Kitabı oku: «Péter Nádas' Parallelgeschichten»

Wolfgang Müller-Funk / Gábor Schein
Péter Nádas’ Parallelgeschichten
Lektüren, Essays und ein Gespräch
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

Umschlagabbildung: Péter Nádas, © Gáspár Stekovics

Mit der Unterstützung von:
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung
Aktion Österreich-Ungarn
OeAD-GmbH Agentur für internationale Mobilität und Kooperation in Bildung, Wissenschaft und Forschung
ISSN 1862-2518
© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
www.narr.de • info@narr.de
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN 978-3-7720-8682-3 (Print)
ISBN 978-3-7720-0124-6 (ePub)
Inhalt
Vorwort der HerausgeberZwischen Literatur und Reflexion
Péter Nádas’ Parallelgeschichten
Ein gescheitertes Schiff?
Die Frage, wer spricht 1. Standortbestimmungen 2. Quellen lesen 3. Geschichts-Bilder 4. Geschichten von unten
Revealing and Subversive Laughter in Péter Nádas’s Parallel Stories
Gneis 1. Körperfarbener Stein: Der Gneis als Metapher der Eigeninterpretation 2. Körper als (Bau)Steine 3. Körper als Erzähltechnik: Annäherungen mit Hilfe der korporalen Narratologie
Im Schnittpunkt der Horizonte
Multiperspektivität 1. Theoretischer Rahmen: Perspektivität und Perspektivismus 2. Narrative Strukturen und Verfahren in Péter Nádas’ Parallelgeschichten 3. Close Reading: Ein herrschaftliches Haus 4. Conclusio
Das Verhältnis zwischen Stimmen und der narrativen Struktur im Roman Parallelgeschichten von Péter Nádas
Damengeplauder am anderen Ufer
Nádas and Realism
Sexualität und Körperlichkeit in Nádas’ ParallelgeschichtenEinleitungExkurs: Psychoanalyse in UngarnPsychoanalyse im SozialismusPsychoanalyse, Eros, SexusNach FreudPsychoanalyse, Tod, HorrorAbjektion und die MütterDie soziokulturelle Bedeutung der AbjektionDie traumatischen Hintergründe und das Abjekt in den ParallelgeschichtenSexualität und BewusstseinDie Psychoanalyse in den ParallelgeschichtenDie Position der Psychoanalytikerin, Irma SzemzőDer Erzähler und die PsychoanalyseEinige Charaktere der Parallelgeschichten, psychoanalytisch revidiertDie Chance in der Begegnung mit dem AbjektZusammenfassung
… also mit ethischen Maßstäben komme ich nicht sehr weit. Ich muss die einzelnen Personen verstehen …
Vorwort der Herausgeber
Zwischen Literatur und Reflexion
Der vorliegende Band geht auf eine Tagung des Literarischen Quartiers – Alte Schmiede im Jahr 2018 zurück. Zu Wort kommen Experten aus Österreich, Ungarn und Deutschland, Literatur- und Kulturwissenschaftler, Historiker, Theoretiker der Architektur und der Psychologie. Die verschiedenen Perspektiven sind dabei mit Nádas’ Text und miteinander verwoben. Im Mittelpunkt steht weniger der philologische Aspekt, sondern vielmehr der Gedanke des Dialogs mit dem Werk. Die Bandbreite der Beiträge umfasst Themen wie Architektur, Geschichte, Sexualität und Geschlecht, Bürgertum und Bürgerlichkeit, der Ort des Romans in der europäischen Literatur und Kultur, aber auch Fragen der narrativen Konstruktionsweise von Nádas’ Roman. Es handelt sich um insgesamt elf Lektüren, die jeweils von einem ganz bestimmten Themenschwerpunkt ihren Ausgang nehmen und diesen dann vertiefen. Was sie verbindet, ist der Verzicht auf eine lückenlose philologische Inbesitznahme oder eine geschlossene Interpretation.
Abgeschlossen wird der Band mit einem Beitrag, in dem der Autor nach einer Lesung aus dem Roman, in dessen Mittelpunkt der deutsche Handlungsstrang stand, zu Wort kommt, als eine Stimme, die zum ‚eigenen Roman‘ spricht. Das Gespräch zwischen den beiden Herausgebern und dem Autor fand im Rahmen des Symposions statt und wird hier in seiner gesamten Länge dokumentiert.
Das Symposium und der Band beschränken sich mit Bedacht auf ein einziges Werk, auch wenn andere Werke des Autors und Texte anderer Schriftsteller von Dante bis Flaubert Erwähnung finden. Es ging den Organisatoren des Projekts darum, ein Werk, vermutlich das Opus ultimum Nádas’, literarisch und theoretisch zu erschließen
Der Monumentalroman von Péter Nádas, Parallelgeschichten (Párhuzamos történetek), ist eine der großartigsten Zumutungen der neuesten europäischen Literatur. 2005 auf Ungarisch erschienen, wurde er seitdem in viele europäische Sprachen übersetzt. Seit 2012 liegt das Werk auch in deutscher Übersetzung vor.
Die Rezensenten haben einhellig hervorgehoben, dass dieses Werk die traditionellen Gattungserwartungen unterläuft und zugleich übertrifft. Der Roman reflektiert auf überaus paradoxe Weise die Unmöglichkeit der Wiederherstellung einer zerbrochenen Totalität und er verzichtet dabei auf die Idee einer kausalen Gesamtschau. Indem er die Brüchigkeit des geschichtlichen Daseins selbst zum Thema und zum Ausgangspunkt der narrativen Komposition macht, treten die äußerst komplexen poetischen, räumlichen, sozialen, psychologischen, geschichtlichen usw. Erzählbezüge zutage. Die mikro-realistische Dichte ist keine Substitution, kein Ersatz für die verlorene Ganzheitlichkeit. Nádas gibt uns eine Lektion, die Welt nicht durch vertikale Unterordnungen in den Griff bekommen zu wollen, die leicht theoretisierbar sind, sondern die unendliche Horizontalität der Sinneswahrnehmungen immer wieder zu bewundern und ohne Urteilsbildung zu reflektieren. „Nicht die Sexualität ist bei Nádas mystisch, auch nicht die Erotik, sondern die Sinneswahrnehmung“, hat Viktória Radics, eine der wichtigsten ungarischen Kritikerinnen des Romans, bemerkt. Die Sinneswahrnehmungen stoßen bei Nádas ans Unendliche. Die Wahrnehmung, so hatte Nádas in seiner faszinierenden Geschichte „Der eigene Tod“ schon geschrieben, geht über die Zeitlichkeit hinaus und ist nicht an die Räumlichkeit gebunden.
Es geht Nádas um eine Schicksalsverstrickung jenseits traditioneller Metaphysik oder historischer Determination, um eine Kausalität „außerhalb der sichtbaren Kausalität“. Und diesen „verborgenen und rätselhaften Zusammenhang“, der ihm so wichtig sei, habe er, so der Autor, in einer „geschlossenen Erzählform“ mit Anfang und Ende und säuberlich durchgehaltener Perspektive nicht angemessen ausdrücken können. Er musste nicht nur Angst, Scham, falsche Rücksicht auf Konventionen, notwendige Lügen und eingeschliffene Heucheleien hinter sich lassen. Es war vor allem unverzichtbar und notwendig, die wahrheitshinderlichen formalen Zwänge der Romangattung beiseite zu räumen und, lange nach den entsprechenden Versuchen Prousts und Joyces sowie – mit Blick auf den österreichischen Kontext – Brochs und Musils, den Roman, eine literarische Gattung, die die europäische Identität zutiefst mitgeprägt hat, regelrecht nochmals neu erfinden.
Péter Nádas sucht nicht nach übergeordneten Prinzipen für die textliche Gestaltung der geschichtlichen, räumlichen und psychologischen Komplexität der Welt, die in faszinierenden Partialgeschichten wahrnehmbar wird. Im Hinblick auf die ästhetische Ideologie der Erzählung erweist sich diese Komplexität als undurchschaubar, und das erschwert natürlich auch die „Arbeit“ des Lesers. Die langen, oft orgiastischen Umschreibungen der wahrnehmbaren Erscheinungen verleihen allen Objekten, egal, ob es sich um psychologische Prozesse, Eindrücke, räumliche Gestaltungen oder um die Erzählstruktur des Romans handelt, einen lebendigen, körperlichen Charakter, der sich nie fix begreifen lässt. Das vermeintliche Übergewicht, das diesen lokalen Umschreibungen zuzukommen scheint, relativiert sich im Laufe der Erzählung immer mehr. Die Akteure erfahren, was sie in Aktionen erlebt haben, erst im Nachhinein. Dieses Meisterwerk korporaler Narrativität macht Interpretationen nicht nur notwendig, sondern erschließt sich auch erst durch die Reflexion des Lesers. Der Roman kann sich in dieser Hinsicht als modellhaft erweisen und diese Modellhaftigkeit beinhaltet ein großes Reservoir an Optionen für neue Sichtweisen der europäischen Geschichte. Diese Optionen gilt es durch Interpretationen, die dialogisch an den Text anschließen, herauszuarbeiten. Die Geheimgänge, die die Parallelgeschichten verbinden, durchlaufen alle ein klar erkennbares Zentrum: die totalitäre Erfahrung des 20. Jahrhunderts als ein Kernstück eines kollektiven, unabschließbaren Erinnerungsprozesses im europäischen Kontext. Alle Figuren des Romans stammen aus Familien, die als Opfer oder als Täter in den Nationalsozialismus oder in den Stalinismus verstrickt waren.
Wir danken allen, die uns bei diesem Vorhaben ideell und finanziell unterstützt haben, Dr. Kurt Neumann von der Alten Schmiede, der Abteilung für Finno-Ugristik an der Universität Wien, der Kulturabteilung der Stadt Wien, Herrn Bernhard Heiller für das Lektorat und der Aktion Österreich-Ungarn, die den Druck des Werkes finanziell unterstützt hat.
Wolfgang Müller-Funk
Gábor Schein
Budapest/Wien im November 2020
Péter Nádas’ Parallelgeschichten
Der historische Hintergrund
Károly Kókai
Die Struktur von Péter Nádas’ Parallelgeschichten scheint klar zu sein. Der Titel gibt diese Struktur ja vor. In den Parallelgeschichten laufen aber nicht nur einzelne Erzähllinien nebeneinander, einmal der einen und das andere Mal der anderen Raum gebend, sondern es läuft eine Erzähllinie sozusagen im Hintergrund ständig mit. Die Geschichte Mitteleuropas im 20. Jahrhundert bildet insofern eine von diesen parallel gestellten Geschichten, weil Nádas mit „der Geschichte“ auf eine spezifische Weise umgeht.1 Die Geschichte bekommt eine besondere Bedeutung. Schlüsselereignisse der Erzählung, bestimmende Entwicklungen der Protagonisten lassen sich nur verstehen, wenn der Leser die geschichtliche Dimension mitberücksichtigt. Zweitens zeichnet sich der spezifische Umgang von Nádas mit der Geschichte dadurch aus, dass er – er schreibt ja kein wissenschaftliches Werk – bestimmte geschichtliche Zusammenhänge überdeutlich macht und andere ausblendet. So erscheint es immer dringlicher, den geschichtlichen Hintergrund von Parallelgeschichten etwas genauer anzuschauen.
Erschwert wird dieser Zugang dadurch, dass der Roman auf langen Strecken im Geschichtlichen stehenzubleiben scheint. Es werden aus dem Fluss der Geschichte gewisse Momente herausgegriffen und zwar auch solche, die in der Ereignisgeschichte – die aus der politischen Geschichte sogenannte zentrale Ereignisse herausgreift und sie als isolierte Schlüsselstellen aneinanderreiht – keinen besonderen Stellenwert haben. So 1961 und 1938. Das dritte Jahr, das im Zeitregime des Romans großen Raum einnimmt, ist 1989, auch Wendezeit genannt. Bezogen auf den Umgang mit Geschichte ist der nächste interessante Punkt, wie diese Geschichtsmomente in der Romanstruktur untergebracht werden. Eröffnet wird die Erzählung mit 1989. Was wir dann lesen, ist gleichsam eine Vorgeschichte der Anfangsszene in einem Berliner Park der Wendezeit. Wichtig ist dabei auch festzuhalten, dass Geschichte zwar die ständig anwesende Parallelgeschichte ist, das Thema, der zentrale Aspekt des Romans aber nicht die Geschichte selbst ist, sondern der Versuch, die Identität des – wieder in mehreren parallelen Lebensläufen multiperspektivisch gebrochenen – geschichtlichen Individuums fassbar zu machen.
Worum geht es in den Parallelgeschichten? Die These dieses Aufsatzes ist: Es geht um den Beweis, dass man unendlich nachdenken, sich mit den Details des Körpers, mit den Geschichten anderer, so insbesondere der eigenen Vorfahren beschäftigen kann, dies alles aber über die Frage, ob man bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, nicht hinweghilft. Eine Verantwortung natürlich nicht für Taten, die man nicht selbst begangen hat, aber eine Verantwortung für die Folgen von Geschichten, die die Gegenwart, unsere Identität prägen. Denn wir stehen vor der Wahl, unsere Identität und unsere Gegenwart in der Entropie von Kausalketten aufzulösen oder aber die Worte zu finden, die die Logik des Schreckens verständlich machen.
