Kitabı oku: «Neulateinische Metrik»

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Stefan Tilg / Benjamin Harter

Neulateinische Metrik

Formen und Kontexte zwischen Rezeption und Innovation

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISBN 978-3-8233-8266-9 (Print)

ISBN 978-3-8233-0186-8 (ePub)

Inhalt

  Vorwort

  Versbau zwischen Klassizismus und Innovation

  L’hexamètre de Francesco Filelfo dans la Sphortias et dans les Satyrae Bibliographie

 Die Metren der Manes Monavi Caspar Cunrads (1571–1633)Literaturverzeichnis1. Primärtexte2. Sekundärtexte

 Verfehlte Klassik oder neue Normen in der Metrik des neulateinischen Dramas?AnhangLiteraturverzeichnis1. Primärtexte2. Sekundärtexte

  Radikale Experimente

 Neulateinische Hyporchemata oder die Neuschöpfung einer verlorenen Gattung und deren rascher UntergangNeulateinische HyporchemataLiteraturverzeichnis1. Primärtexte2. Sekundärtexte

 Il carmen anguineum di Lidio CattoLa vita del poeta e i suoi OpusculaLa struttura del carmen anguineumLa questione della paternitàSoluzioni grafiche del carmen anguineum nella tradizione manoscritta1. Soluzioni cromatiche e figurative2. Soluzioni numeriche e versi inediti: il ruolo del SanudoBibliografia

  Erfolgreiche Formen Zur Metrik der neulateinischen Pindarischen Ode 1. Metrische Implikationen der horazischen ‚Pindarode‘ (Oden 4,2) 2. Die humanistische Philologie und die pindarische Metrik 3. Scévole de Sainte-Marthe 4. Paulus Melissus Schede 5. Conclusio: Metrik im Lichte der Poetologie pindarischen Dichtens Literaturverzeichnis

 Die ‚argute‘ Inschrift als barocke Form des freien Verses1. Freie Verse in der Frühen Neuzeit?2. Ursprung, Terminologie und Entwicklung3. Zeitgenössische Theorie4. Literarische Inschrift und moderner freier VersLiteraturverzeichnis1. Primärtexte2. Sekundärtexte

  Metrik und Musik im lateinischen Schuldrama Jacob Locher: Das lateinische Musiktheater in Deutschland beginnt mit Sapphikern Jacob Locher und das elegische Distichon Musikalische Jamben in Reuchlins Henno Secundum naturas et tempora syllabarum: Celtis revolutioniert die musikalische Metrik Die tempora syllabarum missachtet oder modifiziert: Hegendorf, Macropedius und Cless Metrisches und Rhythmisches im bayerischen Jesuitentheater Rhythmisches aus Straßburg Musik und rhythmische Dichtung: Rückblick und Ausblick Literaturverzeichnis

 Das „italienisch Latein“ der venezianischen Oratorien am Beispiel der Juditha triumphans (Antonio Vivaldi/Giacomo Cassetti)1. Historischer Hintergrund2. Die Sprache der venezianischen Oratorien3. Metrik3.1 Rezitativ3.2 Arien und ChöreSchlussLiteraturverzeichnis

  Metrik und Bildungsgeschichte The evening of August ... References

  Neo-Latin Metrical Practice in English Manuscript Sources, c. 1550–1720

 Wann erblickte der Iktus das Licht der Welt?1. Akzent und Quantität in Prosarede und im Versvortrag in der Frühen Neuzeit2. Isaac Vossius3. Heinrich Christian Henning4. Johann Rudolf Wettstein5. Richard Bentley6. Bentleys ‚Schüler‘ Richard Dawes7. Die Rezeption von Bentleys und Dawes’ Abhandlungen8. Die eigentliche Geburt des Iktus: Friedrich Wolfgang Reiz, Friedrich Heinrich Bothe, Gottfried Hermann und seine Schüler9. FazitLiteraturverzeichnis1. Primärtexte2. Sekundärtexte

  Register

Vorwort

Während es zahlreiche Publikationen zur Prosodie und Metrik der antiken und mittelalterlichen lateinischen Dichtung gibt, sind einschlägige Arbeiten zur Frühen Neuzeit äußerst rar. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass die neulateinische Dichtung gemeinhin als klassizistisch gilt und dass man oft wie selbstverständlich annimmt, sie reproduziere lediglich antike Formen. Gleichzeitig wissen alle, die sich eingehender mit der lateinischen Literatur der Frühen Neuzeit beschäftigt haben, dass das so nicht stimmt. Dieser Band, der aus der 18. NeoLatina-Tagung (Freiburg i.Br., 17.–18. Juni 2016) hervorgegangen ist, soll exemplarisch Möglichkeiten und Wege neulateinischer Metrikforschung aufzeigen und so im Idealfall weitere Arbeiten auf diesem Gebiet anstoßen. Der Schwerpunkt liegt dabei gerade nicht auf der direkten Adaptation antik-klassischer Muster, sondern auf den vielfältigen Innovationen und Experimenten in der Theorie und Praxis lateinischer Dichtung von ca. 1400 bis 1800.

Der Band beginnt mit drei Beiträgen, die oberflächlich noch relativ unscheinbare, im Detail aber signifikante Abweichungen von klassischen Mustern im Versbau und dem Zusammenspiel von Form und Inhalt dokumentieren. Jean-Louis Charlet widmet sich in diesem Sinn dem Hexameter des italienischen Humanisten Francesco Filelfo (1398–1481), Dennis Pulina der metrisch bunt gemischten Lyrik des deutschen Arztes und Dichters Caspar Cunrad (1571–1633); Jürgen Blänsdorf geht der Entwicklung der neulateinischen Dramenverse mit besonderer Berücksichtigung der Tragödie nach.

In scharfem Gegensatz dazu folgen zwei Beiträge, die mit radikalen und verspielten Experimenten aufwarten: Beate Hintzen behandelt mit dem Hyporchema die Erfindung und kurze Rezeptionsgeschichte einer manieristisch-virtuosen metrischen Gattung; Stefano Cassini vermittelt mit den ‚Schlangengedichten‘ (carmina anguinea) des Lidio Catto (15./16. Jahrhundert) eine Vorstellung vom Potenzial neulateinischer Rätsel- und Figurengedichte.

Wenn diese Beispiele eher vereinzelte Launen repräsentieren, so stehen die Themen der nächsten beiden Beiträge für breitere und erfolgreiche Phänomene, die auch stark in die Volkssprachen ausstrahlen. Jochen Schultheiß beschreibt die Geburt der lateinischen pindarischen Dichtung aus dem Geist der zeitgenössischen metrischen Theorie, und Stefan Tilg macht auf die vormoderne Existenz eines freien Verses in den sogenannten ‚arguten‘ oder ‚literarischen‘ Inschriften aufmerksam.

Erfolgreich, wenn auch nicht unbedingt im Sinn antiker Metrik, war zweifellos auch die Verbindung lateinischer Verse mit Musik. Wilfried Stroh gibt einen groß angelegten Überblick über diese Verbindung im lateinischen Drama Deutschlands, wobei naturgemäß die Chöre besonderes Interesse beanspruchen. Christian Guerra weist am Beispiel der Juditha triumphans (1716) von Antonio Vivaldi und Giacomo Cassetti eine bisher kaum gewürdigte Wechselwirkung zwischen volkssprachlich-italienischer und klassizistisch-lateinischer Metrik im lateinischen Oratorium nach.

In das weite Feld von Metrik und Bildungsgeschichte könnte man schließlich die drei letzten Beiträge des Bandes einordnen. Sarah Knight untersucht die Stellung von Prosodie und Metrik im Bildungsgang von Studenten an englischen Universitäten. Victoria Moul bietet eine erste Auswertung handschriftlicher Gedichtsammlungen in England und zeigt so die Lücken auf, die in einer Literatur- und Bildungsgeschichte ohne Berücksichtigung lateinischer Texte klaffen. In metrischer Hinsicht identifiziert sie Polymetrie, Reim und freien Vers als besonders auffällige und innovative Phänomene, die im Übrigen auch in anderen Beiträgen begegnen (zu Polymetrie z.B. Schultheiß; zum Reim Stroh; zum freien Vers Tilg). Thorsten Burkard beendet den Band mit einem längeren Beitrag zur Geschichte des insbesondere im deutschen Sprachraum erfolgreichen iktierenden Lesens lateinischer Verse und argumentiert auf einer umfangreichen Materialbasis, dass diese Aussprachepraxis kaum vor Gottfried Hermanns De metris poetarum Graecorum et Romanorum von 1796 verbreitet gewesen sein kann.

Vieles kann im Rahmen eines Sammelbandes nur angedeutet werden. Um dennoch zumindest zwei Beispiele für breiter angelegte Studien einzuschließen, haben wir Wilfried Stroh und Thorsten Burkard eingeladen, ihre Beiträge, deren Argument nur durch eine fundierte Darstellung des Materials trägt, ohne das sonst übliche Seitenlimit auszuführen. Wir denken, das Ergebnis hat sich gelohnt, und hoffen, auch auf diese Weise zu einer eingehenderen Beschäftigung mit neulateinischer Metrik zu ermuntern.

Wir danken dem Ludwig Boltzmann Institut für Neulateinische Studien, der Philologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Stiftung Pegasus Limited für ihre finanzielle Unterstützung der Tagung und des daraus hervorgegangenen Bandes. Diese Tagung war die letzte NeoLatina-Tagung, an der Eckart Schäfer († 17. März 2018) teilgenommen hat. Schäfer hat die NeoLatina-Tagungen (damals noch unter dem Titel „Freiburger Neulateinisches Symposion“) 1999 zusammen mit Eckard Lefèvre gegründet und blieb der Tagung und der damit verbundenen Buchreihe bis zuletzt verbunden. Unvergessen wird er nicht zuletzt durch seine Arbeiten zum ‚deutschen Horaz‘ bleiben, die ihn auch auf das Feld der neulateinischen Metrik führten. Ihm sei dieser Band deshalb gewidmet.

Freiburg i.Br., September 2019 Stefan Tilg / Benjamin Harter

Versbau zwischen Klassizismus und Innovation

L’hexamètreDactylusHexameterDactylusSpondeus de Francesco FilelfoFilelfo, FrancescoSphortias, Satyrae, De Genuensium deditione dans la Sphortias et dans les Satyrae

Jean-Louis Charlet

Dans le cycle de mes études sur la métrique latine et néolatine, j’ai déjà eu plusieurs occasions d’étudier de façon comparative l’hexamètre dactylique dans différentes œuvres de plusieurs poètes latins humanistes: Enea Silvio Piccolomini, Marulle et les deux Strozzi, père et fils, Tito et Ercole.1 Complétant ce panorama de l’hexamètre néolatin, je voudrais aujourd’hui comparer l’hexamètre épique et l’hexamètre satirique de Francesco Filelfo. Mon étude se fera sur un échantillon de 1000 vers pour chacune des deux œuvres: les cent premiers vers de chacun des dix chants de la Sphortias qui le permettent2 et dix satires (1.6; 2.10 en tenant compte des deux versions; 3.1; 4.9; 5.2; 7.9 deux versions; 8.5 deux versions; 9.7 deux versions; 10.4 et Satira 7 inédite).3 Pour élargir cette comparaison à l’hexamètre élégiaque de Filelfo, j’ai dépouillé tous les hexamètres (seulement 275) du poème De Genuensium deditione.4 Comme dans mes études précédentes, j’ai choisi quatre points à mon avis stratégiques pour la facture de l’hexamètre: les schémas métriques avec la répartition des dactyles et des spondées, les césures, les élisions au sens large et les clausules. Toutes mes analyses s’appuieront sur les tableaux donnés en fin d’étude.

En ce qui concerne les schémas métriques, l’hexamètre épique de la Sphortiade suit d’assez près le canon virgilien:5

 nette primauté du schéma DSSS (16,2%), importance du type SDSS (9,1%; 9,54 dans l’Énéide) derrière DDSS et DSDS, respectivement à 13,7 et 12,8%;

 décroissance continue du nombre des dactyles du premier au quatrième pied (70,7; 49; 42,5 et finalement 26,70%), comme dans les satires d’Horace et de Juvénal;

 prépondérance globale des spondées sur les dactyles (52,775 contre 47,225%), mais avec plus de dactyles que dans l’Énéide (43,52% pour cette dernière), un dédain manifeste pour le vers à quatre spondées (SSSS): 2,7% dans la Sphortias pour 7,09 dans l’Énéide (sur ce point, Filelfo est assez proche du Stace de la Thébaïde [2,31%], entre Lucain et l’Ovide des Métamorphoses) et moins de variété dans les schémas métriques (parfois répétés trois fois, voire quatre fois de suite: Sphortias 3.83–86 DSSS). Dans la Sphortias, les quatre schémas préférés représentent plus de la moitié des vers (51,8%, dont 42,7 pour les seuls trois premiers), alors que dans l’Énéide le total des quatre premiers schémas ne s’élève qu’à 46,85%: manifestement, dans son épopée, Filelfo recherche moins la variété que les effets de répétition. C’est très net dans les dix premiers vers du livre 8 qui ne présentent que quatre schémas métriques (4 DSSS, 3 DDSS, 2 SSDS et un SSSS). Mais, dans son emploi de l’hexamètre holodactylique (DDDD), il recherche parfois des effets d’harmonie imitative, pour donner une impression de vitesse, de rapidité: Paret Atlandiades celerique per aera cursu (Sphortias 1.79), Mox agit atque gradum properat; comitatur euntem (Sphortias 1.98; cf. 2.1 et 27); de légèreté: Otia desidiasue leuis et inutile tempus (Sphortias 5.47) ou de vol: Fulmineae uolitant pilulae uolucresque sagittae (Sphortias 3.82).

L’hexamètre de ses Satyrae se révèle assez différent. D’abord, par un renversement de rythme, le dactyle l’emporte, même si c’est de peu, sur le spondée (50,5%), alors que les satires d’Horace et celles de Juvénal sont encore moins riches en dactyles que l’Énéide, avec respectivement 41,95 et 44,02% de dactyles. Ensuite, la recherche de la variété est plus grande:6 la proportion des quatre premiers schémas préférés tombe en dessous à 46,8%, à peu près au niveau de l’Énéide, un peu plus que l’Horace des Satires ou que Juvénal, dont les quatre premiers schémas s’approchaient des 45% et l’on note parfois des effets de contraste rythmique. Les dix premiers vers de la version définitive de la dixième satire de la deuxième décade sont à ce titre significatifs: les deux premiers vers recherchent le contraste maximum en opposant les rythmes contraires SSSS et DDDD avec césures P et H pour le premier et triple a (T, Tr, H) pour le second, avec un rejet (Qui finem in uita nullum nec rebus agendis / constituit, Frederice, sibi, ratione carere / arbitror), alors que les huit suivants proposent sept autres schémas métriques différents (DDSS [schéma préféré dans les Satyrae], DSDS deux fois, DDSD, SSDD, DSSD, DSDD et SDSS)! Enfin, si la courbe de diminution des dactyles du premier au quatrième pied est en gros comparable à celle de la Sphortias, on note un changement notable dans le choix des schémas métriques préférés:7 le schéma épique virgilien par excellence DSSS, qui conserve la préférence d’Horace et de Juvénal dans leurs satires (respectivement 13,55 et 13,48%), passe en troisième position, précédé de DDSS (14,2%) et de DSDS (13,1%). On doit probablement voir ici, en dépit du genre, une influence de la métrique ovidienne: dans les Métamorphoses, le schéma DDSS est le premier (13,04%), devant DSSS (12,7%), alors que le type DSDS (11,27%) est pratiquement au niveau de DSSD (11,33%) et DDSD (11,29%). Globalement, même si Filelfo ne recherche pas le rythme DSSD, la proportion des dactyles augmente, avec une petite progression des schémas à trois dactyles DDSD et DSDD, et même le schéma le moins fréquent dans toute la latinité classique SDDD (1,91% selon Ceccarelli) se trouve au treizième rang dans les Satyrae de Filelfo, à 2,7%, devant SSSS, SSSD et SSDD. Les hexamètres holodactyliques (DDDD, douzième schéma dans les Satyrae) monte légèrement, à 3,6% (2,83% dans la latinité classique), alors que son inverse SSSS, très bas dans la Sphortias (2,7%), tombe ici à 1,7% (4,84% dans la latinité classique).8 En accroissant le nombre des dactyles (ce qui a, comme nous le verrons, des incidences sur les césures), Filelfo recherche plus de mouvement, de vivacité, voire de pathos.

Pour avoir un point de comparaison avec l’hexamètre élégiaque, c’est-à-dire en distique avec le pentamètre, j’ai choisi le poème De Genuensium deditione. Mais le choix de ce poème est peut-être discutable car sa thématique historique, politique et militaire le rapproche de l’univers épique. De fait le schéma DSSS y est encore plus nettement le premier que dans la Sphortias, avec 18,55%, devant DDSS et, avec une légère permutation par rapport à la Sphortias, SDSS et DSDS. Les spondées y sont encore plus nombreux (presque 54%) et on note un très gros écart entre les quatre premiers schémas et les trois suivants, à égalité (DDDS, SDDS et DDSD à 6,18%), les quatre premiers schémas atteignant 53,10% des hexamètres: ici aussi la répétition prime manifestement sur la variété.


1.6 2.10 3.1 4.9 5.2 7.9 8.5 9.7 10.4 [7] total
3. DSSS 7 9 15 14 14 5 19 17 5 7 112
2. DSDS 12 16 15 13 11 13 10 14 12 15 131
1. DDSS 11 17 12 15 13 20 16 10 12 16 142
4. SDSS 5 7 6 7 12 3 6 15 13 9 83
7. DDDS 8 8 5 7 11 6 3 10 7 7 72
6. SDDS 9 8 4 9 6 7 11 9 8 3 74
10. SSDS 2 2 5 8 5 6 4 2 8 6 48
8. DSSD 6 9 10 4 2 11 12 2 8 6 70
11. SDSD 5 3 4 4 6 2 5 1 4 4 38
14. SSSS 3 2 3 2 2 – 2 – 3 – 17
5. DDSD 14 8 10 7 5 12 2 6 7 8 79
9. DSDD 10 3 6 4 5 7 3 1 7 9 55
12. DDDD 6 3 3 2 5 2 4 2 2 7 36
15. SSSD 1 1 – – 1 2 – 2 – 1 8
15. SSDD – 2 1 1 1 – 1 2 – – 8
13. SDDD 1 2 1 3 1 4 2 7 4 2 27

Tableau des schémas métriques: Satyrae. Quatre premiers types: 46,80%; huit premiers types: 76,30% – d1 (697) 69,70%; d2 (551) 55,10%; d3 (451) 45,10%; d4 (321), 32,10% – dactyles: 50,50%; spondées: 49,50%.


1 2 3 4 5 6 7 8 9 11 total
1. DSSS 14 19 22 14 11 15 14 18 14 21 162
3. DSDS 15 14 15 14 10 7 18 12 10 13 128
2. DDSS 11 12 10 15 16 21 9 14 13 16 137
4. SDSS 7 10 10 7 5 11 8 9 15 9 91
5. DDDS 13 11 3 9 6 5 5 4 14 7 77
7. SDDS 5 6 7 4 9 11 7 6 9 1 65
10. SSDS 5 2 9 4 2 3 5 5 5 6 46
6. DSSD 6 4 8 4 9 4 9 10 6 10 70
13. SDSD 1 3 3 4 2 2 5 1 3 1 25
12. SSSS 6 3 3 4 2 – 2 4 1 2 27
8. DDSD 3 7 1 3 12 5 9 7 5 2 54
9. DSDD 9 4 5 8 9 7 1 1 3 4 51
11. DDDD 4 4 1 2 3 5 2 4 – 3 28
16. SSSD – 1 1 1 – – 3 2 – 1 9
14. SSDD – – 2 4 2 2 2 1 1 3 17
15. SDDD 1 – – 3 2 2 1 2 1 1 13

Tableau des schémas métriques: Sphortias. Quatre premiers types: 51,80% (42,70% pour les trois premiers); huit premiers types: 78,40% – d1 (707) 70,70%; d2 (490) 49%; d3 (425) 42,50%; d4 (267) 26,70% – dactyles: 47,225%; spondées: 52,775%.


1–200 201–400 401–550 total
1. DSSS 19 15 17 51 18,55%
4. DSDS 14 7 8 29 10,55%
2. DDSS 15 8 11 34 12,36%
3. SDSS 10 13 9 32 11,64%
5. DDDS 4 7 6 17 06,18%
5. SDDS 6 8 3 17 06,18%
14. SSDS 3 2 2 7 02,54%
8. DSSD 3 6 4 13 04,73%
9. SDSD 5 4 2 11 04,00%
11. SSSS 4 3 2 9 03,27%
5. DDSD 7 7 3 17 06,18%
10. DSDD 4 4 2 10 03,64%
11. DDDD 3 5 1 9 03,27%
15. SSSD 2 2 1 5 01,82%
15. SSDD – 4 1 5 01,82%
13. SDDD 1 5 3 9 03,27%

Tableau des schémas métriques: De Genuensium deditione. Quatre premiers types: 53,10%; huit premiers types: 76,37% – d1 (180) 65,45%; d2 (146) 53,09%; d3 (103) 37,45%; d4 (79) 28,73% – dactyles: 46,18%; spondées: 53,82%.

Sur les césuresDactylusHexameterZäsuren und Diäresen,DactylusHexameterZäsuren und Diäresen9 Filelfo semble être assez scrupuleux. On relève bien dans les 1000 vers de mon échantillon de la Sphortias deux vers apparemment sans césure ou avec césure difficile ou faible. En 6.90 (portus noctis op(e) ingenioqu(e) et numine Marci), les élisions aux troisième et quatrième pieds oblittèrent la possibilité d’une césureDactylusHexameterZäsuren und Diäresen, à moins de supposer une hephthémimère (H) par tmèse devant l’enclitiqueEnklitikon -que (souvent détaché du mot sur lequel il s’appuie dans l’écriture médiévale et même humaniste au XVe siècle) qui vient s’élider sur et. On aurait une H seule, ce qui est rarissime, même chez Filelfo, comme nous le verrons. En 9.35 (horre(a) et aerar(i) et priuata pecunia nobis), c’est la synalèphe au milieu du troisième pied qui perturbe la césureDactylusHexameterZäsuren und Diäresen: Filelfo admettait-il une césure après une conjonction monosyllabiqueMonosyllabum comme et? En ce cas, on pourrait considérer que ce vers a une penthémimère (P). Dans les deux autres œuvres ici examinées, il y a toujours au moins une césureDactylusHexameterZäsuren und Diäresen nette par hexamètre, parfois soulignée par une ponctuation forte, y compris après une trithémimère (T), ce qui produit un puissant effet de rejet.10

Globalement dans la Sphortias, la césureDactylusHexameterZäsuren und Diäresen P se rencontre dans 83,4% des vers, le plus souvent associée à une T ou une H (24,10% de P seule). Ce pourcentage est très proche de celui de l’Énéide (84,50%), un peu plus faible que dans les Satires d’Horace (88,11%) ou de Juvénal (89,14%) ou à plus forte raison de Perse (95,23%). La césureDactylusHexameterZäsuren und Diäresen H est globalement moins fréquente que dans l’Énéide (61,9 contre 75,04%). Rarement associée à la seule TMonosyllabumDactylusHexameterZäsuren und Diäresen11 ou à la seule césure trochaïque troisième (Tr), et encore plus rarement employée seule,DactylusHexameterZäsuren und Diäresen12 elle est en revanche très fréquente avec une P, selon l’exemple virgilien (au total, 45,8% des vers de notre échantillon), et assez souvent en “triple a”, selon la terminologie de Louis Nougaret:13 12,5% des vers, ce qui n’est que très légèrement supérieur à l’usage de l’Énéide (11,71%), mais loin de Lucain (19,15%), Stace (Thebais 19,78%) ou Claudien (22,68%). Je n’ai relevé aucun cas de césure trochaïque seule. Quant au tout petit nombre de cas d’association de cette césureDactylusHexameterZäsuren und Diäresen trochaïque avec une hephthémimère (13), ils représentent presque tous (11) soit un escamotage de la “triple a” par synalèphe au début du deuxième pied (1.7 et 96; 7.50; 11.9), soit une “triple a” possible avec une T après un mot outil monosyllabiqueMonosyllabum (3.80 e) ou par tmèse devant un enclitiqueEnklitikon (-que: 2.40; 4.26; 6.100; 9.10 et 31; ou -ue: 6.42). Seuls deux cas excluent toute possibilité ou esquisse de T par la présence d’un mot long qui occupe tout le deuxième pied et les deux premiers tiers du troisième (2.92 et 5.47). Quant à la diérèseDactylusHexameterZäsuren und Diäresen bucolique au sens strict (avec ponctuation forte), elle est tout aussi négligée dans la Sphortias que dans les Satyrae: à peine cinq cas pour 1000 vers d’un côté comme de l’autre, avec une légère préférence pour la diérèseDactylusHexameterZäsuren und Diäresen précédée d’un dactyle (3 + 4 cas, avec la liaison consonne/voyelle, 2 + 3 de ces 7 cas). Filelfo, qui pourtant, comme je l’ai déjà dit, ne dédaigne pas souligner ses césuresDactylusHexameterZäsuren und Diäresen par une pausePause de sens qui correspond à nos ponctuations fortes, n’a manifestement pas recherché les diérèsesDactylusHexameterZäsuren und Diäresen bucoliques ainsi organisées.

Si l’on passe aux Satyrae, la césureDactylusHexameterZäsuren und Diäresen P y est moins dominatrice (seulement 79,6%), ce qui ne vient pas, comme nous l’avons vu, de la satire romaine antique qui, au contraire, privilégiait fortement cette césureDactylusHexameterZäsuren und Diäresen. La diversité, liée au moins en partie à la diversité des schémas métriques et à l’augmentation du nombre des dactyles, est introduite non par les césuresDactylusHexameterZäsuren und Diäresen T,14 H15 ou leur combinaison TH,16 mais par un accroissement sensible des triples a (17,9% minimum),17 beaucoup plus nombreuses que dans les satires d’Horace (9%), de Juvénal (7,25%) ou à plus forte raison de Perse (3,85%), mais qui restent néanmoins en dessous de l’usage de Lucain (19,15%).

À l’inverse, la proportion des césuresDactylusHexameterZäsuren und Diäresen P est beaucoup plus forte dans l’hexamètre élégiaque du De Genuensium deditione, puisqu’elle frôle les 90% (exactement 89,82%), alors que la triple a tombe en dessous de 9% et que l’association T H dépasse à peine 1%.Echo18 Ce choix métrique et stylistique, que j’ai analysé ailleurs, notamment à propos de Tito et Ercole Strozzi, comme une esthétique de l’écho, me semble exprimer le désir de souligner le parallélisme rythmique entre le premier hémistiche de l’hexamètre (jusqu’à la césureDactylusHexameterZäsuren und Diäresen P) et le premier hémistiche du pentamètreDactylusPentameterZäsuren und Diäresen.Monosyllabum19 Ici, Filelfo recherche plus le parallélisme que la diversité ou le contraste.


1.6 2.10 3.1 4.9 5.2 7.9 8.5 9.7 10.4 [7] total
T – 1 – 1 – – 1 – – 3
TTr
P 25 27 17 15 20 25 27 16 26 18 216
TP 14 8 11 12 7 18 12 7 8 8 105
PH 33 36 38 25 35 27 26 38 28 36 322
TPH 13 10 16 25 15 6 17 13 19 19 153
total P 85 81 82 77 77 76 82 74 81 81 796
H – – – 1 – – – – 1 1 3
TH 1 1 1 3 3 1 – 2 – 1 13
TTrH 14 17 17 18 20 22 15 24 16 16 179
TrH – – – – – 1 1 – 1 1 3
Bd cv – – 1 1 1 – – – – – 3
Bd vc – – – – 1 – – – – – 1
Bs cc – – – – – – – 1 – – 1

Tableau des césuresDactylusHexameterZäsuren und Diäresen: Satyrae.


1 2 3 4 5 6 7 8 9 11 total
T – – – – – – 1 – – – 1
TTr – – – 1 – 1 – – – – 2
P 19 21 27 17 16 27 29 25 31 29 241
TP 15 18 14 12 12 9 12 16 13 14 135
PH 24 23 29 26 44 34 29 30 31 29 299
TPH 18 23 13 16 11 14 15 22 10 17 159
total P 76 85 83 71 83 84 85 93 85 89 834
H – 1 – – 3 2 – – – – 6
TH 2 1 – 2 1 4 2 2 – 3 17
TTrH 20 11 16 25 12 6 11 5 12 7 125
TrH 2 2 1 1 1 2 1 – 2 1 13
Tr
? – – – – – 1 – – 1 – 2
Bd cv – – – – 1 – – – – 1 2
Bd vc – – – – – – 1 – – – 1
Bs cv 1 – – – – – – – – – 1
Bs cc – – – – – – – – 1 – 1

Tableau des césuresDactylusHexameterZäsuren und Diäresen: Sphortias


1–200 201–400 401–550 total
P 22 32 18 72 26,18%
TP 16 13 10 39 14,18%
PH 42 26 23 91 33,09%
TPH 16 15 14 45 16,36%
total P 247 89,82%
TH – 2 1 3 1,09%
TTrH 4 10 9 23 8,36%
TrH – 2 – 2 0,73%

Tableau des césuresDactylusHexameterZäsuren und Diäresen: De Genuensium deditione.

En ce qui concerne les élisionsDactylusHexameterElisionen, alors que Virgile en use abondamment (53,31% dans l’Énéide), on sait que leur fréquence diminue à partir d’Ovide (19,82% de synalèphes dans les Métamorphoses). Dans la Sphortias, Filelfo n’est que très légèrement en dessous de l’Ovide épique (18,1% pour les synalèphes), en élidantDactylusHexameterElisionen surtout des brèves sur longues (6,2%) et des longues sur longues (4,7%) et en négligeant l’aphérèseDactylusHexameterElisionen, que, comme ses contemporains, il ne distingue probablement pas de la synalèphe (7 cas, dont une seule aphérèseDactylusHexameterElisionen finale, dans notre échantillon de 1000 vers, soit 0,7%). Je n’ai relevé que deux vers à trois élisionsDactylusHexameterElisionen et seulement quatre élisions de monosyllabesMonosyllabum (soit 0,4% des vers), un relatif (quo: 4.23), un pronom personnel (se: 9.83), mais aussi un adverbe (tum: 3.27) et même, ce qui est plus remarquable, une forme nominale (re: 7.51). Si Filelfo n’élideDactylusHexameterElisionen que rarement un monosyllabeMonosyllabum, il ne semble y mettre aucun interdit.MonosyllabumDactylusHexameterElisionen20 Je n’ai relevé aucun hexamètre hypermètre dans mon échantillon; mais la vérification que j’ai faite pour toutes les clausules de la Sphortias m’en a fait repérer un, hautement significatif, en 5.617: exposuisse solo, pistrix lintresque phaseliqu(e) / arma uirosque ferunt. La référence à Virgile et à son Énéide est ici explicite puisque le -que s’élide sur l’initiale vocalique du vers suivant qui reprend le vers d’ouverture de l’Énéide (Arma uirumque cano)!21

Paradoxalement, Filelfo élideDactylusHexameterElisionen un peu moins dans ses Satyrae, genre traditionnellement d’une métrique plus libre: 16,8% pour les synalèphes, mais avec plus d’aphérèses (11, dont 6 finales), seul léger trait de rapprochement avec la prose, et surtout des voyelles brèves, ou des longues sur longues. Horace, Perse et Juvénal élidaientDactylusHexameterElisionen davantage dans leurs satires (respectivement 40,12%, 45,54% et 32,81% de synalèphes). En fait, Filelfo est ici très proche de la pratique d’Horace dans ses Épîtres (16,59% de synalèphes). On notera aussi le plus grand nombre de monosyllabesMonosyllabum élidésDactylusHexameterElisionen (9), des pronoms relatifs (3.1.45 quae; 8.5.2 et 10.4.73 qui; 8.5.22 quam) ou personnels (5.2.42 se et 5.2.48 te), mais aussi des conjonctions (3.1.35 et 5.2.64 ne; 10.4.13 quam). Enfin, comme Horace l’avait fait, dans ses satires uniquement (1.4.96 -que et 1.6.102 -ue), mais non Juvénal, Filelfo introduit aussi un hexamètre hypermètreDactylusHexameterHypermeter dans ses Satyrae, signalé explicitement comme tel dans la marge des manuscrits E et H (uersus hypermeter),DactylusHexameterHypermeter22 et qu’on ne saurait considérer comme une erreur, puisqu’il est transmis par tous les manuscrits, conforté par l’hexamètre hypermètre de la Sphortias et modelé sur un exemple virgilien (3.1.26): ducere te solitum; spectant faciemque coloremqu(e) / et tristem uultum. L’élisionDactylusHexameterElisionen lie fortement les deux vers et les éléments de description de Filelfo, avec un puissant effet d’enjambementEnjambementDactylusHexameterHypermeter.MonosyllabumVergilAeneis23 Filelfo a suivi un double modèle virgilien (virgilianisme conscient), Aeneis 4.558 (similis uocemque coloremque / et crinis flauos) et sa récriture en Aeneis 9.650VergilAeneis (similis uocemque coloremque / et crinis albos), en l’adaptant à son propre contexte. L’hexamètre élégiaque de Filelfo dans le De Genuensium deditione élideDactylusHexameterElisionen un peu plus que dans la Sphortias, ce qui ne correspond pas à l’usage antique:DactylusPentameterElisionen24 52 synalèphes et 5 aphérèses médianes pour 275 vers (18,91 et au total 20,73%), surtout des brèves et des longues sur longues, peu de voyelles nasales, mais on n’y relève aucun vers à trois élisions. Les élisions sont un peu moins fréquentes dans les pentamètres, même en tenant compte de leur longueur réduite par rapport à celle des hexamètres (34 synalèphes et 2 aphérèses intérieures, soit 12,36 et au total 13,09% des pentamètres), mais non absentes du second hémistiche. On relève deux pronoms personnels monosyllabiquesMonosyllabum élidés dans le premier hémistiche des pentamètres (v. 414 et 546 te) et une conjonction dans les hexamètres (v. 3 si).


1.6 2.10 3.1 4.9 5.2 7.9 8.5 9.7 10.4 [7] total
u/– 3 5 6 3 5 3 5 2 2 4 38
u/u 8 4 7 6 3 5 1 3 4 3 44
–/u 1 1 1 1 1 1 – – 1 1 8
–/– 4 1 7 4 7 1 5 1 5 2 37
comm./u – – – – – – 1 – – 1 2
comm./– – – – – 1 – – – 1 1 3
-m/u – 1 1 – 2 – 1 – 1 1 7
-m/– 1 4 3 2 2 1 6 4 3 3 29
total syn.: 17 16 25 16 21 11 19 10 17 16 168
1 pour 5,95 v.
aph. es m. – – – – – – – – – 1 1
est m. – – – – 2 – 2 – – – 4
fin. – 1 – – 2 1 1 – – 1 6
total 17 17 25 16 25 12 22 9 17 18 179
1 pour 5,59 v.
v. à 3 élis. – – – – – – – – – – 0
monos. él. – – 2 – 3 – 2 – 2 – 9
35 ne; 45 quae 42 se; 48 te; 64 ne 2 qui; 22 quam 13 quam; 73 qui
hypermètre – – 1 – – – – – – – 1
v. 26

Tableau des élisionsDactylusHexameterElisionen: Satyrae.


