Kitabı oku: «Literatur und Mehrsprachigkeit»

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Literatur und Mehrsprachigkeit

Ein Handbuch

Till Dembeck / Rolf Parr

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0045-8

Inhalt

  Mehrsprachige Literatur. Zur Einleitung (Till Dembeck und Rolf Parr)

 I. Kulturelle und soziale Rahmenbedingungen literarischer MehrsprachigkeitSprache und Kultur (Till Dembeck)a) Begriffsbestimmungb) Die historische Semantik von Kultur in ihrem Verhältnis zur Sprachec) Systematische ÜberlegungenSprachliche und kulturelle Identität (Till Dembeck)a) Begriffsbestimmungb) Historische Semantiken sprachlicher und kultureller Identitätc) Systematische ÜberlegungenEinsprachigkeit, Mehrsprachigkeit, Sprachigkeit (David Gramling)a) Begriffsbestimmungb) Historische Bestandsaufnahmec) Systematische Überlegungend) Literarische und andere MehrsprachigkeitenSprache als Medium von (Des-)Integration (Jörg Roche)a) Grundbegriffe: Leitsprachigkeit, Quersprachigkeit und Mehrsprachigkeitb) Wertschätzung und Wertschöpfung: Sprache als kulturelles Kapitalc) Sprache und Milieud) Monolinguale Grundorientierung und Leitkulture) Zur integrativen Wirkung der LiteraturEthik der Mehrsprachigkeit (Arvi Sepp)a) Ethik und Mehrsprachigkeitb) Alterität und Sprachreflexivitätc) Übersetzung und Ethik

 II. Sprachliche Rahmenbedingungen literarischer MehrsprachigkeitEbenen der Sprachstandardisierung (Heinz Sieburg)a) Standardsprache, Nationalsprache, Literaturspracheb) Dialekt, Soziolektc) Mündlichkeit/Schriftlichkeit›Heilige Sprachen‹, Weltsprachen, Lingua Franca (Heinz Sieburg)LiteraturSprachkontakt: Pidgins und Kreolsprachen (Heinz Sieburg)LiteraturKünstliche Sprachen (Plansprachen/Welthilfssprachen) (Heinz Sieburg)LiteraturSpezialsprachen: Fachsprachen, Wissenschaftssprachen etc. (Heinz Sieburg)LiteraturSchriftsysteme, Sprachen, Mehrsprachigkeit (Monika Schmitz-Emans)LiteraturDurchsetzung von Sprachstandards (Helmut Glück)a) Begriffsbestimmungb) Kodifikation von Standardsc) Agenturen von SprachstandardsPragmatik der Mehrsprachigkeit (Jörg Roche und Gesine Lenore Schiewer)a) Pragmalinguistische Grundlagen: Von der Ein- zur Mehrsprachigkeitsforschungb) Linguistik der Mehrsprachigkeitc) Pragmatik der Mehrsprachigkeit in der Literaturd) Vermittlungsaspektee) Desiderate

 III. Basisverfahren literarischer MehrsprachigkeitSprachwechsel/Sprachmischung (Till Dembeck)a) Beschreibung des Verfahrensb) Sachgeschichtec) Forschungsgeschichted) Anwendungs-/Analysebeispielee) Offene ForschungsfragenMehrsprachigkeit in der Figurenrede (Till Dembeck)a) Beschreibung des Verfahrensb) Sachgeschichtec) Forschungsgeschichted) Anwendungs-/Analysebeispielee) Offene ForschungsfragenZitat und Anderssprachigkeit (Till Dembeck)a) Beschreibung des Verfahrensb) Sachgeschichtec) Forschungsgeschichted) Anwendungs-/Analysebeispielee) Offene ForschungsfragenMehrschriftlichkeit (Monika Schmitz-Emans)a) Beschreibung des Verfahrensb) Typologie und Analysebeispielec) Offene Forschungsfragen

 IV. Formen der ÜbersetzungSemantische Übersetzung (Henri Bloemen und Arvi Sepp)a) Beschreibung des Verfahrensb) Forschungsgeschichtec) Anwendungs-/Analysebeispield) Offene ForschungsfragenHomophone Übersetzung (Till Dembeck)a) Beschreibung des Verfahrensb) Sachgeschichtec) Forschungsgeschichted) Anwendungs-/Analysebeispielee) Offene Forschungsfragen

 V. Gattungs- und medienspezifische Verfahren literarischer MehrsprachigkeitVersform (Till Dembeck)a) Beschreibung des Verfahrensb) Sachgeschichtec) Forschungsgeschichted) Anwendungs-/Analysebeispielee) Offene ForschungsfragenDramatik/Theater (Claude D. Conter)a) Beschreibung des Verfahrensb) Sachgeschichtec) Forschungsgeschichted) Anwendungs-/Analysebeispiele) Offene ForschungsfragenErzählen (Rüdiger Zymner)a) Begriffeb) Sachgeschichtec) Forschungsgeschichted) Offene ForschungsfragenLiedtexte (Anne Uhrmacher)a) Beschreibung des Verfahrens und Begriffsgeschichteb) Sachgeschichtec) Forschungsgeschichted) Anwendungs-/Analysebeispielee) Offene ForschungsfragenHörspiel/Hörbuch (Natalie Binczek)a) Beschreibung des Verfahrensb) Sachgeschichtec) Forschungsgeschichted) Anwendungs-/Analysebeispiele) Offene ForschungsfragenFilm (Claude Kremer)a) Gegenstandb) Grundproblematikc) Verfahrend) SchlussbemerkungenFernsehen (Rolf Parr)a) Gegenstandb) Grundproblematikc) Verfahren der Präsentation von Mehrsprachigkeit im Fernsehend) Rote Fäden

 VI. Anhang1. Institutionen mehrsprachiger Literatur und ihrer Erforschunga) Literaturpreis für mehrsprachige Literaturb) Forschung und Lehre (Verbände, Vereinigungen, Institute)c) Wissenschaftliche Zeitschriften und Buchreihen2. Auswahlbibliographie

  Nachspann Autorenverzeichnis Personenindex

Mehrsprachige Literatur. Zur Einleitung

Till Dembeck und Rolf Parr

a) Zum Stand der literaturwissenschaftlichen Mehrsprachigkeitsforschung

In der internationalen literatur- und kulturwissenschaftlichen Forschung ist das Interesse an Mehrsprachigkeit in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Ein Stück weit schließen die Philologien damit an eine Entwicklung an, die in der Linguistik, vor allem in der Soziolinguistik, und in den Erziehungswissenschaften schon länger Fahrt aufgenommen hat und die vor allem aus dem Gebiet, in dem sich beide Disziplinen überschneiden, nämlich in der sog. Fremdsprachendidaktik (die aber teils nicht mehr so heißen will), nicht mehr wegzudenken ist. Mit Blick darauf ist unlängst bereits der unvermeidliche ›Turn‹ konstatiert worden.1Sugiharto, Setiono Von einem Mehrsprachigkeits-Turn zu sprechen wäre mit Blick auf die Philologien jedoch stark übertrieben: ›Literarische Mehrsprachigkeit‹ ist weit entfernt davon, als eigenes Forschungsgebiet neben den Nationalphilologien anerkannt zu werden.

Mit der wie auch immer zögerlichen Hinwendung zu Fragen der Mehrsprachigkeit reagieren die Literaturwissenschaften unter anderem auf eine Neuausrichtung, die auch andere Forschungsfelder der Disziplin betrifft: auf die Anreicherung philologischer Forschung um vormals der Linguistik vorbehaltene Beschreibungsmodelle und auf die Überschreitung nationalphilologischer Eingrenzungen. Die Literaturwissenschaften jenseits der Nationalphilologien haben das Paradigma der ›Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft‹ längst hinter sich gelassen und operieren mit Begriffen wie Inter- und Transkulturalität, Hybridität und anderen mehr. Demgegenüber ist der Einfluss der Linguistik auf die Literaturwissenschaften ungleich weniger gut sichtbar. Er artikuliert sich beispielsweise in einem vorsichtig erwachenden neuen Bewusstsein für die sprachliche Formanalyse (von Lyrik wie von Erzähltexten).

Alles in allem lassen sich mindestens drei gute Gründe dafür anführen, die erwachende Konjunktur literaturwissenschaftlicher Mehrsprachigkeitsforschung zu begrüßen: Erstens verspricht die Beschäftigung mit und die Analyse von Mehrsprachigkeit und insbesondere mehrsprachiger Literatur allen, die sich für Fragen der Inter- und Transkulturalität sowie der Migration interessieren, einen wichtigen Zugang zu Phänomenen sprachlicher, kultu­reller und auch sozialer Differenz. Zweitens kommen mehrsprachige literarische Texte dem neu erstarkten Interesse an der sprachlichen Struktur der literarischen Textualität entgegen. Damit stellen sie auch eine Herausforderung an die philologischen Arbeitsinstrumente dar, die sich zunehmend linguistischer Konzepte und Terminologien bedienen bzw. diese sogar adaptieren müssen, um ihren Gegenständen gerecht zu werden. Drittens schließlich bietet Mehrsprachigkeit die Möglichkeit, die Einschränkungen der nationalphilologischen Betrachtungsweise zu überwinden. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um ›Weltliteratur‹ und die sich wandelnde Rolle der ›Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft‹ reizvoll.

Das Handbuch will allen drei Perspektiven auf den Gegenstand ›Mehrsprachige Literatur‹ gerecht werden und deren fachpolitische Konsequenzen ausloten. Neuere Diskussionen haben nämlich gezeigt, dass sich das Forschungsfeld ›Mehrsprachige Literatur‹ keineswegs über die Sammlung ihrer Gegenstände konstituieren lässt, denn dann findet sich kaum noch eine Möglichkeit zur Eingrenzung. Das liegt nicht nur daran, dass – welthistorisch betrachtet – keinesfalls Einsprachigkeit, sondern Mehrsprachigkeit den Normalfall menschlicher Kommunikation darstellt; hinzu kommt nämlich, dass es letztlich definitorisch kaum möglich ist, zu sagen, was ein einsprachiger Text eigentlich ist. Denn Spannungen und Interferenzen zwischen unterschiedlichen Sprachstandards (im Sinne von Polyphonie oder Heteroglossie) finden sich immer und überall, und es spricht vieles dafür, auch hier von Mehrsprachigkeit zu reden.

Von daher liegt es nahe, zu sagen, dass sich die Forschung zur literarischen Mehrsprachigkeit in erster Linie durch ihr spezifisches Interesse, durch ihre Fragerichtung und durch ihre Methodik auszeichnet, was nichts anderes bedeutet, als dass sie im Grunde eine neue disziplinäre Ausrichtung der Literaturwissenschaft mit sich bringt. Will man das damit entstehende Arbeitsfeld umreißen, muss man sich also in erster Linie der Methodik widmen, die seine Erschließung allererst möglich macht. Damit kommen die drei eingangs aufgezeigten Perspektiven ins Spiel, denn die Methodik einer literaturwissenschaftlichen Philologie der Mehrsprachigkeit hat einerseits das strukturelle Gefüge von Sprachdifferenzen im Text zu beschreiben, andererseits aber auch deren kulturpolitischen Einsatz.

b) Konzeption des Handbuchs

Aus diesen Vorüberlegungen leitet sich die Konzeption des Handbuchs ab: Geboten wird kein Überblick über den Gegenstand ›Mehrsprachige Literatur‹, sondern ein Überblick über die Voraussetzungen ihrer Analyse und über das Inventar an Verfahren, die für die Analyse zur Verfügung stehen. Das bedeutet unter anderem, dass ein Stück weit offengelassen wird, was Mehrsprachigkeit eigentlich ›ist‹. Relevanter erscheint demgegenüber die Frage, was auf welcher Grundlage als Mehrsprachigkeit oder sprachliche Vielfalt wahrgenommen wird. Aus linguistischer Perspektive ist es relativ unproblematisch, unterschiedliche Ebenen zu beschreiben, auf denen sich einzelne Idiome unterscheiden lassen – man kann dann etwa Dialekte, Soziolekte oder standardisierte Nationalsprachen voneinander abgrenzen. Von literarischer Mehrsprachigkeit kann man aber nicht nur dann sprechen, wenn sich in einem Text Segmente aus diversen derart voneinander unterschiedenen Idiomen finden, wenn also beispielsweise Deutsch und Französisch in dem Roman eines deutschen Nobelpreisträgers vorkommen oder wenn ein amerikanischer Romancier des 19. Jahrhunderts die unterschiedlichen Soziolekte der amerikanischen Bevölkerung abzubilden versucht.

Beobachten lassen sich darüber hinaus beispielsweise Formen von ›latenter‹ Mehrsprachigkeit – so etwa dann, wenn gesagt wird, eine Person spreche jetzt Spanisch, die Worte, in denen man diese Rede vor sich sieht, aber klar dem Englischen zugehören. Aber auch die Verwendung ›fremdsprachlicher‹ metrischer Muster, die ›wörtliche Übersetzung‹ anderssprachiger idiomatischer Wendungen, die Verwendung übersetzter anderssprachiger Zitate – um nur einige Beispiele zu nennen – sind unter dem Schlagwort literarischer Mehrsprachigkeit zu diskutieren. Schließlich ist festzuhalten, dass Mehrsprachigkeit in der Literaturwissenschaft nicht nur durch Übernahme linguistischer Begrifflichkeiten und Verfahren behandelt werden kann und darf, sondern dass sich die Verbindung dieser Begrifflichkeiten und Verfahren mit genuin philologischen anrät. Denn auch im Grunde nur als rhetorisch zu beschreibende Textverfahren – beispielsweise die freiwillige Beschränkung der französischen Schriftsprache auf alle Buchstaben außer dem ›e‹ – erzeugen Effekte, die denen der Verwendung einer anderen Sprache nahekommen. Im Einzelfall – und für den sollte sich Philologie ja interessieren – muss man neben der Vielfalt linguistischer ›Codes‹ im literarischen Text auch zu beschreiben versuchen, welchen rhetorischen, stilistischen, diskursiven oder sonstigen Strategien ihre Anwendung, Mischung und Dekonstruktion gehorcht.

Eine solche Herangehensweise verspricht nicht zuletzt Aufschluss über die Frage, wie literarische Mehrsprachigkeit kulturell zu werten und zu beschreiben ist. Die in der ›Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft‹ geführte Debatte über ›Weltliteratur‹ steht dazu durchaus in Bezug. Einer der wichtigsten Punkte in dieser Debatte besteht in der Einschätzung des Stellenwerts von Übersetzung. Einerseits wird Weltliteratur als Netzwerk von Texten und Übersetzungen beschrieben, die weltweit migrieren. Weltliteratur erscheint dann als sprachgrenzüberschreitende Textbewegung. Andererseits beharrt man auf der Unübersetzbarkeit von Literatur, so dass die Weltliteratur gerade ihre intrinsische Inkommensurabilität ausmacht. Geht man methodisch von Mehrsprachigkeit aus, versucht man also, wie es hier vorgeschlagen wird, immer abzuschätzen, wie beliebige Texte mit sprachlicher Vielfalt umgehen oder zu ihr Stellung beziehen, so lassen sich Sprachgrenzüberschreitungen – glückende und scheiternde – auch in den einzelnen Texten feststellen. Weltliteratur lässt sich dann als Netzwerk nicht nur von Texten fassen, sondern auch von wie auch immer näher aussehenden mehrsprachigen Textverfahren. Insofern Sprachdifferenzen immer auch eine kulturelle Wertigkeit haben, gewinnt man durch dieses Vorgehen auch die Möglichkeit, eine Art kulturpolitische ›Agency‹ der literarischen Texte selbst zu analysieren: die Art und Weise, wie sie schon in ihrer sprachlichen Form, in ihrem Umgang mit Sprachdifferenz, kulturell und sozial wirken wollen.

c) Aufbau des Handbuchs

Der Aufbau des Handbuchs entspricht diesen methodischen Grundüberlegungen: Die ersten zwei Kapitel bieten einen Überblick über die im Weiteren vorausgesetzten grundlegenden Begrifflichkeiten und Hintergründe; die dem folgenden drei Kapitel widmen sich konkret den unterschiedlichen Verfahren des literarischen Umgangs mit Sprachvielfalt bzw. den Möglichkeiten ihrer Analyse. Gegenstand der ersten beiden Kapitel sind die sozialen bzw. kulturellen und die sprachlichen Rahmenbedingungen literarischer Mehrsprachigkeit: Es geht um unterschiedliche Varianten von Sprachdifferenz und Einsprachigkeit (wobei hier nicht nur Nationalsprachen in den Blick kommen, sondern alle Formen und Ebenen von Sprachstandards), um den Zusammenhang von Kultur und Sprache, um die Pragmatik der Mehrsprachigkeit und um die ethischen Fragen, die Sprachvielfalt aufwirft. Dabei werden zum einen die derzeit noch erheblichen konzeptionellen und terminologischen Differenzen zwischen linguistischen und philologischen Beschreibungen von Mehrsprachigkeit dargestellt; zum anderen wird versucht, auf dieser Grundlage eigenständige philologische Beschreibungsmodelle von Sprachdifferenz zu entwickeln.

Mit dem ersten Teil des Handbuchs wird ein Instrumentarium bereitgestellt, auf das die Kapitel III bis V dann Bezug nehmen. Dieser zweite Teil des Handbuchs widmet sich den Verfahren literarischer Mehrsprachigkeit, wie sie Gegenstand der Analyse und Grundlage von Interpretationen sein können. In diesem Teil wird die eigentliche Syntheseleistung des Handbuchs erbracht, wird hier doch eine Metaperspektive auf das eröffnet, was die Forschung zur literarischen Mehrsprachigkeit schon seit einiger Zeit praktiziert, ohne dies bisher jedoch immer systematisch reflektiert zu haben. Behandelt werden zunächst die Basisverfahren der literarischen Mehrsprachigkeit (Kapitel III). Darunter verstehen wir alle diejenigen Verfahren, die dafür sorgen, dass Sprachdifferenzen aller Art in (literarischen) Texten in Erscheinung treten können. Dabei gehen wir davon aus, dass sich diese Verfahren medien- und gattungsunabhängig und natürlich auch außerhalb der Literatur finden lassen. Zu diesen Verfahren zählen erstens Sprachwechsel und Sprachmischung (III.1) – wobei der Unterschied zwischen Wechsel (Segmente in unterschiedlichen Sprachen wechseln sich ab) und Mischung (Strukturvorgaben unterschiedlicher Sprachen werden miteinander verschränkt oder eben vermischt) letztlich fließend ist. Zweitens wird Mehrsprachigkeit in der Figurenrede behandelt, also die Zuordnung von Sprechern zu einzelnen Sprachen (III.2). Dem ähneln Verfahren der anderssprachigen Zitation (III.3), denn auch hier werden unterschiedliche Sprachen auf unterschiedliche Quellen zurückgeführt. Ein bemerkenswertes Basisverfahren literarischer Mehrsprachigkeit stellt schließlich die Mehrschriftlichkeit dar, also die Verwendung unterschiedlicher Arten von Schrift in ein und demselben Text. Ein eigenes Kapitel widmet sich der Übersetzung (IV) – einem Verfahren, das zwar auch eine grundlegende Art und Weise des literarischen Umgangs mit Mehrsprachigkeit darstellt, das aber zumindest in seiner ›Normalvariante‹, der semantischen Übersetzung (IV.1), darauf aus ist, Sprachdifferenzen eher unsichtbar zu machen. Die homophone Übersetzung ist demgegenüber ein Verfahren, das Formen der Sprachmischung nahesteht, denn sie setzt sich zum Ziel, (auch) die klangliche Gestalt des Originals in der Übertragung beizubehalten (IV.2).

Das Kapitel V ist gattungs- bzw. medienspezifischen Verfahren gewidmet. Hierbei wird nicht die vollständige Abdeckung ›aller‹ literarischen Genres und Medien angestrebt. Vielmehr werden nur solche Gattungstraditionen und Medien behandelt, die spezifische Verfahren der literarischen Mehrsprachigkeit entwickelt haben; diese Gattungstraditionen und Medien werden zudem vor allem mit Blick auf diese spezifischen Verfahren betrachtet. Für die Versform (V.1) beispielsweise ist charakteristisch, dass versbauliche Formen über Sprachgrenzen hinweg verwendet werden können; für Dramatik (V.2), dass mit der Möglichkeit der Ergänzung des sprachlich vermittelten Geschehens durch die Mittel der Bühne gerechnet werden kann. Mit Blick auf das Erzählen (V.3) ist insbesondere die Selbstreflexion auf die Sprachigkeit des Erzählakts entscheidend. Hörspiel und Hörbuch bieten als literarische Gattungen (V.4) erstmals die Möglichkeit, fremde, ungewöhnliche oder einfach nur dialektale Sprachklänge analog zu reproduzieren. Im (Ton-)Film schließlich wird diese Möglichkeit kombiniert mit der Möglichkeit, Sprachdifferenz zu zeigen; durch Untertitelung und durch die Verwendung diegetisch eingebetteter Schriften (V.5). Diese Möglichkeiten bestehen im Fernsehen grundsätzlich auch, allerdings tritt hier als Besonderheit hinzu, dass in der Regel mehr noch mit einem ›einsprachigen‹ Publikum und dementsprechend einer ›Grundsprache‹ gerechnet wird, was zur Entwicklung spezifischer Formen der Mehrsprachigkeitssimulation in Fernsehformaten wie der Serie geführt hat (V.6).

Die Artikel der Kapitel III bis V sind jeweils ähnlich aufgebaut: An die Beschreibung des Verfahrens und Begriffsgeschichte (a) schließen sich ein Überblick über die Sachgeschichte (b) und die Forschungsgeschichte (c) an. In den Analysebeispielen (d) sollen die jeweils betrachteten Verfahren literarischer Mehrsprachigkeit konkret vor Augen geführt werden; nicht zuletzt kann so auch die Leistungsfähigkeit einer ›Philologie der Mehrsprachigkeit‹ unter Beweis gestellt werden. Am Ende der Kapitel steht jeweils die Erörterung offener Forschungsfragen (e). Im Anschluss an die Artikel findet sich jeweils eine Bibliographie; Texte, die nicht zum einschlägigen Forschungsbestand zum Thema des Artikels zählen, aber dennoch nachgewiesen werden müssen, finden sich ebenso wie Referenzen auf literarische Beispieltexte in den Fußnoten. Die Gesamtbibliographie am Ende des Bandes umfasst einen Überblick über die derzeit wichtigsten Arbeiten des noch jungen Forschungsfeldes ›Mehrsprachige Literatur‹.

Das abschließende Kapitel VI bietet eine Zusammenstellung über aktuelle Institutionalisierungen literarischer Mehrsprachigkeit – in Gestalt von Forschungsschwerpunkten, Studienprogrammen, Literaturpreisen, Verlagsprogrammen etc. Dieses Kapitel sucht potentielle Anschlussstellen der im Handbuch betriebenen methodischen Theoriebildung an die wissenschaftliche Erschließung literarischer Mehrsprachigkeit in der Gegenwart und der mit ihnen verbundenen Kulturpolitiken zu markieren.

d) Eine erste Grundlegung

Seine methodische Ausrichtung und der Stand der Forschung bringen es mit sich, dass das Handbuch insgesamt eine für dieses Genre ungewöhnliche Forschungsleistung für sich beanspruchen kann: In vielen Bereichen, vor allem in denjenigen, die in den Kapiteln III bis V abgedeckt werden, existiert zwar eine Vielzahl an relevanten Arbeiten, die aber in eher zerstreuter Form vorliegen und weit davon entfernt sind, einen wirklich systematischen Überblick zu bieten. Das hat zur Folge, dass insbesondere die Abschnitte zur Sachgeschichte teils noch eher skizzenhaft gestaltet sind. Wir hoffen allerdings, dass die erste methodische Grundlegung, die mit diesem Handbuch erreicht wird, nicht nur für diesen Mangel entschädigt, sondern auch dazu beiträgt, dass diese Forschungslücken in Zukunft geschlossen werden.

Mit Blick insbesondere auf die Sachgeschichte ist zudem einzuräumen, dass die in erster Linie germanistische Kompetenz der Herausgeber dazu führt, dass über die weitgehende Beschränkung auf europäische und amerikanische Literatur hinaus ein gewisses germanistisches Übergewicht besteht. Dennoch handelt es sich nicht um ein Buch, das nur für Germanisten gedacht ist, auch wenn es vor allem von Germanisten erarbeitet wurde. Das Zielpublikum bilden vielmehr die Studierenden und Lehrenden aller Philologien sowie auch Sprachwissenschaftler, die sich dafür interessieren, wie einer ›ihrer‹ Gegenstände von anderen Disziplinen aus in den Blick genommen wird.

*

Unser Dank gilt in allererster Linie den Autorinnen und Autoren der Beiträge dieses Handbuchs, insbesondere dafür, dass sie es auf sich genommen haben, sich durch das ›Dickicht‹ eines Forschungsfeldes zu arbeiten, in dem es an einschlägigem Orientierungswissen zurzeit zum Teil noch fehlt. Die Idee für dieses Handbuch geht auf Veranstaltungen zurück, die im Zuge des vom Fond National de Recherche Luxembourg (FNR) finanzierten Projekts MULTILING sowie des Pendant-Projektes an der Universität Duisburg-Essen durchgeführt wurden. Unser Dank gilt dem FNR sowie allen an diesem Projekt Beteiligten: Georg MeinMein, Georg und Isabell BaumannBaumann, Isabell (Universität Luxemburg), Claude D. ConterConter, Claude D. (Centre national de littérature, Luxemburg), Thomas ErnstErnst, Thomas (Amsterdam), Liesbeth MinnaardMinnaard, Liesbeth (Leiden) und Anke GilleirGilleir, Anke (Leuven). Die Teilnehmer an den durch das Projekt veranstalteten Tagungen und Workshops haben entschieden dazu beigetragen, dass wir einen hinreichenden Überblick über die Materie gewinnen konnten. Ihnen allen sei ebenso herzlich gedankt wie Tillmann Bub, der das Projekt als Lektor sachkundig und vor allem geduldig betreut hat. Ohne die Übernahme des Druckkostenzuschusses durch das Institut für deutsche Sprache und Literatur und für Interkulturalität der Universität Luxemburg hätte das Handbuch nicht erscheinen können. Wir sind dem Institut ebenso zu Dank verpflichtet wie all denen, die der Bitte um Unterstützung nachgekommen sind, mit der wir uns an die Fachöffentlichkeit gewandt haben, um einen Überblick über gegenwärtige Formen der Institutionalisierung der Beschäftigung mit literarischer Mehrsprachigkeit zu gewinnen.

Luxemburg / Essen, im Juni 2017

I. Kulturelle und soziale Rahmenbedingungen literarischer Mehrsprachigkeit
1. Sprache und Kultur

Till Dembeck

a) Begriffsbestimmung

Literarische Mehrsprachigkeit wird in der jüngeren Forschung schwerpunktmäßig mit Blick auf Fragen der Kulturdifferenz diskutiert. Dabei wird davon ausgegangen, dass Sprachdifferenzen für Kulturdifferenzen stehen können oder sie überhaupt erst erzeugen. Im Folgenden werden die begrifflichen und historischen Voraussetzungen dieser Engführung erläutert. Dabei stehen weniger die beispielsweise in der Soziologie geführten Grundlagendiskussionen im Vordergrund, etwa zum Zusammenhang von Gesellschaftsstruktur und Kultur. Vielmehr wird Kultur aus einer dezidiert philologischen Perspektive in den Blick genommen.

Obgleich (oder weil) der Kulturbegriff grundlegend für die Geisteswissenschaften ist, gehört er zu ihren umstrittensten Konzepten. Grob lassen sich dabei zwei Tendenzen der Begriffsbestimmung erkennen: Kultur gilt einerseits als gesellschaftliches Gedächtnis und mithin als Grundlage für gesellschaftliche Bedeutungskonstitution (›Kultur als Text‹). Andererseits wird die normative Funktion von Kultur geltend gemacht. Dann gilt Kultur als Inbegriff gesellschaftlicher Regeln. Beiden Vorstellungen von Kultur ist gemeinsam, dass sie deren Grundlagen als kontingent ansehen, ihr aber dennoch Determinationskraft zuschreiben. Vorgeschlagen wird hier, Kultur als Bezeichnung für das (grundsätzlich offene) Bündel von Mechanismen zu verstehen, die einer Gesellschaft Signifikanz bereitstellen, d.h., bedeutungsunterscheidende Differenzen (nicht bereits Bedeutungen). Aus dieser Bestimmung lassen sich sowohl der semantische als auch der regulative Stellenwert von Kultur ableiten (dazu Abschnitt c).

Insofern Sprachsysteme auf Phonemen und Graphemen (und ihren Korrespondenzen) als ihren kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten aufbauen, ist der Zusammenhang zum Kulturbegriff evident: Sprache ist, weil sie systematisch Signifikanz erzeugt, Teil von Kultur. Sprachdifferenzen lassen sich daher auch als Differenzen in der Art und Weise der Signifikanzerzeugung beschreiben und damit wiederum auch als Kulturdifferenzen. Diese Beschreibung setzt voraus, dass es neben Sprache weitere Mechanismen und Strukturebenen von Kultur gibt, z.B. ikonische oder akustische Zeichensysteme, das individuelle Gedächtnis inklusive der psychischen bzw. neuronalen Mechanismen, auf denen es beruht, oder auch digitale Algorithmen, die unabhängig von psychischen und/oder sozialen Operationen Signifikanzen erzeugen.

b) Die historische Semantik von Kultur in ihrem Verhältnis zur Sprache

Vieles spricht dafür, dass die abendländischen Semantiken von Kultur und Sprache mehr oder weniger gleichursprünglich sind. So gilt der griechischen Antike die Beherrschung ihrer Sprache als Ausweis von ›Kultur‹, so dass alle diejenigen, die nicht über das Griechische verfügen, als sprachunfähige Barbaren gelten. Die griechische Kultur ist einerseits strikt einsprachig (TrabantTrabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken, 25f.), dabei zugleich offen für binnensprachliche Varianz, verfügt aber andererseits nicht über die Vorstellung von Spracheinheiten, also von in irgendeiner Form abgeschlossenen und voneinander abgrenzbaren Idiomen (StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 303–305). Die Differenz Kultur/Barbarei bleibt zunächst die einzig denkbare Unterscheidung, auch wenn sie in ganz unterschiedlicher Art relativiert wird, etwa in HerodotHerodots Ausführungen über die Ägypter, für die u.a. die Griechen βάρβαροι (Barbaren) sind (StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 303f.); in der Stoa, die asymmetrische Gegenbegriffe für die Einteilung der Menschheit zu überwinden versucht, und schließlich insofern, als die Differenz zwischen Griechen und Barbaren zum Teil auch zeitlich gedacht wird, so dass die Griechen sich mit der Kulturalität ihrer Sprache zugleich auch Fortschrittlichkeit attestieren (KoselleckKoselleck, Reinhart, »Zur historisch-politischen Semantik«, 222–229; zur Spannweite der griechischen Auffassungen über Sprach- und Völkervielfalt siehe BorstBorst, Arno, Der Turmbau von Babel, 89–108).

Auch wenn sich bereits in AristotelesAristoteles’ Poetik Überlegungen zu den ›Wortarten‹ finden, bezeugt die sich verdichtende Überlieferung grammatischer Traktate im Hellenismus und um die Zeitenwende ein erstarkendes Bewusstsein für die Regelhaftigkeit von Sprachsystemen und damit auch für die Differenzen zwischen unterschiedlichen Idiomen. Hintergrund dieser Entwicklung ist nicht zuletzt die Etablierung des Lateinischen als einer zweiten überregionalen und zunehmend kodifizierten Sprache, die insbesondere ihr Verhältnis zum Griechischen zu regeln hat (LeonhardtLeonhardt, Jürgen, Latein, 53–89). Es etablieren sich so einerseits vergleichsweise strikte Begriffe von Sprachrichtigkeit (latinitas) und damit auch striktere Vorstellungen von ›sprachlicher Einheit‹; andererseits wird Sprachrichtigkeit – insbesondere bei QuintilianQuintilian, Marcus Fabius – als grundsätzlich offen für rhetorisch motivierte Grenzüberschreitung beschrieben (StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 45–55). Pointiert lässt sich formulieren, dass damit die Sprache im Licht der Rhetorik als eine Art Mechanismus kultureller Variation erscheint. Allerdings empfehlen die Rhetoriker, Abweichungen von der Sprachrichtigkeit behutsam und wenn möglich unter Berufung auf Autoritäten einzusetzen.

Auch die wichtigsten Belegerzählungen der jüdischen und dann der christlichen Tradition für Fragen der Sprachdifferenz, die Babel- und die Pfingstwundererzählung, weisen Sprache als Anzeichen oder Instrument von Kultur aus. So hat der Bau des Turms zu Babel das Ziel, den Zusammenhalt der Menschheit zu sichern (Gen 11) – widerspricht damit aber dem göttlichen Willen, der mit der Besiedlung der Erde durch die Menschen offenbar auch die Zerstreuung ihrer Sprachen vorgesehen hat (Gen 1.26–28).1Borst, ArnoBorst, Arno Umgekehrt ist die Verheißung des Pfingstwunders auch eine der Aufhebung aller Sprachdifferenzen im und durch den christlichen Glauben.

Die im weitesten Sinne kulturelle Unterscheidung zwischen Christen und Heiden, die in vielerlei Hinsicht die ältere Differenz zwischen Hellenen und Barbaren beerbt (KoselleckKoselleck, Reinhart, »Zur historisch-politischen Semantik«, 229–244), hat so einerseits einen sprachtranszendierenden Impetus. Ein Beispiel dafür ist die Abwendung des Kirchenvaters AugustinusAugustinus von Hippo von der Kunst der Rhetorik. Augustinus spielt in PaulinischerPaulus von Tarsus Tradition das Wort Gottes gegen das menschliche, auf die Pluralität von Wörtern angewiesene Sprechen aus (StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 83–91) und bereitet so die Verknüpfung christlicher Theologie mit einem sich auf AristotelesAristoteles rückbeziehenden Denken vor, das Gedanken bzw. Logik unabhängig von Sprache und damit auch von partikularen Kulturdifferenzen konzipiert (TrabantTrabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken, 25–34, 45–52). Andererseits entwickelt das Christentum – auch hier ist AugustinusAugustinus von Hippo eine prägende Kraft – in Fortschreibung antiker Rhetorik und Grammatik eine sehr konkrete und folgenreiche Sprachpolitik, denn es macht hochgradig kodifizierte ›heilige‹ Sprachen, vor allem das Lateinische und nur in Nebenrollen das Griechische und das Hebräische, zum zentralen Organon der kirchlichen Verwaltung des Seelenheils aller Menschen. Die u.a. von AugustinusAugustinus von Hippo ausgehende Aneignung und Umschrift der antiken Überlieferung durch das Christentum führt schließlich – vermittelt u.a. über die sog. karolingischeKarl der Große Bildungsreform, durch die das Lateinische überdies zur zentralen Verwaltungssprache avanciert – zur Sammlung des christlich fundierten Weltwissens in Systemen der hochmittelalterlichen Scholastik. Das scholastische Latein, in dem dieses System formuliert wird, avanciert zum zentralen Medium christlich-abendländischer Sprach- und Kulturpolitik (zu den Veränderungen, die es dabei durchläuft, siehe LeonhardtLeonhardt, Jürgen, Latein, 172–186).

Einen weiteren entscheidenden Schritt hin zu einem modernen Kulturbegriff leistet – ausgehend von der Zeit der karolingischenKarl der Große Reformen (LeonhardtLeonhardt, Jürgen, Latein, 140–148) – seit dem Hochmittelalter einerseits das zunehmende Erstarken der Volkssprachen, andererseits die humanistische Bewegung zur Wiederherstellung der antiken Quellen und des antiken Lateins. So erfolgt der Rückgriff auf möglichst originale Sprachzeugnisse des Griechischen wie des Lateinischen zumindest implizit – wie man am Ausufern der kommentierenden Vermittlung der Texte ablesen kann – vor dem Hintergrund eines neuen Bewusstseins für ihre Fremdheit (vgl. GraftonGrafton, Anthony, »The Humanist as Reader«). Der Humanismus ist so auch eine Bewegung zur Wiederaneignung einer fremdgewordenen (und zugleich in der Wiederaneignung in dieser Fremdheit affirmierten) Vergangenheit des kulturell Eigenen (vgl. TrabantTrabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken, 76–83). Das Erstarken der Volkssprachen wiederum kann einerseits als Emanzipationsbewegung verstanden werden. Dies signalisiert insbesondere die Semantik der Muttersprache, deren Beginn in Dante AlighieriDante Alighieris Schrift De vulgari eloquentia (1303–1305) zu sehen ist: DanteDante Alighieris Bemühungen gelten einer Sprache jenseits der grammatica, also jenseits des Lateinischen. Dabei wird der besondere Wert dieser Sprache damit in Verbindung gebracht, dass sie der Mensch ›natürlich‹ entwickelt, wohingegen Latein ›künstlich‹ gelehrt wird (BonfiglioBonfiglio, Thomas Paul, Mother Tongues and Nations, 72f.). Allerdings ist andererseits schon DanteDante Alighieris Schrift, die überdies für etwa zwei Jahrhunderte keine Anschlüsse findet, keineswegs darauf aus, die tatsächlich gesprochenen Volkssprachen zu nobilitieren; noch geht es um die Entwicklung einer Nationalsprache; vielmehr interessiert DanteDante Alighieri die Konstitution einer literarischen Hochsprache (TrabantTrabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken, 70–72). Auf die Volkssprache wird so der Anspruch der grammatica übertragen – wodurch aus ihr allerdings auch eine andere Sprache wird.

Eine wesentliche kultur- und sprachpolitische Konsequenz der neuen Muttersprachen­semantik ist seit der Frühen Neuzeit gleichwohl die Identifizierung der zunehmend kodifizierten modernen Sprachen mit denjenigen Idiomen, die die jeweilige Nation ›von Natur aus‹ spricht. Anders formuliert: In Kontexten wie der italienischen Diskussion über die ›Questione della lingua‹ (TrabantTrabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken, 84–106), in der Entwicklung der ersten neusprachlichen Grammatiken, Wörterbücher und Orthographien wird zwar die grammatische Einheitlichkeit der jeweiligen Volkssprachen behauptet und sprachpolitisch etabliert (StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 327–338), zugleich wird dieses Faktum aber ausge­blendet und zunehmend durch die Behauptung der natürlichen Einheit der nationalen Sprachen überdeckt. Am Ende dieser Entwicklung steht spätestens um 1800 die Auffassung, der Muttersprachler sei als Verkörperung ›seiner‹ Muttersprache aufzufassen, wie sie etwa bei Johann Gottfried HerderHerder, Johann Gottfried oder bei Jacob GrimmGrimm, Jacob zu finden ist (vgl. MartynMartyn, David, »Es gab keine Mehrsprachigkeit«). Die Volkssprachen haben in diesem Moment einerseits die Heiligen Sprachen beerbt, so dass es nur konsequent ist, wenn das Lateinische zum Ende des 18. Jahrhunderts plötzlich als ›tote Sprache‹ bezeichnet wird (LeonhardtLeonhardt, Jürgen, Latein, 6–16). Andererseits erhalten sie einen gänzlich neuen Status, denn in ihnen wird die grammatica als Quasi-Natur zum Garanten kultureller Einheit.

Diese Entwicklung betrifft aber nur einen Aspekt des sich in der Neuzeit formierenden Verhältnisses von Kultur- und Sprachbegriff. Komplementär, wenn auch in leichter Spannung zur Muttersprachensemantik, etabliert sich der moderne Kulturbegriff im 18. Jahrhundert als Korrelat einer neuartigen Praxis des Vergleichens (BaeckerBaecker, Dirk, Wozu Kultur, 44–57). Sie stellt die Selbstverständlichkeiten der sozialen Praxis und vor allem der gesellschaftlichen Erzeugung von Signifikanz grundsätzlich und systematisch in Frage und macht ihre Kontingenz sichtbar. Die Bereitschaft zur Einräumung von Kontingenz ist wahrscheinlich das eigentlich Moderne an diesem Kulturbegriff, der so betrachtet in erster Linie eine Verunsicherung mit sich bringt.

Gleichwohl steht diese Auffassung von Kultur in enger Relation zu derjenigen, dass die Muttersprache kulturelle Einheit garantiere. Beide werden teils von denselben Autoren vertreten, beispielsweise von HerderHerder, Johann Gottfried. Dessen epochemachende Arbeit zum Sprachursprung führt die Sprache des Menschen unmittelbar auf die Fähigkeit zurück, aus der Masse der Sinnesdaten wiederholt Merkmale herauszufiltern und sie damit als wiederholbare Zeichen zu konstituieren.2Herder, Johann GottfriedBollacher, MartinGaier, Ulrich Dabei legt HerderHerder, Johann Gottfried besonderen Wert darauf, diese Operation mit Blick auf die Sinnesdaten als kontingent auszuweisen: Die Dinge selbst legen nicht schon fest, was an ihnen für den Menschen zeichenhaft werden kann. Auf diese Weise erklärt sich für HerderHerder, Johann Gottfried auch, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Arten und Weisen entwickelt haben, Sprachzeichen zu konstituieren, woraus er wiederum die kulturelle Vielfalt der Menschheit und auch die Spannungen und Konflikte zwischen den Völkern ableitet (vgl. Dembeck, »X oder U?«). Diese Vielfalt mit kontingenten Grundlagen kann dann ebenso Ausgangspunkt des modernen kulturellen Vergleichs werden, wie sie auch Anlass geben kann zu jener Wertschätzung kultureller Ursprünglichkeit, für die Herders Name einsteht, d.h., zur Wertschätzung von kultureller und sprachlicher Partikularität, die HerderHerder, Johann Gottfried und nach ihm beispielsweise Wilhelm von HumboldtHumboldt, Wilhelm von gerade als Ausweis humanistischer Universalität gilt (TrabantTrabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken, 226–229, 260–267).

Die Wertschätzung kultureller und sprachlicher Partikularität weicht in der Folgezeit oftmals der emphatischen Affirmation einzelner sprachlicher und kultureller Identitäten. Die Vorstellung der Nation als Einheit von Volk, Staat und Sprache ist bis heute (kultur-)politisch ein extrem wirksames Konzept (vgl. AndersonAnderson, Benedict, Imagined Communities). Die Unsicherheit, die die Wahrnehmung kultureller Differenz ihrem Ursprung nach impliziert, weil sie vermeintliche Selbstverständlichkeiten in Frage stellt, wird so invisibilisiert. Affirmierte Ursprünglichkeit überdeckt die Kontingenz dessen, was konkret hier und jetzt kulturell beobachtet werden kann. Das hat zur Folge, dass zwar einerseits »asymmetrisch[e] Gegenbegriffe« (Koselleck,Koselleck, Reinhart »Zur historisch-politischen Semantik«, Titel) im Bereich der Kultur fragwürdig werden, weil an ihre Stelle die Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Nationen und ihren Sprachen und Kulturen tritt. Andererseits ist der Kulturbegriff nur schlecht gegen die potentielle Substantialisierung kultureller Differenzen und ihre anschließende Wertung gewappnet. Die historische Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts etwa kann die letztlich kulturell begründete, wenn auch sich in quasi-naturwissenschaftlicher Terminologie tarnende Ab- und Aufwertung ganzer Sprachfamilien betreiben; und das Projekt der Kolonialisierung geht einher mit der Etablierung rassistischer Kultur- und Sprachtheorien. Im 20. Jahrhundert schließlich kann die Unterscheidung zwischen ›Menschen‹ und ›Unmenschen‹ die Funktion der alten Unterscheidung zwischen Hellenen und Barbaren übernehmen – und radikalisieren (vgl. Koselleck,Koselleck, Reinhart »Zur historisch-politischen Semantik«, 244–259).

Die emphatische Affirmation kultureller Identität, die all diesen Tendenzen gemeinsam ist, lässt sich nicht nur als Konsequenz eines ›falschen‹ Kulturbegriffs verstehen, sondern auch als Reaktion auf die Zumutungen, die der moderne Kulturbegriff schon in der Semantik des 18. Jahrhunderts mit sich bringt. Das Beharren auf Identität dient so letztlich der Entschärfung sprachlicher wie kultureller Unsicherheiten. Die u.a. in der postkolonialen Theorie zu Recht geäußerte Kritik an westlicher kultureller Identitätspolitik ist insofern auch eine Fortsetzung und Radikalisierung von Impulsen, die dem modernen Kulturbegriff von Beginn an eigen sind.

Es gibt allerdings eine weitere Strategie zur Entschärfung sprachlich und kulturell induzierter Unsicherheiten, die spätestens seit dem ausgehenden Mittelalter an Aktualität gewinnt und in einigen Strömungen der gegenwärtigen Linguistik ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Diese Strategie besteht in dem Versuch, Kultur und Sprache auf je unterschiedliche Weise voneinander zu entkoppeln. Dies geschieht entweder durch die Loslösung des Denkens von den sprachlichen Formen; oder durch den Versuch, in der Vielfalt der Idiome universal gültige Strukturen ausfindig zu machen. Die erste Variante wird quer durch die Geistesgeschichte immer wieder im Rückbezug auf AristotelesAristoteles formuliert; sie postuliert letztlich eine Ablösung der Logik von der Sprache und etabliert damit einen Bereich des Denkens jenseits jeder kulturellen Partikularität (TrabantTrabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken, 29–38; vgl. StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 55–62). Die zweite Variante setzt spätestens in der Frühen Neuzeit mit den Bemühungen um eine Universalgrammatik (grammaire générale) an; sie vereinigt sich im Rationalismus, ausgehend von Port-Royal und kulminierend in René DescartesDescartes, René, Gottfried Wilhelm LeibnizLeibniz, Gottfried Wilhelm wie auch in Teilen der modernen analytischen Philosophie, insofern mit der ersten Strategie, als das Ziel nun darin besteht, die natürlichen Sprachen so zu reinigen, dass sie zugleich auf ihre Grundstrukturen zurückgeführt und mit den Gesetzen der Logik in Einklang gebracht werden (StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 127–143; BuniaBunia, Remigius, Romantischer Rationalismus, 33–51; TrabantTrabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken, 131–139, 178–195). Teile der modernen Linguistik, insbesondere in der Nachfolge Noam ChomskyChomsky, Noams, die sich dem Paradigma der Naturwissenschaften annähern und Sprache als anthropologische Universalie begreifen, schließen hier an – und nehmen damit zugleich, wahrscheinlich entgegen ihren Intentionen, Ansprüche der historischen Sprachwissenschaften des 19. Jahrhunderts wieder auf, die Sprachgeschichte als Naturprozess beschreiben wollten (StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 168–175, 202–242).

c) Systematische Überlegungen

Die im engeren Sinne wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Kulturbegriff setzt spätestens mit dem sehr wirkmächtigen Bestimmungsversuch von Edward B. TylorTylor, Edward B. ein: »Culture, or civilization, taken in its broad, ethnographic sense, is that complex whole which includes knowledge, belief, art, morals, law, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society.« (Tylor, Religion in Primitive Culture, 1) Tylors additiver Kulturbegriff hallt noch heute in zahlreichen Bestimmungen von Kultur in Nachschlagewerken nach. Dies zeigt, dass es schwierig ist, Kultur als Gegenstand auf den Begriff zu bringen. Hinter den von TylorTylor, Edward B. aufgelisteten Bestimmungsmomenten verbergen sich allerdings auch (unterschiedliche) funktionale Beschreibungen von Kultur, und zwar in mindestens zwei Ausprägungen:

1. Kultur als Vorrat gesellschaftlicher Normen: Dieser Kulturbegriff trägt dem Umstand Rechnung, dass man als Kultur etwas bezeichnet, das prägende, zuweilen gar determinierende Wirkung für gesellschaftliche Prozesse hat. Kultur wird zum Inbegriff der einzelnen und auf unterschiedlichen Strukturebenen anzusiedelnden Regeln, die eine Gesellschaft prägen. Dieser Kulturbegriff ist für die Erforschung literarischer Mehrsprachigkeit insofern relevant, als er gesellschaftlichen Prozessen eine Art ›Grammatik‹ unterstellt, sie also in Analogie zu sprachlichen Strukturen beschreibt. Es ist insofern kein Zufall, dass dieser Kulturbegriff solchen (Teil-)Disziplinen der Linguistik nahesteht, die sich für die Regularitäten der konkreten Sprachverwendung interessieren, also etwa der Pragmatik und speziell der linguistischen Diskursanalyse. Die durch letztere geprägte Metapher des Skripts, das kulturelle Normen als Vor-Schriften ausweist (vgl. AbelsonAbelson, Robert P., »Script Processing«; SchankSchank, Roger C./AbelsonAbelson, Robert P., Scripts), zeigt dabei schon an, dass dieser Begriff von Kultur mit dem zweiten hier relevanten Kulturbegriff durchaus Gemeinsamkeiten hat.

2. Kultur als Text bzw. als Vorrat gesellschaftlicher Semantiken: Seine bekannteste Ausprägung hat dieser Kulturbegriff in der ethnologischen Theorie von Clifford GeertzGeertz, Clifford erfahren, die Kultur als einen Vorrat an Bedeutungsmustern beschreibt, von deren Entzifferung die Interpretierbarkeit gesellschaftlicher Prozesse abhängt. Ethnologische Darstellungen müssen daher mit ebenso viel Skepsis betrieben und mit ebenso viel Kontextwissen angereichert werden, wie es die texteditorische Entzifferung eines alten Manuskripts erfordert (vgl. GeertzGeertz, Clifford, »Thick description«). Es finden sich allerdings auch viele weitere Beschreibungen von Kultur, die beim Zeichenbegriff ansetzen. Dies gilt beispielsweise für Jurij M. LotmanLotman, Jurij M.s Kultursemiotik, die u.a. zu dem Ergebnis kommt, dass Kultur letztlich immer auch als Mechanismus zur Bereitstellung von interpretatorischer Unbestimmtheit funktioniert und damit die Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft absichert (LotmanLotman, Jurij M., »Zum kybernetischen Aspekt der Kultur«). Auch die breit rezipierte wissenssoziologische Theorie von Peter L. BergerBerger, Peter L. und Thomas LuckmannLuckmann, Thomas setzt letztlich beim Zeichen bzw. bei der (vor allem sprachlichen) Konstruktion von Zeichenhaftigkeit an (BergerBerger, Peter L./LuckmannLuckmann, Thomas, Die gesellschaftliche Konstruktion). Noch bei der postkolonialen Kulturtheorie von Homi K. BhabhaBhabha, Homi K. handelt es sich um eine mit dem Zeichenbegriff operierende Dekonstruktion der Vorstellung von Kulturen als Einheiten (vgl. Bhabha, The Location of Culture). Kulturelle Hybridität, wie sie in BhabhasBhabha, Homi K. Beschreibung jeder kulturellen Grenzziehung vorgängig ist, ist nicht zuletzt zeichen- bzw. texttheoretisch gedacht.

Auch wenn moderne Beschreibungen von Kultur beider Richtungen in je unterschiedlicher Weise auf Sprache bezogen sind, misst die Systemlinguistik dem Faktor Kultur in der Regel einen nur marginalen Stellenwert zu. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sich die Linguistik in der Nachfolge Ferdinand de SaussureSaussure, Ferdinand des (dem damit teilweise Unrecht getan wird) als erklärende und nicht als interpretierende Wissenschaft versteht. Damit aber fällt Kultur als zu interpretierender Sachverhalt aus ihrem Gegenstandsbereich heraus. Dem widerspricht aktuell der Vorschlag der kulturanalytischen Linguistik, die auf unterschiedlichen Ebenen der Sprachstruktur Verfahren der Mustererkennung beschreibt und mit kultur-, sozial- und medienhistorischen Kontexten in Verbindung bringt (vgl. LinkeLinke, Angelika, »Signifikante Muster«). Auch die Rezeption der Diskursanalyse Michel FoucaultFoucault, Michels durch die Linguistik führt teilweise zu einer Neuentdeckung von Kultur als Rahmenbedingung von Sprache, wenn auch in erster Linie (funktional ausdifferenzierte) Einzeldiskurse in den Blick geraten und gerade nicht das diffuse Bündel dessen, was anderenorts als Kultur beschrieben wird (vgl. KußeKuße, Holger, Kulturwissenschaftliche Linguistik). Eine gewichtige Ausnahme bildet hier die Interdiskursanalyse, die sich für die Regularitäten von Aussageweisen interessiert, die in Spezial- wie auch verbindenden Interdiskursen anzutreffen sind. Im Mittelpunkt des Interesses stehen hier u.a. »[k]ulturspezifische synchrone Systeme von Kollektivsym­bolen« (LinkLink, Jürgen, »Literaturanalyse als Interdiskursanalyse«, 297), die als diskursverbindende Elemente, d.h. als der kulturelle Kitt moderner Gesellschaften und ihrer ausdifferenzierten Spezialdiskurse fungieren (siehe für einen daraus zu entwickelnden Kulturbegriff LinkLink, Jürgen, »Zur Frage«).

Von den großen Theorievorschlägen aus dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts hat die soziologische Systemtheorie erstaunlich wenig zum Kulturbegriff beigetragen, zumindest nicht bei Niklas LuhmannLuhmann, Niklas selbst, der Kultur u.a. als semantisches Gedächtnis beschrieben hat (LuhmannLuhmann, Niklas, »Kultur als historischer Begriff«). In Dirk BaeckerBaecker, Dirks ausführlicher Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff wird Kultur demgegenüber als Korrelat einer (historischen) Praxis des Vergleichs beschrieben und sodann systematisch als eine Form der mitlaufenden Beobachtung bestimmt, die Doppelwertigkeit erzeugt und dazu in der Lage ist, gegenüber zweiwertigen Unterscheidungen dritte Alternativen einzubringen (BaeckerBaecker, Dirk, Wozu Kultur?). Auf der Basis des systemtheoretischen Kommunikationsbegriffs und dessen philologischer Präzisierung (StanitzekStanitzek, Georg, »Was ist Kommunikation?«; BaßlerBaßler, Moritz, Die kulturpoetische Funktion) ist schließlich vorgeschlagen worden, grundsätzlich davon auszugehen, dass Kommunikation, um sich als Rekursion (ereignishaft) entfalten zu können, auf vorgängige Kommunikation zurückgreifen können muss, die wiederum in quasi-textueller Form vorliegen muss (sei es im individuellen Gedächtnis von Menschen, sei es in Textform). Dabei erfolgt der Rückgriff letztlich durch die ›Entzifferung‹ von bedeutungsunterschei­denden Einheiten. Kultur ist systematisch an dieser Stelle zu verorten: Sie sorgt dafür, dass Kommunikation als Ereignis auf ihr quasi-textuelles Substrat zugreifen kann (vgl. Dembeck, »Reading Ornament«). Aus dieser Funktion von Kultur ergibt sich die Möglichkeit, sie (mindestens) in einer doppelten Perspektive wahrzunehmen: Einerseits ist der Vorrat von Semantiken, der Gesellschaft zur Verfügung steht, nicht denkbar, wenn keine bedeutungsunterscheidenden Merkmale ausgemacht werden können. Insofern hat Kultur unmittelbar etwas mit Textualität zu tun, auch wenn sie nicht mit Textualität gleichgesetzt werden kann. Denn Kultur besteht eben andererseits aus Mechanismen, die sich rekursiv erhalten, stabilisieren, aber auch verändern, wodurch der zutreffende Eindruck entsteht, dass Kultur an entscheidender Stelle an der Konstitution gesellschaftlicher Regeln Teil hat.

Für die Erforschung literarischer Mehrsprachigkeit ist diese Doppeldeutigkeit des Kulturbegriffs von besonderem Interesse: Als Kulturdifferenzen verweisen Sprachdifferenzen einerseits auf unterschiedliche etablierte Arten und Weisen der Interpretation gesellschaftlicher und anderer Strukturen und Prozesse. Andererseits aber sind Sprachdifferenzen immer auch Anzeichen von potentiellen Konflikten darüber, wie gesellschaftlich Signifikanz konstituiert werden soll. Sie haben in diesem Sinne ein kulturpolitisches Potential. Die Untersuchung von Sprachdifferenzen im literarischen Text erlaubt Rückschlüsse auf beides. Damit wird insbesondere die (kultur-)politische ›Agency‹ von Literatur beschreibbar. Das Interesse für kulturpolitisch engagierte Formen der Literaturwissenschaft (insbesondere mit postkolonialem Hintergrund) für Mehrsprachigkeit rührt wahrscheinlich auch daher.

Literatur

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2. Sprachliche und kulturelle Identität

Till Dembeck

a) Begriffsbestimmung

Die sprachliche und damit auch kulturelle Bildung von Einheiten und ihre Konturierung durch Grenzziehung einerseits und die Subversion sprachlicher und kultureller Grenzen andererseits sind Grundoperationen von Literatur, deren Untersuchung unmittelbar Aufschluss über den kulturpolitischen Stellenwert von literarischer Mehrsprachigkeit verspricht. Diskutiert wird dies unter dem Schlagwort der Identität.

In die Kulturtheorie ist der Identitätsbegriff in erster Linie durch die Übertragung aus psychologischen Diskussionszusammenhängen eingegangen. Entscheidend ist hierbei die Auffassung, dass sich Identität nur durch Abgrenzung erzeugen lässt, so dass dem jeweils Ausgeschlossenen eine konstitutive Bedeutung für das Selbst zukommt. Diese Operation wird auch auf Gruppen bezogen und dann als Mechanismus der Konstruktion kultureller Identität bzw. Alterität beschrieben. BatesonBateson, Gregory spricht in diesem Zusammenhang von »Schismogenesis« (BatesonBateson, Gregory, »Culture Contact and Schismogenesis«). Die Zuschreibung von Andersartigkeit (›Othering‹) wird so zum Mechanismus der Stabilisierung von kultureller oder Gruppen-Identität.

Das wahrscheinlich wirkmächtigste Werkzeug zur Normierung und Kodifizierung von Einzelsprachen und damit zur Konstitution der Identität von Sprachen ist die Identifikation von Fehlern. Diese Operation ist unmittelbar mit Mechanismen der kulturellen Identitätsbildung verbunden. Sprachkompetenz ist in der europäischen Geschichte seit jeher Ausweis kultureller Zugehörigkeit. Mit Blick auf die Geschichte der Grammatik lässt sich behaupten: »Zur Grammatik gehört wesentlich eine Migrations- und Integrationspolitik« (StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 318), die regelt, wer und was der jeweiligen Sprache zugehörig ist und wo demnach die Grenzen dieser Sprache zu anderen Idiomen verlaufen.

Gerade der Begriff der (Sprach-)Kompetenz verweist allerdings auch auf die Grenzen eines Begriffs von kultureller Identität, der auf der Operation der »Schismogenesis« aufbaut. Denn Sprachkompetenz muss in jedem Einzelfall als komplexes Gefüge von Fähigkeiten angesehen werden, die sich auf unterschiedliche Strukturebenen der Sprache und auf unterschiedliche Einzelsprachen beziehen können. Auch Kulturkompetenz umfasst im Einzelfall dann sehr divergente, nach Rollen und Gesellschaftsbereichen ausdifferenzierte Fertigkeiten. Daher wird im Folgenden vorgeschlagen, kulturelle Identitäten als je unterschiedlich definierte Bündel kultureller Fähigkeiten zu bestimmen, also als Bündel von Fähigkeiten, bedeutungsunterscheidende Differenzen erkennen und einsetzen zu können, insbesondere auch sprachliche.

b) Historische Semantiken sprachlicher und kultureller Identität

Der Geschichte des Kulturbegriffs ist von Beginn an eine Semantik der Gruppenidentität eingeschrieben. Die Wirkmächtigkeit von Unterscheidungen wie Hellenen/Barbaren, Christen/Heiden und Menschen/Unmenschen legt davon Zeugnis ab. Von Beginn an dienen dabei auch sprachliche Merkmale zur Identifikation von Gruppenzugehörigkeit. So besagt eine in der Antike und nachmals populäre Semantik des Begriffs ›Solözismus‹, er beziehe sich ursprünglich auf das durch Sprachmischung unsauber gewordene Griechisch der Anhänger des Solon im kilikischen Soloi (ReisiglReisigl, Martin, »Solözismus«, 960) – so dass der Solözismus als Fehler gilt, an dem man zumindest die Abschwächung der kulturellen Zugehörigkeit ablesen kann. Eine prominentere Parallelgeschichte hierzu findet sich im Buch der Richter (12, 5f.), das von der Ermordung der Ephraimiter erzählt, die man daran erkannte, dass sie das Wort ›Schibboleth‹ nur als ›Sibboleth‹ aussprechen konnten – wobei beide Varianten eigentlich als phonematisch identisch gelten (siehe DerridaDerrida, Jacques, Schibboleth, 59). Als ›Schibboleth‹ gilt noch heute jede lautliche Markierung kultureller Differenz.