Péter Nádas’ 2005 publizierter Monumentalroman Parallelgeschichten ist nicht nur in der Hinsicht monumental, dass die ungarische Version 1500 Seiten lang ist, sondern in seinem Anspruch, nicht nur umfassend, sondern auch erschöpfend zu sein. Bestimmte Themen oder Themenkomplexe wie Körperlichkeit oder Raumordnungen werden im Buch so oft wiederholt und derart ausführlich besprochen, dass der Leser den Eindruck gewinnt, dass sie den Autor über die Grenzen hinaus bis zum Exzess interessiert haben müssen. Umfassend und bis zur Besessenheit detailliert ist das Werk auch in der Darstellung von ausgewählten, historisch genau verortbaren Geschehnissen, so etwa von Einzelheiten der Vorbereitungen der Deportation der jüdischen Bevölkerung Ungarns, der Vorbereitungen und der Vollziehung von sogenannten rassenhygienischen Maßnahmen während des Nationalsozialismus in Deutschland oder des Aufstands im Oktober und November 1956 in Budapest betreffend. Nádas reiht dabei Episoden aneinander, in denen sich die Geschichte Zentraleuropas im 20. Jahrhundert verdichtet. Diese Verdichtungen – in flüchtigen Begegnungen wie einem Geschlechtsakt, einer Taxifahrt, einem Telefonanruf – werden dann wieder jeweils in ihre einzelnen Momente zerlegt und diese Momente aus den Perspektiven der einzelnen handelnden oder das Handeln anderer erleidenden Akteure dargestellt. Was auf diese Weise entsteht, sind die parallel gestellten Schicksale, die den Roman ausmachen.
Aus einer bestimmten Perspektive betrachtet, ist der Roman ein rundes, geschlossenes Ganzes. Alle Parallelgeschichten werden zu Ende erzählt, alle Fäden werden verwoben. Indem nämlich die Geschichten sich wiederholen (etwa: als Kind politisch exponierter Eltern in Internate zu kommen) und die Figuren ähnliche Schicksale erleben. So schließt sich die Geschichte, indem wir erfahren, wer der Riese von der Margareteninsel war. Oder, indem wir erfahren, wer der Gefängniswärter unter Horthy, Rákosi und Kádár war, der, wenn es sein musste, zuschlug. Oder, indem wir sehen, wie Carl Maria Döhring und Kristóf Demén die gleiche Laufbahn durchlaufen; indem wir László Bellardi als Kind, als Schiffskapitän und als Taxifahrer erleben; indem wir die kartenspielenden Damen Dr. Irma Szemző, geborene Arnót, Margit (Mádi) Huber, Izabella (Bella) Dobrovan und Mária Szapáry sowie die im Rollstuhl sitzende Elisa Koháry, geschiedene Bellardi, als 20-jährige in Paris und Wien sehen und dann in den späten 30ern, 1944–45 und wieder 1957 und zuletzt 1961, als sie sterben. Das sind ja komplette Leben. Das Buch fängt mit einem Toten im Park an (der wenige Minuten davor noch lebte) und endet mit etwas Erschreckendem in einem Wohnwagen. Wir kommen also von Schrecken zu Schrecken. Wir bewegen uns im Kreis. Wir lesen dieselbe Geschichte immer wieder in Fortsetzungen und Variationen.
Dabei bietet das Buch zahlreiche mögliche Lesarten an. Eine davon besteht darin, den Titel Parallelgeschichten nicht allzu wörtlich zu nehmen. So gesehen, handelt das Buch nicht von mehreren Geschichten, sondern nur von einer. Der Autor führt den Leser in diese Geschichte hinein, indem er eine Vielzahl von Episoden, Situationen, Figuren aufreiht, die, wie der Titel andeutet, parallel gesetzt werden und in wenigen Grundsituationen und in wenigen Figuren verschmelzen: im Kind politisch exponierter Eltern, inmitten von politisch extremen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts; in der Vatergestalt – sei es „der Riese“ von der Margareteninsel, sei es Gyula Bartler senior, der seinen Sohn prügelt und einen geistig Behinderten erschlägt; seien es Hermann und Gerhard Döhring in der Ortschaft Pfeilen; sei es Othmar Schuer beim Familienessen mit Gästen oder sei es der im Roman nie auftretende István Lehr. Die dritte Grundfigur ist die Frau bzw. sind die Frauen. Diese sind auffallend undifferenziert dargestellt. Wir erfahren aus der Geschichte Gyöngyvér Mózes’ wesentlich weniger an Bruchstücken als aus der von Ágost Lippay. Irma Szemző, Imola Auenberg oder Erna Demén erscheinen trotz ihrer zig Seiten umfassenden Beschreibung eindimensional. Sie scheinen bloß um die Männer zu kreisen. Imola Auenberg kann beispielsweise zwischen Mihály Horthy, Othmar Schuer, Albert Speer und Arno Breker nicht unterscheiden. Während wir die Männer in der Figur des Vater-Sohnes verstehen, verstehen wir die Frauen trotz seitenlanger und auch aus Frauenperspektive geschilderter Geschlechtsakte nie. Die eine Geschichte, die hier erzählt wird, handelt also von der Determiniertheit von Kindern systemtragender Verbrecher, und wie sich die Geschichte im Generationsrhythmus, ganz schematisch und zugleich von jeweils verschiedenen akzidentiellen Ereignissen mitgeformt, wiederholt. Deshalb ist im Roman jeder homo- oder zumindest bisexuell, jeder könnte mit jedem Sex haben, weil es eben nur zwei Gestalten sind: Vater/Sohn einerseits und Mutter/Schwester/Liebhaberin andererseits. Diese Figuren nehmen im Lauf der Geschichte verschiedene Persönlichkeiten an.
Wenn die im Roman erzählten Geschichten nicht parallel, sondern oft wundersamerweise miteinander vernetzt sind, was für ein Bild der Geschichte entsteht für den Leser? Was erfahren wir über die Dynamik, die Erfahrbarkeit der Geschichte? Was wir erfahren, sind extrem intensiv und extensiv dargestellte Kreuzungsmomente. Dass sich also Menschen an bestimmten zeitlich und örtlich genau angegebenen Punkten begegnen. Diese aneinandergereihten Konstellationen machen den Roman aus.
Ein weiteres romankonstituierendes Verfahren ist das In-den-Mittelpunkt-Stellen des Körpers. Nádas beschäftigt seinen Leser mit Geruch und Ausscheidung und Oberfläche und Pigment und Haar der Romanfiguren. Das erweckt den Anschein, es wäre das Verdrängte jetzt an die Oberfläche geholt worden. In Wirklichkeit war der Körper aber in der westlichen Zivilisation, um die es Nádas geht, nie verschwunden. Man nennt es Kultur, wie man mit ihm, mit seinen verschiedenen Funktionen, Formen und Darstellungen umgeht. Es gibt dazu zahllose Kulturtechniken von der Hygiene über die Psychoanalyse und Bekleidungsindustrie bis zur Medizin. Und auch natürlich die Künste wie die Bildhauerei oder die Literatur.
Der historische Hintergrund von all dem ist das 20. Jahrhundert, das hier auch natürlich nur nach gewissen Prinzipien selektiert erscheinen kann. So ist es eine interessante Frage, auf welche Perioden Nádas sich konzentriert: Was berücksichtigt er? Wo fängt seine Geschichte an und wo endet sie? Eine Kontinuität, die die Geschichte der handelnden Figuren betrifft, ist ab dem Ende des Ersten Weltkriegs gegeben, ab Othmar Schuers Jugend, als dieser sich an einer antikommunistischen Racheaktion beteiligt. Das späteste Ereignis, das insofern hervorgehoben wird, als der Roman mit diesem anfängt, ereignet sich im Jahr 1989, um die Zeit der sogenannten Wende. Nádas konterkariert natürlich diese einfache Interpretation – ein gestalterisches Mittel des Autors ist ja das Spiel mit Lesererwartungen – und fügt Ereignisse ein, die diesen Rahmen sprengen. Etwa die Geschichte des Hauses der Familie Demén in Budapest, die sich irgendwann im späten 19. Jahrhundert abgespielt haben dürfte. Ein zweites Ereignis liegt Jahrhunderte zurück, passt aber logisch in die Geschichte, da es die antisemitische Tradition in Deutschland aufzeigt, nämlich die Geschichte von „Rabbi Ammon aus Cleve“. Die Geschichte fängt also „eigentlich“ im Mittelalter an. Und es gibt auch einen über 1989 hinaus liegenden weiteren Zeitpunkt, der als „eigentliches“ Ende angegeben werden kann, nämlich den Zeitpunkt des Abschlusses der Arbeit, den Zeitpunkt der Veröffentlichung, weil der Autor ja gar nicht anders kann, als zu berücksichtigen, was während des Schreibens um ihn stattfindet. Welche Perioden der Text auch immer behandelt, untilgbar bleibt die Perspektive der Periode, in der der Autor ihn verfasst, also die zwanzig Jahre von 1985 bis 2005.
Zumindest ebenso interessant wie das, was aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts im Roman sichtbar gemacht wird, ist das, was unsichtbar bleibt. Wenn Karakas im Lukács-Bad mit András Rott den Einsatz von Ágost Lippay bespricht, dann muss Karakas ein Staatssicherheitsdienst-Offizier sein, da niemand außer Mitarbeitern des Staatssicherheitsdienstes die Identität anderer Offiziere kennt. Doch Karakas, Rott und Lippay gehörten wohl nicht nur dem Staatssicherheitsdienst an, sondern waren auch Parteimitglieder. So stellt sich die Frage: Warum fällt im Buch kein Wort über die kommunistische Partei Ungarns?
Auf den historischen Hintergrund bezogen lautet die Frage daher: Was von diesem Hintergrund erscheint im Roman? Alles beginnt mit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Othmar Schuer und István Lehr kommen von dort. Der eine ist Rassenbiologe, der andere offener und dann geheimer Nationalist. Ihre Kinder wachsen in den späten 1930ern, während der 40er- und beginnenden 50er-Jahre auf, also während des Nationalsozialismus und des Stalinismus von 1933 bis 1953. Das verbindende Zentrum wäre so gesehen die Person Erna Demén, die mit István Lehr verheiratet ist und deren Bruder Miklós Demén stalinistischer Politiker war. Sie müsste also am direktesten mit beiden politischen Systemen in Verbindung stehen, wäre sie nicht als Frau den Männern bloß beigestellt. Eine zweite verbindende Figur wäre János Kovach/Wolkenstein, Sohn einer nationalsozialistischen Wissenschaftlerin und eines ungarischen Kommunisten, doch auch er ist keine Hauptfigur. Die Hauptfigur ist Kristóf Demén, zu dessen vielen Gesichtern etwa Carl Maria Döhring gehört, bzw. jene Gesichter, die wir durch Schilderung von Figuren wie Carl Maria Döhring verstehen lernen.
Was bedeutet es nun, dass das Geschehen um Othmar Schuer im Jahr 1919 das früheste Ereignis in diesem historischen Panorama und jenes um Carl Maria Döhring im Jahr 1989 das späteste ist und beide in Deutschland stattfinden? Offenbar orientiert sich Nádas an der Periode des sogenannten Kurzen 20. Jahrhunderts.2 Und es sagt aus, dass die dargestellten ungarischen Geschichten und Ereignisse nicht nur in vielfachen Gesichtspunkten mit den deutschen in Verbindungen stehen, sondern dass jene von diesen umrahmt werden. Das suggeriert, dass das, was in Ungarn passierte, eine Reaktion auf bzw. eine Reflexion der deutschen Geschichte sei. Das wäre aber angesichts des geschichtlichen Hintergrundes – wenn unter diesem die große, durch die Wissenschaft erforschte Geschichte verstanden wird – eine deutliche Vereinfachung. Ungarn konnte im 20. Jahrhundert innerhalb gewisser, natürlich wiederholt sehr eng gesteckter Rahmen immer seine eigenständige Politik machen. Und vor allem: Jede geschichtlich, also etwa politisch, aber auch kulturgeschichtlich agierende Figur konnte und kann sich entscheiden. Als Erwachsener ist jeder verantwortlich dafür, was er damit anfängt, was ihm als Kind widerfahren ist. Das gilt für jede im Roman auftretende Figur gleichermaßen. So muss man nicht in politisch exponierten Kreisen verkehren. Und wenn jemand die Entscheidung trifft, zur Zeit einer Gewaltherrschaft sich an der Gewalt zu beteiligen oder sich den Gewalttätigen anzubiedern, dann ist das eben seine Entscheidung. Nádas’ Roman Parallelgeschichten legt mit einer faszinierenden Intensität dar, wie Verbrechen und das Umfeld von Verbrechen funktionieren. Ob sich ein Wissenschaftler, Gefängniswärter, Künstler, Übersetzer etc. arrangiert, ob er mitläuft oder selbst lenkt, ob er aus Gründen der Gewinnsucht oder damit er zur Elite gehört, egal, wofür diese Elite steht, dabei sein will: Jeder wird Teil des Systems, das er mitgestaltet.
