Kitabı oku: «Karl Polanyi»

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Am 8. Mai 2018 wurde in Wien die International Karl Polanyi Society gegründet. Sie markiert einen neuen Beginn der Auseinandersetzung mit einem Denker, der im angelsächsischen Raum als Jahrhundertfigur gilt.

Dieses Buch bietet eine Einführung in Polanyis Hauptwerk „The Great Transformation“, eines der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts.

Es liefert Hintergründe zur intellektuellen Biografie Karl Polanyis, bringt biografische Skizzen seiner Familienmitglieder, erläutert die für Polanyi prägenden Milieus Budapest, Wien, London und New York und verdeutlicht seine Beziehung zu Zeitgenossen wie Keynes, Mises und Hayek.

Bedeutende Polanyi-Forscherinnen und –forscher, an erster Stelle seine Tochter Kari Polanyi-Levitt, erklären Polanyi’sche Begriffe wie „fiktive Waren“ und wenden seine Analyse gegen eine Zeit, in der offenbar alles der Mechanik des Markts unterworfen wird.

BRIGITTE AULENBACHER, MARKUS MARTERBAUER, ANDREAS NOVY, ARMIN THURNHER (HG.)

KARL POLANYI

Wiederentdeckung eines Jahrhundertdenkers

FALTER VERLAG

© 2019 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.

1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9

T: +43/1/536 60-0, E: bv@falter.at, W: www.falter.at

Coverillustration: P. M. Hoffmann

Alle Rechte vorbehalten. Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub: 978-3-85439-655-0

ISBN Kindle: 978-3-85439-648-2

ISBN Printausgabe: 978-3-85439-627-7

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2019

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

I. Die Renaissance

Die Grenzen einer Marktgesellschaft

„Viele weiden auf Polanyis Wiese“

Fiktive Waren und drei Wellen der Vermarktlichung

„Du als Deutscher bist nichts mehr wert“

II. Persönliches, Historisches

„Wo immer mein Vater lebte, war er involviert“

Freiheit in einer bedrohten Gesellschaft

Rebellin von Geburt, unbeugsam ein Leben lang

Von der Entwicklungsökonomin zur Wegbereiterin der Polanyi-Renaissance

Von der physikalischen Chemie zur Philosophie des Wissens

Milieus in Karl Polanyis Leben

Karl Polanyi in Budapest

„The Earliest Beginnings of His Later Teaching Life“

III. Inhalte, Wirkungen

The Great Transformation: Reflexionen über eine liberale Illusion

Welche Freiheit für wen? – Friedrich Hayek und Karl Polanyi

Karl Polanyi, Ludwig von Mises und die Frage der Planung

Karl Polanyi und John Maynard Keynes: zwei gegen den Mainstream

Karl Polanyi und Nancy Fraser im Dialog

Warum Polanyi Natur „fiktive Ware“ nennt

Sorgemärkte: Vom sorglosen zum sorgenden Kapitalismus?

Wissen als „fiktive Ware“ und die Wissensgesellschaft

Die zweite große Transformation

IV. Warum Polanyi jetzt?

Es ist Zeit für Veränderung!

Warum Polanyi heute in Wien?

Schlag nach bei Polanyi

Polanyi-Forschung international

Anhang

Autorinnen und Autoren

Endnoten

VORWORT

ARMIN THURNHER

Wir leben in einer großen Transformation. Niemand wird das bestreiten. Globalisierung, Digitalisierung, Neoliberalisierung, Klimawandel – wer kann die Schlagwörter noch hören? Eine dramatische Auswirkung des Umbruchs, in dem wir uns befinden, zeigt sich in der Ratlosigkeit traditioneller linker Politik. In einer Zeit, die ihr mehr Angriffsflächen böte als jede andere, weiß sie nicht mehr, auf wen sie sich beziehen kann und soll. So kommt mit großer Verzögerung auch bei uns das Werk Karl Polanyis ins Blickfeld.

Am 8. Mai 2018 wurde in Wien die International Karl Polanyi Society gegründet. Im Rahmen der Gründungstagung in der Wiener Arbeiterkammer wurden zahlreiche substanzielle Referate zum Thema gehalten, von denen einige in einer Beilage zur Wiener Wochenzeitung Falter mit dem Titel „Transformation des Kapitalismus? Karl Polanyi, Wiederentdeckung eines Ökonomen“ dokumentiert wurden. Die Tagung fand nicht von ungefähr an diesem Ort statt, denn für Polanyi stellten die Leistungen des Roten Wien einen Höhepunkt westlicher Zivilisation dar.

Die Beilage bildet die Grundlage des vorliegenden Buchs. Präsident und Vizepräsidentin der International Karl Polanyi Society, Andreas Novy und Brigitte Aulenbacher, haben sie mit Markus Marterbauer, Michael Mesch und Reinhold Russinger von der AK Wien und dem Autor konzipiert. Vor allem haben sie wesentliche Beiträge dazu geleistet und mit ihren Beziehungen ermöglicht, dass die Blüte der Polanyi-Forschung in diesem Heft schreibt. Und dass die Ökonomin Kari Polanyi-Levitt, Tochter Karl Polanyis und Nachlassverwalterin seines Werks, nun auch Ehrenpräsidentin der International Karl Polanyi Society, in diesem Buch mit einem großen biografischen Interview über ihren Vater vertreten ist.

Neu ist die Einleitung in das Werk Polanyis. Einige Beiträge wurden überarbeitet, andere wesentlich erweitert, wie jener von Michael Mesch über die biografischen Milieus von Karl Polanyi. Das Buch soll auch hierzulande einen Neubeginn der Auseinandersetzung mit einem Denker ermöglichen, der im angelsächsischen Raum als Jahrhundertfigur gilt.

Karl Polanyi bietet keine Politikanweisung. Er bietet nur Analysen. In Debatten der angelsächsischen Linken spielt er eine prominente Rolle. In politisch dürftigen Zeiten, wo sogenannte Politikberater den Ton angeben und Social-Media-Teams die Öffentlichkeit prägen, gibt das Werk Karl Polanyis Denkanstöße der substanziellen Art. In diesem Sinne will das Buch zum Weiterdenken und Weiterdebattieren anregen.

I
Die Renaissance

Was macht Karl Polanyi so aktuell, dass man ihn sogar „die Persönlichkeit unseres Jahrhunderts“ nannte? Dass die Zeit, die er analysierte, der Aufstieg der schrankenlosen Marktgesellschaft, frappierende Ähnlichkeiten mit unserer Zeit aufweist. Was ist das überhaupt, eine Marktgesellschaft? Und zeigt sich eine Gegenbewegung nach von Polanyi analysierten Mustern nicht gerade bei denen, die man „völkische Populisten“ nennen kann? Und wie sieht es aus, betrachtet man die Printmedien mit der Renaissance Polanyis im angelsächsischen Raum?

DIE GRENZEN EINER MARKTGESELLSCHAFT

Oder: warum „Polanyi die Persönlichkeit unseres Jahrhunderts sein sollte“

BRIGITTE AULENBACHER, VERONIKA HEIMERL, ANDREAS NOVY

In seiner Würdigung der Arbeiten Karl Polanyis sagt der international renommierte französische Ökonom Robert Boyer, „dass Polanyi die Persönlichkeit unseres Jahrhunderts sein sollte“. Was macht seine Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Kapitalismus heute so brisant? Polanyi untersuchte in seinem 1944 erschienenen Hauptwerk „The Great Transformation“ den Wirtschaftsliberalismus des 19. Jahrhunderts, den Börsenkrach von 1929 und die Große Depression sowie das kommunistische, faschistische und demokratische Ringen um die Neuordnung der Gesellschaft. Warum wurden diese Reflexionen seit den 1980er-Jahren, vor allem aber nach 1989 unter den Vorzeichen einer neuen Phase der Globalisierung wiederentdeckt und warum lässt sich heute geradezu von einer Polanyi-Renaissance sprechen? Vier Gründe lassen sich anführen, die die Einzigartigkeit von Polanyis Kapitalismuskritik hervorheben.

Die zerstörerische Macht des Marktes

Karl Polanyi war nicht nur ein Vordenker der Kapitalismuskritik, sondern auch ein unkonventioneller Querdenker. Als Journalist, Volksbildner, Wissenschaftler schrieb er teils essayistisch, was seine Schriften ebenso verständlich wie eindringlich macht. Informiert durch die Rechts-, Wirtschafts-, Sozialwissenschaften, Philosophie und Anthropologie ist sein Gesamtwerk weit gespannt und auch sein Hauptwerk bewegt sich quer zu disziplinären Spezialisierungen und über sie hinweg. So gelingt es ihm, das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft neu zu definieren.

Historisch weit ausholend zeigt er, wie in vorindustriellen Gesellschaften wirtschaftliches Handeln Teil des sozialen und kulturellen Lebens war. In der Regel wurden ökonomische Interessen (wie Gewinnstreben und Preissetzungen) sozialen und politischen Motiven (wie Status und Stabilisierung der bestehenden Gesellschaftsordnung) untergeordnet. Der Tausch auf Märkten war einzig eine von vielen wirtschaftlichen Institutionen. Umverteilung (Redistribution) durch eine Zentralmacht lebt heute in der Sozialversicherung und im Steuerstaat fort; doch schon in bäuerlichen Gemeinschaften kam beispielsweise der zentralen Lagerhaltung eine wichtige wirtschaftliche Bedeutung zu. Gegenseitigkeit (Reziprozität) gehört zum Zusammenleben in der Familie, in der Hauswirtschaft und lebt in Nachbarschaften fort. Gegenseitigkeit prägt aber auch bis heute den Zusammenhalt von Burschenschaften oder die Vettern- und Parteibuchwirtschaft.

Mit der Herausbildung des Industriekapitalismus änderte sich Karl Polanyi zufolge die untergeordnete Stellung der Ökonomie. Erstmals in der Geschichte (wirtschafts-)liberalen Denkens wird die Idee des „selbst-regulierenden Marktes“ für die Ausgestaltung des Verhältnisses von Wirtschaft und Gesellschaft leitend. Die Verhältnisse verkehren sich: Die Prinzipien und Mechanismen des Marktes beginnen die Wirtschaft und letztlich die Gesellschaft zu beherrschen. Dies „(…) bedeutet nicht weniger als die Behandlung der Gesellschaft als Anhängsel des Marktes. Die Wirtschaft ist nicht mehr in die sozialen Beziehungen eingebettet, sondern die sozialen Beziehungen sind in das Wirtschaftssystem eingebettet“ (Polanyi 2015, S. 88). Es geht Polanyi nicht um Marktkritik per se. Auch Polanyi würdigt die Errungenschaften, die sich aus technischem Fortschritt und aus dem liberalen Wertekanon ergeben, der das Recht auf Nonkonformismus und Rechtsstaatlichkeit festschreibt. Wohl aber kritisiert er scharf eine Entwicklung, in der Märkte zu Taktgebern des gesellschaftlichen Lebens werden.

