Kitabı oku: «Lebendige Seelsorge 5/2014»

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THEMA

Schauen, Seufzen, Staunen

Über den Sinn für Humor in Theologie und Seelsorge

Von Gisela Matthiae

Der Witz der Religion

Von Bernhard Fresacher

Spirituelle Lachanfälle, mit Herz und Verstand!

Die Replik von Gisela Matthiae auf Bernhard Fresacher

Der schmale Grat zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Die Replik von Bernhard Fresacher auf Gisela Matthiae

Scherzgrenzen – oder: Spaß muss sein?!

Von Hans-Joachim Höhn

PROJEKT

Gute Engel, böse Engel und freie Gedanken

Illustrationen zu den Geistlichen Übungen des Hl. Ignatius von Loyola

Von Igna Kramp CJ

INTERVIEW

Lachen und Religion haben dieselbe tröstende Wirkung

Ein Gespräch mit Willibert Pauels

PRAXIS

Humorvoll predigen

Was die Homiletik von Kabarettisten lernen könnte

Von Volker A. Lehnert

Von Fackeln und Leberspätzle oder: Humor ist, wenn der Kirchenhistoriker trotzdem lacht

Von Christian Handschuh

Vom Humor der Erlösten

Von Martin Maier SJ

Das Zwei-Päpste-Vermächtnis. Eine Utopie

Von Joachim Frank

FORUM

Liebesschlösser – Ein Blitzlicht zu einem Phänomen

Von Ilona Nord

POPKULTURBEUTEL

Bingo!

Von Bernhard Spielberg

NACHLESE

Glosse von Wolfgang Frühwald

Impressum

Buchbesprechungen


Bernhard Spielberg Mitglied der Schriftleitung

Liebe Leserin, lieber Leser,

er führt hinaus ins Weite, stürzt Mächtige vom Thron, lässt Lachen, wo Verzweiflung droht: Humor hat göttliche Eigenschaften. Die machen ihn zu einem begehrenswerten Lebenselixier – und zu einem inspirierenden Element sowohl für die theologische Reflexion als auch für die praktische Seelsorge. Wie das konkret gehen soll? Das finden Sie in diesem Heft.

Auf den folgenden Seiten erklärt Gisela Matthiae, warum gerade den Clowns die Gottebenbildlichkeit ins Gesicht geschrieben steht. Bernhard Fresacher zeigt, was für die Theologie der Witz an der Sache mit dem Witz ist. Und Hans-Joachim Höhn lotet die Sch(m)erzgrenzen unserer Kultur aus. Wo in Theologie und Praxis der Spaß aufhört und wo er anfängt, das kommt in den facettenreichen Beiträgen in der Mitte des Heftes zum Vorschein. Schließlich blickt Joachim Frank in einer Reportage augenzwinkernd aus dem Jahr 2114 auf jene Jahrzehnte der Kirchengeschichte zurück, die noch vor uns liegen – und hebt damit das ekklesiogenetische Potenzial einer Utopie.

Natürlich kann man sich derart ernsthaft mit dem Spaß beschäftigen, dass es keine Freude mehr ist. Damit Ihnen das beim Lesen nicht passiert, haben wir in diesem Heft ein paar Schmankerl zum Schmunzeln versteckt: zwischen den Texten finden Sie Anekdoten aus dem pastoralen Tagesgeschäft und Stilblüten aus Prüfungen. Sie sind auf ihre eigene Weise Zeugnisse einer verrückten Theologie. Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle an die Kolleginnen und Kollegen Ulrich Dahmen, Klaus Peter Dannecker, Julia Knop, Ferdinand Prostmeier, Astrid Schilling und Irina Siegel, die uns einige Ihrer schönsten Fundstücke zur Verfügung gestellt haben.

Und selbst wenn Sie dieses Heft nur einmal kurz durchblättern, um vielleicht bei nächster Gelegenheit mit der sonoren Stimme des Connaisseurs beiläufig sagen zu können „Ich habe die aktuelle Ausgabe natürlich schon durchgesehen“, haben Sie diesmal etwas davon: nämlich ein kleines Daumenkino. „Jedes Ding hat drei Seiten: eine positive, eine negative und eine komische“, hat es Karl Valentin mal auf den Punkt gebracht (vgl. den Beitrag von Martin Maier SJ). Wir schauen diesmal nach der dritten.

Ich wünsche Ihnen – ganz im Ernst – viel Spaß bei der Lektüre!

Ihr


JProf. Dr. Bernhard Spielberg, Mitglied der Schriftleitung

Schauen, Seufzen, Staunen

Über den Sinn für Humor in Theologie und Seelsorge

„Haben Sie Humor, wenn Sie alleine sind?“ fragt Max Frisch in seinem Fragebogen zu Humor. Gut, wer hier mit „Ja“ antworten kann, denn beim Humor handelt es sich um eine Haltung, die sich zuerst in der Geselligkeit mit sich selbst bewährt. Lachen über sich selbst, gerade wenn es überhaupt nichts zu lachen gibt oder man eher heulen könnte – das ist die Grundlage für Humor, der sich auch in den Beziehungen zu Anderen bewährt. Gisela Matthiae

Vier Clowninnen stehen während eines Kurses auf der Improvisationsbühne. Das Bild, das ihnen vorgegeben ist, heißt: Überfüllter Strand! Das kennen alle, die aus Versehen schon einmal zur heißesten Jahreszeit Urlaub an einem sehr beliebten Badeort verbracht haben, also fast alle. Drückende Hitze, schwere Badetasche geschultert, große Liegematte unter den Arm geklemmt und kein freies Plätzchen in Sichtweite. Da ist alles dabei, was es für ein wunderbares Clownspiel braucht: ein Problem, Menschen mit unterschiedlichen Interessen, ein schwer erreichbares Ziel. Doch es wären keine Clowns, wenn ihnen gleich die Lust verginge. Im Gegenteil, wohlgemut staksen sie los, rempeln hier jemanden an, stolpern da über eine Sandburg und entdecken, ebenfalls typisch im Clowntheater, erstaunlich viele freie Plätzchen auf den ausgebreiteten Handtüchern, die doch allesamt schon belegt sind. So gelingt es ihnen gar, sich in unmittelbarer Nähe miteinander, wenn auch auf vier verschiedenen Handtuchplätzchen niederzulassen. Hier breiten sie sich nun genüsslich aus, cremen sich ein und nicken mit einem gewinnenden Lächeln dem Besitzer des Strandlakens auf seiner anderen Hälfte zu. Und weil ihrem sympathischen Charme niemand widerstehen kann, wird bald zusammen Picknick gemacht und sogar ein Fläschchen Wein ausgepackt. Die missliche Situation hat sich in Wohlgefallen aufgelöst und man ist sich näher gekommen.

