Kitabı oku: «Mehrsprachigkeit und das Politische»

Marko Pajević
Mehrsprachigkeit und das Politische
Interferenzen in zeitgenössischer deutschsprachiger und baltischer Literatur
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

Der Druck des Bandes erfolgt mit freundlicher Unterstützung des Instituts für deutsche Sprache und Literatur und für Interkulturalität der Universität Luxemburg sowie der Universität Tartu. Die dem Band zugrundeliegende Forschung wurde unterstützt vom Baltisch-Deutschen Hochschulkontor sowie dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung.
ISSN 2627-9010
© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
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ISBN 978-3-7720-8712-7 (Print)
ISBN 978-3-7720-0140-6 (ePub)
Inhalt
Interferenzen. Einführung Literaturverzeichnis
Heute sprechen. Literatur, Politik und andere Sprachen im Lied (Herder, Alunāns, Barons) 1 Sprechen und Gegenwart 2 Andere Sprachen I: Das Paradox der Synchronie (Saussure) 3 Literatur I: Volkslieder und Muttersprache (Herder) 4 Literatur II: Dseesminas und Dainas (Alunāns und Barons) 5 Andere Sprachen II: Synchronie und Moderne Literaturverzeichnis
Sprache und Schrift im baltischen Raum 1 Gesprochene und geschriebene Sprachen 2 Mehrsprachigkeit in der Literatur 3 Postkoloniale Mehrsprachigkeit in Estland und Lettland 4 Exophonie der heutigen Literatur(en) Estlands Literaturverzeichnis
Widerspiegelungen der gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit in der deutschbaltischen Literatur am Beispiel von Georg Julius von Schultz-Bertram, Monika Hunnius und Edzard Schaper1 Einleitung2 Soziokulturelle und sprachliche Rahmenbedingungen der analysierten Werke2.1 Georg Julius von Schultz-Bertram und die Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts2.2 Monika Hunnius und ihr Rückblick auf Estland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts2.3 Edzard Schaper und die gesellschaftlichen Umwälzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts3 Elemente der Mehrsprachigkeit in den analysierten Werken3.1 Manifeste und latente Mehrsprachigkeit in den analysierten Texten3.2 Baltizismen in den analysierten Texten3.3 Estnisch in den analysierten Texten4 ZusammenfassungLiteraturverzeichnis
Vom historischen Erbe zur selbstbestimmten Sprach(en)politik? Literarische Mehrsprachigkeit in Litauen und Lettland 1 Sowjetische Sprach(en)politik und ihre Auswirkungen auf die Literatur 2 Sprach(en)politik und literarische Mehrsprachigkeit in Litauen 3 Sprach(en)politik und literarische Mehrsprachigkeit in Lettland 4 Übersetzungen im Kontext literarischer Mehrsprachigkeit Literaturverzeichnis
Über die Mehrsprachigkeit in den Romanen von Gohar Markosjan-Käsper 1 Einleitung 2 Gohar Markosjan-Käsper als Autorin transkultureller Literatur 3 Zur Funktion der Mehrsprachigkeit in Gohar Markosjan-Käspers Romanen „Helena“ und Penelopa 4 Zum Schluss Literaturverzeichnis
Sprachwechsel in der neuesten litauischen Migrations- und Mobilitätsliteratur 1 Einleitung 2 Theoretische und methodische Grundlagen 3 Kontextuelle Hintergründe: litauische Migrations- und Mobilitätsliteratur nach 2000 4 Sprachliche und kulturelle Hybridität in Gabija Grušaitės Roman Stasys Šaltoka 5 Schlusswort Literaturverzeichnis
Dinner with Mock Faustus: Multilingual Cuisine Cooks the Identity 1 Shopping List 2 To Each Language its Own Tongue 3 Getting Groceries 4 Literary Menu à la carte 5 The Words on the Table 6 Satur venter or Palatal Criticism of Words 7 Aftertaste Bibliography
Literatur – grundsätzlich mehrsprachig!? Das politische Potential literarischer Mehrsprachigkeit heute, am Beispiel von Barbi Marković’ Superheldinnen 1 Einleitung 2 Mehrsprachige Autorinnen und Autoren – Barbi Marković 3 Barbi Marković’ Roman Superheldinnen als mehrsprachiger Text 4 Grenzen und Herausforderungen literarischer Mehrsprachigkeit Literaturverzeichnis
„Ich werde eingetaucht/in vás“? Peter Waterhouses Prosperos Land als Dynamisierung von T.S. Eliots The Waste Land Literaturverzeichnis
José F. A. Oliver zwischen Politik und Literatur: von Häusern, Müttern und Muttersprachen Literaturverzeichnis
Sprachabenteuer: Yoko Tawadas exophone Erkundungen des Deutschen 1 Abenteuer und Sprache 2 Tawadas mehrsprachiges Denken 3 Das Beispiel der Personalpronomina 4 Die Konsequenzen für ein mehrsprachiges Denken Literaturverzeichnis
Mehrsprachige Literaturen gegen die „Pathologie des Universellen“. Die politische Relevanz von poetischem Sprachdenken heute 1 Hintergrund 2 In Sprachen denken: gegen den europäischen Sprach-Universalismus 3 Die Strategie der intraduisibles in mehrsprachigen Literaturen: Gegen das monolinguale Paradigma als Universalität von oben 4 Yoko Tawadas poetische Strategie der intraduisibles und die Erforschung einer lateralen Universalität Literaturverzeichnis
„Die Sprache hat also ihren Ort.“ Zur Mehrsprachigkeit von Maja Haderlaps Roman Engel des Vergessens 1 Zur Mehrsprachigkeit von Text und Territorium 2 Der Roman Engel des Vergessens als Entwicklungsgeschichte 3 Historischer Exkurs 4 Zum Verhältnis von Sprache und Erzählweise des Romans 5 Das Leben im Niemandsland zwischen zwei Welten 6 Sprachwechsel im Roman 7 Zur Mehrsprachigkeit von Text und Sprache Literaturverzeichnis
Sprach‑ und Weltalternativen: Mehrsprachigkeit als Ideologiekritik in kontrafaktischen Werken von Quentin Tarantino und Christian Kracht 1 Alternativen: Sprachen, Welten und das Politische 2 Quentin Tarantino: Inglourious Basterds 3 Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten 4 Tarantino und Kracht: Ein Vergleich 5 Ausblick: Für eine Fiktionstheorie literarischer Mehrsprachigkeit Literaturverzeichnis
Train of language, train of thought: Notes of an exophonic anomaly I II III IV V VI VII VIII IX X XI XII Bibliography
Autorinnen und Autoren
SachregisterAdelbert-von-Chamisso-Preis
PersonenregisterAistis, Jonas
InterferenzenInterferenz. Einführung
Marko Pajević
Interferenz ist ein Begriff aus der Physik und bezeichnet die Änderung der Amplitude bei der Überlagerung von Wellen. Die verschiedenen Wellen durchdringen einander und ihre Ausschwingungen treten miteinander in Beziehung und verstärken einander beziehungsweise gleichen einander aus. Es ist ein Phänomen des Zwischen, inter, und der Gegenseitigkeit bei einem Zusammentreffen.
Sprache besteht aus Schallwellen und jedes Sprechen hat seinen eigenen Sprachfluss. Allerdings sollten wir uns dabei nicht die regelmäßig an den Strand schlagenden Wellen eines Meeres vorstellen, sondern eher das Fließen eines Flusses, also eine sich unablässig ändernde Form in Bewegung. Émile BenvenisteBenveniste, Émile hat auf diese vorplatonische Bedeutung des Wortes RhythmusRhythmus/rhythm hingewiesen (Benveniste 1966) und Henri MeschonnicMeschonnic, Henri hat dies zur Grundlage seiner Rhythmustheorie gemacht (Meschonnic 1982), die nicht nur für die Sprach- und Literaturtheorie von großer Bedeutung ist, sondern sich als PoetikPoetik/poetics der Gesellschaft versteht, also unsere SprachstrukturenSprachstrukturen mit unseren Denkstrukturen gleichsetzt und somit auf unsere Vorstellungen von Welt schließen lässt.
Wilhelm von HumboldtHumboldt, Wilhelm von nannte Sprachen „WeltansichtenWeltansicht“ (Humboldt IV:27). Die Sprache, die wir sprechen, gibt uns die Perspektive auf die Welt. Sprache bestimmt unsere Beziehungen zur Welt und zu uns selbst. Dabei dürfen wir uns die NationalsprachenNationNationalsprache nicht als Gedankengefängnisse denken, wir können durchaus individuell über die Sprachkonvention Sprachkonvention hinausdenken und tun dies im jeweiligen Sprechen immerzu (TrabantTrabant, Jürgen 2003: 277). Im Prinzip hat jedes Individuum eine individuelle Sprache, geprägt durch die individuellen Erfahrungen und Assoziationen. Laut Humboldt gibt es letztlich genauso viele WeltansichtenWeltansicht wie es Individuen gibt. Bis zu einem gewissen Grad jedoch ist unser Denken, das für Humboldt mit unserer Sprache gleichzusetzen ist, durch die jeweilige NationalspracheNationNationalsprache mitgeprägt.
MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit greift dementsprechend selbstverständlich in diese Weltvorstellungsprozesse ein und lässt die WeltansichtenWeltansicht überlappen, dabei kommt es zu InterferenzenInterferenz. Verschiedene WeltansichtenWeltansicht kommen miteinander ins Schwingen und beeinflussen einander, neue Schwingungen entstehen. Sprachliche InterferenzenInterferenz wirken kreativ. Anders als in der Physik, in der es lediglich eine Verstärkung oder eine Auslöschung der Amplitude gibt, entstehen bei sprachlichen InterferenzenInterferenz unzählige kleine Schwingungsveränderungen, die jeweils die Perspektive auf die Dinge verschieben und erweitern. Eine erweiterte Perspektive auf die Welt aber ist eine größere Welt, ganz im Sinne von Ludwig WittgensteinsWittgenstein, Ludwig berühmtem Satz: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (Wittgenstein 1963: Satz 5.6) Mehrsprachigkeit ist eine Entgrenzung, eine Möglichkeit, neue Sichtweisen einzunehmen.
MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit, es sei an dieser Stelle erneut betont, ist keineswegs die Ausnahme, sondern weltweit eher der Normalfall. Es gibt keinen Ort ohne Vermischung von Kulturen und Sprachen – und das auf verschiedensten Ebenen. Jede Sprache ist in sich mehrsprachigMehrsprachigkeitmehrsprachig und hat sich im Austausch mit diversen anderen Sprachen entwickelt. Immer und überall haben Menschen verschiedener Kulturen und Sprachen zusammengelebt oder Handel miteinander getrieben. Auch der geistige Austausch hat seit Urzeiten stattgefunden und ist geradezu die Grundlage aller kulturellen Entwicklung. Nicht umsonst wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass die Sprache EuropasEuropa (und nicht nur EuropasEuropa) die ÜbersetzungÜbersetzung/translation ist.1 Die grundlegenden Texte unserer Zivilisation sind ÜbersetzungenÜbersetzung/translation,2 in EuropasEuropa Fall die Bibel und die griechischenGriechischgriechisch Philosophen, die nahezu von keinem Europäer im Original rezipiert werden.
Die Vorstellung von EinsprachigkeitEinsprachigkeit ist dementsprechend ein Konstrukt, das an den Realitäten unserer SprachkonstitutionSprachkonstitution vorbeigeht. Und selbst wenn wir Sprache auf der einfachsten Ebene als DeutschDeutschlandDeutsch, EnglischEnglisch/English, LitauischLitauenLitauisch usw. verstehen, gibt es weltweit weitaus mehr Sprechende von mehreren solchen Sprachen als wirklich Einsprachige.
InterferenzenInterferenz zwischen und innerhalb der Sprachen sind also allgegenwärtig und sie prägen das Miteinander der Menschen. Insofern das PolitischePolitik/politicsPolitische, das die Organisation der gesellschaftlichen Beziehungen ist und unsere Sprache als unsere WeltansichtWeltansicht unsere Beziehungen prägt, ist Sprache nicht vom PolitischenPolitik/politicsPolitische, das zu trennen und das PolitischePolitik/politicsPolitische, das ohne das Sprachliche undenkbar – ganz abgesehen davon, dass Begriffe immer sprachlich sind und man dementsprechend immer in Sprache denkt.
Der vorliegende Band möchte aus der Perspektive literarischer MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit Licht auf dieses Wechselverhältnis zwischen PolitischemPolitik/politicsPolitische, das und Sprache werfen. Wie wirkt sich Mehrsprachigkeit auf das Leben in Gemeinschaft aus? Der Blickwinkel ist dabei in erster Linie die ExophonieExophonie, also Literatur, die in einer ZweitspracheZweitsprache geschrieben wurde und diesen sprachlichen Umstand in irgendeiner Weise thematisiert (vgl. Arndt/Naguschewski/Stockhammer 2007 sowie Ivanovic 2017: 172). ExophoneExophonieexophon/exophonic Literatur ist ein privilegiertes Feld für das Verständnis der mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Prozesse, da SchriftstellerInnen allgemein einen bewussteren Umgang mit Sprache haben müssen und dementsprechend ihre sprachliche Situation der Exophonie reflektieren. Natürlich sind ihre vertieften und intimen Kenntnisse von mindestens zwei Kulturen auch von politischemPolitik/politicspolitisch/political Interesse, aber es soll hier nicht nur um die Schilderung politischerPolitik/politicspolitisch/political Hintergründe und Situationen gehen oder um daraus erfolgendes politischesPolitik/politicspolitisch/political Verständnis und Engagement. Vielmehr interessiert hier das PolitischePolitik/politicsPolitische, das des Literarischen selbst, also die Frage, inwiefern der politischePolitik/politicspolitisch/political Raum durch sprachliche Phänomene geformt wird, durch die Erzeugung von WeltansichtenWeltansicht.
Der Großteil der hier versammelten Beiträge wurde bei einer von mir organisierten und vom Baltisch-DeutschenDeutschlandDeutsche Hochschulkontor finanzierten Konferenz mit dem Titel MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit und PolitikPolitik/politics in zeitgenössischer deutschsprachigerDeutschlanddeutschsprachig und baltischer Kultur in Tartu vom 14. bis 15. November 2019 vorgestellt. Dieser Band vermittelt dementsprechend Kenntnisse zu aktuellen Entwicklungen in der deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig und baltischenBaltikumBaltisch exophonenExophonieexophon/exophonic Literatur. Mit baltisch sind hier die heutigen drei Baltischen Republiken gemeint: EstlandEstland/Estonia, LettlandLettland/Latvia und LitauenLitauen. DeutschsprachigDeutschlanddeutschsprachig ist offensichtlich ein problematischer Begriff in diesem Zusammenhang, in dem ja gerade die Mehrsprachigkeit auch in den deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Ländern thematisiert wird – es soll damit lediglich deutlich gemacht werden, dass es um Literatur aus DeutschlandDeutschland, ÖsterreichÖsterreich und der SchweizSchweiz geht. Andere deutschsprachigeDeutschlanddeutschsprachig Länder und Regionen werden leider hier nicht behandelt.
Es gibt ja in den letzten Jahren eine Fülle von Veröffentlichungen zu ExophonieExophonie und MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit – auch das ist ein Zeichen der politischenPolitik/politicspolitisch/political Relevanz in unserer heutigen gesellschaftlichen Situation. Allein die Herausgabe eines Handbuchs zu Literatur und Mehrsprachigkeit (Dembeck/Parr 2017) sowie die Existenz der von Till Dembeck und Rolf Parr herausgegebenen Buchreihe Literarische MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitliterarische Mehrsprachigkeit/Literary Multilingualism, in der auch die vorliegende Veröffentlichung erscheint, spricht wortwörtlich Bände. Allerdings dürfte dem deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Publikum bisher wenig zur diesbezüglichen Situation in den baltischenBaltikumBaltisch Republiken bekannt sein. Dabei gibt es ja sehr alte Verbindungen zwischen dem deutschenDeutschlanddeutsch und dem baltischenBaltikumBaltisch Kulturraum. Die baltischenBaltikumBaltisch Länder, vor allem LettlandLettland/Latvia und EstlandEstland/Estonia, lassen sich ohne den deutschenDeutschlanddeutsch kulturellen Einfluss nicht verstehen, und auch die deutscheDeutschlanddeutsch Kultur hat große Bereicherungen aus dem BaltikumBaltikum empfangen (wenn eine solche Trennung zwischen baltischer und deutschbaltischerDeutschbaltendeutschbaltisch Kultur geschichtlich großteils überhaupt sinnvoll ist), viele bedeutende deutscheDeutschlanddeutsch Denker und Dichter stammen aus diesem Gebiet bzw. haben dort für längere Zeit gelebt, KantKant, Immanuel und HerderHerder, Johann Gottfried fallen einem wohl als erstes ein (wobei Königsberg ja nicht zu den heutigen baltischenBaltikumBaltisch Republiken, wohl aber zum historischenhistorisch Kulturraum zählt), Hamann, Lenz, Keyserling und Bergengruen sind weitere. Die Beiträge zur Literatur aus EstlandEstland/Estonia, LettlandLettland/Latvia und LitauenLitauen sind also eine besondere Bereicherung der Mehrsprachigkeitsdiskussion im deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Raum.
Im Übrigen findet sich selbst im BaltikumBaltikum relativ wenig Forschungsliteratur zu zeitgenössischer mehrsprachigerMehrsprachigkeitmehrsprachig und exophonerExophonieexophon/exophonic Literatur und auch deren politischePolitik/politicspolitisch/political Dimension wird wenig behandelt. Die Debatte, gerade in Bezug auf die Germanistik, befasst sich weit überwiegend mit der Geschichte, meist derjenigen vor der Entstehung der baltischenBaltikumBaltisch Republiken nach dem Ersten WeltkriegWeltkriegErster Weltkrieg. Das hat gute Gründe, denn seit 1919 spielt das DeutscheDeutschlandDeutsch kaum noch eine Rolle in diesen Ländern und wurde spätestens 1944 mit der sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Okkupation politischPolitik/politicspolitisch/political inopportun. Zwar haben gebildete Balten der älteren Generationen noch gut DeutschDeutschlandDeutsch gelernt, aber wie überall im östlichen EuropaEuropa hat die Bundesregierung nach 1990 versäumt, diese bestehenden Strukturen ausreichend zu unterstützen, und heute lernen nurmehr wenige junge Balten diese in ihrer Geschichte so wichtige Sprache – EnglischEnglisch/English ist auch hier mittlerweile ganz eindeutig die internationale Verkehrssprache. Die bis Anfang des 20. Jahrhunderts kulturell dominierenden DeutschbaltenDeutschbalten und ihre Sprache sind Vergangenheit und wenn es heute exophoneExophonieexophon/exophonic Literatur im BaltikumBaltikum gibt, so ist diese eher mit dem RussischenRusslandRussisch/Russian als mit dem DeutschenDeutschlandDeutsch verknüpft.
Doch gerade solche Verschiebungen führen beeindruckend vor Augen, wie sehr Sprachen politischPolitik/politicspolitisch/political sind und wie sehr die PolitikPolitik/politics in die Sprachsituation eingreift und sich der wichtigen Rolle von Sprache und Sprachen bewusst ist. Heute ist die Frage der SprachpolitikSprachpolitik in den baltischenBaltikumBaltisch Republiken von größter Bedeutung in dem heiklen Balanceakt zwischen neu gewonnener Selbstbestimmung und Selbstbehauptung sowie wirtschaftlich und politischPolitik/politicspolitisch/political notwendiger Internationalisierung. MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in der Literatur, ebenso wie exophoneExophonieexophon/exophonic und mehrsprachigeMehrsprachigkeitmehrsprachig AutorInnen, spielen in diesen ständigen Identitätsfindungsprozessen einer Gesellschaft eine nicht zu unterschätzende Rolle.
In der Überzeugung, dass sowohl die deutscheDeutschlanddeutsch als auch die baltische Seite aus einer besseren Kenntnis der Konstellationen, Probleme und Phänomene des anderen lernen kann, geht die Zielsetzung dieses Bandes also in beide Richtungen: Diese Sammlung möchte gegenseitig informieren über die Hintergründe und die jüngsten Entwicklungen auf einem sowohl literarisch als auch politischPolitik/politicspolitisch/political spannenden und relevanten Gebiet.
Der Band beginnt mit vier Beiträgen, die sich den sprachgeschichtlichen Hintergründen der Literatur im BaltikumBaltikum widmen, wobei die deutschDeutschlanddeutsch-baltische Verflechtung und die Schwierigkeiten einer nationalenNationnational Literaturgeschichtsschreibung offenkundig wird. Allerdings nähern sich die AutorInnen dieser Frage aus unterschiedlichen Richtungen und mit unterschiedlichem Augenmerk.
Zunächst untersucht Till Dembeck drei VolksliedersammlungenVolkVolkslied aus der Zeit vom späten 18. Jahrhundert bis etwa 1900 sowie deren kulturpolitischePolitik/politicskulturpolitisch Bedeutung. 1778/79 hat der zu jener Zeit in Riga lebende Johann Gottfried HerderHerder, Johann Gottfried im Kontakt mit den baltischenBaltikumBaltisch Sprachen über seine VolksliedersammlungVolkVolkslied auf DeutschDeutschlandDeutsch einen poetischenPoetik/poeticspoetisch Neuanfang für die deutschDeutschlanddeutscheDeutschlanddeutsch Literatur ausgelöst und zugleich der VolkskulturVolk und zuvor für minderwertig erachteten Völkern zur kulturellen und politischenPolitik/politicspolitisch/political EmanzipationEmanzipation verholfen. Juris AlunānsAlunāns, Juris hat dann 1856 mit einer Sammlung von ins LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian übersetzten europäischenEuropaeuropäisch Gedichten die lettischeLettland/Latvialettisch Sprache modernisiert und an die europäischenEuropaeuropäisch Literaturen angeschlossen. Krišjānis BaronsBarons, Krišjānis dann hat um 1900 lettischeLettland/Latvialettisch VolksliederVolkVolkslied herausgegeben, um die von Herder initiierte EmanzipationsbewegungEmanzipation weiterzuführen.
Liina Lukas bietet einen historischenhistorisch Abriss der baltischenBaltikumBaltisch literaturgeschichtlichen Entwicklung mit Hinblick auf die SchriftSchrift- und Sprachensituation in EstlandEstland/Estonia und LettlandLettland/Latvia. Sie zeigt, wie sehr die estnischeEstland/Estoniaestnisch Literatur in ihren Anfängen mit dem DeutschbaltischenDeutschbaltenDeutschbaltisch zusammenhängt und erst nach und nach in Auseinandersetzung und Reibung mit diesen Anfängen eine eigene Literatur entwickelt. Ihr Überblick führt bis in unsere Zeit und erlaubt, die Verschiebungen im Zusammenhang mit den politischPolitik/politicspolitisch/political-geschichtlichen Veränderungen besser zu verstehen.
Natalia Blum-Barths Beitrag bietet einen ähnlichen Überblick über die literarische Situation in LitauenLitauen und LettlandLettland/Latvia. Sie konzentriert sich dabei zunächst auf die sowjetischeSowjetunionsowjetisch/Soviet Sprach(en)politik und zeigt diverse Formen literarischer MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit auf. Anschließend untersucht sie die literarische Mehrsprachigkeit im postsowjetischenSowjetunionpostsowjetisch Litauen und LettlandLettland/Latvia und die entsprechenden sprach(en)politischen Tendenzen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei auch der literarischen ÜbersetzungÜbersetzung/translation.
Maris Saagpakk hat gemeinsam mit ihren Studierenden Marin Jänes, Annika Saar und Marianne Laura Saar Mehrsprachigkeitsformen in der deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur EstlandsEstland/Estonia untersucht mit Hinblick auf die Funktionen der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit und um die sprachlichen, kulturellen und sozialen Differenzen im historischenhistorisch BaltikumBaltikum zu beleuchten. Grundlage der Analyse sind drei Werke der deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur: Mein Onkel Hermann von Monika HunniusHunnius, Monika (1921), Briefe eines baltischenBaltikumBaltisch Idealisten (1934) von Georg Julius von Schultz-BertramSchultz-Bertram, Georg Julius von und Der Henker von Edzard SchaperSchaper, Edzard (1940). Obgleich die Erscheinungsdaten nahe beieinander liegen, sind die Werke über einen Zeitraum von über hundert Jahren entstanden und vermitteln einen Eindruck der Situation in verschiedenen historischenhistorisch Epochen. Auch hier wird wieder deutlich, dass der Umgang mit den Sprachen nicht von der politischenPolitik/politicspolitisch/political Situation zu trennen ist.
Die nächsten drei Beiträge beschäftigen sich dann mit zeitgenössischeren Werken der baltischenBaltikumBaltisch Literatur. Aigi Heero untersucht transkulturellesTranskulturalitättranskulturell Schreiben anhand zweier Romane der armenischstämmigen in EstlandEstland/Estonia lebenden und auf RussischRusslandRussisch/Russian schreibenden Gohar Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar (1949–2015) mit Hinblick auf Erscheinungsformen und Funktion der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit.
Rūta Eidukevičienės Beitrag konzentriert sich auf die jüngste litauischeLitauenlitauisch Migrations- und MobilitätsliteraturMobilität und die Formen literarischen SprachwechselsSprachwechsel, die Aufschluss sowohl über Integrationsprobleme litauischerLitauenlitauisch MigrantenMigrant/in als auch die Herausbildung von globalen IdentitätenIdentität/identity erlauben. Tatsächlich kommt literarische MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitliterarische Mehrsprachigkeit in erster Linie bei litauischenLitauenlitauisch AutorInnen vor, die entweder bereits gleich nach dem Zweiten WeltkriegWeltkriegZweiter Weltkrieg im Ausland geboren und sozialisiert wurden oder LitauenLitauen nach dem politischenPolitik/politicspolitisch/political Wandel um 1990 verlassen haben. Vor allem der Aspekt neuer globaler IdentitätenIdentität/identity wird eingehender am Beispiel des Romans Stasys Šaltoka (2017) von Gabija Grušaitė Grušaitė, Gabija untersucht.
Mārtiņš Laizāns widmet sich der Verbindung von Geistes- und Gaumenfreuden. Kulinarische und gastronomische Aspekte der Literatur sind naturgemäß, aufgrund der internationalen Verbreitung der diversen cuisines, mehrsprachigMehrsprachigkeitmehrsprachig und ihre literarische Verarbeitung dient gesellschaftlichen und politischenPolitik/politicspolitisch/political Positionsbeziehungen. Am Beispiel des lettischenLettland/Latvialettisch postmodernenPostmodernepostmodern, 1973 erschienenen aber sofort vergriffenen und erst in den letzten Jahren neuaufgelegten Romans Falscher FaustFaust/Faustus von Marģers Zariņš Zariņš, Marģers verweist Laizāns auf die komplexe Verfilzung von Kulinarischem und Sprachlichem in dieser bemerkenswerten humorvollen Auseinandersetzung mit der verworrenen lettischenLettland/Latvialettisch Geschichte der Jahre von 1930 bis 1945.
Die darauffolgenden Beiträge konzentrieren sich auf exophoneExophonieexophon/exophonic AutorInnen in der zeitgenössischen deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Literatur. Sandra Vlasta stellt das politischePolitik/politicspolitisch/political Potential literarischer MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit am Beispiel von Barbi Marković Marković, Barbi’ Roman Superheldinnen (2016) heraus. Sie verweist auf sprachliche, mediale, formale und kulturelle Grenzüberschreitungen einer grundsätzlich mehrsprachigMehrsprachigkeitmehrsprachig gedachten Literatur, welche bisherige literaturwissenschaftliche Kategorien und literaturpolitische Institutionen sprengt und zu einem Überdenken solcher Muster und Strukturen zwingt.
Auch Dinah Schöneichs Analyse stellt sprachliche und nationaleNationnational Grenzziehungen in Frage, indem sie am Beispiel von T.S. EliotsEliot, T.S. The Waste Land und Peter WaterhousesWaterhouse, Peter Prosperos Land aufzeigt, wie mittels von MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit und MehrdeutigkeitMehrdeutigkeit DynamikDynamik erzeugt wird. Während bei Eliot das Nebeneinander der Sprachen als Herausforderung für die Verständigung dargestellt und poetischPoetik/poeticspoetisch überwunden werden sollen, radikalisiert Waterhouses Gedicht das noch einmal, indem sprachliche und nationaleNationnational Grenzziehungen überhaupt unterwandert werden.
Tomás Espino Barrera untersucht José F.A. OliversOliver, José F.A. Prosawerk auf seine nomadische IdentitätIdentität/identity hin. Der aus Andalusien stammende in einem alemannischenalemannisch Schwarzwalddorf aufgewachsene Oliver bewegt sich zwischen den Sprachen und DialektenDialekt/Mundart und hinterfragt aus dieser transnationalentransnational und transregionalen IdentitätIdentität/identity heraus die deutscheDeutschlanddeutsch Staatsbürgerschaftspolitik. Am Beispiel von Olivers Einsatz von Mütter- und HausmetaphernMetapher/metaphor zeigt Espino Barrero das emanzipatorische und demokratische Potential dieser mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Literatur auf.
Marko Pajević’ Beitrag beleuchtet die EthnographieEthnographie der deutschenDeutschlanddeutsch WeltansichtWeltansicht bei der japanisch-deutschenDeutschlanddeutsch Schriftstellerin Yoko TawadaTawada, Yoko. Am Beispiel dreier Gedichte zu den deutschenDeutschlanddeutsch Personalpronomina demonstriert der Essai die sprachbewusstseinssteigernde Wirkung exophonerExophonieexophon/exophonic Literatur. Der Vergleich von japanischenJapanJapanisch und deutschenDeutschlanddeutsch SprachstrukturenSprachstrukturen ermöglicht eine neue Sicht auf die eigene Sprache und die Erfahrung einer alternativenAlternativealternativ Weltansicht. Diese Relativierung der gewohnten Perspektive führt zu einer politischenPolitik/politicspolitisch/political Öffnung auf Verschiedenheit hin.
Auch Hélène Thiérard bezieht ihre theoretischen Überlegungen auf TawadasTawada, Yoko Werk. Thiérard stellt ExophonieExophonie und MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in den Zusammenhang der aktuellen UniversalismusdebatteUniversalitätUniversalismus/universalisme und präsentiert mit Hilfe von Barbara CassinCassin, Barbara und Souleymane Bachir DiagneDiagne, Souleymane Bachir alternativeAlternativealternativ Möglichkeiten, UniversalitätUniversalität zu denken, nachdem sich der europäischeEuropaeuropäisch UniversalismusUniversalitätUniversalismus/universalisme durch das immer größer werdende Bewusstsein seiner kolonialenKolonialismuskolonial Verzerrung disqualifiziert hat. Die Frage der ÜbersetzungÜbersetzung/translation und der UnübersetzbarkeitenÜbersetzung/translationUnübersetzbarkeiten/intraduisibles, die in mehrsprachigerMehrsprachigkeitmehrsprachig Literatur deutlich vor Augen tritt, macht eine andere Konzeption von Universalität erfahrbar und wird somit zu einem wichtigen Akteur in drängenden politischenPolitik/politicspolitisch/political Fragen unserer Zeit.
Silke Pasewalck und Dieter Neidlinger untersuchen die spezifische MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit des Romans Engel des Vergessens (2011) der slowenischSlowenienslowenisch-österreichischen Autorin Maja HaderlapHaderlap, Maja und zeigen auf, inwieweit dieses Buch nicht nur ein Bericht über die konfliktgeladene historischehistorisch Mehrsprachigkeit in KärntenKärnten darstellt, sondern darüber hinaus auch, wie diese poetologischPoetik/poeticspoetologisch den Text prägt. Diese Mehrsprachigkeit ist aus dem Niemandsland zwischen den Sprachen heraus geschrieben und ist dadurch mehr-sprachlichmehr-sprachlich, d.h. Haderlap entwickelt neue Sprachformen aus dem Spannungsfeld der Sprachen heraus.
Michael Navratils Beitrag untersucht MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit im Alternate HistoryAlternate History-Genre und in KontrafaktikKontrafaktik am Beispiel von Film und Literatur, indem er die Auseinandersetzung mit SprachalternativenSprachalternative in Quentin TarantinosTarantino, Quentin Inglourious Basterds und Christian KrachtsKracht, Christian Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten beleuchtet. Navratil weist nach, wie das sowohl der Mehrsprachigkeit als auch der Alternate History inhärente AlternativendenkenAlternativeAlternativdenken in beiden Werken ideologiekritisch problematisiert wird.
Abschließend berichtet der norwegischeNorwegen/NorwayNorwegisch/Norwegian, in EstlandEstland/Estonia und NorwegenNorwegen/Norway lebende Lyriker Øyvind Rangøy Rangøy, Øyvind, der 2019 einen renommierten estnischenEstland/Estoniaestnisch Literaturpreis für seinen ersten auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian verfassten Gedichtband erhielt, von seiner eigenen exophonenExophonieexophon/exophonic literarischen Praxis und den dieser zugrundeliegenden Erfahrungen und Fragestellungen.
Literaturverzeichnis
Arndt, Susan/Naguschewski, Dirk/Stockhammer, Robert (Hrsg.) (2007). Exophonie. Anderssprachigkeit (in) der Literatur. Berlin: Kulturverlag Kadmos.
Benveniste, Émile (1966). La notion de ’rythme’ dans son expression linguistique. In:
Problèmes de linguistique générale 1. Paris: Gallimard, 327–335.
Dembeck, Till/Parr, Rolf (Hrsg.) (2017). Literatur und Mehrsprachigkeit. Ein Handbuch. Tübingen: Narr/Francke/Attempto.
Humboldt, Wilhelm von (1903–36). Gesammelte Schriften, hrsg. von A. Leitzmann. Berlin: Behr.
Ivanovic, Christine (2010). Exophonie und Kulturanalyse. Tawadas Transformation Benjamins. In: dieselbe (Hrsg.) Yoko Tawada. Poetik der Transformation. Beiträge zum Gesamtwerk. Tübingen: Stauffenburg, 171–206.
Meschonnic, Henri (1982). Critique du rythme. Anthropologie historique du langage,
Lagrasse: Verdier.
Meschonnic, Henri (1999). Poetique du traduire. Lagrasse: Verdier.
Rancière, Jacques (2007). Politique de la littérature. Paris: Galilée.
Trabant, Jürgen (2003). Mithridates im Paradies. Kleine Geschichte des Sprachdenkens, München: Beck.
Wittgenstein, Ludwig (1963) [1922]. Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Heute sprechen. Literatur, Politik und andere Sprachen im Lied (Herder, Alunāns, Barons)
Till Dembeck
Abstract: Der Beitrag geht am Beispiel dreier Publikationsprojekte aus dem 18. und 19. Jahrhundert der Frage nach, wie sich der (kultur‑)politische GegenwartsbezugGegenwartGegenwartsbezug von Literatur über ihren Umgang mit SprachvielfaltSprachvielfalt regelt. Die VolksliedersammlungVolkVolkslied Johann Gottfried HerderHerder, Johann Gottfrieds von 1778/79 wird als Versuch eines paratextuell programmierten poetischenPoetik/poeticspoetisch Neuanfangs gelesen, der Sprachvielfalt qua ÜbersetzungÜbersetzung/translation einer muttersprachlichen OriginalitätsästhetikOriginalitätOriginalitätsästhetik zuführt. Die Form des LiedsLied dient hier der SynchronisierungSynchronieSynchronisierung und zugleich der DynamisierungDynamikDynamisierung sprachlicher Mittel im Namen einer neuen Literatur. Die Dseesmiņas (LiedchenLied), eine 1856 von Juris AlunānsAlunāns, Juris publizierte Sammlung von ÜbersetzungenÜbersetzung/translation europäischerEuropaeuropäisch Lyrik ins LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian, importieren diesen poetischenPoetik/poeticspoetisch Erneuerungsanspruch und verbinden ihn mit dem Versuch einer antikolonialenKolonialismusAntikolonialismus SynchronisierungSynchronieSynchronisierung und Modernisierung der lettischenLettland/Latvialettisch Sprache. Die von Krišjānis BaronsBarons, Krišjānis um 1900 in sechs Bänden herausgegebene lettischeLettland/Latvialettisch VolksliedersammlungVolkVolkslied Latwju DainasDainas wiederum greift Herders Bemühen um den Erhalt von VolksliedernVolkVolkslied auf. Barons leistet die Synchonisierung eines dialektalDialekt/Mundart, stofflich und überlieferungshistorisch so vielfältigen wie reichhaltigen Liedcorpus im Namen einer antikolonialenKolonialismusAntikolonialismus EmanzipationsbewegungEmanzipation. KulturpolitischPolitik/politicskulturpolitisch geht es hier um die Vergegenwärtigung eines vormodernen Volkslebens unter den Bedingungen der Moderne.
Keywords: Mehrsprachigkeit; Volkslied; Synchronie; Kulturpolitik; Herder, Johann Gottfried; Barons, Krišjānis
Dieser Beitrag erfüllt das Thema ‚Gegenwartsliteratur‘ eher in einem abstrakten Sinn, denn es geht nicht um die Literatur unserer GegenwartGegenwart, sondern um die Frage, wie sich Literatur allgemein zu GegenwärtigkeitGegenwartGegenwärtigkeit verhalten kann, inwiefern sie in ihrem Gegenwartsverhältnis politischPolitik/politicspolitisch/political ist und wie sich es sich mit Blick auf SprachvielfaltSprachvielfalt artikuliert.1 Konkret behandele ich drei literatur- und kulturpolitischePolitik/politicskulturpolitisch Projekte des 18. und 19. Jahrhunderts, die in einem Zusammenhang stehen, auch wenn ich zahllose Zwischenschritte der Entwicklung, die sie verbindet, auslassen muss. Im Anschluss an einleitende Überlegungen zum Problem zeitgemäßenZeitgemäßheitzeitgemäß Sprechens (1) und zum Spannungsfeld von SynchronieSynchronie und Sprachvielfalt (2) wende ich mich zunächst der VolksliedersammlungVolkVolkslied von Johann Gottfried HerderHerder, Johann Gottfried zu, die bekanntlich im heutigen LettlandLettland/Latvia ihren Ausgang nahm (3), und sodann zwei Publikationen, die dieses Projekt in einem je spezifischen Sinne fortsetzen, die lettischenLettland/Latvialettisch Dseesmiņas (‚LiedchenLied‘) von Juris AlunānsAlunāns, Juris und Latwju DainasDainas (lettischeLettland/Latvialettisch VolksliederVolkVolkslied) von Krišjānis BaronsBarons, Krišjānis (4). Abschließend versuche ich aus dem Erarbeiteten allgemeinere Schlussfolgerungen zu ziehen (5).
Für HerdersHerder, Johann Gottfried Volksliedprojekt wird aufgezeigt, dass es einer zeitgemäßenZeitgemäßheitzeitgemäß Erneuerung oder sogar Neubegründung der deutschsprachig-muttersprachlichen Lyrik durch SynchronisierungSynchronieSynchronisierung mit anderssprachigenanderssprachig Traditionen und Ausdruckspotentialen zuarbeitet. Die Publikation von ins LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian übersetzten ‚LiedchenLied‘ durch AlunānsAlunāns, Juris hat ein vergleichbares Ziel, während BaronsBarons, Krišjānis die in den lettischsprachigen Gebieten nicht zuletzt dank Herder in Gang gekommene Volksliedersammeltätigkeit mit einem emanzipatorischen Impuls aufnimmt. Auch in diesen beiden Fällen geht es um die Synchonisierung von SprachvielfaltSprachvielfalt, allerdings expliziter im Namen einer neu zu begründenden Nationalität. Was die Theorie der Sprachvielfalt angeht, so beziehe ich mich auf einschlägige Arbeiten aus der jüngeren Zeit, ziehe aber auch Ferdinand de SaussureSaussure, Ferdinand de hinzu, und zwar deshalb, weil er zum Zusammenhang von Sprachvielfalt und SynchronieSynchronie Argumente beigetragen hat, die heute leider zu wenig bekannt sind.
1 Sprechen und GegenwartGegenwart
Dass SprachvielfaltSprachvielfalt immer Gegenstand politischerPolitik/politicspolitisch/political Auseinandersetzung gewesen ist, wundert nicht, erzeugt sie doch Grenzen des Verstehens und damit vielfältige In- und Exklusionseffekte. Eben diese Effekte sind gerne Gegenstand von Geschichten und diese Geschichten wiederum machen gerne PolitikPolitik/politics. Gerade Geschichten von sprachlicher Inklusion – beispielsweise die Geschichte des PfingstwundersPfingstwunder – können weitreichende Folgen zeitigen, ausgesprochen exklusiv wirken und viel Gewalt nach sich ziehen. Immerhin resultierte die Verheißung einer menschheitlichen Verständigung im rechten Glauben, als die Petrus das Wunder der ApostelgeschichteApostelgeschichte zufolge deutete (Apg. 2), in einer zwei Jahrtausende währenden Bewegung der Mission, an die das Sendungsbewusstsein der westlichen Gesellschaften noch heute anschließt.
Mir geht es im Folgenden indes nicht – oder doch nicht in erster Linie – um Fragen der In- und Exklusion, der literarischen Repräsentation oder der SprachpolitikSprachpolitik im engeren Sinne des Wortes. Ich schlage vielmehr einen Ebenenwechsel vor und möchte fragen, wie der literarische Umgang mit SprachvielfaltSprachvielfalt mit einem Grundproblem jeden politischenPolitik/politicspolitisch/political Engagements verbunden ist, nämlich mit der Frage der ZeitgemäßheitZeitgemäßheit, genauer: des GegenwartsbezugsGegenwartGegenwartsbezug.
Dieses Grundproblem lässt sich recht einfach erläutern: Wir alle wissen, dass jedwede Intervention in die komplexen Zusammenhänge und Prozesse insbesondere (aber nicht nur) moderner Gesellschaften unter anderem deswegen so schwierig ist, weil man immer erst im Nachhinein weiß, ob man den rechten Augenblick für die Intervention gefunden haben wird. Diesen rechten Augenblick kennzeichnet, dass sich eine Art Lücke auftut, in die herein man wirken und Strukturen verändern kann; die MetapherMetapher/metaphor des Zeitfensters oder die Allegorie der occasio, der Gelegenheit, die man beim Schopfe ergreifen muss, machen dies deutlich. Dieser heikle GegenwartsbezugGegenwartGegenwartsbezug des politischenPolitik/politicspolitisch/political Handelns hat heute oft langwierige Streitigkeiten um Tagesordnungen, Wahltermine etc. zur Folge, aber er bedingt auch, dass beispielsweise das Dasein eines Revolutionärs oft aus nichts als langem Warten besteht. Kurzum: das Problem, das eigene Handeln mit prinzipiell unvorhersehbaren Umweltprozessen so synchronisieren zu müssen, dass man seine Ziele erreichen kann, stellt sich für politischePolitik/politicspolitisch/political Bewegungen jeglicher Couleur.1
Ich kann an dieser Stelle keine ausgearbeitete Theorie des politischenPolitik/politicspolitisch/political Umgangs mit Zeit entfalten, noch kann ich erschöpfend behandeln, welche Folgen das Problem der ZeitgemäßheitZeitgemäßheit und des GegenwartsbezugsGegenwartGegenwartsbezug für das politischePolitik/politicspolitisch/political Engagement von Literatur im allgemeinen hat. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass im Falle der Literatur die medialen Rahmenbedingungen zusätzliche Komplikationen mit sich bringen. Das hängt zum einen mit den Bedingungen von SchriftlichkeitSchriftSchriftlichkeit zusammen. Eine Intervention qua SchriftSchrift kann den Zeitpunkt, zu dem sie stattfindet, nur bedingt selbst bestimmen. Papier ist geduldig, und wann wer was liest, weiß man vorher nie. Literatur wendet sich daher immer schon an viele unterschiedliche Gegenwarten. Das dies riskant ist, weiß schon der Sokrates aus Platons Phaidros (275 c). Zum anderen führt das für Literatur charakteristische Engagement von Einbildungskraft und Phantasie zu potentiellen Kontrollverlusten. Wir wissen bekanntlich nie, wohin uns Einbildungskraft und Phantasie, wenn wir uns ihnen einmal überlassen, führen werden – und wie viel größer ist das Risiko, wenn wir die Produkte unserer Einbildungskraft dann auch noch anderen überlassen.2
Damit ist ein Problem benannt, das sich für das politischePolitik/politicspolitisch/political Engagement von Literatur mit Blick auf ihren GegenwartsbezugGegenwartGegenwartsbezug ergibt – wie auch immer unzureichend und verkürzt. Wie verhält sich dieses Problem zur Frage der SprachvielfaltSprachvielfalt? Einen ersten Hinweis auf dieses Verhältnis kann man den Grundannahmen der RhetorikRhetorik/rhetoric entnehmen. Denn die Anpassung einer Rede an die jeweilige Situation, die Frage des aptumaptum, ist dort immer schon (auch) eine Frage der richtigen Auswahl der sprachlichen Mittel, die – sonst könnte man nicht auswählen – immer schon als vielfältig vorgestellt sind. Man muss, wie man dann sagt, die richtige Sprache finden. Man meint damit zwar im allgemeinen nicht die Auswahl zum Beispiel zwischen DeutschDeutschlandDeutsch und UngarischUngarisch. Aber ich möchte im Folgenden argumentieren, dass zwischen dieser Auswahl und derjenigen der richtigen sprachlichen Mittel zumindest eine funktionale Äquivalenz besteht.
Das wird besonders dann deutlich, wenn man die Frage nach der SprachvielfaltSprachvielfalt systematisch zusammendenkt mit derjenigen der Sprachentwicklung. Sprachvielfalt ist immer Ergebnis von Sprachentwicklung, und Sprachentwicklung findet potentiell in jedem Moment von SprachgebrauchSprachgebrauch statt.3 Der engagierte, also auf eine Wirkung bedachte Gebrauch sprachlicher Mittel ist potentiell immer auch auf Sprachentwicklung, auf die zeitgemäßeZeitgemäßheitzeitgemäß Veränderung von Sprache aus und wirkt damit an der Gestaltung von Sprachvielfalt mit. Der GegenwartsbezugGegenwartGegenwartsbezug von Literatur besteht daher immer auch darin, dass sie auf Sprache selbst einwirkt und Sprache verändert. Sie möchte Zeitfenster und Gelegenheiten nutzen, um neue Sprache, zeitgemäßereZeitgemäßheitzeitgemäß Sprechweisen zu etablieren. Das politischePolitik/politicspolitisch/political Moment des literarischen Umgangs mit Sprachvielfalt besteht also auch darin, dass der Umgang mit der Zeitlichkeit von Sprache zugleich ein Umgang mit ihrer Vielfalt ist und umgekehrt.
2 Andere Sprachen I: Das Paradox der SynchronieSynchronie (SaussureSaussure, Ferdinand de)
Bevor ich zu meinen literarischen Beispielen komme, möchte ich in einem ersten Schritt einige theoretische Vorüberlegungen anstellen. Sie betreffen weit verbreitete Vorstellungen davon, was unter einer Sprache zu verstehen sei – Vorstellungen, die ihrer Wirkmächtigkeit zum Trotz daran hindern, das politischePolitik/politicspolitisch/political Moment literarischer SprachvielfaltSprachvielfalt voll in den Blick zu bekommen.
Es gehört zum Gemeinwissen der Geschichte der LinguistikLinguistik, dass sowohl Ferdinand de SaussureSaussure, Ferdinand de als auch die strukturalistische Saussure-Rezeption die aus dem 19. Jahrhundert herrührende, eng mit der MetapherMetapher/metaphor der MutterspracheMuttersprache/mother tongue verbundene Beschreibung von EinzelsprachenEinzelsprache als Quasi-Organismen, an deren Wachstum man dann interessiert war, ablehnen.1 Saussure – und ich spreche hier in erster Linie von dem Saussure der Notizbücher, nicht von dem Saussure des Cours2 – hat unter anderem darauf hingewiesen, dass zwar einerseits der Sprachwandel, dem sich der Großteil der Sprachforschung des 19. Jahrhunderts gewidmet hatte, erklären kann, woraus sich gegebene SprachstrukturenSprachstrukturen entwickelt haben; dass andererseits aber diese ‚Erklärung‘ nichts darüber aussagt, wie wirkliche Sprecherinnen mit ‚ihrer‘ Sprache umgehen (Saussure 2003: 285–29). Die Beschreibung des Zustands der Sprache hat so betrachtet mit der Beschreibung der Geschichte der Sprache nichts zu tun, obwohl die Möglichkeitsbedingungen des Sprechens und die Sprachgeschichte zugleich wechselseitig aufeinander bezogen sind. Dabei macht Saussure gerade das Sprechen (paroleparole) in seiner jeweiligen situativen GegenwärtigkeitGegenwartGegenwärtigkeit für den Sprachwandel verantwortlich: Das Sprechen greift zwar rekursiv auf la languelangue als Bedingung seiner Möglichkeit zurück, ist aber zugleich selbst Bedingung der Möglichkeit für deren Reproduktion und kann sie jederzeit verändern, ohne dass die Sprecher dies wiederum jemals planen könnten. Die Einheit der Sprache erweist sich damit als paradoxe Gleichzeitigkeit von Kontinuität und Diskontinuität: Weil man immer weiter spricht, verändert sich die Sprache (Saussure 2003: 251). Sprache ist zu ihrer Fortsetzung dauernd auf „Identitätsurteil[e]“ (Saussure 2003: 298) der Sprecherinnen angewiesen, die (synchron) auf ein Gegebenes verweisen, das sie zugleich (diachron) womöglich modifizieren. Die langue, von der Saussure in den Notizbüchern spricht, ist daher eine durch und durch paradoxale Bezugsgröße. Sie hat als soziale Tatsache keinen festen Ort, an dem sie auffindbar wäre. Sie muss zwar durchgängig als konkret wirksame soziale Tatsache vorgestellt werden, doch ihre Rekonstruktion in Form von Regelwerken löst sie gerade aus dem dynamischen sozialen Zusammenhang, innerhalb dessen allein sie hier und jetzt existiert, heraus.
