Kitabı oku: «Kontakt als erste Wirklichkeit»
EHP – Edition Humanistische Psychologie
Hg. Anna und Milan Sreckovic
Die Herausgeber
Bernd Bocian, Dr. phil., Jg. 1954; Psychotherapeut (PtG) und Gestalttherapeut mit Weiterbildung in Reichianischer Körperarbeit und Tiefenpsychologischer Psychotherapie. Von 1985 bis 2000 Redaktionsmitglied der Zeitschrift Gestalttherapie. Diverse Veröffentlichungen zum historischen und aktuellen Verhältnis von Gestalttherapie und Psychoanalyse. Autor des Buches Fritz Perls in Berlin 1893–1933: Expressionismus – Psychoanalyse – Judentum, von dem eine englische,italienische und spanische Übersetzung vorliegt. Lebt in Genua/Italien, ist dort Mitarbeiter der Quaderni di Gestalt und assoziiertes Mitglied der Società Italiana di Psicoanalisi della Relazione (SIPRe). b.bocian@libero.it
Frank-M. Staemmler, Dr. phil. Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Jg. 1951; ist Mitbegründer des Zentrums für Gestalttherapie in Würzburg, und dort seit 1976 als Gestalttherapeut, Ausbilder und Supervisor tätig. Er ist Autor bzw. Herausgeber zahlreicher Fachartikel und mehrerer Bücher zu psychotherapeutischen Themen – zuletzt Das Geheimnis des Anderen – Empathie in der Psychotherapie und Was ist eigentlich Gestalttherapie? – Eine Einführung für Neugierige. Er war von 2002 bis 2006 Herausgeber des International Gestalt Journal und von 2007 bis 2009 Mitherausgeber der Studies in Gestalt Therapy. Er ist international in der Aus- und Weiterbildung von Psychotherapeuten tätig und tritt häufig als Referent bei Tagungen und Kongressen im In- und Ausland auf. Sein aktueller Interessenschwerpunkt liegt auf dem Gebiet der Intersubjektivitäts- und Dialogischen Selbsttheorien sowie deren Umsetzung in die therapeutische Praxis. www. frank-staemmler.de. / z.f.g@t-online.de

© 2013 EHP – Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach www.ehp.biz
Der Beitrag von Lynne Jacobs wurde aus dem Amerikanischen übersetzt von Ludger Firneburg; Originaltitel: Insights from psychoanalytic self-psychology and intersubjectivity theory for gestalt therapists. The Gestalt Journal 1992, 15/2, 25-60.
Redaktion: Nina Zimmermann
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Umschlagentwurf: Gerd Struwe, Uwe Giese
Satz: MarktTransparenz Uwe Giese, Berlin
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print-ISBN 978-3-89797-082-3
epub-ISBN 978-3-89797-566-8
pdf-ISBN 978-3-89797-567-5
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Inhalt
Vorwort der Herausgeber
Die Wiederentdeckung der Beziehung – Ein Paradigmenwechsel im psychoanalytischen Gegenwartsdiskurs (Martin Altmeyer)
Kontakt als erste Wirklichkeit – Intersubjektivität in der Gestalttherapie (Frank-M. Staemmler)
Von der Revision der Freud’schen Theorie und Methode zum Entwurf der Gestalttherapie – Grundlegendes zu einem Figur-Hintergrund-Verhältnis (Bernd Bocian)
Der Glanz in den Augen – Wilhelm Reich als ein Wegbereiter der Gestalttherapie (Werner Bock)
Zur Theorie regressiver Prozesse in der Gestalttherapie – Über Zeitperspektive, Entwicklungsmodell und die Sehnsucht nach Verständnis (Frank-M. Staemmler)
Der Schiefe Turm von Pisa – oder: Das unstimmige Konzept der »frühen Störung« (Frank-M. Staemmler)
Erkenntnisse der psychoanalytischen Selbstpsychologie und Intersubjektivitätstheorie für Gestalttherapeuten (Lynne Jacobs)
Geschichte und Identität – oder: Vom Wieder-in-den-Fluss-Steigen, ohne die Konturen zu verlieren (Bernd Bocian)
»Das Wichtigste ist die Flexibilität« – Ein Interview (Tilmann Moser & Frank-M. Staemmler)
Die Autoren
Anmerkungen & Literatur
Vorwort der Herausgeber
Wir alle kommen von Freud.
(Lore Perls)
Es gehört zu den historischen Tatsachen, dass sich viele moderne Formen der Psychotherapie aus der Psychoanalyse heraus entwickelt haben – sei es in enger Verbindung mit ihr, sei es in heftiger Abgrenzung gegen sie. Das gilt mit Sicherheit für die Gestalttherapie, und zwar in beiderlei Hinsicht.
Ein Teil dieser historischen Tatsachen besteht darin, dass die deutschen Begründer der Gestalttherapie ihre psychoanalytische Ausbildung in Berlin, Frankfurt am Main und Wien absolvierten. Friedrich Salomon Perls und Lore Perls mussten, wie die Mehrzahl ihrer zumeist ebenfalls deutsch-jüdischen Kolleginnen und Kollegen, vom linken Flügel des damaligen Berliner Instituts bereits im Jahre 1933 emigrieren. Der Weg der beiden Perls, der zur Gründung einer eigenen Schule führen sollte, begann als »eine Revision der Freud’schen Theorie und Methode« (so der Untertitel von Perls’ 1942 veröffentlichtem ersten Buch); diese Revision weist deutliche Parallelen zu den Revisionen anderer psychoanalytischer Freigeister auf, die in ihrer therapeutischen Praxis gleichfalls innovativ und in ihrer politischen Haltung gesellschaftskritisch waren, wie z. B. Wilhelm Reich.
Wenn sie ihre neuen Vorgehensweisen in späteren Jahren demonstrierten, haben die Perls die Unterschiede zur orthodoxen Psychoanalyse bisweilen recht einseitig betont – eine Haltung, die in der Folge zu einer forcierten Abgrenzung von Gestalttherapeuten gegenüber der Psychoanalyse führte und von Psychoanalytikern gerne mit Nichtbeachtung, Abwertung oder heftiger Kritik an der Gestalttherapie beantwortet wurde. Im Zuge solcher Auseinandersetzungen kamen die Beschäftigung mit den Gemeinsamkeiten und der kollegiale Dialog zwischen beiden therapeutischen Richtungen aus unserer Sicht viel zu kurz. Ein borniertes, auf die jeweils eigene Therapieschule begrenztes Denken ist jedoch heute nicht mehr zeitgemäß.
Als wir uns Ende der 1990er-Jahre zum ersten Mal mit der Herausgabe des Buches »Gestalttherapie und Psychoanalyse« (Bocian & Staemmler 2000) beschäftigten, verfolgten wir daher vor allem das Ziel, den Dialog zwischen Gestalttherapie und Psychoanalyse anzuregen und zu einer gleichmäßigen Aufmerksamkeit für die Verbindungen und die Differenzen zwischen ihnen beizutragen. Wir wissen natürlich nicht, inwiefern unser damaliges Buch tatsächlich dazu beigetragen hat, dass sich die Situation in den Jahren seither deutlich verändert hat. Aber es hat vielleicht einen kleinen Beitrag zu jenen erfreulichen Konvergenzen geleistet, die sich seither – nicht nur im deutschsprachigen Raum – zwischen den neueren Entwicklungen in der Gestalttherapie einerseits und der Psychoanalyse andererseits ergeben haben.
Die Konvergenzen zeigen sich nicht nur in vielen Bereichen und Aspekten der therapeutischen Theorien und Praxen, sondern auch in häufigeren und intensiveren persönlichen Kontakten zwischen Vertretern der beiden Richtungen. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Die neuere Psychoanalyse, insbesondere jene Strömungen, die sich »relational« bzw. »intersubjektiv« nennen, betonen inzwischen sehr viel stärker als früher die Bedeutung des aktuellen persönlichen Kontaktgeschehens zwischen Therapeut und Klient und legen sehr viel weniger Wert auf die Analyse der Übertragung. Sie nähert sich damit einer Position, die innerhalb der Gestalttherapie schon sehr viel länger vertreten wird (vgl. z. B. Staemmler 1993). Umgekehrt hat sich unter Gestalttherapeuten eine sehr viel größere Aufmerksamkeit für die entwicklungspsychologische Dimension entwickelt, wie sie in der Psychoanalyse schon sehr früh zu beobachten war.
Zugleich begannen Psychoanalytiker, den noch vor 20 Jahren nahezu ausschließlich hervorgehobenen Stellenwert der frühen Kindheit für das spätere psychische Geschehen bei Erwachsenen zu relativieren und Entwicklungen im Jugend- und Erwachsenenalter stärker zu gewichten. Dieser neuere Blickwinkel »würdigt das Phänomen der Entwicklung als einen fortwährenden, lebenslangen Prozess, der nicht nur eine Vergangenheit hat, sondern auch in der Gegenwart existiert und sich auf eine Zukunft zubewegt« (Emde 2011, 779) und nähert sich damit gestalttherapeutischen Positionen deutlich an. Auf der anderen Seite hat die Gestalttherapie ihren früher übertrieben engen Fokus auf das Hier-und-Jetzt deutlich erweitert und schenkt der Zeitdimension als einem Kontinuum ausgiebigere Beachtung (vgl. z. B. Polster 1985; Staemmler 2001; 2011).
Auch auf persönlicher Ebene hat sich einiges getan. So begegnen viele Gestalttherapeuten und Psychoanalytiker einander inzwischen mit Aufgeschlossenheit und Interesse; z. B. kooperieren sie nicht nur im Rahmen von Tagungen, Arbeits- und Supervisionsgruppen oder Buchprojekten, sondern lassen sich auch auf freundschaftliche Beziehungen ein. In einem Interview mit der italienischen Gestalttherapeutin Margherita Spagnuolo Lobb sagt die intersubjektive Psychoanalytikerin Donna Orange:
In dieser Periode meines Lebens schreibe ich nicht nur für Psychoanalytiker, sondern für alle, die ich als Humanisten in der Psychotherapie definiere, zu denen ich besonders die Gestalttherapie rechne. Ich arbeite mit Personen wie Lynne (Jacobs), Frank (Staemmler), Dan (Bloom) und jetzt mit dir sowie anderen Gestalttherapeuten zusammen – Personen die ich sehr schätze –, und ich will nicht mehr exklusiv für Psychoanalytiker schreiben. (Orange & Spagnuolo Lobb 2010, 25)
Wir können in diesem Zusammenhang auch von eigenen positiven Erfahrungen berichten: Bernd Bocian ist in Italien seit Jahren assoziiertes Mitglied der Genueser Gruppe der SIPRe (Italienische Vereinigung der relationalen Psychoanalyse), wo er u. a. an einer Intervisionsgruppe teilnimmt. Dort hat er die Erfahrung gemacht, dass sein ins Englische und ins Italienische übersetztes Buch »Fritz Perls in Berlin« (Bocian 2007; engl.: 2010; ital.: 2012) auch bei psychoanalytischen Kollegen auf Interesse stößt, was zu positiven Rezensionen in wichtigen psychoanalytischen Fachzeitschriften (Ricerca Psicoanalitica; Psicoterapia e Scienze Umane) geführt hat. Die italienischen Gestalttherapeuten der Gruppe von Margherita Spagnuolo Lobb stehen übrigens seit einigen Jahren in freundschaftlich-kritischem Austausch mit Daniel Stern von der Boston Change Process Study Group.
Frank-M. Staemmler unterhält persönlichen Kontakt mit Bob Stolorow (vgl. z. B. Stolorow 2007a; Stolorow, Brandchaft & Atwood 1996) und ist befreundet mit Donna Orange (vgl. z. B. Orange 2004; 2011), zwei Psychoanalytikern der intersubjektiven Orientierung, die in entsprechenden Veröffentlichungen ihre weitgehende Übereinstimmung mit seinen Positionen, zum Beispiel zum Thema Empathie (Staemmler 2009), bekundet haben (vgl. Orange 2009; Stolorow 2007b).
Als wir nun vor der Wahl standen, das Buch aus dem Jahr 2000 entweder einfach nur neu aufzulegen oder aber es zu überarbeiten, wurde uns klar, wie umfangreich und weitgehend die seither stattgefundenen Veränderungen sowohl innerhalb der Psychoanalyse als auch innerhalb der Gestalttherapie gewesen sind. Wir haben uns daher entschieden, einige zusätzliche Texte in das hiermit nunmehr unter verändertem Titel erscheinende Buch aufzunehmen, die schlaglichtartig die Konvergenzen der letzten Jahre beleuchten.
Wir haben dabei weder den Anspruch, eine umfassende Bestandsaufnahme des aktuellen Diskussionsstandes zu leisten – es gibt erfreulicherweise schon sehr viel mehr Literatur zum Thema als wir in dieses Buch aufnehmen konnten –, noch die Absicht, die grundlegenden erkenntnistheoretischen Fragen zu behandeln, die sich aus den verschiedenen anthropologischen und philosophischen Grundannahmen beider Therapieverfahren ergeben. Das alles wäre sicher wünschenswert und interessant, kann aber nicht zugleich geschehen.
Das Buch beginnt mit einem kurzen Beitrag von Martin Altmeyer, in dem dieser die »Wiederentdeckung der Beziehung« in der Psychoanalyse als einen Paradigmenwechsel würdigt und in ihrer Bedeutung für die Praxis charakterisiert. In dem darauf folgenden Text von Frank-M. Staemmler (»Kontakt als erste Wirklichkeit«) geht es gleichfalls um die grundlegende Bedeutung des unmittelbaren Kontakts sowie der intersubjektiven Dimension in der Psychotherapie; viele der dabei verwendeten Quellen werden heute sowohl von fortschrittlichen Gestalttherapeuten als auch von modernen Psychoanalytikern zur Begründung ihrer jeweiligen Positionen herangezogen.
Es folgt ein umfangreicher Text von Bernd Bocian, der die historischen Entwicklungen detailliert nachzeichnet, in deren Verlauf die Gestalttherapie sich formiert hat. Er macht deutlich, dass die beiden Perls zwar durch die Verarbeitung unterschiedlicher Einflüsse und durch die Zusammenarbeit mit Paul Goodman in Amerika zum Entwurf eines eigenen Ansatzes kamen. Darin aber integrierten und bewahrten sie zugleich wertvolle Impulse, die der Freudianischen Psychoanalyse zu einem großen Teil durch die von ihren orthodoxen Vertretern praktizierte Ausgrenzung Andersdenkender verloren gegangen sind. Dies wird am Beispiel Wilhelm Reichs in besonderer Weise deutlich. Darum haben wir der Übersicht von Bernd Bocian einen Text von Werner Bock beigestellt, der sich eingehend mit der wichtigen Bedeutung des psychoanalytischen ›Dissidenten‹ Wilhelm Reich für die Entwicklung der Gestalttherapie befasst.
Auf diese historisch orientierten Kapitel folgen drei Beiträge, die sich schwerpunktmäßig mit praktisch-therapeutischen Fragen befassen und dabei sowohl aus psychoanalytischen als auch aus gestalttherapeutischen Quellen schöpfen. Frank-M. Staemmler erläutert sein gestalttherapeutisches Verständnis von der Arbeit mit regressiven Prozessen, wobei er sich einerseits vom psychoanalytischen Regressionsbegriff abgrenzt, zugleich aber auch auf wichtige analytische Autoren und ihre Regressionskonzepte zurückgreift. In einem weiteren Beitrag setzt sich Frank-M. Staemmler kritisch mit dem Konzept der sogenannten frühen Störung und ihren theoretisch praktischen Implikationen auseinander. Lynne Jacobs, die die oben erwähnten Konvergenzen personifiziert und sich sowohl als Gestalttherapeutin als auch als intersubjektive Psychoanalytikerin versteht, versucht in ihrem Kapitel, Parallelen zwischen neueren Strömungen innerhalb der Psychoanalyse, nämlich Objektbeziehungstheorie und Intersubjektivitätstheorie, und gestalttherapeutischen Positionen aufzuzeigen.
In einem weiteren Beitrag vertritt Bernd Bocian die Ansicht, dass es sich bei dem Entwurf der Gestalttherapie von Perls, Hefferline und Goodman (1951) um ein innovatives Projekt handelte, das die Tradition einer interaktiv verstandenen Psychoanalyse aufnahm und konsequent weiterführte. Zudem weist er auf die Potenziale hin, die sich für eine so kontextualisierte Gestalttherapie heute ergeben.
Das Buch schließt mit einem Interview, das Frank-M. Staemmler mit Tilmann Moser über einige historische und aktuelle Themen geführt hat, die das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Gestalttherapie betreffen.
Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern eine anregende Lektüre. Wenn Sie Feedback für uns haben, freuen wir uns; unsere E-Mail-Adressen finden Sie im Verzeichnis der Autoren. Rückmeldungen an die einzelnen Autoren leiten wir gerne an diese weiter.
Abschließend wollen wir noch darauf hinweisen, dass wir der besseren Lesbarkeit zuliebe auf die Verwendung maskuliner und femininer Formen verzichtet haben. Wir bitten natürlich besonders die Leserinnen um ihr Verständnis dafür und hoffen, dass sie sich auch durch die konventionellen, maskulinen Formulierungen angesprochen fühlen können.
Bernd Bocian und Frank-M. Staemmler
Martin Altmeyer
Die Wiederentdeckung der Beziehung – Ein Paradigmenwechsel im psychoanalytischen Gegenwartsdiskurs
Die Psychoanalyse hat das Graben in der Tiefe übertrieben. Im Fluss des Lebens fließt alles mehr oder weniger weit oben. Die allertiefste Tiefe ist eine Illusion. (Sudhir Kakar, Indischer Psychoanalytiker)
1. Die intersubjektive Wende: Modernisierung der Psychoanalyse
Obwohl es sich im Kern um die Entfaltung eines ureigenen Potenzials der Psychoanalyse handelt – um eine Wiederentdeckung der Beziehung nämlich –, kann man bei dieser Tendenz, die seit den 1980er-Jahren zu erkennen ist, von einem Paradigmenwechsel sprechen. Etwas verkürzt können wir es so ausdrücken: Was seit der Aufgabe der Verführungstheorie zum »äußeren Faktor« erklärt worden, als »durchschnittlich zu erwartende Umwelt« (H. Hartmann) neutralisiert geblieben oder in esoterischen Tiefenspekulationen über eine aparte Innenwelt ganz aus dem psychoanalytischen Blick verschwunden war, kehrt in die Theorie und klinische Praxis der Psychoanalyse zurück: die für die Psyche konstitutive Bedeutung von sozialen Beziehungen und einer widerständigen Außenwelt.
Mit dieser Rückkehr wird nicht nur der entscheidenden Wirkung von Interaktion und Handeln auf die Strukturbildungen der Psyche Rechnung getragen, sondern auch das Denken-in-Beziehungen von Innen, Außen und Zwischen psychoanalytisch erneuert. Diese Erkenntnis nötigt dazu, unser dynamisches Verständnis des psychischen Geschehens aus den Beschränkungen eines epistemisch überholten Organismus-Modells heraus zu lösen, das uns immer noch glauben lässt, die Seele sei eigentlich im Körper zu Hause und suche bloß notgedrungen Kontakt zur physischen und sozialen Umwelt. Stattdessen wird die Psyche heute eher als Organ der Vermittlung von innen und außen verstanden, das dementsprechend strukturiert ist. Die Psyche ist ihrer Natur nach relational; es gehört zu ihren Hauptfunktionen, zwischen Innen und Außen, Selbst und Objekt, Ich und Realität zu vermitteln. Der Mensch ist keine Monade. Das werdende Subjekt bedarf nicht nur einer »haltenden«, sondern auch einer resonanten und responsiven Umgebung, wenn es so etwas wie Identität ausbilden will: der Spiegelung im Anderen, der Anerkennung durch signifikante Bezugspersonen, einer »freundlichen« Realität. Im lächelnden Gesicht der Mutter erhält der Säugling eine erste Ahnung davon, wer er ist: Wenn ich gesehen werde, bin ich. Auf die identitätsstiftende Wirkung intersubjektiver Spiegelung hat schon Donald Winnicott (1971) verwiesen, den man innerhalb der Psychoanalyse zusammen mit Michael Balint (1969) und Hans Loewald (1986) zu Recht als Pionier ihrer intersubjektiven Wende würdigt.
Wer die Theoriegeschichte der Psychoanalyse rückwärts liest, wird ihren relationalen Charakter bereits in Freuds Formulierung entdecken, das Ich verdanke sich dem Niederschlag vergangener Objektbeziehungen und könne als eine Art Sediment seiner eigenen Interaktionsgeschichte begriffen werden (Freud 1923/1940). Auch das lebenslange Bedürfnis geliebt zu werden, das Freud zum Kern des Narzissmus erklärt (Freud 1914/1963) und entwicklungspsychologisch aus der neonatalen Abhängigkeit des Säuglings ableitet (Freud 1926/1948), steht quer zu seiner Triebpsychologie, die den Narzissmus bekanntlich als libidinöse Besetzung des Selbst definiert und zur objektlosen Selbstliebe erklärt hatte (vgl. Altmeyer 2004).
Allerdings handelt es sich bei solchen Fundstücken um eine metapsychologische Seitenlinie im Werk des Begründers der Psychoanalyse, den man deshalb nicht zum Urvater ihrer intersubjektiven Wende erklären sollte. Denn ungeachtet der Einsprüche, z. B. von Sandor Ferenczi (1932/1984), blieb Freud in der von Descartes gebahnten Spur eines Innen-Außen-Dualismus befangen, der ein vermittelndes Drittes und damit ein Zwischen (= Inter) nicht kennt. Die metapsychologische Trennung von Subjekt und Objekt spiegelte sich auch im antagonistischen Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, Trieb und Kultur, Fantasie und Realität – Gegensätze, die Freud weitgehend unvermittelt ließ. So übertrug sich die monadologische Perspektive der Triebtheorie in die Strukturtheorie, in die Entwicklungspsychologie und in die klinische Theorie und konnte sich selbst auf die psychoanalytische Sozialpsychologie ausdehnen, wo die intrapsychischen Begriffe im gesellschafts- und kulturkritischen Anwendungsdiskurs sozialpsychologisch überdehnt wurden.
Prominente Vertreter der Psychoanalyse, die deren latente Intersubjektivität zu entfalten versuchten (wie John Bowlby, Harry Stack Sullivan, W. R. D. Fair-bairn, Sandor Rado oder Erich Fromm), wurden als »Dissidenten« ausgegrenzt oder verließen freiwillig die psychoanalytische Vereinigung, um eigene Schulen aufzubauen. Dazu gehörten nicht zuletzt auch Carl Rogers und Fritz Perls mit ihren Bemühungen, vom trieb- und Ich-psychologischen Mainstream ihrer Zeit abweichende psychotherapeutische Methoden zu entwickeln.
Inzwischen hat die intersubjektive Wende sämtliche Schulen des psychoanalytischen Pluralismus ergriffen, wenn auch in unterschiedlicher Reichweite und Tiefe. Heute rechnen sich die meisten Strömungen, von den (Post-) Kleinianern und Bionianern bis hin zur Selbstpsychologie, von den Adler-Schülern bis zu denen von C. G. Jung einer – in einem übergreifenden Sinne des Begriffs – relationalen Psychoanalyse zu (als »Relationale Psychoanalyse« im engeren Sinne bezeichnet sich eine eigene, von Stephen Mitchell und Jessica Benjamin begründete Schule). Die Amöbensage ist verabschiedet, und man stützt sich übereinstimmend auf eine intersubjektive Entwicklungstheorie. Ein dialogisch-interaktives Verständnis der analytischen Situation wird miteinander geteilt. Eine Philosophie der Beteiligung, der Aktivität, des Engagements hat die klassische Vorstellung von der Neutralität des Analytikers ersetzt, der einmal als objektiver Beobachter, weiße Wand oder glatter Spiegel fungieren sollte.
Die Unterschiede der verschiedenen Strömungen betreffen auf klinischer Ebene eher praktische Fragen, etwa die Art der Rollenverteilung zwischen Analytiker und Analysand, die spezifische Qualität der therapeutischen Beziehung, die Balance von Selbstoffenbarung und Zurückhaltung (vgl. Mitchell 2003). Solche Fragen aber hängen von der Schaffung einer therapeutischen Atmosphäre ab; sie sind eng an die Person des Analytikers oder der Analytikerin gebunden, insbesondere an deren Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit, und deshalb auch nicht allgemein zu beantworten.
2. Innen, Außen, Zwischen: Das ›Inter‹ als neue Kategorie der Metapsychologie
Das Individuum entwickelt sein Seelenleben nicht wie der Apfel aus dem Kern und wird ebenso wenig durch ein genetisches Programm wie durch Triebschicksale determiniert. Das naturalistische Entwicklungsmodell, demzufolge der Einzelne seine im biologischen Substrat enthaltenen psychischen Dispositionen lediglich entfaltet, verfehlt ebenso wie das kulturalistische Modell sozialer Prägung den eigentümlichen Charakter der conditio humana: Die Menschwerdung verdankt sich in hohem Maße einem ständigen Austausch zwischen dem Individuum und einer soziokulturellen Umwelt, die nicht zuletzt aus anderen Subjekten besteht. Jedes menschliche Wesen wird soziobiologisch wie mental in Gattungsbeziehungen hineingeboren und entwickelt sein Selbst im Rahmen dieser Beziehungen: durch narzisstisch, libidinös oder aggressiv gefärbte Bindungen, durch Akte der Identifizierung und Abgrenzung, durch soziales Feedback und andere reflexive Mechanismen, durch Anpassungszwänge und Widerstandsleistungen hindurch.
Ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis im Sinne einer schlichten Kausalität existiert im Seelischen nicht. Die menschliche Psyche wird nicht hergestellt. Der einzelne Mensch ist nicht das Produkt seiner Natur, aber auch nicht das Produkt von Umständen. Er ist überhaupt kein Produkt – weder das genetisch programmierte Ergebnis bestimmter Sequenzen auf der Doppelhelix noch das Ergebnis in der Tiefe des Unbewussten wirkender Triebkräfte. Andererseits entstehen individuelle seelische Strukturen, die als Ensemble auf der mentalen Hinterbühne wirken und die Persönlichkeit ausmachen, auch nicht aus eigener Schöpfungskraft: Das Subjekt generiert sich nicht selbst und schon gar nicht aus freien Stücken (wie etwa in der romantischen Idee vom Selbstentwurf gedacht). Paradoxerweise individuiert sich der Einzelne gerade dadurch, dass er sich seine lebensgeschichtlich kontingenten Erfahrungen mit sich selbst und anderen intrapsychisch aneignet.
