Kitabı oku: «Next Energy»

Yazı tipi:

DR. WERNER BRINKER (HRSG.) UND KIRSTIN HENGELAGE

Next Energy

Erzählungen aus unserer Zukunft

Unter Mitarbeit von Prof. Dr. Carsten Agert; Prof. Dr. Christoph Böhringer; Prof. Dr. Gert Brunekreeft; Dr. Jörg Buddenberg; Dr. Jörg Hermsmeier; MBA EUM Sebastian Jurczyk; Prof. Dr. Dr. h. c. Hans Kaminski; Prof. Dr. Stephan Rammler; Prof. Dr. Ulrich Wagner


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86936-610-4

Lektorat: Eva Gößwein, Goldbach

Umschlaggestaltung: Martin Zech Design, Bremen | www.martinzech.de Umschlagfoto: 75tiks/Fotolia

©2014 GABAL Verlag GmbH, Offenbach

Das E-Book basiert auf dem 2014 erschienenen Buchtitel “Next Energy” von Dr. Werner Brinker (Hrsg.) und Kristin Hengelage, ©2014 GABAL Verlag GmbH, Offenbach

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

ISBN Buchausgabe: 978-3-86936-610-4

ISBN epub: 978-3-95623-137-7

www.gabal-verlag.de

Inhalt

Willkommen in der Zukunft

1 | Wie leben wir morgen?

Wir sind Familie Janssen – Personen und Orte der Zukunftserzählung

Samstag, 20. August 2050: Friesenhaus auf Fitnesskur

2 | Wie funktioniert unser Energiesystem?

Donnerstag, 15. September 2050: den Energiedinosauriern auf der Spur

Menschen brauchen Energie – Energiegeschichte ganz kurz

Es werde Licht! Elektrizität hat die Welt verändert

Energiewirtschaft, die große Unbekannte – Ein Blick auf die Energiemärkte

Welche Energien nutzen wir heute? Eine Frage der Umwandlung

Wo kommt der Strom her? Kraftwerkspark in Bewegung

Immer schön im Takt! Stromtransport unter Dauerspannung

3 | Wie sieht eine zukunftsfähige Energieversorgung aus?

Montag, 19. September 2050: intelligent organisiert von A nach B

Smart Home, Smart Grid, Smart City: Unser Energiesystem wird intelligenter

Intelligenter wohnen und arbeiten – Smart Home: mit der Haustechnik auf Du und Du

Intelligenter unterwegs – Elektromobilität: Antriebsbatterien im Dialog mit dem Energiesystem

4 | Warum müssen wir unser Energiesystem nachhaltig ändern?

Mittwoch, 21. September 2050: „rasten und rosten“ unmöglich

Mehr Menschen brauchen mehr Energie – die Bevölkerungsuhr tickt weiter

Vom Umgang mit begrenzten Ressourcen – was machen die Rohstoffpreise?

Den Klimawandel bremsen – alle Mann an Bord!

5 | Wie erreichen wir eine zukunftsfähige Energieversorgung?

Donnerstag, 22. September 2050: keine Veränderung ohne Vertrauen

Ein Blick auf unsere Stromrechnung – Rechnungsposten heute

Neue Regeln für den Strommarkt

Bitte nicht vor meiner Haustür – Akzeptanz als Kostenfaktor der Energiewende

Hinterm Gartenzaun geht’s weiter – Europas Stromversorgung wächst zusammen

Wie sieht die Stromrechnung morgen aus? Rechnungsposten im Jahr 2050

6 | Wie schaffen wir die nötige Veränderungsbereitschaft?

Freitag, 23. September 2050: Wissen macht klug, Erfahrung macht klüger

Offen für neue Technologien? Chancen und Risiken sachlich abwägen

Keine Frage der Ehre – ohne Wissen und Anreize kein energiebewusstes Handeln

Keine Energiewende ohne Bildungswende – Energiebildung für alle

7 | Los geht’s!

Samstag, 24. September 2050: viele Gäste, viele Meinungen

Einfach Energie sparen – Checkliste für einen energie- und umweltbewussten Alltag

Literatur- und Quellenverzeichnis

Glossar – Energiewende im Kurzüberblick

Herausgeber und Autoren

Willkommen in der Zukunft
Ein Vorwort der Autoren und Herausgeber

Liebe Leserin, lieber Leser,

haben Sie Zeit für ein wenig Zukunft? Dann laden wir Sie ein ins Jahr 2050, auf einen Besuch bei der norddeutschen Familie Janssen. Es sei gleich gesagt: Familie Janssen fliegt nicht mit ihrem Auto durch eine vertikal gewachsene Megastadt aus futuristischen Wolkenkratzern. In diesem Buch geht es nicht um Zukunftsvisionen à la Hollywood. Wir meinen, dass die kommenden Jahrzehnte auch ohne fliegende Autos oder böse Androiden äußerst spannende Herausforderungen bereithalten: Klimaveränderungen, das Wachstum der Weltbevölkerung, den demografischen Wandel und nicht zuletzt die Energiewende und damit den klima- und ressourcenschonenden Umbau der Energieversorgung.

Technische Fortschritte und neue wissenschaftliche Erkenntnisse werden – hoffentlich – dazu beitragen, diese Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen. Allerdings werden effiziente, intelligente, umweltschonende Techniken nur wirksam, wenn viele Menschen Zugang dazu haben und bereit sind, in diese Techniken zu investieren und ihr Energieverhalten zu verändern. Begleiten Sie unsere Modellfamilie Janssen durch den Spätsommer 2050, und erfahren Sie, wie der ganz normale Alltag nach der Energiewende aussehen könnte. Bis dahin wird dieses gesellschaftliche Großprojekt Sie, uns und die heranwachsende Generation voraussichtlich noch intensiv beschäftigen, denn grundlegende Veränderungen brauchen Zeit.

Was passiert bis Mitte des Jahrhunderts?

Um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie weit die unbekannte Zukunft des Jahres 2050 entfernt ist, werfen wir einen Blick zurück in die Vergangenheit. Die 1970er-Jahre sind zeitlich von unserem heutigen Alltag etwa ebenso weit entfernt wie das Jahr 2050. Damals fuhren junge, moderne Menschen gern Käfer oder Ente. Die Haare trugen sie vorzugsweise lang oder dauergewellt, die Hosenaufschläge weit, die Röcke lang und geblümt oder supermini. Man bangte um die Besatzung der Mondrakete Apollo 13 und erfuhr, dass der unschickliche Frauenfußball nach langem Verbot wieder offiziell erlaubt war. Farbfernseher in den Wohnzimmern waren ebenso rar wie Geschirrspüler in den Küchen. Die Röhrenfernseher boten drei Schwarz-Weiß-Programme und nach Sendeschluss das Testbild. Kinder liebten den Fernsehhund Lassie, Erwachsene folgten gespannt den ersten Folgen des Tatorts oder den Worten kettenrauchender Fernsehmoderatoren.

Otto Normalverbraucher telefonierte meist im Hausflur mit einem grauen Wählscheibentelefon. Außer Haus hieß es: „Fasse dich kurz!“ Diese Mahnung prangte in vielen Telefonzellen, denn bei zwei Groschen (20 Pfennigen oder rund 10 Cent) für ein unbegrenztes Ortsgespräch bildeten sich vor den gelben Häuschen schon mal Warteschlangen. Heute selbstverständliche und weit verbreitete Helfer wie Handys, Heimcomputer oder das Internet blieben noch für weitere Jahrzehnte Spezialisten vorbehalten oder Spock und Captain Kirk aus der damals anlaufenden Science-Fiction-Serie Raumschiff Enterprise. Fast Food gab es höchstens in München, wo eine US-amerikanische Hamburger-Kette gerade ihre erste deutsche Filiale eröffnete. Deshalb griffen die meisten zum Butterbrot. Doch schon türmten sich die ersten Tiefkühlpizzen in den Supermarkttruhen …

Zeit für Helden

In der Gegenwart fragen wir uns nun, wie es zukünftig sein wird. Werden wir Alltagsaufgaben anders bewältigen als heute, vielleicht schneller und komfortabler? Welche technischen Neuerungen werden uns dabei unterstützen? Unsere Grundbedürfnisse werden sich nicht wesentlich verändern, unabhängig davon, wie bequem oder aufwendig es sein wird, sie zu erfüllen: Auch in Zukunft benötigen wir ausreichend Nahrung, Energie, sauberes Wasser und klare Luft zum Leben. Wir werden sicher weiter großen Wert legen auf angenehme Wohn- und Arbeitsbedingungen, auf Mobilität, Kommunikation, ein anregendes kulturelles und ein funktionierendes gesellschaftliches Umfeld. Diese Lebensbedingungen werden sich im Jahre 2050 rund neun Milliarden Menschen wünschen – zwei Milliarden mehr als heute.

Heutige Trends lassen erahnen, wie sich die technischen Möglichkeiten weiterentwickeln könnten. Alltagstechnik wird künftig wahrscheinlich noch kompakter, leistungsfähiger, vielseitiger sein. Schon in den kommenden Jahren werden Informations-, Kommunikations- und Energietechnologien stärker miteinander verschmelzen. Diese Kombination bietet die Chance, uns energiebewusster zu verhalten. Fortschritte in der Bio- und Nanotechnologie oder in der Entwicklung von künstlicher Intelligenz können neue Materialen, bessere Herstellungsverfahren, neue Produkteigenschaften und individuellere Anwendungen hervorbringen.

Die Zukunft ist offen. Nicht nur Forscher, Politiker und Großunternehmer gestalten sie mit, sondern jeder und jede von uns – Sie, wir und bis 2050 auch Ihre und unsere Kinder und Enkel. Auf den folgenden Seiten finden Sie Zukunftserzählungen zum Nachdenken und ausführliches Hintergrundwissen zum Mitreden. Ein weiteres Kapitel widmet sich der Frage, was zu tun wäre, um künftig mehr Energiebildung zu vermitteln und so gesellschaftlich eine energiebewusstere Lebensweise zu fördern.

Willkommen in einer funktionierenden, aber keineswegs selbstverständlichen Zukunft! Wir würden uns freuen, wenn Sie sich bei Keno, Frauke, Joost, Hanna, Jan und Martin Janssen wohlfühlen. Und wir hoffen, dass unser Bild von einer möglichen Zukunft nach einer erfolgreichen Energiewende Ihnen Lust macht, den Weg dorthin aktiv mitzugestalten.

Viel Freude bei der Lektüre wünschen Ihnen

Carsten Agert, Christoph Böhringer, Werner Brinker, Gert Brunekreeft, Jörg Buddenberg, Kirstin Hengelage, Jörg Hermsmeier, Sebastian Jurczyk, Hans Kaminski, Stephan Rammler und Ulrich Wagner

Vorwort Handelsblatt

Wenn ich meinem Urururururururururenkel etwas raten könnte – ich würde ihm sagen, dass er nach Grönland ziehen soll. Denn wenn sich die gängigen Klimamodelle bewahrheiten, wird es sich an kaum einem anderen Fleck auf der Welt so unbeschwert leben lassen.

In den vergangenen 100 Jahren hat sich die Weltbevölkerung vervierfacht. Wir haben erstaunliche Fortschritte in allen Lebensbereichen gemacht. Doch der gewonnene Wohlstand hat seinen Preis: Mit dem Wirtschaftswachstum wurde das ökologische Gleichgewicht derart durcheinandergebracht, dass es nur noch darum gehen kann, die Folgen des Klimawandels einzugrenzen – völlig abzuwenden sind sie ohnehin nicht mehr.

Next Energy ist ein Denkanstoß: Um dem Klimawandel wirksam etwas entgegenzusetzen, müssen gemeinsame Lösungen gefunden werden. Die Frage lautet: Ist der Zwang zum ewigen Wachstum wirklich alternativlos? Feststeht: Die Welt wird 2050 anders funktionieren. Sie werden Familie Janssen kennenlernen, die, wie viele andere auch, ökologisch denkt und handelt. Ihre Welt ist im Hinblick auf Energie und Verkehr besser als unsere heutige, und sie ist keine Utopie.

Dieses Buch macht Mut – ohne Idealismus vorauszusetzen. Die Lebenserwartung meines Urururururururururenkels wird um 23 Jahre höher sein als meine. Er lebt in einer Gesellschaft, die im Einklang mit der Umwelt ist. Die Frage ist nur, wie hart der Weg dorthin sein wird. Noch haben wir die Wahl. Dieses Buch hilft dabei, dass jeder Einzelne die richtigen Entscheidungen trifft.

Thorsten Giersch

Mitglied der Chefredaktion Handelsblatt Online

1. KAPITEL
Wie leben wir morgen?
Wir sind Familie Janssen – Personen und Orte der Zukunftserzählung

In den folgenden Kapiteln begleiten wir Familie Janssen durch den Spätsommer 2050. Vier Generationen betrachten die Situation im Jahre 2050 aus ihrer eigenen, durch ihre persönlichen Lebens- und Alltagserfahrungen geprägten Perspektive. Freunde und Bekannte runden mit ihren Ansichten das Bild vom Leben zur Jahrhundertmitte ab.

Das regionale und gesellschaftliche Umfeld

Die Zukunftserzählung ist im Nordwesten Deutschlands angesiedelt. Urbane Lebensräume wie die Großstadt Hamburg ziehen unverändert viele Menschen an. Hier lebt Keno mit seinen Eltern Frauke und Joost. In der ostfriesischen Region um die mittelgroße Stadt Leer, wo Kenos Großeltern und sein Urgroßvater zu Hause sind, geht es beschaulicher zu. Die Küstenregion Niedersachsens hat es geschafft, dem demografischen Wandel in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts etwas entgegenzusetzen: Mit ihrer langen Tradition in der Windenergienutzung hat die Region von der Energiewende profitiert und seit den 2010er-Jahren neue Industrien ansiedeln können. Die starke Windindustrie und die maritime Wirtschaft haben sich als Zugpferde für weitere Branchen erwiesen. Die reizvolle Landschaft bietet hohe Lebensqualität, und attraktive touristische Angebote ziehen Naherholungssuchende an.

Die Personen

Zentrale Figur ist Keno Janssen (geb. 2039), ein Hamburger Stadtkind, das mit den Vorzügen moderner Informationstechnik, intelligenter Gebäude und einer effizient organisierten Mobilität aufgewachsen ist. Vieles, was er von seinen Großeltern Hanna und Jan oder seinem Urgroßvater Martin über die Zeit um die Jahrtausendwende hört, erscheint ihm wahrlich vorsintflutlich, wie auf Papier gedruckte Schulbücher.

Kenos Vater Joost (geb. 2012) ist Ingenieur und Mediator. Sein Arbeitsschwerpunkt ist es, im Auftrag von Firmen und Institutionen die öffentliche Akzeptanz für neue Infrastruktur-, Energieerzeugungsoder Industrieprojekte zu fördern. Kenos Mutter Frauke (geb. 2013) vermittelt in Hamburg als Lehrkraft die Themen Wirtschaft, Energie und Nachhaltigkeit, kurz: „WEN“.

Kenos Großeltern Hanna (geb. 1986) und Jan Janssen (geb. 1985) zählen 2050 zur mittleren Generation einer deutlich älteren Bevölkerung. Sie haben die Höhen und Tiefen der Energiewende sehr bewusst miterlebt und konsequent in eine sparsame und langfristig kostengünstige Energieversorgung ihres alten Friesenhauses investiert. Hanna arbeitet unter anderem im Restaurant „Friesenstube“, Jan ist IT-Spezialist.

