Kitabı oku: «Liebesbriefe großer Frauen»

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Über den Autor

Dr. phil. Sabine Anders, geb. 1979, hat englische, amerikanische und neuere deutsche Literatur studiert. Schwerpunkte ihres Studiums waren Shakespeare, die Lyrik der englischen Romantik und der moderne Roman. Ihre Doktorarbeit befasst sich mit den Western-Romanen des amerikanischen Gegenwartsschriftstellers Cormac McCarthy.

M.A. phil. Katharina Maier, geboren 1980, hat Vergleichende Literaturwissenschaften studiert und arbeitet inzwischen als freie Schriftstellerin und Übersetzerin. Ihre Spezialgebiete sind der populäre historische Roman der letzten 25 Jahre, die Literatur der Aufklärung und der Goethezeit, europäische und amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts, das neuere irische Drama, die Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts und der englische Roman der Postmoderne.

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»Ohne dich ist das Leben mir nur ein Traum.«
Charlotte von Lengefeld an Schiller

Liebesbriefe erlauben einen so intimen Blick in die Seelen der großen Frauen der Vergangenheit wie keine andere Textart sonst. Denn der Brief, so Ricarda Huch, ist jene literarische Ausdrucksform, die Frauen am meisten entspricht: zwanglos, spontan, impulsiv, leidenschaftlich. Heloisa, Bettina von Arnim, George Sand, Annette von Droste-Hülshoff, Emily Dickinson, Clara Schumann – sie und viele andere bedienten sich jener ›weiblichen‹ Form des Briefes, die es ihnen erlaubte, ihren Gefühlen jenseits von gesellschaftlichen Schranken Ausdruck zu verleihen und ihre Liebe auszuleben. Die ergreifendsten, eindringlichsten, leidenschaftlichsten und auch humorvollsten dieser Briefe wurden hier zusammengetragen. So entstand eine faszinierende Sammlung großer Frauen der Geschichte, die über die Jahrhunderte liebten, begehrten, sich verzehrten, an den Männern zu verzweifeln drohten, nicht selten entsagen mussten, oft aber auch Erfüllung fanden – und dies alles in mal einfachen, mal höchst poetischen Worten zur Sprache brachten.

Paula Modersohn-Becker an Otto Modersohn:

»(...). Ich habe das wundervolle Gefühl, als ob in dieser Zeit der Trennung unsere Liebe geläutert und durchseelter würde. Das erfüllt mich mit einer dankbaren Frömmigkeit gegen das Weltall. Mein König Roter! Ich bin das Mägdelein, das Dich liebt, und das sich Dir schenkt und dessen Scham vor Dir gebrochen liegt und zerronnen ist wie ein Traum. Und das ist meine Demut, Lieber, dass ich mich gebe, wie ich bin und in Deine Hände lege und rufe: Hier bin ich.

So sei es bis an unseres Lebens Ende. Lass Dir leise den Rotbart streicheln und empfange einen Kuss auf jede Wange und dann nimm meine Seele auf und trinke sie. Trinke sie in einem heißen Kuss der Liebe.

Ich bin immer Dein.«

Haupttitel

Impressum


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.
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Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Editorische Notiz: Alle Briefe wurden behutsam der neuen Rechtschreibung angepasst. Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0006-8 www.marixverlag.de

Inhalt

Über den Autor

Zum Buch

Vorwort

Heloisa (um 1095-1164)

an Abaelard

Katharina von Aragon (1485-1536)

an König Heinrich VIII.

Anne Boleyn (?1501-1536)

an König Heinrich VIII.

Jakobäa von Baden-Baden spätere Herzogin von Jülich-Berg-Kleve (1558-1597)

an Graf Hans Philipp zu Manderscheid

Margarethe Kuffner (16. Jahrhundert)

An Philipp Melanchthon den Jüngeren

Ninon de Lenclos (1620-1705)

an den Marquis de Coligny und den Marquis de Sévigné

an den Marquis de Coligny

an den Marquis de Sévigné

Maria Theresia (1717-1780)

an Kaiser Franz I.

Eva König spätere Lessing (?1736-1778)

an Gotthold Ephraim Lessing

Angelika Kauffmann (1741-1807)

an Johann Wolfgang von Goethe

Karoline Flachsland spätere Herder (1750-1809)

an Johann Gottfried von Herder

Marie Antoinette (1755-1793)

an den Dauphin Ludwig (XIV.) von Frankreich

Mary Wollstonecraft (1759-1797)

an Gilbert Imlay und William Godwin5

an Gilbert Imlay

an William Godwin

Charlotte von Kalb (1761-1843)

an Jean Paul Friedrich Richter

Caroline Schlegel / Schelling (1763-1809)

an Friedrich Schlegel, A. W. Schlegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

an Friedrich Schlegel

an A. W. Schlegel

Caroline und Auguste an Schelling:

Briefe aus Braunschweig, nach Augustes Tod:

an Schelling

Tod Wonne

Schmerz Liebe

an A. W. Schlegel in Berlin:

Briefe von der Reise nach Jena:

an A. W. Schlegel

an Schelling

Briefe aus Jena an A. W. Schlegel:

Caroline an Schelling drei Jahre nach der Eheschließung:

Christiane Vulpius spätere von Goethe (1765-1816)

an Johann Wolfgang von Goethe

Charlotte von Lengefeld spätere Schiller (1766-1826)

an Friedrich Schiller

Germaine de Staël (1766-1817)

an Adolf Ludwig Ribbing und Benjamin Constant

an Adolf Ludwig Ribbing6

an Benjamin Constant aus London

Charlotte Carpenter spätere Scott (1770-1826)

an Sir Walter Scott7

Rahel Levin spätere Varnhagen (1771-1833)

an Karl Graf von Finckenstein, Raphael d’Urquijo, Alexander von der Marwitz und Karl August Varnhagen von Ense

an Karl Graf von Finckenstein

An Raphael d’Urquijo

an Alexander von der Marwitz

an Karl August Varnhagen von Ense

Luise von Mecklenburg-Strelitz spätere Königin von Preußen (1776-1810)

an Friedrich Wilhelm (III.) von Preußen

als Kronprinzessin

Karoline von Günderrode (1780-1806)

an Clemens Brentano und Friedrich Creuzer

an Clemens Brentano

Brieffragmente an Friedrich Creuzer

Bettina Brentano / von Arnim (1785-1859)

an Johann Wolfgang von Goethe und Achim von Arnim

an Johann Wolfang von Goethe

an Achim von Arnim

Lady Caroline Lamb (1785-1828)

an George Gordon, Lord Byron12

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

an Levin Schücking

George Sand (1804-1876)

an Alfred de Musset und Frédéric Chopin

an Alfred de Musset

an Frédéric Chopin15

Elizabeth Barrett Browning (1806-1861)

an Robert Browning16

Clara Wieck / Schumann (1819-1896)

an Robert Schumann und Johannes Brahms

Clara Wieck an Robert Schumann

Clara Schumann an Johannes Brahms

Emily Dickinson (1830-1886)

an unbekannte Adressaten19

Eleonora Duse (1858-1924)

an Arrigo Boito20

Edith Wharton (1862-1937)

an William Morton Fullerton22

Rosa Luxemburg (1871-1919)

an Leo Jogiches25

Paula Modersohn-Becker (1876-1907)

an Otto Modersohn

Quellenangaben

Fußnoten

Kontakt zum Verlag

Vorwort

»Der Brief ist diejenige literarische Form, in der die Frau sich am leichtesten und besten ausdrückt«, schreibt Ricarda Huch (1864-1947), selbst bedeutende Philosophin, Historikerin und Literatin1. Sie begründet dies zum einen mit der ungezwungenen und gefühlsbetonten Form des Briefes. Zum anderen versäumt es Ricarda Huch aber nicht, darauf hinzuweisen, dass es in erster Linie gesellschaftlich bedingt war, wenn sich die Frau bis zum Ende des 19. Jahrhunderts so gern und häufig der ›weiblichen‹ Textform des Briefes bediente. In diesem Zusammenhang floss ein wichtiger Satz diese Gattung betreffend aus Huchs Feder: »Sie legt keinen Zwang auf.«2 – Schon immer eröffnete der Brief einen textuellen Raum, in dem Frauen sich frei(er) ausdrücken konnten als in irgendeinem Rahmen sonst – losgelöst von den von Männern aufgestellten literarischen Regeln und bis zu einem gewissen Grad auch von den strengen sozialen Normen, die besonders dem weiblichen Geschlecht enge (Verhaltens)Grenzen setzten. Gerade Liebesbriefe, gerichtet an einen geliebten Anderen, dem die Frau – so erhält man insgesamt den Eindruck – sich in ungewohnter Weise zu öffnen wagt, gewähren Einblicke in das Gefühlsleben, aber auch schlicht in die Lebensgeschichte vieler faszinierender Frauen vergangener Jahrhunderte. Häufig waren solche Briefe die einzige Möglichkeit für die liebende Frau, zu ihrem Angebeteten Kontakt aufzunehmen und das Verhältnis aufrechtzuerhalten – manchmal über bloße räumliche Entfernung, aber oft auch angesichts unüberwindlich erscheinender gesellschaftlicher Widerstände. Frauen hatten, bis auf einige Ausnahmen, wenig Freiraum, ob als junges Mädchen an den Willen der Familie gebunden, als Verheiratete an den Ehemann oder im Allgemeinen als Frau an die Normen sozialer Respektabilität. Was da im Herzen einer Liebenden brannte und nach Außen drängte, konnte und durfte oft nicht anders Ausdruck finden als in Form eines Liebesbriefes. Nicht selten wurde so der Brief auch zum Mittel der Verführung und stellte nicht zuletzt für die Frau die einzige Möglichkeit dar, den Geliebten zu halten; weder konnte sie räumliche Entfernung leicht überwinden, da kaum eine Frau vergangener Zeiten über ähnliche Reisefreiheit verfügte wie die oft sehr mobilen Männer, noch konnte sie es sich in den meisten Fällen vom gesellschaftlichen Standpunkt aus gesehen leisten, für einen Mann zu kämpfen, der sich ihr zu entziehen drohte. Dies mag erklären, warum sich unter den ›Liebesbriefen großer Frauen‹ so viele zutiefst rührende, verzweifelte oder auch verzichtsreiche Texte finden, in denen die Verfasserin um den Geliebten ringt oder ihn schweren Herzens loslässt. Doch auch Zeugnisse tiefer und standhafter Liebe bieten sich dem Leser dar, kokettes Getändel genauso wie Ausbrüche glühender Leidenschaft und eheliche Vertrautheit – kurz: alle Variationen der Liebe, wie sie Frauen in der Vergangenheit wohl kaum je im gleichen Maße öffentlich ausleben konnten.

Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein war der Brief neben dem Tagebuch die häufigste literarische Form, derer sich Frauen bedienten – und bedienen konnten. Schriftstellerei galt besonders für Frauen lange als ein ›anstößiger‹ Beruf; bis auf wenige, herausragende Ausnahmen, die sich Anerkennung und Respekt erkämpften, veröffentlichten weibliche Literatinnen oft anonym oder unter einem (männlichen) Pseudonym – oder beschränkten sich auf die persönlichen, ›weiblichen‹ Gattungen Brief und Tagebuch. In manchen Fällen wurden diese Schriften, oft posthum, veröffentlicht, in anderen wurden sie zerstört oder verschwanden, um erst nach Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten, wiedergefunden zu werden. Andere harren auf irgendeinem Dachboden oder Trödelmarkt immer noch der zufälligen Entdeckung. Und so sind, was angesichts der Charakterisierung der Gattung als ›weiblich‹ geradezu paradox erscheint, mehr Briefe von den großen Männern der Geschichte erhalten oder wenigstens bekannt als von großen Frauen. Das gilt besonders für die so intimen Liebesbriefe, die nicht selten Gefühle – und Begierden – in Worte fassen, wie sie Frauen lange nicht anstanden, oder auf Beziehungen schließen lassen, die alles andere als ›legitim‹ oder ›akzeptabel‹ waren. Und so geschieht es häufig, dass von den Liebesbriefen eines berühmten Paares die seinen in ihrer Vollzahl veröffentlich wurden – und die ihren spurlos verschwanden. Hinzu kommt, dass bis zum 18. Jahrhundert viele Frauen des Schreibens schlicht nicht mächtig waren. – Diesen widrigen Umständen zum Trotz lässt sich ein Reichtum an gefühlvollen Dokumenten in Liebesbriefform finden, ganz besonders aus dem 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als nicht nur die weibliche Briefkultur einen Höhepunkt erreichte. Doch man stößt auch immer wieder auf briefliche Schätze aus früheren Jahrhunderten. Heloisa, Katharina von Aragon, Anne Boleyn, Ninon de Lenclos – sie alle gehören zu diesen frühen Liebesbriefschreiberinnen, deren Geschichten uns auch heute noch bewegen. Das 18. und 19. Jahrhundert wiederum sind wahre Fundgruben großer weiblicher Liebesbriefe, oft aus der Feder von Schriftstellerinnen oder solchen, die es hätten werden können, hätte ihnen ihr soziales Umfeld größere – literarische wie persönliche – Freiheit gewährt. Die zweite große Gruppe von Briefeschreiberinnen besteht aus Frauen, die auf politischer oder sozialer Bühne aktiv waren und sich aller männlicher Vorherrschaft zum Trotz als große, hervorstechende Einzelfiguren in die Geschichte einschrieben; eröffnet wird diese Reihe bereits im 11. Jahrhundert von der Ordensgründerin Heloisa und führt über Frauen wie die Kaiserin Maria Theresia und deren Tochter Marie Antoinette oder die Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft bis hin zu Rosa Luxemburg. Doch auch anrührende wie beeindruckende Zeugnisse von den Frauen ›hinter‹ den großen Männern der Geschichte finden sich hier, die ahnen lassen, wie viel so manche Geistesgröße der starken Frau an seiner Seite verdankte. Und nicht zuletzt sind Liebesbriefe aus jener Zeit oft Dokumente des eher indirekten, schwer fassbaren Einflusses der beeindruckenden Salon- und Gesellschaftsdamen, deren Vorreiterin die große Liebende Ninon de Lenclos war und ohne die die bedeutenden Kreise von Literaten und Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts kaum denkbar sind. Jene Texte lassen die eindrucksvollen ›sozialen Kunstwerke‹, die jene Frauen schufen, die im Moment verhaftet sind und in der Geschichte fast untergingen, zumindest erahnen. – All diese Liebesbriefe von Frauen, die über die Jahrhunderte im Vordergrund wie im Hintergrund der Geschichte standen, haben eines gemeinsam: Sie erzählen große Frauen- und Liebesgeschichten gleichermaßen.