Im Prozess seiner Individuierung verwandelt der Mensch die von den Biowissenschaften unterstellte »Kausalität der Natur« in eine »Kausalität des Schicksals«, und zwar auf dem Wege der Selbstaufklärung, die ihn dazu nötigt, Verantwortung für seine eigene Biografie zu übernehmen (vgl. Habermas 2005, im Anschluss an Kant und Hegel). In diesem Sinne könnte man den psychoanalytischen Prozess als eine nachholende Aneignung der eigenen Lebensgeschichte durch den Patienten begreifen, der zuvor mit seinem Leben hadert und die Verantwortung dafür an seine genetische Ausstattung, an die mangelhafte Erziehung durch seine Eltern, an die Schwächen der gesellschaftlichen Bildungssysteme, an seine ökonomische Unterprivilegierung oder an die sozialen Verhältnisse im Allgemeinen abgeben mochte.
Gewiss ist der zunächst relativ hilflose Säugling in einem elementaren Sinne von Pflege und Versorgung abhängig. Aber von Geburt an besteht er darauf, Rückmeldungen auf seine Lebensäußerungen zu erhalten – und zwar nicht nur in Gestalt der Befriedigung seiner unmittelbaren Existenzbedürfnisse (Nahrung, Wärme, Sicherheit), sondern auch Antworten, die ihm eine Rückmeldung zu den Wirkungen seiner eigenen Aktivitäten bieten, signifikante Reaktionen seiner Bezugspersonen im Sinne einer Bestätigung, eines Echos oder einer Spiegelung. Dieses Bedürfnis nach Reflexion im Anderen begleitet das werdende Subjekt und bleibt ihm lebenslang erhalten. Als Wunsch nach intersubjektiver Anerkennung gehört es offenbar zu unserer mentalen Grundausstattung und schlägt in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit so manche lebensweltliche Kapriolen. So hat sich in den interaktiven Formaten des Fernsehens oder in den sozialen Netzwerken im Internet eine panoptische Kultur etabliert, die an dieses Grundbedürfnis, von anderen gesehen zu werden, andockt – gelegentlich bis zur Auflösung jeglicher Schamgrenze (vgl. Altmeyer 2003).
Was Freud noch als Stufen der Libidoentwicklung unter dem Begriff der »Triebschicksale« zu erfassen suchte, würden wir heute eher als »Beziehungsschicksale« begreifen: Interaktionserfahrungen, die sich in die Psyche des Individuums auf reflexivem Wege einschreiben. Denn erst in der Interaktion mit seiner sozialen Umwelt gewinnt der Mensch eine Ahnung davon, wer er ist. Durch seine Beziehungen hindurch erwirbt er ein Verhältnis zu sich selbst und zur Welt. Es ist die psychische Sedimentierung seiner Beziehungserfahrungen, die die eigene Persönlichkeit formen. Bis ins hohe Alter bleibt der Mensch auf diesen Kontakt zu anderen angewiesen, wenn er seelisch gesund bleiben will.
Wenn solche intersubjektiv vermittelten seelischen Bildungsprozesse aus der Bahn geraten oder gar entgleisen, sprechen wir von psychischer Störung oder Krankheit. Dann finden wir auf der klinischen Ebene die intersubjektive Dimension auch in der Psychopathologie. In aller Regel gilt: Wo die Beziehungen zur sozialen Umwelt gestört sind, erkrankt auch die Seele, und wo die Seele erkrankt, sind auch die Beziehungen zur sozialen Umwelt gestört.
3. Im klinischen Fokus der zeitgenössischen Psychoanalyse: Die psychotherapeutische Beziehung
Was für das normale Seelenleben gilt, hat Gültigkeit auch für jene seelischen Erkrankungen, mit denen wir es in aller Regel im Behandlungszimmer zu tun haben. Sie werden nicht länger als isolierte Normabweichungen im Rahmen eines bestimmten Krankheitsmodells verstanden, sondern als Resultat einer gestörten Beziehungsgeschichte, die in neurotischen und psychotischen Symptomen, Borderline-Strukturen oder anderen Persönlichkeitsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten mit Krankheitscharakter ihren Niederschlag gefunden hat. Solche Einsichten verändern unser Verständnis der psychotherapeutischen Situation ebenso wie unser Selbstverständnis als Therapeuten.
Vereinfacht gesagt steht klinisch nicht mehr der intrapsychische Konflikt des Patienten im Zentrum, den der Therapeut qua Deutung aufzulösen hat, sondern die Beziehung zwischen Patient und Therapeut, in der sich das problematische Verhältnis des Patienten zur Welt und zu sich selbst entfaltet. In der Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung, aber auch in den vielfältigen Enactments, die den therapeutischen Prozess begleiten, erkennen wir Beziehungsangebote des Patienten, in die wir uns unvermeidlich verwickeln lassen und die wir eben deshalb gemeinsam mit ihm bearbeiten können.
Zwar bleibt die psychotherapeutische Beziehung auch in dieser Neujustierung asymmetrisch, weil Analytiker und Analysant nach wie vor in unterschiedlichen Rollen am analytischen Prozess beteiligt sind. Sie bekommt aber eine egalitäre Färbung, weil der Analytiker der Wechselseitigkeit in der Beziehung mehr Aufmerksamkeit widmet, z. B. lässt er den Patienten an seinen therapeutischen Überlegungen teilhaben. Indem er seine Deutungen als probatorisch deklariert, anstatt sein Wissen mehr oder weniger autoritativ anzuwenden, verringert sich das Machtgefälle. Dass er sich – anders als in der klassischen Psychoanalyse – mehr im »Hier und Jetzt« bewegt und stärker als Person, als emotional engagierter und mitfühlender Teilnehmer zu erkennen gibt, verändert auch die Atmosphäre in der psychoanalytischen Situation.
Diese Entwicklung hat freilich auch eine Kehrseite. Bestand das Ziel der Kur früher darin, den Patienten in die Lage zu versetzen, am Ende der Behandlung seine wirkliche Lebensgeschichte möglichst wahrhaftig zu erzählen, haben sich einflussreiche Schulen der Psychoanalyse im letzten Vierteljahrhundert von der Leitidee einer lebensgeschichtlichen Rekonstruktion zunehmend entfernt: In der psychoanalytischen Moderne wird eher konstruiert als rekonstruiert. Wo Übertragung einst als Widerstandsphänomen gegen unerträgliche Erinnerungen galt, geraten tatsächliche Erinnerungen unter Verdacht, im Dienste des Widerstands gegen die Übertragungsbeziehung zu stehen.
In der auf Melanie Klein und Winfried Bion zurückgehenden Schule der Objektbeziehungstheorie geht es nahezu ausschließlich um die Beziehungsdynamik in der analytischen Situation: »History is rumor« (Bion). Es verwundert deshalb nicht, dass wir in manchen ihrer Falldarstellungen mehr über die Feinheiten des therapeutischen Mikrokosmos erfahren als über die wirkliche Biografie des Patienten. Und in den narrativen Ansätzen, die sich auf die phänomenologisch-hermeneutischen Traditionen der Philosophie berufen, wird gemeinsam mit dem Patienten bloß noch eine kohärente Geschichte erzeugt, ein Narrativ, das ohne Bezug zur außersprachlichen Wirklichkeit auszukommen meint.
Im amerikanischen Intersubjektivismus wiederum neigt man epistemologisch einem radikalen Konstruktivismus zu, der Subjektivität und Intersubjektivität so stark in den Blick nimmt, dass Objektivität in Gestalt von lebensgeschichtlicher Vergangenheit und äußerer Realität weitgehend ausgeblendet wird. Dabei genügt ein »schwacher« Konstruktivismus (vgl. Cavell 2006), um den seelischen Paradoxien im Sinne Winnicotts erkenntnistheoretisch gerecht zu werden. Was Winnicott als lebenslange Aufgabe des Einzelnen betrachtete, nämlich innere und äußere Realität voneinander getrennt und doch in Verbindung zu halten, gilt auch für die psychoanalytische Situation: Wie der Säugling eine objektive Außenwelt vorfindet, die er subjektiv dennoch erfinden muss, wird die tatsächliche Vergangenheit des Patienten unter Mitwirkung des Therapeuten rekonstruiert und zugleich konstruiert. Es gibt eine biografische Wahrheit, nach der beide am therapeutischen Prozess Beteiligten suchen – und die sie in demselben Prozess gemeinsam neu erschaffen.
Ungeachtet aller Unterschiede hat gerade die Konzentration der Gegenwartspsychoanalyse auf das Beziehungsgeschehen in der analytischen Situation die Kluft zu psychotherapeutischen Verfahren anderer Provenienz verringert. In dem Maße wie die therapeutische Interaktion in den Fokus gerät, ergeben sich Annäherungen an nicht-psychoanalytische Therapieverfahren wie die Gesprächspsychotherapie, die Gestalttherapie oder bestimmte Spielarten der Körperpsychotherapie (vgl. den ausgezeichneten Übersichtsband zum Körpergeschehen in der psychoanalytischen Therapie von Geißler und Heisterkamp, 2007), die dem »Hier und Jetzt« in der therapeutischen Beziehung immer schon Bedeutung zuerkannt haben. Bei allen Unterschieden in klinischer Theorie und therapeutischer Praxis nähert man sich einander an, ohne dass sich schon von einer Konvergenz der Psychotherapieschulen sprechen ließe.
Bestätigt wird diese Entwicklung durch den Zentralbefund der komparativen Psychotherapieforschung. Der entscheidende Faktor für die Wirksamkeit einer Psychotherapie scheint weniger die psychotherapeutische Methode zu sein als vielmehr die Person des Therapeuten und damit die therapeutische Beziehung. Diese Einsicht sollte die gesamte Profession ermuntern, die alten Schlachtfelder zu verlassen und sich in komparativen Studien dem Beziehungsgeschehen in der Psychotherapie zu widmen.
Frank-M. Staemmler
Kontakt als erste Wirklichkeit – Intersubjektivität in der Gestalttherapie1
Eine Person … ist ein Individuum, das wirklich mit dieser Welt lebt …, in echter Wechselbeziehung mit der Welt in allen Berührungspunkten, in denen der Mensch mit der Welt zusammentreffen kann. (Martin Buber in: Rogers & Buber 1992, 201)
Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass die Gestalttherapie, so wie sie von Perls, Hefferline und Goodman am Anfang der 1950er-Jahre entworfen wurde, nicht nur zur damaligen Zeit innovativ war, sondern bis heute eine prominente Stellung in der zeitgenössischen Avantgarde der Psychotherapie einnimmt. Natürlich gab es eine Vielzahl von Mängeln, die der kritischen Überprüfung bedurften und viele Gestalttherapeuten angeregt haben, zahlreiche Bücher und Artikel zu verfassen, in denen sie die Theorie der Gestalttherapie weiterentwickelten. Doch die bahnbrechenden Grundlagen, die von Perls et al. (1951; dt. 2 Bd.: 2006, 2007) seinerzeit geschaffen wurden, waren aus meiner Sicht die entscheidende Voraussetzung für die nachhaltige Vorreiterrolle der Gestalttherapie auf dem Gebiet der Psychotherapie.
Der andere und das Selbst – Du und Ich
Als einschlägiger Beleg und als besonders wichtiges Beispiel für diese Behauptungen kann die folgende Feststellung gelten, die man bereits im ersten Absatz des Grundlagenwerks der Gestalttherapie findet:
»Der Kontakt selbst ist die erste und unmittelbarste Wirklichkeit« (Perls et al. 2006, 21).
In diesem Satz spiegelt sich ein Verständnis von Psychotherapie im Besonderen und darüber hinaus von Psychologie im Allgemeinen, das zu der Zeit, als es formuliert wurde, revolutionär war.2 Es hatte allerdings zunächst mehr den Charakter einer Hypothese als den einer ausgearbeiteten Theorie. Perls et al. überließen es ihren Nachfolgern, ihren Ansatz detailliert theoretisch auszuarbeiten und mit den Ergebnissen wissenschaftlicher und philosophischer Untersuchungen zu untermauern, etwa mit denen der Säuglingsforschung oder der Phänomenologie. So war es z. B. Lynne Jacobs, die mit Rückgriff auf solche Quellen die ursprüngliche Feststellung paraphrasierte:
Die grundlegende Annahme ist, dass jede Subjektivität intersubjektiv ist, d. h. dass jede Erfahrung ein ko-emergentes Phänomen einander überlagernder Subjektivitäten darstellt. … Es gibt kein Selbst, das der Beziehung vorausgeht, kein Selbst existiert vorgängig zu oder unabhängig von der es umgebenden Umwelt. (2005, 45)
– bzw. unabhängig von einem Anderen, wie man zur Unterstreichung des für den psychotherapeutischen Bereich wesentlichen Punktes hinzufügen könnte. Perls et al. haben es sogar noch radikaler und allgemeiner ausgedrückt, als sie »das ›Selbst‹ als System der Kontakte in jedem Augenblick« (2006, 31) definierten und dabei nicht nur an den zwischenmenschlichen Bereich dachten, sondern auch an den sozialen, biologischen und physikalischen.
Im Folgenden möchte ich mich allerdings auf das personale Selbst konzentrieren (im Unterschied zu dem, was man als »organismisches Selbst« bezeichnen könnte, das jedoch nur einen Teil des Ganzen ausmacht) sowie auf seine Kontakte mit anderen Personen, weil dies der Bereich ist, auf den sich in der Psychotherapie der überwiegende Teil der Aufmerksamkeit richtet. Denn die Kontakte zwischen Menschen sind zweifellos viel mehr als nur physische Kontakte; sie schließen die gegenseitige Anerkennung als Personen ein, d. h. die Würdigung des jeweils Anderen nicht nur als Körper, sondern als »Leib«, der ebenso über eine eigene Perspektive und einen eigenen Geist verfügt wie ich selbst, die Wahrnehmung des jeweils Anderen als eines interdependent Handelnden sowie schließlich die Wertschätzung für seinen eigenständigen Beitrag zur gemeinsamen Schaffung von Bedeutung und Sinn – kurz: Persönliche Kontakte zwischen Menschen sind intersubjektive Ereignisse.
Der Begriff der Intersubjektivität als solcher taucht im Buch »Gestalttherapie« allerdings nicht auf, auch wenn viele der zentralen Gedanken, aus denen sich das Konzept der Intersubjektivität zusammensetzt, bereits darin zu finden sind. In Anspielung auf und im Widerspruch zu Descartes’ berühmt-berüchtigtem Diktum »cogito, ergo sum« könnte man, um Intersubjektivität plakativ zu charakterisieren, mit Altmeyer sagen: »Videor, ergo sum« (2003, 261) – ich werde gesehen, also bin ich. Das Selbst entsteht in den Augen des Anderen; es ist sowohl entwicklungspsychologisch als auch prinzipiell immer sekundär; der Andere ist primär: »Der Mensch wird am Du zum Ich«, hat Buber (1936, 36) kurz und knapp festgestellt; der Andere ist schon immer im Selbst enthalten.3
Durch die Blicke des Du, der anderen Person, die mich anblickt und anspricht, werde ich mir meiner selbst als ein erlebendes Subjekt bewusst.
In den Blicken des Du, einer zweiten Person, die mit mir als einer ersten Person spricht, werde ich meiner nicht nur als eines erlebenden Subjekts überhaupt, sondern zugleich als eines individuellen Ichs bewusst. Die subjektivierenden Blicke des Anderen haben eine individuierende Kraft. (Habermas 2005, 19)
Dazu gehört notwendigerweise auch, dass ich sehe, wie ich angeschaut werde. »Das Blickverhalten ist in seiner spezifischen Wechselseitigkeit (mutualité) für die Entwicklung der menschlichen Kommunikation und Persönlichkeit von zentraler Bedeutung. … Weil menschliche Augen ›sprechen‹ können und sie dem Gegenüber ein fundamentales Erkennen vermitteln – ›Das bist Du!‹« (Petzold 1995, 442 – Hervorhebung im Original).
Ein Selbst zu sein, d. h. Subjektivität, beruht auf der Bezogenheit auf Andere und entwickelt sich im Kontakt mit ihnen. Die Anderen, die von ihrer eigenen Perspektive aus gesehen gleichfalls Selbste sind, werden vice versa auch ihrerseits nur durch den Kontakt mit Anderen zu dem, was sie jeweils sind. Das Selbst und der Andere können nur in Gegenseitigkeit existieren; ihr Wesen ist durch und durch intersubjektiv. Manche Philosophen und Wissenschaftler nehmen sogar an, dass Bewusstsein im Allgemeinen auf Intersubjektivität beruht: »Der Kern allen menschlichen Bewusstseins scheint in einem unmittelbaren, nicht-rationalen, nicht-sprachlichen, völlig untheoretischen Potenzial für den Rapport des Selbst mit der Psyche eines Anderen zu bestehen« (Trevarthen 1993, 121).
Trevarthen, der hauptsächlich Entwicklungspsychologe ist, hat bei dieser Feststellung die ersten Lebensjahre im Auge. Die intersubjektive Dimension des Bewusstseins geht jedoch auch im Erwachsenenleben nicht verloren. Wie ein östlicher Philosoph, der Intersubjektivität als »Zwischen-Sein« bezeichnet, sagt,
sind unsere bewussten Akte nicht ausschließlich von uns selbst bestimmt, sondern auch von den Anderen. Das bedeutet keineswegs, dass es sich um einen ›Austausch‹ von ansonsten einseitigen intentionalen Handlungen drehte, die zwischen Menschen hin- und hergehen. Vielmehr gibt es nur eine ›Verbindung‹, die von beiden Beteiligten bestimmt wird. Innerhalb einer Beziehung des ›Zwischen-Seins‹ durchdringen darum die jeweiligen bewussten Erfahrungen der Beteiligten einander. (Watsuji 1934, zitiert nach Arisaka 2001, 200 – Hervorhebungen von mir)
Mit westlicher Sprache gesagt, kann man
… sich Bewusstsein … denken … als sozialen Akt: Ich habe ein Erlebnis, aber auf intersubjektivem Weg erfasse ich intuitiv, wie der andere mein Erleben sieht. Nun gibt es zwei Perspektiven in Bezug auf mein Erleben, und ich erlange ein Bewusstsein anderer Art, das ich intersubjektives Bewusstsein nennen möchte. Bewusstsein ist somit nicht unbedingt das Werk meines eigenen Gehirns; es kann die Leistung meines und jemandes anderen Gehirns sein. Das gehört zum Leben in einer intersubjektiven Matrix dazu, welche eine implizite Erfahrung bewusst werden lässt, weil sie öffentlich ist und reflektiert werden kann. Aber diese Art Bewusstwerdung ist anders als die übliche. (Stern et al. 2006, 38 f. – Hervorhebung von mir)
So unüblich diese Form der Bewusstwerdung im Alltagsleben auch sein mag (ich meine allerdings, sie ist gar nicht so selten) – innerhalb der intersubjektiven Matrix mit ihren Therapeuten dürfte sie die häufigste Art für Klienten darstellen, sich bislang impliziter Dimensionen ihres Erlebens bewusst zu werden.
Kontakt als primordiale, verkörperte Bedingung des Menschseins
Daniel Sterns Einsichten können noch einige weitere, speziell anthropologische Aspekte des Kontaktgeschehens zwischen Menschen beleuchten, die Perls et al. als »erste Wirklichkeit« bezeichnet haben: Stern versteht Intersubjektivität nämlich als eine »Bedingung des Menschseins« und vertritt
die Ansicht, dass sie zudem ein angeborenes, primäres Motivationssystem darstellt,das für das Überleben der Art unverzichtbar ist und einen ähnlichen Status besitzt wie die Sexualität oder die Bindung.
Das Bedürfnis nach Intersubjektivität ist einer der wichtigsten Motivatoren, die eine Psychotherapie vorantreiben. Patienten möchten vom Therapeuten wahrgenommen werden und ihn wissen lassen, wie sie sich in ihrer Haut fühlen. (Stern 2005, 109)
Wie der Begriff der Intersubjektivität schon sagt, geht es dabei nicht um eine Einbahnstraße. Im Englischen gibt es das Sprichwort: »It takes one to know one«, was man etwa so übersetzen kann: »Man muss selber so beschaffen sein wie der, den man erkennen will.« Beide, Klienten und Therapeuten, »bilden gemeinsam ein intersubjektives System reziproker, gegenseitiger Einflussnahme« (Stolorow et al. 1996, 65). Wenn Klienten von ihren Therapeuten erkannt und verstanden werden wollen, müssen sie ihre Therapeuten auch erkennen und verstehen – jedenfalls in einem gewissen Maß. Wie sollten sie sonst in der Lage sein zu wissen, dass sie erkannt und verstanden werden? Damit
führen Intersubjektivität und ihre empathische Basis weg von dem simplen cartesianischen Bild eines isolierten individuellen Bewusstseins, das die Existenz des anderen durch Analogiebildung hochrechnen muss, und hin zu einer Vorstellung, in der subjektive Erfahrungsbereiche einander gegenseitig durchdringen – mit der Folge, dass Identität und Individualität eher relative als absolute Gegebenheiten sind. (Midgley 2006, 104)
Was Midgley hier »gegenseitige Durchdringung« nennt, was Stolorow et al. oben als »reziproke gegenseitige Einflußnahme« bezeichnen und was Perls et al. als »gesunde Konfluenz«4 charakterisieren, lässt jene »Begegnungsmomente« möglich werden, über die Stern so eloquent schreibt. Er gibt auch ein schönes Beispiel:
Denken wir zum Beispiel an die Patientin, die sich plötzlich aufsetzte, um ihre Therapeutin anzusehen. Unmittelbar nach dieser überraschenden Aktion starrten beide einander durchdringend an. Es herrschte Schweigen. Zwar wusste die Therapeutin nicht genau, was sie tun würde, aber ihr Gesichtsausdruck entspannte sich langsam, bis die Andeutung eines Lächelns ihren Mund umspielte. Dann beugte sie den Kopf ein wenig nach vorn und sagte: »Hallo!« Die Patientin blickte sie weiterhin an. Mehrere Sekunden lang blieben sie in diesem Blickkontakt gefangen. Einen Moment später legte sich die Patientin wieder hin und setzte ihre Arbeit auf der Couch fort; aber nun arbeitete sie intensiver und auf eine bislang unbekannte Weise, die neues Material zutage treten ließ. Die gemeinsame therapeutische Arbeit wurde dadurch drastisch verändert.
Das »Hallo« (in Verbindung mit Gesichtsausdruck und Kopfb ewegung) konstituierte einen »Moment der Begegnung«, in dem die Therapeutin eine authentische persönliche Reaktion zeigte, die der unmittelbaren Situation (dem Jetzt-Moment) auf eine vollkommene Weise angepasst war. Die Reaktion bewirkte einen deutlichen Wandel der Therapie. Sie bildete einen Drehpunkt, an dem eine Quantenveränderung des intersubjektiven Feldes stattfand. (Stern 2005, 175 f.)
Die Fähigkeit zur intersubjektiven Bezogenheit, das grundlegende »Mitsein« (Heidegger 1953, 113 ff.), das die Art und Weise von Menschen, in der Welt zu sein, prägt, das »eingeborene Du« (Buber 1936, 355) scheint primordial zu sein. Natürlich entwickelt es sich in Kindheit und Jugend weiter und nimmt im Laufe des Lebens zunehmend differenzierte Formen an, die sich auf der Basis wiederholter und vielseitiger Erfahrungen gegenseitiger Empathie herausbilden, wie ich in meinem kürzlich erschienenen Buch »Das Geheimnis des Anderen« vielfach belegt habe (vgl. Staemmler 2009) – aber es beginnt nicht erst dann; im Keim war es immer vorhanden, wie Heidegger betont: Das »fürsorgende Erschließen des Anderen [erwächst] … nur aus dem primären Mitsein mit ihm …. ›Einfühlung‹ konstituiert nicht erst das Mitsein, sondern ist auf dessen Grunde erst möglich« (1953, 124 f.). Um diesen Sachverhalt zu beschreiben, hat der Säuglingsforscher Stein Braten (2007) den Begriff der »altero-zentrierten Partizipation« geprägt. Stern fasst prägnant zusammen, was Braten damit meint, nämlich
die angeborene Fähigkeit, das, was der Andere erlebt, ebenfalls zu erleben (gewöhnlich außerhalb des Gewahrseins). Sie ist ein unwillkürlicher Akt des Erlebens, in dessen Prozess das Zentrum der eigenen Orientierung und Perspektive im Anderen verortet zu sein scheint. Sie ist kein Wissen über den Anderen, sondern eine Teilnahme an seinem Erleben. Altero-zentrierte Partizipation ist die basale intersubjektive Fähigkeit, durch die Nachahmung, Empathie, Mitleid, emotionale Ansteckung und Identifizierung ermöglicht werden. Wiewohl angeboren, wird diese Fähigkeit im Laufe der Entwicklung erweitert und verbessert. (Stern 2005, 247)
Diese primordiale Fähigkeit zur intersubjektiven Bezogenheit ist auch auf der neuronalen Ebene fest verankert, z. B. in der Form der sogenannten »Spiegelneurone«, die in den frühen 1990er-Jahren entdeckt wurden6 und in denen einer ihrer Entdecker, Vittorio Gallese, nichts Geringeres als die »neuronale Basis der Intersubjektivität« (2003) sieht. Weil wir von Beginn unserer Existenz an so ausgerüstet sind, verfügen wir schon lange, bevor wir sprechen können und
bevor wir in der Lage sind, das Verhalten Anderer zu erklären oder vorherzusagen, über die Fähigkeit, mit Anderen zu interagieren und sie auf der Ebene ihrer Gesten, Intentionen und Emotionen … sowie auf Basis dessen zu verstehen, wie sie sich gegenüber uns und Anderen in pragmatischen … Alltagsaktivitäten verhalten. (Gallagher 2005, 230)
Und weil alle Menschen über diese neuronale Begabung verfügen, sind sie zugleich mit einem »überindividuellen neuronalen Format« (Bauer 2005, 166 – Hervorhebung im Original) versehen. Es bildet die neuronale Voraussetzung, die sie – zusammen mit den Voraussetzungen, die von Kultur und Sprache geschaffen werden – in die Lage versetzt, in einen »gemeinsamen zwischenmenschlichen Bedeutungsraum« (a. a. O. – Hervorhebung im Original) hineinzuwachsen und diesen mitzugestalten.
