturort Luxemburg mehr oder weniger explizit in ihren Texten. Beispielhaft sei Roger Manderscheid genannt, der sich in seinem Frühwerk, von den frühen 1960ern bis zur Mitte der 1980er Jahre, an Luxemburg, seiner Enge und Mentalität abarbeitete und einen spezifischen Begriff des Provinziellen entwickelte. Besonders augenscheinlich wird dies in seinem 1973 erschienenen, ersten Roman die dromedare. stilleben für johann den blinden und dem Drehbuch stille tage in luxemburg, das er im selben Jahr für einen deutschen Fernsehsender schrieb und das aufgrund seines kritischen Blicks auf Luxemburg und seine Einwohner einen kleinen Skandal auslöste.22 Im Kontrast dazu stand die damalige französischsprachige Luxemburger Literatur, in der das Großherzogtum als Ort kaum eine Rolle spielte. Frank Wilhelms These, dass die französischsprachige Literatur Werke produziere, „où le quotidien luxembourgeois est moins à l’honneur“,23 kann für die 1960er Jahre demnach bestätigt werden. In diesem Sinne hielt Michel Raus, einer der prominentesten Literaturkritiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, für die damalige französischsprachige Luxemburger Literatur etwas überspitzt fest: „dem französischen Schriftsteller aus Luxemburg geht es vor allen Dingen um formal-ästhetische Perfektion. […] Französische Schreiber sind strenggenommen keine Dichter oder Romanciers oder Dramatiker, es sind ‚hommes de lettres‘, Essayisten, Verfechter von Ideen und Idealen“.24 Mars Klein zufolge versuchten die damaligen frankophonen Luxemburger Autor:innen „unbelastet von jeder zu direkten sprachlich-emotionalen Eingebundenheit in die nationalen Luxemburger Verhältnisse, […] ihren kosmopolitischen Beitrag zur internationalen Francité zu schreiben“.25 Als Beispiel für die 1960er Jahre nennt er den Dichter und Dramatiker Edmond Dune, auf den an späterer Stelle noch zurückzukommen sein wird.26

Das unterschiedliche Verhältnis zur eigenen Luxemburger Herkunft spiegelte sich auch in der Handhabung der gebrauchten Literatursprache. Die französischsprachige Luxemburger Literatur der 1960er und 1970er Jahre war, wie bereits angedeutet, von sprachpuristischen Tendenzen geprägt. Eine besonders prominente Figur des damaligen Literatursystems war Marcel Noppeney, Autor und Präsident der Société des écrivains luxembourgeois de langue française (SELF). Als solcher setzte er sich nicht nur für die Förderung Französisch schreibender Autor:innen ein, sondern führte einen regelrechten Kulturkampf gegen jegliche germanophilen Tendenzen. Dieser Kulturkampf war in erster Linie durch das in den 1960er Jahren noch sehr präsente Erlebnis der zwei Weltkriege bedingt (Noppeney selbst wurde mehrmals von deutschen Truppen festgenommen und zum Tode verurteilt). Durch die Propagierung des Französischen, so die Autorin Rosemarie Kieffer, sollte die Luxemburger Identität gegen den deutschen Nachbarn verteidigt werden:

L’argument essentiel de ceux qui entendaient encourager et propager l’écriture de langue française chez nous, était vraiment de taille. L’emploi du français, affirmaient-ils, nous permettait de conserver et de consolider nos qualités proprement luxembourgeoises, et cela en face d’un voisin puissant et dangereux qui menaçait de nous détruire.27

Mars Klein argumentiert in diesem Kontext, dass Noppeney und dessen Französisch schreibende Kolleg:innen durch „die relative sprachliche Distanz des Französischen zum sprachlichen Alltag – Luxemburg ist ja ‚un faux pays francophone‘, Luxemburg ist richtiger ‚un pays francographe‘ oder besser noch ‚entre autre francographe‘“ zur Überzeugung gebracht worden seien, „in einer schwierigen sprachlichen Diaspora zu schreiben und – über den Weg der (phasenweise übertriebenen) Frankophilie – die räumliche und ideelle Distanz zu Frankreich überbrücken zu müssen.“28 Diese Frankophilie äußerte sich nicht zuletzt in einem Sprachpurismus, der vor allem in den Pages de la S.E.L.F. gepflegt wurde. In dieser Zeitschrift publizierte Marcel Noppeney die Rubrik Complexe d’Ésope, in der er seine Landsleute für den falschen Gebrauch von französischen Wörtern und Redewendungen kritisierte, ja bisweilen lächerlich machte. Diese Kritik verstand Noppeney als „intervention […] qui m’est dictée par le respect que Voltaire recommande d’avoir pour cette grande dame qu’est la langue française“.29 Das Verhältnis der Deutsch schreibenden Luxemburger Autor:innen zu ihrer Literatursprache gestaltete sich anders. Wenngleich auch sie sich um eine möglichst fehlerfreie Beherrschung des Deutschen bemühten, ließen sie jedoch auch Raum für einen eigenen, freien Umgang mit der Sprache. Anise Koltz, eine der bedeutendsten Luxemburger Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts und Organisatorin der Mondorfer Dichtertage, betonte viele Jahre später, dass Luxemburger Autor:innen „sowohl im Deutschen als auch im Französischen Worte zusammen[setzten], die ein Muttersprachler nie zusammensetzen würde“30 und dass dieses besondere Verhältnis zur Literatursprache zu einer gewissen Originalität führen könnte. Diese Ansicht vertrat auch Dieter Hasselblatt, als er anlässlich der Mondorfer Dichtertage 1966 über ein Hörspiel von Roger Manderscheid urteilte, „daß hier jemand in deutscher sprache etwas gesagt habe, was ein deutscher auf deutsch gar nicht hätte sagen können“31. Laut Hasselblatt bedienten sich die Deutsch schreibenden Luxemburger Autor:innen zwar der deutschen Sprache, doch sie könnten mit dieser anders, vielleicht freier umgehen als die Deutschen selbst.32 Während die frankophonen Luxemburger Autor:innen also durch ihren Sprachpurismus eine größtmögliche Nähe, ja eine Identität mit der französischen Literatur anstrebten, waren die Deutsch schreibenden Luxemburger Autor:innen eher daran interessiert, sich an dem engagierten Literaturverständnis ihrer ausländischen Kolleg:innen zu orientieren, dieses aber kreativ für die eigenen Bedürfnisse im Luxemburger Literatursystem umzusetzen.

Schließlich thematisierten einige Luxemburger Schriftsteller:innen ihr persönliches Verhältnis zu ihrer Luxemburger Nationalität und zur Literatursprache auch ganz direkt. Als Beispiele können hier die Autoren Edmond Dune für die französischsprachige und Georges Hausemer für die deutschsprachige Luxemburger Literatur dienen. Der Lyriker und Dramatiker Edmond Dune war als Sohn eines Luxemburgers und einer Belgierin Luxemburger Staatsbürger und nahm auch aktiv am Luxemburger Literaturleben teil, indem er beispielsweise die Mondorfer Dichtertage mitorganisierte und in Luxemburger Zeitschriften publizierte. Dennoch pflegte Dune ein sehr distanziertes Verhältnis zu Luxemburg und seiner Literatur. So liest man in einem Brief, den Dune in den 1960er Jahren an seinen französischen Freund Jean Vodaine schrieb: „Je ne veux pas qu’on me traite de poète luxembourgeois! Tu devrais le savoir depuis le temps que tu me fréquentes.“33 Tatsächlich erwähnte Dune seine Staatsbürgerschaft fast nie, in Anthologien wurden seine Gedichte zum Teil unter der Rubrik „poètes français“ publiziert – und dies war auch genau das, was er anstrebte: in einer Reihe mit französischen Autoren zu stehen. Dune negierte aber nicht nur seine eigene Beziehung zum Großherzogtum, sondern darüber hinaus ganz generell die Existenz einer französischsprachigen Luxemburger Literatur. In einem Brief an seinen Luxemburger Kollegen Paul Palgen stellt Dune klar: „À mon sens, la littérature (luxembourgeoise) d’expression française n’existe pas.“34 Dune bezeichnet das Label „französischsprachige Luxemburger Literatur“ in diesem Brief als prätentiös, ja gar als Phantom. Die Idee einer spezifischen Luxemburger Literatur weist Dune kategorisch zurück. Dieser Negierung der Luxemburger Identität und dieser kompletten Identifizierung mit der Kultur Frankreichs, die durchaus auch für andere Luxemburger Autor:innen festgestellt werden kann, steht die Haltung einiger Deutsch schreibender Autor:innen gegenüber. Hier sei zunächst Roger Manderscheid genannt, der Anfang der 1980er Jahre in einem Interview über die deutschsprachige Luxemburger Literatur behauptete: „ich glaub schon daß wir als deutschschreibende Luxemburger einen eigenen, unverwechselbaren ton haben, der bis jetzt noch nicht entdeckt wurde“.35 Dass dieses Unverwechselbare auch in dem komplexen Verhältnis der Luxemburger Autor:innen zu ihren Literatursprachen begründet liegt – Literatursprachen, die damals nur selten identisch mit der luxemburgischen Muttersprache waren –, erläuterte der bereits zitierte und 2018 viel zu früh verstorbene Autor Georges Hausemer 1983 in einer Rede in Mannheim:

Demnach wandert der Luxemburger Autor, wie etwa die berühmte Katze um den heißen Brei, stetig am Rand der einen oder der anderen Weltliteratur umher, möchte eigentlich dazugehören und kann sich mit letzter Konsequenz doch nicht von der Scholle lösen, an der er zeitlebens klebt. Kann nicht und will eigentlich auch gar nicht. Wollen Sie nämlich einen deutschschreibenden Autor aus Luxemburg beleidigen, so behaupten Sie ganz einfach, er sei ein deutscher und nicht ein deutschsprachiger Schriftsteller. Diese – einige werden sagen: mimosenhafte – Einstellung hat tiefergehende Wurzeln, politische, historische Gründe, die auch meine Generation, die etwa die Mesalliance Luxemburgs mit dem Deutschen Reich nur vom Hörensagen kennt, nicht vollständig zu überwinden vermag.36

Hausemer beschreibt das Verhältnis der Luxemburger Schriftsteller:innen zur deutschen Sprache als ein zwiespältiges, als eines, das durch Nähe und Distanz zugleich bestimmt ist. Neben den historischen Gründen, die Hausemer nennt, gibt es sicherlich auch linguistische: Luxemburgisch ist – wenngleich es als eigenständige Sprache politisch anerkannt ist – ein moselfränkischer Dialekt. Diese Nähe erleichtert es vielen Luxemburger:innen, Deutsch zu erlernen und die Sprache einigermaßen gut zu beherrschen; gerade die Nähe ist es vielleicht aber auch, die eine klare Abgrenzung nötiger erscheinen lässt. Hausemer prägte in diesem Kontext den Begriff der „Stiefmuttersprache“.37 Was das Verhältnis der Französisch schreibenden Luxemburger Autor:innen zu Frankreich angeht, vermutete Hausemer in seiner Rede, dass es „in dieser ausgeglichenen Relation weniger Animositäten geben“38 dürfte. Mit Blick auf die Aussagen Edmond Dunes kann dies eigentlich nur als Euphemismus bezeichnet werden.

Eine solche Gegenüberstellung, wie sie in dem vorliegenden Beitrag vorgenommen wurde, kommt nicht ohne Verallgemeinerungen aus. Was hier beschrieben wurde, sind Tendenzen, die natürlich nicht für alle Luxemburger Autor:innen des Untersuchungszeitraums geltend gemacht werden können. Selbstverständlich gab es Ausnahmen, die nicht in das hier skizzierte Schema hineinpassen, wie die Französisch schreibenden engagierten Lyriker Phil Sarca (Jeannot Scheer) und René Welter. Darüber hinaus gab es auch damals schon Schriftsteller:innen, die mehrere Literatursprachen nutzten. Hier kann etwa die Dichterin Anise Koltz genannt werden, die auf Deutsch debütierte und sich erst ab den 1970er Jahren exklusiv der französischen Sprache widmete, ohne ihr Literaturverständnis dafür zu verändern. Dennoch sind die tendenziellen Unterschiede im Sprach- und Identitätsverständnis bei der Auseinandersetzung zwischen Deutsch und Französisch schreibenden Autor:innen der 1960er und 1980er Jahre nur allzu augenfällig. Davon ausgehend müsste das Verhältnis der Luxemburger Autor:innen zur eigenen kulturellen Identität – als Teil ihrer posture – eingehender und über einen längeren Zeitraum untersucht werden, um Veränderungen und Einschnitte beschreiben und typisieren zu können – beispielsweise aus einer komparatistischen Perspektive, im Vergleich mit anderen, kleinen und mehrsprachigen Literatursystemen Europas. Für viele junge Luxemburger Schriftsteller:innen des 21. Jahrhunderts scheinen die gewählten Schriftsprachen jedenfalls keine grundlegende Rolle mehr für ihr Literaturverständnis zu spielen. So schreibt Elise Schmitt mit Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen deutschsprachige Kurzgeschichten ohne direkten Luxemburg-Bezug, während Ian de Toffolis französischsprachige Dramentexte ihren soziokulturellen Entstehungsraum durchaus kritisch thematisieren (z.B. L’homme qui ne retrouvait plus son pays oder Tiamat).39 Samuel Hamen zeigt, dass auf Luxemburgisch über Luxemburg erzählt werden kann, aber nicht muss (der Roman V wéi Vreckt, W wéi Vitesse steht hier dem beim Concours littéraire national 2019 ausgezeichneten und noch unveröffentlichten Roman I.L.E. gegenüber), und Jeff Schinker beweist mit dem Prosaband Sabotage, dass man in mehreren Literatursprachen zugleich (nicht nur) über Luxemburg schreiben kann. Solche Entwicklungen deuten darauf hin, dass nicht nur die gesellschaftliche, sondern auch die literarische Mehrsprachigkeit in stetem Wandel befindlich ist, was sich in der Sprachwahl von Autor:innen ebenso zeigt wie in ihren ästhetischen Positionierungen.

Identität oder Identitäten? Interdiskurstheoretische Überlegungen am Beispiel von Frank Goosen und der Ruhrgebietsliteratur

Rolf Parr, Duisburg-Essen

I. Ausgangsüberlegungen

Von verschiedenen identitätstheoretischen Ansätzen aus ist für die Moderne und ihre Gesellschaften konstatiert worden, dass man es in aller Regel weder für Gruppen noch für einzelne Personen mit einer einzigen Identität zu tun hat.1 Vielmehr stehen kollektive2 neben individuellen Identitäten, wobei einzelne Individuen zugleich mehrere, untereinander durchaus differierende Gruppen- und Individualidentitäten sowohl diachron als auch synchron ausbilden können. Von daher scheint die Vorstellung einer singulären, alle Lebensbereiche und Konstellationen integrierenden Identität in Zeiten zunehmend konstatierter und akzeptierter Diversität eine zu einfache Konstruktion zu sein.

Von diesem Befund ausgehend versuche ich im Folgenden zunächst vom Ort der Interdiskurstheorie aus in einem ersten Schritt ein Denkmodell der Ausbildung mehrfacher individueller und kollektiver Identitäten zu entwickeln3 und zu zeigen, wie Literatur im engeren und Mediendiskurse in einem weiteren Sinne die Ausbildung von Identitäten mal stützen, mal kritisch hinterfragen, um dann in einem zweiten Schritt die Identitätskonzepte einiger Texte der Ruhrgebietsliteratur exemplarisch zu analysieren.4 Diese stellt insofern ein besonders geeignetes Referenzobjekt dar, als das Ruhrgebiet und mit ihm die Ruhrgebietsliteratur konstitutive Merkmale von Globalisierung in der Regionalität aufweist (eine große, breit über die unterschiedlichsten sozialen und kulturellen Milieus gestreute Population, mit pluralen Lebensstilen, vielfältigen Migrationskulturen und Transnationalitäten). Die Regionalität des Ruhrgebiets und die seiner Literatur muss daher immer auch als eine Form von Globalität in der Regionalität gedacht werden, was wiederum zahlreiche sich überlagernde Identitäten mit sich bringt.

II. Identität (inter-)diskurstheoretisch denken

Lässt man die in den Geistes- und Sozialwissenschaften kursierenden theoretischen Konzepte von Identität Revue passieren, so lassen sich grob zwei Richtungen unterscheiden. Eine Gruppe von Ansätzen fasst Identität als Ergebnis kommunikativen Handelns zwischen Akteuren auf, die mal stärker als Rollenträger, mal stärker als soziale Divergenzen verhandelnde Partner konzipiert sind. Identität ist dann das Ergebnis eines komplexen Aushandlungs- und Sozialisationsprozesses.1 Demgegenüber gehen diskurstheoretisch fundierte Ansätze genau umgekehrt „von der Priorität des Diskurses und seines ‚Wir‘ gegenüber“ den „einzelnen Interakteuren“ aus.2

Als interdiskurstheoretisch arbeitender Literatur- und Kulturwissenschaftler möchte ich auf diesen zweiten Ansatz im Folgenden näher eingehen und zeigen, wie er nach solchen diskursiven Positionen fragt, die Kulturen mit den in ihnen zirkulierenden Interdiskursen bereithalten, nämlich Positionen der (durchaus affektiv besetzten) Attraktivität, denen sich Individuen assoziieren und so einen Sozialkörper mit ‚Zusammenhalt‘ – also auch mit Identitätspotenzial – bilden können. Dazu werde ich den Ansatz der Interdiskurstheorie zunächst in einigen Grundzügen vorstellen, ihn dann auf die Identitätsproblematik hin spezifizieren und nach den spezifischen Leistungen fragen, die ein solcher Zugriff auf das Phänomen ‚Identität‘ bietet.

II.1 Die horizontale Achse der Wissensspezialisierung

Wie Michel Foucaults Diskurs-, aber auch Niklas Luhmanns Systemtheorie und Reinhart Kosellecks historische Semantik geht auch die Interdiskurstheorie vom Befund zunehmender horizontal-funktionaler Arbeits- und Wissensteilung seit etwa dem Beginn der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus. Demnach sind moderne Gesellschaften in verschiedene, relativ autonome Wissensbereiche gegliedert, die jeweils spezifische Formen der Rede, je eigene Spezialdiskurse ausgebildet haben. Die Gesamtkultur einer modernen Gesellschaft besteht dann in ihrer horizontalen Gliederung aus dem Spektrum ihrer Spezialdiskurse, zum Beispiel naturwissenschaftlichen, human- und sozialwissenschaftlichen sowie kultur- und geisteswissenschaftlichen.

Um Verständigung über die von Foucault in den Blick genommenen Grenzen von Diskurs- und Wissensformationen hinaus zu gewährleisten, muss es jedoch auch re-integrierende Diskursformen geben, die den Zusammenhalt und das Zusammenspiel der eigentlich auseinanderdriftenden gesellschaftlichen Teilbereiche sichern. Moderne Gesellschaften und ihre jeweiligen Kulturen haben sich daher nicht nur in Spezialbereiche ausdifferenziert, sondern als kompensatorische Antwort darauf auch solche Verfahren entwickelt, die zwischen den Spezialisierungen wieder neue Verbindungen herstellen, also gleichsam Brücken schlagen.

Zu dieser Art von verbindenden, inter-diskursiven Elementen1 gehören alle Formen von Analogien, Metaphern und Symbolen, aber auch Mythen und Stereotype (einschließlich Klischees) sowie unterhalb der Ebene ganzer Erzählungen angesiedelte, wiederkehrende Narrative, wie sie bereits im Alltag (als einem solchen nicht-speziellen Lebensbereich) und dann gehäuft in der Literatur und auch den verschiedenen (Massen‑)Medien anzutreffen sind. In ihrer Gesamtheit bilden sie den allgemeinen Artikulationsrahmen des Diskurssystems einer Kultur. Ganze Interdiskurse (verstanden als Summe solcher Verfahren) stellen von daher eine Art Reservoir von Anschauungsformen bereit, auf das mit Notwendigkeit zurückgegriffen wird, wenn es gilt, Verständigung über die Grenzen der Spezialdiskurse hinweg zu erzielen. Mittels dieser Ensembles von Anschauungsformen können – dadurch, dass sie kohärent verwendet werden – in konkreten Kontexten nun durchaus verschiedene diskursive Positionen artikuliert werden.

Die Gesamtheit der interdiskursiven Verfahren ließe sich dann als die integrierende Kultur einer Gesellschaft beziehungsweise einer regionalen oder auch lokalen Community verstehen. Das, was den immer wieder thematisierten Zusammenhang einer Kultur eigentlich ausmacht, wird vom Ort der Interdiskurstheorie aus damit materiell greifbar, nämlich als Summe derjenigen Brückenschläge, die „die praktisch geteilte Arbeit“ und Gesellschaft „imaginär in Lebenstotalität“2 verwandeln, eine Totalität, die man dann wiederum als jenen kulturellen Zusammenhang erleben kann, der eben auch als Angebot zum ‚Andocken‘ und damit zur Ausbildung von Identitäten dient. Dabei kann es natürlich nicht um vollständige Integration aller gesellschaftlichen Teilbereiche und aller menschlichen Fähigkeiten gehen, wie sie beispielsweise Friedrich Schiller in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen3 entworfen hat, sondern nur um einzelne, in der Regel fragmentarisch bleibende Brückenschläge. Sie sind vor allem im Alltagswissen, in den modernen Medieninterdiskursen und nicht zuletzt auch in der Literatur zu finden.4

Doch wie sieht der Prozess des ‚Sich-Andockens‘ von empirischen Individuen an interdiskursive Positionen als eine Form von Identitätsbildung genau aus? Für die empirischen Subjekte stellen Interdiskurse und die mit ihnen eingenommenen Positionen Angebote zur Assoziation bereit, das heißt zur Ausbildung von mal eher kurzzeitig gültigen, mal langdauerstabil bestehenden individuellen oder kollektiven Identitäten. Eine solche Assoziation, oder ein solcher Sozius, kommt dadurch zustande, dass Individuen sich an die für sie attraktiven Positionen innerhalb des Diskurssystems der jeweiligen Kultur ankoppeln. Die Einheit oder Identität eines solchen Sozius ist also nichts anderes als eine diskursive (semiotische und vor allem sprachliche) Einheit, durch die Einzelindividuen auf jeweils verschiedene Weise zu ebenso verschiedenen Assoziationen, das heißt ebenso verschiedenen Sozialkörpern zusammengeschlossen werden; und sie ist nicht zuletzt eine, die zeigt, wie Identität aus Interdiskursen und ihren Elementen entsteht.5

Das bedeutet aber auch, dass historisch wechselnden Diskurssystemen auch wechselnde individuelle und kollektive Subjektivitätstypen entsprechen, das heißt wechselnde ‚Ich‘- und ‚Wir‘-Subjekte mit entsprechend wechselnden Identitäten. Dem Prozess des Sich-Ankoppelns, der Bildung einer Assoziation würde dann ein Sozialkörper, ein Sozius, entsprechen, für den es keine im Vorhinein schon bestehende Identitätssubstanz gibt und Identität auch nicht zwischen Interakteuren allererst ausgehandelt werden muss.

