Kitabı oku: «KINDERGEFÄNGNIS und andere verlassene Orte»
Corinna Griesbach (Hrsg.)
KINDERGEFÄNGNIS
und andere verlassene Orte
Ein HALLER-Buch
Außer der Reihe 46
Corinna Griesbach (Hrsg.)
KINDERGEFÄNGNIS
und andere verlassene Orte
Ein HALLER-Buch
Außer der Reihe 46
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: November 2020
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Sebastian Schwarz
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat: Corinna Griesbach
Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 198 3
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 890 6
Vorwort | Michael Haitel
Als damals der HALLER 7 zum Thema der »verlassenen Orte« erschien, wusste keiner von uns – weder Corinna noch ich –, was sich daraus entwickeln würde. Der HALLER selbst war eine gut bestückte, aber nicht außergewöhnliche Ausgabe, was den Umfang anging. Ein HALLER eben.
Aber die Geschichten, die sich auf Corinnas Schreibtisch angesammelt hatten, waren nicht nur zahlreich, sondern qualitativ auch zu schade, um sie zu ignorieren, sie nicht zu veröffentlichen. Ein Taschenbuch daraus zu machen, war naheliegend. Es gab keine Diskussionen über die Frage, ob oder ob nicht. Es gab nur Detailfragen.
Klammheimlich entwickelte sich ausgerechnet dieses Buch zu einem großen Erfolg. Ganz nebenbei wurde eine Auflage verkauft, die in meinem Verlag nicht an der Tagesordnung war. Das Buch wurde nicht nur beim Schaltungsdienst Lange produziert, sondern auch über Books on Demand (BoD) in Norderstedt. Und das war das Geheimnis.
Denn die Bücher, die über BoD liefen, tauchten nur – unter anderen Werken – auf den Abrechnungen auf, und niemand achtete da übermäßig drauf. BoD schickte Abrechnungen, überwies Geld, wunderbar. Sehr viel später stellte sich heraus, dass das Buch über BoD – und damit auch über Amazon und andere Plattformen – eine respektable dreistellige Auflage erreicht hatte. Nur die Honorarabrechnung erwies sich als enttäuschend, denn die BoD-Marge war nicht sehr hoch, und die Erlöse, geteilt durch rund fünfzig Autoren …
Ich muss das nicht weiter ausführen.
Die neuen »verlassenen Orte« waren ein gezieltes Projekt, kein Zufall, wie damals der vierte Band der Reihe »Außer der Reihe«. Und diesmal standen die Bilder von Sebastian Schwarz von vornherein im Mittelpunkt – und so war auch die nicht ganz gewöhnliche Formatauswahl der neuen Bücher kein Zufall, sondern volle Absicht. Ebenso wie die Tatsache, dass die neuen »verlassenen Orte« in zwei Bänden erscheinen.
Man gönnt sich doch sonst nichts.
Michael Haitel
Winnert, Herbst 2020
Tiefes Glück | Svea Ninke
Sie war nicht sicher, ob sie es diesmal rechtzeitig schaffen würde. Die morsche Holztür ging immer schwer auf. Und vor zwei Tagen hatte sie sich auch noch bei dem Versuch die Hand verletzt, den großen Fliedertopf über die Terrasse zu schieben. Seitdem trug sie einen dicken Verband.
Darauf konnte sie jetzt aber keine Rücksicht nehmen, sie war ohnehin spät dran.
Helen stieg vorsichtig über die niedrige Gartenmauer und rannte los. Die Garagen entlang, durch das Gebüsch runter zum Fluss, seinem mäandernden Lauf folgend, einhundert Meter, zweihundert Meter, dreihundert Meter, bis die alte Schule plötzlich hinter der nächsten Biegung auftauchte. Ein verfallenes, schlossähnliches Gebäude mit eingestürzten Giebeln und sich gefährlich in den Abgrund neigenden Balkonen. Seit Jahren war dieses verwunschene Prachtstück für die Öffentlichkeit gesperrt.
Verstohlen warf Helen einen Blick über die Schulter, ob jemand hinter ihr denselben Weg am Fluss entlangspazierte.
Niemand zu sehen.
Sie schlug hinter der nächsten Hecke einen Haken und verschwand im dichten Gestrüpp, das sich bis an das verfallene Gemäuer hinzog. Unbeholfen kletterte sie über den kleinen Steinwall, der das Schulgelände an der Rückfront einsäumte. Noch zweiundfünfzig Schritte, dann stand sie vor der Holztür, die sich beherzt gegen das Vergessen stemmte und gleichzeitig alle ungebetenen Besucher ausschloss.
Nun ja, nicht alle.
Sie angelte den angerosteten Schlüssel aus ihrer Rocktasche, drehte ihn im Schloss zweimal herum und drückte dann mit ihrem ganzen Gewicht gegen die abgeblätterte Tür. Mist, der Arm mit der schmerzenden Hand kam ihr dabei immer in die Quere. Also das Ganze noch mal mit links. Sie drückte die Klinke nach unten, stemmte sich gegen den Widerstand – und war drin.
Er würde sicher schon auf sie warten.
Durch die halb blinden, bogenförmigen Fenster fiel kaum Licht. Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen, jeder Schritt wirbelte Staubwölkchen auf, die spiralförmig nach oben tanzten.
Am Ende des langen Flurs stand an einer niedrigen Tür, zu der zwei Stufen nach unten führten, in hübsch gezwirbelter Schrift »Gemeinschaftsdusche«. In längst vergangenen Zeiten hatte die Schule hier unten den Badebereich beherbergt. Nach dem Gymnastikunterricht schrubbten sich die Schüler hier unter den wachsamen Augen der Aufsicht den Schweiß ab, die Tagesheimschüler – Kinder wohlhabender Eltern – durften sogar baden.
Gedankenversunken strich Helen über den brüchigen Rand der alten Marmorwanne, die immer noch in der Ecke thronte. Aus dem Kippfenster darüber hatte man als Kind sogar einen winzigen Ausschnitt des Flusses sehen können, wenn man es wagte, sich auf dem rutschigen Wannenrand auf die Zehenspitzen zu stellen.
In der dämmrigen Nische mit den Fußwaschbecken polterte plötzlich etwas zu Boden.
Helen zuckte zusammen. »Bist du schon da?«, rief sie halblaut durch den wie ein L verlaufenden Saal. Aber nur das Knarzen der Fensterläden in den Scharnieren antwortete ihr. Offenbar frischte der Wind wieder auf. »Bist du im Silentium?«, rief sie noch mal mit gedämpfter Stimme.
Stille.
Sie ging den langen Flur zurück, vorbei an den schmalen Alkoven, in denen immer noch kleine Amorstatuen als Weggefährten auf ihren Einsatz warteten. »Eigentlich ganz schön deplatziert in einer Schule«, dachte sie befremdet, »noch dazu in dieser strengen Gemeinschaft. Und dann auch noch im Badetrakt …«
Sie gelangte zum Knick am Ende des Saals, bog hinter den Fußwaschbecken nach rechts ab und stand vor dem Rundbogen, der in den Ruheraum überging. Acht Liegen aus Stein waren in gleichmäßigem Abstand in einem Halbkreis angeordnet. Über den Boden ringelten sich weiß blühende Ackerwinden, die allen Zeitstürmen zu trotzen schienen. Zwischen den zerbrochenen Fliesen eroberte sich die Natur immer mehr Terrain zurück, sogar einige Lavendelzweige hielten sich am Sockel der Steinbank ganz rechts am Fenster fest und zeigten sich schon ziemlich üppig.
›Erstaunlich, dass der Moderboden ihnen genug Feuchtigkeit spendet‹, dachte Helen. Ihr Blick verweilte kurz auf dem fast schon verblühten Fliederzweig, der sich durch die zersplitterte Luke des Dachfensters geschoben hatte, dann tat sie einen Schritt zur Seite – und fiel vier Meter tief.
Der Sommer kam, der Herbst, der Winter, dann wieder der Frühling, und das Ganze zehn Mal.
Er war keineswegs sicher, ob es eine gute Idee war, in den kleinen Ort zurückzukehren, der ihm so viel Schmerz zugefügt hatte.
Nach außen hin hatte man ihm die Verzweiflung nicht angemerkt. Er hatte weiterhin seine Arbeit gemacht, war danach nach Hause gegangen, hatte seine Frau für das Mittagessen gelobt, das Geschirr in die Spülmaschine geräumt, mit den Kindern im Garten rumgetobt. Erst spät nachmittags hatte er sich immer eine Weile zurückgezogen – angeblich, um ein Seminar vorzubereiten. Meist schaffte er es dann gerade noch bis hinter die Tür des Arbeitszimmers, bevor der Kummer ihn wie eine Woge überflutete. Er ließ den Tränen freien Lauf, wartete still und reglos ab, bis der Schmerz zu einer dumpfen Leere geworden war, und starrte dann noch eine Weile aus dem Fenster, runter zum Fluss.
Nach acht Monaten hatte Elias es nicht mehr ausgehalten und sich einen Vorwand gesucht, um der Familie einen Umzug in die nächstgelegene Großstadt vorzuschlagen. Zu seiner Überraschung stimmten alle, auch seine Frau, ziemlich bald zu.
Inzwischen hatten sich alle dort gut eingelebt, sogar er selbst. Nun, vielleicht sollte man bei ihm eher sagen, er hatte sich eine Art neues Leben »eingerichtet«, gerade so, wie man sich ein neues Zimmer einrichtet. Im gelungensten Fall ganz passabel anzusehen – aber letztlich ohne jede tiefere Bedeutung.
Weil alle anderen ihr Glück gefunden hatten und nur er seines verloren hatte, ohne dass irgendjemand die leiseste Ahnung davon haben konnte, kamen keine großen Beschwerden von seiner Familie, als Elias ankündigte, am übernächsten Wochenende einen alten Freund im ehemaligen Heimatstädtchen zu besuchen.
Und nun saß er also in der gemütlichen Regionalbahn und hörte den Schaffner den so vertrauten Ort ankündigen. Er hob seine Tasche aus dem Gepäckfach, ging zur Zugtür und stieg schließlich als Fünfter der kleinen Warteschlange aus.
Sofort umfingen ihn die vertrauten Klänge. Der Schulbus vor dem Bahnhofsgebäude hupte mahnend, damit die Nachzügler jetzt mal etwas Tempo zulegten, im Bauhof gegenüber schepperte eine Ladung Steine an ihren Bestimmungsort, auf dem Bauernhof daneben meldete sich ein Hahn zu Wort.
Kurz packte Elias die Panik. Ob er seiner Unternehmung wirklich gewachsen war? Doch wie von selbst lenkten seine Schritte ihn auf den Weg zum Fluss.
Als er vor der alten Schule ankam, begrüßte ihn ein baumhohes Schild. »Hier entsteht das neue Schloss-Sanatorium« war darauf zu lesen, und er befürchtete schon, dass jetzt wohl alle Zugänge endgültig versperrt sein würden. Aber dann entdeckte er einen unauffälligen Papierstreifen, der in der rechten Ecke des Schildes aufgeklebt war und verkündete, dass die Bauarbeiten erst in vier Monaten beginnen würden.
Na dann … Vielleicht hatte er ja Glück.
Wie ein Spaziergänger, den es ganz zufällig hierher verschlagen hatte, schlenderte er um das inzwischen fast restlos verfallene Gebäude herum, bis er an dem niedrigen Steinwall ankam, der die Rückseite begrenzte. Automatisch zuckten seine Finger in der Jackentasche und stießen an den klobigen Schlüssel, den er erst heute Morgen dort verstaut hatte, damit er ihm bloß nicht abhandenkam. Er stützte sich kurz auf, setzte mit einem Sprung über die Mauer und stand eine Minute später vor der Holztür zum ehemaligen Badetrakt.
Ohne lange zu überlegen, zog er den Schlüssel aus der Tasche, sperrte auf und verschwand im Inneren.
Mit einem leisen Ächzen fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Elias ging langsam den langen Flur entlang. Nahezu liebevoll legte er unterwegs dem einen oder anderen kleinen Stein-Amor die Hand auf die Schulter oder strich zart über seine Wange. Vor der niedrigen Tür, die zu den Duschen führte, zögerte er kurz. Noch war Zeit, umzukehren, ehe lange verdrängte Gefühle ihn wieder ganz in ihren Bann schlugen. Wollte er wirklich den Abstand, den er in den letzten Jahren so mühevoll zwischen sich und die Vergangenheit gelegt hatte, Schritt für Schritt zusammenschmelzen lassen?
Sachte gab er der Tür einen kleinen Schubs und zwängte sich durch den Spalt, den sie überraschenden Besuchern nur widerwillig zum Durchschlüpfen anzubieten schien.
Links bei den Fußwaschbecken hatten sich zwei Wasserhähne in ihr Schicksal gefügt und aufgehört, sich an die zersprungene Keramik zu klammern. Halb herausgebrochen hingen sie über dem Abfluss, immer noch dienstbereit, mit hinter all den Kalkkrusten hervorschimmerndem Glanz, als könne nicht mal der Verfall ihnen die Würde ihres Daseins nehmen.
Elias wandte sich nach rechts zum Silentium, ihrem alten Treffpunkt.
Der ganze Raum schien bei jedem Schritt zu erzittern, wobei dieser Eindruck sich nur daraus ergab, dass jede Erschütterung eine Kaskade kleiner Steinbrösel aus dem Sockel der Ruheliegen löste.
Wie oft hatten sie sich hier aneinandergeschmiegt, flüsternd, damit nicht mal die Wände Zeugen ihrer Liebesschwüre wären, dann wieder atemlos vor Glück und unerfüllter Sehnsucht.
Helen war fast immer als Erste an ihrem Treffpunkt – er konnte sich ja nur von zu Hause davonstehlen, wenn alle anderen gerade in ihre jeweilige Beschäftigung vertieft waren.
Auch bei ihrer letzten Verabredung hatte er sich erst eine halbe Stunde später als geplant auf den Weg machen können. Doch als er endlich in der verfallenen Schule eintraf, war sie schon fort. Stunden hatte er auf sie gewartet, durch das Fenster über der Badewanne immer wieder zum Fluss gespäht und gelauscht, ob er ihre eiligen Schritte hörte. Aber da war nichts, nur Stille, und ab und zu das Rauschen des Fliederbaumes. Sein schwerer, melancholischer Duft war ihr immer der liebste gewesen.
Irgendwann war er schweren Herzens nach Hause gegangen. Nicht mal eine Nachricht hatte er zu hinterlassen gewagt. Nicht auszudenken schließlich, wenn sie durch einen dummen Zufall doch in die falschen Hände gelangt wäre…
Auch am nächsten Tag blieb Helen verschwunden, genau wie am übernächsten Tag. Und er konnte nicht mal nach ihr fragen. Bei wem sollte er sich denn erkundigen – bei seinen Kollegen? Verdächtiger hätte er sich kaum machen können, wo er sie doch offiziell gar nicht kannte.
Am dritten Tag war dann plötzlich Aufruhr im Ort, denn nun hatte ihre Familie sie offiziell vermisst gemeldet. Heerscharen von Polizisten und freiwilligen Helfern durchkämmten das Waldstück am Fluss und die Wiesen dahinter. Auch Elias machte mit bei der Suche, er durchforstete sogar heimlich das abgesperrte Gebiet rund um die Schlossruine – aber Helen blieb verschwunden.
Und der Kummer in seinem Herzen wuchs, bis er es nicht mehr ertrug, in der Stadt zu bleiben, die ihm so viel Erfüllung geschenkt und ohne jede Erklärung wieder genommen hatte.
Nun wollte er ihn aber noch einmal spüren, den Nachhall des Glücks, das sie zusammen erlebt hatten.
Er setzte sich auf die Steinbank am Fenster, ließ den Blick durch den Raum schweifen. Wie ein verwunschener Garten wirkte er auf dieser Seite. Der Lavendel erstreckte sich stark und kräftig bis hin zur Wand, dazwischen versuchten sich ein paar wilde Kamillenblüten zu behaupten, und rechts grub sich ein mittlerweile schon recht ansehnlicher Ausläufer des Flieders in das Deckenfresko.
Er beugte sich nach vorne, um den geliebten Duft einzufangen, um vielleicht sogar einen kleinen Zweig abzubrechen, der ihm bis zur Heimfahrt noch ein paar Stunden Trost spenden konnte.
Ganz konnte er ihn nicht erreichen. Noch eine kleine Drehung, ein Schritt nach links …
Kurz blieb sein Griff in der Schwebe, die Zeit schien stillzustehen. Dann brach das gesamte Kopfteil der Steinliege mit einem Ruck weg, riss mit donnerndem Getöse einen tiefen Krater in den aufgebrochenen Boden – und alles Vergängliche mit sich.
Monate später grub sich ein Bagger von außen durch die Gemäuer des Badetrakts.
»Vorsicht, hier ist ein riesiges Loch!«, stoppte ein Bauarbeiter die Fahrt seines Kollegen. Beide Männer stiegen über das aufgetürmte Geröll und sahen hinab.
Hinunter zu zwei Skeletten, die friedvoll einander zugewandt dalagen. Die Hände verwoben, die Knie sanft aneinander gestützt, den erloschenen Blick ineinander versenkt. In tiefem Glück.
Kintsugi | Hermann Moser
Blaue Scherben. Goldener Kitt. Eine Teeschale. Der Chef betastete die einstigen Bruchstellen, die wie schmale Täler durch eine Landschaft verliefen. Die goldene Farbe machte den Defekt zur Zierde.
»Das gefällt mir. Die Schale ist wunderschön, weil sie einmal zerbrochen war. Danke, Nyoko! Im Land deiner Mutter gibt es viele interessante Dinge.«
Eigentlich legte der Chef keinen großen Wert darauf, gefeiert zu werden. Aber der Geburtstag brachte auch mit sich, dass seine Mitarbeiterin Nyoko Binder von der Verbrecherjagd abgelenkt war. Er bekam eine Verschnaufpause vom Arbeitseifer seiner hoch talentierten, aber stressigen Mitarbeiterin, die stets sogar ihren Vorgesetzten vor sich hertrieb und ihm dennoch wie eine Tochter ans Herz gewachsen war.
Nyoko küsste ihn auf beide Wangen. »Alles Gute! Diese Kunst aus Japan heißt Kintsugi und ist ein Ausdruck von Wabi-Sabi, der Wahrnehmung der Schönheit.«
»Hat dich der Wandkalender in meinem Büro zu diesem Geschenk inspiriert?«
Sie freute sich, dass er den Gedanken erkannt hatte. »Ja, die Bilder von den verlassenen Gebäuden sind sehr schön. Ich hole ihn …«
Der Chef wollte sie noch aufhalten. Er befürchtete, dass der Kalender Prozesse in Gang setzen würde, die seine Ruhe an diesem Tag gefährdeten, doch sie war zu schnell.
Als Nyoko zurückkam, betrat Klaus Zimmermann, der Leiter der Spurensicherung, das Büro. »Meine herzlichsten Glückwünsche, alter Mann!« Er bemerkte den Kalender in Nyokos Hand. »Wollt ihr den alten Selbstmordfall wieder aufrollen?« Der Chef versuchte noch, ihn mit einem dezenten Fußtritt zu bremsen, doch es war zu spät. Nyokos Augen blitzten auf. Ein ungelöstes Rätsel. Ihr Blick fokussierte sich und zeigte jene Entschlossenheit, die keine Ruhe geben würde, bis der Fall geklärt war.