Diese Ausstattung zeigt eine nahezu permanente Aktivität, die »offenbar Teil des Normalzustands des Gehirns ist; ohne Anstrengung oder Absicht evaluiert und analysiert es ständig vergangene, gegenwärtige oder mögliche zukünftige soziale Beziehungen, wann immer nicht-soziale Fragestellungen nicht die ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen« (Iacoboni et al. 2004, 1171). Mit anderen Worten: Zusätzlich zu ihren unmittelbaren Kontakten mit Anderen sind Menschen mit virtuellen Kontakten beschäftigt, wann immer ihre aktuelle Situation es ihnen erlaubt. Wir sind nie allein; selbst wenn wir es aus der Sicht eines Beobachters zu sein scheinen, sind wir mit den Anderen durch das Erleben von ihrer Abwesenheit verbunden. Selbst dann bleibt der Kontakt unsere erste Wirklichkeit – der allgegenwärtige Hintergrund, vor dem das Alleinsein zur Figur wird.7
Die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse zur Intersubjektivität entstammen der Beobachterperspektive. Sie stellen damit nur eine von mehreren Perspektiven dar, unter denen man Intersubjektivität untersuchen und feststellen kann, dass sie verkörpert ist. Aus der phänomenologischen Perspektive (der ersten Person) gesehen, die von Gestalttherapeuten bevorzugt eingenommen wird, begegnet man im unmittelbaren Kontakt mit der anderen Person jedoch »nicht einem reinen Körper mit einer versteckten Seele, sondern einem einheitlichen Ganzen« (Zahavi 2005, 150). Daher bestand Merleau-Ponty darauf: »Die Intersubjektivität ist eine Interleiblichkeit« (1972, 248), die sich in einer Vielzahl von unmittelbar erfahrbaren Phänomenen manifestiert; ich habe das an anderer Stelle (Staemmler 2009, 97 ff.) ausführlich dargestellt und möchte diesen Punkt hier nur kurz mit Varela zusammenfassen:
Ich verstehe den Anderen nicht als ein Ding, sondern als eine Subjektivität, die der meinen als ein alter ego ähnlich ist. Durch seinen Leib bin ich mit dem Anderen verbunden, zunächst als mit einem Organismus, der dem meinen ähnelt, aber auch als mit einer wahrgenommenen verkörperten Präsenz … in meinem Erfahrungsfeld. (Varela 1999, 81)
Kontakt als erste Wirklichkeit im therapeutischen Veränderungsprozess
Bis hierher habe ich Kontakt als erste Wirklichkeit im Sinne einer entwicklungspsychologischen Sequenz sowie im Sinne eines fundamentalen Aspekts des menschlichen Wesens betrachtet. Im nun folgenden dritten Teil dieses Textes möchte ich mich mit persönlichem Kontakt als einem wesentlichen Bestandteil des Veränderungsprozesses in der Gestalttherapie befassen.
Weil Gestalttherapeuten ihren Klienten vorzugsweise in einer »Ich-Du-Haltung« (Hycner & Jacobs 1995) gegenübertreten, schaffen sie die Voraussetzung dafür, dass »Begegnungsmomente« entstehen können, d. h. Momente, in denen der persönliche Kontakt zwischen den Teilnehmern der Begegnung eine ungewöhnliche intersubjektive Dichte erreicht (vgl. Sterns Beispiel oben). Solche Momente lassen sich auch als Beispiele für eine stark ausgeprägte »gegenseitige Durchdringung« (Midgley 2006) oder für eine intensive »reziproke gegenseitige Einflussnahme« (Stolorow et al. 1996) verstehen. Sie sind Fälle besonderer zwischenmenschlicher Verbundenheit und gemeinsamer Kreation von Bedeutung und Sinn8 – »Ich und Du, hier und jetzt« –, in denen die unmittelbare Erfahrung der Beteiligten in ungewöhnlich großem Maß durch ihre gemeinsame Situation geformt wird.
Diese Situation lässt sich mit der intensiven Beteiligung an einem Spiel vergleichen, das Gadamer wie folgt charakterisiert:
Alles Spielen ist ein Gespieltwerden. Der Reiz des Spieles, die Faszination, die es ausübt, besteht eben darin, daß das Spiel über den Spielenden Herr wird …. Das eigentliche Subjekt des Spieles … ist nicht der Spieler, sondern das Spiel selbst. (1990, 112 – Hervorhebung im Original)
Anders gesagt, die psychologischen Prozesse von Klient und Therapeut werden zu Teilen »eines einzigen Systems, das aus zwei Teilsystemen besteht … – einem dyadischen System« (Tronick 1998, 293), und dieses dyadische System »enthält mehr Information und ist komplexer … als jeder individuelle Bewusstseinszustand [der des Klienten und der des Therapeuten] allein« (a. a. O., 296); man könnte hier auch von einem »intersubjektiven Bewusstseinszustand«9 sprechen. Ich denke dabei an eine »lebendige Erfahrung einschließlich einer intersubjektiven Resonanz, die sich nicht auf das Bewusstsein eines der Teilnehmer allein reduzieren lässt« (Neimeyer 2005, 81).10
Durch diese Resonanz gewinnen die Individuen, die von ihrer gemeinsamen Situation »gespielt werden«, Zugang zu einer Erfahrungsdimension, die ihnen ohne den dyadisch erweiterten Bewusstseinszustand unzugänglich bliebe. So wie LSD und manche andere Drogen »Pforten der Wahrnehmung« (Huxley 1954) öffnen können, die normalerweise geschlossen bleiben, so kann das Eintreten in ein dyadisches System den Beteiligten die Türen zu Erfahrungen eröffnen und bislang unzugängliche Erlebnisdimensionen erschließen, die bis dahin nur Aspekte ihres Erfahrungspotenzials gewesen waren.
Wenn dieser Erfahrung Aufmerksamkeit geschenkt und sie einigermaßen häufig wiederholt wird, kann sie in das jeweilige Repertoire der einzelnen Personen eingehen und zu einer zugänglichen Ressource werden, aus der sie zukünftig schöpfen können. Um einen von Vygtoskys Begriffen zu benutzen: Die Teilnahme an der gemeinsamen Situation und der intersubjektive Bewusstseinszustand, der mit ihr einhergeht, ermöglicht den Beteiligten das Erreichen einer »höheren psychischen Funktion« (Vygotsky 1992); »höher« im Vergleich zu den psychologischen Funktionen, die ihnen zur Verfügung standen, bevor sie sich auf die dyadische Erfahrung einließen.
Ich entscheide mich nicht zufällig dafür, Vygotskys Begriff hier zu benutzen, denn der große russische Forscher und Theoretiker war – soweit ich weiß – der erste Psychologe, der versuchte, Entwicklungs- und Veränderungsprozesse auf der Basis einer Theorie der Intersubjektivität zu erklären und nicht auf der Grundlage individualistischer Annahmen. Aus Vygotsky’scher Perspektive ist der intersubjektiv entstehende Vorgang der Veränderung, den ich oben skizziert habe, nämlich nicht als ein Prozess zu verstehen, in dessen Verlauf ein Individuum (üblicherweise »Klient« genannt) bestimmte Eigenschaften eines anderen Individuums (üblicherweise »Therapeut« genannt), die es an diesem beobachtet hat, internalisiert (oder »introjiziert« oder »assimiliert«). Was vielmehr »interiorisiert« wird – wie Vygotsky den Vorgang nennt, um ihn von psychoanalytischen Konzepten wie »Internalisierung« oder ähnlichen Vorstellungen11 zu unterscheiden –, ist die Begegnung mit dem Anderen und ihre entsprechende Qualität.
Was der Klient dabei lernt, ist also nicht etwas, das der Therapeut zu ihm sagt oder mit ihm macht, sondern es ist etwas, das zwischen den beiden geschieht. Gegenstand der Interiorisierung ist die Art der Interaktion, der bestimmte Kontakt, und nicht individuelles Verhalten. Und diese Interaktion war bereits etwas, bei dem der Klient eine Rolle spielte (ebenso wie der Therapeut), aber sie war mehr und anders als die Summe der in sie eingehenden Teile. Die Interiorisierung findet mit Bezug auf die gesamte Kontaktsituation statt, die die individuellen Beiträge transzendiert. Vygotsky fasst es so zusammen:
Der entscheidende Mechanismus, der hinter höheren geistigen Funktionen steckt, ist das Kopieren sozialer Interaktionen; alle höheren psychischen Funktionen sind internalisierte soziale Beziehungen. Diese höheren psychischen Funktionen bilden die Basis für die soziale Struktur des Individuums … Selbst wenn wir geistige Prozesse betrachten, bleibt ihr Wesen quasi-sozial. In ihrer eigenen Privatsphäre behalten Menschen die Funktionen sozialer Interaktion bei. (Vygotsky 1981, 164)
So gesehen ist es nicht der Therapeut, der den Klienten unterstützt (wie es im individualistischen Paradigma erscheinen mag). Das Unterstützungssystem besteht in der Qualität der Interaktion, die sich ergibt (»emergiert«), wenn Klient und Therapeut sich ihrer gemeinsamen Situation überlassen und in einen intersubjektiven Bewusstseinszustand eintreten (vgl. Staemmler 2009, 199 ff.). Das Unterstützungssystem ist ein gemeinsames. Daher trägt auch seine Transformation in eine höhere psychische Funktion durch den Interiorisierungsprozess des Klienten das intersubjektive ›Format‹ eines »Selbstmit-dem-Anderen«, d. h. ein dialogisches Format. Kurz, alle Subjektivität ist interiorisierte Intersubjektivität: Kontakt ist die erste Wirklichkeit.
Vygotskys Konzept der Interiorisierung beschreibt, wie Erfahrungen von Menschen, die zunächst im empathischen persönlichen Kontakt zwischen ihnen stattfinden, danach in einem weiteren Schritt von den beteiligten Personen zu ihren eigenen gemacht (»interiorisiert«) und in eine höhere psychische Funktion umgeformt werden, die dann ihr jeweiliges Erleben von sich selbst beeinflusst und ihnen zur Verfügung steht, wenn sie entweder allein sind oder neue soziale Kontakte aufnehmen. Überdies legt die Interiorisierung von Erfahrungen persönlichen Kontakts und zwischenmenschlicher Verbundenheit den Boden, auf dem ein weitergehendes Gefühl von Bezogenheit wachsen kann, das z. B. die Zeit des Abschieds am Ende einer Therapie überdauern kann.
Schluss
Die intersubjektiven Momente persönlichen Kontakts zwischen Klient und Therapeut bilden den Ausgangspunkt für die Entwicklung höherer persönlicher Funktionen. Manchmal nehmen sie den Charakter von außergewöhnlichen Erlebnissen an, manchmal sind sie subtiler. Eugene Gendlin (1962, 38 f.) hat sie aus der Perspektive des Klienten anschaulich beschrieben:
Mein Eindruck von dir, dem Zuhörer [Therapeuten], berührt mein Erleben, während ich spreche, und deine Antwort bestimmt zum Teil mein Erleben im nächsten Moment. Was in mir vorgeht und wie ich lebe, während wir miteinander sprechen und interagieren, wird wesentlich beeinflusst durch jedes Wort und jede Bewegung, durch jeden Gesichtsausdruck und jede Haltung, die du zeigst …. Insofern ist es nicht so, dass ich dir von mir erzähle, wir dann herausarbeiten, wie ich mich ändern sollte, und ich es danach irgendwie tue. Vielmehr verändere ich mich, während ich spreche und denke und fühle, denn deine Reaktionen sind zu jedem Augenblick Teil meines Erlebens, das sie zum Teil beeinflussen, hervorrufen, symbolisieren und mit dem sie interagieren.
Mit anderen Worten: Der Kontakt ist die erste und unmittelbarste Wirklichkeit.
Bernd Bocian
Von der Revision der Freud’schen Theorie und Methode zum Entwurf der Gestalttherapie – Grundlegendes zu einem Figur-Hintergrund-Verhältnis1
Gestalttherapie lässt sich bewusst auf die Vieldeutigkeit der Wirklichkeit und die unterschiedliche Lesbarkeit der Welt ein. Entsprechend geht auch eine umfassend-festschreibende und allgemeingültige Selbstdefinition für mich an der Intention des Gestaltansatzes vorbei. Diese Haltung läuft zwar zu mittlerweile populären erkenntnistheoretischen Überlegungen parallel, macht aber das Leben in einem Arbeitsfeld, das weitgehend von objektivierenden, naturwissenschaftlich-medizinischen Menschenbildern dominiert wird, nicht einfach. Als Gestalttherapeut bleibt mir Raum für die eigenständige Assimilation der Grundkonzepte und Grundhaltungen und die kreative Konstruktion der eigenen Position im jeweiligen Arbeitsfeld. Das beinhaltet Freiheit und die Chance, den Gestalt-Ansatz mit Eigen-Sinn zu füllen, kann aber auch Identitätsunsicherheit und Last bedeuten. Die Fundierung der gestalttherapeutischen Praxis, durch das Herausarbeiten und Erarbeiten unterschiedlicher historischer und neuer Kontexte, bleibt entsprechend eine ständige Aufgabe und Chance. Mein Weg zur Gestalttherapie und meine Identitätsfindung in diesem Feld verlief über die Bekanntschaft mit den Arbeiten kreativer psychoanalytischer Freigeister wie Wilhelm Reich, Sandor Ferenczi, Georg Groddeck und Erich Fromm. Entsprechend liegt mir daran, die psychoanalytischen Wurzeln der Gestalttherapie einmal grundlegender und differenzierter herauszuarbeiten, als das bisher geschehen ist.
Ein Umstand, der eine entsprechende Sichtweise des Gestaltansatzes erschwert, ist die Tatsache, dass der psychoanalytische Kontext des Schlüsselwerkes »Gestalt Therapy« von 1951 sich nicht leicht erschließt. Wie das erste Buch der beiden Perls’ enthält es zwar einen Übungsteil, ist aber gleichzeitig für ein psychoanalytisch vorgebildetes Publikum geschrieben. Beide Bücher nehmen Bezug auf eine große Anzahl psychoanalytischer Autoren2 und Konzepte, ohne diese genau zu benennen, und sowohl die Perls’ als auch Goodman zitieren zumeist aus dem Gedächtnis. Die Gründergruppe hat (glücklicherweise) kein systematisches Lehrbuch hinterlassen. Ich werde deshalb im Weiteren viel aus den Originalwerken der Gestaltgründer zitieren, dabei frühe mit späten Arbeiten verbinden, sowie verstreute Hinweise zusammenbringen und ordnen, um einen strukturierteren Grund als bisher für das Verständnis der Beziehung von Gestalttherapie und Psychoanalyse zu legen. In diesem Rahmen wird, ausgehend von biografischen Verbindungen, die Revision zentraler theoretischer und praktischer psychoanalytischer Konzepte (Triebtheorie, Ich, freie Assoziation, Unbewusstes, Verdrängung, Deuten, Widerstand, Übertragung etc.) durch die beiden Perls’ und Goodman behandelt. Des Weiteren (vgl. Kap. II) geht es um das Verhältnis zwischen Psychoanalyse, Gestaltpsychologie und Kleinkindforschung, und Fritz Perls’ therapeutischer Stil wird rückblickend aus Sicht der Objektbeziehungstheorien betrachtet. Abschließend, in Kap. III, beschäftige ich mich mit dem historischen Herkommen des Gestaltansatzes aus der linken Strömung der psychoanalytischen Kulturkritik und einer zivilisationskritischen Naturphilosophie, sowie mit Freud als ein historisches Symbol für einen Haltungswechsel in der Psychiatrie. Es geht mir hierbei im Wesentlichen nicht darum, etwas Neues vorzustellen, sondern darum, den damals erreichten Stand (möglichst im Original) in Erinnerung zu rufen und auch nachvollziehbar zu machen.
Als Motiv für diese Arbeit kommt hinzu, dass ich mich seit Jahren über Arbeiten ärgere, die immer wieder die theoretischen Grundlagen der Gestalttherapie als einseitig und in sich widersprüchlich bezeichnen. Die Grundmuster der Kritiken sind über die Jahre ähnlich geblieben, da sie sich in der Regel schwerpunktmäßig auf die Transkriptionen von Workshops des alten Fritz Perls beziehen und der Kontext von Ort und Zeit ihrer Entstehung (ihr Demonstrationscharakter für ein therapeutisch vorgebildetes Publikum, die historische Bedeutung des Esalen-Instituts Ende der 60er-Jahre, etc.) nur ungenügend oder gar nicht berücksichtigt wird. Der persönliche und lebensgeschichtliche Hintergrund von Perls wird ebenfalls meist außer Acht gelassen. So zum Beispiel, dass er ein erfahrener psychoanalytischer Kliniker war, der die Grenzen und Gefahren solcher Veranstaltungen kannte (vgl. Perls 1969/1986, 10 f.; L. Perls 1992, 14). Oder sein mit zunehmendem Alter abnehmendes Interesse an einer auf Krankenbehandlung reduzierten einzeltherapeutischen Psychotherapie zugunsten des Versuches, alternativkollektive Lebensformen auf der Basis einer direkten und unverstellten zwischenmenschlichen Kommunikation zu initiieren. Nichtsdestotrotz wird gerade das transkribierte Seminarmaterial benutzt, um immer wieder ein Urteil über die Qualitäten »der Gestalttherapie« insgesamt zu fällen.
Ich teile auch die quasi interne Kritik von Hilarion Petzold3 nicht (z. B. Petzold 1987, 1993), die F. Perls und P. Goodman als Vertreter zweier kaum zu vereinbarender Positionen behandelt und von der Vernachlässigung des Sozialen und einem a-historischen Hier-und-Jetzt-Ansatz ausgeht. Dies gilt auch für die Annahme von Gordon Wheeler (1993), dass der Gestaltansatz figur- und kontaktfixiert sei. Ich hoffe, zukünftigen Kritiken, die in eine ähnliche Richtung weisen, ein Stück Boden entziehen zu können, indem ich an einen zentralen historischen Kontext der Gestalttherapie vertiefend wiedererinnere.
Ich werde in diesem Artikel deutlich machen, dass sich viele gestalttherapeutische Grundkonzepte aus der psychoanalytischen Bewegung heraus entwickelt haben. Die seit geraumer Zeit diskutierten Ähnlichkeiten mit der modernen Psychoanalyse werden verständlicher, da diese zum Teil Erfahrungen dissidenter Psychoanalytiker wiederentdeckt hat, die nicht in den Lehrkanon der orthodoxen Psychoanalyse aufgenommen worden waren, in der Gestalttherapie aber in rudimentärer Form überlebt haben. Von daher würde ich nicht nur von einer Annäherung sprechen, sondern auch von einem Wiedererkennen. Die gestalttherapeutische Revision orthodoxer Positionen hat eine Ahnenreihe, die sich überwiegend aus Dissidenten der Freud’schen Schule zusammensetzt, die mit einer aktiven, dialogischen und ganzheitlichkreativen Haltung experimentiert haben. Mit diesen Männern und Frauen und diesem Teil der Geschichte der Psychoanalyse fühle ich mich als Gestalttherapeut zutiefst verbunden und ich bin nicht bereit, ihn den offiziellen Nachlassverwaltern Freuds zu überlassen.
Entsprechend teile ich auch Positionen nicht, die davon ausgehen, die Gestalttherapie »stehe für sich« (vgl. Rumpler 1996). Vor dem Hintergrund der Geschichte unseres Ansatzes assoziiere ich damit eine narzisstisch anmutende Selbstzentriertheit. Fritz und Lore Perls und Goodman haben 1951 den qualitativen Sprung in ein eigenes therapeutisches Verfahren gemacht, es bleibt für mich aber Figur vor dem Hintergrund der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. In meiner Lesart der Gestalttherapie ist mir nicht nur die Innovation (etwa der neue erkenntnistheoretische Kontext, der innerhalb der DVG zuerst durch Heik Portele betont worden ist), sondern in starkem Maße auch die Tradition wichtig. Ich fühle mich mit einem Vorgänger- und Vorfahrenfeld verbunden und verbinde das gestalttherapeutische Autonomieprinzip mit einer Identität, die sich nicht eltern- und familienlos konstruiert, wie F. Perls das oft tat, sondern sich als selbstständiger und erwachsener Teil einer Familiengeschichte betrachtet Erwähnen möchte ich auch, dass scheinbar gestalttypische Begriffe und Konzepte, wie Ganzheit, Hier und Jetzt, Wachstum, Kontakt, Awareness etc., sich schon bei den analytischen Freigeistern finden lassen. Was die Gestalttherapie vielleicht »einzigartig« (vgl. Bocian 1997a) macht, ist für mich zum einen die Radikalität, mit der die Gründer dissidente psychoanalytische Theorie- und Praxisansätze aufgehoben, integriert und zum Teil weiterentwickelt haben. Zum anderen, dass sie darüber hinaus auch noch bemüht waren, dies mit den damals fortschrittlichsten Strömungen der Wahrnehmungspsychologie und -philosophie zu verbinden, was sie den Versuch einer Synthese von »Kontakt- und Tiefenpsychologie« nannten. Dies Unternehmen war seiner Zeit voraus.
Kapitel I: Geschichte und Biografie – Revision der Triebtheorie und der Theorie des Selbst
Geschichte und Biografie
Das Wissen um die eigene Geschichte gehört zum Prozess der Identitätsbildung. In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine deutsche Amnesie aufmerksam machen, die kaum wahrnimmt, dass die Gestalttherapie ohne den Hitlerfaschismus höchstwahrscheinlich gar nicht entstanden wäre. Der Entstehungsprozess der Gestalttherapie kann historisch im Kontext der Emigrationsgeschichte der deutschen Psychoanalyse nach 1933 betrachtet werden, und in unseren Ansatz sind Überlebenserfahrungen von Deutschen eingegangen, die durch Deutsche vertrieben worden sind. Meiner Ansicht nach sind einige Ideen der damaligen linken Berliner Kultur-Avantgarde mit den beiden Perls’ emigriert und lassen sich ebenso im Hintergrund vieler Gestaltkonzepte finden, wie die Grenzerfahrungen, die sie als deutsche Juden machen mussten.4
An dieser Stelle will ich mich auf die biografischen Beziehungen von Fritz und Lore Perls zur Psychoanalyse konzentrieren. In die folgenden Angaben will ich einige für das Verständnis der Entstehungsgeschichte der Gestalttherapie wichtige Daten und Zusammenhänge einfließen lassen, die bisher nicht bekannt waren oder veröffentlicht worden sind. Im Rahmen meiner Nachforschungen ist mir klar geworden, wie tief sowohl Fritz und Lore Perls als Privatpersonen als auch der Gestalt-Ansatz insgesamt im geistig-kulturellen Klima der Weimarer Republik (1918-1933) verwurzelt sind. Die unruhige und blutige Zeit zwischen dem Ende des ersten Weltkriegs und der Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten, die das Ende der Republik bedeutete, war auch eine Zeit der kreativen und sozial-utopischen Aufb ruchstimmung. Berlin war ihr Zentrum und weltweiter Anziehungspunkt, wegen der vielfältigen neuen Entwicklungen und Experimente im Bereich der Politik, Kunst und Alltagskultur. Die beiden Perls haben diese Wurzeln nie verloren und in New York in Paul Goodman einen geistesverwandten Menschen getroffen. Es ist nicht verwunderlich, dass es abermals eine soziale Auf- und Umbruchstimmung war, die dem Gestalt-Ansatz im Amerika der 60er-Jahre, wenn auch teilweise in verkürzter Form, zur Verbreitung verholfen hat. Mich mit den soziokulturellen Wurzeln im Deutschland der Weimarer Jahre und dem Einfluss der deutsch-jüdischen Erfahrungen gründlich beschäftigt zu haben (vgl. Bocian 2007), war mir, gerade als europäischer und deutscher Gestalttherapeut, Verpflichtung und Herzensangelegenheit zugleich.
I. Frankfurt und Wien
Friedrich (Fritz) Salomon Perls (1893-1970), Sohn jüdischer Eltern und seit 1921 promovierter Arzt, beginnt in Berlin, wo er sich während der Jahre der Weimarer Republik in linken Künstler- und Intellektuellenkreisen bewegt, aus persönlichen Gründen im Jahre 1925 eine Psychoanalyse bei Karen Horney. Als er im September 1926 für ein Jahr als Assistent zu Kurt Goldstein geht, der in Frankfurt die Neurologie von der Gestaltpsychologie und einem organismisch-ganzheitlichen Standpunkt aus revolutioniert und mit dem Kreis der Gestalttheoretiker um Wertheimer eng verbunden ist, setzt er seine Analyse bei Clara Happel fort. An Goldsteins Institut lernte er u. a. Siegmund Heinz Fuchs kennen, der, nach seiner Emigration aus Hitlerdeutschland, in England unter dem Namen S. H. Foulkes zu einem Pionier der analytischen Gruppentherapie werden wird. Foulkes (1992) hat ebenso wie Perls in seinen Arbeiten gestaltpsychologische Termini und Erkenntnisse verwendet. Als Clara Happel Perls’ Analyse nach ca. einem Jahr für beendet erklärt, rät sie ihm, zur Supervison nach Wien zu gehen. Perls folgt ihrem Rat und geht im September 1927 im Rahmen seiner Facharztausbildung für ca. sechs Monate an die Wiener Nervenklinik, wo er unter Julius Wagner-Jauregg und Paul Schilder arbeitet. Psychoanalytische Supervision bzw. Kontrollanalysen erhält Perls durch Helene Deutsch, Leiterin des Lehrinstituts der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und durch Eduard Hitschmann, Direktor des psychoanalytischen Ambulatoriums in Wien. Er nimmt intensiv an den Aktivitäten der Wiener Vereinigung teil, besucht zahlreiche Seminare und Vorträge, hört u. a. Referate von Paul Federn und Anna Freud und beteiligt sich an einigen der nach den Vorträgen stattfindenden Diskussionen. Im »Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung« wird er neben Wilhelm Reich, Paul Federn, Heinz Hartmann und anderen Diskutanten als »Dr. Perls (a. G.)« vermerkt. Als Kandidat des Berliner Instituts gilt er in Wien »als Gast« (vgl. IZP 14/1928, 436 f.). In der Wiener Zeit haben die Pionierarbeiten Paul Federns (1978) zur Ich-Psychologie und zur Psychosenforschung Einfluss auf Perls, und Federns Begriff »Ich-Grenze« soll für Perls lebenslang von Bedeutung bleiben. Von Bedeutung ist weiterhin, dass Perls bereits in Wien an Wilhelm Reichs »therapeutisch-technischem Seminare« im Ambulatorium der Wiener Vereinigung teilnahm und somit bereits zu diesem Zeitpunkt mit der sich vor dem Hintergrund der psychoanalytischen Ich-Psychologie gerade entwickelnden Charakteranalyse in Kontakt kam, und nicht erst, wie bisher angenommen, als Reich im Jahre 1930 von Wien nach Berlin übersiedelte (vgl. Bocian 2007, 200 f.). Im März 1928 geht er nach Berlin zurück, arbeitet sowohl ärztlich wie psychoanalytisch und setzt seine Ausbildung als Kandidat des Berliner Instituts fort.