Wer ›Liebesbriefe großer Frauen‹ sammelt, muss zuweilen ein wenig genauer hinsehen als bei der Suche nach Liebesbriefen großer Männer, die für den korrespondierenden Band Ewig Dein, ewig mein, ewig uns zusammengetragen wurden. Das geht nicht immer ohne Hilfe, vor allem im Bereich fremdsprachiger Texte, die der Übersetzung harren. Daher möchten wir an dieser Stelle Elżbieta Baraniecka für ihre tatkräftige Unterstützung danken.

Sabine Anders Katharina Maier

Heloisa
(um 1095-1164)
an Abaelard

Die Liebesgeschichte der beiden französischen Ordensgründer Petrus Abaelardus und Heloisa, oder Héloïse, ist eine der berühmtesten des Mittelalters und gehört wohl zu den dramatischsten aller Zeiten. Der leidenschaftliche Theologe, Philosoph, Poet und Musiker Abaelard, der sich wegen seiner progressiven und provokanten Ansichten und nicht zuletzt seiner ›blasphemischen‹ Tendenz, alles und jeden in Frage zu stellen, bereits einige Feinde unter dem Klerus seiner Zeit gemacht hatte, begegnete der jungen, gebildeten Heloisa im Haus ihres Onkels und Vormunds Fulbert. Abaelard wurde als Heloisas Hauslehrer angestellt, und zwischen den beiden entwickelte sich schnell eine leidenschaftliche, sinnliche Affäre. Während manche Heloisa als das bloße Opfer des (gewaltbereiten) Verführers Abaelard sehen, vermuten andere in dem Mädchen, welches in späteren Briefen als sexuell selbstbewusste Frau auftritt, den eigentlichen Ursprung des Verhältnisses; so nennt Hans-Wolfgang Krautz Abaelards Verhalten eine »tragische Verblendung vor überlegener weiblicher Einsicht« (Stuttgart 1989, S. 390). Nur zu bald wurde die Affäre entdeckt; Heloisa floh vor ihrem wutentbrannten Onkel und brachte Abaelards Sohn zur Welt. In der Zwischenzeit kamen der junge Theologe und Fulbert zu einer Einigung, und Abaelard und Heloisa schlossen entgegen den Wünschen der jungen Frau den Bund der Ehe, zu allem Überfluss auch noch heimlich, um Abaelards Chancen, in der kirchlichen Hierarchie aufzusteigen, nicht zu beeinträchtigen (nur niedrigrangige Kleriker durften zu dieser Zeit heiraten, wenn auch selbst das nicht gerne gesehen wurde). Der chronisch eifersüchtige Abaelard zwang seine Frau, als scheinbare Novizin in das Kloster Argentueil, in dem sie erzogen worden war, einzutreten. Ihre Verwandten empfanden dies als Akt der Verstoßung, lauerten Abaelard auf und kastrierten ihn aus Rache. Die öffentliche Schande trieb den Theologen ins Kloster – und er zwang seine Frau, ihm zu folgen und den Schleier zu nehmen, vermutlich um eine eventuelle Wiederverheiratung Heloisas zu verhindern.

Es sollte über zehn Jahre dauern, bis die beiden Liebenden nach diesem unrühmlichen Verhalten Abaelards wieder in Kontakt traten. Das Kloster Argentueil, das als Auffangbecken für ›gefallene Frauen‹, verstoßene Ehefrauen und mittellose Mädchen diente und zu dessen Priorin Heloisa aufgestiegen war, wurde vom örtlichen Abt kurzerhand geschlossen. Die heimatlosen Nonnen unter Heloisa wandten sich an Abealard, der vergeblich versucht hatte, sein humanistisches Ideal klösterlichen Lebens unter den Mönchen in Paraklet, zu deren Abt er ernannt worden war, durchzusetzen. Gemeinsam mit Heloisa gründete er nun ein Nonnenkloster in Paraklet. Die Aufgabe, die Grundsätze des Benediktinerordens und Abaelards humanistisches Ideal an ein weibliches Klosterleben anzupassen, bildete den Anlass zu einem regen Briefwechsel zwischen den beiden einstigen Eheleuten, die nun in eine neue Beziehung als ›Bruder‹ und ›Schwester‹ und als gemeinsame Ordensgründer treten konnten. In diesem Briefwechsel arbeiten Heloisa und Abaelard zum einen die Geschichte ihrer Liebe auf; zum anderen führen sie jedoch auch tiefgehende theologisch-philosophische Diskussionen. Auf beiden Ebenen erweist sich Heloisa dem publizierten Poeten und Kirchenlehrer Abaelard gewachsen. Heute wird sie als eine große Philosophin und Literatin aus eigenem Recht anerkannt, und ihr Briefwechsel mit Abaelard gehört zu den großen Büchern der Weltliteratur.

Bei dem unten erwähnten ›Trostbrief‹ Abaelards handelt es sich eigentlich um eine autobiographische Skizze, die den Verlauf seiner Geschichte mit Heloisa nachzeichnet.

Ihrem Herrn, ja Vater; ihrem Gatten, ja Bruder; seine Magd, ja Tochter; sein Weib, ja Schwester:

an Abaelard seine Heloisa

Deinen Trostbrief an einen Freund, mein Geliebtester, hat neulich mir jemand zufällig überbracht. Da ich ihn sogleich nach dem Anblick der Aufschrift als den Deinigen erkannte, so begann ich umso glühender ihn zu lesen, je inniger ich den Schreiber selbst umfasse, dass, wenn mir auch seine Person verloren ist, ich doch durch sein Wort wenigstens wie durch ein Bild von ihm erquickt werde. Es war, erinnere ich mich, im Briefe alles voll Galle und Wehrmut; er erzählte ja die jammerreiche Geschichte von unserer Einkehr ins Kloster und Dein fortwährendes Kreuz! […] Niemand, glaub’ ich, kann dies alles mit trockenen Augen lesen oder hören, meinen Schmerz aber musste es umso mächtiger erneuern, je genauer das Einzelne dargestellt war, umso höher ihn steigern, da Du erzählst, wie jene Gefahren für Dich noch wachsen, so dass wir alle auf gleiche Weise dahin gebracht sind, an Deinem Leben zu verzweifeln, und stündlich unter zitterndem Busen und pochendem Herz jener letzten Kunde von Deinem Tod entgegensehen. Bei ihm selber also, der Dich bis heute für seinen Dienst auf jede Weise schirmt, bei Christus, beschwören wir Dich, Du mögest seine und Deine Mägde würdigen, ihnen recht oft über den Sturm, von dem Du noch schiffbrüchig einhergeschleudert wirst, brieflich sichere Nachricht geben, damit Du uns wenigstens, die wir Dir einzig geblieben sind, zu Genossen des Schmerzes oder der Freude habest. Mitleidende pflegen ja dem Leidenden einigen Trost zu gewähren, und jede Last, die mehreren aufgelegt ist, wird leichter getragen oder abgeworfen. Wenn aber jenes Ungewitter ein wenig ruht, so müssen Deine Briefe umso schneller kommen, je mehr sie uns erfreuen werden. Was Du aber auch schreiben magst, es wird uns alles zum Heile gereichen. […] Gott sei Dank, dass wenigstens diese Gegenwart uns zu gewähren kein Neid Dich abhält, keine Schwierigkeit Dich hindert; ich beschwöre Dich, auch keine Nachlässigkeit Dich säumen zu lassen. Du hast dem Freunde einen langen Brief geschrieben zum Troste zwar für seine Widerwärtigkeiten, aber über die Deinigen. Indem Du die Deinigen sorgsam aufzähltest und ihn zu trösten gedachtest, hast Du meine Trostlosigkeit nur noch erhöht, und während Du seine Wunden heilen wolltest, hast Du mir alle Wunden aufgerissen und neue schmerzliche geschlagen. Heile selbst, ich beschwöre Dich, was durch Dich geschehen, der Du der Sorge für das ein Genüge tust, was durch andere geschehen ist. […]

Und Du weißt doch, dass Du mir mit größerer Schuld verpflichtet bist, je inniger der Bund des ehelichen Sakrament uns aneinanderkettet, dass Du mir umso mehr ergeben sein musst, je heißer ich Dich stets, wie alle wissen, mit unendlicher Liebe umfasst habe. Du weißt, Geliebtester, alle wissen es, wie viel ich in Dir verloren habe, und durch welches unselige Geschick der äußerste Verrat mich selbst und Dich mir entrissen hat, und wie unvergleichbar größer der Schmerz des Verlustes jetzt ist, als der des Schadens war. Je größer aber die Ursache des Leidens ist, desto größere Mittel des Trostes müssen angewandt werden, nicht von einem anderen sonst, sondern von Dir selbst, dass, der Du allein des Leidens Ursache warst, auch allein seist in der Gnade des Tröstens. Du bist es ja allein, der mich betrüben, der mich erfreuen oder mich trösten kann. Und Du bist es allein, der vorzüglich das mit schuldig ist, und darum am meisten, weil ich alles, was Du befohlen, soweit erfüllt habe, die ich Dir in nichts zuwider sein konnte, auf Deinen Befehl mich selbst dahinzugeben vermochte. Und was noch ein Größeres ist und wunderbar klingt, in solche Raserei ist meine Liebe verwandelt, dass, was sie einzig begehrt, sie selbst sich ohne Hoffnung des Wiedergewinnens entzog, da ich folglich auf Dein Gebot ein andres Kleid und einen andern Sinn annahm, auf dass ich Dich als den alleinigen Herrn meines Leibes wie meiner Seele erwiese. Nichts habe ich jemals, Gott weiß es, in Dir gesucht, als Dich selber, rein nur Dich und nicht das Deinige begehrend. Nicht den Bund der Ehe, nicht andere Heiratsgüter habe ich erwartet, nicht meinen Willen und meine Lust, sondern Deine zu erfüllen gestrebt, wie Du selber weißt. Und wenn der Name der Gattin heiliger und würdiger scheint, süßer doch war mir’s immer, Deine Geliebte zu heißen, oder, wenn Du nicht darüber zürnen willst, Deine Buhle oder Hetäre; damit je tiefer ich mich für Dich erniedrigte, ich umso größere Huld und Gnade bei Dir fände und den Glanz Deiner Herrlichkeit weniger beleidigte.

Dieses hast Du um Deiner selbst Willen nicht ganz in dem oben erwähnten Briefe vergessen, den Du einem Freunde zum Troste geschrieben. Dort hast Du auch nicht verschmäht, einige Gründe auseinanderzusetzen, durch die ich Dich von unsrem Ehebund und seinem unheilvollen Lager abzuhalten versuchte, die meisten aber verschwiegen, aus denen ich die Liebe der Ehe, die Freiheit der Fessel vorzog. Gott rufe ich zum Zeugen an, wenn Augustus, der Herrscher der ganzen Welt, mich der Ehre seiner Gattin würdigen und mir die Herrschaft des ganzen Erdreiches für alle Zeit bestätigen wollte, so würde es mir lieber und würdiger erscheinen, Deine Buhle genannt zu werden als seine Kaiserin; denn der Reichste und Mächtigste ist darum nicht auch der Beste, jenes ist des Glückes, dieses der Tugend Werk. Täusche sich auch die nicht darüber, dass sie sich bloß verkauft, die lieber einem Reichen als einem Armen sich vermählt und mehr in ihrem Manne das Ihrige als das Seine begehrt. Gewiss, welche von solcher Begierde zur Ehe geführt wird, der gebührt mehr ein Sold als die Huld der Liebe. Denn gewiss, ihr gilt es um das Vermögen, nicht um den Mann, sie würde sich, wenn sie könnte, dem Reicheren preisgeben. […]

Zweierlei aber, ich gestehe es, war Dir eigentümlich, wodurch Du die Herzen aller Frauen sogleich gewinnen konntest: die Anmut des Wortes und des Gesanges; und das war den andern Philosophen bekanntlich keineswegs verliehen. Indem Du hieran wie an einem Spiel Dich von der Anstrengung philosophischer Arbeiten erholtest, hast Du viele im Maß oder Rhythmus der Liebe gedichtete Lieder hinterlassen, die, wegen überschwänglicher Süßigkeit der Worte wie der Melodie häufig nachgesungen, meinen Namen in aller Munde unaufhörlich erhielten, so dass die Lieblichkeit wohllautenden Gesangs auch die Ungebildeten Deiner niemals vergessen ließ. Und daher besonders seufzten die Frauen in Liebe zu Dir. Und da der größte Teil jener Lieder unsere Liebe besang, so verkündeten sie vielen Ländern meinen Namen in kurzer Zeit und entzündeten gegen mich den Neid vieler Frauen. Denn welches Gut der Seele oder des Leibes schmückte Deine Tugend nicht? Welche von allen, die mich damals beneideten, triebe nicht mein Unglück jetzt zum Mitleid, da ich solcher Wonnen beraubt worden bin? Welchen Mann oder welche Frau, mögen sie mir auch anfangs feind gewesen sein, erweichte jetzt nicht das verdiente Mitleid? Und am meisten schuldig, bin ich dennoch, wie Du weißt, am meisten unschuldig. Denn nicht im Erfolg der Tat, sondern in des Täters Gesinnung besteht das Verbrechen, und die Billigkeit wägt nicht, was geschieht, sondern in welchem Geiste es geschieht. Welche Gesinnung ich aber immer gegen Dich hegte, das kannst Du allein beurteilen, der es erfahren hat. Deiner Prüfung stelle ich alles anheim, in allem unterwerfe ich mich Deinem Zeugnis.

[…] Als ich in fleischlicher Lust Dein genoss, da galt es den meisten für ungewiss, ob ich es aus Liebe oder aus Sinnlichkeit tat. Jetzt aber bezeugt es das Ende, aus welcher Quelle der Anfang kam. Alle Freuden habe ich mir untersagt, um Deinem Willen zu gehorchen. Nichts habe ich für mich behalten, als dass ich so am meisten die Deine würde. Wie groß aber Deine Unbilligkeit ist, das erwäge, wenn Du mir, je mehr ich verdiene, umso weniger gibst, ja am Ende gar nichts; besonders da es ein Kleinod ist, was ich fordere, und Dir ganz gleich.

