Kitabı oku: «Integrative Medizin und Gesundheit»

Yazı tipi:

Benno Brinkhaus | Tobias Esch (Hrsg.)

Integrative Medizin und Gesundheit
Mit Geleitworten von Detlev Ganten und Eckhart G. Hahn
Mit Beiträgen von

S.R. Adler | U. Bingel | H.C. Bringmann | B. Brinkhaus | S. Brunnhuber | T. Delbanco | J. Dirmaier | G. Dobos | F. Edelhäuser | T. Esch | T. Falkenberg | J.E. Fischer | G.L. Fricchione | O. Gröne | P. Haas | E.G. Hahn | A. Haramati | M. Härter | H. Hildebrandt | A. Homberg | J. Holst | M. Jeitler | S. Joos | R. Jütte | A. Kerckhoff | C.S. Kessler | B. Kligler | A. Längler | J. Langhorst | S. Latte-Naor | K. Linde | C. Mahler | J.J. Mao | D. Martin | H. Matthes | D. Melchart | A. Michalsen | M. Ortiz | D. Pach | A. Paul | A. Pimperl | C. Scheffer | M.W. Schnell | G.J. Seifert | I. Scholl | O. Somburg | R. Stolz | D. Tauschel | R. Teets | M. Teut | P. Tinnemann | M. Voss | J. Walker | J. Weeks | S.N. Willich | C.M. Witt | S. Zeh | J. M. Zill

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

Die Herausgeber

Prof. Dr. med. Benno Brinkhaus

Projektbereich Komplementäre & Integrative Medizin

Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und

Gesundheitsökonomie

Charité – Universitätsmedizin Berlin

Luisenstraße 57

10117 Berlin

Prof. Dr. med. Tobias Esch

Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und

Gesundheitsförderung

Fakultät für Gesundheit/Department für Humanmedizin

Universität Witten/Herdecke

Alfred-Herrhausen-Straße 44

58448 Witten

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

Unterbaumstraße 4

10117 Berlin

www.mwv-berlin.de

ISBN 978-3-95466-607-2 (eBook: PDF)

ISBN 978-3-95466-641-6 (ePub)

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© MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2021

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Die Verfasser haben große Mühe darauf verwandt, die fachlichen Inhalte auf den Stand der Wissenschaft bei Drucklegung zu bringen. Dennoch sind Irrtümer oder Druckfehler nie auszuschließen. Der Verlag kann insbesondere bei medizinischen Beiträgen keine Gewähr übernehmen für Empfehlungen zum diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen oder für Dosierungsanweisungen, Applikationsformen oder Ähnliches. Derartige Angaben müssen vom Leser im Einzelfall anhand der Produktinformation der jeweiligen Hersteller und anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Eventuelle Errata zum Download finden Sie jederzeit aktuell auf der Verlags-Website.

Produkt-/Projektmanagement: Dorothea Wunderling, Bernadette Schultze-Jena, Berlin

Lektorat: Monika Laut-Zimmermann, Berlin

Layout, Satz, Herstellung: zweiband.media, Agentur für Mediengestaltung und -produktion GmbH, Berlin

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Coverbild: © Prof. Dr. Tobias Esch

Zuschriften und Kritik an:

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Unterbaumstr. 4, 10117 Berlin, lektorat@mwv-berlin.de

Geleitwort

Die derzeitig praktizierte Schulmedizin hat ihre Basis weitgehend immer noch in der naturwissenschaftlich-biologischen Forschung und in den molekularen Ursachen der Krankheiten sowie den darauf basierenden Erkenntnissen für Diagnose, Therapie und soweit wie möglich der Prävention. In den letzten 50 Jahren waren auf diesem Gebiet unzweifelhaft große Erfolge zu verzeichnen. Moderne Technologien lassen hoffen, dass diese Fortschritte weitere neue Erkenntnisse und neue Erfolge ermöglichen.

Trotzdem nehmen viele Bürger und Patienten die Verfahren der Naturheilkunde, der Integrativen Medizin und anderer alternativer Methoden in Anspruch, obwohl deren Wirksamkeit und Therapiesicherheit nicht immer gesichert ist. Im weltweiten Maßstab stehen diese Methoden besonders in einigen Ländern sogar im Vordergrund. Kulturelle Besonderheiten spielen eine wichtige Rolle, aber auch die Tatsache, dass die naturwissenschaftlich orientierte Schulmedizin zumeist teuer ist und ihre Verheißungen häufig größer sind als die tatsächlichen Erfolge. Enttäuschte Patienten suchen ihr Heil in Alternativen.

Ziel des vorliegenden verdienstvollen Buches der Kollegen Benno Brinkhaus und Tobias Esch ist nichts weniger als unter Berücksichtigung schulmedizinischer Erkenntnisse und einer differenzierten Darstellung der Integrativen Medizin die Entwicklung einer modernen, patientenzentrierten und individualisierten Medizin im Zeitalter tiefgreifender gesellschaftlicher, digitaler, sozialer und demokratischer Veränderungen mit enormen Entwicklungs- aber auch Gefährdungspotenzialen zu beschreiben.

Die Autoren beschreiben, dass sich in den letzten zwei Jahrzehnten eine Medizinrichtung zunehmend etabliert habe, die sich eine Synthese beider Therapierichtungen, der Naturheilkunde und der Integrativen Medizin, unter stärkerer Einbeziehung präventiver Maßnahmen wünscht, wobei beide Verfahren evidenzinformiert bzw. evidenzbasiert sein sollen. Mehr noch, die ursprüngliche Auffassung einer Integrativen Medizin als bloßer Synthese von konventioneller und traditioneller Medizin (früher: „Schulmedizin plus Alternativmedizin“) habe sich grundlegend verändert in Richtung einer eigenen Disziplin, die auf Basis von Patientenzentrierung, Multiprofessionalität/Teambasierung und vor allem einer Selbsthilfefähigkeit und Selbstregulation der Patienten das bestehende medizinische Paradigma erweitern möchte. Dabei spielt neben der Wissenschaft auch die „Heilkunst“ (Gespräch, Interaktion, Motivation, Empathie etc.) eine wichtige Rolle.

In diesem Kontext stellen Brinkhaus und Esch auch eine erweiterte, neue Definition der Integrativen Medizin vor:

Integrative Medizin bekräftigt die Bedeutung der Beziehung zwischen Arzt und Patient, zielt auf die ganze Person ab, wird durch Evidenz informiert und bedient sich aller geeigneten therapeutischen, präventiven, gesundheitsfördernden oder Lifestyle-Ansätze sowie aller Disziplinen des Gesundheitswesens, um eine optimale Gesundheit und Heilung zu erreichen – Kunst und Wissenschaft des Heilens gleichermaßen hervorhebend. Sie basiert, so die Autoren, auf einer sozialen, demokratischen sowie natürlichen und gesunden Umwelt.

Aus dieser Definition geht hervor, dass es sich bei der Integrativen Medizin nicht nur um eine Aufnahme evidenzbasierter naturheilkundlicher Therapiemaßnahmen in die konventionelle Medizin geht, sondern dass Integrative Medizin patientenzentriert, präventiv und therapeutisch, den Patienten aktivierend, den gesunden Lebensstil berücksichtigend, interaktiv und empathisch ist. Gesunderhaltung und Gesundwerdung ist ein interaktiver Prozess von Patienten mit verschiedenen Anbietern im Gesundheitswesen, die Kunst der Gesunderhaltung und Gesundwerdung wird neben der wissenschaftlichen Erkenntnis in den Vordergrund gestellt, ebenso, dass diese Prozesse nur möglich sind, wenn dazu die entsprechenden sozialen und natürlichen Bedingungen vorliegen.

Im Mai 2017 wurde im Rahmen des „World Congress Integrative Medicine & Health“ in Berlin das Berlin Agreement entwickelt, auf das in dem vorliegenden Buch mehrfach Bezug genommen wird. Darin wird auf die wichtigen Voraussetzungen für das Gelingen der Integrativen Medizin hingewiesen. Besonders wichtig sind unter anderem folgende Faktoren:

Neben optimaler Gesundheitsversorgung ist die Gesundheitserhaltung bzw. Krankheitsvorbeugung unter anderem durch eine Stärkung der Selbst-Fürsorge und der Resilienz mit einzubeziehen („Model Health“).

Voraussetzung ist eine Erziehung von Bürgern zu einem nachhaltig gesunden Leben in einer sozialen und gesunden Umwelt („Engage Patients“).

Voraussetzung auf medizinischer Seite ist eine interprofessionelle Versorgung und eine optimale Zusammenarbeit von Gesundheitsberufen („Promote Interprofessionalism and Team Care“).

Aufnahme evidenzbasierter traditioneller Therapieverfahren und Berücksichtigung von globalen medizinischen Prozessen („Recognize the Importance of Traditional Medicine in Global Healthcare“).

Stärkung der Forschung im Bereich naturheilkundlicher und komplementärmedizinischer Therapieverfahren unter der Berücksichtigung eines ganzheitlichen Design- und Methodenansatzes („Commit to Evidence-Informed Dialogue and Practice“ and „Foster Whole Systems Research“).

Berücksichtigung der Interaktion von Prävention, Gesundheitsförderung und lokaler bzw. allgemeiner Gesundheitsversorgung bei Gesunderhaltung und Gesundwerdung („Bridge Clinical Care with Prevention, Community and Public Health“).

Berücksichtigung, dass soziale, politische, natürliche und ökonomische Faktoren für die Gesundheit eine entscheidende Rolle spielen. Diese Faktoren gilt es zu stärken, Ungleichheiten sind zu vermeiden und personelle und soziale Verantwortung zu übernehmen („Engage as Change Agents“).

Nutzung moderner auch digitaler Wege der Therapeut/Arzt-Patienten-Interaktion und Kommunikation in der Integrativen Medizin – sowohl in der Praxis wie in der Forschung.

Dieses Berlin Agreement ist eine wesentliche Basis für das vorliegende Buch. Die Autoren merken aber an, dass diese Grundlage sich ändern wird und anzupassen ist in den Inhalten und Konzepten an die Ergebnisse weiterer Forschung und unter Berücksichtigung der raschen Veränderungen im Gesundheitssystem. In der Systematik des Aufbaus des vorliegenden Buches steht daher eine allgemeine Einführung und das Berlin Agreement am Ende des Buches. Es folgt dann eine umfassende Darstellung der Grundzüge und wissenschaftlichen Basis der Integrativen Medizin, einschließlich der historischen Tatsachen, der allgemeinen Entwicklung und eine Darstellung von einzelnen Bestandteilen der diagnostischen und therapeutischen Vorgehensweisen. Dies wird ergänzt im Praxisteil durch eine Darstellung von ausgewählten Bereichen der Integrativen Medizin.

Das Buch zeichnet sich aus durch eine solide, wissenschaftlich fundierte Beschreibung der Integrativen Medizin, die sich wohltuend abhebt von unkritischen Propheten alternativer Heilmethoden. Die Autoren des Buches sind klassisch ausgebildete Ärzte in der wissenschaftlichen Schulmedizin und Experten auf verschiedensten Gebieten der konventionellen, komplementären Medizin sowie ausgewiesene Kenner von modernen Therapiestrategien, digitaler Medizin, Public Health und Gesundheitsökonomie.

Das Buch bietet so einen tiefen und interessanten Einblick in verschiedene Auffassungen der Heilkunst mit einem Schwerpunkt der Integration unterschiedlicher Möglichkeiten, die auf den Patienten und seine Besonderheiten in ganz persönlicher Weise Rücksicht nehmen. Personalisierte Medizin ist eben nicht auf die spezifischen Erbanlagen und Genomsequenzierung beschränkt, sondern integriert den ganzen Menschen und seine Umwelt.

Dieser Medizin und dem Buch sind Erfolg und weite Verbreitung zu wünschen!

Detlev Ganten

Präsident des World Health Summit

Berlin im März 2021

Preface

To a large extent, the orthodox medicine that is being practiced today still has its basis in scientific-biological research and in the molecular causes of the diseases. The knowledge based on this foundation is used for diagnosis, therapy, and as far as possible, prevention. Over the last 50 years, a large amount of success has undoubtedly been achieved in this field. Modern technologies give us hope that these advances will enable further insights and successes.

Nevertheless, many citizens and patients have been making use of the procedures of naturopathy, Integrative Medicine and other alternative methods, although they cannot always be assured of the effectiveness and therapeutic safety of such treatments. On a global scale, these methods are coming to the fore, especially in certain countries. Cultural particularities do play an important role, but the fact that scientifically oriented conventional medicine is often expensive and its promises are often greater than the actual successes is even more crucial. Disappointed patients seek their salvation by looking for alternatives.

The aim of this meritorious book by colleagues Benno Brinkhaus and Tobias Esch is nothing less than to describe the development of modern, patient-centered, and individualized medicine in an age of profound societal, digital, social, and democratic changes with enormous potential for development but also for danger.

The authors describe that over the last two decades a medical discipline has increasingly established itself that attempts to find a synthesis of two therapeutic directions, naturopathy and Integrative Medicine, with more inclusion of preventive measures. Both types of procedures should be evidence-informed or evidence-based. Moreover, the original view of Integrative Medicine as a mere synthesis of conventional and traditional medicine (formerly: “conventional medicine plus alternative medicine”) has fundamentally changed and developed in its own direction. There is currently an effort to expand the existing medical paradigm on the basis of patient-centeredness, multiprofessionalism/teamwork and, above all, the ability of patients to help themselves and self-regulate their treatments. In addition to science, the “art of healing” (conversation, interaction, motivation, empathy, etc.) plays an important role in this process.

In this context, Brinkhaus and Esch also present an extended, new definition of Integrative Medicine:

Integrative Medicine affirms the importance of the doctor-patient relationship, aims at the whole person, is informed by evidence and uses all appropriate therapeutic, preventive, health-promoting or lifestyle approaches as well as all disciplines of healthcare to achieve optimal health and healing – emphasizing both the art and science of healing. According to the authors, it is based on a social, democratic, as well as a natural, healthy environment.

Using this definition, it is clear that Integrative Medicine is not only about the inclusion of evidence-based naturopathic therapies in conventional medicine, Integrative Medicine is patient-centered, preventive, and therapeutic. It activates the patient, taking into account a healthy lifestyle, is interactive and empathetic. Becoming healthy and maintaining health is an interactive process of patients with different healthcare providers, the process is emphasized to complement scientific knowledge, as well as the fact that these processes are only possible if the appropriate social and natural conditions are present.

In May 2017, the Berlin Agreement was developed within the framework of the “World Congress Integrative Medicine & Health” in Berlin, which is referred to several times in this book. The agreement points out the important prerequisites for the success of Integrative Medicine. The following factors, among others, are particularly important:

In addition to seeking optimal healthcare, health maintenance or disease prevention, strengthening self-care and resilience (“Model Health”) are to be included.

A prerequisite is educating citizens enabling them to lead sustainable healthy lives in a social and healthy environment (“Engage Patients”).

On the medical side, interprofessional care and optimal cooperation between healthcare professions (“Promote Interprofessionalism and Team Care”) is a prerequisite.

Recognizing the importance of traditional medicine in global healthcare (“Recognize the Importance of traditional Medicine in Global Healthcare”).

The strengthening of research in the field of naturopathic and complementary medicine therapies under consideration of a holistic design and method approach (“Commit to Evidence-Informed Dialogue and Practice” and “Foster Whole Systems Research”).

Considering the interaction of prevention, health promotion and local or general healthcare in maintaining and improving health (“Bridge Clinical Care with Prevention, Community and Public Health”).

Taking into account that social, political, natural and economic factors play a decisive role in health. These factors must be strengthened, inequalities must be avoided and personal and social responsibility must be taken (“Engage as Change Agents”).

The use of modern and digital methods of therapist-doctor-patient interaction and communication in Integrative Medicine – both in practice and in research.

This Berlin Agreement has been a key foundation for this book. The authors note, however, that this basis will change and that its contents and concepts will have to be adapted to the results of further research and the rapid changes in the healthcare system. The systematic structure of the present book is based, therefore, on a general introduction and the Berlin Agreement at the end of the book. This is followed by a comprehensive presentation of the basic features and scientific basis of Integrative Medicine, including historical facts, general developments and a description of individual components of diagnostic and therapeutic procedures. This is supplemented in the practice section by a presentation of selected areas of Integrative Medicine.

The book is characterized by a solid, scientifically based description of Integrative Medicine, which pleasantly sets itself apart from the uncritical prophets of alternative healing methods. The authors of the book are classically trained physicians in scientific orthodox medicine and experts in various fields of conventional, complementary medicine as well as proven experts in modern therapeutic strategies, digital medicine, public health and health economics.

In such a light, this book provides a deep and interesting insight into different views of the art of healing with a focus on the integration of different possibilities, which take into account the patient and his or her particularities in a very personal way. Personalized medicine is not limited to specific hereditary factors and genome sequencing, it integrates the person as a whole as well as his or her environment.

We wish that the medicine and this book gain success and a wide distribution!

Detlev Ganten

President of the World Health Summit

Berlin, March 2021

Geleitwort

Detlev Ganten hat in seinem Geleitwort für dieses Buch den großen Wurf einer evidenzbasierten Integrativen Medizin und Gesundheit für eine Gesundheitsversorgung der Zukunft begründet und gewürdigt. Das Buch zeigt Wege auf, wie in einer global komplexen Welt Gesundheit erhalten und wiederhergestellt werden kann. In deutlichem Widerspruch zu den gut begründeten Analysen und Vorschlägen in diesem Werk steht der im Folgenden beschriebene Vorgang. Er illustriert, wie sorgfältig und zeitgemäß die Herausgeber Brinkhaus und Esch die Themen gewählt haben. Er zeigt auch, welche Vorurteile, Fehlinformationen und Widerstände durch grundlegende Entwicklungen in der Gesundheitsversorgung zu überwinden sind.

Der Weltärztebund (World Medical Association, WMA) hat anlässlich der Jahreshauptversammlung 2020 eine neue Grundsatzerklärung veröffentlicht, die dazu aufruft, „Pseudowissenschaft“ und „Pseudotherapien“ weltweit zu unterbinden (https://www.wma.net/policies-post/wma-declaration-on-pseudo-science-and-pseudotherapies-in-the-field-of-health/). Dazu gibt die WMA 13 verschiedene Empfehlungen. Die Begriffe „Pseudowissenschaft“ und „Pseudotherapien“ werden definiert („Falsche Wissenschaft“ und „Falsche Therapien“), wobei vor allem auf die dabei fehlende moderne wissenschaftliche Basis verwiesen wird. Dann wird am Schluss des Textes kleingedruckt angefügt:

„Das Ziel dieser Erklärung sind nicht die traditionelle, von den Vorfahren überlieferte Heilkunde noch die sogenannte einheimische Heilkunde, die fest in Völkern und Nationen verwurzelt sind und einen wesentlichen Teil ihrer Kultur, ihrer Rituale, Tradition und Geschichte darstellen“. (ebd.)

Abgesehen davon, dass dies ein Widerspruch zu den selbst gewählten Definitionen ist, bleibt es auf den ersten Blick unklar, was die WMA eigentlich konkret meint. Es erscheint kaum nötig, auf die Gefahr falscher Wissenschaft und falscher Therapien hinzuweisen. Dann wird es aber unter Forderung 7 plötzlich klar,

„dass ein System eingerichtet werden solle, dass jegliche Behandlung unterbindet oder mindestens einschränkt, die als komplementär und/oder alternativ klassifiziert wird, um das Gesundheitswesen davor zu schützen“. (ebd.)

Leider hat das Bundesärzteblatt dies in verkürzter Form aufgegriffen und ungefiltert publiziert (https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/118235/Weltaerztebund-fordert-staerkeren-Einsatz-gegen-Pseudowissenschaften-und-therapien?rt=a15ce1c2bcc33b57ac93ee9291a4df4a).

Dieser klassische Kurzschluss, dass nämlich Komplementärmedizin grundsätzlich unwissenschaftlich sei, ist geläufig und teilweise von den betreffenden empirisch arbeitenden Disziplinen durch fehlende Forschungsanstrengungen zu verantworten. Auf der anderen Seite genügt aber für eine andere Wahrnehmung ein Blick in die Sammlung der „Cochrane Collaboration“, wo hunderte Studien zur Komplementären und Integrativen Medizin zugänglich sind (https://cam.cochrane.org). Leider ist bisher die öffentliche Förderung zurückhaltend, obwohl die Werte und Präferenzen der Patienten dazu anhalten sollten. Das vorliegende Buch hat sich dieser Problematik angenommen, um unter Berücksichtigung der Prinzipien der evidenz-basierten Medizin (David Sackett) einschließlich der Patientenwerte und -präferenzen die Voraussetzungen für eine Integrative Medizin und Gesundheit zu ermöglichen. Dies bezieht auch die begründeten Ergebnisse der Komplementärmedizin mit ein. Besonders beachtenswert ist die Bemühung um eine verbindliche Definition von Theorie und Praxis der Integrativen Medizin und Gesundheit. Ob die Integrative Medizin und Gesundheit als Addition von konventioneller Medizin und Komplementärmedizin zu verstehen ist, oder aufgrund eines eigenen theoretischen Rahmens einen Paradigmenwechsel hin zu einer neuen Disziplin begründet, wird die Zukunft durch entsprechende Grundlagen- und Versorgungsforschung zeigen. Der von den Herausgebern gewählte Bezug auf die Definition des „Academic Consortiums for Integrative Medicine and Health 2015“ und die Vorschläge der „Berliner Erklärung 2017“ ist aus meiner Sicht ein erfolgversprechender Ansatz.

Das Buch befruchtet diese Entwicklung, und ihm ist die gebührende Aufmerksamkeit zu wünschen!

Prof. em. Dr.med. Eckhart G. Hahn, MME (Bern), FACP

Erlangen im März 2021

Preface

In his preface to this book, Detlev Ganten has both substantiated and commended the great endeavor towards evidence-based Integrative Medicine and Health for a healthcare of the future. The book outlines various ways to maintain and restore health in a complex, global world. In marked contrast to the well-founded analyzes and suggestions in this work is the declaration described below. It illustrates just how carefully and up to date the editors Brinkhaus and Esch have selected the topics in this book. It also shows the prejudices, misinformation, and resistance that need to be overcome by fundamental developments in healthcare.

At the Annual General Meeting 2020, the World Medical Association (WMA) published a new policy statement calling for the worldwide suppression of “pseudoscience” and “pseudotherapies” (https://www.wma.net/policies-post/wma-declaration-on-pseudoscience-and-pseudotherapies-in-the-field-of-health/). To this purpose, the WMA offers 13 different recommendations. The terms “pseudoscience” and “pseudotherapies” are defined (“false science” and “false therapies”), regarding the lack of a modern scientific basis. Then, at the end of the text, added in small print was:

“The aim of this declaration is not the traditional ancestral medicines nor the so-called indigenous medicines, firmly rooted in various peoples and nations, forming an intrinsic part of their culture, rites, traditions, and history.”

Apart from the fact that this contradicts the self-selected definitions, it remains unclear at first glance what the WMA means in concrete terms. It seems hardly necessary to point out the danger of false science and false therapies. But then it suddenly becomes clear under demand 7, that:

“there should be a system in place to either immediately stop or substantially restrict any given treatment classified as complementary and/or alternative in order to protect public health.”

Unfortunately, the Bundesaerzteblatt has taken this up in a truncated form and published it in an unfiltered manner (https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/118235/Weltaerztebund-fordert-staerkeren-Einsatz-gegen-Pseudowis-senschaften-und-therapien?rt=a15ce1c2bcc33b57ac93ee9291a4df4a).

This typical knee-jerk-reaction, namely that complementary medicine is fundamentally unscientific, is common. It is partly attributable to the concerned empirical disciplines themselves, due to a widespread lack of research commitments. On the other hand, however, a glance at the collection of the “Cochrane Collaboration”, where hundreds of studies on complementary and Integrative Medicine are accessible (https://cam.cochrane.org), would support an entirely different perception. Unfortunately, public funding has so far been unforthcoming, although patients’ values and preferences should encourage this to change. This book has addressed this issue in order to set the stage for Integrative Medicine and Health, taking into consideration the principles of evidence-based medicine (David Sackett), including patient values and preferences. This also includes the well-founded results of complementary medicine. The effort to establish a binding definition of the theory and practice of Integrative Medicine and Health is particularly noteworthy. Whether Integrative Medicine and Health is to be understood as the addition of conventional medicine and complementary medicine, or whether a paradigm shift towards a new discipline is justified on the basis of its own theoretical framework, the future will show through corresponding basic and healthcare research. The reference chosen by the editors for the definition of the “Academic Consortium for Integrative Medicine and Health 2015” and the proposals of the “Berlin Declaration 2017” is, in my view, a promising approach.

This book facilitates this development and hopes to attract the attention its weight is due!

Prof. em. Dr.med. Eckhart G. Hahn, MME (Bern), FACP

Erlangen, March 2021

Vorwort

Die Integrative Medizin hat sich, begrifflich ursprünglich aus den USA kommend, nunmehr auch in Europa über die letzten 20 Jahre fest etabliert. Dabei handelt es sich um ein relativ neues medizinisches Fachgebiet und ein begleitendes Paradigma, das sich an vorbestehende Bereiche tradierter Medizinsysteme aus der Naturheilkunde und der Komplementärmedizin anlehnt, diese mit etablierten Verfahren der konventionellen Medizin kombiniert und über ganzheitliche, evidenzinformierte und patientenzentrierte Elemente verfügt. In den USA hat die Integrative Medizin zusammen mit der Mind-Body-Medizin erst dem Bereich der Complementary and Alternative Medicine (CAM) eine anerkannte Sichtbarkeit und Verankerung auch an den großen und etablierten akademisch-medizinischen Einrichtungen wie z.B. der Harvard Medical School oder der Stanford University School of Medicine gegeben, sodass heute nach Etablierung des Begriffs der Integrativen Medizin von Complementary and Integrative Medicine (CIM) gesprochen wird.

Heute ist die wissenschaftlich-akademische „Integrative Medicine“ in Nordamerika u.a. im sog. Academic Consortium organisiert – www.imconsortium.org. An der amerikanischen Gesundheitsadministration (National Institutes of Health) gibt es eine gut sichtbare Abteilung namens National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIM), die aus dem National Center for Complementary and Integrative Medicine (NCCAM) hervorgegangen ist. Institute, Lehrstühle, Aus- und Weiterbildungseinrichtungen sowie Kliniken und Ambulanzen zur Anwendung der Integrativen Medizin sind in Nordamerika vielerorts entstanden: Dank einer intensiven Forschungsförderung und -leistung wächst das Wissen zur Integrativen Medizin kontinuierlich.

In Europa und gerade im deutschsprachigen Raum gibt es eine lange Tradition der Naturheilkunde. Die Konzepte der modernen Naturheilkunde gehen auf die antike Medizin und die wissenschaftlichen Bestrebungen in Theorie-, Grundlagen- und Anwendungsforschung zurück. Allerdings hat dieser Bereich in Mitteleuropa kein vergleichbares Wachstum wie in Nordamerika in den letzten knapp 30 Jahren erlebt. Die verschiedenen Therapie- sowie Theorierichtungen aus dem Bereich der Naturheilkunde bzw. der Komplementärmedizin tun sich schwer, eine gemeinsame Basis mit der Integrativen Medizin oder der Mind-Body-Medizin zu finden.

Dennoch sind auch in Europa in den letzten 10 Jahren mehrere Lehrstühle und akademische Institute gegründet worden, die entweder den Begriff „Naturheilkunde“ oder „Integrative Medizin“ bzw. „Integrative Gesundheit“, „Integrative Gesundheitsförderung“ oder „Integrative Gesundheitsversorgung“ im Namen tragen. Ganz eindeutig: Die Integrative Medizin ist nicht nur bei den Patienten und Ärzten, sondern auch in der akademischen Welt angekommen. Sie wird verstärkt auch von allen Beteiligten des Gesundheitswesens wahrgenommen.

Es gibt auch Widerstände gegen diese Entwicklung: Die aktuellen Diskussionen beispielsweise um Abschaffungen von Zusatzbezeichnungen aus dem Bereich der Komplementärmedizin wie auch die nach wie vor geringe Zurverfügungstellung von Forschungsmitteln zur wissenschaftlichen Untersuchung und Etablierung von Integrativer und Komplementärmedizin seien in diesem Kontext genannt. Und nicht zuletzt sei auch auf die leidenschaftlich geführten fachinternen Diskussionen zu Definitionen, Begriffen, Zielgruppen, Platzierungen im Gesundheitswesen und Indikationen einer Integrativen Medizin verwiesen – sowie auf die noch genauer auszuhandelnden Beziehungen der verschiedenen beteiligten Disziplinen und „Health Professionals“ untereinander. Diese Entwicklungen weisen darauf hin, wie wichtig und zeitgemäß es ist, die Diskussionen um eine Integrative Medizin der Zukunft auf eine größere, sichtbare und für alle Interessierten leicht zugängliche Bühne zu heben.

Die Frage, ob und warum es den Begriff – oder das Fachgebiet – der Integrativen Medizin gibt/geben müsste und wie sie definiert werden kann, wird kontrovers diskutiert. Eine eindeutige Definition dieses Begriffs ist jedoch von essenzieller Bedeutung für die Weiterentwicklung des gesamten Gebietes, insbesondere, aber nicht nur, im akademischen Kontext. Dabei sind Fragen der Abrechnung und Vergütung im Gesundheitssystem, der konkreten Versorgungsstrukturen bzw. -leistungen sowie der Legitimation der verschiedenen Gesundheitsberufe, die an der erfolgreichen Umsetzung der Integrativen Medizin beteiligt sind, ebenfalls zu berücksichtigen. All diese Aspekte adressiert das vorliegende Buch.

Dem kenntnisreichen Experten sowie dem interessierten Laien wird sich schnell offenbaren: Die Integrative Medizin bietet ein ungemein spannendes, inspirierendes und innovatives Feld, in dem mittlerweile weit mehr erreicht wurde, als vielerorts bekannt ist. Die Patienten, so könnte man meinen, haben es immer gewusst und diese Therapieangebote, die häufig in Kombinationen miteinander angeboten werden, mit überwältigendem und zunehmendem Interesse in Anspruch genommen, parallel zu Verfahren der konventionellen Medizin. Jedoch wird es nun zwingend, die Erkenntnisse, Angebote, Nachfrage(n) und die divergierenden – oder auch synchronen – Strömungen im Bereich der Integrativen Medizin zu sammeln und gebündelt aufbereitet aufzuzeigen.

Dabei soll dieses Buch den aktuellen Wissens- und Erfahrungsstand wiedergeben, möglichst keine Vorfestlegungen vornehmen und der Pluralität der aktuellen Diskussion entsprechen. Wichtig ist außerdem die Feststellung, dass neben einer historischen Einbettung des Themas, auch in die verschiedenen Kulturräume hinein, ebenso Platz eingeräumt wird für aktuelle Entwicklungen und anschlussfähige Bereiche aus anderen Fachbereichen und Disziplinen:

Interprofessionalität und Kooperation einerseits sowie klare Identifikation des Disziplinbezugs andererseits müssen sich nicht ausschließen. Verschiedene medizinische und therapeutische Fachgebiete haben heute einen engen Bezug zur Integrativen Medizin, aber auch übergeordnete Kontexte wie künstlerische Therapieverfahren, Pflege- und andere Medizinsysteme finden exemplarisch Berücksichtigung. Es geht um den Ist-Stand der Integrativen Medizin – fachlich, in der Versorgung, im System, in den Strukturen, aber auch in der Theoriebildung, im Menschenbild und in der Wissenschaft; und es geht um die Zukunft einer empathischen, kommunikativen und hoch effektiven Medizin im digitalen Zeitalter.

Dazu möchten wir Sie mit diesem Buch herzlich einladen!

Wir, das sind Benno Brinkhaus und Tobias Esch, Ärzte mit einer langjährigen klinischen und fachärztlichen Erfahrung, die auch wichtige Aspekte der Naturheilkunde und Integrativen Medizin einschließt. Dabei sind in unterschiedlicher Weise auch internationale Einflüsse entstanden, sei es etwa durch Fachgesellschaften oder eine tatsächliche mehrjährige Tätigkeit im Ausland. Uns beide eint, trotz unterschiedlicher Schwerpunkte in der Tätigkeit in Patientenversorgung, Lehre und Wissenschaft, ein ausgeprägtes Interesse an pluralistischen und zugleich wissenschaftsbasierten Strömungen innerhalb der Medizin, mit einem besonderen Bezug zur Integrativen Medizin und einem Verständnis von Medizin auch als Heilkunst.

Bleibt uns zum Abschluss, Dank und Wunsch auszusprechen: Danke an den Verlag, seiner Leitung und den Mitarbeitenden, für eine ausgesprochen professionelle, stets angenehme und unterstützende Funktion. Dank auch an unsere Kolleginnen und Kollegen, die uns auf dem Weg der Auseinandersetzung mit der Naturheilkunde und Integrativen Medizin begleitet haben, und natürlich auch an unsere Familien, die uns allzu oft wegen unserer Tätigkeit auch an diesem Buch vermissen mussten, so wie wir sie. Dieses Buch war eine Herausforderung für alle, die mit großer Weitsicht und Geduld und dem gemeinsamen Ziel vor Augen gemeistert wurde. Begleitet vom Wunsch, dass die Beiträge dieses Buches, einzelne Aspekte oder auch der rote Faden, der dahinter steht, dazu beitragen mögen, das Bild einer Heilkunde der Zukunft zu beschreiben, die Medizin insgesamt zu verbessern sowie Mut zu machen, die Medizin der Zukunft integrativ, ganzheitlich und patientenorientiert zu gestalten. Positiv – im Sinne unserer Patienten!

Prof. Dr. med. Benno Brinkhaus und Prof. Dr. med. Tobias Esch

Berlin und Witten im März 2021

Foreword

Integrative Medicine, which originally originated in the USA, has also now become firmly established in Europe over the last 20 years. It is a relatively new medical specialty and accompanying paradigm that has been adapted to the existing aspects of traditional medical systems from natural medicine and complementary medicine. It has been combined with the established procedures of conventional medicine and contains holistic, evidence-based, and patient-centered elements to its procedures. In the USA, Integrative Medicine, together with Mind Body Medicine, was the first specialization to give Complementary and Alternative Medicine (CAM) a considerable degree of visibility and a foothold, even at large and established academic medical institutions such as Harvard Medical School or Stanford University School of Medicine. This means that today, now that the term Integrative Medicine has been well established, it is referred to as Complementary and Integrative Medicine (CIM).