Im Finanzmarktkapitalismus, wie er sich nach 1989 herausgebildet hat und auch durch die Krise 2008/09 nicht zu Fall gebracht worden ist, ist diese Marktmacht in bis dato unbekanntem Ausmaß zur Geltung gelangt und dringt in alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens vor. Alles wird käuflich, alles kann zur Ware werden: Finanzialisierung und ihre Folgen im Gesundheitswesen, im Immobiliensektor und in vielen weiteren Bereichen prägen den gesellschaftlichen Alltag. Kommodifizierung – etwas zu einer Ware machen – erstreckt sich auf alle wirtschaftsrelevanten „Elemente“, auch solche, die dazu nicht vorgesehen sind: Land als Metapher für Natur, Arbeit als Inbegriff menschlicher Tätigkeit, Geld als Mittel des Tausches – sie sind bloß „fiktive Waren“ (Polanyi 2015, S. 102). Werden sie den Dynamiken der „Marktwirtschaft“ in einer „Marktgesellschaft“ untergeordnet und unterworfen, gefährden sie damit die Gesellschaft in ihrer Substanz. Wenn Arbeit als eine Ware wie alle anderen gilt, dann werden Kollektivverträge obsolet und Prekarisierung wird unvermeidbar. Wenn kurzfristige Geschäftsinteressen wichtiger sind als Klimaschutz, gefährdet dies die ökologischen Grundlagen unserer Zivilisation. Es sind aber nicht nur die auf Anhieb als zerstörerisch erkennbaren Entwicklungen, die an die Substanz der Gesellschaft gehen, sondern auch die subtileren Mechanismen, mit denen Menschen gezwungen werden, sich in der „Marktgesellschaft“ einzurichten. Diese suggerieren nämlich ein neues Ausmaß an individueller Freiheit für diejenigen, die erfolgreich mitspielen: als Unternehmer und Unternehmerinnen ihrer selbst, als Ich-AGs, Best-Ager etc. Schließlich sind weitere Elemente zu nennen, auf die Polanyis Konzept der „fiktiven Waren“ angewandt werden kann: So wird das Wissen etwa zur Ware, wenn Universitäten zusehends wie Unternehmen geleitet und an der Marktgängigkeit ihrer Forschungs- und Lehrergebnisse bemessen werden oder wenn indigenes Wissen patentiert zur Ressource industrieller Medikamentenproduktion wird.

Die Neuordnung der Gesellschaft

Geschichte wiederholt sich nicht. So sind die gegenwärtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Ordnung und Neuordnung nicht mit den Umwälzungen gleichzusetzen, die die Folge von Wirtschaftskrise, Faschismus und Krieg waren und deren Zeitzeuge Polanyi war. Mit der Finanzkrise 2008/09 und der nachfolgenden Übernahme der Verluste von privaten Unternehmen durch öffentliche Haushalte hat sich die Krise jedoch zugespitzt. Nachdem sich mit Bewegungen wie Occupy Wall Street und vielen weiteren Protestbewegungen weltweit zunächst progressive Kräfte formierten, beobachten wir seit geraumer Zeit ein Erstarken rechtspopulistischer Parteien, die Herausbildung illiberaler Demokratien und die Verhärtung autoritärer Regime. Erneut – wie zu Polanyis Zeiten – folgt auf das Versagen der Ideologie freier Märkte eine Neuordnung der Gesellschaft. Die Ausrichtung dieser Neuordnung ist jedoch umkämpft. Ihr Spektrum reicht von Ideen einer den Kapitalismus überwindenden sozialökologischen Transformation und einer solidarischen Gesellschaft ohne Wachstumszwang bis hin zu sehr realen Entwicklungen eines autoritären Kapitalismus in wirtschaftlich dynamischen Schwellenländern, aber auch innerhalb der Europäischen Union. Reaktionäre Ordnungsvorstellungen und der Rückgriff auf traditionelle Geschlechterverhältnisse und nationale Identitäten können hierbei sowohl mit neoliberalen als auch globalisierungskritischen Ansätzen einhergehen.

Karl Polanyi hat solche Entwicklungen mit dem Konzept der „Doppelbewegung“ (Polanyi 2015, S. 102, 185, 207 f.) zu erfassen versucht. Für ihn ist die Gesellschaftsgeschichte ab dem 19. Jahrhundert das Ergebnis einer „Doppelbewegung“, einer „Bewegung“, mit der sich die Idee des „selbst-regulierenden Marktes“ durchsetzte, und einer „Gegenbewegung“, in der sich gesellschaftliche Gruppierungen sowie staatliche Institutionen auf unterschiedliche Weise vor den negativen Dynamiken der Marktwirtschaft zu schützen suchen. Angst vor der Kommodifizierung von Land, Arbeit, Geld und Wissen wird zu einer diffusen Sorge um die Zukunft. Dies kann für neue progressive Allianzen genutzt werden, wie Bernie Sanders in den USA und Ada Colau in Barcelona zeigen. Aber auch nationalistische Politiken verstärkter Grenzkontrollen können durchaus als Reaktion auf die Konkurrenz auf globalen Arbeitsmärkten gelesen werden. Karl Polanyis integrierte Analyse eröffnet inspirierende Anhaltspunkte, um über die aktuellen Auswirkungen von wirtschaftlichen Umwälzungen auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen nachzudenken.

Die Visionen einer gerechten und freien Gesellschaft

Wenngleich für wachsende Teile der Gesellschaft der Kapitalismus ökologisch, sozial und ökonomisch kein zukunftsfähiges System ist, so ist damit noch nichts über die Alternativen zu ihm gesagt. Karl Polanyis Nachdenken über eine gerechte und freie Gesellschaft setzt bei der Vorstellung an, dass – wie er es seinerzeit vermutete – die Menschheit nach den Erfahrungen von Diktatur und Krieg nie wieder den Weg einer radikalen Wirtschaftsliberalisierung gehen würde. Unter dieser Voraussetzung sieht er in der Industriegesellschaft eine Grundlage, auf der sich eine gerechte und freie Gesellschaftsordnung herausbilden kann. Was den ersten Punkt angeht, wurden wir inzwischen eines Schlechteren belehrt: Der Finanzmarktkapitalismus hat die Wirtschaftsliberalisierung erneut auf die Spitze getrieben. Was den zweiten Punkt angeht, so ist die Industrialisierung des Lebens in sozialer und ökologischer Perspektive zu einem eigenen Problem geworden, dessen Ursachen nicht allein in der „Marktwirtschaft“ zu suchen und zu sehen sind. Dies hat Zivilisationskritik anderer Art hervorgerufen, bei der es um die destruktiven und befreienden Potenziale technologischer Entwicklungen geht: Die Sharing Economy kann eine Kultur der Commons, des gemeinsamen Nutzens, begründen oder digitale Plattformen als neue globale Monopole schaffen. Wissen kann mit Wikipedia für alle zugänglich sein oder durch Vereinheitlichung die Entstehung globaler Bildungskonzerne ermöglichen, die Wissen enteignen und konzentrieren. Roboter können Arbeitserleichterung schaffen, aber auch die totale Überwachung wird technisch möglich.

Gerade deshalb ist Polanyis pluralistisch-sozialistische Vision von „Freiheit in einer komplexen Gesellschaft“ (Polanyi 2015, S. 329 ff.) von großer Aktualität, wenn es darum geht, über emanzipatorische und solidarische Formen einer postkapitalistischen Gesellschaft nachzudenken. Anders als zu Polanyis Zeiten blicken wir heute jedoch auf eine Geschichte des (Staats-)Sozialismus zurück, die ursprünglich als sozialistisch verstandene Ideen von Gleichheit, Freiheit, Solidarität deformiert und diskreditiert hat. Über eine Neuordnung der Gesellschaft im emanzipatorischen Sinne nachzudenken bedeutet auch, sich mit den historischen Erfahrungen staatssozialistischer Diktaturen auseinanderzusetzen und Wege in eine solidarische Gesellschaft zu suchen, in der sich die Freiheit der Einzelnen mit sozialer Gerechtigkeit und Entfaltungsmöglichkeiten für alle verbindet.

Karl Polanyis zentraler Beitrag, den er auf den letzten Seiten von „The Great Transformation“ ausführt und den wiederzuentdecken lohnt, besteht in einem flammenden Appell gegen Dogmatismus und Vereinfachung. Es ist ein Plädoyer für Dialektik und Pragmatismus. Die Kritik am fehlgeleiteten Glauben an die Selbststeuerungskraft des Marktes darf nicht zu einer Ablehnung von Märkten an sich führen. Die Kritik am exzessiven Individualismus liberalen Denkens darf nicht vergessen lassen, wie bedeutsam das Recht auf Nonkonformismus und der Schutz von Minderheiten ist. Doch gleichzeitig führt kein Weg daran vorbei, dass Gesellschaften nur mit „Planung“, „Regulierung“, „Kontrolle“ (Polanyi 2015, S. 338 ff.) und einem handlungsfähigen Staat gestaltbar sind. Sonst herrscht das Recht des Stärkeren: Digitale Plattformen verdrängen mit Steuer- und Sozialdumping die Konkurrenz; Radfahren bleibt eine Nische für Ökobewusste und geflogen wird weiterhin steuerbegünstigt. Kurzum, ohne „Planung“, „Regulierung“, „Kontrolle“ ist „Freiheit in einer komplexen Gesellschaft“ (Polanyi 2015, S. 329 ff.) nicht möglich, wenn sie mehr sein soll als die individuelle Freiheit der Privilegierteren.

Warum Polanyi die Persönlichkeit des Jahrhunderts sein sollte

Karl Polanyi verdient es, eine zentrale Referenz für das 21. Jahrhundert zu werden, weil sein Denken auf der Suche nach konstruktiven, solidarischen Alternativen hilft. Polanyi ist keinesfalls der einzige Vor- und Querdenker, um in der aktuellen Umbruchphase eine umfassende Systemkritik mit einer konkreten Zeitdiagnose zu verbinden. Es kann nicht darum gehen, Polanyi gegen Marx, Weber, Adorno, Keynes oder viele andere auszuspielen. Querdenken heißt, verschiedene Perspektiven zu nutzen, um in der Vielfalt der aktuellen Dynamiken nicht orientierungslos zu werden. Jedoch gibt es für die Polanyi-Renaissance gute Gründe: Sein Werk lädt ein, das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft neu zu denken. Polanyi hilft, die Gefahren zu erkennen, denen sich eine Zivilisation ausgesetzt sieht, in der materielle Eigeninteressen als einzig legitime gesellschaftliche Interessen gelten: Zahlt es sich aus? Rechnet es sich? Können wir uns dies und jenes leisten? Polanyi hilft uns, dieses ökonomische Denken erneut in größere gesellschaftliche und ökologische Zusammenhänge einzubetten. Nur auf diese Weise können die gesellschaftlichen Belange der Vielen zum Taktgeber der Wirtschaft gemacht werden, statt sie an den individuellen Interessen von wenigen auszurichten.

Und Polanyi lädt – auch in Verbindung mit seiner Biografie – dazu ein, an die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurückzugehen und aus der Geschichte zu lernen: aus dem Kampf um Demokratie und Frauenrechte, um Wohlfahrtsstaat und gegen Krieg. Aus den großen Siegen (gegen den Faschismus und beim Aufbau der Völkerverständigung) und schrittweisen Erfolgen (den vielen kleinen Gesetzesänderungen, geänderten Routinen und kulturellen Selbstverständlichkeiten wie der voranschreitenden Gleichstellung der Geschlechter, der breiten Akzeptanz von Homosexualität, der wachsenden Sensibilisierung für die Belange von Menschen mit Beeinträchtigung) können wir Kraft schöpfen für die Auseinandersetzung mit erstarkenden rechtspopulistischen und autoritären Kräften. Es kann auch wieder anders werden: „[M]ehr Freiheit für alle zu schaffen“ (Polanyi 2015, S. 344) ist möglich. „Freiheit für alle“ bleibt der Horizont konkreter Utopien.