Beim ihm selbst also, dem Du Dich geweiht, bei Gott flehe ich zu Dir, dass Du, auf welche Art Du kannst, mir wieder Deine Gegenwart schenkest und mir ein Wort des Trostes schreibest, mindestens auf den Beding, dass ich dadurch erquickt dem göttlichen Dienste heiterer obliegen könne. Als Du mich einst zu zeitlichen Freuden verlangtest, da brachtest Du durch manches Lied Deine Heloisa in aller Munde. Von mir hallten alle Straßen, von mir alle Häuser wider. Aber mit welch größerem Recht würdest Du mich jetzt zu Gott, als damals zur Lust erwecken! Erwäge, ich beschwöre Dich, was Du schuldig bist, beachte, was ich fordere, und so schließe ich den langen Brief mit dem kurzen Ende: Lebe wohl, Du Einziger!

Katharina von Aragon
(1485-1536)
an König Heinrich VIII.

Katharina von Aragon, die jüngste Tochter von Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien, wurde mit dem englischen Thronfolger Arthur verheiratet, der nur fünf Monate später starb; Katharina schwur später stets, die Ehe sei nie vollzogen worden. Sieben Jahre lang lebte sie als Witwe des Kronprinzen am Hof von England, bis ihr Schwager den Thron bestieg und zu Heinrich VIII. wurde. Obwohl seine Ratgeber eine andere Verbindung favorisierten, heiratete Heinrich Katharina. Allen Anzeichen zufolge war er ihr jahrelang herzlich zugetan, und sie liebte ihren jungen Ehemann abgöttisch. Doch, obwohl oft schwanger, konnte Katharina Heinrich keinen lebenden männlichen Erben schenken – das einzige überlebende Kind war die Tochter Mary, die spätere Königin –, und schließlich fiel dem König Anne Boleyn ins Auge. Mit aller Macht versuchte Heinrich nun, eine Annullierung seiner Ehe mit Katharina zu erreichen; er hatte gegen den erbitterten Widerstand der frommen Königin selbst, seines Volkes, das Katharina zutiefst verehrte, und den des Papstes anzukämpfen. Als Letzterer sich weigerte, Heinrichs Eheschließung mit Anne Boleyn anzuerkennen, brach der König mit der katholischen Kirche und machte sich selbst zum Haupt der anglikanischen Kirche. Katharina wurde vom Hofe verbannt, doch betrachtete sie sich den Rest ihres Lebens als rechtmäßige Frau Heinrichs VIII. und Königin von England. Sie starb 1536 eines natürlichen Todes.

[1. Januar 1536]

Sire, mein liebster König, Herr und Gemahl, ich stehe im Begriffe, meine Seele in die Hände der göttlichen Barmherzigkeit zu übergeben; und also wird sie bald von diesem Körper gelöst sein, dem Ihr so viel Leiden und Schmerzen verursacht habt. Aber so groß diese auch immer waren, so haben sie doch niemals vermocht, die Liebe, die ich jederzeit für Euch hegte und die bis ins Grab dauern wird, erkalten zu lassen, geschweige gar sie auszulöschen. Dies nötigt mich, heute diesen Brief an Euch zu schreiben, um Euch als Eure Gemahlin zu ermahnen und als eine Christin zu erinnern, dass Ihr an Eure ewige Seligkeit denkt, die Euch doch teurer sein soll als die vergängliche Krone, die Ihr tragt, und alle Schätze und alle Hoheit der Welt. Ich habe nie verfehlt, den Vater des Lichts für Euch, mein liebster Gemahl und mein König, anzuflehen, dass er Euch gute Gedanken zu Eurem Heil eingebe und Euch von den sinnlichen Vergnügungen abziehe, die mich so viele Tränen und Kränkungen gekostet und die Euch selbst in einen Abgrund von Unordnungen und Unruhen gestürzt haben. Übrigens verzeihe ich von Herzen alles, was Ihr mir zuleide getan habt, und bitte Gott, dass er Euch nach seiner unendlichen Barmherzigkeit auch verzeihen wolle. Ehe ich noch meinen letzten Seufzer ausstoße, will ich Euch flehentlich gebeten haben, mir eine Gnade nicht abzuschlagen, die mir zu bewilligen alle Gesetze des Himmels und der Erde Euch verpflichten; ich meine, dass Ihr für die Prinzessin Marie, Eure und meine Tochter, sorgen möchtet. Habt Ihr Euch auch gegen mich nicht als guter Ehemann beweisen wollen, so beweist Euch doch wenigstens gegen sie als ein guter Vater. Ich ersuche Euch auch, für meine drei Kammerfräulein und für meine Bedienten zu sorgen, die mir so treulich gedient haben. Seid so großmütig und lasst ihnen vollends auszahlen, was ihnen von ihrem Gehalte rückständig geblieben ist; und gebt ihnen den Sold noch für ein Jahr dazu, um sie doch einigermaßen für das, was ich ihnen schuldig bin, zu belohnen. Ich schließe und versichere Euch, dass ich Euch noch von Herzen liebe; und das Einzige, was ich wünschte, um ruhig aus der Welt zu gehen, wäre, Euch zu sehen und in Euren Armen zu sterben.

Anne Boleyn
(?1501-1536)
an König Heinrich VIII.

Anne Boleyn war die zweite der sechs Ehefrauen von König Heinrich VIII. und die Mutter der zukünftigen Königin Elizabeth I. Da der Papst sich weigerte, Heinrichs erste Ehe mit Katharina von Aragon zu annullieren, sagte Heinrich sich von Rom los und gründete seine eigene anglikanische Kirche, um Anne heiraten zu können. Anne war, wie ihre Schwester Mary, die ebenfalls ein Verhältnis mit Heinrich hatte, eine der Hofdamen von Katharina, der ersten Frau des Königs, gewesen. Nachdem Anne Heinrich jedoch, genau wie Katharina, nicht den ersehnten männlichen Thronfolger gebar, und er seine nächste Frau, Jane Seymour, heiraten wollte, wurde Anne im Mai 1536 mehrfachen Ehebruchs, eines inzestuösen Verhältnisses zu ihrem Bruder und des versuchten Königsmords beschuldigt und wenig später hingerichtet.

[6. Mai 1536]

Eurer Majestät Ungnade und meine Kerkerhaft sind so ungewohnte Dinge für mich, dass ich weder weiß, was ich schreiben, noch was ich zu meiner Entschuldigung vorbringen soll. Da Ihr nun in der Absicht, mich zu einem Geständnis zu bewegen, in welchem Falle Ihr mir Eure Huld wieder zuwenden wollt, jemanden zu mir geschickt habt, von dem Ihr wisst, dass er von je mein erklärter Feind gewesen ist, so erkannte ich sofort nach Empfang der Botschaft Eure Willensmeinung. Und da ich, wie Ihr sagt, durch ein Geständnis der Wahrheit meine Freiheit wiedererlangen kann, so werde ich Eurem Befehl mit aller pflichtmäßigen Dienstwilligkeit nachkommen.

Glauben aber Eure Majestät nicht, dass Euer armes Weib je dahin gebracht werden könnte, einen Fehltritt einzugestehen, wo mir nicht einmal ein Gedanke daran gekommen ist. Und um die Wahrheit zu sprechen, kein Fürst hat je ein in jeder Beziehung treueres und liebevolleres Weib besessen, als Ihr es in Anne Boleyn gefunden habt. Und ich hätte mit meinem Namen und meiner Stellung auch sehr wohl zufrieden sein können, wenn es Gott und Eurer Majestät Gutdünken beliebt hätte. Niemals vergaß ich mich während meiner Erhebung zur Königin soweit, dass ich nicht stets an einen solchen Glückswechsel, wie er jetzt eingetreten ist, gedacht hätte. Denn da der Grund meiner Bevorzugung nur auf Eurer Majestät vorübergehender Neigung beruhte, so wusste ich, dass die leichteste Veränderung hinreichen würde, diese Neigung auf irgendeinen anderen Gegenstand zu lenken. Ihr habt mich aus einem niederen Stande zu Euerer Königin und Gemahlin erkoren, weit über mein Wünschen und Begehren hinaus. Wenn Ihr mich daher einer solchen Ehre für würdig erachtet, so flehe ich Eure Majestät an, lasst nicht eine flüchtige Neigung oder einen schlechten Rat meiner Feinde mir Eure fürstliche Huld entziehen und lasst nicht zu, dass ein Fleck, ein so schmachvoller Fleck auf die Ehre Eurer so tugendhaften Gattin und der kleinen Prinzessin, Eurer Tochter, fällt. Stellt eine Untersuchung an, gütiger König, aber eine gesetzmäßige, und lasst nicht meine geschworenen Feinde als Ankläger und Richter über mich das Urteil sprechen. Ja, stellt eine öffentliche Untersuchung an (meine Wahrhaftigkeit braucht keine öffentliche Beschämung zu fürchten): dann werdet Ihr entweder meine Unschuld an den Tag gelegt, Euren Verdacht und Euer Gewissen beruhigt, die Schändlichkeit und Verleumdungssucht der Welt zuschanden gemacht oder meine Schuld klar und offen bewiesen sehen. Dann wird Eure Majestät, was Gott oder Ihr auch über mich beschließen mögt, frei von jedem offenen Tadel dastehen, und wenn meine Verfehlung auf diese Weise gesetzmäßig bewiesen ist, so steht es Eurer Majestät sowohl vor Gott wie vor den Menschen frei, nicht nur über mich als eine ungetreue Gattin eine gerechte Strafe zu verhängen, sondern auch Eurer Neigung zu folgen, die sich bereits endgültig auf eine Dame gelenkt hat, um deretwillen ich mich in meiner jetzigen Lage befinde und deren Namen ich Eurer Majestät seit geraumer Zeit hätte nennen können, da ich sehr genau weiß, nach welcher Seite sich mein Argwohn zu richten hat. Habt Ihr aber schon über mich beschlossen, und zwar, dass nicht nur mein Tod, sondern auch eine schmachvolle Verleumdung Euch den Genuss Eurer ersehnten Glückseligkeit bringen solle, dann bitte ich zu Gott, er möge Euch Eure große Sünde und ebenso meinen Feinden, den Werkzeugen dazu, verzeihen und wegen Eures unköniglichen und grausamen Verfahrens gegen mich nicht allzu scharf mit Euch ins Gericht gehen an jenem allgemeinen Gerichtstage, an dem Ihr und ich erscheinen müsst und an dem meine Unschuld, was auch die Welt von mir denken möge, unzweifelhaft an den Tag kommen und klar wie die Sonne bewiesen werden wird. Meine letzte und einzige Bitte soll die sein, dass ich allein die Last von Eurer Majestät Ungnade trage und dass die unschuldigen Seelen jener armen Herren, die sich, wie ich höre, meinetwegen ebenfalls in enger Haft befinden, davon verschont bleiben. Wenn ich je vor Euren Augen Gnade gefunden habe, wenn je der Name Anne Boleyn Euren Ohren angenehm klang, dann erfüllet diese meine Bitte. Und so will ich aufhören, Eurer Majestät lästig zu fallen, will vielmehr meine innigsten Gebete zur heiligen Dreieinigkeit empor senden, sie möge Eurer Majestät ihren mächtigen Schutz angedeihen lassen und Euch in all Euren Unternehmungen beistehen. – Aus meinem jammervollen Kerker im Tower, den 6. Mai. Eure gehorsamste und allzeit getreue Gattin.

Jakobäa von Baden-Baden
spätere Herzogin von Jülich-Berg-Kleve (1558-1597)
an Graf Hans Philipp zu Manderscheid

Jakobäa war die älteste Tochter des Markgrafen Philibert von Baden-Baden und die Enkeltochter von Herzog Wilhelm IV. von Bayern. Im Jahr 1585 wurde sie mit Johann Wilhlem, dem letzten Herzog von Jülich-Berg-Kleve, vermählt. Dieser verfiel jedoch bald dem Wahnsinn, und angeblich wurde der Herzogshof zu Jülich unter Jakobäas Hand zu einem ›Sündenbabel‹. 1595 wurde sie deswegen vor dem Kaiser verklagt, doch ehe dieser ein Urteil gefällt hatte, wurde Jakobäa 1597 erdrosselt in ihrem Bett gefunden; als mutmaßliche Täterin gilt ihre Schwägerin Sybille. Das Schicksal von Jakobäa von Baden-Baden wurde mehrfach in der Literatur verarbeitet.

Die untenstehenden Briefe entstanden wohl zwischen 1580 und 1585 und sprechen, was Jokabäas Los angeht, für sich. Der letzte ist vermutlich Jakobäas Abschiedsbrief an ihren »herzallerliebsten« Grafen Hans Philipp zu Manderscheid kurz vor ihrer Vermählung.

Mein gar herzallerliebster Schatz!

Ich hab Euer Schreiben gar wohl empfangen, ich hoff auch zu Gott, es werde Euch wohl gehen, ich bedank mich zum Höchsten, dass Ihr, mein alter, auserwählter Schatz, so oft an mich gedenkt und mir so oft schreibt, das mich dann hoch erfreut, als was mir für Freud ein Tag in der ganzen Welt konnte zustehen. Ich will auch als morgen in meinem Fürnehmen, will’s Gott, fortfahren und das Gebet fleißig beten. Ich bitt Euch, mein herzallerliebster Schatz, Ihr wollt mich auf’s Baldest wissen lassen, ob ich das Gebet alle Tage muss beten oder nur, wenn ich beicht und kommunizier, so wollt ich demselben fleißig nachkommen. Ich bitt Euch, Ihr wolltet meiner nicht vergessen, wie ich doch gar kein Zweifel trag. Ich tue mich Euch hiermit gar in Grund Eures Herzens befehlen als meinem herzgeliebtesten Schatz. Dat. In großer Eil geschrieben bei der Nacht von der, die Euch mit Treuen meint und minnt bis in den Tod.

Ich kann nicht unterlassen, Euch aus traurigem Herzen zu schreiben, dieweil mir meine Hungin gesagt, dass Ihr meint, Ihr sehet wohl, dass Ihr nicht mehr geltet, so will ich’s mit Gott und allen Heiligen bezeugen, dass Ihr geltet wie Ihr je vor allemal habt getan. Sie hat mir auch gesagt, Ihr wollt weg. Ach Gott, mein Schatz, was wollt Ihr mich beschweren, dann ich gewiss mein Leben muss lassen, da nach Gott keinen großen Trost hab denn Euch. So sollt Ihr wissen, so wahr mir Gott helfe, wenn Herzog Ferdinand noch so viel anhaltet, dass ich Euch nicht will aufgeben, und sollt ich mein Leben darin lassen, das glaubt mir, so fromm ich von Ehren bin, ich wollt mich eher williglich in den Tod geben. Ich bitt Euch, mein Schatz, Ihr wollt mir bald wieder schreiben, da ich sonst kein Ruh hab. Euer mit Herzen allzeit gedacht.