Historisch betrachtet sind sehr unterschiedliche Kopplungen sprachlicher und kultu­reller Identitätsbildung zu beobachten. So ist es keineswegs zwingend, bereits dem antiken Griechenland die Konzeption von Sprache als Idiom, also als abgrenzbarer Einheit, zu unterstellen, so dass ein ›Solözismus‹ durchaus nicht notwendig kulturelle Fremdheit signa­lisiert, sondern eher eine territoriale Zugehörigkeit markiert. Dementsprechend offen zeigt sich AristotelesAristoteles für Abweichungen vom herrschenden Sprachgebrauch. ›Fremde‹, d.h., aus anderen dialektalen Zusammenhängen stammende Wörter, γλῶττα, werden analog zu Metaphern als Ergebnisse eines Übertragungsvorgangs angesehen (StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 303–308).

Demgegenüber verleiht die Zweisprachigkeit des antiken Rom, die lange vor der Zeitenwende u.a. das Bedürfnis erzeugt, das Lateinische als Kultursprache aufzuwerten, der Kategorie der Sprachrichtigkeit eine neue Dimension (KrausKraus, Manfred, »Sprachrichtigkeit«, 1121). Anders als in der griechischen Antike kommt es daher spätestens im ersten Jahrhundert vor Christus zu einer Kodifizierung und Fixierung der Sprache (LeonhardtLeonhardt, Jürgen, Latein, 61–74) – und zugleich zu einem genaueren Bewusstsein für die Fremdheit anderer Idiome. Vergleicht bereits AristotelesAristoteles den Umgang mit Wörtern aus der Fremde mit Prozessen der Einbürgerung, so wird diese Metaphorik von Marcus Fabius QuintilianQuintilian, Marcus Fabius ausgebaut, der wörtlich von migrierenden Wörtern, verba peregrina, spricht (StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 307f., 317–322). Im Detail wird nun diskutiert, wie fremde Wörter zu flektieren seien und inwiefern beispielsweise im Interesse der metrischen Form Verstöße gegen die Sprachrichtigkeit, die latinitas, gerechtfertigt sein können. QuintilianQuintilian, Marcus Fabius, dessen Institutio Oratoria wirkmächtig die Vergleichbarkeit von (immer ›verfremdenden‹) rhetorischen Figuren und grammatischen Fehlern herausstellt (und im selben Atemzug durch die strikte Trennung von Rhetorik und Grammatik wieder zu kassieren sucht), bemüht sich ausführlich um eine Klassifizierung der Barbarismen, die sich im Übrigen als identisch erweist mit derjenigen, die er für Figuren der Rede vorsieht (StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 313–316). Die Problematik der Unterscheidung von Figur und Fehler lässt so den Status des sprachlich Fremden selbst unsicher werden: die gute Rede ist auf fremde Strukturen angewiesen, obwohl diese zugleich die Einheit des Idioms gefährden.

Die christliche Aneignung des Lateinischen (und seiner Schrifttradition) in der Spätantike und im Mittelalter schreibt zwar einerseits die Semantik der latinitas und der Barbarismen fort, zeigt aber andererseits eine gewisse Toleranz gegenüber abweichenden Sprachformen im Lateinischen. Dies hängt u.a. damit zusammen, dass schon AugustinusAugustinus von Hippo die perspicuitas, also die Transparenz des sprachlichen Ausdrucks, vor allem auf die sprachunabhängige Botschaft des Glaubens hin, höher wertet als seine puritas, also die Reinheit (ReisiglReisigl, Martin, »Solözismus«, 970). In der hierin zum Ausdruck kommenden Sprachtheorie mag der Grund dafür liegen, dass im Mittelalter das Interesse an einer Systematisierung sprachlicher Fehler und Abweichungen gegenüber der römischen Antike stark abnimmt – eine Tendenz, die sich in der Neuzeit weiter fortsetzt (ReisiglReisigl, Martin, »Solözismus«, 974). Gleichwohl ist das Lateinische als Sprache des Glaubens entscheidender Identifikationsfaktor des mittelalterlichen Abendlandes, und der Erhalt der Sprache in ihrer standardisierten Form (etwa durch die karolingischeKarl der Große Bildungsreform) oder ihre Weiterentwicklung im Sinne der christlichen Theologie (etwa durch die Scholastik) hat auch die Funktion, kulturelle Einheitlichkeit zu gewährleisten.

Ein neuer Impetus zur Befestigung sprachlich-kultureller Grenzziehungen ist ab dem Spätmittelalter festzustellen, und zwar sowohl mit Blick auf das Lateinische als auch mit Blick auf die Volkssprachen, deren Emanzipation ja – schon nach dem Programm ihres Vordenkers Dante AlighieriDante Alighieri – in erster Linie Standardisierung zum Ziel hat. Die durch den Humanismus, etwa durch Lorenzo VallaValla, Lorenzo und Erasmus von RotterdamErasmus von Rotterdam, propagierte Rückbindung des Lateinischen an die antiken Vorbilder ist dabei nicht nur als sprachliche, sondern auch als kulturelle Reinigung aufzufassen. Sie umfasst weniger die im engeren Sinne grammatische, als vielmehr die idiomatische Seite der Sprache und steht letztlich im Zeichen einer abendländischen Identitätspolitik, die sich aus dem fremd gewordenen Ursprung in der Antike speist.

Im Zuge der Standardisierung der Volkssprachen kommt es insbesondere zu einer Systematisierung der Begrifflichkeit, mit der unterschiedliche Idiome kategorisiert werden können. Genauer verfestigt sich die Differenz zwischen Sprachen und Dialekten, wobei den Dialekten all jene Eigenschaften der Volkssprachen zugerechnet werden, die die Heiligen Sprachen überwunden hatten: Dialekte gelten als tendenziell regellos, schwer fixierbar, kontinuierlich ineinander übergehend. Zunehmend national definierte (Standard-)Sprachen hingegen können eine Grenze für sich beanspruchen, die sie von anderen nationalen Sprachen unterscheidet. Sprachen gelten als zählbar, Dialekte als zahllos, aber immerhin einer (und zwar genau einer) Sprache zugehörig, in der sie aufgehoben sind (vgl. BonfiglioBonfiglio, Thomas Paul, Mother Tongues and Nations, 63–121). Die klare Differenzierung zwischen Sprache und Dialekt ist klar kulturpolitisch motiviert: Spracheinheit ist nur denkbar, wenn die dialektale Entgrenzung eingehegt wird.

Als Folge der Kolonialisierungspolitik vieler europäischer Staaten steigt im 18. und 19. Jahrhundert die Zahl der in Europa bekannten Sprachen und es ergeben sich identitätspolitisch folgenreiche weitere Differenzierungen: zum einen zwischen den europäischen Kultursprachen und den angeblich ›ursprünglicheren‹ Sprachen vieler kolonisierter Völker; zum anderen zwischen unterschiedlichen Formen des Standardisierungsdrucks. Ist es für die europäischen Volkssprachen entscheidend, die interne dialektale Zerstreuung zu überwinden, so müssen die Sprachen beispielsweise der neuen Welt erst passfertig gemacht werden, um mit den Mitteln der europäischen, grundsätzlich an das Lateinische angelehnten Grammatik kontrolliert werden zu können. Die Erforschung der indoeuropäischen Sprachverwandtschaft im 19. Jahrhundert gibt der europäischen Kulturpolitik nicht nur Gelegenheit, sich als ganze gegen die Sprachen der Welt zu profilieren, sondern stimuliert auch einen internen Wettbewerb mit Blick auf die Nähe der jeweiligen Nationalsprachen zu den hypothetischen Ursprüngen des Indoeuropäischen. In diesem Sinne ist beispielsweise Jacob GrimmGrimm, Jacobs Deutsche Grammatik (1819–1840) geschrieben. Insgesamt herrscht im 19. und 20. Jahrhundert in Europa klar die Tendenz vor, die Einheit der Standardsprachen an die Einheit von Nation und Kultur zu binden und zugleich (siehe I.1) als Natur auszugeben.

Die Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts findet mit der de SaussureSaussure, Ferdinand de’schen Differenzierung zwischen langue und parole die Möglichkeit, Spracheinheiten systematisch zu isolieren und als voneinander zu unterscheidende, in sich geschlossene Regelsysteme zu denken, die es jeweils ermöglichen, potentiell unendlich viele unterschiedliche grammatisch korrekte Sätze zu generieren. Zahllose Arbeiten der synchronen Sprachwissenschaft haben sich der Beschreibung der so greifbar gemachten langues der Welt gewidmet und damit indirekt auch sprachliche Identitätspolitik betrieben. Auch hier spielen Zusammenhänge mit den Prozessen der Kolonialisierung und der Dekolonialisierung eine gewichtige Rolle. Die nicht zuletzt linguistisch begründete Macht über Sprache(n) ist Werkzeug sowohl kolonialer Herrschaft als auch der Befreiung und der Re-Etablierung neuer Herrschaftsformen (vgl. MakoniMakoni, Sinfree/PennycookPennycook, Alastair, »Disinventing and (Re)Constituting Languages«).

Die Engführung sprachlicher, kultureller und nationaler Identität entfaltet in der Neuzeit eine so große Wirkmächtigkeit, dass sie in der Forschung nicht ganz zu Unrecht als »monolingual paradigm« (YildizYildiz, Yasemin, Beyond the Mother Tongue, 2) bezeichnet worden ist. Dennoch stellt sie nicht die einzige Form der sprachlichen und kulturellen Identitätspolitik in Europa dar. In der Sprachursprungstheorie HerderHerder, Johann Gottfrieds, die mit der Beschreibung eines sprachlich-kulturellen Identifikationsmechanismus’ einsetzt, werden Argumente artikuliert, die Zweifel an der Zählbarkeit, also an der Identifizierbarkeit aller Arten von Idiomen ins Spiel bringen. Wilhelm von HumboldtHumboldt, Wilhelm vons sprachhistorisches Werk verweigert sich ebenfalls weitgehend der vorherrschenden Tendenz, aus Beschreibungen des Baus unterschiedlicher Sprachen weiter reichende kulturpolitische Wertungen abzuleiten, ähnlich später die Arbeiten Hugo SchuchardtSchuchardt, Hugos (vgl. TrabantTrabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken, 260–269; StockhammerStockhammer, Robert, Grammatik, 344–348). Die durch Graziadio I. AscoliAscoli, Graziadio I. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begründete Substratlinguistik erklärt die Differenz zwischen den unterschiedlichen Sprachen der indoeuropäischen Sprachfamilie durch Migration und die darauf folgende Verschmelzung indoeuropäischer mit anderen, heute nicht mehr existierenden Sprachen. Gegen die Vorstellung der zeitgenössischen indoeuropäischen Sprachforschung, welche die unterschiedliche Entwicklung der einzelnen Sprachen als organische Fortentwicklung versteht, behauptet AscoliAscoli, Graziadio I. so die grundlegende Hybridität dieser Sprachen (ArensArens, Hans, Sprachwissenschaft, 369f., 473f.). Ähnliche Argumente lassen sich aus den Ergebnissen der späteren linguistischen Kreolforschung ableiten.

In der spätestens um 1900 sich etablierenden Disziplin der Ethnologie artikulieren sich Zweifel an den Voraussetzungen des Einsprachigkeitsparadigmas in erster Linie als Beobachtungsprobleme. Die Annahme, dass kulturelle und sprachliche Prägungen determinieren, was wir als bedeutsam wahrnehmen, führt in Verbindung mit der Vorstellung, es gebe sprachliche und kulturelle Grenzen, zu der generelleren Frage, wie sich andere Kulturen überhaupt beschreiben lassen. Bronislaw MalinowskiMalinowski, Bronislaws Forderung nach ›teilneh­mender Beobachtung‹ hat dieses Problem, das sich ohnedies für jeden hermeneutischen Prozess stellt, allenfalls verschoben. Diese hermeneutische Dimension der ethnologischen Diskussion ist schließlich zum Anlass geworden, das ethnologische Beschreibungsinteresse selbst zu dekonstruieren. Dies geschieht beispielsweise in Edward SaidSaid, Edwards Analysen des Phänomens ›Orientalismus‹ (Said, Orientalism). Die sich damit andeutende ›Identitätsfalle‹, dass es kein Entkommen aus der Eingrenzung in das ›Eigene‹ gibt, man ihm aber entkommen muss, um dem ›Anderen‹ gerecht zu werden, prägt bis heute viele Debatten um kulturelle Identität.

c) Systematische Überlegungen

Ist die Geschichte des Identitätsbegriffs weitgehend dadurch geprägt, dass man unterschiedliche Bezugsbereiche gleichermaßen durch ihn zu erfassen und miteinander in Verbindung zu setzen versucht, so gilt es in systematischer Hinsicht zunächst zu differenzieren. Denn Identität bedeutet mit Blick auf Bewusstsein, Sprache, Kultur, soziale Systeme und Gruppen jeweils etwas anderes.

Die wissenschaftliche Verwendung des Identitätsbegriffs leitet sich aus der Psychologie her, er bezieht sich also ursprünglich auf Prozesse der Subjektkonstitution, wurde aber dann schnell auch auf Gruppendifferenzierung übertragen. Für die Erforschung literarischer Mehrsprachigkeit können beide Aspekte fruchtbar gemacht werden, wenn sie auf die soziale Einbettung von Autoren bezogen werden. Wichtiger ist aber zunächst die Frage, wie sprachliche und kulturelle Identität überhaupt zu beschreiben sind. Mit Blick auf Kultur ist vielfach davon die Rede, Identität sei immer nur ›konstruiert‹, also keinesfalls naturgegeben. Ähnliches gilt auch für Sprache, insbesondere für Standardsprachen, die das Ergebnis hochgradiger Normierungsbemühungen sind.

Von translationswissenschaftlicher Seite ist darauf hingewiesen worden, dass die Identität von Sprachen nur konstituiert werden kann, wenn mindestens zwei einander ko-figurative, d.h., ineinander übersetzbare Sprachen angenommen werden (vgl. SakaiSakai, Naoki, »How Do We Count a Language?«). Der linguistische Begriff der langue bezeichnet gerade dieses Moment der Ko-Figuralität. Entscheidendes Instrument der systematischen Schließung von Idiomen ist dabei wiederum die Identifizierung von Sprachrichtigkeit bzw. von Fehlern, deren Unterscheidbarkeit von rhetorischen Figuren allerdings von jeher in Frage steht (siehe hierzu auch MartynMartyn, David, »› ‹«). Gegen das Konzept der langue lassen sich auch auf anderen Ebenen Einwände vorbringen. So hat die Soziolinguistik, die sich für die soziale und kulturelle Einbettung der Sprachverwendung interessiert, darauf hingewiesen, dass auch viele Formen der ›schwachen‹ Regelhaftigkeit im Bereich der nicht-funktionalen Sprachgestaltung existieren, und für ihre Beschreibung einen weicheren Normbegriff vorgeschlagen (CoșeriuCoșeriu, Eugenio, Einführung, 293–302). Die Forschung zur Mehrsprachigkeit interessiert sich nicht mehr nur für den Wechsel, den mehrsprachige Sprecher zwischen unterschiedlichen, jeweils als langue zu beschreibenden Idiomen vollziehen (das sog. Code-Switching), sondern beschreibt mit dem »translanguaging« eine Form der Sprachverwendung, die eine klare Zuordnung zu unterschiedlichen langues unterläuft (vgl. GarcíaGarcía, Ofelia, »Education, Multilingualism and Translanguaging«). Von literaturwissenschaftlicher Seite ist vorgeschlagen worden, die (immer in unterschiedlichen Graden gegebene) Zuordenbarkeit sprachlicher Elemente und Strukturen zu einer langue mit dem Begriff »Sprachigkeit« zu bezeichnen (ArndtArndt, Susan/NaguschewskiNaguschewski, Dirk/StockhammerStockhammer, Robert, »Einleitung«, 26). Für den über die langue hinausgehenden strukturellen Überschuss der Sprachverwendung, also der parole im Sinne de SaussureSaussure, Ferdinand des, ist der Begriff »remainder« ins Spiel gebracht worden (LecercleLecercle, Jean-Jacques, The Violence of Language, 103–143), der für die spezifisch literarische Sprachverwendung eine zentrale Rolle spielt. Daher sollte sich gerade die kulturpolitische Interpretation literarischer Mehrsprachigkeit stets genau Rechenschaft darüber ablegen, welche Konstitutionsebenen von sprachlicher Identität in den behandelten Texten eine Rolle spielen.

Zumindest in de SaussureSaussure, Ferdinand des ursprünglichen Entwürfen stellt die langue (ebenso wie die eng mit ihrer Konstitution verbundene Differenzierung in Synchronie und Diachronie) eine bewusste Reduktion von Komplexität dar. Auch der Beschreibung von Kulturen als Ergebnis von »Schismogenesis« oder ›Othering‹ liegt eine solche – wenn auch allzu oft unbewusste – Reduktion von Komplexität zugrunde. Das ändert zwar nichts daran, dass entsprechende Semantiken erhebliche historische und gesellschaftsstrukturelle Folgen gezeigt haben. Allerdings umfasst jede kulturelle Abgrenzung durch ›Othering‹ in Wirklichkeit nur einen sehr geringen Teil der kulturellen Kompetenz der Beteiligten: Im Extremfall des Schibboleth wird die richtige oder falsche Aussprache eines einzelnen Phonems zum Entscheidungskriterium, aus dem weitreichende Konsequenzen abgeleitet werden. Anders als solche Formationen wie die von Niklas LuhmannLuhmann, Niklas beschriebenen Funktionssysteme der Gesellschaft verfügen die sog. ›Kulturen‹ nicht über die Fähigkeit, mittels universal einsetzbarer Leitdifferenzen klare Grenzen aufrechtzuerhalten. Die kulturelle Identität Einzelner lässt sich systematisch nur als das Bündel ihrer Kompetenzen zur Identifizierung signifikanter Unterscheidungen fassen. Einzelne dieser Kompetenzen oder ganze Komplexe von Kompetenzen verbinden das einzelne Individuum mit vielen anderen Individuen. Daraus ergibt sich aber keine segmentäre Gesellschaftsdifferenzierung, wie sie das nationale Paradigma aus dem Kulturbegriff abzuleiten versucht.

Kulturelle ›Identitätspolitiken‹ sind immer mit Blick auf diejenigen kulturellen Kompetenzen zu beschreiben, die sie selektieren, und mit Blick auf die Signifikanz, die sie ihnen jeweils zumessen. Dies gilt für Individuen, deren Individualität sich nicht zuletzt durch die Selektion gesellschaftlicher Identitätsangebote konstituiert (siehe Parr, »Wie konzipiert«; LuhmannLuhmann, Niklas, »Individuum, Individualität, Individualismus«, 231–249), aber auch für Texte, die einerseits in Auseinandersetzung mit vorgängigen kulturellen Mustern Identität ausbilden, damit aber andererseits auch versuchen, selbst identitätspolitisch zu wirken. Dies muss für die kulturpolitische Analyse literarischer Mehrsprachigkeit beachtet und mit der potentiell identitätspolitischen Wertigkeit der im Text beschreibbaren Sprachdifferenzen in Verbindung gebracht werden, wenn die kulturpolitische ›Agency‹ der Werke beschrieben werden soll.

Literatur

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Trabant, JürgenTrabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken. Von PlatonPlaton bis WittgensteinWittgenstein, Ludwig, München 2006 [2003].

Yildiz, YaseminYildiz, Yasemin, Beyond the Mother Tongue. The Postmonolingual Condition, New York 2012.

3. Einsprachigkeit, Mehrsprachigkeit, Sprachigkeit

David Gramling

a) Begriffsbestimmung

Es ist keinesfalls selbstverständlich, dass eine Unterscheidung zwischen Ein- und Mehrsprachigkeit getroffen werden kann, denn die setzt einen Begriff von ›Sprachigkeit‹ voraus, also die Vorstellung, es gebe einheitliche, klar voneinander unterscheidbare und damit ›zählbare‹ Sprachen (ArndtArndt, Susan/NaguschewskiNaguschewski, Dirk/StockhammerStockhammer, Robert, »Einleitung«, 26). Diese Vorstellung ist nicht nur Ergebnis komplexer historischer Prozesse, sondern überdies in systematischer Hinsicht für illusorisch erklärt worden.

Für die Untersuchung literarischer Mehrsprachigkeit ist die genaue historische wie systematische Beschreibung der jeweils gegebenen Auffassungen von Ein- oder Mehrsprachigkeit bzw. von Sprachigkeit im allgemeinen vor dem Hintergrund des jeweiligen sozialen, politischen und kulturellen Rahmens unabdingbar. Einschlägig ist insbesondere das von der Forschung so benannte neuzeitliche »monolingual paradigm« (YildizYildiz, Yasemin, Beyond the Mother Tongue, 2), also die Auffassung, es sei natürlich, dass jedem Individuum genau eine Sprache eigen sei und dass es daher natürliche Sprachgemeinschaften gebe, die wiederum als Grundlage staatspolitischer Einheitenbildung genutzt werden können. Vor dem Hintergrund dieser Auffassung ist Mehrsprachigkeit nichts weiter als die Vervielfältigung von Einsprachigkeit. Nicht nur angesichts der Einsicht in die historische Gebundenheit des Einsprachigkeitsparadigmas, sondern auch aus systematischen Gründen ist es aber geboten, weitere Begriffe von Sprachvielfalt zu erschließen und genau zu verstehen, wie und auf welchen Grundlagen die neuzeitliche Politik der Einsprachigkeit funktioniert.

b) Historische Bestandsaufnahme

Seit ungefähr 350 Jahren tendieren die politischen Eliten Westeuropas dazu, sich die Welt kartographisch als Ensemble aneinandergrenzender und einander nicht überlappender, je für sich einsprachiger Territorien vorzustellen. Man nimmt dann beispielsweise an, es gebe einen Teil auf der Weltkarte namens Frankreich, in welchem man als sprechendes Subjekt logischerweise und völlig selbstverständlich die französische Sprache nutzt. Diese wiederum sei eine universal einsetzbare und semantisch flächendeckende Sprache, in welcher der nüchterne und ausgereifte Sprecher alles Sag- und Denkbare erörtern könne. Natürlich gesteht dieses Modell Ausnahmen zu – ›translinguale‹ Texte und Menschen –, die je nach Bedarf berücksichtigt und flexibel kategorisiert werden können. Diese individuellen Sonderfälle – Diplomaten, Übersetzer, Exilanten, Dolmetscher, subnationale Minderheiten, Götter, Zugewanderte, Schizophrene oder Gebärdensprecher – werden aber dann immer an ihrer jeweiligen Distanz zur territorialen ›Sprachigkeit‹ gemessen und entsprechend markiert (DorostkarDorostkar, Niku, (Mehr-)Sprachigkeit und Lingualismus). Mit dem britischen Sozialpsychologen Michael BilligBillig, Michael lässt sich also sagen, dass es erst in der Neuzeit zu einer Denknotwendigkeit geworden ist, davon auszugehen, man spreche etwas (BilligBillig, Michael, Banal Nationalism, 31). Im Rahmen der mehr oder weniger ›offiziellen‹ Ordnung von Sprachigkeit in der Gegenwart gilt daher, aller Rede vom »postmonolingualen Zustand« und von der Obsoletheit der Einsprachigkeitsideologie zum Trotz, weiterhin, dass die moderne Welt (Globalisierung, Interkulturalität, Kulturtransfer und Weltliteratur einbegriffen) zunächst aus parallelen, gleichwertigen und panfunktionalen Einsprachigkeiten besteht, die kollektiv, ordentlich und übersichtlich das globale Sprachsystem ausmachen. Mehrsprachigkeit gilt in diesem märchenhaften Denkmodell als absichtliche, strategische oder auch zufällige Erweiterung des natürlichen Zustands der Einsprachigkeit. Und literarische Mehrsprachigkeit sticht dann gleichsam aus ›unseren‹ einsprachigen Alltagsroutinen hervor als das edle Vermögen eines Joseph ConradConrad, Joseph, einer Christine Brooke-RoseBrooke-Rose, Christine oder einer Yoko TawadaTawada, Yoko, die allen Widrigkeiten zum Trotz die kreativen Ressourcen mehrerer Einzelsprachen ästhetisch auszuschöpfen verstehen. In beiden Fällen – im sozialen wie im literarischen – gilt die Mehrsprachigkeit letzten Endes als Sonderzustand, der aus der Vervielfachung der normativen Einsprachigkeit resultiert (PennycookPennycook, Alastair, Language as a Local Practice, 132).

Diese Beständigkeit der parallel territorialisierten und zählbaren Spracheinheiten – insofern sie denn existiert – musste allerdings in der westeuropäischen Frühmoderne erst mühsam, teilweise gewalttätig und unermüdlich vor- und dann vor allem hergestellt werden (vgl. MakoniMakoni, Sinfree/PennycookPennycook, Alastair, »Disinventing and Reconstituting Languages«). Trotz des enormen politischen Aufwands, der hierzu seit dem 17. Jahrhundert betrieben wurde, ist das erhabene kartographische Narrativ über ›die Weltsprachen‹ faktisch aber noch das Minderheitsparadigma auf einem Planeten, der nach wie vor eher durch komplexe ›mehr‹- und ›minder-‹sprachige Ökologien charakterisiert ist, die jedwede Herleitung aus der einen oder anderen Einsprachigkeit bockig zurückweisen – auf dem europäischen genauso wie dem afrikanischen Kontinent. Gerade den Mediävisten ist beispielsweise der für Literaturhistoriker der Moderne eher lästige Tatbestand schon lange bewusst, dass die disziplinär gepflegten europäischen ›Nationalliteraturen‹ einem mehrsprachigen und national indifferenten Zusammenhang entstammen. Im 13. Jahrhundert wurde eines der wichtigsten Werke der mittelalterlichen ›deutschen‹ Literatur, Der Wälsche Gast des Thomasîn von ZerclaereThomasîn von Zerclaere, von einem friaulischsprachigen Kleriker niedergeschrieben, der sich zu Beginn seines Textes für die Unzulänglichkeit seiner bairisch gefärbten mittelhochdeutschen Sprachkompetenz entschuldigt. Bis tief in die europäische Moderne haben (männliche) Wissenschaftler fast aller Disziplinen nicht in der sog. Nationalsprache, sondern auf Latein korrespondiert, und die frühmodernen Versuche eines Martin OpitzOpitz, Martin, die deutsche Sprache zu fördern, strebte eigentlich keine nationale Einsprachigkeit unter den Deutschen im spätmodernen Sinne an, sondern eine umfassendere Mehrsprachigkeit unter polyglotten Dichtern und Denkern (siehe z.B. KilchmannKilchmann, Esther, »Monolingualism, Heterolingualism, and Poetic Innovation«).

Eine solche ›unordentliche‹ Mehrsprachigkeit, die das hegemoniale Territorialprinzip der Spätmoderne unterminiert, war aber keinesfalls nur das luxuriöse Privileg europäischer Eliten. In den böhmischen Kronländern des 19. Jahrhunderts sahen sich viele mehrsprachige Dörfer dazu gezwungen, die Annährungsversuche urbaner Partisanen abzuwehren, die ihre Einwohner zur nationalistischen Einsprachigkeit der einen oder anderen politischen Partei bekehren wollten (JudsonJudson, Pieter, Guardians of the Nation). Im osmanischen Reich konnten die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung mit der Hofsprache und den Gesetztexten ›ihres‹ Staates gar nichts anfangen; und umgekehrt verfügten die osmanischsprachigen Repräsentanten des Hofs in den anatolischen Provinzen über eine stark eingeschränkte Sprachkompetenz auf Türkisch. Diese endemisch hierarchisierte Mehrsprachigkeit führte schon im 16. Jahrhundert zu der regimekritischen Schattentheatertradition ›Karagöz und Hacivat‹, die dann wiederum im ›postmonolingualen Zustand‹ des späten zwanzigsten Jahrhunderts zum sozialkritischen Zitatenschatz mehrsprachiger türkisch- und kurdischstämmiger Literaten in Deutschland werden konnte (YildizYildiz, Yasemin, Beyond the Mother Tongue). Jeweils auf unterschiedliche Weise verweisen solche Phänomene auf die transhistorische Normalität menschlicher Mehrsprachigkeit und auch darauf, dass die Durchsetzung staatsbürgerlicher Einsprachigkeit, wie sie sich besonders in hochzentralisierten Ländern wie den Staaten Westeuropas und den Vereinigten Staaten etabliert hat, eigentlich ein technisches Wunderwerk darstellt (SollorsSollors, Werner, Multilingual America; MillerMiller, Joshua L., Accented America).

Allerdings würde auch die Behauptung, die Einsprachigkeit sei ein modernes globales Ordnungsraster ohne historische Vorläufer, in die falsche Vorstellung münden, das mittelalterliche Europa habe eine translinguale Utopie verwirklicht, welche die unversöhnlichen und gewalttätigen politischen Sprachhierarchien der kolonialen und nationalstaatlichen Ordnung ab dem 18. Jahrhundert ganz und gar nicht gekannt habe. Gewiss haben Sprachdifferenzen auf Gruppenebene schon immer Gewalt erzeugt, spätestens seitdem die Ephraimiten 1200 v. Chr. den Jordan überkreuzen wollten (Richter 12: 5–6). Dass man sich an der Sprechpraxis anderer stört und sich das Missfallen an abweichenden Sprachpraxen zunutze macht, ist kein neuartiges Phänomen. Es ist daher gar nicht so einfach, die spezifisch modernen Mechanismen der Einsprachigkeit zu begreifen und von vormodernen Mechanismen abzugrenzen. Man muss sich dazu die Lebensgrundlage eines vormodernen Sprechers vor Augen führen, dem das Abstraktum ›Sprachigkeit‹ nicht zur Verfügung steht und der dementsprechend (a) sich in seinem Alltag nicht persönlich einer bestimmten Spracheinheit zugehörig fühlt, (b) nicht die Fähigkeit besitzt verschiedene ›Sprachen‹ zu unterscheiden, dessen Sprachpraxis (c) grammatischen oder orthographischen Schwankungen unterworfen ist und dem (d) das abstrakte, rational wohl entworfene Raster von Äußerungspotentialen einer systematischen Spracheinheit fehlt. Gerade die Herstellung eines persönlichen Bedürfnisses nach solchen Kompetenzen wurde aber zur tragenden Säule des Idioms der Kolonisierung im späten 16. Jahrhundert, als man damit begann, einheimische Sprecher in der neuen wie der alten Welt systematisch um ihre herkömmlichen sprachlichen Kompetenzen zu bringen und zu einsprachigen Sprechern zu erziehen (HankHanks, Williams, Converting Words; PrattPratt, Mary Louise, »›If English was Good Enough for JesusJesus…‹«).

Die Gegenwart mit ihren Literaturen und Literaturwissenschaften, ihren Sprachigkeiten und Sprachpolitiken hat also gewissermaßen einen gespenstischen Begleiter, ein einsprachiges Über-Ich, das den alltäglichen Erfahrungen, Repertoires, Referenzen und Praxen der mehrsprachigen Welt kaum Rechnung trägt, dessen Sprachethik aber gleichwohl auf Konzepte wie ›Zugänglichkeit‹, ›interkulturelle Verständigung‹, ›Übersetzbarkeit‹ und ›Gemeinsamkeit‹ abzielt. Es handelt sich dabei allerdings um die Tugenden einer utopischen Einsprachigkeit, die eigentlich einen Ausnahmefall der menschlichen Sprachgeschichte darstellt. In manchen politischen Zusammenhängen gelten diese Tugenden als schwer erkämpfter Fortschritt entwickelter Länder, die gegen Ungleichheit, Intoleranz und Unmündigkeit Posten stehen: Die Einsprachigkeit, so das entsprechende Argument, biete prophylaktische Transparenz besonders in Zuwanderungsgesellschaften, die es mit multikulturellen und ›superdiversen‹ Phänomenen zu tun haben (VertovecVertovec, Steven, »Superdiversity and its Implications«). Innerhalb dieses Paradigmas gelten (Welt-)Literatur und (Welt-)Literarizität dann als Garanten eines Ethos der gegenseitigen Verständigung, die der Versöhnungsbund der internationalen Übersetzer tagtäglich herzustellen bemüht ist.

Literatur ist seit SchillerSchiller, Friedrich und GoetheGoethe, Johann Wolfgang von – oder gar seit SophoklesSophokles – unter anderem ein Verfahren, die Bedeutungsentschlüsselung zu verlangsamen und von politischen Zwecken zu entbinden. Seit GilgameschGilgamesch und HomerHomer ist sie auch eine fremdsprachliche Gedächtnisstütze, die es uns erlaubt, Unerlebtes, Ungesehenes und linguistisch ohne die Hilfe des (mündlichen) Textes nicht Nachvollziehbares vor Augen zu halten. Fremdsprachlich bedeutet in diesem eher vormodernen, vornationalen Sinne dann die affektive oder phänomenale Evokation eines Bedeutungsschaffens, das nicht ›von hier‹ ist – ob dieses ›hier‹ nun ›unser Dorf‹, ›diesseits des Walds‹, im ›Hörbereich der Burg‹ oder noch etwas anderes meint. Ein fremdsprachlicher Text bringt insofern ein Sprechen mit sich, das einem Ort zugehört, zu dem man höchstwahrscheinlich nie körperlich Zugang haben wird. Dahingegen ist ein fremdsprachiger Text einer, der nachweisbar in einer fremden Sprache verfasst wurde, einer Sprache, die nicht die hiesige oder die unsrige ist. Wollte man diese Unterscheidung mit derjenigen zwischen Mehr-/Einsprachigkeit verbinden, so würde man dazu tendieren zu sagen, das Lesen eines fremdsprachlichen Textes wäre womöglich eine ›einsprachige‹ Situation, wohingegen das Lesen eines fremdsprachigen Textes eher eine ›mehrsprachige‹ Situation wäre.

Diese glückliche Unterscheidung bezieht aber moderne Begriffe auf eine Situation, in der das Wort ›Sprache‹ selbst in einem für uns im 21. Jahrhundert fremdsprachlichen Sinne verwendet wird. Eine vormoderne Sprachpraxis hat nicht ›eine Sprache‹ als ihr Sprechobjekt. Wenn ich in der Schweiz des 15. Jahrhunderts Wortgruppen und Satzfragmente äußerte, so ließe sich nicht induktiv sagen, dass ich ›Deutsch‹ oder ›Schwyzerdütsch‹ spräche. Ich würde ohne weiteres erwarten, von meinen Nachbarn verstanden zu werden, ohne dass ich die logische Voraussetzung machte, dass das auch im nächsten oder übernächsten Dorf gelingen wird. Würde ich gefragt, würde ich auf keinen Fall erwidern, dass ich – oder meine Freunde, meine Mutter oder mein Gott – ein linguistisches ›Etwas‹ spräche. Wenn Besuch vom übernächsten Dorf oder gar aus der Stadt käme, würde ich naturgemäß erwarten, sehr wenig von dem Gesagten zu verstehen. Weder würde ich das bereuen, noch auf meine mangelhafte Sprachkompetenz zurückführen, noch analytisch syntaktische oder semantische Schwierigkeiten diagnostizieren, denn ich nähme weder Wortklassenunterschiede noch Satzbau wahr. Wenn der Besucher einen ganzen oder mehrere Sätze ausspräche, die vollständig aus mir unbekannten Worten bestehen, würde ich seine ›Sprache‹ bzw. ›was er da sagt‹ nicht unmittelbar als ›fremdsprachig‹ einordnen. Fremdsprachlich wäre es mir schon, sobald es eine Bedeutung ausspräche, die es ›hier‹ nicht gibt oder geben kann. So sind die Grenzen zwischen Anders- und Einsprachigkeit, oder vielmehr zwischen Fort- und Hiersprachigkeit, kaum zu ziehen. In diesem vernakulären Zusammenhang wurden die Literatur, die Liturgie, die Literarizität und die Literalität – also alles, was Martianus CapellaCapella, Martianus ›litteratura‹ nannte – das Fremdsprachliche schlechthin. Erst mit dem Fall der Burgmauern und der langsamen Etablierung eines sich einer Nation zugehörig und zusammengehörig fühlenden Lesepublikums zwischen 1640 und 1780 wurde allmählich Sprachigkeit – und daher auch Fremdsprachigkeit – wahrnehmbar. Erst durch die allgemeine Konstitution der Sprachigkeit des deutschsprachigen Raums im Laufe des 17. Jahrhunderts war die einsprachige Literatur dazu in der Lage, sich gegenüber anderen erlebten Nationalsprachigkeiten zusammenzuschließen.

c) Systematische Überlegungen

Jeder Versuch, ein umfassendes Verständnis für ein so komplexes Konzept wie ›Einsprachigkeit‹ herzustellen, sollte es von Anfang an von verwandten Begriffen wie Sprachpurismus, linguistischer Nationalismus und Sprachimperialismus (PhillipsonPhillipson, Robert, Linguistic Imperialism) unterscheiden. Eine analytische Auseinandersetzung mit Einsprachigkeit sollte also nicht damit beginnen, zu beschreiben, wie eine Sprache – sei es globalisiertes Englisch, republikanisches Türkisch, nationalsozialistisches Deutsch oder neoklassisches Französisch – in einem bestimmten historischen Moment andere Weltsprachen allmählich oder schlagartig zu dominieren vermochte. Solche Fragen sind eher mit Blick auf Fragen der politischen Hegemonie zu beantworten. Bei Einsprachigkeit geht es eher darum zu bestimmen, wie Sprechen ›sprachig‹ und ›eins‹ oder ›einheitlich‹ werden konnte und kann. Welche Sprecher oder Schreiber haben dieses Sprachig- und Einswerden wann benötigt? Welchen Beitrag leistete und leistet die Literatur zur Erfüllung dieses mutmaßlichen Bedürfnisses? Um der Einsprachigkeit ins Auge zu schauen, müssen wir auf die Neigung verzichten, sie vor dem Hintergrund der einen oder anderen politischen bzw. territorialen Tradition verorten zu wollen. Obschon Zerrbilder, etwa das des ›monolingualen Amerikaners‹, stets zur Verfügung stehen, schmälern solche ebenso pejorativen wie ungenauen Karikaturen jegliche gründliche Auseinandersetzung mit Einsprachigkeit als einem systematischen Phänomen, das nicht wesentlich in individuellen Subjekten verankert ist. Der mittlerweile landläufige Spruch, Einsprachigkeit sei eine Behinderung (PrattPratt, Mary Louise, »Building a New Public Idea about Language«) oder gar eine Art Blindheit (OllerOller, John W., »Monoglottosis«, 469; PeelPeel, Quentin, »The Monotony of Monoglots«), vernebelt den historischen Werdegang dieses Phänomens und politisiert zugleich die körperliche Andersartigkeit behinderter Menschen. Demgegenüber ist ein Ansatz zu vertreten, der nicht auf der positivistischen Etikettierung einzelner Sprecher beruht.

Die Forschung ist sich über die Kosten und Gewinne, die das Einsprachigkeitsparadigma bislang mit sich gebracht hat, nicht einig. Aus einer radikalen Perspektive und ausgehend vom Konzept linguistischer Menschenrechte haben beispielsweise Tove Skutnabb-KangasSkutnabb-Kangas, Tove und Robert DunbarDunbar, Robert (»Indigenous Children’s Education«) von erkenntnismindernden Effekten der Einsprachigkeit auf einheimische sowie Siedlersprachen gesprochen. Dagegen behauptet der Linguist Alastair PennycookPennycook, Alastair (Language as a Local Practice), das Wort Einsprachigkeit sei nichts als ein elitäres akademisches Konstrukt, das unsere Aufmerksamkeit von den diversen und kaum einheitlich zu beschreibenden Sprachpraxen in unserer unmittelbaren Umgebung ablenke. Die Soziolinguisten Sinfree MakoniMakoni, Sinfree und Barbara TrudellTrudell, Barbara (»Complementary and Conflicting Discourses«) sind der Meinung, jede Konzentration auf ›Sprachigkeit‹ – egal ob auf Mehr-, Ein-, Zwei- oder Metrosprachigkeit (PennycookPennycook, Alastair/OtsujiOtsuji, Emi, Metrolingualism) – ignoriere die lebenden Sprecher und ihre situativ sehr unterschiedliche Art und Weise der Sprachverwendung. Unbeeindruckt von der gegenwärtigen ›multilingualen Wende‹ in der angewandten Linguistik insistiert Setiono SugihartoSugiharto, Setiono (»The multilingual turn«) darauf, der wissenschaftliche Angriff auf die Einsprachigkeit in den letzten Jahrzehnten vernachlässige die jahrhundertealten mehrsprachigen und kreolischen Sprachpraxen, die im globalen Süden völlig normal und normgebend sind. Das leidenschaftliche Feiern der geordneten zivilen Mehrsprachigkeit in der heutigen Europäischen Union übersehe die vollkommene Unauffälligkeit mehrsprachiger Lebensweisen insbesondere in Staaten wie Indonesien. In den Literaturwissenschaften glaubt freilich der Slawist und BachtinBachtin, Michail M.-Übersetzer Michael HolquistHolquist, Michael (»What would BakhtinBachtin, Michail M. Do?«), die Rede von Einsprachigkeit sei ein logischer Fehlschluss in einer linguistisch heterogenen Welt, und die Philologin und Romanistin Brigitte JostesJostes, Brigitte (»Monolingualism«) – Sprecherin mehrerer Sprachen – hat sich kürzlich in einem wissenschaftlichen Aufsatz als ›monolingual‹ geoutet. In ihrer Interpretation von Jacques DerridasDerrida, Jacques Jeremiade über das koloniale Französische beschreibt Rey ChowChow, Rey die Einsprachigkeit nachgerade als messianische Verheißung (Not Like a Native Speaker, 29). Die Einsprachigkeit empfehle sich uns nicht im Gewand der Überlegenheit und Dominanz, sondern verführe durch den sonoren Klang des Fortschrittsbegriffs und verspreche politische Erlösung in einer ›superdiversen‹ Welt.

Alle diese Stellungnahmen sind, auch wenn sie einander widersprechen, für sich genommen haltbar und verteidigungsfähig; auch in heuristischer Verbindung miteinander lassen sie sich fruchtbar machen. Eine Gemeinsamkeit aller oben genannten Ansätze ist es, dass sie der Einsprachigkeit sowohl Gewinne als auch (unspezifische) Kosten zuschreiben. Im Kern macht diese Kosten eine ebenso wirksame wie unauffällige strukturelle Beschränkung des sozialen Bedeutungsverkehrs aus – mit Blick auf, unter anderem, literarische, politische, ökologische, historiographische, künstlerische, theologische, interkulturelle, methodologische und metalinguistische Bereiche der Sinngebung.

Unabhängig davon, ob wir die Einsprachigkeit für einen Mythos, eine Pathologie, ein Paradigma oder eine Schikane halten, ist sie bis in die kleinsten und komplexesten Winkel in die politischen Verfahren und überhaupt die gesellschaftlichen Prozesse der Moderne verwoben, und sie ist noch nicht geneigt, von der weltliterarischen Bühne abzutreten. Die frühe Einsprachigkeit gönnte Denkern des 17. Jahrhunderts die Vision, alle Aussagefunktionen sowie soziale Kapazitäten des Redens unter dem Dach der jeweils ›einen‹ Sprache unterzubringen – ein mächtiger und fantasievoller Fall dessen, was wir heute (Makro-)Optimierung nennen würden. Die unzählbare und unprognostizierbare formale und performative Vielfalt der gottgegebenen Sprache verwandelte sich in ein weltliches, rationales Raster, das Sprecher der (Früh-)Aufklärungszeit wie Martin OpitzOpitz, Martin, Antoine ArnauldArnauld, Antoine, Thomas SpratSprat, Thomas und Gabriel de San BuenaventuraSan Buenaventura, Gabriel de als einheitliches Eigentum namens ›eine Sprache‹ auffassten, dessen Kern es war, zu versprechen, dass es grundsätzlich alles werde wissen, sagen und übersetzen können. Diese Männer konnten nicht wissen, dass ihre Arbeit in der Globalisierungsindustrie des einundzwanzigsten Jahrhunderts gipfeln würde, aber ihre Schriften weisen darauf hin, dass Plattformen wie Google Translate nicht außerhalb ihres Vorstellungshorizonts lagen. Anders als die Muttersprachen des 16. Jahrhunderts waren diese Einsprachigkeiten ›too big to fail‹. Heim, Boden, Familienliebe, Herkunft, mütterliche Zuwendung und der Begriff der Nation reichten nicht aus, um die Erfindung der Einsprachigkeit zu motivieren. Seit ihrer Erfindung im 17. Jahrhundert wurde die Einsprachigkeit vielmehr zum grundlegenden Katalysator der europäischen Aufklärung, der Massenalphabetisierung, des organisierten Absolutismus und des Anti-Absolutismus sowie zum Medium von Bevölkerungen, die ihre Regierungen und Gesetze verstehen können wollten; zur Voraussetzung für die Etablierung akademischer Fachbereiche, koordinierter und liberaler Marktwirtschaften, gewisser Formen der internationalen Solidarität und schließlich des globalen Datentransfers. In ihrer bescheidenen Weise vermochte es die Einsprachigkeit, zur Basis für einen enormen Überbau ästhetischer und epistemischer Paradigmen zu avancieren, denen man sich nur schwer entziehen kann – einschließlich des modernen Buchs, wie wir es kennen, und eines Kanons der Weltliteratur, der das einsprachige (übersetzte oder übersetzbare) Buch als Grundeinheit verwendet. Auch in den bilderstürmerischsten Bereichen der kulturellen Produktion – sei es im Surrealismus, in der Dekonstruktion, in der Kybernetik oder im Anarchismus – spielt die Einsprachigkeit eine zentrale Rolle. Sie bestimmt, was verlässlich kommuniziert, verkehrsfähig übersetzt, politisch operationalisiert, international verteilt und auch privat im Gedächtnis behalten werden kann.

d) Literarische und andere Mehrsprachigkeiten

Wenn wir uns trotz des historischen Erbes der Einsprachigkeit nach Mehrsprachigkeit in der Literatur erkundigen, tendieren wir bislang eher dazu, sie in der experimentellen Prosa von Fräulein Else (Arthur SchnitzlerSchnitzler, Arthur), In Between (Christine Brooke-RoseBrooke-Rose, Christine) oder Simultan (Ingeborg BachmannBachmann, Ingeborg) zu suchen, wo das intratextuelle Code-Switching ein allgegenwärtiger literarischer Kniff ist. Solche Texte sind der dynamische Schauplatz einer mehrsprachigen Stilistik der Literatur und bieten mehr als nur die schmückende Einfügung gelegentlicher Fremdworte. Manche Literaturwissenschaftler, die sich für Mehrsprachigkeit interessieren, bevorzugen zwar die Arbeit an solchen Texten, die ihre poetischen Ressourcen textinterner Mehrsprachigkeit widmen. Beispielsweise möchte Manfred SchmelingSchmeling, Manfred den Begriff Mehrsprachigkeit »nicht auf Autoren« beziehen, »die mehrere Sprachen sprechen und trotzdem ihre konkreten Texte monolingual gestalten« (»Multilingualität und Interkulturalität«, 221–235), sondern ausschließlich auf literarische Texte selbst. SchmelingSchmeling, Manfreds Ansatz spielt so aber die eher rigiden Beschränkungen der Einsprachigkeit eher herunter, die der heteroglotten Differenzierung ›der Sprachen‹ eines konkreten Textes vorangehen.

Die Ausblendung der Beziehung, die zwischen ›einsprachigen‹ und/oder ›mehrsprachigen‹ Texten und ihren wie-auch-immer-sprachigen Autoren und Lesern besteht, kann allerdings dem Phänomen der literarischen Mehrsprachigkeit kaum gerecht werden, denn zumindest die moderne Literatur – das Terrain, dem sich die meisten nationalphilologischen Curricula widmen – beruht auf der beständigen und konsequenten Nichtübereinstimmung zwischen den Texten und der mehrsprachigen Welt. Letzten Endes ist spätestens seit Ende des 18. Jahrhunderts das ›Buch‹ einer der einsprachigsten Gegenstände, die je erfunden wurden. Alle Sprecher (auch die angeblich ›einsprachigen‹) und alle Kulturen, Gemeinschaften, Gesellschaften oder Institutionen (auch die dogmatischsten) sind faktisch mehrsprachiger als die sprachlich heterogensten Romane. Auch mit seinen vielen Seiten auf Französisch weist Thomas MannMann, Thomass Der Zauberberg extrem monolingualisierende Tendenzen in Lexik, Syntax, Stilistik und Diskurs auf. Daraus lässt sich schließen, dass die moderne Literatur eine Hochburg der Einsprachigkeit ist. Insofern die Höhenkammliteratur bis vor ungefähr drei Jahrzehnten als Verkörperung des nationalsprachlichen Stils galt, konnte die Paarung von (nationaler) Literatur und (nationaler) Einsprachigkeit, auch in ihrer nur scheinbaren Relativierung durch komparatistische Ansätze, kaum als umstritten gelten.

Dennoch ist das Bild einer flexiblen und gewissermaßen ›föderativen‹ Optimierung der vielen Einsprachigkeiten so visionär und optimistisch wie zugleich unmöglich und weltfremd. Mit Recht insistieren Philologen wie Sprachwissenschaftler darauf, dass Einsprachigkeit weder logisch noch phänomenal existieren kann. Mehrsprachigkeit, Zweisprachigkeit und Einsprachigkeit sind demnach lediglich die bescheidenen positivistischen Heuristika, deren sich Forschungstraditionen und Realpolitik bedienen, um mit der verblüffenden Unüberschaubarkeit der menschlichen Kommunikationstätigkeit umgehen zu können. Irgendwann, so das Argument, werden wir vielleicht eine Begrifflichkeit entwickeln, die den minutiösen Details von Sprachdifferenzen konzeptionell und technisch angemessen begegnet.

Problematisch an diesem Ansatz ist allerdings nicht nur, dass die Welt nicht auf eine solche adäquat nuancierte Begrifflichkeit wartet, sondern, dass ›Einsprachigkeit‹ und ›Mehrsprachigkeit‹ keine rein wissenschaftlichen Begriffe (mehr) sind. Sie finden vielmehr Verwendung in der Gesetzgebung, in sozialpolitischen Regelungen, in Staatsangehörigkeitsverfahren und wahlpolitischen Initiativen, die das normative Modell etwa des europäischen Bürgers neu bestimmen möchten. Diese Entwicklung gilt weniger nationalistischen Parteiprogrammen, die immer schon gerne auf Sprachpurismus oder linguistisch codierte Xenophobie zurückgreifen, um Heimatstreue zu demonstrieren oder ›ihre‹ Wählerschaft wegen immanenter Überfremdung wachzurütteln. Vielmehr hat man in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Sprachigkeit als technokratisches Werkzeug entdeckt, mittels dessen bestimmte Formen von Zivilgesellschaft befördert oder überhaupt erst erzeugt werden können. Im Zuge der Implementierung des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen, der die Mehrheit der europäischen Bürger auf dreisprachige Kompetenz verpflichten möchte, entdecken viele Europäer, dass ihre eigene linguistische Subjektivität demnächst implizit oder explizit als unterdurchschnittlich gelten wird (Pitkänen-HuhtaPitkänen-Huhta, Anne/HujoHujo, Marja, »Experiencing Multilingualism«). Eine spezifische Auffassung von Mehrsprachigkeit ist so quasi gesetzlich für den Bildungsroman des europäischen Werdegangs vorgesehen.

Es ist nicht nur deswegen nötig, die außerliterarische Verwendung der Begriffe Ein- und Mehrsprachigkeit zu berücksichtigen, weil sich Literatur immer irgendwie historisch, ideologisch und ästhetisch auf ihre zeitgenössische Umgebung bezieht. Denn die kritische Spannung zwischen literarischen Texten einerseits und alltäglichen Sprachstilen, umgangssprachlichen Rhetoriken und Registern oder soziolinguistischen Normen andererseits steht nicht schlicht in Analogie zur Beziehung zwischen Literatur und Mehrsprachigkeit. Natürlich sind diese zwei Gegensätze Literatur vs. Welt und Literatur vs. Alltagssprache nicht nur für die aktuelle Literaturwissenschaft wichtig, sondern sie konstituieren teilweise auch historisch die Literatur-(Mehr-)Sprachigkeit. Allerdings verhält sich Literatur zu Mehrsprachigkeit auf äußerst einzigartige und widerständige Weise, denn beide konkurrieren in ihrem Einsatz mit Blick auf die Evozierbarkeit, Repräsentierbarkeit und Bedeutsamkeit der Welt. Grob formuliert verlässt sich der Einsatz der Mehrsprachigkeit auf die ökologische Zerstreuung symbolischer Koppelungen in Tausende von Sprachen und Varietäten, wohingegen es der Einsatz der Literatur auf die essenzielle Tiefe eines als Einheit wahrnehmbaren Sprachsystems anlegt, nicht unbedingt mit der Absicht, eine abschließende Erfassung der Welt zu liefern, aber doch mit Blick auf eine politisch, ästhetisch und sozial holistische Begegnung mit ihr.

Beide Haltungen – die der einsprachigen Literatur und die der mehrsprachigen Welt – sind in sich unanfechtbar und untadelig; beide bieten anthropologisch tragfähige Verfahren von Kreativität an. Im ersten Fall erzeugen jeweils unterschiedliche Gemeinschaften qua Übersetzung eine kooperative Epistemologie und konstituieren die Welt dementsprechend jeweils mnemotechnisch und sozial partiell; im zweiten Fall werden die Heteroglossien des täglichen Sprachgebrauchs kombiniert, erweitert, ausgewechselt, verschärft und nebeneinandergestellt. Beide Verfahren – die sich natürlich in der Praxis nie gegenseitig ausschließen müssen – gehen von einem vorpolitischen In-der-Welt-Sein aus. Wenn Sprachen sich nicht hätten allgemein setzen können, würden auf Dauer keine Sprachen existieren. Die Vorstellung, eine Sprache als solche solle und könne dem ihr inhärenten universalisierenden Ethnozentrismus entgehen, ihn sozusagen verlernen, die Vorstellung, die Sprache an sich könne interkultureller oder benutzerfreundlicher werden, überträgt der Sprache politische und moralische Aufgaben, zu deren Erfüllung sie sich schlicht nicht eignet. In der Tat ist der Versuch, Sprachen zugänglicher und übersetzbarer werden zu lassen, ein seltsam moderner Zwang, von dem noch nicht sicher ist, ob er sich ideologisch auf Einsprachigkeit oder Mehrsprachigkeit zurückführen lässt.

Literatur

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4. Sprache als Medium von (Des-)Integration

Jörg Roche

a) Grundbegriffe: Leitsprachigkeit, Quersprachigkeit und Mehrsprachigkeit

Sowohl Einsprachigkeit als auch Mehrsprachigkeit können kulturell und gesellschaftlich integrativ fungieren bzw. politisch mit Blick auf Integration instrumentalisiert werden: Unter mittelalterlichen literati ist Latein das Integrationsmedium, in Luxemburger Schulklassen eine (orale) Mehrsprachigkeit, die mindestens Luxemburgisch, Deutsch und Französisch umfasst. Die Frage, wie genau welche Sprache(n) wo und wann Medium der Integration oder eben der Desintegration sind, hat daher entscheidenden Einfluss auf das Verständnis mehrsprachiger Literatur.

Fragen der gesellschaftlichen und kulturellen Integration werden in der Forschung in erster Linie, aber bei weitem nicht ausschließlich, mit Blick auf die Integration von Migranten in westliche Gesellschaften untersucht. Denkbar sind aber sehr unterschiedliche Konstellationen sprachlich-kultureller Integration. Im Folgenden geht es weitgehend um solche Konstellationen, die in der Gegenwart oder der jüngsten Vergangenheit beobachtet werden können. Historische Studien zum Zusammenhang von Sprache und Integration sind relativ selten.

Die Beherrschung einer Nationalsprache gilt verbreitet als Ziel und Beleg gelungener Integration in eine Gesellschaft. Dieser politisch gewollten »Leitsprachigkeit« steht aber die natürliche Variabilität der Sprachen und die Mehrsprachigkeit der Sprecherinnen und Sprecher entgegen. Mario WandruszkaWandruszka, Mario (Die Mehrsprachigkeit des Menschen) bezeichnet sie als ›innere Mehrsprachigkeit‹. Sie entwickelt sich zeitlebens mit dem Erschließen neuer Lebens- und Arbeitsbereiche weiter, obwohl gesellschaftliche Sanktionen und mangelnde Förderung in den frühen Lebensjahren nicht selten ihre volle Entfaltung behindern. Zu den Dimensionen des Variationskontinuums der inneren Mehrsprachigkeit gehören diatopische, diastratische, diasituative, diaphasische, mediale, modale, adaptive, pragmatische und andere mehr. Die Beherrschung der jeweils relevanten Umgebungssprache, auch wenn diese von den Normen der Leitsprache abweicht, ist das eigentliche Symbol gelungener Integration. Eine »quersprachige Kompetenz« besitzen Gudula List (»Eigen-, Fremd- und Quersprachigkeit«, 133) zufolge diejenigen, die in unterschiedlichen Umgebungen integriert sind und zwischen den Umgebungen wechseln und deren Symbolsysteme gegebenenfalls mischen können.

b) Wertschätzung und Wertschöpfung: Sprache als kulturelles Kapital

Die Vorstellung von Sprache als gesellschaftlichem ›Produktionsmittel‹, als entscheidendem ›Kapital‹ zur Erschließung sozialer und wirtschaftlicher Potentiale, geht auf Pierre BourdieuBourdieu, Pierre zurück (BohnBohn, Cornelia/HahnHahn, Alois, »Pierre BourdieuBourdieu, Pierre«). Die herkömmliche Vorstellung von Kapital als materiell-ökonomischer Größe wird damit um weitere Kapitalformen ergänzt, unter anderen um das Konzept des kulturellen Kapitals. Das kulturelle Kapital umfasst die inkorporierten Wissensbestände (inklusive der Sprachenkenntnisse), die Mehrwerte erzeugen können, und zwar entweder durch die Anreicherung weiteren Wissens (kulturellen Kapitals) oder durch die Transformation dieses Kapitals in andere Kapitalformen. Diese Modellvorstellung ist hilfreich, um die strukturelle Beschaffenheit einiger typischer Zugangsprobleme von Migranten zur gesellschaftlichen Teilhabe darzustellen. Die Transformationsmöglichkeiten für bestimmte Kapitalformen sind nicht beliebig, sondern von den vorliegenden Macht- und Herrschaftsstrukturen einer jeweiligen Gesellschaft abhängig. Typisch für die Situation von Migranten ist es daher, dass sie einen großen Anteil ihres kulturellen Kapitals für Transformationen nicht einsetzen können, obwohl das Kapitalvolumen an sich einen beträchtlichen Umfang aufweisen kann. Das liegt daran, dass die entsprechenden sprachgebundenen Bestandteile ihres kulturellen Kapitals in der Zielgesellschaft als nicht konvertierbar – also integrierbar – gelten, die Migranten aber andererseits nicht ausreichend über die integrierbaren Kapitalformen der Zielkultur verfügen.