Kenos Urgroßvater Martin Janssen (geb. 1960) feiert 2050 seinen 90. Geburtstag. Er lebt im Wohncampus, einer Vorzeigeeinrichtung der Stadt Leer. Seine Berufserfahrungen als ehemaliger Mitarbeiter eines Energieversorgungsunternehmens spiegeln den Stand der Energieversorgung in Deutschland Mitte der 2010er-Jahre wieder.

Samstag, 20. August 2050: Friesenhaus auf Fitnesskur

06.00 Uhr. Aus den Lautsprechern des Nachttischs erklingt leise Mozarts kleine Nachtmusik. Die Melodie schleicht sich in Jan Janssens Träume, während das Schlafzimmer langsam in rötliches, dann in helleres Licht getaucht wird. Jan hat die Zimmerdecke mit einer hauchdünnen Schicht organischer Leuchtdioden überziehen lassen, die ihm pünktlich zur Weckzeit einen gefühlten Sonnenaufgang bescheren. Jan blinzelt kurz und dreht sich noch einmal um. Doch nicht nur die zunehmende Helligkeit stört seinen Schlummer, sondern auch das Streichorchester meint es ernst. Unerbittlich steigert sich die Lautstärke der Musik mit einer unüberhörbaren Botschaft: aufstehen! Jan gähnt und reibt sich die Augen. Die andere Hälfte des Doppelbettes ist verlassen, stellt er fest, Hanna ist bereits aufgestanden. Sie ist eine echte Frühaufsteherin – ganz im Gegensatz zu Jan. Er klatscht kurz in die Hände, die Streicher verstummen. Dann überlegt er es sich noch einmal anders, schnippt mit den Fingern und sagt: „Beatles“. Aus den Lautsprechern schallt ein aktueller Remix von „Good Day Sunshine“. Den Hit aus dem Jahr 1966 kennt Jan in- und auswendig, es ist ein Lieblingssong seines Vaters Martin Janssen – allerdings nur in der Ursprungsversion. Martin blieb sogar seinen Beatles- und Rolling-Stones-Schallplatten noch lange treu, als die Plattenspieler andernorts CD-Playern und USB-Sticks wichen. Für Jan sind die Hits als Kindheitserinnerungen fest verbunden mit seinem Elternhaus, das er vor Jahren übernommen und grundlegend modernisiert hat.

Während er ins Bad schlurft, sinniert Jan darüber, warum wohl gerade die Beatles bei Jugendlichen aktuell wieder so angesagt sind. Schließlich stammen die Hits aus dem vergangenen Jahrhundert, sind also schon fast klassische Musik … Aus dem Spiegel schaut ihm ein verschlafener Mann entgegen, gut 60, unrasiert, die Haare zerzaust. „Kriech doch noch mal unter die Decke, nur ein Viertelstündchen …“, scheint sein Spiegelbild ihm anzuraten. Jan hadert kurz mit sich, bis sein Blick auf das Display am rechten Spiegelrand fällt: „Schulwechsel Keno, Beginn: 10 Uhr“, leuchtet es dort kurz und knapp. Sein Enkelsohn Keno besucht ab heute die weiterführende Zweitschule. Im Geiste sieht er den elfjährigen Blondschopf vor sich. Sein Spiegelbild beginnt, breit zu lächeln, und sieht jetzt tatsächlich fast wach aus. Jan freut sich darüber, dass sein Sohn Joost und seine Schwiegertochter Frauke ihrem Kind ebenfalls einen alten ostfriesischen Namen gegeben haben. Regionaltypisches liegt 2050 voll im Trend – von traditionellen Namen bis zu regionalen Gerichten und Bräuchen. Jan findet diese anhaltende „Retrowelle“ einerseits gut, andererseits verwunderlich, da doch zumindest virtuell jedem die ganze Welt nahezu grenzenlos offensteht. Aber vielleicht ist eben das der tiefere Grund für die Rückbesinnung auf – im wahrsten Sinne des Wortes – Naheliegendes.

Spieglein, Spieglein an der Wand …

Wie werden wir wohnen und leben?

Jans Blick fällt auf die im Spiegel eingeblendeten Wetterdaten. Wie selbstverständlich stehen sie dort zur Verfügung, frisch eingespielt aus dem Internet, ebenso wie sein privater Terminkalender für heute. Aktiviert wird der Spiegel über den Bewegungsmelder, der beim Betreten des Badezimmers auch für Licht sorgt. Die Wettervorhersage meldet Sonnenschein, den ganzen Tag! Offensichtlich werden die Beatles recht behalten, konstatiert er zufrieden. Um sich wie gewohnt beim Rasieren die aktuelle Energieversorgung des Hauses anzeigen zu lassen, tippt Jan mit dem Finger auf das Spiegeldisplay. Es erscheint eine einfache Grafik aus zwei Kurven: Eine Kurve steigt sichtbar an – sie stellt den aktuellen Stromverbrauch des Hauses dar. Die zweite Kurve zeigt, wie viel Strom die Photovoltaikanlage aktuell produziert. Noch befindet sich diese zweite Kurve nahe dem Nullpunkt, doch voraussichtlich wird sie schon am frühen Vormittag die Verbrauchskurve kreuzen. Dann produziert das Haus mehr Strom, als Hanna und Jan gerade benötigen. Bevor Strommengen ins öffentliche Netz eingespeist werden, wird zunächst die Hausbatterie im Wirtschaftsraum aufgeladen. Deren Kapazität reicht aus, um einige Tage lang ohne Strom aus dem öffentlichen Netz auszukommen.

„1902“ ist in gusseisernen Ziffern an der Stirnseite des alten Friesenhauses zu lesen. Es ist Jans Elternhaus. Zusammen mit Hanna hatte er sich 2030 entschieden, das Wohnhaus am Rand der ostfriesischen Küstenstadt Leer von seinem Vater zu übernehmen. Martin Janssen lebte damals bereits seit zehn Jahren allein. Zwar liebte Martin den schönen, mit einer dichten Buchenhecke umgebenen Garten, den Anblick der alten Bäume, Blumen- und Gemüsebeete. „Aber im Grunde“, hatte er Jan in seiner praktisch-nüchternen Art erklärt, „ist das Ganze hier für mich allein eine Nummer zu groß.“ In der Nähe entstand zu der Zeit ein moderner Wohncampus. Das städtische Vorzeigeprojekt warb um zukünftige Bewohner mit dem Versprechen, flexibel auf deren individuelle Bedürfnisse einzugehen. Zusammen mit zwei langjährigen Freunden informierte sich Martin, nahm schon in der Bauphase an einem Rundgang über das Gelände teil und besichtigte eine der ersten, nahezu fertiggestellten Wohnungen. Kurz entschlossen machte er Nägel mit Köpfen und bewarb sich auf eine der komfortablen, lichtdurchfluteten und mit intelligenter Technik ausgestatteten Zweizimmerwohnungen mit Terrasse und Blick auf den Park. Martins Freunde Werner Oesten und Tom Frerichs erkannten ebenfalls, dass sie im Campus am Julianenpark bis ins hohe Alter weitgehend eigenständig würden leben können, und reservierten Wohnungen gleich nebenan. Sein Friesenhaus bot Martin Hanna und Jan an.

Aus alt mach neu und effizient!

Hanna und Jan war klar, dass sie das alte Gebäude modernisieren mussten. Sobald Martins Umzugstermin feststand, begannen sie mit der Planung. Schon Jans Vater hatte in den zurückliegenden Jahren einiges unternommen, um die immensen Heizkosten in den Griff zu kriegen. Anfang der 1990er-Jahre hatte er Dach und Innenwände des Hauses gedämmt und den veralteten Heizkessel durch einen sparsamen Erdgas-Brennwertkessel ersetzt. 20 Jahre später bot sich die Gelegenheit zu einem weiteren Techniksprung: Als Mitarbeiter eines regionalen Energieversorgungsunternehmens bekam Martin 2010 die Chance, an einem zweijährigen Test von Brennstoffzellenheizgeräten teilzunehmen. Die saubere und sparsame Strom- und Wärmeerzeugung überzeugte ihn restlos. Als die Testanlage wieder ausgebaut wurde, hätte er am liebsten sofort eine eigene gekauft, doch die Brennstoffzellentechnik für den Heizungskeller war noch nicht serienreif. Deshalb entschied er sich für einige weitere energiesparende Umbaumaßnahmen und nutzte den vorhandenen Heizkessel weiter. 2018 schloss er dann einen Strom- und Wärmeliefervertrag mit einem Energiedienstleister ab, der ein neues Brennstoffzellenheizgerät installierte und darüber hinaus die Finanzierung und die regelmäßige Wartung übernahm.

Zwölf Jahre später waren Jan und Hanna dran, das Haus zeitgemäß umzurüsten. Sie wollten den Bedarf an Strom und Heizenergie weiter senken und die gesamte Haustechnik intelligent und energieeffizient steuern können. Als Jan nach der Modernisierung endlich die gusseisernen Ziffern des Erbauungsjahres wieder an der Hauswand befestigte, war er versucht, statt „1902“ die aktuelle Jahreszahl „2031“ anzubringen.

Als Jan ihm vor Beginn der Bauarbeiten die Pläne zeigte, hatte Martin Janssen trocken angemerkt: „Pass bloß auf, dass das Haus nicht schlauer wird als du!“ Berufsbedingt interessiert sich Jans Vater für alles, was mit Energie zu tun hat. Doch die umfassende Informations- und Kommunikationstechnik moderner Wohnhäuser machte ihn zunächst skeptisch. Nach seinem Umzug in den Wohncampus wich seine Skepsis rasch, denn entgegen seiner Erwartung war das Bedienen kinderleicht. Schon bald schwärmte er von den Vorzügen seiner Wohnung, die sich in vielerlei Hinsicht auf seine persönlichen Bedürfnisse einstellte. Jan erinnert sich an den ersten Rundgang durch das neue Zuhause seines Vaters. Martin erläuterte die vielfältigen Funktionen, die sich mithilfe eines übersichtlichen zentralen Bedienfelds anpassen lassen. Er senkte die Zimmertemperatur, aktivierte die Fenstertönung, bis sich der Raum vollständig verdunkelte, wählte eine indirekte Beleuchtung mit einem warmen Lichtton und wies auf die zahlreichen Sensoren und Bewegungsmelder hin, die ihm im Alltag mehr Sicherheit boten. Bevor er das großzügige, barrierefreie Bad zeigte, führte er noch rasch die serienmäßige Aufstehhilfe der Sitzmöbel und die elektrisch höhenverstellbaren Tische und Arbeitsplatten vor. „Brauch’ ich zwar alles nicht, ist aber ganz nett“, war sein Standardkommentar während des Rundgangs. Doch er hatte längst eingesehen, dass diese Technik zu seinem sicheren, komfortablen und selbstbestimmten Alltag beitrug – bis ins hohe Alter. Bis dahin aber ist, wie der agile 90-Jährige 20 Jahre später immer noch gerne betont, noch jede Menge Zeit.

Intelligente Technik erobert den Alltag

Jan betritt die Duschkabine. Unverzüglich strömt angenehm warmes Wasser aus mehreren Duschköpfen, die seitlich und über ihm angebracht sind. Um endlich richtig wach zu werden, aktiviert er den Massagestrahl in Schulterhöhe und wählt ein belebendes Blau für die Lichtdusche. Jan genießt diesen „Wellness-Firlefanz“, wie Martin anfangs gespottet hatte. Inzwischen sieht sein Vater das längst anders, schließlich bietet sein eigenes Zuhause im Campus mindestens ebenso viele individuelle Anpassungsmöglichkeiten.

Jan tippt auf das Duschdisplay. Der Wasserstrom versiegt, aus den seitlichen Düsen strömt nun warme Luft. „Welche Generation hat wohl die größeren technischen Revolutionen miterlebt – meine Generation oder Martins?“, überlegt er, während der Luftstrom Haut und Haare trocknet. Sein Vater ist mit Telefonzellen und Festnetztelefonen aufgewachsen, Jan erinnert sich dagegen an PC-Spiele, sein erstes Smartphone und seine Bemühungen um ein möglichst cooles Profil in den ersten sozialen Netzwerken. Selbst ihm erscheint ein Alltag ohne umfassende automatische Kommunikation zwischen Geräten, Maschinen und Fahrzeugen absurd lange her.

Jan fällt ein, wie er beim Entrümpeln seines Elternhauses auf einen nahezu historischen Fund aus den 1980er-Jahren gestoßen war: einen der ersten erschwinglichen Heimcomputer, einen Commodore 64. Martins Generation hatte das Aufkommen dieser ersten Heimcomputer miterlebt, aber auch, wie in den kommenden Jahrzehnten immer leistungsfähigere und kompaktere Computer Büros und private Schreibtische eroberten. Jan bekam mit zwölf Jahren sein erstes, von seinem Vater ausrangiertes Handy, als Student leistete er sich ein Smartphone. Die Smartphones wurden zu immer leistungsfähigeren und vielseitigeren Multifunktionsgeräten weiterentwickelt und eroberten im Alltagsleben einen festen Platz. Sie wurden nicht nur komfortabler, sondern schließlich unerlässlich, als Bindeglied zur persönlichen Datenwolke und zu einer Vielzahl von Dienstleistungen. Orientieren, Navigieren, Reservieren und Bezahlen sind nur einige der Funktionen, die die handlichen Geräte im Alltag übernehmen.

Intelligente Technik dient dem Menschen, aber macht sie uns nicht gleichzeitig unselbstständiger und abhängiger?

Weil die Geräte zur persönlichen Grundausstattung gehören, werden sie als „Persönliche Assistenten“ angeboten. Es ist durchaus üblich, seinem elektronischen Begleiter einen eigenen Namen zu geben. Jan taufte seinen „Helferlein“, nach Daniel Düsentriebs kleinem Assistenten mit dem Glühbirnenköpfchen. Und wie Daniel Düsentrieb fühlt er sich manchmal hilflos, wenn er sein Helferlein verlegt hat. Zum Glück reagiert es auf seinen Rufnamen – so findet Jan das Gerät meistens rasch unter Sofakissen, auf Schrankregalen oder an anderen ungewöhnlichen Ablageorten wieder.

Was heißt hier inakzeptabel?

Martin hatte 1980 seine berufliche Laufbahn bei einem regionalen Energieversorgungsunternehmen begonnen. Strom wurde ausschließlich in Großkraftwerken produziert und vielerorts noch über Freileitungen bis zu den Haushalten transportiert. Serienreife Windenergie- oder Solaranlagen waren seinerzeit noch nicht in Sicht, aber Techniken zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien wurden intensiv erforscht und erprobt. Martin erlebte in seinen ersten Berufsjahren, wie die Nieder- und Mittelspannungsnetze nach und nach aus dem Landschafts- und Städtebild verschwanden: Sie wurden unterirdisch verlegt, um besser vor Wettereinflüssen wie Sturm und Eis geschützt zu sein. Die Energieversorgung vor der Haustür geriet mit jedem demontierten Freileitungsmast buchstäblich weiter außer Sicht.