Seinem Roman stellt Péter Nádas ein Parmenides-Zitat über den Kreislauf der Geschichte voran. Es scheint also auch im Roman selbst darum zu gehen, dass dieser Kreislauf nicht durchbrochen werden kann: Carl Maria Döhring verübt aufs Neue das Familienverbrechen, und Ágost Lippay wiederholt die Involvierung seines Vaters in die Strukturen der Staatsgewalt. Das gilt insbesondere auch für die Frauenfiguren, denen zwar ein mehr oder weniger schillerndes Leben, wie das einer Balletttänzerin oder der Ehepartnerin von berühmten Wissenschaftlern, aber keine eigenständige Entwicklung zugebilligt wird. Es scheint aber im Roman auch eine andere Möglichkeit auf. So beim Kommissar Kienast, der an hereditärer Epilepsie leidend im Kindesalter in eine NS-Anstalt gesperrt wurde, aber als Polizist am Ende des Romans gerade unterwegs ist, das Verbrechen Carl Maria Döhrings, mit dem das Buch begonnen hat, aufzuklären. Kienast ist ein Beispiel dafür, dass man aus dem Kreislauf ausbrechen kann. Ein anderer Ausweg ist die Emigration, wie jene des Architekten Alajos Madzar. Wobei Emigration nicht als Scheitern, sondern eben als Chance angesehen werden muss – eine Interpretation, die in diktatorischen Regimen gern in Verruf gebracht wird.
Die Frage, um welche Geschichte es bei Nádas geht, lässt sich auch einschränken, indem man danach fragt, wie die Gesellschaftsschicht heißt, deren Geschichte hier entfaltet wird. Welcher Gesellschaftsschicht gehören die Figuren des Romans an? Es ist ohne Zweifel das Bürgertum, und zwar in der Vielschichtigkeit dieser Kategorie. Es sind Staatsbeamte, die gewillt sind, die Vorgaben der jeweils etablierten Politik zu exekutieren, es sind Staatsbürger, also Citoyens, die die politischen Weichenstellungen nicht nur passiv über sich ergehen lassen, sondern vielfach aktiv mitgestalten, motiviert durch die Hoffnung auf persönliche Karrieremöglichkeiten, und es sind auch Kulturbürger, die als Wissenschaftler „etwas voranbringen“ und ihre moralischen Wertvorstellungen verwirklicht sehen wollen. Sie verstehen sich als die Mehrheit, die daher ein demokratisches Recht habe, ihre Mehrheitsposition als politisch Bestimmendes durchzusetzen. Sie fühlen sich als diejenigen, deren Zeit nun gekommen ist. Daher werden die relevanten Kämpfe innerhalb der Gruppe selbst geführt. Sie sind genauso Täter wie Opfer, wobei durchaus auch der Fall vorstellbar ist, dass die Tat durch erlittenes Leid gerechtfertigt wird. Nádas’ Figuren repräsentieren das ungarische Bürgertum. Es sind ein Architekt, eine Psychoanalytikerin, ein Politiker, ein Wissenschaftler, ein Holzhändler, ein Schiffskapitän, ein Übersetzer und ihre jeweiligen Familienangehörigen. Das Bürgertum der Zwischenkriegszeit war nach 1945 zunächst Objekt stalinistischer Säuberungen und ab Ende der 1950er-Jahre Mitträger des Systems. Die kommunistischen Funktionäre stammten aus ihm oder wuchsen in es hinein. Das prägte die Schicht, und diese Schicht ist es, die in Nádas’ Buch seziert wird. Die Träger der Geschichte sind bei Nádas die Bürger. Und zwar, indem das Bürgertum eine spezifische – ungarische, mitteleuropäische – Bedeutung bekommt. Und diese Schicht kann auch bei Nádas nicht scheitern, weil sie sich im Kreislauf perpetuiert.
Falls wir den Vorschlag, uns auf die Geschichte des Kurzen 20. Jahrhunderts zu konzentrieren, lediglich als romangestalterisches Prinzip ansehen, das die Interpretation des Romans anregen und nicht einschränken soll, lässt sich die Frage stellen: Was sagen Nádas’ Parallelgeschichten über ihre Entstehungszeit 1985–2005 aus? Was waren also die letzten fünf Jahre des ungarischen Staatssozialismus und die ersten fünfzehn der Nachwendezeit bis zum Eintritt Ungarns in die Europäische Union? Es war eine Neuorientierung, oder zumindest ein Versuch der Neuorientierung. Merkwürdigerweise arbeitet sich die Nádas’sche Neuorientierung am Verhältnis Ungarn-Deutschland ab. Alles andere – insbesondere die Sowjetunion – kommt lediglich am Rande vor. Interessant ist auch, dass 1989 zwar als Ausgangspunkt gesetzt wird, es aber doch um die Periode der 1930er- bis 1960er-Jahre geht, wenn Momente aus dieser Periode extensiv entfaltet werden. Alles andere ist Vorgriff und Nachhall. Dieser Vorgriff und dieser Nachhall erklären oder erhellen aber nichts. Sie blitzen irgendwo auf, wohl auch im Gedankenlabyrinth der handelnden Figuren, gehen aber in der Flut der Körperwahrnehmungen und Umweltbeschreibungen gleich wieder unter. Sie stehen als Chiffre für die zeitliche Anfangslosigkeit und Unabgeschlossenheit. Dafür also, dass die Geschichte nicht nur parallel, sondern auch offen ist.
Nádas erlebte 1985–2005 eine Umbruchzeit. Er hatte die Chance, das literarisch zu fassen, wofür er in der Periode des Staatssozialismus – seine Schriftstellerlaufbahn fing nämlich 1965 an – keine Möglichkeiten sah. Er hatte somit die Chance, seine unmittelbare Gegenwart literarisch zu beschreiben: die Wende von 1989 und was ihr vorausging. Doch anstatt dieser 30 Jahre ab 1960, wählte er die 30 Jahre zwischen 1930 und 1960. Dabei würden die ca. dreißig Jahre vor der Wende das erklären, was diese war, wohingegen die Periode 1930–1960 nicht „1989“, sondern die Zeit 1960–1990 erklärt. Offenbar geht es Nádas um die Generationen, und Generationen werden üblicherweise mit dreißig Jahren gemessen. All das sagt aber: Nádas gibt auf die Frage des Romans keine direkte, sondern eine indirekte Antwort.
Zentrale gestalterische Momente von Nádas sind erstens das zeitliche Zurückgreifen und zweitens die Konzentration auf Ungarn-Deutschland. Beides fordert den Leser heraus, lenkt von direkten Zusammenhängen ab und hebt die Problematik ins Allgemeine. Das ist die eine Seite. Andererseits aber: Einmal wird die direkte Vergangenheit ausgeblendet und eine indirekte und vergangene eingeblendet, noch dazu, indem diese in einer Überfülle von körperlichen oder topographischen Details aufgelöst wird. Das andere Mal wird mit der Betonung Deutschlands das Eigene abgeschwächt. Die Frage von 1989 muss sich aber jedes Land und jedes Individuum selbst stellen. So lautete eine der Fragen im Jahr 2005: Was heißt es, dass Ungarn der EU beitritt? Welche Geschichte endet damit? Wann erfolgte die Trennung des Kontinents, die mit der EU-Osterweiterung beendet werden sollte? Wie wir wissen, war dieser Beitritt begleitet von einer Nichtbereitschaft, für das Eigene einzustehen, mit einer Beschwörung des Ahistorischen in der Maske des Historischen.
Das Problem der ungarischen Literatur zwischen 1947 und 1989 und auch seither, falls man nämlich diese Periode aufarbeitet, ist ihr Umgang mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Musste es so sein, wie es war? Viel zu viele waren im Trüben fischende Trittbettfahrer des Staatssozialismus, sie dünkten sich kritisch, waren aber mit ihm verwachsen. War das nun Determination? Wenn man die kleinen Dinge, die einzelnen Determinationsreihen betrachtet: unbedingt. Wenn man sich aber nicht den Geschichten, sondern der Geschichte stellt, dann: nein. Die Grundprinzipien des Systems waren jedem bekannt, dafür hat dieses ohne Mühen und Mittel zu scheuen gesorgt. Je stärker man im System als Schriftsteller im Kulturbetrieb integriert war, desto genauer wusste man, was vor sich geht. Die entscheidende Frage ist aber natürlich, wie man damit als Literat umgehen soll. Ausweichen kann man ihr nicht, ist sie doch die zentrale Frage. Beantworten kann man sie auch nicht, weil man dann auch vor 1989 die Antwort hätte geben können.
Péter Nádas kommt das große Verdienst zu, diese Problematik, die eine der zentralen unserer Region und unserer Gegenwart ist, angenommen und daraus einen großen Roman gemacht zu haben.
Ein gescheitertes Schiff?
Geschichtliche Kontexte der bürgerlichen Kultur in den Parallelgeschichten
Gábor Schein
Péter Nádas nannte sich in einem Interview, das er nach dem Erscheinen seines Memoirenromans Aufleuchtende Details gegeben hatte, die „bürgerliche Version der ungarischen Literatur“.1 Bürger und Bürgertum sind vieldiskutierte Begriffe des ungarischen historischen Bewusstseins und des erinnerungspolitischen Diskurses. Das Wort „polgár“ stammt im Ungarischen vom deutschen „Bürger“ und seine Bedeutung blieb in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch sehr nah an der Bedeutung des deutschen Wortes. Der „Bürger“ ist keine Klassenkategorie.2 Bürgerliche Berufsgruppen, wie Unternehmer, Intellektuelle und Beamte, lassen sich zwar klar unterscheiden, doch eine quantitative Beschreibung des gesellschaftlichen Phänomens „Bürger“ wäre dennoch nicht ausreichend. Die Definierbarkeit des „Bürgers“ bezieht sich in den deutschen und in den ost-mitteleuropäischen Gesellschaften vor dem Zweiten Weltkrieg nicht auf die gesellschaftliche Aktivität der Einzelfiguren, die in den verschiedenen Bereichen der politischen und kulturellen Öffentlichkeit ihre Wirkung ausübt. Sie bezieht sich vielmehr – und vor allem – auf Wohlstand, auf Privateigentum, auf eine bestimmte materielle Qualität des städtischen Lebens, die dem äußeren Rahmen der Individuation und des familiären Gefüges ziemlich große Standhaftigkeit verleiht, und sie bezieht sich nicht zuletzt auch auf eine Mentalität, in der auch die Loyalität gegenüber dem Staat und der Nation ganz wichtige Merkmale sind. Quantitative Charakteristika gehen also in qualitativen Bestimmtheiten der Mentalität auf.
Seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts trat in der ungarischen Geschichtswissenschaft die Erforschung der Vergangenheit von einzelnen Städten und ihres Bürgertums mehr und mehr in den Vordergrund. Die marxistische Theorie widmete der Geschichte der Städte früher nur wenig Aufmerksamkeit. Deshalb konnte sich eine soziologisch, später auch eine anthropologisch gefärbte Geschichtsschreibung zu diesen Themen relativ frei entwickeln.3 Es sind in den letzten 40 Jahren viele Städtebibliografien und mikrogeschichtliche Erzählungen entstanden. Es fehlen aber sowohl grundsätzliche analytische Forschungen, die die Ergebnisse dieser Fallstudien kontextualisieren, als auch Beschreibungen bürgerlicher Institutionen und deren konkreter Handlungsfelder in den größeren und kleineren Städten. Wir wissen auch sehr wenig über bestimmte bürgerliche Großgruppen bzw. über deren unterschiedliche Strategien zur Bewältigung von Krisen und über die Ausdifferenzierung unterschiedlicher Lebens-Milieus.
Im Vergleich zu den deutschen und den tschechischen Regionen Mitteleuropas war das ungarische Bürgertum zahlenmäßig viel kleiner. Es lebte im Land eher innerhalb von inselhaft verstreuten, sehr engen städtischen Räumen und die Repräsentanz von deutschen und jüdischen Familien, die sich zwischen 1867 und 1930 weitgehend magyarisiert hatten, war in ihnen sehr groß. Nach 1948 vollzog sich im Sinne der Ziele der Kommunistischen Partei eine weitgehende Angleichung der Wohnsituationen und eine Egalisierung und Verwischung von Schichtenstrukturen. Bürgerliche Ideale, die Sehnsucht nach Komfort, privater Häuslichkeit und Konsummöglichkeiten waren plötzlich Erscheinungsformen einer reaktionären Haltung. Haben wir aber eine längere Zeitphase vor Augen und verlängerte man die Problematik der bürgerlichen Ideale bis ins Heute, könnten wir nicht nur mit ihrer geschichtlichen Auflösung, sondern auch mit einer Standhaftigkeit und Kontinuität in der Dimension der familiären Modelle rechnen.