Quellen

Robert Boyer im letzten Teil, „Karl Polanyi – Wirtschaft als Teil des menschlichen Kulturschaffens“, des auf Arte gezeigten sechsteiligen Films von Ilan Ziv, „Der Kapitalismus“.

Karl Polanyi (2015), The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

„VIELE WEIDEN AUF POLANYIS WIESE“

Das Werk Karl Polanyis in deutschsprachigen und angelsächsischen Medien der vergangenen fünf Jahre

ARMIN THURNHER

Viele Texte, nicht nur, aber auch in diesem Buch, legen den Gedanken nahe, die Finanzkrise 2008 habe das Werk Polanyis wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Da ist was dran. Allerdings läuft die Sache im deutschen und im englischen Sprachraum einigermaßen verschieden. Während in England und in den USA die Linke eine Debatte über Polanyi führt und bedeutende Publikumszeitungen und -zeitschriften den Mann und sein Werk vorstellen, gibt es in deutschen und österreichischen Zeitungen durchaus eine Resonanz, aber die Zeitschriften schweigen fast gänzlich. So findet sich im Zeitraum der letzten fünf Jahre weder im Spiegel noch in Zeitschriften wie Profil, Weltwoche oder Brand eins auch nur eine einzige Erwähnung des Namens Karl Polanyi. In der Zeit gab es zwei Erwähnungen, aber keinen nennenswerten Beitrag zum Thema. Lediglich speziell auf Politik ausgerichtete Publikationen wie die Blätter für deutsche und internationale Politik brachten große Beiträge zu Polanyi oder durch Polanyi inspirierte Überlegungen. Mitunter stammten sie aus dem angelsächsischen Raum, etwa von Robert Reich oder Nancy Fraser; Letztere wird in diesem Buch ausführlich diskutiert.

Polanyis Hauptwerk, „The Great Transformation“, erschien 1944; es dauerte 33 Jahre, bis es auf Deutsch herauskam. Außerhalb ökonomischer Fachkreise war der Name Polanyi kaum jemanden ein Begriff. Das immerhin hat sich gründlich geändert. Heute kann man ihn en passant als Hinweismarke verwenden, wie dies der Politologe Ulrich Brand vor kurzem in einem Falter-Interview tat. Wie weit muss Degrowth gehen?, lautete die Frage. Brands Antwort: „Mit Karl Polanyi gesprochen: Wir müssen die gesellschaftspolitische und intellektuelle Gegenbewegung gegen eine immer weiter selbstverständliche, ignorante Naturvernutzung und imperiale Lebensweise einleiten. Dann sind Lernprozesse möglich, die ich bei einigen meiner Studierenden schon sehe: Die wollen gar kein Auto mehr haben, einige sogar nicht mehr fliegen. Sie wollen einfach und gut leben. Das wäre der Horizont: Ein wachsender Teil der Gesellschaft will diese andere Lebensweise“ (Falter, 1.5.2018).

2009 noch konnte die renommierte, bildungsbürgerliche Zeit schreiben, folge man dem „vergessenen Ökonom (sic) Karl Polanyi“, müsse man einsehen, dass „die Industriezivilisation sehr wohl zum Ruin des Menschen führen kann“ (16.7.). Nur noch einmal wird Polanyi wieder erwähnt, als Warner vor „Klimawandel, Wirtschafts- und Finanzkrisen“ (15.9.2011). Zu den wenigen Wochenzeitungen, die Polanyi nicht ausblenden, zählt die Wirtschaftswoche. „Man trifft in Hauptseminaren der Volkswirtschaft heute Studenten, die nicht Adam Smith und Friedrich August von Hayek gelesen haben. Die nicht wissen, wer François Quesnay oder Carl Menger waren. Wofür Albert O. Hirschman oder Karl Polanyi stehen“ (12.10.2018).

Tageszeitungsleser hatten es besser. Die Neue Zürcher Zeitung hatte zwar sicher recht, wenn sie noch 2016 schrieb: „Schumpeter, Galbraith, Hayek und Friedman mögen ein vergleichbares Maß an öffentlicher Bekanntheit erlangt haben wie Keynes und Piketty. Bei Karl Polanyi, Tibor Scitovsky, Albert O. Hirschman und Peter L. Berger ist dies jedoch nicht der Fall“ (29.9.). Doch haben österreichische Qualitätsblätter überraschenderweise einiges zur Polanyi-Renaissance beigetragen. In der Presse vom 25.11.2016 stellte der Sozial- und Wirtschaftshistoriker Ernst Langthaler seinen ausführlichen Text über „The Great Transformation“ in einen aktuellen Kontext, den Aufstieg Donald Trumps zum Präsidenten der USA. „Was wie ein Kommentar zum Sieg Donald Trumps bei der US-Präsidentenwahl klingt, wurde sinngemäß vor mehr als 70 Jahren gedacht, gesagt und geschrieben. Karl Polanyi beantwortete 1944 in seinem Buch ‚The Great Transformation‘ eine der drängendsten Fragen jener Zeit: den Aufstieg des Faschismus, der – zusammen mit dem Kommunismus – dem 20. Jahrhundert den Stempel ‚Zeitalter der Extreme‘ (Eric Hobsbawm) aufgedrückt hat“, schreibt Langthaler, ohne jedoch Trump als Faschisten zu klassifizieren; er hält ihn für einen Nationalpopulisten, dessen Erfolg sich jedoch mit Polanyis Kategorie der Gegenbewegung erklären lasse (vgl. dazu S. 27 in diesem Buch).

Auch im Standard wird Polanyi ab und an zitiert, etwa vom Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk am 13.5.2016 in einem Plädoyer für eine europäische Politik, die ein „europäisches Weiterwursteln“ sein müsse. Denn „ihr Zusammenbruch würde jene politischen Kräfte demokratischer Selbstzerstörung freisetzen, die zu einer dramatischen Herausforderung für Europa geworden sind. Sie würde zu jener Regression und völligen Marginalisierung des Halbkontinents führen, die Karl Polanyi kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs beschrieben hat.“

Auch über die Ehrung Kari Polanyi-Levitts durch eine Gedenktafel an ihrem ehemaligen Wiener Wohnhaus berichteten mehrere hiesige Blätter und gingen bei dieser Gelegenheit auch auf das Werk Karl Polanyis ein. Insgesamt bleibt die Rezeption in Österreich verhalten, wobei es immer wieder lobenswerte Ausnahmen gab: etwa ein großes Porträt Polanyis samt Interview mit Kari Polanyi-Levitt von Tanja Traxler anlässlich der Polanyi-Konferenz in Linz im Standard vom 18.1.2017. Oder diverse Berichte in der Wiener Zeitung, etwa ein Kommentar der Ökonomin Sigrid Stagl für „neue Spielregeln des Wirtschaftens im Anthropozän“ am 29.8.2017.

Für deutsche und Schweizer Tageszeitungen kann man sagen, dass Polanyi je nach Ausrichtung des Blatts zu Ehren kommt oder mitunter auch hämische Kritik erfährt. Die konservative Neue Zürcher Zeitung bleibt erstaunlich neutral und zitiert Polanyi ab und an in großen Essays; so etwa verwenden die Raumplanungsexperten Robert Kaltenbrunner und Olaf Schnur ganz selbstverständlich mit Bezug auf Polanyi den Begriff „Kommodifizierung“ (26.4.2014).

Die Süddeutsche Zeitung und die taz sympathisieren deutlich mit Polanyi. In der Süddeutschen vom 18.6.2018 rezensiert der Politologe Claus Leggewie die Werke von Gareth Dale und Robert Kuttner über Polanyi. Und der englische Literaturprofessor Jeremy Adler schreibt zum Thema Brexit: „Die zutreffende Diagnose stammt von Hayeks Gegenspieler Karl Polanyi. Der Wirtschaftshistoriker hielt den ‚freien Markt‘ für einen Mythos, weil er in Wahrheit auf zahllosen Gesetzen beruhe: ‚Das Laisser-faire war geplant.‘ Die einseitige Bevorzugung des Marktes unterminiere die Demokratie. Eine natürliche Ökonomie sei sozial eingebettet. Nach Polanyi zu urteilen, hat Hayek die Krankheit mit der Kur verwechselt. Der Faschismus entstamme ‚einer Marktwirtschaft, die nicht funktioniert‘“ (SZ vom 25.8.2018). Der Wirtschaftssoziologe Jens Beckert wiederum nennt „The Great Transformation“ als das für ihn wichtigste Buch (14.6.2016). Wenig überraschend wird Polanyi in der taz durchaus zustimmend zitiert, ja, als selbstverständliche Referenz vorausgesetzt (zum Beispiel beim Politologen Franz Walter am 6.4.2013).

Am interessantesten ist die Polanyi-Rezeption in der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zwar überwiegt in der FAZ und deren Ableger, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Tenor, Polanyi-Schüler hingen seiner Theorie nur im Rahmen der allgemeinen Ratlosigkeit der Linken an, doch ist es dieses Blatt, in dem ausführliche, manchmal sogar sympathisierende Auseinandersetzungen mit Polanyi stattfinden.

Hier konstatierte die amerikanische Ökonomin Shoshana Zuboff unter Bezug auf Polanyis Analyse der Destruktivität des Marktes: „Google führt uns an den Wendepunkt in der Reichweite der Marktwirtschaft. Eine vierte fiktive Ware entsteht hier und wird zum beherrschenden Merkmal der Marktdynamik des 21. Jahrhunderts. Die ‚Realität‘ erfährt dabei dieselbe Umwandlung ins Fiktive und wird als ‚Verhalten‘ wiedergeboren. Dazu gehört das Verhalten der Lebewesen, ihrer Körper und ihrer Dinge, das Verhalten selbst sowie Daten über das Verhalten. Es ist der weltumspannende Organismus samt den winzigsten Elementen darin“ (30.4.2014). Der Ökonom Carl Christian von Weizsäcker wiederum zitiert Polanyi in seiner Ökonomie der Migration (FAZ 12.1.2016).

Auch Wirtschaftsredakteur Rainer Hank bemerkt in seinem Polanyi-Porträt durchaus zustimmend am Ende: „Viele der heutigen Kapitalismuskritiker weiden auf der Wiese Polanyis. Die Kritik am ‚Ökonomismus‘ und ‚Kapitalismus pur‘, die Mahnung zu Maß und Mitte, die von Sahra Wagenknecht bis Volker Kauder täglich ertönt, hat hier ihren Ursprung. Wenn Bundeskanzlerin Merkel findet, wir brauchten eine ‚marktkonforme Demokratie‘, würden Polanyis heutige Freunde dagegen einen ‚demokratiekonformen Markt‘ fordern“ (FAS 24.8.2018). Obwohl der gleiche Hank, Bezug nehmend auf das Erbe Polanyis, dessen differenzierte Kapitalismuskritik verstimmt, diesem gern auch ‚antikapitalistischen Romantizismus vorwirft (FAS 13.1.2013). Hank kommt immer wieder auf Polanyi zurück, sei es in einer Dickens-Rezension (FAS 16.3.2014) oder in einer Philippika gegen Kapitalismuskritiker, die nicht wüssten, dass sie Polanyis Erben sind (FAS 24.8.2014).

