Kitabı oku: «Persönlichkeitsentwicklung in Hochschulausbildungen fördern (E-Book)»

Judith Studer, Esther Abplanalp, Stephanie Disler (Hrsg.)
Persönlichkeitsentwicklung in Hochschulausbildungen fördern
Aktuelles aus Forschung und Praxis
ISBN Print: 978-3-0355-1578-7
ISBN E-Book: 978-3-0355-1579-4
1. Auflage 2019
Alle Rechte vorbehalten
© 2019 hep verlag ag, Bern
www.hep-verlag.com
Inhalt
Einleitende Worte
Stine Albers
Ein Plädoyer für personenbezogene Arbeit im Hochschulstudium
Judith Studer
Didaktische Prinzipien zur Gestaltung einer Lernumgebung mit dem Ziel der Förderung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen
Thomas Kriza
Philosophie an Hochschulen für angewandte Wissenschaften: Wege zur Persönlichkeitsbildung
René Rüegg
Kritisches Denken: Die Kunst, richtig statt das Richtige zu denken
André Zdunek
Forschendes Lernen und Persönlichkeitsentwicklung
Nathalie Fratini
Entwicklung der personalen Kompetenzen durch den Einsatz theaterpädagogischer Methoden im Unterricht
Sandra Meusel
Die Verbindung von Theorievermittlung und Persönlichkeitsentwicklung in Hochschulausbildungen durch den Ansatz der Gestaltpädagogik
Christina Engel-Unterberger und Christine Haselbacher
Professionelle Entwicklung nicht ohne Persönlichkeitsentwicklung
Peter Stade und Jacqueline Wyss
Die Studiengruppe als Erfahrungs- und Reflexionsraum für eigenes Verhalten in Gruppensituationen und gruppendynamische Phänomene
Esther Abplanalp und Manuel Bachmann
Immersive Virtual Reality und Persönlichkeitsentwicklung in Hochschulausbildungen
Manuel Freis
Vom Navigieren im Praxissemester – die Metapher der Expedition im Kontext eines ethnografischen Zugangs zur Praxis der Sozialen Arbeit
Tim Middendorf
Ausbildungssupervision im Studium der Sozialen Arbeit
Elke Schimpf
Der Bachelor-Studienabschluss als Konfliktfeld für Studierende
Mandy Schulze und Maria Kondratjuk
Lehrauffassung als Ausgangpunkt für Ansätze der Persönlichkeitsentwicklung in der Hochschulbildung
Michael Stolle
Persönlichkeitsentwicklung als Schlüsselqualifikation in der digitalen Revolution
Einleitende Worte
Die Kompetenzorientierung verlangt von den europäischen Hochschulen auch die Förderung der Entwicklung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen. In den letzten Jahren sind an vielen Hochschulen und in vielen Studiengängen mannigfaltige Bestrebungen zu beobachten, den Auftrag ernst zu nehmen und entsprechende Module und Angebote auszuarbeiten.
Im Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule werden seit knapp zehn Jahren didaktische Formate und Methoden erprobt, welche die Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden fokussieren und unterstützen sollen. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch die Forschung, die am Departement im Rahmen der Dissertation von Judith Studer zum Thema «Gestaltung von Lernumgebungen zur Förderung der Entwicklung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen» durchgeführt wurde.
Es schien an der Zeit, sich über die Hochschul- und Landesgrenzen hinweg auszutauschen. Im Oktober 2018 veranstaltete das Departement Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule eine erste internationale Tagung zum Thema «Förderung der Persönlichkeitsentwicklung in Hochschulausbildungen» mit dem Ziel, bereits erprobte und möglicherweise beforschte didaktische Konzepte und Modelle zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen der Hochschulausbildungen bekannt zu machen, Erfahrungen theoretisch zu verorten, gemeinsam zu reflektieren und vielleicht sogar weiterzuentwickeln. Bereits die Ausschreibung stieß auf außerordentliches Interesse, sodass wir als Organisatorinnen ein vielfältiges, spannendes Programm ausarbeiten konnten. An der Tagung nahmen rund hundert Personen aus dem internationalen Hochschulumfeld und unterschiedlichen Disziplinen teil.
Während unter den Teilnehmenden Einigkeit darin bestand, dass Persönlichkeitsentwicklung zur Hochschulausbildung gehören muss, bot die Tagung einen bunten Strauß unterschiedlicher mikro- und makrodidaktischer Ansätze. Intensiv wurden eigene Überlegungen, Zugänge und Forschungsergebnisse ausgetauscht, diskutiert und vereinzelt auch ausgetestet. Die Tagung schloss mit vielen Anregungen, neuen Netzwerken und Kooperationsvorhaben sowie dem gemeinsamen Wunsch, den Austausch fortzuführen.
Der vorliegende Tagungssammelband bietet einen differenzierten Einblick in die Tagungsinhalte, bildet die Vielfalt und Innovation der Beiträge ab und macht sie damit einer breiten (Fach-)Öffentlichkeit zugänglich.
Einführend nimmt sich Stine Albers der Frage nach der Berechtigung personenbezogener Arbeit an Hochschulen an. Sie begründet deren Wichtigkeit aus bildungstheoretisch und psychoanalytisch orientierter sowie professionsorientierter Perspektive.
Grundsätzliche Überlegungen, wie eine Lernumgebung zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung auf Hochschulebene gestaltet werden kann, macht sich Judith Studer. Sie erläutert theoretisch und empirisch gestützte didaktische Prinzipien und gibt damit den Leserinnen und Lesern Anhaltspunkte für das eigene didaktische Handeln.
Seit der Antike gilt Philosophie als etablierter Weg zur gezielten Förderung von Persönlichkeitsentwicklung. Thomas Kriza zeigt auf, wie Philosophie an Hochschulen bei Studierenden die Fähigkeit fördert, als autonome, vernünftige und moralische Individuen Verantwortung zu übernehmen, und sie auf die beruflichen und persönlichen Anforderungen in einer sich rasant verändernden Welt vorbereitet.
René Rüegg postuliert kritisches Denken als eine der wichtigsten Persönlichkeitseigenschaften von Studierenden. Er legt einige Deutungsansätze vor und bewertet neuere didaktische Lernformen hinsichtlich ihres Nutzens für das kritische Denken im Hochschulstudium.
Mit dem Zusammenhang des Forschenden Lernens als didaktisches Konzept und der Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt sich André Zdunek. Er tut dies in einem ersten Schritt, indem er die begrifflichen Konzepte klärt, um sie dann in einem zweiten Schritt lehrmethodisch zusammenzubringen.
Theaterpädagogik wird als Schnittstelle zwischen Bildung und Kunst beschrieben. Nathalie Fratini führt aus, wie durch den Einsatz theaterpädagogischer Methoden die Selbst- und Sozialkompetenzentwicklung von Studierenden unterstützt wird, und beschreibt ausgewählte theaterpädagogische Unterrichtsmethoden.
Ansätze der Gestaltpädagogik eröffnen vielfältige Möglichkeiten, die Persönlichkeitsentwicklung im Hochschulstudium der Sozialen Arbeit zu unterstützen. Sandra Meusel führt in die Entstehungsgeschichte des gestaltpädagogischen Ansatzes ein und erläutert interessante Anwendungsmöglichkeiten am Beispiel von Lehrveranstaltungen der Fachhochschule Erfurt.
Das neu entwickelte Curriculum der Fachhochschule St. Pölten soll neben der Wissensvermittlung auch den individuellen Entwicklungsprozessen der Studierenden Rechnung tragen. Ein Modulbereich im Studiengang ist deshalb explizit der Wechselbeziehung zwischen Profession und Person gewidmet. Christina Engel-Unterberger und Christine Haselbacher stellen Zielsetzungen und Ausgestaltung des Modulbereichs vor.
Peter Stade und Jacqueline Wyss geben Einblick in die Studienwoche «Arbeiten in und mit Gruppen» im Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit der Hochschule Luzern. Ziel dieses Formats ist das Erleben und Reflektieren gruppendynamischer Phänomene und des eigenen Verhaltens in Gruppensituationen zur Förderung spezifischer Aspekte berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen.
Im Virtual Reality Lab des Bachelor-Studiengangs Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule üben Studierende Beratungsgespräche mit virtuellen Klientinnen und Klienten. Esther Abplanalp und Manuel Bachmann präsentieren diese neue didaktische Lernumgebung und beschreiben erste Erfahrungen aus der Perspektive der Selbst- und Sozialkompetenzentwicklung.
Die aus der Ethnografie entlehnte Metapher der Expedition dient Manuel Freis als Möglichkeit, Praxiserfahrung von Studierenden kontextbezogen zu spezifizieren. Er beleuchtet die Potenziale eines metaphorischen Nachdenkens über die Erfahrungen aus dem Praxissemester und die damit einhergehenden Gelegenheiten zur Persönlichkeitsentwicklung im Studium.
Der Ausbildungssupervision, die in vielen Studiengängen als praktikumsbegleitendes Lernformat eingesetzt wird, widmet sich Tim Middendorf. Er thematisiert in seinem Artikel den Beitrag der Ausbildungssupervision zur Persönlichkeitsentwicklung im Studium der Sozialen Arbeit.
Der Phase des Bachelor-Abschlusses nimmt sich Elke Schimpf an. Am Beispiel eines ethnografischen Feldforschungsprojekts zeigt sie auf, inwiefern der Studienabschluss für Studierende ein Konfliktfeld und damit ein Nährboden für die eigene Persönlichkeitsentwicklung darstellen kann.
Mandy Schulze und Maria Kondratjuk gehen davon aus, dass Hochschullehre ein relationales Zusammenspiel von Lehren und Lernen ist. Sie nehmen einen Perspektivenwechsel vor und thematisieren die Persönlichkeitsentwicklung von Studierenden aus der Sicht von Lehrenden.
Abschließend wirft Michael Stolle einen Blick in die Zukunft und zeigt auf, welche Schlüsselqualifikationen zukünftig gebraucht werden und welche Aufgabe dabei sogenannten Schlüsselqualifizierungseinrichtungen an Hochschulen zukommt. Dabei verortet er die Persönlichkeitsentwicklung im Kontext der digitalen Revolution.
Wir wünschen Ihnen anregende Lektüre.
Bern, im Februar 2019
Die Herausgeberinnen
Judith Studer, Esther Abplanalp und Stephanie Disler
Stine Albers
Ein Plädoyer für personenbezogene Arbeit im Hochschulstudium
Abstract
Personenbezogene Arbeit ist eine anspruchsvolle und ebenso wichtige wie gewichtige Aufgabe im Hochschulstudium. Es handelt sich um eine Querschnittsaufgabe, die mit einer kritisch-reflexiven Auseinandersetzung von Studierenden mit theoretisch-fachwissenschaftlichen und beruflich-praxisorientierten Inhalten einhergeht. Personenbezogene Arbeit kann zur Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden im beruflichen Kontext beitragen. In diesem Artikel wird die Bedeutung personenbezogener Arbeit im Hochschulstudium aus bildungstheoretisch und psychoanalytisch orientierter sowie professionsorientierter Perspektive herausgearbeitet und begründet.
Personenbezogene Arbeit wird als eines von drei interdependenten Bezugssystemen im Hochschulstudium aufgefasst – neben einem theoretisch-wissenschaftlichen und einem auf die berufliche Praxis hin orientierten Bezugssystem (Albers, 2014, S. 115). Der Dimension «Person» scheint in dieser Triade bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden zu sein. So stellen Bayer, Carle und Wildt bereits 1997 für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung fest: «Gegenüber der Dominanz von Wissenschaft und Praxis als Bezugssysteme herkömmlicher Lehrerbildung ist der ‹Eigensinn› der Person in der Lehrerbildung zu behaupten» (a. a. O., S. 9). Fend (2009, S. 44) spricht von einer Doppelfunktion, die Bildungssystemen in der Moderne zukomme: die Reproduktion der Gesellschaft und das Werden der Persönlichkeit. Die bewusste Bezugnahme auf Letzteres erscheint im Rahmen des Hochschulstudiums noch ausbaufähig.
In diesem Artikel wird das Augenmerk auf ebendieses Bezugssystem «Person» gelegt. In einem ersten Schritt soll es um das Begriffsverständnis gehen, also um die Frage, wie personenbezogene Arbeit in diesem Beitrag ausgelegt wird. Daran schließen sich Begründungen an, warum personenbezogene Arbeit im Hochschulstudium für wichtig und gewichtig gehalten wird.
1 Begriffsverständnis
Arendt (2013 [1965]) differenziert zwischen «Mensch» und «Person». Sie schreibt der Person die Fähigkeit der Nachdenklichkeit zu, die wiederum die Entwicklung der Persönlichkeit einschließe.
«Ich erwähnte, dass das Person-Sein unterschieden wäre vom Nur-menschlich-Sein […] [und, d. Verf.] ich mich in diesem Denkprozess, in dem ich die spezifisch menschliche Differenz der Sprache aktualisiere, klar als Person konstituiere und dass ich Einer bleibe in dem Maße, in dem ich immer wieder und immer neu zu einer solchen Konstituierung fähig bin. Wenn es das ist, was wir gewöhnlich Persönlichkeit nennen […], dann ist sie das einfache, beinahe automatische Ergebnis von Nachdenklichkeit.» (A. a. O., S. 77 f.)
Luhmann (2002) weist darauf hin, dass sich zwar im Verlauf der langen Begriffsgeschichte verschiedene Varianten des Begriffs «Person» entwickelt hätten, mit Person aber immer etwas beschrieben werde, «was sich von der körperlichen Realisation des menschlichen Lebens und der bloßen Tatsache des Bewusstseins unterscheiden» (a. a. O., S. 29) lasse. Im vorliegenden Beitrag zeichnen sich Personen durch Reflexivität aus. Unter Reflexion wird in einem unspezifischen, allgemeinen Verständnis jede Art des rückbezüglichen Denkens, des Nach-Denkens verstanden. Erst eine kritische Reflexion fordert allerdings beim Reflexionsprozess explizit das eigene Selbst. Müller (2018b, 2018c u. a.) differenziert die Denkfiguren «Reflex», «Reflektion» und «Reflexion». Letztere wendet «die Ansätze von Reflex und Reflektion kritisch und nimmt sie in offenen, denk-, handlungs- und urteilserweiternden Varianten auf» (Müller, 2018b, S. 127). Die Denkfigur «Reflexion» berücksichtigt auch innerpsychische Prozesse. «So können sowohl äußere Relationsbeziehungen von Wechselwirkungen als auch innere Vermittlungsverhältnisse gedacht und konzeptualisiert werden» (ebd.).
Der Begriff «Person» wird verwendet, «um die gesamte physische und psychische Ausrüstung des Individuums zu bezeichnen» (Spiegel, 1961, S. 217). Das Selbst wird als psychischer Anteil aufgefasst, der dazu beiträgt, dass aus einem Menschen eine Person wird. Während sich zum Beispiel für Jacobson (1998 [1964]) das Selbst «auf die gesamte Person eines Individuums, einschließlich seines Körpers und seiner Körperteile, wie auch seiner psychischen Organisation und deren Teile» (a. a. O., S. 17) bezieht, wird im vorliegenden Beitrag zwischen «Person» und «Selbst» differenziert. Das Selbst als psychischer Anteil der Person kann wiederum als Prozess und Inhalt aufgefasst werden (Ludwig-Körner, 2014, S. 857 f.). In prozessorientierter Perspektive entwickelt und verändert sich das Selbst stetig. Eine inhaltlich-strukturorientierte Perspektive auf das Selbst betont das Beständige. Die Entwicklung der Persönlichkeit in Hinblick auf die Ausbildung konsistenter «Muster des Fühlens, Denkens und Verhaltens» (Pervin, Cervone & John, 2005, S. 31) wäre einer inhaltlich-strukturorientierten Perspektive auf das Selbst zuzuordnen.
Unter personenbezogener Arbeit wird die Berücksichtigung der Denkfigur «Reflexion» im Hochschulstudium verstanden. Reflexivität trägt wiederum zur Persönlichkeitsentwicklung bei – ein entscheidender Aspekt, wenn es im Folgenden um Begründungen für die Berücksichtigung personenbezogener Arbeit im Hochschulstudium geht.
2 Begründungen
Die Notwendigkeit personenbezogener Arbeit und die damit einhergehenden Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung sollen im Folgenden anhand von drei Perspektiven, die sich auf die Bildungstheorie, Psychoanalyse und Professionsforschung beziehen, herausgearbeitet werden.
2.1 Bildungstheoretisch orientierte Perspektive
Bildung ist im deutschsprachigen Raum ein gesellschaftlich anerkanntes, übergeordnetes Ziel von Bildungsinstitutionen, wie beispielsweise Hochschulen. Bildung findet häufig als Sammelbegriff für sämtliche Aspekte, die den Lehr-Lern-Prozess betreffen, Verwendung. Begriffskomposita, wie «Bildungsinstitutionen», «Bildungspolitik» oder «Bildungsmisere», verdeutlichen die vielseitige, unkonkrete Verwendung des Bildungsbegriffs.