Today in North America the scientific-academic process known as Integrative Medicine is administered at the so-called Academic Consortium (www.imconsortium.org). At the US National Institutes of Health, there is a highly visible department called the National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIM), which emerged from the National Center for Complementary and Integrative Medicine (NCCAM). Institutes, university chairs, educational and training facilities as well as clinics and outpatient clinics for the application of Integrative Medicine have been established in many locations across North America: Thanks to intensive research funding and performance, knowledge of Integrative Medicine is continuously growing.

In Europe, especially in German-speaking countries, there is a long tradition of so-called “naturopathy”. The concepts of modern naturopathy date back to ancient medicine as well as scientific endeavors in theory, basic, and applied research. However, this field as it is known today has not experienced a comparable rate of growth in Central Europe as it has in North America over the last 30 years. The various therapeutic and theoretical directions in the field of naturopathy and complementary medicine have experienced difficulties in finding a common basis with Integrative Medicine including Mind Body Medicine.

Be that as it may, several academic chairs and institutes have been founded in Europe in the last 10 years that have had either the term “naturopathy”, “Integrative Medicine”, “integrative health”, “integrative health promotion” or “integrative healthcare” in their names. One thing is clear: Integrative Medicine has not only been reaching patients and physicians, it has also had a considerable effect on the academic world. It is also being noticed with ever-increasing frequency by all those involved in working within the healthcare system.

There is also resistance to this development of Integrative Medicine: Current discussions surrounding, for example, the abolition of additional names from the field of complementary medicine, as well as the still small amount of research funding for the scientific investigation and establishment of integrative and complementary medicine should also be mentioned in this context. We would like to point out the passionate internal discussions taking place within the medical profession regarding definitions, terms, target groups, placements in the healthcare system, and the indications for Integrative Medicine – as well as the relationships between the various disciplines involved and “health professionals” among one another. This complex situation still needs to be negotiated in further detail in the future. These developments indicate how important and timely it is to raise discussions surrounding future Integrative Medicine to all concerned parties on a larger, more visible, and easily accessible stage.

The question of whether and why the term – or the specialization – of Integrative Medicine exists/ought to exist and how it can be defined remains a controversial topic. Having a clearly defined term is of the utmost importance for the further development of the whole field, however, especially but not exclusively, in an academic context. Questions of billing and reimbursement in the healthcare system, the concrete care structures or services, and the legitimacy of the various healthcare professions involved in the successful implementation of Integrative Medicine must also be taken into account. All of the above aspects are addressed in this book.

Both an expert and an interested layperson will quickly find out: Integrative Medicine provides us with an immensely exciting, inspiring, and innovative field in which far more has been achieved than is widely recognized. Patients, one might say, have always known in a sense what this branch of medicine has to offer. These therapies are often used in combination with other types of therapy and have always been a source of inspiration.

This book is intended to reflect the current state of knowledge and experience of Integrative Medicine, not to make any pre-determinations or to correspond to the plurality of the current discussion. It is also important to note that in addition to the historical embedding of the topic in the various cultural spheres, space has also been given to current developments and related areas from other departments, and disciplines:

Interprofessionalism and cooperation on the one hand, and clearly identifying the discipline on the other hand, do not have to be mutually exclusive. Today, various medical and therapeutic specializations have a close connection to Integrative Medicine, but also superordinate contexts such as artistic therapy methods, nursing, and other medical systems are considered in an exemplary manner. This relates to the current status of Integrative Medicine – in terms of disciplines, care, systems and structures, but also in terms of theory formation, the image of man and science. It concerns the future of empathetic, communicative and highly effective medicine in the digital age. This is what we would like to let you be a part of with this book.

We, Benno Brinkhaus and Tobias Esch are doctors who possess many years of clinical and specialist experience including important aspects of naturopathy and Integrative Medicine, including Mind Body Medicine. In the process, international influences have also come to the fore in various ways, be it through professional societies or actual work abroad over several years. Despite our different focuses in patient care, teaching and science, we are both united in our pronounced interest in an integrative approach relying on pluralistic methods and perspectives, and, at the same time, on science- as well as evidence-based trends in medicine, with a special reference to Integrative Medicine. In addition, we both understand medicine as an art of healing, not science exclusively.

Let us conclude by expressing our thanks and hopes: A big thanks to our publishing house, its management and its staff, for their extremely professional, always pleasant and supportive assistance. A warm thanks also to our colleagues who have accompanied us on the path of engagement with naturopathy and Integrative Medicine, and of course also to our families, who all too often had the chance to miss us because of our activities concerning this book, just as we missed them back. This book was a challenge for everyone who took part. It came together with considerable foresight and patience and a common goal clear in mind. It was the hope that the contributions that make up this book, as individual pieces or the common theme behind them, may help to outline a vision of medicine for the future. We hope that in a small way we can help to improve the state of medicine as a whole and to lend some courage to those who wish to make the medicine of the future more integrative, holistic, and patient-oriented. Let’s be positive about the future of medicine in the interest of our patients!

Prof. Dr. med. Benno Brinkhaus and Prof. Dr. med. Tobias Esch

Berlin and Witten, March 2021

Inhalt

I Was ist Integrative Medizin?

1 Integrative Medizin und Gesundheit – Konstrukt einer modernen Medizin

Benno Brinkhaus und Tobias Esch

2 Die Bedeutung der Selbstregulation in der Integrativen und Mind-Body-Medizin – Ein Überblick

Tobias Esch und Benno Brinkhaus

3 The Evolution of Integrative Health in the Reform Effort for US Medicine: 1965 to Present John Weeks

4 Patientenzentrierte Versorgung Jördis Maria Zill, Stefan Zeh und Isabelle Scholl

5 Self-Care-Maßnahmen der Integrativen Medizin in einer digitalen Welt Claudia M. Witt und Daniel Pach

6 Stärkung der Interprofessionalisierung und der vernetzten Zusammenarbeit im Kontext der Integrativen Medizin Angelika Homberg und Claudia M. Witt

7 Stimulate Collaboration – Förderung von Kollaboration – Herausforderungen für die Umsetzung Joachim E. Fischer

8 Toward Fully Transparent Communication: Shared Medical Records Tom Delbanco and Jan Walker

9 Patientenbeteiligung und partizipative Entscheidungsfindung in der Integrativen Medizin Martin Härter und Jörg Dirmaier

10 Integration der Gesundheitsversorgung – Von „Volume“ zu „Value“: Umsetzung und Evaluation von Triple-Aim-Ansätzen Alexander Pimperl, Helmut Hildebrandt und Oliver Gröne

11 Forschung zur Integrativen Medizin – Strategische und methodische Aspekte Klaus Linde

12 Integrative Medizin, Naturheilkunde und Komplementärmedizin in den Leitlinien für Humanmedizin der AWMF Jost Langhorst

13 Integrative Versorgung im Quartier erfordert die Verknüpfung von individueller Gesundheitsversorgung mit einem Public-Health-Ansatz Helmut Hildebrandt und Oliver Gröne

14 Integrative Medizin und Global Health, weltweit integrierte Sozialmedizin Peter Tinnemann, Maike Voss und Jens Holst

15 Wertebeitrag digitaler Gesundheitsanwendungen für eine Integrative Gesundheitsversorgung Peter Haas

16 Integrative Medizin aus Patientensicht Anna Paul und Annette Kerckhoff

II Entwicklung und Formen der Integrativen Medizin

1 Integrative Medizin: Historische Perspektive Robert Jütte

2 Kunst und Medizin – Am Beispiel der Musik Stefan N. Willich

3 Die Bedeutung der Naturheilkunde für die Integrative Medizin Dieter Melchart

4 Anthroposophische Medizin als integratives medizinisches System in Deutschland Harald Matthes und David Martin

5 Mind Body Medicine and the Challenges of 21st Century Healthcare Gregory L. Fricchione

6 Pflege in der Integrativen Medizin Cornelia Mahler und Regina Stolz

7 Integrative Medizin im Medizinstudium am Beispiel des Begleitstudiums Anthroposophische Medizin an der Universität Witten/Herdecke Friedrich Edelhäuser, Diethard Tauschel und Christian Scheffer

8 Integrative Medizin und Gesundheit in ärztlicher Aus- und Weiterbildung Eckhart G. Hahn

9 Mind Body and Other Integrative Practices in the Training of Physicians in the United States Aviad Haramati, Shelley R. Adler, Ray Teets and Benjamin Kligler

10 Placebo- und Noceboeffekte: Psychologische und neurobiologische Grundlagen und klinische Implikationen Ulrike Bingel

11 Internationalization of Integrative Medicine Torkel Falkenberg

12 Ethik und Recht im Kontext der Integrativen Medizin Martin W. Schnell

III Praktische Aspekte

1 Integrative Oncology Shelly Latte-Naor und Jun J. Mao

2 Schmerz und muskuloskeletale Erkrankungen Gustav Dobos

3 Integrative Medizin bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen Andreas Michalsen

4 Integrative Medizin bei metabolischen Erkrankungen Michael Jeitler und Christian S. Kessler

5 Integrative Gastroenterologie Jost Langhorst

6 Was ist Integrative Psychiatrie? Oliver Somburg, Stefan Brunnhuber und Holger C. Bringmann

7 Herausforderungen bei der Integration komplementärmedizinischer Verfahren in die Allgemeinmedizin Stefanie Joos

8 Integrative Pädiatrie Alfred Längler und Georg J. Seifert

9 Integrative Medizin in der Altersheilkunde Michael Teut und Miriam Ortiz

The Berlin Agreement: Self-Responsibility and Social Action in Practicing and Fostering Integrative Medicine and Health Globally

Die Herausgeber

I

1 Integrative Medizin und Gesundheit – Konstrukt einer modernen Medizin

Benno Brinkhaus und Tobias Esch

Zusammenfassung

Trotz enormer Erfolge der konventionellen Medizin, insbesondere bei der Bekämpfung vieler Infektionskrankheiten sowie in der Akutmedizin, sind in den letzten Jahrzehnten die Limitationen dieses v.a. auf einem pathogenetischen Gesundheitsverständnis basierenden Medizinsatzes offensichtlich geworden. Die konventionelle Medizin wird heute zunehmend durch die Integration von präventivmedizinischen Aspekten und solchen der Gesundheitsförderung, die insbesondere auf der Salutogenese und Stärkung von Resilienzfaktoren basieren, maßgeblich erweitert. Evidenzinformierte bzw. -basierte Verfahren der Naturheilkunde sowie der komplementären bzw. traditionellen Medizin und der Selbstfürsorge/Gesundheitsförderung werden die Medizin sinnvoll ergänzen, wobei dem selbstverantwortlichen und aktiven Patienten sowie dem empathischen und an einem partizipativen Dialog interessierten Arzt besondere Bedeutung zukommt. Besonders wichtig ist die intensive wissenschaftliche Untersuchung von Naturheilkunde und komplementärer Medizin insbesondere durch eine Fokussierung auf die Komplexität der zu untersuchenden Verfahren im Sinne einer „Whole Medicine Research“, die durch die öffentliche Hand gefördert werden sollte. Die komplementäre Medizin wird in diesem Kontext zukünftig vermehrt als Teil einer ganzheitlich ausgerichteten Integrativen Medizin gesehen werden, wie es in den USA bereits der Fall ist. Zentraler Bestandteil der Integrativen Medizin ist neben der Aktivierung des Patienten die interdisziplinäre Vernetzung aller an der medizinischen Versorgung und der Gesundheitsförderung beteiligten Gesundheitsprofessionen, wobei der Unterstützung gesellschaftlicher Partner bei der Förderung dieser Entwicklung ein zentraler Faktor ist. Soziale, politische und ökologische Grundbedingungen von Gesundheit und ihre Erhaltung sollten in Zukunft stärker Berücksichtigung finden, hierzu tragen Mitarbeiter aller Gesundheitsprofessionen besondere Verantwortung. Nur wenn es gelingt, die Medizin in Richtung Integrativer Medizin zu modernisieren, wird sie den gesundheitspolitischen Herausforderungen der Zukunft bewältigen können.

Summary

Despite the enormous success of conventional medicine, especially in combating infectious diseasesas well as in intensive care, the limitations of such medicine, which is based primarily on a pathogenetic understanding of health, have become evident. Today, conventional medicine is being employed increasingly in the integration of preventive medical practices and those of health promotion, which are based, in particular, on salutogenesis and the strengthening of resilience factors.

Evidence-informed or evidence-based methods of naturopathy as well as complementary or traditional medicine and self-care/health promotion will complement medicine in a meaningful way, with special emphasis on encouraging self-responsible, active patients as well as empathetic physicians who are genuinely interested in a participative dialogue.

Of central importance in this development is the thorough scientific investigation of naturopathy and complementary medicine, especially by focusing on the complexity of its procedures to be investigated in the sense of ‘Whole Medicine Research’, which should also be funded by public authorities.

In this context, complementary medicine will increasingly be part of future comprehensive and holistic – supposedly integrative – medicine, as is already the case in the USA.

In addition to patient activation, a central component of future Integrative Medicine is the interdisciplinary networking of all health care professions involved in medical care and health promotion, with the support of social partners being a key factor in promoting this development. In addition, the social, political and ecological conditions surrounding health should be given greater consideration in the future. Only if we succeed in modernizing medicine in the direction of Integrative Medicine, will we be able to meet the health policy challenges of the future.

1.1 Einleitung

Trotz enormer Erfolge der konventionellen Medizin insbesondere bei der Bekämpfung vieler Infektionskrankheiten und in der Akutmedizin sind in den letzten Jahrzehnten die Limitationen dieses v.a. auf einem pathogenetischen Gesundheitsverständnis basierenden Ansatzes offensichtlich geworden. Folge ist, dass den aktuellen Herausforderungen der globalen Medizin bei der Versorgung von einer zunehmenden Weltbevölkerung sowie die Zunahme an chronischen Erkrankungen insbesondere in den Industrienationen nicht mehr allein durch die kostenaufwendige konventionelle Medizin begegnet werden kann. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Medizin zunehmend in Richtung einer Integrativen Medizin entwickelt. In dem vorliegenden Artikel wird diese Entwicklung ausgehend von den Konzepten von Gesundheit und Krankheit, von den Konzepten der komplementären naturheilkundlichen bzw. traditionellen Medizin bis hin zu den verschiedenen Definitionen von Integrativer Medizin nachgezeichnet. Des Weiteren werden Konkretisierung wichtiger Aspekte in Form vom Berlin Agreement, das im Rahmen des 1. Weltkongresses für Integrative Medizin entwickelt wurde, vorgestellt.

1.2 Konzepte von Gesundheit und Krankheit

Die Integrative Medizin ist unter anderem das Ergebnis der durch die gesellschaftlichen Bedingungen sich wandelnden Konzepte von Gesundheit und Krankheit insbesondere im 20. Jahrhundert.

Der WHO-Gesundheitsbegriff von 1947 „Gesundheit ist der Zustand des völligen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen“ (WHO 2006) ist zwar mehrdimensional und positiv, deutet aber auch auf einen Idealzustand hin, der unerreichbar erscheint und somit realitätsfern ist. Insbesondere das der konventionellen Medizin zugrunde liegende biomedizinische Krankheitsbild mit der Grundannahme, dass jeder Krankheit eine Veränderung des organischen Substrats durch innere Bedingungen (z.B. genetische Codes) oder äußere Einwirkungen (z.B. Infektionen oder chemische-physikalische Einflüsse) zugrunde liegt, hat die Medizin seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich geprägt und insbesondere bei der Bekämpfung von Infektionserkrankungen zu unübersehbaren Erfolgen geführt. Allerdings hat dieser Ansatz auch nicht zu übersehende Schwächen, so haben Befindlichkeitsstörungen und funktionelle Erkrankungen kaum einen Platz in diesem System, bei dem der menschliche Körper eher wie eine Maschine interpretiert wird, die Krankheit als Betriebsschaden aufgefasst und der Körper wird bei technischen Störungen repariert wird. Auch die diesem System entsprechenden äußeren Bedingungen haben mit einer zunehmenden Technisierung der Medizin die Grenzen des biomedizinischen Krankheitsbilds aufgezeigt. Darüber hinaus ist bei der pathogenetischen Betrachtungsweise die Festlegung der Grenze zwischen „normalen“ und „pathologischen Werten“ problematisch, da die sich daraus ergebende Dichotomisierung zwischen „sicher gesund“ und „sicher krank“ zu einem Reduktionismus des menschlichen Lebens führt. Auch gilt nicht immer das Normale (entlang der Verteilung von Merkmalen in der Normalbevölkerung) als gesund, heute werden zunehmend Referenzwerte für gesunde Merkmale (vgl. systolische Blutdruckwerte, Plasma-Lipidwerte etc.) weit außerhalb ihrer Normalverteilung definiert, was große Gruppen der Bevölkerung automatisch – per definitionem – zu „Kranken“ macht.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich aber auch Gesundheitsmodelle entwickelt, die primär den Begriff der Gesundheit und nicht der Krankheit in den Mittelpunkt stellen (Franke 2012). Diese Modelle werden häufig als salutogenetische Modelle bezeichnet, die für die Entwicklung der Integrativen Medizin von größter Bedeutung sind (Franke 2012): Vom Begründer der Salutogenese, dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky, wird die Salutogenese, die Lehre bzw. Erforschung von Faktoren und Prozessen, die die Gesundheit erhalten und fördern, bewusst dem Begriff der Pathogenese, der Lehre bzw. Erforschung von Faktoren und Prozessen, die die Krankheit erzeugen oder verlängern, gegenüber gestellt. Antonovsky weist darauf hin, dass die Pathogenese und die Salutogenese eine komplementäre Beziehung bei der Betrachtung von Gesundheits- und Krankheitsprozessen eingehen (s. Abb. 1).

Abb. 1 Integration von Pathogenese und Salutogenese entlang des Gesundheits-Krankheits-Kontinuums. Linke Säule: Pathogenetische Perspektive (Fokus auf Risikofaktoren bzw. Krankheiten). Rechte Säule: Salutogenetische Perspektive (Fokus auf Schutzfaktoren/Widerstandsressourcen bzw. Gesundheit) (Esch 2017)

Das Modell der Salutogenese von Antonovsky geht von der Annahme aus, dass Gesundheit und Krankheit zwei Pole eines Kontinuums sind, auf dem sich der Mensch befindet, so, dass folglich Krankheit eine normale Erscheinung des menschlichen Lebens ist. Aus der Sicht der Salutogenese gelingt das Verständnis des Krankheitsprozesses und somit eine optimale Therapie bzw. eine Gesundheitskorrektur nur durch ein möglichst breites Wissen über den Menschen, insbesondere auch über die Möglichkeit, krankmachende Stressoren und Belastungen zu meiden sowie gesundmachende Faktoren und Prozesse zu stärken (Gesundheitsschutzfaktoren). Ein wichtiger Bereich, der einen konstruktiven Umgang mit Stressoren ermöglicht, sind hier auch die „generalisierten Widerstandsressourcen“. Diese ergeben sich einerseits aus gesellschaftlichen Widerstandsressourcen – den Bedingungen, in denen der Mensch lebt – und andererseits aus den individuellen Widerstandsressourcen – z.B. den kognitiven, physiologischen, psychischen und materiell-ökonomischen Ressourcen. Entscheidende Bedeutung misst Antonovsky dem sogenannten Kohärenzgefühl (engl. Sense of Coherence, SOC) bei, das eine Hauptdeterminante dafür ist, welche Position der Mensch auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum hat, als auch die Richtung mitbestimmt, in welche der Mensch sich auf einen der Pole zubewegt (Antonovsky 1997). Das Kohärenzgefühl ist definiert als „eine globale Orientierung“, die ausdrückt, in welchem Ausmaß der Mensch ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass 1. die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind, 2. einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen und 3. die Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengungen und Engagement lohnen (Antonovsky 1997). Antonovsky identifiziert dazu drei Teilkomponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit, die zum Kohärenzgefühl entscheidend beitragen sollen. Verstehbarkeit ist dabei das Ausmaß, in dem interne und externe Stimuli kognitiv erfasst werden. Handhabbarkeit ist das Ausmaß, in dem der Mensch über Ressourcen verfügt, um auf die Stimuli reagieren zu können, und Bedeutsamkeit ist das Ausmaß, in dem dem eigenen Leben ein Sinn, eine Bedeutung zugeschriebenen wird (Franke 2012). In der aktuellen Forschung auch zu Resilienzmodellen und Persönlichkeits-Gesundheits-Kontexten – jenseits der Integrativen Medizin – spielt das Kohärenzgefühl weiterhin eine große Rolle, wobei nach Faktorenanalysen heute die Validität einer Auftrennung in die drei beschriebenen Teilkomponenten hinterfragt wird.

Im Modell von Antonovsky stehen die Reaktionen des Körpers auf Stressoren im Vordergrund, andere wichtige Faktoren wie Vertrauen, Liebe, Fantasie und Gemeinschaft spielen eher eine geringe Rolle. Neben dem Modell der Salutogenese hat sich u.a. auch das Resilienz-Modell etabliert, das die körperliche, v.a. aber psychische und seelische Widerstandsfähigkeit des Menschen bezeichnet, auf schwere Lebensereignisse – wie z.B. eine Krebserkrankung – zu reagieren und sich somit krankmachenden Prozessen entgegen zu stellen (Ludolph, Kunzler et al. 2019). Die Resilienzforschung sucht Faktoren, die dazu führen, dass der Mensch sich auf dem Gesundheit-Krankheitskontinuum eher auf der Seite der Gesundheit befindet.

Das salutogenetische Modell führt zu einem dringlich notwendigen Paradigmenwechsel in der Medizin bzw. Gesundheitswissenschaften. Der die konventionelle Medizin aktuell noch primär tragende pathogenetische Ansatz wird fruchtbar ergänzt durch den salutogenetischen Ansatz, der insbesondere dem präventivmedizinischen und dem naturheilkundlichen bzw. ressourcenorientierten Denken entspricht und an zentraler Stelle das Selbsthilfe- und Selbstheilungspotenzial des Patienten adressiert (Esch 2018).

1.3 Konzepte der Naturheilkunde und anderer traditioneller Medizinsysteme

Die Naturheilkunde (NHK) und traditionelle Medizinsysteme basieren mitunter auf durchaus unterschiedlichen Konzepten von Gesundheit und Krankheit, die zum Teil, wie etwa bei der Chinesischen Medizin (CM– Anmerkung: Da es keine kontinuierliche und einheitliche „traditionelle“ Chinesische Medizin gibt, wird in diesem Buch dieser Begriff verwendet), auf naturphilosophischen Ansätzen basieren, zum Teil solche Ansätze verlassen und sich naturwissenschaftlichen Gesetzen unterordnen. Die NHK als primär regulationsmedizinischer Ansatz basiert beispielsweise vor allem auf der Selbstregulation bzw. der Adaptation des Körpers an Umwelteinflüsse und den gestaltenden Kräften zur Bewahrung oder Verbesserung der Gesundheit. Trotz dieser wichtigen Unterschiede haben die beschriebenen Medizinsysteme neben der kulturellen Verankerung aber auch viele Gemeinsamkeiten: Bei vielen dieser Systeme herrscht die Idee der „Homöostase“ vor, was den Gleichgewichtszustand eines offenen biologischen Systems beschreibt – als grundlegendes Prinzip des Lebens. Genauer sprechen wir heute auch von der „Allostase“, was präziser zum Ausdruck bringt, dass die angestrebte gesunde Balance niemals stabil, sondern immer dynamisch ist (Esch 2002).

Für den Begriff der Integrativen Medizin jedoch mindestens so bedeutsam ist die in vielen traditionellen Medizinsystemen enthaltene Aufforderung zur aktiven individuellen Beeinflussung der Gesundheit unter anderem durch Einleitung oder Begleitung günstiger Veränderungen des Lebensstils, sowohl im Sinne einer Gesundheitsförderung als auch im Sinne präventiver Maßnahmen. In der Naturheilkunde wurde hierfür zentral der Begriff der „Ordnungstherapie“ konzipiert, eine Bezeichnung für die Anregungen und Hilfen zu einem geordneten Leben und Lebensstil aus den Erfahrungen der klassischen Naturheilverfahren (Pschyrembel 1999); im Engl. wird hier der Begriff der „Lifestyle Medicine“ oder immer häufiger der Begriff der „Mind Body Medicine“ eingesetzt (Dobos, Altner et al. 2006). In der Naturheilkunde und in der traditionellen Medizin spielen darüber hinaus die Selbstmedikation, z.B. die Einnahme von Hausmitteln oder die in Inanspruchnahme von natürlichen Ressourcen zur Unterstützung der Gesundheit, eine zentrale Rolle. Therapeutisch setzt die Naturheilkunde, so wie die meisten traditionellen Heilsysteme, auf multimodale Ansätze, d.h. dem Kombinieren unterschiedlicher therapeutischer und präventiver Verfahren, um die Gesundheit zu fördern bzw. Krankheiten zu therapieren. Bei vielen traditionellen Medizinsystemen kommt neben der Ordnungstherapie (Lifestyle Medicine, Mind-Body-Medizin – s.o.) der Ernährungs-, Bewegungs- und Entspannungstherapie eine besondere Bedeutung zu, die nicht selten durch den unterstützenden Einsatz von einer oder mehrerer Heilpflanzen ergänzt wird. Weitere Therapieverfahren von traditionellen Medizinsystemen – wie z.B. die Hydrotherapie in der NHK oder die Akupunktur in der CM – stellen oftmals Alleinstellungsmerkmale dar. Zentraler Bestandteil nahezu aller traditionellen Therapiesysteme ist jedoch die Aufforderung, ein gesundes Leben zu führen und krankmachende Faktoren zu meiden. Insofern passt die Naturheilkunde (etwa am Beispiel der Ordnungstherapie sehr konkret, aber auch paradigmatisch insgesamt) ideal in das (neue) Paradigma einer modernen Integrativen Medizin.

1.4 Integrative Medizin – Ansätze zu Definitionen

Der Begriff „Integrative Medizin“ wird im anglo-amerikanischen Sprachraum bereits in den späten 1940er-Jahren verwendet (s. Kap. II.1) und wird ab dem Jahr 1990 zunehmend häufig auch im deutschen Sprachraum verwandt. Dennoch ist der Begriff auch heute noch vielen Ärzten und auch Patienten nicht oder nur unzureichend bekannt.

Eine frühe Definition stammt vom ehemaligen National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM), dem heutigen National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH) (s. Tab. 1).

Tab. 1 Wichtige Definitionen von Integrativer Medizin (und Gesundheit)


Author/Institution Year Definition of Integrative Medicine (and Health)
National Center of Complementary and Alternative Medicine at the National Institute of Health um 2000 Integrative medicine combines mainstream medical therapies and CAM therapies for which there is some high-quality scientific evidence of safety and effectiveness.
Jonas WB and Chez RA 2004 Integrative medicine has been defined as the coordinated application of a variety of healing, prevention, and treatment modalities in therapeutic settings. These modalities include those from conventional medicine, complementary and alternative medicine, and traditional and culture-specific practices.
Consortium of Academic Health Centres for Integrative Medicine 2005 Integrative Medicine is the practice of medicine that reaffirms the importance of the relationship between practitioner and patient, focuses on the whole medicine, is informed by evidence, and makes use of all appropriate therapeutic approaches, healthcare professionals and disciplines to achieve optimal health and healing.
Consortium of Academic Health Centres for Integrative Medicine 2015 Integrative Medicine and health reaffirms the importance of the relationship between practitioner and patient, focuses on the whole person, is informed by evidence, and makes use of all appropriate therapeutic and lifestyle approaches, healthcare professionals and disciplines to achieve optimal health and healing.
Brinkhaus B and Esch T, adapted version of the US consortium IM 2020 Integrative Medicine and Health reaffirms the importance of the relationship between practitioner and patient, focuses on the whole person, is informed by evidence, and makes use of all appropriate therapeutic, preventive, health-promoting, and lifestyle approaches, healthcare professionals and disciplines to achieve optimal health and healing, emphasizing the art and science of healing. It is based on a social and democratic as well as natural and healthy environment.


Abb. 2 Integrative Medizin (Willich 2009)


Abb. 3 Integrative Medizin ergänzt durch präventive Medizin und Maßnahme (adaptiert von Brinkhaus B. Plenumsvortrag auf dem 4. ECIM Kongress 2011)

Dieser ursprüngliche Ansatz, der Integrative Medizin als die Kombination von konventioneller Medizin und evidenzbasierten Komplementär- und Alternativmedizin darstellt, kommt auch in der Abbildung 2 zum Ausdruck.

In einer weiteren Definition von Jonas und Chez wird auf den wichtigen Aspekt der Prävention in dem Zusammenhang mit Integrativer Medizin und auf die kulturelle Tradition der meisten Verfahren verwiesen (Jonas u. Chez 2004) (s. Tab. 1). Dieses findet in der Abbildung 3 Berücksichtigung. Im Jahr 2005 stellte das US-amerikanische Consortium of Academic Centers for Integrative Medicine (kurz „US Consortium for IM“) eine umfassende Definition vor, die auf weitere wichtige Aspekte, wie auf die Bedeutung der Arzt-Patienten-Beziehung und auf die ganzheitliche Betrachtung des Gesundheits- und Krankheitszustands, ebenso einschließt wie die Heranziehung von verschiedenen therapeutischen Verfahren, die zumindest evidenzinformiert sein sollten (s. Tab. 1).


Abb. 4 Integrative Medizin und Gesundheit – wichtige Einflüsse (adaptiert von Brinkhaus B. Plenumsvortrag auf dem 4. ECIM Kongress 2011)

Nachdem diese Definition jahrelang die zentrale Definition für IM war, wurde sie vom US Consortium for IM 2014 erweitert zum umfassenderen Begriff „Integrative Medizin und Gesundheit“, bei dem zum einen der Terminus „Gesundheit“ im Sinne einer umfassenden, auch die Salutogenese berücksichtigenden Medizin ergänzt wird und auch die Bedeutung von Lebensstil-Aspekten berücksichtigt wird (s. Tab. 1). In der Abbildung 4 kommt eine umfassende Sicht auf die Integrative Medizin und Gesundheit zum Ausdruck, bei dem auf die neuen Herausforderungen des Patienten (z.B. Selbstverantwortung, Selbstaktivierung und Resilienzsteigerung), des Arztes (z.B. empathisch, partizipativ) und der professionellen Interaktion des Arztes mit dem Patienten als „Kunst der Heilung“ verwiesen wird.

Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch die Betonung von Inter- und Multiprofessionalität sowie die Patientenzentrierung geworden. Des Weiteren wird in Abbildung 4 verdeutlicht, dass Integrative Medizin und Gesundheit sich nicht nur zwischen Arzt und Patienten allein abspielen, sondern idealerweise in einer demokratischen und sozialen Gesellschaft, die in einer möglichst natürlichen und gesunden Umwelt begründet ist. Diese umfassende Sicht des Begriffs Integrative Medizin und Gesundheit wird berücksichtigt in unserer Definition, die die bestehende des US Consortiums for IM ergänzt (s. Tab. 1).

1.5 Berlin Agreement – Ansätze zur Erweiterung der Integrativen Medizin

Anlässlich des ersten Weltkongresses zur Integrativen Medizin in Berlin wurde im April 2017 das Berlin Agreement (engl. Titel: The Berlin Agreement: Self-Responsibility And Social Action in Practicing and Fostering Integrative Medicine and Health Globally), das von den Initiatoren des Weltkongresses in Zusammenarbeit mit vielen komplementärmedizinischen und Integrativen Medizin Gesellschaften erstellt wurde, vorgestellt (WCIMH 2017, Volltext s. Anhang). Der Text dieses Berlin Agreements wird im Folgenden zusammenfassend dargestellt:

The Berlin Agreement: Self-Responsibility And Social Action in Practicing and Fostering Integrative Medicine and Health Globally

Auf der Basis der US-Consortiums-Definition von 2014 wurden in diesem Statement wichtige Aspekte und Ziele einer zukünftigen Integrativen Medizin dargestellt, die den kommenden lokalen und globalen Herausforderungen in Bezug auf die Gesundheit und Krankheit der Bürger, auch den Herausforderungen in Bezug auf die Gesundheitswesen weltweit, Rechnung trägt. Das Berlin Agreement geht dabei weitgehend konform mit vorbestehenden Erklärungen zur „Weltgesundheit“, wie z.B. der Alma Ata Konferenz 1978 (WHO 1978), die die Bedeutung der Integration von effektiven traditionellen medizinischen Konzepten bei der Förderung der globalen Gesundheit hervorhebt, sowie Erklärungen der WHO, die in ihrer traditionellen Medizin Strategie (WHO 2014) ebenfalls die Integration von sicheren und effektiven traditionellen und komplementären Verfahren, sowohl in der Prävention als auch in der Therapie, empfiehlt. Im Berlin Agreement wird auch auf die Bedeutung der Deklarationen von Beijing 2008 (WHO 2008) und Stuttgart 2016 (ICIHM 2016) verwiesen, bei denen insbesondere staatliche und nicht-staatliche Institutionen aufgefordert werden, die Entwicklung und Untersuchung von traditionellen und komplementärmedizinischen Verfahren zu fördern, um die Evidenz von Therapieverfahren in Bezug auf Wirksamkeit, Therapiesicherheit und Kosteneffizienz für eine zukünftige Integrative Medizin zu verbessern.

Auf der Basis dieser Verortung des Berlin Agreements wird zu Beginn neben einer professionellen Gesundheitsfürsorge auf die besondere Bedeutung von Selbstverantwortung, Selbstfürsorge und der Stärkung der persönlichen Resilienz hingewiesen. In diesem Sinne entscheidend sind die Förderung eines gesundheitsfördernden Lebensstils sowie die Bedeutung des persönlich-aktiven Managements bei Gesundheits- und Krankheitsprozessen, mit dem Patienten selbst als „Kapitän“ des eigenen Wohlergehens. Im Sinne der Naturheilkunde wird dabei auch auf die gesundheitlich-therapeutische Relevanz der Natur sowie von natürlichen Faktoren hingewiesen, die es aber auch umgekehrt im Sinne einer gesunden Umwelt zu schützen gilt.