Clownerie ist für mich eine wunderbare Form des komischen Theaters zur Einübung in die Haltung des Humors. Jede Szene vereint in sich die Ingredienzen für humorvolles Verhalten. Voraussetzung ist eine missliche Situation. Dazu kommt ein unerschütterlicher Optimismus, dass sich trotzdem eine Lösung finden wird. Schließlich wird der Wagemut gefordert, sich mitten hinein in die Schwierigkeiten zu begeben. Dort werden Kleinigkeiten entdeckt, die ansonsten meist übersehen werden. Durch einen Funken Kreativität entsteht auf einmal eine geniale Lösung, mit der sich schließlich alle wohl fühlen. Was hier für diese Szene gilt, kann sich im Alltag, im Beruf und gerade auch in Seelsorgesituationen ebenfalls ereignen. Die missliche Situation hat man dort meist schon. Alles andere ist eine Sache der Aufmerksamkeit, der Entdeckungsfreude, der Risikobereitschaft und des eigenen Schalks. Dabei ist Humor kein bestimmtes Repertoire an Interventionsmöglichkeiten. Humor ist vielmehr eine Haltung, aus der heraus sich bestimmte Verhaltensweisen nahelegen, je nach Situation immer wieder andere. Auch wenn Humor heutzutage nahezu als Allheilmittel gilt: in Therapie, Bildung, bei Krankheiten, im Management, und einem wie Zauberei vorkommen mag – leicht zu definieren ist er nicht, dieser Humor. Näher beschreiben lässt er sich allerdings, und zwar über Merkmale, die eine verblüffende Ähnlichkeit zum christlichen Glauben aufweisen. Deshalb wird Humor aber noch lange nicht zu einer göttlichen Angelegenheit, über die nun auch die Menschen plötzlich verfügen. Mit Humor lässt sich Menschlichkeit verwirklichen, durchaus in dem Sinn, wie Menschen von Gott gemeint sind, nämlich als Ebenbilder oder als Ikonen Gottes. Bei der Beschreibung der Merkmale von Humor fange ich da an, wo jeder Humor seinen Ausgangspunkt hat: Im Schlamassel! Und daher:

HUMOR WÄCHST AUF DEM MIST, DER MIR DIE LUFT VERPESTET

Ist die Situation bereits heiter und unbeschwert, brauchen Sie keinen Humor. Dann lachen Sie einfach so, aus Freude. Wenn es aber überhaupt nichts zu lachen gibt, wenn einem eher zum Heulen ist oder man vor Wut aus der Haut fahren möchte, dann ist eine humorvolle Haltung gefragt. Ganz anschaulich wird dies bei dem Spaziergänger, dem eine Taube das blütenweiße Hemd beschmutzt. Da denkt er sich: wie gut, dass Kühe nicht fliegen können.

Dieser Mann hat Humor! Schadenfreude empfinden eventuell andere, die das Missgeschick beobachten. Aber es scheint, als hätte der Mann auch selbst etwas zu lachen gehabt. Dabei hätte er sich auch aus gutem Grund ärgern können. Das blütenweiße Hemd! Vielleicht hat er ein wichtiges Meeting vor sich, oder ein Rendezvous. Doch offensichtlich entscheidet er sich fürs Lachen. Über einen aberwitzigen Vergleich – Kühe fliegen ja bekanntlich nicht – ringt der Mann der unangenehmen Situation sogar einen Witz ab.

Humor setzt eine heikle, konflikthafte, missliche, peinliche oder gar peinigende Situation voraus. Wie der Philosoph Thorsten Sindermann in seinem Buch „Über praktischen Humor“ festhält, ist der Ausgangspunkt für Humor stets ein skandalon (Sindermann 1998).

Skandalon – diesen Begriff kennt die christliche Theologie in Bezug auf das Kreuz als eines Heilszeichens. Könnte hier sogar ein Ausgangspunkt sein für ein christliches Verständnis von Humor? Zunächst ist das Kreuz ein Foltergerät und Ausdruck einer brutalen Terrorherrschaft.

Im Kreuz selbst ist so gar nichts Glorreiches und Befreiendes, wohl aber in seiner Überwindung. Und selbst die Überwindung des Todes bleibt zunächst der Glaube und die Hoffnung einer kleinen Gemeinschaft von verschreckten Jüngerinnen und Jüngern. Diese neue gerechte Welt Gottes fängt klein an, unter einfachen Hirtinnen und Fischern, ganz nahe bei den Menschen und ihren existentiellen Nöten. Ihnen, den Unterdrückten und Gepeinigten, gilt die frohe Botschaft. Die arme Witwe findet den verlorenen Groschen wieder, die ausländische Frau darf wenigstens von den Brosamen satt werden und ihr Kind wieder gesund, der reiche junge Mann soll dagegen erst einmal all sein Hab und Gut verkaufen. Verkehrte Welt mag man meinen. Ausgerechnet die Armen und Verfolgten werden seliggepriesen. Kein Wunder hat man Jesus für verrückt erklärt, und das von seiner eigenen Verwandtschaft (Mk 3,21). Bis heute haben wir ja keinen Grund, vollmundig davon zu sprechen, dass sich diese neue Wirklichkeit durchgesetzt habe – und predigen es doch regelmäßig. Damit kommt man gleich in die gute Gesellschaft der Narren in Christo (1 Kor 4,10). Es mag lächerlich erscheinen, und doch ist es die stärkste Kraft, die das Christentum hervorgebracht hat: im Kleinen, im anscheinend Unbedeutenden und anlässlich größter Not die Hoffnung nicht zu verlieren, andere Maßstäbe anzulegen, das Denken und Handeln neu auszurichten. Das tut der Humor im Übrigen auch, auch wenn er freilich nicht auf das Evangelium ausgerichtet ist. Doch die Hoffnung und den Perspektivwechsel teilt er mit dem Glauben.