Martin sorgte in seinem Bezirk für den zuverlässigen Betrieb der Stromnetze. Ihm fiel auf, dass Strom rund um die Uhr für viele seiner Freunde, Nachbarn und Kunden offenbar völlig selbstverständlich war. Ihm dämmerte, dass die unterirdische Verlegung der Leitungen dieses Desinteresse förderte: „Kaum jemand sieht, dass der Strom nicht aus der Steckdose kommt, sondern dass Aufwand dahintersteckt, ihn in jedes Haus zu bringen“, stellte er fest. „Umso sicherer scheinen alle zu sein, dass sie zu viel bezahlen müssen für ihre zuverlässige Energieversorgung.“ Als Ende der 1990er-Jahre die Energiekosten deutlich zu steigen begannen, wurde zunehmend heftig über die Ursachen diskutiert. Mit der Energiewende erreichte die Diskussion eine neue Dimension, denn die Kosten des Umbaus der Energieversorgung stiegen viel rascher als erwartet. Der Umbau geriet auch durch Proteste und Initiativen ins Stocken: Vielerorts wehrten sich Anwohner und Interessengruppen gegen neue Hochspannungsleitungen oder den Bau von Großkraftwerken, Windenergie-, Wasserkraft- oder Biogasanlagen. „Das ist doch verrückt“, wetterte Martin, wenn er mit Jan darüber diskutierte. „So viele Bürger stimmen der Energiewende zu. Und trotzdem werden neue Erzeugungsanlagen und Leitungen nicht akzeptiert. Das versteh’ mal einer…“

Zu dem Zeitpunkt hatte Jan seine Ausbildung zum IT-Systemelektroniker und sein anschließendes Informatikstudium beendet und gerade im Berufsleben Fuß gefasst. Es fiel ihm nicht schwer, einen interessanten Arbeitsplatz zu finden: Gut ausgebildete Fachleute wie er wurden in der IT-Branche und in der Energiebranche händeringend gesucht. Jan arbeitete zunächst an einem Forschungsprojekt mit. Dabei wurde in einer Modellregion unter anderem untersucht, wie weit sich der Strombedarf von Unternehmen und Haushalten an das schwankende Windstromangebot anpassen ließ. Dazu wurden Windkraftanlagen, Haushalte, Kühlhäuser oder öffentliche Schwimmbäder miteinander vernetzt und bildeten so einen gemeinsamen Energiemarktplatz. Die Forscher untersuchten, inwieweit ein besserer Informationsaustausch zwischen den Teilnehmern dazu beitragen konnte, Stromüberschüsse sinnvoll zu nutzen und Stromengpässe durch zeitweises Absenken des Strombedarfs zu mindern. Untersucht wurde auch, ob und in welchem Umfang die Menschen überhaupt dazu bereit waren, ihr gewohntes Energieverhalten zugunsten dieser effizienteren Verteilung umzustellen.

Je weiter die Energiewende vorankam, desto drängender wurden diese Kernfragen. Im Jahr 2050 decken erneuerbare Energiequellen den Strombedarf in Deutschland nahezu vollständig. Das funktioniert, weil der Bedarf sich dem verfügbaren Stromangebot flexibler anpasst und weil bei Versorgungsengpässen übergangsweise auf Batterien und längerfristige Speicherformen zurückgegriffen werden kann.

Anders als Hanna und Jan wohnen deren Sohn Joost und seine Frau Frauke in einem Stadthochhaus. Zwar erzeugen moderne Hochhäuser auch Strom, die erzeugte Strommenge reicht aber höchstens für die Sicherheitstechnik, Beleuchtung und Klimatisierung der gemeinsam genutzten Flure und Räume. Dennoch kommen die Mieter meist mit niedrigen Stromflatrates aus, denn die moderne Gebäudetechnik des Hochhauses verhindert, dass unnötig Energie verbraucht wird, auch in den Wohnungen. Frauke und Joost zahlen nicht für die Anzahl ihrer verbrauchten Kilowattstunden, so wie es jahrzehntelang üblich war. Ihre Flatrate umfasst eine begrenzte Leistungsabgabe, deren Obergrenze sie einzuhalten versuchen. Dazu müssen sie teure Stromspitzen vermeiden, also darauf achten, dass sie nicht mit zu vielen Geräten gleichzeitig Strom verbrauchen. Brauchen sie eine höhere Leistung, wird für den Abrechnungszeitraum ausnahmsweise eine teurere Flatrate fällig. (Wie sieht die Stromrechnung morgen aus?, Kapitel 5)

Für Hanna und Jan ist es wenig sinnvoll, eine Stromflatrate zu buchen. Ihr Eigenheim ist mit eigenen Stromerzeugungsanlagen und Speicherkapazitäten ausgestattet und bezieht vergleichsweise selten Strom aus dem öffentlichen Netz. Zeitweise produziert es sogar mehr Strom, als ihr Haushalt verbrauchen oder speichern kann. Diese Überschüsse bieten sie dem Betreiber des Stromnetzes an, der damit kurzfristige Spannungsschwankungen ausgleicht. 2050 sind solche „Systemdienstleistungen“ so wertvoll wie der produzierte Strom selbst, denn sie tragen zur Stabilität des Versorgungssystems bei. Es ist für Hanna und Jan deshalb günstiger, ihren Verbrauch und ihr Energieangebot sekundengenau abrechnen zu lassen. (Smart Home, Smart Grid, Smart City, Kapitel 3)

Über Fragen der Energieversorgung wird 2050 aber längst nicht mehr so intensiv debattiert wie in den zurückliegenden Jahrzehnten. Die Stromkosten gehen langsam, aber stetig zurück. Frauke und Joost sind zwar grundsätzlich eher kritische Konsumenten, aber an der Stromversorgung, die größtenteils erneuerbare Energien einsetzt, gibt es aus ihrer Sicht wenig zu kritisieren. Sie sind den Anblick von Erzeugungsanlagen oder Stromspeichern im Landschaftsbild gewohnt. Zudem werden vielerorts Strommengen sehr unauffällig erzeugt – mit lichtempfindlichen Beschichtungen an Häuserwänden, auf Gebäudedächern und Fahrzeugoberflächen oder mit lichtempfindlichen Textilien, aus denen zahlreiche Alltagsgegenstände gefertigt werden wie Jacken, Schirme und Taschen. Frauke und Joost machen sich wie viele andere ihrer Generation mehr Gedanken darüber, wie sie als kritische Konsumenten Einfluss auf die Gestaltung von Produkten und auf die Produktionsbedingungen nehmen können.

Schöne neue Datenwelt?

Jan schlüpft in ein helles Hemd und eine graue Anzughose. Schlagartig fällt ihm noch etwas ein, das sich seit seiner Jugend enorm verändert hat: die Mobilität. Seit 2030 setzten sich nahezu geräuschlose und abgasfreie Antriebe auf den Straßen durch. Diese Entwicklung ging von den Städten aus, weil die Belastung durch Lärm und Abgase hier am höchsten war. Die Verkehrsströme wurden neu organisiert, keineswegs nur in den Städten. Das Energieversorgungssystem und die zunehmend elektrisch angetriebene Mobilität begannen zusammenzuwachsen – eine Entwicklung, die sich auch in einer Veränderung der Unternehmenslandschaft widerspiegelte. 2050 sind aus ersten branchenübergreifenden Kooperationen zahlreiche neue Dienstleistungsunternehmen geworden, die Energie, IT, Kommunikation und Mobilität aus einer Hand anbieten.

Automatisierte Dienstleistungen verändern den Alltag. Wer sie nutzen will, muss seine persönlichen Daten preisgeben. Gelten diese Daten 2050 überhaupt noch als schützenswerte Privatsphäre?

„Für meinen Enkel Keno ist es selbstverständlich, dass fast alles heute irgendwie mitdenkt oder wenigstens Energie erzeugt – vom Multifunktionsfenster bis zur Solarschicht-Jacke“, geht Jan durch den Kopf. „Keno kann jederzeit seinen Persönlichen Assistenten fragen. Oder er setzt eine ‚Schlaue Brille‘ auf und lässt sich erklären, was er gerade sieht oder wissen möchte. Informationen sind immer und überall verfügbar. Wie käme man in dieser Flut nur ohne persönliche Filterprogramme zurecht? Die lernen schnell, nur das zu liefern, was man wirklich braucht.“ Als IT-Fachmann ist Jan weit davon entfernt, sich eine Rückkehr in eine datenärmere Welt zu wünschen. Andererseits beschäftigt er sich in seinem Arbeitsalltag oft mit Fragen der Datensicherheit. „Wenn man ehrlich ist, sind auch die Programme aus unserem Sortiment kriminellen Hackern immer nur ein kleines Stück voraus. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Datendieben und Datenschützern wird wohl niemals enden.“ Nachdenklich schaut Jan in den Spiegel. Dabei streift sein Blick die eingeblendete Uhrzeit – höchste Zeit für ein schnelles Frühstück. Er geht hinunter in die Küche und setzt sich zu Hanna an den Küchentresen.

Schatz, was machen die Strompreise?

Die Stromerzeugung basiert immer stärker auf erneuerbaren Energien, das Energiesystem muss angepasst werden. Dennoch werden wir uns im Alltag nicht ständig mit Energie beschäftigen müssen – oder doch?

Hanna schenkt sich bereits ihre zweite Tasse Tee ein. Sie schaut Nachrichten auf dem „Küchenfernseher“, einer dünnen, interaktiven Kunststoff-Folie, die sie in einen dekorativen Bilderrahmen eingelassen hat. Wie gewohnt lässt sie sich anschließend die aktuelle Wetterprognose anzeigen. Auf ihren kurzen Sprachbefehl hin zeigt der Bildschirm, dass in den kommenden beiden Tagen die Sonne scheinen wird. Dann beginnt der Wind auf Nordwest zu drehen, in seinem Schlepptau Regen und konstanter Wind, Stärke 5 bis 6. Mieses Wetter also. Aber Hanna und Jan Janssen können auch schlechtem Wetter etwas abgewinnen – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn vor einigen Jahren erwarben sie Bürgeranteile an einem neuen Windpark, der in der Nähe ihrer Stadt gebaut wurde. Der Windpark besteht aus zwölf Anlagen, die mit Turmkonstruktionen aus Holz und mit einer neuen Generation aus V-förmigen, Ahornfrüchten ähnelnden Rotoren ausgestattet wurden.

Für die Hausenergieversorgung der Janssens hat praktisch jeder Wetterumschwung Konsequenzen. Ihr Stromanschluss ans öffentliche Netz ist keine Einbahnstraße – zeitweise beziehen sie Strom daraus, zu anderen Zeiten speisen sie Strom ein. Jan und Hanna halten ihre Stromkosten niedrig, indem sie ihren Energieverbrauch möglichst passgenau an die jeweilige Situation im Stromnetz anpassen. Wenn, wie heute, die Sonne scheint und wenig Wind weht, produziert ihre Fotovoltaikanlage ausreichend Strom für ihren eigenen Bedarf. Die Hausbatterie wird ebenfalls daraus gespeist und liefert nach Sonnenuntergang Strom. Bei anhaltendem Regenwetter ist jedoch auch ihr Haus auf Strom aus dem Netz angewiesen. Wenn bei dichten Wolken ein konstanter Wind weht, beziehen sie günstigen Windstrom aus dem Netz. Er wird in Hunderten Windparks an Land und auf hoher See produziert. Über den niedrigeren Preis geben die Netzbetreiber Kostenvorteile an Abnehmer in der Nähe weiter – schließlich fallen beim sofortigen Verbrauch des Stroms in unmittelbarer Nähe kaum Transportkosten und keine Speicherkosten für die Netzbetreiber an. Deshalb legen Hanna und Jan einen großen Teil ihres Stromverbrauchs möglichst in solche „Überschusszeiten“. Steigt der Preis wieder an, greifen sie zunächst auf den Strom ihrer Hausbatterie zurück und warten ab, wie sich der Strompreis in den kommenden Tagen entwickelt.

Überschüssige Strommengen, für die sich absehbar keine nahen Abnehmer finden, werden über das gut ausgebaute Hochspannungsnetz in andere Regionen des Landes und in Nachbarländer abtransportiert. Als dieser weiträumige Ausgleich wegen fehlender Netze noch nicht möglich war, musste bei hervorragenden Wetterbedingungen ein Teil der Windenergie- oder Fotovoltaikanlagen abgeschaltet werden, um die Netze nicht zu überlasten. 2050 werden über dieses grenzüberschreitende Versorgungsnetz an wolkigen, windstillen Tagen Strommengen aus anderen europäischen Ländern importiert, um Engpässe im Inland auszugleichen.

Mobilität nach Bedarf

Ein dezentes Summen kündigt einen Anruf auf Hannas Persönlichem Assistenten an. Hanna findet, ein Gerät sollte keinen eigenen Namen tragen, ihres reagiert deshalb auf die nüchterne Ansprache „Assistent“. Auf dem Bilderrahmen-Bildschirm erscheint ihr Enkel Keno, verschlafen und leicht zerzaust, offenbar sitzt er ebenfalls noch beim Frühstück. „Hallo“, ruft er und winkt seinen Großeltern zu, „ihr seid ja noch zu Hause! Jetzt müsst ihr aber los, wenn ihr rechtzeitig zur Begrüßungsfeier hier sein wollt!“ Joost, der neben Keno sitzt, prostet Jan und Hanna mit seiner Tasse zu. „Nun hetz mal deine Großeltern nicht so“, sagt er mit einem Seitenblick auf seinen Sohn und ergänzt dann entschuldigend: „Keno kann es kaum erwarten! Aber wenn ich ihn mir so ansehe, will er offenbar seinen ersten Tag in der neuen Schule im Schlafanzug verbringen.“ Keno verdreht die Augen und schiebt sich, während er aufsteht, den Rest seines Frühstücksriegels in den Mund. „Eigentlich sollte er euch kurz fragen, ob ihr mit eurem Auto nach Hamburg fahren wollt. Ihr wisst ja: Parkplätze sind hier teuer, und die Zeiten, in denen Elektroautos überall umsonst parken durften, sind seit etwa 20 Jahren vorbei …“ Aus Joosts Sicht ist ein eigenes Auto etwas völlig Überflüssiges – zumindest in der mit Verkehrsmitteln hervorragend ausgestatteten Großstadt, in der er mit seiner Familie lebt. Hanna und Jan dagegen wollen sich von ihrem alten Schätzchen, einem Elektroauto Baujahr 2030, nicht trennen, selbst wenn es dank attraktiver Mobilitätsalternativen inzwischen seltener zum Einsatz kommt.

Das Hauptargument, das sie damals zum Kauf bewogen hatte, war, dass sie ihr Elektroauto in der eigenen Garage aufladen konnten und so endlich unabhängig waren von fossilen Kraftstoffen, die immer teurer wurden. Heute sind Hanna und Jan mit ihrem eigenen Fahrzeug eine Ausnahme. Viele ihrer Nachbarn teilen sich modernere und hochwertigere Fahrzeuge in Nutzergemeinschaften oder setzen vollständig auf andere Alternativen. Das planen auch Jan und Hanna, sollte ihr Wagen irgendwann den Geist aufgeben oder sollten die Straßennutzungsgebühren noch weiter steigen.

Dienstleistungen, Fernsteuerung und Automatik können uns das Leben leichter machen. Oder geben wir damit zu viel Kontrolle über unseren Alltag ab?

Hanna nimmt die spitze Bemerkung ihres Sohnes gelassen. „Keine Sorge, Joost“, antwortet sie, „unser Schätzchen bleibt in der Garage! Wir haben eine gute Verbindung ausgesucht, mit der wir direkt vor dem Schultor landen.“ Nachdem sie sich verabschiedet haben, fragt sie Jan nachdenklich: „Ob Joost meint, dass wir uns in der Stadt mit dem eigenen Auto nicht mehr zurechtfinden? Denkst du, er findet, dass wir alt werden?“ Jan schüttelt energisch den Kopf. „Nein, das denke ich erst, wenn er mich daran erinnert, auf keinen Fall mein ‚Helferlein‘ zu Hause zu vergessen! Er findet eben, dass ein Auto in der Stadt unnötiger Ballast ist – zumal ein so altes wie unseres.“

07.00 Uhr. Hanna trägt ein kleines Geschenk für Keno in der Hand, als sie das Haus verlassen und dessen Abwesenheitsmodus aktivieren: Fenster und Türen des Hauses schließen sich, die Alarmanlage schaltet scharf. Sollten während ihres Ausflugs ungewöhnliche Störungen auftreten, werden sie es sofort erfahren. Hanna hat für die Hin- und Rückfahrt eine passende Mobilitätskette aus Rufbus, Bahn und elektrischer Fahrkabine gebucht. Der kleine Elektrobus hält in der Haltebucht wenige Meter von ihrem Haus entfernt und bringt sie zum Bahnhof. Beim Einsteigen senden die Persönlichen Assistenten in Hannas und auch in Jans Tasche entsprechende Signale, so dass sie berührungslos alle Kontrollschranken passieren können. Wenig später besteigen sie ihren Zug. Jans Helferlein leitet sie zu dem Zweierabteil, das sie sich für die Fahrt ins Stadtzentrum gegönnt haben. Hier können sie bequem die Füße hochlegen, ein Nickerchen machen oder mithilfe des Persönlichen Assistenten die Abteilzwischenwand als Großbildschirm nutzen, um darauf Nachrichten, eine Lieblingsserie oder einen Film anzusehen.

