Kitabı oku: «Militärisches Denken in der Schweiz im 20. Jahrhundert La pensée militaire suisse au 20e siècle»


Impressum
SERIE ARES: Histoire militaire Militärgeschichte.
Band III
Schweizerische Vereinigung für Militärgeschichte und Militärwissenschaften (SVMM) und Militärakademie an der ETH Zürich /Assoiciation suisse d’histoire et de sciences militaires (AHSM) et Académie militaire à l’EPF de Zurich
Der Verlag Hier und Jetzt wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften SAGW hat das Buchprojekt mit einem Beitrag unterstützt.
| Schweizerische Akademie der Geistes- und SozialwissenschaftenAcadémie suisse des sciences humaines et socialesAccademia svizzera di scienze umane e socialiAcademia svizra da scienzas umanas e socialasSwiss Academy of Humanities and Social Sciences | |
Lektorat: Alexander Jungo, Hier und Jetzt
Gestaltung und Satz: Greiner & Reichel, Köln
Bildbearbeitung: Humm dtp, Matzingen
Umschlagbild: Oberst Roger Masson,
Chef des Nachrichtendienstes im Armeestab 1936-1948
(Bild: Schweizerisches Bundesarchiv, E5792#/1988/204#1087*).
ISBN E-Book 978-3-03919-924-2
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
© 2017 Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden, Schweiz
www.hierundjetzt.ch
www.ashsm.ch
ISBN Druckausgabe 978-3-03919-346-2
Inhalt
Michael M. Olsansky
Einleitung
Auftakt
Rudolf Jaun
Die «Probe des Krieges» und die «Existenz des Staates» – Elemente des schweizerischen Militär- und Kriegsdenkens im 19. Jahrhundert
Im Zeitalter der Weltkriege
Rudolf Jaun
Ulrich Wille: Hintergrund und Wirkung seines Denkens und Handelns
David Rieder
Fritz Gertsch – Enfant terrible, Soldatenerzieher und Militärtheoretiker
Michael M. Olsansky
Umstrittener Spiritus Rector: Ulrich Wille d. J. und das militärische Denken in der Schweiz der Zwischenkriegszeit
Andreas Rüdisüli
Une pensée militaire romande? Ein staatliches Machtmittel aus Sicht einer nationalen Minderheit
Im Kalten Krieg
Peter Braun
Wille-Schüler und Armeereformer. Militärisches Denken in der unmittelbaren Nachkriegszeit
Peter Braun /Olivier Schneider
«Jede kritiklose Nachahmung fremder Vorbilder muss sich rächen!» Annäherung ans militärische Denken Alfred Ernsts
Michael M. Olsansky
Der Einfluss des ausländischen Beispiels: Zum operativen Denken von Hans Senn und Frank Seethaler während des Konzeptionsstreits
Rudolf Jaun
Alfred Stutz und die Raumverteidigung. Ein letztes Gefecht um die Gewichtung von area defense und mobile defense unter dem Regime der Konzeption 66 der militärischen Landesverteidigung
Dominique Juilland
Roger Mabillard : la pensée en action ou le retour aux fondamentaux militaires après Mai 68
Jens Amrhein
Das militärische Denken Gustav Dänikers d. J.
Querbetrachtung
Christian Bühlmann
La commodification de l’armée de milice ? La pensée stratégique suisse au défi de l’approche gestionnaire
Autoren/Auteurs
Einleitung
Der friedlichen Geschichte der modernen Schweiz ist es zu verdanken, dass sich Militärhistoriker hierzulande eher mit militärischem Denken auseinandersetzen als mit militärischem Handeln. Dabei bezog und bezieht sich das Denken über Militär bei Weitem nicht nur auf die Innenmechanismen und Organisationseigenheiten des sozialen Subsystems Militär und seines Instruments, der Schweizer Armee. Vielmehr widmete es sich gerade den Abhängigkeiten und Wechselwirkungen von Militär und Krieg, Militär und Bedrohung sowie von Militär und Gesellschaft. Was Militär sein soll, wie Militär sein soll, welche Rolle der Krieg als politisch-gesellschaftlicher Ausnahmezustand dem Militärischen zukommen lässt und welche Bedeutung die Schweizer Gesellschaft dem Militär zugestehen will, sind integrale Fragen der Pensée militaire. Glücklicherweise denken dabei nicht nur Militärs über Militär nach. Aber es gab sie, die Militärs, die über Militär nachdachten, oftmals Milizoffiziere, aber auch stets jener Teil des hierzulande kleinen militärischen Berufsstands, der seinen Expertenstatus denkend und schreibend zur Geltung zu bringen vermochte. Wobei zu hoffen ist, dass er das auch künftig noch kann.
Der vorliegende Band 3 der SERIE ARES widmet sich dem militärischen Denken in der Schweiz des 20. Jahrhunderts. Ursprünglich als Tagungsband zum wissenschaftlichen Symposium «La pensée militaire suisse de 1800 à nos jours» in Pully (VD) im Jahr 2012 gedacht, entschied sich die Schweizerische Vereinigung für Militärgeschichte und Militärwissenschaften (SVMM/ASHSM) nachträglich dazu, auf eine breite, teilweise aber etwas dünn bohrende Tour d’Horizon über die letzten 217 Jahre zu verzichten und die Herausgabe einer aufs 20. Jahrhundert beschränkten Beitragssammlung ins Auge zu fassen. Der Entscheid hierzu war, angesichts der Forschungslücken, die auch dieser Band nicht schliessen wird, rückblickend sicher richtig. Zugleich ermöglichte es diese Fokussierung des Untersuchungszeitrahmens, der themenspezifischen Forschung der letzten zwei Dekaden Raum zu geben bzw. Teile ihrer Resultate zu präsentieren. Diese Forschung wurde, wenn natürlich nicht ausschliesslich, so aber doch wesentlich von Rudolf Jaun – mittlerweile emeritierter Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit und Militärgeschichte an der Universität Zürich – und seinem «akademischen Harst» von ca. 50 Doktoranden und Lizentianden vorangetrieben. Einige Autoren der hier abgedruckten Beiträge sind denn auch aus dieser «Jaun-Schule» hervorgegangen, inspiriert von dessen für die Erforschung des Schweizer Militärs im 20. Jahrhunderts wegweisenden Arbeit über den Richtungsstreit in der schweizerischen Militärelite am Ende des Fin de Siècle. Jauns Habilitationsschrift Preussen vor Augen steckte mit der Untersuchung der Auseinandersetzung über die staats- und gesellschaftspolitische Positionierung des Militärs in der Schweiz den Rahmen ab, wie Anfang des 20. Jahrhunderts über Militär gedacht und gesprochen wurde. Die beiden Lager des Richtungsstreits – die «Neue Richtung» um den Soldatenerzieher und späteren Weltkriegsgeneral Ulrich Wille und die «Nationale Richtung» um eine Offiziersgruppe mit national-republikanischem Militärideal – dachten unterschiedlich über das Verhältnis von Nation und Armee sowie von Volk und Armee, dachten anders über den Offizier, über den Soldaten, hatten unterschiedliche Ansichten über die Organisation des Militärapparates, die militärische Kräfteverwendung im Kriegsfall sowie über die Ausbildung und zu beschaffende Rüstungsgüter. Ein grosser militärischer Themenkatalog also, der zu bedenken war, und bezeichnenderweise sollte sich das im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts nicht grundsätzlich ändern. Es stellt sich diesbezüglich auch die wichtige Frage nach Kontinuitäten und Brüchen. Etliche Schweizer Militärhistoriker teilen heute die Auffassung, dass sich der Richtungsstreit im Sinne einer longue durée durch das 20. Jahrhundert zieht. Andere sind zurückhaltender und verweisen auf Ungereimtheiten und Bruchstellen. Von zentraler Bedeutung scheint es hier, die Inhalte der sich gegenüberliegenden Denkschulen idealtypisch und dergestalt mit einer sensoriellen Akzeptanz von Abweichungen und Alternativpositionen zu verstehen. Ausserdem scheint es angezeigt, Denkschulen und Personengruppen nicht per se gleich-, sondern in Beziehung zueinander zu setzen. So ist die «Nationale Richtung» als agierende Personengruppe nach dem Ende des Ersten Weltkriegs quasi verschollen, jedoch sind ihre Diskursstränge noch da. Die «Neue Richtung» wiederum, die den Richtungsstreit gewann, pflanzte sich mit Wille-Schülern der zweiten, dritten etc. Generation personell noch Jahrzehnte fort, was jedoch nicht bedeutet, dass sich ihre Denkinhalte nicht teilweise verändert bzw. ihre Aussagemuster nicht verschoben haben. Ein entscheidender Einflussfaktor hat aber durch das 20. Jahrhundert hindurch Kontinuität: Es gibt ausserhalb bzw. um das hiesige Schweizer Militär herum eine Entwicklung des Kriegs und minimal eine Idealentwicklung modernen Militärs. So wie sich das Gesundheitswesen entwickelt, so wie sich die Wissenschaft entwickelt, entwickelt sich im europäisch-westlichen Kontext auch staatlich organisiertes Militär, und dieser Idealentwicklung kann sich das schweizerische Militär selten verschliessen. Die internationale Militärentwicklung, in den Beiträgen dieses Bands häufig als Mainstream bezeichnet, wird in der Neuzeit von unterschiedlichen pacemaker-Nationen vorangetrieben. War es in der napoleonischen Zeit das französische Militär, das die Mainstreamentwicklung vorangetrieben hatte, waren es später das preussische und das deutsche Militär, das selbst nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg seinen Nimbus als Experte nicht abgeben musste. Erst mit der totalen Niederlage im Zweiten Weltkrieg verlor das deutsche Militär seine Position, Militär und militärische Kräfteverwendung idealtypisch weiterzuentwickeln; abgelöst wurde es im europäisch-westlichen Kulturkreis von den US-amerikanischen Streitkräften. Diese grossen Organisationen hatte das schweizerische Militär stets im Auge zu behalten, wenn es darum ging, sich selbst weiterzuentwickeln. Natürlich veränderte und verändert sich Militär hierzulande auch entlang konkreter schweizerischer Parameter, jedoch verstanden es in der Vergangenheit genug kluge Köpfe – wie die Beiträge in diesem Band zeigen –, die internationale Militärentwicklung zu verfolgen. Diese Idealentwicklung aus politischen Motiven zu ignorieren, führte dagegen meistens zu militärischem Rückstand und einem langfristigen Adaptionsstau.
Rudolf Jaun eröffnet diesen Band mit einem Beitrag über die unterschiedlichen Kriegs- und Militärdeutungen in der Schweiz des 19. Jahrhunderts und den daraus hervorgehenden, bereits erwähnten Richtungsstreit im Schweizer Offizierskorps. Sein zweiter Beitrag befasst sich mit dem militärischen Denken Ulrich Willes, des bis heute wichtigsten Impulsgebers für die Entwicklung der Schweizer Armee. David Rieder beschreibt auf der Basis seiner Dissertation das militärische Denken Fritz Gertschs, ein Radikaler unter den Wille-Gefährten mit einem guten Auge für die Evolution des modernen Kriegs, jedoch etwas eigenen Vorstellungen zum Idealumgang mit militärisch Unterstellten. Es folgt ein Beitrag des Herausgebers zu Ulrich Wille d. J., dem Sohn des Weltkriegsgenerals, einem voll in der Tradition seines Vaters stehenden Soldatenerzieher und hervorragenden Taktiker, der mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nicht nur wegen seiner Affinität für das deutsche Militär politisch sukzessive ins Abseits glitt. Andreas Rüdisüli fragt sodann nach einer «Pensée militaire romande», die er auf der Basis seines Dissertationsprojekts auf ihren staatspolitischen Kerngedanken hin untersucht. Peter Braun liefert im Weiteren mit einem Beitrag zur Herkunftsgeschichte der am Konzeptionsstreit hauptsächlich beteiligten Offiziere eine Skizze der erneuten Lagerbildung im Schweizer Offizierskorps nach 1945, um dann in einem anderen Beitrag sich explizit mit Alfred Ernst, dem Kopf des reformorientierten Lagers zu befassen. Der Herausgeber befasst sich darauf mit dem operativen und taktischen Denken von Hans Senn und Frank Seethaler, zwei äusserst beeindruckenden Exponenten einer neuen Schweizer Offiziersgeneration, deren militärisches Denken ganz wesentlich an ausländischen Führungsakademien geprägt wurde. Dominique Juilland beschäftigt sich mit Roger Mabillard, dem ihm persönlich sehr gut bekannten ehemaligen Ausbildungschef der Schweizer Armee in den 1980er-Jahren, der sich mit seinem Ruf nach mehr Kriegshärte in der Ausbildung der Schweizer Armee öffentlich nicht nur Freunde machte. Nach einem Beitrag Rudolf Jauns zum operativen Querdenker Alfred Stutz analysiert Jens Amrhein das Denkens des Militärintellektuellen, Offiziers und Publizisten Gustav Däniker d. J. Die Reise dieses Buches durch das hiesige militärische Denken im 20. Jahrhundert schliesst ein Beitrag Christian Bühlmanns zur jüngsten Militärentwicklung ab. Er konstatiert am Ende des 20. Jahrhunderts eine Stagnation des militärischen Denkens in der Schweiz, das aufgrund der Dominanz rein innenpolitischer Parameter geistig zu veröden droht und, von der internationalen Militärentwicklung abgekapselt, sich zusehends um sich selbst dreht.
Der vorliegende Band der SERIE ARES sucht den Zugang zum militärischen Denken in der Schweiz des 20. Jahrhunderts vor allem über militärische Denker. Forschungsstand und überliefertes Schriftgut führten wesentlich zu den hier vorgelegten Beiträgen. Selbstverständlich hätten es andere Köpfe ebenfalls verdient gehabt, in diese Darstellung aufgenommen zu werden. Das militärische Denken von Offizieren wie Julien Combe, Hans Frick, Samuel Gonard, Georg Züblin, Robert Frick, Jörg Zumstein oder Josef Feldmann harren ihrer Untersuchung. Es bleibt angesichts des aktuell deplorablen Zustands der Militärgeschichte an den Schweizer Universitäten zu hoffen, dass sich junge Historikerinnen und Historiker diesen Herausforderungen künftig noch stellen. Auch der SVMM steht diesbezüglich durchaus in der Verantwortung.
Michael M. Olsansky
Auftakt
Die Art, wie Militär und Krieg von einzelnen herausragenden Schweizer Offizieren gedeutet wurden, veränderte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts grundlegend. Das Denken über Militär und Krieg nahm zunehmend eine geschichts-, staats- und gesellschaftsphilosophische Orientierung an, welche in den beiden letzten Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg zunehmend auf die Ausbildung der Milizsoldaten und -offiziere einwirkte. Im Folgenden wird das schweizerische militärische Denken anhand der wichtigsten Publizisten diachronisch erörtert.