HINTER JEDER ECKE LAUERN EIN PAAR RICHTUNGEN

Von dort könnte es ja Perspektiven geben, die bislang noch gar nicht im Blick waren. An solchen Perspektiven und den daraus resultierenden neuen Deutungsmöglichkeiten sind Menschen mit Humor interessiert. Sie wollen immer wieder Entdeckungen machen, Dinge neu und anders sehen und dabei das Staunen nicht verlieren. Das haben sie mit den Kindern, aber auch mit den Jüngerinnen und Jüngern gemein. An so vielen Stellen ist davon die Rede, wie sehr sie sich wunderten. Das ist der Anfang neuer Sichtweisen, neuer Erkenntnisse, neuer Deutungen. Der Haltung des Humors liegt die Einsicht zugrunde, dass Deutungen relativ und beschränkt, kontextuell und erfahrungsbezogen sind. Absolutsetzungen jeglicher Art begegnet der Humor nicht nur mit Skepsis, sondern auch mit dem Vergnügen, diese zu widerlegen. Wer einen Sinn für Humor hat, wird daher an dialogischen und nicht monologischen Kommunikationsverfahren interessiert sein. Rechthaberei oder gar Besserwisserei passen so gar nicht zu einem humorvollen Verhalten. Und einen größeren Gegensatz als den zwischen Fundamentalismus und Humor kann ich mir kaum vorstellen.

HUMOR – DER SAFT DES LEBENS

Humor heißt von seiner Wortbedeutung her „Feuchtigkeit“, „Flüssigkeit“. Der Begriff stammt aus der Medizin und bezeichnete seit der Antike bis zur Aufklärung die wesentlichen Körpersäfte, die humores cardinales, die möglichst im Fließgleichgewicht sein sollten. Aus der Temperamentenlehre ist noch bekannt, dass zu viel heißes Blut einen Sanguiniker macht, der Choleriker über zu viel gelbe Galle, der Melancholiker über zu viel schwarze Galle und der Phlegmatiker über zu viel Schleim verfügt. Was einst als Veranlagung für bestimmte Krankheiten galt, macht später die Laune oder Gemütsverfassung eines Menschen aus. Inzwischen ist ein humorvoller Mensch einer, der Bewegung in Festgefahrenes, Starres, angeblich Eindeutiges und Unumstößliches bringt. Das Verflüssigen ist dem Humor geblieben, auch wenn der Begriff längst seinen medizinischen Kontext verlassen hat. Starres verflüssigen – dies geschieht sicher nicht aus einer puren Laune heraus, sondern aus einer humanitären Gesinnung, die alle Menschen gleichermaßen zur Geltung bringen möchte.

AUGE IN AUGE MIT HUMOR

Kirchen, das Militär oder das Krankenhaus bilden hierarchische Strukturen aus, die einerseits wichtig und mitunter auch völlig überzogen sind. Sie sind gefundene Orte für Humor. Ein Pflegeteam hatte auf einer Station eine Karikatur angebracht, die den Chefarzt zeigt, wie er auf einer Sänfte durch den Krankenhauskorridor getragen wird. Bei seiner Visite nun entdeckt der Chefarzt die Karikatur und bleibt für eine lange Zeit davor stehen. Betretenes Schweigen bei den Anderen. Auf einmal dreht sich der Chefarzt zu seinem Team um und fragt: „Ist es wirklich so schlimm?“ Eine Karikatur aufzuhängen, das zeugt noch nicht von Humor. Aber als Betroffener einer karikierend überzogenen Kritik ertappt zu werden, darüber ins Nachdenken zugeraten und mit einer seinerseits überzogenen Rückfrage zu parieren, das ist sehr wohl Ausdruck von Humor. Er hätte wütend werden können, seine leitende Position erst recht behaupten, gar nach den Verantwortlichen fragen. Aber nein, in diesem Moment der Hinwendung an die Anderen gerät die Hierarchie ins Wanken. Ein Gespräch wird angezettelt und hoffentlich nutzen sie es und sprechen darüber, was die bestehende Ordnung eventuell unerträglich macht oder inwiefern sie die Arbeitsabläufe positiv stabilisiert. Dem Humor ist an einem Kontakt auf Augenhöhe ebenso sehr gelegen wie dem christlichen Glauben. Hier und da konstituieren Respekt, gegenseitige Achtung und Anerkennung das Miteinander. Nächstenliebe und Gottebenbildlichkeit sind Begriffe, mit denen der Glaube die besondere Nähe und Augenhöhe mit anderen Menschen qualifiziert.

Da der Chefarzt humorvoll reagiert hatte, dürfte so ein Gespräch durchaus von Lachen begleitet sein. Hat das Pflegeteam bislang über den Chef gelacht, so lacht der Chef jetzt über sich und alle lachen miteinander.

SICH SELBST ERNST NEHMEN, ABER AUCH WIEDER NICHT ZU ERNST

Lachen die einen über den Anderen, nennen wir es Schadenfreude. Lache ich über mich selbst, nenne ich es Humor. Kann ich mit Anderen zusammen über mich lachen, halte ich das für eine besonders hohe Form des Humors. Humor erwächst aus der Haltung, auch sich selbst immer wieder neu und anders anschauen und der eigenen Starrheit im Denken oder Handeln durch Verflüssigungen begegnen zu können. Kurzum: Humor zeigt sich darin, sich nicht zu ernst zu nehmen, nicht die eigenen Meinungen, die jeweilige Position nicht, nicht das angesammelte Wissen, auch nicht die gewählten Glaubenssätze. Ja, diese Relativierung ist durchaus auch auf den Glauben zu beziehen, erkennen wir doch, wie oft wir auch hier Suchende, Zweifelnde, Forschende, Fragende sind, und unsere Erfahrungen dogmatische Richtigkeiten herausfordern oder sogar ins Wanken bringen. Ein lebendiger Glaube wird hier, gleich dem Humor, neugierig bleiben, entdeckungslustig und bereit zum Staunen. Doch der Humor kann dem Glauben auch zu einem wichtigen Korrektiv werden und diesen vor Fanatismus bewahren.