Ach, mein Schatz, lasset Euch nichts anfechten, denn glaubt mir, dass dem also ist, wie ich Euch hab geschrieben.

Mein herzallerliebster Schatz!

Dieweil Ihr mir weiters schreiben könnet, mögt Ihr dem Neuhang, so ich gewiss weiß, dass er verschlagen ist, wohl mündlich befehlen, was Ihr mir entbieten wollt. Ich hab nicht unterlassen können, noch einmal von Euch Urlaub zu nehmen und Euch zu bitten, dass Ihr meiner nicht vergessen wollt, denn Gott weiß, dass kein Augenblick vergehet, ich denke an Euch, da alle meine Gedanken nur zu Euch stehen. Ich werde es in die Länge nicht erleiden können, es wird mir mein Herz vor Trauer brechen, wenn ich gedenk, dass ich Euch nicht sehen kann, dass mich im Leben erhält, wenn ich Euch sehe, da mein Herz wieder eine Freud empfängt, so muss das alles ferne sein, das auf der ganzen Welt uns alleinig liebt. Doch hab ich den Trost, dass ich hoff, mein Schatz werde meiner nicht vergessen, das mich dann als wieder ergötzt, sonst weiß ich wohl, dass ich von großer Betrübnis in Angst und Not umkomme. Dieweil Ihr mir die Gebete habt geschickt, hab ich mir vorgenommen, jetzt Freitag zu beichten und das hochwürdig Sakrament zu nehmen, dass ich Euer, mein Schatz, nicht will vergessen, sondern Gott so treulich für Euch bitten als für mich selbst, ich hoff, Gott wird mich erhören.

[…] Ich tue mich Euch hiermit befehlen als meinem Herzallerliebsten auf dieser Welt! Datum München in großer Eil und Langweil

von der, so Euch mit treuem Herzen

meint und minnt bis in den Tod.

Margarethe Kuffner
(16. Jahrhundert)
An Philipp Melanchthon den Jüngeren

Margarethe Kuffner, Stieftochter einer angesehenen Leipziger Pfarrfamilie, verlobte sich 1543 mit Melanchthons ältestem Sohn Philipp, genannt Lippus, der damals erst achtzehn Jahre alt war. Sein Vater hätte die Verbindung schweren Herzens gebilligt, doch seine Mutter war strikt dagegen, unter anderem, weil sie die beiden Verliebten wegen ihres jungen Alters noch nicht reif genug für die Ehe hielt. Philipp wurde gezwungen, die Verlobung aufzulösen, nachdem seine Eltern Martin Luther zu Hilfe gerufen hatten, und dieser in einer seiner Predigten öffentlich das von den Eltern nicht gebilligte Eheversprechen tadelte.

Dem züchtigen und gelehrten Gesellen Philippo Melanchthon dem Jüngern meinem guten Gönner zuhanden.

Gottes Gnade und Friede durch Christum, wünsche ich Euch, und ein glückselig neues Jahr, herzallerliebster Philipp, Ihr traget noch in frischem Gedächtnisse, was Ihr mit mir geredt habt zu Wittenberg, nämlich dass Ihr mir angelobt, mich zu einem ehelichen Gemahl zu nehmen, und auf dass ich nicht möcht an Euer Zusag zweifeln oder gedenken, es wäre Euer Ernst nicht, habt Ihr mir dieselbige Zusagung, wie Ihr wohl wisset, des Morgens erneuert, und endlich die Hand darauf gegeben, auch nachfolgends etliche Geschenk darauf überantwortet, und noch in meinem Abschied dieselbige Ehe in die Faust zugesagt, und mit ganz großem ernstem Schwure bestätigt, nämlich dass Ihr immer und in Ewigkeit keine andere zu nehmen willens seid und ich Euer sei, auch nicht von Euch mag geschieden werden denn durch den Tod. Da Ihr solches alles wisst, und dieweil ich von Euch gezogen und mich auf solche ofte Zusagung verlassen, werd ich armes Mägdlein nu nicht allein hie unbillig ausgetragen, als soll ich mich heimlich hinter meiner Eltern Wissen mit Euch verlobt, auch nachgegangen und keine Ruhe gehabt, bis ihr mir die Ehe zugesagt. Welches alles denn, so wahr als Gott im Himmel ist, nicht also ist, sondern was ich getan habe, das habe ich mit Vorgedenken meiner Eltern und wohlbedacht aus reinem, fleißigen und steten Anliegen getan, da selbst Ihr mir denn, wie oben gesagt, so mit ernstem trefflichen Schwüre die Ehe zugesagt. Aber jetzt erfahr ich, wie Euer Vater mit dem meinem umgehen will, und gar ein nicht daraus machen, welches ich denn nicht recht verstehen noch ermessen kann, viel weniger mit unser beider gutem Gewissen gehen mag, und dieweil solche Zusagung zwischen uns beiden geschehen, auch anlangen tut unser eigen Gewissen, dass wir es vor Gott am jüngsten Tag verantworten müssen, acht ich kann und mag sie ohne unsre beiden Verwilligung nicht zertrennt noch verhindert werden, wie denn Euer Herr Vater wohl zu tun vermeinet. Und machet mich armes Mägdlein diese neue Mähr zu diesem neuen Jahr ganz betrübt und verrenkt, dass ich nicht weiß, was ich vorhaben soll, kann und mag weder essen noch trinken, weder schlafen noch wachen, also gar bin ich in meinem Gemüt zerrückt, zu welchem allen Ihr eine einige Ursach seid, und ich besteh, so dieser Sach nicht recht geholfen werde, werde es mir großen Schaden tun. Derhalben bitt ich Euch um Gotteswillen, wollet mich verständigen, was Euer Sinn sei, und worauf Ihr bestehen wollt, und hierin ansehen die große wichtige Sache, die mich und Euch nicht Leib und Leben, sondern den ewigen Zorn Gottes und seine Strafe, und das ewige Nagen des Gewissens betreffen, und wiewohl ich mich mit meinem Gewissen so hoch, das Gott gedankt sei, nicht versündigt hab, auch nicht Gottes ewige Vermaledeiung und Zorn auf mich geladen hab, als Ihr denn getan, und nicht einmal sondern oft Euch verflucht, wo solche Zusage von Euch nicht gehalten werde, dass Ihr Gottes Antlitz nimmermehr bestehen wollt, auch ewig des Teufels sein. Doch bin ich vor Gott neben Euch und in meinem Gewissen also erhofft, dass ich fürcht, es würde mir armen Wesen nimmermehr wohlgehen, vielmehr aber Euch. Derhalben damit Euer und mein Gewissen rein bleibe vor Gott, und ich nicht teilhaftig werden möcht Eurer Vermaledeiung und ergeben des Teufels, bitt ich Euch nach und jetzt wie vor um Gottes willen, wollet in solchen wichtigen trefflichen Sachen, die unser beider Seelen Seligkeit anlangt, nicht unachtsam sein, oder darin zu Gefallen Eurer Freundschaft und etlicher Menschen, Gottes ewigen Zorn, Eure Vermaledeiung und ewiges Nagen des Gewissens auf Euch laden, welches Euch – ach Gott im Himmel – viel zu schwer würde sein, sondern allhie bedenken Eurer Seele Seligkeit und reines Gewissen vor Gott, mit welchem Ihr sicherlich am jüngsten Tag vor Gott treten möget. Und zwar als ich aus der Rede Eures Herrn Vaters vernommen, gedenkt mich hierin los zu zählen frei und ledig, als möcht ich wohl mich anderswo umsehen, welches einstweilen mir unmöglich ist, und Euch viel mehr, werde auch mich damit, darzu mir Gott helfe, so bald nicht abweisen lassen, danach Ihr Euch wisst zu richten. Nachdem bitt ich noch, und zum letzten wollet Euer Gewissen in dieser Sachen fleißig verwahren und acht geben, dass Ihr Euch selbst nicht ein ewiges Verdammnis, dafür Euch Gott behüt, aufladen möchtet. So denn also wollt ich lieber, dass ich Euch nimmermehr gesehen hätt, denn eine einige Ursach dazu gewest sein. Solche bitt ich, beherziget bei Euch, und schreibet mir eilendst wieder, damit ich nicht also bekümmert, und da Gott vor sei, in ein Unglück fallen möcht, welches mir denn zu schwer wäre, und Ihr eine einige Ursach. Damit Gott befohlen. Geben Leipzig Dienstag nach der heiligen drei Könige Tag. Im 1544.

Margreth Kuffners

Ninon de Lenclos
(1620-1705)
an den Marquis de Coligny
und den Marquis de Sévigné

Ninon de Lenclos war eine der ersten großen Salondamen Frankreichs, und ihr Beispiel wurde stilbildend für eine ganze Epoche. Sie war schön, geistreich und selbstbewusst – und eine große Liebende. Bedeutende Männer zog es in ihren Bannkreis: den Moralisten de La Rochefoucauld, der zu ihren vielen Liebhabern zählte, den Kardinal Richelieu, dem sie zwar Bewunderung entgegenbrachte, aber keine Nacht in ihrem Bett gewährte, den berühmten Komödienschreiber Molière, den sie bei seiner Karriere tatkräftig unterstützte, und den ebenfalls zum Dreigestirn der französischen Klassik zählenden Tragödiendichter Jean Racine, mit dem sie eine enge Freundschaft verband. In hohem Alter machte sie die Bekanntschaft des späteren Voltaire, der das Zeitalter der Aufklärung so entscheidend prägen sollte, erkannte sein großes Talent und hinterließ dem Neunjährigen in ihrem Testament Geld, damit er sich Bücher kaufen konnte. Doch Ninon de Lenclos war auch eine Autorin aus eigenem Recht: Sie veröffentlichte kritische Schriften, in denen sie unter anderem darlegte, dass man auch ohne Religion ein gutes Leben führen könne. Das machte ihr viele Gegner, aber auch viele Bewunderer. Männer wie Frauen scharten sich um Ninon de Lenclos, die zu den großen Frauengestalten des Rokoko gehört. Sie machte sich stets ihre eigenen Regeln und gestaltete ihr Leben danach. Schon früh war sie entschlossen, nie zu heiraten, und blieb bis zu ihrem Tod ›Mademoiselle‹ de Lenclos. Ninon hatte im Laufe ihres Lebens zahllose Liebhaber und noch mehr Verehrer, denn, wie das Beispiel des Kardinals Richelieu zeigt, schenkte sie ihre Gunst nicht jedem. Ihre erste große Liebe war der Marquis de Coligny, ihre größte vermutlich der Marquis de Villarceaux, den sie schließlich an ihre beste Freundin verlor. Ninon war die Meisterin des höfischen Spiels um Koketterie, Eroberung und Liebe, aber sie blieb ihrem jeweiligen Liebhaber stets treu, bis sie das Interesse an ihm zu verlieren begann und das Verhältnis löste. Die meisten Männer scheinen dies klaglos akzeptiert zu haben, froh, ihre Gunst wenigstens eine Zeitlang genossen zu haben.

Ninon zählte sechsundfünfzig Jahre, als der junge Marquis de Sévigné, der Sohn eines ihrer ehemaligen Liebhaber und einer guten Freundin, die Bitte an sie richtete, ihn in Sachen Liebe zu erziehen und so bei der Eroberung einer Angebeteten zu helfen. Die Briefe Ninons an den jungen Mann ergeben ein ganzes Buch, das ein Sittenbild der Zeit malt, ein Spiegelbild ihres kritischen Verstandes und messerscharfen Witzes ist, aber auch die Geschichte einer langsamen Verführung erzählt – denn der Marquis, der kam, um zu lernen, eine andere Frau zu gewinnen, verliebte sich schließlich in die Briefeschreiberin selbst, und eroberte sich das Herz Ninons, die sich in ihren Briefen unbewusst ein wenig selbst verführt zu haben scheint.

Auch im Alter verlor Ninon ihre Anziehungskraft nicht – was ihr nicht immer zum Vorteil gereichte. Die unverheiratete ›Kurtisane‹ hatte im Laufe ihres Lebens mehreren Männern Kinder geschenkt, die alle bei ihrem jeweiligen Vater aufwuchsen, unter anderem auch der Chevalier de Villiers. Dieser verliebte sich unsterblich in die damals über sechzigjährige Ninon; als sie ihm nach langem Drängen schließlich enthüllte, dass sie seine Mutter war, stürzte sich der junge Mann in seinen Degen. Nach dieser Tragödie zog sich Ninon ein wenig zurück und konzentrierte sich stärker auf ihre literarischen Interessen. Ganz schwor sie der Liebe jedoch nie ab. Ihren vermutlich letzten Liebhaber, den Abbé Gedoyn, erhörte Ninon de Lenclos kurz nach ihrem achtzigsten Geburtstag.