Um diesen Vorgang etwas anschaulicher zu machen, kann man sich das Funktionieren des Diskurssystems am besten, wie Jürgen Link es vorgeschlagen hat, als eine Maschine zur Reproduktion von Diskursen und der in und mit ihnen eingenommenen diskursiven Positionen vorstellen, als eine Maschine, „die zunächst einmal unabhängig von bestimmten, individuellen Interakteuren ‚laufen‘ kann“. Diese Maschine ‚Diskurssystem‘ hält nun in Form der angebotenen diskursiven Positionen attraktive Schnittstellen für Individuen bereit. Dabei sind die einzelnen Individuen durchaus austauschbar, denn ihre ‚Eignung‘ resultiert nicht aus ihren mitgebrachten Charaktereigenschaften, sondern aus dem „Grad der Kompatibilität ihrer sprachlichen, diskursiven und subjektiven […] ‚Sozialisation‘“ mit der jeweiligen Diskursposition. „Dieser empirische Vorgang des austauschbaren ‚Eintretens‘ verschiedener und wechselnder Individuen in analoge vom Diskurs parat gehaltene Positionen ist nichts anderes als der empirische Prozess der Subjektbildung als ‚Wir‘-Bildung“, also derjenige der Identitätsbildung.6 Die diskursiven Positionen und die Elemente, die sie ausmachen, sichern die dafür nötige Kohäsion, das heißt, wir haben es in die eine Richtung gedacht mit einem Prozess der Ver-Subjektivierung von Diskurselementen und -positionen zu tun, in der anderen Richtung mit dem Andocken an diskursive Positionen.

Noch einmal sei betont: Es besteht keine Vorgängigkeit der Subjekte, „vielmehr bilden sich konkrete Subjekte […] in den ‚Hohlformen‘ allererst heraus, die der Diskurs für Subjekte ‚anbietet‘“.7 Wer also nach ‚Identität‘ fragt, ist gut beraten, sich mit diesen ‚Hohlformen‘, also den Interdiskursen der betreffenden Kultur, zu beschäftigen.

Aus einer soziologischen Perspektive sieht auch Heike Delitz Identitäten als kulturell erzeugte Gegenstände an, als

Imagination, die nur mittels vielfältiger symbolischer oder kultureller Artefakte und ihrer Bedeutungen stabilisiert wird. In diesen wird sie genauer gesagt überhaupt erst sichtbar und teilbar. Sie ist kulturell erzeugt. Die Existenz des Kollektivs ebenso wie auf das Kollektiv bezogene Artefakte basieren auf symbolischen Verkörperungen. Diese drücken also das Kollektiv und dessen Identität nicht einfach nur noch aus. Kultur ist konstitutiv. Das Kulturelle ist der Modus einer jeden kollektiven Existenz.8

Nun sind moderne Gesellschaften jedoch nicht nur durch Wissensteilung (in Spezialdiskurse), sondern auch durch Macht(ver)teilung gekennzeichnet, zum Beispiel in Form von Klassen, Schichten oder Normalitäten. „Deshalb entwickeln […] sich in ihnen“ neben den assoziativen auch „dissoziierende Tendenzen“, viele kleine Sub-Assoziationen, die zur Identitätsdiffusion führen können.9 Solche Tendenzen des Auseinanderdriftens „werden entweder erfolgreich unterdrückt“ oder führen zu Friktionen und eventuell sogar Spaltungen der ursprünglichen Assoziation, was in ein unverbundenes Nebeneinander oder auch ernsthaftere soziale Konflikte münden kann.

Hinzu kommt noch eine zweite Verwerfung: Moderne Gesellschaften „tendieren zur ‚Atomisierung‘ (Isolierung und ‚Autonomie‘) ihrer Individuen“. Das führt einerseits zu einer gewissen „Dominanz der Ich-Subjektivität über die kollektive Wir-Subjektivität“, was dann wiederum kompensierende Tendenzen verstärkter Assoziation auf den Plan ruft.10

II.2 Was leistet der Ansatz?

Was kann der skizzierte interdiskurstheoretische Zugriff nun leisten? Er erlaubt es, Identität in zwei Dimensionen zu denken, die sonst eher je separat behandelt werden, nämlich erstens derjenigen der horizontalen Wissensteilung und zweitens derjenigen der vertikalen Machtteilung. Damit gibt der Ansatz eine spezifische Antwort auf die Frage, wie in modernen Gesellschaften Identität entsteht, wobei er es erlaubt, mehrere kollektive und individuelle Identitäten zugleich anzunehmen. Damit kann er das Nebeneinander der (vielen) Assoziationen und Sozialkörper, denen ein empirisches Subjekt angehören kann, und zugleich von Friktionen zwischen ihnen denken.

Der von der Interdiskurstheorie angebotene Identitätsbegriff ist von daher ein offener, der Vielfalt zeitlich parallel und ebenso im historischen Wandel zu verorten erlaubt. Weiter liegt ein wichtiges Potenzial des Ansatzes darin, einen integrierenden Zugriff auf Texte und Dokumente ganz verschiedener Provenienz zu ermöglichen. Kunstliterarische Texte, Alltagsrede, politische Verlautbarungen, Selbst- und Fremdzuschreibungen im Rahmen von Nationen-, Regionen- und Europabildern, historisches und aktuelles Material werden über die Analyse der verwendeten Interdiskurselemente aufeinander beziehbar und damit ein Stück weit auch die verschiedenen Prozesse der Identitätskonstruktion.

III. Identitäten in der Ruhrgebietsliteratur

Literatur nun – und damit komme ich zu den konkreten Texten aus dem Ruhrgebiet – macht als hochgradig interdiskursiver Spezialdiskurs in vielfältiger Weise Angebote zur Ausbildung von Identitäten; dies insbesondere dann, wenn ganze Cluster von interdiskursiven Elementen aus dem Alltag oder aus mediopolitischen Zusammenhängen aufgegriffen, weiterverarbeitet und dabei vielleicht sogar kohärent gewertet werden, sodass diskursive Positionen entstehen, denen sich individuelle wie kollektive Subjektivitäten wiederum assoziieren können.

Wie das in einem konkreten Fall aussieht, möchte ich am Beispiel einiger neuerer Texte von Frank Goosen zeigen, die zwischen 2008 und 2012, also rund um das Kulturhauptstadtjahr 2010 („Essen für das Ruhrgebiet“), entstanden sind und damit in einer Zeit, in der Identitätskonstruktionen im Ruhrgebiet Hochkonjunktur hatten. Zu diesen Texten, die sich als eine Art von ‚neuer Heimatliteratur‘ charakterisieren lassen, gehören vor allem die Bände Radio Heimat. Geschichten von zuhause aus dem Jahr 2010, der kurze Reviergeschichten versammelt, der Band Weil Samstag ist. Fußballgeschichten aus 2008 sowie der Roman Sommerfest von 2012, dessen Titel zugleich auf das Kulturhauptstadtjahr wie auch das fußballerische Sommermärchen von 2006 anspielt.1 Diese Texte sind geradezu darauf angelegt, Schnittstellen, das heißt attraktive Diskurselemente für die Ausbildung von Ruhrgebiets-Identitäten (solchen, die das gesamte Revier umfassen, aber auch solchen, die sich nur auf eine einzelne Stadt, wie Bochum, beziehen) anzubieten und solche diskursiven Identitätsmarker bisweilen geradezu zu akkumulieren. Eine der Erzählungen aus Radio Heimat etwa beginnt so:

Wenn ich nicht mehr weiterweiß, fahre ich in Bochum die Alleestraße stadtauswärts, biege, vorbei an dem Gelände „City West“, wo auch die Jahrhunderthalle steht, oben am Hochhaus der Kruppverwaltung links in die Kohlenstraße, dann, vorbei an den Resten des ehemaligen Heusnerviertels, wieder rechts, wo sich neben dem Ascheplatz des SV Germania die Kleingartenanlage Engelsburg e. V. erstreckt.2

Und an anderer Stelle heißt es:

Das Ruhrgebiet hat viele Vorteile: Es gibt hier keinen FC Bayern, auf je hundert Einwohner kommen mindestens zwanzig Frittenschmieden, und auch wenn der Schrebergarten und die Currywurst in Berlin erfunden wurden, ist die Benutzung des einen und der Verzehr der zweiten in dieser Gegend zum selbstverständlichen Bestandteil der Hochkultur geworden.

Das größte Plus für die Lebensqualität […] ist jedoch die „Trinkhalle“ oder „Selterbude“, kurz: die Bude […].3

Den äußeren, geographischen Rahmen dafür bilden bei Goosen „herkunfts- und heimatorientierte Regionalitätsvorstellungen“,4 mittels derer ein Kern-Ruhrgebiet zwischen Duisburg und Dortmund als Heimat konstituiert wird, und zwar zunächst einmal durch Abgrenzung nach außen: „Südlich von Hattingen ist für mich Tirol, nördlich von Recklinghausen Dänemark, östlich von Unna beginnt für mich Sibirien und westlich von Duisburg ist die Welt zu Ende und alle fallen ins Urmeer.“5

Was hier auf engstem Raum als übrig bleibendes Territorium eine ‚Heimat-Mitte Ruhrgebiet‘ konstituiert, das entfaltet der Roman Sommerfest als Rückblick auf das eigene, mit Ruhrgebietsspezifika angereicherte ‚coming of age‘ zugleich als ‚my generation‘ wie auch als ‚my region‘, nämlich als eine Heimat, der gegenüber München und Bayern zur entferntesten Peripherie werden, gleichauf mit New York, Mettmann, Duisburg und Krefeld: „‚Krefeld, Duisburg, alles eine Soße.‘“6 Bereits von der Grundanlage der Texte her sind damit regionale, lokale und generationsspezifische Angebote zur Subjektbildung und mit ihr zum Anschluss an die eine oder andere diskursive Position offen gehalten.

Diese geographische Eingrenzung des Territoriums für die Ausbildung einer positiv auf das Ruhrgebiet bezogenen Identität (Heimat) wird in den Texten von Goosen zudem historisiert. So ist die polnische Abstammung von Ruhrgebietsbewohnern als ein auf frühere Zeiten rekurrierendes Residualnarrativ bei Goosen geradezu Ausweis eines auf mindestens drei Ruhrgebietsgenerationen zurückblicken könnenden und damit regional-kulturell gefestigten ‚Bergmannsadels‘. Wilhelm Amann hat daher konstatiert, dass „die Vorstellung von der Ruhrgebietsregion […] bei Goosen […] eng an die Vorstellung von Herkunft gekoppelt“ ist.7 Eine der Episoden aus Radio Heimat zeigt förmlich auf, wie der daraus resultierende Attraktivitätsfaktor einer ‚polnischen Bergmannsgenealogie‘ erfüllt werden kann, um sich der Ruhrgebietsidentität assoziieren zu können:

Das Ruhrgebiet ist ja immer auch ein Schmelztiegel unterschiedlichster Nationalitäten gewesen. Dem Klischee nach stammen wir ja alle von polnischen Püttadligen ab. Dass das dem Namen nach in meiner Familie nicht der Fall zu sein scheint (klingt mehr nach Benelux), muss mein Vater als Manko empfunden haben, weshalb er sich meiner Mutter in der Tanzschule Bobby Linden 1964 als ‚Goosenowski‘ vorstellte […].8

Der fälschlich für belgisch, niederländisch oder luxemburgisch haltbare Nachname „Goosen“, der de facto polnischer Herkunft ist, wird zu „Goosenowski“ erweitert, um jeden Anflug von Nicht-Zugehörigkeit zu kompensieren, und zwar schon in der Generation der Eltern, womit zugleich wieder die historische Kontinuität der Ruhrgebietsidentität reproduziert wird. Daraus erklärt sich dann auch, dass eine der in fast allen Texten von Goosen vorkommenden Figuren die der Oma (auf Ruhrdeutsch ‚Omma‘) ist, denn sie ist es, welche die diachrone Spanne von drei Generationen und mit ihr Kontinuität, also ‚Püttadel‘, verbürgt, ohne dass größerer narrativer Aufwand betrieben werden müsste. Von daher verwundert es nicht, dass im Falle von Sommerfest die Widmung im Buch „Für Omma“9 lautet.

Am Beispiel der ‚Omma‘ lässt sich zudem zeigen, dass auch die Applikation solcher in der Literatur parat gehaltener Diskursparzellen in reale Lebenszusammenhänge funktioniert. Als nämlich Bettina Böttinger in ihrer WDR-Sendung Böttingers Bücher vom 10. Juli 2017 Frank Goosen in dessen Haus besuchte, nutzte dieser den diskursiven ‚Omma‘-Effekt ganz gezielt und machte die Moderatorin zunächst einmal mit seiner Großmutter bekannt, die gleichermaßen als ‚Kronzeugin‘ der Karriere des Autors wie auch seiner Verankerung in der Heimat Ruhrgebiet fungierte; es folgten Goosens Fußballkeller und ein Besuch bei der Wirtin in seiner Stammkneipe. Titel der Sendung: Durch die Heimat.10 Auch in Weil Samstag ist wird nahezu jede dafür geeignete Erzählepisode oder Anekdote mit ‚Omma‘ und/oder ‚Oppa‘ verbunden, sodass auch Fußball eng mit der Ruhrgebietsgenealogie verknüpft wird: „[…] meine Omma löste während der Spiele Kreuzworträtsel – was meinen Oppa immer wahnsinnig machte. […] / ‚Guck doch dahin!‘ / ‚Interessiert mich doch nicht!‘ / ‚Guck trotzdem hin!‘.“11

Für die mit den beiden ersten Verfahren geographisch und historisch konstituierte Ruhrgebietsheimat steht bei Goosen auch das Ruhrdeutsch mit seinen – im Text durch Kursivierung hervorgehobenen – transkulturellen Anverwandlungen von Lehnwörtern wie „Schangsen“, „Pafföng“, „Grateng“, „Restorang“12 und „Expresso“.13 „Das sind“, wie es bei Goosen heißt, „so Heimat-Wörter, wie es auch Heimat-Zeitformen gibt, und die typische Heimat-Zeitform in dieser Gegend ist immer das Plusquamperfekt gewesen: Da war ich drinne gewesen. Kannze vergessen“.14 Benutzt werden diese Wörter in Sommerfest von den für ‚ruhrgebietswürdig‘ und damit für die Ruhrgebietsidentität als assoziationsfähig erachteten Figuren.

Schließlich sind ruhrgebietsspezifische Orte, Einrichtungen und Gebäude Attraktoren der Assoziation und damit der Ausbildung von Identitäten. Dazu gehören das Zechenreihenhaus, in dem die Familie seit mehreren Generationen wohnt, der lokale Bolzplatz, auf dem man schon als Junge gespielt hat, der Schrebergarten mit der Gartenlaube, in der man den ersten Sex hatte, und die Trinkhalle, im Ruhrgebietsjargon schlicht ‚Bude‘ genannt. Mit solchen Regionalitäts- und Identifikationsmarkern reichlich ausgerüstet, können die Texte Goosens als Versuche einer – mit Deleuze / Guattari gesprochen – Re-Territorialisierung15 in Form der Konstitution einer für ruhrgebietsspezifisch angesehenen Heimatliteratur verstanden werden, bei der das Reihenhaus als „eingemauerte Parzelle auf der Erde“ der Region fungiert und der „Fesselung einer identischen Familie an ein Territorium über Generationen“16 hinweg dient.

Um alle diese diskursiven Schnittstellen bzw. Attraktoren in eine kohärente Narration überführen zu können, werden sie im Roman Sommerfest mit den Charakteren der auftretenden Figuren verkoppelt; vor allem mit der Figur des Protagonisten, der das Ruhrgebiet verlassen hat und jetzt noch einmal ins Revier zurückkehrt. Thematisch ist der Roman damit am Narrativ der Rückkehr des verlorenen Sohnes und der damit verknüpften Aufhebung der Dissoziation der Kernfamilie orientiert. Bei Goosen kommt dieser Sohn namens Stefan Zöllner aus München, wo er „mit mäßigem Erfolg als Schauspieler tätig“ und mit einer ihm fremd gewordenen Frau „aus diesen Kreisen liiert ist“. Er „kehrt im Sommer 2010 in seine Ruhrgebietsheimat zurück, um nach dem Tod des Onkels“ schnell das Elternhaus zu verkaufen, ein typisches Ruhrgebiets-Reihenhaus.17

Dazu kommt es jedoch nicht. Denn territorial und auch kulturell wieder eingebunden in die alte Heimat, den alten Freundeskreis und zudem neu verliebt in die alte Freundin, rücken München und die dortige Partnerin immer weiter in den Hintergrund und haben letztlich gegen die Heimat ‚Ruhrgebiet‘ in Kopplung mit der neuen alten Liebe keine Chance. In München aus der regionalen Sicht der alten Freunde gleichsam entfremdet lebend, lernt Stefan noch einmal neu, ein Ruhrgebietler zu sein, reflektiert den Sprachgebrauch und schließt sich peu à peu wieder den – von Autor Goosen als eigentlichen Gegenstand seines Romans gepflegten – regionalen Identitätsmarkern (Gartenlaube, Bude, Fußballverein und -platz) an. Das Ganze gipfelt im pseudo-dramatischen Sprung aus dem fast schon nach München fahrenden Zug, also der nicht nur symbolischen Entscheidung für das Ruhrgebiet.

Auf diese Weise spielen die Figuren bei Goosen den Prozess der Assoziation an eine (für sie) attraktive Diskursschnittstelle mit Namen Ruhrgebiet sowie denjenigen der Ausbildung der damit verknüpften Ruhrgebietsidentität durch, einen Prozess, den die Leserinnen und Leser als einen der diskursiven Assoziation mitvollziehen können, wenn vielleicht auch gebrochen durch die Differenz von Fiktion und Wirklichkeit. Goosens tendenziell ironischer Grundton – stärker in Radio Heimat und Wenn Samstag ist als in Sommerfest – eröffnet dabei die Möglichkeit, zwischen einer emphatischen (das gesamte diskursive Angebot übernehmenden) und einer eher spielerischen Ruhrgebietsidentität (unter Einbezug von Distanzierungen) zu wechseln.

Das ist etwa der Fall, wenn der Ruhrgebiets-Fußball auf das Engste mit anderen Bereichen des individuellen oder gesellschaftlichen Lebens verkoppelt beziehungsweise auf diese anderen Bereiche abgebildet wird: Fußball mit der bevorstehenden Geburt des eigenen Kindes („Legt ein werdender Vater die Hand auf den Bauch seiner hochschwangeren Frau und spürt den Tritt des Thronfolgers, kann er nicht anders, er sagt: ‚Kumma, der flankt!‘“18), Fußball mit Sex (die Freundin gibt just kurz vor dem Anpfiff eines wichtigen Spiels endlich dem „Angebot zum verschärften Nahkampf“19 nach, so dass der Protagonist in arge Bedrängnis gerät), Fußball mit Medizin („Vor neun Wochen hat sein Arzt ihm eröffnet, dass seine Blutwerte in etwa den gleichen Tabellenstand aufweisen wie der VfL Bochum.“20), Familie mit Fußball (die Kinder bekommen die Vornamen bekannter Fußballer21) und so weiter. Auf diese Weise gibt es letztlich kaum einen Bereich des Lebens, der nicht irgendetwas mit Fußball zu tun hätte, sodass das Identitätsangebot in Sachen Ruhrgebietsbewohner via Fußball bei Goosen auf die Formel gebracht werden kann: „Fußball ist uns zwischen Duisburg und Unna, zwischen Recklinghausen und Hattingen ins Genom übergegangen, unsere Doppelhelix besteht nicht aus Aminosäuresequenzen, sondern aus echtem Leder.“22

Last but not least übernehmen Goosens Texte strukturell betrachtet (wie zahlreiche andere der Ruhrgebietsliteratur auch) mit ihren Plots vielfach Elemente der Dorfgeschichte des 19. Jahrhunderts, wie etwa die Grenzziehung gegenüber der Fremde nach außen, den punktuellen Gebrauch regionaler sprachlicher Varietäten, den gemeinsamen Vollzug von Ritualen (wie Biertrinken im Schrebergarten) und den Topos der Rückkehr in die Heimat bei gleichzeitiger Aufgabe höherer Ambitionen (Stichwort ‚München‘) sowie die Überlagerung von zwischenmenschlichen durch weitere Wert-Konflikte; dies alles eingebunden in den Rahmen einer Erzählung von der Selbstfindung als einer Form individueller Entwicklung von einer zunächst attraktiv erscheinenden Außenwelt zurück in den engeren Bereich der Herkunft. Als Identitätsangebot für Menschen aus dem Ruhrgebiet scheint das als Selbstvergewisserungs-Narration zu funktionieren.23

Ist dies das Spektrum der Diskurselemente, die in den Texten von Frank Goosen als Angebote zur Assoziation und damit als Vehikel zur Ausbildung von Identität fungieren, so bleibt allerdings noch die Frage, ob dabei verschiedene diskursive Positionen und dann auch durchaus unterschiedliche Identitäten entwickelt werden können, die jeweils andere/anderes ein- oder ausschließen. Hier wird man sagen können, dass die mit den literarischen Texten angebotenen diskursiven Andockmöglichkeiten es sowohl erlauben, eine engere regionale Identität ‚Bochumer VfL-Fan‘ auszubilden als auch eine das ganze Ruhrgebiet umfassende des ‚Ruhris‘. Erkauft wird dies durch starke Abgrenzungen nach außen, gegenüber München (als ‚Fußballmarke‘ und bisweilen schon als Ruhrgebietsfußball-Feindbild), aber auch gegenüber all denjenigen, die nicht zu den Nachfahren der ‚püttadligen Ureinwohner‘ gehören. Arbeitsmigranten, Flüchtlinge und Zugezogene sind bei Goosen daher in konzentrischen Kreisen um den mit den Attraktivitätsmarkern Reihenhaus, Fußballfeld, Omma, Ex-Freundin, alte Kumpels, Schrebergarten und Stammkneipe gespeisten Kernidentität angelegt. Fast noch integriert ist der die Bude führende türkische Schnauzbart; zum griechischen Restaurant in der ehemaligen Bochumer Bäckerei Schmidtmeier muss man schon die Straße als symbolische Grenze überqueren; es folgen – in weiteren konzentrischen Kreisen – ‚Ossis‘, Polen, Ukrainer, Russen, Araber. Was Goosens Texte mit einem solchen Modell von Nähe und Ferne nicht leisten können, das ist diskursive Positionen und damit Angebote für so etwas wie eine interkulturelle Identität anzubieten.

Mit Cornelia Koppetschs Unterscheidung in Heimat als Schicksalsgemeinschaft, in die man hineingeboren wird, die exklusiv ist und räumlich begrenzt, sowie in Heimat als kosmopolitisches, urbanes Lebensmodell,24 wären Goosens Texte am Pol der ersteren anzusiedeln. In der Summe der in diesen Texten realisierten Diskurselemente bieten sie eine räumlich und kulturell eingegrenzte, re-kollektivierende „Neogemeinschaft“25 mit mühsam konstruierter historischer Tiefe als Angebot zur Assoziation und zur Identitätsbildung an: räumlich, wegen der strengen, ausgrenzenden Beschränkung auf das Kernruhrgebiet rund um Bochum; kulturell wegen der starken Positivsetzung einheitlicher „Traditionen, Werte und Praktiken“;26 neo, da es die auf diese Weise konstituierte Gemeinschaft erst seit dem Vorfeld des Kulturhauptstadtjahres 2010 gibt; historisch wegen der ausgrenzenden Verweise auf die Geschichte von mindestens drei ortsansässigen Generationen. Ihren Schnittpunkt finden diese Elemente der Identitätsbildung in der Rede von ‚Heimat‘.27 Durch den ironischen und nicht selten auch selbstironischen Grundton bei Goosen sind Identitätsbildungen sowohl in Richtung konservativer Gemeinschaften als auch solche tendenziell kosmopolitischer Art denkbar; gehört der türkische Budenbetreiber doch noch in den engeren Kreis, nicht aber der libanesische Grillbesitzer.

Das Institut „Moderne im Rheinland“ – Zum Forschungsprojekt und seinem identitätskritischen Ansatz einer „Rhetorik der Region“

Gertrude Cepl-Kaufmann, Düsseldorf

Ein Blick in die Geschichte des Instituts „Moderne im Rheinland“

„Identitätskonzepte in der Literatur“, so lautet das Thema der Tagung, auf die sich dieser essayistische Rückblick bezieht. Die Einladung zum Eröffnungsbeitrag, den er vermittelt, verdankt sich der spezifischen Erfahrung des Instituts „Moderne im Rheinland“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit dem Thema. Meinen Beitrag verstehe ich entsprechend als eine Möglichkeit, ein Institut vorzustellen, dessen Forschungsfeld Identitätsdiskurse quasi immanent sind.