«Bildung lässt sich […] nicht definieren, festmachen, auf den Punkt bringen, sondern allenfalls umschreiben, betrachten, hin- und herwenden, auslegen, befragen usw. Sie ist Teil des individuellen und kollektiven Lebens, muss deshalb von jedem Einzelnen in seinem ganz persönlichen Leben immer wieder neu gewagt und bestimmt, muss aber auch von jeder Generation und jeder Gemeinschaft, jedem Volk und jeder Nation stets aufs Neue gesucht und auf den Begriff gebracht werden.» (Winkel, 2005, S. 240)
Die Offenheit in der Auslegung führt dazu, dass das Bildungsverständnis «nicht ‹neutral› und losgelöst vom Selbstverständnis des jeweiligen Sprechers» (Kunze, 2012, S. 125 f.) gedacht werden kann. Diese unauflösbare Normativität wird aber im Sinne des in diesem Beitrag vertretenen Bildungsverständnisses selbst zum Gegenstand von Bildung. Es handelt sich um eine zur Disposition stehende Begriffsauslegung.
Bildung wird in diesem Artikel als ein kritisches Sich-ins-Verhältnis-Setzen zu sich selbst und der «Welt» aufgefasst (Albers, 2017). In diesen individuellen, reflexiven Vorgang werden demnach die eigene Person (Selbstverhältnis) wie auch Mitmenschen, gesellschaftliche Gegebenheiten, physische Gegenstände u. a. (Weltverhältnis) einbezogen. Es geht um die Frage, welche Bedeutung ich zum Beispiel einem Sachverhalt in Hinblick auf mich selbst und der von mir antizipierten «Welt» zuschreibe. In Anlehnung an Klafkis (2007) demokratisch ausgelegtes Bildungsverständnis wird Bildung im Kontext der Förderung von Selbst- und Mitbestimmung sowie Solidaritätsfähigkeit gesehen.
Als kritisch-reflexiver Vorgang ist Bildung personenbezogene Arbeit. Bildung als prioritäres Ziel von staatlichen (und staatlich anerkannten) Institutionen des Lehrens und Lernens macht dann wiederum personenbezogene Arbeit an Hochschulen notwendig.
Eine bildende inhaltliche Auseinandersetzung von Studierenden kann als übergeordnete Begründungsebene für personenbezogene Arbeit im Hochschulstudium verstanden werden, auf die auch die psychoanalytisch ausgerichtete und professionsorientierte Perspektive zielen.
2.2 Psychoanalytisch orientierte Perspektive
«Das Studium sollte als Chance für die Persönlichkeitsentwicklung begriffen werden. Hier werden oft die Weichen gestellt, die darüber entscheiden, ob das Individuum den Weg in die psychische Gesundheit und kreative Entfaltung im Beruflichen und Privaten einschlägt oder aber in einer Sackgasse landet, die durch das persönliche Scheitern, sozialen Rückzug und Flucht in psychosomatisches Leiden gekennzeichnet sein kann.» (Leuzinger-Bohleber, 2000, S. 159)
«Soziale Berufe»[1] sind durch vielfältige menschliche Kontakte und Erfahrungen geprägt; es geht immer um Beziehungsarbeit. Doch ein Sich-Einlassen wird erst möglich, wenn man «sich in sich selbst wie in einem stabilen eigenen Haus – warm, kuschelig und wohl versorgt – [fühlt, d. Verf.], dann können Fenster und Türen geöffnet werden, um das Haus mit Leben zu füllen» (a. a. O., S. 163). Um dem entgegenzukommen, bedarf es der Festigung von innerseelischen Ressourcen und Möglichkeiten, zum Beispiel durch die Förderung einer beständigen Selbstentwicklung und kreativer Problemlösemöglichkeiten (a. a. O., S. 170).
Die Bedeutung des Rückgriffs auf innerseelische Ressourcen wird deutlich, wenn es um den Umgang mit Ambivalenzen geht, die mit «sozialen Berufen» einhergehen (Helsper, 2011). Ambivalenzen, zum Beispiel zwischen einem großen Bedarf an sozial-erzieherischer Unterstützung und den eigenen begrenzten physischen und psychischen beruflichen Kapazitäten, werden als emotional «belastend erlebt, sie irritieren und können das Handeln unsicher machen» (Schlömerkemper, 2017, S. 25).[2]
In diesem anspruchsvollen Arbeitsumfeld kann es zu Überforderungen von Berufstätigen kommen. Aus diesem Grund besteht die Gefahr, dass sie auf Abwehrmechanismen zurückgreifen, um die erlebte äußere Komplexität zu reduzieren. Dabei regredieren sie unter Umständen auf archaische und primitive Stufen seelischen Erlebens, zum Beispiel durch die Verleugnung konkreter Probleme im beruflichen Kontext oder Projektionen, bei denen eigene unerträgliche Wünsche oder Impulse in eine andere Person projiziert werden (Leuzinger-Bohleber, 2000, S. 164 ff.). Die Wahrnehmung der Umwelt wird dann verzerrt und steht der Entwicklung einer «reifen Ambivalenz» (a. a. O., S. 170) entgegen, also dem Wahrnehmen und Aushalten von unvereinbar erscheinenden Strebungen. «Eine nicht-dichotome Argumentationsfigur zeichnet sich [erst dann, d. Verf.] ab, wenn spekulativ das Verhältnis von erster und zweiter Position in einer dritten Konstellation reflexiv ausgehalten wird» (Müller, 2018c, S. 178). Ein psychoanalytisch orientierter Zugang nimmt dafür den latenten Gehalt beruflicher Gegebenheiten ins Blickfeld. Entsprechend geht es um das zunächst Unausgesprochene und Unbewusste: Eigene Gefühle und spontane Assoziationen werden geäußert und (auch) in Hinblick auf etwaige Widerstände («Abwehrmechanismen») hin analysiert. Es geht um das Wahrnehmen eigener äußerer und innerer Wahrheiten, wodurch eine komplexe und vielschichtige persönliche Auseinandersetzung mit dem beruflichen Kontext ermöglicht werden kann. Dieser psychoanalytisch orientierte Zugang basiert auf kritischer (Selbst-)Reflexion; psychoanalytisch orientiert zu arbeiten, heißt damit, personenbezogen zu arbeiten.
2.3 Professionsorientierte Perspektive
Im Folgenden wird eine qualitative Studie aus dem Bereich der Lehrerinnen- und Lehrerbildung vorgestellt, die verdeutlichen soll, dass der persönliche Zugang von Studierenden zu gesellschaftsrelevanten Inhalten kritisch-reflexiv im Hochschulstudium Berücksichtigung finden sollte.
Die Studie wurde mit zwölf Probandinnen im Kontext schulisch-fachdidaktischer Professionsforschung durchgeführt (Albers, 2014). Es wurde das professionelle Wissen von Sachunterrichtslehrerinnen zum Inhalt «Erwerbslosigkeit» erhoben. In diesem Kontext ging es um ihr fachliches Wissen, ihr Wissen über Schülerinnen- und Schülervoraussetzungen und Umsetzungsmöglichkeiten des Inhalts auf der Primarstufe sowie um die Bedeutung, die die Probandinnen dem Inhalt im gesellschaftlichen Kontext – insbesondere in der Schule – beimaßen.
Erwerbslosigkeit stand zum Zeitpunkt der Erhebung unter dem Begriff «Arbeitslosigkeit» in den curricularen Vorgaben von knapp der Hälfte der Bundesländer in Deutschland für den Sachunterricht[3] – auch in dem Bundesland, in dem die Erhebung stattfand. Die Studienergebnisse sollten nun Hinweise für die Entwicklung von Bausteinen zur Aufbereitung des Inhalts «Erwerbslosigkeit» in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung ermöglichen.
Der im Folgenden skizzierte kleine Ausschnitt aus der Studie wurde in Hinblick auf seine Bedeutsamkeit für die Begründung personenbezogener Arbeit ausgewählt.
Die Auseinandersetzung mit dem Inhalt «Erwerbslosigkeit» ging bei fünf Probandinnen in den leitfadengestützten Einzelinterviews mit dem Äußern von sprachlichen Diskriminierungen einher (Albers, 2014, S. 110 ff.). Sie verwiesen auf eine soziale Kategorie – Erwerbslose und ihre Familien – und bewerteten diese negativ. So wurde zum Beispiel erwerbslosen Eltern vorgeworfen, sie würden ihre durch die Erwerbslosigkeit gewonnene Zeit nicht für die Kinderbetreuung nutzen (a. a. O., S. 112).
Diese negativen Zuschreibungen könnten bei den Probandinnen einer der Gründe für das insgesamt erhobene wenig differenzierte und häufig oberflächliche fachwissenschaftliche und fachdidaktische Wissen zum Inhalt «Erwerbslosigkeit» sein. Im Hochschulstudium wäre eine kritische Reflexion von entsprechenden Diskriminierungen sowie des eigenen (auch perspektivisch-beruflich gesehenen) sozioökonomischen Hintergrunds sinnvoll (a. a. O., S. 124 ff.). Personenbezogene Arbeit könnte damit bei Studierenden einen reflexiven Zugang zu gesellschaftlichen Inhalten wie Erwerbslosigkeit fördern. Der entsprechende Inhalt könnte so für die Studierenden Bedeutung erlangen – eine notwendige Voraussetzung für eine intensive persönliche Auseinandersetzung mit berufsspezifischen Inhalten im Hochschulstudium.
Der Schwerpunkt würde, aus dieser professionsorientierten Perspektive heraus argumentierend, auf einer Themen- und Berufsreflexion liegen (Neuß, 2006, S. 148 ff.). Es wäre sinnvoll, daran anschließend eine selbstreflexive psychoanalytisch orientierte Perspektive auf die bisherige personenbezogene Arbeit zum Inhalt «Erwerbslosigkeit» einzunehmen, damit zum Beispiel Diskriminierungen auch in ihrer Bedeutung als Abwehrmechanismen bearbeitbar werden könnten.
3 Schlussfolgerungen
Das in diesem Artikel dargelegte Verständnis von personenbezogener Arbeit ist untrennbar mit Reflexivität verbunden. Entsprechend basieren auch alle drei vorgestellten Begründungsperspektiven für personenbezogene Arbeit – bildungstheoretisch, psychoanalytisch und professionsorientiert – auf einem metakognitiven, kritisch-reflexiven Zugang zu sich selbst. Personenbezogene Arbeit ist in erster Linie auf den sich für die Person ergebenden subjektiven Wert der eigenen Bildung ausgelegt. Bildung steht an Hochschulen allerdings im Kontext der von den Studierenden intendierten Entwicklung berufsspezifischer Expertise.
«Damit wird eine Unterscheidung von Berufsausbildung und Persönlichkeitsbildung unmöglich. Die Persönlichkeit und ihre Bildung werden mindestens teilweise Bestandteil der pädagogischen Professionalität.» (Nieke, 2017, S. 138)
Eine kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit Arbeitsumfeld und Arbeitsaufgaben sowie mit konkreten Situationen und Fällen im beruflichen Kontext stellt eine entscheidende Aufgabe in «sozialen Berufen» dar (Dauber, 2006; Dewe, 2013 u. a.). Hochschulen stellen einen geeigneten Ort zur Förderung von Reflexivität dar: «[D]er Einstieg in die Habitualisierung von Reflexivität lernt sich unter den Bedingungen der Hochschule leichter als unter dem Handlungsdruck des Alltags» (Tenorth, 2006, S. 591).
Personenbezogene Arbeit wird als eine notwendige Bedingung für eine vielschichtig-umfassende und langfristig für die Person tragende und vertiefende theoretische und praxisorientierte Auseinandersetzung mit berufsspezifischen Inhalten an Hochschulen gehalten. Die durch die Bologna-Reform angestoßenen hochschulpolitischen Entwicklungen in den letzten Jahren sind vermutlich ein gewichtiger Grund, warum personenbezogene Arbeit an Hochschulen dennoch weiterhin wenig populär zu sein scheint. Die Reform ging häufig mit einer Orientierung an Kompetenzformulierungen im Sinne von Standardisierungen und Outputorientierungen einher, die wiederum ein Korsett bilden, dem sich ein kritisch-reflexiver, ergebnisoffener Prozess entzieht. Personenbezogene Arbeit und Kompetenzorientierung scheinen häufig als «zwei verschiedene Erzählweisen» (Fischer, 2016, S. 15) ausgelegt zu werden:
«Die eine handelt davon, wie Entwicklung einmündet in einen bereitgestellten objektiven Bestand an Werkzeugen, die zur kulturellen Teilhabe befähigen. Die andere bleibt nahe am Individuum, um die Entfaltung der in ihm angelegten Möglichkeiten und ihr Zusammenspiel in einer eigenen beseelten Form zu beleuchten.» (A. a. O., S. 15)
Im Sinne eines divergent-selbstorganisativ ausgelegten Kompetenzverständnisses – wenn Kompetenzerwerb also als kreativer Prozess mit unterschiedlichen Problemlösungsstrategien aufgefasst wird (Erpenbeck & von Rosenstiel, 2007, S. XIX; XXXVI) – ginge es darum, personenbezogene Arbeit und Kompetenzorientierung gemeinsam zu denken.
Um personenbezogene Arbeit an Hochschulen zu etablieren, bedürfte es häufig eines «Sich-in-Bewegung-Setzens» im Sinne von Entwicklungsprozessen, und zwar in mindestens zweifacher Hinsicht:
– Zum einen organisatorisch durch eine Hinwendung zur Person als Bezugssystem im Hochschulstudium. Personenbezogene Arbeit stellt eine Querschnittsaufgabe im Hochschulstudium dar, die auf einer Makroebene in jedem Studiengang, auf einer Mesoebene in jedem Modul und Seminar und auf einer Mikroebene in jeder Seminarsitzung mitgedacht werden und Berücksichtigung finden sollte.
«Die zur Verfügung stehende Zeit nimmt dabei einen ebenso entscheidenden Faktor ein wie die Organisation der (intersubjektiven) Interaktion: Erleichtert wird der Einbezug reflexiver Positionierungen, wenn sich möglichst heterogene Gruppen verständigen.» (Müller, 2018b, S. 119)
– Zum anderen intrapersonell durch das Sich-Einlassen auf «innere» (kognitiv-emotionale) Prozesse aufseiten der Studierenden und der Lehrenden. Doch
«Reflexion lässt sich nicht verordnen. Die Eigenständigkeit der je Einzelnen sowie aller, die sich auch in dem Vermittlungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft findet, steht dem entgegen.» (Müller, 2018c, S. 181)
Reflexivität bedarf als spezifischer Zugang zu sich selbst nicht nur der Übung, sondern geht auch mit Unsicherheit einher, fordert sie doch von den Beteiligten, sich als Personen einzubringen, damit auch unangenehme Gefühle und Bedürfnisse zu offenbaren und anderen gegenüber verletzlich zu erscheinen. Deshalb geht es bei der Anbahnung personenbezogener Arbeit gegebenenfalls zunächst darum, eine etwaige wahrnehmbare Ablehnung des Sich-drauf-Einlassens als widerständiges Moment mit den Studierenden zu thematisieren. Für personenbezogene Arbeit bedarf es einer vertrauensvollen Rahmung mit empathisch und sensibel handelnden Lehrenden, die die Anliegen der Studierenden ernst nehmen und einen ebensolchen Umgang zur Bedingung für die gemeinsame Interaktion machen. Für die Studierenden kommt dem Lehrenden in seiner Zugewandtheit als «Container» (Bion, 1992 [1962], S. 146) Bedeutung zu. Das heißt, dass sie einen Teil ihres Selbst – unangenehme Gefühle – auf die lehrende Person projizieren. Als «contained» (ebd.) Objekt kommt ihr die Aufgabe zu, diese Projektionen zu «tragen», damit verantwortungsvoll umzugehen und sie «verdaubar» für die Studierenden zu machen. Sie können später von den Studierenden wieder – ertragbar – reintrojiziert werden.
In diesem Beitrag wird personenbezogene Arbeit im Sinne der Erweiterung des Denk-, Urteils- und Handlungsraumes der Studierenden gesehen. Die intendierte Autonomie für die jeweilige Person geht allerdings mit der Annahme von Defiziten beim bisherigen Reflexionsvermögen der Studierenden einher sowie mit dem aufoktroyierten «Zwang», sich im Hochschulstudium personenbezogener Arbeit zu unterziehen. Es wird der «Doppelcharakter von Subjektivität» (Müller, 2018a) deutlich. Personenbezogene Arbeit bewegt sich im unauflöslichen Spannungsfeld von Förderung und instrumentellen Einbezügen. Diese Dialektik gilt es auszuhalten (siehe dazu auch Abschnitt 2.1), das heißt:
«Es geht nicht um den alleinigen Bezug auf die eine oder die andere Seite, sondern um eine entscheidende Differenzierung, die Chancen und Probleme für die Erweiterung und die Einschränkung von Subjektivität[4] auf beiden Seiten verortet.» (A. a. O., S. 103)
Personenbezogene Arbeit ist eine anspruchsvolle und dabei ebenso wichtige wie gewichtige Aufgabe im Hochschulstudium.
Literatur
Albers, Stine: Das Thema «Erwerbslosigkeit» in der Lehrer-/innenbildung für den Sachunterricht an der Grundschule. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2014.
Albers, Stine: «Alter Wein in neuen Schläuchen»: Wie viel Bildung steckt im Sachunterricht? In: Pädagogische Rundschau. 71(1), 2017, S. 61–78.
Arendt, Hannah: Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. 8. Aufl. München: Piper, 2013 [Erstauflage 1965].