Was müssen öffentliche Verkehrsmittel bieten, um künftig zum zentralen Element einer nachhaltigen Mobilität zu werden?

Früher hatte die Bahn als Reisealternative für Hanna nicht allzu hoch im Kurs gestanden. Es überwogen Erinnerungen an komplizierte oder defekte Ticketautomaten, abweisendes Bahnhofspersonal, an das Warten auf verspätete Züge, unzureichende Anschlussmöglichkeiten, muffige Abteile, enge Sitzplätze, laute Durchsagen … kurzum: Sie hatte, ebenso wie Jan, Bahn und Busse gemieden und stattdessen lieber ein Auto gekauft.

Eine Unterhaltung mit einer Arbeitskollegin in der „Friesenstube“ gab den Ausschlag, nach langer Zeit wieder einmal eine Bahnfahrt zu riskieren. Hannas Kollegin schwärmte von ihrer letzten Urlaubsreise mit der Bahn. Hanna konnte sich einen spöttischen Kommentar nicht verkneifen und erntete einen verständnislosen Blick. „Kann es sein, dass du lange nicht mehr per Mobilitätskette gereist bist?“, fragte ihre Kollegin schließlich nachsichtig. Wie peinlich … Hanna beschloss, ihre Meinung im Selbstversuch zu überprüfen. Die Kollegin hatte recht: Die kurzfristige elektronische Reservierung und die Bezahlung waren kinderleicht und klappten reibungslos. Hanna saß bei ihrer „Probefahrt“ in einem dieser neu gestalteten, gut ausgestatteten Abteile, die Luft war frisch, und es war angenehm leise. Alle aktuellen Fahrtinformationen wurden am oberen Fensterrand eingeblendet. Nach der pünktlichen Ankunft wurde Hanna über ihren Persönlichen Assistenten zum Fahrradstand geleitet, wo ihr reserviertes Elektrofahrrad bereitstand. Fazit: kein Stau, keine Wartezeiten und eine Auswahl verschiedener Transportmöglichkeiten bis zum Reiseziel. Noch am gleichen Abend überzeugte sie Jan, die nächste gemeinsame Fahrt mit der Bahn statt mit dem Pkw zu unternehmen.

Planmäßig gleitet Hanna und Jans Zug in den Vorstadtbahnhof Seevetal. Von hier aus sind es noch etwa vier Kilometer bis zu Kenos Schule. Bei der Reiseplanung hatte Hanna zunächst überlegt, das günstigste der vorgeschlagenen Verkehrsmittel zu wählen: zwei Mietfahrräder. Doch dann hatte sie kurz entschlossen eine teurere, aber bequeme Zweipersonenfahrkabine gewählt. Ihr Persönlicher Assistent leitet sie zur nahe gelegenen Station, die Türen einer geräumigen Kabine öffnen sich. Nachdem sie Platz genommen haben, setzt sich die Kabine unverzüglich in Bewegung, gleitet eine lange Rampe hinab, reiht sich in den fließenden Verkehr ein und beschleunigt sanft. Hanna schließt die Augen und lehnt sich zurück. „Jan, es wird Zeit, dass wir unserem alten Schätzchen ade sagen und endlich zeitgemäß fahren. Wie entspannend diese Lenkautomatik ist!“, schwärmt sie. Kurz darauf hält die Kabine in einer Ausbuchtung vor der Zweitschule Seevetal. Das Display meldet: „Sie haben Ihr Fahrziel erreicht. Vielen Dank für Ihre Reise mit Travelfast.net!“

Vernetztes Lernen

09.45 Uhr. Jan und Hanna steigen aus und halten Ausschau nach Joost, Frauke und Keno. Ein Blondschopf löst sich aus der Menschentraube vor dem Eingangsbereich und kommt ihnen entgegen. Keno bringt sie zu seinen Eltern und gemeinsam suchen sie freie Plätze in den Stuhlreihen, die vor einer kleinen Bühne auf dem Schulhof stehen. Nach einer kurzen feierlichen Begrüßung absolvieren die Schüler ihre erste Unterrichtsstunde in der neuen Schule. Keno greift nach seinem schmalen, robusten Rucksack. Darin befindet sich lediglich die „Schulmittel-Lern- und Schreibeinheit“ – ein handlicher Touchscreen, der sämtliche Bücher und Hefte ersetzt und von den Schülern kurz „Schumi“ genannt wird.

Können Technologien unsere Denk- und Lernweisen verändern?

Eltern und Verwandte sind eingeladen, die Schüler zu begleiten und sich die moderne Lernumgebung anzuschauen: große Räume, unterteilt durch transparente, schalldichte Wände. Diese Lernlandschaften ermöglichen das Lernen in kleinen, altersübergreifenden Gruppen.

Schon bald schlendern Jan, Hanna, Joost und Frauke zurück auf den Schulhof. „Mich wundert immer wieder, dass dieser moderne Unterricht so gut funktioniert“, bemerkt Jan kopfschüttelnd. „Wenn ich das richtig verstanden habe, kann Keno online am Unterricht teilnehmen, statt hierherzukommen.“ „Ja, aber nur ausnahmsweise und nur, wenn seine Leistungen stimmen“, entgegnet Joost. „Die Kinder sind ohnehin lieber hier – echte Gesellschaft macht eben mehr Spaß als virtuelle. Das war zu meiner Schulzeit nicht anders.“ „Stimmt“, murmelt Hanna und mustert ihn übertrieben streng, „wenn ich mich recht erinnere, war Spaß zeitweise so ziemlich das Einzige, das du in der Schule ernst genommen hast! Aber am Ende hat sich ja auch bei dir das Lernen im individuellen Tempo und in kleinen Gruppen bewährt.“

Bildung schafft Fortschritt, Fortschritt schafft Bildung

„Ich habe eben etwas länger gebraucht, bis ich wusste, was ich wollte“, gibt Joost freimütig zu. Technik faszinierte ihn, später auch die Frage, wie Technik die Welt verändert. Die individuelle Förderung seiner Interessen in der Schule brachte ihn schließlich auf den Weg: Er absolvierte ein Ingenieurstudium und reiste anschließend beruflich mehrmals nach Indien. Dort stellte er unter anderem fest, dass in Indien nicht nur an den Hochschulen, sondern auch an allgemeinbildenden Schulen virtuelle Lehrmethoden weit verbreitet waren.

Der Grund lag auf der Hand: Seit Jahrzehnten schon waren Informations- und Kommunikationsdienstleistungen wichtige Wachstumsträger der indischen Wirtschaft und sollten es aus Sicht der Regierung auch zukünftig bleiben. Dann legten wiederholt großflächige Stromausfälle Wirtschaft, Verkehr und öffentliches Leben lahm, und es wurde überdeutlich, dass die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ohne eine zuverlässig funktionierende Energieversorgung gefährdet war. Sowohl IT- als auch Energiewirtschaft benötigten viele gut ausgebildete Fachkräfte. Junge, potenzielle Arbeitskräfte gab es zwar genug, aber nur ein kleiner Teil davon verfügte über einen ausreichend hohen Bildungs- oder Ausbildungsstand. Vor allem ärmere Bevölkerungsschichten auf dem Land hatten kaum Zugang zu entsprechenden Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Es lag also im staatlichen und wirtschaftlichen Interesse Indiens, Bildungs- und Ausbildungsangebote in den Städten und auf dem Land gleichermaßen zu fördern. In Städten wie Neu-Delhi oder Mumbai wurden Schulen mit modernen Informations- und Kommunikationstechnologien ausgestattet. Joost erfuhr, dass die konsequente Bildungsinitiative eines indischen Bundesstaates den anderen Bundesstaaten als Vorbild diente: Stadtschulen übertrugen ihren Fachunterricht online an immer mehr Partnerschulen auf dem Land, denn dort fehlte es an Fachlehrkräften. Als darüber hinaus kostenlose Schulmahlzeiten angeboten wurden, schickte selbst die ärmere Landbevölkerung ihre Kinder lange genug zur Schule, um einen Abschluss zu erlangen, der sie für eine Fachausbildung qualifizierte. Dieses Angebot weckte bei vielen die Hoffnung, der Armutsfalle nicht nur in den Großstädten entgehen zu können, und bremste so die Landflucht wirksam. Große Firmen unterstützten die Bildungsinitiative auf dem Land. Im Gegenzug durften sie außerhalb der Unterrichtszeiten die Informationsinfrastruktur der Schulen für die Aus- und Weiterbildung ihrer Arbeitskräfte nutzen.

Ähnliche kostengünstige Initiativen entstanden auch in Afrika, wo das traditionelle Bildungssystem kaum Schritt halten konnte mit den hohen Geburtenraten. Solche Bildungsinvestitionen – teilweise gefördert von den Industrieländern – erwiesen sich als Spirale nach oben und veränderten ganze Gesellschaften. Joost gerät regelmäßig ins Schwärmen, wenn er davon erzählt. Jan unterbricht ihn schließlich: „… und so überholten uns Indiens und Afrikas Wirtschaft im Galopp.“ „Na ja, ich glaube tatsächlich, dass sie auf dem bestem Wege sind“, entgegnet Joost, „aber keine Sorge: Bis jetzt hat unsere Wirtschaft vom Aufschwung in anderen Ländern meist profitiert. Bestes Beispiel ist doch die Firma, für die du arbeitest: Hauptsitz in Indien, Tochterfirmen in Deutschland und Amerika …“

Keno gesellt sich zu ihnen, seine erste Unterrichtsstunde an der neuen Schule ist beendet. Hanna ergreift das Wort: „Bleibt es dabei, dass Keno im September für eine Woche zu uns kommt?“ „Aber ja“, antwortet Frauke. Für Keno ist der Aufenthalt bei seinen Großeltern längst ausgemacht. „Können wir mit dem Segelboot rausfahren?“, hakt er bei seinem Großvater nach. „Aber sicher!“, freut sich Jan. Hanna erkundigt sich: „Aber verpasst du nicht zu viel Unterrichtsstoff, so kurz nach dem Schulstart?“ „Die Aufgaben erledige ich mit dem ‚Schumi‘, und am Unterricht kann ich doch virtuell teilnehmen“, erklärt Keno. „Lasst uns diesen Tag jetzt erst einmal angemessen feiern, für den Ernst des Lebens ist später noch Zeit genug“, schlägt Joost vor. „Worauf habt ihr denn Appetit? Ich reserviere uns am besten gleich einen Tisch. Unsere Küche bleibt nämlich heute kalt!“

2. KAPITEL
Wie funktioniert unser Energiesystem?
Donnerstag, 15. September 2050: den Energiedinosauriern auf der Spur

Wird in der Schule künftig noch vor allem Faktenwissen vermittelt? Oder rücken in einer stärker virtuellen Umwelt das echte Erleben und der Gedankenaustausch darüber in den Vordergrund?

„Setzt euch erst mal hin!“ Während sich die Zugtüren schließen, versuchen vier Lehrkräfte der Störtebeker-Zweitschule, Ruhe in die durcheinanderwuselnden Schüler zu bekommen. Keno ist mit insgesamt 40 Mitschülerinnen und Mitschülern auf dem Weg ins Museum Industriekultur in Osnabrück. Im Moment scheint das Reiseziel vergessen, alles dreht sich um die besten Sitzplätze an den Fenstern, um Rucksäcke, Jacken, Brotdosen, Trinkflaschen. Als der Zug leise aus dem Bahnhof rollt und merklich Fahrt aufnimmt, haben endlich alle einen Platz gefunden.

Kurz darauf bekommen die Schüler, aufgeteilt in Projektgruppen, verschiedene Themen für die heutige Exkursion zugeteilt. Kenos Gruppe soll im Museum besonders darauf achten, wie sich die Energietechnik über die Jahrhunderte verändert hat. Keno wirft einen kurzen Blick auf die Arbeitsunterlagen, die das Museum den Schülern auf dem Schumi zur Verfügung gestellt hat. Andere Gruppen bekommen andere Aufträge, sie sollen beispielsweise die damaligen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen unter die Lupe nehmen. Jede Gruppe soll später den anderen Gruppen von ihren Eindrücken und Erkenntnissen berichten.

Zentrale Ausstellungsstätte des Museums ist das 1871 errichtete Haseschachtgebäude der ehemaligen Steinkohlenzeche Piesberg. In der Maschinenhalle setzen sich zwei historische Dampfmaschinen in Bewegung und lassen den Boden erbeben. Sie treiben Maschinen über mächtige Lederriemen an und erwecken geräuschvoll Fräse, Bohrer und Drehbank einer historischen Metallwerkstatt zum Leben. Keno ist schwer beeindruckt von der altertümlichen Technik. Was Energie ist, wie man sie erzeugen und nutzen kann – diese Themen sind ihm vertraut, denn schon im Kindergarten und in der Erstschule wurden grundlegende Zusammenhänge vermittelt. Dennoch: Diese gewaltigen Dampfmaschinen aus nächster Nähe zu erleben ist etwas ganz Besonderes. Keno kennt aus seinem Alltag meist nur unauffällige Technik: leise, kompakte Fahrzeugantriebe, Haustechnik, die zumindest in den Wohnräumen nahezu unsichtbar ihre Dienste verrichtet; selbst Fabriken und die vielen kleinen Manufakturen in der Stadt fallen kaum auf, weil sie weder besonders laut sind noch unangenehme Emissionen verbreiten. Die Vorgänge im Inneren moderner Anlagen und Geräte sind unsichtbar; anders die riesigen Dampfmaschinen und die langen Treibriemen, die Energie über ratternde, knirschende Transporträder in die Metallwerkstatt und in benachbarte Hallen übertragen. Über versteckte Lautsprecher wird die Geräuschkulisse geschaffen, der die Arbeiter hier damals täglich ausgesetzt waren. Keno widersteht tapfer dem Drang, sich die Ohren zuzuhalten.

Volldampf für erneuerbare Energien

Kenos Gruppe wird begleitetet von einem Museumsführer, einem sehr agilen Mittsechziger, der während des Rundgangs vor den Augen der Schüler schnell und geschickt in zeitgemäße Kostüme und dazu passende Rollen schlüpft. Noch in der Maschinenhalle erklärt er in Frack und Zylinder, wie er, der Fabrikeigentümer, durch die Dampfmaschinen zu Wohlstand gekommen und aufgestiegen sei „zum bedeutenden Arbeitgeber und äußerst wichtigen Bürger der Stadt“. Im Hintergrund der Halle sehen die Schüler geschäftige Arbeiter in einer holografischen Animation. Einige befeuern die Dampfmaschinen, andere arbeiten an Werkbänken. Die Arbeiter tragen Jacken und Hosen aus dunklen, groben Stoffen – im auslaufenden 19. Jahrhundert die Kleidung des einfachen Mannes.