»Was hat dieser Kalender mit einem Selbstmord zu tun? Wollt ihr mir eine Geschichte erzählen?«
Der Chef stöhnte. »Nyoko, das war vor langer Zeit.«
»Dennoch gibt es anscheinend etwas, das man wieder aufrollen kann. Ich will den Fall lösen.«
Das war es dann wohl mit dem ruhigen Geburtstag. Der Gefeierte schöpfte noch einmal kurz Hoffnung, als sein Mitarbeiter Johann Sturmaier das Büro betrat. Der war nicht nur Kriminalpolizist, sondern auch Leiter der Polizeiblasmusik und trug an diesem Tag die Kapellmeisteruniform. »Alles Gute, lieber Chef! Ich schenke dir heute etwas, das sonst nur hohe Offiziere und der Minister bekommen. Wir spielen ein Ständchen für dich.«
Nicht einmal die Musikkapelle konnte Nyoko bremsen: »Wann soll der Auftritt stattfinden?«
Johann sah auf seine Uhr.
»In zwei Stunden.«
»Dann haben wir noch etwas Zeit für den Selbstmord. Was war damals los?«
Klaus schaute zum Chef und bekam einen resignierten Blick als Antwort. »Den Selbstmord hat vor etwa acht Jahren ein Mann namens Franz Röhrling begangen. Er hatte einige Jahre davor den Bauernhof seiner Eltern in Pfaffingen im nördlichen Waldviertel geerbt. Den Betrieb hat er aufgegeben, um in einer Fabrik in Wien zu arbeiten. Die ist später auch geschlossen worden. Er ist danach zum Hof gefahren und hat sich im Stall erhängt. Das Landeskriminalamt Niederösterreich hat uns um Assistenz gebeten, da der Tote zuletzt hier in Wien gelebt hatte. Wir haben seine Wohnung durchsucht und Menschen in seinem Umfeld befragt. Dabei haben sich keine Beweise ergeben, die gegen einen Suizid gesprochen hätten. Der Fall ist daher von den Niederösterreichern als solcher abgeschlossen worden.«
»Beweise habt ihr keine gefunden, aber ich höre zwischen den Zeilen, dass doch einige Indizien dagegen gesprochen haben. Ihr glaubt nicht der offiziellen Version?«
»Na ja, es war eine klassische Situation. Röhrling hat sich auf einen Stuhl gestellt, den Hals in die Schlinge gelegt und dann den Stuhl weggestoßen. Ich habe mir die Tatortfotos angeschaut, und so wie der Stuhl dort zu sehen war, ist es physikalisch schwer vorstellbar. Den könnte aber auch jemand am Tatort verrückt haben, was natürlich niemand zugeben würde.«
»Warum haben die Niederösterreicher eure Assistenz angefordert? Wenn es für sie ein eindeutiger Suizid war, hätten sie das vermerkt und den Fall abgeschlossen, ohne groß in der Wohnung und bei Bekannten zu ermitteln.«
»So klar war es nicht. Die Kollegen haben sich wegen der fehlenden Schlüssel in zwei Fraktionen gespalten und sehr emotionale Diskussionen geführt. Inoffiziell sind wir sozusagen als Schiedsrichter zugezogen worden, aber es gab einfach keine Beweise für einen vorgetäuschten Selbstmord.«
»Klaus, ich kenne dein Gespür, mit dem du aus winzigen Spurendetails die Abläufe am Tatort rekonstruierst. Wenn für dich etwas unschlüssig ist, glaube ich es ohne wissenschaftlichen Beweis. Was war mit den Schlüsseln?«
»Er hatte keine bei sich, obwohl er mit seinem Touareg hingefahren ist.«
»Das ist aber ein teures Auto für einen arbeitslosen Fabrikarbeiter. Sind seine Vermögensverhältnisse geprüft worden?«
»Es hat keine Auffälligkeiten gegeben, ist aber nicht sehr intensiv angeschaut worden. Die Anhänger der Selbstmordthese haben sich dann doch durchgesetzt.«
Nyoko blickte zu ihrem Chef. »Das tut mir leid! Ich habe mir fest vorgenommen, dir an deinem Geburtstag keinen Stress zu machen, aber die Geschichte stinkt zum Himmel. Ich habe keine ruhige Minute, bis das geklärt ist. Du kannst dich zurücklehnen, ich kümmere mich darum.« Sie nahm den Kalender in die Hand. »Was hat eigentlich dieses schöne Stück mit dem Fall zu tun?«
»Der Fotokünstler Dominik Frandl veröffentlicht Kalender mit Bildern von verlassenen Gebäuden. Er hat damals wohl aus den Medien von dem Selbstmord im Stall des Bauernhofes erfahren und dabei gesehen, dass es sich um ein lohnendes Motiv handeln könnte. Seither kaufe ich jedes Jahr ein Exemplar.«
»Hast du noch den von damals mit dem Stall?«
Während Johann sich verabschiedete, um zur Musikkapelle zu gehen, holte der Chef den alten Kalender. Nyoko nahm ihn und betrachtete das Bild des Stalles. Durch die trüben Fenster fiel nur mattes Licht. Der Fotograf hatte ohne große Scheinwerfer die schön schaurige Stimmung eingefangen. Der Kalk bröckelte von den Wänden. Die aus dunklen Brettern gezimmerte Tür hing etwas schief in den rostigen Angeln. Nyoko glaubte beinahe, das Quietschen der Gelenke zu hören. Auf dem Boden lag noch lose verteiltes Stroh. Die Decke bestand aus langen Latten, die auf schweren Querbalken lagen. Etwas Licht drang durch die Ritzen zwischen den unregelmäßig geschnittenen Brettern. So ein Spalt musste auch Platz geboten haben, um einen Strick um den Balken zu binden.
Nyoko ging zu ihrem Computer und suchte die elektronische Akte. Sie betrachtete Fotos desselben Raumes. Keine Poesie des Verfalls, sondern ein wissenschaftlich aufbereiteter Suizid. Hell erleuchtet. Einige Stellen waren mit Nummernschildern versehen. Am Deckenbalken hing Franz Röhrling. Das chemisch-giftgrüne Seil war offenbar eine neu gekaufte Kunstfaser. Auf jedem Bild befand sich rechts oben eine Aktennummer.
Nyoko zoomte in das Foto. Röhrling war sportlich gekleidet. Auf dem Poloshirt sah sie das Logo einer Designermarke. Er trug eine teure Uhr. Nyoko erinnerte sich, dass Klaus seinen SUV erwähnt hatte. Sie klickte durch die Akten. Auch die Wohnung in Wien war sehr groß und schön. Er hatte dennoch keine Schulden gehabt. Wie war er zu dem Geld gekommen?
Sie schaute zu ihrem Chef und Klaus auf. »Irgendetwas stimmt hier nicht. Warum hat er seinen Hof nicht verkauft? Einen besonders sentimentalen Zug zur Landwirtschaft kann man ihm nicht nachsagen. Den Betrieb hat er aufgegeben und ist in eine Fabrik arbeiten gegangen. Er hat das Anwesen auch nicht gepflegt, um es zum Beispiel als Wochenendhaus zu nutzen. Dabei hatte er offenbar gar nicht so wenig Geld. Trotzdem ist er zu dem Ort, der ihm nicht sehr viel bedeutet hat, zurückgekehrt, um sich umzubringen. Warum? Ich sehe in den Unterlagen viele Scherben: ein verlassener Hof, Arbeitslosigkeit, Selbstmord. Wir müssen sie wieder zusammenkleben. Kintsugi ist nicht nur die Schönheit des Vergänglichen, es ist das Leben mit all seinen Sprüngen, eine ganze Schale und dennoch viele Scherben. Wenn wir alle Aspekte des Lebens von Franz Röhrling zusammenfügen, wissen wir vielleicht, was damals passiert ist. Chef, ich will dort hinfahren und mir den Bauernhof anschauen.«
Der Chef nahm einen tiefen Zug aus seiner kalten Pfeife. »Wir sind unterbesetzt, seit Christian bei der internationalen Polizeimission in Georgien ist. Die Akten stapeln sich auf den Schreibtischen und du willst einen acht Jahre alten Selbstmord wieder aufrollen, der nicht einmal in unsere Zuständigkeit fällt.«
»Christian kommt in zwei Wochen zurück und ich zähle die Tage, weil ich meinen Ex-Freund so vermisse. Wir können die Stapel auf seinen Schreibtisch stellen. Ich würde sagen, dass es neue Hinweise auf Straftaten von Franz Röhrling gibt. Die inoffiziellen Einkommen sind ungeklärt. Wir prüfen, ob er damals mit Komplizen gearbeitet hat, die heute noch aktiv sind.«
»Nyoko, sei mir nicht böse, aber du verrennst dich. Es gibt keinen Anhaltspunkt für ein konkretes Verbrechen, daher auch nicht für Mittäter. Das war ein niederösterreichischer Fall, dort gibt es auch ein Landeskriminalamt. Wir wollen die Kollegen nicht vor den Kopf stoßen.«
»Dann will ich mir zumindest Bilder anschauen. Der Fotokünstler hat sicher viele Aufnahmen gemacht. Ich werde ihn anrufen.«
Während der Chef Luft holte und gedanklich einen Einwand formulierte, hatte Nyoko bereits den Telefonhörer in der Hand. Sie erreichte den Fotografen sofort unter der Nummer, die hinten auf dem Kalender vermerkt war.
Nach kurzer Diskussion gewährte der Künstler Nyoko Zugriff auf die Bilder seines digitalen Archivs.
Sie schaute sich die Fotos an, wechselte immer wieder zwischen den Aufnahmen, zoomte hinein und wieder hinaus, machte Notizen und Skizzen. Sie legte den Kopf nachdenklich zurück. »Er hätte mit den Fotos dieses Hofes alleine einen ganzen Kalender gestalten können. Du hast recht, Chef. Diese Verwitterung von alten Gebäuden ist wirklich schön. Das Gras rund um das Gebäude ist beinahe meterhoch und der Künstler hat das Licht beeindruckend eingefangen. Er ist auf die Bäume geklettert, um trotz des hohen Grases auch Außenaufnahmen machen zu können. Hier sieht man sogar einen Ast in das Bild ragen, wie bei einer japanischen Tuschmalerei. Hm. Trotz der Verwahrlosung ist die Zufahrt anscheinend regelmäßig benutzt worden.«
»Das Befahren einer Straße im nördlichen Waldviertel ist keine Straftat in Wien.«
»Irgendetwas fehlt. Ich spüre diese Unruhe, wenn etwas nicht vollständig ist. Was ist es nur?« Sie klickte durch die Fotos, blätterte in den Unterlagen. »Moment! Das ist doch ein …« Noch schnelleres Klicken. »Natürlich! Klaus, warst du damals bei der Spurensicherung im alten Wohnhaus dabei?«
»Nein. Auch in Niederösterreich gibt es Forensiker. Die haben keine Veranlassung gesehen, wegen eines Selbstmordes ein verlassenes Haus zu durchsuchen.«
»Es ist benutzt worden. In allen Räumen bedeckt eine dicke Staubschicht die Böden. Nur der Gang hinter der Haustür ist gewischt worden.«
Klaus ging zu Nyokos Schreibtisch und schaute auf den Monitor. »Das haben sie wahrscheinlich für den Fotografen gemacht.«
»Dann hätte der vorher Fotos des unberührten Zustandes geschossen.« Sie wechselte zu einer Außenaufnahme. »Noch spannender ist das hier.«
»Das ist ein Kellerfenster. Was ist daran so aufregend?«
»Die Scheibe ist im Gegensatz zu allen anderen nicht zerbrochen. Außerdem ist die Reflexion des Sonnenlichtes anders als bei den übrigen Fenstern. Wahrscheinlich wurde es als Einziges instand gehalten und besteht daher aus modernerem Glas, auch wenn sie sich bemüht haben, den Rahmen ursprünglich aussehen zu lassen. Wenn ich es vergrößere, ist die Scheibe seltsam schwarz. Könnte es innen von einer dunklen Folie verklebt worden sein?«
»Mit deiner Sturheit findest du immer wieder interessante Dinge. Wie schaut der Raum auf den Innenaufnahmen aus?«
»Jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, wo ich etwas vermisst habe. Es gibt keine Fotos vom Keller. Dort hätte es sicher spektakuläre Motive gegeben. Altes Gerümpel kann sehr stimmungsvoll sein, vor allem wenn es von einem talentierten Menschen in Szene gesetzt wird. Ich rufe noch einmal den Künstler an.«
Sie drückte auf die Wahlwiederholungstaste und schaltete den Lautsprecher des Telefons ein.
»Dominik Frandl.«
»Hallo! Hier ist noch einmal Nyoko Binder vom LKA Wien. Ich habe noch eine Frage: Gibt es auch Aufnahmen vom Keller des Bauernhofes?«
»Ich wurde wegen Einsturzgefahr der Räume im Untergrund leider nicht hinuntergelassen.«
»Die Decke des Kellers ist der Fußboden darüber. Dort hatte er keine Angst um Ihre Sicherheit?«
»Das ist allerdings eigenartig. Sherlock Holmes ist anscheinend als Polizistin mit japanischem Vornamen in Wien wiedergeboren worden.«
»Wissen Sie noch, wer der Besitzer des Hofes nach dem Selbstmord von Franz Röhrling war?«
»Das war sein Bruder Jakob. Er hat mich bei den Aufnahmen begleitet.«
»Vielen Dank! Sie haben mir sehr geholfen.«
Nyoko wandte sich nach dem Telefonat an ihren Chef. »Jetzt kannst du mich nicht mehr zurückhalten. Ich muss nach Pfaffingen und mir diesen Keller anschauen. Dort finden wir den Kitt, der die Scherben zusammenhält.«
»Du hast es wieder einmal geschafft, mich neugierig zu machen. Aber erspare mir bitte wenigstens heute einen Konflikt mit dem Nachbar-LKA. Ich rufe die Kollegen an, damit sie die Situation vor Ort besichtigen.«
Nyoko tippte auf ihrer Tastatur. »Ich habe gerade Jakob Röhrling im System geprüft. Er ist voriges Jahr bei einem Verkehrsunfall gestorben. Das Auto war ein Porsche 911 Turbo. Schon wieder ein Mensch, der mehr Geld besessen hat, als er sollte. Aha! Im Wrack ist eine nicht registrierte Pistole gefunden worden. Die Durchsuchung seines Wohnhauses hat aber keinen Hinweis auf kriminelle Aktivitäten ergeben. Den Bauernhof haben sie nicht angeschaut. Sie haben Röhrling als harmlosen Waffennarren eingestuft. Die Kollegen sind mir etwas zu schnell beim Abschließen ihrer Fälle. Ich schaue noch, wem der Hof jetzt gehört … ein Immobilieninvestor … es gibt bereits Genehmigungen für den Abriss des Hauses und den Bau einer Reihenhausanlage. Jetzt haben wir keine Zeit für Kompetenzstreitigkeiten. Klaus, komm! Wir fahren sofort hin! Chef, bitte informiere das LKA Niederösterreich über den Einsatz wegen Gefahr im Verzug. Aber bitte genieß deinen Geburtstag und mache es so langsam, dass wir vor ihnen dort sind. Die haben auch einen weiten Weg von St. Pölten nach Pfaffingen.«
Kurz darauf stiegen Klaus und Nyoko in ihr Auto, einen Mazda 323 GTR, der früher bei Rallyerennen im Einsatz gewesen war. Die farbenfrohe Gestaltung zeugte noch von den Aufklebern der einstigen Sponsoren.
Klaus versuchte, es sich im Rennsitz bequem zu machen. »Diese Sportwagengurte sind sehr unpraktisch. Bitte fahr so, dass dein Auto kein Symbol für Vergänglichkeit wird.«
Mit quietschenden Reifen verließen sie das Polizeigebäude und stießen beinahe mit der Musikkapelle zusammen. Der Kapellmeister schüttelte den Kopf.
Der Immobilieninvestor Markus Kammerlander stand vor dem Bauernhof, der einst den Röhrlings gehört hatte, beim großen Schild, das die hier geplante Reihenhausanlage anpries. Sogar die Bäume auf dem Bild der Werbetafel waren nach einem regelmäßigen Muster angeordnet. Wohnen im Grünen.
Kammerlander sah eine Staubwolke in rasendem Tempo näherkommen. Gekonnt glich die Fahrerin den Drift bei der Vollbremsung aus. Ein Rallyeauto. War das wirklich die Polizei?
Er hatte mit einer Frau namens Nyoko Binder telefoniert. Erst als die asiatisch aussehende Frau ausstieg, war er sicher, dass es sich um den angekündigten Besuch handelte.
Nyoko ging zu ihm und stellte sich vor. »Vielen Dank, dass Sie sich so rasch Zeit nehmen konnten.«
»Ihre Androhung eines vorübergehenden Baustopps bis zur langwierigen Genehmigung der Durchsuchung war sehr motivierend.«
»Entschuldigung! Wir haben Hinweise auf diesen Keller bekommen, denen wir dringend nachgehen müssen. Sie haben das Haus sicher auch schon angeschaut.«
»Nur sehr oberflächlich, da der Abriss von vornherein geplant war. Im Keller befindet sich nur altes Gerümpel, keine Räuberhöhle.«
»Wenn es so ist, sind wir schnell fertig. Gehen wir hinein.«
Hinter einer Tür im Hausflur befand sich der Abgang zum Keller. Nyoko und Klaus schalteten ihre Taschenlampen ein. Sie erreichten eine vollgeräumte Kammer. Kisten, Blumentöpfe, Geschirr, rostige Geräte.
Klaus sondierte den Kram. »Die Sachen wurden alle schon lange nicht mehr angerührt. Vielleicht bist du ausnahmsweise falsch gelegen.«
»Wenn ich an die Fenster denke, ist dieser Raum viel zu klein. Es muss noch einen geben. Hier lässt das Gerümpel einen kleinen Gang frei, der als Einziges staubfrei ist. Du sagst doch immer, dass Spuren verwischen neue Spuren erzeugt. Schauen wir, wo das hinführt.«
Sie kamen zu einem Kasten und öffneten ihn. Er war leer. Nyoko klopfte gegen die Rückwand. Hohl.
Klaus inspizierte das Möbel. »Sieht so aus, als ob du dem Chef als Ausgleich für den Stress an seinem Geburtstag einen Erfolg schenken könntest. Vielleicht ist das eine Geheimtür. Ich suche den Öffnungsmechanismus.«
»Den brauchen wir nicht.« Die Trägerin eines schwarzen Karategürtels beseitigte das letzte Hindernis auf dem Weg zum Geheimnis mit einem Fußtritt – Mikazuki Geri. Die Rückwand des Kastens leistete keinen Widerstand.
Im Schein der Taschenlampen stand eine alte Apparatur. Klaus untersuchte sie. »Das ist eine Destillationsanlage. Haben wir einen Schwarzbrenner überführt?«
»Hier befindet sich noch etwas. Ist es das, was ich befürchte?«
»Du liebe Güte!«
Vor ihnen standen Glaskolben, Laborkühler, verbunden mit Schläuchen, Bunsenbrenner, eine Waage. Auf einem weiteren Tisch stand eine Tablettenpresse.
Klaus begutachtete die Chemikalienflaschen. »Das sind die Ingredienzien zur Herstellung von Amphetamin. Nyoko, du hast eine Speedküche aufgespürt.«
Sie gingen wieder nach oben, wo gerade niederösterreichische Polizisten eintrafen, die über die Einmischung der Wiener Kollegen sehr erbost waren. Das legte sich aber, als Nyoko von ihrem Fund berichtete. Sie ging zu Kammerlander. »Es tut mir leid, aber ich befürchte, das wird doch ein längerer Baustopp. Klaus! Wir feiern jetzt den Geburtstag meines Chefs. Immerhin sind wir hier nicht zuständig.«
Als Nyoko am nächsten Tag in ihr Büro kam, wurde sie von einem Chef empfangen, der viel entspannter als an seinem Festtag war.