Bayer, Manfred; Carle, Ursula; Wildt, Johannes: Editorial. In: Bayer, Manfred; Carle, Ursula; Wildt, Johannes (Hrsg.): Brennpunkt Lehrerbildung. Strukturwandel und Innovationen im europäischen Kontext (Schriften der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft). Opladen: Leske + Budrich, 1997, S. 7–15.
Bion, Wilfried R.: Lernen durch Erfahrung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1992 [Originalausgabe: «Learning from Experience». 1962].
Dauber, Heinrich: Selbstreflexion im Zentrum pädagogischer Praxis. In: Dauber, Heinrich; Zwiebel, Ralf (Hrsg.): Professionelle Selbstreflexion aus pädagogischer und psychoanalytischer Sicht. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2006, S. 11–39.
Dewe, Bernd: Reflexive Sozialarbeit im Spannungsfeld von evidenzbasierter Praxis und demokratischer Rationalität – Plädoyer für die handlungslogische Entfaltung reflexiver Professionalität. In: Becker-Lenz, Roland; Busse, Stefan; Ehlert, Gudrun; Müller-Hermann, Silke (Hrsg.): Professionalität in der Sozialen Arbeit. Standpunkte, Kontroversen, Perspektiven. 3. Aufl. Wiesbaden: Springer VS, 2013, S. 95–116.
Erpenbeck, John; Rosenstiel, Lutz von: Vorbemerkung zur 2. Auflage. In: dies. (Hrsg.): Handbuch Kompetenzmessung. Erkennen, verstehen und bewerten von Kompetenzen in der betrieblichen, pädagogischen und psychologischen Praxis. 2. Aufl. Stuttgart: Schäffer-Poeschel, 2007, S. XI–XLVI.
Fend, Helmut: Die sozialen und individuellen Funktionen von Bildungssystemen: Enkulturation, Qualifikation, Allokation und Integration. In: Mertens, Gerhard; Frost, Ursula; Böhm, Winfried; Ladenthin, Volker (Hrsg.): Handbuch der Erziehungswissenschaft, Bd. II. Paderborn: Schöningh, 2009, S. 43–55.
Fischer, Hans-Joachim: Die Persönlichkeit und ihre Kompetenzentwicklung im Spiegel unterschiedlicher Erzählweisen. In: Giest, Hartmut; Goll, Thomas; Hartinger, Andreas (Hrsg.): Sachunterricht – zwischen Kompetenzorientierung, Persönlichkeitsentwicklung, Lebenswelt und Fachbezug (Probleme und Perspektiven des Sachunterrichts, Bd. 26). Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2016, S. 13–20.
Helsper, Werner: Lehrerprofessionalität – der strukturtheoretische Professionsansatz zum Lehrberuf. In: Terhart, Ewald; Bennewitz, Hedda; Rothland, Martin (Hrsg.): Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf. Münster: Waxmann, 2011, S. 149–170.
Jacobson, Edith: Das Selbst und die Welt der Objekte. 5. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998 [Originalausgabe: «The Self and the Object World». New York: International Universities Press, 1964].
Klafki, Wolfgang: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik. 6. Aufl. Weinheim: Beltz, 2007.
Kunze, Axel B.: Freiheit im Denken und Handeln. Eine pädagogisch-ethische und sozialethische Grundlegung des Rechts auf Bildung (Forum Bildungsethik, 10). Bielefeld: Bertelsmann, 2012.
Leuzinger-Bohleber, Marianne: Lernen am Einzelfall. Eine Chance zur Professionalisierung und Identitätsentwicklung. In: Garlichs, Ariane (Hrsg.): Schüler verstehen lernen. Das Kasseler Schülerhilfeprojekt im Rahmen einer reformorientierten Lehrerausbildung. Donauwörth: Auer, 2000, S. 159–181.
Ludwig-Körner, Christiane: Selbst, Selbstgefühl. In: Mertens, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. 4. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer, 2014, S. 853–859.
Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002.
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Judith Studer
Didaktische Prinzipien zur Gestaltung einer Lernumgebung mit dem Ziel der Förderung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen
Abstract
Der folgende Beitrag zeigt, wie es auf Hochschulebene gelingen kann, Studierende für die professionelle Bewältigung sozialer und selbstbezogener Herausforderungen des Berufsalltags fit zu machen und gleichzeitig ihre je eigene Persönlichkeit zu berücksichtigen. Im Zentrum der Ausführungen stehen didaktische Prinzipien, welche die lehrmethodische Ausgestaltung einer Lernumgebung anleiten können, mit dem Ziel, die Entwicklung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen zu fördern. Basis bildet ein umfassendes Forschungsprojekt der Autorin am Departement Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule.
Die Forschungstätigkeit rund um das Thema Kompetenzen hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Adressiert werden dabei vorwiegend Fragen zur Feststellung und Messung von Kompetenzen. Weit weniger bearbeitet wurde die Frage, wie auf Hochschulebene Handlungskompetenzen – im Besonderen Selbst- und Sozialkompetenzen – didaktisch gefördert werden können. Es fehlt weitgehend an erprobten Konzepten, an denen sich Curriculumsentwicklerinnen und -entwickler und Hochschullehrpersonen orientieren können. Der nachfolgende Beitrag versucht, Hilfestellung zu bieten, und benennt theoretisch und empirisch gestützte didaktische Prinzipien, die die lehrmethodische Ausgestaltung einer Lernumgebung zur Förderung der Entwicklung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen anleiten können. Sie sind das Resultat umfassender Evaluationstätigkeit der Autorin im Rahmen ihrer Dissertation (Studer, 2019).
Bevor die Gestaltungsprinzipien dargestellt werden, soll zum einen zunächst geklärt werden, was in diesem Artikel unter berufsrelevanten Selbst- und Sozialkompetenzen verstanden wird; zum anderen erfolgt ein kurzer Einblick in theoretische Ansätze zur Kompetenzförderung, die den Ausgangspunkt der im Anschluss beschriebenen didaktischen Gestaltungsprinzipien bildeten.
1 Begriffliche Fassung von Selbst- und Sozialkompetenzen
Selbst- und Sozialkompetenzen bilden Bestandteile beruflicher Handlungskompetenzen, die im deutschsprachigen pädagogischen Bereich mit «innere[n] Potenziale[n] beziehungsweise Dispositionen für ein stabiles, regelmäßiges Handeln in bestimmten Situationstypen» (Euler & Hahn, 2014, S. 83) gleichgesetzt werden.[1] Als innere Dispositionen sind Kompetenzen nicht Handlungsergebnis, sondern Handlungsvoraussetzung. Innere Dispositionen und damit Kompetenzen sind entweder bereits gegeben, oder sie lassen sich über Lernprozesse entwickeln (a. a. O., S. 82).
Als mehrdimensionale Konstrukte sind Selbst- und Sozialkompetenzen in den Dimensionen «Erkennen» (Wissen), «Werten» (Einstellungen) und «Können» (Fertigkeiten) differenzier- und präzisierbar:
«In der Dimension des Erkennens stehen kognitive Handlungsschwerpunkte im Vordergrund. Es existiert Wissen über […] die Beziehung zu anderen Menschen oder die eigene Person. Das Wissen wiederum kann unterschiedliche Ausprägungen haben, wie Verstehen oder Analysieren.
In der Dimension des Wertens wird eine bestimmte Einstellung beziehungsweise affektiv-bewertende Haltung […] in der Beziehung zu anderen Menschen oder gegenüber Facetten der eigenen Person eingenommen. Diese Gegenstände des Wertens werden beispielsweise unter moralischen, ästhetischen oder Nützlichkeitskriterien als eher wertvoll oder wertlos beurteilt. Die Einstellungen können ebenfalls unterschiedliche Ausprägungen besitzen [wie sich interessieren, zuwenden, tolerieren, zulassen usw.; Anm. der Autorin] […].
In der Dimension des Könnens ist in erster Linie das handhabend-gestaltende Wirken angesprochen. Der Handelnde will […] die Beziehung zu anderen Menschen oder Facetten der eigenen Person neu konstruieren, verändern oder auf eine andere Weise bearbeiten. [Es geht beispielsweise darum, mit Hilfe spezifischer Techniken und/oder Prinzipien eine Beziehung zu einem anderen Menschen zu gestalten, Arbeitsprozesse effizient umzusetzen, Gespräche konstruktiv zu führen oder Aspekte der eigenen Person zu verändern; Anm. der Autorin.]
Die Unterscheidung zwischen Erkennen/Wissen und Können/Fertigkeiten ist in Grenzfällen schwer zu ziehen. […] Pointiert formuliert lässt sich Können auch als Fertigkeit zur Anwendung von Wissen bezeichnen.» (A. a. O., S. 142 f.)
Die Palette an Ansätzen, die sich in der Literatur zur inhaltlichen Festlegung von Selbst- und Sozialkompetenzen finden lassen, ist groß. In diesem Beitrag wird auf das Begriffsverständnis der Gruppe um Dieter Euler zurückgegriffen. Diese Autorinnen und Autoren verstehen
– Selbstkompetenz als die Fähigkeit, die eigenen bisher erworbenen Kompetenzen, die eigenen physischen und psychischen Dispositionen und Zustände sowie das eigene Selbstkonzept weiterzuentwickeln (a. a. O., S. 284 f.);
– Sozialkompetenz «als Disposition zur zielgerichteten Kommunikation mit anderen Menschen über sachliche, soziale oder persönliche Themen in spezifischen Typen von Situationen» (a. a. O., S. 237).
Zur Festlegung der berufsrelevanten Selbst- und Sozialkompetenzen, die in einem Ausbildungsgang adressiert und erworben werden sollen, gilt es, diese eher abstrakten Definitionen für das Berufsfeld inhaltlich zu präzisieren. Referenzpunkt sind hierbei die Anforderungen und Herausforderungen, die aktuell im beruflichen Handlungsfeld zu meistern sind. Zu berücksichtigen sind bei der inhaltlichen Präzisierung aber auch gesellschaftliche Trends, die möglicherweise Folgen für die Ausgestaltung des Berufsfelds haben könnten. Schließlich beeinflussen normensetzende Dokumente von Fachverbänden, wie beispielsweise für die Ausbildungsinstitutionen vorgegebene Kompetenzprofile, sowie das institutionseigene Bildungsverständnis den Entscheid, welche Kompetenzen als Abgangskompetenzen eines Ausbildungsgangs konkret festgelegt und damit von den Studierenden im Verlaufe ihres Studiums entwickelt werden sollen (Studer, 2019, S. 28).
Eine Übersicht über auf diese Weise abgeleitete berufsrelevante Selbst- und Sozialkompetenzen für das Handlungsfeld «Soziale Arbeit» findet sich bei Studer (a. a. O., S. 29 ff.).
2 Ansätze zur Kompetenzförderung
Sind die im Studium zu erwerbenden Selbst- und Sozialkompetenzen festgelegt, stellt sich die Frage, wie deren Entwicklung didaktisch unterstützt werden kann. Die Literatur antwortet auf diese Frage vorwiegend mit dem Verweis auf die klassischen (behavioristischen, sozial-kognitiven und kognitiven) Lerntheorien. Ein Konzept jüngeren Datums, dem ebenfalls Potenzial hinsichtlich der Förderung von Selbst- und Sozialkompetenzen zugeschrieben wird, ist das «Konzept des problemorientierten Lernens» (vgl. Euler & Hahn, 2014, S. 118 ff.). Ausgangspunkt für das Erlernen von Kompetenzen bilden diesem Konzept zufolge möglichst praxisbezogene und herausfordernde Problemstellungen, die an den Lernzielen und den Voraussetzungen der Lernenden auszurichten sind. Dadurch wird der Erwerb von Handlungskompetenzen im (hoch-)schulischen Rahmen mit ihrer Anwendung im Praxisfeld verknüpft. Durch die Verortung des Problemlösens in unterschiedlichen Kontexten kann das Anwenden der Kompetenzen zusätzlich erleichtert werden. Nach von Rosenstiel (2012, S. 113) ist es grundsätzlich die Auseinandersetzung mit Herausforderungen, die zur Entwicklung von Kompetenzen führt. Solche Herausforderungen können sich seines Erachtens infolge unerwarteter, komplexer Situationen ergeben, wie sie beispielsweise in Praktika während der Studienzeit anzutreffen sind.
Ein weiterer Ansatz, der zur didaktischen Unterstützung der Kompetenzentwicklung in der Literatur vorzufinden ist, ist das «Prinzip des problembezogenen Lernens durch Erfahrung» (vgl. Euler, 2012, S. 186 ff.; Euler & Walzik, 2009, S. 129 ff.). Grundlage des Lernens bilden nach diesem Prinzip konkrete Erfahrungen, deren Reflexion zur Entwicklung von Kompetenzen führt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Reflexion einem Nachdenken über eine erlebte Situation oder einem Vordenken zukünftiger Handlungen gleichkommt. Entscheidend für die Kompetenzentwicklung ist dem Prinzip zufolge die Verzahnung von Erleben (im Sinne der Auseinandersetzung mit vergangenen [eigenen wie fremden] Geschehnissen), Erproben (im Sinne des eigenen Agierens in konkreten Situationen) und Reflektieren – oder wie bereits Dewey (2000, S. 215) und Schön (1983) betont haben: die Verknüpfung von Handlung und Reflexion.
Dass die Kompetenzentwicklung der Reflexion bedarf, darüber sind sich viele Autorinnen und Autoren einig (u. a. Euler, 2012, S. 186 ff.; Gerber & Müller, 2014, S. 37; Greif, 2008, S. 20; Müller, Gerber & Markwalder, 2014; Müller Fritschi, 2013; Reis, 2009; von Rosenstiel, 2012, S. 113 ff.). Als förderlich wird sowohl das Reflektieren als Einzelperson als auch das Reflektieren in Gruppen angesehen. Letzteres kann beispielsweise das gemeinsame Auswerten und gegebenenfalls Generalisieren von Erfahrungen (von Rosenstiel, 2012, S. 113), das Bewusstmachen eigener, aber auch fremder Stärken und Schwächen (a. a. O., S. 14) wie auch das gemeinsame, dialogartige Hinterfragen des Wissens und Könnens, das sich in konkreten Praxishandlungen zeigt (Schön, 1987, S. 100 ff.), umfassen. Im Hinblick auf die Förderung der Kompetenzenzwicklung scheint es Greif (2008, S. 37) zufolge jedoch wichtig zu sein, in Abgrenzung zu ziellos kreisenden Grübeleien ergebnisorientierte Reflexionen anzustreben. Diese zeichnen sich durch ein systematisches Vorgehen und ein praktisch verwertbares Ergebnis aus.
Den Blick in die Literatur zusammenfassend, lässt sich festhalten, dass die Förderung der Kompetenzentwicklung Folgendes notwendig macht:
– Authentische, praxisbezogene und herausfordernde Problemstellungen als Ausgangspunkt von Lernprozessen. Die Problemstellungen sind dabei an den Lernzielen und Lernvoraussetzungen der einzelnen Studierenden auszurichten. Mit anderen Worten: Die Studierenden sind bei der Förderung von Kompetenzen mit ihrem je eigenen Lern- und Entwicklungsrucksack zu berücksichtigen.
– Eine flexible Herangehensweise an die Lerngegenstände und die Verortung der Problemlösung in unterschiedlichen Kontexten.
– Die Verzahnung von Erleben, Erproben und Reflektieren – sprich die Verknüpfung von Handeln und Reflektieren, wobei die Reflexion individuell oder in einer Gruppe erfolgen kann, in jedem Fall aber systematisch und auf ein Ergebnis ausgerichtet vollzogen werden soll.
So weit, so gut. Die Schwierigkeit besteht nun darin, dass damit noch sehr wenig Hilfestellung geboten wird, wie denn nun auf Hochschulebene eine Lernumgebung zur Förderung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen konkret lehrmethodisch auszugestalten ist. Konkretere Orientierung bieten hierfür didaktische Gestaltungsprinzipien, wie sie in ihrer Entstehungsgeschichte und ihrem Inhalt in den nachfolgenden Abschnitten erläutert werden.