1 2 3 4 5 6 7 8 9 11 total
u/– 5 5 4 8 5 10 6 5 7 7 62
u/u 5 2 3 5 3 5 5 2 4 3 37
–/u – 1 1 1 2 1 – – – – 6
–/– 2 1 1 4 4 6 7 7 6 9 47
-m/u 1 – – – – – – 1 – 1 3
-m/– – 1 5 1 4 2 2 2 4 5 26
total syn.: 13 10 14 19 18 24 20 17 21 25 181
1 pour 5,52 v.
aph. est m. 1 – – 2 – 1 – 1 – 1 6
fin. – – – – – – 1 – – – 1
total 14 10 14 21 18 25 21 18 21 26 188
1 pour 5,32 v.
v. à 3 élis. – – – – 1 – – 1 – – 2
monos. él. – – 1 1 – – 1 1 – – 4
27 tum 23 quo 51 re 83 se

Tableau des élisionsDactylusHexameterElisionen: Sphortias


hex. –200 –400 –550 total pent. –200 –400 –550 total
u/– 11 8 1 20 4 4 – 8
u/u 3 2 3 8 3 4 2 9
–/u – – – – 1 – 1
–/– 5 4 1 10 4 4 3
-m/u 1 – – 1 1 – – 1
-m/– 5 3 5 13 2 1 – 3
total syn.: hex. 52 pent. 34
1 pour 5,29 v. 1 pour 8,09 v.
aph. est m. – – 5 5 1 – 1 2
fin.
total hex. 57 pent. 36
1 pour 4,82 v. (20,73% des v.) 1 pour 7,64 v. (13,09% des v.)
total général: 93 sur 550 v.; 1 pour 5,91 v. (16,91% des v.)
v. à 3 élis. – – – 0 – – – – 0
monos. él. 1 – – 1 – – 2 2
3 si 414 et 546 te

Tableau des élisionsDactylusHexameterElisionen: De Genuensium deditione

Enfin, les clausulesDactylusHexameterKlauseln de Filelfo sont globalement classiques, sans clausule spondaïque dans la Sphortias ni dans mon échantillon des Satyrae, mais j’en ai relevé une ou deux, avec des mots bien latins, dans les cinq premiers livres des Satyrae,Monosyllabum25 avec un très faible nombre de clausules non canoniques,MonosyllabumDactylusHexameterKlauseln26 ce qui le rapproche des épopées d’Ovide (Métamorphoses: 1,28%) ou Stace (Thébaïde 1,08%; Achilléide 0,80%), voire de Lucain (0,65%) ou de Claudien (0,30%), alors que Virgile admettait dans l’Énéide 2,58% de clausules anormales, et les différences entre ses trois types d’hexamètres sont très faibles. Son hexamètre épique (Sphortias) donne une légère préférence au partage verbal 3–2 (condere gentem) par rapport à 2–3 (conde sepulcro), mais avec une présence assez forte du type 2–1+2DactylusHexameterKlauseln (gente tot annos),Monosyllabum27 alors que Virgile accentuait dans l’Énéide la prééminence du type 3–2 (48,14% contre 42,49 au type 2–3) avec une proportion moindre du schéma gente tot annos (6,79%).

Dans les Satyrae, assez proches … de l’Énéide!,DactylusHexameterKlauseln28 le type condere gentem (48,1%) bénéficie d’une moindre présence du type gente tot annos (6,5 + 0,2%) et les aphérèses finales sont plus nombreuses, tout en restant à un niveau très modeste alors que les monosyllabesMonosyllabum finaux sont un peu plus nombreux (9 contre 4 dans la Sphortias), le plus souvent précédés d’un autre monosyllabeMonosyllabum selon l’usage classique,DactylusHexameterKlauseln29 alors que les polysyllabes longs finaux sont rarissimes, comme dans la Sphortias.30 Les clausules des Satyrae sont donc un peu plus libres que dans la Sphortias, tout en restant bien loin de la liberté manifestée par Horace, ou même de Juvénal, dans leurs satires (respectivement 24,30 et 12,98% de clausules non canoniques)MonosyllabumMonosyllabum31 et avec souvent dans leurs ʻirrégularitésʼ des modèles classiques.

Dans l’hexamètre élégiaque du De Genuensium deditione, l’équilibre entre les deux premiers types canoniques de clausulesDactylusHexameterKlauseln est parfait. J’ai noté chez certains poètes néo-latins, comme dans les Amours d’Ovide, une tendance à donner la préférence à la clausuleDactylusHexameterKlauseln 2–3 dans l’hexamètre élégiaque, et j’ai supposé que cette inversion visait à éviter, dans un distique élégiaque où le pentamètre se termine presque toujours par un dissyllabe, une trop grande monotonie de finales dissyllabiques.DactylusPentameterKlauseln32 Ici, Filelfo ne va pas jusqu’à inverser sa préférence, peut-être parce que, à la différence des poètes élégiaques latins à partir de Tibulle et de la seconde manière de Properce, il se sent beaucoup plus libre de ses fins de pentamètres.33 Au total chez Filelfo, à la différence d’autres poètes néo-latins comme Tito ou Vespasiano Strozzi, la recherche d’une métrique avant tout classique tend à estomper les différences qui auraient pu s’attacher à certains genres littéraires.


Satyrae Sphortias De Gen. Ded.
3–2 481 = 48,1% 463 = 46,3% 120 = 43,64%
437 = 43,7% 433 = 43,3% 120 = 43,64%
2 + (1+2) 65 = 6,5% 91 = 9,1% 32 = 11,64%
2 + 1 + 2 2 = 0,2% 5 = 0,5% 1 = 0,36%
1()–(1+3) – –
2–2–1 2 = 0,2% – –
3–1–1 4 = 0,4% 4 = 0,4% 1 = 0,36%
3–(1+1) 3 = 0,3% – 1 = 0,36%
3–aph. 2 = 0,2% 1 = 0,1% –
2–aph. 4 = 0,4% 1 = 0,1% –
1()–4 – –

Tableau des clausulesDactylusHexameterKlauseln

Au total, l’hexamètre dactylique de Filelfo est assez scrupuleusement classique: virgilien dans la Sphortias, sauf pour la fréquence des élisionsDactylusHexameterElisionen (proche de celle d’Ovide) et avec plus de rigueur dans les clausulesDactylusHexameterKlauseln, avec des effets d’harmonie imitative dans certains hexamètres holodactyliques, mais assez monotone dans ses schémas métriques: Filelfo y recherche plus les effets de répétition que de variété; dans les Satyrae, sans atteindre la liberté des poètes satiriques antiques, son hexamètre se fait un peu plus dactylique et surtout plus varié dans les schémas métriques comme dans les césuresDactylusHexameterZäsuren und Diäresen ou les clausulesDactylusHexameterKlauseln; dans le De Genuensium deditione, l’hexamètre élégiaque renforce la domination de la césureDactylusHexameterKlauseln penthémimère pour rechercher un effet d’échoEcho rythmique avec le pentamètre et la fréquence des élisionsDactylusHexameterElisionen diminue. Mais, chez Filelfo, la recherche du classicisme tend à estomper, sans les oblittérer complètement, les spécificités métriques attachées à certains genres poétiques.

Bibliographie

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Charlet, Jean-Louis: Le distique élégiaque de Beccadelli, Enea Silvio Piccolomini, Landino, Pontano, Marullo et Pacifico Massimi d’Ascoli, Studi Umanistici Piceni 30, 2010, 259–277.

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De Keyser, Jeroen: Francesco Filelfo and Francesco Sforza. Critical Edition of Filelfo’s Sphortias, De Genuensium deditione, Oratio parentalis, and His Polemical Exchange with Galeotto Marzio, Hildesheim 2015 (Noctes Neolatinae, vol. 22).

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Fortassier, Pierre: L’hypermètre dans l’hexamètre dactylique latin, Revue des Études Latines 57, 1979, 383–414.

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Hellegouarc’h, Joseph: La détermination de la césure dans l’hexamètre latin, L’Information littéraire 14, 1962, 154–163.

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Nougaret, Louis: Traité de métrique latine classique, Paris 1963.

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Ruiz Arzalluz, Iñigo: El hexámetro de Petrarca, Florence 1991 (Quaderni Petrarcheschi VIII, Anejos de Veleia series minor, vol. 6).

Solís de Los Santos, José: Sátiras de Filelfo (Biblioteca Colombina, vol. 7/1/13), Sevilla 1989.

Soubiran, Jean: L’élision dans la poésie latine, Paris 1966.

Soubiran, Jean: Encore sur les vers hypermètres, Revue des Études Latines 58, 1980, 126–136.

Die Metren der Manes Monavi Caspar CunradsCunrad (Cunradi), CasparManes MonaviLyrik (1571–1633)

Dennis Pulina

Caspar Cunrad kann mit Recht als ein außergewöhnlich begabter Dichter gelten und hat ebenso mit Recht bereits seinerzeit viel Ansehen für seine literarischen Arbeiten genossen. 1571 in Breslau geboren, studierte er an der Artistenfakultät in Frankfurt/Oder, wechselte nach Wittenberg und nach Leipzig. Nach dem Erwerb des Magistergrades 1597 und Hauslehrertätigkeiten in seiner Heimat ging er zum Studium der Medizin nach Basel, wo er 1604 zum Doktor der Medizin graduiert wurde. Den Rest seines Lebens verbrachte er als Arzt in Breslau, wurde dort 1621 Stadtphysikus und starb ebendort 1633.1

Cunrad war Förderer und Mittelpunkt des späthumanistischen schlesischen Humanismus und trat auch selbst als Dichter auf. Neben zahlreichen Epigrammen ist hier vor allem seine Prosopographia melica zu nennen, ein Werk, das ihm weitreichende Bekanntheit verschaffte. Es handelt sich dabei um einen Literaturkalender mit 3000 DistichenDactyluselegisches Distichon auf gelehrte und bedeutende Männer. Zu ihren Namen sind ihr Beruf sowie Geburts- und Todesdatum angegeben. Als – wenn auch damals nicht seltene – Auszeichnung wurde Cunrad 1601 zum Dichter gekrönt.

Ein weniger bekanntes, aber höchst erstaunliches Werk sind Cunrads Manes Monavi, dem Inhalt nach eine Trauer- und Trostschrift zum Tod Jacob MonausMonau, Jacob, der Form nach lyrische Dichtung in einer Vielzahl verschiedener und teils antik nicht belegter Maße.Monau, Jacob2 Der Verstorbene stammte aus vornehmer und reicher Familie und war seinerzeit eine bedeutende Persönlichkeit in Breslau. 1546 dort geboren, absolvierte Monau sein Studium in Leipzig, wo er Teil der reformatorischen Bewegung und Anhänger Melanchthons wurde. Nach Aufenthalten in Genf, Padua, Wien und anderen Städten führte ihn sein Weg zurück nach Breslau, wo er „es sich leisten [konnte], beruflichen Belangen nach einem ausgedehnten Studium nur gelegentlich und ohne großen Aufwand nachzugehen“.Monau, Jacob3 Damals scharte er auch eine Gruppierung Reformierter um sich. Durch diese Art Mäzenatentum, aufgrund seiner Reisen und seines Aufstiegs „zu einer zentralen Figur des international agierenden Calvinismus“ kannte man ihn über die Landesgrenzen hinaus, und zwar vor allem „auf dem Weg der Kontaktpflege, des gelehrten Austausches, was vor allem hieß über den epistolaren Verkehr“.4 Als Monau 1603 verstarb, dichtete Cunrad die Manes Monavi, womit er sich in die Tradition frühneuzeitlicher Manes-Literatur als Denkschriften an verstorbene Persönlichkeiten stellte – man denke etwa an die Manes Juniani des Janus DousaDousa, JanusManes Juniani oder die Manes Scaligeri des Daniel HeinsiusHeinsius, DanielManes Scaligeri. Cunrads Gedichte sind teils Klagen, teils Trostspender, sehr stark aber gibt er ihnen den Charakter von Briefen mit der Aufforderung, sich an Monau Monau, Jacobzu erinnern. Dabei sind neben Familie, Freunden und Bekannten MonausMonau, Jacob auch mythologische Gestalten wie der Fährmann Charon, die Natur, die Stadt Breslau, Sonne und Mond oder der Tod selbst Adressaten, die jeweils mit ad und Namensnennung den Titel der einzelnen Gedichte bilden. In Ad Iohannem Iacobum Grynaeum benutzt Cunrad selbst das Wort epistolaris: Conradumque tuum, quem iam complexus amore es, / Crebro loquela vise epistolari („Suche Deinen Cunrad, den Du schon mit Deiner liebevollen Zuneigung umarmt hast, häufig mit brieflicher Rede auf“ [V. 21–22]). Neben der Form, die nebst einer expliziten adscriptio als Titulatur gelegentlich auch Abschieds-Grußworte enthält (z.B. Salue ergo, o Fili carissime! [Ad Fridericum Filium, V. 33] oder Longos ad usque vive saluus annos [Ad Ioh. Iac. Grynaeum, V. 20]), erweisen sich auch Appelle, Mahnungen und Handlungsanweisungen an die Adressaten als brieftypisch.Rindtfleisch (Bucretius), Daniel5 Als dichterisches Gesamtwerk sind die Manes Daniel Rindtfleisch (1562–1621), genannt Bucretius, Cunrads Vorgänger im Amt des Breslauer Stadtphysicus, zugeeignet.

Die einzelnen Gedichte enthalten nicht nur feinsinnigen Inhalt, sondern sind auch hinsichtlich ihrer Metren bemerkenswert. Ziel dieser Arbeit ist es, anhand von vier Gedichten einen Einblick in Cunrads metrische Technik, ihre Vielfalt und Innovation zu geben. Zugrunde gelegt wird der Erstdruck von 1603.6 Auf dem späteren Abdruck in den Delitiae poetarum Germanorum (1612, Bd. 2, 1018–1054) basiert ein wertvoller index metrorum, der im Rahmen des CAMENA-Projektes an der Universität Mannheim angelegt wurde.7 Dabei fehlen bislang noch wenige Metren bzw. sind sie nur mit „Fancy Metre“ bezeichnet. Dieser Index soll hier zunächst vervollständigt werden:


Ad Nicolaum a Burckhaus in Stoltz
Ad Iustum Lipsium
Ad Johannem Jacobum Grynaeum Theologum Basiliensem
Ad Charontem
Manes Monavi Ad Fridericum Filium
Ad Theodorum, Danielem et Philippum-Jacobum Rindfleisch Bucretios, fratrem germanos

In der Vielfalt und Kombinatorik der MetrenPolymetrie sieht Cunrad offenkundig die Möglichkeit, den emotionalen Duktus der Gedichte formal zu unterstützen, was an den konkreten Analysen im Folgenden deutlicher werden soll. Grundsätzlich ist die Technik, verschiedene, in der Antike getrennte Metren neu zu kombinieren allerdings schon seit dem Mittelalter bekannt.HorazPolymetrie8

Da uns der daktylische HexameterDactylusHexameter von der Antike über das Mittelalter bis zur Neuzeit in Fülle und mitsamt wissenschaftlichen Untersuchungen vorliegt, soll mit der Analyse der metrischen Technik eines hexametrischen Gedichts begonnen werden. Adressat ist hier die Natur (Ad naturam):


Ō Nātūra parēns |3m rērūm, |4m pūlchērrima mūndī
Fōrmātrīx, |2m quāe lārga |3w tuō |4m prōfūndis in Ōrbem
Dōna sinū; |2m quāe sūmma |3w parīs, |4m quāequ(e) īnfima; cāelī
Quāe mōtūm |2m gyrās, |3m cāelīque quod |4/5 ūspi(am) in ōrbe (e)st;
Sūbter at hūnc |2m quattuōr |3m dīstīnguis et |4/5 ēxprimis āpte
Cōrpora prīncipiīs, |3m quōrūm |4m cōncōrdia dīscors
Fōrmās prōgenerāt |3m variās: |4m pērfēctior īlla,
Quāe Dīvīs |2m propiōr |3m dīvīnāe |4/5 pārticul(am) āurāe
Īntus habēt, |2m fōrmāta lutō |4m meliōre: sed īlla
Ūt meliōr |2m lōngēqu(e) |3m aliā |4m prāestāntior ōmnī, 10
Sīc brevis hē͡i |2m āevī (e)st! |3m Oritūr, |4m moritūrque: diēs nam
Īnterit(u) ānticipāt |3m sōmnī |4m soror, |4/5 īn nihilūmque
Nōbil(e) opūs, |2m nihilūm |3m fuerāt |4m quod inānte, resōlvit.
Nōn ita Cōrnīcīs, |3m nōn Cōrv(i) |4m it(a) inūtilis āetas;
Nōn Cōrvī, |2m nōn Āssyriāe |4m soci(a) |4/5 ābsque volūcris; 15
Nōn sērpēntigenī |3m generīs, |4m quōd iām seni(o) hōrrēns
Ēxuviās |2m spīnīs |3m crēdīt, |4m tremulāmque senēctam
Cūm cute dēpōnēns |3m iuvenēscīt |4/5 cōrpore tōtō.
Ō hominī, |2m Nātūra potēns, |4m nōn |4/5 prōvida! sīcne
Fāctūrāe |2m meliōris opūs |4m brevitāte refīngī 20
Dēbuit, ēxtrēmām |3m dīgn(um) ēxāequāre senēctam?
Sēd revocō, |2m Nātūr(a); Hominī |4m Tū |4/5 prōvida: nāmque
Quō Dīs prōximiōr, |3m Tūt(e) hōc |4m fēstīnius ūrgēns
Hīs sociās |2m citiūs, |3m sēdēs |4m ubi |4/5 fāta quiētās
Pārticipānt, |2m ōmnīque |3w carēntia |4/5 gāudia fīne. 25
Īsthūc Mōnaidēs |3m cēssīt |4m jām, |4/5 Tē duce, cāelō
Dīgnus, ut īndīgnē |3m fāctūm |4m putet |4/5 īste, vel īlle.
Ērgō vīvat ibī, |3m vigeātque: Sed, |4/5 ō bona, Tū Me
Āudī, quāe |2m rogitō |3m brevibūs |4m quōd |4/5 dēfuit ānnīs
Mōnaviī, |2m dā Būcreadāe |4m celerēmque senēctam 30
Ād lōngōs |2m ēxtēnde |3w diēs, |4m vegetūmque minīstrā
Rōbur et ēvalidās |3m prāeclār(o) |4m īn |4/5 pēctore vīrēs:
Sīc qu(ae) in eūm |2m Tib(i) opēs |3m sūnt ēffūs(ae) |4/5 āmpliter, īlle
Lārgiter ēffūndēt |3m reliqu(a) īn |4m tua |4/5 plāsmat(a), et Ōrcō
Sūbtrahet ād |2m sērās |3m languēntia |4/5 cōrpora mēssēs. 35

O Natur, Schöpferin aller Dinge, wunderschöne Weltgestalterin, die du großzügig Geschenke aus Deinem Schoß in die Welt ergießt. Du erzeugst das, was ganz oben liegt, und das, was ganz unten liegt. Du drehst die Bewegung des Himmels und was vom Himmel irgendwo auf der Erde liegt: Aber darunter unterscheidest und bringst du die Körper in geeigneter Weise nach vier Regeln hervor, von denen die zwieträchtige Eintracht verschiedene Formen erzeugt: jene ist vollkommener, welche den Göttern nähersteht und in sich einen kleinen Anteil göttlichen Hauches trägt, geformt aus besserem Schlamm. Aber jene, wenn sie auch besser und bei weitem vorzüglicher ist als jede andere, so kurz, ach, ist ihr Leben! Sie entsteht und scheidet dahin: Die Schwester des Schlafs [mors, der Tod] nimmt das Tageslicht nämlich vorzeitig weg und löst das edle Werk ins Nichts auf, in das Nichts, das es vorher gewesen war. Nicht das Dasein einer Krähe, nicht das eines Raben ist so nachteilig; nicht das eines Raben, nicht das eines assyrischen Vogels [Phönix] ohne Gefährten an seiner Seite: Nicht das des Schlangengeschlechtes, das, wenn es schon vor Altersschwäche starr ist, seine Haut einem Dornbusch anvertraut und, wenn es das zitternde hohe Alter mit seiner Haut zusammen ablegt, mit seinem ganzen Körper wieder jung wird. O mächtige Natur, wie wenig Fürsorge trägst du für den Menschen! Hätte das Werk eines besseren Geschöpfes nicht ebenso wegen der Kürze der Zeit wiedererschaffen werden müssen, und hätte es nicht das äußerste Alter erreichen müssen – würdig war es dem doch? Doch ich widerrufe, Natur: Du trägst Fürsorge für den Menschen! Denn weil du den Göttern näher bist, drängst du eilig darauf, den Menschen schnell mit diesen zu verbinden, dort, wo unser Geschick uns ruhigen Wohnsitz bietet und Freuden, die nie ein Ende haben. Dorthin schied Jacob Monau schon und Du hast ihn geführt, er, der des Himmels würdig war, auch wenn dieser oder jener meint, es sei zu Unrecht so gekommen. Also möge er dort leben und möge es ihm dort gut gehen: Aber, o Gute, hör mir zu, wonach ich wieder und wieder frage! Was den kurzen Jahren Monaus fehlte, gib es dem Daniel Rindtfleisch, verlängere sein schnelles Alter zu einer längeren Frist, und gib rüstige Stärke und starke Kräfte in einer so vorzüglichen Brust: Die Kräfte, die so durch dich reichlich in ihn geflossen sind, wird jener reichlich in deine übrige Schöpfung ergießen, und seinen schlaffen Körper wird er dem Tod zu einer späten Ernte entreißen.

Anlass für das Verfassen des Gedichtes im Hexameter ist unter anderem die Tradition des LehrgedichtLehrgedichts und des HymnosHymnus. Sowohl Metrum als auch Inhalt weisen auf LukrezLukrez und VergilVergil hin. Einen Anklang an die vergilische Bukolik mag man in den Themen Natur, Schöpfung und Tod sehen. Außerdem gliedern sich 17 Verse, das sind 49% relativ zur Versanzahl, insbesondere durch bukolische DiäreseDactylusHexameterZäsuren und Diäresen. Schließlich ist auch die Jenseitsvorstellung sedes ubi fata quietas aus Vergil, Aeneis 1,208VergilAeneis wohlbekannt.

Gegenüber der gewöhnlichen Prosodie der Antike ist festzustellen, dass Cunrad sich keine Freiheiten nimmt. Eine generelle Schwierigkeit allerdings bei der Skansion bilden frühneuzeitliche EigennamenEigennamen. Zeitgenössische Dichter scheinen aufgrund eines fehlenden Maßstabes bzw. fehlender Vorläufer hier schlicht je nach Metrum eine für sie passende Messung vorgenommen zu haben. Dies sei an zwei Beispielen illustriert: Es kann keine Aussage darüber getroffen werden, ob Cunrad bei Bucreadae (V. 30) von einer SynäreseSynizese ausging, da sich dieses Wort in den Manes kein weiteres Mal finden lässt. Anders verhält es sich bei Monaides (V. 26). Dasselbe Wort tritt in Ad Justum Lipsium zweifellos in den Versen 26 und 51 in daktylischer Messung Mōnă-ĭdes auf, im selben Gedicht in Vers 16 aber mit einer kurzen (!) Binnensilbe trochäisch Mōna͡ides (siehe unten). Ebenso wird in Ad Iohannem Iacobum Grynaeum die Prosodie Monāvī verwendet, wohingegen in Ad Davidem Pareum in den Versen 1, 15 und 16 Mōnăvĭus zu skandieren ist. Abgesehen von diesen Verschleifungs- und Längendifferenzen wurden Eigennamen offenkundig nicht nur metrisch, sondern auch orthographisch flexibel dem Metrum eingepasst (vgl. Monavus vs. Monavius). So findet sich ebenfalls in Ad Iohannem Iacobum Grynaeum in Vers 3 Rauraca gegenüber Rauriaca in Vers 19.

Da gerade der HexameterDactylusHexameter in seinem Tempo aufgrund der variablen Verwendung von DaktylenDactylus und SpondeenSpondeus relativ frei ist, lohnt sich eine Analyse ihrer Verteilungen. Da Cunrad regelgemäß im fünften Versfuß einen DaktylusDactylus setzt, kann sich die Analyse auf die ersten vier Versfüße beschränken, deren 16 mögliche Kombinationen die folgende Tabelle darstellt.9


1 dsss 21 9 dssd 14, 17, 27
2 ddss 6, 32, 33 10 ddsd 5, 12, 24
3 dsds 3, 10, 18, 19, 22 11 sdsd –
4 sdss 1, 8, 23, 26 12 dsdd 9, 11, 25, 30, 34, 35
5 ssss – 13 sssd 4
6 ddds – 14 ssdd 15, 31
7 ssds 2 15 dddd 13
8 sdds 7, 29, 16 16 sddd 20, 28
Summe 17 (48,6%) Summe 18 (51,4%)

Tabelle 1:

Daktylen-Spondeen-Verbindungen in den einzelnen Versen

Grundlage dieser kleinen Statistik sind gerade 35 Verse, was keineswegs als repräsentativ für Cunrads Dichtung gelten kann. Allerdings bildet ein Gedicht durchaus ein Werk in sich, und insofern ist es einer Analyse wert, welche Rhythmik gerade dieser Brief aufweist und wie sie hinsichtlich antiker Vorbilder zu bewerten ist. Die in der ersten Spalte angegebenen ersten acht MusterDactylusHexameter haben in Vergils Aeneis eine relative Häufigkeit von 72,78%, in Ovids Werken immer >80% außer in den Amores (78,84%), in Horaz’ Ars poetica 65,89%.Dactylus10 Bei keinem namhaften Autor der Antike oder Spätantike tritt auch nur entfernt ein derart ausnivelliertes Verhältnis zwischen den ersten acht und den zweiten acht Mustern auf. Die zwei häufigsten Muster in Cunrads Ad naturam sind dsds (14%) und dsdd (17%). Als häufigstes Muster tritt dsds in den Argonautica des Valerius Flacchus, den Epen des Statius, sowie bei Claudian, Sidonius und weiteren spätantiken Autoren auf. Hingegen findet sich dsdd bei keinem der von Duckworth untersuchten Autoren unter den vier häufigsten Mustern. Cunrad schafft also eine variatio, die sich bewusst von antiken Vorbildern abhebt. Trotz vieler Reglementierungen im Hexameter, deren man sich zu Cunrads Zeit sehr wohl bewusst war, kann ein Dichter seinem Werk so eine neue Melodie geben, und Cunrad bedient sich gerade der in der antiken Dichtung seltenen Daktylen-Spondeen-VerbindungenSpondeus, um diese variatio zu kreieren.

Nicht weniger bedeutend für den Klang eines HexameterDactylusHexameterZäsuren und Diäresens sind Zäsuren und Diäresen. Von ihnen finden sich in Ad naturam die klassisch hergebrachten: Trithemimeres (2m)DactylusHexameterZäsuren und Diäresen, Penthemimeres (3m) DactylusHexameterZäsuren und Diäresen, κατὰ τρίτον τροχαῖονDactylusHexameterZäsuren und Diäresen (3w), Hephthemimeres (4m) und bukolische Diärese (4/5) DactylusHexameterZäsuren und Diäresen.11 Die folgenden Tabellen illustrieren die jeweilige Verteilung und Kombination:


# (abs.) % (rel.)
2m 21 60%
3m 25 71%
3w 5 14%
4m 26 74%
4/5 18 51%

Tabelle 2:

Einzelne Zäsuren und Diäresen


3m 1 3% 2m + 3m + 4m 4 11%
3m + 4m 6 17% 2m + 3m + 4/5 4 11%
3m + 4/5 2 6% 2m + 3w + 4/5 1 3%
2m + 4m 2 6% 2m + 4m + 4/5 2 6%
3m + 4m + 4/5 4 11% 2m + 3m + 4m + 4/5 2 6%
2m + 3w + 4m 3 9%

Tabelle 3:

Zäsuren- und Diäresenkombinationen

Die Häufigkeiten der Einzelzäsuren ähneln am ehesten Lukan (2m [51,3%], 3m [80,4%], 4m [71,7%]) und Vergils Aeneis (2m [51,5%], 3m [84,5%], 4m [75,6%].DactylusHexameterZäsuren und Diäresen12 Das Verhältnis Hephthemimeres zu Penthemimeres beträgt 1,04, Trithemimeres zu PenthemimeresDactylusHexameterZäsuren und Diäresen (gleicht fast dem zu Hephthemimeres) 0,84.DactylusHexameterZäsuren und Diäresen13 Solch hohe, in der lateinischen Antike nicht zu findende Verhältnisse sagen schlicht aus, dass keine Zäsur maßgeblich vorherrschend ist. In der Ausgewogenheit der Zäsuren gelingt Cunrad eine variatio, die man mit der Ausgewogenheit der Natur, die die Adressatin des Gedichtes ist, in Verbindung bringen kann. Im Wissen um die antike RhythmikRhythmus des Hexameters und mit ausreichendem Selbstbewusstsein erzeugt Cunrad situationsbezogen eine ganz neue und andere Färbung des Metrums.

Einen weiteren Einblick in Cunrads Dichtung soll ein Gedicht an Justus LipsiusLipsius, Justus (1547–1606) geben. Beim Metrum handelt es sich um einen SotadeusXE“Ionicusa maioreSotadeus“, also einen brachykatalektischen ionischen Tetrameter a maiore, wobei hier – wie nicht selten in der antiken lateinischen Dichtung – durch AnaklaseAnaklase ein DitrochäusTrochaeusDitrochaeus an die Stelle des dritten Ionicus tritt. Dieses Versmaß findet sich z.B. bei Ennius, Plautus, Petron und Martial.


Līpsī, tuus īll(e), īlle tuūs Monāvus, īlle
Mūsārum amor ēt Phōeb(i), Aretēsque, māgnus īlle
Fāmāe Geniūs, Dūdithi(o) |2/3 ēt Cratōn(i) honōris
Pār nōminequ(e) ātqu(e) īngeniī vegēnte nīsu:
Īll(e), īnqu(am), amor īngēns tuus, |2/3 ūnic(a) īll(a) et ūna, 5
Gērmānāe Fideī glōria, |2/3 sīdus āequitātis
Ēx Ēlysiā tērre(a) abīvit īn beātam
Īll(am) Ēlysiām, Cēlit(um) ubī perēnnitātes
Sūnt pērpetuāe, gāudiaqu(e) |2/3 ātque gāudiōrum
Īndīvidu(i) īllī comitēs, amōr, volūptas, 10
Rīsūs sine plānctū, sine |2/3 lūct(u) amōenitātes:
Mēntēs ubi māgn(ae) āccipiūnt suī labōris
Hē͡ic prōmeritūm prāemi(um), et |2/3 īn beātitātis
Īll(a) ārce beātī clueūnt serēnitāte
Āetērn(a) animās īnter Olȳmpicās micāntēs. 15
Īllūc abiīt Mōna͡ides, |2/3 ēt morātur īllē͡ic
Nōs, quōtquot in hōc cūrrimus |2/3 ōrbitātis ōrbe,
Pērfēct(um) ubi nīl, nīl propriūm, nihīl perēnne;
Sēd flūxa, sed īnfīrm(a), et ināni(a) ōmni(a) ātque
Vēnt(i) īnstar et ūmbrāe tenuīs. Modō qu(ae) obōrta 20
Mōrtī prope sūnt, hērbula |2/3 cēu tenēlla cāmpī,
Quāe sōl(e) oriēnt(e) ēxoritūr, cadīt cadēnte,
Āc īn nihilūm, cēu nihilūm fuīt, recēdit.
Ēt nōs obit(um) hūnc, āut abitūm magīs beātum
Plōrēmus adhūc, ēt lacrumīs ben(e) ēxpedītum 25
Tīngāmus itēr Mōnaidāe? Qu(i) abīvit hērcle
Dāmn(o) hāut sine māgn(o) Āoniāe sodālitātis:
Āt nēc sine māgn(o) āetheriāe sodālitātis
Ādplāus(u) et amīc(a) ūndique |2/3 grātulātiōne.
Mēns lōng(e) aliā (e)st, Līps(i), animī Tibī, metāllō 30
Cūi dē meliōrī meliōr Deūs cerēbrum
Cōnflāvit, et īn Mūsipotēns tuī sacēllum
Fūdīt capitīs. Fāt(o) abiīt, quod āevitērnum
Āetērn(o) ab in āev(um) ōmnia |2/3 dīrigīt regēndō.
Hūic vēlle renīt(i); hūic aliquīd vel ōbrogāre, 35
Vēl vēll(e) aliquā quīd ratiōne dērogāre,
Ēst stūltitiāe, (e)st īmpietātis. Hāut valēmus
Mūtāre, semēl quōd statuīt Deī volūntas.
Ērgō potiūs, quōd Deus |2/3 īpse vūlt, velīmus.
Ēt cārcere͡o dē pūlvere |2/3 cōrporīs solūtāe 40
Cēlēst(i) animāe cāel(i) habitācla grātulāntēs,
Quōd trīstitiāe nōstr(o) anim(o) |2/3 hīnc manēt, levēmus,
Cōmmūn(em) ibi nōbīs eti(am) |2/3 ēsse mānsiōnem,
Ād qu(am) īlle praeīvīt, cito |2/3 quāmque nōs petēmus.
Īst(am) īps(i) igitūr quīn requi(em) |2/3 īnterīm sināmus, 45
Hāncqu(e) ād requi(em) īst(a) īnquietūdin(e) ādparāntēs,
Quāe dēvia, quāequ(e) āvia |2/3 mānsiōn(e) in īsthāc,
Vītēmus, et ūn(o) īntuitū legāmus ūnam
Īllhāncce viām, quām reparāvit īlle nōbis,
Quīqu(e) īpsa viā (e)st, vītaque |2/3 qu(i) īpsa, vēritāsque. 50
Hāc Mōnaidēs trānsiit; |2/3 hācce trānseūndum
Nōbīs etiām, quōtquot in |2/3 hāc viā labōrum
Stāmūs miserī. Cōnstituāmus ērgo nōstra
Sīc pēctora nē fōrs metuāmus āntra mōrtis
Squālēntia, quāe iānua |2/3 sūnt ad āevitātem. 55

Lipsius, Dein Freund, jener, jener, Dein Jacob Monau, jene Liebe der Musen und Apollons und der Tugend, jener große Geist der Fama, der Dudith und Craton14 an Ehre und Namen gleichauf war, und dessen Geist immer lebhaft beschwingt war: Jener, sage ich, Dein außerordentlicher Freund, jener einzigartige und einzige Ruhm des deutschen Glaubens, ein Stern der Gerechtigkeit, ging aus dem irdischen Elysion in jenes glückselige Elysion, wo die Ewigkeit der Himmelsbewohner beständig ist, die Freuden und jene einzelnen Begleiter der Freuden, die Liebe, die Lust, das Lachen ohne Schmerz und der Liebreiz ohne Trauer: Wo die großen Seelen hier den verdienten Lohn ihrer Mühe erhalten und in jener Burg der Glückseligkeit glückselig genannt werden wegen der ewigen Heiterkeit unter den glänzenden Seelen des Olymp. Dorthin schied Jacob Monau und wartet dort auf uns, uns alle, die wir auf dieser verwaisten Erde laufen, wo nichts Vollkommenes, nichts Eigentümliches und nichts Ewiges existiert, sondern nur alles Flüchtige, Schwache und Leere, das dem Wind und einem zarten Schatten gleicht. Was gerade entstand, ist schon dem Tod nahe, wie das ganz zarte junge Gras auf dem Feld, das mit dem Sonnenaufgang entsteht und mit ihrem Untergang zu Boden sinkt und ins Nichts, wie es Nichts war, zurückgeht. Und wir beweinen diesen Tod oder eher glücklichen Fortgang noch und benetzen den gut gebahnten Weg Jacobs mit Tränen? Bei Hercules, dieser ging nicht ohne großen Schaden für die Gemeinschaft der Musen: Aber er ging auch unter großem Beifall der Gemeinschaft im Himmel und ihrer freundschaftlichen Freudesbekundung all überall. Das Denken Deines Geistes, Lipsius, ist ein ganz anderes, Du, dem ein besserer Gott einen Sinn aus besserem Metall zusammengeschmolzen und in das musenmächtige Heiligtum Deines Kopfes ergossen hat. Er ging gemäß seinem Schicksal fort, das ewig ist und von Ewigkeit zu Ewigkeit in seiner Herrschaft alles lenkt. Es zeugt von Dummheit und von Gottverlassenheit, sich ihm widersetzen zu wollen, ihm irgendetwas entgegenzustellen oder etwas aus irgendeinem Grund wegnehmen zu wollen. Wir sind nicht in der Lage, etwas zu verändern, was der göttliche Wille einmal beschlossen hat. Also lasst uns lieber das wollen, was Gott selbst will. Und indem wir uns für die himmlische Seele, die von der kerkerhaften Asche des Körpers befreit ist, wegen ihrer Wohnstatt im Himmel freuen, lasst uns das, was in unserem Geist an Traurigkeit übrigbleibt, damit lindern, dass auch für uns dort ein gemeinsames Haus steht, zu dem jener vorausging und zu dem auch wir schnell hineilen wollen. Lass uns also in der Zwischenzeit selbst jene Ruhe zulassen und uns für diese Ruhe durch unsere Unruhe bereitmachen. Lass uns das meiden, was vom Weg abführt und was in diesem Haus abgelegen ist, und lass uns mit einem Blick jenen einen Weg auswählen, welchen jener für uns erneuert hat, der der Weg selbst ist und der das Leben selbst ist und die Wahrheit. Auf diesem Weg ging Jacob hinüber; von hier müssen auch wir hinübergehen, wir alle, die wir auf diesem Weg der Mühen elend stehen. Richten wir unsere Herzen also so aus, dass wir nicht etwa schmutzige Höhlen des Todes fürchten, die (eigentlich) Tore zur Ewigkeit sind.