Im Hinblick auf die Initiierung von präventiven, gesundheitsförderlichen und/oder therapeutischen Prozessen wird im Berlin Agreement auf die Bedeutung einer Interprofessionalisierung und eine Verbesserung von therapeutischen Netzwerken hingewiesen, die den Patienten den raschen Zugang zur optimalen Versorgung unter Einbeziehung von traditionellen und komplementären Versorgungsstrategien garantieren. Dabei wird darauf verwiesen, dass ein substantieller Bestandteil der heutigen Medizin, sowohl der konventionellen als auch der komplementären, noch nicht evidenzbasiert ist, sondern allenfalls evidenz-informiert, und dass große Anstrengungen und ein interprofessioneller Dialog notwendig sind, um die wissenschaftliche Evidenz von vielen medizinischen Verfahren zu verbessern. Bei der wissenschaftlichen Untersuchung sollte besondere Beachtung finden, dass sowohl der Patient in seiner integralen Gesamtheit sowie das zu untersuchende traditionelle oder komplementäre Therapiesystem in seiner Komplexität im Sinne eines „Whole Systems Approaches“ umfassend berücksichtigt werden.

Sowohl bei der Forschung als auch bei den diversen und vielschichtigen Prozessen der Gesundheitsversorgung kommt der Zusammenarbeit von Patientenvertretern, Therapeuten, Pflegekräften, Politikern und Vertretern der Gesundheitswirtschaft im Sinne eines „Stakeholder Prozesses“ zukünftig besondere Bedeutung zu. Gleichsam ist die Interaktion der klinischen Versorgung mit präventiven Verfahren insbesondere bei chronischen Erkrankungen wichtig, hier wird im Berlin Agreement auf die Bedeutung von sozialen, präventiven und weiteren Programmen der Gesundheitsversorgung verwiesen. Eine besondere Berücksichtigung findet auch die Betonung von sozialen, politischen, ökonomischen und Umweltfaktoren für die Gesundheit von individuellen Personen, aber auch von gesellschaftlichen Gruppen. In diesem Zusammenhang bekennen sich die Initiatoren des Berlin Agreements zu Ihrer besonderen Verantwortung, Ungleichheiten dieser Faktoren entschieden entgegenzuwirken und somit auch in politscher und ökologischer Sicht aktiv zu werden.

Ausgehend von der persönlichen und sozialen Verantwortung und unter Berücksichtigung der oben genannten Faktoren sind die Initiatoren der Überzeugung, dass mit der Etablierung der Integrativen Medizin eine messbare Verbesserung der Patientenversorgung erreicht werden kann. Für dieses Ziel kommt zukünftig auch in zunehmendem Maß der sinnvolle Gebrauch moderner Informationstechnologien als Mittel einer patientenzentrierten Versorgung in Betracht – ein Aspekt, der im Berlin Agreement von 2017 noch nicht zentral fokussiert wurde. So ist nun auch die Integrative Medizin im „Innovation Lab“ einer Medizin von morgen angekommen und vereint in besonderer Weise das Heilwissen – von der Antike bis heute – mit einer ganzheitlichen Heilkunst der Zukunft.

1.6 Schlussfolgerung

Die insbesondere auf der Pathogenese basierende konventionelle Medizin wird durch den präventiven und gesundheitsfördernden Ansatz der Integrativen Medizin, unter besonderer Berücksichtigung des Salutogenese-Ansatzes, maßgeblich erweitert. Evidenzinformierte Verfahren der komplementären und traditionellen Medizin können die konventionelle Medizin mitunter sinnvoll ergänzen, wobei dem selbstverantwortlichen und aktiven Patienten sowie dem empathischen und an einem partizipativen Dialog interessierten Arzt, der mit anderen Gesundheitsberufen teambasiert zusammenarbeitet, eine besondere Bedeutung zukommt. Soziale, politische und ökologische Grundbedingungen von Gesundheit und ihre Erhaltung sollten in Zukunft stärker Berücksichtigung finden, hierzu tragen Mitarbeiter aller Gesundheitsprofessionen besondere Verantwortung. Nur wenn es gelingt, die Medizin in Richtung einer Integrativen Medizin zu modernisieren, wird sie den gesundheitspolitischen und epidemiologischen Herausforderungen der Zukunft wirklich gewachsen sein.

Literatur

Antonovsky A (1997) Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit (Forum für Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis). dgvt-Verlag

Dobos G, Altner N, Lange S, Musial F, Langhorst J, Michalsen A, Paul A (2006). Mind-Body Medicine als Bestandteil der Integrativen Medizin. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 49(8): 723–728

Esch T (2002) Gesund im Stress: Der Wandel des Stresskonzeptes und seine Bedeutung für Prävention, Gesundheit und Lebensstil. Gesundheitswesen 64(2): 73–81

Esch T (2017) Die Neurobiologie des Glücks, 3. Aufl. Thieme Stuttgart

Esch T (2018) Der Selbstheilungscode: Die Neurobiologie von Gesundheit und Zufriedenheit. Goldmann Verlag.

Franke A (2012) Modelle von Gesundheit und Krankheit. Hogrefe AG

ICIHM (2016) Abschlusserklärung. URL: http://icihm.damid.de/images/pdf/ABSCHLUSSERKL%C3%84RUNG_STUTTGART_d.pdf. (abgerufen am 03.02.2020)

Jonas WB, Chez RA (2004) Toward optimal healing environments in health care. J Altern Complement Med 10 Suppl 1: S1–6

Ludolph P, Kunzler A, Stoffers-Winterling J, Helmreich I, Lieb K (2019) Interventions to promote resilience in cancer patients. Dtsch Arztebl Int. 116: 865–872

Pschyrembel W (1999) Wörterbuch Naturheilkunde und alternative Heilverfahren. De Gruyter

WCIMH (2017) The Berlin Agreement: Self-Responsibility and Social Action in Practicing and Fostering Integrative Medicine and Health Globally. URL: https://www.ecim-iccmr.org/fileadmin/ecim-iccmr/editors/documents/Berlin_Agreement_on_Self-Responsibility_160417.pdf. (abgerufen am 03.02.2020)

Willich SN (2009) Editorial. European Journal of Integrative Medicine 1, 163–164. 1876-3820/&2009. doi:10.1016/j.eujim.2009.10.001

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© Urban Ruths

Prof. Dr. med. Benno Brinkhaus

Benno Brinkhaus ist Facharzt für Innere Medizin, Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren und Akupunktur. Professor für Naturheilkunde, Leitung Projektbereich Komplementäre und Integrative Medizin und Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Standort Mitte, stellv. Institutsdirektor am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité – Universitätsmedizin Berlin.


Prof. Dr. med. Tobias Esch

Tobias Esch, Facharzt für Allgemeinmedizin, Arzt für Naturheilverfahren, Neuro- und Gesundheitswissenschaftler sowie Experte für Mind-Body-Medizin. An der Universität Witten/Herdecke Institutsleiter und Lehrstuhlinhaber für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung sowie Leiter der dortigen Universitätsambulanz – einem deutschlandweit einzigartigen Pilotprojekt zur Implementierung einer Integrativen Allgemeinmedizin und Naturheilkunde in der Regelversorgung.

2 Die Bedeutung der Selbstregulation in der Integrativen und Mind-Body-Medizin – Ein Überblick

Tobias Esch und Benno Brinkhaus

Zusammenfassung

Die Mind-Body-Medizin (MBM) stellt heute einen wichtigen Teil der Integrativen Medizin dar. Der Begriff stammt ursprünglich aus den USA, wo die MBM mittlerweile auch in der medizinischen Versorgung integriert ist; sie umfasst medizinische Verfahren und Ansätze, welche die Selbsthilfekompetenz stärken und dafür insbesondere mentale und körperliche Techniken nutzen. Neben der Praxis schließt die akademische Verbreitung der MBM gleichfalls eine differenzierte Erforschung ihrer Wirkmechanismen ein – wichtige Arbeiten der Achtsamkeits- und Entspannungsforschung gehören ebenfalls in diesen Bereich. In Deutschland weist die MBM eine enge Beziehung zur Naturheilkunde auf und hier explizit zum Begriff der sogenannten Ordnungstherapie (OT); einige Experten aus dem Bereich der Naturheilkunde in Deutschland setzen MBM mit OT gleich.

Gegenwärtig werden immer mehr Therapieangebote unter dem Oberbegriff der MBM zusammengefasst. Diese werden auch Mind-Body-Interventionen (MBI) genannt. MBI folgen in der Regel den sogenannten BERN-Kriterien (Behavior-Exercise-Relaxation-Nutrition), wobei die Selbstregulation stets im Mittelpunkt steht. Wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass MBI besonders wirksam im Kontext von Gesundheitsförderung und Prävention sowie bei chronischen, lebensstil- oder stressassoziierten Erkrankungen sind. Paradigmatisch folgen sie dem sogenannten Salutogenese-Ansatz, der auf eine Erkundung und Stärkung von Gesundheitsschutzfaktoren bzw. Widerstandsressourcen abzielt (individuelle Resilienz- und Kohärenzfaktoren) sowie eine Reduktion von Belastungen (vgl. Stress) anstrebt. Neurobiologisch sind MBI eng mit dem Placebo-Effekt, auch Kontext-Effekt genannt, verbunden. Als Aktivator von Potenzialen der Selbstheilung und Gesundheitsfürsorge kann die MBM trainiert und gestärkt werden, wozu häufig „Experten der Gesundheitsförderung“ zum Einsatz kommen. Idealerweise arbeiten jene gemeinsam mit Experten für die konventionell-medizinische Behandlung in einem Team einer Einrichtung zusammen. Hierzu empfiehlt sich das sogenannte „Zweitürenmodell“, welches das integrative Zusammengreifen von Behandlungsmanagement einerseits und Patientenaktivierung andererseits bezeichnet. Einrichtungen, die derart patientenzentriert und teambasiert, multimodal und mit einem kombinierten Salutogenese-Pathogenese-Ansatz arbeiten, finden sich zunehmend auch im Kontext einer Integrativen (Allgemein-)Medizin.

Dieses Kapitel beschreibt die Entstehung der MBM im Kontext historischer Entwicklungen, auch vor dem Hintergrund einer seit den 1970er-Jahren in den USA aufkommenden Meditationsforschung sowie der wissenschaftlichen Untersuchung des Stressphänomens. Bezüge zur Grundlagenforschung inkl. neurobiologischer Belohnungs- und Placebophysiologie werden hergestellt, Abgrenzungen zur Psychotherapie vorgenommen und ein konkretes Handlungskonzept vorgestellt.

Summary

Mind Body Medicine (MBM) is an important part of today’s Integrative Medicine. The term originally comes from the USA, where MBM has now been integrated into general medical care. It includes, in particular, medical procedures and approaches that strengthen self-help skills and use mental and physical techniques. In addition to its practical aspects, the academic dissemination of MBM also includes a differentiated study of its mechanisms of action – important work in mindfulness and relaxation research also belong in this area.

In Germany, MBM has a close relationship to naturopathy, explicitly, to the so-called ‘order therapy’ (Ordnungstherapie – OT). This is why some experts in the field of naturopathy in Germany equate MBM with OT.

Currently, a growing number of therapies and interventions have been grouped under the generic term of MBM, also called mind body interventions (MBI). MBIs usually follow the BERN criteria (Behavior-Exercise-Relaxation-Nutrition), whereby the focus in each column always lies on self-regulation.

Scientific studies indicate that MBIs are particularly effective in the context of health promotion and prevention, as well as for chronic, lifestyle, or stress-related diseases. Paradigmatically, they follow the so-called salutogenetic approach, which aims to explore and strengthen health protection factors or resistance resources (individual resilience and coherence factors) as well as to reduce stress. From a neurobiological point of view, MBIs are closely related to the placebo effect, also known as ‘contextual effects’.

As an activator of the potential for self-healing and health care, MBM can be trained and strengthened effectively, for which ‘experts in health promotion’ are often used. Ideally, they work together with experts in conventional medical treatment as part of a team at a single integrated facility. Hence, the so-called ‘two-door model’ is recommended for this purpose – which describes the integrative combination of medical treatment management on the one hand and patient activation (MBM) on the other. Institutions that work in such a patient-centered and team-based, multimodal way together with a combined salutogenesis-pathogenesis approach are increasingly common in the context of integrative (general) medicine.

This chapter describes the development of MBM in the context of historical developments. This context also against the backdrop of meditation research that has been emerging in the US since the 1970s and the scientific investigation of the stress phenomenon. References to basic research, including neurobiological reward, and placebo physiology are included while demarcations to psychotherapy and a concrete action plan are also present.

2.1 Einleitung

Die Mind-Body-Medizin umfasst medizinische Verfahren, welche darauf abzielen, die Selbsthilfe- und Gesundheitskompetenz der Individuen zu stärken, wofür heute insbesondere mentale, aber auch körperliche Techniken zum Einsatz kommen. Sie stellt einen zentralen Teil der Integrativen Medizin dar (Dobos et al. 2006) und ist in diesem Kontext sowohl zentrales „Instrument“ ganzheitlicher und ressourcenorientierter Therapieansätze geworden als auch konzeptioneller Rahmen einer exponentiell wachsenden Erforschung von Grundlagen und Wirkmechanismen der Salutogenese, wozu nunmehr auch die Placebo-, Achtsamkeits- und Meditationsforschung gehören (Esch 2020). Insbesondere die moderne Meditationsforschung hat einen wesentlichen Anteil daran, dass die Mind-Body-Medizin nicht nur populär geworden, sondern auch wissenschaftlich „integrativ wirksam“, d.h. breitenwirksam und zu vielen wissenschaftlichen Disziplinen der Grundlagen- und klinischen Forschung (und deren Anwendung) anschlussfähig geworden ist.

2.2 Mind-Body-Medizin: Wie alles begann …

Im Jahr 1982, zu einer Zeit, in der Begriffe wie „Selbstheilung“ oder gar „Meditation“ keinesfalls allfälliger Jargon des gehobenen Feuilletons oder gar der medizinisch-wissenschaftlichen Fachpresse waren, berichtete die New York Times erstmalig über atemberaubende Studien einer Gruppe von Wissenschaftlern um den Harvard-Kardiologen Herbert Benson (vgl. Esch 2014): Ausgestattet mit vagen Schilderungen von wundersamen Ritualen tibetischer Mönche in den entlegenen Höhen des Himalayas und einer eher „wirren“ Beschreibung von im Westen bis dato kaum bekanntem „g Tum-mo“ (Hitze-Yoga) hatte Benson sich auf den – buchstäblich – steinigen Weg gemacht, um dem vermeintlichen Geheimnis mit modernen wissenschaftlichen Methoden auf die Schliche zu kommen. Im Raum stand die zu untersuchende Behauptung, jene Mönche seien in der Lage, ihre eigene Körpertemperatur auf „Knopfdruck“ um ein solches Maß zu erhöhen, dass sie damit eiskalte, feuchte Leinentücher, die man ihnen umgelegte, dampftrocknen konnten.

Auch wenn es sich um ein religiöses und nicht um ein medizinisches Ritual handelte, so erkannten die Mediziner doch die Bedeutung solcher Fähigkeiten, wenn sie wahr sein sollten; denn das sogenannte „autonome Nervensystem“ und andere Regulatoren, die für die Steuerung von u.a. Blutdruck, Herzfrequenz oder Körpertemperatur zuständig waren, galten bis dato als nicht durch den menschlichen Willen beeinflussbar. Wenn dieses zentrale Dogma des autonomen (vegetativen) Nervensystems wankte, müssten u.a. bestimmte Annahmen auch der Herz-Kreislauf-Medizin überdacht werden. Die Wissenschaftler machten interessante Beobachtungen auf ihrer Expedition, u.a. stellten sie bei den Mönchen während des geschilderten Rituals in der Körperperipherie Temperaturschwankungen von fast 10°C fest. Jener Unterschied – ein Anstieg im Vergleich zur Ausgangstemperatur – stellte sich überraschenderweise schon innerhalb weniger Minuten ein. Und die Tücher, die u.a. über den Rücken der Mönche gelegt wurden, waren bereits nach ca. einer Stunde trocken. Diese außergewöhnliche Fähigkeit verdiente fraglos weitere Ergründung.

2.3 Selbstheilung ist Kopfsache: Mind matters most

Wir kennen vergleichbare Phänomene heute aus dem sogenannten „Biofeedback“, und auch unter Hypnose können messbare Temperaturunterschiede auftreten. Jenes Phänomen, das Benson später in sein Konzept der „Entspannungsantwort“ (engl.: relaxation response) (Benson u. Klipper 2000) übernahm – dem physiologischen Gegenspieler der biologischen Stressantwort –, lässt sich schon mit einfachen Temperaturfühlern für jeden Teilnehmer eines Entspannungskurses schnell nachvollziehen. Diese Erkenntnis – d.h. die Beinflussbarkeit und Veränderbarkeit der peripheren Blutverteilung (und damit der peripheren Körpertemperatur) im Rahmen von Entspannungsritualen oder, in der gegenteiligen Richtung, im Kontext einer induzierten Alarmreaktion – war nicht neu, basierte sie doch u.a. auf den Forschungen des Harvard-Physiologen Walter B. Cannon, der Jahrzehnte zuvor in demselben Labor wie Benson über Stress und Regulation geforscht hatte. Neu war, dass Menschen fähig sein sollten, durch geistige („mentale“) Techniken auf die „unwillkürliche“ autonome Regulation gezielt Einfluss zu nehmen. Benson wurde schnell klar, dass seine wissenschaftlichen Ergebnisse zu kritischen Nachfragen führen würden. Und so machte er sich auf, um unter dem Begriff der „Mind-Body-Medizin“ die Untersuchung solcher Geist-Körper-Phänomene – und eine mögliche Bedeutung für die Medizin – zur Chefsache zu machen. An der Harvard Medical School gründete er das Mind/Body Medical Institute (heute: Benson-Henry Institute for Mind Body Medicine), dem er noch bis vor kurzem als Professor und Direktor selbst vorstand.

Doch von den ersten Untersuchungen im Himalaya bis zu den vertiefenden Studien „nach westlichem Standard“ – inklusive experimenteller humanbiologischer Studien unter Laborbedingungen – sollte es noch ein langer Weg sein. So dauerte es u.a. bis zum Jahr 2001, bis man die Bedingungen geschaffen hatte, um in einem „Kloster auf Zeit“ viele wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen oder zu wiederholen, die bis dato eher anekdotenhaft geblieben waren. Diese initialen Untersuchungen waren die Voraussetzung für eine vernünftige Begründung nachgelagerter wissenschaftlicher Forschungsfragen und Studien, die weltweit nun Beachtung fanden. Plötzlich begann man sich allerorten für solche Mind-Body-Phänomene (auch für die Meditationsforschung generell) zu interessieren, nicht nur in Medizin und Physiologie. Zentrale Fragestellungen waren: Wie ist die Evidenz der Mind-Body-Medizin? Was sind Wirkungen, was die Wirkmechanismen und -wege, die dahinterstehen? Welche Bedeutung haben sie für den gesunden und kranken Menschen? Wie kann die Mind-Body-Medizin gesundheitsförderlich, präventiv oder therapeutisch genutzt werden? Wann, für wen? Jetzt spätestens begann eine neue Ära der Selbstregulationsforschung und der Mind-Body-Medizin.

2.4 Rituale und eine Kultur der Heilung

Der renommierte amerikanische Evolutionspsychologe Matt Rossano sorgte 2007 mit dem Artikel „Did Meditating Make Us Human?“ (Hat das Meditieren uns zum Menschen gemacht?) für Aufsehen, der im angesehenen Cambridge Archaeological Journal erschien (Rossano 2007). Die zentrale These von Rossano lautete: Lagerfeuer-Rituale, wie sie sich in der Form – ggf. mit Gesang, Tanz etc. – wohl erst beim modernen Menschen ereigneten und einer Art „Gruppen-Meditation“ gleichkamen, haben die Fähigkeit einer fokussierten Aufmerksamkeit trainiert, was wiederum zu einer Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses insgesamt geführt haben mag; dieses nicht nur beim Einzelnen, sondern auch im evolutiven, phylogenetischen Prozess. Rossano spekulierte, dass Meditation und das, was er „schamanistische Heilungsrituale“ nannte, unsere biologische und genetische „Fitness“ verbesserten. Jenen frühen Kult bezeichnet er, im Einklang mit anderen Wissenschaftlern, als die älteste Form einer Religion, wie sie darüber hinaus in praktisch allen traditionellen menschlichen Gesellschaften zu finden sei. So beschreibt auch Michael Balter in Science (Balter 2000), bezugnehmend auf Funde in der Grotta di Fumane in Norditalien, ca. 35.000 Jahre alte Steinplatten mit Darstellungen von menschlichen Umrissen, die deutlich Geweih als Kopfschmuck erkennen lassen – andernorts als typisch für Schamanen oder „Medizinmänner“ bekannt. Schon in den 1980er-Jahren hatten Richard Katz und andere Harvard-Anthropologen festgestellt (Katz 1982), dass schamanistische Heilungsrituale möglicherweise eine wichtige adaptive Funktion bei unseren Vorfahren hatten und einen Evolutionsvorteil darstellten. Teil jener Rituale waren wohl, folgt man u.a. Rossano, auch meditative Techniken.

Wir können davon ausgehen, dass derartige Rituale von frühesten schamanistischen Tänzen und Heilungszeremonien, von Gruppengesängen oder dem stillen Sitzen am Lagerfeuer, über Beschreibungen religiöser Praktiken in Mesopotamien oder Ägypten, bis hin zu jahrtausendealten präbuddhistischen Yoga-Formen in Tibet, nicht rein „zufällig“ in unseren menschlichen Handlungskanon aufgenommen bzw. konserviert wurden und heute in diversen Kulturen wiederentdeckt werden. Auch die Faszination, die derartige Rituale auf viele Menschen ausüben, mag kein Zufall sein. Der Soziologe und Anthropologe James McClenon geht sogar so weit zu behaupten (McClenon 2001), dass eine gewisse „Anfälligkeit“ für die vermeintlich vorteilhaften physiologischen und psychologischen Effekte von Meditations- und Heilungsritualen einen Selektionsvorteil in der menschlichen Evolution dargestellt haben könnte. Zumindest aber scheinen wir für die gesundheitsförderlichen, präventiven oder therapeutischen Wirkungen religiöser bzw. kulturell tief verwurzelter Medizin-Praktiken „voreingestellt“ zu sein, d. h. eine Art biologische oder genetische Veranlagung zu haben. Dabei ist das Anziehende dieses Ansatzes, meinen auch McClenon und Rossano, möglicherweise weniger im Glauben zu suchen (oder in einer spezifischen Religion), sondern im praktizierten Ritual selbst, welches als transreligiös interpretiert werden kann.

2.5 Rituale und Selbstheilung in der Medizin

Die moderne Medizin beginnt mit Hippokrates von Kos (460–371 v.u.Z.) und den Asklepiaden. Schon damals findet sich eine Betonung von Lebensstil bzw. „Lebenskunst“ als wichtige Voraussetzung für Gesundheit und Heilung. So war Hippokrates’ „Diaita“ weit mehr als eine Ernährungslehre. Es war auch eine Anleitung zur Selbstfürsorge. Ebenfalls wird schon mit der Dreiteilung gearbeitet, die von nun an lange bestimmend in der europäischen Medizin sein sollte: Neben der Chirurgie bzw. dem ärztlichen Eingriff und der Pharmakologie waren Lebensführung und Eigenverantwortung essenzielle Bestandteile nicht nur der Behandlung, sondern eben auch der Gesundheitsversorgung (vgl. Therapeia), Gesundheitsforschung (vgl. Hygieina) und Gesundheitsvorsorge (vgl. Prophylaxis). Interessanterweise spielte, neben der Tugendhaftigkeit, der Kunst und der Wissenschaft, auch die Religion eine wichtige Rolle beim Erhalt der Gesundheit. Lebensziel war u.a. der Erhalt von Ordnung, Ausgleich und Gesundheit. Dieses war eine Frage des systematischen Vorgehens (Wissenschaft), der gemäßigten, geordneten und ausdrucksvollen Lebensweise (Tugend, Kunst) sowie eines frommen oder religiösen Lebens, d.h. des Glaubens – hier v.a. als kulturelles Konstrukt. Selbstverantwortung war ein zentrales Element. In der Philosophie dieser Zeit spiegelten sich jene Auffassungen wider (u.a. bei Aristoteles) (vgl. Esch 2014).

In den folgenden Jahrhunderten tauchte immer wieder die Betonung der Selbstfürsorge im medizinisch-therapeutischen Kontext auf, aber auch im religiösen, denn nach wie vor waren beide Bereiche eng miteinander verbunden. Häufig äußerte sich diese „Synthese“ oder Einbindung im Sinne einer „inneren Kraft zur Heilung“, d.h. unter der Annahme einer Selbstheilungstendenz und -fähigkeit des Menschen. Wir finden eine derartige Komplementarität zwischen der „äußeren Medizin“ (oder Religion) einerseits und der Selbstfürsorge/-heilung (dem „inneren Arzt“) andererseits u.a. bei Galen im 3. Jahrhundert (vgl. van der Eijk 2011). Dieser orientierte sich an Hippokrates und Aristoteles und zeichnete eine Medizin vor, die davon ausging, dass Gesundheit – und nicht Krankheit – der Normalzustand sei (der Mensch also von Natur aus „gesund“) und dass funktionale Zusammenhänge und innere Regulationsprozesse zu beachten seien, welche prinzipiell die Tendenz zur Heilung hätten, d.h. zum „inneren Gleichgewicht“ führten. Der Arzt war in diesem Kontext mehr Unterstützer und Ermöglicher als eigentliches „Pharmakon“ oder „Agens“ – Medizin bedeutete, dass der Therapeut bzw. Behandler mit der Natur zusammenzuarbeiten hatte. Der Einzelne hatte in hohem Maße Einfluss auf die Gesundheit. Ähnliches finden wir später bei Paracelsus (vgl. Esch 2014) im 16. Jahrhundert, der u.a. das Zusammenspiel zwischen dem „Medicus“ – zuständig für medizinische Prozeduren und die Therapie (inkl. der Agenzien) – und „Archaeus“ beschrieb. Die Idee eines Archaeus entsprach dabei weitestgehend jenem „inneren Arzt“, einer ordnenden Kraft, die nach Paracelsus auch eine Verbindung zum fein- oder nichtstofflichen Bereich besaß. Gemeint war hier wohl das, was wir heute mit „Bewusstsein“ oder „Geist“ (engl. mind) bezeichnen – Konzepte, die es in dieser Form im heutigen Europa, kurz vor Descartes, nicht gab. Auch in der Ordnungstherapie eines Sebastian Kneipp im 19. Jahrhundert tauchen deutliche Analogien auf.

All diesen oben beschriebenen Entwicklungen war gemein, dass Heilung mit der Annahme regulativer Prozesse einherging, d.h. sie war dynamisch und strebte im Normalfall von sich aus zum Gleichgewicht, zur Gesundheit also, die wiederum der Beeinflussung durch den Einzelnen zugänglich war. Wenn diese „natürliche Tendenz“ zu Gesunderhalt oder Wiederherstellung (Restitutio) nicht ausreichte oder die Selbstregulation überfordert war, konnte Einflussnahme von außen geboten sein. Noch bei Rudolf Virchow im 19. Jahrhundert (Virchow 1875) findet sich jene Idee der Selbstregulation (und Krankheit als Manifestation einer Überforderung derselben), bevor sie im Zuge der aufkommenden Naturwissenschaft aus dem Blickfeld der Medizin geriet. Es kam zu einem Auseinanderdriften der zugrunde liegenden Konzepte, mit der Konsequenz, dass „Glaube“ (im beschriebenen Sinn) und Selbstregulation zunehmend an den Rand gedrängt wurden, zusammen oder getrennt voneinander. Dort, in der Naturheilkunde und Komplementärmedizin usw., überdauerten sie und führten, bis vor kurzem, ein bescheidenes, aber doch reales Dasein. In der sogenannten Schulmedizin tauchten sie als Placebo-Effekte (auch als Kontext- oder unspezifischer Effekte bezeichnet und seit dem Jahr 2000 zunehmend wissenschaftlich erforscht) immer wieder auf. Hier allerdings kamen sie aus der Hand des Arztes oder Wissenschaftlers, deren Bedeutung in einer Art Gegenbewegung kontinuierlich gewachsen war.

2.6 Heilung in der modernen Medizin

Heute sieht die Situation anders aus. Sei es aus Gründen der Kosteneffizienz, einer stärkeren „Kundenorientierung“, einer zunehmenden Hilflosigkeit bei chronischen und funktionellen Erkrankungen oder tatsächlicher wissenschaftlicher Erkenntnis in der Medizin: Ein zunehmender therapeutisch-medizinischer Pluralismus hält Einzug. Integration löst Separation ab, sagen Befürworter. Das blieb nicht ohne Widerstand, gerade auch in Deutschland. In den USA verlief die Debatte weniger aufgeregt: Dort hatten viele der geschilderten Ideen nicht nur in der Psychologie überdauert, was u.a. am großen William James lag, sondern z.B. auch in der Soziologie, die ebenfalls über Gesundheit und Ressourcen forschte. Themen wie Salutogenese, Kohärenz, Hardiness und Resilienz, d.h. innere Faktoren für Gesundheitsschutz, Widerstandsfähigkeit und Stressresistenz (vgl. Esch 2002), hatten es geschafft, sich auch an Elite-Universitäten zu halten und sich immer wieder – auch im medizinischen Kontext – Gehör zu verschaffen.

Ein Durchbruch erfolgte schließlich durch zwei parallele Entwicklungen: Die geschilderten Arbeiten u.a. zur Mind-Body-Medizin von Herbert Benson und sein Modell des „dreibeinigen Stuhls“ (s. Abb. 1) korrelierten mit einer „Psychologie des Gesunden“, der sogenannten „Positiven Psychologie“ (Esch 2017) bzw. „Resilienzforschung“ (Esch 2020). Das passierte mit maßgeblicher Unterstützung der amerikanischen Gesundheitsadministration und führte schließlich u.a. auch zur Etablierung einer wissenschaftlichen komplementären und Integrativen Medizin (Complementary and Integrative Medicine, CIM) unter Einbeziehung der Mind-Body-Medizin, neben der bereits bestehenden Gesundheitspsychologie. Die andere wichtige Entwicklung war eine sich intensivierende Meditations- und Bewusstseinsforschung, die auf eine immer stärker als Brückendisziplin auftretende, integrierend wirkende Neurowissenschaft traf, mit immer faszinierenderen technisch-wissenschaftlich-experimentellen Möglichkeiten. Ergänzt wurde diese Entwicklung noch durch die Förderung einer transdisziplinären Dialogkultur sowie durch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zur Autoregulation und dem Placebo-Effekt.

Abb. 1 Dreibeiniger Stuhl eines modernen Gesundheitswesens bzw. einer ressourcenorientierten Medizin (in Anlehnung an Herbert Benson, angepasst und übersetzt von Tobias Esch [Esch 2017]).

2.7 Moderne Definition, Ausprägungen und Wirksamkeit der Mind-Body-Medizin

Die moderne Mind-Body-Medizin, wie sie v.a. in den USA zwischenzeitlich geläufiger Bestandteil der primären Gesundheitsversorgung geworden ist, vereint heute als Oberbegriff eine Vielzahl von wirksamen Ansätzen im Kontext einer individuellen bzw. „patientenzentrierten Gesundheitsfürsorge“ und ist daher konzeptionell und praktisch anschlussfähig zu vielen aktuellen Strömungen und Disziplinen in der praktischen Medizin, in Therapie- und Grundlagenforschung (Dobos u. Paul 2019). Sie ergänzt u.a. die bis dahin vorrangig somatisch orientierte allgemeine Medizin um verhaltens- und lebensstilorientierte Aspekte im Sinne einer professionellen Stärkung von Selbsthilfe- und Selbstheilungskompetenzen.

Das amerikanische Gesundheitsministerium beschreibt die Mind-Body-Medizin als Disziplin, die sich fokussiert auf (NIH 2019):

The interactions among the brain, the rest of the body, the mind, and behavior.

The ways in which emotional, mental, social, spiritual, experiential, and behavioral factors can directly affect health.

Mind-Body-medizinische Techniken sind dann solche, die (NCCIH 2019):

Intent to use the mind to affect physical functioning and promote health.

Enhance each person’s capacity for self-knowledge and self-care.

Die Mind-Body-Medizin basiert folglich auf der Anerkennung einer zentralen „Geist-Körper-Achse“, d.h. auf möglichen Interaktionen zwischen Gehirn und Körper bzw. Bewusstsein und Verhalten. Dabei steht im Zentrum die Frage, ob und wie emotionale, geistig-seelische (d.h. mentale), soziale, spirituelle, erfahrungs- und/oder verhaltensbezogene Faktoren die Gesundheit beeinflussen können. Mind-Body-medizinische Techniken wären dann folglich solche, die auf Grundlage dieser Annahmen die Gesundheitskompetenz und das Selbstfürsorgepotenzial der Individuen nachweislich stärken.

Die Mind-Body-Medizin kommt heute vielerorts praktisch zum Einsatz, v.a. im Kontext von primärer Prävention und Gesundheitsförderung sowie daneben in der Behandlung von lebensstilassoziierten, insbesondere chronischen oder funktionalen Erkrankungen. Hierunter fallen typischerweise die häufigsten Beratungsergebnisse, wegen derer die Menschen auch in Deutschland ihren (Haus-)Arzt aufsuchen (Laux et al. 2010) – beispielsweise muskuloskelettale Beschwerden (inkl. Schmerzerkrankungen und chronisch-entzündlichen/rheumatischen Erkrankungen), Fettstoffwechselstörungen, endokrinologische und metabolische bzw. ernährungsbedingte Erkrankungen (u.a. Diabetes mellitus II), Bluthochdruck, depressive Störungen oder Magen-Darm-Funktionsstörungen. Zusätzlich wird die Mind-Body-Medizin unterstützend in der Behandlung von onkologischen Erkrankungen sowie in der begleitenden Suchtbehandlung (z.B. bei der Raucherentwöhnung) wie auch zur allgemeinen Vorsorge, Gesundheitsförderung, Resilienzstärkung und Stressreduktion eingesetzt (vgl. Esch 2020).