3 Der Gewinn didaktischer Gestaltungsprinzipien als Orientierungsrahmen für das konkrete didaktische Handeln
Zur Beantwortung der Frage, wie eine Lernumgebung zur Förderung der Entwicklung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen konkret lehrmethodisch ausgestaltet werden kann, führte die Autorin im Zeitraum 2015–2017 am Departement Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule (BFH) im Rahmen ihrer Dissertation ein Forschungsprojekt in Orientierung am Paradigma der Gestaltungsforschung durch (Studer, 2019). Die Gestaltungsforschung – auch «educational design research» (McKenney & Reeves, 2012; Plomp, 2010) oder «Design-based Research (kurz: DBR)» (Euler & Sloane, 2014; The Design-Based Research Collective, 2003) genannt – erhebt den Anspruch, innovative und robuste Lösungen für eine Problemstellung der Praxis und gleichzeitig praxisrelevante, wissenschaftliche Theorien hervorzubringen (Euler, 2014a, S. 17 ff.; McKenney, Nieveen & van den Akker, 2006, S. 72 ff.; McKenney & Reeves, 2012, S. 20 ff.; Plomp, 2010, S. 20 ff.; van den Akker, 2010, S. 46). Ausgangspunkt einer Forschung nach dem DBR-Ansatz bildet «the manner in which the desirable objective [wie die Förderung der Entwicklung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen; Anm. der Autorin] can best be attained in a given context through an intervention yet to be developed» (Euler, 2014a, S. 17). Das Ziel besteht nicht primär darin, bestehende Wirklichkeiten zu überprüfen, sondern Möglichkeiten und Potenziale zu erforschen und damit Wirklichkeiten zu gestalten und zu verändern (a. a. O.). Wichtig beim DBR-Ansatz ist die «Wissenschaft-Praxis-Kommunikation» (a. a. O., S. 18, 20 f.) – die intensive Zusammenarbeit mit Vertreterinnen und Vertretern aus dem Praxisfeld, die nicht als Objekte verstanden werden, sondern als gleichwertige Partnerinnen und Partner. Forschende und Praxisvertretende bilden in einem DBR-Projekt «eine Gemeinschaft von Experten aus unterschiedlichen Domänen mit komplementären Interessen» (Dilger & Euler, 2018, S. 2). Charakteristisch ist überdies ein iteratives Vorgehen: Die Entwicklung der angestrebten innovativen, robusten und nachhaltigen Praxislösung bei gleichzeitigem Gewinn wissenschaftlicher Erkenntnisse vollzieht sich in sich wiederholenden Zyklen von Design, Erprobung, Analyse und Re-Design (Euler, 2014a, S. 19; vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Forschungs- und Entwicklungszyklen in DBR-Projekten nach Euler (2017, S. 9); von der Autorin ins Deutsche übersetzt
Die Entwicklung der Lösung erfolgt dabei theoriebasiert. Basis bilden Literaturbeiträge und Alltagstheorien, die als Gestaltungsannahmen die lehrmethodische Ausgestaltung des ersten Design-Entwurfs, sprich des ersten Prototyps der Lernumgebung anleiten. In Zyklen wiederholter Design-Erprobung, Design-Evaluation und Design-Weiterentwicklung werden zugleich diese Gestaltungsannahmen wiederholt überprüft und als Gestaltungsprinzipien[2] verfeinert. «Dank dem iterativen Vorgehen und der Verbindung von Theorieanwendung, -bildung und -überprüfung kann im Rahmen von DBR-Projekten das Wissen über
– die angestrebte Problemlösung,
– ihr Funktionieren in einem bestimmten Kontext und
– den Prozess ihrer Gestaltung und Entwicklung
erweitert […] (wissenschaftliche Zielsetzung)» (Studer, 2019, S. 13 f.) und schließlich die angestrebte Lernumgebung im konkreten Praxisfeld stetig optimiert werden (praxisbezogene Zielsetzung).
Den soeben beschriebenen Forschungsansatz umsetzend, hat die Autorin in intensiver Zusammenarbeit mit Studierenden und Coaches des Bachelor-Studiengangs Soziale Arbeit (BFH) die im vorangehenden Kapitel geschilderten theoretischen Bestände und weitere wissenschaftliche Erkenntnisse aus Pädagogik und Didaktik, Lern- und Persönlichkeitspsychologie, Lehr- und Lernforschung sowie aus der Kompetenzforschung zusammen mit Erkenntnissen aus den bisherigen Erfahrungen im Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit (BFH) in didaktische Designs verpackt, diese erprobt, evaluiert und weiterentwickelt. Die Analyse und Interpretation der Evaluationsergebnisse führten zu einer Verfeinerung der Ursprungstheorien. Ebenso ließen sich neue wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen. Dabei wirkten die Coaches und Studierenden u. a. als Validierungsinstanz (Studer, 2019, S. 338 ff.). Auf der Grundlage dieser verfeinerten und neuen theoretischen Erkenntnisse wurden die didaktischen Designs überarbeitet, erneut erprobt und evaluiert.[3] Dadurch konnten die den Designs unterlegten Theorien noch einmal überprüft und schließlich in Berücksichtigung der Ergebnisse dieser zweiten Evaluationsrunde, die wiederum einer Validierung unterzogen wurden, noch einmal weiter spezifiziert werden.[4] Aus diesem iterativen Vorgehen resultierten verfeinerte bzw. präzisierte wissenschaftliche Erkenntnisse in der Form generalisierbarer und gleichzeitig kontextsensitiver didaktischer Gestaltungsprinzipien.
Didaktische Gestaltungsprinzipien enthalten konkrete Aussagen über das Zusammenspiel von Lehr- und Lernaktivitäten beziehungsweise über das Zusammenspiel von Lehraktivitäten und adressierten Lernzielen. Damit können diese Prinzipien Dozierenden, Studiengangsleitenden, Curriculumsentwicklerinnen und -entwicklern als Orientierungsrahmen für das konkrete didaktische Handeln dienen (vgl. auch Edelson, 2002, S. 114 f.; Euler, 2014b, S. 111).
Dadurch, dass die Evaluationsergebnisse zuerst für einzelne Studierendengruppen separat und dann Gruppen vergleichend analysiert und dabei festgestellte Gemeinsamkeiten und Unterschiede dargestellt und begründet wurden, weisen die erarbeiteten Gestaltungsprinzipien eine Generalisierbarkeit mittlerer Anwendungsreichweite aus. Das heißt: Obwohl sie in der Hochschulausbildung für Soziale Arbeit, konkret im Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit (BFH) gewonnen und erprobt wurden, lassen sie sich auf andere vergleichbare Hochschulbereiche übertragen – dies nicht zuletzt aufgrund der Kontextsensitivität von Gestaltungsprinzipien: Gestaltungsprinzipien bedürfen einer kontextbezogenen Interpretation, die es im Umkehrschluss erlaubt, die im jeweiligen Kontext vorfindbaren sozialen und organisationalen Rahmenbedingungen sowie die Lernvoraussetzungen der Lernenden zu berücksichtigen (vgl. auch Euler, 2011, S. 539; Euler, 2014b, S. 99 f., 111; Euler, 2017, S. 7).
Nachfolgend werden nun einige der didaktischen Gestaltungsprinzipien, die aus der eben beschriebenen Forschungstätigkeit resultierten und die lehrmethodische Ausgestaltung einer Lernumgebung zur Förderung der Entwicklung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen anleiten können, erläutert. Dabei werden aus Gründen der Lesbarkeit die Gestaltungsprinzipien inhaltlich ausgeführt. Auf die Wiedergabe ihres genauen Wortlauts wird hingegen verzichtet. Dieser kann bei Interesse der Dissertationsschrift der Autorin entnommen werden, die darüber hinaus wertvolle Zusatzinformationen und Umsetzungsempfehlungen zu den didaktischen Gestaltungsprinzipien bietet (Studer, 2019, S. 300 ff.).
4 Handlungsleitende Gestaltungsprinzipien zur Förderung von Selbst- und Sozialkompetenzen
Es dürfte aufgrund der bisherigen Ausführungen nicht sonderlich überraschen, dass ein wesentlicher Teil einer (hoch-)schulischen Lernumgebung zur Förderung der Entwicklung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen aus selbstgesteuertem Lernen besteht.
Aufgrund des starken Persönlichkeitsbezugs von Selbst- und Sozialkompetenzen ist es wichtig, die Studierenden sich innerhalb eines von der Hochschule vorgegebenen Kompetenzprofils individuelle, persönlich relevante Lernziele setzen zu lassen. Dies erhöht die Motivation und trägt dazu bei, dass sich die Studierenden längerfristig und intensiv mit den in den Lernzielen adressierten Themen auseinandersetzen.
Für die Motivation der Studierenden ist es zudem wichtig, dass sie neben den Lernzielen auch das Lerntempo und die Lernwege selbst bestimmen können.
Persönlich relevante Lernziele im Bereich der Selbst- und Sozialkompetenzen zu finden und zu formulieren, ist für Studierende aber – vor allem, wenn sie noch am Anfang des Studiums stehen – keineswegs einfach. Die Studierenden haben mit sehr unterschiedlichen Herausforderungen zu kämpfen. Die einen bekunden Mühe, ein intrinsisch motiviertes, «echtes» Lernziel zu finden, die anderen tun sich schwer, das Lernziel in eine motivierende und zugleich aktivierende Formulierung zu verpacken. Folglich ist es wichtig, verschiedene Hilfestellungen seitens der Hochschullehrenden und der Mitstudierenden zur Verfügung zu stellen. Dadurch können motivationshemmende Stolpersteine aus dem Weg geräumt werden.
Als hilfreich erweist sich beispielsweise ein individuelles Gespräch zwischen dem/der Hochschullehrenden und der Studentin oder dem Studenten zu Beginn der Lernzielsuche, bei dem gemeinsam erste Lernzielideen besprochen werden. Auch von (theoretischen) Hilfestellungen zum Formulieren von Lernzielen profitieren Studierende. Als unterstützend erweist sich überdies ein gemeinsames Austauschgefäß – beispielsweise in Form eines Gruppencoachings –, bei dem die Studierenden ihre Lernzielideen und Überlegungen, wie die Ziele erreicht werden können, präsentieren und durch kritische Rückfragen und Rückmeldungen, Anregungen und Inputs der Hochschullehrenden und Mitstudierenden aufgefordert werden, ihre Lernzielideen auf tatsächlich vorhandene persönliche Relevanz bzw. ihre Überlegungen betreffend Maßnahmen zur Lernzielerreichung auf Sinnhaftigkeit und Effektivität hin zu überprüfen. Ein solcher Austausch kann zu Anpassungen in der Lernzielsetzung und/oder der Maßnahmen führen.
Als besonders wertvolles Moment beim Finden persönlich relevanter Lernziele erweist sich die Durchführung einer individuellen Standortbestimmung zu Beginn des gesamten formalisierten Lern- und Entwicklungsprozesses. Es empfiehlt sich, diese Standortbestimmung in Form eines Development Center (DC) durchzuführen, in dessen Rahmen die Studierenden während eines halben Tages Einzel- und Gruppenaufgaben lösen und dabei von geschulten DC-Assessorinnen und -Assessoren auf zuvor festgelegte Selbst- und Sozialkompetenzen beobachtet werden. Dies erlaubt den Studierenden, individuelle Stärken und Schwächen in den beiden Kompetenzbereichen zu bestimmen.
Die DC-Aufgaben sollten auf berufsrelevante Selbst- und Sozialkompetenzen ausgerichtet sein. Auf diese Weise entwickeln die Studierenden eine Sensibilität für diejenigen Selbst- und Sozialkompetenzen, die in ihrem zukünftigen Berufsalltag gefragt sind.
Die Selbstreflexion der Studierenden und damit auch die Identifizierung der eigenen, selbst- und sozialkompetenzbezogenen Stärken und Entwicklungspotenziale kann unterstützt werden, indem eine der DC-Aufgaben aus einer Selbsteinschätzung besteht, bei der die Studierenden aufgefordert sind, ihr eigenes Handeln bei der Umsetzung der einzelnen DC-Aufgaben zu beobachten, zu dokumentieren und zu reflektieren.
Dem DC sollte schließlich zeitnah ein individuelles Feedback durch die DC-Assessorin oder den DC-Assessor folgen, damit die Studierenden ihre Selbstwahrnehmung im DC mit der Fremdwahrnehmung abgleichen können. Das Feedback sollte dabei als Gespräch auf Augenhöhe gestaltet werden, bei dem nicht nur die Assessorinnen und Assessoren ihre Beobachtungen zurückmelden, sondern auch die Studierenden ihre Beobachtungen und Wahrnehmungen sowie allfällige Einwände und Fragen äußern können.
Wichtig ist, zu Beginn des Gesprächs das DC als Momentaufnahme zu verorten und die Begrenztheit der eigenen Beobachtungen sowie die Vertraulichkeit des Gesprächs zu thematisieren. Auch sollten die Assessorinnen und Assessoren ihre Rückmeldungen mit konkreten DC-Aufgaben verbinden. Alle diese Aspekte helfen den Studierenden, das Feedback anzunehmen und sich im Gespräch selbst einzubringen. Eine Frage mit persönlichem Bezug, wie beispielsweise diejenige nach den aktuellen Studienerfahrungen, kann den Studierenden überdies helfen, ins Gespräch hineinzufinden und sich wohlzufühlen.
Für die Identifikation eigener Stärken und potenzieller Entwicklungsfelder ist es wichtig, dass den Studierenden von Assessorinnen- und Assessoren-Seite sowohl positive als auch eher kritische Rückmeldungen gegeben werden. Bei der Rückmeldung kritischer Punkte ist für deren Akzeptanz darauf zu achten, dass sie nicht wertend, sondern differenziert und begründet zurückgemeldet werden.
Der Abgleich zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung kann zusätzlich unterstützt werden, wenn die Assessorinnen und Assessoren bei ihren Rückmeldungen Bezug auf die Selbsteinschätzungen nehmen, welche die Studierenden während des DCs angefertigt haben. Dies bietet sich insbesondere dann an, wenn Selbst- und Fremdwahrnehmung divergieren.
Sind die individuellen Lernziele gesetzt, so folgt die individuelle, von den Studierenden selbst gesteuerte Lernzielbearbeitung. Zu ihrer Unterstützung ist es wichtig, regelmäßige Austauschgefäße mit den Hochschullehrenden und den Mitstudierenden vorzusehen. Sie helfen den Studierenden, zielführend an ihren Lernzielen zu arbeiten und nicht Gefahr zu laufen, die Lernzielarbeit im Alltag zu vergessen oder sich darin zu verlieren.
Die Studierenden sollten in diesen Gefäßen aufgefordert werden, sich über ihre Lernwege und Lernstrategien und die damit gemachten Erfahrungen sowie über ihre Lern- und Entwicklungsschritte auszutauschen. Dadurch benennen sie ihren Lernzielstand und beziehen Stellung zu ihrer Lernzielarbeit. Sie unterstützen bei dieser Gelegenheit auch ihre Mitstudierenden mittels Rückfragen, Rückmeldungen, Ideen und Anregungen bei deren Lern- und Entwicklungsprozessen und gewinnen selbst Anhaltspunkte für ihre weitere Lernzielarbeit.
Als Austauschgefäße eignen sich beispielsweise Tandemaufträge, Kleingruppenarbeiten im Rahmen von Gruppencoachings und Einzelcoachings.
Zusätzlich sollten Gefäße vorgesehen werden, in denen lernzielarbeitsbezogene Themen, Anliegen und Fragestellungen bearbeitet werden. Aus der gemeinsamen Bearbeitung identifizieren die Studierenden für sich passende Umgangsformen für Herausforderungen und arbeiten in der Folge motiviert(er) an ihren Lernzielen weiter. Hierfür empfehlen sich Formate wie Werkstätten oder kollegiale Coachings, für die genügend Zeit einzuplanen ist.
Grundsätzlich hat sich im Rahmen der Forschung gezeigt, dass die Studierenden eher bereit sind, sich gegenüber Hochschullehrenden und Mitstudierenden zu persönlichkeitsbezogenen Themen zu öffnen, wenn der Austausch in kleineren Gruppen stattfindet. Im Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit (BFH) arbeitet man mit Coaching-Gruppen, die in der Regel acht bis zehn Studierende umfassen und von professionellen Coaches[5] mit Feldkenntnissen geleitet werden. Auch in diesem Rahmen erwies es sich als hilfreich, die Studierenden immer wieder in Kleingruppen von drei bis vier Personen arbeiten zu lassen. Die Beiträge fielen vertiefter, differenzierter und offener aus.
Die (Gruppen-, Einzel- und kollegialen) Coachings dienen zum einen dem Austausch, der Diskussion sowie der Selbstreflexion hinsichtlich selbst- und sozialkompetenzrelevanter Themen, zum andern zur Unterstützung des selbstgesteuerten Lernens im Kontext der Persönlichkeitsentwicklung. Sie verstehen sich sinnbildlich als Inseln im Fluss des selbstgesteuerten lernzielorientierten Lernens, auf denen die Studierenden innehalten und gemeinsam mit Mitstudierenden und/oder dem Coach zurückblicken können und für den weiteren Lern- und Entwicklungsprozess Anregungen und neuen Schub erhalten. Wichtig hierbei ist es, dass die Studierenden von ihrem Gegenüber neue bzw. alternative Sicht- und Denkweisen angeboten erhalten, dass sie herausgefordert werden, veranlasst, sich zu positionieren, und dass auch so etwas wie ein situationsadäquates «Seilziehen» zwischen ihnen und dem Coach bzw. den Mitstudierenden stattfindet.
Als ein weiteres wichtiges Gestaltungselement einer Lernumgebung, die die Förderung der Entwicklung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenz zum Ziel hat, erwies sich die E-Portfolioarbeit – das fortlaufende und systematische Dokumentieren und Reflektieren des eigenen Lern- und Entwicklungsprozesses.
Die E-Portfolioarbeit sollte hierfür begleitend zu den einzelnen Veranstaltungen[6] und dem lernzielorientierten, selbstgesteuerten Lernen eingesetzt werden.
Sie sollte aus verschiedenen Aufträgen bestehen, die die Studierenden auffordern, die Auseinandersetzung mit sich und den in den Veranstaltungen bearbeiteten Selbst- und Sozialkompetenz-Themen sowie ihren Lern- und Entwicklungsprozess in diesen Kompetenzbereichen zu verschriftlichen. Die Studierenden setzen sich dadurch länger und intensiver mit sich und den jeweiligen selbst- und sozialkompetenzrelevanten Themen auseinander, beschäftigen sich bewusster mit dem eigenen Lern- und Entwicklungsprozess, arbeiten kontinuierlich an ihren Lernzielen und erkennen schließlich dank der Verschriftlichung die eigenen Fortschritte, aber auch Herausforderungen und können auf dieser Basis ihren Lern- und Entwicklungsprozess zielführend ausgestalten.