Die großen Romane von Péter Nádas, sowohl das Buch der Erinnerungen und die Parallelgeschichten als auch Aufleuchtende Details, spielen in Großstädten – in Budapest und Berlin. Ihre Handlung und die Figuren sind nur im großstädtischen Milieu denkbar. Wenn Autoren Aspekte von real existierenden Städten in ihre Romane implementieren, wenn sie die Karte mit Straßennamen und mit in der Wirklichkeit auffindbaren Gebäuden beleben, gehen sie davon aus, dass die gebauten Elemente der Stadt „ein ganzes Repertoire von Bedeutungen für den Leser innerhalb einer bestimmten Kultur“ signalisieren.4 Eine Großstadt ist für ihre Bewohner und auch für ihre Besucher immer nur als eine gegenseitige, in räumlichen Formen erfahrbare Wirkungsgeschichte von lokal- und welthistorischen Bedeutungen, als Interaktion von Texten und Gebäuden, von alltäglicher Raumbenutzung und Politik wahrnehmbar, die sich nie als ein Ganzes äußert.
Die Komplexität der räumlichen Konfigurationen in den Parallelgeschichten ist also von den historischen Vergesellschaftungsformen des städtischen Raumes, die durch die Projektion sozialgeschichtlicher Prozesse entstehen, nicht unabhängig. Beim Konzept der Raumgebilde geht es Simmel, dessen Ansätze nicht nur für die Raumsoziologie, sondern auch bei der Untersuchung literarischer Raumformen unentbehrlich sind, nicht um die „Wirksamkeit einer besonderen Raumkonfiguration“, sondern umgekehrt, um die „Einwirkung, die die räumlichen Bestimmtheiten einer Gruppe durch ihre eigentlich soziologischen Gestaltungen und Energien erfahren“.5 In das Konzept des gesellschaftlichen Raumes müssen die gesellschaftlichen „Kräfte“ einbezogen werden, die das materiell-physische Substrat dieses Raumes und damit auch die Raumstrukturen „formen“ und „gestalten“.6 Dieses gesellschaftlich „produzierte“ Substrat besteht aus menschlichen, vielfach ortsgebundenen Artefakten, den materiellen Nutzungsstrukturen der gesellschaftlich angeeigneten und kulturell überformten Natur sowie den Menschen in ihrer körperlich-räumlichen Leiblichkeit.7 Die gesellschaftliche Praxis und die materielle Struktur der Raumbenutzung können aber nur unter dem Aspekt der klassenmäßigen, gender- und altersbezogenen Differenzierung und mit der Analyse der jeweiligen Machtverhältnisse betrachtet werden, die vielfach durch lokale Traditionen, geschichtliche Erfahrungen und Identitäten geprägt werden. Zwischen dem materiellen Substrat des gesellschaftlichen Raumes und der gesellschaftlichen Praxis seiner Produktion, Aneignung und Nutzung fungiert nach Dieter Läpple ein Regulationssystem, das „aus Eigentumsformen, Macht- und Kontrollbeziehungen, rechtlichen Regelungen, Planungsrichtlinien und Planungsfestlegungen, sozialen und ästhetischen Normen besteht“. Im Wesentlichen ist dieses System für die Kodifizierung und Regelung des Umgangs mit den raumstrukturierenden Artefakten (z. B. Arbeitsstätten, Behausungen, Verkehrswege, Kommunikationssysteme etc.) verantwortlich.8 Es muss aber auch berücksichtigt werden, dass die einzelnen Figuren immer schon zuvor strukturierte, oft auch mit einem symbolischen Wert ausgestattete Räume betreten.
Die Budapester Szenen der Parallelgeschichten umfassen den Zeitraum zwischen 1938 und 1961. Die Hauptfiguren dieser Szenen leben in ganz bestimmten Teilen der Pester Innenstadt. Aufgrund der raumbezogenen Passagen könnte man leicht die Karte des Romans entwerfen, wie man es im Fall der Dubliner Texte von Joyce gemacht hat. Die Szenen spielen auf der Margareteninsel, in Neu-Leopoldstadt, in der benachbarten Theresienstadt und in der etwas ferner liegenden Aréna-Straße, wo ganz viele Villen stehen.
Die beiden benachbarten Bezirke innerhalb der Ringstraße wurden erst in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aufgebaut. Charakteristische Bauformen sind die das Baugrundstück von drei Seiten umgebenden vierstöckigen Mietshäuser mit Laubengang, in denen zur Mittelklasse und zu den reicheren Schichten der Gesellschaft gehörende Familien lebten. Die Neu-Leopoldstadt ist dabei ein typischer Wohnort des jüdischen Bürgertums. Diese Mietshäuser haben in ihrem Äußeren vieles von der Repräsentativität der prunkvollen Fassaden der früheren, in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts erbauten städtischen Mietspaläste beibehalten. Sie verliehen den inneren Bezirken der Stadt einen einheitlichen historistischen und eklektischen Stil. Die Qualität des Baumaterials wurde während der 20er- und 30er-Jahre schlechter9, aber die Lebensbedingungen auch in den mittelbürgerlichen Wohnungen verbesserten sich durch den Einbau von Badezimmer und Wasser-Toilette.10
In beiden Bezirken lebten überwiegend Händler, Unternehmer und Intellektuelle, unter ihnen viele assimilierte, mehr oder weniger wohlhabende jüdische Familien. Die Beschäftigung einer Bediensteten gehörte zu den gesellschaftlichen Erwartungen an einen bürgerlichen Haushalt. Solche Dienstmädchen lebten in ganz kleinen Zimmern, hinter der Küche. Sie blieben räumlich abgesondert. Sie durften im Haus nur die Hintertreppe und einen kleineren Eingang benutzen, der zur Küche führte. Ihre billige Arbeit sicherte den bürgerlichen Familien ein langfristiges und steuerfreies Einkommen.
So sah etwa die Wohnung der Familie Lehr an der Grenze der Neu-Leopoldstadt und der Theresienstadt folgendermaßen aus: „Aus vier Zimmern der in der zweiten Stock gelegenen Wohnung sah man auf den bleifarben aufleuchtenden und sich wieder verdunkelnden Oktogonplatz hinaus, zwei weitere Zimmer sowie das nur aus der Küche zugängliche Dienstbotenzimmer gingen auf den zu jeder Jahreszeit dämmerigen Innenhof.“11
Obwohl diese Wohnungen viel zugunsten der äußeren Repräsentativität opferten, widmen die territorialisierten Beschreibungen von Péter Nádas den sogenannten „hinteren Regionen“12 besondere Aufmerksamkeit. Dieses Interesse entspricht seiner tiefen Überzeugung, dass das eigentliche Drama eines menschlichen Lebens viel mehr an dem verborgenen Umgang mit den Genitalien und an den Gewohnheiten beim Geschlechtsverkehr ablesbar ist, als an der zur Schau gestellten Soziabilität.13
Der Wohlstand der Pester Bürgerfamilien gab in der zweiten Hälfte der 20er-Jahre immer mehr nach. Das Vermieten eines Zimmers an einen Untermieter wurde gängige Praxis. Das Zusammenleben der Generationen wurde in den 4-, 5- und 6-Zimmer-Wohnungen immer komplizierter. Die Regelung der Raumbenutzung, die Fremdheitserfahrungen mit der physischen Existenz, die Sicherung der eigenen Grenzen und die Irritationen der inneren Machtverhältnisse übten eine grundlegende Wirkung auf die Prozesse der Individuation aus. C. E. Clark hat anhand von Grundrissen in New York gebauter Häuser gezeigt, dass die Familie, die früher als eine organische Einheit funktionierte, sich zwischen 1840 und 1870 zu einem Zusammenleben von isolierten Figuren wandelte, d.h. zu einer Gemeinschaft, die die Individuation ihrer Mitglieder antrieb.14 Die bürgerlichen Familien in Pest erlangten im Laufe der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts eine ähnliche Gestalt.
Der Roman von Péter Nádas reflektiert in zwei Figuren auf die Probleme der bürgerlichen Architektur in Budapest. Obwohl die beiden Architekten Samu Demén und Alajos Madzar in verschiedenen Zeiten, unter unterschiedlichen sozialgeschichtlichen Umständen lebten, war ihre Einstellung in gleicher Weise kritisch gegenüber Geschmack und Repräsentationsbedürfnis der Baunehmer. Samu Deméns massives und großzügig gebautes Haus an der Einmündung der Großen Ringstraße war mit seiner puritanischen Fassade weniger auffällig als alle anderen Mietshäuser in der Umgebung. Trotz seiner Unausgewogenheit und seinem Eigensinn, mit dem er doch nicht entscheiden konnte, „ob er kämpfen, abseits stehen oder sich im Gegenteil jeder gewöhnlichen, dummen Norm anpassen sollte“, trugen die Gebäude von Samu Demén, der mit allen Schwierigkeiten der ersten Generation der jüdischen Assimilation in einem letzten Endes hoffnungsvollen liberalen Zeitalter tätig war, keine Spur der Radikalität. Er entwickelte andere Ideen davon, wie man in der scheinbar bürgerlichen Umgebung der Stadt bauen sollte, als das damals üblich war. Er nahm die Relationen der inneren und äußeren Bedürfnisse der Bewohner anders wahr als die konkurrierenden Architekten. Die Bequemlichkeit und großzügige Ausgestaltung der hinteren Bereiche15 und der von anderen Architekten für unwichtig gehaltenen Räume, etwa das Vor- und Badezimmer oder die Küche, lagen ihm am Herzen und nur daraus ergibt sich bei ihm die Proportion von Fassade und repräsentativen Räumen.16 Seine architektonischen Ideen enthielten im Sinne von Nádas ein Angebot zur Korrektur der bürgerlichen Entwicklung in Budapest, die nicht imstande war, die Strukturen der Ständegesellschaft und deren Verfestigung im Rahmen des Nationalstaates zu durchbrechen. Sie gab sich mit der äußerlichen Nachahmung der städtischen Prachtbauten der Aristokratie und der Übernahme ihrer gesellschaftlichen Normen zufrieden. Die aus dem Gemeinadel stammende liberale Reformintelligenz, deren Anstrengungen die assimilierten, ungarisch-national eingestellten jüdischen und deutschen Stadtbewohner mit allen Mitteln unterstützten, erwies sich als unfähig, den Kern eines für die Modernisierung des Landes eintretenden und für die Emanzipation der armen und völlig machtlosen Schichten engagierten Bürgertums zu bilden. Im Sinne von István Bibó war das der Grund für die Enge und letztendlich für das Versagen der bürgerlichen Entwicklung in Ungarn im 19. Jahrhundert. Es ist kein Zufall, dass Ágost Lippay-Lehr, der spätere Nachfahre des Architekten auch noch in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts mit der fixen Idee leben konnte, „dass in diesem Land ausschließlich Bedienstete und Gentry lebten, dazwischen niemand.“17
Mit dem unauffälligen Haus an der Ringstraße, in dessen zweitem Stock der Architekt selbst eine Wohnung hatte, zog Samu Demén keine weiteren Bauaufträge an Land. Seine Ideen erwiesen sich als unvereinbar mit dem Zeitgeist.18 Der andere Architekt in den Parallelgeschichten ist Alajos Madzar, ein Schüler von Ludwig Mies van der Rohe, welcher im August 1930 die Leitung des Bauhauses in Dessau übernahm. Der von vielen Lehrlingen wie auch Kollegen mit ziemlicher Ablehnung empfangene neue Direktor wurde für einen Formalisten und Elitären gehalten, weil er schon damals angeblich keine billigen Volkshäuser plante, sondern eher Familienhäuser und Villen für reiche Kunden baute.19 Die Lage war tatsächlich viel komplizierter. Mies van der Rohe, der 1926 ein eindrucksvolles Denkmal für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht errichtet hatte, das dann von den Nazis abgerissen wurde, hatte zwei Jahre später die Aufgabe übernommen, mit einem aus sehr teuren Materialien aufgebauten Objekt an der Internationalen Ausstellung in Barcelona das „Weimarer Deutschland“ zu repräsentieren. Die innere Struktur dieses Gebäudes in Barcelona hat Mies van der Rohe zur selben Zeit auch in Brünn für ein bürgerliches Haus, das sogenannte Tugendhat-Haus, angewandt, wo er von der Strukturierung der inneren Räume bis zu den letzten Details der Möbelstücke eine suggestive Harmonie und Integrität mit höchster Materialqualität entworfen hat. Walter Gropius meinte dazu ironisch, dass das Tugendhat-Haus in Wirklichkeit ein „Sonntagshaus“ sei.20
Obwohl Mies van der Rohe seine Ideen später in Richtung einer umweltfreundlichen Architektur (Gericke-Haus, 1930; Hubbe-Haus, 1935) bzw. einer industriellen Massenarchitektur (Illinois Institute of Technoogy, 1939–1958) weiterbildete, blieb Alajos Madzar, der jüngere Architekt der Parallelgeschichten, bei einer funktionellen Exklusivität. Es fehlte bei ihm an jeglichen emanzipatorischen Ideen. Die innere Architektur, die den bürgerlichen Idealen von Madzar entspricht, muss davon ausgehen, dass diese funktionelle Exklusivität sogar noch in der wohlhabendsten Gegend auf der Pester Seite eine Weltfremdheit vertritt, die während der Therapie sowohl die Patienten als auch die Therapeutin aus den Gefügen der sozialgeschichtlichen Umgebung heraushebt. Auf die Baupläne in der zierlichen Pozsonyi-Straße, in der Frau Szemző der Arbeit in ihrer analytischen Praxis nachgeht, üben die vernünftig-funktionalen Bauhaus-Gesichtspunkte ohnehin schon eine eher formelle Wirkung aus. Es wird im Roman vom Erzähler gründlich erklärt, dass auch für das Gebäude, in dem Frau Szemző in dem sechsten Stock ihre Wohnung hatte, gar nicht „die an sich bescheidenen individuellen Bedürfnisse den Maßstab für die inneren Proporzionen […] geliefert hatten, […] sondern die Gewinnsucht anspruchsloser, kleinlicher Architekten und Ausstatter“.21 Als reichte nicht allein schon diese Erklärung der Weltfremdheit von Madzars Bauplänen aus, kann man auf derselben Seite eine längere theoretische Passage über das sich „unter den schweren Ruinen seines Zusammenbruchs windende, selbsterfüllt feudale Ungarn“ und seine verantwortungslose, gescheiterte Aristokratie lesen.