Im Unterschied zur psychosomatischen Medizin ist der Einsatz der Mind-Body-Medizin nicht an eine (Psycho-)Pathologie oder das Vorliegen einer spezifischen psychosomatischen Störung gekoppelt. Mind-Body-medizinische Techniken können – müssen aber nicht – störungsspezifisch und indikationsbezogen eingesetzt werden. Im Gegensatz zur (tiefenpsychologischen) Psychotherapie aber ist das primäre Ziel der Mind-Body-Medizin nicht die Aufdeckung und Klärung eines (intra-)psychischen Konfliktes o.Ä., auch werden in der Regel keine psychodynamischen Erklärungen für ein Verhalten gesucht, das als defizitär eingeordnet wird (Paul u. Altner 2019). Mind-Body-medizinische Interventionen zielen stattdessen auf die Entwicklung gesundheitsfördernder Haltungen und Verhaltensweisen im Alltag ab. Diesem Ansatz liegt das Modell der Salutogenese zugrunde, d.h. die Annahme, dass es neben krankheitsauslösenden oder -begünstigenden Faktoren (vgl. Pathogenese) generell auch solche gibt, die primär Gesundheit erzeugen oder erhalten helfen, die sog. „Gesundheitsschutzfaktoren“ bzw. „Widerstandsressourcen“ und Belastungen kontrollierenden – „salutogenen“ – Faktoren (vgl. Antonovsky 1996; s. Kap. I.1).

Die Mind-Body-Medizin knüpft an der allgemeinen Idee der Selbstwirksamkeit und ihrer gezielten Förderung (Trainierbarkeit) u.a. im Rahmen einer ressourcenorientierten Integrativen Medizin an (Dobos et al. 2006). Das Individuum und seine individuellen Kompetenzen stehen dabei im Mittelpunkt. Auf der Ebene der Beschreibung ihrer Mechanismen und Wirkfaktoren wird häufig auch von der Auto- oder Selbstregulation bzw. einer „Selbstregulations-Medizin“ gesprochen (Esch 2014). Den konzeptionellen Rahmen bildet der bereits beschriebene dreibeinige Stuhl (s. Abb. 1). Als Mind-Body-medizinische Methoden sind Interventionsstrategien etabliert, die dem sog. „BERN-Prinzip“ folgen – dieses sind Maßnahmen, die entweder auf das Verhalten (B – Behavior), insbesondere das kognitive Denkverhalten (Handlungsbewusstsein), und/oder die Bewegungs- (E – Exercise) bzw. Entspannungspotenziale (R – Relaxation) und/oder eine gesunde Ernährung (N – Nutrition) abzielen (vgl. Esch u. Esch 2015). BERN ist kein definiertes Programm, sondern beschreibt als Akronym den Bezugs- und Handlungsrahmen, das „Framework“, der verschiedenen Mind-Body-Interventionen. Wichtiger Bestandteil dieses multifaktoriellen Ansatzes sind auch soziale Unterstützung (i.d.R. als Teil der Verhaltenssäule aufgefasst) sowie Spiritualität, Glaube und Meditations- bzw. Achtsamkeitstechniken (i.d.R. als Teil der Entspannungssäule). Damit reiht sich die Mind-Body-Medizin in allgemeine Prinzipien der Gesundheitsförderung ein.

Umgesetzt in der Praxis wird die Mind-Body-Medizin (wie auch individuelle Maßnahmen der Gesundheitsförderung) typischerweise im Rahmen der Primärprävention oder komplementär in der Behandlung von konkreten Erkrankungen, hier jedoch zumeist nicht aus der „Hand“ der behandelnden Ärzte, sondern durch speziell ausgebildete „Experten der Gesundheitsförderung“ (vgl. Werdecker u. Esch 2019). Aus diesem Grund wird hierfür auch vom „Zweitürenmodell“ gesprochen – der Idealvorstellung, dass Patienten bei konkreten Beratungsanlässen etwa in der Primärversorgung in eine (ambulante) Einrichtung gehen, um dort hinter zwei Türen jeweils zum einen auf den Arzt für das pathogenetisch ausgerichtete Behandlungsmanagement zu treffen, zum anderen auf den Therapeuten für Gesundheitsförderung bzw. Mind-Body-Trainer/-Instruktor, Ordnungstherapeuten (den Experten für Gesundheitsförderung und Salutogenese), für die gezielte Aktivierung der Selbstheilungs- und Gesundheitspotenziale. In den letzten Jahren hat sich die Evidenzlage für dieses Vorgehen bzw. den Einsatz der Mind-Body-Medizin in Prävention und Gesundheitsförderung – insbesondere in der Primärversorgung – sowie in der Therapie verschiedener Erkrankungen stark verdichtet (vgl. Esch 2020). Zusätzlich haben neuere Erkenntnisse potenzieller Mechanismen und Wirkfaktoren (s. Abb. 2; Esch u. von Bernus 2019) einen großen Vorschub für die zunehmende Verbreitung und Akzeptanz der Mind-Body-Medizin im Gesundheitswesen vieler Länder geleistet.

2.8 Selbstheilung in der aktuellen Wissenschaft – Altes Wissen „reloaded“

Forschungsarbeiten zu den molekularen und autoregulativen Grundlagen von Mind-Body- und Komplementärmedizin (vgl. u.a. Esch et al. 2004) haben unlängst relevante Parallelen zu Placebo-Mechanismen aufgezeigt (s. Kap. II.10). Dieses gilt insbesondere für die Beteiligung neurobiologischer, hirneigener Erwartungs- und Belohnungsprozesse, wie sie etwa im Bereich der drei limbischen Ebenen – d.h. der unterschiedlichen Belohnungs- und Motivationssysteme im zentralen Nervensystem – ihren Ausgang nehmen (Esch 2017). In diesem Kontext gerieten kürzlich bemerkenswerte Studienergebnisse etwa vom US-amerikanischen Placebo-Forscher Ted Kaptchuk (u.a. Kaptchuk et al. 2010) in den Fokus: Hier wurde behauptet, dass der Placebo-Effekt selbst dann noch existiere, wenn man sog. „Open-Label-Behandlungen“ durchführe, den Patienten also explizit mitteile, dass ein bestimmtes Medikament ein „wirkstoffloses Scheinmedikament“ darstelle (welches aber „auf die Selbstheilung einen positiven Einfluss“ haben könne). Von Täuschung kann jetzt kaum mehr die Rede sein. Nicht nur scheint die Selbstregulation auch unter diesen Umständen noch zu funktionieren, sondern inzwischen kennt man sogar erste genetische Dispositionen, die für den Placebo-Effekt empfänglicher machen (vgl. u.a. Hall et al. 2012). Ganz so, wie es Anthropologen wie James McClenon vorhergesagt hatten (siehe oben).

Abb. 2 Zusammenhang zwischen positiven/angenehmen Erfahrungen und einer physiologischen/molekularen Selbstregulation („Selbstheilung“) sowie möglichen Stressreduktion. Die Stressinhibition (*) erfolgt dabei u.a. neuronal (über direkte Einflüsse aus dem Nervensystem), enzymatisch, zellulär oder nukleär (z.B. über die Hemmung entzündungsförderlicher genetischer Transkriptionsfaktoren) (Modell aus Esch 2017). NO = konstitutiv gebildetes Stickstoffmonoxid; ZNS = Zentrales Nervensystem.

Der organische Ursprung solcher Selbstregulationsphänomene liegt offenbar im Gehirn. Begleitet von der Ausschüttung charakteristischer Botenstoffe (z.B. Dopamin) werden u.a. Zentren und Netzwerke aktiviert, die sich insbesondere in stammesgeschichtlich alten Arealen des zentralen Nervensystems befinden, wie etwa den limbischen Belohnungsregionen (vgl. Esch et al. 2004; Esch 2017). Interessanterweise scheinen viele „Selbstheilungstechniken“ ihre Wirkungen z.T. über jene Prozesse zu entfalten: Das, was diesen Mechanismus im Einzelnen aktiviert, mag spezifisch und stark biografisch oder kulturell geprägt sein (d.h. konditioniert) – und somit individuell. Der Mechanismus selbst aber scheint eher einem universellen biologischen Prinzip zu folgen, der auch bei Tieren in experimentellen Studien belegt werden konnte. Und so überrascht es nicht, dass man heute eine Überschneidung bzw. Konvergenz vieler unterschiedlicher Verfahren und Rituale (unter dem Label der Selbstheilung) auf jene hirneigenen Autoregulationszentren annimmt, bis hin zum Nachweis überschneidender molekularer Signalmechanismen, die ihrerseits wiederum u.a. auf eine Reduktion von Stress- oder Entzündungsmechanismen hinzuwirken scheinen (s. Abb. 2). In diesem Sinne können wir Mind-Body- bzw. Heilungsrituale heute auch als praktischen Anker jener (neuro)biologischen und psychomentalen Zusammenhänge verstehen (Esch u. Stefano 2010) und die Mind-Body-Medizin als „angewandten“ Placebo- oder Kontext-Effekt, die Selbstheilung als eine Art Placebo-Medizin. In jedem Fall aber scheinen die geschilderten Phänomene rund um die Selbstregulation nach wie vor von hoher Relevanz für die gesamte Medizin zu sein, auch und gerade für die Integrative und Mind-Body-Medizin.

2.9 Fazit und Ausblick: Die Mind-Body-Medizin in der Integrativen Medizin – mit Fokus auf der Primärversorgung

Die Mind-Body-Medizin baut auf der Gesundheitskompetenz und Selbstwirksamkeit der Individuen auf – und unterstützt sie dabei. Dafür aktiviert sie die salutogenen Ressourcen des Einzelnen und der Gruppe, ganz im Sinne einer Stärkung von Patientenaktivierung und Selbsthilfekompetenz, wie sie heute im Kontext einer patientenzentrierten (patientenorientierten) Medizin gefordert werden. Insbesondere in der Allgemeinmedizin – in der ambulanten Primärversorgung – kann so ein „ganzheitlicher“ Dreiklang entstehen, der nicht nur den dreibeinigen Stuhl (s. Abb. 1), sondern auch, über einen multi- bzw. interprofessionellen und teambasierten Ansatz, das integrative Zusammenspiel von medizinischem Behandlungsmanagement, Selbsthilfetraining und Versorgungsmanagement beinhaltet (s. Abb. 3).

So stellt sich heute ein neues Konzept der Integrativen Allgemeinmedizin dar (wie im „Wittener Modell“), wo unter Einbeziehung der genannten BERN-Instrumente gerade bei chronischen und lebensstil- oder stressassoziierten Erkrankungen darauf abgezielt wird, einen möglichst konkreten, erlebbaren therapeutischen Mehrwert für den Patienten zu erzeugen. Hier stehen neben dem primärmedizinischen Fall- und Behandlungsmanagement auch die Patientenedukation und individuelle Ressourcenaktivierung – im Sinne konkreter, praktischer Umsetzungen – im Zentrum. Erste Pilotprojekte, die dieses Modell in der Praxis des deutschen Gesundheitssystems testen, sind auf dem Weg (wie etwa die Wittener Universitätsambulanz für Integrative Gesundheitsversorgung und Naturheilkunde – UnIG). Die Evaluation dieses neuen Ansatzes in der longitudinalen Betrachtung wird zeigen, ob sie nach den Kriterien des Triple Aim – d.h. einer Verbesserung nicht nur der medizinischen Ergebnisse bei effektivem Mitteleinsatz, sondern auch der Patientenzufriedenheit (s. Kap. I.10) – den Praxistest erfolgreich bestehen.

Abb. 3 Konzept einer Integrativen Primärversorgung: a) theoretisches Zusammenspiel der drei Ebenen – Behandlungsmanagement, Patientenaktivierung (Mind-Body-Medizin), Versorgungsmanagement; b) praktische Umsetzung im Sinne einer Integrativen Allgemeinmedizin am Beispiel der Wittener Universitätsambulanz: multiprofessioneller, teambasierter und patientenzentrierter Versorgungansatz und Einbezug von e-Health (u.a. Patientenportalen) sowie ausgewählten Naturheilverfahren. Neben Ärzten, Medizinischen Fachangestellten kommen u.a. Mind-Body-Instruktoren (Therapeuten für Gesundheitsförderung) sowie Case Manager zum Einsatz.

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© Lukas Schulze

Prof. Dr. med. Tobias Esch

Tobias Esch, Facharzt für Allgemeinmedizin, Arzt für Naturheilverfahren, Neuro- und Gesundheitswissenschaftler sowie Experte für Mind-Body-Medizin. An der Universität Witten/Herdecke Institutsleiter und Lehrstuhlinhaber für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung sowie Leiter der dortigen Universitätsambulanz – einem deutschlandweit einzigartigen Pilotprojekt zur Implementierung einer Integrativen Allgemeinmedizin und Naturheilkunde in der Regelversorgung.

© Urban Ruths

Prof. Dr. med. Benno Brinkhaus

Benno Brinkhaus ist Facharzt für Innere Medizin, Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren und Akupunktur. Professor für Naturheilkunde, Leitung Projektbereich Komplementäre und Integrative Medizin und Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Standort Mitte, stellv. Institutsdirektor am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité – Universitätsmedizin Berlin.

3 The Evolution of Integrative Health in the Reform Effort for US Medicine: 1965 to Present

John Weeks

Zusammenfassung

In den letzten 50 Jahren hat sich die Bewegung der integrativen Gesundheitsversorgung und Medizin in den Vereinigten Staaten von vagen Annahmen in Bezug auf neue Behandlungsansätze – wie unter anderem ganzheitliche Therapieverfahren und Achtsamkeitsmethoden, Änderungen der Lebensgewohnheiten, Förderung der natürlichen Gesundheit –, die allesamt als gegenkulturelle Kräfte angesehen wurden, zu einem relevanten Fachgebiet gewandelt. Mittlerweile sind Chiropraktiker, naturheilkundlich ausgerichtete Ärzte, Akupunkteure und Masseure großflächig in allen 50 Staaten zugelassen. Auch werden an nahezu 80 medizinischen Fakultäten integrative Medizinprogramme angeboten. Ein entsprechendes Zentrum an den National Institutes of Health erhält jährlich Fördergelder in Höhe von nahezu 150 Mio. USD für die Forschung auf dem Gebiet der komplementären und integrativen Gesundheitsversorgung. In zahlreichen Schmerzratgebern werden Informationen zu den nicht pharmakologischen Ansätzen integrativer Praxen und Ärzte zur Verfügung gestellt. Außerdem wurden bereits in 55 Zentren der US-amerikanischen Veterans Health Administration ganzheitliche Gesundheitsprogramme eingeführt. Das folgende Kapitel enthält eine chronologische Darstellung der Entstehungsgeschichte sowie Informationen zu den Möglichkeiten und Herausforderungen der US-amerikanischen Arzneimittelbranche, die trotz aller Reformbemühungen mehr produktionsorientierte Industrie denn nationales Gesundheitssystem ist.

Summary

Over the past 50 years, the movement for integrative health and medicine in the United States has advanced from mere assertions of new ways to practice – holism, mindfulness, lifestyle, natural health, and more – that were viewed as countercultural to becoming significant contributors 5 decades later. Chiropractors, naturopathic doctors, acupuncturists and massage therapists are broadly licensed across the 50 states. Nearly 80 medical schools have Integrative Medicine programs. A center at the National Institutes of Health receives nearly $ 150 million a year to research complementary and integrative health. Pain guidelines feature the “non-pharmacologic approaches” of the integrative practices and practitioners. A “whole health” program has been rolled out into 55 medical centers of the nation’s Veterans Health Administration. This chapter chronicles that growth, exploring the opportunities and challenges presented in a US medical industry that, despite reform efforts, remains organized more as a production-oriented industry than as a national healthcare system.

3.1 Introduction: The US Context

Presenting the 50-year history of the evolution of the movement for integrative health and medicine in the United States for a largely European audience requires some translation. The form and course of the movement resulted in part from mainstream policy realities in the US. A central factor was the peculiar circumstance that the US is alone among wealthy nations to not have a national healthcare system. Medicine in the United States is fragmented. While the past two decades show some signs of change, US medicine has been best characterized as a medical industry, focused on volume rather than value (Miller 2009).

This peculiar circumstance created both opportunities and obstacles for the emergence of the integrative movement. Competitiveness between hospitals and insurers created opportunities. The nominally not-for-profit medical institutions battle fiercely for market share. When a survey published in the New England Journal of Medicine in 1993 (Eisenberg et al. 1993) showed that over a third of adults were using some form of “unconventional medicine” spending $ 13.7 billion per year, the competing interests woke up. The competition was used as leverage by integrative health activists. Who wanted to be left behind if a competing hospital was developing an Integrative Medicine center, or an insurer a benefit plan that covered acupuncture or naturopathic medicine or chiropractic or massage?

Yet at the same time, the fundamentally capitalist motivation proved also to be a major obstacle to integrative health’s advance. The volume-oriented industry prefers the margins from high cost specialist services and tertiary care than primary care and community clinics. Pitches that lower cost, high touch, time intensive integrative services delivered in an outpatient clinic might cut needs for services ran squarely against the dominant business model in the volume-oriented industry. These so-called “perverse incentives” in medicine have proved an enduring barrier to optimal use of complementary and integrative practices and practitioners (Weeks 2015). A report on medical harm from inside the dominant school of medicine in 2000 began to open the dialogue. The effort to shift “from volume to value” known as “value-based medicine” or as the “Quadruple Aim” created more interest in integrative contributions (Bodenheimer and Sinsky 2014).

The history shared in this chapter is one of a convergence of these two movements to transform the medical industry. The focus is on the one that began in the grassroots. The other grew from inside organized medicine. The reformers in both camps recognized that the now $ 3.4-trillion US medical industry has a deeply troubling resume. A third to fifty percent of what is done in regular medicine is estimated to be waste, and much of it harmful (Boat et al. 2008). Public resources are siphoned into tertiary care rather than invested preventively in community medicine and public health (IHI Leadership Alliance [n.y.]). Researchers at Johns Hopkins estimate that patient-safety issues alone are such that the regular practice of medicine kills 250,000 annually (Makary and Daniel 2016). As this chapter will show, the worlds of value-based medicine and integrative health and medicine are increasingly aligned in an effort to shift the incentives of the medical industry toward a system that focuses on creating health.

3.2 A Brief History of Integrative Health and Medicine in 5 Eras
3.2.1 Era 1: Affirming New Values

The evolution of the field may be traced back to the flourishing of new sets of ideas and values in the cultural revolution that was the Sixties. While classified as a counterculture by the dominant school, it can be viewed today not as a reaction but as an affirmative expression of new ideas. Some of these new values link directly to the ideas and practices carried in integrative health: awakening awareness of Eastern culture and practices such as meditation and acupuncture; back-to-the-land respect for natural cycles; rise of environmental awareness and of adverse effects of chemicals; the woman’s movement and the respect for more supportive approach; and, the use of marijuana and the attendant interest in the potential medicinal value of herbs of various kinds.

Other Sixties influences had a more indirect relationship with what would become the movement for integrative health and medicine. The rise in globalization and thus multicultural diversity fostered an opening to diverse medical traditions. The social justice movement, like that of feminism, challenged white, patriarchal Eurocentrism. While producing multiple advances, the dominant medicine of the time was marred by a long list of negatives: physician-centric; specialist and hospital focused; male-dominated; white and racist; known for minimal interprofessional respect and often abusive toward other practitioners; disrespectful to possible contributions from other cultures; reductive; and, finally, diminishing toward both the public health and the behavioral and social determinants of health. In these areas of the conventional medical culture, the values for a new kind of more holistic health care that emerged in the Sixties were potential antidotes.

3.2.2 Era 2: Advancing in Silos (1980–1995)

To take ideas and advance them required organization. In the short period of a half decade starting in the late 1970s, individuals interested in advancing many of the ideas birthed in the cultural amniotic stew of the 1960s produced a remarkable grouping of formally disconnected organizations and initiatives that had in common interlinking values: American Holistic Medical Association (1978); American Holistic Nurses Association (1979); first naturopathic medical schools in 25 years (1978); patient-centered care (1978); pioneering mind body research publications (1977–1978); National Wellness Institute (1977); and the American Association for Acupuncture and Oriental Medicine (1981). These and others began serving as platforms for change.

The founding of many of these organizations led to engagement with self-regulatory responsibilities and regulatory activity. These established the professions of naturopathic medicine, acupuncture and East Asian medicine; massage therapy, and direct-entry midwifery. (Chiropractic claimed its place earlier.) In the United States, licensing is the responsibility of state legislatures in each of the 50 plus states and territories. This legal structure allowed small groups of practitioners, backed often by influential and grateful patients, to make regulatory advances. Table 1 describes some of these advances in development and accreditation of schools, licensing, certification, and growth of each profession’s numbers. At the same time, the period was marked by little collaboration between members of different complementary and integrative professions. They were working hard in separate silos.

3.2.3 Era 3: Non-Integrated Integration (1995–2010)

A turning point for this activity was a New England Journal of Medicine article, noted in the introduction to this chapter. The January 28, 1993 publication of the results of a nationwide survey from a Harvard University team led by David Eisenberg, MD catapulted the grassroots movement into visibility and onto the pathway to recognition and respect. That 34% of adults were using “unconventional” methods outside the mainstream and spending $ 13.7 billion each year changed the behavior of multiple stakeholders. These data gave the field legitimacy and began to shift behavior in hospitals, among insurers, in reporting in the media, among researchers, and in the interests of elected officials.

Tab. 1 Development of Standards by the Licensed Integrative Healthcare Professions (Clugston et al. 2017; this table is from the Clinicians’ and Educators’ Desk Reference [CEDR] which was developed by the Academic Collaborative for Integrative Health [ACIH, formerly known as ‘ACCAHC’ – https://integrativehealth.org])


* For chiropractors, this category uniformly represents licensing statutes; for naturopathic physicians, this category primarily represents licensing statutes, with a few states offering registration statutes; for acupuncture, virtually all states use licensure; for massage and direct-entry midwifery, there is a mixture of licensing, certification, and registration statutes.

** COMTA Accredited schools/programs. Does not include institutions accredited by non-specialized agency.

*** Although the Council on Chiropractic Education was first incorporated in 1971, there were other accrediting agencies and activities within the chiropractic profession dating back to 1935.

The timing was good. The competitive landscape of medical delivery had begun to promote the idea of “patient-centered care” that had taken root 15 years earlier. Offering some integrative services began to be viewed by some as part of that effort. The competition between hospitals created opportunity for integrative services. Yet at the same time, the abiding mistrust and disdain inside organized medicine led to fundamentally non-integrated strategies for integrating these into their business model. In hospitals, stand-alone integrative centers were favored over initiatives that would foster more dialogue and collaboration. Insurers developed what were called “carve-out” models for coverage. Instead of exploring how inclusion of such services might lower costs and provide better care, they merely charged more to offer additional complementary medicine benefits.

In this time, governmental support of research began, yet also with a non-integrated character. Via political and public interest, members of Congress funded what has now become the National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH). The fit with the non-integrated character was that rather than being the result of curiosity among researcher inside the NIH about the remarkable levels of public use of these complementary and alternative practices like acupuncture and meditation, the new center was essentially forced on the NIH by an alliance of the consumers-as-voters and their elected officials. The combination of public interest, emerging use in hospital centers and coverage by insurers, and then the more direct integration into the dominant school that will be described, led annual funding to of this research to rise from $ 2 million in the first appropriation to $ 145 million in 2019.

This growing availability of research funds stimulated interest in academic health centers. Multiple medical clinicians and researchers with an interest in CAM convinced their institutions to allow them to start new complementary and integrative centers. What is now the Academic Consortium for Integrative Medicine and Health, founded with just 12 members in 2002, grew to 75 North American members by 2020. Envisioning the roles of these new academic entities as combining “CAM” with biomedicine, Andrew Weil, MD, a popular author and leader of what is now the University of Arizona Andrew Weil Center for Integrative Medicine began urging that “Integrative Medicine” be the banner under which the movement should evolve. The integrative era was formally seeded in 1995.

The Internal Reform Effort: From Volume to Value

Another basis of the non-integrative models stemmed from a deeper cause: namely, the so-called “perverse incentives” in the medical industry. The fee-for-service, volume orientation influences hospitals to produce more high-cost, tertiary care procedures and surgeries. Similarly, though counter intuitive, insurers in the US structure, paid as they are on essentially a percentage of premiums, earn more over the long run the higher the costs of care (U.S. Centers for Medicare & Medicaid Services 2020). Neither stakeholder was attracted to rapid uptake of time-intensive, relatively low cost, preventive and lifestyle-oriented integrative service providers whose adherents claimed that more use of their services might reduce the need for high-margin procedures and surgeries.

The potential for openness to integrative strategies in the dominant payment and delivery organizations began to shift as the mainstream of medicine began to reckon with soaring costs – more than double the per capita of most other nations – and with the evidence of harm and inefficiencies. The turning point was the publication from the then Institute of Medicine at the National Academy of Sciences in 2000 of To Err is Human. The report documents that roughly 100,000 people each year were dying from the regular practice of medicine (Kohn et al. 2000). As noted in the introduction, a 2015 estimate put this mortality much higher.

This year 2000 report awakened a reform movement in the dominant school of medicine. Leaders targeting unraveling the causes. Among those called out: the focus on production of services; prioritizing specialty care over primary care; failing to have the patient at the center of care; a top-down medical hierarchy marked by interprofessional abuses; and eventually, realization that the focus needed to shift from merely the management of disease to addressing behavioral and social determinants of health. By the mid-teens, outcomes like wellbeing, resilience and creating health entered the dominant school of medicine’s lexicon (Weinstock 2013; Weeks 2018a). The movement was branded as “from volume to value.” The key values were identified as a Triple Aim: better patient experience, lower costs, and enhance population health. A fourth was quickly added in recognition of the high levels of burnout and suicide in medicine, which was to also enhance the experience of practitioners.

The new values of the movement had remarkable alignment with those of the integrative health movement (s. Table 2). The reform efforts proved to be – to paraphrase songwriter Leonard Cohen’s description of the “cracks in everything, where the light gets in” – openings for Integrative Medicine practices and practitioners to enter more directly into influencing the dominant medical paradigm. The movement for value-based medicine energized the Era 4 movement for Integrative Medicine to form more powerful collaborations and the Era 5 era of convergence.

Tab. 2 Convergence of Interest: Integrative Health and Value-Based Medicine


Integrative Health Value-Based Medicine
Use of complementary practices and practitioners Interprofessionalism and team care
Individualized (biochemical individuality) Personalized medicine; patient-centered
Focus on lifestyle change (diet, sleep, exercise, stress, self-care) Focus on behavioral determinants of health
Multimodal, mind body-spirit approaches Chronic disease models
Effectiveness focus Patient centered outcomes
Proactive health and wellness orientation (vs reactivity to disease) Well-being, resilience and “health creation”

3.2.4 Era 4: Acting through Consortia and Collaboratives (2001–Present)

The experience of the beginning of inclusion – even if not yet an embrace of these practices and practitioners as potential methods to better treatment or lower the cost of care – stimulated activists in the movement, including the present author, to seek ways to produce a stronger and more influential voice for inclusion and transformation. Between 2002 and 2004, four influential collaboratives were created toward these ends.

Academic Consortium for Integrative Medicine and Health (“The Consortium”) The accomplishments of the Consortium, noted above, included: publishing “Competencies for Integrative Medicine” in Academic Medicine (Kligler et al. 2004); creating sample curricula; holding biennial NIH-backed conferences; and successfully requesting the leading accreditor of hospitals and medical delivery organizations, The Joint Commission, to reconsider its pain standard and more significantly include non-pharmacologic approaches (Weeks 2014).

Bravewell Collaborative Philanthropy plays a major role in all of US medicine and the same was true of the integrative movement. A set of these led by Penny George, the spouse of the former CEO and chair of Medtronic, and Christy Mack, the spouse of the former chair of Morgan Stanley, banded together to jointly invest in strategic projects to accelerated the movement. These projects included: the Consortium, a major public television documentary (The Bravewell Collaborative 2006), a Summit on Integrative Medicine and Health of the Public at the National Academy of Medicine (Institute of Medicine 2009), and multiple reports that highlighted the movement (The Bravewell Collaborative 2020).

Integrative Health Policy Consortium (IHPC) Federal elected officials who were friendly to the movement urged the different fields to come to Congress as one voice. As of 2019, IHPC had 27 partner organizations. The range was broad: integrative medical doctors; chiropractors; holistic nurses, naturopathic doctors; midwives; acupuncturists; homeopaths, and others. IHPC’s most significant work was that it had a hand in crafting 5 segments of the 2010 Affordable Care Act (Weeks 2020a). This historic level of inclusion related to delivery, workforce, payment, research and public health. It included the first recognition of the term “integrative health” in federal statute and an expansion of recognition of “complementary and alternative medicine” practitioners. What was once utterly outside federal law was gaining a presence within.

Academic Collaborative for Integrative Health (“The Collaborative”) The Collaborative aggregated the councils of colleges and other agencies for the licensed “CAM” fields (s. Table 1). Their accomplishments included: production of the interprofessional resource referenced above, the Clinicians and Educators Desk Reference on the Integrative Health And Medicine Professions; taking the lead in a National Education Dialogue to Advance Integrated Care: Creating Common Ground (Weeks et al. 2005) to engage with members of the Consortium; and participating in the movement for interprofessional education and team-based practice. Their most notable work has been in representing the integrative health field in the Global Forum on Innovation in Health Professional Education at the National Academy of Medicine. There, they provided leadership nationally in bringing forward subjects related to shifting focus toward health and well-being.

Two other important organizations were formed roughly a decade later. Integrative Medicine for the Underserved focused on the lack of equity and access to the predominantly cash-funded integrative services among populations that did not have such excess capital. The Academy of Integrative Health and Medicine was created by holistic and integrative medical doctors who invited in their colleagues in the licensed integrative health fields to start the first, inclusive interprofessional professional organization. By 2014, leadership of these organizations were on working terms with each other and were coordinating efforts in multiple areas.

3.2.5 Era 5: Convergence in Health Creation (2010–)

The Obama-era Affordable Care Act of 2010 marked the formal arrival of the volume-to-value movement in US medicine. Leaders of academic Integrative Medicine organizations agreed in a 2013 survey that value-based care was creating an environment in which they were perceived to have more value to their larger delivery organizations (Weeks et al. 2016). More specialty groups were exploring how the integrative model might assist them in achieving their needs. A subset of those surveyed saw increased investment of their integrative efforts from the parent organization. Over 88% of these leaders of clinical centers among the Consortium perceived that they were operating with stronger values alignment in the era of accountable care. This sense of alignment was affirmed by the CEO of a major health system in a presentation sponsored by the Bravewell Collaborative:

“When I first heard of integrative medicine in 2006, I thought of it as an expense. But as the Affordable Care Act’s payment structure kicks in that supports keeping people healthy, integrative medicine will be an asset.” (Paulus 2011)

The integrative movement was more prepared than ever. Evidence of cost savings began to emerge. The Collaborative gathered most of this evidence on their website (https://integrativehealth.org/reducepercapitacost). A first thorough examination of cost-effectiveness in complementary and Integrative Medicine led by Patricia Herman, ND, PhD found evidence of significant cost-effectiveness in 28 separate studies (Herman et al. 2012). A close examination of 4,200 patients at the Benson-Henry Institute at Harvard Medical School who had completed a multi-week mind body program found wildly confirmatory evidence. As compared with matched pairs, the completers averaged 42 percent lower use of conventional services (Stahl et al. 2015). The findings, which held across emergency room visits, prescriptions, physician visits, and hospitalizations, provoked the authors to declare that evidence based mind body programs should potentially be spread to the whole public with the same governmental backing as vaccines and drivers education.

This commences a truly integrative era in which certain complementary and integrative services were being explored as ways not just to lure patient but to meet declared values. In the United States, convergence in action began first in two areas: oncology and treatment of people with chronic pain. In the former, the Society for Integrative Oncology (SIO) had fostered, in the competitive oncology marketplace, expanding interest in complementary services. Integrative oncology began to be the norm rather than the exception in major oncology centers. Concurrent with the uptake, SIO, under the leadership of past-presidents Heather Greenlee, ND, PhD and Suzie Zick, ND, MPH, engaged an ongoing process of guideline development. It culminated in the influential American Society of Clinical Oncology endorsing a guideline for integrative practices in the treatment of patients with breast cancer (Lyman et al. 2018).

The second, broader, and potentially much more influential evidence of the arrival of complementary and integrative practices and practitioners was stimulated by the nation’s crisis in the treatment of people with chronic pain. This whole systems issue reached headlines and policy attention reductively as the nation’s “opioid crisis.” The challenges were first felt in the military, where problems of returning soldiers and veterans produced the first robust exploration of non-pharmacologic, integrative interventions (Jonas et al. 2010). Key research was provided over the period of a decade through the Samueli Institute led by the first influential director of the NIH Office of Alternative Medicine, Wayne Jonas, MD. A former US Army Surgeon General Eric Schoomaker, MD, PhD became an outspoken advocate for the integrative model. A survey of CAM use reported in 2017 found that of the 142 military treatment facilities in the military health system, 110 (83%) of the 133 respondent facilities offer at least one type of CAM and 5 more plan to offer CAM services in the future (Madsen et al. 2017).

The interest in the government health care systems of the military and the sprawling Veteran’s Administration (VA) led to the most remarkable leadership of the Integrative Medicine professionals in shaping US medicine. The founding director in 2011 of the VA Office of Patient Centered Care and Cultural Transformation, Tracy Gaudet, MD, and her successor in that position in 2019, Ben Kligler, MD, MPH, were each long-time leaders of the Integrative Medicine movement. Gaudet had directed programs at what is not the University of Arizona Andrew Weil Center for Integrative Medicine and Duke Medical School for 15 years. Kligler’s experience included chairing the Consortium and directing data-gathering in a Bravewell-funded network of integrative academic medicine clinical programs.

Together, these two and their team envisioned and built the VA’s Whole Health program that featured expansive use of integrative services including chiropractic, acupuncture, massage, Mind Body Medicine, yoga therapy, tai chi and others. The program, which conceptually placed the veteran and his or her family at the center of care (Weeks 2018b), was piloted and thoroughly researched in 17 of the VA’s medical centers. A broad array of positive outcomes (Bokhour et al. 2020) led the VA, three years later, to expand the program to 55 medical centers. Notably, this action was taken in the context not of the competitive, volume-based industry but in the single payer VA system. There, like in the United Kingdom, practitioners were employed. In the VA hierarchy, they could also be required to learn about integrative practices and practitioners. These cultural-economic traits of the VA operation supported the most intensive integrative environments in the US.

