Kitabı oku: «Migration|Integration|Exklusion - Eine andere deutsch-französische Geschichte des Fußballs»

Dietmar Hüser / Ansbert Baumann
Migration | Integration | Exklusion - Eine andere deutsch-französische Geschichte des Fußballs in den langen 1960er Jahren
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
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ISBN 978-3-8233-8294-2 (Print)
ISBN 978-3-8233-0151-6 (ePub)
Inhalt
Einleitung: Migration-Spielt-Fußball Fußball, Migration und Geschichtswissenschaft Sammelband, Kapitel und Beiträge Literaturverzeichnis
Fußball & Migration zeithistorisch I – Deutsch-französische Blicke„Integration. Gelingt spielend.“?Ausgangsüberlegungen und VergleichsprämissenDominante Diskurse und komplexe RealitätenMigrantenclubs und „Umwegsintegration“Bilanz und PerspektivenQuellen- und LiteraturverzeichnisIntegration und Exklusion, Eigensinn und PragmatismusIntegration durch „Kicken“: Saargemünd im März 1903Die bürgerlichen Fußballvereine als Forschungsgegenstand in transnationaler PerspektiveIm Westen viel Neues: Die Indienstnahme des Fußballsports für außersportliche Zwecke seit 1900ZusammenfassungQuellen- und LiteraturverzeichnisSport, Fußball und Migration im KohlerevierEinleitungPolnische Migration ins RuhrgebietPolnisches Vereinswesen im Revier – die ersten TurnvereineSportvereine als Vehikel von NationalisierungNo sports – die Randstellung der ArbeiterklasseNach dem „Großen Krieg“ – Der Weg der polnischen Minderheit zur AssimilationPolnische Migranten im RuhrgebietsfußballDer „Polacken- und Proletenklub“ Schalke 04Nachkrieg: Die dritte GenerationDie Zeit der ProfisDie polnische Zuwanderung ins Ruhrgebiet als IdealtypusPolen in Nord-Pas-de-Calais: Fußball und Migration im französischen KohlerevierEthnische Grenzen im SportIntegration im FußballZusammenfassung und Überlegungen zum historischen VergleichAusblick: Algerier, Marokkaner und Türken – die neue MigrationLiteraturverzeichnisWenn das lockende Angebot aus dem Ausland auf dem Tisch liegtEinführende BeobachtungenDer Fußball-Star als Idol eines expandierenden MassenspektakelsDer Pionnier ist selten gleich Prophet im eigenen LandeTreuer Ritter oder scheuer MichelVom Sporthelden der Nation zum AsylbewerberDer exotische Stadion-Gott als Dandy und WeltenbummlerFazitQuellen- und LiteraturverzeichnisDie malische Legende des französischen FußballsSalif Keïta in der westlichen PresseMali und die UdSSR in den 1960er und 1970er JahrenSowjetische Fußballdiplomatie in Afrika und in MaliSalif Keïta in der sowjetischen PresseZusammenfassungQuellen- und Literaturverzeichnis
Fußball & Migration zeithistorisch II – Europäische BlickeZwischen Ausgrenzung, Gastarbeiterpokal und IntegrationÜberblick – Fußball und Migration in Nordrhein-WestfalenGastarbeiterpokal des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS)Negative Berichterstattung, Platzprobleme und anhaltende RessentimentsZwischen Ausgrenzung und Integration – Ausblick und Zwischenfazit zur Situation der Gastarbeiter in NRW in den langen 1960er JahrenQuellen- und LiteraturverzeichnisAuswärtsspiel?Motive für die Gründung eigener Vereine und VerbandsstrukturenIntegrationsbemühungen des DFB„Entdeckung“ durch die Politik der EntsendestaatenIntegrationspotential des „Gastarbeiterfußballs“Quellen- und Literaturverzeichnis„Italienische“ Fußballvereine in Luxemburg zwischen Mythos und RealitätJeunesse Esch, „club ouvrier“ und „club d’Italiens“?Von der „Stella rossa“ zur „Alliance“, dem Verein der Spieler, „deren Namen fast alle auf i endeten“Quellen- und Literaturverzeichnis„Mit der Jugoliga hatte ich genug zu tun“Verortung der Vereine und ihrer MitgliederVereinsgründungen im Zeichen der brüderlichen Einigkeit – Kontrollen von Seiten des Jugoslawischen StaatesIm Fadenkreuz der VereinsbehördeDer MeisterschaftsbetriebFußballkontakte, internationale Gastspiele und FreundschaftsturniereFörderung durch den Betriebssport und die ArbeitersportspieleNachwirkungen bis in die Gegenwart – die zweite Generation der JugoligaQuellen- und Literaturverzeichnis
Fußball & Migration soziologisch – Deutsche und französische Blicke„In Vielfalt vereint“EinleitungFrankreich und Deutschland angesichts der Herausforderungen durch die Diversität im FußballIntegration durch den Fußball: der französische SchmelztiegelDie Diversität der ‚Multikulti‘-MannschaftenFußballer der Vielfalt: die neue Inszenierung der HerkunftDie Diversität im Fußball: Verbreitung einer Denkfigur und eines WeltbildesFazitLiteraturverzeichnisSportvereine und soziale Integration in DeutschlandEinleitungVielfalt und VielschichtigkeitSubsidiäre staatliche FörderungIntegration in und durch Sport(vereine)Argumente kleinerer ZahlenSchlussLiteraturverzeichnisDer Umgang mit VielfaltEinleitungDie „kompensatorische Diskriminierung“: ein DefinitionsversuchDie FFF oder die Verräumlichung von DiversitätDer DFB oder die Identifizierung außenstehender GruppenFazit: VergleichselementeLiteraturverzeichnisSeine Seite wählenDas umstandsbedingte Ändern der nationalen und ethnischen IdentifikationDie Moralunternehmerinnen der IntegrationDie verinnerlichte Zurückhaltungspflicht der Spielerinnen mit MigrationshintergrundFazitLiteraturverzeichnis
Autorenverzeichnis
Einleitung: Migration-Spielt-Fußball
Aktuelle Dimensionen und Perspektiven einer integrativen zeithistorischen Migrations- und Fußballforschung
Dietmar Hüser
Fast 30 Jahre sind vergangen, seit der Soziologe Stéphane Beaud und der Historiker Gérard Noiriel kritisch festhielten, angesichts der überaus geringen Anzahl an empirischen Studien über den Breitensport sei es besser, „unsere Unwissenheit über die integrativen Effekte des Fußballs auf die Migrantengruppen zuzugeben“1. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Weiterhin lässt sich ein allenfalls kursorisches Behandeln des Themas in der westeuropäischen und internationalen Historiographie feststellen, gerade auch in Deutschland und Frankreich. Weder für das eine noch für das andere Land, geschweige denn unter transnationalen Vorzeichen, kann von einem systematischen und differenzierten zeithistorischen Aufarbeiten des Verhältnisses von Arbeitsmigration und Amateursport in den langen 1960er Jahren die Rede sein. Stattdessen sind breite Lücken auszumachen, die „noch immensen Raum für zukünftige Forschung“ bieten,2 etwa was die damals gegründeten Migranten-Sportvereine und „clubs ethniques“ angeht oder auch die Ligen, in denen diese sich zeitweise in beiden Ländern organisiert hatten, um einen geregelten Spielbetrieb gewährleisten zu können. Zwar liegen mittlerweile einige fallstudienartige Beiträge zu Einzelaspekten vor, die weitaus meisten Publikationen beziehen sich allerdings weit mehr auf den Profi- als auf den Amateursport, sind eher aktualitätsorientiert als historisch dimensioniert, zudem nur ganz selten in eine deutsch-französische oder gar in eine vergleichende europäische Perspektive gerückt.3
Die folgenden einleitenden Passagen wollen in einem ersten Schritt eine kleine historiographische Zeitreise durch die letzten drei bis vier Jahrzehnte unternehmen. Ziel wird sein, die zentralen geschichtswissenschaftlichen Tendenzen im Umgang mit dem Thema Fußball bzw. Migration aufzuzeigen und vor allem den Nexus zwischen beiden Bereichen näher zu beleuchten: Wieviel Fußball steckt in der jüngeren zeithistorischen Migrationsforschung, wieviel Migration in der Geschichtsschreibung über Sport und Fußball der langen 1960er Jahre in Frankreich und Westdeutschland? Anschließend soll es in einem zweiten Schritt darum gehen, den Aufbau des vorliegenden Sammelbandes sowie der darin vereinten Artikel knapp zu präsentieren.
Fußball, Migration und Geschichtswissenschaft
Zur Geschichte des Fußballs
Die Relevanz des Sports als „a system of meaning through which we know the world“1 wird niemand mehr ernsthaft bestreiten. Die Mobilisierungskraft des modernen Sports, der sich – mit gewissen Ungleichzeitigkeiten von Land zu Land – seit den Anfängen des massenkulturellen Zeitalters um 1850 auszubilden begann und seitdem mehrere quantitative und qualitative Schübe hin zu einem planetären Phänomen und Bedeutungsfeld erfuhr, war stets gewaltig.2 Eine enorme soziale Nachfrage entstand nach sportlichem Spektakel durch Andere wie auch nach eigenem sportlichen Betätigen in allen erdenklichen Formen, vielfach geknüpft an persönliche Vorlieben, Lebensstile und Identitätsentwürfe. Und schon immer meinte und meint Sport mehr als neutrale, unschuldige, harmlose Gesten, Bewegungen und Techniken, schon immer diente und dient Sport als besonders expressive Projektionsfläche für menschliche Phantasien, Sehnsüchte und Bedürfnisse.3 Maßgebliche Trends des politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Alltags und Wandels seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat der Sport – als eine Art „individueller wie gesellschaftlicher Index der Geschichte“4 – zugleich beeinflusst und reflektiert. Im Zusammenspiel verschiedener Akteure – Sportler und Anhänger, Politiker und Funktionäre, Unternehmer und Medienmacher etc. – beschreibt Sport ein Terrain individueller wie kollektiver Weltsichten, die im öffentlichen Raum um Deutungshoheit ringen.5
Steht die Frage nach der Relevanz des modernen Sports kaum mehr zur Debatte, so stellt sich doch nach wie vor die Frage nach der Legitimität von Sportthemen für die Geschichtswissenschaft, zumindest in Deutschland und Frankreich. Über Jahre und Jahrzehnte war hier wie dort zu konstatieren, dass professionelle Historikerinnen und Historiker allem Populär- bzw. Massenkulturellen – und damit auch dem Sport, besonders dem Fußball – mit schroffer Ablehnung begegneten:6 als gehöre es „zum guten Ton des europäischen Bildungsbürgers, […] sich pejorativ […] über populäre Sportarten zu äußern“7. Von einigen wenigen sozialgeschichtlich inspirierten Beiträgen aus den späten 1970er Jahren abgesehen,8 blieb Fußballhistorie ein primär journalistisches Unterfangen.9 Anders als in Großbritannien, dem „Mutterland des modernen Fußballsports“ wie „der modernen Fußballsportgeschichtsschreibung“,10 wo das Genre schon früh „akademische Würde“ erlangte, begannen sich die Dinge im deutsch- und französischsprachigen Raum erst seit den späten 1980er Jahren zu ändern:11 sowohl was das Würdigen von Studien in der Zeitgeschichtsforschung anging, als auch im Verhältnis der Sportwissenschaften bzw. sciences et techniques des activités physiques et sportives zu den „Mutterdisziplinen“.
Die Gründe waren vielfältig. Mehr noch als zuvor eroberte damals Sport – und an vorderster Front wieder Fußball – in Spitze und Breite den Planeten. Professionalisierung und Verwissenschaftlichung, Kommerzialisierung und Medialisierung, Verdichtung und Globalisierung der Wettkämpfe traten in eine neue „Wachstumsphase“, deren Ende sich bis heute kaum absehen lässt. Zugleich vollzog sich ein weiterer markanter Schritt in die „gesamtgesellschaftliche Versportlichung“. Auch das akademische Feld wandelte sich. Das Beerben der Pioniere12 und das Einrücken einer jüngeren Generation mit geringeren Berührungsängsten auf universitäre Posten mochte eine Rolle spielen. Kaum weniger wichtig waren wissenschaftliche Paradigmenwechsel. Der „Boom des Kulturellen“ brachte eine modern(isiert)e Kulturgeschichte hervor, die Massensport und Populärkultur ernster nahm, vorbehaltsfreier erforschte und die Erkenntnispotenziale solcher Themen betonte. Neue analytische Instrumentarien halfen den Sport praxeologisch zu fassen und als ein Kulturphänomen zu verorten, das je nach Konstellation verschiedene Sinnangebote barg.13 Dass „Fußlümmelei“14 und akademische Würde kein Widerspruch waren, offenbarte spätestens der Aachener Historikertag im Jahr 2000, als es eine Sektion zur Geschichte des Fußballs erstmals in das Programm schaffte.15 In deren Zusammenfassung für den Berichtsband zum Historikertag hieß es ebenso verhalten wie vielsagend:
„Ein enormer Popularitätsgewinn hat den deutschen Fußballsport in den letzten Jahrzehnten zu einem Kulturphänomen allerersten Ranges aufsteigen lassen. Die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit der Faszinationskraft des ‚runden Leders‘ steckt allerdings erst in den Kinderschuhen, weswegen die Sektion in erster Linie erkenntnisträchtige Fragestellungen aufzeigen und erst in zweiter Linie mit gesicherten Ergebnissen aufwarten konnte.“16
Tatsächlich hat sich der fachdisziplinäre Umgang in den Folgejahren weiter normalisiert. Auch deutsche und französische Forscherinnen und Forscher schickten sich mehr und mehr an, den fußballerischen Weg vom „‚Proletensport‘ zum ‚Kulturgut‘“17, zum „objet de culture“18 kritisch zu begleiten. Und dennoch – bei allen Fortschritten – bleibt die Diskrepanz unübersehbar zwischen der Erkenntnis, Fußball sei ein mächtiges Gesellschaftsphänomen und legitimes Untersuchungsobjekt, und dem vergleichsweise spärlichen historiographischen Output.19 Manche Aspekte mögen inzwischen empirisch gut abgedeckt sein, beispielsweise der Spitzenfußball im Kontext geschichtsmächtiger internationaler Großereignisse und nationaler Sporterfolge wie das bundesrepublikanische Nachkriegs-„Wunder von Bern“ 1954 bei der Fußball-Weltmeisterschaft in der Schweiz20 oder der WM-Gewinn durch die Équipe tricolore 1998 im eigenen Land.21 Mehrere Handbücher zum deutschen wie zum französischen Fußball im 20. Jahrhundert mit unterschiedlichem thematischen und zeitlichen Fokus liegen inzwischen aus der Feder – einiger weniger – professioneller Historikerinnen und Historiker vor,22 ebenso deutsch- wie französischsprachige Überblickswerke zur Geschichte des internationalen Fußballgeschehens seit seinen Anfängen im viktorianischen England oder zur Geschichte des Weltfußballverbandes seit 1904 sowie den durch die FIFA seit 1930 organisierten Fußballweltmeisterschaften.23
Zugleich aber sind in Deutschland wie in Frankreich empirische geschichtswissenschaftliche Studien und Qualifikationsschriften, die in Fachkreisen auf eine breitere Resonanz stoßen, weiterhin begrenzt.24 Von Ansatz und Material her tatsächlich transnational dimensionierte deutsch-französische Untersuchungen, die über eine Zusammenschau von Einzelbeiträgen über das eine oder das andere Land hinausgehen,25 kommen überaus selten vor:26 Es scheint, als habe das grenzüberschreitende Engagement einiger Vorreiter der 1990er Jahre keine dauerhaften wissenschaftlichen Früchte getragen.27 Darüber hinaus sind in vielen Bereichen noch immer zahlreiche gewichtige Desiderate zu verzeichnen.28 Zu etlichen Phasen der fußballerischen Entwicklung liegen keine oder kaum Analysen vor, spezifisch regionale Ausprägungen sind – mit Ausnahme des Ruhrgebiets29 und vereinzelter Beiträge in Form von Clubgeschichten – häufig unterbelichtet; ebenso – den zuletzt greifbaren Fortschritten zum Trotz30 – der Frauenfußball in beiden Ländern, erst recht der gesamte Amateursektor sowie die sozialen und kulturellen Praktiken des Fußballspielens und des Fußballkonsumierens.31 Besonders eklatant mangelt es an quellengesättigten medien- und kommunikations-, an stadt- und regional-, an gesellschafts-, kultur- und emotionsgeschichtlich perspektivierten Studien sowie an offenen, integrativen und interdisziplinären Forschungsdesigns. Dies gilt auch für den Bereich „Amateurfußball und Arbeitsmigration“, auf dessen weiterhin mäßigen Forschungsstand noch zurückzukommen sein wird.
Zur Geschichte der Migration
Was die Geschichte der Migration angeht, gibt es – ähnlich wie im Bereich des Sports – sowohl in Frankreich als auch in Westdeutschland seit den 1980er Jahren deutlich zunehmende Interessenschwerpunkte und Forschungsaktivitäten zu verzeichnen, die sich in zahlreichen Einzelstudien, Sammelbänden, Themenheften wissenschaftlicher Zeitschriften oder auch Ausstellungskatalogen niederschlugen. Hier wie dort sparten die frühen Synthesen damals nicht mit Hinweisen, den aktuellen Beiträgen zu Einwanderung, Ausländerbeschäftigung und „Gastarbeiterfrage“ fehle noch „die historische Perspektive in der Regel ganz“32, doch nun endlich würde „l'histoire de l'immigration comme un problème digne de la recherche“33 angesehen. Daraus haben sich seit den 1990er Jahren europaweit und kontinuierlich breite Forschungsströme mit neuen Ansätzen und Paradigmen entwickelt, die mit lange verbreiteten begrifflichen Ungenauigkeiten und etlichen überkommenen Fehleinschätzungen aufgeräumt haben,34 um dann wiederum als Grundlage substantieller Überblickswerke und jüngerer Handbücher zu dienen.35 Mittlerweile gilt es als ausgemacht, dass zeithistorische Migrationsforschung sich als eine feste Größe im geschichtswissenschaftlichen Themenkanon etabliert hat.36
Deutlich mehr als beim Erforschen des modernen Sports ging der Aufschwung der Migrationsgeschichte in der Bundesrepublik und Frankreich einher mit beträchtlicher Neugier für das, was sich auf der jeweils anderen Seite der deutschen bzw. französischen Grenze abspielte. Bereits in den frühen 1990er Jahren gab es einen regen wissenschaftlichen Austausch und erste Monographien,37 manchen Beobachtern*innen galten damals Immigrations- und Integrationsfragen als „un sujet privilégié de comparaison entre l'Allemagne et la France“38. Komparatistische Anknüpfungspunkte boten zumeist die offensichtlichen Unterschiede in den nationalen Migrationsgeschichten des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die divergierenden Selbstverständnisse, die sich daraus ergaben: Frankreichs lange Tradition als Einwanderungsland, das die Bundesrepublik – aller gesellschaftlichen Realität zum Trotz – zumindest regierungsamtlich bis in die 1980er Jahre hinein nicht sein wollte.39 Dagegen meinte Immigration im französischen Fall spätestens seit dem Durchsetzen der Dritten Republik in den 1880er Jahren stets ein eminent politisches Projekt, konkret das zivilisatorisch-assimilatorisch angehauchte Integrationskonzept einer republikanischen Nation, das Menschen aus anderen Ländern und Kontinenten über kurz oder lang zu „guten“ Franzosen und überzeugten Republikanern machen sollte.