Zunächst muss der Aufbau der Verse 6 und 40 erläutert werden, die je eine Länge zu viel zu enthalten scheinen. In Vers 6 besteht der erste Ionicusa maioreIonicus a maiore aus drei Längen und zwei Kürzen (Gērmānāe fide|ī). Mit keiner versimmanenten Argumentation kann diese Länge begründet werden, vielmehr stoßen wir hier auf ein Phänomen, das nur die griechische Dichtung kennt. Dort konnten EigennamenEigennamen, die nicht ins Metrum passten, ausnahmsweise an den Anfang gesetzt werden, wodurch der erste Versfuß zu lang wurde, so beispielsweise geschehen beim griechischen tragischen iambischen TrimeterIambusTrimeter, wo ein AnapästAnapaestus am Anfang zulässig war. Daran wird sich Cunrad bei der Nationalitätsangabe ein Vorbild genommen haben. Eine ähnliche Problematik findet sich im zweiten Versfuß von Vers 40, der zunächst naiv gemessen cārcere|ō dē pūlvere| lautet, das wäre mit drei Längen und zwei Kürzen im Versfuß. An dieser Stelle wird man eine Synärese in der Endsilbe zu vermuten haben: cārcere͡o. Anschließend tritt aufgrund der nachfolgenden Hebung eine Iambenkürzung dieser Endsilbe ein, sodass ēt cārcere͡o dē pūlvere sich ins Metrum fügt.

ElisionElisionen finden sich auf 55 Versen insgesamt 65, was 118% relativ zur Versanzahl entspricht. Dieses Verhältnis muss schon erstaunen. Hermann stellte in seinen Analysen römischer Dichter „ein [im Laufe der Zeit] mehr und mehr sich steigerndes Streben [heraus], die Elision bei Anwendung der Sprache für die Poesie möglichst zu vermeiden“.Elision15 Zur Synalöphe in mittelalterlicher, lateinischer Dichtung konstatiert Klopsch: „Der […] Gebrauch […] ist bereits bei Ovid auf ein Mittelmaß reduziert (Met. 19,7%); und es spricht für die Einfühlung und den Geschmack der besten Dichter des 12. Jh., daß sich die SynalöphenhäufigkeitElision bei ihnen in der gleichen Größenordnung hält.“Lipsius, Justus16 Einen Erklärungsansatz für eine so hohe Anzahl an Elisionen liefert vielleicht abermals der Blick auf die inhaltliche Ebene, bzw. hier auf den Adressaten, Justus Lipsius. Dieser habe, so unterrichten uns zeitgenössische Quellen, in seinem Latein zunächst einen klassisch-ciceronianischen Stil gepflegt, sich in seinem Ausdruck dann aber Tacitus und dessen brevitas verschrieben.XE“Ionicusa maioreSotadeus“17 Die zu beobachtende Elisionenhäufigkeit mag diesen (gelegentlich auch mit obscuritas verbundenen) brevitas-Stil des flämischen Philologen widerspiegeln, ob aber als Hommage oder als Spott, sei dahingestellt. Da Lipsius sich im Übrigen als Plautus-Editor einen Namen gemacht hat, bleibt zuletzt noch zu vermuten, dass Cunrad deshalb den seltenen Sotadeus wählte, wie er in ein paar Versen bei Plautus vorhanden ist, z.B. Amphitryon 168PlautusAmphitruo. Aus demselben Grund wird er auch die archaisierenden Formen illhancce (V. 49) und hacce (V. 51) gewählt haben.

In Bezug auf die Verstechnik mangelt es der Forschung an aussagekräftigen Analysen, Statistiken und Vergleichen des SotadeusIonicusa maioreSotadeus, was zweifelsohne dem spärlichen Material geschuldet ist. Die einzige ausführlichere Untersuchung dazu hat Hermann geleistet.Ionicusa maioreSotadeus18 Darin kommt er nach der Analyse griechischer Dichter zum Schluss, dass ein solcher Vers aus zwei Teilen bestehe und eine Diärese nach dem zweiten Versfuß vorliegen müsse.19 Der Vollständigkeit halber ist diese im Text kenntlich gemacht: 22 Verse werden durch sie gegliedert, d.i. 40%. Diese geringe Anzahl an 2/3-Diäresen bzw. die bis zu sieben Versen umfassenden Abschnitte ohne Einschnitt sowie die über 100 weiteren Möglichkeiten für Zäsuren und Diäresen, die in diesem Text gegeben sind, sprechen dafür, dass Cunrad weitere Einschnitte im Sinn hatte. Eine bloße Aufzählung der Möglichkeiten und Häufigkeiten bringt für sich gesehen an dieser Stelle jedoch keinen Ertrag und so wird darauf verzichtet.

Wenden wir uns dem nächsten Gedicht zu. Die Manes Monavi ad Fridericum Filium sind an Jacob Monaus Sohn Friedrich MonauMonau, Friedrich (1592–1659) adressiert.


Ō Fīl(i)! ō dūlcīs |3m Fīlī Friderīc(e)! o ēxpetīta
Meī volūptas |3w ēt favīssa cōrdis!
Ēn ego sūspirāns, |3m mōrtī prope, |4/5 dīssolūtiōnem
Mūndī subīntrō |3w sēmit(am) |4w ūnivērsī:
Ātqu(e) ēxāntlātōs |3m pōst cūrriculī meī labōrēs 5
Fruī beātā |3w gāudeō quiēte.
Āt Tū mī Fīlī |3m cārīssime, |4/5 Pātre dēstitūtus
Nē plānge mūltūm, |3w quēstibūsque mēstīs
Tē cruciā: Tibi Jōva Patēr: dabit |4/5 īs rogātus ōmne,
Vītāe quod hūius |3w pōstulābit ūsus. 10
Nōn tibi dīvitiās, |3m nōn rūra, bovēs, ovēs rēlīnquo;
Tagōve lēct(a) in |3w āureō metālla:
Sēd vītāe fāmāeque decūs, quod abūnd(e) in ūnivērsō
Vigēre cērnes |3w ēt virēre mūndō.
Tū modo fāc, mea quō |3m vēstīgia |4/5 pōne cōnsecūtus 15
Nātūs bonī bonus |3w āudiās Parēntis.
Sīs pius īnprīmīs; |3m venerāre supērstitēm parēntem;
Verēre Pātris |3w ērgo |4w cōnstitūtōs
Tūtōrēs Tibi prōmeritōsque suō labōr(e) honōrēs
Cūm dēbit(a) īllīs |3w ēxhib(e) |4w ōbsequēla. 20
Ēt Prāecēptōrēs |3m adamāns sapiēntiām requīre,
Quāe sōla T(e) ōmni |3w grātiā beābit.
Līnque malūm; sēctāre bonūm; pedis |4/5 ōrbitām tuīque,
Ōmnēsque vīt(ae) ēxāmin(a) |4w āctiōnēs.
Sīc Tibi dīa Salūs |3m aderīt; Tibi |4/5 sīc necēssitātī 25
Erīt quod, hāut quīd |3w dēfiēt bonōrum.
Mītt(e) erg(o), ō Fīlī, |3m mītt(e) ō lacrumāsqu(e) et ēiulātūs!
Diūque cār(o) hāut |3w īnvidē Parēntī
Ōptātām requiēm: |3m quīn hōc Mihi |4/5 fāc vel ūltimūm dēs,
In Tē Mihī quō |3w vīta |4w lōnga sūbsit 30
Vīrtūtīsque tuāe, |3m vītāeque decēntis ādparātū,
Quāe sōla nōs leth(i) |3w ēximūnt tenēbrīs.
Sālu(e) erg(o), ō Fīlī |3m cārīssime! |4/5 sālu(e) o! ātque lōngum
Valēns, patērna |3w iūssa |4w nē relīnque.

O Sohn! O liebreizender Sohn Friedrich! O meine Wonne, nach der ich gesucht habe, O tiefste Kammer meines Herzens! Ach, dem Tode nahe ersehne ich meine Auflösung und begebe mich auf den Weg, den die ganze Welt nimmt. Und ich freue mich darauf, nach den Mühen, die ich in meinem Leben ausgehalten habe, glückselige Ruhe zu genießen. Aber du, mein liebster Sohn, verlassen vom Vater, klage nicht viel, quäle dich nicht mit traurigem Jammer: Gott ist dein Vater, er wird dir, wenn du ihn bittest, alles geben, was dieses Leben fordern wird. Ich lasse dir keine Reichtümer, keine Ländereien, keine Ochsen und keine Schafe zurück noch im goldenen Tajo geschöpftes Metall: Aber die Zierde des Lebens und eines guten Rufes, die du in Hülle und Fülle auf der ganzen Welt blühen und gedeihen siehst. Du aber handle so, dass du, wenn du meinen Spuren hinterhergefolgt bist, als guter Sohn eines guten Vaters giltst. Sei vor allem fromm; verehre das, was von deinem Vater überlebt. Achte die Vormunde, die er für dich eingesetzt hat, und eweise ihnen mit geschuldetem Gehorsam die Anerkennung, die sie sich sich durch ihre Mühen verdient haben. Und in der Liebe zur Weisheit, welche alleine dich mit aller Gnade glücklich machen wird, suche dir Lehrer. Lasse das Schlechte hinter dir, folge dem Guten; Prüfe den Lauf deines Fußes und alle Taten deines Lebens. So wird dir das göttliche Heil zuteilwerden; und so wird dir das, was an Gutem nicht mangelt, zu einer Notwendigkeit werden. Lass also, Sohn, lass Tränen und Seufzer sein! Sei nicht lange böse auf die von deinem lieben Vater gewünschte Ruhe: Nein, tu dies für mich und gib es mir als Letztes, damit mir in dir ein langes Leben zuteil wird durch den Glanz deiner Tugendhaftigkeit und deines rechten Lebens. Sie allein entreißen uns den Schatten des Todes! Lebe also wohl, o liebster Sohn, lebe wohl und bleibe lange gesund, lass die Anweisungen des Vaters nicht hinter dir!

Hier liegt die dritte archilochische StropheArchilochiusArchilochium tertium vor, ein Distichon aus Archilochius maior,Archilochius d.i. vier Daktylen + drei Trochäen im ersten Vers, und katalektischem iambischem TrimeterIambusTrimeterkatalektisch im zweiten. Unter den prosodischen Auffälligkeiten ist zunächst auf dēfiēt (V. 26) hinzuweisen, dessen klassische Messung dēfīēt lauten müsste. Dass Cunrad irrtümlich von Vokalkürzung ausging, ist aufgrund der spärlichen Verwendung des Verbs in der lateinischen Dichtung der Antike aber nicht verwunderlich. In der Metrik ist die Auflösung des zweiten Versfußes in Vers 16 zu einem AnapästAnapaestus ungeläufig. In Horaz’ OdenሴiሴHorazOdenሴiሴ 1,4, das ebenfalls in der dritten archilochischen StropheArchilochiusArchilochium tertium verfasst ist, enthalten keine der Verse in katalektischem iambischem TrimeterIambusTrimeterkatalektisch eine derartige Auflösung. Cunrad hat dies vermutlich unbewusst von den Dramatikern übernommen. Da er sonst, abgesehen von seltenen SpondeenSpondeus, reine IambenIambus verwendet, wird er diesen AnapästAnapaestus schon als ungewöhnlich wahrgenommen, aber um des Polyptotons willen eine Ausnahme gemacht haben.

Der Archilochius maior Archilochiushat eine reguläre männliche Zäsur ArchilochiusZäsurim dritten DaktylusDactylus sowie eine Diärese nach dem vierten Daktylus. Die regulären Zäsuren des iambischen Trimeters sind die PenthemimeresIambusTrimeterZäsuren und Diäresen im dritten Fuß sowie die HephthemimeresIambusTrimeterZäsuren und Diäresen im vierten Fuß. Eine Auswertung führt zu folgenden Ergebnissen:


katal. ia3 # % (/17) Archilochius maior # % (/17)
3w 16 94% 3m 3 76%
4w 6 35% 4/5 8 47%
3w + 4w 5 29% 3m + 4/5 6 35%

Tabelle 4:

Zäsuren und Diäresen in der 3. archilochischen Strophe

In Horaz Oden 1,4HorazOden findet sich in jedem ArchilochiusArchilochius sowohl Diärese ArchilochiusDiäreseals auch Zäsur, im iambischenIambus Vers findet sich in allen Versen die Penthemimeres sowie in zwei Versen, d.i. 20%, HephthemimeresIambusTrimeterZäsuren und DiäresenIambusTrimeterZäsuren und Diäresen. HorazHoraz diente Cunrad offenbar weniger als Vorbild als vielmehr als Anreger und Inspiration. Dass dieses im Lateinischen seltene Metrum jedoch durch das Mittelalter und bis in die Frühe Neuzeit bekannt war, ist auch dem „bedeutendste[n], kunstvollste[n], universalste[n] frühchristliche[n] Dichter“Prudentius20 zu verdanken, Prudentius, der zu den wichtigsten Schulautoren im Mittelalter gehörte und für einen theologischen Gelehrten wie Cunrad noch genauso viel bedeuten musste. Der zwölfte Hymnus seines Peristephanon, PrudentiusPeristephanond. i. die Passio Apostolorum [sc. Petri et Pauli] besitzt genau dieses Metrum.Horaz21 Die Zahlen zu den Zäsuren lauten wie folgt: 3m (97%), 4/5 (82%), 3w (100%), 4w (10%). Das lateinische Mittelalter verwendet das Metrum kaum. Norberg führt als prominentes Beispiel das Sanctum simpliciter patrem Fulberts von Chartres auf,22 das folgende Einschnitte enthält: 3m+4/5 (100%), 3w (100%), 4w (33,3%). Diese Zahlen entsprechen ziemlich gut denen des Horaz. Dass ein Bischof im ausgehenden Frühmittelalter sich mehr an HorazHoraz hält als an PrudentiusPrudentius, unterstreicht mindestens, dass Cunrads freierer Umgang mit den Einschnitten ungewöhnlich ist, vielleicht sogar neu. Wieder ist hier allerdings die nachantike lateinische Literatur zu wenig aufgearbeitet, um eine fundierte Einschätzung vornehmen zu können.

Abschließend sei noch auch auf die ElisionElisionen in Cunrads Gedicht hingewiesen, 21 an der Zahl, was 62% entspricht. Dieses Verhältnis steht in einem krassen Widerspruch zu HorazHoraz, da niemand anders als er „mehr danach strebte, die Elision zu vermeiden, und [niemand anders] dies mit grösserem Erfolg that“.Elision23 Will man den Synalöphen bei Cunrad einen inhaltlichen Sinn geben und sie nicht bloß auf Nachlässigkeit zurückführen, könnte man an die lautmalerische Abbildung eines schluchzenden Silbenverschluckens denken.

Als letztes Gedicht soll hinsichtlich seiner Form Ad mortem in diese Untersuchungen einbezogen werden, wobei hier nur die ersten vier von insgesamt 16 Versen zitiere:

Mors fera dic, per iras

Te tuas oro, Monavum cur properas necando

Perdere? cur perennem

Invides vitam cupido nominis atque famae?

Grausamer Tod, sag, ich bitte dich bei deiner Wut, warum beeilst du dich, Monau umzubringen? Warum neidest du ihm, der nach Namen und Ansehen strebte, ewiges Leben?

Das Gedicht ist metrisch nicht nur an der zweiten (oder „größeren“) sapphischen StropheSapphicus, bei der zweimal auf einen AristophaneusAristophaneus ein Sapphicus maior folgt, von Horaz, Oden 1,8HorazOden orientiert, sondern ist – abgesehen von den syllabae ancipites am Versende – dazu metrisch kongruent. Die beiden Gedichte haben nicht nur je Vers dieselben Längen und Kürzen, vielmehr auch dieselben Zäsuren und Diäresen, nämlich eine Zäsur in der zweiten sowie eine Diärese in der vierten Hebung. Auf den ersten Blick ist an eine klassische Horaz-ParodieHorazparodia zu denken, ein damals populäres Genre, das Cunrad auch selbst gepflegt hat.Rindtfleisch (Bucretius), DanielMonau, Jacob24 Und in der Tat haben die beiden Gedichte inhaltlich mehr als nur Berührungspunkte: Oden 1,8 handelt von einem Jüngling, der von Liebe zu einer gewissen Lydia besessen, seine Männlichkeit aufgibt und völlig verweichlicht. Das lyrische Ich stellt dann an Lydia die Frage, woher dieses Verhalten rührt. In Cunrads Gedicht ist der Tod der Adressat, der erklären soll, warum er Jacob Monau der Welt entrissen hat.

Trotzdem kann man nicht umhin, einen weiteren potenziellen Grund für diese metrische Nähe auszumachen. Da Cunrad dieses seltene Metrum abgesehen von Oden 1,8HorazOden ganz unbekannt gewesen sein dürfte, hat er wohl jegliche Veränderungen vermieden. Vor und nach Horaz hat die zweite sapphische StropheSapphicus in der lateinischen Literatur der Antike keine Anwendung gefunden. Nur ganz selten ist sie im Mittelalter zu finden, Stotz verneint für die Zeit einen „lebendige[n] Besitz“Sapphicus25 der größeren sapphischen Stophe. Derart unkundig, stand Cunrad nur eine so detailgetreue imitatioImitation offen.

Cunrads metrisch vielfältige Manes zeugen von einer präzisen Kenntnis antiker griechisch-lateinischer Metren, insbesondere lyrischer. Ihm gelingt es, durch seine metrischen Variationen für jedes Gedicht und jeden Adressaten einen einzigartigen Ton anzustimmen, der den Inhalt der Trauer unterstützt. Dabei lässt sich auch ein Sinn für metrische Innovationen erkennen, der aus seiner Kenntnis nicht nur der metrischen Traditionen der Antike, sondern auch ihrer Entfaltung bis in seine Zeit entspringt. Wie einst HorazHoraz sich nach dem genauen Studium der griechischen Dichter Freiheiten hatte herausnehmen können, die dem Lateinischen unbekannt waren, vermochte das auch Cunrad für seine Zeit. Die Manes sind ein gutes Beispiel dafür, dass eingehendere Studien zur Metrik neulateinischer Lyrik ein Desiderat sind. Sie könnten zeigen, wie einerseits Inhalt und Form verbunden ist und wie andererseits der antike metrische Maßstab nicht immer einfach auf neulateinische Gedichte übertragen werden kann.

Literaturverzeichnis
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Thraede, Klaus: Der Hexameter in Rom. Verstheorie und Statistik, München 1978.

Verfehlte Klassik oder neue Normen in der Metrik des neulateinischen Dramas?

Jürgen Blänsdorf

Forschungen zur neulateinischen Dichtung haben bisher selten die Metrik in den Blick genommen. Dies gilt insbesondere für die Metrik des Dramas.Seneca1 Zu offenkundig ist die generelle Nachahmung der Tragödien Senecas und zu bedauerlich die Unfähigkeit der neulateinischen Komödiendichter, die PolymetriePolymetrie des PlautusPlautus, ja selbst die iambischen SenareIambusSenar des TerenzTerenz zu reproduzieren. Auf diese beiden Feststellungen lassen sich die Behandlungen der neulateinischen Tragödien und Komödien in den Standardwerken zusammenfassen.Caesius Bassus2 Schon von der frühen Kaiserzeit an hatten die Metriker Anlass zu dem Hinweis, dass die lateinischen Dramen tatsächlich in Versen geschrieben seien.PriscianDe metris fabularum TerentiiAsmonius3 Asmonius lehrte den Unterschied zwischen den iambischen TrimeterIambusTrimetern der Tragödien und den der Umgangssprache näheren iambischen SenarenIambusSenar der Komödien.PriscianDe metris fabularum TerentiiErasmus von Rotterdam4 Doch die von ihnen formulierten Regeln befähigten die Komödiendichter der Renaissance nicht, sie korrekt anzuwenden. Noch Erasmus von Rotterdam sah sich genötigt, der Meinung zu widersprechen, die antiken Komödiendichter und besonders TerenzTerenz hätten keine metrischen Regelnfreier Vers befolgt oder sich so viele Freiheiten erlaubt, dass es die Mühe nicht lohne, sie zu untersuchen.TerenzCreticus5 Aus dieser Unkenntnis seien viele der neueren Textkonjekturen zu erklären.TrochaeusErasmus von Rotterdam6 Erasmus dagegen erkennt die Absicht des Terenz,Terenz die Verse trotz Bewahrung des Metrums möglichst weit der Umgangssprache anzugleichen. Seine „in nur vier Tagen“Erasmus von RotterdamDe metris verfasste Metrik ist im Kern richtig. Er erfasste zwar alle iambischenIambus und trochäischenTrochaeus Metra und selbst einige CanticaCanticum, ebenso die ElisionElision und die SynizeseSynizese, aber das IambenkürzungsgesetzIambusIambenkürzung und erst recht die Regeln der Teilung von LongumLongum, geteiltes“ und AncepsAnceps, geteiltes (darüber s.u.) waren ihm noch unbekannt.Erasmus von RotterdamFaber, TanaquilTerenzDactylusIambus7 Ford urteilt: „Iambic metres in Renaissance verse tend to be the least well known, not least because of the confusion between the practice found in the comic writers TerenceTerenz and PlautusPlautus and that of the poets, especially HoraceHoraz. DiomedesDiomedes’ relatively strict advice is often ignored in the Renaissance.“Priscian8

Den Anstoß zu diesem Beitrag gab die im Jahr 1529 im Druck erschienene Tragödie Imber Aureus von Antonio TelesioTelesio, AntonioImber aureus (Antonius Thylesius Cosentinus), in der eine große Anzahl merkwürdig holpriger Verse auffallen.Telesio, AntonioImber aureus9 Als Beispiele seien hier einige Verse des Anfangs und zwei besonders schwer zu skandierende Verse zitiert.SkansionIktus10


50
Vetùlus ut ònere bos iugi fessus diu 52
Verbère cadìt agricòl(ae) immemòris ictus graui 53
Animamque non merìt(am) emerìtus edit gemens. 54
Gaudere pòtius, fùgere quìa potis est malum 56
[usw., besonders schwierig:]
Tamèn habuìt. inanè cape sòlium inflictum tempori. 604
Ferr(e)ae. pavòr oculos putò fefellit senis. 976

Der Grund für die Holprigkeit dieser iambischen TrimeterIambusTrimeter – nicht Senare, denn das zweite, vierte und sechste Breve sind immer eingehalten – liegt nicht nur in der Häufung der Doppelkürzen, sondern in der Teilung der BreviaBreve, geteiltes“ durch die Wortgrenzen, seltener bei geteiltem Breve, also den Fällen von zerrissenem AnapästAnapaestuszerrissener, als bei geteilten LongumLongum, geteiltes“.PyrrhichiusTrochaeusIambusTribrachysIambusTrimeter12 Aber trotz der Holprigkeit der Trimeter beeindruckt TelesioTelesio, AntonioImber aureus durch eine reiche Fülle iambischerIambus und anapästischer Verstypen Anapaestus– einmal verwendet er auch stichische PherekrateenPherecrateus – und einen inhalts- und stimmungsbezogenen Wechsel der Verstypen, sodass die weitere Beschäftigung mit dieser Tragödie lohnt. Wir werden am historisch passenden Ort auf TelesioTelesio, AntonioImber aureus zurückkommen.

Dieser Beitrag verfolgt daher jeweils zwei Aspekte der neulateinischen Metrik, den eigentlichen Versbau und die metrische Komposition der Tragödien. Die von der großen Zahl neulateinischer Dramen erzwungene Beschränkung auf die Tragödien fällt leicht, weil die Komödien lange Zeit nur in Prosa oder nur teilweise metrisch gefasst waren – meistens nur die Versenden ab dem 5. Fuß –, später fast nur den iambischen TrimeterIambusTrimeter nach dem Vorbild der Tragödie gebrauchten, und das meistens sehr fehlerhaft, und sich selten an die Langverse und überhaupt nicht an die plautinischen CanticaCanticum heranwagten.IambusSenarFreiheiten in KomödieVergerio, Pier PaoloPiccolomini, Enea SilvioIambusAnapaestusTribrachysDactylusIambusSenarPlautusUrceo Codro, AntonioGnapheus, WilhelmAcolastus13 Zu den seltenen Ausnahmen gehören der Acolastus des Gulielmus Gnapheus (Willem de Volder) von 1529Birck, SixtDrama comicotragicum Iudith14, das Drama comicotragicum Iudith des Sixt Birck (Xystus Betuleius) von 1544 und der Anabion des Johannes Sapidus Sapidus, JohannesAnabionvon 1540. Bis auf die wenigen bekannten PlautusPlautus-SupplementePlautus15 gingen die neulateinischen Komödiendichter in der Dramaturgie überhaupt eigene Wege. Die Plautus- und TerenzTerenz-NachfolgeImitation beschränkte sich bis auf wenige Versuche auf die Sprache, ist aber auch darin von vollständiger Stilimitation weit entfernt.16

Wenden wir uns nun der Metrik der Tragödien der Renaissance zu.Mussato, Albertino17 Das erste Drama in antiker Form verfasste bekanntlich im Jahr 1315 der Paduaner Jurist, Staatsmann und Historiker Albertino Mussato, der von dem ebenfalls in Padua tätigen Richter Lovato LovatiLovati, Lovato (1241–1309) zum Studium der Tragödien SenecasSeneca angeregt worden war, die damals gerade in der Bibliothek von Pomposa entdeckt worden waren.Mussato, ሴiሴAlbertinoEcerinis18 Mussatos Ecerinis wurde, wie die große Zahl der Handschriften belegt, zum neuen Gattungsvorbild, seine metrische Praxis zur neuen Norm.IambusTrimeter19 Die Dialog- und Monologverse sind iambische Trimeter, die er im Stil SenecaSenecas, jedoch ohne je in einen CentoCento zu verfallen, meistert – mit Ausnahme der vorhin bei TelesioTelesio, AntonioImber aureus beobachteten, aber bei Mussato Mussato, Albertinoviel selteneren Varianten, den über die Wortgrenzen geteilten LongaLongum, geteiltes“ oder BreviaBreve, geteiltes“. Der erste Fall ist erst in V. 7 zu verzeichnenMussato, AlbertinoEcerinis:


Quodnam cruentum sidus Arcthoo potens
Regnavit orbe, pestilens tantum michi,
Gnati, nefando flebiles cum vos thoro
Genui. Patris iam detegam falsi dolos
Infausta mater. Non diu tellus nefas 5
Latere patitur; durat occultum nihil.
Audite nullo temporè negandum genus,
Devota proles. Arx in excelso sedet […]

Denn das blutige Sternbild, das machtvoll am Nordhimmel herrschte, war nur für mich Verderben bringend, als ich euch, ihr beweinenswerten Kinder, in einem verbrecherischen Bett gebar. Ich, die unglückselige Mutter, werde nun die Listen des falschen Vaters aufdecken. Die Erde lässt ein Verbrechen nicht lange im Verborgenen. Nichts Geheimes ist dauerhaft. Hört, ihr fluchbeladenen Kinder, dass eure Abstammung niemals zu leugnen ist. Eine Burg thront auf der Höhe […]

Auch die dramatische Struktur übernimmt MussatoMussato, Albertino trotz der Kürze von nur 628 Versen weitgehend aus SenecaSeneca. Die Ecerinis ist in fünf, freilich sehr ungleich lange Akte zu 1–3 Szenen gegliedert, die durch vier Chöre in lyrischen Maßen – GlykoneenGlyconeus, SapphikerSapphicus, AsklepiadeenAsclepiadeus und sapphische StrophenSapphicus – geteilt werden. Den Abschluss bildet ein kurzes (sechstes) ChorliedChor in AnapästenAnapaestus. Für alle Metra konnte MussatoMussato, Albertino Vorbilder in SenecaSenecas Tragödien finden, ohne sich der Reihenfolge einer von ihnen anzuschließen. Er wagte jedoch auch kein polymetrischesPolymetrie ChorliedChor. Vor allem aber im Gehalt wich er weit von Seneca ab. All das wurde zur neuen Gattungsnorm.20

Seine Verspraxis fasste Mussato nach der Veröffentlichung der Ecerinis Mussato, AlbertinoEcerinisin einer kurzen Abhandlung über SenecasSeneca Metrik zusammen, in der er die Lizenzen des iambischen TrimetersIambusTrimeter beschrieb: Im 1. Fuß kann außer dem IambusIambus ein SpondeusSpondeus, AnapästAnapaestus, DactylusDactylus, TribrachysTribrachys oder ProkeleusmaticusProceleusmaticus stehen, im zweiten nur IambusIambus oder TribrachysTribrachys usw.Longum, geteiltes“21 Aber mit dieser Methode erfasste er nicht die Regeln für die Wortenden beim geteilten Longum und BreveBreve, geteiltes“, wie sie in den heutigen Metriken formuliert sind, für die Komödie am besten von Stockert, für die gesamte szenische Metrik von Zgoll.Diomedes22 Doch weder die antiken MetrikerDonatServiusVictorinus, MariusAtilius FortunatianusCaesius BassusTerentianus MaurusMarius Plotius SacerdosSeneca23 noch der Seneca-Kommentar des Nicolaus TrevetusTrevetus, Nicolaus (1259–1329)Poliziano, Angelo24 boten in dieser Frage irgendeine Hilfe. Die Erkenntnisse der Renaissance zur antiken Metrik, z.B. Angelo Polizianos in seinem Versprolog zur Ausgabe der MenaechmiErasmus von RotterdamDe metris25 und die Abhandlung des Erasmus über die Metra des Terenz (s.o.), kamen für die Verspraxis des 15. und 16. Jahrhunderts zu spät oder boten wie Scaligers PoetikScaliger, Julius Caesar26 kein detailliertes Regelsystem für die Metrik.

Doch 75 Jahre nach Mussatos Ecerinis, im Jahr 1390, hatte Antonio LoschiLoschi, Antonio, vermutlich dank genauerer Beobachtung der Verspraxis Senecas, dieses Problem überwunden.Loschi, AntonioAchiles27 Seine um 1390 verfasste Tragödie Achiles (sic!) stellt in dieser Hinsicht einen Fortschritt dar, in anderer jedoch einen Rückschritt. Die Fehlerlosigkeit seiner iambischen TrimeterIambusTrimeter – in den 940 Versen des Achiles habe ich nur drei missglückte entdeckt (356, 473 und 474) – verdankt er einer perfekten StilimitationImitation, die sich immer wieder dem CentoCento nähert. Schon im ersten Vers lässt er deutlich genug den Anfang der senecanischen MedeaሴiሴSenecaMedeaሴiሴ anklingenLoschi, AntonioAchiles.28


Quas profuga coniunx numine infausto tulit,
Thalamos secutas regius puppes cruor
Cuius pelasgas solvit! Immites deos
Placare potuit cede virginea cohors 5
Argiva? Ratibus mille suffecit caput?

O Hochzeitsfackeln, für Troja schaudervoll, die die geflohene Ehefrau [Helena] unter unheilvollen Vorzeichen trug, [und sie, d.h. Iphigenie], deren königliches Blut die griechischen Schiffe, die der Ehe folgten, befreite. Vermochte das argivische Heer die unerbittlichen Götter mit dem Blut einer Jungfrau zu besänftigen? Genügte für tausend Schiffe ein (einziges) Haupt?

Aber damit wird deutlich, dass er überhaupt eine senecanische Tragödie schreiben wollte: Er behandelt einen antiken Mythos, den Tod des Achilleus durch die List des Paris, worin er der bei Hyginus, myth. 110, und Dares, dem spätantiken Verfasser des Troja-Romans De excidio Troianorum, überlieferten hellenistischen Variante folgte, und verlässt an keiner Stelle den Stoff, die Gedankenwelt und Dramaturgie seines antiken Vorbildes. Nur die Orthographie, v.a. die der Eigennamen, ist noch ganz mittelalterlich.30

In ähnlich nahem Anschluss an SenecaSeneca verfasste dreieinhalb Jahrzehnte später, im Jahr 1426 oder 1429, Gregorius Corrarus (Gregorio Correr) seine Progne-Tragödie, ein Schauerdrama nach Ovids Metamorphosen.31

Diese vollständige Seneca-ImitationSenecaImitation erwies sich jedoch als eine literarische Sackgasse. Jeder der folgenden neulateinischen Tragödiendichter versuchte sich in neuen Inhalten und Formen. Die einzigen Konstanten blieben der iambische TrimeterIambusTrimeter mit den schon erwähnten Lizenzen, die Fünfaktstruktur und die eingeschobenen ChorliederChor in den erprobten lyrischen Maßen, die wie schon im Mittelalter fast fehlerlos beherrscht wurden.

Im 16. Jahrhundert schwoll die Zahl der lateinischen Dramen immer mehr an. Sixt BirckBirck, Sixt (1500–1554), Gymnasialdirektor in Augsburg, übersetzte seine für den Unterricht gedachten Bibeldramen nachträglich aus dem Deutschen ins Lateinische. Die belehrende Absicht wird schon im erweiterten Titel seiner IudithBirck, SixtDrama comicotragicum Iudith ausgesprochen. In der Metrik folgte er, ob aus mangelnder Fähigkeit oder wegen der schulischen Verwendbarkeit, geradezu ängstlich nur der einen Hauptregel des iambischen TrimetersIambusTrimeter, die er fehlerlos und ohne die bisherigen Lizenzen anwandte. Er beschränkte sich jedoch mit nur wenigen Ausnahmen auf reine IambenIambus bzw. SpondeenSpondeus und ließ nur sehr selten die Teilung von LongaLongum, geteiltes“ und BreviaBreve, geteiltes“, niemals ElisionenElision zu. Zum Eindruck der Gleichförmigkeit der Verse trägt der fast durchgehende Zeilenstil bei. Prosodische Fehler wie in V. 10 vulneribus sind außerordentlich rar. Vgl. den PrologBirck, SixtDrama comicotragicum Iudith:


Plerisque controversia est mortalibus,
nec dum ratum, vel expeditum mentibus,
num fas sit arma Christiano sumere.
Mundus furit, nec ullum fit piaculum,
in quoslibet ferrum impium constringere. 5
Frater fratris mucrone, vah, confoditur.
Erecta signa utrinque picta convolant
Cruce, auspicem et Christum miles exercitu
Utroque sperat partibus suis fore,
10

Für die meisten Menschen gibt es eine Streitfrage, und es ist noch nicht entschieden oder zu Ende gedacht, ob es Christen erlaubt ist, die Waffen zu ergreifen. Die Welt ist der Raserei verfallen, und es gilt nicht als Sünde, gegen jedermann sein ruchloses Schwert zu zücken. Der Bruder wird, ach, vom Dolch des Bruders durchbohrt. Von beiden Seiten stürmen die Fahnen mit aufgemaltem Kreuz heran, und in beiden Heeren hofft der Soldat, dass Christus seiner Partei den Segen gibt. Bürger fallen von eigenen grausamen Wunden.