Der Fokussierung auf die Literatur in diesem Band möchte ich mit eben diesem Konzept entgegentreten: Rhetorik hatte und hat immer mehr im Blick als eine Sparte, so lehrt uns die Traditionslinie dieses seit der griechischen Antike ausdifferenzierten Systems der Redelehre, das letztendlich mit seinen septem artes liberales zu einem Eckpfeiler des mittelalterlichen Bildungsprogramms wurde und in der Geschichte der Nachkriegszeit mit der Tübinger Rhetorikschule eines Walter Jens seine einstige Bedeutung als Fundierung einer Öffentlichkeitstheorie in Zeiten der Demokratie wiedergewonnen und darüber hinaus differenziert weitergeschrieben hat. Jens’ Anspruch war, wie einst in der – wenn auch retrospektiv idealisierten – attischen Republik ganzheitlich, wenn auch – und hier darf die Literatur sich als prima inter pares verstehen – der Sprachkunst nicht nur eine wesentliche Funktion zukommt, sondern sie zugleich die Substanz ausmacht, die die hohen Ziele eines vir bonus überhaupt erst erreichbar macht. Vir bonus und vir bonus dicendi sind ein wunderbares Synonym – und heute würden wir selbstverständlich noch eines draufsetzen: auf diesen Plan gehört auch die – femina bona dicendi. Mehr an Persönlichkeit ließ sich in der damaligen Gesellschaft nicht erreichen und dass sie an die Kunst der Sprache gebunden war, das gibt auch und gerade der Literatur und ihrer Wissenschaft bis heute ein hohes Maß an Deutungskompetenz.

Gerne sage ich an diesem Ort, der Hauptstadt des Saarlandes, zugleich Grenzregion aus Frankreich und Deutschland, dass es der Romanist Ernst Robert Curtius war, der mit seinem 1948 erschienenen opus magnum Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter die Ganzheitlichkeit des kulturtragenden Systems von Sprache und Literatur ebenso einklagte wie die Rückkehr der Hochzeiten einer emanzipativen Rhetorik nach den zwölf Jahren ihrer diktatorischen Unterdrückung gegenüber einer lauten, aber unlauteren Propaganda. Curtius hatte sich schon zu Beginn des Jahrhunderts nach dem Ersten Weltkrieg in die Konflikte Deutschlands mit dem „Erbfeind“ Frankreich eingemischt. Konkret mahnte er im Kontext der Besetzung des Rheinlandes, genauer, der von Maurice Barrès vertretenen Annektionspolitik der „penetration pacifique“, die Gemeinsamkeiten der Kulturen an, insbesondere gerade der Literatur, der intellektuellen Kultur und europäischen Denktradition in dieser historisch gesättigten Topographie rund um den Rhein. Diese Topographie und ihre Geschichte gehört zum Gegenstandsbereich des Instituts „Moderne im Rheinland“.

Das Saarland ist heute in der mentalen Selbstpositionierung der Zeitgenossen weiter weg vom Rheinland, als es lange Zeit war. Das sollte nicht so sein. Auch auf diesem Wissenschaftsfeld lohnt es, an alternative Vergangenheiten anzuknüpfen. Die Autoren im „Bund rheinischer Dichter“, der zum Gegenstandsbereich der Forschungen des Instituts zählt, dachten z.B. vor hundert Jahren wieder einmal ganzheitlich und verstanden das Saarland als Teil der Herausforderung, die ihre Zeit bereithielt. Sie wollten nach dem Ersten Weltkrieg einen ‚Völkerfrühling‘, der in Gedichten, Manifesten und Reden beschworen wurde.1 Damit vertraten sie ein Projekt der europäischen Identität, das in unseren Diskurs gehört. Doch zwischen dem Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass, dem sich diese Tagung verdankt, und unserem Institut gibt es schon eine Geschichte, die hier und heute weitergeschrieben wird. Das Symposium zu Yvan Goll, bei dem wir hier, an der Universität des Saarlandes und dem Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass, zu Gast sein durften, um diesen Europäer und für beide Institute wichtigen Zeitgenossen der Moderne einmal in den Blick zu nehmen, haben wir als großen Gewinn erfahren. Und so nehme ich den Verweis auf Curtius noch einmal auf und betone die wissenschaftliche, kulturpraktische und, last but not least, die persönliche Bereicherung, die diesen Diskurs möglich machen, auch die Anreicherung, die wir hier einmal mehr in den gemeinsamen Topf hineingeben. Ich bedanke mich für die Einladung, die Arbeit und das Konzept des Instituts hier vorzustellen und damit eine weitere, nun auf das wissenschaftliche Selbstverständnis des transdisziplinären Diskurses zur Identitätsproblematik zielende Perspektive zu eröffnen.

Wir treffen hier zusammen als gelernte Literaturwissenschaftler:innen, und sind doch immer auch Historiker:innen, Medien- und Kulturwissenschaftler:innen. Wir haben uns innerhalb unserer Disziplin bewegt, es hat uns bewegt, wir wurden bewegt. Wo begegnen wir uns aktuell, können wir uns hier und jetzt betreffen lassen? Um das herauszufinden, tauschen wir Erfahrungen aus, lassen uns in die Karten schauen. Ich spreche hier in Absprache und Rollenverteilung mit Jasmin Grande, der stellvertretenden Leiterin des Instituts „Moderne im Rheinland“. Mit ihr habe ich gemeinsam Vieles erarbeitet, zurzeit stehen Reste zum Thema „100 jahre bauhaus im westen“ und das Projekt „Die Bonner Republik. Forschung – Diskurs – Öffentlichkeit“ an. Letzteres ist transdisziplinär, insbesondere auf der Ebene der Philosophischen Fakultät angestoßen, also im Bemühen, eine fächersprengende Identität in der aktuellen, oft allzu spartengläubigen Universitätslandschaft zu realisieren. Ist das Neuland?

Es gibt bekanntlich keine historische „Stunde Null“, die Jasmin Grande für das Projekt „Bonner Republik“ als Narrativ der Nachkriegszeit als Herausforderung angenommen hat, auch nicht für die Forschungen, die uns hier, heute und morgen beschäftigen werden. Und so gibt es auch keine ‚Stunde Null‘ hinsichtlich der Fundierung unserer Beschäftigung mit Regionen. Unsere Antwort auf diese wissenschaftliche Herausforderung ist die „Rhetorik der Region“. Diese theoretische und methodische Leitlinie ist in diesem Diskurs des Instituts seit langem virulent vorhanden. Konkret wurde sie mit der Titelgebung „Rhetorik der Region“. Es handelt sich um einen seit den späten 1990er Jahren vertretenen Forschungsansatz, der uns seither begleitet und natürlich weitergedacht wird.

Für uns, das Institut „Moderne im Rheinland“, gab und gibt es Haltepunkte bei der Suche nach Ausdifferenzierung der theoretischen und methodischen Implikationen des Zugangs zur Analyse von Kulturtopographien:

1 Die 1990er Jahre: Die Existenz zweier An-Institute an der Heinrich-Heine-Universität, nämlich analog zum Moderne-Institut das Eichendorff-Institut, das sich der Erforschung Oberschlesiens widmete, führte zu komparatistischen Blicken auf kultursoziologische und literarhistorische Zusammenhänge. Schon in diesem Diskurs war das Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass dabei. Das Vergleichsmoment ergab sich insbesondere mit den literarischen Quellen. Oft sind es poeta minores oder allzu heimattümelnde, ja, bedingt durch die für alle drei Regionen vergleichbaren aggressiven Grenzdiskurse entsprechende Kontexte, durch vergleichbare Herrschaftsdiskurse mit annektionistisch instrumentalisierten Autoren auch ideologisch armierte Texte. Wenn uns nicht dieses kulturwissenschaftliche Interesse geleitet hätte, wäre es uns schlecht ergangen. Jedes methodische, an den Maximen der Werkimmanenz und ihrer Vorliebe für eine rein ästhetisch dimensionierte Höhenkammliteratur orientierte Programm hätte eine wahre Kassationsorgie zur Folge haben müssen. Der verbleibende Rest an Literatur hätte sehr bescheiden ausgesehen! Noch folgenreicher: Das eigentliche Interesse an Literatur und Kultur in Regionen ließ sich damit überhaupt nicht angehen. Ein paradigmatischer Wechsel in der Fragestellung musste vollzogen werden.

2 Das erste Jahrzehnt in den 2000er Jahren bot weitere Perspektiven mit zwei DFG – Tagungen: „Kulturtheorie und Region“; und „Konstruktionsprozesse der Region unter dem Aspekt der europäischen Moderne“2 sollten die Forschungen zur Kultur in der Region fundieren. Hier wurde der gezielte Rekurs auf das tradierte und erstaunlich leistungsfähige Element der artes liberales noch ein wenig als Provokation in den Diskurs eingeführt. Doch die Perspektive wurde deutlich herausgearbeitet: Kultur ist, im Denken und der Pragmatik der Rhetorik, Gestus, erkennbar in Strukturen und generell als Transfer von Bedeutung zu lesen: produktions- und rezeptionsästhetisch relevant.

3 Das zweite Jahrzehnt begann mit einem EU-Antrag im Rahmen des „Seventh Framework Programme“ zum Thema „TRIANGLE – Tri border areas as reality, paradigm and challenge for Europe“. Es führte aus dem Dilemma heraus, jede Region, die historisch als Grenzregion eine spezifische Geschichte mit sich führt, in bipolaren Mustern zu denken, diesseits und jenseits der Grenze Identität und Alterität zu verankern. Genau das, so zeigte sich mit der Ausdifferenzierung der Forschungen zur Erinnerungskultur, über Pierre Nora bis zu Jan und Aleida Assmann, ist zu eng gedacht.

4 In den vergangenen Jahren haben Jasmin Grande und ich eine eigene Forschungsperspektive ausgearbeitet. Sie umfasst die Weiterentwicklung und Anwendung der „Rhetorik der Region“, darüber hinaus hat Jasmin Grande den Diskurs weiterbewegt, wie sich im nachfolgenden Beitrag erkennen lässt. Konstant bleibt dabei das Denkbild Dreiländereck. Das wollten und wollen wir als Paradigma entwickeln, um jeder bilateralen Versuchung trilateral zu entkommen. Damals war TRIANGLE ein EU-Antrag in der dort weitgehend festgelegten Dimension einer „large Challenge“. Wir mussten dennoch zugreifen, um das Thema der grenzüberschreitenden kulturhistorischen Forschung zu vertiefen. Konkret musste unser Projekt Mindestkosten von vier Millionen Euro einplanen. Das Geld für die Antragstellung hatte uns das Wissenschafts-Ministerium des Landes Nordrhein-Westfalen zum zehnjährigen Bestehen des Instituts geschenkt. Wir haben den Zuschlag bei einer zu erwartenden Erfolgsquote von 7,5% für EU-Projekt im Bereich Kultur nicht bekommen, aber etliche internationale Diskurse zu Dreiländerecken vom Bodensee bis zur Gemengelage von Kaschuben, Polen und Deutschen in Danzig zu „Konferenzen“ und Kooperationen generiert. Immer im Blick: das Paradigmatische des dreidimensionalen Blicks und die dazu entwickelten methodischen Konzepte: damals in Zusammenarbeit mit u.a. einem sozialwissenschaftlichen Institut in Wien, das mit dem Ansatz der Sozialkapitalforschung eine Vergleichsebene ausdifferenzierte und für die Untersuchung von nationalen Nachbarschaften fruchtbar machte. Wir haben daraus z.B. eine Möglichkeit entwickelt, solche Nachbarschaften in Dreiländerecken, also komplexe Zusammenhänge vermittels der „Sympathograhie“ erkennbar zu machen. Diese Form der Analyse der jeweiligen Urteile über den angrenzenden ‚Anderen‘ sind für nationale Literaturdiskurse geradezu ideal. In einem der Diskurse, nämlich auf der Suche nach der „Gedächtnistopographie“ waren die Saarbrücker Forschungen beteiligt. Konkret war es das mit der Universität Danzig und dem dortigen Kaschubischen Institut realisierte Symposion „Gedächtnistopographien in trilateralen Räumen“. Es gab viele Fragen: Gibt es Gedächtnis-Identitäten: natürlich und sehr laut und im Blick auf die Literaturgeschichte: ja! Wie begegnen sich die Ebenen? Wo werden sie greifbar? – Für das Institut gab es zu diesem Zeitpunkt eine klare Linie, ja, eine Antwort. Im Bescheidenheitsgestus formuliert: der Versuch einer Antwort. Wie in der Antike eine Vorstellung davon herrschte, dass das Gehirn ein Ort des Gedächtnisses ist, der die Gegenwart analysierbar und sinnvoll strukturierbar macht, lässt sich auch heute noch ein Ort ausmachen, sozusagen das heuristische Land, auf dem die Regeln dieses Systems anwendbar sind: Nennen wir sie: Kulturtopographie.

5 Das Institut Moderne im Rheinland ist dabei, mit diesem Begriff Kulturtopographie kultursoziologische Arbeitsschwerpunkte, z.B. zu literarisch-kulturellen Gruppenbildungen, etwa „Künstlerkolonien“ zu bündeln und auszubauen. Genau genommen vertritt auch das Institut „Moderne im Rheinland“ selber eine Kulturtopographie. Im Kontext einer Tagung zur Erinnerung an 100 Jahre Sonderbund im Kölner Walraff-Richartz-Museum haben wir diese nationale Besonderheit für die Moderne in Deutschland sozusagen für uns reklamiert. Mit dieser Vergangenheit ergibt sich ein Konstrukt und doch auch lebendige Gegenwart, wie hier zu sehen, doch zukünftig auch weiter zu fassen sein würde, z.B. mit Fragen nach dem, was die Bonner Republik zu einer Kulturtopographie macht; und was mit dieser kulturwissenschaftlichen Sicht auf historische Zusammenhänge der Geschichtsforschung überlegen ist, wenn es um das Verständnis der Formate, der leitenden Ideen, der kulturellen Identität geht, die eo ipso den Verlauf der Geschichte lenken.

Die Aktualität der Rhetorik

Einen Rückgriff auf längst überholt Scheinendes bedarf der Legitimation und Erprobung:

Die Rhetorik war in der Antike eine anwendungsorientierte Kulturtheorie und -praxis. Diesen Standpunkt haben wir genutzt und sprechen von der „Rhetorik der Region“. Das Thema impliziert eine Frage: Ist der Begriff „Rhetorik“ nicht schon längst zu eng? Das wollte auch das Wissenschaftsportals L.I.S.A. der Gerda Henkel-Stiftung im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit von regionaler historischer Forschung wissen.1 Ja und nein: Der Begriff „Rhetorik“ verweist auf eines der tragenden Elemente unserer europäischen Bildungsgeschichte und es wäre ein Fehler, ihn in einem arroganten Akt als überflüssig oder überholt zu streichen. Tatsächlich lässt sich „Rhetorik der Region“ geradezu als Leitfaden, als unerschöpfliche Versicherung lesen für die Stabilität, die in die Streitdiskurse um die Identität von Regionen immer im Spiel ist, und wie man gerade im Blick auf die Streitdiskurse um den realen oder/und symbolischen Ort im Feld „Hauptstadtregion“, das wir uns gerade im Rahmen des Forschungsprojektes „Die Bonner Republik“2 anschauen, durchaus sehen kann. Der Stabilität, die der Begriff und die Geschichte der Rhetorik in sich tragen, begegnet mit dem Begriff „Region“ ein weitaus weniger leistungsfähiger Referenzort. Einen solchen suchen wir, wenn es um eine „Rhetorik der Region“ gehen soll.

Dennoch: Aus der Erkenntnis der vergangenen und gegenwärtigen Forschungsprojekte sollte der Begriff Region durch den Begriff Landschaft nicht getilgt, aber ausdifferenziert werden. Landschaften sind Teil von fluiden Topographien. Sie sind Konstrukte mit hohem Symbolwert, machen Regionen generierbar. Sie bergen die latente Kraft, Veränderungen und Verschiebungen zu suchen, zu fördern, kulturpraktisch (etwa mit der poetischen Version) zu begleiten. Eine Landschaft ist mehr als ein Konstrukt mit geologischen Besonderheiten. Ja, das materiale und zeitlose Phänomen „Region“ zieht als „Landschaft“ einen mehrfachen Schriftsinn an sich. Ein Blick auf den Rhein und das, was darüber geschrieben wurde und wie er in die Politik einwirkte, beweist das. Da geht es z.B. um eine Entwicklung vom ‚romantischen Rhein‘ zum ‚eisernen Rhein‘. Der Blick auf das romantische Herzstück des Rheins zwischen Koblenz und Bingen und die Genese der Seelenlandschaft, die wir damit verbinden und in der Literatur reichlich bedient finden, wandelt sich in den 1920er Jahren zum Ruhrgebietsrhein. Die Industrialisierung spielt eine Rolle, ebenso die politische Landschaft. Beides hat die Autoren im „Bund rheinischer Dichter“ bewegt. Sie verabschiedeten sich von der Romantik, die im Zuge der Genese einer „Politischen Romantik“ die fatale Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland hochgeschraubt hatte, und siedelten sich um Duisburg als zentralem Ort des „eisernen Rheins“ und der kulturellen Moderne des 20. Jahrhunderts wieder an. Die „Ruhrbesetzung“ lässt sich in diesem Zusammenhang ebenfalls als politisches Ereignis lesen, aber auch als Adaption einer Region für die Literatur. Dieser Wechsel einer Landschaft bestimmte die 1920er Jahre. Ein weiteres Beispiel, das eng mit dieser Bedeutungsverschiebung zu tun hat: Von Westfalen als traditioneller agrarischen Landschaft ging es in dieser Zeit ins Ruhrgebiet. Ein Teil, Ostwestfalen und Schaumburg-Lippe blieben weitgehend in ihrer Identität erhalten, der westliche Teil Westfalens verbündete sich mit dem Ruhrgebiet. So entstanden das eigentliche „Ruhrgebiet“, die Ansammlung von Städten mit Kohle- und Stahlindustrie, und dem Teil eines „Ruhrgebiet-Westfalen“, das zwischen Industrialisierung und verbleibender und erinnerter agrarisch-stammesbiologisch behaupteter Identität beiden Seiten gerecht zu werden versuchte oder opponierte. Literarische Gruppen wie die „Ruhrland-Gemeinschaft“ haben diesen Landschaftswechsel literarisch aufgegriffen. Die Dortmunder Gruppe 61 fundierte in der Nachkriegszeit die erst in den späten 1920er Jahren zögerlich ansetzende Literatur eines Ruhrgebiets, das bereit war, sich über den Begriff „Arbeit“ befragen zu lassen.

Fazit: Unser Projekt ist dem Erkenntniswert differenzierter Landschaftskonstrukte verpflichtet. Dabei richtet sich das Interesse auf das Landschaftskonstrukt „Rheinland“ – ebenso wenig mit genauen Grenzen festzuzurren wie der mäandernde Rhein selbst. Stromlandschaften sind, wie gesagt, fluide Topographien. Solch poltisch-gesellschaftlich geprägte Landschaftskonstrukte, die sich wandeln, sind ein Indikator für Regionen, lassen fragen, wie differenziert und nachhaltig (= LVR-Jargon) diese Verschiebung ist und als wie verwandlungsfähig sich dieser Hang zur Identitätssuche erweist. Der wissenschaftliche Zugriff ist die daraus folgende Aufgabe zur Vergewisserung, Auseinandersetzung. Daraus folgt die Frage nach dem Beitrag zur Prägung von Landschaft insgesamt. War die Veränderung eine kulturelle Erneuerung? War sie ein positiver Impuls? War sie oktoyiert, oder auch eine symbolische, wütende Abwehr à la Carl Einstein, dem im rheinischen Neuwied und in Karlsruhe, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Frankreich aufgewachsenen Schriftsteller und Ästhetiktheoretiker: „Landschaft ist eine archaische Frechheit – zerschlagen wir uns direkt“.3 Folgt daraus ein ästhetisches Prinzip? Wie vollzieht es sich? Wie z.B. wurde aus der sensiblen Rheinromantik die Rhein-Wein-Lyrik? Wie und wo ist dieser Wandel ablesbar, wird ein Gestus daraus? Eine Menge an Fragen. Aber genau dies macht die Rhetorik aus: Sie ist die Kultur des Befragens.

Für solche Befragungen haben wir einen Standpunkt, vertreten die Interessen einer Topographie, wissen um die fluide Topographie und denken immer ein Drittes mit: eine Heterotopie. Doch ein weiteres Element ist in der Titelmatrix des Instituts angelegt: die „Moderne“. Was hat es damit auf sich?

Regionen sind abstrakte terrae, geologisch zu vermessen und zu analysieren. Sie werden von politisch wirkenden Kräften verwaltet, ins Spiel gebracht, mal gut und mal schlecht behandelt. Landschaften sind mehr, binden Natur und Kultur zusammen und haben ihre eigene Würde. Sie sind nichts ohne die, die sie erkennen und auf den Punkt bringen, die ihrerseits nicht minder abhängig von etwas sind, was diesen Landschaften offensichtlich zu eigen ist und sich zu einem identitätsbildenden Prozess anbietet. Ein solcher Prozess kommt, wie z.B. gänzlich landschaftsunabhängig scheinende Intellektuelle und Dichter beweisen, da vor, wo wir sie am wenigsten vermuten. Das gilt für die produktionsästhetische Seite wie für die rezeptionsästhetische. Sie sind vor allem deshalb für eine Kulturwissenschaft, wie sie das Institut „Moderne im Rheinland“ mit seiner theoretischen Fundierung mit einer „Rhetorik der Region“4 vertritt, von Belang, weil sie sowohl mit ihrer subversiven Kraft überzeugen, als auch wegen ihres Identitätsbegriffs schlechthin unabdingbare Notwendigkeit sind im Diskurs um den Identitätsbegriff schlechthin, den Begriff von „Heimat“. Sie werden geradezu als Zeugen gegen jede Heimattümelei und einen sentimentalen wie rückwärtsgewandten Heimatbegriff auftreten. Sie retten etwas, was als sensus literalis keinen Anspruch auf Rettung haben dürfte, weil ein solcher Anspruch auf Heimat nichts mehr als einen Herrschaftsanspruch, ins Private verabsolutiert, bedeutet. Ihm zur Seite ein Verständnis von Heimat, das nicht mehr zu bieten hat als die Funktion eines Fluchtraumes. Der Identitätsbegriff „Heimat“, im Sinn unserer literarischen Zeitzeugen verstanden, meint dagegen keinen grenzziehenden, markierten und exklusiven Raum, sondern etwas weit Ausstrahlendes, wie bei Einstein, eben jene geistig-historische Landschaft mit ihren markanten Zentren, die wie eine Semiophore mehr verwaltet als ein persönliches Interesse oder Vorrecht. Sie muss quasi ‚dreieckig‘ angeordnet sein: jede ins Absolute drängende Aneignung und Ins-Rechtsetzung gegenüber dem Anderen, nicht Dazugehörenden, würde vom Dritten widerlegt. Nur so lässt sich nach „Moderne“ als dem Verhältnismäßigen fragen, ohne einem populistischen Verdikt zu folgen. Bipolare Seitenwechsel verengen!