Deutsch-französische Vergleichsmomente blieben in der aktualitätsorientierten wie zeithistorischen Migrationsforschung der Folgezeit stets präsent,40 weiterhin häufig verbunden mit der Frage nach wechselseitigen Lehren, die sich möglicherweise aus den respektiven Erfahrungen ziehen lassen.41 Ein solcher Fokus hilft erklären, weshalb Studien in beiden Ländern oftmals besonders auf Einwanderungstraditionen und Integrationsmodelle abheben, auf Staatsbürgerschaftsrecht und politische, gesetzliche wie administrative Regelungen im Umgang mit Migranten*innengruppen, auf die Rolle intermediärer Instanzen wie Wohlfahrtsverbände und Kirchen, auf soziales und / oder ethnisches Ausgrenzen und Diskriminieren durch „mehrheitsgesellschaftliche“ Akteure, zuletzt vermehrt auf Flucht- und Migrationsbewegungen im globalen Maßstab. Die „fracture coloniale“, der Nexus zwischen kolonialhistorischer Vergangenheit und dem Umgang mit Migranten*innen aus Kolonialkontexten, macht einen weiteren Themenbereich aus, dem zumindest in Frankreich schon lange hohes Gewicht zukommt.42 Dies gilt auch für migrationsgeprägte populärkulturelle Ausdrucksformen, die seit Jahrzehnten dank landesweit erfolgreicher und weit über den Kreis der Einwanderer*innengruppen hinaus rezipierter Produktionen und Praktiken für Aufsehen gesorgt haben: etwa in der nationalen Musik- oder Literaturszene, im modernen Tanz-, im Film- oder Theaterbetrieb.43
Dagegen sind andere denkbare Arbeitsfelder besonders für den deutschen Fall bislang kaum erforscht. Dazu zählen beispielsweise die Beschäftigungsbedingungen von Migranten*innen und deren Akkomodationsstrategien am Arbeitsplatz, mehr noch die konkreten Lebensumstände und Alltagspraktiken, die genutzten Kontaktforen und Kommunikationsformen. Noch weniger wissen wir über das Freizeitverhalten eingewanderter Männer, Frauen und Kinder aus süd- und südosteuropäischen Herkunftsräumen, das sich selbst in dickleibigen monographischen Abhandlungen oder einschlägigen Aufsatzsammlungen allenfalls ganz am Rande behandelt findet. Nach wie vor gilt dies tendenziell auch für fußballerisches Betätigen der Zuwanderer in den europäischen Aufnahmeländern der langen 1960er Jahre, erst recht für die möglichen Folgen dieser sportlichen Aktivitäten selbst wie auch damit verbundener Beheimatungs- und Integrationsprozesse.
Zur Geschichte von Fußball und Migration
Ein Zusammendenken der Bereiche Fußball und Migration fördert weitere historiographische Ähnlichkeiten wie auch etliche Abweichungen zwischen Deutschland und Frankreich zutage. Grundsätzlich unterstreicht ein Blick in Handbücher beider wie auch anderer Länder, dass Migrations- und Fußballgeschichte eher selten wechselseitig aufeinander bezogen sind und das wissenschaftliche Erkenntnispotenzial, das einem engeren Koppeln der Themenfelder innewohnt, vielfach übersehen wird.44 Selbst migrationshistorische Synthesen jüngeren Datums, die doch Einsichten in diachrone und synchrone Zusammenhänge generieren sollen, lassen kaum einmal Raum für freizeitliche, sportliche und fußballerische Aktivitäten von Eingewanderten in den Aufnahmeräumen. Dies gilt für länderübergreifende Überblickswerke – auch für Aufsatzsammlungen – im europäischen wie weltweiten Maßstab,45 aber auch für Darstellungen der letzten Jahre, die sich mit Immigration und Integration vornehmlich aus einer nationalen, deutschen oder französischen Perspektive beschäftigen.46 Das über 460 Seiten umfassende „Lexikon der Einwanderung in Frankreich“ kennt keinen Eintrag „Sport“ oder „Fußball“.47 Ganz ähnlich stellt sich die Situation in quellengesättigten migrationshistorischen Qualifikationsarbeiten dar, die das Freizeitverhalten von Arbeitsmigranten verglichen mit den Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz oder mit der Wohnsituation bestenfalls marginal und konkrete sportliche Aktivitäten überhaupt nicht betrachten.48 Wiederum ergibt sich ein vergleichbarer Befund bei entsprechenden französischen Untersuchungen; Ausnahmen bestätigen die Regel.49
Was die sporthistorische Seite der Medaille anbelangt, so lässt sich kein einheitliches Bild zeichnen. Einerseits sind überblicksartige Handbücher und Sammelbände in Deutschland wie in Frankreich zumeist wenig migrationsorientiert.50 Ähnliches gilt es für breiter angelegte populärwissenschaftliche Bücher zur Sport- und Fußballgeschichte zu vermelden.51 Ebenfalls in dieselbe Richtung weisen einschlägige Veröffentlichungen der nationalen Fußballverbände anlässlich anstehender Jubiläen: Aktive aus Migrationskontexten spielen darin weder im Spitzensport noch im Breitensport eine Rolle.52 Und selbst der lesenswerten FIFA-Festschrift, publiziert zum 100-jährigen Bestehen der Organisation und verfasst von vier ausgewiesenen Fachhistorikern, für die der Weltfußballverband erstmals die sonst verschlossenen Tore seiner Archive geöffnet hatte, fehlt ein eigenes Kapitel zum Thema Fußball und Migration: Es wird lediglich gestreift in den Passagen zu internationalen Spielertransfers und fußballerischer Entwicklungspolitik der FIFA;53 auf einen systematischen Zugriff, um Verbindungen und Kausalitäten aufzuzeigen, wird freilich verzichtet. Andererseits liegen durchaus Synthesen vor, die einen solchen Zugriff für wichtig genug halten, um daraus innerhalb einer fußballhistorischen Gesamtdarstellung einen roten Faden neben anderen zu spinnen.54 Allemal befindet sich aktuell mehr Migration in der zeithistorischen Sportforschung als Sport in der Migrationsforschung. Dies allerdings – wie ein abschließender Blick auf Publikationen offenbart, die von vornherein die Dialektik von Fußball und Migration fokussieren – mit gewissen deutsch-französischen Asymmetrien und Ungleichzeitigkeiten.
Zwar wird seit Jahren auch in der deutschen Zeitgeschichte dazu geforscht,55 deutlich länger allerdings werden in Frankreich die Wechselwirkungen von Sport und Migration breiter thematisiert,56 angeregt nicht zuletzt durch die zeitlich wesentlich früher einsetzende und quantitativ deutlich höhere Präsenz von Fußballspielern mit Migrationshintergrund auf allen Ebenen des dortigen Spielbetriebs wie auch im früher etablierten Profibereich.57 Der Hype um den WM-Sieg 1998 und seine – auch in Deutschland58 – dominante Interpretation als Erfolg einer „France au pluriel“ taten ein Übriges, um die Dynamik zu verstärken.59 „Frankreich im Plural“: Das meinte die kreativ-konstruktive Zusammenarbeit von Nationalspielern, deren Namen und Geburtsorte sich fast ausnahmslos wie Familienbücher regionaler oder ethnischer Minderheiten aus Migrationskontexten lasen. Selbst die krachenden fußballerischen Bruchlandungen bei der Folge-WM 2002 in Südkorea und Japan bzw. der WM 2010 in Südafrika, die in manchen öffentlichen Debatten die multikulturellen Heroen der Vorjahre zu „Verrätern an der nationalen Sache“60 degradierte, vermochte es nicht, den Trend zeithistorischer Debatten über Profisport als „reflet des vagues migratoires“61 wieder zu bremsen. Auch für den Amateurfußball lässt sich neuerdings auf einige fallstudienartige, häufig regionalhistorisch dimensionierte Beiträge in Sammelbänden zurückgreifen, die zumeist die Selbstsicht italienischer, spanischer, portugiesischer, algerischer, marokkanischer oder anderer nationaler Migrantengruppen in der französischen Aufnahmegesellschaft und Breitensportwelt widerspiegeln;62 vielfach beruhen solche Artikel auf voluminösen, häufig geschichts- oder sportwissenschaftlichen Dissertationen, die teils veröffentlicht,63 teils wegen fehlender Publikationspflicht in Frankreich nur schwer zugänglich sind.64
Zudem schlägt sich dort der Nexus von Fußball und Migration dank seiner zentralstaatlich-musealen Verankerung durch die Cité nationale de l'histoire de l'immigration, seit 2012 Musée de l'histoire de l'immigration, in entsprechenden Ausstellungen wie „Allez la France! – Football et immigration“ nieder.65 Auf deutscher Seite dagegen fanden bislang migrationsbezogene Aspekte selbst bei publikumsträchtigen Museumsevents zur Geschichte des Fußballsports oder der Fußballweltmeisterschaften kaum einmal Berücksichtigung.66 Ausnahmen bildeten die Landesausstellung in Stuttgart vom Sommer 2010, in der zumindest ein Exponat die fußballerischen Aktivitäten der „Gastarbeiter“ dokumentiert hat, sowie zuletzt die Ausstellung zur Geschichte von Fußball und Migration im Ruhrgebiet am Standort der Bochumer Zeche Hannover des LWL-Industriemuseums. Dort ließ sich 2015 auch der 1966 von der Landesregierung gestiftete „NRW-Pokal für Gastarbeitermannschaften“ bewundern, den 1970 die Spieler des griechischen FC Fortuna Dortmund im Schwelgernstadion im Duisburger Stadtteil Marxloh errungen hatten.67 Unterschiede zeigen sich nicht allein in Katalogen zur Fußball-, sondern auch zur Migrationsgeschichte: Während in Begleitbänden zu „Gastarbeitern“ Fußballmaterien selbst in den Passagen ausgespart bleiben, in denen es um Lebensalltag und Freizeitverhalten geht,68 gehören Rubriken zu Sport und Migration – ebenso wie zu diversen populären Künsten aus Migrationskontexten – auf französischer Seite schon länger zum Standardrepertoire entsprechender Publikationen.69
Zeithistorisches Zwischenfazit
Bilanzierend lässt sich nicht nur für die internationale, sondern auch für die deutsch-französische Forschungslandschaft zu Sport bzw. Fußball und Migration festhalten, dass zum einen seit etlichen Jahren „promising signs of a rise of interest in the topic“ aufscheinen und dass zum anderen – in der Summe – „historians have contributed relatively little to the considerable scholarship that now exists on the migration of footballers“.70 Tatsächlich nimmt sich der historiographische Output verglichen mit Publikationen aktualitätsorientierter Disziplinen eher bescheiden aus. Beispielsweise setzen sich nunmehr diverse Beiträge mit den jüngeren Entwicklungen im Bereich ethnischer Sport- und Fußballvereine auseinander, und dies in Deutschland wie in Frankreich.71 Insgesamt sind in den vergangenen Jahren unter nationalen Vorzeichen zahlreiche sozialwissenschaftliche Untersuchungen und Sammelbände zu Fußball und Migration erschienen, ebenso Beiträge unter europäischen und deutsch-französischen Prämissen, die zuletzt verstärkt nach den Konsequenzen grenzüberschreitender fußballerischer Wanderungsprozesse für die Europäische Integration und eine „Europäisierung Europas“ gefragt haben.72
Was die positiven Trends vermehrten zeithistorischen Interesses für Fußball und Migration angeht, so sind zumindest drei Spezifika hervorzuheben, die den deutsch-französischen Fokus auf fußballspielende Arbeitsmigranten der langen 1960er Jahre im vorliegenden Sammelband als ganz besonderes Desiderat erscheinen lassen. Erstens meint Fußball und Migration in der Zeitgeschichte fast durchgängig Profifußball und Migration. In beiden Ländern – wie auch europäisch dimensioniert73 – geht es um Spitzensport und Spieler- bzw. Trainertransfers über nationale oder kontinentale Grenzen hinweg,74 wobei professionellen Fußballmigranten aus den früheren Kolonialgebieten spezielle Aufmerksamkeit gewidmet wird.75 Der gesamte Bereich des Breitensports und damit das Gros der Eingewanderten, die zu Tausenden freizeitlich Fußball oder andere Sportarten in unterschiedlichsten Konstellationen praktizierten, bleiben in der Regel außen vor.76
Zweitens behandeln die meisten historischen Analysen zu Fußball und Migration andere Phasen als die langen 1960er Jahre und andere Gruppen als die süd- und südosteuropäischen Migranten, die damals in nördlicher gelegenen Regionen Europas die Arbeitsmärkte unterfütterten. Einen offensichtlichen Schwerpunkt der Forschung bildet schon länger die erste Nachweltkriegszeit: nicht zuletzt, um zu verdeutlichen, dass es sich bei fußballerischer Migration weder um ein rezentes Phänomen und einen linearen Prozess handelt, dass die frühen kontinentaleuropäischen Vereine im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts überaus kosmopolitisch angehaucht waren und dass die Nationalisierungstrends vor und nach 1918 fortwährenden Transferpraktiken dem mehr und mehr boomenden Fußballgeschäft keinen Abbruch taten.77 Im deutschen Fall konzentrieren sich die Untersuchungen vor 1945 zudem auf bestimmte Zuwanderer in bestimmten Räumen, allen voran auf die masurenstämmigen Fußballer im Ruhrgebiet und beim FC Schalke 04,78 die vornehmlich in den drei Jahrzehnten nach 1880 aus dem südlichen Ostpreußen ins Revier gekommen waren, um in der florierenden Eisen- und Stahlindustrie sowie im Bergbau zu arbeiten.79 Deren „emotionale Seßhaftwerdung in der neuen Heimat“80 lässt sich freilich kaum allein über die Schalker Erfolge seit Mitte der 1920er Jahre erklären.
Drittens vollzieht sich Sport- und Fußball- wie auch Migrationsgeschichtsschreibung weiterhin primär unter nationalen Auspizien. Zwar sind beachtliche Fortschritte transnational dimensionierter Ansätze offensichtlich, die breite Mehrheit der Studien, die Fußball und Migration zusammendenken, bewegt sich freilich nicht in solchen „Mesoräumen“81. Eher schon thematisiert werden die Verhältnisse in den Aufnahmegesellschaften, die sich angesichts spezifischer Traditionen und Selbstbilder, Rahmungen und Praktiken unterschiedlich ausprägen können und eher in körperlich und sinnlich erfahrbaren „Makro-“ bzw. „Mikroräumen“ alltäglicher Lebenszusammenhänge zu greifen und analysieren sind.82
Kurzum: Trotz des mehr als offensichtlichen Erkenntnispotenzials bilden Abhandlungen über migrantischen Sport und Fußball der langen 1960er Jahre bislang keinen Schwerpunkt der zeithistorischen Forschung, erst recht nicht unter deutsch-französischen oder europäischen Vergleichsgesichtspunkten.83 Gerade in dieser Perspektive sollen und wollen deshalb die folgenden Beiträge die hohe Relevanz einschlägiger Untersuchungen darlegen, zentrale Leitfragen formulieren und die wenigen bisherigen Erkenntnisse knapp umreißen, um damit erste Pflöcke einzuschlagen in ein transnationales Themenfeld mit Zukunft.
Sammelband, Kapitel und Beiträge
Auf den noch immer gültigen Tatbestand kaum existierender zeithistorischer Forschungen über fußballerische Aktivitäten von süd- und südosteuropäischen Arbeitsmigranten der langen 1960er Jahre in transnationaler deutsch-französischer Perspektive geht ein laufendes Saarbrücker DFG-Postdoc-Projekt zurück;1 ebenso die internationale wie interdisziplinäre Tagung „Migration│Integration│Exklusion – Spannungsfelder einer deutsch-französischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Fußballs in den langen 1960er Jahren“, die vom 4. bis zum 6. Juli 2018 im Graduate Centre der Universität des Saarlandes stattgefunden und als Grundlage der vorliegenden Aufsatzsammlung gedient hat.2
Ziel war es, die aktuellen öffentlichen und fußballinternen Debatten zu Fußball und Migration zu historisieren, um auf der Folie gesellschafts- und kulturgeschichtlicher Rahmungen strukturelle Integrationspotentiale und Exklusionsrisiken fußballerischer Praktiken im Amateur- wie Profi-Bereich für die langen 1960er Jahre herauszuarbeiten. Die schriftlichen Fassungen der damaligen Vorträge – ergänzt um einen zusätzlichen einschlägigen Artikel – haben Eingang in die vorliegende Aufsatzsammlung gefunden und sind auf drei Kapitel verteilt. Die ersten beiden Kapitel konzentrieren sich weitgehend auf die langen 1960er Jahre und beleuchten den Kernzeitraum des Bandes zunächst unter deutsch-französischen Vergleichsprämissen, dann eher als Einzelländeranalysen zu Westdeutschland, Luxemburg und Österreich; das dritte Kapitel greift Fußball und Migration aktualitätsorientierter, vornehmlich aus sozialwissenschaftlicher Sicht auf und legt den räumlichen Fokus wieder primär auf den deutschen bzw. französischen Fall.