Die Deutung von Militär und Krieg stellte sich für die Träger der schweizerischen Staatlichkeit seit dem Beginn der frühneuzeitlichen Staatsbildung anders dar als für die Mehrzahl der Träger der europäischen Herrschaftsverbände, welche dem monarchischen Absolutismus unterworfen waren. An der absolutistischen Kriegführung hatte sich die Eidgenossenschaft lediglich als «neutrale» frühneuzeitlich-staatliche Vermittlungs- und Approbationsstelle privat finanzierter und organisierter Solddienstunternehmen beteiligt. Die primär für die Lokalverteidigung vorgesehenen und für die Aufrechterhaltung der Herrschaft über die eigenen Territorien verwendeten Milizorganisationen der einzelnen eidgenössischen Orte wurden von der Militärkritik der Aufklärung zwar immer wieder als alternatives Streitkräftekonzept zu den stehenden, monarchisch-absolutistischen Soldheeren und ihrer Kriegführung dargestellt. Der Schweiz fehlte aber am Ende des Ancien Régime nicht nur die Einheit der Staatspersönlichkeit und der ethnisch-kulturellen Nation, sondern auch die Einheit des Heeres, obwohl die aufklärerischen Visionen auch die Bildung einer nationalen Streitkraft einschlossen.2
Im Gegensatz zur Mehrzahl der europäischen Nationalstaaten war die moderne Schweiz auch nicht eine Kriegsgeburt: weder als gewaltvoller revolutionärer Aufbruch gegen die eigenen und fremden monarchischen Herrschaftsträger wie in Frankreich noch als Befreiungsakt gegen die imperiale Herrschaft Napoleons wie in Preussen-Deutschland, Spanien oder England. Die Schweiz verdankte ihre Existenz nach 1814 den europäischen Grossmächten, welche an der Weiterexistenz der Eidgenossenschaft ein Interesse hatten. Die militärisch-nationale Selbstdarstellung und die Kriegsdeutung konnten im 19. Jahrhundert in der Schweiz nicht direkt an Befreiungs- oder nationale Einigungskriege anschliessen, sondern musste in die Vergangenheit und Zukunft und damit auf die Ebene der Historiografie und der Geschichtsphilosophie ausweichen. Einesteils wurde auf die erfolgreichen Schlachten der Gründungs- und Wachstumsphase der Eidgenossenschaft zurückgegriffen, andernteils die idealistische Staats- und Geschichtsphilosophie und ihre Kriegstheorie benutzt, um die nationalstaatliche Entwicklung der Schweiz zu fundieren. Dieses geschichtsphilosophische Konzept hatte den Vorteil, Höhepunkt (1515), Niedergang (Ancien Régime) und Wiederaufstieg (1830/1848) des schweizerischen «Volkes» mit der vernunft- und fortschrittsorientierten Volksund Weltgeisttheorie zu verbinden. Während sich die Vertreter der Volksbewaffnung statisch-rückwärtsgerichtet am Vorbild der alten Eidgenossen orientierten, beriefen sich die Vertreter der nach dem europäischen Standard der Kampfführung ausgerichteten Milizarmee mehr und mehr auf das Fortschrittskonzept der idealistischen Staats- und Geschichtsphilosophie. Nach 1830 waren es deutsche liberale Emigranten wie der an der Berner Hochschule und an der Zentralschule Thun als Professor für Militärwissenschaften lehrende Rudolf Lohbauer, welche dem nationalen Militär der Schweiz eine idealistische Theorie vermittelten. Die Schweiz solle sich nicht dem «Naturalismus der Landesverteidigung durch die local zerstreute Menge» anvertrauen, sondern «dem eigenen Geiste seiner Nationalität, mit dem ganzen Beruf seiner Geschichte und der Bedeutung seines Volks in der Weltgeschichte» folgen, damit «der Geist das Schwert ergreifen und zum Streit und Siege lenken» könne.3 Demgegenüber hatten die Romantiker Zschokke und von Tavel in ihren Schriften auf eine explizite Deutung des Krieges verzichtet: Krieg erscheint implizit als natürlicher Vorgang unter den Völkern, deren Mitglieder auch über natürliche kriegerische Anlagen verfügten.4 Die Aktivierung der populären und gelehrten Überlieferung des Kriegertums der Alten Eidgenossen erlaubte, Orientierung für eine Wiedergeburt schweizerischer kriegerischer Tugenden zu gewinnen. Die Romantiker befassten sich vornehmlich mit der zugeschriebenen natürlichen kriegerischen Begabung der Schweizer und ihrer möglichen Anwendung in der Kriegführung. Auch ihr Widersacher, Johannes Wieland, ein Vertreter regulärer Kampfführung, konzentrierte sich vollständig auf die Mittel der Kriegführung. Als deren Zweck erscheint bei ihm neben der Bewahrung der Unabhängigkeit, Integrität und Ehre des schweizerischen Staates in prononcierter Weise die bewaffnete Verteidigung der schweizerischen Neutralität. Die militärische Verteidigung des von den Grossmächten garantierten neutralen Territoriums der Schweiz wird von Wieland in paradigmatischer Weise ausgeführt.5 An einer einzigen Stelle schlägt Wieland einen beinahe geschichtsphilosophischen Ton an, wenn er zur «Widerlegung des Wahnes, dass eine kraftvolle Einrichtung des Wehrstandes in der Schweiz nutzlos sey», ansetzt. Den «schwache(n) Theil unserer Nationalstellung» erblickt er im politischen Unwillen, die Unabhängigkeit der Schweiz zu verteidigen, und warnt davor, sich erneut auf die Gnade der Grossmächte zu verlassen: «Zweimal ist die Schweiz gefallen und durch fremden Machtspruch gerettet worden […]. Entweder wir bestehen die Probe, und wir sind ehrenvoll auf lange Zeit gerettet; oder wir wiederholen das traurige Schauspiel schweizerischer Zwietracht vom Jahr 1798 […], so wie das vom Jahr 1813 […] und dann ist die Eidgenossenschaft aufgelöst.» Die Schlussfolgerungen aus den Niederlagen von 1798 und 1813 sind angesichts der historischen Tatsachen keineswegs zwingend. Wieland übergeht den historischen Kontext der Existenz der Schweiz und unterwirft sich der Deutung des Krieges als Prüfungsinstanz nationalstaatlicher Existenzberechtigung: «Nachdem sie dreimal der Welt ihr Unvermögen vor Augen gelegt haben wird, mit eigenem Schwerdt die Unabhängigkeit zu behaupten, muss sie, und mit Recht, Schuld und Schmach des Untergangs an sich selbst tragen.»6 Diese Aussage steht bei Wieland singulär da. Es gibt keine weiteren Formulierungen in seinem Werk, die auf die Rezeption eines geschichtsphilosophischen Konzeptes schliessen lassen.
Im Banne der Staats- und Geschichtsphilosophie des deutschen Idealismus: Wilhelm Rüstow und Emil Rothpletz
In den 1860er-Jahren traten jedoch mit Wilhelm Rüstow und Emil Rothpletz zwei Militärpublizisten auf, welche die Staats- und Geschichtsphilosophie des deutschen Idealismus auf die Schweiz übertrugen und die Entwicklung des schweizerischen Nationalstaates und seiner Streitkraft mit der idealistischen Kriegsdeutung verbanden. Beide waren «1848er»: Rüstow war ein preussischer Offizier, der 1850 eine Schrift mit dem Titel Der deutsche Militärstaat vor und während der Revolution geschrieben hatte, in der er das stehende Heer als Instrument der Unterdrückung und Unfreiheit geisselt. Rüstow wurde darauf wegen Hochverrats verurteilt, entzog sich jedoch nach einem halben Jahr Festungshaft der Strafe und flüchtete in die Schweiz.7 Der Schweizer Milizoffizier Rothpletz hatte sich als Student 1848 an den Barrikadenkämpfen in Berlin beteiligt. Er ist dem politischen Aargauer Radikalismus zuzurechnen.8 Rüstow entfaltete in der Schweiz eine reiche militärpublizistische Tätigkeit. Rothpletz trat Ende der 1860er-Jahre mit seiner Anleitung zum militairischen Denken und Arbeiten: die Schweizerische Armee im Feld hervor. Beide aspirierten auf den 1874 neu geschaffenen Lehrstuhl für Militärwissenschaften an der ETH, den Rothpletz 1878 definitiv erhielt, worauf sich Rüstow erschoss. Rothpletz bekleidete den ETH-Lehrstuhl bis 1897.
Mit dem aus Preussen exilierten, linksliberalen Rüstow war ein herausragender militärtheoretischer Kopf in die Schweiz gekommen. Rüstow musste von der Feder leben, was seine publizistische Produktion enorm steigerte. Daneben gelang es ihm jedoch nicht, eine kontinuierliche Verwendung als Instruktor und Militärsachverständiger der schweizerischen Milizarmee zu erlangen. Neben Abhandlungen zum schweizerischen Wehrwesen verfasste Rüstow historische und militärtheoretische Werke sowie Kommentare zu den europäischen Kriegen vom Krimkrieg bis zum Ersten Balkankrieg. In seinen allgemeinen militärtheoretischen Büchern befasst sich Rüstow nicht nur mit «Kriegführung», sondern auch mit «Kriegspolitik» und der «Stelle des Krieges in der Weltordnung». Nach Lohbauer, der kaum publizierte, leistete Rüstow mit seinen zahlreichen Publikationen einen herausragenden Beitrag zur Deutung des Kriegs aus der Sicht der liberal-demokratischen Republik.

Weggefährten und Konkurrenten, Offiziere und militärische Denker: Emil Rothpletz und Wilhelm Rüstow (Bilder: BiG).
Rüstow arbeitete in seinen Betrachtungen über den «Krieg», vor dem Hintergrund der Konstruktion des physisch-geistigen Machtkampfs der staatlich verfassten Völker, dessen Natur- und Kulturorientierung heraus. «In der Natur ist nun eine Erscheinung, welche sie vollständig durchdringt, der Kampf, das ewige Verändern der Formen, Vergehen und Entstehen, das Werden […]. Den Krieg aber, welchen die Menschen untereinander führen, dürfen wir mit Recht als eine besondere menschliche Form jenes allgemeinen Werde-Kampfes in der Natur hinnehmen, mit um so grösserem Recht, da der Mensch, wie vernunftbegabt er sein möge, ausserdem auch ein sinnliches Wesen ist und dadurch der Naturgeschichte verfällt, unter den allgemeinen Naturgesetzen steht.»9 Revolution und Krieg würden die «schadhaften Theile der Maschine» zusammenschlagen und sie durch neue ersetzen, «und bald geht das Werk wieder rüstig seinen ruhigen Gang».10 Rüstow nannte diese Betrachtungsweise in Abgrenzung zur militärischen Strategie «Allgemeine Kriegspolitik oder politische Strategik». Während es die Aufgabe der militärischen Strategie war, «eine Anzahl zu gewinnende Schlachten zweckmässig (zu) verknüpfe(n)», erhob sich darüber «eine höhere, die Politische Strategik, welche die Kriege eines Volkes wiederum dermassen verknüpft, dass ihre gesamte Reihe dem Staate zu Macht und Grösse in der von Natur gegebenen Richtung, zur Erfüllung der Mission des Volkes verhelfe und ihn in jedem Momente vor dem Falle bewahre».11 Kriege spielten sich im Bereich des natürlich-physischen Kampfes ab, dort, wo «Neues und Schönes» aus der Vernichtung des «Alten und Faulen» entstand. Der Krieg ist aber auch die Grundlage der Staatsexistenz. Mittels Krieg begründen Fürsten und Völker Staaten, und mittels Krieg bewahren sie ihre unabhängige Staatsindividualität. Erst auf der Basis von «Macht und Grösse» könne ein Volk seine «eigene weltgeschichtliche Mission» erfüllen und seine «Volkskraft» bzw. seinen Volksgeist weiterentwickeln und Teil der Weltgeschichte werden.12 Vor der Folie der Dialektik von physischem und geistigem Kampf wird der Krieg zu etwas Notwendigem – zu einem Instrument, das prinzipiell auf Sieg auszurichten ist, aber immer auch das Moment der Niederlage und des Verlusts der staatlichen Individualität bzw. Existenz eines Volks in sich trägt.
Es ist im Rahmen dieses Beitrags nicht möglich, die Wirkungsgeschichte Rüstows auf das schweizerische Militärdenken umfassend zu untersuchen. Es ist aber davon auszugehen, dass er sowohl auf die «Nationale Richtung» im Offizierskorps (Welti, Fisch, Gutzwiller, Hungerbühler) wie auf die Offiziere der «Neuen Richtung» (Affolter, Wildbolz, Wille) einen erheblichen Einfluss ausübte.13 Rüstows Einfluss auf seinen Weggefährten und Konkurrenten Emil Rothpletz ist jedoch formell und inhaltlich belegbar. Rothpletz nennt Rüstow neben Clausewitz, Jomini und Willisen in seiner Anleitung zum militärischen Denken und Arbeiten ausdrücklich als Autorität der Kriegswissenschaft.14
Rothpletz bemerkt zu Beginn seines Werks, dass er nicht immer mit den «Meistern unserer Kriegsliteratur» übereinstimme und dass dies daher rühre, weil «er zum ersten Mal die Theorie des Krieges vom rein republikanischen Standpunkt aus behandle». Auf die Schweizer Armee bezogen, traf dies sicher zu. Allgemeiner gefasst, kam dieser Anspruch Rüstow zu, auf den sich Rothpletz stützte. Neu war auch, dass eine für die Schweizer Armee im Felde geschriebene Anleitung zur Hälfte «Vom Kriege» handelte und sich dabei «absoluter» Begriffe bediente.15 Rothpletz entwickelte wie Rüstow seinen Kriegsbegriff am Hegelianischen Kriegsbegriff, der zwei Lesarten zuliess.16 Die eine Lesart erblickte im Krieg ein Mittel, die Männer der bürgerlichen Gesellschaft, welche im Schutz des konstitutionellen Staates ihren persönlichen Nutzen maximierten, kollektiv zu Tapferkeit und Entbehrung zu erziehen und den Tod und die Vernichtung von Hab und Gut fühlen zu lassen. Das andere, von Rothpletz herausgestrichene Moment sah im Krieg primär ein geschichtsnotwendiges Mittel, um die Anerkennung und Selbsterhaltung des Staates zu sichern. In der Sichtweise des Radikalismus mussten die «Bürger» der Schweiz nicht mittels Militär und Krieg zu Soldaten gemacht werden. Das selfgovernment der Schweizer Staatsbürger bildete die Basis der Miliz. Rothpletz stellt den Zusammenhang von Staatsexistenz und Krieg ins Zentrum seiner Abhandlung über den «absoluten» Krieg: «Die Existenz eines Staates ist gegenüber den andern Staaten und gegenüber seiner eigenen Bevölkerung eine Frage der Macht […]. Das letzte Mittel der Lösung der Machtfrage ist die Gewalt. Der Krieg ist das stärkste und äusserste Mittel der Politik – er ist der Kampf um die Existenz.»17 Die republikanische Staatsexistenz wird als Form der Entwicklung des Volksgeists begriffen und der lediglich mit physischen Mitteln geführte Krieg im Vergleich zu dem mit den Mitteln der «Volkskraft» geführten Krieg als sekundär dargestellt. Wie ein für das Auge unbeweglicher Gletscher arbeite der Volksgeist: «[A]lles scheint geistiges Leben und organische Form, bis im nächsten Augenblick die herrlichen Gebilde in der unaufhaltsamen Wucht der von blinden Kräften bewegten Masse verschlungen werden, aus der neue Gestalten zum neuen Untergang sich erheben, so arbeitet die Volkskraft, die selbst wieder ein Product des Kampfes um die Existenz ist.»18 Kriege müssten deshalb zur rechten Zeit und als «gerechte Volkskriege» ihren «Ursprung» nehmen, sonst arbeite der beste General umsonst: «Staaten im Verfall, so lehrt die Geschichte alter und neuer Zeit, erfechten selten oder keine fruchtbaren Siege […]. Der Krieg als blosse siegreiche Schlächterei ist für die Zukunft werthlos, nur der Kampf als Mittel der Politik eines lebensfähigen Staates bringt den erfolgreichen Sieg […].»19 Krieg ist für Rothpletz Kampf um den Sieg und zugleich Kampf um die Staatsexistenz: Vor dem Hintergrund dieser existenziellen Kriegsdeutung lehnt er eine Unterscheidung von strategischer Verteidigung und strategischem Angriff ab.
Um diese Vorstellungen mit der Schweiz in Bezug zu setzen, musste einiger theoretischer Aufwand getrieben werden. Wegen der Schwäche und Kleinheit des schweizerischen Staates, und weil das Volk darauf eingeschworen sei, müsse die Neutralität aufrechterhalten und allenfalls ein «gerechter Volkskrieg» gegen monarchische Übergriffe geführt werden. Immerhin schliesst Rothpletz eine Allianz mit einem republikanischen Staat «von gleicher moralischer Grundlage» nicht aus und hofft zumindest im Bedrohungsfall auf einen solchen Bündnispartner, ohne dass «die kleinlichen nichtssagenden Bedenken der Neutralitätspolitik» dies verhinderten. Auch sinniert er darüber nach, dass die Schweiz in den Grenzen des Ancien Régime «ein mächtiger und kein neutraler Staat» wäre. Er tröstet sich aber mit der Gewissheit der Entwicklungsfähigkeit des schweizerischen Volksgeistes darüber hinweg: «Solange die Republik lebenskräftig nach immer grösserer Vervollkommnung ihrer sittlichen Grundlagen strebt, kann ihr die Neutralität auch nicht an Einfluss und Ansehen schaden.»20
Die Fixierung auf die absolute Begrifflichkeit des militärischen Siegs und des Kriegs als Todeskampf um die staatliche Existenz erforderte eine gewaltige Dynamisierung der Humanressourcen der republikanischen Miliz. In der Vision von Rothpletz soll die militärische Qualifizierung der männlichen Bevölkerung in die zivile Ausbildung und ins zivile Sozialleben integriert werden. Mit dem Schuleintritt beginnt auch die militärische Ausbildung. Die Rekrutenschule zum Zeitpunkt der politischen Mündigkeit soll lediglich als «Prüfung und als Repetitorium der elementarwissenschaftlichen und der militairischen Arbeit der Jugendzeit» und als «Übergang vom Spiele der Jugend zu dem Ernst der Kriegstüchtigkeit» dienen.21 An den höheren Schulen, eingeschlossen die Hochschulen, sollen militärische Pflichtvorlesungen eingeführt werden, um die Unteroffiziere und Offiziere auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Zudem sollen die Schützen-, Jäger-, Turner- und Bergsteigervereine und ihre eidgenössischen Zentralfeste zur «nationalen Erziehung» herbeigezogen werden.22 Am Lebensende erhalte der ältere, zum Felddienst nicht mehr verwendbare Mann die Aufgabe, die militärische Erziehung des nachkommenden Geschlechtes zu überwachen und für die Aufrechterhaltung der Ordnung im Innern des Landes besorgt zu sein: «Grundsätzlich ist auf diese Weise das ganze männliche Geschlecht von der Jugend bis zum Alter in steter Beziehung zum Kriege».23 Die Frauen gelten als die «vegetative, der Natur zugewandte Seite des Menschengeschlechts». In Hinsicht auf den existenziell aufgefassten Krieg ist den Frauen aufgegeben, «ein gesundes, kräftiges Geschlecht» zu erzeugen und Kranke und Verwundete zu pflegen: «Das Weib hat somit eine für den Krieg und die Zukunft des Vaterlandes höchst bedeutungsvolle, aber doch nur primitive Aufgabe.»24 Mit der Biologisierung der Frauen wird ihr Status auch für den Bereich des Staates und der Streitkraft auf die Rolle der gebärenden und fürsorgenden Mutter eingeschränkt.