Wohin dieses Dilemma bei Zuwanderern führt, illustriert Katharina BrizićBrizić, Katharina (»Ressource Familiensprache«) anhand einer exemplarischen Studie zur Mehrsprachigkeit von Kurden in Österreich. Dabei zeigt sich, dass die autochthonen Sprecherinnen und Sprecher des Kurdischen zwar Kurdisch als ihre Muttersprache nennen, sie aber selbst abwertend einstufen, da sie für die Sprache in ihrer neuen Umgebung (Wien) außerhalb der Familie kaum kommunikative Funktionen oder Konvertierbarkeit erkennen. Sie empfinden sie selbst als nicht integrierbar oder nicht integrationswürdig. Diese Art der Selbstexklusion in Bezug auf die eigene Sprachkompetenz oder Verwendungsabsicht, die individuelle und gesellschaftliche Ambivalenz in der Bewertung des Nutzens oder die Einschätzung der vermeintlichen Nutzlosigkeit einer Sprache sowie die negative Einschätzung des Sprachstatus erzeugen damit negative Wirkungen auf den Erwerb, den Gebrauch und die Weitergabe einer Sprache an die nächste Generation, die oft nur in (folkloristischer) Literatur und Musik und durch eine Besinnung auf das kulturelle Erbe korrigiert werden.

c) Sprache und Milieu

Wie stark Integration und Sprachenkenntnisse zusammenhängen, zeigt am deutlichsten die Sinus-Studie (Migranten-Milieus in Deutschland) in einer differenzierten Milieulandschaft auf. Die insgesamt acht Migranten-Milieus unterscheiden sich in Bezug auf den sozialen Status und die damit verbundenen Wertvorstellungen, Lebensstile und ästhetischen Vorlieben, nicht aber auf Grund ethnischer Kriterien. Die Sinus-Studie kommt zu dem Schluss, Menschen des gleichen Milieus mit unterschiedlichem Migrationshintergrund, inklusive der autochthonen deutschsprachigen Milieus, verbinde mehr miteinander als mit dem Rest ihrer Landsleute aus anderen Milieus. Der Integrationsgrad in die Zielgesellschaft ist wesentlich von der Bildung und der sozialen Herkunft abhängig: Je höher das Bildungsniveau und je urbaner die Herkunftsregion, desto leichter und besser gelingt die Integration in die Aufnahmegesellschaft und desto besser ausgeprägt sind auch die sprachlichen Kompetenzen der entsprechenden Milieus. Die Ausbreitung transnationaler Lebensweisen und die Annäherung unterschiedlicher Kulturen durch neue Kommunikationsmedien und Transporttechnologien führt zu einem Bedarf an adäquaten transkulturellen und anderssprachlichen Kommunikationsmitteln (BeckBeck, Ulrich, Generation Global, 241) und damit zu einem erhöhten Bedarf an Mitteln und Strategien zur Integration in neue Diskursgemeinschaften. Diese Integration bedeutet entsprechend den Normen und Normenspielräumen der jeweiligen innergesellschaftlichen oder internationalen Diskursgemeinschaften Erwerb, Beherrschung und Gebrauch angemessener kommunikativer Kompetenzen.

d) Monolinguale Grundorientierung und Leitkultur

Der Versuch, den differenzierten, variantenreichen Bedarf an internationaler Kommunikation, der durch die Vielfalt der pragmatischen, interkulturell geprägten Konstellationen von Sprechern/Schreibern, Hörern/Lesern und Sachverhalten potenziert wird, durch eine Ausrichtung auf monolinguale Codes in Form einer Lingua Franca zu umgehen – etwa eine natürliche oder künstliche Leitsprachigkeit –, scheint zwar basale Kommunikationsbedürfnisse abdecken zu können, führt oft aber auch zu einer intellektuellen und linguakulturellen Verarmung. Mit monolingualen und monokulturellen Normen, wie sie mit dem Englischen als dominierender Sprache der Wissenschaft und Bildung gesetzt werden, ergibt sich de facto auch eine Beschränkung und eine Zensur multiperspektivischer Wissenspotentiale, also eine erzwungene Anpassung. Diese manifestiert sich etwa in einer international sehr verbreiteten Englisch-als-einzige-Fremdsprache-Politik in den Schulen, in wissenschaftsmethodisch und sprachlich restriktiven Publikationsnormen von Zeitschriften oder einer ›English-only‹-Gutachtenpolitik der wissenschaftlichen Förderinstitutionen. Bemerkenswert daran ist, dass eine auf Monolingualität und Monokulturalität reduzierte Internationalität im Gegensatz zur mehrsprachigen und mehrkulturellen Realität oft nicht den funktionalen Kommunikationsanforderungen genügt und ironischerweise nicht selten gerade von den prominenten Akteuren propagiert wird, die die internationale Varietät selbst nicht beherrschen oder sich in ihr nur unverständlich ausdrücken können. Bereits aus früheren Zeiten ist bekannt, dass internationale Verkehrssprachen wie das Arabische, das Griechische, das Lateinische, das Deutsche, das Russische oder andere Gelehrten- und Wissenschaftssprachen meist nur für eine begrenzte Dauer bestimmte Funktionen erfüllen, sich dann aber auch zunehmend entwicklungshemmend auf die Wissenschaften auswirken.

Das internationale Modell der monolingualen Leitsprachigkeit findet ihre Parallele auch im nationalen Integrationsdiskurs. Nach diesem reduktionistischen Modell wird in deutschsprachigen Ländern der Erwerb des Deutschen als Landes- und Verkehrssprache propagiert oder auch der Versuch unternommen, Deutsch als Landessprache im Grundgesetz zu verankern. Ähnlich verfahren andere Länder mit ihren Nationalsprachen. Auch im verfassungsrechtlich zweisprachigen Kanada sehen etwa die Einwanderungsbestimmungen in Québec vor, dass sich nur diejenigen Migranten dort niederlassen dürfen, die hinreichende Französischkenntnisse nachweisen können. Außerdem schreiben rigide Sprachgesetze vor, dass alle öffentlichen Beschilderungen, z.B. auch von Geschäften, in französischer Sprache abgefasst sein müssen. Nach diesem Modell der Leitsprachigkeit soll Französisch als Mehrheitssprache in einem anglophonen Umfeld als dominante Sprache im öffentlichen Sprachgebrauch festgeschrieben und gegen den unvermeidbaren Einfluss des Englischen von außen und den quantitativ geringen, aber ethisch und ethnisch anspruchsvollen Einfluss der Cree-Sprachen von innen (First Nations) verteidigt werden. Dieses Modell wird zwar dem gesellschaftlichen Bedarf nach einer gemeinsamen, integrativen Verkehrs- und Bildungssprache gerecht, limitiert aber die mögliche Wertschöpfung aus mehrsprachigem und mehrkulturellem Kapital. Das Beispiel Finnlands illustriert jedoch, dass es entgegen dieser allgemeinen Tendenz unterschiedlich assimilative Sprachenpolitiken gibt. Während in Finnland das Schwedische als Minderheitensprache trotz eines niedrigen Bevölkerungsanteils auf eine lange Fördertradition zurückblickt, wird das Russische als Migranten-, Minderheiten- und internationale Verkehrssprache trotz hoher Sprecherzahlen weitestgehend ignoriert (vgl. StolleStolle, Anne-Katrin, »Integrationspolitik und -praxis«, zu einer Charakterisierung der unterschiedlichen Sprachenpolitiken Frankreichs, Deutschlands und Schwedens in Bezug auf eine assimilative Ausrichtung).

Etwas anders ist dagegen das Modell mehrsprachiger Leitsprachigkeit, wie es unter anderem in vielen Ländern Afrikas praktiziert wird. Dort sind Länder mit vielen gleichberechtigten Nationalsprachen nichts Ungewöhnliches (zum Beispiel 11 in Südafrika und 10 in Nigeria, von 500 dort verwendeten Sprachen). Bemerkenswert an diesem System ist jedoch, dass trotz eines dynamischen Verständnisses von Mehrsprachigkeit im Alltag die Schulsysteme der Länder Subsahara-Afrikas die traditionellen Schulsprachen Französisch, Englisch oder Portugiesisch weitgehend immer noch als Leitsprachen so vermitteln, dass sie nur schwer eine Integration des mit ihnen vermittelten Wissens in die Sprachen der autochthonen Bevölkerung erlauben. Sie werden also gar nicht als Kommunikationsmittel behandelt, wie die autochthonen Sprachen, sondern als abstraktes, meist formbasiertes Sonderwissen vermittelt. Ein drittes Modell nutzt mehr oder weniger pidginisierte Mischsprachen aus indigenem Substrat und kolonialem Superstrat, die heute oft in einer Art Diglossie neben anderen Sprachen als Verkehrssprachen stehen, als Bildungs- und Hauptsprache und für wichtige integrative Funktionen in der Alltagskommunikation. Dazu gehören etwa das Hiberno English oder das African American Vernacular English oder stärker kreolisierte Sprachen wie das Unserdeutsch in Papua-Neuguinea, das Barbadian Creole, das Réunionnais, das Rural Guyanese und die Jamaican, Belize, Haitian Creoles (WinfordWinford, Donald, »Irrealis in Sranan«, 74).

Die Frage der erfolgreichen gesellschaftlichen Integration, so die Annahme bei allen Modellen, kann dabei vergleichsweise einfach an der angemessenen Beherrschung der politisch gewünschten zielsprachlichen Haupt-Varietät(en) abgelesen werden. Folglich werden in Deutschland die mit viel Aufwand betriebenen Integrationskurse mit dieser Zielsetzung begründet und nicht die Aus- und Weiterbildung mehrsprachiger Bürger als primäre Ziele anerkannt. Gesetzliche Regelungen und Prüfungen zu Minima von Kenntnissen der Zielsprache werden daraufhin als Vorbedingung für die Einwanderung festgelegt. Bei Nichterfüllung dieser Anforderungen werden (nicht nur in Deutschland) in der Regel Zuwanderung und Arbeitserlaubnis verweigert sowie soziale Integrationsmöglichkeiten vorenthalten. Bemerkenswerterweise gilt das im Kontext der eingangs dargestellten fehlverstandenen Orientierung auf das Englische als internationaler Norm nicht in gleichem Maße für Migranten aus englischsprachigen Ländern, wie es die Befragungsstudie des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zeigt (Heß,Heß, Barbara Zuwanderung von Hochqualifizierten). Nicht selten führen aber restriktive politische Normierungen in Bezug auf die Leitsprachigkeit gerade nicht zu integrativen Effekten, sondern zu massiver Verweigerung der verordneten Zielsprache. Ganz deutlich geworden ist dies am Soweto-Aufstand im mehrsprachigen Südafrika, der sich 1976 daran entzündet hat, dass Afrikaans als einzige Bildungssprache verordnet wurde, obwohl es von großen Teilen der Bevölkerung nicht gesprochen wurde (Afrikaans Medium Decree).

e) Zur integrativen Wirkung der Literatur

Ethnolekte bilden sich als Gruppensprachen in einer fremdsprachigen Umgebung. Sie korrespondieren nicht mit den leitsprachigen Integrationsprinzipien, weil sie eine Distanz zur Leitsprache darstellen oder markieren sollen. Das Beispiel der Kanaksprak1Zaimoglu, Feridun und des Kiezdeutsch (WieseWiese, Heike/FreywaldFreywald, Ulrike/MayrMayr, Katharina, Kiezdeutsch as a Test Case, 2; WieseWiese, Heike, Kiezdeutsch) zeigt jedoch, wie ein Ethnolekt sich über die sprachkünstlerische Verdichtung zu einem Medium der Integration entwickeln kann. Die Kanaksprak lehnt sich an den Ethnolekt junger Türken an und ist als »Nachdichtung« von Adelbert von Chamisso-Preisträger Feridun ZaimogluZaimoglu, Feridun als Literatursprache geschaffen und damit einer größeren Zielgruppe zugänglich gemacht worden. Aus dem primären Ethnolekt (Kiezdeutsch) unterschiedlicher grammatischer Ausprägungen bildeten sich in der Folge sekundäre und tertiäre Formen, die mittlerweile vor allem als literarische und kabarettistische Varietäten weit über die ursprüngliche Nutzergruppe hinaus verwendet werden. Als Gruppencode sind diese Varietäten inzwischen aber auch unter vielen deutschen Jugendlichen verbreitet, die ansonsten mit dem Türkischen kaum Kontakt haben und sich damit von der Mehrheitssprache der Elterngeneration desintegrieren wollen. Zwar beherrschen die Jugendlichen neben dem politisch inkorrekten Kiezdeutsch in der Regel auch Standarddeutsch und weitere Sprachen, aber das Kiezdeutsch dient als In- oder Gruppensprache, die damit auch nicht-integrierenden Sprechern der Mehrheitssprache Möglichkeiten der Integration in die markierte Außenseitersprache gibt. Diese Beobachtungen zeigen, wie Sprecher mit der Sprache ihre Rolle in der sozialen Interaktion konstruieren und diese an ihre Gesprächspartner und die Außenwelt kommunizieren. Pia QuistQuist, Pia und Normann JørgensenJørgensen, Normann J. (»Bilingual children in monolingual schools«, 386) zeigen am dänischen Äquivalent des Kiezdeutschen, dass diese Rollenmarkierungen wechseln können und dabei selbst die ›most monolingual speakers‹ Code-Wechsel betreiben. Dieser Wechsel muss nicht situativ oder kontextuell, sondern kann auch metaphorisch sein, und die soziale Konstruktion kann ihren Ausdruck in unterschiedlicher sprachlicher Form finden. Sie kann durch syntaktische, morphologische oder phonetische Registermarkierungen unterstützt werden. QuistQuist, Pia/JørgensenJørgensen, Normann J. (»Bilingual children in monolingual schools«) illustrieren dies am Wechsel von einem labio-dentalen /w/ zu einem dentalen Verschlusslaut /v/ in dänischer Jugendsprache, durch die eine Kiezsprachen-ähnliche Identitätskonstruktion entsteht. Auch Peter AuerAuer, Peter und Inci DirimDirim, Inci (»Socio-cultural Orientation«) zeigen in ihrer Studie, wie Jugendliche in Hamburg Strategien zur Identitätskonstruktion und Markierung von Gruppenzugehörigkeiten verwenden. Dabei spielt es keine Rolle, ob die aus einer der beteiligten Sprachen entlehnten Elemente reale Wörter oder Chunks dieser Sprache sind. Sie können auch als Anlehnungen an diese Sprachen zur Markierung der Fremdsprachigkeit oder eines Identifizierungs- oder Distanzverhältnisses zu einer Sprache verwendet werden. Damit können sich Sprecher von dieser Sprache oder von einer Gruppe abgrenzen, der diese Sprache zugeordnet wird, zum Beispiel indem sie sich über die Sprache lustig machen (vgl. HinnenkampHinnenkamp, Volker, »Mixed Language Varieties of Migrant Adolescents«). Normann JørgensenJørgensen, Normann J. (»Languaging and Languagers«) nennt dieses Verfahren »Languaging« und Bernhard WächliWächli, Bernhard (Relexicalization vs. Relexification) bezeichnet den Vorgang der Neu- oder Umbenennung mittels fremdsprachiger Elemente in Anlehnung an Kreolisierungsprozesse der Relexifizierung vs. Relexicalisation. Auch als Foreignizing kann dieses Verhalten bezeichnet werden. Gerade die Genese und Dynamik der Kanaksprak belegt entgegen der Priorisierung von Leitsprachigkeit den weitreichenden, integrativen und innovativen Einfluss von Mehrsprachigkeit auf die ›Mehrheitssprache‹.

Literatur

Auer, PeterAuer, Peter/Inci DirimDirim, Inci, »Socio-cultural Orientation, Urban Youth Styles and the Spontaneous Acquisition of Turkish by non-Turkish Adolescents in Germany«, in: Jannis K. AndroutsopoulosAndroutsopoulos, Jannis/Alexandra GeorgakopoulouGeorgakopoulou, Alexandra (Hrsg.), Discourse Constructions of Youth Identities, Amsterdam 2003, S. 223–246.

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Bohn, CorneliaBohn, Cornelia/Alois HahnHahn, Alois, »Pierre BourdieuBourdieu, Pierre (1930–2002)«, in: Dirk KäslerKäsler, Dirk (Hrsg.), Klassiker der Soziologie, München 2007, S. 289–310.

Brizić, KatharinaBrizić, Katharina, »Ressource Familiensprache. Eine soziolinguistische Untersuchung zum Bildungserfolg in der Migration«, in: Karen SchrammSchramm, Karen/Christoph SchroederSchroeder, Christoph (Hrsg.), Empirische Zugänge zu Sprachförderung und Spracherwerb in Deutsch als Zweitsprache, Münster 2009, S. 23–42.

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Winford, DonaldWinford, Donald, »Irrealis in Sranan: Mood and Modality in a Radical Creole«, in: Journal of Pidgin and Creole Languages 15.1 (2000), S. 63–125.

5. Ethik der Mehrsprachigkeit

Arvi Sepp

a) Ethik und Mehrsprachigkeit

Die Welt als sinnhaltiger Ort ist immer zeichenhaft und dabei insbesondere sprachlich vermittelt. Die Andersartigkeit der Anderen in der Welt auf dem Weg über Zeichenprozesse zu verstehen und zu berücksichtigen, ist daher die Herausforderung jeder Ethik. Das Interesse für eine Hermeneutik der Differenz und der Fremdheit, die in der sprachlichen Pluralität literarischer Texte artikuliert wird, steht seit dem cultural turn im Mittelpunkt der Literatur- und Übersetzungswissenschaften (RadaelliRadaelli, Giulia, Literarische Mehrsprachigkeit, 19). Eine kommunikative Ethik des Gesprächs, des Sich-Verstehen-Wollens als einer Übersetzung, macht beispielsweise Zafer ŞenocakŞenocak, Zafer geltend: »Jedes Gespräch, das mehr sein möchte als ein Zusammentreffen von Monologen, ist Übersetzung« (ŞenocakŞenocak, Zafer, Deutschsein, 17). Um den Anderen zu verstehen, muss man sich auf dessen Wahrheitssinn einlassen, und dieses Verstehen ist immer sprachbedingt, wie Hans-Georg GadamerGadamer, Hans-Georg in Wahrheit und Methode, seiner sprachphilosophischen Hermeneutik, hervorhebt. Sprache fungiert dementsprechend immer als »Grenzhorizont einer hermeneutischen Seinserfahrung« (StolzeStolze, Radegundis, Hermeneutik und Translation, 71), auch derjenigen des je anderen und derjenigen anderer Sprachlichkeit.

Dennoch mag die Ausformulierung einer spezifischen Ethik der Mehrsprachigkeit auf den ersten Blick problematisch erscheinen, wie Walter LeschLesch, Walter hervorhebt, »[d]enn die Vielfalt der ›natürlichen‹ Sprachen stellt ja nicht automatisch ein normatives Problem dar« (Lesch, Übersetzungen, 16). Mehrsprachigkeit kann man nämlich auch »als ein Faktum zur Kenntnis nehmen, ohne es mit irgendwelchen Werturteilen und Dimensionen des guten Lebens oder der Gerechtigkeit zu verknüpfen« (ebd.,Lesch, Walter 20). Nichtsdestotrotz ist die Funktion mehrsprachiger Literatur nicht primär pragmatischer Natur, sondern vielmehr ästhetisch und ethisch bedingt. Ihr Ziel ist eher symbolisch als realistisch: Sie symbolisiert die Varietät, den Kontakt und die Vermischung von Kulturen und Sprachen (WilsonWilson, Rita, »Cultural Mediation«, 244f.). Entsprechend wird in François OstsOst, François Arbeit Traduire. Défense et illustration du multilinguisme eine Ethik der Mehrsprachigkeit zum Standard einer gerechten Gesellschaft erhoben, die sich als dritter Weg zwischen universeller Sprache und Rückzug auf Einzelsprachen des Anderen versteht (OstOst, François, Traduire, 289). Die Auseinandersetzung mit Fragen der Mehrsprachigkeit hat also eine ausgeprägte ethische Dimension: Man wird in familiäre, ökonomische, politische und nationale Umstände hineingeboren, die die sprachliche Entwicklung und Zukunft des Individuums und der Gemeinschaft bestimmen. Der sprachliche Habitus des Sprechers umfasst voneinander nicht zu trennende technische und soziale Kompetenzen, die die Fähigkeit zu sprechen und die Fähigkeit, sich auf eine bestimmte, sozial geforderte bzw. angemessene Art und Weise zu artikulieren, determiniert. Vor diesem Hintergrund ist die sprachliche Kompetenz als Grundlage der sprachlichen Kommunikation auch immer von Herrschaft und Macht durchzogen (BourdieuBourdieu, Pierre, »Die verborgenen Mechanismen«, 81). Sprachen sind infolgedessen ein Thema für Gerechtigkeitstheorien geworden, die über die Kompensation von Ungleichheiten nachdenken. So schlägt beispielsweise Philippe Van ParijsVan Parijs, Philippe in Linguistic Justice for Europe and the World (2011) vor, Mitglieder privilegierter Sprachgemeinschaften zu besteuern, um damit so die Übersetzungen für weniger sprecherstarke Sprachen zu finanzieren, denn Übersetzungsleistungen sind an fachliche Kompetenzen und finanzielle Mittel gebunden, die ungleich verteilt sind (LeschLesch, Walter, Übersetzungen, 26). Eine ethisch vertretbare Organisation sprachlicher Diversität tritt angesichts der Dominanz des Englischen als globale Lingua Franca vermehrt in den Mittelpunkt (ebd., 23). Die schriftstellerische Wahl einer Vehikularsprache statt einer Kleinsprache hat vor diesem Hintergrund, so Georg KremnitzKremnitz, Georg, auch unmittelbar ethische Implikationen für die Auseinandersetzung zwischen sprachlich-kultureller Peripherie und Zentrum (KremnitzKremnitz, Georg, Mehrsprachigkeit in der Literatur, 202–212). Eine Ethik der Mehrsprachigkeit bezieht sich auf die Präferenz für Kommunikationssituationen, in denen man Perspektivenwechsel einüben und sich »in die Sichtweise von anderen Gesprächsteilnehmern hineinversetzen kann« (LeschLesch, Walter, Übersetzungen, 21). Hier ist die Nähe zur Diskursethik, wie sie beispielsweise von Jürgen HabermasHabermas, Jürgen vertreten wird, kaum zu übersehen. In Habermas’ Diskursethik ist jede ethische Kommunikation primär sprachlich verfasst, und aus diesem Grund müssen denn auch die sprachlichen Strukturen als Begründung und Mitteilung von Normen und Werten unter die Lupe genommen werden. Als endgültiges Moralprinzip gilt bei Habermas das diskursethische Prinzip, dass »[e]ine Norm nur dann Geltung beanspruchen« dürfe, »wenn alle von ihr möglicherweise Betroffenen als Teilnehmer eines praktischen Diskurses Einverständnis darüber erzielen (bzw. erzielen würden), daß diese Norm gilt« (HabermasHabermas, Jürgen, »Diskursethik«, 76). Die Gleichberechtigung aller Gesprächspartner, die Anerkennung des Anderen und der Möglichkeitshorizont einer sprachlich bedingten konsensorientierten Auseinandersetzung mit Normen und Werten gilt auch als ethische Grundvoraussetzung für die mehrsprachige Kommunikation in der Literatur. Die implizite Verbindung von Mehrsprachigkeit und Rechtsstaatlichkeit wird auch von LeschLesch, Walter pointiert formuliert: Eine »Ethik der Mehrsprachigkeit« ist ihm zufolge »ein leidenschaftliches Plädoyer für die Zukunftsfähigkeit rechtsstaatlicher Verhältnisse und liberaler Demokratie und gerade nicht ein Rückzug in eine elitäre Sphäre von Kultur« (LeschLesch, Walter, Übersetzungen, 28).

Jeder Ethik der Mehrsprachigkeit liegt indes auch eine fundamentale Aporie zugrunde: Die prinzipielle Wertschätzung sprachlicher Diversität widerspricht der ethischen Zielsetzung kommunikativer Verständigung. Es ist aus ethischer Perspektive einerseits notwendig, den Muttersprachendiskurs zu dekonstruieren, da dieser die Öffnung auf den Anderen und seine Sprachigkeit verhindert; andererseits ist es notwendig, die Muttersprachensemantik zu unterstützen, da sie emanzipatorische Kraft hat und gesellschaftliche Differenzen aufzulösen sucht. So weist Danièle SallenaveSallenave, Danièle in À quoi sert la littérature? darauf hin, dass in Frankreich eine möglichst einwandfreie Beherrschung der Standardsprache durch alle Bevölkerungsgruppen ein ethisches Hauptanliegen der Republik sei: »La langue est une arme. Il est criminel d’en priver ceux qui en ont le plus besoin.«1 (SallenaveSallenave, Danièle, À quoi sert la littérature?, 48) Diese emanzipatorische Sicht auf die Nationalsprache gilt auch – obschon ex negativo – für den gesamten arabischen Sprachraum, dessen Einwohner weitgehend der Ansicht sind, dass ihnen eine tatsächliche Muttersprache fehlt. Der niederländisch-marokkanische Autor Fouad LarouiLaroui, Fouad zum Beispiel betont vor diesem Hintergrund, dass das klassische Arabisch genauso wenig wie das Französische Sprachen der marokkanischen Nation sind. Aus dieser Tatsache folgt auch die Unmöglichkeit, eine marokkanische Nationalliteratur zu etablieren: »The Moroccan writer uses the language of the Other or the language of others: either way, it’s mission impossible.« (LarouiLaroui, Fouad, »A Case of ›Fake Monolingualism‹«, 43)

Im vorliegenden Artikel wird aus zwei Perspektiven ein Licht auf die Ethik der Mehrsprachigkeit geworfen. Zum einen steht das Verhältnis zwischen Alterität und Sprachreflexivität im Vordergrund, zum anderen wird die ethische Bedeutung der Übersetzung erläutert. Die Mehrsprachigkeit in der Literatur ist oft ein Zeichen für eine hohe Sprachreflexivität, die die Kontingenz sprachlicher Regelsysteme beleuchtet (RadaelliRadaelli, Giulia, Literarische Mehrsprachigkeit, 38). Durch die Hervorhebung der Arbitrarität sowie der Referenzlosigkeit der Sprachzeichen wird die Idee des ›Sprachbesitzes‹ einer dekonstruktiven Kritik unterzogen. Die Sprache kommt immer schon vom Anderen, was im Endeffekt dazu führt, dass der Unterschied zwischen Mutter- und Fremdsprache in der mehrsprachigen Literatur oft relativiert wird (HeimböckelHeimböckel, Dieter, »Einsprachigkeit – Sprachkritik – Mehrsprachigkeit«, 142; SabischSabisch, Andrea, Inszenierung der Suche, 56). Der Übersetzung als analytischer Kategorie, theoretischem Konzept und sprachlicher Praxis kommt in der Auseinandersetzung mit Mehrsprachigkeit und Ethik eine besondere Bedeutung zu. Im Zuge der kulturellen Wende in der Literatur- und Kulturwissenschaft ist die Übersetzung als Medium fremder Kulturen und interkultureller Kommunikation sowie auch als Dekonstruktion der Ideologie der Muttersprache vermehrt in den Blick gerückt worden (BaumannBaumann, Uwe, »Übersetzungstheorien«, 679). Angesichts der Vielfalt der Lebenswelten im Zeitalter der Globalisierung ist die Auseinandersetzung mit Fragen der Übersetzbarkeit und Unübersetzbarkeit von ethischer Bedeutung, weil die fundamentale Aporie einer Ethik der Mehrsprachigkeit, ihre »unmöglich[e] Notwendigkeit« bzw. »notwendig[e] Unmöglichkeit« (MartynMartyn, David, »Unmögliche Notwendigkeit«) in ihr in besonderem Maße aufleuchtet. Auf der einen Seite dient die Übersetzung der intersubjektiven Kommunikation: »[I]t is as objects of communication that texts, any text, can be subjected to translation. All translations, in this sense, are communicative acts.« (NeubertNeubert, Albrecht, »Some of Peter Newmark’sNewmark, Peter Translation Categories Revisited«, 71) Auf der anderen Seite macht die Übersetzung, wie Michael WetzelWetzel, Michael betont, das Fehlen eines Eins-zu-Eins-Verhältnisses zwischen Ausgangs- und Zielkultur offensichtlich und somit auch die Einzigartigkeit und Fremdheit jeder einzelnen Sprache: »Das Monitum der Unübersetzbarkeit fordert auch die Achtung der anderen Sprachen als Sprachen der anderen in ihrer Einzigartigkeit, die sich nicht übertragen, in ihrer Fremdheit reduzieren läßt.« (WetzelWetzel, Michael, »Alienationen«, 154)

b) Alterität und Sprachreflexivität

Rainier GrutmanGrutman, Rainier definiert literarische »Mehrsprachigkeit« als »the use of two or more languages within the same text« (Grutman, »Multilingualism«, 183). Die sprachliche Differenz in der Literatur kann auch durch eine »sprachliche Binnenfremdheit« inszeniert werden (PasewalckPasewalck, Silke, »›Als lebte ich …‹«, 389). Anknüpfend an Michail M. BachtinBachtin, Michail M.s Konzept der Polyphonie lässt sich literarische Mehrsprachigkeit auch mit gesellschaftlichen Sprachdifferenzen und Redevielfalt verbinden. Dabei handelt es sich nicht nur um Sprachmischung, sondern an erster Stelle um verschiedene Diskurse, Ideolekte, Soziolekte sowie auch Dialekte und historische Varietäten einer Sprache, deren Zusammenspiel Grutman (1997) in seiner Arbeit zum Roman in Québec im 19. Jahrhundert als »Heterolingualismus« bezeichnet hat (GrutmanGrutman, Rainier, Des langues qui résonnent). Diese heterolingualen Differenzen im Text können Sprecherdifferenzen entsprechen (Bourdieu, »Die verborgenen Mechanismen«), indem die soziale und kulturelle Verortung der jeweiligen Sprecher zum Ausdruck gebracht wird (Dembeck, »Für eine Philologie der Mehrsprachigkeit«, 28). BachtinBachtin, Michail M. bestimmt den Roman als inhärent mehrsprachige Gattung. In seiner Arbeit über DostojewskiDostojewski, Fjodor Michailowitsch unterstreicht Bachtin die »karnevalistische Ambivalenz« des Romans (Bachtin, Probleme der Poetik Dostoevskijs, 141). Die Polyphonie, die aus dieser Ambivalenz hervorgeht, stellt die Einheit des Subjekts in Frage, diskursive Einheit wird ausgeschlossen und dadurch der »ideologisch[e] Monolog« zerstört (ebd.Bachtin, Michail M., 354f.). Die Ethik der Mehrsprachigkeit in der Literatur verabschiedet dabei nicht die Einsprachigkeit, denn ausgehend von den verschiedenen Einzelsprachen kann Wesentliches über das abstrakte System der Sprache ausgesagt werden (RadaelliRadaelli, Giulia, Literarische Mehrsprachigkeit, 16). Die durch Standardisierung zustande gekommene Einheit der nationalen Einzelsprachen wird spätestens im 19. Jahrhundert als eine Form von symbolischer Reinheit aufgefasst. Sie verkörpern somit etwas, das vorher nur den Heiligen Sprachen vorbehalten war (Dembeck, »Für eine Philologie der Mehrsprachigkeit«, 23). Diesen säkularisierten Sprachen kommt damit eine kulturkonstitutive Rolle zu, die eng an die Auffassung des ›Besitzes‹ der Muttersprache geknüpft ist. Johann Gottfried HerderHerder, Johann Gottfrieds ›Muttersprachenpoetik‹ etwa setzt voraus, dass der Mensch nur eine Sprache hat und dass diese Sprache den Muttersprachlern gehört. In diesem Sinne wird davon ausgegangen, dass ein Sprecher nur durch seine Muttersprache seine wahre Identität zum Ausdruck bringen könne, während zugleich nur dank des Muttersprachlers das Wesen dieser Sprache in Erscheinung treten kann (MartynMartyn, David, »Es gab keine Mehrsprachigkeit«, 45). Gleichzeitig sind Muttersprache und Fremdsprache jedoch dadurch unlöslich miteinander verbunden, dass die Fremdsprache die zentrale Stelle der Muttersprache in der Sprachenhierarchie des 19. Jahrhunderts etabliert und ihr stets untergeordnet wird (ebd., 44). Johann Wolfgang von GoetheGoethe, Johann Wolfgang von vertritt nicht nur das traditionsreiche Argument, dass Dichten nur in der Muttersprache möglich bzw. erwünscht sei, sondern führt auch an, dass Literatur, auch in der Muttersprache, per se immer ein Medium fremder bzw. verfremdeter Sprache sei. Die Verbindung von Fremdheit und Eigenheit in der Muttersprache wird bis heute von vielen anderen Autoren hervorgehoben, wie beispielsweise auch von Herta MüllerMüller, Herta. In Heimat ist das, was gesprochen wird stellt Müller dar, wie gerade die ›eigene‹ Sprache prinzipiell von ›fremden‹ Elementen durchsetzt ist: »Es tut keiner Muttersprache weh, wenn ihre Zufälligkeiten im Geschau anderer Sprachen sichtbar werden. Im Gegenteil, die eigene Sprache vor die Augen einer anderen zu halten, führt zu einem durch und durch beglaubigten Verhältnis, zu einer unangestrengten Liebe.« (MüllerMüller, Herta, Heimat ist, 21) Auch Walter BenjaminBenjamin, Walter hebt in »Die Aufgabe des Übersetzers« hervor, dass erst im Bewusstsein der Kontraste zwischen den Sprachen ihr originäres Verwandtschaftsverhältnis zwischen einander offensichtlich wird, das sich in der Unvollständigkeit der einzelnen Sprachen und der Notwendigkeit ihrer Ergänzung durch andere artikuliert (BenjaminBenjamin, Walter, »Die Aufgabe des Übersetzers«, 19).

Die Verarbeitung sprachlicher Differenzen in der Literatur bedeutet oft zugleich auch die Demontage einer nationalstaatlichen Sprachideologie und die Hervorhebung sprachlich-kultureller Grenzüberschreitungen im Text. In Gilles DeleuzesDeleuze, Gilles und Félix GuattariGuattari, Félixs KafkaKafka, Franz. Pour une littérature mineure (1975) wird darauf hingewiesen, wie KafkaKafka, Franz, als tschechischer, deutschsprachiger Jude, in seinen literarischen Texten fremdsprachliche – tschechische, jiddische – Elemente aufnimmt (MontandonMontandon, Alain, Désirs d’hospitalité, 245–259; RadaelliRadaelli, Giulia, Literarische Mehrsprachigkeit, 34). Vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs und des Nationalismus in Europa wird auch in der historischen Avantgarde die Verbindung von Nationalsprache und Kollektividentität radikal in Frage gestellt. Die internationale DADA-Bewegung führt den Nationalismus ad absurdum, indem sie ihre Performances bewusst mehrsprachig gestaltet und zugleich die vorgebliche ›Reinheit‹ der Einzelsprachen dekonstruiert, dadurch dass sie sie durch ein kindliches, prärationales Idiom ersetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Rechtfertigung der ›Treue‹ zur deutschen Sprache bei Exilanten bzw. Opfern des Nationalsozialismus wie Paul CelanCelan, Paul, Thomas MannMann, Thomas und Theodor W. AdornoAdorno, Theodor W. oft Anlass für eine Auseinandersetzung mit der NS-Sprache und ihrer gewalttätigen Dimension gegeben (RadaelliRadaelli, Giulia, Literarische Mehrsprachigkeit, 35–38). In Terézia MoraMora, Terézias Roman Alle Tage wird dem Leser aus transnationaler Perspektive vor Augen geführt, welche ethischen Implikationen die Orientierung am Einsprachigkeitspostulat der ›Leitkultur‹ beinhalten kann. Im Exil verliert der Migrant Abel Nema nach einem Überfall seine Erinnerungen: »Die Amnesie hat sich bestätigt, er erinnert sich an nichts mehr, wenn man ihm sagt, was man über ihn weiß, sein Name sei Abel Nema, er sei aus dem und dem Land gekommen, und habe einst ein Dutzend Sprachen gesprochen, übersetzt, gedolmetscht, schüttelt er höflichverzeihend-ungläubig den Kopf.«1Mora, Terézia Die physische Gewalt gegen den Einwanderer führt nicht nur zur Aphasie, sondern auch zur Amnesie. Er spricht letztendlich nur noch in der Landessprache, und dies am besten in höchst verkürzter und somit vereinfachter Form. Der Preis für die gewaltsame Assimilation scheint das Vergessen der eigenen Identität, Herkunft und Mehrsprachigkeit zu sein. Die Ethik der Mehrsprachigkeit wird auf diese Weise durch die Einsprachigkeit der Assimilation zunichte gemacht (TatascioreTatasciore, Claudia, Con la lingua, contro la lingua, 137–156). Terézia MoraMora, Terézias Dekonstruktion der nationalpolitischen Ideologie der Einzelsprachen zeigt, wie die Mehrsprachigkeit sowohl mit ihrem Begegnungs- als auch mit ihrem Konfliktpotential als gezielte Einmischung in gesellschaftliche Verständigungsprozesse literarisch inszeniert wird (LeschLesch, Walter, Übersetzungen, 423). In der postkolonialen Literatur kann die übernommene Kolonialsprache paradoxerweise auch als Idiom der Emanzipation bzw. Subversion benutzt werden, wie dies nicht nur in der britischen postkolonialen Literatur beobachtet werden kann, sondern es auch des Öfteren in der frankophonen maghrebinischen Literatur der Fall ist. Der algerische Schriftsteller Kateb YacineYacine, Kateb bezeichnet das Französische vor diesem Hintergrund daher auch als eine »Kriegsbeute«, als »butin de guerre«,2Yacine, Kateb um auf Französisch dem französischen Lesepublikum zu sagen, er sei explizit nicht französisch. In einem Interview behauptet die französisch-algerische Autorin Malika MokeddemMokeddem, Malika, die arabischen Wörter in ihren französischen Texten hätten eine politische Bedeutung, da sie in und mit ihrer sprachlich hybriden Literatur »coloniser le français«3 wolle (Mokeddem in HelmHelm, Yolande Aline, Malika MokeddemMokeddem, Malika, 29). Nicht nur in der postkolonialen Literatur, sondern auch im Wissenschaftsdiskurs der postkolonialen Literaturtheorie kommt der Hybridisierung der ehemaligen Kolonialsprache eine wichtige ethische Rolle zu. So bemüht sich Gayatri Chakravorty SpivakSpivak, Gayatri Chakravorty, in ihren Werken das Englische durch das Bengalische zu bereichern. Sie fasst es, vor allem dann, wenn man in einer postkolonialen Fremdsprache schreibt, als eine ethische Verantwortung auf, aus der Muttersprache zu schöpfen, um die ›Ziel‹-Sprache durch das ethische Konzept des ›matririn‹ (Mutterschuld) zu hybridisieren (SpivakSpivak, Gayatri Chakravorty, »Translation as Culture«, 14f.).

Die ausgeprägte Sprachreflexivität in der mehrsprachigen Literatur, die mit einer Betonung der fundamentalen Polysemie sprachlicher Äußerungen einhergeht, hat insoweit eine ethische Dimension, als sie die Mehrgleisigkeit des Denkens und somit auch die Vielfältigkeit menschlichen Zusammenlebens vor Augen führen kann. In der Sprachkritik, wie man sie beispielsweise bei Autoren wie Yoko TawadaTawada, Yoko oder Philosophen wie Jacques DerridaDerrida, Jacques vorfindet, wird die Vorstellung von Sprache als ›Besitz‹ immer wieder neu ad absurdum geführt. Jenseits des ›Einsprachigkeitsparadigmas‹ spricht Yasemin YildizYildiz, Yasemin in Beyond the Mother Tongue (2012) von einer »postmonolingual condition«, in der man sich derzeit befinde. In Le monolinguisme de l’autre (1996) stellt DerridaDerrida, Jacques im Begriff ›Muttersprache‹ den Bezug zwischen Geburt und Blut auf der einen Seite und Sprache auf der anderen Seite in Frage. Auch Giorgio AgambenAgamben, Giorgio weist in Mittel ohne Zweck auf die Verquickung von ›factum loquendi‹ und ›factum pluralitatis‹ als seit der Romantik von Sprach- und Politikwissenschaft vorausgesetzte Fiktionen hin. Das Verhältnis von Sprache und Gemeinschaft, die im nationalstaatlichen Kontext unhinterfragt aufeinander bezogen werden, wird von Agamben dekonstruiert, indem die grundsätzliche und indefinite Fremdheit von »Sprache« und »Volk« in den Mittelpunkt gerückt wird: »Die Relation Zigeuner-argot stellt diese Entsprechung im gleichen Moment, da sie sie parodistisch übernimmt, radikal in Frage. Die Zigeuner verhalten sich zum Volk, wie der argot sich zur Sprache verhält; aber in dem kurzen Moment, den die Analogie andauert, lässt sie ein Schlaglicht fallen auf die Wahrheit, die zu verdecken die Entsprechung Sprache-Volk insgeheim angelegt war: Alle Völker sind Banden und ›coquilles‹, alle Sprachen sind Jargons und ›argot‹.« (AgambenAgamben, Giorgio, Mittel ohne Zweck, 68) Wenn das Fremde jeder Sprache prinzipiell eingeschrieben ist, dann ist demzufolge jede Sprache bereits eine Übersetzung, »keine ursprünglich natürliche, sondern eine ursprünglich kultivierte, überbaute Sprache« (HaverkampHaverkamp, Anselm, »Zwischen den Sprachen«, 9). Illustrieren kann das auch ein Brief von Klaus MannMann, Klaus vom 18.2.1949 aus dem amerikanischen Exil an Herbert SchlüterSchlüter, Herbert; ein Brief, in dem Mann hervorhebt, wie der deutsch-englische Bilingualismus seine ursprüngliche Idee einer lebenslänglichen Beheimatung in der ›Muttersprache‹ erschüttert habe: »Damals hatte ich eine Sprache, in der ich mich recht flink auszudrücken vermochte; jetzt stocke ich in zwei Zungen. Im Englischen werde ich wohl nie ganz so zuhause sein, wie ich es im Deutschen war – aber wohl nicht mehr bin …«4Mann, KlausGregor-Dellin, Martin Die Mehrsprachigkeit dekonstruiert somit die Auffassung der Ursprünglichkeit bzw. Natürlichkeit der Erstsprache, wie dies auch Thomas Paul BonfiglioBonfiglio, Thomas Paul in Mother Tongues and Nations (2010) beschreibt.

Auch aus pädagogischer Perspektive, in der Sprachendidaktik, kann auf die ethische Bedeutsamkeit der Vermittlung mehrsprachiger Literatur an ein studentisches Publikum hingewiesen werden. Aus einer multilingualen Einstellung als Lernattitüde soll bei der Lektüre die Berücksichtigung der spezifischen Literarizität mehrsprachiger Literatur sowie die Anerkennung transnationaler Autoren hervorgehen: »When we adopt a multilingual orientation, we view writers as making distinct choices based on their multilingual status, rather than making ›mistakes‹ because of their multilingual status.« (OlsonOlson, Bobbi, »Rethinking our Work«, 3)

Diese Wertschätzung der sprachlichen Diversität und die Betonung der multilingualen Poetik der transkulturellen Literatur wird von Feridun ZaimoglZaimoglu, Feridunu aufs Korn genommen. In der Rezeption wird die in Kanak Sprak verwendete ungrammatische, unidiomatische ›Zwischensprache‹ oft als ethisch-politische Chiffre und Aufforderung zur Toleranz und Empathie aufgefasst. Das Verlangen des Lesers nach exotischer ›Authentizität‹ und ›Wahrhaftigkeit‹ wird von ZaimogluZaimoglu, Feridun radikal abgelehnt, weil auf diese Weise seinen literarischen Texten die Autonomie aberkannt werde: »Die ›besseren Deutschen‹ sind von diesen Ergüssen ›betroffen‹, weil sie vor falscher Authentizität triefen, ihnen ›den Spiegel vorhalten‹, und feiern jeden sprachlichen Schnitzer als ›poetische Bereicherung ihrer Mutterzunge‹. Der Türke wird zum Inbegriff für Gefühl, einer schlampigen Nostalgie und eines faulen ›exotischen‹ Zaubers.«5Zaimoglu, Feridun

c) Übersetzung und Ethik

Die alttestamentliche Erzählung des Turmbaus zu Babel wird regelmäßig herangezogen, um die theologische Bedeutsamkeit der Übersetzung als Überwindung der Sprachverwirrung vor Augen zu führen. Die Verwirrung der Sprachen nach Gottes Eingriff in Babel führt, so Giulia RadaelliRadaelli, Giulia (Literarische Mehrsprachigkeit, 15), zu einer Inkommensurabilität der Einzelsprachen, zwischen denen in der Übersetzung kein Eins-zu-Eins-Verhältnis mehr bestehen kann. Durch Babel wird das zwischenmenschliche ›Sich-Verstehen-Können‹ aufgehoben. Demzufolge kann der Mensch nicht anders als übersetzerisch tätig sein, da die ursprüngliche, paradiesische Unschuld einfacher Kommunikation verlorengegangen ist (LeschLesch, Walter, Übersetzungen, 19). Nach BenjaminBenjamin, Walter gehört es gerade zur »Aufgabe des Übersetzers«, »[j]ene reine Sprache, die in fremde gebannt ist, in der eigenen zu erlösen, die im Werk gefangene in der Umdichtung zu befreien« (BenjaminBenjamin, Walter, »Die Aufgabe des Übersetzers«, 19). Übersetzen bedeutet demnach, etwas zu übersetzen, das nicht übersetzbar ist und das utopisch in allen Sprachen aufleuchtet, um so einen unmittelbaren Zugang zum heiligen Text als »das Urbild oder Ideal aller Übersetzung« zu eröffnen (ebd., 21).

Die vom Übersetzer herbeigeführte Desorientierung des Lesers und seine Konfrontation mit dem Fremden stehen in der Übersetzungswissenschaft, von Friedrich SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich über Antoine BermanBerman, Antoine bis Lawrence VenutiVenuti, Lawrence, im Zentrum ethischer Überlegungen. Die sprachliche Fremderfahrung wird normativ aufgeladen, indem vorausgesetzt wird, dass sich eine gute Übersetzung von Ethnozentrismus distanziert, sich gegen Machtasymmetrien wehrt und Schriftsteller und Leser miteinander in Verbindung bringt. In dieser Vermittlerposition übernimmt der Übersetzer die gesellschaftspolitische Aufgabe, in der Übersetzung »selbst ethisch sichtbar zu werden« (StolzeStolze, Radegundis, Hermeneutik und Translation, 126). Die Sichtbarmachung des Übersetzers ist denn auch, wie VenutiVenuti, Lawrence in The Translator’s Invisibility (1995) argumentiert, eine Sichtbarmachung sprachlich-kultureller Differenz (vgl. GiustiGiusti, Simone, »Que viva letteratura!«, 189f.). Die ethische Bedeutsamkeit der Spannung zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit des Übersetzers bezeichnet zugleich auch eine Spannung zwischen dargestellter Identität und Nicht-Identität der Kulturen. Anselm HaverkampHaverkamp, Anselm behauptet vor diesem Hintergrund, Übersetzung sei »die Agentur der Differenz, welche die trügerische Identität von Kulturen sowohl schafft, als auch sie im Zwiespalt ihrer ursprünglichen Nicht-Identität erneuert und vertieft.« (HaverkamHaverkamp, Anselmp, »Zwischen den Sprachen«, 7) Allerdings sollte die Alteritäts- und Differenzorientierung ethisch begründeter Traditionen der Übersetzungswissenschaft nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Übersetzung des Öfteren eher die Einsprachigkeit als die Mehrsprachigkeit größerer Sprachgemeinschaften zu fördern scheint und somit volens nolens die Grenzen einer homogenen Sprachgemeinschaft konsolidiert (LeschLesch, Walter, Übersetzungen, 26).

Ähnliche ideologiekritische Überlegungen werden von den zieltextorientierten »Descriptive Translation Studies« vorgebracht, vertreten beispielsweise durch Susan BassnettBassnett, Susan, André LefevereLefevere, André, José LambertLambert, José, Gideon TouryToury, Gideon und Theo HermansHermans, Theo. Deren Arbeiten rücken diejenigen Eingriffe in Texte in den Mittelpunkt ihres Forschungsinteresses, die einen Text einer Zielkultur angleichen. Die »[t]ranslatorische Ethik oder Fremderfahrung« (StolzeStolze, Radegundis, Hermeneutik und Translation, 125), die der Übersetzung zugrunde liegen soll, gilt als normativer Orientierungspunkt, an den sich der Übersetzer zu halten habe. Das ethische Moment der literarischen Übersetzung besteht vor diesem Hintergrund in der Anerkennung und in der Aufnahme des Anderen als eines Anderen (GodardGodard, Barbara, »L’Éthique du traduire«, 54); und die Übersetzung wird auf diese Weise zum ethischen Akt, der eine Bewegung vom Anderen als Alter Ego zu »soi-même comme un autre« (RicœurRicœur, Paul, Soi-même comme un autre) ermöglicht. Der Glaube an die prinzipielle Übersetzbarkeit eines Textes deutet, so Umberto EcoEco, Umberto in La ricerca della lingua perfetta nella cultura europea (1993), auch auf die Überzeugung hin, dass der Mensch den Grundsätzen einer originären Mehrsprachigkeit, einer »perfekten Sprache«, auf die Spur kommen kann. Die übersetzerische Dimension des Zwischensprachlichen lässt sich, wie Georg MeinMein, Georg hervorhebt, als eine »ethische Haltung« beschreiben, die auf der Lücke zwischen den Sprachen beharrt, ohne die wie auch immer geartete Aufhebung der zwischensprachlichen Spannung zum Ziel zu haben (Mein,Mein, Georg »›Ist mir doch fast …‹«, 90). Diese ethische Haltung betrachtet das Fremde nicht vom Eigenen her, sondern steht der Sprache des Anderen offen gegenüber. Eine Ethik der Übersetzung ist MeinMein, Georg zufolge vor diesem Hintergrund daher auch als eine Ethik der Dekonstruktion aufzufassen, denn erst durch die Dekonstruktion wird eine Beziehung zur Alterität möglich, die das Unbenennbare nicht verweigert (ebd., 90f.).

Auch in Antoine BermansBerman, Antoine L’Épreuve de l’étranger (1984) wird eine »übersetzerische Ethik« entwickelt (WeissmannWeissmann, Dirk, »Erfahrung des Fremden als Einübung des Eigenen?«, 93; GodardGodard, Barbara, »L’Éthique du traduire«). Berman stützt sich in seinem Werk über Übersetzung in der deutschen Romantik auf Friedrich SchleiermacherSchleiermacher, Friedrichs Über die verschiedenen Methoden des Übersetzens, um eine nicht-ethnozentrische Übersetzungstheorie zu entwickeln (Weissmann, »Erfahrung des Fremden als Einübung des Eigenen?«, 87). Er plädiert unter Rückgriff auf Schleiermacher für eine sprachliche und kulturelle Hybridisierung, ohne das Paradoxon der Herausbildung des Nationalen durch die Erfahrung des Fremden aus den Augen zu verlieren: Die Erfahrung des Fremden, so heißt es bei Schleiermacher, dient der ›Einübung des Eigenen‹. SchleiermacherSchleiermacher, Friedrichs Theorie gründet auf dem romantischen Modell der kultu­rellen Distanz und hat als Ziel, einer ganzheitlichen, deutschen Nationalliteratur als Katalysator sprachlich-kultureller Einigung den Rücken zu stärken. Für BermanBerman, Antoine ist Übersetzung sowohl eine Notwendigkeit als auch eine Gefahr für jede Kultur: Das Überleben jeder Kultur basiert auf einem Ausgleich zwischen Fremdem und Eigenem (ebd., 89–91). Der Ausgleich zwischen beiden Polen ist wesentlich für die Übersetzung. BermanBerman, Antoine zufolge ist »l’essence de la traduction […] d’être ouverture, dialogue, métissage, décentrement. Elle est mise en rapport, ou elle n’est rien.«1 (BermanBerman, Antoine, L’Épreuve de l’étranger, 16)

In The Scandals of Translation. Towards an Ethics of Difference pflichtet Lawrence VenutiVenuti, Lawrence der ethischen Sicht auf Übersetzung bei, die Berman vertritt: »I follow Berman […]. Good translation is demystifying: it manifests in its own language the foreignness of the foreign text.« (Venuti, The Scandals of Translation, 11) Die verfremdende Übersetzung zeige die Autonomie des fremden Textes: »This translation ethics does not so much prevent the assimilation of the foreign text as aim to signify the autonomous existence of that text behind (yet by means of) the assimilative process of the translation.« (ebd.) Anthony PymPym, Anthony schlägt vor diesem Hintergrund eine Brücke von der ethisch-textuellen Bedeutung der Übersetzung zur ethisch bedeutsamen Rolle des Übersetzers. Sein Buch Pour une éthique du traducteur sei »un véritable hommage à Antoine BermanBerman, Antoine«2Berman, Antoine (PymPym, Anthony, Pour une éthique du traducteur, 11). Aufgrund der Gastfreundschaft des Fremden im Eigenen liegt der verfremdenden Übersetzung VenutiVenuti, Lawrence zufolge eine »metaphysics of the foreign« zugrunde (VenutiVenuti, Lawrence, Translation Changes Everything, 187). Die metaphysische Zielsetzung der Übersetzung suche »dans un élan messianique vers la parole vraie«3 die Begrenztheit der Sprachen zu übersteigen (BermanBerman, Antoine, L’Épreuve de l’étranger, 23).

Die Übersetzung veranlasst somit zu Diskussionen, die weit über das rein Sprachliche hinausgehen und Fragen der Metaphysik bzw. des Messianismus berühren. Die ›Übersetzung‹ als Konzept wird so zu einer Metapher der Vermittlung von Ideen, Auffassungen, Normen und Werten. Doris Bachmann-MedickBachmann-Medick, Doris spricht im Rahmen des »translational turn« in den Kulturwissenschaften von »Kultur« als einem ständigen »Prozess der Übersetzung […] im Sinne eines neuen räumlichen Paradigmas von Über-Setzung« (Bachmann-MedickBachmann-Medick, Doris, Cultural Turns, 247). Diese breit gefasste räumliche Metapher der kulturellen ›Über-Setzung‹ geht zwangsläufig auch mit der ›Dezentrierung‹ des Bekannten einher. Die Dezentrierung des Eigenen sowie die Offenheit dem Fremden gegenüber ist schließlich auch grundlegend für ein adäquates Verständnis der sprachlichen Verfremdung in der modernen Literatur, in der gerade die Dekonstruktion von Monologie und Identitätsdenken im Mittelpunkt steht. In ihr sind, so Peter V. ZimaZima, Peter V., »die offene Antinomie, die Ambiguität und das Singuläre gegen die systematische Integration« ausgerichtet (ZimaZima, Peter V., Ideologie und Theorie, 348). Die Literatur der Moderne, also Texte wie etwa die von KafkaKafka, Franz, BrochBroch, Hermann oder MusilMusil, Robert, versteht sich als Textur des Anderen, in einer eigenen Sprache des Anderen (HeimböckelHeimböckel, Dieter, »Einsprachigkeit – Sprachkritik – Mehrsprachigkeit«, 143f.). Die Sprachskepsis, die in der Moderne zum Ausdruck gebracht wird, geht eindeutig mit einer Subjektkrise einher: Die moderne Literatur verfremdet das Gewohnte, keine Sprache bleibt in ihr selbstidentisch, genauso wenig wie das Subjekt, das die Möglichkeit verloren hat, sich als autonom und ganzheitlich zu definieren. In Kindheit und Geschichte vollzieht Giorgio AgambenAgamben, Giorgio eine radikale sprachkritische Trennung zwischen Sprache als langue bzw. λόγος und Sprache als einem konkreten Handeln, als einer Stimme. Zwischen den beiden Polen sei eine Leere, die im Besonderen in der modernen Literatur zum Ausdruck gebracht werden könne: »Der Raum zwischen Stimme und Lógos ist ein leerer Raum […]. Nur weil der Mensch in die Sprache geworfen ist, nur weil er sich im experimentum linguae aufs Spiel setzt […], werden für ihn so etwas wie ein éthos und eine Gemeinschaft möglich.« (AgambenAgamben, Giorgio, Kindheit und Geschichte, 15) Die Ermöglichung einer ›Gemeinschaft‹ ist gleichzeitig auch eine Voraussetzung kollektiver ›Gastfreundschaft‹ in der Sprache, die RicœurRicœur, Paul in seiner ethisch orientierten Übersetzungstheorie in die Mitte rückt.

Richard KearneyKearney, Richard hebt in seiner Einführung zur englischen Übersetzung von Sur la traduction hervor, dass Paul RicœurRicœur, Paul Übersetzung letztendlich als »interlinguistic hospitality« konzipiert (KearneyKearney, Richard, »Introduction«, xx). RicœRicœur, Paulur gehe so weit zu sagen, dass das künftige politische Ethos der europäischen, ja, sogar der Weltpolitik, auf einem Austausch von Erinnerungen und Erzählungen zwischen verschiedenen Nationen basieren solle, denn Versöhnung könne nur dann stattfinden, wenn wir die eigenen Wunden in die Sprache der Fremden sowie die Wunden der Fremden in unsere eigene Sprache übersetzen. Die kollektiven Traumata zweier Weltkriege führten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Bewusstwerdung einer notwendigen europäischen Versöhnung und letztendlich zur Entstehung der Europäischen Union. Das gemeinsame europäische politische Projekt gründet auch auf sprachlicher Verständigung, die letztendlich Teil eines Gerechtigkeitsdiskurses ist (BalibarBalibar, Étienne, Nous, citoyens d’Europe?, 316f.; ToledoToledo, Camille de, Le Hêtre et le Bouleau, 171). Die ethische Verbindung von Übersetzung und Gerechtigkeit wird auch von James Boyd WhiteWhite, James Boyd in Justice as Translation ins Licht geführt: »Translation and justice first meet at the point where we recognize that they are both ways of talking about right relations, and of two kinds simultaneously: relations with languages, relations with people.« (WhiteWhite, James Boyd, Justice as Translation, 233)

Unter Rückgriff auf Émile BenvenisteBenveniste, Émile in Le vocabulaire des institutions indo-européennes (1969) weist Paul RicœRicœur, Paulur darauf hin, dass die Begriffe hospes (Gastgeber) und hostis (Fremder) etymologisch miteinander verwandt sind (Ricœur, Sur la traduction, 19f.). Die Urszene aller Gastlichkeit kann dabei als darin liegend angesehen werden, dass zwei Fremde, die aufeinander treffen, voneinander erzählen müssen, um abzuschätzen, ob jemand mit freundlicher oder feindlicher Absicht kommt. Das aber bringt unweigerlich das Übersetzen als geradezu ethische Forderung ins Spiel (FriedrichFriedrich, Peter/Parr, Gastlichkeit). Daher kann RicœurRicœur, Paul ungeachtet der spannungsvollen Aufgabe des Übersetzers als traduttore traditore davon sprechen, dass die Eigenheit des Übersetzens gerade in der »hospitalité langagière«4 liegt (RicœuRicœur, Paulr, »Le paradigme de la traduction«, 136). Die sprachliche Gastfreundschaft des Übersetzens sei vor diesem Hintergrund als ethischer Akt zu verstehen: Das Wort des Anderen wird ›bewohnt‹, genau so, wie das Wort des Anderen ›zuhause‹ empfangen wird (OstOst, François, Traduire, 293–295). Die Übersetzung eröffnet einen symbolischen Raum, in dem eher die Möglichkeit einer Symbiose von Selbst und Anderem als die Vorstellung des Anderen als Alter Ego in Aussicht gestellt wird. Sie übernimmt Verantwortung, indem sie die Ansprache durch den Anderen beantwortet.

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II. Sprachliche Rahmenbedingungen literarischer Mehrsprachigkeit
1. Ebenen der Sprachstandardisierung

Heinz Sieburg

Begriffe für Einzelsprachen wie Deutsch, Französisch, Englisch oder Arabisch sind unter varietätenlinguistischer Perspektive Sammelbegriffe, die von nationalen, regionalen, sozialen und medialen Differenzierungen und damit den sie konstituierenden Varietäten abstrahieren. Die spezifische Ausgestaltung der Varietätensysteme, verstanden als komplexe Struktur unterschiedlicher Sprachausprägungen (Varietäten), kann nach den je einzelsprachlichen Gegebenheiten (vor allem aufgrund unterschiedlicher historischer, kultureller und politischer Bedingungen) unterschiedlich sein. Aus pragmatischen Gründen liegt das Hauptaugenmerk nachstehend auf den deutschsprachigen Verhältnissen.

a) Standardsprache, Nationalsprache, Literatursprache

Seit den 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich in der (deutschen) Sprachwissenschaft, dabei dem englischen bzw. amerikanischen Wortmuster folgend, der Begriff der Standardsprache als mehr oder weniger synonym zu Begriffen wie Hochsprache, Nationalsprache, Literatursprache, Gemeinsprache oder Einheitssprache etabliert bzw. diesen gegenüber durchgesetzt. Standardsprache steht für die überregionale (und damit die Dialekte überdachende) historisch etablierte, schriftliche wie mündliche Sprachform, die stilistisch differenziert und in Hinblick auf das Spektrum ihrer Verwendungsweisen polyvalent ist. Sie ist u.a. Orientierungsgröße des Deutschunterrichtes, und obwohl eine de facto Orientierung (vor allem) an der Sprache der Mittelschicht kaum zu leugnen ist, ist eine soziale Markierung intentional ausgeklammert. Unter diachroner – die Aspekte der überregionalen Vereinheitlichung und zunehmenden Schriftsprachlichkeit (neben der Mündlichkeit) beto­nender – Perspektive kann Standardsprache auch als letzter Entwicklungsschritt einer Abfolge von Dialekt, Schreibdialekt und Schriftsprache verstanden werden (vgl. BeschBesch, Werner, Dialekt, Schreibdialekt).