Im Laufe des Tages erfahren die Schüler viel darüber, wie sich Energieversorgung, Industrie und Verkehr in den vergangenen 200 Jahren entwickelt haben. Dampf aus großen Kohlekesseln trieb lange Zeit nicht nur Maschinen, sondern auch Züge und Schiffe an. Auf dem Außengelände des Museums entdecken die Kinder alte Loks. Als Kenos Gruppe sich einer Dampflok nähert, einem gusseisernen Ungetüm mit Schornstein und zwei runden Scheinwerfern, startet der Museumsführer eine weitere 3D-Animation. Unauffällig legt er Zylinder und Frack ab und wird mit Uniformjacke und roter Mütze zum Bahnhofsvorsteher. Ein schriller Pfiff ertönt, eine Dampffontäne schießt aus dem Schornstein. Der holografische Bahnsteig verschwindet samt winkenden Reisenden in einer Dampf- und Rauchfahne. Auch die Kinder stehen plötzlich überrascht in einer Dampfwolke. „Das ist nur künstlicher Dampf – den beißenden Rauch erspare ich euch“, sagt der Bahnhofsvorsteher.

„Haben die Leute auf dem Bahnsteig früher überhaupt noch Luft gekriegt?“, überlegt Sekou, Kenos Schulfreund. Zwei Mitschülerinnen versuchen zu erkennen, ob die feinen Mäntel und Hüte der eleganten holografischen Damen und Herren dreckig sind, nachdem der qualmende Zug den Bahnhof akustisch hinter sich gelassen hat. Ihr Museumsführer erklärt, was aus den Schornsteinen der Dampflokomotiven gequollen ist: Wasserdampf, Kohlendioxid, Ruß und weitere Luftschadstoffe. „Nicht gut fürs Klima“, fasst der als Bahnhofsvorsteher verkleidete Museumsführer zusammen, „aber das hat uns damals nicht interessiert. Für uns gab es nur das Wetter, Klimaveränderungen durch den Menschen waren noch kein Thema!“ Die Schüler wissen, wovon er spricht, denn der Treibhauseffekt ist ein immer wiederkehrendes Thema in ihrem Unterricht. (Den Klimawandel bremsen, Kapitel 4)

Keno und seine Mitschüler erfahren, dass Schienenfahrzeuge und Schiffe sehr lange mit Dampf angetrieben wurden. 2050 nutzen einige Kraftwerke heißen Dampf zur Stromerzeugung, allerdings wird der Dampf mit emissionsfreien oder klimaneutralen Energieträgern erzeugt. In Solarwärme- oder Geothermiekraftwerken treibt er große Turbinen an, deren rasend schnelle Umdrehungen in Strom umgewandelt werden. Selbst der abkühlende Dampf liefert Restwärme, die für andere Zwecke genutzt wird. Nach 2020, so erklärt der vermeintliche Bahnhofsbeamte, seien zahlreiche Solarkraftwerke in Südeuropa und Afrika errichtet worden. Ihr Strom werde in die nordafrikanischen Städte weiterverteilt und fließe heute teilweise bis ins weitverzweigte südeuropäische Stromnetz. „Im sonnenärmeren Norden Europas hingegen liefern Windparks an Land und auf See einen Großteil des Stroms“, fährt er fort. Überall stelle sich jedoch das gleiche Problem: Der wetterabhängig erzeugte Strom müsse gespeichert oder umgewandelt werden, damit er bedarfsgerecht zur Verfügung steht.

Einige Schüler laufen schon zur nächsten Lok, einer kantigen, gedrungenen Diesellok. Plötzlich ertönt ohrenbetäubendes Hupen, die Umstehenden zucken erschrocken zusammen. Die Diesellok scheint sich mit stampfendem Getöse in Bewegung zu setzen. Der Boden unter Keno erzittert, unvermittelt fährt ihm ein Windstoß aus einem verborgenen Ventilator ins Gesicht, als rausche der virtuelle Zug in hohem Tempo geradewegs an ihm vorbei. Dann verebbt der Lärm in der Ferne.

Zusammen mit seinem Freund Sekou und einigen weiteren Mitschülern nähert sich Keno schließlich dem Letzten der auf dem Freigelände ausgestellten Schienenfahrzeuge, dem Triebkopf eines elektrisch betriebenen Intercity-Express der ersten Generation. Im Gegensatz zu seinen historischen Vorgängern besitzt er eine rundliche Knubbelnase und eine glatte, hellgraue Außenhaut mit markantem rotem Seitenstreifen. Laut Museumsführer wurde der Triebwagen 1991 gebaut. Er ähnelt demjenigen, der die Schüler morgens nach Osnabrück gebracht hat. Die Ähnlichkeit ist dem Museumsführer zufolge jedoch nur äußerlich: Moderne Triebwagen und Züge sind deutlich leichter und windschnittiger, die Antriebstechnik verteilt sich mithilfe spezieller Achsen auf den ganzen Zug und ist so wesentlich energiesparender. 2050 übernimmt der Schienenverkehr einen erheblichen Anteil des Personen- und Gütertransports. Die Züge werden ausschließlich elektrisch angetrieben, sie fahren in hohem Takt, sind pünktlich, bequem und schnell. Das Zuggeräusch, das unvermittelt aus dem Soundsystem tönt, erkennen die Jugendlichen sofort wieder: Zuerst ein dumpfes Dröhnen, gefolgt von einem schrill ansteigenden Pfeifen, das sich mit zunehmender Fahrtgeschwindigkeit in ein Zischen verwandelt.

Mobilität mit eingebauter Vorfahrt

Das Museum präsentiert in seiner Sonderausstellung viele weitere Fahrzeuge, doch die Zeit wird knapp für Keno und seine Mitschüler. Deshalb schlägt der Museumsführer einen kurzen Abstecher in eine Ausstellungshalle mit historischen Automobilen vor. Sobald die Schülergruppe vor einem Oldtimer stehen bleibt, liefert er weitere zeitgenössische Informationen. Dabei schlägt er lässig das breite Fellrevers seiner Jacke hoch, schlüpft in Handschuhe aus hellem, weichen Leder, setzt eine lederne Fahrerkappe auf und schiebt eine dazu passende Schutzbrille auf seine Stirn.

Einige Modelle weiter entdeckt Keno ein niedriges, dreirädriges Zweimannfahrzeug mit seitlich aufklappbarer Glashaube. Es ähnelt einem der Mietfahrzeuge, in dem er zusammen mit Joost oder Frauke erst vor Kurzem unterwegs war. Auf einem kleinen Schild liest er: „Messerschmidt Kabinenroller, die ‚Zigarre auf Rädern‘, Baujahr 1952“. Er folgt dem Rennfahrer-Museumsführer und seinen Mitschülern durch die Ausstellung. Wie Keno es schon bei den Schienenfahrzeugen erlebt hat, scheinen sich die ausgestellten Autos durch eine jeweils zeittypische 3D-Szenerie zu bewegen.

Ein Stückchen weiter steht ein „Opel Diplomat, Baujahr 1972“. Der Motor des stattlichen Fahrzeugs gurgelt tief, während es scheinbar eine mehrspurige, stark befahrene Stadtstraße entlangfährt. Im Hintergrund ziehen endlose Reihen heller Wohnblöcke und schnörkelloser Betonbauten vorbei. Gedankenverloren vernimmt Keno: „… Nach dem Krieg waren dichte Hochhaussiedlungen an den Rändern der Städte errichtet worden, um dem akuten Wohnungsmangel zu begegnen … Luxuskarossen als Statussymbol … erste Ölkrise… Konkurrenz anderer Oberklassewagen-Hersteller…“ Ihm fallen die vielen Schilder auf, welche die Straßenränder säumen – Schilder ist er im Straßenbild Hamburgs nicht mehr gewohnt. Sie sind auch kaum mehr nötig: Zwar werden noch nicht alle Fahrzeuge über Funkdrähte in Leitplanken und Fahrbahnen vollautomatisch gelenkt, aber ausnahmslos zu ihrem jeweiligen Fahrtziel navigiert, sodass die Fahrer auf eine Beschilderung nicht mehr angewiesen sind. Wenn Keno per Zweirad unterwegs ist, setzt er seine Datenbrille auf – zumindest dort, wo er sich weniger gut auskennt.

Wieder reißt er sich später als seine Mitschüler los. Sie stehen inzwischen vor einem hohen, dunklen Wagen. Hier liest Keno: „Porsche Cayenne, Baujahr 2004“. In der 3D-Animation kämpft sich der bullige Wagen jedoch nicht durch unwegsames Gelände, sondern gleitet auf einer Autobahn durch eine flache, norddeutsche Landschaft. Die Fahrt endet abrupt: Die Warnblinker des Wagens leuchten auf, er bremst kräftig und kommt am Ende einer zweispurigen Fahrzeugschlange zum Stehen. Ein Stau. „… nur eines der zahlreichen Geländewagenmodelle, die als Statussymbol sehr beliebt waren … sachlich betrachtet für den Gebrauch auf dem flachen Land oder in der Stadt ungeeignet und überdimensioniert … 500 PS … stießen mehr als das Doppelte der damaligen durchschnittlichen Kohlendioxidmenge aus …“

Keno hat den Eindruck, als würden die ausgestellten Fahrzeuge mit jedem Jahrzehnt größer, schwerer, irgendwie unpraktischer. Warum nur? „Vielleicht konnte man einfach noch keine besseren Autos bauen“, vermutet er. Keno zuckt mit den Schultern. Die Erklärung erscheint ihm nahe liegend – schließlich hat die Animation gerade gezeigt, dass man damals offenbar nicht einmal staufrei hintereinander herfahren konnte. Den Elektro- und Wasserstofffahrzeugen auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges hat Keno bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt, zu groß war die Faszination der historischen Straßen-Dinosaurier. „Erste kommerzielle Brennstoffzellenfahrzeuge schon 1990 … Durchbruch erst drei Jahrzehnte später …“, schnappt er im Vorbeigehen auf, „… leichtere Bauweise, konsequenter Wechsel zu Karbon und neuen biotechnisch hergestellten Materialien …“

Das Jüngste der ausgestellten historischen Fahrzeuge stammt aus dem Jahr 2031. Angetrieben wird es mit Strom, der in einer Brennstoffzelle aus Wasserstoff hergestellt wird. Es hat eine transparente Rundkuppel und verfügt bereits über Sensoren, mit deren Hilfe Fahrzeuge einen konstanten Abstand zueinander einhalten können. „… dieses System trug, zusammen mit automatischen Lenksystemen, enorm zur Reduzierung von Staus bei … ermöglicht eine sichere und sparsamere Fortbewegung …“, erzählt gerade der Museumsführer.

Die 3D-Animation zu diesem Fahrzeug irritiert Keno zunächst: Im Hintergrund fällt der Schlot einer riesig wirkenden Industrieanlage in sich zusammen. Im Vordergrund scheinen Arbeiter und Kräne das Gewirr tausender Rohre zu demontieren. Keno erfährt: Hier wird eine ausgediente Ölraffinerie abgebaut. Erstaunt bemerkt er, dass der Museumsführer inzwischen moderne, dunkle Funktionskleidung und eine verspiegelte Datenbrille trägt. In der Animation fährt das ausgestellte Fahrzeug durch eine belebte Stadt, biegt schließlich ab auf eine Wasserstofftankstelle. Die Fahrt endet auf einem Carsharing-Parkplatz. Währenddessen kommentiert der Museumsführer für heute zum letzten Mal: „… so wirkten sich veränderte gesellschaftliche Ansprüche auch auf das Statussymbol Auto aus. Modelle, die Kriterien wie Bedien- und Fahrkomfort, Funktionalität oder Nachhaltigkeit nicht standhielten, fielen in der Gunst der Kunden. Der Schwenk der Politik hin zu einer emissionsabhängigen Fahrzeugbesteuerung verhalf klimaschonenden Antrieben zum Erfolg. Die Hersteller boten nicht nur neue Modelle, sondern auch neue Mobilitätsdienstleistungen, in denen das Auto weiterhin eine Rolle spielte – als flexibles Bindeglied innerhalb einer intelligent organisierten Mobilität. So ergänzen Autos heute andere Verkehrsträger sinnvoll. Vielen Dank!“

Die Schüler applaudieren und sammeln sich zum Aufbruch. Während sie per Elektrobus zum Bahnhof zurückfahren, hallen die lebensnahen Eindrücke des Museumsbesuchs in Kenos Kopf nach. Vor seinem inneren Auge spielen sich Szenen aus alten Filmen ab – so manches Fahrzeug aus dem Museum scheint wie geschaffen für eine aufregende Verfolgungsjagd durch die Großstädte vergangener Jahrzehnte. Doch Keno weiß natürlich, dass der Alltag damals meist nicht abenteuerlicher war als heute, dafür aber oft laut und umständlich. Im Grunde fühlt er sich in der heutigen Zeit besser aufgehoben. Wie der Alltag damals bloß funktioniert hat? Eine Welt, in der weder Menschen noch Dinge in der Lage sind, in Echtzeit zu kommunizieren, kann er sich kaum vorstellen.

Auf die guten alten Zeiten?

Als Keno abends gemeinsam mit Joost und Frauke am Küchentisch sitzt, ruft Hanna an. Frauke aktiviert mit einer Handbewegung den Bildschirm. Hanna möchte von Keno wissen, ob er sich an seiner neuen Schule gut eingelebt hat. „Alles ganz okay“, antwortet er lässig. Hanna blickt ihn weiter fragend an – etwas ausführlicher hätte sie es schon gern. „Nein wirklich“, versichert Keno, „ich habe neue Freunde gefunden. Und heute waren wir in einem Industriemuseum mit echten alten Dampfmaschinen und Dampfloks. Die waren laut! Bist du schon einmal mit einer Dampflok gefahren?“ Hanna schmunzelt. „Ja, aber das war auch eine Museumsbahn. Du hast aber recht: Früher war wirklich vieles lauter. Autos zum Beispiel – die machten nicht nur Lärm, sondern stanken auch noch mächtig. Man hat kaum Luft bekommen, wenn man an einer viel befahrenen Straße entlangging.“ Keno schweigt beeindruckt.

„Moin, moin“, tönt es aus dem Bildschirmhintergrund. Martin ist eingetreten, Hanna scheint ihn schon erwartet zu haben. Martin winkt Keno zu, schält sich aus seiner Sommerjacke und setzt sich zu Hanna an den Küchentresen. Hanna berichtet Martin kurz, worüber sie sich eben unterhalten haben, und Keno ergänzt, dass er morgen in der Schule mit seiner Lerngruppe vorstellen soll, was er im Museum, im Internet und bei seinen Verwandten über „Energieversorgung damals“ herausgefunden hat.

„Das ist ein sehr weites Feld“, sagt Martin nachdenklich, „aber wir könnten dir sicher noch das eine oder andere erzählen.“ Keno nickt aufmunternd, schnippt in Richtung seines Persönlichen Assistenten und sagt: „Aufnahme!“ Hanna muss kurz überlegen, um die rasante und komplizierte Entwicklung seit der Jahrtausendwende in möglichst einfache Worte zu fassen. „Damals spielten fossile Energieträger, also Kohle, Erdöl oder Erdgas, weltweit noch die Hauptrolle für die Energieversorgung“, sagt sie schließlich. „Erneuerbare Energien spielten nur eine Nebenrolle. Inzwischen ist es genau umgekehrt. Das hat seine Gründe. Vor allem wurde die Energieversorgung mit fossilen Energieträgern immer teurer, da die Weltbevölkerung so schnell anwuchs. Länder, die ihr Versorgungssystem schrittweise auf erneuerbare Energien umstellten, hatten deshalb wirtschaftliche Vorteile. Denn auf der einen Seite wurde es immer riskanter und aufwendiger, die konventionellen Energieträger zu fördern. Auf der anderen Seite sanken die Kosten für das Erzeugen und Speichern von Strom aus erneuerbaren Energien. Das lag an technischen Entwicklungssprüngen und dem fortschreitenden Ausbau und der Massenfertigung der Anlagen. Die Wirtschaftssysteme von Ländern, die auf erneuerbare Energien setzten, waren unabhängiger von Öl- und Kohleimporten und konnten sich dadurch stabiler entwickeln.