CLOWNIN GOTT

Nicht weil ich mich über Gottesvorstellungen oder gar über Gott selbst lustig machen wollte, habe ich vor einiger Zeit die Metapher der Clownin Gott entwickelt. Dass Jesus als verrückt erklärt wurde und Paulus uns als Narren in Christo bezeichnet hat, waren für mich maßgebliche Gedanken. Aber der entscheidende Einfall verdankte sich der Einsicht, dass die metaphorische Gottesrede noch metaphorischer werden muss, damit sie als solche zur Geltung kommt. Adler, Fels, Bärenmutter, König, Herrscher – in der Bibel wimmelt es von Bildern aller Art. Keines will Gott festlegen und doch erscheinen Gottesbilder oft wie das goldene Stierbild, über das Gott einst so wütend wurde. Warum also nicht eine sehr schräge Metapher, die geradezu bilderstürmerisch wirkt? Eine Metapher, die Gottes schöpferische, unerwartbare, herrschaftskritische Kraft herausfordernd und frech zum Ausdruck bringen will? Eine Metapher, die humorvoll verflüssigt und sich dabei selbst ernst, aber auch nicht zu ernst nimmt – so wie es sich für jede Metapher gehören würde?

CLOWNIN MENSCH

Das wäre dann das Bild des Gott entsprechenden Menschen. Jeder Mensch ein Clown oder eine Clownin und damit weit mehr als ein toll-patschiger bunter Kerl mit zu großen Schuhen. Eher eine zuversichtliche Person mit der Strandmatte unterm Arm oder ein Spaziergänger, der sich über Tauben auf dem Dach und Kühe auf der Weide freut. Ein Mensch, der sich selbst nicht absolut setzt, sondern sogar Mut zur eigenen Komik hat. Ein unerschütterlich neugieriger Mensch, der das Staunen noch nicht verlernt hat. Der im Wissen um die eigene Unvollkommenheit umso beherzter an Gottes gerechter Welt mit arbeitet und sich trotzdem noch an den Lilien auf dem Feld freut. Das Schwere wäre schwer, und es wäre möglich, gerade darin das Leichte zu heben (Pfandl-Waidgasser). Tragik würde Tragik bleiben, und doch wäre darin noch Komik zu entdecken. Dem Tod wäre nicht das letzte Wort überlassen, sondern selbst darin und darüber hinaus noch das Leben aufspürbar.

SEELSORGE – CLOWNESK HUMORVOLL

Freilich ist Seelsorge kein Strandspaziergang! Doch wenn es gut geht, kann man durchaus gemeinsam bei einem Picknick landen. Ein Pfarrer beschreibt, wie er einen Geburtstagsbesuch bei Russlanddeutschen macht. Geburtstag hat die Frau, die unentwegt von Küche zu Wohnzimmer eilt, um dem hohen Gast Leckereien aufzutischen. Der Ehemann wirkt abweisend, bis er die Flasche Wodka hervorholt und dem Gast Glas um Glas einschenkt. Der Pfarrer ist permanent damit befasst, sich abzugrenzen und sucht fieberhaft nach einer guten Ausrede, die ihm einen Abgang erleichtern könnte. Hier ist kein einziges seelsorgliches Gespräch möglich, auch wenn die Sprache selbst nicht der Hinderungsgrund ist.

Bei einer clownesken Improvisation entstehen allerdings überraschende Möglichkeiten in dieser an sich schon witzigen und doch auch tragischen Situation. Eine Pfarrerin übernimmt die Rolle und gerät in Clownsmanier ins Entzücken über all die Speisen. Besonders der Kuchen ist dermaßen köstlich, dass sie die Hausfrau nach dem Rezept fragt. Das verschafft ihr den Zutritt zur Küche und schon sind die beiden Frauen unter sich und tauschen so manches gute Wort aus. Ein weiterer Pfarrer entdeckt die vielen Fotos an den Wänden und lässt sich bald von dem Paar alte Geschichten erzählen. Das Essen ist nicht mehr so wichtig. Stattdessen wird gemeinsam ein bisschen getrauert und gelacht. Noch eine Variante: der Besuch wird am Abend abgehalten, damit man auch kräftig essen und trinken kann. Und der Tipp: nippen Sie nur am Glas, damit nicht ständig nachgeschenkt werden kann!

FAZIT

So wird Humor doch noch zu einer nahezu göttlichen und doch zutiefst menschlichen Haltung, die ungeahnte Chancen birgt. In den vielen Szenen, die wir inzwischen zu seelsorglichen Situationen gespielt haben, wird vor allem deutlich, dass der Seelsorger sich selbst gegenüber humorvoll sein sollte. Die folgenden Aufforderungen mögen diese Haltung ebenso humorvoll aufspießen:

Steuern Sie direkt auf das Problem zu und suchen Sie genau da nach Lösendem! Es wird sich auch genau da finden.

Bleiben Sie in jedem Fall neugierig, auch sich selbst gegenüber.

Ein guter Kontakt zum anderen Menschen kann den Kontakt zu sich selbst nicht ersetzen.

Riskieren Sie mal eine ungewöhnliche Reaktion, einfach so und aus dem Bauch heraus.

Keine Angst vorm Scheitern, das macht uns erst so richtig menschlich. Nicht einmal unser Gott hat es vermieden.

Wenn Ihnen nichts mehr einfällt, fällt Ihnen nichts mehr ein. Dann seufzen Sie eben und seien Sie gewiss, Gottes Geistkraft vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen (Röm 8,26). Gemeinsam seufzen wirkt besonders erleichternd.

Meist hat ihr Gegenüber, für dessen Seele Sie sich sorgen, selbst den besten Sinn für Humor. Lassen Sie sich davon anstecken (nur davon!) und lachen Sie kräftig oder zart mit.


LITERATUR

Matthiae, Gisela, Clownin Gott. Eine feministische Dekonstruktion des Göttlichen, Stuttgart 22001.