Fußball & Migration zeithistorisch I – Deutsch-französische Blicke
Im ersten zeitgeschichtlich dimensionierten Kapitel „Deutsch-französische Blicke“ unterstreicht Dietmar Hüser (Saarbrücken) noch einmal den Mangel an transnationalen empirischen Studien zur Rolle freizeitkultureller und fußballerischer Betätigung für die Integration von Arbeitsmigranten im Frankreich und Westdeutschland der langen 1960er Jahre. Aus den jeweils nationalen fußball- und migrationshistorischen Forschungsansätzen, die überhaupt zur Thematik vorliegen, filtert der Artikel erste Erkenntnisse heraus und rückt diese in eine vergleichsgeschichtliche Perspektive. Dabei zeigen sich bereits deutlich mehr deutsch-französische Ähnlichkeiten in den Chancen und Schranken, die migrantisches Fußballspielen und Vereinsleben vor Ort für mögliche Integrationsprozesse mit sich brachte, als dies Divergenzen in respektiven Einwanderungstraditionen, Gelegenheitsstrukturen und politisch-kulturellen Kontexten suggerieren. Anders als Politik- und Verbandskreise gern verlauten lassen war Integration durch Sport in beiden Ländern ein komplexer, ein vielfach indirekter – und weniger durch die Praktiken als solche angeregter – Prozess, den ein meist vorübergehendes Spielen in „Migrantenclubs“ weniger behindert als befördert hat und dessen Verlauf stark von den mehrheitsgesellschaftlichen Kontexten abhingen.
Mit der Gründungsgeschichte bürgerlicher Fußballvereine und dem Inszenierungspotential des Ballsports im saarländisch-lothringischen Grenzgebiet vor und nach dem Ersten Weltkrieg beschäftigt sich Bernd Reichelt (Ulm) in seinem Beitrag. Schon damals hat sich Reichelt zufolge der Fußball auf die Gesamtgesellschaft ausgewirkt und – statt integrativ zu wirken – bestehende Spaltungen tendenziell verfestigt: Einerseits hat der Wechsel des territorialen Status und der nationalstaatlichen Zugehörigkeit in den Grenzregionen auch die etablierten fußballerischen Strukturen radikal in Frage gestellt, andererseits blieb die transnationale Kontaktpflege ganz eng an die politischen Konjunkturen zwischen Paris und Berlin geknüpft. Gezeigt wird, wie das Auf und Ab im Spielverkehr von saarländischen und französischen Teams in den 1920er und frühen 1930er Jahren auch eine Chiffre für die deutsch-französischen Beziehungen auf diplomatischer Ebene bildete.
Ebenfalls auf der regionalen Ebene, anhand eines Vergleichs zwischen dem Ruhrgebiet und dem nordfranzösischen Kohlerevier untersucht Diethelm Blecking (Freiburg) in seinem Artikel transnationale Zusammenhänge von Fußball und Migration. Er zeigt auf, dass sich in beiden Ländern die gleiche – wenn auch zeitversetzte – Entwicklung vollzogen hat, zu deren Beginn Fußball erst als Vehikel ethnischer Abgrenzung diente und Integration in die Mehrheitsgesellschaft eher hemmte als förderte. Hier wie dort waren dann für die späteren Integrationsprozesse der „Migrantenkinder“ nicht Faktoren wie nationale Herkunft oder religiöse Zugehörigkeit bestimmend gewesen, sondern die spezifischen sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen, die vielfach eine weitgehende Assimilierung generiert haben: bis hin zu Namensänderungen wie etwa bei Raymond Kopa(szewski), der von 1957 bis 1959 mit Real Madrid dreimal den Europapokal der Landesmeister gewann und 1958 den ballon d'or als bester Fußballer Europas erhielt.
Mit der Presseberichterstattung über internationale Fußballtransfers in den 1950er und 1960er Jahren befasst sich der Beitrag von Jean-Christophe Meyer (Strasbourg): eine Zeit, als einerseits das Spiel in den Medien mehr und mehr Aufmerksamkeit erfuhr, andererseits die Sportstars die Medien als geeignetes Mittel zur persönlichen Selbstvermarktung entdeckten. Bei den quantitativ deutlich zunehmenden Reportagen über internationale Transfers fällt Meyer zufolge besonders auf, dass bei aller Faszination für die Weltläufigkeit der Spitzenfußballer die negativen Assoziationen dominierten: Während Journalisten dauerhafte Vereinstreue trotz internationaler Angebote – wie bei HSV-Mittelstürmer und Nationalmannschaftskapitän Uwe Seeler – mit hochgradiger Anerkennung und Popularität belohnten, sahen sich Spieler, die aus Karriere- oder Verdienstgründen zu Auslandsclubs wechselten, häufig dem Vorwurf ausgesetzt, „sportliche Legionäre“ zu sein.
Die transnationale Geschichte des malischen Spielers Salif Keïta analysiert Alexander Friedman (Saarbrücken) in seinem Aufsatz. Salif Keïta war Afrikas Fußballer des Jahres im Jahre 1970 und absolvierte in den späten 1960er und 1970er Jahren eine überaus erfolgreiche Karriere in verschiedenen europäischen Ländern und Ligen: in Frankreich, in Spanien oder auch in Portugal. Einen besonderen Fokus legt Alexander Friedman im Fall Keïta auf die Wechselwirkungen von Sport und Politik sowie auf die Wahrnehmung und Instrumentalisierung des Starstürmers in der Sowjetunion, nachdem sich das Verhältnis zum Bruderstaat Mali, der seit seiner Unabhängigkeit einen streng sozialistischen Kurs verfolgte, durch einen Militärputsch im November 1968 beträchtlich verkompliziert hatte.
Fußball & Migration zeithistorisch II – Europäische Blicke
Im zweiten zeithistorisch ausgerichteten Kapitel „Europäische Blicke“ betrachtet zunächst Ole Merkel (Bochum) den nordrhein-westfälischen „Gastarbeiterpokal“ zwischen 1966 und 1972, den Arbeits- und Sozialminister Konrad Grundmann mit der Absicht gestiftet hatte, ausländischen Arbeitnehmern die Anpassung an bundesdeutsche Lebensverhältnisse zu erleichtern. In Presseberichten zum Pokalwettbewerb, dessen Organisation dem Westdeutschen Fußballverband oblag, hat freilich – wie sich zeigen lässt – ein eher abwertend-negativer Unterton dominiert, der kaum mit den realen Vorkommnissen übereinstimmte. Ole Merkel zufolge hat es am guten Willen der NRW-Politik jener Jahre nicht gemangelt: Oftmals aber scheiterte dessen praktische Umsetzung innerhalb der Fußballverbände oder an kommunalen Entscheidungsträgern, die andere Prioritäten setzten und Anfragen ausländischer Mannschaften, vor Ort einen Platz für Training und Spiele zu bekommen, immer wieder dilatorisch behandelt oder abgewiesen haben.
Mit dem bundesdeutschen Gastarbeiterfußball der langen 1960er Jahre beschäftigt sich Ansbert Baumann (Saarbrücken) und verweist auf dessen beachtliche Eigenständigkeit. Es wird deutlich, dass die Gründungsinitiativen der ersten Vereine stets von den Arbeitsmigranten selbst ausgegangen sind und sich speziell im baden-württembergischen Raum ein hoher Organisationsgrad entwickelt hat: Allein dort entstanden zwischen 1961 und 1971 ein griechischer, ein türkischer, ein italienischer, ein spanischer, ein portugiesischer und ein jugoslawischer Fußballverband mit jeweils regelmäßigem Spielbetrieb. Laut Baumann hat der DFB die autonomen Entwicklungen provisorisch akzeptiert und sich erst später – als Mitte der 1960er Jahre die Vorstellung einer baldigen Rückkehr in die Heimat für einen Teil der Zugewanderten kaum mehr der Realität entsprach – zu einem verbandspolitischen Nachdenken über mögliche Integrationsmaßnahmen aufgerafft. Etliche solcher Bemühungen trafen allerdings auf Widerstände der „Großen Politik“ in den um Einfluss ringenden Entsendestaaten. Bilanzierend lässt sich Ansbert Baumann zufolge festhalten, dass der Fußball zunächst eher segregierend gewirkt, längerfristig aber eine integrative Eigendynamik entwickelt hat: Faktoren wie das Schiedsrichterwesen, die Jugendarbeit und die mit dem Spielbetrieb einhergehende Erlebnisdimensionen haben zu einem wachsenden emotionalen Beheimaten im regionalen und sozialen Umfeld der „Gastarbeiter“-Spieler beigetragen.
Die Gründungsmythen und tatsächlichen Exklusions- und Inklusionsmechanismen „italienischer“ Fußballvereine in Luxemburg betrachten Jean Ketter und Denis Scuto (Luxemburg) in ihrem Aufsatz. Anhand der Beispiele von Jeunesse Esch und Alliance Dudelange dekonstruieren sie den vermeintlich italienischen Einfluss bei der Gründung luxemburgischer Fußballvereine als Mythos: Zwar sind in den Arbeitervereinen schon in der Frühphase italienischstämmige Spieler vertreten gewesen, eine federführende Rolle spielten diese aber erst in den 1960er und 1970er Jahren. In einer Langzeitperspektive lässt sich konstatieren, dass Migranten*innen aus Italien in Luxemburg heute häufig als Inbegriff gelungener Integration gelten, während die in den 1970er Jahren einsetzende portugiesische Zuwanderung eher als problembehaftet wahrgenommen wird, was sich auch in der Reputation der jeweiligen Fußballvereine widerspiegelt oder am langen Zögern des luxemburgischen Fußballverbandes, portugiesische Vereine in den regulären Spielbetrieb zu integrieren.
Schließlich stellt Andreas Praher (Salzburg) mit der Salzburger „Jugoliga“ den exemplarischen Fall eines mono-ethnischen Spielbetriebs in Österreich vor: Hintergrund war der Abschluss des Anwerbeabkommens mit Jugoslawien 1966. Das Bundesland Salzburg entwickelte sich zu einem beliebten Zuzugsraum für Migranten*innen aus Jugoslawien, die 1973 etwa ein Fünftel der dortigen Arbeitskräfte ausmachten. Jugoslawische Clubs wie Arena Grödig haben sich seit 1970 gegründet und sich Andreas Praher zufolge bei der Namensgebung an Teams in der Heimat angelehnt oder an die dortige Herkunftsregion: Entsprechend eng blieben die grenzüberschreitenden Fußballkontakte. Ersichtlich wird besonders die starke Präsenz und der Einfluss des jugoslawischen Staates, der auf fortwährende Heimatbindung setzte, den Spielbetrieb mitfinanzierte, zugleich kontrollierte, ob die Vereine im Sinne des Titoismus ethnisch durchmischt waren oder ob an nationalen Feiertagen auch sportliche Wettkämpfe stattfanden: Ein wichtiger Grund, der erklärt, warum die „Jugoligen“ nie in den österreichischen Fußballverband eingegliedert worden und heute aus dem kollektiven Gedächtnis nahezu verschwunden sind.
Fußball & Migration soziologisch – Deutsche und französische Blicke
Im dritten, weniger zeithistorisch als sozialwissenschaftlich orientierten Kapitel bietet zunächst William Gasparini (Strasbourg) Einblicke in die möglichen integrativen und exklusiven Effekte des Profifußballs. Beispielhaft wird die Équipe Tricolore angeführt, die gemessen an den anderen Nationalmannschaften die höchste Dichte an Spielern mit Migrationshintergrund aufweist; als eine Art effet de réel nach Roland Barthes wird deshalb Gasparini zufolge die französische Gesellschaft – auch dank der hohen Präsenz des Fußballs in den französischen Medien – noch stärker als Migrationsgesellschaft wahrgenommen. Dabei wird deutlich, dass sich je nach Blickwinkel der (Profi-)Fußball verschieden interpretieren lässt: als Sport der Arbeiterklasse, als Ergebnis der kolonialen Vergangenheit, als Beleg für gesellschaftliches Versagen oder für eine gelungene Integration. Laut Gasparini bedient damit der Fußball eine – im Bourdieuschen Sinne – mentale Disposition, die unbewusste Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata bedingt: Nationalmannschaften können vor diesem Hintergrund sowohl zum Symbol gelungener Integration stilisiert wie auch als Zielscheibe rassistischer Anfeindungen missbraucht werden.
Sebastian Braun (Berlin) beschäftigt sich in seinem Beitrag aus sportsoziologischer Warte mit der Relevanz deutscher Sportvereine für Integrationsprozesse von Menschen mit Migrationshintergrund. Nach einführenden Bemerkungen zu den vielen staatlich geförderten und verbandspolitisch umgesetzten Programmen der letzten Jahrzehnte folgen Ausführungen zur Rolle der Vereine. Dabei unterscheidet Braun zwei grundlegende Ebenen: erstens die Binnenintegration innerhalb von Vereinsstrukturen („Integration in den Sport“) und zweitens außenintegrative Effekte der Sportclubs („Integration durch den Sport“). Während Aspekte der Binnenintegration mit Blick auf das Vereinsleben und das damit verknüpfte soziale Miteinander relativ leicht zu greifen seien, lasse sich die externe Wirkung – sprich: das „übersportliche“ Zusammenwachsen von Menschen verschiedener Herkunft durch gezielt öffentlich geförderten Sport als „Gesellschaftskitt“ – weitaus schwieriger messen. Stets zu berücksichtigen seien dabei Faktoren wie soziale Ungleichheit oder auch subtile Schließungsmechanismen formal offener Vereine. Über „Spill-over-Effekte“, die sich an die Idee von „Integration durch den Sport“ knüpfen und entsprechende Integrationsleistungen auf andere Handlungskontexte wie Schule oder Beruf übertragen sollen, kann deshalb, so Sebastian Braun, bisher nur wenig empirisch Belastbares gesagt werden.
Den Fragen, welche Formen von Integrationsverständnis und Integrationspolitik in Deutschland und in Frankreich vorherrschen und wie ähnlich bzw. wie unterschiedlich die nationalen Fußballverbände – die Fédération Française de Football (FFF) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) – mit Diversität im Spitzen- wie im Amateurfußball umgehen, widmet sich der Beitrag von Pierre Weiss (Luxemburg). Herausgearbeitet wird ein Schema, das sich über mehrere Vergleichsachsen definiert und das für den französischen Fall eine primär räumliche Dimension im Umgang mit Fußballspielenden aus Migrationskontexten hervorhebt, für den deutschen Fall eher eine soziale Dimension, die unmittelbare Maßnahmen im Sinne „kompensatorischer Diskriminierung“ umfasst. Der Artikel setzt sich mit den Vor- und Nachteilen beider Ansätze auseinander, betont aber zugleich, dass letztlich nur dominante Trends zu erfassen sind, die kaum die tatsächliche Komplexität der Gegebenheiten widerspiegeln. Eine Gemeinsamkeit im Vorgehen der Fußballverbände sieht Pierre Weiss in der Grundsatzentscheidung, einen nachdrücklichen Kampf gegen Diskriminierungen zu führen, anstatt eine Politik der Repräsentation ethnischer Gruppen zu betreiben.
Vor dem Hintergrund dominanter Gender-Ansätze im Erforschen des Frauenfußballs macht Camille Martin (Lyon) im abschließenden Aufsatz darauf aufmerksam, dass solche Analysen vielfach von gesellschaftlich und ethnisch homogenen Gruppen ausgehen, ohne die Differenzkategorien soziale Klasse und kulturelle Herkunft mit einzubeziehen. Dabei hat es wegen der relativ geringen Anzahl an Frauenfußballteams eine hohe Wahrscheinlichkeit, sozial wie ethnisch recht gemischte Gruppen vorzufinden, die sich gemeinsam für ein sportliches Ziel einsetzen. Auf der Basis eigener Einsichten, gewonnen aus der Praxis teilnehmender Beobachtung in einem Verein aus dem Großraum Paris, kann Camille Martin komplexe, ambivalente und stark situationsabhängige Verhaltens- und Kommunikationsmuster der Fußballerinen untereinander anschaulich dokumentieren: Je nachdem, ob sich diese sich im Gesamtteam oder in Untergruppen bewegen, können die Diskurse sowohl der „weißen“ als auch der „migrantischen“ Spielerinnen stark variieren: zwischen xenophob angehauchten und anti-rassistischen Konnotationen auf der einen Seite, zwischen national-französischen und herkunftsbezogenen Identifikationen auf der anderen Seite.
Kontexte und Danksagungen
Wie bereits erwähnt gehen die folgenden Artikel bis auf den Beitrag von Camille Martin auf die Saarbrücker Tagung „Migration│Integration│Exklusion – Spannungsfelder einer deutsch-französischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Fußballs in den langen 1960er Jahren“ im Juli 2018 zurück. In der Hoffnung, dass das Ergebnis allseits zufrieden stimmt, sei zunächst den Autorinnen und Autoren ganz herzlich gedankt, die vor eineinhalb Jahren den Weg an die Saar gefunden, im Rahmen der Veranstaltung einen Vortrag gehalten und später eine ausgearbeitete schriftliche Version zu Publikationszwecken abgeliefert haben. Weiterer Dank gebührt etlichen anderen Personen, die – wie Franz-Josef Brüggemeier (Freiburg) – zum wissenschaftlichen Gelingen der Tagung durch substanzielle Debattenbeiträge oder Kommentare im Laufe der drei Tage unentbehrlich gewesen sind. Ohne die fachdisziplinäre Expertise und wohlwollende Kritik aus geschichts-, kultur-, medien-, sozial- und sportwissenschaftlichen Blickwinkeln, ohne die Offenheit und Diskussionsfreude wäre das Umsetzen eines primären Tagungszieles kaum gelungen: nämlich das Ausloten von Stichhaltigkeit, Mehrwert und Erkenntnispotenzialen einer migrationshistorisch fokussierten und transnational deutsch-französisch-europäisch angelegten Fußballgeschichte der langen 1960er Jahre, die – wie eingangs gezeigt – weiterhin in den Kinderschuhen steckt.