Alajos Madzar entdeckt in der Wohnung eine Menge von funktionalen Fehlern und sein Anliegen ist es, diese mit kleinen Kunstgriffen möglichst zu korrigieren. Seine bescheidene Auffassung seiner Arbeit stimmt mit den analytischen Idealen von Frau Szemző völlig überein. Ihre Gedanken werden im Roman durch den Wortschatz von Alajos Madzar wiedergegeben und damit entsteht eine Achse nicht nur zwischen den beiden Geistesverwandten22, sondern auch zwischen der Architektur und der Psychoanalyse, die im erzählerischen Duktus maßgebliche Perspektiven zur Therapie der geschichtlich-psychischen Beschaffenheit der menschlichen Natur vertreten:
Frau Szemző hingegen sah ihre Arbeit so, dass sie zwar die historischen Gegebenheiten nicht verändern konnte, aber zuweilen ein Kunstgriff genügte, die inneren Funktionsvoraussetzungen zu ändern, und dass solche Veränderungen dann stark auf die Umgebung zurückwirkten, zumindest im Prinzip.23
Im Hintergrund des architektonischen Selbstverständnisses von Madzar steckt aber auch ein anderes Problem, nämlich der unauflösbare Konflikt zwischen Technik und Handwerkertum, oder anders ausgedrückt, die historisch schwerbeladene Gegenseitigkeit von Psyche und Techne, die auf vielen Ebenen ein theoretisches und praktisches, zu schweren Entscheidungen führendes Kernproblem des Bauhauses war. Das Thema wird auch in der Essayistik von Péter Nádas oft diskutiert. Madzar besteht eindeutig auf dem Handwerklichen, der eigenen Verantwortung und letzten Endes auf der Psyche, die imstande sei, der Technik einen Rahmen vorzugeben:
Die meisten Gebäude in der Neuleopoldstadt hatten etwas Improvisation an sich, wie ein Echo der Baracken des Ersten Weltkriegs. Es fehlte die elementare Freude des individuellen, einfühlsamen Handwerks. Als sagte in einer Symbolsprache fast jedes Gebäudeteil, ja, es ist Friede, hinter uns liegt der verlorene Krieg, aber das Gewerbe hat sich noch nicht erholt, seine Modernisierung ist unterblieben, und so wird eben minderwertige Ware produziert.24
Die Einstellung der Analytikerin und des Architekten, die sogar kleine Korrekturen der historischen Voraussetzungen in Aussicht stellen, geht deutlich darüber hinaus, was Erna Lehr als die eigentliche Aufgabe bürgerlicher Bildung würdigt. Sie denkt an seinen Großvater, den Errichter des Hauses an der Einmündung der Großen Ringstraße und ein grausames Monster, und meint, die gutbürgerliche Erziehung bestünde darin, „alle Umstände und Situationen zu durchschauen, zu verstehen, zu akzeptieren und mit dem Wissen gewappnet dem Chaos zu widerstehen“25. Gemäßigter therapeutischer Optimismus und der Geist der Stoa würden hier durch die beiden Frauenfiguren aufeinander prallen, wenn sie in einer Szene zusammengebracht werden könnten.
Trotz des Unterschieds zwischen den beiden Auffassungen bedeutet „das Bürgerliche“ im Diskurs des Romans keinen sozialen Zustand und es ist auch nicht mit dem mittelständischen vornehmen Lebensstil und Lebensverständnis zu verwechseln. Das Lebensverständnis des vornehmen Mittelstandes zeichnete sich nach Gyula Kornis, einem der führenden ungarischen Soziologen vor dem zweiten Weltkrieg, durch einen bestimmten Grad der Bildung („man muss mindestens vier Klassen in der Mittelstufe absolvieren“) und die Kohärenz der traditionsbewussten, nationalistischen Weltanschauung aus, die das jüdische Element ebenso sehr ausschließt, wie sie auch dem deutschen Einfluss widersteht.26 Diese Auffassung wird im Roman von dem älteren Bellardi verkörpert, der sich in der gesellschaftlichen Komplexität mit Hilfe seiner auf die Ebene der körperlichen Triebe verschobenen Vorurteile zurechtfindet.
In den Szenen, die am Anfang der 60er-Jahre spielen, gehört auch die Last der verdrängten Erinnerungen zu den historischen Gegebenheiten. Die Häuser gewinnen einen unheimlichen, sogar gespenstischen Charakter. „Es gibt solche Nächte“, kommentiert der Erzähler die Szene, in der Gyöngyvér Mózes merkwürdiger Weise die Stimmen vom Einfall der Pfeilkreuzler ins Haus von Frau Szemző in der Nacht des zweiten Weihnachtstags hören kann, „in denen die Wände der Budapester Miethäuser die einmal in ihnen erstarrten Töne ausstrahlen“.27 Das ist die Nacht, in der die von Alajos Madzar entworfenen Möbelstücke, diese vernünftigen Liebesgeschenke, aus dem Fenster geworfen werden.
Diese Episode nennt Viktória Radics mit Recht „Schicksalsgrimasse“.28 Auch zum Haus, in dem die Klavierlehrerin von Kristóf wohnte, stellt der wiederkehrende Junge fest, dass es einmal ein „Sternhaus“ gewesen ist, d.h. dass hier jüdische Staatsbürger zwangsweise einziehen mussten und dann von hier aus verschleppt wurden. Kristóf wagte es als Kind nie, sich bei den Erwachsenen zu erkundigen, was das Wort „Sternhaus“ bedeutete. Er konnte aus ihrem Ton erahnen, dass dieses Wort zu dem nur knapp überlebten Entsetzen gehören mochte. Und nicht nur die Töne und die Wörter vertuschen etwas, das sowohl die Akzeptierbarkeit des Gegebenen als auch die Möglichkeit der kleinen Korrekturen untergräbt. Auch die gestaltenden Entscheidungen der Romanwelt führen den Leser immer wieder zu Schicksalsgrimassen. Ármin Gottlieb verkauft verlässliche, massive Balken für genau jenen Bahnbau, der auch seine eigene Deportation ermöglichen wird. Mária Szapáry muss mit dem Wrack ihrer wunderbaren Geliebten Jahr um Jahr zusammenleben, bis sie ihr und dann sich selbst mit dem Einverständnis von Frau Szemző am 15. März 1961 das Leben nimmt.
Solche Knotenpunkte, „Schickalsgrimassen“, stehen im Roman dem Chaotischen gegenüber. Eine der großen Fragen der Parallelgeschichten ist, wie man als Erzähler, Autor oder Leser mit der unüberschaubaren Struktur und dem gähnenden Abgrund des Chaos umgehen soll. Die aufklärerische Mentalität des Architekten Alajos Madzar ist ein seltsamer Spiegel der Romanstruktur. Er „sucht nach Verbindungspunkten, verknüpft Elemente, Einheiten, Funktionen miteinander, will die Relationen klären“29, d.h. er baut eine neue, geschlossene Ordnung aus den ungeordneten Elementen. Die Tradition des realistischen Romans im 19. Jahrhundert bestimmte sich durch eine Aporie. Obwohl die reale Struktur der Welt und des Lebens der Einzelnen offen und chaotisch ist, musste ein Roman eine geschlossene, durchschaubare Form gewinnen und die Autoren versuchten die aporetische Beschaffenheit des Mimetischen zu verheimlichen. Der große Roman von Péter Nádas bezieht sich auf diese Aporie, er unterstellt aber das Mimetische nicht mehr einer von vornherein gegebenen Geschlossenheit mit Anfang und Ende. Die Geschlossenheit der Form wird radikal aufgelöst und der Roman bleibt prinzipiell unbeendet. Eine Ordnung des Mimetischen, die dem Roman eine formale Struktur verleiht, muss aber entstehen. Dabei ergibt sich die Frage, welches Ausmaß an Chaotischem die Ordnung erträgt, ohne auseinanderzufallen. Die Frage stellt sich sowohl für die Erzähler als auch für den Autor, der für die Reihenfolge der Kapitel verantwortlich ist. Seine Antwort ist offenbar ganz anders als die von Alajos Madzar. Madzar kann sich mit Unerklärtem nicht zufriedengeben, das übrig bleibt, wenn die Relationen des Geschehenen, des Vorgestellten und des Riesenbereichs des Nicht-Geschehenen aus dem Gesichtspunkt der Erzähler nur fragmentarisch zu klären sind. Aus der Perspektive der Romanstruktur erweisen sich die Ideen des Architekten als unhaltbar. Bei ihm konstatiert der Erzähler sogar eine Art von Blindheit, die sich aus der gefühlsmäßigen Identifizierung mit seiner Geburtsstadt Mohács ergibt.
Das Trauma, die Erschütterung verstellten die Sicht auf die Voraussetzung der Katastrophe. Deshalb war die Stadt selbst nach so vielen Jahrhunderten sämtlichen Erschütterungen ausgeliefert. Das war eine Erkenntnis, mit der sich Madzar fast selbst erschreckte. Er spürte, dass er die Eigenschaften seiner Geburtsstadt schon immer in sich getragen hatte, und zwar nicht nur das Gefühl der Zerstörung, sondern auch die unbewussten Voraussetzungen dafür.30
Der Name von Mohács gilt bis heute als Inbegriff der geschichtlichen Katastrophe im ungarischen historischen Bewusstsein.31 Die verstellte Sicht, die geschichtliche Blindheit, die sich aus der Zugehörigkeit zu einem Ort, zum Land, ergibt, gestattet den beiden Geliebten nicht, die erschütternde geschichtliche Niederlage der bürgerlichen Gesinnung wahrzunehmen. Sie arbeiten bis zum letzten Augenblick an einer Korrektur der historischen Gegebenheiten. Madzar verlässt das Land noch rechtzeitig. Frau Szemző wird nach Buchenwald deportiert. Sie bleibt am Leben, ihre Kinder sterben. Nach ihrer Rückkehr nach Budapest wird sie ihre therapeutische Praxis nicht mehr fortsetzen.
Was wäre die bürgerliche Variante der ungarischen Literatur ohne ein geschichtlich tatkräftiges Bürgertum, das sein Fiasko schon vor Jahrzehnten hinnehmen musste? Man denke nur an Sándor Márais Roman Die Bekenntnisse eines Bürgers, in dem er den endgültigen Schiffbruch der bürgerlichen Gesinnung in Ungarn so prägend darstellte. Vielleicht nur so viel. Das vernünftige Diagnostizieren, die Durchleuchtung der grundsätzlichen Triebe und Fehler, ohne die Hoffnung noch etwas Ganzheitliches aufbauen zu können, ohne Hoffnung auf eine Korrektur. Am Buchcover der ungarischen Ausgabe der 2017 erschienenen Autobiographie von Péter Nádas, Aufleuchtende Details, ist ein altes gestrandetes Schiffswrack zu sehen. In einem seiner Interviews sagte Péter Nádas mit einem direkten Verweis auf diese Abbildung: „Ich bin ein gescheitertes Schiff, nicht mehr“.32 So etwas kann natürlich nicht jedermann sagen. Nur einer, der viel, viel mehr ist als nur das.
Die Frage, wer spricht
Modernes Geschichtsdenken im Licht der Parallelgeschichten
Florian Huber
1. Standortbestimmungen
Zweifellos stellt die Lektüre der 2005 auf Ungarisch veröffentlichten Parallelgeschichten aufmerksame Leserinnen vor besondere Herausforderungen, die ihre Übersetzerin Christina Viragh 2012 in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur folgendermaßen beschreibt:
[I]n diesem Text ist es hin und wieder schwierig, sich zurechtzufinden. Also, man weiß nicht, wer spricht wo, wann. Dazu hilft das Ungarische, weil das Ungarische das Subjekt nicht nennt. Also, man kann damit spielen, dass man das ein bisschen vertuscht, wer jetzt gerade am Sprechen ist, und Péter tut das absichtlich.1
Diese Einschätzung bestätigt auch ein Blick in die deutsche Fassung des Romans, die 2012 im Hamburger Rowohlt Verlag erschienen ist. Permanent schiebt sich die Frage nach dem Subjekt in den Vordergrund der Lektüre, wie folgende Passage aus dem Kapitel „Der Schöpfer hat es bestimmt so gewollt“ im Ersten Buch der Parallelgeschichten illustriert:
Interessant, dass sich so schwer neurotische Figuren in Psychologie und Philosophie einschreiben. Was ihre Aussichten eher verschlechtert als verbessert. Nach ein paar Jahren wissen sie zwar mehr, aber nicht unbedingt über ihre eigenen Probleme.2
Wer mit wem spricht, bleibt hier unbeantwortet. Orts- und Zeitangaben, die im unübersichtlichen Stimmengewirr des Textes für Orientierung sorgen könnten, fehlen. Auch bleibt unklar, in wessen Namen hier überhaupt gesprochen wird. Fragen nach der Legitimation des Gesprochenen bleiben ebenso unbeantwortet wie jene nach möglichen literarischen Vorbildern.