Der Wortteil Standard weist dabei auf die Allgemeinverbindlichkeit, die durch Normenkodifikation auf unterschiedlichen grammatischen Ebenen bzw. durch Rechtschreibung (Orthografie) und Hochlautung (Orthoepie) etabliert wurde. Demgegenüber ist der weniger neutrale Begriff Hochsprache stärker wertend (und abgrenzend), ebenso wie der alltagssprachlich weit verbreitete Parallelbegriff Hochdeutsch. Besonders letzterer ist mit Bezug auf die sprachwissenschaftliche Verwendung von Hochdeutsch mehrdeutig und damit problematisch: Sowohl in sprachhistorischer als auch in areallinguistischer (dialektologischer) Hinsicht ist hoch geografisch bzw. topografisch aufzufassen und dient der Bezeichnung der eben hochdeutschen Varietäten des (gebirgigen) Südens, dem die niederdeutschen des flachen Nordens gegenübergestellt sind. Entsprechend zu unterscheiden sind etwa hochdeutsche von niederdeutschen (plattdeutschen) Dialekten oder etwa, bezogen auf historische Sprach- und Literaturverhältnisse, die mittelhochdeutsche von einer mittelniederdeutschen Literatur und Sprache.

In Abgrenzung zur Standardsprache betont der Begriff Nationalsprache die nationale, auch politische, kulturelle oder auch ideologische Ausrichtung und Relevanz der hierdurch bezeichneten Varietät (vgl. ReichmannReichmann, Oskar, »Nationalsprache als Konzept der Sprachwissenschaft«). Grundlage hierfür sind vor allem im 19. Jahrhundert verbreitete Vorstellungen entsprechend dem im Kern heute überholten, romantischen Konzept der Brüder JacobGrimm, Jacob und Wilhelm GrimmGrimm, Wilhelm, welches eine Gleichsetzung von Sprache und Nation zum Zweck der Etablierung einer Kulturnation propagierte. Nationalsprachen können politisch gefördert und künstlich geschaffen werden, um ein Nationalbewusstsein zu etablieren oder zu stärken. Die damit mitunter verbundene Abwertung und Zurückdrängung von Minderheitensprachen macht diesen Ansatz fragwürdig. Problematisch ist der Begriff zudem nicht nur aufgrund der verbreiteten Tatsache, dass zahlreiche Länder (Nationen) mehrere offizielle Amtssprachen (in diesem Sinne Nationalsprachen) haben können (z.B. Belgien, Kanada), sondern auch, weil in vielen Fällen in nationaler Hinsicht unterschiedliche Länder einer Sprache zugeordnet sind. So ist das Deutsche etwa alleinige Amtssprache in Deutschland, Österreich und Liechtenstein und Co-Amtssprache in der Schweiz, in Luxemburg, (Ost-)Belgien und (Nord-)Italien. Dem etwa von Michel ClyneClyne, Michael und Ulrich AmmonAmmon, Ulrich entwickelten Plurizentrizitätskonzept folgend (vgl. AmmonAmmon, Ulrich u.a., Variantenwörterbuch des Deutschen), das die Eigenständigkeit und Gleichwertigkeit unterschiedlicher nationaler Ausformungen betont, wäre hier in weiterer Differenzierung von nationalen Varietäten der (deutschen) Standardsprache zu sprechen, was als ›einzelsprachliche Mehrsprachigkeit‹ beschrieben werden könnte. Beispiel hierfür ist das Schweizer Hochdeutsch (oder Schriftdeutsch), das zumeist in formellen Kommunikationssituationen (Nachrichtensprecher), vor allem aber in der Schriftlichkeit verwendet wird, und dem das auf alemannischen Dialekten basierende, zumeist mündlich verwendete Schweizerdeutsch (Schwytzerdütsch) gegenübersteht. Auch die ›Standardsprache in Deutschland‹ (deutschländisches Deutsch) ist in diesem Sinne nur eine Standardausprägung neben anderen, eine unreflektierte Gleichsetzung mit ›deutscher Standardsprache‹ verbietet sich demzufolge. Unterschiedliche nationale Ausformungen von Standardsprachen (meist bezogen auf Unterschiede in der Lexik) sind weit verbreitet und beziehen sich auf diverse Sprachen (z.B. auch Englisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch). Das Beispiel Luxemburg steht für ein mehrsprachiges Land, das eine Sprache (das Luxemburgische) 1984 per Sprachgesetzgebung als Nationalsprache gegenüber den beiden flankierenden offiziellen Sprachen (Französisch und Deutsch) erhoben hat, und damit den identitätsstiftenden Gehalt des Begriffs Nationalsprache unterstreicht.

Der Begriff Literatursprache steht dem der Standardsprache – je nach Verwendungsweise – synonymisch oder antonymisch gegenüber. Als Parallel- bzw. Konkurrenzbegriff zu Standardsprache etablierte sich in der DDR der vor allem nach russischem Vorbild (литературный язык, literaturnyj jazyk) gebildete Terminus Literatursprache in Hinsicht auf die Betonung der engen Verbindung des sprachlichen Standards zur geschriebenen Sprache. Dagegen hebt sich die Verwendung des Begriffs Literatursprache für die Sprache der (schöngeistigen) Literatur ab. Die hierdurch markierte funktionale und ästhetische Sonderstellung (unter Einbeziehung der durch dichterische Freiheit sanktionierten Sprachkreativität und Normüberschreitung) erweist Literatursprache hier als Gegenbegriff zur polyvalenten Standardsprache. Literatursprache in diesem Sinne betont zugleich die Differenz gegenüber anderen (schriftlichen) Sprachausprägungen (z.B. Pressesprache, Verwaltungssprache, Sprache von Gebrauchstexten; siehe II.5).

Gemeinsprache und Einheitssprache sind Termini, die einer deutschsprachigen Benennungs-Tradition folgen und den sprachhistorischen Prozess zur Etablierung allgemeinverbindlicher bzw. einheitlicher Sprachstandards gegenüber regionalen oder auch sozialen Ausprägungen (Subvarietäten) betonen. Beide Begriffe sind heute eher ungebräuchlich. Auch der Begriff Volkssprache ist historisch fundiert und bezeichnet die im Mittelalter aufkommenden, (nur) in der Schriftlichkeit überlieferten Varietäten, die sich allmählich in Abgrenzung zum Latein der Kleriker etablierten. Erste volkssprachliche Zeugnisse datieren bezogen auf die deutsche Sprache um die Mitte des 8. Jahrhunderts, bezogen auf die französische Sprache etwa hundert Jahre später.

b) Dialekt, Soziolekt

Im Gegensatz zur Standardsprache (bzw. den genannten Parallelbegriffen) verweist der Terminus Dialekt auf Sprachausprägungen, die vornehmlich durch areale Begrenztheit und mediale Einschränkung auf die Mündlichkeit bestimmt sind. Letzteres wird durch den meist synonym verwendeten (jüngeren) Begriff Mundart betont, der Resultat der Verdeutschungsarbeit Philipp ZesenZesen, Philipp vons (17. Jahrhundert) ist. Da unterschiedliche Dialekte einer Standardsprache zugeordnet sind und damit von dieser überdacht werden, sind Dialekte auch als Substandardvarietäten zu bezeichnen. Im Vergleich zur Standardsprache fehlt ihnen eine Normenkodifikation, wiewohl auch Dialekte eigenen Sprachnormen (im Sinne einer langue) folgen und sich demnach linguistisch wie jede Standardsprache auf allen Ebenen beschreiben lassen. Insbesondere die zum Teil immer noch vorherrschende, linguistisch aber unhaltbare Ansicht, Dialekte seien ›Verwilderungen‹ der Hochsprache bzw. stünden dem Schulerfolg und dem sozialen Aufstieg entgegen, führte zeitweilig zu einer verbreiteten Negativbewertung der Dialekte (und ihrer Sprecher) und damit mittelbar zum Dialektabbau. Bedeutsam in diesem Zusammenhang war die problematische BernsteinBernstein, Basilrezeption (›schichtenspezifische Sprachverwendung‹, ›Sprachbarrierendiskussion‹) in Deutschland, die den von Basil BernsteinBernstein, Basil bezogen auf die soziolinguistischen Verhältnisse in London in den 1960er Jahren entwickelten Begriff des ›restringierten Codes‹ auf die Dialekte bezog und diesen die Standardsprache als ›elaborierten Code‹ gegenüberstellte. Gegenüber der Standardsprache ist die kommunikative Reichweite von Dialekten nicht nur areal und medial begrenzt, sondern auch in Hinsicht auf die Leistungsfähigkeit in bestimmten Relevanzfeldern wie Wissenschaft und (›hoher‹) Literatur. Der Mehrwert der Dialekte liegt demgegenüber in ihrer Funktion als ›Nähesprache‹ (innerhalb der Familie, im nahen Bekanntenkreis etc.). Eine ›binnensprachliche Zweisprachigkeit‹ (BeschBesch, Werner, Dialekt, Schreibdialekt, 984) von Standardsprache und Dialekt kann in diesem Sinne durchaus als Kompetenzerweiterung (gegenüber nur standardsprachkompetenten Sprechern) betrachtet werden.

Nicht nur bezogen auf das Beispiel der deutschen Sprache gilt das im Vergleich zu Standardsprachen höhere Alter der Dialekte. Bezogen auf den deutschen Sprachraum ergibt sich ein entwicklungsgeschichtlicher Zusammenhang mit den vormaligen germanischen Stammessprachen, der in Bezeichnungen wie Sächsisch, Fränkisch, Alemannisch und dergleichen nachwirkt. Wie oben angedeutet, bilden die Dialekte historisch den Ausgangspunkt der sich über mehrere Stufen (›Schreibdialekte‹ des Mittelalters, ›Schriftsprachen‹ des 16. bis 18. Jahrhunderts) vollziehenden – dabei insgesamt hochkomplexen – Entwicklung zur deutschen Standardsprache.

Die heutige sprachareale Gliederung des deutschen Sprachraumes setzt im Kern dialektale (bzw. stammessprachliche) Differenzierungen fort, die bereits seit den Anfängen einer deutschen Volkssprachigkeit im 8. Jahrhundert existierten. Prägende Grundlage sind die durch die sog. 2. oder hochdeutsche Lautverschiebung bewirkten räumlich differenzierten Veränderungen im Bereich der stimmlosen Plosivreihe p, t, k (Tenuesverschiebung) zu – abhängig vom Lautkontext – Affrikaten (pf, tz, kch) oder Doppelfrikativen (ff, ss, hh) sowie die Entwicklung von b, d, g zu p, t, k (Medienverschiebung). Demgemäß trennt die sog. maken-machen-Linie (Benrather Linie) das südliche Hochdeutsche vom nördlich angrenzenden Niederdeutschen. Innerhalb des hochdeutschen Sprachraumes ist das Mitteldeutsche vom südlichen Oberdeutschen durch die Appel-Apfel-Linie (Speyrer-Linie) getrennt. Weitere Differenzierungen führen zu einer mehr oder weniger engmaschigen Netzstruktur, in die die gebräuchlichen Dialektbezeichnungen eingebunden sind. So ist das Ripuarische etwa Teil des westmitteldeutsch-mittelfränkischen Dialektraumes, während das Bairische im ostoberdeutschen Dialektraum zu situieren ist (und im Wesentlichen das Bundesland Bayern sowie Österreich umfasst). Grundlage der heutigen Dialektkarten sind die auf einer indirekten Fragemethode basierenden Erhebungen Georg WenkerWenker, Georgs (ab 1876) und die Arbeiten des daraus hervorgegangenen Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas (DSA).

Eine nur binäre Gegenüberstellung von Standardsprache und Dialekt greift bezogen auf die reale Varietätenstruktur zu kurz, vielmehr ist von Zwischenstufen auszugehen, die als Umgangssprachen bezeichnet werden. Umgangssprachen verbinden Ausprägungen der Standardsprache mit denen von Dialekten (oder auch Soziolekten), fungieren damit als Ausgleichsvarietäten, wobei die Nähe zur einen oder anderen Seite variieren kann, so dass letztlich von einem Varietätenkontinuum zwischen beiden Polen auszugehen ist. Während umgangssprachliche Elemente in der geschriebenen Sprache als markiert und stilistisch unangebracht gelten, sind sie in der gesprochenen Sprache eher toleriert und auch verbreiteter bzw. können dort auch als (soziolektal) positiv wahrgenommen werden (z.B. Honoratiorenschwäbisch, Hanseatendeutsch). Regionale Umgangssprachen werden im Laienurteil häufig mit Dialekten gleichgesetzt, was Erhebungen auf der Grundlage von Selbsteinschätzungsdaten problematisch macht. Daneben wird der Begriff Umgangssprache auch auf eine Sprachlage in eher informellen, privaten Kommunikationszusammenhängen bezogen, die dort unter Umständen angemessener erscheint als die formelle, stilistisch höherstehende und in eher formellen situativen Kontexten verwendete Sprachlage.

Soziolekte (auch Gruppensprachen) können sich von ihrem Begriffsinhalt her zwar mit den Dialekten und (regionalen) Umgangssprachen berühren, sie rekurrieren aber nicht auf regionale, sondern auf soziale Stratifizierungen von Sprachgemeinschaften. Dabei sind nicht nur die – je nach Gesellschaft kaum praktikabel bestimmbaren – Strata wie Unterschicht, Mittelschicht, Oberschicht im Blick, sondern auch Differenzierungen nach Alter (z.B. Jugendsprache), Geschlecht (Genderlekt) oder Herkunft (Migrantensprache). Eine begriffliche Nähe zeigt sich gegenüber den Fachsprachen (im Sinne von Berufsgruppensprachen) (vgl. II.6) sowie den Pidgin- und Kreolsprachen (vgl. II.3).

Zur Verdeutlichung zwei Beispiele: Jugendsprache (auch Slang oder Jargon) gehört als ›transitorischer Soziolekt‹ (LöfflerLöffler, Heinrich, Germanistische Soziolinguistik) zu den (wechselnden) ›Lebensalter-Sprachen‹, die durch Sprachspezifikationen unterschiedlicher Lebensphasen (Kindersprache, Schüler-/Jugendsprache, Erwachsenensprache, Seniorensprache) bestimmt sind. Schon aufgrund gravierender Unterschiede nach z.B. Bildungsvoraussetzungen oder regionalen bzw. städtischen/dörflichen (biografischen) Hintergründen der Jugendlichen kann von einer einheitlichen Jugendsprache nicht die Rede sein. Allgemeinkonstitutive Elemente sind aber eine bewusst saloppe, die Standards unterlaufende, dabei durchaus sprachspielerisch-kreative Sprachverwendung. Ihre Funktion ist die Gruppenbildung (Inklusion) nach innen bei gleichzeitiger Exklusion (der Erwachsenenwelt) nach außen.

Wie beim Alter interessiert unter soziolinguistischer Perspektive auch beim Geschlecht weniger die biologisch‐physiologische als vielmehr die soziale Komponente. Die lange Zeit fast exklusive Hinwendung zur ›Frauensprache‹ implizierte deren (vermeintlichen) Status als markierte Sondersprache, der die Sprache der Männer als Normalsprache gegenübergestellt wurde. Innerhalb der (vorwissenschaftlichen) Ethnolinguistik wurden Frauensprachen insbesondere bei den sog. primitiven Völkern beobachtet. Eine auch sozialpolitische Relevanz kommt dem Thema ›Sprache und Geschlecht‹ im Rahmen der feministischen Linguistik zu, wobei in einer frühen radikalen Phase viele Sprachen (darunter auch Deutsch) als ›Männersprachen‹ ›entlarvt‹ werden sollten, die, so die Behauptung, als Instrumente zur Unterdrückung der Frau dienten. Derlei plakative und pauschalisierende Aussagen sind im Zuge differenzierterer Analysemethoden und der Weiterentwicklung der Gendertheorie heute nicht aufrechtzuerhalten. Ein nach wie vor wichtiges Untersuchungsfeld der feministischen (Sozio-)Linguistik ist die Frage der Geschlechtergerechtigkeit von Sprachen, wobei – nicht nur bezogen auf das Deutsche – häufig das sog. generische Maskulinum zum Diskussionspunkt und Streitpunkt wird (vgl. SieburgSieburg, Heinz, »Zur Problematik des generischen Maskulinums«).

Neben den Dialekten und Soziolekten lassen sich weitere Varietäten benennen, die jeweils spezifische Orientierungskriterien in den Mittelpunkt stellen, für die linguistische Begriffsbildungen insgesamt aber weniger relevant sind. Dazu zählt der Begriff Idiolekt, der (meist) für den persönlichen und charakteristischen Sprachgebrauch von Einzelsprechern steht. Zur Bezeichnung der Sprache innerhalb einer Familie wird bisweilen der Begriff Familekt verwendet, durchgesetzt hat sich dieser (bislang) allerdings nicht.

c) Mündlichkeit/Schriftlichkeit

Die beschriebenen Varietäten lassen sich bezogen auf den Grad der Standardisierung ordnen, womit zugleich die Frage von Mündlichkeit und Schriftlichkeit stärker in den Blick kommt. Hochgradig standardisiert sind dabei vor allem die Standardsprachen, wobei Standardisierung im Sinne der Kodifikation von Normen verstanden werden soll, die zugleich einen präskriptiven Charakter haben und damit die Sprachrichtigkeit bestimmen. Diese sollen etwa im Zuge des Schulunterrichts vermittelt und durchgesetzt werden, mit der Folge, dass Normabweichungen hier negativ sanktioniert werden. Die korrekte Beherrschung der Standardsprache ist zudem ein relevanter Faktor in Bezug auf gesellschaftliche Teilhabe, insbesondere mit Blick auf eine akademische Orientierung. Dialekte sind demgegenüber nicht-standardisierte Varietäten, wenngleich das Kriterium der Sprachrichtigkeit auch hier gilt und diese im Spracherwerbsprozess informell (ungesteuert) vermittelt wird. Insbesondere Jugendsprachen zeichnen sich dagegen durch gezielte Überschreitungen der in der Standardsprache gültigen Normen aus.

Die Standardsprache ist zugleich die einzige Varietät, für die Bimedialität, verstanden als Nebeneinander von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, konstitutiv ist, wohingegen Dialekte prinzipiell auf das Medium der Mündlichkeit beschränkt sind (und daher mit den vorhandenen orthografischen Systemen auch nur unzureichend erfasst werden können). Mündlichkeit (gesprochene Sprache) und Schriftlichkeit (geschriebene Sprache) beziehen sich jeweils auf ein identisches Sprachsystem, sind aber kategorial zunächst dadurch unterschieden, dass sie verschiedene mediale Ausdrucksformen (phonisch vs. graphisch) vertreten, die zwar prinzipiell einen kategorial klar abgrenzbaren Kommunikationsrahmen etablieren, Übergangsformen aber dennoch zulassen. Zu den Parametern der Mündlichkeit lassen sich etwa Dialogizität, Sprecherwechsel, face-to-face-Interaktion und Spontaneität zählen, während Schriftlichkeit stärker durch Kriterien der Monologizität, des nicht vorhandenen Sprecherwechsels, der räumlich-zeitlichen Distanz und der Reflektiertheit bestimmbar ist. Eine Differenzierung nach den Gesichtspunkten der Ausdrucksweise bzw. Versprachlichungsstrategie (konzeptionelle Dimension) und Realisierung (mediale Dimension) zeigt unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten, worauf insbesondere Peter KochKoch, Peter und Wulf OesterreicherOesterreicher, Wulf (»Schriftlichkeit und Sprache«) hingewiesen haben. Demnach ist etwa eine Grußkarte oder eine SMS zwar medial der Schriftlichkeit zuzuordnen, konzeptionell aber (eher) der Mündlichkeit, während etwa ein wissenschaftlicher (medial) mündlicher Vortrag als konzeptionell schriftlich zu bestimmen ist. Demgegenüber sind Gespräche unter Freunden sowohl konzeptionell als auch medial mündlich, Gesetzestexte sowohl konzeptionell als auch medial schriftlich. Merkmale gesprochener Sprache (konzeptioneller Mündlichkeit) sind Häufungen parataktischer Satzstrukturen oder auch Konstruktionsabbrüche, ein eher eingeschränkter Wortschatz, häufigere Wiederholungen, regionale/dialektale Merkmale sowie der Einsatz von nonverbalen Mitteln (Mimik, Gestik). Gesprochene Sprache ist insofern weniger stark normiert als geschriebene. Aufgrund der unterschiedlichen situativen Rahmungen (Raum/Zeit-Kontinuum) und sonstiger kategorialer Differenzierungen lässt sich Mündlichkeit eher als ›Sprache der Nähe‹, Schriftlichkeit eher als ›Sprache der Distanz‹ bestimmen. Eine Differenz besteht zudem in Hinblick auf die prinzipielle Flüchtigkeit der mündlichen gegenüber der Festigkeit (im Sinne der Fixierung auf einem Speichermedium und der Archivierbarkeit) der geschriebenen Sprache.

In historischer Sicht ist Schrift gegenüber der Mündlichkeit generell als sekundäres System anzusehen, wobei der Grad der Abhängigkeit deutlich differieren kann. Insbesondere moderne phonetische Schriften (Alphabetschriften), deren nahöstliche Vorläufer etwa 3500 Jahre alt sind, zeigen eine im Verhältnis zu piktografischen oder logografischen Schriften enge Anbindung an die Mündlichkeit durch Nachbildung der Lautlichkeit (siehe II.6). Für die Verschriftlichung vieler europäischer Volkssprachen erfolgte dieser Prozess unter Verwendung lateinischer Buchstaben, wobei über einen langen Zeitraum eine beträchtliche Variabilität erkennbar bleibt, die auch durch die Problematik begründet ist, dass die Lautwerte der (lateinischen) Buchstaben nicht ohne Weiteres mit der Lautlichkeit der Volkssprachen zur Deckung gebracht werden konnte. In der deutschen Sprache erfolgte die allmähliche Etablierung zur voll entwickelten (polyvalenten) Schriftsprache parallel zu einer immer stärkeren Normierung der Rechtschreibung, wobei eine erste allgemeingültige Normierung im Sinne einer Orthografie (bezogen auf das deutsche Kaiserreich) erst 1903 (DudenDuden, Konrad) erfolgte. Zwar unterliegt auch die Aussprache einer Normierung, im Vergleich zur Schriftlichkeit sind in der Mündlichkeit Normabweichungen – zumindest bezogen auf das Deutsche – aber eher tolerabel, bzw. besteht eine größere Normvarianz. So verzeichnet Theodor SiebsSiebs, Theodor (Deutsche Aussprache, 191969) neben einer ›reinen‹ auch eine (durchaus standardgemäße) ›gemäßigte‹ Aussprache, entsprechend auch der Ausspracheduden. Die unterschiedliche Festigkeit der mündlichen und schriftlichen Sprachebene kann im Zuge des allgemeinen Sprachwandels zu einem mehr oder weniger großen Abstand zwischen den medialen Ausprägungen führen, wodurch sich Sprachen (bezogen auf ihre Schriftlichkeit) als mehr oder auch als weniger phonetisch bestimmen lassen: Relativ unphonetisch sind etwa das Französische und Englische, während das Deutsche als eher phonetisch zu betrachten ist. Eine Eins-zu-Eins-Entsprechung bezogen auf Phonem/Graphem-Beziehungen besteht aber auch hier nicht. So hat beispielsweise die Graphie <s>, abhängig vom Lautkontext, (zum Teil) unterschiedliche Lautqualität ([z] in Sonne, [ʃ] in Spiel, [s] in Wespe).

Wenngleich in historischer Sicht vom Primat der Schriftlichkeit gegenüber der Mündlichkeit auszugehen ist, ist eine Umkehrung dieses Verhältnisses durchaus möglich. Beispiel hierfür ist die Etablierung von Nationalsprachen wie das moderne Hebräisch (Ivrit) oder Litauisch, die zunächst in der Schriftlichkeit (normierend) vorgeformt wurden. Eine Vorrangigkeit der Schriftlichkeit zeigt sich daneben insbesondere bei künstlichen Sprachen wie Esperanto (vgl. II.4), die als ›Schreibtischkonstrukte‹ angesehen werden können. Bei natürlichen Sprachen können die Abhängigkeiten im Entwicklungsprozess auch variieren. So folgt bezogen auf das Deutsche die Schriftlichkeit zunächst der Mündlichkeit (in einem engen Sinne bezeichnet durch den Terminus Verschriftung). In späteren Phasen und unter dem Einfluss bewusster Spracharbeit (etwa durch die Grammatiker im Barock) wurde die Schriftsprache dagegen zum Muster der Mündlichkeit bzw. ging die schriftliche Seite bei der Etablierung der Standardsprache voran. In areallinguistischer Hinsicht gilt dies bezogen auf den niederdeutschen Raum auch in Hinblick auf die Etablierung einer überregionalen Standardsprache durch ›Sprechen nach der Schrift‹.

Literatur

Ammon, Ulrich/Hans Bickel/Alexandra N. Lenz (Hrsg.), Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen, Berlin/Boston 2016.

Besch, WernerBesch, Werner, »Dialekt, Schreibdialekt, Schriftsprache, Standardsprache. Exemplarische Skizze ihrer historischen Ausprägung im Deutschen«, in: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung, 2. Halbbd., Berlin/New York 1983, S. 961–990.

Koch, PeterKoch, Peter/Wulf OesterreicherOesterreicher, Wulf, »Schriftlichkeit und Sprache (Writing and Language)«, in: Hartmut GüntherGünther, Hartmut/Otto LudwigLudwig, Otto (Hrsg.), Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. An Interdisciplinary Handbook of International Research, Berlin/New York 1994, S. 587–604.

Löffler, HeinrichLöffler, Heinrich, Germanistische Soziolinguistik, Berlin 52016.

ReichmannReichmann, Oskar, Oskar, »Nationalsprache als Konzept der Sprachwissenschaft«, in: Andreas GardtGardt, Andreas (Hrsg.), Nation und Sprache. Die Diskussion ihres Verhältnisses in Geschichte und Gegenwart, Berlin/New York 2010, S. 419–469.

Siebs, TheodorSiebs, Theodor (Begr.), Deutsche Aussprache. Reine und gemäßigte Hochlautung mit Aussprachewörterbuch, hrsg. v. Helmut de BoorBoor, Helmut de/Hugo MoserMoser, Hugo/Christian WinklerWinkler, Christian, Berlin 191969.

Sieburg,Sieburg, Heinz Heinz, »Zur Problematik des generischen Maskulinums. Positionen und kritische Analyse«, in: Ders. (Hrsg.), ›Geschlecht‹ in Literatur und Geschichte. Bilder – Identitäten – Konstruktionen, Bielefeld 2015, S. 211–240.

2. ›Heilige Sprachen‹, Weltsprachen, Lingua Franca

Heinz Sieburg

Unter anderen zählt die numerische Stärke von Sprachen zu den soziolinguistisch relevanten Differenzkriterien. Unterschieden wird dabei meist zwischen der Zahl der Muttersprachler und Fremdsprachler bzw. der zahlenmäßigen Größe als Erstsprache oder Zweitsprache. Entsprechende Statistiken sind aufgrund unvermeidlicher methodischer Probleme stets kritisch zu betrachten und weisen eine teilweise erhebliche Schwankungsbreite in Hinblick auf die dargestellten Quantitätsverhältnisse auf. Gravierende Abweichungen bestehen bereits in Bezug auf die Quantifizierung der Sprachen dieser Welt. Hier schwanken die Angaben – je nach Zählung – zwischen 2.500 und 10000. Als ›Weltsprachen‹ kommen davon nur ganz wenige in Betracht. Dabei gilt, dass der Begriff der Weltsprache linguistisch nicht einheitlich definiert ist, sondern, abhängig von den jeweils zugrunde gelegten Kriterien, variabel verwendet wird.

Die überwiegende Mehrzahl aller Sprachen ist an kleine und kleinste Sprachgemeinschaften gebunden. Nach einigen Zählungen (KönigKönig, Werner/ElspaßElspaß, Stephan/MöllerMöller, Robert, dtv-Atlas Deutsche Sprache, 37) haben nur 88 Sprachen mehr als 10 Millionen und nur 8 Sprachen mehr als 100 Millionen muttersprachliche Sprecher. Wie belastbar derlei Zählungen im Einzelnen sind, sei dahingestellt. Die Kernaussage, dass nur wenige Sprachen numerisch exponiert sind, ist dagegen zweifellos richtig. Diese werden oft in Ranglisten vorgestellt, die allerdings wiederum eine erhebliche Variabilität zeigen, begründet zum einen durch dynamische demografische Entwicklungen in einzelnen Sprachgemeinschaften, zum anderen aber auch dadurch, dass mitunter statt auf belastbare Datenerhebungen auf grobe Schätzungen zurückgegriffen werden muss.

Für die Stellung einer Sprache als Weltsprache spielen Größenverhältnisse eine entscheidende Rolle, mitunter wird allein das Frequenzmerkmal als Kriterium für eine Weltsprache herangezogen: »Weltsprachen sind also die meistgesprochenen Sprachen der Welt.« (http://www.weltsprachen.net/ [Stand: 10.1.2016]) Eine aktuelle Rangfolge vermittelt die Übersicht in Abbildung 1.

Die Grafik verdeutlicht, dass auch im Vergleich der weltweit größten Sprachen extreme Quantitätsunterschiede bestehen. So umfasst das hier an Position 12 platzierte Koreanische nur etwa rund 1,2 % des auf Position 1 rangierenden Englischen. Erkennbar wird zudem, wie sehr sich Sprachen in Hinblick auf die Relation der Erstsprache zur Zweit-/Fremdsprache unterscheiden.

Die Stärke einer Sprache allein auf die Zahl ihrer Sprecher zu stützen, verstellt jedoch den Blick auf eine Reihe weiterer Kriterien, die ebenfalls maßgeblich für die Position einer Sprache im Sinne einer Weltsprache sein können. Relevant sind insbesondere die geografische Verteilung einer Sprache, ihre internationale Verbreitung als Amtssprache, ihre Funktion als Arbeitssprache in der internationalen Kommunikation sowie, nach HaarmannHaarmann, Harald (Weltgeschichte der Sprachen, 342), ihr »globales Prestige als Modernitätsikon[e]«. Wichtige flankierende Kriterien hierbei sind die politische, ökonomische, wissenschaftliche oder kulturelle Stärke der zugrundeliegenden Sprachgemeinschaft.

Weltsprachen in diesem Sinne zeichnen sich durch eine besonders große ›kommunikative Reichweite‹ bzw. internationale Verbreitung aus. Weltsprachen können so zum Instrument übereinzelsprachlicher globaler Kommunikationsbewältigung werden. Funktional sind sie hierbei als Verkehrssprache (Lingua Franca) zu bezeichnen, da sie die durch Sprachdifferenz bedingten Sprachbarrieren überwinden und somit einen kommunikativen Austausch (Verkehr) in einem größeren mehrsprachigen Raum ermöglichen. In diesem Sinne ist das Arabische beispielsweise Lingua Franca im arabisch-nordafrikanischen Raum oder Französisch in der Frankophonie.

Unter den Voraussetzungen globaler Verbreitung sind eine Reihe der oben aufgelisteten Sprachen jedenfalls nicht Weltsprachen im engeren Sinne. So zählt das Deutsche zwar zu den zahlenmäßig großen Sprachen, Deutsch ist zugleich international verbreitet (Amtssprache in sieben Ländern, mit insgesamt rund 87,5 Mio. Muttersprachlern und ca. 8,5 Mio. Fremdsprachlern; vgl. AmmonAmmon, Ulrich, Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt [2015], 170) und zudem eine weit verbreitete Fremdsprache. Dennoch ist hier die Bezeichnung Weltsprache aufgrund der weitgehenden (monopolaren) Beschränkung auf einen Raum (Europa) problematisch. Im engeren Sinne sind damit nur Englisch, Spanisch, Französisch und Portugiesisch, unter besonderen Voraussetzungen auch Arabisch und Russisch, als Weltsprachen anzusehen.

Voraussetzung für die Etablierung von (neuzeitlichen) Weltsprachen war in der Regel die Kolonialisierung außereuropäischer Gebiete/Länder durch europäische Mächte und die damit einhergehende Implementierung und Ausbreitung der Kolonisatoren-Sprachen. Diese bestehen als Amtssprache nach Beendigung der Kolonialzeit in den ehemaligen Kolonien häufig fort. Ein Grund hierfür kann in ihrer Funktion gesehen werden, die oft unterschiedlichen lokalen Sprachen im Sinne einer nationalen Lingua Franca zu überdachen. Heute ist Französisch weiterhin Amtssprache in zahlreichen Ländern Afrikas, während Spanisch und Portugiesisch in Südamerika verbreitet geblieben sind.

Wenngleich das Chinesische die mit Abstand größte Muttersprache ist, hat sich das Englische inzwischen als die eigentliche Weltsprache und damit als »die lingua franca, die Verkehrssprache schlechthin« (LeitnerLeitner, Gerhard, Weltsprache Englisch, 8) etabliert. Aufgrund der voraussehbaren Entwicklung zu einem vom Großteil der Menschheit gleichermaßen verwendeten Kommunikationsmittel ist hier auch die Bezeichnung Universalsprache angemessen. Die exponierte Stellung des Englischen basiert politisch auf der globalen Ausdehnung des (ehemaligen) Englischen Empires und dem seit dem 20. Jahrhundert zunehmenden Einfluss der USA, sprachpraktisch aber insbesondere auch auf den mit der zunehmenden Globalisierung und digitalen Vernetzung einhergehenden Kommunikationserfordernissen. Englisch dominiert in Hinblick auf den Status als Amtssprache, wenngleich auch hier die Zahlenangaben, je nachdem, wie abhängige Gebiete gezählt werden, erheblich schwanken können. Gemäß Fischer Weltalmanach ’97 fungiert Englisch in 48 Ländern als solo- oder ko-offizielle Amtssprache.


Abb. 1: Die meistgesprochenen Sprachen weltweit (Muttersprachler und Sprecher in Millionen

(Quelle: http://de.statista.com/graphic/1/150407/die-zehn-meistgesprochenen-sprachen-weltweit.jpg [Stand: 10.1.2016])

Im Vergleich hierzu ist Französisch Amtssprache in 27 Ländern, Arabisch in 23, Spanisch in 20, Portugiesisch und Deutsch in jeweils 7 und Italienisch in 4 Ländern (nach AmmonAmmon, Ulrich, »Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt« [2003], 347). Auch in ökonomischer Hinsicht, etwa in Bezug auf das ›Handelsvolumen der Muttersprachgemeinschaften weltweit‹, rangiert das Englische an erster Stelle, deutlich vor Deutsch und Französisch (vgl. ebd., 347). Englisch dominiert zugleich als die weltweit am meisten erlernte Fremdsprache (bei stark schwankenden Größenangaben). Bezogen auf Deutschland geben gemäß einer repräsentativen Allensbach-Umfrage von 2008 insgesamt 98 % der Befragten an, Englisch sei die wichtigste Fremdsprache bzw. solle in der Schule vor allem gelernt werden (HobergHoberg, Rudolf/Eichhoff-CyrusEichhoff-Cyrus, Karin M./SchulzSchulz, Rüdiger, Wie denken die Deutschen, 36). Zudem ist das Englische die am weitesten verbreitete Verkehrssprache in zahlreichen internationalen Organisationen wie UNO, NATO, EU oder ASEAN. Auch als Wissenschaftssprache hat sich das Englische im Verlauf des letzten Jahrhunderts, vor allem der letzten Jahrzehnte, – unter Zurückdrängung anderer Wissenschaftssprachen wie Deutsch, Französisch oder Russisch – vielfach durchgesetzt, vor allem in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern. Als Vorteile gelten hierbei die dadurch gewährleistete (vermeintlich) barrierefreie Verständigung innerhalb der wissenschaftlichen ›Community‹ und die Chance auf eine möglichst breite Rezeption von Fach-Publikationen. Zunehmenden Einfluss gewinnt das Englische aber inzwischen auch in philologischen Disziplinen, wenngleich insbesondere diese Entwicklung durchaus kritisch gesehen wird.

Hervorzuheben ist der besondere ›Marktwert‹ des Englischen, seine »reale politische und psycho-soziale Macht« (LeitnerLeitner, Gerhard, Weltsprache Englisch, 20) gegenüber anderen Sprachen. Insbesondere an die Kompetenz der englischen Sprache knüpfen sich vorwärtsweisende bildungspolitische Konzepte der Teilhabe an einer breiten internationalen (und interkulturellen) Alltagskommunikation, an Ausprägungen der (vor allem westlichen) Kultur, des Tourismus, der Informationstechnologie, insbesondere aber Bestrebungen in Hinblick auf eine konkurrenzfähige wirtschaftliche Entwicklung im Rahmen der Globalisierung.

Ein begünstigender Faktor für die zunehmende Verbreitung des Englischen kann auch in der vergleichsweise einfachen und daher lerngünstigen grammatischen Struktur gesehen werden sowie in der damit einhergehenden Möglichkeit, sich dieser Sprache als Instrument des Ausdrucks der eigenen Kultur zu bemächtigen (empowerment). Sprachtypologisch ist das Englische heute zu den isolierenden Sprachen zu zählen. So sind aufgrund sprachhistorischer Prozesse die Flexive weitgehend abgebaut, ebenso die Genusdifferenzierungen. Die Pluralkategorie wird ebenso wie das Tempussystem weitgehend regelmäßig gebildet. Auch der Wortartwechsel ist häufig ohne spezifische Wortbildungsmorpheme möglich (I read a book vs. I book a flight). Der Nachteil der deutlich unphonetischen Schreibung fällt dagegen kaum ins Gewicht.

Die Bedeutung des Englischen zeigt sich nicht nur in seiner Funktion als globale Lingua Franca, sondern auch in Hinblick auf seine Rolle als Gebersprache. So ist etwa auch im Deutschen ein zunehmender Einfluss von Anglizismen, insbesondere auf das Lexikon, erkennbar. Während eine bereits ältere Schicht mit Wörtern wie Sport, Keks oder Streik heute als unproblematisch angesehen wird, gilt dies für jüngere Entlehnungen wie Event, Brainstorming oder Meeting nur bedingt. Sprachpflegerische und sprachpuristische Ambitionen führen hier mitunter zu einer kritischen Reserve. In historischer Sicht hat das Englische auch hier andere Sprachen (hauptsächlich Französisch und Latein) als Hauptgebersprachen verdrängt.

Die insgesamt breite Akzeptanz des Englischen als Weltsprache und Lingua Franca verhindert nicht das Festhalten an der eigenen Muttersprache im alltagssprachlichen Bereich, da primär diese als soziales und kulturelles Identifikationsmedium dient. Aus diesem Grund wird Mehrsprachigkeit in aller Regel als Mehrwert verstanden, trotz aller damit notwendig einhergehenden Anstrengungen. So fordern in der oben genannten Allensbach-Umfrage nur 13 % eine Einheitssprache innerhalb der EU (11 % Englisch, 2 % Deutsch), aber 78 % sprechen sich dagegen aus (HobergHoberg, Rudolf/Eichhoff-CyrusEichhoff-Cyrus, Karin M./SchulzSchulz, Rüdiger, Wie denken die Deutschen, 44).

Unter literaturwissenschaftlicher Sicht ist die Rolle der Weltsprachen (im weiten Sinn) für die Literaturproduktion und Rezeption herauszustellen. Indiz hierfür ist die Verteilung der Literaturnobelpreise. Diese gingen bisher weit überwiegend an Autoren mit englischem, französischem, deutschem und spanischem Sprachhintergrund. Kleinere Literaturen und Sprachen sind demgegenüber unterrepräsentiert.

Die Stellung von Sprachen im Sinne von Weltsprachen ist kein allein neuzeitliches Phänomen, sondern findet Parallelen bereits in der Antike und im Mittelalter. In der Antike treten mit Blick auf den Hellenismus und das römische Reich Griechisch und Latein als Linguae Francae und Weltsprachen hervor. Auch im Mittelalter bleibt dieser Status erhalten, wenngleich weitgehend eingeschränkt auf die Bildungs-Eliten und unter zunehmendem Verlust des Muttersprachcharakters. Insbesondere das mit hohem sozialdistinktivem Prestige verbundene Latein dominiert im europäischen Mittelalter als Sprache des Klerus, der Wissenschaft und der Verwaltung, der gegenüber sich die Volkssprachen erst allmählich zu vollwertigen Literatursprachen etablieren müssen. So bleibt Latein auch lange die vorherrschende Schreib- und Druckersprache. Mit Blick auf den deutschen Sprachraum überwiegen beispielsweise erst im späteren 17. Jahrhundert deutsche gegenüber lateinischen Drucken. Auch an den Universitäten ist Latein bis in die Neuzeit dominant. (Vulgär-)Latein wurde zudem zur Ausgangsbasis für die Herausbildung der heutigen romanischen Sprachen (z.B. Französisch, Spanisch, Italienisch). Aber auch Sprachen wie die deutsche entwickelten sich seit dem Frühmittelalter unter gravierender Einwirkung des lateinischen Musters, insbesondere in Hinblick auf die Lexik und Syntax. Nicht zuletzt deswegen wird Latein mitunter als ›die Sprache Europas‹ bezeichnet. Deutlich erkennbarer nachwirkender Einfluss des Lateinischen als Weltsprache ist die lateinische Alphabetschrift, die heute global am weitesten verbreitet ist. Zudem basieren die meisten Internationalismen auf lateinischer, daneben aber auch auf griechischer Basis (z.B. Kopie, Motor, Television). Auch tradiert insbesondere der Bildungswortschatz und die Wissenschaftsterminologie das Spracherbe weiter (z.B. Philosophie, Hermeneutik, narrativ).

Angreifbar sind Weltsprachen zum einen in Hinblick auf ihre Entstehung. Hintergrund ist meist eine imperialistische Expansion und die hegemoniale Verwaltung eroberter Gebiete (Kolonialismus). Ein weiterer Nachteil natürlicher Weltsprachen ist die Privilegierung der Muttersprachler dieser Sprachen. Gerade diese Mängel wurden zum Ausgangspunkt der Schaffung künstlicher Weltsprachen bzw. Plansprachen oder Welthilfssprachen. Beide Bereiche, natürliche Weltsprachen und künstliche Weltsprachen, lassen sich terminologisch mit dem Begriff ›Interlinguistik‹ (im weiteren Sinne) verbinden (vgl. II.4).

Eine besondere Privilegierung können Sprachen auch dadurch erfahren, dass ihnen Sakralität zugesprochen wird. Entsprechende Zuweisungen finden sich in unterschiedlichen Kulturen und Religionen. So ist etwa der Begriff Hieroglyphe mit ›heiliges Zeichen‹ zu übersetzen. Auch Runen dienten bis zu einem gewissen Grad kultisch-religiösen Zwecken. Assoziationen zwischen einzelnen Religionen und ihnen zugeordneten ›heiligen‹ Sprachen finden sich in der Verbindung zwischen Hinduismus und Sanskrit, Arabisch und Islam, Hebräisch und Judentum.

Mit Blick auf das Christentum sind drei Sprachen hervorzuheben, denen eine besondere Sakralität zugesprochen wurde: Hebräisch, Griechisch und Latein, die Sprachen der Kreuzesinschrift (INRI). Grundlage hierfür ist die neutestamentliche Überlieferung, wonach der römische Statthalter Pontius PilatusPontius Pilatus angeordnet haben soll, am Kreuz JesuJesus die Aufschrift ›JesusJesus von Nazareth, König der Juden‹ in den drei genannten Sprachen anzubringen (Joh 19,20). In der christlichen Überlieferung werden diese Sprachen seit dem Kirchenlehrer Isidor von SevillaIsidor von Sevilla (ca. 560–636; Etymologiae 9, 1, 3) als die ›drei heiligen Sprachen‹ (tres lingua sacrae) bezeichnet.

Das Hebräische galt im Christentum lange auch als adamitische Sprache, also die Sprache Adams und zugleich des Paradieses. Mit ihr geht die ursprüngliche Spracheinheit verloren, als Strafe Gottes für die Hybris des Menschen (Turmbau zu Babel). Sprachenvielfalt ist aus dieser Perspektive Folge einer vom Menschen selbstverschuldeten Urkatastrophe. Bedeutender als Hebräisch und Griechisch war in der klerikalen Schreibpraxis des Mittelalters die lateinische Sprache. Latein war lange Zeit auch die maßgebliche Sprache der Bibel, der ›heiligen Schrift‹. Gegenüber den ›beglaubigten Kirchensprachen‹ bedurfte die Verwendung der Volkssprachen der besonderen Begründung. Bekanntes Beispiel hierfür ist der althochdeutsche Dichter Otfrid von WeißenburgOtfrid von Weißenburg, der den Gebrauch der deutschen Volkssprache (›Fränkisch‹) für seine Bibeldichtung (Evangelienharmonie, ca. 865) gegenüber seinem vorgesetzten Bischof in einem lateinischen Approbationsschreiben rechtfertigt und zugleich die »erste Literaturtheorie zu einer deutschsprachigen Dichtung« (HaugHaug, Walter, »Vulgärsprache als Problem«, 30) verfasst. OtfridOtfrid von Weißenburgs Ziel ist die Entwicklung der deutschen Volkssprache zu einem dem Latein ebenbürtigen Medium für das Wort Gottes. Auch DanteDante Alighieri (De vulgari eloquentia, 1303–1305), der »den Traum einer poetischen Welt-Sprache […], einer neuen Sprache des Paradieses [träumt]« (TrabantTrabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken, 75), muss Jahrhunderte später das vulgare, die italienische Volkssprache, gegenüber der grammatica (Latein) rechtfertigen. Die religiöse Urfunktion der Sprache steht dabei auch für ihn außer Zweifel (vgl. I.1 und I.3).

Literatur

Ammon, UlrichAmmon, Ulrich, »Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt«, in: Alois WierlacherWierlacher, Alois/Andrea BognerBogner, Andrea (Hrsg.), Handbuch interkulturelle Germanistik, Stuttgart/Weimar 2003, S. 345–355.

Ammon, UlrichAmmon, Ulrich, Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt, Berlin/München/Boston, Mass. 2015.

Fischer Weltalmanach ’97, Frankfurt/M. 1996.

Haarmann, HaraldHaarmann, Harald, Weltgeschichte der Sprachen. Von der Frühzeit des Menschen bis zur Gegenwart, München 2006.

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Trabant, JürgenTrabant, Jürgen, Europäisches Sprachdenken. Von PlatonPlaton bis WittgensteinWittgenstein, Ludwig, München 2006 [2003].

3. Sprachkontakt: Pidgins und Kreolsprachen

Heinz Sieburg

Pidgins (etymologisch vermutlich im chinesischen Sprachraum von engl. business abgeleitet) sind ›Behelfs- oder Kontaktsprachen‹, die in (mündlichen) interkulturellen Kommunikationssituationen entstehen, wenn die Sprache des jeweiligen Gegenübers unbekannt ist und zwischen den Sprachen deutliche typologische Unterschiede bestehen. (Intentional und funktional ergeben sich damit gewisse Überschneidungen zu den Plansprachen; vgl. II.4.) In der Regel werden Pidgins auf Konstellationen während der Kolonialzeit (15.–19. Jahrhundert) bezogen, namentlich auf das Aufeinandertreffen von europäischen Sprachen (insbesondere Portugiesisch, Spanisch, Englisch, Französisch, Niederländisch) mit Sprachen aus anderen Weltteilen (z.B. Afrika, Karibik, Pazifik). Aufgrund des kolonialen Bezugsrahmens von Eroberung und Unterdrückung ist das Verhältnis der beteiligten Personengruppen wie auch das der betroffenen Sprachen als asymmetrisch zu charakterisieren. Strukturell finden sich in Pidgins meist hybride Kombinationen aus lexikalischen Elementen der dominanten Sprache (Superstrat) mit grammatisch-syntaktischen Elementen der einheimischen Sprache (Substrat). Funktional sind Pidginsprachen (zunächst) weitgehend auf das für die Arbeits- und Handelsabläufe Notwendige beschränkt.

Den bereits stabileren (eigentlichen) Pidgins gehen die in der frühesten Kontaktphase entstandenen, noch sehr unfesten und idiolektal geprägten Protoformen (Jargons) voraus. Pidgins können als eine (funktional stark eingeschränkte und grammatisch simplifizierte) Zweitsprache neben den jeweiligen Muttersprachen (oder Fremdsprachen) der Beteiligten über Generationen weiterbestehen – und sich auch weiterentwickeln. Unter Umständen (Beeinträchtigung der primären Sprachgemeinschaft, Unerreichbarkeit der europäischen Prestigesprachen) entwickeln sich Pidgins im Zuge der Generationenfolge allerdings ihrerseits zu Muttersprachen, die dann Kreolsprachen genannt werden. In Relation zu den Pidgins sind Kreols deutlich elaborierter, verfügen über ein den Basissprachen vergleichbares Ausdruckspotential, sind aber strukturell einfacher gebaut. Für Fälle zunehmender Annäherung an die Prestigevarietäten hat sich der Begriff Dekreolisierung etabliert.

Sowohl Pidgins als auch Kreols (etymologisch möglicherweise aus span. criollo ›einheimisch, eingeboren‹ abgeleitet) bilden den Gegenstandsbereich der Kreolistik, als deren Begründer der Romanist und Indogermanist Hugo SchuchardtSchuchardt, Hugo (1842–1927) gilt und die insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem Hintergrund der zunehmenden Unabhängigkeit der Kolonialgebiete (wieder) ein verstärktes wissenschaftliches Interesse fand. Dies gilt vor allem auch für die sich in der US-amerikanischen Linguistik etablierenden – weniger sprachhistorisch als synchron orientierten – Pidgin and Creole Studies. Deren gesellschaftspolitische Relevanz zeigte sich etwa bezogen auf die Frage, ob das Black English als Kreol und damit als gleichberechtigte eigenständige (und identitätsstärkende) Sprache anzusehen sei: »If American Negro English is indeed a creole […] the social and political implications will be great indeed« (Dell HymesHymes, Dell zit. nach BachmannBachmann, Iris, Die Sprachwerdung des Kreolischen, 165).

Für die allgemeine Linguistik ist die Kreolistik vor allem vor dem Hintergrund sprachwandel- und spracherwerbstheoretischer Fragestellungen interessant. Gerade der mit dem muttersprachlichen Erstspracherwerb der ersten Generation verbundene Entwicklungsschub von einem restringierten pidginsprachlichen Input seitens der Eltern zu einer grammatisch und funktional erweiterten Kreolsprache bei den Lernern führte zu produktiven neuen Ansätzen: Stark diskutiert wurde und wird in diesem Zusammenhang die Theorie Derek BickertonsBickerton, Derek, der die systematischen Veränderungen im Kreolisierungsprozess als Funktion eines genetisch verankerten, spezifisch menschlichen ›Bioprogramms‹ (»the one crucial clue to the history of our species«) erklärt (Bickerton, Roots of language, 255). Dieses Programm, so Bickerton, ist im normalen Spracherwerbsprozess durch die jeweils vorgegebene Zielsprache (weitgehend) überlagert, kann sich also nur in der spezifischen Pidgin-/Kreol-Situation voll entfalten, ist aber nichtsdestotrotz notwendige Voraussetzung zur Aneignung jedweder Kultursprache: »Without such a program, the simplest of cultural languages would presumably be quite unlearnable« (ebd.Bickerton, Derek, 255). Die Erforschung der Kreolisierung als fundamentales Sprachwandelphänomen hat neben der individuellen (bzw. universalistischen) Komponente auch die Sprachgemeinschaft als Ganzes und die in ihr ablaufenden vielschichtigen Veränderungs- und Erweiterungsprozesse zu beachten, wobei die Einflüsse der Substrat- und Superstratsprachen zu berücksichtigen bleiben. Jedenfalls gilt nach HellingerHellinger, Marlis (Englisch-orientierte Pidgin- und Kreolsprachen, 114): »Wir erhalten kein adäquates Bild sprachlicher Vorgänge, wenn Kreolisierung überwiegend als kindlicher Spracherwerb unter extremen Bedingungen gesehen, die Rolle erwachsener Sprecher aber vernachlässigt wird.«

Innerhalb der Kreolistik stark diskutiert ist neben der Frage der Kreolisierung die der mono- bzw. polygenetischen Entwicklung. Die monogenetische Hypothese stützt sich auf die Beobachtung einer (bei aller lexikalischen Differenz) auffälligen strukturellen Nähe geografisch weit auseinanderliegender Pidgin- und Kreolvarietäten, vernachlässigt dabei aber potentielle eigendynamische Entwicklungen. Auf Keith WhinnomWhinnom, Keith basiert die (heute mehrheitlich verworfene) Auffassung, wonach als gemeinsamer Ursprung aller europäisch basierten Pidgin- und Kreolsprachen die historische Lingua Franca (auch Sabir), eine – italienisch basierte – mittelalterliche Kontaktvarietät zwischen Sprachen des europäischen und orientalischen Raumes, anzusetzen sei. Dass eine solche Varietät existierte, ist unstrittig, auch wenn schriftliche Belege aus dem Mittelalter nur ganz vereinzelt überliefert sind.

Immerhin hatte diese ›Vermittlungssprache‹ ein Nachleben in der Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts (z.B. bei GoldoniGoldoni, Carlo, Lope de VegaLope de Vega, Félix, CalderónCalderón de la Barca, Pedro) und diente hier zur Erzeugung von historisch-sozialer Authentizität, Komik oder der Markierung sozialer Inferiorität. In MolièreMolières Ballett-Komödie Le bourgeois gentilhomme (Der Bürger als Edelmann) von 1671 findet sich als Beleg (aus HellingerHellinger, Marlis, Englisch-orientierte Pidgin- und Kreolsprachen, 57):

Se ti sabir, Ti respondir;

se non sabir, tazir, tazir.

Mi star Mufti; Ti qui star qui?

Non intendir: tazir, tazir.

(Wenn Du weißt, dann antworte; wenn Du nicht weißt, dann schweige, schweige. Ich bin Mufti; Du, wer bist Du? (Du) verstehst nicht; sei still, sei still.)

Nach Angaben von HellingerHellinger, Marlis (ebd., 2) ist von ca. 130 bisher bekannten Pidgins bzw. Kreols auszugehen, wobei die Abgrenzung untereinander und gegenüber anderen Varietäten mitunter schwierig ist. Neben den weit überwiegend europäisch basierten Formen existieren andere ohne europäischen Einfluss (z.B. Ewondo Populaire, eine bantubasierte Kontaktsprache in Ost-Kamerun, oder Sango in der Zentralafrikanischen Republik). Die Sprecherzahlen differieren sehr stark. Größere Sprachgemeinschaften mit Sprecherzahlen jenseits der Millionengrenze bestehen etwa für das Jamaican Creol oder Tok Pisin (vor allem in Papua-Neuguinea). In einigen Fällen sind die Sprachen vom akuten Sprachtod bedroht (etwa Unserdeutsch).

Bei aller Variabilität der einzelnen Varietäten lassen sich doch bestimmte linguistische Merkmale benennen, die, wenn auch in unterschiedlichen graduellen Ausprägungen, für Pidgins und Kreols als charakteristisch angesehen werden können. Dazu zählen syntaktische Reduktionen, Einschränkungen im Tempus- und Modussystem, der Verzicht auf Flexionsendungen, Wortschatz-Reduktionen, auf lexikalischer Ebene Häufung analytischer Wortumschreibungen und die Tendenz zur Metaphorik (glas bilong lukluk ›Spiegel‹; fellow belong make open bottle ›Korkenzieher‹; vgl. BauerBauer, Anton, »Pidgin- und Kreolsprachen«, 348).

Das Prestige von Pidgin- und Kreolsprachen wird im Allgemeinen als gering eingeschätzt, und das sowohl außer- wie innerhalb der jeweiligen Sprachgemeinschaft. (So wird ›Pidginisierung‹ in alltagssprachlicher Verwendung häufig mit Sprachverfall gleichgesetzt.) Andererseits lassen sich Beispiele aufzeigen, in denen ein deutlicher Prestigezuwachs eingetreten ist. Dies gilt zumal dann, wenn im Zuge der Dekolonialisierung sprachpolitische Entscheidungen zu einer Aufwertung und administrativen Etablierung bestimmter Pidgins oder Kreols führten. Besonders in Ländern, die aufgrund der oft komplexen Bevölkerungszusammensetzung keine einheitliche einheimische Sprache ausgebildet hatten, wurden bisweilen die etablierten Pidgin- oder Kreolvarietäten (neben der Kolonisatorensprache) zu Staats- oder Verwaltungssprachen erhoben. Beispiel hierfür ist Papua-Neuguinea, das 1975 (von Australien) unabhängig wurde und auf dessen Gebiet allein rund 740 Papua-Sprachen (Fischer Weltalmanach 2016, 354) zu verzeichnen sind. Neben Englisch sind das Kreol Hiri Motu und Tok Pisin offizielle Staatssprache. Vor allem das Englisch-basierte Tok Pisin erfuhr mit der Erhebung zur offiziellen Landessprache einen enormen Prestigegewinn – und entwickelte sich etwa zur praktisch einzigen Parlamentssprache. Tok Pisin (oder Papua-Neuguinea Pidgin) ist mit 3 bis 5 Millionen Sprechern die größte Landessprache. Da die Varietät sowohl (mehrheitlich) als Zweit-, von etwa 500000 Sprechern aber auch als Muttersprache verwendet wird (VelupillaiVelupillai, Viveka, Pidgins, Creoles and Mixed Languages, 37), wird sie als Zwischenstufe zwischen Pidgin und Kreol beschrieben. Radiosendungen auf Tok Pisin oder die Entwicklung eines auch schriftsprachlichen Registers belegen die Vitalität dieser Varietät. Als Anschauungsbeispiel für Tok Pisin nachfolgend Artikel 1 der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte:

Yumi olgeta mama karim umi long stap fri na wankain long wei yumi lukim i gutpela na strepela tru. Uumi olgeta igat ting ting bilong wanem samting I rait na rong na mipela olgeta I mas mekim gutpela pasin long ol narapela long tingting bilong brata susa. (http://www.omniglot.com/writing/tokpisin.htm [Stand: 2.8.2016])

(Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen. – http://www.ohchr.org/EN/UDHR/Documents/UDHR_Translations/ger.pdf [Stand: 2.8.2016]).

Der Expandierung einzelner Pidgin- und Kreolsprachen steht das Aussterben anderer gegenüber. Zu diesen zählt Unserdeutsch (oder Rabaul Creole German), das ebenfalls von Papua-Neuguinea (Bismarck-Archipel) stammt und die einzige deutschbasierte Kreolsprache darstellt, entstanden während der kurzen Phase deutscher Kolonialherrschaft (1884–1914). Untypisch ist – unter kreolistischer Perspektive deshalb umso interessanter – auch ihr Entstehen durch Kinder (Mischlingskinder des Herz-Jesu-Missionsinternats in Vanapope). Unserdeutsch wird heute nur noch von wenigen älteren Sprechern beherrscht. Erste (und bislang einzige) größere Untersuchung zu dieser Varietät ist die maschinenschriftliche Master Thesis von Craig Alan VolkerVolker, Craig Alan (»An Introduction to Rabaul Creole German (Unserdeutsch)«). Daraus auch die folgenden Beispiele: Wenn er kommt, i wird fragen er. (39) Du kann geht, wenn du arbeiten gut. (49) Also drei ich wird aufpicken (›abholen‹) (52). Das aktuelle Forschungsinteresse an Unserdeutsch zeigt ein gleichnamiges Augsburger DFG-Projekt (Förderzeitraum 2015–2018; vgl. MaintzMaintz, Péter/KönigKönig, Werner/VolkerVolker, Craig Alan, »Unserdeutsch (Rabaul Creole German)«).

Innerhalb der Linguistik findet sich der Begriff Pidgin auch in anderen Zusammenhängen. So wurden beispielsweise in der Bundesrepublik (angeregt durch Michael ClyneClyne, Michael, »Zum Pidgin-Deutsch der Gastarbeiter«) Untersuchungen zum Gastarbeiterdeutsch mit Begriffen wie Arbeiter-Pidgin oder Pidgin-Deutsch verbunden. Untersuchungsziel waren Verlauf und Ausprägungen des ungesteuerten Spracherwerbs bei erwachsenen Arbeitsimmigranten. Ebenso spielte eine Rolle, inwiefern das ›Pidgin-Deutsch der Migranten‹ durch das ›Pseudo-Pidgin (Foreigner Talk) der Einheimischen‹, einer von deutschsprachigen Muttersprachlern gegenüber Migranten verwendeten, stark reduzierten Sprachform, beeinflusst ist.