Diese Einsicht SaussuresSaussure, Ferdinand de wird in der Bearbeitung der Vorlesungsmitschriften, die dem Cours zugrundeliegen, überdeckt. Vor allem aber hat die auf dem Cours aufbauende strukturalistische LinguistikLinguistik die Paradoxie des languelangue-Begriffs weitgehend dadurch ausgeblendet, dass sie ihn in erster Linie auf EinzelsprachenEinzelsprache bezogen und diese wiederum als abgelöst von jeder soziokulturellen und historischenhistorisch Bindung betrachtet hat. Der Saussure der Notizen spricht aber nicht zufällig durchgängig von la languelangue – und eben nicht von une langue oder von langueslangue im Plural (vgl. Stockhammer 2014: 348–352). Er denkt keinesfalls daran, der synchronen Sprachwissenschaft die Aufgabe zu geben, auf der Grundlage entweder von Korpusanalysen oder von muttersprachlicher Introspektion jeweils die unterschiedlichen langueslangue an sich zu rekonstruieren, die Sprecher benutzen, um einzelsprachige parolesparole zu produzieren. Eher hätte la langue, auf Saussures Notizen aufbauend, auch als etwas Nicht-Einsprachiges gedacht werden könnte, etwa so, wie sich Jacques DerridaDerrida, Jacques (1996) die „EinsprachigkeitEinsprachigkeit des Anderen“ vorstellt – als singuläre, aber in sich vielgestaltige Sprachfähigkeit des Einzelnen (in diesem Sinne: „Einsprachigkeit …“), die zugleich vollständig auf die Einflussnahme der sehr unterschiedlichen Sprechweisen vieler anderer Sprecher zurückgeht (in diesem Sinne: „… des Anderen“).
Die Geschichte der LinguistikLinguistik und der Sprachphilosophie hat viele Versuche gesehen, die von SaussureSaussure, Ferdinand de in den Blick genommene paradoxale Zeitlichkeit von Sprache in den Griff zu bekommen. Besonders bekannt ist Wilhelm von HumboldtsHumboldt, Wilhelm von Rede von ergon und energeia, also dem systematischen Aspekt von Sprache, ihrer Orientierung an ‚Regeln‘ einerseits und ihrem kreativen, potentiell die Regeln überschreitenden und den Sprachwandel antreibenden Gebrauch andererseits (Humboldt 1836: 46). Vor dem Hintergrund der angeführten Arbeit von DerridaDerrida, Jacques ist insbesondere Michail BachtinsBachtin, Michail Hinweis darauf erwähnenswert, dass sich der Horizont der languelangue als des wie auch immer regulären Bereichs, auf den sich konkretes, gegenwärtiges Sprechen bezieht, ebenfalls aus nichts anderem als konkretem, gegenwärtigem Sprechen konstituiert, so dass im Grunde die Unterscheidung von langue und paroleparole selbst ins Wanken gerät (Holquist 2014; vgl. Bachtin 1934/35). In der ‚Einsprache‘, von der Derrida spricht, also in dem Sprachwissen, das einzelne Sprecherinnen benutzen, wenn sie hier und jetzt Rede produzieren oder rezipieren, ist die Rede der anderen intertextuellintertextuell/intertextual gegenwärtig und steht zugleich zur Disposition.
Mir ist dieser Zusammenhang, der natürlich eine viel ausführlichere Behandlung verdient hätte, deshalb so wichtig, weil er die alltägliche, aber auch viele wissenschaftliche Untersuchungen prägende Unterscheidung von Ein- und MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit berührt, die bestimmt, es sei Mehrsprachigkeit, wenn irgendwo (in einer Person, in einem Text) mehrere Sprachen vorkommen (eine Person kann EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian und DeutschDeutschlandDeutsch, der Zauberberg mischt DeutschDeutschlandDeutsch und FranzösischFrankreichFranzösisch). Auf der Grundlage dieser Bestimmung ist es einfach, Mehrsprachigkeit ‚politischPolitik/politicspolitisch/political‘ zu befürworten. Aber diese Bestimmung unterschlägt nicht nur die ursprüngliche Vielfältigkeit von la languelangue als Grundlage des Sprechens und ersetzt sie durch ursprüngliche Einheit (EinzelsprachenEinzelsprache); sondern sie übersieht überdies, dass die Quelle von SprachvielfaltSprachvielfalt das konkrete, die Grenzen der EinsprachigkeitEinsprachigkeit überschreitende Sprechen im Hier und Jetzt ist.
Das wiederum heißt für die Analyse von literarischer SprachvielfaltSprachvielfalt, dass sie sich nicht damit zufrieden geben darf zu konstatieren, welche Sprachen Autoren benutzten, um dies dann z.B. politischPolitik/politicspolitisch/political zu interpretieren. Die Frage muss vielmehr auch sein, wie Texte auf je unterschiedliche, mehr oder weniger konkret rekonstruierbare sprachliche Ressourcen zurückgreifen und wie sie sich zur potentiellen Vielfalt dieser Ressourcen stellen (siehe ausführlich Dembeck 2018 sowie Dembeck/Parr 2017). Aus dieser Perspektive kann man die politischePolitik/politicspolitisch/political Dimension literarischer Sprachvielfalt ergründen, indem man überprüft, inwiefern Texten unterstellt werden kann, dass sie Sprache verändern wollen, und indem man zeigt, mit welchen sprachlichen Mitteln sie dies tun. Dabei können dann im Grunde alle jene Strukturen eine Rolle spielen, welche LinguistikLinguistik und LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft mit Blick auf Sprachvielfalt unterscheiden, also z.B. SoziolekteSoziolekt, DialekteDialekt/Mundart und nationaleNationnational Standardsprachen, aber auch poetischePoetik/poeticspoetisch Formen wie Metren oder andere Gattungstraditionen. Daher darf eine MehrsprachigkeitsphilologieMehrsprachigkeitMehrsprachigkeitsphilologie sich nicht auf die Analyse von MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit im soeben genannten alltäglichen Sinn des Wortes beschränken, sondern muss alle Formen von Sprachvielfalt, alle Formen divergenter sprachlicher Mittel einbegreifen.
3 Literatur I: VolksliederVolkVolkslied und MutterspracheMuttersprache/mother tongue (Herder Herder, Johann Gottfried)
Eine Vorstellung, die besonders viele politischePolitik/politicspolitisch/political Einsätze mit Blick auf literarische SprachvielfaltSprachvielfalt motiviert, ist diejenige der MutterspracheMuttersprache/mother tongue. Wir haben bereits gesehen, dass in vielen Bereichen der LinguistikLinguistik zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Einsicht in die unhintergehbare Komplexität des jederzeit wandelbaren, sich selbst stabilisierenden Geschehens ‚Sprache‘ zwar zur Verabschiedung der organologischen Modelle der vormaligen historischenhistorisch Sprachwissenschaft führte, nicht aber zur Verabschiedung des Narrativs der MutterspracheMuttersprache/mother tongue. Im Gegenteil: Die MutterspracheMuttersprache/mother tongue ist der feste Grund, auf den sich die languelangue-Linguistik problemlos beziehen zu können glaubt – gleich, ob dies durch die Beobachtung von Sprecherinnen oder durch die Introspektion muttersprachlicher Linguisten selbst geschieht. Im Muttersprachler glaubt man bis heute – und das gilt nicht nur für viele Richtungen der Linguistik, sondern vor allem auch für das Alltagsverständnis – Sprachen als unproblematisch zu bezeichnende und wohlunterschiedene Einheiten dingfest machen zu können. Ich möchte anhand meines ersten Beispiels die literarischen Anfänge dieser Argumentationsfigur in den Blick nehmen und widme mich daher – wenn auch nur in einer arg verkürzten Skizze – Johann Gottfried HerderHerder, Johann Gottfried.
Bereits in HerdersHerder, Johann Gottfried frühen SchriftenSchrift, genauer: in den Fragmenten Über die neuere deutscheDeutschlanddeutsch Literatur von 1767/68, geschrieben in Riga, findet sich eine mustergültige Formulierung zum Zusammenhang von MutterspracheMuttersprache/mother tongue und Literatur, die auf SprachvielfaltSprachvielfalt und Sprachentwicklung bezogen werden kann.1 Herder postuliert, dass Originalliteratur nur in der MutterspracheMuttersprache/mother tongue geschrieben werden könne:
[W]enn in der Poesie der Gedanke und Ausdruck so fest an einander kleben: so muß ich ohne Zweifel in der Sprache dichten, wo ich das meiste Ansehen, und Gewalt über die Worte, die größeste Känntnis derselben, oder wenigstens eine Gewißheit habe, daß meine Dreustigkeit noch nicht Gesetzlosigkeit werde: und ohne Zweifel ist dies die MutterspracheMuttersprache/mother tongue. (HerderHerder, Johann Gottfried 1767: 407)
Auf den ersten Blick scheint HerderHerder, Johann Gottfried hier die MutterspracheMuttersprache/mother tongue genau im Sinne der languelangue-LinguistikLinguistik zu bestimmen, und David Martyn hat dementsprechend einen Großteil seines Arguments über die Entstehung der modernen EinsprachigkeitEinsprachigkeit auf dieser Passage aufgebaut (Martyn 2014). In der Muttersprachlerin scheint die MutterspracheMuttersprache/mother tongue inkarniert, und in ihr sind für ihn wiederum „Gedanke und Ausdruck“ ununterscheidbar. Allerdings ist die MutterspracheMuttersprache/mother tongue für Herder eben nicht ein feststehendes Regelwerk, sondern vielmehr Garant sprachlicher Kreativität. Es geht ihm ja gerade um die Beförderung von OriginalitätOriginalität. Weil aber die Originalität des Denkens in Herders Augen von der Besonderheit des Ausdrucks abhängt, ja, mit ihr identisch ist, muss man bei der Produktion origineller poetischerPoetik/poeticspoetisch Werke dasjenige sprachliche MediumMedienMedium nutzen, das als einziges unmittelbar an die KognitionKognition gebunden ist, also die MutterspracheMuttersprache/mother tongue.
So schlüssig dies auch klingt, so ist es doch wichtig zu registrieren, welche Denkmöglichkeit HerdersHerder, Johann Gottfried Überlegungen ausschließen. Denn es liegt auf der Hand, dass literarische OriginalitätOriginalität prinzipiell im Rückgriff auf alle möglichen Arten von SprachvielfaltSprachvielfalt erreicht werden könnte, ohne die Beschränkung auf die eine MutterspracheMuttersprache/mother tongue. Dies läge im Grunde in der Konsequenz der OriginalitätsästhetikOriginalitätOriginalitätsästhetik und des Innovationszwangs der modernen Literatur, die immer von „Dreustigkeit“ getrieben sein muss. Herder lässt das aber nicht gelten, und zwar, weil diese Dreistigkeit in „Gesetzlosigkeit“ münden könnte. Es ist, so gesehen, das paradoxe Bestreben, zugleich innovativ und in der Tradition verhaftet zu sein, vor dessen Hintergrund Herder die MutterspracheMuttersprache/mother tongue als festen Grund beschwört. Gerade weil es der „neueren deutschenDeutschlanddeutsch Literatur“ auf Originalität ankommt, weil sie im Kern eine Form der sprachlichen Kreativität und „Dreustigkeit“ ist, weil sie also Sprachentwicklung und damit Sprachvielfalt befördert, sieht sich Herder, will er „Gesetzlosigkeit“ vermeiden, dazu gezwungen, die erlaubten Mittel zu ihrer Erzeugung einzuschränken.
HerdersHerder, Johann Gottfried Streben nach OriginalitätOriginalität gründet in der wohlwollenden Einsicht in die Eigendynamiken der Moderne, die nach neuen (literarischen) Mitteln verlangt; es ist insofern in einem ganz grundlegenden Sinne politischPolitik/politicspolitisch/political. In anderen Zusammenhängen, z. B. in seiner 1778/79 veröffentlichten VolksliedersammlungVolkVolkslied, hat Herder durchaus auch auf anderssprachigeanderssprachig poetischePoetik/poeticspoetisch Formen und Quellen als MediumMedienMedium der Erneuerung zurückgegriffen.2 Größtenteils im MediumMedienMedium der ÜbersetzungÜbersetzung/translation präsentiert er hier bekanntlich liedförmige Texte aus sehr unterschiedlichen Kontexten und Zeiten, denen aber gemeinsam ist, dass sie Originale sein sollen in dem Sinne, den Herder dem Wort zuvor sowohl in seinen Überlegungen zur Ode als auch in seinem Ossian-Briefwechsel gegeben hatte: So wie die antiken Oden Herder zufolge an der Grenze von Natur- und Sprachlaut arbeiten, dem SprachmaterialSprachmaterial also seine Ausdrucksfähigkeit erst abgewinnen, erschließen die Herder’schen VolksliederVolkVolkslied neue Formen des sprachlichen Ausdrucks; sie sind sprachschöpferisch und können gerade deshalb einer neuen Zeit dienlich sein. Die unterstellte Nähe zum VolkVolk ist nur bedingt in einem modernen nationalenNationnational Sinne zu verstehen, und die „neuere deutscheDeutschlanddeutsch Literatur“, der die VolksliedersammlungVolkVolkslied sich zurechnet, ist auch im alten Sinne des Wortes ‚deutschDeutschlanddeutsch‘, also ‚vom Volk‘, indem sie dessen undisziplinierte Energie kanalisiert – in ein allerdings zumindest auf der Oberfläche einsprachiges MediumMedienMedium.
Anders als viele anschließende Projekte – darauf komme ich gleich zurück – ist HerdersHerder, Johann Gottfried VolksliedersammlungVolkVolkslied daher nur bedingt ein Instrument der Nationenbildung. Es geht natürlich um Anschluss an die Tradition, sowohl mit Blick auf deutscheDeutschlanddeutsch Kultur als auch mit Blick auf das Gedächtnis der Menschheit. Politisch ist die Sammlung aber auch und vor allem als Instrument der sprachlichen Erneuerung. Explizit betont dies das Schlusswort der Sammlung, das nicht nur die Offenheit der Sammlung für Ergänzungen hervorhebt, sondern eine produktive Rezeption auch jenseits des Sammelns in Aussicht stellt. Herder rät seinem Leser, die LiederLied nicht „in Einem Atem fortzulesen, damit er das Buch abtue und justifiziere“, auch nicht „sich schwindelnd aus Völkern in Völker [zu] werfen“, also aus ethnologischemethnologisch Interesse zu lesen, sondern „jedes Stück an seiner Stelle und Ort [zu] betrachten“ (Herder 1778/79: 427). Damit ist nicht zuletzt der durch die Sammlung, durch den Druck selbst gegebene Zusammenhang gemeint.3 Die Sammlung stilisiert sich als zeitgemäßerZeitgemäßheitzeitgemäß Rahmen, als Anordnung, die den einzelnen Texten hier und jetzt Bedeutsamkeit gibt. Die Herder’schen VolksliederVolkVolkslied sind in emphatischem Sinne Gegenwartsliteratur, ja, sie sollen die Erneuerung der Poesie katalysieren. Er könne, so Herder, „sehr beredt sein, wenn ich von dem Nutzen schwätzen wollte, den manche verdorrte Zweige unsrer Poesie aus diesen unansehnlichen Tautropfen fremderFremdheitfremd Himmelswolken ziehen könnten. Ich überlasse dies aber dem Leser“ (Herder 1778/79: 427). Da schon die Einleitung zum zweiten Teil der Sammlung die gegebenen LiederLied als „Materialien zur Dichtkunst“ (Herder 1778/79: 245) ausweist, darf man hierin eine Aufforderung zur Fortsetzung sehen, aber nicht nur zur Sammlung weiterer Materialien, sondern auch zur Produktion zeitgenössischer Originaldichtung. Es ist den Rezipienten aufgegeben, eine populäre Form der lyrischen Dichtung zu entwickeln, die tatsächlich ‚lebendig‘, das heißt, zukunftsfähig ist.
Es ist diese abschließende Geste, die HerdersHerder, Johann Gottfried Vorhaben auf die Spitze treibt und am deutlichsten demonstriert, worum es ihm bei der Sammlung der VolksliederVolkVolkslied geht: Sicherlich ist er auch auf der Suche nach volkstümlicher OriginalitätOriginalität im Interesse eines anthropologischenAnthropologieanthropologisch UniversalismusUniversalitätUniversalismus/universalisme, wie es Herders doppeldeutiger Begriff von ‚VolkVolk‘ nahelegt. Sicherlich dient die Besinnung auf Ursprünglichkeit auch dem Streben nach einer neuen Ganzheitlichkeit der menschlichen Existenz. Und sicherlich geht es auch um die Stiftung einer „Zusammenstimmung“, wie Gaier formuliert (1990: 879). Allerdings ist diese Harmonisierung nicht im Sinne von Folklore gemeint, und sie ist auch weniger bewahrend orientiert als avantgardistisch. Herder will die Konstitution einer neuen Gattung initiieren, die er VolksliedVolkVolkslied nennt und der ‚lyrischen Dichtung‘ zuordnet. Diese Gattung soll sich durch Modulation fortschreiben, sie soll ein großes nationalesNationnational und internationales Publikum erreichen, in diesem modernen Sinne populär sein – und im MediumMedienMedium des Drucks ermöglichen, was die alte Volksdichtung im MediumMedienMedium der MündlichkeitMündlichkeit ermöglicht hat.4 Von hier aus lässt sich auch Herders Wertschätzung originaler Poesie im historischenhistorisch Sinne verstehen. Denn OriginalitätOriginalität, ob sie nun alt oder neu ist, muss letztlich immer als Folge der unvorhersehbaren modulierenden Veränderung überkommener Formen verstanden werden.
HerderHerder, Johann Gottfried hat den Zeitpunkt der Publikation seiner VolksliedersammlungVolkVolkslied lange herausgezögert – aus unterschiedlichen Gründen, aber unter anderem auch deshalb, weil er daran zweifelte, die Zeit sei bereit für sie. Und offenkundig dienen die Anordnung und der Rahmen, die Herder seiner Sammlung gibt, auch zur Einhegung jener potenzierten Gefahr der Fehlwirkung, der sich, wie eingangs ausgeführt, jede literarisch-politischePolitik/politicspolitisch/political Intervention aussetzt. Vor diesem Hintergrund ließe sich fragen, inwiefern die Gesetzestreue, der sich die Herder’sche Muttersprachensemantik verschreibt und die auch im Einsprachigkeitsprinzip der VolksliedersammlungVolkVolkslied zum Ausdruck kommt, vielleicht weniger aus Überzeugung denn aus Wirkungskalkül gesucht wird. Herder ist womöglich weniger der ‚Erfinder‘ der modernen Muttersprachlichkeitssemantik,5 als dass er die literarische OriginalitätsästhetikOriginalitätOriginalitätsästhetik schlicht besonders geschickt an sprachpolitischeSprachpolitiksprachpolitisch Tatsachen angepasst hat. Immerhin lassen sich auch jenseits der Muttersprachensemantik starke evolutionäre Kräfte benennen, welche die moderne EinsprachigkeitEinsprachigkeit begünstigt haben – der durch den BuchdruckBuchdruck ausgelöste StandardisierungsdruckStandardStandardisierung ist eine davon. Wie dem auch sei, klar ist, dass für Herder eine Literatur, die zeitgemäßZeitgemäßheitzeitgemäß sein und auf GegenwartGegenwart wirken will, an der Diversifizierung der sprachlichen Mittel arbeiten muss. Vielleicht ist die programmatische EinsprachigkeitEinsprachigkeit der Literatur, wie Herder sie ins Auge fasst, nur ein politischerPolitik/politicspolitisch/political Trick, der es ermöglicht, überhaupt SprachvielfaltSprachvielfalt zur Entfaltung kommen zu lassen.
4 Literatur II: Dseesminas und DainasDainas (Alunāns Alunāns, Juris und Barons Barons, Krišjānis)
Ein im weitesten Sinne literarisches Projekt aus dem baltischenBaltikumBaltisch Raum, das gerne mit HerdersHerder, Johann Gottfried VolksliedersammlungVolkVolkslied in Verbindung gebracht wird, ist die Sammlung sowie vor allem Redaktion und Ordnung einer sehr großen Zahl lettischerLettland/Latvialettisch VolksliederVolkVolkslied oder DainasDainas (wie der litauischeLitauenlitauisch Begriff für VolksliederVolkVolkslied lautet) durch Krišjānis BaronsBarons, Krišjānis.1 Die Verbindung ist naheliegend, geht doch Herders Interesse am VolksliedVolkVolkslied unter anderem auf seinen Kontakt mit lettischenLettland/Latvialettisch VolksliedernVolkVolkslied in seiner Rigenser Zeit zurück. Und auch wenn Barons in seiner Einleitung zum ersten Band der Latwju DainasDainas von 1894 (die restlichen fünf Bände erschienen bis 1915) Herder mit keinem Wort erwähnt, so ist doch seine Sammeltätigkeit ebenso wie die einer Vielzahl von Vorläufern und Mitarbeitern durch Herder inspiriert.2 Allerdings gilt für Barons Latwju Dainas, was eben für Herders VolksliedersammlungVolkVolkslied nicht gesagt werden kann: Sie sind, ebenso wie die zwischenzeitlich im deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Raum auf den Weg gebrachten Projekte (z.B. Des Knaben Wunderhorn), Teil einer (anti-kolonialen!) nationalenNationnational KulturpolitikPolitik/politicsKulturpolitik.3 Dabei arbeitet sich auch Barons’ Projekt, wie ich zeigen möchte, an der Problematik einer zeitgemäßenZeitgemäßheitzeitgemäß Präsentation des in den DainasDainas vorliegenden Kulturerbes ab. Barons politischesPolitik/politicspolitisch/political Engagement zwingt ihn sehr unmittelbar zur Auseinandersetzung mit Fragen von Sprachentwicklung und SprachvielfaltSprachvielfalt, die er in einem ausgesprochen modernen Sinne angeht.
Bevor ich zu BaronsBarons, Krišjānis komme, sei mit einem Seitenblick aber noch ein Unternehmen zumindest gestreift, das eine andere Linie des HerderHerder, Johann Gottfried’schen Engagements aufgreift, nämlich Juris AlunānsAlunāns, Juris’ Sammlung übersetzter Dseesmiņas, LiedchenLied, die 1856 in Tartu erschienen ist. Alunāns, der als Schöpfer einer Vielzahl von Neologismen im LettischenLettland/LatviaLettisch/Latvian gilt, widmete sich mit dieser Sammlung der modernen europäischenEuropaeuropäisch (tatsächlich vor allem der deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig) Lyrik, und zwar mit dem Ziel einer Modernisierung des LettischenLettland/LatviaLettisch/Latvian. Alunāns geht es vordergründig um eine Säuberung der lettischenLettland/Latvialettisch Sprache von Fremdeinflüssen, und das Nachwort zu seiner Sammlung enthält umfassende Vorschläge dazu, wie anderssprachigeanderssprachig Eigennamen besser als bisher ins LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian und die ihm eigentümliche Wortbildung eingefügt werden könnten (Alunāns 1856: 62–70). (Sehr viele dieser Vorschläge haben sich tatsächlich durchgesetzt.) Die Säuberung impliziert aber nicht nur eine Systematisierung des Regelwerks der lettischenLettland/Latvialettisch Sprache, sondern auch ihrer Fortbildung in Auseinandersetzung mit anderen Sprachen. LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian soll eine eigenständige Sprache nach dem Modell des DeutschenDeutschlandDeutsch und anderer europäischerEuropaeuropäisch NationalsprachenNationNationalsprache werden – es geht Alunāns, so gesehen, um die Selbstermächtigung eines kolonialisierten IdiomsIdiom, er sucht den Anschluss an die (sprachliche) Moderne EuropasEuropa. Diesem Ziel dienen die ÜbersetzungenÜbersetzung/translation, die einen ähnlichen Modernisierungsschub initiieren wollen wie Herders VolksliederVolkVolkslied. Alunāns möchte eine gewisse formale Bandbreite zur Schau stellen und legt Wert darauf, den Übersetzungscharakter der Texte, selbst wenn die Originale größtenteils beigegeben sind, zu verschleiern. Die ÜbersetzungenÜbersetzung/translation sollen sich wie Originale lesen, und so setzt denn die Sammlung ein mit einer ÜbersetzungÜbersetzung/translation von Heines Loreley-Gedicht, das im LettischenLettland/LatviaLettisch/Latvian mit „Laura“ überschrieben ist und an der Daugava spielt, nicht am Rhein (Alunāns 1856: 6–7).
Zurück zu BaronsBarons, Krišjānis. Natürlich ist es ganz unmöglich, ein derartig umfassendes Projekt wie die Latwju DainasDainas hier und jetzt angemessen zu würdigen.4 Ich beschränke mich auf eine Lektüre der Einleitung von 1894, in der Barons ausführlich über die Entstehung der Sammlung und über die Schwierigkeiten Auskunft erteilt, die es vor der Publikation zu überwinden gab. Von Interesse sind dabei weniger die Ausführungen zur Sammeltätigkeit selbst. Hervorgehoben werden muss lediglich, dass sich Barons der Unvollständigkeit und des kontingenten Zuschnitts seiner Sammlung genau bewusst ist: Das lettischsprachige Territorium ist weder gleichmäßig noch vollständig repräsentiert. Wichtiger ist die Frage, wie Barons mit der enormen Mannigfaltigkeit des gesammelten Materials umgeht und wie er seine Entscheidungen begründet.5
Die Mannigfaltigkeit des gesammelten Materials ergibt sich zum ersten aus einer enormen Vielfalt von VariantenVariante; sehr viele der erfassten DainasDainas sind von unterschiedlichen Quellen in unterschiedlicher Form übermittelt. Zum zweiten konstatiert BaronsBarons, Krišjānis eine gewisse formale Vielfalt; neben trochäischen oder dayktylischen Vierzeilern finden sich viele andere Formen. Zum dritten gibt es eine große Bandbreite an Stoffen und Themen. Barons betont, es mache keinen Sinn, die einzelnen DainasDainas in längere narrative Zusammenhänge zu binden. Zwar lägen durchaus Überlieferungen vor, die offenbar auf den Vortrag einer Vielzahl thematisch zusammenhängender DainasDainas zurückgehen; Barons zufolge sind solche Vorträge aber allein mnemotechnisch motiviert, d.h., sie gehen auf Memorierübungen zurück. Die Zersplitterung der DainasDainas in Tausende von Vierzeilern erzeugt nun aber eine besonders markante Unübersichtlichkeit. Zum vierten zeigen die Einsendungen eine dialektaleDialekt/Mundart Vielfalt, die durch die im 19. Jahrhundert noch stark schwankende (in Barons’ Worten: „truhziga“; Barons 1894: xiv) OrthographieOrthographie des LettischenLettland/LatviaLettisch/Latvian weiter verstärkt wird (so dass im Einzelnen nicht unbedingt klar ist, ob eine Abweichung von zu Barons’ Zeit sich etablierenden StandardsStandard auf dialektalenDialekt/Mundart Einfluss zurückgeht oder auf orthographische Unkenntnis).6
BaronsBarons, Krišjānis’ Umgang mit der auch sprachlichen Mannigfaltigkeit seines Gegenstands, die sich auf all diesen Ebenen entfaltet, zeichnet sich dadurch aus, dass er Lösungen findet, die auf mehreren Ebenen zugleich Komplexität reduzieren – und vermutlich hat seine Arbeit gerade deshalb eine so enorme Wirkung entfaltet. Die wichtigste dieser Lösungen liegt in der Anordnung der DainasDainas, welche die anschließende Folkloristik im Großen und Ganzen bis heute beibehalten hat und mit der meines Wissens noch heute jedes lettischeLettland/Latvialettisch Schulkind spätestens in der fünften Klasse bekannt gemacht wird. Diese Anordnung folgt im Wesentlichen dem Lebensrhythmus des VolksVolk. So schreibt Barons: „Jo dabiſkaki dſeeſmu eedaliſchana peeſleenàs tautas dſihwei, jo weeglaki un pareiſaki kahrtotajam weikſees dſeeſmas ſawâs nodaļâs eeweetot“ („Je natürlicher sich die Einteilung der LiederLied an das Leben des VolksVolk anschmiegt, desto einfacher und richtiger wird es dem Herausgeber gelingen, die LiederLied ihren Abteilungen zuzuordnen“; Barons 1894: xii).7 Um aber dem Leben des VolksVolk nahezukommen, genügt es nicht, nach dem Inhalt der LiederLied zu gehen, vielmehr muss man wissen, „wann und wo sie eigentlich zu singen sind“ („kad un kur tas pateeſi dſeedamas“; Barons 1894: xii), und der Herausgeber „nedrihkſt rihkotees weeglprahtigi, pats dſeeſmu pilnigi neſapratis, tikai ahriſchki turotees pee kautkahda wahrda, kas tanî minets“ („darf nicht so leichtsinnig verfahren, dass er, ohne völlig zu verstehen, sich nur äußerlich an irgendein Wort hält, das darin [im LiedLied] vorkommt“; Barons 1894: xii). Barons wendet sich aber nicht nur gegen eine Anordnung nach den in den DainasDainas behandelten Themen (z.B. also in LiederLied über die ‚Elemente‘, über Flora, Fauna und das Menschenleben), sondern auch gegen eine Anordnung nach Herkunftsort. Das Argument, auf diese Weise könne die dialektaleDialekt/Mundart VarianzVarianz des LettischenLettland/LatviaLettisch/Latvian vor Augen geführt werden, lässt er nicht gelten:
Ari dſeeſmu uſrakſtitaji dialektus, ja maſ, tad wiſai pawirſchi, nepilnigi un nekonſekwenti eewehrojuſchi. Wiņu leelaka daļa pat no wideem, kur walda it noteikta ſawada islokſne, uſrakſtijuſchi dſeeſmas muhſu rakſtu walodâ ar retàm iſlokſchņu peedewàm, ta ka ſcho pehdeju dehļ ween nebuhtu pareiſi, wispahrejâ krahjumâ dſeeſmas pehz weetàm ſchķirt. Tos retos, dialektu ſiņâ nopeetnos, plaſchakos manuſkriptu krahjumus, kas muhſu rokas nahkuſchi, doſim pehz eeſpehjas krahjuma beigàs ſawruhp un pilnigakâ ortografijâ. Beidſot, dſeeſmu ſadaliſchana pehz weetam ſarauſta nepareiſi paſchas dſeeſmu grupas, un ſchķir lihdſigas dſeeſmas tahlu weenu no otras, beſ kahdeem panahkumeem preekſch paſchas leetas. (BaronsBarons, Krišjānis 1894: xiv)
Allerdings haben die Schreiber die DialekteDialekt/Mundart, wenn überhaupt, dann nur ganz oberflächlich, unvollkommen und inkonsequent berücksichtigt. Die meisten von ihnen, selbst diejenigen aus Gegenden, in denen eine besonders ungewöhnliche Aussprache üblich ist, haben die LiederLied in unserer SchriftspracheSchriftSchriftsprache aufgezeichnet, mit einigen wenigen Beigaben in der originalen Aussprache, und schon deshalb wäre es nicht richtig, die LiederLied nach Orten anzuordnen. Die wenigen mit Blick auf den DialektDialekt/Mundart ernstzunehmenden, umfassenderen Handschriftensammlungen, die in unsere Hände gekommen sind, werden wir nach Möglichkeit am Ende der Sammlung für sich und in verbesserter OrthographieOrthographie zu lesen geben. Schließlich würde die Anordnung nach Orten zusammengehörige LiederLied auseinanderreißen und ähnliche LiederLied weit voneinander entfernen, ohne dass in der Sache etwas gewonnen wäre.
Was aber ist diese ‚Sache‘, in der etwas zu gewinnen ist? Das Beispiel, das BaronsBarons, Krišjānis im Anschluss an diese Stelle gibt, ist ausgesprochen erhellend. Barons erläutert, dass von den vielen unterschiedlichen Typen von Hochzeitsliedern, die jeweils in konkreten Situationen eine konkrete Funktion haben, die nach dem bisher Gesagten nur der ethnographischEthnographieethnographisch bewanderte Herausgeber einschätzen kann, von den meisten Orten jeweils nur wenige überliefert sind. Ein Gesamtbild der lettischenLettland/Latvialettisch Hochzeitsliedtradition kann so nicht entstehen – und genau dieses Gesamtbild ist aber die Sache selbst.8 Unterstellt wird also nicht nur die rhythmische Gleichförmigkeit des Volkslebens in den Lebensläufen und im Jahresverlauf, sondern auch, dass das Volksleben diesem einen RhythmusRhythmus/rhythm im gesamten lettischsprachigen Territorium folgt und damit so etwas wie das lettischeLettland/Latvialettisch VolkVolk überhaupt erst erzeugt.
Mit der gesamtlettischen ethnographischenEthnographieethnographisch Synthese wird, so ist der soeben zitierten Passage zu entnehmen, zugleich das Problem der sprachlichen Vielfalt der Quellen gelöst, wie auch dasjenige der VariantenVariante: Dialektale Differenzen können weitgehend beseitigt werden, weil sie zwar Ausdruck einer auch BaronsBarons, Krišjānis wichtigen lokalen PartikularitätPartikularität/particularité sind, aber sich eben doch auf den Lebensrhythmus eines einheitlichen VolksVolk zurückbeziehen. VariantenVariante werden zwar gesammelt und Barons gibt auch an, sie hätten allesamt in die gedruckte Sammlung Eingang gefunden; tatsächlich aber genügt ein exemplarischer Abgleich mit dem dainu skapis, dem ‚Volksliederschrank‘, der die handschriftlichen Vorlagen für den Druck der DainasDainas enthält, um zu zeigen, dass das nicht stimmt.9 Vor dem Hintergrund dieses Homogenisierungsprogramms kann Barons noch die UnzeitgemäßheitZeitgemäßheitUnzeitgemäßheit vieler DainasDainas zum Ausdruck einer tieferen Volkseinheit umdeuten:
Preekſch jaunakeem dſihiwes apſtahkļeem laba daļa no wiņàm rahdijàs nowezejuſchàs. Bet iſlobot muhſu tautas dſeeſmu ihſto weſeligo kodolu, mums atklahjàs wiņâs zilweka gara labakee idealee zenteeni, zilweka ſirds un dwehſeles daiļakàs, tikumigakàs, dſiļakàs juhtas, kas nekad nenowezejàs, lai ari wiſs zits ahriſchks ſawa laika peederums pahrgroſàs. (BaronsBarons, Krišjānis 1894: xviii)
Vor dem Hintergrund der neueren Lebensumstände erscheint ein Teil von ihnen [der LiederLied] veraltet. Aber wenn wir aus unseren VolksliedernVolkVolkslied den lebendigen Kern herausschälen, dann finden wir in ihnen die besten idealen Bestrebungen und die schönsten, verlässlichsten und tiefsten Gefühle der Seele, die nie veralten, selbst wenn sich alles Äußere, seiner Zeit Zugehörige verändert.
Die SynchronisierungSynchronieSynchronisierung des gesamtlettischen Volkslebens, die BaronsBarons, Krišjānis unternimmt, stellt also zugleich eine Verbindung her zu einer mythischen, in Zyklen organisierten Zeit, die sich über die lineare Zeit des Geschichtsverlaufs hinweg erhält. Diese mythische Zeit macht Barons unter anderem dadurch zugänglich, dass er die Effekte von Sprachentwicklung (hier: die DialekteDialekt/Mundart) ausblendet bzw. harmonisiert. Das Ergebnis dieser Harmonisierung ist dann aber als Sprache vertraut und fremdFremdheitfremd zugleich: „Pawirſchi laſitas, tautas dſeeſmas ir uſ mums runà it kà ſweſchadu walodu; bet tiklihdſ mehs dſiļaki, nopeetnaki wiņâs eeſkatamees, tiklihdſ mehs tuwaki ar wiņâm eedraudſejamees, tàs ja zeeſchaki muhs peewelk“ („Oberflächlich gelesen sprechen die VolksliederVolkVolkslied auch zu uns wie eine Art fremdartige Sprache; aber sobald wir sie tiefer, ernsthafter ansehen, sobald wie uns näher mit ihnen anfreunden, dann ziehen sie uns umso stärker an“; Barons 1894: xix).
Dieser von BaronsBarons, Krišjānis unterstellte doppelte Effekt der von ihm im Druck synchron präsentierten VolksliedersammlungVolkVolkslied entspricht ziemlich genau der ambivalenten Haltung, die das Unternehmen gegenüber der Moderne einnimmt: Einerseits bequemt sich die nicht zuletzt sprachliche Homogenisierung der Sammlung den Bedürfnissen einer auf EinsprachigkeitEinsprachigkeit getrimmten Zeit an. Sie ist Teil eines modernen Programms von Nationenbildung – man erinnere sich nur an die mittlerweile kanonische Beschreibung von Nationalisierungsprozessen als Ergebnis medialer SynchronisierungSynchronieSynchronisierung bei Benedict AndersonAnderson, Benedict (1983). Andererseits stilisiert sich die Sammlung als der modernen Zeitordnung und ihrem Bedürfnis nach SynchronisierungSynchronieSynchronisierung gegenüber inkompatibel und eigen – sie ist eine der Moderne fremdeFremdheitfremd Sprache. Und das darin liegende Beharren auf Eigenheit wiederum ist auf das Hier und Jetzt des ausgehenden 19. Jahrhunderts bezogen, auf eine Situation der postkolonialenKolonialismuspostkolonial EmanzipationEmanzipation. Es ist insofern konsequent, dass Barons seine Sammlung mit einer Abteilung einleitet, die sich der Logik der Anpassung an die zyklischen Lebensprozesses des VolksVolk eigentlich entzieht. Am Anfang stehen in den Latwju DainasDainas die LiederLied über die LiederLied und das Singen – eine Art aus den Quellen geschöpfte Einführung in die fremdgewordene eigene Tradition, die im Folgenen entfaltet wird.10
5 Andere Sprachen II: SynchronieSynchronie und Moderne
Insofern die Latwju DainasDainas auf sprachliche SynchronisierungSynchronieSynchronisierung aus sind, scheinen sie in ihrem Umgang mit SprachvielfaltSprachvielfalt einem Modell zuzuarbeiten, das sich recht gut mit dem Paradigma der languelangue-LinguistikLinguistik vereinbaren lässt. Die andere, proto-mythische Seite der Sammlung leistet einer solchen modernen theoretischen Subsumption allerdings Widerstand. Um dies zu sehen und auch ganz allgemein den Stellenwert von sprachlichem diversity management in der Moderne besser abschätzen zu können, lohnen sich abschließend einige grundlegendere Überlegungen.
Zunächst ist festzuhalten, dass BaronsBarons, Krišjānis – während nur kurze Zeit später die languelangue-LinguistikLinguistik als methodische Voraussetzung festschreibt, dass EinzelsprachenEinzelsprache als Gegenstand der synchronen Beschreibung schlicht gegeben und die Bedingung der Möglichkeit von Sprechen sind – sich an der schieren Vielfältigkeit des Sprechens abarbeitet, um sie überhaupt erst als Ausfluss einer einheitlichen, aber noch sichtbar zu machenden EinzelspracheEinzelsprache ausweisen zu können. Ähnlich wie vor ihm AlunānsAlunāns, Juris reagiert Barons damit auf eine Anforderung, die sich in der Neuzeit zunehmend an die Sprachen EuropasEuropa stellt: die der StandardisierungStandardStandardisierung qua SynchronisierungSynchronieSynchronisierung.
Man kann darin – siehe AndersonAnderson, Benedict – einen MedieneffektMedien sehen. Der BuchdruckBuchdruck erzwingt als Technologie, die auf allen Ebenen auf SynchronizitätSynchronieSynchronizität setzt, die flächendeckende Durchsetzung von StandardsStandard. Die große Sorgfalt, die HerderHerder, Johann Gottfried und BaronsBarons, Krišjānis auf die Anordnung ihrer Sammlungen verwenden, zeigt, dass sie auf die synchrone Erscheinungsweise gedruckter Werke genau reflektieren. Schon das Produktionsverfahren stellt ja gegenüber der Handschrift von Serialität auf SynchronizitätSynchronieSynchronizität um (mit einem Arbeitsgang werden die Zeichen eines ganzen Bogens gedruckt); vor allem aber bewirken die in allen Details für alle Exemplare (zumindest der Tendenz nach) identische Anordnung des Texts auf den gedruckten Seiten und seine Einrichtung auf das Erscheinen zu einem Zeitpunkt, dass (genau genommen natürlich kontrafaktischKontrafaktikkontrafaktisch) von einer gleichzeitigen Rezeption in einem großen Territorium ausgegangen werden darf. Und die IdentitätIdentität/identity des Texts an allen Orten dieses Territorium wiederum katalysiert sprachliche StandardisierungStandardStandardisierung.
Allerdings ist das MediumMedienMedium des Drucks nur ein Faktor, der StandardisierungStandardStandardisierung begünstigt. Man sollte daher nicht, wie es gerade in der Mehrsprachigkeitsforschung oft geschieht, jede Form der einsprachigenEinsprachigkeiteinsprachig, auf StandardisierungStandardStandardisierung ausgerichteten SprachpolitikSprachpolitik vorschnell als engstirniges und potentiell xenophobes Beharren auf dem Eigenen verurteilen. Die Semantik der Muttersprachlichkeit, wie sie HerderHerder, Johann Gottfried artikuliert, die bei ihm wie bei AlunānsAlunāns, Juris zu beobachtende domestizierende ÜbersetzungÜbersetzung/translation, die languelangue-LinguistikLinguistik usw. sind, wenn man auf eine allgemeinere Ebene geht, Ausdruck eines Sprachdenkens, das tief in der Grundstruktur der modernen Gesellschaft verankert und für diese Gesellschaft ebenso funktional ist wie das vor allem bei Herder sich artikulierende Bedürfnis nach (sprachlicher) Kreativität.
In der Forschung ist in Anlehnung an Yasemin YildizYildiz, Yasemin (2012) oft vom EinsprachigkeitsparadigmaEinsprachigkeitEinsprachigkeitsparadigma/Einsprachigkeitsnorm die Rede, das eng an die Semantik der MutterspracheMuttersprache/mother tongue gekoppelt sei. Ich ziehe dem eine eher technische Beschreibung vor, die den Vorteil hat, erklären zu können, warum sich EinsprachigkeitEinsprachigkeit in der Moderne durchgesetzt hat – und die uns letztlich auch wieder auf die Frage von GegenwartsbezugGegenwartGegenwartsbezug und SynchronizitätSynchronieSynchronizität zurückführt. Diese Erklärung für die Durchsetzungskraft der modernen Einsprachigkeit lautet, dass sie einerseits die Inklusion von Individuen in gesellschaftliche Prozesse erleichtert (darauf kann ich hier aber nicht eingehen1); und dass sie andererseits, weil sie mit einer massiven StandardisierungStandardStandardisierung des SprachgebrauchsSprachgebrauch einhergeht, spezifisch modernen Gesellschaftsstrukturen zuarbeitet, die z.B. auf stardardisierte Terminologien angewiesen sind, um funktionieren zu können. Die Wissenschaft ist ein gutes Beispiel dafür. Im Interesse eben dieser StandardisierungStandardStandardisierung liegt es schließlich, durch ÜbersetzungÜbersetzung/translation dafür zu sorgen (oder zumindest den Anschein zu wecken), dass die unterschiedlichen EinzelsprachenEinzelsprache ineinander transponierbar sind. Daraus resultiert die moderne ÜbersetzungsindustrieÜbersetzung/translation, die in den europäischenEuropaeuropäisch Institutionen ihren paradigmatischen Ausdruck gefunden hat. Diese funktionieren gerade deshalb, weil sie kontrafaktischKontrafaktikkontrafaktisch davon ausgehen, die vielen qua ÜbersetzungÜbersetzung/translation entstandenen Sprachversionen der europäischenEuropaeuropäisch Gesetzgebung seien Ausdruck ein- und derselben Rechtsnormen. Man sollte nicht vergessen, welche Entwicklungen die moderne Einsprachigkeit begünstigt hat: Eine Sprache, mit der eine große Gruppe von Menschen emotional verbunden und die gleichzeitig ausreichend standardisiert ist, um in den unterschiedlichsten Kontexten zu funktionieren, ermöglicht beispielsweise die Etablierung eines öffentlichen Raumes, von Demokratie und von Bildungsstandards. Und von der ÜbersetzungsindustrieÜbersetzung/translation profitieren der Buchmarkt wie überhaupt der überregionale Handel, die Diplomatie, das Recht, das Erziehungssystem, die Literatur. David GramlingGramling, David hat in seinen Arbeiten über die ‚Erfindung der Einsprachigkeit‘ die Verbindung von Muttersprachensemantik und Übersetzbarkeitsversprechen mit dem aus der angewandten LinguistikLinguistik übernommenen Begriff der „glossodiversityGlossodiversität/glossodiversity“ belegt (Gramling 2016: 31–36). GlossodiversitätGlossodiversität/glossodiversity ist eine Form der Vorstellung von sprachlicher Vielfalt, die es für unproblematisch hält, ein und denselben Inhalt in verschiedenen IdiomenIdiom auszudrücken, die jeweils für sich als distinkte, wohldefinierte, in ihren Muttersprachlerinnen verkörperte Einheiten gelten.
Natürlich werden die mit der modernen Idee der EinsprachigkeitEinsprachigkeit verbundenen Vorstellungen von Menschen, Sprachen und Gesellschaften damit im Prinzip nicht richtiger. Genau wie im Falle der NationNation handelt es sich bei der Einsprachigkeit, mit Naoki Sakai (2009) gesprochen, um ein Regulativ im Kantischen Sinne des Wortes: eine kontrafaktischeKontrafaktikkontrafaktisch Annahme, die aber ansonsten womöglich ungerichteten Prozessen Orientierung bietet – so wie das Dogma der Gleichursprünglichkeit im Falle der europäischenEuropaeuropäisch Gesetzgebung. Sprachen sind eben keine distinkten und wohldefinierten Einheiten, die gleichwohl qua ÜbersetzungÜbersetzung/translation ineinander überführt werden können. Sprechen ist nicht notwendigerweise Sprechen in einer Sprache, vielmehr sind im SprachgebrauchSprachgebrauch immer zugleich zentripetale und zentrifugale Kräfte am Werk. Ohne die zentripetalen Kräfte wäre StandardisierungStandardStandardisierung und damit ein Verständnis unmöglich; aber ohne die Zentrifugalkräfte gäbe es keine Sprachentwicklung und damit keine Anpassung an neue Gegebenheiten. GramlingGramling, David hat für die schiere Vervielfältigung der Ausdrucksmöglichkeiten im Sprechen, also die ständige Entwicklung neuer Arten und Weisen, Bedeutsamkeit und Bedeutung zu erzeugen, den Begriff der „semiodiversitySemiodiversität/semiodiversity“, SemiodiversitätSemiodiversität/semiodiversity, geprägt. Und doch hat die Vorstellung der GlossodiversitätGlossodiversität/glossodiversity, auch wenn sie im Prinzip die Realität der Sprachproduktion nicht trifft, diese Realität dennoch verändert. Die Sprachen, die wir größtenteils verwenden, sind tatsächlich sehr stark standardisiert und voneinander abgegrenzt. Man kann relativ einfach erkennen, was z.B. ein wohlgeformter Satz der deutschenDeutschlanddeutsch Sprache ist; Fehler lasse sich recht genau und eindeutig konstatieren, auch wenn man ihn womöglich als rhetorische Figur lesen kann (dazu Martyn 2004).
Bringt man diese Beobachtungen mit den eingangs angestellten Überlegungen zur SynchronieSynchronie zusammen, so zeigt sich, dass die Funktionalität der modernen GlossodiversitätGlossodiversität/glossodiversity damit zusammenhängt, dass sie einander äquivalent geltende sprachliche Ressourcen gleichzeitig präsent hält bzw. zumindest diesen Eindruck verschafft. Standardisierte Möglichkeiten des Ausdrucks sind sozusagen weltgesellschaftlich anwendbar. Die eigentliche Crux liegt darin, dass diesem SynchronizitätsSynchronieSynchronizität- und Standardisierungbedarf jener Bedarf nach sprachlicher Erneuerung und Anpassungsfähigkeit zuwiderläuft, den die Neuzeit eben auch hervorbringt.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Tatsache, dass die Semantik der GlossodiversitätGlossodiversität/glossodiversity die Spannung zwischen (postulierter) synchroner Sprachstruktur und kreativer Sprachentwicklung unsichtbar macht, politischePolitik/politicspolitisch/political Relevanz. Der blinde Fleck der modernen Sprachauffassung erschwert den bewusst produktiven Umgang mit SprachvielfaltSprachvielfalt im Sinne von SemiodiversitätSemiodiversität/semiodiversity. SprachpolitikSprachpolitik vollzieht sich dann offiziell oder zumindest offiziös im Namen von EinzelsprachenEinzelsprache (von der Schule bis zur sogenanten auswärtigen KulturpolitikPolitik/politicsKulturpolitik und zur Académie Française) und überlässt die ‚wilde‘ Sprachfortbildung Populärkultur, Literatur und Unternehmertum. Diese Marginalisierung von SemiodiversitätSemiodiversität/semiodiversity hat sehr weitreichende Folgen, von der Benachteiligung nicht-muttersprachlichen Sprechens in Schulsystemen bis hin zum Umgang mit Anderssprachigkeit in der MedienöffentlichkeitMedien.