Das erreichte Niveau war jedoch mangels geeigneter Metrikhandbücher und der sehr beschränkten Möglichkeit, sich Handschriften der Vorgänger zu beschaffen, nicht selbstverständlich. Der am Anfang dieses Beitrags erwähnte TelesioTelesio, AntonioImber aureus hat sich 1529 in seinem Imber Aureus, der Tragödie der Danae, die von ihrem grausamen Vater Acrisius in einem eisernen Turm gefangen und von Juppiters goldenem Regen gerettet wird, offenbar weniger als LoschiLoschi, Antonio und CorrerCorrer (Corrarius), Gregorio von der NachahmungImitation SenecasSeneca leiten lassen. Seine iambischen TrimeterIambusTrimeter – die er in den Marginalnotizen gelegentlich auch IambusSenarSenare nennt, wovon sich noch der Herausgeber Jan-Wilhelm Beck 2000 hat irreführen lassen – sind zwar an vielen Stellen ungefüge. Außer den schon erwähnten zahlreichen über die Wortenden geteilten LongaLongum, geteiltes“ und BreviaBreve, geteiltes“ fallen zäsurlose VerseZäsurTelesio, AntonioImber aureus33 und positionsbildende muta cum liquida über die Wortgrenze auf, die sonst vermieden werden, z.B. 70 funeré tristem, 71 velleré sparsas, 72 tunderé plangoribus. Falsche Prosodien sind immerhin sehr selten.

Im Sprachstil ist TelesioTelesio, AntonioImber aureus weit von SenecaSeneca entfernt, ist aber andererseits erfolgreich in dem Versuch, dem antiken, bisher nicht dramatisch behandelten Mythenstoff eine ungewöhnliche Form zu geben. Er hat zwar die Standardrollen wie den Boten und die Amme und den Wechsel zwischen Monologen und Dialogen beibehalten und in den Chören wenig metrische Variation gesucht: Es sind PherekrateenPherecrateus, iambischeIambus Mono- und DimeterIambusDimeter und trochäische DimeterTrochaeusDimeter. Der Chor nimmt, wie Horaz (Ars poetica 193HorazArs poetica) empfohlen hatte, an der Handlung teil: Er ruft am Ende des 1. Aktes Juno zu Hilfe für Danae, im 2. Akt nimmt er am Dialog teil, im 3. Akt führt er ansatzweise einen Dialog mit den Zyklopen, die ihren Lohn für die schnelle Erbauung des eisernen Turmes verlangen, in dem Danae bereits eingekerkert ist.34

Aber vor allem hat TelesioTelesio, AntonioImber aureus zugunsten wirksamer Szenen die Einheit von Ort und Zeit und im langen 3. Akt die Gattungsidentität aufgelöst. Dieser vielteilige 3. Akt entwickelt sich zu einem kleinen Drama in sich: Am Anfang staunt Acrisius über die Schnelligkeit, mit der sein Wunsch nach einem unbezwinglichen Kerker für seine Tochter erfüllt wurde, dankt überschwänglich Vulkan und lädt die Zyklopen ein, sich ihren Lohn für die harte Bauarbeit abzuholen. Aber dann beginnt eine burleske Szene, wie sie der antiken und bisherigen neulateinischen Tragödie fremd war: Das Festgelage der Zyklopen geht in ein wüstes Bacchanal über, das mit dem Tod des Polyphemus und seiner Verhöhnung in einem anapästischenAnapaestus Amoibaion endigt. Als der vor Entsetzen geflohene Acrisius zurückkehrt, erkennt er zusammen mit dem Chor, dass er durch seinen Wunsch aus dem Glück ins Unglück gestürzt ist. Das Ende dieses Aktes bilden der Monolog des verzweifelten Acrisius und ein ChorliedChor über die Macht der Fortuna in katalektischen trochäischen DimeternTrochaeusDimeterkatalektisch. Diese Struktur ist ohne Vorbild in der senecanischen TragödieSeneca, aber auch in der antiken Komödie.

Das Versmaß wechselt mehrere Male, aber immer entsprechend der Handlung oder der Stimmung. In einer Randbemerkung weist der Verfasser selbst darauf hin, dass der HinkiambusIambusCholiambus passend ist für das Dankgebet an den hinkenden Gott Vulcanus. Aber gleichzeitig ist dieses Metrum das der Spottgedichte, weil hier die Dankbarkeit des Acrisius im Widerspruch zu dem Erfolg seines Wunsches steht.

Den Weg zur Gattungskreuzung ist der Elsässer Johannes SapidusSapidus, JohannesAnabion (Witz) in seinem mit 1915 Versen überlangen Lazarus-Drama Anabion von 1540 weitergegangen.Sapidus, Johannes35 Die Episode von der Krankheit und Auferweckung des Lazarus, die schon im Johannes-Evangelium (Joh. 11) personenreich ist, hat Sapidus selbst nicht ganz zutreffend als Komödie oder Tragikomödie bezeichnet.36 Denn die Handlung ist außerdem mit Elementen des Passionsspiels angereichert. Aus der Komödie stammen besonders die Intrigenhandlung, das Sklavenpersonal, die Schimpfdialoge und die Drastik in Handlung und Sprache. Die komischen Elemente mit ihrer Verspottung des Teufels vertragen sich jedoch mit der mittelalterlichen fabula sacra, der man dieses Stück zurechnen kann.

SapidusSapidus, Johannes verwendet zwar iambische TrimeterIambusTrimeter, die er wie TelesioTelesio, AntonioImber aureus bisweilen auch iambische SenareIambusSenar nennt und mit den gleichen Lizenzen wie alle seine Vorgänger verwendet, zeigt aber durch die Verwendung typischer Komödienmetra wie des trochäischen SeptenarsTrochaeusSeptenar und des iambischen OktonarsIambusOktonar, dass er PlautusPlautus und TerenzTerenz kennt – schon der Vorspann ist nach dem Vorbild der Terenz-Handschriften angelegt. Dass SapidusSapidus, Johannes auf einen ChorChor verzichtete, könnte zwei Gründe haben: ein Chor passt weder zur Gattung des Passionsspiels noch zur antiken Komödie.

George BuchananBuchanan, George, der große schottische Gelehrte, Theologe und Dichter (1506–1582), lehrte zwischen 1539 und 1544 in Toulouse am Collège de Guienne.Buchanan, GeorgeJephthes37 Als Lehrer war er verpflichtet, jedes Jahr eine Tragödie in lateinischer Sprache für das alljährliche Schulfest zu verfassen und aufzuführen. Außer zwei Übersetzungen von Tragödien des Euripides (Medea und Alcestis) verfasste er den Jephthes (1450 Verse) über einen Stoff aus dem Alten Testament (nach Richter 11) und Baptistes Buchanan, GeorgeBaptistes(1360 Verse) über den Tod Johannes des Täufers (nach Matth. 14).Buchanan, GeorgeJephthes38 Für ihr klassisches Latein, das von der gesamten klassischen Latinität inspiriert ist,PlautusAmphitruoBuchanan, ሴiሴGeorgeJephthesሴiሴ39 aber ohne gelehrte Anspielungen auskommt, für die Flüssigkeit der Verse, die zwar noch die bekannten metrischen Lizenzen nutzen, aber viel seltener als alle Vorgänger, und die elegante Rhetorik sind sie zu Recht berühmt. Vgl. den von einem Engel gesprochenen Prolog des Jephthes (aufgeführt 1542):


Magni tonantis huc minister aliger,
Coelo relicto, mittor Isaci ad lares,
Sŏlumque promissum Isaci nepotibus,
Sŏlum regendis destinatum gentibus,
Si pacta sacri intaminata foederis 5
Servasset: arma sed modò quod Ammonia
Expavit arcto servitutis sub iugo,
Tulitque, quicquid triste, crudele, asperum,
Iratus audet victor, aut victus timet.
Hac clade fracta gens rebellis vix Deum 10
Agnoscere patrum coepit […]

Ich, der geflügelte Diener des großen Donnerers, habe den Himmel verlassen und werde hierher zum Hause Isaaks und in das Land gesandt, das den Enkeln Isaaks verheißen war, und in das Land, das der Herrschaft über die Völker bestimmt war – wenn es den Vertrag des heiligen Bündnisses unversehrt bewahrt hätte. Aber weil es vor kurzem die Waffen des Ammon [Baal] unter dem drückenden Joch der Sklaverei fürchtete und ertrug, wagte der erzürnte Sieger oder fürchtet der Besiegte alles, was traurig, grausam und hart ist. Durch die Niederlage gebrochen begann das aufrührerische Volk kaum den Gott der Väter zu bekennen […]

Aber Buchanan hat nicht versucht, die bisherigen metrischen Formen und die metrische Komposition seiner Dramen zu variieren – selbst die Erweiterung von fünf zu sechs Akten ist damals keine Neuigkeit.IambusTrimeter40 Die Sprechverse sind ausschließlich in iambischen Trimetern gehalten, die – übrigens wunderbar lyrischen – ChorliederChor in den damals üblichen lyrischen Metra, und die Zahl der Akteure ist auf wenige Personen konzentriert. Den Streit der beiden von ihm in die Handlung des BaptistesBuchanan, GeorgeBaptistes eingefügten Rabbiner Gamaliel und Malchus über Johannes den Täufer als öffentliche Gefahr und die erregte Debatte zwischen Herodes und seiner Frau über die Maximen königlicher Macht sind meisterhaft dramatisiert, überschreiten aber an keiner Stelle die damals rezipierten Regeln der Tragödie.

So wenden wir uns seinem damaligen Kollegen am Collège de Guienne, Marc Antoine MuretMuret, Marc Antoine (1526–1585), zu, der eine ganz andere, auf das klassische französische Drama führende Richtung einschlug.Muret, Marc AntoineJulius Caesar41 Sein im Jahr 1544 verfasster und 1547 veröffentlichter Julius Caesar ist ein historisches Drama, das von zwei gegensätzlichen Themen beherrscht wird, dem Ruhm Caesars und dem Kampf um die Freiheit.Dati, LeonardoHiensal42 Wahrscheinlich verband Muret mit dem historischen Stoff ein eigenes, politisches Anliegen, den Kampf um die Befreiung von drückender Herrschaft.

In der Einleitung hebt er selbst die Herrschaft der ratio und das Vermeiden von Affekten, von Wahnsinns- und Unterweltsszenen hervor. Darum fehlt auch ein Götterapparat. Das Personal ist aufs äußerste reduziert. Aus dem alten Tragödienfundus stammt nur die Amme als Vertraute von Caesars Gattin Calpurnia.

Die metrische Komposition ist noch konventionell und zusätzlich auf schlichteste Formen reduziert. Die Monologe und Dialoge sind mit einer Ausnahme nur in iambischen TrimeterIambusTrimetern mit den üblichen Lizenzen gehalten, aber durch regelmäßige ZäsurZäsuren gefügiger und durch häufige EnjambementEnjambements effektvoller gestaltet. Durch enge Anlehnung an SenecaSenecas Tragödienstil erreicht er es, in wuchtigen Versen dem durchgehend hohen Pathos Ausdruck zu verleihen. Vgl. Caesars Rede in V. 7–19Muret, Marc AntoineJulius Caesar:


Quacunque Nereus margines terrae premit,
reges vel ipsi Caesaris nomen timent.
Numerent triumphos, cum volent, alii suos,
seque a subactis nominent provinciis: 10
plus est vocari Caesarem. Quisquis novos
aliunde titulos quaerit, is jam detrahit.
numerare ductu vis meo victas plagas?
Percurrito omnes. Ipsa victrix gentium
mihi Roma cessit. Ille tam magnus gener, 15
ut pene nomen duceret jam impar sibi,
terra marique fusus agnovit meas
praestare vires: quemque noluerat parem,
tulit priorem.

Wo immer (der Meergott) Nereus die Ränder der Erde bedrängt, fürchten sogar die Könige den Namen Caesars. Mögen andere, wenn sie wollen, ihre Triumphe aufzählen und sich nach den Provinzen, die sie unterworfen haben, benennen: Caesar zu heißen gilt mehr. Wer auch immer von anderswoher neue Titel sucht, der mindert sie schon. Willst du die Länder zählen, die unter meiner Führung besiegt wurden? Dann zähle sie alle auf. Selbst Roma, die Bezwingerin aller Völker, hat sich mir ergeben. Jener so großartige Schwiegersohn [Cn. Pompeius Magnus] hat, um fast schon zu glauben, dass sein Name ihm nicht gebührt, anerkannt, als er auf Land und Meer besiegt war, dass meine Macht stärker ist. Wen er als Gleichrangigen nicht dulden wollte, den ertrug er als Überlegenen.

Muret behält auch die Gliederung in fünf Akte und den Einschub von ChorliedernChor in den üblichen Metra bei: GlykoneenGlyconeus, alkäischeAlcaicus und sapphische Strophen und sapphische VerseSapphicus.

Die eigentliche dramaturgische Neuerung ist im 5. Akt angelegt, in dem die zwei Themen dieser Tragödie unversöhnlich aufeinanderprallen, einerseits der Triumph über die Ermordung des Tyrannen und die Wiederherstellung der Gerechtigkeit, die von Brutus und Cassius in drei parallel sich sekundierenden Reden gefeiert werden – eine solche Form gibt es bei SenecaSeneca nicht –, andererseits die Trauer um den ermordeten Helden Caesar, seine Apotheose und die Verfluchung der Mörder. Hier die triumphierenden Worte des Brutus nach der Ermordung CaesarsMuret, Marc AntoineJulius Caesar:


Spirate cives! Caesar interfectus est; 438
Ille, ille Caesar, patriae terror suae,
hostis senatus, innocentum carnifex, 440
legum ruina, publici juris lues:
cuius rapinas nuper, et libidines
agnovit orbis totus, et perpessus est,

Bürger, atmet auf. Caesar ist ermordet worden. Jener große Caesar, der Schrecken seines Vaterlandes, der Feind des Senats, der Schlächter der Unschuldigen, das Verderben der Gesetze, die Pestkrankheit des staatlichen Rechts, dessen Raubzüge und Willkür der ganze Erdkreis erkannte und durchlitt, er liegt bezwungen in der Curia, die er unterdrückt hatte.

Der Umbruch erfolgt mitten im 5. Akt mit der Klage der Calpurnia (478–499) und dem 5. Lied des ChoresChor, der nun zu Caesars Partei übergeht, dann zwei Monologen Caesars und Calpurnias – Letzterer ist in feierlichen trochäischen Septenaren gehalten –, die den Reden der Caesarmörder vom Anfang des 5. Aktes knapper korrespondieren. Das sechste ChorliedChor ist nicht in den an dieser Stelle üblichen AnapästenAnapaestus gehalten, sondern in fünf feierlichen asklepiadeischen StrophenAsclepiadeus, die sich deutlich an die horazischen OdenHoraz, besonders Oden 3,30, anlehnen.Muret, Marc AntoineJulius Caesar


Sunt manes aliquid; cumque diem ultimum 551
adduxit fera mors, est aliquid tamen,
quod vitat Libitinam,
exstructosque fugit rogos. […]

Die Totengeister haben eine Existenz, und wenn der unbarmherzige Tod den letzten Tag gebracht hat, gibt es doch etwas, was der Totengöttin entkommt und den aufgeschichteten Scheiterhaufen entflieht.

Diese Korrespondenzen und der Sieg der Vernunft über die Leidenschaften, das Maß und die Ordnung sind die Prinzipien der französischen Tragödie, die sich hier auch in der metrischen Komposition ankündigen.

In der letzten hier zu besprechenden, in der Sekundärliteratur kaum beachteten Tragödie, der Stuarta tragoedia des Adrien RoulersRoulers, Adrien (Adrianus RouleriusRoulers, AdrienStuarta tragoedia, Poetikprofessor in Douai, gest. 1597), sind die bisherigen metrischen Probleme überwunden. Die Zahl der Abweichungen von der Verspraxis SenecaSenecas ist sehr gering und gleichzeitig sind die Wege zum modernen Drama gebahnt – man könnte sogar eine Nähe zum Drama der Vorgänger ShakespeareShakespeare, Williams vermuten. Die Stuarta tragoedia, verfasst und von Schülern aufgeführt in Douai 1593, gehört zum Umkreis des Ordensdramas, hat aber nicht vorwiegend rhetorisch-stilistische Zwecke oder eine moralisch-erzieherische Absicht, sondern gehört zu der katholischen Propaganda gegen die anglikanische KircheRoulers, Adrien44 und gegen Königin Elisabeth, die ihre Thronkonkurrentin Maria Stuart, Königin von Schottland, nach neunzehnjähriger Gefangenschaft in der Festung Fotheringhay im Jahr 1587 hatte zum Tode verurteilen und durch Enthauptung hinrichten lassen. Maria Stuart wurde zur Märtyrerin erklärt, aber Roulers hatte seine schon sechs Jahre nach der Hinrichtung verfasste Stuarta nicht nach dem mittelalterlichen Genus der fabula sacra konzipiert, sondern als historisches Drama, dessen Quellen der Dichter in seinem ausführlichen Vorwort aufzählt.45

Die mit der Quellenlage gegebene Vielteiligkeit der Ereignisse und die große Zahl der beteiligten Personen veranlassten RoulersRoulers, Adrien, die Fünfaktstruktur des Dramas von innen aufzubrechen. Denn die Bauform der Akte ist völlig verschieden, wenn auch der iambische TrimeterIambusTrimeter für alle Monologe und Dialoge das tragende Medium der dramatischen Handlung bleibt. Die ersten drei Akte bestehen aus je zwei Szenen, die auf zunehmenden Kontrast angelegt sind.

Der 1. Akt ist geprägt von den drei langen Monologen der Unterweltserscheinung Heinrichs VIII. und der Königin Elizabeta, im zweiten Teil von der Auseinandersetzung zwischen ihr und ihrem Vertrauten, Dudelaeus (Dudley, Graf von Leicester), der um Schonung der gefangenen Gegnerin bittet. Das den 1. Akt beschließende ChorliedChor ist polymetrischPolymetrie aufgebaut: In 16 daktylische HexameterHexameterDactylusHexameter sind vier iambische DimeterIambusDimeter, drei alkäischeAlcaicus und acht asklepiadeischeAsclepiadeus Verse eingefügt. Die Verskombination zielt auf einen ruhigen, feierlichen Ausdruck.

Der 2. Akt beginnt mit einem überlangen Monolog der Stuarta von 141 Versen und einem ruhigen, in längerer Rede geführten Gespräch zwischen ihr und ihrem Arzt, dem der Streit zwischen ihr und Amias Paulet, dem Kommandanten der Festung von Fotheringhay, folgt. Er wird heftig und mit verbissener Ironie in ausgedehnter Stichomythie und mehreren Antilabai geführt.Roulers, AdrienStuarta tragoedia


Amias Perdis Britannos.
Stuarta Et volo fieri meos?
Amias Cur ergo clam conubia Norfolci ducis?
Stuarta Conubia certo nulla sine teste ambii. 510
Amias Quis ad illa testis?
Stuarta Quisquis auspex et mei
Moravius ipsa pestis imperii nothus.
Amias Quo more testem mortuum produxeris?
Stuarta Idoneus, dum vixit, haud umquam exstitit.
Amias Non clam sorore coeptus hymenaeus fuit? 515
Stuarta Quem nesciebat nemo concilii virum?
Visuntor actaque tabulaeque publicae,
descripta pacto nomina auctorum leges,
ubi quisque testes addidit scripto manus.

Am.: Du verdirbst die Briten. / St.: Und ich will, dass sie meine Untertanen werden? Am.: Warum also heimlich die Ehe mit Herzog Norfolk? St.: Ich habe keine Ehe ohne sicheren Zeugen geplant. Am.: Wer ist der Zeuge dafür? / St.: Jeder, der Priester war, und Moravius selbst, der Bastard, das Verderben des Reiches. Am.: Wie könntest du einen toten Zeugen vorführen? St.: Geeignet war er niemals, solange er lebte. Am.: War die Ehe nicht heimlich vor der Schwester begonnen worden? St.: Dem Manne, den alle Mitglieder des königlichen Rates kannten. Man inspiziere die staatlichen Protokolle und Akten. Da wirst du die dem Vertrag beigefügten Namen lesen, wo jeder als Zeugnis seine Unterschrift dem Text beigefügt hat.

Den Abschluss bildet das nun in erregten anapästischen DimeternAnapaestusDimeter gehaltene Lied des GefangenenchoresChor.SenecaAnapaestus46

Im 3. Akt verabreden die zwei Kommandanten von Fotheringhay die Intrige mittels eines gefälschten Briefes, mit der Maria Stuart der Verschwörung gegen Königin Elisabeth überführt werden soll. Es folgt sofort die Szene, in der Buccardus (Lord Buckhurst) die schottische Königin mit dieser Beschuldigung konfrontiert. Die Szene schließt diesmal mit einem etwas längeren Monolog der Stuarta und einem feierlichen Klagelied des ChoresChor in 11 sapphischen StrophenSapphicus.

Im 4. Akt verkündigt Amias Paulet der Gefangenen das Todesurteil und fordert sie auf, die Insignien ihres Standes abzulegen. In das Gespräch mischen sich erst ihr Arzt, dann der Chor ein, der hier als handelnde Person in iambischen Trimetern spricht, schließlich als vierte sprechende Rolle Scherusbericus (Graf von Shrewsbury), der mit der Hinrichtung beauftragt ist. Als dieser ihr als geistigen Beistand einen anglikanischen Priester anbietet, trifft er auf ihren flammenden Protest. Den Abschluss des 4. Aktes bildet das mit 97 Versen längste ChorliedChor dieser Tragödie, eine Klage über das Unrecht in der Welt und das unverdiente Schicksal der Stuarta. Mit Stimmung und Inhalt wechseln die Metra von AsklepiadeenAsclepiadeus zu GlykoneenGlyconeus und schließlich zu erregten anapästischen DimeternAnapaestusDimeter.

Das dramatische Crescendo steigert sich im 5. Akt, an dem nicht weniger als neun sprechende Rollen und der Chor und, aus ihm hervortretend, zwei puellae, also junge Hofdamen, beteiligt sind. Sie treten nacheinander auf und füllen mehr und mehr die Szene. Die Handlung schreitet so kontinuierlich fort, dass eine Gliederung nach traditionellen Szenen nicht mehr beabsichtigt scheint. Lange Gebete der Stuarta, Streitgespräche, die Verlesung des Todesurteils in daktylischen HexameternDactylusHexameter, die ‚Mauerschau‘ der Hinrichtung, die Zurschaustellung der geköpften Leiche und die Klagen der Hofdamen ergeben ein dramatisch bewegtes Ganzes. Die Schlussworte sprechen im Wechsel die zwei Hofdamen in iambischen TrimeternIambusTrimeter. So fehlt der übliche versöhnliche Ausklang eines lyrischen oder anapästischenAnapaestus ChorliedesChor.

RoulersRoulers, Adrien hat die Verskunst zur Vollendung geführt und besonders in den ChorliedChorern mit vielen Zitaten aus SenecaSeneca und HorazHoraz dem Geschehen Emphase verliehen, sich aber in der Verskomposition und der Dramaturgie weit von dem literarischen Vorbild entfernt.

Anhang

Als Beispiel für die Verspraxis der Komödie des 16. Jahrhunderts sei hier Georgius MacropediusMacropedius, Georgius’ RebellesMacropedius, ሴiሴGeorgiusRebellesሴiሴ (1535) herausgegriffen. MacropediusMacropedius, Georgius verlieh seinen Komödien eine schlichte Form, weil er sie für die Lektüre der Jugend schrieb und von Schülern aufführen lassen wollte. Im Vorwort hebt er seine pädagogischen Zwecken dienende Sorgfalt in der lateinischen Prosodie von der Regellosigkeit seiner Vorgänger ab und will sich nur wenige Lizenzen in HiatHiaten, SynaloephenSynaloephe usw. gestatten.

Macropedius’ Verse wirken einförmig, weil er anders als PlautusPlautus und TerenzTerenz nur wenige geteilte LongaLongum, geteiltes“ und BreviaBreve, geteiltes“ (83, 87, 88, 91, 92, 93) und ElisionElisionen zulässt.HiatAnapaestuszerrissenerSynizeseTerenz1 So wirkt der Versbau eher senecanisch als plautinisch. Die Wortwahl zeigt einige Anklänge an die Sprache der Komiker. Mit der Anspielung auf Terenz, Adelphoe 57–58 in V. 95 lässt er seine Kenntnis der antiken Komödie durchblicken. Der Satzbau wirkt eher prosaisch. Doch das EnjambementEnjambement versteht er wie in 85–86 durchaus effektvoll einzusetzen.

Die Komödie RebellesMacropedius, ሴiሴGeorgiusRebellesሴiሴ soll die Jugend auf humorvolle Weise zu Fleiß und Sittsamkeit erziehen. Man könnte sie aber auch ein Lehrstück über den Nutzen der Prügelpädagogik nennen! Die besorgte Mutter Philotecnium (eine hübsche Neubildung, wie sie alle Neulateiner lieben: „Kinderlieb“), die sich über die prügelnden Lehrer empört, muss sich zum Schluss belehren lassen, dass ihr verkommener Sohn und sein Freund nur diese Methode verdient haben. Vgl. Philotecniums Rede aus der ersten Szene des 1. Aktes (Edition Bolte 1897)Macropedius, GeorgiusRebelles:


Cum aetatis huius et peracti temporis
rationem habeo, considero haud me paucula
Paschalia edisse ova; nam rugosa fit
cutis genaeque flaccidae, canis quoque 80
respersa tempora. Quin et ipse filius
iam natus annos quindecim puellulam
me pernegat. Sed neque parum accelerant mihi
gravem hanc senectutem graves curae omnium
rerum domesticarum et immitis iugum 80
mariti et ingens prolium curatio,
quibus locupletandis honestandisque diu
noctuque pervigilo. Nam ob istuc Dyscolum
gnatum meum, qui grandior natu est, scholis
primum docendum tradidi; et mirum in modum 90
proficeret, id si liceat heu per improbam
didascalorum amentiam, qua tenerior
pueri cutis diverberatur: et eadem
est omnibus crudelitas doctoribus,
quasi sit rigore docendus, haud clementia. 95

Wenn ich Gegenwart und Vergangenheit zusammenrechne, denke ich, dass ich nur winzige Ostereier zu essen bekommen habe. Denn die Haut wird runzlig und die Backen schlaff, auch die Schläfen sind von grauen Haaren übersät. Ja auch der Sohn selbst, der schon 15 Jahre alt ist, sagt mir, dass ich kein junges Mädchen mehr bin. Aber die schweren Sorgen um alle häuslichen Pflichten und das Joch des unerbittlichen Ehemannes und die gewaltige Fürsorge für die Kinder beschleunigen sehr dieses schwere Alter. Um ihnen Reichtum und Ehre zu verschaffen, wache ich bei Tag und Nacht. Denn deswegen habe ich meinen Sohn Dyscolus, der der ältere ist, als ersten zur Belehrung in die Schule geschickt. Und er würde erstaunliche Fortschritte machen, wenn es bei der bösen Dummheit der Lehrer möglich wäre, von der die allzu zarte Haut des Knaben verprügelt wird. Und alle Lehrer haben die gleiche Grausamkeit, als ob man mit Strenge lehren müsste, nicht mit Sanftmut.

Macropedius verwendete für die Monologe und Dialoge nur iambische TrimeterIambusTrimeter mit Ausnahme des 4. und 5. Aktes, wo er auch iambische TetrameterIambusTetrameter und iambische SeptenareIambusSeptenar wagte. Ein einziges Mal gebraucht er den ganz ungewöhnlichen trochäischen TrimeterTrochaeusTrimeter. Den Enden der Akte 1 bis 4 verleiht er durch die iambischen DimeterIambusDimeter der beiden Teufel Lorcoballus und Marcolappus und des Chores eine Art strophischer Responsion, die es nicht in früheren Dramen gab. Das Ziel ist offenkundig, mithilfe der einfachen und korrespondierenden metrischen Formen den dramatischen Bau für die Schüler durchsichtig zu halten. Der Dialog wirkt infolge zahlreicher Enjambements und Antilabai sehr lebendig.

Literaturverzeichnis
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Radikale Experimente

Neulateinische HyporchemataHyporchema oder die Neuschöpfung einer verlorenen Gattung und deren rascher Untergang

Beate Hintzen

Neulateinische Hyporchemata

In der neulateinischen Dichtung wurden bekanntermaßen nicht nur die antiken Versmaße imitiertImitation und adaptiert, sondern man wagte auch gern einmal ein metrisches Experiment. Insbesondere der Barockhumanismus kann als Epoche des Experimentierens beschrieben werden, und dieses Experimentieren konnte durchaus manieristische Züge annehmen. Als Vertreter solch manieristisch anmutender Experimente im niederländisch-deutschen Barockhumanismus können vor allem Daniel HeinsiusHeinsius, Daniel und Paul FlemingFleming, Paul gelten, als ihr gemeinsames Vorbild Iulius Caesar ScaligerScaliger, Julius Caesar. Im Folgenden soll nun als Exempel solchen metrischen Experimentierens die Neuschöpfung des Hyporchema durch Iulius Caesar Scaliger nach dem Vorbild des sogenannten Pratinas-FragmentsPratinas-Fragment1 und seine weitere, recht kurze Tradition beschrieben werden. Die Genese des neulateinischen Hyporchema lässt sich m.E. recht deutlich an der außergewöhnlichen metrischen Faktur sowie an der Relation von Inhalt und Form von Scaligers Hyporchema Baccho, SilenoScaliger, Julius CaesarHyporchema Baccho, Pani, Gratiis, Cupidini, Cybelae, Veneri, Herae, NemesiXE "Grotius, HugoHyporchemaሴiሴ in obitum Aldinae catellae2 ablesen, einem der frühesten mir bekannten als Hyporchema bezeichneten Texte. Weiterhin wird der Fokus auf Grotius᾽ kuriosem Hyporchema in obitum Aldinae catellae liegen, das die extreme Artifizialität dieser Textsorte bezeugt.

Das neulateinische Hyporchema ist kein Massenphänomen. Diese Feststellung dürfte ihre Gültigkeit auch dann behalten, wenn sich in der ungeheuren Menge der neulateinischen Dichtung über die neun mir bisher bekannt gewordenen Gedichte ein paar weitere verbergen, die im Titel als Hyporchema bezeichnet werden oder aus metrischen Gründen dieser Textsorte zugeordnet werden können. Neben den erwähnten Hyporchemata von Scaliger und Grotius gehören hierzu in chronologischer Reihenfolge Scaligers Ad animam Fracastorij hyporchemaScaliger, Julius CaesarAd animam Fracastorii hyporchema,Becmann, ChristianHyporchema ad Christianum II Ducem Saxoniae3 Christian Becmanns Hyporchema ad Christianum II Ducem SaxoniaeFleming, PaulSylva4 sowie Paul Flemings Sylva 8,39 (= Suavium 39), Sylva 9,1,2Fleming, PaulSylva Sponsus ad Sponsam, Sylva 9,1,11Fleming, PaulSylva Sponsus ad Aedones, Sylva 9,2Fleming, PaulSylva Christo hodie-nascenti hyporchemaFleming, PaulSylva5 und Sylva 9,3,4 Hyporchema. Sponsus ad sponsam.6

Als antike Gattung ist das Hyporchema weitgehend verloren, und die Vorstellung, die sich aus den Fragmenten von Texten, die so bezeichnet werden, sowie aus den Zeugnissen über Hyporchemata (Scholium zu PindarPindar und pindarische Dichtung, Pythie 2,127; Plutarch, Quaestiones convivales 748a7–b1PlutarchQuaestiones convivales; Athenaios 1,15d–eAthenaiosDeipnosophistaeAthenaiosDeipnosophistaeAthenaiosDeipnosophistaeAthenaiosDeipnosophistae; 14,628d, 630d, 631c; Lukian, De saltationeLukianDe saltatione 16) gewinnen lässt, ist nicht sehr klar. Schon die Bezeichnung ‚TanzliedTanz‘ ist problematisch, weil eigentlich alle ChorliedChorer als Tanzlieder in dem Sinne gelten müssen,Musik7 dass bei ihrer Vorführung poetischer Text, Gesang und TanzTanz des ChoresChor zusammenkamen (Aristoteles, Poetik 1447b24–27AristotelesPoetik). Allerdings ist bei den Hyporchemata im engeren Sinne umstritten, ob SängerMusik und Tänzer identisch sind.Tanz8 Einige Zeugnisse deuten darauf hin, dass der Tanz das primäre Element darstellte. So soll der Archeget Thaletas von GortynThaletas von Gortyn ein solches LiedMusik als Begleitung zum WaffentanzTanz der kretischen Kureten, der sogenannten Pyrrhiche, gedichtet haben.Creticus9 Entsprechend lässt sich in einigen Fragmenten ein lebhafter Rhythmus, in anderen ein kretisches Maß konstatieren. Strophische Korresponsion scheint hingegen für das Hyporchema nicht typisch zu sein. Zumindest weist das genannte Pratinas-FragmentPratinas-Fragment keine solche Korresponsion auf. Der Text dieses Fragmentes ist durch die Überlieferung stark verderbt, jedoch durch die Konjekturalphilologie soweit wiederhergestellt worden, dass sich Inhalt und Metrum weitgehend erkennen lassen: Ein Sprecher, der am Ende des Fragments Dionysos als efeubekränzten Herrn apostrophiert, wendet sich gegen den Lärm der FlöteFlöte und beansprucht nachdrücklich die führende Rolle im Preislied des als Bromios bezeichneten Dionysos für sich. Metrisch lässt sich eine Abfolge von aufgelösten AnapästenAnapaestus, DaktyloepitritenDaktyloepitriten, TrochäenTrochaeus, noch einmal AnapästenAnapaestus, Trochäen sowie JambenIambus mit einem abschließenden IthyphallicusIthyphallicus beobachten:10


Was ist das für ein Lärm? Was sind das für Tänze? Welcher Frevel näherte sich dem laut schallenden Altar des Dionysos? Mein, mein ist Bromios. [5] Ich muss lärmen, ich muss schwärmen, durch die Berge stürzend zusammen mit den Najaden und wie ein Schwan anstimmend die buntgeflügelte Melodie der Gesänge. [10] Die FlöteFlöte aber soll später zum TanzTanz aufspielen. Sie ist nämlich Dienerin. Nur für türstürmende Komoi und Boxkämpfe von betrunkenen jungen Männern mag sie [15] Anführerin sein wollen. Schlage ihn, der den Atem des bunten Phryneos hat; verbrenne den rohrverderbenden, den lautes Geschwätz donnernden, den Rhythmus überschreitenden [20], vom Drillbohrer geformten Tagelöhner. Du aber, Thriambodithyrambos, efeubekränzter Herr, höre mein dorisches TanzliedTanz.