In Frankfurt hatte er Lore Posner (1905-1990) kennengelernt, die seine Frau werden wird. Lore Posner, aus einer jüdischen Familie des Pforzheimer Bürgertums stammend, ist dort eine der ersten weiblichen Studentinnen. Sie studiert Gestaltpsychologie, nimmt an Veranstaltungen von Goldstein teil und promoviert bei dem Gestaltpsychologen Ademar Gelb. Durch Perls inspiriert, beginnt sie ebenfalls eine kurze Analyse bei Clara Happel, um danach zu Karl Landauer zu wechseln, den sie als Person und als Lehranalytiker sehr schätzt. Dass sie parallel zu ihrer Analyse modernen Ausdruckstanz und rhythmische Gymnastik praktiziert, ist für ihre therapeutische Entwicklung von großer Bedeutung. Karl Landauer, ein Analysand von Freud, ist zu dieser Zeit eine bedeutende Persönlichkeit innerhalb der deutschen Psychoanalyse. Seine Arbeiten zur »Theorie der Affekte« (1991), seine Betonung des Zusammenhangs von eigenständigem Denken und Fühlen, sowie seine therapeutische Haltung, die auf eigenständige Weise die Anregungen von Ferenczi, Rank und Groddeck zur aktiven Technik aufgreift, beeinflussen Lore Perls und somit auch die Gestalttherapie. Karl Landauer stirbt im Januar 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen den Hungertod. Da er nicht nach Amerika emigriert war, wird er von der Psychoanalyse quasi vergessen. Seine Bedeutung wird von der deutschen Psychoanalyse der Nachkriegszeit erst durch die Bemühungen von Hans Joachim Rothe (1987) wiedererinnert. Innerhalb der Gestalttherapie bleibt er bis 1997 so gut wie unbekannt.5
Nach der ca. zweieinhalb Jahre dauernden Lehranalyse bei Landauer setzt Lore Perls ihre psychoanalytische Ausbildung bei Frieda Fromm-Reichmann fort, die später in den USA eine bedeutende Psychosenforscherin wird. Frieda Fromm-Reichmann war einige Jahre enge Mitarbeiterin von Kurt Goldstein und ist 1926 an der Konstituierung der »Südwestdeutschen Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft« beteiligt, zu der noch Karl Landauer, Heinrich Meng, Clara Happel und Erich Fromm gehören. Dieser Kreis ist eng mit dem »wilden Analytiker«, Philosophen des Es und Pionier der Psychosomatik Georg Groddeck verbunden (vgl. Will 1987). Sie besuchen ihn oft in Baden-Baden und treffen dort weitere kreative Geister der psychoanalytischen Bewegung, wie Sandor Ferenczi und Karen Horney, die ebenfalls von Groddeck (der in mancher Hinsicht ein Pendant zu Freud bildet) angetan sind. Auch Lore Perls nimmt an Besuchen bei Groddeck teil. Im Februar 1929 wird durch die Arbeitsgemeinschaft das »Frankfurter Psychoanalytische Institut« (FPI) gegründet (vgl. Laier, 1989), zu dem ab 1930 noch Siegmund Heinz Fuchs gehört, ebenfalls ein ehemaliger Assistent Goldsteins. Das Frankfurter Psychoanalytische Institut (an dem Lore Perls bis zu ihrem Wegzug nach Berlin 1930 vor allem bei Fromm-Reichmann Theorie studiert), ist neben Berlin nun das zweite in Deutschland und wird als Gastinstitut in die Räume des Instituts für Sozialforschung (IfS) aufgenommen. Der Direktor des IfS ist Max Horkheimer, der kurze Zeit bei Karl Landauer in Analyse war. Erich Fromm ist Mitglied beider Institute und schafft so eine kontinuierliche persönliche Verbindung. Aus dem IfS wird die sogenannte Frankfurter Schule bzw. Kritische Theorie (Horkheimer, Adorno, Marcuse etc.) hervorgehen.
In diesen Jahren (bis zur Machtergreifung Hitlers 1933) entwickelt sich in Frankfurt eine einzigartige Verbindung von Psychoanalyse, marxistischer Sozialwissenschaft und Gestaltpsychologie. Meiner Meinung nach enthielt die spezielle interdisziplinäre und integrative Atmosphäre Frankfurts6 bereits alle Einzelbausteine der Gestalttherapie in Rohform, und die Gestalttherapie ist eine Fortsetzung des dort begonnenen Versuchs der dialektischen Synthese unterschiedlicher Elemente der menschlichen Wirklichkeit.
II. Berlin
Am Berliner Institut beginnt Fritz Perls 1928 eine weitere Lehranalyse bei Eugen Harnik. Die Analyse findet in orthodoxer Abstinenz statt, und Perls sorgt nach anderthalb Jahre frustriert selbst für einen Abbruch (vgl. F. Perls 1969/1981, 49 f.). Er fragt Karen Horney, die Vorstandsmitglied des Berliner Instituts ist, um Rat, die ihm Wilhelm Reich als Analytiker empfiehlt. Reich ist Anfang 1930 von Wien nach Berlin gekommen und Perls lernt nun als Lehranalysand (bis zur Emigration beider Anfang 1933) dessen in Wien begonnene und durch Ferenczi beeinflusste aktive charakteranalytische Technik vertieft kennen. Die »technischen Seminare« (Fallbesprechungen in der Gruppe) sowie die Einzelkontrollanalysen absolviert er bei Karen Horney und Otto Fenichel. Lore Perls ist ab ca. 1930 in Berlin und besucht die Theorieseminare Fenichels, der gleichzeitig ihr Kontrollanalytiker ist. Während am Berliner Institut, das zu dieser Zeit das internationale Zentrum der aus heutiger Sicht kleinen psychoanalytischen Welt ist, eine rigide Entwicklung in Fragen der Ausbildung mit Verschulung und Dogmatisierung beginnt (vgl. Cremerius 1987), können sich die Perls’ am praktisch und theoretisch fortschrittlichen Teil des Instituts orientieren.
Die Berliner Charakteranalytiker Wilhelm Reich, Otto Fenichel, Karen Horney, Erich Fromm und Helmuth Kaiser (der ebenfalls Kandidat ist und den Perls in Reichs Seminaren kennenlernt) experimentieren in unterschiedlichem Maße mit aktiven Techniken. Dass dabei die Körpersprache und der emotionale Ausdruck miteinbezogen werden, liegt an den Vorarbeiten von Ferenczi und Groddeck und an dem Einfluss, den die sensitive Körper- und Bewegungsarbeit von Elsa Gindler (vgl. Franzen 1995) zu dieser Zeit in Berlin ausübt. Anregungen erhalten die Perls’ auch durch die Kinderanalyse (vgl. F. Perls 1942/1991, 237), die in Wien Ende der Zwanziger-Jahre durch Anna Freud und in Berlin bereits Anfang der Zwanziger-Jahre durch einige Analytikerinnen entwickelt wurde, wobei Melanie Klein hier nur der bekannteste Name ist. Die Charakteranalytiker berücksichtigen, außer der Vergangenheit, auch die aktuelle Lebenssituation und das nonverbale Verhalten der Analysanden und bemühen sich um eine Verbindung von Tiefenpsychologie und kritischer Gesellschaftsanalyse. Beide Perls sind in dieser Zeit linkspolitisch aktiv, und F. Perls verlässt (wie Reich) Deutschland direkt nach der Machtergreifung Hitlers im Frühjahr 1933 aus politischen Gründen, da er auf der schwarzen Liste der Nazis steht.
III. Amsterdam und Johannesburg
Die Perls’ emigrieren, wie andere Vertreter des linken Flügels des Berliner Instituts (W. Reich, O. Fenichel, G. Gerö), direkt nach Hitlers Machtergreifung im Frühjahr 1933. In Amsterdam gehen sie einige Monate in Kontrollanalyse zu Karl Landauer, der ebenfalls emigriert ist, und mit dem sie mittlerweile befreundet sind. Zum Jahresende 1933 fliehen sie, durch Vermittlung von Ernest Jones, per Schiff nach Südafrika weiter. Aus Johannesburg hatte Jones die Anfrage nach einem Analytiker und einem Lehranalytiker bekommen (vgl. Gaines 1979, 17). Fritz Perls bekommt den Lehranalytikerstatus und soll den Aufbau eines Psychoanalytischen Instituts in Johannesburg mit vorantreiben. Diesem Umstand und der Unterstützung Karl Landauers ist es wohl zuzuschreiben, dass Fritz Perls Ende 1933 in den Niederlanden, in einer durch Landauer und andere deutsche Emigranten mitgegründeten zweiten psychoanalytischen Vereinigung als Mitglied geführt wird. Trotz seiner überdurchschnittlich langen analytischen Ausbildung war Perls nie Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft DPG und wurde auch erst ca.1936, durch die ordentliche Mitgliedschaft in Holland, ein Mitglied der IPV, der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (heute IPA).7 Es kann hier einen Zusammenhang mit der Tatsache geben, dass F. Perls in der extremen Linken politisch aktiv war und als Reichschüler galt. Der damals als Psychoanalytiker und Kommunist antifaschistisch aktive Wilhelm Reich wurde von der Leitung der deutschen Gesellschaft und der internationalen psychoanalytischen Vereinigung 1934 auf dem Kongress in Luzern ausgeschlossen (vgl. Reich 1975, 217 f.). Der von Freud mitgetragene Anpassungskurs der deutschen Psychoanalyse an die Naziherrschaft führte, ähnlich wie bei diversen anderen Organisationen (etwa dem Deutschen Gewerkschaftsbund), über die mitbetriebene Arisierung zur Gleichschaltung im Deutschen Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie (»Göring-Institut«).8 Neben Wilhelm Reich und Otto Fenichel gehörte auch Perls’ Frankfurter Analytikerin Clara Happel zu den wenigen kritischen Köpfen, die den Selbstgleichschaltungskurs der DPG offen kritisierten (vgl. Fritz 1988).
In Johannesburg ist Fritz Perls führend am Aufbau des South African Institute of Psychoanalysis beteiligt. Das Institut hat die Erlaubnis, offiziell für die IPV auszubilden. Lore Perls geht noch einige Zeit zu Hans van Ophuijsen in Kontrollanalyse, der sich für einige Zeit in Südafrika aufhält und den sie aus der Zeit in Amsterdam kennt. Im Jahr 1936 hält F. Perls auf dem IPV Kongress in der Tschechoslowakei seinen Vortrag »Zur Theorie der oralen Widerstände«. Perls’ Vortrag stößt auf fast einhellige Kritik und Ablehnung, der Besuch beim kranken Freud in Wien ist enttäuschend, da der sich keine Zeit für den von weit her angereisten Verehrer nimmt. Diese Kränkung, die die Zurückweisung von F. Perls durch seinen Vater wiederholt, wird ihn sein Leben lang beschäftigen. Einzig Karl Landauer bezieht sich in einem Artikel von 1939 positiv auf die von Perls in seinem Kongressvortrag gezogenen Parallelen zwischen physischen und psychischen Widerständen bei der Aufnahme von »Material«. Er verweist auf die Bedeutung der durch Perls aufgeworfenen Frage, ob die körperliche und geistige Nahrung gehorsam geschluckt oder auf selbstbestimmte Art und Weise durchgekaut und assimiliert wird (vgl. Landauer 1991, 287). Die dem Perls’schen Konzept des »oralen Widerstandes« immanente Kritik an der Deutungsmacht des orthodoxen Analytikers war sicherlich für eine Gemeinschaft bedrohlich, die mit dem »Fall Reich« einen großen Autoritätskonflikt hinter sich hatte und hat meiner Ansicht nach zur späteren Ausgrenzung des Berliner Reichschülers Perls beigetragen. Nach dem Kongress macht Perls noch ein paar Tage Urlaub in den ungarischen Bergen mit dem Vorsitzenden der IPV, Ernest Jones, mit dem er sich privat gut versteht. Die »Leitsätze« seines Vortrages für den Kongressbericht reicht er nicht ein (vgl. IZP 23/1937). Zurück in Südafrika gibt es Ärger am Institut (Perls war nie ein pflegeleichter Typ) und Perls wird, wahrscheinlich durch die IPV, der Lehranalytikerstatus wieder entzogen. Perls wird also degradiert und beginnt sich zunehmend von der organisierten Psychoanalyse zu trennen, ist aber nie offiziell aus der IPV ausgetreten oder ausgeschlossen worden.9
Von jetzt an sind Fritz und Lore Perls weitgehend auf sich allein gestellt und von der psychoanalytischen Bewegung inhaltlich und räumlich isoliert. Sie beginnen damit, ihre bisherigen Erfahrungen zu überdenken und zu synthetisieren und können angstfrei mit einem veränderten Therapie-Setting experimentieren (z. B. die Arbeit im Sitzen mit Blickkontakt und die konsequentere Einbeziehung des Körpers). Im Jahre 1942 erscheint in Südafrika das erste Ergebnis ihrer gemeinsamen Überlegungen unter dem Titel: »Ego, Hunger and Aggression. A Revision of Freud’s Theory and Method«. (Dieses Buch ist lediglich unter dem Namen von Fritz Perls erschienen, ich werde aber regelmäßig von »den Perls’« usw. sprechen.). Die in dieser Zeit in Johannesburg anwesende Prinzessin Marie Bonaparte, eine Vertraute Freuds und Mitglied des Zentralvorstands der IPV, rät ihm nach der Lektüre des Buches, in dem Freuds und auch ihre eigene Auffassung des Libidobegriffs kritisiert werden, doch seinen offiziellen Austritt einzureichen, wenn er nicht mehr an die Libidotheorie »glaube«. Dass ein wissenschaftlicher Ansatz auf einem Glaubenssatz basieren soll, führt bei Perls innerlich zum endgültigen Bruch (vgl. F. Perls 1969/1981, 92). Als sich in Südafrika die nationalistischen Tendenzen massiv verstärken, bereiten die Perls ihre Auswanderung in die USA vor.
IV. New York
Karen Horney, die sich bereits 1941 von der orthodoxen New York Psychoanalytic Society getrennt hatte und deren innovative Arbeiten Perls schätzt (vgl. Bocian 1992a, Cavaleri 1992), ist bereit, für die Perls’ zu bürgen. F. Perls trifft 1946 in New York ein, diskutiert mit Paul Federn über seine unterschiedliche Auffassung von der Natur des Ichs und findet Anschluss an die sogenannte Washingtoner Schule. Zu dieser Gruppe gehören u. a. Erich Fromm, Frieda Fromm-Reichmann, Clara Thompson, und Harry Stack Sullivan, also teilweise alte Bekannte aus Deutschland. Sie waren 1941 zusammen mit Horney aus der orthodoxen New Yorker Vereinigung ausgetreten und hatten sich ihrerseits 1943 wieder von Horney getrennt, um einen New Yorker Zweig der von Sullivan gegründeten Washington School of Psychiatry zu gründen. Karen Horney und der Kreis der Washingtoner Schule werden auch als »Interpersonelle Kulturschule der Psychoanalyse« bezeichnet, da sie sich in interdisziplinärer Arbeit, zusammen mit Sozialwissenschaftlern, Kulturanthropologen etc., um ein Verständnis des Zusammenhangs von Kultur und Neurose bemühten. Außerdem bezeichneten sie Freuds Auffassungen als zu biologistisch und determinierend und zogen interaktive Elemente in die therapeutische Praxis mit ein. Erich Fromm, der anscheinend das Buch der Perls gelesen hatte, hilft F. Perls, eine Praxis zu finden, und Clara Thompson, eine Schülerin Ferenczis, versucht ihn als Lehranalytiker zu gewinnen. Er hält Ende 1946 oder Anfang 1947 für diese Gruppierung an deren New Yorker Ausbildungsinstitut (William Allison White Institut) einen Vortrag mit dem Titel »Planned Psychotherapy« (F. Perls 1979). Den beiden Perls’ werden durch das White-Institut, vor allem durch Clara Thompson, Klienten und Ausbildungskandidaten zur Analyse überwiesen.
Einer der Gründe, warum Fritz Perls nicht Mitglied des White Instituts wird,trotz großer Übereinstimmung in vielen Fragen, ist die seiner Ansicht nach nicht radikal genug ausfallende Kritik der bestehenden Gesellschaftsordnung, und eine Tendenz zur Vernachlässigung des Körpers, des Biologischen, etc. Diese durch Perls wahrgenommene Vernachlässigung ist sicherlich durch die historisch notwendige Betonung der sozialen Dimension durch die Kulturschule mitbestimmt, die sich gegen den herrschenden orthodoxen Triebdeterminismus richtete. Für Perls geht es bei der Washingtoner Schule einerseits zu viel um Fragen der sozialen Anpassung und zu wenig um die Reibung zwischen Organismus und Umwelt. Andererseits vermisst er die durch Gindler und Reich inspirierten körperorientierten praktischen Möglichkeiten, wie in der Therapie die verdrängten animalischen Elemente in die menschliche Persönlichkeit reintegriert werden können. Das Thema der Anpassung an die Gesellschaft ist auch zentral in der scharfen Kritik der Vertreter der Frankfurter Schule (Adorno, Marcuse, Horkheimer etc.) an den von ihnen sogenannten Neo-Freudianischen Revisionisten (Fromm und Horney), die 1946 einsetzte. Der Berliner Kontrollanalytiker der beiden Perls, der Linksfreudianer Otto Fenichel, hatte bereits 1944 mit einer Kritik an der Washingtoner Schule begonnen. Ihm folgte 1945 der Sozialkritiker, Schriftsteller und Anarchist Paul Goodman mit dem Artikel »Die politische Bedeutung einiger neuer Revisionen an Freud« (1945a/1989). Fenichel und Goodman nahmen in ihren Arbeiten Kritikpunkte der Frankfurter Schule vorweg (vgl. Kap. III). Die Perls hatten die Arbeiten Goodmans bereits in Südafrika mit Interesse zur Kenntnis genommen, und in New York kommt es zu einem fruchtbringenden Kontakt. Paul Goodman (1911-1972) ist ein Kenner der Werke von Freud, Reich, Rank, Groddeck, Sullivan und Abraham und hatte sich einer Reichianischen Körpertherapie beim jungen Alexander Lowen unterzogen.
Fritz Perls, Lore Perls und Paul Goodman bilden den Kern einer Gruppe in New York, die die grundlegenden Konzepte des dissidenten Psychoanalytikerpaares Perls zum Entwurf der Gestalttherapie weiterentwickelt (vgl. Perls, Hefferline, Goodman 1951: Gestalt Therapy. Excitement and Growth in the Human Personality).10 Im Zentrum dieses Entwurfs steht für mich nichts weniger als die gelungene Fortsetzung der Frankfurter und Berliner Versuche, das Verhältnis von Triebstruktur und Gesellschaft, von sinnlicher und sozialer Wirklichkeit des Menschen, integrativ zu fassen. Die entsprechenden Bemühungen waren durch den Aufmarsch des deutschen Faschismus und den Umstand, dass ihre deutschen Protagonisten in der Emigration mit ihren Konzepten und Arbeitsschwerpunkten auseinanderdrifteten, abgebrochen worden. Die Gestaltgründer entwickeln, wie das White Institut,11 feldtheoretische und interpersonelle Positionen, allerdings ohne die Bedeutung des Körpers und der Sinnlichkeit zu schmälern. So ist der gestalttherapeutische Entwurf für mich der Versuch, die polaren Wirklichkeiten des Menschen – die Biologie, das Innen, den Körper (z. B. der späte Reich), und das Soziale, das Außen, die Gesellschaft (z. B. die Interpersonelle Kulturschule) – mithilfe der Gestalt- und Feldtheorie in einer dialektischen Synthese aufzuheben.
Exemplarisch gelungen ist den beiden Perls’ und Goodman in diesem Zusammenhang etwa die dialektische Behandlung der Pole Anpassung und Konflikt.
Im Konzept der »schöpferischen Anpassung« werden zwei Positionen integriert: die optimistische Position der Interpersonellen Kulturschule, die das blockierte menschliche Wachstumspotenzial durch persönliche und gesellschaftliche Veränderung befreien will, und die pessimistische Freud’sche Kulturkritik, die vom unaufhebbaren Widerspruch zwischen Triebanforderungen und Gesellschaft und vom unabwendbar unterdrückten sinnlichen Es her argumentiert. Leben ist Wachstum, das sich in einem spezifischen Umweltfeld realisiert, und umfasst sowohl gegenseitige Anpassung als auch Konflikt und destrukturierende Aggression.
Dieser Versuch einer dialektischen Synthese und Integration betrifft nicht nur die Theorie und Praxis der Gestalttherapie, sondern gilt, zumindest was die Gründer angeht, für den ganzen Menschen. Goodmans Bemühungen, Politik und privates Leben zusammenzubringen, und seine bedeutende Rolle in der amerikanischen Jugend- und Studentenrevolte belegen dies ebenso, wie die Experimente von Perls mit alternativen Lebensgemeinschaften in der anarchistisch-utopistischen Tradition Martin Bubers und Gustav Landauers (vgl. Portele 1993).
Revision der analytischen Theorie
I. Freuds Ansatz
Als Lore und Fritz Perls in Südafrika ihr Verhältnis zur Psychoanalyse einer Revision unterzogen, taten sie das vor dem Hintergrund einer klaren Einschätzung der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. Freud bewegte sich in Wien lange in einem überwiegend ablehnenden Umfeld, wobei neben der Schulmedizin insbesondere die katholische Kirche sein mächtigster Gegner war. In den internen Auseinandersetzungen allerdings wähnte er sich zumeist im Besitz der Wahrheit, und die um ihn versammelte psychoanalytische Orthodoxie agierte oft mehr als Verteidigerin eines Glaubens denn als wahrheitssuchende Forschergemeinschaft. Dissidenten wurden oft pathologisiert und für psychisch krank erklärt, wie das unter anderem mit Adler, Jung, Ferenczi, Rank und W. Reich geschehen ist (vgl. Clark 1990). Perls:
Ich bin der Meinung, dass die Leute, die mit der Psychoanalyse in Berührung gekommen sind, von dem neuen Ansatz, der der Verschreibung von Beruhigungsmitteln, der Hypnose und der Überredungstherapie so weit überlegen war, so fasziniert waren, dass er für sie zur Religion wurde. Die meisten verschluckten die Theorien Freuds mit Haut und Haaren, ohne zu erkennen, dass diese blinde Übernahme die Wurzel einer Engstirnigkeit bildete, die viele Möglichkeiten seiner genialen Entdeckungen lähmte. Dabei kam ein Sektierertum heraus, das gekennzeichnet ist durch eine fast religiöse Gläubigkeit, leidenschaftliche Suche nach neuen Beweisen und eine herablassende Ablehnung aller Tatsachen, die geeignet gewesen wären, diese sakrosankten Denkungsarten zu stören. (…) Wenn jemand nicht an die »absolute Wahrheit« glaubte, war eine Theorie zur Hand, die die Komplexe und Widerstände des Skeptikers dafür verantwortlich machte. (F. Perls 1942/1991, 96)
Die Perls’ und Goodman haben viel aus der Geschichte der Psychoanalyse gelernt, und sie galt ihnen später als »Fallstudie über die Zähmung durch Respektabilität« (Perls et al. 1951/1991, 130) und »eine perfekte Illustration zu Max Webers Gesetz der Bürokratisierung der Prophetie« (a. a. O.). Die grundsätzliche Einschätzung Freuds, seiner grundlegenden Theorien sowie der Psychoanalyse als persönliche Erfahrung, blieb allerdings positiv (vgl. auch F. Perls 1969/1981, 46).
Trotz all dieser theoretischen Komplikationen und Widersprüche waren Freuds Libidotheorie und seine psychoanalytische Technik von unerhörtem Wert. Er ist der Livingston des Unbewussten, und er schuf die Grundlagen für seine Erforschung (F. Perls 1942/1991, 94). (…) Der prinzipielle Ansatz Freuds gegenüber den psychogenen Erkrankungen ist richtig. Eine Neurose hat einen Sinn; sie ist eine Störung der Entwicklung und der Anpassung; die Triebe und das Unbewusste spielen eine unermesslich viel größere Rolle im Menschen, als man sich jemals hat träumen lassen. Neurosen sind das Ergebnis eines Konfliktes zwischen Organismus und Umwelt. Unsere geistig-seelische Struktur wird stärker durch Triebe und Gefühle bestimmt als durch Vernunft. (a. a. O., 89)
In der Einleitung zum ersten Teil von »Gestalt-Therapie« (1951/1987) grenzen sich die Autoren von der »trivialen Kritik an der Psychoanalyse ab, die nichts als Widerwillen ausdrückt« (a. a. O., 27) und unterscheiden von den Leuten, die die Psychoanalyse aus Büchern kennen, diejenigen, die sie praktizieren oder ihr als Patienten begegnet sind und die dadurch in ihrer »Art zu sehen und zu handeln … eine Wandlung durchgemacht« (a. a. O.) haben. Für die Auseinandersetzung der beiden Perls mit der Psychoanalyse und Freud ist der polare Ansatz grundlegend: »Wenn eine Waage nicht im Gleichgewicht ist, muss man, um es wieder herzustellen, mehr Gewicht auf die leichtere Waagschale legen« (F. Perls 1942/1991, 213). Entsprechend richten sich die Kritiken von Anfang an gegen das einseitige Betonen einzelner Polaritäten, etwa der Kausalität, der Vergangenheit und der Sexualität, ohne genügende Berücksichtigung der notwendig dazugehörenden Ergänzungen, wie etwa der Zielgerichtetheit, der Gegenwart und des Hungertriebes (vgl. a. a. O., 89). Nachdem F. Perls begonnen hatte, den »Organismus ohne Libidobrille« (a. a. O., 88) zu betrachten, stellte er fest, dass er einen geistigen Stillstand überwunden und neue Einsichten gewonnen hatte, und er begann, in den Ansichten Freuds Widersprüche und Grenzen zu sehen, die ihm »zwanzig Jahre lang durch die Großartigkeit und den Wagemut seiner Konzepte verborgen geblieben waren.« (a. a. O.)