Die literarischen Sprachpolitiken, die HerderHerder, Johann Gottfried, AlunānsAlunāns, Juris und BaronsBarons, Krišjānis entfalten, sind letztlich auch Symptome des Widerstreits zwischen offizieller Glossidiversität und inoffizieller, gleichwohl aber essentieller SemiodiversitätSemiodiversität/semiodiversity. Herder versucht, ihn durch das Konzept einer inner-einzelsprachlichen Kreativitätssteigerung qua ÜbersetzungÜbersetzung/translation (im weitesten Sinne) zu lösen. Alunāns geht einen ähnlichen Weg, wenn er die lettischeLettland/Latvialettisch Sprache in der Auseinandersetzung mit moderner Anderssprachigkeit erneuern möchte. Barons hingegen verfolgt einen anderen Impuls Herders weiter, indem er aus fremdFremdheitfremd werdenden ‚eigenen‘ Sprechweisen eine im Grunde neue NationalspracheNationNationalsprache generiert und mit dem Mythos eines nationalenNationnational Lebens verbindet. Damit konnte die SynchronisierungSynchronieSynchronisierung der lettischenLettland/Latvialettisch NationNation natürlich nicht abgeschlossen sein. Die Auseinandersetzung um Fest- und Fortschreibung der lettischenLettland/Latvialettisch dainasDainas dauert vielmehr bis heute an. Das aber wäre ein anderes Thema.
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Sprache und Schrift im baltischen Raum
Liina Lukas
Abstract: In einem multilingualenMehrsprachigkeitmultilingual Kulturraum wie dem (früheren) BaltikumBaltikum, sind Sprache und SchriftSchrift immer eine Angelegenheit der PolitikPolitik/politics gewesen. Die Geschichte des BaltikumsBaltikum kennt Sprachstreit und Schriftkriege, kurzfristige Sprach- und Schriftwechsel, Verlust von Sprachen, Funktionswechsel der Sprachen, Erneuerung der Sprachen. In meinem Beitrag werde ich einen historischenhistorisch Überblick über die komplizierten mündlichenMündlichkeitmündlich wie schriftlichenSchriftschriftlich Sprachverhältnisse im BaltikumBaltikum geben und verschiedene Modelle von Zwei- (oder Mehr-)sprachigkeit in den Literaturen des BaltikumsBaltikum in der Geschichte und heute anführen.
Keywords: Das Baltikum; estnische Literatur; deutschbaltische Literatur; estnischrussische Literatur; Mehrsprachigkeit; Zweisprachigkeit
1 Gesprochene und geschriebene Sprachen
Die Verbreitung der SchriftSchrift nach Alt-LivlandAlt-Livland (dem Gebiet des heutigen EstlandEstland/Estonia und LettlandLettland/Latvia) fand im Zuge der deutschDeutschlanddeutsch-dänischendänisch Eroberung am Ende des 12. Jahrhunderts und zu Beginn des 13. Jahrhunderts ihren Anfang. In EuropaEuropa war das die Periode der „Explosion der SchriftlichkeitSchriftSchriftlichkeit“ (Stein 2006: 159–170). Zu diesem Zeitpunkt hatte die Schrift, die bisher hauptsächlich in der elitären lateinsprachigen Sphäre gepflegt wurde, auch schon die VolkssprachenVolkVolkssprache erreicht und umfasste nun außer der kirchlichen Sphäre auch die säkulare, regelte sowohl politischePolitik/politicspolitisch/political, juristische, administrative als auch gesellschaftliche Beziehungen.
Die Urbevölkerung Alt-LivlandsAlt-Livland war der SchriftSchrift unkundig. Man sprach finno-ugrischefinno-ugrisch und baltische Sprachen: auf dem Gebiet des heutigen EstlandEstland/Estonia die nordestnischeEstland/Estoniaestnisch Sprache und die südestnische Sprache, auf dem Gebiet des heutigen LettlandLettland/Latvia LettgallischLettgallisch, SemgallischSemgallisch, SelonischSelonisch, LivischLivisch und KurischKurisch samt deren DialektenDialekt/Mundart.
Unschriftlichkeit eines VolksVolk heißt natürlich nicht, dass man es irgendwie außerhalb der „Kultur“ situieren und als „kulturlos“ auffassen könnte. In primär mündlichenMündlichkeitmündlich Kulturen gab es eigene – und auch durchaus effektive – Kommunikationsmedien, Gedächtnistechniken und kulturelle Praktiken zur Vermittlung und Tradierung von Bedeutungen.
Trotzdem hatten die Schriftkundigen eine ganze Reihe von Vorteilen. Mit Hilfe der SchriftSchrift konnte man kommunikative Grenzen einer mündlichenMündlichkeitmündlich Kultur überwinden. Eine schriftlicheSchriftschriftlich Kultur hat sich immer von einer rein mündlichenMündlichkeitmündlich KommunikationskulturKommunikation unterschieden. SchriftlichkeitSchriftSchriftlichkeit verstärkt das Bedürfnis nach Lernen, sie steht im Zusammenhang mit Schulen und Ausbildung. Als KommunikationsmediumKommunikation ist Schrift ein Instrument der Machtausübung: wer der Schrift kundig ist, besitzt mehr Macht als ein der Schrift Unkundiger. Dasselbe gilt auch für die Sprachen.
Die gesprochenen SprachenSprache, gesprochene Alt-LivlandsAlt-Livland hatten ungleichen Zugang zur SchriftSchrift. Die Schrift fixierte nicht alle Sprachen, die im BaltikumBaltikum gesprochen wurden. Die Schrift, die im Zuge der Kolonisation am Ostufer der Ostsee eingeführt wurde, blieb lange Zeit Bestandteil eines kolonialenKolonialismuskolonial Gefüges, ein Mittel zur Festigung neuer Machtstrukturen, während die Urbevölkerung mehrheitlich nach wie vor einer mündlichenMündlichkeitmündlich Kultur zugehörte.
Im Laufe des Mittelalters hat sich in Alt-LivlandAlt-Livland eine Hierarchie der Sprachen herausgebildet. Auf der obersten Stufe stand das LateinischeLateinLateinisch, um eine Stufe niedriger folgte als VolksspracheVolkVolkssprache die Sprache der KolonistenKolonialismusKolonisten: das NiederdeutscheDeutschlandNiederdeutsch. Über den schriftlichenSchriftschriftlich Gebrauch des Dänischendänisch liegen keine Belege vor, wohl auch deswegen, weil bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, also bis zum Ende der dänischendänisch Herrschaft im Norden des heutigen EstlandEstland/Estonia, die Funktion schriftlicherSchriftschriftlich Verständigung vor allem dem LateinischenLateinLateinisch oblag.
In den Städten des BaltikumsBaltikum, in denen die schriftlicheSchriftschriftlich Verrichtung von Alltagsangelegenheiten schon damals auch volkssprachlich vor sich ging, stammte die Mehrheit der KolonistenKolonialismusKolonisten aus NorddeutschlandDeutschland, Rheinland und Westfalen (Johansen/Mühlen 1973: 96–97), und bediente sich untereinander des MittelniederdeutschenDeutschlandNiederdeutsch – der gemeinsamen Sprache des HansebundesHanse(bund). Weil man aus unterschiedlichen Regionen stammte und allerlei Sprachvarianten mitgebracht hatte, war die Sprache der baltischenBaltikumBaltisch Stadtbevölkerung einem ständigen Wandel unterworfen und variierte je nach Stadt, in Abhhängikeit von der jeweiligen Herkunft der Einwanderer (in Kurland mehr Einflüsse preussischer DialekteDialekt/Mundart, in Riga westfälischer). Die meisten Entlehnungen im NiederdeutschenDeutschlandNiederdeutsch, das im BaltikumBaltikum von damals gesprochen wurde, stammten jedoch aus dem EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, LettischenLettland/LatviaLettisch/Latvian und RussischenRusslandRussisch/Russian, in geringerem Maße aus dem JiddischenJiddisch, SchwedischenSchwedenSchwedisch und PolnischenPolenPolnisch/Polish.
Im 16. bis 17. Jahrhundert geriet das NiederdeutscheDeutschlandNiederdeutsch schon allmählich außer öffentlichen schriftlichenSchriftschriftlich Gebrauch, verdrängt vom aufsteigenden HochdeutschDeutschlandHochdeutsch. In der mündlichenMündlichkeitmündlich Sphäre konnte sich das NiederdeutscheDeutschlandNiederdeutsch immerhin gelegentlich noch bis zum 19. Jahrhundert behaupten. Die geschriebenen und die gesprochenen SprachenSprache, gesprochene im BaltikumBaltikum gingen stark auseinander und das gilt auch für das DeutscheDeutschlandDeutsch: Man sprach im BaltikumBaltikum eine provinziell gefärbte hochdeutscheDeutschlandHochdeutsch Umgangssprache mit zahlreichen niederdeutschenDeutschlandNiederdeutsch Elementen (Masing 1923), man schrieb aber ein „ordentliches“ HochdeutschDeutschlandHochdeutsch. Es geht um ein für die KolonialkulturKolonialismusKolonialkultur typisches Phänomen: Einerseits äußerte sich in diesem sprachlichen Gestus ein Abgrenzungsbedarf, ein Versuch, die vor allem durch die Sprache vermittelte kulturelle IdentitätIdentität/identity zu bewahren, andererseits wollte man dadurch die Zuhörigkeit zum „Mutterland“ unterstreichen und sich dort verständlich machen.
Eine kleine russischeRusslandrussisch MinderheitMinderheit gab es in Alt-LivlandAlt-Livland schon seit dem frühen Mittelalter. Am Ende des 17. Jahrhunderts dann sind die russischenRusslandrussisch Altgläubigen aus RusslandRussland nach EstlandEstland/Estonia eingewandert. Sie entwickelten eine eigene, archaische russischeRusslandrussisch MundartDialekt/Mundart; gelesen und geschrieben haben sie aber Kirchenslavisch. Obwohl EstlandEstland/Estonia und LivlandLivland seit 1710 zu RusslandRussland gehörten, spielte die russischeRusslandrussisch SchriftspracheSchriftSchriftsprache noch im 18. Jahrhundert bei der kulturellen und geistigen Gestaltung der Region noch eine geringe Rolle. Der Verkehr mit der Zentralmacht erfolgte hauptsächlich auf DeutschDeutschlandDeutsch. In den Schulen wurde mit der Russischunterricht erst am Ende des 18. Jahrhunderts angefangen. Als Kultur- und BildungsspracheBildungssprache im BaltikumBaltikum behauptete das RussischeRusslandRussisch/Russian sich im Laufe des 19. Jahrhunderts, im Zusammenhang mit der (Neu-)ergründung der Universität, zunehmend am Ende des 19. Jahrhunderts unter großem Druck der Zentralmacht (durch die von Alexander IIIAlexander III. angestrebte RussifizierungspolitikRussifizierung): Im Jahre 1892 wurden die deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Gymnasien geschlossen, ein Jahr darauf die Kaiserliche Universität Dorpat in Императорский Юрьевский университет umbenannt; das RussischeRusslandRussisch/Russian wurde als Verwaltungssprache, Universitätssprache und sogar als Umgangssprache eingeführt. Die Zeit der Russifizierung war jedoch zu knapp, um die bisherige kulturelle Dominante ersetzen zu können. Als Zeichen des zunehmenden russischenRusslandrussisch Einflusses finden sich aber im DeutschbaltischenDeutschbaltenDeutschbaltisch zahlreiche Lehnworte aus dem RussischenRusslandRussisch/Russian.
Als SchriftsprachenSchriftSchriftsprache haben im BaltikumBaltikum auch das AltgriechischeAltgriechisch, das SchwedischeSchwedenSchwedisch, das PolnischePolenPolnisch/Polish und das FranzösischeFrankreichFranzösisch Verwendung gefunden: das AltgriechischeAltgriechisch innerhalb der akademischen Sphäre (in geringem Maße), das SchwedischeSchwedenSchwedisch und das PolnischePolenPolnisch/Polish in der Zeit der schwedischenSchwedenschwedisch bzw. kurzen polnischenPolenpolnisch Herrschaft als AmtssprachenAmtssprache, seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auch das FranzösischeFrankreichFranzösisch, das als die gesamteuropäische BildungsspracheBildungssprache am Hof des russischenRusslandrussisch Kaisers gern gesprochen wurde.
Auf der untersten Stufe der Sprachhierarchie des BaltikumsBaltikum standen die Sprachen der Urbevölkerung, auf dem Gebiet des heutigen EstlandEstland/Estonia die nordestnischeEstland/Estoniaestnisch und die südestnische Sprache, auf dem Gebiet des heutigen LettlandLettland/Latvia LettgallischLettgallisch, LivischLivisch, SemgallischSemgallisch, SelonischSelonisch, und KurischKurisch. Dies waren Sprachen, die lange Zeit nicht schriftlichSchriftschriftlich verwendet wurden. Die letzten drei sind schon bis zum 16. Jahrhundert ausgestorben. Zu einer SchriftspracheSchriftSchriftsprache brachten es davon nur vier Sprachen: das Südestnische, das Nordestnische, das LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian und das LettgallischeLettgallisch. Die neuen SchriftsprachenSchriftSchriftsprache waren von örtlichen Pastoren, die in der Regel deutscheDeutschlanddeutsch Muttersprachler waren, geschaffen worden, um die christlichen Glaubensinhalte auch in den einheimischen Sprachen des BaltikumsBaltikum besser vermitteln zu können. Im Laufe des 17. Jahrhunderts fing man allerdings an, in diesen Sprachen auch immer mehr säkulare Texte juristischen, wirtschaftlichen, belletristischen und sonstigen Inhalts zu verfassen.
Da die SprachkenntnisseSprachkenntnisse der "Schöpfer" der estnischenEstland/Estoniaestnisch und lettischenLettland/Latvialettisch SchriftsprachenSchriftSchriftsprache nicht gut waren und es weder Wörterbücher noch GrammatikenGrammatik gab (die mussten erst zusammengestellt werden), wurden die in dieser Weise entstandenen SchriftsprachenSchriftSchriftsprache von den mündlichenMündlichkeitmündlich Trägern dieser Sprachen als fremdFremdheitfremd empfunden und nur allmählich angeeignet. Das Schriftestnische (bzw. -lettischeLettland/Latvialettisch) fungierte als Instrument der Christianisierung und KolonialisierungKolonialismusKolonialisierung. Die Diskrepanz zwischen MündlichkeitMündlichkeit und SchriftlichkeitSchriftSchriftlichkeit ist im BaltikumBaltikum wohl um einiges langfristiger und prägender gewesen als es in vielen anderen Regionen EuropasEuropa der Fall war. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts erweiterte sich allmählich das Verwaltungsgebiet der SchriftSchrift und aus einem überaus elitären, exklusiven MediumMedienMedium zum Wissenserwerb wurde ein MediumMedienMedium für jedermann, vom Mittel der Fremdbeschreibung eines der Selbstbeschreibung. Das BaltikumBaltikum ist ein sehr interessanter Fall für die Erforschung dieser (Aneignungs-, ÜbersetzungsÜbersetzung/translation-, Adaptions-)Verhältnisse. Dennoch unterschied sich die Situation erheblich von späteren „Kolonialsituationen“, bei denen eine kolonisierende Kultur den Kolonisierten ihre Sprache aufgezwungen hat. Im BaltikumBaltikum hat die kolonisierende Kultur vielmehr die Sprache der Kolonisierten erlernt und versucht, sie nach eigenen Modellen, nach bekannten Mustern aus dem DeutschenDeutschlandDeutsch oder LateinischenLateinLateinisch, zu gestalten.
Die neuen SchriftsprachenSchriftSchriftsprache, die sich auf diese Weise herausbildeten, übten ihren Einfluss auch auf den mündlichenMündlichkeitmündlich Gebrauch dieser Sprachen aus, der Wortschatz der gesprochenen SprachenSprache, gesprochene veränderte sich, neue Begriffe wurden geprägt, alte Begriffe gerieten infolgedessen außer Gebrauch, grammatikalischeGrammatikgrammatikalisch und syntaktische Konstruktionen änderten sich.
Während im schriftlichenSchriftschriftlich Gebrauch eine deutlichere Hierarchie der Sprachen existierte, war im mündlichenMündlichkeitmündlich Gebrauch der Sprachaustausch lebhafter, Übergänge waren fließender, je nach Verwendungssituation und der sozialen Position der Sprecher, bis zu den Zwischen- oder Übergangsformen wie DeutschbaltischDeutschbaltenDeutschbaltisch, Kleindeutsch, HalbdeutschDeutschlandHalbdeutsch bzw. WacholderdeutschDeutschlandWacholderdeutsch, wie man das fehlerhafte DeutschDeutschlandDeutsch der sich assimilierenden Esten nannte. Rund 25 % der estnischenEstland/Estoniaestnisch Wortstämme sind Entlehnungen aus dem NiederdeutschenDeutschlandNiederdeutsch. Der Einfluss des HochdeutschenDeutschlandHochdeutsch (zugleich der späteren deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Sprache/MundartDialekt/Mundart) auf die Sprachen der Esten und Letten ist viel geringer. Nicht selten wurde das eine oder andere Wort aus dem NiederdeutschenDeutschlandNiederdeutsch auf dem Umweg über das EstnischeEstland/EstoniaEstnisch/Estonian oder das LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian sogar ins DeutschbaltischeDeutschbaltenDeutschbaltisch zurückentlehnt. Auch in das deutschbaltischeDeutschbaltendeutschbaltisch Sprachgut sind viele Lehnwörter aus dem EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian bzw. LettischenLettland/LatviaLettisch/Latvian, aber auch aus dem RussischenRusslandRussisch/Russian eingeflossen.
Dass viele deutschbaltischeDeutschbaltendeutschbaltisch Kinder adligen Geblüts unter der Obhut estnischer und lettischerLettland/Latvialettisch Ammen und Dienstleute das EstnischeEstland/EstoniaEstnisch/Estonian bzw. LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian als ErstspracheErstsprache erwarben, ist ein in der deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur verbreitetes Motiv. Wie dem auch sei, unvermeidlich war die ZweisprachigkeitZweisprachigkeit bestimmt für die baltischenBaltikumBaltisch Literaten (wie Bildungsbürger im lokalen SprachgebrauchSprachgebrauch üblicherweise hießen), deren begehrtestes Ziel es war, eine Pastorenstelle zu bekommen, die man ohne Kenntnis der lokalen Sprachen nicht ausüben konnte (noch durfte). Andererseits war das DeutscheDeutschlandDeutsch auch für die Akademiker estnischer bzw. lettischerLettland/Latvialettisch Herkunft die BildungsspracheBildungssprache schlechthin, so dass gebildetere bzw. sozial aufgestiegene Esten und Letten auch zu Hause meistens zum DeutschenDeutschlandDeutsch wechselten. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bediente man sich in gebildeten Kreisen oft des DeutschDeutschlandDeutsch(baltisch)en. Im Jahre 1891 schrieb Oskar Kallas, ein namhafter Folklorist, später auch Journalist und Botschafter der Republik EstlandEstland/Estonia in London, in seinem (auf DeutschDeutschlandDeutsch verfassten) Tagebuch, dass er keine estnischeEstland/Estoniaestnisch Familie kenne, in der man unter sich EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian spreche. Die bekannteste estnischeEstland/Estoniaestnisch Lyrikerin Marie UnderUnder, Marie machte ihre ersten Schritte auf ihrem Dichterweg auf DeutschDeutschlandDeutsch und fing erst später, auf Anraten ihres Freundes, des Künstlers Ants Laikmaa (Laipmann), an, auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian zu dichten.
2 MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in der Literatur
BaltischeBaltikumBaltisch Literaten waren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts fast immer mindestens zweisprachigZweisprachigkeitzweisprachig, ungachtet ihrer nationalenNationnational oder ethnischenEthnieethnisch Herkunft. Ihre BildungsspracheBildungssprache war in der Regel DeutschDeutschlandDeutsch, außerdem verstanden bzw. sprachen sie, lebten sie im nördlichen Teil LivlandsLivland oder in EstlandEstland/Estonia, meistens mehr oder weniger gut Süd- oder Nordestnisch, im lettischsprachigen Teil des BaltikumsBaltikum LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian oder LettgallischLettgallisch, mitunter konnten sie sich auch einer dieser Sprachen schriftlichSchriftschriftlich bedienen. Ihr lokales, tägliches DeutschDeutschlandDeutsch stand unter dem Einfluss dieser Sprachen bzw. deren MundartenDialekt/Mundart. MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit, die Fähigkeit, sich sowohl schriftlichSchriftschriftlich als auch mündlichMündlichkeitmündlich verschiedener Sprachen zu bedienen, war ein wichtiger Charakterzug dieses Kulturraumes. Selbstverständlich kommt dies auch in der Literatur zum Ausdruck.
Im Folgenden werde ich einige Beispiele für den Gebrauch der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in der Literatur des BaltikumsBaltikum anführen. Ich gehe dabei von der von Jaan Undusk im Jahre 1992 entworfenen, immer noch durchaus aktuellen Typologie des estnisch-deutschenDeutschlanddeutsch LiteraturtransfersLiteraturtransfer (Undusk 1992) aus, die zwischen Formen verschiedenster Kontakte literarischer Art unterscheidet. Mich interessieren an dieser Stelle jedoch lediglich die Kontakte, die sich mit dem Phänomen der ExophonieExophonie (oder ZweisprachigkeitZweisprachigkeit im weiteren Sinne) in Verbindung bringen lassen. Es lässt sich zwischen einer sprachinternen, textinternen und autorinternen Zweisprachigkeit unterscheiden.
2.1 Mit sprachinterner Zweiprachigkeit meine ich Texte, die in einer MischspracheMischsprache entstanden sind. Der deutschbaltischeDeutschbaltendeutschbaltisch DialektDialekt/Mundart ist selbst schon gewissermassen eine solche Mischsprache, in die estnischeEstland/Estoniaestnisch bzw. lettischeLettland/Latvialettisch, russischeRusslandrussisch oder französische Wörter eingebettet sind.
Ein frühes Beispiel ist ein kleines Fragment aus dem Gedicht „Lieffländische Schneegräfin“ (FlemingFleming, Paul 1638) von Paul Fleming (1609–1640), wo HochdeutschDeutschlandHochdeutsch, NiederdeutschDeutschlandNiederdeutsch und EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian sich mischen
Die Braut/bald rot/bald blaß, fing endlich an zu reden:
„Wat schal ich arme Kind? Gott weht, wat sy my theden!“
Das ander/Ycks /Kacks /Koll1 hub sie auff Undeutsch an,
Das ich noch nicht versteh’, und auch kein Gott nicht kan.
Literarische Texte im deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch DialektDialekt/Mundart wurden jedoch selten verfasst, in der Regel geschah dies nur in ‚niedrigen‘ Literaturgattungen, wobei das DeutschbaltischeDeutschbaltenDeutschbaltisch die Funktion von Parodie, Ironie oder Witz innehatte. Das DeutschbaltischeDeutschbaltenDeutschbaltisch (mit all seinen Jargons) wurde dem Bereich des Komischen zugeordnet und kam am systematischsten zum Einsatz in der sogenannten halbdeutschDeutschlandHalbdeutschsprachigen Dichtung — in der makkaronischenmakkaronisch Dichtung2 des BaltikumsBaltikum vor allem des 19. Jahrhunderts. In dieser Gattung werden zwei Sprachen zur Erzielung eines komischen oder parodistischen Effektes vermischt, indem Morphologie und Syntax der deutschenDeutschlanddeutsch Sprache auf den Wortschatz des EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian bzw. des LettischenLettland/LatviaLettisch/Latvian übertragen werden, wobei die Phonologie dem EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian angepasst wird, z.B. werden die stimmhaften Konsonanten durch die stimmlosen und Doppelkonsonanten durch einen Konsonant ersetzt, das h weggelassen usw. (Über die Merkmale des HalbdeutschenDeutschlandHalbdeutsch siehe Ariste 1981).
Die Oberpahlsche Freundschaft (1818/1857) des Tallinners Jacob Johann MalmMalm, Jacob Johann (1796–1762) ist das erste und bekannteste, geradezu wegweisende Gedicht dieser Gattung gewesen (siehe dazu Lehiste 1965).
Vart’, tenkt’ ich mal in meine Sinn,
Willst wahren toch heinmal
Su Wreind nach Oberpalen in!
Und ging nu in tas Tall3
Und nehmt tas Wuchs mit lange Wanz
Und pannt tas wor tas Saan4;
Tann nehmt’ ich meine Mütz und Ans
Und wangt’ su jagen an;
Und nu katsait turch Tuchk und Tolm’5
Ich tuhhat neljad6 wort.
Und wie tas Wind war üks, kaks, kolm7
Ich an tas Tell und Ort.
Vart’, tenkt ich, willst toch machen Paß
Mit oberpalse Wreind!
Tu willst ihm trehen lange Nas’;
Laß sehn, was tas toch meint!
(MalmMalm, Jacob Johann 1861: 3)
Auch in der estnischenEstland/Estoniaestnisch Literatur ist dieser Typus bekannt. Ein DialogDialog aus der Erzählung Veli Henn (1901) von August KitzbergKitzberg, August (1863–1955, Kitzberg 2002: 271) klingt wie folgt:
Kniks-Mariihen: „Bitte,“ ütles Mariihen. „Astuge aita, sääl on toolisid, ja võite ennast natuke erhoolida.“
„Herr Lehepuu, üks väga peenike kawalier, – herr Birkenbaum, minu Freundini Bräutigam, – herr Sissa, minu Tänzer, kui Vereinis ball oli, – herr Enilane, ka üks hää Tänzer…“
Anders als bei MalmMalm, Jacob Johann ist hier die syntaktische und grammatikalischeGrammatikgrammatikalisch Basissprache EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, in das deutscheDeutschlanddeutsch Wörter oder Ausdrücke eingebettet und grammatischGrammatikgrammatisch angepasst sind. Jedes zweite Wort in der Rede von Kniks-Mariihen ist deutschDeutschlanddeutsch: Bitte, erhoolida (erholen), Herr, Kawalier, Freundin, Bräutigam, Tänzer, Verein, Ball.
Ungeachtet der Basissprache wird in dieser Dichtung ein bestimmter sozialer Typus dargestellt, ein ‚Emporkömmling‘ meistens estnischer bzw. lettischerLettland/Latvialettisch Abstammung oder aber auch ein sozial heruntergekommener DeutscherDeutschlandDeutsche (ein sogenannter Klein-DeutscherDeutschlandDeutsche), der seine IdentitätIdentität/identity aufgegeben hat oder seine Position in der Gesellschaft ändern möchte und seine (vermeintliche) Bildung gern hervorkehrt. Dabei kann er z.B. ‚gehobene‘ deutschDeutschlanddeutsch- oder französischsprachige Sätze verwenden. Vahur Aabrams (Aabrams 2007) hat die halbdeutschsprachigeDeutschlandHalbdeutsch Dichtung als Erscheinung einer karnevalesken Kultur im Sinne von Michail BachtinBachtin, Michail interpretiert.
2.2 Unter textinterner ZweisprachigkeitZweisprachigkeit verstehe ich die Verwendung zweier Sprachen in einem Text, ohne Morphologie und Syntax einer Sprache an die Ziel- oder Basissprache anzupassen. Abrupt wird von einer Sprache in die andere übergegangen, wobei die Sprachen eine bestimmte kulturelle Funktion im Text haben. Diese Art von MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit nahm ihren Anfang mit kirchlichen Texten im 16. Jahrhundert und war noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im BaltikumBaltikum gebräuchlich. Ein früheres, charakteristisches Beispiel sind die hauptsächlich estnischsprachigen Predigten (1600–1608) des Tallinner Pastors Georg MüllerMüller, Georg (1570–1608), in denen deutscheDeutschlanddeutsch und lateinischeLateinLateinisch Passagen verwendet werden. Aus späterer Zeit könnte man das Stück Die väterliche Erwartung, eine ländliche Familien Scene in Esthland, mit Untermischten Gesängen (1789) von August von KotzebueKotzebue, August von (1761–1819) hervorheben, das auf der Bühne des Revaler Liebhabertheaters uraufgeführt wurde. Der dritte Akt des Stückes beginnt mit einem estnischsprachigen DialogDialog und die ganze Parallelhandlung findet auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian statt.
Textbeispiele für texinternen Bilinguismus aus dem 19. Jahrhundert sind etwa der zweisprachigeZweisprachigkeitzweisprachig Briefwechsel von Lydia KoidulaKoidula, Lydia (1843–1886), der ersten estnischenEstland/Estoniaestnisch Lyrikerin, und Friedrich Reinhold KreutzwaldKreutzwald, Friedrich Reinhold (1817–1903), dem Verfasser des estnischenEstland/Estoniaestnisch Nationalepos Kalevipoeg (Kalews Sohn).
2.3 Mit autorinternem Bilinguismus ist die Beteiligung eines Autors an zwei Literaturen gemeint, wie das etwa bei der Gelegenheitsdichtung des 17. Jahrhunderts nicht selten der Fall war. Der Autor schreibt in mehreren Sprachen, indem er seine SchriftspracheSchriftSchriftsprache entsprechend der Funktion, Gattung, dem Stil und Adressaten des Textes wählt, aber in einem Text durchgehend eine Sprache verwendet. Das allererste estnischsprachige Gedicht wurde im Jahre 1637 von dem gebürtigen Mecklenburger Reiner BrockmannBrockmann, Reiner (1609–1647), dem Professor des Revaler Gymnasiums, einem Freund von Paul FlemingFleming, Paul verfasst und trug den lateinischenLateinLateinisch Titel Carmen alexandrinum esthonicum ad leges Opitij poeticas compositum. Wie in der Barockdichtung üblich, hat Brockmann in mehreren Sprachen, u.a. auch auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, gedichtet. Sein Plädoyer für die estnischeEstland/Estoniaestnisch Sprache auf DeutschDeutschlandDeutsch klingt wie folgt:
Andre mögn ein anders treiben;
Ich hab wollen Esthnisch schreiben.
Esthnisch redet man im Lande/
Esthnisch redet man am Strande
Esthnisch redt man in der Mauren
Esthnisch redden auch die Bauren
Esthnisch redden Edelleute
Die Gelährten gleichfalls heute
Esthnisch redden auch die Damen
Esthnisch, die aus Teutschland kamen,
Esthnisch reden jung’ und alte.
Sieh, was man von Esthnisch halte?
Esthnisch man in Kirchen höret
Da Gott selber Esthnisch lehret.
Auch die klugen Pierinnen
Jetzt das Esthnisch lieb gewinnen.
Ich hab wollen Esthnisch schreiben
Andre mögn ein andres treiben.
(BrockmannBrockmann, Reiner 2000: 94–95.)
Die Landprediger Gotthard Friedrich StenderStender, Gotthard Friedrich (1714–1796) und Johann Wilhelm Ludwig LuceLuce, Johann Wilhelm Ludwig (1756–1842) haben ihre aufklärerischen SchriftenSchrift auf DeutschDeutschlandDeutsch, ihre volksaufklärerischenVolkvolksaufklärerisch Werke auf LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian bzw. EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian verfasst; der Dichter Kristian Jaak PetersonPeterson, Kristian Jaak (1801–1822) hat seine Arbeiten zur Sprache und Religion auf DeutschDeutschlandDeutsch geschrieben, sein dichterisches Werk ist aber in estnischer Sprache verfasst (mit Ausnahme von einigen deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Gedichten). Der Este (bzw. der estnischstämmige) Friedrich Robert FaehlmannFaehlmann, Friedrich Robert (1798–1850) verfasste seine berühmten EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian Sagen auf DeutschDeutschlandDeutsch, der DeutscheDeutschlandDeutsche (bzw. der deutschstämmige) Georg Julius von Schultz-BertramSchultz-Bertram, Georg Julius von (1808–1875) wiederum sein Epos Ilmatar (1870) auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian. Das estnischeEstland/Estoniaestnisch Nationalepos Kalevipoeg (unter dem Titel: Kalewipoeg. Eine estnischeEstland/Estoniaestnisch Sage, 1857–1861) erschien zum ersten Mal parallel auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian und DeutschDeutschlandDeutsch. Die Wahl der SchriftspracheSchriftSchriftsprache war meistens abhängig von der angestrebten Funktion des Textes und von dessen Adressaten (Undusk 1999). Auch in gelehrten Kreisen des beginnenden 20. Jahrhunderts kam es noch vor, dass man die Sprache nach der Funktion und Gattung des Textes und nach dem Adressaten wechselte. Zum Beispiel dichtete Axel KallasKallas, Axel (1890–1922) sowohl auf DeutschDeutschlandDeutsch als auch auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian. Im Jahre 1912 veröffentlichte er seinen deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Lyrikband Am Moor (Dorpat 1912); im Jahre 1920 erschien noch ein deutschsprachigerDeutschlanddeutschsprachig „futuro-kubistischer“ Band Nervenvibrierungen im Tintengewande: Futuro-kubistsches. Ein Jahr darauf wechselte er seine Dichtungssprache und gab zwei Gedichtbände auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian heraus.
3 PostkolonialeKolonialismuspostkolonial MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in EstlandEstland/Estonia und LettlandLettland/Latvia
Erst durch die Geburt der neuen selbständigen Staaten EstlandEstland/Estonia und LettlandLettland/Latvia im Jahre 1918 haben EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian und LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian den Status einer Staatssprache erreicht. Damit einher ging auch die Möglichkeit, die Sprache in allen Lebensbereichen zu verwenden, auf dem Gebiet der Wissenschaft etwa bedeutete das großteils das Betreten von Neuland.
In EstlandEstland/Estonia wurde vom neuen Staat allen nationalenNationnational MinderheitenMinderheit (8 % Russen und 1,7 % DeutscheDeutschlandDeutsche, SchwedenSchweden, IngermanländerIngermanländer und WotenWoten) eine damals weltweit beispiellose Kulturautonomie gewährt und auch die staatliche Kulturförderung war nicht explizit auf die Staatssprache beschränkt (Hasselblatt 1997: 37–46). Obwohl die deutscheDeutschlanddeutsch Bevölkerungsgruppe EstlandsEstland/Estonia immer kleiner wurde (im Jahre 1881 machte sie 5,3%, im Jahre 1887 3,5%, im Jahre 1922 1,7 und im Jahre 1934 nur noch 1,5% der gesamten Bevölkerung aus), spielte sie immer eine grosse Rolle auf politischemPolitik/politicspolitisch/political, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet. Neben estnischsprachigen Schulen existierten in EstlandEstland/Estonia während der Zwischenkriegszeit auch deutschsprachigeDeutschlanddeutschsprachig und russischsprachige, es erschienen Zeitungen und sonstige Periodika in einer Reihe von Sprachen (DeutschDeutschlandDeutsch, RussischRusslandRussisch/Russian, JiddischJiddisch, SchwedischSchwedenSchwedisch). Im Universitätsunterricht wurde in den 1920er Jahren noch DeutschDeutschlandDeutsch und RussischRusslandRussisch/Russian verwendet (estnischsprachige Fachliteratur gab es zunächst noch kaum), aber der Übergang zum EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian vollzog sich konsequent und letztlich auch erfolgreich.
Obwohl zur Zeit der Republik EstlandsEstland/Estonia die Intellektuellen und viele Staatsbürger und Einwohner des Landes faktisch mehrsprachigMehrsprachigkeitmehrsprachig waren, imstande, sich auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, DeutschDeutschlandDeutsch und RussischRusslandRussisch/Russian, in „den drei lokalen Sprachen“, wie es hieß, auszudrücken, nahm in der Literatur MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit allmählich ab.
Nach dem Zweiten WeltkriegWeltkriegZweiter Weltkrieg zerfiel die estnischeEstland/Estoniaestnisch Literatur in zwei Teile, und da das Schicksal viele SchriftstellerInnen als Exilierte ins Ausland – nach SchwedenSchweden, Kanada, Australien, in die Vereinigten Staaten oder sonstwohin – verschlagen hatte, wurde ExophonieExophonie in der estnischenEstland/Estoniaestnisch Literatur zu einem Phänomen, das vor allem für die Textproduktion von ExilautorInnen charakteristisch war. Während die erste Generation estnischer ExilautorInnen vorwiegend auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian geschrieben hat, konnten die im Kindesalter aus dem estnischenEstland/Estoniaestnisch Sprachraum Herausgerissenen gelegentlich bereits in zwei Sprachen schreiben. Elin ToonaToona, Elin (1937) hat ihren im schwedischenSchwedenschwedisch Lund 1969 erschienenen Roman Lotukata auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian und EnglischEnglisch/English (unter dem Titel In Search of Coffee Mountains) verfasst. Karin SaarsenSaarsen, Karin (1926–2018) hat auf SchwedischSchwedenSchwedisch und EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian geschrieben. Ihr letzter Lyrikband Lõvi ja orhidee (Löwe und Orchidee) enthält Gedichte auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, SchwedischSchwedenSchwedisch, EnglischEnglisch/English, DeutschDeutschlandDeutsch und FranzösischFrankreichFranzösisch.
Auf DeutschDeutschlandDeutsch haben die estnischenEstland/Estoniaestnisch ExilautorInnen allerdings nur noch selten geschrieben. Fast eine Ausnahme bildet das Werk von Ivar IvaskIvask, Ivar (1927–1992). Ivask wurde 1927 in Riga (man könnte sagen: auf der größten deutschenDeutschlanddeutsch Sprachinsel des BaltikumsBaltikum) als Sohn eines estnischenEstland/Estoniaestnisch Vaters und einer lettischenLettland/Latvialettisch Mutter geboren und wuchs mehrsprachigMehrsprachigkeitmehrsprachig auf: neben EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian wurde zu Hause auch LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian und DeutschDeutschlandDeutsch gesprochen. Unter dem Einfluss von Rainer Maria RilkeRilke, Rainer Maria schrieb der 16-jährige seine ersten Gedichte in deutscherDeutschlanddeutsch Sprache. Vor der sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Besatzung floh er 1944 nach DeutschlandDeutschland, erhielt seine akademische Bildung als Germanist in Marburg, wurde später Professor für vergleichende LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft an der University of Oklahoma und Chefredakteur der angesehenen Fachzeitschrift World Literature Today. Auf seine Initiative geht auch der renommierte Neustadt International Prize for Literature zurück. Ivask schrieb seine Lyrik auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, EnglischEnglisch/English und DeutschDeutschlandDeutsch (die nichtestnischen Werke sind Gespiegelte Erde (1967) und Baltic elegies (1987)).
Im Vorwort zu IvasksIvask, Ivar deutschsprachigem Gedichtband schreibt Herbert Eisenreich, dass Ivar Ivask mit seinem Gedichtband der deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Lyrik etwas Neues brachte und erklärt das wie folgt: Ivasks deutscheDeutschlanddeutsch Gedichte gewinnen, sagt er,
ihre Eigentümlichkeit und ihren doppelten Wert, den des Gefühlten und den des Gesagten, offensichtlich in dem Prozess und durch den Prozess der Aneignung: da, in dem doch fremdenFremdheitfremd IdiomIdiom, wurde einem nichts geschenkt, man musste es teuer erkaufen, verzweifelt erobern – und gelangte just dadurch weit über das Konventionelle hinaus (mit den geradezu unverfroren zusammengesetzten Hauptwörtern, zum Beispiel, oder in der naiven Wiedergewinnung der Anschaulichkeit von scheinbar verbrauchten Wort-Bildern). Oder anders ausgedrückt: Ich merke, dass da jemand Fremder meine MutterspracheMuttersprache/mother tongue spricht, und in dieser winzigen FremdheitFremdheit klingt sie, im allergenauesten Wortsinn, unerhört, in dieser winzigen Fremdheit hat sie nun wieder jungfräuliche Reinheit. Und mit dem fremdenFremdheitfremd Akzent sagt sie, diese Sprache, mir mehr, als sie’s in meinem eignen, gleichsam routinierten Gebrauch vermag. […] In diesen Versen [ist] fortgebildet, wie man im andern, im Fremden, zu sich kommt. Und vice versa.
(Eisenreich 1967: 7.)
Die im ExilExil geborene Generation schrieb allerdings (fast) nicht mehr auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, ihre Schaffenssprache wurde meistens die Sprache ihrer jeweiligen Wahlheimat.
In Sowjet-EstlandEstland/Estonia gelang es gleichzeitig, allen RussifizierungsversuchenRussifizierung zum Trotz, die estnischsprachige Bildung auf allen Ebenen – eine Errungenschaft der Vorkriegszeit –aufrechtzuerhalten, auch wenn gelegentlich die Verwendung russischerRusslandrussisch Sprache von den Autoritäten stark bevorzugt und gefördert wurden. Der westliche Teil der SowjetunionSowjetunion ist ein aufschlussreiches Untersuchungsfeld für all diejenigen, die sich für die Frage interessieren, wie Sprachen auf historischhistorisch-politische Umstände reagieren und ihrerseits darauf Einfluss nehmen können. Im Fall Sowjet-EstlandsEstland/Estonia folgte auf den politischPolitik/politicspolitisch/political und bildungspolitisch mit allen Mitteln geförderten Sprachwechselkurs zum RussischenRusslandRussisch/Russian hin als Reaktion eine verstärkte Pflege der estnischenEstland/Estoniaestnisch Sprache, bis hin zur Konservierung, eine von der Mehrheit der Urbevölkerung wohl als Selbstverständlichkeit empfundene Verwendung der estnischenEstland/Estoniaestnisch Sprache in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Man erwarb bis zum Ende der SowjetzeitSowjetunionSowjetzeit zwar relativ gute Kenntnisse der russischenRusslandrussisch Sprache, aber die Übernahme von Sprachelementen aus dem RussischenRusslandRussisch/Russian blieb trotzdem eher recht gering und oberflächlich.
EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian-russischerRusslandrussisch BilingualismusbilingualBilingualismus kam und kommt im Alltag zwar vor (siehe Verschik 2005; Verschik-Bone 2018), ExophonieExophonie gibt es in der Literatur trotzdem nur vereinzelt.
4 ExophonieExophonie der heutigen Literatur(en) EstlandsEstland/Estonia
Von den Fällen der ExophonieExophonie in der zeitgenössischen estnischenEstland/Estoniaestnisch Literatur hängt keiner mit der deutschenDeutschlanddeutsch Sprache zusammen. Paradoxerweise hat das Ereignis, das man gemeinhin mit der Absicht DeutschlandsDeutschland, OsteuropaOsteuropa sowohl politischPolitik/politicspolitisch/political als auch kulturell und sprachlich zu unterwerfen, assoziiert, die UmsiedlungUmsiedlung (fast) aller DeutschbaltenDeutschbalten 1939 (und 1941) aus dem BaltikumBaltikum „heim ins Reich“, mehr oder weniger abrupt und wohl auch unwiederbringlich die estnisch/lettisch-deutscheLettland/Latvialettisch-deutsch ZweisprachigkeitZweisprachigkeit beendet. Jenes Ereignis hat innerhalb kürzester Zeit die deutscheDeutschlanddeutsch Sprache ihres bisherigen kaum umstrittenen Status als erster FremdspracheFremdsprache und erster Wissenschaftssprache der baltischenBaltikumBaltisch Region beraubt.
Im heutigen EstlandEstland/Estonia kann es in folgenden Fällen zu ZweisprachigkeitZweisprachigkeit kommen: Die möglichen Sprachpaare sind EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian und EnglischEnglisch/English, EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian und RussischRusslandRussisch/Russian, EstnischeEstland/EstoniaEstnisch/Estonian StandardspracheStandard und lokale MundartenDialekt/Mundart (Setukesisch, Werro-, Mulgi-, Kihnuestnisch usw.). DeutschDeutschlandDeutsch wird in den Literaturen des BaltikumsBaltikum heutzutage nicht mehr verwendet (allenfalls als Stilmittel (Lokalkolorit) in historischenhistorisch Romanen und Erzählungen, z.B. von Jaan KrossKross, Jaan (1920–2007); oder Mati UntUnt, Mati (1944–2005) in seinem estnischsprachigen Brecht-Roman, der den deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Titel hat: Brecht bricht ein in der Nacht (1997).
In welcher Form (textintern, autorintern, sprachintern) äußert sich also ZweisprachigkeitZweisprachigkeit in der zeitgenössischen estnischenEstland/Estoniaestnisch Literatur? Obwohl der sprachinterne BilingualismusbilingualBilingualismus inzwischen aufs Neue ein alltägliches Phänomen geworden ist (in der estnischenEstland/Estoniaestnisch Umgangssprache vor allem jüngerer Leute wimmelt es von Elementen aus dem EnglischenEnglisch/English, die Umgangssprache der Russen EstlandsEstland/Estonia kommt aber darüber hinaus, so scheint es, nicht mehr ohne estnischeEstland/Estoniaestnisch Worte aus), trifft man diese Art von Zweisprachigkeit in der Literatur eher selten an.
Auch textinterne ExophonieExophonie ist eine seltene Erscheinung und lässt sich an unerwarteten Orten entdecken, z.B. in der Lyrik von Øyvind RangøyRangøy, Øyvind, eines Norwegers, der in EstlandEstland/Estonia seine Wahlheimat gefunden und angefangen hat, auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian zu dichten.1 Sein Gedicht „Kodeveksling. Koodivahetus“ (Rangøy 2019) ist zweisprachigZweisprachigkeitzweisprachig:
Eg er norsk. I det er eg heime, slik ein er heime som legg frå seg
Sekken. Ser at bislaget er der som før, med lukter av barndom.
At kjeledressen er min no, for nokon er død. Olen eesti keeles ka
olemas.
Kui õunapuule poogitud pihlakaoks. Kunagine teine puu on
Praegu minugi väikeste õunte mahlas. Lugu, mis kunagi kaugel
Mere ja okastraadi taga vaid virvendas, on nüüd ka minu. [---]
Am häufigsten kommt die (autorinterne) ExophonieExophonie in der Literatur EstlandsEstland/Estonia vor und es lassen sich folgende Fälle unterscheiden:
1 ExophonieExophonie zwischen EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian und EnglischEnglisch/English (estnischer Autor fängt auf EnglischEnglisch/English zu schreiben an). Das hat weniger mit der persönlichen IdentitätIdentität/identity bzw. einem sprachlichen Hintergrund des Autors zu tun, vielmehr ist hier wohl von einem Versuch auszugehen, auf diese Art und Weise ein breiteres, internationales Publikum zu erreichen. Unter Liederautoren in der estnischenEstland/Estoniaestnisch Popmusik ist das seit den 1990er Jahren schon fast ein Normalfall.
2 RussischRusslandRussisch/Russian-estnischeEstland/Estoniaestnisch ExophonieExophonie wird vertreten von estnisch-russischenRusslandrussisch AutorInnen, die gelegentlich auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian schreiben. Das kommt immer noch eher selten vor. Die Literatur der Russen EstlandsEstland/Estonia ist meistens in russischerRusslandrussisch Sprache geschrieben. Eine Ausnahme, die die Regel bestätigt, wäre Igor KotjuhKotjuh, Igor, der seine Texte vorwiegend auf RussischRusslandRussisch/Russian schreibt, im Jahre 2007 aber auch einen estnischsprachigen Gedichtband Teises keeles (In einer anderen/zweiten Sprache) herausgebracht hat.In einer anderen Sprache1.Es gibt die MutterspracheMuttersprache/mother tongueund eine andere Sprache.Aber der Menschist derselbe.2.Es gibt das Lebenund die Dichtung.Jeder Dichter ist ein Mensch,nicht andersherum.3.Man kann eine andereSprache beherrschenim Leben oder in der Dichtung,von Geburt anoder danach.Dennoch wird diese Sprachefür ihn eine ewig andere bleiben.(KotjuhKotjuh, Igor 2007: 31–33.)Versuch einer SelbstbestimmungSich den Esten zurechnen — mit RussischRusslandRussisch/Russian als MutterspracheMuttersprache/mother tongue.Sich den Russen zurechnen — das Temperament stimmt nicht.Sich einen Europäer nennen — ein Vorrecht Auserwählter.Oder einen Weltbürger — zu abstrakt.Man muss schlicht und einfach ein Mensch sein.Wird das wohl verstanden?(KotjuhKotjuh, Igor 2007: 30.2)Seltener gibt es AutorInnen mit estnischenEstland/Estoniaestnisch Wurzeln, die angefangen haben, auf RussischRusslandRussisch/Russian zu schreiben. Einer von ihnen ist Priit ParmaksonParmakson, Priit, dessen literarisches Werk im Grenzgebiet von Sprachen (RussischRusslandRussisch/Russian, EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, EnglischEnglisch/English) und Kunstsprachen (Literatur, visuelle Künste, z.B. Graphik) entsteht. Seine MutterspracheMuttersprache/mother tongue ist EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, aber auf RussischRusslandRussisch/Russian zu schreiben hat er angefangen als ideologischeIdeologieideologisch Geste nach den Ereignissen um den Bronzenen Soldaten (das umstrittene Denkmal für die im Zweiten WeltkriegWeltkriegZweiter Weltkrieg gefallenen Soldaten der roten Armee in Tallinn, das von der estnischenEstland/Estoniaestnisch Seite als Symbol der Annektierung EstlandsEstland/Estonia, von der russischenRusslandrussisch Seite als das Symbol der Befreiung angesehen wird) im Jahre 2007.