In seinem Text in der FAZ „Warum Intellektuelle den Kapitalismus nicht mögen“ formulierte der Multimillionär und Historiker Rainer Zitelmann den Grund für das instinktive Misstrauen bürgerlicher Publizisten. „Einer der Gründe ist das Unverständnis vieler Intellektueller für den Charakter des Kapitalismus als spontan gewachsener Ordnung. Der Kapitalismus ist – anders als der Sozialismus – nicht ein Gedankensystem, das der Wirklichkeit übergestülpt wird, sondern eine weitgehend spontane, evolutionär entstandene Ordnung, die eher ‚von unten‘ wächst, als von oben angeordnet wird. Historisch ist er gewachsen, so wie Sprachen gewachsen sind. Sprachen wurden nicht erfunden, konstruiert und erdacht, sondern sind das Ergebnis ungesteuerter spontaner Prozesse“ (18.5.2018). Fundamentaler könnte man Polanyi und seine Schule nicht missverstehen, denn ihnen zufolge (siehe oben) ist gerade das Gegenteil wahr: Das Laissez-faire war geplant.

Welch anderes Bild in England und den USA. In England ist der Grund einfach: Jeremy Corbyns Wirtschaftspolitik beruft sich auf Polanyi und orientiert sich an ihm. Konservativere Medien wie das Magazin Economist haben sich nicht nur aus diesem Grund ausführlich mit Polanyi befasst (The great transformation: Corbynomics would change Britain – but not in the way most people think, 17.5.2018); in der linksliberale Tageszeitung Guardian hatte der Politologe Adrian Pabst lange zuvor schon apodiktisch festgestellt, Polanyi, nicht Keynes sei „der einzige Ökonom, der die wahren Grenzen von Kapitalismus und Sozialismus erfasst hat“ (9.11.2008). In einem Editorial hielt der Guardian fest: „Corbynomics wurde in solchen moralischen (Polanyi’schen, Anm.) Begriffen geframt – und das ist eine sehr gute Sache“ – es fehle nur an Mut zu konkreten Beispielen (27.5.2018).

Neuerdings gab die englische Ökonomin Ann Pettifor, Mitinitiatorin der Jubilee-2000-Aktion, die eine Schuldenstreichung für die ärmsten Länder fordert, der deutschen taz ein Interview, in dem sie aktuelle politische Verhältnisse mit Polanyi erklärte: „Trump repräsentiert einen großen Teil der Gesellschaft, sicherlich. Er repräsentiert die ängstliche Bevölkerung, Menschen, die verunsichert sind durch die Wirtschaftskrise. Die Banken wurden gerettet, der Bevölkerung wurde Austerity verordnet und ihr wurde gesagt, sie müsse Opfer bringen. Die Löhne sind heute noch niedriger als vor der Krise. Einfache Menschen haben ihre Wohnungen verloren, sie sehen ihre Jobs bedroht von der chinesischen Konkurrenz, und in Washington geht es den Banken so gut wie zuvor. Schon Karl Polanyi hat in den 1930ern erklärt, dass die einfachen Menschen einen starken Mann wählen, wenn sie das Gefühl haben, dass sie Schutz brauchen. Das ist eine Reaktion auf eine unregulierte Ökonomie. Der starke Mann verspricht, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu errichten und gegen die Chinesen zu kämpfen. In Frankreich erleben wir den Aufstand von ähnlich Benachteiligten. (…) Die Wahl eines autoritären Führers löst die Probleme für die Bevölkerung nicht, sondern verschlimmert sie. Diese Erfahrung werden die Menschen machen. In den USA und in Großbritannien sind die Pensionen weitgehend privatisiert, das Geld liegt bei Schattenbanken. Die spekulieren damit. Was machen sie genau mit den Pensionen? Niemand weiß es, es gibt keine Transparenz. Und keine Kontrolle. Mister Blackrock managt sechs Milliarden Dollar solcher Gelder. Was wissen wir über Blackrock?“ (taz, 12.1.2019)

In den USA steht die Position Polanyis ebenfalls außer Frage. Die New York Times zitiert sein Werk und nennt sein Hauptwerk unter den bedeutendsten Büchern der Emigration neben jenen von Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und Thomas Mann (1.2.2017); oder sie zitiert es wie Pankaj Mishra in einem Artikel über den indischen Premier Modi (14.11.2016).

Publikumszeitschriften wie der New Yorker widmen Polanyis Thesen 15-seitige Essays („Is Capitalism a Threat to Democracy“ – eine Rezension von Robert Kuttners Polanyi-Buch). Die einflussreiche New York Review of Books publizierte eine Kritik ebendieses Robert Kuttner von Gareth Dales (s. Seite 101 in diesem Buch) Polanyi-Biografie unter dem Titel „The Man from Red Vienna“.

Dass Bernie Sanders’ marktkritische Ideen mit Polanyi begründet wurden, versteht sich fast von selbst („Polanyi for President“, Dissent Magazine, Frühjahr 2016). Das Dissent Magazine, eher klassisch links, angesiedelt zwischen kommunitaristisch und sozialdemokratisch, publizierte mehrere große Texte zu Polanyi, außer dem erwähnten etwa „The Elusive Karl Polanyi“ (Frühjahr 2017) oder „The Return of Karl Polanyi“ (Frühjahr 2014).

Debatten über Neoliberalismus kommen schwer ohne Referenz auf Polanyi aus. In The New Republic, dem schwer umkämpften und zerzausten linken Magazin, erklärte der englische Politologe William Davies: „Das Idealbild getrennter politischer und wirtschaftlicher Bereiche wurde vielfach kritisiert. Von Marxisten mit der Begründung, dass es den Vorwand biete, die Ausbeutung des Proletariats zu verbergen (…), vor allem aber auch von Karl Polanyi, der meinte, es sei nur eine Illusion. Aus Polanyis Sicht ist der Staat nie ganz aus dem wirtschaftlichen Bereich abwesend, sondern ständig damit beschäftigt, jene wirtschaftlichen Freiheiten herzustellen und durchzusetzen, welche die Befürworter von Laissez-faire als ‚natürlich‘ betrachten.“ Oder, wie Steven Hahn in einem großen Text über Armut in den USA im linken Flaggschiff The Nation lapidar schreibt: „Laissez-faire war geplant, wie Polanyi bemerkte.“ (18. 4. 2018)

Junge Neomarxisten löckten im Magazin Jacobin wider den Stachel und nannten, was Polanyi vorschlage, eine Art Wohlfahrtskapitalismus; wohl ein Schritt vorwärts, aber für wahre Sozialisten zu wenig. Solche Ironie scheint jedoch angesichts der politischen Auseinandersetzungen in England und den USA ganz unangebracht. Wenngleich das Magazin neuerdings (Jacob Hamburger, „The Unholy Family“, Jacobin 1/2018) Polanyi mit Melitta Coopers Werk „Family Values“ kritisiert und bestreitet, er habe wirklich eine Alternative zum kritisierten Neoliberalismus vorgelegt, vielmehr sei die Struktur der Kleinfamilie beiden eigen, dem Sozialismus und dem Neoliberalismus – Karl Polanyis Werk lebt, es wird darüber berichtet, es wird als aktueller Wegweiser für linke Politik leidenschaftlich diskutiert. Das könnte unserer (medialen) Linken ein Beispiel geben. Dieses Buch möchte dazu Anstöße liefern.

Anmerkung 1

Diese Zusammenfassung berücksichtigt weder Onlinemedien (wie orf.at, das sich um Polanyi verdient machte) noch Hörfunk wie Ö1, der sich wiederholt mit Polanyi befasste, oder TV-Serien (Arte berichtete über Polanyi in einer sechsteiligen Doku über große Ökonomen).

Anmerkung 2

Diese Zusammenfassung will nicht werten. Es geht ihr nicht um die korrekte oder weniger korrekte Polanyi-Rezeption, sondern nur um eine (notwendigerweise unvollständige) Erfassung der Resonanz in Publikumszeitschriften und Zeitungen des deutschen und des angelsächsischen Raums der letzten fünf Jahre.

FIKTIVE WAREN UND DREI WELLEN DER VERMARKTLICHUNG

Was fiktive Waren sind und wie öffentliches Gut zu privatem Kapital wird. Karl Polanyi lesen und weiterdenken

MICHAEL BURAWOY

Nach der Finanzkrise 2008 waren zunächst zahlreiche neue progressive Protestbewegungen weltweit zu beobachten. Inzwischen sind auch rechtspopulistische Kräfte erstarkt. Mit Karl Polanyis Buch „The Great Transformation“ analysiere ich „Vermarktlichung“ vom Standpunkt der sozialen Bewegungen aus, die sie hervorbringt, um darüber hinaus historisch drei Wellen zu unterscheiden.

Die fiktive Ware: von der Kommodifizierung zur Exkommodifizierung

Das zuerst 1944 veröffentlichte Buch Polanyis ist eine schneidende Abrechnung mit der Bedrohung, die der überdehnte Markt für das Überleben der Gesellschaft darstellt. Diese Bedrohung ist so schrecklich, dass sie – bei Strafe des Untergangs – die Selbstverteidigung der Gesellschaft auf den Plan rufen muss. Um die gelebte Erfahrung der Vermarktlichung und die Möglichkeit ihrer Umkehr zu verstehen, ist Polanyis Konzept der „fiktiven Ware“ besonders nützlich. Darin beschreibt er den destruktiven Charakter der Kommodifizierung.

Polanyi behauptet, dass Arbeit, Boden und Geld – als drei Produktionsfaktoren – nie dazu gedacht waren, gekauft und verkauft zu werden, und dass ihre unreglementierte Kommodifizierung (ihr Zur-Ware-Werden) ihren „wahren“ oder „wesentlichen“ Charakter zerstöre. Wenn Arbeitskraft ohne Schutz vor Verletzungen oder Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Überbeschäftigung bleibt oder gegen Löhne unterhalb des Subsistenzniveaus ausgetauscht wird, schwindet die Arbeit, die aus ihr gewonnen werden kann, bald dahin und verkehrt sich in Nutzlosigkeit. Auch wenn Boden, oder allgemeiner die Natur, der Kommodifizierung ausgeliefert wird, lassen sich die Grundbedürfnisse des menschlichen Lebens bald nicht mehr decken. Wenn Geld schließlich dazu verwendet wird, Geld zu machen, zum Beispiel durch Währungsspekulation, dann wird sein Wert so unsicher, dass es nicht mehr als Tauschmittel verwendet werden kann; so werden Unternehmen lahmgelegt und Wirtschaftskrisen generiert. Heute müssen wir eine vierte fiktive Ware hinzufügen: das Wissen, einen Produktionsfaktor, der nicht nur ein wesentlicher Bestandteil der modernen Wirtschaft, sondern für die Produktion der anderen drei Faktoren entscheidend ist.

Wie haben fiktive Waren daran teil, dass die gelebte Erfahrung der Vermarktlichung in spezifischer Weise geprägt wird? Inwiefern trägt die Kommodifizierung von Arbeit, Boden, Geld und Wissen zu sozialen Bewegungen bei? Polanyi weist darauf hin, dass der Tauschakt selbst gegen das Wesen von Boden, Geld und Arbeit verstößt. Menschenhandel oder Handel mit menschlichen Organen können solche Abscheu hervorrufen, dass es zu sozialen Bewegungen kommt. Aber das werden wahrscheinlich keine Bewegungen derjenigen sein, die Opfer von Menschenhandel sind oder die ihre Organe verkaufen. Alternativ können soziale Bewegungen eine Antwort auf die Aufhebung von Schutzmaßnahmen gegen Kommodifizierung sein, etwa wenn Sozialleistungen gekürzt, den Gewerkschaften ihre Vertretungsrechte entzogen, Arbeitsrechte verletzt oder zurückgenommen werden.