Das Grundgerüst der Revision von 1942 betraf drei Punkte. Die Perls’ (a. a. O., 14 f.) wollten:
a) »Die psychologische Auffassung durch eine organismische ersetzen;« – d. h. der Mensch wird konsequent in Theorie und in Praxis als eine psychophysische, eine leibseelische Einheit behandelt, die mit ihrer Umwelt notwendigerweise in Kontakt ist, wofür in der Tradition Goldsteins der Begriff Organismus steht.
b) »Die Assoziationspsychologie durch die Gestaltpsychologie … ersetzen;« – d. h. Wahrnehmung und die Bedeutung der Wahrnehmung werden durch den Kontext bedingt, in dem diese Wahrnehmung stattfindet. Wahrnehmung ist subjektiv-aktiv und hängt vom Bedürfnis, vom Hintergrund und vom Feld ab.
c) »Differenzierendes Denken auf der Grundlage der ›schöpferischen Indifferenz‹ von S. Friedländer« (a. a. O., 15) anwenden. – Hiermit ist dialektischpolares Denken gemeint, das für Perls dem Denken im Schema von Ursache und Wirkung überlegen ist, das er in Freuds einseitigem »archäologischen Komplex« (a. a. O., 96) sieht.
II. Dialektik und Psychoanalyse
Fritz Perls’ Verbindung zum Marxismus, sein erster »Guru« Salomo Friedlaender (a. a. O., 73 f.), ein Philosoph und expressionistischer Groteskenschreiber (Pseudonym Mynona) im Berlin der Zwanziger-Jahre, sowie seine Lehrzeit bei Wilhelm Reich brachten ihn in Kontakt mit der Tradition des dialektischen Denkens, die scheinbare Gegensätze als sich notwendig ergänzende Polaritäten betrachtet. Diese Tradition in der europäischen Geistesgeschichte ist alt und lässt sich, was die Einflüsse auf Perls angeht, neben der für ihn zentralen Figur Friedlaender/Mynona (vgl. Frambach 1996; Frambach & Thiel 2013) bei Schelling, Goethe, Nietzsche und Marx finden, aber auch in den Weisheiten des Taoismus, mit denen die beiden Perls’ ebenfalls früh in Berührung kamen. Die dialektische Methode, »ein Denken, das mit fließenden Prozessen zu tun hat« (W. Reich 1937, 14), ist für Perls der wertvolle Kern der dialektischen Theorien, deren metaphysische Folgerungen er ablehnt. Er wendet sich gegen »Hegels dialektischen Idealismus als einen philosophischen Versuch, Gott durch andere metaphysische Begriffe zu ersetzen«, (F. Perls 1942/1991, 15) und auch die Mischung von wissenschaftlicher Forschung und Wunschdenken, die er bei Marx mittlerweile sieht, ist für ihn »kein dialektischer Realismus« (a. a. O.), dem er folgen kann. Für Perls, wie für seinen Berliner Lehrer Reich, ist von Bedeutung, dass das Leben in Bewegung, im Fluss ist, sich die Einheit, ein stabiler Zustand, immer wieder in Gegensätze polarisiert, die sich ergänzen und die wieder zur Integration/Synthese kommen müssen. Dies ist ein alter romantisch-naturphilosophischer Gedanke, der praktische Folgen für die gestalttherapeutische Arbeit und ihre Sicht vom Menschen gehabt hat. Perls bezieht darüber hinaus den dialektischen Gesichtspunkt12 sowohl auf die Begrifflichkeiten der Psychoanalyse (wie er das auch noch später mit der Paarung Über-Ich/Top-Dog und Unter-Ich/Under-Dog getan hat) als auch auf die Gegensätze innerhalb der psychoanalytischen Bewegung. Der letzte Punkt unterscheidet ihn von den linken Berliner Analytikern (Bernfeld, Fenichel, Reich etc.), für die etwa die Verbindung zwischen Marxismus und Psychoanalyse im dialektischen Charakter beider Ansätze bestand, die als Psychoanalyse aber lediglich die Freud’sche Schule gelten ließen. Als Beispiel für die Dialektik innerhalb der psychoanalytischen Bewegung zieht Perls die zu seiner Zeit offiziellen Unvereinbarkeiten zwischen dem historisch denkenden »Epimetheus« (a. a. O., 101) Freud und dem futuristisch denkenden »Prometheus« (a. a. O.) Adler heran.
In Bezug auf Alfred Adler, dessen Individualpsychologie ja eigentlich Ganzheitspsychologie heißen müsste, möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass er historisch als erster einige notwendige Ergänzungen zu Freuds Ansichten entwickelt hat. Dass Adlers soziale, ich-psychologische und dialogische Ansätze immer wieder bei den Dissidenten der Freud’schen Psychoanalyse und ihren jeweiligen Schulen auftauchten, hängt mit der notwendigen Wiederkehr des Verdrängten zusammen. Die heutige Individualpsychologie (Antoch 1989, Heisterkamp 1993), die sich in Deutschland wieder als Psychoanalyse versteht, weist in ihrer Theorie und Praxis Überschneidungen mit der Gestalttherapie auf, was nicht zuletzt in gemeinsamen theoretischen Quellen (Gestaltpsychologie, Smuts Holismus, Lebensphilosophie) begründet liegt. Perls:
Leider bekämpfen Freudianer und Adlerianer einander, oder sie verbergen ihre gegenseitige Verachtung hinter einer pseudotoleranten, aber blinden Haltung, leben also in der besten Tradition des Sektierertums. Obwohl beide daran gewöhnt sind, in Gegensätzen zu denken – Freud generell, Adler gelegentlich (oben-unten; männlich-weiblich; überlegen-unterlegen) – weigern sie sich, sich selbst als Gegensätze zu sehen, die einander in vieler Hinsicht wechselseitig ergänzen. Außer mit der Betrachtung der Dialektik in der psychoanalytischen Bewegung, können wir uns auch mit der Dialektik der Psychoanalyse selbst befassen. Ausgehend vom Wort Psychoanalyse schlagen wir folgendes Ergänzungsschema vor:

(F. Perls 1942/1991, 79)
Diese Herangehensweise, divergierende therapeutische Ansätze als dialektische Ergänzungen zu betrachten, wird später in der New Yorker Diskussion fortgesetzt. Zu den inakzeptablen Spaltungen in der Theorie gehören für die Autoren folgende Gegensatzpaare: Körper und Seele, Selbst und Außenwelt, emotional/subjektiv und real/objektiv, infantil und reif, biologisch und kulturell, Poesie und Prosa, spontan und absichtlich, persönlich und gesellschaftlich, Liebe und Aggression sowie bewusst und unbewusst (vgl. Perls et al. 1951/1991, 24 f.).
Der gestalttherapeutische Entwurf von 1951 ist ein gelungener Versuch, unterschiedliche Strömungen der psychoanalytischen Bewegung, die sich auf bestimmte Bereiche der menschlichen Realität konzentriert hatten und voneinander abgrenzten, als sich ergänzende Polaritäten zu begreifen und ihre als wertvoll erachteten Erkenntnisse zu integrieren. Entsprechend heißt es zu den verschiedenen Schulrichtungen der Psychoanalyse: »Im großen und ganzen sind ja die verschiedenen Theorien logisch nicht unvereinbar, und häufig liefern sie sich gegenseitig nur gefällige Ergänzungen und indirekte Bestätigung« (a. a. O., 65). An anderer Stelle, nach der Auflistung der Kernpunkte des eigenen neuen Therapieansatzes, wird betont, »dass jedes der hier genannten Elemente in der Geschichte der Psychoanalyse bekannt ist«, (a. a. O., 19) und zurzeit ein Trend zur Synthese dieser Elemente besteht. Dann wird darauf verwiesen, dass Freuds Übertragungskonzept letztlich, wie die Gestalttherapie, mit der »Struktur der augenblicklichen Situation« (a. a. O.) arbeitet, ebenso wie die Vertreter der interpersonellen Schule und Reich mit seiner Charakteranalyse das tun. Weiterhin wird (feldtheoretisch) auf die »Integrität der augenblicklichen Situation« hingedeutet, der soziokulturelle, animalische und physische Faktoren innewohnen und deren zumindest teilweises Ernstnehmen sich in der Beachtung der psychophysischen Einheit (Reich) und der Einheit von Gesellschaft und Individuum (Sullivan) zeigt. Sodann wird hingewiesen auf »experimentelle Methoden« (a. a. O.) wie Ferenczis »Aktive Methode« (a. a. O.), Reichs körperbezogene charakteranalytische »Vegetotherapie« (a. a. O.) und Morenos Psychodrama, sowie auf Rank, Jung und die Pädagogen der »Progressive Education« (a. a. O.), die den »schöpferischen Ausdruck« (a. a. O.) als Mittel der Reintegration betrachten. Im Laufe einer Therapie ist es nötig,
den Ansatz zu verlagern, vom Charakter zur Muskelspannung, von da zum Sprachverhalten, dann zur emotionalen Verbindung mit dem Traum und wieder zurück. Wir sind der Überzeugung, dass es möglich ist, ein zielloses Kreisen zu vermeiden, wenn man sich gerade mittels der Zulassung aller Ansätze- um der Vielfalt des Kontextes willen – konzentriert auf die Struktur von Figur und Hintergrund und dem Selbst offene Chancen verschafft, nach und nach das Selbst zu integrieren. (a.a.O., 28 f.)
III. Kontaktpsychologie und Tiefenpsychologie
Dies führt zum nächsten wichtigen Punkt, nämlich zum Neuen, das durch den Integrationsprozess entstanden ist. Ich habe schon das Konzept der schöpferischen Anpassung erwähnt und will hier darauf zurückkommen. In der Gestalttherapie wird versucht, (dies ist eins ihrer anarchistischen Elemente), für den hilfesuchenden Klienten keine Norm aufzustellen in Bezug darauf, was das allgemeine und so auch für ihn gültige Therapieziel zu sein hat.
Das heißt, wir vermeiden das psychologische Vorurteil, was »normal« beziehungsweise »abnorm« sei; und von daher ist die Psychotherapie keine Methode der Korrektur, sondern vielmehr eine des Wachstums (a. a. O., 20).
Psychotherapie ist für die Gestalttherapie keine Krankenbehandlung im Sinne des herrschenden medizinischen Weltbildes und auch nicht auf eine solche reduzierbar, ohne ihre Identität zu verlieren (vgl. Bocian 1992b, Portele 1988). Wachstum bedeutet kreative Auseinandersetzung mit der Welt, bedeutet, nicht nur sich der Umwelt anzupassen, sondern auch, sich die Welt passend zu machen, verändernd auf sie einzuwirken und wieder verändert zu werden. Es bedeutet auch, es auf die eigene, individuell angemessene Art und Weise zu tun. Hiermit hängt das positive Verhältnis der Gestalttherapie zur Aggression zusammen (vgl. Blankertz 1990, 51 f., Dreitzel 1992, 66 f.), die für das Wachstum und die Destrukturierung (das Durchkauen und passend machen) des Wachstumsmaterials aus der Umwelt notwendig ist. Ein weiterer Punkt ist die neue Theorie vom Selbst oder vom Ich, der Kraft, die diese schöpferische Anpassung bewerkstelligt. An diesem Punkt kommt es zur Einbeziehung von Theorien außerhalb der Psychoanalyse. Die Bewusstseinstheorie der Psychoanalyse ist nicht ihre Stärke, in vielen orthodoxen Arbeiten bleibt das Bewusstsein, das Ich, letztlich rezeptiv, und, eingezwängt zwischen Es und Über-Ich, von der Umwelt isoliert, statt auch ein aktiver und erfinderischer Kontaktmacher zu sein, wie Goodman das ausgedrückt hat. Die Ergänzung bilden die Erkenntnisse
der gestalttheoretischen Revolution, die im Wesentlichen eine Rückkehr zu den Auffassungen der Antike war. … Wahrnehmung, Abstraktion und Problemlösung wurden nun als gestaltete und sich gestaltende Ganzheiten verstanden, als Erfüllung unerledigter Aufgaben oder Bedürfnisse. Man hätte nun eine sofortige Annäherung zwischen Gestaltpsychologie und Psychoanalyse erwarten sollen, eine Synthese zwischen Kontakt- und Tiefenpsychologie und damit zugleich eine funktionale Theorie von Selbst, Es, Ich und Persönlichkeit. Dies trat nicht ein. (Perls et al. 1951/1991, 193)
Es gab zwar Bemühungen von beiden Seiten, insbesondere von Seiten der Psychoanalyse (vgl. Waldvogel 1992), aber den konsequentesten Integrationsversuch haben meiner Ansicht nach die Perls’ und Goodman unternommen. So hat die Gestalttherapie auch an diesem Punkt die Weiterführung eines Projektes betrieben, das innerhalb der psychoanalytischen Bewegung begonnen wurde.
Mein Anliegen ist es, die Gestalttherapie, die sowohl tiefenpsychologisches wie systemisch-kontextuelles Arbeiten und Denken zu vereinen sucht, vom psychoanalytischen Hintergrund her zu betrachten. Die Polarität Gestalttheorie zum Hintergrund zu nehmen, ist genauso fruchtbringend und führt ebenfalls zu einer Vertiefung und Präzisierung der gestalttherapeutischen Figur. Hierher gehört der ganze Reichtum der mit der Gestalt-/Kontexttheorie verbundenen Feldtheorien, gehören die modernen System- und Selbstorganisationstheorien, der Konstruktivismus sowie deren Beziehung zu den östlichen Erkenntnistheorien des Buddhismus und Taoismus. Für diesen Kontext wird die Bedeutung der Ideen von F. Perls, von denen manche ihrer Zeit voraus waren, zunehmend erkannt und gewürdigt. Zudem gibt es fundierte Bemühungen, den Gestalt-Ansatz innerhalb dieser neuen Paradigmen zu definieren und erkenntnistheoretisch zu untermauern (vgl. grundlegend Portele 1989, 1989a, 1992, sowie Fuhr/Gremmler-Fuhr 1995, Klatte 1997, Mehrgardt 1995, Parlett 1992). Perls hat zunehmend innerhalb eines systemischen Paradigmas gedacht und gearbeitet, und Gestalttherapie kann durchaus schwerpunktmäßig als systemischer Ansatz betrieben werden, der »Störungen im Feld« (Perls et al. 1951/1991, 146 f.) behandelt (Gruppen- und Familientherapie, alternativ-pädagogische Projekte, Organisationsentwicklung etc.).
IV. Zur Revision der Triebtheorie
Hungertrieb und Triebzyklus
Wie viele der kreativen Psychoanalytiker (etwa Ferenczi, Rank, K. Landauer) geht auch F. Perls auf frühe Konzepte von Freud zurück, in diesem Fall auf die gegen 1910 von Freud vertretene Polarität selbsterhaltende Ich-Triebe versus selbsterweiternde Sexualtriebe. In einer der Schriften aus dieser Zeit spricht Freud (in Heigl-Evers, A. et al. 1993, 5) von Hunger und Liebe, als den beiden Elementarbegriffen, was an Schillers Verse aus »Die Weltweisen« erinnert:
Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sie das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe (in a.a.O.)13
Im gestalttherapeutischen Konzept wird aus Freuds eher dualistischer Sichtweise ein monistisch-dialektischer Ansatz, der Selbsterhaltung und Selbsterweiterung als einheitlichen Prozess fasst. »Das Grundgesetz des Lebens ist Selbsterhaltung und Wachstum.« (Perls et al. 1951/1991, 64) Zu diesem Wachstumsprozess gehört für Perls notwendigerweise Destrukturierung, Aggression, Durchkauen und Durcharbeiten. Entsprechend wird das Verhältnis von Aggression und Todestrieb anders eingeschätzt als bei Freud. Der grausam-mörderische Thanatos, der Todestrieb, Freuds später Monopolist für Aggression und Destruktion, meldet sich aus Sicht der Gestalttherapie als Resultat von Wachstumsblockaden, als gewaltsames Klopfzeichen verschütteten Lebens, wenn der kreative Eros des Selbst Repression erfährt oder ins Leere stößt. Dass Aggression auch ein Phänomen der Selbsterhaltung bei Bedrängung und Bedrohung ist und nicht lediglich Abkömmling des biologischen Todestriebes, wie beim späten Freud, haben innerhalb der Psychoanalyse nicht erst Kohut und die Säuglingsforschung entdeckt. Dies findet sich schon bei den Berliner Analytikern Ernst Simmel (1993, 228) und W. Reich sowie bei der Washingtoner Kulturschule. Reichs Formulierung, dass Aggression Teil jedes Triebes ist, wurde von Perls aufgegriffen (vgl. Bocian 1993), sodass Aggression nicht nur der Selbsterhaltung im Sinne von Abwehr dient, sondern auch der Selbsterweiterung im Sinne von Destrukturierung des für das Wachsen notwendigen Umweltmaterials. Nicht die Umwelt schlucken und introjizieren, sondern beißen, durchkauen, passend machen, kreativ assimilieren.
Das Triebleben wird von Perls von Anfang an als interaktionell verstanden, das innere Bedürfnis organisiert die Wahrnehmung, und die Umwelt kommt mit ihrem Aufforderungscharakter (Valenz) entgegen. Freud ist mit seiner Besetzungstheorie, nach der sich das Triebbedürfnis die benötigten Objektziele aus der Objektwelt durch Besetzung mit Libido schafft, für Perls (1942/1991, 45) der Figur-Hintergrund-Sichtweise der Gestaltpsychologie nahegekommen. Fritz Perls spricht von der »Gleichzeitigkeit von Trieb und Realität« und für ihn sind Aktion und Reaktion »ineinander verwoben«. (F. Perls a. a. O., 47) Im Mittelpunkt der von den beiden Perls’ in »Ich, Hunger und die Aggression« dargestellten »Triebtheorie« (a. a. O., 122) steht der Hungertrieb als Synonym für die »strukturelle Ähnlichkeit zwischen den Phasen unserer Nahrungsaufnahme und unserer geistigen Assimilation der Welt« (a. a. O., 137). Körper, Geist und Welt bilden im Wachstumsprozess eine Einheit, ein gemeinsames Feld. In Anlehnung an die Versuche Freuds, die menschliche Entwicklung in Libidostufen einzuteilen, schreibt Perls: »Die verschiedenen Entwicklungsstufen des Hungertriebes kann man als pränatale (vorgeburtliche), prädentale (Säuglings-), inzisorische (Beiß-) und molare (Beiß- und Kau-)Stufe klassifizieren« (a. a. O., 119). Perls versucht ansatzweise, die psychischen Aspekte dieser Stufen zu analysieren und er macht sich sozialpsychologische Gedanken über Hitlers »orale Technik« bei der Kriegsführung und dessen geschickte Ausnutzung der Identifizierungs-/ Abgrenzungsfunktion der Ich-Grenzen, bei der Bindung und Spaltung von gesellschaftlichen Gruppen (vgl. a. a. O., 159 f.).
Der psychophysische Hungertrieb realisiert sich in Form eines »Triebzyklus« (a. a. O., 76). Das Zuviel (Plus) oder das Zuwenig (Minus) des Organismus, das sein Gleichgewicht, seine Homöostase stört, löst immer wieder notwendig Umwelt-Kontakt und damit auch Wachstum aus. Es findet, in terminologischer Anlehnung an Goldstein und Reich, organismische Selbstregulation statt. Der Hungertrieb ist gewissermaßen der grundlegende Kontakttrieb, ob es sich um physische, geistige oder emotionale Nahrung handelt. Der in diesem Zusammenhang ganzheitlich verstandene Begriff »Kauen« entspricht für Perls dem »Durcharbeiten« Freuds (F. Perls 1969/1981, 240). Auf die zwischenmenschliche Ebene bezogen bedeutet dies (in freudianischer Terminologie), dass Grundtriebe und Objektbeziehungen eine dialektische Einheit bilden. Dies gehört zu den Erkenntnissen der modernen Objektbeziehungstheorien (ein schreckliches Wort), lässt sich aber, wie so manche ›Neuerung‹, in Grundzügen bereits bei den psychoanalytischen Freigeistern finden, die von der Orthodoxie so schwer auf Linie zu halten waren. Schon 1920 etwa sprach der Arzt und Anarchist Otto Gross, von der Sexualität des Kindes als »Trieb nach Kontakt im physischen und psychischen Sinne« (vgl. Hurwitz 1988, 265 f.). Paul Goodman macht in seiner Arbeit »Freuds Theorie der Denkvorgänge« (1954/1989, 67 f.) genau in diesem Sinne auf eine »Unstimmigkeit in Freuds Theorie der frühkindlichen Sexualität« (a. a. O., 69) aufmerksam:
Standen in Freuds frühen Arbeiten die erogenen Zonen noch in wechselseitiger Verbindung mit wesentlichen Lebensfunktionen, so definiert er ihren Charakter zunehmend als »autoerotisch«. Diese spätere Position macht jedoch wenig Sinn; denn das eigentliche physiologische Merkmal der erogenen Zonen – die sensitiven Schleimhäute – beweist, dass sie Kontaktorgane sind, ihre autoerotische Funktion muss zweitrangig sein. Sobald er diese zweitrangige Funktion an die erste Stelle setzte, musste Freud die frühkindliche Sexualität notwendigerweise mit dem seltsamen Wortungetüm »polymorphperverse« Anlage belegen. (a. a. O.)
Biologie und Soziales gehen zusammen und die Triebtheorie ist eigentlich eine Kontakttheorie. Die Perls’ (1942/1991) betonen, »dass das organismische Gleichgewicht durch einen Zyklus erlangt wird, den wir den Stoff wechsel zwischen Organismus und Welt genannt haben« (a. a. O., 75). An anderer Stelle nennen sie ihn »den Zyklus der Interdependenz von Organismus und Umwelt« (a. a. O., 49), was einem gestalttheoretischen Sprachgebrauch entspricht.14 Hieraus wird in New York das Kontaktzyklusmodell mit den Phasen Vorkontakt, Kontaktnahme, Kontaktvollzug, Nachkontakt, das auch in Form einer auf- und absteigenden Welle (Kontaktkurve) darstellbar ist, die sich an Reichs Orgasmuskurve anlehnt (ebd., 181). Dieses Grundmodell für Kontakt und Wachstum verknüpft sich mit der neuen Theorie des Selbst, stellt sozusagen dieses Selbst in interagierender Aktion dar. Wird es bei der Entfaltung seiner Interaktionen gehemmt, kommt es zu Unterbrechungen der Kontaktkurve, zu Kontaktstörungen, Wachstumsblockaden oder neurotischen Störungen (vgl. Dreitzel 1988, B. Müller 1988).
V. Die Theorie des Selbst und die Erfahrung des Selbst
1. Das Selbst als Prozess
Ausgangspunkt für die durch die beiden Perls’ in Zusammenarbeit mit Paul Goodman entwickelte Theorie des Selbst ist Perls’ Unzufriedenheit mit dem psychoanalytischen Ich-Begriff. Er kritisiert Freuds Ansicht, das Ich sei aus Identifikationen oder Introjekten aufgebaut. Für ihn ist diese Anschauung zu undialektisch, es fehlt ihm neben dem An- und Hineinnehmen das Ablehnen und Ausstoßen. Die Funktionen von Plus und Minus, Anziehung und Abstoßung, Identifizierung und Abgrenzung, Kontakt und Rückzug gehören zusammen. Perls wehrt sich gegen die Ontologisierung einer Ich-Substanz (hierin Groddeck ähnelnd) und definiert das Ich als Grenzfunktion. Es geht ihm um das Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden, um die »Dialektik der Ich-Grenzen« (F. Perls 1942/1991, 153), wenn er Paul Federn kritisiert:
Die Theorie Federns zeigt einen deutlichen Fehler und eine Einseitigkeit. Der Fehler besteht darin, dass er das Ich als Substanz mit Grenzen ansieht, während nach meiner Ansicht nur die Grenzen, die Kontaktstellen, das Ich ausmachen. Nur wo und wenn das Selbst dem »Fremden« begegnet, beginnt das Ich zu funktionieren, zu existieren, die Grenze zwischen dem persönlichen und dem unpersönlichen »Feld« zu bestimmen. (a.a.O., 155)
Den Begriff Selbst in einem identitätsstiftenden und integrativen Sinne zu benutzen, ist zu dieser Zeit in der orthodoxen Psychoanalyse nicht gängig, findet sich aber bei Wilhelm Reich, Karl Landauer und vor allem bei Karen Horney, von deren Arbeiten Kohut für seine Selbstpsychologie anscheinend gelernt hat, ohne das zu erwähnen. Außer den Funktionen von Identifizierung und Abgrenzung hat das Ich für die Perls’ auch eine »integrierende Funktion … es verbindet die Handlungen des ganzen Organismus mit seinen vordringlichsten Bedürfnissen« (a.a.O., 157). Es organisiert also das Begehren.
In »Gestalt-Therapie« werden Perls Ansätze ausgearbeitet und es wird eine Kritik an psychoanalytischen Theorien des Selbst vorgenommen. Exemplarisch sehen die Perls und Goodman die »Mängel dieser Theorien des Bewusstseins (die im Allgemeinen als Theorien des Ichs deklariert werden)« (1951/1991, 179) bei Paul Federn und Anna Freud. Sie gehen davon aus, dass »die Funktion des Selbst von Freud selbst zutreffender behandelt wurde, abgesehen davon, dass er, aufgrund einer falschen Theorie der Verdrängung, die schöpferischen Leistungen des Selbst meist dem Unbewussten zuschreibt« (a. a. O., 179).
1.1 Kritik des »müßigen« und des »isolierten« Selbst
Die Hauptkritik an Anna Freuds Buch »Das Ich und die Abwehrmechanismen«, das grundsätzlich als »verdienstvoller Beitrag« betrachtet wird, ist die Beschreibung des Ich als passiv wahrnehmend, als »müßig« beim Ablauf ungestörter Lebensprozesse. In Anna Freuds Teminologie dringt die Es-Regung in das Ich vor, das nichts gegen sie einzuwenden hat, ihr seine Kraft zur Verfügung stellt und sich darauf beschränkt wahrzunehmen. Dies ist für Perls und Goodman ein falsches Bild des gesunden Zustandes.
Gewahrsein ist nicht müßig; es ist Orientierung, Einschätzung, Sichnähern und Auswählen einer Technik, und es steht überall in funktionellem Wechselspiel mit dem Zugreifen und mit der anschwellenden Erregung des dichter werdenden Kontakts … Die Es-Funktion wird mehr und mehr zur Ich-Funktion, bis zum Kontaktvollzug und zur Befriedigung, also genau das Gegenteil, was Anna Freud behauptet. Gerade unter glücklichen Umständen, wo sich Es und Ich in Harmonie befinden, wird die schöpferische Leistung des Gewahrseins am deutlichsten (a. a. O., 180).