3 Drittens kann das Phänomen der ExophonieExophonie im Zusammenhang mit der sogenannten Mundartenliteratur (vor allem auf Werroestnisch, Setukesisch) behandelt werden. EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian ist für die meisten estnischenEstland/Estoniaestnisch SchriftstellerInnen heutzutage zwar die erste SchriftspracheSchriftSchriftsprache, eine MundartDialekt/Mundart hingegen (bzw. eine lokale Sprache) lernt man in der Funktion einer SchriftspracheSchriftSchriftsprache erst nach dem Erwerb der normierten estnischenEstland/Estoniaestnisch Sprache kennen und danach gegebenenfalls auch als LiteraturspracheLiteratursprache zu verwenden, da die einheitliche Schulbildung in EstlandEstland/Estonia (seit etwa 100 Jahren überall) nur auf Schriftestnisch stattfindet. Die Zahl der AutorInnen, die nur auf Werroestnisch und Setukesisch und nicht in estnischer StandardspracheStandard schreiben, ist heute dennoch relativ groß (Kauksi ÜlleÜlle, Kauksi, Merca, Andreas KalkunKalkun, Andreas u.a.).
4 Dass ein Nichtmuttersprachler sich des EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian als dichterischer Sprache bedient, kommt selten vor. Eine Ausnahme ist die Lyrik des schon erwähnten Øyvind RangøyRangøy, Øyvind, in der er auch seine exophoneExophonieexophon/exophonic Situation reflektiert:Außerhalb der SpracheWurzeln schlagen in einer anderen Sprache ist ein In-die-Ehe-Treten in umgekehrter Richtung: man wird zwei Fleisch, zwei Seelen. Der Gang der Dinge ist unter Umständen schmerzhaft, wunderbar und unvermeidlich. Innerlich sich zweiteilen ist ein erstaunlich schneller Prozess.Wer bin ich außerhalb der Sprache? Einer jener Steine, die die Eltern meiner Eltern zum Schutz der Beerensträucher aufeinandergestapelt haben? Der Lichteinfallswinkel auf der Meeresoberfläche? Überhaupt irgend etwas?Vielleicht bloß ein Träumender? 3
Das wohl interessanteste Beispiel für alle diese Fälle aus der estnischenEstland/Estoniaestnisch Literatur bietet die Lyrik des 1941 geborenen Jaan KaplinskiKaplinski, Jaan, der als der exophonste Autor EstlandsEstland/Estonia gelten dürfte. Schon in seinem Buch Öölinnud. Öömõtted (1998; dt. Nachtvögel. Nachtgedanken) publizierte Kaplinski neben estnischsprachigen Gedichten eine Reihe von Texten in finnischer und englischerEnglisch/English Sprache. Sein Band Sõnad sõnatusse (2005; dt. Worte ins Wortlose) enthält auch russischeRusslandrussisch Gedichte.
Mit seinem zu Ende des Jahres 2010 gemachen Blogeintrag „Goodbye my EstonianEstland/EstoniaEstnisch/Estonian“ löste KaplinskiKaplinski, Jaan seine bisherige Schaffenssprache ab und erklärte zugleich, warum er nicht mehr auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian schreiben könne. Kaplinski entschloss sich, seine MutterspracheMuttersprache/mother tongue gewissermaßen aufzugeben, denn seinem Eindruck nach seien es heute bestimmte Gruppen von Fachleuten, mit dem damaligen Präsidenten (Toomas Hendrik Ilves) an der Spitze, die den SprecherInnen des EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian Worte, Normen und Ausdrucksweisen aufzwingen. Kaplinski wettert gegen die estnischeEstland/Estoniaestnisch IT-Terminologie, die er nicht für erlernenswert hält, denn sie sei nur scheinbar EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, und er schließt: „Niemand hat das Recht, den Leuten EstlandsEstland/Estonia zu sagen, welche Worte sie benutzen sollten und welche nicht.“
KaplinskiKaplinski, Jaan schreibt:
Erstens habe ich Gedichte, Essays und Aufsätze in estnischer Sprache seit etwa 50 Jahren, das ist ein halbes Jahrhundert, geschrieben. Genügt es nicht? […] Ich habe versucht, mein Bestes zu tun, um diese Sprache intelligent und kreativ zu verwenden. Ich habe versucht, sie vor Normativen und Neologismen in Schutz zu nehmen. Jetzt habe ich das Gefühl, dass meine Bemühungen folgenlos geblieben sind. Ich habe meine Schlacht verloren. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zu ergeben. Ich will keine estnischenEstland/Estoniaestnisch MedienMedien mehr lesen, weder mir unsere Radiosendungen anhören noch unsere Fernsehprogramme angucken. Eine modernisierte Sprache tut mir weh. Ich muss das Schreiben in estnischer Sprache aufgeben und versuchen, fortan auf Werroestnisch, EnglischEnglisch/English oder RussischRusslandRussisch/Russian zu schreiben.4
Und das tut er auch, von diesem Zeitpunkt ab dichtet er auf EnglischEnglisch/English, Werroestnisch und RussischRusslandRussisch/Russian.
FATHERLAND
homeland
words become meaningless
in the Western world
in modern poetry
Words losing their
(eco)logical niche as fish
as suffocating fish from some
used up lake
some waterless body of water
I am a fish too
a fish from a lake called
EstoniaEstland/Estonia
[…]
They asked me
do I feel myself
at least a bit PolishPolenPolnisch/Polish
what could I answer them
what did I answer them
an EstonianEstland/EstoniaEstnisch/Estonian non-Catholic
non-Protestant
a fish from a far-off lake
looking upon them
through these multicoloured
reefs and waves
what words have they
heard from my mouth
grown up in another language
in another world […]
(KaplinskiKaplinski, Jaan 2000: 883–886.)
Anfang November 2019 erschien das bisher letzte Werk von Jaan KaplinskiKaplinski, Jaan, seine Kindheits- und Jugenderinnerungen Latsepõlve suve (Võru, 2019), verfasst auf Werroestnisch – in der Sprache seiner Kindheit und Jugend.
Im Jahre 2014 gab er als Ян Каплинский einen Band von Gedichten in russischerRusslandrussisch Sprache heraus Белые бабочки ночи/Бѣлыя бабочки ночи (Nachwort von Sergei Zawjalow, Kite, 2014; d.h. Weißer Nachtfalter auf RussischRusslandRussisch/Russian und Altrussisch). Der Band wurde von der russischenRusslandrussisch Kritik positiv aufgenommen: „Nach RilkeRilke, Rainer Maria ist das der zweite Versuch, dass ein europäischerEuropaeuropäisch Dichter von diesem Rang sich dem russischenRusslandrussisch Vers zuwendet. Im Unterschied zu Rilke dichtet KaplinskiKaplinski, Jaan glänzend in russischerRusslandrussisch Sprache.” (Каневский 2014)
Dieser SprachwechselSprachwechsel erregte in der estnischenEstland/Estoniaestnisch Gesellschaft starkes Aufsehen, man sah bzw. suchte darin die Äußerung einer politischenPolitik/politicspolitisch/political Stellungnahme. Man hat aber auch Kaplinskis Entschluss zu einer grundsätzlichen MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit als Zeichen einer zu begrüßenden Interkulturalität interpretiert und dabei auf den Semiotiker Juri LotmanLotman, Juri verwiesen, der Mehrsprachigkeit – Berührung und Austausch der Sprachen – als die unentbehrliche Bedingung zur Entwicklung einer Kultur auffasst. (Trunin 2014)
Mit diesem Lotmanschen Gedanken wäre es angemessen, diesen kurzen Abriss der Geschichte der estnischenEstland/Estoniaestnisch mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig und exophonenExophonieexophon/exophonic Literatur zu beschließen. Doch man gestatte mir noch eine Bemerkung. Bei Phänomenen der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit bzw. ExophonieExophonie drängt sich immer die Frage auf: Welcher Literatur gehört so etwas/jemand eigentlich an? Die deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch AutorInnen hielten sich selbst in der Regel für der deutschenDeutschlanddeutsch Literatur zugehörig. Heute würde man sie dennoch eher der estnischenEstland/Estoniaestnisch bzw. lettischenLettland/Latvialettisch Literatur (oder wenigstens der Literatur EstlandsEstland/Estonia bzw. LettlandsLettland/Latvia) zurechnen.
Dieselbe Frage hat man sich manchmal auch angesichts der heutigen ‚estnischrussischen‘ Literatur gestellt, die sich eigentlich als solche noch erst bewähren muss. Ist sie ein Bestandteil der russischenRusslandrussisch oder der estnischenEstland/Estoniaestnisch Literatur? Ich bin der Meinung, die russischestnische Literatur gehört sehr wohl zur estnischenEstland/Estoniaestnisch Literatur. Eine Geschichte der estnischenEstland/Estoniaestnisch Literatur sollte folglich auch ein Kapitel über die deutschbaltischeDeutschbaltendeutschbaltisch und russischestnische Literatur enthalten.
Bisher hat man das so nicht gemacht, selbst wenn die Idee an sich ja gar nicht so neu ist. So hat der erste Professor für estnischeEstland/Estoniaestnisch Literatur an der estnischsprachigen Universität Tartu, Gustav SuitsSuits, Gustav, im Jahre 1929 die Aufgabe der Literaturforschung folgendermaßen formuliert: „BaltischeBaltikumBaltisch Literaturgeschichte in einem weiteren Sinne des Wortes wäre erst dann bearbeitet, wenn der Horizont des Betrachters die literarischen Berührungen und Gegenwirkungen der hiesigen Völker umfasst.“ (Suits 1929: 208). Ihm sekundiert Otto Alexander WebermannWebermann, Otto Alexander, den das Schicksal nach dem Zweiten WeltkriegWeltkriegZweiter Weltkrieg nach Göttingen brachte:
Unabhängig davon, wo man die Hauptakzente setzt, kann der Literaturhistoriker in solchen Räumen wie in unserer HeimatHeimat, wo mehrere Sprachen nebeneinander existieren und wo in früheren Zeiten die meisten Autoren in zwei oder in mehreren Sprachen geschrieben haben, nicht umhin, einerseits diesen Raum als eine Einheit zu betrachten, andererseits aber den komplexen Charakter der geistigen Erscheinungen zu berücksichtigen, und wenn die bisherigen Möglichkeiten und Methoden nicht ausreichen, so müssen wir nach neuen suchen.
(WebermannWebermann, Otto Alexander 1960: 27.)
Literaturverzeichnis
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Widerspiegelungen der gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit in der deutschbaltischen Literatur am Beispiel von Georg Julius von Schultz-Bertram, Monika Hunnius und Edzard Schaper
Marin Jänes, Maris Saagpakk, Annika Saar, Marianne Laura Saar
Abstract: Die deutschbaltischeDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur ist aus der Perspektive der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit ein besonders vielversprechendes Forschungsthema, da ihre Gründungsgeschichte einen Kolonisationscharakter hat und die weitere Entwicklung durch einen mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig und transkulturellenTranskulturalitättranskulturell, aber auch wechselvollen Kontext geprägt war. In diesem Beitrag wird am Beispiel von drei literarischen Werken analysiert, in welchen Formen sich die gesellschaftliche Mehrsprachigkeit in der deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur widerspiegelt, welche Funktionen die literarische Mehrsprachigkeitliterarische Mehrsprachigkeit hat und welche Schlussfolgerungen für die tatsächlichen Sprachsituationen daraus gezogen werden können. Mit diesem Anliegen beschäftigte sich ein Forschungsprojekt von Germanistikstudierenden an der Universität Tallinn, dessen Ergebnisse der vorliegende Beitrag präsentiert.
Keywords: Mehrsprachigkeit, Estland, Deutschbalten, Schultz-Bertram, Hunnius, Schaper
1 Einleitung
Die deutschbaltische literarische KulturDeutschbaltendeutschbaltische literarische Kultur ist seit ihrem Anfang im 13. Jahrhundert ein mehrsprachigesMehrsprachigkeitmehrsprachig Phänomen gewesen. Es handelt sich um die Literatur einer deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig MinderheitMinderheit in den heutigen Gebieten der Republiken EstlandEstland/Estonia und LettlandLettland/Latvia, bestehend aus Adel, Bürgerlichen und Geistlichen, die in diesen Ländern seit der Christianisierung während vieler Jahrhunderte die Oberschicht bildete. Die Geschichte der deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Besiedlung endete mit dem Zweiten WeltkriegWeltkriegZweiter Weltkrieg, als die DeutschbaltenDeutschbalten im Rahmen der UmsiedlungUmsiedlung (1939–1940) und der darauffolgenden Nachumsiedlung (1941) die Gebiete verließen. Nach dem Zweiten WeltkriegWeltkriegZweiter Weltkrieg war Forschung zur deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur in Est- und LettlandLettland/Latvia aus politischenPolitik/politicspolitisch/political Gründen unerwünscht. Ebenso wurden die deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Werke nicht übersetzt, so dass sie den estnischenEstland/Estoniaestnisch bzw. lettischenLettland/Latvialettisch Lesern erst am und nach dem Ende der SowjetzeitSowjetunionSowjetzeit zugänglich wurden und somit für diese alten Texte eine zweite Welle der Rezeption aufkam.
In der aktuellen literatur- und kulturwissenschaftlichen Forschung fehlt der Konsens darüber, wie die deutschbaltischeDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur zu bestimmen ist. Traditionell werden estnischeEstland/Estoniaestnisch, lettischeLettland/Latvialettisch und deutschbaltischeDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur getrennt betrachtet, wobei vor allem die Sprache (vgl. Hasselblatt 2006: 3), aber auch die Herkunft der Autoren und Autorinnen sowie die behandelten Themen von Bedeutung sind (Wilpert 2005: 16). Diese sprachliche Abgrenzung wird jedoch der kulturellen und sprachlichen Vielfalt der in der Region geschriebenen literarischen Texte nicht gerecht. Jaan Undusk (2011: 561–562) macht darauf aufmerksam, dass die estnischeEstland/Estoniaestnisch und lettischeLettland/Latvialettisch Literatur bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts keine eigenen Literaturen bildeten, sondern als Peripherie der deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur funktionierten. Diese Peripherie beeinflusste rückwirkend das Zentrum, wobei u.a. das mehrsprachigeMehrsprachigkeitmehrsprachig Schreiben eine bedeutende Rolle spielte. Ebenso kann man vermuten, dass die deutschbaltischeDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur wegen der ethnischenEthnieethnisch Mischung der Bevölkerung, gesellschaftlichen und sprachlichen Kontakte, kulturellen Prozesse und Zugehörigkeit der Gebiete zu verschiedenen Mächten in einem mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig und transkulturellenTranskulturalitättranskulturell Kontext entstand. Neben der deutschbaltischen VarietätDeutschbaltendeutschbaltische Varietät wurden auch finno-ugrischefinno-ugrisch und baltische Sprachen sowie je nach der kulturell-politischen Lage unter anderem auch LateinLatein, PolnischPolenPolnisch/Polish, SchwedischSchwedenSchwedisch, RussischRusslandRussisch/Russian, FranzösischFrankreichFranzösisch verwendet. Der Einfluss dieser sprachlichen Situation auf die Literatur ist jedoch bisher nur am Rande erforscht worden (Wilpert 2005: 16).
Die Frage nach dem Einfluss der beschriebenen sprachlichen Vielfalt auf die deutschbaltischeDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Anliegen eines Projekts von Tallinner Germanistikstudierenden unter der Leitung von Maris Saagpakk, aus dem der vorliegende Beitrag hervorgegangen ist. Am Projekt haben Studierende aus unterschiedlichen Studienjahren teilgenommen. Zwei der Studierenden (Mart Vinnal, Liisbet Erepuu) haben ihre Seminararbeiten zu diesem Thema geschrieben und sind dann aus dem Projekt ausgestiegen,1 drei (Marin Jänes, Annika Saar, Marianne Laura Saar) haben die Arbeit unter Betreuung von Maris Saagpakk fortgesetzt. Die Zusammenfassung der Ergebnisse und Ausarbeitung des Beitrags wurde von Marin Jänes ausgeführt.
Der Fokus des Projekts lag darauf, in welchen Formen die MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in der Literatur weitergegeben wird, welche Funktionen die Mehrsprachigkeit in den Werken hat und welche Schlussfolgerungen für die sprachlichen, kulturellen und sozialen Differenzen im historischenhistorisch BaltikumBaltikum daraus gezogen werden können. Lawrence Alan Rosenwalds Satz: „literature can teach us something about linguistic history“ (2008: xi) diente dabei als Arbeitshypothese. Neben der Analyse der literarischen Primärtexte wurde auch die Mehrsprachigkeit in den ÜbersetzungenÜbersetzung/translation der analysierten Texte ins EstnischeEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, die seit 1991 erschienen sind, in Betracht gezogen. Darüber hinaus hat die Gruppe ihre persönlichen Mehrsprachigkeitsprofile analysiert, um die eigenen Verwendungsformen und -kontexte sowie die allgemeinen sprachlichen, kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen der Mehrsprachigkeit besser zu verstehen. Auf die Analyse der ÜbersetzungenÜbersetzung/translation sowie die didaktische Einbettung und Lerneffekte des Projekts wird im Folgenden nicht näher eingegangen. Der vorliegende Artikel präsentiert die Ergebnisse der studentischen Recherche und stellt sie in den Kontext der Forschungslage zur deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur und Kultur.
2 Soziokulturelle und sprachliche Rahmenbedingungen der analysierten Werke
Für den vorliegenden Beitrag wurden drei Werke der deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur ausgewählt, die Informationen zu den früheren Sprachsituationen in den Gebieten des heutigen EstlandsEstland/Estonia liefern – Mein Onkel Hermann von Monika HunniusHunnius, Monika (1921), Briefe eines baltischenBaltikumBaltisch Idealisten von Georg Julius von Schultz-BertramSchultz-Bertram, Georg Julius von (1934) und Der Henker von Edzard SchaperSchaper, Edzard (1940). Obwohl alle drei analysierten Werke in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschienen sind, deckt die Handlungszeit sowie die Schreibzeit der Werke mehr als ein Jahrhundert ab. Die kulturellen Rahmenbedingungen und die jeweilige politischePolitik/politicspolitisch/political Lage, wie auch die aktuell gültigen Sprachsituationen und -hierarchien1 während des Schreibens und der dargestellten Handlung waren somit bei allen Werken verschieden.
2.1 Georg Julius von Schultz-BertramSchultz-Bertram, Georg Julius von und die Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts
Die im Jahre 1934 in Leipzig erschienenen Briefe eines baltischenBaltikumBaltisch Idealisten wurden erst Jahrzehnte nach dem Tod des Autors von Johannes WernerWerner, Johannes herausgegeben. Das Werk enthält die Briefe des Schriftstellers, Arztes, Ethnologen und Journalisten Georg Julius von Schultz-BertramSchultz-Bertram, Georg Julius von (1808 Tallinn [damals Reval] – 1875 Wien). Die in der Sammlung publizierten privaten Briefe Schultz-Bertrams an seine Mutter und seinen engen Freundeskreis stammen aus den Jahren 1833–1875.
Die Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts war sowohl politischPolitik/politicspolitisch/political als auch kulturell turbulent. Wie vielerorts in Mittel- und OsteuropaOsteuropa kam es in der estnischsprachigen Bevölkerung zu einem Erwachen des Nationalgefühls, wobei die deutschbaltischeDeutschbaltendeutschbaltisch MinderheitMinderheit anfangs eine unterstützende Rolle spielte. EstlandEstland/Estonia gehörte seit Anfang des 18. Jahrhunderts zum russischenRusslandrussisch Zarenreich, aber die DeutschbaltenDeutschbalten hatten ständische Sonderrechte und baltische Provinzen genossen eine politischePolitik/politicspolitisch/political Autonomie. Für die sprachliche Situation bedeutete diese Zeit einen etwas stärkeren Kontakt zur russischenRusslandrussisch Sprache, aber DeutschDeutschlandDeutsch als Sprache der Verwaltung, höherer Bildung und Wissenschaft blieb an erster Stelle der Sprachhierarchie und die ständische Teilung der Sprachen – DeutschDeutschlandDeutsch als Sprache der Oberschicht und oberen Mittelschicht und EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian als Sprache der unteren Bevölkerungsschicht – blieb bestehen (vgl. Hennoste 1997: 55).
Schultz-BertramSchultz-Bertram, Georg Julius von gehörte zu den estophilen DeutschbaltenDeutschbalten, die der Idee von Johann Gottfried HerderHerder, Johann Gottfried folgten, dass die Trennung zwischen ‚barbarischen‘ und ‚kultivierten‘ Völkern aufgehoben gehört. Er nahm aktiv an den Diskussionen über die Stellung der estnischenEstland/Estoniaestnisch Sprache und Kultur teil (vgl. Saagpakk 2015: 106) und befürwortete, dass die Esten „auf dem natürlichen Entwickelungsgange aus sich selbst einem erhöhten Selbstbewußtsein, einem nationalenNationnational Gefühl und dadurch einer höheren Bildung“ entgegengeführt werden sollten (Schultz 1860: 433). Während seiner Lebenszeit übernahmen nationaleNationnational Aktivisten estnischer Herkunft selbst die Entwicklung der estnischenEstland/Estoniaestnisch Kultur und nahmen diese damit den DeutschbaltenDeutschbalten aus der Hand.
2.2 Monika HunniusHunnius, Monika und ihr Rückblick auf EstlandEstland/Estonia in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Der autobiographischeBiographiebiographisch Roman Mein Onkel Hermann von Monika HunniusHunnius, Monika erschien im Jahre 1921 in Heilbronn. Die Schriftstellerin, Sängerin und Gesangslehrerin Monika Adele Elisabeth Hunnius (1858 Riga – 1934 Riga) lebte ihre ersten zehn Lebensjahre in EstlandEstland/Estonia. Danach war sie vor allem in Riga ansässig, wo sie auch den Ersten WeltkriegWeltkriegErster Weltkrieg erlebte. Eine kurze Periode verbrachte sie danach in DeutschlandDeutschland (vgl. Bender/Peekmann 2019: 46), während der sie zu schreiben begann und der analysierte Roman erschien.
Im Roman erinnert sie sich an die Sommer ihrer Jugendzeit in Paide (Weißenstein) bei Carl Hermann HesseHesse, Carl Hermann, mit dem sie verwandtschaftliche Verbindungen hatte. Im Geleitwort des Romans mit dem Untertitel Die Erinnerungen an Alt-EstlandEstland/Estonia schreibt Hermann HesseHesse, Hermann (das Enkelkind von Carl Hermann Hesse), dass „es alte Geschichten [sind], die dies Buch erzählt, sie geschahen in einer Welt, die nicht mehr ist“ (Hesse in Hunnius 1921:6). Tatsächlich waren zwischen der im Roman beschriebenen Periode und der Schreibzeit heftige Erschütterungen durch das Land gegangen – die RussifizierungRussifizierung am Ende des 19. Jahrhunderts, die Revolution von 1905 mit dem Niederbrennen von Gutshäusern, die Kriegszeit, Abschaffung der Gutshöfe sowie Stände und aller ständischen Institutionen nach der Gründung der Republik etc. Auch die Sprachsituation veränderte sich drastisch. Die DeutschbaltenDeutschbalten, die sich bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts primär an DeutschlandDeutschland orientiert hatten, fanden sich angesichts des verstärkten nationalenNationnational Selbstbewusstseins der Esten, der langen Isolation von DeutschlandDeutschland und der beginnenden RussifizierungRussifizierung in einer neuen Lage (vgl. Lukas 2006: 40; Plath 2011: 15). Infolge der Russifizierung verloren die bisher an erster Stelle der Sprachhierarchie gelegene deutscheDeutschlanddeutsch Sprache und die gerade erst einen gewissen Status gewonnene estnischeEstland/Estoniaestnisch Sprache an Bedeutung im öffentlichen Leben zugunsten des RussischenRusslandRussisch/Russian. Dies bedeutete jedoch nicht, dass die DeutschbaltenDeutschbalten und Esten sich mit dieser offiziellen Hierarchie abfanden. Für die Deutschbalten blieb das DeutscheDeutschlandDeutsch an erster Stelle und für die Esten stieg das EstnischeEstland/EstoniaEstnisch/Estonian an die Spitze der Sprachhierarchie. So entstanden in der Gesellschaft drei unterschiedliche und konkurrierende Sprachhierarchien, die von unterschiedlichen Nationalitäten und sozialen Schichten getragen wurden (vgl. Hennoste 1997: 58).
Der Roman wurde nach der Gründung der Republik EstlandEstland/Estonia geschrieben. Die Abschaffung der Ständegesellschaft und die ‚Estnifizierung‘ bedingten eine neue Sprachsituation, in der sich der Status des EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian erhöhte. Diese gesellschaftlichen Umwälzungen beeinflussten die Autorin in ihrer Schreibweise, so dass sie ihre Jugendzeit als eine „verschwundene“ (Hunnius 1921: 8) und abgeschlossene Periode, ein „Idyll“ (ebd.) im sogenannten „Alt-EstlandEstland/Estonia“ sieht und diese samt der gesellschaftlichen Hierarchien und Sprachsituation entsprechend abbildet. Die Funktion des Textes besteht für die Autorin, aber auch für die vielen (heimatvertriebenen) Leser im NachkriegsdeutschlandDeutschland, im Jahre 1921 darin, sich in diese „ganze sonnige Welt, die man geliebt“ hatte, zurückzuretten (ebd.).
2.3 Edzard SchaperSchaper, Edzard und die gesellschaftlichen Umwälzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Der Henker von Edzard SchaperSchaper, Edzard (1908 Ostrów [Ostrowo] – 1984 Bern) erschien im Jahre 1940 in Leipzig. Schaper ist ein Sonderfall der deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Literaturgeschichte. Obwohl er ein deutscherDeutschlanddeutsch Schriftsteller und Übersetzer war, der lediglich in den Jahren 1930–1940 in EstlandEstland/Estonia lebte, führten familiäre Beziehungen mit den DeutschbaltenDeutschbalten und die Faszination mit der Geschichte des Landes in mehreren Romanen zu einer tiefen literarischen Auseinandersetzung mit deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Themen.
Der Henker wurde am Vorabend des Zweiten WeltkriegesWeltkriegZweiter Weltkrieg geschrieben. Bis dahin wurden die Prozesse der sprachlichen und kulturellen Kräfteverschiebungen, die mit der Gründung der Republik angefangen hatten, weitergeführt. Mit dem Anfang des Kriegs veränderte sich die Situation grundlegend – die DeutschbaltenDeutschbalten wurden aus den baltischenBaltikumBaltisch Ländern umgesiedelt. Edzard SchaperSchaper, Edzard folgte der Aufforderung „Heim ins Reich“ nicht, sondern flüchtete 1940 nach Finnland, danach nach SchwedenSchweden und fand schließlich eine dauerhafte Bleibe in der SchweizSchweiz.
Die politischePolitik/politicspolitisch/political Situation spiegelte sich auch in Schapers literarischem Werk wider, in dem er sich überzeitlich mit den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts und mit der Verantwortung des Individuums dabei auseinandersetzte (vgl. Gierlich 2014: [5]). Dies trifft auch für Den Henker zu, in dem SchaperSchaper, Edzard die Revolution von 1905 auf dem heutigen Territorium EstlandsEstland/Estonia aus den Perspektiven der deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Adligen, der russischenRusslandrussisch Zentralmacht und der estnischenEstland/Estoniaestnisch Bauern betrachtet. In dieser Zeit lag an der Spitze der offiziellen Sprachhierarchie das RussischeRusslandRussisch/Russian, in der Gesellschaft war die Sprachsituation aber vielfältiger. Die Esten wurden in ihren Nationalbestrebungen immer selbstbewusster, ebenso war im Gegensatz zu früheren Perioden die Germanisierung nicht mehr eine Voraussetzung des Aufstiegs in der sozialen Hierarchie. Vielmehr wurden Bestrebungen als DeutscheDeutschlandDeutsche oder Russe zu erscheinen nun negativ beurteilt und solche Esten abwertend als HalbdeutscheDeutschlandHalbdeutsch1, und Halbrussen2 bezeichnet (Hennoste 1997: 58). Die Unzufriedenheit und die daraus resultierende revolutionäre Stimmung der Esten war für die DeutschbaltenDeutschbalten eine negative Überraschung. Um den Gründen dieser Entwicklungen nachzugehen, nimmt der Roman die gesamte Geschichte und das Selbstverständnis der DeutschbaltenDeutschbalten unter die Lupe. Im Roman geht es um einen deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Offizier Ovelacker in russischenRusslandrussisch Diensten, der die Revolution von 1905 im fiktivenFiktivitätfiktiv Ort Drostenholm brutal unterdrückt, später aber dorthin als Erbe des ermordeten Gutsherrn zurückkehrt. Spannung wird aufgebaut zwischen Ovelacker und einem Bauern, der in der Vergeltungsaktion gegen die Aufständischen zwei Söhne verloren hatte. Der dritte Sohn des Bauern wird nach Sibirien verbannt, der Kampf um seine Befreiung kristallisiert das Unrecht gegen die Esten durch die Deutschbalten. Lukas (2002) nennt den Roman in der estnischenEstland/Estoniaestnisch ÜbersetzungÜbersetzung/translation daher einen ,Versöhnungsroman‘, da die Schreibzeit des Romans – Ende der 1930er Jahre, als die Deutschbalten als zur MinderheitMinderheit degradierte einstige Machthaber – die nachdenkliche Stimmung des Werkes, das die Wendepunkte in den deutschbaltischDeutschbaltendeutschbaltisch-estnischenEstland/Estoniaestnisch Beziehungen aufdeckt, bedingte.
3 Elemente der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in den analysierten Werken
Es soll nun an die eingangs aufgestellte Hypothese erinnert werden, dass mit Hilfe der Literatur Aussagen über die Sprachgeschichte gemacht werden können. Dabei sollte, wie Dembeck betont, „die sprachhistorische Entwicklung jedoch nicht selbst der Gegenstand des [literaturwissenschaftlichen] Interesses sein“ (2017: 127). Im vorliegenden Beitrag wird daher versucht, erstens die Rahmenbedingungen der Repräsentationen von MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit auszuleuchten, zweitens aber auch stets auf die literarischen Funktionen der Verwendung von Mehrsprachigkeit zu achten.
Die Grundsprache aller analysierten Werke ist Standarddeutsch. MündlichMündlichkeitmündlich verwendeten die DeutschbaltenDeutschbalten eine VarietätVarietät, die vom Vokabular des EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, bzw. LettischenLettland/LatviaLettisch/Latvian, RussischenRusslandRussisch/Russian und auch des von der russischenRusslandrussisch Aristokratie benutzten FranzösischenFrankreichFranzösisch beeinflusst war, in der Literatur wurde aber bewusst HochdeutschDeutschlandHochdeutsch verwendet (vgl. Lukas 2006: 494). Kommt die Varietät doch vor, so werden diese Stellen erklärt, manchmal tritt sie als ein ZitatwortZitatZitatwort im natürlichen Wortschatz des Autors auf (vgl. Bender 2017: 603). Lukas verbindet die Verwendung des HochdeutschenDeutschlandHochdeutsch mit dem Versuch „die durch die Sprache vermittelte kulturelle IdentitätIdentität/identity zu bewahren“ (2006: 494). Bei den analysierten Werken spielte es auch eine Rolle, dass als Zielgruppe der Werke die Leserschaft in DeutschlandDeutschland vermutet werden kann. Es muss daher angenommen werden, dass der implizierte Leser, der den Autoren vorschwebte, kein EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian oder RussischRusslandRussisch/Russian kann. Für diesen Leser wären also die entsprechenden Passagen nicht nur schwierig, sondern unmöglich zu verstehen. Die Funktion der Figurenrede, oder auch Namen und Ortsbezeichnungen auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian und (weniger) auf RussischRusslandRussisch/Russian ist daher einerseits in der Darstellung des Lokalkolorits zu vermuten, hat aber andererseits auch eine exotisierende Wirkung, insbesondere in der Kombination mit der Betonung der geringeren sozialen Position der Sprecher anderer lokaler Sprachen.
Wie bereits erwähnt, waren die soziokulturellen und die politischenPolitik/politicspolitisch/political Rahmenbedingungen der analysierten Werke sowohl während des Schreibens als auch während der Perioden, in denen die dargestellte Handlung stattfindet, unterschiedlich. Diese Sprachsituationen reflektieren sich in den Werken, wo neben der deutschenDeutschlanddeutsch Grundsprache auch anderssprachigeanderssprachig Elemente zur Verwendung kommen, aber eben durch den Filter der persönlichen (Sprach-)Kenntnisse und -Einstellungen der Schreibenden. Wie die Analyse zeigt, war die MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in EstlandEstland/Estonia zur Entstehungszeit der geschilderten Werke wesentlich vielfältiger als die obenerwähnte gesellschaftliche Sprachhierarchie – DeutschDeutschlandDeutsch, RussischRusslandRussisch/Russian, EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian. Daneben spielten auch FranzösischFrankreichFranzösisch, LateinLatein, SchwedischSchwedenSchwedisch, LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian, FinnischFinnisch und andere Sprachen eine Rolle.
In der Analyse wurde im ersten Schritt das Vorkommen der manifesten MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit aufgezeichnet. Es wird gezeigt, welche Sprachen in den Texten vorkommen, welche Funktion die anderssprachigenanderssprachig Textteile haben und ob es sich um SprachmischungSprachmischung oder SprachwechselSprachwechsel handelt. Darüber hinaus wird auch auf die latentelatent Erwähnung von Sprachen in den Texten hingewiesen.
Da die literarische Widerspiegelung der lokal gesprochenen SprachenSprache, gesprochene bzw. VarietätenVarietät einen Großteil der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit ausmacht, wurde dieses SprachmaterialSprachmaterial von der Gesamtdarstellung getrennt und separat betrachtet. Die Baltizismen wurden ausgeschrieben und kontextualisiert, das EstnischeEstland/EstoniaEstnisch/Estonian als die am stärksten hierarchisch markierte Sprache wurde detaillierter analysiert – sein Vorkommen in der Figurenrede, im Erzählerkommentar, bei den Namen und Ortsbezeichnungen.
3.1 Manifeste und latentelatent MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in den analysierten Texten
3.1.1 Briefe eines baltischenBaltikumBaltisch Idealisten von Georg Julius von Schultz-Bertram Schultz-Bertram, Georg Julius von
In den Briefen von Georg Julius von Schultz-BertramSchultz-Bertram, Georg Julius von (al Dr. Bertram) gibt es zahlreiche Beispiele der manifesten MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit. Die anderssprachigenanderssprachig Textteile markieren häufig kulturelle Kontakte zu anderen ethnischenEthnieethnisch Gruppen, sowie deren Akzent. Dies geschieht sowohl durch die SprachmischungSprachmischung wie auch durch den SprachwechselSprachwechsel. Ein schwedischesSchwedenschwedisch Beispiel des SprachwechselsSprachwechsel – „eine dienstfertige, sehr hübsche Flikka [SchwedischSchwedenSchwedisch: Mädchen]1 fragte vergnügt: ‚Ja sso! verstoh!‘“ (Schultz-Bertram 1934: 22).2 Das sprachliche Missverständnis, aufgrund dessen der Kunde statt Suppe Branntwein bekommen hat, wird folgend kommentiert: „Die Flikka hatte SchwedischSchwedenSchwedisch gesprochen und ich ihr auf DeutschDeutschlandDeutsch geantwortet.“ (ebd.) Ein Beispiel aus der Beschreibung einer Begegnung in Schottland – „Die Alte stampfte mit dem Stock heftig auf das Steinpflaster und sagte deutlich: ‚Archeanochranchran dhu Carhouzielostantegle!‘“ (162). Der Leser wird nicht aufgeklärt, wie man den Satz deuten sollte, wohl weil weder der Autor der Briefe noch der Herausgeber es verstehen konnten. Einfacher hingegen sind natürlich die Gespräche auf RussischRusslandRussisch/Russian, das zu den ,Ortssprachen‘ gehörte. Ein Gespräch mit einem russischenRusslandrussisch Bauern: „Prosto prelostj! i karol prußki ss tschornem kolpakom!“ (255).3 Oder eine Konversation mit einer französischen Dame, wo das gesamte Gespräch auf FranzösischFrankreichFranzösisch wiedergegeben wurde: „Monseigneur, Vous donnez des fêtes comme Néron!“ – „Pourquoi?“ – „Parceque [sic] Néron étouffait ses invités sous des amas de fleurs!“ (204).4
Des Weiteren sind anderssprachigeanderssprachig Textteile in den Erzählertext eingebaut und gewähren einen Einblick in die damalige Lebensart der gesellschaftlichen Schicht, der der Autor angehörte. Da es sich um Briefe handelt, kann man vermuten, dass die Elemente der Fingiertheit geringer sind als bei rein fiktionalenFiktionalitätfiktional Texten. Dennoch muss man vorsichtig sein, die abgebildete Sprechweise als historischehistorisch Wirklichkeit zu interpretieren, da die Einbeziehung der Elemente der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit bei den autobiographischenBiographiebiographisch Texten auch zur Selbststilisierung vorgenommen worden sein kann. Zur Unterstreichung des lokalen Kolorits dienen viele russischeRusslandrussisch Wörter, die transliteriert und meistens mit einer ÜbersetzungÜbersetzung/translation versehen sind, z.B. „‚Kritschjom‘5, sagte er lustig.“ (45), „der alt Müller gehe oft nachts als Domowoi“ (47),6 „Am Dienstag landeten wir ‚sa graniza‘“ (138).7 FranzösischFrankreichFranzösisch verweist auf gute Manieren, Geselligkeitsformen oder Freizeitvergnügen: „Ella spielt jetzt à quatre mains mit Liszt“ (153). Oder „Man nennt das un bain des princes.“ (209), worauf die Bemerkung auf LateinLatein folgt: „Probatum est!“ (ebd.). Bei den französischen Textteilen wird unterschieden zwischen längeren Ausdrücken oder Sätzen, die in lateinischerLateinLateinisch SchriftSchrift gedruckt sind und den offenbar als Bildungsdeutsch empfundenen französischen Ausdrücken wie „magnifique“ (56) oder „affreuse“ (19), die wie der übrige Text in gotischer Schrift abgedruckt sind. Im ähnlichen Kontext kommen auch ItalienischItalienItalienisch „Felicissima notte!“ (289) und EnglischEnglisch/English „dem unvermeidlichen Keepsake-Gesicht“ (170) vor, jedoch sehr viel weniger als FranzösischFrankreichFranzösisch. Die besondere Stellung des FranzösischenFrankreichFranzösisch als ,BildungsspracheBildungssprache‘ wird dadurch unterstrichen, dass das FranzösischFrankreichFranzösisch der einfachen Leute in Paris karikiert wird: „Voyez la grosse bête cré coquine! V’là une belle honte! – honte!“ (83). Latein wird zur Unterstreichung des Bildungsstandes herangezogen, teils beiläufig „Er lachte: ‚Also ein mixtum compositum!‘“ (283),8 in vielen Fällen aber auch spaßhaft: „Nikolaus aber betrachtete die dicke Stange und sagte: ‚Viribus unitis!‘“ (239).9 GriechischGriechisch ist selten, wenn überhaupt, wird es ebenfalls im ,bildungssprachlichen‘ Kontext verwendet: „die ich ‚Andrein‘ (vom griechischenGriechischgriechisch „andres“ = Männer) benannt habe. Ebenso giebt es einen weiblichen Magnetismus, den ich ‚Gynäin‘ (vom griechischenGriechischgriechisch ‚gyne‘ = Weib) nenne“ (188). Zahlenmäßig prävalieren klar RussischRusslandRussisch/Russian, FranzösischFrankreichFranzösisch und LateinLatein, wie bereits erwähnt, kann man bei manchen Ausdrücken vermuten, dass es sich eher um Fälle unbewussten Translanguaging als bewusster Verwendung anderssprachigeranderssprachig Elemente handelt.
Schultz-BertramSchultz-Bertram, Georg Julius von hatte starke linguistische und literaturtheoretische Interessen. Seine aufmerksame Betrachtung der grammatischenGrammatikgrammatisch, phonetischen und rhythmischen Eigenarten widerspiegelt sich auch in den Briefen. Er kommentiert den Akzent der Wiener bei der Aussprache der Diphthonge: „Soldaten sprechen DeutschDeutschlandDeutsch, aber sie sagen: ‚Taitsch‘; gegen Abend laufen viele Jungen durch die Straßen und schreien: ‚Taitsche Zai-tung! Taitsche Zai-tung!‘ – das ist sehr komisch.“ (280) und bringt Beispiele von Missverständnissen, die auf falscher Aussprache beruhen, wie aus einem Gespräch mit einer harthörigen Dame: „Sie verstand statt Großvater ‚Curator‘“ (145). Es gibt Beispiele zur fehlerhaften Wortfolge: „‚Ich nicht kann geben die Uhr‘, sagte er ruhig in gebrochenem RussischRusslandRussisch/Russian“ (39). Oder beides – Aussprache und Wortfolge: „Es ist hier das Finnländische Kadettencorps mit 90 Eleven, teils Adelmannssohn, teils Bürgermannssohn – Bauersmannssohn nicht; nur wer weißt Geometrie, Franzch, Deitsch, bleibt genommen“, wie mir Herr Koriander sagte.“ (20)
Zusätzlich zu den Elementen der SprachmischungSprachmischung und des SprachwechselsSprachwechsel und den kommentierten oder unkommentierten Beispielen der SprachkontakteSprachkontakt, Interferenzfehler etc., kommt die MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit bei Schultz-BertramSchultz-Bertram, Georg Julius von auch durch die latentelatent Einbeziehung der Sprachen bzw. SprachkontakteSprachkontakt vor: „wie Pirogoff in seinem schauderhaften DeutschDeutschlandDeutsch sagte“ (102) oder „Nun klingen die Wörter im RussischenRusslandRussisch/Russian noch viel kräftiger und urwüchsiger und der Lakonismus gibt ihnen eine gewisse Größe […]“ (136).
3.1.2 Mein Onkel Hermann von Monika Hunnius Hunnius, Monika
Die SprachenvielfaltSprachenvielfalt des Erinnerungsromans Mein Onkel Hermann ist ausgesprochen gering. Es kommt fast keine manifeste oder latentelatent MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit vor, auch an den Stellen, wo man dies vom Inhalt und von den Figuren her erwarten könnte. Es gibt einige Baltizismen, aber obwohl die Handlung in EstlandEstland/Estonia stattfindet, wird EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian kaum verwendet. Auffällig ist auch das Fehlen des RussischenRusslandRussisch/Russian. Es gibt allerdings latentelatent Hinweise darauf, dass man sich im zaristischen RusslandRussland aufhält. Wenn der Onkel auf die Russen schimpft, sagt er: „die elenden russischenRusslandrussisch Wladimirs“ (Hunnius 1921: 28). Auffallend ist, dass „russischeRusslandrussisch Wladimirs“ gesagt wird, da im lokalen Kontext nur der Name genügt hätte. An der Wand hängt ein Gemälde des Zaren Nikolai und der Onkel nennt seine Frau „Katharina die Große“ (86). Auch FranzösischFrankreichFranzösisch und LateinLatein fehlen, bis auf die Nennung der Korporation Livonia (28). Ob die ausgesparte Mehrsprachigkeit im Text auf den Umstand des gerade erlebten Krieges und der daraus resultierenden Abkapselung zurückzuführen ist, ob es damit zu tun hat, dass der Text von einer Frau stammt oder noch weitere Elemente eine Rolle spielen, müssen künftige vergleichende Studien zeigen.
3.1.3 Der Henker von Edzard Schaper Schaper, Edzard
Im Roman Der Henker gibt es zahlreiche Beispiele von manifester und latenterlatent MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit, längere anderssprachigeanderssprachig Passagen kommen jedoch nicht vor. Die Mehrsprachigkeit spiegelt sich vor allem in den Personennamen, Ortsbezeichnungen, festen Wortverbindungen, LehnübersetzungenÜbersetzung/translationLehnübersetzung etc. wider. Neben den estnischenEstland/Estoniaestnisch Personennamen, die unten separat behandelt werden, kommen auch Figuren mit russischenRusslandrussisch Namen vor, wobei öfters auch das Patronym gebracht wird, ebenso kommen manche russischsprachige Ortsbezeichnungen vor. Es gibt einige Beispiele, die auf die Staatsverwaltung hinweisen wie „Urdjanik“, zu dem in einer Fußnote die ÜbersetzungÜbersetzung/translation steht: „Urdjanik (russischRusslandrussisch): Landpolizist“ (SchaperSchaper, Edzard 1941: 321), und einige, die auf die politischePolitik/politicspolitisch/political Situation zu beziehen sind, wie z.B. die Nennung einer lettischenLettland/Latvialettisch Organisation, wiederum mit einer ÜbersetzungÜbersetzung/translation in der Fußnote: „Sáveeniba: lettischeLettland/Latvialettisch terroristische Organisation“ (161). Auffällig ist die Erwähnung der Organisation der Schwarzen Hundert, weil eine Mischung von deutschenDeutschlanddeutsch und russischenRusslandrussisch Namen verwendet wird: „Schwarze Sotnja“ (12, 120). SprachmischungSprachmischung kommt auch im Beispiel „Bumagenwirtschaft“ vor.1 Das Vorkommen der russischsprachigen Elemente in deutscherDeutschlanddeutsch Grundsprache könnte man auch als baltisches Deutsch kategorisieren. Ähnlich fungieren auch die örtliches Kolorit wiedergebenden Elemente wie „,Kukuschka‘ zu spielen“ (442),2 wobei im Roman auf die ÜbersetzungÜbersetzung/translation für den deutschenDeutschlanddeutsch Leser verzichtet wird. Alle russischenRusslandrussisch Wörter im Text sind transliteriert.
Zusätzlich zu den der konkreten Sprachsituation inhärenten Sprachen wie EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, RussischRusslandRussisch/Russian, LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian sowie Baltizismen werden auch bei SchaperSchaper, Edzard westeuropäische ‚Bildungssprachen‘ benutzt, die die Zugehörigkeit der betreffenden Figuren oder des Milieus zu einem bestimmten sozialen Kreis markieren. So wird in Begriffen oder in festen Wortverbindungen LateinLatein bevorzugt – „status quo“ (451), „Pastor loci“ (28) etc., FranzösischFrankreichFranzösisch benutzt man z.B. für die Vermittlung der Emotionen – z.B. beim Träumen von der Abreise: „Aber in den Süden möchte er, wenn es hierzulande Herbst würde […]. Alles käme darauf an, die Reihenfolge: rouge – noir, rouge – noir, rouge – rouge, noir“ (519).
Latentelatent Passagen auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian und RussischRusslandRussisch/Russian kommen im Roman häufig vor und die damalige Sprachsituation bekommt viel Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit wird auch auf die Umwälzungen in Sprache und Kultur gelenkt: „schon war die Sprache in ihren [deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch] Häusern russischRusslandrussisch geworden mit den Namen der Kinder und den Sitten“ (73). Durch die Sprache werden auch die handelnden Figuren und ihre Stellung in der Gesellschaft charakterisiert. Ein Beispiel hierfür ist der aus einer „verrußt[en]“ deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Familie stammende Graf Ovelacker, dessen deutscheDeutschlanddeutsch Sprechweise als „fremdartig“ (571) beschrieben und mit Unsicherheit verbunden wird:
Die Ovelackers waren ‚verrußt‘. Er hatte mit allen Menschen russischRusslandrussisch gesprochen, mit dem Pastor, mit dem Arzt, mit allen, so mühsam sie es auch radebrechten, der Arzt ausgenommen; er hatte nicht sein DeutschDeutschlandDeutsch sprechen wollen, das ihm, schon wenn er es nur sich selber vernehmbar vor sich hin sprach, ganz anders klang als das baltische Deutsch. (77)
Durch die sprachliche Markierung des Protagonisten Ovelacker, dem die Rolle des Bösewichts zugewiesen wird, wird er von den ‚gewöhnlichen‘ DeutschbaltenDeutschbalten abgegrenzt und als der Andere, nicht wirklich Dazugehörige dargestellt.
3.2 Baltizismen in den analysierten Texten
3.2.1 Briefe eines baltischenBaltikumBaltisch Idealisten von Georg Julius von Schultz-Bertram Schultz-Bertram, Georg Julius von
Schultz-BertramSchultz-Bertram, Georg Julius von als sprachbewusster und -interessierter Autor streut in seinen Text viele lokale Ausdrücke ein, die im baltischenBaltikumBaltisch Kontext selbstverständlich waren, für den deutschenDeutschlanddeutsch Leser jedoch in eckigen Klammern erklärt worden sind. Häufig sind Komposita mit ‚Krons‘1 – „Kronsbeamte“ (18), „Kronseigentum“ (18), „Kronsknöpfe“ (22). Es kommen Hinweise auf Bräuche vor – Ostereier heißen „Lappeneier“ (107), Geistergeschichten heißen „Strabismus“ (108), ebenso Bezeichnungen der Speisen wie etwa „Riezchen“ (182).
3.2.2 Mein Onkel Hermann von Monika Hunnius Hunnius, Monika
Obwohl Hunnius ebenfalls eine Baltin war, werden in ihrem Text nur wenige Baltizismen benutzt und diese sind mit Anführungszeichen, an manchen Stellen auch mit einer Erklärung in darauffolgender Klammer versehen. Meistens handelt es sich um die bereits genannten örtlichen Umstände z.B. „Kronsarzt“ (67) oder die Esskultur. So wird im Roman „Stofbier“ (13) getrunken und über das Essen diskutiert: „‚Wir wollen Goggelmoggel.‘ (Geklopftes Ei mit Zucker.) ‚Nein, Eierkuchen.‘ ‚Nein, Ochsenaugen.‘ (Spiegeleier)“ (65). Als typisch Baltisch kann auch die Bezeichnung der Familien nach dem Hauptsitz und dem Suffix ‚-schen‘ gelten, so kommen im Werk „die Kaltenbrunnschen, die Öthelschen, die Kerroschen“ (80) zu Besuch.