Außerdem traten in Ländern, die weiterhin auf konventionelle Energieträger setzten, häufiger Umwelt- und Gesundheitsschäden auf. Sie verursachten enorme gesellschaftliche Kosten. Die Politiker dieser Länder standen deshalb bald unter Druck, denn Bürger waren nicht mehr bereit, die Nachteile hinzunehmen. Immer häufiger gab es auch Überschwemmungen, Dürren, heftige Stürme oder Großbrände. Die Länder, die besonders von diesen Wetterextremen betroffen waren, waren dann auf internationale Unterstützung angewiesen. Die Erkenntnis setzte sich durch, dass kein einzelnes Land allein den Klimawandel wirkungsvoll begrenzen kann, denn die Emissionen, die das Klima schädigen, verteilen sich ja über den ganzen Globus. Deshalb stritten sich Politiker lange darum, wie viel Verantwortung jeder einzelne Staat für den internationalen Klimaschutz übernehmen sollte.“

Welchen Stellenwert haben persönlicher Austausch und familiäres Miteinander in einer Welt, die sich künftig ebenso gut allein und virtuell erfahren lässt?

„Man sollte ja meinen, dass es nicht schwer ist, sich auf etwas so Notwendiges zu einigen“, wirft Martin ein. „Aber es gab ein jahrelanges, zähes Hin und Her, bis schließlich so etwas wie ein gemeinsames Ergebnis erreicht wurde: der ‚VIP-Kompromiss‘“, fährt Martin fort. „Das war aber eigentlich nur der Spitzname des internationalen Klimaschutzvertrags. VIP steht für „Very Important Partys“. Das bedeutet in diesem Fall: Anfangs unterzeichneten keineswegs alle wirtschaftlich bedeutenden Länder und Ländergruppen das Abkommen, nur Europa, Indien, China und einige weitere Länder – ein bisschen wenig für ein weltweites Abkommen! Auch die vereinbarten Ziele zur Emissionssenkung waren nicht so ehrgeizig wie anfangs geplant.“ „Dennoch: Weitere Länder folgten später dem Vorbild der Pionierländer – aus politischen und wirtschaftlichen Gründen“, nimmt Hanna den Faden wieder auf. „Unterzeichnerländer konnten die Unterstützung der anderen Unterzeichnerstaaten einfordern, wenn sie mit Umweltschäden und Klimafolgen zurechtkommen mussten. Nicht zuletzt deshalb haben inzwischen so viele Länder das internationale Klimaschutzabkommen unterschrieben, dass es diesen Namen verdient.“

Keno beendet mit einem Schnipsen seine Aufnahme. Es ist spät geworden, stellt Hanna erstaunt fest – höchste Zeit, sich zu verabschieden! Martin und Hanna winken noch einmal, dann verdunkelt sich der Bildschirm.

Menschen brauchen Energie – Energiegeschichte ganz kurz

Schon früh lernten Menschen, über ihre eigene Muskelkraft hinaus weitere Energiequellen zu nutzen, um ihre Arbeit leichter und ihr Leben komfortabler zu machen. Im Laufe von Jahrtausenden wurden sie immer geschickter darin: Sie zähmten Arbeitstiere und nutzen deren Muskelkraft, um Pflüge und Wagen zu ziehen. Mit der Wärmeenergie von Holz, Torf oder Holzkohle schmiedeten sie Werkzeuge und Waffen oder garten Nahrungsmittel und machten sie so leichter verdaulich. Mit Windkraft trieben sie Segelschiffe und Kornmühlen an, mit Wasserkraft wurden Holzsägen und schwere Schmiedehämmer bewegt.

Einen entscheidenden Entwicklungsschub brachte die Verwendung von Kohle. Kohle lieferte Energie für Dampfmaschinen in immer mehr Produktionsstätten und war die Grundlage für die im 19. Jahrhundert einsetzende Industrialisierung in Europa. In den Fabriken wurde bald günstiges, aus Kohle hergestelltes Leuchtgas eingesetzt, um Nachtarbeit zu ermöglichen – ein weiterer Schritt in eine industriell getaktete Welt, die so ihre Abhängigkeit vom Tageslicht abschüttelte. Die privaten Haushalte verfeuerten nach wie vor Kohle oder Holz zum Kochen und Heizen. Hier spendeten Kerzenwachs, Talg oder Öllampen spärliches, teures Licht.

Schon der Einsatz der Kohle hatte die Produktivität menschlicher Arbeit vervielfacht. Einen weiteren Entwicklungsschub löste Mitte des 19. Jahrhunderts die Entdeckung von Erdöl aus, zunächst als Ausgangsstoff für Lampenpetroleum. Mit der Erfindung des Verbrennungsmotors wurde Erdöl noch vor Ende des 19. Jahrhunderts zum Treibstoff einer Revolution der Mobilität, die sich zuvor auf Pferdekutschen und Dampfantrieb beschränkte. Erdgas war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls bekannt, wurde anfangs aber meist als unerwünschtes Nebenprodukt der Ölförderung abgefackelt. Als fossiler Energieträger rückte es erst Anfang des 20. Jahrhunderts in den Fokus. Während Erdgas in Amerika schon um 1920 industriell genutzt wurde, setzte es sich in Deutschland erst in den 1960er-Jahren als sauberer Energierohstoff und komfortable Heizenergie durch. 1960 stellte Oldenburg (Niedersachsen) als erste deutsche Großstadt ihre Gasversorgung von Stadtgas auf Erdgas um. 20 Jahre später war das bis dahin aus Kohle gewonnene, kohlenmonoxidreiche und damit hochgiftige Stadtgas in Deutschland Geschichte.

Die fossilen Energieträger verdrängten die ursprünglich eingesetzten Energieträger Windkraft, Wasserkraft und Biomasse aus den Energiesystemen der industrialisierten Länder. Erst mit neu entwickelten, effizienten Technologien zur Stromerzeugung gewannen erneuerbare Energiequellen seit Ende der 1980er-Jahre wieder an Bedeutung. Strom ist inzwischen zur am stärksten verbreiteten Energieform geworden. Unser Alltag ist ohne Elektrizität längst nicht mehr vorstellbar.

Bekannt ist Elektrizität seit Anfang des 19. Jahrhunderts, galt aber zunächst nur als Jahrmarktsattraktion. Die Erfolgsgeschichte des Stroms als vielseitiger Alleskönner unter den Energieträgern begann erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Frage, welche Art der Stromübertragung sich für ein überregionales Stromnetz eignet, entschied der sogenannte Drehstrom, also die Übertragung mit Wechselspannung, für sich.

Um den rasant wachsenden Strombedarf der Industrieländer zu decken, wurden im Laufe der folgenden Jahrzehnte zentrale Großkraftwerke in der Nähe von Verbrauchsschwerpunkten errichtet. Die Standorte der Kraftwerke gaben die Struktur für den Ausbau eines immer dichteren Stromnetzes vor. Die Stromversorgung, wie wir sie in Deutschland heute kennen, entstand nicht von heute auf morgen. Von den Anfängen der Elektrifizierung dauerte es Jahrzehnte, bis der „neumodische“ Strom sich in den Städten und auf dem Land durchsetzte, und weitere Jahrzehnte, bis er zur unersetzlichen, allgegenwärtigen Grundlage unserer modernen Industriegesellschaft wurde.

Der Zugang zu Energie beeinflusst die Entwicklungschancen der Menschen entscheidend. Daran wird sich auch zukünftig nichts ändern. Energie wird ein zentrales Zukunftsthema des 21. Jahrhunderts bleiben, denn eine wachsende Weltbevölkerung und steigende Ansprüche an den Lebensstandard lassen den weltweiten Energiebedarf rasant steigen. Die beschränkten fossilen Energieressourcen werden in immer höherem Tempo ausgebeutet. Es gilt, neue rohstoff- und klimaschonende Lösungen für die Energieversorgung zu finden, damit eine ständig steigende Anzahl Menschen weltweit über ausreichend Energie verfügt. So kann auch das Risiko künftiger Verteilungskämpfe um knapper werdende fossile Ressourcen gemindert werden.

Es werde Licht! Elektrizität hat die Welt verändert

Eine Welt ohne Strom – das ist aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar. Ein Abendessen bei Kerzenschein ist sicher schön, aber ohne Strom wäre zum einen die Zubereitung dieses Abendessens aufwendiger, zum anderen müsste man ohne romantische Musikbegleitung aus dem CD-Player, Radio oder Computer auskommen. Dabei ist das Thema Elektrizität nicht neu, ihre Geschichte reicht bis in die Antike zurück. Vor rund 2600 Jahren beschrieb der griechische Philosoph und Mathematiker Thales von Milet (ca. 625 – 546 v. Chr.) seine Beobachtung, dass sich Bernstein durch Reibung elektrostatisch aufladen lässt (Boëtius 2006: 18f.). Im Altgriechischen ist „Electron“ das Wort für Bernstein. Daraus wurde im Laufe der Jahre der Begriff „Elektrizität“ abgeleitet. Viele physikalische Zusammenhänge blieben aber zunächst noch für einige Jahrhunderte im Dunkeln. Erst bahnbrechende Entdeckungen im 19. Jahrhundert brachten das Thema Elektrizität in Fahrt.

Erste Meilensteine

Was ist Strom? Wie lässt er sich erzeugen? Und vor allem: Was kann man damit anfangen? Diesen Fragen widmete sich im 19. Jahrhundert gleich eine ganze Reihe von Wissenschaftlern und Erfindern. Michael Faraday, britischer Chemiker und Physiker, entdeckte 1832 das Prinzip elektromagnetischer Induktion. Er fand heraus, dass sich mithilfe von Magnetismus Elektrizität, also Strom, erzeugen lässt. Wenige Jahre später wurde seine Entdeckung genutzt, um einen elektromagnetischen Telegrafen zu bauen. Das erste internationale Telegrafenkabel verlief quer durch den Ärmelkanal und übertrug Nachrichten zwischen der englischen Küstenstadt Dover und der französischen Hafenstadt Calais.

Den nächsten großen Schritt machte Werner von Siemens. Er entdeckte 1866 das dynamoelektrische Prinzip. Ein einfaches Beispiel für diese Form der Stromerzeugung ist ein Fahrraddynamo. Er wandelt Bewegungsenergie in Strom um, der die Glühbirnen der Fahrradlampen zum Leuchten bringt. Das dynamoelektrische Prinzip verhalf dem elektrotechnischen Zeitalter zum Durchbruch. Seine Entdeckung befeuerte die Suche nach neuen Anwendungen für Strom. Sehr bald wurde zum Beispiel die Glühlampe erfunden. In den 1880er-Jahren war aus der Elektroindustrie bereits eine Großindustrie geworden (Treue 1976: 91f.).

19. Jahrhundert: erste Berührungen und prägende Bilder

Wenn man Elektrizität kennenlernen wollte, musste man im frühen 19. Jahrhundert Wissenschaftler oder Ingenieur sein, sich in die Salons der gehobenen Gesellschaft begeben – oder auf den Jahrmarkt gehen, zu dessen Sensationen Elektrizität zählte. Beliebt war folgende Vorführung: Eine Person wurde auf eine isolierende (nicht Strom leitende) Unterlage gestellt und bekam eine Art metallene Rüstung umgeschnallt. Die Rüstung war mit einer sogenannten Elektrifiziermaschine verbunden. Mithilfe eines großen Drehrads erzeugte diese Maschine statische Elektrizität durch Reibung. Der Stromfluss der Elektrifiziermaschine erzeugte nun rings um diese Person einen elektrischen Schein, der großes Aufsehen erregte (Birkefeld/Jung 1994: 81).

Ab Ende der 1870er-Jahre trat auch das „gemeine Volk“ dauerhaft in Kontakt mit der Elektrizität in Form öffentlicher elektrischer Straßenbeleuchtung (Binder 1999: 53ff.). Allerdings setzte sich diese nur zögerlich durch. Serienreife Glühbirnen gab es zunächst noch nicht, sodass die Straßen durch unangenehm grelle Bogenlampen beleuchtet wurden. Außerdem wollten viele Stadtverwaltungen Straßenlaternen lieber weiterhin mit Stadtgas betreiben, das sie in eigenen Stadtgaswerken aus Koks herstellten. Die elektrische Beleuchtung war teuer, und man zweifelte, ob man sie tatsächlich benötigte, denn der Bedarf an nächtlicher Beleuchtung war gerade erst entstanden durch die neuen Arbeitstakte, die die industrielle Revolution mit sich gebracht hatte. Zudem wurden mehrere konkurrierende Stromversorgungssysteme angeboten. Diese verwirrendende Systemvielfalt sorgte unter den Politikern, die sich für eines davon entscheiden sollten, in mancher deutschen Stadt für Uneinigkeit (Fischer 1992: 126).

So hatten feierliche Anlässe in elektrisch beleuchteten Räumlichkeiten noch viele Jahre lang einen extravaganten Charakter. Strom blieb ein Luxusgut, das sich nur der Adel und das Großbürgertum leisten konnten (Binder 1999: 53ff.). Zu teuer, unsichtbar und unheimlich: Die elektrotechnischen Firmen mussten sich etwas einfallen lassen, um die öffentliche Akzeptanz der Elektrizität zu steigern. Deshalb nahmen sie landesweite Festivitäten wie Kaisergeburtstagsfeiern zum Anlass, um die öffentlichen Festplätze Berlins zu erhellen und so die Vorzüge elektrischer Beleuchtung in „positivem Licht“ zu demonstrieren (Binder 1999: 61ff.). Auch die in den 1880er-Jahren beginnenden populären „Elektrotechnischen Ausstellungen“ beeinflussten die gesellschaftliche Wahrnehmung der Elektrizität stark. Die elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt am Main empfing 1891 beispielsweise innerhalb von sechs Monaten 1,2 Millionen Besucher (Steen 1998: 169ff.). Auf den Werbeplakaten für die Ausstellungen wurde Elektrizität gerne als „Lichtgöttin“ dargestellt, die symbolisch den Weg in ein neues Zeitalter des Fortschritts, der Freiheit und der Aufklärung wies (Weider/Faul 2011: 91ff.).

Strom als Allheilmittel der Industrialisierung

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Maschinenfabriken und Hüttenwerke. Sie bildeten die Grundlage für die industrielle Entwicklung Deutschlands. Die Dampfmaschine wurde in Deutschland ebenso wie in England und weiteren industrialisierten Ländern zum Motor und zum Symbol der industriellen Revolution. Sie ersetzte die bisherigen Antriebskräfte Mensch und Tier und kurbelte die Industrieproduktion kräftig an. Die mit Kohle befeuerten Dampfmaschinen erzeugten jedoch keine elektrische, sondern mechanische Energie.