»Guten Morgen, Nyoko! Heute habe ich schon ein paar nette Telefonate geführt. Ich darf dir den Dank der niederösterreichischen Kollegen und des Drogendezernats sowie ein besonderes Lob des Polizeipräsidenten ausrichten.«
»Der Präsident? War die Drogenküche so eine große Sache?«
»Du hast ja keine Ahnung, was du da aufgestöbert hast. Eine Tablettenpresse hinterlässt eindeutige Individualspuren, vor allem wenn sie älter ist. Die Kollegen haben inzwischen interessante Zusammenhänge rekonstruiert. Du hast sicher noch die Daten des Röhrling-Falles im Kopf. Was war 2004?«
»Franz Röhrling hat den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb aufgelassen und ist nach Wien gezogen.«
»In diesem Jahr hat das Speedangebot in Wien deutlich zugenommen, vor allem Tabletten. Wir wissen jetzt, dass sie in der Drogenküche der Röhrlings produziert worden sind.«
»Der Fabrikjob war also nur Tarnung. In Wirklichkeit ist er als Dealer nach Wien gekommen.«
»Das sehen die Suchtgiftkollegen auch so. Kommen wir nach 2008.«
»Der Selbstmord von Franz Röhrling.«
»Kurz davor sind fünf junge Menschen an verunreinigtem Speed qualvoll gestorben, vermutlich ein Produktionsfehler. Das ist als ›Speed Kills‹-Fall in die Geschichte eingegangen und bis gestern nicht geklärt worden.«
»Wahrscheinlich hatte Franz Röhrling doch noch ein paar menschliche Regungen und Gewissensbisse. Hat er sich selbst umgebracht oder wollte er sich stellen und ist von seinem Bruder gestoppt worden?«
»Nach einigen Monaten hat sich in der Szene anscheinend niemand mehr daran erinnert. Der Verkauf ist nach einer kurzen Unterbrechung wie früher gelaufen. Was war voriges Jahr, also 2015?«
»Der Unfall von Jakob Röhrling, bei dem auch eine Schusswaffe gefunden worden ist.«
»Genau! Auf einem Foto der Hausdurchsuchung danach sieht man genau den Typ Seil, mit dem sich Franz Röhrling erhängt hat. Also hat wahrscheinlich Jakob seinen Bruder ermordet. Kurz nach dem Unfall sind die Speedtabletten endgültig aus dem Wiener Markt verschwunden. Was war gestern?«
»Wir haben die Drogenküche gefunden und damit die Röhrlings als Urheber identifiziert.«
»Noch in derselben Nacht hat die Suchtgiftabteilung mit den nun bekannten Namen die Ermittlungen wieder aufgenommen. Jakob Röhrling hat nach dem Tod seines Bruders ein Netzwerk von Dealern aufgebaut. Die Kollegen konnten schon drei Händler verhaften, die noch immer hochaktiv mit Substanzen anderer Hersteller waren.«
Nyoko rief den Fotografen an und berichtete ihm die Neuigkeiten. Er erzählte ihr von seinem neuesten Projekt. »Ihr Anruf hat mich inspiriert, die Fabrik zu suchen, in der Franz Röhrling gearbeitet hatte. Jetzt stehe ich hier und es ist ein Einkaufszentrum. Es schaut genauso aus wie alle anderen Konsumtempel. Nur ein Stück einer Backsteinmauer der alten Fabrik hat der Architekt als künstlerisches Element stehen gelassen. Sogar ein paar Rohre hängen dran. Die sind aber nicht original, sondern bei der Errichtung des Einkaufszentrums angebracht worden. Man hat die Teile sogar künstlich gealtert. Fotomotiv finde ich hier keines, wenn ich nicht in die Werbebranche einsteigen will.«
»Das ist schade. Ich habe einmal Kintsugi-Schalen aus maschineller Fertigung gesehen. Die Scherben sind bei allen exakt gleich und das Gold ist nicht echt. Dafür sind sie billig.«

kindergefängnis | Peter Paul Wiplinger
im halbdunkel des kellers stehen mit dem gesicht zur kalkweißen wand nur durch ein hoch oben knapp über dem gehsteig angebrachtes kleines fenster einem sogenannten gugerl fällt etwas licht herein und zerteilt das dunkel in hellere und dunklere bereiche des zweiräumigen kellers in dem es modrig riecht nach eingelagerten erdäpfeln und sauerkraut nach möhren und sellerie im sand und nach katzenurin und katzenkot in diesem gemüsebeetkatzenklo unbeweglich stehen dass du dich ja nicht rührst und schon gar nicht anlehnst oder woanders hinstellst hatte die erzieherin dieses ehemalige bdm-weib eindringlich und in scharfem ton zu mir gesagt bevor sie die vergitterte tür hinter sich schloss den reiber umdrehte sodass sich die tür von innen nicht mehr öffnen ließ selbst nicht mit gewalt jedenfalls nicht mit der kraft die ich als kleiner bub mit etwa acht bis zehn jahren hatte und dann schloss sie auch noch die zweite türe die flügeltüre am ausgang des zweiten kellerraumes und drehte das licht ab sodass es zuerst ganz dunkel war und wie mir schien sich der erste raum in dem ich stand erst ganz langsam durch das licht das durch das kleine schmale gleichfalls mit einem feinmaschigen drahtnetz vergitterte kellerfenster hoch oben an der kante zum gewölbten plafond hereindrang erhellte auch wenn du schreist wird dich niemand hören hatte die erzieherin noch triumphierend gesagt auch wenn du noch so sehr schreist wird dich draußen niemand hören der keller lag ja tief unten und die steinernen mauern waren vielleicht mehr als einen meter dick nein da wird dich niemand hören sagte ich zu mir selber in diesem gefängnis in diesem verlies wie der gefangene ritter löwenherz kam ich mir vor versetzte mich in diese seine lage als gefangener im verlies irgendeiner burg in dürnstein sagte mir später einmal eine lehrerin und diese fantasievorstellung ein gefangener ritter und nicht ein geschlagener im keller meines elternhauses eingesperrter bub zu sein erleichterte mir mein los durch diese heroisierung ich war kein niemand mehr wie man mir gesagt hatte sondern doch ein jemand ein eingesperrter ritter in einem dunklen verlies einer burg und schon begann meine fantasie zu arbeiten an der weiß gekalkten wand verfolgte ich die linien der verschiedenen risse im kalk und verputz und plötzlich wurden aus den rissen grenzen wurden flüsse und gebirge und aus den durch diese risse gebildeten flächen wurden länder und meere und schon war ich nicht mehr in diesem mir verhassten keller in dem wir auch kurz zuvor noch bei fliegerangriffen im letzten kriegsjahr gesessen waren sondern ich befand mich plötzlich und wieder einmal denn ich hatte dieses spiel schon des öfteren gespielt wenn ich hier eingesperrt war also ich befand mich plötzlich in einer weiten unbekannten welt in einer welt von der ich aus büchern die ich gerne las wusste dass es sie gab in der ich aber noch nie gewesen war außer in meinen vorstellungen oder im traum aber da vernahm ich wieder ohne dass sie im raum gewesen wäre die schneidende stimme der erzieherin die sagte nein fast schrie eine halbe stunde hast du hier unbeweglich zu stehen und mach ja nicht in die hose sonst stehst du noch eine verlängerungshalbestunde zur strafe also verkneif dir dein lulu ansonsten setzt es noch was zu dieser strafe dazu erziehungsmaßnahmen nannte sie das ich glaube die eltern wussten nichts davon denn diese erzieherin die selbst nur eine unausgegorene göre wie die deutschen so was nannten war sagte immer wieder beim strafvollzug und zu deinen eltern brauchst du gar nichts zu sagen die wissen das sowieso und ich bin die erzieherin ich soll dich erziehen und einen folgsamen anständigen buben aus dir machen du missratenes stück kind du ja so ähnlich sprach sie für mich damals unbegreiflich und heute das gesamte szenario unverständlich das geschehen diese art von strafe und erziehung unmenschlich eine einzige kindesmisshandlung und sonst nichts aber es sollte ja auch ein anständiger bub aus mir werden ich war ja wie man sagte völlig aus der art geschlagen ich war aufsässig nein nicht von natur aus sondern durch diese erzieherin geworden und nur bei ihr war ich so und manchmal auch bei meinen eltern sozusagen aus kindlicher rache dafür dass sie mich einer solchen erzieherin aussetzten wenn sie doch wussten wie dieses weib dieses dem bdm-mädchentum entwachsene weib wirklich war nämlich bösartig sadistisch grausam gefühllos und hart im keller war es ganz still autos fuhren damals noch nicht über den marktplatz nur die schritte der vorbeigehenden konnte man hören man hörte das klappern von sandalen im sommer und das auftreten mit festeren schuhen zu einer kälteren jahreszeit da das eingesperrtsein in diesem keller noch schwerer zu ertragen war als im sommer wenn ich den kopf zur seite drehte sah ich auch die füße und ein stück von den beinen der am trottoir über mir am kellerfenster vorbeigehenden und ich stellte mir vor wer diese leute waren manchmal schrie ich auch aber ich wusste dass mich niemand hören konnte und so war auch mein schreien mein trotziges wehgeschrei mehr ausdruck meines zorns und meiner wut als ein hilferuf eine ewigkeit wie mir schien stand ich dann jedes mal so da ich unartiger ich der ich aus der art geschlagen war wie sie sagten eine halbe ewigkeit stand ich so da längst schon musste ich dringend aufs klo aber bloß nicht daran denken sonst wird es noch ärger das war meine erfahrung sich ablenken mit allem was nur möglich ist das war die devise das war das rezept um diese tortur halbwegs gut und heute würde ich sagen würdevoll zu überstehen und irgendwann ging dann wieder die tür auf und die erzieherin kam mit stolz geschwellter brust herein packte mich an den haaren und zog mich hinaus in den zweiten kellerraum und dann hinauf bis zur stiege ins sogenannte vorhaus in den eingangsbereich zwischen haustor und geschäftstür und ausgang zum hof und dann zischte sie noch wie eine schlange nur dass du es dir merkst du elender fratz nur damit du es dir auf ewig merkst du verdammter bengel du hast mir zu gehorchen und keine schwierigkeiten zu machen und brichst du dein versprechen brav zu sein so wanderst du gleich wieder einmal in den keller dann stehst du aber eine ganze stunde und das überstehst du nicht so leicht wie das soeben jetzt also gib endlich deinen trotz auf und mach das was ich dir sage und was ich will und zwar ohne widerrede sondern in blindem gehorsam denn ich bin deine erzieherin und du bist in wirklichkeit nichts also merk dir das und vergiss das nie und ich habe das alles auch nicht vergessen und heute mit fünfundsiebzig jahren da ich mich wie so oft daran erinnere an diese erziehungsmaßnahmen an diese grausamkeit an diese kindesmisshandlungen an diese quälerei spüre ich immer noch wie meine wut hochkommt mein zorn in mir brennt genauso wie damals als ich ein kind war
Schnee | Leveret Pale
Der Tod und das Eis knirschten unter den Sohlen, als Robespierre seinen Weg durch die Grabesstille bahnte, vorbei an gähnenden Fenstern und klaffenden Gassen, aus denen anklagend das Schweigen der Toten hallte.
Trotz der Handschuhe schmerzten seine Hände. Die kalte Luft stach in seinen Lungen. Schwerfällig stieg er unter der Last mehrerer Pullover und einem Rucksack voll mit seinem restlichen Hab und Gut über den Schutt.
Das gelbe Natriumdampflicht der Straßenlaternen schimmerte in den gefrorenen Pfützen, an den Bergen aus Schnee und den mit Frost überzogenen Mauern. Es schien ihm, als würde Eiter aus den Eingeweiden der Stadt quellen. Der schwarze Nachthimmel erstickte alles einem Sargdeckel gleich und begrub es im Schnee. Schneeflocken schnitten mit ihrer Kälte in Robespierres Gesicht. Er blinzelte, als er über die Leichen stieg, und trotz aller Mühe schaffte er es nicht, ihnen auszuweichen. Er zuckte jedes Mal zusammen, wenn die gefrorenen Knochen krachend unter ihm brachen. Überall lagen sie – in ihren steifen Kleidern und mit blauen Gesichtern, die Eiszapfen aus Nasen und Lidern ragend – und verschwanden langsam unter dem Schnee.
Ein Quieken ertönte und Robespierre erstarrte. Was war das gewesen? War es das Pfeifen seiner Lungen? Nein, er hörte es noch mal, ein Keuchen, menschliche Laute, die vor ihm aus dem Schnee drangen. Sein Magen zog sich zusammen. Er zitterte. Zwei blaue Augen starrten ihn aus halb offenen Schlitzen hinter den Gläsern einer Gasmaske an, die langsam, aber rhythmisch immer mehr beschlug. Ein Arm tauchte aus dem Schnee auf und streckte sich, um dann wieder kraftlos zu fallen. Robespierre kniete sich hin, nahm die schlaffe Hand des Überlebenden.
Dumpfe Silben drangen durch den Filter der Maske. »Ziee … Zaa … Ma …«
»Sie leben. Oh, mein Gott«, sagte Robespierre und beugte sich vor.
»Ziek … diii … Mak … die Maske.«
Robespierre zog sie dem Fremden vom Gesicht.
Kleine Dampfwolken stiegen auf und verschwanden in der Finsternis. Der Mann unter der Maske war nicht viel älter als Robespierre. Ein dichter, schwarzer Bart, auf dem sich die weißen Flocken niederließen, umrahmte das junge Gesicht, das fast genauso blass war, wie der Schnee drum herum. Die Augenlider und die Wangen hingen gelähmt herunter, nur die brüchigen Lippen bewegten sich kaum merklich.
»Danke«, wisperte der Überlebende.
»Sie werden dadurch nur schneller sterben, befürchte ich. Ich meine …« Robespierre hielt inne. Wie kalte Maden durchkroch ihn das Gefühl der Scham und Angst. »Es tut mir leid.«
»Bischt du … a … ein Geischt?«, fragte der Mann.
»Nein. Ich glaube nicht.«
»Hascht du … ein Gegen…mittel?« Die blauen Augen bewegten sich hinter den zufallenden Schlitzen langsam umher, als würden sie versuchen, Robespierre in der Ferne ausfindig zu machen.
»Nein.«
»Warum bischt … du dann hier?«
»Ich bin immun, nehme ich an.«
Der Sterbende schloss die Augen. Ein letzter Dampfschwaden entwich seinem Mund und löste sich vor Robespierre in Nichts auf.
»Bleib wach«, rief der junge Mann, aber seine Stimme erstickte im fallenden Schnee. Er packte die Leiche an der Jacke und schüttelte sie, dass die Spucke und das Blut ihm über den Mantel spritzten. »Lass mich nicht allein!« Er ließ die Jacke los und brach in Tränen aus. »Nicht allein. Ich kann das nicht.«
Die kalte Luft drang tief in seine Lungen ein wie ein Schwert.
Er schniefte den kalten Rotz in seine taube Nase und zwang seine Knie, ihn dem Himmel entgegenzustemmen.
Er ging weiter. Er hatte keine andere Wahl, denn zurücksehen konnte er nicht.
Das rhythmische Knacken des Eises unter ihm war sein einziger Begleiter in der Stille.
Er kam an den dunklen Schaufenstern der großen Tech-Riesen vorbei. Erschöpft lehnte er sich an einer der gelblich leuchtenden Straßenlaternen an.
Sein Blick wanderte über die Straße und die lange Reihe an Lichtkreisen, die in der weißen Schneewand verblasste. Wenn die Stromversorgung für die öffentliche Beleuchtung wieder funktionierte, dann waren vielleicht auch die Telefonnetze wieder online. Er bräuchte nur Strom, dann könnte er sein Smartphone aufladen und übers Netz herausfinden, ob es andere Überlebende gab. Nur, wo würde er Strom finden? Er sah an der Straßenlaterne hinab, aber die Stahlabdeckung, die die Anschlüsse verbarg, war mit dicken Schrauben fixiert. Ohne Werkzeug würde er sie nicht öffnen können. Er ließ seinen Blick über den Platz schweifen.
Vor wenigen Tagen noch hatte die Sonne geschienen, die Menschen waren durch die Straßen geschwärmt. Kleine Kinder hatten lachend gespielt, während ihre Eltern Kaffee tranken. Die Republik hatte erst vor einem Monat den hundertsten Jahrestag ihrer Ausrufung und das dreißigjährige Bestehen des Friedens gefeiert. Die Wirtschaft florierte, die Stimmung war golden, fröhlich, friedlich. Tausende Arbeitslose strömten aus der Allianz, um in der Republik Arbeit zu finden, während in ihrer Heimat die alten Patriarchen zähneknirschend auf ihren Thronen saßen und in Predigten und in den Medien gegen die verkommenen Separatisten gehetzt und vom totalen Krieg geschwärmt hatten. Hohles Politikergerede war es in Robespierres Ohren gewesen, die gleiche alte Propaganda, wie sie seit Jahren in einem fernen, anderen Ort lief. Bis die Bedrohung dann eines Tages schlagartig über den realen Alltag hereingebrochen war.
Und nun war alles unter meterdicken Schnee vergraben und die Geschäfte wirkten wie hohle Gerippe, jeder Bedeutung und Pracht beraubt. Leichen pflasterten die Straßen und Plätze. Er erinnerte sich noch an den Tag, als es plötzlich mitten im Sommer anfing zu schneien. Es war keine Woche her, und doch schien es ihm wie ein Traum. Er hatte in seinem Zimmer gesessen und Codes für seine Kunden entworfen, als er merkte, wie sich draußen Menschenmengen versammelt hatten und zum Himmel starrten, während vereinzelte Schneeflocken herabrieselten und die Dächer und Autos mit einer dünnen Schicht von Weiß bedeckten. Er war zu ihnen getreten. Die Kinder waren aufgeregt, die Erwachsenen schwiegen verunsichert, die Priester tuschelten. Plötzlich erbrachen sich die Menschen, die Ersten fielen einfach so um.
Und dann waren die Sirenen losgegangen.
Viele waren schlagartig gestorben, die anderen flohen in die Bunker. Als sie jedoch erkannt hatten, dass der Tod bereits mit dem Schnee gekommen war und durch die Filter der Belüftungsanlagen drang, waren sie wie Maden aus den maroden Bunkern an die Oberfläche gequollen, um für Heilung zu beten. Gott blieb schweigsam, und so fiel einer nach dem anderen gelähmt in den kalten Morast.
Nur Robespierre war geblieben. Einsam auf der Suche nach Überlebenden, wartend auf die Truppen des Feindes, die irgendwann einmarschieren würden. Zumindest dachte das Robespierre, denn es wirkte in seinen Augen sinnlos, ein Gebiet zu entvölkern, wenn man nicht plante, es danach einzunehmen. Aber die Panzer und die schwarzen Banner mit dem Roten Kreuz waren nirgendwo zu sehen, nicht einmal Flugzeuge konnte er hören. Alles wirkte dadurch noch leerer. Absoluter Stillstand, absolute Sinnlosigkeit.
So allein wie Robespierre war, wirkte es, als ob es egal wäre, ob er existierte oder nicht. Niemand nahm ihn wahr und er konnte niemanden wahrnehmen. Er befand sich in einem sozialen Vakuum. Es war fast so, als würde er nicht existieren, in der Schwebe hängen. Er war es als Alleinstehender gewohnt, tagelang allein zu sein, aber das hier war etwas anderes, dieser absolute Mangel an jeglichem Leben um ihn herum. Das Gefühl war fast noch schlimmer als die Kälte; ein flaues, unerträgliches Ziehen durch seinen gesamten Körper und Verstand, als würde er gar nicht wirklich da sein.