Die E-Portfolioarbeit sollte sowohl veranstaltungsvorbereitende als auch veranstaltungsnachbereitende Aufträge enthalten. Erstere helfen den Studierenden, sich gezielt auf eine Veranstaltung vorzubereiten. Sie finden damit auch leichter den Einstieg in die jeweilige Veranstaltungsthematik wie beispielsweise «Eigene Einstellungen und Werte». Andererseits lassen sich durch veranstaltungsnachbereitende Aufträge die einzelnen Veranstaltungen gezielter verarbeiten, und die Studierenden können sie für sich und ihren Lern- und Entwicklungsprozess besser nutzbar machen.
Es empfiehlt sich, die Aufträge variantenreich zu gestalten. Dadurch kann die Motivation der Studierenden für die E-Portfolioarbeit gesteigert werden. Beispielsweise ist es ratsam, neben Reflexions- auch Beobachtungsaufträge, Tandemaufträge oder Aufträge zum mündlichen statt schriftlichen Austausch vorzusehen. Ansonsten läuft man Gefahr, dass die Studierenden die E-Portfolioarbeit als redundant erleben und dadurch an Motivation verlieren.
Im Hinblick auf eine motivierte und gewinnbringende Nutzung des E-Portfolios ist es schließlich ratsam, die Aufträge so zu gestalten, dass sie die nötigen Leitplanken für eine zielführende Bearbeitung bereitstellen, andererseits den Studierenden aber auch Gestaltungsspielraum in der Art ihrer Umsetzung lassen.
Die soeben erläuterten Gestaltungsprinzipien lassen sich in folgendem Modell zusammenfassen:

Abbildung 2: Modell zur lehrmethodischen Gestaltung einer Lernumgebung zur Förderung der Entwicklung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen (Studer, 2019)
Das Modell nimmt sowohl Bezug auf die Kontextbedingungen als auch auf die didaktischen Zielsetzungen eines konkreten Ausbildungsgangs. In der Mitte finden sich zusammengefasst die vier didaktischen Kernelemente:
– selbstgesteuertes Lernen,
– Development Center (DC),
– Coaching,
– E-Portfolioarbeit.
Illustrativ veranschaulicht sind die Gestaltungsprinzipien, die Anhaltspunkte geben, wie die Lehr- und Lernaktivitäten im Rahmen der didaktischen Kernelemente auszugestalten sind, um die adressierten Lernziele zu erreichen.
Aufgrund der Kontextsensitivität der Gestaltungsprinzipien können die spezifischen Kontextbedingungen vor Ort berücksichtigt werden. Zugleich lassen sich die angestrebten Lernergebnisse – sprich die berufsrelevanten Selbst- und Sozialkompetenzen – inhaltlich berufsspezifisch füllen. Damit lässt sich das Modell auf unterschiedliche Berufsgruppen bzw. auf unterschiedliche berufsbefähigende (Hochschul-)Ausbildungen übertragen. Die nachhaltige Implementierung einer derartigen Lernumgebung im eigenen (Hoch-) Schulkontext lässt sich dabei durch einige Begleitmaßnahmen unterstützen. Dazu gehört beispielsweise die Verankerung der Förderung der Entwicklung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen in der Strategie der Ausbildungsinstitution. Auf diese Weise kann die Gefahr, dass im Verlaufe der Entwicklung und Implementierung der Lernumgebung ein strategischer Richtungswechsel erfolgt und die Innovation dadurch womöglich ihre Legitimation verliert, reduziert werden. Es empfiehlt sich weiter, während der gesamten Entwicklungs- und Implementierungsphase die Ausbildungsleitung und allfällige die Ausbildung steuernde Gremien regelmäßig über den Entwicklungs- und Implementierungsstand in Kenntnis zu setzen. Offene Punkte und Fragen können so zeitnah geklärt werden, und die Ausbildungsverantwortlichen verfügen über die notwendigen Kenntnisse, um die Innovation zu tragen, allfällige Kritik an ihr richtig zu verorten und bei Bedarf Richtigstellungen vorzunehmen. Auch auf Ebene des «Gesamtkollegiums» sollte regelmäßig Einblick in die Entwicklung und Implementierung der Lernumgebung gewährt werden. Die Mitglieder des Kollegiums gewinnen dadurch ein Verständnis für die Zielsetzungen der neuen Lernumgebung und ihre inhaltliche und lehrmethodische Ausgestaltung, das ihnen ermöglicht, die Innovation mitzutragen und allfällige Kritik an ihr richtig einzuordnen. Ratsam ist es überdies, von Beginn an die Studierenden in die Entwicklung der Lernumgebung miteinzubeziehen. Dadurch lassen sich mit der Innovation zusammenhängende Bedenken, Befürchtungen und Ängste auf Studierendenseite frühzeitig erkennen und bei der inhaltlichen und didaktischen Ausgestaltung mitberücksichtigen. Schließlich sollten auch zentrale Stakeholder regelmäßig und spezifisch über das Vorhaben informiert werden, damit sie ein Verständnis für die Wichtigkeit und den Bedarf der geplanten Lernumgebung entwickeln, sie aktiv mittragen und für sie einstehen.
Weitere unterstützende Begleitmaßnahmen lassen sich Studer (2019, S. 328 ff.) entnehmen.
Gutes Gelingen!
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Die Illustrationen wurden von Daniel Osterwalder speziell für die Forschungsbefunde der Autorin angefertigt. Für ihre Verwendung gilt nachfolgende «Creative Commons Public License»: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de.
Thomas Kriza
Philosophie an Hochschulen für angewandte Wissenschaften: Wege zur Persönlichkeitsbildung
Abstract
Philosophie ist ein seit der Antike etablierter Weg zur gezielten und methodischen Förderung der Persönlichkeitsbildung. Mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen Transformationsprozessen, die durch die Dynamiken moderner Technik wie der Digitalisierung ausgelöst werden, gewinnen Philosophie und namentlich Ethik an Fachhochschulen zunehmend an Bedeutung: Diese Prozesse erfordern reflektierte ethische Entscheidungen vor dem Hintergrund einer infrage stehenden Wertebasis. Ziel von Persönlichkeitsentwicklung durch Philosophie ist die Förderung von Studierenden in ihrer Fähigkeit, als autonome, vernünftige und moralische Individuen Verantwortung zu übernehmen.
Fachhochschulen bzw. Hochschulen für angewandte Wissenschaften vermitteln durch anwendungsbezogene Lehre und Forschung in erster Linie «eine Bildung, die zur selbstständigen Anwendung wissenschaftlicher Methoden und künstlerischer Tätigkeiten in der Berufspraxis befähigt» (Art. 2 Abs. 1 S. 6 BayHSchG). Philosophie gehört üblicherweise nicht zu den an Fachhochschulen unterrichteten Kernfächern oder Studiengängen. Dennoch bekommt Philosophie eine zunehmende Bedeutung auch für Fachhochschulen in dem Maß, wie auch der Stellenwert der Persönlichkeitsbildung von Studierenden in Hochschulausbildungen und die Relevanz von ethischen und philosophischen Fragestellungen innerhalb der angewandten Wissenschaften zunehmen. Es stellt sich daher die Frage, welche Rolle Philosophie für die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung an Fachhochschulen spielen kann und wie diese Rolle mit der Thematisierung von ethisch-philosophischen Fragestellungen innerhalb der angewandten Wissenschaften zusammenhängt.
Hochschulen für angewandte Wissenschaften «befinden sich aktuell in einem Spannungsfeld zwischen der gesellschaftlichen Verantwortung für die Persönlichkeitsentwicklung der immer jünger werdenden Studierenden und einer anspruchsvollen und tragenden wissenschaftlichen Ausbildung» (Hochschule Coburg, 2015, S. 4). Fachhochschulen wie die Hochschule Coburg definieren eine «ganzheitliche, kulturell und interdisziplinär ausgerichtete Bildung» und die Befähigung zu «gesellschaftlich verantwortlichem Handeln» als Leitbilder und explizit auch als strategische Ziele der Hochschule (Hochschule Coburg, 2015, S. 26, 28). Mit groß angelegten interdisziplinären Projekten wie dem «Coburger Weg»[1] wird nicht zuletzt auch Philosophie zum integralen Bestandteil einer interdisziplinär ausgerichteten, studiengangübergreifenden Lehre, die den Blick der Fachhochschulstudierenden – über den Tellerrand der eigenen Fachlichkeit hinaus – auf wichtige und weitreichende Fragen lenken soll, die sich im persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Leben eines Menschen und nicht zuletzt auch eines jeden Berufsmenschen stellen. Welchen Beitrag leistet Philosophie zur methodischen Förderung der Persönlichkeitsbildung an Hochschulen für angewandte Wissenschaften?
Begriffe wie «Persönlichkeitsbildung», «Persönlichkeitsentwicklung» und «Persönlichkeitsentfaltung» sind in unterschiedlichsten Praxiskontexten weit verbreitet. Die Begriffsverwendung ist vieldeutig und nicht selten auch floskelhaft, insbesondere wenn die «kritische Reflexion der […] zugrunde liegenden Annahmen, Werte und Menschenbilder» (Rogmann, 2016, S. 142) fehlt. Auch in der Hochschuldidaktik sind diese Begriffe präsent – die vieldeutige Begriffsverwendung geht jedoch nur mit einer spärlichen erziehungswissenschaftlichen Theoriebildung und dazugehörigen empirischen Forschung einher (Budde & Weuster, 2018, S. 5). Trotz der Vielfältigkeit und Vagheit der jeweiligen Definitionen und begrifflichen Verwendungen kreist die Allgegenwart der Forderung nach Persönlichkeitsentwicklung im Kern um die Idee, dass die menschliche Persönlichkeit etwas Gestaltbares und zu Gestaltendes darstellt, dass «Bildung» hierfür eine entscheidende Rolle spielt und dass sich diesbezüglich in der Situation der Moderne und insbesondere in der aktuellen Gegenwart besondere Herausforderungen stellen, die in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kontexten zu bewältigen sind (a. a. O., S. 6 f.).
Verstehbar wird die Idee einer zu bildenden menschlichen Persönlichkeit insbesondere vor dem übergreifenden Hintergrund des modernen Menschenbildes und seiner Ursprünge, die bis in das antike Denken zurückreichen. Dessen Grundpfeiler können im Rahmen dieses Aufsatzes zumindest angedeutet werden: Die antike Auffassung des Menschen als vernunftbegabtes und soziales Lebewesen[2] entfaltet bis in die heutige Zeit ihre bestimmende Wirkung. Die christliche Vorstellung menschlicher Individualität bekam in der Renaissance eine neue Dynamik, löste sich im Verlauf der Neuzeit zunehmend von ihren religiösen Wurzeln ab und radikalisierte sich in der Moderne bis in die Gegenwart hinein (Kriza, 2018, S. 151–213). Zum Kern des modernen Personseins gehören die Idee des freien menschlichen Willens[3] und die Auffassung, dass der Mensch seine Lebensweise frei zu wählen habe[4] – aber zugleich auch die Vorstellung einer Moralität, die in der vernünftigen Autonomie des Menschen ihren Ursprung nimmt.[5] Im modernen Menschenbild verbinden sich freie Selbstbestimmung, moralische Verantwortlichkeit und Rationalität. Der Zusammenhang dieser bestimmenden Facetten kommt in der Vorstellung einer besonderen Würde des Menschen zum Ausdruck. Die abstrakte Idee der Menschenwürde entfaltet ihre Wirkung durch ihre Konkretisierungen, nicht zuletzt in der Ausgestaltung von Menschenrechten (Bielefeldt, 2011, S. 105–144). Die Auffassung des Menschen als freies und selbstbestimmtes, vernünftiges und moralisches Individuum, das sich im Zusammenleben mit anderen Menschen die Gesetze seines Lebens selbst auferlegt und sich in seiner Ganzheit durch eine besondere Würde auszeichnet, konstituiert das moderne Bild des Menschen. An diesem Bild hängen die Idee des Personseins und zugleich auch die Vorstellung, dass die Persönlichkeit des Menschen erst entwickelt, entfaltet bzw. gebildet werden muss.
Das menschliche Leben ist, anders als beim Tier, kein durch Instinkte weitgehend festgelegter Ablauf: Menschen können ihr Leben – sowohl in individueller als auch in gesellschaftlicher Hinsicht – ganz unterschiedlich leben. Und weil sich ihr Leben nicht als ein Automatismus vollzieht, müssen sich Menschen um ihr Leben kümmern: Sie müssen sich aktiv darum bemühen, dass sich ihr Leben zu einem guten Leben entwickelt. Das antike Denken hat hierbei eine bis heute einflussreiche Unterscheidung getroffen: Menschen können entweder ihr Leben einfach laufen lassen, sich nur auf die Befriedigung ihrer unmittelbaren materiellen Bedürfnisse fokussieren, sich den Dynamiken ihres sozialen Umfeldes unreflektiert hingeben – oder aber sie können danach streben, ihr Leben in einer bewussten und reflektierten Weise aktiv zu gestalten und dabei die wertvolleren, höheren Potenziale, die in ihnen als Möglichkeiten angelegt sind, zur Entfaltung kommen zu lassen. Die Interpretation des guten Lebens als ein zielgerichtetes und durch Reflexion begleitetes Streben nach höheren Zielen, nach wertvolleren Weisen des Lebens, nach methodischer Veredelung und Vervollkommnung der Persönlichkeit ist eine Vorstellung, die – trotz aller inhaltlicher Verschiedenheit – die einflussreichen philosophischen und religiösen Strömungen des antiken Denkens mit vielen späteren und gerade auch modernen Auffassungen des guten Lebens verbindet – wenn auch mit entscheidenden Brüchen.[6] Derartige Vorstellungen finden sich bei Platon, Aristoteles, den Stoikern wie auch im Christentum, sie finden sich bei den Denkern der Renaissance und der Aufklärung, sie bilden den Kern des vielzitierten Humboldt’schen Bildungsideals (z. B. Budde & Weuster, 2018, S. 14 f.), und sie befeuern noch das Denken Friedrich Nietzsches, des vermeintlichen Zertrümmerers aller Traditionen (Kriza, 2018, S. 213–220). Hierbei ist es keine Nebensächlichkeit, dass eine kulturell derart wirkungsmächtige Idee – die Auffassung, dass Menschen für ein gutes und glückliches Leben ihre Persönlichkeit aktiv und zielgerichtet bearbeiten und entwickeln müssen – mit Namen und Positionen von Philosophen verknüpft ist. Philosophie stellte in ihren antiken Ursprüngen die zentrale Methode der Persönlichkeitsentwicklung dar, und die dazugehörigen Vorstellungen entfalten bis heute ihren Einfluss. Was bedeutet Philosophie in diesem ursprünglichen Sinn?
In der antiken Vorstellung von Philosophie war der Aspekt der Reflexion direkt mit der Gestaltung des menschlichen Lebens verbunden: Es ging nicht primär um den Entwurf von theoretischen Systemen des Denkens, sondern um die Entwicklung von umfassenden Entwürfen des Lebens. Nach den Werken von Pierre Hadot (1991) und des späten Michel Foucault (2004; 2005, S. 747–776, 902–909) kann annähernd die gesamte antike nachsokratische Philosophie als geistige Übungen verstanden werden, die eine grundlegende Transformation des Lebens zum Ziel hatten (Kriza, 2018, S. 88–101, 114–128; Kriza 2019). Durch die gezielte Herausbildung menschlicher Vernünftigkeit sollte der Blick des Menschen weg vom niederdrückenden Irdischen hin auf etwas Höheres, Göttliches umgelenkt und ausgerichtet werden. Im antiken Streben nach Erkenntnis durch Wissenschaft und Philosophie lag die Bemühung, die eigene Persönlichkeit zu formen: Durch Einblick in die Wahrheit über die Zusammenhänge der Welt und durch Orientierung an der göttlichen kosmischen Ordnung sollte im Menschen eine analoge vernünftige Ordnung zur Entfaltung gebracht werden, um auf diesem Weg ein gutes Leben zu ermöglichen. Die geistigen Übungen der Philosophie hatten, als Arbeit am eigenen Selbst, das Ziel, die Persönlichkeit des Menschen zielgerichtet zu gestalten und zu bilden, um die im Menschen angelegten höheren Möglichkeiten als das wesenhaft Menschliche zur Entfaltung zu bringen.
Heute, in modernen Kontexten des Denkens, erscheinen dieses antike Verständnis von Wissenschaft und Philosophie und insbesondere die dazugehörige Weltsicht und Wahrheitsauffassung eher als etwas Fremdes – die Grundidee hingegen, dass Menschen ihre Persönlichkeit zielgerichtet zu verändern, zu bilden und zu entwickeln haben, um gut zu leben, hat ihre Faszination bis heute nicht verloren. Bedeutende Strömungen der modernen Philosophie können als Versuch interpretiert werden, das antike Verständnis von Persönlichkeitsbildung als Arbeit am eigenen Selbst in moderne Kontexte des Denkens zu transformieren (Kriza, 2018, S. 213–294). Die Allgegenwart von körperlichen und geistigen Übungsbewegungen in unterschiedlichen Kontexten der Gegenwart belegt die heutige Lebendigkeit derartiger Auffassungen (Sloterdijk, 2009; Kriza, 2018, S. 128–150). Zu diesen Kontexten gehört nicht zuletzt auch der Bildungsbereich.