Es gibt jedoch auch andere Methoden, den Bewegungen Antworten auf die Kommodifizierung zuzuschreiben, die sich vom Tauschprozess unterscheiden. Polanyi geht kaum auf die Prozesse ein, durch die Dinge in Waren verwandelt werden, Prozesse, bei denen die Ware aus ihrer sozialen Hülle entbettet wird. Marx hatte mit seiner „ursprünglichen Akkumulation“ die Landenteignung im Blick, die zur Schaffung einer von Lohnarbeit abhängigen Erwerbsbevölkerung führte. Heute ist die Enteignung der bäuerlichen Landbevölkerung dazu bestimmt, Land zu kommodifizieren, statt abhängige Arbeitskräfte zu schaffen. Worin auch immer ihr Ziel bestand, die Landenteignung hat viel entschlossenen Widerstand hervorgebracht. Die Enteignung handwerklichen Wissens hat historisch gleichfalls sehr viel Protest ausgelöst. Heute geht es jedoch nicht nur um die Dequalifizierung der Arbeitskräfte, sondern um die Aneignung und Kommodifizierung des Produkts, nämlich des Wissens selbst. Bei der Privatisierung der Universitäten zum Beispiel umfasst die Enteignung die Umwandlung des Wissens aus einem öffentlichen Gut in marktfähiges Kapital. Auch dies ist eine Ursache für so manchen Protest.

Fiktive Waren als Quellen sozialer Bewegungen


Ungleichheit
Exkommodifizierung ARBEIT (Prekarität)
Kommodifizierung GELD (Schulden)
Enteignung
Exkommodifizierung NATUR (Zerstörung)
Kommodifizierung WISSEN (Privatisierung)

Neben der Enteignung, die die Ware hervorbringt, ist die zunehmende Ungleichheit, die aus der Kommodifizierung folgt, eine Quelle sozialer Bewegungen. So ist beim Verkauf der Arbeitskraft „Prekarität“ zur beherrschenden Erfahrung wachsender Bevölkerungsanteile geworden. Die Kommodifizierung der Arbeitskraft ist durch die Kommodifizierung des Geldes noch verschärft worden, bei der Geld aus Geld gemacht wird, indem man mit den Schulden spekuliert.

Ein weiterer Prozess, den Polanyi übersah, ist zu nennen: die Exkommodifizierung, die Ausscheidung von Dingen aus dem Markt, die früher Waren gewesen, es jetzt aber nicht mehr sind. Exkommodifizierung greift den Gedanken auf, dass es Unmengen nützlicher Dinge gibt, die zu ihrem Nachteil vom Markt ausgeschieden werden. Angesichts der Exkommodifizierung kann Kommodifizierung eine sehr attraktive Perspektive sein. In Bezug auf Arbeit machen die überzähligen Arbeitskraftreserven, die auf der ganzen Welt zunehmen, es zu einem Privileg, ausgebeutet zu werden. Riesige Populationen werden ins Exil getrieben oder auf den informellen Sektor der Wirtschaft beschränkt, wo sie ihr Dasein von der Hand in den Mund fristen. In Bezug auf die Natur führt ihre Einbeziehung in die kapitalistische Wirtschaft zu Verschwendung, aber oft ist auch die Abwesenheit des Marktes für ihre Unterbewertung verantwortlich. Wir können die Natur ausplündern, weil ihr Marktwert unbedeutend ist. Ganz anders verhält es sich mit Wissen und Geld, wo die Kommodifizierung nicht zu Verschwendung führt, sondern zu einer verzerrten Anwendung: Die Produktion von Wissen wird auf diejenigen abgestellt, die es bezahlen können, während die Produktion verschiedener Geldmittel dazu verwendet wird, aus Schulden Gewinn zu erzielen.

Über die Merkmale der fiktiven Waren hinaus ist es wichtig, ihre Wechselbeziehungen in bestimmten historischen Kontexten zu untersuchen. Soziale Bewegungen müssen nicht als Reaktion auf die (Ex-)Kommodifizierung einer einzigen fiktiven Ware begriffen werden, sondern als Reaktion auf die Verbindung der (Ex-)Kommodifizierung von Arbeit, Geld, Natur und Wissen. So zeigte sich im Arabischen Frühling die Überschneidung der Prekarisierung von Arbeit mit der Verschuldung durch Mikrokredite als Protestmotiv; Studierendenproteste können in Bezug auf die Prekarisierung der Arbeit und die Privatisierung der Wissensproduktion untersucht werden; Umweltbewegungen liegen an der Schnittstelle von Zerstörung oder Kommodifizierung der Natur und Prekarisierung von Arbeit. Dieses Gerüst fiktiver Waren ermöglicht es, die Triebkräfte in den Blick zu nehmen, die Protesten zugrunde liegen. Die Verbindung der (Ex-)Kommodifizierung der fiktiven Waren kann außerdem verwendet werden, um historische Perioden der Vermarktlichung zu unterscheiden und zu verstehen.

Polanyi dachte, wir würden mit Marktfundamentalismus nie wieder experimentieren

In Wahrheit verwendet Polanyi wenig Aufmerksamkeit auf fiktive Waren, er ist stärker damit beschäftigt, seine majestätische Geschichte zu entwickeln. Diese beginnt mit dem Fortschritt der Vermarktlichung am Ende des 18. Jahrhunderts und endet in den 1930er-Jahren mit einer Gegenbewegung, die neue Formen der staatlichen Regulierung mit sich bringt: sowohl solche, die Freiheiten fördern, wie der New Deal und die Sozialdemokratie, als auch solche, die Freiheiten einschränken, wie Faschismus und Stalinismus. Die doppelte Bedrohung – für das Überleben der Gesellschaft und dann für die als Reaktion auf die Zerstörung der Gesellschaft verwüstete Freiheit – brachte Polanyi dazu zu glauben, dass die Menschheit nie wieder mit dem Marktfundamentalismus experimentieren würde. Er irrte sich. Ab 1973 kam eine neue Runde des Marktfundamentalismus in Gang, die weitreichende Folgen für die Geschichte des Kapitalismus und die Besonderheit der gegenwärtigen Zeitläufe hatte.

Drei Wellen der Vermarktlichung und die Gegenbewegungen

Im Rückblick auf die von Polanyi untersuchte Geschichte der kapitalistischen Gesellschaft und die Entwicklung seither kann man drei Wellen der Vermarktlichung ausmachen, jeweils mit der dazugehörigen realen oder (im Falle der dritten Welle) potenziellen Gegenbewegung. Mit Bezug auf die englische Geschichte – dem Schwerpunkt von Polanyis Analyse – kann man sagen, dass die erste Welle am Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Speenhamland-Gesetz von 1795 beginnt, das zu einem Hindernis für die Entwicklung eines nationalen Arbeitsmarktes wurde, der sich erst mit dem neuen Armengesetz von 1834 herauskristallisieren sollte. Mit der Aufhebung des Speenhamland-Gesetzes und der Freisetzung der Marktkräfte setzten auch Gegenbewegungen ein, mit denen die Gesellschaft sich zu schützen suchte: die Bildung einer Arbeiterklasse vermittels der Fabrikbewegung, der Genossenschaften und Gewerkschaften, des Chartismus und der Gründung einer politischen Partei, Fabrik- und Sozialgesetze.

Die zweite Welle der Vermarktlichung begann nach dem Ersten Weltkrieg mit einem erneuten Aufstieg des Marktes, der die Rekommodifizierung der Arbeit und die Öffnung des freien Handels auf der Grundlage des Goldstandards umfasste. Das funktionierte sehr gut für so mächtige Länder wie die USA und Großbritannien, aber für konkurrierende Länder wie Italien und Deutschland führten die Zwänge der starren Wechselkurse zu einem katastrophalen Rückgang der Wirtschaft und grassierender Inflation. Das führte dazu, dass sie mit der internationalen Wirtschaft brachen und sich einem rückschrittlichen System der Marktregulierung zuwendeten. Mit der Wirtschaftskrise, der nur durch Staatsintervention und (einer in diesem Fall fortschrittlichen) Marktregulierung entgegengewirkt wurde, fiel dies auf die USA und das übrige Europa zurück. Nach der Niederlage des Faschismus im Zweiten Weltkrieg setzten sich liberalere Regime durch. Auch in der UdSSR gab es in den 1950er-Jahren eine gewisse Liberalisierung. Im fortgeschrittenen Kapitalismus wurde diese Periode in der Ökonomie vom Keynesianismus und einem „eingebetteten Liberalismus“ beherrscht und in der Soziologie vom Ende der Ideologie, um dann mit dem Aufschwung der sozialen Bewegungen in den 1960er-Jahren aufgesprengt zu werden.

Die dritte Welle, die Polanyi nicht erwartet hatte, beginnt im Jahre 1973 mit der Energiekrise, sie wurde später unter dem Stichwort „Washington Consensus“ beschrieben und bekam großen Auftrieb durch die Regierungen von Margaret Thatcher und Ronald Reagan in Gestalt eines erneuten Angriffs auf die Arbeit. Im Laufe der Zeit hat sie sich mit dem Aufstieg der Finanzwirtschaft als eine Ära der Rekommodifizierung des Geldes und der verschärften Kommodifizierung der Natur, das heißt von Luft, Boden und Wasser, erwiesen. Diese dritte Welle der Vermarktlichung führte zum Zusammenbruch des Staatssozialismus und bezog aus ihm neue Energien. In Lateinamerika kam die Strukturanpassung genau zu dem Zeitpunkt, als die Diktaturen fielen, was zu Experimenten in partizipativer Demokratie führte. Während die Wellen der Vermarktlichung in den Kernländern in einem Zeitraum von mehr als zwei Jahrhunderten aufeinanderfolgten, wurden die Länder an der Peripherie in sehr rascher Folge mit ihnen konfrontiert, sodass sie umso explosiver wirkten.

Es hat nationale Reaktionen auf die Vermarktlichung gegeben – etwa in Gestalt eines islamischen Nationalismus oder sozialistischer Schattierungen in Lateinamerika –, aber sie können die dritte Welle der Vermarktlichung nicht umkehren. Dazu bedarf es einer planetarischen Reaktion auf die globale Reichweite des Finanzkapitals und die heraufziehende Umweltkatastrophe, die eine Bedrohung für die ganze Erde ist. Das Finanzkapital ist allerdings die treibende Kraft hinter der Prekarisierung der Arbeit – ihrer Rekommodifizierung ebenso wie ihrer dementsprechenden Exkommodifizierung – sowie der steigenden Verschuldung, nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf der Ebene der Gemeinde, der Stadt, des Staates und der Region. Das Finanzkapital hat Wissen zur Ware gemacht und seine Produktion vorangetrieben, gemeinsam haben sie sich die Natur einverleibt, als eine Akkumulationsstrategie des Kapitals. Eine Gegenbewegung wird einen globalen Charakter annehmen und mit Bezug auf die Menschenrechte formuliert werden müssen, da das Überleben der menschlichen Spezies auf dem Spiel steht.