Er gab sich einen Ruck und zwang sich dazu weiterzugehen, den Platz zu überqueren und an den Schaufenstern entlangzulaufen. Er durfte jetzt nicht den Verstand verlieren. Er musste so ruhig bleiben, wie er es bereits in den letzten Tagen gewesen war. Durchhalten, weitermachen, später am Abend etwas weinen, aber nun musste er weitermachen. Es gab in den Gebäuden sicher keinen Strom, aber vielleicht konnte er in einem der Tech-Geschäfte eine Art von Ladestation für sein Smartphone finden.
Er lief die Straße hinab, zwängte sich vorbei an den großen Haufen Schnee, die einst Autos waren, bis er sich entschloss, in einen Elektromarkt einzusteigen. Hinter den Schaufenstern herrschte weite, gähnende Finsternis, in der er die Umrisse von Regalen und Auslagen ausmachen konnte. Der Schnee türmte sich vor der Tür bis zur Klinke auf. Robespierre rüttelte daran, und entgegen seiner Erwartung, gab die Tür nach und öffnete sich. Zusammen mit dem Schnee fiel Robespierre ins Innere, stolperte über die Türschwelle und fing sich dahinter wieder auf.
Schwer atmend stand er drin, hinter ihm die tote kalte Welt, vor ihm finstere Dunkelheit.
Er zog eine Taschenlampe aus seiner Manteltasche und schwenkte den Lichtkegel durch die Verkaufsräume. Nichts rührte sich. Am Ende der Halle glaubte er Gestalten am Boden liegen zu sehen und dunkle Flecken an den Wänden, aber er schwenkte das Licht schnell weiter. Er fand das Schild Ladegeräte und Powerbanks und bahnte sich seinen Weg zu dem Regal durch die gespenstischen Verkaufsräume.
Er fand die Powerbanks und öffnete die größte, die er finden konnte. Er schaltete die Taschenlampe aus, um die Batterien zu schonen. Er stand in absoluter Dunkelheit, das Licht der Straßenlaternen war nichts als ein schwaches Schimmern am andern Ende der Halle. Blind tastete er die Powerbank ab. Nun war nur noch zu hoffen, dass die Werkladung ausreichte und sich nicht durch die Kälte bereits entladen hatte.
Er griff in seine Manteltasche und holte sein Smartphone und ein Ladekabel heraus und steckte es in die Ladebank. Eins ihrer fünf Ladelämpchen leuchtete und tauchte sein Sichtfeld in ein mattes Blau. Der Bildschirm des Smartphones hellte sich auf, das Logo des Herstellers erschien. Robespierre zog den Handschuh von seiner roten, schmerzenden Hand. Die Fingerspitzen glitten über das Glas, ohne es zu spüren, und gaben das Muster ein. Der Akkustand zeigte zwei Prozent. Robespierre zwang seine rechte Hand auf und zu, ballte die Faust und versuchte die zitternden Finger wieder auszustrecken. Zwei kleine graue Balken erschienen am oberen Bildschirmrand, ein E+ blinkte daneben auf. Robespierres Mundwinkel hoben sich. Drei Prozent Akku. Er öffnete die Nachrichtenapp. Die letzten Neuigkeiten waren die vier Tage alte Aufforderung der Regierung, alle Schutzbunker aufzusuchen, und die Nachrichten, die kurz darauf verkündeten, dass die Tarnkappenbomber der Allianz die künstlichen Schneewolken über der Hauptstadt mit Botox versetzt hatten und wahrscheinlich die gesamte Bevölkerung befallen war. Nichts Neues. Der Akku sank wieder auf zwei Prozent.
Robespierre schluckte. Seine Augen brannten, aber er konnte nicht weinen. Eiskristalle hingen an seinen Wimpern. Er suchte nach aktuelleren Nachrichten aus dem Ausland. Die meisten von ihnen lauteten gleich. Eine Wendung der Geschichte. Die Allianz feierte ihren Sieg über die Separatisten, feierte das Ende des letzten Kreuzzugs. Mit moderner Waffentechnologie hatte man sowohl die abtrünnige Armee, als auch die gesamte heidnische Bevölkerung der separatistischen Provinz der Republik ausgeschaltet, ohne dass ein einziger Soldat der Allianz dafür bluten musste. Doch die Dinge waren nicht so gelaufen, wie geplant. Die Kulturen der Kampfbotulinustoxinzüchtung waren mutiert, oder das Gift hatte mit den Chemtrails, die den Schneesturm verursachten, reagiert. Die Wissenschaftler konnte es nicht genau bestimmen, aber das Gift schien nicht wie geplant innerhalb von vierundzwanzig Stunden zu oxidieren. Der Schneesturm verteilte es über den ganzen Kontinent, überall gingen ganze Dörfer und Städte gelähmt zu Boden, um langsam zu ersticken. Hunderttausende schlurften in die Kliniken, um dort zusammenzubrechen, unfähig sich zu rühren, ohne dass ihnen geholfen werden konnte. Im Umkreis von mehreren Hundert Kilometern waren nichts und niemand mehr am Leben. Robespierre war allein.
Der Bildschirm war schwarz. Die Powerbank hatte sich entladen.

Daheim | Miklos Muhi
Er hätte sich nie träumen lassen, wieder hier zu stehen, vor diesem alten Bauernhaus, gebaut vor vielen, vielen Jahren aus Lehm und Stroh. Heutzutage gäbe es keine Baugenehmigung für so etwas, aber für diese Gegend wird es in absehbarer Zukunft gar keine Baugenehmigungen geben.
Hier sollte er eigentlich nicht sein, er sollte im mattgrau lackierten Bus sitzen und zurück nach Augsburg fahren, um die übliche Prozedur nach solchen Ausflügen über sich ergehen zu lassen, aber er hat sich die inoffizielle Erlaubnis regelrecht erstritten. Das Risiko war ihm durchaus bewusst, aber er konnte nicht anders. Er war hier aufgewachsen und wusste, dass er kaum eine andere Gelegenheit bekommen würde, den Ort seiner Kindheit wiederzusehen. Letztendlich gab man nach, aber sprechen dürfe er nicht darüber, sonst würden sie alle Ärger bekommen, hieß es.
Der Holzzaun vor dem Haus war zerfallen. Die ehemals lackierten Latten lagen um die in den Beton eingelassenen Eisenrohre, die als Pfeiler gedient hatten. Der Lack blätterte ab und die Farbe war nur schwer zu erkennen. Das Schiebetor, von seinem Vater eigenhändig gebaut, war zwar noch da, aber ohne die Holzlatten, und der Schiebekanal war mit Ästen, Blättern und Müll verstopft. Die Eingangstür war offen. Es gab zwar einiges zu klauen, wenn auch nicht mehr viel, aber fast niemand war so bescheuert, nur daran zu denken, von hier etwas mitzunehmen.
Er ging durch die geöffnete Tür und sah die Skelette der Tiere, wahrscheinlich von Hunden und Katzen. Dabei dachte er an Dufu, den zutraulichen Kater seiner Familie, der an dem Tag, als das Ganze passierte, verschwand und nie wieder auftauchte. Prinz, der Hund der Familie, die große Promenadenmischung, war zwar nicht abgehauen, aber sie hatten ihn damals auch nicht mitnehmen dürfen. Es war ein schmerzhafter Abschied gewesen.
Hinter dem Haus, in dem ehemals großen und blühenden Garten der Familie, wo Karotten, Kürbisse, Bohnen, Popcornmais und Industriehanf gewachsen waren (der Hanf hatte einen ordentlichen Beitrag zum Einkommen der Familie geleistet), machte sich nun ein jung aussehender Wald breit. Zwischen den Bäumen streckten sich einige verkümmerte Hanfpflanzen der Sonne entgegen. Sie müssen jedes Jahr neu anfangen. Die Bäume haben mehr Glück und erstickten langsam, aber sicher die ärmlichen Reste der Kulturpflanzen.
Hinter dem Haus war die Wand der Werkstatt eingestürzt und man konnte die unsägliche Unordnung und den Verfall eines ehemals sehr sauber und ordentlich gehaltenen Arbeitsplatzes sehen. Wenn sein Vater das sehen würde, wäre er bestimmt zumindest wütend, aber das wird nie passieren. Er starb einige Monate nach dem Verlust seines Heimes. Wahrscheinlich war das, was passiert war, doch nicht so unmittelbar passiert.
Neben dem Eingang zur Werkstatt protzte wie ein riesiger, zahnloser Mund der Eingang zum sogenannten Feuerschuppen. Im Feuerschuppen war die Heizungsanlage. Die Gasleitung, die an der Wand entlang zum Feuerschuppen führte, war schon an einigen Stellen durchgerostet. Gas gab es keines mehr.
Er musste ganz nah an den Eingang gehen, um in seinem Schutzanzug überhaupt etwas sehen zu können. Drinnen war es düster, aber er sah, dass alles noch da war. Auch im Feuerschuppen herrschte ein heilloses Durcheinander, und die Heizungsanlage, damals sehr modern, teuer und mit der Hilfe der lokalen Energiefonds gekauft, rostete kläglich vor sich hin.
Die Eingangstür des Hauses stand weit offen. Im Haus hatten es sich damals einige Tiere bequem gemacht, denn man musste alle Fenster und Türe offen lassen. Das Haus konnte die ungebetenen Gäste kaum vor Wind und Wetter schützen. Es war voll Knochen in allen Formen und Größen und jeder Knochen erzählte von zerplatzten Hoffnungen – wenn Tiere überhaupt zu so etwas wie Hoffnung imstande waren.
Überall machte sich Schimmel auf den Wänden breit, genug, um das Haus zu einem Fall für eine unmögliche Komplettsanierung zu machen. Im Vorzimmer verblichen einige Jacken auf den Kleiderhaken und aus den Schuhen wuchsen verkümmerte, gelbliche Pflanzen.
Er dachte dabei an seine eigene Pflanze, die er in seinem Zimmer in einem beleuchteten und belüfteten Spezialschrank züchtete. Er hatte nie mehr als eine einzige Pflanze und aus einer Ernte konnte man monatelang Himmelskekse backen. Nie hätte er die Ernte verkauft oder mehrere Pflanzen zum Verkauf gezüchtet. Nach dem neuen BtMG wäre das nicht einmal als Ordnungswidrigkeit geahndet worden.
Die Küche war voll Kot, Laub und Müll. Auf dem Herd stand eine durchgerostete Pfanne, in dem Sonntagsbraten zubereitet werden sollte. Im Topf daneben war etwas Durchsichtiges eingetrocknet, die letzte Hühnersuppe. Alle Einrichtungsgegenstände waren schmutzig, bedeckt mit einem Schleier aus herrenlosen Spinnennetzen, Staub und etwas Schimmel.
Überall blätterte der Putz von den Wänden. Die Möbel sammelten all den herumfliegenden Schmutz, ließen aber auch genug übrig, damit der Filter seiner Gasmaske auch etwas zu tun hatte.
In seinem ehemaligen Zimmer im Obergeschoss waren fast alle Möbel vermodert, denn, wie es aussah, gab es auch mit dem Dach einige Probleme und der Regen fand seinen Weg zu jedem Möbelstück hier oben. Der einzige noch halbwegs erkennbare Gegenstand war sein beleuchteter und gelüfteter Schrank aus dickem Plastik. Die Rohre der Lüftung waren gerostet und wahrscheinlich war die ganze Elektronik auch dahin. Im Schrank fand er noch den Blumentopf mit den vermoderten Pflanzenresten.
Er dachte an die vielen Himmelskekse, wurde aber vom Funkgerät aus seinen Erinnerungen herausgerissen.
»Hier ist Krause. Melden Sie sich, Hufnagl!«
»Hufnagl hier. Sprechen Sie.«
»Hufnagl, es reicht jetzt. Zurückkommen, aber sofort, sonst gibt es Dresche wegen Gehorsamsverweigerung.«
»Verstanden, bin unterwegs. Hufnagl aus.«
Der Bus wartete auf ihn auf dem Hauptplatz des Dorfes. In seiner Abwesenheit haben seine Kameraden eine Geschichte zurechtgezimmert, die in Augsburg auf der Kommandantur als Erklärung für sein Zuspätkommen dienen sollte.
Jedes Jahr schickte der Bund eine Patrouille in diese Gegend, seit der Forschungsreaktor München II vor etwa zehn Jahren in die Luft gegangen war. Angeblich alles nur Verkettung unglücklicher Umstände, man könne ja nichts dafür und so weiter.
Im Jahr vor der Katastrophe waren die Krebsneuerkrankungen in Garching und Umgebung (in einer sehr weiten Umgebung) sprunghaft angestiegen. Dann kam jene Julinacht … Kurz vor dem Knall, und noch bevor der Atompilz über Garching erschienen war, hatten mehrere Zeugen berichtet, dass die Isar in der Nacht bläulich leuchtete.
Nach dem Knall leuchtete eine Zeit lang alles bläulich. Die Explosion fegte Ismaning weg und befreite das Wasser aus dem Speichersee, was wiederum die Teile von München wegfegte, die die Explosion nicht erreichen konnte.
Eichenau war stehen geblieben. Weder die Explosion, noch das Wasser konnten Eichenau etwas anhaben, der Fallout aber schon. Seitdem wohnten nur einige Flüchtlinge hier, die abgeschoben werden sollten. Sie kamen lieber nach München und Umgebung, um sich vor der Abschiebung zu verstecken. Sie nisteten sich in den leeren Häusern ein und starben kurz darauf einen qualvollen Tot.
Die Patrouille hat heute keinen einzigen Flüchtling gefunden. Scheinbar haben selbst sie diesen Ort, genannt das Mahnmal der Nuklearen Sicherheit, verlassen.

Leerstand | Johanna Wurzinger
Das erste Geschäft verkaufte Bücher.
Das zweite Geschäft verkaufte Haus- und Arbeitsbekleidung. Odettes Blick fiel auf einen gestreiften Morgenmantel aus leichtem Polyester, daneben Nachthemden, in unregelmäßigen Abständen auf einer Stange aufgereiht. Rosa neben Pink neben Gelb neben Weiß, geblümt neben ungemustert, Langarm neben schulterfrei. Daneben Kittelschürzen, ein geblümter blauer Streifen zwischen jeweils einem schmaleren weißen Streifen. Im Hintergrund, nur schwach erkennbar im Halbdunkel des Ladens, Gummistiefel. Hier stimmte etwas nicht.
Das dritte Geschäft verkaufte gar nichts mehr. Durch das staubige Schaufenster erkannte Odette zwei Reihen leerer Regale, ein drittes Regal, ebenfalls leer, rechtwinkelig dazu, eine Theke, eine verwaiste Kasse. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht.
Odette schloss ihren Reißverschluss bis ganz oben, auch wenn er unangenehm am Kinn kratzte, und beschleunigte ihren Schritt. Zwei Querstraßen weiter war sie am Ziel. Sie beobachtete das Haus eine Weile, ging davor auf und ab, wich dann dem schreienden Grün aus, stieg über das morsche Gartentürchen, drückte die Haustür mit der Schulter auf und betrat den ersten Raum. Zwielicht. Sie atmete ein und aus, eins, zwei, drei, dann zog sie die Kamera aus ihrer Tasche und begann zu fotografieren.
Minnie legte ihr Handy auf den Tisch und kam auf Odette zu. Sie redete. Dass Odette es ihr hätte sagen müssen, dass sie, Minnie, ja noch gar nicht mit dem Bürgermeister gesprochen habe und auch den Namen von der alten Frau noch gar nicht wisse, dass Odette Glück gehabt habe und die Gendarmen sehr entgegenkommend gewesen seien, angesichts der Hysterie der Nachbarin. Odette lächelte und hob eine Schulter. »Dann lass mal sehen«, meinte Minnie, plötzlich entspannt. Sie griff nach der Kamera und klickte durch die Aufnahmen, die Odette gemacht hatte. Es war gespenstisch.
Dass die Zwillinge eigentlich Klara und Sybille hießen, war kaum jemandem mehr gegenwärtig, am allerwenigsten ihnen selbst. Viel zu früh geboren, nachdem ihre Mutter beim Blumengießen über den Gartenschlauch gestolpert und hart gelandet war, glaubte kaum einer der Spezialisten für Neonatologie an ihr Überleben: zu schwach, zu unterentwickelt, Sybille litt zudem an heftiger Gelbsucht, beide an atemdepressiven Zuständen. Als man sie jedoch auf Wunsch der Mutter, der es, von Schuldgefühlen gepeinigt, das Herz zerriss bei der Vorstellung, dass diese winzigen und unfertigen Wesen nun mutterseelenallein und getrennt voneinander sterben sollten, in einen gemeinsamen Brutkasten verlegte, trat das ein, worauf keiner mehr zu hoffen den Anlass gesehen hatte. Ihr Zustand besserte sich. Die Krankenschwestern beobachteten staunend, die Eltern unendlich dankbar, die Ärzte vorsichtig optimistisch, wie die beiden, schleppend, Gramm für Gramm, zunahmen. Die Ärmchen, anfangs so dick wie der kleine Finger der Mutter, ähnelten bald ihrem Daumen, schließlich dem des Vaters. Die blaurote Haut glättete sich, die Schläuche und Nadeln, die in ihre Nasen, in ihre Kopfhaut führten, wurden nach und nach entfernt, ihr Atem stabilisierte sich. Klara zeigte deutliche Reaktionen, wenn die Mutter, penibel desinfiziert, durch das Loch im Brutkasten mit ihr sprach und sie streichelte. Die Eltern bestanden darauf, die Mädchen gemeinsam nach Hause zu holen, obwohl Sybille gute zehn Tage vor ihrer Schwester hätte entlassen werden können.
Je größer ihre Mädchen wurden, desto deutlicher wurde der Mutter, dass sie sich von den heiteren Zwillingsszenarien, die sie sich ausgemalt hatte, verabschieden musste. Beide Mädchen waren still und eigenbrötlerisch.
Klara blätterte, noch bevor sie lesen konnte, wie die lesefaule Mutter stolz bemerkte, in Märchenbüchern und spielte ihre Lieblingsszenen unermüdlich mit Kuscheltieren nach. Sie baute ihnen Nester, fütterte sie mit selbstgekochten Fantasiespeisen und fertigte Wandschmuck für ihre Kartonhäuschen an. Bis weit nach ihrem fünften Geburtstag lutschte sie am Daumen und brach beim geringsten Anlass in Tränen aus.
Sybille war anders, sie sammelte Knöpfe, Murmeln und kleine Figürchen, die sie stundenlang zu großflächigen, komplizierten Mustern auf dem Kinderzimmerboden anordnete. Das Sprechen lernte sie spät. Die Hauskatze Murli hatte einen Narren an ihr gefressen, und oft sah man die beiden Freundinnen Seite an Seite vor dem Holzstapel in der Sonne sitzen oder konzentriert die laufende Waschmaschine beobachten. Ihre Augen waren klar und scharf, und häufig überraschte sie den Großvater damit, dass sie die Unterschiede bei den Fehlersuchbildern seiner Tageszeitung schneller fand als er. Das Mädchen gerate nach ihm, befand er stolz, das werde einmal eine ausgezeichnete Jägerin, eine ausdauernde und gute Beobachterin und hatte nicht ständig die Pappalatur offen.
Klara dachte an die armen Tierkinder und verweigerte kreischend wochenlang Fleisch, wenn der Vater oder der Nachbar wieder einmal einen Hasen oder ein Wildschwein nach Hause gebracht hatten, bis man ihr schließlich, entnervt, eine »fleischlose Extrawurst« kochte, wie der Vater süffisant bemerkte.