Rothpletz entwarf sein Konzept der Militärrepublik in Abgrenzung zum monarchischen Militärstaat und seinem stehenden Konskriptionsund Söldnerheer. Wenn die militärische «Erziehung das ganze Menschenleben» umfasse und die Republik aus «einem Volk besteht, das den Pflug und die Waffe mit gleicher Leichtigkeit und Freude handhabt», dann sei die Republik «die wohl stärkere Kriegsbasis» und «der eigentliche Soldatenstaat».25 Rothpletz bezeichnete dies als «idealen Wunsch», welcher der «Wirklichkeit nur in geringem Masse» entspreche. Die Gefahr der Militarisierung und der Dominanz des Militärischen über das Zivilleben sah Rothpletz in der Tradition der liberalen Militärtheorie nur bei den stehenden Heeren der Monarchien, die über ein autonomes Militär verfügten. Sein «radikales», geradezu staatssozialistisch anmutendes Konzept hatte zusammen mit den Schriften von Wilhelm Rüstow eine nicht geringe Wirkungskraft: Es entsprach in grossen Zügen dem Ideengerüst des Entwurfs zur Armeereform von Bundesrat Emil Welti für ein neues Militärorganisationsgesetz aus dem Jahr 1868. Bundesrat Welti war ein grosser Anhänger des Einbezugs der Volks-, Mittel- und Hochschulen in die Militärausbildung und des militärischen Vorunterrichtes, der die Zeit zwischen Ende der Schulpflicht und Beginn der Wehrpflicht überbrücken sollte. In sehr abgeschwächter Form fanden einige Elemente (Vorunterricht, Militärwissenschaften an der ETH usw.) des freisinnig-radikalen Militärkonzepts Eingang in die Militärorganisation von 1874. Das Konzept diente der «Nationalen Richtung» im schweizerischen Offizierskorps in den folgenden Jahrzehnten als Leitbild des auf den Staatsbürgerstatus aufbauenden Soldatenstatus. Rothpletz hatte die Vorstellung der Volksbewaffnung und der an der klassischen Kampforganisation orientierten Milizarmee unter dem Horizont der auf die Staatsexistenz radikalisierten Kriegsdeutung zusammengebracht. Hier knüpfte auch die «Neue Richtung» an, welche ebenfalls von den absoluten Begriffen des Kriegs und der Existenzvernichtung des Staates ausging, aber das Verhältnis von Bürger und Soldat umkehrte und am Soldaten der stehenden (monarchischen) Armeen Richtmass nahm und im Bürger nicht den Staatsbürger und soldat-citoyen, sondern den Bourgeois, den zum Soldaten zu erziehenden Staatsangehörigen, sah.26
Kriegsfähigkeit als dominante Legitimation der schweizerischen Staatsexistenz
Für die Entwicklung des schweizerischen Militär-, Kriegs- und Staatsverständnisses bedeutete die Rezeption von Elementen der idealistischen Staats- und Geschichtsphilosophie, wie sie in den Schriften von Rüstow und Rothpletz zum Ausdruck kamen, einen markanten Umbruch. Hans Wieland, der renommierte Adjunkt des Militärdepartements, schloss seine politisch-militärischen Studien zur schweizerischen Neutralität 1861 noch sehr zurückhaltend mit idealistischen Konstruktionen: «Niederlage ist Sieg […] und sichert unsere Existenz als Volk, als Staat.»27 Damit hat das Volk bewiesen, dass es schlagen kann und auch siegen könnte. Aymon de Gingins-La Sarraz verzichtete 1860 in seinen Gedanken zur Guerre défensive en Suisse auf jegliche staats- und geschichtsphilosophischen Überlegungen und ging ausschliesslich von einer wahrscheinlichen Bedrohung durch Frankreich aus.28 Nach 1870 fliesst die idealistische Kriegsdeutung zunehmend in die Militärdebatte ein und wird nach 1890 zum festen Bestandteil des Militärdiskurses. Als herausragende Beispiele können Texte von Ferdinand Affolter, Theophil von Sprecher und Felix Lüssy herbeigezogen werden, um die Umorientierung in den Köpfen der führenden Offiziere (Affolter und Sprecher) und des «unbekannten» Subalternoffiziers (Felix Lüssy) zu dokumentieren. Ferdinand Affolter dozierte von 1884 bis 1925 Militärwissenschaften an der ETH, Theophil von Sprecher war von 1905 bis 1919 Generalstabschef der Schweizer Armee, Felix Lüssy war ein akademisch gebildeter Leutnant, der 1909 brevetiert wurde.

Militärtheoretiker und Radikaler Exponent der «Neuen Richtung» im Fin de Siècle: Ferdinand Affolter (Bild: BiG).
Am engsten an das von Rüstow und Rothpletz verbreitete Verständnis von Krieg, Staat und Geschichte schloss Ferdinand Affolter an. Wie Rothpletz fasste er seine Vorstellungen über die Entwicklung der Milizarmee und des Kriegs in radikalisierten, absoluten Begriffen. Neben der totalen Mobilisierung aller gesellschaftlichen Ressourcen für den Krieg forderte Affolter eine wesentliche Dynamisierung des Führungsverhaltens der Offiziere. Affolter ging sogar unter Strapazierung der Staatsindividualitätslehre und des Existenztheorems so weit, die Steigerung der schweizerischen «Wehrkraft bis zum Äussersten» zu verlangen, um auf den Neutralitätsstatus verzichten zu können: «[D]ann wird unser Staat seine volle Individualität wieder erlangen und sich nach allen Seiten mit seiner vollen Thatkraft und That geltend machen, dann wird aus unserm politischen Wörterschatz das Wort ‹neutral› verschwinden.»29 Affolter war als Einziger bereit, die absoluten Begriffe von Individualität, Kampf, Existenz und Negation einzulösen und konsequenterweise auf die Neutralität zu verzichten und zu einer tief gehenden Restrukturierung der Milizarmee zu schreiten, wie sie Emil Rothpletz skizziert hatte: «Der Krieg einer entwickelten Nation kann nur ein Volkskrieg sein, ein Krieg, wo alle Kräfte eines Staates eingesetzt werden und eingesetzt werden müssen. Die Wehrkraft eines Volkes umfasst daher alle materiellen und geistigen Kräfte eines Staates, die immer nur für den hohen Zweck nutzbar gemacht werden können, und erscheint so als ein Produkt der Grösse der materiellen Mittel und der geistigen Willenskraft.»30 Neben der Instrumentalisierung der Schule aller Stufen für die Militärausbildung – hier deckt er sich mit den Vorstellungen der «radikalen» Armeereform um Bundesrat Welti – fordert Affolter eine grundlegende Umwandlung der militärischen Kaderausbildung in eine «Führer»-Erziehung – hier mit den Vorstellungen der «Neuen Richtung» um Ulrich Wille. Um die dynamisierten und verabsolutierten Vorstellungen des allgemeinen Volkskriegs, den agonalen Kampf um die Staatsexistenz zu operationalisieren, hält Affolter vor allem eine grundlegende Neugestaltung des Führerverhaltens und dessen Voraussetzungen, die Selektion, Ausbildung, Entwicklung und Formung des Offizierskorps für notwendig. Seine Vorstellungsbilder zur Reform des Offizierskorps entwickelt er an zwei Begriffen, die später zu Schlüsselbegriffen der Offiziersbildung werden: Männlich(keit) und Führer(tum). «Der Offizier in der Eigenschaft als Führer im Felde wie als Lehrer auf dem Exerzierplatz muss dem Soldaten als Inbegriff der Männlichkeit in allen Lagen des Lebens überhaupt und in denen des militärischen ganz besonders erscheinen. Es darf daher kein Mann zum Führer bestimmt oder als Führer gelassen werden, dem der leiseste Makel des Unmännlichen anhaftet.»31 Mit den Leitbildern «Männlichkeit» und «Führertum» lassen sich idealistisch und darwinistisch eingefärbte Machtstaatsvorstellungen individualisieren und in ein Erziehungsprogramm umsetzen.32 Eine zentralisierte, mit der militärischen Ausbildung aufs Engste verbundene «Staatsschule» soll die Wehrkraft bis aufs Äusserste steigern, und eine gestraffte, einheitliche Offiziersselektion und -ausbildung soll ermöglichen, eine militärische «Führerschaft» zu schaffen, die keinerlei politischen, regionalen, föderalistischen oder sozialen Einflüssen unterliegt. Die Vision der Bildung eines sozial und politisch autonomen, rein militärischen Führerkorps ohne staatsbürgerliche Bindung leitete Affolter. Die «Staatsform» soll bei der Schaffung von «Führern, die alle Attribute als solche besitzen», keinen Einfluss haben, sondern «nur der feste unabänderliche Wille, sich wehrhaft zu machen […], um im Momente der Gefahr auch wirklich wehrhaft zu sein».33 Der Krieg als Todeskampf um die staatliche Existenz des Volkes wird zum höchsten Orientierungspunkt aller staatlichen Institutionen und Massnahmen erhoben. Affolter verband damit ein ebenso militaristisches wie virilistisches Denken, das in den 1890er-Jahren Raum gewinnen und zu den zentralen Elementen des Neuen Geistes gehören wird.
Wie uneinheitlich und wie angelesen das Denken der führenden Offiziere der Schweizer Armee war, zeigt ein Vortrag von Theophil Sprecher von Bernegg, den er für eine Studentenkonferenz schrieb. Sprecher publizierte ausserhalb der militärischen Tagespolitik kaum. So war er gezwungen, «sich selbst einmal genau Rechenschaft zu geben über die Frage der Rechtmässigkeit von Waffendienst und Krieg vom Standpunkt der christlichen Gebote aus», als er 1911 die Einladung der Christlichen Studentenkonferenz annahm, um über «Militärwesen, Christentum und Demokratie» zu sprechen.34 Christlich und sozialistisch orientierte Studentenzirkel zweifelten in dieser Zeit den Sinn von Militär und Krieg grundlegend an. Entsprechend intensiv versuchte deshalb Sprecher, Militär und Krieg ethisch zu fundieren, und verstrickte sich dabei in weitläufige bellizistische Argumentationen. Seine Ausführungen stützte Sprecher auf Jähns (Krieg, Friede, Kultur), Kant, Ruskin, Treitschke, Moltke, Hamilton, de Maistre und Fichte. Sprecher glaubte, dass «Krieg sein wird und sein muss», machte aber geltend, dass «je seltener die Kriege werden», umso ernsthafter müssten sie vorbereitet werden, «damit Volk und Staat auch im Frieden Nutzen daran haben» und der Militärdienst nicht in eine kostspielige, trügerische Spielerei ausarte: «Immer mehr aber erkennt man der militärischen Ausbildung und Erziehung noch einen andern Zweck und Nutzen zu, den nämlich, die Mannschaft körperlich abzuhärten und zu kräftigen, namentlich aber in ihr den Sinn zu wecken und zu stärken für Disziplin, Gehorsam, Unterordnung unter die gesetzmässige Autorität, Aufopferung für die staatliche Gemeinschaft usw.»35 Die bellizistische Legitimation des Kriegs und die militaristische Legitimation des Militärs liessen sich zudem mit christlichen Vorstellungen untermauern. Die «höchsten christlichen Tugenden» können «im Kriege zur Entfaltung und Geltung» kommen: «Gehorsam und Treue bis zum Tode, Selbstverleugnung und Aufopferung, die vollständige Hingabe für das Vaterland und die Mitmenschen […]. Der Krieg ist dieser Welt so nötig, wie der Tod der sündigen Menschheit.»36 Diese äusserst stark bellizistisch orientierte Argumentation verstärkte Sprecher mit sehr zurückgenommenen machtstaatlichen Vorstellungen. Er schätzt zwar den Krieg als «Staatengründer» und «Staatenzerstörer» und gibt zu bedenken, «dass manch ein schönes, sein Volk beglückendes Staatswesen seine Regeneration oder gar seine Existenz» dem Krieg zu verdanken hat. Auch hier versucht Sprecher, christliche Gesichtspunkte einzubringen. «Fragen wir uns nur das eine, was aus der Reformation geworden wäre, wenn nicht edle Fürsten für die Gewissens- und Glaubensfreiheit gekämpft hätten?» Und weshalb «die christlichen Nationen guten Grund» haben, heute den Krieg vorzubereiten? «Einmal deshalb, weil das Erwachen der asiatischen Völker die christlichen Nationen vor die grössten kriegerischen Aufgaben stellen kann, wenn es nicht gelingt, diese Völker für das Christentum zu gewinnen.»37 Diese Argumentationen mussten jedoch selbst in den Ohren der Jungakademiker etwas weit hergeholt tönen. Im Zentrum des Denkens Theophil von Sprechers stehen klar bellizistische und militaristische Vorstellungen. Das immer wieder verwendete Moltke-Zitat «Ohne den Krieg würde die Welt im Materialismus versumpfen» durfte auch bei von Sprecher nicht fehlen.38
Auch Leutnant Felix Lüssy stellte diesen Gedanken an den Anfang seines Referates «Militärdienst in der Schweiz», das er im Rahmen der «Centraldiskussion» des Zofingervereins von 1912 hielt. Wie Sprecher sieht sich Lüssy herausgefordert, zur sozialistischen Kritik des Militärs und des Kriegs Stellung zu nehmen.39 Lüssy leitet dabei sein positives Bekenntnis zur «Notwendigkeit des Krieges» aus der Hegelianischen Staatsund Geschichtsphilosophie ab: Der Sinn des menschlichen Lebens sei die «Menschheitsentwicklung» zur Freiheit. Bewegendes Element dieser Entwicklung sei der physisch-geistige Machtkampf zwischen den zu staatlicher Souveränität und damit Individualität gelangten Völker. Jedem Volk komme eine ganz bestimmte Eigenart zu, welche die Nation in der Weltgeschichte zu verwirklichen, d. h. zu erkämpfen und durchzusetzen habe.
Vor dieser Gedankenfolie versucht Lüssy, die sozialistischen und bürgerlichen Friedenstheorien zu widerlegen. Der sozialistischen Idee des Klassenkampfs und der klassenlosen Gesellschaft hält Lüssy die reine inhaltslose Entwicklung der Individualität der Menschen und des Staates entgegen: «Nicht irgend eine Frage, nicht irgend eine Lösung, die Bewegung als solche ist Endaufgabe und Endziel zugleich.» Und diese «ewige Evolution und Revolution bedarf notwendig der grossen Krisen, die wir Kriege […] nennen». Denn jede «Bewegung, verdanke sie politischen, sozialen oder Rassenströmungen ihr Dasein, geht auf ihren Höhe- und Brennpunkten in Kampf um ihre Existenz, um Sein oder Nichtsein über» und dieser Todeskampf könne nur als Krieg ausgetragen werden.40 Daran änderten auch die Weltwirtschaft und die weltweiten Kommunikationsmöglichkeiten nichts. Die Internationalisierung der Wirtschaft sei lediglich «äusserlich übereinstimmende Betätigungsgestaltung innerlich verschiedener Individuen», und die «All-Einheit der Kulturgemeinschaft» und ihre völkerverbindenden Tendenzen hält Lüssy für ein «Hemmnis der Menschheitsbewegung»: «Die Erhaltung der Eigentümlichkeit seiner nationalen Kraft und Bildung ist für jedes Volk erste Pflicht: im Zusammentreffen der Völker ist das Ausleben und sich Durchsetzen nationaler Eigenkräfte stärkster Faktor der Weltentwicklung.»41 Getreu dem hegelschen Denkschema erkennt Lüssy die «Träger dieser gewollten Bewegung» in den «Staaten und Nationalitäten», um dann den Meister selbst zu paraphrasieren: «Die Weltgeschichte, die sich bestimmt nach dem Erfolg dieser Kämpfe von Tendenzen und Ideen, von Revolution gegen Tradition, von Expansionskraft gegen Senilität, ist das Weltgericht.»42 Vor diesem Hintergrund fällt es Lüssy leicht, das Konfliktlösungspotenzial des Völkerrechts und der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit zu erledigen: «Das Völkerrecht aber in die Kriege, in denen sich die Fortbildung der Weltgeschichte vollzieht, hineintragen zu wollen, wäre lächerlicher Traum.» Eine Nation, die zum Schiedsrichter läuft, wenn «Lebensfragen auf dem Spiele stehen», sei «entschieden dekadent», wie derjenige, der Kriege für ein «Übel» halte: «Nur diejenige (Nation), die in solchen Momenten fähig ist, alle Greuel und Schrecken eines Krieges entschlossen, ja in freudiger Bejahung, in einem aufjauchzenden Kraftgefühle auf sich zu nehmen, ist wert, weiter zu bestehen. Solche Kriege bedeuten […] eine Bereicherung des Menschenlebens und in der Auslösung seiner stärksten Potenzen eine Befreiung des Individuallebens.»43 Hier gelingt es Lüssy, die beiden Aspekte der hegelschen Kriegsphilosophie auf den Punkt zu bringen: den Todeskampf um die Individualität des (männlichen) «Bürgers», die im Todeskampf um die Individualität des staatlich verfassten Volkes aufgeht.