Zum Hintergrund dieser Passage gehört Goodmans Einschätzung, dass Freud für die gestalttherapeutische Theorie vom Selbst mit seiner Arbeit »Hemmung, Symptom und Angst« von 1926 wichtige Hinweise geliefert hat (vgl. Goodman 1945/1989, 77, 86). Freud schreibt dort:
Die Scheidung des Ichs vom Es scheint gerechtfertigt, sie wird uns durch bestimmte Verhältnisse aufgedrängt. Aber andererseits ist das Ich mit dem Es identisch, nur ein besonders differenzierter Anteil desselben. Stellen wir dieses Stück in Gedanken dem Ganzen gegenüber, oder hat sich ein wirklicher Zwiespalt zwischen den beiden ergeben, so wird uns die Schwäche dieses Ich offenbar. Bleibt das Ich aber mit dem Es verbunden, von ihm nicht unterscheidbar, so zeigt sich seine Stärke (Freud 1991, 14).
In »Gestalt-Therapie« wird auf diesen Gedanken Bezug genommen, der das Konzept eines dynamisch differenzierten Ganzen, eines Selbst, das seine Kraft aus dem integrativen Zusammenspiel von Es- und Ich-Funktionen bezieht, ahnen lässt. Die Ich-Funktion kann eine Triebregung als eigene anerkennen, »sie einen Teil des Grundes sein lassen, in dem die nächste Figur sich entwickeln wird. (Dies ist es, was Freud meinte, wenn er davon ausging, daß das Ich Teil des Es sei …)« (Perls et al. 1951/1991, 208).
Neben der »Kritik einer Theorie, bei der das Selbst müßig geht« (a. a. O., 179) wird am Beispiel Paul Federns eine Theorie kritisiert, »die das Selbst in festen Grenzen isoliert« (a. a. O., 182). Im Unterschied zu Anna Freud definiert Federn das Ich als eine mit psychischer Energie besetzte spezifische psychosomatische Einheit, die wesentlich auch so empfunden und gefühlt wird. Für Lemche (1993, 25, 102) ist an diesem Punkt Paul Federn als ein Vorläufer der Selbstpsychologie zu betrachten. Das Problem für Perls und Goodman ist die Isolierung dieser Wahrnehmung in Grenzen. Diese Betonung ist allerdings aus dem Kontext Federns heraus verständlich, der als einer der ersten Psychoanalytiker mit Menschen in psychotischen Zuständen gearbeitet hat. Perls und Goodman:
Wenn das Kontaktsystem wesentlich (und nicht nur manchmal und als strukturelle Besonderheit) die Eigenwahrnehmung der Individualität innerhalb bestimmter Grenzen ist, wie soll es dann möglich sein, mit der Realität außerhalb dieser Grenzen in Kontakt zu treten? … Das System des Gewahrseins muss daher auf irgendeine Weise zu der »äußeren« Realität direkten Kontakt haben; das Gefühl seiner selbst muss über die Eigenwahrnehmung der Individualität hinausgehen. (a. a. O., 183)
1.2 Eine Feldtheorie des Selbst
Die tieferen Ursachen für die Fehleinschätzungen in den Theorien des Ichs sehen Perls und Goodman in vier miteinander verknüpften Punkten: in den philosophischen Spaltungen, die die Trennung von Leib, Seele und Außenwelt begünstigen, in der Furcht der Gesellschaft vor gestaltender Spontaneität, dem historischen Gegensatz von Tiefenpsychologie und allgemeiner Psychologie (v. a. Gestaltpsychologie) und der Trennung der aktiven und passiven Techniken der Psychotherapie (vgl. a.a.O., 186). Die kühne Theorie eines Selbst, das bei gutem Funktionieren weder passiv-müßig noch aktiv-absichtsvoll, sondern im mittleren Modus schöpferisch-kreativ, wie ein Künstler oder Kind, in seinem Werk aufgeht, »sprengt die Trennung zwischen Geist, Körper und Außenwelt« (a. a. O., 184). Das Selbst ist es, das in Kontaktsituationen die sinnvollen Gestalten im Feld mithilfe des Figur/Hintergrund Prozesses bildet und erschafft. Noch deutlicher und die Gestalttherapie mit den neuen Systemtheorien verbindend:
Wir haben gesehen, dass der konkrete Gegenstand jeder biologischen oder soziopsychologischen Forschung immer ein Organismus/Umwelt-Feld ist. Es gibt keine Funktion eines Lebewesens, die anders denn als Funktion eines solchen Feldes zu definieren wäre. (a.a.O., 166)
Die zweite Freud’sche Strukturtheorie (Es, Ich, Über Ich) wird modifiziert. Das prozesshafte Selbst bringt »spezielle Strukturen für spezielle Zwecke« hervor. In »Gestalt-Therapie« werden erst einmal nur drei der möglichen Partialstrukturen besprochen, nämlich das Es, das Ich und die Persönlichkeit, die in anderen Theorien jeweils für die ganze Funktion des Selbst gehalten worden sind (vgl. a. a. O., 172). Bevor ich hierauf eingehe, ist es nötig, einen weiteren Revisionspunkt anzusprechen, der eng mit der neuen Sicht des Selbst verbunden ist.
2. Die Einheit von Primär- und Sekundärprozess
Freud unterscheidet zwei »Denkvorgänge« bzw. »Funktionsweisen des psychischen Apparates«. In seinem Buch »Traumdeutung« (1993, Kapitel VII, E.) definiert er die Traumtätigkeit, die er dem Unbewussten und der Seelenfunktion der frühen Lebensjahre zuordnet, als »Primärvorgang«. Es handelt sich um das freie Abströmen von Energie und Erregung, um andere Gesetzmäßigkeiten als in der Welt des Verstandes, es geht nach Freud um die Herstellung einer »Wahrnehmungsidentität«. Der sich später »durch die Not des Lebens« (Freud) herausbildende, die Energie bindende, den Lust wollenden Primärprozess überlagernde und hemmende Sekundärprozess wird vom Realitätsprinzip und von Denkvorgängen (»vorbewusst und bewusst«) bestimmt. Er bildet sozusagen das reife und erwachsene Gegenteil des infantilen Primärprozesses und strebt nach einer »Denkidentität«. So war für Freud nur der unbewusst-primärprozesshafte Traum »eine Welt, die nicht von festgelegten Wesen, sondern von plastischen Handlungen geprägt war und dadurch kreativen Prozessen entsprach …« (Perls et al. 1951/1991, 57).
Perls und Goodman bestimmen das Verhältnis von Primär- und Sekundärvorgang anders und schreiben den frühkindlichen Wahrnehmungsprozessen eine Ganzheitlichkeit und integrative Kraft zu, wie sie mittlerweile auch durch die moderne Säuglingsforschung vertreten wird (vgl. Dornes 1993).
Wir würden sagen, der Primärvorgang – eine Einheit von Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Gefühlsfunktionen, bei der man besser nicht von »Denken« sprechen sollte – erschafft eine Realität; der Sekundärvorgang, der von dieser Einheit abstrahiert, ist Denken, das die Realität widerspiegelt … Der Primärvorgang, der eine Einheit der Wahrnehmungsrealität herstellt, ist die spontane Kontaktaufnahme; er wird jedoch von Freud ausschließlich mit den Traumvorgängen gleichgesetzt. Kunst, Lernen, Sicherinnern und Aufwachsen werden vom Primärvorgang radikal geschieden … Was brachte Freud dazu, sich eine solche Überlagerung des Primären durch das Sekundäre vorzustellen, statt ihrer gesunden Einheit in einem System zugänglicher Erinnerungen? (Perls et al. 1951/1991, 237 f.).
Ein Grund liegt darin, dass Freud glaubte, dass die soziale Außenwelt, die den Primärvorgang hemmt und den Sekundärvorgang auslöst, unveränderlich sei, dass Kultur (die »Realität«) also unabänderlich Triebunterdrückung bedeutet und dass das kulturangepasste »Reife« das kindlich »Infantile« notwendig kontrollieren und verdrängen müsste (a. a. O., 58). Ein anderer Grund ist, dass Freud eine rein verbale Therapiepraxis betrieb.
Ergebnis seiner Therapiepraxis war daher, dass er das dynamische, spontane »Denken«, das er beobachtete, weder mit der Umwelt noch mit dem Körper verbinden konnte; also steckte er eine eigene Sphäre dafür ab, die des »Unbewussten« (a. a. O., 239).
Eine Stelle aus der »Traumdeutung« in Bezug auf den primären Denkvorgang (Freuds Traumpsychologie gilt den Autoren als »unsterbliche Einsicht« a. a. O., 57) gibt allerdings Anlass, in Freud doch noch einen heimlichen Bundesgenossen zu sehen.
Einige andere Beobachtungen kommen hinzu, die Auffassung zu stützen, dass diese inkorrekt genannten Vorgänge nicht wirklich Fälschungen der normalen ›Denkfehler‹ sind, sondern die von einer Hemmung befreite Arbeitsweise des psychischen Apparats (Freud in Perls et al. a. a. O., 57, Freud 1993, 592).
Auf der Basis dieses Gedankens wird eine liebevoll-schelmische Freud-Deutung vorgenommen:
Die Traumvorgänge sind überhaupt nicht inkorrekt, sie sind der Zugang zur Realität; stattdessen bin ich es, in der Lebenshöhe, der die Realität verloren hat. Und weil er dies sagen will, dreht sich das ganze System der Freudschen Psychoanalyse um das »Infantile« – und das zu Recht, denn vor allem in der Kindheit fand ein ungehemmter Prozess statt, der eine Realität schuf, die nicht nur Traum war. Inkorrekt war der Gedanke, dass sich später eine neue gesunde Einheit ausbilde, der Sekundärvorgang, denn eben dies war die epidemische Neurose (Perls et al. a. a. O., 239).
3. Kind und Künstler
Mit dem Versuch, die Spaltung von Primär- und Sekundärvorgang aufzuheben, geht eine im Unterschied zur orthodoxen Psychoanalyse positivere Einstellung zum künstlerischen Schaffen und zur Kindheit einher. Künstler und Kunstschaffen, Kinder und das kindliche Spiel werden von Perls und Goodman oft als Beispiele gesunder Lebensprozesse und funktionierender Integration angeführt. (Für Lore Perls waren auch die Grundkonzepte der Gestalttherapie philosophisch-ästhetischer Natur, und ihre Praxis eher Kunst als geplante Wissenschaft.) Es liegt nahe, dass Lore Perls mit ihrer praktizierenden Verbindung zur klassischen Musik, zum Ausdruckstanz und zur Literatur, Fritz Perls mit seinen Berliner Kontakten zum Max Reinhard Theater, zum Bauhaus und zum Expressionismus und der Schriftsteller Paul Goodman künstlerisches Schaffen nicht als »Triebschicksal« und »Ersatzhandlung« betrachteten, sondern als Ausdruck eines schöpferischen Gestaltungsdranges (vgl. auch L. Perls 1989, 33 f.). Otto Rank, dessen Werk insbesondere über Goodman Einfluss auf die Gestalttherapie gewonnen hat, sieht dies in seinem Buch »Art and the Artist« von 1932 ähnlich und gehört damit, innerhalb der analytisch orientierten Literatur, zu den wenigen Ausnahmen (vgl. B. Müller 1989).
In »Gestalt-Therapie« kritisieren die Autoren Karen Horney und bemängeln, dass Horney der Aufarbeitung der Kindheit in der Therapie einen zu geringen Platz einräumt. Sie nehmen Bezug auf Ernest G. Schachtel, einen ehemaligen Mitarbeiter von Erich Fromm und der Frankfurter Schule, den Wyss (1991, 224 f.) den Neo-Analytikern zuordnet. Schachtel hat sich kritisch mit Freuds Affekttheorie auseinandergesetzt, anscheinend eine Art Kleinkindforschung betrieben und die Wahrnehmung ebenfalls als einen schöpferischen Prozess aufgefasst. Perls und Goodman argumentieren gegen Horney:
Die kindlichen Gefühle sind von Bedeutung nicht als etwas Vergangenes, dessen man sich entledigen müsste, sondern als einige der schönsten Kräfte im Leben des Erwachsenen, die wiederhergestellt werden müssen: Spontaneität, Fantasie, Unmittelbarkeit im Gewahrsein und im Zugriff auf die Umwelt. Notwendig ist es, wie Schachtel gesagt hat, die kindliche Welterfahrung wiederherzustellen, das heißt, nicht die faktische Biographie herauszuarbeiten, sondern den »Primärvorgang des Denkens«.(Perls et al. 1951/1991, 85)
Es geht um die
wunderbare Erfahrung ästhetisch-erotischer Versunkenheit, wo das spontane Gewahrsein und die Muskulatur die Umwelt in sich aufnehmen und in ihr wie selbstvergessen tanzend aufgehen, in Wahrheit aber voller Gefühl für die tieferen Anteile des Selbst sind, die der höheren Bedeutung der Sache entsprechen (a. a. O., 45). Speziell für die Psychotherapie: Habituelle Vorbedächtigkeit, Faktengläubigkeit, Interessenlosigkeit und übermäßiges Verantwortungsbewusstsein sind neurotisch; Spontaneität, Fantasie, Ernst und Verspieltheit, direkter Ausdruck von Gefühlen – diese Merkmale von Kindern sind dagegen gesund. (a. a. O., 94)
Vieles von diesen Gedanken, auch in Abgrenzung zu Freud, lässt sich bei Georg Groddeck finden, dem das Es für eine übergeordnete schöpferische Einheit stand und der im Leben wie im Denken ein ebenso eigensinniger und unkonventioneller Mensch war wie Perls und Goodman (vgl. Will 1987, Danzer 1992).
4. Das Selbst als Erfahrungsbegriff
Hier soll es um die verschiedentlich behauptete Unvereinbarkeit zwischen dem gestalttherapeutischen Konzept des Prozess-Selbst, das einseitig Goodman zugeschrieben wird, und dem Fritz Perls zugeschriebenen Konzept des Selbst als einer einheitlichen und abgegrenzten Struktur gehen.
In der gestalttherapeutischen Theorie des Selbst, die das Selbst als Prozess, als ständigen Fluss der in Selbstregulation entstehenden und vergehenden Figur-Hintergrundbildungen definiert, gibt es keine Teilung des Menschen in Substanzen im Sinne der Freud’schen Strukturtheorie. Die gestalttherapeutische Selbst-Theorie ähnelt hier der Sichtweise des Buddhismus, insbesondere des Zen-Buddhismus, der nicht nur auf die Gestaltgründer, sondern auch auf Karen Horney und Erich Fromm starken Einfluss ausgeübt hat (vgl. Bocian 1988, Frech 1995). Das Selbst bringt Funktionen und Teilstrukturen hervor, die, sich gegenseitig ergänzend und unterstützend, im Kontaktprozess ineinander übergehen. In gewisser Weise greifen Perls und Goodman den dynamischen Aspekt der von Freud in »Das Ich und das Es« 1923 vorgelegten Strukturlehre (zweites topisches Modell) auf. Freud hatte die Instanzen Es, Ich und Über-Ich als eine entwicklungspsychologische Differenzierung innerhalb des »psychischen Apparates« beschrieben und sah sie nur unscharf voneinander getrennt ineinander überfließen und sich überschneiden. Fürs erste arbeiten Perls und Goodman mit den Begriffen Es, Ich und Persönlichkeit. Der letzte Begriff ist ein Synonym für Identität. Ein Über-Ich als substanzielle Einheit wird von der Gestalttherapie nicht akzeptiert. Die gesellschaftliche Moral, die sich im Individuum einnistet, und die soziale Repression, die sich in Selbstunterdrückung oder Selbstkolonialisierung (wie Goodman sich ausdrückt) umwandelt, kommen in Form von Introjekten vor. Diese bringen die flexible Identifizierungs-/Abgrenzungsfunktion des Ichs zum Erstarren und produzieren Charakter, vorhersagbare Gewohnheiten. In der Frage des Über-Ichs, die hier als Machtfrage betrachtet wird, folgt die Gestalttherapie Wilhelm Reichs Intention, die versucht, die Moral zur Selbstbeherrschung und die moralischen Instanzen, die die Interessen von Staat, Moralphilosophie und Religion vertreten, durch eine »Selbststeuerung des Handelns« (Reich 1929/1983, 180) zu ersetzen. Reich und Perls/Goodman setzen hiermit auch die Arbeit von Otto Gross fort, der eine Anti-Introjektionstheorie gegen die Macht des/seines Vaters und der Gesellschaft skizziert hat und dem es um die Eigensinn fördernde Lösung des inneren wie äußeren Konfliktes zwischen dem »Eigenen und dem Fremden« ging (vgl. B. Nitzschke 1985, 213 f.). Zudem liegt diese den Eigenwillen betonende Haltung auf der Linie von Otto Ranks therapeutischem Ansatz.
In Momenten, in denen ich mich im Tanz mit den Gegebenheiten befinde, im Spiel, beim künstlerischen Schaffen, beim Liebe machen etwa erlebe, oder besser bin ich das, was in der Theorie vom Selbst beschrieben wird. In vielen Alltagssituationen, und gerade in der Therapie, geht es aber um das Erleben und Erleiden von Spaltungen und Abtrennungen. Dann erlebe ich als meine Existenzweise, was in der Selbst-Theorie lediglich als eine »Abstraktion« aus dem Gesamtfeld bezeichnet wird, etwa ein separiertes Ich, das an seiner Abgetrenntheit wie an seiner Zerrissenheit leidet. Aber »diese Abstraktionen sind plausibel, vielleicht unausweichlich, ausgenommen in Augenblicken tiefer Versunkenheit« (Goodman 1992, 21).
Perls und Goodman haben meiner Ansicht nach das Selbst dialektisch sowohl als Prozess wie auch als einheitliche Struktur, als Gestalt, aufgefasst.
4.1 Perls – Das integrierte Selbst
Die holistische Theorie von Jan Smuts, neben Friedlaender/Mynona der wichtigste direkte philosophische Einfluss auf F. Perls, enthält die metatheoretische Grundlage für die gesamte Theorie des Selbst (Ganzheit, Assimilation, Wachstum, das Schöpferische, die systemische Vernetzung etc.). Perls hat Zeit seines Lebens die holistisch/feldtheoretische Position beibehalten und auf der Grundlage der mit Goodman konzipierten Theorie des Selbst gearbeitet In keinem seiner Bücher unterlässt er es, auf diese feldtheoretischen Grundlagen hinzuweisen. In seinem letzten Buch (ich will mich auf den späten Perls beziehen, weil hier meist die Kritiken ansetzen) betont er:
Kein Individuum ist sich selbst genug; das Individuum kann nur in einem umgebenden Feld leben. Das Individuum ist in jedem Augenblick Teil eines Feldes. Sein Verhalten ist eine Funktion des ganzen Feldes, das ihn und seine Umwelt einschließt (F. Perls 1979, 34).
Als Dialektiker (und das sind manche Kritiker anscheinend oft nicht) sieht er aber, dass auch eine ausschließlich systemische Sichtweise nur eine Abstraktion darstellt.
Unser Ansatz, der das menschliche Wesen gleichzeitig und von Natur aus als Individuum und als Mitglied der Gruppe sieht, gibt uns eine breitere Operationsbasis (a. a. O., 70). … Tatsächlich ist die ganze Organismus/Umwelt Relation eine dialektisch differenzierte Einheit. Sie ist biologisch differenziert als Organismus und Umwelt, psychologisch als das Selbst und die anderen, moralisch als Selbstsucht und Altruismus, wissenschaftlich als Subjekt und Objekt usw. (a. a. O., 40).
Als Therapeut, also im Rahmen der psychologischen Dimension des Feldes, wusste Perls um die Spaltungen und Zerissenheiten des leidenden Einzelmenschen, um die unterentwickelte Selbstkohärenz und die Brüche im Kernselbstempfinden, wie moderne Psychoanalytiker das heute ausdrücken. In der Therapie geht es Perls um Fragen der Selbsterfahrung, um das Selbst als Erfahrungsbegriff. Peter Passett (1983) hat in Bezug auf die Kritik an Kohut, dass dieser den Rahmen der psychoanalytischen Theorie verlassen würde, argumentiert, dass zwischen Metapsychologie und Therapie differenziert werden muss. Freuds Strukturtheorie der Psyche bewege sich teilweise auf hohem Abstraktionsniveau. Demgegenüber habe Kohut das Selbst vor allem als »erfahrungsnahe psychische Konstellation gefasst, die näher bei dem liegt, was man in der Alltagssprache mit dem Wort ›ich‹ meint« (a. a. O., 173). Das gilt an dieser Stelle auch für Perls, dem es meiner Ansicht nach in der Praxis um das tiefe Erleben des »Ich selbst« geht.15 Es geht ihm um Integration, um die größtmögliche Wiederherstellung der Ganzheit und er will »Lücken in der Persönlichkeit ausfüllen« (Perls 1969/1986, 11). Vor dem Hintergrund der nicht erst durch Fritz Nietzsche für die europäische Kultur konstatierten fundamentalen Spaltung zwischen Körper und Geist sieht er die Ich-Grenze mitten durch die Person verlaufen und Dr. Jekyll von Mr. Hyde trennen (vgl. F. Perls 1980, 161). Perls benutzt in diesem Zusammenhang für den vernachlässigten sinnlich-animalischen Pol, auf den er sein Augenmerk richtet, Formulierungen und Begriffe wie »das Alphabet des sich Selbst Fühlens« (1942/1991, 198), biologisches und natürliches Selbst, »spontanes Selbst« (a. a. O., 245). Er spricht von einem »intra-organismischen Feld« (a. a. O., 255) und seine therapeutische Arbeit »zielt auf eine Synthese ab, auf Integration – die Wiederherstellung des Kontaktes zwischen den isolierten Teilen (der) Persönlichkeit« (a. a. O., 80). Aus der Sicht der Diskussion um die sogenannten strukturellen Störungen ist diese Formulierung von 1942 erstaunlich modern (vgl. H. Beaumont 1987a, 45 f.). In Abwandlung des bekannten Freud’schen Gedankens, dass aus Es Ich werden soll, müsste es bei Perls ganzheitlich-integrativ heißen: Es und Ich sollen Selbst werden.
4.2 Perls und Goodman – Das Selbst als »accepted ground«
In der Theorie des Selbst geht es um mehr als um Therapie, es geht um eine neue systemische Sichtweise des Menschen, um ein neues Paradigma. Die Theorie des Selbst ist umfassender als die verwandten Auffassungen der Objektbeziehungstheorien, die sich im Sinne von Perls auf die psychologische Dimension (»das Selbst und die anderen«) des Organismus/Umwelt-Feldes beschränken (vgl. F. Perls 1980, 121, 130). Aus therapeutischer Sicht könnte man jedoch dem Modell eines prozesshaften Selbst vorwerfen, dass es beispielsweise nicht genügend die Bedeutung von leibgegründeter ontologischer Sicherheit berücksichtigt bzw. die Bedeutung von konservativen Systemen für die Identität vor lauter Betonung des Neuen und sich Verändernden unterschätzt. Perls und Goodman waren sich aber meiner Ansicht nach über den Charakter ihres Entwurfs im Klaren. Natürlich haben sie recht, wenn sie schreiben: »Die Definition eines Lebewesens bezieht … seine Umwelt mit ein« (Perls et al. 1951/1991, 43). Richtig, denn hier wie an anderen Stellen (a. a. O., 166) wird von »definieren« gesprochen und nicht von erleben. Sie sind sich des Unterschieds von Konzept und Erfahrung bewusst: »Das heißt, in einer paradiesischen Welt spontaner Identifikation und Entfremdungen, ohne absichtliche Einschränkungen, wäre (Hervorhebung B.B.) das Ich nur eine Phase im Prozess des Selbst« (a. a. O., 175). Es ist auch stimmig, davon auszugehen, dass bei der Theorie des Selbst Introspektion als hauptsächliche Methode der Beobachtung ungeeignet ist, denn Introspektion ist Wahrnehmung der psychophysischen Einheit bei Ausschluss der Außenwelt (vgl. a. a. O., 184 f.). Das »introspektive Ich« ist eine absichtlich einschränkende Haltung, die als neurotisch gelten muss, wenn sie außerhalb des Gewahrseins bleibt. Geschieht Introspektion allerdings »innerhalb des Gewahrseins …, dann bilden das abgegrenzte Selbst und sein aktives Zentrum eine gute Gestalt« (a. a. O., 185).
In der Theorie des Selbst bildet sich das Selbst nur am Neuen, es fühlt nicht so sehr »die eigene Existenz als vielmehr die Einheit der Kontakte« im Feld (a. a. O., 182). Nach Ablauf des Kontaktzyklus erlischt dieses Selbst quasi und was bleibt, ist der gewachsene Organismus mit neuen Grenzen (a. a. O., 226), erweiterten Ich-Grenzen, wie Perls sagen würde. Für die therapeutische Praxis ist es von Bedeutung, dass dieses Konzept natürlich nicht ein Erleben ausschließt wie »das Gefühl des Organismus von sich selbst als einem ›Ich‹ (accepted ground) …« (a. a. O., 215).16 Accepted ground – Goodmans Begriff für Selbstgefühlsphasen leibgegründeter Ganzheit, existenzieller Sicherheit und Identität.
Die Gestalttherapie arbeitet auf Grundlage der Vorstellung eines sich dem Kontext entsprechend dialektisch ausdifferenzierenden Feldes (z. B. in Organismus und Umwelt, das Selbst und den Anderen, Individuum und Gesellschaft etc.). Lore Perls, Fritz Perls und Paul Goodman haben sich ihren persönlichen Schwerpunkten entsprechend theoretisch und praktisch im Rahmen unterschiedlicher Dimensionen dieses Feldes bewegt. Hier lediglich Brüche und Widersprüche zu sehen bedeutet, hinter den 1951 erreichten Stand der Integration zurückzufallen und zu übersehen, dass es gerade zum Kern des Gestalt-Ansatzes gehört, dass er die tiefenpsychologische wie die systemische Dimensionen der menschlichen Wirklichkeit zu umfassen versucht.