an den Marquis de Coligny

Wie sind Sie doch ungerecht, mein lieber Graf! Alle meine Worte haben Sie nicht beruhigen können? Die Besuche, die uns der Herzog von *** machte, betrüben Sie noch immer. Ich sehe schon, Sie verwechseln mich mit Frauen, die in der Liebe ohne Treue und Ehrlichkeit sind. Lernen Sie nur meinen Charakter besser kennen: Gefielen Sie mir wirklich nicht mehr und hätte der Herzog tatsächlich Ihre Stelle in meinem Herzen eingenommen, so hätte ich nichts Gescheiteres tun können, als es Ihnen ganz offen einzugestehen. Ihre Vorwürfe erst abzuwarten und zu verdienen, hätte ich mich wohl gehütet. Lassen Sie mir Gerechtigkeit widerfahren und versuchen Sie, mir in jenem Taktgefühl gleichzukommen, das ich mir Ihnen gegenüber stets zum Prinzip gemacht habe. Glauben Sie denn wirklich, dass ich nicht auch manchmal Ihretwegen beunruhigt war? Meinen Sie, ich hätte Ihre Bemühungen um die Präsidentin kaltblütig mit angesehen und ohne Unruhe den Bericht von Ihren Soupers bei Hortense, von Ihrem Musizieren bei der Marschallin mit angehört? Habe ich bei dieser Gelegenheit die geringste Klage laut werden lassen? Ich glaube nicht. Die Furcht, Ihnen auch nur den geringsten Kummer zu bereiten, Ihnen Zwang aufzuerlegen oder Ihr Vergnügen zu stören, hielt mich stets davon ab. Bei unserer Liebe habe ich immer nur Ihr Glück vor Augen gehabt. All mein Streben ging dahin, meine Rivalinnen zu übertreffen, Sie bei mir höhere Freuden finden zu lassen als die, die sie Ihnen zu bieten vermöchten. Da die Frauen in der Liebe gewöhnlich nur ihr eigenes Glück oder ihre Eitelkeit im Auge haben, so bekommt diese Eitelkeit etwas Launenhaftes, etwas Tyrannisches. Wie anders ist aber die meine! Daher entstammt sie auch einer anderen Quelle: Keine Frau hat einen Liebhaber, wie es meiner ist, und darum verdanke ich ihm meine Ruhe. Mein lieber Graf hat das nötige Maß an Klugheit und Zartgefühl; und diese beiden Eigenschaften haben [mich] stets in Sicherheit gewiegt, allen abenteuerlustigen Frauen gegenüber. Ich weiß nicht, ist es Klugheit oder Eitelkeit, aber ich habe mir stets mit der Hoffnung geschmeichelt, dass er zwischen einer ihm wirklich zugetanen Frau und einer, die sich nur durch Eitelkeit leiten lässt, werde unterscheiden können. In den Augen eines Gecken ist eine Neckerei eine Avance, eine Höflichkeit eine Auszeichnung; das geringste, oft nur ironische Lob fasst er als Liebeserklärung auf, Frivolität nimmt er für echte Leidenschaft. Da er in der Wahl seines Gegenstandes nicht anspruchvoll ist, wird ihm alles gefallen, was nur irgend nach unverhoffter Gunst aussieht. Aber ein Mann wie Sie weiß alles nach seinem wahren Wert zu würdigen; Affektiertheit gilt ihm nicht als Empfindung, Falschheit nicht als Freimütigkeit, Schein nicht als Wirklichkeit. Sein Ruhm besteht nicht darin, alle Herzen zu erobern und allen zu gefallen, wenn er einmal die Person gefunden hat, die allein seine Achtung verdient; ihr Herz zu erweichen, sie sich zu erhalten und sie vor allen anderen auszuzeichnen, nur darauf ist er bedacht. Eine ganze Anzahl andere können noch zu seiner Unterhaltung beitragen, können sogar Gegenstand seiner Höflichkeit werden, können ihn aber nicht ernstlich fesseln. Wie oft habe ich mir nicht gesagt: Der Graf ist jetzt bei Hortense oder bei der Präsidentin; möglicherweise ist er sogar gern dort, eine andere als ich ist Veranlassung zu seiner Freude und seiner Unterhaltung; doch er ist glücklich, und das genügt mir. Das Interesse, das er an ihnen nimmt, gleicht nicht den Freuden, die er bei mir genießt, das Glück der Liebe unterschiedet sich von allem, was nichts mit der Liebe zu tun hat. […] Im Übrigen, lieber Graf, je liebenswürdiger sie sind, desto schmeichelhafter wird es für mich sein, dass Sie mit ihnen verkehren, ohne dass Ihr Gefallen an mir abnimmt. Doch soll ich fürchten müssen, dass ich Ihnen eines Tages gleichgültig würde? Wenn mich eines über den Verlust Ihres Herzens trösten könnte, so wären es die Vorzüge und die Schönheit meiner Rivalinnen.

Ist es vielleicht die Präsidentin, die Sie mir vorziehen könnten? Sie ist munter, lebhaft, angenehm, aber das alles ist sie vermöge ihres Temperamentes. Sollte es Hortense sein? Ihre Augen sind zärtlich und schmachtend, sie hat Anmut, Sanftmut, aber all diese Vorzüge sind bei ihr natürliche Veranlagung. Oder habe ich gar die Marschallin zu fürchten? Sie vereinigt allerdings mit einem edlen Wuchs die Kunst, sich zu schmücken, sie ist pikant und geistreich; aber ihr Hauptverdienst ist die Gewohnheit, die Sucht, von allen Männern bemerkt zu werden und alle Frauen zu demütigen.

Und nun überlegen Sie, worauf meine geringen Vorzüge zurückzuführen sind. Der Liebe allein verdanke ich sie. Von ihr allein erhalten sie Sein und Wert; ihr entstammen jene Lebhaftigkeiten meines Temperaments, die Sie so hoch schätzen, sie verleiht meinen Augen den feuchten Schimmer, der Sie begeistert, meinem Körper seinen edlen Gang, meinem Geiste Heiterkeit, meinem Schweigen Ausdruck. Ohne Liebe ist alles in mir und um mich ohne Lust und Leben. Mit einem Worte, Graf, Ihnen verdanke ich alles und nichts der Natur, dem Zufall oder der Eitelkeit. Ich wünschte, alle Männer knieten vor mir, Ihnen zu Ehren.

an den Marquis de Sévigné

Sie glauben also, einen unwiderleglichen Einwand gemacht zu haben, indem Sie behaupten: Man gibt sein Herz nicht als freier Mann nach eigenem Willen, und deswegen sind Sie nicht frei in der Wahl Ihrer Neigung? Das ist Opernmoral! Überlassen Sie solche Gemeinplätze Frauen, die sich damit wegen ihren Schwächen zu rechtfertigen glauben. […] Niemand ahnt, dass solche Ausreden nicht die geringste Entschuldigung für Torheiten enthalten; schlimmer noch: Sie sind das Eingeständnis dafür, dass man gar nicht die Absicht hat, sich zu bessern. Passen Sie einmal auf: Die Redensart von der Schicksalsfügung wird immer nur zu Hilfe gerufen, wenn die Wahl schlecht war. […] Ich für meinen Teil bin deshalb so frei, den Ansichten der Menge nicht beizupflichten. Ich weiß recht gut, die Liebe ist unfreiwillig, das heißt aber nur: Man ist nicht imstande, den ersten Eindruck, den unser Herz empfängt, vorauszusehen oder zu vermeiden. Aber zugleich behaupte ich, dass es möglich ist, ihn abzuschwächen, ja sogar ihn ganz zu zerstören, mag er auch noch so tief sein.

[…]

Das nennt man überstürzen Marquis! … Wie? Die Gräfin von *** hat Ihr Herz etwas beunruhigt, und nun halten Sie sich schon für verliebt? Ich würde mich schön hüten, so leichtfertig über Ihren Zustand zu urteilen. Ich habe hundert ehrenwerte Leute kennengelernt, die sich gleich Ihnen Stein und Bein für verliebt erklärten und es in Wirklichkeit nicht die Spur waren. Mit den Herzensleiden begegnet einem dasselbe wie mit körperlichen Leiden: Manche bestehen wirklich, andere sind nur eingebildet. Wenn Sie etwas zu einer Frau hinzieht, dann braucht es durchaus noch nicht immer Liebe zu sein. […] Die Gräfin ist unstreitig eine der schönsten Frauen, die jetzt leben. Bis heute vermochte sie niemand zu rühren. Sie blieb dem Andenken ihres Mannes getreu und hat sogar die Dienste eines der liebenswürdigsten Männer unserer Bekanntschaft abgelehnt. Selbstverständlich wäre eine Eroberung, die Ihnen das erträumte gesellschaftliche Ansehen brächte, Ihrer Eitelkeit über die Maßen schmeichelhaft. Das, verehrtester Marquis, nennen Sie Liebe!

[…]

Nehmen Sie sich in acht, Marquis! Wenn Sie mich ärgern, gehe ich heute noch weiter als gestern. Dann werde ich Ihnen meine stete Überzeugung aussprechen, dass manchmal gar keine Liebe dazu gehört, um uns Frauen erliegen zu lassen. Das wird Ihnen in meinem Frauenmunde wie eine Lästerung erscheinen. Da ich aber versprochen habe, Ihnen nichts, was uns betrifft, zu verheimlichen, so will ich Wort halten, und wenn ich darob mit meinem ganzen Geschlecht in Streit käme. […] Das Liebesbedürfnis ist für die Frau ein gutes Teil ihrer selbst; die Tugend aber ist nur Formsache.

Das heißt aber, sich die Dinge schwer zu Herzen nehmen, Marquis! Schon zwei Nächte lang haben Sie kein Auge zugetan? Oh, das ist wahre Liebe, da kann man sich nicht mehr täuschen.

Sie haben Ihre Augen sprechen lassen, Sie haben selbst recht klar und deutlich gesprochen, und doch fand Ihr Zustand nicht die geringste Beachtung. Das schreit nach Rache! Ist es denn wirklich möglich, dass jemand nach ganzen acht Tagen voller Bemühungen und geschäftiger Dienstbarkeit die barbarische Herzlosigkeit besitzt, Ihnen auch keinen Schimmer von Hoffnung zu gewähren? Ja, das ist schwer einzusehen. Solch langer Widerstand grenzt schon ans Unwahrscheinliche. Die Gräfin ist eine Heldin, wie sie nur die längst entschwundene Vergangenheit kannte. […] Aber bitte erinnern Sie sich stets daran, dass all solche Aufregung Ihre gerechte Strafe dafür sein wird, weil Sie die Liebe wie ein Romanheld behandeln, und dass Sie gerade das entgegengesetzte Schicksal erleben könnten, wenn Sie sich wie ein vernünftiger Mensch benähmen. Aber soll ich Ihnen noch mehr schreiben? Jeder Augenblick, den Sie zum Lesen meiner Briefe verwenden, ist ein Diebstahl an Ihrer Liebe. Gott, wie gern wäre ich Zeuge all der Zustände, die Sie durchmachen! Gibt es denn für einen kaltblütigen Menschen etwas Vergnüglicheres als den Anblick eines Mannes in seinen Liebeszuckungen?

Was erzählen Sie mir da? Das fürchtete ich ja am allermeisten. Erst hatte ich mir das Vertrauen der Gräfin verdient, und jetzt wurde ich plötzlich Gegenstand ihrer Eifersucht! Unser Briefwechsel beunruhigt sie; sie ist voller Sorge über den Einfluss, den eine andere auf Sie ausübt. Ich hatte mir vorgestellt, dass zwischen uns keinerlei Nebenbuhlerschaft aufkeimen könnte, weil ich ja auf Ihr Herz nicht die geringsten Ansprüche mache. Aber eine verliebte Frau fürchtet sogar ihren Schatten!

[…]

Bedenken Sie, Marquis, dass die Beharrlichkeit, mit der Sie mir schreiben und mich sehen, trotzdem es Ihnen ausdrücklich verboten wurde, Ihnen die schlimmsten Vorwürfe eintragen kann, deren eine eifersüchtige Frau fähig ist? Ich bin tief betrübt, dass ich die Ruhe zweier Menschen störe, zu deren Glück ich so von Herzen gern beigetragen hätte. Trotzdem muss ich Ihnen gestehen, dass ich innerlich über die Ungerechtigkeit der Gräfin aufgebracht bin, und ich will Ihnen auch nicht verhehlen, dass es mir insgeheim viel Spaß machte, wenn ich sah, wie in Ihrem Herzen die Freundin der Macht der Geliebten die Waage hielt. […]

Wenn Sie sich nicht in acht nehmen, Marquis, dann werde ich Ihnen dieselbe Antwort geben, die eine sehr hässliche, aber sehr geistvolle Frau eines Tages einem unserer Bekannten erteilte. Er spielte immer vor ihr den Leidenschaftlichen; ich weiß nicht, welche Laune ihn trieb, sogar sehr drängend zu werden. Darauf sage sie zu ihm: ›Herr Chevalier, seien Sie bitte etwas vorsichtiger. Wenn Sie weiter drängen, werde ich mich ergeben!‹ Ich bin drauf und dran, Ihnen dasselbe zu drohen. Denn sind Sie sich darüber klar, in welche Verpflichtungen Sie geraten, wenn Sie mir immer weiter erklären, dass Sie mich lieben? Halten Sie sich für fähig, ebenso leidenschaftlich zu lieben, wie ich es tun würde, wenn ich erst Feuer finge? Bis jetzt haben Sie nur oberflächliche Neigungen, alltägliche Verhältnisse erlebt. Sollte es Ninon vorbehalten sein, Sie zu lehren, was wahre Liebe ist? Die zu empfinden, sind weit weniger Herzen imstande, als man im Allgemeinen glaubt. […] Wissen Sie, was ich unter Liebe verstehe, wenn es sich um mich handelt? Ich betrachte es als ein erhabenes, glühendes Gefühl, das zu den gewaltigsten Leistungen befähigt, das Glut und Begeisterung schafft, den Charakter von Grund auf ändert und einen in demselben Maße umgestaltet, wie man anderen Menschen unähnlich wird. Es ist die holde Gleichheit zweier Seelen, die sich gegenseitig anziehen und ineinander verschmelzen; das glückselige Einvernehmen zweier Herzen, vollkommenste Hingebung an das geliebte Wesen, und es ergießt in die Seele einen freudigen Ernst, der den Gipfel alles Glückes bedeutet. Sie haben bis jetzt nur die Liebe der Jugend empfunden, das heißt ein Gefühl, das einer gewaltigen Gärung des Blutes entspringt und nur Genuss zum Ziel hat. Von diesem habe ich auch bis jetzt nur gesprochen. Sollten Sie nun fähig sein, sich auch etwas anderes vorstellen zu können? Denn obzwar es im Grunde dasselbe bleibt, so ist es doch etwas ganz anderes, etwas tausendmal Wertvolleres, weil es sich so unendlich zart äußert. Aber davon will ich erst mit Ihnen reden, wenn ich Sie würdig befunden habe, solche Liebe kennenzulernen.