Seine tief hegelianisch eingefärbte Apologie des Kriegs bezieht Lüssy primär bei den zeitgenössischen deutschen Militärtheoretikern (Moltke, von der Goltz, Bernhardi, Freytag-Loringhofen und Jähns), aber auch bei Nietzsche, Stammler und Jellinek. Selbst Clausewitz’ Theorie der Kriegführung wird für eine vereinfachende geschichtsphilosophische Rechtfertigung des Kriegs vereinnahmt. Die einzig mögliche Textpassage in Vom Kriege – «Nur wenn Volkscharakter und Kriegsgewohnheit in beständiger Wechselwirkung sich gegenseitig tragen, darf ein Volk hoffen, einen festen Stand in der politischen Welt zu haben» – wird isoliert und als geschichtsphilosophische Fundamentalaussage verwendet.44 Clausewitz hat diese Aussage im Kapitel über die «Kühnheit» des Feldherren formuliert und zum Ausdruck bringen wollen, dass unter den modernen Verhältnissen der Wirtschaftsgesellschaft «die kühne Führung» des Kriegs notwendig sei, um den Geist des von Wohlstand und der «Weichlichkeit des Gemütes» geprägten Volkes zu beeinflussen und um ein Gleichgewicht von «Volkscharakter und Kriegsgewohnheit» herzustellen.45 Clausewitz postuliert die kühne Führung des Kriegs, um die von steigendem Wohlstand geprägten Wehrpflichtigen ohne «Kühnheit» mitzureissen. Einen Zusammenhang zwischen der militärischen Schulung der Völker und deren Bestand «in der politischen Welt» leitet Clausewitz weder an dieser noch anderen Stellen ab, entscheidend ist die kühne Kriegführung.46 Ähnlich wurden die Moltke-Worte «Der ewige Friede ist ein Traum und nicht einmal ein schöner» und «Wir können die Armee schon im Innern nicht entbehren für die Erziehung der Nation» beliebig als grosse Worte grosser Autoritäten eingesetzt. Neben diesen Konstruktionen, welche den Wert und die Existenzberechtigung des Individuums, des Volks und des Staates von der Probe eines möglichen Kriegs abhängig machten, mussten staatsrechtliche Normen und Kommentare zur Neutralität blass wirken und wurden als gut gemeinte akademische Konstrukte, «um die sich aber gegebenenfalls kein Mensch kümmern wird», beiseitegestellt.47
Die Darlegungen von Leutnant Lüssy zeigen, dass militaristische und bellizistische Ideenkomplexe nicht nur von Schlüsselpersonen der schweizerischen Armee vertreten wurden, sondern von der jungen Offiziersgeneration aufgenommen und weitertransportiert wurden. Als Folie des staats- und geschichtsphilosophischen Synkretismus in der Militärliteratur erscheint seit den 1860er-Jahren vermehrt der Ausdruck «Kampf um die Existenz». Eine Figur, die sozialdarwinistische und rassistische Konstruktionen vorwegnahm und sich dazu eignete, die Vorstellung des Vernichtungskampfs der Streitkräfte auf den Staat und auf das Volk auszudehnen.48
Die hier vorgelegten Beispiele und die Lektüre der Militärpresse des 19. Jahrhunderts lassen einige vorläufige Schlüsse zu. Bis zur Mitte des Jahrhunderts werden der schweizerische Nationalstaat und die schweizerische Milizarmee nur selten mit der idealistischen Nations-, Staats- und Kriegsdeutung in Bezug gesetzt. Johannes und Hans Wieland versuchen, die Legitimität schweizerischer Streitkräfte durch eine Theorie der bewaffneten Neutralität zu begründen. Die romantischen Vertreter der Volksbewaffnung äussern sich zu Staat, Geschichte und Streitkraft nur andeutungsweise, setzen jedoch Volk und Streitkraft gleich und orientieren sich an regenerierbaren Nationaleigentümlichkeiten der ethnisch-national definierten Völker.
Nach der Jahrhundertmitte fliesst bei den Vertretern der nationalen Milizarmee (Rüstow, Rothpletz, Welti) ein Staatsverständnis ein, welches an die idealistische Machtstaatstheorie anschliesst. Vieles spricht dafür, dass sie sich dabei von der Staatstheorie Lorenz von Steins beeinflussen liessen.
Auch in der schweizerischen Historiografie ist die Beobachtung zu machen, dass nach 1870 in der Alten Eidgenossenschaft des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts eine Grossmacht im Sinne Rankes gesehen wird und die Schweiz des späten 19. Jahrhunderts in Abhebung zur ehemaligen Grossmacht nun als Machtstaat von kleinem Format im europäischen Mächtekonzert definiert wird: als «trotz allem […] ernst zu nehmende Macht» soll die Schweiz erscheinen, die sich dem Existenzkampf um «Heil» oder «Untergang» zu stellen vermag.49
Unverkennbar ist seit den 1860er-Jahren auch in der Schweiz eine intensivierte Deutung militärischer Stärke und Kriegstauglichkeit zur Legitimation des staatlichen Souveränitätsanspruchs und eine Deutung des Krieges als Prüfung dieses Anspruchs zu beobachten. In den 1890er-Jahren ist jedoch eine Akzentverschiebung zu einer primär militaristischen Interpretation des Militärs und zu einer bellizistischen Sichtweise des Kriegs zu verzeichnen. Selbst Carl Hilty, Staatsrechtsprofessor und Oberauditor der Armee von 1892 bis 1909, der im Offizierskorps einen «Felsen» erblickte, an dem alle parteipolitischen Konflikte zerbrechen sollten, und im Militär «ein[en] ganz unentbehrliche[n] Theil der öffentlichen Erziehung unseres Volkes» sah, hatte bereits 1890 vor der Tendenz, dem «Krieg» einen «Selbstzweck» und ein «Eigenrecht» zuzuschreiben, gewarnt und feinfühlig den Vormarsch des «Kommandorechtes», der «militärisch nachgeahmten Disziplin» und «militärische(r) Auffassungen und Einrichtungen» im zivilen Leben konstatiert: «Ja selbst in den gewöhnlichen Sprachformen haben sich Ausdrücke eingebürgert, die aus dem Kasernenhofe stammen; ‹stramm› ist ein Wort geworden, das auf alle möglichen Verhältnisse angewendet wird, und ‹Schneidigkeit› ist längst nicht mehr das Privilegium des Kavallerieoffiziers. Ist dies im eigenen Lande schon so, so verkehren vollends die Völker eigentlich miteinander in den Formen des Kriegszustandes.»50 Die zunehmende Deutung des Kriegs als Bewährungsinstanz des einzelnen Milizsoldaten, der nationalen Streitkraft und des Staatsvolks erlaubte militärische Ausbildung und Erziehung losgelöst vom Status des Staatsbürgers zu denken und sich an einer imaginierten «Kriegstauglichkeit» zu orientieren, der, zunehmend abgehoben von der Entwicklung der Kampfführung und dem schweizerischen sozialen und politischen Kontext, eine gesellschafts- und geschichtsphilosophische Dimension beigemessen wurde. Mit dem Aufstieg der Richtung des «Neuen Geistes» um Ulrich Wille seit den 1890er-Jahren sollte dieses Denken in der Schweizer Armee kurz vor dem Ersten Weltkrieg dominant, wenn auch nicht hegemonial werden.
Im Zeitalter der Weltkriege

Ulrich Wille als Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg (Bild: Bibliothek MILAK).
Ulrich Wille gehört zweifellos zu den bedeutendsten Militärdenkern der Schweiz. An was erkennt man einen bedeutenden und nachhaltigen Militärdenker? Ein untrügliches Zeichen ist die Herausgabe seiner Schriften.1 Dies trifft auf Ulrich Wille zu. 1941, auf dem Höhepunkt des militärischen Erfolgs der deutschen Wehrmacht, gibt ein ergebener Zirkel von Wille-Schülern die Gesammelten Schriften General Ulrich Willes heraus. Sie sollen das militärische Denken des 1925 verstorbenen Generals wachhalten und insbesondere eine intellektuelle Phalanx gegen das Gedankengut einer jungen Offiziersgeneration bilden, die eben dabei ist, sich von Wille abzuwenden, deren Nukleus sich personell im Offiziersbund von 1940 erstmalig gefunden hat und sich nach dem Krieg als Reformergruppe mit den Wille-Schülern der vierten Generation streiten wird.
Die 600-seitigen Gesammelten Schriften erlauben es, das Denken Ulrich Willes vollständig zu erfassen und zu analysieren. Niklaus Meienberg hat davor zurückgeschreckt.2 Im Rahmen meiner Habilitationsschrift «Preussen vor Augen. Das schweizerische Offizierskorps im militärischen und gesellschaftlichen Wandel des Fin de siècle» musste ich mich dagegen durch die Gesammelten Schriften Willes durchbeissen.3
Um Ulrich Willes Ort des Denkens und seine Eigenart in der Entwicklung der Pensée militaire suisse zu fassen und zu umreissen, werden nachfolgende Aspekte behandelt: Als Erstes werde ich ganz kurz den Ort des Denkens und Wirkens Ulrich Willes kennzeichnen respektive benennen, aus welchen Expertenpositionen er sprechen und wirken konnte. Im Zentrum wird dann eine Annäherung an den Kern seines Denkens stehen: eine Auslegung der Grundzüge seiner Militärpädagogik. Abschliessend werde ich den kriegs-, staats- und geschichtsphilosophischen Hintergrund des Denkens Ulrich Willes skizzieren.
Der Ort des Denkens und Wirkens Ulrich Willes
Ulrich Wille verstand sich als Instruktionsoffizier von Anfang an als Experte. Damit verfügte er über ein Selbstverständnis, welches in der schweizerischen Gesellschaft kaum verankert war, war doch die soziale Anerkennung des Instruktionskorps gering und der Typ des den hiesigen Militärdiskurs beeinflussenden Instruktionsoffiziers bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts selten.4 Wohl von seinem Elternhaus beeinflusst – Mutter und Vater waren schriftstellerisch und publizistisch tätig –, kaufte er eine Fachzeitschrift und schuf sich damit die Position einer Fachautorität.5 Wille erwarb 1880 die Zeitschrift für Artillerie (ZAG) und markierte seinen Anspruch auf einen Expertenstatus unverzüglich mit einer Artikelserie unter dem Titel «Verkehrte Auffassungen». Mit der Ernennung zum Oberinstruktor der Kavallerie gab Wille die Zeitschrift für Artillerie auf, ohne jedoch ganz auf eine publizistische Tätigkeit zu verzichten. Nach seiner Ernennung zum Waffenchef der Kavallerie publizierte er bewusst eine grundlegende Schrift zur Ausbildung der Armee und versuchte, seine neu gewonnene hierarchische Stellung militärintern wie -extern mit Vehemenz einzubringen.6 Seine durch Provokation bewirkte Entlassung im Jahre 1896 führte vorerst zu einer Marginalisierung seiner publizistischen Tätigkeit. Wille publizierte von 1896 bis 1899 in der Zeitung Die Limmat, bis er für kurze Zeit wieder bei der Zeitschrift für Artillerie und Genie ein Podium bekam. Spätestens seit 1892 war aber Wille selbst ein «Ort des Aussagens» geworden. Als informeller Kopf der «Neuen Richtung», welche mit der «Nationalen Richtung» im Streit lag, stieg er zur Autoritätsperson einer von ihm abhängigen Gruppierung im Offizierskorps auf.7 Mit seiner Rückkehr in die sozial hoch angesehenen Positionen eines Milizdivisionärs, dann Korpskommandanten und Professors für Militärwissenschaften an der ETH gelang es Wille, auch die Chefredaktion der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitung (ASMZ) zu übernehmen. Die Chefredaktion gab er 1914 bei der Wahl zum Oberbefehlshaber der mobilisierten Milizarmee ab. Durch die Kumulation von militärischen, wissenschaftlichen und publizistischen Positionen erreichte Wille zwischen 1901 und 1914 einen herausragenden Status, welcher ihn zur führenden Autorität im Felde des Militärdiskurses machte. Durch seine Persönlichkeit war Wille bereits in den 1890er-Jahren zu einer militärischen Autorität geworden, erst seine hochrangigen Stellungen verliehen ihm aber die Position eines höchst legitimen Sprechers im militärischen Feld.8
Soldatenerziehung – Der Kern des Denkens Ulrich Willes
Während über 40 Jahren, von 1877 bis 1924, hat Ulrich Wille der schweizerischen Öffentlichkeit in unzähligen Varianten dieselbe Predigt gehalten: Die Wehrmänner der Schweizer Armee seien nicht erzogen, sie hätten zu wenig Disziplin und zu wenig Respekt vor ihren Offizieren. Die Offiziere hätten zu wenig Autorität und träten nicht entschlossen genug auf, um bei den Soldaten absoluten Gehorsam durchzusetzen. Der Führungseinfluss der Offiziere sei vom Wohlwollen der Truppen abhängig. Die Ausbildung der Soldaten wiederum erfolge nach dem Schema der napoleonischen «Kleinen Taktik»: Von der Einzelausbildung bis zur Brigade werde zwar reichlich, aber mechanisch und mit republikanischer Souplesse exerziert. Dieser Befund Willes beruhte dabei nicht primär auf einer Analyse der Entwicklung der Truppenführung und der Waffentechnik, sondern auf den im Truppendienst wahrgenommenen Symptomen larger Disziplin und reserviert republikanischer Subordination.
Ursache für die Defizite in der Truppenführung war der seit den frühen 1860er-Jahren einsetzende Zersetzungsprozess der exerziermässigen Kampfführung. Die geschlossenen Formationen mussten zunehmend «zerstreut» werden, und das mechanische «Trüllen» (Drillen) der Soldaten in der Einzelausbildung und in der Formation, bis es «dem Scheine nach» klappte, genügte nicht mehr. «Die Disziplin aber, wie wir sie heut zu Tage brauchen, welche die deutschen Truppen im Kriege 1870/71 zum Siege führte, ist eine Angewöhnung, eine moralische Zucht, deren Fortbestehen garantiert wird durch das richtige Benehmen des Vorgesetzten», schreibt Ulrich Wille in seiner ersten Schrift zur Truppenausbildung im Jahr 1877.9 Wenn Wille von einer Disziplin sprach, «wie wir sie heut zu Tage brauchen», und sie als «Angewöhnung» und «moralische Zucht» beschrieb, so schien sich diese Disziplin von einer anderen, aus früheren Tagen stammenden Auffassung von Disziplin zu unterscheiden. Das neue, moderne Disziplinkonzept stützte sich weder auf Strafen noch auf den freiwilligen Gehorsam patriotischer Bürger. Die moderne Disziplin erschien vielmehr als Resultat eines Erziehungsprozesses, das die Truppen mental führbar machte sowie den Führungseinfluss der Offiziere von der starren Formelsprache der «Soldaten- und Formationsschule» löste und auf die Ebene einer mental-suggestiven Führung verlagerte.