Es stellt sich die Frage, wo genau wir uns auf der Kurvenlinie der dritten Welle der Vermarktlichung befinden. Optimisten behaupten, die dritte Welle der Vermarktlichung habe bereits von selbst begonnen, sich umzukehren, und wir befänden uns im Aufstieg zu einer Einschränkung der Vermarktlichung. Andere meinen, dass die Kommodifizierung von einem Stillstand weit entfernt sei. Viele Menschen, darunter auch ich, dachten, dass die Wirtschaftskrise von 2008 und die Umstrukturierung der Machtverhältnisse auf der Welt Gelegenheit für eine Gegenbewegung bieten würde, aber dies erwies sich als Illusion. Es ist möglich, dass eine Gegenbewegung noch in weiter Ferne liegt, so wie es auch möglich ist, dass es niemals eine Gegenbewegung im Sinne der Einschränkung der Vermarktlichung geben wird.

Es handelt sich bei diesem Text um einen neu zusammengestellten Auszug aus: Michael Burawoy (2015), Public Sociology – Öffentliche Soziologie gegen Marktfundamentalismus und globale Ungleichheit (hg. von Brigitte Aulenbacher und Klaus Dörre und aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Regine Othmer). Beltz Juventa: Weinheim und Basel.

„DU ALS DEUTSCHER BIST NICHTS MEHR WERT“

Der Aufstieg des Rechtspopulismus – eine Arbeiterbewegung von rechts?

KARINA BECKER UND SOPHIE BOSE

In zahlreichen frühindustrialisierten Ländern sind wir derzeit mit dem Aufstieg rechtspopulistischer Formationen konfrontiert, die eine Zäsur für das politische System darstellen. Zwar rekrutieren populistische Parteien ihr Elektorat grundsätzlich aus allen Klassen und Schichten der Bevölkerung, es fällt jedoch auf, dass sie bei der Arbeiterschaft auf überdurchschnittliche Zustimmung stoßen. US-Präsident Donald Trump verdankt seinen Wahlsieg nicht nur Stimmen aus der Mittelschicht und dem Kleinbürgertum, sondern auch aus dem deindustrialisierten Rust Belt der USA.

Die von der rechtspopulistischen UKIP federführend betriebene Brexit-Kampagne fand in der Arbeiterschaft überdurchschnittliche Zustimmung. In Österreich votierten bei der Bundespräsidentenwahl 85 Prozent der Arbeiter und Arbeiterinnen für den FPÖ-Kandidaten Hofer (insgesamt 46,2 % der Stimmen), sein siegreicher Konkurrent Van der Bellen kam in dieser Statusgruppe auf gerade einmal 15 Prozent. In Frankreich erzielt der Rassemblement national (ehemals Front national) seit den 1990er-Jahren Spitzenwahlergebnisse in ehemaligen Hochburgen der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF).

Auch die Wahlerfolge der Alternative für Deutschland (AfD) fügen sich in dieses Muster. Die AfD war neben der FDP die eigentliche Gewinnerin der Bundestagswahl 2017. In den ostdeutschen Bundesländern hat sie insgesamt Ergebnisse einer Großpartei erzielt, in Sachsen ist sie mit 27 Prozent sogar die stimmenstärkste Kraft. Laut Analysen von infratest dimap haben überdurchschnittlich viele Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Arbeitslose (jeweils 21 %) die AfD gewählt, aber auch in anderen Berufsgruppen und im Bereich der mittleren Bildungsabschlüsse konnte sie Stimmen im zweistelligen Bereich für sich gewinnen. Bei den Gewerkschaftsmitgliedern hat die AfD mit 15 Prozent leicht überdurchschnittliche Unterstützung; bei den Gewerkschaftsmitgliedern im Osten Deutschlands liegt sie mit 22 Prozent gleichauf mit der Linkspartei. Gerade in den Kohorten, die von Erwerbstätigen geprägt werden, verzeichnet sie Zugewinne, und zwar insbesondere bei den Männern in der Altersgruppe von 25 bis 59 Jahren.

Angesichts dieser Situation stellt sich die Frage, wie die hohe Akzeptanz der völkischen Rechten unter Arbeitern und Arbeiterinnen – auch gewerkschaftlich organisierten – zu erklären ist und ob wir es gar mit einer Arbeiterbewegung von rechts zu tun haben?

Eine Bewegung Polanyi’schen Typs

Um dies zu beantworten, ist es unseres Erachtens geboten herauszufinden, unter welchen Bedingungen sich der Aufstieg rechtspopulistischer Formationen vollzieht. Karl Polanyis Konzept der Doppelbewegung hilft uns dabei zu verstehen, was sich derzeit in Gestalt eines völkischen Populismus ereignet und in einigen Ländern wie beispielsweise Deutschland zuspitzt. Durch marktradikale Ideologien forciert, wurden in den letzten Jahren marktbegrenzende Institutionen und Organisationen geschwächt, Märkte sozial entbettet und marktabhängige Individuen oder Gruppen einem Wettbewerbsprinzip ausgesetzt, bei dem einige gewinnen und andere verlieren. Die Entbettung von Märkten, als deren Folge die fiktiven Waren Arbeit, Boden und Geld so behandelt werden, als seien sie Waren wie jede andere, hat im globalen Maßstab Gegenbewegungen vor allem von unten hervorgerufen. Damit verbindet sich eine Kapitalismuskritik, die nicht wie in der Analyse Karl Marx’ an klassenspezifischen Ungleichheiten und Ausbeutung ansetzt, sondern an den gesellschaftszerstörenden Konsequenzen dieser Entwicklung.

Bewegungen Polanyi’schen Typs richten sich gegen eine marktgetriebene Transformation moderner Gesellschaften. Was wir derzeit auch im Wahlverhalten beobachten, interpretieren wir als eine Art imaginärer, konformistischer Revolte in Opposition zur weit getriebenen Marktsteuerung von Erwerbsarbeit. Sie richtet sich gegen die Universalisierung von Marktvergesellschaftung und Konkurrenz und vor allem gegen deren Folgen.

Ökonomische Marktmacht wirkt diffus und abstrakt, sie lässt sich selten eindeutig zuordnen, und die Kritik an ihr kann in unterschiedliche Richtungen politisiert werden. Bewegungen gegen den Markt können, wie die frühen sozialistischen Arbeiterbewegungen, systemtranszendierende Ziele verfolgen; sie können aber auch bloßen Schutz vor marktvermittelter Konkurrenz einfordern und reaktiv-nationalistische oder, wie im Falle faschistischer Mobilisierungen, geradezu terroristische Züge annehmen.

Konflikt zwischen innen und außen

„Du als Deutscher bist nichts mehr wert.“ Mit diesen und ähnlichen Wahrnehmungen wurden wir in Interviews mit männlichen, gewerkschaftlich aktiven Industriearbeitern konfrontiert, die wir im Jahr 2017 in Sachsen führten. Anhand dieser Forschung wollen wir Einblicke dahingehend geben, wie sich befragte gewerkschaftlich aktive, rechts orientierte Arbeiter ihre eigene Lebenssituation und die sie umgebende Wirklichkeit erklären und illustrieren, dass der gegenwärtige völkische Nationalismus und dessen Attraktivität für Arbeiterinnen und Arbeiter als Bewegung Polanyi’schen Typs gedeutet werden kann.

Von uns befragte Arbeiter, bei denen wir rechtspopulistische Orientierungen ausmachen, verorten sich selbst in der gesellschaftlichen „Mitte“ oder bezeichnen sich als „ganz normal“. Sie sind zwar mit ihrer persönlichen Lebenssituation relativ zufrieden, blicken aber mit Sorge auf die immer größer werdende „Schere zwischen Arm und Reich“. Trotz ihrer aktuellen Zufriedenheit haben sie das Gefühl, nicht dem zu entsprechen, was ihnen gemeinhin als normales und erstrebenswertes Lebensmodell präsentiert wird. Mit zwei Kindern kommen beispielsweise zwei der acht Befragten trotz ihrer Vollzeiterwerbstätigkeit und der ihrer Lebenspartnerinnen nur gerade so über die Runden. Urlaubsreisen und regelmäßige Restaurantbesuche mit der ganzen Familie, die für sie zu einem „normalen“ Leben dazugehören, können sie sich nicht leisten. Sie fühlen sich als „arbeitende deutsche Bürger“ und „kleine Leute“ nicht angemessen anerkannt sowie materiell entlohnt. Gegenüber Flüchtlingen fühlen sie sich benachteiligt, da für diese nun plötzlich Geld da sei, nachdem jahrelang nicht in das Bildungssystem oder in den sozialen Wohnungsbau investiert wurde.

Ob für die Flüchtlinge, die überbezahlten Politiker oder Griechenland – immer sei der kleine deutsche Arbeiter „der Zahlemann der Nation“. Die Befragten konstruieren „die Deutschen“ als Gemeinschaft ehrlicher, hart arbeitender Menschen, die von der eigenen Regierung betrogen wird. Das reale soziale Problem, dass nicht wenige Lohnabhängige selbst mit einer Vollzeittätigkeit mit ihren Familien nur gerade so über die Runden kommen, wird hier national überformt: Ihnen als Deutschen stünde ein besseres Leben, soziale Absicherung und Anerkennung zu, ethnisch „Fremden“ und Personen, die nichts zum Wohlstand des Landes beigetragen hätten, hingegen nicht. Sie sollen ausgegrenzt, in Sammelunterkünften untergebracht und ausschließlich mit den nötigsten Sachleistungen versorgt werden.

Zu dem Gefühl, nicht dem entsprechen zu können, was als „normal“ gilt, gesellen sich entwertende Arbeitsbedingungen. Ein autoritärer Führungsstil der Vorgesetzten, Bevormundung, wenig Mitbestimmungsmöglichkeiten für Beschäftigte und ausbleibende Lohnerhöhungen gehören zu den prägenden Erfahrungen und sind nach Aussagen befragter Gewerkschaftssekretäre in den untersuchten Regionen keineswegs eine Ausnahme. Erfahrungen solcher Art können dazu beitragen, dass sich Menschen ohnmächtig und permanent benachteiligt fühlen, dass Frust und Wut wachsen. Diese Gefühle münden keineswegs zwangsläufig in eine rechtspopulistische oder gar völkische Bewegung, können jedoch von solchen mobilisiert werden.

Bei unseren Befragten spielen spezifisch ostdeutsche Erfahrungen eine bedeutende Rolle. Viele Ostdeutsche erlebten infolge der sogenannten Wende 1989/90 in rasantem Tempo eine Entwertung von fast allem, was bis dato gegolten hatte. Als Ostdeutsche waren sie gegenüber Westdeutschen nicht nur in ökonomischer Hinsicht benachteiligt; sie fühlten sich als Bürger und Bürgerinnen Ostdeutschlands auch in kultureller Hinsicht von westdeutscher Politik, von Arbeitgebern und anderen bevormundet, abgewertet und in ihren Lebensrealitäten nicht anerkannt.

Gefühle solcher Art entsprechen realen Benachteiligungen und Anerkennungsdefiziten, sind Ostdeutsche doch bis heute in allen Bereichen der Positionseliten und Medien unterrepräsentiert. Die Löhne und die Qualität der Arbeit sind in Ostdeutschland nach wie vor niedriger als in Westdeutschland. Nach den tiefgreifenden erwerbsbiografischen, sozioökonomischen und demografischen Umbrüchen der Wendezeit haben viele Ostdeutsche gerade erst wieder eine gewisse Normalität und Stabilität erreicht, die sie nun mit der Ankunft von Geflüchteten erneut bedroht sehen.