Also dahin mussten all meine schönen Standreden gegen die Liebe führen? Was habe ich getan? Wäre es wahr, dass meine Neigung zu Ihnen so lebhaft ist, wie ich es Ihnen gestern sagte – hätte ich Sie dann davon unterrichten sollen? Welches Zaubers haben Sie sich bedient, mich bis zu diesem Grade zu rühren, ohne dass ich im Voraus das Geringste merkte? Wie? Ich habe Ihnen gesagt, dass ich Sie liebe! Ich sagte es Ihnen mit so viel Begeisterung, dass Sie es, wenn Sie an solche Worte gewöhnt wären … aber Sie haben kein Wort geglaubt. Kann Ihnen eine Frau solcher Gefühle fähig erscheinen, nachdem sie darüber so gesprochen hat, wie ich das früher tat? Sicherlich nicht. Sie hätten mich eher für eine Närrin als für eine leidenschaftlich Liebende gehalten. Aber weshalb fürchtete ich so sehr, dass Sie sich von mir eine solch schlechte Meinung gebildet haben? Ach, wenn ich das Unglück hätte, dass Sie wirklich so von mir dächten, wie hoffnungslos wäre ich dann! Glauben Sie mir, meine zärtlichen Gefühle sind wahr, aufrichtig, über die Maßen groß. Vielleicht würden Sie sich nicht gegen eine Erwiderung meiner Gefühle wehren können, wenn Ihnen meine Augen kündeten, was in meinem Herzen vor sich geht, während ich Ihnen solche Geständnisse mache. Wofür muss ich Ihnen eigentlich dankbar sein? Weil Sie meinem Herzen Gefühl und Leben wiedergegeben haben. Es verschmachtete in Spekulationen, obgleich es für die zärtlichsten Gefühle geschaffen war. Ich bin geboren, um zu lieben und alle Begeisterung der Liebe zu empfinden. […] Alles war glanzlos in meinen Augen; meine Seele war der tröstlichen Trunkenheit verschlossen, die uns nur eine heftige Leidenschaft verschaffen kann. Amor, ich verspüre deine göttliche Wut: Meine Verwirrung, meine Erregung, alles kündet mir deine Anwesenheit! Heute hebt für mich ein neuer Tag an; alles lebt, alles ist neu beseelt, alles scheint von meiner Leidenschaft zu sprechen, alles fordert mich auf, sie zu pflegen. Die Glut, die mich verzehrt, verleiht meinem Herzen, allen Fähigkeiten meiner Seele einen Schwung, eine Tatkraft, die all meine Triebe miterfasst. Seitdem ich Sie liebe, sind mir meine Freunde noch teurer geworden; ich liebe mich selbst noch mehr, die Töne meiner Theorbe, meiner Laute scheinen mir noch rührender, meine Stimme klangvoller. Wenn ich ein Stück spielen will, ergreift mich Leidenschaft, Begeisterung; sie verwirren mich so tief, dass ich jeden Augenblick davon unterbrochen werde. Dann aber folgt dem Schwung eine tiefe Träumerei voll holder Reize. Sie stehen lebend vor meinen Augen, ich sehe Sie, ich spreche mit Ihnen, ich sage Ihnen, dass ich Sie liebe, und mir scheint es immer, als ob ich es Ihnen noch zärtlicher sagte, als wenn Sie wirklich da wären. Bald begünstigt Sie meine Vorstellungskraft, bald wirkt sie Ihnen entgegen. Ich beglückwünsche mich, und ich empfinde Reue; ich wünsche Sie und möchte vor Ihnen fliehen; ich schreibe Ihnen und zerreiße meine Briefe wieder; ich lese die Ihren von Neuem; bald scheinen sie mir galant, bald zärtlich, selten leidenschaftlich und immer zu kurz. Ich betrachte mich prüfend in meinen Spiegeln, ich ertrage das Urteil meiner Frauen über meine Reize. Kurz, ich liebe Sie, ich bin wie närrisch, und ich weiß nicht, was aus mir würde, wenn Sie heute Abend nicht Wort hielten.

Maria Theresia
(1717-1780)
an Kaiser Franz I.

Maria Theresia, seit 1740 Königin von Böhmen und Ungarn, war die Stammmutter des Hauses Habsburg-Lothringen. Sie übernahm die Regierung der habsburgischen Gesamtlande von ihrem Vater und setzte ihren Ehemann, Franz Stephan, den Herzog von Lothringen, den sie 1736 geheiratet hatte, als Mitregenten ein. 1745 wurde er zum Deutschen Kaiser gekrönt, hatte aber eher eine repräsentative als aktive Funktion in der Staatsregierung. Die Ehe der beiden, aus der 16 Kinder hervorgingen, soll sehr glücklich gewesen sein. Der Briefwechsel ist zum Teil in französischer Sprache verfasst.

8. Februar 1736

Durchlauchtigster Herzog, vielgeliebter Bräutigam!

Euer liebden Schreiben hat mich sehr erfreut, bin auch ganz persuadiert, dass Sie lieber selbes persönlich als schriftlich versichert hätten, wie nicht zweifle Euer Liebden ein gleiches von mir auch glauben werden. Ist wohl gut, dass nicht auf lange ist, und hoffe, dass es ins Künftige zu einer beständigeren und gewünschteren Einigkeit dienen wird, die versichere, dass Zeit meines Lebens verbleiben werde,

Euer Liebden getreueste Braut

Maria Theresia.

Caro viso3,

ich bin Ihnen unendlich für Ihre Aufmerksamkeit verbunden, mir Nachricht von Ihnen zu geben, denn ich war bekümmert wie eine arme Hündin. Haben Sie mich ein wenig lieb und verzeihen Sie mir, wenn meine Antwort nur kurz ist. Aber es ist 10 Uhr, und Herbeville wartet auf meinen Brief. Adieu, Mäusl, ich umarme Sie von ganzem Herzen, schonen Sie sich recht. Adieu, caro viso.

Ich bin Ihre

Maria Theresia

Sponsia dilectissima 4

9. Februar 1736

Durchlauchtigster Herzog, vielgeliebter Bräutigam!

Kann nicht genug meine Obligation bezeugen, vor solch großen Attentionen, wünschte nur, dass es mit weniger Ungelegenheit geschehen könnte und versichere, dass Euer Liebden Brief allzeit eine große Ehre und Freud verursachen bei derjenigen, die sich rühmt, Euer Liebden mit größter Ergebenheit zu sein und allezeit verbleibend

Euer Liebden

getreuste Braut

Maria Theresia

10. Februar 1736

Durchlauchtigster Herzog, vielgeliebter Bräutigam!

Was man gern tut, macht keine Ungelegenheit, indem recht von Herzen auf Euer Liebden so obligeanten und komplimentösen Brief antworte, wünsche eine glückliche Reise und gutes Wetter, hoffe, dass dieses die letzte sein wird, die Euer Liebden ohne Ihrer so ergebenen Braut machen werden, die allzeit verbleibe

Euer Liebden

getreueste Braut

Maria Theresia

[undatiert, 1742]

Mein liebes Herz,

Sie werden hieraus ersehen, was man getan hat, aber ich beschwöre Sie, Ihre Rückkehr nicht einen Augenblick zu verzögern. Schreiben Sie, wenn Sie es so wollen, aber er [Friedrich der Große] ist dessen [Friedensverhandlungen im ersten Schlesischen Krieg] nicht würdig und wird einen schlechten Gebrauch davon machen. Erniedrigen Sie sich nicht, und nehmen Sie unsere Eroberungen zum guten Vorwand. Aus dem deutschen Briefe werden Sie das Übrige sehen, und wie nötig ich Ihren Beistand brauche. Verweigern Sie ihn mir nicht. Ich war sehr erstaunt, Sie bei Sprinzenstein [österreichischer Adliger, Anhänger Karl VII. aus dem Hause Wittelsbach] zu wissen; man hat ihn auch für einen der Verschwörer gehalten. Leben Sie wohl, ich küsse Sie zärtlich!

Eva König
spätere Lessing (?1736-1778)
an Gotthold Ephraim Lessing

Eva König, geborene Hahn, war zunächst von 1756 an mit dem Hamburger Kaufmann Engelbert König verheiratet und brachte sieben Kinder zur Welt, von denen vier überlebten. Lessing wurde ein enger Freund der Familie und Pate des Sohnes Fritz, als er wegen des neu gegründeten Nationaltheaters nach Hamburg übersiedelte. Als König 1769 nach Venedig reiste, um Stoffe einzukaufen, bat er Lessing, sich um seine Frau und Kinder zu kümmern, falls ihm etwas zustoßen sollte. Tatsächlich starb er kurz nach seiner Ankunft in Venedig an Typhus. Die Heirat zwischen Eva und Lessing verzögerte sich jedoch um einige Jahre, da sie aus geschäftlichen Gründen wegen des Nachlasses ihres Mannes mehrmals nach Wien reisen musste und Lessing erstens keine Anstellung hatte, die es ihm ermöglicht hätte, eine Familie zu ernähren, und zweitens damals im Dienst von Prinz Leopold von Braunschweig selbst auf Reisen war. Die lange Trennung war der Grund für den ausgiebigen Briefwechsel. Erst sieben Jahre nach Königs Tod, als der Prinz Lessing ein entsprechendes Gehalt zusicherte, wurden die beiden getraut. Lessing war zu diesem Zeitpunkt über 47 Jahre alt, Eva neun Jahre jünger. Leider währte ihr eheliches Glück nur kurz: Eva starb nur knapp zwei Jahre später, einige Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Traugott.

1. Januar 1771

Mein liebster Freund!

Wie mich bei meiner jetzigen Gemütsverfassung alles beunruhigt und in Zweifel setzt, so war ich auch kürzlich in einer solchen Lage. Ich wusste mir nicht zu helfen, setzte mich also nieder und fragte Sie um Ihren Rat. Glücklicherweise ging denselben Abend die Post nicht ab. Denn ich hätte um Vieles nicht gewollt, dass Sie den Brief erhalten hätten. Bedauern oder verlachen hätten Sie mich müssen. Wohl überlegt, befürchtete ich das Letztere und beantwortete mir also lieber die Frage selbst. Hatte ich nicht Recht? Doch ich stehe nicht dafür, dass ich nicht noch einmal irre gemacht werde, und dass ich alsdann weder Verlachen noch sonst etwas scheue und mich an Sie wende.

Ihr Brief, den ich diesen Augenblick erhalte, berechtigt mich umso mehr dazu. Sie erlauben mir, Sie unter meine aufrichtigen Freunde zu zählen, was ich ohnehin schon getan habe, und was ich stets tun werde; Sie müssten denn aufhören, Lessing, und ich – ich selbst zu sein. […] Für heute kann ich Ihnen nicht mehr schreiben, weil ich noch viele Neujahrsbriefe abzufertigen habe. Sie kommen mir so hart an, dass ich sie immer bis auf die Letzt verschiebe. Doch ist’s dieses nicht die Ursache, warum Sie keinen von mir kriegen, sondern weil ich es für überflüssig halte, Ihnen am Neujahrstag mit einigen Worten etwas zu sagen, von dem Sie lange überzeugt sind, nämlich dass ich bin

Dero Freundin

E.C. König

Lassen Sie Ihre Briefe lieber über Breslau oder Nürnberg gehen. Über Prag laufen sie alle in den 16. Tag.

Oktober 1771

Bester, liebster Freund!

Ich bin Ihretwegen in der größten Unruhe. Warum haben Sie doch unsern Bitten nicht Gehör gegeben und sind wenigstens noch bis Mittwoch hier geblieben? So hätten Sie vermutlich den abscheulichen Sturm, in dem Sie vorige Nacht die Elbe passieren mussten, nicht auszuhalten gehabt. Ich mache mir tausend Vorwürfe, dass ich mit Ursache bin, dass Sie diese Route genommen. Keine Vorstellung kann mir eine ruhige Viertelstunde Schlaf verschaffen. Ich hoffe aber, dass alle meine Sorgen vergebens seien, und Sie werden morgen Abend glücklich und vergnügt in dem lieben Braunschweig eintreffen. Denn so könnte ich den Donnerstag schon einen Brief von Ihnen haben, wenn Sie mir gleich geschrieben hätten. Dies haben Sie doch wohl gewiss getan? O ja, Sie haben es getan. Sie wissen ja, dass meine ganze Ruhe davon abhängt – nicht wahr? Sie sind überzeugt, ob Sie gleich zuweilen daran zu zweifeln scheinen, dass ich Sie über alles liebe, über alles hochschätze, und kein Glück mehr für mich in der Welt ist, wenn ich es nicht mit Ihnen teilen soll. Möchten doch alle die Hindernisse, die uns trennen, gehoben werden können, wie wollte ich der Vorsehung mit freudigem Herzen danken! […] Die zwei ersten Seiten dieses Briefes hatte ich gestern geschrieben. Eben, da ich zu Bette gehen wollte, fiel mir ein, dass morgen früh die Post abgeht. Ich schließe diesen Brief also in der Nacht um zwölf Uhr, wo ich Sie mir ermüdet von der Reise, im tiefsten Schlaf gedenke, und Ihnen von ganzem Herzen die angenehmste Ruhe wünsche; mir aber die baldige Versicherung, dass Sie sich, von den Fatiguen der Reise erholt, recht gesund und vergnügt befinden. Sie können dem wohl noch etwas hinzufügen, was mir eben nicht zuwider sein wird! Aber! aber! es müssen lauter Worte sein, die aus Ihrem Herzen kommen, so wie es diejenigen sind, mit welchen ich Ihnen sage, dass ich bin, bester, liebster Freund!

dero aufrichtige Freundin

E.C. König

25. November 1771

Mein liebster, bester Freund!

Die ganze verflossene Zeit meines Lebens kann ich ruhig zurücke denken, bis auf den Augenblick, worin ich schwach genug war, eine Neigung zu gestehen, die ich zu verbergen so fest beschlossen hatte; wenigstens so lange, bis meine Umstände eine glückliche Wendung nähmen. Ich bin überzeugt, Sie würden dennoch einen freundschaftlichen Anteil an allem genommen haben, was mir begegnet wäre; allein Sie hätten nicht meine Angelegenheiten zu Ihren eigenen gemacht, wie Sie jetzt tun; ob Sie es gleich nicht sollten. Denn der Vorsatz bleibt unumstößlich: bin ich unglücklich, so bleibe ich es allein, und Ihr Schicksal wird nicht mit dem meinigen verflochten. Meine Gründe hierüber wissen Sie, noch mehr, Ihre Aufrichtigkeit erlaubte Ihnen nicht, Sie zu missbilligen; nennen Sie sie also nicht Ausflüchte – das Wort Ausflucht hat mich gekränkt. – Fragen sie Ihr Herz, ob es in dem nämlichen Fall nicht so handeln würde, und antwortet es Ihnen nein, so glauben Sie nur, dass Sie sich durch mich in Ihrem Plan nicht irre machen lassen, sondern eben das tun, was Sie getan hätten, wenn Sie mich nicht kennten. […] Und Sie klagen wieder über Ihre Augen! Waschen Sie sie fleißig mit kaltem Wasser und brauchen Sie ja nicht alle die Mittel, die man Ihnen anrät, so wie Sie gewöhnlich tun. Wollte der Himmel, ich könnte Ihnen die Abende nicht durch Gedanken, sondern persönlich verkürzen helfen! Alle meine Wünsche wären erfüllt. Ich denke noch immer, sie sollen erfüllt werden. Nach solchen traurigen Tagen, wie ich nun habe, müssen wieder heitere kommen, und die können nicht wiederkommen, wenn ich nicht wenigstens das Glück habe, mit Ihnen an einem Ort zu leben.

Leben Sie wohl, mein teurer und redlicher Freund!