Krank wurden beide selten und nur gleichzeitig. Während Klara, weinerlich und wehleidig, nach Tee und Mama verlangte und nachts zu Sybille ins Bett kroch, lag Sybille lobenswert still und äußerte nur selten Widerspruch zum Geschehen im Krankenzimmer. Als Klara eines Tages, fiebrig und zutiefst unglücklich, die Mutter nach dem Gutenachtkuss nicht aus dem Kinderzimmer lassen wollte, sah diese, wie Sybille ihre Lippen bewegte. »Was hast du gesagt?«, wollte sie wissen. »Minnie«, wiederholte das Kind. Richtig, Klara trug ihren Mickey-Mouse-Pyjama, auf dem sich neben dem Mäusepaar einige andere Figuren aus Disneys Universum tummelten, darunter die Kuh Klara, die die Mutter insgeheim schon immer ekelhaft gefunden hatte. Als die Mutter am nächsten Tag ihre Töchter wecken kam, bestätigte Sybille, sie und »ihre Minnie« hätten brav geschlafen.
Der Name fand rasch Verbreitung, wurde von den anderen Kindergartenkindern aufgegriffen und schließlich sogar von der Kindergartentante, einer frömmlerischen Dame namens Martha, zugezogen aus der benachbarten Gemeinde, verwendet. »Ihre Minnie ist ein reizendes Mäderl«, pflegte sie der Mutter beim Abholen oder bei zufälligen Begegnungen süßlich lächelnd mitzuteilen. »So ein herziges Pupperl.« Ganz anders die andere, bei der rede man gegen eine Wand. In der Tat war Minnie wie gemacht für ihren neuen Namen: zierlich, schwächlich, blässlich, mit großen Augen und trotz ihrer Sturheit weich und verletzlich. Sybille dagegen war robuster, gleichgültiger, kaum zugänglich und oft in seltsame Beharrlichkeiten verbissen, beispielsweise ihre häufigen Weigerungen, an einer bestimmten Stelle die Straße zu überqueren. Ein rechter Trampel halt, wie manche Verwandten für sich befanden, und das Grüßen konnte sie auch nicht.
Alles in allem aber, da waren sich alle einig, war es schon ein großer Segen, wenn man bedachte, wie alles angefangen hatte, und diese Capricen, wie die Taufpatin der beiden gespreizt bemerkte, werden sich schon auswachsen. Normalerweise gab man nicht allzu viel auf ihre Meinung, denn sie redete mit der gleichen Bestimmtheit auch von Ahnenkulten und Kommunismus, doch im vorliegenden Fall schien sie recht zu behalten.
Die Probleme begannen, als der Großvater starb. Während er wie üblich bei seinem aus Milchkaffee, Marmeladekipferl und Betablockern bestehenden Frühstück saß, griff er sich kurz ans Herz und wurde einige Stunden später von seinem Sohn, der ihm ein paar Scharniere vorbeibringen wollte, unverändert vorgefunden. Die Hand an der Brust, die Kronenzeitung aufgeschlagen, das Kipferl von Fliegen umsummt. Es sei ganz schnell gegangen, meinte der Arzt, er habe so gut wie nichts gespürt. Ein schönes Alter habe er erreicht, fanden auch die Eltern und trösteten sich damit, dass er bis zum Schluss ganz selbstständig und bis auf die Herzgeschichte kerngesund gewesen sei. Minnie, um die man sich Sorgen gemacht hatte – lange überlegte man, wie man ihr die Nachricht so schonend wie möglich beibringen konnte – ließ sich rasch beruhigen durch die Vorstellung, der Opa sei nun im Himmel bei der Oma daheim und schaue jeden Tag auf sie herunter. Sybilles Reaktion hatte keiner erwartet.
Sie war fast jeden Tag eine Stunde nach dem Mittagessen zum Großvater hinüberspaziert und hatte so lange an seine Tür geklopft, bis er aus dem Mittagsschlaf erwachte. Daraufhin hatten sie jeder zwei Kekse gegessen, zum Munterwerden (Sybille mochte am liebsten die mit der Marmelade in der Mitte, der Großvater Schichtgebäck, das er Wafferl nannte) und die Zeitung noch einmal durchgeblättert, um zu kontrollieren, ob auch alle Rätsel richtig gelöst waren. Dann waren sie zu ihrem Rundgang aufgebrochen, zuerst zu den Tomaten, die in Kübeln entlang der Hausmauer wuchsen, weiter zu den Himbeeren und den Ribiselstauden und von dort in einem langen Bogen zurück zum Haus. Im Winter gab es freilich keine Tomaten oder Himbeeren, dafür ein Vogelhäuschen und Vogerlsalat im Mistbeet, von dem man laut Sybille, die wiederum den alten Mann wörtlich zitierte, groß und stark wurde.
Die unerschütterliche Sybille wurde nach dem Tod des Großvaters ernstlich krank, und das zum ersten Mal alleine: Sie fieberte hoch, schlug um sich, um gleich darauf wieder völlig apathisch vor sich hin zu wimmern. Der Hausarzt gab ihr eine Spritze, die sie den ganzen Tag lang, für den man die Beerdigung angesetzt hatte, in einen betäubungsähnlichen Schlaf fallen ließ. Minnie, verstört und mit rot geweinten Augen, wich ihr nicht von der Seite, ebenso die alte Nachbarin, die auf die Mädchen aufpasste und sich vergebens bemühte, Minnie mit Kakao und dem Fernsehkasperl vom Bett ihrer Schwester wegzulocken.
Als Sybille wieder aufwachte, wirkte sie so desorientiert, dass die Eltern erneut den Arzt riefen. »Na, wen haben wir denn da?«, fragte dieser onkelhaft beim Eintreten. Odette, antwortete Sybille, und dabei blieb es. Niemand verstand, wo sie diesen Namen herhatte.
Sie begann in den Wochen darauf, sich selbst zu schlagen, kurze, trockene Schläge auf den Kopf, die die Mutter, ohnehin schwer strapaziert, zusammenzucken ließen. Das Kind machte ins Bett und lehnte neue Kleidungsstücke ab. Die Einschulung wurde eine Katastrophe. Odette gebärdete sich wie ein wildes Tier, Minnie weinte verzweifelt und weigerte sich, die Hand ihrer Schwester und die ihrer Mutter, die sie umklammert hielt wie eine abstürzende Bergsteigerin, loszulassen. Mit der Zeit bemerkte die Mutter jedoch eine Beruhigung der Situation, die mit einer winzigen Verschiebung in der Beziehung der Zwillinge zueinander begann: War Minnie, die »Kleine«, früher blind an Odette gehangen, weil sie selbst Trost und Geborgenheit suchte, so schien sie nun auf Odette achtgeben zu wollen. Odette wurde ruhiger. Die Lehrerin schrieb dies dem Gewöhnungseffekt und ihrer Unterrichtsdisziplin zu, der Vater dem Alter.
Das Haus des Großvaters verfiel unterdessen. Sein Gewand wurde zur Altkleidersammlung gegeben, das Geschirr zum Großteil auf den Pfarrflohmarkt, die Möbel nach und nach verkauft, andere verheizt. Anfangs ging die Mutter, wenn sie etwas Zeit erübrigen konnte, zum Haus, um die Blumenbeete zu wässern, Unkraut zu jäten und die Vogeltränke nachzufüllen. Auch die letzte Tomatenernte fiel gut aus. Im Herbst wurden ihre Besuche seltener, und irgendwann stellte sie sie ganz ein. Von keiner Heckenschere, von keinem Rasenmäher gezügelt, verfielen die Pflanzen in euphorisches Wachstum: Wiesennelken reckten ihre Köpfe den Sonnenblumen entgegen, die wild neben dem Vogelhäuschen aufgegangen waren, Löwenzahn und Disteln liebäugelten mit den Ritzen zwischen den Terrassensteinen, die der Winter für sie Jahr um Jahr verbreiterte. Der Zwetschgenbaum, alt, bemoost und in diesem Jahr beladen mit winzigen, ungenießbaren Früchten, ließ einen Ast zu Boden fallen. Die grüne Farbe an den hölzernen Fensterrahmen und der Tür, daran gewöhnt, Jahr um Jahr von gewissenhaften Pinselstrichen erneuert zu werden, blätterte ab, erst zaghaft, dann forsch und beherzt. Als der Wind ein Fenster eindrückte, nagelte der Vater von außen Bretter davor. Das Dach ließ die Schultern hängen. Ein Amselpärchen nistete im Windfang, zwei Elstern im Schornstein. Von keiner Heizung, keinem sommerlichen Stoßlüften jemals aufgetrocknet, kroch die Feuchtigkeit durch die Holzböden und langsam, gemächlich, die Wände hinauf.
Im Inneren des Hauses bedeckte der Staub alle Oberflächen und ließ die Kinder rätseln, woher er wohl komme. Der Mutter hatten sie versprechen müssen, das Haus wegen der vielen Gefahren, die diese dort lauern sah, nicht zu betreten; den Schlüssel vermisste sie jedoch nie. Man musste nur sorgsam aufpassen, das Gras vor der Haustür nicht zu zertrampeln, den hohen Schierling, der im Schuhrost wurzelte, nicht zu knicken, keine neuen Spuren zu hinterlassen, wo die Natur dabei war, alte zu tilgen. Die Mädchen kamen fast täglich. In einem Erdverlies unter dem Küchenboden fanden sie Rexgläser, die dem Blick der entrümpelnden Verwandtschaft entgangen waren: Fisolen, Kirschen, Salzgurken. Sie aßen mit den Fingern und stellten die Gläser anschließend säuberlich an ihren verborgenen Platz zurück. Sie gingen von Zimmer zu Zimmer, tupften vorsichtig auf blätternden Verputz und bewunderten die Bauern bei der Ernte an der Wand im Schlafzimmer, wo vor Kurzem noch das große Bett gestanden hatte. Sie drehten die tauben Wasserhähne auf und zu und brachten die Waschschüssel aus Emaille mit Steinchen zum Klingen. Sie bemalten die Wände mit Bröckchen von Ziegelsteinen. Minnie versuchte, sich wie das Mädchen aus einem ihrer Bücher an die Küchenlampe zu hängen, doch sie riss ab und zerbrach.
»Aus euch kriegt man ja gar nichts mehr heraus«, beklagte sich die Mutter, wenn sie auf ihre Frage, was die beiden denn den ganzen Tag getrieben hätten, ein knappes »Nichts« zur Antwort bekam.
In ihrem Abschlussjahr beschäftigte sich Minnie intensiv mit dem Thema Tod. Sie maturierte mit Bestnoten in den Fächern Geschichte, Religion, Psychologie und Philosophie, ließ ansonsten aber zu wünschen übrig. Odette war noch schwächer, rettete sich gegen Jahresende lediglich durch ihre schnelle Merkfähigkeit und wurde dennoch zweimal aus reiner Gefälligkeit versetzt. Faul, urteilten die Lehrer. Unkonzentriert, bleiben weit hinter ihrem Potenzial zurück. Odette bekam eine Betragensnote, nachdem sie einem Klassenkameraden, der ihr auf die Toilette nachgeschlichen war, die Nase gebrochen hatte, indem sie ihn an den Haaren packte und sein Gesicht gegen den Spiegel geschmettert hatte. Die Schulleitung bat die Eltern zu einem Gespräch, diese einigten sich, auf Anzeigen zu verzichten – der Vater des Burschen auf eine wegen Körperverletzung, Odettes Vater wegen sexueller Belästigung.
Nach der Matura teilten sie sich eine Garçonnière.
»Ich denke, diese Woche noch, höchstens zwei, dann können wir den Bezirk abschließen«, meinte Minnie später, als sie ihre Mails gecheckt und nochmals, endlos, wie es Odette schien, telefoniert hatte. »Das von gestern würde ich mir aber gern noch mal gesondert ansehen. Das fällt aus dem Rahmen, irgendwie. Oder was meinst du?«
Odette nickte gedankenverloren. »Auf jeden Fall«, antwortete sie dann.
Auf die immer seltener werdenden Nachfragen der Verwandtschaft, was sie denn nun eigentlich täten (Capricen!), antworteten die Zwillinge, sie würden stundenweise als Sekretärinnen arbeiten. Von ihrem privaten Projekt, das den größten Teil ihrer Zeit in Anspruch nahm, erzählten sie nichts. Minnie recherchierte, telefonierte, wertete aus, fasste zusammen und vervollständigte wöchentlich die Karte. Odette fotografierte: verlassene Häuser, leer stehende Häuser, verwaiste Häuser. Einsturzgefährdete Bauernhöfe, aufgelassene Wohnblocks, zwangsgeräumte Nebengebäude, in Vergessenheit geratene Jagdhütten, ausgebrannte Kaufhäuser, in Konkurs gegangene Hotels, seit Jahrzehnten nicht mehr benützte Wochenendhäuschen. Errichtet im vorigen Jahrhundert, im vorvorigen oder erst neulich. Sie gingen methodisch vor, durchforsteten die letzten verwilderten Parzellen in frisch verdichteten ehemaligen Vororten, sie tasteten sich durch Gewerbeparks und hangelten sich durch gottverlassene Dörfer mit seltsamen Namen wie Einöd am Weg oder St. Pankraz in der Gegend. An manchen Stellen ihrer Karte entstanden seltsame Ballungsräume, an anderen war Leere.
»Das Leben ist eben lebensgefährlich«, hatten die Tanten der zehnjährigen Minnie ins Gesicht gelacht, und »der Tod gehört zum Leben«, hatten die Onkel beschieden. Dass Letzteres den Tatsachen entsprach, bewiesen die Heerscharen alter Frauen, zum Friedhof pilgernd, die zentnerweise gepflanzten pflegeleichten, farbenfrohen Blumen zu ihren Füßen, violett, gelb, weiß.
Aber die Häuser. »Jedes Haus stirbt anders«, hatte Minnie einmal erklärt. »Manche tun es würdevoll und richtig mit Stil, bleiben stattlich, auch wenn sie nur mehr ein Haufen alter Steine sind, eben weil sie mehr als nur ein Haufen alter Steine sind. Andere wiederum verweigern, die scheinen trotzig zu sagen, egal, ich brauch euch Menschen sowieso nicht, ich denk ja gar nicht dran. Wieder andere entfalten eine Beschaulichkeit, richtig romantisch, die sie früher sicher nicht hatten. Oder eben nicht in diesem Ausmaß. Wie Frauen, die jung gar nicht einmal besonders hübsch sind, im Alter aber mit tausend Falten und weißen Haaren dieses Strahlen bekommen. Ich meine die Häuser, die nur von blühendem Unkraut bewachsen und nur von ganz putzigen Vogerln besiedelt werden und in die garantiert noch nie ein Sandler oder ein Junkie gepisst hat. Verstehst du, was ich meine?«
Odette hatte genickt.
»Manche sind traurig, weinen mit jedem Stein den Tagen nach, in denen sie bewohnt waren. Und dann gibt es noch die, die das Alter und die Einsamkeit bösartig macht. Die die ganze Atmosphäre rundherum vergiften mit ihrer bloßen Anwesenheit.«
Odette hatte zugestimmt; gefühlvolle lange Ansprachen waren nicht ihre Stärke, aber dass sie genauso dachte, zeigten ihre perfekten Fotos: Sie zeigten die Persönlichkeit der ihres einzigen Daseinszweckes beraubten Gebäude, diejenigen überdauernd, denen ihre Existenz gewidmet war, ihre beredte, vollgepferchte Leere. Sie waren geplant worden, gebaut, bezogen. In ihnen waren Mahlzeiten gekocht und gegessen worden, in manchen von ihnen unter Gelächter und Gerede, in manchen bei freudlosem Schweigen; Geschirr war gespült worden, Wasser verschüttet und wieder aufgewischt. Menschen waren gut miteinander ausgekommen oder sich hasserfüllt aus dem Weg gegangen, hatten krank im Bett gelegen, waren geboren worden oder gestorben. Sachen waren zum ersten Mal passiert: der erste Schritt eines Kindes, die erste Post im Briefkasten, der erste Anstrich an der Wand, das erste Feuer im Ofen. Und Sachen waren zum letzten Mal passiert: ein letztes Mal hatte jemand die Toilettenspülung gedrückt, ein letztes Mal hatte sich jemand innerhalb dieser Mauern geliebt, ein letztes Mal das Licht abgedreht, ein letztes Mal jemandem einen guten Morgen gewünscht. Da war der Hof, einst, laut Grundbuch, inmitten Weines und Feldern gelegen, heute direkt an der ekelhaft kurvigen Bundesstraße. Unterhalb des Straßenniveaus, man hätte die Tür nach außen nicht mehr öffnen können, wirkte er klein, verloren, an den Fenstern noch Vorhänge, von einer tüchtigen Hausfrau genäht und aufgehängt. Die Frühstückspension, jedes Zimmer noch ausgestattet mit Radio am Kopfende der Betten, einst der letzte Schrei des Komforts. Sie wirkten überrumpelt, wie jemand, der sich fassungslos fragt, wie das denn hatte passieren können. Da war das Ferienhäuschen, voll lieblicher Details, die saftigen Moospolster, die vom Giebel herableuchteten, die entzückenden Eichhörnchen, die über die Terrasse flitzten. Drinnen eine museumshafte Idylle, ein Wanderstecken an der Wand, ein gestickter Lampenschirm, handbemalte Schnapsgläschen, die nur darauf warteten, aus ihrem Dornröschenschlaf von den Lippen zünftiger Wanderer wachgeküsst zu werden.
Da waren die vielen bescheidenen Altenteile, gebaut ohne große Erwartungen und ohne große Ansprüche, aber solide. Da waren die leer stehenden Villen, geplant, gebaut, verziert und ausgestattet comme-il-faut, und die nun, verlassen, verwittert, verfärbt, noch immer die Atmosphäre von lautem Gelächter, Pianomusik und der Vorfreude reicher Boudoirs in sich trugen. Da waren die riesigen Fabriken, die ihre Schlote stur in die Luft reckten und statt einer Vielzahl an Arbeitern nun einer Vielzahl an Ratten eine Lebensgrundlage boten. Da waren die vielen unscheinbaren Häuschen, die sich immer ohne die geringsten Variationen wiederholende Geschichte – verstorben – vererbt – verschmäht – erzählten, und denen Minnie aus schierem Mitleid am liebsten jedes Mal mit Putzlappen, Dispersionsfarbe und Besen zu Leibe gerückt wäre. Da war die Reihenhaussiedlung, die in Kürze einer Umgehungsstraße weichen würde: Seite an Seite, die Eternitfassade angegraut, starrten die Häuser angepisst in die Luft. Ihr Innenleben war restlos leer, die ehemaligen Bewohner hatten bei ihrer Übersiedlung alle Habseligkeiten mitgenommen, lediglich an manchen Küchenfenstern leuchteten die Aufkleber mit Fliegengift. »Arschlöcher«, schienen sie zu murmeln, »verdammte Arschlöcher«. Da war die ausgebrannte Fleischerei mit Wohnräumen im Obergeschoss, eines ihrer ersten Häuser. Ob aus versicherungstechnischen Gründen oder aus schlichter Lähmung hatte man einen Gutteil des verkohlten Interieurs so belassen, wie es war, und nur den gröbsten Unrat beseitigt. Die weißen Fliesen waren von einer fettigen schwarzen Schmier überzogen, Möbel und Gebrauchsgegenstände zu einem grausamen Abklatsch ihrer selbst zusammengeschrumpft. In den Betten der Kinder waren noch Reste der Decken, eines von ihnen war bei dem Brand erstickt. Euch krieg ich, giftete das Zimmer.
Da waren die vielen Hinterlassenschaften: Der Gartenzwerg, der, seine Laterne provokant erhoben, überdauerte, wo einst ein Beet gewesen sein musste. Da war das Gartentor, das, fest eingemauert, ein guter Hinweis darauf war, dass hier einmal ein Zaun gestanden haben musste. Die zwanzig Korbflaschen, die verrieten, dass hier einmal jemand gern ein Glaserl Wein getrunken und wohl immer eine rechte Gaudi gehabt hatte; der Teddy, steif und muffig; die Legion an Öfen: Kachelöfen, Kochherde, Heizkörper, Heizspiralen, Gaskonvektoren.