Die Rhetorik als „Lehre“ zur Identitätsfindung

Warum lässt sich von der Region zur Landschaft, nicht aber von der Rhetorik ins Postrhetorische wechseln? Sie, die Rhetorik, hat das Wechseln sozusagen im Blut! Es gehört zu ihren Generierungsregeln:

Rhetorik betrachtet die Produktions- und Wirkungsästhetik von Sprache bis zu dem Sprachspielen und materialen Äquivalenten auf der Ebene der Produktion, ebenso aber auch als lebendiges Feld aktiver Rezeptionen und letztlich als Erinnerungskultur, die zu enträtseln und beschreibbar zu machen keine andere Kulturtechnik so geprägt hat wie die Rhetorik. Ihr naiver Ansatz der inventio ist nichts anderes als ein Bild für das kulturelle Gedächtnis. Politik, Kultur, Bildung, nichts existiert davon ohne die Verständigung über das Element Sprache, Bild, Gestus, zugleich auch die Verständigung über die Regeln des Verstehens: Theorie und Methodik als Säulen von Wissenschaft waren hier immer im gemeinsamen Boot, selbst in den Zeiten von Ideologie und intendiertem Nichtverstehen.

Es gibt Gründe, für die Rhetorik zu werben: Die Tübinger Rhetorikschule, von der ich gesprochen habe, hat den Zusammenhang von Welt und Gesellschaft als substantielle Faktoren, denen mit der Funktion der Rhetorik erst die Möglichkeit einer adäquaten diagnostischen Korrespondenzdisziplin gegeben wurde, eindringlich formuliert. Dort ist auch das Grundgesetz einer demokratischen Rhetorik aufgestellt worden, mit der die Identität von Reden und Wollen festgeschrieben und deren gesellschaftliche Relevanz bewiesen wird. Nicht von ungefähr geht dies zeitgleich mit dem Gadamer / Habermas Diskurs zum Universalitätsanspruch der Hermeneutik. Wenn aber zeitgleich das Rhetoriksystem in den Anwendungsbereichen Werbung und Managerschulung ausgeschlachtet wurde, so zeigt dies zwar die konstante, gegenwartsadäquate Leistungsfähigkeit, zugleich aber auch die Gefahren einer nur die Oberfläche persuasiver Kommunikation abschöpfenden Anwendung. Dass diese funktionale Beschränkung nicht notwendig, sondern die Rhetorik in einem viel weiter reichenden Sinn nutzbar zu machen ist, könnte ihr Einsatz in der kulturwissenschaftlichen Forschung beweisen.

Rhetorik ist vom Denkbild her geradezu auf das Phänomen Erinnerung fixiert. Sie zeigt aber auch, dass Erinnerung nur dann rezipierbar ist, wenn sie in eine Form gegossen als Kulturträger anzutreffen ist. Nicht zuletzt gibt sie den Weg an, wie sie entstanden ist, also ins Zeichen gefunden hat, und wie sie wieder dechiffrierbar wird. Dazu lässt sich die Theorie der loci hervorragend einsetzen. Begriffe wie „Denkbild“, „Erinnerungskultur“ und deren Varianten, Erinnerungsorte, Memorialia etc., haben hier ihren Platz. Hatten die alten Griechen in anschaulicher Weise nach den Örtern ihres Gedächtnisses gefragt, wenn sie sich auf eine Rede vorbereiteten, lässt sich auch heute noch für jede Form der Mündlichkeit, für jede Rede, aber auch für jede Form der Schriftlichkeit die antike Locus- oder Toposlehre mit Gewinn heranziehen. Ist es das private Gedächtnis, das Auskunft gibt über die loci ad personam, die in einer epideiktischen Rede zu bedenken sind, entsprechen dem die Akten in der Juristerei, die Archivalien in den Geschichts- und Geisteswissenschaften, nicht zuletzt das Wissenschaftssystem, das Träger vieler Schubladen ist, aus denen schriftliche und mündliche Zeugnisse hervorgezaubert werden können, um Erkenntnisse zu reproduzieren. Das Rhetorik-Lehrbuch von Gert Ueding und Bernd Steinbrink bietet einen differenzierten Katalog kritischer Fragen, der nur noch für das anstehende Problem der komparatistischen Regionalforschung wei­tergeschrieben werden muss.1 Ist es die loci-Lehre, die eine quellenkritische Arbeit und damit die Qualität von Forschung sichert, wird es keine mündliche und schriftliche Äußerung geben können, die ohne negative Konsequenzen auf die Denkbilder der Redeproduktion verzichten könnte. Ihre Phasen der Produktion folgen ebenfalls nicht nur der Tradition, sondern sind auch einem anthropologisch und in abendländischer Tradition angereicherten und dem Gedächtnis inskribierten Ablauf unterworfen. Jeder Manager, der eine Rede vor seinen Aktionären hält, jede Werbung, vermittels derer Buttermilch oder Babywindeln verkauft werden sollen, wird diesen Fundus wahrnehmen. Überschreibungen des Gedächtnisses, wie sie die kulturwissenschaftliche Forschung so sprachreich analysiert, hat ohne Kollisionen in dieser antiken Theorie und Praxis Platz. Die in die Kulturwissenschaften drängenden Ansätze der Gedächtnisforschung, etwa durch die Arbeiten von Maurice Halbwachs2 oder Pierre Nora3, geben diesen Vorstellungen ein naturwissenschaftlich begründetes Unterfutter. Achim Landwehr4 hat mit seinem „Essay zur Geschichtstheorie“ unter dem Titel Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit 2016 eine Fundierung für die Gegenwart vorgelegt. Doch nicht nur unsere Fakultät arbeitet daran:

Hier wären die Forschungen und die durchaus offensive Wissenschaftspraxis des Münchner Neurowissenschaftlers Ernst Pöppel von Bedeutung. Als Leiter des Humanwissenschaftlichen Zentrums an der Maximilians-Universität hatte er als einer der Pioniere im Sinne einer „Sinnesphysiologie“ die neurologische Vernetzung zu seinem Thema gemacht. Ganz im Sinne der Rhetorik kommt er zu einem Begriff, der deren Fundierung aufgreift und weiterschreibt. Die Leistung des Gehirns, das eine Fülle von Informationen ungeordnet aufnimmt und sie intern vernetzt, lässt sich in diesem Begriff „Syntopie“ anschaulich machen und damit unserem Bild von „Kulturtopographie“ wie eine Art Skelett oder besser Röntgenaufnahme zur Seite stellen. Pöppel wird mit seiner Syntopie zum Vermittler einer aktualisierten Rhetorik, die zugleich eine Synthese der Wissenschaften, implizit damit der Kulturen und kulturellen Praktiken leistet. Im Interview mit Christiane Fricke hat Pöppel den Begriff „syntopische Landschaft“ umschrieben. In Pöppels Definition sind Bild und Speicher faktisch zwei Seiten eine Medaille:

Der Begriff […] ist mit einer personalen Identität verbunden. Wenn man sich fragt, was macht eigentlich mein Ich aus, […] dann stellt man fest, dass es die Bilder sind, die ich aus meiner Vergangenheit in mir trage. Es prägen sich also in mir Bilder ein, die meine Lebensgeschichte erst eigentlich ausmachen, und zwar aus einem abrufbaren bildhaften Gedächtnis. Diese Bilder sind immer mit Orten verbunden. Es sind immer Orte, an denen etwas geschehen ist. Das heißt für mich, dass Syntopie die Grundlage bzw. der Begriff ist, um per­sonale Identität fassbar zu machen. […] Ich vertrete im Übrigen die These, dass die Orte wieder wichtiger werden, weil wir immer virtueller kommunizieren.5

Die Rhetorik überzeugt bis heute als elaboriertes methodisches Konzept eines systematischen Erfragens. Hier begegnet es sich mit den Aufgaben einer Kulturwissenschaft und macht, wie gezeigt, das gesamte Feld der topoi/loci-Lehre interessant und aktualisierbar. Dies gilt auch im Verbund mit weiteren Bereichen dieser erkenntnisträchtigen Disziplin. So ordnet sich die topoi/loci-Lehre in das System der partis artis, der Konzeption der fünfphasigen Bearbeitung jeder Rede ein:

Befragt man das System der Rhetorik, so zeigt es sich gerade in dieser Redelehre und den sie anthropologisch stützenden Anweisungen als kompetenter Partner. Die Leistungen der Rhetorik sind für jede der partes artis von beträchtlichem Wert und können in bemerkenswerter Weise für die wissenschaftlich-analytische Ar­beit an einer Kulturgeschichte der Region übertragen und genutzt werden:

1 Die inventio wird weitergeschrieben in einer Theorie der Erinnerung. Sie ist mit dem topoi/loci-Verständnis der Antike gegeben. Die topoi/loci-Lehre vermittelt einen Fundus von Zeichen, der sich als Erinnerungsschatz in allen bewahrenden Institutionen und Medien, aber auch der privaten Erinnerung bereithält.

2 Die dispositio prägt den strukturierenden, intentionalen Umgang mit der Erinnerung. Hier setzt die Fundierung der Erforschung von Räumen und Regionen über die Analyse ihrer unbewussten, intendierten und subversiven Wirkungsmuster an, z.B. der politischen Programmschriften, in denen sich die planerischen Investitionen zur Erreichung politischer Ziele zeigen, z.B. die offiziellen Vorgaben für die groß angelegten Jahrtausendfeiern, nach denen sich alle lokalen Ereignisse auszurichten hatten. Texte und Zeichen waren immer auch bewusste Inanspruchnah­me des Erinnerungsarsenals.

3 Die elocutio und das darin aufgehobene System des ornatus spielt im kultu­rellen Feld naturgemäß eine wesentliche Rolle. Hiermit können die lite­rarischen und künstlerischen Zeugnisse in ihre Gestalt- und Zeichenhaf­tigkeit erkannt werden, z.B. gibt die Veränderung des Loreley-Mythos bis in die Kompilation von Loreley und Germania ein ausdifferenziertes Spektrum von Beschreibungsmöglichkeiten. Der Wechsel der Bildsprache etwa, die an die Stelle des üppigen Blondhaares eine Pickelhaube setzt, die sinnliche Nacktheit der mythischen Figur, die durch einen rüstungsstarren Panzer ersetzt wird, lassen Erkenntnisse über die Entwicklungen der regionalen und die impliziten Überschreibungen mit der nationalen Identität zu.

4 Die memoria gibt die Logik und Praxis der Erinnerungskultur ab, denn schon die Alten wussten, dass das Gedächtnis ein vorstrukturierter, ebenso anthropologisch übergreifender Kulturträger ist, dem man nicht entgegen arbeiten kann. So wird die Memorierung der Rede sich an deren Struktur anbinden, wie umgekehrt die Verfertigung der Rede nicht ohne die Beachtung ihrer Vermittlungsregeln sinnvoll möglich ist. So ließe sich die Fülle inszenierter memoria einmal durch eine Feldforschung zur Vernetzung der in jeweiligen Zeiten mit der entsprechenden Kompetenz ausgezeichneten Sammler kultureller Erinnerung – Archive – und der heutigen Struktur regionaler Erinnerungsträger – Archive und Forschung – weiterführen.

5 Die pronunciatio motiviert zu einem Blick auf die Adressaten der kulturel­len Produktion bis hin zu den Systemen, derer sie zur Vermittlung be­darf und die sie nutzt. Hier bedarf es einer Fülle von Einzeluntersu­chungen, die einfließen in eine Analyse der Medien und Institutionen, die für die Ankunft von Botschaften sensibilisieren – alle Sozialisationsinstanzen von der Wiege bis zur Bahre –, die den Transfer tragen oder unterwandern – von den Zeitungen, Büchern, Rundfunk- und Fernsehanstalten bis zur grauen Literatur, von den großen und kleinen, scheinbar bedeutenden bis unscheinbaren Gruppen, die Abnehmer von Spra­che und Zeichen sind.

Die Übertragung bzw. Anwendung der Bearbeitungsphasen, der partes oratoris ließen sich auf der Produktionsseite ebenso verfolgen wie auf der der Rezeption und zwar bis in die Strukturierung von Aussagen, z.B. den Texten und der Bildsprache eines Denkmals oder einer Münze. Sie lassen sich darüber hinaus mit dem System der Tugenden sprachlicher Darstellung, den virtutes elocutionis, kritisch prüfen.

Auch die Aufgaben des Redners können der Entschlüsselung seiner Absichten, aber auch seiner Kompetenz dienen: Als officia oratoris ist in ihnen Logik, Ethos und Pathos zu sichten, somit die intellektuellen und affektiven Muster wahrzunehmen. Auch hier bietet sich ein immenses Anwendungsfeld, beispielsweise in der Ausarbeitung der Gestaltung von Ausstellungen, wie bereits ein flüchtiger Blick auf eine Ausstellung wie die über „entartete Kunst“, mit denen sich die Nationalsozialisten öffentlich machten, beweist.

Diese analytische, in der Weiterschreibung und Aktualisierung der Rhetorik fundierte Praxis einer Erforschung von Region/Landschaft hätte nach dem Prinzip der Evidenz einige Chancen, nicht nur die Stereotype quantitativ und qualitativ herausstellbar zu machen, sondern auch die progressiven Muster, politische Zielvorstellungen und die ihnen zutiefst zugrunde liegenden und eingeschriebenen Humanitätsmuster zu zeigen.

Vor allem ist die Rhetorik überaus neugierig. Eine wunderbare, wissenschaftsträchtige Fundierung: Sie macht aus Prinzip neugierig, unsere Regionen zu befragen und sie zu einer komparatistischen Rhetorik von Region und Landschaft weiterführen, Kultur als Gestus ernst zu nehmen.

Literaturbegriffe und Literaturwissenschaften im Kontext von Kulturtopographien – Mit einem Fokus auf die Matrix des An-Instituts „Moderne im Rheinland“

Jasmin Grande, Düsseldorf

2019 und 2020 jährte sich die Gründung der „Moderne im Rheinland“ als Arbeitskreis ebenso wie als An-Institut zum 30. bzw. 20. Mal.1 Ausgangspunkt für den ministeriellen Gründungsappell zum Arbeitskreis Ende der 1980er Jahre war der Mangel an interdisziplinärer Forschung zur Region. Mit der Anbindung zunächst an die Aachener Germanistik über den damaligen Lehrstuhlinhaber Dieter Breuer und seit 2001 an die Düsseldorfer Germanistik über Gertrude Cepl-Kaufmann, steht die home base der „Moderne im Rheinland“ in der Germanistik. Ausgehend von einem komparatistischen Wissenschaftsbegriff arbeitet das An-Institut über Regionen und Modernen, insbesondere das Rheinland und dessen Moderne. Über Jürgen Wiener als zweitem Vorsitzenden des Arbeitskreises hat in den letzten Jahren verstärkt eine Anbindung an das Institut für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf stattgefunden.

Die Moderne im Rheinland hat in der Vergangenheit, mit ihrer Befragung der Rhetorik der Region, der Gedächtnistopographien im Vergleich sowie der Arbeit an einer Kulturtopographie der Bonner Republik Schwerpunkte gesetzt, die auf die Relevanz von Ausstellungen für die Region,2 den Kirchenbau in der Moderne,3 den Transfer von Avantgarde im Wissensbegriff4 oder auch das Spannungsfeld einer regionalen Moderne zwischen Kunst, Literatur, Engagement und Diskurs aufmerksam gemacht. Mit dem Forschungsschwerpunkt der „Bonner Republik“ gerät insbesondere im Vergleich zur frühen Moderne ein Zeitraum in den Blick, in dem sich die Literatur an ihrem raumbeschreibenden Potential in der Erkundung eines bundesrepublikanischen Profils erprobt hat. Sei es in Form von Schriftstellervereinigungen wie der Dortmunder Gruppe 61,5 der eine vergleichbar enge Kooperation mit Künstler:innen, wie es 1919 z.B. im „Jungen Rheinland“ oder im Aktivistenbund stattfand, nicht nahe lag. Sei es in Form von poetologischen Strategien, wie Rolf-Dieter Brinkmanns Auseinandersetzung mit Köln oder Karin Strucks Texten aus den 1970er Jahren,6 die in ihrer Arbeit an Unmittelbarkeit und Authentizität einen mentalitätsgeschichtlichen, von der Region her gedachten literarischen Raum der BRD entwerfen.7 Wo die Anfänge der Moderne ein Plädoyer für das Miteinander der Künste führen, versucht die deutschsprachige Postmoderne die Befragung von Bild und Text über den Text zu lösen.

Nicht zuletzt die Position zwischen den Disziplinen und der daraus motivierten Blickwechsel haben die literatur- und kulturtheoretischen Reflexionen des eigenen Forschungszugriffs motiviert, in die auch wissenschaftstheoretische Fragen hineinspielen. Dementsprechend ist das Nachdenken darüber, wann die Forschungsobjekte der Kunst und wann sie der Literatur zugehören, inwiefern dies die Perspektiven auf die Region verändert ebenso wie der Vergleich der theoretischen Positionen der Disziplinen und der divergenten Forschungspraktiken Teil des Diskurses im Institut. Denn bekanntermaßen hat die Ausdifferenzierung der Disziplinen zu Verständigungshürden zwischen den Vertreter:innen der einzelnen Fächer geführt, z.B. in Form divergierender Moderne-Begriffe in der Kunstgeschichte, der Geschichte und der Germanistik.8 Und während im 19. Jahrhundert die „historische Betrachtungsweise“ als verbindendes Element, „um die kaum noch existierende, aber dringend benötigte Geschichte einer Kulturnation zu rekonstruieren“,9 eine gemeinsame Wissensidentität für die Fächer der Philosophischen Fakultäten ermöglicht hat, so haben bereits die Autor:innen, Theoretiker:innen, Künstler:innen etc. der Moderne auf die Probleme einer historiographischen Systematik hingewiesen: „Es ist notwendig, das Gedankenwerk einer einheitlichen Historie zu zerstören. Jede Zeit schafft sich ihre Geschichte, durch die ihr gemäße Auswahl.“10 In der Literatur- und Kulturhistoriographie der Moderne spielen also neben Fragen nach den disziplinär motivierten Perspektiven eine ebenso große Rolle wie die Frage, wie die Vergangenheitsnarrative angeordnet und konstruiert sind und welchen Erkenntniswert der Anteil der Geschichte darin einnehmen kann.

Wie also funktioniert regionale Literaturgeschichtsschreibung im Kontext der Moderne? Eine Antwort auf diese Frage haben unlängst Britta Caspers, Dirk Hallenberger, Werner Jung und Rolf Parr publiziert. Sie arbeiten darin mit dem Konzept der Kulminations-/Knotenpunke:

Auf regionale Literaturgeschichtsschreibung übertragen bedeutet dies, das Handlungssystem Literatur (auf das die bisherigen Arbeiten zur regionalen Literaturgeschichtsschreibung hauptsächlich abheben) mit dem Symbolsystem Literatur (und damit der konkreten Ästhetik der einzelnen Texte) kurzzuschließen.11

Die Grundlage des Ansatzes bildet ein „interdiskurstheoretischer Zugriff“, der „nach denjenigen diskursiven Elementen [fragt], die Texte und Regionen gleichermaßen zugesprochen werden, […]. Damit aber können Regionen und Regionalitäten […] als ‚Kulturraumverdichtungen‘ begriffen werden […].“12

Dem Begriff der Kulturraumverdichtung ähnlich, allerdings stärker im medialen Arbeitsfeld der Kulturwissenschaften angesiedelt, ist der Begriff der Kulturtopographie, den Gertrude Cepl-Kaufmann für das Forschungsprogramm der „Moderne im Rheinland“ ausdifferenziert hat.13 Ausgehend von der Befragung einer Rhetorik der Region,14 die eine Methode zur Befragung von Ereignissen in ihrer regionenkonstitutiven Relevanz darstellt, rückte zunächst der Vergleich einer Gedächtnislandschaft im Dreiländereck15 und, daran anschließend, mit dem Forschungsschwerpunkt der „Bonner Republik“,16 die Frage nach der kulturwissenschaftlichen Verdichtung von Regionenentwürfen als Erinnerungsorten in den Blick und damit der Begriff der Kulturtopographie.17

Aus einer medien- und kulturtheoretischen Perspektive hat Hartmut Böhme das Thema der kulturellen Topographie bereits 2005 in einem umfangreichen Sammelband bearbeitet, dabei standen allerdings nicht die regionalen Aspekte deutschsprachiger Literatur, sondern vielmehr die raumtheoretischen Lesarten von Literatur im Kontext von Transnationalität im Fokus. Der Band ist damit dem Forschungsfeld der interkulturellen Literaturwissenschaft zuzuordnen, die nach den Transfers zwischen Fremdem und Eigenem fragt.18 In der Übertragung von Ereignissen und biographischen Stationen auf Karten, so zeigt Toni Bernhardt anhand der Geschichte der Literaturgeographie, ist dieses Nachdenken über das Verhältnis von Text und Raum vorgenommen worden.19

Der Schweizer Literaturwissenschaftler Michael Böhler, Co-Leiter und Nationaler Koordinator des trilateralen Forschungsschwerpunkts der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und des Schweizerischen Nationalfonds zu „Differenzierung und Integration. Sprache und Literatur deutschsprachiger Länder im Prozess der Modernisierung“ arbeitet mit dem Begriff der Kulturtopographien, allerdings ohne ihn methodisch zu klären.20 Im Fokus des Forschungsschwerpunkts stand die Untersuchung von „Vielfalt und Einheit der Literatur im deutschsprachigen Kulturraum unter dem Gesichtspunkt ihrer kulturtopographischen Ordnungsstrukturen und deren Dynamik“.21 Es ging in insgesamt 35 Projekten um die Frage, welche Karte sich als verbindendes Narrativ für die Gliederungselemente von „deutschsprachig“ und „Literatur“ entwickeln ließ. Neben der Relevanz regionaler Fragestellungen in der Ablösung nationaler Diskurse sowie einer Verschiebung des Fokus’ auf europäische Identitätsfragen, legten die theoretischen Verschiebungen des Literaturbegriffs im Kontext von New Historicism, Diskursanalyse/Kulturpoetik und Wissenspoetik die Grundlage zur Einrichtung eines trilateralen Forschungsschwerpunkts. Dementsprechend stellt Michael Böhler in seinem eröffnenden Beitrag für die regionale Literaturgeschichte fest:

Zu den Folgen des Nationalsozialismus und des Abdriftens der Germanistik in eine ‚Deutsche Wissenschaft‘ gehörte in der Nachkriegszeit in unmittelbarer Reaktion darauf der fast völlige Diskussionsabbruch von Fragen um binnenkulturelle Ausdifferenzierungen des deutschsprachigen Literaturraums in unterschiedliche Kultur- und Literaturlandschaften mit je eigenen Traditionslinien und literarischen Ausprägungen, die Ausblendung jener Fragen also, die im Zusammenhang mit dem Nationalliteraturdiskurs des 19. Jahrhunderts, teilweise schon im 18. Jahrhundert, eingesetzt hatten und die in der Folge mit wechselnder Intensität und zu je unterschiedlichen Zeitpunkten in Deutschland, Österreich und der Schweiz diskutiert worden waren.22

Böhlau zeigt, wie die Frage regionaler Literaturgeschichtsschreibung anfänglich nicht nur an ihrer eigenen Wissenschaftsgeschichte,23 sondern auch im theoretischen state of the art des Faches, der werkimmanenten Textinterpretation, in den 1950ern scheitert und über die Vorstellung, dass „nur das Mindergeglückte die Spuren seines Herkommens an sich trägt“24 die Suche nach einem übergeordneten – nationalen – Narrativ dennoch seine Dominanz behauptet. Dass nun seit 20–30 Jahren die regionale Literaturgeschichtsschreibung wieder an Konjunktur gewinnt, ist sicherlich auch ein Impuls, der aus der Arbeit an der Europäischen Gemeinschaft sowie dem dazugehörigen Nachdenken über ein gemeinsames Narrativ, über das Spektrum geteilter Erinnerungsmomente resultiert: „It is, therefore, not surprising that culture and cultural heritage became an integral element of European political discourse on a collective European identity long before the EYCH, notably since the very beginning of the European project after the Second World War“,25 so der habilitierte Historiker und Forschungsadministrator im Europäischen Parlament Markus J. Prutsch. Die Suche nach verbindenden Inhalten und Perspektiven zielt dabei weniger auf Vereinheitlichung, sondern auf die Entwicklung eines Begriffs von Diversität, der zugleich verbindend ist.26 Dies findet aktuell allerdings nicht im Bereich der Literatur statt. So lässt sich das Bauhausjahr 2019,27 mit seinen zentralen Projekten „bauhaus imaginista“28 und den „Bauhaus Agenten“29 als ein Versuch verstehen, der, gleichwohl aus Deutschland heraus, an Möglichkeiten eines transnationalen Geschichtsnarrativs gearbeitet hat. Ebenso die Organisation der Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs 2014 von Frankreich, England und Nordrhein-Westfalen aus, die u.a. an der Frage nach einer europäischen Geschichte des Ersten Weltkriegs gearbeitet haben.30 Das Potenzial von Kunst, Literatur und Kulturtheorie als transkulturelle Metanarrative hat Konjunktur und wird als gemeinsames Jahr und Jubiläum inszeniert, so auch im European Year of Cultural Heritage (EYCH) 2018.