War das drillmässige Exerzieren bisher ein rein funktionaler Bestandteil der Gefechtsführung, bedingte die mentale Erziehung des Soldaten und des Truppenkollektivs formellen Drill beziehungsweise Drill als Erziehungsmittel. Eine «Angewöhnung» sollte die neue Disziplin sein – das heisst eine internalisierte Disziplin, wie sie nur durch Erziehung erzeugt werden konnte. Dies musste zur Aufspaltung des Drills in funktionalen Waffen- und Gefechtsdrill und formellen Erziehungsdrill führen. Wille umschrieb dies so: «Der wirkliche Drill ist derjenige, der während seiner Ausübung Selbstzweck ist, der während seiner Ausübung auf gar nichts anderes, als auf ‹Äusserlichkeiten› hinstrebt, weil er weiss, dass der Grad der Vollkommenheit, in welchem diese Äusserlichkeiten zu Tage treten, den absolut sicheren Wertmesser für den erzielten erzieherischen Erfolg abgibt.»10 Nicht auf das «Was», sondern allein auf das «Wie» komme es an. Ob mit Zunge «Herausstrecken und Hereinziehen» oder mit Ladebewegungen Übungen gemacht würden, sei egal, meinte Wille.11
Formeller, von der Truppenführung und der Waffenhandhabung abgelöster Drill wurde zwar zur Soldatenerziehung nicht für ausreichend gehalten, aber er galt als «wertvolles Erziehungsmittel»: «Militärische Erziehung ohne Zuhilfenahme des Drills wird nie Genügendes erschaffen können. Denn die Aufgabe des Drills ist Herbeiführung jener Konzentration aller psychischen und physischen Kräfte auf Ausführungen des Befehls und auf Pflichterfüllung, die ganz alleine in schwierigen Lagen vor Versagen der Truppe schützt.»12 Was mit der Herbeiführung jener Konzentration aller psychischen und physischen Kräfte gemeint war, explizierte Wille gerne am Beispiel der Pferdeerziehung: «Die Anwendung des Drills zur Erschaffung und Erhaltung des Appells ist ganz gleich wie das Zusammenstellen des Pferdes durch den Reiter. Bei der Abrichtung des Pferdes wird es zusammengestellt und ins Gleichgewicht gebracht, damit man es beim Gebrauch frei treten lassen darf. Und nach dem Gebrauch oder auch schon während des Gebrauches stellt es der sachkundige Reiter nur dann zusammen, wenn es gezeigt hat, dass es nicht würdig ist, freigehen zu dürfen. Viele, die vielleicht bessere Reiter sind als Pädagogen, stellen aber auch ohne dass sich die Notwendigkeit zeigt, ihre Pferde wieder zusammen. Dann ist der Drill nicht ein heilsam wirkendes, pädagogisches Mittel, sondern eine unnütze Quälerei.»13
Was bedeutet «Erschaffung und Erhaltung des Appells», was bedeutet «Abrichtung» und «Gleichgewicht»? Die metaphorischen Anleihen bei der Kyno- und Hippologie in einem späten, 1913 erschienenen Artikel zum Thema «Drill und Erziehung» umschrieben genau, was Wille schon 1877 intendiert hatte: die «Gewöhnung an soldatischen Gehorsam». Ein Gehorsam, der sich dadurch auszeichnet, «dass der Mann gezwungen wird und allmälig sich selbst zwingt, alle seine geistigen und körperlichen Kräfte auf die möglichst vollkommene und sofortige Erfüllung eines Befehles zu konzentrieren».14 Der Zustand des Selbstzwangs beim Soldaten entspricht dem durch Abrichtung hergestellten «Gleichgewicht» des Pferdes; «Appell» entspricht der gespannten Reaktion des abgerichteten Soldaten auf den Befehl des Führers. Mit Appell wurde jene moderne, autodynamisch aufgeladene und vom Offizier abrufbare militärische Disziplin bezeichnet. Eine Disziplin, welche durch das Spannungsfeld von individueller psychischer und physischer Anspannung und gehorsamer Einordnung durch Selbstzucht geprägt war. Die von Wille verwendeten Vergleiche und die Terminologien aus der Tierdressur eigneten sich jedoch schlecht, um bei den Milizen Verständnis für die Notwendigkeit des pedantisch genauen Erziehungsexerzierens zu erwecken.
Die Durchsetzung des Erziehungsdrills bedurfte eines generalisierbaren Verhaltensleitbilds. Erst nur andeutungsweise, seit der Jahrhundertwende aber zunehmend prononcierter, unterlegte Wille seinem Erziehungs- und Führungskonzept eine Männlichkeitsmetaphorik, die sich nicht nur in der militärischen Sozialisation des ausgehenden 19. Jahrhunderts durchsetzte, sondern Teil eines allgemeinen Virilismus der Jahrhundertwende war.15
Die Restitution des kämpfenden Mannes wurde zu einem zentralen Leitbild der von Selbstzweifeln und Pessimismus geprägten Gesellschaft des Fin de Siècle. Die Akzentuierung der männlichen Geschlechtscharaktere schrieb den Männern Energie, Kraft, Willenskraft, Festigkeit, Mut und Tapferkeit, Selbständigkeit, Durchsetzungsvermögen, Gewalt, aber auch Vernunft und Urteilskraft zu, während den Frauen Schwäche, Ergebenheit, Hingebung, Wankelmut, Liebe, Güte, Schamhaftigkeit und Liebenswürdigkeit zugeschrieben wurden. Diese Konstrukte eigneten sich vorzüglich, um auf die militärische Männergesellschaft übertragen zu werden: Männliche Männer sind «Soldaten», unmännliche Männer sind keine «Soldaten».
Bis zur Jahrhundertwende verwendete Wille das Männlichkeits-Konzept nicht oder nur sporadisch, so fehlt es in der Schrift zur Ausbildung von 1892 und kommt in der Vorlage an die Kommandanten und Waffenchefs von 1893 zwar als prägnante, aber isolierte Aussage vor: «Bei der ganzen Militärausbildung ist die Erziehung des Mannes zum Manne die Hauptsache, und alles andere ist dem gegenüber als Ersatz dafür gänzlich wertlos. In unseren Militärschulen haben wir von jeher der Erziehung gar keine oder ungenügende Bedeutung beigelegt.»16 Nach der Jahrhundertwende wurde die Männlichkeitsfigur im Argumentationsarsenal Willes zur Konstante und zum unverrückbaren Glaubenssatz, der ihn dazu verleitete, nach dem Ersten Weltkrieg die Niederlage der deutschen Armee «auf die viel zu hoch in Kurs gekommene» Wissenschaftlichkeit der Offiziersausbildung und die nachlassende Betonung der Männlichkeit zurückzuführen: «Der nach meiner Überzeugung allein entscheidende Faktor ist das durch Erziehung bis zur höchsten Potenz gesteigerte Manneswesen beim höchsten Führer bis hinunter zum letzten Trommler. Die andern Faktoren, bessere Bewaffnung, vollkommenere Ausrüstung mit technischen Hilfsmitteln, grössere Zahl, geschicktere Formationen und Manövrierkunst können die Unvollkommenheit des Manneswesens nie ersetzen und werden erst dann ihre Bedeutung bekommen, wenn vollendetes Manneswesen sich ihrer bedient, und der einzige sichere Einfluss, den sie auf Krieg und Kampf haben, ist, dass durch jede neue Vervollkommnung das Manneswesen weiter erhöhte Bedeutung bekommt.»17 Der für die militärische Männlichkeit des Soldaten konstitutive Appell, die spritzige, autodynamische Disziplin, erforderte demgegenüber spritzige, dynamische Offiziere, die über «Adresse» verfügten, das heisst, die fähig waren, durch ihren Habitus Appell zu erzeugen, aufrechtzuerhalten und abzurufen. Dieses lebenslängliche Credo erlaubte Wille, auch lebenslänglich für eine taktische Kampfführung einzustehen, welche auf jegliche Schemen oder Leitlinien verzichtete. Alle militärischen Führer sollten dank Appell und «Adresse» virtuos und beweglich, unbesehen der waffentechnischen Mittel, das Gefecht führen. Erst gesteigertes Manneswesen werde auch die Wirkung neuer Waffen zum Tragen bringen.
Der Grundsatz der freien, situativen Führung galt für Wille von der gefechtstechnischen über die taktische bis zur militärstrategischen Ebene. Dieser Grundsatz ist für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mehr andeutungsweise und implizit fassbar. Als dann während des Aktivdiensts, konkret von Anfang 1917 bis Anfang 1918, theoretisch ein Vorgehen Deutschlands und Frankreichs über Schweizer Territorium möglich schien und im Schweizer Generalstab dagegen prophylaktisch operative Studien ausgearbeitet wurden, äusserte sich auch der Oberbefehlshaber dazu. Wille meinte, er wolle keine bindenden Planungsvarianten und zusammen mit dem Feind des Feinds über den Aufmarsch situativ befinden und erst dann den Kampf suchen: «Wenn einer unserer grossen Nachbarn uns mit Krieg überzieht, so werden wir in dem andern unsern Alliierten haben, der uns zu Hilfe kommt. Niemals dürfen wir uns der Gefahr aussetzen, dass er mit seinen uns immer numerisch überlegenen, kriegsgewohnten und mit allen Hilfsmitteln der Technik viel vollkommener ausgerüsteten Truppen uns angreift und schlägt, bevor unser Alliierter zu Stelle ist.» Deshalb durfte das Gefecht mit dem Angreifer nicht zu früh gesucht und die Verteidigung aus einer Aufstellung angestrebt werden, welche für das Zusammengehen mit dem Alliierten noch Freiheiten liess und lediglich verzögernd geführt werden sollte: «Wir dürfen uns daher nicht auf die Abwehr seines Vordringens in unser Land einrichten, sondern auf die Verzögerung zum Zeitgewinn für unsern Aufmarsch und für das Herankommen unseres Alliierten. Wir sammeln unsere Kräfte so weit zurück, dass auch dadurch dieser sichergestellt wird: Ob dafür ein beträchtlicher Teil des Landes dem Invasor preisgegeben wird, ist gleichgültig; wenn wir hoffen dürfen, ihn wieder aus dem Land herausbringen zu können, macht es nichts aus, wenn wir ihn herein lassen. Wenn unsere Armee aufmarschiert und der Alliierte herankommt, wird der vormarschierende Feind aus zwei Fronten angegriffen.»18 Wille wollte dem Alliierten und sich selbst alle Freiheiten lassen, sich für eine Feldschlacht so aufzustellen, wie er es in Absprache mit dem Verbündeten am besten hielt: «Wo wir uns sammeln, das hängt davon ab, wann unser Alliierter über den Rhein kommen kann; ob wir uns sammeln […], das kann durch spätere Besprechungen geklärt werden; auch dafür ist das Planen und Handeln unseres grossen Alliierten bestimmend. Die Entscheidung muss in der offenen Feldschlacht des Bewegungskrieges gesucht werden, alle Faktoren für den Grabenkrieg, in dem unsere Gegner sich jetzt 2 ½ Jahre eingeübt haben, fehlen uns, oder sind wenigstens bei uns sehr unvollkommen und unfertig vorhanden.»19 Wille wollte weder zeitliche noch räumliche Festlegungen, und er wollte sich die operativen Freiheiten, einen Bewegungskrieg zu führen, auch nicht durch Armeelinien und die Anlage von Grabensystemen nehmen lassen. Diese Stellungnahmen aus den Jahren 1917/18, sein Bericht über den Aktivdienst an die Bundesversammlung 1919 und seine Ausführungen in den «Kriegslehren» von 1924 zeigen, dass er gegen alle Empirie der industriellen Kriegführung der Jahre 1914/1918 an seinem Credo der Überlegenheit der soldatisch erzogenen Truppe und der imponierenden Führung der Offiziere festhielt. Dieser hoch idealistische Glaube gründete in einem Gesellschafts- und Geschichtsbild, welches dem Militär und dem Krieg eine zentrale Wirkkraft bei der Fortentwicklung der (Männer-)Nationen beimass.
Krieg, Staat und Gesellschaft im Denken Ulrich Willes
Willes Denken wurzelte tief im deutschen Idealismus und in der preussischen Militärtheorie. Er war mit der deutschen Staatsrechtslehre und der deutschen, neohegelianischen Geschichtsphilosophie des Fin de Siècle bestens vertraut. Die Elemente dieser Lehre und Philosophie reproduzierte er ebenso regelmässig wie seine Auffassung des Disziplinbegriffs und des Männlichkeitskonzepts. Hier wurzelt auch sein Begriff der Kriegstauglichkeit, der keineswegs utilitaristisch – rein gefechtstechnisch – verstanden werden darf. Krieg deutet er in Übereinstimmung mit der deutschen Staats- und Geschichtsphilosophie des 19. Jahrhunderts als Überprüfung des erzogenen Männerheers und damit als Ausweis für die Überlebensfähigkeit und Existenzberechtigung nationaler Staaten.20 Vor diesem Hintergrund bewertete er die Entwicklung des soldatischen Männerpotenzials höher als das Entwicklungspotenzial ziviler Erziehung und Bildung der liberalstaatlich verfassten Gesellschaft, welche er nicht ablehnte, aber als Hindernis auf dem Weg zur Kriegstauglichkeit einstufte. «Die allgemeine Dienstpflicht, verbunden mit ernsthaftem Betrieb des Wehrwesens ist das letzte, das höchste Mittel der Volkserziehung in unserer Zeit. Nur dadurch kann die Menschheit männlich und gesund erhalten werden, in einer Zeit, wo das Wohlleben stetig zunimmt und die Kriege so viel seltener, und die Menschheit viel weniger als in früheren Zeiten durch Not und Elend und andre ähnliche Mittel der harten Schule des Lebens zu Männern erzogen wird. Darin liegt die hohe ethische Bedeutung des Wehrwesens, die nicht bloss bestehen bleibt, sondern nur grösser geworden ist, wenn es keine Kriege mehr gibt. Diesen Einfluss auf die Erhaltung der sittlichen Kraft, das heisst auf die Existenzberechtigung eines Volkes, kann ein Wehrwesen nur dann ausüben, wenn bei seiner Erschaffung, das was der Krieg erfordert, das einzige wegleitende ist.»21 Kern der deutschen Staats- und Geschichtsphilosophie war der Glaube, dass mit der «Erhaltung der sittlichen Kraft» die Kriegstauglichkeit erreicht und damit dem Krieg als Bewährungsinstanz Genüge getan werden könne – egal ob siegreich oder geschlagen. Wille war der Überzeugung, dass jeder Staat ein Heer haben müsse, sonst «verfaule er innerlich»: «Das ist eine Binsenwahrheit, die die Geschichte aller Völker in allen Zeiten lehrt. Das kriegstüchtigste Volk ist auch im Kampf des wirtschaftlichen Lebens das stärkste.»22

Drill als Mittel zur Erlangung von Kriegstauglichkeit: Formalausbildung auf dem Waffenplatz Bière (Bild: BiG).
Die Armee wird damit zum Medium der gesellschaftlichen Erneuerung und Regeneration. Dies ist der gesellschafts-, geschichts- und staatstheoretische Hintergrund von Willes Militärpädagogik, welche tief im bellizistischen und militaristischen Glauben an die Funktion der Armee als Erzieherin der Gesellschaft wurzelt. Einer Gesellschaft, welche den geistigen und physischen Fortschritt in den Männern angelegt sah. Mit der «Erziehung des Mannes zum Manne» glaubte Wille die Nation für den kriegerischen und friedlichen Kampf der Nationen um die Weiterexistenz konkurrenzfähig zu machen.
Fazit
Wie ist es zu erklären, dass sich nach heftigem Richtungsstreit im schweizerischen Offizierskorps Willes Denken spätestens nach der Annahme des neuen Militärorganisationsgesetztes im Jahre 1907 als dominant erwies, wenn auch nicht hegemonial durchsetzte? Wille hatte mit seinem Konzept eine Antwort auf eine doppelte Problemlage: Er hatte eine Antwort auf die rasant zunehmende Führungsproblematik auf dem feuerintensiven Gefechtsfeld, welches keine geschlossenen Formationen und bald auch keine Schützenlinien mehr zuliess.23 Und er hatte eine Antwort auf die gesellschaftliche Entwicklung, welche als dekadent-verweichlicht gedeutet wurde und zunehmend von sozialen Spannungen geprägt war. Die nachhaltende Wirkung seiner Militärpädagogik auf die Schweizer Armee über den Zweiten Weltkrieg hinaus ist nur damit erklärbar, dass die Schweiz weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg Kriegsteilnehmer war. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde jedoch Willes preussisch-deutscher Erziehungsund Pflichtbegriff bei der jungen Offiziersgeneration, welche sich um die Zeitung Volk und Armee scharte, kritisch infrage gestellt.24 Die Erkenntnisse der gruppenorientierten Psychologie und Soziologie liessen Willes Erziehungskonzept als gescheiterter idealistischer Autoritarismus erscheinen.25 Den Reformern war aufgegangen, dass die Militärpädagogik Willes glauben machte, mit der besseren soldatischen Männlichkeit – mit besserem Soldatentum – Kriege gewinnen zu können. Ein Glaube, der 1945 ein zweites Mal enttäuscht wurde, aber in der Schweizer Armee trotzdem vorerst weiterlebte und erst in der Zeit nach den Oswald-Reformen Ende der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts allmählich verblich.
David Rieder
Enfant terrible

Fritz Gertsch als Oberstdivisionär, 1918 (Bild: Graphische Sammlung, Schweizerische Nationalbibliothek).