Das Fragment wird von einigen Vertretern der Forschung einem SatyrspielSatyrspiel des ausgehenden 6. Jahrhunderts zugewiesen,Dithyrambos11 von anderen, namentlich Bernhard Zimmermann, einem Dithyrambos der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts.Chor12 Hier zeigt sich die Schwierigkeit, das Hyporchema von anderen Arten von Chorliedern zu unterscheiden. Insbesondere die Nähe zum DithyrambosDithyrambos und zum PaianPaian scheint groß. Die Verwandtschaft zum Paian wird dadurch deutlich, dass ein Paian PindarPindar und pindarische Dichtungs über Jahrtausende als Hyporchema gelten konnte, bis er als Paian identifiziert wurde, und dass in der Antike darüber gestritten wurde, ob Xenodamas von KytheraXenodamas von Kythera Hyporchemata und PaianPaiane gedichtet habe oder nur Hyporchemata, wobei ein von ihm überliefertes Lied eindeutig als Hyporchema zu gelten habe (Pseudo-Plutarch, De musica 1134c4–d3PlutarchDe musica).TanzPindar und pindarische Dichtung13 Dadurch, dass dem Exponenten erhabener und pathetischer griechischer Lyrik, d.h. Pindar, Hyporchemata zugeschrieben wurden (Athenaios 14,631c), konnte diese Form mit Pathos konnotiert werden.

Noch nebulöser als die Vorstellungen, die ein Altphilologe zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Hyporchema haben konnte – die referierten Ausführungen beruhen im Wesentlichen auf dem RE-Artikel von Ernst Diehl –, waren offensichtlich diejenigen des Arztes, Literaturhistorikers, Literaturkritikers und Dichters Iulius Caesar ScaligerScaliger, Julius Caesar. Scaliger widmet dieser Lied-Form im 47. Kapitel des 1. BuchesScaliger, Julius CaesarPoetices libri septem seiner Poetices libri septem zwar einen eigenen Abschnitt, beschränkt sich aber auf eine Charakterisierung des Hyporchema als lockerer (laxius) und zwangloser (remissius) als der DithyrambosDithyrambos, dem es nahestehe, sowie als voller Bewegung (gestuosum) und Leidenschaft (affectuum plenum)Pratinas-Fragment14 – also durchaus als pathetisch – und schließt an diese Charakterisierung das Zitat des Pratinas-Fragmentes aus Athenaios an, wie er auch an anderen Stellen Informationen aus Athenaios bezieht,Pratinas-Fragment15 also ebenso manches von dem aus Diehl zum Hyporchema Referierten gewusst haben dürfte. Der von Scaliger zitierte Pratinas-Text entspricht natürlich nicht der stark emendierten Fassung unserer Ausgaben, stellt aber den Text dar, auf dessen Grundlage sich Scaliger und seine Nachfolger ihr Verständnis vom Hyporchema gebildet haben. Deshalb muss dieser Text auch die Grundlage der folgenden Untersuchung bilden:16


Τί̆ς ὁ̆ θό̆ρῠβο̆ς ὅ̆δε̆;
Τί̆να τά̆δε̆ τὰ̆ χο̆ρεύ̄-
μᾰτᾰ; Τί̆ς ὕ̆βρῐς ἔ̆μο̆λε̆ν
ἐ̆πὶ̆ Δῐο̆νῡσῐά̆δᾰ
πο̆λῠπά̆τᾰγᾰ θῠμέ̆λᾱν 5
Ἐ̆μὸ̆ς, ἐ̆μὸ̆ς ὁ̆ Βρό̆μῐο̆ς. Ἐ̆μὲ̆ δε̄ῖ
κε̆λᾰδε̄ῖν
ἐ̆μὲ̆ δε̄ῖ
πᾰτᾰγε̄ῖν ἀ̆ν᾿ ὄ̆ρε̆ᾰ ἐ̄σσύ̆με̆νο̄ν
με̆τὰ̆ Νᾰϊ̆ά̆δω̄ν 10
ο̄ἷά̆ τε̆ κύ̄κνο̆ν ἄ̆γο̄ντᾰ
ποῑκῐλό̄πτε̆ρο̄ν μέ̆λο̄ς
τᾶ̄ν ἀ̆οῑδᾶ̄ν
Οὔ̄τ᾿ αὐ̄λὸ̆ς ὕ̄στε̆ρο̄ν χο̆ρεῡέ̆τω̄·
καὶ̄ γὰ̆ρ ἔ̄σθ ὑ̆πη̄ρέ̆τη̄ς κώ̄μω̄ν μό̆νω̄ν. 15
Πῠρᾱμά̆χοῑς τε̆ πῡγμᾰσί̆αῑσῐ
πά̆ροῑνο̆ν ἔ̄με̆ναῑ στρᾰτη̄λά̆ταῑς.
Παῖ̄ε̆ τὸ̄ν Φρῡναί̄οῡ ποῑκί̆λο̄ν προ̆ᾰνέ̆χο̄ντᾰ
φλέ̆γε̆ τὸ̆ν ὀ̆λε̆σῐᾰλο̆κά̆λᾰμο̆ν
λᾰλο̆βᾰρῠο̆πᾰρᾰμε̆λο̆ρῡθμο̆βά̆τᾱν 20
θῠ̄πᾰτρῡπᾰνο̆δέ̆μρᾱς πε̆πλᾱσμέ̆νο̄ν νη̄νῐδό̆νᾰ.
Σὺ̆ δὲ̆ δε̄ξῐο̆πό̆λε̆
θρῐᾱμβο̆δῑθύ̆ρᾱμβε̆ κῑσσό̆χαῑτ᾿ ἄ̆νᾱξ
ἄ̆κοῡε̆ τὰ̄ν ἐ̆μὰ̄ν Δώ̄ρῐο̄ν χο̆ρεί̄ᾱν

Was ist das für ein Lärm? Was sind das für ChortänzeTanzChor? Welcher Frevel näherte sich dem dionysischen, [5] lautschallenden Altar? Mein, mein ist Bromios; ich muss lärmen, ich muss schwärmen, durch die Berge eilend [10] mit den Najaden und wie ein Schwan antreibend die buntgeflügelte Melodie der Gesänge. Später soll die FlöteFlöte nicht mehr zum TanzTanz aufspielen; [15] sie wird nämlich sein die Dienerin der Komoi allein. (…) und dem Boxen, betrunken sein für die Anführer. Schlag den vielfarbigen (…), verbrenne den (…) [20] (…) (…) den geformten (…). Du aber, gnädiger Thriambodithyrambos, efeubekränzter Herrscher, erweise deine Gunst meinem dorischen ChorChor.17

Auf Grund dieses Textes ergibt sich für den frühneuzeitlichen Leser der Eindruck eines – zumindest stellenweise – schwer verständlichen Dionysos-HymnusHymnus. Die metrische Faktur ist in Grundzügen zu erkennen, wenigstens ist klar, dass der Text zwar aus überdurchschnittlich vielen Kürzen, jedoch auch aus einer ganzen Reihe von langen Silben besteht. Scaligers Wahrnehmung ist hingegen primär auf die Kürzen gerichtet. Er bezeichnet das Gedicht als voll von PyrrhichiPyrrhichiusern, d.h. voll von Doppelkürzen (pyrrhichiis refertum),Anapaestus18 wobei er sich sicherlich vor allem auf die aufgelösten Anapäste am Anfang bezieht. Die Pyrrhichier bezeichnet er zwar im folgenden Kapitel als kennzeichnend für die bereits erwähnte lyrische Form der Pyrrhiche, zitiert aber in diesem Zusammenhang den Anfang seines eigenen, wie er sagt, ganz aus Pyrrhichiern bestehenden Gedichtes, das in den Ausgaben seiner Gedichte von 1574, 1591 und 1600 innerhalb des Abschnittes Farrago jeweils als Hyporchema Baccho, Sileno usw. bezeichnet wird. Scaligers Verständnis des Hyporchema beruht also zum einen auf der erwähnten Beziehung zur kretischen Pyrrhiche, zum anderen auf der selektiven Wahrnehmung des zitierten, Pratinas zugeschriebenen HyporchemaPratinas-Fragment als aus PyrrhichiernPyrrhichius bestehendem Gedicht. Tatsächlich sind die 47 Verse von Scaligers Hyporchema Baccho, Sileno usw. jeweils aus 18 Silben gebildet, von denen die ersten 17 kurz sind und die letzte anceps ist:Scaliger, Julius CaesarHyporchema Baccho19


Bĕnĕ cĭtŭs ĕgŏ pĕdĕ cĕlĕrĕ măgĭs ăgŏ nŭmĕrōs:
Ăbĕōquĕ Vĕnĕrĕ dŭcĕ sŭpĕr ălĭ̆ălŏcă vŏlāns.
M(e) hŭmĕr(o) Ămŏr ĭbĭ gĕrĭt: ŏbĭt ĭnĭbĭ nĭtĭdă Chărĭs.
Ăgĕ frĕtĭgĕnă Dĕă, Dĕŭs, ăgĕ pŭĕr, ŭbĭ fĕrŏr?
Prĭŭs ăgĭlĭs ănĭmă mĕă, mŏdŏ păvĭtăt: ălĭās 5
cătă rĕfŭgĕrĕ vŏlŭĭt: ădĕŏ stŭpĭdă mĕtŭĭt.
Sĭnĕ mĭhĭ, qu(ae) hăbĕŏ vĕtĕră: nŏvă nĭhĭl ĕgŏ mŏrŏr.
Dŭbĭă mălă nĭmĭs ăvĭdŭs ŏcŭlŭs ŏpĕră bĭbĭt.
Vĭdĕŏ quĭd? Ăn ădĭt ĕă iŭgă săty̆rĭcă fĕră vīs?
Tĕnŭĭă fŏlĭă, thy̆ăsĭtĕgă, făcĭfĕră quătĭt. 10
Vĕtŭlŭs hŭmĭlĭtĕr ălĭbĭ sĕdĕt hŏmŭlŭs ăsĭnō.
Stătă crĕpĕrĭpĕdă cĭĕt ălĭă trĭpŭdĭă cŏhōrs.
Fŭrŏr, ŏdĭă mĕră, călĭdă, tŭmĭdă, răbĭdă fŭgă.
Lătĭcĭs hĭc ŏpĭcŭs ŏnĕrĕ mădĭdŭs. Ăt ăt ĕtĭăm
grăvĭă glădĭă gĕmĭn(a). Ăb(i), ăb(i) ălĭ(o) ăgĕ tŭă flăgră. 15
Cŏlŭbrĭgĕrŭlă Fŭrĭă. Căpĭtă rŏtăt. Ŭb(i) ŭlŭlăt.
Mărĭă Zĕphy̆rifrĕmă sŏnŭs ĕtĭ(am) ĕt ĕtĭ(am) ăcŭĭt.
Vĭvĭd(um) ŏpĕrĭt ăbŏlĕt ŏcŭlĭtĕgă tĕnĕbră pŏlŭm.
Căpră, lĕpŭs, ĕquŭs, ŏvĭs, ăquĭlă, lĕŏ, lŭpŭs, ărĭēs.
Lătĭbŭlĭcŏlă pĕcŏră frŭtĭcĕ lătĕră sĭnŭānt. 20
Strĕpĭt ĭbĭ căvă spĕcŭlă, vĭrĭdĭă nĕmŏră frĕmūnt.
Săcră nĕquĕŏ săt ăbŏlĭtă rĕpĕtĕrĕ lŏcă pĕdŭm:
Făcĭlĭs ŭbĭ mĕmŏrĭă stătŭĭt ĭnĭtĭ(a) ănĭmī.
Mĕmŏrĭă trĕmŭlă, flŭĭdă: bĕnĕfĭcĭă pĕrĕūnt,
Văcŭă rŏtă vĕlŭt. Ĕă părĭbŭs hăbĭtă. Rădĭīs 25
spătĭă prĕmĭt ălĭ(a), ĕt ălĭă, sĭnĭbŭs ŭb(i) ăgĭtŭr.
Rŭĭt ĭtă cŏr ălăcrĕ, vălĭdăquĕ nŏvăquĕ răbĭēs.
Quĭs ĕrĭt ăd ĕă bŏnŭs, ĕt ăd ĕă quĭs ĕrĭt hăbĭlĭs?
Ădĕs hĕdĕră nĕmŏrĭvăgă, pĕtĕ, răpĕ, quătĕ, trăhĕ.
Rĕsĭlĭăt ăgĕ crĕpĭtŭs. Ădĕrĭt ĭbĭ lătrŏ mĭnāx, 30
spĕcŭă sŏpŏr ŭbĭ lĭquĭdŭs ănĭm(i) hĕbĕtăt ŏbĭēns.
Quĭd ĕrŏ? Gĕlĭdă mŏră nĕgăt hĭlărĭŭs ĕă dărĕ.
Ŭtĭn(am) hăbĕ(am) ălĭquĭd, ĭnŏpĭă qu(o) ăbĕăt ălĭ(o) ăbhīnc.
Lăbŏr ĭnĕrĭt ĭn ŏnĕrĭbŭs: ŏnĕră grăvĭ(a) ĭgĭtŭr ĕrūnt.
Ĭtă hŏnŏr ădĭgĭt ĕă făcĕrĕ, quĭbŭs ănĭmă săpĭt. 35
Fătŭŭs hĭăt hŏnŏr, ŏnŭs ŭbĭ plăcĭdă bŏnă prĕmĭt.
Cĕlĕbrĭs hăbĭtăt ăpŭd ŏlĭdă pĕcŭă stŏlĭdĭtăs,
Făcĭlĭŏr ŭt ŏpĕră dăbĭtŭr ăb hŏmĭnĕ nĭhĭlī.
Trăhĕrĕ iŭbĕt ănĭmŭs ăvĭdŭs ĭn ăpĭcĭbŭs ĭtĕr.
Vŏcăt ălĭŭd ŏpŭs ĭn ăgĭlĭbŭs ŏpĕrĕ frŭī. 40
Ĕă blătĕrŏ, sĭbĭ ĭtă lŏquĭtŭr, ŭt ĭnhĭat ŏpĭbŭs.
Dătĕ, dăbĭtŭr. Hăbĕ, hăbĕŏ. Fĕrŏ, fĕr. Ŭt ăg(o), ĭtă t(u) ăgās.
Mĭnĭmă rĕlĭgĭŏ cĭt ŏpĭvŏră căpĭtă pŏpŭlī.
Vĭtrĕă Vĕnŭs, ĕt Ămŏr hĕrĕ, Hĕră bŏnă, bŏnă Nĕmĕsĭs.
Pĕlăgĭdŏmĕ Nŏmĭĕ, Băry̆brŏmĭĕ, fĕmŏrĭgĕnă. 45
Pătĕr Eūĭĕ, Cy̆bĕlă Phry̆gĭă dŏmĭnă, dătĕ lŏcŭm.
Răpĭŏr. Ănĭmŭlă mĭsĕrŭlă prŏpĕrĭtĕr ăbĭĭt.

Ganz rasch mit schnellem Fuß treibe ich die Metren noch mehr voran und eile unter Venus Führung davon, andere Gegenden überfliegend. Mich treibt auf der Schulter Amor dorthin; gerade ergreift Besitz von mir die glänzende Charis. Wohlan, meergeborene Göttin, wohlan, göttlicher Knabe, wo bin ich? [5] Zuerst ist meine Seele flüchtig, bald bebt sie; ein anderes Mal wollte sie zurückfliehen; so ängstlich ist die dumme. Lass mir das Alte, was ich habe; ich mag nichts wissen von Neuem. Zweifelhafte, schlechte Werke nimmt das allzu gierige Auge in sich auf. Was sehe ich? Nähert sich dieser Höhe eine wilde Truppe von Satyrn? [10] Dünne Blätter, den Thiasus verbergende, schüttelt die fackeltragende (Truppe). Ein ältliches Menschlein sitzt anderswo kleinmütig auf einem Esel. Eine bestimmte stampffüßige Gruppe zeigt andere Waffentänze. Wahn, reiner Hass, hitzige, leidenschaftliche, rasche Flucht. Dieser Unmusische ist nass von einer Menge Milch. Aber, aber auch [15] zwei starke Schwerter sind da. Geh weg, geh weg und wende deine Geißeln anderswohin, schlangentragende Furie. Den Kopf rollt sie, wenn sie heult. Das westwindtosende Meer peitscht der Klang immer mehr auf. Den feurigen Himmel bedeckt augenverhüllende Dunkelheit und macht ihn unsichtbar. Ziege, Hase, Schaf, Adler, Löwe, Wolf, Widder, [20] schlupfwinkelbewohnende Tiere krümmen ihre Flanken im Strauchwerk. Es lärmt dort die gewölbte Grotte, die grünen Haine rauschen. Die heiligen, ganz abgeschafften Orte der Füße kann ich nicht zurückfordern, nachdem das gewandte Gedächtnis den Ursprung der Seele festgesetzt hat. Das Gedächtnis ist zitternd und schlaff – die Liebesdienste vergehen [25] wie ein hohles Rad. Mit gleichlangen Speichen eingerichtet durchmisst es eine Strecke und eine andere, wenn es sich durch die Krümmung dreht. So stürmt das rasche Herz; stark und neu ist die Tollheit. Wer wird dafür gut sein, wer wird dafür geschickt sein? Du bist da, waldumschlingendes Efeu, eile, raffe, schüttele, ziehe! [30] Wohlan, das Klappern soll nachlassen! Dort wird ein bedrohlicher Räuber sein, wo der erquickende Schlaf die Höhlen der Seele schwächt, wenn er kommt. Was werde ich sein? Die starre Zeit lässt nicht zu, dies mit allzu heiterer Miene zu geben. Hoffentlich habe ich etwas, wodurch der Mangel von hier irgendwo anders hin geht. Mühe wird bei den Aufgaben sein; also werden die Aufgaben schwer sein. [35] So zwingt die Ehre, das zu tun, woran die Seele Geschmack hat. Die alberne Ehre tönt, wo die Aufgabe auf ein friedliches Gut fällt. Häufig kommt Tölpelhaftigkeit bei stinkendem Vieh vor, so dass der Mensch für nichts sich leichtere Mühe macht. Die gierige Seele befiehlt, auf den Gipfeln den Weg zu gehen. [40] Eine andere Aufgabe ruft, unter Geschäftigen Nutzen aus einer Aufgabe zu ziehen. So schwatze ich, so spricht man mit sich, um nach Reichtum zu schnappen. Gebt, es wird gegeben werden. Halte, ich halte. Ich bringe, bring. Wie ich handle, so sollst du handeln. Die geringste Frömmigkeit weckt die hilfeverschlingenden Häupter des Volkes. Glänzende Venus, Herr Amor, gute Hera, gute Nemesis, [45] meerbeherrschender Hirte, lauttönender, schenkelgeborener Vater Euius, phrygische Herrin Kybele, gebt Raum. Ich werde hinweggerafft. Das elende Seelchen ist eilends hinfort gegangen.

In der Folgezeit waren Scaligers theoretische Beschreibung des Hyporchema in den Poetices libri septemScaliger, Julius ሴiሴCaesarPoeticesሴiሴ libri septem und/oder sein konkretes Hyporchema Baccho usw. anscheinend normbildend. Denn Johann Heinrich AlstedAlsted, Johann HeinrichEncyclopaedia definiert diese poetische Form in seiner 1630 publizierten Encyclopaedia ausschließlich dadurch, dass nur kurze Silben verwendet werden (Liber X, Sectio IV, Capitulum V, XXVIII: Hyporchema est, quod non nisi breves admittit syllabas).Scaliger, Julius CaesarHyporchema Baccho20 Auch bestehen nicht nur beide als Hyporchemata bezeichneten Gedichte Scaligers aus Versen, die nur aus kurzen Silben mit einer abschließenden anceps gebildet werden, sondern es bestehen alle nach Scaliger entstandenen, mir bekannten lateinischen, jeweils als Hyporchema bezeichneten Gedichte aus solchen Versen, wobei diese Verse entweder gleiche (Scaliger, Hyporchema Baccho, Sileno usw.; Hugo GrotiusGrotius, HugoHyporchema in obitum Aldinae catellae, Hyporchema in obitum Aldinae catellae; Christian BecmannBecmann, ChristianHyporchema ad Christianum II Ducem Saxoniae, Hyporchema ad Christianum II Ducem Saxoniae; Paul Fleming, Sylva 9,3,4 Hyporchema. Sponsus ad sponsam) oder alternierende Silbenzahl (Scaliger, Ad animam Fracastorij hyporchemaScaliger, Julius ሴiሴCaesarAdሴiሴ animam Fracastorii hyporchema; Fleming, Sylva 9,2 Christo hodie-nascenti hyporchema) aufweisen. Ebenso bestehen die drei genannten weiteren Gedichte Flemings, die nicht im Titel als Hyporchema bezeichnet werden, aus alternierenden, nur aus Kürzen mit abschließender anceps aufgebauten Versen: Sylva 8,39 (= Suavium 39) Fleming, PaulSylva; Sylva 9,1,2Fleming, PaulSylva Sponsus ad Sponsam und Sylva 9,1,11Fleming, PaulSylva Sponsus ad Aedones. Ein weiterer Beleg ist ein metapoetischer Hinweis Flemings in seinem Christo hodie-nascenti hyporchema Fleming, PaulSylva(663–665) auf die besondere metrische Faktur des Textes: Brevibus at ego brevia pedibus / tibi mea volo canere canimina. Puere, brevis, / brevis opera mea tibi placeat. („Aber ich will dir meine kurzen Lieder in kurzen Füßen singen. Knabe, kurzer, mein kurzes Werk mag dir gefallen.“).21

Sich mehr oder weniger ausschließlich auf Kürzen zu beschränken, ist im Lateinischen überaus schwierig, jedenfalls schwieriger als im Griechischen, das etwa doppelt so viele kurze wie lange Vokale aufweist, während im Lateinischen die Längen in etwa demselben Verhältnis wie im Griechischen die Kürzen überwiegen.IambusIambenkürzung22 Abgesehen von der Auswahl des lexikalischen Materials begegnet Scaliger diesem Problem mit folgenden Maßnahmen: Alle Vokale vor Muta cum liquida misst er offensichtlich kurz. Auslautendes langes -e, -i oder -o oder Diphthonge verschleift er entweder mit der nächsten kurzen Silbe (1: me humero Amor; 7: quae habeo; 15: Abi, abi alio age; 31: animi hebetat; 38: quo abeat alio abhinc; 47: ago, ita ut tu agas) oder kürzt auslautendes langes -e, -i oder -o an 24 Stellen entsprechend derjenigen in antiker Dichtung zu beobachtenden Lizenz, die später als Iambenkürzungsgesetz erkannt und formuliert wurdeFleming, PaulSylva23 (1: ego, ago; 3: ibi; 4: ubi; 5: modo; 6: adeo; 7: habeo, ego; 9: video; 11: alibi; 16: ubi, leo; 22: nequeo; 23: ubi; 30: ibi, latro; 32: ero; 36: ubi; 41: blatero, sibi; 42: habe, habeo, fero; 43: religio), wobei die Kürzung des auslautenden -o außer im Dativ und Ablativ der o-Deklination in der lateinischen Dichtung der Antike tatsächlich weit verbreitet war.24 Zur Kürzung des Diphthongs in Euie (46) mag sich Scaliger wegen der häufigen Kürzung von langen Vokalen vor einem folgenden Vokal berechtigt gesehen haben, doch werden Diphthonge in diesem Fall in der antiken Dichtung normalerweise nicht gekürzt. Möglicherweise hat Fleming in Sylva 9,3,4,23 Scaligers Fehler dadurch zu korrigieren versucht, dass er – jedenfalls in der Druckfassung –25 nicht Euius, sondern Evius schreibt. Jedenfalls legt Flemings Benutzung der gleichen antik nicht belegten Epitheta barybromyus und femorigena (Sylva 9,3,4,23–24; V. 45 bei Scaliger) für Euius/Evius nahe, dass er an dieser Stelle auf Scaliger rekurriert. Dass aber Fleming das E von Evius vor einem Konsonanten v zu Recht kurz misst, kann, soweit ich sehe, antik nicht belegt werden. Auch Scaligers Kürzung des o in abeoque ist eigentlich nicht statthaft. Zwar ist die Kürzung von auslautendem o in Verbformen, wie gesagt, durchaus üblich und Scaliger mag aus der Beobachtung dieses Verfahrens eine Gesetzmäßigkeit abgeleitet haben, doch ist in der antiken Dichtung von Livius Andronicus bis Juvenal außer in quoque kein kurzes o vor -que belegt.Elision26 Der Verschleifung bzw. der Elision von langen Silben vor kurzen bedient Scaliger sich insbesondere beim Dativ bzw. Ablativ (1: humero) sowie bei MonosyllabaMonosyllabum (1: me; 7: quae; 38: quo; 47: tu), die in der antiken Metrik üblicherweise nicht gekürzt wurden.DactylusHexameter27 Allerdings ist die Elision eines langen Vokals vor einem kurzen bei den antiken Komikern zwar geläufig, in der Hexameterdichtung aber auf die Fälle beschränkt, in denen der nachfolgende kurze Vokal auch lang gemessen werden kann wie z.B. das a in acies, indem das i als Konsonant betrachtet wird, oder beide Worte eng zusammenhängen.28

Was den Inhalt von Scaligers Gedicht angeht, ist festzustellen, dass das Ich des Textes bzw. seine Seele sich in einem ekstatischen Höhenflug befindet (1–4; 47: rapior) und das ausspricht (41: ea blatero), was es in seinem Taumel erlebt. Seine Äußerungen sind nach dem Eindruck Jacopo Morellis dunkel bzw. unverständlich (obscurus),29 nach meinem Eindruck stellenweise nahezu sinnfrei. Ich verweise insbesondere auf Vers 42: Date, dabitur. Habe, habeo. Fero, fer, dann aber auch auf die merkwürdige Apostrophe des Bacchus als „meerbeherrschender Hirte, lauttönender, schenkelgeborener Vater Euius“ (45–46). Tatsächlich ist die Geburt aus dem Schenkel des Jupiter (femorigena) ein Charakteristikum des Bacchus, Euius einer seiner Beinamen, doch die weiteren Epitheta sind üblicherweise mit anderen Göttern verknüpft, die der Überschrift zufolge nicht die Adressaten sind: Der Meerbeherrscher (pelagidomus) ist Neptun/Poseidon (z.B. Cicero, De natura deorum 71,1; Vergil, Aeneis 5,799: domitor maris), der Hirte (nomios) Apoll (Servius zu Vergils Eklogen, prooemium 1; 5,35; Georgica 3,2; 4,7; Donat, Vita Vergilii 53) und der Lauttönende (barybromius) eigentlich Jupiter/Zeus (z.B. Pindar, Olympia 8,44: βαρυγδούπου Διός). Das für ,lauttönend‘ verwendete Adjektiv barybromius ist zwar in seinem zweiten Teil bromius homophon mit dem Beinamen des Bacchus Bromius, und es ist auch ein griechisches Adjektiv βρόμιος ,tönend, laut‘ belegt (Pindar, Nemea 9,8–9: βρομίαν φόρμιγγ’), doch für das Nominalkompositum barybromius gibt es weder im Lateinischen noch im Griechischen einen antiken Beleg.

Man mag die bösartige Vermutung äußern, die Unverständlichkeit und die unüblichen, teilweise neu gebildeten Epitheta seien dem metrischen Zwang geschuldet, ausschließlich Kürzen zu verwenden, doch wahrscheinlicher scheint mir, dass Scaliger die Ekstase abbildet und die Dunkelheit, die Sperrigkeit und nicht zuletzt die geradezu monströs wirkenden Epitheta in den Versen 18–22 des Pratinas-GedichtesPratinas-Fragment imitiertImitation. Diese These wird durch Scaligers Ad animam Fracastorij hyporchemaScaliger, Julius CaesarAd animam Fracastorii hyporchema bestätigt, einem durchaus verständlichen Text über die Aufnahme von Girolamo Fracastoros Seele in den Himmel, sowie durch seinen In Bacchum GalliambusScaliger, Julius CaesarIn Bacchum Galliambus, einen ebenso verständlichen HymnusHymnus auf die Macht des Bacchus mit einigen mythischen Elementen, der in den Ausgaben der Poemata direkt auf das Hyporchema Baccho usw. folgt.Hymnus30 Dass dieser Hymnus in GalliambenIonicusa maioreGalliambus, d.h. demjenigen Versmaß verfasst ist, das CatullCatullAttis-Gedicht für sein Attis-Gedicht (63) verwendet hat, ist insofern passend, als beide Gedichte einen ekstatischen Kult zum Gegenstand haben. GalliambenIonicusa maioreGalliambus bestehen bekanntlich aus vier Ionici a maiore und damit zwar nicht ausschließlich aus Kürzen, in der zweiten Hälfte nach der Dihärese jedoch durchaus häufig aus immerhin 7 Kürzen und einer einzigen Länge im 3. Metrum.Hymnus31 Mit dem Hyporchema Baccho usw. verbindet den In Bacchum Galliambus überdies die für einen Götter-Hymnus typische Fülle von Epitheta des angerufenen Gottes. Von diesen Epitheta – es sind nicht weniger als 48 verschiedene – ist ein Teil als Beiname des Bacchus, ein Teil in ähnlicher Form als Beiname des Bacchus (4: Thyrsiger, Bicornis, Dionysus; 5: Eleleus, Bimater; 31: Bassareus, Euius; 39: Lyus [statt: Lyaeus], Lusius; 58: Thyonieus [statt: Thyoneus], Nyctilieus [statt: Nyctelius]; 73: Eu[h]an; 90: Nys[a]eus; 91: Leneius [statt: Lenaeus], Manicus; 101: Licnites, Sabazius; 130: Liber; 131: Pericionius) und ein Teil in anderen Kontexten belegt (55: Peregrinus, Semitalis, Xenius; 73: Tauriformis [sonst Beiname des Flussgottes Aufidus, vgl. Horaz, Oden 4,14,25]; 101: Dius, Chthonius; 130: Hagnus, Orgiastes), wobei die Abweichungen von der belegten Form dem Metrum geschuldet sein dürften. Die Hauptquellen für die belegten und ähnlich belegten Epitheta sind im Bacchus-Preis im 4. Buch von Ovids Metamorphosen (11–15: Lyaeus, Bimater, Nyseus, Thyoneus, Lenaeus, Nyctelis, Eleleus, Euhan) und in den Orphischen Hymnen (45,2: Bassareus [vgl. Horaz, Oden 1,18,11]; 45,4: Manicus; 46,1: Licnites; 47,1: Pericionius; 48,1: Sabazius [vgl. Cicero, De legibus 2,37; De natura deorum 3,58]; 50, 2: Lysius; 50,3: Euius [vgl. Cicero, Pro Flacco 60; Horaz, Oden 1,18,9; 2,11,17]) zu suchen. Thyrsiger (in Verbindung mit Lyaeus und Liber) ist bei Seneca (Medea 110, Phaedra 753) belegt, Bicornis als Epitheton des Bacchus (und in Verbindung mit Bassareus) nur in einem Beispiel für ein ithyphallischesIthyphallicus Metrum in einem bei Atilius FortunatianusAtilius Fortunatianus überlieferten Stück aus einem metrischen Traktat des Gaius Caesius BassusCaesius Bassus (frg. 6,18). Dass Scaliger dieses Textstück gekannt hat, ist möglich, aber nicht unbedingt wahrscheinlich.Atilius FortunatianusHymnus32 Nomius wird sogar zweimal (39, 58) als Beiname des Bacchus verwendet. Bei einem erheblichen Teil jedoch handelt es sich wie in dem Hyporchema Baccho usw. um nicht belegte Nominalkomposita, von denen zwei aus lateinischen (4: Bigenitus; 130: Vitulifrons), die meisten aber aus griechischen Bestandteilen gebildet sind (14: Baryctobromius; 31: Barymenus, Gegeneophonus; 55: Myrionymus; 56: Hyperemeroclophypne, Ploinerterobathypne; 58: Oreodromus; 73: Meretrophus; 90: Botrypyrigenes; 101: Chryphomistes; 130: Nooormus; 131: Holodesmus, Brasmocrator) und von denen sich die beiden Letzteren aus Periphrasen des 47. Orphischen Hymnus ergeben: […] ἔστησε κρατερῶς βρασμοὺς γαίης ἀποπέμψας […] ὃ δ’ ἀνέδραμε δεσμὸς ἁπάντων (3–5; „[…] der machtvoll das Beben der Erde beendete und abwendete […] er aber erhob sich als Fessel von allem“). Das im Hyporchema Baccho usw. verwendete Kompositum Femorigena erscheint in der Verbindung Semelefemorigena (5), pelagidoma (8: soror […] pelagidoma) als Periphrase einer Meernymphe.

Nicht nur eine ImitationImitation, sondern ein wörtliches Zitat des spätantiken Lyrikers Septimius SerenusSerenus, Septimius bildet der letzte Satz Scaligers (47) Scaliger, Julius CaesarHyporchema Baccho: Animula miserula properiter abiit. Serenus᾿ Satz, der bei dem Grammatiker Diomedes (I,513 GLKDiomedes) tradiert ist, besteht aus 15 kurzen Silben, doch wissen wir ebenso wenig wie Scaliger, in welchem metrischen Kontext er gestanden hat. Von Serenus ist aber bei Martianus CapellaMartianus Capella (5,518) und Terentianus MaurusTerentianus Maurus (1464) ein weiterer, aus 15 kurzen Silben bestehender Satz überliefert: Perit, abit, avipedis animula leporis, sodass auf Grund der metrischen Äquivalenz dieser beiden Sätze darauf geschlossen werden mag, dass Serenus tatsächlich aus 15 Kürzen bestehende Verse verfasst hat. Im Zusammenhang mit dem neulateinischen Hyporchema ist der Satz des Serenus über das Zugrundegehen des Hasenseelchens überdies insofern von Belang, als er als Modell für Hugo GrotiusGrotius, Hugo᾿ Hyporchema auf den Tod des Hündchens Aldina in Anspruch genommen wird.Grotius, HugoHyporchema in obitum Aldinae catellae33 Natürlich ist die inhaltliche Verwandtschaft von Versen über den Tod von Haustieren unübersehbar, doch sprechen die Bezeichnung als Hyporchema sowie die gleiche Länge der Verse – auch Grotius bildet Verse mit 17 Kürzen und einer anceps – dafür, dass Grotius auf Scaliger rekurriert:34


Trĕpĭdŭlă cănĭs ănĭmŭlă Sty̆gă sŭbĭtŏ pĕtĭĭt,
nĭgĕr ŭbĭ lăcŭs, ŭbĭ nĕbŭlă, ŭbĭ plăgă tĕnĕbrĭcă;
nĕquĕ lŏcă sŭpĕră, nĭtĭdŭlă, vĭrĭdĭă rĕpĕtĕt.
Ŭbĭ mĭsĕră pĕrĭĭt, hĕrĕ, tĭbĭ quĭs ĕrăt ănĭmŭs?
Lăcry̆mŭlă cĭtă tĭbĭ cădĭt ĭnhĭbĭtă gĕmĭtĭbŭs, 5
tŭăquĕ mĕmŏrĭă vĕtĕră bĕnĕfĭcĭă rĕpĕtĭt.
Hŏmĭnĭdŏmă, fĕrĭdŏmă, Cy̆prĭă, sălĭgĕnă Dĕă,
tŭă vĭdĕŏ, tŭă măle pĭă, trŭcĭă făcĭnŏră.
Vĕnĕrĕă iŭgă fŭgĭtĕ, văgă gĕnĕră quădrŭpĕdŭm.
Sĭnĕ mărĕ, vĭdŭă, stĕrĭlĭs ăgĕrĕ bĕnĕ pŏtŭĭt. 10
Ămŏr ălĭŭd ădĭgĭt. Ĭtă gĕmĭnĭpără pĕrĭt.
Dŏlĕt hĕrŭs, ĕt hĕrĭsĕquă, cĭthărĭcrĕpă, fămĭlĭă.
Prŏcŭl ăgĭlĭă trĭpŭdĭă, fĭcĭdĭnă Dĕă prŏcŭl,
lăbĭăquĕ lătĭcĭbĭbŭlă căpĭtăquĕ hĕdĕrĭgĕră,
quĭă nĭvĕŏla, nĭgrŏcŭlă, cĭbĭpĕtă, cĕlĕrĭpēs, 15
tĕnĕrŭlă, plăcĭdă cătŭlă nĕcĕ săcrĭlĕgă ŏbĭĭt,
ĕt ĭnănĭmă, cĭnĕrĭflŭă, sĭtă lăpĭdĕ tĕgĭtŭr.
Sătĭs ăgĕ, sătĭs. Ăbĕŏ, bŏnă cătŭlă, bĕnĕ vălē.
Mănĕt hĕr(i) ŏpĕrĭbŭs ălĭtă, tĭbĭ săcră cĕlĕbrĭtās.