Und da war das Haus von gestern. Nummer 978 auf ihrer Liste, weiß, Doppelglasfenster, Mistbeet im Garten, Briefkasten außen am Zaun, erbaut 1948 von einem Franz und einer Helga Reitlbauer, hundertzwei Quadratmeter. Helga, damals bereits achtunddreißig und seit 1939 verwitwet, hatte im Vorjahr den fünfunddreißigjährigen Kriegsheimkehrer Franz geheiratet. Als gelernte Fleischereigehilfin fand sie in den kargen Nachkriegstagen nicht sofort eine Anstellung, wohingegen Franz, HTL-Absolvent und gelernter Zeichner, laut Mikrofilmen, die Minnie in der Bibliothek aufstöberte, beim Wiederaufbau tatkräftig mithalf und wohl die eine oder andere Ladung Baumaterial für sich abzweigen konnte. Die Ehe blieb bis 1950 kinderlos, dann, plötzlich, kamen nacheinander Josefine (1951), Franziska (1952) und Florian (1954) zur Welt. Franz, der über seine Kriegsvergangenheit nicht reden mochte, trank immer mehr, die Jahre 1955 bis 1961 zeigten häufiger werdende Aufenthalte in der Ausnüchterungszelle. Im Frühjahr 1961 verließ er, bereits deutlich angetrunken, das Wirtshaus, in dem er zu Mittag gegessen hatte, und geriet frontal vor einen Pkw, der zwar geistesgegenwärtig schnell, wie die Polizei gegenüber der Zeitung betonte, angehalten wurde, jedoch trotzdem nicht schnell genug, um ein Schädel-Hirn-Trauma bei Franz zu verhindern. Er wurde als Pflegefall in eine Anstalt eingewiesen, wo er 1968 starb. Helga, nunmehr zum zweiten Mal verwitwet, nahm eine Stelle als Wurstverkäuferin an, was gemeinsam mit der Witwen- und Waisenrente für sie und die Kinder reichte. Franziska begann eine Ausbildung als Hebamme, Josefine als Krankenschwester, beide kamen im Bezirkskrankenhaus unter. Florian verließ die Schule, sobald es ging, heiratete keine vier Jahre später eine Tschechin namens Adela, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, wurde ein Jahr später wieder geschieden. Als Helga 1986 starb, setzte sie ihre Töchter als ausschließliche Erbinnen ein, die wiederum ihren Bruder das Wohnrecht einräumten, bis dieser Anfang der Neunzigerjahre das Land verließ. Seitdem stand das Haus leer.
Als sie das Haus betrat, spürte Minnie ihre Anspannung, die sich über ihre Brust bis tief in die Achselhöhlen zog. Zu ungeduldig, um abzuwarten, bis ihre Augen sich an die Dämmerung gewöhnt hatten, machte sie ein paar tastende Schritte, stieß gegen etwas, stolperte. Odette griff nach ihrem haltlos tastenden Arm, hielt sie fest. »Na, was meinst du? Warte, komm lieber in das Zimmer hier. Ich wollte nichts unternehmen, bevor du es nicht gesehen hast.« Als Minnie sich daraufhin hin und her drehte, vorsichtig ein paar Schritte in die eine, ein paar Schritte in die andere Richtung machte, schüttelte Odette den Kopf. Sie holte ihr Smartphone hervor und leuchtete damit auf die Bodenleiste. »Hier, schau.« Minnie trat näher, kniete sich auf das klebrige Linoleum und schaute auf den blasshellen Flecken synthetischen Lichts. Die Zeichen waren winzig. Sie zogen sich beharrlich wie eine Ameisenstraße die Sesselleiste entlang, dort wo Kratzer am Boden die frühere Position von Möbelstücken verrieten, bildeten panische Kolonien.
»Ich denke, das war ein Kind«, sagte Odette. »Nur ein Kind kann sich unter einem Kasten oder unter einem Bett verkriechen und auch noch Nachrichten hinterlassen.«
Minnie stand auf. Sie musste sich räuspern. »Wir sollten zur Polizei gehen.«
Odette nickte. »Das dachte ich mir.«
Der Wirbel, der daraufhin folgte, kam für die einen ungelegen, für die anderen überraschend, für wieder andere war er eine willkommene Abwechslung, einig waren sich jedoch alle, dass er einzigartig in der Zweiten Republik war und endlich, wie eine Anrainerin bemerkte und dabei die Kapuze zurückstrich, um ihre praktische Kurzhaarfrisur im Fernsehen besser zur Geltung zu bringen, den leidigen Fall Kampusch ablöste, der für viele Leute ohnehin nicht ganz koscher war, sie wolle jetzt aber nichts Näheres zu Frau Kampusch sagen, sonst heiße es gleich wieder.
Bagger rückten an, Kriminologen, Gutachter, Journalisten und Schaulustige. Man fand etwas, das schon, aber vorerst unklar blieben Alter und Ursache. Aber was war denn nun wirklich passiert? Diese Frage, in den Köpfen der Menschen bis weit über die Grenzen Österreichs hinaus penetrant herumschwirrend wie eine späte Herbstfliege, wurde wieder und wieder durchbesprochen, um diese Spekulation ergänzt, um jene Vermutung ausgebaut und durch die zahlreichen nebulösen Pressekonferenzen der zuständigen Behörden dergestalt befeuert, dass sie schließlich zu einem unüberschaubaren Geflecht an Antworten ausuferte.
Der alte Reitlbauer, hieß es, wenn wieder ein Psychologe in einer Nachmittagstalkrunde »aus aktuellem Anlass« zum Thema Kindesmisshandlung zu einer Stellungnahme genötigt worden war, der alte Reitlbauer habe nie verkraftet, dass der Flori so gar nicht nach ihm geraten sei und das den Buben ordentlich spüren lassen, vor allem ganz zum Schluss, nicht schön sei das gewesen. Die beiden Schwestern des vermeintlichen Opfers dementierten umgehend, der Vater sei außerordentlich liebevoll gewesen, von Misshandlung keine Spur, und überhaupt, nach so vielen Jahren die Ehe ihrer armen Eltern anzupatzen, sei schon gar keine Art.
Der junge Reitlbauer, hieß es, wenn wieder einmal flächendeckend und crossmedial vor der Veröffentlichung von Kinderfotos im Internet gewarnt wurde, der sei schon immer ein stilles Wasser gewesen, ein auffällig unauffälliger Einzelgänger, und dass der nie eine Frau mit nach Hause gebracht hatte in all den Jahren, die er ganz allein in dem Riesenkasten verbracht hatte, das gebe einem schon zu denken. Auch seien die Vorhänge immer zugezogen gewesen, und dass er einen Fotoapparat besessen habe, sei gesichert. Hier meldeten sich die Schwestern nicht zu Wort, der Bruder schien in der Tat ein wunder Punkt in der Familienhistorie zu sein, jedoch wies der örtliche Polizeichef die Anfragen besorgter Nachbarn zurück, man ermittle derzeit »in eine vollkommen andere Richtung«.
Die Zigeuner hieß es, der Hendlbrater, der ein paar Jahre lang jeden Herbst mit Kind, Kegel und seinem Imbissmobil im Ort Station gemacht hatte, für so jemanden sei ein leer stehendes Haus ja nachgerade eine Einladung.
Gammler, warfen ein paar hochbetagte Männer ein, unbeirrbar trotz der demonstrativ verdrehten Augen ihrer Enkel. Belgien fand häufige Erwähnung.
Der Holocaust wurde ins Spiel gebracht, Nazis, die nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs beinhart die Endlösung weiter vorantreiben wollten, das heißt, nicht die Endlösung, sondern die medizinischen Experimente, die die Rassenforschung revolutionieren sollte. In der Tat schienen die Ermittlungen, zumindest geografisch, in Richtung Nahost betrieben zu werden, ob nun auf der Suche nach dem Täter oder dem Opfer (oder den Opfern!), spaltete die Geister der Nation. Ein Mann namens Simon Goldblum wurde wiederholt zu seiner unaussprechlichen Kindheit am Spiegelgrund interviewt, man war sich einig, dass so etwas sich niemals mehr wiederholen durfte, bedauerte aber dennoch, dass er zur vorliegenden Causa weder Antworten noch Verdachtsmomente beisteuern konnte. Er war halt ein wahllos ausgewähltes unschuldiges Opfer, soviel war klar. Ein Mann namens Manuel Resch und seine Frau Natalie meldeten sich zu Wort, sie hatten stichfeste Beweise für die hinter dem Rücken der Weltbevölkerung betriebene Verschwörung des Finanzjudentums mit den Regierungen der Großstaaten und der Pharmaindustrie, auch litt Natalie seit einer Reise ins ägyptische Sharm-el-Sheikh unter Kopfschmerzen unklarer Herkunft, die jedoch mit Sicherheit durch den Rückflug verursacht worden waren.
Besorgte Bürger gegen Chemtrails und Spötter gegen Aluhüte gerieten sich in die virtuellen Haare, und die Identitären luden zu gemeinsamer sportlicher Betätigung an der frischen Luft ein. Gerade als die Diskussion sich zu verlagern begann, entdeckten die Medien die Zwillinge. Wie das eigentlich gewesen sei, wollte eine sympathische junge Reporterin wissen, warum sie eigentlich ein unbewohntes Haus betreten hatten, gute dreihundert Kilometer von ihrem Wohnort entfernt. »Würden Sie sagen, das war Intuition?«, fragte sie Minnie, als diese an einem späten, sonnigen Nachmittag nach Hause kam. »Oder haben Sie einen konkreten Hinweis erhalten? Was hat Sie auf diese Spur gebracht? Glauben Sie an Zufälle?«
Minnie zögerte erst, erlaubte der etwa Gleichaltrigen aber schließlich, mit ihr in die Wohnung zu kommen. Sie zeigte ihr die Aufnahmen, erklärte die Systematik ihres Vorgehens und schließlich, sie konnte sich später nicht mehr erklären, wie es dazu gekommen war, landeten die beiden beim Du-Wort sowie bei Tee, Schokoladenkeksen und Babyfotos von ihr und Odette.
Die Journalistin Manu hatte sich als Kind auch immer eine Schwester gewünscht, war aber mit einem um vieles jüngeren Bruder geschlagen gewesen, der, wie sie bedauernd zugab, in einer völlig anderen Welt gelebt hatte als sie, die sich vor allem mit Figuren aus Kinderbüchern wie Ronja Räubertochter identifiziert hatte. »Ich beneide euch um euer Ding, das ihr da habt«, gestand sie, als sie sich bereits verabschiedet hatten und in der angenehmen Abendluft vor der Tür standen. Obwohl sie augenscheinlich ein großes Maß an Verständnis für Hobbys wie das von Minnie und Odette (die jedoch das Wort Hobby nie in den Mund genommen hätte) aufbrachte, hatte sie entweder erstaunlich wenig Skrupel, was für ihre journalistischen Instinkte sprach, oder gegenüber ihrer Blattlinie erstaunlich wenig Durchsetzungsvermögen, was gegen ihre Qualitätsansprüche sprach; jedenfalls sah Minnie bestürzt zwei Tage später sich selbst und ihre Schwester als Titelaufmacher auf einer stark pixelnden Vergrößerung auf der alten Holzbank vor den Haus ihres Großvaters sitzen. Wegen der tief einfallenden Sonne, Minnie erinnerte sich, es war Abend gewesen, nachdem sie am Nachmittag geholfen hatten, Holz zu machen, hatten sie beide die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen, die Haare waren durcheinander, Odettes Strickjacke schief geknöpft. Daneben, kleiner, die heutige Odette, wie sie gerade ein Klingelschild studierte. Manu musste das Bild heimlich abfotografiert haben.
»Stößt der Staat hier an Grenzen?«, lautete die reißerische Ansage, der es mehr schlecht als recht gelang, sich als Frage zu tarnen. »Spukschwestern in ganz Österreich aktiv!« Im Blattinneren ging die Story weiter. Odettes und Minnies Archiv, die Tausende Fotos, die sie sich zu Vergleichszwecken ausgedruckt hatten, die Karten und die vielen Zettelchen mit handschriftlichen Notizen, all das war in einer Art aufgenommen, die selbst kritischen Betrachtern nahelegte, dass man es hier mit völlig verpeilten Messies zu tun hatte. Der Ton war suggestiv, die Faktenlage scheinbar stichhaltig, ein Detail passte zum anderen, und am Ende war klar: Hier waren zwei Frauen am Werk, die vielleicht nicht gemeingefährlich waren (immerhin hatten sie ja, wenn auch unbeabsichtigt, zur Aufdeckung eines Verbrechens beigetragen), die sich jedoch seit zartestem Alter beunruhigenden Machenschaften hingaben, die man, ganz besonders in Zeiten steigender Kriminalität, besser im Auge behalten sollte, deren ganzes Handeln und Denken (schizophren?) nachhaltig von einer von verlust- und entbehrungsreichen Kindheit bestimmt war, und die ganz offensichtlich nicht in der Lage waren, Realität und Fiktion voneinander zu unterscheiden. Der Text malte ein Bild von zwei kaputten, ausgegrenzten Geschöpfen, die nach Einbruch der Dämmerung durch verlassene Gebäude schlichen und dabei verzweifelt versuchten, ein Ventil für die Kränkungen, die die Welt ihnen zugefügt hatte, zu finden.
»Die Schreie des Kindes aus dem Haus in der Scherergasse hört keiner mehr. Auch die Schreie der beiden Frauen in ihrer Kindheit sind ungehört verhallt. Was, wenn Fotos nicht mehr reichen? Wie werden sie sich Gehör verschaffen?«, fragte Manu am Ende des Artikels. Dass alle Beteiligten namentlich genannt waren, verbesserte die Lage auch nicht. Minnie war sprachlos. Odette schüttelte den Kopf. »Schnepfe«, sagte sie, und meinte damit sowohl ihre Schwester als auch Manu.
Die Mutter rief an, sie weinte. Der Vater rief an, ob Minnie und Odette bewusst sei, wollte er mit kaum beherrschter Aggression wissen, dass die Mutter weine, schon den ganzen Nachmittag, und dass die verdammte Journaille im Garten schon den halben Liebstöckel zertrampelt habe?
Ihr Chef rief an und meinte, es sei wohl besser, wenn sie, Minnie und Odette, in den nächsten Tagen Urlaub nehmen würden; ohnehin sei zurzeit kaum etwas zu tun.
Der leitende Ermittler, der die Aussagen der Zwillinge bereits zu Protokoll genommen hatte, rief an und bat die beiden, sich in nächster Zeit »zur Verfügung zu halten«, falls es »neue ermittlungstechnische Erkenntnisse« gebe. Als Minnie ihn befangen nach einem Zusammenhang mit dem Artikel fragte, lachte er. »Ich bitte Sie«, meinte er. »Glauben Sie, ich habe Zeit zum Zeitunglesen?«
Der Lokalredakteur einer Gratiszeitung, der Lokalredakteur einer Onlinezeitung und der Chronikredakteur der Regionalausgabe einer Tageszeitung riefen an und baten um eine Stellungnahme, ein Interview und eine Fotostrecke. Danach schaltete Minnie ihr Handy aus. Zwar änderte dies nichts an der Tatsache, dass auch ihnen die »verdammte Journaille« bis vor die Wohnungstür rückte, jedoch mit dem Einschreiten des Hausmeisters, eines Mannes alter Schule, der jeden Unbekannten in die Mangel nahm, wurde es etwas ruhiger.
Odette schien unbewegt. Sie ging nicht an die Tür, würgte eingehende Anrufe ab und spielte die restliche Zeit konzentriert Minecraft. Minnie dachte an Martin, den Klassenkameraden mit der gebrochenen Nase (der mittlerweile verheiratet war, als Gebrauchtwagenhändler arbeitete und auf Facebook wie besessen Made-my-day-Sprüche postete, die sich hauptsächlich um Bier drehten) und hoffte beklommen, dass keiner der Journalisten Odette zu nahe kam. Die Folgen eines Zusammenstoßes (»Gefährliche aggressive Störung: Zwillinge attackieren Passanten« oder »Wollen dafür sorgen, dass niemand sie vergisst: Zwillingen ist jedes Mittel recht«) konnte sie bildlich vor sich sehen.
In den nächsten Tagen erwachte die Medienlandschaft, die schon bereit gewesen war, zur frühherbstlichen Beschaulichkeitsagenda überzugehen, zu neuer Begeisterung. Die Dame, der Odette vor besagtem Haus ausgewichen war, bevor sie zur Erstbesichtigung schritt, meldete sich gewichtig zu Wort: »Einfach durch mich hindurchgesehen!«
Odette schnaubte. »Hätte sie halt nicht derart herumgekreischt und Sachen gefragt, die sie nichts angehen.«
Täglich erfuhren die Schwestern derart viel Neues über sich in der Zeitung, dass Minnie überlegte, ob sie nicht doch ein Gespräch mit einem Journalisten zur Richtigstellung suchen sollte, aber Odette zog nur spöttisch die Augenbrauen hoch. »Also du schon mal sicher nicht«, sagte sie. »Denk nur an deine süße kleine Manu – das Gespräch ging ja wohl voll in die Hosen. Alle Großväter sterben irgendwann, manche Kerle sterben sogar, bevor sie Großväter sind, aber kaum erwähnst du den unseren, stehen wir am nächsten Tag wie komplett entgleiste Tischchenrückerinnen da!«
Minnie gab sich seufzend geschlagen. Sie ging in der Wohnung umher, vom Fenster zur Tür, zur Küche, zum Fenster, nahm hier eine Tasse mit einem Rest Wasser hoch, dort eine CD, eine Nagelschere, um sie gleich wieder an einer anderen Stelle abzulegen. Sie fiel, kaum dass sie sich hingelegt hatte, in einen bleiernen Schlaf, schreckte wenige Minuten später wieder mit rasendem Herzen und schmerzenden Schulterblättern hoch und konnte anschließend nicht mehr einschlafen. Sie konnte sich nicht dazu aufraffen, morgens zu duschen, sich die Achselhöhlen zu rasieren und stellte fest, dass sie mehrmals nachfragen musste, wenn Odette etwas zu ihr sagte, bis sie den Sinn verstanden hatte. Sie deaktivierte ihr Facebook-Profil, nachdem sie unangenehme Nachrichten von Menschen erhalten hatte, die sie nicht kannte. Anfangs hatte sie noch versucht, sachlich auf die Kommentare zu reagieren, sie hatte einige Fotos von besonders pittoresken Häuschen gepostet und die Frage in den Raum gestellt, was denn nun der große Unterschied sei zu Menschen, die, sagen wir, Hundefotos oder Mode-Selfies knipsten, aber nur Häme und sexuelle Beleidigungen geerntet. Odette, die in den sozialen Medien (was für ein Widerspruch, dachte Minnie immer) nie sonderlich aktiv gewesen war, reagierte auf ähnliche Kommentare indifferent. »Scheißer«, sagte sie und machte einen Screenshot, als jemand seine Ansicht äußerte, solche wie sie gehörten samt ihren Bruchbuden in die Luft gesprengt. Äußerlich unbewegt, meldete sie über- und untergriffige Postings und schickte die Screenshots, mit knappen Worten unterlegt, an die Staatsanwaltschaft. Langsam wendete sich erneut das Blatt, die Schlacht wurde erneut eine andere, und erste Unterstützer meldeten sich. »Ladylike«, ein alternativer Blog mit feministischem Background, rief zur Solidarität mit »Frauen, die unabhängige soziokulturelle Grundlagenforschung betreiben« auf. Die Initiative »gegen.netzhetze« prangerte die Bloßstellung der beiden Schwestern an und forderte vom österreichischen Presserat eine umgehende Stellungnahme zur rufschädigenden Berichterstattung im vorliegenden Fall. Ein smarter Anwalt nutzte die gegenwärtige Stimmung und trug sich (»Nur damit er bekannter wird, der Sack«, meinte Odette) als kostenloser Rechtsvertreter an. Ein junger, unsicherer Mann mit dunklen Dreadlocks und abgekauten Fingernägeln, der an einer, wie er es ausdrückte, Anti-Anthologie über Hasspostings arbeitete, kam zu ihnen nach Hause und hatte sichtliche Schwierigkeiten, seine Augen zumindest manchmal von Odette ab- und den Ausdrucken, die sie vorbereitet hatte, zuzuwenden. Minnie blieb in der Küche, wo sie verwundert den Austausch von privaten Nummern und der königlich-kühlen Zusage ihrer Schwester, mit ihrem neuen, fast schon lächerlich dankbaren Verehrer einmal auf ein Bier zu gehen, mit anhörte. Zum ersten Mal seit mehr als drei Wochen musste sie lächeln. Sie sah sich selbst, wie sie von Odette ein kleines Kind mit nussbraunen Wuschelhaaren entgegennahm, um es zu halten, während dessen Mutter gekonnt eine völlig verzogene Holztür öffnete und zur Kamera griff.