Fritz Gertsch (1862-1938) gehörte um die Jahrhundertwende zu den umstrittensten Offizieren der Schweizer Milizarmee. Als menschenverachtender Soldatenschinder verschrien, als streitlustiger Militärpublizist über die Landesgrenzen hinaus bekannt, sorgte der umtriebige Instruktionsoffizier zeitlebens für Aufsehen und Unruhe im schweizerischen Offizierskorps. Er exponierte sich schon früh als harscher Kritiker der etablierten Ausbildungs- und Gefechtskonzepte und forderte eine Anpassung des für die Schweizer Milizarmee typischen republikanisch-egalitären Führungsund Erziehungsstils an denjenigen der damaligen Modellstreitkraft in Europa: die preussisch-deutsche Armee.
Gertsch stammte aus einfachen Verhältnissen, als gelernter Hutmacher ohne nennenswerten Bildungsabschluss stellte er sich den Rekrutierungsbehörden in Bern. Seine Talente liessen ihn aber rasch die militärische Karriereleiter emporsteigen. Bereits mit 24 Jahren wurde er als junger Hauptmann für die Generalstabsschule I aufgeboten. In der intellektuell anspruchsvollen und herausfordernden Generalstabsausbildung geriet Gertsch allerdings erstmals an die Grenzen seiner intellektuellen Fähigkeiten. Er musste sich schmerzlich eingestehen, dass er für generalstäbliche Arbeiten nicht besonders begabt war. Stabsarbeiten, die für gewöhnlich stark theorielastig waren und ein grosses Mass an analytischem Denken voraussetzten, gehörten nicht zu seinen Stärken – auch später nicht, weshalb er bis zum Ende seiner Karriere eine tiefe Abneigung gegen die «Theoretiker» und das «Professorentum» im Generalstabsbüro hegte. Die Schlussqualifikation des Kurskommandanten der Generalstabsschule I und späteren Generalstabschefs, Arnold Keller, fiel entsprechend zwiespältig aus: «Schwach, eignet sich sehr gut zum Truppenoffizier».2 Gertschs militärische Fähigkeiten hätte man kaum pointierter umschreiben können, als es Keller tat. Gertsch konnte zwar in der Generalstabsarbeit nicht überzeugen, seinen Vorgesetzten gefiel er aber als willensstarker und schneidiger Offizier, der sich bei der Truppe durchsetzen konnte und dessen Eignung zum Truppenführer ausser Diskussion stand.
In Anbetracht seiner kurz aufeinanderfolgenden Karriereschritte kann angenommen werden, dass Gertsch dem soldatischen Handwerk sehr zugetan war und in ihm schon früh der Wunsch reifte, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen und sich ganz dem Dienst in Uniform zu verschreiben. So überrascht es nicht, dass er noch im selben Jahr nach der Absolvierung der Generalstabsschule ins Instruktionskorps übertrat.
Im Instruktionsdienst eckte Gertsch allerdings schon früh an. Behutsames Vorgehen lag ihm nicht. Eine Affäre jagte die andere, eine Kampfschrift folgte der anderen. Launisch, ungehobelt und enorm stur – so das nicht gerade schmeichelhafte Bild, welches Zeitgenossen von ihm zeichneten. Mit seiner unversöhnlichen Art verstrickte er sich in zahllose Streitigkeiten mit Vorgesetzten, Unterstellten und Freunden. In Offizierskreisen und in der Öffentlichkeit wurde deshalb regelmässig seine Entlassung aus der Instruktion gefordert. Stets konnte er aber seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, nicht zuletzt dank der starken Rückendeckung seines Mentors und Förderers Ulrich Wille. Mitte der 1890er-Jahre lernte er den charismatischen Waffenchef der Kavallerie und späteren Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg kennen – eine schicksalhafte Begegnung. Fortan fand Wille in Gertsch einen von tiefer Loyalität beseelten Jünger, der im Gleichschritt mit ihm einer strengen soldatischen Erziehung das Wort redete.
Gertschs unbedachter Opfermut und seine von der Presse als «Gertschiaden» etikettierten schikanösen Instruktionspraktiken trieben ihn letzten Endes aber in den Abgrund. Der Abstieg des hitzköpfigen Wille-Protegés nahm in den Jahren 1910/11 seinen Anfang. Zuerst musste er wegen einer Pressepolemik als Brigadekommandant zurücktreten, kurz darauf wurde er infolge einer erbitterten Auseinandersetzung mit dem Chef der Generalstabsabteilung, Theophil Sprecher von Bernegg, als Instruktionsoffizier entlassen.3 Im abschliessenden Urteil hiess es: «Er hat bei seinem masslosen, krankhaft gesteigerten Selbstgefühl den Begriff der Unterordnung verloren.»4 Auf ausdrücklichen Wunsch Willes wurde Gertsch zu Beginn des Ersten Weltkriegs zwar wieder als Brigadekommandant reaktiviert und mit der 1917 erfolgten Beförderung zum Oberstdivisionär sogar in den erlauchten Kreis der allerhöchsten Truppenführer, der Heereseinheitskommandanten, aufgenommen; doch der neuerliche Karriereschub war nur von begrenzter Dauer. Von Neuem wurden Klagen über seinen übertriebenen Exerzierdrill laut, die im Herbst 1918 in einer parlamentarischen Interpellation mündeten.5 Durch einen Bundesratsbeschluss wurde Gertsch im Januar 1919 schliesslich von seinem Kommando enthoben und bis zu seiner endgültigen Entlassung aus der Wehrpflicht im Juni 1926 zur Disposition gestellt.6 Als Privatmann betätigte er sich danach unermüdlich als Militärpublizist, manövrierte sich aber mit seiner Auffassung, die Schweizer Armee sei in eine «Maschinengewehrarmee» umzuwandeln, im dominanten Militärdiskurs zusehends ins Abseits. Dem nicht genug, musste er sich bis zu seinem Lebensende mit ernsthaften Geldsorgen herumschlagen, obschon er in zweiter Ehe ein vermögender Mann geworden war.7
Es ist jedoch nicht primär diese von Affären, Enthebungen und Comebacks gekennzeichnete militärische Laufbahn Gertschs, die eine historische Auseinandersetzung mit ihm rechtfertigen würde. Sein persönliches Leben ist zu ereignisarm, und überdies auch quellenmässig zu wenig dokumentiert. Was ihn hingegen interessant macht, ist die Position, die er als umtriebiger Offizier im schweizerischen Militärwesen in der Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs einnahm. Er gehörte im Kontext des Richtungsstreits im Offizierskorps zu den wichtigsten Akteuren und den profiliertesten Militärpublizisten. Keiner benannte die Adaptionsprobleme der schweizerischen Milizarmee an die rasante Gefechtsfeldentwicklung schonungs- und taktloser als er. Der besagte Richtungsstreit um die Neuorientierung der Milizarmee war zudem begleitet von medienwirksamen Affären, zahlreichen persönlichen Auseinandersetzungen und einer Reihe von öffentlich diskutierten Disziplinarverfahren, von denen ein nicht geringer Teil auf Gertsch entfiel.
Disziplin und Appell
Der junge Gertsch trat 1886 just in einer Zeit in den Instruktionsdienst ein, als sich infolge einer gespannten geopolitischen Lage und angesichts einer gewandelten Kriegführung auf einem stetig anspruchsvoller werdenden Gefechtsfeld die Anforderungen an die Armee und ihre Führung dramatisch veränderten. Der mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit fortschreitende Innovationsschub in der Waffentechnologie, der wiederum tief greifende Auswirkungen auf die gebräuchlichen Kampfformen und die Truppenausbildung hatte, stürzte die Armee in eine tiefe konzeptionelle Krise. In der Folge bildete sich im Offizierskorps eine Reformbewegung heraus, die in Anbetracht der gestiegenen Komplexität und Brutalität des Gefechtsfelds die betont zivilistische, dem «soldat citoyen» angemessene Ausbildung als völlig untauglich beurteilte. In Anlehnung an die preussisch-deutsche Modellstreitkraft und nachhaltig beeinflusst durch das Schriftgut des Kavallerie-Waffenchefs Ulrich Wille erblickten diese Offiziere insbesondere in der Stärkung der Offiziersautorität und der bedingungslosen Subordination des Soldaten den Schlüssel zum Erfolg. Sie beabsichtigten daher, das republikanisch-egalitäre Verhältnis von Mannschaft und Führung neu zu definieren. Doch die implizite Vorbildfunktion der deutsch-kaiserlichen Armee mit ihren strengen Exerzierformen trug dieser sogenannten «Neuen Richtung»8 wiederholt den Vorwurf einer «Verpreussung» der Schweizer Armee ein.9 Ferner wurden die Anhänger des von Wille initialisierten «Neuen Geistes» infolge ihres überaus selbstbewussten Auftretens und ihrer kleidsam geschneiderten Uniformen wiederholt als «Gigerln» oder «Gockel» etikettiert und gleichzeitig beschuldigt, einen fremdländischen Geist in die Armee eingeschleppt zu haben.
Dass Gertsch schon früh vom «Neuen Geist» im Offizierskorps erfasst wurde, zeigt sich in seiner 1889 von der Offiziersgesellschaft preisgekrönten Schrift Die Ausbildung des Schweizerischen Infanterieoffiziers und die Forderung der Gegenwart.10 Darin propagierte er das Konzept des strengen und eindrucksvollen Offiziers, der seine Unterstellten sicher und energiegeladen zu Soldaten erzieht und von ihnen jederzeit – sei die Lage auch noch so prekär – bedingungslosen Gehorsam abfordern kann. In solchen imponierenden Offizieren erblickte er das probate Rezept, um die im Vergleich zu den stehenden Heeren Europas kurzen Ausbildungszeiten hinreichend zu kompensieren. Denn «eine richtige soldatische Schule muss also auch der Schweizer durchmachen, soll er ein brauchbarer Wehrmann werden. […] Ohne Disziplin keine Armee.»11 Sein Aufsatz war keineswegs nur das zufällige Erzeugnis eines mit einem ausgeprägten Disziplinverständnis veranlagten Instruktionsoffiziers. Die Schrift war ein unverkennbares Produkt der seit den 1880er-Jahren herrschenden Malaise in der schweizerischen Gefechts- und Truppenführung.
Dass Gertsch seine alternativen Ausbildungsmodelle auch konsequent umzusetzen gedachte, wurde schon kurz nach Veröffentlichung seiner Preisschrift evident. Seine geltungssüchtigen, despotischen Marotten und seine schikanösen Exerzier- und Disziplinierungspraktiken, die auf die Integrität der kantonalen Milizen keine Rücksicht nahmen, führten zu diversen Anklagen durch die Presse und zu anschliessenden Protesten in der Öffentlichkeit gegen einen angeblich grassierenden Militarismus im Offizierskorps. Aber anstatt sich ruhig zu verhalten und zuzuwarten, bis wieder Ruhe in den Blätterwald und der Bevölkerung eingekehrt wäre, entschied sich Gertsch, eine Abhandlung mit dem Titel Disciplin! oder Abrüsten!12 zu verfassen. In dieser äusserst polemischen Streitschrift sprach er der Armee ihre Kriegsbereitschaft ab und bezeichnete sie als «nicht feldtüchtig». Seines Erachtens fehlte dem Schweizer Milizheer zur «Feldtüchtigkeit» aber nicht etwa modernste Bewaffnung oder eine noch grössere Truppenstärke, sondern primär Soldatendisziplin («Appell») und Offiziersautorität («Adresse»). Diese beiden Prämissen identifizierte er als die zentralen Faktoren zur Überwindung der personellen und materiellen Inferiorität der Schweizer Armee im Vergleich zu den grossen stehenden Heeren der Nachbarländer.13

Ätzende Kritik an Gertschs Erziehungsmethoden: «Schweizerische Militärdressur nach idealem Muster» (Bild: Der neue Postillon, Dezember 1898, S. 1).
Die Resonanz auf sein Pamphlet war beeindruckend, wenngleich das Medienecho mehrheitlich aus Häme und Kritik bestand. Spätestens jetzt war Gertsch der bekannteste Soldatenschinder des Landes und der Inbegriff für das im Offizierskorps angeblich grassierende «Preussentum». Seine Forderungen nach einem neuen Offiziersstandesbewusstsein und einer strengen soldatischen Erziehung stiessen inner- wie ausserhalb des Offizierskorps auf grossen Widerstand. Namhafte Persönlichkeiten aus Politik und Armee veröffentlichten scharfe Repliken und wiesen die Unterstellung, die Schweizer Armee sei kriegsuntauglich, entschieden zurück. Die von Gertsch nach preussisch-deutschem Leitbild gedrillten Soldaten würden nicht der allgemeinen Anschauung des uniformierten Schweizer Bürgers, der – obschon im Wehrkleid – primär Staatsbürger bleibt, entsprechen, sondern vielmehr an mechanische Puppen, das Spottbild preussischer Soldaten, erinnern. Selbst der Vorsteher des Militärdepartements, Bundesrat Emil Frey, sah sich nach einer Interpellation der nationalrätlichen Geschäftsprüfungskommission genötigt, zur «Broschüre Gertsch» Stellung zu nehmen. Vor dem Plenum gestand er vorderhand ein, dass es Mängel im schweizerischen Heerwesen gäbe, doch er war nicht bereit, sich für die inhumanen Disziplinierungs- und Erziehungspraktiken Gertschs einnehmen zu lassen, und betonte, auch weiterhin auf die traditionelle, freiwillige Disziplin der Milizen zu vertrauen.14
Unterstützung erfuhr Gertsch für seine Anschauungen in nur sehr geringem Ausmass. Freilich verfügte die Neue Richtung bereits über einige Parteigänger im Offizierskorps, vorab unter den jungen Instruktionsoffizieren, doch keiner von ihnen wollte sich in der diffizilen Disziplinfrage allzu stark exponieren und damit seine Militärkarriere nachhaltig gefährden. Eine prominente Ausnahme blieb der Kavallerie-Waffenchef Ulrich Wille, der in Gertsch seinen publikumswirksamen Reformator gefunden zu haben schien und sich öffentlich für den viel gescholtenen Infanterieinstruktor einsetzte. Die Begegnung mit dem charismatischen Wille sollte sich für Gertsch als der entscheidende Wendepunkt in seinem Leben herausstellen. Fortan fand Wille in Gertsch einen treuen Anhänger, um nicht zu sagen einen ergebenen Jünger, der ihn in seinen Bemühungen hinsichtlich einer soldatischen Erziehung der Schweizer Milizen tatkräftig und bedingungslos sekundieren sollte.