Das ängstliche Seelchen der Hündin eilte plötzlich zur Styx, wo ein finsterer See, wo Dunst, wo dunkle Gefilde sind, und wird nicht mehr zu den oberen hellen, grünen Gegenden zurückkehren. Nachdem die Arme tot war, wie, Herr, war deine Gemütsverfassung? [5] Tränen rannen dir rasch herab, unterbrochen von Seufzern, und das Gedächtnis vergegenwärtigte sich die alten Liebesdienste. Menschen und Tiere beherrschende Kypris, meergeborene Göttin, deine gar nicht liebevollen, deine furchtbaren Taten sehe ich. Die Höhen der Venus flieht, ihr umherstreifenden Arten der vierfüßigen Tiere! [10] Ohne Mann, verwitwet, kinderlos hätte sie gut handeln können. Amor drängt zu anderem. So stirbt die Zwillingsgebärerin. Es trauert der Herr und das Gefolge des Herrn, das zittertönende Gesinde. Fern seien lebhafte Dreischritte, fern die saitenspielende Göttin, fern auch milchtrinkende Lippen und efeutragende Häupter, [15] weil die glänzende, schwärzliche, futterbettelnde, schnellfüßige, zierliche, sanfte kleine Hündin einen gottlosen Tod starb und entseelt, in Asche zerfallend unter einem Stein liegt. Genug jetzt, genug! Ich gehe fort. Gutes Hündchen, lebe wohl! Es bleibt dir, genährt durch die Werke deines Herrn, eine heilige Berühmtheit.

Das Hyporchema in obitum Aldinae Catellae findet sich in keiner Edition von Grotius᾿ Gedichten,Zanten, Laurens vanDeliciae Poeticae35 sondern wurde nur in die Appendix der von Laurens van Zanten 1796 publizierten Sammlung von Gedichten zahlreicher, insbesondere niederländischer Neulateiner Deliciae Poeticae aufgenommen.36 Es geistert erst durch die Forschungsliteratur, seitdem der Direktor der Bibliotheca Marciana Jacopo Morelli den Text zusammen mit zahlreichen weiteren EpicedienEpicedium anderer Autoren auf denselben HundAleandro, GirolamoIn obitum Aldinae catellae37 in einer Handschrift in die Hände bekam, die den Titel trägt: Lacrymae poeticae Aleandri aliorumque in obitum Aldinae catellae, typis editae Parisiis 1622 und von einer praefatio Girolamo Aleandros eingeleitet ist.38 Weitere Gedichte auf den Tod der Aldina sind in dem 55 Seiten starken, unter dem Namen Girolamo AleandrosAleandro, Girolamo in Paris 1622 publizierten Büchlein In obitum Aldinae catellae enthalten. Teilweise finden sich die Gedichte nur im Druck, teilweise nur in der Handschrift, nur wenige scheinen sowohl im Druck als auch in der Handschrift vertreten zu sein.DactylusHexameterGrotius, HugoEpicedium39 Dem Titel des (gedruckten) Epicediums AleandrosAleandro, GirolamoIn obitum Aldinae catellae In obitum Aldinae catellae suae festivitissimae40 ist zu entnehmen, dass es sich bei Aldina um seinen eigenen Hund handelte.41 Grotius᾿ Hyporchema ist in der gedruckten Sammlung nicht enthalten. Dass Morelli es der Edition für wert hielt, ist vermutlich auf die außergewöhnliche Form zurückzuführen. Wie der Text Eingang in van Zantens Sammlung fand, war für mich nicht ermittelbar.

Metrisch sieht sich Grotius zu den gleichen Lizenzen gezwungen wie Scaliger. Es finden sich sechs Kürzungen von auslautendem -i, und -o in der beschriebenen Weise (1: subito; 2: ubi; 5: tibi: 8: video, 18: abeo, 19: tibi) sowie eine Elision von auslautendem -i vor kurzem Vokal (19: heri), wobei es sich hier um die Elision eines kurzen Vokals handelt, da das i von heri auch in antiker Dichtung gekürzt werden kann. In Becmanns Hyporchema ad Christianum II Ducem Saxoniae Becmann, ሴiሴChristianHyporchemaሴiሴ ad Christianum II Ducem Saxoniaeund FlemingsFleming, Paul Gedichten sind die gleichen Phänomene zu beobachten.

Inhaltlich präsentieren sich Grotius᾿ 19 Verse als antikisierendes GrabepigrammEpicedium, in dem zunächst der Eingang der Hundeseele in die Unterwelt festgestellt (1–3), dann die Trauer des Herrn beschrieben wird (4–6). Daraufhin wird Venus die Schuld am Tod des kleinen Tieres und damit eine Rolle gegeben (7–11), die in Opposition zu ihrer Funktion als Lebensspenderin steht, als die sie von Lukrez (1,1–23) gepriesen wird. Noch einmal ist von der Trauer des Herrn und seiner Umgebung die Rede (12). Alle Freudenäußerungen sollen fernbleiben (13–14), weil Aldina tot ist, wobei die Hündin mit zahlreichen Epitheta versehen wird (15–18). Zuletzt nimmt das Sprecher-Ich Abschied von Aldina und ihrem Grab. Die Analogie zwischen dem Hund, der in die düstere Unterwelt eingeht, und CatullCatulls Sperling, der denselben Weg beschreitet (Catull, Carmina 3Catull,11–12), ist deutlich und wurde dementsprechend bereits in der Literatur vermerkt.Epicedium42 Doch Grotius᾽ Hyporchema parodistisch-komische Züge zu attestieren,43 wie sie in Catull 3 naheliegen, verbietet der Kontext der weiteren Epicedien auf Aldina, insbesondere desjenigen ihres Besitzers. AleandroAleandro, GirolamoIn obitum Aldinae catellae schildert in seinem EpicediumEpicedium sehr realistisch das Aussehen und das (hundetypische) Verhalten seiner Aldina sowie die Umstände ihres Todes, dass sie nämlich – trotz aller Mühe und Fürsorge ihres Herrn – im Alter von gerade zwei Jahren nach der Geburt von Jungen starb, nachdem die Welpen bereits tot waren.

Ohne diesen Kontext ist freilich die Versuchung groß, über die trepidula […] animula (1), die Verkleinerung von Substantiv und Attribut zu schmunzeln. Auch zeigen die spätesten der genannten Hyporchemata, Flemings Sylva 8,39 (= Suavium 39) und Sylva 9,3,4Fleming, PaulSylva Hyporchema. Sponsus ad sponsam, die beide zu Hochzeitsschriften gehören, durchaus einen spielerischen Charakter. Letzteres stellt eine dem Anlass entsprechende Aufforderung zum TanzTanz dar, Ersteres ist ein Liebesgedicht, in dem mit einer gewissen Übertreibung und einer überbordenden Fülle von Diminutiva die Abhängigkeit des Sprecher-Ichs von der Gnade und Ungnade der Geliebten formuliert wird.Scaliger, Julius CaesarAd animam Fracastorii hyporchema44 Doch ursprünglich ist die Tendenz des Hyporchema seiner Herkunft entsprechend eher ernsthaft. So finden sich unter den genannten Texten drei, die zu Gedicht-Zyklen anlässlich eines Todesfalls gehören, d.i. Scaligers Ad animam Fracastorij hyporchema aus den Arae Fracastoreae sowie Flemings Sylva 9,1,2 Fleming, PaulSylvaSponsus ad Sponsam und Sylva 9,1,11Fleming, PaulSylva Sponsus ad Aedones aus den Arae Schoenburgicae. Scaligers Hyporchema Baccho, Sileno usw. und Flemings Sylva 9,2Fleming, PaulSylva Christo hodie-nascenti hyporchema sind GötterhymnenHymnus, der eine pagan-antikisierend, der andere christlich, und Becmanns Hyporchema ad Christianum II Ducem SaxoniaeBecmann, ChristianHyporchema ad Christianum II Ducem Saxoniae preist den Sachsenherzog. Auch in Flemings Sylva 9,1,2Fleming, PaulSylva Sponsus ad Sponsam auf den Tod von Maria Juliane von Schönburg findet sich gleich im ersten Vers die animula (die in den Tod entflohen ist), und zwar ebenso wie in den erwähnten Versen des SerenusSerenus, Septimius und ebenso wie im ersten Vers der iambischen DimeterIambusDimeter, die HadrianHadrian kurz vor seinem Tod geschrieben haben soll (Scriptores Historiae Augustae, Hadrianus 25,9):


Ănĭmŭlă văgŭlă, blāndŭlă,
hōspēs cŏmēsquĕ cōrpŏrĭs
quaē nūnc ăbībĭs īn lŏcă
pāllĭdŭlă, rĭgĭdă, nūdŭlă,
nĕc, ūt sŏlēs, dăbīs jŏcōs?

Unstetes, reizendes Seelchen, Gast und Geleiter des Körpers, in welche bleiche, unerbittliche, nackte Gegend gehst du nun von dannen und scherzt auch nicht mehr wie gewohnt?

Die Hadrian zugeschriebenen Dimeter, die gerade im ersten Vers fast völlig aufgelöst sind, werden als antikes lateinisches Vorbild für Fleming in Anspruch genommen, auch wenn m.E. Flemings Referenz auf Scaliger außer Frage steht.

Insgesamt zeigt das häufige Vorkommen der animula in pyrrhichischenPyrrhichius bzw. pyrrhichisch wirkenden Versen sowie das ebenso häufige Vorkommen von Diminutiva in allen Gedichten, die auffällige Rekurrenz bestimmter Adjektive (nitidus, lepidus, viridis u.a.), die Häufigkeit des Femininum Singular der a-Deklination und des Neutrum Plural, wie sehr sich die Dichter durch die Beschränkung auf Kürzen lexikalisch eingeengt hatten.

Wie es scheint, stellt also das neulateinische Hyporchema eine metrische Form dar, die theoretisch und praktisch auf Iulius Caesar ScaligerScaliger, Julius Caesar zurückgeht, der seine Vorstellung vom antiken Hyporchema am sogenannten Pratinas-FragmentPratinas-Fragment orientiert. Diese Form fordert mit Ausnahme der Endsilbe die ausschließliche Verwendung von kurzen Silben, die entweder zu Versen gleicher Silbenzahl oder alternierenden Versen zusammengesetzt werden. Die Beschränkung auf kurze Silben macht zum einen eine Beschränkung auf ein überschaubares lexikalisches Material notwendig, zum anderen die Ausnutzung aller Möglichkeiten, Silben zu kürzen, und die Elision von langen vor kurzen Silben. Typisch für das Hyporchema ist überdies die Verwendung von Diminutiva und von zahlreichen, oft als Nominalkomposita neu gebildeten Epitheta, die sicherlich zum Teil den metrischen Zwängen geschuldet ist. Die Verwendung der auffälligen Epitheta orientiert sich aber auch an entsprechenden Epitheta des Pratinas-FragmentsPratinas-Fragment. Die Frage liegt nahe, weshalb Dichter eine Form herausbilden und sich in ihr betätigen, die ihrem Dichten solch enge Beschränkungen auferlegt. Eine poetologische Antwort könnte lauten, dass sie sich in einer Form der archaischen griechischen Lyrik betätigen, in der, wie gesagt, auch PindarPindar und pindarische Dichtung gedichtet haben soll, dass sie also in gewisser Weise pindarisieren. Die prosaische Erklärung muss wohl lauten, dass diese Form technisch überaus schwierig und mühevoll ist, wie Scaliger es in der Überschrift seines Hyporchema Baccho, Sileno usw. formuliert: omnium poematium operosissimum,Grotius, Hugo45 und die Dichter ihre technische Brillanz unter Beweis stellen wollten. In diesem Sinn hätte Grotius z.B. danach gestrebt, unter den zahlreichen EpicedienEpicedium auf Aldina etwas Besonderes zu bieten. In Alsteds Encyclopaedia Alsted, Johann HeinrichEncyclopaediafindet sich das Hyporchema jedenfalls unter den Technopaegnia. Die Hyporchemata FlemingFleming, Pauls, der mit fünf Exemplaren die Hauptmasse beisteuert, stammen sämtlich aus den Jahren 1630/31, seiner poetischen Frühzeit und experimentellen Phase. Möglicherweise hat sich also Scaligers metrische Neuschöpfung trotz ihrer erhabenen Herkunft wegen ihrer extremen Künstlichkeit schnell totgelaufen. Nicht jedes Geschöpf, das aus dem Geist der Antike geboren wird, ist also lebenskräftig, und selbst der Barockhumanismus hat nicht jedes manieristische Spiel goutiert.

Literaturverzeichnis
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Il carmen anguineum di Lidio CattoCatto (Catti), Lidio (Bernardino)Opusculacarmina anguinea

Poesia enigmaticaRätseldichtung ed enigmistica tra stampe e manoscritti

Stefano Cassini

La vita del poeta e i suoi Opuscula

I pochi studi finora esistenti sulla figura di Bernardino Catti di Ravenna hanno sempre sottolineato la particolare sensibilità di questo poeta per la sperimentazione e il non convenzionale.1

Bernardino Catti (o Catto o Gatti), che adotterà il soprannome ‘Lidio’ in onore della sua misteriosa amata Lidia, nacque a Ravenna nella seconda metà del XV secolo. Grazie alle opere di erudizione e ai documenti di archivio, è possibile tracciare un profilo abbastanza esaustivo della vita del poeta. Diventato notaio pubblico nel 1481, Lidio si trasferì a Padova, dove la sua presenza è registrata negli Acta dell’Università già a partire dal 1484, così come è registrata la sua laurea in diritto civile nel 1491.2

Il soggiorno padovano dev’essere stato un punto di svolta non solo professionale, ma anche poetico: nella Padova macaronica, il Catti ha potuto elaborare il suo stile sperimentale, spesso basato sull’incontro tra volgare e latino, nonché conoscere l’allora podestà Leonardo Loredan, futuro doge di Venezia. L’ossessiva presenza di quest’ultimo nell’opera del poeta-giurista lascia suppore che potesse essere il suo mecenate.3

Tornato tuttavia in patria, Bernardino sembrerebbe essersi concentrato soprattutto sulla carriera giuridica e politica, rivestendo numerosi incarichi pubblici, tra cui spiccano il ruolo di podestà a Forlì e Cesena4 e l’incarico d’ambasciatore per la propria città, persino presso il papa.5

In un documento ravennate del 1530 viene menzionato come defunto.6 Ebbe sicuramente quattro figli: Venerio, Livio, Laura e Livia. Livio in particolare fu abate di Classe e potrebbe essere lo stesso Livius Cattus della nota di possesso del manoscritto Classense 18, una copia quattrocentesca dei Rerum vulgarium fragmenta e dei Trionfi di Petrarca.7

Infine, Serafino Pasolini sostiene che alla laurea in diritto il Catti avrebbe affiancato la laurea poetica,8 ma non ho trovato ulteriori riscontri al riguardo.

L’opera più famosa di Lidio sono sicuramente i Lydii Catti Ravennatis opuscula, stampati a Venezia nel 1502 da Giovanni Tacuino, sotto l’egida del grande editore Girolamo Avanzi. Si tratta di una raccolta dedicata al neoeletto doge Leonardo Loredan, formata da versi perlopiù atipici e curiosi composti tra il 1487 e il 1502, suddivisi in sette sezioni.

In questo vero e proprio scrigno di stravaganze latine e volgari, le terzineTerzine dantesche e la sestinaSestine sono scritte in esametriDactylusHexameter, talvolta compare un carmen SotadicumIonicusa maioreSotadeus, oppure il poeta, cedendo alla sua formazione giuridica, intenta un processo contro la propria amata perché gli restituisca il cuore.9 Non mancano certo carmina più tradizionali, ma l’attenzione del pubblico non può che essere inevitabilmente attratta dagli esperimenti più curiosi e arditi.

Lo stesso poeta d’altro canto dimostra un forte orgoglio nel sottolineare la propria paternità delle invenzioni più audaci: la seconda sezione, che raccoglie i carmina più sperimentali, ostenta nel titolo la dichiarazione a nullo alio tali genere forte composita. Tra questi esperimenti spicca senza ombra di dubbio il carmen anguineum.

La struttura del carmen anguineum

Il carmen anguineum più noto si trova a c. Bvir degli Opuscula, col titolo Ad Leonardum Laurodanum divinum Venetiarum principem de Sfortiae Francisci, Ludovici et Catharinae Sfortiadum genealogia deque eiusdem Catharinae Ascaniique Cardinalis captivitate, suspenso inter medios angue ac novato gressu signato pronosticho, Lydii Catti Ravennatis carmen.


Sfortia: Franciscus: Ludovicus: vertitur: ergo
fortuna: ad populi: Francisco: filius: ortus
Cottignolae: oritur: satus est: Ludovicus: in orbe
mutatur: vocem: genitore: ad proelia: pugnat.
Sfortia: Franciscus: Ludovicus: ducitur: et nil
sub sole: ad Gallum: princeps: victoria: vincit
multos: bellorum: efficitur: Ludovicus: habetur
perpetuum: captus: patriae: cantatur: in armis.
Sfortia: Franciscus: Ludovicus: mittitur: hoc sit
exemplo: Ascanius: fugit: connubia: terras
debellat: Blancae: venientem: ad vincla: tenenti
imperium: Venetum: regem: contraxit: habetque.
Sfortia: Franciscus: Catharina: hoc accidit: una
iustitia: ex annis: neptis: cum coniuge: praeda
efficitur: pariter: bellatrix: mille: regentes
firmat: quingentis: capitur: dominantur: aquarum.

A prima vista, questo peculiare componimento si presenta come una successione di parole suddivise in segmenti e colonne. Se si attua una lettura da sinistra a destra, si formeranno esametriDactylusHexameter perfetti ma privi di senso. Il carmen è quindi seguito dalla didascalia Venetiis decantatum e dal breve epigramma Constructio con cui, tramite un’analogia, il poeta suggerisce la corretta chiave di lettura:

Ascanium Marcus, rex Maurum, Borgia neptem,

ast anguem hoc coepi carmine Cattus ego.

Hunc coepi et viso Ludovici nomine captum

suspendi et posui versibus in mediis.

Versibus anguis inest igitur, tu clarius ergo

anguineo lector carmina more lege.

Marco catturò Ascanio, il re prese il Moro, Borgia la nipote, / ma io, Catto, ho catturato il serpente con questo componimento. / L’ho catturato e, visto il nome di Ludovico, una volta preso il serpente, / l’ho sospeso e l’ho posto nel mezzo dei versi. / Dunque il serpente si trova nei versi, perciò tu / lettore, leggi più chiaramente il componimento a mo’ di serpente.

L’intero epigramma gioca semanticamente sul tema del serpente, sfruttando l’ambiguità tra lo stemma degli Sforza e la tipologia del componimento. Riallacciandosi perciò al tema del carmen anguineum, il Catti innanzitutto rivendica la paternità dell’invenzione nel primo distico: come Venezia (Marcus), Luigi XII di Francia (rex) e Cesare Borgia catturarono rispettivamente i tre “serpenti” Ascanio Maria, Ludovico il Moro (Maurum) e sua nipote Caterina (neptem), così anche il poeta – il cui Cattus ego non può che richiamare il topos classico del primus ego Erfinder– avrebbe preso un serpente col suo carmen.1 Una volta catturato, questo è stato posto versibus in mediis, perciò il lettore dovrà leggere il tutto anguineo more.

Leggendo queste indicazioni, la prima risposta che si potrebbe dare all’enigma è la lettura bustrofedica. Tuttavia, sebbene segua perfettamente l’andamento tipico del serpente, questa non darà risultati utili, perché i versi continueranno a non avere significato.

Il primo studioso a suggerire per iscritto la corretta chiave di lettura del carmen anguineum fu Rinaldo Fulin.2 Lo studioso venne direttamente a conoscenza del carmen lavorando sui diari di Marin Sanudo, avendo quest’ultimo copiato il componimento, con alcune varianti testuali, alla fine del maggio 1500. Ciò permette di dare una spiegazione alla didascalia Venetiis decantatum che conclude il carmen degli Opuscula, aprendo alla possibilità di un’effettiva presentazione di una redazione precedente del componimento da parte del poeta nella capitale della Serenissima.

Il Fulin, a ogni modo, partendo dall’indovinello e notando come la colonna centrale iniziante con Ludovicus (cf. viso Ludovici nomine) fosse l’unica ad aver senso, capì che l’andamento serpentino in verità non dev’essere seguito parola per parola, ma piuttosto dev’essere usato per unire precisi segmenti di colonne opposte. Grazie a questo metodo, il lettore comprenderà il testo e il serpente farà comunque capolino, alla stregua del gioco in cui si devono unire i puntini per ottenere un disegno.

I segmenti da unire, per esempio, per ottenere la prima strofa saranno il primo dei versi dispari e l’ultimo dei versi pari, secondo il seguente schema:


Procedendo in questo modo, per ottenere la seconda strofa si unirà il secondo segmento dei versi dispari con il penultimo dei versi pari, per la terza strofa si leggerà in verticale la colonna centrale, per la quarta si unirà il penultimo segmento dei versi pari con il secondo dei dispari e infine per la quinta strofa l’ultimo segmento dei versi pari con il primo dei dispari. Il risultato finale sarà questo poema sui tre Sforza succitati:


Sfortia ortus Cottignolae pugnat.
Sfortia vincit multos in armis.
Sfortia terras debellat habetque.
Sfortia praeda efficitur aquarum. 4


Franciscus filius oritur ad proelia.
Franciscus victoria bellorum cantatur.
Franciscus connubia Blancae contraxit.
Franciscus cum coniuge pariter dominantur. 8


Ludovicus Francisco satus est genitore.
Ludovicus princeps efficitur patriae.
Ludovicus fugit venientem regem.
Catharina neptis bellatrix capitur. 12


Vertitur ad populi Ludovicus vocem.
Ducitur ad Gallum Ludovicus captus.
Mittitur Ascanius ad vincla Venetum.
Hoc accidit ex annis mille quingentis. 16


Ergo fortuna in orbe mutatur.
Et nihil sub sole habetur perpetuum.
Hoc sit exemplo tenenti imperium.
Una iustitia regentes firmat. 20

Lo Sforza nato a Cotignola combatte. / Lo Sforza vince molti con le armi. / Lo Sforza sottomette e possiede le terre. / Lo Sforza cade preda delle acque. / Il figlio Francesco nasce per combattere. / Francesco è cantato per aver vinto le guerre. / Francesco sposò Bianca. / Francesco comanda alla pari con la moglie. / Ludovico è figlio di Francesco. / Ludovico diventa principe della patria. / Ludovico fugge dal re incombente. / La nipote guerriera Caterina è catturata. / Ludovico si rivolge alla voce del popolo. / Ludovico, catturato, è condotto dal Francese. / Ascanio è mandato in catene a Venezia. / Questo accadde nel 1500. / Dunque la sorte nel mondo è mutevole. / E nulla sotto il sole è per sempre. / Ciò sia d’esempio a chi detiene il potere. / La sola giustizia consolida i governanti.

Lo svolgimento del carmen ripropone esattamente quanto anticipato nel titolo. Le prime due strofe riguardano la genealogia dei tre Sforza: la prima parla di Muzio Attendolo, nonno di Ludovico, nato a Cotignola (Ravenna) e morto affogato nel fiume Pescara durante una marcia; la seconda invece è incentrata su Francesco, figlio di Muzio, marito di Bianca Maria Visconti e primo Sforza a diventare duca di Milano. Con la terza strofa, corrispondente alla colonna centrale, si passa alla seconda parte relativa alla cattura dei tre protagonisti: la terza strofa introduce la fuga di Ludovico il Moro da Luigi XII e la cattura di sua nipote Caterina;3 la quarta parla della cattura del Moro e del suo fratello cardinale Ascanio Maria, con l’indicazione dell’anno dell’evento (Hoc accidit ex annis mille quingentis). L’ultima strofa contiene invece la morale finale, ossia un avvertimento tra il biblico4 e il machiavellico sui rivolgimenti della sorte, affinché chi governa non si illuda che il suo potere sia eterno.

Il tema scelto dal Catti per il carmen anguineum è legato alla posizione del componimento, collocato appunto nella sezione dedicata al nuovo doge Loredan. Oltre a muovere dall’antagonismo tra Milano e Venezia, e dalla volontà di mettere in guardia il proprio mecenate dall’ebrezza del potere, la scelta del soggetto può avere anche cause più personali. Grazie ad alcune notizie fornite da Vincenzo Carrari e Pompeo Litta,5 si sa che Michelino Catti, “proavo” del poeta, sarebbe stato persino imparentato con gli Sforza, in qualità di secondo marito della sorella di Muzio, Margherita Attendolo. Il poeta stesso peraltro, sempre secondo il Carrari, parlando della propria discendenza in alcuni suoi “versi latini manuscritti”, avrebbe confuso la moglie Margherita con la sorella Chiara, dimostrando così “di non aver saputo anco bene la sua origine”. Pur non essendo il carmen anguineum identificabile con i versi in questione, certamente può essere considerato parte di un filone tematico caro al poeta per motivi che vanno al di là del rapporto poeta-protettore.

Tornando alla struttura del carmen, nello schema sopra proposto il serpente è ben visibile lungo i vettori che uniscono i segmenti. Il Fulin lo colse nel suo movimento attorno alla colonna centrale, ma questa non dev’essere considerata una condizione sine qua non: nell’altro carmen anguineum contenuto negli Opuscula, ossia quello del Processus, il meccanismo testé descritto funziona nel medesimo modo senza alcuna colonna centrale. Quest’ultimo peraltro, se fatto risalire alla data del finto processo (1487), dev’essere considerato addirittura precedente al carmen sforzesco, databile invece all’anno 1500.

Un’altra suggestione che può trovare conferma guardando la ricostruzione grafica è il raffinato accostamento del tema prescelto al metro sperimentale. Gli Sforza infatti, assumendo il controllo del Ducato di Milano, ereditarono dai loro predecessori lo stemma del biscione. Elementi quali il nome del carmen, il suo soggetto, la forma suggerita dai vettori e l’uso ambiguo di anguis nella Constructio, convergono tutti nella perfetta specularità tra forma e materia, tra esperimento e contenuto. Se l’ipotesi fosse corretta, saremmo in presenza di un inusuale carmen figuratumFigurengedicht, in cui la figura riflette regolarmente il contenuto rimanendo però nascosta, in una specie di gioco enigmistico la cui chiave è fornita dalla Constructio.


La questione della paternità

L’orgoglio del Catti per la sua creazione è decisamente palese. Nel Processus degli Opuscula, per esempio, laddove il ravennate fa pronunciare all’amata Lidia il proprio breve manifesto poetico, tra le composizioni menzionate compaiono anche i carmina quae anguineo cernis migrantia cursu.1 Il luogo però in cui si manifesta maggiormente l’orgoglio del poeta è proprio lo stesso in cui compare il carmen.

Si è già accennato al tema del primus egoErfinder nella Constructio a c. Bviv, ma ancora più importante è la lettera che il cremonese Gianfrancesco Bindi avrebbe scritto l’11 settembre 1500 al nostro poeta, non a caso riprodotta per intero alle cc. Bviv– Bviir, subito di seguito al carmen anguineum. In questa lettera, il poeta è paragonato agli antichi ed è considerato supra omnem priscorum […] et neothericorum ingeniorum facultatem per le sue invenzioni. Su queste capeggiano proprio gli anguinei […] versus […] quos nuper excogitasti supra omnem priscorum. Prescindendo per ora dall’identità dei versi cui il Bindi si riferisce, è qui senza dubbio attribuita al Catti la paternità della loro invenzione.

Tali rivendicazioni trovano conferma anche presso Tommaso Tomai e, tramite costui, in Serafino Pasolini e Pietro Paolo Ginanni, eruditi tra i più informati sul Catti.Favonio, Mario2 Ciononostante, l’ambiguità terminologica del mondo della “poesia per gioco” ha fatto sì che anche ad altri poeti fossero attribuiti alcuni carmina anguinea, in particolare ai coevi Mario FavonioErfinderCurti, Lancino3 e Lancino Curti.

Per quanto riguarda il primo, la questione è facilmente risolvibile. Al FavonioFavonio, Mario infatti, vissuto sotto papa Paolo III (1468–1549), è stato attribuito un presunto epitaffio per la morte del Bembo “in versi latini da lui inventati e chiamati anguinei”.4 Questo elogio funebre è andato perduto, quindi non è dato sapere se fosse strutturato come i carmina del Catti. Inoltre, la morte del Bembo sopraggiunse quarantasette anni dopo la lettera del Bindi e diciassette dopo la morte del Catti, pertanto la precedenza di quest’ultimo resta indiscutibile.

Parlando di Lancino CurtiCurti, Lancino, poeta sperimentale coevo a Lidio e attivo a Milano,Curti, Lancino5 si devono sottolineare due aspetti importanti: in primis non è attestato alcun contatto tra il milanese e il ravennate, ancorché le loro stravaganze siano quasi omologhe; in secundis le raccolte degli esperimenti del Curti sono state edite solo nel 1521 (Sylvarum libri decem, Epigrammaton libri decem e Epigrammaton libri decem. Decados secundae), ma in queste non ricorrono carmina che seguano la costruzione dell’anguineum del Catti.6

Eppure, già nel XVI secolo prima Paolo GiovioFigurengedicht7 e poi Lilio Gregorio Giraldi,8 che cita il primo, parlando di Lancino scrivono di certi suoi anguinei versi. Alle parole del Giovio inoltre, il Giraldi aggiunge una descrizione più specifica dei versi anguinei e fa riferimento ai celebri carmina figurata di Rabano MauroMaurus, Rabanus come modello del poeta milanese. Nelle raccolte del Curti difatti, e in particolare nella seconda decade degli Epigrammaton libriCurti, LancinoEpigrammaton libri, esistono calligrammiFigurengedicht, acrosticiAkrostichon peculiari e altri carmi del genere. Nonostante queste affinità, bisogna da una parte ribadire l’assenza nel CurtiCurti, Lancino di ciò che il Catti definisce anguineum e, dall’altra, la confusione terminologica che spesso regna in questi ambiti letterari poco studiati.

Per comprendere la facilità con cui è possibile cadere in ambiguità e incomprensioni, basta leggere la definizione di carmen anguineum data dal Ginanni nella sua scheda sul Catti: “composto di sei parole, che formano un verso esametro, il primo verso si legge pure nelle prime parole degli altri sei, e ad ogni altra parola corrispondono l’altre, che pure formano un verso”.9 A questa già sibillina affermazione, il Ginanni non fa seguire a mo’ d’esempio il carmen sugli Sforza, bensì un altro esperimento, cioè il primo dei versi reticolati a f. Bviiv,10 per poi citare i complimenti contenuti nella lettera del Bindi. In sostanza, il termine anguineum è qui attribuito ai versi reticolati.

D’altronde anche il Giovio, parlando dei versus anguinei del CurtiCurti, Lancino, menziona un quadratum epigramma che ricorda molto anche visivamente la disposizione dei carmina reticolati del Catti. Se a ciò si aggiunge che questo tipo di “poesia per gioco”, a differenza del carmen anguineum, è presente in entrambi gli autori,Erfinder11 si può forse giungere a una conclusione: la tradizione letteraria identifica come anguinei diversi tipi di carmina, quali i sotadici e i reticolati,12 mentre il Catti, dal canto suo, definisce anguineum solo quello che segue lo schema di cui vanta l’invenzione.

Quest’ultima ipotesi è supportata da una certa evidenza terminologica: nelle rubriche che introducono puntualmente i vari componimenti degli Opuscula, i termini anguineum e anguis ricorrono solamente per il carmen sugli Sforza e per il Summarium processus, tanto negli Opuscula quanto nei manoscritti. Così avviene anche nel Marc. It. IX, 365 (=7168), dove più carmina anguinea si susseguono a formare un poema insieme ad altri metri più convenzionali. Al contrario, i versi reticolati sono rubricati con espressioni quali Et legas utroque tramite. Infine, la stessa posizione della lettera del Bindi è di per sé significativa, in quanto segue subito il carmen sugli Sforza, separandolo nettamente dai successivi componimenti reticolati.

Soluzioni grafiche del carmen anguineum nella tradizione manoscritta
1. Soluzioni cromatiche e figurative

L’aspetto forse più caratteristico e interessante di questo carmen è il modo in cui nei manoscritti la sua struttura abbia dato libertà di esprimersi alla fantasia del compilatore. Se la fissità e il monocromatismo del processo tipografico hanno reso il carmen anguineum una pagina di enigmistica, i manoscritti hanno invece dato maggiori possibilità di espressione.

In tal senso, entrano in scena due codici umanistici: il Marc. Lat. XI, 30 (=4429) e il Ms. VI/50. In entrambi i testimoni, scritti dalla medesima mano, sono adottati particolari accorgimenti al fine di rendere l’idea del movimento anguineo del carmen, rinunciando persino (nel caso del manoscritto marciano) all’indizio fornito dalla Constructio.

Il manoscritto marciano è un testimone pergamenaceo (182 x 124 mm, VI [cart.] + 25 + VI’ [cart.]) della prima sezione degli Opuscula, dedicata all’elezione del doge Loredan avvenuta il 2 ottobre 1501. Si tratta di un esemplare elegante, miniato e dagli inchiostri pluricromatici.1 Per esempio, il blu e rosso si alternano soprattutto nelle parole delle rubriche, nei capilettera e nelle lettere degli incipit, nonché nei nomi delle personae loquentes dell’ecloga. Questi però non sono gli unici colori adottati, né tantomeno sono limitati a mero elemento decorativo. Quando il lettore arriva al f. 23v, difatti, si trova innanzi un componimento le cui parole, accuratamente disposte in quattro riquadri, sono state scritte secondo un regolare alternarsi di cinque colori. Questi non è altro che il carmen anguineum.

In questa bellissima composizione cromatica, il carmen anguineum è organizzato esattamente come negli Opuscula, ma, a differenza di questi ultimi, la soluzione è affidata all’alternanza dei colori, non a un sibillino epigramma. La prima strofa è composta dalle parole in rosso, la seconda da quelle in blu, la terza in nero, la quarta in viola e la quinta in giallo ocra. Questa soluzione permetterà al lettore di seguire la lettura del carmen, in assenza dell’ormai inutile Constructio. Ciononostante, la scelta di mantenere in nero la colonna centrale ricorda proprio i versi 3–4 della succitata Constructio: Hunc [anguem] coepi et viso Ludovici nomine captum / suspendi et posui versibus in mediis. Questo accorgimento mette in risalto l’unica strofa leggibile dall’alto verso il basso e lo stesso Fulin, che poteva basarsi solo su questi versi e non sui colori, decifrò il carmen “badando perciò a Lodovico il Moro, che deve trovarsi versibus in mediis”.2

Nel manoscritto marciano, d’altro canto, la soluzione cromatica non è riservata solo al carmen anguineum, ma anche ai suoi “cugini” versi reticolati che lo seguono immediatamente al f. 24r, introdotti dalla dedica in blu Ad eundem principem. La disposizione dei colori qui permette di cogliere la parentela tra le due tipologie di carmina, tanto nelle somiglianze quanto nelle divergenze. Questo è il primo:


[rosso] [blu] [nero] [rosso] [blu] [nero]
Occidat Italiae mors: Christi belva Turchus
Italiae terror: fidei hostis: tristis: iniquus:
Mors fidei: pacis destructor: gloria Ditis:
Christi hostis: destructor pacis: Ditis amicus:
Belva tristis: gloria Ditis: milite perdat:
Turchus iniquus: Ditis amicus: perdat in armis.