Mit diesem Appell an die Fassbarkeit von Ambivalenz und Diversität, Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit, Moderne und Antimoderne haben sich in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen zuletzt vor allem die Arbeiten zur Theorie auseinandergesetzt. Für die Literaturwissenschaft kulminiert das in einem erweiterten Textbegriff, den immer auch die Debatte um das Spezifische von Texten begleitet, also das, was z.B. die Germanistik wiederum als Textwissenschaft legitimiert und damit von anderen Disziplinen abgrenzt, so z.B., ausgehend von der Diskurstheorie, über die Befragung von Texten auf ihre Wissensbegriffe, in den darin vermittelten Kultur- und Wissenspoetiken. So gilt es, auch für die regionale Literaturgeschichtsschreibung, Komparatistik, Interdisziplinarität und Textbegriff in ein Verhältnis zu setzen. Einen Differenzierungsansatz stellt dabei die Frage nach dem Impact dar, den Texte und ihre Wissenschaften auf die außertextuelle und außeruniversitäre Realität haben.

Wenn Eberhard Lämmert also auf dem Lateinamerikanischen Germanistenkongress 2003 die Relevanz der Regionalwissenschaft für die Zukunft der Germanistik betont,31 so zeigt er damit Wege der germanistischen Realitätsrelevanz auf und vernetzt das prozessuale Handlungsgeschehen in den Texten mit der außertextuellen Realität, er legitimiert das Fach. Die Beschreibung der Laokoon-Gruppe wird damit raumgestaltend. Wilhelm Amann hat, den Beitrag Eberhard Lämmerts aufgreifend, über die Definition des Begriffs Region in der Geschichtswissenschaft, der Soziologie und der Sozialgeographie u.a. in Verbindung mit dem Begriff der Globalisierung eine methodisch orientierte Definition von Region erarbeitet:

Regionen dieses Typs reagieren auf jene Transformationsprozesse, die im Kontext des alten Regionalitätstyps und seiner Fixierung auf Heimat und Nation, auf Familie, Brauchtum, Sprachnormen und vor allem Herkunft nicht mehr bewältigt werden können. Als flexible Rahmungen rechnen sie grundsätzlich mit einer heterogenen Population mit gestreuten Milieus, pluralen Lebensstilen, Migrationskulturen oder Transnationalitäten. Sie kommen also einem Zugehörigkeitsbedarf entgegen, der weniger an überkommenen Traditionen als vielmehr an Routinen und Normalitäten orientiert ist, d.h., sie haben transitorischen Charakter und setzen auch die Austauschbarkeit sogenannter regionaler Identitäten voraus.32

Mit der Befragung zweier Texte – Stefan Thomes Grenzgang (2009) und Frank Goosens Sommerfest (2012) – nach der Übertragbarkeit dieses fluiden Regionenbegriffs in die Literatur schließt Amann und zeigt, dass es schwierig bleibt:

Den zitierten Vorwurf des Protagonisten [in Frank Goosens Sommerfest], die Kulturhauptstadtkampagne arbeite mit Verklärung, muss sich der Roman selbst gefallen lassen. Dieser performative Widerspruch würde dann auch den Stellenwert von Goosens Roman in einer Literaturgeschichte der Region bestimmen, wohingegen der mit einem ähnlichen Handlungsgerüst arbeitende Roman von Thome unspektakulär über die Kontingenz regionaler Lebensräume erzählt und zu einem zeitgemäßen Verständnis des Regionalen beiträgt.33

Grundlegend für diesen kritischen Blick auf das Potenzial zweier Beispiele der Gegenwartsliteratur für die regionale Literaturgeschichtsschreibung ist dabei der Literaturbegriff und die Nähe zwischen Forschung und Forschungsobjekt sowie Moderne und Antimoderne.

Wo zuvor nach der politischen Relevanz des Faches gefragt wurde, geht es nun um die Realitätsrelevanz des Mediums. Während die Differenzierung von Regionenbegriffen in der interdisziplinären Perspektive abhängig von der Verabschiedung überkommener positivistischer Raum- und Wissensbegriffe ist sowie dem Austausch zwischen den Fächern, steht die Literatur in einem Spannungsverhältnis von Rezeptionsästhetik34 und Modernität im Sinne ihres Potenzials, zeitgemäß auf den diskurstheoretischen state of the art zu reagieren.

Drei Punkte können aus dem Forschungsdiskurs zur regionalen Literaturgeschichtsschreibung an dieser Stelle notiert werden:

1 In der Arbeit an einer regionalen Kulturgeschichtsschreibung dominiert die Germanistik.

2 Die Frage nach einer regionalen Literaturgeschichte ist fachkonstitutiv für die Germanistik.

3 Regionale Literaturgeschichtsschreibung stellt in ihrem Bezug auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen eine Möglichkeit dar, die Sichtbarkeit und Realitätsrelevanz der Forschungsdisziplin und der Literatur zu erhöhen.

Mit der Titelmatrix der „Moderne im Rheinland“ ist nicht nur der regionale und zeitliche Zugriff vorgegeben – Moderne und Rheinland –, sondern über diese auch die Frage nach dem Verhältnis von Subjekt, Objekt und Theorie. Ausgehend von dem Verständnis, dass Forschung eine Möglichkeit der Wissensproduktion ist, wie auch Literatur und Kunst Wissen produzieren, geht es hierbei um Distanz und Nähe. Mit dem Begriffsfeld der Moderne ist die Frage nach der Konstruktion und Auflösung von Spannungsfeldern wie Natur/Kultur, Anfang/Ende, Ich/Wir35 verbunden. Diesem Denken in Gegensätzen haben die epochemachenden Protagonist:innen z.B. im Monismus widersprochen:

Dieser Einheit der Natur entspricht vollständig die Einheit der menschlichen Naturerkenntnis, die Einheit der Naturwissenschaft, oder was dasselbe ist, die Einheit der Wissenschaft überhaupt. Alle menschliche Wissenschaft ist Erkenntnis, welche auf Erfahrung beruht, ist empirische Philosophie, oder wenn man lieber will, philosophische Empirie. Die denkende Erfahrung oder das erfahrungsmäßige Denken sind die einzigen Wege und Methoden zur Erkenntnis der Wahrheit.36

Der Monistenbund hat mit Louise Dumont, Hedda und auch Herbert Eulenberg, dem Mitbegründer der Künstlervereinigung „Das junge Rheinland“ wichtige Vertreter:innen, die in der Region lebten und diese gestalteten. Die Rekonstruktion von Wissensprozessen hat auch in den transcultural studies Relevanz. Dabei verstehe ich Transkulturalität ausgehend von Kultur als differenztheoretischem37 Begriff als Möglichkeit, Regionen nicht nur aus dem Kontext ihrer Grenze, sondern in der umgekehrten Denkbewegung, ihres komplexen Miteinanders zu verstehen. So hat der Literaturwissenschaftler und Japanologe Naoki Sakai für die Area Studies einen Forschungsansatz entwickelt, der mit der Matrix der „Filter of translation“ nach den Transferprozessen zwischen Begriffen und Theorien in der Wissenschaftsgeschichte fragt.38 Ausgehend von der Frage, welche Filter jede Übersetzungsleistung, sei es eine sprachliche, sei es eine regionale, sei es eine zeitliche, einzieht, und welche Inhalte hierbei verloren gehen, zeigt Sakai auf, dass der Begriff des Westens als Trope eine Denkbewegung animiert, die mit dem Westen das meint, was nicht der Rest ist: „The west and the rest“.39 Der Westen ist ein nur scheinbar geographischer Begriff, denn tatsächlich lässt sich sein geographischer Raum nur über die Abgrenzung zum ‚Rest‘ bestimmen und dieser ‚Rest‘ generiert sich aus der jeweiligen Redesituation, nicht als fester Bestand. Insofern ist Westen eine Trope, die Machtbewegungen konzipiert und die Basis hierfür bildet eine Geisteswissenschaft, die sich selbst im ‚Westen‘ verortet und diejenigen, die nicht Teil dieses Westens sind, im Forschungsfeld der Ethnologie zusammenfasst. In diesem Zugriff besteht ein qualitativer Unterschied darin, dass der Westen die Theorien und Methoden, um über sich selbst zu forschen ebenso entwickelt wie die Methoden, die benötigt werden, den ‚Rest‘ zu erforschen. Während der Westen im Bereich der Geisteswissenschaften also sowohl Subjekt der Forschung als auch Objekt ist, ist der Rest ausschließlich Objekt. Die „spectres of the west“ sind somit z.B. koloniale Selbstverständnisse als Basis in den methodischen und rezeptionsästhetischen Gedächtnissen sowie Ritualen unserer Geisteswissenschaften. Mit seinem Zeitschriftenprojekt Traces geht Sakai seit 2001 diesen Zusammenhängen nach und lädt neben weiteren Autor:innen auch Künstler:innen ein, sich dem Themenfeld zu nähern. Für das hier skizzierte Forschungsfeld der regionalen Literaturgeschichtsschreibung erscheint Sakais Ansatz zunächst zu stark im Kontext der amerikanischen Area Studies angesiedelt, die nach 1945 aus der politischen Situation des Kalten Krieges als interdisziplinäres Forschungsfeld aus Wirtschaftswissenschaft, Politikwissenschaft und Kulturwissenschaft gegründet wurden und Herrschaftswissen über andere Regionen und Nationen generieren sollten. Für die regionale Literaturgeschichtsschreibung können bei Sakai jedoch neben der Hantologie die Aushebelung der Distanznahme zwischen forschendem Subjekt und zu erforschendem Objekt übertragen werden; oder anders, die Frage, aus welcher Perspektive der Zugriff auf die Kulturtopographien erfolgt. Wissenschaftstheoretisch ist die Fragestellung brisant, macht sie doch den Transfer von Wissensproduktion und -transfer aus der Universität in andere Institutionen und in die Öffentlichkeit, z.B. Wikipedia, sichtbar und findet aktuell z.B. in Ansätzen und Begriffen wie artistic research, ästhetisches Denken, TheoryPractice oder der Transgression im Kontext von Avantgarde statt. In Mieke Bals Trias der Kulturanalyse – „kulturelle Prozesse, Intersubjektivität und Begriffe“40 – spiegelt sich die Befragung des Objektes und das notwendige Vermittlungspotential im Begriff der Intersubjektivität wieder. Wenn Gertrude Cepl-Kaufmann ihren Band 1919 – Zeit der Utopien. Zur Topographie eines deutschen Jahrhundertjahres als „Wimmelbild“ bezeichnet, so zielt sie damit auf eben dieses Miteinander von Theorie und Weiterschreibung ab. Bernhard Siegert hat in seiner Einleitung in das Cluster „Repräsentationen diskursiver Räume“41 drei mögliche Lesarten von Karten als Topographien gelistet:

1 Eine hermeneutische Lesart, die das Narrativ der Karte befragt.

2 Eine medientheoretische Lesart, die den „subjektkonstituierenden Charakter“42 der Karte befragt, was sich vielleicht auch mit dem Begriff der Agency verstehen lässt.

3 Ein phänomenologisch-grammatologischer Ansatz, der die Topographie nicht in „die Intentionen eines kulturell prädisponierten Bewusstseins, sondern auf eine Rhetorik [hin übersetzt]. […] Mögliches Handeln schreibt sich immer schon in die Bewegung eines Textes ein, der unablässig neu gewebt und wieder aufgeknüpft wird.“43

Was lässt sich hieraus für die regionale Literaturgeschichtsschreibung gewinnen? Dem hier vorgestellten Forschungsdiskurs zwischen dem Begriff der Kulturtopographie als methodischem Zugriff sowie der Frage nach der Relevanz der Literatur darin und vice versa dem Input in die Öffentlichkeit sind in diesen Perspektiven neue Möglichkeiten gegeben. In einem Selbstverständnis, das dem universitären Forschungsdiskurs neben der Wissensproduktion und -vermittlung auch die Aufgabe des Wissensmanagements gibt, ermöglichen z.B. die citizen science neue Ansätze der Kartographie. Damit ist nicht nur die Erhebung von Daten gemeint, sondern ein partizipativer Wissenschaftsbegriff, der die regionale Literaturgeschichtsschreibung aus ihren institutionen- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontexten lösen kann und den Literaturbegriff mit dem „Kit“ eines transkulturellen Regionenverständnisses aktualisiert. Dazu bedarf es eines Netzwerks der regionalen Literaturgeschichtsschreibung, das sowohl die verschiedenen, z.B. institutionell verankerten Literaturbegriffe – zwischen Literaturarchiven, Schreib- und Lesezirkeln, Universitäten, Forschungsprojekten und Museen – verbindet als auch regionenvergleichend arbeitet.

II.
Herders neue Anthropologie: Identitätsbildung im Zuge der Verwirklichung von Humanität

Gerhard Sauder, Saarbrücken

Sprache hielt Herder für das Medium, das Identität verwandelt und sie zu reflektieren erlaubt. Er fühlte sich den Menschen zugehörig, die mit ihm eine Sprache gebrauchten, aber mitten unter ihnen als einmaliges Individuum. Doch eine konstante Sich-Selbst-Gleichheit und Kontinuität einer Person in der Zeit betrachtete er aus der Perspektive seiner Geschichtsphilosophie durchaus kritisch.

In zwei „Reflexionsgedichten“ von 1797 hat er sich dem „Ich“ und dem „Selbst“ zugewandt. Das Gedicht Das Ich. Ein Fragment greift in zentralen Argumenten auf Formulierungen zurück, die sich bereits in den Ideen finden. Wie dort gründet er seine geschichtliche Reflexion auf die Naturgeschichte. Ich beschränke mich auf diesen Text. In Selbst. Ein Fragment werden Gedanken variiert, die in Das Ich auftreten – aber das „Selbst“ lässt sich „als die geleistete, aus den Kräften des Ganzen und im Blick auf das Ganze selbstgeschaffene Individualität betrachten, mit der der Mensch sich zum Abbild des göttlichen Selbst und zum Schöpfer seiner selbst macht.“1

Das Ich umfasst 147 Zeilen in 14 Strophen von unterschiedlicher Länge – zwischen vier und 25 Zeilen sind in je fünfhebigen Jamben angeordnet. Auffällig ist ein typographisches Mittel, mit dem Herder die Pronomina – v.a. Du, Dich, Dir, Dein – gelegentlich durch Großschreibung akzentuiert.

Der verdienstvolle Herder-Forscher Wilhelm Dobbek hielt im Ersten der fünfbändigen Herder-Ausgabe des Aufbau-Verlags diese Hervorhebungen wohl für unbedeutend und verzichtete auf sie. Beide Gedicht-Fragmente sind zuerst in Herders zweiter Gedichtsammlung Gedichte und Reime in der sechsten Sammlung der Zerstreuten Blätter (Gotha 1797) erschienen.

Der Herausgeber des Dritten Bandes der Frankfurter Ausgabe, Ulrich Gaier, versammelt Gedichte dieser Art unter „Reflexionsdichtung“. Mit ihren philosophischen Sujets sind diese langen Gedichte auch typische Lehrgedichte. Ich zitiere zunächst die beiden ersten Strophen und gebe dann Zusammenfassungen der Strophen 3 bis 12; die beiden Schlussstrophen 13 und 14 zitiere ich wieder wörtlich.

Willst du zur Ruhe kommen, flieh, o Freund,

Die ärgste Feindin, die Persönlichkeit.

Sie täuschet dich mit Nebelträumen, engt

Dir Geist und Herz, und quält mit Sorgen dich,

Vergiftet dir das Blut, und raubet dir

Den freien Atem, daß du, in dir selbst

Verdorrend, dumpf erstickst von eigner Luft.

Sag’ an: was ist in dir Persönlichkeit?

Als in der Mutter Schoß von Zweien du

Das Leben nahmst, und, unbewußt dir selbst,

An fremdem Herzen, eine Pflanze, hingst,

Zum Tier gediehest, und ein Menschenkind

(So saget man) die Welt erblicktest; Du

Erblicktest sie noch nicht; sie sahe Dich,

Von deiner Mutter lange noch ein Teil,

Der ihren Atem, ihre Küsse trank,

Und an dem Lebensquell, an ihrer Brust

Empfindung lernete. Sie trennte dich

Allmählich von der Mutter, eignete

In tausend der Gestalten Dir Sich zu,

In tausend der Gefühle Dich Ihr zu,

Den immer Neuen, immer Wechselnden. […]

Nach der Kritik an der „Persönlichkeit“, die das „Ich“ mit „Nebelträumen“ täuscht und es „von eigner Luft“ ersticken lässt, wird die Genese der „Persönlichkeit“ aus dem Embryo, der Mutter, der Trennung von ihr, bis zur Erfahrung von „immer Neuen, immer Wechselnden“ Gefühlen erzählt.

1 Weiter geht es mit dem Wachstum des Kindes zum Knaben, Jüngling, Mann und Greis. In jedem Alter ist kein Teil des Körpers noch derselbe.

2 Die „innre Welt / Der Regungen, der lichten Phantasei, / Des Anblicks aller Dinge“ verändert sich in jedem Alter.

3 Die Strophe beginnt mit der Aufforderung „Ermanne Dich. Das Leben ist ein Strom / Von wechselnden Gestalten.“

4 Will das Ich „einer Wahngestalt / Gedanken, Wirkung, Zweck des Lebens weihn?“

5 Mit Wiederholung der Aufforderung „Ermanne Dich.“ wird auf das gedankliche Zentrum des Gedichts zugesteuert: „Nein, du gehörst nicht Dir; / Dem großen, guten All gehörest Du.“ „Jedwedes Wort der Lippe, jeder Zug / Des Angesichtes ist ein fremdes Gut, / Dir angeeignet, doch nur zum Gebrauch, / So , immer wechselnd, stets verändert schleicht / Der Eigner fremden Gutes durch die Welt.“

6 Was ist von Deinen zahllosen Empfindungen Dein Eigentum? „Das Ich erstirbt, damit das Ganze sei.“

7 Was willst Du mit Deinem „armen Ich“ der Nachwelt hinterlassen? Deinen Namen?

8 Dein Ich? Wie lange wird die Nachwelt Deinen Namen nennen?

9 Nur wenn über Dein enges Ich hinaus „Dein Geist in allen Seelen lebt“, bist du „Ein Ewiger“.

10 Die kleinliche Persönlichkeit, die man „den Werken eindrückt“, vertilgt den „ewgen Genius, Das große Leben der Unsterblichkeit.“

11 So lasset dann im Wirken und GemütDas Ich uns mildern, daß das beßre Du,Und Er und Wir und Ihr und Sie es sanftAuslöschen, und uns von der bösen UnartDes harten Ich unmerklich-sanft befrein.In allen Pflichten sei uns erste PflichtVergessenheit sein selber! So gerätUns unser Werk, und süß ist jede Tat,Die uns dem trägen Stolz entnimmt, uns freiUnd groß und ewig und allwirkend macht.Verschlungen in ein weites LabyrinthDer Strebenden, sei unser Geist ein TonIm Chorgesang der Schöpfung, unser HerzEin lebend Rad im Werke der Natur.

12 Wenn einst mein Genius die Fackel senkt,So bitt’ ich ihn vielleicht um Manches, nurNicht um mein Ich. Was schenkt er mir damit?Das Kind? Den Jüngling? Oder gar den Greis?Verblühet sind sie, und ich trinke frohDie Schale Lethens. Mein ElysiumSoll kein vergangner Traum von MißgeschickUnd kleinem, krüpplichten Verdienst entweihn.Den Göttern weih’ ich mich, wie Decius,Mit tiefem Dank und unermeßlichemVertrauen auf die reich belohnende,Vielkeimige, verjüngende Natur.Ich hab’ ihr wahrlich etwas KleineresZu geben nicht, als was sie selbst mir gab,Und ich von ihr erwarb, mein armes Ich.2

Wenn die Zeitgenossen der neuen Ich-Philosophie ein einheitliches und einzigartiges Ich verherrlichen, so destruiert dieses Gedicht ein Ich, das mit „Persönlichkeit“ gleichgesetzt und als „Individualität“ im Sinne von „Einzigkeit“ verstanden wird. Da es aber der Partikularität, der Fremdbestimmung von Kindheit an und der immerwährenden Veränderung unterworfen ist, kann dieses „Ich“ nicht durch Einzigkeit überzeugen. Das „Ich“ des Gedichts ist ein „Ton / Im Chorgesang der Schöpfung“, in „unermeßlichem / Vertrauen auf die reich belohnende, / Vielkeimige, verjüngende Natur. […] mein armes Ich.“

Herder fühlte sich in seinem Denken über das „Ich“ durch Fichtes Grundthese in seiner Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre (1794) provoziert: Das seiner selbst bewusste Wesen sei das „Ich“, das ursprünglich sein eigenes Sein als „Tathandlung der Selbstbewusstwerdung“ setze – das Ich setzt sich selbst.3 Da bereits in der zweiten Zeile die „Persönlichkeit“ erwähnt wird, ist auch eine Anspielung auf den 11. Ästhetischen Brief Schillers möglich, in dem „Person“ und „Persönlichkeit“ eine wichtige Rolle spielen.

Es ist die Konsequenz aus einem Denkweg, den die neuzeitliche Philosophie eingeschlagen hatte. Von Locke wurde das „Ich“ das „Selbst“ genannt, das mit Bewusstsein denkende Wesen („Self is that conscious thinking thing“4), das „Person“ heiße.5 Es ist auch ein wesentlicher Bestandteil von Leibniz’ Denken, dass sich jedes Subjekt im Akt des „Ich-denke“ als seiende Substanz begreift. Durch das Vermögen der Selbstreflexion erfassen wir das „Ich“, die Substanz, Seele und Geist.6

Hume widerspricht Descartes, Locke und Leibniz mit der These, das „Ich“ / die „Seele“ seien keine fassbaren Gegenstände und deshalb ohne Substanz/Existenz. Empfindungen, Gefühle und Begriffe sind für Hume „nur Inhalte von Vorstellungen, die assoziativ verbunden“ sind, ohne dass sie eine „verbindliche Aussage über ein ihnen zugrunde liegendes Subjekt“ zulassen“.7 Die Identität, die dem Geist des Menschen zugeschrieben wird, sei nur „a fictitious one“.

Tis evident, that the identity, which we attribute to the human mind, however perfect we may imagine it to be, is not able to run the several different perceptions into one, and make them lose their characters of distinction and difference, which are essential to them.8

In der einzigen mir bekannten Interpretation der beiden fragmentarischen Reflexionsgedichte sieht Renate Böschenstein die Destruktion eines einheitlichen und einzigartigen „Ich“ mit „erstaunlich radikalen, Gesichtspunkte des 20. Jahrhunderts vorwegnehmenden Fragen“; die Analyse erfolge mit „prälacanistischer Hellsicht“.9 Die Individualität, der „Fetisch der Epoche“, werde unter drei Aspekten als „illusionär“ dargestellt: Stückhaftigkeit, Fremdbestimmung, stete Veränderung.10 Schließlich werde die vermeintliche Monade „zu intersubjektivem Wirken erlöst“. Die Inkonsequenzen des Gedichts seien Folge der Widersprüche des Individualitätskonzepts: „Der noch nicht klar formulierte Stachel des Gedichts ist die Angst vor dem Narzißmus, welcher der Betonung des ‚Eigenen‘ in der neuen Individualitätsverherrlichung als Gefahr inhärent ist.“11 Die scharfsinnige Interpretation arbeitet mehrfach mit Wertungen – Klischees, Redundanz, aufdringlicher didaktischer Ton –, die ohne Nachweise dem Text die „Anerkennung als Kunstwerk“ absprechen.12 Dem ist entgegenzuhalten, dass es sich ja um ein Fragment handelt, das Herder wohl gelegentlich überarbeiten und vollenden wollte. Die zahlreichen Metaphern (Strom, Triebwerk, lebend Rad) deuten die Absicht an, dem Reflexionsgedicht eine höhere Poetizität zu verleihen.