Kriegsberichterstatter und die Lehren aus dem Russisch-Japanischen Krieg
Als am 9. Februar 1904 die Welt vom Überfall der Japaner auf Port Arthur vernahm, ersuchte Gertsch noch am selben Tag um Abkommandierung als Militärbeobachter auf den ostasiatischen Kriegsschauplatz. Die Kriegsteilnahme war für ihn eine einmalige Chance, die es zu ergreifen galt. Der eskalierende Konflikt zwischen zwei modern ausgerüsteten und gut ausgebildeten Armeen bot ihm nicht nur die Möglichkeit, erstmals Kampfhandlungen aus nächster Nähe mitzuerleben, sondern auch die lang ersehnte Gelegenheit, seine über die Jahre entwickelten Kampf- und Erziehungskonzepte unmittelbar am Kriegsgeschehen zu überprüfen. «Der Krieg zwischen Russland und Japan», hielt Gertsch in seinem Gesuch an den Waffenchef der Infanterie fest, «wird in Anbetracht der Organisation, Bewaffnung und Ausbildung der beiden beteiligten Heere für jede moderne Armee so lehrreich werden wie seit 1870 kein Krieg mehr war. Ich glaube, dass da gerade auch für unsere Armee so wertvolle Beobachtungen gemacht werden können, dass es sich reichlich lohnte, einen oder zwei Offiziere auf den Kriegsschauplatz zu entsenden.»15 Er sollte mit seiner kühnen Prognose recht behalten. Am Ende des Russisch-Japanischen Kriegs wurden die Reglemente aller Heere – auch diejenigen der Schweizer Armee – umgeschrieben und angepasst. Der Bundesrat – sich der Tragweite des Konflikts durchaus bewusst – folgte dem Ansinnen Gertschs umgehend und entsandte Ende Februar eine vierköpfige Mission in beide Heerlager in Ostasien: Zusammen mit dem Kavallerieinstruktor Richard Vogel wurde Gertsch zur japanischen Armee abkommandiert.16
Nach zahlreichen Gefechten und verschiedenen Schlachten kehrte Gertsch reich an Erlebnissen und Erfahrungen vom mandschurischen Kriegsschauplatz in die Schweiz zurück. Von den Russen war er in Übermassen enttäuscht. Wo immer sie sich dem Gegner entgegenstellt hätten, seien sie mit verhältnismässig geringer Mühe zurückgeschlagen worden. Und selbst wenn sie in der Übermacht gewesen seien, seien sie von den Japanern schliesslich niedergerungen worden. Den Grund für diese desolate Vorstellung der russischen Armee erblickte er in erster Linie in den unfähigen Offizieren und den schlecht ausgebildeten Soldaten. Weiter prangerte er die in geschlossenen Formationen vollzogenen Bajonettangriffe der russischen Verbände an, die in keiner Weise den militärtechnologischen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte Rechnung tragen würden: «Bis zum letzten Tage wurde überall nach dem ewig gleichen, öden Schema gekämpft: schwache Feuerlinie, starke Reserven, Gegenangriff mit dem Bajonett, wenn die Feuerlinie zurückgeschlagen war. Die vielen, vorher erlebten Misserfolge hatten die Russen nicht zu der Erkenntnis zu bringen vermögen, dass die Reserven zum Feuern eingesetzt werden müssen, oder eine Schwächung der Gefechtskraft bedeuten. Diese Gegenangriffe geschlossener Reserven, mit dem Bajonett, sind ja die unbegreiflichsten aller sonderbaren Erscheinungen dieses Kriegs.»17
Die Japaner hingegen hatten ihn mit ihrer ausgeprägten Todesverachtung und eindrucksvollen Tapferkeit vollauf begeistert. Den Grund für den hohen Ausbildungsstand der Truppe sah er im exzessiven Einsatz von Drillübungen: «Die Japaner drillen tüchtig. Bessere und gleichmässigere Haltung habe ich nie gesehen. Auch nie glattere Gewehrgriffe. Der Paradeschritt war nach unsern Begriffen schlecht, nicht lang genug und mit dem Fuss nicht nahe genug über den Boden hinweg. Aber er war kräftig und von einer Exaktheit, die gar nichts zu wünschen übrig liess.» Die Japaner hätten «von ihrem Ratgeber [den Deutschen – d. A.] gelernt, dass minuziöser Straffheit, als Selbstzweck gepflegt, eine tief gehende Wirkung als Mittel zur Erziehung von Gewissenhaftigkeit und von zuverlässiger Pflichttreue innewohne. […] Das war übrigens dieselbe Erscheinung wie im deutsch-französischen Kriege. Wie dort die Deutschen, so konnten 1904 auch die Japaner gar nicht anders als tapfer sein, weil sie durch straffe Schulung zu exakter Arbeit und damit zu gewissenhafter Pflichterfüllung erzogen waren.»18
Die Schweizer Beobachter – insbesondere die beiden Offiziere im japanischen Heerlager – hatten im Laufe ihrer Mission genügend Erkenntnisse und Eindrücke gesammelt, um nach ihrer Rückkehr in die Schweiz die Reformdebatte nachhaltig zu befruchten. Dabei wurden nicht nur taktische Fragen über Schützenlinien, Artillerieangriffe und Nachtgefechte eifrig diskutiert, sondern auch neue Ausbildungs- und Erziehungskonzepte erörtert. Die Grundlehren, die man aus dem Krieg in Fernost für das Schweizer Heerwesen gezogen hatte, flossen nacheinander in die revidierte Militärorganisation von 1907, ins neue Exerzierreglement für die Infanterie von 1908 sowie in die neue Truppenordnung von 1911 ein. Die theoretische Auseinandersetzung mit den Erfahrungen aus dem Russisch-Japanischen Krieg verlief jedoch alles andere als reibungslos. Schuld daran waren vor allem Dissonanzen in den höchsten Kreisen des Schweizer Offizierskorps – Unstimmigkeiten, an denen Gertsch nicht ganz unbeteiligt war.
Gertsch wollte seine Erlebnisse und Erfahrungen nicht wie die anderen Schweizer Beobachter bloss dem Militärdepartement vorlegen. Vielmehr beabsichtigte er seine Theorien mit einer gross angelegten Publikation – sie sollte am Ende auf zwei Bände anwachsen – einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Er erhoffte sich dadurch nicht zuletzt eine Stärkung seiner Autorität als militärischer Fachmann. Sein Schlusszitat: «Möge es mir gelingen, in meinem Lande Gehör zu finden!», bewahrheitete sich mehr, als ihm lieb war – allerdings nicht in seinem Sinne. Gertsch verwickelte sich nach Veröffentlichung seiner Bände in heftige Auseinandersetzungen – unter anderem mit dem Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg –, die ihn schliesslich seine Anstellung als Instruktionsoffizier kosten sollte.
Stein des Anstosses war das Schlusskapitel des zweiten Bands, in welchem Gertsch seine Erkenntnisse aus dem fernöstlichen Kriegsgeschehen zusammenfasste und daraus teilweise sehr umstrittene Schlüsse für das schweizerische Heerwesen zog. Seine Kernaussage war, dass die gebräuchlichen Formen des Kampfes an die Eigenschaften moderner Waffen angepasst werden müssen. Hiervon war Gertsch felsenfest überzeugt und postulierte daher eine «lichte» Schützenlinie, die in ihrem Aufbau nicht starr, aber auch nicht zu locker sein dürfe: «Die Schützenlinie muss deshalb mit Zwischenräumen von ein bis zwei Schritt gebildet werden. […] So gebildet, hat die Schützenlinie die grösster Feuerkraft. Es gibt keine andre Formation, die ihr an Kampfwert auch nur annähernd gleichkäme. Vor ihr brechen dichtere Schützenschwärme oder gar Massen rettungslos zusammen.» Die Idee von der Stosskraft dichter, geschlossener Truppenkörper entspreche dagegen mittelalterlichen Vorstellungen.19
Mit einem System von kleinen und grossen Reserven hinter den Schützenlinien seien die Russen den Japanern entgegengetreten und «wurden von deren geschmeidigen, reinen Schützenlinien durch die Mandschurei hindurchgejagt».20 Für Gertsch hatte diese – in der Schweiz vor allem bei Manövern praktizierte – «Reserventaktik» mit ihrer starren Tiefengliederung mit dem Russisch-Japanischen Krieg endgültig ausgedient.21 Es sei eine Kampfweise, die den anhaltenden militärtechnologischen Fortschritt und die damit einhergehende Steigerung der Waffenwirkung nur noch unzureichend berücksichtige.
Gertschs Idee einer aufgelockerten und breit gegliederten Schützenlinie als Kampftechnik sine qua non stellte an die Truppenausbildung indessen eine paradoxe Anforderung: Einesteils sollten die Soldaten befähigt werden, selbstständiger und verantwortlicher zu handeln, gleichzeitig musste ihr Gehorsam aber noch disziplinierter sein, damit sie sich auch unter den schwierigsten Verhältnissen und ohne unmittelbaren Kontakt mit einem Vorgesetzten in dessen Sinn verhielten. Dies war für Gertsch jedoch kein unüberwindbarer Widerspruch. Er erblickte im rein formalen Erziehungsdrill ein probates Mittel, um den Soldaten bedingungslose Subordination und zugleich taktische Disziplin zu internalisieren. Auf diese Weise rückte der Erziehungsdrill in den Mittelpunkt der soldatischen Ausbildung. Die Schulung des Soldaten zum tapferen und taktisch gewandten Kämpfer, so Gertsch, «ist die stolze und schöne, aber auch alleinige Aufgabe der Rekrutenerziehung und der elementaren Weiterbildung des Soldaten. Was dabei sonst noch nebenherläuft, ist an und für sich nichtig und muss dem grossen Zwecke ebenfalls dienstbar gemacht werden.»22
Die Theorie einer lichten, aufgelockerten Schützenlinie war für die damalige Zeit geradezu revolutionär. Deshalb musste er sich auch zahlreiche Anfeindungen gefallen lassen. Doch blind vor Überzeugung, seit seiner Rückkehr aus der Mandschurei eine unantastbare Autorität in Fragen der taktischen Gefechtsführung geworden zu sein, erkannte er nicht, dass genau diese kompromisslose Haltung ihn angreifbar machte. Je mehr er sich in seinen Kriegslehren angegriffen fühlte, desto unversöhnlicher bezog er Position und umso kämpferischer gab er sich seinen Gegnern gegenüber – auch gegenüber militärischen Vorgesetzten. Dies konnte nicht lange gut gehen, und so wurde er 1910 zuerst von seinem Brigadekommando enthoben und 1911 infolge einer in den Zeitungen ausgetragenen Auseinandersetzung mit dem Chef der Generalstabsabteilung, Theophil Sprecher von Bernegg, aus dem Instruktionsdienst entlassen.23
Maschinengewehrarmee
Mit der Wahl Ulrich Willes zum Oberbefehlshaber der Armee am Vorabend des Ersten Weltkriegs befand sich die Neue Richtung auf dem Höhepunkt ihrer jahrelangen Bemühungen um Einfluss und Gewicht in der Schweizer Armee. Als General – ausgestattet mit weitreichenden Befugnissen – scharte Wille seine engsten Gefährten um sich und beorderte zu diesem Zweck auch seinen langjährigen Protegé, den unlängst in Ungnade gefallenen Gertsch, zurück an die Spitze einer Brigade. In den ersten beiden Jahren nach Gertschs Reaktivierung blieb es sehr still um das einstige Sorgenkind des Militärdepartements – für aufsehenerregende Affären waren vorerst noch andere besorgt. Doch mit seiner Ernennung zum Kommandanten der 3. Division erregte er umgehend wieder die Aufmerksamkeit der Presse. Er sollte die Geister, die er einst rief, nicht mehr loswerden. Das Medienphänomen des «Sching Hung» Gertsch hatte sich über die Jahre hinweg sukzessive verselbständigt und ihm damit jede Handlungsfreiheit und Glaubwürdigkeit genommen. Er, das landesweite Sinnbild für das «Preussentum» im Offizierskorps, hatte überhaupt keinen Einfluss mehr darauf, wie ihn die Presse sah und darstellte. Rasch wurden Parlamentarier aus Kantonen, aus denen die 3. Division ihre Truppen alimentierte, hellhörig für Klagen über den Führungs- und Erziehungsstil des neuen Kommandanten.
Nach dem landesweiten Generalstreik und der anschliessenden Demission Willes kam Gertschs erneute Kommandoenthebung somit keineswegs überraschend. Der Bundesrat enthob ihn Anfang 1919 von seinem Kommando der 3. Division und versetzte ihn gemäss Artikel 51 der Militärorganisation zu den zur Verfügung des Bundesrats stehenden Offizieren, wo er bis zu seiner endgültigen Entlassung aus der Wehrpflicht im Juni 1926 eingeteilt blieb.24 Gertsch zog sich daraufhin mit seiner gut situierten Frau auf ein kürzlich erstandenes Schloss mitsamt Rebberg bei Neftenbach im Zürcher Weinland zurück, um als Gutsherr seinen Lebensabend zu verbringen. Wenn der Bundesrat und die Öffentlichkeit aber dachten, sie hätten das letzte Mal von ihm gehört, dann hatten sie sich getäuscht.
Schon bald trat Gertsch mit einer radikalen Theorie der Umwandlung der Armee in ein mit Tausenden von Maschinengewehren ausgerüstetes Infanterieheer in Erscheinung. Die Feuergeschwindigkeit und die hohe Präzision des Maschinengewehrs hatten ihm schon auf dem südmandschurischen Kriegsschauplatz imponiert, doch erst mit dem Stellungskrieg an der Westfront des Ersten Weltkriegs sollte ihn die beeindruckende Kampfkraft dieser Schnellfeuerwaffe nicht mehr loslassen. Er war der festen Überzeugung, dass das Maschinengewehr zur wichtigsten Waffe des Weltkriegs geworden war und erkannte in ihm die einzige Möglichkeit, die im Vergleich zu den Millionenheeren und den gewaltigen Rüstungsanstrengungen der Grossmächte bescheidenen finanziellen und personellen Ressourcen des Kleinstaats Schweiz kompensieren zu können. Daher konnte er nicht verstehen, weshalb das Maschinengewehr in der Schweizer Armee nur als eine Unterstützungswaffe zum Einsatz kam. Anstatt der Infanterie noch weitere Maschinengewehre in Form von Spezialtruppen anzugliedern, forderte Gertsch, dass die gesamte Infanterie zu einer eigentlichen Maschinengewehrtruppe umgewandelt werden müsse. Die Divisionen seiner Maschinengewehrarmee sollten anschliessend an der Landesgrenze in einer imposanten Breitengliederung von Dutzenden von Kilometern die gegnerischen Kräfte am Eindringen hindern.25
Nebst seinen Maschinengewehrtruppen sah Gertsch in der von ihm konzipierten zukünftigen Armee nur ganz wenige andere Waffengattungen vor. So hatten einzig die Luftwaffe und eine stark begrenzte Anzahl an Kavalleristen, Telegrafisten, Sanitäter, Rad- und Motorlastwagenfahrer sowie – kurioserweise – das Militärspiel (Militärmusik) noch eine Daseinsberechtigung.26 Die restlichen Truppengattungen wie Artillerie, Genie oder leichte mechanisierte Verbände wollte Gertsch ersatzlos streichen. Überdies liess er insbesondere an den Unterstützungstruppen wie dem Trainwesen («diese unversiegbare sprudelnde Quelle von Ärger und Unruhe und Störung des Diensts») oder den Büroordonanzen («die Zahl dieser gewohnheitsmässig zu Bureaudienern entwürdigten Schweizer Krieger geht in die vielen Hunderten») kein gutes Haar. Diese Funktionen würden der Armee, so Gertsch unmissverständlich, nur die waffenfähigen Wehrmänner entziehen und sollten – wenn überhaupt – ausschliesslich durch Landsturm- und Hilfsdienstpflichtige wahrgenommen werden.27
Gertschs Aussagen mögen auf den ersten Blick die Vermutung nahelegen, dass ihm die zahlreichen waffentechnologischen Entwicklungen des Ersten Weltkriegs völlig entgangen wären. Dies war allerdings nur zum Teil der Fall. Er gestand dem Kampfpanzer (Tank) und der schweren Artillerie durchaus deren herausragende Bedeutung in einer mechanisierten Kriegführung zu, doch waren sie für ihn gleichzeitig auch Sinnbild eines langjährigen verheerenden Stellungskriegs,28 den die Schweiz niemals führen dürfe.
Die zugegebenermassen etwas skurrile Theorie der Umwandlung des Schweizer Milizheers in eine nahezu reine Maschinengewehrarmee erregte zu Beginn noch für Aufsehen und sorgte für entsprechende Kritik in den einschlägigen Fachblättern.29 Mit der Zeit wurde Gertsch aber nicht mehr für voll genommen, zumal seine Konzepte auch nicht bis ins letzte Detail durchdacht waren. So tauchen wiederholt Widersprüche und Lücken in seiner Argumentation auf. Gertsch hatte beispielsweise in keiner seiner Schriften zur Maschinengewehrarmee den Fall erörtert, wie er weit ins Land eingedrungene mechanisierte Verbände ohne eigene Kampfpanzer zurückzuwerfen gedenke. Er wollte der Schweiz zwar einen erstarrten Grabenkrieg nach dem Muster der Westfront des Ersten Weltkriegs ersparen, doch was er mit seinen Maschinengewehrtruppen plante, war im Grunde genommen nichts weiter als ein verkappter Stellungskrieg: Die gesamten Verteidigungskräfte der Schweizer Armee wären an der Grenze konzentriert und höchstwahrscheinlich aufgrund des gegnerischen Artilleriefeuers ebenfalls in Schützengräben eingegraben gewesen. Ein durchgebrochener Gegner hätte demzufolge die Niederlage der gesamten Armee bedeutet.
Als er wiederholt kein Gehör für seine unkonventionelle Theorie einer Maschinengewehrarmee fand und man ihn stattdessen ignorierte, verstieg sich Gertsch in seiner wachsenden Verbitterung in immer extremere Aussagen. Von Schrift zu Schrift forderte er mehr Maschinengewehre. Am Ende waren es 12 000 Stück, die nach seinen Berechnungen eine «Kampfkraft von zwölftausend Kompanien, dreitausend Bataillonen, tausend Regimentern»30 entfalten und die Schweiz auf einen Schlag zur «stärksten Militärmacht»31 erheben würden.
Letzten Endes manövrierte er sich aber mit seinen immer extremeren Konzepten zur Umwandlung der Schweizer Armee in eine reine Maschinengewehrarmee zusehends ins soziale Abseits. Am Ende überwarf sich Gertsch auch mit jenen, die noch zu ihm hielten. Er entschlief schliesslich verlassen und verarmt in seinem 77. Altersjahr in Bern.
Fazit
Trotz der zum Teil masslosen Übertreibungen und seiner mitunter reichlich abstrusen Vorstellungen muss Gertsch zugestanden werden, dass er in seinen Pamphleten die Probleme der schweizerischen Truppenführung durchaus treffend erfasste und zuweilen wertvolle Beiträge zur Reform des Militärwesens beisteuerte. So erstaunt es nicht, dass er für seine Anschauungen im Ausland immer wieder die ersehnte Anerkennung fand, die ihm in der Heimat nie zuteilwurde. Sein zügelloses Temperament, sein Fanatismus und seine Selbstwahrnehmung als der sprichwörtliche Prophet, der im eigenen Land nichts gilt, verunmöglichten es ihm jedoch, seine Theorien fruchtbar weiterzuentwickeln und somit erfolgreich in den Militärdiskurs einzubringen. Stattdessen begegnet man bei Gertsch immer wieder dem gleichen selbstzerstörerischen Muster bei der Verbreitung seiner Konzepte: Je mehr seine Theorien infrage gestellt wurden, desto kämpferischer gab er sich seinen Kritikern gegenüber. Dass er sich damit auch zusehends von seinen Weggefährten entfremdete und enge Freunde verlor, war er sich anscheinend nicht bewusst – oder es war ihm schlicht egal. Infolgedessen überrascht es auch nicht, dass er an seinem Lebensende nahezu völlig isoliert war und als «Rufer in der Wüste» von niemandem mehr ernst genommen wurde.