Die zeitgenössische Philosophiedidaktik kann als Anknüpfung an das antike Philosophieverständnis aus dem Blickwinkel des modernen Menschenbildes interpretiert werden. Der Mensch in der Moderne, begriffen als freies und autonomes Individuum, sieht sich vor die Herausforderung gestellt, seine Freiheit und moralische Verantwortlichkeit stets erst herausbilden zu müssen. Die Philosophiedidaktik versteht hierbei Philosophie in einem weitgehenden Konsens als eine Schulung des Selberdenkens in der Tradition des antiken und aufklärerischen Denkens, oft in expliziter Anknüpfung an Sokrates und Immanuel Kant (Tiedemann, 2017b, S. 14 f.; Steenblock, 2017a, S. 30–33; Steenblock, 2017b, S. 58–65; Martens, 2017, S. 41–47). So interpretiert Ekkehard Martens Philosophie als eine «elementare Kulturtechnik» und als Mittel, um «das Selbstdenken und somit die Autonomie der Person zu fördern», und bezieht dabei die Philosophie direkt «auf den Zweck der Persönlichkeitsbildung und eine humane Lebensgestaltung» (Martens, 2017, S. 46). Volker Steenblock verortet philosophische Bildung in der Tradition Platons und Wilhelm von Humboldts im allgemeinen «Bemühen um ein selbst verantwortetes und gestaltetes Wissen» als Grundlage eines menschlichen Lebens, das als Projekt bewusster und autonomer Gestaltgebung aufzufassen ist (Steenblock, 2017b, S. 58, 63–65). In dieser die Antike und Neuzeit verbindenden Traditionslinie wird die menschliche Existenz als die Herausbildung einer Persönlichkeit interpretiert, die «sich aus einem letzten, verantworteten Prinzip heraus zu steuern sucht» (a. a. O., S. 58). Bedingung hierfür ist, dass der Mensch über die relevanten Aspekte, Ziele und Konsequenzen des eigenen Lebens und Denkens reflektiert Rechenschaft geben kann. Die Herausbildung dieser Fähigkeit ist seit jeher eine Kernaufgabe der Philosophie und erstreckt sich insbesondere auch auf die gezielte Schulung der «Urteilskraft, verstanden als Fähigkeit zur kritisch rationalen Argumentation sowie sicheren Verwendung von Begriffen und kategorialen Unterscheidungen» (Tiedemann, 2017a, S. 26).
Die aktuelle Philosophiedidaktik hebt in einem weitgehenden Konsens und zu Recht die Orientierungsfunktion der Philosophie hervor und betont deren besondere Relevanz vor dem Hintergrund heutiger Herausforderungen. So erinnert Julian Nida-Rümelin an den Orientierungsbedarf Jugendlicher in einer komplexen sozialen Welt, die durch globale Verflechtungen und durch eine rasant voranschreitende Technik besondere ethische Fragestellungen mit sich bringt (Nida-Rümelin, 2017, S. 19). Auch Markus Tiedemann betont den besonderen Orientierungsbedarf der Moderne und ruft in Erinnerung, dass geschichtlich Philosophie gerade in Zeiten von Orientierungskrisen ihre Blütezeiten erlebt hat (Tiedemann, 2017a, S. 23). Ethische Neuorientierung ist zwar kein Alleinstellungsmerkmal unserer Zeit, stellt aber heute eine besondere Herausforderung dar, weil die gegenwärtige Innovationsgeschwindigkeit der Technik die Handlungsoptionen und den Entscheidungsbedarf des Menschen ins Unüberschaubare ausweitet und dabei die Dringlichkeit mit sich bringt, weitreichende ethische Entscheidungen auf Grundlage eines fraglich gewordenen kulturellen Wertefundamentes zu fällen (a. a. O., S. 23–26). Als Charakteristikum der heutigen Zeit identifiziert Tiedemann zu Recht die Tatsache, dass dringliche praktische Probleme ethische Entscheidungen erfordern, «deren theoretische Grundlage selbst als problematisch gilt» (Tiedemann, 2017c, S. 71). Die heutigen Anforderungen verlangen daher eine «nachdenkliche Werteentwicklung» statt einer «traditionelle[n] Wertevermittlung», und Adressat hierfür ist nicht zuletzt die Philosophie (Tiedemann, 2017a, S. 27). In die gleiche Richtung argumentiert auch Volker Steenblock, der Bildung und insbesondere philosophische Bildung als «Antwortversuch auf gesellschaftliche Transformationen» in einer kulturellen Situation interpretiert, in der «der Einfluss lebensregelnder und sinnstiftender Traditionen zurückgeht» (Steenblock, 2017b, S. 59, 61). All dies verdeutlicht den heutigen Stellenwert von Persönlichkeitsbildung in Bildungsbereich und die besondere Rolle der Philosophie.
Welche Schlussfolgerungen lassen sich für Hochschulen für angewandte Wissenschaften ziehen? Der Ruf nach Persönlichkeitsbildung an Fachhochschulen wurzelt zunächst unmittelbar in der modernen Auffassung des Menschseins: Insofern sich Menschen als freie und selbstbestimmte, vernünftige und moralische Individuen verstehen, stehen sie vor der Herausforderung, sich als solche herauszubilden. Fachhochschulen sind als Bildungsinstitutionen Orte, an denen Studierende sich als Persönlichkeiten herausgestalten. Daher ist auch das Studium an Fachhochschulen nicht nur als eine Vermittlung von Fachkompetenzen, sondern in einem erweiterten Sinne als eine methodische Unterstützung der Persönlichkeitsbildung der Studierenden zu verstehen – gerade auch im Hinblick auf ihre Fähigkeit, reflektierte moralische Positionen einzunehmen. Philosophie ist, seit ihren antiken Ursprüngen bis in die heutige Zeit hinein, im Kern ein Weg, um die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen bewusst und methodisch zu fördern. Daher liegt es nahe, philosophische Bildung auch an Hochschulen für angewandte Wissenschaften zu verankern – in Einklang mit der Einsicht, dass die gezielte Förderung der Persönlichkeitsentwicklung auch für Fachhochschulen eine Kernaufgabe darstellt.
Konfligiert die Verortung von Philosophie in Hochschulcurricula mit der Notwendigkeit, in kurzer Zeit fundiertes Fachwissen zu vermitteln? Zu einem gewissen Grad mag dies der Fall sein, jedoch ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich gegenwärtig die Prioritäten in einer bemerkenswerten Weise verschieben. Gerade weil moderne Technik sich mit all ihren Facetten in nie dagewesener Geschwindigkeit weiterentwickelt, weil dabei die Innovationsgeschwindigkeit noch zunimmt und weil sich moderne, entwickelte Gesellschaften in umwälzenden Transformationsprozessen befinden, kann selbst eine konsequent praxisorientierte Hochschulausbildung nicht das primäre Ziel haben, Studierende auf die konkreten Aufgaben der Arbeitswelt vorzubereiten. Selbst in Bildungskontexten, die weitestgehend auf Praxisorientierung ausgerichtet sind und unter hohem Zeit- und Kostendruck stehen, kann eine Ausweitung des Bildungsziels in Einklang mit Effizienzüberlegungen stehen oder gar direkt aus solchen abgeleitet werden. Ein interessantes Beispiel ist die Firma Siemens in den USA: Vor die Aufgabe gestellt, für ein neu zu bauendes Gasturbinenwerk in North Carolina 1500 neue Mitarbeiter zu rekrutieren, hatte sich Siemens aufgrund eines Mangels an qualifizierten Bewerbern erfolgreich dafür entschieden, ein eigenes Trainingsprogramm aufzusetzen und zu finanzieren. Modell hierfür war die aus Deutschland bekannte Berufsausbildung bzw. das duale Studium. In diesem Zusammenhang vor die Frage gestellt, was ein vierjähriges praxisorientiertes Hochschulstudium beinhalten sollte, gab die CEO von Siemens USA, Barbara Humpton, folgende Antwort:
«I’m not looking to universities to get people ready for a job. I’m looking for universities to get people ready for a career. Because technology’s changing so fast […]. I think four-year institutions can very happily focus on the kind of traditional things they’ve done, giving people a really well-rounded background, teaching the arts, teaching humanities, teaching people for context and appreciation.» (White, 2019)
Geistige Flexibilität ist heute eine der zentralen Kompetenzen für eine lebenslange Karriere in sich rapide verändernden Kontexten. Eine systematische Förderung der Persönlichkeitsentwicklung durch Philosophie kann neben dem übergreifenden Ziel der Herausbildung einer reflektierten, selbstbestimmten Persönlichkeit auch den Effekt einer geistigen Beweglichkeit mit sich bringen, die gerade in heutigen Praxiskontexten eine Kernkompetenz darstellt. Werden hierbei die «hohen» geistigen Ziele von Bildung durch eine monetarisierbare Leistungsoptimierung profanisiert?[7] Selbst wenn man dies so sehen mag, könnte im «Nebeneffekt» einer herangereiften, gebildeten Persönlichkeit ein eigener, davon unberührter Wert gesehen werden.
Ihre besondere und auch dringliche Relevanz gewinnt philosophische Bildung in den praxisorientierten Kontexten heutiger Technik aber insbesondere durch die weitreichenden ethischen Fragen, die moderne Technik aufwirft. Unter diesem Gesichtspunkt hat Philosophie auch für Hochschulen für angewandte Wissenschaften eine besondere Relevanz: Die neuen Möglichkeiten einer immer mächtigeren Technik verlangen nach reflektierten ethischen Positionierungen. Gerade Philosophie kann hier die Suche nach intersubjektiv tragfähigen Antworten vor dem Hintergrund einer pluralen und sich verändernden Wertebasis gezielt und methodisch unterstützen.
Ein Kernaspekt heutiger Technik ist die fortschreitende Digitalisierung: Sie erfasst alle Lebensbereiche und Berufsfelder und transformiert dabei Arbeits- und Lebensweisen, soziale Strukturen, politische Dynamiken und nicht zuletzt auch die grundlegenden Auffassungen des Menschseins. Die daraus resultierenden ethischen Fragen sind vielgestaltig. Auf gesellschaftlicher Ebene ergeben sich Fragen wie: Welche bisher ungekannten Lebensweisen werden ermöglicht, wenn dem Menschen ein Großteil der Arbeit durch Maschinen und automatisierte Prozesse abgenommen wird? Wie können die durch Digitalisierung und Automatisierung erzielten Produktivitätsgewinne gerecht verteilt werden? Und wie geht eine Gesellschaft damit um, dass die Digitalisierung möglicherweise neue soziale Spaltungen zwischen Profiteuren und Abgehängten erzeugt? Es stellen sich aber auch ethische Fragen, die nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene, sondern direkt auch in praktischen Kontexten der Arbeitswelt von Bedeutung sind: Die umfassende Erhebung von persönlichen Daten mittels moderner Informationstechnik durch Privatunternehmen und Staaten und die automatisierte Zusammenführung dieser Daten durch Big-Data-Analysen zu Persönlichkeitsprofilen wirft etwa die ethische Frage nach einer Balance zwischen den Vorteilen dieser Technologien und dem Stellenwert menschlicher Privatsphäre auf. Praktisch jeder Mensch muss heute davon ausgehen, dass bei Unternehmen und Staaten vielfältige, ihn betreffende persönliche Daten zu Persönlichkeitsprofilen zusammengefügt werden, ohne dass sich dabei das genaue Ausmaß vor Augen führen ließe.[8] Noch vor wenigen Jahrzehnten urteilten deutsche Verfassungsrichter, dass genau hierin eine wesentliche Hemmung von Freiheit und Selbstbestimmtheit liegt, und kamen zu folgendem Schluss: «Freie Entfaltung der Persönlichkeit setzt unter den modernen Bedingungen der Datenverarbeitung den Schutz des Einzelnen gegen unbegrenzte Erhebung, Speicherung, Verwendung und Weitergabe seiner persönlichen Daten voraus» (BVerfG, 1983). Der Schutz der Privatsphäre wurde direkt im obersten Wert einer unantastbaren Menschenwürde verankert, dem es widerspricht, den Menschen «zwangsweise in seiner ganzen Persönlichkeit zu registrieren und zu katalogisieren […] und ihn damit wie eine Sache zu behandeln, die einer Bestandsaufnahme in jeder Beziehung zugänglich ist» (BVerfG, 1969). Gilt das auch heute noch, im Zeitalter von Facebook und Google? Welche Relevanz spielt Privatsphäre heute? Wie sollen zum Beispiel IT-Fachkräfte mit der technischen Möglichkeit umgehen, dass bereits relativ wenige Datenpunkte wie etwa einige Dutzend Facebook-«Likes» bei einer ausreichenden Menge von Daten erstaunlich tiefe Einblicke gewähren können (Kosinski, Stillwell & Graepel, 2013; Youyou, Kosinski & Stillwell, 2015)? Sollten zum Beispiel einer automatisierten Gesichtserkennung ethische Grenzen gesetzt werden, sobald klar wird, dass hierdurch bei einer großen Datenbasis sogar intime Persönlichkeitsmerkmale wie etwa sexuelle Präferenzen offengelegt werden können (Murphy, 2017; Wang & Kosinski, 2018)? In ganz konkreten beruflichen Kontexten stellen sich heute explizit philosophische Fragen: Müssen wir unsere zentralen Wertvorstellungen von Privatsphäre, freier Selbstbestimmung oder einer unantastbaren Menschenwürde den neuen Möglichkeiten der Technik anpassen? Und wenn ja, wie genau? Derartige Fragen verlangen gerade durch die praktischen Einsatzmöglichkeiten der Technik nach fundierten, intersubjektiv mitteilbaren Antworten. Unerlässlich hierfür ist ein Bewusstsein um kulturelle Wertvorstellungen und die Fähigkeit, auf dieser Basis in konkreten Anwendungskontexten begründete ethische Argumente formulieren und mit anderen austauschen zu können. Die Herausbildung dieser Kompetenzen kann durch Philosophie methodisch gefördert werden, und gerade Studierende von angewandten Wissenschaften können durch Philosophie auf die ethischen Fragen vorbereitet werden, die unweigerlich mit dem Einsatz moderner Technik einhergehen und die sie unmittelbar in Praxiskontexten stellen und beantworten müssen.
Heutige Technik wirft in ganz unterschiedlichen Kontexten ethische und philosophische Fragen auf, die eine Auseinandersetzung mit grundlegenden Wertfundamenten erfordern. So verändern soziale Netzwerke nicht nur die zwischenmenschliche (Turkle, 2012), sondern auch die politische Kommunikation (Grassegger & Krogerus, 2018; Cadwalladr & Graham-Harrison, 2018). Gesellschaftlich verantwortliches Handeln erfordert heute auch eine ethisch-philosophische Auseinandersetzung mit den Dynamiken der Informationstechnik: Wie funktioniert eine genuin demokratische Meinungsbildung im Zeitalter von Facebook, Twitter, Social Bots und personalisierter Wahlwerbung? Wie können in diesem Zusammenhang normative Ideen wie Menschenwürde, Menschenrechte, Freiheit oder Selbstbestimmung so konkretisiert werden, dass sie gesellschaftliches Engagement tragen können? Die Thematisierung von sozialem Engagement an Hochschulen muss sich explizit auch mit den ethisch-philosophischen Fragen auseinandersetzen, die aus der Transformation des gesellschaftlichen Lebens durch Digitalisierung hervorgehen. Gerade durch philosophische Reflexionsprozesse kann bei Studierenden ein kritisches Denken angeregt werden, das erforderlich ist, um ein politisches Bewusstsein in einem Umfeld des rapiden technologischen Wandels herauszubilden.
Auch die Biotechnologien bringen heute tief greifende Umwälzungen und bohrende Fragen mit sich. Die Gentechnik hat mit der CRISPR/Cas-Methode ein mächtiges, präzises und zugleich billiges Werkzeug bekommen, um Gene von Pflanzen, Tieren und Menschen zielgerichtet zu verändern. Den mannigfaltigen Einsatzmöglichkeiten stehen sehr grundlegende ethische Fragen gegenüber, die heute in breiten öffentlichen Debatten diskutiert werden (Cathomen & Puchta, 2018). Gefordert sind ethische und juristisch bindende Antworten auf nationaler, transnationaler und globaler Ebene. Aber zunehmend wird klar, dass ethische Verantwortung gerade auch von jedem Einzelnen wahrgenommen werden muss, der Umgang mit einer derartigen Technologie hat, die bestehende Vorstellungen des Lebens und insbesondere auch des menschlichen Lebens fundamental infrage stellt. Etwas Ähnliches gilt für eine Biotechnologie, die momentan noch nicht in diesem Maße im Fokus der Öffentlichkeit steht, die aber ähnliche Umwälzungen verspricht wie die Gentechnik: die Neurotechnologie. Mit immer präziseren Wegen zur Erfassung von Gehirnzuständen und Werkzeugen wie «Deep Brain Stimulation» und «Transcranial Magnetic Stimulation» verspricht heutige Neurotechnik, in nicht allzu ferner Zukunft die Gedanken und Gefühle des Menschen und sogar die innersten Schichten der menschlichen Persönlichkeit zielgerichtet technisch verändern zu können, und die ersten Erfolge scheinen den Prognosen recht zu geben (Giordano, 2012; Keiper, 2012). Hier werden, wie bei anderen Technologien auch, mannigfaltige Anwendungsmöglichkeiten geschaffen, die gleichzeitig immer auch militärische Anwendungen ermöglichen, was bei der ethischen Einschätzung zu berücksichtigen ist (DiEuliis & Giordano, 2017). Wie wird sich die Gesellschaft und auch das Bild des Menschen verändern, wenn selbst die innersten Aspekte des menschlichen Selbst in den Bereich technischer Veränderbarkeit rücken (Benedikter, Giordano & Fitzgerald, 2010)? Derartige Anwendungsfelder führen vor Augen, welch fundamentale philosophische Fragen heute aus unmittelbar praktischen Kontexten des technologischen Fortschritts erwachsen und wie dringlich sie dort nach fundierten ethischen Antworten verlangen.