Literatur

Bachmann, IrisBachmann, Iris, Die Sprachwerdung des Kreolischen. Eine diskursanalytische Untersuchung am Beispiel des Papiamentu, Tübingen 2005.

Bauer, AntonBauer, Anton, »Pidgin- und Kreolsprachen«, in: Ulrich AmmonAmmon, Ulrich/Norbert DittmarDittmar, Norbert/Klaus J. MattheierMattheier, Klaus J. (Hrsg.), Handbuch Sociolinguistics/Soziolinguistik. Ein internationales Handbuch zur Wissenschaft von Sprache und Gesellschaft, 1. Halbbd., Berlin/New York 1987.

Bickerton, DerekBickerton, Derek, Roots of Language, Berlin 2016 [1981].

Clyne, MichaelClyne, Michael, »Zum Pidgin-Deutsch der Gastarbeiter«, in: Zeitschrift für Mundartforschung 35 (1968), S. 130–139.

Fischer Weltalmanach 2016, Frankfurt/M. 2015.

Hellinger, MarlisHellinger, Marlis, Englisch-orientierte Pidgin- und Kreolsprachen. Entstehung, Geschichte und sprachlicher Wandel, Darmstadt 1985.

Hymes, DellHymes, Dell (Hrsg.), Pidginization and Creolization of Languages. Proceedings of a Conference held at the University of West Indies, Mona, Jamaica, April 1968, Cambridge 1971.

Maintz, PéterMaintz, Péter/Werner KönigKönig, Werner/Craig A. VolkerVolker, Craig Alan, »Unserdeutsch (Rabaul Creole German). Dokumentation einer stark gefährdeten Kreolsprache in Papua-Neuguinea«, in: Zeitschrift für Germanistische Linguistik 44.1 (2016), S. 93–96.

Velupillai, VivekaVelupillai, Viveka, Pidgins, Creoles and Mixed Languages. An Introduction, Amsterdam/Philadelphia 2015.

Volker, Craig AlanVolker, Craig Alan, »An Introduction to Rabaul Creole German (Unserdeutsch)«, unveröffentlichte Master-Arbeit, University of Queensland, masch. 1982 (als PDF unter: https://www.philhist.uni-augsburg.de/de/lehrstuehle/germanistik/sprachwissenschaft/Unserdeutsch/publikationen/volker_1982.pdf [Stand: 2.8.2016]).

4. Künstliche Sprachen (Plansprachen/Welthilfssprachen)

Heinz Sieburg

Im Gegensatz zu natürlichen Sprachen (Ethnosprachen) sind künstliche Sprachen, meist Plansprachen (auch Welthilfssprachen, vor allem im 17./18. Jahrhundert auch Universalsprachen genannt), konstruierte Sprachsysteme, die in aller Regel von Einzelpersonen geschaffen wurden, um als Lingua Franca (Verkehrssprache) zur leichteren Überwindung einzelsprachlich begründeter Sprachbarrieren und damit zur Förderung internationaler Kommunikation zu dienen. Da Plansprachen prinzipiell nicht als Muttersprachen oder Nationalsprachen fungieren, sondern als neutrale Zweitsprachen, nivellieren sie den mit natürlichen Weltsprachen (vgl. II.2) notwendig verbundenen ›Heimvorteil‹ einzelner (dominanter) Sprachgemeinschaften gegenüber anderen. Nicht selten verbinden die Schöpfer (und Verfechter) von Plansprachen mit ihren Projekten dezidiert ethisch-idealistische Motivationen wie Völkerverständigung, Friedenssicherung, Demokratisierung oder die Abwehr von Sprachimperialismus. Ludwik Lejzer ZamenhofZamenhof, Ludwik Lejzer stellte sein Plansprachen-Projekt ›Esperanto‹ in den Zusammenhang einer zu schaffenden neutralen, kosmopolitischen Religion (Hillelismus, später homaranismo genannt). Interethnische Konflikte, so die Hoffnung, könnten durch eine gemeinsame interethnische und daher diskriminationsfreie Sprache überwunden werden. Jan Baudouin de CourtenayBaudouin de Courtenay, Jan formuliert 1907 entsprechend optimistisch: »Die Existenz einer solchen die ganze Menschheit vereinigenden Weltsprache wird dem nationalen und staatlichen Größenwahn seinen scharfen und giftigen Zahn abbrechen. Das Streben nach Weltbeherrschung und nach Vernichtung anderer Nationalitäten wird durch die Weltsprache neutralisiert und paralysiert werden.« (»Zur Kritik der künstlichen Weltsprachen«, 105)

Mit dem Anspruch der Plansprachen auf Kommunikationserleichterung ergeben sich – aus heutiger Sicht – bestimmte Kriterien, denen diese idealiter zu genügen haben: Plansprachen sollen demnach möglichst einfach und regelmäßig konstruiert sein und auf bereits international gebräuchliches Morphemmaterial (vor allem lateinisch-romanischer Herkunft) zurückgreifen, um so eine möglichst große ›Merkhilfe‹ (durch Vorwissen bekannter Zusammenhang von Wortform und Bedeutung) und tendenziell eine prima vista-Verständlichkeit zu ermöglichen.

Plansprachen werden als Untersuchungsgegenstand heute meist der Interlinguistik zugewiesen. In grober Unterteilung kann Interlinguistik im engeren Sinne mit ›Plansprachenwissenschaft‹ gleichgesetzt werden, in einem weiteren Sinne hat diese auch die natürlichen Weltsprachen bzw. die internationale sprachliche Kommunikation mit all ihren Aspekten zum Gegenstand. Innerhalb der Linguistik gilt die Interlinguistik, trotz aller Bemühungen einzelner Spezialisten, vielen bis heute als eher exotisches Randgebiet, – obwohl die Zahl der Plansprachenprojekte inzwischen auf etwa tausend geschätzt wird und sich hieran unterschiedlichste, auch für die allgemeine Linguistik interessante Fragestellungen (Sprachlenkung, Sprachwandel, Natürlichkeit etc.) knüpfen lassen.

Im Gegensatz zu natürlichen Sprachen, die zuerst als phonetisch/phonologische Systeme entstehen, werden Plansprachen zunächst schriftlich konzipiert. Unter Umständen ist eine Beschränkung auf die schreibsprachliche Verwendung im Sinne einer internationalen Schrift (Weltsinnschrift, Pasigraphie) von vorneherein intendiert.

Systematisieren lassen sich Plansprachen vor allem in Hinblick auf ihr Ausgangsmaterial. Die allermeisten von ihnen zählen zu den aposteriori-Sprachen, weil sie sich natürlicher Sprachelemente als Grundlage bedienen. Weniger verbreitet sind apriori-Sprachen (ohne Bezug zu natürlichen Sprachen), die etwa von Philosophen (z.B. René DescartesDescartes, René, Gottfried Wilhelm LeibnizLeibniz, Gottfried Wilhelm) im Sinne mathematischer Kalküle oder philosophischer Klassifikationen erdacht wurden. Bei den aposteriori-Sprachen kann mit Blick auf das Ausgangsmaterial zwischen Konstrukten unterschieden werden, die darauf abzielen, eine vorhandene Einzelsprache zu vereinfachen, um dadurch deren Verwendung als Welthilfssprache zu optimieren (z.B. latine sine flexione durch den italienischen Mathematiker Guiseppe PeanoPeano, Guiseppe, 1903; vgl. auch Weltdeutsch von Adalbert BaumannBaumann, Adalbert 1915 oder Basic English von Charles K. OdgenOdgen, Charles K. 1930). Den Normalfall bilden jedoch Modelle, die, aufbauend auf lexikalischen, morphologischen und syntaktischen Elementen unterschiedlicher Ausgangssprachen eine neutrale neue Sprache entwickeln.

Die weitaus meisten Plansprachen sind über ein mehr oder weniger entwickeltes Entwurfsstadium nicht hinausgekommen und verfügen im Sinne Ferdinand de SaussureSaussure, Ferdinand des allenfalls über eine (Art) langue, nicht aber über eine parole; sie sind daher nur unter Vorbehalt überhaupt als Sprache zu bezeichnen. Zu real erprobten Kommunikationssystemen mit einer größeren internationalen Sprachgemeinschaft haben es nur wenige künstliche Sprachen gebracht. Bei nur einzelnen wurden zudem feste Organisationsstrukturen und Publikationsforen – wie regelmäßige (Welt-)Kongresse, Zeitschriften, Internetauftritte und dergleichen entwickelt. Nach Detlev BlankeBlanke, Detlev (Interlinguistische Beiträge, 64) sind die »bekanntesten und am besten beschriebenen Systeme […] Volapük (1879), Esperanto (1887), Latino sine flexione (1903), Ido (1907), Occidental-Interlingue (1922) und Interlingua (1951)«. Vielfach wurden Plansprachen in Konkurrenz zu anderen bereits bestehenden entwickelt oder verstanden sich als Reformprojekt gegenüber – als unzulänglich angesehenen – Vorgängern. So können Ido (= Esperanto reformita), Occidental (später in Interlingue umbenannt) oder Interlingua als Weiterentwicklungen von Esperanto angesehen werden.

Versuche zur Herausbildung internationaler Plansprachen lassen sich bis in die Vormoderne verfolgen, einen Höhepunkt bildet die Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Insbesondere bedingt durch den Aufschwung der Wissenschaften, der Technik und des Welthandels gewinnt die Frage nach einem adäquaten internationalen Kommunikationssystem in dieser Zeit an Relevanz. Dabei stehen sich Befürworter und Gegner von künstlichen Sprachen teilweise unversöhnlich gegenüber. Zu den prominenten Verfechtern zählen neben dem Slawisten Jan Baudouin de CourtenayBaudouin de Courtenay, Jan (1845–1929) etwa der Romanist Hugo SchuchardtSchuchardt, Hugo (1824–1927), der Indologe Friedrich Max MüllerMüller, Friedrich Max (1823–1900) sowie der Anglist Otto JespersenJespersen, Otto (1860–1943), der 1928 mit Novial ein eigenes Plansprachenprojekt vorlegt. Ablehnend äußern sich dagegen etwa die Junggrammatiker Karl BrugmannBrugmann, Karl (1849–1919) und August LeskienLeskien, August (1840–1916) (»Zur Kritik der Künstlichen Weltsprachen«). Der Linguist Nikolai Sergejewitsch TrubetzkoyTrubetzkoy, Nikolai Sergejewitsch (1890–1938) lehnt die Plansprachen-Idee zwar nicht grundsätzlich ab, kritisiert diese aber als eurozentristisch: »Gerade die nichtromanischen und nichtgermanischen Völker sind es aber, die eine internationale Hilfssprache wirklich brauchen« (»Wie soll das Lautsystem einer künstlichen internationalen Hilfssprache beschaffen sein?«, 216). Im Folgenden sollen mit Volapük und Esperanto die zwei Plansprachen näher vorgestellt werden, die den Anfangs- und vorläufigen Endpunkt praktischer Anwendung markieren.

Volapük (›Weltsprache‹, aus: vol (<- engl. world), –a = Genitivendung, pük (<- engl. speak)) ist die erste Plansprache, die weltweit propagiert und bis zu einem gewissen Umfang auch praktiziert wurde. Sie ist das Werk des badischen Prälaten Johann Martin SchleyerSchleyer, Johann Martin (1831–1912) und wurde von diesem 1879 in der von ihm selbst herausgegebenen katholischen Zeitschrift Sionsharfe (Monatsblätter für katholische Poesie) publiziert. Schleyer verstand seine Sprache als (pfingstlich) philanthropisches Unternehmen und stellte es unter das Motto »Menadé bal / Püki bal! Der einen Menschheit / Eine Sprache«1. Lexikalisch basiert Volapük auf germanischen (vor allem englischen und deutschen), französischen und lateinischen Elementen, die aufgrund starker Modifikationen als solche allerdings oft kaum mehr erkennbar sind, – wodurch die Sprache oberflächlich wie eine apriori-Sprache anmutet: z.B. nol (›Wissen‹) aus engl. knowledge, mud (›Mund‹) aus dt. Mund, plim (›Kompliment‹) aus frz. compliment oder nim (›Tier‹) aus lat. animal (vgl. Blanke, Interlinguistische Beiträge, 204). Die ersten Verse des Vaterunsers lauten: »O Fat obas, el in süls! Paisaludomöz nem Ola! Kömomöd monargän Ola! Jenomöz vol Ola, äs in sül, i su tal!« (HaupenthaHaupenthal, Reinhardl, »Johann Martin SchleyerSchleyer, Johann Martin (1831–1912) und seine Plansprache Volapük«, 81). Volapük verfügt über ein ausgebautes autonomes Wortbildungssystem und eine regelmäßige Grammatik. Die Plansprache SchleyerSchleyer, Johann Martins erreichte in den ersten Jahren eine z. T. begeisterte Aufnahme und eine beachtliche Verbreitung. BlankeBlanke, Detlev (Interlinguistische Beiträge, 202) gibt für das Jahr 1889 neben 18 nationalen und internationalen Verbänden auch weltweit ca. 400 Volapük-Clubs an. Daneben erschienen zahlreiche Zeitschriften und Lehrmittel sowie eine recht umfangreiche Original- und Übersetzungsliteratur.

Der dennoch rasch folgende Niedergang von Volapük resultierte u.a. aus dem Beharren SchleyersSchleyer, Johann Martin auf seinen Autorenrechten und der konsequenten Ablehnung von Veränderungsvorschlägen von außen, sprachstrukturell insbesondere aus dem geringen Wiedererkennungswert (Merkhilfe) des an sich aposteriorischen Ausgangsmaterials. Hierdurch war die (passive) Verständlichkeit und Erlernbarkeit der Plansprache deutlich erschwert. Volapük ist heute bis auf einige wenige eher nostalgische Reste (etwa der Rundbrief Vög Volapüka oder eine Wikipedia-Variante) als Gebrauchssprache praktisch verschwunden, bleibt als kulturhistorisches Phänomen und linguistisches Experiment aber von Interesse.

Weitaus erfolgreicher und heute die einzige Plansprache mit nennenswerter praktischer Bedeutung ist Esperanto, das Projekt des Warschauer Augenarztes ZamenhofZamenhof, Ludwik Lejzer, von diesem 1887 auf Russisch unter dem Pseudonym »Doktor Esperanto« (›Hoffender Doktor‹) vorgelegt. Zamenhof orientierte sich in Hinsicht auf Organisations- und Propagandaformen einerseits am Beispiel der Volapükisten (jährliche Weltkongresse, Bildung von Ortsgruppen und Landesverbänden, Gründung einer Sprachakademie, Komposition einer Hymne etc.) und lernte andererseits auch aus dem Misserfolg von Volapük: Im Gegensatz zu SchleyerSchleyer, Johann Martin verschließt sich ZamenhofZamenhof, Ludwik Lejzer Änderungsvorschlägen am Sprachsystem nicht, erklärt Esperanto vielmehr zum ›allgemeinen Eigentum‹ und verzichtet auf alle Autorenrechte. Beleg für den bemerkenswerten und dauerhaften Erfolg von Esperanto ist auch die Tatsache, dass die ›Esperantologie‹ einen eigenen Zweig innerhalb der Interlinguistik darstellt.

Typologisch zählt Esperanto zu den schematischen, streng regelmäßig gebauten Sprachen. Dies zeigt sich etwa in der Bildung der Hauptwortarten durch bestimmte Endungen, -o bei Substantiven (knab-o ›Junge‹), -a bei Adjektiven (bel-a ›schön‹) und -i bei Verben (kant-i ›singen‹), oder in einer autonomen (regelmäßigen) Wortbildung. Der Wortschatz wird in weiten Teilen durch lineare Verkettung von Morphemen konstruiert (agglutinierendes Prinzip). Zentral hierfür sind gut 30 Wortbildungsformen, die ihrerseits z. T. als Basismorpheme fungieren können. So kann z.B. die Ableitungsform ulo auch selbstständig für Person stehen, dient in der Regel aber der Wortbildung: tim-ulo (›Angsthase‹; timi = ›fürchten‹), entsprechend ejo für Ort, kuir-ejo (›Küche‹, zu kuiri ›kochen‹). Durch Kombination lassen sich morphologisch hochkomplexe Wörter bilden wie beispielsweise mal-san-ul-ej/o für Krankenhaus (eigentlich ›Ort für nicht gesunde Menschen‹). Die Wortbildungsbasen sind zu rund 75 % romanischer und zu 20 % germanischer Herkunft. Der Rest resultiert aus unterschiedlichen anderssprachigen, vor allem slawischen Morphemen. Der Wiedererkennungsgrad (Merkhilfe) ist für Kenner romanischer bzw. germanischer Sprachen demnach besonders hoch, wie sich am Beispiel der ersten Sätze der Genesis zeigen lässt:

(1) En la komenco Dio kreis la ĉielon kaj la teron. (2) Kaj la tero estis senforma kaj dezerta, kaj mallumo estis super la abismo; kaj la spirito de Dio ŝvebis super la akvo. (3) Kaj Dio diris: Estu lumo; kaj fariĝis lumo. (http://www.steloj.de/esperanto/biblio/libro_gen.html [Stand 25.7.2016])

(Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. – Einheitsübersetzung 1980)

Bemühungen, Esperanto durch sprachpolitische Maßnahmen administrativ zu etablieren, blieben trotz einiger Achtungserfolge (z.B. wohlwollende, wenngleich unverbindliche Resonanz seitens des Völkerbundes 1923 sowie der UNESCO 1954, vereinzelte Etablierung im schulischen Fremdsprachenunterricht) letztlich ohne durchschlagende Wirkung. Bekämpft wurden die Esperantisten im Nationalsozialismus und Kommunismus (insbesondere in der StalinStalin, Josef-Ära). Gründe hierfür waren neben der jüdischen Herkunft ZamenhofsZamenhof, Ludwik Lejzer die prinzipiell demokratische Orientierung seines Projektes. Speziell in der Sowjetunion wurden Esperanto-Briefkontakte ins nichtkommunistische Ausland unter Spionageverdacht gestellt. Wie hoch die Zahl der Esperanto-Sprecher heute ist, ist nicht zweifelsfrei zu beziffern. Einige Angaben überschreiten die Millionengrenze. Unstreitig ist die Vitalität der Sprache, was sich an zahlreichen Publikationen oder Internetaktivitäten ablesen lässt. Hervorzuheben ist etwa das 1999 gegründete Lexikografie-Projekt Reta Vortaro (REVO), das neben etlichen anderen Sprachen auch ein aktuelles Lexikon Esperanto-Deutsch bietet (http://www.reta-vortaro.de/revo [Stand: 25.7.2016]).

Der Erfolg von Esperanto im Sinne einer allgemein anerkannten und angewandten Welthilfssprache ist heute dennoch sehr unwahrscheinlich geworden, was im Sinne Umberto EcoEco, Umbertos durchaus kulturpessimistisch kommentiert werden könnte:

So unausweichlich die Forderung nach einer WHS [Welthilfssprache, H.S.] auch sein mag, eine Weltgemeinschaft, die nicht in der Lage ist, sich auf die dringendsten Maßnahmen zur Rettung des Planeten vor der ökologischen Katastrophe zu einigen, scheint kaum geeignet, auf schmerzlose Weise die Wunde zu heilen, die Babel offengelassen hat. (EcoEco, Umberto, Die Suche nach der vollkommenen Sprache, 339)

Zentral ist aber wohl, dass Englisch inzwischen die Funktion der Weltsprache mehr und mehr besetzt hat. Auch Vorschläge, Esperanto zur Sprache der Europäischen Union zu erheben, blieben (bislang) ohne große Resonanz. Gerade hier aber könnte das als eurozentristisch kritisierte Esperanto als neutrale Sprache im Sinne einer ›Fremdsprache für alle‹ seinen Vorteil ausspielen. Mit dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU (Brexit) ist allerdings – sieht man vom Heimvorteil der Iren ab – das Englische in diesem Rahmen nun auch zu einer (quasi) neutralen Fremdsprache mutiert.

Literatur

Baudouin de Courtenay, JanBaudouin de Courtenay, Jan, »Zur Kritik der künstlichen Weltsprachen. Wiederabdruck des Beitrags Leipzig 1907«, in: Reinhard HaupenthalHaupenthal, Reinhard (Hrsg.), Plansprachen. Beiträge zur Interlinguistik, Darmstadt 1976, S. 59–110.

Blanke, DetlevBlanke, Detlev, Interlinguistische Beiträge. Zum Wesen und zur Funktion internationaler Plansprachen, hrsg. v. Sabine FiedlerFiedler, Sabine, Frankfurt/M. u. a. 2006.

Brugmann, KarlBrugmann, Karl/August LeskienLeskien, August, Zur Kritik der Künstlichen Weltsprachen, Straßburg 1907.

Eco, UmbertoEco, Umberto, Die Suche nach der vollkommenen Sprache, übers. v. Burkhart Kroeber, München 32002.

Haupenthal, ReinhardHaupenthal, Reinhard, »Johann Martin SchleyerSchleyer, Johann Martin (1831–1912) und seine Plansprache Volapük«, in: Zwischen Utopie und Wirklichkeit. Konstruierte Sprachen für die globalisierte Welt. Begleitbd. zur Ausstellung an der Bayrischen Staatsbibliothek (14. Juni bis 9. September 2012), München 2012, S. 63–84.

Trubetzkoy, Nikolai SergejewitschTrubetzkoy, Nikolai Sergejewitsch, »Wie soll das Lautsystem einer künstlichen internationalen Hilfssprache beschaffen sein? Wiederabdruck des Beitrags Prag 1939«, in: Reinhard HaupenthalHaupenthal, Reinhard (Hrsg.), Plansprachen. Beiträge zur Interlinguistik, Darmstadt 1976, S. 198–216.

5. Spezialsprachen: Fachsprachen, Wissenschaftssprachen etc.

Heinz Sieburg

Spezialsprachliche Kommunikationsformen sind zwar bereits aus früheren historischen Zusammenhängen bekannt, ihre Notwendigkeit hat mit der stetigen Ausdifferenzierung arbeitsteiliger Gesellschaften jedoch deutlich zugenommen. Sie sind in modernen Gesellschaften unerlässlich, um dem zunehmenden Bedarf spezialisierter professioneller und wissenschaftlicher Verständigung entsprechen zu können. Zu diesem Zweck haben sich unterschiedlichste Fachsprachen herausgebildet, die durch die je spezifischen Kommunikationsansprüche (Inhalte, Methoden etc.) der beruflichen Sparten und Wissenschaften bedingt sind. Fachsprachen können als funktional angepasste Varietäten (Funktiolekte) beschrieben werden. Hadumod BußmannBußmann, Hadumod (Lexikon der Sprachwissenschaft, 186) definiert Fachsprache als »[s]prachliche Varietät mit der Funktion einer präzisen, effektiven Kommunikation über meist berufsspezifische Sachbereiche und Tätigkeitsfelder«. Fachsprachen dienen der sachbezogenen, den Funktionskriterien der Deutlichkeit, Verständlichkeit, Ökonomie und Anonymität (im Sinne eines nichtindividuellen, affektfreien Stils) unterworfenen Verständigung von Experten in einem fachlich definierten Kommunikationsfeld. Wissenschaftssprachen können den Fachsprachen zugerechnet oder gegen diese abgegrenzt werden. Differenzkriterium ist dann die durch die jeweilige Wissenschaftstheorie und -methode bestimmte besondere Verbindlichkeit des terminologischen Systems der Wissenschaftssprachen gegenüber gewöhnlichen Fachsprachen.

Fachsprachen werden in der Regel den Sondersprachen (in einem engeren Sinne) gegenübergestellt. (In einem weiten Sinn decken sich die Begriffe Sondersprache und Soziolekt.) Zu Letzteren können Gaunersprachen wie Rotwelsch, bestimmte Handwerkersprachen wie das auf dialektaler Basis entwickelte ›Lebber Talp‹ (WegeraWegera, Klaus-Peter, »Lebber Talp«) oder Sprachspielereien von Schülern in Form von ›Bi-Sprachen‹, die allesamt die Funktion von Geheimsprachen haben, gezählt werden. Differenzkriterium ist die Sachgebundenheit in den Fachsprachen gegenüber der Sozialgebundenheit der Sondersprachen. Beide stellen Abweichungen gegenüber der funktional neutralen Alltagssprache (Gemeinsprache, Normalsprache, Umgangssprache in diesem Sinne) dar, wenngleich die Gründe hierfür differieren. In den Fachsprachen steht die präzise fachliche Kommunikation im Zentrum, Verständnisbarrieren gegenüber der Gemeinsprache treten als Effekt meist zwangsläufig auf, sind aber nicht intendiert. Sondersprachen dienen dagegen dem spezifischen Interesse bestimmter sozialer Gruppen und sind auf kommunikative Abschottung hin angelegt und damit funktional isolativ. (Unter diesem Gesichtspunkt ließe sich etwa auch die Jugendsprache den Sondersprachen zurechnen.) Eine Besonderheit stellen Varietäten wie etwa die Jägersprache oder die Sprache des Sports dar, da sich in diesen die Kriterien der Sach- und Sozialgebundenheit überlappen bzw. die zugrundeliegende Tätigkeit nicht notwendigerweise im Rahmen eines Berufes ausgeübt werden muss. Generell konfrontiert die Frage der Definition und Abgrenzbarkeit von Fächern (oder Berufen, Branchen, Wissenschaften) die Fachsprachenforschung mit erheblichen Herausforderungen.

Fachsprachen sind Teil des Varietätensystems einer Sprache. Ihre Basis ist die Standardsprache (vgl. II.1). Zu dieser besteht Durchlässigkeit insofern, als Elemente der Fachsprache in diese übergehen können und damit Bestandteil der Alltagssprache werden. Prozesse der Popularisierung von Fachwissen (zu Allgemeinwissen) sind weit verbreitet und lassen sich auf unterschiedlichste Berufsfelder und Wissenschaftsbereiche beziehen. Sie werden begünstigt durch ein allgemein ansteigendes Bildungsniveau der Bevölkerung, die Notwendigkeit, sich etwa neuer Technologien zu bedienen (Computerisierung, Digitalisierung), oder durch den Prestige-Mehrwert, der bestimmten Fachjargons zugemessen wird. So sind beispielsweise Fachwörter der Medizin wie Diagnose, Therapie, Infarkt inzwischen fester Bestandteil des allgemeinen Wortschatzes. Andererseits führt insbesondere die zunehmende Ausdifferenzierung in den Wissenschaften zu einer Vergrößerung des Abstandes zur Alltagssprache. Die Überbrückung der dadurch bedingten Kommunikationskluft kann aus unterschiedlichen Gründen notwendig werden und wird zum Teil durch Wissenschaftsjournalisten geleistet (z.B. regelmäßig bei der Erläuterung von mit Nobelpreisen ausgezeichneten naturwissenschaftlichen Forschungen).

Aus soziolinguistischer Sicht ist darauf hinzuweisen, dass Fachsprachen gruppendefinierend und -stabilisierend wirken können. Gegenüber Nicht-Fachleuten (Laien), wozu im Wissenschaftsbereich unter Umständen auch Vertreter fachfremder Disziplinen zu zählen sind, bilden Fachsprachen eine Sprachbarriere. Zumal bei Angehörigen von Berufsfeldern und Wissenschaftsdisziplinen, denen ein hohes Sozialprestige zugemessen wird, können Fachsprachen (bzw. fachsprachliche Elemente) den soziolinguistischen Effekt haben, Privilegierung und Exklusivität zu markieren, und autoritätssteigernd wirken. Andererseits kann terminologische Unverständlichkeit aber auch als Imponiergehabe angesehen oder als ›Fachsimpelei‹ abgetan werden.

Fachsprachen lassen sich nach unterschiedlichen theoretischen und methodischen Gesichtspunkten beschreiben. Deutlich wird dies durch die veränderte Orientierung innerhalb der (deutschen) Fachsprachenforschung, die eine Abfolge unterschiedlicher Forschungsansätze erkennen lässt (vgl. RoelckeRoelcke, Thorsten, Fachsprachen, 18ff.). Grundlage war zunächst die Orientierung an einem ›systemlinguistischen Inventarmodell‹ mit der Betonung der Fachsprache als eines sprachlichen Zeichensystems, das Produzenten und Rezipienten im Rahmen fachlicher Kommunikationen nutzen. Demgegenüber verlagern jüngere Ansätze den Forschungsschwerpunkt stärker auf den Fachtext und dessen ko- und kontextuelle (situative, soziologische, psychologische) Rahmen- und Entstehungsbedingungen (›pragmalinguistisches Kontextmodell‹), wodurch Fachsprachen nicht als Voraussetzung fachbezogener Kommunikation zu beschreiben sind, sondern als Resultat spezifischer Kommunikationskonstellationen. Eine weitere (und jüngere) Schwerpunktsetzung betont die Rolle des Produzenten und Rezipienten im Rahmen fachsprachlicher Kommunikation (›kognitionslinguistisches Funktionsmodell‹), wobei insbesondere auf die kognitiven Anlagen und intellektuellen Anforderungen der am Kommunikationsprozess Beteiligten abgehoben wird.

Zur Erfassung des komplexen und hochdifferenzierten Gegenstandsbereichs der Fachsprachen wurden auf fachwissenschaftlicher Ebene verschiedene Systematisierungskonzepte entwickelt, worunter auch die fundamentale Unterscheidung nach Gliederungsebenen fällt: Auf horizontaler Gliederungsebene steht die Frage der Aufteilung der jeweiligen Fächer und Fachbereiche und die daraus ableitbare Korrelation zu den fachsprachlichen Varietäten und Textsorten (z.B. wissenschaftliche Abhandlung, Lehrbuch, Lexikonartikel) im Mittelpunkt. Dabei wird die Wissenschaftssprache (bisweilen auch Theoriesprache genannt) der Praxissprache gegenübergestellt oder es werden differenziertere Modelle wie das der Dreiteilung in Wissenschaftssprache, Techniksprache, Institutionensprache vorgeschlagen (StegerSteger, Hugo, »Erscheinungsformen der deutschen Sprache«). Die vertikale Ebene der Gliederung orientiert sich an den Kommunikationsbedingungen, die mit den unterschiedlichen Fächern verbunden oder innerhalb der Fächer gegeben sind. Orientierungsgröße ist hier der Abstraktionsgrad der jeweiligen fachsprachlichen Kommunikationsstufen. Auch hier sind seitens der Fachsprachenlinguistik unterschiedlich ausdifferenzierte Modelle vorgeschlagen worden. So etwa das Fünfstufenmodell von Lothar HoffmannHoffmann, Lothar (Kommunikationsmittel Fachsprache, 64–70) mit der Unterscheidung in (1) die Sprache der theoretischen Grundlagenwissenschaften, (2) die Sprache der experimentellen Wissenschaften, (3) die Sprache der angewandten Wissenschaften und der Technik, (4) die Sprache der materiellen Produktion und (5) die Sprache der Konsumtion.

Fachsprachen lassen sich aus systemlinguistischer Sicht anhand bestimmter Merkmale beschreiben. Durch diese soll die fehlerfreie Vermittlung von Informationen garantiert und die referentielle Funktion von Sprache (Darstellungsfunktion) – im Sinne Karl BühlersBühler, Karl oder Roman JakobsonJakobson, Romans – optimiert werden (wobei etwa unter pragmalinguistischer Perspektive zusätzlich auf die die Informationsvermittlung begünstigenden bzw. hindernden Rahmenbedingungen zu verweisen wäre). Dabei können (intrafachliche) Bereiche, die ausschließlich einer Fachsprache angehören (generative Transformationsgrammatik, IC-Analyse, Morphosyntax als Beispiele der Linguistik), solchen gegenübergestellt werden, die fachübergreifend (interfachlich) gelten (z.B. Empirie, Methodologie, Theorie). Erkennbar wird an diesen Beispielen (der Wissenschaftssprache) zum einen die für Fachwortschätze allgemein typische Neigung zu komplexen Wortbildungen (für die das Deutsche prädestiniert ist), zur Verknappung durch Abkürzungen und, speziell in den Wissenschaften, zur Basierung auf Begriffe oder Wortbildungselemente gräkolateinischen Ursprungs, denen häufig der Status von Internationalismen zukommt. Innerhalb der IT-Branche und der hiervon geprägten, in Teilen sicherlich bereits gemeinsprachlichen, Medienkommunikation wird dagegen stärker auf angloamerikanische Lehnwörter zurückgegriffen (Browser, Provider, LAN, WWW). Generell erfolgt die Abgrenzung zur Alltagssprache häufig aber über eine semantische Differenzierung bestehender Wörter. So sind (homonyme) Begriffe wie Befehlsfolge, Treiber oder Netz gleichzeitig Elemente eines Fachwortschatzes (Computertechnik) und der Gemeinsprache.

Die voranstehenden Beispiele verdeutlichen die herausgehobene Stellung der lexikalischen Ebene der Fachsprachen, allerdings wäre eine Gleichsetzung von Fachsprache und Fachwortschatz verfehlt. Zu berücksichtigen sind vielmehr weitere linguistische Beschreibungsebenen. So zeigt sich auf grammatischer Ebene eine Dominanz der Präsensformen, eine hohe Frequenz des attributiven Genitivs (die Beurteilung der Theoriemodelle), eine verstärkte Neigung zu morphosyntaktischen Konstruktionen in Form von Nominalisierungen (die Angabe der Wortbedeutung) und Funktionsverbgefügen (kommt zur Ausführung), eine Vermeidung von Personalsubjekten (der Sachverhalt erscheint dem Betrachter), eine Tendenz zur Passivierung (daraus lässt sich ableiten) sowie zur Parallelität des Satzbaus (zum einen, zum anderen).

Die Aneignung von Fachsprachen erfolgt überwiegend im Rahmen der schulischen oder in den sich anschließenden berufs- bzw. fachbezogenen Ausbildungen (etwa Lehre oder Studium), wobei der Spezialisierungsgrad und damit der Grad der fachsprachlichen Ausdifferenzierung natürlich differiert. Insbesondere im akademischen Bereich werden dabei auch spezifische, durch die Methoden und Erkenntnisinteressen des Faches bedingte Denk- und Mitteilungsstrukturen vermittelt (vgl. BuhlmannBuhlmann, Rosemarie/FearnsFearns, Anneliese, Handbuch des Fachsprachenunterrichts). Zur Vermittlung (und semantischen Stabilisierung) von Fachwortschätzen dienen nicht zuletzt spezifische Fachlexika, wie etwa das oben genannte Lexikon der Sprachwissenschaft (BußmannBußmann, Hadumod). Unter fachlexikografischer Perspektive erweisen sich Fachlexika meist als deskriptive, semasiologisch orientierte (also ausdrucksseitig geordnete) strikt initialalphabetische Sammlungen von Fachbegriffen (Stichwörtern bzw. Lemmata), die präzise definiert und etwa durch Beispielangaben, bildhafte Darstellungen, Querverweise und Angaben zu weiterführender Literatur ergänzt werden.

Literatur

Buhlmann, RosemarieBuhlmann, Rosemarie/Anneliese FearnsFearns, Anneliese, Handbuch des Fachsprachenunterrichts. Unter besonderer Berücksichtigung naturwissenschaftlich-technischer Fachsprachen, Tübingen 62000.

Bußmann, HadumodBußmann, Hadumod, Lexikon der Sprachwissenschaft, Stuttgart 42008.

Hoffmann, LotharHoffmann, Lothar, Kommunikationsmittel Fachsprache, Tübingen 21985.

Roelcke, ThorstenRoelcke, Thorsten, Fachsprachen, Berlin 32010.

Steger, HugoSteger, Hugo, »Erscheinungsformen der deutschen Sprache. Alltagssprache – Fachsprache – Standardsprache – Dialekt und andere Gliederungstermini«, in: Deutsche Sprache 16/1988, S. 289–319.

WegeraWegera, Klaus-Peter, Klaus-Peter, »Lebber Talp. Die Geheimsprache der Backofenbauer aus Bell in der Nordosteifel«, in: Ulrich KnoopKnoop, Ulrich (Hrsg.), Studien zur Dialektologie I, Hildesheim 1987, S. 183–206.

6. Schriftsysteme, Sprachen, Mehrsprachigkeit

Monika Schmitz-Emans

Sprachstandardisierung ist in besonderem Maße mit Schrift verbunden, denn Schrift gilt als eine Voraussetzung zumindest strikterer Formen von Standardisierung oder Kodifizierung. Jenseits der übergeordneten Frage nach dem Einfluss von Schriftmedien auf Prozesse der Sprachstandardisierung muss allerdings auch konkret danach gefragt werden, welche Spielarten von Schriftlichkeit es überhaupt gibt und wie sie zu unterscheiden sind. Denn Schrift dient nicht nur dazu, sprachliche Äußerungen festzuhalten, sondern kann grundsätzlich auch anderen Aufzeichnungen dienen, etwa im Falle der musikalischen Notenschrift. Vor diesem Hintergrund lässt sich dann beschreiben, inwiefern unterschiedliche Arten von Schrift zur Ausbildung von insbesondere literarischer Mehrsprachigkeit beitragen (siehe III.4 Mehrschriftlichkeit). Bezieht man sich eingrenzend auf solche Schriftsysteme, die der sichtbaren Fixierung verbaler Äußerungen bzw. Texte dienen, so lassen sich mindestens folgende Ebenen unterscheiden:

1. Unterschiedliche Typen von Schriftcodes, also etwa segmentierende (phonetische) Schriften, syllabische Schriften, logographische Schriften (siehe CoulmasCoulmas, Florian, Writing Systems, 38–108). Gebräuchliche Schriften basieren selten ausschließlich auf einem einzigen Typus von Schrift. Beispielsweise ist in logographischen Schriftsystemen wie der chinesischen Schrift zwar die Verbindung einzelner Zeichen mit einzelnen Worten vorherrschend; das Schriftsystem bezieht aber auch Konstruktionsprinzipien ein, die syllabisch oder phonetisch funktionieren. Auch ist es für phonetische Schriften fast nie der Fall, dass einzelne Schriftzeichen sich klar einzelnen Lauten bzw. Phonemen zuordnen lassen. Vielmehr weisen phonetische Schriftsysteme, indem sie feste Zeichenkombinationen für einzelne Silben verwenden, die sich nicht aus den ›Lautwerten‹ der Buchstaben erschließen, auch Merkmale von syllabischen Systemen auf. Überdies gibt es Schriftsysteme, die mehrere Typen von Schriftcodes mehr oder weniger gleichberechtigt miteinander kombinieren. So sind in den japanischen Schriftzeichenrepertoires Elemente einer ursprünglich logographischen Schrift (aus China) mit einem silbenschriftlichen Code verbunden. Die abendländischen phonetischen Schriften sind zumindest genetisch vielfach zu frühen logographischen Schriften in Beziehung gesetzt worden. Die semitischen Schriften, etwa das Hebräische, sind phonetische Schriften, die (zunächst) in erster Linie Konsonanten verzeichneten, auch wenn in bestimmten Konstellationen auch ›Konsonantenzeichen‹ vokalische Qualitäten anzeigen konnten (ebd., 116–122); die punktierte Variante des Hebräischen ist insofern ein Hybrid.

2. Innerhalb ein und desselben Typus von Schrift lassen sich viele differente Schriftcodes unterscheiden, etwa innerhalb der (im Wesentlichen) phonetischen Codes Europas die Buchstaben der griechischen, lateinischen und kyrillischen Schrift. In der Linguistik wird für diese unterschiedlichen Schriftcodes der Begriff »script« im Unterschied zu »writing system« vorgeschlagen (ebd., 35). Einzelne, an (nationale) Standardsprachen gebundene Alphabete weisen wiederum (beispielsweise durch diakritische Zeichen konstituierte) Besonderheiten auf. In der Verwendung identischer Schriftsysteme für unterschiedliche Sprachen ergeben sich oft sehr unterschiedliche Formen der Interrelation zwischen Sprach- und Schriftstruktur. So sind schon bei der Verwendung lateinischer Buchstaben für die eng miteinander verwandten Sprachen Deutsch und Englisch sehr unterschiedliche Laut-Buchstabe-Zuordnungen gegeben.

3. Auf der Ebene ihrer graphischen Konkretisierung (wie der des lateinischen Alphabets) sind sowohl historische Entwicklungen als auch synchrone Ausdifferenzierungen zu verzeichnen, und zwar wiederum auf mehreren Ebenen. So konkretisieren sich die Buchstaben des lateinischen Alphabets in verschiedenen Glyphen; das lateinische ›A‹ als abstraktes Buchstabenzeichen lässt sich auf verschiedene Weisen schreiben oder drucken. Die typographische Dimension von Texten, realisiert unter Auswahl aus zahlreichen Schriften und Schriftgrößen, ist nicht nur materiell, sondern auch semantisch für einen Text konstitutiv; das illustrieren Zeitungslayout und Buchdesign, das demonstrieren auch literarische Texte.

4. Für die jeweilige konkrete Realisierung eines (abstrakten) Buchstabens ist auch seine physische Produktionsweise konstitutiv, insbesondere mit Blick auf die Differenz zwischen Handschrift und Druckschrift sowie rezent von Computerschriften.

5. Im Bereich der bestehenden Schriftsysteme wird oft der Versuch unternommen, die Elemente der alltagspraktisch verwendeten Schrift ganz oder teilweise durch erfundene Zeichenrepertoires abzubilden oder zu ersetzen. Solche sekundären Schriftcodes finden ihren Einsatz u.a. in Situationen, die eine konventionell-schriftliche Verständigung verhindern; Morsezeichen sowie spezifische visuelle Signale (Lichtsignale, Fahnen) ersetzen hier die Buchstaben zu Zwecken der Echtzeitkommunikation über räumliche Distanzen hinweg; tastend zu lesende Blindenschriften wurden für Leser entwickelt, die geschriebene Zeichen nicht sehen können. Sekundäre Schriftcodes dienen aber auch dazu, den Lautwert von Schriftzeichen und Texten in möglichst vereinheitlichender Weise darzustellen. Die international gebräuchlichen Lautschriften-Varianten sind in diesem Sinn Meta-Schriften.

Mit dem Unicode wird seit Jahrzehnten an einem entsprechenden graphischen Repräsentationssystem für eine zunehmend größer werdende Zahl von Schriftsystemen gearbeitet, das vor allem auf der Ebene globaler elektronischer Kommunikation die heterogensten Schriftkulturen und Schriftzeugnisse durch Transliteration in einen einheitlichen digitalen Code erschließt. Damit verwandt sind zum einen kryptographische Codes, die sowohl direkt auf Inhalte oder Lautwerte bezogene als auch sekundäre (auf Normalschriften basierende) Schriftcodes sein können; zum anderen kann die Abkehr von vertrauten Schriftcodes durch das Bedürfnis motiviert sein, eine neuartige, eine ›bessere‹, leistungsfähigere oder schönere Schrift zu erfinden. Mit Schriftcode-Erfindungen kann sich ein utopisches Moment verbinden: Dies demonstrieren sowohl Texte in Phantasieschriften als auch Beispiele für die Integration neuer (erfundener) Schriften in konventionell-schriftliche Texte.

6. An der Schwelle zur Schriftlichkeit bzw. an der Grenze zwischen bildlicher Figuration und Schriftzeichen lassen sich gestisch erzeugte Spuren verorten. Was im Alltag eher versehentlich zu geschehen pflegt, kann unter Umständen Teil einer Schriftkonstellation werden: Spuren von Körperbewegungen, von Bewegungen, klimatischen Verhältnissen und materiellen Objekten können sich in die Textgestaltung einmischen und den Buchstaben überlagern; Kleckse, Bewegungsspuren und Spuren anderer Vorgänge können auf dem Papier sichtbar werden.

Literatur

Coulmas, FlorianCoulmas, Florian, Writing Systems. An Introduction to their Linguistic Analysis, Cambridge 2003.

7. Durchsetzung von Sprachstandards

Helmut Glück

a) Begriffsbestimmung

Standardsprachen sind doppelt kodifizierte Schriftsprachen. Weitgehend synonym zu Standardsprache werden die Ausdrücke Hochsprache, Schriftsprache, Literatursprache, Kultursprache, Einheitssprache, Koiné und Standardvarietät verwendet (AmmonAmmon, Ulrich, »Standardsprache«). Am Anfang jeder Standardsprache steht die Verschriftung einer bislang nur gesprochenen Sprache bzw. eines Dialekts. Die jeweilige Sprachgemeinschaft muss davor nicht schriftlos gewesen sein; sie kann eine allochthone Schriftsprache verwendet haben, im mittelalterlichen Europa etwa das Lateinische. Alphabetisierung und Schriftkultur fußen dann auf einer Fremdsprache. Mit Verschriftungen gehen häufig Reformen und Neuschaffungen von existierenden Schriftarten einher; so haben das Lateinische, das Georgische, das Armenische und das Kirchenslawische (glagolitisch, dann kyrillisch) ausgehend vom Griechischen eigenständige Schriftarten entwickelt. Schriftsprachen spielen in diesen Prozessen als »Merkmal nationaler Eigenständigkeit« eine bedeutende Rolle (BoederBoeder, Winfried, »Identität«, 66). Auch mündlich tradierte Epen können für die Entwicklung von Standardsprachen von Bedeutung sein. Das antike Griechenland berief sich auf HomerHomers Epen als Gründungsdokumente der eigenen Schriftkultur: sie wurden überliefert, weil man sie aufschrieb (vgl. GlückGlück, Helmut, Schrift und Schriftlichkeit, 125–130).

Am Beginn von Standardisierungen standen in Europa oft Bibelübersetzungen (LewaszkiewiczLewaszkiewicz, Tadeusz, »Rola«). Das gilt für die frühen Schriftsprachen wie das Armenische und Georgische (4. Jahrhundert), das Irische (6. Jahrhundert) und das Althochdeutsche (8. Jahrhundert), noch mehr aber für Schriftsprachen, die im Zusammenhang mit der Reformation entstanden sind oder sich funktional durchsetzten. Die LutherLuther, Martinbibel (Neues Testament 1522, Vollbibel 1534) war für die Entwicklung des Frühneuhochdeutschen von erheblicher Bedeutung. Auch andere reformatorische Bibelübersetzungen waren für die Entwicklung von Standards relevant, so im Englischen (Tyndale-Bibel, 1525), Niederländischen (Doen PieterzonPieterz., Doen, Druck 1523 durch Adriaen van BerghenVan Berghen, Adriaen; 1535, hrsg. v. Jacob van LiesveldtVan Liesveldt, Jacob), Dänischen (Christian den TredjesChristian III. (Dänemark und Norwegen) bibel, 1550), Schwedischen (Gustav WasasGustav I. Wasa (Schweden) bibel, 1541) und Isländischen (Neues Testament 1540). In anderen Sprachgebieten standen Übersetzungen der Bibel und anderer geistlicher Schriften am Anfang ihrer Entwicklung zu Schriftsprachen, so im Slowenischen, Finnischen und beiden Varianten des Sorbischen im 16. Jahrhundert, im Lettischen und Estnischen im 17. Jahrhundert. Die Einflüsse von LuthersLuther, Martin Übersetzungen auf andere Bibelübersetzungsprojekte sind bekannt und wurden vielfach beschrieben (z.B. ErbenErben, Johannes, »Luther«).

Das Arabische wird in der islamischen Welt als Sprache der göttlichen Offenbarung und deshalb als unantastbar betrachtet. Übersetzungen des Korans in andere Sprachen gelten allenfalls als Hilfsmittel für Personen, die des Arabischen nicht mächtig sind. Die moderne arabische Standardsprache beruht auf dem Koranarabischen. Das Maltesische ist der einzige Dialekt des Arabischen, der sich zu einer eigenständigen Standardsprache entwickelt hat. Die anderen real gesprochenen Varietäten des Arabischen gelten ihren Sprechergemeinschaften als prestigelose Dialekte, nicht als Sprachen. Die heutige arabische Standardsprache wird fast nur bei offiziellen Anlässen mündlich verwendet. Das Hebräische hat in der Judenheit eine ähnlich stabile Stellung als Sprache der Heiligen Schrift. Jeder orthodoxe Jude hat es zu lernen, damit er die Thora nicht nur rezitieren, sondern auch verstehen kann. Über die Frage, ob das Jiddische überhaupt eine Sprache sei, gab es um 1900 erbitterte Auseinandersetzungen.

Standardisierung erfolgt dadurch, dass eine Sprache als Sprache identifiziert, verschriftet und durch Wörterbücher und Rechtschreiblehren einerseits, grammatische Regelwerke andererseits reguliert wird; das ist die eingangs erwähnte ›doppelte Kodifizierung‹. Dem schriftsprachlichen Standard folgen in der Regel Festlegungen des orthoepischen Standards (Aussprache). Beides muss durch geeignete Institutionen in der Sprachgemeinschaft implementiert werden (GlückGlück, Helmut, »Standardisierung«). Standardisierungen wählen aus konkurrierenden lexikalischen und strukturellen Varianten aus, sie legen fest, was richtig und was falsch ist. Durch Standardisierungen entstehen Zweifelsfälle, Doppelformen, Schwankungen, ›Hauptschwierigkeiten‹ sowie Fehler und Normverstöße. Der Duden-Band Rich­tiges und gutes Deutsch (EisenbergEisenberg, Peter, Richtiges und gutes Deutsch) umfasst über 1000 Seiten mit (geschätzt) 5000 »Zweifelsfällen« im Deutschen. Standardisierungen definieren darüber hinaus hohe, mittlere und niedrige Register, guten, neutralen und schlechten Stil und legen Muster für unterschiedliche Genres fest. Sie ermöglichen es andererseits, Fehler von rhetorischen Figuren, Innovationen und der »poetischen Lizenz« zu unterscheiden (Dembeck, »Für eine Philologie«, 12).

Textuelle Mehrsprachigkeit, d.h. das Changieren zwischen zwei oder mehreren Sprachen oder Sprechweisen innerhalb eines Textes, setzt voraus, dass die Leser bzw. Hörer über Kenntnisse mehrerer Sprachen verfügen oder doch wenigstens in der Lage sind, anderssprachige Passagen als poetische Anspielungen oder als Quellen von Missverständnissen zu interpretieren (vgl. z.B. MarešMareš, Petr, »Also – Nazdar!«; Dembeck, »Für eine Philologie«). Beispiele sind die französischen Sätzchen, Wörter und Wendungen in vielen Romanen Theodor FontanesFontane, Theodor oder die kölschen Passagen in Ulla HahnHahn, Ullas Roman Das verborgene Wort (viele werden in Fußnoten ins Hochdeutsche übersetzt).1Hahn, Ulla

Die Standardisierung einer Sprache schafft überregionale Kommunikationsräume, die oft als »national« verstanden wurden und werden (vgl. dazu JanichJanich, Nina/GreuleGreule, Albrecht, Sprachkulturen). Sie ermöglichen die Verständigung ohne Dolmetscher und ohne Rückgriff auf Fremdsprachen. Im deutschen Sprachraum setzte sich der im mitteldeutschen Gebiet entwickelte neuhochdeutsche Standard um die Mitte des 18. Jahrhunderts durch, nachdem Kaiserin Maria TheresiaMaria Theresia von Österreich GottschedGottsched, Johann Christophs Deutsch, das Deutsch »der oberen Classen« in Sachsen, als musterhaft akzeptiert hatte. Der oberdeutsche Widerstand gegen diese Entwicklung (u.a. Carl Friedrich AichingerAichinger, Carl Friedrich, Johann Siegmund Valentin PopowitschPopowitsch, Johann Siegmund Valentin, Augustinus DornblüthDornblüth, Augustinus, Johann Jakob BodmerBodmer, Johann Jakob, Johann Jakob BreitingerBreitinger, Johann Jakob) blieb erfolglos (vgl. von PolenzPolenz, Peter von, Deutsche Sprachgeschichte). Großräumige Verständigungssprachen waren von der Antike bis ins 18. Jahrhundert das Lateinische im Westen, das Griechische, Arabische und Osmanisch-Türkische im Osten des Mittelmeerraumes. Das Kirchenslawische hatte in den Ländern der orthodoxen Slaven eine vergleichbare Funktion. Das Mittelniederdeutsche war vom 13. bis zum 16. Jahrhundert die Koiné Nordeuropas. Es verlor diese Funktion infolge der Verlagerung von Handelswegen und ging als internationale Verständigungssprache in den Jahren um 1600 unter. Das Französische stieg im 17. Jahrhundert zur Verständigungssprache der europäischen Eliten auf, das Englische wurde seit dem späten 18. Jahrhundert zur ersten tatsächlichen Weltsprache. Weitere europäische Kolonialsprachen setzten sich außerhalb Europas großräumig als Standardsprachen durch: Spanisch, Portugiesisch und Russisch. Das Arabische ist seit dem 7. Jahrhundert die Sprache des Kults, des Staats und der Bildung in der gesamten islamischen Welt; später übernahmen das Persische und das Osmanisch-Türkische einige dieser Funktionen.

b) Kodifikation von Standards

Sprachliche Standards müssen kodifiziert werden, damit sie wirksam werden können. Die Kodifikation betrifft vor allem Wortschatz und Grammatik, aber auch die Regeln, Normen und Konventionen der Sprachverwendung.

Die Kodifikation des Wortschatzes einer Sprache erfolgt in einsprachigen und mehrsprachigen Wörterbüchern. Am Anfang der lexikalischen Kodifikation des Deutschen standen lateinisch-deutsche Glossare für den Schulgebrauch. Seit dem späten 15. Jahrhundert wurden Glossare gedruckt, die mehrere Volkssprachen miteinander verbanden. Im 16. und 17. Jahrhundert waren polyglotte Wörterbücher verbreitet (JonesJones, William Jervis, German Lexicography; MüllerMüller, Peter O., Deutsche Lexikographie; GlückGlück, Helmut, Deutsch als Fremdsprache). Erst seit dem 18. Jahrhundert spielt das einsprachige Wörterbuch, das den Muttersprachlern Wortbedeutungen anbietet, eine Rolle (GlückGlück, Helmut, Die Fremdsprache Deutsch). Neben allgemeinsprachlichen Wörterbüchern wurden schon früh fachsprachliche Wörterbücher verfasst, die z.B. den Warenhandel, die Pharmazie, die Jagd oder das Kriegswesen lexikalisch erschlossen. Solche Wörterbücher dehnten die Reichweite des Standards aus und stabilisierten ihn. Wörterbücher legen in alphabetisch verschrifteten Sprachen den Standard für die lautliche Realisierung in erheblichem Umfang fest. Aussprachewörterbücher sind eine relativ junge Gattung. In einigen Sprachräumen gibt es sog. Akademiewörterbücher, die den Wortschatz mit hohem Verbindlichkeitsanspruch dokumentieren und normieren, in Frankreich seit 1694, in Italien seit 1612, in (West-)Friesland seit 1984. Für das Deutsche gibt es kein solches Wörterbuch. Moderne korpusgestützte Wörter-»Bücher« stützen sich auf große Datenmengen aus dem Internet (KleinKlein, Wolfgang, »Von Reichtum und Armut«). Sie verstehen sich als deskriptiv, weil sie lediglich den Sprachgebrauch abbilden wollen.

Die Kodifikation von Phonologie, Morphologie und Syntax geschieht durch Grammatiken und Lehrbücher (›grammaticae minores‹). Grammatikographen müssen aus dem Sprachmaterial, das sie als einschlägig betrachten, ständig auswählen und darüber entscheiden, welche der vorhandenen (dialektalen, soziolektalen usw.) Varianten zu standardsprachlichen Mustern erklärt werden sollen und welche nicht. In Westeuropa war die lateinische Grammatik des Aelius DonatusDonatus, Aelius (4. Jahrhundert) das unhintergehbare Vorbild, von dem sich erst die Grammatiker des 18. Jahrhunderts allmählich lösten. Es gab immer wieder Grammatiker, deren Werke Vorbilder wurden, im deutschsprachigen Raum z.B. Johann Christoph GottschedGottsched, Johann Christoph und Johann Christoph AdelungAdelung, Johann Christoph im 18. Jahrhundert, die Brüder Grimm, WilhelmGrimmGrimm, Wilhelm und Karl Ferdinand BeckerBecker, Karl Ferdinand im 19. Jahrhundert, Hermann PaulPaul, Hermann, Gerhard HelbigHelbig, Gerhard und Peter EisenbergEisenberg, Peter im 20. Jahrhundert, doch gab es nie eine Grammatik, die verbindlich war für den Gebrauch in Schulen und Behörden. In anderen Sprachräumen erheben Akademiegrammatiken diesen Anspruch; sie werden mitunter durch Rechtsakte für verbindlich erklärt, z.B. in Bulgarien oder Lettland.

Die Verfasser der Wörterbücher und Grammatiken des Deutschen beriefen sich bis etwa 1980 auf vorbildliche religiöse, juristische, literarische, wissenschaftliche oder administrative Texte. Danach setzten sich deskriptive Prinzipien durch; man will sich seither eher am durchschnittlichen Sprachgebrauch orientieren. Die normativen Effekte von Deskriptionen werden kontrovers diskutiert.

c) Agenturen von Sprachstandards

Verwaltungen funktionieren schriftlich, seit die Sumerer und die Ägypter die Schrift zu diesem Zweck erfanden. Verwaltungssprachen müssen in erheblichem Maß standardisiert sein, damit sie überregional funktionieren können. In vielen Ländern gibt es gesetzliche und administrative Festlegungen von Staatssprachen, die Standards voraussetzen oder festlegen. In vielen Verfassungen ist (sind) die Staatssprache(n) des jeweiligen Landes festgeschrieben, z.B. in Österreich, Belgien oder Russland, nicht aber in Deutschland. Gesetze werden in der jeweiligen Amtssprache beschlossen und veröffentlicht. Einige Staaten haben Sprachgesetze, in denen geregelt ist, welche Sprachen in welchen Funktionen verwendet werden müssen oder dürfen, z.B. Belgien, Estland, Lettland, Russland, die Slowakei und die Ukraine.

In Deutschland gab es bis 1996 das sog. Duden-Privileg, das besagte, dass der Rechtschreib-Duden den deutschen Wortschatz der orthographischen Form nach festlegte. Die Abschaffung dieses Privilegs war eines der Motive für die umstrittene Rechtschreibreform von 1996. Seither ist eine von der Kultusministerkonferenz eingesetzte Kommission für die Fortentwicklung der deutschen Orthographie verantwortlich. Diese Kommission steht wegen ihrer personellen Zusammensetzung und der Ergebnisse ihrer Tätigkeit laufend in der Kritik. Mehrere Akademien haben sich 2013 zur »Lage der deutschen Sprache« geäußert (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Erster Bericht).

Bei Amtssprachen wird differenziert nach innerem und äußerem Dienstbetrieb. Innere Amtssprachen sind solche, die innerhalb einer Verwaltung zugelassen oder vorgeschrieben sind, äußere Amtssprachen solche, die im ›Publikumsverkehr‹ zu verwenden sind. In Deutschland ist das nur das Deutsche, in mehrsprachigen Staaten sind das in der Regel mehrere Sprachen (z.B. Deutsch, Französisch und Italienisch bei Schweizer Bundesbehörden, Gälisch und Englisch in Irland).

Gerichte verwenden schriftlich und mündlich Sprachen, die gesetzlich vorgeschrieben werden (Gerichtssprache). In Deutschland ist das Deutsche Gerichtssprache (mit Sonderregelungen für die sorbischen Gebiete in Sachsen und Brandenburg). Man unterscheidet zwischen innerer und äußerer Gerichtssprache, denn in mündlichen Verhandlungen sind Fremdsprachen in bestimmtem Umfang zugelassen, wenn Verfahrensbeteiligte des Deutschen nicht mächtig sind. Darauf beruht das Instrument der vereidigten Dolmetscher, die für einen bestimmten Gerichtsbezirk zugelassen sind.

Regierungen können Akademien oder Sprachämter einsetzen und ihnen die Festlegung, Kontrolle und Fortschreibung von Standards übertragen, z.B. (in Klammern das Jahr der Gründung) Frankreich (1635), Finnland (1949), Spanien (1713) oder Russland (1724). Die Aufgaben solcher Akademien sind unterschiedlich definiert; sie reichen von normativen Vollmachten, z.B. in Frankreich oder Estland (1990), bis zu nur implizit normierenden Beratungsaufgaben, z.B. in Schweden (1945), Dänemark (1955) oder Norwegen (1952).

Bei politischen Konflikten und Kriegen kommt es vor, dass der öffentliche und private Gebrauch von ›Feindsprachen‹ verboten wird. So wurde z.B. die ›Feindsprache‹ Deutsch während des Ersten Weltkrieges in Russland und in den USA verboten. Die nationalsozialistischen deutschen Besatzungsbehörden verboten den öffentlichen Gebrauch des Polnischen im besetzten ›Generalgouvernement‹.