Yet in the world of civilian medicine, convergence was also evident. Other forms of integrative activity also accelerated. Research related to complementary practice and practitioners funded by the military and by the NIH created a body of evidence that, with policy nudging, began to shift the chronic pain dialogue. Members of the Consortium, as noted above, convinced a key accrediting body to engage a review process that casting a spotlight on the value of non-pharmacologic approaches such as acupuncture, massage, chiropractic and mind body approaches in pain treatment (Division of Healthcare Improvement 2018). Within a half-decade, the American College of Physicians (Qaseem et al. 2017), and the National Academy of Medicine (Bain et al. 2019) were among the organizations and agencies that had either issued guidelines or guidance documents that stressed the importance of integrating these non-pharmacologic, integrative approaches.

3.3 Conclusion

This chapter has described how on a popular movement for an alternative to the dominant brand of medicine became known as “integrative health and medicine” and began to penetrated into and shift the kind of medicine people would find in the nation’s mainstream delivery organizations. Importantly, the majority of services of integrative medical doctors, of naturopathic physicians, chiropractors, acupuncturists, yoga therapists and others used by people in the US continue to be directly accessed in communities, outside of the dominant payment and delivery system. They remain “alternatives,” chosen by patients for their care and by practitioners because they believe them to have greater value in health and medicine than the mainstream of US medicine accords them. The integration of these services is thus typically engaged by each individual, often with an integrative practitioner’s guidance, and coordinated to greater and lesser extent with conventionally practicing physicians. Communication with conventional practitioners about such services remains low.

It is a paradoxical truism that, while the movement has come a long way, at the same time it has only just begun. In mid-2020, a new initiative was announced that grew out of this activity and is expected to leverage change toward integrative models more rapidly. The wealthiest woman in the world, Alice Walton, partnered with the former Veterans Administration “whole health” leader, Tracy Gaudet, MD, to found the Whole Health Institute. The announce plan was, among other things, to take from the knowledge and models developed inside the VA and spread them through civilian health and medicine. To lead change in hospitals and medical delivery organizations, Gaudet brought in Lori Knutson, RN, BC-HN, the professional known to have the most experience in the US in successfully building integrative and wellbeing programs in major medical delivery organization.

While a full plan is only emerging, a sense of its scope can be seen not only in Knutson’s hiring but also in two announced initiatives (Weeks 2020b). One is partnership with Whole Health ED, an organization targeting placement of integrative health-oriented programs in K-12 education. Among these: mind body programs, experiences in nature, creative arts therapies, healthy eating, school vegetable gardens, and more. The other is a plan to create a new medical school to be shaped around fostering whole health values and principles. Walton has shared interest in influencing health and medicine via Whole Health Institute initiatives throughout the US, and globally. The possibilities are grand when a yet unannounced portion of Walton’s $ 54-billion net worth will be committed. The transformational ideas of the Sixties, carried by consumers and organizers of a grassroots movement, appear to have expansive opportunities for continuing convergence, and leadership, ahead.

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Dr. h.c. John Weeks

John Weeks has served since 1983 in multiple leadership roles in the emergence and growth of field of integrative health and medicine including as a writer, organizer, keynote speaker, executive director, adviser, and consultant. He has worked with agencies and institutions such as the World Health Organization, National Institutes of Health, American Hospital Association, Pan American Health Organization, the Washington State Office of the Insurance Commissioner on integration strategies. For 25 years his Integrator newsletter and blog served as the principal chronicle of the field. From 2016–2020, he served as Editor-in-Chief of JACM-Paradigm, Practice and Policy Advancing Integrative Health (The Journal of Alternative and Complementary Medicine) and prior columns in other media. He attended Stanford University for 3 years. Four institutions have granted him honorary doctorates.

4 Patientenzentrierte Versorgung

Jördis Maria Zill, Stefan Zeh und Isabelle Scholl

Zusammenfassung

Patientenzentrierung wird heute als zentrales Element einer modernen Gesundheitsversorgung gefordert. Auch die Integrative Medizin stellt sich hinter diese Prämisse bzw. sieht diese als Teil des Ergebnisses der Umsetzung eines integrativen medizinischen Ansatzes.

Unter dem Begriff Patientenzentrierung wird ein Ansatz verstanden, bei welchem die Patientin oder der Patient mit ihren oder seinen individuellen Präferenzen, Bedürfnissen und Werten im Mittelpunkt steht und damit in jeder Phase der Gesundheitsversorgung die Entscheidungen lenkt. Heutzutage wird Patientenzentrierung im Gegensatz zum traditionellen krankheitsorientierten Ansatz als Merkmal und Voraussetzung einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung betrachtet. Gleichzeitig wird Patientenzentrierung auch als fundamentaler Bestandteil für die Arbeit in der Integrativen Medizin beschrieben.

Wissenschaftliche Studien weisen auf die hohe Relevanz von Patientenzentrierung für gesundheitsbezogene Outcomes hin. Dabei erschweren jedoch unterschiedlich verwendete Definitionen von Patientenzentrierung die Vergleichbarkeit der Studien. Ein integratives Modell zur Patientenzentrierung fasst bestehende Definitionen und Konzepte zusammen und kann damit Orientierung für weitere Forschungsarbeit und Ansatzpunkte in der Umsetzung liefern.

Die Umsetzung von Patientenzentrierung kann sowohl auf individueller Ebene (des einzelnen Leistungserbringers oder des einzelnen Patienten) als auch auf der Ebene von Gesundheitseinrichtungen und auf übergeordneter Ebene des Gesundheitssystems erfolgen. Derzeitige Barrieren der Umsetzung beinhalten insbesondere ein eingeschränktes Verständnis von Patientenzentrierung bei den einzelnen Behandlern, einen mangelnden Eingang des Konzepts in die Führungsebene und in die Organisationskultur von Gesundheitseinrichtungen und Vergütungssysteme, die durch Fehlanreize einer Förderung entgegenwirken.

Dennoch ist in den letzten 20 Jahren konsequente Förderung von Patientenzentrierung, wie zum Beispiel durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG), ein Wandel in der Gesundheitsversorgung in Deutschland zu beobachten. Dies zeigt sich konkret in mehreren Forschungsschwerpunkten zu Patientenzentrierung, in dem politischen Einbezug von Patientenvertreterinnen und -vertretern und in der Etablierung verschiedener Aktionsbündnisse zur Umsetzung von patientenzentrierten Aktivitäten.

Insgesamt ist das Thema Patientenzentrierung in seiner Relevanz unbestritten, jedoch fehlt es an einer flächendeckenden koordinierten Umsetzung. Dabei ist es Aufgabe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die Wirksamkeit von Interventionen zu Patientenzentrierung zu untersuchen und Ergebnisse zusammenzuführe, genauso braucht es die Bereitschaft von Gesundheitseinrichtungen, neue Strukturen zu etablieren, um Patientenzentrierung in der Organisationskultur und auf Ebene der Individuen erlebbar zu machen. Gleichzeitig braucht es eine Etablierung von kontinuierlichen Qualitätsüberprüfungen der erlebten Patientenzentrierung aus Patientensicht sowie eine konsequentere Verankerung von Patientenzentrierung auf der Systemebene, zum Beispiel in Versorgungsleitlinien und Vergütungsmodellen.

Summary

Patient-centeredness is in demand as a core element of modern healthcare. Integrative medicine endorses this premise and considers it as part of the successful implementation of an approach in Integrative Medicine.

The term patient-centeredness describes an approach that puts the patient’s individual preferences, needs, and values first and lets this prioritization guide clinical decisions in all areas of healthcare delivery.

Today, patient-centeredness is seen as a countermodel to the traditional disease-centered approach. It is a key attribute and requirement of high-quality care. It is also described as a fundamental part of Integrative Medicine.

Study results indicate the association of patient-centeredness with health-related outcomes. However, since various definitions of patient-centeredness have been employed, the comparability of the studies is fairly limited. An integrative model of patient-centeredness comprises existing definitions and concepts and can, therefore, be used for guiding future research and implementation.

Patient-centeredness can be implemented at the level of individual health professionals and patients, at the level of individual healthcare institutions as well as at the level of the health care system.

Current barriers to its effective implementation are, in particular, the limited understanding of patient-centeredness of the individual health professionals, and the lack of leadership-level championing for the concept as well as within the organizational culture of healthcare institutions. Moreover, current payment models disincentivize the implementation of patient-centeredness.

Nevertheless, there is a visible change in healthcare delivery in Germany, mostly due to the consistent promotion of patient-centeredness, for example, from the Federal Ministry of Health (German: Bundesministerium für Gesundheit [BMG]).

This can be witnessed by the numerous funding priority-programs on patient-centeredness, the involvement of patient representatives at health policy levels, and the establishment of various alliances for the implementation of patient-centered activities.

Overall, the topic of patient-centeredness is undoubtedly very relevant, however, even though nationwide coordinated implementation is still lacking.

Research on the effectiveness of interventions to foster patient-centeredness need to go hand in hand with the willingness of healthcare institutions to establish new structures to make patient-centeredness perceptible within the organizational culture, and on an individual level. At the same time, we need the continual patient-reported quality measurement of experienced patient-centeredness. Last but not least, patient-centeredness needs stronger implementation at the health care system level, for example, within national clinical practice guidelines and payments models.

4.1 Einleitung

Der Begriff Patientenzentrierung (engl. patient-centeredness) oder der im deutschen Sprachgebrauch häufiger verwendete Begriff Patientenorientierung wird heutzutage in den meisten Beschreibungen eines qualitativ hochwertigen Gesundheitswesens verwendet. Aber was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Schlagwort? Dieses Kapitel gibt einen Überblick zur Entstehung, den Inhalten und der Relevanz des Konzeptes, sowie zum aktuellen Stand der Umsetzung in der Versorgung und zur Bedeutung von Patientenzentrierung in der Integrativen Medizin.

Anfang dieses Jahrtausends benannte das damalige Institute of Medicine (IOM) (heute: National Academy of Medicine [NAM]) Patientenzentrierung als eine von sechs Säulen zur Definition von Qualität im Gesundheitswesen und brachte damit das jahrzehntealte Konzept wieder zurück auf die Agenda (Berwick 2002; Committee on Quality of Health Care in America – Institute of Medicine 2001). Bereits in den 60er-Jahren beschrieb die Psychoanalytikerin Enid Balint (1969) Patientenzentrierung als das Verständnis des Patienten als einen einzigartigen Menschen. Der Mediziner George L. Engel (1977) ergänzte das biopsychosoziale Modell, nach welchem kulturelle, soziale und psychologische Faktoren, als auch der Kontext des Versorgungssystems, mit in Diagnosestellung und Behandlung einbezogen werden sollten.

Der Quadruple-Aim-Ansatz (Bodenheimer u. Sinsky 2014) in Anlehnung an Berwick et al. (2008) fordert die Konzentration auf vier Ziele zur Verbesserung des Gesundheitswesens:

1. bessere Patientenerfahrungen in der Gesundheitsversorgung,

2. bestmöglicher Gesundheitsstatus für alle Bevölkerungsgruppen,

3. höhere Wirtschaftlichkeit und

4. bessere Arbeitsbedingungen und Wohlbefinden der Leistungserbringer.

Die Verbesserung der Patientenzentrierung nimmt im ersten Ziel dieses viel beachteten Konzeptes eine zentrale Rolle ein.

Auch in Deutschland hangelte sich das Konzept der Patientenzentrierung hoch auf die Agenda. Seit dem Jahr 2000 werden die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen für mehr Bürger- und Patientenzentrierung weiterentwickelt. So wurden in den letzten zwanzig Jahren verschiedene Förderschwerpunkte zur Patientenorientierung ins Leben gerufen.

Auf legislativer Ebene wurden 2013 die Rechte der Patienten sowie der Behandelnden in Hinblick auf Patientensicherheit, Patienteninformation und -beteiligung im „Gesetz zur Verbesserung der Rechte von Patientinnen und Patienten“ (Patientenrechtegesetz) verankert (BMG 2013).

4.2 Definitionen

In der Gesundheitsversorgung und Forschung gibt es eine Vielzahl von Definitionen die Patientenzentrierung beschreiben. Sie stimmen vor allem darin überein, dass es sich um die Veränderung von einem traditionellen, paternalistischen und krankheitsorientierten Versorgungsansatz hin zu einem Ansatz in welchem die individuellen Präferenzen, Bedürfnissen und Werten des einzelnen Patienten jede Phase der medizinischen Konsultation, Behandlung und Nachsorge lenken (Committee on Quality of Health Care in America – Institute of Medicine 2001). Eine etwas umfassendere Definitionen liefern zum Beispiel Gerteis et al. (1993), oder Mead und Bower (2000).

Bei genauerer Betrachtung zeigt eine fehlende Übereinstimmung in den Definitionen von Patientenzentrierung, was die Vergleichbarkeit und Übertragbarkeit der Ergebnisse von wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Konstrukt erschweren.

Die semantische Komplexität erhöht sich durch die parallele Nutzung Begriffs der „Personenzentrierung“, beispielsweise von der Weltgesundheitsorganisation.

Die beschriebene Komplexität des Begriffs wurde Rahmen einer systematischen Übersichtarbeit von Scholl et al. (2014) adressiert. Es wurden die in der wissenschaftlichen Literatur beschriebenen Konstrukte und Definitionen der Patientenzentrierung identifiziert und in dem Integrativen Modell der Patientenzentrierung zusammengefasst (Scholl et al. 2014). Das Modell umfasst drei Bereiche mit jeweils mehreren Dimensionen: 1) Grundprinzipien (grundlegende Eigenschaften der Behandelnden, Behandler/in-Patient/in-Beziehung, Patient/in als Individuum, biopsychosoziale Perspektive), 2) Handlungen und Maßnahmen (Patienteninformation, Patientenbeteiligung an Versorgungsprozessen, Beteiligung von Familienangehörigen und Freunden, Empowerment von Patientinnen und Patienten, physische Unterstützung, psychische Unterstützung) und 3) förderliche Faktoren (Integration medizinischer und nicht-medizinischer Versorgung, Zusammenarbeit und Teamentwicklung, Zugang zur Versorgung, Koordination und Kontinuität der Versorgung, Behandler/in-Patient/in-Kommunikation). In einer weiteren Studie wurde das Modell um den Aspekt der Patientensicherheit erweitert (Zeh et al. 2019).


Abb. 1 Integratives Modell der Patientenzentrierung mit 16 Dimensionen (Scholl et al. 2014; Zeh et al. 2019)

In einer Validierungsstudie beurteilten unterschiedliche Experten und Expertinnen aus dem Gesundheitswesen sowie Patientenvertreter und -vertreterinnen alle Dimensionen als sehr relevant für die Versorgung. Dabei wurden die Dimensionen Patienteninformation, Patient als Individuum, Patientenbeteiligung an Versorgungsprozessen, Behandler-Patient-Kommunikation, sowie Empowerment des Patienten unter fünf wichtigsten Bereiche der Patientenzentrierung gewählt (Zill et al. 2015). Das Modell erfüllt somit auf theoretischer Ebene den Anspruch, vorherige Definitionen und Konstrukte der Patientenzentrierung zusammenzufassen und zu integrieren.

4.3 Relevanz des Konzeptes

Die Relevanz von Patientenzentrierung bedarf eigentlich keiner separaten Erklärung. Die Belange des Patienten oder der Patientin in den Mittelpunkt zu stellen, ist zentraler Bestandteil des Genfer Gelöbnisses, welches in der Neufassung von 2017 die Patientenautonomie stärkt (Parsa-Parsi 2017). Neben dem ethischen Imperativ und den Forderungen von Seiten der politischen Entscheidungsträger, wissen wir, dass auch viele Patientinnen und Patienten darauf drängen besser informiert und in Behandlungsentscheidungen einbezogen zu werden.

Auch wissenschaftlich deuten Studienergebnisse auf die hohe Relevanz von Patientenzentrierung für gesundheitsbezogene Outcomes hin. Es wurden positive Assoziationen von Patientenzentrierung mit dem Gesundheitszustand- und verhalten (Dwamena et al. 2012), dem Wissen über die Erkrankung (McMillan et al. 2013), dem Wohlbefinden, der Adhärenz und der Patientenzufriedenheit (Rathert et al. 2013) gefunden, welche allesamt mit der Rekonvaleszenzzeit in Verbindung stehen und damit die gesamte Behandlung beeinflussen (Rathert et al. 2013). Neben Vorteilen für den einzelnen Patienten oder die einzelne Patientin, werden in der Literatur positive Effekte von Patientenzentrierung auf anderen Ebenen beschrieben, was im Einklang mit dem oben beschriebenen Quadruple-Aim-Framework (Bodenheimer u. Sinsky 2014) steht. So zeigte eine Studie (Bertakis u. Azari 2011), dass eine patientenzentrierte Versorgung mit geringen Kosten assoziiert war. Einzelne Studien zeigen auch positive Effekte von Patientenzentrierung auf das Stresserleben der Behandelnden sowie eine erhöhte Zufriedenheit mit dem Job (Barbosa et al. 2015).

Nichtsdestotrotz fehlt es aufgrund der unklaren Begriffsverwendung und der damit im Zusammenhang stehenden Heterogenität an Outcomes an ausreichenden und vergleichbaren Studien zu den Effekten von Patientenzentrierung.

4.4 Umsetzung
4.4.1 Aktuelle Umsetzung

Über die Bedeutsamkeit von Patientenzentrierung für eine zuverlässige und sichere Gesundheitsversorgung herrscht Einigkeit. Auch ist die Relevanz aus Patientenperspektive unumstritten (Zeh et al. 2019). Jedoch fehlt es noch immer an Konzepten für eine systematische Umsetzung in der Praxis.

Ein Hauptgrund hierfür ist der bisherige Mangel an ausführlichen Leitlinien zur Umsetzung (z.B. Frampton et al. 2017), wodurch bisher wenig von der patientenzentrierten Versorgung in der Praxis angekommen ist. Diese Wahrnehmung lässt sich auch in den Ergebnissen von Zeh und Kollegen (2019) wiederfinden, in denen die befragten Patientinnen und Patienten angaben, dass sie keine der Dimensionen des integrativen Modells der Patientenzentrierung (Scholl et al. 2014) bisher ausreichend gut in der deutschen Gesundheitsversorgung umgesetzt sehen.

4.4.2 Barrieren und förderliche Faktoren

Es stellt sich die Frage, welche Faktoren die Umsetzung von Patientenzentrierung positiv beeinflussen oder sie behindern. Einflussfaktoren auf die Umsetzung lassen sich sowohl auf individueller Ebene (des einzelnen Leistungserbringers oder des einzelnen Patienten oder der Patientin), als auch auf der Ebene von Gesundheitseinrichtungen (z.B. Krankenhäuser, Praxen, ambulante Versorgungszentren) und auf übergeordneter Ebene des Gesundheitssystems (z.B. Selbstverwaltung, Patientenrechte, Gesundheitspolitik) identifizieren (Scholl et al. 2018).

Auf individueller Ebene lässt sich beispielsweise ein falsches Verständnis von Patientenzentrierung als Erklärung für eine unzureichende Umsetzung heranziehen. So zeigten Fix et al. (2018), dass Personen in Führungspositionen von Gesundheitseinrichtungen den Begriff Patientenzentrierung so breit verstanden, dass darunter quasi alle Aspekte der Einrichtung fielen. Diese fehlende Konzentration auf die Kerndimensionen von Patientenzentrierung erschwert die konkrete Umsetzung und Messbarkeit des Ansatzes. Umgekehrt fassten andere den Begriff so eng, dass er sich lediglich auf spezifische Disziplinen bezog oder aber sie befanden Patientenzentrierung als etwas, was sie bereits immer getan hätten. Dies verhindert ebenfalls eine umfassende Umsetzung durch die Ablehnung von neuen Initiativen und Verantwortung. Es besteht die Gefahr, dass der Begriff Patientenzentrierung lediglich Eingang in Leitbilder und Ziele von Gesundheitseinrichtungen findet, die als Lippenbekenntnis für Marketingzwecke genutzt werden und somit die Umsetzung patientenzentrierter Versorgung untergraben. So verhindert das ledigliche „rebranding“ von bereits bestehenden Angeboten in „patientenzentrierte Angebote“ die Auseinandersetzung mit dem Thema und die Möglichkeit zur Verbesserung (Fix et al. 2018; Nelson et al. 2017b). Um einen echten Wertewandel zu erreichen, braucht es daher auf den Führungsebenen wahrhaftige Unterstützung und Anerkennung der Notwendigkeit für echte patientenzentrierte Initiativen.

Auf der Systemebene gibt es verschiedene Aspekte, die jeweils förderliche als auch hinderliche Faktoren für die Implementierung von Patientenzentrierung darstellen können. Hierzu zählen u.a. Vergütungssysteme, Akkreditierungs- und Zertifizierungsrichtlinien, Qualitätsindikatoren, Versorgungsleitlinien, Gesetzgebung, Aus- und Weiterbildungscurricula (Scholl et al. 2018).

4.4.3 Förderung der Umsetzung

Die Umsetzung von Patientenzentrierung lässt sich auf den im Kapitel I.4.4.2 beschriebenen drei Ebenen fördern.

Park et al. (2018) fassten Studien zu patientenzentrierten Interventionen zusammen, die sich auf der individuellen Ebene als wirksam zeigten. Die häufigsten Interventionen auf Patientenebene bezogen sich auf die Verbesserung der physischen Unterstützung der Patienten und Patientinnen z.B. durch die Berücksichtigung ihrer individuellen Bedürfnisse, ihrer Krankheitsgeschichte, sowie ihrer Fähigkeiten und Werte. Weitere Interventionen zielten auf verbesserte Informationen, z.B. durch speziell auf die Bedürfnisse zugeschnittene Schulungen und Informationsmaterialien; auf das Empowerment und die Stärkung der Selbstverantwortung; sowie die emotionale Unterstützung z.B. durch das Adressieren von Ängsten und Sorgen in der Behandlung, ab. Auf der Ebene der Familienangehörigen gab es Interventionen zur Verbesserung der Informationsvermittlung über die Erkrankung des Familienmitglieds und der Beteiligung an Behandlungsentscheidungen. Behandlerseitige Interventionen umfassten Schulungsprogramme, sowie Unterstützung bei der Koordination und Kontinuität der Behandlung, sowie zur Zusammenarbeit im Team.

Auf der Ebene der Umsetzung in Gesundheitseinrichtungen sollten vier Aspekte beachtet werden

1. Prozesse (wie Rechtzeitigkeit oder Flexibilität in der Versorgung),

2. Strukturen (technische-technologische Infrastruktur oder Arbeitsbelastung),

3. Strategien (Belohnungen durch die Organisation und Unterstützung durch die Vorgesetzten) sowie

4. Kultur und Klima (Kultur der Zusammenarbeit und Arbeitsatmosphäre).

So ist eine patientenzentrierte Versorgungsstruktur zum Beispiel gekennzeichnet durch ausreichend Personal, sodass die Arbeitsbelastung pro Kopf nicht überfordernd wird und Behandelnde sich mit einem größeren Wohlbefinden und ausreichend Zeit den Bedürfnissen von Patientinnen und Patienten widmen können (Hower et al. 2019).

Umsetzung fand dies zum Beispiel im US-amerikanischen Patient-Centered-Medical-Home-Model (Nelson et al. 2017a). In diesem Ansatz wird die medizinische Versorgung von einem persönlichen Behandler (Arzt oder Ärztin) koordiniert und ist auf Langzeitbegleitung und Kontinuität ausgerichtet. Der persönliche Behandelnde arbeitet im Austausch mit einem Behandlerteam welches für die Gesamtheit der Behandlung verantwortlich ist. Die Rolle des Behandelnden ist die Verantwortlichkeit für die Berücksichtigung des Patienten oder der Patientin als „ganze Person“.

In Deutschland zeigt das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Rahmen der Initiative „Forum Patientenorientierung“ ein weiteres Beispiel für die Umsetzung. Hierzu werden wissenschaftliche Erkenntnisse, die Auswertungen der kontinuierlichen Patientenbefragung, die Rückmeldungen aus dem Lob- und Beschwerdemanagement und direkte Mitarbeiterimpulse genutzt um die Festschreibung der konsequenten Patientenorientierung im Konzernleitbild mit Leben zu füllen. Außerdem hat das Modell Eingang in die Lehre der Medizinstudierenden gefunden.

Auf der Systemebene ist es wichtig zu berücksichtigen, dass eine patientenzentrierte Arbeitsform auch auf der Vergütungsebene abgebildet werden muss. Ein rezentes Modellprojekt aus den Niederlanden konnte aufzeigen, dass Veränderungen im Vergütungsmodell zusammen mit strukturellen und kulturellen Veränderungen zu einer besseren und patientenzentrierten Versorgung bei gleichzeitig niedrigeren Kosten führen können (van Leersum et al. 2019).

Die Relevanzforderungen nach einer patientenzentrierten Gesundheitsversorgung auch konsequent auf politischer Seite zu fördern ist auch in Deutschland angekommen. So zeigt das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) mit weiteren Akteuren ein großes Anliegen in der Förderung von Aktivitäten zur Patientenzentrierung im Gesundheitswesen (Horch et al. 2012). Dazu gehören u.a. die organisierte Selbsthilfe, die Ernennung eines oder einer Patientenbeauftragten der Bundesregierung, das Mitberatungs- und Antragsrechts der Patientenvertreterinnen und -vertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss und anderen Gremien, der Einbezug von Patientenvertreterinnen und -vertretern in der Erstellung von Leitlinien und Patientenleitlinien, sowie die Etablierung einer kostenfreien und unabhängigen Patientenberatung durch die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD).

Weitere Beispiele sind das „Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V.“, die „Allianz für Gesundheitskompetenz“, aber auch der Nationale Krebsplan, sowie die Verankerung des Themas im nationalen Zieleprozess „gesundheitsziele. de“. Die Inhalte dieser Initiativen zur Förderung der Patientenzentrierung sollen ständig aktualisiert und verbessert werden. Teil dieser Strategie war auch das Projekt „Kommunikation und Information im Gesundheitswesen aus Sicht der Bevölkerung. Patientensicherheit und informierte Entscheidung“ (KomPaS) (BMG 2019). Die Studie zeigte, dass sich die sich der Großteil an Menschen bzgl. ihrer Gesundheit gut informiert fühlten, die selbsteingeschätzte Gesundheitskompetenz erreichte jedoch für die Hälfte der 5.053 Befragten nur eher niedrige Werte. In Bezug auf die Patientensicherheit sollen in Zukunft die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten im Sinne von Kommunikation, Beschwerdemanagement und Zufriedenheit stärker berücksichtigt werden. Die Verbesserung von informierten Entscheidungen soll durch die Einführung von organisierten Krebsfrüherkennungsprogrammen z.B. zur Früherkennung von Darmkrebs mit regelmäßigen Einladungen und detaillierten Versicherteninformationen erreicht werden, um die informierte Inanspruchnahme zu steigern.

In der ärztlichen Beratung sollen entsprechend der im Präventionsgesetz genannte Präventionsempfehlung das Gesundheitsverhalten (z.B. Ernährung, körperliche Aktivität, Gewicht, Stressmanagement, Impfen, Rauchen, Alkoholkonsum) von Patientinnen und Patienten stärker thematisiert und gefördert werden.

4.5 Patientenzentrierung in der Integrativen Medizin

Patientenzentrierung wird als fundamentaler Bestandteil für die Arbeit in der Integrativen Medizin angesehen (Maizes et al. 2009; George 2015). In ihrem Mittelpunkt steht die therapeutische Beziehung zwischen Behandler und Patient, der Fokus liegt auf der gesamten Person und ihren Lebensbedingungen und es werden sowohl konventionelle evidenzbasierte wie auch alternative und komplementäre Behandlungsansätze (Complementary and Alternative Medicine = CAM) angewandt. Gleichzeitig haben neuere Ansätze von Patientenzentrierung, die Integration medizinischer und nicht-medizinischer Versorgung (siehe Dimension nach Scholl et al. 2014) im Sinne der Integrativen Medizin ebenfalls als explizite Komponente für eine umfassende Praxis von Patientenzentrierung mit aufgenommen. Die Relevanz von Integrativer Medizin als Teil von Patientenzentrierung mit dem Ziel die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern zeigt sich auch in der Umsetzung von Integrativer Medizin zum Beispiel in den Patient-Centered Medical Home Models (Nelson et al. 2017a). Dies kann auch als Reaktion auf die steigende Nutzung von CAM gesehen werden. Laut des National Health Interview Survey (NHIS) nutzen mehr als ein Drittel der US-Amerikaner CAM und dabei wird der größte Teil der Kosten für die Behandlungen von den Menschen selbst getragen. In Europa nutzt laut einer Studie von 2012 jeder zweite Bürger CAM (DAEB 2012). Ein Einbezug von CAM im Sinne der Integrativen Medizin kann somit auch als Berücksichtigung der individuellen Wünsche und Präferenzen der Patientinnen und Patienten zu einer ganzheitlichen Behandlung gesehen werden und erfüllt somit die Prämisse des patientenzentrierten Ansatzes.

4.6 Ausblick

Die Relevanz des Themas Patientenzentrierung wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln deutlich. Gleichzeitig ist die Umsetzung in der Gesundheitsversorgung bisher unzureichend. Obwohl sich Barrieren und Möglichkeiten der Förderung auf unterschiedlichen Ebenen identifizieren lassen, bleibt letztendlich unklar, wie diese Aktivitäten zusammenspielen müssen, um zu der nötigen Disruption zu führen, die es schafft den Patienten wahrhaftig in den Mittelpunkt der Versorgung zu rücken.

Ein einheitliches Verständnis von Patientenzentrierung, wie es durch das integrative Modell der Patientenzentrierung gefördert werden soll (Scholl et al. 2014), kann es Wissenschaftlern und anderen Akteuren im Gesundheitswesen erleichtern, die verschiedenen Aspekte von Patientenzentrierung gleichermaßen zu berücksichtigen und Wechselwirkungen zu erfassen.

Eine kontinuierliche Messung der erlebten Patientenzentrierung aus Patientensicht stellt eine weitere Möglichkeit der Förderung dar. Da es bisher an geeigneten global einsetzbaren Messinstrumenten fehlt, beschäftigt sich eine laufende Studie mit der Entwicklung eines Instruments zur Erfassung der 16 Dimensionen von Patientenzentrierung aus Patientensicht (Christalle et al. 2018). Hierdurch können Defizite der ambulanten und stationären Versorgung genau aufgezeigt werden und entsprechende zielgerichtete Interventionen umgesetzt werden, um so die Qualität der Versorgung zu steigern.

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Dr. phil. Jördis Maria Zill, Dipl.-Psych.

Jördis Maria Zill ist Psychologische Psychotherapeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Definition, Messbarkeit und Umsetzung von Patientenzentrierung und in der Entwicklung neuer Versorgungsansätze für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Klinisch ist sie in der Institutsambulanz für Psychoonkologie als Psychologische Psychotherapeutin tätig.

© UKE/Eva Hecht

Stefan Zeh, MSc

Stefan Zeh ist Psychologe sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In seiner Arbeit befasst er sich neben der psychischen Versorgung von krebserkrankten Patientinnen und Patienten mit der Forschung zur patientenzentrierten Versorgung in Deutschland. Sein Forschungsschwerpunkt hierbei ist die Patientenperspektive auf Patientenzentrierung, die bislang noch unzureichend erforscht wurde.


Dr. phil. Isabelle Scholl, Dipl.-Psych.

Isabelle Scholl leitet die Forschungsgruppe „Patientenzentrierte Versorgung: Evaluation und Umsetzung“ am Institut für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören: Patientenzentrierung, Partizipative Entscheidungsfindung, Arzt-Patienten-Kommunikation und Implementierungsforschung. Klinisch ist sie als Psychologische Psychotherapeutin und Psychoonkologin in der Versorgung von Krebspatient*innen tätig.

5 Self-Care-Maßnahmen der Integrativen Medizin in einer digitalen Welt

Claudia M. Witt und Daniel Pach

Zusammenfassung

Die Digitalisierung spielt in der Gesellschaft und der Medizin eine rasant zunehmende Rolle. Zudem wird in Zeiten knapper Ressourcen im Gesundheitssystem mehr „Gesundheitskompetenz“ und „Self-Care“ der Bevölkerung gefordert. In der Mind Body Medicine spielt beides eine wichtige Rolle und ein Ziel ist die Stärkung der Selbstwirksamkeit. Digitale Angebote haben das Potenzial, einen niedrigschwelligen Zugang zu mehr Gesundheitskompetenz zu ermöglichen. Techniken der Verhaltensänderung lassen sich hier gut integrieren.

Im Digitalen-Versorgung-Gesetz wurde in Deutschland jüngst ein Leistungsanspruch der Krankenversicherten auf digitale Gesundheitsanwendungen ermöglicht. Das Potenzial ist groß und die digitale Medizin erlebt aktuell eine Aufbruchstimmung. Eine App mit medizinischem Bezug kann damit von Ärzten auf Rezept verordnet und von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden, wenn sie bestimmte Standards einhält. Davon kann auch die Integrative Medizin profitieren.

Unsere eigene Forschung zu Gesundheitsapps mit komplementärmedizinischen Interventionen zeigt, dass sich komplementärmedizinische Interventionen gut in digitale Gesundheitsanwendungen übersetzen lassen und wirksam sind. Zudem besteht großes Potenzial, künftig komplementärmedizinische Maßnahmen in konventionelle Apps zu integrieren.

Digitale Gesundheitsanwendungen und Integrative Medizin lassen sich grundsätzlich gut verbinden und es ist in Zukunft die Frage, wie ein gutes Zusammenspiel zwischen Behandelndem und Erkranktem besser mit der Digitalisierung verlinkt werden kann.

Summary

Digitalization is rapidly playing an increasingly important role in both medicine and, of course, society at large. In times of scarce resources in the health system, a heightened level of “health literacy” and “self-care” among the general population is a must. Both are crucial for Mind Body Medicine, one goal of which is to strengthen self-efficacy. Digital services have the potential to provide low-threshold access to increased health literacy. Behavioral change techniques can be easily integrated into this process.

The Digital Healthcare Act in Germany recently made it possible to benefit from digital health applications. The potential is great and digital medicine is currently experiencing the spirit of optimism. A medical-related app can be prescribed by doctors on prescription and reimbursed by statutory health insurance providers, if it meets certain standards. Integrative medicine can also benefit from this same process.

Our research on health apps with complementary medicine interventions shows that these interventions translate well into digital health applications and are effective. In addition, there is a great deal of potential when it comes to integrating complementary medicine interventions into conventional apps in the future.

Digital health applications and Integrative Medicine can be combined in an effective way while looking forward, the question is how a positive interaction between a health professional and a patient can be linked with digitalization in an optimized fashion.