Die skizzierten Entwicklungen der Technik zeigen,[9] inwiefern Philosophie gerade auch an Hochschulen für angewandte Wissenschaften eine wichtige Rolle spielen muss und dass ihre Wichtigkeit in Zukunft noch zunehmen wird. Die fundamentalen Umwälzungen durch moderne Technik werden alle Bereiche des individuellen und gesellschaftlichen Lebens transformieren und auch vor grundlegenden Wertvorstellungen und Menschenbildern nicht Halt machen. Menschen werden gerade auch in praktischen Anwendungskontexten zunehmend reflektierte ethische Entscheidungen treffen müssen, und Hochschulausbildungen müssen sie gezielt darauf vorbereiten. Der naheliegende didaktische Weg liegt für Fachhochschulen in der expliziten Thematisierung der ethischen und philosophischen Fragen, die sich aus den aktuellen Anwendungen moderner Technik und der damit einhergehenden Lebensweisen ergeben, da dies die Relevanz und die Dringlichkeit von Philosophie unmittelbar vor Augen führt. So öffnen sich zugleich Wege zur Auseinandersetzung mit kulturellen Wertvorstellungen und dem modernen Menschenbild und damit auch Wege, um die komplexe Verflochtenheit des modernen Denkens mit seinen vormodernen, bis in die Antike zurückreichenden Wurzeln zu thematisieren (Kriza, 2018).
Ziel von Philosophie ist, bei Studierenden ein Bewusstsein für die relevanten Dimensionen des Menschseins in der komplexen Situation der Gegenwart zu eröffnen: Durch eine Schärfung des analytischen Denkens sollen Studierende die Fähigkeit entwickeln, sich die Dynamiken der modernen Welt differenziert vor Augen zu führen. Durch eine philosophische Diskussion von kulturellen Wertvorstellungen sollen sie in die Lage versetzt werden, eigene ethische Positionen zu beziehen und sie vor anderen zu begründen. Studierende sollen durch eine gezielte Förderung des selbstständigen und kritischen Denkens die Fähigkeit und den Mut zum Hinterfragen entwickeln. Ziel von Philosophie ist, Studierende darin zu unterstützen, sich die Ziele des eigenen beruflichen und persönlichen Lebens und auch die Reichweite und Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst vor Augen zu führen und die aufgeworfenen Fragen auch zu Ende zu denken. All diese Kernziele von Philosophie sind auch für Fachhochschulen unmittelbar relevant.
Philosophie eröffnet zudem, nicht zuletzt an Hochschulen für angewandte Wissenschaften, wertvolle Räume der Interdisziplinarität: Die erwähnten ethischen und philosophischen Fragen, die sich gerade auch in konkreten Anwendungssituationen stellen, können nicht als Fachfragen einer bestimmten Disziplin, sondern nur aus einer fachübergreifenden Perspektive und nur mit Einbeziehung unterschiedlicher fachlicher Sichtweisen thematisiert werden. Dies bietet interessante Gelegenheiten, um Studierende und Lehrende unterschiedlicher Fachgebiete zusammenzubringen. Die Diskussion über die ethischen und philosophischen Fragen und die Suche nach Antworten vollzieht sich dann nicht als eine losgelöste didaktische Übung, sondern als Auseinandersetzung mit «echten» Themen, die auch im wirklichen Leben nach Lösungen verlangen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Philosophie in einem mehrfachen Sinne die Persönlichkeitsentwicklung von Studierenden fördert – gerade auch an Hochschulen für angewandte Wissenschaften: Sie unterstützt ihre Herausbildung zu reflektierten, selbstbestimmten Persönlichkeiten, die die Fähigkeit besitzen, sich mit anderen über die wichtigen Herausforderungen unserer Zeit zu verständigen, und die auch bereit sind, ethische Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Damit unterstützt Philosophie die Entfaltung der wertvolleren Potenziale von Studierenden, und in diesem Sinne trägt sie das, was auch aus modernen Perspektiven des Denkens als das genuin Menschliche interpretiert werden kann: das Streben eines jeden Menschen nach einer bewussten Entwicklung und Herausbildung der jeweils eigenen Persönlichkeit, im je eigenen Bemühen um ein gutes Leben.
Literatur
Aristoteles: Nikomachische Ethik. Übersetzt und herausgegeben von Ursula Wolf. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2006.
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René Rüegg
Kritisches Denken: Die Kunst, richtig statt das Richtige zu denken
Abstract
Für den Autor dieses Beitrags ist kritisches Denken eine der wichtigsten Persönlichkeitseigenschaften von Studierenden, die nicht nur von der Praxis und der Wissenschaft erwartet wird, sondern auch für eine demokratische Gesellschaft notwendig ist. Wenngleich der schillernde Begriff verbreitet in deutschsprachigen Bildungsinstitutionen auftaucht, wird selten erläutert, was damit genau gemeint ist. Um diese Lücke zu füllen, werden hier einige Deutungsansätze vorgelegt und neuere didaktische Lernformen auf ihren Nutzen für das kritische Denken im Hochschulstudium bewertet.
Professionelle in sozialen, pädagogischen, aber auch medizinischen Arbeitsfeldern haben eine Gemeinsamkeit: Sie müssen aufgrund von oft wenigen und unvollständigen Informationen einen Fall bewerten, Argumentationen und ethische Konflikte abwägen und letztendlich oft schwierige Entscheide fällen. Kritisches Denken, das sich in weiten Teilen mit dem wissenschaftlichen Denken und Handeln überschneidet, bietet rationale Antworten auf Fragen, in denen die Faktenlage schwer fassbar ist und die Argumente widersprüchlich sind.
Vertreterinnen und Vertreter des kritischen Denkens sind sich einig, dass kritisches Denken nicht theoretisch-abstrakt erworben werden kann, sondern viele Jahre der Reifung und des täglichen Trainings benötigt. Entsprechend kann mit dem Training nicht früh genug begonnen werden: «We need to teach children how to think rather than what to think» (Richardson, 2014).
In diesem Beitrag wird davon ausgegangen, dass kritisches Denken das vielleicht wichtigste Element der Persönlichkeitsentwicklung von Studierenden ist – und vielleicht der wichtigste Grundpfeiler einer professionellen Praxis. Im ersten Teil des Beitrags werden einige wichtige Aspekte des kritischen Denkens angesprochen. Im zweiten Teil werden häufig angewendete Lernsettings der Hochschullehre nach ihrem Potenzial für die Entwicklung des kritischen Denkens beurteilt. Es sei an dieser Stelle vorweggenommen, dass weder das Warum noch das Wofür des kritischen Denkens an Hochschulen vollständig bearbeitet wird. Vielmehr versteht sich der Beitrag als Anstoß für eine öffentliche Diskussion über die Frage, weshalb das kritische Denken verstärkt Aufmerksamkeit benötigt und ob sich neuere didaktische Lernformen für die Entwicklung des kritischen Denkens eignen könnten.
1 Kritisches Denken – eine Schlüsselqualifikation?
Es braucht lediglich eine kleine Google-Recherche, um der weiten Verbreitung des Imperativs auf die Spur zu kommen: Kritisches Denken wird von Bildungsinstitutionen ab Maturitätsniveau und spätestens seit der Bologna-Reform auch von Studierenden eingefordert. Kritisches Denken ist trendy, gefragt, en vogue! Schülerinnen und Schüler von Schweizer Maturitätsschulen sollen zu selbstständigen, logischen, verantwortungsbewussten und kritischen Denkerinnen und Denkern werden. Auch die Schweizer Hochschulen haben den Begriff, der in den letzten Jahrzehnten vom angloamerikanischen Diskurs geprägt und geformt wurde (Kruse, 2010), verbreitet in ihre Lehrbemühungen aufgenommen. Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) hat 2012 eine «Critical Thinking»-Initiative lanciert, und landesweit ermutigen und fördern verschiedene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Studierenden zum kritischen Denken. Die Hochschulen scheinen damit nicht nur den akademischen Wert dieser überfachlichen Kompetenz zu erkennen, sondern auch ihren Nutzen für die Studienabgängerinnen und -abgänger respektive für die Unternehmen: «Kritisches Denken ist essenziell» für die beruflichen Herausforderungen in der Finanzwelt (Heidenreich, 2016). In der unternehmensnahen «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) schreibt Michael Schoenenberger (2018) gar: «Kritisches Denken und selbständiges Urteilen werden inskünftig eine Schlüsselqualifikation darstellen, ungleich bedeutsamer als die Fähigkeit zu programmieren.» Erkennen Studierende einen Mangel an Gefäßen, in denen sie sich in einen kritischen Diskurs begeben können, werden nicht selten Stimmen für mehr kritisches Denken laut: So fand beispielsweise am Departement Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule 2018 ein «Trauermarsch fürs kritische Denken» statt, wobei «fragwürdige Module» und «autoritäre Führung» bemängelt wurden.
Kritisches Denken gehört zweifelsohne zum Hochschulstudium – darüber sind sich im Grunde alle einig. Wo ein Mangel identifiziert wird, entstehen neue Module, Diskussionstische, Development Centers und interdisziplinäre Veranstaltungen, die dem Bedürfnis nach klarer Sicht im Dunst einer komplexer werdenden Welt nachkommen. Denn heutige Gefahren für Mensch und Natur sind komplex und können nicht mehr nur monowissenschaftlich verstanden und bearbeitet werden. «Versäulung» und «Gärtchendenken» von einzelnen Disziplinen müssen überwunden, ein Schutz für die Studierenden gegen Indoktrination, Fake News und Machtakkumulation muss aufgebaut werden. Autoritäten der eigenen Disziplin wie auch die zukünftige Berufsrolle dürfen und sollen hinterfragt werden. Fachwissen ist entsprechend nur so gut, soweit es als Puzzleteil für Lösungen komplexer Probleme verstanden wird.
2 Was ist kritisches Denken?
Kritisches Denken wird also von der Wissenschaft, von den Studierenden, von Maturitätsschulen wie auch vonseiten der Unternehmen gefordert. Nicht immer aber ist klar, ob die verschiedenen Interessengruppen der höheren Bildung von demselben sprechen. Vielmehr scheint der Begriff des kritischen Denkens eine Projektionsfläche für eine bunte Palette von Wünschen und Ansprüchen, die an Studierende gestellt werden, was womöglich auch zu einer «Überfrachtung des Begriffs» (Kruse, 2010, S. 45) geführt hat. Hochschulen tun also gut daran, sich ein klares Bild dessen zu machen, was sie unter kritischem Denken verstehen und welche (akademischen, beruflichen oder professionellen) Ziele mit kritischem Denken erreicht werden sollen. Erst dann nämlich ist es möglich, nicht nur die Kursgestaltung, sondern auch die Gestaltung des Curriculums an diesen Zielen auszurichten. Andernfalls, «wenn ein Curriculum kritisches Denken nicht als explizites Ziel ins Auge fasst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es zu einem inkohärenten Flickenteppich an Lehrinhalten und -veranstaltungen gerät, auch wenn die Verfasser des Curriculums glauben, es vermittle zusammenhängendes Wissen» (a. a. O., S. 67).
Bevor im Folgenden verschiedene Unterrichtsformen hinsichtlich ihres Potenzials, kritisches Denken anzuregen, kritisch bewertet werden (Kapitel 4), sollen fünf verschiedene Aspekte von kritischem Denken skizziert werden. Kritisches Denken ist – so wird es von verschiedenen Fachleuten beschrieben – nicht einfach ein Set von Kompetenzen, die sich durch Fleiß und Wissen erwerben lassen, es geht vielmehr um metakognitive Fähigkeiten, die sich durch verschiedene Aspekte persönlicher und sozialer Reife entwickeln. Die in den folgenden Abschnitten dargestellten Aspekte kritischen Denkens erfassen weder alle Elemente, noch können sie in der geforderten Kürze vollständig beschrieben werden. Je nach Fachrichtung, Problemstellung oder Denkniveau kann kritisches Denken unterschiedliche Färbungen annehmen.
2.1 Eine Fähigkeit
Die vielleicht naheliegendste Konzeption von kritischem Denken verwendet die Begriffe Fähigkeit, Kompetenz, skill oder ability. So hält das schweizerische Maturitäts-Anerkennungsreglement MAR (EDK, 1995) in Artikel 5 als Ziel fest, die «Fähigkeit zum selbständigen Urteilen zu fördern». Ebenfalls im Zusammenhang mit Bildung beschreiben Duron et al. (2006) das kritische Denken als die
«ability to analyze and evaluate information. Critical thinkers raise vital questions and problems, formulate them clearly, gather and assess relevant information, use abstract ideas, think open-mindedly, and communicate effectively with others.»
In diesem Zitat wird deutlich, dass kritisches Denken durchaus mit Wissen und Kompetenzen zu tun hat. Um zentrale Fragen und Probleme erkennen zu können, braucht es eine Wissensgrundlage im entsprechenden Feld. Fehlende Informationen müssen gesammelt und bewertet werden. Aber auch Vorurteilsfreiheit, abstraktes Denken und Kommunikationsfertigkeiten werden als Fähigkeiten beschrieben, die es zu erlernen gilt. Bei manchen Autorinnen und Autoren kommen zwei weitere wichtige Fähigkeiten hinzu, nämlich das Vermeiden von logischen Fehlschlüssen und die Kenntnis von statistischen Wahrscheinlichkeiten. Denn auf der Suche nach Kohärenz und Sinnhaftigkeit lässt sich das menschliche Gehirn nicht selten von vermeintlichen Zusammenhängen irreführen, die im Grunde das Ergebnis zufälliger Koinzidenz sind (Halpern, 2014, S. 346).
2.2 Eine Haltung
Viele Expertinnen und Experten betonen, dass kritisches Denken mehr ist als das adäquate Lösen von fachlichen oder überfachlichen Problemen. Kritisches Denken könne ohne einen fruchtbaren und regelmäßig bewässerten Boden nicht über einen kümmerlichen Spross hinauswachsen. Zumindest höhere Stufen kritischen Denkens benötigen eine Geistes- oder Lebenshaltung, die sich vom Streben nach persönlichen Vorteilen löst und sich vollständig vernünftiger Argumentation und gültigen Belegen verpflichtet (Paul & Elder, 2003). Diese Geisteshaltung kommt deutlich in den sieben Prinzipien für eine Ethik des kritischen Denkens von Sears und Parsons (1991) zum Ausdruck:
«Critical thinking requires the attitude that knowledge is not fixed but always subject to re-examination and change […] the attitude that there is no question which cannot, or should not, be asked […] an awareness of, and an empathy for, alternative world views […] a tolerance for ambiguity […] an appreciation for alternative ways of knowing […] a skeptical attitude towards text […] [and] a sense of the complexity of human issues.» (A. a. O., S. 55–65)
In diesem Zitat wird deutlich, dass sich kritisches Denken auch nicht im wissenschaftlichen Denken erschöpft. Die wissenschaftliche Methode nämlich reduziere ein Problem auf den empirisch-analytischen Prozess und ignoriere «nichtrationale» und vielschichtige Aspekte, wie die Menschen zur Welt stehen (a. a. O., S. 62). Alternative Erfahrungen – zum Beispiel der Studierenden – müssen respektiert werden und können für die kritische Diskussion von großem Nutzen sein. Denn nur dann könne erkannt werden, «dass manche absurde oder gefährliche Idee ein Korn Wahrheit enthält, während selbst unbestrittene Haltungen unserer Sozialgruppe fehlerhaft oder verzerrt sein können» (Paul & Elder, 2003, S. 16). Nur wer sich aufrichtig für die Welt der kleineren und größeren Abgründe, Widersprüche und Irrationalitäten interessiert, kann sie im Diskurs benennen und adäquat darauf eingehen.
2.3 Eine Ethik
Wenngleich die Haltungsfrage bei Sears und Parsons (1991) schon ein zentrales Element kritischen Denkens ausmacht, gehen die Autoren noch einen Schritt weiter. Sie bemängeln, dass gerade in sozialwissenschaftlichen Ausbildungsgängen eine Kluft zwischen Wissenschaft und Lehre bestehe. Während Forschende und Theoretiker sehr wohl ihr kritisches Denken schulten und entwickelten, hätten sich die Lehrenden mehr und mehr auf die Vermittlung von Inhalten fokussiert. Wenngleich Lehrende in ihrer Ausbildung sehr wohl in ihrem kritischen Denken geschult würden, würden viele von ihnen – kaum stünden sie vor einer Klasse – dem einfacheren und sichereren Weg der traditionellen Wissensvermittlung verfallen. Der Hauptgrund für diesen Effekt sei, dass die Lehrenden das kritische Denken nicht als ethische Verantwortung ihrer Arbeit mit Studierenden verinnerlicht und verkörperlicht hätten. «In other words, those of us committed to critical thinking as an ethic need do embody this ethic in our own dealings with students» (a. a. O., S. 55).