Bis in die Rigaer Zeit reichen Pläne Herders zurück, das prekäre „Ich“ der Moderne im Kontext der Wissenschaften und einer Universalgeschichte der Bildung der Welt darzustellen. Er habe nach einer Philosophie der Geschichte der Menschheit gesucht,13 wo immer er suchen konnte.

Wer bloß metaphysische Spekulationen will, hat sie auf kürzerm Wege; ich glaube aber, daß sie, abgetrennt von Erfahrungen und Analogien der Natur, eine Luftfahrt sind, die selten zum Ziel führet. Gang Gottes in der Natur, die Gedanken, die der Ewige uns in der Reihe seiner Werke tätlich dargelegt hat: sie sind das heilige Buch, aus dessen Charakteren ich zwar minder als ein Lehrling, aber wenigstens mit Treue und Eifer buchstabieret habe und buchstabieren werde. (6, 16)

In dieser Vorrede zum ersten Band der Ideen zur Philosophie der Geschichte vom 23. April 1784 kündigt Herder seinen Plan an, eine historisch-individualisierende Betrachtungsweise mit Hilfe der Analogie der Natur zu entwickeln. Sein Verständnis von Natur geht auf Spinoza zurück, den er in dieser Zeit gemeinsam mit Goethe studiert hat:

Die Natur ist kein selbstständiges Wesen, sondern Gott ist Alles in seinen Werken: indessen wollte ich diesen hochheiligen Namen, den kein erkenntliches Geschöpf ohne die tiefste Ehrfurcht nennen sollte, durch einen öftern Gebrauch, bei dem ich ihm nicht immer Heiligkeit genug verschaffen konnte, wenigstens nicht mißbrauchen. Wem der Name ‚Natur‘ durch manche Schriften unsres Zeitalters sinnlos und niedrig geworden ist, der denke sich statt dessen jene allmächtige Kraft, Güte und Weisheit, und nenne in seiner Seele das unsichtbare Wesen, das keine Erdensprache zu nennen vermag. (6, 17)

In Analogie zu den Veränderungen der Natur erweist sich der Mensch in Herders Entwurf einer Universalhistorie als das sich im Prozess der Geschichte ständig wandelnde Geschöpf, wie er es in seinem Ich-Gedicht dargestellt hat. Herder hat für seine zentralen Einsichten immer wieder Metaphern verwendet. So spricht er in Analogie zur Abfolge von Entwicklungsstufen von den menschlichen Lebensaltern. Die Ideen sind bis heute der umfassendste Versuch, durch weit ausgreifende Lektüre (u.a. von Reisebeschreibungen) alles Wissen vom Menschen, seiner Natur und Geschichte zu einem Gesamtpanorama zu formen. Intendiert war eine systematisch entwickelte Theorie von der Entwicklung des menschlichen Geschlechts im Gang der Geschichte.14

Der konsequente Rekurs auf Natur und Geschichte bedient sich bei der Wahl von Fakten und Anschauungsmaterial einer geschickt praktizierten Kombinatorik. Alles Theologische ist allerdings im Sinne der Suche nach einer minimalen Konsensbasis ausgespart – theologische Reste sind nur bei seinen Überlegungen zur Teleologie noch vorhanden.15 In einem Entwurf zu der frühen Arbeit Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit heißt es: „Glaube an Geschichte – durch Geschichte an Gott.“16

Wie Herder die Menschen auf der Erde und in ihrem Sonnensystem positioniert, zeigt der Beginn des Ersten Buches der Ideen mit der Überschrift: „Unsre Erde ist ein Stern unter Sternen“:

Vom Himmel muß unsre Philosophie der Geschichte des menschlichen Geschlechts anfangen, wenn sie einigermaßen diesen Namen verdienen soll. Denn da unser Wohnplatz, die Erde, nichts durch sich selbst ist, sondern von himmlischen, durch unser ganzes Weltall sich erstreckenden Kräften ihre Beschaffenheit und Gestalt, ihr Vermögen zur Organisation und Erhaltung der Geschöpfe empfängt: so muß man sie zuförderst nicht allein und einsam, sondern im Chor der Welten betrachten, unter die sie gesetzt ist. Mit unsichtbaren, ewigen Banden ist sie an ihren Mittelpunkt, die Sonne, gebunden, von der sie Licht, Wärme, Leben und Gedeihen erhält. (6, 21)

Diese „Mittelpunktstellung“ des Menschen charakterisiert Herders Versuch, eine Philosophie der Geschichte zu schreiben, die eine Gesetzlichkeit der Ereignisse nachweist:

Bemerkenswert an diesen in die Ideen einführenden Gedanken ist die Tatsache, daß Herder die Position der Erde und dann auch des Menschen – im Widerspruch zum modernen Weltbild – als Mitte und schließlich sogar als Mittelpunkt der Schöpfung bestimmt. Antike Gedanken vom Menschen als Maß aller Dinge (Protagoras) und die biblische Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen verbinden sich, um das zu begründen, was Herder von nun an ‚Humanität‘ nennen wird.17

Eine der erstaunlichsten Folgerungen zieht Herder aus dem aufrechten Gang des Menschen und der damit gegebenen Vernunftfähigkeit:

Blick’ also auf gen Himmel, o Mensch! und erfreue dich schaudernd deines unermeßlichen Vorzugs, den der Schöpfer der Welt an ein so einfaches Principium, deine aufrechte Gestalt knüpfte. Gingest du wie ein Tier gebückt, wäre dein Haupt in eben der gefräßigen Richtung für Mund und Nase geformt und darnach der Gliederbau geordnet: wo bliebe deine höhere Geisteskraft, das Bild der Gottheit unsichtbar in dich gesenket? (6, 129f.)

Ein Kapitel des II. Buches ist überschrieben: „Zurücksicht von der Organisation des menschlichen Haupts auf die niedern Geschöpfe, die sich seiner Bildung nähern.“ (6, 132) Daraus sei zu schließen: „Der Mensch ist zu feinern Sinnen, zur Kunst und zur Sprache organisieret.“ „Der Mensch ist zu feinern Trieben, mithin zur Freiheit organisieret.“ „Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung; er stehet aufrecht. Die Waage des Guten und Bösen, des Falschen und Wahren hängt in ihm: er kann forschen, er soll wählen.“ (6, 136, 142, 145f.)

Angesichts des Stufengangs vom Menschen, „der zunächst ans Tier grenzt, bis zum reinsten Genius im Menschenbilde“, müsse man sich wundern, „welch einen langen Weg die Natur nehmen mußte, um die kleine, aufsprossende Blüte von Vernunft und Freiheit in uns organisierend vorzubereiten.“ (6, 147)

Unter zwei Aspekten zeichnet Herder seine Anthropologie aus: Zum einen geht es ihm um die Einbindung des Menschen in den Gesamtzusammenhang der Natur, was in den vorausgehenden Abschnitten illustriert wurde, zum andern hebt er die Auszeichnung des Menschen, seine besondere Stellung als „Krone der Schöpfung“18 hervor. Aber die angenommene Wesensverwandtschaft zwischen Tieren und Menschen bedeutet nicht, dass Herder eine Evolutionstheorie angenommen hätte. Er ist von der Abgeschlossenheit der Schöpfung überzeugt. Herder bemüht das Bild der Pyramide: Im stufenartigen Aufbau der Natur gehe eine stetige Veredelung von der simplen Pflanze über Insekten, Vögel, Fische, Amphibien und große Säugetiere bis hin zum Menschen vor sich. Je mehr sie sich der Stellung des Menschen nähern, verringerten sich die Gattungen, würden aber auch vollkommener. Um den Menschen gruppierten sich alle anderen Lebewesen in konzentrischen Kreisen: „Je näher ihm, desto mehr zog sie [die Natur] Classen und Radien zusammen, um in seinem, dem heiligen Mittelpunkt der Erdenschöpfung was sie kann, zu vereinen.“ (XIII, 71) Für den Menschen ist der ‚Stand der Gesellschaft‘ der Naturzustand. Wenn er auch das Meiste allein hervorbringen will, braucht er zur Entwicklung der Fähigkeiten doch die Anderen. ‚Kunst‘ ist ihm natürlich. Es kommt bei ihm alles auf die erlernte Fertigkeit, auf Vernunft und Kunst, an. Sein Selbstwerdungsprozess sei unabschließbar. Er bedarf dabei des Austausches mit seiner Umwelt: „Ohne Cultur war und ist der Mensch nicht etwa nur ein rohes Holz, ein ungeformter Marmor, sondern er ist und wird ein brutum.“ (XXII, 310) Abhängig vom Klima, der Beschaffenheit des Landes, dem Vorhandensein von Nahrung, aber auch von Geschichte, Religion, Mythologie und der Sprache eines Volkes und zahlreicher weiterer Faktoren bildet sich „das perspektivische Weltverständnis jedes Individuums“ aus.19 Wie im Ich-Gedicht kritisiert Herder die These von einer konstanten Menschennatur und vertritt eine

Anthropologie des kultur-variablen Menschen. Er kennt nicht nur eine sich wandelnde Geschichte, die den betrachtenden Menschen ein kaleidoskopartiges Schauspiel bietet, deren Akteure aber immer die gleichen bleiben, sondern der Mensch selbst wird in diesen Wandel hineingezogen: er ist das sich in der Geschichte wandelnde Wesen.20

Aber gleichzeitig wirkt die Natur und prägt dem Menschen ihre Gesetze auf:

Wir dünken uns selbstständig und hangen von allem in der Natur ab; in eine Kette wandelbarer Dinge verflochten müssen wir den Gesetzen ihres Kreislaufs folgen, die keine andre sind als Entstehen, Sein und Verschwinden. Ein loser Faden knüpft das Geschlecht der Menschen, der jeden Augenblick reißt, um von neuem geknüpft zu werden. (6, 627)

Erst in den achtziger Jahren benutzt Herder gelegentlich den Begriff „Humanität“, der in den Ideen sein Zentralbegriff für Wesen und Bestimmung des Menschen werden sollte. In den Büchern 4 und 15 wird er differenzierter dargestellt – in Weimar ist er Zielbegriff seines Denkens. Das I. Kapitel des 15. Buches ist überschrieben: „Humanität ist der Zweck der Menschen-Natur und Gott hat unserm Geschlecht mit diesem Zweck sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben.“ (6, 630) So oft und in so vielen Kontexten Herder diesen Begriff auch verwendet – seine Semantik ist offenbar nicht präzisierbar. Hans Dietrich Irmscher, der Herausgeber der Briefe zu Beförderung der Humanität in der Frankfurter Ausgabe,21 schlägt vor, den Begriff „als nicht definitionsfähige (und -bedürftige) Idee zu verstehen, geeignet, vielfältige Phänomene […] unter einer Hinsicht zu ordnen.“ (7, 817)22 Herder sah wohl das Schillernde des Begriffs. Im 27. Brief verbindet er mit „Humanität“: „Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrechte, Menschenpflichten, Menschenwürde, Menschenliebe“ (7, 147). Zu Beginn des 15. Buches der Ideen heißt es:

[B]etrachten wir die Menschheit, wie wir sie kennen, nach den Gesetzen, die in ihr liegen: so kennen wir nichts höheres, als Humanität im Menschen: denn selbst wenn wir uns Engel oder Götter denken, denken wir sie uns nur als idealische, höhere Menschen.

Zu diesem offenbaren Zweck […] ist unsre Natur organisieret: zu ihm sind unsere feinern Sinne und Triebe, unsre Vernunft und Freiheit, unsere zarte und daurende Gesundheit, unsere Sprache, Kunst und Religion uns gegeben. In allen Zuständen und Gesellschaften hat der Mensch durchaus nichts anders im Sinn haben, nichts anders anbauen können als Humanität, wie er sich dieselbe auch dachte. (6, 631f.)

In zahlreichen Formulierungen umschreibt Herder, was unter Humanität verstanden werden kann. Gelegentlich läuft ein knapper Bestimmugsversuch auf eine Tautologie hinaus. So etwa, wenn das „Hauptgesetz der Natur“ lautet: „Der Mensch sei Mensch! Er bilde sich seinen Zustand nach dem, was er für das Beste erkennet!“ (6, 632) Dem Typus der ausführlicheren Bestimmungsversuche ist folgende Formulierung zuzurechnen:

[D]en Menschen machte Gott zu einem Gott auf Erden, er legte das Principium eigner Wirksamkeit in ihn und setzte solches durch innere und äußere Bedürfnisse seiner Natur von Anfange an in Bewegung. Der Mensch konnte nicht leben und sich erhalten, wenn er nicht Vernunft brauchen lernte […].(6, 633)

Die Natur habe sich den Menschen in mannigfachen Formen auf der Erde einrichten lassen. „Nahe an den Affen stellete sie den Neger hin und von der Negervernunft an bis zum Gehirn der feinsten Menschenbildung ließ sie ihr großes Problem der Humanität von allen Völkern aller Zeiten auflösen.“ Für die feinere Ausbildung des Zustandes der Menschheit habe es auch „feinere Völker sanfterer Klimate“ gegeben. „Wie nun alles Wohlgeordnete und Schöne in der Mitte zweier Extreme liegt: so mußte auch die schönere Form der Vernunft und Humanität in diesem gemäßigtern Mittelstrich ihren Platz finden.“ (6, 683f.)

In den einzelnen Kapiteln des 15. Buches werden nun „einige dieser Naturgesetze“ erwogen, die „nach den Zeugnissen der Geschichte dem Gange der Humanität in unserm Geschlecht aufgeholfen haben“ (6, 636):

II. Alle zerstörenden Kräfte in der Natur müssen den erhaltenden Kräften mit der Zeitenfolge nicht nur unterliegen, sondern auch selbst zuletzt zur Ausbildung des Ganzen dienen. (6, 636)

III. Das Menschengeschlecht ist bestimmt, mancherlei Stufen der Kultur in mancherlei Veränderungen zu durchgehen; auf Vernunft und Billigkeit aber ist der daurende Zustand seiner Wohlfahrt wesentlich und allein gegründet. (6, 647)

IV. Nach Gesetzen ihrer innern Natur muß mit der Zeitenfolge auch die Vernunft und Billigkeit unter den Menschen mehr Platz gewinnen und eine daurendere Humanität befördern. (6 ,656)

V. Es waltet eine weise Güte im Schicksal der Menschen; daher es keine schönere Würde, kein dauerhafteres und reineres Glück gibt, als im Rat derselben zu wirken. (6, 664)

Es wäre sinnvoll, die kritischen Erwägungen von Herder selbst zu seinem zentralen Konzept zu sammeln und zu beurteilen. Für ihn ist Humanität immer eine bleibende Aufgabe. Keine historische Realisierung kann etwa als Vorbild angesehen werden – nicht umsonst spricht er häufig vom „Gang der Humanität“, nicht etwa von einem erreichten Zustand. Jede Vollkommenheit ist transitorisch, ein „Höchstes in seiner Art“, in dem sich die „Kultur eines Volks“ als „die Blüte seines Daseins“ „zwar angenehm, aber hinfällig offenbart“. (6, 571)23 Jeder konkreten Verkörperung von Humanität wird ein „bedingungsloser Vorbildcharakter“ abgesprochen.24

In den Briefen will Herder über Menschen schreiben, die in ihrem Leben die Humanität auf verschiedene Weise gefördert haben, etwa B. Franklin, Luther, Lessing, Comenius, Fénelon, die Quäker, Montesquieu und Vico. Herder ist in den Briefen besonders der Anwalt unterdrückter, sogenannter wilder Völker. Reisende, die von ihren Erfahrungen berichten, nennt er „Schutzengel der Menschheit“ (Suphan XVIII, 238). Er verurteilt den europäischen Kolonialismus – die Kolonialnationen Spanien, Portugal, England und Holland begingen Verbrechen an der Menschheit, indem sie gewachsene Kulturen zerstörten. Unter dem Humanitätsbegriff wird übrigens nicht nur die Individualität der Kulturen, sondern auch ihr Austausch unter einander verstanden.25 Aber resignative Züge fehlen in den Ideen nicht: „Unsre Humanität ist nur Vorübung, die Knospe zu einer zukünftigen Blume.“ (6, 187)

Es ist befremdend und doch unleugbar, daß unter allen Erdbewohnern das menschliche Geschlecht dem Ziel seiner Bestimmung am meisten fernbleibt. Jedes Tier erreicht, was es in seiner Organisation erreichen soll; der einzige Mensch erreichts nicht, eben weil sein Ziel so hoch, so weit, so unendlich ist, und er auf unsrer Erde so tief, so spät, mit so viel Hindernissen von außen und innen anfängt. (6, 188)

Das Misslingen von Humanität hängt offenbar mit einem „sonderbaren Widerspruch“ zusammen, an dem der Mensch leidet.

Als Tier dienet er der Erde und hangt an ihr als seiner Wohnstätte; als Mensch hat er den Samen der Unsterblichkeit in sich, der einen andern Pflanzgarten fodert. Als Tier kann er seine Bedürfnisse befriedigen und Menschen, die mit ihnen zufrieden sind, befinden sich sehr wohl hienieden. Sobald er irgend eine edlere Anlage verfolgt, findet er überall Unvollkommenheiten und Stückwerk; das Edelste ist auf der Erde nie ausgeführt worden, das Reinste hat selten Bestand und Dauer gewonnen: für die Kräfte unsers Geistes und Herzens ist dieser Schauplatz immer nur eine Übungs- und Prüfungsstätte. (6, 193)

Herder rechnet den größten Teil der Menschen zur ‚Tierheit‘. „Zur Humanität hat er bloß die Fähigkeit auf die Welt gebracht und sie muß ihm durch Mühe und Fleiß erst angebildet werden.“ (6, 194)

Herder hat wohl eher das Individuum als das Kollektiv oder die Nation im Blick, wenn er über die Naturgesetze der Humanität spricht. Aber die eigentlichen Protagonisten des geschichtlichen Fortgangs sind für ihn die Nationen. Doch sie sind nie der höchste Wert, und Bildung reduziert sich bei ihm nie auf nationale Bildung. Das Prinzip ‚Humanität‘ verbiete es ihm, ‚deutsche Bildung‘ ins Zentrum seines Denkens zu rücken.26 Der Historiker Herder plädiert für das Einreißen von Mauern zwischen den Nationen. Am römischen Reich demonstriert er, was „Reife des Schicksals der alten Welt“ bedeutet und was das römische Verknüpfen von Völkern und Weltstrichen bewirkte.27 Er spricht von den Schwierigkeiten, ein ganzes, lebendiges „Gemälde von Lebensart, Gewohnheiten, Bedürfnissen, Landes- und Himmelseigenheiten“ zu malen! „Charakter der Nationen! Allein Data ihrer Verfassung und Geschichte müssen entscheiden.“ (4, 32f.) In mancher Hinsicht sei also

jede menschliche Vollkommenheit National, Säkular und am genauesten betrachtet, Individuell. Man bildet nichts aus als wozu Zeit, Klima, Bedürfnis, Welt, Schicksal, Anlaß gibt: vom übrigen abgekehrt: die Neigungen oder Fähigkeiten, im Herzen schlummernd, können nimmer Fertigkeiten werden; die Nation kann also, bei Tugenden der erhabensten Gattung von einer Seite, von einer andern Mängel haben, […]. (4, 35f.)

Besonders in seinen Gedanken zur Geschichtsphilosophie finden sich zahlreiche Metaphern aus der organischen Welt – für Völker und Nationen wählt er den Stamm des Baumes; der, „zu seiner größern Höhe erwachsen“, danach strebte, „Völker und Nationen unter seinen Schatten zu nehmen, in Zweige.“ (4, 31) Aber gerade bei den Baum-Metaphern für Geschichte ist sich Herder der Ambivalenz der Metaphorik bewusst: der Baum verliert bei wachsender Höhe an Festigkeit; der Mensch ist eine „kleine Laubfaser des Baumes“ der Geschichte. (4, 84)

Gang Gottes über die Nationen! Geist der Gesetze, Zeiten, Sitten und Künste, wie sie sich einander gefolgt! zubereitet! entwickelt und vertrieben! (4, 88)

Eben die Eingeschränktheit meines Erdpunktes, die Blendung meiner Blicke, das Fehlschlagen meiner Zwecke, das Rätsel meiner Neigungen und Begierden, das Unterliegen meiner Kräfte nur auf das Ganze eines Tages, eines Jahrs, einer Nation, eines Jahrhunderts – eben das ist mir Bürge, daß ich nichts, das Ganze aber Alles sei! (4, 106)

In der diffusen Herder-Rezeption der politischen und historischen Terminologie sind ihm immer wieder Positionen zugeschrieben worden, die ihn als einen der Anwälte eines deutschen Nationalismus ausweisen sollten – meist ohne Belege aus seinem Werk. Dabei argumentiert er – v.a. in den Ideen – stets mit humanitären Gesichtspunkten, die eine Überwindung des nur Nationalen implizieren. Dies geht aus seiner Beurteilung der Völker hervor. Den Wert einer Nation misst er daran, welche Leistungen für die Humanisierung der Menschheit ihr langfristig zuzuschreiben sind. So hat auch ‚Vaterland‘ bei ihm nicht etwa die oft unterstellte, nationalistische Bedeutung, sondern meint die Liebe zur Menschheit überhaupt, indem er sich das „Menschengeschlecht“ als eine „Kette fortgehender Glieder, die gegen einander Brüder, Schwestern, Verlobte, Freunde, Kinder, Eltern sind“ (XVII, 319), vorstellt. In seinem Spätwerk Adrastea warnt Herder wie bereits früher in den Briefen vor den Gefahren eines ‚Nationalwahns‘. „Seine idealisierte Bestimmung einer deutschen Nationalidentität sollte daher kritisch gesehen, jedoch nicht überbewertet werden.“28

Mit welcher Fähigkeit zur Differenzierung Herder bei diesen Fragestellungen arbeitet, zeigt er bei der Frage nach der Existenz von ‚Rassen‘. Man habe einige Völker der Erde ursprünglich nach den Gegenden ihres Lebensraumes oder gar nach Farben charakterisiert. Herder sieht keine Veranlassung zu einer solchen Benennung. „Rasse leitet auf eine Verschiedenheit der Abstammung, die hier entweder gar nicht statt findet oder in jedem dieser Weltstriche unter jeder dieser Farben die verschiedensten Rassen begreift. Denn jedes Volk ist Volk: es hat seine National-Bildung, wie seine Sprache.“ Wenn Herder „weder vier noch fünf Rassen; noch ausschließende Varietäten“ gelten lässt, so widerspricht er seinem Lehrer Kant, der in seinem Aufsatz Von den verschiedenen Rassen der Menschen (1775) und in der Abhandlung Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse (1785) vier Menschenrassen unterscheidet, aber auch die Einheit des Stammes betont, die für Herder Grundlage seiner Argumentation ist.