Veranstaltet hat die Saarbrücker Zusammenkunft der Lehrstuhl für Europäische Zeitgeschichte an der Universität des Saarlandes. Die organisatorische Detailarbeit im Vorfeld wie während der Tagung oblag meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, federführend Melanie Bardian, Ansbert Baumann, Philipp Didion, Saskia Lennartz, Sarah May, Jasmin Nicklas und Martina Saar. Für den stets tatkräftigen, umsichtigen und gut gelaunten Einsatz sei allen Beteiligten an der Organisation ebenso gedankt wie der Universität des Saarlandes für das Überlassen des Graduate Centre auf dem Campus. Neuerlich haben die Räumlichkeiten nicht nur ein konzentriertes Arbeiten ermöglicht, sondern dank des stilvollen Ambientes auch zur überaus angenehmen und anregenden Atmosphäre während der gesamten Veranstaltung beigetragen.
Weiterer Dank gilt all denen, die den vorliegenden Sammelband administrativ, technisch und formal mit auf den Weg gebracht haben. Für die redaktionellen Mühen zeichnete neben den beiden Herausgebern federführend und stets professionell Philipp Didion verantwortlich. Was die Endredaktion sowie das Vereinheitlichen und Korrigieren der Texte – wie auch manche redaktionelle Grundsatzentscheidung – anbelangt, war das ganze Lehrstuhlteam Europäische Zeitgeschichte im Einsatz, ganz zum Schluss allen voran Philipp Didion und Sarah May. Als Sponsoren standen uns das Frankreichzentrum der Universität des Saarlandes sowie ganz besonders die Deutsche Forschungsgemeinschaft zur Seite. Ohne den finanziellen „Beistand“ durch die DFG hätte weder die Tagung stattfinden noch der Sammelband in dieser Form publiziert werden können. Auch dafür ein herzliches Dankeschön.
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Fußball & Migration zeithistorisch I – Deutsch-französische Blicke
„Integration. Gelingt spielend.“?
Sportpolitische Diskurse, fußballerische Praktiken und Formen indirekter Integration von Arbeitsmigranten im französisch-westdeutschen Vergleich
Dietmar Hüser
Ob Integration tatsächlich spielend gelingt, wie dies der plakative Titel einer gewiss wohlmeinenden Kampagne der Deutschen Fußball Liga aus dem Jahre 2011 nahelegt,1 oder ob sich die Realität am Ende nicht doch komplexer darstellt, wenn Zuwanderer*innen aus anderen Ländern in der neuen, häufig episodisch gedachten „Heimat“ Sport zu treiben und Fußball zu spielen gedachten: Das war und das bleibt eine zentrale Frage, die sich kaum „spielend“ leicht beantworten lässt. Wie bereits in der Einleitung dieser Aufsatzsammlung ausgeführt, liegen die ersten kritischen Bemerkungen, was den damaligen sozialwissenschaftlichen wie zeithistorischen Kenntnisstand über Immigration und Integration mit Blick auf sportlich-fußballerische Aktivitäten von Arbeitsmigranten nunmehr fast drei Jahrzehnte zurück, ohne dass sich die Sachlage bis heute grundlegend verändert hätte. Gerade im Bereich der Zeitgeschichtsforschung bleibt der Konnex zwischen Migrations- und Fußballhistorie für Frankreich wie für Deutschland – bei allen Differenzen zwischen beiden Ländern – weiterhin unterbelichtet und die vorliegenden Publikationen dazu überschaubar.2
In den folgenden Passagen soll es nun konkret um den aktuellen sachhistorischen (Er-)Kenntnisstand über die langen 1960er Jahre gehen, über süd- und südosteuropäische Arbeitsmigranten in Frankreich und Westdeutschland und über das Forschungsfeld Amateurfußball und Arbeitsmigration, das im Zentrum dieses Sammelbandes steht. Dabei kann es nur das vorrangige Ziel sein, einige Prämissen, Leitfragen und Hypothesen zu formulieren und das Potenzial der Thematik auszuloten für synchrone und diachrone Zusammenhangerkenntnis im Kontext einer deutsch-französischen bzw. westeuropäischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte der frühen Nachkriegsjahrzehnte.3 Besondere Aufmerksamkeit wird zweierlei Aspekten geschenkt: einmal der Konfrontation des fortwährend gerne hochgehaltenen Politik- wie Verbandsdiskurses über die unmittelbaren Integrationsleistungen durch sportliches Betätigen mit dem gelebten fußballerischen Alltag migrantischer Akteure vor Ort; daneben dem Abgleich der französischen und westdeutschen Verhältnisse in den langen 1960er Jahren auf der Folie stets betonter Unterschiede zwischen beiden Ländern in den respektiven nationalen Migrationstraditionen, Integrationsmodellen, Selbstverständnissen und politisch-kulturellen Kontexten.
Ausgangsüberlegungen und Vergleichsprämissen
Schon aus der allgemeinen Skizze zum aktuellen Stand der Fußball- und Migrationsforschung lässt sich ableiten, dass es längst an der Zeit wäre, Arbeitsmigranten der langen 1960er Jahre, die damals im bestehenden bundesdeutschen bzw. französischen Vereinswesen oder in selbst begründeten Clubs Fußball gespielt haben, näher in den Blick zu nehmen. Geschehen müsste dies freilich fernab statischer Assimilations- und einseitiger Integrationsmodelle, fernab abstrakter Prinzipien und starrer Leitbilder. Fernand Braudel hatte in seinem Spätwerk darauf aufmerksam gemacht, dass viele Schwarz-Weiß-Malereien um die Begriffe Assimilation, Integration und Eingliederung schlicht die gelebte Realität migratorischer „mariages culturels“ verschleierten.1 Solche Realitäten am fußballerischen „vécu anthropologique“2 der Betroffenen im Breiten- und Amateursport zu dokumentieren, könnte im Ergebnis ein Bild ebenso komplexer wie dynamischer, eher konfliktueller oder konsensualer Kulturkontakte jenseits klassischer Bipolaritäten entstehen lassen, das Zwischen- oder "dritte Räume" im Sinne Homi Bhabhas aufdeckt. Eine solche Herangehensweise böte Chancen, in den sozialen und kulturellen Praktiken des Fußballspielens und in dessen gesellschaftlichem Umfeld zeitgleiches Annähern und Absetzen, zeitgleiches Dazugehören und Fremdfühlen, zeitgleiches Integrieren und „Eigensinnig-Sein“ von Zuwanderern greifbar und zeigbar zu machen.3
Mit Blick auf den Freizeit- und Amateursport müsste es konkret darum gehen, nach der Relevanz fußballerischer Aktivitäten für Strategien, Spielräume und Entwicklungswege von Migrantengruppen in beiden Ländern zu fragen: Lassen sich die Folgewirkungen sportlicher Betätigung ausländischer Arbeitskräfte tatsächlich uneingeschränkt als integrationsförderlich bewerten, wie dies Politik- und Verbandsdiskurse allenthalben suggerieren? Oder sind nicht vielmehr – neben möglichen positiven Effekten: dem Aufbau sozialer Bindungen etwa, auch dem öffentlichen Wertschätzen sportlicher Leistungen einzelner Spieler oder ganzer Teams – auch gegenteilige Erlebnisse zu beobachten und negative Konsequenzen bilanzierend in Rechnung zu stellen: Benachteiligung und Ausgrenzung etwa, stereotype Fremdzuschreibungen und Rassismus oder auch radikal verschärfte nationale Chauvinismen in sportlichen Wettbewerbs- und Konkurrenzsituationen auf und neben dem Spielfeld?
Zudem käme es unter vergleichsgeschichtlichen Gesichtspunkten darauf an, angesichts divergierender Einwanderungstraditionen und politisch-kultureller Verfasstheit deutsch-französische Ähnlichkeiten und Unterschiede auf den Punkt zu bringen, gerade was mehrheitsgesellschaftliche Perzeptions- und Reaktionsmuster anbelangt. Tatsächlich kann Frankreich auf eine deutlich längere Vorgeschichte zurückblicken. Anders als Deutschland war es bereits im 19. Jahrhundert ein Einwanderungsland, das stets auf der Suche nach Arbeitsmigranten*innen war und mit dem gesetzlichen Einführen des Territorialprinzips den Kindern ausländischer Eltern bei Volljährigkeit die französische Staatsangehörigkeit verlieh.4 Damit einher ging seit den 1880er Jahren ein generalisiertes Selbstverständnis, das ganz im Sinne des republikanischen Modells umstandslos davon ausging, es müsse für Menschen aus Migrationskontexten – wie auch für regionale Minderheiten im Land oder auch autochthone Bevölkerungsgruppen in den Kolonien – ein Leichtes sein, sich über kurz oder lang, unabhängig von geographischer Herkunft und kulturellem Rucksack, gänzlich in das nationale Ganze einzupassen. Da in der République une et indivisible solche Grundhaltungen noch in den langen 1960er Jahren kaum ernsthaft zur Debatte standen, zeitgleich die Bundesrepublik faktisch Einwanderungsland wurde, ohne sich aber als solches zu verstehen,5 konnten die deutsch-französischen Gräben auf der Ebene dominanter Diskurse und Selbstbilder kaum breiter ausfallen.
Nichtsdestotrotz – und gerade auf der Folie solcher zeitgenössischer „Selbstverständlichkeiten“ – bleiben mehrere wichtige Fragen unbeantwortet: Verweist nicht die konkrete soziale und kulturelle Praxis des Fußballspielens und Vereinslebens auf eine durchaus vergleichbare Komplexität und Vielschichtigkeit damaliger Vor-Ort-Verhältnisse sowie auf ein Mehr an analogen Repräsentationen und Reaktionen als es das stete Betonen nationaler Traditionen und Besonderheiten nahelegt? Liefern fußballspielende Einwanderer nicht relevante Aufschlüsse über den Umgang mit Fremdem im Zeichen von „Wirtschaftswunder“ und „trente glorieuses“, auch über Distanz und Differenz im gesellschaftlichen Liberalisierungsgrad zwischen beiden Ländern? Näher zu überprüfen wäre in diesem Kontext die gern geäußerte Annahme, Frankreich müsse damals wegen verinnerlichter republikanischer Wertbestände und „einer längeren Tradition politischer und gesellschaftlicher Liberalität“ per se das tolerante Land gewesen sein.6
Dominante Diskurse und komplexe Realitäten
Für Politik und Öffentlichkeit – wie auch das Gros der Einwanderer selbst – lagen die Dinge auf der Hand, als Mitte der 1950er Jahre in Westdeutschland die Immigration ausländischer, meist süd- und südosteuropäischer Arbeitskräfte einsetzte und sich im Nachbarland bereits „die zweite große Welle“1 der Nachkriegsjahrzehnte anbahnte. Alle gingen ganz selbstverständlich davon aus, die Herbeigerufenen würden sich – da das republikanische Modell in Frankreich noch intakt schien – umstandslos und unauffällig in die Gesamtgesellschaft einfügen oder zügig nach getaner Arbeit wieder in die Herkunftsländer zurückkehren. Für integrationsorientierte Konzepte und Maßnahmen schien es deshalb keinerlei Bedarf zu geben. Im Laufe der 1960er und 1970er Jahre zeichnete sich allerdings immer deutlicher ab, dass die Grundannahme falsch war und zahlreiche Immigranten und „Gastarbeiter“ samt Familien zu bleiben gedachten. Zudem deuteten sich ernstliche sozio-ökonomische Krisen am Ende der „glorreichen“ Wachstumsperiode an und es schien, als gerate – so zumindest mehr und mehr die öffentliche Wahrnehmung – die französische „Integrationsmaschine“ ins Stocken. Auf verschiedensten Ebenen begann nunmehr das Nachdenken darüber, wie denn mit der „neuen“ Situation umzugehen sei.
„Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen“2. Und tatsächlich kamen Menschen, noch dazu Menschen, allen voran junge Männer, die Sport treiben und Fußball spielen wollten, denn „außer Sport hatten sie keine andere Möglichkeit“3. Nicht allein politische Akteure, auch die Sportverbände beider Länder kamen deshalb kaum mehr umhin, das Thema aufzugreifen und sich zu positionieren. Hier wie da lautete der optimistische Grundtenor, Sport könne und müsse als Medium gesellschaftlicher Begegnung und Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen genutzt werden, denn gemeinsame sportliche Aktivitäten in den bestehenden französischen oder westdeutschen Vereinsstrukturen böten Zugewanderten die Chance, mit Einheimischen auf gleicher Ebene und mit gleichen Interessen zusammenzukommen, um Sprache und Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft besser kennen zu lernen. Zwangsläufig stellt sich die Frage, ob solche landläufigen Vorstellungen und vorherrschenden Verlautbarungen in Politik- und Verbandskreisen über Sport als ideales Integrationsinstrument, die bis heute Konjunktur haben, tatsächlich deckungsgleich sind mit den Fußballpraktiken und Alltagserfahrungen von Arbeitsmigranten in den langen 1960er Jahren.
Damals gelangte jedenfalls das Thema „Ausländerintegration in und durch den Sport“4 im Amateurbereich auf die Agenda und hat sich seitdem in Deutschland wie in Frankreich als Dauerbrenner öffentlicher Debatten erwiesen. Die 1950er und 1960er Jahre waren eine Zeit, in denen die Menschen mit ersten Schritten aus der entbehrungsreichen Nachkriegszeit heraus-, dann mit großen Schritten in die Gesellschaft des Massenkonsums eintraten.5 Da das kaum kritisch hinterfragte temporäre Kommen und Bleiben und das damit absehbare Rückwandern der Migranten*innen ein allzu tiefschürfendes Beschäftigen mit dem Phänomen verzichtbar erscheinen ließ,6 bildete die „population nomade“7 eine Art Chiffre für das eigene Wohlergehen in den „goldenen Jahren“8. In den nationalen Meistererzählungen der Nachkriegszeit kamen „Gastarbeiter“ und „immigrés“ zwar vor, jedoch weniger als Akteure denn als eine Art schmückendes Beiwerk, als Wohlstandsdekor einer schichtenübergreifend zunehmend sicht- und fassbaren Konsumgesellschaft.9 Wer sollte denn schon Anteil nehmen an deren Arbeits- und Lebensbedingungen,10 geschweige denn an deren sportlichen Praktiken?
Ganz überwiegend kamen die eintreffenden Menschen aus süd- und südosteuropäischen Ländern. In Westdeutschland bildeten die italienischen Einwanderer bis 1968 die zahlenmäßig stärkste Gruppe, gefolgt von den Griechen und Spaniern. Bis 1969 zogen türkische Arbeiter mit den Italienern gleich, 1970 und 1971 übernahmen jugoslawische Migranten aus den verschiedenen Teilstaaten der Förderativen Volksrepublik die Spitze der „Gastarbeiterstatistik“: ein Platz, der danach den türkischen Arbeitskräften zufiel,11 die angesichts der bundesdeutschen „policy of labeling“ im öffentlichen Bild zumeist schlechter wegkamen als Zuwanderer anderer Herkunftsräume.12 Den etwa 2,8 Millionen Einwanderern*innen in der Bundesrepublik standen 1973/74 etwas mehr als 3,0 Millionen in Frankreich gegenüber, auch dort überwiegend – zu knapp drei Vierteln – europäischer Herkunft.13 Obwohl sich der Zustrom aus ehemaligen Kolonien im Zuge der Dekolonisierung und nach dem Algerienkrieg verstärkte, stellten bis Ende der 1960er Jahre Spanier und Italiener das größte Reservoir an Arbeitsmigranten, 1975 waren es die fast durchgängig als „Illegale“ zugewanderten Portugiesen, gefolgt nun von den Algeriern, die ähnlich wie die Türken in der Bundesrepublik künftig die Statistiken anführen sollten.14
Gerade unter jungen Männern, die ins Land kamen, waren das Interesse und Verlangen offenkundig, in der Freizeit auch Sport zu treiben, besonders Fußball zu spielen. Gleichwohl gab es eine offensichtliche Diskrepanz zwischen dem weit verbreiteten Interesse am Fußballspielen, auch seiner höchst positiven Wertschätzung, und der heiklen Realität praktizierter Aktivitäten von Zuwanderern.15 Allenthalben bekundete Integrationserwartungen waren das eine, hohe Hürden und Grenzen der Umsetzung konkreter sportlicher Ambitionen im lokalen Raum das andere.16 Ein Einbinden in französische oder westdeutsche Vereinsstrukturen erwies sich als schwierig, auch weil es in Vorstandsetagen und unter Spielern vor Ort Vorbehalte gab.17 Zwangsläufig fehlte es Migranten*innen an einem „capital d'autochtonie“, das Einheimischen erlaubte, sich einer soliden „sociabilité de l'ancrage“ angehörig zu fühlen.18 Weniger waren es die nationalen Institutionensysteme des Sports, bei denen sich solche Einsichten zuerst durchsetzten, sondern Wohlfahrtverbände wie die Caritas und die Arbeiterwohlfahrt, daneben die katholischen Missionen einzelner Herkunftsländer. Im Umfeld dieser Missionen entstanden oftmals erste Sport- und Spielgruppen, aus denen heraus sich im Laufe der 1960er Jahre mehr und mehr Ausländersportvereine zu gründen begannen:19 für Deutschland ein neues, für Frankreich ein älteres Phänomen, das bis in die Zeit vor 1914 zurückreichte.20
Mehr und mehr wähnten sich die Verbandsoberen unter Druck. Nicht zuletzt aus diesem Grunde rückten die Sportverbände das Integrationsthema in den frühen 1970er Jahren auf die eigene Agenda. Zahlreiche junge Männer aus Migrationskontexten spielten in der Bundesrepublik wie in Frankreich längst in „Ausländerclubs“ und „clubs ethniques“ außerhalb etablierter Verbandsstrukturen und – im französischen Fall – entgegen den verinnerlichten Prinzipien des republikanischen Modells und hexagonalen Assimilationsdiskurses. Die Vereine bestanden meist aus Spielern gemeinsamer nationaler Herkunft und trugen im regionalen Raum sportliche Wettkämpfe gegen Clubs desselben Heimatlandes aus. Daraus konnten sich regelrechte Turniere und Meisterschaften entwickeln, etwa seit Ende der 1960er Jahre unter den vielen spanischen Teams im Großraum Paris, später in der Region Centre, in Ostfrankeich oder anderswo im Hexagon.21 In Westdeutschland traten „Gastarbeiterligen“ auf den Plan, ebenfalls meist regional organisiert wie etwa auf breiter Front in Baden-Württemberg, wo bereits in den 1960er Jahren eine eigene, über die Konsulate organisierte griechische und italienische A-Liga und B-Liga existierte. Anfang der 1970er Jahre kamen eine türkische sowie eine Jugoliga hinzu, die 1971 „auswärtig“ durch den damaligen Jugoslawischen Fußballverband ins Leben gerufen worden war.22
Der Deutsche Sportbund, der 1972 auf seinem Berliner Bundestag unter dem Motto „Sport für alle – Eine Herausforderung an den Sport“ gesellschaftspolitisch endlich Flagge zeigen wollte, zielte – anders als später gern kolportiert23 – keineswegs allein auf sozialintegrative Effekte gemeinsamen Sporttreibens. Es ging auch um handfestes verbandspolitisches Interessenwahren im Zeichen unliebsamer Konkurrenz und angekratzter Monopolstellung. Entsprechend beinhaltete die Grundsatzerklärung des DSB zum einen hehre Vorstellungen, die gleichwohl offenbarten, wie unkompliziert und wie einseitig zulasten einwandernder Minderheiten sich Integration für die westdeutschen Sportfunktionäre zu einer Zeit darstellte, als die „Große Politik“ noch fortwährend das „Mantra" vor sich hertrug, Deutschland sei kein Einwanderungsland.24 Zum anderen fanden sich ungeschminkte Zielbestimmungen, Migranten seien in existierende Strukturen des bundesdeutschen Vereinswesens einzubinden, „Ausländervereine“ bestenfalls als Ausnahme und vorübergehendes Phänomen zu tolerieren. Noch über die langen 1960er Jahre hinaus blieb der DSB ziemlich weit entfernt von der Einschätzung des Verbandes nach der Jahrtausendwende, ethnische Clubs weder als „Ausdruck des Scheiterns der Integrationsbemühungen der deutschen Sportvereine, noch der Integrationsunwilligkeit der Migrantinnen und Migranten“25 zu betrachten.