Das Militär regelt die jeweils zugelassenen Sprachen für den inneren (Kommandosprache) und äußeren Betrieb (Stabssprache). Mehrsprachige Armeen und einsprachige Armeen, die innerhalb mehrsprachiger Bündnisse operieren, müssen genau definierte Übersetzungs-Scharniere unterhalb des Generalstabs einrichten (GlückGlück, Helmut/HäberleinHäberlein, Mark, Militär und Mehrsprachigkeit).

Für Ausbildungssysteme werden Schulsprachen definiert und vorgeschrieben (Unterrichtssprachen), ebenso obligatorische oder fakultative Schulfremdsprachen. In Deutschland, Österreich und der alemannischen Schweiz ist das Deutsche die Unterrichtssprache, weshalb Kinder aus Migrantenfamilien Deutsch lernen müssen, bevor sie in Regelklassen aufgenommen werden. Die Zahl der Schulfremdsprachen ist in Deutschland vergleichsweise groß: Neben dem Englischen, Lateinischen, Französischen, Spanischen, Russischen und Italienischen werden einige Nachbarsprachen sowie das Japanische und Chinesische gelehrt. Die Schulfremdsprachen stellen einen erheblichen volkswirtschaftlichen Kostenfaktor dar (Lehrbücher, Ausbildung und Besoldung der Fachlehrer), doch stellen sie andererseits einen Bildungsinhalt dar, der zu einer wertvollen sozialen oder beruflichen Qualifikation werden kann.

Wesentlich für die Funktion einer Sprache als Standardsprache ist ihr Ausbau zu einer Wissenschaftssprache und ihre Verwendung in den Wissenschaften. Außer dem Englischen ist gegenwärtig keine Sprache in dieser Domäne uneingeschränkt funktionsfähig, d.h., dass es Fächer und ganze Fakultäten gibt, in denen nur noch auf Englisch geforscht werden kann. Die universitäre Lehre wird in Deutschland noch weitgehend auf Deutsch betrieben, doch gibt es auch hier Fächer, die von vornherein das Englische verwenden. Das verengt das Funktionsspektrum der Landessprache erheblich. Nur noch wenige ›große‹ Sprachen können sich in relevanten Domänen als Wissenschaftssprachen halten und weiterentwickeln. Für das Deutsche sind das viele Geisteswissenschaften, die Theologie, die Rechtswissenschaft und die klinische Medizin. Aus vielen Naturwissenschaften ist das Deutsche verschwunden, was zur Folge hat, dass keine Terminologien mehr entwickelt werden, so dass auf Deutsch nicht mehr geforscht werden kann. Auch andere Standardsprachen stehen unter dem Druck des Englischen, was teilweise als unvermeidlich hingenommen wird, z.B. in den Niederlanden oder den nordischen Ländern, teilweise als problematisch betrachtet und mit Gegenmaßnahmen bedacht wird, z.B. in Frankreich oder Russland (vgl. dazu EhlichEhlich, Konrad/OssnerOssner, Jakob/StammerjohannStammerjohann, Harro, Hochsprachen in Europa; EhlichEhlich, Konrad/HellerHeller, Dorothee, Die Wissenschaft und ihre Sprachen; AmmonAmmon, Ulrich, »Standardsprache«). In Deutschland und Österreich wird kontrovers debattiert, ob diese Entwicklung einen Segen oder einen Fluch für die Standardsprache Deutsch darstellt (vgl. dazu EinsEins, Wieland/GlückGlück, Helmut/PretscherPretscher, Sabine, Wissen schaffen; OberreuterOberreuter, Heinrich u.a., Deutsch in der Wissenschaft; ADAWIS, Die Sprache von Forschung und Lehre).

Presse, Rundfunk, Fernsehen und andere Massenmedien sind in Deutschland keinen Vorschriften unterworfen, die die verwendete Sprache betreffen, in anderen Ländern ist das durchaus der Fall, z.B. in Frankreich und in der Türkei. Auch das Internet kennt keine Sprachvorschriften. Viele Länder unterhalten Radio- und Fernsehprogramme, die über die Landesgrenzen hinaus ausgestrahlt werden (sog. Auslandssender). In Deutschland ist das die Deutsche Welle, in Frankreich TV5, in Großbritannien das internationale Programm der BBC. Diese Sender sollen einerseits Minderheiten der eigenen Sprache, die ständig oder temporär im Ausland leben, mit einem Programm aus der Heimat an sich binden, andererseits Eliten anderer Länder, die die betreffende Sprache als Fremdsprache beherrschen, sich gewogen machen.

Literatur

Als »MLS« abgekürzt zitiert wird: Helmut GlückGlück, Helmut (Hrsg.), Metzler Lexikon Sprache, Stuttgart/Weimar 42010.

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8. Pragmatik der Mehrsprachigkeit

Jörg Roche und Gesine Lenore Schiewer

a) Pragmalinguistische Grundlagen: Von der Ein- zur Mehrsprachigkeitsforschung

Die Pragmalinguistik, die im deutschsprachigen Raum um 1970 entwickelt wurde und sich seitdem als eine der bedeutendsten Teildisziplinen der Sprachwissenschaft etablieren konnte, nimmt vielfältig Bezug auf die analytische Sprachphilosophie WittgensteinWittgenstein, Ludwigs, AustinAustin, John L.s und SearleSearle, John R.s, auf die dreistellige Semiotik (PeircePeirce, Charles Sanders, MorrisMorris, Charles W., BühlerBühler, Karl u.a.) sowie auf Konzepte des Konstruktivismus, vor allem in seinen interaktionistischen Varianten. Der sprachphilosophische linguistic turn fand zudem breite Rezeption in den Kulturwissenschaften. Sprachpragmatische Basisannahmen sind damit für ethnologische ebenso wie postkoloniale Dimensionen der Kulturforschung zentral geworden.

Auch wenn pragmatische Grundannahmen in den Kulturwissenschaften häufig mit Themen der kulturellen Vielfalt und Mehrsprachigkeit verbunden sind, waren philosophische und linguistische Untersuchungen des Sprachgebrauchs doch meist auf die Untersuchung von Einzelsprachen fokussiert. Vor dem Hintergrund des z.B. in der Sprechakttheorie anzutreffenden impliziten rational-universalistischen Substrats und der ordinary language philosophy konzentrierten sich konkrete linguistische Analysen vielfach auf Beispiele aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum. Die germanistische Linguistik beschränkte sich in ihren pragmalinguistischen Ausprägungen primär auf das Deutsche als Gegenstand entsprechender Forschungsansätze.

Die Ausweitung des Blicks auf pragmatische Dimensionen von Mehrsprachigkeit erfolgte zögerlich (vgl. hierzu Ten ThijeTen Thije, Jan D., »Eine Pragmatik der Mehrsprachigkeit«), in jüngerer Zeit aber mit allmählich zunehmender Dynamik. Hervorzuheben sind hier u.a. folgende Richtungen:

 Die Kontrastive Pragmatik, die u.a. im Bereich des Faches Deutsch als Fremdsprache Aufmerksamkeit findet; im Ausgang hiervon können sämtliche Ebenen und Ansätze linguistischer Pragmatik in der Regel mit Bezug auf zwei Sprachen kontrastiv untersucht werden. Im engeren Sinn literaturwissenschaftlich relevante Felder kontrastiver Pragmatik betreffen z.B. die Untersuchung von literarischen Textsorten als kulturelle Entitäten, die auch sprach- und kulturanalytische Herangehensweisen verlangen sowie die Berücksichtigung von durch Sprach- und Kulturkontakt mitbedingten hybriden Textformen (vgl. FixFix, Ulla, »Was heißt Texte kulturell verstehen?«, 260, 267). Vergleichende Analysen konkreter Sprachgebrauchsvielfalt konnten zeigen, wie mit dem Einsatz von Mehrsprachigkeit im Drama die Inszenierung von »doppelbödigen Kommunikationssituationen« potenziert werden kann und zugleich an bekannte Formen von Sprachimages wie dem Französischen als Salonsprache und dem Englischen als Geschäftssprache anknüpfen kann (vgl. WeissmannWeissmann, Dirk, »Mehrsprachigkeit auf dem Theater«, 79f. und 88).

 Ansätze einer Kulturwissenschaftlichen Pragmatik, die insbesondere von Soziologen wie Joachim RennRenn, Joachim (»Perspektiven einer sprachpragmatischen Kulturtheorie«) forciert wird; hier werden z.B. Sprechakte im Hinblick auf das mit ihrer Verwendung verbundene implizite Wissen fokussiert. Der diesem Konzept inhärente Grundgedanke, dass Kultur »zuerst eine kollektive, besonders: sprachliche Praxis« ist, verweist auf die besondere Sprach- und Kultursensibilität, die mit der Mehrsprachigkeitspragmatik in der Regel verbunden ist (vgl. RennRenn, Joachim, »Perspektiven einer sprachpragmatischen Kulturtheorie«, 430). Die jüngere Forschung beschäftigt sich z.B. mit Samuel BeckettBeckett, Samuels Bemühen, Figuren zu erzeugen, »die das Mehrsprachigkeitsproblem ›erleben‹, womit er eine Authentifizierung des Problems erreicht« (MannweilerMannweiler, Caroline, »BeckettsBeckett, Samuel Mehrsprachigkeit«, 62).

 Arbeiten im Bereich des jüngeren Forschungsfeldes Interkultureller Linguistik, das mit den Initiativen von Peter RasterRaster, Peter (Perspektiven einer interkulturellen Linguistik) und Csaba FöldesFöldes, Csaba (Interkulturelle Linguistik im Aufbruch) eng verbunden ist; hier wird neben Analysen verschiedenster Einzelsprachen und kontrastiven Untersuchungen auch angeregt, die linguistischen Instrumente selbst interkulturell zu betrachten, d.h., u.a. auch andere als europäisch-anglo-amerikanische Theorien und Forschungsansätze zu berücksichtigen. Im Rahmen dieser Forschungsrichtung werden u.a. Modelle »der interkulturellen Identität« entworfen, die »nur durch eine Interaktion zweier oder mehrerer Sprach- und Kommunikationskulturen entsteht«, um die literarische Inszenierung der Erfahrungen von Sprachkontakten methodisch fundiert zu beschreiben (vgl. PugliesePugliese, Rossella, »Interkulturalität als Identität«, 219).

 Ansätze im Bereich der Translationswissenschaft, die einerseits linguistische Forschungsrichtungen vielfach markant abkoppeln, andererseits seit geraumer Zeit mit kulturwissenschaftlichen Fundierungen pragmatische Akzente setzen (VermeerVermeer, Hans J., Literarische Übersetzung als Versuch interkultureller Kommunikation; KußmaulKußmaul, Paul, Kreatives Übersetzen). Diese Ansätze sind in der Regel dadurch gekennzeichnet, dass »Position und Wirkung von Übersetzern, Übersetzungsprozessen und übersetzter Literatur in der Zielkultur« die ästhetischen Bedingungen des Übersetzens mitbestimmen (vgl. PagniPagni, Andrea, »Lateinamerika als Übersetzungsraum«, 162).

 Die bereits seit Beginn der 1990er Jahre etablierte Literary Pragmatics, die mit Roger D. SellSell, Roger D. u.a. verbunden ist; dies ist eine Richtung, in der versucht wird, die insbesondere in der germanistischen Forschung verbreitete Lücke zwischen Literaturwissenschaft und Linguistik durch den Einsatz linguistischer Instrumente in literaturwissenschaftlichen Analysen zu überwinden. Die spezifische Anschlussfähigkeit des Ansatzes im Hinblick auf Fragen literarischer Mehrsprachigkeit ergibt sich aus der Grundannahme, derzufolge »the writing and reading of literary texts as interactive communication process« zu betrachten ist, der soziokulturelle Kontexte impliziert (vgl. Sell,Sell, Roger D. Literary Pragmatics, xiv).

Dass die Anwendung linguistischer Instrumente auf literarische Texte, etwa auf literarisch fingierte Dialoge im Drama oder in erzählenden Texten, grundsätzlich methodisch begründet werden kann, wurde bereits vor Jahrzehnten mit starken Argumenten diskutiert (vgl. z.B. UngeheuerUngeheuer, Gerold, »Gesprächsanalyse an literarischen Texten«; Hess-LüttichHess-Lüttich, Ernest W.B., Soziale Interaktion und literarischer Dialog). Dabei bewährt sich in pragmalinguistischen Untersuchungen von Mehrsprachigkeit und insbesondere literarischer Mehrsprachigkeit in Abhängigkeit von den jeweiligen Fragestellungen und Forschungsfragen der Einsatz möglichst vielfältiger Ansätze und methodischer Vorgehensweisen wie z.B. im Ausgang von Sprechakttheorie, konversationellen Implikaturen und Gesprächsanalyse.

b) Linguistik der Mehrsprachigkeit

Linguistische Fundierungen der Mehrsprachigkeitsforschung, die sich im deutschsprachigen Raum als jüngere Forschungsrichtung mit stark zunehmender Aufmerksamkeit präsentiert und im Zusammenhang gesellschaftlicher Gegebenheiten der Multi- und Interkulturalität zu sehen ist, kommen u.a. in literaturwissenschaftlichen Zusammenhängen wie insbesondere der Interkulturellen Literaturwissenschaft zum Einsatz. Denn gerade literarische interkulturelle Texte gehen häufig mit Formen der Mehrsprachigkeit als Manifestationen von Sprach- und Kulturkontakt auf der Autoren- oder Rezipientenebene sowie der inhaltlichen oder der formalen Textebene einher (vgl. z.B. SchmelingSchmeling, Manfred u.a., Literatur im Zeitalter der Globalisierung; SchmelingSchmeling, Manfred/Schmitz-EmansSchmitz-Emans, Monika, Multilinguale Literatur im 20. Jahrhundert und ein Themenheft der Zeitschrift für interkulturelle Germanistik, vgl. Kilchmann,Kilchmann, Esther »Mehrsprachigkeit und deutsche Literatur«).

Solche spezifischen Fragestellungen der Mehrsprachigkeitsforschung können unter Anwendung des breiten Spektrums pragmalinguistischer Paradigmen untersucht werden, insbesondere in den oben genannten Erweiterungen. Die Gegebenheiten kollektiver Mehrsprachigkeit können z.B. mit Aspekten der Kultur- und Literaturförderung im Falle sehr kleiner Sprachen wie z.B. des Rätoromanischen verbunden sein; Formen des Code-Switching, einem prominenten Feld der Mehrsprachigkeitsforschung, etwa können ihrerseits z.B. kontrastiv im Hinblick auf erforderliches implizites Wissen untersucht werden, im Hinblick auf pragmatische Aspekte der Gesprächsprofilierung oder unter translationswissenschaftlichen Gesichtspunkten. Dies schließt unterschiedliche Richtungen und Fragestellungen wie z.B. nach Arten der Äquivalenz unter Berücksichtigung formal-ästhetischer Qualitäten, skopustheoretische Prinzipien oder etwa Ansätze an der Schnittstelle von Translations- und Literatursoziologie ein (TyulenevTyulenev, Sergey, Applying LuhmannLuhmann, Niklas to Translation Studies). Weiterhin ist die Einbettung der Untersuchung literarischer Mehrsprachigkeit in allgemeine Kontexte von historischen Sprachkontakt- ebenso wie Sprachkonfliktprozessen ein relevantes Forschungsfeld.

c) Pragmatik der Mehrsprachigkeit in der Literatur

Formen der Mehrsprachigkeit im Zusammenhang literarischer Texte können unter Einsatz von Ansätzen und Instrumenten der linguistischen Pragmatik in ihrer vollen Breite untersucht werden. Dabei liegt es nahe, die Charakteristika literarischer Kommunikation in ihrer Vielschichtigkeit mit den Ebenen der Texterstellung, des Textes selbst und der Textrezeption zu berücksichtigen.

Ebene des Schreibens und Sprechens (Sprachproduktion) in mehrsprachiger Perspektive

Im Sinne von Karl BühlerBühler, Karls frühem Sprachhandlungsmodell spielen die sprachlichen Ausdrucksfunktionen und das gesamte Feld dessen, was Sprachverwendungen über Intentionen, Motive, Emotionen etc. des Emittenten erkennen lassen, eine entscheidende Rolle auch in literarischer Kommunikation. In literaturwissenschaftlicher Hinsicht ist dabei zu unterscheiden zwischen Autor- und Erzählerebene sowie derjenigen der Figuren, die ihrerseits vielfach als Sprecher oder Schreiber in den literarischen Text eingeführt werden. Am literarischen Kommunikationsprozess sind ferner auch alle Beteiligten des Literaturbetriebes, also aus der Literaturwissenschaft, der Literaturkritik, den Verlagen etc., als Emittenten mit spezifischen Intentionen beteiligt.

Das literatursprachliche Handeln der Autorinnen und Autoren ist von ihren jeweiligen Mehrsprachigkeits- und Übersetzungskompetenzen mitbestimmt. Eine wichtige Rolle spielt dabei, über welches Niveau sie in welchen Varietäten ihrer Sprachen jeweils verfügen und ob sie z.B. in der Lage sind, ihre eigenen Texte in einer oder mehreren ihrer Sprachen zu verfassen und gegebenenfalls wechselweise zu übersetzen. Auf diesen Aspekt bezog sich lange Zeit das zentrale Kriterium für die Vergabe des Adelbert-von-Chamisso-Preises, demzufolge potentielle Preisträgerinnen und Preisträger nicht-deutscher Muttersprache seien, aber das Deutsche als Literatursprache verwendeten.

Persönliche Mehrsprachigkeit bestimmt auch die Möglichkeiten literarischer Autorinnen und Autoren, mit expliziten oder impliziten Formen multilingualer Sprachverwendung in ihren Texten zu arbeiten (vgl. zur Mehrsprachigkeit in autobiographischen Dimensionen Schneider-ÖzbekSchneider-Özbek, Katrin, »Sprachreise zum Ich«). Diese können sich auf sämtliche linguistischen Ebenen beziehen von der phonetisch-phonologischen bis zu der von Texten und gegebenenfalls Diskursen. Für Ilija TrojanowTrojanow, Ilija z.B. bedeutet mehrsprachige »Anreicherung« vor allem die Arbeit im Bereich der Wortbildung, die Schaffung neuer Komposita, die im besten Fall nicht nur neue Metaphern sind, sondern darüber hinaus das Potential zur »relativen Motivierung« im Sinne von Ferdinand de SaussureSaussure, Ferdinand de haben und zugleich wohlklingend sind:

Ich richte mein Ohrenmerk auf mögliche Komposita, ergötze mich an Flammenschrift oder Schwebestil oder Kabelsalat oder Engelszungen. Die beiden letzteren kennen Sie gewiß, denn erfolgreiche Komposita setzen sich durch. Ein jedes hat die faire Chance, in den Kanon des Wörterbuches gewählt zu werden. Gewiß, manche Komposita sind schrullig und uns daher lieb wie die Eigenheiten einer Geliebten […]. Wir kennen ein ›derweil‹ und ein ›dieweil‹, stolpern allerdings über ›dasweil‹.1Trojanow, IlijaZaimoglu, FeridunKimmich, DorotheeTrojanow, Ilija

Gesellschaftlich relevante Aspekte von Mehrsprachigkeit fokussiert Feridun ZaimogluZaimoglu, Feridun in seinen einleitenden Bemerkungen zu Kanak Sprak. Einer »weinerlich[en], sich anbiedernd[en] und öffentlich gefördert[en] ›Gastarbeiterliteratur‹«, die seit den 1970er Jahren als ›Müllkutscher-Prosa‹ die Legende vom »armen, aber herzensguten Türken Ali« verbreitet,2Zaimoglu, Feridun setzt er mit seinen »24 Mißtöne[n] vom Rande der Gesellschaft« das ästhetische Konstrukt einer ausgeprägt kreativ-schöpferischen und vielstimmigen Sprache des »Milieus« entgegen. Für »sozial verträglich[e]« Stimmen ohne gesellschaftliche Sprengkraft ist in dieser Sprache kein Platz. »Hier hat allein der Kanake das Wort.«3

ZaimogluZaimoglu, Feridun bezeichnet seine Literatur als »Nachdichtung«,4 die den Mitgliedern des Milieus eine von ihnen autorisierte Stimme verleiht. Sie hebt sich ab von dem Märchen von der Multikulturalität:

Der Kanake taugt in diesem Falle als schillerndes Mitglied im großen Zoo der Ethnien, darf teilnehmend beobachtet und bestaunt werden. »Türkensprecher« gestalten bunte Begleitprospekte für den Gang durch den Multikulti-Zoo, wo das Kebab-Gehege neben dem Anden-Musikpavillon platziert wird.5

Dies sind – wenngleich ihrerseits selbst literarisch überformte – Äußerungen, die als eine Autorenpoetik bezeichnet werden können. Es handelt sich also um Aussagen bzw. Sprechakte, die sich auf zentrale Anliegen der inhaltlichen und formalen Textgestaltung beziehen.

Ebene des Textes in mehrsprachiger Perspektive

Da in literarischen Texten, in Abhängigkeit von der jeweiligen Gattung, sowohl inhaltlich-thematische als auch formal-sprachliche Aspekte, und zwar in durchaus variabler Gewichtung, Teil der künstlerischen Gestaltung sind, kann ein weites Spektrum textanalytischer Instrumente mehrsprachiger Pragmatik zum Einsatz kommen. So können mit Bezug auf die eingeführten Figuren Analysen literarisch fingierter Produktion und Rezeption mündlicher und schriftlicher Sprache mit den betreffenden Sprechakten, kommunikativen Implikaturen sowie dem Gesprächs- und Kommunikationsverhalten der im Text vorkommenden Figuren durchgeführt werden. Besondere Aufmerksamkeit ist in der Mehrsprachigkeitspragmatik dabei allen Formen des Sprach- und Kulturkontaktes zu widmen, wenn z.B. Figuren unterschiedlicher Muttersprachen und kultureller Hintergründe eingeführt werden. In Feridun ZaimoglusZaimoglu, Feridun erwähntem Text Kanak Sprak erfolgt dies z.B., indem eine als Ich-Erzähler auftretende türkischstämmige Figur sich über Deutsche – hier die »förderfreunde« – äußert:

Der einheimische hat für’n kümmel ja zwei reservate frei: entweder bist du’n lieb-alilein, ’n recht und billiger bimbo eben […]. Da kommen denn die förderfreunde und geben dir’n klaps auf die schulter, und die sagen dir: mann, das betrifft mich jetzt volle kante, daß du’n armes schwein bist.6

Hier werden das Sprechen durch eine literarisierte Form des Deutsch-Türkischen und das Leben in thematischer Hinsicht mehrfach perspektiviert, indem mögliche Formen der Fremdwahrnehmung durchgespielt werden, wie sie manche türkischstämmigen Menschen in Deutschland empfinden.

Desgleichen verdienen literarische Texte über die Figurenebene hinaus in der Gesamtheit ihrer Textebene die Aufmerksamkeit der Mehrsprachigkeitspragmatik. Phonetisch-phonologische Instrumente können z.B. zur Untersuchung sprachrhythmischer Strukturen eingesetzt werden; die Überlagerung rhythmischer Strukturen durch die einer anderen Sprache ist sehr wohl möglich und wurde z.B. bereits im 19. Jahrhundert auf anspruchsvollstem Niveau von Friedrich RückertRückert, Friedrich in vielen seiner Übertragungen und Nachdichtungen – der Islamwissenschaftlerin Annemarie SchimmelSchimmel, Annemarie zufolge z.B. in präzisen Nachempfindungen suprasegmentaler Elemente des Arabischen und des Sanskrit – eingesetzt (vgl. SchiewerSchiewer, Gesine Lenore, »Übersetzung und Rezeption des ›Mahâbhârata‹«). Das im deutschsprachigen Raum seit über zweihundert Jahren bestehende Interesse an Indien mit seinen Sprachen, seinem Denken, seiner Dichtung, seinen Religionen etc. führte zu einem mythologisch akzentuierten Sprachverständnis und Bewusstsein für sprachrhythmische Strukturen, die es erlauben, einem Gegenstand unterschiedliche affektive Tönungen und Nuancen zu verleihen. Weder der Mythos als epischer Stoff noch die Religion sind es, worin die zentralen Anliegen des Übersetzungsbegriffs RückertRückert, Friedrichs liegen; das verbindende Element der Menschen sieht er allein in der Sprache mit ihrer Bild- und Lautlichkeit (vgl. ebd.).

Ebene des Lesens und Hörens (Sprachrezeption) in mehrsprachiger Perspektive

Auch hinsichtlich der Sprachrezeption können, unter Berücksichtigung der jeweiligen Mehrsprachigkeitskompetenzen seitens des Rezipienten, insbesondere solche Ansätze der Pragmatik, die sich auf das Sprach- und Textverstehen beziehen, eingesetzt werden. Obwohl schon linguistische Ansätze im Bereich von Hermeneutik und Interpretation ein vergleichsweise schmaler repräsentiertes Forschungsfeld darstellen und die Schnittstelle zur Mehrsprachigkeitsforschung damit bislang eher schwach repräsentiert ist, existieren ausbaufähige Ansätze etwa im Bereich der für Fragen der Mehrsprachigkeit sogar besonders ergiebigen Semantik (vgl. z.B. BusseBusse, Dietrich, Textinterpretation; FritzFritz, Gerd, Einführung in die historische Semantik; FritzFritz, Gerd, Historische Semantik; HermannsHermanns, Fritz/HollyHolly, Werner, »Linguistische Hermeneutik«; BiereBiere, Bernd Ulrich, »Linguistische Hermeneutik und hermeneutische Linguistik«; JägerJäger, Ludwig, »Verstehen und Störung«).

Diese Rezipientenebene bezieht sich im Übrigen sowohl auf den Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin als auch Leserinnen und Leser als Rezipienten im Allgemeinen. Darüber hinaus ist auch hier die Text- und Figurenebene mit literarischen Gestaltungen von Verstehens- und Missverstehensprozessen zu berücksichtigen, denn gerade letztere gehören zu den traditionellen Möglichkeiten literarisch-fiktiver Handlungs- und Ereignisprozessierung. Sämtliche Formen literarischer Mehrsprachigkeit, seien sie formal-sprachlicher Art, seien sie thematisch-inhaltlich akzentuiert, stellen in der Regel hohe Ansprüche an die Decodierungs- und literarhistorischen Kontextualisierungskompetenzen seitens des fiktiven oder realen Rezipienten oder der Rezipientin.

Obwohl oft beschworen, kann in interkulturellen Rezeptionskonstellationen nicht selbstverständlich von einem durch Empathie geleiteten Verstehen des ›Allgemeinmenschlichen‹ oder einem unproblematischen ›Perspektivenwechsel‹ ausgegangen werden, zumal dann nicht, wenn es um wissenschaftliche Untersuchungen geht. Oftmals werden stattdessen Forschungsteams mit Kenntnissen der verschiedenen Sprachen und literarischen Traditionen erforderlich sein, die bereit sind, Rezeptionsbedingungen unter dem Aspekt der Transdifferenz zu betrachten (RocheRoche, Jörg/Suñer, »Kognition und Grammatik«; RocheRoche, Jörg, Mehrsprachigkeitstheorie; KalscheuerKalscheuer, Britta, »Die raum-zeitliche Ordnung des Transdifferenten«; BreinigBreinig, Helmbrecht/LöschLösch, Klaus, »Introduction: Difference and Transdifference«). Dies ist eine wichtige Aufgabe für die internationalen Germanistiken.

Zu ihren dringlichen Herausforderungen gehört im Ausgang von mehrsprachigkeitspragmatischen Fragestellungen und Gegenständen die Ausbildung von Kriterien und Formen für eine interkulturell-philologische Kommentierung interkultureller Texte nach dem Muster der historisch-kritischen Ausgabe. Anspruchsvoll ist dabei unter anderem, dass die Kommentierung grundsätzlich mindestens zwei Adressaten in den Blick zu nehmen hat: den muttersprachlichen und den fremd- oder zweitsprachlichen Leser oder die Leserin.

d) Vermittlungsaspekte

Die Pragmatik der Mehrsprachigkeit ist angesichts von Globalisierungserscheinungen und zunehmender demographischer Vielfalt eigentlich ein konstitutives Thema für den Unterricht, insbesondere den Fremdsprachenunterricht. Aber sie findet trotz der pragmatischen Wende der 1970er Jahre (›Kommunikative Sprach- und Literaturdidaktik‹) nur ansatzweise Eingang in die unterrichtliche Praxis. Die vor allem auf Formaspekte der Zielsprache abgestellte Didaktik orientiert sich mehrheitlich an monoglottalen und sterilen Normen einer schwer definierbaren ›Allgemeinsprache‹, die mit der Kommunikationsrealität einer zunehmend mehrsprachigen Schülerschaft und deren Ausdruckspotenzialen wenig zu tun haben und daher in der Kommunikationspraxis oft auch nur schwer, wenn überhaupt, nutzbar sind. In der Fremdsprachendidaktik gilt verbreitet das Primat der Einfachheit und die Angst vor Komplexität, die kaum Raum für pragmatische Variation lassen. Für Literatur, zumal eine anspruchsvolle mehrsprachige, ist in diesen Konzepten kein Platz.

Folglich bleiben auch die katalytischen Potentiale von Mehr-Sprachen ungenutzt. Etwa wie es die von der kognitiven Linguistik inspirierte kognitive Sprachdidaktik, die Mehrsprachigkeits-/Interkomprehensionsdidaktik, die interkulturelle Sprachdidaktik, die Didaktik der Erinnerungsorte oder einfache Methoden wie die diglot-weave-method oder der Einsatz des Euro-Latein zur Vermittlung von Wortschatz tun. All diesen Ansätzen und Methoden ist gemein, dass sie die sprachlichen und linguakulturellen Vorkenntnisse der Lerner konstruktiv für die Sprachenvermittlung und den Sprachenerwerb nutzen, indem sie kontrastiv vermittelnd entweder stärker form- oder pragmatisch-orientiert an vorhandene Konzepte bei den Lernern andocken. Die kognitive Sprachdidaktik versucht etwa, über konzeptuelle Metaphern und Bildschemata verschiedener Linguakulturen (z.B. das Konzept der Fläche in sous la pluie/bajo la lluvia im Französischen und Spanischen vs. das Konzept des Containers in im Regen/in the rain im Deutschen und Englischen, vgl. EvansEvans, Vyvyan/TylerTyler, Andrea, »Applying cognitive linguistics to pedagogical grammar«) die Transferdifferenz zwischen den Linguakulturen zu bestimmen und für Lerner salient und damit nutzbar zu machen. Gleichzeitig ergibt sich aus der Orientierung auf die Bedeutungen in Linguakulturen eine aus vermeintlichen Simplizitätsgründen bisher unterentwickelte, produktive Schnittstelle zwischen Sprach- und Kultur-/Literaturvermittlung. Auf der Bedeutung – und den vorhandenen Ressourcen des kulturellen und sprachlichen Grenzgängertums – basieren die interkulturelle Literaturdidaktik des Dialogs (vgl. OliverOliver, José F., Lyrisches Schreiben im Unterricht) und die Poetikdozentur und Schulprogramme des Internationalen Forschungszentrums Chamisso-Literatur.

e) Desiderate

Generell ist abschließend zu betonen, dass im Bereich literarischer Pragmatik der Mehrsprachigkeit eine Reihe an Forschungsdesideraten bestehen. Dies ist einerseits fachsystematisch dadurch zu erklären, dass innerhalb der Germanistik die Felder der Linguistik und der Literaturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten immer mehr als eigenständige und voneinander unabhängige Disziplinen betrachtet wurden, und andererseits dadurch, dass erst in jüngerer Zeit interkulturell-mehrsprachige Literatur vermehrt im Fokus wissenschaftlicher Aufmerksamkeit steht. Als besonders dringliche Desiderate sind zu nennen:

(a) die systematische Fortentwicklung der Grundlagenforschung im Bereich der linguistischen und literaturwissenschaftlichen Pragmatik der Mehrsprachigkeit;

(b) die Berücksichtigung spezifischer Sprachpaare in der Untersuchung konkreter Formen literarischer Mehrsprachigkeitspragmatik, was die Kooperation mehrsprachiger Forschungsnetzwerke interkultureller Literatur- und Sprachwissenschaftler erfordern wird;

(c) die historische Untersuchung und der systematische Ausbau der Schnittstellen von literaturwissenschaftlicher Interkulturalitätsforschung und Übersetzungswissenschaft;

(d) die Untersuchung der Relation von literarischen und gesellschaftlich relevanten Aspekten von Mehrsprachigkeit einschließlich der Beleuchtung der Potentiale literarischer Mehrsprachigkeitspragmatik für gesellschaftliche Wissensvorräte und Ressourcen.

Literatur

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III. Basisverfahren literarischer Mehrsprachigkeit
1. Sprachwechsel/Sprachmischung

Till Dembeck

a) Beschreibung des Verfahrens

Im weiteren Sinne lassen sich unter den Bezeichnungen ›Sprachwechsel‹ und ›Sprachmischung‹ wahrscheinlich alle Formen manifester literarischer Mehrsprachigkeit zusammenfassen. Als Sprachwechsel ist zu bezeichnen, wenn in einem Text Segmente, die unterschiedlichen Idiomen zuzuordnen sind, aufeinander folgen, wohingegen man von Sprachmischung bei solchen Texten oder Textteilen sprechen kann, in denen zwei Idiome zu unterscheiden sind, ohne dass sie sich einzelnen Segmenten zuordnen ließen. Mit den beiden Begriffen sind dann nur solche Formen der Mehrsprachigkeit nicht abgedeckt, bei denen eine Differenz zwischen unterschiedlichen Idiomen nur latent wahrzunehmen ist. Das ist etwa dann der Fall, wenn in einer Erzählung erwähnt wird, dass ein Gespräch zwischen den handelnden Personen in einer anderen Sprache stattfindet als derjenigen, in der der Text dieses Gespräch wiedergibt (hierzu III.2).

Präziser lassen sich ›Sprachwechsel‹ und ›Sprachmischung‹ bestimmen, wenn man sie zu zwei Paradigmen der Sprachwissenschaft in Beziehung setzt, die in den letzten Jahrzehnten stark diskutiert wurden: dem des Code-Switchings einerseits und dem der Kontaktsprachen andererseits. Code-Switching wird in der Linguistik als das Verhalten von Sprechern beschrieben, die in ihren Äußerungen je nach pragmatischem Kontext zwischen unterschiedlichen Idiomen ›umschalten‹. Demgegenüber versteht man unter Kontaktsprachen solche Idiome, die Strukturen und Elemente (mindestens) zweier Idiome miteinander kombinieren und so ein neues Idiom erzeugen (siehe II.3). In Anlehnung daran lässt sich als Sprachwechsel ein Umschalten zwischen unterschiedlichen Idiomen bestimmen, das nicht mit einem Sprecherwechsel einhergehen muss (zum ›Sprachwechsel‹ mit Sprecherwechsel siehe III.2 und III.3). Sprachmischung ist dann die Erzeugung eines (womöglich nur in einem einzigen Text zu findenden) neuen Idioms, das sich der Elemente und/oder Strukturen mindestens zweier verschiedener Ausgangs-Idiome bedient. In beiden Fällen kommen als Idiome alle auf den unterschiedlichen Ebenen der Sprachstruktur zu unterscheidenden mehr oder weniger standardisierten Spracheinheiten in Frage (siehe hierzu II.1 bis II.5). Sonderfälle der Sprachmischung sind gattungs- oder medienspezifische Verfahren, beispielsweise die Übernahme ›fremdsprachlicher‹ metrischer Formen (siehe die Beiträge in Kapitel V) oder die Simulation anderssprachiger (auch tierischer) Figurenrede durch sprachimitative Lautmalerei. Auch die Verwendung von Phantasiesprachen in literarischen Texten geht oft mit Verfahren der Sprachmischung einher – wie ja auch viele der sog. Plansprachen, wie beispielsweise Esperanto, aus Verfahren der Sprachmischung hervorgegangen sind (siehe II.4).

Auch wenn die Anlehnung an die sprachwissenschaftliche Begrifflichkeit glauben machen kann, es handele sich bei Sprachwechsel und Sprachmischung um zwei distinkte, klar voneinander abgrenzbare Phänomene, muss aus philologischer Perspektive jedoch darauf hingewiesen werden, dass mit dem einzelnen Textbefund oftmals beides vorliegt. (Auch von der Sprachwissenschaft wird in historischer Perspektive angenommen, dass Formen des Code-Switchings aus der Etablierung von Kontaktsprachen resultieren können.) Denn in der Perspektive auf den einzelnen Text, wie sie für einen philologischen Zugriff charakteristisch ist, trägt letztlich jeder Sprachwechsel auch zur Formung des für diesen Text charakteristischen Idioms bei. Überdies ist es so, dass viele Fälle von Sprachwechsel bereits Momente von Sprachmischung im linguistischen Sinne implizieren, beispielsweise dann, wenn die morphosyntaktische Integration eines anderssprachigen Worts eine Anpassung der Flexionsendung mit sich bringt, oder wenn man (beispielsweise um des Reimschemas willen) davon ausgehen kann, dass die Aussprache eines solchen Worts verändert bzw. angepasst wird. In mehrsprachigen Wortspielen (Paranomasien oder puns) wird die Zugehörigkeit eines Textelements zu einer Sprache systematisch verunklart (siehe Anwendungs-/Analysebeispiele 1 und 3).

Aus philologischer Sicht ist schließlich weiter anzumerken, dass sich gegenüber der linguistischen Beschreibung von Sprachwechsel und Sprachmischung einige methodische Verschiebungen ergeben. Einerseits kann sich die philologische Analyse und Interpretation von Sprachwechsel und Sprachmischung in einzelnen (literarischen) Texten der Kategorien bedienen, die von der Linguistik zur Verfügung gestellt werden, und etwa nationale Standardvarietäten, Dialekte, Soziolekte, Register oder unterschiedliche Verfahren von Code-Switching und Kontaktsprachen unterscheiden. Andererseits aber kann der einzelne Text zumindest im Prinzip aus all diesen Formen linguistischer Regelhaftigkeit frei auswählen und diese Auswahl von Regeln abhängig machen, die er selbst entwickelt und keineswegs gängigen Formen des Sprachgebrauchs anpassen muss. Die Differenz zwischen unterschiedlichen, nach linguistischen Kriterien beschreibbaren und am Text auszumachenden Idiomen steht so in Beziehung zu der von Primus Heinz KucherKucher, Primus Heinz beschriebenen »kulturell und semiotisch bestimmte[n] Mehrsprachigkeit«, die etwa auch »Phänomene literar-kultureller Polyphonie« im Sinne Michail M. BachtinBachtin, Michail M.s umfasst (KucherKucher, Primus Heinz, »Literarische Mehrsprachigkeit/Polyglossie«, 130). Beispielsweise muss eine philologisch genaue Lektüre eines in mehreren nationalen Standardvarietäten verfassten Gedichts auch berücksichtigen, inwiefern die Differenz zwischen diesen Idiomen mit Differenzen zwischen unterschiedlichen metrischen Mustern, unterschiedlichen metaphorischen Ausdrucksverfahren usw. korreliert und ob die jeweilige Grammatikalität zugunsten der Poetizität auch einmal außer Kraft gesetzt wird.

b) Sachgeschichte

Sprachwechsel und Sprachmischung gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit, seitdem es Sprache gibt. Sprachhistorisch gesehen kann man immer dann Sprachmischung konstatieren, wenn die Entwicklung eines Idioms auf irgendeine Weise durch den Kontakt mit anderen Sprachen beeinflusst wird. So lässt sich beispielsweise für die indoeuropäischen Sprachen zu vielen Zeitpunkten feststellen, dass Entwicklungen durch die Überlagerung grammatischer Strukturen oder lexikalischer Elemente aus unterschiedlichen Sprachzusammenhängen vorangetrieben wurden. Mit solchen Fragen beschäftigt sich unter anderem die sog. Substratlinguistik. Die Rolle, die literarische Mehrsprachigkeit in solchen Prozessen spielt, ist teils noch zu erforschen. Feststellen lässt sich aber zumindest, dass die Etablierung weitverbreiteter Standardvarietäten, wie sie von der Literatur genutzt oder sogar geprägt werden, immer ein großes Maß an Sprachkontakt voraussetzt.

Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive kann die sprachhistorische Entwicklung jedoch nicht selbst der Gegenstand des Interesses sein; vielmehr gilt es, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, in welchen einzelnen literarischen Texten sich unter welchen Rahmenbedingungen und wann welche Formen von Sprachwechsel und/oder Sprachmischung finden, welche kulturpolitische Relevanz sie haben und wie sie in einen historischen Zusammenhang gebracht werden können. Sprachwechsel und Sprachmischung lassen sich dabei in Korrelation zur historischen Semantik von Spracheinheit und -vielfalt setzen (siehe I.1 bis I.3).

1. Antike

Für die griechische und die römische Antike lassen sich grob zumindest zwei sehr unterschiedliche sprachpolitische Konstellationen ausmachen. So ist die griechische Antike vor dem Hellenismus von einer starken dialektalen Vielfalt auch im Schriftgebrauch geprägt und zugleich von einer hohen Dialekttoleranz. Für die literarischen Texte ist eine starke, teils sprachmischende ›Künstlichkeit‹ der verwendeten Idiome konstatiert worden, beginnend mit den homeriHomerschen Epen. Für die attische Tragödie dagegen sind unterschiedlich ausgeprägte Strategien der sprachlichen Verfremdung kennzeichnend; durch dialektale Differenzierung werden beispielsweise lyrische Chorpartien von anderen Teilen des Dramas unterschieden. In der Komödie ermöglichte der Gebrauch von unterschiedlichen Dialekten und von ›foreigner talk‹ die Markierung der Herkunft handelnder Personen (siehe Zimmermann,Zimmermann, Bernhard »Dialekte und ›foreigner talk‹ im griechischen Drama«; zum Sprachwechsel in der Figurenrede siehe III.2). Die römische Antike ist demgegenüber von einer griechisch-lateinischen Zweisprachigkeit geprägt, wobei das Griechische (auch) als Bildungssprache fungiert. Die lateinische Sprache sieht daher immer schon die morphosyntaktische Integration griechischer Wörter, insbesondere Eigennamen, vor. (Treffende Beispiele dafür sind die lateinischen Begriffe rhetorica und grammatica.) Dies hat es nahegelegt, nicht nur den Sprachwechsel zur Charakterisierung von handelnden Personen einzusetzen (siehe III.2), sondern auch durch Sprachmischung oft komische Neologismen zu erzeugen, wie dies insbesondere in den Komödien des Titus Maccius PlautusPlautus, Titus Maccius der Fall ist. Zwar lässt sich auch für die Komödien des TerentiusTerenz sagen, dass ihnen griechische Einsprengsel einen »flavor of elegance and humor« (DuckworthDuckworth, George E., The Nature of Roman Comedy, 335) geben. Bei Plautus aber findet das Spiel mit dem Griechischen vor dem Hintergrund einer allgemeinen Polyphonie im BachtinBachtin, Michail M.’schen Sinne statt, denn Plautus hat es verstanden, den Reichtum an Registern und Stillagen, der das Latein des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts auszeichnete, in seine Texte einzuarbeiten, was nicht zuletzt für sprachhistorische Forschung von großem Interesse ist. Die Einarbeitung griechischer Elemente in den Text vollzieht sich dabei vor allem in Form kleinteiliger Sprachmischung: Griechische Wörter werden mit lateinischen Flexionsendungen versehen; umgekehrt fabriziert Plautus aus lateinischen Wörtern und griechischen Patronymendungen meist komische sprechende Namen (ebd., 345). Kann man davon ausgehen, dass die Polyphonie bei Plautus ein Element des komödienhaften Realismus ist, so inszeniert das humoristische Spiel mit dem Griechischen eine Auseinandersetzung mit der überlegenen Bildungssprache – auf deren Vorbildern PlautusPlautus, Titus Maccius auch aufbaut.

2. Mittelalter

Auch der sprach- und kulturpolitische Hintergrund der Literaturen des Mittelalters hat das Entstehen unterschiedlicher Formen von Sprachwechsel und Sprachmischung begünstigt, wobei weiterhin gilt, dass der Status der jeweils relevanten Sprachen relativ stabil bleibt: »Die verschiedenen Sprachen gelten […] als Träger konventioneller Ausdrucksqualitäten, die sie als eingebettete Sprachen für besondere Themen erwartbar machen: etwa Latein für echte und parodierte Gelehrsamkeit« (HelmichHelmich, Werner, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 55). Während das Griechische außerhalb des oströmischen Reichs nur noch eine geringe Rolle spielt, avanciert das Lateinische in West- und Mitteleuropa zur primären Bildungssprache. Vor allem im romanischen Sprachraum ergeben sich dabei starke Wechselbeziehungen zwischen dem Lateinischen und den jeweiligen Volkssprachen. Auch in der literarischen Produktion werden Sprachwechsel und Sprachmischung vorwiegend zwischen dem Lateinischen und der jeweiligen Volkssprache vollzogen. Die Zahl der Belege für dieses Verfahren ist relativ hoch: Paul ZumthorZumthor, Paul hat in einer wegweisenden Studie ca. 60 dafür einschlägige lyrische Texte aus der altfranzösischen Literatur des 11. bis 13. Jahrhunderts untersucht (ZumthorZumthor, Paul, »Un problème d’esthétique médiévale«; vgl. auch ElwertElwert, W. Theodor, »L’emploi de langues étrangères«, 243–246). Es finden sich aber auch Fälle von Sprachwechsel und -mischung, die auf unterschiedliche romanische Volkssprachen zurückgreifen, sowie auf der iberischen Halbinsel Wechsel zwischen den romanischen Volkssprachen und dem Arabischen (Schmitz-EmansSchmitz-Emans, Monika, Die Sprache der modernen Dichtung, 60f.).1 Spezifische Komplexität weist die Situation in England auf. Literarisch nutzbar ist hier zunächst der Kontrast zwischen Angelsächsisch, Normannisch und Latein, dann ab dem 13. Jahrhundert der zwischen Middle English und Latein, während das Französische weiterhin präsent bleibt. In all diesen Gegenden Westeuropas finden sich Autoren, die in besonders auffälliger Weise Verfahren von Sprachwechsel und -mischung genutzt haben. Hervorzuheben sind für das französische Hochmittelalter die lyrische Dichtung Raimbauts de VaquerasRaimbaut de Vaqueras (um 1200) (HelmichHelmich, Werner, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 52), für das spanische die Lyrik von Álvarez de VillasandinoÁlvarez de Villasandino, Alfonso (siehe ClassenClassen, Albrecht, »Multilingualism in Late-Medieval Poetry«, 63f.), die zwischen Kastilisch und Arabisch wechselt, und für England die Dichtung von John GowerGower, John, die vielfältige Sprachwechsel und mehrsprachige Wortspiele enthält (ClassenClassen, Albrecht, »Multilingualism in the Middle Ages«, 134).

Für die deutschsprachige Literatur des Mittelalters gilt ebenfalls, dass insbesondere lyrische Formen auf Verfahren des Sprachwechsels und der Sprachmischung zurückgreifen. Auch hier finden sich Wechsel und Mischungen einerseits mit dem Lateinischen, andererseits mit den – ab dem Hochmittelalter ebenfalls als Bildungssprachen fungierenden – romanischen Sprachen. In den Carmina Cantabrigiensia aus dem 10./11. Jahrhundert ist das sog. »Heinrichslied« (»De Heinrico«) enthalten, das das Lateinische mit althochdeutschen Halbversen mischt und dabei (wenn auch recht unsystematisch) lateinisch-deutsche (Binnen-)Reime bildet, wie hier in der zweiten Strophe:

Intrans nempe nuntius, then keisar namoda her thus:

›cur sedes‹ infit ›Otdo, ther unsar keisar guodo?

hic adest Heinrich, bringit her hera kuniglich,

dignum tibi fore thir selvemo ze sine.‹2Haug, WalterVollmann, Benedikt Konrad

Über den klaren segmentären Sprachwechsel hinaus ist in diesem Text eine gewisse dialektale Instabilität der deutschen Textteile zu beobachten. Insofern der Entstehungskontext des Lieds nicht bekannt ist, ist der kulturpolitische Impuls des lateinisch-deutschen Sprachwechsels zwar schwierig abzuschätzen. Fest steht jedoch, dass die aus der Antike geläufige komisch-verfremdende Funktion von Sprachwechsel und -mischung in diesem Lied, das ein Herrschertreffen beschreibt und eine eher politisch-affirmative Stoßrichtung hat, nicht zum Tragen kommt. Eher dürfte die Mischung aus Gelehrten- und der Herrschaftssprache die Würde des dargestellten politischen Bündnisses selbst beschworen haben, und zwar mit der zusätzlichen Pointe, dass die Herrschaftssprache ihrerseits eine Synthese unterschiedlicher regionaler Varietäten darstellt.3

Anders als die althochdeutsche Literatur steht die Literatur des Mittelhochdeutschen unter dem sehr starken Einfluss der altfranzösischen bzw. okzitanischen Literatur, aus der Gattungsnormen, Stoffe und Versformen übernommen werden. Dieser starke Einfluss schlägt sich insbesondere in der Epik nieder, etwa in Wolframs von EschenbachWolfram von Eschenbach Parzival und in Gottfrieds von StraßburgGottfried von Straßburg Tristan. Einen Sonderfall stellt Thomasîns von ZerklaereThomasîn von Zerclaere Lehrgedicht Der welsche Gast dar, das für die historische Linguistik insofern von Interesse ist, als der Verfasser, der selbst einräumt, kein Muttersprachler zu sein, den Text in einem instabilen bairischen Dialekt mit zimbrischen Einsprengseln abfasst.4Willms, EvaThomasîn von Zerclaere Kulturpolitisch ist ThomasînsThomasîn von Zerclaere Lehrgedicht von besonderem Interesse, da es eine Verhaltenslehre für Adelige im kulturell-sprachlichen Grenzgebiet thematisiert.

Auffällige Beispiele für literarischen Sprachwechsel im Bereich der Lyrik finden sich insbesondere in der Vagantendichtung des 11. und 12. Jahrhunderts, die in der Handschrift der Carmina Burana aus dem frühen 13. Jahrhundert versammelt ist (siehe HelmichHelmich, Werner, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 51). An diesen Texten ist bemerkenswert, dass der Wechsel zwischen Latein und Deutsch mit der Thematisierung von Erotik und Sexualität verbunden ist (ClassenClassen, Albrecht, »Multilingualism in Late-Medieval Poetry«, 48–52; ClassenClassen, Albrecht, »Multilingualism in the Middle Ages«, 134f.). Der Kontrast zwischen der hohen lateinischen Sprache und der Vernakularsprache erzeugt dabei einerseits komische Wirkung, dient andererseits aber auch der Aussprache von Intimität oder verbotener Sinnlichkeit unter dem Deckmantel der fremden Sprache. In der Regel erfolgt der Sprachwechsel in den mehrsprachigen Gedichten der Carmina Burana an Strophengrenzen, oft im Zusammenhang mit Sprechwechseln5Vollmann, Benedikt Konrad oder auch anlässlich eines Wechsels des semantischen Bezugsrahmens, wie es in CB 170 der Fall ist, wo in den ersten drei, lateinischen, Strophen Topoi der klassisch-antiken Liebessemantik abgerufen werden, in der vierten, deutschen, aber höfische Ideale des Mittelalters.6 In CB 185 findet sich darüber hinaus ein sehr regelmäßiger Sprachwechsel innerhalb der Strophen, beispielsweise hier in der zweiten Strophe:

Ia wolde ih an die wisen gan,

flores adunare,

do wolde mich ein ungetan

ibi deflorare.

REFL. Hoy et oe!

maledicantur thylie

iuxta uiam posite!7

Bei diesem Gedicht handelt es sich um eine Parodie von Walthers von der VogelweideWalther von der Vogelweide berühmtem Gedicht »Under der linden«. Das Geschehen wird dabei allerdings in eine Vergewaltigung umgedeutet. Wiedergegeben wird die deutsch-lateinische Klage der Frau, in die die Rede des Mannes (des »ungetan«) eingelagert ist. Wenn man davon ausgeht, dass die Frau nicht von Stande ist – was angesichts ihres freien Herumstreifens in der Natur naheliegt –, so ist klar, dass der Text ihr Sprachkenntnisse zuschreibt, die sie nicht haben kann. Einem im Grunde sozial ›stummen‹ Menschen wird hier eine Rede in den Mund gelegt, die aufgrund des Sprachwechsels klar die Merkmale sozial hochstehender Ausdruckskompetenz zeigt. Darin muss man wohl eine arrogante Form männlich-gelehrten/klerikalen Spotts sehen.

Es ist sehr wichtig zu sehen, dass der Sprachwechsel im Mittelalter keinesfalls nur als Mittel zur Erzeugung von Komik dient. Lateinische Einfügungen in volkssprachliche Texte können etwa auch ganz einfach zur Erhöhung der Feierlichkeit beitragen; und umgekehrt kann das Lateinische durch Einbindung in die ›wohlige‹ Volkssprache in den Alltag integriert werden, beispielsweise in dem Kirchenlied »In dulce jubilo« (UhrmacherUhrmacher, Anne, »Das Spiel mit Sprachdifferenz in Texten populärer Lieder«, 203f.). Die Synthese von Heiliger Sprache und volkstümlicher Nahsprache hat dem Lied aus dem 14. Jahrhundert eine sehr dauerhafte Popularität gesichert. Ebenfalls religiös motiviert dürfte der Sprachwechsel in den um 1400 von Bruder HansHans, Bruder auf das »Ave Maria« angefertigten insgesamt viersprachigen Glossen sein (siehe hierzu NoelNoel Aziz Hanna, Patrizia/SeláfSeláf, Levente, »On the Status and Effect of Formulas«). Die Ausweitung der einzelnen lateinischen Phrasen des Gebets zu Strophen auf Deutsch, Französisch und Englisch lässt sich nicht zuletzt als Vorgriff auf die Verheißung eines Pfingstwunders des christlichen Glaubens verstehen. Einen Sonderfall des literarischen Sprachwechsels stellt für das (späte) Mittelalter die Lyrik Oswalds von WolkensteinOswald von Wolkenstein dar, eines Südtiroler Adeligen, dessen schriftstellerische Tätigkeit in den Anfang des 15. Jahrhunderts fällt. Für seine mehrsprachigen Gedichte ist kennzeichnend, dass sich unterschiedliche Sprachen in sehr großer Freiheit miteinander abwechseln, d.h., ohne auf die traditionell feststehende Wertigkeit und den ›Charakter‹ der jeweiligen Sprachen Rücksicht zu nehmen. In der Forschung ist daher die These vertreten worden, bei OswaldOswald von Wolkenstein werde die »Hierarchie der Literatursprachen […] zugunsten eines diffuseren Exotismus aufgegeben« (HelmichHelmich, Werner, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 53). Oswalds Spiel mit der schieren Klanglichkeit unterschiedlicher Sprachen ist allerdings auch anders eingeschätzt worden, so etwa als Versuch, im Rahmen der stark durch Gattungstraditionen eingeschränkten Liebeslyrik dennoch etwas Neues zu schaffen (so ClassenClassen, Albrecht, »Multilingualism in Late-Medieval Poetry«, 52–57; vgl. MurrayMurray, David, »Oswald von Wolkenstein’sOswald von Wolkenstein [!] Multilingual Songs«).

Alles in allem zeigen die vorliegenden Beispiele für literarischen Sprachwechsel aus dem Mittelalter, dass das Lateinische im Verhältnis zu den Volkssprachen ab dem frühen 13. Jahrhundert eine Statusveränderung erfährt: Zunehmend wird es zum Verfügungsmaterial volkssprachiger Texte, während zugleich die Volkssprache als Dichtungssprache eigenständiger wird (ClassenClassen, Albrecht, »Multilingualism in Late-Medieval Poetry«, 50). Damit verbreitet sich eine kulturpolitische Tendenz, die sich bereits bei dem mit großem Abstand prominentesten Vertreter literarischer Mehrsprachigkeit im Mittelalter beobachten lässt, nämlich bei Dante AlighieriDante Alighieri. Dantes Gebrauch der Volkssprache in der Commedia hat nämlich insgesamt einen sprachmischenden Charakter, denn sowohl lexikalisch als auch morphosyntaktisch wird der toskanische Dialekt um Bestandteile anderer romanischer Idiome sowie des Lateinischen angereichert (siehe KlinkertKlinkert, Thomas, »Dante Alighieri und die Mehrsprachigkeit«). Sprachwechsel findet sich bei DanteDante Alighieri in den meisten Fällen im Zusammenhang mit Sprecherwechseln (siehe III.2) oder mit Zitaten (siehe III.3). Einen Spezialfall stellen die sog. Teufelssprachen dar, die im VII. bzw. im XXXI. Canto des Inferno wiedergegeben werden. Beide Stellen umfassen jeweils nur einen Vers; im ersten spricht Pluto, der Gott der Unterwelt, wie folgt: »Papè Satàn, papè Satàn aleppe!« (VII,1)8Dante Alighieri Es handelt sich um einen Wechsel zwischen Latein (›papae‹ ist eine lateinische Interjektion, die Verwunderung ausdrückt), Hebräisch (im Italienischen hieße es ›satana‹, hier wird eine Transkription des hebräischen ‎‏שָּׂטָן‏‎ gegeben) und (wahrscheinlich) verballhorntem Hebräisch (›aleppo‹ kann man als Verballhornung von ›Aleph‹, des ersten Buchstabens des hebräischen Alphabets, ‎‏א‏‎, deuten). Für die zweite Stelle ist die Sachlage weniger klar. Hier spricht Nimrod, von dem die außerbiblische Überlieferung sagt, er habe zum Turmbau zu Babel angeregt, die folgenden Worte, die ebenfalls als verballhorntes Hebräisch gedeutet worden sind: »Raphèl ma’y amèch zabì almi« (XXXI, 67).9 Allerdings ist für Nimrods Worte gerade ihre Unverständlichkeit charakteristisch, denn seine Strafe besteht darin, dass er in sprachlicher Isolation leben muss (siehe ebd.). Die Freiheit, mit der hier inmitten des italienischen Textes die Heiligen Sprachen Latein und Hebräisch behandelt werden, steht ganz im Zeichen einer Kulturpolitik, die aus den volkssprachlichen Dialekten selbst eine Literatursprache, eine grammatica machen will (siehe I.1).

3. Frühe Neuzeit

Die Frühe Neuzeit und insbesondere die Durchsetzung des Buchdrucks bringen weitere erhebliche Verschiebungen im Gefüge der europäischen Sprachlandschaft mit sich. Denn die seit dem Hochmittelalter zu beobachtende zunehmende Angleichung des Statusunterschiedes zwischen dem Lateinischen und den Volkssprachen setzt sich – nicht zuletzt bedingt durch die mediale Erschließung neuer Formen von Öffentlichkeit – fort, auch wenn erst ab dem 18. Jahrhundert die Produktion volkssprachlicher Texte diejenige lateinischer Texte übertrifft. Gerade die neuen Formen von Sprachwechsel und Sprachmischung, die sich in der Frühen Neuzeit etablieren, zeigen aber dennoch eine auffällige Veränderung an.

Beispielsweise lässt sich die Sprachmischung in der makkaronischen Poesie als Verarbeitung einer historisch neuartigen Form von gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit auffassen (siehe ausführlicher V.1). Die Gattung begründete das 1493 publizierte Carmen macaronicum von Tifi degli OdasiTifi degli Odasi; zu ihrer Popularisierung trugen maßgeblich Teofilo FolengosFolengo, Teofilo Macaroneae (1517) und außerhalb des italienischen Sprachraums die Werke von François RabelaisRabelais, François und Johann FischartFischart, Johann bei. Die makkaronische Poesie untermischte lateinische Texte mit volkssprachlicher Lexik, wobei die nicht-lateinischen Wörter dennoch den lateinischen Flexionsregeln unterworfen wurden. Sie ist in der Forschung von anderen, ihr nahestehenden Phänomenen der poetischen Sprachmischung abgegrenzt worden, etwa von den sog. »Pedantesca«, die »Lateinische Wörter in die Muttersprache« mischen (GentheGenthe, Friedrich Wilhelm, Geschichte der Macaronischen Poesie, 61f.), und zwar mit dem Ziel, die pedantische Gelehrsamkeit zu verspotten; oder von einem sog. ›Küchenlatein‹, das der Verfasser der bis heute ausführlichsten Darstellung zur makkaronischen Poesie, Friedrich GentheGenthe, Friedrich Wilhelm, als »schon an sich schlechte und fehlerhafte Latinität« charakterisiert, »welche noch dazu, sobald ihr Latein zu Ende ist, […] aus der Muttersprache dem Buchstaben, aber nicht dem Sinne nach übersetzt« (ebd., 62f.). Auch wenn die Stoßrichtung dieser einzelnen Gattungen (und erst recht diejenige der einzelnen Texte) recht unterschiedlich ist und GentheGenthe, Friedrich Wilhelm (wie auch neuere Darstellungen) diese Differenz zu Recht hervorheben, demonstrieren sie doch allesamt eine gewisse Freiheit im Umgang mit der Gelehrtensprache, die deren Integrität, wenn sie sie auch nicht unmittelbar angreifen, so doch zerbrechlich werden lässt. Sie testen gewissermaßen die Grenzen der vormals ungebrochenen Autorität aus – Grenzen, die zeitgleich durch die Stilideale des Humanismus neu gezogen und verteidigt werden.