Tatsächlich erinnern zahlreiche Passagen des Romans in formaler und stilistischer Hinsicht an Gustave Flaubert, dessen Poetik Péter Nádas bereits 1992 in seinem Aufsatz „Ein zu weites Feld“3 diskutiert. Die Lektüre ruft insbesondere Assoziationen zum 1881 erschienenen Romanfragment Bouvard und Pécuchet hervor, das wie die Parallelgeschichten nicht allein einer Erzählung persönlicher Schicksale, sondern auch der Darstellung ihrer jeweiligen gesellschaftlichen und historischen Bedingtheit gewidmet ist.
Auf der Suche nach Selbsterkenntnis gehen die beiden Pariser Kopisten Bouvard und Pécuchet in die Provinz und bei bedeutenden Wissenschaftlern und Künstlern ihrer Zeit in die Lehre, um doch nicht klüger zu werden. Anstatt dem Individuum neue Sicht- und Handlungsweisen zu eröffnen, so die bitterböse Pointe des Romans, verstellen die modernen Wissenschaften letztlich den Zugang zur Lebenswelt und ihrer Interpretation. Zu Recht denkt man an dieser Stelle wohl auch an die kritischen Bemerkungen zum Wert von Philosophie und Psychologie am Beginn der Parallelgeschichten. Akademische Konventionen, wie sie etwa ein Studium der Psychologie vermittelt, geben kaum Aufschluss über die Zumutungen moderner Lebensentwürfe, denen Flaubert wie Nádas mit ihren Erzählprojekten Kontur verleihen wollen.
Die Einsicht in die Grenzen und Möglichkeiten (wissenschaftlicher) Selbsterkenntnis bestimmt aber nicht nur den Inhalt beider Romane, sondern prägt auch seine Inszenierung im literarischen Text. Diese Verwobenheit von Inhalt und Form wird im Folgenden anhand des Begriffs der Geschichte und seiner Bedeutung für die Parallelgeschichten thematisiert. Mit der Vielzahl an Deutungsmustern und Handlungsmöglichkeiten, die mit dem Begriff des Historischen verbunden sind, stehen damit auch die unterschiedlichen Möglichkeiten zur Beschreibung und Interpretation geschichtlicher Ereignisse im wissenschaftlichen und literarischen Kontext zur Disposition. Dies erklärt vielleicht die Skepsis, mit der Péter Nádas den akademischen Geschichtswissenschaften begegnet, wie folgende Bemerkung zu Beginn seines Romans demonstriert:
Ich beeile mich zu versichern, dass die Leserin, der Leser kein geschichtliches Werk, sondern einen Roman in der Hand hält und dass also sämtliche scheinbar der Wirklichkeit entlehnten Namen, Gestalten, Ereignisse und Situationen einzig der schriftstellerischen Phantasie entsprungen sind.4
Trotz dieses Dementi bleibt Nádas’ Text als historischer Roman erkennbar, zumal seine erdachten Motive und Handlungsstränge vor dem Hintergrund konkreter geschichtlicher Ereignisse und ihrer gesellschaftlichen Rezeption entfaltet werden. Dabei formen die einzelnen Episoden der Parallelgeschichten auch retrospektiv kein Ganzes. Vielmehr handelt es sich um Bruchstücke historischer Geschehnisse, die weder von den an ihnen beteiligten Romanfiguren noch ihren Leserinnen vollständig überblickt oder geordnet werden können, wie der Autor selbst retrospektiv über sein Vorhaben notiert:
Wenn wir das Gefühl haben […], warum gerade jetzt, warum nicht einem anderen, warum gerade uns, dann stehen wir vielleicht unter Wirkung eines Geschehens, dessen Akteure und treibende Kräfte wir gar nicht kennen.5
Diese Beobachtung bestätigt auch die titelgebende Rede von Parallelgeschichten anstelle einer einzigen Parallelgeschichte, die als Kritik gegenüber einem bis heute weit verbreiteten historischen Einheitsdenken gelesen werden kann, das der amerikanische Literaturtheoretiker Dominick LaCapra folgendermaßen charakterisiert:
Relativ unbefangen hat man [in den Geschichtswissenschaften, F. H.] mit dem Problem der Erzählstimme oder des Erzählstandpunktes hantiert. Der Erzähler beansprucht Allwissenheit und stützt sich auf die Regel der Einheit, der Einheit der Stimme der Erzählung ebenso wie der von Erzählung und Stimme des Autors. Und es ist bezeichnend, daß die Geschichte stets nach dem chronologischen Schema (Anfang, Mittelteil, Ende) aufgebaut wird.6
Dem bereits im Titel formulierten Misstrauen gegenüber Chronologien als historischem Ordnungsprinzip korrespondiert das Parmenides entliehene Motto des Romans: „Es ist mir das Gleiche, woher ich ausgehe; denn dort werde ich auch ankommen.“7
Wie Bouvard und Pécuchet entpuppen sich die Parallelgeschichten im Fortschreiten der Lektüre als negativer Entwicklungsroman, dessen Geschichten kaum Entwicklung und dessen Figuren kein erreichbares Ziel zu kennen scheinen.
Die erzählerische Absage an eine teleologische Einheit der Geschehnisse prägt dabei auch die Form meiner weiteren Ausführungen, die Romanausschnitte, poetologische Aussagen des Autors und Zitate aus der geschichtstheoretischen Forschungsliteratur ohne eine abschließende Deutung gleichberechtigt nebeneinanderstellen. Die Montage der Textmaterialien, die jeweils anderen Zeiten, Ansprüchen und Disziplinen verpflichtet sind, soll zugleich darauf verweisen, dass sich historisches Denken nicht auf die Geschichtswissenschaften beschränkt. Vielmehr gilt es, in seinem Nachvollzug auch Vorstellungen und Gegenstände zu adressieren, die akademisch verbürgten Denk-, Sprech-, und Schreibweisen bisweilen entgegenstehen. Die Darstellung beansprucht zudem keinerlei Vollständigkeit, sondern möchte geschichtliche Problemhorizonte identifizierbar machen, die zu einer weiterführenden Lektüre der Parallelgeschichten motivieren.
2. Quellen lesen
Folgt man der Lesart ihres Autors, basieren die Parallelgeschichten nicht allein auf einer Auseinandersetzung mit schriftlichen Zeugnissen der Vergangenheit. Stattdessen nimmt sein Erzählen ausdrücklich auch Phänomene in den Blick, die nicht ausschließlich sprachlich verfasst und daher nur bedingt zitierfähig sind:
Zu meinem Vorhaben gehörte es auch, bestimmten historischen und philosophischen Zusammenhängen nachzugehen und bestimmte Fragen zur Zeitgeschichte in Bezug auf Architektur und Mode und zur Kriminologie zu klären. Diese Zusammenhänge bleiben zwar im Hintergrund, bilden aber das Gerüst des Buchs.1
Neben „Architektur und Mode“ macht vor allem die ausführliche Darstellung von Körper- und Gewalterfahrungen innerhalb der Parallelgeschichten deutlich, dass schriftliche Zeugnisse lediglich einen Ausschnitt der Historie repräsentieren, deren Verwendung wiederum Historikerinnen wie Schriftstellerinnen vor besondere Probleme stellt. Geschichtliche Ereignisse lassen sich niemals vollständig in Begriffe übersetzen und können zudem nicht zeitgleich zu ihrem Geschehen zu Papier gebracht werden. Darüber hinaus erscheint die Sprache historischer Quellen bisweilen ähnlich fremd und entfernt wie die durch sie repräsentierten Ereignisse, da ihr Gebrauch und ihre Bedeutung einem geschichtlichen Wandel unterliegen, der nicht selten für Verständnisschwierigkeiten und Zitationsprobleme sorgt.
In der Lektüre historischer Zeugnisse wird somit eine Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart erfahrbar, deren Konsequenzen Dominick LaCapra beschreibt:
Ein Problem für die Geschichtsschreibung ist offenkundig das Verhältnis zwischen sympathetischer Beschäftigung mit der Vergangenheit, was eine gewisse Identifikation erfordert, und kritischer Distanz zur Vergangenheit im Interesse sowohl der Objektivität wie des Urteils.2
Der Versuch, Geschichte zu schreiben verlangt vom Schreibenden eine Positionierung, die von der Perspektivität des Quellenmaterials in der Regel deutlich unterschieden ist. Eine zu große Nähe zum historischen Geschehen und Quellenmaterial mündet letztlich in sentimentale Erzählungen der Vergangenheit à la Walter Scott, die bereits Flaubert mit Spott überzieht:
Allen diesen Werken gegenüber erhoben sie den Vorwurf, sie sagten nichts über das Milieu, die Epoche, die Sitten und Gewohnheiten der betreffenden Figuren aus. Nur die Herzensangelegenheiten seien wichtig, immer nur das Gefühl! Als ob es auf der Welt nichts anderes gäbe!3
Doch nicht nur die Literatur, auch die Geschichtsschreibung ringt bereits zu ihren professionellen Anfängen im 19. Jahrhundert um die richtigen Ansprüche und Standpunkte, die einer ihrer prominentesten Vertreter folgendermaßen beschreibt:
Die Historie unterscheidet sich dadurch von anderen Wissenschaften, daß sie zugleich Kunst ist. Wissenschaft ist sie: indem sie sammelt, findet, durchdringt; Kunst, indem sie das Gefundene, Erkannte wieder gestaltet, darstellt. Andere Wissenschaften begnügen sich, das Gefundene schlechthin als solches aufzuzeichnen: bei der Historie gehört das Vermögen der Wiederhervorbringung dazu.4
Der Wille zur „Wiederhervorbringung“ geschichtlicher Ereignisse rückt für Leopold von Ranke Methode und Gegenstand der Historie in die Nähe der Literatur.
Die geforderte Imaginationsleistung bedingt eine bewusste Gestaltung historischen Quellenmaterials durch den Historiker (Sammeln-Finden-Durchdringen), der so von einem objektiven Entdecker zum Erfinder historischer Wirklichkeit mutiert.
3. Geschichts-Bilder
Für die Gründungsväter moderner Geschichtswissenschaften wie Ranke bildet das aufgeklärte Subjekt kein Hindernis, sondern die Grundbedingung schlechthin für historisches Erkennen. Diese Idee wird in den Parallelgeschichten vor allem anhand der Rede vom Bild und seinen unterschiedlichen Gebrauchsweisen verfolgt:
Im Esszimmer der Tante hing an der leeren Wand ein einziges Ölbild von Bedeutung und ansehnlichem Ausmaß, ein Leistikow, der zuweilen in Ausstellungen, Alben und Katalogen zu sehen war.1
Zweifellos handelt es sich bei dem Gemälde um ein (kunst-)historisch bedeutsames Objekt. Für diese Einschätzung bürgt neben der Prominenz des Urhebers, eines wichtigen deutschen Vertreters des bildnerischen Impressionismus, auch die Tatsache seiner Repräsentation in „Ausstellungen, Alben und Katalogen“. Dementsprechend rücken in den Parallelgeschichten nicht allein (historische) Bilder, sondern auch das Problem ihrer Entstehung, Erhaltung und Zirkulation und die Rolle der daran beteiligten Subjekte in den Fokus:
Selbstverständlich enthielten die Kataloge die wesentlichen Angaben zum Bild, seine Maße, seinen Titel, die Tatsache, dass das Werk signiert war, aber auf Verlangen der Tante hieß es jeweils nur, dass es sich in Privatbesitz befinde. Döhring hatte als Kind oft und lange über dieses Wort nachgedacht. Da gab es auf der Welt einen wertvollen Gegenstand, für Fremde meist unzugänglich, und sogar sein Ort wurde geheim gehalten.