Außer Frage steht jedenfalls, dass die Dinge viel komplexer waren und sich die tatsächlichen Verhältnisse im lokalen Raum fernab starrer Assimilations- und Integrationsszenarien bewegten. Forschungsstrategische Hilfskonstruktionen, die zentrale Termini aus Migrationsdebatten ausdifferenzieren, die etwa zwischen assimilativer, pluralistischer und interaktiver Integration unterscheiden,26 um einer Vielfalt verschiedener Konstellationen auf die Spur zu kommen, unterstreichen dies. Auch scheint es alles andere als ausgemacht zu sein, dass eher integrative oder eher desintegrative Wirkungen eines sportlichen Engagements ausländischer Arbeitskräfte in den langen 1960er Jahren in einem kausalen Zusammenhang standen zu der Art und Weise, wie sich Migranten damals fußballerisch organisiert haben: als reguläres Mitglied in bereits bestehenden deutschen oder französischen Vereinsstrukturen; als Spieler in vielerorts eingerichteten „Ausländerabteilungen“ etablierter Teams; oder als Fußballer in monoethnischen Migrantenclubs, die in Politik- und Verbandskreisen schon damals leidenschaftliche Debatten und generalisierte Befürchtungen ausgelöst haben.
Migrantenclubs und „Umwegsintegration“
Migrantenvereine und „clubs ethniques“: für diverse Beobachter*innen damals schlicht ein Symbol für Abschottungstendenzen und Integrationsverweigerung sowie ein Hemmschuh für das Überwinden ethnisch-kultureller Barrieren. Ein nüchterner Blick freilich, der zudem berücksichtigt, dass sich selbst herkunftshomogene Clubs zumeist durch eine „Pluralität kultureller Orientierungen“ auszeichnen,1 vermag den Argwohn kaum zu bestätigen und fördert stattdessen ganz andere Effekte und Strategien zutage. Fußballspielen in herkunftshomogenen Sportstrukturen, die ein zeitweises Bewahren durchaus diverser mitgebrachter Kulturelemente und deren sukzessives Anpassen an aktuelle Lebenslagen erlaubten, generierte auf mittlere Sicht vielfach ein Mehr an Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, an Alltagsorientierung, Handlungsfähigkeit und Partizipationsoptionen:2 potenzielle Wirkungen, die gerade nicht im Widerspruch standen zu gesellschaftlichen Teilhabe- oder gar künftigen Bleibeabsichten. Zumal etliche Clubs aktive „Integrationspolitik“ betrieben, sei es durch das Organisieren von Sprachkursen oder durch Kultur- und Floklorefeste, die sich nicht allein an „Landsleute“ richteten.3
„Entre soi“ und „ouverture“ entsprachen zwei Seiten einer Medaille. Denn schließlich waren sportliche Präsenz und fußballerisches Können eine nachhaltige Ressource, eine „marchandise culturelle“, die sich trefflich mobilisieren ließ, um Anklang zu finden und Respekt zu erfahren, um teilzuhaben an den vielfältigen örtlichen Veranstaltungen, die sich jahrein jahraus besonders im Arbeitermilieu abspielten: Eine tragende Säule darunter bildete der Fußballsport als gesamtgesellschaftlich breit nachgefragte Freizeitaktivität.4 Fußballerische Praktiken und damit verbundene Umfeldaktivitäten im lokalen und regionalen Raum erlaubten es Menschen aus Migrationskontexten vor Ort sowohl in der einen („entre soi“) als auch in der anderen („ouverture“) Welt zu leben und damit zugleich zu bekunden, an der französischen bzw. der westdeutschen Gesellschaft teilhaben zu wollen.5
Bei aller Variabilität von Vor-Ort-Situationen und abseits aller Teleologie bleibt doch festzuhalten, dass die Migrantenclubs der langen 1960er Jahre in beiden Ländern ganz vorwiegend Übergangsphänomene für eine just eingewanderte Generation junger Männer darstellten. Über kurz oder lang, bewusst oder unbewusst, obsiegten in der Regel sportliche Logiken gegenüber nationalen Herkunftslogiken: Zumeist gingen die Clubs in den lokalen Gesellschaften und Vereinswelten auf.6 Im französischen Fall, für den deutlich mehr empirisch unterfütterte Beispiele vorliegen, hat sich offenbar mancher, zunächst argwöhnisch beäugter „club ethnique“ mittelfristig zu einem Aushängeschild des regionalen Fußballgeschehens und einem Identitätsanker für lokale Milieus weit über die ursprüngliche Migrantengemeinde hinaus entwickelt.7 Doch auch in Westdeutschland dürfte es kein Einzelfall gewesen sein, dass damals schon die zweite Generation „italienisch-fränkischer Fußballer […] in deutschen Jugendmannschaften“ kickten, da sich die Idee einiger Migrantenvereine im Raum Nürnberg / Fürth, ein eigenes Jugendteam auf den Platz zu bringen, letzten Endes kaum umsetzen ließ.8 Integrative Effekte indirekter Natur konnten mittelfristig kaum ausbleiben.
Auf der einen Seite stehen damit die „Ausländervereine“ der langen 1960er Jahre durchaus für einen „tiers espace“, der parallele Trends von Eigensinn und Integration erlaubt. Auf der anderen Seite spiegelten die Praktiken und Erfahrungen auf dem Spielfeld vielfach eine zwar unrealistische, oftmals aber realitätsbestimmende Außenwirkung herkunftshomogener Clubs sowie die entsprechenden verbandspolitischen Unkenrufe wider. Sport kann nie einfach nur Sport sein, ob im Profi- oder Amateurbereich: Fußballspiele und Sportplätze sind stets auch Inszenierungsräume und symbolische Kampffelder,9 die in Migrationskontexten Differenzen und Divergenzen zwischen Einheimischen und Zugewanderten zutage fördern können: in beiden Ländern etwa, wenn es um das Zuteilen der spärlichen Fußballfelder durch lokale Politikakteure und Stadtverwaltungen ging. Mithin entsprechen die hehren Bedeutungsgehalte, die Verbände und Funktionäre dem Sport als Sinnbild für gelebte Völkerverständigung und Friedfertigkeit, für Gemeinsinn und Toleranz beharrlich zuweisen, allenfalls der halben Wahrheit. Zudem birgt ein solch idealisiertes Weltbild die Gefahr, sportlich wie gesellschaftlich unvermeidbare Spannungen und Konflikte umstandslos als desintegrativ abzuqualifizieren.
Tatsächlich bewegten sich auch in den 1960er Jahren interethnische Sportbegegnungen innerhalb eines Teams oder zwischen konkurrierenden (Migranten-)Clubs fortwährend in einem Schnittfeld individueller wie gruppenspezifischer „sentiments, tantôt solidaires et fraternels, tantôt empreints de rejet et de haine“10. Manche Konstellationen mochten wachsende Vertrautheit mit Fremdem, ein mehr und mehr offenes Denken in Kategorien kultureller Diversität oder ein integratives Klima dank gemeinsam bestrittener sportlicher Erfolge entstehen lassen; andere Situationen wiederum werden tendenziell Missstimmungen, z.B. wegen anhaltender Erfolglosigkeit, generiert haben, eher hierarchische als gleichberechtigte Kommunikationsmodi, Unmut über die Spielweise oder das harte Einsteigen von Migrantenfußballern, auch herablassende bis fremdenfeindliche Kommentare bis hin zu körperlichen Übergriffen.11 Auch im Amateursport legen fußballerische Praktiken das „paradoxe du sport“ frei, je nach Zeit, Ort und Kontext sowohl als Laboratorium für Toleranz, Integration und Emanzipation fungieren zu können, wie auch als Hort für Ausgrenzung, Diskriminierung und einen „racisme ordinaire“.12 Fest steht: Von einer unmittelbaren Integration durch Sport lässt sich jedenfalls ebenso wenig ausgehen wie von einem linearen Entwicklungsprozess oder einer Zwangsläufigkeit etappenweiser Zuwächse an wechselseitiger Verständigung und Annäherung.13
Es mag im Einzelfall zutreffen, dass sportlich bedingte Kulturkontakte zwischen Deutschen bzw. Franzosen und ausländischen Arbeitskräften in den langen 1960er Jahren als beidseitig bereichernd erfahren worden sind, dass Fußball „Türen geöffnet“ und eine „Pionierrolle“ für die Integration gespielt hat.14 Entsprechende Beispiele aber gesamtgesellschaftlich zu verallgemeinern und damalige Begegnungen im Sport umstandslos als eine „Pluralisierung der Gesellschaft“ zu beschreiben, die „neue Formen des Miteinanders und des Kontaktes ermöglicht hat“,15 geht an der Realität vorbei. Eine Realität, die zunächst fußballspielende Migranten unter sich bleiben sah, während mehrheitsgesellschaftliche Sporttreibende deren Praktiken gar nicht oder als etwas Abseitiges verbuchten, gegebenenfalls als lästige Konkurrenz im Kampf um knappe Fußballplätze. Erst allmählich, häufig eher indirekt als fußballerisch unmittelbar, manchmal eher unbewusst als beabsichtigt, ließen sich integrative Momente beobachten: bis hin zum potenziellen strategischen Nutzen des allgegenwärtigen Integrationsvokabulars durch migrantische Akteure, um bessere Chancen auf öffentliche Hilfe oder kommunale Sportgelände zu haben.16 Herkunftshomogenes Fußballspielen in der Fremde konnte Formen einer „Integration auf Umwegen“ mit sich bringen, als „Generator der Transformation“ im Migrationsprozess dienen und „dem Wandel von Handlungsmustern und Weltbildern einen sozialen Rahmen“ geben.17
Überhaupt sind weitreichende Folgerungen und belastbare Aussagen mangels empirischer Studien weder für den bundesdeutschen noch den französischen Fall zu leisten. Wir wissen weiter wenig über außersportliche Berührungspunkte fernab von Training und Wettkampf, auch darüber, ob sich fußballerisch erworbener Respekt und gestärktes Selbstvertrauen auch auf den beruflichen Alltag auswirkten, ob durch sportliches Engagement auch Vorteile im privaten und familiären Umfeld zu generieren waren, etwa was Einkommen oder Wohnsituation anbelangte. Oder wie Sportaktivitäten von Migranten damals zur Konstruktion der Geschlechterbeziehungen beitrugen, wie das Fußballspielen, das trotz steter Zunahme von Frauenfußballteams in den langen 1960er Jahren doch eine Männerdomäne blieb, das Verhältnis junger Männer zu jungen Frauen vor Ort prägte und welche Vorstellungen sich unter Eingewanderten wie Einheimischen damit verbanden.18
Bilanz und Perspektiven
Ende 2011 führte der damalige Bundespräsident Christian Wulff auf einer Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes aus:
„Im Verein oder auf dem Sportplatz kommen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und unterschiedlicher Herkunft zusammen. Wer gemeinsam Sport treibt, lernt sich gegenseitig kennen, lernt, sich zu respektieren, zu achten und zu schätzen. Und er erlebt, dass jede und jeder ganz unterschiedliche Fähigkeiten hat und dass der Erfolg der Mannschaft dann besonders groß ist, wenn man diese unterschiedlichen Fähigkeiten und Begabungen optimiert einsetzt. […] Wer Freunde findet unter denen, die ihm fremd waren, hat keine Angst vor ‚Überfremdung‘. Wir können kaum hoch genug schätzen, wie wichtig der Sport für das Zusammenwachsen und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft ist!"1
Mit Blick auf die langen 1960er Jahre steht außer Frage, dass Sport vor Ort – wie auch andere populärkulturellen Artikulationen und Praktiken2 – einwandernden Arbeitskräften in Frankreich und Westdeutschland durchaus Chancen auf Anerkennung und Teilhabe geboten haben. Nicht weniger auf der Hand liegt freilich, dass die schon damals optimistischen Diskurse aus den Chefetagen von Spitzenpolitik und Sportverbänden über Sport als Integrationsmedium par excellence keineswegs deckungsgleich waren mit den fußballerischen Praktiken und Erfahrungen im Amateurbereich.
Sobald Sonntagsreden und Absichtserklärungen heruntergebrochen sind auf die lokale und regionale Ebene bereits bestehender Vereinsstrukturen oder neu begründeter Migrantenteams, verschwimmen die Konturen schwarz-weißer Zuschreibungen wie „Integration oder Identität“3 zugunsten von Grautönen, die ambivalentere, komplexere und konfliktträchtigere Realitäten signalisieren. Zugleich legt die Bandbreite unterschiedlicher Vor-Ort-Verhältnisse in beiden Ländern nahe, dass das sportliche Mit- und Gegeneinander sowie die Repräsentationen, die sich in den langen 1960er Jahren daran knüpften, mehr Analogien zwischen Frankreich und Westdeutschland offenbaren als dies der Verweis auf einwanderungsgeschichtliche Differenzen gern anempfehlen möchte. Denn trotz beträchtlicher Differenzen in den nationalen Migrationstraditionen, Integrationsmodellen, Selbstverständnissen und politisch-kulturellen Kontexten deutet vieles darauf hin, dass es grenzüberschreitend recht ähnliche Muster und Strategien, Chancen und Schranken „indirekter fußballerischer Integration“ gegeben hat, nicht zuletzt im sozio-kulturellen Umfeld der Migrantenclubs beider Länder. All dies, auch der Abgleich mehr oder weniger liberaler Umgangsformen und Reaktionsmuster der Mehrheitsgesellschaften im Umgang mit Fremdem, wäre noch breiter und systematischer zu untersuchen.
Zu keinem Zeitpunkt und an keinem Ort der Geschichte glich die Integration von Migranten*innen einem schlichten Automatismus, der problemlos von Mustern technisch-verhaltensfunktionaler Akkomodation über eine wert- und verhaltensmodifizierende Akkulturation in eine partikularismusfreie Assimilation gemündet wäre. Stets – so die jüngere historische Forschung im Konsens – war Integration ein schwieriges und komplexes Unterfangen und eine Sache der langen Dauer, die mit vielfältigen Parametern zusammenhing: gewiss mit dem Herkunftsmilieu zugewanderter Individuen oder Gruppen, mit Geschlecht, Religion, Gesellschaftsstatus, Lebensstandard, Familienstruktur und Aufenthaltsdauer, mit Handlungsstrategien, Gelegenheitsstrukturen und Teilhabechancen, die wiederum eng an das mehrheitsgesellschaftliche Aufnahmemilieu gekoppelt sind sowie an die politisch-administrativen, sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Rahmenbedingungen vor Ort.4 Dabei waren freilich Zuwanderer*innen nie einfach nur passive Opfer vorgefundener Verhältnisse oder medienvermittelter Etiketten, sondern immer auch Akteure mit gewissen Margen für das Aushandeln der Grenzen von Integration und Eigensinn im Zeitverlauf. Es mochte sich um unbewußt an den Tag gelegte Verhaltensmuster oder um bewusst verfolgte Strategien handeln, um wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische oder psychologische Mehrwerte für die eigene Lebenssituation oder die der Kinder zu generieren. Auch im Fußball der langen 1960er Jahre war es jedenfalls für die Arbeitsmigranten zentral, letztendlich „acteurs de leurs choix“5 zu bleiben.
Der Beitrag zielte darauf, einige Aspekte des bislang wenig untersuchten Verhältnisses von Arbeitsmigration und Amateurfußball für die bundesdeutschen und französischen 1960er Jahre unter transnationalen Gesichtspunkten darzulegen. Zudem ging es darum, sein Erkenntnispotenzial als zeithistorisches Forschungsfeld zu unterstreichen und empirische Fallstudien anzuregen, für die sich besonders eine regionale Betrachtungsebene entlang der deutsch-französischen Grenze anböte.6 In diachroner Perspektive könnten schließlich entsprechende Untersuchungen zur ersten Generation südeuropäischer Arbeitsmigranten*innen der zweiten Nachweltkriegszeit einen Beitrag leisten, aktuelle, vielfach unter alarmistischen Vorzeichen geführte Debatten über ein gedeihliches Zusammenleben von Menschen aus Migrationskontexten und der deutschen bzw. französischen Aufnahmegesellschaft zu historisieren und die vorgeblich neue Qualität heraufbeschworener Szenarien zu relativieren. Bei aller Vorsicht, nicht einfach aktuelle Sachlagen mit historischen Phänomenen gleichzusetzen oder künstliche Kontinuitäten zu konstruieren, erlaubt doch ein zeitgeschichtliches Perspektivieren, das rasch beschworene katastrophal Andere und qualitativ Neue einer Konstellation auf seinen realen Gehalt hin abzuklopfen.7 Etliche zeitgenössische Debatten – über radikales Fremdsein der zuletzt Gekommenen, über wohnräumliche Konzentration, kulturelle Abkapselung oder integristische Religionspraktiken – ähneln den früheren durchaus. Dazu zählt auch die anhaltende Kontroverse über Relevanz, Symbolkraft und Effekte herkunftshomogener bzw. monoethnischer Fußballvereine.
Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellen
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Integration und Exklusion, Eigensinn und Pragmatismus
Fußball im Grenzraum Saarland/Moselle als Inszenierungsraum
Bernd Reichelt
Integration durch „Kicken“: Saargemünd im März 1903
Im März 1903 wurde in der lothringischen Kleinstadt Saargemünd (frz. Sarreguemines), fünfzehn Kilometer saaraufwärts von Saarbrücken gelegen, der Saargemünder Fussballclub gegründet.1 Es war einer der ersten eigenständigen Fußballvereine im damaligen Bezirk Lothringen, aber auch im saarländisch-lothringischen Grenzraum.
Saargemünd war für seine Keramikproduktion berühmt und hatte als deutscher Verwaltungssitz einen hohen Bedeutungszuwachs erfahren. Auch wenn die Stadt weiterhin einen lothringischen Charakter hatte, so war die zunehmende kulturelle und demografische Germanisierung der Stadt – rund drei Jahrzehnte nach dem Ende des deutsch-französischen Krieges und der damit verbundenen Zugehörigkeit zum Deutschen Reich – nicht zu übersehen. Dies galt auch für den noch jüngeren Bereich des Sports. Erster Vorsitzender des Saargemünder Fussballclubs wurde der 37-jährige Lehrer Karl Fischer aus dem saarländischen Ort Schaffhausen bei Saarlouis. Die Vereinsstatuten wurden am 6. Mai 1903 vom Bezirkspräsidenten in Metz genehmigt und der Club diente in erster Linie der Freizeitbetätigung. Die Statuten – hier in Auszügen – können als exemplarisch für neu gegründete Sport- und Fußballvereine um die Jahrhundertwende gelten:
§1: Der Saargemünder Fussballclub bezweckt die Kräftigung und die Entwickelung (sic!) des Körpers durch die Pflege und Förderung der Jugendspiele insbesondere des Fussballspiels, sowie des athletischen Sportes.
§16: Politische wie religiöse Unterhandlungen sind strengstens ausgeschlossen.
§21: Die Vereinskleidung besteht bei Wettspielen aus schwarzen Hosen, weissem Trikot und weisser Mütze.2
Bei den 22 Gründungsmitgliedern handelte es sich um Selbstständige, Kaufleute und Angestellte, die sich sonntags auf dem Exerzierplatz trafen, um dort Fußball zu spielen. Zehn Gründungsmitglieder stammten aus dem sogenannten „Altreich“. Mit „Altreich“ wurde zeitgenössisch zwischen dem „neuen“ Reichsland Elsass-Lothringen und dem übrigen „älteren“ Deutschen Reich unterschieden. Von diesen zehn Männern wiederum stammten drei aus dem nahen Saarrevier, aus Sankt Johann, Dudweiler sowie aus Schaffhausen bei Saarlouis.3 Die anderen zwölf Mitglieder waren Lothringer und stammten aus Saargemünd selbst.4 Als exemplarisch kann die Vereinsgründung auch deshalb gelten, weil ihr keine lange Lebensdauer beschienen war. Der Verein hinterließ keine weiteren Spuren und vermutlich ging er in einer anderen Vereinigung auf. Eine größere Bedeutung erhielt der wenige Monate später ebenfalls in Saargemünd gegründete Fussball-Club Wodan. Auch hier bildeten Migranten aus dem „Altreich“ und Einheimische jeweils etwa die Hälfte der Gründungsmitglieder.5 An die Pionierjahre des Fußballsports in Saargemünd in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts erinnerte sich das Gründungsmitglied Jean Dimofski im Jahr 1922, als er in der Festbroschüre anlässlich eines Sportfestes festhielt:
„Um 1900 datiert auch die Einführung des Fussballs in Sarreguemines. Schüler der Höheren Lehranstalten waren es, die der neuen Idee hier Eingang verschafften. (…) Obwohl die Aufnahme des Sportgedankens in Sarreguemines keine verheissende war, konnten die genannten allmaehlich einen grösseren Kreis um sich schliessen, und 1905 ward der ‚Fussball Klub-Wodan‘ gegründet. Killet, der erste Präsident des Vereins leitete dessen Geschicke bis zum Kriegsausbruch und sah seine Mannschaft nacheinander auf den verschiedenen Plaetzen Exerzierplatz, Barackenplatz, Alter Kasernenplatz, Utzschneiderwiese, ihre Wettspiele austragen, allmaehlich das Publikum sich heranziehen und gegen 1914 eine geachtete Stellung unter den lothr. Sportvereinen einnehmen.“6
Die Entwicklung in Saargemünd verlief in anderen größeren lothringischen Orten in ähnlicher Weise. Schon bald wurde Saargemünd von Metz in seiner sportlichen Bedeutung abgelöst. Die Hauptstadt des Bezirks Lothringen wurde zur Drehscheibe für die Entwicklung des lothringischen Fußballs. Auch hier waren Vereine vor allem von zugewanderten Lehrern und Kaufleuten gegründet worden. Schüler und Studenten brachten das Spiel in die umliegenden Dörfer und Industrieorte.7 1905 wurde das Jahr der Vereinsgründungswelle. Nicht nur in Lothringen, viel stärker noch im Saarrevier, das damals territorial teilweise zu Preußen oder Bayern gehörte. 1907 wurde im Süddeutschen Fußballverband, der damals Verband Süddeutscher Fußballvereine hieß, der Saargau gegründet. Ihm gehörten Fußballvereine von Metz über Saarbrücken und Neunkirchen bis Trier an. Bald schon entwickelte sich ein Ligabetrieb auf mehreren Ebenen. Der Wettkampfbetrieb nahm zu, die Vereine befanden sich auf Wachstumskurs. Mit dem Zweiten Vorsitzenden stammte zudem ein prominenter Vertreter aus dem Saargau: Ludwig Albert war Rechtsanwalt in Metz.8
Was zeigt diese Episode aus der Gründerzeit des Fußballsports auf? In Hinblick auf das Wesen des Fußballsports, seinen Eigensinn, seine Funktion? Für die Gründerzeit in Lothringen stellte Alfred Wahl fest, dass die Sportvereine Orte der Integration für die Bevölkerung gewesen seien.9 Hier kam es tatsächlich zu einem sozialen Miteinander der eingewanderten „Altdeutschen“ und der Einheimischen. Zugleich kam es aber auch zur Herausbildung einer segregierten, exklusiven bürgerlichen Fußballvereinskultur, die sich ihrerseits auch wieder abgrenzte zu anderen Vereinen oder auch von anderen Akteuren ausgegrenzt wurde.
Die bürgerlichen Fußballvereine als Forschungsgegenstand in transnationaler Perspektive
Die sogenannten bürgerlichen Fußballvereine im Saarland und im angrenzenden Departement Moselle sind Forschungsgegenstand einer Dissertation, die 2014 als Monografie erschien.1 Analysiert wurden die Vereine von ihrer Gründung um die Jahrhundertwende bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Es war ein Zeitraum, der von mehreren politischen und sozialen Umstürzen und Verwerfungen überlagert war. Verwiesen sei an dieser Stelle beispielsweise auf den Retour der Moselle nach Frankreich im Jahr 1919 sowie die Herausbildung des Saarlandes als kulturelle Einheit unter dem Eindruck zweier Besatzungserfahrungen, aber auch unter dem Eindruck der dynamischen montanindustriellen Entwicklung an der Saar. Zugleich waren die ersten fünfzig Jahre des 20. Jahrhunderts auch ein Zeitraum, in dem es im Fußballsport – verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg – zu einer dynamischen Weiterentwicklung des Sports selbst kam, der bereits die Zeitgenossen überforderte. Die Schlagworte zur Charakterisierung dieser Epoche sind bis heute gültig: Popularisierung, Kommerzialisierung und Professionalisierung.
Die Fußballvereine befanden sich im Spannungsfeld des autonomen Agierens einerseits und der Indienstnahme des Sports durch Dritte andererseits. Gefragt wurde nach den Gründen und den Motiven, warum die Vereine und Verbände so agierten, wie sie agierten. Nur zwei Beispiele: Obwohl die aus dem bürgerlichen Umfeld stammenden Vereine vor dem Ersten Weltkrieg eine stramme patriotische Gesinnung an den Tag legten, war eine Mitgliedschaft der Vereine im Jungdeutschland-Bund höchst umstritten. 1911 von deutschen Regierungsstellen als paramilitärische Dachorganisation von Jugendvereinigungen gegründet, sollte dieser dazu dienen, die Jugend vormilitärisch auszubilden und an die Armee heranzuführen.2 Gerade viele Fußballvereine sahen eine Mitgliedschaft allerdings kritisch, da sie einerseits eine Militarisierung ihrer Vereine befürchteten und andererseits die männliche Jugend lieber auf dem eigenen Sportfeld sahen als bei Übungen der Wehrerziehung.3
Als nach dem Ersten Weltkrieg der Umsturz im Deutschen Kaiserreich erfolgte, stellte es für den Süddeutschen Fußballverband nach jahrelanger Kooperation mit den kaiserlichen Eliten und einer zweifellos nationalistischen Ausrichtung kein Widerspruch dar, im Februar 1919 auf einem Verbandstag öffentlichkeitswirksam einen „Revolutionsgruß“ abzusetzen.4 In der Zeit des Nationalsozialismus zeigten sich die Vereine dann wiederum – wie die gesamte Gesellschaft – sehr kooperativ, wenn der Ausschluss jüdischer Vereinsmitglieder gefordert wurde.
Was waren die Motive der Sporttreibenden? In der Dissertation wurden die Fußballvereine als aktive gesellschaftliche und sportpolitische Akteure beschrieben, die „eigene Interessen“ verfolgten, die „aus dem Bereich des Sports selbst kamen“. Bei diesem Selbstverständnis stand pragmatisches Vorgehen im Vordergrund aller Handlungs- und Verhaltensweisen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen: Alles musste sich dem Streben nach sportlichem Erfolg unterordnen. Das performative Geschehen auf dem grünen Rasen – im Saarland war dies eher der rote Hartplatz – stand somit in direktem Zusammenhang mit dem (sport-)politischen Handeln der Vereinsfunktionäre. Dies war der signifikante Unterschied zu den Turnvereinen und bestimmte deren Tätigkeit. Beschrieben werden kann dies als Vereinspragmatismus. Es setzte eine Dynamik frei, die für den Fußballsport eine sich immer steigernde Professionalisierung und Kommerzialisierung mit sich brachte und zu Zielformulierungen führte, die mit jenen des außersportlichen Umfelds und des Staats kollidieren konnten – aber nicht mussten. Denn die Ziele der Vereine implizierten nicht generell oppositionelle Verhaltensweisen, vielmehr waren die Vereine in der Regel staatstragende Akteure. Sie waren in der bürgerlichen Vereinskultur verwurzelt und affirmatives Verhalten war grundsätzlich auch eine wichtige Grundvoraussetzung dafür, überhaupt erfolgreich agieren zu können.
Im Folgenden werden zwei Beispiele dafür gezeigt, wie der Fußballsport bereits in seiner Frühphase sowohl der Integration wie auch der Exklusion dienen konnte. Voraussetzung war dabei, dass der Fußball von Dritten für außersportliche Zwecke instrumentalisiert werden sollte. Dabei geht es zum einen um die Versuche sozialer und konfessioneller Milieus, den Fußballsport für sich nutzbar zu machen. In einem zweiten Beispiel wird am Beispiel der Moselle nach dem Ersten Weltkrieg aufgezeigt, wie sehr der Fußball von staatlicher Seite, aber auch vom Sport selbst als sportpolitischer Inszenierungsraum genutzt wurde.
Im Westen viel Neues: Die Indienstnahme des Fußballsports für außersportliche Zwecke seit 1900
Von Turnern, Arbeitern und Katholiken
Die traditionelle Deutsche Turnerschaft stand den sogenannten „english sports“ und insbesondere dem Fußballspiel zunächst ablehnend gegenüber. Kritisiert wurden insbesondere das Wettkampfspiel, das ständige Umherreisen und die vermeintliche Verlotterung der Jugend. Der englische Sport wurde als unpatriotisch und als „Produkt eines materialistischen Individualismus“ gebrandmarkt, während die turnerischen Leibesübungen der Bildung einer kulturellen „Volksgemeinschaft“ dienten. Letztendlich ging es dem bürgerlichen Turnen aber in erster Linie darum, die numerische, kulturelle und soziale Vorherrschaft gegenüber dem Sport nicht zu verlieren.1 Sportvereine wurden auf kommunaler Ebene zu knallharten Konkurrenten, wenn es um die Spielplatzvergabe ging oder die Jugend nun einen Sportverein bevorzugte. Es war also eine Flucht nach vorne, als die Turnvereinsvorstände es zähneknirschend akzeptierten, dass in ihren Turnvereinen nun Spiel- und Sportabteilungen gegründet wurden, in welchen die Jugend nun Fußball spielen konnte. Wenn der Fußball schon nicht zurückgedrängt werden konnte, so sollte er zumindest als „volkstümliches Turnspiel“ eingebunden werden, um die Jugendlichen langfristig an die Turnvereine zu binden – so die Hoffnung.
Die deutschen Turner gingen ein Bündnis mit der reformpädagogischen Spielbewegung ein. Diese propagierte die Einführung der englischen Ballspiele für Erziehungszwecke im schulischen Unterricht. Und sie suchte den Schulterschluss mit der Deutschen Turnerschaft. Ein prominentes Beispiel ist hier Konrad Koch, dessen Engagement heute noch als Geburtsstunde des Fußballs in Deutschland gefeiert wird.2 1891 gründeten er, weitere Pädagogen, Vertreter aus Politik und Militär den Zentralausschuß für Volks- und Jugendspiele, unterstützt vom preußischen Kultusministerium. Entsprechend staatsnah waren auch dessen Aktivitäten:3 Sozialdisziplinierung, Erziehung durch Bewegung, Wehrertüchtigung. Die Projektionsfläche Fußball bot jedem etwas.
Den Versuch, den Fußballsport und die fußballspielende Jugend einzuhegen, unternahm auch der saarländische Turnverein Malstatt. Um die Jahrhundertwende war der Verein einer der größten Turnvereine im saarländisch-lothringischen Grenzraum. Die schnell wachsende Industriestadt Malstatt-Burbach, heute ein Stadtteil der Großstadt Saarbrücken, zählte damals rund 30.000 Einwohner. Alleine in der Burbacher Hütte, einem großen Eisenwerk, waren 4.200 Arbeiter beschäftigt. Im Jahr 1903 wurde im Turnverein auf Betreiben des Turnlehrers Johann Poller eine Spielabteilung gegründet, in welcher von Jugendlichen Fußball gespielt wurde. Man erhoffte sich, mit Instrumenten wie Pflichtturnstunden, die Kontrolle zu behalten. Rasch entstanden in benachbarten Turnvereinen ebenfalls Fußballabteilungen, die zum Unbehagen der Turnfunktionäre allerdings eher danach strebten, gegeneinander Wettspiele auszutragen, als sich im eigentlichen Turnverein zu engagieren. Die Turnerschaft tat sich entsprechend schwer, einen wettkampforientierten Ligabetrieb einzurichten. Erst 1913 durften an der Saar auch Meisterschaftsspiele ausgetragen werden. Für die Abteilung des TV Malstatt kam dieses Einlenken zu spät. 1907 machte sich die Spielabteilung selbstständig. Es entstand der Fußballverein Malstatt-Burbach – später der FV Saarbrücken, heute bekannt als 1. FC Saarbrücken.4
Der „Kampf um die Jugend“ entbrannte auch im Arbeiter- wie auch im katholischen Milieu. Gerade der Fußballsport wurde von den sozialen Milieus der stark fragmentierten Gesellschaft im Deutschen Kaiserreich zugleich als Gefahr und Chance wahrgenommen. Um die Jahrhundertwende hatten sich an der Saar soziale Milieus gebildet, die in sich geschlossen waren und die mit Anbruch des 20. Jahrhunderts nun mit dem aufkommenden Sport konfrontiert wurden. Wie überall im Deutschen Reich kam es in der Zwischenkriegszeit zur Gründung von Arbeitersportvereinen, die innerhalb des Milieus verhaftet blieben und untereinander zum Wettkampf antraten. Sport sollte proletarisch gedacht und gespielt werden. Letztendlich blieb der Arbeitersport im Saargebiet allerdings auf geringem Niveau. Auf seinem Höhepunkt zählte er im Jahr 1929 insgesamt 3.200 Mitglieder in 57 Vereinen. Wie marginal diese Zahl ist und welche Bedeutung dagegen entsprechend das sogenannte neutrale Sportvereinswesen hat, sieht man, wenn man realisiert, dass nur vier Prozent aller Sportvereinsmitglieder im Arbeitersport organisiert waren.5
Auch im katholischen Milieu, das sowohl im Saargebiet wie auch in Lothringen von hoher Bedeutung war, wurde versucht, den Fußballsport einzubinden und einzuhegen. Sowohl an der Saar wie auch in Lothringen waren im 19. Jahrhundert katholische Jünglingsvereine gegründet worden. In diesen hatten Turnen, Spiel und Sport seit den 1860er und 1870er Jahren Tradition, wurden aber erst seit 1896 von offizieller Seite gefordert und gefördert.6
Die katholischen Vereine machten sowohl gegen Arbeitervereine, aber auch gegen die Turnerschaft und die konfessionsneutralen Sportvereine Front und versuchten über die Sportabteilungen, die katholische Jugend gegenüber anderen Einflüssen abzuschotten. Über einen katholisch geprägten Sport sollte die Jugend in die kirchlichen Strukturen integriert werden. Auch auf regionaler Ebene im Saargebiet, dem Einzugsgebiet der Diözese Trier, kam es zu entsprechenden Anstrengungen. Im Februar 1909 wurde in Trier bei einer Versammlung der Jugendvereinspräsides des Bezirkes Trier über die Jugendarbeit gesprochen. Ein Kaplan von der Benediktinerabtei St. Matthias in Trier sprach neben den Gefahren, welche die Sozialdemokratie und der allgemeine „Sittenverfall“ für die Jugend bedeuteten, auch über die überkonfessionellen Sportvereine, die von der Geistlichkeit als Gefahr für die katholische Jugend angesehen wurden:
„Uns gehört die katholische Jugend, und uns muß sie auch ganz unversehrt erhalten bleiben. Das ist aber nur möglich in einer katholischen Organisation. Wir wissen ja, von gewissen Seiten ist man bemüht, interkonfessionelle Vereine entstehen zu lassen als Spiel- und Sportvereine im engen Anschlusse an die Fortbildungsschulen. Hierin liegt eine große Gefahr für unsere katholische Jugend. Wollen wir diese abwenden, und das müssen wir, so ist es unbedingt notwendig, daß wir baldigst katholische Organisationen ins Leben rufen und diese zweckentsprechend ausbauen.“7
In dem Zitat wird deutlich, dass die Sportvereine vor allem deshalb als Gefahr angesehen wurden, da durch diese externen Vereinigungen die Kirche die Kontrolle über die katholische Jugend zu verlieren drohte.