Kapitel II. Revision der analytischen Praxis – Moderne Psychoanalyse, Gestaltpsychologie und Kleinkindforschung
Revision der analytischen Praxis
I. Der Psychoanalytiker als Attrappe
Für die Abwendung der beiden Perls’ von der orthodoxen Psychoanalyse sind ihre Erfahrungen mit der analytischen Therapiepraxis von Bedeutung. Insbesondere die Analyse von Fritz Perls bei Eugen Harnik in Berlin, die in einem »Setting der sensorischen und interaktiven Deprivation« (Moser 1987, 113) stattfand, war ein einschneidendes Erlebnis. Es ist erstaunlich, wie sich die Erfahrungen der beiden Perls aus den Zwanziger-Jahren mit dem decken, was Tilmann Moser 1987 in seinem Buch »Der Psychoanalytiker als sprechende Attrappe« beschrieben und kritisiert hat. In einem von Lore Perls verfassten Kapitel in »Das Ich, der Hunger und die Aggression« heißt es:
Die klassische psychoanalytische Situation, in der der Patient kaum merkt, dass der Analytiker zugegen ist, ist besonders gut als Attrappen-Situation geeignet. Hier wird der Patient tatsächlich ermutigt, die analytische Situation nicht als »reale« Situation und den Analytiker nicht als »reale« Person anzusehen; die ganze Beziehung zwischen dem Patienten und dem Analytiker wird auf diese Weise »unreal«, d. h. etwas, das an sich keine Bedeutung und keine Folgen hat. Jede Gemütsbewegung und jede Reaktion wird als »Übertragungsphänomen« gedeutet, d. h. als etwas, das nicht unmittelbar mit der aktuellen Situation zu tun hat (F. Perls 1942/1991, 148).
Wie das aus der Sicht des Klienten erlebt wird, schildert F. Perls sehr eindrucksvoll, wenn er über seine Analyse bei Harnik berichtet. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Harnik aus dem Budapester Kreis um Sandor Ferenczi kam und am Berliner Institut auch Vorträge über dessen »aktive Technik« hielt. Ich vermute, dass die von ihm praktizierte Art der Lehranalyse, die alles andere als aktiv war, ein Ausdruck für die sich in dieser Zeit am Berliner Institut herausbildenden rigiden Tendenzen war, die zur Ausbildung der abstinenten Spiegelhaltung und sogenannten Standardtechnik führten. Für einige Autoren hängt diese Entwicklung auch mit dem Versuch zusammen, den jahrelangen »Inzest auf der Couch« (Krutzenbichler/Essers 1991, 147) zu vertuschen. Am Berliner Institut wurde der »Blechaffe zum Standard-Analytiker ausgerufen« (a. a. O., 106) und jedes Gefühl und jede Nähe wurden zwanghaft vermieden. An dieser Praxis kritisiert Perls (wie Moser) die Gefahr der Gottesübertragung auf den »großen Unsichtbaren« (Moser 1987, 139 f.). Fritz Perls erinnert sich:
Hier liegt der Patient auf einer Couch, und der Psychoanalytiker sitzt hinter ihm wie ein unsichtbarer Gott über den Wolken, der nicht gesehen werden darf. Das entspricht der Vorschrift, nach der der fromme Jude sich kein Bild von Gott machen darf, genauso wie auch der römisch-katholische Gläubige seinen Beichtvater nicht sehen darf. Wie kann ein Patient jemals Kontakt zur Realität herstellen, wenn die analytische Situation auf einer so mystischen Ebene gehalten wird? (…) Verwandeln sie den Psychoanalytiker, der ein so ehrfurchtgebietendes Bild bietet, in ein menschliches Wesen auf gleicher Ebene wie der Patient: Hören Sie auf, die Angst und den Protest des Patienten als »Gottesübertragung« zu deuten! Solange der Analytiker sich weiterhin wie ein Priester verhält, mit all den Riten der festgelegten analytischen Sitzordnung und der zwanghaften Zeitbeschränkung … muß der Patient den Analytiker korrekterweise als religiöses Objekt deuten, und kein Hinweis darauf, das dies ein Übertragungsphänomen sei, wird seine Reaktion – sei es als gläubiger Anhänger oder als Ketzer der psychoanalytischen Religion – zum Schweigen bringen (F. Perls 1942/1991, 248).
Fritz Perls’ Begeisterung für Wilhelm Reich, zu dem er auf Rat von Karen Horney hin wechselte, ist auch im Zusammenhang mit der therapeutischen Arbeit nur zu verständlich. Reich, den Lore Perls »a disciple of Ferenczi’s« nannte, war aktiv und innovativ und hatte 1933 den »Sadismus« (Reich 1983, 148) des analytischen Schweigens und die unlebendige »mumienartige Haltung« (a. a. O.) mancher Analytiker kritisiert. Das Berliner Institut war sowohl eine Entwicklungsstätte für die abstinente Standardtechnik, die Perls später in Amerika als »normative Idealtechnik« (Mertens 1990, 199) einer medizinisch orientierten psychoanalytischen Orthodoxie vorfand, wie für die elastisch-aktive Praxis in der Tradition von Groddeck, Ferenczi und Rank.17 Diese hatte starken Einfluss auf spätere Dissidenten, von denen wiederum insbesondere Wilhelm Reich und Karen Horney große Bedeutung für die Gestalttherapie haben. F. Perls: »Mit einer Ausnahme – K. Landauer – waren all jene, die mir etwas genützt hatten, von der Linie der Orthodoxie abgewichen« (a. a. O., 88).
II. Therapie als Gestaltanalyse
Fritz und Lore Perls sehen im Rahmen ihres neuen Ansatzes die »Miniaturgesellschaft von Arzt und Patient« (Perls et al. 1951/1987, 30) geprägt durch Begegnung, Beziehung und Dialog. Lore Perls: »Wenn wir unseren Patienten helfen wollen, sich umfassender als wahrhaft menschliche Wesen zu erkennen, müssen wir selbst den Mut haben, die Gefahren des Menschseins zu riskieren« (L. Perls 1989, 84). Die Gestalttherapie ist keine Ansammlung von Techniken, sondern der Therapeut entwickelt im Sinne von Lore Perls wie der Künstler seinen individuellen »Stil«, eine »vereinheitlichte integrierte Art und Weise des Ausdrucks und der Mitteilung« (a. a. O., 99), mit der er sich auf den innovativen Prozess der Begegnung einlässt. Oder wie es Karl Landauer, der Lehranalytiker von Lore Perls, ausgedrückt hat: »Technik ist Persönlichstes« (1991, 148). Lore Perls ist sich der analytischen Tradition bewusst, in der sie nicht nur in dieser Hinsicht steht, wenn sie über Landauer, den sie im Vergleich mit anderen Psychoanalytikern seiner Zeit als »sehr viel freier« (L. Perls 1985) erlebt hat, berichtet: »Er war einer der ersten Freud-Schüler, aber auch sehr befreundet mit Ferenczi und Groddeck, die beide eine schon sehr viel offenere Haltung hatten, viel aktiver.« (a. a. O.).
Die Charakteranalyse weiterführend, die assimiliert wurde, stellt die Gestalttherapie die Arbeit im Hier und Jetzt und die aktuelle Situation in den Mittelpunkt der therapeutischen Arbeit. Was Hilarion Petzold in der Formel »von den Phänomenen zu den Strukturen« zusammenfasst, gehörte zu den behandlungstechnischen Grundregeln der Berliner Charakteranalytiker um Wilhelm Reich, die mit dem aktuell vorhandenen Affekt und dem »wie« von Ausdruck und Mitteilung arbeiteten und die sich, die Widerstände beachtend, von der Oberfläche zum Tiefenmaterial bzw. von der Figur zum Hintergrund durcharbeiteten (vgl. Fenichel in Haynal 1989, 71). Aus einem existenzialistischen Blickwinkel heraus ist die Gegenwart der Punkt, an dem Vergangenheit und Zukunft zusammenfallen und Bedeutung haben. F. Perls:
Für mich umschließt die Gegenwart eine Kindheitserfahrung, wenn sie jetzt deutlich erinnert wird; … die Konzepte von Freud und die Gedichte von Rilke sowie Millionen weiterer Erfahrungen, wann und in welchem Maße sie auch immer in meine Existenz treten, meine Existenz in diesem Moment. (F. Perls 1948/1980, 39)
Es geht Perls um das schon 1924 durch Rank und Ferenczi in »Entwicklungsziele der Psychoanalyse« geforderte erlebnishafte »Wiederholen« von Erfahrungen und Erinnerungen, als Alternative zum unbeteiligten Spekulieren und Fantasieren.
An dieser Stelle ein Wort zur Annahme mancher Kritiken, die Gestalttherapie sei gegenwartsfixiert und an Vergangenheit und Zukunft desinteressiert. Freud hat, so schreiben die Perls und Goodman,
in den letzten Jahren seines Lebens kategorisch wiederholt, keine Methode könne psychoanalytisch heißen, wenn sie nicht die frühkindlichen Erinnerungen aufarbeitet. So, wie wir es sehen, wollte er damit sagen, dass ein großer Teil des Selbst immer noch alte, unerledigte Situation agiere. Und das muss richtig sein, denn wir leben davon, das Neue dem zu assimilieren, was wir geworden sind, in der Art, wie wir geworden sind. (Perls et al. 1951/1991, 78)
Eine Gestaltanalyse, die an Selbstgewahrsein, Experiment und schöpferischer Anpassung interessiert ist, legt unter Einbeziehung der polaren Ansätze von Freud und Adler
zugleich Wert auf das Wiedereinholen der Vergangenheit (›Kindheitserinnerungen‹) und auf die Erwartungen und Vorhaben in der Zukunft (›Lebensplan‹). Sicherinnern und Erwarten sind aber Handlungen in der Gegenwart, und wichtig ist für uns, ihren Platz in der Struktur des Gegenwärtigen zu analysieren. (a. a. O., 77)
Im ersten Band von »Gestalt-Therapie« heißt es in einem Kommentar zu einer Kritik an den dort vorgeschlagenen Gewahrseinsübungen, die das Erleben im »hier und jetzt« fördern sollen:
Was hier fehlt, ist das klare Verständnis dafür, dass dieses Experiment nicht darauf abzielt, uns noch ausschließlicher für die Gegenwart leben zu machen, auszublenden, was die Vergangenheit uns gelehrt haben sollte, und uns zu Bedenkenlosigkeit gegen das anzustacheln, was vor uns liegt und der Vorbereitung bedarf. Es soll uns vielmehr in der Gegenwart leben machen. Ganz in der Gegenwart leben, bedeutet zugleich, gegenwärtige Merkzeichen vergangener Lehren zu beachten und sich so in der Gegenwart angemessener zu verhalten, und es bedeutet auch, die gegenwärtigen Vorboten kommender Ereignisse zu bemerken und sich auf sie einzurichten. Der gesunde Mensch nimmt die Gegenwart als Bezugspunkt, von dem aus er vor- oder zurückzublicken imstande ist, wie es der Anlass erfordert (Perls et al. 1951/1987, 45).
Fritz Perls sieht 1942 als Faktoren, die (im therapeutischen Setting) die Gegenwart beeinflussen, neben dem Erbgut die alltäglichen Gewohnheiten und Konditionierungen. Aus der Vergangenheit kommen die »futuristischen Erinnerungen« (F. Perls 1942/1991, 108 f.), womit er Erinnerungen an schmerzhafte Erlebnisse meint, die als Gefahren- und Stoppsignal in der Gegenwart wirken, da Schlimmes befürchtet wird (»Gebranntes Kind scheut das Feuer«). Außerdem noch die nach Vollständigkeit drängenden unabgeschlossenen Situationen (»Wiederholungszwang«) und unverdaute, unassimilierte Erlebnisse, die »große Klasse der traumatischen und introjizierten Erinnerungen« (a. a. O., 113). All das wirkt sich auf die aktuelle Situation des Klienten aus, »auf seine Einstellung zu sich selbst, zum Therapeuten, auf seine allgemeinen Verhaltensweisen (in Familie, Sexualität, Beruf)« (Perls et al. 1951/1991, 73). In der »geschützten Notsituation« (a. a. O.) der »Therapie als Gestaltanalyse« (a. a. O., 14) wird die Struktur der aktuellen Erfahrung gemeinsam erkundet Diese Erfahrung enthält Elemente des gesellschaftlichen und sozialen Feldes, der Biografie wie der augenblicklichen Therapeut-Klient-Beziehung. Es wird mit neuen Möglichkeiten und Erfahrungen experimentiert, das orthodoxe Monopol des ausschließlichen »Warum?« wird gebrochen und durch Fragen ersetzt nach dem »Wie?, Wann?, Wo? und Wozu?« (F. Perls 1942/1991, 245).
III. Kontext und Hintergrund
Wahrnehmung ist selektiv und aktiv. Die Welt, die für mich existiert, wird bedingt durch mein Bedürfnis und mein Interesse, das sich aus meinem eigenen Hintergrund ergibt. Fritz und Lore Perls benutzen wie Kurt Lewin in seinen frühen »Berliner Arbeiten«,18 die den beiden Perls gut bekannt waren, die Begriffe »Bedürfnis« und »Interesse« als Synonym für den persönlichen Hintergrund, der das Feld organisiert. Den Begriff »Hintergrund« behalten sie sich meist für die Umwelt vor, die durch ihren Aufforderungscharakter (»Valenz«) dem individuellen Interesse entgegenkommt, dieses variiert und sich für den Wahrnehmenden in Figur und Grund scheidet. Die Bedeutung einer Sache oder eines Ereignisses wechselt mit dem Kontext. Fritz Perls macht dies an den unterschiedlichen Sichtweisen eines Kornfeldes durch einen Bauern, Piloten, Maler usw. deutlich (vgl. a. a. O., 42 f.). Dies ist sicher inspiriert durch Kurt Lewins »Kriegslandschaft« von 1917. Wie gesagt bleibt Perls in seiner Wortwahl meist dabei, den persönlichen Hintergrund mit »Interesse«, »Bedürfnis« oder »Bedeutung« zu benennen. Die Ansicht von Gordon Wheeler (1993), F. Perls würde in seinem Ansatz den persönlichen Hintergrund nicht berücksichtigen, stimmt weder sachlich noch in Bezug auf die Wortwahl. Perls bezeichnet beispielsweise mit Bezug auf Freud das »Vorbewusste« als den »Hintergrund«, aus dem die Figur hervortritt (vgl. F. Perls 1980, 92) und schreibt in seinem letzten Buch:
Unsere Geschichte ist der Hintergrund unserer Existenz; sie ist nicht eine Anhäufung von Fakten, sondern das Protokoll darüber, wie wir zu dem wurden, was wir sind. Nur wenn die Störungen im Hintergrund, die dem Support unseres gegenwärtigen Lebens entgegenwirken, in den Vordergrund treten, damit sie behandelt werden können, ist es möglich, dass sie sich von Defiziten (unvollständigen Gestalten) zu Funktionen des Supports verwandeln. (F. Perls 1979, 76)
In seiner Kritik an der »Figurfixiertheit« der Gestalttherapie hat Wheeler Lore Perls im positiven wie im negativen Sinne ausgelassen, so sind ihm ihre beiden exemplarischen Fallbeschreibungen aus dem Jahr 1956 entgangen. Obwohl es Lore Perls darum geht, das auf die aktuelle Situation bezogene Neue des Gestaltansatzes darzustellen, wird deutlich, dass sie nicht nur das augenblickliche Kontaktverhalten der Klienten und ihren Körperausdruck berücksichtigt, sondern auch deren soziale Lebenssituation und die jeweilige Familiengeschichte als Hintergrund mit einbezieht (vgl. L. Perls 1989, 61 f.).
In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass für Perls und Goodman das »Kontext-Prinzip« (PHG 1951/1991, 194) bzw. die »kontextuelle Methode« (a. a. O., 26) die »Anwendung des Gestaltansatzes darstellt« (a. a. O.). Diese Methode, die beim folgenden Zitat auf den Umgang mit anderen Theorien und Auffassungen gemünzt ist und auch für die Therapie gilt, soll eine Reorganisation bzw. Neukonfiguration des Feldes bewirken:
Wir weisen nach, dass der Betrachter innerhalb seiner Erfahrungsbedingungen diese Überzeugung haben muss, und dann ermöglichen wir, durch spielerische Bewusstmachung der einschränkenden Bedingungen, die Entstehung eines besseren Urteils (in ihm und in uns). (a. a. O., 27)
Für die Therapie, die Gestaltanalyse, heißt das:
Jeder Konflikt ist wesentlich ein Konflikt im Grund des Handelns, ein Konflikt von Bedürfnissen, Wünschen, Faszinationen, Selbstbildern und Zielhalluzinationen; … Ein starker Konflikt im Vordergrund ist ein Zeichen dafür, dass der echte Konflikt im Hintergrund entfremdet und verhüllt ist, wie bei zwanghaft er Bedenklichkeit. (Verhüllt sein könnte der Wunsch, überhaupt nichts zu bekommen oder in zwei Hälften gerissen zu werden.) (…) Die einzige Therapiemethode, die das Selbst stärken kann, ist daher, auf der Verbindung der schwachen Vordergrund-Gestalt (zum Beispiel jemandes Selbstbild) mit ihrem Grund zu beharren, damit der Grund stärker ins Gewahrsein tritt. (a. a. O., 209 f.)
Von einer »Figurfixiertheit« im theoretischen Konzept der Gestalttherapie kann meiner Ansicht nach also nicht die Rede sein. Dass die Gestalttherapie den sozialen, gesellschaftlichen oder ökologischen Hintergrund nicht berücksichtigen würde, kann niemand behaupten, der das Leben der Gründer kennt und die wenigen Grundlagenwerke im jeweiligen historischen Kontext gelesen hat.
IV. Denken, Sprache und Freie Assoziation
Die Behauptung, Fritz Perls hätte es an Wertschätzung für die Phänomene Denken und Sprache fehlen lassen, verweist meines Erachtens ebenfalls auf ungenügende Kenntnisse oder auch auf Unkenntnis des gestalttherapeutischen Hintergrundes bei den jeweiligen Kritikern. Wie tief die Gestalttherapie in der Tradition der europäischen Philosophie, vor allem der Naturphilosophie des deutschen Idealismus und der Frühromantik (v. a. Schelling) sowie der Lebensphilosophie von Nietzsche und Bergson steht, zeigt sich gerade an diesem Punkt. Die ursprüngliche Intention der Lebensphilosophie (in Fortsetzung der Naturphilosophie) war die Verschmelzung von Leben und Bewusstsein angesichts der zivilisatorischen Spaltung von Leib und Geist, die als Unbehagen in der Kultur wahrgenommen wurde. Perls geht es um den Versuch, diese Spaltung zu heilen. Es geht ihm, mit einem Begriff von Henry Bergson, um »Intuition (Harmonie von Denken und Sein)« (F. Perls 1942/1991, 228). Er bespricht in seinem ersten Buch, in dem die gemeinsame Arbeit des Ehepaares Perls steckt, unterschiedliche Aspekte des Denkens, nimmt auf Freuds Auffassung vom Denken als energiesparendem Probehandeln und Goldsteins Konzept des kategorialen Denkens Bezug (a. a. O., 28) sowie auf die Arbeit des Semantikers Alfred Korzybski, in dessen Zeitschrift »E.T.C.: Review of General Semantics« F. Perls und der Literaturwissenschaftler Goodman in Amerika Artikel veröffentlicht haben (vgl. Petzold 1984, 19 f.). Wogegen sich Perls richtet, ist die Trennung der Sprache von der Gesamtpersönlichkeit, die Herausbildung einer isolierten Sprachpersönlichkeit, die den Kontakt zu ihrem tieferen Wesen verloren hat, aus Abwehr intellektualisiert, leere Worthülsen von sich gibt und »mind fucking« betreibt, wie er das später nannte.
Für Perls ist »Intellekt immer an Wörter geknüpft – Intelligenz nicht!« (F. Perls 1942/1991, 228). Die Kraft des Wortes, die »Kraft die im ›Logos‹ eines jeden Wortes verborgen ist« (a. a. O., 229) soll durchgekaut, geschmeckt und erlebt werden. Zu diesem Zweck schlägt er Übungen vor, auch »inneres Schweigen«, um überhaupt erst einmal die Flut der sich überstürzenden Gedanken und Wörter wahrzunehmen, das zwanghafte »innere Geplapper«. Es geht um die »Neuorientierung des Verstandes« (a. a. O., 228) und die »Reorganisation des Denkens« (a. a. O., 229) und um ein therapeutisches Vorgehen, das dem Klienten helfen soll, wieder zu Sinnen zu kommen, statt nur im Pseudokontakt mit seinen Projektionen (Übertragung, Maya usw.) zu sein. Es gilt, mit der ureigenen subjektiven Realität in Kontakt zu kommen und sinnliche Vernunft zu entwickeln, statt wortgebundenen Intellekt.19 So kommt der Mensch »wieder zu Sinnen, indem er seine Vernunft anwendet« (a. a. O., 257) und er kommt vielleicht in Kontakt mit jener existenziellen Schicht hinter dem Schleier der Worte und Begriffe, die Bergson als Intuition bezeichnet hat und die Perls das »tiefste Wissen unseres Daseins« nennt (a. a. O., 227).
In »Gestalt-Therapie« (Kap. 7. »Verbalisieren und Poesie«) setzen sich die beiden Perls’ und Goodman noch einmal intensiv mit dem Phänomen Sprache auseinander. Für mein Anliegen ist wichtig, dass hier davon ausgegangen wird, dass sich »in unserer Zivilisation als ganzer eine symbolische Kultur herausgebildet hat, die ohne Kontakt oder Affekt, von animalischen Befriedigungen und spontanem sozialen Erfinden isoliert ist« (Perls et al. 1951/1991, 111). Entsprechend bildet sich im einzelnen Menschen eine »Verbal«-Persönlichkeit heraus, eine Sprechweise ohne Gefühl und Affekt, fad, monoton, stereotypen Inhalts, unbeweglich in der rhetorischen Haltung, von mechanischer Syntax, bedeutungslos« (a. a. O.). Gutes Sprechen, im Sinne von Perls und Goodman, ist
voll der leidenschaftlichen Töne aus der Kindersprache, seine Wörter sind komplexe funktionale Strukturen wie die Wörter der Primitiven, seine Syntax ist poetisch (a. a. O., 122). (…) Sprechen ist guter Kontakt, wenn es seine Energie aus den drei grammatischen Personen schöpft und sie in ein Verhältnis bringt: Ich, Du und Es, der Sprecher, der Angesprochene und das worüber man redet – sofern ein Bedürfnis besteht, sich etwas mitzuteilen. (a. a. O., 112)
In einer Gestalttherapie wird aufmerksam mit Sprache umgegangen und beispielsweise dem Klienten vorgeschlagen, es einmal mit dem integrativen und verantwortlichen »ich« statt dem entfremdeten »man« zu versuchen. Lore Perls (1989) hat sich in ihrem Artikel »Support« (a. a. O., 57 f.) eingehend mit Sprachformen (Muttersprache, Dialekt etc.) und Sprache als »sozialer Kontaktfunktion« und wichtiger »Stützfunktion« auseinandergesetzt.
1. Von der »freien Dissoziation« zur Konzentration
»Es ist alles recht, was einer grösseren Konzentration förderlich ist und sie erleichtert« (Horney 1990, 33).
Freuds Einführung der »Grundregel«, der freien Assoziation, hatte den Sinn, dem Patienten eine unzensierte Ausdrucksmöglichkeit zu ermöglichen. Im Freiraum des Therapiezimmers sollten alle sozialen Tabus in Bezug auf das Fühlen, Fantasieren, Denken und Sprechen (und zu Freuds Zeiten gab es davon enorm viele) nach und nach aufgehoben werden. Möglichst alles sollte mitteilbar und alles, auch die scheinbar unverständlichste und unmoralischste Regung, ernst genommen und verstanden werden. Der Zweck war unter anderem, das »innere Ausland«, wie Freud es einmal nannte, zu erkunden, einen Sinn für das eigene Erleben und Verhalten zu finden sowie den Bewegungsspielraum der eigenen Person innen wie außen zu erweitern.20 Zudem war der junge Freud noch daran interessiert, da wo möglich auch die kulturellen Bedingungen zu verändern, die für das neurotische Leiden mitverantwortlich waren (vgl. Freud 1972). Natürlich war es den Menschen auf der Couch nicht möglich, die Grundregel problemlos zu befolgen und »frei« mit ihrem eigenen Inneren und dem Analytiker zu kommunizieren, was die psychoanalytische Diskussion schon sehr früh dazu brachte, sich mit den Themen Widerstand und Übertragung zu beschäftigen.
Zum Zeitpunkt, als Perls seine Ausbildung Mitte der Zwanziger-Jahre am psychoanalytischen Institut in Berlin begann, dominierte allerdings bereits so etwas wie die »passive Technik«, die sich in den meisten Fällen beziehungsabstinent auf die mal mehr oder weniger häufige Deutung verbal geäußerter Kindheitserinnerungen konzentrierte. Für Fritz Perls wie auch für Erich Fromm waren die als weitgehend nutzlos erlebten vielen Stunden auf der Couch (und auch später hinter der Couch) während ihrer »passiven« oder »abstinenten« Analysen bei Harnik bzw. Sachs am Ende der Zwanziger-Jahre einer der wichtigsten Gründe, einen eigenen Weg zur Veränderung der analytischen Praxis zu suchen. Fromm erinnerte sich, dass seine Lehrer am Berliner Institut manchmal ein kurzes Schläfchen hielten und wie er selbst in seinen Stunden als Analytiker hinter dem Patienten saß und sich »das eintönige Gemurmel anhören musste, ohne mich einmischen zu dürfen. Tatsächlich war es diese Langeweile, die mir die Situation so unerträglich machte, dass ich daranging, meine Technik zu ändern« (Fromm 1989, 291).
Ich möchte nun kurz auf Perls’ Beitrag zur Diskussion eingehen, die Ferenczi und Rank 1924 mit ihrer Arbeit »Entwicklungsziele der Psychoanalyse« angestoßen hatten. Ferenczi und Rank hatten versucht, die analytische Praxis weiterzuentwickeln und wieder effektiver zu machen, indem sie dem affektiven Erleben während der aktuellen Situation im Behandlungszimmer und insbesondere in Bezug auf die Beziehung zwischen Patient und Analytiker wieder stärkeres Gewicht gaben und dabei die Themen Übertragung und Widerstand mehr ins Blickfeld rückten.