Matthiae, Gisela, Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen. Mit Clownerie zur Glaubensfreude, Freiburg i.Br. 2013.

Pfandl-Waidgasser, Andrea, Spielerischer Ernst. Clowneske Interventionen in der Krankenhausseelsorge, Stuttgart 2011.

Sindermann, Thorsten, Über praktischen Humor. Oder eine Tugend epistemischer Selbstdistanz, Würzburg 2009.

Der Pfarrer hält beim Gottesdienst im Altenheim eine lange Pause nach: „Lasset uns beten“. Darauf ein Zwischenruf: Aber heute noch!

Gisela Matthiae

geb. 1959, Dr. theol., evang. Theologin und Clownin; schreibt, unterrichtet, spielt und bildet seit vielen Jahren im kirchlichen Umfeld Clowninnen und Clowns aus, auch für Besuche im Altenheim (www.clownin.de; www.kirchenclownerie.de).

Der Witz der Religion

Die Theologie braucht Humor. Denn Lachen beflügelt den Geist, entschärft Konflikte und wirkt antifundamentalistisch. Der Fundamentalismus versteht keinen Spaß. Damit ist nicht gesagt, dass man all das auf die leichte Schulter nehmen sollte, im Gegenteil: gerade der Fundamentalismus ist ein ernstes Problem. Er kann Menschen rekrutieren, die zum Töten bereit sind. Wo also hört der Spaß auf und wo fängt er an? Bernhard Fresacher


Zweifellos ist dort eine Grenze gezogen, wo man sich auf Kosten Anderer lustig macht und sie der Lächerlichkeit preisgibt, so dass ihr Ruf oder ihre Existenz zerstört wird. Guter Humor dient der Menschenwürde. Die Frage reicht aber viel weiter. Sie lässt sich einerseits auf den Sachverhalt hin beantworten, um den es geht, und andererseits auf die ästhetische Form hin, in der dieser behandelt wird: von welchem Standpunkt aus macht jemand Witze worüber? Über sich selbst oder über andere? Handelt es sich dabei um Komik, Slapstick, Scherz, Spott, Ironie, Parodie, Satire, Sarkasmus, Karikatur, Groteske, Fröhlichkeit, Heiterkeit, Narretei, Clownerie, Komödie, Kabarett oder Comedy? Wonach unterscheidet sich dabei gelungen von missglückt? Mit diesen Fragen ist ein Fass aufgemacht. Es mag Erinnerungen an Diogenes von Sinope und den Zynismus im ursprünglichen Sinn der kynischen Philosophie wecken: „Nachdenklich liegt in seiner Tonne, Diogenes hier an der Sonne“ (Wilhelm Busch). Schon möglich, dass der Theologie mehr von dieser Art Nachdenklichkeit gut täte – nicht nur bei der Erkundung des Fasses Humor. Auf eine solche Erkundung zielen die folgenden losen Gedanken, wie sie sich aufdrängen können, zwischen Hitze und Schatten.

DEN WITZ VERSTEHEN

Religion und Glauben haben nicht nur Regeln, sondern auch einen Witz, kann man in Abwandlung des Wittgenstein-Aphorismus sagen (vgl. Wittgenstein, § 564 und § 567). Um zu verstehen, muss man nicht nur auf, sondern auch zwischen den Zeilen lesen können. Darin besteht die Kunst der Kommunikation (vgl. Fresacher 2006). Sie lebt von Anspielungen und Leerstellen. Sinn und Bedeutungen stecken nicht im Text, sondern erschließen sich im Kontext, in dem der Text Imaginationen hervorruft – und möglicherweise ein unverhofftes Lachen (s. die Karikatur). In diesem semantischen Spannungsfeld lässt sich jede Äußerung wiederum auf ihre Form hin interpretieren – und auf die Frage hin: was steckt dahinter?

Deshalb ist es kein Versehen oder Unvermögen, dass die Bibel Theologie in Erzählungen und Gleichnissen betreibt. Uns Heutigen fehlt vielfach der kulturelle Background von damals, um über die Pointen sofort lachen zu können. Zugleich können wir heute zu Assoziationen finden, auf die die Damaligen niemals gekommen wären. Die Geschichte von der Dämonenaustreibung in Gerasa (Mk 5,1-20) beispielsweise ist eigentlich ein Schenkelklopfer. Sie macht sich nicht nur über die bösen Geister lustig, sondern zieht nebenbei noch eine römische Legion (X Fretensis, die unter anderem das Emblem eines Ebers trug) durch den Kakao: „Lass uns doch in die[se] Schweine hineinfahren!“ (12). Das ist Satire der direktesten Art, zwischen politischem Kabarett und unterhaltsamer Comedy. Ohne diesen Kontext aber schütteln wir nur verwundert den Kopf und stellen uns zweitausend Schweine vor, die sich besessen in den See stürzen.

GEWOLLT ODER UNGEWOLLT KOMISCH

Von außen betrachtet erwecken religiöse Praktiken unmittelbar den Eindruck des Komischen, von der außergewöhnlichen Kleidung angefangen bis hin zu den eigenartigen Verhaltensweisen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten noch nie in Ihrem Leben an einem Gottesdienst teilgenommen oder noch nie von einem solchen gehört, Sie würden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Beim zweiten Eindruck würden Sie vielleicht die Lächerlichkeit des Ganzen empfinden, das da von den Beteiligten mit größter Ernsthaftigkeit vollzogen wird. Kirchen legen schon beim Betreten einen besonderen Habitus der ernsten Andacht nahe. Sie scheinen kein Gelächter zu vertragen. Ironische Betrachtungsweisen finden sich schnell dem Verdacht der Blasphemie ausgesetzt. Darum dreht sich zum Beispiel Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose/Il nome della rosa“. Er bezieht sich auf die Benediktsregel über die Demut: „Der Mönch ist nicht leicht und schnell zum Lachen bereit, steht doch geschrieben: ‚Der Tor bricht in schallendes Gelächter aus’ (Sir 21,20).“ Gottesfürchtige lachen nicht. Ihr Geist verliert nicht die Kontrolle über den Körper. In dieser ganzen Ambivalenz findet sich im Christentum – mit anderen Religionen zusammen, allen voran dem Judentum – von den biblischen Schriften angefangen, bis in die Praktiken und Äußerungen über die Jahrhunderte hin, eine reiche Tradition des Humors.