Im Bezirk Lothringen war die Situation einer stark fragmentierten Gesellschaft durch die Sprachgrenze noch komplexer gewesen und im französischsprachigen Teil außerdem von der nationalen Frage überlagert worden, weswegen im Rahmen dieses Beitrags auf die Dissertation verwiesen werden muss.8
Zusammenfassend lässt sich sagen: Integration und Exklusion gingen in den ersten Jahrzehnten des Fußballsports Hand in Hand. Mit zunehmender Popularität des Fußballs bei der Jugend inszenierten soziale Milieus über Sport und Fußball die Abschottung gegenüber anderen sozialen Gruppen. Innerhalb der Milieus verhaftet, hatte der Fußball keine gesamtgesellschaftliche Integrationskraft, sondern war spiegelbildlich für die Abschottungstendenzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In dieser Hinsicht wurden die bürgerlichen, konfessionsneutralen Sportvereine tatsächlich zu einem Gegenmodell.
Eine Republik inszeniert sich. Das Departement Moselle nach 1918
Fußball wurde nach dem Ersten Weltkrieg populär. Ganz besonders deutlich wurde dies im französisch besetzten Saargebiet, das nach dem Versailler Vertrag politisch-administrativ vom Deutschen Reich abgekoppelt worden war und wo – von den wirtschaftlichen Turbulenzen in Deutschland unbeschadet – die Kommerzialisierung des Fußballsports eine erste Blüte erfuhr. Die Vereine vervielfachten ihre Mitgliederzahlen. Die Zuschauer*innenzahlen erreichten bei internationalen Wettspielen erstmals fünfstellige Zahlen und populäre Fußballspieler aus Wien und Budapest heuerten bereits zwei Jahre nach Kriegsende bei saarländischen Vereinen wie Borussia Neunkirchen an.9
Mit der verbundenen zunehmenden öffentlichen Wahrnehmung wurde der Fußballsport nun noch viel mehr als zuvor zu einer Projektionsfläche sozialer und politischer Ideen und Ideologien. Dies trifft auch auf das Departement Moselle zu, wo nur wenige Jahre nach dem Ende der Grande Guerre und der Rückkehr der Moselle nach Frankreich die französische Republik den Fußballsport als Inszenierungsraum für sich entdeckte.
Bezüglich des Retour der Moselle nach Frankreich ist es von Relevanz, die Konfliktlinien zu kennen, um das Vorgehen der Behörden einordnen zu können. Rund 100.000 deutschstämmige Lothringer*innen wurden gezwungen, den ehemaligen Bezirk Lothringen zu verlassen. Im ehemaligen Diedenhofen, das nun wieder seinen französischen Namen Thionville erhielt, waren von ursprünglich 6.800 Deutschen Ende 1920 nur noch 500 vor Ort.10 Die Eingliederung der Departements in das französische Staatswesen erwies sich dennoch als konfliktreich. Der größte Konflikt bestand im kulturellen Sonderbewusstsein und damit zusammenhängend in der Ablehnung des französischen Zentralismus durch die lothringische Bevölkerung. Die deutschsprachigen Lothringer*innen hatten außerdem damit zu kämpfen, in Innerfrankreich als boches beschimpft zu werden. Letztendlich ging der französische Zentralstaat auf die Forderungen nach kultureller Autonomie ein. Die französischen Schulgesetze und das Gesetz über die strikte Trennung von Staat und Kirche wurden nicht angewendet und auch die konfessionellen Schulen blieben weiterhin bestehen.11
Für die lothringischen Fußballvereine des Deutschen Fußball-Bundes hatte der aprupte Abbruch aller Beziehungen nach Deutschland einen Schock bedeutet. Die Ausweisungspolitik traf den bürgerlichen Fußball im Bezirk Lothringen stark. Gerade in den führenden Positionen befanden sich viele „Altdeutsche“, die nun das Land verlassen mussten. So emigrierte auch Ludwig Albert, der zweite Vorsitzende des Süddeutschen Fußballverbandes nach Frankfurt. Die französischen Militärbehörden bestanden außerdem auf der Auflösung der Sportvereine, die mit französischen Namen neu gegründet werden mussten.
Bereits Ende Dezember 1918 trafen sich in Sarreguemines die ehemaligen Mitglieder des alten SV Wodan Saargemünd, um die Société Lorraine Sportive aus der Taufe zu heben. Wie im alten Club wurden die Sportarten Fußball und Leichtathletik angeboten.12 Im August 1920 wurde in Metz die Ligue Lorraine de Football Association gegründet. Dieser neue Fußballverband umfasste alle vier lothringischen Departements und schloss sich dem erst 1919 gegründeten französischen Fußballverband Fédération Française de Football-Association (FFFA) an. In den folgenden Jahren kam es zu einer sportlichen Blütezeit der Vereine der Moselle. Sie stellten 23 der 40 Vereine in der Ligue Lorraine und dominierten die Fußballplätze. Bis 1939 kamen alle lothringischen Verbandsmeister ausschließlich aus der Moselle. Spannungen der ehemals deutschen Clubs mit den französischen Vereinen der drei anderen lothringischen Departements blieben Anfang der zwanziger Jahre nicht aus. 1922 verlangten die deutschsprachigen Vereine eine stärkere Rücksichtnahme, weil bei ihnen kein Französisch gesprochen wurde. Die Gegensätze zwischen den Vereinen der Moselle und der übrigen Departements schwächten sich im Laufe der Jahre ab. Die Moselle blieb zwar politisch wie kulturell eine Welt für sich, dennoch gelang es der Ligue Lorraine, das deutsche Erbe der Fußballvereine erfolgreich zu integrieren.13
Wie war es um das Verhältnis von Politik und Sport gestellt? Zum einen wirkte sich die traditionelle Verschränkung der französischen Armee mit dem Sport aus: Wie überall in Frankreich führten auch in der Moselle die größeren Sportvereine jeweils Abteilungen für die préparation militaire ein, in welchen Jugendliche durch die Teilnahme an Vorbereitungskursen seit Ende des 19. Jahrhunderts das Abzeichen brevet de préparation militaire erhalten konnten, welches ihnen im Militärdienst Privilegien verschaffte.14 Grundsätzlich sah der Staat im Sport insofern Potenzial, dass er gesundheitspolitische, militärische und patriotische Aufgaben übernehmen sollte. In den Abteilungen zur wehrpolitischen Vorbereitung der Jugendlichen wurden Schießübungen für die Jugend zum Standard und eine Selbstverständlichkeit. Einem Zeitungskommentar aus dem Elsass aus dem Jahr 1929 ist zu entnehmen, dass der Umgang der Vereine mit diesen Schießabteilungen auch pragmatisch und mit umgekehrten Vorzeichen gesehen werden konnte. Otto Jenner, der im Kicker regelmäßig aus dem Elsass berichtete, schrieb über die PM:
„Durch die PM [Préparation Militaire] ist schon mancher Junge für den Sport gewonnen worden, den er erst als PM-Kandidat kennen lernte und daran Gefallen fand.“15
Die politische Inszenierung kam mit dem Boom des Fußballsports. Im Jahr 1923 wurden in der Moselle drei größere Stadien eingeweiht: in Sarreguemines, in Metz und in Forbach. Die Platzeinweihungen in Metz und Forbach werden im Folgenden als Fallbeispiele dargestellt.16
In Metz wurde am 26. August 1923 das Stadion des Cercle Athlétique Messin (CAM) auf der Ile St. Symphorien eingeweiht. Das umfangreiche Terrain des Vereins, der als Sportverein auch über eine große Leichtathletikabteilung verfügte, umfasste neben dem Stadion auch ein Trainingsgelände sowie einen Tennisplatz. Die deutschsprachige Zeitung Lothringer Sport berichtete ausführlich über den Besuch der lokalen, regionalen und nationalen Eliten aus Politik und Wirtschaft.
„Regierung, Departement und Gemeinde entsandten ihre Vertreter, welche die Notwendigkeit der Schöpfungen solcher Kulturstätten der Körperpflege anerkannten.“17
Insbesondere die Teilnahme von Henry Paté, seines Zeichens Haut Commissaire à l'éducation physique et aux sports in der französischen Regierung sowie Mitglied im französischen Olympischen Komitee, wurde von der Presse gewürdigt. Neben Paté sprachen auch der lothringische Industrielle und Abgeordnete Guy de Wendel sowie Dr. Ahreiner im Namen der Ligue Lorraine de Football-Association. Im Anschluss fanden Wettkämpfe in der Leichtathletik teil sowie ein Fußballspiel zwischen dem belgischen Verein Union St. Gilloise und dem CAM.18
Die Feierlichkeiten zur Platzeinweihung in Forbach fanden nur einen Monat später, am 30. September 1923, statt. Am Abend zuvor war das Fest mit einem Feuerwerk eröffnet worden. Die Schirmherrschaft übernahm der französische Staatspräsident Alexandre Millerand, Raymond Poincaré die Ehrenpräsidentschaft. Beide kamen nicht persönlich zu den Festlichkeiten, ließen sich aber durch den Commissaire général d'Alsace et Lorraine, Gabriel Alapetite, vertreten. Auf der Liste der Ehrengäste standen weitere zahlreiche prominente Namen. Der Präfekt des Departement Moselle ebenso wie der Abgeordnete Guy de Wendel – seines Zeichens zugleich Großindustrieller und Sportmäzen, der nach dem Krieg einen nach ihm benannten Fußballpokalwettbewerb ins Leben gerufen hatte. Mit Robert Schuman war außerdem ein weiterer Abgeordneter der Französischen Nationalversammlung an diesem Tag vor Ort – außerdem: vier Senatoren des Departements und zwei Armeegeneräle. Neben den Vertretern aus Politik und Militär waren weitere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Stadt und der Region, der Geschäftswelt, und der Industrie zugegen. Es dürfte die gesamte gesellschaftliche Elite des Departements Moselle an diesem Tag in Forbach versammelt gewesen sein.19
In der Presse wurden die Festlichkeiten detailliert geschildert: Um 12.45 Uhr stieg Monsieur Alapetite gemeinsam mit dem Präfekten der Moselle und dem sous-préfet von Forbach aus einem Auto vor der Turnhalle in Forbach aus, wo sie von der Forbacher Stadtkapelle mit einer Darbietung der Marseillaise begrüßt wurden. Im Anschluss daran folgte das Festbankett in der mit Girlanden und Fahnen geschmückten Halle. Es folgten patriotische Reden und eine zweite Darbietung der Marseillaise. Im Stadion – nach der dritten Darbietung der Marseillaise – sprach der Vereinspräsident Dr. Ahreiner. Er sprach über den Stadionbau und dankte allen Unterstützern. Abschließend interpretierte er die gesamte Vereinsarbeit als einen Dienst an der Republik und der Nation. Das Vereinsprogramm sei in erster Linie national ausgerichtet. Der einzige Wunsch der annähernd 500 Mitglieder, sei es, Frankreich zu dienen. Das Einweihungsspiel fand zwischen der Mannschaft der Union sportive Forbach der eigens angereisten Mannschaft des Club français aus Paris statt. Das Spiel selbst endete vor 6.000 Zuschauern bei sonnigem Herbstwetter 2:2 unentschieden.20
Die Beispiele der Platzeinweihungen in Metz und Forbach zeigen, wie rasch die lothringischen Sportvereine sich an das Französisch-Sein gewohnt hatten. Wie sehr und wie schnell haben wir es mit einer Republikanisierung und mit einer Französisierung der Fußballvereine zu tun? Was waren die Faktoren, die eine Integration in die französische Gesellschaft beförderten?
Die Antwort liegt in den Fußballvereinen selbst. Es waren in erster Linie die Verflechtungen der Clubs mit der zivilen Ebene, mit den Notabeln, Industriellen und Bürgermeistern, die zu einer Annäherung führten. Gerade der Bau von Sportplätzen und Stadien führte zu gemeinsamen Initiativen und kongruenten Interessenslagen. In Sarreguemines wurde beispielsweise 1922 der Bürgermeister zum Vereinspräsidenten gewählt. Die Kontakte zur französischen Verwaltung sowie zu den neuen lokalen und regionalen Eliten entwickelten sich in den lothringischen Städten trotz anfänglicher Schwierigkeiten also gut. Sowohl der Staat wie auch der Vereinssport hatten ein Interesse daran, die Entwicklung des Sports voranzutreiben. Die Motive waren dabei grundverschieden. Während es den Vereinen darum ging, ihren Sport möglichst ungehindert und unter den bestmöglichen Voraussetzungen ausüben zu können, ging es Wirtschaft und Staat darum, die Sportvereine aus gesundheitspolitischen, volkswirtschaftlichen, patriotischen und militärischen Gründen wegen zu fördern. Sport – so lautete immer noch die Botschaft im Frankreich der Zwischenkriegszeit – nutze dem Wiedererstarken der Nation in Hinblick auf kommende Konflikte.21
Zum Leitmotiv der französischen Sportpolitik wurde das Motto „Être fort pour être en paix“22. Dies war der Grund, warum das Kriegsministerium in den Sportvereinen Kurse zur militärischen Vorbereitung installierte und warum der Staat den Bau von Stadien und Sportplätzen subventionierte und mit patriotischen Einweihungsfestlichkeiten bedachte. Die Vereine passten sich ihrerseits an, übernahmen das patriotische Vokabular, kamen in den Genuss staatlicher Subventionen und bekamen Zugang zu neu errichteten Stadien und Sportplätzen.
Zusammenfassung
Der Beitrag begann mit dem ersten dokumentierten eigenständigen Fußballverein in Lothringen. Er war wie alle Vereine in der Gründungszeit zunächst ein Freizeitverein und als solcher überwand er tatsächlich Grenzen. Migranten aus Deutschland und einheimische Lothringer fanden hier zusammen, weil sie gleiche Interessen – das gemeinschaftliche Fußballspiel – verfolgten. Dass der Fußball aber auch bereits in seiner Gründungszeit Ausgrenzungseffekte generieren konnte, zeigte sich auch darin, dass die Vereine sich ihrerseits abgrenzten vom Anderen, das heißt von anderen Gruppierungen und für sich selbst eine exklusive bürgerlich geprägte Fußballvereinskultur begründeten.
Fußballvereine konnten daher sowohl einen integrativen Charakter haben, wenn es bei den Mitgliedern unterschiedlicher Herkunft um die Verfolgung gleicher Interessen ging. Zugleich hatten sie einen exklusiven Charakter gegenüber anderen sozialen Gruppierungen. Deshalb war es nur begrenzt möglich, den Fußballsport in sozialen oder auch konfessionellen Milieus einzuhegen und für Zwecke der Abschottung des jeweiligen Milieus zu nutzen. Dies war bei Turnvereinen ebenso zu beobachten wie im Arbeitersport und im konfessionellen Sport.
Auffallend ist, wie alle außersportlichen Akteure – von der Deutschen Turnerschaft über die Reformpädagogen, den preußischen Staat oder das Militär den Fußball instrumentalisierend für außersportliche Zwecke nutzen wollten. Die damals vollkommen neue Projektionsfläche Fußball bot jedem etwas: Sozialdisziplinierung, Erziehung durch Bewegung oder Wehrertüchtigung. Die Indienstnahme des Fußballs für außersportliche Zwecke gilt, wie gezeigt wurde, auch für den Arbeiter- wie für den katholischen Sport. Die Ausübung des Fußballsports in sozialen Milieus wurde daher zwar praktiziert, war jedoch quantitativ nicht von großer Bedeutung in Hinblick auf die Entwicklung des Fußballsports als Profi- wie auch als Breitensport.
Die Jugendlichen, wie auch die guten Fußballspieler, gingen zu den sogenannten bürgerlichen Vereinen, die sich für die soziale Herkunft und Konfession nicht interessierten. Die prinzipielle Offenheit war letztendlich auch das Geheimnis ihres Erfolges. Bei ihnen stand der sportliche Erfolg auf dem Platz im Vordergrund. Es ging ihnen – zugespitzt gesagt – um Punkte und Tore im Ligabetrieb. Es ging ihnen nicht um die Festigung eines Milieus, um Abwehrkämpfe, sondern um den sportlichen Erfolg ihres Vereins, der in erster Linie zu diesem einen Zweck gegründet worden war. Pragmatisches Vorgehen war für die bürgerlichen Sportvereine hierbei absolut notwendig.
Wie sehr mit pragmatischem Vorgehen auch ein staatstragendes Verhalten einherging, das wurde in diesem Beitrag am Beispiel der lothringischen Vereine nach 1918 aufgezeigt. Vereine wie die US Forbach hatten sich innerhalb weniger Jahre mit den neuen politischen Gegebenheiten arrangiert. Durch die Verfolgung kongruenter Interessen im Einklang mit Wirtschaft und Politik und durch das Zusammenwirken und -spielen mit Vereinen aus der übrigen Lorraine im lothringischen Fußballverband wurden auch die ursprünglich deutschsprachigen Vereine nach und nach in das republikanische Frankreich integriert.
Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellen
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Sport, Fußball und Migration im Kohlerevier
Polnische Migranten im Ruhrgebiet und in Nordfrankreich
Diethelm Blecking
„Tout immigré est un ȇtre à la fois déchiré entre deux cultures et enrichi par elles“
(Janine Ponty)
Einleitung
Im Jahre 1948 traf der RC Lens beim Endspiel um den französischen Landespokal auf den OSC Lille. Lens verlor dieses Spiel 2:3, bäumte sich aber zweimal gegen die Führungstreffer des Gegners auf. Beide Tore für Lens erzielte „Stanis“ Stefan Dembicki. Der äußerst beliebte Stürmer mit dem polnisch klingenden Namen war allerdings weder in Polen noch in Frankreich zur Welt gekommen. Dembicki wurde 1913 in Dortmund-Marten im deutschen Kohlerevier geboren, er stammte von der ersten Generation polnisch sprechender Migranten*innen im deutschen Ruhrgebiet. Auf Seiten des RC Lens war neben Stefan Dembicki der Verteidiger Marian Pachurka eingesetzt, der am 18. Januar 1918 in Sodingen geboren wurde.1 Dembicki zog nach dem Ersten Weltkrieg mit seiner Familie nach Frankreich, heuerte bereits im Alter von 13 Jahren auf einer Zeche an und war bis zur Rente 1968 in einer solchen in Lens angestellt. Der Sportler hält einen unglaublichen fußballerischen Rekord, weil er in der Spielzeit 1942/43 beim Pokalspiel gegen Auby-Asturies, das 32:0 für Lens endete, 16 Tore schoss. Im Alter betrieb er eine Tabakbar, die Vorverkaufsstelle für Tickets bei Matches und Treffpunkt des Fanclubs von „Racing“ war und „Sang-et–or“ nach den Vereinsfarben hieß. Reminiszenzen an den Tabakladen des Schalker Stars Ernst Kuzorra, der dann an den legendären Dribbelkünstler „Stan“ Libuda überging, sind naheliegend.2 Die migrantisch geprägten Fußball-Kulturen der Reviere in Rheinland-Westfalen und in Nord-Pas-de-Calais in Frankreich hängen zusammen, sind mit der Zeitverschiebung einer Generation Teil der klassischen, älteren Erwerbsmigration, die im 19. Jahrhundert in den ländlichen Gebieten des aufgeteilten polnischen Staates, der ehemaligen Adelsrepublik beginnt. Von diesen Prozessen und ihren Folgen für die Migrationskulturen, für Akkulturation, Integration und Assimilation im Kontext Sport und Fußball soll im Folgenden die Rede sein.
In beiden Regionen spielten polnische Migranten, die in den Kohlegruben arbeiteten, eine tragende Rolle für die Organisation von Vereinen und für ihre Identitätskonstruktionen. Im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung sind diese historischen Prozesse zumeist noch als Legenden und Mythen lebendig. Der politische Diskurs nutzt sie häufig als Referenzfeld für harmonisierende, populäre Reden, die die integrative Kraft des Sports beschwören. Diese affirmativen Bezüge gründen hauptsächlich in der Vorstellung, Sport sei eine Art Selbstläufer in der Bewältigung von Problemen ethnischer Heterogenität, die im Prozess der Migration entstehen und diene der „Integration“ zwischen Zuwanderer*innen und alteingesessener Bevölkerung. Zum Standardrepertoire von Politikern verschiedener Provenienz gehörten deshalb in Deutschland in den letzten Jahrzehnten Statements, die in diesem Kontext angebliche positive historische Erfahrungen beschworen und damit Geschichtspolitik betrieben.3 Auch bei dieser spekulativen Form der Erinnerungskonstruktion ist die Lage in Deutschland und in Frankreich ähnlich. Eine offizielle Geschichte, die in Frankreich 1998 zur Fußball-Weltmeisterschaft ediert wurde, fasste dieses Vor-Urteil so zusammen:
„Football in coalmining was an ideal place to closely integrate boys who had different origins and backgrounds. It was a way to provide social promotion.“4
Die Dekonstruktion bzw. die Ausdifferenzierung dieses transnationalen Stereotyps ist ein weiteres Anliegen dieses Artikels.
Polnische Migration ins Ruhrgebiet
Vor dem Ersten Weltkrieg entstand durch Binnenwanderung, insbesondere aus den polnischen Gebieten des Deutschen Reiches1, eine polnischsprachige Minderheit hauptsächlich im Ruhrgebiet2, in Berlin3 und in norddeutschen Städten4. Die Push- und Pullfaktoren, welche die Migration aus den agrarischen Ostprovinzen des Reiches ins schwerindustrielle Ruhrgebiet bedingten, resultierten aus dem unterschiedlichen Tempo und der verschiedenen regionalen Akzentuierung des Modernisierungsprozesses in Deutschland, damit einhergehend der agrarischen Überbevölkerung im Osten, im so genannten „Hinterland“ des Reiches. Schon seit Anfang der 1870er Jahre kamen Polinnen und Polen ins Revier. Der eigentliche Motor der Wanderungsbewegungen war dann die Hochkonjunktur seit 1895.5 Im Zuge der steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften in den Zechen des Reviers strömten polnisch sprechende Menschen aus Oberschlesien, Westpreußen und dem Posener Gebiet sowie aus Masuren, dem südlichen Ostpreußen, nach Westen.6 Im Jahre 1914 arbeiteten über 130.000 Bergarbeiter aus den Ostprovinzen des Reiches in den Zechen des Reviers.7 „Westfalen“ wurde – auch angetrieben durch Kettenwanderungen im klassischen Sinne – zum „ethnoscape“ zum Erfahrungsraum8 für polnische Migranten.
In den von Peußen während der polnischen Teilungen erworbenen Gebieten wurde in dieser Zeit die ökonomische Motivation zur Wanderung durch politischen Druck erhöht. Diese zunehmenden ethnisch-nationalen Spannungen setzten sich bald bis in die Zuwandererkolonien im Reich fort. Die politisch-kulturelle Repression durch die preußisch-deutsche Administration hatte auch hier einen Ethnisierungs- und Politisierungsprozess unter den Polinnen und Polen zur Folge und ließ transnationale Netzwerke entstehen, die von den östlichen Provinzen über Berlin bis ins Revier reichten.9 Die Zahl der vor dem Ersten Weltkrieg im rheinisch-westfälischen Industriegebiet ansässigen polnischsprachigen Menschen wird auf 300.000 bis 400.000 geschätzt.10 Dazu kam noch einmal knapp die Hälfte dieser Zahl Masuren.11
Polnisches Vereinswesen im Revier – die ersten Turnvereine
Kennzeichnend für die soziale Konstruktion ihrer Lebenswelt war für die katholischen „Polen“ ein früh entstehendes Vereinswesen unter dem Patronat der katholischen Kirche, aus dem sie sich aber bald im Laufe der oben explizierten Nationalisierung und Ethnisierung emanzipierten. Die Zeichen standen auf Selbstbestimmung, Eigenorganisation und Zentralisierung. Die aus diesem Prozeß der Ethnisierung sozialen Handelns entstehenden Institutionen sind im Begriff der Subkulturbildung1 zusammengefasst worden. Die zeitgenössische Literatur hat dieses Phänomen bereits umfassend erkannt und beschrieben, wenn Ludwig Bernhard vom „polnischen Gemeinwesen“ im preußischen Staat sprach2 oder wenn auf polnischer Seite zur Kennzeichnung des ethnischen Organisationsgefüges der Begriff „społeczeństwo“ (Gemeinschaft)3 benutzt wurde. Im Kontext der Verdichtung des Netzes polnischer Vereine entstanden im Revier seit 1899, als der erste Verein in Oberhausen gegründet wurde, polnische Turnvereine, „Sokół“ (Falke)4 genannt, die das bereits aus den Ostprovinzen des Reiches bekannte Modell einer nationalkulturellen Bewegung, einer Verkörperung der Nation5 zu implementieren versuchten.6
Die massiven Desintegrationserfahrungen der in der großen Mehrheit als Bergarbeiter beschäftigten Polen im Zuge der Wanderung aus dem agrarisch strukturierten Osten hatten durch soziale Entwurzelung und relative Entrechtung zur Dekonstruktion7 der alten Identitäten geführt. Dies forcierte das Verlangen nach einem stabilen, polnisch getönten Rahmen zumindest in der freien Zeit.8 Die Vereine erreichten bis 1914 zwar nur die Zahl von knapp 7.000 Mitgliedern in der Industrieregion, stellten aber nach den kirchlichen Arbeitervereinen die größte Gruppe im differenzierten polnischen Organisationsnetz. Der Organisationsgrad, bezogen auf die soziale Gruppe der polnischen Migranten*innen im Revier, lag aber mit 1,75 Prozent sogar über dem der Deutschen in der Deutschen Turnerschaft (1,66 Prozent) bezogen auf die Bevölkerung des Reiches.9 Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der Organisationsgrad der Industriearbeiter im Sport vor dem Ersten Weltkrieg (und bis heute10) erheblich niedriger als der der bürgerlichen Mittelschichten ist. Die Mitglieder waren sozial in der überwiegenden Mehrheit Bergarbeiter.
Sportvereine als Vehikel von Nationalisierung
Körperübungen waren für die Sokolvereine Vehikel im Kontext nationaler Inszenierungen der Ruhrpolen, sie dienten zur Identitätsstiftung und Entwicklung einer neuen sozialen Identität. Deshalb wurden die Übungen aus dem Repertoire des Deutschen Turnens, die im Sokol dominierten bei den Massenfreiübungen, die während der Turnfeste1 stattfanden, durch Übungen mit weiß-roten Fahnen und u.a. mit den Ulanenlanzen ergänzt. Die Turnbewegung trat auch bei ihren Festen als Verkörperung der Nation auf. Vor dem Hintergrund einer wenn auch naiven Vorstellung von „Integration“, wie sie in den oben beschriebenen Legenden generiert wird, können die polnischen Vereine deshalb eher als Vehikel zur Verhinderung für die Eingliederung der Zuwanderer mit polnischer Biografie in die deutsche Mehrheitsgesellschaft beschrieben werden. Folgt man migrationssoziologischen Reflexionen, die „marital assimilation“ als Schlüsselgröße für „Integration“ ansehen2, dann war die polnische Community im Revier im Grunde erfolgreich in der Verhinderung von Integration bzw. Assimilation. Mischehen waren bis zum Ersten Weltkrieg im Ruhrgebiet selten.3 Das Konzept der gegenseitigen ethnischen und gesellschaftlichen Abgrenzung, die oben skizziert wurde, war erfolgreich. Andererseits stellten die Vereine Überlebenshilfen in einer fragmentierten und segmentierten Gesellschaft dar, die als logische Konsequenz der Ausgrenzung nur die Möglichkeit der eigenen Organisation4 ließ. Für die Binnenintegration der polnischen „społeczeństwo“ besaß die Sokolbewegung einen hohen symbolischen Wert, ihre Mitglieder transportierten ein Avantgarde- und Elitebewußtsein, das auch von ihren Gegnern honoriert und bestätigt wurde. Sie halfen mit, polnische Gemeindestrukturen aufzubauen, die den Migranten*innen Angebote für Handlungsmöglichkeiten und den Erwerb einer neuen Identität boten. Die Brückenfunktion, die Migranten*innenorganisationen häufig in der Literatur zugewiesen wird5, auch das „bridging capital“ des Sports6 konnten diese Organisationen im Kontext der Wilhelminischen Gesellschaft schwerlich aktivieren.
No sports – die Randstellung der Arbeiterklasse
Zwar waren bereits seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts die konkurrenzorientierten „english sports“, also der moderne Sport, nach Deutschland gekommen. Fußball, Leichtathletik und Radsport wurden die zentralen Sportarten, die urbanen Metropolen Hamburg sowie Berlin die zentralen Orte der Sportbewegung. Die Industriearbeiterschaft blieb jedoch von den „sports“ ausgeschlossen. Hatte sich in der Deutschen Turnerschaft das ältere Bürgertum, die Schicht der Gebildeten, Studenten, Ärzte, Juristen, Professoren versucht zu vergemeinschaften, so stellte hier jetzt die neu entstandene Schicht der Angestellten mit ihren Distinktionsbedürfnissen die Mehrheit. Sie dominierten im Radsport, im Fußball und in der Leichtathletik und waren dort mit 42,8 Prozent die größte Gruppe. Der moderne Sport wirkte funktionell als Sozialtechnologie bei der Vergesellschaftung dieser „randständigen“ Gruppe und der ebenso von den Eliten der Gesellschaft und ihren Kastenritualen, z.B. vom Reserveoffizierswesen1, ausgeschlossenen Gruppe der Juden. Aber auch der Sport sah sein Ziel in der Erfüllung einer „nationalen Mission“.2 Fußball war demgemäß im Ruhrgebiet weder sozial noch politisch ein Feld für das polnische Bergarbeiterproletariat. Erst die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George Kennan) sorgte für jenen rasanten sozialen Wandel, der für die polnische Minderheit und den Sport im Revier neue Optionen dringlich und möglich machte.
Nach dem „Großen Krieg“ – Der Weg der polnischen Minderheit zur Assimilation
Die Neubildung des polnischen Staates nach dem Waffenstillstand im November 1918 veränderte die Lage für die Polen im Revier dramatisch, sodass sich die Geschichte und die Lage der Ruhrpolinnen und -polen vor und nach dem Ersten Weltkrieg kaum vergleichen lässt.1 Bis Januar 1922 optierten „deutlich unter 50.000“ für Polen2, zwischen 50.000 und 80.000 Polinnen und Polen wanderten hauptsächlich in die belgischen und französischen Kohleregionen ab. Im Jahre 1929 ging das polnische Konsulat in Essen nur noch von 150.000 Polinnen und Polen im Ruhrgebiet aus.3 Die Spielerkarriere im „Polacken- und Proletenklub“4 geriet jetzt zur „assimilativen Handlungsopportunität“5. Diese Änderung in der Zweck- und Zielbestimmung der polnischen Sportbewegung im Revier reflektierte das Ende einer selbstreferentiellen Subkultur polnischer Migranten.6 Die Ziele ihres ethnisch-nationalen Programms waren durch die Folgen und die Ergebnisse des Ersten Weltkrieges mit der Wiedererrichtung des polnischen Nationalstaates erreicht worden.7 Die Uhr des sezessionistischen Nationalismus war abgelaufen.8
Polnische Migranten im Ruhrgebietsfußball
Der Fußballsport hatte durch seine Bedeutung als Militärsport1 während des Ersten Weltkrieges eine große Verbreitung unter den Soldaten gefunden, die auch nach der Demobilisierung an dem Kampfsport festhielten und dem Spiel eine große Härte verliehen, die die sportliche Sozialisation an der Front nicht verbergen konnte.2 Hatte die Mitgliedszahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) 1913 bei 161.600 gelegen, so verfünffachte sich diese Zahl fast bis 1921 auf 780.500.3 Dabei blieb deutschlandweit die Dominanz der Angestellten und der Mitglieder aus bürgerlichen Berufen gerade unter den Aktiven erhalten.4 Eine Evidenz, die ihre Erklärung u.a. im strikten Festhalten des DFB am Amateurismus findet, der als struktureller sozialer Distinktionsmechanismus gegenüber den Unterschichten wirkte.5
Anders sah die Situation im Ruhrgebiet aus. Hier gewann jetzt in der Zuwanderungsgesellschaft des Reviers die multiethnische und proletarische Dimension des Fußballsports im Ruhrgebiet an Bedeutung.6 Gerade in der unmittelbaren Nähe zu den großen Zechen entstanden Mannschaften mit überwiegend proletarischen Mitgliedern und proletarischem Anhang.7 Unter diesen finden sich jetzt in vielen Vereinen des Reviers Menschen mit polnischen Namen, so z.B. beim Traditionsverein Rot-Weiß Essen. Dem Verein traten seit 1919 zahlreiche Mitglieder mit polnischem Namen bei und sie wirkten auch als Funktionsträger bzw. als Angestellte. Bis 1939 stellten sie ca. 10 Prozent der Mitgliedschaft. Seit 1931 wirkte für den Verein der Platzwart Hermann Greszick, der seinen Namen 1932 in Kress änderte. Die Namensänderungen sind ein deutliches Zeichen für die Assimilation. Andere Spieler änderten ihre Namen von Regelski zu Reckmann, von Czerwinski zu Rothardt und von Zembrzyki zu Zeidler. Etwa 240.000 polnisch bzw. masurischstämmige Menschen sollen auf diese Weise bis 1937 im Ruhrgebiet ihre Namen „germanisiert“ haben.8 Für die Forschung zu den multiethnischen Dimensionen des Sports nach dem Ersten Weltkrieg bleibt das Problem, dass allein auf Grund der Namen keine Differenzierung zwischen „Polen“ und „Masuren“ möglich ist.
Auch im sozialistischen Arbeitersport finden sich jetzt im Ruhrgebiet Mitglieder mit polnischen Namen. So im Essener Arbeiter-Turn- und Sportverein Schonnebeck sogar durchgehend im Vorstand. Für die Zeit der Weimarer Republik ist damit von einem Nebeneinander von polnischen Sportverbänden bzw. Vereinen und Mitgliedschaften in den anderen Verbänden bis hin zum Arbeitersport auszugehen. Die aktive Mitgliedschaft als Fußballer in einem renommierten Verein des Reviers gewann jetzt für die Nachkommen der Migranten den Charakter einer rationalen Wahl zur Verbesserung ihrer sozialen Situation.
Gerade der höherklassige Fußball im Revier wurde jetzt stark von Spielern mit einer polnischen Migrationsbiographie geprägt: Von 15 Vereinen, die 1937/38 in den Ligen Westfalen und Niederrhein um die Gaumeisterschaft spielten, schickten alle „in mindestens einer Begegnung Spieler mit polnischen Familiennamen wie beispielsweise Rodzinski, Pawlowski, Zielinski, Sobczak, Lukasiewicz, Tomaszik oder Piontek auf das Spielfeld“9. Unter allen Spielern, die eingesetzt werden, sind 68 mit polnischen Familiennamen. Auch die zeitgenössische deutsche Fußballnationalmannschaft führt mit Szepan, Kuzorra, Gellesch, Urban, Kobierski, Zielinski und Rodzinski solche Spieler im Tableau.
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