5.1 Digitalisierung

Die Digitalisierung spielt in der Gesellschaft eine wichtige Rolle und Digital-Health-Interventionen nehmen im Alltag deutlich zu. Menschen kommunizieren über Smartphones, stimmen über e-Voting ab, kaufen online ein, leben in Smart Homes und lesen mindestens wöchentlich über die Fortschritte künstlicher Intelligenz in der Zeitung. So wie das Lesen, Rechnen und Schreiben ist der Umgang mit digitalen Medien und neuer Technik zentral für das tägliche Leben der meisten Menschen geworden. Die Digitalisierung betrifft also nicht nur Teile der Gesellschaft, sondern die Bevölkerung als Ganzes. Sie stellt bestehende Paradigmen infrage, ermöglicht neue Formen der Patientenversorgung und erfordert neue Fähigkeiten in einer sich rasch verändernden gesellschaftlichen Realität. Krankenkassen haben eigene Gesundheitsapps, und digitale Kompetenz ist die zentrale Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts geworden. Zum Beispiel haben sich psychotherapeutische Internetinterventionen in Studien (Karyotaki et al. 2018) den üblichen psychotherapeutischen Settings in ihrer Wirksamkeit nicht unterlegen gezeigt. Dadurch wird ein niedrigschwelliger und schneller Zugang zu einer Therapie wie Psychotherapie, die oft lange Wartezeiten mit sich bringt, ermöglicht. Allerdings lässt sich davon ausgehen, dass an solchen Therapiestudien vermehrt Menschen mit einem Interesse an digitalen Interventionen teilnehmen und die Ergebnisse nicht so einfach auf andere Erkrankte übertragen werden können. Andererseits entwickelt sich die Digitalisierung der Gesellschaft und damit auch der Medizin so schnell, dass dies in einigen Jahren vielleicht keine Frage mehr ist. Nichtsdestotrotz müssen Aspekte wie digitale Kompetenz der Betroffenen und Datenschutz in Zukunft mehr Beachtung finden.

5.2 Self-Care für Mind und Body

In Zeiten knapper Ressourcen im Gesundheitssystem wird der Ruf nach mehr „Gesundheitskompetenz“ der Bevölkerung laut. Es wurde festgestellt, dass die unzureichende Fähigkeit der Patienten, Gesundheitsinformationen zu verstehen und im Gesundheitssystem zu navigieren, ein wichtiger Indikator für die Unangemessenheit des Zugangs zur Gesundheitsversorgung ist. Darüber hinaus wird von Menschen mit problematischer Gesundheitskompetenz erwartet, dass sie im Umgang mit ihren gesundheitlichen Problemen eine schlechte Selbstwirksamkeit zeigen (Palumbo 2017). Digitale Angebote können einen niedrigschwelligen Zugang zu mehr Gesundheitskompetenz ermöglichen. Dies schließt neben reinen Gesundheitsinformationen auch die Kompetenz ein, Maßnahmen zur Prävention von Erkrankungen oder zur Behandlung leichter akuter Symptome (z.B. Erkältungen) oder chronischer Erkrankungen (z.B. Rückenschmerzen) selbstständig anzuwenden („Self-Care“).

Das Verständnis, dass ein Zusammenwirken von Mind und Body grundlegend für eine umfassendere Prävention aber auch die Therapie von Erkrankungen ist, ist Teil der integrativen Betrachtung von Gesundheit (Witt et al. 2017). Die sogenannte Mind Body Medicine (MBM) berücksichtigt dies, und so, wie sie aktuell in der Schweiz angewendet und gelehrt wird (Witt et al. 2019), ist Gesundheitskompetenz und Selbstwirksamkeit ein grundlegendes Ziel.

Im Rahmen der Self-Care werden zudem indikationsspezifisch evidenzbasierte Self-Care-Maßnahmen empfohlen. Da hierbei aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse mit langjähriger therapeutischer Expertise unter der Berücksichtigung der Werte und Wünsche der Patienten kombiniert werden, spielen auch digitale Methoden zunehmend eine wichtige Rolle. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es darum geht, für jeden Erkrankten die bestmöglich passende Intervention zu wählen und das kann je nach Bedürfnis der Person digital oder das übliche analoge Setting sein. Bei den konzeptionellen Bestandteilen der neueren digitalen Interventionen spielen neben den komplementärmedizinischen Elementen (z.B. Akupressur oder Entspannungsverfahren), insbesondere gesundheitspsychologische Aspekte wie z.B. Techniken der Verhaltensänderung (z.B. Zielbildung oder soziale Unterstützung), eine zunehmend wichtige Rolle.

5.3 Gesundheitsanwendungen in einer digitalen Welt

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) finden im Alltag zunehmend Anwendung. Zu ihnen zählen die unkomplizierte Schrittzähler-App, die die zurückgelegten Schritte über das Smartphone oder die Smartwatch aufzeichnet, grafisch aufbereitet und somit zu mehr Bewegung im Alltag motivieren soll, oder auch ausgereifte multimodale digitale Therapiekonzepte zur unterstützenden Behandlung von Kopf- oder Rückenschmerzen (kaia 2020; M-sense 2020). Die Kombination von allgemeinen Informationen, multimedialen Anleitungen, Tracking, Feedback und anderen Maßnahmen zur Verhaltensänderung ermöglicht es Patientinnen und Patienten, ihre eigene Krankheitsvorsorge oder auch die Therapie stärker selbst in die Hand zu nehmen. Intelligente mobile Geräte, wie Smartphones, Smartwatches oder zukünftig smarte Kopfhörer, sogenannte Hearables, können ständig verfügbar sein und vielfältige Daten mit medizinischem Nutzen im Alltag sammeln, analysieren und bereits auch interpretieren. Diese Interpretationen und Handlungsempfehlungen können dann an die Nutzerinnen und Nutzer kommuniziert werden, auf Wunsch sogar häufiger und intensiver als üblicherweise in der Mensch-zu-Mensch-Interaktion bisher möglich ist. So versucht die digitale Gesundheitsanwendung vielleicht nach einem Tag, mit wenig Bewegung zum Beispiel zu einem Abendspaziergang anzuregen, regt an, bei einem stressigen Arbeitstag zwischendurch auch eine Minute achtsam zu pausieren, oder weist auf unregelmäßigen Herzrhythmus hin, der möglicherweise im Zusammenhang mit Vorhofflimmern steht (Perez et al. 2019). In Zukunft muss man vermutlich deutlich seltener zu seinem Arzt oder seiner Ärztin gehen, man hat sie am Handgelenk, in der Hosentasche oder trägt sie als intelligente Kopfhörer im Ohr.

Die digitale Medizin erlebt aktuell eine Aufbruchstimmung. Mit dem „Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation (Digitale-Versorgung-Gesetz – DVG)“ wurde ein Leistungsanspruch der Versicherten auf digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) geschaffen (BfArM 2020). Dadurch können künftig Ärztinnen und Ärzte Apps verschreiben. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt dafür die Kosten.

So können sich Patientinnen und Patienten, die zum Beispiel auf eine Psychotherapie warten, regulär bei einer existierenden elektronischen Variante einschreiben, die dann mit standardisierten Modulen und telemedizinischer Betreuung arbeitet (Selfapy 2020). Oder statt Physiotherapie wird es die Option geben, eine App zu nutzen, die zu symptomorientierten Übungen anleitet und diese ggf. sogar mittels Bilderkennung und maschinellem Lernen korrigieren kann.

Das Potenzial ist zweifellos sehr groß. Im besten Fall können die Veränderungen durch fortgeschrittene Digitalisierung die Autonomie der Patienten stärken, die Prävention von Erkrankungen verbessern und das Gesundheitssystem unter anderem aufgrund von Effizienzsteigerungen insgesamt preiswerter machen. Das Gesundheitssystem könnte sogar neu gedacht werden. Im schlechtesten Fall werden herkömmliche Angebote eingeschränkt, Monopole gebildet, und Patienten verlieren weiter ihre Autonomie sowie persönliche hoch schützenswerte Daten. Sie werden zum Spielball von Algorithmen, die intransparent über Diagnosen und Therapien (mit-)entscheiden und versuchen, die „Compliance“ der Nutzerinnen und Nutzer zu „optimieren“. Die paternalistische Herangehensweise kehrt zurück und die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, die die Patientenrechte eher gestärkt hatten, würden damit konterkariert werden.

Ein bedeutendes Paradigma der modernen Medizin ist die evidenzbasierte Medizin. Hierbei beruht die optimale Therapie auf der Verknüpfung der besten klinischen Evidenz, der klinischen Expertise des Arztes und berücksichtigt dabei auch die Werte und Wünsche der Patientinnen bzw. Patienten (Sackett et al. 1996). Aktuell sind jedoch viele digitale Gesundheitsanwendungen bezüglich ihres medizinischen Nutzens nicht annähernd so gut untersucht, wie man es von Medikamenten und nicht-medikamentösen therapeutischen Verfahren inzwischen selbstverständlich erwarten würde. Interessanterweise spielte und spielt die fehlende Evidenz in der Diskussion zur Integration komplementärmedizinischer Verfahren in die Normalversorgung praktisch immer eine große Rolle. Verfahren, die nicht evidenzbasiert sind, gelten häufig als unwissenschaftlich, unabhängig davon, ob diese Verfahren aus Kostengründen nicht gut untersucht sind, oder sich bei gründlicher wissenschaftlicher Untersuchung als unwirksam oder unsicher erwiesen haben. Selbst komplementärmedizinische Verfahren, die inzwischen gut untersucht sind und gute Wirksamkeitsnachweise zeigen, wie die Akupunktur bei Allergischer Rhinitis oder zur Migräneprophylaxe, sind noch nicht Teil der Normalversorgung. Man hat den Eindruck, dass digitale Gesundheitsanwendungen aktuell deutlich weniger kritisch betrachtet werden als komplementärmedizinische Verfahren.

Die Regulierung nimmt jedoch inzwischen zu. Und auch der Druck, die Studienlage zu Digitalen Gesundheitsanwendungen zu verbessern, verstärkt sich bereits. Er wird sehr wahrscheinlich mittelfristig sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene weiter zunehmen.

Wesentlich für die Regulierung sind u.a. die ab Mai 2021 verpflichtend anzuwendende europäische Medizinprodukte-Verordnung (DIMDI 2020) von 2017 und das bereits angesprochene DVG. Dabei hat das DVG, welches Ende 2019 in Deutschland auf den Weg gebracht wurde, eigentlich zum Ziel, die Rolle der Digitalen Gesundheitsanwendungen zu stärken. Eine App mit medizinischem Bezug kann damit von Ärzten auf Rezept verordnet und von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Es muss jedoch auch ihr Nutzen sowie die Sicherheit nachgewiesen werden. Aufgrund der europäischen Medizinprodukte-Verordnung (DIMDI 2020), gelten sehr viele Apps mit medizinischem Bezug auch relativ schnell als reguliertes Medizinprodukt. Eine zunehmende Professionalisierung der Hersteller von digitalen Gesundheitsanwendungen wird damit notwendig werden, da die formalen und organisatorischen Anforderungen für ein Medizinprodukt relativ hoch sind. Sie sind so hoch, dass sie durch kleine dynamische Teams mit relativ wenig Kapital kaum zu meistern sein werden. Es bleibt abzuwarten, ob in Zukunft nur Produkte bereits etablierter oder besonders kapitalstarker Unternehmen eine Chance erhalten, langfristig durch die Krankenkassen erstattet zu werden. Dies wäre nicht nur im Hinblick auf Innovation und Konkurrenz bedauerlich, es würde vermutlich zu Monopolen für einzelne Themenfelder oder Indikationen führen. Dieser Umstand würde vermutlich einer Kostensenkung im Gesundheitssystem eher nicht in die Hände spielen.

Aber auch wenn durch die Regulierung digitale Gesundheitsanwendungen verstärkt wissenschaftlich untersucht werden, müssen wir noch einige Zeit warten, bis aussagekräftige randomisierte kontrollierte Studien in der Anzahl und Qualität verfügbar sind, wie es für pharmakologische Therapien selbstverständlich ist und auch regelmäßig für die Untersuchung komplementärmedizinischer Verfahren gefordert wird. Dies hat vielfältige Gründe.

Die Herausforderungen für die klinische Untersuchung digitaler Gesundheitsanwendungen sind vielfältig: Die Entwicklung der digitalen Technologien verläuft sehr schnell und unterliegt einer ständigen Anpassung (Michie et al. 2017). Traditionelle klinische Studien, die oft mehrere Jahre bis zu aussagekräftigen Ergebnissen benötigen, sind mit dieser Entwicklung nicht kompatibel. Während die Entwicklung eines neuen Medikaments 10 bis 15 Jahre in Anspruch nehmen kann, veröffentlichen die großen Hersteller von Smartphones mindestens einmal im Jahr ein neues Modell, inklusive des dazugehörigen überarbeiteten Betriebssystems. Eine neue App kann sogar in wenigen Monaten entwickelt werden.

Bei den Entwickelnden von digitalen Gesundheitsanwendungen ist häufig keine Expertise für klinische Studien vorhanden. Und auch ist noch unklar, wie klinische Studien adäquat beschleunigt werden können, um mit den technologischen Entwicklungen Schritt zu halten. Die universitäre Forschung verfügt nicht über professionelle multidisziplinäre Entwicklerteams, die für die Entwicklung kommerzieller App-Projekte inzwischen Standard sind. Die notwendige Expertise, um heutzutage eine medizinische Smartphone-App bzw. digitale Gesundheitsanwendung zu entwickeln, ist vielfältig und kostspielig. Allein in die Programmierung einer App sind häufig verschieden spezialisierte Programmierer und Programmiererinnen, Designer und Designerinnen, sowie Verantwortliche für Projektmanagement involviert. Komplexere Apps für den medizinischen Bereich werden ohne psychologische und regulatorische Expertise auch nicht mehr auskommen können. Für die Durchführung einer klinischen Studie sind neben wissenschaftlicher Expertise auch Kompetenzen zu Daten- und Patientenmanagement sowie zum Monitoring notwendig. Ist eine medizinische App dann fertig entwickelt, ist es nicht selbstverständlich, dass die Patienten und Patientinnen diese dann auch tatsächlich nutzen. Und dafür ist es wichtig, dass diese gut für jede potenzielle Nutzergruppe optimiert ist.

Sollten sich in einer klinischen Studie die digitalen Gesundheitsanwendungen als wirksam, ggf. sogar kosteneffektiv erweisen, stellt sich die Frage, wie diese Ergebnisse dann verwendet werden können. Medikamente werden üblicherweise nach erfolgreichen Studien und positiver Nutzenbewertung in die Behandlung integriert und von den Krankenkassen erstattet. Auch für komplementärmedizinische Verfahren gelten aussagekräftige Studien als gutes Argument für eine Erstattung durch die Krankenkassen. Zu beobachten war dies für die Akupunktur, deren Kosten seit 2007 die gesetzlichen Krankenkassen für chronische Rückenschmerzen der Lendenwirbelsäule und des Kniegelenks übernehmen (Melchart et al. 2006). Für digitale Gesundheitsanwendungen soll die Erstattung durch das DVG in Zukunft einfacher möglich werden.

Es bleibt jedoch abzuwarten was passiert, wenn nach erfolgreicher Studiendurchführung die zugrunde liegenden Technologien veraltet sind. Viele etablierte Therapien, zum Beispiel die Behandlung des Bluthochdrucks mittels ACE-Hemmers, stammen aus dem letzten Jahrhundert. Verfahren wie Yoga oder die Akupunktur als aktuelle Verfahren der Integrativen Medizin, sind zum großen Teil sogar deutlich älter. Im Gegensatz dazu würde heutzutage kaum jemand ein 10 Jahre altes iPhone produktiv nutzen wollen. Aktuelle digitale Gesundheitsanwendungen würden auf alten Geräten nicht funktionieren und neue Geräte würden 10 Jahre alte Anwendungen technisch nicht unterstützen. Das hat zur Folge, dass digitale Gesundheitsanwendungen, die aktuell zugelassen werden, regelmäßig mit erheblichem Aufwand gepflegt und angepasst werden müssen, damit sie auch in 10 Jahren noch nutzbar sind. Es ist möglich, dass sich dabei grundlegende Funktionalitäten verändern. Müssten diese Anwendungen dann auch regelmäßig neu untersucht werden? Dies alles ist kostspielig. Der zukünftige Umgang mit dieser Problematik wird spannend. Vermutlich kann die Integrative Medizin die Entwicklung der Nutzung digitaler Gesundheitsanwendungen jedoch beeinflussen.

5.4 Chancen für die Integrative Medizin

Sowohl eine positive als auch eine negative Entwicklung der digitalen Medizin kann die Integrative Medizin stärken. Entweder wenden sich Patientinnen und Patienten vermehrt von der digital bestimmten Medizin ab, oder integrative Behandlungsansätze werden selbstverständlich bei der Entwicklung digitaler Gesundheitsanwendungen mitgedacht und komplementärmedizinische Verfahren in die Anwendungen integriert. Zum Teil geschieht dies bereits. So enthält beispielsweise eine bekannte App für Migräne und Kopfschmerzen, neben Tracking- und Informationselementen, Anleitungen zu Entspannungsverfahren. Auch zählen Apps zu Yoga und Mindfulness bereits zu den kommerziell erfolgreichen Gesundheitsanwendungen, die zum Beispiel in den USA bereits zum Teil von Gesundheitsdienstleistern erstattet werden. Auch eine große deutsche Krankenkasse propagiert eine App zu Achtsamkeit. Und eine populäre deutsche App, die unter anderem durch Ernährungsprotokolle das Abnehmen unterstützen möchte, gibt inzwischen auch Hinweise zum Heilfasten. Dies sind Anknüpfungspunkte, um die aktuellen Entwicklungen, auch aus Sicht der Integrativen Medizin, mitzuprägen. Die Voraussetzungen dafür sind eigentlich gut. Das Zeitfenster ist jedoch schmal. Die Forschungsexpertise, die für die Evaluierung komplementärmedizinischer Verfahren genutzt wurde und wird, ist zum Teil auch für die Evaluierungen dieser neuen digitalen Gesundheitsanwendungen sehr nützlich. Therapeutische digitale Gesundheitsanwendungen sind häufig komplexe Interventionen. Der Placeboeffekt, positive Erwartungen sowie Kontexteffekte, werden vermutlich für die Wirksamkeit dieser Verfahren eine Rolle spielen. Die Forschung zur Integrativen Medizin verfügt bereits über viel Erfahrung, die hierfür zur Anwendung kommen kann. Mixed-Methods-Ansätze, also die Kombination von quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden, werden inzwischen nach Möglichkeit für die Evaluierung komplementärmedizinischer Verfahren gewählt. Forschung zu Effekten von Placebo und Erwartungshaltung ist fest in der Integrativen Medizin verankert. Und auch die Einbeziehung von Stakeholdern in den Forschungsprozess kommt inzwischen häufiger zur Anwendung. Die Forschung zur Integrativen Medizin kann die Forschung zu digitalen Gesundheitsanwendungen entscheidend mitprägen. Darüber hinaus sind aber auch die Inhalte der Integrativen Medizin für die Neuentwicklung von digitalen Gesundheitsanwendungen interessant. Betrachtet man zum Beispiel die Klassische Naturheilkunde, so fällt auf, dass sich viele Elemente der Phyto-, Hydro-, Ernährungs-, Bewegungs- und Ordnungstherapie entweder als eine digitale Unterstützung für die ärztliche Therapie oder sogar als eigenständige Lösung ohne medizinisches Fachpersonal eignen würden. Eine digitale Gesundheitsanwendung könnte Tees und deren Zubereitung auf Basis bestehender Symptome, dem Alter des Nutzers und eingenommenen Medikamenten vorschlagen, die korrekte Anwendung von Güssen beschreiben, Ernährung oder Bewegung tracken und gewünschte Ziele visualisieren, sowie motivieren ausreichend zu schlafen. Zum Teil existieren Teile dieser Szenarien bereits als App. So sind bereits komplexe Schlaf-Apps verfügbar, die unter Einbeziehung von Smartwatches nicht nur die Dauer des Schlafes rückmelden können, sondern auch Auskunft zu Schlafqualität und resultierendem Fitnessgrad geben.

Die Forschung zu Gesundheitsapps mit komplementärmedizinischen Interventionen in den letzten 10 Jahren zeigt sehr klar, dass sich Entspannungsverfahren für onkologische Patienten (z.B. CanRelax) (Mikolasek et al. 2018), aber auch Akupressur bei Menstruationsschmerzen (z.B. Luna) (Blödt et al. 2018; Wang et al. 2020) und andere Self-Care-Maßnahmen gut in digitale Gesundheitsanwendungen übersetzen lassen und sich wirksam in der Reduktion von Symptomen zeigen. Dies lässt vermuten, dass komplementärmedizinische Angebote in digitaler Form helfen können, einen niedrigschwelligen Zugang zu mehr Gesundheitskompetenz zu ermöglichen.


Sowohl Medizin als auch Gesundheit werden zukünftig sehr stark digital geprägt werden. Digitale Gesundheitsanwendungen werden dabei eine große Rolle spielen.

Die beschriebene Entwicklung sollte als Chance angenommen werden. Es stellt sich für die Zukunft eigentlich nicht die Frage, ob die digitalen Gesundheitsanwendungen zum Teil der Integrativen Medizin werden oder zumindest eine stärkere Verknüpfung angestrebt werden sollte. Es besteht vielmehr die Frage, wie ein gutes Zusammenspiel zwischen Behandelndem, Erkranktem und den digitalen Angeboten ermöglicht wird. Ob dabei die Nutzung der digitalen Gesundheitsanwendungen unbedingt ärztlich koordiniert wird und wie viel Therapeut es überhaupt braucht, wird in nächster Zeit sicherlich spannender Diskussionsstoff sein.

Literatur

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Prof. Dr. med. Claudia M. Witt, MBA

Claudia M. Witt ist Lehrstuhlinhaberin für komplementäre und integrative Medizin an der Universität Zürich und Direktorin des gleichnamigen Instituts am Universitätsspital Zürich. Als Prodekanin für Interprofessionalität vertritt sie dieses Thema seit 2018 an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich. Seit 2019 ist sie zudem Co-Direktorin der Digital Society Initiative der Universität Zürich und setzt sich für einen interdisziplinären reflektierten Umgang mit der Digitalisierung ein. Seit 2011 forscht sie zu Digital Health Interventions für Mind & Body.


Dr. med. Daniel Pach

Daniel Pach ist ausgebildeter Arzt und arbeitet seit 2007 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Integrative Medizin und Digital Health Interventions for Mind & Body. Er nutzt dabei Methoden der klinischen, aber auch der experimentellen Forschung.

6 Stärkung der Interprofessionalisierung und der vernetzten Zusammenarbeit im Kontext der Integrativen Medizin

Angelika Homberg und Claudia M. Witt

Zusammenfassung

Durch die enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Gesundheitsberufe kann die Qualität der patientenzentrierten Versorgung erheblich verbessert werden. Das Gelingen hängt nicht nur davon ab, inwieweit Einzelne bereit sind, professionsspezifische Grenzen zu überwinden und sich für das Wohl von Patienten und Patientinnen, Angehörigen und Bevölkerungsgruppen einzusetzen. Interprofessionalität als Konzept setzt vielmehr eine kontinuierliche Interaktion und den Wissensaustausch zwischen Fachleuten voraus, um Ausbildungs- und Versorgungsfragen zu lösen oder zu erforschen. Sie ist eingebettet in einen bevölkerungs- und bedarfsorientierten Ansatz. Es bedarf Strategien zur gemeinsamen Zielfindung und Verbesserung der Interaktion zwischen den Berufsgruppen sowie entsprechende Aus-und Weiterbildungskonzepte. Leitend können hierbei die vier von der Interprofessional Education Collaborative (IPEC) erarbeiteten Kompetenzbereiche: Werte und Ethik, Rollen und Verantwortung, interprofessionelle Kommunikation sowie Team und Teamarbeit sein.

Obwohl durch Interprofessionalität und Integrative Medizin die gleichen Ziele verfolgt werden, wurde der jeweilige Diskurs bislang weitgehend unabhängig voneinander geführt. Während sich die Interprofessionalität in kommunikativen Aushandlungsprozessen mit Fragen über Rollen-, Verantwortungsübernahme und Bildungskonzepte beschäftigte, stellten sich in der Integrativen Medizin normative Fragen nach Behandlungs- und Therapieoptionen. Beide Konzepte können gewinnbringend miteinander verknüpft werden. Ausbildungskonzepte für interprofessionelle Zusammenarbeit können nahezu uneingeschränkt für die Integrative Medizin übernommen werden. Die Academic Collaborative for Integrative Health erweitert hierfür die IPEC-Kompetenzbereiche um zwei weitere: die Evidenzbasierte und -informierte Versorgungspraxis und die Integration nicht konventionell und/oder akademisch ausgebildeter Leistungserbringer in die Versorgungsstrukturen. Am Ende des Kapitels werden zwei Best-Practice-Beispiele aufgegriffen: Für die Interprofessionelle Zusammenarbeit im Rahmen der Mind Body Medicine werden Erfahrungen zu entstehenden Herausforderungen und gelungene praxisbasierte Interventionen aufgezeigt. Die Beschreibung der studiengangsübergreifenden Zusammenarbeit im Bereich Komplementärmedizin macht deutlich, welche neuen Möglichkeiten sich durch die Verschränkung von Interprofessionalität und Integrativer Medizin eröffnen.

Summary

Close cooperation between various healthcare professions can substantially improve the quality of patient-centered care. Success depends not only on the extent to which individuals are prepared to overcome professional boundaries and to work for the well-being of patients, relatives and population groups. Rather, interprofessionality as a concept requires continuous interaction and exchange of knowledge between professionals in order to solve or research educational- and healthcare-related issues. Interprofessionalism is embedded in a population- and demand-oriented approach. Strategies for joint goal-setting and an improvement in interactions between the professional groups are required as well as appropriate training and further educational concepts. To provide guidance in this regard, the Interprofessional Education Collaborative (IPEC) has developed four competency domains: Values and ethics, roles and responsibilities, interprofessional communication, as well as team and teamwork.

Although interprofessionalism and Integrative Medicine pursue the same goals, the respective discourses have so far been conducted largely independently of each other. Interprofessionalism has dealt with questions about roles, assumptions of responsibility and educational concepts in communicative negotiation processes, while normative questions about treatment and therapy options have arisen in Integrative Medicine. Both concepts can be combined profitably.

Training concepts for interprofessional collaboration can be adopted almost without any restrictions when it comes to Integrative Medicine. To this end, the Academic Collaborative for Integrative Health extends the IPEC competency domains by two further steps: Evidence-based and -informed care practice and the integration of non-conventionally and/or academically trained service providers into healthcare delivery structures. At the end of this chapter, two best practice examples will be discussed. Experiences of emerging challenges and successful practice-based interventions are presented to show interprofessional collaboration in the context of Mind Body Medicine. The illustration of the cross-course cooperation in the field of Complementary Medicine makes it clear what kinds of new possibilities have been opened up by the interlocking of interprofessionalism and Integrative Medicine.

6.1 Zusammenarbeit und Interprofessionalität

Die Komplexität in der Medizinischen Versorgung insgesamt wird durch die stärkere Einbindung der Patientenwünsche und Zunahme an Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten künftig verstärkt. Hinzu kommt der Anstieg lebensstilbedingter und chronischer Erkrankungen (World health statistics 2018) sowie multimorbider Erkrankungsmuster vor allem bei älteren Patienten. Eine einzelne Medizinerin oder Therapeutin bzw. ein einzelner Mediziner oder Therapeut kann weder alle Antworten parat haben, die für einzelne Patienten/-innen gewinnbringend sind, noch dessen/deren umfassende zeitnahe Versorgung über einen längeren Zeitraum bewerkstelligen. Die Bestrebungen für alle Bevölkerungsgruppen eine optimale Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, erfordert eine Neudefinition der Rollen und Funktionen der medizinischen Gesundheitsberufe wie Ärzte/-innen, Pflegekräfte und Physiotherapeuten/-innen aber auch Zahnärzte/-innen, Apotheker/-innen, Sozialarbeiter/-innen usw., die Teil eines Versorgungsteams sind oder Führungsverantwortung übernehmen. Interprofessionelle Bildung und interprofessionelle Zusammenarbeit sind seit den frühen 1970er-Jahren von wachsendem globalem Interesse (WHO 1988). Es besteht die Notwendigkeit einer kontinuierlichen integrierten Versorgung, bei der verschiedene Berufe eng zusammenarbeiten (Barr et al. 2017).

Professionen als solche strebten in der Vergangenheit Zuständigkeitsmonopole an, die ihre Arbeitsinhalte selbst bestimmten und damit auch die Bedürfnisse ihrer Klienten bzw. Patienten (Johnson 1972). Die Versorgung durch Praktizierende aus verschiedenen beruflichen und kulturellen Traditionen setzt Verständnis, Bewusstsein und Engagement für die jeweils anderen Bereiche voraus (WHO 1988). Darüber hinaus ist bei nicht gelingender Kommunikation und Interaktion von medizinischen Fachkräften die Patientensicherheit durch das häufigere Auftreten von Behandlungsfehlern gefährdet (Reeves et al. 2010). Das Ausmaß, in welchem unterschiedliche Gesundheitsberufe als Team gut zusammenarbeiten, kann somit die Qualität der patientenzentrierten Versorgung erheblich verbessern.

Ein Gesundheitsteam wird als eine Gruppe von Personen verstanden, die ein gemeinsames Gesundheitsziel teilen und gemeinsame Versorgungsziele verfolgen, die durch die Bedürfnisse der Gemeinschaft bestimmt sind. Hierzu trägt die Leistung jedes Teammitglieds in koordinierter Weise im Einklang mit seinen Kompetenzen und Fähigkeiten und unter Achtung der Aufgabenbereiche anderer bei. Interprofessionalität geht über die Interaktionen der Teammitglieder auf der Mikroebene hinaus. Sie entsteht aus der Sorge der Fachleute, ihre Unterschiede und ihre manchmal gegensätzlichen Ansichten in Einklang zu bringen. Sie beinhaltet eine kontinuierliche Interaktion und den Wissensaustausch zwischen Fachleuten, die organisiert sind, um eine Vielzahl von Ausbildungs- und Versorgungsfragen zu lösen oder zu erforschen und gleichzeitig die Beteiligung der Patienten und Patientinnen zu optimieren. Interprofessionalität beinhaltet damit einen bevölkerungs- und bedarfsgerechten Ansatz, der das jeweilige Gesundheitssystem und die nationalen Gegebenheiten berücksichtigt. Die Patientenorientierung und die Teilnahmebereitschaft des Patienten bzw. der Patientin sind Schlüsselfaktoren in diesem Ansatz. Seit längerem ist bekannt, dass Interprofessionalität einen Paradigmenwechsel, eine Neuorientierung in Bezug auf Werte, Verhaltenskodizes und Arbeitsweisen erfordert (D’Amour u. Oandasan 2005).


Interprofessionalität wird definiert als die Entwicklung einer kohärenten Praxis zwischen Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen. Es ist der Prozess, bei dem Fachleute über die Praxis nachdenken und diese gestalten, um eine integrierte und kohärente Antwort auf die Bedürfnisse des Patienten, der Angehörigen und der Bevölkerungsgruppen zu bieten (D’Amour u. Oandasan 2005). Unter interprofessioneller Zusammenarbeit wird verstanden, dass mehrere Personen mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund umfassende Dienstleistungen erbringen und dabei miteinander und mit Patienten, ihren Familien, Verbänden und Gemeinschaften zusammenarbeiten, um die höchste Qualität der Versorgung in allen Situationen zu gewährleisten (WHO 2010).

Ein koordiniertes am Patientenwohl orientiertes Zusammenspiel der Professionen bedarf Strategien, um die Arbeitsinteraktionen und -prozesse zwischen zwei oder mehreren Berufsgruppen zu verbessern (Zwarenstein et al. 2009). Unterschiedliche praxisbasierte Interventionen werden hierzu eingesetzt: 1. Fallbesprechungen, bei denen einzelne Patientenfälle im interprofessionellen Team diskutiert werden, um für den einzelnen Patienten oder die einzelne Patientin eine optimale Versorgung zu finden; 2. interprofessionelle Meetings, bei denen über inhaltliche Fragen, Abläufe und Prozeduren ein Konsens angestrebt wird, um für Patientengruppen optimale Versorgungswege zu finden; 3. interprofessionelle Audits bzw. Checklisten, die der Qualitätssicherung und Fehlervermeidung dienen (Zwarenstein et al. 2009, Reeves et al. 2015, Schot et al. 2019).

Im Bereich der Aus- und Weiterbildung wurden verschiedene pädagogische Rahmenwerke entwickelt, die notwendige Kompetenzen für eine gelungene Zusammenarbeit beschreiben. Die Interprofessional Education Collaborative (IPEC) bestehend aus Vertretern aus sechs Berufsverbänden (Medizin, Krankenpflege, Osteopathie, Pharmazie, Zahnmedizin, Public Health) erarbeitete 2011 vier Schlüsselkompetenzen für die interprofessionelle Zusammenarbeit, die auf den erwarteten disziplinären Kompetenzen jedes Berufsstandes aufbauen (IPCE 2011). Die disziplinären Kompetenzen werden innerhalb der Berufe vermittelt. Die Entwicklung interprofessioneller kollaborativer Kompetenzen erfordert jedoch, dass über diese berufsspezifischen Bildungsanstrengungen hinaus Auszubildende verschiedener Berufe miteinander in interaktives Lernen einbezogen werden. Die Fähigkeit, effektiv als Mitglied von klinischen Teams während der Studienzeit zu arbeiten, ist ein grundlegender Bestandteil dieses Lernens.

Die interprofessionelle Zusammenarbeit wird von der IPEC durch vier Kompetenzbereiche charakterisiert:

1. Werte und Ethik für die interprofessionelle Praxis: Die wertschätzende Zusammenarbeit mit Personen anderer Gesundheitsberufe, um ein Klima des gegenseitigen Respekts und der gemeinsamen Werte aufzubauen.

2. Rollen und Verantwortung: Die Nutzung der Kenntnisse über die eigenen und über die Rollen und Verantwortungsbereiche der anderen Gesundheitsberufe, um Patientenbedürfnisse angemessen zu erkennen und zu berücksichtigen und die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt zu fördern.