Dann öffnete sie das Küchenfenster, um wieder einmal ordentlich durchzulüften.

Geschichtenerzähler | Claudia Heyder
Es gibt Tage, an denen die Menschen die Orientierung verlieren. Wenn alles gleich aussieht, sobald der braune Staub sich durch jede Ritze des Mauerwerks frisst. Aber es gibt auch Zeiten, da hängt der Staub nur wie ein Unheil bringendes Tuch über uns. Es soll Kinder geben, die haben die Sonne noch niemals gesehen. Das wenige Licht, das zu uns durchdringt, verwandelte alles in eine karge Landschaft. Einzig die Bäume versuchen der stetigen Dämmerung zu trotzen und wir sind dankbar für die Luft, die wir atmen dürfen, selbst mit dem erdigen Geschmack auf der Zunge.
Mein Blick wandert von oben nach unten. Es besteht kein Zweifel, dass die schweren Stiefel an meinen Füßen die schlammige Farbe des Himmels angenommen haben. Vielleicht zur Tarnung. Zu spät!
»Los, weiter.« Ein heftiger Schlag mit dem Gewehrkolben holt mich aus meinen Gedanken. Der Schmerz bohrt sich in meinen Rücken, als ich mich in Bewegung setze, so wie ein Dutzend meiner Kameraden. Sie kamen am frühen Abend, trieben die jungen Männer wie Vieh in die Mitte des Dorfplatzes. Meine frisch geputzten Schuhe glänzten da noch, unübersehbar wie eine Bordelltür. Nicht dass ich wüsste, was ein Bordell ist, aber Großvater erzählte immer von dieser verlockend glitzernden Tür. Es ist nicht das erste Mal, dass uns der Trupp oder die Brut, wie wir sie nennen, holt. Jedes Jahr im Herbst überrennen sie das Dorf, suchen nach billigen Arbeitskräften, besser gesagt Sklaven für ihre Drecksarbeit. Denn dafür, dass wir unser Leben riskieren, ist der Lohn mehr als kläglich und eine Wahl haben wir nie.
Wir marschieren zwei Tage und vier Mal bebt die Erde. Zum Glück sind wir auf offener Fläche unterwegs. Die wenigen Blätter an den Bäumen segeln zu Boden und in den kälter werdenden Nächten rücken wir dichter zusammen. Am Morgen erklimmen wir meterhohes Betongeröll, und als unser Blick über die zerfallene Stadt schweift, macht sich eine gewisse Melancholie breit. Wir wissen alle, was wir verloren haben.
Damals, als ein Beben ungeahnten Ausmaßes die Erde aus dem Gleichgewicht brachte und Asche den Himmel verdunkelte. Die Alten sagen, wir waren zu gierig, hätten zu tief gegraben und haben die Welt in ihrem Ursprung mehr als einmal erschüttert. Andere meinen, wir wären zu laut gewesen. Es spielt keine Rolle, denn von Zeit zu Zeit bewegt sich die Erde. Mal heftig und dröhnend, dann wieder zaghaft wie ein Grashalm.
Plötzlich vernehme ich ein Summen, erkenne eine Melodie. Ich suche nach dem Vollidioten, der es wagt. Sam steht nur eine Armlänge vor mir. Ohne zu zögern, boxe ich in seine Seite und fauche ihn an: »Hör auf oder willst du uns alle umbringen!« Er verstummt, dreht sich zu mir. Ich verstehe nicht, was mir der starre Blick und sein zuckender Oberlippenschnauzer sagen wollen. Er weiß doch, dass jegliche Art von Musik mit dem Tod bestraft wird. Da ist es egal, wie wenige wir noch sind. Die Gesetze der Brut sind bindend für alle, erst recht, wenn wir mit ihnen zusammen Beute greifen. Ein Befehl dröhnt über unsere Köpfe hinweg und wir machen uns daran, die Flut an Gestein zu überqueren, immer auf der Suche nach einem brauchbaren Objekt.
Gegen Mittag marschieren wir durch menschenleere Straßen. Die Brut nimmt uns in die Mitte, sie halten die Gewehre im Anschlag und beobachten wachsam die Umgebung. Sie beschützen uns nicht aus Nächstenliebe, lebendig sind wir mehr wert, denn niemand kennt die alten maroden Häuser so gut wie wir. Unsereins geht an die verlassenen Orte, zu denen sich nicht mal der Teufel traut. So kamen wir zu unserem Namen, Maulwürfe.
Eine Windböe weht die Straße entlang, wirbelt Staub auf, als wir unser Ziel erreichen. Aus dem Grau taucht vor uns eine einst prachtvolle Jugendstilvilla auf, ihr historischer Charme wirkt in dieser Gegend befremdlich. Bei erster Betrachtung gut erhalten, scheint nur das Dach etwas beschädigt. Doch wir wissen es besser. Mein Blick fällt auf die breite Holzflügeltür im Eingang, die sich in diesem Augenblick einen Spaltbreit öffnet. Ein Schatten huscht durch die Öffnung. Alle Gewehre zielen in seine Richtung. Unruhe breitet sich in der Truppe aus. Ich höre diverse Befehle, weiß nicht, für wen sie bestimmt sind. Vernehme die Schreie meiner eigenen Leute, die dem Schatten zurufen, stehen zu bleiben. Er zögert, sieht uns an, entscheidet sich und läuft los. Mehrere Kugeln treffen den Jungen in die Brust, seine dünnen Arme fliegen nach oben, er fällt nach hinten, zuckt ein letztes Mal und bleibt reglos liegen. Für einen Moment herrscht Stille, die Gedanken in meinem Kopf überschlagen sich, bis der Befehlshaber auf mich und Sam zeigt. »Du und du schafft das aus dem Weg und für die anderen eine Viertelstunde Pause.« Ich werfe Sam einen Blick zu, gehe vorweg, betrete den verwilderten Vorgarten. Wir bleiben vor dem durchlöcherten Körper stehen. Der Junge hat keine zehn Winter erlebt, seine starren Augen zum Haus gerichtet. Ich weiß nicht, was er dort sucht oder zu finden glaubt. Meine Finger schließen seine Lider. Sam greift nach seinen Beinen, ich nach den Armen. Wir heben ihn an, sein Kopf fällt nach hinten, Blut tropft von der abgewetzten Kleidung. Ich halte Ausschau nach was Brauchbaren, aber er besitzt nichts, trägt nicht mal Schuhe. Wir legen ihn ein paar Meter weiter unter einer alten Linde ab und Sam zieht ohne Vorwarnung seine Mütze. Ein verstohlener Blick zurück zur Truppe lässt mich nervös werden. »Sam, hör auf und komm endlich.« Doch er denkt gar nicht daran, stattdessen beginnt er leise, vor sich hin zu singen. Ich hoffe inständig, dass uns niemand beobachtet. Wir spüren für einen kurzen Moment die Vibration unter unseren Füßen. Stille greift um sich. Zum Refrain kommt mein Freund nicht. Ohne Vorwarnung reiße ich ihm die Mütze aus der Hand, platziere sie auf seinem Kopf und bugsiere ihn ziemlich unwirsch zur Truppe zurück.
Noch bevor ich meine Wasserflasche ausgetrunken habe, werden wir ins Haus kommandiert. Die Brut schickt niemals die eigenen Leute hinein, viel zu kostbar ist ihre Sippschaft, die für Sicherheit, Wohlstand und Nachwuchs sorgt. Wenn nicht mein Leben von diesem maroden Gebäude abhinge und ich fast alles an gefundenen Sachen abgeben müsste, könnte der Begriff Schatzsucher beinahe schillernd klingen. In einer Welt, die nichts Strahlendes zu bieten hat.
Mit beiden Händen stemmt der Kamerad vor mir die hölzerne Flügeltür auf. Das stattliche Foyer liegt beruhigend, für manche sogar einladend vor uns. Der Boden sowie die wenigen Möbel und die Treppe nach oben sind von einer zentimeterdicken Staubschicht bedeckt. Farben oder Muster der Tapete können wir kaum noch ausmachen, lediglich die Fußspuren des Jungen auf dem grau-braunen Fußboden sind zu erkennen. Sie führen die Stufen hinunter. Ich hoffe, dass uns weitere menschliche Begegnungen erspart bleiben. Fast lautlos betrete ich die Halle, warte einen Augenblick, bevor ich den Brüdern hinter mir ein Zeichen gebe. Unsere Schritte werden von den staubgepuderten Wänden geschluckt. Mehrere Männer verschwinden in den unteren Zimmern, die vom Foyer abzweigen. Sam, ich und der Rest der Kameraden besteigen die Treppe, mit der Angst, sie könnte jederzeit zusammenbrechen. Die nächsten Minuten sind wir damit beschäftigt, die Substanz des Hauses als einigermaßen sicher zu beurteilen. Während unsere Augen nach brauchbaren Objekten Ausschau halten, schallt mehrmals das Wort »Sicher« durchs Gebäude. Was wir finden und tragen können, wird nach draußen geschafft. Der Trupp im Vorgarten inspiziert die Beute, bewertet, was zweckdienlich, vielleicht sogar wertvoll ist. Vom Haufen der nutzlosen Dinge dürfen wir uns später etwas aussuchen.
Am Ende des Gangs betreten Sam und ich einen durch die vielen Fenster lichtdurchfluteten Raum. Die Glasscherben der geplatzten Scheiben knirschen unter unseren Stiefeln. Mit seinem Jackenärmel wischt Sam eine dicke Dreckschicht von den Bildern an der Wand. Er nimmt sie ab. Farbige Kunstwerke werden auf dem Markt einiges bringen. Nur nicht für uns. In einer Kommode entdecke ich Fotos von unterschiedlichen Fahrzeugen. Früher konnten sich die Menschen damit fortbewegen. Hier und da stehen verschiedene Modelle verlassen auf den Straßen. Die Bilder verschwinden in der Innentasche meiner Jacke. Mein Blick fällt auf eine Holztruhe in der Ecke. Der Staub rieselt, als ich sie öffne. Mein Freund stellt die Rahmen beiseite und greift neugierig in die Kiste. Zum Vorschein kommt ein sonderbar aussehendes Etwas. Länglich, schmal, aus Metall, mit eckigen Löchern. Sams Gesicht erhellt sich. Seine Augen leuchten, so als wisse er sehr genau, was er da in den Händen hält. Er blickt auf. »Lukas, weißt du, was das ist?« Beschämt, weil ich so vieles aus der alten Zeit nicht erkenne und gleichzeitig wütend fauche ich ihn an: »Natürlich nicht!«
»Dies, mein Freund, ist ein Musikinstrument.« Er streift mit den Fingern fast ehrfürchtig über unseren Fund. »Es ist eine Mundharmonika. Mein Vater hatte auch so eine.«
Ich fühle die Panik, die wie eine Lavawelle durch meinen Körper rollt. »Musik«, bricht es aus mir heraus. »Verdammt, Sam, leg es sofort zurück«, schreie ich ihn an. Ich mache mir nicht mal die Mühe, meine Angst zu verbergen. Er starrt auf das Monster und ich spüre sein Zögern. Doch zu meiner Erleichterung folgt er meinem Befehl. Mit einem dumpfen Schlag klappt der Deckel zu. Wir bemerken das leichte Beben, versuchen ruhig zu bleiben. Putz rieselt von der Decke. Nach wenigen Sekunden ist alles vorbei. Wieder hallt das Wort »Sicher« durch die Räume. Sam kommt näher. »Weiß du, warum die Brut so eine Angst vor Musik, vor Gesang hat?«
Natürlich wusste ich es, wir alle teilten diese Furcht. Für viele berechtigt, fanden andere die Theorie, dass eine weltweite musikalische Gegenwehr unsere Erde zum Beben gebracht hätte, einfach lächerlich. Ein Märchen aus vergangenen Tagen. Fakt ist, dass nach diesem globalen Protestgesang nicht mehr ein Stein auf dem anderen steht. Zufall? Vielleicht!
Natürlich wurde gesungen, im Geheimen hatte jedes Dorf seine Lieder. Und wenn wir als Kinder mit den Frauen sangen, entstand eine ganz eigene Atmosphäre, eine Kraft, die Freude und zugleich Traurigkeit auslöste.
Mein Blick schweift durch den Raum, ich frage mich, was mir dieses Gemäuer erzählen will. Ich war schon an unzähligen verlassenen Orten, hatte ihre Vergangenheit entdeckt. Für mich sind sie Geschichtenerzähler und manchmal schreibe ich das Erzählte nieder. Doch diese Geschichte hier bereitet mir Sorge. Ich zucke zusammen, als Sam näher kommt und fast väterlich eine Hand auf meine Schulter legt.
»Melodien verbinden, stärken, geben Mut und beenden. Und sie«, sein Kopf nickt zum zerbrochenen Fenster, »haben Angst davor. Wovor, Lukas, hast du Angst?«
Mit dieser Frage lässt er mich los, klemmt sich die Gemälde unter den Arm und verschwindet. Verstohlen blicke ich zurück zur Truhe, mache mir Gedanken, was für Menschen diese Ruine mal bewohnt haben. Einen Moment lehne ich mich an die dreckige Wand und lausche, doch mehr als dass wir die Räume ihrer Seele berauben, ist nicht zu hören.
Eine Stunde später ist das Haus leer geräumt. Beim Anblick der Last denke ich wehmütig an den anstrengenden Rückweg. Längst haben wir uns unseren Lohn ausgesucht. Vereinzelte Sonnenstrahlen brechen durch das dicke Grau. In meiner Hand halte ich ein Holzkästchen. Die Größe passt perfekt in meine Tasche. Domino steht darauf. Eine Beschreibung gibt es nicht. Die rechteckigen schwarzen Steine mit den weißen Punkten stelle ich mit etwas Abstand hintereinander auf, so als wenn wir marschierten. Ich tippe den Ersten an und sehe alle anderen fallen.
Ein Befehl unterbricht meine kreative Pause. Wir schnüren unser Gepäck und reihen uns auf. Es ist später Nachmittag, als wir die Straße zurückmarschieren. Ich suche in der Truppe nach Sam und entdecke ihn ganz vorne. Ich frage mich, was er sich ausgesucht hat? Ich habe die Frage kaum zu Ende gedacht, als die schwere Luft einen merkwürdigen Ton über unsere Köpfe hinweg trägt. Ein Klang, der mir die Nackenhaare aufstellt. Es ist eine Melodie, die ich kenne, die wir alle kennen und die plötzlich so starke Gefühle in mir auslöst. Erinnerungen, Wünsche und Träume vermengen sich und sprudeln nach oben. Und als der erste Kamerad den Refrain anstimmt, über grüne Wälder, von rauschenden Bächen und saftigen Bergwiesen, singe ich mit, zuerst leise, dann immer lauter, so wie meine Brüder neben mir. Ich empfinde eine nicht gekannte Verbundenheit. Ich weiß, dass ich Angst hatte, dies niemals zu erleben. Schreie und Kommandos gehen unter, als wir lauthals singen, vom geliebten Heimatland. Die schwere Last fällt zu Boden und wir marschieren weiter. Warnschüsse sind unter unserem Gesang kaum zu hören. Denn die stille Fassade ist gebrochen und mit den Worten von Bruderschaft fallen die ersten Kameraden neben mir wie Steine meiner Dominokette.
Mein Blick schweift ein letztes Mal zurück zum Haus. Längst hat dieser Ort seine spielerische, musikalische und befreiende Geschichte preisgegeben.
Gewobener Wind | Gudrun Breyer
Der Wind krallt sich an die rote Backsteinfassade und zieht ihr Gesicht in den trüben Bleiglasfenstern nach. Es hat sich da oben im Damensalon eingebrannt vom langen Schauen. In der Stadt hat man sie längst vergessen, sie und alle, die mit und nach ihr kamen. Ihr Mann ließ seine Initialen in Stein meißeln und in Holz schlagen. Die Zeit nascht daran. Sie frisst sich träge dem Herz der Dinge entgegen, wohlwissend, dass niemand sie überholen kann. Sie selbst war eine Hülle für alle Rollen, die sie einnahm. Auf der Straße eilten sie ihr voraus: Ehefrau, Mutter, Herrin, Gastgeberin, Kundin, Vorsitzende da und Obfrau dort. Man wollte sie und ihren Namen für sich haben, sie, die Dame aus der herrschaftlichen Villa, die Frau des gnädigen Herrn K. Ja, genau dieses Herrn K. Mit dem wunderbaren Garten und der imposanten, getäfelten Halle. Alle in der Stadt wussten Details vom Inneren des Hauses aufzuzählen, selbst die, die niemals einen Fuß hineingesetzt hatten. Die Bäckersfrau berichtete der Milchfrau von den farbigen Volutensäulen im Souterrain. Voluten, wahrhaftig. Und viele andere reiche Verzierungen. Reich, dachte die Milchfrau, reich wollte sie nicht sein. Nicht so wie die gnädige Frau, die von einer wohltätigen Veranstaltung zur nächsten hetzte. Die sich ständig Gäste einlud, damit das große Haus nicht gar so leer stand.
Der Wind rüttelt an dem Bleiglas. »Sachte«, murmeln Buchen und Ahorn und drehen ihm neckisch ihre flatternden Blätter entgegen.
Der Wind legt sich auf das Fensterbrett und starrt in das kahle Treppenhaus. Schaut Gegenstände von einst, die nicht mehr da: den burgunderroten Läufer über den breiten Stufen, die seidenen Perserteppiche in der Halle, den schweren Schreibtisch mit den Löwenprankenbeinen und den lederbezogenen Stuhl, in dessen Lehne das Familienwappen der K.s geprägt war. Die elektrischen Lüster und Lampen, die Gemälde und die Bücher in den Regalen. Umhang und Ausgehrock in der Ankleide, dazu die polierten Schuhe und Stiefel. Viel mehr war da noch, aber er hat nichts davon behalten. Immer nur nach ihr Ausschau gehalten. Sie allein füllte das Haus für ihn. Sie fehlt schon lange, die schlanke, lächelnde Frau, fehlt ihm.