Das Buch Jona zum Beispiel, aus dem hebräischen Tanach, präsentiert sich in der literarischen Form der ironischen Selbstkritik: Jona, der auf das Wort Gottes hört, ist um keinen Ausweg und kein Argument verlegen, sich durch dieses Wort gerade nicht von seinen Glaubensüberzeugungen abbringen zu lassen. Doch die göttliche Phantasie schlägt seiner Trägheit jedes Mal ein Schnippchen. Schließlich zieht sich Jona beleidigt in den Schatten eines Laubdachs zurück, das er sich gebaut hat, um abzuwarten, was er sich schon immer gedacht hat: die Stadt Ninive wird vom Zorn Gottes verschont bleiben, weil Gott wieder einmal weich geworden ist. „Da ließ Gott, der Herr, einen Rizinusstrauch über Jona emporwachsen, der seinem Kopf Schatten geben und seinen Ärger vertreiben sollte. Jona freute sich sehr über den Rizinusstrauch. Als aber am nächsten Tag die Morgenröte heraufzog, schickte Gott einen Wurm, der den Rizinusstrauch annagte, sodass er verdorrte“ (Jona 4,6f.) und Jona der prallen Sonne aussetzte. Diogenes lässt grüßen.

SPÖTTISCHE KRITIK AN ÜBERZOGENER FRÖMMIGKEIT

Das Psychogramm eines Gottesfürchtigen, das hier in einer pointenreichen Odyssee-Geschichte erzählt wird, ist entlarvend und voller Spott. Es deckt die gar nicht so frommen Motive hinter der Frömmigkeit schonungslos auf. Das Buch Kohelet aus der gleichen Epoche wie das Buch Jona bietet ähnliche Kritik in aphoristischer Form, deren Ironie sich für uns nicht immer sofort erschließt, zum Beispiel: „Besser sich ärgern als lachen; denn bei einem vergrämten Gesicht wird das Herz heiter“ (Koh 7,3). Ernst kommt hier daher, was in Wirklichkeit spöttische Kritik am frommen Gehabe ist.

In beiden biblischen Büchern findet sich vorweggenommen, was in Nietzsches Religionskritik Jahrtausende später unter neuzeitlichen und modernen Voraussetzungen entfaltet ist. Ebenfalls in der ästhetischen Form der ironischen Übertreibung zeichnet sie den frommen Typus bis zur Kenntlichkeit. Er münze den Geist des Ressentiments, das heißt den uneingestandenen Zorn der Unterlegenen, der auf Rache und Vergeltung sinne, in ein Gefühl der moralischen Überlegenheit um. Er sei „weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu. Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte muthet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit, seine Labsal; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demüthigen“ (Nietzsche, Nr. 10; vgl. Nr. 13).

STULTITIA, LEVIATHAN UND RISUS PASCHALIS

Das Christentum war – ebenso wie andere Religionen – von Anfang an dem Spott ausgesetzt, wie die auf dem Palatin in Rom entdeckte älteste Karikatur eines gekreuzigten Esels aus dem 2. Jahrhundert belegt: „Alexamenos sebete theon“ – „Alexamenos betet Gott an.“ Zugleich greift die christliche Theologie selbst auf die Form der Ironie zurück, und zwar keineswegs nur am Rand, sondern am Puls des Glaubens. Drei Motive mögen an dieser Stelle als Beispiele genügen: (1) die Torheit des Kreuzes (stultitia), (2) die Überlistung des Teufels (Leviathan) und (3) das Ostergelächter (risus paschalis).

(1) Die Narretei, auf die die Esels-Karikatur anspielt, wird bei Paulus als Logik des Kreuzes verkündet. Demnach verkörpert diese närrische Torheit eine Weisheit, die die Weisheit der Welt in ihrer Torheit entlarvt (vgl. 1 Kor 1,18-31). Diese Logik provozierte in der Antike nicht nur religionskritische Äußerungen eines Celsus zum Beispiel (vgl. Fresacher 2010), sondern auch asketische Figuren, die sich zum Narren um Christi willen machten und bis heute beispielsweise in den Bettelorden ihren Nachklang finden, oder in der Renaissance eine Liebe zur satirischen Kirchenkritik, wie sie im „Lob der Torheit“ des Erasmus von Rotterdam in die derbe Rede der Närrin Stultitia gekleidet ist – immer am schmalen Grat zwischen Beifall und Verurteilung (vgl. Greenblatt): wer glaubt, macht sich zum Narren.

(2) Die Darstellung des geköderten Leviathan in Text und Bild untermalte – trotz antiker Bedenken – die gängige Erlösungsvorstellung des Mittelalters (vgl. Zellinger). Sie wirkt bis heute in der frommen Alltagstheologie nach. Darin geht der Teufel dem Gottessohn in Menschengestalt auf den Leim. Er verschlingt im Tod am Kreuz mit dessen menschlicher Natur auch die göttliche. Damit begeht er einen folgenschweren Fehler: die Rettung der Menschen. Denn aufgrund der Gottheit kann er die Menschheit nicht behalten. Er muss den Gottessohn wieder ausspeien und mit ihm die ganze Menschheit von den biblischen Patriarchen angefangen. Auf diese Weise entreißt Christus dem Teufel und mit ihm dem Tod alle Menschen. An der rettenden Angelschnur werden sie aus dem Rachen des Leviathan nach oben gezogen. So – paradox – geht Erlösung. Daran hängt der mächtige Gnadenapparat der Kirche. Am Kreuz treibt Gott seinen Schabernack mit seinem Gegenspieler. Er führt den Siegessicheren in seiner Dämlichkeit vor. Sein Stolz ist sein Fall. Dankbare Demut und Bescheidenheit sind stattdessen als Tugend angesagt. Dieses Motiv von der Überlistung des Teufels findet sich in mittelalterlichen Mysterienspielen wieder und von dort Eingang in die Kunst – vom Märchen „Der Schmidt und der Teufel“ bis hin zu Hofmannsthals „Jedermann“: am Kreuz macht sich der Stolze lächerlich.