3. Interprofessionelle Kommunikation: Die offene und verantwortungsvolle Kommunikation mit Patienten, Familien, Gemeinschaften und Fachleuten im Gesundheitswesen und anderen Bereichen, um gemeinsam die Förderung und Aufrechterhaltung der Gesundheit sowie die Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten zu unterstützen.

4. Team und Teamarbeit: Der Aufbau von Beziehungen und Teamstrukturen, um unterschiedliche Teamrollen effektiv einnehmen zu können, mit dem Ziel, zeitnahe, sichere, effiziente und sozial gerechte patienten- und bevölkerungszentrierte Versorgungskonzepte zu entwickeln, bereitzustellen und zu evaluieren (IPEC 2016).

Interprofessionalität im Gesundheitsbereich ist gemäß Weltgesundheitsorganisation (WHO) dann gegeben, wenn mehrere Gesundheitsfachleute mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen aufeinander einwirken, um zu einem gemeinsam geteilten Verständnis zu kommen, das sie vorher noch nicht hatten und zu dem sie ohne einander nicht hätten kommen können.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es bei der Realisierung der interprofessionellen Zusammenarbeit vor allem darum geht, den Bedarf der Bevölkerung bzw. der einzelnen Patientin oder des einzelnen Patienten an erste Stelle zu setzen, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und Vorurteile beiseite zu legen. Der Mangel an Primärversorgern und die Herausforderungen bei der Bewältigung chronischer, komplexer Krankheiten sind ausgezeichnete Möglichkeiten für die Gesundheitsberufe, einzigartige Fähigkeiten in kooperativen Umgebungen einzubringen (Green u. Johnson 2005).

6.2 Interprofessionalität und Integrative Medizin

Obwohl sowohl die Interprofessionalität als auch die Integrative Medizin das gleiche Ziel verfolgen und in den letzten Jahren deutlich vorangetrieben wurden, sind sie ganz unterschiedliche Forschungsgebiete geblieben und es bestehen bislang wenige Überschneidungspunkte. Diese Trennung könnte darauf zurückzuführen sein, dass sich die interprofessionelle Zusammenarbeit mit der Integration innerhalb des allgemeinen Paradigmas der Biomedizin befasst, während sich die Integrative Medizin mit der Integration zwischen Paradigmen befasst (Hollenberg u. Bourgeault 2011). Auf wissenschaftlicher Ebene wurden die Diskurse bislang durch unterschiedliche Fachgremien und -gesellschaften geführt. Während die Interprofessionalität eher in Bezug auf die berufliche Qualifikation mit Vertretern aus Erziehungs-, Gesundheitswissenschaften und Public Health diskutiert wird, fokussiert sich der Diskurs um die Integrative Medizin auf die evidenzbasierte Versorgung innerhalb der Humanmedizin, hier insbesondere innerhalb der Allgemein- und Familienmedizin. Auf der Versorgungsebene geht es bei der Interprofessionalität um die Zuschreibung der jeweiligen Rollenidentität und der daraus resultierenden Geltungsansprüche. In einem kommunikativen Aushandlungsprozess wird eine Verständigung über bestehende Situationen und den sich daraus ergebenden Handlungsmöglichkeiten hergestellt. Die Kommunikation erfolgt in der Regel auf der Metaebene. Dabei nimmt die Interprofessionalität die Interaktion gleichberechtigter Akteure in den Blick und stellt Fragen hinsichtlich der jeweiligen Fachkompetenzen, Einstellungen und Haltungen. Interprofessionalität wird insgesamt als ein kontinuierlicher, dynamischer, interaktiver, transformierender und zwischenmenschlicher Prozess angesehen, der durch kollektive Intervention gekennzeichnet ist (D’Amour u. Oandasan 2005). Die Interprofessionalität wird durch Pioniere vorangetrieben, die berufliche Grenzen überschreiten, um die Patientenversorgung zu verbessern.

Innerhalb der Integrativen Medizin werden eher inhaltliche Fragen nach Therapie- und Behandlungsoptionen gestellt. Sie weist eine stärke Orientierung an der normativen Realität auf. Die Beziehungen zum Patienten sind hinsichtlich der medizinischen Fachexpertise durch ein hierarchisches Gefälle gekennzeichnet. Hier wird mehr als bei der Interprofessionalität, ein bestimmtes Fachwissen vorausgesetzt. Durch den Heilungsauftrag in der Medizin entsteht ein Handlungsdruck (Lanzerath 2000), dem sich auch die Integrative Medizin nicht entziehen darf und kann. Aus handlungstheoretischer Perspektive ist die Kommunikation strategisch instrumentell auf das Erreichen dieses Handlungsziels ausgerichtet. Die Integrative Medizin wird durch Pioniere vorangetrieben, die neue Wissensinhalte zur Sprache bringen und über inhaltliche Übereinkünfte Relevanz erfahren. Es stellen sich Fragen der Wissenschaftlichkeit, nach Entscheidungen, die getroffen und begründet werden müssen und Konsequenzen, die im Blick behalten werden.

Interprofessionalität und Integrative Medizin sind somit zwei Konzepte, die in unterschiedlichen wissenschaftlichen Domänen diskutiert und auf unterschiedlichen Handlungsebenen zu verorten sind. Das heißt aber auch, dass diese Konzepte komplementär miteinander verknüpft werden können, ohne dass ein Bereich seinen Geltungsanspruch verliert. Strategien zum Aufbau von integrativmedizinischer Versorgung legen eine interprofessionelle Umsetzung nahe, da sowohl in der komplementären als auch konventionellen Medizin ein Mosaik aus verschiedenen Perspektiven besteht (Witt et al. 2015) bzw. ein kollaborativer Teamansatz zugrunde liegt, bei dem die Gesundheitsdienstleister auch synergistisch und interdependent mit gegenseitigen Vertrauen, Respekt und Wertschätzung für die Fähigkeiten anderer Berufe arbeiten, um die Patientenversorgung zu steuern (Boon et al. 2004). Für die Integrative Medizin können Konzepte der interprofessionellen und teambasierten Versorgung uneingeschränkt übernommen werden. Die Academic Collaborative for Integrative Health (ACIH) überprüfte in der Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Praktikern aus fünf Disziplinen (Chiropraktik, Naturheilverfahren, Massagetherapie, Akupunktur und Orientalmedizin, Hebammen) die IPEC-Kompetenzen und übernahm diese vollständig; folgende zwei weitere spezifische Kompetenzbereiche wurden hinzugefügt:

1. Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung und evidenzinformierte Praxis: Das Erklären, Bewerten und Anwenden von wissenschaftlichen Erkenntnissen in der integrierten Gesundheitsversorgung und die patienteninformierte Entscheidungsfindung unter Berücksichtigung der beruflichen Erfahrung und der Patientenpräferenzen.

2. Kultur und Praxis der institutionellen Gesundheitsversorgung: Die Qualifikation von Praktizierenden, die nicht vorrangig in konventionellen akademischen stationären und ambulanten Versorgungskontexten ausgebildet wurden, um diese auf die Arbeit in den entsprechenden Einrichtungen und Versorgungssystemen vorzubereiten (ACIH 2018).

Das evidenzbasierte Arbeiten im ursprünglichen Sinn nach Sackett et al. (1996) steht für eine professionelle patientenzentrierte Versorgung schlechthin. Es legitimiert Verfahren sowohl der komplementären Medizin als auch professionsspezifische Behandlungsprozesse der Pflege- und Therapieberufe, die sich aufgrund langbestehender positiver Erfahrungen in der Gesundheitsversorgung etabliert haben, auch wenn dazu die rein wissenschaftliche Evidenz (noch) nicht vorliegt. Eine größere Herausforderung dürfte der zweite Kompetenzbereich darstellen, der dazu auffordert, Leistungserbringer ohne geregelte Ausbildung wie Heilpraktiker oder traditionelle Heiler in den Versorgungsprozess einzubinden. Hier stellen neben den unterschiedlichen Bildungsträgern auch die teilweise unterschiedlichen Finanzierungssysteme eine Barriere dar. Das Phänomen, dass Patienten häufig die Konsultation von solchen alternativen Anbietern nicht gegenüber den professionellen thematisieren, führt zu unkoordinierten Anwendungen, die sowohl die Patientensicherheit, als auch den Behandlungserfolg gefährden können (Foley et al. 2019). Hier müssen langfristig Lösungen und Wege gefunden werden, um alle Leistungserbringer entsprechend zu qualifizieren und in die Versorgungsstrukturen einzubinden. In interprofessionellen Konzepten werden bislang fast ausschließlich Berufe eingebunden, die regulär ausgebildet werden und sich innerhalb des biomedizinischen Paradigmas bewegen. Die Zusammenarbeit über bestehende Gesundheitsparadigmen hinweg stellt hohe Anforderungen an die Kommunikation der beteiligten Akteure (Coulter 2004). Bei einer frühzeitigen Sensibilisierung und Ausbildung aller an der Versorgung beteiligten auf Basis der sechs ACTH/IPCE-Kompetenzbereiche könnten sich hier neue Perspektiven eröffnen.

„Times are changing, silos are falling, national health burdens are being shared, and it is going to take much more than a single practitioner or paradigm to solve the serious health care issues confronting humanity today and in the future. Through collaboration, we can work together for a better future.“ (Green u. Johnson 2015)

6.3 Best-Practice-Beispiele
6.3.1 Interprofessionelle Zusammenarbeit im Rahmen der Mind Body Medicine – Erfahrungen aus der Schweiz

Im rehabilitativen und onkologischen Versorgungsbereich sind vielerorts bereits interprofessionelle Versorgungskonzepte unter Einbindung komplementärer Verfahren etabliert. Die gute Zusammenarbeit im interprofessionellen Team ist für die gelungene Umsetzung der Mind Body Medicine, insbesondere im Gruppensetting, eine wichtige Voraussetzung. Am Institut für komplementäre und Integrative Medizin des Universitätsspitals Zürich werden dabei verschiedene Professionen einbezogen (Psychologen/-innen, Ärzte/-innen, Ernährungswissenschaftler/-innen und Pflege). Eine Kommunikation auf Augenhöhe, das Ansprechen von Konflikten, sowie die gemeinsame Übernahme von Entscheidungen sind dabei wichtige Kompetenzen innerhalb des Teams; denn auch wenn die im Team vertretenen Professionen unterschiedliche Expertise für die spezifischen Themen (z.B. Ernährung) haben, sprechen die Patientinnen und Patienten ihr Thema auch in anderen Themenblöcken an. Damit muss umgegangen werden, ohne sich zwischen den Professionen zu widersprechen oder die Themen unvernetzt stehen zu lassen. Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass die Leitung einer Behandlungsgruppe immer einer Person zugeordnet ist, die durchaus je nach Gruppe auch variieren kann (Psychologin, Ärztin, oder Pflege). Wichtige Voraussetzungen sind, dass die Leitungsperson in Mind Body Medicine ausgebildet ist und eine Gruppe kompetent führen kann. Dies entspricht interprofessionellen Ansätzen aus der Palliativmedizin, wo die Fallführung auch von unterschiedlichen Professionen übernommen werden kann.

6.3.2 Interprofessionelle Lehre zur Komplementärmedizin – eine Zusammenarbeit zweier Universitäten in Zürich

Derzeit entstehen an einigen Universitäten interprofessionelle Lehrmodule zu integrativmedizinischen Themen, wie beispielsweise an den Medizinischen Fakultäten Heidelberg und Lübeck. Im Herbstsemester 2019 haben das Institut für komplementäre und Integrative Medizin, Universitätsspital Zürich an der Universität Zürich und das Institut für Pharmazeutische Wissenschaften der ETH Zürich, erstmalig ein gemeinsam entwickeltes Modul zur Komplementärmedizin als interprofessionelle Lehre durchgeführt. In diesem Modul besuchten Masterstudierende der Pharmazie und Studierende der Medizin gemeinsam acht Lerneinheiten. Damit wurden gleich zwei wichtige Lerninhalte abgedeckt: Zum einen wurden Grundlagen der komplementärmedizinischen Therapie und komplementärmedizinische Medikamente vermittelt, das sind Themen, die im Gesundheitswesen einen immer größeren Stellenwert einnehmen. Zum anderen wurde die interprofessionelle Zusammenarbeit, welche im Lernzielkatalog beider Studiengänge verankert ist, gestärkt.

Damit sollen eine gemeinsame Sprache und das Vertrauen in die gegenseitigen Kompetenzen bereits im Studium etabliert werden. Durch den Einsatz moderner Lehrmethoden, wie z.B. flipped classroom, tandem teaching, buzz groups und mobile voting, wurden die Studierenden aktiv zum Austausch und zur Zusammenarbeit in interprofessionellen Kleingruppen angeregt. Die für die Lerneinheiten ausgewählten Themen umfassten Phytotherapie, Anthroposophische Medizin und Chinesische Medizin. Diese wurden jeweils aus pharmazeutischer und medizinischer Sicht betrachtet. Die im interprofessionellen Team lehrenden Dozierenden legten besonderen Wert auf die Vermittlung von Möglichkeiten und Grenzen der verschiedenen komplementärmedizinischen Methoden sowie deren Evidenz. Dieses neue Lehr- und Lernsetting soll zur Kenntnis und Wertschätzung der Kompetenzen anderer Health Professionals beitragen. Das wiederum schärft das eigene Rollenprofil in der Grundversorgung beider Professionen zum Thema Komplementärmedizin und gewährleistet eine bessere Versorgung der zukünftigen Patientinnen und Patienten.

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Angelika Homberg, Dipl.-Med.-Päd.

Geboren 1966 in Sinsheim an der Elsenz. Nach Beendigung ihres Medizinpädagogikstudiums an der Charité Berlin arbeitete sie seit 2014 in unterschiedlichen interprofessionellen und innovativen Lehrprojekten an den Medizinischen Fakultäten Heidelberg und Mannheim. Sie ist maßgeblich für die Entwicklung und Implementierung des interprofessionellen komplementär- und integrativmedizinischen Lehrmoduls InterKIM an der Medizinischen Fakultät Heidelberg verantwortlich. Aktuell promoviert sie zum Thema interprofessionelle Curriculumsentwicklung für komplementäre Medizin.


Prof. Dr. med. Claudia M. Witt, MBA

Prof. Dr. med. Claudia M. Witt ist Lehrstuhlinhaberin für komplementäre und integrative Medizin an der Universität Zürich und Direktorin des gleichnamigen Instituts am Universitätsspital Zürich. Als Prodekanin für Interprofessionalität vertritt sie dieses Thema seit 2018 an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich. Seit 2019 ist sie zudem Co-Direktorin der Digital Society Initiative der Universität Zürich und setzt sich für einen interdisziplinären reflektierten Umgang mit der Digitalisierung ein. Seit 2011 forscht sie zu Digital Health Interventions für Mind & Body.

7 Stimulate Collaboration – Förderung von Kollaboration – Herausforderungen für die Umsetzung

Joachim E. Fischer

Zusammenfassung

Zentrale Aspekte einer modernen Integrativen Gesundheitsversorgung sind Teamarbeit, Multiprofessionalität und Patientenzentrierung. Dies steht dem bisherigen Modell der primärärztlichen Versorgung in der hausärztlichen Einzelpraxis entgegen. Der immer aktueller werdende Hausarztmangel gerade auf dem Land eröffnet die Chance, neue Versorgungstrukturen zu etablieren, die Gesundheitsförderung und Behandlung auf die Schultern vieler gut ausgebildeter Fachkräfte verteilen, darunter auch angestellte Ärzte. Die Versorgungsnot im ländlichen Raum ermöglicht Lösungen, die sich an den Prinzipien der Patientenzentrierten Medizin orientieren. Die Chancen ergeben sich aus einer Neustrukturierung von Prozessen, Kompetenzerweiterung nicht-ärztlicher Fachpersonen durch entsprechende Weiterbildung, bessere horizontale Vernetzung in der Kommune und sinnvolle Nutzung von digitalen Lösungen unter anderem zur vertikalen Integration von Primärversorgung mit Spezialisten und Forschung. Das Kapitel reflektiert ein aktuell in einer ländlichen Region in Baden-Württemberg zur Umsetzung anstehendes Vorhaben auf dem Hintergrund der Geneva Declaration der Konsensus-Konferenz des International College of Person-Centered Medicine (ICPCM).

Summary

Teamwork, collaboration in multiprofessional networks, and a patient-centered approach characterize modern, integrative healthcare. This is in stark contrast to the current model of healthcare provision by GPs in single practices. The growing lack of GPs, particularly in rural areas, presents the opportunity to establish new supply structures in which many well-educated skilled employees, including salaried physicians, share the tasks of health promotion and treatment. The acute shortage of healthcare in rural areas encourages us to find solutions that are based on the principles of patient-centered medicine. The relevant opportunities arise from restructuring processes, increasing the skills of non-medical professional staff by providing additional education, improving horizontal integration within municipalities, and applying digital solutions to, inter-alia, vertically integrating primary care providers with specialists and research. This chapter presents a project currently implemented in a rural setting in the federal state of Baden-Württemberg based on the Geneva Declaration from the consensus conference of the International College of Person-Centred Medicine (ICPCM).

7.1 Die Versorgung im Spannungsfeld von Akutmedizin und Unterstützungsbedarf bei älteren Patienten

Anna Zimmer lebt allein in einem großen Haus in einem Dorf unweit eines größeren Zentrums in Baden-Württemberg. Sie ist 91. Ihr Mann ist nach langer Pflege vor 5 Jahren gestorben. Es ist Samstag nach Ostern. Sie fährt – weil die Beine nicht mehr so gut tragen – noch immer selbst mit dem Auto zum Einkaufen, auch weil der ÖPNV auf dem Land nicht so gut ausgebaut ist. Heute fällt es ihr noch schwerer, die Einkaufstasche ins Haus zu tragen. „Das Japsen ist schlimmer“, wie sie sagt. Sie legt sich ins Bett. Das Handblutdruckmessgerät, das oft merkwürdige Werte anzeigt, behauptet: Blutdruck 70 zu 40, Puls 144. Sie ruft ihre Freundin, eine Nachbarin an. Diese findet Frau Zimmer kränkelnd und blass. Ihr Hausarzt ist in Osterferien. Der ärztliche Notdienst wird gerufen. Dieser lässt auf sich warten, muss dreimal gebeten werden. Schließlich wird Anna Zimmer ins nächstgelegene Kreiskrankenhaus eingewiesen.

Stunden später, inzwischen ist es früher Abend: Frau Zimmer liegt auf der Intensivstation mit Verdacht auf Lungenembolie, manifestes prärenales Nierenversagen und kardiogenen Schock. Ihr mittlerer arterieller Blutdruck beträgt 60 mmHg, sie hat eine schwere Laktatazidose. Die Patientenverfügung besagt: keine Intensivtherapie. Frau Zimmer spricht mit schwacher Stimme am Telefon mit ihren Söhnen, verabschiedet sich.

Der Einstieg in die Fallvignette zeigt, wie rasch sich aus einer gesundheitsförderlich orientierten hausärztlichen Versorgung mit leitliniengerechter Behandlung einer alten Dame eine auf den ersten Blick zwingend pathogenetisch orientierte Versorgung eines medizinischen Notfalls entwickelt. Dem erfahrenen Intensivmediziner ist die Situation klar: Aus einer unbemerkt entstandenen tiefen Beinvenenthrombose hat sich ein Thrombus gelöst und einen bedeutsamen Teil des Lungengefäßbettes verlegt. Weil die Herzklappen der alten Dame allesamt nicht mehr richtig schließen, ist die rechte Herzkammer überfordert. Damit strömt gerade noch genug Blut durch die Lunge zurück zur linken Herzkammer, um das Gehirn zu versorgen und auch das Herz, aber schon nicht mehr die Nieren. Pathogenetisch ist klar, was zu tun ist: den Thrombus möglichst schnell auflösen, das Herz intensivmedizinisch per Katecholamin-Dauerinfusion vorübergehend anzupeitschen und so, fein dosiert und engmaschig kontrolliert, den Kreislauf der Patientin und die Blutversorgung lebenswichtiger Organe wieder zu stabilisieren.

Aber schon in diesem Stadium stellen sich dem behandelnden Intensivmediziner eher salutogenetische Fragen: Wird sich die Niere erholen? Wie wird sich die Niere erholen? Wird sich das Herz erholen? Was kann die Erholung maximal unterstützen? Wird sich die alte Dame insgesamt wieder erholen? Wird sie noch einmal nach Hause gehen können? Wird sie ein Pflegefall? Was wünscht die alte Dame? Ist die Patientenverfügung, „keine intensivmedizinischen Maßnahmen“, strikt einzuhalten? Sie war sich bewusst, dass sie im jetzigen Zustand nur noch Stunden zu leben hätte und verabschiedete sich am Telefon von ihren Kindern. Ist das unbedingt zu respektieren, oder ist nicht ein Versuch, den Kreislauf mit begrenzter Intensivmedizin zu stabilisieren, gerechtfertigt? Wer autorisiert das Vorgehen? Und welche Risiken einer Verschlimmerung und Schwächung Selbstheilungskräfte der 91-Jährigen würde die rein pathogenetisch folgerichtige Behandlung in sich bergen? Angenommen, es gelänge, die alte Dame zu stabilisieren: Wer kümmert sich um sie? Wie ginge es nach der Entlassung weiter? All diese Fragen schwirrten dem Intensivmediziner an diesem Abend durch den Kopf, während er mit den Söhnen der alten Dame, einer davon zufällig aus einem Gesundheitsberuf, telefonierte. Wie oft in solchen Situationen hatte der behandelnde Intensivmediziner außer der Patientenverfügung und der aktuellen Sachlage keine weitere Information zur Entscheidungsfindung über die weitere Behandlung. Lediglich den Medikamentenplan, den die alte Dame mitgebracht hatte und eine Kopie eines Arztberichts vom kardiologischen Kollegen aus dem Vorjahr, die der Patientenverfügung beilag.

Integrative Medizin als Gesundheitsversorgung der Zukunft tritt mit dem Leistungsversprechen an, auch in solchen Situationen Orientierung und bessere Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen zu erleichtern (Esch u. Brinkhaus 2020; Mezzich 2014). Sie stellt die Salutogenese, also das Wissen um die Gesundheit fördernde oder erhaltende Prozesse gleichberechtigt neben die Pathogenese (Lindstrom u. Eriksson 2005). Letztere beschreibt das Wissen um die Ursachen von Krankheiten, die Risikofaktoren für Ursachen und die Möglichkeiten, solche Risiken früh zu erkennen und das Entstehen von Krankheit risikogeleitet zu vermeiden. Integrative Medizin bezieht sich in ihrem Ansatz auf die Bewegung der Patientenzentrierten Medizin und deren Grundannahmen (Davies 2008; Klancnik Gruden et al. 2020; Machta et al. 2019). In einer Konsensus-Konferenz stellte das International College of Person-Centered Medicine (ICPCM) im Mai 2014 Grundprinzipien auf und forderte, damit es nicht bei Absichtserklärungen bleibt, konkrete Aktion in 10 Handlungsfeldern (Mezzich 2014).

Das Kapitel beschreibt darum in aller Kürze zuerst die Ausgangssituation der Gesundheitsversorgung auf dem Land sowie die zu erwartenden und damit die Rahmenbedingungen setzenden, kontextuellen und gesellschaftlichen Makrotrends. Das Kapitel geht dann kurz ein auf ein vom Forum Gesundheitsstandort Baden-Württemberg und dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördertes Modellvorhaben zur Sicherung der hausärztlichen Versorgung im ländlichen Raum in Baden-Württemberg. Es zeigt auf, wie dieses neue Versorgungskonzept unter Würdigung der entsprechenden Rahmenbedingungen auf die erwähnten Grundprinzipien und die 10 Handlungsfelder der Patientenzentrierten Medizin eingeht.

Das Dorf der alten Dame liegt in der Region Nordschwarzwald. Auf der Landkarte sieht das nicht besonders abgeschieden aus: nicht weit von Stuttgart, im Norden die Großstadt Pforzheim, im Osten die Universitätsstadt Tübingen, im Süden ein Zentrum für Medizintechnik, Tuttlingen, im Westen die Rheinebene von Karlsruhe bis Freiburg, alles verkehrstechnisch gut angebunden über den von Stuttgart nach Singen ziehenden Strang der A 81 oder die Gäubahn von Stuttgart nach Zürich. Wer im Flugzeug auf der Anflugroute nach Zürich darüber fliegt, sieht einen hübschen Wechsel von Wald, Wiesen und Dörfern. Berühmte Menschen und Produkte kommen aus dieser Region, etwa Jürgen Klopp und der Fischer-Dübel. Wer aber hineinfährt in die tief in die Bergzüge eingeschnittenen Täler des Nordschwarzwalds, spürt die Abgeschiedenheit. Stuttgart, Karlsruhe, Sindelfingen oder Tübingen – das ist weit weg.

Es wundert deshalb nicht, dass von über 100 Hausärzten in der Region in den nächsten 5 Jahren die Hälfte altersbedingt ausscheiden wird. Nachwuchs bleibt aus. Von 100 Medizinstudierenden träumt vielleicht einer von einer Einzelpraxis in einer ländlichen Region. Um die Zukunft der kleinen und mittleren Krankenhäuser in solchen Regionen ist es nicht besser bestellt. Trotz geschickter und umsichtiger kaufmännischer Geschäftsführung schreiben sie rote Zahlen. Die Behandlung von Fällen wie dem der alten Dame rechnet sich im DRG-System nicht.

Wie sieht die Zukunft vor Ort dann aus? Eine rein telemedizinische Versorgung? Eine Arztpraxis ohne Arzt, bedient durch ein Call-Center aus Bangalore, unternehmerisch geleitet von einem deutschen Krankenhauskonzern? Rezepte, die vom Call Center elektronisch ausgestellt und Medikamente, die im Schließfach bei der örtlichen Sparkasse wie bei einer DHL Packstation abgeholt werden? Falls die alte Dame ein Tablet bedienen kann, erklärt ein freundlicher, sogar schwäbisch sprechender junger Arzt über das Internet, wie sie die Medikamente einnehmen muss und bei welchen Anzeichen von Veränderung sie das Call-Center anrufen soll? Informationen über individuell zu erwartende Nebenwirkungen finden sich nach Auslesen des QR-Codes in einem gesicherten Video-Kanal, sowie Tipps der Digitalapotheke für naturheilkundlich basierte Nahrungsergänzung? Ist das die Integrative Medizin der Zukunft auf dem Land in der realen betriebswirtschaftlichen Umsetzung des zukünftigen Gesundheitssystems (Azzopardi-Muscat 2019; Blandford 2018; Gordon et al. 2020)?

7.2 Integrierte Medizin in der hausärztlichen Praxis auf dem Land: Utopie oder Chance auf Umsetzung?

Das Academic Consortium for Integrative Medicine and Health (www.imconsortium.org) definiert Integrative Medizin wie folgt:

„Integrative Medicine […] reaffirms the importance of the relationship between practitioner and patient, focuses on the whole person, is informed by evidence, and makes use of all appropriate therapeutic and lifestyle approaches, healthcare professionals and disciplines to achieve optimal health and healing.“

Wie könnte eine Versorgung der Zukunft aussehen, die im Dorf der alten Dame im Nordschwarzwald diesen Anspruch umsetzt, aber zugleich den Makrotrend der Digitalisierung, der Abwendung junger Ärzte vom Lebensmodell der hausärztlichen Einzelpraxis auf dem Land und den Wunsch nach vielen Fachberufen im Gesundheitswesen nach stärkerer Integration, Verantwortung und fachlicher Kompetenz aufgreift?

Nach dem Zweiten Weltkrieg – Digitalisierung, DRG und digitale Gesundheitsanwendungen noch unvorstellbar weit in der Zukunft – bot eine von einem meist männlichen Inhaber geführte Einzelpraxis auf dem Land ein vielversprechendes, attraktives Arbeits- und Lebensumfeld für junge Ärzte und deren Familien. Häufig konnte die Lebenspartnerin in die Gestaltung und Führung der Praxis einbezogen werden. Die Vergütungssysteme boten ein gutes Auskommen, neben Bürgermeister, Pfarrer und Schuldirektor war der Arzt im Dorf eine sozial hoch geachtete Respektsperson. Die Notizen erfolgten mangels PC in der händisch geführten Akte. Die Basis war die gelehrte Schulmedizin, allerdings in hoher individueller ärztlicher Variabilität und Auslegung. Der frühere Hausarzt der Mutter der alten Dame kannte die Familie, hatte eine innere Repräsentation der Gestalt der Erkrankungsgeschichten aller Beteiligten, wusste um den individuellen sozialen Kontext und seine Wechselbeziehungen in der Gemeinde.

Doch die Rahmenbedingungen sind zwei Generationen später grundsätzlich andere geworden und vielfach ausführlich und hinlänglich beschrieben. Junge Menschen wünschen sich heute Gleichberechtigung in Beruf und Familie und benötigen entsprechende infrastrukturelle Unterstützung um zwei Berufe, Familie und soziales Leben miteinander vereinbaren zu können. Junge Ärztinnen und Ärzte zeigen zudem wenig Interesse an der unternehmerischen Verantwortung in der klassischen Einzelpraxis in der heute viel stärker regulierten Versorgungsrealität. Dazu bedürfen heutige Patienten aufgrund der demografischen Veränderungen und der damit verbundenen komplexeren Erkrankungsmuster ein erhöhtes Maß an Betreuung und Fürsorge. In viel stärkerem Maße müssen andere nicht-ärztliche Ressourcen der Zivilgesellschaft miteinbezogen werden (Machta 2019; Annis et al. 2016; Coombs et al. 2011). Darüber hinaus sind komplementäre Behandlungsansätze weiterhin in der Bevölkerung erwünscht, nachgefragt und akzeptiert. Ob die universitäre Schulmedizin das als Habakuk abtut, sich vorsichtig öffnet oder wie in den USA Institute und Lehrstühle einrichtet, welche das Zusammenwirken von klassischer Schulmedizin und ergänzenden „alternativen“ Heilmethoden systematisch untersuchen – die alte Dame im Dorf im Nordschwarzwald kümmert das wenig. Sie sucht für bestimmte Anliegen wie etwa ihr periodisch wiederkehrendes quälendes Hautjucken oder ihren Abgeschiedenheitskummer an Novembertagen schon immer die Tochter des früheren Handauflegers auf, ihre Heilpraktikerin. Die hört geduldig zu und nimmt sich Zeit.

Kann Integrierte Medizin oder Patientenzentrierte Medizin hier einen Zukunftsweg weisen – oder sind das nur neue Worthülsen für alte Schläuche (Esch u. Brinkhaus 2020; McMillan et al. 2013)? Aus der Perspektive des ländlichen Raums ist der Mangel an Hausärzten das Problem – ob Integrierte Medizin oder einfach nur schulmedizinische Grundversorgung ist zunächst nachrangig. Wird die Herausforderung über eine Hausarztquote mit Verpflichtung zu lösen sein? Oder besser über innovative neue Versorgungsmodelle in multiprofessionellen Teams (Coombs et al. 2011; Chiang et al. 2018; Everett et al. 2016; Society of Teachers of Family Medicine 2012)? Wir an der Medizinischen Fakultät Mannheim haben uns für den zweiten Weg entschieden, und gemeinsam mit Studierenden, Patientenvertretern, nicht-ärztlichen Fachkräften ein Konzept für eine Neugestaltung einer patientenzentrierten, primärärztlichen Versorgung im ländlichen Raum entworfen. Ob sich das Konzept mit dem sperrigen Titel „Ambulante Integrierte Gesundheitszentren zur Optimierung der ärztlichen Versorgung und Pflege im ländlichen Raum“, aber griffigeren Kürzel AMBIGOAL tatsächlich in die Praxis wird umsetzen lassen, ist noch offen. Ein ganzes Bündel an Fragen soll in den nächsten zwei Jahren geklärt und in praktische, auch betriebswirtschaftlich nachhaltige Prozesse übersetzt werden. Im Kern orientiert sich das Vorhaben an den Grundideen der Person- and People-centered Integrated Care (PPCIC). Die Grundidee von AMBIGOAL ist die Zusammenarbeit von Ärzten und (auch akademisch) weitergebildeten medizinischen Fachpersonen in einem Team rund um die Anliegen des Patienten und unter Nutzung digitaler Lösungen im Gesundheitswesen zur Unterstützung der Prozesse.

Im Vordergrund steht die Entwicklung neuer Prozessabläufe, welche die horizontale Integration mit anderen Beteiligten in der Kommune aber auch in der Familie und im Kreis der Angehörigen einschließt – von Pflege bis hin zu zivilgesellschaftlichen Ressourcen wie des bürgerlichen Engagements (Machta 2019; McMillan et al. 2013; Larson u. Frogner 2019; Park et al. 2018; Rathert et al. 2013; van Vught et al. 2014). Die Grundidee ist ein Primärversorgungszentrum in dem Ärzte Teile ihrer heutigen Aufgaben an entsprechend qualifizierte nicht-ärztliche Fachberufe delegieren (z.B. Hausbesuch bei chronisch kranken Patienten) und vor allem bei komplexen Situationen, in denen Versorgung, Unterstützung und Gesundheitsförderung sowie soziale Aspekte bedeutsam sind, die horizontale Vernetzung mit anderen in der Kommune vorhandenen Ressourcen zu schaffen – von Pflegedienst über Sozialstation bis zu nachbarschaftlicher Hilfe. Vorbilder dafür gibt es in Deutschland, nur die Finanzierung ist bislang nicht gelöst. Der zweite Pfeiler betrifft die vertikale Vernetzung, d.h. das Einbinden spezialisierter Versorgung, seien es Fachärzte, regionale Krankenhäuser bis hin zu universitärer Spitzenmedizin. Digitalisierung ermöglicht, dass vieles, das früher eine Reise des Patienten zum Ort des Spezialwissens erforderte, heute digital im Primärversorgungszentrum angebunden werden kann.

Das Konzept muss von vornherein zwei sich diametral widersprechende Trends berücksichtigen: Einerseits werden in der näheren Zukunft nur etwa die Hälfte der heutigen ärztlichen Versorgungsstunden für den persönlichen Kontakt in einer ländlichen Region zur Verfügung stehen, andererseits erwarten Patienten und Betroffene eine intensivere direkte persönlichen Zuwendung im unmittelbaren Kontakt – also mehr Zeit statt weniger.