Kurz, weder vier oder fünf Rassen, noch ausschließende Varietäten gibt es auf der Erde. Die Farben verlieren sich in einander: die Bildungen dienen dem genetischen Charakter; und im Ganzen wird zuletzt alles nur Schattierung eines und desselben großen Gemäldes, das sich durch alle Räume und Zeiten der Erde verbreitet.29 (6, 256)

Aufklärerische (Anti-)Identitätsentwürfe und (trans-)nationale Gründungsmythen: Jakob Michael Reinhold Lenz’ Der neue Menoza oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi (1774)

Nikola Keller, Freiburg

I. Zur Einführung. Lenz’ Neuer Menoza: Nichts ist, wie es scheint?

Die Eltern der Familie von Biederling ein Naumburger Ehepaar, der Sohn ein zeitweiliger cumbanischer Prinz, die vermeintliche Tochter eine erst deutsche Bürgerliche, dann spanische Gräfin, die dazu noch zur Schwiegertochter wird, eine scheinbar spanische Gräfin die tatsächliche Tochter. Diese durchaus ungewöhnlichen Familienverhältnisse stellen sich im Handlungsverlauf von Jakob Michael Reinhold Lenz’ Tragikomödie Der neue Menoza oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi ein. Nationale Zugehörigkeiten erscheinen als ebenso fluide wie familiäre. Inhaltlich übe das 1774 erschienene Drama, so eine geläufige Forschungsposition, „Zivilisationskritik“ und „Aufklärungskritik“1 und damit Kritik an etwas, das auf einer überindividuellen Ebene identitätsstiftend wirken kann. In das Zentrum des Interesses rückt in diesem Zusammenhang vor allem der Protagonist und titelgebende Prinz Tandi, dem diese gleich einem „Sprachrohr“ in den Mund gelegt werde.2 Weit seltener werden jedoch dessen Platz in dem benannten Familiengefüge sowie der der anderen Familienmitglieder thematisiert. Der vorliegende Beitrag soll zeigen, dass Lenz es mit seinem Drama keineswegs bei einem einseitigen Kritisieren belässt, sondern unterschiedliche Identitätsentwürfe anbietet und gegeneinanderhält. Dem im Stück verhandelten Familiengefüge der von Biederlings kommt dabei eine besondere Rolle zu. Exemplarisch beleuchtet wird dies zunächst anhand zweier einschlägiger Dialoge, bevor dann mit dem sich entwickelnden Familiengefüge der Gesamtverlauf der Handlung in den Blick genommen wird.

II. Aufklärerische Identitätsentwürfe als (trans-)nationale Gründungsmythen

Wie der cumbanische Prinz Tandi zu Beginn der Dramenhandlung erfahren soll, die mit der Rückkehr des Familienvaters von Biederling ins sächsische Naumburg einsetzt, ist er zu einem besonderen Zeitpunkt dort eingetroffen. Bei einer Begegnung mit dem Gelehrten Bakkalaureus Zierau im ersten Akt erhält er – und mit ihm das (Lese-)Publikum – eine Lehrstunde über die dortigen Verhältnisse:

Die Verbesserung aller Künste, aller Disziplinen und Stände ist seit einigen tausend Jahren die vereinigte Bemühung unserer besten Köpfe gewesen, es scheint, wir sind dem Zeitpunkte nah, da wir von diesen herkulischen Bestrebungen endlich einmal die Früchte einsammeln, und es wäre zu wünschen, die entferntesten Nationen der Welt kämen, an unsrer Ernte Teil zu nehmen.1

Es handelt sich, glaubt man den Worten Zieraus, folglich um einen Kulminations- und Kondensationszeitpunkt, eine zu erwartende Vollendungsstunde von etwas zwar lange Vorbereitetem, doch erst ‚jetzt‘ zu voller Reife Gekommenem, und damit auch um eine Gründungsstunde. Dieser Beginn wird deutlich markiert. Zunächst ist es die Ernte, die zugleich als Abschluss und vor allem als Anbruch von etwas Neuem gefasst wird. Über die Parallelität des Erntens und den Verlauf des Säens, des Wartens auf das Aufgehen der Saat und des Erntens zu einer ganzen Reihe von Gleichnissen im Markusevangelium, etwa dem Gleichnis vom Sämann, dem Gleichnis vom Wachsen der Saat oder dem Gleichnis vom Senfkorn,2 wird außerdem der Vergleich zur Vervollkommnung des Menschen und zum Reich Gottes aufgerufen. Der Vergleich mit einem weltlichen Reich genügt nicht, um die Außerordentlichkeit des Moments ebenso wie dessen, was gegründet wird, zu beschreiben. In den weiteren Ausführungen Zieraus erfolgt eine doppelte Konkretisierung:

Besonders da itzt in Deutschland das Licht der schönen Wissenschaften aufgegangen, das den gründlichen und tiefsinnigen Wissenschaften, in denen unsere Vorfahren Entdeckungen gemacht, die Fackel vorhält und uns gleichsam jetzt erst mit unsern Reichtümern bekannt macht, daß wir die herrlichen Minen und Gänge bewundern, die jene aufgehauen, und ihr hervorgegrabenes Gold vermünzen.3

Während in der ersten zitierten Replik noch unklar bleibt, um wen genau es sich bei dem formulierten „wir“4 handelt, wird nun offenkundig, dass von den Bewohner:innen „Deutschland[s]“ die Rede ist,5 und damit von etwas, das einerseits zumindest als nationalpolitisch-territoriale Einheit zu diesem Zeitpunkt noch nicht besteht,6 das andererseits zugleich als bestehend vorweggenommen wird. Weiterhin verweist das Aufgehen des Lichts deutlich auf das Fundament für die Neugründung dieses Deutschlands oder die Gründung dieses neuen Deutschlands: die Aufklärung. Im weiteren Fortgang der Szene benennt Zierau auch die Akteure, die als Gründungsväter und Identitätsstifter firmieren:

Wir haben itzt schon seit einem Jahrhunderte fast Namen aufzuweisen, die wir kühnlich den größesten Genies unserer Nachbarn an die Seite setzen können, die alle zur Verbesserung und Verfeinerung unsrer Nation geschrieben haben, einen Besser, Gellert, Rabner, Dusch, Schlegel, Uz, Weiße, Jacobi, worunter aber vorzüglich der unsterbliche Wieland über sie alle gleichsam hervorragt, ut inter ignes luna minores, besonders durch den letzten Traktat, den er geschrieben und wodurch er allen seinen Werken die Krone scheint aufgesetzt zu haben, den Goldenen Spiegel, ich weiß nicht, ob Sie schon davon gehört haben, meiner Einsicht nach sollte er’s den Diamantenen Spiegel heißen. [Hervorhebung im Original, N.K.]7

Alle Genannten sind Autoren der Aufklärung, Gründungsdokumente sind damit kulturelle Artefakte, zumeist Bücher. Was wird also auf der Basis wovon durch wen für wen be-, respektive gegründet? Mit einem geographischen Ort, Gründungsakteuren, Gründungsdokumenten – und mit Zieraus Narrativ vielleicht sogar einer Form von Gründungserzählung – handelt es sich in der Summe betrachtet um die Gründung einer geistig-kulturellen Gemeinschaft, die nicht zuletzt durch die häufige Verwendung der Personalpronomina ‚wir‘ und ‚uns‘ als Kollektiv inszeniert wird. Parallel zum Schritt der ‚Nationenbildung‘ wird dieses textuell gegründete Deutschland in ein bereits bestehendes Europa integriert8 und wird auf diese Weise Teil jener Nationen, die es vermeintlich „allen andern Nationen in der ganzen Welt zuvorgetan“ haben.9

III. Anti-aufklärerische Identitätsentwürfe und anti-(trans-)nationale Gründungsmythen?

Parallel zum entworfenen positiven Selbstbild und dem identitätsstiftenden Moment einer (Neu-)Gründung wird dies jedoch im Moment des ‚Verkündens‘ einer deutlichen Kritik unterzogen. Bereits im Dialog Zieraus mit dem Protagonisten zeigt sich ein erstes wortwörtliches Infragestellen von dessen Ausführungen. Tandi unterbricht seinen Quasi-Monolog zunächst mehrfach mit der simpel anmutenden Frage „So?“.1 Auf die Nachfrage, wovon Wielands Goldener Spiegel handle, vermag der Gelehrte nicht präzise zu antworten, sondern flüchtet sich in Weitschweifigkeiten. Nach konkreten, von ihm selbst stammenden Ratschlägen befragt, verstrickt sich dieser schließlich in eine Abfolge von Konditionalgefügen, die sichtbar ins Leere laufen.2 In einem weiteren Dialog, nunmehr im zweiten Akt und zwischen Tandi und Herrn von Biederling, wird die bislang primär ex negativo deutlich gewordene Konterkarierung des angeblich angebrochenen „Goldene[n] Zeitalter[s]“,3 zumindest in der Art und Weise wie Zierau es präsentiert, explizit. Dabei finden exakt jene zuvor von Zierau verwendeten Elemente neuerlichen Gebrauch, sodass durch die inhaltliche und zeitliche Parallelisierung von Eigen- und Fremdwahrnehmung eine allzu ‚affirmierende‘ Lesart des Dramas verunmöglicht wird. Der Dialog beginnt programmatisch mit dem Vorwurf des Prinzen: „Ich reise, aber nicht vorwärts, zurück! ich habe genug gesehn und gehört, es wird mir zum Ekel“ und der Protagonist führt weiter aus: „Ich glaubt in einer Welt zu sein, wo ich edlere Leute anträfe als bei mir, große, vielumfassende, vieltätige – – ich ersticke –“.4 Worauf genau seine Kritik gründet, wird spätestens mit der folgenden Replik offenkundig:

In eurem Morast ersticke ich – treib’s nicht länger – mein Seel nicht! Das der aufgeklärte Weltteil! Allenthalben wo man hinriecht Lässigkeit, faule ohnmächtige Begier, lallender Tod für Feuer und Leben, Geschwätz für Handlung – Das der berühmte Weltteil! o pfui doch! [Hervorhebung durch mich, N.K.]5

Die Lebendigkeit und die Progressivität, mit der das Zeitalter der Aufklärung im vorigen Dialog beschrieben wurde, werden in dieser und in den weiteren Repliken Tandis ins Gegenteil verkehrt: Aus dem Erblühen, dem Wachsen, dem Voranschreiten, dem Leuchten und dem Glänzen wird sich im Absterben Befindliches oder bereits Abgestorbenes, Verkommenes und Krankes. Es braucht, um bei den Gleichnissen des Markusevangeliums zu bleiben, im Morast nicht gesät werden, denn die Saat wird nicht aufgehen und es wird folglich auch keine Ernte zu erwarten sein. Europa ist nicht länger Vorbild, sondern wird als ekelerregend, ja sogar als Gefahr empfunden. Anstatt, wie angenommen, die europäischen Sitten nach Cumba zu exportieren,6 scheint es für den Prinzen geboten, um Cumba „Mauren [sic] herum[zu]ziehn, daß jeder, der aus Europa kommt, erst Quarantäne hält, eh er seine Pestbeulen unter meinen Untertanen vervielfältigt“.7 Insofern ist von den angeblichen glänzenden Zeiten wenig bis gar nichts zu spüren. Sich „Europäer“ nennen zu dürfen – oder zu müssen – wird nicht zum Qualitätsprädikat,8 sondern zum Schimpfwort, jedem Anspruch auf Höherwertigkeit wird die Grundlage entzogen. Ob das, worauf sich eine neue Nation zu gründen sucht, eine solide oder überhaupt eine Basis ist, wird massiv infrage gestellt, von der Divinität, mit der sie verbunden wird, bleibt nichts übrig.

Die Auseinandersetzung mit und Abgrenzung von den Angehörigen europäischer wie außereuropäischer Länder dient, so die gängige Forschungsposition, der Konstituierung einer zumindest geistig-kulturellen deutschen Nationalidentität. Für Lenz’ Drama scheint eine solche Deutung nicht aufzugehen, denn sein Neuer Menoza erweist sich als Stück, das dem präsentierten Identitätsentwurf, basierend auf der Gründung einer geistig-kulturellen deutschen Nation im Kontext eines progressiven Europas, höchst skeptisch gegenübersteht.

IV. Anstelle nationaler Gründungsmythen: Familie und Weltbürgertum

Neben einem solchen (Anti-)Identitätsentwurf offenbart das Stück jedoch noch einen weiteren. Lenz’ Drama belässt es nicht beim bloßen Ausstellen von Kritik, sondern entwickelt eine Alternative, und insbesondere eine Alternative, die Separierungstendenzen und der Formulierung von je nationen- oder kontinentspezifischen Eigenheiten und Höherwertigkeiten entgegensteht. Es mag sich auf den ersten Blick in die zeitgenössisch verstärkte Hinwendung zu Sujets aus dem familiären Umfeld einfügen, dass Lenz die Kritik an dem vorgebrachten Identitätsentwurf von Deutschem:r beziehungsweise Europäer:in in eine Handlung einbettet, die sich im Kern um das Wieder- und Neufinden wissentlich oder unwissentlich verlorener Familienmitglieder dreht. Bedeutsam ist jedoch vor allem die Art der Familienzusammensetzung. Im Laufe der Handlung stellt sich heraus, dass diese internationaler ist, als es die Verortung des Stücks in Sachsen und der sprechende Familienname von Biederling zunächst erwarten lassen. Ausgerechnet die beiden Figuren, die zunächst als maximal fremd erscheinen, erweisen sich im Verlauf der Dramenhandlung als Kinder der von Biederlings.

Der Protagonist Tandi, der zu Beginn seines Aufenthalts seinen Gastgeber gebeten hatte, mit ihm umzugehen „wie mit Ihrem Sohne“,1 stellt sich als lange vermisster, wenn nicht gar verloren geglaubter Sohn heraus – und das, obwohl ihm zunächst allerlei Herkünfte aus fremden Ländern unterstellt werden. Es ist von ihm im Verlauf des Dramas als „indianische[m] Prinzen“,2 als „Kalmucke[n]“3 oder „Prinz[en] aus Arabien“ die Rede,4 sein Verhalten wird als „Orientalisch! orientalisch!“ rubriziert,5 der eigene Vater entfernt ihn als „Prinz aus einer andern Welt“6 wortwörtlich vom eigenen Planeten. Dass es mit diesen Bezeichnungen keinesfalls darum geht, den vermeintlich Fremden geographisch zu verorten, sondern sie in erster Linie dazu dienen, Tandi „mit einem Höchstmaß an kultureller Alterität [zu] versehen“7 und diesen entsprechend als charakterlich ‚minderwertig‘, da barbarisch und wild, zu markieren, hat die Forschung verschiedentlich herausgearbeitet.8

Nicht weniger fremd erscheint zunächst die Tochter der von Biederlings, die scheinbar spanische Gräfin Donna Diana.9 Das (Lese-)Publikum lernt die Figur durch Aussprüche wie „[W]as sind wir denn anders, Amme? ich halt mich nichts besser als meinen Hund, so lang ich ein Weib bin. Laß uns Hosen anziehn und die Männer bei ihren Haaren im Blute herumschleppen“10 oder durch ihre Reaktion auf einen auf sie verübten Mordanschlag kennen:

Wenn ich dem Kerl nur in meinem Leben was zu Leide getan hätte! Es ärgert mich nichts mehr, als daß er mich unschuldiger Weise umbringen will. Hätt ich das gewußt, ich hätt ihm die Augen im Schlafe ausgestochen, oder Sukzessionspulver eingegeben, so hätt er doch Ursache an mir gehabt. Aber unschuldiger Weise – – ich möchte rasend werden.11

„[E]in Frauenzimmer [] wie andere“12 ist sie folglich keineswegs. Gleichzeitig entspricht die Figur damit jedoch dem geläufigen Spanienbild des späten 18. Jahrhunderts. Die Spanier:innen gelten als wild und unzivilisiert, temperamentvoll und zu Grausamkeit und Brutalität neigend,13 derart tritt Donna Diana über den gesamten Handlungsverlauf auf.14 Insofern handelt es sich mit Greiner tatsächlich um eine „extrem[e]“ und, wenn man so möchte, „übersteigert[e]“ und „unwahrscheinlich[e]“ Figur.15 Darin ist jedoch kein ästhetischer Mangel zu sehen, den etwa Greiner dieser Überzeichnung zum Vorwurf macht,16 sondern ein Anhaltspunkt für die Funktion dieser Figur, welche offenkundig wird, betrachtet man Dianas Rolle im Familiengefüge. Nachdem sich herausstellt, dass nicht Diana Spanierin ist, sondern die in allen Szenen als außerordentlich sanftmütig und tugendhaft erscheinende Wilhelmine – ihr Vater spricht von ihr gar als einem über die Maße empfindsamen, zerbrechlichen „Papiergeschöpf[]“–,17 werden tradierte Vorstellungen von Eigen und Fremd überworfen. Gerade die karikatureske Darstellung der beiden Figuren und der überdeutliche Kontrast zwischen ihnen machen dies umso deutlicher.

Die beiden angeblichen Wilden – die vermeintliche spanische Gräfin im europäischen Vergleich sowie der cumbanische Prinz im außereuropäischen Vergleich – sind Kinder der von Biederlings. Zunächst wird damit der Glaube an durch Geburt prädeterminierte Charaktereigenschaften, die den Angehörigen einer Nation zuzuordnen sind, ad absurdum geführt. Gleichzeitig wird durch diese Art der Familienzusammenstellung eine Perspektive aufgeworfen, die über Nationalkulturelles hinausreicht. Hermes führt zunächst mit Verweis auf den Rousseau’schen Contrat social an: „Die patriarchalisch organisierte Familie und ihr näheres Umfeld bilden einen bühnenwirksam darstellbaren Mikrokosmos, anhand dessen sich in allegorischer Weise Aufschlüsse über den sozialen Makrokosmos gewinnen lassen“.18 Folglich handle es sich bei Lenz’ Neuem Menoza um „eine Art Versuchsanordnung; das private Milieu fungiert über weite Strecken als ein Gemeinwesen in nuce“.19 Während Rousseau bekanntlich den Zusammenhang von Familie und Staat formuliert, wird bei Lenz die Zusammensetzung der Familie und der Gemeinschaft, für die sie Pate steht, als nicht-nationale Einheit entworfen. Geht man dennoch weiterhin von der dargestellten Familienzusammensetzung als Modell aus, so zeigt sich, dass Lenz an einer Entwicklung partizipiert, die im Laufe des 18. Jahrhunderts neuerliche Relevanz gewinnt. Die Dramenhandlung beginnt damit, dass einem Fremden, welcher der Prinz zu diesem Zeitpunkt noch ist, Einlass in das eigene Haus gewährt wird. Mit der erwiesenen Gastfreundschaft wird ein Kernszenario dessen vorgestellt, was als Weltbürgerlichkeit entworfen wird. Und wie Wieland bereits bei dem überaus positiven Selbstbild sowie der Kritik daran eine zentrale Rolle spielte, kann auch bei der Perspektive, die das Drama jenseits von bloßer Kritik eröffnet, erneut auf ihn verwiesen werden. In seinem Aufsatz Das Geheimniss des Kosmopoliten-Ordens (1788) formuliert dieser die Weltgemeinschaft als Familie:

Die Kosmopoliten führen den Nahmen der Weltbürger in der eigentlichsten und eminentesten Bedeutung. Denn sie betrachten alle Völker des Erdbodens als eben so viele Zweige einer einzigen Familie und das Universum als einen Staat, worin sie mit unzähligen andern vernünftigen Wesen Bürger sind, um unter allgemeinen Naturgesetzen die Vollkommenheit des Ganzen zu befördern, indem jedes nach seiner besondern Art und Weise für seinen eigenen Wohlstand geschäftig ist [Hervorhebung im Original, N.K.]20

Zwar wurde dieser Aufsatz gut zehn Jahre nach Lenz’ Neuen Menoza verfasst, gleichzeitig ist er jedoch auch eine Erneuerung von Wielands Abderiten, die wiederum ebenfalls ab 1774 und damit dem Erscheinungsjahr des Lenz’schen Stücks publiziert wurden.21 Vor diesem Hintergrund wird mit Lenz’ Familienkonstellation im Neuen Menoza eine Perspektive aufgeworfen, die über Nationales und Nationalstaatlichkeit und über die Hierarchie zwischen Europa und der übrigen Welt hinausreicht. An die Stelle von naivem Patriotismus rückt Weltbürgerlichkeit.22 Diese wird, im Gegensatz zu den Ausführungen Zieraus, nicht mit dessen unreflektiertem Optimismus vorgetragen, wie zum Abschluss an zwei Beispielen illustriert werden soll.

Zunächst kann von Biederling keineswegs als leuchtendes Vorbild für ein Familienoberhaupt bezeichnet werden. Wie sich im Verlauf der Dramenhandlung herausstellt, ist von Biederling selbst verantwortlich für den zeitweiligen Verlust des Sohnes, den er aus Geldnot einem Bekannten der Familie, Herrn von Zopf, anvertraut hatte.23 Entsprechend wird er von seiner Frau als „Rabenvater“ und „Kindermörder“ bezeichnet.24 Weiterhin wird kein idyllisch verklärtes Familienbeisammensein inszeniert. Zwar finden in mehreren Szenen Zusammenführungen von einzelnen Familienmitgliedern statt, ein Grund zur Freude sind diese zunächst jedoch keineswegs, auch wenn Außenstehende dies stets vermuten. Im dritten Akt eröffnet Herr von Zopf Tandi: „Es hätte sich nicht wunderlicher fügen können, freuen Sie sich mit uns allen, Sie sind in Ihres Vaters Hause [Hervorhebung durch mich, N.K.]“.25 In der Folge fordert er Wilhelmine und Tandi auf: „Umarmen Sie sich. Sie sind Bruder und Schwester“.26 Dass es sich bei dieser Nachricht keineswegs um eine „fröhliche Zeitung“ handelt, zu der Zopfs verwunderte Nachfrage „macht’s Ihnen keine Freude? [Hervorhebung durch mich, N.K.]“ sowie dessen Affirmation „Sie sind Geschwister, das ist sicher“ wenig beitragen,27 kann zunächst noch auf die Problematik des sich aus dieser Eröffnung ergebenden Geschwisterinzests zurückgeführt werden.

Auch bei der nächsten möglichen Zusammenführung von Familienmitgliedern im dritten Akt wird die naheliegende Wiedersehensfreude thematisiert. Nachdem Herr von Biederling nach Leipzig gereist ist, um Tandi nach dessen Flucht zur Rückkehr nach Naumburg und zu Wilhelmine zu bewegen, bittet er den Bediensteten eines Kaffeehauses: „Geht sagt meinem Sohne, ich möcht ihn sprechen“.28 Ein ebenfalls anwesender Gast bemerkt daraufhin:

Ist’s wahr, daß Ihr sein Papa seid? Das wird ihm Freude machen, das wird ihm Freude machen, ich hab Eure Gesundheit trunken, Gott hat mein Gebet erhört. – Sauft Brüder, sauft! wenn mir einer hundert Taler geschenkt hätte, so vergnügt hätte es mich nicht gemacht. [Hervorhebung durch mich, N.K.]29

Tandi verweigert in der darauffolgenden Szene jedoch zunächst, den Vater zu sehen; es findet also kein Zusammentreffen statt und erst recht kein freudiges. Doch auch nachdem Biederling seinen Sohn zur Rückkehr nach Naumburg überredet hat und Wilhelmine Tandi eröffnet, „Ich bin deine Schwester nicht“,30 und damit die Inzestproblematik endgültig ausgeräumt ist, wird keine ‚Happy Family‘ ausgestellt. Aufseiten der nunmehr rechtmäßig Liebenden und Eheleute ist die Freude zwar durchaus groß, der Vater stimmt hingegen keineswegs ein, sondern rügt diese und fordert sie auf, ins Haus und damit von der Bühne zu gehen: „So kommt herein, kommt herein, schämt euch doch, vor den Augen der ganzen Welt mit seinem Weibe Rebekka zu scherzen, das geht in Cumba wohl an, lieber Mann! aber in Sachsen nicht, in Sachsen nicht“.31 Das Ergebnis dessen, wodurch die Dramenhandlung geprägt ist, die in der Logik von Wiedererkennen oder Wiederfinden zu erwartende Versammlung aller Familienmitglieder auf der Bühne zeigt das Drama folglich gerade nicht.32 Weitere Aufeinandertreffen von Familienmitgliedern finden nicht mehr statt. So kommt es am Dramenende zu keiner neuerlichen Begegnung zwischen Mutter und Sohn und auch, dass die vermeintliche Tochter Wilhelmine nicht die eigene Tochter ist, erfährt im Verlauf der Handlung keines der Elternteile. Greiner merkt hierzu an:

Dass die Biederlings dann statt der empfindsamen Wilhelmine die männermordende Diana zur Tochter haben […], ist mit der Charakteristik der Eltern so unverträglich, dass Lenz die Handlung abbricht, wo er diese Gruppe zusammenführen müsste.33 [D]as sentimental-versönliche tableau vivant am Schluss34

im Stil Diderots bleibt in der Tat aus.35 Liest man Lenz’ Drama insgesamt jedoch als Auseinandersetzung mit der beginnenden deutschen ‚Nationenbildung‘ und insbesondere den über die Familienzusammensetzung geschaffenen Identitätsentwurf der Weltbürgerlichkeit im Kontrast zum zuvor propagierten national geprägten Identitätsentwurf, so wird offenkundig, dass das Ausbleiben eines solchen Dramenendes keineswegs als Inkonsistenz zu werten ist. Schließlich wird der Unterschied des lediglich über den Handlungsverlauf hergestellten weltbürgerlichen Identitätsentwurfs zu dem offensiv und didaktisierend vorgetragenen deutsch-europäischen Identitätsentwurf auf diese Weise umso deutlicher.