3.2.3 Der Henker von Edzard Schaper Schaper, Edzard
Die Baltizismen, die bei dem Nicht-Balten SchaperSchaper, Edzard vorkommen, sind vorwiegend mit der baltischenBaltikumBaltisch Geschichte am Anfang des 20. Jahrhunderts verbunden. In vielen Fällen handelt es sich um LehnübersetzungenÜbersetzung/translationLehnübersetzung aus dem EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, wie „die grauen Barone“ (147), „Borstenrussen“ (526) und „Waldbrüder“ (305). Dabei werden keine ÜbersetzungenÜbersetzung/translation angeführt, der Inhalt wird aber vermittelt. Bei den Borstenrussen folgt in Klammern: „anders nannte er getreu der Predigt des berühmten Pastors Körber die Bauarbeiter gar nicht mehr“ und bei den Waldbrüdern wird ergänzt: „hießen sie beim VolkeVolk“. Ähnlicher Weise wird auch bei den „Kirchenherrn“ in Klammern ergänzt: „wie das VolkVolk seine Pastoren nannte“ (352). Explizit wird nur einmal darauf hingewiesen, dass es sich um einen BaltizismusBaltizismus handelt – es wird ein wohlhabender estnischer Junge als „der Erbsohn des guten, großen Illustgesindes“ beschrieben und in einer Fußnote mitgeteilt, dass das Gesinde im Baltischen einen Hof oder bäuerliches Anwesen bedeutet (181).
3.3 EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian in den analysierten Texten
3.3.1 Briefe eines baltischenBaltikumBaltisch Idealisten von Georg Julius von Schultz-Bertram Schultz-Bertram, Georg Julius von
In Schultz-BertramsSchultz-Bertram, Georg Julius von Text kommt EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian in unterschiedlichen Funktionen vor. Manchmal erscheint es ohne einen thematischen Bezug zu den Esten und der estnischenEstland/Estoniaestnisch Kultur – „so hatten wir recht ein ‚magus jutt‘“1 (145). Des Weiteren an den Stellen, wo der Autor über die Esten spricht – wie bei der Beschreibung einer Naturforscher-Versammlung in Tübingen „eine estnischeEstland/Estoniaestnisch Idylle, die ich im Garten Uhlands einer kleinen Gesellschaft vorlas, erregte die lebhafteste Anerkennung des estnischenEstland/Estoniaestnisch Lauls [VolksliedsVolkVolkslied] als einer neuen Stimme in der größten Völker-Orgel“ (121). Oder bei der Erwähnung des unmittelbaren SprachkontaktsSprachkontakt: „daß auch nicht einer vorübergeht, ohne mir freundlich ‚hää päi‘ zu wünschen“ (20).2
Die Namen der estnischenEstland/Estoniaestnisch Ortschaften im Text sind auf DeutschDeutschlandDeutsch (Dorpat, Reval, Wesenberg, Werro, Hapsal). Da Schultz-BertramSchultz-Bertram, Georg Julius von sich aber als Estophile für die estnischeEstland/Estoniaestnisch Folklore interessierte, bei der die Beseelung der Natur eine große Rolle spielt, finden wir estnischeEstland/Estoniaestnisch Bezeichnungen für Landschaften, Flüsse oder Hügel vor – „Röige oja“3 (128), „Munamäggi und Wäljamäggi“ (235).4 In der Schreibweise der estnischenEstland/Estoniaestnisch Personennamen orientiert sich Schultz-Bertram an der deutschenDeutschlanddeutsch OrthographieOrthographie „Kaddri“ (100) statt Kadri und „Wia“ (180) statt vermutlich Viia.
3.3.2 Mein Onkel Hermann von Monika Hunnius Hunnius, Monika
Manifest kommt das EstnischeEstland/EstoniaEstnisch/Estonian in manchen Personennamen (z.B. „Pik Mart“ [langer Mart] (11)) und Ortsbezeichnungen (z.B. „Ein Flüßchen, die Paide“ [9]) vor, aber meistens agieren im Roman Figuren mit deutschenDeutschlanddeutsch Namen, und bei den Orten werden die deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Bezeichnungen verwendet. EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian wird nur ein einziges Mal, latentlatent, im Zusammenhang mit dem EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian Fuhrmann Pik Mart erwähnt: dieser „saß still und stumpfsinnig vorne im Planwagen und trieb dazwischen mit einem estnischenEstland/Estoniaestnisch Fluch die Pferde an“ (13). An wenigen Stellen könnte man vermuten, dass einige von den Figuren EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian sprechen, so z.B.: „denn wir behaupten, mit demselben Eingehen könnte sie die Leidens- und Freudengeschichten der Estenweiber anhören, wie unsere Ergüsse“ (32) oder dass ein Gespräch zum Teil auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian geführt wird, z.B. wenn die Kinder in einem „Bauernhäuschen“ nach dem Essen fragen (45). Jedoch wird darauf im Roman keine Aufmerksamkeit gelenkt, der Este bleibt stumm und steht einfach in der Szene. Eine so starke Vermeidung des EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, auch auf der Ebene der latentenlatent Erwähnung, also der Orts- und Personennamen, ist bei diesem Werk auffallend.
3.3.3 Der Henker von Edzard Schaper Schaper, Edzard
Der Roman räumt dem EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian eine besondere Stellung ein, dieser Zug ist so ausgeprägt, dass im vorliegenden Beitrag nur auf einige Regelmäßigkeiten hingewiesen werden kann. Obwohl manifest keine längeren Passagen auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian vorkommen, stehen mehrere Eigennamen, Organisationsnamen, Zeitungstitel, Ortsbezeichnungen etc. auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian; auch latentelatent Erwähnung des EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian kommt häufig vor und es gibt mehrere Überlegungen und Diskussionen über die Sprachen.
Quantitativ am auffälligsten sind die Namen, angefangen mit dem Protagonisten Ovelacker, der im Roman von den Esten als „Timukas“ (315, 318),1 bezeichnet wird. Die Eigennamen der Figuren estnischer Herkunft werden meistens auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian wiedergegeben, und die SprachmischungSprachmischung kann man lediglich bei manchen Hofnamen, womit die Eigennamen ergänzt werden, bemerken, z.B. „Pöldsche“ (469) anstatt Põllu. Dem estnischsprachigen Leser ist der Hofname der estnischenEstland/Estoniaestnisch Hauptfigur Koiri-Jaan besonders auffällig – Koiri ist klangähnlich mit dem estnischenEstland/Estoniaestnisch Wort „koer“, welches Hund bedeutet. Wahrscheinlich handelt es sich nicht um einen Zufall, weil die Hauptfigur mehrere Male mit TiermetaphernMetapher/metaphor charakterisiert wird. Auf diese Ähnlichkeit wird im Roman auch explizit hingewiesen: „Aber so etwas wie Koer oder Koeras oder Koiri hatte man draußen gesagt […]“ (321), in der deutschenDeutschlanddeutsch Grundsprache wird der mögliche Hintergrund des Namens nicht weitergegeben und der deutscheDeutschlanddeutsch Leser bekommt dies daher nicht mit. Es kommen auch weitere Situationen vor, wo die estnischenEstland/Estoniaestnisch Namen den DeutschbaltenDeutschbalten etwas unklar bleiben, z.B. „Korras hieß er, glaube ich, oder so ähnlich.“ (608) oder „Darauf stand ein belangloser Name, Konstantin Sirg oder so ähnlich“ (699).2 Interessant ist noch, dass, während es sich bei den ersten zwei Beispielen um die Namen der estnischenEstland/Estoniaestnisch Bauern handelt, die wegen der MündlichkeitMündlichkeit undeutlich bleiben, im dritten Beispiel auch der geschriebene Name des estnischenEstland/Estoniaestnisch Studenten nicht wichtig genug ist für den Grafen von Ovelacker. Dies scheint ein Mittel zu sein, womit die gesellschaftlichen Beziehungen und die Hierarchie dargestellt wird.
Ebenso vielsagend ist die Anwendung der Toponyme. Bei den Kreisen, Städten und anderen größeren Orten, die in den heutigen Gebieten EstlandsEstland/Estonia, weniger auch LettlandsLettland/Latvia liegen, werden meistens die deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Namen benutzt. Dabei spielt eine bedeutende Rolle, dass es sich meistens um die realen Orte handelt, wohingegen Drostenholm, der Gutshof von Graf von Ovelacker, ein fiktiverFiktivitätfiktiv Ort ist. Besonders auffällig wird diese Tatsache in der estnischenEstland/Estoniaestnisch ÜbersetzungÜbersetzung/translation (SchaperSchaper, Edzard, übers. von Kaugver 2002), weil bei den realen Orten die estnischenEstland/Estoniaestnisch Namen verwendet werden, aber Drostenholm DeutschDeutschlandDeutsch bleibt. Auf dieselbe Weise wie Ovelacker mit den deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig Namen assoziiert wird, ist Koiri-Jaan mit dem estnischenEstland/Estoniaestnisch Kontext, der auch durch die Namen reflektiert wird, verbunden. Exemplarisch dafür stehen „Er fuhr in den eisigen Wind, der vom Kibejöggi-Moor herüberkam, dem großen Morast um das Bett des ,bitteren Flusses‘“ (220) oder „ Aber mit diesem Schmerz war es wie mit den Wassern des Salajöggi“ (246). In den beiden Fällen werden die estnischsprachigen, auf Emotionen basierenden Ortsnamen (Kibejõgi, Salajõgi) benutzt und deren Bedeutung dem deutschenDeutschlanddeutsch Leser erklärt.
Der estnischeEstland/Estoniaestnisch kulturelle Kontext wird nicht nur durch die Namen, sondern auch durch die Figurenrede bzw. durch innere Monologe wiedergegeben. So fragt sich Olli, die estnischeEstland/Estoniaestnisch Magd von Koiri: „Zogen die Schwäne, kam jetzt der Schnee?“ (228)3 und pfeift ein estnischer Jungknecht „Wie weit es noch bis Ösel ist…“ (507).4 Dem deutschenDeutschlanddeutsch Leser wird der Hintergrund dieser Passagen nicht erläutert.5
Die Sprache bestimmt grundlegend die Angehörigkeit zu einer Gruppe:
Weil sie sich nicht als Herren unter Knechten fühlten, sondern als Bürger unter Bürgern, waren die meisten der DeutschenDeutschlandDeutsche, die erst in jüngster Zeit aus dem Reich zugezogen, den Alteingesessenen verächtlich geworden. Sie taten, was denen als schwere Verfehlung wider das kolonialeKolonialismuskolonial Gesetz galt: sie heirateten ins VolkVolk der Letten und Esten. LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian oder EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian wurde oft genug ihre Umgangssprache, ihre Kinder fühlten sich, kaum daß sie wußten, was sie fühlten, als Letten und Esten und verleugneten ihre Herkunft, wenn sie nicht sogar das DeutscheDeutschlandDeutsch zu hassen begannen. Wie sprach der Verwalter mit ihm? EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, so unvollkommen der Westfale das beherrschte. […] Und es wäre besser so, hatte der Verwalter beharrt, wie lebhaft auch sein Gutsherr ihm widersprach. Eine Sprache für die Leute und eine andere, die die Leute am besten gar nicht verstünden, für die Herrschaft. Mit dem Förster estnisch zu sprechen, darauf wäre er natürlich nicht verfallen, weil dieser Reichsdeutscher war. Der gehörte zu den Herrschaften, war Reserveoffizier, besaß Manieren. Mit den einfachen Leuten die Sprache der Herrschaft sprechen zu müssen, war peinlich. Sie hatten ja nicht die Umgangsformen von Herrschaften und konnten das Ansehen des DeutschenDeutschlandDeutsch nur vermindern. […] Er, Ovelacker, hatte sich als bedingungsloser Gegner dieser Umvolkung bekannt, aber was half es, […]. (404–405)
Solche Ausführungen verweisen auf den soziokulturellen Hintergrund der Sprachverwendung und des SprachwechselsSprachwechsel. Es wird jedoch ersichtlich, dass Risse in der vorher beschriebenen Sprachhierarchie möglich waren und Bewegung zwischen den Gruppen vorkam. Dies hilft auch, den symbolischen Wert des Romanendes besser zu kontextualisieren, wenn der Deutschbalte Graf von Ovelacker auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian zu sprechen anfängt: „Ich werde schreiben, daß der… der Junge kommt! fügte er in seinem mühsamen EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian hinzu, ohne auch nur im mindesten zu zögern, ohne daß sein Stolz sich dawider empörte.“ (749) Dieser latentlatent dargestellte SprachwechselSprachwechsel illustriert, wie die Sprache die gesellschaftliche Position und Haltung definierte, und unterstreicht den symbolischen Akt der Versöhnung.
4 Zusammenfassung
Die Analyse zeigt, dass die MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in allen drei ausgewählten Werken deutschbaltischerDeutschbaltendeutschbaltisch Literatur als ein Marker des Lokalkolorits gelesen werden kann – die Einbeziehung der lokal gesprochenen SprachenSprache, gesprochene EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian und RussischRusslandRussisch/Russian weist ähnliche Züge auf und die Baltizismen unterstreichen die deutschbaltischeDeutschbaltendeutschbaltisch Lokalidentität. Des Weiteren fällt die Verwendung der ‚bildungssprachlichen‘ Ausdrücke auf LateinLatein oder auf FranzösischFrankreichFranzösisch auf. Die Motivierung für die Verwendung weiterer Sprachen ist jeweils kontextuell unterschiedlich begründet.
Wie gezeigt wurde, öffnet die MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit ein weiteres Interpretationsfenster bezüglich der in den Werken dargestellten Kulturkontakte. In einem hermeneutischen Deutungskreis lassen sich die Ergebnisse der Analyse der fiktionalenFiktionalitätfiktional Verwendung von einzelnen Sprachen als Aussagen zur tatsächlichen Sprachhierarchie lesen – die Literatur spiegelt die sozialen und sprachlichen Unterschiede wider, kann sie womöglich auch kritisieren oder in Frage stellen, doch durch das Verschriftlichen werden die Hierarchien stets auch zementiert. Die Haltung der Autoren und Autorin gegenüber dem EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian und dessen latentelatent und manifeste Verwendung – von der genussvoll-spielerischen (Schultz-BertramSchultz-Bertram, Georg Julius von) über die weitgehend inexistente (Hunnius) bis zur anthropologischenAnthropologieanthropologisch (SchaperSchaper, Edzard) – kann als eine Aussage zu ethnisch-politischenPolitik/politicspolitisch/political Fragen gelesen werden. Die Verwendung oder Vermeidung von Baltizismen wiederum zeigt die Position der Autoren und die Autorin auf der Skala des Lokalpatriotismus an, beziehungsweise betont die Ausrichtung der deutschbaltischenDeutschbaltendeutschbaltisch Gesellschaft auf DeutschlandDeutschland. Die Autoren und die Autorin verwenden diese bewusst, um entweder das Lokalkolorit oder die historischenhistorisch Umstände weiterzugeben. Obwohl zwei von ihnen im BaltikumBaltikum geboren wurden und ansässig waren, und somit wahrscheinlich mündlichMündlichkeitmündlich die deutschbaltische VarietätDeutschbaltendeutschbaltische Varietät verwendeten, distanzieren sie sich davon in ihren Texten. Wenn Baltizismen vorkommen, sind diese meistens mit einer Bemerkung oder ÜbersetzungÜbersetzung/translation versehen und kein organischer Teil des Textes.
Auf weitere Determinanten, die die literarische MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitliterarische Mehrsprachigkeit beeinflussen, wie z.B. die Erwartungshaltung der implizierten Leser, die politischePolitik/politicspolitisch/political Situation im deutschenDeutschlanddeutsch Mutterland oder die einschränkende Wirkung des konkreten literarischen Genres, konnte im vorliegenden Beitrag nur hin und wieder verwiesen werden. Da die Mehrsprachigkeit als Thema eine wachsende Beachtung genießt, kann man hoffen, dass künftig den hier aufgeworfenen und weiteren Fragen in vergleichenden Studien und Einzelinterpretationen nachgegangen wird.
Die Positionierung des Themas als Forschungsprojekt im auslandsgermanistischen Studium auf unterschiedlichen akademischen Stufen hat sich als ergiebig erwiesen. Die Beschäftigung mit der literarischen MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit gibt den Studierenden eine Möglichkeit, sich als Sprachexperten zu fühlen, denn obwohl ihre Deutschkenntnisse im Studium ja erst geübt und geschliffen werden, bringen die Studierenden für derartige Analyseaufgaben eine in DeutschlandDeutschland seltene Sprachkombination (DeutschDeutschlandDeutsch, RussischRusslandRussisch/Russian, EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian) und damit eine Stärke mit, die man beruflich anwenden kann. So kann im Idealfall das Selbstbewusstsein der Studierenden gestärkt werden und ein Grundstein für ihre IdentitätIdentität/identity als Kulturvermittler gelegt werden.
Literaturverzeichnis
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Vom historischen Erbe zur selbstbestimmten Sprach(en)politik? Literarische Mehrsprachigkeit in Litauen und Lettland
Natalia Blum-Barth
Abstract: Im ersten Teil dieses Beitrags wird auf die sowjetischeSowjetunionsowjetisch/Soviet Sprach(en)politik1 eingegangen und aufgezeigt, wie sie sich an den Laureaten des Gorki StaatspreisesGorki Staatspreis ablesen lässt. Ferner werden Formen der literarischen MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit angesprochen, die für verschiedene Republiken der SowjetunionSowjetunion anhand der mit dem Gorki-Preis ausgezeichneten Autoren beobachtet werden können. In zwei weiteren Teilen des Beitrags wird auf die Sprach(en)politik und literarische MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitliterarische Mehrsprachigkeit in LitauenLitauen und LettlandLettland/Latvia eingegangen. Das Ziel ist dabei nicht, eine differenzierte Untersuchung zu liefern, sondern Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie Tendenzen in der Sprach(en)politik der beiden Staaten seit dem 19. Jahrhundert bis in die GegenwartGegenwart im Spiegel der Literatur aufzuzeigen und diese an Fallbeispielen zu erläutern. Im vierten, abschließenden Teil wird literarische ÜbersetzungÜbersetzung/translation als eines der Realisierungsformate der textexternen MehrsprachigkeitMehrsprachigkeittextexterne Mehrsprachigkeit herausgestellt und insbesondere auf die konsultierende Funktion der russischenRusslandrussisch Sprache hingewiesen.
Keywords: Literarische Mehrsprachigkeit; Sprache(en)politik; Übersetzung; Litauen; Lettland; sowjetisch
1 SowjetischeSowjetunionsowjetisch/Soviet Sprach(en)politik und ihre Auswirkungen auf die Literatur
In der „Deklaration der Rechte der Völker Rußlands“,1 einem der ersten Dokumente, das die Bolschewiki nach ihrer Machtübernahme bereits am 2. (15.) November 1917 verabschiedeten, wurde der Grundsatz der nationalenNationnational PolitikPolitik/politics festgelegt: Die Gleichberechtigung aller NationenNation, einschließlich das Recht auf den Gebrauch der MutterspracheMuttersprache/mother tongue der jeweiligen nationalenNationnational MinderheitMinderheit. Auch wenn dieser Grundsatz in der Phase der Industrialisierung 1928–1931 zugunsten der russischenRusslandrussisch Sprache als lingua franca aufgegeben wurde, wurden in der ersten Hälfte der 20er Jahre einzigartige Maßnahmen ergriffen, um Sprachen der nationalenNationnational MinderheitenMinderheit und EthnienEthnie voneinander abzugrenzen, zu entfalten und zu reformieren. Die Aufmerksamkeit galt in erster Linie den Sprachen und DialektenDialekt/Mundart von Kirgisen, Baschkiren, Turkmenen, Usbeken, Tadschiken, Tataren, Aserbaidschanern, Dagestanern und Kareliern. Einige dieser Sprachen bekamen zum ersten Mal ein Alphabet, viele dieser Sprachen wurden auf das lateinischeLateinLateinisch Alphabet umgestellt, Linguisten erstellten GrammatikGrammatik- und Lehrbücher für den Schulunterricht (Borisova o.J.: 4f). Diese Aufwertung der DialekteDialekt/Mundart und Regionalsprachen fand im Rahmen der ‚VerwurzelungspolitikPolitik/politicsVerwurzelungspolitik‘ (vgl. Chalitova 2010: 156) der Bolschewiken statt. Um das Ziel, die ideologischeIdeologieideologisch IndoktrinierungIndoktrinierung, zu erreichen, bediente man sich lokaler Sprachen. Ihre Herausbildung zum Rang der LiteratursprachenLiteratursprache sollte die Akzeptanz der bolschewistischen Ideen, die Ausbildung der loyalen Anhänger aus den Reihen der autochthonen Bevölkerung und den Ausbau der sozialistischen Gesellschaft befördern.
1934 markiert den Wendepunkt in der SprachpolitikSprachpolitik der SowjetunionSowjetunion. Dieser zeichnet sich durch die zunehmende Verbreitung der russischenRusslandrussisch Sprache in den nationalenNationnational MinderheitenMinderheit der Sowjetunion aus (Borisova o.J.: 10). Am 13. März 1938 wird RussischRusslandRussisch/Russian zum Pflichtfach in allen Schulen der Sowjetunion. Das zentral koordinierte Programm soll die Implementierung des Russischunterrichts in allen Schulen und Bildungseinrichtungen aller Republiken der Sowjetunion steuern. Der Erfolg dieses Programms wurde durch seine großzügige Finanzierung durch das Zentralkomitee garantiert. Außerdem wird RussischRusslandRussisch/Russian die einzige Sprache der Roten Armee. Dadurch wird der Wehrdienst zum Instrument der RussifizierungRussifizierung, was auch eine bessere Kenntnis der russischenRusslandrussisch Sprache in der männlichen Bevölkerung der nationalenNationnational MinderheitenMinderheit erklärt. Bereits Anfang 1940 kann die faktische Dominanz der russischenRusslandrussisch Sprache als offizielle Sprache in den meisten Republiken der Sowjetunion konstatiert werden. Eine Ausnahme stellen die baltischenBaltikumBaltisch Staaten dar. Anders als in allen anderen sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Republiken haben sich die jeweiligen LandessprachenLandessprache erfolgreich gegen die russischeRusslandrussisch Sprache durchgesetzt. Veranschaulichen lässt sich dies anhand der Statistik über die Buchveröffentlichungen aus dem Jahr 1940 (Borisova o.J.: 24).
| Republik | Neuerscheinungen insgesamt | Neuerscheinungen in der Landessprache |
| Litauen | 387 | 336 |
| Lettland | 392 | 286 |
| Estland | 266 | 229 |
| Ukraine | 4836 | 2012 |
| Weißrussland | 772 | 375 |
| Kasachstan | 762 | 382 |
Wenn 1940 in LitauenLitauen und EstlandEstland/Estonia 87 % der Bücher und in LettlandLettland/Latvia knapp 73 % der Neuerscheinungen in der jeweiligen Landessprache veröffentlicht wurden, so waren es in der sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Ukraine knapp 42 %, in WeißrusslandWeißrussland 48 % und in Kasachstan 50 %. Damit scheint die Sprachsituation in den baltischenBaltikumBaltisch Staaten der SowjetzeitSowjetunionSowjetzeit eine deutlich andere zu sein als in anderen sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Republiken. Während das RussischeRusslandRussisch/Russian in der sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Ukraine und im sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Weißrussland die LandessprachenLandessprache aus dem BuchdruckBuchdruck immer mehr verdrängte, konnten LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian, EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian und LitauischLitauenLitauisch weiterhin den Status der BildungsspracheBildungssprache aufrechterhalten.
In den 60er Jahren wurde die russischeRusslandrussisch Sprache zur zweiten MutterspracheMuttersprache/mother tongue jedes nichtrussischen Bürgers der SowjetunionSowjetunion erklärt. Die tatsächlichen Kenntnisse der russischenRusslandrussisch Sprache spielten dabei keine Rolle.2 Um den Russischunterricht zu fördern, wurde RussischRusslandRussisch/Russian 1975 als Pflichtfach ab der ersten Klasse in den Schulen von neun sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Republiken eingeführt, in den übrigen Republiken war es Pflichtfach ab der zweiten Klasse (Rudnev 2007: 4). Die letzten sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Republiken, die den Russischunterricht ab dem ersten Schuljahr einführten, waren LitauenLitauen und EstlandEstland/Estonia. Dies geschah erst 1980!3
Dass die baltischenBaltikumBaltisch Republiken ihre LandessprachenLandessprache stärken und dem Einfluss des RussischenRusslandRussisch/Russian Widerstand leisten konnten, hängt nicht zuletzt mit der moderaten ideologischenIdeologieideologisch IndoktrinierungIndoktrinierung im BaltikumBaltikum im Vergleich zu den anderen sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Republiken zusammen. Im Bereich der Literatur kann man dies an Laureaten des Gorki StaatspreisesGorki Staatspreis veranschaulichen (Государственная премия РСФСР имени М. Горькогo). Dieser Literaturpreis wurde von 1966 bis 1991 vom Ministerrat jährlich an drei bzw. vier Literaten verliehen und galt als eine der höchsten literarischen Auszeichnungen der SowjetunionSowjetunion. Mit dem Gorki StaatspreisGorki Staatspreis wurden ideologischIdeologieideologisch geprägte Werke ausgezeichnet, die den Bau des Sozialismus und den Fortschritt der Planwirtschaft in höchsten Tönen lobten. Fast jedes Jahr war unter den Ausgezeichneten auch ein nichtrussischer sowjetischerSowjetunionsowjetisch/Soviet Autor. Dadurch wollte man der multinationalen und mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Situation in der Sowjetunion gerecht werden. Unter den Preisträgern aller Jahrgänge finden sich keine Autoren aus den baltischenBaltikumBaltisch Ländern.
Die meisten Preisträger kamen aus Arbeiter- und Bauernfamilien und waren Mitglieder der Kommunistischen Partei. Viele von ihnen studierten am Gorki Literaturinstitut, der ideologischenIdeologieideologisch Kaderschmiede, und arbeiteten als Lehrer für russischeRusslandrussisch Sprache an Lehrerausbildungseinrichtungen in ihren Heimatländern. Ihre Werke stehen im Zeichen des sozialistischen Realismus, in vielen dominiert Kriegs- und Kampfthematik, manche beleuchten den Übergang von traditionellen Arbeits- und Lebensformen zur Industrialisierung und zur Planwirtschaft. Die textinterne MehrsprachigkeitMehrsprachigkeittextinterne Mehrsprachigkeit (Blum-Barth 2019: 11f.) in den Werken nichtrussischer Autoren, die mit dem Gorki StaatspreisGorki Staatspreis ausgezeichnet wurden, ist wenig verbreitet. Die Mehrsprachigkeit innerhalb des Textes findet sich hauptsächlich in Form der ZitateZitat und Figurenrede, die als russischeRusslandrussisch Einsprengsel in die jeweilige Sprache eingebettet werden. Verbreitet ist auch die Implementierung der politischenPolitik/politicspolitisch/political russischenRusslandrussisch Terminologie in die Sprachen anderer sowjetischerSowjetunionsowjetisch/Soviet Republiken und EthnienEthnie. Verallgemeinernd kann behauptet werden, dass für die nichtrussischen Autorinnen und Autoren nicht die textinterne, sondern die textübergreifende/textexterne MehrsprachigkeitMehrsprachigkeittextexterne Mehrsprachigkeit kennzeichnend ist.
Georg Kremnitz unterscheidet zwischen der Ebene des Textes (textintern) und der Ebene des Gesamtwerkes des Autors (textübergreifend): „Während in der ersten Form innerhalb eines Textes mehrere Sprachen verwendet werden, benützt in der zweiten Form ein Autor in unterschiedlichen Texten verschiedene Sprachen.“ (Kremnitz 2015: 18) 4 Bei der textübergreifenden MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit ist also die Mehrsprachigkeit der Autorinnen und Autoren gemeint, bei der textinternen – die Mehrsprachigkeit des Textes. Die Mehrsprachigkeit des Autors führt nicht automatisch zur Mehrsprachigkeit des Textes (Blum-Barth 2019: 12). Zu den zwei von Kremnitz definierten Realisierungsformaten der textübergreifenden Mehrsprachigkeit – 1. das schriftstellerische Œuvre, das in zwei oder mehr Sprachen vorliegt,5 und 2. SelbstübersetzungenÜbersetzung/translationSelbstübersetzung – können auch 3. literarische FremdübersetzungenÜbersetzung/translationFremdübersetzung gezählt werden. Diese sind besonders im Bereich der Lyrik verbreitet.6
Den nichtrussischen sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Autoren standen die HerkunftsspracheHerkunftssprache und die russischeRusslandrussisch Sprache literarisch zur Verfügung. Ihre textexterne MehrsprachigkeitMehrsprachigkeittextexterne Mehrsprachigkeit manifestiert sich in 1. literarischen FremdübersetzungenÜbersetzung/translationFremdübersetzung, 2. SelbstübersetzungenÜbersetzung/translationSelbstübersetzung bzw. autorisierten ÜbersetzungenÜbersetzung/translation eigener Texte und 3. im SprachwechselSprachwechsel bzw. in der ZweisprachigkeitZweisprachigkeit. Hierzu einige Beispiele:
Der jakutische Schriftsteller Semjon DanilovDanilov, Semjon (Gorki StaatspreisGorki Staatspreis 1971) übersetzte ins Jakutische neben PuschkinPuschkin, Alexander, LermontovLermontov, Michail und Arkadi GaidarGaidar, Arkadi auch Taras SchewtschenkoSchewtschenko, Taras aus dem UkrainischenUkrainisch und den polnischenPolenpolnisch romantischen Dichter MickiewiczMickiewicz, Adam.
Der kabardino-balkarische Schriftsteller Kajsyn KuliewKuliew, Kajsyn (Gorki StaatspreisGorki Staatspreis 1966) autorisierte die meisten ÜbersetzungenÜbersetzung/translation seiner Lyrik ins RussischeRusslandRussisch/Russian.
Der nanajische Autor Georgij ChodsherChodsher, Georgij (Gorki StaatspreisGorki Staatspreis 1973) vollzog später den SprachwechselSprachwechsel und schrieb mehrere Werke auf RussischRusslandRussisch/Russian.
Der burjatischeburjatisch Dichter Nikolaj DamdinovDamdinov, Nikolaj (Gorki StaatspreisGorki Staatspreis 1975) war ein zweisprachigerZweisprachigkeitzweisprachig Autor, sein literarisches Œuvre besteht aus Werken in burjatischerburjatisch und in russischerRusslandrussisch Sprache.
Jurij RytcheuRytcheu, Jurij (Gorki StaatspreisGorki Staatspreis 1983) war ein zweisprachigerZweisprachigkeitzweisprachig Autor und schrieb auf Tschukotisch und RussischRusslandRussisch/Russian.
Der SprachwechselSprachwechsel und die ZweisprachigkeitZweisprachigkeit sind in erster Linie für die Autoren des Nordostens und Nordens der SowjetunionSowjetunion kennzeichnend. Zeitlich fällt diese Entwicklung in die 70er und 80er Jahre und korrespondiert somit mit den Assimilierungsprozessen und der Aufgabe der MuttersprachenMuttersprache/mother tongue dieser Völker zugunsten der russischenRusslandrussisch Sprache. Unter den Autoren der baltischenBaltikumBaltisch Republiken der SowjetzeitSowjetunionSowjetzeit war die Aufgabe der MutterspracheMuttersprache/mother tongue als Sprache der Kreativität zugunsten des RussischenRusslandRussisch/Russian äußerst selten. Selbst die Autorinnen und Autoren, die in ihren Werken der kommunistischen IdeologieIdeologie Tribut leisteten, schrieben weiterhin in ihren MuttersprachenMuttersprache/mother tongue. In ihrer textexternen literarischen MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitliterarische Mehrsprachigkeit dominieren FremdübersetzungenÜbersetzung/translationFremdübersetzung, und zwar von Werken aus dem Kanon der WeltliteraturWeltliteratur. Unabhängig vom Realisierungsformat schlägt sich in der textübergreifenden/textexternen7 Mehrsprachigkeit die Reaktion der Autorinnen und Autoren auf die Sprach(en)politik nieder, so dass die textübergreifende/textexterne MehrsprachigkeitMehrsprachigkeittextexterne Mehrsprachigkeit ihren Versuch dokumentiert, eigene literarische Tätigkeit mit den sprachpolitischenSprachpolitiksprachpolitisch und sprachsoziologischen Rahmenbedingungen zu vereinbaren.
2 Sprach(en)politik und literarische MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitliterarische Mehrsprachigkeit in LitauenLitauen
Kennt man die Geschichte LitauensLitauen, so erschließt sich von selbst, dass in diesem von Nachbarländern geteilten und beherrschten Land mehrere EthnienEthnie und Sprachen zu Hause waren. Mit der Dritten PolnischenPolenPolnisch/Polish Teilung 1795 bildeten der Südosten LitauensLitauen und das nordwestliche Grenzgebiet WeißrusslandsWeißrussland das Gouvernement Wilna, in dem RussischRusslandRussisch/Russian, LitauischLitauenLitauisch, PolnischPolenPolnisch/Polish, WeißrussischWeißrusslandweißrussisch sowie HebräischHebräisch und JiddischJiddisch gesprochen wurden. Außerdem gab es ethnische MinderheitenMinderheit wie DeutscheDeutschlandDeutsche und Tataren, die im Alltag ihre MuttersprachenMuttersprache/mother tongue verwendeten. Wie in den meisten multiethnischen und vielsprachigen Gebieten zu beobachten ist, gab es auch in LitauenLitauen eine Hierarchie der Sprachen (vgl. Kostiucenko 2016), die auf die Literatur des Landes abfärbte. Die Sprache der literarischen Texte wurde nicht zuletzt durch die Sprache des Schulunterrichts vorgegeben. Denn die Prägung durch literarische Texte im Schulunterricht und die literarische Vorbildung sind meistens bestimmend für die ersten literarischen Versuche junger Autorinnen und Autoren. Erst im Verlauf ihrer literarischen Tätigkeit stellt sich die Frage nach der Wahl bzw. nach der Entscheidung für die eine oder andere Sprache für ihre kreative Tätigkeit. Die litauischeLitauenlitauisch Literatur des 19. Jahrhunderts liefert hierzu zahlreiche Beispiele.
Ende des 19. Jahrhunderts galt LitauischLitauenLitauisch als „Bauernsprache“, so dass Kleinadel und gebildete Schichten PolnischPolenPolnisch/Polish verwendeten. Auch in der Literatur dominierte PolnischPolenPolnisch/Polish. Der Dichter Antanas BaranauskasBaranauskas, Antanas (1835–1902) wechselte beispielsweise vom PolnischenPolenPolnisch/Polish zum LitauischenLitauenLitauisch unter dem Einfluss von Karolina Praniauskaitė Praniauskaitė, Karolina (1828–1859), die selbst ihre – heute größtenteils vergessenen – Gedichte fast ausschließlich auf PolnischPolenPolnisch/Polish schrieb (Stoberski 1974: 55f.). Wäre nicht der frühe Tod der Dichterin gewesen, hätte sie vermutlich auch zum LitauischenLitauenLitauisch gewechselt, denn ihre ÜbersetzungenÜbersetzung/translation der litauischenLitauenlitauisch Volksdichtung ins PolnischePolenPolnisch/Polish offenbaren nicht nur ihr Interesse an der litauischenLitauenlitauisch Literatur, sondern auch ihre Kenntnis der litauischenLitauenlitauisch Sprache. Neben Karolina Praniauskaitė beeinflusste auch Juliusz SłowackiSłowacki, Juliusz, einer der Nationaldichter PolensPolen, das Interesse Antanas Baranauskas für die Folklore LitauensLitauen.1 Es war die Epoche der Romantik, die sich Märchen, Balladen, VolksliedernVolkVolkslied und der VolksspracheVolkVolkssprache zuwandte. Baranauskas beschäftigte sich linguistisch mit litauischenLitauenlitauisch DialektenDialekt/Mundart, übersetzte die Bibel ins LitauischeLitauenLitauisch und schrieb eigene Gedichte in litauischerLitauenlitauisch Sprache. Als Meilenstein in der litauischenLitauenlitauisch Literatur wird sein Gedicht „Anykščių šilelis“ bezeichnet. Es wurde 1861, knapp zwei Jahre nach seiner Entstehung, erstveröffentlicht und besingt die Schönheit der litauischenLitauenlitauisch Wälder und die Verbundenheit der Menschen mit der Natur.
1896, sechs Jahre vor dem Tod Antanas BaranauskasBaranauskas, Antanas, wurde bei Wilna, das heutige Vilnius, der weißrussischWeißrusslandweißrussisch-litauischeLitauenlitauisch Dichter Moische KulbakKulbak, Moische, geboren, der spätestens 2017, als LitauenLitauen das Gastland der Leipziger Buchmesse war, wiederentdeckt wurde (vgl. Kulbak 2017). Kulbak zählt zu den größten Dichtern jiddischerJiddisch Sprache seiner Zeit. Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war Wilna ein Zentrum der jiddischenJiddisch Kultur. Dass Kulbak, der ursprünglich auf HebräischHebräisch schrieb und neben RussischRusslandRussisch/Russian, LitauischLitauenLitauisch und PolnischPolenPolnisch/Polish auch DeutschDeutschlandDeutsch sprach, sich für JiddischJiddisch als LiteraturspracheLiteratursprache entschied, hatte ideologischeIdeologieideologisch Gründe.
Das bis 1904 anhaltende Verbot der zaristischen Behörden, Bücher in litauischerLitauenlitauisch Sprache zu drucken, führte zur PopularisierungPopularisierung des LitauischenLitauenLitauisch als LiteraturspracheLiteratursprache und Entstehung der nationalenNationnational Romantik. Zu den bekanntesten Autoren litauischerLitauenlitauisch Literatur der Zwischenkriegszeit zählen Balys SruogaSruoga, Balys (1896–1947), Salomėja NėrisNėris, Salomėja (1905–1945), Bernardas BrazdžionisBrazdžionis, Bernardas (1907–2002). Wie der letztere gingen auch andere Schriftsteller – Henrikas RadauskasRadauskas, Henrikas, Jonas AistisAistis, Jonas, Alfonsas Nyka-NiliūnasNyka-Niliūnas, Alfonsas – nach der deutschenDeutschlanddeutsch und sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Besatzung LitauensLitauen ins ExilExil. Nach kürzeren Aufenthalten in DeutschlandDeutschland, FrankreichFrankreich und der SchweizSchweiz zogen sie in die USA. Dort blieben sie der litauischenLitauenlitauisch Sprache treu. Da sie fast alle Lyrik schrieben, war der SprachwechselSprachwechsel ja sehr unwahrscheinlich. Im Exil beteiligten sie sich als Literaturkritiker und literarische Übersetzer. In der HeimatHeimat wurden sie diffamiert und tabuisiert, ihr Werk blieb bis zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit LitauensLitauen weitgehend unbekannt.
Einer der bemerkenswertesten Autoren LitauensLitauen ist Jurgis BaltrušaitisBaltrušaitis, Jurgis (1873–1944), der ebenfalls ins ExilExil ging, nach FrankreichFrankreich, und dort vom RussischenRusslandRussisch/Russian zum LitauischenLitauenLitauisch wechselte. Baltrušaitis wurde in einem kleinen Dorf im Nordwesten LitauensLitauen, der damals zum RussischenRusslandRussisch/Russian Reich gehörte, geboren. Während seines Physik- und Mathematikstudiums an der Universität Moskau lernte er die zentralen Figuren des russischenRusslandrussisch Symbolismus kennen: Konstantin BalmontBalmont, Konstantin, Waleri BrjussowBrjussow, Waleri und Wjatcheslaw IwanowIwanow, Wjatcheslaw. Er debütierte als Lyriker 1899 und schrieb knapp 300 Gedichte in russischerRusslandrussisch Sprache. Sein erstes auf LitauischLitauenLitauisch verfasstes Gedicht erschien 1927. Sein SprachwechselSprachwechsel war weniger politischPolitik/politicspolitisch/political motiviert, er trug vielmehr einen experimentellen Charakter. Für einen Dichter ist es attraktiv und herausfordernd, einen neuen Trend oder Kunstgriff losgelöst von seinem Ursprung auszuprobieren. Der Hang des russischenRusslandrussisch Symbolismus zum Mystizismus führte zur Herausbildung von Symbolen, deren häufige Verwendung mit der Zeit zum Verlust ihres Gehalts und ihrer Wirkung führte. Anders war es in der litauischenLitauenlitauisch Sprache, die diese Kunstrichtung noch nicht kannte und unverbrauchtes SprachmaterialSprachmaterial bot, das ein Dichter frei von Vorbildern und abseits der Muster gestalten konnte. Natürlich kannte Baltrušaitis diese Vorbilder und Muster im RussischenRusslandRussisch/Russian, aber sie dienten ihm im LitauischenLitauenLitauisch als Empfehlung und nicht als Regel, die es zu befolgen galt. Dadurch entstand Freiraum zum Modifizieren, Ausprobieren, eben zum Experimentieren. Gerade dieses Moment ist ein Vehikel für den Sprachwechsel bei vielen Autoren, denn dadurch werden Kreativität und Inspiration generiert. Gleichzeitig findet Transfer von neuen literarischen Formen, Trends, Kunstrichtungen und Stilen aus einer Literatur in die andere statt. Wie fruchtbar der Sprachwechsel für Baltrušaitis war, zeigen seine drei Gedichtbände,2 die in FrankreichFrankreich, fern vom litauischenLitauenlitauisch Sprachraum, entstanden. Auch wenn sein erster Gedichtband in litauischerLitauenlitauisch Sprache erst 1942, kurz vor seinem Tod, erschien, ging Baltrušaitis nicht nur als Symbolist, sondern als Erneuerer der litauischenLitauenlitauisch Literatur in ihre Geschichte ein.
Als SprachwechslerSprachwechselSprachwechsler und zweisprachigerZweisprachigkeitzweisprachig Autor ist BaltrušaitisBaltrušaitis, Jurgis ein Paradebeispiel für textexterne MehrsprachigkeitMehrsprachigkeittextexterne Mehrsprachigkeit. Seine literarischen ÜbersetzungenÜbersetzung/translation aus zahlreichen Sprachen ins RussischeRusslandRussisch/Russian und LitauischeLitauenLitauisch offenbaren, wie breit und vielfältig das Spektrum seiner textexternen MehrsprachigkeitMehrsprachigkeittextexterne Mehrsprachigkeit ist. In seiner russischenRusslandrussisch Phase übersetzte er zahlreiche Dichter und Dramatiker ins RussischeRusslandRussisch/Russian: George Gordon ByronByron, George Gordon, Henrik IbsenIbsen, Henrik, Knut HamsunHamsun, Knut, Gerhart HauptmannHauptmann, Gerhart, Gabriele D’Annunzio, Oscar WildeWilde, Oscar, Johan August StrindbergStrindberg, Johan August, Søren KierkegaardKierkegaard, Søren sowie Rabindranath TagoreTagore, Rabindranath u.a. Baltrušaitis’ Leistung als literarischer Entdecker und Vermittler wird mit einem Preis honoriert, der seinen Namen trägt und seit 2006 verliehen wird.
Der erste Preisträger dieser Auszeichnung ist Georgi EfremowEfremow, Georgi, ein russischerRusslandrussisch Dichter, Publizist und Übersetzer. Den BaltrušaitisBaltrušaitis, Jurgis-Preis erhielt Efremow für seine ÜbersetzungenÜbersetzung/translation der litauischenLitauenlitauisch Autoren ins RussischeRusslandRussisch/Russian. Seit 1975, als seine erste ÜbersetzungÜbersetzung/translation von Eduardas MieželaitisMieželaitis, Eduardas erschien, übertrug Efremow praktisch die gesamte zeitgenössische litauischeLitauenlitauisch Lyrik ins RussischeRusslandRussisch/Russian: Algimantas BaltakisBaltakis, Algimantas, Bernardas BrazdžionisBrazdžionis, Bernardas, Albinas BernotasBernotas, Albinas, Vladas BraziūnasBraziūnas, Vladas, Sigitas Zigmas Geda, Marcelijus Teodoras MartinaitisMartinaitis, Marcelijus Teodoras, Justinas MarcinkevičiusMarcinkevičius, Justinas, Aidas MarčėnasMarčėnas, Aidas, Jonas StrielkūnasStrielkūnas, Jonas, Aivaras VeiknysVeiknys, Aivaras u.a.3 Fast jeder der genannten Lyrikerinnen und Lyriker übersetzt auch selbst Lyrik aus anderen Sprachen ins LitauischeLitauenLitauisch. Damit wird deutlich, wie verbreitet textexterne MehrsprachigkeitMehrsprachigkeittextexterne Mehrsprachigkeit gerade unter den Lyrikern ist. Es ist ein Phänomen, das über LitauenLitauen und das BaltikumBaltikum hinausgeht und als typisch für Lyriker gelten kann. Das Akustische einer anderen Sprache – MelodieMelodie, RhythmusRhythmus/rhythm, KlangKlang – reizt und inspiriert eigene Spracharbeit, schult das Ohr, sensibilisiert für die Musikalität und bietet sich als Übungsraum an.
Auch wenn Georgi EfremowEfremow, Georgi mit dem BaltrušaitisBaltrušaitis, Jurgis-Preis vordergründig für seine PopularisierungPopularisierung der litauischenLitauenlitauisch Literatur ausgezeichnet wurde, darf nicht vergessen werden, dass er selbst ein Dichter ist, einer der bekanntesten Dichter LitauensLitauen, die auf RussischRusslandRussisch/Russian schreiben. Den litauischenLitauenlitauisch Lesern ist er jedoch bestens bekannt, da seine Lyrik von den von ihm übersetzten litauischenLitauenlitauisch Dichtern aus dem RussischenRusslandRussisch/Russian ins LitauischeLitauenLitauisch übertragen wird.
Die Tradition der literarischen ÜbersetzungÜbersetzung/translation, insbesondere der Lyrikübersetzung, erhielt in RusslandRussland von den Dichtern des Silbernen Zeitalters4 vielfältige Impulse und wurde in der sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Zeit fortgesetzt. In russischerRusslandrussisch Sprache wurden Anthologien der Literatur fast aller sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Republiken herausgegeben. Gewiss waren diese Ausgaben politischPolitik/politicspolitisch/political und ideologischIdeologieideologisch motiviert. Wie sonst erklärt man die zahlreichen Ausgaben der litauischenLitauenlitauisch Literatur während des Zweiten WeltkriegesWeltkriegZweiter Weltkrieg.5 Mit ihren Werken sollten die Autorinnen und Autoren die kommunistischen Ideen und sozialistischen Werte popularisieren. Auch nach dem Zweiten WeltkriegWeltkriegZweiter Weltkrieg erschien eine Reihe von Anthologien litauischerLitauenlitauisch Literatur in russischenRusslandrussisch ÜbersetzungenÜbersetzung/translation: „Поэты Литвы“ (Dichter LitauensLitauen), 1947; „Поэты Советской Литвы“ (Dichter des sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet LitauensLitauen), 1948; „Литовские новеллы“ (LitauischeLitauenLitauisch Novellen), 1948; „Поэзия Литвы. Антология“ (Dichtung LitauensLitauen. Anthologie), 1950; „Проза Советской Литвы“ (Prosa des sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet LitauensLitauen), 1950, u.a.
Einer der meistübersetzten und bekanntesten Autoren des sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet LitauensLitauen war Eduardas MieželaitisMieželaitis, Eduardas.6 Der 1919 in Kareiviškis geborene Dichter war nicht nur in seiner Jugend ein aktiver Anhänger der kommunistischen Ideen, sondern blieb Parteimitglied auch nach der Wende. Dabei wurde er 1946 „für die Ideenlosigkeit“ seiner Dichtung von Literaturfunktionären scharf kritisiert. Vermutlich um weniger Oden an die kommunistische Partei schreiben zu müssen, begann Mieželaitis für Kinder und Jugendliche zu dichten und übersetzte Werke anderer Autoren ins LitauischeLitauenLitauisch. Neben PuschkinPuschkin, Alexander und LermontovLermontov, Michail übersetzte er auch Leonid MartynovMartynov, Leonid aus dem RussischenRusslandRussisch/Russian, der seinerseits Mieželaitis Werke ins RussischeRusslandRussisch/Russian übertrug. Für seine literarische Tätigkeit wurde er 1962 mit dem Leninorden der SowjetunionSowjetunion ausgezeichnet. Im unabhängigen LitauenLitauen wurde er für seine politischePolitik/politicspolitisch/political Haltung zwar angefeindet, aber gleichzeitig gilt er bis heute als einer der größten litauischenLitauenlitauisch Dichter des 20. Jahrhunderts. Seine Lyrik zeichnet sich durch Pathos, Liedhaftigkeit und philosophische Lebensbetrachtung aus.
Das gegenseitige Übersetzen ist unter den Lyrikern durchaus verbreitet. Der 1937 in Memel geborene Tomas VenclovaVenclova, Tomas, der seit 1977 als Dissident im US-amerikanischenAmerika/USAamerikanisch ExilExil lebt, übersetzte den polnischenPolenpolnisch Dichter Czesław MiłoszMiłosz, Czesław und den russischenRusslandrussisch Joseph BrodskyBrodsky, Joseph, während die beiden seine Lyrik aus dem LitauischenLitauenLitauisch übertrugen (vgl. Veser 2017: 14).7 In den USA schrieb Venclova nicht nur auf LitauischLitauenLitauisch, sondern auch auf RussischRusslandRussisch/Russian. Diese ZweisprachigkeitZweisprachigkeit war gewiss nicht politischPolitik/politicspolitisch/political motiviert, sondern ergab sich aus seiner literarischen und literaturwissenschaftlichen Tätigkeit.