Er fährt ihr Gesicht mit seinem Atem auf der Scheibe nach. Die rechte Wange schmiegte sie an das Glas, wenn sie da lehnte und hinunter in den Garten sah, auf die zarten Bäumchen, die er beugte und rupfte. Besorgt runzelte sie die Stirn und wandte sich erleichtert ab, wenn er von ihnen ließ. Er stellte sich oft ihr gealtertes Gesicht vor, wie es wohl sein würde. Ob die Freude sich in ihre Haut graben würde, ihr leichtfüßiges Lachen, das manchmal aus einem geöffneten Fenster zu ihm hinauskullerte, oder Schmerz und Furcht. Da war etwas, das sie vor ihm verbarg, vor ihm und vor allen. Etwas, das so dunkel war wie die Vertäfelungen, die Eichenböden und Decken, das Treppenhaus mit seinen geschnitzten Ornamenten und gedrechselten Streben. Sie hielt es fest unter ihrem Busen. Erstickte es, wie sie ein Schaudern an einem kalten Tag mit ihrem wollenen, eng um den Oberkörper geschlungenen Umhang erstickte.
Der Wind kam durch jede Ritze. Er drängte sich in ihr Leben, unbemerkt, auf seine eigene Art. Aber sie nahm ihn wahr. Sie sprachen nie darüber, sie und der Wind. Davon, dass sie wusste, dass er nach ihr Ausschau hielt. Davon, dass er ihren Schmerz sah. Er strich ihr über die nackte Haut, wenn sie abends aus ihren Kleider stieg, und sie legte die rechte Hand in den Nacken und fuhr sich mit den gespreizten Fingern durch das Haar, zog die rotbraunen Locken vom Haaransatz am Hinterkopf bis zu den Spitzen gerade. Eine langsame, abgehackte Bewegung.
»Wie war dein Tag?«, fragte sie dabei und drehte sich ihrem Mann zu, der bereits im Bett saß, ein Brokatkissen zwischen Betthaupt und Rücken geschoben. Mit Bleistift und einem Buch oder einem Stapel Papieren. Abrechnungen. Angebote. Selbst die Bibel las er so. Prüfend, Anmerkungen notierend.
»Gut«, säuselte der Wind. »Gut war mein Tag.« Und sie lächelte, lächelte ihrem Mann zu, der die Halbbrille absetzte, Bleistift und Papier auf das Nachtkästchen legte und von seinem Tagwerk zu berichten begann. Von den bahnbrechenden Erfindungen, vor denen die Fabrik der Familie stand, Entdeckungen, die die Welt verändern würden. Neue Substanzen mit weitreichenden Folgen.
Bedächtig berührte sie den Lichtschalter, wie etwas Heiliges, dem man nicht zu lange zu nahe kommen soll. Etwas, das es aus sicherer Entfernung zu bestaunen und zu achten gilt. Etwas, das bleibt, lange, nachdem man sich davon abgewandt hat.
Mit einem scharfen Klick drehte sie das Licht ab und seine Erzählung. Eine rasche Bewegung: hell – dunkel, sehend – blind. Während sich ihre Augen an die Finsternis gewöhnten, drückte die Erinnerung des Schalterzäpfchens in ihre Aufmerksamkeit. Sie glaubte, den Strom fließen zu hören, ein dürres Zirpen die Wände hinab in den Keller, wo die Akkumulatoren standen. Sie glaubte, das Züngeln des erloschenen Lichts bis tief in die Nacht hinein in den Ecken des Raums rumoren zu hören. Sie träumte von den Stoffen, denen ihr Mann auf der Spur war. Sie krochen durch die Eingangstüre die Halle entlang, die Treppen hoch und quollen in das Schlafzimmer, trugen ihr Bett durch die berstenden Fenster hinaus in eine brodelnde See. Säurewellen schlugen über ihr zusammen, leckten im Haus die Tapeten von der Wand und sprengten zuerst Verkleidungen, dann Mauern. Selbst schlafend ahnte sie ihr zerstörerisches Potenzial.
Den Kindern war das Ein- und Ausschalten des Lichts untersagt. Sie hatte sie einmal dabei erwischt, wie sie an einem regnerischen Herbsttag von Zimmer zu Zimmer geeilt waren und jeden einzelnen Schalter betätigt hatten. Wie sie dafür Stühle von Raum zu Raum geschoben hatten, ein garstiges Schleifen über die guten, gerade frisch eingelassenen Holzböden. Wie sie strahlend dagestanden und mit den Kohlefadenlampen um die Wette geleuchtet hatten. Diese unbändige Freude in ihren Augen. Sie hatte das Licht in den Zimmern, aber nicht das in ihren Gesichtern gedämpft. Sogar im Weinkeller waren sie gewesen, hatten die Villa in eine leuchtende Fackel verwandelt. Das einzige Haus mit elektrischem Licht in der Stadt, und so gingen die Herrschaften damit um.
Ihr Mann hatte sie gescholten. Dass sie doch besser aufpassen sollte. Die Kinder so lang unbeaufsichtigt zu lassen. Die Glühbirnen, die Elektrizität, spielten keine Rolle. Davon hatten sie genug, hatten genug von allem. Aber die Kinder. Und er tätschelte ihr rügend die Wange. Sie fühlte das Feuer in ihrem Gesicht und tief in sich drin. Genug.
»Mehr als genug. Wann wird Mehr-als-genug zu Zuviel?«, fragte sie sich und trat ins Billardzimmer, um den Gesprächen nachzuspüren, die die Herren dort abends führten. Es würde Krieg geben, hatten sie verkündet. In den nächsten Jahren schon. Krieg. Genug. Mehr als genug.
»Ein Krieg, was würde der ändern?«, fragte sie sich. Sie war sicher hinter den Backsteinmauern und Holzvertäfelungen. Der Krieg würde vor dem gusseisernen Zaun haltmachen. Sie würde sich in eine Wandnische zurückziehen, mit einem Buch. Lyrik musste es sein oder etwas Melodramatisches, Herzerweichendes, etwas von den Brontë-Schwestern vielleicht oder von diesem neuen Rilke.
»Sorge dich nicht«, sagte ihr Mann, sagte es wie einen Befehl.
»Uns kann nichts geschehen. Wir haben genug, mehr als genug.« Sagte er und spielte ihr seine Worte zu. Sie nahm sie auf. Sie brachen in ihr auseinander. Waren nicht gemacht, um zu halten, auszuhalten, was den kommenden Jahren bestimmt war, was die Menschen einander bereithielten.
Der Wind sah und heulte. Scharf schnitt er über Dachfirste und Mauerkanten, klimperte über die Regenrinnen. Er roch den Krieg, das Leid. Er sah ihr Licht. Für ihn leuchtete jedes Haus, in dem sie ein- und ausging. Sie war sein Stern. Sie leuchtete von innen heraus. Leuchtete, wenn sie mit den Kindern im Garten spielte. Mit ihnen reimte und Melodien summte, während sie Blumen pflückten für die Vasen im Damensalon und im Herrenzimmer, für die dunklen Kommoden und Anrichten. Bunte Farbkleckse vor den strengen geometrischen Mustern. Wenn der Vater zu ihnen stieß, wechselten sie das Spiel. Statt Silben und Blumennamen warfen sie einander Zahlen und Summen zu.
Der Wind beobachtete, wie sie die Treppen hochstieg und dabei mit der linken Hand über die Kästen der Holzvertäfelung fuhr. Einförmig sahen sie aus und so verhielten sie sich unter ihrer Hand. Furche, Rille, glatt, Rille, Furche, Furche, Rille, glatt. Sie drehte sich der Wand zu, legte beide Hände auf eine Holzkassette, schloss die Augen und atmete tief ein. Der Wind lehnte sich in ihre Seite und spürte mit ihr die Stiegen unter ihren Füßen, den kühlen Lufthauch, der ständig – der soliden Bauweise zum Trotz – durch die Halle strich. Essensgeruch breitete sich aus, die Köchin kommandierte die Mädchen in der Küche herum. Die Gärtner holten mit Leitern die Lampions aus den Bäumen und Hecken, die in der Nacht zuvor den Park in eine Zauberlandschaft verwandelt und die Gäste entzückt hatten. Noch einmal hörten Wind und Frau das Klirren der Gläser, das Klappern des Bestecks und der Absätze der Damen, das Rauschen der Abendroben. Noch einmal nahmen sie die fremdländischen Düfte wahr, die die Besucher begleitet hatten, käuten ihre spannenden, ihre langweiligen, ihre absurden Ansichten wieder. Die Frau legte sich erneut passende Antworten zurecht. Ihre Lippen bebten, kosteten bereits die vorgefertigten Worte, als ihr bewusst wurde, dass sie nicht im Garten unter Fremden stand, sondern in der Halle, mit den Händen an der Wandvertäfelung. Das Holz ausdruckslos, regte nichts in ihr. Irgendwann war es ein Baum gewesen, aber es hatte die Erinnerung daran längst aufgegeben.
»Was war ich einmal?«, fragte sie sich und den Wind.
Der Wind schwieg und liebkoste ihren Nacken.
Es ist genug.
»Was ist Ihnen, gnä’ Frau?«, hörte sie das Mädchen hinter sich. Ella oder Elsa. Die Namen wollten nicht haften. Zu rasch wechselten sie. Heirateten, kehrten heim, um die Eltern zu pflegen, wurden fortgeschickt, weil sie nicht entsprochen hatten.
»Elsa, nicht wahr?«, sagte sie und wandte sich lächelnd dem Mädchen zu. »Schön habt ihr den Tisch gestern gedeckt. Die Gäste waren begeistert.«
Die Gäste waren immer begeistert. Sie schlüpften begierig unter den Wohlstandsmantel ihres Mannes und dinierten in dessen Villa. In der Villa. Jeder wollte eingeladen werden, das elektrische Licht und die Warmwasseraufbereitungsanlage bewundern, durch den zweigeschossigen Weinkeller geführt werden und die Familiengeschichte des Herrn K. hören. Ein fähiger, ein erfolgreicher Mann. Ein wirklich sympathisches Paar, die K.s. Sie stand an seiner Seite, dirigierte die Mädchen mit Blicken, sorgte dafür, dass alles korrekt ablief, die Kinder artig waren, das Essen warm serviert wurde und die Getränke kühl, die Damen sich behaglich fühlten und die Herren sich gepflegt unterhielten.
Sie wusste, wann sie einem Besucher ins Wort fallen musste, um Malheurs zu vermeiden, und wann es galt, ihn zum Reden zu animieren. Ihre Gäste waren wie bunte Fäden, aus denen sie ein Muster wob. Am Ende des Abends war sie meist damit zufrieden. Manchmal wollte sie eine Reihe auftrennen oder zwei, manchmal den ganzen Flicken zerschneiden.
Als sie ihrem Mann davon erzählte, schmunzelte er. »Das ganze Leben ist ein einziges Flickwerk, aber das Gute darin ist, dass du es bist, die am Webstuhl sitzt. Du führst das Schiffchen. Du legst die Kettfäden ein, du waltest über den Rahmen.«
Dass er ihr sagte, dass sie ihr Leben führte, selbst führte. In dem engen Kästchen, das er für sie bereithielt, in seiner symmetrischen Villa. Sie suchte in seinen Augen nach einem Funken Ironie, aber er hatte sich bereits seinen Aufzeichnungen zugewandt.
Der Wind schleift über den Boden. Offen und wund liegt er da, staubverkrustet. Faustgroße Staubbälle liegen in den Ecken. Da, wo einst Perserteppiche auf Parkettböden ruhten, wo die Gäste die Intarsien bestaunten, klaffen nun rohe Bretter, Stroh, darunter Stein. Als sie noch da war, wurde die Halle ständig ein- und ausgeräumt, wurde Platz gemacht zum Tanzen oder Dinieren, wurde der Klavierflügel unter den Lüster gerückt, damit sein Spiel zur Geltung kam, das Grammofon in Szene gesetzt, Tische, Stühle geholt oder fortgebracht.
Der Wind erinnert sich an die fliegenden Röcke, die zierlichen Füße der Damen in den engen Schuhen, die aufgesteckten, edelsteinbesetzten Frisuren, an die silbernen und goldenen Broschen, die langreihigen Ketten. Er sieht die Herren steif vor dem Flügel sitzen und das Programmheft studieren, ihre Begleiterinnen verlegen Fächer oder Fuß im Takt bewegen und sich nach etwas beugen oder strecken, sobald sie Blicke auf sich spüren. Die Kinder stecken tuschelnd die Köpfe zusammen oder summen leise mit. Die alte Gräfin von Schmitz sitzt mittig in der ersten Reihe und schläft bereits zu Beginn des zweiten Musikstücks. Sie gibt den Werken mit ihrem rhythmischen Ein- und Ausatmen eine eigene Tiefe.
Gegenstände verschwanden aus der Halle in den Keller, andere wurden von dort nach oben transportiert. Die Bediensteten schnauften, die Herrin eilte zwischen ihnen umher, trieb an, ließ umstellen, zeterte und lobte. Als sie aber das dreieckige Ding aus dem Keller in den ersten Stock bringen ließ, blieb sie stumm. Presste fest die Lippen zusammen, als könne sie den Gegenstand damit vor dem Fall bewahren. Sobald die Burschen ihn in der Galerie vor die Fenster gerückt hatten, scheuchte sie sie fort. Lange lehnte sie an der Brüstung und rührte sich nicht, starrte auf das unförmige Etwas. Der Wind lugte darunter, wurde aber nicht schlau. Da gab sie sich einen Ruck und zog an einem Zipfel des blaugrauen Leinenstoffes, der den Gegenstand im Keller all die Jahre geschützt und verdeckt hatte. Staub wirbelte hoch, glitzerte im Sonnenlicht und sie nieste. Von überall im Haus ertönte »Gesundheit«, »Gesundheit, gnä’ Frau«. Sie faltete das Tuch zusammen und legte es über den Handlauf der Treppe, bevor sie das Ding zu umkreisen begann, das da vor ihr stand und funkelte. Tap-tap, tap-tap, ging sie darum herum, griff zaghaft danach, so, als könne es unter ihren Händen zerfallen. Sich verflüchtigen wie eine Seifenblase. Und erst als sie sich davon überzeugt hatte, dass ihre Berührung keinen Schaden anrichtete, legte sie die Hand auf den kunstvoll verzierten Kopf, strich die vergoldete Säule hinab und den Hals entlang. Wie in Trance griff die andere Hand nach einer Saite und schlug sie an. Der Ton breitete sich langsam aus und schwoll in einem überraschten Murmeln aus den Nebenräumen an.
»Sie spielt«, raunte die Köchin dem Mädchen zu. »Gleich spielt sie und wird damit nicht mehr aufhören.«
»Untersagt hat er es ihr«, flüsterte der Gärtner seinem Gehilfen zu, »als sie ihn heiratete, aber weggeben konnte er es nicht. Das hat er jetzt davon.«
»Nicht neben sich dulden, nein, das konnte er einfach nicht, so wie sie versessen darauf war«, erzählte die Magd dem Kutscher.
»Alles vergaß sie, alles. Als gäb’ es keine Zeit mehr für sie.«
Sie trat an die Fenster und öffnete sie nacheinander. Wirbelte und kreiste mit den Armen, scheuchte den Staub fort und den Stillstand, der von dem Haus Besitz ergriffen hatte. Sie rief nach dem Mädchen, Elsa, und wies es an, ihr weiche Tücher zu bringen, ein feuchtes und ein trockenes.
Sie pflegte die Harfe wie einen Verwundeten, überprüfte Stimmwirbel und Pedale, bevor sie sich auf einen Hocker setzte, das Instrument vorsichtig zu sich neigte wie einen Geliebten und mit Schulter und Knie stützte. Sacht legte sie die rechte Hand auf den Korpus und begann mit der linken die Saiten zu zupfen. Die letzten Sonnenstrahlen tasteten verloren durch die Galerie und wunderten sich, wo die Frau anfing und das Instrument aufhörte. Die beiden schienen zu einem verschmolzen und gaben eine Weise von sich, die bisher fremd in Haus und Garten gewesen war. Dazwischen schwebte eine flüchtige Melodie, die sprach von Sehnsucht und Erfüllung ohne Ton und Wort, von Verboten und Zwängen und von Erlösung.
Der Wind versuchte, zu verstehen. Er sah, dass sie auf ihren Spuren wandelte.
Was ihr einfalle, ihr Versprechen zu brechen, fragte ihr Mann. Sein Vertrauen in sie zu missbrauchen. Seine Stimme war so flach wie der abnehmende Mond. Er sprach von Entlassungen in diesem Tonfall, von Begebenheiten in der Stadt oder der Welt, die ihn nicht betrafen. Davon, dass Roosevelt zum Präsidenten gewählt worden war, die Engländer in Südafrika gegen die Buren kämpften und die erste Autostraße der Welt eröffnet worden war, irgendwo in Madagaskar.
Sie lächelte und begann erneut zu spielen.
Ob er Angst vor etwas Holz und Metall hätte, er, der daran arbeitete, neue Stoffe zu gewinnen? Revolutionäre Stoffe und Technologien, die alles verändern würden. So wie Becquerel, Röntgen und Diesel.
»Die alte Welt«, sagte sie und hielt inne, »bricht aus den Fugen. Alles wird neu und anders. Eine Erfindung löst die nächste ab. Nichts bleibt bestehen. Du sagst, es wird genug da sein für uns. Und glaubst, was du sagst. Sie sagen, es wird Krieg geben, nicht heute oder morgen, aber gewiss Krieg. Ich will dir glauben, ich will bleiben, wenn alles zerfällt. Auf dein Heim schauen. Es mit Liebe füllen und mit Leben. Und ab und an will ich hier sitzen. Hier, nicht mehr auf der Bühne wie früher. Einfach nur hier für mich und dich – und etwas Wind weben.«
Der Wind versucht sich an einem kräftigen Wirbel. Das Treppengeländer der Galerie ächzt Applaus und der Stuckengel im Obergeschoss kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und verliert dabei etwas Blattgold.
Das waren Zeiten gewesen, als er neben ihr an der Harfe gesessen hatte. Nun ist sie fort und alles mit ihr. Nichts war geblieben. So, wie sie es vorhergesehen hatte. Nichts erinnert an sie. Freilich, da ist die fehlende Sprosse. Eines der Kinder hatte sie abgebrochen, während sie ein neues Lied komponiert hatte. Sie war nicht ersetzt worden. Es hatte ihr nichts daran gelegen. Mit dem Aufstellen der Harfe hatte sie den Haushalt in die Hände des Gesindes gelegt. Hatte von da an wenig vorgegeben und kaum etwas beanstandet. Dem Wind war bald aufgefallen, dass Möbel und Haus seit dem Zeitpunkt weniger geglänzt hatten, sie dafür umso mehr. Es war ihr nicht auf diese Sprosse angekommen. Und ihr Mann hatte von einer Reparatur ebenfalls Abstand genommen. Die fehlende Sprosse war für ihn ein Mahnmal geworden, Ausdruck für ihre Nachlässigkeit. Manchmal hatte sie ihn dabei ertappt, wie sein Blick zur Sprosse geglitten war und er die Stirn gerunzelt hatte, aber erwähnt hatte er sie nie.
Der Wind zwirbelt die Balustrade entlang, rauscht durch Zimmer und klappert mit den zweiflügeligen Türen. Er zerrt an den vergoldeten Stofftapeten, bläst über ihr florales Muster und setzt sich schließlich auf die Schulter des Puttos.
»Sie ist noch immer da«, stellt er fest.
Der Engel nickt vorsichtig. Mehr Gold will er nicht verlieren. Er fühlt sich schon ganz blank und unansehnlich. Beide schauen sie auf eine Bodendiele, auf der ein Stück Sonne liegt und das Holz wärmt. Es knarrt und atmet, jetzt, aber auch nachts und ab und an. Dort saß sie mit ihrer Harfe, mit ihrer Melodie. Damals lautlos, hallt sie noch immer nach. Wirbelt ihr gewobener Wind durch leere Räume.
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