Perls’ Ausgangspunkt bei der Revision der Freud’schen Grundtechnik ist der Folgende: »Mit seiner Ansicht, der Kontakt mit der Gegenwart sei wesentlich, hat Freud die richtige Intuition gehabt. Er fordert freischwebende Aufmerksamkeit, was ein Gewahrsein aller Gefühle und Erfahrungen bedeutet« (Perls 1991, 101). Die Praxis der »orthodoxen« Analyse, wie sie Perls insbesondere in den Berliner Jahren auf der Couch bei Harnik erlebt hat, fördert beim Klienten das Wahrnehmen von Gedanken und Fantasien, aber die »subtileren Ausdrücke der Körpersprache, auf deren Bedeutung W. Reich und G. Groddeck hingewiesen haben« (Perls 1991, 80) werden eher vernachlässigt. Was aufgrund der Erfahrung von Perls geschieht, ist, »dass Patient und Analytiker langsam aber sicher auf zwei Dinge konditioniert werden: auf die Technik des freien Assoziierens, der Gedankenflucht, und auf einen Zustand, in dem Analytiker und Patient gleichsam zu einem nach Erinnerung fischenden Zweckverband werden, wobei die freischwebende Aufmerksamkeit davonschwebt« (Perls 1991, 101).
Aufgrund seiner Kenntnis der »abstinenten« Technik wie der Charakteranalyse nimmt Perls Veränderungen an der Grundregel vor: »Sie führen … zu einem Wechsel von der Technik des freien Assoziierens zu einer Konzentrationstherapie, wie sie W. Reich eingeführt hat und die ich systematisch weiterzuentwickeln versuche« (ebd., 87).
In der sogenannten orthodoxen Methode sieht Perls Technik und Setting sich ergänzen. Der Kontakt mit dem Symptom, dem Oberflächenausdruck des Konfliktes im Hintergrund, geht verloren, »die Technik der freie Assoziation wird zu einem Training der freien Dissoziation. Mit dem Therapeuten wird Karussell gefahren« (PHG 1987, 71). Es erscheint notwendig, »dass der Therapeut einen bestimmten Kontext findet und dann, sich immer in diesem Kontext haltend, ein freieres Wechselspiel zwischen Figur und Grund erlaubt – wobei sowohl das Anstarren der Widerstände als auch das ziellose Umherschweifen … vermieden werden«. (ebd.) Statt der Übertragung wird »die Experimentalsituation der Therapiesitzung« sowie die »Gegenwart« in einem allgemeineren Sinne, die »Situation an diesem Tag, mit ihren Erfordernissen und Zielrichtungen« (ebd.), als Kontext vorgeschlagen, mit dem in »Gefühlskontakt« (ebd.) gegangen wird.
Für Perls liefert die von ihm zu Beginn sogenannte »Konzentrationstherapie … einen kürzeren und besseren Weg zur ›emotionalen Wiederbelebung‹ als das gewöhnliche Gespräch einerseits und die Technik der freien Assoziation andererseits« (Perls 1991, 220). Seine erläuternden Beispiele liegen auf der Linie von Ferenczis Arbeit mit »forcierten Fantasien« im Rahmen der Assoziationsarbeit:21 »Ein Mann z. B., der recht geringschätzig von seinem Vater spricht, wird, wenn man ihn auffordert, sich seinen Vater vorzustellen und sich im einzelnen auf seine Erscheinung zu konzentrieren, vielleicht plötzlich in Tränen ausbrechen« (Perls 1991, 220).
Perls arbeitet dabei mit der genauen Beschreibung der Einzelheiten, sowohl der sinnlichen Empfindungen als auch dessen, was in der Fantasie wahrgenommen wird. Rudimentäre Körperimpulse werden stimuliert, innere Bilder dürfen sich entfalten und Handlungsimpulse werden weiterfantasiert (vgl. ebd., 275). Um die inneren Bilder und Fantasien lebendig und plastisch werden zu lassen, müssen alle Sinne aktiviert werden, muss, laut Perls, der »in der Vorstellung hergestellte Kontakt so vollständig wie möglich sein; … Wenn Sie sich eine Landschaft bildlich vorstellen, können Sie alle Einzelheiten beschreiben. Geben Sie jedem Impuls freien Spielraum, vor allem denen, die (…) Sie in der Realität verlegen machen würden, die aber in ihrer Phantasie durchaus vorkommen« (Perls ebd., 220).
Konzentration, Inter-esse, Aufmerksamkeit (ebd., 199) und Faszination (ebd., 201) sind die Begriffe, mit denen Perls 1942 versucht, sich dem zu nähern, was er in seiner Arbeit für nützlich hält. (ebd., 199) Eine in seinem Sinne positive Konzentration ist kein absichtliches Bemühen, sondern »ein harmonischer Prozess, bei dem Bewusstes und Unbewusstes in Übereinstimmung sind.« (ebd. 200) Als Beispiel nennt er das Kind, das während es spielt in seinem Tun und seiner Umgebung aufgeht (ebd., 201).22
Bei all dem geht es meiner Meinung nach um einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der interaktiven Tradition. Perls führt insbesondere Ferenczis Versuche fort, Fantasien zu »forcieren«, allerdings nicht mit dem Mittel der Gebote oder Verbote, wie Ferenczi dies phasenweise getan hat, sondern auf eine dialogischere Art. Sicherlich sind dabei auch Perls’ intensive Erfahrungen am Theater Max Reinhards in seinen Berliner Jugendjahren mit eingeflossen (vgl. Bocian 2007, 75 f.).
Was Freud im Rahmen der Triebtheorie als Wiederholungszwang bezeichnet hat, ist für die Gestalttherapie, in Anlehnung an Erkenntnisse der Berliner Gestaltpsychologie, das Bedürfnis des Organismus, Unerledigtes zu einem befriedigenden Ende zu bringen, die unvollendete Gestalt zu schließen. Hier waren Gestaltpsychologie und Psychoanalyse kompatibel23 und Perls und Goodman halten es für eine »geniale Leistung der Psychoanalyse« (PHG 1991, 118), dass sie gezeigt hat, dass die freien Assoziationen nicht Stück für Stück wie bei einer Kette ans Tageslicht treten, sondern die Tendenz haben, »sich zu sinnvollen Ganzheiten oder Bündeln zu vereinigen. (…) Der Patient brachte in Wahrheit den Assoziationsfluß nicht ›mechanisch‹ hervor, sondern gab, wenn auch unbewusst, bestimmten Neigungen Ausdruck, ging immer wieder im Kreise zu bestimmten emotionalen Bedürfnissen zurück und versuchte eine unfertige Gestalt zu ergänzen« (PHG ebd., 118).
Perls und Goodman erkennen durchaus an, dass die freie Assoziation in der Lage ist, das eingefrorene Verhältnis von Figur und Grund aufzuschmelzen und Unerledigtes und Unbewusstes in den Vordergrund treten zu lassen (vgl. PHG 1991, 120), etwa »die verborgenen Triebe (die Reizfülle des Grundes) usw.« (PHG 1987, 71). Aufgrund der eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten innerhalb des lange dominanten sogenannten »Standardverfahrens« (Eisler) besteht aber die Gefahr, dass die Assoziationen »davonschweben« (Perls), dass es zur Ideenflucht, zum Vorbeireden und eben zum »Ausweichen vor peinlichen sinnvollen Zusammenhängen« (Ferenczi 1982, 170) kommt.
Der Konflikt äußert sich in allen Lebensbewegungen und auf unterschiedlichen Kommunikationsebenen (verbal, nonverbal, szenisch). Der interaktive Therapeut muss den Klienten in der Wahrnehmung der Oberflächensignale unterstützen und ihm bei der Fokussierung helfen, um Kontakt zum sich in diesen Phänomenen abzeichnenden Hintergrund zu bekommen. In der Tradition der Berliner Charakteranalytiker beschreibt Perls seinen Ansatz zusammenfassend:
Wir dürfen den Faden nicht verlieren, der vom Symptom zur verborgenen Gestalt führt. Die Methode des freien Assoziierens ist unzureichend und bietet sich leicht für alle Arten des Vermeidens an. Indem wir uns auf das Symptom konzentrieren, bleiben wir im Feld (wenn auch an der Peripherie) der verdrängten Gestalt. Wenn wir auf einer derartigen Konzentration beharren, arbeiten wir uns allmählich zum Zentrum des Feldes oder »Komplexes« durch; im Verlauf dieses Prozesses begegnen wir den spezifischen Vermeidungen, z. B. den Widerständen, und reorganisieren sie (Perls 1991).
V. Unbewusstes und Verdrängung
Die orthodoxe Analyse unterschätzt die Kraft des schöpferischen Selbst, das Perls und Goodman als eine dialektische Einheit sehen, die zugleich Individuum und Teil des umgebenden Natur- und Sozialkörpers ist. Freud, der in seiner Praxis den Klienten weitgehend auf eine Sprachpersönlichkeit reduziert unter Ausschaltung von Umwelt und Körper, konstruiert ersatzweise einen Raum, das Unbewusste, aus dem heraus die Impulse und das spontane Denken kommen (vgl. Perls et al. 1951/1991, 179 u. 239).
Fritz Perls wendet sich gegen die Verdinglichung dieser Persönlichkeitsspaltung:
Freud hat gesagt (dies ist nicht seine Formulierung, sondern mein Verständnis von dem, was er gemeint hat), dass in einer Neurose ein Teil unserer Persönlichkeit oder unseres Potenzials nicht zugänglich ist. Aber er hat dies auf eine merkwürdige Art und Weise gesagt; er sagte, »er ist im Unbewussten«, als ob es ein solches Ding wie das Unbewusste gäbe und nicht einfach Verhaltensweisen oder Emotionen, die unbekannt oder nicht zugänglich sind. Auch Freud sah die Grundlage für die Gestaltbildung, und zwar in dem, was er das »Vorbewusste« nannte. Wir nennen es den »Hintergrund«, aus dem die Figur hervortritt (1980, 92).
Für Freud erfolgt Verdrängung innerhalb seiner räumlichen Vorstellung von der menschlichen Psyche durch Abstoßung von oben durch das Ich und durch Anziehung von unten durch das Unbewusste. Die beiden Perls’ und Goodman schreiben die Verdrängung unerlaubter Impulse, Wünsche, Fantasien etc. ausschließlich dem aktiv handelnden Ich bzw. Selbst zu. Hier eine Kurzfassung der gestalttherapeutischen Theorie der Verdrängung:
Verdrängung ist Vergessen einer absichtsvollen Hemmung, die zur Gewohnheit geworden ist. Wegen weiterer aggressiver, gegen das Selbst gekehrter Reaktionsbildungen wird die vergessene Gewohnheit der Erinnerung unzugänglich. Nicht vergessen wird … der Trieb oder das Verlangen selbst; er besteht jedoch, da unerfüllt und ausgesperrt, nur als ein Schmerzensgrund fort. (Dies ist die »Affektverwandlung«) (Perls et al. 1951/1991, 229 f.)
Die Triebregungen können nicht verdrängt werden, aber ihre Bedeutung und der mit ihnen verknüpfte Wunsch können vergessen werden, aus dem Gewahrsein geraten. Die unverdrängbare Triebregung bzw. die Erregung des unterdrückten Bedürfnisses durchtränkt Denken und Verhalten des Klienten, macht das Ansetzen im Hier und Jetzt erst möglich. Entsprechend wird im Alltagsleben des »normalen« Erwachsenen auch die allgemein vorhandene unterschwellige unverdrängte Unlust sichtbar:
Für Freud sind die abgestumpfte Wahrnehmung, die absichtlichen Bewegungen und die beherrschten Gefühle im Leben des normalen Erwachsenen nicht »unlustvoll«, sondern neutral. (…) Sie sind nicht neutral, denn sie sind eindeutig gekennzeichnet von Rastlosigkeit, Müdigkeit, Unzufriedenheit, Resignation und einem Gefühl, unerfüllt zu sein. (…) Es ist bekannt, wie düster Freud die Aussichten auf menschliches Glück einschätzte, aber er ist bei weitem nicht pessimistisch genug in bezug auf die Gegenwart menschlichen Lebens. (a.a.O., 233)
Für Freud können das Es und die Triebe nicht Gegenstand des Bewusstseins werden und sind auch im aufdeckbaren Unbewussten nur durch »Repräsentanzen«, durch »Triebabkömmlinge« (Träume, Fantasien etc.) vertreten. Freuds Unbewusstes ist letztlich etwas Konstituiertes, durch Verdrängung und Zensur geschaffenes, ein Verdrängungs-Unbewusstes. Durch die Auseinandersetzung mit Jung und die Diskussionen mit Groddeck über das Es gesteht Freud aber durchaus so etwas wie einen überindividuellen, phylogenetischen Kern des Unbewussten zu (»Urfantasien«). Hier geht es um zwei Strömungen der deutschen Aufklärung, die innerhalb der Psychoanalyse durch Freud und Groddeck (bzw. Jung) als dialektische Ergänzungen repräsentiert werden. Freud verengt die Vorstellung von einem organismisch Unbewussten, das das Individuum mit dem lebendig-naturhaften und damit auch körpernahen verbindet. Er konzentriert sich aufgrund seines besonderen »Talents zur fragmentarischen Genügsamkeit« (Freud/Groddeck, 1988, 38) auf das mehr in der Kant-Tradition stehende Bewusstseins-Unbewusste, das durch Verdrängung und Ausblendung entsteht (vgl. Kaus/Heinrichs 1989). Er bleibt Zeit seines Lebens jeder Entgrenzung und jedem das Ich transzendierenden »ozeanischen Gefühl« gegenüber skeptisch. Bei Groddeck findet sich die Vorstellung eines organisch-seelischen Unbewussten, das seine Wurzeln in der romantischen Unbewusstheitsphilosophie hat, auf deren Traditionslinie Schelling, Carus, Hartman, Goethe, Klages, Schopenhauer und Nietzsche liegen. Diese ganzheitlicheren Vorstellungen haben Eingang gefunden in das schöpferische »Es« Groddecks, Ferenczis »Orpha«, in die »Selbstregulation« des Lebendigen bei Wilhelm Reich und in die Vorstellung der beiden Perls’ von der »Weisheit des Organismus«.
Es gibt in Bezug auf die Vorstellung vom Unbewussten Ansätze bei Fritz und Lore Perls, auf die innerhalb der Gestalttherapie bisher nicht zurückgegriffen worden ist. Die Perls’ berücksichtigen sowohl das organisch-naturhafte Unbewusste als auch das Verdrängungs-Unbewusste, das Ich-Qualitäten hat und direkt bewusstseinsfähig ist. Der organismisch-seelisch orientierte Begriff des Unbewussten war zur Zeit Freuds sehr bekannt durch das dreibändige Werk »Die Philosophie des Unbewussten« (1869) von Eduard von Hartman, das zu Freuds Lebzeiten zwölf Auflagen erlebte. Hartmans Arbeit geht auf Carus und letztlich auf Schelling zurück. Die Perls’ unterscheiden:
… das biologische Unbewusste (im Sinne des Philosophen Hartmann) und das psychoanalytische Unbewusste, das aus ehemals bewussten Elementen besteht. Wir können also schließen: Das Ich wird aus dem biologischen Unbewussten heraus differenziert; in der Folge jedoch sind bestimmte Ichaspekte verdrängt worden und bilden nun das psychoanalytische »Unbewusste« (F. Perls 1942/1991, 149).
Innerhalb dieses gedanklichen Kontextes will die Gestalttherapie einerseits den Kontakt zur Kraft des organisch-naturhaften »biologischen« Unbewussten fördern, und sie für die schöpferische Arbeit des Selbst erschließen. Sie sieht die körpernahen Es-Triebe nicht wie Freud als gefährlich »brodelnder Kessel«, sondern als die zumeist verleugnete Natur in uns, als vital-animalischen Bereich, der mit großem Gewinn in das sich erweiternde Selbst integriert werden kann (vgl. übereinstimmend M. Eagle 1988, 262 f.). Hier gibt es Verwandtschaft mit Groddecks schöpferischem Es, das das kleine Ich mit umfasst (vgl. Will 1987). Andererseits soll in der Gestaltanalyse die aus dem Gewahrsein geratene absichtliche Verdrängung bewusst werden und das »Unbewusste Vordergrund werden, sodass seine Struktur erfahrbar wird« (Perls et al. 1951/1991, 33). Therapie ist ein Prozess experimenteller Lebenssituationen, die das »Dunkle und Abgespaltene erkundet« (a. a. O., 51), das gleichzeitig auch in einem geschützten Rahmen erprobt werden kann.
Menschliches Handeln geschieht vor dem Hintergrund eines Netzwerkes von Bedeutungen, das die moderne Psychoanalyse das Unbewusste nennt (vgl. W. Mertens 1997, 62 f.). Im therapeutischen Prozess geht es entsprechend auch darum, gemeinsam herauszuarbeiten, wie der Klient Erfahrungen von sich selbst und der Welt aktiv konstruiert, wie er »generalisierte Interaktionsrepräsentanzen« (D. Stern) gebildet hat und bildet, die ihn bei der Eröffnung neuer Wege behindern.
Die schöpferische Leistung des Selbst als Funktion des Organismus-Umwelt-Feldes hat Freud (Perls nannte ihn einmal einen »Platzanweiser«) meist nur dem Unbewussten zugeschrieben, das von einem ganzheitlichen Standpunkt aus für Perls und Goodman als Begriff formal nicht notwendig ist (vgl. Perls et al. 1951/1991, 40 f., 179). Das spontane Entstehen von sinnvollen Ganzheiten in der Wahrnehmung oder beim Verhalten findet auch »unabhängig vom Bewusstsein« (a. a. O., 42) statt, gehört zum menschlichen Lebens- und Wachstumsprozess, der Biologisches, Psychologisches und Soziales untrennbar im Selbst vereint. Es ist der »spontane Eros, der alles Schaffen ermöglicht« (a. a. O., 157), der sich in den sinnvollen Gestaltbildungen ausdrückt. Unbewusst im eigentlichen Sinne bleibt letztlich der größte Teil des Gesamtfeldes in dem wir leben. Unser Gewahrsein vermag nur Teile der großen Lebensgestalt zu erfassen, die biologisch, kulturell und politisch auf uns einwirkt (vgl. Beaumont 1991, 19 f.).
VI. Deuten, Widerstand und Kontakt
Die Gestalttherapie hat die aktive Tradition der Psychoanalyse in Bezug auf das Deuten und den Umgang mit Widerständen um ein dialogisches Element bereichert. In der Psychoanalyse, auch in ihren modernen Ausprägungen, ist es immer noch der Analytiker, der sich »auf den Assoziationsfluss konzentriert und ganze Figuren darin schafft (indem er sie vorfindet und erzeugt)« (Perls et al. 1951/1991, 118). Der Analytiker erahnt, erschließt etwas, was für den Klienten außerhalb des Gewahrseins liegt, er deutet das Verhältnis der Figur zum Grund und regt so einen Gestaltschluss an. Perls und Goodman kritisieren hier, da für sie das Ziel der Therapie ist, dass vor allem der Klient seiner selbst gewahr wird, dass Deuten auf diese Art ein »Wissen-über« erzeugt, und der Klient das »Wissen einer Autorität introjiziert« (a. a. O., 119).
Es soll eine neue »Superego-Intropression« (Ferenczi 1985, 294) im Sinne Ferenczis vermieden werden, nach dessen von Perls geteilter Ansicht die Therapie versuchen sollte, mit jedem Über-Ich im Sinne einer von außen eingedrungenen oder aufgezwungenen Instanz »aufzuräumen«. Hinzu kommt, dass die Assoziationen des Patienten nicht wirklich »frei« sind. In einem Kontext, in dem potenziell von Seiten des Analytikers »Deutungsmacht« (Pohlen et al. 1995) ausgeübt werden kann, richten sich die »freien Einfälle« des Klienten auch an den unausgesprochenen Erwartungen seines Gegenüber aus (vgl. Bauriedl 1994, 74 f.).
Für Perls und Goodman ist der Klient im orthodoxen Setting zu passiv und »sein Tun (besteht) nur im Hervorbringen eines Stroms sinnloser Worte« (Perls et al. 1951/1991, 119). »Der Therapeut, der Erwachsene, weiß alles, und man selber wird das Geheimnis nie erfahren, es sei denn, er sagt es einem.« (a. a. O., 121) Perls und Goodman wollen Deutungsmacht verhindern und den Klienten als »aktiv experimentierenden Partner« (a. a. O., 33) einbeziehen, für sie ist »Psychotherapie eine Humanwissenschaft, eine Entwicklung der Sokratischen Dialektik« (a. a. O., 32) und hier gilt: »natura sanat non medicus, nur das eigene Selbst kann sich (in seinem Umweltfeld) selbst heilen« (a. a. O.). Entsprechend plädieren sie für einen anderen Umgang mit dem durchaus nützlichen Deuten:
Etwas, das er nicht als sein eigen kennt, kommt aus dem Dunkel auf ihn zu und ist doch sinnvoll; dadurch wird vielleicht nun auch er ermutigt, sein Unbewusstes zu erforschen, es als eine terra incognita zu betrachten, nicht als ein Chaos. Aus diesem Interesse heraus muss er natürlich zum Partner beim Deuten gemacht werden (a. a. O., 120).
Im Rahmen des gemeinsamen Erforschens der Hintergründe und Zusammenhänge, des Experimentierens mit unabgeschlossenen Situationen und neuen Verhaltens- und Denkmöglichkeiten gibt es Angst, Zurückschrecken, Scham und den Versuch, die Situation zu kontrollieren, kurzum: Widerstand gegen Störungen des selbstgeschaffenen »neurotischen Gleichgewichts« (W. Reich). Mit Bezug auf Freuds Gedanken zum Widerstand, in denen oft Kriegsmetaphern auftauchen und mit Bezug auf die Widerstands- und Charakteranalyse Reichs, deren grundlegende Vorgehensweise beibehalten wird, wendet Perls sich gegen ein zu betont konfrontatives Vorgehen, gegen das »Angreifen« der Widerstände. »Wir können unseren Patienten nicht gerecht werde, solange wir die Dialektik des Widerstandes nicht erkennen. Das dialektische Gegenteil des Widerstandes ist Beistand« (F. Perls 1942/1991, 165). Auch der späte Perls24 hält (unter Bezugnahme auf Otto Ranks Begriff »negativer Wille«) an dieser Sichtweise fest: »Der Patient … erlebt seinen Widerstand nicht als Widerstand; in der Regel erfährt er ihn als Beistand. Er will helfen« (1979, 67).
Es gibt einen Hinweis von Perls, den dialektischen Umgang mit Widerstandphänomenen betreffend, der sowohl auf ein Problem der orthodoxen Psychoanalyse verweist, wie auch auf das Ergebnis schlechter, frustrierendkonfrontativer Gestalttherapie. Perls zitiert aus Rogets Thesaurus: »›Angriff‹ und ›Verteidigung‹ sind einander wechselseitig bedingende Ausdrücke, ebenso wie ›Angriff‹ und ›Widerstand‹. Zu dem Begriff ›Widerstand‹ gehört als Korrelat wiederum ›Unterwerfung‹« (Roget in F. Perls 1942/1991, 19). Perls und Goodman plädieren für die Verwandlung der klinischen in eine experimentelle Situation:
Statt ausdrücklich oder stillschweigende Forderungen an den Patienten zu richten – Nimm dich zusammen, oder: Du musst dich entspannen, oder: Keine Zensur! oder: Du Schlimmer, du hast Widerstände, oder: Was bist du leblos! – sehen wir ein, dass solche Forderungen seine Schwierigkeiten nur vergrößern und ihn noch neurotischer machen würden, ihn vielleicht gar verzweifeln ließen. Wir schlagen abgestuft Experimente vor, die – und dies ist von allergrößter Bedeutung – keine Aufgaben sind, die als solche erfüllt werden müssten. Wir fragen ausdrücklich: Was geschieht, wenn du mehrmals dies oder das probierst? Mit dieser Methode bringen wir die Schwierigkeiten des Patienten an die Oberfläche. Nicht die Aufgabe, sondern das, was ihre erfolgreiche Ausführung behindert, tritt in den Mittelpunkt unseres Interesses. In Freud’schen Begriffen, wir analysieren die Widerstände und arbeiten sie durch (Perls et al. 1951/1987, 16).
An dieser Stelle einige Bemerkungen zum Verhältnis von Kontakt und Widerstand: Gordon Wheelers Auffassung, Perls würde Kontakt überbewerten und jedes Vermeiden von Kontakt als zu beseitigenden Widerstand betrachten, kann ich nicht zustimmen. Meiner Ansicht nach betreibt Wheeler (1993) mit dem Kontaktbegriff, den er bei Perls herausliest und anscheinend als überwiegend aktiv vorwärtsdrängend versteht, Begriffsverwirrung. Perls denkt differenzierter als Wheeler es angibt. So schreibt er über das Verhältnis von Kontakt und Rückzug/Regression (vgl. auch F. Perls 1981, 133) beispielsweise im Jahre 1969:
Im Zeitalter der Psychoanalyse neigt man dazu, den Rückzug für ein neurotisches Symptom zu halten. Das aber ist ein Missverständnis des Phänomens (F. Perls 1979, 39). (…) Kontakt und Rückzug sind dialektische Gegensätze. Sie sind Ausdruck unserer Art und Weise, mit psychischen Ereignissen umzugehen, sie stellen unsere Möglichkeiten dar, an der Kontaktgrenze Objekte des Feldes zu behandeln (a. a. O., 40).
Widerstand und Kontakt sind für Perls und auch für Goodman erst einmal keine Gegensätze, wie Wheeler annimmt, sondern unterschiedliche Möglichkeiten der Kontaktnahme, ein Gedanke, den Wheeler mit dem bei Lore Perls entlehnten Begriff »Kontaktstil« neu in die Gestalttherapie einzuführen glaubt. Perls und Goodman:
Wir wollen Kontaktnahme, das heißt Gewahrsein und motorische Reaktion, im weitesten Sinne verstehen: also Verlangen und Zurückweisen, Annähern und Vermeiden, Empfinden, Fühlen, Nutzbarmachen, Einschätzen, Kommunizieren, Kämpfen und so weiter – als jede Art lebendiger Beziehung, die sich an der Grenze in der Interaktion von Organismus und Umwelt ereignet Jede Kontaktnahme dieser Art ist Untersuchungsgegenstand der Psychologie (Perls et al. 1951/1991, 11 f.).
Wann ein Verhalten als Widerstand oder Beistand bewertet wird, hängt vom Kontext ab. Nur das gemeinsame Erforschen kann klären, ob ein Verhalten etwa sinnvoller Rückzug für den Klienten bedeutet oder Verhinderung von (insgeheim gewünschtem) Wachstum. Letzteres wäre meiner Meinung nach das, was Perls und Goodman als neurotische Kontaktvermeidung und als Widerstand bezeichnen, den es durchzuarbeiten und zu »reorganisieren« (F. Perls) gilt.
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