Die einer solchen Ethik vorausgehenden Prinzipien wurden schon im vorangehenden Abschnitt zitiert; die folgenden fünf Eigenschaften geben einen Eindruck davon, wie sich diese strenge Ethik in konkreten Denk- und Verhaltensweisen von (Lehr-)Personen äußern kann:
«They deeply question their own views. They reconstruct empathically the strongest versions of viewpoints and perspectives opposed to their own. They reason dialectically (multilogically) in such a way as to determine when their own point of view is at its weakest and when an opposing point of view is at its strongest. They change their thinking when the evidence requires it, without regard to their own selfish or vested interests. They do not place their own rights and needs above the rights and needs of others.» (Paul & Elder, 2013, S. 23)
2.4 Eine Metapher
Vielleicht lässt sich das, was eine kritische Denkerin oder einen kritischen Denker ausmacht, gar nicht so gut beschreiben, sondern viel einfacher mit einer Metapher erfassen. Browne und Keeley unterscheiden in «Asking the right questions. A guide to critical thinking» zwei verschiedene Denkweisen: den Schwamm-Stil und den Goldwasch-Stil (Browne & Keeley, 2015). Der Schwamm-Stil des Denkens erinnert an die Art und Weise, wie ein Schwamm auf Wasser reagiert: Er absorbiert es. Dieser Denkstil dient der Wissensakquise. Der Goldwasch-Stil hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass die Denkerin oder der Denker selbst entscheidet, welche Inhalte absorbiert und welche ignoriert werden. Dieser Ansatz betont die aktive Interaktion mit Wissen in Form einer kontinuierlichen Bewertung neuer Information. So müssen kritisch Denkende immerfort unterscheiden, welches Wissen beziehungsweise welche Argumente die Goldstücke und welches die grauen Steine im Rauschen des Flusses sind.
Browne und Keeley (2015) sehen die beiden Denkstile nicht als Gegenspieler, sondern vielmehr als sich ergänzend. Der Goldwasch-Stil scheint allerdings in dem Sinne anspruchsvoller, als das, was im Sieb vorgefunden wird, nach geeigneten Kriterien evaluiert werden muss. Dieser Bewertungsprozess ist, wie bei Browne und Keeley deutlich wird, anstrengend und fehleranfällig: Schlussfolgerung und Begründung müssen getrennt werden, Vorannahmen erkannt, Denkfehler vermieden, die Datenbasis kritisch hinterfragt, rivalisierende Ursachen erörtert und alternative Schlussfolgerungen ausgebreitet werden.
2.5 Eine Methode
Wissensaussagen und Argumente kritisch zu beurteilen respektive das Gold aus dem grauen Sand des Flussbetts zu schürfen, bedeutet Anstrengung und Zeit. Damit drängt sich die Frage auf, ob sich dieser Prozess gegebenenfalls beschleunigen oder zumindest grob strukturieren lässt. Je nach konsultierter Quelle ist man als Lesende geneigt, kritisches Denken eher als Handwerk denn als Geisteszustand zu verstehen, zu welchem Zweck eine gewisse Anzahl anstrengender Denk- und Analyseschritte durchlaufen werden müssen.
Paul und Elder (2003) beispielsweise haben eine «Checkliste für das Argumentieren» und einen «Fragenkatalog zu den Elementen des Denkens» erstellt, die dafür sorgen sollen, das Denken zu schulen und Denkfehler zu vermeiden. Der Impetus eines Handwerks kommt vielleicht noch etwas deutlicher bei Minda (2015) oder Halpern (2014) zum Tragen. In diesen Büchern sind nicht nur lange Kapitel der Psychologie des Denkens und der Funktion des Gedächtnisses gewidmet, es werden auch konkrete Strategien und Hilfestellungen für die Entscheidungsfindung und das Problemlösen vorgeschlagen. Kritisches Denken heißt demnach auch, dass wir einerseits die Grenzen unseres Denkens erkennen und andererseits über einfache Hilfsmittel verfügen müssen, die unser Denken schärfer und agiler machen: schärfer im Sinn des Erkennens und Überwindens von egoistischen und gruppenegoistischen Motiven und unausgesprochenen Grundannahmen (Paul & Elder, 2003), agiler im Sinn des Erkennens von alternativen Erklärungen, Schlussfolgerungen und vielleicht kreativen Lösungen.
2.6 Versuch einer Synthese
Kritisches Denken hat viele Facetten, die je nach Kontext eine unterschiedlich hohe Bedeutung haben. Für kritisches Denken im Alltag, wo ich oft keine knallharten Analysen benötige, scheint mir die Goldwasch-Metapher am nützlichsten. Dann reicht es mir nämlich oftmals, wenn ich mit einer grundlegenden Offenheit die für mich wichtigen Fakten und Argumente aus dem Rauschen der Eindrücke heraussieben kann. Ein paar wenige Kriterien helfen mir dabei, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Mit beschränkter Zeit, beschränkten Ressourcen und einer kleinen Checkliste kann ich nach eigenem Ermessen und anhand weniger Schritte (z. B. Check von weiteren Fakten, alternativen Argumenten und alternativen Lösungen) eine Entscheidung treffen.
In der Wissenschaft und Forschung sieht es anders aus: Hier sind strengere Richtlinien und mehr Transparenz gefragt. Kritisches Denken wird ergänzt durch systematisches, analytisches und methodisches Denken und eine grundsätzlich kritische Haltung gegenüber allen verwendeten Wissensquellen. Die kritische Beurteilung wissenschaftlicher Daten, die Bewertung ihrer Verarbeitung und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen gehören zum Kerngeschäft wissenschaftlicher Arbeit.
Noch anspruchsvoller wird es, wenn Wissenschaft gelehrt wird. Denn hier geht es nicht «allein um den Aufbau von Kompetenzen, sondern auch um die Entwicklung von Persönlichkeiten, die sich kritischem Denken verpflichtet fühlen» (Kruse, 2010, S. 66 f.). Gleichzeitig besteht beim Schritt von der Wissenschaft in die Lehre die Gefahr, dass sich Lehrende in den sicheren Hafen der Vermittlung von Inhalten zurückziehen – sei es wegen äußerer Rahmenbedingungen (Komprimierung und Formalisierung von Studieninhalten), wegen eines höheren Sicherheitsgefühls oder fehlender didaktischer Ideen. Um diesen Effekt zu verhindern und damit Lehrpersonen die vorhandenen Spielräume für kritisches Denken ausschöpfen, ist es nach Sears und Parsons (1991) unabdingbar, dass Lehrpersonen die Ethik des kritischen Denkens verinnerlicht haben. Sie übernehmen Verantwortung für zukünftige Fachkräfte und potenzielle Lehrpersonen, indem sie «eine Atmosphäre […] schaffen, in der risikofrei mit Denkformen und Meinungen experimentiert werden kann» (Kruse, 2010, S. 72), indem sie selbst Position beziehen, indem interdisziplinäre Problemstellungen aufgerissen werden und diskutiert statt doziert wird (Sieroka, 2017).
Zusammenfassend kann festgehalten werden – hier sind sich Philosophinnen und Philosophen einig (Facione, 1990; zit. nach Kruse, 2010, S. 57) –, dass im Unterricht die Lehrperson als Exponentin oder Exponent des kritischen Denkens eine Schlüsselrolle einnimmt. Nur wenn sie sich selbst auch als lernende Person offenbart und zeigt, dass kritisches Denken am einfachsten und lustvollsten im Austausch mit Peers stattfindet – und dass die Studierenden im Moment des Unterrichts eben auch ihre Peers sind –, dann nimmt sie ihre Verantwortung für eine umfassende Bildung in einer demokratischen und auf Rationalität beruhenden Gesellschaft wahr (Kruse, 2010, S. 57, 71).
3 Ergebnisse des Workshops
Anlässlich des an der Tagung stattfindenden Workshops formierten sich die Teilnehmenden um vier Tische, um vier verschiedene didaktische Lernformen kritisch auf ihre Wirkung für die Entwicklung des kritischen Denkens zu bewerten. Die Lernformen waren: personenbezogene Veranstaltungen zur Persönlichkeitsentwicklung, Forschendes Lernen, das «klassische» Seminar und Leistungsnachweise. Für E-Learning und Blended Learning konnte sich leider niemand begeistern.
Die folgenden beiden Fragen leiteten die Diskussionen an den vier Tischen, wobei nicht immer beide Fragen beantwortet wurden:
– Unter welchen Bedingungen fördert der didaktische Ansatz das kritische Denken von Studierenden?
– Unter welchen Bedingungen hemmt der didaktische Ansatz das kritische Denken von Studierenden?
Im Grunde kann man die beiden Fragen als eine einzige betrachten, weil die eine im Umkehrschluss eine Antwort auf die andere Frage ist. Entsprechend sind die Ergebnisse als erste Ausgangspunkte für weitere Gedanken und Argumente zu betrachten.
3.1 Personenbezogene Veranstaltungen zur Persönlichkeitsentwicklung
An diesem Tisch wurden Lehrveranstaltungen mit reflexivem Charakter und der Person als Gegenstand wie beispielsweise Praxisbegleitungen, Supervision, Coaching und die Begleitung von Thesen diskutiert.
In diesen Veranstaltungen wird kritisches Denken gefördert,
– wenn Wertefreiheit besteht und nicht «schubladisiert» wird,
– wenn Lehrende ihren eigenen Standpunkt einnehmen,
– wenn Lehrende selbstkritisch sind und Kritik gegenüber sich selbst zulassen,
– wenn blinde Flecken bei Studierenden angesprochen werden,
– wenn gesellschaftliche Gegebenheiten und Denkhaltungen zum Gegenstand gemacht werden,
– wenn kritisches Denken zum Mittel der Begegnung wird,
– wenn die Unterscheidung von Kritik, Widerstand und Übergriff gemacht wird,
– wenn Konfrontation als Mittel zur Kritik verwendet wird und
– wenn eine Meinung nicht als Diskriminierung anderer Meinungen verstanden wird.
In diesen Veranstaltungen wird kritisches Denken gehemmt,
– wenn Lehrpersonen zu harmoniebedürftig sind,
– wenn die Standardisierung von Vorgaben hoch ist und
– wenn Lehrpersonen Emotionen unterdrücken.
3.2 Forschendes Lernen
An diesem Tisch wurde zuerst eine Trennlinie zwischen «Forschung lernen» und «Forschendem Lernen» gezogen. Forschendes Lernen heißt, sich einem unbekannten Gebiet ohne Landkarte zu nähern. In solchen Veranstaltungen geht es darum, selbstständiges Denken und Lernen zu ermöglichen und sich eher abstrakt und auf theoretischer Ebene einem Gegenstand zuzuwenden. Forschung lernen hingegen bedeutet, an einem Projekt lernend auszuprobieren. Ein konkreter Forschungsgegenstand steht im Vordergrund.
In diesen Veranstaltungen wird kritisches Denken gefördert,
– wenn genügend Semesterwochenstunden zur Verfügung stehen,
– wenn der Zeitpunkt im Studienverlauf nicht zu früh ist und
– wenn genügend Offenheit für Kreativität und bewusste Entscheidungen vorhanden ist.
3.3 «Klassisches» Seminar
Das «klassische» Seminar wurde weitgehend im Sinne einer Diskussion von Texten verstanden.
In diesen Veranstaltungen wird kritisches Denken gefördert,
– wenn der Kopfstand – divergentes laterales Denken – gewagt wird,
– wenn Lehrende eigene Erkenntnisprozesse mit Widersprüchen transparent machen,
– wenn nicht nur auf Forschungsresultate fokussiert wird,
– wenn kontroverse Texte diskutiert werden, die attraktiv und anstößig zugleich sind,
– wenn beispielsweise Rollenspiele mit «bad boys» und «bad girls» gemacht werden und
– wenn beispielsweise Übungen zur Nikomachischen Ethik eingeflochten werden.
3.4 Leistungsnachweise
Bei Leistungsnachweisen wird kritisches Denken gefördert,
– wenn es einen Gestaltungsspielraum gibt, um Leistung abbilden zu können,
– wenn sie eine diskursive Auseinandersetzung ermöglichen,
– wenn die Angst der Studierenden reduziert wird, indem beispielsweise die Auseinandersetzung mit dem Thema in den Vordergrund gestellt wird,
– wenn wohlwollend auf Verzweiflung der Studierenden reagiert wird,
– wenn eindeutig kommuniziert wird, was verlangt wird,
– wenn Selbst- oder Studierendenbeurteilungen ermöglicht werden,
– wenn differenzierte Rückmeldungen zur Entwicklung der Studierenden gegeben werden und
– wenn Bewertungskriterien beispielsweise die folgenden sind: Widersprüche erkennen, Ambivalenz und Paradoxien aufzeigen, mehrere Perspektiven aufzeigen oder den Bezug zu verschiedenen Theorien herstellen.
Bei Leistungsnachweisen wird kritisches Denken gehemmt,
– wenn bei ethischen Fragestellungen keine ethische Positionierung verlangt wird und
– wenn Selbstreflexion und kritisches Denken vermischt werden.
4 Schlusswort
Das Ziel des Beitrags war zunächst, die grundlegenden Merkmale des kritischen Denkens herauszuarbeiten, um einen Einstieg ins Thema zu ermöglichen. Ausgangspunkt war, dass kritisches Denken in der Persönlichkeitsentwicklung von Studierenden ein Schlüsselelement ist, das zum selbstständigen Denken, zur interdisziplinären Zusammenarbeit und zur fundierten Entscheidungsfindung ermächtigt. Es wurde festgestellt, dass kritisches Denken von den verschiedenen Stakeholdern der Hochschule gefordert wird, dass jedoch oft nicht klar ist, was mit dem schillernden Begriff genau gemeint und mitgemeint ist. Das zweite Kapitel widmete sich deshalb fünf verschiedenen Aspekten des kritischen Denkens und endete mit der Erkenntnis, dass das kritische Denken von Hochschullehrenden höchsten Ansprüchen genügen muss – zumindest dann, wenn die Studierenden ebenfalls zu kritisch Denkenden ermächtigt werden sollten.
Aus den Diskussionen in den Tagungsworkshops (Kapitel 3) können einige grundlegende Gedanken abgeleitet werden. In personenbezogenen Veranstaltungen zur Persönlichkeitsentwicklung muss ein feiner Grat zwischen Belehrung, Angriff und Übergriffigkeit einerseits und Animierung zum (selbst-)kritischen Denken andererseits bewältigt werden. Diese Gratwanderung kann wahrscheinlich nur dann gelingen, wenn sich die Lehrperson selbst als selbstkritisch und lernend offenbart respektive wenn sie das (selbst-) kritische Denken an sich selbst vorzeigt und vorlebt. Andernfalls, wenn Kritik an der eigenen Person nicht zugelassen wird, können solche Lernsettings kaum gelingen und werden von den Studierenden eher als Zumutung erlebt. Auch das Duo kritisches Denken und Leistungsnachweise erwies sich als Herausforderung. Letztere sollten so gestaltet werden, dass Studierende an den Aufgaben wachsen können. Angst und Verzweiflung hemmen kritisches Denken, während diskursive Auseinandersetzungen und ethische Positionierungen kritisches Denken stärken. Bei Forschendem Lernen erwiesen sich die zur Verfügung stehende Zeit und beim «klassischen» Seminar die passende Gesprächsgrundlage (Text und Fragestellung) als Schlüsselmomente zur Förderung des kritischen Denkens.
Neben der angeleiteten Diskussion evozierte der Workshop zwei spannende Fragen, die mangels Zeit nur aufgenommen, nicht aber diskutiert werden konnten. Erstens wurde die Frage gestellt, was mit «critical thinking requires […] an appreciation for alternative ways of knowing» (vgl. Abschnitt 2.2) gemeint sein könnte. Wie soll in der Lehre die Grenze zwischen Scharlatanerie und wissenschaftlichem Wissen angesprochen und diskutiert werden? Wie weit kann und soll die Würdigung von «alternativen» Weltbildern gehen, und was kann «alternativen Fakten» entgegengehalten werden? Oft scheint es eine Herausforderung, Wissenschaft zu kommunizieren und gegenüber Nichtwissenschaft abzugrenzen. Inwieweit kritisches Denken gerade eine Antwort auf diese Frage ist, darf kritisch hinterfragt werden.
Das zweite Votum formulierte die Grundsatzfrage, wie Kritik am kritischen Denken möglich und wer für diese Kritik verantwortlich ist. Für den Hochschulbetrieb könnte man daraus die Fragen ableiten, welche Literaturquellen (für die Hochschullehre) maßgebend und wegweisend sind und welche Ansprüche an das kritische Denken der Studienabgängerinnen und -abgänger vonseiten der Wissenschaft, der Praxis und der Gesellschaft gestellt werden. Eine pauschale Antwort scheint hier kaum möglich, vielmehr sind die einzelnen Fachbereiche und Disziplinen gefordert, ihre durch ihr Fach geprägten Ansprüche und Erwartungen an die Studierenden, an die Dozierenden und an das Curriculum explizit zu formulieren. Erst dann nämlich, wenn kritisches Denken keine leere Worthülse bleibt, sondern von den Verantwortlichen mit Inhalten gefüllt und von allen Beteiligten eingefordert und kritisch beurteilt werden kann, entwickelt kritisches Denken seine volle Wirkung, wie es von verantwortungsvollen Hochschulen erwartbar ist.
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