(3) Dass die Freude der Auferstehung auch körperlich über die Stränge schlägt, kommt in dem mittelalterlich weit verbreiteten Brauch des risus paschalis, des Ostergelächters, zum Ausdruck (vgl. Jacobelli und Kemper). Dabei brachte der Prediger zu Ostern in der Kirche mit Gesten und Worten die Anwesenden zum Lachen. Die vielfach anzüglichen Anspielungen sprachen insbesondere sexuelle Phantasien an – bis hin zu Darstellungen pornografischer Art. In der Neuzeit lag darin der Grund, diesen Brauch zu verbieten oder stark einzuschränken. Dagegen konnte ihm Ratzingers Kommentar dazu aus den 1980er Jahren sehr viel mehr abgewinnen: „Zur barocken Liturgie gehörte einst der risus paschalis, das österliche Lachen. Die Osterpredigt musste eine Geschichte enthalten, die zum Lachen reizte, so dass die Kirche von fröhlichem Gelächter widerhallte. Das mag eine etwas oberflächliche und vordergründige Form christlicher Freude sein. Aber ist es nicht eigentlich etwas Schönes oder Angemessenes, dass das Lachen zum liturgischen Symbol geworden war?“ (Ratzinger, 100). Diese Interpretation folgt weitgehend der scholastischen Unterscheidung des gaudium spirituale (der glückseligen, dem Geistlichen hingegebenen Heiterkeit) von der laetitia saecularis (dem körperlichen, dem Irdischen hingegebenen Lachen). In manchen Osterpredigten wird die Tradition des risus paschalis auf dem Hintergrund dieser Unterscheidung heute wieder aufgegriffen: Ostern macht Spaß.

KOGNITIVE DISSONANZEN

Im Deutschen gebrauchen wir das Wort „Witz“ in mindestens drei verschiedenen Bedeutungsvarianten: 1) als etwas, das Vergnügen bereitet, lustvoll und unterhaltsam („einen Witz machen“, englisch: joke), 2) als etwas, in dem das Wesentliche zum Ausdruck kommt, spezifisch und pointiert („der Witz einer Sache“, englisch: wit), und 3) als etwas, das eine Wahrheit enthält, die nicht restlos beschreibbar und in Regeln zu fassen ist („ein Witz, den man erklärt, geht verloren“, im Sinn von Wittgenstein). Der Witz ist das, was in allen Beschreibungen unbeschreibbar bleibt und dennoch notwendig ist, um das Beschriebene zu verstehen. Wer den Witz nicht versteht, dem helfen auch keine Regeln. Man kann dieses Verhältnis auf Religion und Glauben übertragen: sie sind mehr als das, was sich in Geschichten, Formeln und Lehren beschreiben lässt. Wer den Witz dessen, was eine Religion oder was den Glauben ausmacht, nicht versteht, kann auch mit deren Geschichten, Formeln und Lehren nichts anfangen.

Auch wenn die Satire bis in ihre derbsten Formen hinein beliebt war, wurde dem Witz bis in die Neuzeit keine eigene Erkenntniskompetenz zugesprochen. Deshalb liegt die Nähe zwischen Religion und Witz, zwischen Glauben und Humor bis heute nicht sofort auf der Hand. Mit der Romantik (Jean Paul) änderte sich diese Sicht, und die ästhetischen Formen des Humors gewannen sowohl an heuristischem als auch an epistemologischem Wert. Aus diesem Geist heraus und in Auseinandersetzung mit der antiken Philosophie Platons beschrieb Søren Kierkegaard den Humor als Vorstufe zum Glauben („Religion inkognito“), die den Sprung von der ethischen zur religiösen Ebene ermögliche: „Der Humorist setzt beständig […] die Gottesvorstellung mit anderen zusammen und bringt den Widerspruch heraus – aber er verhält sich nicht selbst in religiöser Leidenschaft […] zu Gott, er verwandelt sich selbst in eine scherzende und doch tiefsinnige Durchgangsstelle für alle diese Umsatzgeschäfte… Der Religiöse tut dasselbe, er setzt die Gottesvorstellung mit allem zusammen und sieht den Widerspruch, aber in seinem Innersten verhält er sich zu Gott…“ (Kierkegaard, 214f.) Im Sinn der sokratischen Maieutik öffnet demnach der Humor den Blick für eine andere Welt. Er führt uns durch das Widersprüchliche, Ungereimte und Absurde dieser Welt hindurch zu einer anderen Sichtweise. So ist es auch mit dem Glauben. Dieser stürzt – so Kierkegaard – aber nicht in Verzweiflung, sondern weckt Hoffnung daraus: „Credo quia absurdum/Ich glaube, weil es absurd ist“ (Tertullian).

ÜBERRASCHENDE PARADOXIEN

Diese Parallelisierung von Religion und Humor lenkt die Aufmerksamkeit auf das Inkongruente, Ambivalente und Fragmentarische, in dem sich ebenfalls Wahrheit offenbart. Die religiöse Form wird mit der komischen Form in Bezug auf diese Erkenntnis- und Wissenslage verglichen. Insofern erklärt sich „ein heimliches Konkurrieren“ (Luhmann, 47) zwischen diesen beiden Formen. Beide Male geht es um ein Aufeinandertreffen des Verschiedenen beziehungsweise des Gegensätzlichen (zum Beispiel im Motiv der rettenden Angel). Der Humor entfacht sich am überraschend Paradoxen einer Aussage oder Geschichte. Die Theologie greift auf paradoxe Formeln zurück, um im selben Atemzug Greifbarkeit und Entzogenheit (similitudo und dissimilitudo) für die Gottesrede festzuhalten: ein Wesen in drei Personen, zwei Wesen in einer Person (vgl. Fresacher 2013). Solche kognitiven Dissonanzen halten den Glaubenssinn wach, ähnlich wie sie den Körper zum Lachen bringen. In beiden Fällen handelt es sich um einen performativen Vorgang der ungewöhnlichen Verschiebung, des Wechsels und der Relativierung der Sichtweise und mit ihr der Realität (vgl. auch Berger). Insofern überrascht der starke Hang zum Metaphorischen nicht, das sowohl der religiösen Gottesrede als auch der komischen Überzeichnung eine ihrer grundlegenden ästhetischen Formen verleiht.