Wichtig ist es zu betonen, dass Verfahren der Sprachmischung, wie sie die makkaronische Poesie betreibt, im Vergleich zu den Belegen, die sich in der mittelalterlichen Literatur finden, nicht nur eine sehr viel größere Menge an Texten hervorgebracht, sondern offenkundig auch eine andere Wirkmächtigkeit entfaltet haben. Es liegt nahe, hier einen Zusammenhang herzustellen zu einem Phänomen, das im Bereich der mehrsprachigen Figurenrede zu beobachten ist, die erst in der Frühen Neuzeit, dafür nun aber in besonderem Maße, als Problem reflektiert wird. Berichtet die mittelalterliche Literatur auch in den unwahrscheinlichsten Fällen fast nie über Verständigungsprobleme zwischen Sprechern unterschiedlicher Sprachen, so sind solche Probleme seit der Durchsetzung des Buchdrucks zunehmend ein Thema (siehe ClassenClassen, Albrecht, »Multilingualism in the Middle Ages«, 136–142). Man mag hier einen Zusammenhang sehen zwischen den schlagartig erweiterten Verbreitungsmöglichkeiten anderssprachiger Schriften, durch die die Erfahrung des Nicht-Verstehens stärker in den Fokus rückte, und einem neuartigen Bewusstsein für die Eigenheit von Sprachen und die Notwendigkeit, sie zu beherrschen und sich zu eigen zu machen. Zugleich dürfte der Standardisierungsdruck, der sich dank der Erfordernisse des Buchdrucks in der Schriftproduktion bemerkbar machte, das Bewusstsein für dialektale und soziolektale Differenzen geschärft haben.

Freilich ist die makkaronische Poesie nur eines von vielen literarischen Phänomenen, in denen sich das neue Bewusstsein von der akuten Verständigungsproblematik, die sich aus dem Sprachkontakt ergibt, äußert. Die Kehrseite dieses Problembewusstseins ist nicht zuletzt die bis ins 18. Jahrhundert hinein anhaltende Konjunktur von Plansprachenutopien (siehe hierzu EcoEco, Umberto, Die Suche nach der vollkommenen Sprache), die auch einen erheblichen literarischen Niederschlag findet. Neben einer Vielzahl von philosophischen Entwürfen, unter denen diejenigen von Gottfried Wilhelm LeibnizLeibniz, Gottfried Wilhelm, John LockeLocke, John und John WilkinsWilkins, John nur die prominenten Beispiele sind, ist hier auf die Überlegungen zur Sprache Utopias aus Thomas MorusMorus, Thomas’ gleichnamiger Schrift (1516) und auf Jonathan SwiftsSwift, Jonathan satirische Darstellung einer Universalsprache der Dinge im dritten Band von Gulliver’s Travels (1726) hinzuweisen. Als Fortsetzung der makkaronischen Tradition mit den Mitteln des modernen Romans lassen sich demgegenüber Francesco ColonnaColonna, Francescos Hypnerotomachia Poliphili (1499) (siehe hierzu PolizziPolizzi, Gilles, »Sprache des Anderen oder eigene Sprache?«), die lateinisch-volkssprachige Satire (siehe HessHess, Günter, Deutsch-lateinische Narrenzunft) und insbesondere die satirisch-groteske Produktion von RabelaisRabelais, François sowie seines deutschen Bearbeiters FischartFischart, Johann ansehen. Rabelais’ Romanwerk ist nicht zufällig Gegenstand des Interesses von BachtinBachtin, Michail M. geworden, denn die karnevaleske Umkehrung der Gesellschaftsstrukturen, die diese Texte im Raum der grobianischen Imagination betreiben, führt auch zu einer extremen Polyphonie. In latenter Parallele zu PlautusPlautus, Titus Maccius ist in diese Polyphonie auch eine komplexe Variante von Sprachmischung eingearbeitet, vor allem in Form von französisierten lateinischen Worten, Hybridbildungen, also aus Elementen mehrerer Sprachen zusammengefügten Wörtern, und teils mehrsprachigen Paronomasien (siehe KorgKorg, Jacob, »Polyglotism in Rabelais and Finnegans Wake«, 59–62). FischartFischart, Johann hat in der Geschichtsklitterung (1575) den zweiten Roman von RabelaisRabelais, François, Gargantua (1534), übersetzt bzw. bearbeitet und dabei diesen Effekt noch einmal gesteigert, weil er die übersetzerische Suche nach dem rechten Wort so im Text sichtbar werden lässt, dass fortwährend unterschiedliche Synonyme oder scheinbare, durch Wortspiele miteinander verbundene Synonyme aneinandergereiht und dabei gerne auch Sprachgrenzen überschritten werden – bis hin zu dem Punkt, dass einzelne Wörter in ihrer sprachlichen Zugehörigkeit mehrdeutig werden (siehe unten Anwendungs-/Analysebeispiel 1). Noch Martin LutherLuther, Martins Tischreden, die einer der ersten Gegenstände der literaturwissenschaftlichen Mehrsprachigkeitsforschung gewesen sind (StoltStolt, Birgit, Die Sprachmischung in LuthersLuther, Martin Tischreden), treiben die deutsch-lateinische Sprachmischung zuweilen so weit, dass sich ähnliche Effekte einstellen (MartynMartyn, David, »Es gab keine Mehrsprachigkeit«, 45–47). Und auch wenn ihnen eine satirisch-groteske Wirkung nicht unterstellt werden kann, sind auch sie Zeugnisse desselben gewandelten frühneuzeitlichen Sprachbewusstseins.

Die frühneuzeitliche Komödie scheint demgegenüber auf den ersten Blick verhältnismäßig konservativ, denn sie setzt Tendenzen zur Sprachmischung fort, wie sie bereits die antiken Vorbilder aufweisen. Sprachwechsel dienen in der Regel vor allem zur Charakterisierung von Figuren (siehe III.2). Es finden sich aber auch Sprachwechsel und Mischung in der Rede einzelner Figuren, ähnlich wie in der makkaronischen Poesie – Redeweisen, die als solche auch wiederum der Figurencharakteristik dienen können (zur Komödie seit der italienischen Renaissance siehe ElwertElwert, W. Theodor, »L’emploi de langues étrangères«, 237–240). Dies funktioniert teils auch eher indirekt. So wird etwa die Hauptfigur in MolièreMolières Bourgeois gentilhomme (1670) dazu gebracht, im Rahmen einer Scheinzeremonie die (im Französischen eigentlich ohne weiteres verständliche) Lingua Franca (Sabir) für Türkisch zu halten und so ihre charakterliche Schwäche zu offenbaren (zu dieser Textstelle siehe auch II.3).1Molière Die Grenzen zwischen Sprachwechsel und Sprachmischung sind dabei oft schwer zu ziehen, denn der Sprachwechsel ist bisweilen so ausgeprägt, dass der Eindruck entsteht, die Figuren sprächen eine eigenständige, neue Sprache. Dies ist beispielsweise in Andreas GryphiuGryphius, Andreass’ Komödie Horribilicribrifax Teutsch (1663) der Fall (siehe hierzu das erste Anwendungs-/Analysebeispiel in III.2). Es ist kein Wunder, dass auch in diesem Kontext Verständigungsprobleme in den Vordergrund treten, was auch jenseits der Gattung Komödie gilt. Beispielsweise thematisiert William ShakespearesShakespeare, William historisches Drama King Henry the Fifth die Sprachprobleme der Tochter des französischen Königs, Katherine, deren französisierendes Englisch wie folgt wiedergegeben wird: »Your majesté ’ave fause French enough to deceive de most sage demoiselle dat is en France.«2Shakespeare, William (Siehe hierzu RadaelliRadaelli, Giulia, Literarische Mehrsprachigkeit, 56f.) Auch im Drama findet sich also ein neuzeitlich verstärktes Bewusstsein für sprachbedingte Verständigungsprobleme.

4. Das 18. und 19. Jahrhundert

Damit deutet sich ein Umschwung an, der dann in den literarischen Revolutionen um 1800 seine volle Wirkung entfaltet hat. Werner HelmichHelmich, Werner hat für alle Formen von Sprachmischung und -wechsel vor dem 19. Jahrhundert festgestellt, dass »bei den fremdsprachigen Einlagerungen in den höheren Gattungen grundsätzlich zuerst die fremde Literatur und dann erst die fremde Lebenswelt ins Blickfeld« (Helmich, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 76) gerate. Dies gilt allerdings schon für ShakespeareShakespeare, Williams King Henry the Fifth nicht mehr voll und ganz: Denn ganz offenkundig besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen der mittelalterlichen und bereits der frühneuzeitlichen Literatur darin, dass sich in dieser Sprachmischung und Sprachwechsel deutlich stärker auf außerliterarische Erfahrungsräume beziehen als zuvor. Damit geht auch ein weiteres Grundmerkmal der vormodernen Verfahren von Sprachwechsel und -mischung zunehmend verloren. HelmichsHelmich, Werner Charakterisierung der unterschiedlichen Sprachen in der Vormoderne als »Träger konventioneller Ausdrucksqualitäten« gilt in der Moderne immer weniger.

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts führt die weitere Emanzipation der Volkssprachen dazu, dass das Lateinische zur toten Sprache erklärt und damit den Volkssprachen nachgeordnet wird. Dies geht einher mit der breiten Durchsetzung einer Semantik von Muttersprache, die diese nicht nur als Sprache der Erstsozialisation, sondern vor allem auch als Sprache der Nation auffasst. Hierin liegt der Beginn der modernen Einsprachigkeitssemantik, deren wichtigste Folge für die Literatur darin besteht, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einzig das Schreiben in der Muttersprache als ›original‹ gilt. Die Autonomisierung der Literatur, in deren Zeichen das 18. wie das 19. Jahrhundert stehen, hat insofern die neue, auf Einsprachigkeit ausgerichtete nationale Kulturpolitik mitgetragen oder sogar gefördert. Sie bietet allerdings grundsätzlich zugleich auch die Gelegenheit zur Entwicklung neuartiger Verfahren von Sprachmischung, denn die Autonomisierung der Literatur und die Etablierung eines ästhetischen Imperativs zur Innovation führen zur Freigabe vormals genregebundener Formvorgaben zum Zweck der ästhetischen Formevolution. (Nicht zuletzt daraus dürfte sich die Prominenz des traditionell als Mischgattung aufgefassten Romans in der Moderne erklären.) Damit wird auch der Transfer von sprachspezifischen Gattungskonventionen über Sprach- und Gattungsgrenzen hinweg denkbar, wenn diese Möglichkeit auch einstweilen selten genutzt wird. Allerdings lassen sich beispielsweise die Experimente mit einem deutschen Hexameter und die lyrische Verarbeitung ›volkstümlicher‹ Formvorgaben unterschiedlicher Provenienz als Versuche verstehen, aus dem Rückgriff auf sprachliche Diversität ästhetischen Gewinn zu ziehen, auch wenn die daraus resultierende Sprachmischung eher latent bleibt (siehe V.1).

Auch wenn die Forschung dies angesichts der im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert übermächtig scheinenden Semantik der nationalen Einsprachigkeit bislang kaum in den Blick genommen hat, finden sich auch in dieser Zeit durchgängig Phänomene von Sprachwechsel und -mischung. Ähnlich latent wie die Übernahme formaler Muster aus anderen sprachlichen Kontexten bleibt dabei beispielsweise der Versuch, eine nationale Standardsprache als eine Art übergeordnete Metakultursprache zu etablieren, die die Sprachvielfalt der Welt in sich aufhebt. Einen solchen Versuch unternehmen sowohl Johann Wolfgang von GoetheGoethe, Johann Wolfgang vons Faust (siehe das Analysebeispiel in III.2) als auch die Wilhelm Meister-Romane (siehe StockhammerStockhammer, Robert, »Die gebrochene Sprache des Literarischen«1Stockhammer, RobertGoethe, Johann Wolfgang von): Beide inszenieren sich als Entwürfe eines Idioms, das im Medium des Scheins eine transzendentale Synthese der (europäischen) Sprachen und Literaturen leistet und zugleich die Scheinhaftigkeit dieser Unternehmung reflektiert. Gegenüber der auf der Oberfläche nahezu gänzlich deutschsprachigen Faktur der GoetheGoethe, Johann Wolfgang von’schen Texte weist das angebliche Gründungsdokument der modernen russischen Sprache, Alexander Sergejewitsch PuškinsPuškin, Alexander Sergejewitsch Евгений Онегин (Jevgenij Onegin) von 1830, deutlich manifestere Formen von Sprachwechsel auf (insbesondere dank der Einfügung französischer Wörter), ist insgesamt aber auch als Ergebnis einer Sprachmischung zu verstehen, die unter Zuhilfenahme anderssprachiger Strukturen und Elemente die Grenzen zwischen getrennten Stillagen der russischen Sprache auflöst.2Gretchko, ValerijPuškin, Alexander Sergejewitsch Auch die humoristischen Romane von Autoren wie Lawrence SterneSterne, Lawrence und Jean PaulJean Paul lassen sich dieser Gruppe von Texten zuordnen. Sprachwechsel findet sich hier vor allem in Form von Zitaten (siehe III.3), deren Effekt einerseits die Erzeugung komischer Kontraste ist, die aber andererseits im Dienst des humoristischen Programms stehen, gerade die Disparatheit des Lebens als Ausdruck einer höheren Einheit zu sehen.

Schließlich wird im 19. und 20. Jahrhundert im realistischen Roman von Lev N. TolstojTolstoj, Lev N. bis Thomas MannMann, Thomas die heute wohl augenfälligste Form von Sprachwechsel zur Perfektion getrieben, die Wiedergabe anderssprachiger Figurenrede im Original (siehe III.2). Auch der erzählerische Realismus entwickelt aber überdies neuartige Formen der Sprachmischung, sowohl in der Figuren- als auch in der Erzählerrede. Ein Beispiel hierfür ist die Imitation eines deutschen Akzents in Honoré de BalzacBalzac, Honoré des Le Cousin Pons (1847), die durch die konsequente Vertauschung von stimmhaften und stimmlosen Konsonanten zustande kommt (HelmichHelmich, Werner, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 70). Der deutsche Freund der Hauptfigur, Schmucke, äußert sich hier in Sätzen wie »Ha! fous me gombrenez!«3Balzac, Honoré deCastex, Pierre-Georges oder: »Ele a l’air d’une bedide Allemante!«4 Häufig wird Sprachwechsel auch zur Erzeugung von ›Lokalkolorit‹ verwendet, wenn zum Beispiel die Handlung in einem anderssprachigen Land spielt und der Erzähler ›landestypische‹ Bezeichnungen oder auch nur Namen verwendet. Dies ist etwa der Fall in StendhalStendhal (Marie-Henri Beyle)s La Chartreuse de Parme (1839) (UllmannUllmann, Stephen, Style in the French Novel, 44–52); oder wenn für Erzähler- wie Figurenrede artifiziell-archaisierende Sprachformen entwickelt werden, wie es (auf sehr behutsame Weise) in Ivanhoe (1820) von Walter ScottScott, Walter, aber auch in Victor HugoHugo, Victors Notre-Dame de Paris (1831) der Fall ist (ebd., 64–73, siehe zum nicht nur realistischen Gebrauch des Spanischen im Roman GrutmanGrutman, Rainier, »›Besos para golpes‹«). Besonders ausgeprägt ist der sprachliche Realismus des Erzählens in Prosper MériméesMérimée, Prosper Novelle Carmen (1847), die auf Spanisch, Baskisch und Romani zurückgreift, und zwar auch in der Erzählerrede (UllmannUllmann, Stephen, Style in the French Novel, 53–58). Viele Sprachwechsel finden sich im realistischen Erzählen überdies in Form von anderssprachigen Zitaten (siehe III.3). Eine besonders herausstechende Kombination aller dieser Verfahren von Sprachwechsel und -mischung, wenn auch vor allem auf der Ebene soziolektaler und dialektaler Polyphonie, bietet für das 19. Jahrhundert Herman MelvillesMelville, Herman Moby Dick (1851): Hier wird nicht nur die kulturelle Diversität der Schiffsbesatzung durch die Vielfalt der (englischen) Ausdrucksweise vor Augen geführt, sondern den Ich-Erzähler selbst kennzeichnet, bewirkt durch Zitate wie durch die stilistische Anlehnung an literarische Vorbilder (vor allem: ShakespeareShakespeare, William und die Bibel), eine in sich stark polyphone Sprechweise (LeeLee, Maurice S., »The Language of Moby-Dick«). Auch wenn Sprachwechsel und -mischung im realistischen Roman, und gerade bei MelvilleMelville, Herman, auch anders motiviert sein können, haben sie doch immer auch die Funktion, Realitätseffekte im Sinne Roland BarthesBarthes, Roland’ zu erzeugen: So ›unrealistisch‹ das bei HugoHugo, Victor verwendete archaisierende Französisch auch sein mag, steht es doch für Realität ein. In vielleicht noch gesteigertem Maße gilt dies für die Literatur aus solchen Regionen, in denen unterschiedliche Sprachgemeinschaften aufeinandertreffen oder in denen eine Diglossiesituation vorliegt. Insofern dergestalt regional sich bestimmende Literatur auch auf Seiten der Rezipienten eine mehrfache Sprachkompetenz voraussetzen kann, sind Sprachwechsel und -mischung hier auch und gerade im ›einsprachigen‹ 19. Jahrhundert, das vielfach auch das Jahrhundert ist, in dem sich eine entsprechende Regionalliteratur etabliert, recht verbreitet, werden aber in erster Linie zur Figurencharakterisierung eingesetzt (siehe III.2). Im Einzelnen ist diese Form von Realismus der Mehrsprachigkeit immer vor dem kulturpolitischen Wertungsgefüge zu lesen, das sich zwischen den einzelnen beteiligten Sprachen entfaltet. In der Forschung ist die u.a. am Beispiel Québecs (GrutmanGrutman, Rainier, Des langues qui résonnent), Istriens (StrutzStrutz, Johann, »Istrische Polyphonie«) oder Luxemburgs (Hansen-PaulyHansen-Pauly, Marie-Anne, »The Languages of Literature«; GlesenerGlesener, Jeanne, »Le multilingualisme«) gezeigt worden.

5. Das 20. Jahrhundert

Neben der ›realistischen‹ Tradition des Sprachwechsels, die eher am Rande auch Verfahren der Sprachmischung nutzt und sich bis heute fortsetzt, gewinnt spätestens um 1900 eine weitere, Sprachwechsel wie Sprachmischung umfassende, literarische Tradition an Gewicht, die HelmichHelmich, Werner im Anschluss an Wladimir KrysinskiKrysinski, Wladimir als »ludisch« bezeichnet (HelmichHelmich, Werner, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 38). Damit ist natürlich nicht gesagt, dass es zuvor keinen spielerischen Umgang mit beiden Verfahren literarischer Mehrsprachigkeit gegeben hätte. Denn schon die griechisch-lateinischen Neologismen bei PlautusPlautus, Titus Maccius, die gesamte makkaronische Poesie und die meisten Formen von Sprachwechsel und -mischung in den lyrischen Gattungen überhaupt sind zweifelsfrei stark von sprachspielerischen Momenten getragen. Um 1900 wird aber zunehmend und in zunehmend manifesteren Formen die bereits um 1800 mit der Autonomisierung von Kunst und Literatur prinzipiell bestehende Möglichkeit genutzt, Sprachdifferenzen gezielt zur innovativen literarischen Formbildung einzusetzen, und zwar sowohl zur Konstitution neuer lyrischer Formen als auch zur Konstitution literarischer Experimentalsprachen im Roman. Beide Verfahren wurden im 20. Jahrhundert traditionsbildend, und zwar in der Regel für solche literarischen Strömungen, die sich selbst als avantgardistisch beschrieben haben.

In der Lyrik können als Vorreiter für den Einsatz von Sprachwechsel und -mischung zur avantgardistischen Formbildung beispielsweise Lewis CarrollCarroll, Lewis und Christian MorgensternMorgenstern, Christian gelten. CarrollCarroll, Lewiss Gedicht »Jabberwocky« aus Through the Looking-Glass (1871) systematisiert Verfahren der sog. Unsinnspoesie und gestaltet einen Text, der zwar englisch wirkt, dessen Wörter sich aber größtenteils nicht im Lexikon finden. Bei der ersten Strophe des Gedichts handelt es sich um einen bereits 1855 publizierten Versuch, »Anglo-Saxon Poetry«1Carroll, LewisGardner, Martin zu simulieren:

Twas brillig, and the slithy toves

Did gyre and gimble in the wabe;

All mimsy were the borogoves,

And the mome raths outgrabe.2

Im Roman wird die Bedeutung der einzelnen Wörter der Hauptfigur teilweise von Humpty Dumpty erläutert, wobei das wandelnde Ei nebenbei den Begriff des »portmanteau«-Worts prägt: »›[S]lithy‹ means ›lithe and slimy‹«.3 Das grundlegende Verfahren des Textes ist es, im Englischen existierende Wörter zu verfremden oder auf der Grundlage existierender Wörter bzw. Morpheme neue Wörter zu generieren. Von einem Fall von Sprachmischung lässt sich dabei insofern sprechen, als die einzelnen Wortbildungen über dasjenige hinausgehen, was die eine englische Sprache beinhaltet, auch wenn (wahrscheinlich) keine Elemente oder Strukturen zu finden sind, die einer anderen Sprache eigen wären. Dasselbe lässt sich von einigen der MorgensternMorgenstern, Christian’schen Galgenlieder sagen, beispielsweise für das »Gruselett«, das mit folgenden Worten beginnt: »Der Flügelflagel gaustert / durchs Wiruwaruwolz / die rote Fingur plaustert / und grausig gutzt der Golz.«4Morgenstern, ChristianCureau, Maurice Bei CarrollCarroll, Lewis wie bei MorgensternMorgenstern, Christian entsteht auf diese Weise eine Sprache, die als eine (alt wirkende) ›Neuabmischung‹ die Hybridität und Anpassungsfähigkeit des Englischen bzw. Deutschen hervorkehrt.

Sprachmischung als Entwicklung eines neuen Idioms findet sich um 1900 im deutschsprachigen Raum auch bei Stefan GeorgeGeorge, Stefan, der in das Gedicht »Ursprünge« aus dem Zyklus Der siebente Ring (1907) zwei Verse in einer Sprache einfügt, die er angeblich in seiner Jugend erfunden hat:

Süss und befeuernd wie Attikas choros

Über die hügel und inseln klang:

CO BESOSO PASOJE PTOROS

CO ES ON HAMA PASOJE BOAÑ.5George, StefanOelmann, Ute

Konstatiert werden kann hier zumindest, dass die anderssprachigen Worte in sich von starken Assonanzen geprägt sind und qua Reim an die vorangehenden deutschen Verse anschließen. Ansonsten hat die Forschung bei der Entzifferung dieser Verse eher resigniert. Immerhin liegt aber eine Deutung von Benjamin BennettBennett, Benjamin vor, der davon ausgeht, George nutze hier griechische Wörter zur Erfindung einer neuen Sprache, deren Syntax wiederum an das Deutsche angelehnt sei (Bennett,Bennett, Benjamin »›Ursprünge‹«, 80, Anm. 2). Bennett zufolge beschwören die Verse die Selbst-Verkündigung der Schöpfung, ja, des Kosmos in der menschlichen Sprache, die ihren eigenen Anspruch unterliefe, wenn sie sich in verständlichen Worten ausdrückte. Die Integration der unverständlichen Kunstsprache diente so nicht zuletzt der Untermauerung einer radikalen kulturpolitischen Selbst-Verkündigung. George, dessen Texte der Mehrsprachigkeit des Autors zum Trotz ansonsten einem ostentativen Sprachpurismus unterliegen, greift also, wenn man BennettsBennett, Benjamin Deutung folgt, in einem kulturpolitisch entscheidenden Moment auf Sprachwechsel bzw. -mischung zurück.

Auch wenn dies dem elitären GeorgeGeorge, Stefan nicht gepasst haben dürfte, liegt darin eine Parallele zu den Avantgarden, und zwar schlicht aufgrund eines Erneuerungswillens, dessen Einflussbereich weit über denjenigen der Literatur und der Kunst hinausgeht. Nicht zuletzt dies zeigen Sprachwechsel und Sprachmischung in der Lyrik um 1900. Gerade im Namen der ›Reinheit‹ und Autonomie der Kunst kann nun die ›Verunreinigung‹ bzw. die radikale Destruktion bestehender Sprache(n) betrieben werden. Die Forderung des italienischen Futuristen Filippo Tommaso MarinettiMarinetti, Filippo Tommaso, (mindestens) auf Adjektive, Adverben und Interpunktion zu verzichten,6Marinetti, Filippo TommasoAnz, ThomasStark, Michael oder die Einordnung des Stichworts »Polyglottisme« als Arbeitstechnik zur Erlangung künstlerischer »pureté« und »variété« durch Guillaume Apollinaire7Apollinaire, Guillaume entfalten dieses Programm ebenso, wie es im Grunde in Viktor B. ŠklovskijsŠklovskij, Viktor B. 1916 geprägtem Begriff der остранение (ostranenie) angelegt ist, der die ›Verfremdung‹ des Sprachmaterials als ›Kunstgriff‹ (приём, priom) der Literatur beschreibt.8 Am auffälligsten indes ist die Nutzung von Sprachwechsel und -mischung im lyrischen Schaffen des DADA – wenn sich die Sprachexperimente der Dadaisten auch bei weitem nicht in Verfahren der literarischen Mehrsprachigkeit erschöpfen. Für Hugo BallsBall, Hugo Gedicht »Gadji beri bimba« beispielsweise ist gezeigt worden, dass durch Lautmalerei, durch (wenige) Anklänge an existierende (deutsche) Wörter, durch Wiederholungsfiguren und morphologische Strukturen, die an Flexionsendungen erinnern (GascoineGascoine, David, »Boomboom and Hullabaloo«, 203–207), ein »eclectical hybrid idiom« (ebd., 211) erzeugt wird. Die erste Versgruppe des Gedichts lautet wie folgt:

gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori

gadjama gramma berida bimbala glandri galassassa laulitalomini

gadji beri bin blassa glassala laula lonni cadorsu sassala bim

gadjama tuffm i zimzalla binban gligla wowolimai bin beri ban

o katalominai rhinozerossola hopsamen laulitalomini hoooo

gadjama rhinozerossola hopsamen

bluku terullala blaulala loooo9

Dieses Gedicht ist allerdings nur eines von vielen Beispielen für den Umgang des DADA mit Sprachdifferenzen. Ihm zur Seite zu stellen wären beispielsweise die Experimente von Hans ArpArp, Hans, Richard HuelsenbeckHuelsenbeck, Richard, Marcel JancoJanco, Marcel und Tristan TzaraTzara, Tristan (Samuel Rosenstock) mit ›Simultangedichten‹, die als gleichzeitige Lektüre von drei Gedichten in unterschiedlichen Sprachen zur Aufführung gebracht wurden und so eine akustische Form der Sprachmischung ermöglichten (siehe ebd., 207–211; KilchmannKilchmann, Esther, »Alles Dada«, 50–52; das Verfahren kennt allerdings bereits mittelalterliche Vorbilder, siehe ZumthorZumthor, Paul, »Un problème d’esthétique médiévale«, 335f.). In all diesen Fällen geht es um den politischen Einsatz gegen jede Form von Nationalismus, vor allem aber darum, Verfahren der Sinnkonstitution jenseits des sprachlich bereits Denkbaren zu erproben. Buchstäblich drückt dies die Bezeichnung der slawischen Kunstsprache aus, die die russischen Avantgardisten Aleksej KručenychKručenych, Aleksej und Velimir ChlebnikovChlebnikov, Velimir zeitgleich entwickelten: заумь (zaum) bedeutet so viel wie ›Jenseits des Verstandes‹ (siehe hierzu ausführlich JanacekJanacek, Gerald, Zaum, zur besonders intensiven Ausprägung der Sehnsucht nach einer Aufhebung der Sprachvielfalt bei den russischen Avantgarden siehe NohejlNohejl, Regine, »Die ›Auferstehung des Wortes‹«). Selbst wenn dabei die Lautpoesie, in der Reduktion auf den reinen Klang, gerade die Aufhebung jeder Sprachdifferenz zu betreiben und so einen anderen Weg ins Jenseits der Sprachigkeit einzuschlagen scheint als die sprachmischende oder -wechselnde Avantgardelyrik, führt auch sie letztlich nur zu einer Vervielfältigung der poetischen Idiome, insofern hier jeder Text seine eigene Sprache begründet (siehe hierzu ChareyreChareyre, Antoine, »Le poème abstrait«).

Die Tradition einer dergestalt ›sprachschöpferischen‹, lyrischen Verwendung von Sprachwechsel und -mischung hat im 20. Jahrhundert in unterschiedlichen Kontexten ihre Fortsetzung gefunden. In der modernistischen Lyrik von T.S. EliotEliot, T.S. und Ezra PoundPound, Ezra findet sich Sprachwechsel vor allem in Form von anderssprachigen Zitaten (siehe III.3; zu Pound siehe Riesner,Riesner, Ann-Marie »›The sum of human wisdom …‹«), die aber auch Effekte auf der Ebene des Versbaus erzeugen, welche wiederum als (latente) Form von Sprachmischung interpretiert werden können (siehe V.1 zu EliotEliot, T.S.). Im deutschen Sprachraum sind in der Nachkriegszeit vor allem Ernst JandlJandl, Ernst, Oskar PastiorPastior, Oskar und H.C. ArtmannArtmann, H.C. durch lyrische Formen von Sprachwechsel und -mischung hervorgetreten (siehe hierzu V.I sowie IV.2). Eine wirkungsmächtige Sonderform der lyrischen Sprachmischung stellt schließlich ab den 1950er Jahren die Konkrete Poesie mit Eugen GomringerGomringer, Eugen als prominentem Vorreiter dar (SchlegelSchlegel, Maximilian, »›Mühelos polyglott‹«).

Ähnlich experimentelle Formen von Sprachwechsel und Sprachmischung finden sich in der Erzählliteratur zu Beginn des 20. Jahrhunderts an vielen Stellen, prominent etwa in Prosatexten des frühen BeckettBeckett, Samuel, der diese Techniken allerdings später aufgab (vgl. Mannweiler,Mannweiler, Caroline »Erfahren und erzeugt«). Für die Geschichte des Romans wegweisend sind vor allem die Formen des Sprachwechsels und der Sprachmischung, die sich in James JoyceJoyce, James’ Roman Ulysses (1922) finden und deren Prominenz sich dort aus dem Versuch ergibt, eine neuartige Vielfalt von Erzählverfahren auszutesten. Im 14. Kapitel des Romans, das vom nächtlichen Aufenthalt des Protagonisten in einer Geburtsklinik erzählt und sich insgesamt dem Thema von Genese und Wachstum von Mensch und Menschheit widmet, verändert sich im Verlauf des Kapitels die Sprache, in der das gesamte Geschehen dargestellt wird. Präsentiert wird die Genese der englischen (Literatur-)Sprache: Das Kapitel setzt ein mit einer Reihe latinisierender Worte, an die sich eine Nachahmung altenglischer Stabreimverse anschließt. Im Erzählverlauf modernisiert sich die Sprache zunehmend, bis das Ende des Kapitels in einem modernen, schwer verständlichen Slang vorgetragen wird. Die vorgeführten einzelnen Stufen lehnen sich dabei jeweils mehr oder weniger offen parodistisch an berühmte Schriftsteller der englischen Literaturgeschichte an. Wesentlich radikaler noch greift Joyce’ FinnegansJoyce, James Wake auf Sprachmischung zurück, ja, das mehrsprachige Wortspiel ist im Grunde das wesentliche Konstruktionsprinzip dieses Texts (siehe unten Anwendungs-/Analysebeispiel 3).

Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts finden sich unter der Vielzahl von Texten, die sich auf die von Joyce’ Romanen angestoßene Entwicklung beziehen lassen, auch solche, die die dort entwickelten Verfahren der Sprachmischung und des Sprachwechsels aufgreifen. Im englischen Sprachraum fällt hier insbesondere G.V. DesanisDesani, G.V. Roman All About H. Hatterr (1948) ins Auge, der eine extreme Sprachvielfalt entfaltet, und zwar sowohl dank einer »intense intralingual variation of English« (LennonLennon, Brian, In Babel’s Shadow, 46) als auch auf der Ebene unterschiedlicher, ihren Sprechern wechselseitig nicht verständlicher Standard- oder Nationalsprachen. Der Roman ist als ein Beispiel besonders ›starker‹ Mehrsprachigkeit ausgewiesen worden, insofern er dem Verständnis ›einsprachiger‹ Leser durch keinerlei Redundanz entgegenkommt (ebd., 40–51). Im deutschsprachigen Raum sind als prominente Autoren der Nachkriegszeit insbesondere Arno SchmidtSchmidt, Arno und Uwe JohnsonJohnson, Uwe zu nennen. Verbindet sich Sprachwechsel bei JohnsonJohnson, Uwe in erster Linie mit Figurenrede (siehe III.2), so zeichnet Schmidts Erzählen gerade aus, dass der Sprachwechsel die Figurenrede transzendiert, so dass gleichsam auch die Figuren die für den (Ich-)Erzähler charakteristische Form des Sprachwechsels betreiben. Der Sprachwechsel ergibt sich bei Schmidt in weiten Teilen aus exzessivem Zitieren (siehe III.3). Zudem liegt fast immer eine segmentäre Trennung vor. Dennoch verdichten sich Erzähler- wie Figurenrede zu einer Art eigenständigem Idiom aus deutschen, englischen, lateinischen und auch russischen Elementen (siehe HelmichHelmich, Werner, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 412–418, zu Schmidts Roman Abend mit Goldrand 412–418; LennonLennon, Brian, In Babel’s Shadow, 117–123, zu Kaff auch Mare Krisium). Dieser Eindruck entsteht nicht zuletzt dadurch, dass SchmidSchmidt, Arnots Texte eine eigene Orthographie sowie ein eigenes Interpunktionssystem entwickeln. Bleibt die Sprachmischung bei SchmidtSchmidt, Arno deutlich unterhalb des Komplexitätsniveaus, das JoyceJoyce, James in Finnegans Wake entfaltet, so liegt mit Julián RíosRíos, Julián’ Roman Larva. Babel de una noche de San Juan (1983) ein Text vor, der, ausgehend vom Spanischen, eine ähnliche Komplexität der Sprachmischung erreicht wie Joyce’ Roman (Helmich, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 291–304). Mittelbar Teil der Joyce’schen Tradition der literarischen Sprachmischung im Verlauf des 20. Jahrhunderts sind auch solche Texte, die, wenn auch nicht notwendig (nur) durch Joyce inspiriert, literarische Plansprachen entwerfen. Auch hier sind die Avantgarden vom Anfang des Jahrhunderts wegweisend, die übrigens in den um 1900 aktuellen sprachpolitischen Bemühungen um Plansprachen eine Parallele finden (siehe II.4). Ein prominentes Beispiel aus dieser Zeit ist die von Eugene JolasJolas, Eugene in den 1920er und 1930er Jahren entwickelte Literatursprache Atlantica (siehe KelbertKelbert, Eugenia, »From Babelbank to Atlantica«). In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden sich Plansprachenexperimente etwa bei Jorge Luis BorgesBorges, Jorge Luis (Helmich, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 455–457), J.M.G. Le ClézioLe Clézio, J.M.G. (ebd., 464–468) und aktuell bei Frédéric WerstWerst, Frédéric, dessen ›wardwesân‹ genannte Sprache die wahrscheinlich am weitesten ausgebaute (literarische) Plansprache aller Zeiten ist (ebd., 471–475). Eine weitere Gruppe von Texten der ›ludischen‹ und insofern ebenso Joyce’schenJoyce, James Tradition von Sprachwechsel und -mischung entsteht schließlich mit der Etablierung neuartiger experimenteller Erzählverfahren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, im Französischen etwa im Umkreis der literarischen Gruppierungen »Tel Quel« und »Oulipo«, wenn auch hier Mehrsprachigkeit vor allem durch Zitation erzeugt wird (siehe III.3). Zu erwähnen sind etwa Georges PerecPerec, Georges, Philippe SollersSollers, Philippe, Le ClézioLe Clézio, J.M.G. (HelmichHelmich, Werner, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 349–367) und vor allem Maurice RocheRoche, Maurice, dessen Text Circus. Roman(s) (1972) von einem extrem hohen Anteil anderssprachiger Zitate durchsetzt ist (ebd., 384–386). In der italienischen Literatur stechen die Texte des Oulipo-Mitglieds Italo CalvinoCalvino, Italo und vor allem das (erzählerische, dramatische wie lyrische) Werk von Edoardo SanguinetiSanguineti, Edoardo heraus (ebd., 199–203, 245–250, 495–498).

Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden sich jenseits solcher, im Sinne HelmichsHelmich, Werner ›ludischer‹ Formen der literarischen Mehrsprachigkeit auch weiterhin solche, die eher durch traditionelle Formen der realistischen Darstellung motiviert sind. Dies gilt ungeachtet der Tatsache, dass etwa im Bereich des literarischen Mainstreams insbesondere für den deutschen und sicher auch für den französischen Sprachraum eher Kulturpolitiken der Einsprachigkeit maßgeblich bleiben. In Westdeutschland ist dies nicht zuletzt der Vormachtstellung der Gruppe 47 zu verdanken, die im Wesentlichen einem Einsprachigkeitsideal verpflichtet blieb. So besteht beispielsweise Günter Grass’Grass, Günter Blechtrommel, obgleich die Handlung eine Vielzahl anderer Sprachen erwähnt, dennoch nahezu ausschließlich aus deutschen Wörtern (Dembeck, »Auf Polnisch wird nur geflucht«). Sprachwechsel und -mischung bleiben so weitgehend solchen Autoren überlassen, die der Gruppe nicht angehören oder doch eher ihrem Rand zuzuordnen sind, wie neben SchmidtSchmidt, Arno und JohnsonJohnson, Uwe (und auch den Lyrikern JandlJandl, Ernst sowie H.C. ArtmannArtmann, H.C.) etwa Elias CanettiCanetti, Elias, dessen Die Stimmen von Marrakesch Gegenstand ausführlicher Analysen zum figurenbezogenen Sprachwechsel geworden ist (RadaellRadaelli, Giuliai, Literarische Mehrsprachigkeit, 76–123; WeissmannWeissmann, Dirk, Métamorphoses interculturelles; siehe auch III.2). Prominent ist weiterhin Ingeborg BachmannsBachmann, Ingeborg Erzählung Simultan (1972), die in weiten Strecken in erlebter Rede die Gedanken der Hauptfigur, einer polyglotten Simultanübersetzerin, wiedergibt (siehe RadaellRadaelli, Giuliai, Literarische Mehrsprachigkeit, 153–242). Im englischen Sprachraum findet sich mit Christine Brooke-RosesBrooke-Rose, Christine Roman Between (1968) ein Vorgänger zu BachmannBachmann, Ingeborgs Erzählung (siehe LennonLennon, Brian, In Babel’s Shadow, 15–17, ausführlich 84–91). In diesem Roman reist die Hauptfigur, die ebenfalls Dolmetscherin ist, mit einem Begleiter durch Europa und am Ende aus Europa hinaus in die Türkei. Die Auseinandersetzung mit dem Türkischen, das nun in den Text eindringt, stellt die Erfahrung inkommensurabler sprachlicher Fremdheit dar. Der Roman ist jenseits des (meist auf unterschiedliche Figuren verteilten) Sprachwechsels insofern auch ein Beispiel für avancierte literarische Sprachmischung, als er sich einem grammatischen Lipogramm unterwirft – und in keiner der verwendeten Sprachen Formen des verbum substantivum ›sein‹ verwendet. Darin lässt sich eine kulturpolitische Strategie zur Vermeidung jeglicher Substantialitätszuschreibung sehen. Eine Art Privatsprache, die aus Sprachmischung entsteht und zur Figurencharakterisierung beiträgt, hat Anthony BurgessBurgess, Anthony in A Clockwork Orange (1963) entwickelt (ebd., 101–108). Der Roman simuliert die ›Jugendsprache‹ des Erzählers Alex, die dieser als Nadsat (›teen‹) bezeichnet, es durchsetzt das Englische mit russischen Lehnwörtern. Ein besonders eindrückliches Beispiel für die Verwendung von durch den Realismus entwickelten Verfahren des Sprachwechsels und der Sprachmischung aus den vergangenen 20 Jahren sind die Kriminalromane von Andrea CamilleriCamilleri, Andrea (HelmichHelmich, Werner, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 119–125), in denen sowohl die Figuren- als auch die Erzählerrede in einer »sikulo-italienische[n] Mischsprache« (ebd., 121) gehalten sind. Hier führt die Entlehnung »für den Handlungsfortgang wichtige[r] Lexeme« (ebd.) aus dem Sizilianischen zur zunehmenden Verständlichkeit des Idioms, die durch die zusätzliche Einfügung italienischer Synonyme oder durch starke kontextuelle Konditionierung so verstärkt wird, dass der Leser letztendlich den Eindruck gewinnt, ein ihm fremdes Idiom dennoch zu verstehen. In einem ganz anderen Kontext erscheint Sprachwechsel in Fritz Rudolf Fries’Fries, Fritz Rudolf Roman Alexanders neue Welten (1982): Ähnlich wie bei SchmidtSchmidt, Arno ist hier die Figurenrede stark von Sprachwechseln durchsetzt, die sich aus anderssprachigen Zitaten ergeben, aber in der Forschung nicht zuletzt dadurch erklärt werden, dass sie es ermöglicht haben, politische Kritik vor der DDR-Zensur zu verstecken (HelmichHelmich, Werner, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 409–411) – eine Funktion von Sprachwechsel und -mischung, die bislang fast gar nicht von der Forschung aufgearbeitet worden ist. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich schließlich mit der Lagerliteratur ein neues realistisches Genre entwickelt, das stark auf Sprachwechsel zur Figurencharakterisierung zurückgreift (siehe III.2).

Diejenigen literarischen Texte aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und aus der Gegenwart, die derzeit mit Blick auf Sprachwechsel und -mischung das wahrscheinlich größte Interesse von Seiten der Forschung erhalten, sind solche, die sich mit Migration und/oder Deportation oder mit einem (post-)kolonialen Kontext in Verbindung bringen lassen. Elke Sturm-TrigonakisSturm-Trigonakis, Elke vertritt die (sicherlich zu präzisierende, wenn nicht gar teils zu relativierende) These, dass in der von ihr so benannten »Neuen Weltliteratur« sowohl die Menge als auch die Komplexität der Texte, die Sprachwechsel und -mischung als Verfahren benutzen, stark gestiegen ist (Sturm-TrigonakisSturm-Trigonakis, Elke, Global Playing, 160–163). Laut HelmichHelmich, Werner entfalten sich in diesem Kontext gänzlich neue Funktionen des Sprachwechsels und teils auch solche der Sprachmischung (HelmichHelmich, Werner, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 548–550): Es geht nun beispielsweise um die gezielte Subversion von Mutter- oder Einsprachigkeitssemantiken, die Beförderung subalterner Sprachigkeit, um eine Kulturpolitik sprachlicher Hy­bridität, genauer: um den Aufweis der Hybridität jedes sog. ›Eigenen‹ oder um die Darstellung persönlicher wie kollektiver Sprachbiographien unterhalb des Levels ›offiziöser‹ Sprachpolitiken nicht zuletzt des Literaturbetriebs. (Indirekte) Vorläufer der Verfahren von Sprachwechsel und -mischung, die später in Kontexten des Postkolonialismus und der Migration verwendet werden, finden sich nicht zuletzt in selbst kolonialistisch gefärbter oder zumindest in kolonialistischen Kontexten entstandener Literatur oder auch in regionalen, mehrsprachigen Literaturtraditionen (siehe oben). Für die amerikanische Literatur finden sich folgenreiche Beispiele in James Fenimore CoopersCooper, James Fenimore Leatherstocking Tales (1832–1841) (RosenwaldRosenwald, Lawrence A., Multilingual America, 20–47) oder in Herman MelvillesMelville, Herman frühem Globalisierungsroman Moby Dick. Alle diese Texte zeichnen sich dadurch aus, dass sie die mehrsprachige Figurenzeichnung, wenn auch auf je unterschiedliche Weise, kulturpolitisch einsetzen (siehe III.2).

Das Feld der Texte aus der zweiten Hälfte des 20. und den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts, die Sprachwechsel und -mischung mit Postkolonialität und Migration in Verbindung bringen, ist insgesamt kaum überschaubar. Ein wichtiger früher Text ist hier DesaniDesani, G.V.s mehrsprachiger postkolonialer Roman All About H. Hatterr, dessen durch die Rezeptionsgeschichte vollzogene Eingemeindung in die Avantgardeliteratur JoyceJoyce, James’scher Prägung (siehe oben) insofern dem Impuls des Textes selbst zuwiderläuft, als sich dieser (ebenso wie sein Autor) dem Bestreben, ihn übersetzbar und damit kulturpolitisch verbreitbar zu machen, im Grunde verweigert (LennonLennon, Brian, In Babel’s Shadow, 40–51). Eine oft gewählte Form des Schreibens über Migration, die sich des Sprachwechsels bedient, sind ›Sprachbiographien‹ (language memoirs), wie beispielsweise Richard Rodriguez’Rodriguez, Richard Hunger of Memory (1982), Eva HoffmansHoffman, Eva Lost in Translation: Life in a New Language (1989) oder Ilan StavansStavans, Ilan’ On Borrowed Words: A Memoir of Language (2001). Oft zeichnen sich solche Texte, gerade weil sie eine Übersetzung der mehrsprachigen Identität in die Einsprachigkeit leisten (müssen), durch eher ›schwache‹ Formen des Sprachwechsels aus (siehe ebd., 11–14 zu Stavans und RodriguezRodriguez, Richard, 149–153 zu Hoffman). HoffmanHoffman, Eva allerdings schafft es, durch die Nutzung eines einzelnen angeblich unübersetzbaren und konsequent unübersetzt bleibenden Worts, das so als Schibboleth der vormaligen Sprachidentität lesbar wird, kulturelle Inkommensurabilität zumindest zu markieren (ebd.). Ein ähnliches Verfahren des punktuellen Sprachwechsels mit verstörendem Effekt findet sich in Orhan PamuksPamuk, Orhan Istanbul: Memories and the City (ebd., 143–149). Eine demgegenüber ›starke‹, d.h., die Sprachdifferenz nicht durch Übersetzung oder Redundanz auffangende Form von Sprachwechsel findet sich in dem teils autobiographischen Text von Gloria AnzaldúaAnzaldúa, Gloria E., Borderlands/La Frontera: The New Mestiza (1987) (ebd., 83) oder in Junot Díaz’Díaz, Junot Roman The Brief Wonderous Life of Oscar Wao (2007), der den Sprachwechsel zwischen unterschiedlichen Varietäten des Englischen und unterschiedlichen Varietäten des Spanischen (oder zumindest: der romanischen Sprachen) so weit treibt, dass auch einem linguistisch sehr kompetenten Leser oft sogar die Orientierung darüber fehlt, welchem Idiom einzelne Wörter zuzurechnen sein könnten (siehe GramlingGramling, David, The Invention of Monolingualism, 135–139). Insgesamt müsste eine Darstellung von Sprachwechsel und -mischung in postkolonialen und postmigratorischen Texten natürlich weit über die Grenzen der (west-)europäischen und amerikanischen Literatur hinausgehen. Gut erforscht sind in dieser Hinsicht beispielsweise die Literaturen Lateinamerikas (siehe z.B. KnauthKnauth, K. Alfons, »Multilingualisme national et international«; HelmicHelmich, Wernerh, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 153–191).

Für den deutschen Sprachraum prominente Autoren sind etwa Emine Sevgi ÖzdamarÖzdamar, Emine Sevgi, die in vielen ihrer Texte »eine Kunstsprache« entwickelt, die türkische Phraseologismen oder Sprichwörter »als Xenismus im Deutschen nachbildet und dieses dabei bewusst verfremdet« (HelmichHelmich, Werner, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 212 über das Theaterstück Karagöz in Alamania von 1982; siehe auch LennonLennon, Brian, In Babel’s Shadow, 82f., 157–159, sowie YildizYildiz, Yasemin, Beyond the Mother Tongue, 143–168), und zwar in Kombination mit deutsch-türkischem ›insertional code-switching‹; Yoko TawadaTawada, Yoko, die insbesondere Verfahren des mehrsprachigen Sprachspiels ausgebaut hat (YildizYildiz, Yasemin, Beyond the Mother Tongue, 109–142); Peter WaterhouseWaterhouse, Peter, der Sprachwechsel u.a. als Arbeit mit in unterschiedlichen Sprachen homonymen Wörtern betreibt (siehe RadaellRadaelli, Giuliai, »Literarische Mehrsprachigkeit«); Zé do RockRock, Zé do, der gleich eine ganze Reihe hybrider Kunstsprachen wie z.B. kauderdeutsh erfunden hat (siehe KurleninaKurlenina, Vera, »›a multiculti un internacionaliset deutsh‹«); oder Feridun ZaimogluZaimoglu, Feridun, der in seinen frühen Texten eine Kunstsprache entwickelt, die oft als Variante deutsch-türkischen Slangs aufgefasst wird, in Wirklichkeit aber vom Türkischen fast gar nicht beeinflusst ist und stattdessen stark mit dialektalen und soziolektalen Differenzen innerhalb des Deutschen, mit literarisch einordbaren Registern (biblischer Duktus, Sprache der romantischen Lyrik etc.), mit englischen Einsprengseln und teils auch grammatischen Vereinfachungen arbeitet (YildizYildiz, Yasemin, Beyond the Mother Tongue, 169–201; Bürger-KoftisBürger-Koftis, Michaela, »Ethnolekte und McLanguage«, 316–320). Über die Bestimmung des kulturpolitischen Impetus dieser Kunstsprache kann man durchaus streiten, denn die Vorrede zu Kanak Sprak. 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft mag zwar eine neue Form des Writing Back durch die Kinder der Migration in Deutschland postulieren, aber nicht nur gibt es Gründe dafür, dieser Standortsbestimmung zu misstrauen, sondern darüber hinaus ist zu konstatieren, dass die Stimme, die sich hier äußert, in erster Linie eine rein literarische ist. Im französischen Sprachraum sind ähnliche Schreibverfahren in der sog. ›Beurs‹-Literatur verwendet worden. Eine bemerkenswerte junge Entwicklung ist das Schreiben in ›Lernersprachen‹, das teils auch als Sprachmischung aufgefasst werden kann, wenn sich im literarischen Text die zu lernende und die Erstsprache der Erzählinstanz überlagern. Dies ist beispielsweise der Fall in Xiaolu GuoGuo, Xiaolus A Concise Chinese-English Dictionary for Lovers (2008).

c) Forschungsgeschichte

Ähnlich wie für andere Verfahren der literarischen Mehrsprachigkeit gilt auch für Sprachwechsel und Sprachmischung, dass sich die literaturwissenschaftliche Forschung lange Zeit nur sporadisch für sie interessiert hat, da die Einsprachigkeit literarischer Texte als Normalfall galt. Allerdings lassen sich auch Bereiche der linguistischen Forschung als Bestandteil der Forschungsgeschichte ansehen. Dabei gilt es allerdings, die Verwendung der sprachwissenschaftlichen Begriffe ›Code-Switching‹ und ›Kontaktsprache‹ präzise in ihrer Relevanz für literaturwissenschaftliche Methoden und Gegenstände zu erfassen. Zu bedenken ist vor allem, dass für die Philologie immer ein einzelner Textbefund als Ausgangspunkt dient, nicht die Kompetenz von Sprechern oder die Genese sprachlicher Standards. Letztere fällt, selbst wenn sie sich unter anderem in Literatur abspielt oder durch Literatur in besonderem Maße vorangetrieben wird, in den Gegenstandsbereich der Linguistik. Das bedeutet, dass die Ergebnisse der linguistischen Forschung für die Philologie unter anderen Voraussetzungen Geltung haben. Wenn die Linguistik beschreibt, welchen (letztlich statistisch erschlossenen) Regelmäßigkeiten das Code-Switching oder die Entstehung von Kontaktsprachen folgen, so muss die Philologie unter der Voraussetzung arbeiten, dass sich die konkret behandelten Texte Regelmäßigkeiten potentiell immer schon widersetzen – auch wenn sie sich natürlich gerade dadurch zu ihnen in Beziehung setzen. Allerdings lassen sich für einzelne Autoren spezifische Regelmäßigkeiten beobachten, die vom Level der Regularität her zwischen einzelnem Text und übergreifender Sprecherkompetenz anzusiedeln sind.

1. Linguistische Modellbildung

Code-Switching ist in der Linguistik in erster Linie als Phänomen der Interaktion untersucht worden und erst seit sehr kurzer Zeit auch als Phänomen der Schriftlichkeit. Dabei stand über lange Zeit hinweg der Nachweis der Funktionalität und Regelhaftigkeit des Phänomens im Vordergrund, durch die angesichts der Übermacht der langue-orientierten Linguistik gewissermaßen seine ›Würdigkeit‹ als Forschungsgegenstand hervorgehoben werden musste. Systematiken, die entwickelt wurden, um die Motivation für unterschiedliche Formen des Code-Switchings zu erfassen, unterscheiden u.a. den situationsgebundenen, spontanen Wechsel des Codes, etwa um Verständigung sicherzustellen, von solchen Formen des Code-Switchings, die die unterschiedliche soziale und kulturelle Wertigkeit der verwendeten Sprachen ins Spiel bringen und nutzen (siehe z.B. GafarangaGafaranga, Joseph, »Code-Switching«, 297–307; MatrasMatras, Yaron, Language Contact, 114–129). Der Wechsel ins Englische, wenn ich verstehe, dass mein Gegenüber kein Deutsch versteht, ist in diesem Sinne situationsgebundenes Code-Switching, wohingegen die Selbstbezeichnung als ›Senior Manager‹ in einer ansonsten auf Deutsch geführten Konversation den soziokulturellen Wert der englischen Sprache im Bereich der Wirtschaft nutzt, um die eigene Bedeutsamkeit zu unterstreichen. Es ist offenkundig, dass Sprecher den soziokulturellen Wert einer bestimmten Sprache auch situationsgebunden und spontan strategisch einsetzen können, etwa wenn man inmitten einer auf der Standardvarietät geführten Verhandlung plötzlich auf den örtlichen Dialekt zurückgreift, um Verbundenheit mit dem Gegenüber zu signalisieren. Die Markierung der Sprachwahl kann also sowohl als Globalstrategie als auch lokal-diskurssituativ interpretiert werden.

Mit Bezug auf literarische Texte lassen sich aus solchen Beschreibungsansätzen zum einen Modelle für die Analyse der jeweils dargestellten Interaktion entwickeln, womit es um die Analyse der Mehrsprachigkeit in der Figurenrede geht. Darüber hinaus ist die an einem literarischen Text ablesbare Entscheidung über den an einzelnen Stellen verwendeten ›Code‹ aufgrund der Situationsabstraktheit des Textes situativ schwieriger zu erklären, als dies bei der Analyse von Interaktion möglich ist. Die kulturpolitische Interpretation von Sprachwechsel wird aus philologischer Sicht daher immer sowohl die allgemeine soziokulturelle Wertigkeit der verwendeten Sprachen als auch die vom Text selbst erzeugte Sprach- und Kommunikationssituation in den Blick nehmen müssen. Dabei spielt nicht zuletzt auch die Einbindung von Zitaten eine gegenüber der Interaktion und auch gegenüber anderen Textsorten gesteigerte Rolle (siehe III.3).

Die literarische Mehrsprachigkeitsforschung kann auch insofern auf linguistische Arbeiten zum Code-Switching zurückgreifen, als diese auch untersucht haben, wie Code-Switching syntaktisch und morphologisch eingebunden wird. Herausgestellt werden konnte so insbesondere, dass es bestimmte Orte im Satz gibt, an denen ein Sprachwechsel sehr viel wahrscheinlicher ist als an anderen (MatrasMatras, Yaron, Language Contact, 120–136). Eine besondere Rolle spielt insgesamt das sog. ›insertional code-switching‹, also der Einsatz einzelner anderssprachiger Wörter, die zuweilen auch morphosyntaktisch, beispielsweise durch die Anfügung ihnen ursprünglich fremder Flexionsendungen, integriert werden. Besonders häufig ist das insertional code-switching für sog. ›discourse marker‹ und ›utterance modifiers‹ (ebd., 136–145). Natürlich können diese linguistischen Beschreibungsmodelle einzelne philologische Befunde nicht aus sich heraus erklären. Sie erleichtern es aber, abzuschätzen, inwiefern sich ein Text an den linguistischen Gegebenheiten seines Kontextes bzw. des Kontextes der dargestellten Handlung orientiert, inwiefern seine Mehrsprachigkeit also ›akkurat‹ ist (vgl. RosenwaldRosenwald, Lawrence A.s Argument zur ›accuracy‹ von Literatur in »On Linguistic Accuracy in Literature«).

Die linguistische Beschreibung von Kontaktsprachen, die sich als Teil der Forschungsgeschichte zur Sprachmischung verstehen lässt, unterscheidet eine ganze Reihe von typischen Strukturen, die sich etwa nach dem Grad der Stabilität des Codes bestimmen, die sich aus den Entstehungsumständen der jeweiligen Idiome herleiten oder aus dem jeweils bei der Etablierung des neuen Idioms verwendeten ›Material‹. So geht mit der Entstehung von Pidgins (situativen, hybriden Hilfssprachen) und den (auf der ›Grammatikalisierung‹ von Pidgins beruhenden) Kreolsprachen in der Regel eine starke Vereinfachung der morphosyntaktischen Struktur der ursprünglichen Idiome einher, die sich aus ihrer Entstehung als Hilfssprachen erklären lässt (siehe MatrasMatras, Yaron, Language Contact, 277–288). Demgegenüber gibt es sog. ›mixed codes‹, die sich umgekehrt aus dem klaren kulturpolitischen Willen zur Erhaltung eines bedrohten Idioms ergeben und daher nicht notwendig mit Vereinfachungen einhergehen (ebd., 288–291; MuyskenMuysken, Pieter, »Mixed Codes«). Als ›mixed codes‹ werden dabei von einigen Linguisten solche Idiome definiert, die ein geteiltes Lexikon aufweisen, also beispielsweise die Verbalphrase mit Wörtern der einen, die Nominalphrase aber mit Wörtern der anderen Sprache bilden (sog. VP/NP-Split; MuyskenMuysken, Pieter, »Mixed Codes«, 324–326).

Für die literaturwissenschaftliche Erfassung von Phänomenen der Sprachmischung können grundsätzlich alle von der Linguistik zur Verfügung gestellten Beschreibungsmodelle einbezogen werden. Dabei gilt es allerdings zu beachten, das im schriftlich fixierten Text – selbst wenn es sich um die fluide Variante eines handschriftlich überlieferten Textes handelt – grundsätzlich alles stabilisierter Code ist. Damit ist insbesondere die Differenz zwischen situativem ›insertional‹ Code-Switching und Entlehnung, also der Übernahme anderssprachiger Wörter ins Lexikon einer Sprache, die auch in der Linguistik selbst in Zweifel gezogen wird (sog. »codeswitching-borrowing continuum«, MatrasMatras, Yaron, Language Contact, 110), mit Blick auf den literarischen Text erst recht hinfällig. Denn jedes situative Code-Switching ist im Text Teil des Lexikons dieses Textes geworden, das sich aber von demjenigen des Sprachkontextes unterscheiden lässt. Mit anderen Worten: im literarischen Text ist jeder gemischte Code immer schon ›grammatikalisiert‹, wenn auch unter Umständen in sich instabil.