Der Kern des Konzepts ist eine funktionierende, arbeitsteilige, multiprofessionelle Zusammenarbeit – horizontal und vertikal sowie über Sektorengrenzen hinweg verbunden mit der Organisation der Prozesse nicht primär nach betriebswirtschaftlichen Optimierungsmöglichkeiten der Anbieter, sondern, soweit wie möglich, nach dem Primat der Patientenzentriertheit. Dies wird nur durch den geschickten Einsatz neuer Berufsfelder und digitaler Lösungen, von denen viele erst noch für diesen Zweck entwickelt werden müssen, gelingen (Azzopardi-Muscat et al. 2019; Blandford et al. 2018; Lennon et al. 2017; O’Connor et al. 2016). Zukunftsfähig ist eher, ein solches Konzept dort zu verwirklichen, wo mangels Nachfolge die primärärztliche Versorgung unmittelbar zusammenzubrechen droht. Die Herausforderung für das AMBIGOAL-Konzept ist, wie die eher überlappenden und allgemeinen Grundforderungen der PPCIC Geneva Convention über die in der Convention benannten zehn Handlungsfelder in die konkrete Praxis umgesetzt werden.

Die Grundforderungen sind:

1. Eine integrierte Beziehung zwischen den Personen, die Hilfe suchen und den Personen der Heilberufe durch ein Miteingehen auf die körperlichen, geistigen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse der ganzen Person, einschließlich ihrer Stärken und Schwächen. Ergänzt durch konsequentes Miteinbeziehen der jeweiligen Gesundheits- und Lebensziele

2. Umsetzung der PPCIC unter Einbezug des gesamten sozialen (und familiären) Kontextes

3. Koordination der Gesundheitsfürsorge über den gesamten Lebensweg eines Menschen mit Fokus darauf, durch Förderung von Gesundheit, die Krankheitslast der Menschen in den Gemeinschaften zu verringern

4. Förderung der vertikalen Integration innerhalb des Gesundheitswesens

5. Horizontale Integration der Gesundheitsversorgung durch die koordinierte Planung der gemeindenahen Leistungserbringung in den Gemeinden und Regionen über mehrere gesellschaftlichen Sektoren hinweg

Wie kann die erste Forderung, die Integration und das Eingehen auf den ganzen Menschen in einem multiprofessionellen Team, das sich um Anna Zimmer kümmert, bewältigt werden? Ihr „alter“ Hausarzt kannte noch alle Facetten seiner Patienten aus der jahrzehntelangen Betreuung, den Hausbesuchen, den Geschichten auf dem Dorffest, den Begräbnissen, den Hochzeiten, den Geburten, den Taufen oder etwa den Berichten seiner Kinder über ihre Lehrerin Anna Zimmer. Diese Facetten fügten sich für den alten Hausarzt zu einer fluiden, sich entlang des Lebenswegs entwickelten inneren Repräsentanz zusammen. Dann reichte im Einzelfall auch eine ganz kurze Konsultation für das Beziehungsupdate. Wer aber hat in einem multiprofessionellen Team der Zukunft die Zeit, diese Facetten zu erfragen, diese „fluide Gestalt“ zu pflegen und für die anderen im Team verfügbar zu machen? In der Hochschulambulanz in Witten nehmen sich ein Arzt und eine nichtärztliche Fachperson jeweils mindestens eine halbe Stunde Zeit für die Erstkonsultation und reflektieren anschießend im Team die Bedarfslage des Patienten – im Hinblick auf die Chancen der Krankheitsbehandlung und im Hinblick auf die Förderung der Gesundheit (Machta et al. 2019; Esch et al. 2013). Der aktuelle Vergütungskontext macht wenig Hoffnung auf eine dafür ausreichend dotierte ärztliche EBM-Ziffer für diese Herangehensweise im Alltag.

Was aber, wenn, wie bei AMBIGOAL geplant, aufbauend auf die Forschung zu Patient Reported Outcome Measures digitale Lösungen, etwa computeradaptive Fragebogen auf einem Tablet vor der Konsultation oder im Wartezimmer eingesetzt werden? Wenn diese ersten Ergebnisse aus der Perspektive des Patienten dann so aufbereitet und visualisiert werden, dass darauf aufbauend eine fachkundige Person mit Anna Zimmer die Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Erfüllung der eigenen Gesundheits- und Lebensziele bespricht (Hudon et al. 2011; Rosenzveig et al. 2014; Winn et al. 2015)? Was, wenn Anna Zimmer oder ihre Vertrauensperson wie im Open-Notes-Ansatz auch Zugang, Zugriff und Möglichkeit zur Änderung und Aktualisierung bekommen (Esch et al. 2016; Goldzweig 2017)?

Die zweite Forderung erkennt an, dass „die Gesundheit der Menschen von untrennbaren Beziehungen zu anderen Menschen mit unterschiedlichen Zielen, Traditionen und Werten abhängt.“ Es ist notwendig, aber nicht hinreichend, nur die Betroffenen an Entscheidungen über die eigene Gesundheit zu beteiligen. Vielmehr müssten die Wechselwirkung und Rückwirkung auf die Gemeinschaft mitberücksichtigt werden (Annis et al. 2016; Society of Teachers of Family Medicine 2015). In ganz besonderem Maße sind hier Angehörige in die Versorgung und Pflege insbesondere älterer Menschen im ländlichen Raum eingebunden. Was aber, wenn, wie bei Anna Zimmer, Angehörige weit entfernt wohnen? Wie können andere Menschen im Beziehungssystem, im Quartierssystem, im sozioökonomischen System einbezogen werden? Wer kann in einem multiprofessionellen Team solche Prozesse unterstützen, wer führt die erforderlichen Gespräche? Könnten diese Prozesse digital sinnvoll unterstützt werden? Was lässt sich von hochstrukturierten und digitalisiert ineinandergreifenden Wertschöpfungsketten, wie z.B. in der Automobilindustrie, lernen? Wie werden im System die notwendigen Anreize geschaffen, das größere Bild und den gesamten Kontext zu berücksichtigen?

Die dritte Forderung der Geneva Declaration ist Gesundheitsfürsorge über den gesamten Lebensweg mit dem Ziel, die Krankheitslast in der Bevölkerung zu senken. Hier besteht weniger ein Wissensproblem als ein Umsetzungsproblem. Auf der individuellen Ebene bieten heute schon Krankenkassen wie auch zahlreiche Betriebe umfassende und zum Teil sorgfältig abgestimmte Programme zur Gesundheitsförderung an, aber die Inanspruchnahme ist noch immer überschaubar. Welche Rolle können hier kombiniert digitale-analoge Lösungen spielen? Wie lassen sich auch ältere Menschen in die Gesundheitsförderung einbinden? Welche Ausbildung benötigen die darin tätigen nicht-ärztlichen Fachpersonen? Gerade die horizontale kommunale Integration aus dem Gesundheitssektor hinaus eröffnet Chancen auf Umsetzung in den Lebenswelten.

Wie aber wird die konkrete Quervernetzung mit anderen gesundheitsrelevanten Bereichen der Gesellschaft wie Bildung, Sozialfürsorge, Beschäftigung, Wohnen, Transport, Justiz, Finanzen und ökologischem Management verwirklicht? Dies ist eine weitere Forderung der Geneva Declaration. Eine kleine Gemeinde, Michelfeld im Landkreis Schwäbisch-Hall, hat dies aus eigenen Ressourcen im Rahmen eines familienpolitischen Gesamtkonzepts für ihre Kinder seit 2009 mit überragendem Erfolg nachhaltig umgesetzt. Von verbesserter Bewegungskompetenz über geringere Fördernotwendigkeit beim Schuleintritt bis zu den Fähigkeitstests in der dritten Klasse verbesserten sich Schlüsselkennziffern. Unser Versuch, das neue „Normal“ aus Michelfeld auf eine gut achtmal größere Kommune ohne Einbindung des Gesundheitswesens zu skalieren, verlief im Sand.

Diese Arbeiten mündeten darin, die primärärztliche Versorgung aus der Systemtheorie heraus als für reine Gesundheitsförderung nicht zwingend notwendigen (Michelfeld, Kinder), aber – sobald auch Behandlungsoptionen dazukommen – unverzichtbar wichtigen Netzwerkknoten im sozialen System einer Kommune zu verstehen. Daraus resultiert als Teilprojekt des AMBIGOAL-Vorhabens, explizit die horizontale Vernetzung in die zivilgesellschaftlichen Ressourcen voranzubringen und von bestehenden erfolgreichen oder partiell erfolgreichen Projekten gerade zur Gesundheitsförderung oder Pflege in Kommunen zu lernen. Wer sind dann im multiprofessionellen Team die dafür tatsächlich handelnden Personen? Welche Befähigung brauchen sie für den qualifizierten, sektorenübergreifenden Austausch, welchen Mehrwert müssen welche gesellschaftlichen Sektoren erwarten dürfen, welche Prozesse müssen abgebildet und eingebettet werden, damit es nicht nur beim Austausch über die Idee bleibt (Davies 2008; van Vught et al. 2014; Esch et al. 2011)? Das werden wir in geförderten Modellprojekten für eine sektorenübergreifende Integration am Beispiel etwa von Kindern im Vorschulalter mit drohender Entwicklungsverzögerung in einer Gemeinde bei Heidelberg untersuchen oder am Beispiel einer verbesserten Integration von ambulanter Pflege in die primärärztliche Versorgung im Landkreis Konstanz, u.a. unter Nutzung digitaler Unterstützungsmaßnahmen.

Die letzte Forderung der Geneva Declaration zielt auf eine bessere vertikale Integration im Gesundheitswesen von Primärversorgern und Spezialisten. Aus Sicht von Anna Zimmer wäre es überaus wünschenswert, wenn ihr zukünftiges primärärztliches Versorgungszentrum die notwendigen Konsultationen mit Spezialisten telemedizinisch durchführen könnte. Sie hat gar nicht den Anspruch, dass ein Arzt den Ultraschallkopf führt. Viel wichtiger wäre ihr, dass eine fachkundige Person an einem Ort erklärt, was zu tun ist und die verschiedenen Informationen zusammenfügt. Ihr Alltag heute ist, mit Überweisung selbst einen Termin beim Kardiologen und beim Neurologen zu organisieren, wegen des unzureichenden öffentlichen Nahverkehrs – die nächste Bushaltestelle ist viel weiter entfernt, als ihre Beine ohne längeres Verschnaufen tragen – möglicherweise selbst ins Auto zu steigen oder sich von der Nachbarin fahren zu lassen. Wie oft schon hat sie ihre Krankengeschichte wiederholt und dabei manches vergessen zu berichten.

Dies wäre gleichwohl bei vernünftigem Redesign der Prozesse und Neuverteilung der Kompetenzen leistbar. Längst führen in anderen Ländern qualifizierte nicht-ärztliche Fachpersonen die Ultraschall-Untersuchungen durch, durchaus auch Echokardiografien. In Kombination mit neuen Ausbildungsinitiativen für nicht-ärztliche Fachkräfte, erweiterter Delegation von Leistungen, und konsequenter Nutzung digitaler Datenaustauschformate könnte ein bedeutsamer Anteil der Versorgung unmittelbar im primärärztlichen AMBIGOAL-Team verbleiben und müsste nur bei Bedarf eine fachärztliche persönliche Konsultation erfolgen.

Mehr noch, bei entsprechender Qualifikation des nicht-ärztlichen medizinischen Fachpersonals ist häufig nicht einmal das unmittelbare Mitwirken des Primärarztes im AMBIGOAL-Team erforderlich. Auf Seite der Spezialisten könnte eine solche differenzierte Arbeitsteilung aus der langjährigen Routinebetreuung Ressourcen freisetzen, die den Patienten mit akutem intensivem persönlichen Behandlungs- und Beratungsbedarf zugutekommen. Wie dies praktisch abgebildet wird, welche Prozesse und welche Kompetenzen auf beiden Seiten für die Umsetzung in realen Vergütungsstrukturen erforderlich sind, ist ein weiteres Teilprojekt in AMBIGOAL.

Auch den Autoren der Geneva Declaration war die Gefahr bewusst, beim allgemein Wünschenswerten zu bleiben. Sie benannten daher zehn konkrete Handlungsfelder:

1. Bewusstsein: AMBIGOAL sieht ein Arbeitspaket vor, das früh und gezielt Gesundheitskommunikation als Aufgabe wahrnimmt. Wie wird eine Erwartungshaltung gefördert, in welcher die Hilfesuchenden eine personenzentrierte und menschenzentrierte, aber nicht zwingend arztzentrierte Versorgung erfahren, wie wird die Evidenz integriert? Wie werden Hilfesuchende darin unterstützt, sich an diesem Prozess selbst aktiv zu beteiligen? Welche Chance bieten hier alternsgerechte digitale Lösungen?

2. Bildung eines Bündnisses: Wie integrieren in der Zukunft nicht-ärztliche Fachpersonen und Ärzte ihr Zusammenwirken zu einer gesamtheitlichen Entscheidungsfindung? Können digitale Lösungen dies erleichtern? Wer ist in einem solchen Bündnis die Bezugsperson zum Patienten? Ist dies notwendigerweise immer der Arzt?

3. Intersektorale und interdisziplinäre Zusammenarbeit: Ein Teilprojekt aus AMBIGOAL beinhaltet die Integration zivilgesellschaftlicher Ressourcen in die zukünftigen Behandlungsprozesse. Dies geschieht in Co-Produktion mit verantwortlichen Stakeholdern, Bürgerinnen, Bürgern und Patientenvertretern. Die Herausforderung ist das Wie im konkreten kommunalen und Versorgungsalltag. Wie könnten bei Anna Zimmer Sozialstation, ärztliche Expertise und nachbarschaftliche Hilfe besser vernetzt werden?

4. Gesundheitsförderung: Gesundheitsförderung orientiert sich an messbaren Zielen, beispielsweise der Erfolgsrate in der Tabakprävention. Vorzusehen ist die Ausdehnung auf Sektoren außerhalb des Gesundheitswesens, insbesondere auf die Betriebe der Region. Dieser Prozess soll ausdrücklich die Angebote der gesetzlichen Krankenkassen und der Rentenversicherung integrieren.

5. Forschung: Eine der Kernkomponenten von AMBIGOAL ist die Erfassung von Patienteninformation und patientenrelevanten Outcomes in strukturierter Weise (Alguren et al. 2020; Saigle et al. 2019; Wiering et al. 2017). Anonymisiert werden über FIHR-Schnittstellen Daten in eine Forschungsdatenbank übertragen und auf regional aggregierter Basis mit Referenzdaten einer großen gesetzlichen Krankenkasse verglichen (Methode der synthetischen Kontrollgruppe). Innovative Forschungsdesigns wie etwa Regressions-Diskontinuität tragen im Versorgungsalltag neue Erkenntnisse über klinische Wirksamkeit, Effizienz, Zugänglichkeit, Praktikabilität und Ressourcenverbrauch bei.

6. Qualitätssicherung: Die Voraussetzung für eine Qualitätssicherung ist, relevante Patientenoutcomes konsequent und strukturiert zu erfassen (Rosenzveig et al. 2014). Kaum eine Arztpraxis weiß heute wirklich, wie es ihren Patienten geht. Das Nichtwiederkommen wird gleichgesetzt mit Besserung. Anna Zimmers Hausarzt erfuhr erst Wochen später von der sich anbahnenden Verschlechterung und der Krise. Wie dies unter Einbezug der Patientenpräferenzen möglichst effizient erreicht werden kann, wird in einer multiprofessionellen Station zunächst an der Universitätsmedizin Mannheim exemplarisch entwickelt. In einem Open-Source Ansatz sollen die Erkenntnisse fortlaufend einer größeren Allgemeinheit zugänglich sein.

7. Bildung und Ausbildung: Die Initiatoren von AMBIGOAL haben auf die Curricula verschiedener Ausbildungsinstitutionen für Physician Assistants eingewirkt bzw. waren daran maßgeblich beteiligt. Aufbauend auf existierende Formate, wie die noch für die klassische Hausarztpraxis entwickelte VERAH-Weiterbildung für medizinische Fachangestellte, werden über die VERAH hinausführende Formate unter Ausnutzung akademischer Aus- und Weiterbildung entwickelt und an die die erforderlichen Kompetenzen für die neuen Prozesse sowie Arbeits- und Verantwortungsaufteilungen angepasst werden. Zudem werden Ausbildungsmodule in digitaler Kompetenz für nicht ärztliche Fachberufe im Gesundheitswesen neu konzipiert und eingebunden vermittelt.

8. Wissensaustausch: Neben der populärwissenschaftlichen Darstellung und Dissemination über klassische und soziale digitale Medien ist es unabdingbar, die Ergebnisse im Sinne wissenschaftlicher Evidenz, bei dem auch die zu erwartenden negativen Resultate dargestellt werden, nachhaltig für Fachkreise zu publizieren. Durch die Publikation in englischsprachigen, in PubMed gelisteten Open-Source-Fachartikeln in Zeitschriften mit Impact Factor wird ein qualitätsgesicherter Zugang zu den Ergebnissen für alle Interessierten sichergestellt.

9. Finanzierung: Patientenzentrierte und Integrative Medizin bleiben Wunschdenken ohne adäquate Finanzierung. Wesentlich ist darum die Entwicklung von vertraglichen Vereinbarungen zur Ergänzung existierender Vergütungsformate oder Sonderverträge (z.B. § 140a SGB V). Diese müssen eine kostendeckende Vergütung der Mehraufwände sichern, bzw. ggf. durch sektorübergreifende kommunale Beteiligung Maßnahmen abdecken, die vor allem externen positiven Nutzen aufweisen. Ansatzpunkte für solche Innovation bietet etwa die Verordnung zur Aufnahme Digitaler Gesundheitsanwendungen in die Vergütung, bei welcher ausdrücklich auch Verbesserungen der Versorgung benannt sind. Schließlich gehört dazu auch eine Organisationsform, die den Arbeitsvorstellungen jüngerer Ärztinnen und Ärzte mehr entspricht, etwa als Medizinisches Versorgungszentrum in Eigentum einer größeren regionalen Genossenschaft.

10. Politik: Wesentlich für die frühe Umsetzung solcher Innovation ist die frühe Einbindung der Politik. Bei AMBIGOAL haben wir dies früh auf Landesebene der Ministerien (Sozialministerium, Wirtschaftsministerium, Ministerium für den Ländlichen Raum, Ministerium für Wissenschaft und Kultur), der Körperschaften wie Ärztekammern, der Kassenärztliche Vereinigung, und der gesetzlichen Krankenkassen vorangetrieben. Auf regionaler Ebene ist ein unerlässlicher Partner der Regionalverband Nordschwarzwald, der das Vorhaben mit einer eigenen, mehrere Kommunen umfassenden Digitalisierungsinitiative verknüpft hat („Digital Black Forest“) und darüber den Zugang zu den Verantwortlichen für die kommunalen Gesundheitskonferenzen und den Landräten eröffnete sowie zu den Bürgermeistern der Region. Durch die Förderung im Rahmen des Forums Gesundheitsstandort Baden-Württemberg und die Einbindung der Koordinierungsstelle Telemedizin des Landes Baden-Württemberg soll die Wechselwirkung mit der Weiterentwicklung des Gesundheitswesens in Baden-Württemberg gesichert werden.

Noch ist das Vorhaben AMBIGOAL eine geförderte Absichtserklärung mit Potenzial für die Zukunft. Wie rasch es sich im Nordschwarzwald umsetzen lassen wird, muss der Projektverlauf über die nächsten zwei Jahre zeigen. Hoffnung macht, dass beispielsweise in der Hochschulambulanz Witten bereits viele der genannten Komponenten in der Praxis verwirklicht sind. Hoffnung macht auch, dass der Landkreis Calw unabhängig von AMBIGOAL den Neubau eines medizinischen Campus vorantreibt, auf welchem auf einem Gelände die horizontale und vertikale Integration einschließlich Gesundheitsförderung abgebildet werden sollen.

Hoffnung bleibt also, dass das, was Anna Zimmer in ihrem Einzelschicksal wiederfuhr, gängige Alltagspraxis wird. Nach Rücksprache mit den Söhnen entschieden sich die Ärzte entgegen der Patientenverfügung und in Abweichung von den Leitlinien zu einer versuchsweisen, begrenzten Intensivbehandlung mit einer kontrollierten Infusion von Noradrenalin zur Stabilisierung der Herzfunktion. Zur Überraschung aller erholte sich die alte Dame rasch und konnte nach sechs Tagen in private Rehabilitation bei dem in einem medizinischen Fachberuf tätigen Sohn entlassen werden. Inzwischen ist das soziale Netz der Kommune aktiviert. Sozialstation, Gärtner, Einkaufshilfe, Haushilfe, Nachbarn, alle unterstützen die alte Dame. Anna Zimmer ist dankbar für das Geschenk eines wunderbaren Frühlings, die Chance noch einmal ein paar Wochen, Monate oder vielleicht auch noch etwas länger in ihrem Haus leben zu können. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Es braucht ein Dorf um ein Kind groß zu ziehen.“ Es braucht offensichtlich auch heute noch ein ganzes Dorf und mehr, um einem sehr alten Menschen einen würdigen Lebensabend zu ermöglichen.

Literatur

Alguren B et al. (2020) A scoping review and mapping exercise comparing the content of patient-reported outcome measures (PROMs) across heart disease-specific scales. J Patient Rep Outcomes 4(1): p. 7

Annis, AM et al. (2016) Do Patient-Centered Medical Home Access and Care Coordination Measures Reflect the Contribution of All Team Members? A Systematic Review. J Nurs Care Qual 31(4): p. 357–66.

Azzopardi-Muscat N et al. (2019) Digitalization: potentials and pitfalls from a public health perspective. Eur J Public Health 29(Supplement_3): p. 1–2.

Blandford A et al. (2018) Seven lessons for interdisciplinary research on interactive digital health interventions. Digit Health 4: p. 2055207618770325.

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Prof. Dr. med. Joachim E. Fischer

Joachim E. Fischer ist seit 2006 Direktor des Mannheimer Instituts für Public Health an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Ausbildung zum Kinderarzt (Kinderklinik Tübingen, anthroposophische Krankenhäuser Filderstadt und Herdecke). Langjährig Oberarzt auf der Intensivstation der Universitätskinderklinik Zürich. Nach Ausbildung an der Harvard School of Public Health in Boston zum klinischen Epidemiologen Leitung einer psychobiologischen Forschungsgruppe an der Eidgenössisch Technischen Hochschule Zürich.

8 Toward Fully Transparent Communication: Shared Medical Records

Tom Delbanco and Jan Walker

Zusammenfassung

Wie bereits in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, spielt eine gänzlich transparente Kommunikation auch in der Gesundheitsbranche zunehmend eine zentrale Rolle. Dabei wird davon ausgegangen, dass eine Basis des offenen Austauschs zu einem besseren Gesundheitsversorgungssystem sowohl für Patienten als auch für deren Familien und Ärzte führt, sich langfristig positiv auf die Patientensicherheit auswirkt und zu einer Wertschöpfung im Bereich der Gesundheitsversorgung für alle Beteiligten beiträgt. Transparente Krankenakten stellen ein wertvolles Werkzeug dar – sofern sie akkurat gepflegt und mit entsprechendem Respekt behandelt werden – mit dem Ziel, die Gesundheit und deren Wiederherstellung sowohl in der wissenschaftlich ausgerichteten als auch der Integrativen Medizin zu fördern.

Sie sind für den offenen Informationsaustausch zwischen Patienten und Gesundheitsdienstleistern von wesentlicher Bedeutung. Krankenakten werden zunehmend in Computersystemen verwaltet; hierdurch eröffnen sich neue Möglichkeiten des sinnvollen Informationsaustauschs, und zwar auch außerhalb der Einrichtung, in der die Krankenakten verwaltet werden. Unabhängig von der Praxisgröße stellen Ärzte bereits heute ihren Patienten routinemäßig Laborergebnisse, Medikamentenpläne, bekannte Allergien und andere ausgewählte Inhalte der Krankenakte online über sichere Patientenportale zur Verfügung. Aber schon bald werden Patienten ihre Krankenakte auch auf ihre eigenen Geräte herunterladen können.

Bereits seit etwa zehn Jahren werden Erfahrungswerte in Zusammenhang mit der internationalen OpenNotes-Bewegung (www.opennotes.org) erfasst. Diese Bewegung zielt darauf ab, die Aufzeichnungen des Arztes unmittelbar nach dem Patientenkontakt in die jeweilige Krankenakte aufzunehmen und diese anschließend dem Patienten zugänglich zu machen. Im Folgenden werden nun die geschichtliche Entwicklung und die Erfahrungen aus der Vergangenheit reflektiert und ein Blick auf die zukünftige Entwicklung geworfen.

Summary

As in so many other aspects of society today, fully transparent communication is taking center stage in health care. The hope is that a foundation of open interchange will improve care and the delivery system not only for patients, but also for their families and clinicians; that it will positively impact patient safety; and that it will contribute to healthcare value for all stake holders. Open records have power when they convey accurate information, respect, and a genuine desire to promote health and healing, both in scientific and Integrative Medicine.

Open records are central to transparency between patients and their providers. Increasingly, medical records are found on computerized systems, opening possibilities for appropriate sharing of their content beyond the walls of the facility in which they are housed. Today, practitioners, whether in large or small practices, routinely make laboratory results, medication lists, known allergies, and other selected record content available to patients online via secure patient portals. Soon, patients will easily download their medical records to their own devices.

We write after a decade of experience in the international OpenNotes movement (www.opennotes.org) that seeks to ensure that the notes clinicians write following encounters are included in the records available to patients. In what follows, we look back on a bit of history, outline some of what we are learning, and point toward future expectations.

8.1 Background

The OpenNotes movement has its roots in the United States in the 1960s when Lawrence Weed convinced medical practitioners to organize medical notes in a new, more rigorous way (Weed 1968). He created the “SOAP” note that became the basis of the “problem-oriented” medical record. As the patient and clinician addressed a problem, Weed suggested dividing the note into four components: Subjective (what the patient experiences), Objective (what the clinician observes or finds on examination), Assessment (how the clinician and patient put things together), and Plan (what the next steps should be).

In 1973, Shenkin and Warner proposed in the New England Journal of Medicine that patients be invited to review their medical records, including what their clinicians wrote about them. Their paper stimulated our early thinking about the invisible walls that often separate patients – and their families – from those who care for them (Fischbach et al. 1980; Delbanco 1992). Particularly through our efforts with OpenNotes over the past decade, we have learned that when communication among patients, families, and clinicians is more transparent, patients and families can participate more actively in care. In fact, everyonebenefits. Doctors, nurses, and other clinicians also feel more involved and more trusting, and they find they can provide care more easily and effectively. Transparent communication is the backbone of such relationships.

For a long time, clinicians resisted a major opportunity to form meaningful partnerships. They developed and maintained medical records, but did not share them with their patients. Then, in 1996, passage in the United States of the Health Insurance Portability and Accountability Act (HIPAA) began to change the rules. It gave patients the legal right to access their medical records upon written request, as is true now in many parts of the world. Nevertheless, even as records became digitized, the process for patients gaining access was often daunting, costly, and discouragingly slow. And while secure online portals began to offer patients access to some elements of their records, clinical notes were almost always hidden.

The OpenNotes program began by testing the hypothesis that inviting patients to read their clinicians’ notes is a good idea. In a 2010–2011 study, we found that patients were almost unanimous in their support, and that clinicians felt little impact (Delbanco et al. 2010; Walker et al. 2011; Delbanco et al. 2012). Since that initial study, hundreds of institutions have implemented Open-Notes, and we and others have conducted research to further understand their effects.

8.2 Patient and Clinician Experiences with OpenNotes

What have we learned? In a 2017 survey of 22,000 patients who had read their clinicians’ notes through secure online portals for as long as seven years, more than two thirds reported that reading their notes was very important for taking care of their health, for remembering their care plans, and for educating them about their health and illness (Walker et al. 2019). In a finding that is particularly striking, 64% of the patients responding reported understanding their medications better, and 14% indicated that reading their notes made them more likely to take their medications as prescribed (DesRoches et al. 2019). In addition, more than a third reported sharing their notes with others, primarily family members. Older and chronically ill patients in particular expressed desire to share access with their care partners, and several patient portals now offer ready “proxy” access to family members granted such permission by the patient.

A large body of literature shows that patients forget – or remember incorrectly – a significant amount of the information communicated during visits, and recall may be particularly affected by stress and anxiety. Patients report that reading their clinical notes aids recall of information and also strengthens collaboration and teamwork with their doctors. We have learned that even the simple offer to share notes may increase confidence and trust and help patients to be more “present” during appointments. Moreover, benefits appear to be greater for the most vulnerable patients. In the United States, these include patients who are older, less educated, nonwhite, Hispanic, or do not speak English at home.


Clinicians anticipating transparent medical records worry about frightening or confusing patients. But they invariably underestimate how resourceful patients can be. When queried about the negative effects of access, only 3% of patients surveyed reported feeling very confused, and just 5% felt more worried by what they read. Importantly, some patients choose not to read their notes or records; open notes offer patients full freedom of choice.

Not all patients are happy with the notes they read. Some find them disrespectful or inaccurate, thereby straining their trust. Nevertheless, access to clinical notes may also improve patient safety and diagnostic accuracy. Since medical records are written by humans, they inevitably contain errors, and research suggests that sharing clinical notes may make care safer by helping to close important feedback loops. Patients and their caregivers can, and do, identify important inaccuracies, omissions, and oversights in their records. In the same 2017 survey, more than 20% of patients reported an error, and more than 40% of these patients considered it “serious” (Bell et al. 2020). Considerable research today is focusing on the patient safety implications of transparency. One patient’s eyes looking at one record may be far more effective than less focused strategies examining thousands of records in an effort to assure safety.

Overall, a large number of studies of patient experiences with, and attitudes toward open notes have shown remarkable consistency. More than 95% of patients in the United States and abroad consider web-based access a good idea, whether or not they choose to read their notes. And in the United States, almost two in three describe the practice as extremely important for choosing future clinicians.

How do doctors and other clinicians report on offering access to notes? Before starting, they are generally hesitant, and some are quite opposed. Doctors have traditionally felt that records “belong” to them, rather than the patient. In addition, they worry that patients will disturb their work flow with questions, requests for corrections, and with unnecessary worries. But after at least a year of experience, the majority of 1,628 clinicians we surveyed in 2018 in the same 3 health systems reported feeling positive about the practice (DesRoches et al. 2020). Most doctors (71%) considered the innovation a good idea, with a similar proportion of advanced practice nurses and physician assistants agreeing that it is useful for engaging patients in their care. Moreover, the majority of doctors (84%) reported that patients never contacted them with questions about their notes, or did so less than once a month. On the other hand, a third of doctors reported spending more time writing their notes. They report becoming more mindful of the language they use, perhaps thereby contributing to enhanced perceptions of care. Primary care doctors, in particular, describe adjusting their language to avoid being perceived as critical of patients, omitting terms such as “non-compliant,” and “patient denies,” and modifying how they document sensitive information, such as social stresses or mental illness.

8.3 Mental Illness and OpenNotes

Early in our experiments, notes prepared by mental health specialists were almost always excluded, even though primary care doctors, whose practices invariably address the needs of those with mental illness, were offering open notes. But hesitation by mental health professionals is diminishing rapidly (Kahn et al. 2014; O’Neill et al. 2019; Blease et al. 2020; Chimowitz et al. 2020). Spurred initially by experiments in the Veterans Administration, psychiatrists and psycho-pharmacologists are now routinely opening their notes to many of their patients, including those with psychotic and major affective disorders. In addition, psychotherapists are turning to them as part of their therapy. One eminent therapist in the USA has long “prescribed” his notes as “homework” for his patients (personal communication: Angelo McClain, PhD). Today, as efforts increase to destigmatize those with mental illness and include them in the mainstream of care, in more than a quarter of the systems in the United States currently offering open notes, mental illness specialists have joined in the practice.

Rapidly Spreading Practice

Opening notes does not require new software; the notes are already in the electronic health record. Opening notes requires only that providers decide to share their thinking with their patients by adding clinical notes to the information available to patients when they log into the patient portal. This practice is spreading rapidly internationally. Throughout all of Sweden, Estonia and Finland, and much of Norway, patients are invited to review these notes electronically, and initiatives in the UK, Canada, Australia, and Germany are under way (DesRoches et al. 2019). As we write in the middle of 2020, more than 50 million patients registered on portals have now gained access to their notes in the United States, and making them available to patients throughout the country will become federal law in November, 2020.

OurNotes

A logical next step may be to have medical records co-generated and held jointly by clinicians and patients (Mafi et al. 2017). We are developing and testing such practice in several parts of the United States. The genesis for the concept of OurNotes relates both to Weed’s original postulates that led to the SOAP note and to growing worldwide interest in “shared decision-making.” As Angela Coulter described elegantly in her monograph, The Autonomous Patient, patients have a unique body of knowledge about their particular circumstances and experiences with health and illness (Coulter 2002). Similarly, clinicians have unique expertise. Therefore, the goal should be for this dyad to merge these disparate bodies of knowledge in such a way that both the patient and clinician benefit. In the context of Weed’s suggestions, the patient’s body of knowledge shapes the Subjective component of care. In turn, clinicians are highly trained to develop the Objective portion of the note by listening to the lungs, evaluating the heart sounds, or manipulating the swollen knee. Together, the Subjective and the Objective form the basis for a unified Assessment and Plan, where shared decision-making takes its ultimate shape.

In OurNotes, a few days prior to a scheduled visit either in person or through telemedicine, patients receive a message asking them first to review their prior open notes and then to complete and return an electronic form on which they

a) provide a brief interval history, and

b) list their goals for the visit.

Once submitted, the forms are saved as permanent parts of the electronic medical records. Clinicians review them prior to or during visits, and then, depending on a variety of technologies, either refer to them or incorporate them in the note itself. OurNotes has passed pragmatic tests at all our test sites: While organized feedback from both patients and clinicians is still being collected, at the end of year-long pilot programs the doctors in each of four settings across the United States have agreed to continue and further refine the intervention. Importantly, many striking anecdotes point both to more active patient involvement and increased efficiency for the doctors.

Spurred by the COVID-19 pandemic and the rapid implementation of telemedicine visits, several practices are tailoring OurNotes specifically for telemedicine (Kriegel et al. 2020). In addition to the interim histories and goals for a visit, patients are now asked to add information about their use of medications and, for those with equipment at home, to measure and forward also their vital signs and other measurements.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
896 s. 95 illüstrasyon
ISBN:
9783954666416
Telif hakkı:
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