Die Literatur des heutigen LitauensLitauen orientiert sich am globalen Buchmarkt, der englischsprachig ist. Die Online-Zeitschrift Vilnius Review bietet eine beeindruckende Zahl an literarischen Texten der litauischenLitauenlitauisch Gegenwartsliteratur und setzt sich deren PopularisierungPopularisierung zum Ziel.8 Dieses soll erreicht werden, indem literarische Texte in englischerEnglisch/English ÜbersetzungÜbersetzung/translation dem breiteren Leserkreis zugänglich gemacht werden. Um das anfallende Arbeitspensum zu bewerkstelligen, wird ein Übersetzerteam beschäftigt. Ohne finanzielle Unterstützung sind solche Projekte kaum realisierbar. Als Sponsoren von Vilnius Review werden folgende Stiftungen genannt: Lithuanian Council for CultureLithuanian Council for Culture, Association LATGAAssociation LATGA, City of VilniusCity of Vilnius, modernaus meno centrasmodernaus meno centras, SpaudosSpaudos, radijo ir televizijos rėmimo fondasradijo ir televizijos rėmimo fondas.9 Es handelt sich also um staatliche Strukturen, die im Einklang mit der (Kultur)Politik der litauischenLitauenlitauisch Regierung insbesondere seit 2010 vermehrt das EnglischeEnglisch/English als KommunikationsspracheKommunikation verwenden. Zum einen wird dadurch die Weltoffenheit LitauensLitauen deutlich, das sich im Zuge der Globalisierungsprozesse immer stärker in die europäischeEuropaeuropäisch und Weltgemeinschaft integriert. Zum anderen geht damit die Bedeutung und die Kenntnis des RussischenRusslandRussisch/Russian und des PolnischenPolenPolnisch/Polish verloren. Diese Sprachen sind ein wichtiger Teil der Geschichte LitauensLitauen, scheinen jedoch mehr der Vergangenheit anzugehören, als in der Zukunft eine wichtige Rolle zu spielen.
Dieser Pessimismus müsste allerdings angesichts der 2019 erschienenen dreibändigen Anthologie der russischenRusslandrussisch Dichtung LitauensLitauen (Антология русской поэзии Литвы) relativiert werden. Sie bringt Texte von knapp 350 Autorinnen und Autoren, die seit Jahrhunderten mit LitauenLitauen verbunden waren und auf RussischRusslandRussisch/Russian schrieben.10 Die Initiatoren dieser Anthologie sind Mitglieder von „LogosLogos“, des Vereins der russischsprachigen Dichter LitauensLitauen. Inspiriert wurden sie von der Anthologie RussischeRusslandRussisch/Russian Poesie LettlandsLettland/Latvia, die im Nachbarland erschien. Gleichzeitig setzt „Logos“ mit seiner dreibändigen Ausgabe ein Zeichen des Protests gegen die Sprach(en)politik im heutigen Litauen.
Seit seiner Unabhängigkeit ist LitauenLitauen bemüht, LitauischLitauenLitauisch vor Einflüssen des RussischenRusslandRussisch/Russian sowie vor AnglizismenAnglizismen und nicht litauischenLitauenlitauisch Wörtern zu schützen. Mit dieser Aufgabe sind zwei staatliche Behörden beauftragt, die Staatliche Kommission der litauischenLitauenlitauisch Sprache und die Staatliche Sprach-InspektionSprach-Inspektion, die nicht nur mit Argusaugen, sondern mit Tadel, Verwarnungen und Geldstrafen bis zu 434 Euro für die Reinheit der litauischenLitauenlitauisch Sprache sorgen sollen (Stašaitytė 2017). Als Richtlinie dient der „SprachpolizeiSprachpolizei“, wie diese Behörden im Volksmund genannt werden, ein 25-seitiger Katalog der „großen Fehler der litauischenLitauenlitauisch Sprache“, die insbesondere Autoren, Journalisten und öffentliche Funktionsträger nicht begehen dürfen. Die Leiterin der SprachkommissionSprachkommission, Daiva Vaišnienė, beteuert allerdings, dass für die Literatur „eine totale Freiheit“ gelte (Stašaitytė 2017). Der Roman Pietinia kronikas (2016) von Rimantas KmitasKmitas, Rimantas, der in der Umgangssprache geschrieben wurde und mit Schimpfwörtern gespickt ist, soll als Beweis für die Freiheit der Literatur im heutigen Litauen herhalten (Stašaitytė 2017). Allerdings ist bemerkenswert, dass eine solche SprachzensurSprachzensur wie in Litauen in den anderen postsowjetischenSowjetunionpostsowjetisch Staaten nicht praktiziert wird – mit Ausnahme von RusslandRussland. Die SprachpolitikSprachpolitik LitauensLitauen erklärt Heiko F. Marten zutreffend mit der postkolonialenKolonialismuspostkolonial Ausgangssituation: „Die durch die postkolonialeKolonialismuspostkolonial Ausgangssituation begründete Sprachpolitik führt zu einigen Praktiken, die im internationalen Vergleich ungewöhnlich sind.“ (Marten 2017: 217).
3 Sprach(en)politik und literarische MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitliterarische Mehrsprachigkeit in LettlandLettland/Latvia
Eine „postkolonialeKolonialismuspostkolonial Ausgangsposition“ gilt auch für LettlandLettland/Latvia. Die Eroberung seiner Gebiete durch den DeutschenDeutschlanddeutsch Orden und die HanseHanse(bund), die schwedischeSchwedenschwedisch Herrschaft im 17. Jahrhundert, die Besetzung durch das RussischeRusslandRussisch/Russian Reich Anfang des 18. Jahrhunderts und die sowjetischeSowjetunionsowjetisch Besatzung im Juni 1940 sind Höhepunkte der postkolonialenKolonialismuspostkolonial Vergangenheit LettlandsLettland/Latvia. Im Spätmittelalter werden von der Bildungsschicht LateinLatein und DeutschDeutschlandDeutsch verwendet. Erst im 19. Jahrhundert, als der Einfluss des DeutschenDeutschlandDeutsch nachlässt, entsteht Literatur in lettischerLettland/Latvialettisch Sprache. Die Epoche der Romantik weckt das Interesse für VolksliederVolkVolkslied und Balladen, die gesammelt und studiert werden (Krišjānis Baron). Die in lettischerLettland/Latvialettisch Sprache verfassten Prosawerke jener Zeit entstehen unter dem Einfluss der westeuropäischen und insbesondere der deutschenDeutschlanddeutsch Literatur. Die lutheranischen Pastoren übersetzen zahlreiche Werke aus dem DeutschenDeutschlandDeutsch, um so eine AlternativeAlternative zu freiheitsliebenden lettischenLettland/Latvialettisch VolksliedernVolkVolkslied und Volksmärchen zu schaffen. Unter den lettisch-deutschenLettland/Latvialettisch-deutsch Schriftstellern ist u.a. Andrievs NiedraNiedra, Andrievs (1871–1942) zu nennen. Ferner sei auch auf Rūdolfs BlaumanisBlaumanis, Rūdolfs (1863–1908), einen der bekanntesten lettischenLettland/Latvialettisch Schriftsteller, hingewiesen. Nach dem Abschluss der deutschenDeutschlanddeutsch Handelsschule in Riga schrieb Blaumanis seine ersten Publikationen auf DeutschDeutschlandDeutsch. Seine Novellen und Kurzgeschichten verfasste er auf LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian. Viele von ihnen, wie z.B. das Drama „Die Indrans“ (1904) übersetzte er dann ins DeutscheDeutschlandDeutsch (Kalnačs/Füllmann 2017). Später wurde er Mitglied der sozialdemokratischen Bewegung die „Neue StrömungNeue Strömung“. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts lässt sich eine immer größere lettischeLettland/Latvialettisch Bildungsschicht für Ideen des Sozialismus begeistern. Unter ihnen war auch das bekannteste literarische Paar LettlandsLettland/Latvia Aspazija (1865–1943) und RainisRainis (1865–1929). Ihre ersten Gedichte schrieb Aspazija auf DeutschDeutschlandDeutsch, wechselte aber bald zum LettischenLettland/LatviaLettisch/Latvian. Zusammen mit Rainis, dem wichtigsten Dichter LettlandsLettland/Latvia, übersetzte sie Goethes FaustFaust/Faustus ins LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian. Für seine sozialistische WeltanschauungWeltanschauung wurde Rainis 1897 nach Pskow und Slobodskoi verbannt. In den fünf Jahren seiner Verbannung schrieb er nicht nur Gedichte in lettischerLettland/Latvialettisch Sprache, sondern übersetzte SchillerSchiller, Friedrich, HeineHeine, Heinrich, ShakespeareShakespeare, William und PuschkinPuschkin, Alexander ins LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian. Der Einfluss der deutschenDeutschlanddeutsch Sprache und Literatur auf die lettischeLettland/Latvialettisch Literatur ist noch Anfang des 20. Jahrhunderts nicht abgeebbt.
Der Geschichte der literarischen MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in LettlandLettland/Latvia widmet sich Alexander ZapolZapol, Alexander in der Einleitung zu der von ihm 2011 herausgegebenen Anthologie (Zapol 2011), die einen langen Abschnitt der lettischenLettland/Latvialettisch Lyrik von 1680 bis 2010 anhand der Texte von 40 Autorinnen und Autoren vorstellt. Zapol hebt u.a. hervor, dass Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts viele lettischeLettland/Latvialettisch Autorinnen und Autoren sich an Vorbildern der russischenRusslandrussisch, deutschenDeutschlanddeutsch, französischen und skandinavischenskandinavisch Literaturen orientierten, aus diesen Sprachen übersetzten und auch selbst ihre Texte auf DeutschDeutschlandDeutsch oder RussischRusslandRussisch/Russian schrieben. Dies hing sowohl mit den historischenhistorisch Rahmenbedingungen zusammen (Schulunterricht fand in deutscherDeutschlanddeutsch, später in russischerRusslandrussisch Sprache statt), als auch mit der Orientierung an neuen literarischen Tendenzen und Prozessen, die in diesen Literaturen entstanden. Es war kein Widerspruch, ein lettischerLettland/Latvialettisch Autor zu sein und in russischerRusslandrussisch oder deutscherDeutschlanddeutsch Sprache zu schreiben. Die in russischerRusslandrussisch Sprache verfassten Gedichte von Aleksandr ČakČak, Aleksandr entstanden beispielsweise nach seinem Treffen mit Wladimir MajakowskiMajakowski, Wladimir und ahmen den Stil des russischenRusslandrussisch Futurismus nach. Gleichzeitig knüpfen seine auf LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian geschriebenen Gedichte an die Tradition der europäischenEuropaeuropäisch Großstadtlyrik an.
Mit dem Ausbruch des Zweiten WeltkriegsWeltkriegZweiter Weltkrieg wurde die Bevölkerungsstruktur LettlandsLettland/Latvia grundlegend verändert: Anfang Oktober 1939 wurde LettlandLettland/Latvia gezwungen, die Stationierung von 25 000 sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Soldaten auf lettischem Gebiet zuzulassen. Kurz darauf ließ HitlerHitler, Adolf 50 000 DeutschbaltenDeutschbalten umsiedeln (vgl. Garleff 2002). Am 17. Juni 1940 rollten sowjetischeSowjetunionsowjetisch Panzer durch die Straßen Rigas, und ca. 100 000 Rotarmisten befanden sich auf lettischem Territorium. Zwischen 1940 und 1990 stieg der Anteil der Russen in der ethnischenEthnieethnisch Zusammensetzung der lettischenLettland/Latvialettisch Bevölkerung auf 34 %. Während der sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Herrschaft „sank der Anteil ethnischer Lett/-innen an der lettischenLettland/Latvialettisch Bevölkerung bis 1989 auf 52 Prozent.“ ( Mierina 2020) Das in der SowjetzeitSowjetunionSowjetzeit russifizierte LettlandLettland/Latvia zeigt sich nach der Wende weniger bemüht um die Bekämpfung der russischenRusslandrussisch Sprache als dies z.B. in LitauenLitauen der Fall ist.
Anders als in LitauenLitauen schreiben in LettlandLettland/Latvia sehr viele Autoren auf RussischRusslandRussisch/Russian, allerdings sind dies hauptsächlich ethnische Russen. Ausschlaggebend für ihre Tätigkeit ist die 1999 gegründete Textgruppe „OrbitaOrbita“. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch das Experimentieren mit anderen MedienMedien aus (Photographie, Musik, Film, Graphik, Malerei). Von den zahlreichen Aktivitäten der Vereinigung wird die Herausgabe zweisprachigerZweisprachigkeitzweisprachig Lyrikbände besonders betont: „Orbita has […] produced a number of bilingualbilingual (RussianRusslandRussisch/Russian-LatvianLettland/LatviaLettisch/Latvian) poetry collections and publications; issued an anthology of contemporary RussianRusslandRussisch/Russian poetry in LatviaLettland/Latvia – a unique study of this phenomenon“.1 Die Mitglieder der Gruppe2 (Sergej TimofejewTimofejew, Sergej,3 Artur PuntePunte, Artur, Alexander ZapolZapol, Alexander, Semjon Chanin Chanin, Semjon, Zhorzh Uallik Uallik, Zhorzh u.a.) zeigen sich weltoffen und nehmen an Literatur-Events im In- und Ausland teil. Auch wenn RussischRusslandRussisch/Russian die Sprache ihres kreativen Schaffens ist, spielen LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian und EnglischEnglisch/English eine wichtige Rolle in ihrem Schaffensprozess.
Die zweisprachigenZweisprachigkeitzweisprachig Gedichtausgaben, die „OrbitaOrbita“ initiiert, stellen das russischeRusslandrussisch Original und die lettischeLettland/Latvialettisch ÜbersetzungÜbersetzung/translation nicht einfach nebeneinander, sondern inszenieren beide Sprachen, indem sie ihren KlangKlang häufig ins Zentrum rücken. Beispiele dafür sind nicht nur zweisprachigeZweisprachigkeitzweisprachig Lesungen, PerformancesPerformanz/performance und multimediale Projekte, die häufig mit Sound experimentieren, sondern auch die Gestaltung von Buchcover, wie etwa des Gedichtbandes Stereo (2012) von Sergej TimofejewTimofejew, Sergej und die Fokussierung auf den Klang der beiden Sprachen, wie bereits im Titel der Gedichtbände Трансферы/Transfēri (2013) und Алчность/Alkatība (2019) von Jelena GlazovaGlazova, Jelena.4 Auch wenn es überzogen wäre anzunehmen, dass die auf RussischRusslandRussisch/Russian schreibenden Autoren LettlandsLettland/Latvia den performativenPerformanz/performanceperformativ Soundformaten dank ihrer textexternen ZweisprachigkeitZweisprachigkeit zu einem so hohen Stellenwert verholfen haben, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass das Moment der akustischen Gegenüberstellung bzw. des Zusammenspiels zwischen dem russischenRusslandrussisch Original und der lettischenLettland/Latvialettisch ÜbersetzungÜbersetzung/translation beabsichtigt ist.
Der Band Вижу слышу молчу/Redsu dzirdu kluseju (2013) von einem 1975 geborenen Autor, der unter dem Pseudonym Zhorzh Uallik Uallik, Zhorzh schreibt, präsentiert Texte, die nach akustischem bzw. phonetischem Prinzip konzipiert sind. Ihnen liegen Alliterationen, akustische Assoziationen, phonetische Verwandtschaft, Echo-Effekte sowie Spiegelungen und Doppelungen zugrunde.5 Stellenweise entfalten die Gedichte dieses Bandes eine psychodelische Wirkung, die durch die Überreizung der auditivenauditiv Wahrnehmung erzielt wird. Der Band ist als Doppelband erschienen und bringt die Übertragung dieser Gedichte ins LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian. Die beiden Bände lesen sich je von einer Seite, wobei sie mit dem gemeinsamen Rückcover verbunden sind. Diese aufwendige innovative Gestaltung des Buches deutet auf die herausragende Bedeutung der Sprachen und ihr Zusammenspiel sowohl bei der Entstehung der Gedichte als auch bei ihrer Übertragung ins LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian hin.
Die enge Zusammenarbeit zwischen den auf RussischRusslandRussisch/Russian schreibenden Autorinnen und Autoren und Übersetzerinnen und Übersetzern ins LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian, die ihrerseits selbst Dichter sind, die auf LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian schreiben, generiert nicht nur Synergien und Kreativität, sondern auch Experimentierfreude. Artur PuntePunte, Artur, einer der Redakteure der zweisprachigenZweisprachigkeitzweisprachig Ausgaben, brachte 2014 seinen Gedichtband Поэтические посвящения/Poētiskie veltījumi heraus, in dem zwischen russischenRusslandrussisch Originalen und ihren ÜbersetzungenÜbersetzung/translation ins LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian auch Gedichte stehen, die Punte auf LettischLettland/LatviaLettisch/Latvian verfasste. Auch wenn dies noch lange nicht bedeutet, dass Punte in der zweiten Sprache seines kreativen Schaffens den gleichen literarischen Rang hat, zeigt sich jedoch, dass Versuche, in einer anderen Sprache Literatur zu schreiben, einen experimentellen Charakter haben, dem durchaus spielerische Momente und Kreativität generierende Absichten zugrunde liegen. Gleichzeitig wird deutlich, dass der literarische Text nicht frei vom Einfluss der textexternen MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit bleibt. Er manifestiert sich vordergründig in der auditivenauditiv Gestaltung der Sprache, in der akustischen Wahrnehmung des Textes sowie in sprachvergleichenden, sprachkonsolidierenden oder sprachkontrastierenden Elementen, sowie in den vielfältigen onomatopoetischen Stilmitteln, worauf auch Ilva Skulte verweist:
Reading Punte, it seems the poet speaks following a developmental logic of events, conversations or associations, but then suddenly changes course, remaining under the disguise of language: what comes to the foreground is a linguistic interplay, transfers, breaks, sound repetitions, rhythmRhythmus/rhythm and metre. It is as if the poetry emerges from the story and language (or vice versa) in front of our eyes, thanks to its special, textually tangible form, a form that can express itself in tonality.6
Die ZweisprachigkeitZweisprachigkeit und das Zusammenspiel der Sprachen werden auch durch das Design des Bandes Вплавь/Peldus von Semjon ChaninChanin, Semjon betont. Magnete wurden eingesetzt, um so die Anziehung zwischen dem Band mit russischenRusslandrussisch Originalen und dem Band mit ÜbersetzungenÜbersetzung/translation ins LettischeLettland/LatviaLettisch/Latvian eindrucksvoll zu veranschaulichen. Die ÜbersetzungenÜbersetzung/translation wurden von Dichtern wie Kārlis Vērdiņš Vērdiņš, Kārlis, Pēteris DragunsDraguns, Pēteris, Liana LangaLanga, Liana, Jānis Rokpelnis Rokpelnis, Jānis, Marts Pujāts Pujāts, Marts, Jānis ElsbergsElsbergs, Jānis u.a. vorgenommen. Gedichte einiger von ihnen sowie von Eduards AivarsAivars, Eduards, Edvīns RaupsRaups, Edvīns, Māris SalējsSalējs, Māris übersetzt Semjon Chanin aus dem LettischenLettland/LatviaLettisch/Latvian ins RussischeRusslandRussisch/Russian. Ferner überträgt er auch aus dem EnglischenEnglisch/English, etwa den amerikanischenAmerika/USAamerikanisch Dichter russischerRusslandrussisch Herkunft Eugene OstashevskyOstashevsky, Eugene.7
Die Gegenwartsliteratur LettlandsLettland/Latvia – unabhängig ob in lettischerLettland/Latvialettisch oder in russischerRusslandrussisch Sprache – entsteht vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen ZweisprachigkeitZweisprachigkeit. Dies führt zur Herausbildung verschiedener Formen der literarischen MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit. Diese existieren sowohl in textexternen als auch textinternen Bereichen. Neben literarischen ÜbersetzungenÜbersetzung/translation, die für die textexterne MehrsprachigkeitMehrsprachigkeittextexterne Mehrsprachigkeit lettischerLettland/Latvialettisch Gegenwartsautorinnen und -autoren kennzeichnend ist, scheint zunehmend die textinterne MehrsprachigkeitMehrsprachigkeittextinterne Mehrsprachigkeit eine wichtige Rolle zu spielen. Dabei ist zu beobachten, dass nicht so sehr manifeste als vielmehr latentelatent Mehrsprachigkeit diese Texte kennzeichnet. InterferenzInterferenz der Sprachen (z.B. russischeRusslandrussisch Syntax in der lettischenLettland/Latvialettisch Sprache), LehnübersetzungenÜbersetzung/translationLehnübersetzung, SprachlatenzSprachlatenz und interlingualesinterlinguales Wortspiel scheinen die häufigsten Formen der latenten MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitlatente Mehrsprachigkeit (Blum-Barth 2020) in der lettischenLettland/Latvialettisch Gegenwartsliteratur zu sein. In diese Richtung geht auch die Bewertung der beabsichtigten Sichtbarkeit und der Wechselwirkung des RussischenRusslandRussisch/Russian und LettischenLettland/LatviaLettisch/Latvian in zweisprachigenZweisprachigkeitzweisprachig Ausgaben der „OrbitaOrbita“ durch den Dichters und Kritiker Kirill Kortchagin als „utopischesutopisch Projekt der gemeinsamen lettisch-russischenRusslandrussisch poetischenPoetik/poeticspoetisch Sprache“ (Kortchagin 2015).8
4 ÜbersetzungenÜbersetzung/translation im Kontext literarischer MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit
Sieht man von traditionellen VolksliedernVolkVolkslied und -märchen ab, so entstand die Literatur LitauensLitauen wie auch LettlandsLettland/Latvia Anfang des 19. Jahrhunderts vor einem mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Hintergrund. Historischhistorisch bedingt übte der Einfluss der polnischenPolenpolnisch Sprache und Literatur in LitauenLitauen sowie der deutschenDeutschlanddeutsch in LettlandLettland/Latvia einen großen Einfluss auf die Autorinnen und Autoren des jeweiligen Landes aus. Viele unternahmen ihre ersten literarischen Schreibversuche nicht in der MutterspracheMuttersprache/mother tongue, sondern auf PolnischPolenPolnisch/Polish bzw. auf DeutschDeutschlandDeutsch, die Schulunterrichtssprache im jeweiligen Land waren. Gleichzeitig spielten Orientierung an westeuropäischer, skandinavischerskandinavisch und russischerRusslandrussisch Literatur, die sich nicht zuletzt in der ÜbersetzungÜbersetzung/translation manifestierte, eine wichtige Rolle bei der Entstehung der nationalenNationnational Literatur LitauensLitauen und LettlandsLettland/Latvia.
Die sowjetischeSowjetunionsowjetisch Epoche stellte beide Länder vor vergleichbare Herausforderungen – RussifizierungRussifizierung und Ideologisierung –, die in LitauenLitauen und LettlandLettland/Latvia im Vergleich zu anderen sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Republiken noch moderat ausfielen. Im Unterschied zu Autorinnen und Autoren anderer sowjetischerSowjetunionsowjetisch/Soviet Republiken waren bei litauischenLitauenlitauisch und lettischenLettland/Latvialettisch Autorinnen und Autoren weder SprachwechselSprachwechsel noch ZweisprachigkeitZweisprachigkeit, die häufig politischPolitik/politicspolitisch/political-ideologischIdeologieideologisch motiviert sind, geläufige Phänomene. In der literarischen MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit dominiert ihre textübergreifende/textexterne Form.
Für die Erforschung der literarischen MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit, insbesondere der ÜbersetzungÜbersetzung/translation als eines der Formate der textexternen MehrsprachigkeitMehrsprachigkeittextexterne Mehrsprachigkeit lassen sich sowohl in LitauenLitauen als auch in LettlandLettland/Latvia während der sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Epoche zwei interessante Aspekte beobachten: 1. Die Gründe für ÜbersetzungenÜbersetzung/translation und 2. die konsultierende Funktion der russischenRusslandrussisch Sprache.
1. Literarische ÜbersetzungÜbersetzung/translation war eine Option, literarisch tätig zu sein, wenn Autorinnen und Autoren ein Schreib- und Veröffentlichungsverbot erhielten, ideologischeIdeologieideologisch Instrumentalisierung ihrer Werke verweigerten oder mit ihrer literarischen Tätigkeit den Lebensunterhalt bestreiten wollten.
2. Bemerkenswert ist dabei, dass auffallend viele Autorinnen und Autoren aus sehr vielen verschiedenen Sprachen übersetzten. Ohne ihre Fremdsprachenkenntnisse schmälern oder hinterfragen zu wollen, muss vermutet werden, dass die russischeRusslandrussisch Sprache im ÜbersetzungsprozessÜbersetzung/translation eine Vermittlungsrolle spielte. Anders gesagt: dem RussischenRusslandRussisch/Russian kam die sogenannte konsultierende Funktion zu. Auf RussischRusslandRussisch/Russian lagen mehrere ÜbersetzungenÜbersetzung/translation der Klassiker der WeltliteraturWeltliteratur vor und übertrafen sich gegenseitig in ihrer hohen künstlerischen Qualität, so dass ihre Hinzuziehung bei der ÜbersetzungÜbersetzung/translation in eine andere Sprache eine vergleichende Vorgehensweise ermöglichte und viele Übersetzungsentscheidungen erleichterte. Diesen Status behält RussischRusslandRussisch/Russian immer noch im Prozess der literarischen ÜbersetzungÜbersetzung/translation in die Sprachen der ehemaligen Sowjetrepubliken und der Ostblockstaaten bei. Ähnlich konsultierend können auch EnglischEnglisch/English, SpanischSpanienSpanisch, FranzösischFrankreichFranzösisch u.a. herangezogen werden, um eine Übersetzungsentscheidung zu treffen. Dadurch wird deutlich, dass Sprachen an textexterner literarischer MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit sowohl aktiv als auch passiv beteiligt sein können. Besonders brisant sind diese Aspekte bei der ÜbersetzungÜbersetzung/translation der lyrischen Texte. Da die ÜbersetzungÜbersetzung/translation von Lyrik durch einen Übersetzer, der selbst Lyriker ist, eine Art Nimbus verliehen bekommt und ein höheres Ansehen genießt,1 kommt es öfter vor, dass Dichter auch aus Sprachen übersetzen, die sie nur begrenzt sprechen. Man arbeitet dann mit Interlinearübersetzungen, eine dem Ausgangstext strukturgetreue Wort-für-Wort-ÜbersetzungÜbersetzung/translationWort-für-Wort-Übersetzung, die auch verschiedene Entsprechungen einzelner Wörter angibt.
Trotz des gleichen sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Erbes entschieden sich LitauenLitauen und LettlandLettland/Latvia nach der Erlangung ihrer Unabhängigkeit für eine sehr unterschiedliche Sprach(en)politik. Ohne noch weiter auf ihre Unterschiede einzugehen, sei hier ihre Gemeinsamkeit hervorgehoben: eine rege literarische Übersetzungstätigkeit. Dabei dominiert die Bemühung, litauischeLitauenlitauisch bzw. lettischeLettland/Latvialettisch Autorinnen und Autoren durch ÜbersetzungenÜbersetzung/translation zu popularisieren. Während litauischeLitauenlitauisch Gegenwartsautorinnen und -autoren ins EnglischeEnglisch/English übersetzt werden (etwa in der Online-Zeitschrift Vilnius Review), widmet sich in LettlandLettland/Latvia die Textgruppe „OrbitaOrbita“ der Herausgabe der zweisprachigenZweisprachigkeitzweisprachig russischRusslandrussisch-lettischen Werkausgaben ihrer Gruppenmitglieder. Da solche Projekte ohne finanzielle Förderung langfristig nicht überlebensfähig sind, lassen sich an den staatlichen Geldgebern sprachpolitischeSprachpolitiksprachpolitisch Ziele und Interessen ablesen.
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Über die Mehrsprachigkeit in den Romanen von Gohar Markosjan-Käsper
Aigi Heero
Abstract: Der vorliegende Beitrag analysiert das Phänomen der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in den Romanen von Gohar Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar (1949–2015). Es handelt sich um eine Autorin, die aus ArmenienArmenien stammte, jedoch ihre Werke auf RussischRusslandRussisch/Russian verfasste und einen großen Teil ihres Lebens in EstlandEstland/Estonia verbrachte. Ihre Werke sind dementsprechend im Kontaktfeld verschiedener Sprachen und Kulturen entstanden. Dieser Artikel stellt ihre Romane Helena und Penelopa als Beispiele transkulturellenTranskulturalitättranskulturell Schreibens heraus und analysiert Erscheinungsformen und Funktion der Mehrsprachigkeit in diesen Werken. Des Weiteren wird über das Leben und Schaffen Markosjan-Käspers im sozialpolitischen Kontext der ehemaligen SowjetunionSowjetunion berichtet (in Bezug auf die Sprach- und KulturpolitikPolitik/politicsKulturpolitik sowie MigrationMigrant/inMigration). Die Untersuchung zeigt, dass etliche Themen und Motive, die auch in der deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig transkulturellenTranskulturalitättranskulturell Literatur vorhanden sind, ebenso im Schaffen Markosjan-Käspers sichtbar werden (z.B. kulturelle Vergleiche, Selbstfindung in einer fremdenFremdheitfremd Kultur). Die Mehrsprachigkeit zeigt sich in diesen Romanen sowohl explizit als auch implizit: Neben dem RussischenRusslandRussisch/Russian werden auch andere Sprachen wie ArmenischArmenienarmenisch, EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, EnglischEnglisch/English, LateinLatein direkt eingesetzt und es finden sich zahlreiche indirekte Hinweise auf diese Sprachen. Des Weiteren werden verschiedene Bezüge auf weltbekannte Romane wie Ulysses und Meister und Margarita analysiert.
Keywords: Gohar Markosjan-Käsper; Migration; Estland; Armenien; Sowjetunion; Mehrsprachigkeit; Transkulturalität
1 Einleitung
Im März 2002 erschien in Berlin der Roman Penelopa von Gohar Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar in deutscherDeutschlanddeutsch ÜbersetzungÜbersetzung/translation (mit dem Titel Penelope, die Listenreiche). Im selben Jahr erschien dieser Roman in französischer und ein Jahr später in spanischer ÜbersetzungÜbersetzung/translation. Die Autorin Gohar Markosjan-Käsper (1949–2015) stammte aus einer armenischenArmenienarmenisch Künstlerfamilie in Jerewan: Ihre Mutter war Balletttänzerin, ihr Vater Opernsänger. Sie studierte Medizin und arbeitete etliche Jahre als Ärztin, doch schon seit ihrer Jugend schrieb sie Gedichte und versuchte sich auch an Prosatexten. 1990 heiratete sie den estnischenEstland/Estoniaestnisch Schriftsteller und Übersetzer Kalle Käsper, den sie in ArmenienArmenien kennengelernt hatte und übersiedelte nach EstlandEstland/Estonia. Danach widmete sie sich ganz der Literatur.
Obwohl sie armenischerArmenienarmenisch Herkunft war, verfasste Gohar Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar ihre Texte auf RussischRusslandRussisch/Russian. Hierbei hat wohl die Tatsache, dass sie die russischeRusslandrussisch Sprache als Sprache des Selbstausdrucks betrachtete, die wichtigste Rolle gespielt. Als Kind hat sie in Jerewan eine russischsprachige Schule besucht und dadurch gründliche Kenntnisse dieser Sprache erworben. Des Weiteren wurde auch in ihrer Familie sehr viel russischeRusslandrussisch und WeltliteraturWeltliteratur in russischerRusslandrussisch ÜbersetzungÜbersetzung/translation gelesen und teilweise auf RussischRusslandRussisch/Russian kommuniziert. Auf diesen Aspekt wird später in dieser Studie noch näher eingegangen werden.
An dieser Stelle muss jedoch präzisiert werden, dass ihre Familie sowie ihre Sprachenwahl in dieser Hinsicht eine Ausnahme darstellen. Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar hat selber erklärt, dass am Ende der 1970er Jahre in ArmenienArmenien eine russischsprachige Literatur initiiert wurde. Es habe aber ziemlich wenige solche Autoren gegeben, und deren Schaffen habe nicht besonders viel Aufmerksamkeit erhalten (Markosjan-Käsper 2006: 69). Der Grund dafür, so Markosjan-Käsper, lag wohl daran, dass die armenischeArmenienarmenisch literarische Tradition eine sehr lange Geschichte hat und die neue russischsprachige armenischeArmenienarmenisch Literatur einerseits als nicht qualitativ gleichwertig und andererseits als ein Anzeichen der SowjetisierungSowjetunionSowjetisierung betrachtet wurde (ebd.). Obwohl die SowjetmachtSowjetunionSowjetmacht versuchte, RussischRusslandRussisch/Russian in Armenien als offizielle Sprache einzuführen (etwa mit dem entsprechenden Vorschlag zur Konstitutionsänderung im Jahr 1978), wurde dieses Ziel nicht erreicht. Gegen diesen Vorschlag wurde in Armenien heftig protestiert und sogar öffentlich demonstriert, was dazu führte, dass das Vorhaben rückgängig gemacht wurde. Dennoch wuchs die Rolle des RussischenRusslandRussisch/Russian im öffentlichen Leben:
A thorough knowledge of RussianRusslandRussisch/Russian was a virtual requirement for white collar jobs, and some parents preferred to send their children to RussianRusslandRussisch/Russian-language schools. A portion of Armenian citizens opted for higher education in RussianRusslandRussisch/Russian universities and technical schools. (Grenoble 2003: 123)
Dessen ungeachtet blieb die Anzahl der armenischenArmenienarmenisch Bürger, die RussischRusslandRussisch/Russian als ihre erste Sprache betrachteten, relativ gering. RussischRusslandRussisch/Russian als ZweitspracheZweitsprache dagegen war viel weiter verbreitet: 1989 gaben 60,6% der ArmenierArmenienArmenier RussischRusslandRussisch/Russian als ihre zweite Sprache an (ebd.: 135). Die starke literarische Tradition, die muttersprachliche Hochschulbildung und das starke Nationalbewusstsein der ArmenierArmenienArmenier trugen dazu bei, dass der Einfluss des RussischenRusslandRussisch/Russian auf die armenischeArmenienarmenisch Kultur geringfügig blieb und dass die russischeRusslandrussisch Sprache für ArmenierArmenienArmenier nicht ein Teil ihrer IdentitätIdentität/identity wurde (vgl. Rabanus/Barseghyan 2015: 24–25).
Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohars literarische Texte entstanden vor allem in EstlandEstland/Estonia, wurden jedoch meistens in RusslandRussland erstmals publiziert. Der Grund dafür ist vermutlich rein pragmatisch gewesen: Die Möglichkeiten, in EstlandEstland/Estonia ein russischsprachiges Buch herauszugeben, waren in den 1990er und den 2000er Jahren eher gering und die Leserschaft der herausgegebenen Werke spärlich verglichen mit Russland. Igor KotjuhKotjuh, Igor hat gezeigt, dass estnischeEstland/Estoniaestnisch Autoren, die auf RussischRusslandRussisch/Russian schrieben, sich doch auf die eine oder andere Art an Russland und seiner Literatur orientierten, um eine wesentlich größere Leserschaft zu erreichen, etwa durch Publikationen in umfangreichen russischenRusslandrussisch Literaturzeitschriften oder durch öffentliche Auftritte (vgl. Kotjuh 2012: 139).
Penelopa war Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohars erster Roman, der 1998 in St. Petersburg erschien. Es folgten weitere Romane wie Helena (2000, auf EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian 2003; eine deutscheDeutschlanddeutsch ÜbersetzungÜbersetzung/translation liegt nicht vor), Karyatiden (2003), die Novellensammlung Der Traum (2006) und viele andere Werke. Ihre Romane sind meist aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers geschrieben, und sie beleuchten das Leben bzw. den Werdegang von Frauen, die zwar mit etlichen Schwierigkeiten im Leben konfrontiert werden, doch diese durch ihre Stärke, Klugheit und Anpassungsfähigkeit bewältigen können. Laut Irina Belobrovtseva ist die estnischeEstland/Estoniaestnisch russischsprachige Literatur dadurch um Romane, deren „weibliche Heldinnen klug, ironisch, verführend, mit einem Wort, richtige Frauen“ sind, reicher geworden (Belobrovtseva 2018: 118). Gegen Ende ihres Lebens begann Gohar Markosjan-Käsper, sich mit Science-FictionScience-Fiction zu befassen. 2012 erschien ihr letzter, autobiographischerBiographiebiographisch Roman Memento mori. Sie starb 2015 nach einer schweren Krankheit.
Die Leserschaft sowie die meisten Kritiker reagierten auf Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohars Werke positiv: Man charakterisierte ihre Schreibweise als mutig und meisterhaft, reich an Wortspielen und Assoziationen, sowie als einen Ausdruck des „magischenmagisch Realismus“ (Zirnask/Püve 2005). Tatsächlich vermischen sich in ihren Werken verschiedene Realitäten, Schauplätze und kulturelle Schichtungen. So erzählt Helena die Geschichte einer aus ArmenienArmenien nach EstlandEstland/Estonia übersiedelten Frau; gleichzeitig erfährt der Leser dieses Werkes viel über das sowjetischeSowjetunionsowjetisch Leben, sowie darüber, wie ein Mensch mit MigrationshintergrundMigrant/inMigrationshintergrund in EstlandEstland/Estonia den Zusammenbruch der SowjetunionSowjetunion erlebt und sich später in der Übergangsgesellschaft zurechtfindet. Der Roman spielt gleichzeitig in Jerewan, in Tallinn und im antiken Griechenland; es finden sich Anspielungen auf klassische griechischeGriechischgriechisch Literatur, auf armenischeArmenienarmenisch Kulturtexte, auf die Bibel und auf Werke der WeltliteraturWeltliteratur. Penelopa malt dem Leser einen Tag im postsowjetischenSowjetunionpostsowjetisch Jerewan durch die Augen der Heldin Penelope aus und nimmt ihn gleichzeitig mit auf eine Reise durch die armenischeArmenienarmenisch Geschichte, durch die armenischeArmenienarmenisch sowie die WeltliteraturWeltliteratur – und durch Penelopes Seelenlandschaften. Was diese zwei Werke dabei ganz besonders auszeichnet, ist die geschickte Verwendung und Vermischung von verschiedenen Sprachen: Die Originalsprache der Romane, RussischRusslandRussisch/Russian, geht je nach Bedarf fließend ins ArmenischeArmenienarmenisch, ins LateinischeLateinLateinisch, ins EnglischeEnglisch/English oder ins EstnischeEstland/EstoniaEstnisch/Estonian über. Aus diesen Gründen (Verflechtung von Schauplätzen und Kulturen sowie die Präsenz der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit) wurde Markosjan-Käsper selbst mal als armenischeArmenienarmenisch, mal als russischeRusslandrussisch oder russischsprachige, oder mal als estnischeEstland/Estoniaestnisch russischsprachige Schriftstellerin bezeichnet (vgl. Kartau 2015).
Eine umfassendere Abhandlung über Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohars Werke gibt es bis jetzt leider nicht (abgesehen von kleineren Artikeln in der Tagespresse oder kurzen Erwähnungen in Überblicksartikeln). Die vorliegende Studie versucht deshalb, dieses Desiderat zu beheben und ihre Werke in den internationalen Kontext zu stellen. Als erstes werden ihre Romane als Beispiele des transkulturellenTranskulturalitättranskulturell Schreibens analysiert. Dafür sprechen etliche Gründe. Markosjan-Käsper verfasste ihre Werke auf RussischRusslandRussisch/Russian, jedoch verstand sie sich nicht als russischeRusslandrussisch Schriftstellerin, sondern positionierte sich als Autorin, deren Schaffen von vielfältigen kulturellen Einflüssen beeinflusst ist:
[…] doch wenn ich gefragt werde, dann antworte ich: ich empfinde die russischeRusslandrussisch Literatur mir nicht als besonders nah. RussischeRusslandRussisch/Russian Literatur unterschätzt den Stil, ich aber nehme den Stil sehr ernst. Des Weiteren erkennt die russischeRusslandrussisch Literatur kaum die Ironie an, die aber für mich ein sehr wichtiges Gestaltungsmittel ist. Und generell liegt meiner Seele die französische Literatur am nächsten, ich halte sie für die größte Literatur der Welt […]. Ich lese immer wieder die Werke von Balzac, Zola, Proust und von vielen anderen französischen Schriftstellern. Sicher, ich lese immer wieder auch Dostojevskij und BulgakovBulgakov, Michail. Und dennoch kann ich nicht sagen, dass alle diese Autoren mich inspiriert haben, denn die Inspiration kann man nur von der Perfektion bekommen, […]. (ebd.)
Also können wir festhalten, dass Gohar Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar zweisprachigZweisprachigkeitzweisprachig aufgewachsen ist und durch ihre (mehrsprachigeMehrsprachigkeitmehrsprachig) Belesenheit vielfältige kulturelle Impulse erhalten hat. Gleichzeitig hat sie nie ihren armenischenArmenienarmenisch kulturellen Hintergrund aufgegeben, auch wenn sie einen sehr großen Teil ihres Lebens in EstlandEstland/Estonia verbracht hat. So sind in ihren Werken viele Themen und Züge erkennbar, die auch in Werken von deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig transkulturellenTranskulturalitättranskulturell Autoren vorhanden sind. Diese Züge werden im Folgenden hervorgehoben und im Vergleich mit einigen transkulturellenTranskulturalitättranskulturell Autoren aus DeutschlandDeutschland dargestellt. Des Weiteren wird auf den Begriff der mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Literatur eingegangen und Markosjan-Käspers Romane in diesem Kontext analysiert. Im Fokus dieser Studie stehen die Romane Penelope, die Listenreiche (2002) und Helena (2003).1
2 Gohar Markosjan-Käsper Markosjan-Käsper, Gohar als Autorin transkulturellerTranskulturalitättranskulturell Literatur
Wenn wir über Literatur sprechen, die von Menschen mit MigrationshintergrundMigrant/inMigrationshintergrund geschaffen wurde, denken wir an die früheren Begriffe wie „Gastarbeiterliteratur“, „littérature des immigrations“, „littérature des Beurs“, „Black British Literature“ oder an jüngere Termini wie „HybriditätHybridität“, „transkulturelleTranskulturalitättranskulturell Literatur“ oder gar an „neue WeltliteraturWeltliteratur“ (Glesener 2016). Implizit wird dabei wohl an Literatur in den großen Weltsprachen gedacht. Viel weniger hat die globale Forschung ihre Aufmerksamkeit den kleineren Sprachen und Literaturen gewidmet. Es mag vielleicht überraschend sein, doch hat auch die Literatur in EstlandEstland/Estonia eine sehr lange Tradition des multikulturellen Schreibens, denn die estnischsprachige literarische Kultur nahm ihren Anfang im Kontaktfeld von mehreren Sprachen und Kulturen (Heero 2019: 144–146).
Neben der deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig (Lukas 2008: 23–32) hat auch die russischsprachige Literatur in EstlandEstland/Estonia (estn. vene kirjandus Eestis) eine lange Tradition. In der estnischenEstland/Estoniaestnisch Literaturgeschichtsschreibung wird ihr Beginn im Jahr 1918 angesetzt, das die Gründung der EstnischenEstland/EstoniaEstnisch/Estonian Republik markiert. Die russischsprachige Literatur, die davor geschaffen wurde, zählt man im Allgemeinen zu der Literatur des RussischenRusslandRussisch/Russian Imperiums; bei diesen literarischen Texten ist kaum ein spezifischer EstlandEstland/Estonia-Bezug festzustellen (Belobrovtseva 2018: 102). Es sollte vermerkt werden, dass die Geschichte dieser Literatur eng mit der Geschichte der MigrationMigrant/inMigration aus RusslandRussland (später aus den Gebieten der SowjetunionSowjetunion) verbunden (ebd.: 110–118)1 und das Schaffen der russischenRusslandrussisch Literaten in EstlandEstland/Estonia oft den russischenRusslandrussisch Literaturtraditionen verpflichtet ist. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat man angefangen, diese Literatur als ein Beispiel des Schreibens zwischen den Sprachen und Kulturen zu kontextualisieren (ebd.: 119). Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohars Werk Helena, in dem die MigrationserfahrungMigrant/inMigrationserfahrung einer Frau in EstlandEstland/Estonia der 1980er und 1990er Jahren beschrieben wird, lässt sich daher als Beispiel transkulturellenTranskulturalitättranskulturell Schrifttums darstellen. Es soll dabei aber betont werden, dass die Geschehnisse dieses Romans aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers dargestellt werden. Die Heldin erscheint wie ein Untersuchungsobjekt, an dem ein Versuch durchgeführt wird, um die Frage zu beantworten, ob sie in einer neuen Kultur zurechtkommt oder nicht. Dieser Versuch wird von dem Erzähler genau beobachtet, (vergleichend) analysiert und teilweise humorvoll kommentiert.
Als transkulturelleTranskulturalitättranskulturell Literatur wird im Kontext dieser Studie im Allgemeinen das Schaffen der Autoren verstanden, die ihre Werke in einer Sprache verfassen, die nicht ihre MutterspracheMuttersprache/mother tongue ist und die die Erfahrung des kulturellen Anders-Seins reflektieren. In der LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft wurden in den 1960er und 1970er Jahren solche Werke als „multi- oder interlinguale Literatur“ bezeichnet, mit der „literarisch ausgestalteten Identitätsproblematik“ als Hauptthema (Baumgärtel 1997: 54). Die Autoren wurden auf der Grundlage eines statischen Identitätskonzepts gerne als Personen dargestellt, die ständig auf der Suche nach ihrer IdentitätIdentität/identity sind und unter dem Leben in der FremdeFremdheitFremde leiden (Amodeo 1996: 42). Diese Thematik ist heute wohl nicht mehr ganz aktuell. Deshalb haben sich auch Begriffe wie Literatur der TranskulturalitätTranskulturalität oder sogar der Transdifferenz durchgesetzt. Diese überwinden die binären Grenzziehungen zwischen den Kulturen und implizieren die Tatsache, dass die zeitgenössischen Kulturen denkbar stark miteinander verbunden und verflochten sind. Präziser noch: Es geht um die wechselseitige Überlagerung von kulturellen Zugehörigkeiten innerhalb der sichtbaren Differenzen. Dabei wird die Differenz nicht aufgehoben, sondern das kulturelle Anderssein wird als etwas Positives hervorgehoben und bewusst gepflegt (Allolio-Näcke u.a. 2005: 27), auch wenn es manchmal von negativen Erfahrungen begleitet und zu Konfrontationen mit den Vertretern anderer Kulturen führen kann.
In der transkulturellenTranskulturalitättranskulturell Literatur werden diese Erfahrungen des Lebens zwischen zwei Kulturen oft thematisiert und es wird der Prozess der Aneignung einer neuen Kultur literarisch analysiert. Diese kulturelle Selbstfindung bzw. Selbstreflexion wird oft auf konkrete Orte bezogen, was auch mit der „Erfahrung des Unterwegsseins“ verbunden sein kann (Heero 2009: 208–209). Tallinn, die estnischeEstland/Estoniaestnisch Hauptstadt, erscheint in Helena anfangs kalt, anonym und einer typischen skandinavischenskandinavisch Großstadt ähnlich. Die Menschen, die dort leben, scheinen an ihrer GegenwartGegenwart zu leiden, sie sind ständig gehindert, ihre Träume oder ihren beruflichen Ehrgeiz auszuleben und gleichzeitig damit beschäftigt, ihren Alltag zu bewältigen (ebd.: 216–217). Auch Helena möchte in Tallinn als Heilmedizinerin praktizieren, kann es aber nicht, denn einerseits beherrscht sie die LandesspracheLandessprache nicht, andererseits gelingt es ihr nicht, in einer kulturell fremdenFremdheitfremd Umgebung ein soziales Netzwerk aufzubauen:
Tatsächlich musste sie mit drei bis vier Patienten im Monat zufrieden sein, und auch diese Zahl besaß die Tendenz, eher rückgängig als wachsend zu sein. Wenn man in ArmenienArmenien einen Menschen kuriert, schickt er zehn neue zu dir, er spricht mit allen darüber, lobt dich mehr als eine Werbeagentur, seine Verwandten, Freunde, Kollegen werden dann geradezu deine Tür einrennen […]. In EstlandEstland/Estonia konntest du eine Leiche auferstehen lassen, und keine Seele hat davon erfahren, die Leiche jedenfalls teilte den anderen diese Nachricht nicht mit, nach der Auferstehung aus dem Grab ging sie am nächsten Tag ruhig zur Arbeit und wenn jemand fragte, wie es ihr gelang, wieder aufzuerstehen, lächelte sie nur geheimnisvoll. (H, 123)
Doch mit der Zeit lernt sie die Schönheit der Tallinner Altstadt und der estnischenEstland/Estoniaestnisch Landschaften zu schätzen. Sie studiert gründlich die Verhaltensmuster von Esten in verschiedenen KommunikationssituationenKommunikation und dank dessen kann sie ihr eigenes Verhalten anpassen und Freundschaften schließen. Das Ende der SowjetunionSowjetunion jedoch und die damit verbundenen gesellschaftlichen Umwälzungen kann sie schwer verkraften (womit sie das Lebensgefühl von vielen Esten und estnischenEstland/Estoniaestnisch Russen teilt). Von ihrem Gatten, Olev, bekommt sie wenig moralische Unterstützung, und es scheint, dass mit dem Ausbruch der neuen Zeiten auch ihre Liebe erlöscht. Deshalb scheint es für sie logisch und natürlich, zurück zu den Wurzeln zu kehren und in Jerewan nochmals neu anzufangen.