Angesprochen ist damit die Schwierigkeit, Sprachwechsel und Sprachmischung klar voneinander zu unterscheiden, denn aus philologischer Sicht trägt jeder Sprachwechsel dazu bei, das einzigartige Idiom eines Textes zu formieren. Man könnte auch sagen: Aus philologischer Sicht wird ein in der Code-Switching-Forschung als Sonderfall diskutiertes Phänomen, nämlich, dass die Zweisprachigkeit selbst das als selbstverständlich angenommene Medium ist, vor dessen Hintergrund sich das Code-Switching entfaltet, zum Normalfall. Denn philologisch gesehen ist jeder Text potentiell mehrsprachig. Dass dieses Argument vielleicht nicht auf die Philologie beschränkt bleiben muss, zeigen linguistische Überlegungen zur Frage des Übergangs vom Code-Switching zu Mixed Languages. So konstatiert Pieter MuyskenMuysken, Pieter, dass den zwei wichtigsten Strukturmustern des Code-Switchings zwei Arten von Sprachmischung entsprechen: dem insertional code-switching die Relexikalisierung (grammar/lexicon-split) und dem alternational code-switching, bei dem die Sprache am Übergang von Satz(teil) zu Satz(teil) gewechselt wird, der VP/NP-Split (MuyskeMuysken, Pietern, »Mixed Codes«, 331). In diesem Sinne lässt sich das Code-Switching auch linguistisch als Vorstufe zur Etablierung eines eigenständigen Idioms ansehen. Das Kriterium, nach dem sich linguistisch bemessen lässt, ab wann diese Stufe erreicht ist – die statistisch nachweisbare Stabilität des Phänomens – kann umgekehrt wiederum als pragmatische Richtschnur zur Differenzierung von Sprachwechsel und Sprachmischung dienen: Wenn man den Sprachwechsel in einem Text als Sprachmischung beschreiben will, dann setzt dies eine gewisse Insistenz des Phänomens voraus.

2. Philologische Forschung

In der philologischen Forschung gibt es für die systematische Beschreibung von Sprachwechsel und Sprachmischung bislang keinen wirklichen Konsens. Das gilt allerdings auch für die Frage, was literarische Mehrsprachigkeit insgesamt eigentlich ist. Dementsprechend kann sich der hier vorgebrachte Vorschlag, Sprachwechsel in Analogie zum Code-Switching als segmentären Wechsel zwischen unterschiedlichen Sprachen und Sprachmischung als die eine segmentäre Differenzierung überschreitende oder unterlaufende Bildung eines Mischidioms zu bestimmen, kaum auf Vorbilder in der Forschung berufen. Erste systematische, allerdings sehr spezielle und kontextabhängige Überlegungen über Sprachmischung hat Friedrich GentheGenthe, Friedrich Wilhelm in seiner Dissertation von 1829 über makkaronische Poesie vorgelegt (Geschichte der Macaronischen Poesie). Der Philologie des 19. Jahrhunderts ist literarische Mehrsprachigkeit ansonsten weitgehend gleichgültig geblieben. Am Anfang des 20. Jahrhunderts finden sich dann eine Reihe von mediävistischen Beiträgen zum lateinisch-volkssprachlichen Sprachwechsel (siehe ElwertElwert, W. Theodor, »Fremdsprachige Einsprengsel in der Dichtung«, 273). Ein bekannterer Beitrag liegt mit Leo SpitzerSpitzer, Leos Aufsatz über »Sprachmischung als Stilmittel und als Ausdruck der Klangphantasie« von 1923 vor. Auch SpitzerSpitzer, Leos Analysen bleiben begrifflich gesehen eher unscharf; als Sprachmischung oder -mengung beschreibt er in erster Linie die Mischung von Registern oder Stilebenen.

Das Werk von BachtinBachtin, Michail M. bedeutet demgegenüber einen vehementen Reflexionsfortschritt (Bachtin, »Das Wort im Roman«). In seiner Auseinandersetzung mit der Gattungspoetik des Romans hat Bachtin verschiedene Konzepte zur Beschreibung der sprachlichen Vielfalt im literarischen Text entwickelt, die sich allerdings in erster Linie auf dasjenige beziehen, was man auch ›innersprachliche Mehrsprachigkeit‹ nennen könnte (WandruszkaWandruszka, Mario, Die Mehrsprachigkeit des Menschen, 13, spricht von »muttersprachliche[r] Mehrsprachigkeit«). Dabei spricht er einerseits von полифония, also von Vielstimmigkeit, der für den Roman charakteristischen Durchmischung von Stimmen und den von ihnen genutzten (aber immer nur ›geborgten‹) Registern, Stillagen etc. Darüber hinaus entwickelt er andererseits das Konzept der разноречие, im Deutschen meist mit ›Redevielfalt‹, im Englischen mit ›heteroglossia‹ wiedergegeben (HolquistHolquist, Michael, »Glossary«). Damit bezeichnet Bachtin die Eigenschaft aller Wörter, in ihrer Bedeutung grundsätzlich von dem konkreten Kontext abhängig zu sein, in dem sie erscheinen. (Nebenbei bemerkt liegt darin eine strikte Wendung gegen Vorannahmen der langue-Linguistik.) Diese potentielle Bedeutungsverschiebung, die jeder einzelnen Verwendung jedes einzelnen Worts innewohnt, bewirkt damit eine grundsätzliche Vervielfältigung dessen, was man traditioneller Weise Code nennt (HolquistHolquist, Michael, »What Would BakhtinBachtin, Michail M. Do?«; BuschBusch, Brigitta, Mehrsprachigkeit, 10f.). Die Erforschung der sprachstrukturellen Vielfalt, die sich mit BachtinBachtin, Michail M. jedem Text, ja, jeder Äußerung, unterstellen lässt, setzt einen Perspektivenwechsel voraus: Sprachwechsel und -mischung erscheinen dann nicht mehr als Ausnahmephänomene, sondern sind ubiquitär (siehe hierzu z.B. WeningerWeninger, Robert, »Zur Dialektik des Dialekts«).

Mit oder ohne Bezugnahme auf BachtinBachtin, Michail M. hat die Forschung seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, verstärkt aber in den vergangenen ca. 30 Jahren, versucht, unterschiedliche Strukturebenen und Erscheinungsformen von Sprachwechsel und -mischung zu unterscheiden. Dabei finden sich einerseits Ansätze, die als Sprachdifferenz nur den Unterschied zwischen Idiomen anerkennen, deren Sprecher sich nicht ohne weiteres verständigen können, so dass die Weite der Bachtin’schen Begriffsbildung eingeschränkt wird. Andererseits wird der von BachtinBachtin, Michail M.s Texten ausgehende Denkanstoß bis heute intensiv fortentwickelt.

Im Sinne des ersten Ansatzes hat Paul ZumthorZumthor, Paul in einer Grundlagenarbeit von 1960 Formen des lateinisch-romanischen Sprachwechsels im Mittelalter untersucht und dabei nach dem Umfang der inserierten anderssprachigen Segmente, nach der Regelmäßigkeit ihres Auftauchens, nach ihrer (formalen oder morphosyntaktischen) Integration, nach ihrer Zitathaftigkeit und nach den Formen der Redundanz, durch die sie in der Grundsprache verständlich gemacht werden, unterschieden (ZumthorZumthor, Paul, »Un problème d’esthétique médiévale«). Auch Leonard ForstersForster, Leonard Buch über literarische Mehrsprachigkeit von 1970 und die wegweisenden Artikel von András HornHorn, András und Meir SternbergSternberg, Meir (beide von 1981) lassen bloß dialektale oder soziolektale Sprachdifferenzen außer Acht (ForsterForster, Leonard, The Poet’s Tongues; HornHorn, András, »Ästhetische Funktionen der Sprachmischung«; SternbergSternberg, Meir, »Polylingualism as Reality«). Monika Schmitz-EmansSchmitz-Emans, Monika widmet sich in einem Kapitel ihrer Monographie Die Sprache der modernen Dichtung von 1997 ausgehend von der biblischen Babelerzählung dem Sprachwechsel und der Sprachmischung (die sie allerdings hier nicht systematisch unterscheidet) und setzt damit gerade die Unmöglichkeit der Verständigung über Sprachgrenzen hinweg in den Mittelpunkt ihres Interesses (49–105). Dasselbe gilt für den gesamten Bereich der Erforschung literarischer Translingualität, also des literarischen Schaffens mehrsprachiger Autoren, die teils auch die Schreibsprache gewechselt haben (ChamissoChamisso, Adelbert von, NabokovNabokov, Vladimir usw.). Hier steht allerdings in der Regel die Mehrsprachigkeit der einzelnen Texte selbst nicht unmittelbar im Mittelpunkt des Interesses (siehe etwa KellmanKellman, Steven G., The Translingual Imagination). Sturm-TrigonakisSturm-Trigonakis, Elke hat 2007 im Rahmen einer Studie zur »Neuen Weltliteratur« einen umfassenden Vorschlag zur Klassifizierung unterschiedlicher Formen des Sprachwechsels gemacht, der teils auch Sprachmischung einbezieht und auf linguistische Beschreibungen des Code-Switchings zurückgreift und teils Klassifizierungskriterien nutzt, die bereits ZumthorZumthor, Paul beschreibt (Global Playing, 120–144). Lawrence RosenwaldRosenwald, Lawrence A.s Buch über die Mehrsprachigkeit der amerikanischen Literatur macht dieselbe Voraussetzung (Multilingual America), und auch noch die Überlegungen von Brian LennonLennon, Brian (2010) und Yasemin YildizYildiz, Yasemin (2012) zum Verhältnis von Sprachvielfalt und Publikationsindustrie bzw. zur »postmonolingual condition« (siehe unten) beziehen sich größtenteils auf Differenzen zwischen wechselseitig unverständlichen Idiomen.

Einen expliziten Anschluss an BachtinBachtin, Michail M. und damit an Beschreibungen von Sprachdifferenz, die keine wechselseitige Intransparenz der beteiligten Idiome voraussetzen, suchen, neben dem vor Bachtins Arbeiten erschienenen Aufsatz von SpitzerSpitzer, Leo (siehe oben), vor allem Robert WeningerWeninger, Roberts Analysen zum Dialektgebrauch im deutschen Realismus von 1997 (»Zur Dialektik des Dialekts im deutschen Realismus«) sowie die Beiträge von Rainier GrutmanGrutman, Rainier und Lise GauvinGauvin, Lise. Grutman definiert in seiner Monographie von 1997 den »hétérolinguisme« als »la présence dans un texte d’idiomes étrangers, sous quelque forme que ce soit, aussi bien que de variétés (sociales, régionales ou chronologique) de la langue principale« (Grutman, Des langues qui résonnent, 37). GrutmanGrutman, Rainier schließt dabei an Befunde der Soziolinguistik an und bezieht seine Analysen des literarischen Sprachwechsels, ähnlich wie RosenwaldRosenwald, Lawrence A. (Multilingual America), grundsätzlich auf die in den Texten beschriebenen oder doch vorausgesetzten Sprachgemeinschaften. GauvinGauvin, Lise geht in ihrem Artikel von 1999 in Fortsetzung des Ansatzes von BachtinBachtin, Michail M. davon aus, dass Sprachwechsel und -mischung eine genuine formale Strategie der Gattung Roman darstellen, und bezieht in ihre Analyse ausdrücklich dialektale bzw. soziolektale Differenzen mit ein. Gauvin geht ausdrücklich davon aus, dass man methodisch gesehen die Entscheidung für die Benutzung konkreter Sprachen immer als Selektion des Textes auffassen muss: »Sachant […] que toute langue littéraire est une construction à l’intérieur de la langue commune, je prends pour acquis que le plurilinguisme textuel est d’abord un choix stratégique, c’est-à-dire un choix dont l’enjeu est plus structural que stylistique et dont le premier critère d’évaluation reste la dynamique globale de l’œuvre.« (GauvinGauvin, Lise, »Faits et effets de langue«, 54) Dieses Argument ließe sich zu der Behauptung zuspitzen, dass aus philologischer Perspektive methodisch jedem Text das Potential von Sprachwechsel oder -mischung zugestanden werden muss (siehe Dembeck, »Für eine Philologie der Mehrsprachigkeit«). Dem Titel nach schließt der von Michaela Bürger-KoftisBürger-Koftis, Michaela, Hannes SchweigerSchweiger, Hannes und Sandra VlastaVlasta, Sandra herausgegebene Band über Polyphonie – Mehrsprachigkeit und literarische Kreativität von 2010 an BachtinBachtin, Michail M. an, allerdings findet sich hier keine umfassende Auseinandersetzung mit dem Konzept der Heteroglossie.

Eine Mittelstellung zwischen solchen Ansätzen, die nur ›harte‹ Sprachdifferenzen als Material von Sprachwechsel oder -mischung in Betracht ziehen, und BachtinBachtin, Michail M.’schen Ausweitungen der Perspektive nehmen die umfassenden Monographien von Giulia RadaelliRadaelli, Giulia (2011) und Werner HelmichHelmich, Werner (2016) ein. Radaelli, die die systematische Differenzierung zwischen Sprachwechsel und Sprachmischung vorschlägt, der auch hier gefolgt wird, wenn sie auch Übergänge zwischen den beiden Verfahren einräumt, widmet sich zwar ebenfalls nur Sprachdifferenzen zwischen einander wechselseitig intransparenten Idiomen (Radaelli, Literarische Mehrsprachigkeit; siehe auch RadaelliRadaelli, Giulia, »Literarische Mehrsprachigkeit«). Allerdings gesteht sie zu, dass auch niedrigstufigere Sprachdifferenzen in die Betrachtung einbezogen werden können. HelmicHelmich, Wernerh wiederum entscheidet sich aus letztlich pragmatischen Gründen dafür, von Sprachwechsel nur dann zu sprechen, wenn die involvierten Sprachen im Text manifest sind (Helmich, Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 17) und wenn sie zueinander im Verhältnis von ›Abstandsprachen‹ stehen, also »wohlunterschiede[n]« sind (ebd., 21). Für Helmich reicht also weder die bloße Erwähnung, dass eine Figur in einer anderen Sprache spricht, als derjenigen, in der ihre Rede wiedergegeben wird, aus, um Sprachwechsel oder -mischung zu konstatieren, noch gilt ihm der Wechsel zwischen Dialekten, Soziolekten oder Registern als Sprachwechsel. Helmich lehnt seinen Begriff von Sprachwechsel an die Begrifflichkeit des Code-Switchings an (ebd., 17f.), diskutiert aber auch die Möglichkeit, dieses vom »code-mixing« zu unterscheiden (im Sinne der hier gegebenen Bestimmung von Sprachwechsel und Sprachmischung). Letztlich bezieht seine Untersuchung auch solche Phänomene mit ein, ohne jedoch eine scharfe Abtrennung vornehmen zu wollen, da Sprachwechsel häufig mit Phänomenen der Sprachmischung einhergeht oder sie auf einer übergeordneten Ebene erzeugt. Vor allem aber sieht sich HelmichHelmich, Werner in den konkreten Analysen, aus denen sein Buch in weiten Teilen besteht, immer wieder dazu gezwungen, auch auf solche Sprachdifferenzen einzugehen, die man eher als dialektal einstufen würde – beispielsweise in den zitierten Ausführungen über die Kriminalromane von CamilleriCamilleri, Andrea. In dieser unfreiwilligen Ausweitung der Perspektive auf Sprachwechsel bzw. -mischung im literarischen Text kann man eine Folge der funktionalen Äquivalenz sehen, die sich aus der von GauvinGauvin, Lise betonten prinzipiellen Wahlfreiheit jedes einzelnen Texts mit Blick auf die von ihm benutzten Idiome ergibt: Aus der Perspektive des einzelnen Texts, die für die Philologie konstitutiv ist, ist die Auswahl zwischen unterschiedlichen Varietäten einer Sprache zwar nicht gleichrangig, aber doch vergleichbar mit derjenigen zwischen unterschiedlichen nationalen Standardsprachen oder unterschiedlichen ›rhetorischen‹ Selbsteinschränkungen (wie beispielsweise dem grammatischen Lipogramm, dem sich der Roman von Brooke-RoseBrooke-Rose, Christine unterwirft). Insofern ist es sinnvoll, jede Art von Idiomdifferenz in die philologische Untersuchung von Sprachwechsel und -mischung in literarischen Texten einzubeziehen (so Dembeck, »Multilingual Philology and Monolingual Faust«).

Neben der strukturellen Untersuchung von literarischem Sprachwechsel und literarischer Sprachmischung steht in den meisten einschlägigen Beiträgen der Forschung deren Funktion im Mittelpunkt des Interesses. Häufig geht dies einher mit der Abschätzung des (kultur-)politischen Potentials von Sprachwechsel. Bereits Theodor W. AdornoAdorno, Theodor W.s Überlegungen zum Fremdwortgebrauch von 1959 werten die scheinbare ›Verunreinigung‹ der Sprache, die Adorno wegen seines Hangs zu Fremdwörtern vorgeworfen worden war, als Widerstand gegen das »konformistische Moment von Sprache« (AdornoAdorno, Theodor W., »Wörter aus der Fremde«, 220) und kommen zu dem Schluss, »[i]n jedem Fremdwort« stecke »der Sprengstoff der Aufklärung« (ebd., 221). Aus einer ethischen Perspektive lässt sich Sprachwechsel, vor allem mit Blick auf die Figurenrede (siehe III.2), auch daraufhin befragen, inwiefern er kulturpolitisch die Interessen einzelner Sprachgemeinschaften oder Sprechergruppen verfolgt bzw. inwiefern er in sprachpolitische Konstellationen eingebunden ist oder eingreift. Diese Perspektive nehmen viele US-amerikanische Beiträge ein, etwa RosenwaldRosenwald, Lawrence A., der in diesem Zusammenhang die Literatur auf die treffende Darstellung von Sprachvielfalt verpflichtet (RosenwaldRosenwald, Lawrence A., »On Linguistik Accuracy in Literature«). Grundsätzlich sind viele Arbeiten zur regional gebundenen literarischen Mehrsprachigkeit daran interessiert, den Wirklichkeitsbezug literarischen Sprachwechsels abzuschätzen (siehe z.B. StrutzStrutz, Johann, »Istrische Polyphonie«, 208f., aber auch GrutmanGrutman, Rainier, Des langues que résonnent). GauvinGauvin, Lise zeigt an Lektüren zu französisch-kanadischen Autoren aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, dass Sprachwechsel im Text als Strategie zur Subversion einer ›Sprachordnung‹ eingesetzt wird, die die literarische Sprache als (autoritäre) Sprache des Erzählers priorisiert (GauvinGauvin, Lise, »Faits et effets de langue«, 70f.). Ein Aufsatz von Marjorie PerloffPerloff, Marjorie von 2010 unterscheidet schließlich zwischen eher ästhetischen und eher in (kollektiver) Erfahrung wurzelnden Formen des literarischen Sprachwechsels (PerloffPerloff, Marjorie, »Language in Migration«) – und räumt dabei tendenziell der ›erfahrenen‹ zugunsten der bloß ›ästhetischen‹ literarischen Mehrsprachigkeit die ethische Priorität ein (vgl. dagegen Dembeck/UhrmacherUhrmacher, Anne, »Vorwort: Erfahren oder erzeugt?«).

Eine ausgreifende Systematisierung der Funktionen von literarischem Sprachwechsel hat HornHorn, András 1981 vorgelegt. Ihm zufolge dient der Sprachwechsel der Figurencharakterisierung (im Sinne von ›Realitätseffekten‹), der Erzeugung von Komik, der Vermittlung anderssprachig besser auszudrückender Bedeutungsnuancen oder auch der versteckten Kommentierung des Geschehens (Horn, »Ästhetische Funktionen der Sprachmischung«). Weiterhin unterstellt HornHorn, András die potentiell auch klangliche Motivation von literarischem Sprachwechsel und verweist auf Besonderheiten bei der Zitation (siehe III.2). Deutlich wird an dieser Zusammenstellung eine potentielle Ambivalenz von ästhetischer und ethischer bzw. allgemeiner: kulturpolitischer Motivation des Sprachwechsels. Erläutern lässt sich diese Ambivalenz vom Begriff der Verfremdung her, wie er in der Forschung mit Rückgriff auf Viktor B. ŠklovskijŠklovskij, Viktor B. verwendet worden ist, um einerseits den ästhetischen Effekt von Sprachwechsel und Sprachmischung zu beschreiben (so etwa Kilchmann,Kilchmann, Esther »Poetik des fremden Worts«), andererseits aber deren kulturpolitisches Potential abzuschätzen. Schmitz-EmansSchmitz-Emans, Monika hat 1997 als Funktionen von Sprachwechsel und -mischung die Herausarbeitung sprachlicher Einschränkung, die metaphorische Anzeige der Vermischung von Fremdem und Vertrautem und die Verfremdung ausgemacht (Die Sprache der modernen Dichtung, 94–97), und Edzard ObendiekObendiek, Edzard diskutiert in einem Buch aus dem Jahr 2000 Sprachwechsel systematisch vor dem Hintergrund kultureller Fremdheitserfahrung (Der lange Schatten des babylonischen Turmes). Aus eher linguistischer Perspektive hat Wolfgang MoserMoser, Wolfgang die Funktionalität von sog. ›Xenismen‹ untersucht, also sprachstrukturelle Auffälligkeiten, an denen sich ablesen lässt, dass ein Sprecher die Sprache als Fremdsprache spricht (MoserMoser, Wolfgang, Xenismen). Sturm-TrigonakisSturm-Trigonakis, Elke weist darauf hin, der literarische Sprachwechsel habe den Effekt einer »Entautomatisierung der Sprache« (Global Playing, 154) – und damit potentiell emanzipatorische Funktion.

Die wahrscheinlich derzeit avanciertesten Überlegungen zur kulturpolitischen Relevanz von Sprachwechsel und -mischung haben schließlich drei Monographien US-amerikanischer Provenienz vorgelegt, auch wenn sich deren Überlegungen in weiten Teilen auf die Gegenwart beschränken. So legt Brian LennonLennon, Brian dar, dass sich unter der Voraussetzung des modernen, an Nationalstaatlichkeit und Massenmedien gekoppelten Einsprachigkeitsparadigmas Verfahren der Eindämmung (des »containment«) von Sprachwechsel und -mischung im (publizierten) literarischen Text etablieren (LennonLennon, Brian, In Babel’s Shadow, 10). Da der Buchmarkt mit einsprachigen literarischen Öffentlichkeiten rechnet und daher die Produktion nicht nur möglichst einsprachiger, sondern vor allem auch übersetzbarer Texte begünstigt, sind dem Einsatz von Sprachdifferenzen, die in einer anderen Sprache womöglich nicht darstellbar wären, Grenzen gesetzt. LennonLennon, Brian beschreibt die Verfahren des containment von Sprachwechsel und Sprachmischung (für diese Unterscheidung selbst interessiert er sich nicht) in erster Linie als Techniken zur Erzeugung von Redundanz, sei es durch die Übersetzung anderssprachiger Ausdrücke oder durch andere Verfahren, die dem Leser mittelbar ihre Bedeutung erschließen. Mit Rückgriff auf diese Beschreibung trifft er dann die Unterscheidung zwischen starker und schwacher Mehrsprachigkeit literarischer Texte: Stark mehrsprachige Texte bringen Sprachdifferenzen so in den Text ein, dass sich möglichst wenig Redundanz ergibt, bei schwach mehrsprachigen Texten werden die Auswirkungen von Sprachdifferenz auf das Verständnis durch starke Redundanz eingeschränkt (ebd., 17f., 74f., 81f.). YildizYildiz, Yasemin, die sich ebenso wie Lennon vor allem für Strategien interessiert, literarisch die Vorgaben des Einsprachigkeitsparadigmas zu unterlaufen, legt in ihren Detailstudien zu Texten KafkaKafka, Franzs, ÖzdamarsÖzdamar, Emine Sevgi, ZaimoglusZaimoglu, Feridun und TawadasTawada, Yoko Verfahren des Sprachwechsels und der Sprachmischung offen, die denen, die LennonLennon, Brian beschreibt, ähneln: die Arbeit mit (teils verborgenen, d.h., nicht markierten und nur den Kennern der jeweiligen Sprachen zugänglichen) wörtlichen Übersetzungen, Fremdwörtereinsatz (mit oder ohne Übersetzung), mehrsprachiges Sprachspiel oder die Mischung von Soziolekten und literarischen Stillagen (YildizYildiz, Yasemin, Beyond the Mother Tongue). Auch ihr geht es allerdings nicht zentral darum, die Bandbreite der existierenden Verfahren literarischer Mehrsprachigkeit zu erschließen. David GramlingGramling, David hat schließlich vorgeschlagen, die soziolinguistische Unterscheidung zwischen ›glossodiversity‹ und ›semiodiversity‹ zur Beschreibung literarischer Mehrsprachigkeit zu nutzen (siehe umfassend seine Monographie von 2016, The Invention of Monolingualism, 31–36; GramlingGramling, David hat seinen Vorschlag aber bereits vorher in Aufsatzform unterbreitet). Dabei versteht er in Anschluss an M.A.K. HallidayHalliday, Michael A.K. unter Glossodiversität das Nebeneinander unterschiedlicher Verfahren der Codierung, nach denen Texte erzeugt werden und bei denen man davon ausgeht, dass sie problemlos ineinander übersetzt werden können; als Semiodiversität bezeichnet er hingegen die Tendenz von Sprache, im Prozess der Bedeutungsgenerierung jeden Code zu verändern und damit potentiell zu vervielfältigen. Daraus lässt sich die Frage ableiten, inwiefern literarische Texte im Sprachwechsel die Tendenz zeigen, jenseits der schieren Glossodiversität des Code-Switchings, sei es nun im Sinne LennonLennon, Brians ›contained‹ oder nicht, ein Mehr an Semiodiversität zu erzeugen, also ein Mehr an Bedeutsamkeit, das sich nicht auf die eine oder andere der benutzten Sprachen reduzieren lässt. Wenn es bei der Sprachmischung naheliegt, zunächst schlicht davon auszugehen, dass hier, weil die segmentäre Trennung zwischen den Codes wegfällt, sich gewissermaßen automatisch ein Zuwachs an Semiodiversität einstellt, so wäre doch zu fragen, wie groß und welcher Art solche Zuwächse sein können und wie sie im Einzelnen erzielt werden.

In historischer Hinsicht ist die philologische Erforschung von Sprachwechsel und Sprachmischung sehr lückenhaft, zumal dann, wenn man die Perspektive nicht auf einzelne nationalphilologisch erfasste Zusammenhänge beschränken möchte. Am besten erforscht sind, zumindest was die Quellenlage betrifft, sicherlich Antike und Mittelalter. Dies ist nicht nur auf die vergleichsweise geringe Menge an Texten zurückzuführen, die überliefert ist, sondern auch auf die traditionelle Offenheit zwischen literaturhistorischer und linguistischer Forschung in diesen Bereichen. Überblicksdarstellungen zur Geschichte von Sprachmischung und -wechsel in der Literatur finden sich beispielsweise bei ElwertElwert, W. Theodor (»L’emploi de langues étrangères« und »Fremdsprachige Einsprengsel in der Dichtung«), ForsterForster, Leonard (The Poet’s Tongue), Sturm-TrigonakisSturm-Trigonakis, Elke (Global Playing, 111–120), HelmichHelmich, Werner (Ästhetik der Mehrsprachigkeit, 47–76) sowie in einem von Weertje WillmsWillms, Weertje und Eva ZemanekZemanek, Eva herausgegebenen Heft der Zeitschrift Komparatistik Online von 2014 (daraus etwa ZimmermannZimmermann, Bernhard, »Dialekte und ›foreigner talk‹ im griechischen Drama« und PolizziPolizzi, Gilles, »Sprache des Anderen oder eigene Sprache?«). Die neuphilologischen Darstellungen setzen dabei meist in der Frühen Neuzeit ein, lassen das 19. Jahrhundert tendenziell aus, weil es als Höhepunkt nationalistisch motivierter literarischer Einsprachigkeit gilt, und beschreiben mehr oder weniger ausführlich die Avantgarden zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie dasjenige, was Sturm-TrigonakisSturm-Trigonakis, Elke als »Neue Weltliteratur« bezeichnet.

Eine ruhmreiche Ausnahme von der Blindheit der Nationalphilologien für Sprachwechsel und -mischung in literarischen Texten bildet seit langem die Romanistik. Das hat zweifelsohne damit zu tun, dass die Disziplin immer schon mehrere Sprachgebiete und Nationen abdeckt. Seit den 1980er Jahren ist insbesondere der Romanist Alfons KnauthKnauth, K. Alfons nicht nur mit einer Reihe von Arbeiten zu einzelnen mehrsprachigen Texten hervorgetreten, sondern vor allem mit einigen Übersichtsdarstellungen. Darin wird allerdings nur wenig systematisch zwischen unterschiedlichen Verfahren literarischer Mehrsprachigkeit unterschieden. Die jüngste Arbeit eines Romanisten, die aus philologischer Hinsicht Sprachwechsel und Sprachmischung behandelt, ist die bereits mehrfach zitierte Arbeit von HelmichHelmich, Werner. Es handelt sich um die umfassendste Monographie über literarischen Sprachwechsel, die derzeit vorliegt.

d) Anwendungs-/Analysebeispiele

(1) Bei Johann FischartFischart, Johanns Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtsklitterung aus dem Jahre 1575 handelt es sich zunächst um eine Adaption des zweiten Romans von François RabelaisRabelais, François, Gargantua (ca. 1534), wobei Fischart dem Text von RabelaisRabelais, François allerdings zahlreiche Passagen hinzugefügt und ihn insgesamt so stark verändert hat, dass man ihm nicht zuletzt auch einen sehr eigenständigen Umgang mit Sprachenvielfalt unterstellen kann. Kennzeichnend sind für Fischarts Schreibverfahren einerseits eine Vielzahl von (oft mehrsprachigen) Wortspielen, andererseits sprachspielerische Verfahren der Übersetzung, die sich teils als Formen von Sprachmischung verstehen lassen. Die ausführliche Arbeit von Gerd SchankSchank, Gerd über Etymologie und Wortspiel in der Geschichtsklitterung hat in beiden Fällen einen Bezug zu zeitgenössischen Verfahren der Etymologie und zu Fischarts Sprachtheorie hergestellt. Demzufolge vertritt FischartFischart, Johann eine »physei-Theorie« der Sprache (SchankSchank, Gerd, Etymologie und Wortspiel, 7–143), hat also die Auffassung, dass sprachliche Benennungen ursprünglich eine Aussage über das Wesen der benannten Dinge enthalten, und dass die Etymologie bzw. die wortspielerische Neufassung insbesondere von Eigennamen, wie sie FischartFischart, Johanns Roman betreibt, dann als Erschließung einer eigentlichen, in der Sprachgeschichte verschütteten Bedeutung aufgefasst werden kann. Schank unterscheidet in seiner Arbeit strikt zwischen Wortspiel und Etymologie – auch wenn seine Ausführungen insbesondere über die ältere Etymologietradition, der er Fischart zurechnet, klar zeigen, dass Etymologie hier als (paronomastisches) Wortspiel betrieben wird (siehe z.B. ebd., 93–95). Auch differenziert SchankSchank, Gerd zwischen spöttischen, gegen in FischartFischart, Johanns Augen falsche Etymologien gerichteten Wortspielen und ernstgemeinten eigenen. Es fällt allerdings schwer, angesichts der überbordenden humoristisch-satirischen Schreibweise im Einzelfall tatsächlich zu entscheiden, was im Text strikt ernsthaft aufzufassen ist und was nicht.

Die Wortspiele in Fischarts Geschichtsklitterung gehen größtenteils auf Paranomasien zurück – im Gegensatz zu denjenigen bei RabelaisRabelais, François, der sehr viel mehr mit Homonymen arbeitet. SchankSchank, Gerd bringt diesen Umstand mit seiner These in Verbindung, dass Fischart als Vertreter der »physei-Theorie« der Sprache Homonymität grundsätzlich als unrechte Verwirrung eigentlicher Bedeutungen auffassen muss (ebd., 131–133). Fischart benutzt also geringfügige Veränderungen der Wortformen, um neue Bedeutungsfacetten der einzelnen Begriffe zu erschließen. Im Ergebnis changieren die Worte oft zwischen zwei Sprachen, meist zwischen Deutsch und Latein oder zwischen Deutsch und Französisch. So wird das Wort »Bakkalaureus« enggeführt mit »Becherlehraus« (siehe die Belege ebd., 283), und hinter »Rabelistigem ernst« verbirgt sich wohl eine Etymologie des Namens RabelaisRabelais, François (ebd., 418). In vielen Fällen geht das mehrsprachige Wortspiel in FischartFischart, Johanns Roman einher mit übersetzerischen Kunstgriffen. Viele der wortspielerischen Erschließungen von Eigennamen lassen sich, was die Verballhornung des Namens Rabelais zeigt, auch als homophone Übersetzungen auffassen – was nicht zuletzt auch auf die von Rabelais befolgte komödiantische Tradition der sprechenden Namen zurückgeht. Weiterhin findet in der Übersetzung oft eine Erweiterung eines Begriffs des Originaltextes in eine Begriffsreihe statt, in der die Bedeutung des französischen Begriffs gleichsam ausgetestet wird. In diese Begriffsreihungen sind teilweise ebenfalls mehrsprachige Wortspiele eingearbeitet. Wort- und Klangspiel (oft durch Reim) gehen hier Hand in Hand.

Im Einzelnen lässt sich das Zusammenspiel zwischen diesen unterschiedlichen Verfahren von Sprachwechsel und -mischung nur exemplarisch beleuchten. Das hier ausgewählte Beispiel findet sich in der zweiten Vorrede der Ausgabe von 1590, d.h., in derjenigen Vorrede, die an diejenige bei RabelaisRabelais, François angelehnt ist, wenn sie sie auch um ein Vielfaches ausdehnt (die erste erläutert u.a. das Unternehmen und die Prinzipien der Übersetzung).1Rabelais, François Die zweite Vorrede betitelt FischartFischart, Johann als »VorRitt, oder das Parat und Bereytschlag, inn die Chronick vom Grandgoschier, Gurgellantual und Pantadurstlingern«; der Text richtet sich an »meine Schlampampische gute Schlucker, kurtzweilige Stall und Tafelbrüder«2Fischart, JohannNyssen, Ute und handelt von der Verbindung zwischen Trinken und Dichten. Eine der ergiebigsten Passagen mit Blick auf Sprachmischung ist die folgende (die übrigens kein Gegenstück in der Vorlage von RabelaisRabelais, François hat):

Derhalben Potor esse volo, Quia cantor esse volo. Ich Trinck daß ich sing und sinck, und sing daß ich trinck, spring unnd hinck: Ich bin eyn Hofmann, kan Senff essen, und doch nicht weinen: Kont nit der Heß mit seinen Weingetränckten Versen die Psalmen schön außtrucken? O ihr Potulente Poeten, potirt der pott und bütten, unnd potionirt euch potantlich mit potitioniren, compotiren unnd expotiren, dann potiren und appotiren kompt von petiren und appetiren, unnd pringt potate poesei, dieweil potantes sind potentes. Unnd Potentaten sind Potantes.3

Die durch den Reim bezeugte Beziehung zwischen Trinken, Singen, Sinken, Springen und Hinken, die die Aussage des lateinischen Satzes veranschaulicht, leitet hier über in ein deutsch-lateinisch-französisches Wortspiel. Dieses Wortspiel ist bereits kurz zuvor durch eine etymologische Deutung vorbereitet worden; hier heißt es: »will ich sie lassen die bodenloß Göttin Potinam walten, sintemal Poeten von Potus, Potae, il boit, und Pott kommet«.4Nyssen, UteFischart, JohannNyssen, UteSchank, GerdSeelbach, Ulrich Das (eigentlich natürlich dem Griechischen entlehnte) Wort ›poeta‹ wird mit lat. ›potus‹ (Trank) und sodann mit dem deutschen Wort ›Pott‹ und dem französischen Verb ›boire‹ (trinken) in Verbindung gebracht, und dies alles im Namen der Göttin ›Potina‹, bei der es sich laut NyssenNyssen, Ute um die »Schutzgöttin d[er] Kinder« handelt, denen sie »d[as] Trinken gedeihen läßt«.5Nyssen, UteFischart, Johann Diese Sprachverbindung wird in der zitierten Stelle noch ausgebaut, vor allem durch die Bildung deutscher Neologismen aus lateinischen Wörtern. Zu den Grundformen ›poeta‹ und ›potus‹ (hier auch repräsentiert durch Derivate wie ›potulentus‹ – trinkbar/trinkfest, ›potio‹ – das Trinken, ›potare‹ – sich volltrinken, ›potitare‹ – saufen) gesellen sich Wörter, die auf die Verben ›potiri‹ (etw. teilhaftig werden), ›posse‹/›potesse‹ (können) und ›petere‹ (nach etw. greifen) zurückgeführt werden können. Teils sind diese Bezüge recht klar: ›Potulente Poeten‹ sind offenbar trinkfeste Dichter; ›potirt der pott und bütten‹ beinhaltet offenbar die Aufforderung, an Pötten und Bütten teilzuhaben; ›potioniren‹ dürfte sich als auf ›potio‹ zurückgehende Verbform interpretieren lassen; ›potantlich‹ geht auf ›potare‹, ›potitioniren‹ auf ›potitare‹ zurück, so dass man es hier mit einer Art mehrstufiger Verschachtelung des Trinkvorgangs zu tun hat; ›compotiren‹ kommt von ›compotire‹ – sich einer Sache bemächtigen, während ›expotiren‹ offenbar das Gegenteil davon bedeutet; die Zusammenführung des Trinkens mit dem Teilhaben bzw. Sich-Bemächtigen wird sodann konkretisiert und mit dem Zugreifen (›petiren‹/›appetiren‹) in Zusammenhang gebracht; die Aufforderung ›pringt potate poesei‹ schließlich lässt sich am ehesten noch als gedoppelter Imperativ auffassen (›bringt trinkt der Poesie‹), wenn ›potate‹ als Form von ›potare‹ aufgefasst wird; und schließlich stellt sich auch der Zusammenhang zu Können und Macht her, wenn die Trinkenden (›potantes‹) mit den Könnenden (›potentes‹) und die Potentaten wiederum mit den Trinkenden in eins gesetzt werden.

FischartFischart, Johanns wortbildnerische Fantasie richtet sich mit Vorliebe auf das Essen und Trinken. Das zeigt sehr eindrucksvoll das achte Kapitel der Geschichtsklitterung, das »die Truncken Litanei, unnd der Säuffer unnd guten Schucker, Pfingsttag« beschreibt und nachgerade JoyceJoyce, James’sche Darstellungsverfahren vorwegnimmt. In diesem Punkt ist der Text von Prinzipien getragen, die denen ähneln, die BachtinBachtin, Michail M. in der Auseinandersetzung mit RabelaiRabelais, Françoiss als ›karnevalesk‹ bezeichnet hat. Für die kulturpolitische Interpretation von Sprachwechsel und -mischung in der Geschichtsklitterung gilt es zu bedenken, dass Fischart, anders als Rabelais, von einer dezidiert protestantischen Position aus schreibt (siehe SchankSchank, Gerd, Etymologie und Wortspiel, 196). Allerdings hat bei Fischart wie bei Rabelais die fantasievolle Überschreitung der Sprachgrenzen, so revolutionär sie sich auch aus heutiger Perspektive ausnimmt, wahrscheinlich eine sehr viel konservativere Funktion, als man annehmen könnte. Denn FischartFischart, Johann geht es darum, seine (kulturpolitischen) Gegner satirisch zu treffen – vor allem die Gegenreform – und zur Etablierung der deutschen Literatursprache beizutragen. Nicht zuletzt dem dienen auch die vielen Etymologien und homophonen Übersetzungen. Man könnte die extreme sprachliche Promiskuität des Textes in Analogie zu BachtinBachtin, Michail M.s Argument über RabelaisRabelais, François so letztlich als eine Art Stärkungs- und Reinigungsprozedur des frühneuzeitlichen Sprachgefüges auffassen.

(2) Heinrich HeineHeine, Heinrich ist derjenige deutschsprachige Autor des 19. Jahrhunderts, der am ehesten eine Kulturpolitik der ›unreinen‹ Sprachverwendung verkörpert – ein Ruf, den er einerseits dem Wirken nationalistischer Sprachpuristen bis hin zum Nationalsozialismus,6Reich-Ranicki, MarcelHeine, Heinrich andererseits der ganz anders gelagerten, ebenso wirkmächtigen wie verheerenden Sprachkritik von Karl KrausKraus, Karl zu verdanken hat. Tatsächlich ist der Anteil offenkundig anderssprachiger Strukturen und Elemente – sie stammen meist aus dem Französischen – in Heines Texten allerdings gar nicht so hoch, wie es eine solche Rezeption annehmen lässt. In seinem im 19. Jahrhundert berühmtesten Werk, dem Buch der Lieder (1927), finden sich nur sehr wenige Texte, die neben dem deutschen auch französisches Vokabular verwenden. Der Eindruck von Fremdartigkeit, der sich offenkundig bei vielen Lesern eingestellt hat, geht wohl eher auf den Einsatz deutschsprachiger idiomatischer Differenzen zurück. Denn HeineHeine, Heinrich ist ein Meister des beständigen ›Tonwechsels‹ in Lyrik wie in Prosa. Vor diesem Hintergrund ist der gelegentliche Einsatz auffälliger Formen von Sprachwechsel und Sprachmischung nicht nur als Verfahren zur Bereicherung des poetischen Vokabulars oder zur poetischen Verfremdung zu deuten; vielmehr erscheint der Einsatz anderssprachiger Wörter oder ursprünglich aus anderen Sprachen kommender metrischer Schemata als Ausweitung einer Strategie der Vervielfältigung, die seiner Sprachverwendung immer schon innewohnt.

Das folgende Gedicht aus dem Buch der Lieder (Lyrisches Intermezzo)7Heine, HeinrichWindfuhr, ManfredGrappin, Pierre beschwört den Kontrast zwischen dem Wiedererwachen von Lebensfreude im Frühjahr und dem Schmerz des Sprechers, dessen Geliebte einen anderen Mann geheiratet hat:


Die Erde war so lange geitzig,A
Jetzt kam der May, sie ward spendabel,A
Und Alles lacht, und jauchzt, und freut sich,A
Ich aber bin nicht zu lachen kapabel.B
Die Blumen sprießen, die Glöcklein schallen,A’
Die Vögel sprechen wie in der Fabel,A’
Mir aber will’s Gespräch nicht gefallen,B’
Ich finde Alles flach und miserabel.A/B’
Das Menschenvolk mich ennuyiret,A
Sogar der Freund, der sonst passabel --A
Das kommt, weil man Madam tituliretA’
Mein süßes Liebchen, so süß und aimabel.A’/B

Sprachwechsel liegt hier in erster Linie in den Reimwörtern vor (wenn man von »Madam« absieht), die dem Französischen entstammen – oder zumindest so aussehen: »kapabel«, »miserabel«, »aimabel« und »passabel« sind (orthographisch eingedeutschte) französische Adjektive, die im Deutschen mehr (»miserabel«) oder weniger häufig (»aimabel«) benutzt werden. Das Wort »spendabel« ist ein besonderer Fall, denn es kombiniert ein deutsches (oder englisches) Verb mit einem französischen (oder allgemein romanischen) Suffix und klingt französisch, obgleich es im Französischen nicht gebräuchlich ist. Das Verb »ennuyiret« ist im Deutschen ein dem Französischen entlehnter Neologismus, anders als sein Reimwort »tituliret«, das auf das Lateinische ›titulare‹ zurückgeht.

Um die spezifische Form der Sprachmischung zu erschließen, die das Gedicht jenseits des auf Einzelworte beschränkten Sprachwechsels aufweist, ist es nötig, seine metrische ›Orchestrierung‹ ins Auge zu nehmen. Es finden sich drei unterschiedliche metrische Schemata: vierhebige Jamben (A), in Variation davon ebenfalls auftaktige, aber mit Doppelsenkungen durchsetzte vierhebige Verse (A’) und vierhebige (auftaktlose) Daktylen (B), die umgekehrt teils mit einfachen Senkungen durchsetzt sind (B’). In der ersten Strophe wird das ruhige, ja fast schon behäbige Schema A durch den energischen Einsatz von Schema B durchbrochen, und zwar genau in dem Moment, in dem der Sprecher seine eigene Melancholie der allgemeinen romantischen Feier des Frühlings entgegensetzt. Die zweite Strophe nimmt die Dynamik des letzten Verses der ersten Strophe dadurch auf, dass sie Doppelsenkungen in das jambische Schema A einstreut. Ironischerweise ist der letzte Vers dieser Strophe, der semantisch in Parallele zum letzten Vers der ersten Strophe steht, doppeldeutig: Er lässt sich als Rückkehr zum rein jambischen Schema A deuten – dies ist dann eher als ruhige Resignation zu deuten; man kann diesen Vers aber auch ohne Auftakt lesen – und dann handelt es sich gewissermaßen um eine gebremste, leicht zurückgenommene Variante von Schema B.

Alles in allem vollzieht das Gedicht eine doppelte Bewegung: Einerseits folgt es einer romantischen Poetik, wenn es gewissermaßen versucht, eine kommunikative Beziehung zur Natur selbst zu evozieren oder gar in seiner ästhetischen Faktur vorwegzunehmen; andererseits durchbricht es diesen Impetus immer wieder und desillusioniert den Leser, ohne dass dadurch der romantische Entwurf ungültig würde. Auf der Ebene der Form entspricht dem das Wechselspiel zwischen den zwei metrischen Schemata, denn Schema A bequemt sich der romantischen Poetik an bzw. versucht sie einzulösen, während Schema B diese Akkomodation unterbricht. Das umgangssprachliche, nur scheinbar französische Wort »spendabel« nimmt diesen Bruch allerdings schon im zweiten Vers vorweg und lässt diese gesamte Kette der französischen oder französisierenden Neologismen ebenfalls als Kontrastschema erscheinen, das seinerseits durch das nachgerade archaisch wirkende Wort »Fabel« in der zweiten Strophe unterbrochen wird. Man mag zunächst denken, dass die französischen Reimworte für jene oberflächliche Gesellschaftssphäre einstehen, in die die vormalige Geliebte des Sprechers als »Madam« eingetreten ist (siehe DanneckDanneck, Anna, »›Kapabel, miserabel, aimabel‹«, 8). Dann würde mit ihnen die Redeweise der guten Gesellschaft imitiert, sie wären also als versteckte Zitate in die Rede des Sprechers eingedrungen, die als »innerlich dialogisiert« aufzufassen wäre (HornHorn, András, »Ästhetische Funktionen der Sprachmischung«, 233). Damit würde jedoch die grundsätzliche Mehrdeutigkeit der Kontraststruktur unterschätzt, deren Teil sie sind. Letzten Endes bietet sich eher eine kulturpolitische Deutung an: Die Vervielfältigung, ständige ironische Durchbrechung und Spiegelung der lyrischen Sprache selbst ist es, die es dem Sprecher ermöglicht, seine romantische Liebe zur Oberflächlichkeit der Welt nicht sogleich durch eine verkehrte und vor allem politisch nicht erlaubte Bitterkeit wieder zu verraten.

(3) In James Joyce’ Roman FinnegansJoyce, James Wake (1939) wird das Verfahren der Sprachmischung, speziell dasjenige der mehrsprachigen Paronomasie zum durchgängig verwendeten Schreibprinzip erhoben. Der Text besteht zu einem großen Teil aus Worten, deren sprachliche Zugehörigkeit zweifelhaft oder uneindeutig ist, und die schiere Menge der Idiome, zu denen sich Bezüge herstellen lassen, macht den Roman zu einer Herausforderung für jeden Leser. Die von Roland McHughMcHugh, Roland zusammengestellten Annotations to FinneJoyce, Jamesgans Wake listen im Abkürzungsverzeichnis insgesamt 61 Sprachen und/oder Varietäten auf, auf die sich Worterklärungen beziehen.8McHugh, RolandJoyce, James In dieser Liste finden sich neben den europäischen Bildungssprachen beispielsweise auch Arabisch, Mandarin, Hindustani, Japanisch, Malay, Rätoromanisch und Sanskrit sowie die Plansprachen Esperanto und Volapük. Die Forschung zu Joyce’Joyce, James Roman hat herausgearbeitet, dass der Text durchgängig mehrere Geschichten zugleich erzählt. Damit wird ein Verfahren auf die Spitze getrieben, das bereits im Ulysses Anwendung findet, denn dieser Roman fordert allein durch seinen auf den ersten Blick kaum auf das Geschehen bezogenen Titel dazu auf, die geschilderten Ereignisse nicht nur als Erlebnisse Dubliner Anwohner am 16. Juni 1904 zu verstehen, sondern ihnen zugleich eine proto-mythologische Bedeutung zuzumessen. In FinneganJoyce, Jamess Wake hat die Forschung eine Vielzahl von Bezugsebenen ausgemacht, auf die sich das Erzählen beziehen lässt, aber anders als im Ulysses ist es keinesfalls ausgemacht, dass es eine Art Basisgeschichte gibt.

Die Simultanität multipler Bezugsebenen resultiert nicht zuletzt aus der überbordenden Mehrsprachigkeit der Paronomasien. Die Leistung des Textes besteht darin, dass die gleichzeitige Zuordenbarkeit vieler Wörter zu mehreren Sprachen oder aber ihre Doppeldeutigkeit in einer Sprache eine Vielzahl von Konnotationen weckt, die sich zu Geschichten oder zumindest Mythologemen verdichten, so dass sich der Eindruck einstellt, es mit einer Erzählung zu tun zu haben, die eine mehr als nur doppelte Zeitstruktur aufweist: Ist für Erzählen schlechthin charakteristisch, dass die Zeitstruktur des Erzählens (récit) sich grundsätzlich von derjenigen des Erzählten unterscheiden lässt (histoire), so lassen sich dem Erzählen in Finnegans Wake eine letztlich sogar schwer zu bestimmende Vielzahl an Geschichten zugleich zuordnen. Der Vervielfältigung der Idiome des Erzählens entspricht die Vervielfältigung der Geschichte(n). Der Eindruck des Lesers, man könne den Roman nicht zu Ende lesen, weil sich fortwährend weitere esoterische Lesarten zu erkennen geben, die sich zugleich dem fixierenden Zugriff entziehen, wird überdies durch die zyklische Anlage des récit bestätigt, denn der Anfang zu dem unvollständigen Satz, mit dem der Roman einsetzt, findet sich erst ganz am Ende des Romans (»A way a lone a last a loved a long the«9Joyce, JamesJoyce, James – »riverrun, past Eve and Adam’s«10).

Im Einzelnen kann das Verfahren der Vervielfältigung des Erzählens nur exemplarisch vor Augen geführt werden. Dazu eignet sich im Prinzip nahezu jede Passage, besonders aber der Beginn des Romans, der als eine Art kondensierte Exposition der im weiteren Verlauf entfalteten Themen und Bezugsebenen gedeutet werden kann. Die folgende Analyse der ersten drei Absätze muss sich allerdings auf einige wenige Beobachtungen der hier vorliegenden Sprachmischung im Kontext der allgemeinen Mehrfachcodierung des Textes beschränken.11Campbell, JosephRobinson, Henry MortonJoyce, James

riverrun, past Eve and Adam’s, from swerve of shore to bend

of bay, brings us by a commodius vicus of recirculation back to

Howth Castle and Environs.12

Der erste Absatz beschreibt eine Bewegung, die sich in der Umgebung von Dublin verorten lässt – eine Bewegung entlang des Flusses Liffey, der hinter Dublin ins Meer fließt, in die Bucht von Dublin, die von der Halbinsel Howth, auf dem Howth Castle liegt, begrenzt wird. Diese Bewegung wird dabei als Kreisbewegung ausgewiesen, denn der Anfang des Romans, aber auch der Geschichte überhaupt (»Eve and Adam’s« – die Bezeichnung für eine Kirche am Liffey) wird als Rückkehr bezeichnet (»re-circulation«, »back to«). Diese Kreisbewegung bezieht sich zugleich auf die zirkuläre Struktur des Romans, dessen letzter Satz – dem unmittelbar die Aufforderung »Finn, again!« vorausgeht – hier fortgesetzt wird. Die Formulierung »commodius vicus of recirculation« deutet die Kreisbewegung einerseits als bequem, angemessen (»commodius« als Komparativ des lateinischen Adjektivs ›commodus‹), andererseits als verteufelt, ›vicious‹ (›vicious circle‹), wobei beide Attribute mehrdeutig sind: »commodius« lässt sich auch als Referenz auf den (ausgesprochen grausamen) römischen Kaiser CommodusCommodus (Kaiser) lesen; »vicus« ist lateinisch ›Gehöft/Dorf‹ und zugleich die lateinische Form des Namen Vico – womit hier also auch eine Anspielung auf den italienischen Kulturphilologen Giambattista VicoVico, Giambattista vorliegt, der eine durchgehende Referenz des Textes darstellt, und zwar wiederum nicht zuletzt dank des von ihm entwickelten Konzepts des historischen ›ricorso‹ – der zyklischen Wiederkehr eines Ablaufs historischer Epochen.

Sir Tristram, violer d’amores, fr’over the short sea, had passen-

core rearrived from North Armorica on this side the scraggy

isthmus of Europe Minor to wielderfight his penisolate war: nor

had topsawyer’s rocks by the stream Oconee exaggerated themselse

to Laurens County’s gorgios while they went doublin their mumper

all the time: nor avoice from afire bellowsed mishe mishe to

tauftauf thuartpeatrick: not yet, though venissoon after, had a

kidscad buttended a bland old isaac: not yet, though all’s fair in

vanessy, were sosie sesthers wroth with twone nathandjoe. Rot a

peck of pa’s malt had Jhem or Shen brewed by arclight and rory

end to the regginbrow was to be seen ringsome on the aquaface.

Der zweite Abschnitt evoziert eine generelle ›Vorzeitigkeit‹ und etabliert eine Analogie zwischen der im ersten Satz aufgerufenen konkreten geographischen Situation und anderen geographischen Konstellationen und zugleich eine Analogie zu einer Reihe von Personenkonstellationen, die im Romanverlauf immer wieder aufgerufen werden: Mit »Sir Tristram« wird der erste Earl of HowthTristram, Sir Amory, 1. Earl of Howth aufgerufen und zugleich der Held Tristan aus dem arturischen Epenkreis. Die Kennzeichnung als »violer d’amores« lässt sich zugleich auf ein Musikinstrument (italienisch ›viola d’amore‹) und auf das französische Verb ›violer‹, verletzen, beziehen. Die Aussage, dass »Tristram« aus »North Armorica« ›noch nicht‹ wiedergekommen ist (französisch ›pas encore‹ – zugleich ist hier das englische Verb ›pass‹ enthalten, und es geht ja augenscheinlich auch um eine Passage), lässt sich auf Sir Tristram beziehen, denn der erste Earl of HowthTristram, Sir Amory, 1. Earl of Howth gewann in Armorica, in der Bretagne, eine Schlacht, aber zugleich ist mit einem gewaltsamen Ankömmling aus Nordamerika auf die Hauptfigur des Romans, H.C. Earwicker angespielt, dessen Initialen überdies bereits im ersten Absatz figurieren und dessen Frau und Tochter wiederum im Roman mit Isolde enggeführt werden. Das Verb »wielderfight« lässt einerseits das deutsche »wieder« (oder auch »weiter«) anklingen, andererseits enthält es das englische Substantiv ›wielder‹, Machthaber. Besonders vertrackt ist schließlich die Rede vom »penisolate war«; das Adjektiv enthält das Wort »penis«, ließe sich aber auch als »pen-isolate«, ›von der/durch die Schreibfeder vereinzelt‹ deuten oder aber als Verkürzung bzw. italianisierte Fassung von ›peninsular‹, was dann eine Anspielung auf den in Dublin geborenen ersten Duke of WellingtonWellesley, Arthur, 1. Duke of Wellington wäre, der auf der iberischen Halbinsel einen ›peninsular war‹ gegen NapoleonNapoleon Bonaparte führte. In den folgenden Satzteilen finden sich Anspielungen auf das ›Double‹ der Stadt Dublin im amerikanischen Georgia, das sich in »Laurens County« (zugleich ›Lawrence County‹, der Bezirk, in dem sich das erste Dublin befindet und der nach dem ersten Earl of Howth benannt ist, der später den Namen LawrenceTristram, Sir Amory, 1. Earl of Howth annahm) befindet und von Peter SawyerSawyer, Peter (zugleich hier: Tom Sawyer) gegründet wurde; auf den Heiligen Patrick, der Irland christianisiert hat (»tauftauf thuartpeatrick«); auf Isaaks Segnung Jakobs; auf Jonathan SwiftSwift, Jonathan und seine Geliebten Vanessa und Stella; und auf »Jhem or Shen« – den Sohn von H.C. Earwicker, Sham, aber auch den Sohn Noahs, Shem. Im letzten Satz dieses Absatzes finden sich wieder sprachlich mehrdeutige Wörter, etwa »regginbrow«, was als deutscher ›Regenbogen‹, aber auch als lateinisch-englisches ›Königsbräu‹ gedeutet werden kann (im Anschluss an die Rede von »pa’s malt« ist das sicherlich nicht ganz unplausibel).

The fall (bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonner-

ronntuonnthunntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthur-

nuk!) of a once wallstrait oldparr is retaled early in bed and later

on life down through all christian minstrelsy.

Der dritte Abschnitt des Romans handelt von einem (Finnegans) Sturz oder Fall, mit dem die Handlung einsetzt. Er enthält unter anderem die scheinbar rein lautmalerische Darstellung des Falls, bei der es sich aber in Wirklichkeit um die Aneinanderreihung von Wörtern aus mehreren Sprachen handelt, die allesamt ›Donner‹ bedeuten – eingeleitet durch Silben, die sich als Verzerrung des Worts ›Babel‹ lesen lassen. Ähnliche Wortcluster finden sich in regelmäßigen Abständen in Finnegans WakeJoyce, James (insgesamt zehn), weshalb Marshall McLuhanMcLuhan, Marshall, einer der frühesten systematischen Exegeten des Romans, den Donner – in seiner Lesart die Metapher für die unterschiedlichen Medienrevolutionen, die die Menschheit erlebt hat – zum strukturbildenden Vorkommnis des Romans erklärt hat.13McLuhan, MarshallFiore, Quentin

e) Offene Forschungsfragen

Auch wenn die Forschung zu Sprachwechsel und -mischung in literarischen Texten alles in allem ein wenig verstreut erscheint, besteht kein grundlegender Mangel an ihr. Es liegen eine Vielzahl von Arbeiten zu unterschiedlichen literaturhistorischen Kontexten und Sprachkonstellationen vor, die methodisch gesehen auch recht unterschiedliche Ansätze verfolgen. Besonders intensiv bearbeitete Schwerpunkte liegen im Bereich der Mediävistik und der Romanistik. Auch wenn grundsätzlich eine Intensivierung dieser Forschungsanstrengungen wünschenswert ist, so besteht doch das eigentliche Defizit derzeit in der Zusammenführung der bereits vorliegenden Ergebnisse. Dabei ist die mangelnde Traditionsbildung paradoxerweise nicht zuletzt in Sprachbarrieren begründet – selbst die hier oft angeführte aktuelle Arbeit von HelmichHelmich, Werner, die sich gerade um die Zusammenführung der vorliegenden Forschung bemüht, nimmt beispielsweise wenig Rücksicht auf die Forschung des englischen Sprachraums. Wünschenswert wäre also in erster Linie ein engerer Austausch zwischen den Forschungsbemühungen in unterschiedlichen Sprachgebieten.

Eines der vordringlichen Ziele eines solchen Austauschs sollte eine Steigerung der historischen Tiefenschärfe sein. Derzeit konzentrieren sich viele Studien auf die Gegenwartsliteratur; dies ist auch verständlich, da sich in diesem Bereich die präzise philologische Analyse am unmittelbarsten mit einer Abschätzung der kulturpolitischen Wirkungsmacht literarischer Mehrsprachigkeit verbinden lässt, wie sie im Interesse der Etablierung des Forschungsfeldes insgesamt liegt. Gerade die kulturpolitische Relevanz von Sprachwechsel und -mischung lässt sich aber noch besser verstehen, wenn sie historisch rückgebunden wird. In theoretischer bzw. methodischer Hinsicht sollte – im Bewusstsein gerade auch der methodischen Differenzen – weiterhin eine gründlichere Aufarbeitung der Forschungsergebnisse der linguistischen Mehrsprachigkeitsforschung erfolgen, nicht nur mit Blick auf das Code-Switching, sondern allgemeiner auf Phänomene der Codevermischung durch Sprachkontakt. Nur so kann Klarheit über die unterschiedlichen Kategorien von Sprachdifferenzen hergestellt werden, die Sprachwechsel oder Sprachmischung im literarischen Text ermöglichen; und nur so werden gerade im Bereich der Sprachmischung klare Beschreibungen der sehr unterschiedlichen vorkommenden Verfahren entwickelt werden können.

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9783823300458
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