Der großindustrielle Kohleabbau hatte allerdings weitreichende Folgen für Mensch und Umwelt. Je kritischer man der Dampfmaschine begegnete, desto mehr begeisterte man sich für den neu entdeckten, sauberen Energieträger Elektrizität. Mit seiner Hilfe, so der Gedanke, würde Energie allen (und nicht nur den Dampfmaschinenbesitzern) zur Verfügung stehen. Die Verbreitung der Elektrizität, so prognostizierten zeitgenössische Medien euphorisch, würde zur Überwindung aller politischen, sozialen und ökonomischen Grenzen führen, zu energetischer Eigenständigkeit und zum Verschwinden der Fabrikschornsteine aus den Städten (Steen 2001: 38). Darüber hinaus wurde Elektrizität zum Zeichen des modernen Lebens. Sie stand für den schnelleren Rhythmus der Moderne, und die Straßenbeleuchtung erlaubte es, gesellschaftliche Aktivitäten bis in die Nacht hinein auszudehnen (Binder 2001: 73).

20. Jahrhundert: vom Luxus- zum Massengut

Die Nachfrage nach Elektrizität stieg Ende des 19. Jahrhunderts deutlich an. Fabriken und Institutionen begannen, Strom für den Eigenbedarf in kleinen Energiezentralen herzustellen. In kleineren Ortschaften wurden private Stromerzeuger aktiv, um auch diesen Orten endlich Zugang zu Strom zu verschaffen. Auch für Kommunikationszwecke wurde Strom immer wichtiger. Beispielsweise wurde 1898 zwischen Oldenburg und Bremen eine Fernsprechfernleitung in Betrieb genommen. Ein Dreiminutentelefonat kostete eine Mark. Zum Vergleich: Um 1900 lag der Monatslohn eines Hamburger Hafenarbeiters bei etwa 61 Mark, ein ostpreußischer Hilfslehrer verdiente 175 Mark. Ein Kilo Schweinefleisch kostete etwa 1,50 Mark, ein Kilo Butter 1,86 Mark, ein Liter Milch 20 Pfennige (Heutger 2004). Telegrafieren diente vor allem der Fernkommunikation über weite Strecken. Am 1. September 1900 wurde unter anderem ein 7800 Kilometer langes Kabel von Emden nach New York eingeweiht, über das schon im folgenden Jahr durchschnittlich mehr als 1500 Telegramme täglich den Atlantik querten (EWE 1980: 24).

1909 führte die deutsche Regierung die Leuchtmittelsteuer ein. Das bedeutete das Aus für die etablierte Straßenbeleuchtung mit Stadtgas. Denn die Besteuerung hing von der Effizienz der Leuchtmittel ab, und die elektrische Beleuchtung war der Gasbeleuchtung in diesem Punkt weit überlegen (Braun 1980: 13f.). Noch stärker beförderte der Staat die Elektrifizierung durch das Energiewirtschaftsgesetz von 1935. Dieses beinhaltete unter anderem das Recht zur Enteignung von Grund und Boden zugunsten der öffentlichen Elektrizitätsversorgung. Im Gesetzentwurf wurde argumentiert, dass ein öffentliches Interesse an Elektrizitätsversorgung bestünde und der Widerstand Einzelner der Gemeinnützigkeit nicht im Wege stehen dürfe. Der Zugang zu Elektrizität galt also inzwischen als menschliches Grundbedürfnis. Zudem sicherte das Gesetz eine Monopolstellung der regionalen Stromanbieter, die den Leitungsbau vorantreiben und die Zuverlässigkeit der Stromzufuhr für die Haushalte sicherstellen sollten (Zängl 1989: 44). Zugleich spielten militärische Erwägungen bei dem nationalsozialistisch geprägten Gesetzentwurf eine Rolle: Eine regional organisierte Struktur war im Kriegsfall weniger verwundbar als eine, die zentral gesteuert wurde.

Nachdem sich elektrische Beleuchtung im öffentlichen und privaten Leben durchgesetzt hatte, verbreiteten sich weitere Anwendungen in den Haushalten. Vor der Industrialisierung hatten alle Familienmitglieder im Haushalt anfallende Arbeiten verrichtet. Die Fabriken trennten zunehmend Haus- und Erwerbsarbeit räumlich voneinander. Das hatte eine Neuaufteilung und Zuschreibung weiblicher und männlicher Arbeitsbereiche zur Folge. Hausarbeit wurde zunächst zu rein weiblicher Arbeit. Die junge Branche für elektrische Haushaltsprodukte nutzte diese gesellschaftliche Veränderung: Frauen wurden zur zentralen Zielgruppe für den Absatz von Haushaltsgeräten, seit etwa 1890 wurde in der Werbung das Frauenbild bewusst geformt (Heßler 2001: 54f. 171).

Elektrizität erobert die Haushalte

Um die Mittagszeit, wenn in den Fabriken Mittagspause gemacht wurde, entstand bei den Energieversorgern ein Versorgungstal: Die Maschinen ruhten, sodass der Strom der Kraftwerke nicht abgenommen wurde. Da die Kraftwerke so kurzfristig nicht herab- und anschließend wieder heraufgefahren werden konnten, sollte stattdessen die Nachfragelücke durch höheren Verbrauch in den Haushalten aufgefangen werden. Im Vordergrund stand die Elektrifizierung der Küche. Den Großteil der bekannten Haushaltsgeräte, vom Herd bis zur Waschmaschine, hatte die 1887 gegründete „Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft“ (AEG) zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits entwickelt.

Trotzdem scheiterte die flächendeckende Verbreitung von elektrischen Haushaltsgeräten zunächst an den hohen Kosten für Stromanschluss, Geräte und Energie (Feldmann 2010: 273). Eine Brennstunde einer Glühlampe kostete 1907 in Oldenburg drei Pfennige (EWE 1980: 23). Als Werbemaßnahme richteten elektrotechnische Firmen wie AEG oder die Berliner Elektrizitätswerke ab 1905 Versuchsstellen für elektrische Haushaltsgeräte ein. In diesen Schauräumen konnten Ausstellungen und Vorträge besucht und die modernen Geräte ausprobiert werden. Die Berliner Elektrizitätswerke boten öffentliche Kochkurse und Kochveranstaltungen an, die in den 1920er-Jahren mit teilweise über 150 000 Besuchern pro Jahr auf enorme Resonanz stießen (Heßler 2001: 157ff). Auch auf dem Land erschloss der Strom immer neue Anwendungsgebiete. Kirchenglocken und Orgeln wurden ebenso mit Strom betrieben wie Melkmaschinen (EWE 1980: 29).

Lange herrschte in großen Teilen der Bevölkerung noch die Ansicht vor, Elektroartikel seien Luxusgegenstände und damit für einkommensschwächere Haushalte unerschwinglich. Die Elektroindustrie versuchte deshalb zwischen den beiden Weltkriegen, die Einstellung der Bevölkerung zu ändern. Um breitere Bevölkerungsschichten zu gewinnen, setzte die Werbung nun auf die Botschaft: Mit elektrischen Haushaltsgeräten lässt sich Geld sparen (Günter 2010: 298, Heßler 2001: 135ff).

Nach dem Ersten Weltkrieg eroberten zunächst Staubsauger und Bügeleisen, seit 1925 Koch- und Heizapparate die Haushalte, nicht zuletzt dank neuartiger Zahlungsmodalitäten wie der Ratenzahlung (Weber 2010: 280). Ab 1933 wurde der Verkauf von Elektroherden und Kühlschränken vorangetrieben. Bis 1937 wurden zudem mehr als 2,6 Millionen Volksempfänger verkauft – Radiogeräte, die gezielt für Propagandazwecke eingesetzt wurden (www.oldradioworld.de). Trotzdem waren bis zum Zweiten Weltkrieg nur etwas mehr als die Hälfte der deutschen Haushalte elektrifiziert, da vorhandene, meist noch mit Gas oder Kohle betriebene Geräte so lange wie möglich in Gebrauch blieben (Feldmann 2010: 276; Klemm 2001: 80ff., Radkau 2008: 249).

Zu Massengütern wurden Elektrogeräte erst in den 1950er-Jahren, zu Zeiten des Wirtschaftswunders. Fließbandproduktion ermöglichte sinkende Preise, so konnten neue Käuferkreise erschlossen werden. Ein reichlich gefüllter Kühlschrank stand symbolisch für die Überwindung des Mangels und die neue Lust am Konsum. Er schuf sinnbildlich Abstand zum im Zweiten Weltkrieg erlittenen Hunger und den erst 1950 abgeschafften Lebensmittelkarten (Günter 2010: 299f.). Die Elektrifizierung der Haushalte schritt auf dem Land langsamer voran als in den Städten, doch schon 1955 konstatierte ein regionales Energieversorgungsunternehmen, dass die vorwiegend ländlich geprägte Region im Nordwesten Niedersachsens „nahezu lückenlos erschlossen“ sei: 70 000 Haushalte kochten und 15 000 wuschen hier nun elektrisch, in 10 000 Haushalten stand ein elektrischer Kühlschrank. Nur 2300 Anwesen war es „nicht vergönnt, teilzuhaben an den für jeden Städter selbstverständlichen und doch einzigartigen Errungenschaften der Elektrizität“, resümierte das Unternehmen (EWE 1980: 46). Erst seit den 1960er-/1970er-Jahren zählen Staubsauger, Herd und Kühlschrank zur Grundausstattung deutscher Haushalte (Feldmann 2010a: 277f.).

Energiewirtschaft, die große Unbekannte – ein Blick auf die Energiemärkte

Tausende örtliche Stromversorger lieferten Anfang des 20. Jahrhunderts Strom an Abnehmer in ihrem näheren Umkreis. In den 1920er- und 1930er-Jahren schlossen sich viele Stromlieferanten zu größeren städtischen oder regionalen Versorgungsunternehmen zusammen. Vor allem auf dem Land galt elektrisches Licht in allen Räumen noch als unvorstellbarer Luxus. Mit dem Energiewirtschaftsgesetz von 1935 wurde die Elektrifizierung endgültig zum staatlichen Vorsorgeauftrag der Kommunen. Der Staat unterstützte die öffentlichen Stromunternehmen beim Ausbau ihrer Stromnetze, indem er ihnen für jeweils festgelegte Gebiete ein Alleinversorgungsrecht, ein Monopol, garantierte. Denn wegen der hohen Kosten wäre es nicht sinnvoll gewesen, in einem Gebiet mehrere parallele Netzstrukturen aufzubauen. Bis in die 1950er-Jahre hinein war man auf Elektrizität noch lange nicht so angewiesen wie heute. Der Aufbau des flächendeckenden Stromnetzes, wie wir es heute kennen, dauerte Jahrzehnte und erforderte hohe Investitionen.

Seit den 1980er-Jahren wurden viele Energieversorgungsunternehmen ganz oder teilweise privatisiert. Dieser Veränderung ging ein Umdenken voraus: Zuvor war man davon ausgegangen, dass der Staat durch eigene Einrichtungen die Versorgung der Bürger in manchen Bereichen wie Energie- und Wasserversorgung, Gesundheit, Bildung oder Nahverkehr gewährleisten müsse. In den 1980er-Jahren setzte sich dagegen die Überzeugung durch, dass private Träger diese Aufgaben besser als staatliche Betriebe erfüllen könnten. Zudem waren viele Kommunen verschuldet und hofften, durch den teilweisen oder vollständigen Verkauf öffentlicher Einrichtungen ihre Haushalte entlasten zu können.

Die Privatisierung stieß einen Konzentrationsprozess auf den Energiemärkten an. Zahlreiche Energieversorgungsunternehmen schlossen sich zu größeren, zum Teil international agierenden Unternehmen zusammen, um ihre Position am Markt gegenüber anderen neuen Unternehmenszusammenschlüssen verteidigen zu können. Zahlreiche Anbieter produzierten Strom in eigenen Kraftwerken, transportierten ihn über eigene Netze und vertrieben ihn direkt an ihre Kunden. Damit kontrollierten sie die gesamte Wertschöpfungskette von der Herstellung bis zum Verkauf des Stroms – ohne den preissenkenden Einfluss von Wettbewerbern. Deshalb mussten Stromversorgungsunternehmen in Deutschland jede Preiserhöhung vorab von einem zuständigen Landesministerium prüfen und genehmigen lassen. Diese staatlichen Einflussmöglichkeiten griffen jedoch zu kurz: Unverändert verfügten wenige sehr große Stromproduzenten über enorme Marktmacht und hatten damit großen Einfluss auf die Preise.

Vom Monopol zum Wettbewerbsmarkt

Die Staatschefs der Mitgliedsländer beschlossen 1990, einen gemeinsamen europäischen Energiebinnenmarkt zu schaffen. Energiepreise senken durch mehr Wettbewerb: Diesem verbraucherfreundlichen Ziel sollte die Öffnung (Liberalisierung) der nationalen Energiemärkte dienen. Eine 1996 verabschiedete EU-Richtlinie leitete die Liberalisierung der Strommärkte ein, zwei Jahre später folgte eine weitere Richtlinie zur Liberalisierung der Gasmärkte. Diese Richtlinien mussten von den Mitgliedsländern innerhalb einer festgesetzten Frist in Landesrecht umgesetzt werden. Das bedeutet: Jedes Mitgliedsland musste geeignete gesetzliche Rahmenbedingungen schaffen, um den Wettbewerb auf dem Strom- und dem Gasmarkt im eigenen Land zu stärken. Bis heute ist der Energiebinnenmarkt jedoch erst teilweise verwirklicht, denn nicht alle Länder haben ihre Energiemärkte im gleichen Umfang für Wettbewerber aus anderen EU-Ländern geöffnet. Zudem mangelt es an grenzüberschreitenden Übertragungsnetzen, um mit noch größeren Strommengen über die innereuropäischen Landesgrenzen hinweg Handel treiben zu können.

Auf dem deutschen Strommarkt sind derzeit etwa 1100 Stromanbieter tätig, auf dem Gasmarkt rund 850 Anbieter (BDEW, 2013). Viele bieten ihre Leistungen nicht bundesweit, sondern nur regional oder lokal an, zum Beispiel nur in einer Stadt. Trotzdem kann jeder Haushalt heute im Durchschnitt unter etwa 100 Stromanbietern und 40 Gasanbietern wählen. Nicht alle Anbieter betreiben eigene Kraftwerke zur Stromproduktion, viele beziehen den Strom, den sie an Industrie- und Haushaltskunden weiterverkaufen, über Lieferverträge oder über die Börse. Unterschiedliche Einkaufs- und Vertriebsstrategien sorgen für Preisunterschiede zwischen den verschiedenen Anbietern und Produkten. Einige Anbieter vertreiben Strom oder Gas ausschließlich über das Internet, andere unterhalten Service- und Beratungsstandorte. Falls ein Anbieter seiner vertraglich vereinbarten Stromlieferpflicht nicht nachkommt, springt das Versorgungsunternehmen ein, das in einem Netzgebiet die meisten Haushaltskunden versorgt. Es übernimmt in diesem Gebiet die Aufgabe des Grundversorgers. So muss niemand, der seine Stromrechnung bezahlt hat, im Dunkeln sitzen.

Den Stromtransport übernehmen in Deutschland rund 900 Energieversorgungsunternehmen. Die Vielzahl dieser Unternehmen betreibt regionale oder lokale Mittel- und Niederspannungsnetze. Die Höchst- und Hochspannungsnetze in Deutschland werden von vier großen Übertragungsnetzbetreibern (50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW) kontrolliert und betrieben. Darüber hinaus verfügt die Bahn über Stromnetze zur Eigenversorgung. Damit Wettbewerber bei der Durchleitung von Strom nicht benachteiligt werden, muss jeder deutsche Netzbetreiber die Entgelte, die er für die Durchleitung durch seine Netze von anderen Anbietern verlangt, von der staatlichen Bundesnetzagentur zuvor prüfen und genehmigen lassen.

Sinken die Preise?