Ich bin

Ihre ganz ergebene Freundin

E.C. König

17. September 1773

Mein lieber Freund!

Wie hart verfahren Sie mit mir! Dass Sie mir nun auf zwei Briefe keine Zeile antworten. Was kann ich mir anders vorstellen? als Sie seien krank oder Sie haben mich vergessen. Von diesen beiden Vorstellungen quält mich die eine um die andre, so sehr ich mich auch ihrer zu entschlagen suche. Hätte ich Sie vielleicht gar beleidigt? Ich wüsste doch nicht; wenigstens mit meinem Willen gewiss nicht. Ich bitte Sie nur um eine Zeile, worin Sie mir die Ursache Ihres Stillschweigens aufrichtig sagen müssen.

Möchte ich nur hören, dass Sie gesund sind! Dies ist mein einziger und eifrigster Wunsch. Ich bin unaufhörlich

Ihre ganz ergebene

E.C.K.

Eben da ich diesen Brief zusiegeln will, tritt ganz unvermutet Wurmb ins Zimmer. Wollte Gott! ich würde so von Ihnen überrascht.

28. Dezember 1774

Wie ist es möglich, wie ist es nur immer möglich, mein lieber, bester Freund, dass Sie mir in so vielen Monaten auch nicht eine Zeile schrieben. Vergebens schicke ich täglich, in der Erwartung eines Briefes von Ihnen, auf die Post. Niemals kommt einer. Haben Sie sich vielleicht vorgenommen, gar nicht mehr an mich zu schreiben; so melden Sie mir wenigstens das, damit ich mich nicht mit vergeblichen Hoffnungen quäle.

Wenn mir nicht der Herr von Herrmann angezeigt hätte, dass er Sie vergnügt und gesund gesehen habe, so wäre ich besorgt, Sie müssten krank sein; so aber weiß ich nicht, was ich denken soll. Zuweilen kann ich mich nicht erwehren, wunderliches Zeug zu denken. Dem sei nun aber, wie ihm wolle, so weiß ich doch, und bin es fest überzeugt, dass Sie Teil an meinem Schicksale nehmen, und sich also freuen werden, wenn Sie hören, dass ich endlich der größten Bürde, der Seidenfabrik, los bin, und zwar zu bessern Bedingungen, als ich niemals geglaubt. Käme ich von der Spallierfabrike eben so, so könnte ich von Glück sagen. Daran zweifle ich aber, zumal weil ich mich damit nicht lange aufhalten, sondern sie dem ersten Besten losschlagen werde. Ich würde vielleicht am Ende doch eben das verlieren, und noch oben drein unnützes Geld verzehrt haben. Und mich plagt das Heimweh, so wie es mich noch nicht geplagt hat. Seit vier Wochen kam die Marter noch dazu, dass ich mir oft vorstellen musste, weder Sie noch meine Kinder jemalen wiederzusehen, weil ich solche Zufälle hatte, und leider noch heute gehabt habe, die mich einen Schlagfluss vermuten ließen. Diesen Abend befinde ich mich etwas leichter, und setze mich deswegen auch gleich nieder, an Sie zu schreiben, was ich schon vier Wochen lang tun wollte, nämlich, solange ich die Fabrik los bin. […] Sehen Sie, mein Freund, wie viele Ursachen ich hätte, vergnügt zu sein, und doch bin ich es wider meinen Willen nicht. Die heitern Augenblicke treffen sparsam bei mir ein. Ich stelle mir vor, der viele Verdruss, den ich vier Monate lang gehabt, (denn mir drohte ein Prozess, und ich weiß nicht was alles), hat so viel Übels sich bei mir sammeln lassen, dass ich lange zu tun haben werde, ehe ich wieder zurecht komme. […] Ich rechne, Sie zu eben der Zeit wiederzusehen, in welcher ich Sie vor drei Jahren verlassen habe. Wie werde ich mich freuen, wenn ich Sie gesund und vergnügt finde? Aber werden Sie sich denn auch freuen? Die Frage sollen Sie mir eben nicht geradezu beantworten; daraus will ich es nur abnehmen, wenn Sie mich nicht länger ohne Briefe lassen. […] Leben Sie wohl, bester Freund, und treten Sie das neue Jahr so vergnügt und gesund an, als es Ihnen wünscht

Ihre ganz von Herzen ergebene

E.C.K.

Angelika Kauffmann
(1741-1807)
an Johann Wolfgang von Goethe

Angelika Kauffmann war eine der berühmtesten Malerinnen ihrer Zeit und in ganz Europa bekannt. Die in der Schweiz geborene Tochter eines Freskenmalers galt schon früh als Wunderkind. Ganz besonderer Beliebtheit erfreuten sich ihre Porträts, sogar in allerhöchsten Kreisen; so ließ sich etwa der König von England von ihr malen, als sie einige Jahre in London verbrachte, wo sie von der vornehmen Gesellschaft gefeiert wurde. Angelika Kauffmann war neben Mary Moser das einzige weibliche Gründungsmitglied der Royal Academy. Ganz London stand auf ihrer Seite, als sie, die zuvor die Hand ihres Mentors, des berühmten englischen Malers Joshua Reynolds, ausgeschlagen hatte, einem Heiratsschwindler zum Opfer fiel, und sie erreichte eine Scheidung. Kurze Zeit später heiratete Angelika auf Wunsch ihres Vaters, der nicht mehr lange zu leben hatte, den fünfzehn Jahre älteren Maler Antonio Zucchi und kehrte mit ihm zurück nach Rom, das sie als ihre eigentliche Heimat betrachtete. Ihr Haus wurde bald zu einem kulturellen Zentrum der Stadt; eine Italienreise, wie sie die großen und nicht so großen Geister der Zeit so gerne unternahmen, war nicht vollständig ohne einen Besuch bei Angelika Kauffmann. Auch Johann Wolfgang von Goethe fand den Weg zu ihr. Zwischen den beiden entwickelte sich eine enge künstlerische Freundschaft; Goethe nahm bei Angelika Zeichenunterricht, sie illustrierte eine Reihe seiner Werke und schien ein so großes Verständnis für sein Schaffen aufzubringen wie nur wenige sonst. Ob das Verhältnis zwischen Angelika und Goethe über Freundschaft hinausging, ist schwer zu sagen. Er nannte sie »Engel« und schrieb über sie: »Man muss ihr Freund sein.« Ihre Verehrung und Liebe für ihn übertrifft wohl alles, was sie für die Männer in ihrem Leben empfand, mit denen sie auf konventionellere Art und Weise verbunden war.

Rom, den 10. Mai 88

Teurer Freund!

Ihr Abschied von uns durchdrang mir Herz und Seele, der Tag Ihrer Abreise war einer der traurigen Tage meines Lebens. […] Mir träumte vor ein paar Nächten, ich hätte Briefe von Ihnen empfangen, und war getröstet und sagte, es ist gut, dass er schreibt, sonst wär ich halb aus Wehmut gestorben. Mich vergnügt, zu wissen, dass Sie wohl sind, der Himmel erhalte Sie immer so. Ich lebe so ein trauriges Leben, in einer Art von Gleichgütigkeit, weil ich nicht sehen kann, was ich zu sehen wünsche, ist mir alles eins, was ich sehe oder wen ich sehe. […] Die Sonntage, auf die ich mich sonst so sehr gefreut, haben sich in traurige Tage verändert, und sie sagen, die Sonntage kommen nicht wieder, das will ich nicht hoffen. Das Wort Nicht-Wieder-Kommen tönt zu hart […]. Ihr kleiner Feigenbaum steht nun in meinem Garten, das ist nun meine liebste Pflanze. Noch etwas habe ich, das ich Ihnen gewidmet, ehe denn es mein war, die Figur, von der ich Ihnen gesprochen, die Muse; nur fehlt mir an sicherer Gelegenheit, sie Ihnen zu schicken. Zu dem werden Sie mir verhelfen, denn mir wär es leid, wenn sie sollte verloren gehen.

Befehlen Sie mir in allem, was ich Ihnen dienen kann, gönnen Sie mir doch das einzige Vergnügen, von Ihnen zu hören; wenn ich weiß, dass Sie wohl und vergnügt sind, so will ich versuchen, mit meinem Schicksal zufrieden zu sein.

Angelica

Rom, den 5. Aug. 88

Schon wieder Träume, werden Sie

sagen – aber ich weiß, Sie ver-

zeihen mir. –

Mir träumte verwichne Nacht, Sie waren wiedergekommen, ich sah Sie von ferne – und eilte Ihnen entgegen bis zur Haustüre, fasste Ihre beiden Hände, die ich so fest an mein Herz gedrückt, dass ich davon erwachte, und ich war böse auf mich, dass ich mein geträumtes Glück zu lebhaft gefühlt und mir selbst dadurch das Vergnügen abgekürzt. […]

Ich lebe so das Leben, in Hoffnung eines besseren Lebens – nun etwas von der Kunst – – –

– – – Mein Porträt oder besser zu sagen das Gemälde, das ich für die Galerie in Florenz gemacht habe, ist gütigst aufgenommen worden, vor ein paar Tagen hat ich Briefe, dass man mich in sehr gutes Licht und neben einen ernsthaften Mann gestellt, nichts weniger als Michel Angiolo Buonarroti – ich wünschte, in Werken neben ihm stehen zu dürfen, aber er ist zu fürchterlich.

Rom, den 1. Nov. 1788

Wissen Sie wohl, mein treuer Freund, ich komme nach Weimar – […] das glückliche Weimar, das, seitdem das Glück mir gegönnt, Sie zu kennen, ich so beneidet habe, wo ich mich mit Gedanken so oft und so gerne aufhalte. Sollte ich das sehen und Sie da sehen, o schöner Traum! Doch noch bevor die Reise angeht, hoffe ich, Sie noch einmal in Rom zu sehen. Indessen habe ich Ihnen zu danken, mein bester Freund, dass die Frau Herzogin [Anna Amalia] sich so gnädig gegen mich erzeigt. Diese gnädige Fürstin hat meine Wohnung schon verschiedene Male beehrt und erlaubt mir, zu ihr zu kommen. Wie oft wird von Ihnen gesprochen, und welche Freude fühle ich in meiner Seele. Vor einigen Abenden gingen Ihre Durchlaucht mit der ganzen Gesellschaft, nämlich Herr Baron von Dalberg, die Frau von Sedendort, Herr Herder nach dem Museum. Zucchi und ich hatten die Ehre, auch mitzukommen. Das war für mich ein großes Fest, aber mir fehlte noch etwas, mein Vergnügen vollkommen zu machen, Ihr Name erschallte im Saale der Musen, ich sah mich um und sehe Sie, aber nur im Geiste.

Rom, den 23. Mai 1789

--- Den 19. sind Ihre Durchlaucht wieder von hier abgereist, den Sommer in Neapel zuzubringen, mir scheint der Genuss so guter Nachbarschaft ein Traum zu sein, von dem ich zu früh erwacht. Und lebe wieder in meiner Einsamkeit so traurig – auch der gute und vortreffliche Herder ist abgereist, wünschte, er wäre schon bei den Seinigen, die ich ehre und liebe. Heute vor 14 Tagen war ich noch mit der respektabeln Gesellschaft in Tivolu, in der Villa D’este. Unter den großen Zypressen hat Herr Herder uns den übersandten Teil von Ihrem Tasso vorgelesen; mit welchen Vergnügen ich zugehört, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich denke, es ist unter Ihren schönen Werken eines der schönsten, wer kann ein so vortreffliches Musterstück sehen, ohne begierig zu werden nach dem Ganzen – Herr Herder hat mir die Schrift gelassen. Habe ihm auch recht herzlich dafür gedankt.

Längstens hätte ich Ihnen danken sollen für Ihre Schriften, achter Band, denn längstens hatte ich im Sinne, an Sie zu schreiben. Verzögerte aber aus Furcht, Sie möchten etwa sagen, ich schreibe zu oft. Mein Stillschweigen ist nicht Vergessenheit, wie kann man einen Freund vergessen, den man ehret, wie ich Sie ehre und immer ehren werde. Was meinen Fleiß anbelangt, der ist so wie gewöhnlich, aber wer ist fleißiger als Sie. Das Untersuchen und Schreiben mag wohl nützlicher sein als das Bilden, es ist schön, von allem eine Wissenschaft zu haben, und wer das tun kann, der tut sehr wohl – fahren Sie nur fort, zu genießen von allem dem, was Sie glücklich machen kann.

Karoline Flachsland
spätere Herder (1750-1809)
an Johann Gottfried von Herder

Karoline Flachsland, die spätere Ehefrau von Johann Gottfried von Herder, hatte eine schwere Jugend. Der Vater verstarb bald und ließ die Mutter mit vier Kindern zurück. Als der Geheimrat Hesse eine der älteren Töchter der Witwe Flachsland heiratete, nahm er Karoline und ihren Bruder Sigmund bei sich auf, ließ die beiden aber immer spüren, dass sie nichts anderes waren als Almosenempfänger. Es war jedoch in seinem Darmstädter Haus, dass Karoline 1770 den 26jährigen Theologen Herder kennenlernte. Die beiden von Sorgen geplagten jungen Leute schenkten sich sehr schnell ihr Herz, es kam jedoch zu keiner offiziellen Verlobung. Herder hatte nicht die Mittel, eine Familie zu ernähren, und selbst als er die Stellung als Konsistorialrat und Hofprediger in Brückeburg annahm, konnte er sich lange nicht entschließen, Karoline zu sich zu holen, so unzufrieden war er mit seiner Existenz in dem ›geistig armen‹ Provinzstädtchen. 1773 heirateten die beiden schließlich doch; unter den Hochzeitsgästen war Johann Wolfgang von Goethe, der das Paar dazu brachte, nach Weimar zu ziehen. Karoline von Herder, die ihrem Mann sieben Kinder schenkte, mag nicht die schillerndste der Weimarer Frauengestalten gewesen sein, und doch war sie eine der wichtigsten. Ohne ihre stille, aber tatkräftige Unterstützung ist der Dichter und Philosoph Herder, dessen Nachlass sie unermüdlich verwaltete, fast nicht denkbar. Am 15. Jahrestag ihrer Verlobung schrieb Herder an seine Karoline: »Heute ist der Tag unserer Verlobung im Geist, da ich Dir den ersten Brief brachte. Ich habe Dich tausendmal lieber, als da ich Dir ihn zitternd gab. O glaube es doch, glaube es mit Herz und Seele, Du vielgeprüfte, lieb-, aufopferungsreiche Heldenseele! Du hast mich zu allem gemacht.« Aus Karolines eigenen Briefen spricht eine Frau tiefen Gemüts, aber auch voller Witz und praktischem Verstand, die sich nicht scheut, ihren Herder mit einem guten Schuss Ironie auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Frankfurt, gegen den 20. April 1771

--- Unsere Briefe sollten die Geschichte unseres Herzens, unserer Gedanken und unseres Bestimmungskreises enthalten.