Deutlich wird, dass sich der Wunsch danach, mit dem eigenen Einkommen ohne Sorge ein gutes Leben führen zu können, nach stärkerer materieller Anerkennung ihrer Leistungen, ihrer harten Arbeit, aber eben auch ihrer Lebensrealitäten, in ausgrenzenden Lösungen ausdrückt. Diese Haltung lässt sich als exklusive Solidarität mit den produktiv Beschäftigten und der nationalen Leistungsgemeinschaft in Abgrenzung zu Arbeitslosen und „kulturell fremden‚ unnützen Migranten und Migrantinnen“ bezeichnen.

Diese Grundproblematik lässt sich zu folgender These zuspitzen: Je geringer die Hoffnung ist, trotz individueller Anstrengungen Anschluss an eine Gesellschaft zu finden, die medial fortwährend als prosperierend dargestellt wird, desto stärker haben die von uns befragten Arbeiter das Gefühl, Verlierer einer Verteilungsungerechtigkeit zu sein. Infolgedessen interpretieren sie die aktuelle Situation als einen Konflikt zwischen innen – den leistungsbereiten, tüchtigen Deutschen – und außen, das heißt vermeintlich leistungsunwilligen, kulturell nicht integrierbaren Ausländern und Ausländerinnen.

Das gute Volk gegen das korrupte System

Dabei grenzen die Befragten das Volk und die von ihnen ersehnte nationale Leistungsgemeinschaft vom System ab. Sie kritisieren Egoismus, Macht- und Profitstreben sowie Vereinzelung und wünschen sich mehr Zusammenhalt und ein besseres Miteinander, das sie in der Nation zu realisieren meinen. Interessengegensätze und Meinungspluralismus kommen in dieser Vorstellung nicht vor. Das ist umso erstaunlicher, als alle als aktive, gewerkschaftlich organisierte Betriebsräte davon überzeugt sind, dass es ein starkes Gegengewicht der Arbeitenden zum Management braucht. Diesen Interessengegensatz auf der betrieblichen Ebene beziehen sie jedoch nicht auf die Gesellschaft: Hier eint die Vorstellung des deutschen „Volks“ die Menschen über alle Interessengegensätze hinweg und verbündet sie im ethnischen Sinne gegen „das System“.

Die Systemkritik ist häufig verschwörungstheoretisch begründet. Auch wenn sie das grundlegend diffuse Gefühl haben, dass „etwas mit dem System nicht stimmt“, fällt doch auf, dass sich die Kritik der Befragten nicht auf die tieferen Ursachen von sozialer Ungleichheit, kapitalistischer Verwertungslogik oder sozialer Vereinzelung bezieht. Sie bestimmen lediglich Personen und Mächte, die allein an der gegenwärtigen Misere schuld sein sollen und Deutschland gezielt kleinhalten würden: die Migration, das vermeintliche Kartell von Parteien und Medien, die Politik, die Linken, die USA oder eben „irgendjemand“.

Die verbreitete Kritik an wachsender sozialer Ungleichheit, das Bewusstsein für Ungerechtigkeiten in der Arbeitswelt, das Gefühl, politisch nicht repräsentiert zu werden und mit den eigenen Belangen in der Öffentlichkeit nicht vorzukommen, die mangelnde materielle und soziale Anerkennung als Arbeiter verbinden sich mit rassistischen Ressentiments und kanalisieren sich in einer völkischen Bewegung Polanyi’schen Typs. Diese richtet sich nicht gegen eine ausbeuterische Klasse, den Kapitalismus oder Ähnliches, sondern gegen das diffuse „System“ und die kulturell vermeintlich Fremden. Die Grenzen zwischen dem „Wir“ und „den Anderen“ verlaufen folglich nicht klassenspezifisch, sondern nach Leistung und „Kultur“.

Es handelt sich um eine Bewegung Polanyi’schen Typs, weil sie sich gegen die (vermeintliche) soziale Konkurrenz mit Migrierenden richtet und darauf abzielt, den eigenen Status, das Anrecht auf soziale Sicherheit und ein „gutes Leben“ auch in der Zukunft zu erhalten, nicht aber darauf, die tatsächlichen gesellschaftlichen und ökonomischen Ursachen der Konkurrenz infrage zu stellen und zu überwinden. Die Befragten empfinden rechtspopulistische, nationalistische Bewegungen wie beispielsweise Pegida als Bewegungen der Mehrheit, die den authentischen Willen des Volks artikulieren und gegen die aus ihrer Sicht verlogene „Systempolitik“ mit dem Ziel der Errichtung einer wahren, direkten Demokratie zu Felde ziehen.

Ausblick: Mehr vergleichende Forschung ist nötig

Rechtspopulistische Formationen greifen reale Anerkennungsdefizite und Themen auf, deren Bearbeitung sich lange Zeit linke Parteien recht erfolgreich verschrieben hatten. Dabei machen sie ausgrenzende, „national-soziale“ Angebote ganz im Sinne von „Deutsche zuerst“ oder „Österreicher zuerst“ und legitimieren und radikalisieren rassistische und nationalistische Haltungen und Verhaltensweisen. Die sozialpopulistische Rhetorik und die Verknüpfung sozialer Themen mit Einwanderung läuft letztendlich immer darauf hinaus, Migration zu beschränken oder zu verhindern und soziale Gruppen gegeneinander auszuspielen, und lenkt so davon ab, ernsthaft soziale Probleme anzupacken.

Zu den Bedingungen des Aufstiegs rechtspopulistischer Formationen und ihrer Attraktivität für Arbeiter und Arbeiterinnen gehören politische Diskurse, politische Kräfteverhältnisse, sozioökonomische Veränderungen, politische Repräsentationsdefizite und Ähnliches, die sich in den verschiedenen Ländern voneinander unterscheiden und vergleichend untersucht werden müssten. Unsere Forschungen haben wir bisher nur in Deutschland und vorrangig in Industriebetrieben durchgeführt. Systematischer zu untersuchen wäre, wie es in anderen Branchen, wie beispielweise dem Dienstleistungsbereich, aussieht.

Eine ausführliche Darstellung der diesem Beitrag zugrundeliegenden Studie findet sich bei Klaus Dörre/Sophie Bose/John Lütten/Jakob Köster (2018). Arbeiterbewegung von rechts? Motive und Grenzen einer imaginären Revolte. In: Berliner Journal für Soziologie, 2/17. Online abrufbar unter https://link.springer.com/article/10.1007/s11609-018-0352-z.

II
Persönliches-Historisches

Wer könnte besser Auskunft über das Leben Karl Polanyis geben als seine Tochter Kari Polanyi-Levitt? Um die Person Karl Polanyi besser zu verstehen, ist es notwendig, ihm nahe Menschen kennenzulernen: seine Frau Ilona Duczyńska, seinen Bruder Michael und natürlich seine Tochter Kari. Polanyi wurde in Wien geboren und wuchs in Budapest auf; ungarische Juden befanden sich dort in einer besonderen Lage. Wie viele andere im 20. Jahrhundert verschlug es auch Polanyi von einem Ort zum anderen: Wien, London und die USA waren weitere Stationen seines Lebens.

„WO IMMER MEIN VATER LEBTE, WAR ER INVOLVIERT“

Was Karl Polanyis „The Great Transformation“ geprägt hat: Ein Gespräch über das Leben des Autors mit seiner Tochter Kari Polanyi-Levitt

MICHAEL BURAWOY

Karl Polanyi gilt als einer der anerkanntesten Denker der Soziologie und darüber hinaus. Sein Buch „The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen“ zählt heute zu den Klassikern der Soziologie und berührt beinahe jedes Teilgebiet der Disziplin. Die Bedeutung seines Werkes reicht dabei weit über die Grenzen der Soziologie hinaus, auch in Bereiche der Ökonomie, Geografie und Anthropologie. In den letzten vier Dekaden, die durch neoliberale Denkweise und Praxis gekennzeichnet waren, gewann Polanyis Sichtweise aufgrund seiner kritischen Position gegenüber der Marktwirtschaft und der Art und Weise, wie diese das Gefüge der Gesellschaft zersetzt, immer mehr Zustimmung. Das Buch untersucht Ursprünge und Konsequenzen von Kommodifizierung und ist zugleich eine Darstellung von Gegenbewegungen zu dieser Kommodifizierung – Bewegungen, die sowohl den Faschismus und den Stalinismus als auch die Sozialdemokratie hervorgerufen haben. Im gegenwärtigen globalen Kontext erweisen sich diese Analysen offensichtlich als relevant.

Im folgenden Interview spricht Karl Polanyis Tochter Kari Polanyi-Levitt über das Leben ihres Vaters und die maßgeblichen Einflüsse, die zu „The Great Transformation“ beigetragen haben. Ebenso weist sie auf die spezielle Beziehung ihres Vaters zu ihrer Mutter Ilona Duczyńska hin, einer Intellektuellen, die zeitlebens politische Aktivistin war. Kari Polanyi-Levitt zeichnet die vier Phasen in Karl Polanyis Leben (1886–1964) nach: die ungarische, die österreichische, die englische und zuletzt die nordamerikanische Phase.

Kari Polanyi-Levitt ist Ökonomin und lebt in Montreal. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher, einschließlich „From the Great Transformation to the Great Financialization“ (2013) und des Sammelbands „The Life and Work of Karl Polanyi“ (1990). Das folgende Interview ist eine gekürzte Version einer öffentlichen Diskussion zwischen Kari Polanyi-Levitt und Michael Burawoy.

Michael Burawoy: Beginnen wir am Anfang. Wir sind es gewohnt, Karl Polanyi als Ungarn anzusehen, aber er ist eigentlich in Wien geboren, richtig? KARI POLANYI-LEVITT: Ja, das stimmt. Mein Vater und ich, wir sind beide in Wien geboren, meine Mutter in einer kleinen Stadt nicht weit von Wien. Wien war damals natürlich das Zentrum des intellektuellen Lebens, die große Metropole des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs. Die Familie, also Vater und Mutter von Karl Polanyi, begannen ihr gemeinsames Leben in Wien. Karls Mutter, Cecilia Wohl, wurde von ihrem Vater aus Vilnius, damals in Russland, nach Wien geschickt, um einen Beruf zu erlernen. Aufgrund ihrer Ausbildung sprach sie Russisch und Deutsch. In Wien lernte sie Karls Vater, einen jungen ungarisch-jüdischen Ingenieur namens Mihály Pollacsek kennen. Er sprach Ungarisch und Deutsch, also war die Familie zu Beginn deutschsprachig.

Vor nicht allzu langer Zeit erfuhr ich durch Korrespondenzen, dass mein Vater bis zu seinem Eintritt ins Gymnasium in Budapest kein Ungarisch gelernt hatte. Die ungarische Phase meines Vaters, die natürlich sehr wichtig ist, war also durch russische Einflüsse geprägt – im politischen Sinne durch russische Sozialisten, die sich stark von damaligen Sozialdemokraten unterschieden. Es war ein Sozialismus, der sich stärker in eine ländliche Richtung, in Richtung der bäuerlichen Landbevölkerung orientierte und anarchistische Elemente hatte. Selbstverständlich waren Kommunen ein zentraler Teil der politischen Formation. Ich muss sagen, dass dieser russische Einfluss durch seinen Vater, der sehr anglophil war, ausbalanciert wurde. Wenn es zwei relevante literarische Persönlichkeiten im Leben meines Vaters gab, so waren es Shakespeare – er nahm eine Ausgabe seiner gesammelten englischen Werke mit in den Krieg – und, von all den großen russischen Schriftstellern, Dostojewski.