Le somiglianze che, come s’è visto, hanno generato alcuni fraintendimenti, sono sicuramente la struttura a quadratum epigramma menzionata da Giovio, l’uso dell’esametro e il principio alla base dell’artificio, ossia la disposizione in sé delle parole all’interno del componimento. Nel caso dei versi reticolati, i colori rivelano la doppia lettura del carmen, i cui versi si ripetono identici in verticale e in orizzontale. Si ottengono così, in verticale e in orizzontale, i seguenti versi:

Occidat Italiae mors, Christi belva Turchus,

Italiae terror, fidei hostis, tristis, iniquus,

mors fidei, pacis destructor, gloria Ditis,

Christi hostis, destructor pacis, Ditis amicus,

belva tristis, gloria Ditis, milite perdat,

Turchus iniquus, Ditis amicus, perdat in armis.

Muoia la morte d’Italia, il Turco belva di Cristo, / terrore d’Italia, nemico della fede, funesto, iniquo, / morte della fede, distruttore della pace, amico di Dite, / belva funesta, gloria di Dite, perda con l’esercito, / il Turco iniquo, amico di Dite, perda in armi.

Se questa costruzione è molto simile a quella del carmen anguineum, esistono però alcune differenze non trascurabili, al di là della terminologia con cui l’autore definisce i due componimenti. Il carmen anguineum non gioca innanzitutto sulla disposizione ragionata di parole identiche ma sul collegamento di segmenti unici, ciascuno diverso dall’altro. Inoltre, il movimento stesso dei due artifici è diverso: il primo si sviluppa more anguineo dall’alto verso il basso, mentre il secondo ripete i medesimi versi da sinistra a destra e dall’alto verso il basso lungo una linea diagonale.

A ogni modo, l’applicazione dei colori al carmen rafforza visivamente l’elemento figurativo, dapprima solo concettuale, dell’esperimento del Catti. L’anguis ora diventa più simile a un carmen figuratumFigurengedicht, perdendo in parte quell’aria di gioco enigmistico che aveva negli Opuscula. Eppure rimane ancora celata la vera e propria figura del serpente, espressa dai colori ma non del tutto palesata: il soggetto dell’artificio è il moto dell’animale, non l’animale in sé.

Un punto di incontro tra raffigurazione dell’animale ed enigma si ritrova piuttosto nell’altro manoscritto, il VI/50 di Forlì. Questo più umile codice cartaceo (200 x 140 mm, I [cart.] + 13),3 testimone di una redazione precedente del Processus ordine iudiciario stampato negli Opuscula. Al f. 13r del manoscritto, compare il Summarium processus. Versus anguinei, un esempio di anguineum privo di colonna centrale ma comunque rispettoso dello schema generale. Rispetto alla stampa, la separazione dei singoli segmenti è meno marcata, limitata alla divisione tramite i due punti e non organizzata in colonne definite, mentre la risoluzione non è affidata esclusivamente alle indicazioni della Constructio (Finge anguem cursuque anguis lege carmina, praetor), ma anche al disegno d’un serpente realizzato a margine del carmen, quasi fosse una postilla esplicativa. Il praetor Loredan dovrà sì fingere anguem, ma potrà contare anche su un indizio visivo, ancorché meno efficace dei colori del manoscritto marciano. Nell’esemplare forlivese l’enigma rimane tale e anzi si arricchisce di un ulteriore elemento artistico, utile a capire come l’autore immaginasse il suo stesso gioco simbolico.

Se davvero il Catti si figurava così il cursus anguis, forse la suggestione poco fa proposta sulla scelta del carmen per gli Sforza non è del tutto frutto di pura fantasia. La somiglianza tra questa immagine (d’altronde molto comune) e lo stemma della famiglia, sommata all’arguzia dimostrata dal Catti in più luoghi della sua produzione, è un’ulteriore prova della volontà di fondere semanticamente nel gioco combinatorio l’anguis araldico con quello poetico.

2. Soluzioni numeriche e versi inediti: il ruolo del Sanudo

Ogni gioco enigmistico sottintende uno sforzo del lettore affinché possa risolverlo. Anche se il concetto di “enigmistica”, applicato a un’antica opera poetica, suonerà forse riduttivo e anacronistico,1 è certo innegabile la natura combinatoria dei versus anguinei, più vicini al rebus che a un carmen comunemente inteso. Pertanto, un’indagine sulla ricezione – per quanto limitata – di questo esperimento fornisce dati sì curiosi ma anche utili al fine della comprensione dell’invenzione del Catti. Il modo poi in cui un lettore in particolare, Marin Sanudo, risolve visivamente il carmen getterà persino una nuova luce sul gioco anguineo.

Nel capitolo precedente è già stato menzionato il primo merito del Sanudo, ossia l’aver annotato nei suoi diari una prima versione del carmen anguineum sugli Sforza e dei versi reticolati. Un caso analogo, benché non testualmente utile, di trascrizione del carmen anguineum si trova nel manoscritto 612 della Biblioteca civica di Belluno, contenente il carteggio del feltrino Giacomo Salce, collocabile tra il 1549 e il 1558.2

All’interno di questa raccolta, ai ff. 11v–12r si legge la seguente lettera dello stesso Giacomo, datata VI idus octobris 1556. Feltriae:

Dominus Iohannes Baptista Merinoctius, vir satis eruditus mihi nudius tertius quaedam carmina anguinea Lydii Catti Ravennatis legenda tradidit, quarum exemplum nunc subscripsi, ut tuam mihi de illis sententiam epistola proferes. Brevitate versuum scire poteris Lydium satis esse ingenio praestanti.

Signor Giambattista Merinozio, un uomo piuttosto colto due giorni fa mi diede da leggere alcuni carmi anguinei del ravennate Lidio Catti, dei quali ora ti ho scritto sotto un esempio, affinché tu mi riferisca per lettera il tuo parere su di questi. Dalla brevità dei versi potrai capire che Lidio ha un ingegno piuttosto notevole.

Segue dunque la trascrizione completa del titolo e del testo del carmen anguineum sugli Sforza contenuto negli Opuscula, mentre sono omesse la didascalia (Venetiis decantatum) e la Constructio.

Questo documento ci informa innanzitutto della circolazione dell’opera del Catti anche nel Veneto settentrionale. Il Salce precisa infatti di aver inviato alcuni carmina di Lidio Catti al destinatario, dei quali però vuole dare un’anticipazione in calce alla lettera. L’anteprima scelta dal mittente feltrino è proprio il carmen anguineum, grazie al quale si identifica appunto negli Opuscula l’opera inviata al destinatario: il titolo e il testo sono identici alla versione della raccolta stampata dal Tacuino nel 1502. Il motivo della scelta dev’essere stata l’attrazione esercitata dall’esperimento poetico, percepito come rappresentativo della poesia del Catti (apprezzato dal Salce per la brevitas e l’ingenium praestans), a cui si aggiunge l’espressa volontà di conoscere il parere dell’amico satis eruditus. L’aspetto più curioso di quest’ultima richiesta è l’omissione, nella lettera, della Constructio, cioè della chiave che avrebbe permesso a Giambattista di intuire la soluzione della poesia anguinea. Forse il Salce voleva mettere alla prova il povero Giambattista, che così avrebbe potuto risolvere l’enigma senza alcun ausilio, oppure attendendo l’arrivo della sua copia degli Opuscula.

Al di là delle informazioni e delle impressioni che i diari di Sanudo e la lettera del Salce possono dare, finora non si sono però viste tracce di tentavi di soluzione del carmen del Catti. Una prima prova tangibile di un lettore intento nel risolvere l’enigma anguineo si trova presso la Biblioteca Braidense di Milano, più precisamente nell’esemplare degli Opuscula lì custodito.3

Secondo le due note di possesso a penna corredate di stemma, il libro nel 1510 apparteneva a un segretario chiamato Antonio Della Torre.4 Sfogliando l’esemplare, a c. Bvir si noterà che il Della Torre, incuriosito dalla sfida del carmen anguineum, si cimentò nella sua soluzione e tentò di ordinarlo apponendo piccoli numeri sopra ciascun segmento del primo riquadro. Gli evidenti errori della successione rivelano però che egli non capì il gioco:


Sfortia: 1 Franciscus: 3 Ludovicus: 2 vertitur: 5 ergo
5 Fortuna: 5 ad populi: 3 Francisco: 4 filius: 2 ortus
1 Cottignolae: 1 oritur: 3 satus est: 4 Ludovicus: 5 in orbe
5 Mutatur: 5 vocem: 3 genitore: 2 ad proelia: 4 pugnat.

Oltre al fatto che Sfortia non è stato numerato, forse perché considerato unito a Franciscus (ricorrono sempre affiancati nei quattro riquadri), sorprende l’assoluta assenza di qualsiasi motus anguineus nella numerazione. Solo la colonna centrale è stata individuata, un po’ perché palese e un po’ perché suggerita dal posui versibus in mediis della Constructio. Siamo perciò di fronte a un lettore che, deciso a sostenere la sfida, ha mal interpretato il modo di risolvere il testo.

Dopo aver però illustrato le prove di un interesse dei lettori coevi, è necessario chiamare di nuovo in causa Marin Sanudo. Anch’egli infatti applicò il metodo della numerazione nella sua trascrizione di altri carmina del Catti, stavolta sulle Guerre d’Italia, inseriti nel Marc. It. IX, 365 (=7168).5 Nel manoscritto, il Sanudo usa i numeri per ordinare i sei carmina anguinea, qui chiamati anguinea epigrammata. A differenza però del Della Torre, il veneziano applica la numerazione in modo corretto:


1 Iulius 15 antiqua 29 Venetum 43 gens barbara 57 quando
58 incaluere 44 suis 30 res captae 16 prole 2 secundus
3 splendor 17 Alidosia 31 tercentum 45 finibus 59 ista
60 proelia 46 claudatur 32 horis 18 te principe 4 summus
5 pontificum 19 belli 33 Italie 47 o pastor 61 ab ortu
62 Christi 48 magnanime 34 excidium 20 Francisce 6 Ravennam
7 trisque 21 papiensem 35 proh Iuppier 49 et tua 63 prima
64 litte[r]a 50 dirigito 36 sic visunt 22 a cardine 8 vinctas
9 urbes 23 qui titulum 37 vobis o 51 castra 65 Minervae
66 Dianae 52 in Turcas 38 Superi 24 deducis 10 in arvis
11 Aemilae 25 mundi 39 at Nembrotica 53 divus 67 et Vrsae
68 currebat 54 foelix 40 bis nonas 26 inclyta 12 Romae
13 attribuit 27 fama 41 ad messes 55 et semper 69 Iuli
70 et quater 56 augustus 42 redeunda 28 et gloria 14 victor

Quello testé riportato è il primo anguineum epigramma della raccolta (f. 271r). Solo per questo carmen, di seguito alla versione numerata il Sanudo riscrive l’intero componimento riordinato e compie un’ulteriore operazione più notevole. Dopo la seconda trascrizione, un Notate attira l’attenzione verso l’ennesima ripetizione del carmen, organizzata però secondo un ordine ancora diverso dai precedenti. Quanto fatto qui dal Sanudo è tanto chiaro quanto arguto: giacché ogni segmento dei versi dispari è collegato al segmento a lui opposto dei versi pari, riscrivendo questi ultimi al contrario, tutti i segmenti saranno perfettamente incolonnati a formare il testo corretto.


Questa raffigurazione del passaggio intermedio del processo mentale di riordinamento, permette di vedere sotto una nuova luce la figura dell’anguis e la parentela con i versi reticolati.

Per quanto riguarda il serpente, il movimento bustrofedico richiesto da quest’ultimo tipo di lettura-riscrittura richiama in maniera ancora più decisa il biscione del manoscritto forlivese e dello stemma sforzesco. Sebbene non sia chiaro se il Sanudo elabori questa soluzione oppure la copi, qualora si ipotizzasse che essa fosse prevista dal Catti stesso nel processo di risoluzione, il termine anguis potrebbe benissimo riferirsi anche a questo moto bustrofedico di riscrittura. L’autore avrebbe in tal caso voluto che i versi pari fossero riscritti (anche solo mentalmente) così che il testo finale fosse opportunamente incolonnato.

D’altro canto, nel manoscritto marciano – e qui si torna alla questione della parentela – sono proprio i versi reticolati che seguono il carmen anguineum a suggerire questo esito: per loro i colori sottolineano proprio l’incolonnamento, sebbene i versi possano essere letti anche in orizzontale. Il “gene” che rende parenti questi artifici sarebbe dunque la successione delle colonne, scomposta totalmente nel carmen anguineum per creare il gioco combinatorio.

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Erfolgreiche Formen

Zwischen philologischer Analyse und poetologischem Programm: Zur Metrik der neulateinischen PindarischenPindar und pindarische Dichtung OdeLyrik

Jochen Schultheiß

Zur Metrik der neulateinischen Pindarischen Ode

Die Pindarische Ode in lateinischer Sprache ist eine spezifisch neuzeitliche Erscheinung. Die Antike kannte keine Fortsetzung der Odenform des griechischen Chorlyrikers, der in der ersten Hälfte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts wirkte. Einen wesentlichen Grund für diese große Lücke in der Rezeption stellen sicherlich die Erklärungsschwierigkeiten dar, die sich aus der Undurchsichtigkeit der metrischen Struktur seiner Verse ergeben. Welches Problem für die antiken Dichter entsteht, wenn die Verskunst eines möglichen Modells Rätsel aufgibt, wird dann nachvollziehbar, wenn man sich verdeutlicht, welche Rolle der Metrik bei der Konstitution poetischer Gattungen zukommt. Auch für die Antike gilt, dass nach gängiger Vorstellung gebundene Sprache das grundlegende Definitionskriterium von Dichtung darstellt.1

Die unterschiedlichen dichterischen Genres der antiken Literatur entstehen stets unter Rückbezug auf Vorgängertexte, die als normgebend betrachtet werden. Bei diesem Prozess kann man durchwegs feststellen, dass sich das einmal etablierte metrische System als ein weitgehend fixes, im Wesentlichen gleichbleibendes Strukturelement einzelner (Unter-)Gattungen erweist. Das metrische Schema wird in der Regel auf den ‚ErfinderErfinder‘ oder die ‚Erfinderin‘ der Dichtungsart zurückgeführt, teils auch nach diesem oder dieser benannt und dann in recht konstanter Form beibehalten. Man kann hier an die SapphischenSapphicus, AsklepiadeischenAsclepiadeus oder AlkäischenAlcaicus Strophenformen denken. Wenngleich bei HorazHoraz eine strengere Handhabung der äolischen Versmaße feststellbar ist als bei den griechischen Lyrikern selbst,Imitation2 so kann man insgesamt doch von einer konservativen metrischen Praxis sprechen. Solche Kontinuität stellt eine unabdingbare Notwendigkeit für die Konstituierung einzelner Gattungen und deren Unterformen dar. Raum für Innovationen hingegen steht im Rahmen der imitatioImitation- und aemulatio-Technik den Dichtern vorzugsweise in der Ausarbeitung des Stoffes offen.

Unter diesen Voraussetzungen müssen Probleme beim Verständnis der Metrik, wie sie sich bei den Oden Pindars bereits für die antiken Leser ergaben, zwangsläufig zu einem unumgehbaren Hemmnis für die Etablierung einer Form der Lyrik nach dem Vorbild Pindars werden. Erst die Frühe Neuzeit bereitet den Nährboden für einen selbstbewussteren Umgang mit dem Modell und für eigenständige und innovative Antworten auf die sich im Bereich der rhythmischen Struktur stellenden Probleme.

Wenngleich der weitaus größte Teil der neulateinischen Lyrik in den von der klassischen römischen Dichtung übernommenen metrischen Systemen verfasst ist, gewinnen ab dem 16. Jahrhundert polymetrischePolymetrie“ Gedichte an Beliebtheit. Zu dieser Gruppe ist auch die Pindarische Ode zu zählen.Schede, Paulus Melissus3 Einer vertieften wissenschaftlichen Beschäftigung hat sich die Metrik der neulateinischen pindarischen Dichtung bisher noch nicht erfreuen dürfen. So ist man etwa in Hinblick auf den deutschen Odendichter Paulus Melissus Schede (1539–1602) nicht über die sehr unbestimmte Feststellung hinausgelangt, dass „jedes […] Gedicht eine individuell entwickelte, so nie wiederkehrende Abfolge von Kürzen und Längen auf[weise]“.Sainte-Marthe, Scévole de4 Diese Vorsicht, die die drei Herausgeber einer Sammlung zur humanistischen Lyrik des 16. Jahrhunderts zu erkennen geben, darf ihnen angesichts der Schwierigkeiten, die die Metrik der pindarischen Dichtungen bereitet, nicht zum Vorwurf gemacht werden. Allerdings sollte die Forschung nicht an diesem Punkt stehen bleiben, bedenkt man, dass Metrik, wie gesagt, einen konstitutiven Bestandteil von Dichtung darstellt und dass bestimmte Inhalte und poetologische Programme untrennbar mit gewissen metrischen Formen verbunden sind.5 Gerade auf diesem letzten Punkt wird der Fokus der folgenden Betrachtung liegen. Der Blick der Untersuchung soll auf die Pindarischen Oden zum einen von Scévole de Sainte-Marthe (1536–1623), zum anderen von Paulus Melissus SchedeSchede, Paulus Melissus (1538–1602) gerichtet sein. Die Auswahl fällt insbesondere deshalb auf diese beiden Dichter, weil sie poetologische Gedichte und Paratexte verfasst haben, in denen sie auch den Aspekt der Metrik reflektieren.6

In der Metrik werden nicht nur Konvergenzen, sondern auch Reibungen zwischen poetologischem Programm und dichterischer Praxis sichtbar. Kernelement des pindarischen Dichtens ist bei den Vertretern der Pléiade, insbesondere bei Pierre de RonsardRonsard, Pierre de (1524–1585), der fureur poétique, von dem der Dichter-Sprecher ergriffen ist.furor poeticus7 Der furor poeticus stellt eine bereits von den Florentiner Humanisten aus den platonischenPlaton Dialogen Ion, Phaidros und Symposion hergeleitete Vorstellung eines „enthusiastischen“, göttlich inspirierten Dichtens dar. Eine solche Raserei des Dichters, die das Postulat der metrischen Regellosigkeit impliziert, ist nicht ohne Weiteres mit der für die humanistische Poesie grundlegenden imitatioImitation-Konzeption in Einklang zu bringen, die ein Dichten innerhalb vorgegebener Normen verlangt. Somit wird einerseits die Bindung an die Tradition, andererseits die Autonomie dieser gegenüber zum poetischen Ziel erklärt. Diese Problematik tritt auch in der Metrik zutage, die sich in der Tradition poetischer Gattungen ja gerade als ein sehr konstantes Element erwiesen hat. Dies scheint keinen fruchtbaren Boden für literarische Innovation zu bieten, und da mag es auch nicht überraschen, wenn man in Hinblick auf die neulateinischen Dichter zu der Feststellung gelangt ist, dass sie nur sehr zögerlich, in der Regel gar nicht, in die vorgegebenen metrischen Traditionen eingreifen.furor poeticus8 Wie sieht es nun aber im Fall eines Dichtens in den Spuren Pindars aus, wo sich die Anknüpfung an das Modell aufgrund der Undurchsichtigkeit der metrischen Struktur ja gerade als sehr schwierig erweist? Unter den gegebenen Umständen könnte man zwei sehr unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten in Erwägung ziehen: entweder die exakte Übernahme des Versschemas einer konkreten Ode Pindars – dies würde dem metrischen Konservatismus in bester Weise gerecht –, oder die Anwendung eines gänzlich freien Metrums – dies würde dem Gedanken des furor poeticus am meisten entsprechen. Durchsetzen wird sich letztlich jedoch ein dritter Weg.

Betrachten wir aber zunächst die spezifischen Bedingungen in der Frühen Neuzeit etwas näher: Das vergleichbare Problem einer nicht vorhandenen metrischen Tradition in der lateinischen Literatur stellt sich den neulateinischen Dichtern auch bei den Übersetzungen nationalsprachlicher Dichtungen ins Lateinische. Hier lässt sich beobachten, dass ein in der antiken Metrik unbekanntes System kaum je für das lateinische Gedicht beibehalten, sondern durch ein antikes ersetzt wird. So gibt Schede etwa die Sonette PetrarcaPetrarca, Francescos oder RonsardRonsard, Pierre des meist in Form von EpigrammEpigrammen in elegischen DistichenDactyluselegisches Distichon wieder. Doch auch hier lässt MelissusSchede, Paulus Melissus bereits seine Offenheit dafür erkennen, Verse neu zu kombinieren.Iktus9 Die volkssprachlichen Autoren wiederum konnten die quantitierenden metrischen Systeme der Antike nicht ohne weiteres übernehmen und ersetzten sie deshalb in der Regel durch die in ihrer Sprache etablierten iktierenden und silbenzählenden Metren. Dies war die gängige Praxis bei den französischen Pindarikern,Ronsard, Pierre de10 allerdings war etwa Ronsard hierbei ersichtlich darum bemüht, der Metrik seiner Oden ein möglichst starkes pindarisches Kolorit zu verleihen.Jonson, Ben11 Der etwas spätere englische Dichter Ben Jonson (1572–1637) wählt für seine Ode Pindarick ein regelmäßiges, iambischesIambus Versmaß, orientiert sich aber insofern an dem griechischen Dichter, als er die Verslängen deutlich variiert, so dass er immerhin die pindarische Variation der Einzelverse imitiert.Imitation12 Diese Form der Metrikimitation äußert sich somit in der materiellen Textgestalt, indem eine optische Vergleichbarkeit der Druckbilder zwischen dem englischen Gedicht und den griechischen Modellen entsteht. Es zeigt sich also, dass frühneuzeitliche Autoren aufgrund der sprachlichen Übertragungsprozesse immer wieder mit der Notwendigkeit konfrontiert werden, eigenständige, innovative Lösungen auch auf dem Gebiet der Metrik zu finden.

Problemlos zu adaptieren war die StrophenformPindar und Pindarische DichtungTriade der Oden Pindars. Als das die neuzeitliche pindarische Dichtung kennzeichnende Charakteristikum ist die triadische Strophenform festzuhalten, wie sie die Epinikien Pindars in ihrer großen Mehrzahl aufweisen.Antistrophe13 Dies bedeutet, dass eine Ode aus einer Abfolge von Strophe, Antistrophe und EpodeEpode besteht. Hierbei wiederholt die AntistropheAntistrophe das metrische Schema der Strophe, während die abschließende EpodeEpode ein eigenes aufweist. Jede folgende TriadePindar und Pindarische DichtungTriade repliziert wiederum die Struktur der ersten. In den Drucken so gut wie aller neulateinischen Pindarischen Oden wird dieses Aufbauschema durch Überschriften mit der Angabe des jeweiligen Strophenteils deutlich gemacht.Pindar und Pindarische DichtungTriade14 Man darf durchaus so weit gehen, in der Strophenstruktur das entscheidende Definitionsmerkmal für die Pindarische Ode zu sehen, denn dieses formale Kriterium erlaubt eine präzise Zuordnung zur Gattung. Sicherlich tragen auch stilistische und inhaltliche Charakteristika zur Konstitution einer neuzeitlichen Pindarischen Ode bei, wie etwa die Feierlichkeit, die enkomiastische Intention oder das Inspirationsmotiv, jedoch können diese für sich auch in anderen Dichtungsgattungen erscheinen und unter eine weiter gefasste Form der Rezeption pindarischer Stoffelemente fallen, die im Frankreich des 16. Jahrhunderts mit dem Verb „pindariser“ bezeichnet wurde.15

Während die nationalsprachliche pindarische Dichtung der Renaissance an die eigene metrische Tradition anknüpfte, bot sich für die Dichtung in lateinischer Sprache eine Orientierung an der philologischen Metrikanalyse zu den Oden Pindars an. Eine besonders starke Nähe zu dem pindarischen Modell lässt sich für die frühneuzeitliche Pindarische Ode, die in griechischer Sprache verfasst wurde, erkennen. Hier zeichnen sich zwei Möglichkeiten ab: Die Oden adaptieren entweder die metrische Struktur einer bestimmten Ode Pindars, oder die ImitationImitation verhält sich dem Modell gegenüber weniger treu und folgt einer allgemeinen Vorstellung von pindarischer Metrik. Die erste Form der metrischen Gestaltung stellt in der Anfangsphase der Pindarischen Dichtung in altgriechischer Sprache während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sogar den Regelfall dar.parodiaparodiaMinturno, Antonio Sebastiano16 Für den lateinischen Bereich kann eine solche Praxis in einigen Fällen für die Übersetzung Pindars festgestellt werden, wie etwa in der Version der 1. Olympischen Ode durch Antonio Sebastiano Minturno, die die Metrik des Ausgangstextes genau beibehält.17 In der dichterischen Produktion setzt sich jedoch die Praxis durch, metrische Äquivalente zur pindarischen Lyrik auf der Basis frühneuzeitlicher philologischer Studien zu schaffen. Damit es jedoch zu einem solchen Zusammenwirken zwischen Dichtung und Philologie überhaupt kommen konnte, mussten die neulateinischen Dichter zunächst ein folgenreiches literarisches Verdikt überwinden.

1. Metrische Implikationen der horazischen ‚Pindarode‘ (Oden 4,2HorazOden‚Pindarode‘ 4,2)

Pindar-ImitationImitation zu betreiben, meint vorab, einen tiefen Bruch mit der poetischen und poetologischen Tradition zu vollziehen, insofern sie für einen Dichter gerade die verhängnisvolle Hinwegsetzung über die in der sogenannten ‚Pindarode‘ des Horaz vorgebrachte Warnung vor einem Ikarussturz bedeuten musste. Wie nachhaltig die horazische Ode 4,2HorazOden‚Pindarode‘ 4,2 die Wahrnehmung des griechischen Dichters durch die Nachwelt prägte, wird in der Frühen Neuzeit daran deutlich, dass den Editionen und Übersetzungen der Werke Pindars dieses Gedicht in der Regel als Paratext vorausgeschickt wurde.Dorat, Jean1 Jean Dorat und Pierre de RonsardRonsard, Pierre de ließen ihrer pindarischen Dichtung eine Auseinandersetzung mit Horaz vorausgehen.2

Horazens lateinische Ode vermittelt nicht nur eine Vorstellung vom erhabenen Stil und Gehalt der pindarischen Lyrik oder den verschiedenen Dichtungsgattungen, die der Grieche gepflegt hat.HorazOden‚Pindarode‘ 4,23 Sie thematisiert auch die Metrik, die als integraler Bestandteil von Pindars Poesie dargestellt wird. So dichte Pindar laut Horaz numerisque […] lege solutis – „in Rhythmen, die losgelöst sind von Regeln“ (Oden 4,2,11–12).freier Vers Liest man Horazens Pindarode spezifisch unter dem Aspekt der Metrik, so stellt man fest, dass nicht nur explizit das Versmaß Gegenstand der Reflexion ist, sondern implizit auch die Strophengestaltung. Wenngleich der römische Dichter hier die Sapphische StropheSapphicus verwendet, lässt er doch ein Element der pindarischen Metrik einfließen. Es darf nämlich als ein markantes Kennzeichen pindarischen Dichtens gelten, dass Sätze häufig über die Strophengrenze hinausgehen, dass also ein EnjambementEnjambement vorliegt.EnjambementAntistrophe4 Die Divergenz von Strophenende und inhaltlicher Gliederung bei Pindar wird am Beispiel der 7. Isthmischen Ode deutlich, in der an den acht Strophenübergängen, das heißt an den Sprüngen zwischen Strophe, Antistrophe und EpodeEpode, ganze sechs EnjambementEnjambements und lediglich zwei inhaltliche und syntaktische Zäsuren zu finden sind. Für die beiden Grenzen zwischen den drei TriadenPindar und Pindarische DichtungTriade muss man sogar zu der Feststellung gelangen, dass keine eine inhaltliche oder syntaktische Zäsur bildet.EnjambementHorazOden‚Pindarode‘ 4,25 Horaz thematisiert diese Eigenheit des Griechen durch den Vergleich der pindarischen Dichtung mit einem herabstürzenden Bergbach. Das in dem Bild vermittelte Charakteristikum wird dann durch den sich über fünf Strophen erstreckenden Satz (4,2,4–24) auch ganz konkret in der Textstruktur des Gedichtes umgesetzt. Hiermit soll sehr wohl der Stil Pindars beschrieben werden,Sainte-Marthe, Scévole de6 jedoch ebenso die metrische Struktur seiner Dichtung. Auch bei neulateinischen pindarischen Dichtern ist diese Eigenheit erkennbar. Bei einem Blick in die Pindarischen Oden Sainte-Marthes fallen zahlreiche Beispiele von Enjambements ins Auge.EnjambementRonsard, Pierre de7 Dies ist umso auffallender, als es eine Abweichung von der französischen pindarischen Ode eines Pierre de Ronsard darstellt, der die Strophe strikt als thematische und syntaktische Einheit konzipiert.

Grundsätzlich muss man zur Pindarode bedenken, dass es Horaz mit seinem Urteil gelungen ist, wissenschaftliche Erklärungsversuche, die es in der Antike durchaus gab, erfolgreich zu verdrängen. Die alexandrinischen Philologenalexandrinische Philologie hatten, auch wenn sie mit einem klaren Verständnis der pindarischen Metrik ringen mussten,Kolometrie8 durchaus versucht, in Form der sogenannten ‚Kolometrie‘ die metrische Struktur jeder Ode zu bestimmen. Mit den Pindar-ScholienPindar und Pindarische DichtungScholien war Horaz sehr gut vertraut.HorazOden‚Pindarode‘ 4,29 Jedoch lässt der römische Dichter in Oden 4,2 ein anderes Bild von der pindarischen Metrik entstehen und weist dabei implizit die Versuche einer metrischen Erklärung durch die alexandrinischen Philologen und ihre Anwendbarkeit für die dichterische imitatioImitation zurück.

2. Die humanistische Philologie und die pindarische Metrik

Mit der Pindarode des Horaz ist ein wichtiger Referenzpunkt benannt, der das neulateinische Dichten in der Manier Pindars prägte. Doch auch in der Antike bildet Horaz nicht die einzige Stimme zur pindarischen Metrik, wie man z.B. an den im Humanismus rezipierten Pindar-ScholienPindar und Pindarische DichtungScholien sehen kann. Deshalb stellt sich die Frage, ob sich die neulateinischen Dichter in Hinblick auf die gebundene Sprache nicht auch an der antiken und der zeitgenössischen philologischen Analyse orientierten.

Seit den Untersuchungen von Paul Maas und Bruno Snell hat sich die Vorstellung etabliert, dass sich Pindars Gedichte in zwei verschiedene metrische Systeme einordnen lassen: Ihre Metren sind entweder äolisch oder daktyloepitritischDaktyloepitriten.Daktyloepitriten1 Eine Deutung der daktyloepitritischen Oden sollte durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Metrik erst im 19. und 20. Jahrhundert möglich werden;2 eine Erfassung gemäß den metrischen Standardfüßen (da, an, ia, tro), den äolischen Versmaßen und anderen gängigen Sing- oder Sprechversen stand den Humanisten jedoch durchaus offen.

Der Aufschwung der pindarischen Dichtung trat infolge der Editio princeps ein, die von Aldus Manutius besorgt wurde und 1513 in Venedig erschien. Der Kommentar des deutschen Humanisten Johannes LonicerLonicer, Johannes, der, erstmals herausgegeben 1535, aufgrund seiner mehrfachen Auflagen als wichtigstes philologisches Hilfsmittel für den Zugang zu dem antiken Dichter gelten kann, lässt den Rückgriff auf die griechischen ScholienPindar und Pindarische DichtungScholien, und somit auf die andere, nicht-horazische Tradition der antiken Deutung zur Pindar-Metrik, erkennen.Antistrophe3 Dies macht insbesondere die Definition der Termini Strophe, Antistrophe und EpodosEpode deutlich, wonach die drei Abschnitte einer TriadePindar und Pindarische DichtungTriade aus der BewegungTanz der SängerMusik erklärt werden (Schol. metr. Boeckh 2, 11). LonicerLonicer, Johannes gibt allerdings eine gewisse Verlegenheit hinsichtlich des Versmaßes zu erkennen. Ganz unbestimmt hält er sich im Widmungsbrief, wo er schreibt, dass das Metrum kaum vom Rhythmus der gesprochenen Sprache abweiche.Cicero4 Er geht in Anlehnung an Cicero davon aus, dass die pindarische Metrik fast ausschließlich auf dem GesangMusik beruhe, und dass ohne Gesang von der metrischen Struktur nicht viel mehr übrig bleibe als bei einem Prosatext. Ohne das musikalischeMusik Element erwiesen sich die Rhythmen von Lyrik und Prosa als simillimi.Lonicer, JohannesPindari […] Olympia, Pythia, Nemea, Isthmia5 Zur metrischen Gestaltung der Gedichte schreibt er in seinen Anmerkungen zur 1. Olympischen Ode:

Cola proprie dicuntur versus variis legibus consistentes, ut Aristophanicus interpres autor. Itaque Aristophanicae sectiones recte κῶλα vocantur, quandoquidem tot generibus carminum constent, quot versus habent, utpote strophe 17 colon, versus habet 17. Legibus 17 compositos. Verum de Pindaricis metrorum generibus alias θεοῦ διδόντος agetur.6

KolaKolon im eigentlichen Sinne werden Verse genannt, die sich nach verschiedenen Gesetzen zusammensetzen, wie es der aristophanische Interpret bestimmt. Darum werden die aristophanischen Abschnitte zurecht κῶλα genannt, da sie ja aus ebenso vielen Dichtungsarten bestehen, wie sie Verse haben, wie nämlich eine Strophe 17 Kola hat, so hat sie auch 17 Verse, die nach 17 Regeln zusammengesetzt sind. Jedoch über die Arten der pindarischen Metren wird, wenn Gott es fügt, an anderer Stelle gesprochen werden.

Lonicer beschränkt sich hier auf das, was er mit Sicherheit in Hinblick auf die metrische Form zu schreiben vermag. Mit dieser Unbestimmtheit geht einher, dass seine lateinische Übersetzung der Oden, die dem Kommentar zu den einzelnen Gedichten jeweils vorausgeht, in Prosa verfertigt ist. In ungebundener Rede verfasst sind ebenso die Übersetzung von Philipp MelanchthonMelanchthon, Philipp und die von Henri Estienne (Henricus Stephanus)Estienne (Stephanus), Henri (Henricus) in seiner 1560 erstmals herausgegebenen zweisprachigen Edition. Dies ist umso auffallender, als in der Frühen Neuzeit metrisch verfasste Texte bei Übersetzungen gewöhnlich auch in der Zielsprache in gebundener Rede wiedergegeben wurden.Lonicer, Johannes7 Wenngleich Lonicer eine genauere Behandlung der pindarischen Metrik auf einen unbestimmten späteren Zeitpunkt verschiebt, geht er unter Rückgriff auf die alexandrinische Philologiealexandrinische Philologie immerhin davon aus, dass die KolaKolon, die deckungsgleich mit den Versen sind, aus verschiedenen metrischen Systemen (genera carminum; legibus) zusammengestelltPolymetrie wurden.