Die Reproduktion des Kunstwerks in Katalogen bietet nicht nur Informationen zu seiner Provenienz, sondern dient auch einer Bewahrung des Bildes, das unabhängig vom Ort seiner Entstehung und Ausstellung betrachtet und mit anderen Menschen geteilt werden kann. Trotzdem legt der Kontakt mit dem Originalgemälde vermutlich andere Gebrauchsweisen und Interpretationen nahe als seine Reproduktion. Die Differenz zwischen Original und Abbildung mündet schließlich in grundlegende Fragen nach dem Ort der Bilder und ihrer Bedeutung für das kulturelle und individuelle Gedächtnis:
Das war ihm sehr wichtig, er kultivierte Bilder. Bilder begleiteten ihn, besser, er begleitete Bilder und bewahrte sie in sich auf.2
In diesem Zusammenhang erzählen die Parallelgeschichten nicht allein von Bildern in ihren unterschiedlichen materiellen Verfasstheiten und ihrer geschichtlichen Bedeutung. Sie handeln auch von Bildern der Imagination und ihrer Wirkungen auf Individuum und Gesellschaft. Ihre Aussagekraft beziehen die Bilder nicht allein aus ihrer Historizität, sondern auch aus ihrer Unergründbarkeit, wie sie in folgender Passage beschworen wird:
Bestimmt hätte er später nicht Philosophie belegt, wenn sich in seinem Denken nicht solche Fragen festgesetzt hätten. Das Bild war rätselhaft genug, seine Phantasie anzuregen.3
Die Bilder geben ihren Betrachterinnen zu denken und werden geradezu körperlich erfahrbar. Ihre Erscheinung wirkt direkt auf die Selbstwahrnehmung des Individuums und seine Erkenntnisfähigkeit:
Es tat weh, ein scharfer Schmerz, doch hatte er fast vor Erstaunen aufgeschrien; er stand mitten in Leistikows Gemälde. Immer hatte er gemeint, es sei bloß ein Bild. Nie hätte er gedacht, dass es auf der Welt wirklich einen solchen Himmel, eine solche Spiegelung, ein solches Helldunkel gab.4
Das Bild mutiert zum Symptom, die Bildbetrachtung mündet in einen Kontrollverlust, vor dem man buchstäblich nicht die Augen verschließen kann. Der Zusammenfall der so genannten wirklichen Welt mit ihrer Repräsentation auf der Leinwand vermag feststehende Gewissheiten zu erschüttern. Wer in Bildern lediglich Abbilder historischer Wirklichkeit erkennen mag, geht darum fehl. Vielmehr bringen die Bilder ihre eigene Realität hervor, deren Betrachtung gerade deshalb die geschichtliche Wirklichkeit zu erhellen vermag. So wenig das Individuum über seine Geschichte verfügt, kann es über die mit ihr verbundenen, bisweilen nur unbewusst beschworenen Bilder gebieten:
Schon am Abend desselben Tags konnte Döhring diese Bilder nicht mehr heraufbeschwören. Er hörte noch das brüllende Gähnen, sah es aber nicht mehr.5
Trotz ihrer existenzerschütternden Wirkung erweisen sich die Bilder als flüchtig und schwer fassbar. Darin gleichen sie Walter Benjamins Idee einer Historie im ständigen Entzug:
Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten. […] [E]s ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte.6
Wie im Fall des Bildes wird auch der Sinn historischer Ereignisse maßgeblich von den Erkenntnissinteressen einer in ständigem Wandel begriffenen Gegenwart bestimmt:
Sie sammelte nur bestimmte Maler, und ausschließlich Bilder von lebenden Zeitgenossen. Wer gestorben war, existierte für sie nicht mehr, mit ihm starb ja auch die Möglichkeit eines aufregenden Austausches.7
Das Historische und seine bildlichen Repräsentationen erweisen sich als dynamischer und letztlich unbeherrschbarer Gegenstand, der mit jedem Blick in die Vergangenheit dem Vergessen entrissen und neu geschaffen werden muss. Insofern erscheint Geschichte in den Parallelgeschichten auch als Summe verworfener Ideen und Handlungsmöglichkeiten, wie ihr Autor selbst bemerkt:
Mich hat der Gedanke nicht mehr losgelassen, dass sich die Prosa als Magd des kausalen Denkens ausschließlich mit dem befasst, was geschieht, obwohl doch auch das, was nicht geschieht, in unserem Leben einen riesigen Platz einnimmt.8
Geschichtsbilder und die mit ihnen verbundenen Akteure werden nicht allein durch tatsächliche Ereignisse, sondern auch durch nicht ergriffene Handlungsmöglichkeiten und Utopien geprägt. Der Blick zurück gestattet auch eine Reflexion über mögliche alternative Verlaufsformen und Deutungen vergangener Geschehnisse. Neben Kontinuitäten werden dabei auch Bruchlinien erkennbar, die das Historische unwiderruflich von der jeweiligen Gegenwart abschneiden:
Leistikow musste das Bild genau von der Stelle aus gemalt haben, an der Döhring jetzt stand. Vielleicht zur gleichen Stunde des gleichen Tages des gleichen Monats, auch wenn man nicht sagen konnte, dass sich in den dazwischen vergangenen hundert Jahren nichts geändert hatte.9
Einmal mehr entlarvt die Frage nach der korrekten Position zur Anfertigung und Betrachtung des längst vergangenen Bildes im Roman die Vorstellung einer historischen Ganzheit als Utopie, der bereits Benjamin eine deutliche Absage erteilt: „Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit sondern die von Jetztzeit erfüllte bildet.“10
4. Geschichten von unten
Die dem Bild abgerungenen Perspektiven verweisen auf die Schwierigkeiten einer adäquaten Repräsentation historischer Ereignisse und der an ihnen beteiligten Akteurinnen in Geschichtsschreibung und Literatur. Indem der Romantext bestimmte Standpunkte formuliert und der Kritik seiner Leserinnen darbietet, bringt er zugleich andere Positionen zum Verschwinden, wie Péter Nádas bereits in seinem Essay „Wort und Strich“ selbstkritisch notiert:
Wäre es nicht richtiger zu sagen, in meinem Satz sprechen die, die nicht reden? Und daß ich nicht mehr und nicht weniger sagen kann als das, was ihr Schweigen umfaßt?1
Diese Problematik betrifft neben dem eigenen Schreiben wohl auch die historiographische Darstellung und spiegelt sich dementsprechend im historischen Quellenmaterial wider, wie Walter Benjamin festhält:
Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozeß der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den andern gefallen ist.2
Weil Geschichte traditionell von Siegerinnen geschrieben wird, sind die ihr Unterlegenen ständig von der Gefahr bedroht, aus dem kulturellen Gedächtnis getilgt zu werden. Im Gegensatz dazu rückt in den Parallelgeschichten die Erinnerung an die Opfer und Marginalisierten des historischen Prozesses in den Fokus der Erzählung. Geschichte erscheint als Fülle bislang negierter oder zu wenig beachteter historischer Details und Deutungsmöglichkeiten. Anhand von Figuren, Ereignissen und Schauplätzen wird eine Geschichte von unten entworfen, die als Korrektiv zur herkömmlichen, national geprägten Heldengeschichtsschreibung fungiert:
Wo sich die Strömung ein hohes Ufer ausgewaschen hatte, hingen aus den Sandwänden in einer dicken Schicht Knochen, Schädel, Schienbeine, Becken, Zehenknöchelchen heraus, die erstaunlich heil geblieben waren, aber in der Hand mit dem Sand zusammen zerbröselten. Südlich der Stadt, ungefähr zwei Kilometer von der Spitze der Zigeunerinsel entfernt, hatten sie diese mehrere Jahrhunderte vergessene Stelle entdeckt, obwohl sie wussten, dass laut Geschichtsschreibung die schicksalsträchtige Schlacht gegen die Türken an einem ganz anderen Ort, am Fuß der Hügel von Majs stattgefunden hatte.3
Die Lektüre des Romans gerät zum Plädoyer, der offiziellen Geschichtsschreibung zu misstrauen, um der historischen Erkenntnis buchstäblich neue Wege des Denkens, Fühlens und Handelns zu ebnen.
Revealing and Subversive Laughter in Péter Nádas’s Parallel Stories
Mária Bartal
This essay is an attempt to explore the multiple narrative-dramaturgical function of laughter in the novel of Péter Nádas, to emphasize its doubleness of manipulating the interlocutors and allowing the readers access to the sphere of the unknown and of the unforeseeable through the characters. The temporal structure of laughter oscillates between a point and a continuum, the humorous pleasure is produced by the disjunction between duration and instantaneity.1 The situations penetrated by laughter are approximately five hundred in this novel, their network is coordinated by the accurate, quasi-theoretical interpretations of the narrator highlighting the convergence of similar motivations and reactions and the residue in laughter that leaves the characters feeling troubled. As Alfie Bown rightly explored, the two dominant ways of thinking about laughter, either as liberating or as controlling, can be negotiated by a third hypothesis, as an event in the Žižekian sense2: laughter is never merely an effect or a pre-existing cause but instead has a power to modify and change the very things which cause it, and brings the person involved into new ideological structures which are produced, entrenched, naturalized and enforced by the process of laughter.3 Georges Bataille, left unsatisfied by Bergson’s simplistic, moral conception of the comic, and developing the Bergsonian idea that the basic cell of all humor is the broken schema,4 pointed out, that the sudden invasion of laughter was a conversion into a world where our assurance is suddenly overthrown and unveiled as deceptive.5
I would like to underline the humor in Paralell Stories as a tool surpassing irony, and in making this assumption I will cast a critical eye over a cliché in the novel’s Hungarian reception, that denies the presence of humor in the novel6, and I also intend to challenge the statement that the pleasure principle, the joy and the liberating laughter is totally absent in this novel, and the narrator doesn’t use humor or irony at all, moreover, the characters laugh very rarely.7 In my view, the laughter and the numerous comical situations and their complex interpretation in the narrative discourse are unavoidable components of this book. Laughter as a highlighted textual event, as the readers’ re-action, produces and transforms the characters, provides for them a break from their “self-sameness” in the paradox of recognizing themselves in the other8, of placing or displacing abjection and of exceeding dialectics and the dialectician. Laughing implies, according to Charles Eubé, the refusal to accept our well-known beliefs9, we rejoice in something that puts the equilibrium of life in danger, and that’s why, for Bataille it is comparable to negative theology.10 As Derrida argues, laughter bursts out only based on the absolute renunciation of meaning, the absolute risking of death.11 In the following I will focus on one scene of the third volume in the chapter ‘Only Inches from Each Other’ and on its textual correlations.
This flirtation scene in the third volume is a self-narrated monologue in the first person,12 a retrospective narration of the Klára and Kristóf’s date, which is thematically, structurally and dynamically connected to several similar episodes in the novel (for example to the dialog between Szemző and the architect, and that between Gyöngyvér and Ágost or Erna and Gyöngyvér). The elaborated descriptions of the face-to-face interactions are constructed by dialogs in free indirect discourse, the characters’ banal conversation is dominated and contrasted by the narrator’s evaluation of the verbal and corporal interactions and his accurate self-reflections. The characters are created in and through couples’ interaction as a process of exchange of impressions or self-presentations between ritually enacted selves, where each participant relies on others to complete their picture of their own self. Repeatedly, having collapsed the free indirect discourse and the overcontrolled narration, the text passes to a tense quoted dialogue without any description or annotation of the characters’ behavior. The personal, intimate nature of this chapter is signaled by shifting the narration in third person to the self-narrated monologue, and by its contrast with the extended dialogue speech, and even by the alternated subject of the focalization and their closed, limited, incongruous points of view in the subsequent chapters. The careful and restrained verbal communications quickly become more intensive when the narrator’s furrier uncle is mentioned:
She interrupted to say that my uncle must have been a Jew.
Indeed he was, I said. Actually, he still is, but that wasn’t the reason I couldn’t stand him.
We both laughed hard at this and our mingling laughs echoed for a while, but that did not please me much.
My jocular mood began to dissipate. It seemed we were offending this miserable dark building with our echoing laughter.
Our laughter probably disturbed her a little too. Hurt a little.13
From the above-cited passage on, laughter gradually plays a more and more decisive part in this scene; laughing and interpreting it are crucial in the outcome of the characters’ flirting strategies. Is laughter a response only, a retrospective reflection of an already existing tension, or a process which qualifies the interlocutor? Before interpreting the dynamic changes of laughter’s contextual significance, it is useful to summarize the three main traditional theories of humor, with much overlap among them. The oldest, and probably still the most widespread theory of laughter is that laughter is an expression of a person’s feelings of superiority over others. The superiority theory goes back at least as far as Plato and Aristotle, and was given its classic statement in Hobbes, who said that laughter expresses “a sudden glory arising from some conception of some eminency in ourselves, by comparison with the infirmity of others, or with our own formerly”.14 In the 20th century many adopted some versions of the superiority theory. Albert Rapp, for example, claims that all laughter developed from one primitive behavior in early humans, “the roar of triumph in an ancient jungle duel”. Konrad Lorenz and others treat laughter as a controlled form of aggression; for them the baring of the teeth in laughing is a way of asserting one’s bravery. The second one, the incongruity or resolution theory has its beginnings in some scattered comments in Aristotle but did not come into its own until Kant and Schopenhauer. When we experience something that doesn’t fit our patterns, that violates our expectations, we laugh. As Pascal said, “Nothing produces laughter more than a surprising disproportion between that which one expects and that which one sees” or in Kant’s terminology, “Laughter is an affection arising from the sudden transformation of a strained expectation into nothing”. Schopenhauer explained the incongruity behind laughter as a mismatch between our concepts and the real things that are supposed to be instantiations of these concepts.15 In fact, with proper refinement it can account for all cases of humorous laughter. The Relief Theory is an hydraulic explanation according to which laughter is the equivalent in the nervous system of a pressure-relief valve in a steam boiler. The theory was sketched in Lord Shaftesbury’s 1709 essay “An Essay on the Freedom of Wit and Humor”, the first publication in which humor is used in its modern sense of funniness. Spencer’s explanation in his essay “On the Physiology of Laughter” (1911) is based on the idea that emotions take the physical form of nervous energy. Unlike emotions, laughter does not involve the motivation to do anything. The movements of laughter, Spencer says, “have no object”: they are merely a release of nervous energy. In his Jokes and Their Relation to the Unconscious Freud distinguishes three kinds of laughter situations, which he calls “jokes”, “the comic”, and “humor”. The core of the theory is that in all laughter situations we save a certain quantity of psychic energy, energy that is usually employed for some psychic purpose, but which turns out not to be needed. In joking, the energy saved is that which is normally used to repress aggressive and sexual feelings. In the comic, the energy saved is for some cognitive processing that is perceived to be unnecessary. In humor, the energy saved is that of an emotion like anger or fear, which we realize is no longer required. The discharge of this superfluous energy is laughter.16 In joking, he says, we save energy that is normally used to suppress forbidden feelings and thoughts; in reacting to the comic we save an expenditure of energy in thought; and in humor we save an expenditure of energy in emotion. For Freud, humor has a “heroic function in the sense of liberation it achieves in allowing us to stand aloof from the trials and tribulations of life.” As John Morreall notes17 a comparison of these theories suggests two general features of situations producing laughter which can form the basis for a comprehensive theory. The first one is the change of psychological state involved in laughter situations that may be primarily cognitive, as the incongruity theory shows from a serious state of perceiving and thinking about things that fit into our conceptual patterns, to a non-serious state of being amused by some incongruity. The change may be primarily affective too, as in certain cases described by the superiority and relief theories in which laughter accompanies a boost in positive feelings, a cessation of negative feelings, or the release of suppressed feelings. Or the change may be both cognitive and affective, as in cases of hostile humor.