V. Deutsche:r – Europäer:in – Weltbürger:in? Lenz’ Neuer Menoza als „Mischmasch“ unterschiedlicher Identitätsentwürfe

Entstanden in der Zeit, die gemeinhin als ‚Gründungsstunde‘ einer wenn nicht politischen, so doch geistig-kulturellen deutschen Nationalidentität gilt, erweist sich Lenz’ Neuer Menoza als ein Drama, das sich einer einfachen Deutung nach dem Muster Konstitution eines Eigenen in Abgrenzung zum Anderem merklich entzieht. Mit der Trias Deutsche:r – Europäer:in – Weltbürger:in entwirft Lenz’ Stück gleich mehrere, teils durchaus skeptische, sich wechselseitig ergänzende und aufhebende Identitätskonzepte. Wenngleich das Drama zunächst analog zu entsprechenden Tendenzen im Kontext der deutschen ‚Nationenbildung‘, das Eigene zu sakralisieren und absolut zu setzen, „die eigene Identität stabilisierende kontrastive Oppositionen“ aufzurufen und fortzuschreiben scheint,1 hält es letztlich denjenigen, die in einer solchen Weise argumentieren, den Spiegel vor. Über den Zusammenhang von Familie und Weltbürgertum wird zugleich ein Identitätsentwurf jenseits der Logik nationaler Eigenheiten geschaffen. Die Familienkonstellation, die das Stück über den Handlungsverlauf entwirft, entspricht damit dem „Mischmasch“,2 von dem Lenz in seiner Selbstrezension spricht: Die Familie setzt sich letztlich aus Eigenem und Fremdem, Bekanntem und Unbekanntem zusammen. Schwiegertochter Wilhelmine – auf Familienebene gedacht als lediglich Eingeheiratete das jüngste und ‚fremdeste‘ Familienmitglied – erweist sich für das Ehepaar von Biederling als das vertrauteste und bekannteste. Der Entwurf von Weltbürgerlichkeit, für den diese Familienkonstellation Modell steht, ist nicht derjenige eines elitäreren Zirkels, dessen gelebtes Weltbürgertum nicht über philosophische Reflexionen hinausreicht,3 sondern inkludiert mit der exzentrischen vermeintlichen Spanierin auch die wortwörtlich lästige und unangenehme Verwandtschaft. Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Zufälligkeiten und seiner scheinbaren Unwahrscheinlichkeiten kann Lenz’ Neuer Menoza damit einen Identitätsentwurf formulieren, der ohne erhobenen Zeigefinger auskommt.

Das Faustische Streben als Vermittlung von Identität und Differenz

Die Rolle von Johann Gottlieb Fichtes früher Wissenschaftslehre für Goethes Faust I

Michael Steinmetz und Dominik Zink, Trier

I. Goethe und Fichte

Johann Gottlieb Fichtes Ruf an die Universität nach Jena als Nachfolger des berühmten Kantianers Carl Leonhard Reinhold wurde auch aufgrund von Bestrebungen Goethes ermöglicht.1 Der damals erst 32-jährige Fichte hatte von seinem philosophischen Hauptwerk, der Wissenschaftslehre, noch nichts publiziert. Erst im Zuge der Berufung auf die Professur veröffentlichte er vor deren Antritt die Schrift Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie, in der er sein philosophisches Programm darlegte. Während seines ersten Semesters 1794/95 publizierte er dann in einzelnen Bögen für die Hörer seiner Vorlesung die Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794), wobei deren letzter Teil, die Grundlage der Wissenschaft des Praktischen, erst im Sommer 1795 gedruckt wurde.2 Fichte stellte sicher, dass sowohl der Begriff als auch die Grundlage unverzüglich nach Erscheinen zu Goethe gesandt wurden,3 der sich sogar persönlich um einen Verlag für die Grundlage bemüht hatte4 und die Schriften Fichtes aufmerksam und mit Interesse rezipierte. Dies belegt z.B. Goethes Handexemplar mit Anstreichungen des Begriffs, das zusammen mit seinem Exemplar der Grundlage im Goethe-Nationalmuseum in Weimar archiviert ist.5 Eine zeitlich unmittelbare Rezeption von Fichtes Arbeit durch Goethe kann bis 1798 nachgewiesen werden. Goethe las und diskutierte die von 1796–99 von Fichte gehaltene Wissenschaftslehre nova methodo mit W. v. Humboldt und Schiller.6 Der im Herbst 1798 losgetretene Skandal um den vermeintlichen Atheismus der Fichte’schen Philosophie, der das Ende seiner Karriere in Jena bedeutete, weil er in dessen Zuge den Landesfürsten Carl August Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach beleidigte, ließ Goethe keine andere Wahl, als sich gegen Fichte zu positionieren. Dass dennoch eine gegenseitige Wertschätzung der Arbeit des jeweils anderen erhalten blieb, bezeugen verschiedene Aussagen. Goethe sagte zu Karl Friedrich Zelter am 8. August 1810 in Karlsbad, als sie Fichte vorüber gehen sahen, über diesen: „Da geht der Mann, dem wir alles verdanken!“7 Fichte auf der anderen Seite urteilte in einem Brief über Goethes Natürliche Tochter, sie sei ein „unsterbliches Meisterwerk“.8 Auch dass Goethe trotz seiner bekannten Abneigung gegen die Metaphysik und spekulative Philosophie einen recht guten Einblick in Fichtes Wissenschaftslehre hatte, bezeugen verschiedene Aussagen, wie z.B. die von Fichte selbst, der laut Humboldt sagte: „Neulich […] hat er [Goethe] mein System so bündig und klar dargelegt, daß ichs selbst nicht hätte klarer darstellen können.“9 Besonders interessant ist, dass in der Zeit relativ kurz nach Lektüre der Wissenschaftslehre die Wiederaufnahme der Arbeit am Faust beginnt (bezeugt durch einen Brief an Schiller vom 22.6.1797),10 worunter sehr wahrscheinlich auch die Szenen Prolog im Himmel und Studierzimmer I fallen, die hier besonders in den Blick geraten werden. Das Datum post quem für das früheste Paralipomenon zu den Versen 243–331 aus dem Prolog liegt sogar im Jahr 1795.11

Der Rückbezug auf Fichte, so die hier zu entwickelnde These, ermöglicht eine Neuinterpretation des Faustischen Strebens. Denn bereits Fichte deutet die Essenz endlicher Existenz als Streben. Dabei zeichnet sich Fichtes Entwurf wesentlich dadurch aus, dass das menschliche Bewusstsein darin als ein irreduzibel paradoxes Phänomen beschrieben wird, insofern das Ziel des Strebens – absolute Selbstidentität – nur in der Überwindung der das Bewusstsein überhaupt erst konstituierenden Differenz bestehen kann. Denn dieses Streben wird begriffen als praktische unendliche Vermittlung des Absoluten, das als Setzung reiner Selbstidentität bestimmt wird, und seiner Negation, d.h. der Inauguration einer bewusstseinskonstitutiven Differenz. Dieser Beitrag wird argumentieren, dass die paradoxe Struktur jener Anthropologie der Endlichkeit, die einen zentralen Übergangspunkt zur Moderne ausmacht, gleichsam das Grundgerüst des Endlichkeitsdramas im Faust bildet.

II. Methode und Forschungsüberblick

In einer Untersuchung, die das Verhältnis zweier Autoren zum Gegenstand hat,1 muss auch die Frage mitverhandelt werden, von welcher Vorstellung, der gegen- oder auch einseitigen Möglichkeit der Beeinflussung überhaupt ausgegangen wird. Dieter Henrich hat in seinem Konstellationenprojekt die immer noch – nicht nur für Jena und Weimar um 1800 – plausible These vorgebracht, dass gerade in einer geographisch wie intellektuell so dicht gedrängten Situation wie der in Jena vor 1800 sinnvollerweise nicht von einer naiven Rezeptionssituation gesprochen werden darf, in der ein Autor einen Gedanken eines anderen rein weitergeben oder überhaupt erst aufnehmen könne. Henrich zeigt überzeugend, dass überhaupt schon die Vorstellung von der abgeschotteten Entwicklung eines Gedankens im Werk eines einzelnen Autors als ein Produkt der idealisierenden Rezeptionsgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts beurteilt werden muss.2 Nichtsdestotrotz gibt er die Überzeugung nicht auf, dass es Autoren und Texte gibt, die als unumgängliche Bezugsgrößen im Diskurs zu neuralgischen Punkten werden und deswegen für die philologische, diskursanalytische und hermeneutisch-ideengeschichtliche Forschung ausgezeichnete Gegenstände sind. Das Verhältnis des Einzeltexts zum sich in ihm manifestierenden Diskurs beschreibt Henrich wie folgt:

Trotz der großen Bedeutung persönlicher und freundschaftlicher Verständigung für den Gang des Denkens in dieser Zeit waren zwar die philosophischen Konzeptionen immer Leistungen von Einzelnen. Innerhalb dieser Konzeptionen wirken sich aber viele Faktoren aus, die nur in Beziehung auf das den Konzeptionen vorgängige Kräftefeld eine Erklärung finden können.3

Für Jena, so urteilt Henrich, ist in der Phase des Frühidealismus kein Autor in dieser Hinsicht dem Rang Fichtes gleichzusetzen: „Mit der Veröffentlichung der Schriften Fichtes des Jahres 1794 war ein Bezugspunkt gesetzt, auf den sich alle folgenden philosophischen Theorieversuche einzustellen hatten.“4 Der Name Konstellationenforschung, den Henrich für die von ihm entwickelte Interpretationsmethode vorgeschlagen hat, verwendet die kosmologische Metapher der Sternen-Konstellation, um deutlich zu machen, dass Texte oder Einzelautoren nicht als „ptolemäisch fixiert[…]“5 gedacht werden dürfen, sondern als in einem Kräftefeld eingespannte Elemente, die als Gravitationszentren ein dynamisches Feld wechselseitiger Beeinflussung ausmachen.

Obwohl von Eckehard Förster bereits in seiner 1996 gehaltenen und ein Jahr später veröffentlichten Antrittsvorlesung als Desiderat benannt worden ist, dass die Untersuchungen Henrichs die Rolle Goethes unterschätzen, ist dieser Mangel immer noch nicht befriedigend behoben worden. Zwar ist die von Förster im gleichen Atemzug bemängelte „völlige Ausblendung“6 der Frühromantiker von Manfred Frank in mehreren sehr umfangreichen und an Henrich anschließenden Publikationen aufgearbeitet worden.7 Dennoch spielt das Verhältnis von Fichte zu Goethe weiterhin kaum eine Rolle in der Forschung; und das, obwohl die Arbeiten Henrichs den Entstehungskontext von Fichtes Philosophie und komplementär dazu diejenigen Franks die Wirkung von und Reaktionen auf Fichte sehr ausführlich aufgearbeitet haben, wodurch Fichte auch in der Germanistik als ein maßgeblicher Impulsgeber für die literarische Produktion im Jena des ausgehenden 18. Jahrhunderts gesehen wird.8 Man kann also durchaus sagen, dass Fichte und Goethe – um in der kosmologischen Metapher Henrichs zu sprechen – wahrlich Sonnen in der Jenaer Konstellation sind. Es stellt sich also die Frage, weswegen die Beziehung beider in der Forschung eine so geringe Rolle spielt. Henrichs Untersuchungsinteresse war es, die Vorbedingungen der sich rasant vollziehenden Entstehung des Deutschen Idealismus zu klären, weswegen es von seiner Warte aus nicht unbedingt notwendig erscheint, sich mit Goethe auseinanderzusetzen. Nicht verständlich scheint dagegen, dass die Goethe-Forschung so wenig Interesse an Fichte zeigt.

Die Forschung zum Verhältnis von Goethe zu Fichte ist denn auch sehr überschaubar; vor allem, wenn man sie im Kontrast zu teilweise sehr intensiv geführten Spezialdebatten in der Goethe-Forschung sieht. Im Goethe-Handbuch wird das Verhältnis der zwei Denker auf etwas mehr als zwei Seiten abgehandelt. Dort wird überhaupt kein inhaltliches Interesse Goethes an Fichte beschrieben, sondern es werden Gründe für Goethes vermeintliche „Distanz gegenüber Fichtes Philosophie“9 genannt. Trotz dieses überraschend und ungerechtfertigt geringen Interesses der Forschung lassen sich die Arbeiten, die zu diesem Thema tatsächlich erschienen sind, grob in zwei Kategorien teilen: Die erste dieser Kategorien ist die umfangreichere und umfasst Arbeiten zum Verhältnis von Fichte’scher Philosophie und den naturwissenschaftlichen Schriften und Überlegungen Goethes, wobei meistens die Goethe’schen Einschätzungen des philosophischen Dreiecks Spinoza-Kant-Fichte nachzuzeichnen versucht wird. Der zweite Forschungsstrang beschäftigt sich mit den Spuren der Wissenschaftslehre im Faust.

Unter die erste Kategorie fällt die ideengeschichtlich ambitionierteste Arbeit, die sich mit Goethe und Fichte beschäftigt: Serenella Iovinos Aufsatz „Ich ist Nicht-Ich“ = „Alles ist Alles“. Goethe als Leser der ‚Wissenschaftslehre‘.10 Dort findet sich ein sehr detaillierter Forschungsüberblick bis zum Jahr 2000, weswegen von den dort genannten Arbeiten weiter unten nur die zentrale Arbeit von Géza von Molnár Goethes Einblick in die „Wissenschaftslehre“11 angesprochen werden soll. Iovinos These ist, dass Goethe auf der Suche nach einem Prinzip war, das den spinozistischen All-Einheitsgedanken mit der in Kants Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft dargestellten Polarität in der Natur versöhnt. Dieses Prinzip, das für Goethe grundlegend für seine Naturvorstellung und im Speziellen für seine Farbenlehre und seine Morphologie wichtig war, hat er in Fichtes Wissenschaftslehre zu finden geglaubt. Die wichtigste Veröffentlichung nach Iovino zu diesem Forschungsthema war die Ausgabe des Goethe Yearbooks XVIII (2011), das sich mit Goethes Verhältnis zum Idealismus beschäftigt.12 Auch die Faksimile-Ausgabe des Handexemplars von Goethes Begriff aus dem Jahr 200413 wurde als Beitrag zu dieser Forschung geplant und durchgeführt. So ist der Herausgeber Wolf von Engelhardt von Haus aus Geologe und hat wissenschaftsgeschichtlich hauptsächlich zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften gearbeitet. Sein Kommentar hat denn auch einen deutlich naturwissenschaftlichen Fokus.

Der vorliegende Beitrag ist freilich der zweiten Goethe-Fichte-Forschungslinie, der zu Fichte und Faust, zuzuordnen.14 Géza von Molnár, der Herausgeber von Goethes Kantstudien, hat die bis jetzt detaillierteste Untersuchung zu Fichtes Einfluss auf Goethes Faustprojekt vorgelegt.15 Auch er beginnt mit dem Einfluss, den Fichtes Begriff auf Goethes Farbenlehre hatte, und bespricht in einem close reading einiger zentraler Stellen die Annotationen in Goethes Ausgabe des Begriffs, um dann jedoch in Hinblick auf den Faust die These zu vertreten, dass dieser analog zu Goethes naturwissenschaftlichen Experimenten als ein literarisches Experiment gelesen werden kann.16 Die in Anlehnung an Fichte in Bezug auf die Farbenlehre von Goethe eingeführten Begriffe Licht und Nicht-Licht werden strukturanalog zu den Strukturmomenten interpretiert, die der Herr und Mephisto im Prolog im Himmel repräsentieren. Die in diesem Beitrag vorgeschlagene Interpretation stimmt mit Molnár in diesem Punkt überein, will jedoch vor allem zeigen, dass die Parallelen zu Fichte noch sehr viel tiefgreifender sind.

Der einzige Aufsatz, der sich exklusiv mit dem Einfluss Fichtes auf Goethes Faust beschäftigt, ist Christian Maria Stadlers Beitrag Johann Gottlieb Fichte und das faustische Streben.17 Wie der Titel bereits nahelegt, zielt seine These darauf ab, dass es in Bezug auf das Streben, von dem sicher niemand behaupten wolle, es wäre im Faust nicht zentral, Parallelen bei Fichte gibt. Obwohl er eine in der Kürze sehr instruktive Zusammenfassung des Fichte’schen Projekts und auch eine seine These plausibilisierende Darstellung der biographischen Koinzidenzen gibt, beschränkt sich der Teil des Beitrags, in dem die These tatsächlich belegt werden müsste, größtenteils auf das Nebeneinanderstellen von Zitaten. So kommentiert er Fausts Übersetzung der Schöpfungsgeschichte aus dem Johannesevangelium mit dem Satz „Diese Passage ist die kürzeste Fassung der Fichte’schen Lehre, die mir bekannt ist“,18 ohne jedoch darzulegen, weswegen er zu genau diesem Schluss kommt. Den Behauptungen, die Stadler aufstellt, kann durchaus zugestimmt werden, ihr literaturwissenschaftlicher Mehrwert allerdings ist sehr stark eingeschränkt, weil er lediglich auf Parallelen hinweist, ohne diese inhaltlich aufzubereiten oder gar für eine Interpretation nutzbar zu machen. Das Anliegen dieses Beitrags hingegen ist ein genuin literaturwissenschaftliches: Es soll in einem ersten Schritt gezeigt werden, dass die Texte der Wissenschaftslehre tatsächlich wichtige Intertexte des Faust sind, indem deutlich gemacht wird, dass im Faust eine spezifische Deutung des Strebens als Vermittlung von Identität und Differenz entwickelt wird, die bereits bei Fichte vorgezeichnet ist. In einem zweiten und wichtigeren Schritt soll dann anhand des Beispiels der Wetten im Faust gezeigt werden, welche Konsequenzen diese Erkenntnis für die Faust-Interpretation hat.

III. Das erkenntnistheoretische Programm der Wissenschaftslehre

Um in die für diesen Beitrag fundamentale Verhältnisbestimmung von Identität und Differenz bei Fichte einzuleiten, wird zunächst das programmatische Anliegen der Wissenschaftslehre skizziert. Dieses entwickelt Fichte in seiner Schrift Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre. Darin beschreibt er die Einzelwissenschaften als Systeme, die eines obersten Prinzips – eines Grundsatzes – bedürfen, das die verschiedenen Sätze einer Wissenschaft verbindet und ihre Gewissheit innerhalb des Systems garantiert.1 Die Grundsätze der Einzelwissenschaften können ihre eigene Gewissheit jedoch nicht aus dem System schöpfen, welches sie zuerst fundieren sollen, sodass sie selbst eines Ausweises bedürfen. Die Möglichkeit einer solchen Fundierung der Grundsätze der Einzelwissenschaften sieht Fichte in der Entwicklung der Wissenschaftslehre als einer Wissenschaft der Wissenschaften überhaupt gegeben.2 Es ergibt sich jedoch das Problem, dass auch die Wissenschaftslehre als System des Wissens überhaupt eines Einheitsgrundes bedarf, der in ihr nicht erwiesen werden kann, sondern zum Behuf ihrer Möglichkeit vorausgesetzt werden muss. „Aber dieser Grundsatz kann auch in keiner andern höhern Wissenschaft erwiesen werden […]. Dieser Grundsatz […] ist daher schlechterdings keines Beweises fähig […]. [E]r muß unmittelbar gewiß seyn.“3

Einen Grundsatz, der dem Anspruch unmittelbarer Evidenz genügt, findet Fichte – in Anlehnung an die neuzeitliche Subjektphilosophie seit Descartes – in der unmittelbaren Gewissheit des Ich bin. Die neuzeitliche Philosophie kann beginnend mit Descartes in ihrer Gesamtheit als eine um den Begriff selbstbewusster Subjektivität zentrierte Philosophie beschrieben werden. So schreibt etwa Gerhard Funke zur historischen Bedeutung des Begriffs des Selbstbewusstseins, die Neuzeit zeige „in ihrem Gesamtverlauf einen Zug zur Entfaltung des autonomen Selbstbewußtseins, zur Herausstellung der Immanenz des Bewusstseins überhaupt.“4 Selbstbewusstsein als das einzig sich selbst ausweisende und letztbegründende Prinzip gewinnt in zunehmendem Maß die Funktion eines „fundamentum inconcussum alles wahrheitsfähigen Vorstellens.“5

Die Fundierung jeglicher Erkenntnis in einem einheitlichen Prinzip ist für Fichte jedoch mit dem fundamentalen Problem verbunden, dass er Erkenntnis grundsätzlich als Beziehung eines vorstellenden Subjekts auf ein vorgestelltes Objekt auffasst. Die Alterität von Subjekt und Objekt ist neben der Fundierung allen wahrheitsmäßigen Vorstellens im Selbstbewusstsein ein weiteres fundamentales Merkmal neuzeitlicher Bewusstseinsphilosophie.6 Sie implementiert jedoch einen Dualismus an der Wurzel jeglicher Erkenntnis, der – soll der Erkenntnis durch ein einheitliches Prinzip ein sicheres Fundament gegeben werden – überwunden werden muss.7 Fichte betont im Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre (1797/98), dass die Auflösung des Dualismus von Subjekt und Objekt nur möglich ist, wenn eines seiner beiden Relata als Erklärungsgrund des anderen bestimmt wird.8 Die Alterität der Erfahrungsmomente von Subjekt und Objekt muss gemäß Fichtes subjektzentrierter Grundüberzeugung also in der Identität des Subjekts fundiert werden.

Die Genese der beiden Momente der Erfahrung, Subjekt und Objekt, wird von Fichte innerhalb der ersten beiden Grundsätze der Grundlage beschrieben. Da die Position der Subjekt-Objekt-Differenz in der Identität des Ich jedoch auf einen Widerspruch führt, bedürfen beide Grundsätze einer Vermittlung, welche den Widerspruch aufhebt. Diese Vermittlung erfolgt im dritten Grundsatz, der eine Dialektik von Subjekt, Objekt und der übergeordneten Totalität der Subjekt-Objekt-Identität inauguriert. Fichte ist insofern ein Exponent neuzeitlich dialektischer Philosophie, als deren Grundanliegen die Vermittlung der widersprüchlichen Annahmen einer Subjekt-Objekt-Differenz und einer Subjekt-Objekt-Identität beschrieben werden kann.9

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