Das Fremdsein als oft behandeltes Thema in der transkulturellenTranskulturalitättranskulturell Literatur kommt auch in Helena mehrmals zur Sprache. So muss Helena in EstlandEstland/Estonia anfangs wiederholt die Ablehnung der Mitbürger erfahren: „Helenas südländisches Aussehen und ihr kurzer Status als Einwohnerin Tallinns erweckten in ihnen kein Vertrauen“ (H, 116). Einmal wird Helena auch fremdenfeindlich beleidigt, indem ein junger Mann in der Warteschlange vordrängelt und ihr und ihrer Freundin „kalt und hochmütig“ sagt: „‚Wer hat denn euch hier eingeladen? Macht, dass ihr in eure Berge zurückgeht!‘“ (H, 7). Etliche Male werden auch kulturelle Vergleiche zwischen ArmenienArmenien und EstlandEstland/Estonia gezogen. So charakterisiert Helena von ihrem kulturellen Standpunkt aus gesehen die estnischenEstland/Estoniaestnisch Frauen als „blass, ausdruckslos, gar hässlich“ und wundert sich, wie diese so einfach einen Mann aus dem Westen finden (H, 81). An einer anderen Stelle beschreibt sie die Esten als „eisig“ und „formell“, sie „gingen im gleichmäßigen RhythmusRhythmus/rhythm, wedelten nicht mit Händen, doch ihre Langsamkeit kompensierten sie mit einem wilden Sprechtempo.“ (H, 72–73) Gleichzeitig bewundert sie das Selbstbewusstsein der Estinnen und die souveräne Art, mit der sie mit Beziehungen umgehen. Ganz bewusst versucht sie, mit ihren „armenischenArmenienarmenisch Vorurteilen“ (H, 82) zu kämpfen. Deshalb möchte Helena nicht nur als Zuschauerin dastehen, sondern sich am estnischenEstland/Estoniaestnisch Leben aktiv beteiligen und auch die estnischeEstland/Estoniaestnisch Sprache lernen. Diese Sprache entpuppt sich aber als schwierig. Des Weiteren entdeckt sie, dass es ihr zwar leicht fällt, etwa unter Kollegen neue Bekanntschaften zu finden, aber es ist für sie als eine eher verschlossene Person schwierig, wirklich tiefe und bedeutende Freundschaften zu schließen (H, 117). Deshalb bleibt sie bis zum Ende ihres Aufenthalts in Tallinn eher Außenseiterin, die das dortige Leben mit innerer Distanz betrachtet. Sie gibt zu, dass sie nach wie vor politischPolitik/politicspolitisch/political interessiert ist, doch betreffen sie die Ereignisse in ArmenienArmenien und RusslandRussland viel näher als die in EstlandEstland/Estonia (H, 105). Gleichzeitig erkennt und akzeptiert sie sowohl ihr kulturelles Anderssein als auch ihre kulturell hybrideHybriditäthybrid IdentitätIdentität/identity: Ihre MutterspracheMuttersprache/mother tongue ist armenischArmenienarmenisch, doch hat sie (wie auch Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar selbst) eine russischeRusslandrussisch Schule besucht und empfindet deshalb RussischRusslandRussisch/Russian als die Sprache des intellektuellen Austausches und des Selbstausdrucks: „Wenn es notwendig war, Gedanken und Überlegungen zu verbalisieren, ging sie unbewusst zur russischenRusslandrussisch Sprache über“ (H, 106). Sie ist sich dessen bewusst, dass die Esten diese Sprache am Ende der sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Okkupation als „die Sprache des Feinds“ empfinden, aber für sie ist RussischRusslandRussisch/Russian Sprechen wie ein „intellektueller Orgasmus“ (H, 107). Vor dem Hintergrund einer anderen Kultur versteht sie auch, dass sie Kosmopolitin ist, die sich für Opernmusik, klassische Literatur, russischesRusslandrussisch Theater und die Philosophie AsiensAsien interessiert. Also kann man behaupten, dass die Heldin nach einem anfänglichen Kulturschock wieder einen Weg zu sich selbst findet und ihr Wesen als Ausdruck eines transdifferenten Daseins akzeptiert.
Dieses Moment des Sich-Anerkennens als Träger von zweien oder mehreren Kulturtraditionen kommt auch in der deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig interkulturelleninterkulturell Literatur zur Sprache, Zafer ŞenocakSenocak, Zafer hat diese Empfindung wie folgt formuliert:
Denn seitdem ich DeutscherDeutschlandDeutsche bin, kümmere ich mich viel stärker um mein türkischesTürkeitürkisch Potential und habe aufgehört, darin einen Widerspruch zu sehen. Im Gegenteil: Die Bikulturalität ist ähnlich wie Bisexualität keine Perversion. Sie ist eine völlig legitime Verhaltens- und Lebensweise, von der eine Person nur profitieren kann, wenn sie nicht verstohlen und verschämt gelebt wird, sondern offensiv und selbstbewusst. (ŞenocakŞenocak, Zafer 2011: 90–91)
3 Zur Funktion der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in Gohar Markosjan-Käsper Markosjan-Käsper, Gohars Romanen „Helena“ und Penelopa
Die hybridenHybriditäthybrid/globalen IdentitätenIdentität/identity können sich in Phänomenen wie (literarischer) MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit und Mehrfach-IdentitätenIdentität/identity manifestieren. Die Mehr- und VielsprachigkeitVielsprachigkeit sollten in diesem Fall als nichts Exotisches, sondern als etwas Natürliches betrachtet werden (Ernst 2019: 92–93). Je nach Bedarf können in einem Text verschiedene Sprachen nebeneinanderstehen. In der jüngeren Forschung benutzt man für solche Texte auch den Begriff „exophoneExophonieexophon/exophonic Literatur“, das ist Literatur, die in einer ZweitspracheZweitsprache geschrieben worden ist, jedoch dennoch Spuren einer ersten Sprache aufweist und diese thematisiert. Dies kann auf rein linguistischer Ebene stattfinden, doch können auch Mittel wie code-switchingcode-switching oder indirekte ÜbersetzungÜbersetzung/translation in der Zweitsprache ganz neue, kreative Räume öffnen und stilistische Register schaffen (Wright 2008: 39–40).
Die Wurzeln einer solchen Betrachtungsweise liegen jedoch wohl bei dem sogenannten postmodernPostmodernepostmodern turn um die 1980er Jahre, der die traditionelle Zeit- und Raumauffassung relativierte. Statt über eindimensionale Assimilationsmodelle sprach man über multidimensionale (darunter auch multilingualeMehrsprachigkeitmultilingual) Bewegungen zwischen Geburtsland und Aufenthaltsland (Jürgenson 2016: 95; Darieva 2007: 78–79). Das heißt, die IdentitätIdentität/identity ist nicht geographisch-kulturell determiniert, sondern oft gebunden an soziale InteraktionInteraktion und an die Bewegung zwischen unterschiedlichen Diskursen (Martinez Guillem 2015: 3–4). So kann die Literatur zu einer Manifestation von verschiedenen Sprachen und Kulturen werden. Dembeck und Parr etwa sehen den Vorteil einer solchen Betrachtungsweise darin, dass man dadurch den (literarischen) Text selbst in den Fokus nimmt und ihn nicht mehr von textexternen Faktoren wie der MigrationserfahrungMigrant/inMigrationserfahrung aus betrachtet (Dembeck/Parr 2017: 9–10). Diese Betrachtungsweise ermöglicht auch, bestimmte Vorurteile oder Erwartungshaltungen, die das Deuten eines Textes (leider) des Öfteren beeinflussen, beiseite zu lassen.1
Doch wie zeigt sich MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in einem literarischen Text bzw. wie qualifiziert sich ein Text als „mehrsprachigMehrsprachigkeitmehrsprachig“? Laut Dembeck und Parr können wir über die explizite Mehrsprachigkeit reden, wenn in einem Text Segmente aus diversen Sprachen nebeneinanderstehen, so dass die unterschiedlichen IdiomeIdiom klar voneinander unterscheidbar sind (Dembeck/Parr 2017: 10). Auch Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar verwendet in ihren Romanen neben der russischenRusslandrussisch bruchstückartig auch andere Sprachen (etwa das ArmenischeArmenienarmenisch), um spezifische Erscheinungen, wie z.B. bestimmte Speisen, zu markieren: „[…] was jeder so draufhat, der eine die ewigen adschapsandal2 und boschbasch3, der andere Rührei mit Wurst und Salzkartoffeln“ (P, 175). Auch bei Begriffen, die bestimmte kulturelle Konzepte in sich tragen, keine exakte Entsprechung in anderen Sprachen haben und deshalb unübersetzbarÜbersetzung/translationunübersetzbar sind, verwendet sie den Originalbegriff aus der anderen Sprache: „Der Mann soll sich vom ersten Tag an als Hausherr fühlen. Und das ist bei diesen Schwiegereltern nicht möglich. Aus einem tanpessa4 kann doch nur ein Gnadenbrotempfänger werden.“ (P, 215). Des Weiteren finden sich in ihren Büchern Überschriften, Buchtitel oder explizite ZitateZitat auf ArmenischArmenienarmenisch, etwa „Der Schöpfer des einzigartigen Verses ‚Aschnan mscheschum schrschuk u scherschjun‘5 und kommunistisches Geschrei, Gelärm, Gefeuer?“ (P, 61–62).
Weiterhin wird in dem literarischen Werk eine andere Sprache eingesetzt, um zu explizieren, dass eine Person eine FremdspracheFremdsprache spricht, um die Eigenartigkeit des fremdsprachlichenFremdsprachefremdsprachlich Sprechens zu unterstreichen (Dembeck/Parr 2017: 10). Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar benutzt beispielsweise in Helena estnischeEstland/Estoniaestnisch Wörter und Wendungen, um mit diesen typische kulturelle Verhaltensweisen zu illustrieren. „Sie behandelte […] eine ältere schwatzhafte Russin, die immer nach drei Worten das estnischsprachige ‚kurat‘ hinzufügte, […] und einen estnischenEstland/Estoniaestnisch jungen Mann, der außer ‚tere‘ und ‚head aega‘6 kein einziges Wort in keiner Sprache sagte“ (H, 131). Illustriert werden hier sowohl die Wortkargheit der Esten als auch bestimmte Sprechweisen der Nicht-Esten, die die LandesspracheLandessprache nicht besonders gut beherrschen.
Thematisiert wird auch die estnischeEstland/Estoniaestnisch SprachpolitikSprachpolitik nach der Wende. 1995 trat nämlich das neue Sprachgesetz in Kraft, womit der Sonderstatus des RussischenRusslandRussisch/Russian als obligatorische Sprache der AmtskommunikationKommunikation aufgehoben und EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian als offizielle Staatssprache festgelegt wurde (RT I 1995, 23, 334). Für viele Nicht-Esten bedeutete dies, dass sie eine neue Sprache erlernen mussten. In Helena kommentiert der Erzähler dies wie folgt: Menschen, die ihre HeimatHeimat verlassen, um ein besseres Leben zu finden (dazu habe gewisserweise auch Helena gehört), sind bereit, neue Regeln und eine neue Sprache zu lernen. Diejenigen aber, die sich „mit ihrem Haus, ihrer Arbeit und ihren Gewohnheiten“ (H, 95) plötzlich in der unabhängigen Republik EstlandEstland/Estonia fanden, wollten kein EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian lernen:
Drittens, guter Leser, wenn ein Provinzbewohner nach Rom zog, dann wurde natürlich von ihm erwartet, dass er römische Sitten befolgt, – doch wer hat von einem Römer erwartet, wenn er in einem fernen Gebiet des Imperiums ankam, dass er etwa nach den Sitten der Chaldäer lebt? Das Bewusstsein des Imperiums ist langlebiger als das Imperium selbst. (H, 95–96)
Gleichzeitig wird hervorgehoben, dass „die meisten JudenJude/Jew und ArmenierArmenienArmenier EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian schnell gelernt haben. Sicher, hier hat der praktische Sinn dieser Nationalitäten eine Rolle gespielt […].“ (H, 96) Auch Helena lernt pflichtbewusst EstnischEstland/EstoniaEstnisch/Estonian, obwohl sie als Russischsprechende sich manchmal darüber ärgert; aber sie als Kosmopolitin konstatiert, dass man die historischenhistorisch Gründe, aus welchen die Esten ein solches Gesetz erließen, sehr gut verstehen kann (ebd.).
Die englischeEnglisch/English Sprache kommt in diesem Roman eher selten vor, meist in Form von Floskeln wie „happy end“ (H, 113) oder festen Begriffen wie „make-up“ (H, 8). Des Öfteren aber wird die Verwendung des EnglischenEnglisch/English thematisiert. EnglischEnglisch/English wird in diesem Roman als eine inhaltslose Sprache „des Bill Gates“ (H, 96), der kapitalistischen PolitikPolitik/politics und Bürokratie empfunden und das Sprechen auf EnglischEnglisch/English mit zu schneller AmerikanisierungAmerika/USAAmerikanisierung assoziiert (H, 97–98). Helena gibt ehrlich zu, dass sie selbst kein EnglischEnglisch/English kann und sie sieht mit Befremden, wie Politiker, die ebenfalls dem EnglischenEnglisch/English nicht besonders mächtig sind, die Sprache trotzdem sprechen, und zwar mit einem starken Akzent: „[…] haben doch die stolzen Präsidenten der drei baltischenBaltikumBaltisch Staaten miteinander auf EnglischEnglisch/English kommuniziert, wenn sie auf einem sammit7 zusammentrafen.“ (H, 97). Ähnlich wirken auch literarisch-kulturelle Anspielungen auf EnglischEnglisch/English. So wird indirekt auf das Schauspiel Pygmalion von George Bernard Shaw bzw. auf das Musical My Fair Lady von Frederick Loewe und Alan Jay LernerLerner, Ben verwiesen: „[…] Liana stoppte plötzlich und begann, mit der Begleiterin des Wikingers [Olev] unisono zu schwätzen, indem sie den üblichen, aus StandardausdrückenStandard bestehenden Begrüßungswechsel durchführte (how do you do, mrs. Higgins)“ (H, 30). Damit wird auf die Inhaltslosigkeit des Small-Talks und die Oberflächlichkeit der Konversation hingedeutet – was einerseits mit der literarischen Anspielung konvergiert, andererseits aber auch die eher kritische Einstellung gegenüber der englischsprachigen (die in diesem Roman weitgehend mit der amerikanischenAmerika/USAamerikanisch gleichgesetzt wird) Kultur, Gesellschaft und PolitikPolitik/politics verdeutlicht.
Sehr oft dagegen kommt in diesem Roman LateinLatein in Form von Sentenzen vor, um bestimmte Situationen zu illustrieren oder um Gedankengänge der Heldin auf indirekte Art zu verdeutlichen. So wird nicht explizit gesagt, dass sie sich gerne tragische Theaterstücke und Filme anschaut, sondern es wird mit einer Sentenz erklärt: „[…] sie hatte während des ganzen zweiten Akts von Ljubimovs Sonnenaufgängen geweint […] das hielt sie nicht davon ab, später mit doppeltem Genuss an die Sonnenaufgänge8 zu denken, das ist nichts Seltsames, denn est quaedam flere voluptas.“9 (H, 27). An einer anderen Stelle weist die lateinischeLateinLateinisch Sentenz darauf hin, dass Helena, obwohl sie sich in estnischer Kultur schon gut orientiert, doch an ihren Wurzeln festhält: „[…] Liebling, du bist schon einigermaßen wie eine Estin geworden, sagte ihr einmal eine von ihren wenigen Bekannten in Tallinn, natürlich eine Russin; caelum, non animum mutant, qui trans mare currunt,10 hatte Helena entgegnet“ (H, 113). LateinischeLateinLateinisch Sentenzen erscheinen also meistens an Stellen, wo Helenas Gedanken oder Stellungnahmen weitergegeben werden – möglicherweise, um ihre gewisse Wesenszüge, ihre Bildung und ihre Intelligenz zu illustrieren und ihre Ideen zu bekräftigen.
Laut Dembeck und Parr kann sich in einem Text neben der expliziten auch die implizite MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit manifestieren, zum Beispiel durch ÜbersetzungÜbersetzung/translation: „[…] wenn gesagt wird, eine Person spreche jetzt SpanischSpanienSpanisch, die Worte, in denen man diese Rede vor sich sieht, aber klar dem EnglischenEnglisch/English zugehören“ (Dembeck/Parr 2017: 10). Auch bei Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar finden sich ähnliche Beispiele dieser impliziten oder latenten MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitlatente Mehrsprachigkeit, auch wenn sie eher andeutungsweise zur Geltung kommen. In Penelope, die Listenreiche wird etwa erklärt, dass die Heldin und ihre Schwester miteinander RussischRusslandRussisch/Russian sprechen, obwohl ihre Eltern ArmenischArmenienarmenisch als Umgangssprache pflegen (P, 218). Es ist nicht ganz klar, in welcher Sprache Penelope mit ihren Eltern kommuniziert, doch vermutlich ist es ArmenischArmenienarmenisch. Jedoch stehen im Text auch die DialogeDialog zwischen Penelope und ihren Eltern in der Originalsprache (RussischRusslandRussisch/Russian). Aus Helena erfährt der Leser, dass diese auf ArmenischArmenienarmenisch erzogen wurde, jedoch in der Schule sehr gut RussischRusslandRussisch/Russian lernte und deshalb diese Sprache als ihre „eigene“ betrachtet (H, 106). Auch wird erklärt, dass ArmenierArmenienArmenier gerne RussischRusslandRussisch/Russian als ZweitspracheZweitsprache lernten und sie auch gut sprachen, im Gegensatz zu den Esten, die zwar RussischRusslandRussisch/Russian lernten, aber beim Sprechen „weder den hohen Stil noch die fließende Umgangssprache“ (H, 97) demonstrierten.11 Hierzu sollte erklärt werden, dass die sowjetischeSowjetunionsowjetisch SprachpolitikSprachpolitik, die die NationalsprachenNationNationalsprache unterdrückte, in ArmenienArmenien teils mit Pragmatismus betrachtet wurde, denn der Abschluss einer russischenRusslandrussisch Schule und tiefe Kenntnis der russischenRusslandrussisch Sprache boten bessere Karrieremöglichkeiten (Grenoble 2003: 122f). Deshalb wurde für einen großen Teil der Schüler RussischRusslandRussisch/Russian eine Bildungs- und Gelehrtensprache, während ArmenischArmenienarmenisch für sie eine vorwiegend mündlicheMündlichkeitmündlich Umgangssprache blieb (Markosjan-Käsper 2006: 69). Die Folge jedoch war „das Sprachgemisch“, der eigentümliche „Mix, in dem sich halb Jerewan verständigte“ (P, 216) und die sprachlichen „HybridenHybriditätHybridsprache“ (P, 218).
Des Weiteren, so Dembeck und Parr, zeige sich in mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Texten auch „die Verwendung ‚fremdsprachlicherFremdsprachefremdsprachlich‘ metrischer Muster, die ‚wörtliche ÜbersetzungÜbersetzung/translation‘ anderssprachigeranderssprachig idiomatischer Wendungen, die Verwendung übersetzter anderssprachigeranderssprachig ZitateZitat“, die eine andere Sprache innerhalb des Textes implizieren (Dembeck/Parr 2017: 11).
Willms und Zemanek sehen solche Texte als HybrideHybriditätHybridsprache, „gekennzeichnet durch Merkmale wie Heterogenität und InterferenzInterferenz, Dialogizität und PolyphoniePolyphonie, Dezentralisierung und Subversion“ (Willms/Zemanek 2014: 3). Als Beispiel können hier die Sprachspiele, sprachliche Witze und Neuschöpfungen dienen, die in der deutschsprachigenDeutschlanddeutschsprachig transkulturellenTranskulturalitättranskulturell Literatur von Yoko TawadaTawada, Yoko, Emine Sevgi ÖzdamarÖzdamar, Emine Sevgi oder auch Aglaja VeteranyiVeteranyi, Aglaja oft eingesetzt werden (Wright 2008: 39–40; Willms/Zemanek 2014: 2). Auch Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar benutzt Sprachspiele. In Penelope, die Listenreiche wird die Geschichte der Begegnung von Penelopes Eltern, Klara und Henrik, erzählt, und zwar anhand von russischenRusslandrussisch Zungenbrechern, die an dieser Stelle verballhornt werden:
Doch schon schwankten die Reihen der Neffen und Enkel, und die vier übergeschnappten Teufel traten ab, verkrümelten sich in ihre Zungenbrecher und krochen in den Zuber, der zurückgezogen am Zaun stand in dem Sommer, als Karl der Klara die Korallen klaute. So hatten sie sich auch kennen gelernt. (P, 44)12
Hierzu gehören auch Texte, in denen Systeme fremderFremdheitfremd Sprachen adaptiert werden oder eine Textsorte aus einer Sprache in eine andere übertragen wird, da in solchen Fällen die Herkunft aus einer anderen Sprache und damit aus einer anderen Kultur doch immer eingeschrieben bleibt, etwa bei ÖzdamarÖzdamar, Emine Sevgi, die in ihren deutschenDeutschlanddeutsch Texten türkischeTürkeitürkisch Syntax anwendet oder türkischeTürkeitürkisch Redewendungen übersetzt (Willms/Zemanek 2014: 2). Auch Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar lässt ihre Figuren oft so sprechen, wie sie es in ihrer MutterspracheMuttersprache/mother tongue tun würden. So wird in Helena eine Tirade ihres Vaters Torgom weitergegeben, der darüber verärgert ist, dass seine Tochter sich die Leiden ihrer Patienten zu sehr zu Herzen nimmt: „[…] er nannte die Tochter einen kleinen Dummkopf: ‚Du Dummkopf, oh, du Dummkopf, wem weinst du denn nach, mir und auch der Mutter ist nichts passiert, hör doch schon auf, bringst die Not ins Haus…‘“ (H, 28)
Neben der linguistischen Vielfalt in mehrsprachigerMehrsprachigkeitmehrsprachig Literatur sollte meines Erachtens auch die Vielfalt von diversen kulturellen Praktiken erwähnt werden. Denn implizit werden in einem Text verschiedene kulturelle Traditionen eingebunden, die sich etwa im Textaufbau, in der Verwendung von bestimmten Hinweisen auf andere kulturell relevante Texte oder in bestimmten kulturellen Meta- oder Archecodes zeigen (Raud 2018: 130–141). Dies ist oft der Fall bei transkulturellenTranskulturalitättranskulturell Autoren, deren Texte als eine Verflechtung von mehreren Sprach- und Kulturtraditionen und -schichten, die sich in mannigfachen Erscheinungen zeigen, angesehen werden können. Auch Sandra Vlasta setzt auseinander, dass die Situierung eines literarischen Texts in nur einem spezifischen Kontext unmöglich sei: „MigrantMigrant/in writers bring with them new topics, characters or discourses that come from one literary tradition and are introduced to another.“ (Vlasta 2018) Willms und Zemanek sprechen in diesem Zusammenhang auch von intertextuellerintertextuell/intertextual bzw. textexterner MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit, der die Textgrenzen überschreitet (Willms/Zemanek 2014: 2).
Dieses Phänomen kann anhand eines ZitatsZitat von Zafer ŞenocakSenocak, Zafer illustriert werden. Er beschreibt den Prozess, wie seine ZweisprachigkeitZweisprachigkeit ihren Anfang nahm, wie folgt:
Das Mutterland TürkeiTürkei hatte ich verlassen, doch das Spiegelland Türkei […] sollte mir erhalten bleiben. Diese Spiegelverkehrung war wichtig, ja unverzichtbar für die Entwicklung meiner literarischen Sprache und bildet letztendlich die Grundlage meiner ZweisprachigkeitZweisprachigkeit. Ich schrieb auf DeutschDeutschlandDeutsch, aber mit türkischenTürkeitürkisch Farbklängen im Ohr […]. (ŞenocakŞenocak, Zafer 2011: 78–79)
Das heißt, er schrieb auf DeutschDeutschlandDeutsch, doch manifestieren sich in seinen Texten türkischeTürkeitürkisch Kulturtraditionen auf eine natürliche und selbstverständliche Weise. Als ein weiteres Beispiel können die Erzählungen von Wladimir KaminerKaminer, Vladimir gebracht werden. In seinen Büchern sehen wir die geschickte Verknüpfung von vielen Geschichten, die dem Erzähler oder seinen Bekannten angeblich passiert sind. In diesem Sinne pflegt Kaminer hier das Genre der so genannten байка (bajka), der humoristischen Erzählung, die zwar die Wahrheit darzustellen beansprucht, gleichzeitig aber auch ziemlich frei mit konkreten Fakten und Daten operiert; aufgegriffen wird dabei die in der SowjetunionSowjetunion weit verbreitete mündlicheMündlichkeitmündlich Tradition des Geschichten- und Anekdotenerzählens (vgl. Heero 2009: 222–223). Es werden also kulturelle Praktiken, die einer bestimmten Sprache eigen sind, erfolgreich in eine andere Sprache übertragen.
In Bezug auf Gohar Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar sollte man noch einmal erwähnen, dass sie nicht als eine armenischeArmenienarmenisch oder russischeRusslandrussisch Autorin klassifiziert werden wollte, sondern als eine Autorin, die bewusst europäischeEuropaeuropäisch literarische Traditionen pflegt (Markosjan-Käsper 2006: 66–67). Deshalb scheint es logisch, dass die beiden hier behandelten Romane einen Bezugspunkt in der WeltliteraturWeltliteratur haben. Penelopa ist wie die Spiegelverkehrung des Romans Ulysses von James JoyceJoyce, James (1922), in dem ein Tag im Leben (16.06.1904) der Hauptfigur Leopold Bloom beschrieben wird. Dargestellt werden nicht nur Ereignisse dieses Tages, sondern auch Gedanken, Vorstellungen, Assoziationen, die sowohl Bloom als auch die anderen Hauptfiguren dieses Romans erleben (Schwarz 1987: 2–4). Was den Roman Markosjan-Käspers betrifft, erfahren wir gleich zu Beginn, dass die Heldin Penelope einen Roman von Joyce, der eindeutig als Ulysses zu identifizieren ist, liest: „Penelope […] zog […] ein Bändchen Joyce zu sich heran. Von wegen Bändchen, einen fetten Band, noch dazu bis zum Geht-nicht-mehr gefüllt mit in winzigster SchriftSchrift gedruckten Quatsch, der von Snobs in den Rang der intellektuellen Bibel erhoben wurde.“ (P, 8) So beginnt der Tag im Leben Penelopes, der im Weiteren detailliert beschrieben wird. Penelope, die hier quasi die Rolle des Odysseus übernimmt, irrt in diesem Roman nicht durch die Welt, sondern durch die ins postsozialistische Chaos gefallene Stadt Jerewan. Sie ist einerseits auf der Suche nach der Möglichkeit eines heißen Bades, andererseits sehnt sie sich nach ihrem Geliebten Armén und ist überglücklich, wenn sie Nachrichten über ihn bekommt – auch wenn diese negativ gefärbt sind. Dennoch bleibt sie Armén treu, indem sie den Heiratsantrag eines wohlhabenden Verehrers ausschlägt, so wie auch die gleichnamige Heldin in HomersHomer Odyssee. Gleichzeitig zieht sie Parallelen zwischen ihrem Leben und Ulysses, etwa, wenn sie zu ihrem Gesprächspartner sagt: „Wie du redest, bin ich ja fast eine Molly Bloom.“ (P, 369). Der Roman dokumentiert nicht nur ihre Aktivitäten im Laufe des Tages, sondern auch ihre Gedanken und Assoziationen, die in Form des inneren Monologs festgehalten werden, z.B.:
Ja. Ach. Am Morgen war alles in Ordnung. Und der Teufel hat dich geritten, Penelope, am anderen Ende anzufangen. Wärst du gleich hierher gekommen, wärst du jetzt gewaschen und appetitlich wie Ferkel Tschunja. Dabei hast du es nicht weit, zwei Häuserblocks! Bei Gott, das hat etwas Fatales. […] Aber was jetzt tun? Klagen und beten? Wir reichen uns die Hände und adieu – ihr widmet euch euren Angelegenheiten und Wünschen und ich meinen, genauer, ich hoffnungsloser armer Teufel gehe beten… . (P, 256)
Der Roman Helena dagegen nimmt Bezug auf Michail BulgakovsBulgakov, Michail Meister und Margarita (1928–1940). Die Parallelen im Aufbau dieser Romane sind sofort zu sehen. Bulgakovs Roman spielt parallel in Moskau in den 1930er Jahren und in Jerusalem um Ostern im Jahr 33 unserer Zeitrechnung; dargestellt wird einerseits ein satirisches Bild des Lebens in der Stalin-Ära und andererseits die „wahre“ Geschichte des Martyriums Jesu (bzw. Ha-Notsri). Der Roman Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohars spielt in Jerewan, Moskau und Tallinn gegen Ende der 1980er Jahre und parallel dazu wird die Geschichte einer Heldin der Antike, der Schönen Helena, erzählt, so wie sie möglicherweise wirklich war: Eine etwas vernachlässigte und gelangweilte Ehefrau findet einen Liebhaber (Paris) und zieht zu ihm. Dies setzt eine Kette von Ereignissen in Bewegung und hat den Trojanischen Krieg zur Folge.13 Auch wenn Markosjan-Käsper das Leben in Tallinn und Jerewan nicht so hart kritisiert, sind auch in ihrem Roman satirisch-ironische Momente durchaus sichtbar, bei denen oft direkt Bezug auf Bulgakovs Text genommen wird. Beispielsweise wird über die Esten gesagt: „Mit einem Wort, ganz gewöhnliche Menschen, und wie alle auch ein bisschen durch die Wohnungsfrage verdorben.“ (H, 73).14
Des Öfteren wird in diesem Roman auf zahlreiche literarische Werke humorvoll angespielt. Zum Beispiel wird die Liebesgeschichte zwischen Helena und ihrem ersten Mann Abulik als „elend lang, wie ein Roman, etwa Krieg und Frieden oder Der stille Don […]“ (H, 18) charakterisiert. Auf ähnliche Weise werden auch weitere Klassiker der WeltliteraturWeltliteratur erwähnt: Helenas Vater Torgom wird mit Balzacs Vater Goriot verglichen, dabei stellt sich heraus, dass Vater Goriot auch Torgoms Lieblingsbuch ist (H, 25–27). Auch Helena selbst wird an etlichen Stellen durch literarische Anspielungen charakterisiert: Sie wird mit ihrer Namensvetterin in HomersHomer Ilias verglichen (H, 31), wir erfahren, dass sie nach der Scheidung keinen Liebhaber finden wollte, denn selbst die „Heldentat der Lady Chatterley“15 (H, 64) konnte sie nicht dazu inspirieren, dass sie oftmals in Jerewan für die Behandlung von interessanteren Krankheitsfällen kein Honorar nahm „wie Perry Mason“16 (H, 69) und dass sie so ehrlich ist, dass ihr Vater sie ironisch mit Pavlik Morozov17 vergleicht (H, 26). Die intertextuelleintertextuell/intertextual MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit wird also in diesen Romanen durch die Anwendung eines anderen literarischen Werks als Erzählrahmen und durch (oft mehrsprachigeMehrsprachigkeitmehrsprachig) Anspielungen auf andere literarische und nicht-literarische Texte geschaffen. Des Weiteren werden tagespolitische Themen geschickt in einen literaturgeschichtlichen Rahmen gestellt.
4 Zum Schluss
Die vorliegende Studie hat gezeigt, dass der „Kopf eines zweisprachigenZweisprachigkeitzweisprachig Menschen […] immer eine Raumerweiterung erfahren“ hat (ŞenocakŞenocak, Zafer 2011: 20). Diese Feststellung konvergiert mit der neuesten Diskussion in der literarischen Öffentlichkeit in ArmenienArmenien sowie in EstlandEstland/Estonia. Laut Markosjan-KäsperMarkosjan-Käsper, Gohar gebe es ziemlich viele neue Autoren in der armenischenArmenienarmenisch Diaspora, die in ihren Werken eher internationale Trends pflegen und die außer auf RussischRusslandRussisch/Russian auch auf EnglischEnglisch/English, FranzösischFrankreichFranzösisch oder SpanischSpanienSpanisch schreiben. Trotzdem werden sie als armenischeArmenienarmenisch Autoren betrachtet (Markosjan-Käsper 2006: 70). Auch in EstlandEstland/Estonia sieht man besonders die jüngeren russischsprachigen Schriftsteller als eher international orientierte Autoren an, die die russischeRusslandrussisch Literaturtraditionen nicht mehr als Vorbild nehmen (KotjuhKotjuh, Igor 2012: 138–139; Kotjuh 2013: 69–77). Daher ist es lohnend, Gohar Markosjan-Käspers Werke sowie die Texte anderer estnischer russischsprachiger Autoren aus transkulturellTranskulturalitättranskulturell und multilingualMehrsprachigkeitmultilingual besetzter Perspektive zu untersuchen.
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Sprachwechsel in der neuesten litauischen Migrations- und Mobilitätsliteratur
Rūta Eidukevičienė
Abstract: Wenn es um die Erforschung literarischer MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit innerhalb des litauischenLitauenlitauisch Literaturbetriebs geht, sind damit in erster Linie die Autoren und Autorinnen gemeint, die unmittelbar nach dem Zweiten WeltkriegWeltkriegZweiter Weltkrieg im Ausland geboren und sozialisiert wurden oder LitauenLitauen im Zuge des politischenPolitik/politicspolitisch/political Wandels um bzw. nach 1990 verlassen haben und die ihre Texte in anderssprachigenanderssprachig Kontexten, aber durchgehend in einer einzigen Sprache (EnglischEnglisch/English im ersten Fall, LitauischLitauenLitauisch im zweiten) verfassen. In der jüngsten Migrations- und MobilitätsliteraturMobilität lassen sich jedoch auch Beispiele für innertextuelle ZweisprachigkeitZweisprachigkeit bzw. Mehrsprachigkeit in Form des literarischen SprachwechselsSprachwechsel feststellen, die Integrationsprobleme litauischerLitauenlitauisch (Arbeits-)MigrantenMigrant/in oder die Herausbildung von globalen IdentitätenIdentität/identity illustrieren. Letzteres wird im vorliegenden Fall am Beispiel des Romans Stasys Šaltoka (2017) von Gabija Grušaitė Grušaitė, Gabija untersucht, wobei die strukturelle Gestaltung und die zentralen Funktionen des innertextuellen SprachwechselsSprachwechsel ausführlich diskutiert werden.
Keywords: Migration, Mobilitätsliteratur, Sprachwechsel, Litauen, Gabija Grušaitė
1 Einleitung
Im Jahr 2017 fand die Vilniusser Buchmesse unter dem Motto „Litauische Zeichen in der Welt“ statt, womit die Veranstalter den Versuch unternommen haben, das Lesepublikum mit den weltweit zerstreuten Spuren litauischerLitauenlitauisch Literatur vertraut zu machen. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei jenen Autoren litauischerLitauenlitauisch Abstammung, die unmittelbar nach dem Zweiten WeltkriegWeltkriegZweiter Weltkrieg in den DP-Lagern, den USA oder Kanada geboren und dort sozialisiert wurden, sich häufig litauischerLitauenlitauisch Themen und Motive bedienen, aber ihre Texte auf EnglischEnglisch/English und in erster Linie für ein englischsprachigesEnglisch/English Lesepublikum schreiben, wie z.B. Birutė PutriusPutrius, Birutė, Antanas ŠileikaŠileika, Antanas, Irena Mačiulytė-GuilfordMačiulytė-Guilford, Irena, um nur einige prominente Namen zu nennen. Die Autorengeneration, die LitauenLitauen um bzw. nach 1990 verlassen hat, z.B. die seit 1989 auf Zypern ansässige Autorin Dalia Staponkutė Staponkutė, Dalia oder der in FrankreichFrankreich lebende Nationalpreisträger Valdas PapievisPapievis, Valdas, schreiben hingegen ausschließlich in litauischerLitauenlitauisch Sprache, auch wenn sie in ihren Texten Themen wie MigrationMigrant/inMigration, IdentitätIdentität/identity oder TranskulturalitätTranskulturalität behandeln. Staponkutė, die den Themenkomplex SprachreflexionSprachreflexion, SprachkritikSprachkritik, ZweisprachigkeitZweisprachigkeit und MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit besonders konsequent diskutiert (vgl. Das Schweigen der Mütter, 2007), behauptet, „die Sprache sei ein Verhandlungsraum“, sie selbst sei „ein gespaltener Mensch und Autorin“ und „das Sprechen über die Sprache sei die einzige Möglichkeit, diese Spaltung zu überwinden“, aber sie sei skeptisch, ob das Schreiben in einer FremdspracheFremdsprache für sie als Autorin in Frage käme (Interview am 23.2.2017).
Gerade in Hinblick darauf, dass sich in der neuen litauischenLitauenlitauisch Migrations- und MobilitätsliteraturMobilität1 keine SprachgrenzüberschreitungenSprachgrenzüberschreitung verzeichnen lassen, die anderen Sprachen die Identität der Autoren und Autorinnen nicht entscheidend durchdringen und „die Möglichkeit, in einer anderen Sprache als der ErstspracheErstsprache zu schreiben, nur theoretisch existiert“, stellt die Literaturwissenschaftlerin Dalia Satkauskytė die berechtigte Frage, ob sich für die Analyse dieser Literatur theoretische Ansätze hybriderHybriditäthybrid kultureller IdentitätenIdentität/identity, so wie sie von Homi K. Bhabha oder Gayatri Spivak formuliert wurden, überhaupt eignen, obwohl sie in der litauischenLitauenlitauisch Forschung am häufigsten Anwendung finden (Satkauskytė 2011: 122). Eine ähnliche Position vertritt Eglė Kačkutė, die ebenfalls das Fehlen der Belege für sprachliche HybriditätHybridität in der litauischenLitauenlitauisch Literatur konstatiert und dazu rät, in dem Fall nicht von sprachlich und kulturell hybridenHybriditäthybrid IdentitätenIdentität/identity, sondern nur von einzelnen „Erscheinungsformen der Hybridität“ zu sprechen (Kačkutė 2013).
Nach dem EU-Beitritt (2004) hat sich LitauenLitauen zu einer der mobilstenMobilitätmobil NationenNation in der EU entwickelt (vgl. Eurostat-Bericht 06/2020), was auch einen enormen Aufschwung der neuen Migrations- und MobilitätsliteraturMobilität zur Folge hatte. Diese Literatur ist in den letzten Jahren zu einem populären Forschungsgegenstand litauischerLitauenlitauisch LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft geworden (Beiträge von Dalia Satkauskytė, Žydronė Kolevinskienė, Dalia Kuizinienė, Laura Laurušaitė, etc.), aber aus den oben erwähnten Gründen wird sie kaum unter dem Aspekt der ZweisprachigkeitZweisprachigkeit bzw. MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit, sei es auf der Autoren- oder Textebene, diskutiert. Zu erwähnen ist an dieser Stelle der Aufsatz von Laura Laurušaitė Transformationskraft der Sprache in der litauischenLitauenlitauisch und lettischenLettland/Latvialettisch (E)Migrationsprosa (2019), der sich in Anlehnung an postkolonialeKolonialismuspostkolonial Theorieansätze mit den Einstellungen der MigrantenMigrant/in zur ErstspracheErstsprache und FremdspracheFremdsprache sowie sprachlich motivierten Diskriminierungs- bzw. Dominanzverhältnissen in der jüngsten litauischenLitauenlitauisch und lettischenLettland/Latvialettisch MigrationsliteraturMigrant/inMigrationsliteratur beschäftigt. Laurušaitė diskutiert ausführlich nicht nur die fehlende FremdsprachenkompetenzSprachkompetenzFremdsprachenkompetenz und dadurch bedingte Handlungsunfähigkeit der baltischenBaltikumBaltisch (Arbeits-)MigrantenMigrant/in, sondern auch die zusammen mit der Erlangung neuer SprachkenntnisseSprachkenntnisse einhergehende Transformation ihrer kulturellen IdentitätIdentität/identity sowie ihre (angebliche) Entfremdung von der Erstsprache, die für die Hauptursache kultureller Ortslosigkeit, ja sogar des „kulturellen Todes“, erklärt wird. Es ist der Forscherin zuzustimmen, dass in den Migrationskontexten der Sprache eine viel größere Bedeutung denn als bloßes KommunikationsmittelKommunikation zukommt. Etwas verkürzt werden jedoch in dem Aufsatz die komplexen SprachkontakteSprachkontakt auf Konfliktsituationen reduziert und die baltischenBaltikumBaltisch (Arbeits-)MigrantenMigrant/in in die Rolle der Sprachlosen hineinversetzt, die sich nur innerhalb ihres SprachkollektivesSprachkollektiv bewegen oder sich in die Aufnahmegesellschaft auf Kosten ihrer Erstsprache und ihres kulturellen Selbstbewusstseins integrieren.
Während sich Laurušaitė auf die KommunikationsproblemeKommunikation konzentriert und die zentrale Funktion literarischer MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in der Erzeugung von Irritation sieht, bleiben andere MobilitätsmodelleMobilität und literarische Entwürfe sprachlicher und kultureller IdentitätIdentität/identity außer Acht. Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang der Erfolgsroman Stasys Šaltoka von Gabija Grušaitė Grušaitė, Gabija (2017), der ein neuartiges flexibles Selbstverständnis eines jungen LitauersLitauenLitauer/-in mit MigrationshintergrundMigrant/inMigrationshintergrund präsentiert. In den von Laurušaitė untersuchten Texten gehen die Protagonisten ins Ausland, um Geld zu verdienen; sie übernehmen niedrigqualifizierte Arbeiten, kommunizieren vornehmlich unter sich und bleiben dem Rest der Gesellschaft fremdFremdheitfremd. Der Protagonist in Stasys Šaltoka, ein New Yorker Hipster und aktiver Nutzer von Social Media, hat dagegen keine finanziellen Probleme, keine Schwierigkeiten mit der (englischenEnglisch/English) Sprache und ist sowohl im realen Leben als auch virtuell bestens sozial vernetzt. Er präsentiert den Typus eines Globetrotters bzw. neuen Weltbürgers, der verschiedene Sprachen spricht, darüber aber kaum reflektiert, denn ZweisprachigkeitZweisprachigkeit bzw. Mehrsprachigkeit scheint für ihn eine Selbstverständlichkeit zu sein. So werden in den litauischenLitauenlitauisch Text, gegen jegliche Normen des SprachpurismusSprachpurismus verstoßend, englischsprachigeEnglisch/English Elemente integriert, ohne diese speziell zu markieren oder zu kommentieren.
Eben diesem neuen Typus sprachlicher HybriditätHybridität sowie dem textästhetischen Verfahren des SprachwechselsSprachwechsel in der neuesten litauischenLitauenlitauisch Migrations- und MobilitätsliteraturMobilität soll in dem vorliegenden Beitrag die größte Aufmerksamkeit gelten. Die Fragestellung ist unter anderem durch die Bemerkung Till Dembecks motiviert, dass „eine Darstellung von SprachwechselSprachwechsel und -mischung in postkolonialenKolonialismuspostkolonial und postmigratorischen Texten […] über die Grenzen der (west-)europäischenEuropaeuropäisch und amerikanischenAmerika/USAamerikanisch Literatur hinausgehen“ müsste (Dembeck 2020: 144). Wie von Dembeck bemerkt, wird die Interpretation des SprachwechselsSprachwechsel „sowohl die allgemeine soziokulturelle Wertigkeit der verwendeten Sprachen als auch die vom Text selbst erzeugte Sprach- und Kommunikationssituation“ (ebd.: 146) genau in den Blick nehmen und die Funktionen eines derartigen Verfahrens am Beispiel eines Romans diskutieren.
2 Theoretische und methodische Grundlagen
Für die Analyse des SprachwechselsSprachwechsel, so wie er sich in der litauischenLitauenlitauisch Migrations- und MobilitätsliteraturMobilität und speziell im Roman Stasys Šaltoka manifestiert, bieten zwei Studien eine haltbare methodische Grundlage, nämlich Gulia Radaellis Literarische MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitliterarische Mehrsprachigkeit (2011) und WernerWerner, Johannes Helmichs Ästhetik der Mehrsprachigkeit (2016). Beide Forscher haben ausführliche Beschreibungsmodelle für mehrsprachigeMehrsprachigkeitmehrsprachig literarische Texte entwickelt, obwohl sie ein unterschiedliches Verständnis des Phänomens haben und voneinander abweichende Herangehensweisen an die konkreten Texte vorschlagen. Beiden ist aber gemeinsam, dass sie den Begriff Mehrsprachigkeit nicht auf das Nebeneinander verschiedensprachigerverschiedensprachig Texte innerhalb einer Nationalliteratur, auch nicht auf das Nebeneinander verschiedensprachigerverschiedensprachig Texte im Werk eines Autors oder einer Autorin, sondern auf die innertextuelle Mehrsprachigkeit beziehen (Radaelli 2011: 48; Helmich 2016: 14). Wenn es um das Vorkommen anderssprachigeranderssprachig Elemente innerhalb eines Textes geht, sind SprachwechselSprachwechsel und SprachmischungSprachmischung die entscheidenden Phänomene, die sich aber nicht scharf, eher nach der Art der Betrachtung (quantitativ oder qualitativ) voneinander unterscheiden lassen (Helmich 2016: 18). Auch in dem vorliegenden Beitrag werden die Begriffe parallel benutzt, wobei grundsätzlich die von Dembeck vorgeschlagene Definition gilt: „Als Sprachwechsel ist zu bezeichnen, wenn in einem Text Segmente, die unterschiedlichen IdiomenIdiom zuzuordnen sind, aufeinander folgen, wohingegen man von Sprachmischung bei solchen Texten oder Textteilen sprechen kann, in denen zwei IdiomeIdiom zu unterscheiden sind, ohne dass sie sich einzelnen Segmenten zuordnen ließen“ (Dembeck 2020: 125).
Der wichtigste Unterschied zwischen Radaelli und Helmich besteht in der Wahrnehmbarkeit und der Auffassung der in einem Text enthaltenen Sprachen, was nicht zuletzt mit ihrem Untersuchungsgegenstand zusammenhängt. Helmich versucht, einen umfangreichen Textkorpus zu bearbeiten, weshalb er sich alleine schon aus pragmatischen Gründen dafür entscheidet, von SprachwechselSprachwechsel nur dann zu sprechen, wenn die involvierten Sprachen im Text manifest sind (Helmich 2016: 17). Radaelli beschäftigt sich detailliert mit einigen ausgewählten Texten CanettisCanetti, Elias und Bachmanns (in dem Sinne ist ihre Vorgehensweise auch für den vorliegenden Beitrag relevant) und geht von einem viel breiteren Begriff des SprachwechselsSprachwechsel bzw. der SprachmischungSprachmischung aus. Zur systematischen Einteilung, Differenzierung und deskriptiven Erfassung der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit literarischer Texte schlägt sie drei heuristische Grundkriterien vor: der Fokus (mehrsprachigesMehrsprachigkeitmehrsprachig Einzelwerk oder mehrsprachigesMehrsprachigkeitmehrsprachig Gesamtwerk eines Autors), die Wahrnehmbarkeit (manifeste oder latentelatent Mehrsprachigkeit) und die Sprachen (EinzelsprachenEinzelsprache bzw. NationalsprachenNationNationalsprache, SprachvarietätenVarietätSprachvarietät oder erfundene Sprachen) (Radaelli 2011: 47).
Für die Analyse manifester Formen des SprachwechselsSprachwechsel bzw. der SprachmischungSprachmischung in einem konkreten Text bieten sich die von Helmich übersichtlich zusammengestellten Kriterien (Helmich 2016: 30ff) an, die später auch bei der Erläuterung der fremdsprachigen Elemente im Roman Stasys Šaltoka zu Hilfe gezogen werden: 1) Markierung bzw. graphische Hervorhebung (Kursivsatz, Anführungszeichen, Übernahmen fremderFremdheitfremd Schriftzeichen, etc.); 2) Lokalisierung im Werk (Fremdsprachiges entweder im Text selbst oder in verschiedenen paratextuellen Elementen, wie z.B. Titel, Widmung oder Motto); 3) Einzelgröße und Gesamtumfang (Einzellexeme, Syntagmen, Sätze, Transphrastisches unbegrenzten Umfangs und ihr Gesamtanteil am Text); 4) Durchdringungs- oder Vermischungsgrad (verschiedene Grade der Heterogenität der einzelnen Sprachelemente wie auch des Gesamttexts, wie z.B. SprachwechselSprachwechsel/Sprachmischung, additive/synthetische MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit); 5) Figuren- und Erzählerrede (die fremdsprachige Mimesis der Figurenrede vs. die fremdsprachige oder mischsprachigeMischsprachemischsprachig Erzählerrede); 6) Verständnishilfen (ÜbersetzungenÜbersetzung/translation im Text, in den Fußnoten oder einem beigegebenen Glossar, aber auch die bilingualebilingual Synonymie); 7) Konnotationen einzelner FremdsprachenFremdsprache (Bildungs- und Renommee-Sprachen, Reflexe der realen Sprachdominanz in bestimmten Sektoren, etc.); 8) Korrektheitsgrad (Normverstöße hängen von der fremdsprachlichenFremdsprachefremdsprachlich Kompetenz des Autors, aber vor allem von der Motiviertheit im Text ab).