DER WITZ ALS LOCUS THEOLOGICUS

Der Witz jongliert mit seiner Mehrdeutigkeit (s. die Karikatur). Er lässt sich nicht in eine einzige Bedeutung zwingen. Er zündet im Moment des Verstehens. Es geht also um die Spezifik einer Wahrheit, die einer adäquaten ästhetischen Form bedarf, um sie zu verstehen, und die nicht ohne Verlust in eine andere Form zu übersetzen ist. In diesem Sinn finden Religion und Glauben unter anderem in Humor und Ironie – als locus theologicus – zu ihrer Wahrheit. Zu deren üppigster Fundgrube gehört sicherlich der jüdische Witz, zum Beispiel:

„Joine, du warst doch auf der Jeschiwe. Kannst du mir erklären, was das ist: Talmud?“

„Ich will es dir an einem Beispiel erklären, Schmul. Ich will dir stellen eine talmudische Kasche: Zwei fallen durch den Schlot. Einer verschmiert sich mit Ruß, der andere bleibt sauber…Welcher wird sich waschen?“

„Der Schmutzige natürlich!“

„Falsch! Der Schmutzige sieht den Reinen – also denkt er, er ist auch sauber. Der Reine aber sieht den Beschmierten und denkt, er ist auch beschmiert; also wird er sich waschen. – Ich will dir stellen eine zweite Kasche: Die beiden fallen noch einmal durch den Schlot – wer wird sich waschen?“

„Na, ich weiß jetzt schon: der Saubere.“

„Falsch. Der Saubere hat beim Waschen gemerkt, dass er sauber war; der Schmutzige dagegen hat begriffen, weshalb der Saubere sich gewaschen hat – und also wäscht sich jetzt der Richtige. – Ich stelle dir die dritte Kasche: Die beiden fallen ein drittes Mal durch den Schlot. Wer wird sich waschen?“

„Von jetzt an natürlich immer der Schmutzige.“

„Wieder falsch! Hast du je erlebt, dass zwei Männer durch den gleichen Schlot fallen – und einer ist sauber und der andere schmutzig?! Siehst du: das ist Talmud.“ (Lachmann, 98f.)


LITERATUR

Berger, Peter L., Redeeming Laughter. The Comic Dimension of Human Experience, Berlin/New York 1997 (dt.: Erlösendes Lachen. Das Komische in der menschlichen Erfahrung, Berlin/New York 1998).

Fresacher, Bernhard, Kommunikation. Verheißungen und Grenzen eines theologischen Leitbegriffs, Freiburg i.Br. 2006.

Fresacher, Bernhard, Wer glaubt, hört auf zu denken!? Religion nach der Aufklärung und die Aufgaben der christlichen Theologie heute, in: ders. (Hg.), Neue Sprachen für Gott. Aufbrüche in Medien, Literatur und Wissenschaft, Ostfildern 2010, 67–97.

Fresacher, Bernhard, Einheit und Unterschied. Christologische Reminiszenzen zur kommunikativen Rationalität des christlichen Glaubens in der modernen Weltgesellschaft, in: Theologie und Glaube 103 (2013) 318–341.

Greenblatt, Stephen, The Swerve. How the world became modern, New York 2011 (dt.: Die Wende. Wie die Renaissance begann, München 2012).

Jacobelli, Maria Caterina, Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen, Regensburg 1992.

Kemper, Tobias A., Iesus Christus risus noster. Bemerkungen zur Bewertung des Lachens im Mittelalter, in: Grebe, Anja / Staubach, Nikolaus (Hg.), Komik und Sakralität. Aspekte einer ästhetischen Paradoxie in Mittelalter und früher Neuzeit, Frankfurt a.M. 2005, 16–31.

Kierkegaard, Søren, Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift zu den Philosophischen Brocken (Gesammelte Werke, übers. u. hg. v. Emanuel Hirsch, Hayo Gerdes und Hans-Martin Junghans, Gütersloh 21986–1995, Bd. 16).

Lachmann, Salcia, Der jüdische Witz, Ostfildern 152011.

Luhmann, Niklas, Funktion der Religion, Frankfurt a.M. 1977.

Nietzsche, Friedrich, Zur Genealogie der Moral, Erste Abhandlung: „Gut und Böse“, „Gut und Schlecht“.

Ratzinger, Joseph, Schauen auf den Durchbohrten. Versuche zu einer spirituellen Christologie, Einsiedeln 1984.

Selby, Phil, Church Mice. Cartoon 2007 (http://bigeyedeer.wordpress.com).

Wittgenstein, Ludwig, Philosophische Untersuchungen.

Zellinger, Johannes, Der geköderte Leviathan im Hortus deliciarum der Herrad von Landsperg, in: Historisches Jahrbuch im Auftrag der GörresGesellschaft 45 (1925) 161–176.

Im Buchladen spricht eine Kundin die Verkäuferin an: „Wie ist das mit Gebetswürfeln? Man würfelt und liest dann den Spruch oben?“ – „Ja, genau.“ – „Würden Sie dann vorher noch ein Gebet sprechen, ich meine wegen der bösen Geister? Würfelspiel ist ja Teufelszeug.“

Vorschau auf das nächste Heft:

Taufe als Motor von Identitätsund Kirchenentwicklung

In vielen diözesanen Papieren wird das Taufsakrament als neue Ressource von vitaler christlicher Identität und Kirchenentwicklung neu entdeckt und betont. Wenn man so will: nach einer jahrzehntelangen Routine, Kirche faktisch und planerisch nur aus dem Weihesakrament heraus zu entwickeln, tritt mit dem zunehmenden Zurücktreten der Hauptamtlichen eine neue Situation ein. Den verschiedenen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, wird die „Lebendige Seelsorge“ in der nächsten Ausgabe nachgehen.

Bernhard Fresacher

seit Sommer 2014 am Katholischen Büro Mainz; Lehre und Forschung in Systematischer und Praktischer Theologie an der Universität Luzern und an anderen Hochschulen (www.fresacher.net).

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9783429061777
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