Freud’s account of jokes builds on the foundations of a straightforward distinction between innocent jokes and tendentious ones. We normally cannot be overly aggressive or sexual due to social constraints, but in the tendentious joke we can express such intent in a socially acceptable way.18 The narrator’s mechanical laughing and joking-together is a kind of cooperation in treating his uncle as abject, and the admission of his own motivation his jocular mood begins to dissipate. As Kristeva argues, the abject one is “thus a deject, who places himself, separates himself, situates himself, and therefore strays instead of getting his bearings, desiring, belonging, or refusing.”19 He is becoming a situationist in a sense, and not without laughter since laughing is a way of placing or displacing abjection.
In the scene quoted above from Nádas’s novel the feminine laughter of superiority is interpreted by the narrator as a kind of lure and manipulation connected to her animal costume (she is wearing black antelope shoes with incredibly high heels and a fur coat20) that reinforces her predatory aspect and his role of victim: “Between her sparkling wet, beautiful teeth I would have crawled into the dark hollow of her mouth. She had teeth like a wild animal’s.”21 But this situation is more complex, because the fur coat isn’t hers, instead borrowed from his ex-piano teacher, and rather annoying to him. In the narration the fur coat results in a mixed sensation of familiarity, sexual affection and repugnance, becoming the metaphor of the complexity of their feelings and of their laughter (“…actually we were looking out, searching for whatever it was in each other that was causing our inability to endure each other’s words for another moment. This was something neither she nor I could give up, let alone terminate.”22). But a few moments later the fur coat is interpreted as a prop of her perpetual metamorphosis23, and the text underlines the metonymical connection between the laughing mouth and the woman in fur and the carnivalesque aspects of both:
It was straining forth from the opened shell of animality. I couldn’t tell how many transformations she had gone through that night.
The wind blew her fragrance into me with renewed strength, her new indecipherable fragrance.
Almost nothing kept me from slipping my arms under the shiny lining of the shiny fur coat and pulling her body against mine. Now she was flirting with me, inviting me, luring me, opening herself up like a seashell, like a deep-brown chestnut.
We were shouting and screaming in the wind, which felt especially good because it was as if we were throwing sounds into each other’s laughing mouth. Not to let the wind blow them away.
She asked, actually she screamed whether I’d dare trust her with my life.24
This passage is a variation of the Lucianic image of the laughing Menippus, it stresses the relation of laughter to the underworld and to death, to the freedom of the spirit, and to the freedom of speech.25, and it presents the contradictory and double-faced fullness of life. As Bakhtin notes, in the essence of the grotesque the negation and destruction (death of the old) are included as an essential phase, inseparable from affirmation, from the birth of something new and better. The material, bodily lower stratum of this grotesque image bears a deeply positive character, but the final result is abundance, increase.26 The wild and inordinate wind-pressures in this scene cause and enhance the mixture of their loud laughing and screaming, moreover, the force of their laughter homogenizes the representation and demonstrates the universal character of laughter explored by Bakhtin in the parodies of the Middle Ages.27 Like many social signals, laughter and sobbing have evolved as a contrasted pair: laughter is produced by exhalation, which we also use in producing speech, and sobbing, by inhalation. Laughter makes the most of the relaxed effortlessness of our vocalizing while exhaling.28 Reason is rendered powerless in the face of these polymorphously perverse “rhythms,” which echo from the “noise” of physis (nonrational) rather than the melodies of nomos (rational), the (saving) power of rationality and, therefore, human agency becomes suspect. To be possessed by this movement of energy,29 overriding rational self-control is dangerous, it can provoke a violent reaction. The laughter that Aristotle attributes to Gorgias opposes meaninglessness to meaning (On Rhetoric 3.18). It’s a laughter that shatters what Jacques Derrida calls the very “fabric of meaning”.30 Such meaninglessness comes to operate as the dirty underside (the negated) of meaning, in Foucault’s words laughter is an ex-plo-sion of the border zones of thought.
She turned the words back toward me, yelling them into my open mouth; yes, she too would be happy to die, in bed, among pillows, but not on the street.
Her fragrance I caught not with my nose, her screaming not with my ears; they assaulted my groin directly. I had nothing to defend myself with. Because now it turned limp, now it hardened a little, sperm kept dripping from the constant pulsing.
Don’t, please don’t talk like that, I beg you, and my screams no longer vibrated in my vocal cords or touched my throat but burst straight from the rising and falling depth of my chest, from the throbbing flesh of my heart.31
The complexity and humor of her pun (“happy to die, in bed, among pillows”) is built on a twisted quote from an iconic poetry of the Hungarian Revolution of 1848.32 Sándor Petőfi’s The Thought Torments Me has a coherent metaphorical system for the power of transformative revolution and for mass mobilization that is consistently and ironically reinterpreted in this scene for intensifying the ambiguous sexual fantasies of the narrator.33 In Freud’s words, “nothing distinguishes jokes more clearly from all other psychical structures than this double-sidedness and this duplicity in speech”.34 Freud assumed that there were three psychical processes that take place in our unconscious, which dreams share with jokes, namely, condensation, displacement, and representation. Much like in the case of dreams, the displacement in jokes involves the censorship of ideas that are not allowed to enter into consciousness. Compared to dreams, in jokes displacement does not involve replacing one idea with another; rather it consists of creating ambiguities through the use of play upon words and multiplicities of meanings. The novel’s pun correlating with her increasingly pervasive bodily presence and the fantasy of threatening incorporation result in the onset of an intolerable convulsion of his thought and the unarticulated statement of the speaking body, shaken with no way, thought35: “‘I am scared’, I screamed. And that put an end to the laughter”.36 The ping-pong strategy of their previous conversation rapidly escalates into a continuous interchange of screaming and laughter when they exit.
In certain cases, laughter is used by the characters as a ritualized behavior that does not emerge simply as an expression of some internal state, but as a well-defined and learned social signal.37 The laughing of superiority waggles as a seesaw in the communication of the characters. The superiority of the partly borrowed beauty yields to the hidden lie of the narrator. His simile for the situation (“it was as if we’d both stumbled and fallen over each other”38) stresses the incongruity and comic nature of misunderstanding, the humorous oscillation between two frames of reference and the shift of his satisfying advantage because of his deferred and unpleasant admission. The mechanical behavior that Bergson suggests is at the heart of much comic performance, but according to the above-mentioned examples, laughter can be mechanical too and therefore loses its superiority. Humor can also be used at the group level to promote cooperation — by its self-rewarding nature and by reinforcing the recognition of shared expectations39, but in this scene laughter, repeatedly, only prepares and facilitates an insight into the characters’ mirrored positions.
‘I am scared’, I screamed.
And that put an end to the laughter; she nodded that of course she was scared also. […] She could see everything, both my future and past. […] I saw everything too; it made me dizzy. I saw how forlorn I had been for close to twenty years without her, and now this would end. […] I didn’t want to, I did not understand why I was remembering an experience that did not belong here at all. And why is it interfering now. Why did I go limp because of it. She too needed to lean on something, and that made everything even more improbable. What I felt inside I could see on her.40
The recognized fusion of the erotic and death drive creates the borders of common laughter in the above quotation. The description and the self-interpretation of Kristóf’s reactions are built on the central concept of Freud’s metapsychology, namely, on the narcissistic libido. Progressing his previous study on sadomasochism (On Narcissism: An Introduction), Freud restricts the erotic element, opposed to the instincts of life represented by the Ego, to only an aspect of libidinal current, the self-preserving narcissistic libido. In order to subjugate the libido, the Ego supports the urges of the death drive within the Id and therefore narcissism is charged with the mission to resist the death drive. Herbert Marcuse’s interpretation on Freud’s metapsychology bridges the Freudian dual and the Jungian nondualistic concepts of libido, and demonstrates that, the individual psyche as an embodied being, it is subject to dynamic mental and environmental processes, and is not considered a cut-off entity restricted to several inherent tendencies.41 The illusion of Kristóf’s transparency (“She could see everything, both my future and past.”) is provoked by the reflection of their defenselessness and corporal, mental and psychic instability, uncertainty and serves to intensify his overwhelming fear to leave desolation. The narration connects his death drive, highlighted by the joke, to his infant anxiety created by the sense of being replaced or disposable, and it is presented as a process from being initially unavailable then gradually revealing. Klára’s joke turns on the uninterpretable “long-ago moment” (910.) retrievable from the previous, repeated, increasingly specified passages. The story of the relationship with Ilonka Weisz and the circumstances and causes of Kristóf’s faint are intimately related in the previous chapter (This Sunny Summer Afternoon). His enthusiasm for the chanteuse, the maids’ dismissal and his desire for identification with them, establish the context of his collapse. From the systematic visit of his childhood’s places three main destinations are emphasized by the narration: the restaurant garden where Hedda Hiller used to sing and the scenes of his mother’s then his father’s loss. The accelerated rhythm and the dynamics of their periodic laughter, becoming more conspicuous for this point, introduce the temporary revealing, and then the separated, even more reserved narrated monologues.
Amid the busy pointing, their faces touched, perhaps accidentally, and there was her scent, her shoulders and her breasts. The contact was so light and accidental, their bodies taut as bows, that they both burst into laughter and then laughed in each other’s face. In which act there was enough death-defying courage to make them recoil. Their future became heavy and their past threatening; they said nothing.42
Laughing in each other’s face is enacted like one of the central metaphors of the whole chapter In Full Swing, condenses their communication mixed by involuntary self-revelations and concealments, manipulations. The narrator’s strategy consists in this constantly shifting the focalization of the narrative and the relevant context of their polyvalent metaphors and phrases. “The stormy events of the city’s living history and […] the story of its compulsive destructions and compulsive reconstructions”43 becomes the cause and at the same time the medium of their limits and limitations, laughter in this scene is functioning like the “light barrier”: threatens, reveals and demarcates. The venue of his father’s deportation provokes the sentences which he would have taken back later, and which are in the place of the current real question: “why a new love if everything ends like this, if everything is so brittle and every story is destruction and devastation”. They are standing “in the middle of the deserted, glimmering roadway” (956.) and the father’s former room is illuminated but curtained off. The tension and the contrast between their stories, between her tone, borrowed from the chatty dramas featured in boulevard theaters, and the selling out of his family’s stories are balanced by the releasing laughter at his great-grandfather.
Anyway, he ruined everything at the right time, when everything was still in its heyday. At least they could have a laugh at something: that the great-grandfather had managed to ruin things. There was no inheritance. As if they were saying that nothing could be more uplifting than penury, when one is free of the dread of ownership. And one has to have a certain talent for ruining things, a sense of rhythm.
They too will become worthy of their own doom, they too will squander and ruin everything in good time.
He has nobody and never has had anybody.
And why does he lie so shamelessly.44
This scene presents a further variation of their superior, released laughter at the male family members. The focus here is on possession and property, shifting between their different forms, meanings and connotations, where ownership inspires fear while “penury is uplifting” (958.). Their apparently liberating laughter is secretly controlling, its reterritorializing aspect is targeted for dissipating the inheritance, erasing his dividing history and partly, their ancestry. Their laughter together is creating a sense of community, denying their hidden and irreplaceable lovers whose existence becomes evident for the readers by the second part of the chapter. It develops and manages the strategy to babbling about cover stories, reciting a pseudo-saga of heroes and reversing the former victims of laughter to his death-drive (962.), namely to the third male members of his family. The literal translation of the last word of the quote above would be “facelessly”. The sense of rhythm for ruining things in these chapters is connected to laughter, which makes faces.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.