Im Unterschied zu Helmich berücksichtigt Radaelli auch die latentelatent MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit, bei der „andere Sprachen nur unterschwellig vorhanden und nicht unmittelbar wahrnehmbar sind“, und betrachtet diese als die häufigste Form von literarischer Mehrsprachigkeit überhaupt (Radaelli 2011: 61). Zu solchen latentenlatent Formen zählen die ÜbersetzungÜbersetzung/translation, die SprachreflexionSprachreflexion sowie die im Text auftretenden Sprachverweise (ebd.: 61f). Über die ÜbersetzungÜbersetzung/translation bzw. den Sprachverweis hinaus können literarische Texte auf eine andere Sprache oder auf Mehrsprachigkeit Bezug nehmen, indem sie mehrsprachigeMehrsprachigkeitmehrsprachig Begegnungen und Räume schildern. Aufenthalte im Ausland oder an mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Orten, Reise oder Auswanderung stellen laut Radaelli wichtige Topoi mehrsprachigerMehrsprachigkeitmehrsprachig Literatur dar (ebd.: 65), was auch am Beispiel von Stasys Šaltoka zu zeigen sein wird.
Neben den besonders sichtbaren Fällen, bei denen der SprachwechselSprachwechsel zwischen zwei oder mehreren EinzelsprachenEinzelsprache stattfindet, sollten im Sinne des Beschreibungsmodells von Radaelli auch sprachliche VarietätenVarietät wie DialekteDialekt/Mundart, Idiolekte, SoziolekteSoziolekt etc. beachtet werden (Radaelli 2011: 70). Dabei solle auch gefragt werden, welche Bedeutung den jeweiligen EinzelsprachenEinzelsprache oder VarietätenVarietät im mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Text zukommt, so etwa wenn eine Sprache an einen bestimmten topischen bzw. stereotypen Inhalt gekoppelt ist und der Darstellung von National- oder Berufscharakteren dienen soll (ebd.). Für Helmich reicht weder die bloße Erwähnung aus, dass eine Figur in einer anderen Sprache spricht, als derjenigen, in der ihre Rede wiedergegeben wird, um Sprachwechsel oder SprachmischungSprachmischung zu konstatieren, noch gilt ihm der Wechsel zwischen DialektenDialekt/Mundart oder SoziolektenSoziolekt als Sprachwechsel (Helmich 2016: 17). Ähnlich argumentiert Dembeck, wenn er bemerkt, dass mit den Begriffen „Sprachwechsel“ und „Sprachmischung“ solche Formen der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit nicht abgedeckt werden, bei denen eine Differenz zwischen unterschiedlichen IdiomenIdiom nur latent wahrzunehmen ist (Dembeck 2020: 167–192). Keiner der Forscher leugnet aber mögliche Berührungspunkte zwischen manifester und latenterlatent, auf EinzelsprachenEinzelsprache begrenzter oder auf VarietätenVarietät ausgedehnter Mehrsprachigkeit der Texte oder den „Erkenntnisnutzen einer anderen Grenzziehung“ (Helmich 2016: 17), was sich bei der Analyse eines kleineren Untersuchungsobjekts als besonders produktiv erweisen kann.
An dieser Stelle soll etwas näher auf die Aufsätze hingewiesen werden, die sich mit Funktionen der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit in literarischen Texten auseinandersetzen. Wie in einem älteren Aufsatz von András Horn erläutert, kann der SprachwechselSprachwechsel der Figurencharakterisierung, der Förderung der „Illusion größerer Wirklichkeitsnähe“, der Erzeugung von Komik, der Kommentierung des Geschehens, der Vermittlung anderssprachig besser auszudrückender Bedeutungsnuancen, der Wiedergabe lautlicher Schönheit oder anderssprachigeranderssprachig ZitateZitat dienen (Horn 1981: 226ff). In der neueren Forschung ist meistens von „erfahrener“ und „ästhetischer“ Funktion die Rede ist: Man unterscheidet „zwischen solchen Formen literarischer Mehrsprachigkeit, die ihren Dreh- und Angelpunkt im Leben selbst, sprich in der mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Erfahrung je unterschiedlicher Gruppen haben; und solchen Formen, die in erster Linie aus einem ästhetischen Willen heraus erklärt werden können“ (Dembeck/Uhrmacher 2016: 10). Dembeck und Uhrmacher kritisieren diese Unterscheidung, insbesondere wenn einer von diesen Formen (meistens der „erfahrenen“ und somit „politischPolitik/politicspolitisch/political relevanteren“) eine Priorität eingeräumt wird, und raten – was aus unserer Perspektive viel Sinn macht – dazu, beide Aspekte in den Blick zu nehmen:
Denn zum einen besteht der Verdacht, dass Ansätze, die allein dem Populären eine kollektive und lebensunmittelbare Herkunft unterstellen, dabei die Fähigkeiten literarischer Werke unterschätzen. Diese können wirkmächtig alternativeAlternativealternativ Weltentwürfe ins Spiel bringen und dürfen nicht als individualistisches Glasperlenspiel abgewertet werden. Zum anderen ist klar, dass kein literarisches Werk seinen Umgang mit SprachdifferenzenSprachdifferenz im luftleeren Raum pflegt. Im Gegenteil: Ihre kulturelle und soziale Wertigkeit ist unmittelbar Teil jeder ästhetischen Konstruktion von SprachdifferenzenSprachdifferenz. (ebd.: 11)
Diese Bemerkung soll insbesondere für die Beschäftigung mit der mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Migrations- und MobilitätsliteraturMobilität gelten, denn bei solchen Texten, die sich mit verschiedenen Formen sozialer Integration bzw. Exklusion, darunter auch mit sprachpolitischenSprachpolitiksprachpolitisch Machtfragen beschäftigen, ist die Neigung groß, das sprachliche Leben unserer Gesellschaften den individuellen „ästhetischen Spielen“ vorzuziehen.
Ohne die gewonnene Erkenntnis, dass mehrsprachigeMehrsprachigkeitmehrsprachig Texte sowohl hinsichtlich ihrer gesellschaftlicher Relevanz als auch ihrer ästhetischen Gestaltung zu bewerten sind, ganz aus den Augen zu verlieren, soll hier ein kurzer Blick auf die Studie Global Playing in der Literatur von Elke Sturm-Trigonakis (2007) geworfen werden, in der die Forscherin das transnationaletransnational, kosmopolitische Bewusstsein mehrsprachigerMehrsprachigkeitmehrsprachig Werke als Reflex der Globalisierungsthematik in den Werken selbst interpretiert und es in ihre Definition von „Neuer WeltliteraturWeltliteratur“ mit hineinnimmt. Für die „Neue Weltliteratur“ sollen Sturm-Trigonakis zufolge solche Merkmale gelten, wie eine weit definierte, auf SprachvarietätenVarietätSprachvarietät wie SoziolekteSoziolekt und DialekteDialekt/Mundart ausgedehnte MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit der Texte, die „Verarbeitung eines wie auch immer gearteten Globalisierungsdiskurses“, aber auch die „Hinwendung zum Regionalen und Lokalen“ (Sturm-Trigonakis 2007: 20 und 109). Die Forscherin bemerkt, dass in der von ihr untersuchten Literatur sowohl die Menge als auch die Komplexität der Texte, die SprachwechselSprachwechsel und SprachmischungSprachmischung als Verfahren benutzen, stark gestiegen ist (ebd.: 160–163). Ähnliche Beobachtungen findet man bei Helmich, so etwa: „In jüngeren Erzähltexten, die Weltläufigkeit signalisieren und deren Handlung darum gern an möglichst weitgestreuten fremdenFremdheitfremd Orten angesiedelt ist, gibt es fast durchgehend ein gewisses polyglottespolyglott – heute überwiegend englischsprachigesEnglisch/English – ‚Rauschen‘, das sich etwa in Grußformeln, sonstigen Ausdruckspatterns und kurzen literarischen oder lebensweltlichen ZitatenZitat äußert“ (Helmich 2016: 42f). Dembeck weist auch darauf hin, dass die Texte, die sich mit MigrationMigrant/inMigration oder mit einem (post-)kolonialen Kontext in Verbindung bringen lassen, mit Blick auf Sprachwechsel und Sprachmischung derzeit das größte Interesse von Seiten der Forschung erhalten (Dembeck 2020: 143). Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive gelte es dabei, „sich mit der Frage auseinanderzusetzen, in welchen einzelnen literarischen Texten sich unter welchen Rahmenbedingungen und wann welche Formen von Sprachwechsel und/oder Sprachmischung finden, welche kulturpolitischePolitik/politicskulturpolitisch Relevanz sie haben und wie sie in einen historischenhistorisch Zusammenhang gebracht werden können“ (ebd.: 127). Eben um eine ausführliche Erläuterung von verschiedenen Manifestationen des SprachwechselsSprachwechsel bzw. der Sprachmischung und ihren in einem konkreten Text angelegten gesellschaftlich relevanten, aber auch ästhetischen Funktionen, die sich nur mit Hilfe einer gründlichen Textanalyse herausarbeiten lassen, soll es in einem späteren Schritt gehen.
3 Kontextuelle Hintergründe: litauischeLitauenlitauisch Migrations- und MobilitätsliteraturMobilität nach 2000
Die mehrsprachigeMehrsprachigkeitmehrsprachig Literatur setzt eine gewisse fremdsprachlicheFremdsprachefremdsprachlich Kompetenz eines Autors oder einer Autorin voraus, „[m]ehrsprachige Autoren erzeugen aber keineswegs eo ipso mehrsprachigeMehrsprachigkeitmehrsprachig Literatur“ (Helmich 2016: 15). Dies trifft vor allem auf die Autoren und Autorinnen litauischerLitauenlitauisch Abstammung zu, die ihre MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit durch die frühkindliche Sozialisation und die Schulbildung in den USA, Kanada oder anderen Ländern erworben haben, dort leben und ihre Texte ausschließlich in englischerEnglisch/English Sprache verfassen (PutriusPutrius, Birutė, Šileika und andere). Dies gilt aber genauso für die, die durch eine bestimmte Familienkonstellation oder aufgrund von neuen Migrationsprozessen, nämlich nach 1990, LitauenLitauen verlassen haben, mit ihrer Umgebung mehrsprachigMehrsprachigkeitmehrsprachig kommunizieren, jedoch ihre Texte nur auf LitauischLitauenLitauisch schreiben (PapievisPapievis, Valdas, Staponkutė Staponkutė, Dalia und andere). Es kann sein, dass auch in diesen Fällen neben der zentralen Arbeitssprache andere Sprachen mitschreiben, aber solange die Mehrsprachigkeit keinen ästhetischen Ausdruck in den Texten selbst bekommt, soll sie hier nicht weiter diskutiert werden.
Eine gründliche Analyse literarischer Texte und die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Studien zur neuesten litauischenLitauenlitauisch Migrations- bzw. MobilitätsliteraturMobilität, übrigens fast ausschließlich von Frauen verfasst (Kačkutė 2018), offenbaren drei unterschiedliche Tendenzen, was den Umgang litauischerLitauenlitauisch Autoren und Autorinnen mit der zum Alltag gewordenen und literarisch reflektierten, explizit oder latentlatent in ihren Texten vorkommenden MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit betrifft. Hier sollen diese Tendenzen skizziert und an einigen ausgewählten Beispielen veranschaulicht werden.
Die erste Gruppe bilden die Texte, in deren Zentrum Reflexionen über SprachdifferenzenSprachdifferenz, das Verhältnis von ErstspracheErstsprache und FremdspracheFremdsprache, also alles latentelatent Formen literarischer MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit, und dadurch bedingte Identitätstransformationen stehen. Eines der prominentesten Beispiele dafür ist die Erzählung Das Schweigen der Mütter (2007) von Staponkutė Staponkutė, Dalia. In der Erzählung werden die Probleme der MigrantinnenMigrant/in thematisiert, die sich nicht mehr mit ihren Kindern verständigen können, weil ihnen die Kenntnisse der lokalen Sprachen fehlen und die Kinder immer weniger die herkömmliche Sprache ihrer Mütter sprechen: „Ich beobachte die Agonie, ja den Todeskampf meiner MutterspracheMuttersprache/mother tongue im Munde des Kindes und ich erkenne das Bild meines eigenen Untergangs…“, heißt es metaphorisch im Text (Staponkutė 2007: 511). Ohne die Möglichkeit, sich ihrer MutterspracheMuttersprache/mother tongue zu bedienen, aber auch ohne ausreichende fremdsprachlicheFremdsprachefremdsprachlich Kompetenz bleiben die MigrantinnenMigrant/in sprachlos, sie verlieren ihr kulturelles Gedächtnis und somit einen Teil von sich selbst. Dies ist z.B. der Fall, wenn im Roman Die Leute von Alkapė von Unė Kaunaitė Kaunaitė, Unė (2015) eine LitauerinLitauenLitauer/-in ihrer Londoner WG-Mitbewohnerin über ein wichtiges Ereignis aus der jüngsten litauischenLitauenlitauisch Geschichte erzählen will, aber die Begriffe dafür fehlen: „Wie heißt es auf EnglischEnglisch/English… ein Soldat? Ein Zusammenstoß? Eine Kundgebung? Die Begriffe waren plötzlich verschwunden, als ob sie zugemauert wären. Sie wusste, dass es sie gibt, sie ahnte ihre Form, sie konnte durch die Spalten einzelne Buchstaben erkennen, aber sie konnte nicht die Mauer durchbrechen.“ (Kaunaitė 2015: 28) In diesem Fall scheint nur die ErstspracheErstsprache die Möglichkeit zu bieten, Dinge bei ihren eigentlichen Namen zu nennen, und der Übergang in die FremdspracheFremdsprache wird als eine Art kultureller Bedrohung, ja Selbstverlust dargestellt.
Während in den genannten Texten SprachdifferenzenSprachdifferenz nur reflektiert werden, aber sich kaum Fremdsprachliches auf der Textoberfläche manifestiert, findet man in den anderen, meistens später erschienenen Texten (Paulina Pukytė Pukytė, Paulina, Elvyra Davainė Davainė, Elvyra, Audronė Urbonaitė, Urbonaitė, Audronė etc.) auch fremdsprachlicheFremdsprachefremdsprachlich Ausdrücke, die jedoch in den meisten Fällen mangelhafte FremdsprachenkompetenzSprachkompetenzFremdsprachenkompetenz illustrieren sollen. Eingeschlossen in ihre SprachkollektiveSprachkollektiv, vermeiden die osteuropäischenOsteuropaosteuropäisch (Arbeits-)MigrantenMigrant/in (LitauerLitauenLitauer/-in, PolenPolen, Ukrainer, etc.) jegliche Kontakte mit der sprachlich differenten (meistens englischsprachigen) Außenwelt, denn solche Begegnungen führen zu Missverständnissen oder haben sogar weiterreichende Folgen, wie Festnahme, Gefängnis, physische Verletzung oder Tod. Wie von Laurušaitė ausführlich erläutert, rücken in diesen Texten paradoxe lapsus linguae ins Zentrum der Betrachtung, die Auswanderer geraten ins Netz politischerPolitik/politicspolitisch/political, sozialer und kultureller Machtverhältnisse und werden in die Rolle von „stummen“ Unberechtigten hineinversetzt (Laurušaitė 2019: 40ff). So einen provokativen, scheinbar unversöhnlichen Sprach- und Kulturkonflikt illustriert Paulina Pukytės Buch Der Schicksalslose und der Wohltätige (2013), eine Sammlung von epischen und dramatischen Kurztexten, in denen klare sprachliche, zugleich auch wirtschaftliche, soziale, kulturelle etc. Grenzen gezogen werden und jegliche Formen produktiver MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit ausgeschlossen bleiben. Hier ein Beispiel für ein sprachlich motiviertes Missverständnis, wie man sie mannigfach im Buch von Pukytė finden kann:
RECHTSANWALT
Die Zeugen behaupten, dass Sie sie rassistisch beschimpft haben.
MANN A
Wir haben jemanden beschimpft? Wie konnten wir sie beschimpft haben?
Wir haben gar nichts über sie gesagt! Wie konnten wir sie beschimpft haben? […]
RECHTSANWALT
Hier steht es, dass Sie „black“ geschrien haben.
MANN A
Wie bitte? Und was heißt das?
FRAU
(automatisch) Schwarz.
RECHTSANWALT
Sie haben über ihre Hautfarbe gesprochen. Das hat sie verletzt.
MANN A
Wie „bliak“? Ich kenne das Wort gar nicht! Warum sollte ich sie beschimpfen? Wir haben andere Wörter, um sie zu beschimpfen… Wir haben wahrscheinlich „bliat“ [ein russischesRusslandrussisch Schimpfort] gesagt. Wir haben geschimpft… (lacht) Ist das Rassismus?! (Pukytė Pukytė, Paulina 2014: 103)
Auf den ersten Blick dienen solche Bedeutungsverwechslungen (EnglischesEnglisch/English „black“ vs. Russisches „bliat“; „cop“ vs. „cab“ etc. ) der Erzeugung von Komik, aber eigentlich werden sprachliche Differenzen als wirksame Machtmittel entlarvt, die eher Schattenseiten der MigrationMigrant/inMigration und des gesellschaftlichen Zusammenlebens als spielerischen Umgang mit der SprachvielfaltSprachvielfalt illustrieren. Bezüglich derjenigen literarischen Texte, die mangelhafte Englischkenntnisse, Aussprachefehler oder Sprechangst der MigrantenMigrant/in betonen, merkt Laurušaitė an: „Ohne SprachkenntnisseSprachkenntnisse der Gastländer werden die litauischenLitauenlitauisch MigrantenMigrant/in zu Outsidern, zu tragischen Protagonisten (Schicksalslosen), die zwischen der verlorenen eigensprachlicheneigensprachlich und der neuen (kaum verständlichen) fremdsprachlichenFremdsprachefremdsprachlich Umgebung gefangen bleiben“ (Laurušaitė 2019: 50).
Der dritten Gruppe, die bis jetzt von der litauischenLitauenlitauisch LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft am wenigsten berücksichtigt wurde, lassen sich die Texte zurechnen, die räumlich, kulturell und sprachlich ungebundene globale IdentitätenIdentität/identity in den Vordergrund rücken und mit der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit frei, entspannt und kreativ umgehen. Diese Texte belegen, dass es auch solche litauischenLitauenlitauisch Auswanderer gibt, die innere und äußere SprachkonflikteSprachkonflikt überwunden zu haben scheinen, quersprachigequersprachig Kompetenz aufweisen und als selbstbewusste Fremdsprach-Benutzer gerne SprachgrenzenSprachgrenze und SprachkonventionenSprachkonvention brechen (Kačkutė 2018). Ein Beispiel dafür ist der Roman Stasys Šaltoka von Grušaitė Grušaitė, Gabija, wo kurze und längere englischsprachigeEnglisch/English Passagen in den litauischenLitauenlitauisch Text eingerückt werden, sodass sowohl der Ich-Erzähler als auch das Buch selbst als explizit zweisprachigZweisprachigkeitzweisprachig bezeichnet werden können.
4 Sprachliche und kulturelle HybriditätHybridität in Gabija Grušaitė Grušaitė, Gabijas Roman Stasys Šaltoka
Gabija Grušaitė Grušaitė, Gabija, die Autorin des Romans Stasys Šaltoka, wurde 1987 in Vilnius geboren, sie studierte Soziale MedienMedien und AnthropologieAnthropologie in London, lebte sechs Jahre in MalaysiaMalaysia, gründete dort das Kunstzentrum „Hin Bus Depot“ und reiste viel. Seit dem Erscheinen von Stasys Šaltoka lebt Grušaitė in ihrer Geburtsstadt Vilnius und zählt zu den erfolgreichsten Autorinnen der jungen litauischenLitauenlitauisch Literaturszene. Der Roman Stasys Šaltoka wurde 2018 mit dem renommierten Jurga Ivanauskaitė-Literaturpreis ausgezeichnet und in demselben Jahr unter dem Titel Cold East ins EnglischeEnglisch/English übersetzt,1 2019 erhielt die Autorin den Penang Monthly Literaturpreis. Als der Roman 2018 auf dem Festival für Neue Europäische Literatur in New York vorgestellt wurde, gab eine der führenden litauischenLitauenlitauisch Literaturkritikerinnen Violeta Kellertas folgendes Urteil ab: „Gabija Grušaitė’s novel exploded like a bomb on the Lithuanian literary scene, dragging us willy-nilly into the 21st century.“ (ZitatZitat auf der Rückseite des Schutzumschlags) Obwohl man thematisch und stilistisch ähnliche Texte in anderen Literaturen finden kann, war es in LitauenLitauen ein erster Versuch, die eigene Generation in der Weise, nämlich mit Hilfe des SprachwechselsSprachwechsel und der medientypischen Stilistik, sprechen zu lassen.
Es gehört dazu, dass die globale Instagram-Generation des 21. Jahrhunderts, von der im Roman die Rede ist, in ihrer KommunikationKommunikation immer wieder Sprach- und Kulturgrenzen überschreitet, was von einigen litauischenLitauenlitauisch Kritikern als Normverstoß verstanden wurde:
Die Meinungen gehen hierzu weit auseinander: Kritisiert (aber auch positiv wahrgenommen) wurde der umgangssprachliche Ton, zu dem natürlich auch AnglizismenAnglizismen gehören, also all das, was die älteren Sprachredakteure als syntaktische Fehler, unzulässigen Jargon oder Schimpfwörter wegzustreichen pflegten. Kritisiert wurde auch die im Roman beschriebene, von einem Teil dieser Generation gewählte Lebensweise. Der Romanprotagonist und seine Freunde reden so wie viele ihrer Zeitgenossen, die die Welt kreuz und quer bereist haben, aber immer noch hier sind, gespalten zwischen Kulturen, Religionen und Lebensweisen: drei englischeEnglisch/English Wörter, zwei litauischeLitauenlitauisch und darauffolgend ein russischesRusslandrussisch Schimpfwort. Der Roman von Grušaitė Grušaitė, Gabija hilft, diese Generation besser zu verstehen, deren Zuhause überall auf der Welt sein kann, die einen Job nur als Job betrachtet, die LitauenLitauen überall mit sich trägt, aber nur so viel, wie es in dem Moment nötig und bequem ist (Kaniavekienė 2018).
Laura Laurušaitė betrachtet die im Roman vorkommende MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit als „Zeichen der Primitivität des sprachlichen Ausdrucks“, als Hinweis auf die „Wurzellosigkeit“ der heutigen globalen Generation und die „Demythologisierung der MutterspracheMuttersprache/mother tongue“; sie konstatiert eine vermehrte Anzahl solcher fiktivenFiktivitätfiktiv „SprachgrenzüberschreitungenSprachgrenzüberschreitung“ in der neuesten litauischenLitauenlitauisch und lettischenLettland/Latvialettisch Literatur und zieht das Fazit, dass die Sprache in diesen Texten ihre identitätsstiftende Funktion zu verlieren scheint (Laurušaitė 2019: 45).
Der Roman Stasys Šaltoka ist eine Art „Nachdichtung“, die der globalen Instagram-Generation bzw. dem Milieu der urbanen Hipster eine authentische Stimme verleihen soll. Im Hinblick auf die Authentizität der Sprache sagt die Autorin in einem Interview:
Die „Richtigkeit“ der Sprache ist uns aufgezwungen. Dies spiegelt nicht unsere wirkliche Sprache wider, geschweige denn unser Sprechen. Das ist ein Verstoß gegen die Demokratie. Ich wollte ein Buch schreiben, das von hier und jetzt handelt. Die Sprache ist historischhistorisch. Ich denke, in 5 oder 10 Jahren werden wir anders sprechen. Ich wollte eine Art anthropologischenAnthropologieanthropologisch Text verfassen, der die heutige Sprache abbildet. Im Rückblick werden wir sagen: „Im Jahr 2017 haben die Menschen so geredet, wie lustig.“ Die Sprache verändert sich, sie ist nicht statisch. Man soll sie nicht reinigen, man muss sie lassen, so wie sie ist. Wenn wir denken, dass alles, was gegen die Norm verstößt, in Anführungszeichen stehen muss, wird unsere Sprache hölzern. (Grušaitė Grušaitė, Gabija im Interview mit Karolis Vyšniauskas im Jahr 2018)
Dies sind Äußerungen, die als eine Autorenpoetik gelten können und die sich auf zentrale Anliegen der inhaltlichen und formalen Textgestaltung in Stasys Šaltoka beziehen.
Im Zentrum des Romans steht ein 29-jähriger LitauerLitauenLitauer/-in namens Stasys Šaltoka, der Ich-Erzähler und Protagonist, der (sowie die Romanautorin selbst) zunächst in London studiert und Gelegenheitsjobs übernimmt, später in New York lebt und mit Freunden durch SüdostasienAsien reist. Auf den ersten Blick lässt sich der Roman der Gattung MigrationsliteraturMigrant/inMigrationsliteratur zurechnen, aber hier gilt es gewisse Vorsicht walten zu lassen, denn der Protagonist ist eigentlich ein Weltbürger (real und virtuell), der sich überall gleich gut bzw. schlecht fühlt. Seine Heimatstadt Vilnius ist nur ein Ort unter vielen anderen, ein Ort, der Erinnerungen hervorruft und für die postsowjetischeSowjetunionpostsowjetisch IdentitätIdentität/identity des Protagonisten steht, jedoch aktuell keine Berührungspunkte bietet. Die unüberwindbare Distanz wird im Gespräch mit einer amerikanischenAmerika/USAamerikanisch Bekannten zum Ausdruck gebracht: Wenn Stasys verkündet, er möchte New York verlassen, fragt diese, wohin er denn gehen möchte: „Nach Los Angeles? Als ob LA der einzige Ort wäre, wohin man nach dem Verlassen dieser Stadt fahren könnte. – Nach Hause? Nach Vilnius? Ich schüttele den Kopf. Sie hat recht – was würde das alles bringen.“ (SŠ: 35)2
Stasys Šaltoka gehört nicht mehr zu denjenigen osteuropäischenOsteuropaosteuropäisch MigrantenMigrant/in, die für eine bestimmte Zeit ins Ausland gehen, um Geld zu verdienen, sondern er vertritt die Generation, die seit mehr als einem Jahrzehnt frei von jeglichen finanziellen Nöten irgendwo in der Welt lebt, ohne feste Bindungen und Sentiments (SŠ: 27). Ständige Bewegung, DynamikDynamik und (Selbst-)Suche scheinen für diese Generation wichtiger zu sein als ein fester Wohnsitz. „Whatever“ ist daher das am häufigsten vorkommende englischeEnglisch/English Wort im Roman, das sich sowohl auf das eigene Leben des Erzählers, auf die alltäglichen Krisen seiner New Yorker Bekannten, aber auch auf die globalen Natur- und Humanitätskatastrophen bezieht. Diese Global Player fühlen sich überall zuhause, zugleich auch überall fremdFremdheitfremd, was sich vor allem durch Überfluss und Lebenslangeweile erklären lässt. Weder die HeimatHeimat noch die ErstspracheErstsprache bieten für sie eine identitätsstiftende Grundlage, auch die Gemeinschaft mit den anderen entsteht eher per Zufall, und weniger durch ein Hineingeborenwerden in einen Raum oder ein Kollektiv, sondern eher durch einen Mausklick.
Wenn man zunächst eine Grobanalyse des SprachwechselsSprachwechsel im Roman Stasys Šaltoka durchführt und sich dabei des von Helmich vorgeschlagenen Instrumentariums bedient, so fällt auf, dass die anderssprachigenanderssprachig (englischenEnglisch/English) Elemente unmarkiert in den litauischenLitauenlitauisch Erzählfluss eingefügt und im ganzen Text lokalisiert werden. Was die Einzelgröße und den Gesamtumfang der englischenEnglisch/English Einfügungen betrifft, benutzt die Autorin sowohl Einzellexeme als auch Wortverbindungen, vollständige Sätze und Textpassagen, die additiv oder synthetisch in den litauischenLitauenlitauisch Text integriert werden und von einem hohen „Vermischungsgrad“ der Sprachen (Helmich 2016: 31) zeugen. Der Roman handelt von einer zweisprachigenZweisprachigkeitzweisprachig bzw. mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Generation und richtet sich an ein genauso mehrsprachigesMehrsprachigkeitmehrsprachig Lesepublikum, deswegen findet man im Text keine Verständnishilfen für anderssprachigeanderssprachig Elemente, d.h., das Fremdsprachige wird einfach stehen gelassen, was in dieser PoetikPoetik/poetics der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit für programmatisch erachtet werden muss.
Dass GrušaitėsGrušaitė, Gabija Roman die Stimme einer mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Generation der Global Player um die dreißig möglichst authentisch nachahmen soll, beweist unter anderem die Tatsache, dass anderssprachigeanderssprachig (englischeEnglisch/English) Elemente genauso häufig in der Erzähler- wie in der Figurenrede vorkommen. Bei einem Ich-Erzähler lässt sich aber nicht immer deutlich feststellen, ob es sich um erlebte Rede oder seine an andere Figuren gerichtete Aussagen bzw. seine Posts handelt. In der erlebten Rede kommen der SprachwechselSprachwechsel bzw. die SprachmischungSprachmischung meistens dann vor, wenn der Erzähler über andere Menschen und Beziehungen reflektiert: „Ungodly hour, wenn die Menschen wachwerden und an den bevorstehenden Tag denken, an to do lists, was sollte man erledigen und was weglassen, warum und wofür.“ (SŠ: 11) Wenn zwei anderssprachigeanderssprachig Sätze miteinander kombiniert werden, ist der litauischsprachige Satz meistens neutral und der darauffolgende englischsprachigeEnglisch/English wirkt aussagekräftiger: „Zwei Küsse auf die Wangen. I could fucking murder you now“ (SŠ: 15) oder „Wo sind meine Geschenke und warum habe ich nichts bekommen. Give me my fucking presents“ (SŠ: 17). Mit Hilfe der erlebten Rede werden auch, so der Eindruck, Vorentwürfe für seine späteren, Lebensweisheiten vermittelnden Posts formuliert, so etwa: „Ich werde in 20 Minuten da sein. I have no dignity. No integrity.“ (SŠ: 21); „Nach der Rückkehr liege ich lange im Bett und höre mein Herz schlagen, betrunken, erschöpft. A shadow of a human being.“ (SŠ: 27)
Was die Figurenrede im Text betrifft, werden die Gespräche des Ich-Erzählers mit seinen amerikanischenAmerika/USAamerikanisch Freunden, später auch mit dem Russen Alex oder mit Menschen in AsienAsien (Hotel- oder Restaurantpersonal, Taxifahrer, Polizisten, Journalisten, etc.) in englischerEnglisch/English Sprache geführt, aber im Text entweder nur in litauischerLitauenlitauisch Sprache oder eben mit Hilfe der SprachmischungSprachmischung wiedergegeben: „– Ich will meine Frau verlassen, – sagt er [ein amerikanischerAmerika/USAamerikanisch Freund] zum Schluss. – Go ahead – antworte ich. – Warum nicht.“ (SŠ: 23) Dass all die Gespräche vollständig in englischerEnglisch/English Sprache stattfinden, wird an einigen Stellen indirekt verraten, so etwa, wenn bei einem Telefongespräch der Erzähler sich über den amerikanischenAmerika/USAamerikanisch Akzent der Gesprächspartnerin aufregt: „Džanet [Janet], – versuche ich möglichst höflich, – that’s retarded. – Stasys… du brauchst Hilfe, – in dem Moment hasse ich ihren all american Akzent.“ (SŠ: 176) Auch mit dem Russen Alex scheint Stasys in englischerEnglisch/English Sprache zu kommunizieren, wodurch ein klarer Unterschied zu der älteren Generation der LitauerLitauenLitauer/-in, die in der AlltagskommunikationKommunikation mit Russen Russisch bevorzugen, verdeutlich wird. Stasys verweist auf vieles, was ihn mit Alex verbindet, aber anstelle des RussischenRusslandRussisch/Russian als KommunikationsspracheKommunikation tritt das EnglischeEnglisch/English, auch wenn der osteuropäischeOsteuropaosteuropäisch Akzent der beiden sich nicht ganz überhören lässt:
Wir beide wollen allein in der neuen Stadt bleiben, in der Stadt, die wir nicht verstehen, aber der osteuropäischeOsteuropaosteuropäisch Akzent, gleiche Frisuren und die Liebe für Whisky reichen aus, um uns so zu fühlen, als würden wie einander seit hundert Jahren kennen. (SŠ: 63)
Es ist nicht ersichtlich, wie die vermutlich englischsprachigeEnglisch/English KommunikationKommunikation mit den auf den Reisen getroffenen ThailändernThailandThailänder, Malaysiern, Mongolen etc. funktioniert, denn auf der Textebene werden diese Gespräche in litauischerLitauenlitauisch Sprache wiedergegeben.
EnglischeEnglisch/English Begriffe werden immer dann eingefügt, wenn es um modische Produkt-, Berufs- oder Lebensstilbezeichnungen geht: „Ich vermisse gar nicht die New Yorker und ihre life coaches“ (SŠ: 176), „new age Idioten“ (SŠ: 64), „Tänzer trying to make it in a big city“ (SŠ: 21) etc. Geschimpft wird im Roman auch meistens auf EnglischEnglisch/English, seltener auf RussischRusslandRussisch/Russian, wobei das Einfügen von anderssprachigenanderssprachig Schimpfwörtern insgesamt zu den häufigsten im Roman realisierten Formen des SprachwechselsSprachwechsel gezählt werden kann, so z.B. „Oh for fuck’s sake, wie langweilig sind wir, selbstzufriedene geistig Kranke“ (SŠ: 22) oder „Mir hat keiner gesagt, dass Doku-Drehen so fucking boring ist“ (SŠ: 117). Auch ironische oder sarkastische Kommentare werden von dem Erzähler in englischerEnglisch/English Sprache formuliert, obwohl nicht immer laut ausgesprochen, so heißt es z.B. über den Russen Alex: „Alex zeichnete sich von den anderen Menschen seiner Umgebung durch einen gesunden Verstand aus (to be confirmed)“ (SŠ: 79) oder „Alex dachte, das sei der Preis, den er dafür zahlen muss, dass er eine Zeitlang wie eine Prinzessin in einem Elfenbeinturm lebte, aber er war deswegen nicht traurig (sure)“ (SŠ: 83). Ganz häufig fallen dem Erzähler populäre Werbeslogans oder irgendwo gehörte bzw. gelesene ZitateZitat ein, die im Erzählfluss meistens in der Originalsprache, also EnglischEnglisch/English, rekapituliert werden:
Ich bleibe stehen und kaufe mir in dem Laden an der Ecke einen Kaffee. Feed your caffeine addiction. Ich habe zwei Stunden für den Spaziergang Richtung West Village, wo ich mich anlässlich meines Geburtstags mit Freunden zum Mittagessen treffe. (SŠ: 13)
Aus Helmichs Perspektive lohnt es sich, bei der Analyse des SprachwechselsSprachwechsel zwischen verschiedenen Arten von Textumgebungen zu unterscheiden und zu prüfen, ob Fremdsprachiges an besonderen Schauplätzen, in bestimmten Szenen oder sonstigen abgrenzbaren Bereichen gehäuft auftritt (Helmich 2016: 30). In diesem Sinne stechen die Romanstellen hervor, in denen es um englischsprachigeEnglisch/English Posts oder vorformulierte, jedoch nicht realisierte Beiträge im Kopf des Erzählers geht, die sich im ganzen Text verteilen und den unvermittelten SprachwechselSprachwechsel explizit illustrieren. Die Sprache der sozialen Netzwerke sieht immer schon die Integration englischerEnglisch/English Begriffe vor, sodass auch die litauisch-englischeEnglisch/English ZweisprachigkeitZweisprachigkeit als Ausdruck eines globalen MedialektsMedialekt gelten kann. Der Bericht über die verbalen und visuellen Posts, Tweets, Chats etc. wird durch wörtliche ZitateZitat durchdrungen, was zu einer intensiven SprachmischungSprachmischung führt. Hier ein längeres Beispiel, wie man sie häufig im Roman Stasys Šaltoka finden kann:
Why 30th bday drives people insane? #not30yet. Tweet.
Während wir Portobello Burger essen, bekomme ich hunderte Kommentare und Retweets.
What’s on ur BEFORE 30th to do list? Tweet.
Noch mehr Kommentare.
Not to die, schreibt jemand. […]
Wir verabschieden uns, ich komme nach Hause und schlafe ein. Ich erwache, wenn es bereits dunkel ist. Ich sehe, Kanye West hat meinen Tweet beantwortet: TO BECOME A GOD.
Fuckin people. (SŠ: 17)
Wenn der Erzähler an seinem neunundzwanzigsten Geburtstag in der New Yorker Wohnung wach wird, sucht er zunächst nach der besten Perspektive für ein Manhattan-Bild, das sofort in seinem Instagram hochgeladen wird, begleitet von dem englischsprachigen Post: „Klick. #sublime #newyorknights #happydaytome #blessed #happiness“ (SŠ: 11). Solche Posts vermehren sich auf der Reise durch AsienAsien und helfen dem Erzähler, seine zwischen Begeisterung, Gleichgültigkeit oder Abneigung schwankenden Gemütszustände für sich selbst und für die anderen in wenigen Worten zusammenzufassen.
In den früher erwähnten litauischenLitauenlitauisch Migrationstexten wird die mehrsprachigeMehrsprachigkeitmehrsprachig KommunikationKommunikation sowie die transkulturellenTranskulturalitättranskulturell Beziehungen häufig auf das Minimum reduziert, wobei als Grund dafür die fehlende FremdsprachenkompetenzSprachkompetenzFremdsprachenkompetenz der MigrantenMigrant/in gelten soll (Laurušaitė 2019: 46). Im Fall von Stasys Šaltoka ist die oberflächliche, fragmentarische und lakonische Kommunikation nicht durch mangelnde SprachkenntnisseSprachkenntnisse, sondern durch die KommunikationsartKommunikation motiviert. Es handelt sich insofern um eine Art Berufs- bzw. Lebensstilidentität konstituierende Authentizität, wenn am Beispiel eines aktiven Nutzers von Social Media gezeigt wird, wie in seinem Bewusstsein verschiedene Sprachen vorhanden sind und abwechselnd zur Artikulation gelangen. Die Bildervielfalt und SprachmischungSprachmischung dienen bei Grušaitė Grušaitė, Gabija der Demonstration der Weltläufigkeit, aber auch der Charakterisierung eines sozialen Typus, nämlich eines reiselustigen Digital Native, der die Welt mit Hilfe seines Handys wahrnimmt und präsentiert. Darüber hinaus ist die ZweisprachigkeitZweisprachigkeit ein Charakteristikum, das zur Identitätsbildung bestimmter Zielgruppen beiträgt und globale Community-Zugehörigkeit stärkt.
Stasys Šaltoka reist von New York nach ThailandThailand, von Thailand nach MalaysiaMalaysia, von Malaysia nach HongkongHongkong usw., scheint sich für die fremdenFremdheitfremd Kulturen zu interessieren, aber klemmt fest an seinem typischen Lifestyle, nämlich Instagram, Luxushotels, Whisky u.Ä. Die Langeweile und die Abenteuerlust („wir sind hier for some fun“, SŠ: 169) bewegen Stasys und seine Mitreisenden, den ebenfalls aus den USA eingereisten Kenneth Braun und den Neurussen Alex LermontovLermontov, Michail, dazu, eine Dokumentation über die politischePolitik/politicspolitisch/political Korruption in Malaysia zu drehen, was zu immer neuen unmittelbaren Begegnungen mit Einheimischen führt. Die Gattung des Reiseberichts impliziert Radaelli zufolge fast immer eine Überschreitung sprachlicher Grenzen und das Betreten anderssprachigeranderssprachig Räume (Radaelli 2011: 76). Auch in Stasys Šaltoka offenbart sich durch Reisebeschreibungen ein mehrsprachigerMehrsprachigkeitmehrsprachig kultureller und sozialer Raum, der sich mit seiner VielstimmigkeitStimme, fremdeVielstimmigkeit den Reisenden aufdrängt. Wenn der Erzähler nach einem 30-stündigen Flug in Bangkok landet, lautet sein erster Eindruck folgendermaßen: „Die Straße voll Hitze und glühender Gesichter, hier ist immer Freitag, hier ist immer zu viel Whisky, zu viele Souvenirs, Schmutz und fremdeFremdheitfremd Sprachen.“ (SŠ: 58) Obwohl die selbstverliebten Hipster auf ihre eigenen mehrsprachigenMehrsprachigkeitmehrsprachig Stimmen, sei es auf Instagram oder in der alltäglichen KommunikationKommunikation, fixiert bleiben, lässt sich die VielstimmigkeitStimme, fremdeVielstimmigkeit der asiatischenAsienasiatisch Metropolen nicht überhören, wird aber im Roman nur durch den Erzählerbericht, also nicht explizit, wiedergegeben:
Ich gucke beim Vorbeigehen auf all die Muslime und verstehe, wie leicht man Fremdenhass erwecken kann – plötzlich fühle ich mich durch ihre bunte, synthetische und billige Kleidung verärgert, aber auch dadurch, wie sie ihr fettiges Curry mit Händen essen, wie sie ihre verfluchte Barbarensprache sprechen. (SŠ: 164)
An dieser Stelle wird deutlich, wie fremdFremdheitfremd und undurchdringlich auf den Erzähler die asiatischenAsienasiatisch Kulturen und Sprachen wirken, was auf eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem aus den USA eingereisten Bekannten Kenneth Brown, einem rothaarigen Iren, „geboren an den Ufern der Cardiganbucht“, aufgewachsen in Wales (SŠ: 36), einem Streber nach Ruhm und Anerkennung, hinweist. Kenneth wird vom Erzähler als bornierter Fremdenhasser dargestellt („Diese fuckin piece of shit Muslime…“, SŠ: 98), von dem er sich durch seinen spezifischen (post-)sowjetischenSowjetunionpostsowjetisch Lebenslauf, seinen Weltschmerz und seine existenzphilosophischen Reflexionen zu unterscheiden glaubt. Enttäuscht muss er aber zugeben, dass es gar nicht so viele Unterschiede zwischen ihm und Kenneth gibt: „Vielleicht hatten Kenny und ich vor allem das gemeinsam, dass sowohl Vilnius, die Stadt meiner Kindheit, als auch sein Wales nicht mehr existieren. Im Laufe unseres gar nicht so langen Lebens haben die Strömungen der Geschichte viele Gedächtnisschichten weggeschwemmt, die Kanten entschärft […]“ (SŠ: 37–38). Stasys erkennt, dass er mit seinem medial vorgespielten Leben dem WaliserWaliser viel ähnlicher ist, als er das wahrhaben möchte, so etwa, wenn es um ihre scheinbare Sorge um die Welt, eigentlich aber nur um das eigene Image geht (SŠ: 113). Einen Vorteil glaubt er aber gegenüber Kenneth zu haben, nämlich seine MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit, während sich die SprachkompetenzSprachkompetenz des WalisersWaliser auf das EnglischeEnglisch/English sowie seine ganze Weltwahrnehmung auf „das Angelsächsische“ beschränkt (SŠ: 133).
Die geteilten Lebenserfahrungen und Erinnerungen, so etwa an „die elektrisch grüne Farbe der Flurwände in sowjetischenSowjetunionsowjetisch/Soviet Schulen“ (SŠ: 65), nicht zuletzt auch die MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit verbinden Stasys mit dem Russen Alex LermontovLermontov, Michail, den er zufällig in Bangkok trifft. Der Name Lermontov kann nicht nur als ironische Anspielung auf die russischeRusslandrussisch Literaturklassik, sondern auch als eine weitere, latentelatent Form literarischer Mehrsprachigkeit gelten. Im Hinblick auf den SprachwechselSprachwechsel, der durch die Einführung fremdsprachiger Eigennamen geschieht, spricht Radaelli von den Worten, „die stärker als andere mit Bedeutung aufgeladen sind und grundlegende Sinnbeziehungen, ja ganze Vorstellungswelten entstehen lassen“ (Radaelli 2011: 100). Dem Stereotyp eines reichen Oligarchensohns entsprechend, verweist Alex’ Familienname zwar auf das in russischerRusslandrussisch Sprache verfasste Weltliteraturgut (SŠ: 61), aber sein erstsprachlicher Wortschatz beschränkt sich in der aktuellen KommunikationKommunikation auf die wenigen Schimpfwörter, wie etwa „Geh nahui“ (SŠ: 93). Die Bedeutung dieser Schimpfwörter ist nur für Alex und Stasys, aber nicht für Kenneth erschließbar und somit können sie als Mittel zur Markierung osteuropäischerOsteuropaosteuropäisch Verbundenheit betrachtet werden (auch Stasys selbst reagiert spontan auf einen schlecht schmeckenden Kaffee mit „Nx bl“ (SŠ: 97), was eine Abkürzung vom üblen russischenRusslandrussisch Schimpfwort „Nahui blyat“ ist und so etwas wie „Hau ab“ oder „Verpiss dich“ bedeutet).
Es ist häufig der Fall, dass in den Migrationsromanen, die das Leben litauischerLitauenlitauisch bzw. osteuropäischerOsteuropaosteuropäisch (Arbeits-)MigrantenMigrant/in schildern, z.B. der Roman Wir waren gestern auf der Insel (2011) von Aleksandra Fomina, das RussischeRusslandRussisch/Russian als die einzige Verständigungssprache und als Mittel zur Überwindung vom Integrationsschock präsentiert wird. In dem Roman von Grušaitė Grušaitė, Gabija scheinen die beiden aus dem (post-)sowjetischenSowjetunionpostsowjetisch Raum stammenden Figuren, Stasys und Alex, sich auf EnglischEnglisch/English zu verständigen (SŠ: 63). Dies soll unter anderem als Beweis dafür gelten, wie weit der Transformationsprozess aus einem OsteuropäerOsteuropaOsteuropäer in den englischsprachigen Global Player im Fall von Stasys bereits fortgeschritten ist, sodass er für das Denken und Handeln von Alex häufig genauso wenig Verständnis findet wie für die Malaysier oder ThailänderThailand. Das Verhältnis von Stasys zu dem Russen Alex ist insgesamt als ambivalent zu bewerten: Manchmal braucht er ihn als Identifikationsfigur, mit der man gewisse Lebenserfahrungen teilen und in russischerRusslandrussisch Sprache schimpfen kann, manchmal aber distanziert er sich von Alex, um sich als „richtiger“ New Yorker fühlen zu können (die KommunikationKommunikation in englischerEnglisch/English Sprache ist offenbar ein Mittel, diese Distanz zu bewahren).
Die Autorin präsentiert einen LitauerLitauenLitauer/-in, der sich auf seinen Reisen von westlichen fremdenfeindlichen Stereotypen und Klischees leiten lässt oder, was auch ziemlich häufig geschieht, sich die ganze Schuld der „weißen privilegierten Männer“ (SŠ: 291) für Diskriminierung, Ausbeutung, Armut, Hunger usw. auf die eigenen Schultern legt. Die Identifikation mit der „westlichen“ Schuld soll, genauso wie die fortgeschrittene ZweisprachigkeitZweisprachigkeit, die Integration in den westlichen mentalen Raum bestätigen. Grušaitė Grušaitė, Gabija bringt die Selbstidentifizierung eines LitauersLitauenLitauer/-in mit der westlichen Welt zum Ausdruck, indem sie sein Verhältnis bzw. seine stereotypische Wahrnehmung des Ostens (ThailandThailand, MalaysiaMalaysia, HongkongHongkong) präsentiert. Der Romanprotagonist kann seine kulturelle Zugehörigkeit bestätigt bekommen, wenn er merkt, dass er den Osten auf eine westliche Art, nämlich als „weißer privilegierter Mann“, konsumieren kann (Repečkaitė 2018). Während er in New York immer noch von den Erinnerungen an seine Jugend in Vilnius heimgesucht wird, personifiziert in der Gestalt einer imaginierten Unbekannten, und eine gewisse Distanz zum amerikanischenAmerika/USAamerikanisch oberflächlichen Lifestyle empfindet (SŠ: 19), hört er in SüdostasienAsien aufgrund seiner Rasse und unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten auf, ein „OsteuropäerOsteuropaOsteuropäer“ zu sein. Die Literaturbloggerin Daiva Repečkaitė hat bemerkt, dass die Konsumierung des Ostens auch durch den unterschiedlichen Umgang der Autorin mit verschiedenen, im Roman explizit oder latentlatent vorkommenden FremdsprachenFremdsprache geschieht: So werden z.B. die englischenEnglisch/English Eigennamen konsequent ins LitauischeLitauenLitauisch transkribiert („Džanet“; „Izabelė“, etc.), die südostasiatischenAsienasiatisch Toponyme dagegen stehen meistens in englischerEnglisch/English Sprache, als ob Grušaitė nicht wüsste, wie man sie aussprechen soll (Repečkaitė 2018). Ähnliches gilt auch für asiatischeAsienasiatisch Eigennamen, die sogar durch kreative AlternativenAlternative ersetzt werden, so etwa der Name eines Zimmermädchens: „wir nennen sie Mel, weil wir ihren Namen nicht aussprechen können“ (SŠ: 279). Aus imagologischer Sicht ist immer die Frage, ob die Stereotypisierungen auf der Textebene dekonstruiert oder im Gegenteil verstärkt werden, was im Fall des Romans Stasys Šaltoka im Zusammenhang mit seiner MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit diskutiert werden kann. Die sarkastischen Bemerkungen über den westlichen Konsum des Ostens, z.B. die FremdeFremdheitFremde sei nur als „exotische Lokation“ für Instagram-Bilder interessant (SŠ: 107), sollen die im Roman enthaltene Kritik an so einer begrenzten Perspektive betonen; die weitgehend zum Schweigen gebrachte Sprachen- bzw. VarietätenVarietät-Vielfalt und die Reduzierung der KommunikationKommunikation auf EnglischEnglisch/English als globale Verständigungssprache zeugen jedoch von sprachlicher und kultureller Hegemonie, wie sie auch aus der Kolonialzeit für die Region bekannt ist, und somit von gewisser Inkonsequenz des auf Überwindung von Stereotypen aufbauenden Romankonzepts.
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