Und dann war da der Einfluss von emigrierten russischen Revolutionären, unter ihnen ein Mann namens Klatschko.

POLANYI-LEVITT: Ja, Samuel Klatschko war eine außerordentliche Persönlichkeit. Er lebte in Wien und war der inoffizielle Vermittler zwischen russischen und internationalen bzw. europäischen Revolutionären. Er stammte aus einer jüdischen Familie aus Vilnius und verbrachte seine Jugend in einer russischen Kommune in Kansas. Diese Gemeinde war nicht sehr langlebig, sie löste sich bald auf. Man erzählt, dass Klatschko 3000 Rinder nach Chicago brachte und von dort aus die International Ladies Garment Workers Union in New York besuchte. Er war ein Aktivist. Die Kommune in Kansas war nach dem Russen Nikolai Tschaikowski benannt. Als Klatschko nach Wien kam, pflegte er eine enge Freundschaft mit der Pollacsek-Familie und er hielt Ausschau nach russischen Menschen, die marxistische Literatur kaufen wollten oder aus welchen Gründen auch immer nach Wien gekommen waren. Mein Vater erzählte mir, und das habe ich niemals vergessen, dass diese Männer nicht nur bei ihm einen starken Eindruck hinterlassen haben, sondern auch bei seinem Cousin Irvin Szabo, der eine wichtige Rolle in den intellektuellen Kreisen Ungarns spielte; er war eine Art anarchistischer Sozialist. Manche von ihnen hatten keine Schuhe, sondern wickelten stattdessen ihre Füße in Zeitungspapier ein. Mein Vater war enorm beeindruckt von ihrem Heroismus und ihrer Courage. Alles in allem hatte mein Vater einen … ich wollte sagen „romantischen“, aber in jedem Fall einen Riesenrespekt vor diesen Revolutionären. Insbesondere vor Bakunin, der, wie ich vermute, die größte Persönlichkeit von ihnen allen war. Ein Mann, der aus allen Gefängnissen Europas ausgebrochen ist.

Diese Sympathie für Sozialrevolutionäre hielt zeit seines Lebens an, was in Teilen die Ambivalenz erklärt, die er gegenüber Bolschewiken verspürte.

POLANYI-LEVITT: Ja, diese Sympathie hielt zeit seines Lebens an. Sie erklärt seine antagonistische Beziehung zu den russischen Sozialdemokraten, denen jene angehörten, die letztendlich zur Mehrheitsfraktion der Bolschewiki wurden.

Ihr Vater war bereits als Student politisch aktiv, richtig?

POLANYI-LEVITT: Ja, er war Gründungspräsident einer studentischen Bewegung, die unter dem Namen Galileo Circle bekannt war und deren Zeitschrift Szabad Gondolat hieß, was so viel bedeutet wie „Freier Gedanke“. Die Zeitschrift stellte sich gegen die Monarchie, gegen die Aristokratie und gegen das österreichisch-ungarische Kaiserreich. Es war keine sozialistische Bewegung, obwohl viele der an ihr Beteiligten Sozialisten waren. Die Bewegung inkludierte junge Leute aus den Gymnasien ebenso wie aus den Universitäten. Ich habe gelesen, dass bis zu 2000 Alphabetisierungskurse pro Jahr abgehalten wurden. Die zentrale Aufgabe war also Bildung.

Dann kam der Erste Weltkrieg.

POLANYI-LEVITT: Mein Vater war Kavallerieoffizier an der russischen Front. Die Situation war entsetzlich. Es war in gleichem Maße für die österreichisch-ungarischen wie für die russischen Truppen schrecklich. Er infizierte sich mit Typhus, einer furchtbaren Krankheit. Er erzählte mir einmal, er dachte, er würde sterben, als sein Pferd stolperte und ihn unter sich begrub, doch er erwachte in einem Militärkrankenhaus in Budapest.

Am Ende des Krieges kam es zur Ungarischen Revolution.

POLANYI-LEVITT: Die Ungarische Revolution von 1918 beendete den Krieg und resultierte im Herbst desselben Jahres in der Gründung der Ersten Republik mit Graf Károlyi als erstem Ministerpräsidenten. Das ist der Grund, warum sie üblicherweise als Astern- oder Herbstrosenrevolution bezeichnet wird – nach Blumen, die den Herbst kennzeichnen. Darauf folgte dann die kurzlebige Räterepublik, die im August 1919 endete, als sie in einer Gegenrevolution niedergeschlagen wurde und zahlreiche ungarische Intellektuelle, Aktivisten, Kommunisten, Sozialisten und Liberale zur Flucht ins Exil nach Wien zwang. Einschließlich meines Vaters.

Also Ihr Vater verließ Ungarn vor dem Ende der Revolution, richtig?

POLANYI-LEVITT: Ja, er verließ Ungarn vor dem Ende der Revolution.

Wie schätzte er die Ungarische Revolution ein?

POLANYI-LEVITT: Seine Haltung war ambivalent, so wie die vieler anderer auch. Ich denke, ursprünglich begrüßten die meisten die Bildung von Räten im ganzen Land. Aber als die Räte eine vollständige Nationalisierung der Wirtschaft beschlossen, denke ich, war das der Moment, in dem er ahnte, dass das Ganze ein böses Ende nehmen wird. Was in der Realität dann auch geschah.

Die Anführer der Kommunistischen Partei Ungarns flohen also von Budapest nach Wien?

POLANYI-LEVITT: Ja. Die Kommunistische Partei hatte im Exil zwei Anführer, Béla Kun und Georg Lukács. Es bestand eine gewisse Rivalität zwischen den beiden. Es gibt eine lustige Geschichte über meine Mutter, die das Jahr 1919 in Moskau verbrachte, wo sie – aufgrund ihrer sprachlichen Ausbildung und Fähigkeiten – in einem Büro mit Karl Radek arbeitete und das Treffen der Zweiten Kommunistischen Internationalen organisierte. Als sie nach Wien zurückkehrte, bekam sie die Aufgabe, finanzielle Unterstützung an die ungarischen Kommunisten zu überbringen, und zwar in Form eines Diamanten, der in einer Tube Zahnpasta versteckt war. Das Interessante daran war, dass sie diese an Lukács liefern sollte, da er als Sohn eines Bankers wohl als zuverlässiger eingeschätzt wurde als Kun.

Zu diesem Zeitpunkt kannten sich Ihre Mutter und Ihr Vater noch nicht, sie lernten sich erst im darauffolgenden Jahr, 1920, in Wien kennen.

POLANYI-LEVITT: Es war ein schicksalhaftes Treffen – in einer Villa, die von Wiener Unterstützern für ungarische Kommunisten und andere linke Emigranten zur Verfügung gestellt wurde. Sie war der Liebling dieser Gruppe von jungen Männern. Von denen hatte – meiner Mutter zufolge – niemand damit gerechnet, dass sie sich von einem Mann angezogen fühlen könnte, der zehn Jahre älter war als sie, einem Mann, dessen Leben so erschien, als würde es bereits hinter ihm liegen, der deprimiert war und in einer Ecke Notizen kritzelte.

Die beiden waren sehr unterschiedliche Charaktere. Sie war mehr Aktivistin, er mehr Intellektueller, die eine verbrachte ihre Zeit in den Schützengräben, der andere im Studierzimmer.

POLANYI-LEVITT: Ja und nein. Wo auch immer mein Vater lebte, er war stets involviert in die Dinge, die dort vor sich gingen. Er schrieb Artikel für die Öffentlichkeit, für alle, die es interessierte, was er zu sagen hatte. Er veröffentlichte überall, wo er seine Texte publizieren konnte, in Ungarn, in Wien und auch in England. Er beschäftigte sich also wahrlich mit der Gegenwart. Er war ein Intellektueller, ja, aber keiner mit einer Obsession, die er pflegte, mit keiner immer gleichen Idee, die er von Ort zu Ort mit sich trug. Nein, nein. Überhaupt nicht. Meine Mutter begann ihren Aktivismus tatsächlich mit einer profilierten Beteiligung als herausragende junge Frau in der Ungarischen Revolution; in einem gewissen Sinne gab es nichts Vergleichbares in ihrem restlichen Leben. Und es umgab sie eine gewisse Traurigkeit. Wissen Sie, wenn man in sehr jungem Alter das erreicht, was man wirklich anstrebt – was in ihrem Falle hieß, eine offensichtlich wichtige Rolle in der Geschichte und der kommunistischen sozialistischen Bewegung zu spielen – was auch immer man dann für den Rest des Lebens tut, es kann diesem Erfolg nicht das Wasser reichen.

Beide hatten also ihre traurigen Erfahrungen, aber dann, 1923, passierte etwas sehr Besonderes. Sie wurden geboren! Das hat Ihre Eltern richtiggehend verjüngt.

POLANYI-LEVITT: Ja, meinem Vater zufolge half ihm meine Geburt aus der Depression, was, wie alle solche Dinge, eine sehr private Erfahrung war. Nichtsdestoweniger schrieb er sehr viel darüber. Er schrieb darüber, was – seines Erachtens nach – die Verantwortung seiner Generation war, aufgrund all der schrecklichen Dinge, die passiert waren, insbesondere des schrecklichen und sinnlosen Kriegs. Er schrieb viel über den Ersten Weltkrieg, darüber, wie wenig dieser Krieg wirklich veränderte. Es war, meinem Vater zufolge, niemals richtig klar, worum es dabei wirklich ging. Es war nichts als ein schreckliches Massaker. Eine menschliche Katastrophe. Er machte seine Generation dafür verantwortlich. Und dieses Gefühl der Verantwortung, der sozialen Verantwortung für den Zustand der Welt, für den Zustand des Landes – ich frage mich, ob das ein Kennzeichen dieser Generation war und ob dieses Gefühl der Verantwortung heute verschwunden ist. Gibt es immer noch Menschen – Intellektuelle inkludiert –, die ein Verantwortungsgefühl unserer Gesellschaft gegenüber haben, in der Weise wie mein Vater und viele seiner Generation es hatten?

Es war mit Sicherheit und aus unterschiedlichen Gründen eine sehr besondere Generation. Einer der Gründe war das Rote Wien, der sozialistische Wiederaufbau Wiens von 1918 bis 1933 – eine Zeit, die Ihr Vater in Wien verbrachte.

POLANYI-LEVITT: Ja, das Rote Wien war eine herausragende Episode in der Geschichte – ein bemerkenswertes Experiment städtischen Sozialismus. Es war tatsächlich eine Situation, in der Arbeiter und Arbeiterinnen sozial privilegiert waren – hinsichtlich Leistungen und dem wunderbaren sozialen Wohnbau; der Karl-Marx-Hof ist natürlich das herausragendste Beispiel. Aber es war nicht nur das. Die Atmosphäre und das kulturelle Niveau waren außergewöhnlich, gekennzeichnet durch den Umstand, dass jemand wie Karl Polanyi, der keinen Status hatte und an keiner Universität angestellt war, öffentliche Vorträge zu Sozialismus und anderen Thematiken abhielt. Er hatte die Möglichkeit, in einem einschlägigen Wirtschaftsjournal das marktorientierte Denken von Ludwig von Mises herauszufordern. Mises reagierte darauf und mein Vater antwortete. Es gab außerhalb der Universität, in der Gesellschaft ein intellektuelles Leben.

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22 aralık 2023
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9783854396550
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