Darmstadt, den 10. Mai 71

Endlich der lang erbetene Brief von Bückeburg! Sie können nicht so nach meinem Briefe geschmachtet haben als ich nach diesem. Das ist eine fatale Post! 10 ganze Tage unterwegs. Doch ist er da, und ich bin ganz, ganz zufrieden. – Das glauben Sie mir, edle, himmlische Seele, dass ich keine süßere Beschäftigung kenne, als an Sie zu denken, mich mit Ihnen zu unterhalten und mir noch all die kleinsten Züge Ihrer schönen Seele zu erinnern. Und hab’ ich’s Ihnen hier nicht genug gezeigt, wie ich Dich, mein Leben, liebe, so war ich nicht schuld daran; die elenden, erbärmlichen Menschen um uns haben ja alles verdorben. – Aber unser Briefwechsel soll uns bessere, süßere Stunden verschaffen als diese, worum wir so unverschuldet gekommen. Nur glauben Sie mich, liebster, bester Freund, nicht so schwach oder so ungeprägt, dass der Letzte, der mich mit seinem Finger anrührt, den letzten Eindruck machte. Das tun Sie nicht, dazu haben Sie mich zu lieb und können’s nicht glauben, wenn Sie mich kennen. Noch viel weniger sprechen Sie von Unwert und allem diesen, wenn Sie mich nicht traurig machen wollen. O Gott, ich fühl’s, was Sie sind und was ich bin. L. mag schwätzen, was er will, wie weit Sie in allem über mir sind, dass es mir zuweilen bange Augenblicke macht, aber ich jage sie fort, die garstigen Einnistler. – – –

Und nun wollen wir von Bückeburg reden. Aber darf ich Ihnen sagen, dass Sie ein kleiner Schwärmer sind? Ehe Sie nach diesem armen, guten Ort kamen, haben Sie Ihre Einbildungskraft ein wenig arbeiten lassen, haben sich den Ort und die Leute darin so schön gemacht als Sie es wollten, und nun kam der Herr Konsistorialrat und Oberprediger an, und sah – die Menschen und den Ort nur ein wenig anders als es ihm gefallen, sie in seiner Einbildung zu machen, so – in der Tat eine gute Ursache, den Koffer eingepackt gelassen, fortgereiset und andere Menschen gesucht. Aber Sie haben noch ein wenig Geduld, das weiß ich, und dann werde ich von Ihnen hören, dass es Ihnen recht wohl gefällt. […] Ist es nicht ein wenig übereilt, ehe Sie nicht in Bückeburg recht ausgeschlafen haben, auszurufen: ›Es fällt mir alles auf den Hals, und ich falle auf die Nase! Ich bin in einer kleinen Wüste! Ich habe nur anderthalb Frauenzimmer gesehen, und keine, die über meine Freundin geht!‹ Das Letzte ist allerliebst; aber Sie sind ein ganzer Schwärmer! Oder Philosoph! Oder – oder was Sie sein wollen; nur ein wenig mehr Geduld, mein lieber Freund, und die anderen armen Leute bei der Nähe betrachtet; man hat in die Ferne nicht immer ein gutes Gesicht.

Darmstadt, Mitte Mai 1771

Was machen Sie jetzt, liebster, allerliebster Freund? Sind sie zufrieden mit Bückeburg und allem, was Sie umgibt? Ach, warum muss ich diesen Brief mit einer Klage und Mitleiden über Ihre jetzige Situation anfangen! Denn ich gestehe es Ihnen, und Sie wollen meine Meinung darüber haben, ich fürchte, Bückeburg und der Kreis, in dem Sie sind und wirken, ist viel zu klein und unbedeutend für Sie; Sie sind, oder ich müsste Ihre Seele nicht kennen, die nichts Gemeines oder Unreines hat, Sie sind für keine kleine Sphäre gemacht. Beichte bei Staatsgefangenen und hundert solche Sachen zu hören und zu sehen, dazu schicken Sie sich freilich als wie das Storchennest auf dem Altar. Nur ein Haus zu Freunden und Gesellschaft, und darin nur ein Mann, das ist viel zu wenig für Sie, so sehr und so gern sie jetzt Einsamkeit lieben und Anwartschaft zu einer Landpriesterstelle zu haben glauben. Armer Freund! Dort sitzt er allein, muss Berge und Wälder für seine Freunde ansehen, hört um sich muntere, singende Nachtigallen, und er versenkt sich, täuscht sich mit Schatten, mit Schattenbildern, die schwinden und vielleicht immer bleicher im Schwinden werden! – O Freund, wie viel leide ich, wenn Ihr Zirkel nicht wenigstens so wird, dass Sie mit Vergnügen in Brückeburg sind! Ist denn alles Trug und Täuschung in der Welt? Und müssen Sie sich auch da täuschen, wo das Glück Ihres Lebens anfangen soll? Kennen Sie nun den Grafen? Ich weiß nicht, welche böse Ahndung mich auch da für Sie fürchten macht! Doch weg mit allen bösen Ahndungen! Es ist hässlich, so die süßen Hoffnungen so zu verderben. Machen Sie sich einen Zirkel, der Sie mit sich selbst zufrieden und vergnügt macht, und wer kann das mehr als Sie? Und werfen Sie nicht alles Gute so schlechterdings in den Archipelagus! Dort nützt es nichts, aber Ihnen ist’s doch immer Lebensstab, sich daran zu halten.

Und wieder einen Ruf nach Riga? Ich erstaune! Gestehen Sie es mir aufrichtig: Tat es Ihnen weh, ihn abzuschreiben? Mir ging’s durchs Herz, da ich wieder hörte, die zerrissenen zarten Bande jener Freundin hielten Sie ab. Ich musste weinen und Sie bedauern. Aber sagen Sie mir, liebster, guter, redlicher Freund! Können Sie noch Tugend eines Frauenzimmers glauben, da Sie von dieser Freundin, die so viel ausgebildeten Charakter, Güte und Attachment für sie hatte, sind hintergangen worden? Oder, Sie sagten mir’s nur mit halbem Worte, und mehr will ich auch nicht wissen, kurz, sie ist Ihre Freundin nicht mehr, es sei nun geschehen, auf welche Art es wolle. Aber sagen Sie mir aufrichtig, hat diese Trennung wieder Ideen gegen das Frauenzimmer bei Ihnen erregt? Ich erkläre mir jetzt tausend Dinge Ihres letzten Straßburger Aufenthalts und insonderheit das Lied an Merck: ›Sympathie und Freundschaftswonne singen‹. Ich gestehe es Ihnen aufrichtig, dies Lied hat mich zur äußersten Schwermut gebracht! O! wenn alles das nicht mehr in der Welt ist, nicht Sympathie, nicht Freundschaft, nicht Tugend, und der Glaube daran verloren wird, o Freund! Welch elende Kreatur wäre der Mensch! Und sei’s Wahn! Süßer Wahn! - -

Darmstand, Ende Juni 1771

Sie [Sophie von La Roche] hat liebenswürdige Kinder, erzieht sie selbst, geht nicht von ihnen und ist gegen ihren Mann aufmerksam in den geringsten Kleinigkeiten, bis zum Erstaunen. Kurz die beste Mutter und beste Frau. – – –

Ach, wäre ich unter den Händen dieser Frau gebildet worden! Aber vater- und mutterlos irrt’ ich umher! O verlass Du mich nicht, mein Erster, Einziger in der Welt, den ich so oft, oft an mein Herz drücke, der mir Freude und Trost und Aufmunterung gibt! Gott im Himmel wird’s Dir belohnen! –

Darmstadt, Ende Oktober oder Anfang November 1771

– – – O der süßen Stunden, wenn ich Briefe von Dir, mein Einziger, bekomme! So wird Abschied und Trennung und alles ersetzt. Ach, es ist schon so viel Glückseligkeit für mich, dass ich in Deinem Herzen bin, dass ich nichts mehr wünschen darf. Komm, mein Lieber! Wir sind nicht entfernt, ich umarme Dich für Dein ganzes, edles, schönes Herz. Ach, ich bin’s nicht wert! Es ist traurig für mich, dass Sie gegen mich so unwert sein wollen. Ach Gott, was verdienen Sie auf allen Seiten, und wenig kann ich Ihnen geben! Glauben Sie mir, Freund meiner Seele, wenn ich von einem gemeinen Menschen geliebt würde, es würde mir nichts einfallen, als dass ich nicht reich bin. Aber bei Ihnen – ach, Gotte, ich leide wirklich viel darum: Ich fürchte, ich fürchte, Du bist zu großmütig und liebst mich darum noch, weil Du mich das vorige Jahr lieb hattest. Ach, sollte das sein? Du würdest Dein ganzes schönes Leben zerstören. […] Ach, lieber Herder, es schlägt mich alles nieder, wenn nicht Dein edles Herz Lichtstrahl und Sonnenbild für mich wäre. – – –

Die Gedichte von Claudius sind schön, unschuldig […]. Aber wie mag sich Herder mit Claudius vergleichen? Bist Du ein Jungferchen worden, das gerne gelobt sein will? Wahrhaftig, ich kann Dich nicht loben; wenn ich alles sagen würde, wird’s doch tausendmal weniger sein als mein Herz will, und so lass ich’s. Sie selbst, edler Mann, müssen mehr Ihre Würde fühlen. […]

Ich habe Ihnen Nachricht von meiner Beschäftigung versprochen, aber diesen Tag war sie ziemlich unfruchtbar. Es ist seit einigen Tagen Regenwetter und kalt […]. So ist der Herbst vorbei und kein Wald- und Spaziergang mehr da; alles ist abgefallen, und ich möchte mit Ihnen als Knabe darüber weinen. Frohes, zartes, empfindliches Herz, wie lieb’ ich Dich! Ach, warum konnte ich nicht meine Jugend mit Dir verspielen, da ich immer mit Knaben spielte!

Darmstadt, den 21. August 1772

– – – Tausend Dank für Ihren kleinen Lebenslauf, liebster Herder! Er hat mich in manchem Betracht für mich selbst beruhigt, ob er schon traurig genug für Sie ist. Geahndet hatte ich es schon lange, dass Du mit Deinem großen, wunderbaren Kopf niemals dachtest, Landpriester in Brückeburg zu werden, und der Jugendplan und Jugendseele zugleich bricht und brechen muss – das alles weiß ich, fühl’s, klage, traure mit Dir, armer, guter Herder. Aber nun bist Du ein Mann, siehst, dass man überall Gutes tun kann: Großes freilich nicht überall, und dazu muss man vielleicht immer ein türkischer, russischer oder römischer Kaiser sein, und davor hat Dich der gute Gott (Dank sei ihm dafür gesagt!) in Gnaden bewahrt. Nicht wahr, liebster Herder, eine Hütte, ein gutes Weib und Kinder darin, ist doch allen menschlich und für das Herz gelebt. Du wirst überall glücklich sein. Du hast den goldenen Ring an Deiner Hand, bei drei Jugendfreunden oder einem Weib auf der Kanzel oder in der Stube, in Brückeburg oder in Riga. – Du wirst überall Gutes tun, überall glücklich sein. Ich will Dir nichts, ewiger Freund, aus Deiner Seele wegreden, keine Jugendpläne, Jugendträume – ich weiß, sie sind schön, glänzend – aber durchs Feuer müssen sie geläutert werden. […] Lass Dir alles zerstören, edelster Mann, Deine große, männliche, menschliche Seele wird niemals geändert und zerstört werden können, und da wohnt allein der Schatz des Lebens, und da werd’ ich ihn finden – da wohnt er allein und ewig. – – –

Darmstadt, den 7. Dezember 1772.

– – – Das ist aber gewiss, dass Sophie [Cornelia] Goethe einen ganz anderen Mann verdient als Herr Schlosser ist. Inzwischen, was tut der blinde Armor nicht! Er hat uns auch zusammengeführt, und Du musst nun zufrieden sein. Apropos. Dingen Sie nur eine Magd, die kochen kann; Deine liebe Haushälterin bin ich ja und will und kann und muss es sein.

Darmstadt, gegen Ende Januar 1773

– – – Glaubst Du, dass ich von unserem Aufschub so dumm und herzlos hingeschrieben hätte? O es tat mir in allen Gliedern weh, als ich’s hinschrieb! Und es hat mich Tränen genug gekostet – aber für Dich könnt’ ich mich selbst, mich ganz aufopfern, die paar Tränen und Schmerzen verachte ich.

Aber Du willst kommen, mich holen, und nur der Tod trenne uns! – Ich kann nichts darüber sagen, ich zittere und bebe zu sehr vor Freude. Fühlt’s Dein mit mir gleiches Herz nicht auch? Ja, ja, Du meine Bruderseele – mich dünkt immer, Du holst’s aus meinem Herzen, was Du sprichst. O wie schlägt mir’s da im Innern! Die Welt soll es an uns noch sehen, dass es glückliche Ehen geben kann. Ich bin mit Bückeburg zufrieden, solang ich lebe und gelebt habe. Wenn ich einen andern Ort wünsche, so ist’s bloß um Deinetwillen; denn für mich ist jeder Ort in der Welt recht, wo Du nur bist, und möge er auch so elend sein, als er wolle. Du weißt’s ja schon lange, dass ich in einer Höhle mit Dir leben könnte!

Darmstadt, anfangs April 1773

Ich sitze mitten in meinen kleinen Brautgeschäften und arbeite so ganz con amore. Ich war noch nie in einer so süßen, heiteren Ruhe, und mich dünkt, Du bist schon ganz bei mir. Ach, warum hast Du mir nicht geschrieben! Ich habe drei Tage darauf gewartet, und es kommt kein Brief.

Wir sprechen von nichts anderem mehr als von Dir und dass Du bald kommen wirst. – Ach Gott, wann wird das sein? Welcher Tag? Kannst Du ihn schon bestimmen? Ich wünschte, dass Du zu Anfang der Woche nach Ostern hier wärest, oder wenn das nicht, ganz zu Ende des Aprils.

Brückeburg, April 1773

– – – Wir haben eine bang abgetrennte, unselige Brautschaft gehabt. Gott wird uns zu einem seligeren Leben nach ihr helfen!

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Hacim:
291 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783843800068
Yayıncı:
Editör:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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