Hat die Liberalisierung der europäischen Strommärkte ihr Ziel erreicht, die Strompreise für Bürger und Unternehmen in der EU verbraucherfreundlich zu senken? Zunächst ja, unter anderem in Deutschland. Doch zwei bis drei Jahre nach der Marktöffnung 1998 stiegen die Strompreise weiter – allerdings in jedem EU-Land unterschiedlich stark und aus unterschiedlichen Gründen. In Deutschland zum Beispiel trieben in den vergangenen Jahren vor allem steigende Steuern und staatliche Abgaben den von durchschnittlichen Haushaltskunden zu zahlenden Strompreis in die Höhe. Der Steuer- und Abgabenanteil an den Stromkosten eines Durchschnittshaushalts erhöhte sich seit 1998 von knapp 25 Prozent auf über 50 Prozent (BDEW, 2013a). Die (staatlich kontrollierten) Netznutzungsentgelte machen durchschnittlich rund 20 Prozent des Strompreises aus. Das bedeutet: 70 Prozent des Strompreises werden durch Steuern, Abgaben und festgesetzte Erlösobergrenzen von staatlicher Seite bestimmt, Energieversorgungsunternehmen können so letztlich nur etwa 30 Prozent des Endpreises durch ihre Einkaufs- und Vertriebsstrategien beeinflussen.

Der Abgabenanteil des Strompreises steigt durch die politisch beschlossene Energiewende weiter. Hierfür sorgt vor allem die EEG-Umlage, die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Nach der Mehrwertsteuer macht sie den zweitgrößten Abgabenanteil am Strompreis aus. Die öffentliche Diskussion über diese steigenden Kosten und ihre gesellschaftliche Verteilung ist wesentlicher Anlass für die 2014 beschlossene Änderung des EEG. (Ein Blick auf unsere Stromrechnung, Kapitel 5)

Die Energiepolitik ist zudem eng mit der Klimapolitik verbunden. Konkrete Klimaschutzziele legte die Europäische Kommission 2007 im „Energie- und Klimapaket“ fest. Demnach soll der Treibhausgasausstoß in der EU bis 2020 um mindestens 20 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Wert von 1990 sinken. Mindestens 20 Prozent des Primärenergiebedarfs sollen aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Zugleich soll die Energieeffizienz steigen und so der Energiebedarf bis 2020 um 20 Prozent sinken. Laut EU-Roadmap 2050 sollen die EU-Länder ihre Energieversorgung bis 2050 klimafreundlich umgestalten und weitgehend unabhängig von fossilen Energieträgern werden. (Hinterm Gartenzaun geht’s weiter, Kapitel 5)

Welche Energien nutzen wir heute? Eine Frage der Umwandlung

Welche Energieträger oder Energiequellen in einem Land eingesetzt werden, um den Energiebedarf zu decken, hängt in der Regel davon ab, welche heimischen Energien vergleichsweise günstig verfügbar sind. Beispielsweise beruhen die Energieversorgung Russlands und der Niederlande zu großen Teilen auf ihren inländischen Erdgasvorkommen, Polen setzt vor allem heimische Kohle ein. Norwegen verfügt über günstige natürliche Voraussetzungen zur Nutzung von Wasserkraft, Island setzt auf Geothermie. Frankreich und Deutschland gehören zu den rohstoffarmen Industrieländern, die ihren hohen Primärenergiebedarf überwiegend durch Importe decken müssen. Frankreichs Energieversorgung stützt sich auf Kernenergie und damit auf den importierten Primärenergieträger Uran.

Wie viel aus eigenen Lagerstätten?

Gemessen an seinem hohen Energiebedarf verfügt Deutschland nur über geringe eigene Energiereserven. Inländische Förderung deckt lediglich 2 bis 3 Prozent des jährlichen Erdölbedarfs, 11 Prozent des Erdgasbedarfs und 13 Prozent des Kohlebedarfs. Die ergiebigsten deutschen Energiequellen sind deshalb künftig erneuerbare Energien.

Die technisch und wirtschaftlich förderbaren fossilen Reserven Deutschlands beschränken sich im Wesentlichen auf Braunkohle und Erdgas. Große Braunkohlevorkommen gibt es im Rheinland, in der Lausitz und in Mitteldeutschland, Erdgasvorkommen in Norddeutschland, vor allem in Niedersachsen. Der traditionelle heimische Steinkohleabbau ist längst unwirtschaftlich gegenüber dem Import billigerer Kohle, weil die verbliebenen Steinkohleflöze schwerer zugänglich und damit weniger abbauwürdig sind als Vorkommen in anderen Förderregionen der Welt. Die bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Niedersachsen und Schleswig-Holstein geförderten Erdölmengen können nur unwesentlich zur Deckung des Inlandsbedarfs beitragen.

Mit welchen Primärenergieträgern einzelne Länder – oder Ländergruppen mit gemeinsamen politischen Zielen wie Europa – ihren Energiebedarf künftig decken werden, hängt nicht nur von ihren verfügbaren Energiereserven ab, sondern ist auch eine Frage der jeweiligen energie- und umweltpolitischen Weichenstellungen. Die Weichen für eine nachhaltige und klimafreundliche Energieversorgung Deutschlands oder Europas werden bereits heute gestellt. Der Übergang dorthin wird aber Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Je langfristiger die Perspektive gewählt wird, desto stärker rücken bei den Plänen zur Weiterentwicklung der Energieversorgung ethische Fragen in den Vordergrund. Denn je mehr fossile Energieressourcen heutige Generationen verbrauchen und je stärker ihre Treibhausgasemissionen das Klima beeinflussen, desto unsicherer werden die Zukunftschancen nachfolgender Generationen. (Den Klimawandel bremsen, Kapitel 4)

Fossile Energien

Die fossilen Energieträger Erdöl, Kohle und Erdgas decken rund 80 Prozent des weltweiten Energiebedarfs. Die wichtigste Primärenergie in unserer hoch industrialisierten und motorisierten Welt ist Erdöl. Es dient als Grundstoff zur Herstellung von Benzin, Heizöl und Petroleum. Zudem werden daraus Kunststoffe und viele weitere Produkte der chemischen Industrie hergestellt. Erdgas wird heute überwiegend zur Wärmeproduktion verwendet, gewinnt jedoch zunehmend an Bedeutung für die Stromerzeugung und als Treibstoff für Fahrzeuge und Schiffe.

Kohle, Erdgas, Erdöl, Uran, Windkraft, Sonnenenergie und Biomasse werden als Primärenergieträger bezeichnet, weil sie am Anfang einer Umwandlungskette stehen. In Kraftwerken werden sie in den Sekundärenergieträger Elektrizität umgewandelt. In einem weiteren Umwandlungsschritt wird aus Strom Nutzenergie wie Licht, Wärme oder Bewegung. Bei jedem dieser Schritte entsteht als (unerwünschtes) Nebenprodukt Abwärme. Dadurch geht ein Teil der eingesetzten Energie für den eigentlichen Umwandlungszweck verloren.

Hauptbestandteil fossiler Energieträger ist Kohlenstoff. Die unterirdischen Vorkommen entstanden über viele Millionen Jahre durch die Lagerung und Umwandlung von abgestorbenem organischem Material. Erdöl entstand am Meeresboden aus herabsinkenden, abgestorbenen, fast mikroskopisch kleinen Meerestieren und -pflanzen, dem Plankton. In großer Tiefe zersetzten Mikroorganismen die abgestorbenen Reste zu einem kohlenstoffreichen Schlamm. Diese Schichten wurden von Sand und Sedimenten überlagert und durch Bewegungen der Erdkruste in tiefere Erdschichten gedrückt. Im Laufe dieses Jahrmillionen dauernden Prozesses entstand unter Luftabschluss je nach Druck- und Temperaturverhältnissen Erdöl oder Erdgas. Sie stiegen in höhere Gesteinsschichten auf, bis sie auf eine undurchlässige Schicht stießen, und sammelten sich darunter in Poren und Klüften der Gesteinsschichten an. So liegen die Fundstätten von Öl und Erdgas oft nahe beieinander.

Strom wird heute vor allem aus Stein- und Braunkohle erzeugt. Heutige Kohleflöze waren vor Jahrmillionen riesige Urwälder. Die Wälder wurden überschwemmt, und über den im Wasser vermodernden und verfaulenden Bäumen lagerten sich neue Erdschichten ab. Unter Luftabschluss und steigendem Druck veränderte sich das kohlenstoffreiche organische Material. Je tiefer die abgestorbenen Pflanzenteile (Holz, Wurzeln, Blätter) lagerten, desto höher wurde der Energiegehalt. So entstanden daraus die Energieträger Torf, Braun- und Steinkohle. Das Braunkohleaufkommen in Deutschland wird fast vollständig zur Stromerzeugung eingesetzt, das Steinkohleaufkommen zu rund zwei Dritteln, ein Drittel verbrennt in den Hochöfen der Stahlindustrie.

Wie viel Treibhausgase?

Bei einer ganzheitlichen Betrachtung verschiedener Stromerzeugungsarten müssen auch die Emissionen einbezogen werden, die bei Brennstoffgewinnung, Transport und Bau/Abbau inländischer konventioneller Kraftwerke freigesetzt werden. Wie viel Kohlendioxid (CO2) so insgesamt bei der Produktion einer Kilowattstunde Strom (kWh) entsteht, wurde in mehreren Studien untersucht, deren unterschiedliche Ergebnisse nachfolgend als Bandbreite angegeben werden:

Braunkohlekraftwerk: 969 bis 1.190 Gramm CO2/kWh

Steinkohlekraftwerk: 898 bis 952 Gramm CO2/kWh

Erdgaskraftwerk: 398 bis 544 Gramm CO2/kWh

(Wagner, 2007)

Die in fossilen Energieträgern gespeicherte (Sonnen-)Energie lässt sich wieder freisetzen. Allerdings ist die Rückumwandlung ein aufwendiger, die Umwelt und das Klima belastender Prozess. Beim Fördern, Aufbereiten und Verbrennen werden die lange unterirdisch gespeicherten Kohlenstoffmengen in Form von Kohlendioxid wieder frei und verändern das natürliche Stoffgleichgewicht der Atmosphäre. (Den Klimawandel bremsen, Kapitel 4)

Die Förderung von Energierohstoffen ist ein risikoreiches und kapitalintensives Geschäft. Bereits das Suchen und Erkunden neuer Lagerstätten ist sehr aufwendig. Das Erschließen erfordert hohe langfristige Investitionen, spezielle Ausrüstung und Fachkräfte. Zudem ist das Fördern von Energierohstoffen mit erheblichen Umweltrisiken verbunden. Dennoch macht das hohe und weiter steigende Energiepreisniveau Investitionen selbst in riskante und aufwendige Erschließungen schwer zugänglicher Lagerstätten lukrativ. Solche hohen Investitionen und unternehmerischen Risiken können in der Regel nur große Konzerne tragen. Viele dieser Energieproduzenten befinden sich ganz oder teilweise in staatlicher Hand und sind über Lizenzen international tätig.

Umweltrisiken beschränken sich nicht nur auf die Förderung fossiler Energieträger, sondern erstrecken sich auch auf deren Aufbereitung und Transport. In Deutschland werden die Umwelteingriffe der Rohstoffförderung besonders sichtbar beim Braunkohletagebau. Ganze Landschaften und Orte müssen den Baggern weichen. Sinkende Grundwasserspiegel oder Bodenabsenkungen sind weitere Folgen des Kohleabbaus über und unter Tage. Bei der Ölgewinnung an Land und auf dem Meer und beim Transport kam es in der Vergangenheit wiederholt zu schweren Umweltkatastrophen durch Havarien von Förderplattformen und Öltankern sowie Unfällen und Leckagen bei Pipelines.

Wie groß die fossilen Energieressourcen der Erde noch sind und wie viel davon gefördert werden kann, lässt sich nur grob schätzen. Wie viele Jahre sie den weltweiten Energiebedarf noch decken können, hängt zudem davon ab, wie sich dieser Bedarf in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entwickeln wird. Deshalb müssen Reichweiteprognosen laufend angepasst werden. (Mehr Menschen brauchen mehr Energie, Kapitel 4)

Potenzial: Potenzial bezeichnet die vermutete Energiemenge, die ein beliebiger Energieträger zur Deckung des zukünftigen weltweiten Energiebedarfs beitragen kann. Um das geschätzte, aber noch nicht sicher nachgewiesene Potenzial verschiedener Energieträger vergleichen zu können, wird deren Energiegehalt meist einheitlich umgerechnet in Petajoule (PJ). Das Potenzial setzt sich zusammen aus Reserven und Ressourcen.

Reserven: Als Reserve gilt nur der Teil des Potenzials, der nachgewiesen ist und mit derzeitiger Technik auch wirtschaftlich gefördert werden kann.

Ressourcen: Als Ressourcen werden Vorkommen bezeichnet, die entweder nachgewiesen, aber mit heute verfügbaren Techniken noch nicht wirtschaftlich förderbar sind, oder die geologisch noch nicht genau erfasst sind.

Schätzungen zufolge reicht das Gesamtpotenzial fossiler Energien aus, um den Weltenergiebedarf noch weit über ein Jahrhundert lang zu decken. Werden jedoch nur die heute bereits bekannten, sicher verfügbaren und wirtschaftlich förderbaren Reserven betrachtet, schrumpft die prognostizierte Reichweite der meisten fossilen Energieträger auf einige Jahrzehnte. Bis dahin werden Energiereserven nicht in physikalischem, sondern höchstens in wirtschaftlichem Sinn „knapp“ sein. Wirtschaftliche Knappheit spiegelt sich in der Preisentwicklung. Zu Preissprüngen an den Energiebörsen kann es zum Beispiel kommen, wenn erwartet wird, dass die vorhandenen Lagerbestände, Förder- oder Raffineriekapazitäten kurz- oder mittelfristig nicht ausreichen. Zudem können die Produzenten ihre Angebotsmengen auf den Weltmärkten drosseln, um höhere Preise zu erzielen. Je höher das Energiepreisniveau, desto eher lohnt es sich für Produzenten, ihre Fördermengen wieder auszuweiten und gegebenenfalls neue Lagerstätten zu erkunden.

Die erwartete Reichweite förderbarer Reserven kann sich durch technische Fortschritte schlagartig erhöhen. Seit Langem ist zum Beispiel bekannt, dass in porösen Stein- und Sandschichten enorme Erdgas- und Erdölvorkommen lagern. Diese Vorkommen galten aber noch vor wenigen Jahren als nicht wirtschaftlich förderbar. Seit dem erfolgreichen Einsatz des Hydraulic Fracturing (kurz: Fracking) werden die Vorkommen jedoch als förderbare Reserven eingestuft. Entsprechend hat sich in jüngeren Prognosen die geschätzte Reichweite von Erdöl und Erdgas deutlich verlängert. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) schätzt die weltweiten Gasressourcen aus unkonventionellen, per Fracking erschließbaren Lagerstätten auf über 700 Billionen Kubikmeter. Die derzeit nachgewiesenen konventionellen Erdgasreserven betragen demgegenüber lediglich rund 197 Billionen Kubikmeter.

Beim Fracking wird das Gestein mit hohem Wasserdruck „aufgerissen“. Anschließend werden Öl und Gas aus den entstandenen Ritzen unter Einsatz von Chemikalien herausgelöst und in Bohrungen aufgefangen. Diese Fördermethode wird in Kanada und in den USA bereits großflächig angewandt, in Europa werden die möglichen Risiken dagegen kritischer gesehen. Die EU-Länder sind viel dichter besiedelt, deshalb wiegt hier das Risiko einer möglichen Grundwasserverunreinigung durch die eingesetzten Chemikalien schwerer als in den weitgehend unbewohnten Gas- und Ölfördergebieten der USA und Kanadas.

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