Michael M. Olsansky

Ulrich Wille d. J. als Oberstkorpskommandant und Ausbildungschef der Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg (Bild: Bibliothek MILAK).
Es war das letzte Mal, dass er seine Kernbotschaft an ein grösseres, militärisch interessiertes Publikum herantragen sollte. Im Jahr 1952, in seinem Beitrag zur Festschrift für Oberstdivisionär und Nationalrat Eugen Bircher, diskutierte Ulrich Wille d. J.1 die Frage, «wann und worin» die Schweizer Armee «eines ausländischen Vorbildes bedurfte».2 Das «Wann» seiner überaus dezidierten Antwort erstaunte dabei nicht, auch nicht das damit verbundene «Woher». Das Vorbild sei der Schweizer Armee aus den preussisch-deutschen Siegen von 1866 und 1870/71 erwachsen und habe ihr den Weg zur Kriegstüchtigkeit gewiesen.3 Das «Worin» vermochte jedoch zu überraschen. Wille verbat sich grundsätzlich die Nachahmerei fremden Wehrwesens und betonte den allein geistigen Charakter des deutschen Vorbilds:
«Das Vorbild war dazumal und später nie die preussische Armee selbst, nicht ihre Exerzierformen und Methoden. Jeder Versuch, etwas aus einem stehenden Heer mit Berufskader in der kurzen Milizausbildung und mit dem Milizkader nachzuahmen, war und ist jederzeit ein Irrtum. […] Das Vorbild, dessen unsere Armee dazumal bedurfte, bestand [vielmehr, Anm.] in der Auffassung von der grossen Bedeutung der Gründlichkeit und Selbständigkeit, die in der dazumaligen preussisch-deutschen Armee herrschte.»4
Dies habe sein Vater, der spätere General Ulrich Wille, vor dem Hintergrund des deutsch-französischen Kriegs als junger Offizier während der ersten Grenzbesetzung im Juli und August 1870 erkannt. Unselbständige, an die Bevormundung durch Instruktoren gewöhnte Offiziere und Unteroffiziere ohne Durchsetzungsvermögen hätten den Dienst oberflächlich, ohne Gründlichkeit betrieben. «Unselbständigkeit und laisser-aller» gingen angeblich so weit, dass etliche Offiziere lieber gleich «im Wirtshaus» blieben, als bei der Truppe ihrer Pflicht nachzukommen.5 Auf die «im bürgerlichen Leben des Schweizervolkes bedeutende» Gründlichkeit und Selbständigkeit bauend, sei darauf sein Vater daran gegangen, der schweizerischen Milizarmee «Milizvorgesetzte und Soldaten zu erziehen» und damit «vom Bürger im Wehrkleid ernsthaften Dienstbetrieb, zuverlässige Pflichterfüllung und Disziplin nicht nur zu fordern sondern zu erzwingen».6 Gründlichkeit in Erziehung und Ausbildung, Selbständigkeit sowohl in der Führung als auch in der Ausübung der Pflicht, dies waren auch für den Sohn des Weltkriegsgenerals die Hauptfaktoren für Kriegstüchtigkeit. Exerzierformen, Kampfmethoden, ordre de bataille oder Bewaffnung erachtete er demgegenüber als zweitrangig.
Mit diesen Ausführungen zog Wille d. J. im Jahr 1952 in seinem letzten Artikel zu militärischen Fragen ein inhaltlich nahezu identisches Fazit wie sein Vater im Jahre 1924 in seinem letzten Artikel in der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitung zum Thema «Kriegslehren». General Wille hatte dort sein militärisches Credo noch einmal formuliert: «Kriegstauglichkeit» erforderte demnach die konsequente Erziehung des Wehrmannes zum maximal potenzierten «Manneswesen» bzw. disziplinierte Soldaten mit Appell sowie selbständig führende Offiziere mit Initiative und «Adresse». Alles andere, «bessere Bewaffnung, vollkommenere Ausrüstung mit technischen Hilfsmitteln, grössere Zahl, geschicktere Formationen und Manövrierkunst»,7 erachtete er dagegen als sekundär. Dass nun Wille d. J. in der Denkschule seines Vaters stand, wird kaum erstaunen. Wille d. J. war in der Tat «Willeaner». Jedoch mag die Resolutheit seiner Ausführungen in der Festschrift Bircher doch erstaunen, da er in diversen Funktionen die Gefechtsvorschriften und die Taktikausbildung der Schweizer Armee der Zwischenkriegszeit wie kaum ein anderer beeinflusst hatte.8 Als Haupt- oder Co-Autor mehrerer Reglemente, Behelfe und Weisungen, als langjähriger Kommandant der Zentralschule (1923–1928), als Kommandant der 5. Division (1928–1931), Waffenchef der Infanterie (1931–1933 sowie 1936–1940) sowie Kommandant des 2. Armeekorps (1933–1935) hatte er, was die Ausbildung der Kampf- und Gefechtsführung betraf, das Gros jener Kommandanten geprägt, die 1939 mit ihren Truppenkörpern und Einheiten zum Aktivdienst antraten.9 Und trotzdem verzichtete er in seinem letzten, militärspezifischen Statement auf die Erläuterung taktischer oder operativer Überlegungen. Kein Kampfverfahren, keine Gefechtsbetrachtung, keine «goldene operative Regel» suchte er den Lesern in Erinnerung zu rufen. Die folgenden Ausführungen werden aufzeigen, dass dies nicht nur aufgrund Willes traditioneller Fokussierung auf militärische Erziehungsfragen so war.

Ulrich Wille d. J. (Mitte, zwischen zwei ausländischen Offizieren) im Jahr 1936 beim Vorbeimarsch der 6. Division (Bild: Familienarchiv Wille).
Trotz der angesprochenen Bedeutung Ulrich Willes d. J. für die Ausgestaltung des schweizerischen Wehrwesens der Weltkriegsepoche wurde die militärische Bedeutung seiner Person bis anhin historiografisch nicht näher untersucht und bewertet.10 Wenn überhaupt, dann wurde Wille als Antagonist von Henri Guisan dargestellt, sei es in der immer noch erhellenden Darstellung von Georg Kreis über die Differenzen in der schweizerischen Armeespitze vor dem Hintergrund der Aktenfunde von La Charité,11 sei es in der polemischen Reduktion Willes d. J. auf den unsympathischen, hässlich-deutschen Kontrepart General Guisans zur hagiografischen Darstellung desselben bei Markus Somm.12 Eine tiefer gehende, eigenständige Darstellung der Person des Generalssohn bleibt jedoch einstweilen Desiderat. Vor diesem Hintergrund möchte dieser Beitrag zumindest das militärische Denken und Wirken Willes d. J. beleuchten und darlegen, wie ausgeprägt sich dieses auf die schweizerische Militärentwicklung der Zwischenkriegszeit und insbesondere auf die Kampf- und Truppenführung sowie die Taktikausbildung niederschlug. Willes diesbezügliche Konzept- und Ausbildungsarbeit im Ersten Weltkrieg sowie deren Weiterentwicklung hin zum Felddienst (F. D.) von 1927, der wichtigsten schweizerischen Gefechtsvorschrift der Zwischenkriegszeit, stehen dabei im Zentrum der Betrachtung.13
Kontext: Die deutsche Militärentwicklung im Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit
Um es vorwegzunehmen: Ulrich Wille d. J. war in erster Linie wie sein Vater ein Soldatenerzieher, in zweiter Linie ein aussergewöhnlichen Taktiker und nur peripher ein operativer Denker. Diese Einschätzung kann aus heutiger Perspektive negativ verstanden werden, ist jedoch mehr eine Feststellung, der Wille selbst wohl zugestimmt hätte. Das Urteil orientiert sich einerseits an Willes Beitrag zur Entwicklung der schweizerischen Kampfführung während seiner langen Dienstzeit als Instruktionsoffizier und höherer Truppenführer, andererseits an der zeitgenössischen Entwicklung des deutschen Militärs. Letzteres ahmte Wille nicht einfach nach, es war ihm jedoch seit seiner Abkommandierung zum Garde-Jäger-Bataillon in Potsdam von 1906 bis 1909 wichtigster militärischer und abgesehen davon wohl auch soziokultureller Bezugsrahmen.14 Nach heute übereinstimmender angelsächsischer und bundesdeutscher Forschungsauffassung erwuchs der deutschen Militärentwicklung erst im Verlauf des Zweiten Weltkriegs die Vorstellung einer eigenständigen, zwischen Taktik und Strategie verankerten operativen Stufe der Kampfführung. Nachdem das deutsche Militär im Ersten Weltkrieg vor allem im taktischen Bereich der Kampfführung grosse Fortschritte gemacht hatte, scheiterten sowohl in der Reichswehr als auch in der Wehrmacht alle Anläufe, die «höhere Truppenführung», also die Führung von mehreren Divisionen oder Armeekorps –die «operative Führung» – in Reglements oder Vorschriften zu kodifizieren. Entsprechende Entwürfe wurden von der deutschen Generalität entschieden zurückgewiesen, in der Reichswehrzeit notabene von Hauptexponenten des Truppenamts wie Hans von Seeckt, Joachim von Stülpnagel oder Wilhelm Keitel.15 Ihre Begründung war ganz im Geiste Moltkes und Clausewitz’: Höhere Truppenführung lasse sich nicht in Vorschriften pressen, sei letztlich eine Kunst und habe sich allein nach den jeweiligen Umständen zu richten. Die berühmte, von Hans von Seeckt erlassene deutsche Heeresdienstvorschrift 487 mit dem Titel Führung und Gefecht der verbundenen Waffen (F. u. G.)16 von 1921, ein für die Entstehungsgeschichte des Felddienstes durchaus wichtiges Rahmenwerk, widmete sich denn auch hauptsächlich dem Kampf des gemischten Verbandes, will heissen der Division und seiner Regimenter und Bataillone.17 Diese Flughöhe verliessen die verschriftlichten und offizialisierten deutschen Gefechtsvorschriften bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges kaum. Dies will nicht heissen, dass es so etwas wie ein operatives Denken in den verschiedenen deutschen Heeren zwischen 1914 und 1945 nicht gegeben hätte. Jedoch galt operative Führung nicht als eine Sache von Vorschriften oder gar dogmatischen Doktrintexten, sondern als fallweise anzugehende Angelegenheit der jeweiligen Operationsplanung oder eben gar als «Kunst».18
Die Beeinflussung der schweizerischen Landkriegstaktik im Ersten Weltkrieg durch Wille d. J.
Vor dem skizzierten Hintergrund der Krieg- und Kampfführungsentwicklung im deutschen Militär blieb auch Ulrich Willes Hauptaugenmerk zumeist auf das Gefecht und somit auf die Taktik gerichtet. Dies galt insbesondere für seine frühe Berufstätigkeit. So zeigt er sich in der zweiten Hälfte des Ersten Weltkriegs, als Stabschef von Oberstdivisionär Steinbuchs 5. Division, als vorpreschender Modernisierer der schweizerischen Gefechtsausbildung. Ausgangspunkt hierfür war Willes einzige Kriegsschauplatzabkommandierung im Sommer 1916, die ihm notabene nicht zum deutschen Heer, sondern «nur» an die österreichische Alpen- und Ostfront bewilligt wurde.19 Wille erhielt auf dieser mehrwöchigen Reise einen nachhaltigen Eindruck der eben erst eingestellten, weil festgefahrenen Südtiroloffensive der k. u. k. Armee, die sein Bild der österreichisch-ungarischen Truppen und deren Offizierskorps nicht eben verbesserte. Danach reiste er nach Galizien weiter, wo er die Gegenangriffe deutscher Truppen zur Abwehr der Brussilow-Offensive bzw. zur Stabilisierung der Ostfront hautnah erlebte.20 Wie sein Abkommandierungsbericht zeigt, konnte sich Wille dort ein Bild von frühen Gehversuchen deutscher Sturmformationen machen und erhielt dadurch Einblick in jene neue Infanteriekampfweise, die das Gefecht deutscher Kompanien, Bataillone und Regimenter in der zweiten Hälfte des Ersten Weltkriegs sukzessive zu verändern begann. Wille kehrte hierzu gut dokumentiert zurück, finden sich doch sowohl in den Beilagen seines Abkommandierungsberichts als auch im Privatarchiv der Familie in Feldmeilen etliche Behelfe, Weisungen und Dokumente deutscher Offiziere, die sich insbesondere mit Fragen der Angriffsführung sowie der Koordination von Infanterie und Artillerie auseinandersetzen.
Wieder in der Schweiz, zurück bei der 5. Division, liess Wille seine Beobachtungen und Erfahrungen in die eigene Truppenausbildung einfliessen und bemühte sich intensiv, die hiesige Gefechtsschulung zu modernisieren. Höhepunkt dieser Arbeit war eine von Wille im Dezember 1917 angelegte Angriffsübung des Infanterieregiments 26 im Kanton Basel-Landschaft, bei welcher das Hauptaugenmerk auf der Schulung des Zusammenspiels von Infanterie, Maschinengewehren und Artillerie lag.21 Im Zusammenhang mit dieser Übung wird aus einem Schreiben des Generals erkennbar, worin nach Ansicht der beiden Willes die Hauptherausforderung der Gefechtsschulung für die Schweizer Armee jener Zeit bestand, nämlich die Kampfführung der Truppen «systematisch», jedoch nicht «schematisch» zu begreifen und zu gestalten.22 «Systematisch» betonte dabei das Ineinandergreifen der verschiedenen eigenen Waffen im Sinne eines koordinierten Kampfsystems, «schematisch» bedeutete jedoch unreflektierte Ausbildung und Führung nach Schablone bzw. Anwendung äusserer Formen. Ulrich Wille d. J. zeigte sich im Nachgang zur Übung zufrieden damit, dass sich die Armeeführung dazu entschlossen hatte, zum vertieften Studium der Sturmtruppen und ihrer Kampfweise einen geeigneten Offizier an die deutsche Westfront zu schicken. Es war dann mit Hauptmann Fritz Rieter, vielleicht nicht ganz zufälligerweise, ein junger, ambitionierter, bei der 5. Division eingeteilter Instruktionsoffizier und notabene Willes Schwager, der von November 1917 bis März 1918 zum deutschen Heer abkommandiert wurde und dort, in der Vorbereitungsphase der grossen Frühjahresoffensive, die Ausbildung der von der Ostfront ankommenden Verbände in den neuen Kampfverfahren studieren konnte.23 Konkret beobachtete Rieter in Lothringen die Schulungstätigkeit des Sturmbataillons 17, des Sturmbataillons der deutschen 17. Armee, das im Sinne einer Lehrtruppe die Ausbildung der Masse der Zugführer, Kompaniechefs und Bataillonskommandeure der 17. Armee durchzuführen hatte. Nach seiner Rückkehr zur 5. Division fusionierten Rieter und Wille ihre Erfahrungen, passten sie auf die hiesigen Verhältnisse an und entwickelten in einem eigenen Truppenversuch mit der ad hoc aufgestellten Sturmabteilung 5 im solothurnischen Mariastein ein quasi schweizerisches Sturmangriffsverfahren.24 Kennzeichnend für dieses erste moderne Gefechtsschiessen der Schweizer Armee im Sinne der Infanteriekampfführung des 20. Jahrhunderts war das Wegkommen von starren, linearen Gefechtsformationen, die wenn nötig rigorose Auflockerung der Truppe während der Annäherung zum Angriff, das präzise Zusammenarbeiten mit den eigenen Unterstützungswaffen und insbesondere die Angewöhnung der Truppe daran, konsequent in das eigene Artilleriefeuer hineinzulaufen, um die Feuerunterstützung im Angriff konsequent auszunutzen. Wille verfasste zur dieserart modernisierten Kampfweise der Infanterie mehrere Grundlagenpapiere, deren Kerninhalte im November 1918 in den Entwurf eines Dokuments mit dem Titel Grundsätze für das Gefecht mündeten.25 Dieses Dokument hätte das Gefechtskapitel des Exerzier-Reglements für die Infanterie von 1908 ersetzen sollen. Jedoch wurde es nie genehmigt, Abdrucke des Reglements liegen im Bundesarchiv in den Akten zum Felddienst 27 sowie in den entsprechenden Dossiers Willes d. J. im Wille-Archiv.
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