Vergleichbar ist der Befund bei EstienneEstienne (Stephanus), Henri (Henricus). In seiner Textausgabe und Übersetzung werden Exzerpte aus antiken ScholienPindar und Pindarische DichtungScholien zusammengetragen, die die Responsion von Strophe und AntistropheAntistrophe, also die Identität ihrer metrischen Struktur, sowie die Diversität der EpodosEpode herausstreichen. Hier wird auch allgemein festgehalten, dass die Strophe, Antistrophe und Epodos wiederum aus KolaKolon bestehen.8 Diese Kola setzen sich ihrerseits aus Versfüßen zusammen und bilden dabei verschiedene Versmaße: Haec autem e colis constant: at cola variam mensuram habent, quae ex pedibus constat.9

Manche frühneuzeitlichen Kommentatoren greifen auf das Handbuch (Encheiridion) des Metrikers HephaistionHephaistion aus der Kaiserzeit sowie auf antike ScholienPindar und Pindarische DichtungScholien mit metrischen Analysen zurück. Diese Werke untergliedern die Gedichte Pindars ebenso in KolaKolometrie, analysieren diese dann aber auch nach bekannten metrischen Versfußschemata. Eine Auflistung der gemäß Hephaistion von Pindar verwendeten Versfüße bietet Stephanus Niger (Stefano NegriNegri, StefanoPraefatio in Pindarum, 1475–ca. 1540) in seiner Praefatio in Pindarum (Mailand 1521).Pindar und Pindarische DichtungScholien10 Die einschlägigen Scholien stehen in der Tradition des hellenistischen Philologen Aristophanes von ByzanzAristophanes von Byzanz, der zu jeder pindarischen Ode eine metrische Systematisierung, eine KolometrieKolometrie, entwarf. Diese ist grundsätzlich dadurch bestimmt, dass Aristophanes KolKolona bildete, von denen jedes ein bis drei rhythmische Elemente enthielt. Seine Ausgabe umfasste neben dem Text auch kurze Hinweise für den Leser, Lesevarianten, diakritische Zeichen sowie Markierungen zur KolometrieKolometrie.Pindar und Pindarische DichtungScholien11 Die Scholien waren in der Neuzeit durch die Pindar-Ausgabe von Zacharia CalliergiCalliergi, Zacharia (1515) bekannt und wurden außer von der Pindar-Kommentierung auch in dem metrischen Traktat De generibus carminum Graecorum von René GuillonGuillon, RenéDe generibus carminum Graecorum (1548) rezipiert.Pindar und Pindarische DichtungScholien12 In den Scholien finden sich neben der Eruierung der Anzahl von KolaKolon auch Bestimmungen einzelner Versfüße. Hier werden sowohl äolische Versmaße als auch Zusammenstellungen aus den gängigen Standardversfüßen festgestellt, ferner KatalexeKatalexen und HyperkatalexeHyperkatalexen ermittelt.

Schließlich sind auch für den Philologen und Dichter Jean DoratDorat, Jean (1508–1588), den Lehrer Ronsards, metrische Analysen zu den einzelnen Epinikien belegt. Diese gelangten jedoch nicht über handschriftliche Eintragungen der metrischen Schemata in der von ihm benutzten Textausgabe hinaus.13

Zusammenfassend können wir feststellen, dass von der philologischen Metrikanalyse die Auffassung vermittelt werden konnte, dass StrophenPindar und Pindarische DichtungTriade, AntistropheAntistrophen und EpodeEpoden mit weitgehender Freiheit gestaltet werden können, dass das einmal gewählte Schema dann jedoch durchgehend beibehalten werden musste. Ebenso war die Zusammensetzung von Strophe, Antistrophe und Epodos aus KolaKolon bekannt. Über diese Kola wiederum konnte man sagen, dass sie aus sehr verschiedenen, jedoch auch von anderen lyrischen Dichtern bekannten und in Lehrbüchern systematisierten Versfüßen zusammengestellt waren. Eine dieser Technik entsprechende Praxis lässt sich auch für die neulateinische Dichtung aufweisen.

3. Scévole de Sainte-MartheSainte-Marthe, Scévole de

Den neulateinischen Poeten, die Pindarische Oden verfassten, war somit ein breiter Spielraum zur kreativen Gestaltung eigener Gedichte gegeben, und ein Blick auf verschiedene Dichter lässt differierende Herangehensweisen an die Metrik erkennen. Die unterschiedlichen von den neulateinischen Dichtern gewählten Lösungen macht eine vergleichende Betrachtung zwischen dem französischen Dichter Scévole de Sainte-MartheSainte-Marthe, Scévole de und dem deutschen Paulus Melissus SchedeSchede, Paulus Melissus deutlich. Zunächst zu Scévole de Sainte-Marthe (latinisiert Sammarthanus). In der 1629 veröffentlichten Gesamtausgabe der lateinischen Gedichte ist den pindarischen Gedichten, die das erste Buch der Lyriksammlung bilden, als Paratext ein programmatisches iambisches Einleitungsgedicht (Ad lectorem) vorangestellt, in dem der Dichter seine poetische Methodik und hierbei gleich eingangs auch seine Handhabung der Metrik erläutertSainte-Marthe, Scévole dePoemata:1


Cuius [sc. Pindari] nec haesi semper hic vestigiis.
Nam pro instituta vatibus licentia 5
hinc inde numeros lege nulla colligens,
(nisi quam meo ipse iure dixeram mihi)
inusitatos nectere sum ausus modos.

Ich heftete mich hier nicht immer an seine [sc. Pindars] Fußstapfen. Denn gemäß der für Dichter eingerichteten Freizügigkeit sammelte ich von hier und da Versmaße zusammen ohne Regel (abgesehen von der, die ich nach eigenem Recht mir selbst auferlegt hatte) und habe es gewagt, ungewöhnliche Rhythmen zu knüpfen.

Für Sainte-Marthes Dichten sind nach diesen Versen zwei wichtige Punkte festzuhalten: Zum einen zeigt er sich grundsätzlich darum bemüht, sich nahe an die metrische Gestaltung der Oden Pindars zu halten. Manchmal sei er von diesem Vorgehen jedoch abgewichen. Diese Äußerung wörtlich zu nehmen und aus ihr den Schluss ziehen zu wollen, dass die vollständige Übernahme der metrischen Struktur einer konkreten Ode Pindars Sainte-MarthesSainte-Marthe, Scévole de gängige Praxis dargestellt habe, wäre allerdings übereilt. Vielmehr scheint nec semper einen Bescheidenheitstopos darzustellen. So kann zwar für seine Pindarische Ode Ad P. Pitheum die Übernahme der metrischen Struktur der 1. Olympischen Ode festgestellt werden.freier Vers2 Ansonsten erweist sich jedoch die Metrik des Franzosen als weitgehend unabhängig von den griechischen Gedichten.3 Die den Dichtern eingeräumte Freiheit (instituta vatibus licentia) nutzt er zu einem regelfreien Sammeln von Metren: numeros nulla lege colligens. Er deutet somit Horazens numeris lege solutis für seine Dichtung um. Bei ihm ist es nicht das Metrum selbst, das ohne Gesetz ist, sondern seine Technik des Zusammensammelns und Zusammenstellens von VersmaßenPolymetrie.

Der lateinische Terminus numerus kann im Kontext der Metrik unterschiedliche Bedeutungen tragen: Zunächst kann er (1) den „RhythmusRhythmus“ bedeuten, den man sowohl in Dichtungs- als auch in Prosatexten finden kann;CiceroOratorSainte-Marthe, Scévole de4 Sodann (2) steht er in pluralischer Verwendung im Sinne von „Verse“ als metrische Zeilen, z.B. discentur numeri, culte Tibulle, tui (Ovid, Amores 1,15,28). Ferner (3) ist die Bedeutung als zählbarer „Versfuß“ belegt, wie in sex mihi surgat opus numeris, in quinque residat (Ovid, Amores 1,1,27). Schließlich (4) bezeichnet er ein „Versmaß“ oder „Metrum“, z.B. numerus Saturnius (Horaz, Epistulae 2,1,158: „der saturnische Vers“, „der Saturnier“). Die bei Sainte-Marthe anzunehmende Bedeutung steht wohl der letztgenannten Verwendung am nächsten. Ein ähnliches Bedeutungsspektrum kann auch modus abstecken, das auch in der antiken Literatur nicht selten als Synonym zu numerus im Hendiadyoin zu diesem Begriff belegt ist.Rhythmus5 In dem vorliegenden Text müssen die modi jedoch die rhythmische Struktur eines Gedichts im weiteren Sinne beschreiben, die dann das Ergebnis der Zusammenstellung der gesammelten VersmaßePolymetrie bildet.6

Die nicht ganz leicht zu verstehende Formulierung mit eingefügter Parenthese gewinnt ihren Reiz aus einem Aprosdoketon-Effekt. Die Formulierung lege nulla versteht sich zunächst unmittelbar als eine Referenz auf die horazische Pindarode: „nach keinem Gesetz“. Nun ist es aber nicht wie bei HorazHoraz die Metrik insgesamt, die ohne Gesetz ist, sondern die Sammlung, die der Dichter aus gänzlich verschiedenen Quellen (hinc inde) zusammenträgt. Diese Aussage wird dann aber durch die parenthetische Einfügung relativiert. Die Zusammenstellung erfolge nach keinem Gesetz außer dem, das der Dichter sich selbst auferlege. In seiner Eigenschaft als Sammler entspricht der Dichter bei Sainte-MartheSainte-Marthe, Scévole de nun aber genau der blütenlesenden Biene, die der Sprecher bei Horaz ja gerade als Gegensatz zum pindarischen Schwan versteht und zu seinem poetologischen Ideal erhebt (4,2,27–32HorazOden‚Pindarode‘ 4,2).Sainte-Marthe, Scévole de7 Die diametrale Opposition von pindarischem und horazischem Dichten ist somit bei Sainte-Marthe aufgelöst.

Sainte-MartheSainte-Marthe, Scévole de praktiziert also sein Programm einer pindarischen Metrik als eine Technik der freien, nicht den tradierten Regeln entsprechenden Zusammenfügung übernommener Metrenfreier Vers. Mit dem ius scheint er wohl kein bestimmtes zu meinen, vielmehr die grundsätzliche Tatsache, dass er mit einer bestimmten Versgestaltung, die er festlegt, gewissermaßen selbst ein „Gesetz“ für jede Ode bestimmt. Wir erkennen aus der metrischen Analyse, dass Scévole de Sainte-MartheSainte-Marthe, Scévole de Verse unterschiedlichster metrischer Provenienz zusammenfügt, wie aus der monostrophischen Ode Ad Christianissimum Regem Henricum IIII (1596) deutlich wird. Hieraus soll Strophe 3 analysiert werden:Pause8


Sainte-MartheSainte-Marthe, Scévole de hat eine Neigung zu Zusammenstellungen aus Standardversfüßen wie IambenIambus, TrochäenTrochaeus, AnapästAnapaestusen. Es finden sich andererseits auch äolische Versmaße, wie GlykoneusGlyconeus, Sapphischer ElfsilblerSapphicus und Alkäischer ElfsilblerAlcaicus. In diesen Versmaßen kommt es in einzelnen Strophen dann auch zu Auflösungen oder zur wechselseitigen Ersetzung von Längen und Kürzen.AnapaestusKatalexe9 Diese Praxis erfolgt ganz gemäß der metrischen Tradition. Die Ungewohntheit einiger Verse rührt auch aus Abänderungen an den Versmaßen durch Katalexen. Die ursprünglichen Versmaße kommen bei Sainte-MartheSainte-Marthe, Scévole de in ihrem Charakter jedoch immer noch sehr deutlich zum Vorschein.Sainte-Marthe, Scévole dePoemata10

Diese Beobachtungen lassen sich auch auf die anderen Pindarischen Oden Sainte-MarthesSainte-Marthe, Scévole de übertragen. An dieser Stelle kann nur exempli gratia auf die Ode In tumulum P. Ronsardi ad Abelem filium verwiesen werden, bei der in der EpodosEpode sogar komplexere Versmaße in voller Form einander folgen: IambenIambus, HemiepesDactylusHemiepes, PherekrateusPherecrateus, SapphicusSapphicus minor, AdoneusAdoneus:11



Festzuhalten ist, dass Sainte-MartheSainte-Marthe, Scévole de zwar die vom horazischen Pindarbild vorgegebene ‚Gesetzlosigkeit‘ für sein Dichten in Anspruch nimmt und in der Praxis umsetzt. Die sich ihm ergebende Freiheit füllt er jedoch in der Weise aus, dass er sehr unterschiedliche Typen von Metren zusammenfügt (colligens).freier Vers Letztlich bleiben die Verse noch gut identifizierbar.12 Dieses Programm einer metrischen ‚Anarchie‘ nimmt sich damit noch recht gemäßigt aus.

4. Paulus Melissus SchedeSchede, Paulus Melissus

Betrachten wir nun die Pindarischen Oden des Paulus Melissus Schede.1 Deren metrische Gestaltung stellt auch bei dem deutschen Dichter einen Gegenstand der poetologischen Reflexionen dar. Hierbei ist ein programmatisches Gedicht von Bedeutung, das bereits 1580 in den Mele veröffentlicht wurde (Hendecasyllabum ad Hieronymum Baumgartnerum):2


Pindarum studiosus aemulari, 1
ceratis ope et Daedalea
pennis nititur, altius volando,
ponto nomina vitreo daturus.
Nos haud immemores Horatiani 5
praescripti, tamen improbo labore
volvimus, numerisque lege nusquam
solutis ferimur, sua recentem
regula pedem ubique metientes. 10

Wer bestrebt ist, mit Pindar zu wetteifern, stützt sich auf wächserne Schwingen und auf die Kunst des Daedalus und schickt sich an, einem gläsernen Meer seinen Namen zu geben. Ich habe die Vorschrift des Horaz nicht vergessen, dennoch wälze ich in frevlerischer Arbeit die neuen Worte eines kühnen DithyrambusDithyrambos, in Versen, die nirgends von einem Gesetz entbunden sind, werde ich getragen und messe überall den neuartigen Vers an seinem eigenen Versmaß.

Hier zeigt SchedeSchede, Paulus Melissus beachtliches Selbstbewusstsein, indem er anzeigt, dass er sich nicht von der horazischen Warnung vor einer aemulatio mit Pindar abhalten lassen will. Er bekennt sich in Anlehnung an Vergil zu einem labor improbus, der Autoritäten missachtet, dafür jedoch Fortschritt ermöglicht. Bei SchedeSchede, Paulus Melissus wird der Dichter von RhythmenRhythmus getragen, die nirgendwo vom Gesetz entbunden sind. Wie er dabei vorgeht, erklärt der folgende Satz: Er messe jeden seiner neuartigen Verse an seiner eigenen Regel. Hiermit beschreibt der Dichter seine innovative metrische Technik. Der Terminus pes verweist hier synekdochisch auf den gesamten Vers als metrische Struktur.Schede, Paulus Melissus3 Somit folgt jeder Vers seiner jeweiligen regula. Was dabei entsteht, ist als metrisches Produkt „neuartig“ (recens), da sich jeder Vers nach seiner eigenen Formel zusammensetzt. Wie sich der Dichter in der Wortwahl Neuerungen erlaubt – nova verba (V. 7) –, so auch in der Metrik. Schede setzt sich hier wie bereits Sainte-MartheSainte-Marthe, Scévole de über eine vom literarischen Modell HorazHoraz explizit gesetzte poetologische Norm hinweg.

Es findet sich noch eine weitere poetologische Selbstaussage des DichtersSchede, Paulus Melissus hinsichtlich der Metrik seiner Pindarischen Oden. In der Ode an Michael Brutus, den Historiker des polnischen Königs Stephanus, kündigt der Dichter an, „er wolle kühne DithyrambenDithyrambos darstellen, wenngleich auch gegenüber den freien Maßenfreier Vers festere Bindungen bewahren“: audaces ego, liberis licet / numeris strictior, DithyrambosDithyrambos / Brute repraesentem (V. 57–58).Schede, Paulus Melissus4 Hier bekennt sich Schede zu einem ‚kontrollierten Wagemut‘ in Hinblick auf seine Metrik. Er nimmt sich heraus, das metrische Regelgebäude zu verlassen, worauf die angesprochene Kühnheit hinweist. Zugleich sollen die Verse nicht ganz freifreier Vers sein, sondern eine gewisse Gebundenheit aufweisen. Das heißt, dass er weder ein freies noch ein konventionelles Versmaß anstrebt.

SchedesSchede, Paulus Melissus 27 Pindarische Oden stellen die erste Gedichtgruppe in seiner großen, 1586 in zweiter, deutlich erweiterter Auflage erschienenen Sammlung der Schediasmata poeticaSchede, Paulus ሴiሴMelissusSchediasmataሴiሴ poetica dar. Ihnen folgen Melica, das sind Gedichte in horazischen lyrischen Versmaßen, Epica, Elegiae und Epigrammata. In Hinblick auf die Metrik seiner Odendichtung in den von HorazHoraz verwendeten Metren zeigt er sich, wie Eckart Schäfer feststellen konnte, insgesamt als sehr innovationsfreudig, wobei er gerne Strophenformen der antiken Tradition variiert. SchedeSchede, Paulus Melissus lässt hierin gegenüber der Odenform des Römers eine Überbietungsstrategie erkennen.Ronsard, Pierre de5 In der Voranstellung der Pindarischen Oden bei der Anordnung der Sammlung folgt er dem Beispiel Ronsards. Die Pindarischen Oden sind mit der Rubrik Emmetra in aemulationem Pindari überschrieben. Der Begriff emmetra ist auffällig, da kaum Belege für neulateinische Gedichtsammlungen aufzufinden sind, die eine Gruppe von Gedichten unter dieser Gattungsangabe fassen. Er ist sehr unbestimmt, bezeichnet lediglich „in Metren Gefasstes“ und bringt damit die angestrebte Gestaltungsfreiheit zum Ausdruck.

Auch bei SchedeSchede, Paulus Melissus findet sich die seit den antiken Scholiasten bekannte Vielfalt der Versmaße wieder. Eine Bekanntschaft Schedes mit der Pindar-Ausgabe des Henri EstienneEstienne (Stephanus), Henri (Henricus) und ihren Zitaten aus den metrischen ScholienPindar und Pindarische DichtungScholien ist sehr wahrscheinlich.Sainte-Marthe, Scévole de6 Keine metrische Struktur eines Verses wird wiederholt. Während bei Sainte-Marthe das Metrum noch leicht erkennbar ist, da die KatalexeKatalexen die Identifikation nur geringfügig beeinträchtigen, erweist sich bei SchedeSchede, Paulus Melissus die metrische Struktur als deutlich undurchsichtiger. Betrachten wir die erste Strophe der Ode auf die englische Königin Elisabeth (Ad Elisabetham Reginam Angliae):7


Eine metrische Analyse, bei der sämtliche Strophen und AntistropheAntistrophen der Ode in Zusammenschau betrachtet werden, ergibt folgenden Befund: SchedesSchede, Paulus Melissus Bindung an das metrische „Gesetz“ besteht darin, dass er wie Sainte-MartheSainte-Marthe, Scévole de jeden Vers als ein KolonKolon auffasst, das in der Wiederholung der Strophen an dieser Stelle wiederkehrt. Manche Verse sind ohne Weiteres identifizierbar. Völlig problemlos ist der letzte Vers, der aus vier DaktylenDactylus besteht. In V. 9 begegnen wir dem alkäischen ElfsilblerAlcaicus, in V. 10 den PherekrateusPherecrateus. In V. 1 scheint SchedeSchede, Paulus Melissus in Analogie zum alkäischen Elfsilbler eine Verbindung von ionischenIonicus und äolischen Elementen vorzunehmen. Unmöglich ist es jedoch, eine klare Analyse der Verse 2, 3, 5 oder 7 zu erstellen. Da sie jedoch in den Wiederholungen der Verse in den späteren TriadenPindar und Pindarische DichtungTriade keine Variationen aufweisen, kann man auch nicht von freien Versenfreier Vers sprechen. Hier hat SchedeSchede, Paulus Melissus einzelne VersfüßePolymetrie von IonikernIonicus, IambenIambus, DaktylenDactylus und TrochäenTrochaeus aneinandergereiht, ohne dass ein Zusammenhang erkennbar wäre. Es scheint SchedeSchede, Paulus Melissus nicht mehr darauf anzukommen, dass Verse als einem bestimmten Versmaß zugehörig erkannt werden, vielmehr soll dem Leser oder Hörer vermittelt werden, dass ein stichisches System vorliegt, wie immer dieses auch zu analysieren sei. Genau dies entspricht der in der poetologischen Ode (Hendecasyllabum ad Hieronymum Baumgartnerum) dargelegten Technik.

Dass sich SchedeSchede, Paulus Melissus direkt am pindarischen Prätext orientieren würde, ist unwahrscheinlich. Als Begründung hierfür kann man jedoch sicherlich nicht anführen, dass SchedeSchede, Paulus Melissus womöglich des Griechischen nicht mächtig gewesen sei. Hiergegen spricht etwa, dass Henri EstienneEstienne (Stephanus), Henri (Henricus) ihn darum bittet, seine griechischen Epigramme ins Lateinische zu übersetzen.Schede, Paulus Melissus9 Vielmehr verfolgt Schede ein eigenes metrisches Programm. Abschließend lässt sich sagen, dass der Lyriker es konsequent unterdrückt, einen bestimmten RhythmusRhythmus entstehen zu lassen:Schede, Paulus Melissus10 Es ist kein gängiges lyrisches Metrum erkennbar, geschweige denn, dass ein Hörer des Gedichts hier ein klares Bild gewinnen würde, welches Versmaß vorliegen könnte. Dennoch handelt es sich bei Schede ebenso wenig wie bei Sainte-MartheSainte-Marthe, Scévole de um ein freies Metrum. Die Metrik basiert auf überkommenen Versfüßen, die kombiniert werdenPolymetrie.

Der selbstbewusste Umgang mit der Vorgabe des HorazHoraz steht sicherlich der von SchedeSchede, Paulus Melissus ebenfalls gepflegten Parodia-Technikparodiaparodia nahe. Hierbei wird Horaz-Versen durch den Austausch möglichst vieler Einzelwörter ein völlig neuer Sinngehalt verliehen.parodia11 Sowohl in der Parodia als auch in der Metrik der Pindarischen Oden trifft die Anlehnung an Horaz mit einer gleichzeitigen Hinwegsetzung über ihn zusammen.

5. Conclusio: Metrik im Lichte der Poetologie pindarischen Dichtens

Die Metrik der neulateinischen pindarischen Gedichte steht in einem Spektrum zwischen einer neualtgriechischen Pindarischen Ode, die in der Regel sehr stark an dem antiken Prätext ausgerichtet ist, und einer pindarischen Dichtung, die sich bereits in den Volkssprachen etabliert hat und deren metrischen Traditionen folgt. Für die neulateinische Dichtung lässt sich eine Orientierung an der philologischen Metrikanalyse zu den Oden Pindars feststellen, die bei den Alexandrineralexandrinische Philologien einsetzt und in der frühneuzeitlichen Poetik fortgesetzt wird. Von der Philologie, die die metrische Struktur der Epinikien Pindars als eine Zusammenfügung verschiedenartiger Versmaße erklärte, konnte ein Impuls für die dichterische Produktion ausgehen.

Bei den beiden neulateinischen Autoren Scévole de Sainte-MartheSainte-Marthe, Scévole de und Paulus Melissus SchedeSchede, Paulus Melissus findet gerade in Hinblick auf die Metrik eine Erneuerung der Odendichtung statt. Diese vollzieht sich im expliziten poetologischen Diskurs vermittels einer Auseinandersetzung mit dem Verdikt der horazischen Pindarode (Oden 4,2HorazOden‚Pindarode‘ 4,2). Um die Vorstellung der Unnachahmbarkeit Pindars hinter sich zu lassen, entwickeln die beiden Dichter jeweils einen für sie praktikablen Gegenentwurf zu der Aussage, dass die Oden Pindars eines metrischen Systemsfreier Vers entbehrten (numeris lege solutis). Sie tun dies, indem sie ihre metrische Freiheit in der eigenmächtigen Zusammenstellung von unterschiedlichen traditionellen VersmaßenPolymetrie ausmachen. Dabei zielen die beiden neulateinischen Dichter darauf ab, den in der Pindarode postulierten diametralen Gegensatz zwischen pindarischem und horazischem Dichten sowohl in der poetologischen Reflexion als auch in der poetischen Praxis zu überwinden.

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Editionen, Übersetzungen und Kommentare sind mit (*) versehen.

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Die ‚argute‘ InschriftInschrift, argute/literarische als barocke Form des freien Versesfreier Vers

Stefan Tilg

In einem Band über neulateinische Metrik das nicht-metrische Phänomen freier Verse zu behandeln ist auf den ersten Blick eine Verfehlung des Themas. Freie Verse haben sich von allen Vorgaben der Metrik gelöst und gehören daher eigentlich nicht mehr in ihr Gebiet. Wie allein schon die Bezeichnung „freier Vers“ zu erkennen gibt, werden sie aber oft vor dem Hintergrund metrischer Dichtung, eben als ihr freies Gegenstück, verstanden. Insofern hat das Thema hier eine gewisse Berechtigung, zumal die Existenz eines freien Verses in der Frühen Neuzeit keineswegs selbstverständlich ist. Studien zum freien Vers sehen diesen üblicherweise als emphatisch moderne Ausdrucksform an. In diesem Beitrag möchte ich demgegenüber argumentieren, dass es mit der ‚literarischen‘ oder ‚arguten‘ Inschrift des 17. und frühen 18. Jahrhunderts bereits ein Genre gab, das sich in formaler, verstechnischer Hinsicht nicht wesentlich vom modernen freien Vers unterscheidet.

1. Freie Verse in der Frühen Neuzeit?

Wenn Literaturwissenschaftler über die Ursprünge des freien Verses diskutieren, denken sie normalerweise an das 19. Jahrhundert, z.B. an Walt WhitmansWhitman, Walt erstmals 1855 publizierte Sammlung Leaves of GrassWhitman, WaltLeaves of Grass oder an die französischen Symbolisten, die in den 1880ern den vers librevers libre einem breiteren Publikum als neue Dichtungsform bekannt machten.BibelPsalmen1 Es ist nicht falsch, das so zu sehen: Der moderne freie Vers geht tatsächlich auf diese Vorbilder zurück, und wenn frühneuzeitliche freie Versdichtung irgendeinen Einfluss auf das 19. und 20. Jahrhundert gehabt hat, so ist dieser allenfalls punktuell. Trotzdem ist es m.E. eine ungebührliche Verkürzung, freie Verse als schlechthin modernes Phänomen zu betrachten und einschlägige vormoderne Praktiken zu ignorieren. Meines Wissens ist Henry T. Kirby-Smiths The Origins of Free Verse die einzige größere Studie, die sich mit der vormodernen Geschichte des freien Verses auseinandersetzt.2 Kirby-Smith diskutiert Praktiken freier Versdichtung seit der Renaissance, konzentriert sich dabei aber auf (vorwiegend englische) Dichtung, die von den Psalmen und von PindarPindar und pindarische Dichtung inspiriert wurde und deren ‚freier‘ Charakter durch die rätselhafte metrische Gestalt ihrer Vorbilder bedingt war. Im vorliegenden Beitrag werde ich diese Art von freier Dichtung nicht behandeln.BibelPsalmen3 Sie ist vergleichsweise gut bekannt, auch wenn die Traditionslinien gerade in metrisch-technischer Hinsicht im Einzelnen noch aufgearbeitet werden müssten. Schwerer wiegt, dass die neulateinische Dichtung in der Tradition der Psalmen und PindarsPindar und pindarische Dichtung kaum jemals gänzlich frei von Metren war – ihre Freiheit war vielmehr die einer Auflösung größerer metrischer Muster und einer Neukombination kleinerer Elemente. Die lateinische pindarische DichtungPindar und pindarische Dichtung z.B., die, soweit ich sehe, ihren Ursprung in Benedetto LampridiosLampridio, Benedetto Sammlung PoemataLampridio, BenedettoPoemata von 1550 hat, arbeitete typischerweise so, dass aus der klassischen Dichtung bekannte Versfüße, Metren oder Verse zu einer neuen, unvorhersagbaren Folge von Füßen, Metren und Versen kombiniert wurde (die entweder der bei PindarPindar und pindarische Dichtung üblichen strophischen Responsion gehorchte oder diese auch durchbrach). Das Prinzip ist zumindest entfernt dem ähnlich, was in der deutschen Literaturwissenschaft im Anschluss an Friedrich Gottlieb KlopstocksKlopstock, Friedrich Gottlieb Dichtung „freier RhythmusRhythmus“ genannt wird, denn auch KlopstockKlopstock, Friedrich Gottlieb brach häufig die klassischen Muster auf, um ihre rhythmischenRhythmus Grundelemente wiederzuverwenden und neu zu kombinieren.4 Diese Vorgangsweise kann mit dem modernen, gänzlich freien Vers5 nur bedingt verglichen werden. Anders verhält sich aber der Fall der von Kirby-Smith nicht behandelten ‚arguten Inschrift‘. Hier haben wir tatsächlich eine vormoderne, ganz und gar nicht-metrische Art zu dichten, auch wenn uns die einschlägigen Werke heute wenig dichterisch vorkommen mögen und der Bezug zur Dichtung mehr in der Theorie als in der Praxis klar wird.6

2. Ursprung, Terminologie und Entwicklung

Das Genre der literarischen Inschrift hatte weder zu seiner Zeit noch heute eine einheitliche Bezeichnung. Einig war man sich aber über seine Herkunft aus Inschriften, weshalb häufig von inscriptio gesprochen wurde. Die Grundidee ist sinnfällig dargestellt auf dem Frontispiz von Emanuele TesaurosTesauro, Emanuele InscriptionesTesauro, EmanueleInscriptiones (Turin 1670): Die personifizierte Inscriptio macht sich gerade daran, den Titel des Werks in Stein zu meißeln, als hinter ihr Merkur auftaucht, ein (noch) leeres Buch aufschlägt und sie darauf hinweist, dass der Inhalt in die Buchseiten geschrieben werden soll. Die Inschrift wird literarisch, sie wird von einem Stein- zu einem Buchgenre – entsprechende Dichtungen hießen manchmal auch carmina lapidaria oder nur lapidaria. Sparrow weist auf die Omnipräsenz von Inschriften in der städtischen Kultur und Lebenswelt des 16. und 17. Jahrhunderts hin und erklärt sich so den Übergang von Stein- zu Buchinschriften.argutia1 Vielleicht war dieser Übergang aber auch nur ein launiger Einfall der Turiner Jesuiten der 1630er-Jahre, denn aus dieser Zeit und diesem Milieu stammen die ersten Beispiele der Gattung. Während Inschriften bis dahin eher kurz, sachlich und formelhaft waren, wurden sie nun – und besonders als literarisches Genre – länger, rhetorischer und kreativer. Der stilgeschichtliche Kontext, in den man diese Entwicklung einordnen kann, ist die von den Jesuiten maßgeblich getragene und propagierte argutiaargutia-Bewegung, die sich den scharfsinnigen, pointierten, gewitzten, antithesenreichen und epigrammatischen Ausdruck auf ihre Fahnen schrieb.2 Von diesem neuen Stilideal wurden zunächst – innerhalb der vom Medium gegebenen Grenzen – reale Inschriften auf Stein erfasst; zur Entfaltung konnte es aber erst in der literarisch gewordenen Buchinschrift kommen.

Der typische Inhalt dieses neuen Genres waren zunächst Viten herausragender religiöser Persönlichkeiten – daher rührt auch der Name elogiumelogium, nach den so bezeichneten inschriftlichen Würdigungen von Verstorbenen. Die Turiner Jesuiten begannen damit, das Leben (oder Episoden aus dem Leben) religiöser Figuren wie Päpste, Patriarchen, Heilige oder Christus selbst in arguten Inschriftensammlungen zu publizieren, die sich formal durch die symmetrische Anordnung der verschieden langen Zeilen rund um eine zentrale MittelachseMittelachse auszeichneten. Ich nehme ein Beispiel aus Emanuele TesaurosTesauro, Emanuele PatriarchaeTesauro, ሴiሴEmanuelePatriarchaeሴiሴ sive Christi Servatoris genealogia (Die Patriarchen, oder Genealogie unseres Heilands Christus), einer erstmals 1645 in Mailand publizierten Sammlung von Viten der Vorväter Christi. Darin wird Isaak auf folgende Weise eingeführt:Tesauro, Emanuele3

Adeste Cives!

In Monte Moriah Tragoedia dabitur,

Cui nihil simile dedere Athenae.

Idomenaeus et Agamemnon fabulae sunt:

Et si confero, mihi frigent.

Protasin aget Numinis Internuncius,

Qui Isaacum patria iubebit dextera immolari.

Distrahetur infelix Pater inter Filii vel Fidei iacturam,

Aut incredulus futurus, aut crudelis.

Kommt herbei, Bürger!

Auf dem Berg Moriah4 wird eine Tragödie gegeben werden –

nichts Gleichwertiges hat Athen geboten.

Idomeneus und Agamemnon sind Märchen,5

und wenn ich sie damit vergleiche, lassen sie mich kalt.

Den Beginn wird der Bote Gottes machen,

der befehlen wird, Isaak mit der väterlichen Rechten zu opfern.

Der unglückliche Vater wird hin- und hergerissen werden zwischen dem Verlust des Sohnes oder des Glaubens,

entweder ungläubig oder grausam sein.

Die direkte Anrede an den Leser, der sich wie ein Zuschauer im Theater fühlen soll, das überraschende Konzept des Lebens Isaaks als Tragödie, die ähnliche Stoffe aus der griechischen Tragödie übertrifft, unübersetzbare Sprachspiele wie inter Filii vel Fidei („zwischen Sohn und Glaube“) oder incredulus aut crudelis („ungläubig oder grausam“), wobei jeweils ähnliche Laute verschiedene Begriffe mit antithetischer Bedeutung bezeichnen, all das sind nur einige auffällige Ausprägungen des argutenargutia Stils.

Religiöse Viten blieben aber nicht die einzige oder auch nur die hauptsächliche Domäne arguter Inschriften. Als das Genre ca. Mitte des 17. Jahrhunderts über die Alpen kam und sich vor allem in deutschen Landen verbreitete, wurde es in erster Linie für politische Inhalte adaptiert. Preisende Viten von Herrschern setzten dabei die religiöse Elogienform fort. Noch häufiger war aber eine tiefgreifendere Neuausrichtung des Genres als politischer Kommentar und satirisch-kritische Analyse von aktuellem Zeitgeschehen. Dieser ‚publizistische‘ Strang war in der Regel narrativer, weil er sich mehr an der Abfolge von Ereignissen orientierte. Die einschlägigen Beispiele sind oft auch wesentlich länger als die bis dahin üblichen Einzelviten herausragender Persönlichkeiten. Gelegentlich konnten Werke dieser Art regelrecht historiographische Dimensionen annehmen. Der Jurist und Journalist Johann FrischmannFrischmann, Johann (1612–1680) z.B. war für seine buchfüllenden historischen Analysen im arguten Inschriftenstil berüchtigt. Seine 1657 in Frankfurt a.M. erschienenen Causae regum heri et hodie inter se belligerantiumFrischmann, JohannCausae regum […] inter se belligerantium (Ursachen für die Kriege zwischen Königen in der jüngeren Vergangenheit und heute), die sich in der Hauptsache mit den jüngsten Kriegen zwischen Schweden und Polen sowie Burgund und Frankreich beschäftigen, umfassen nicht weniger als 220 Seiten. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die argute Inschrift auch in den Volkssprachen aufgenommen, wobei Deutschland und Italien die wichtigsten Zentren blieben.6 Auf Latein und in den Volkssprachen lebte das Genre dann bis in die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts fort und muss angesichts der Vielzahl einschlägiger Publikationen für die Zeitgenossen ein vertrauter Anblick gewesen sein.7 Es geht mir in diesem Beitrag aber gar nicht so sehr um die verschiedenen Inhalte, Sprachen und Verbreitungsgebiete von arguten Inschriften als um ihre Form und darum, wie diese Form als freier Vers wahrgenommen wurde. Dafür müssen wir uns der Theorie zuwenden.

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