Kitabı oku: «PHANTASTISCH! PHANTASTISCH!»

Yazı tipi:

Monika Niehaus, Jörg Weigand & Karla Weigand (Hrsg.)

PHANTASTISCH! PHANTASTISCH!

Thomas Le Blanc zum 70. Geburtstag

AndroSF 146

Monika Niehaus, Jörg Weigand & Karla Weigand (Hrsg.)

PHANTASTISCH! PHANTASTISCH!

Thomas Le Blanc zum 70. Geburtstag

AndroSF 146

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: 13. August 2021

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Rainer Schorm

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 248 5

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 849 4

Jörg Weigand:
Die »Phantastischen Miniaturen«

Eine literarische Pioniertat

Der am 13. August 1951 im hessischen Wetzlar geborene Thomas Le Blanc, Gründer der dortigen »Phantastischen Bibliothek«, ist seit Jahrzehnten ein leidenschaftlicher Anthologist und Initiator ganzer Reihen solcher Sammelbände. Ein gutes Beispiel dafür sind die »Sternenanthologien«, die Le Blanc in den Jahren 1980 bis 1985 im Münchner Wilhelm-Goldmann-Verlag herausgebracht hat. Insgesamt erschienen zehn Bände: Von »Antares« bis »Jupiter«, astronomisch benannte Sammelbände, in denen sich der Herausgeber auch – und das verstärkt – dem schriftstellerischen Nachwuchs widmete.

Die hier vorgelegte Anthologie phantastischer Kürzestgeschichten ist zunächst einmal eine Hommage zum 70. Geburtstag eines Mannes, der über lange Jahre anhaltenden (und unberechtigten) Anfeindungen ausgesetzt war. Eines Mannes, der dennoch unbeirrt seinen Weg ging und dem letztlich sein Erfolg Recht gegeben hat.

Es war Ende 2010 oder Anfang 2011, genau ist mir (J. W.) das nicht mehr erinnerlich, jedenfalls präsentierte Le Blanc zusammen mit Falko Löffler den ihm bekannten und von ihm geschätzten Autorinnen und Autoren ein Projekt, das nicht nur ungewöhnlich klang, sondern auch ungewöhnlich war. Rund um den Satz »Ihr Haar zersprang wie blaues Glas« sollten phantastische Kurzgeschichten aller Untergenres wie Märchen, klassische Phantastik oder Science-Fiction geschrieben werden, die diese Formulierung im Text enthielten beziehungsweise mit diesem Satz endeten. Und das mit einem reduzierten Umfang von durchschnittlich 700 Worten, Höchstgrenze 900. Erscheinen sollte diese Anthologie phantastischer Kürzestgeschichten als Eigenproduktion der »Phantastischen Bibliothek«.

Das von den Herausgebern als einmalige Herausforderung an die Autorinnen und Autoren gedachte Heft im Umfang von 50 Seiten erschien im August 2011. Und damit – so hatten sich das Thomas Le Blanc und Falko Löffler gedacht – sollte Schluss sein. Doch als Karla und ich Thomas im Herbst des gleichen Jahres in Wetzlar besuchten, konnten wir ihn umstimmen: Uns schien das Konzept eine unbedingte und unwiederbringliche Chance für die deutsche phantastische Kurzgeschichte zu sein. Und es gelang uns, den Herrscher über die Schätze der »Phantastischen Bibliothek« zu überzeugen. Band 2 mit dem Titel »Invasion der Gnurks« erschien 2012 und es folgten dem zahlreiche weitere Titel; Anfang 2021 gab es bereits deren 50 Ausgaben. Und: Mögen noch viele weitere folgen!

Dass es mir gelang, und ich freue mich darüber, auch noch den einprägsamen Titel »Phantastische Miniaturen« zu finden, sei nur am Rande vermerkt. Mit dieser Anthologienreihe hat Thomas Le Blanc etwas ins Leben gerufen, was wie ein belebendes Element die Autorinnen und Autoren über die Jahre ermunterte und geradezu beflügelte. Erfreulich ist, dass diese Wirkung im Sinne einer Pflege des phantastischen Kurztextes weiterhin anhält – und hoffentlich noch lange anhalten möge.

Die Kreierung der Anthologienreihe »Phantastische Miniaturen« durch Thomas Le Blanc war eine Pioniertat, für die alle in diesem Band vereinten Autorinnen und Autoren dankbar sind und dies mit der Teilnahme an diesem Geburtstagsgeschenk zum Siebzigsten des Gründers der »Phantastischen Bibliothek« bekräftigen.

Insgesamt liegen hier 52 neu geschriebene phantastische Miniaturen vor, extra ausgedacht und niedergeschrieben zu Ehren des Jubilars. Den Autorinnen und Autoren war es freigestellt, unter den von Band 1 bis Band 50 behandelten Themen ein ihnen genehmes Arbeitsgebiet auszuwählen und in ihrer Miniatur zu behandeln. Dabei haben die drei Herausgeber Wert darauf gelegt, die einzelnen Texte nicht redaktionell anzugleichen, sondern in ihrer dedizierten Originalität bestehen zu lassen.

Die drei für diese Anthologie Verantwortlichen haben sich darüber hinaus die Freiheit erlaubt, jeweils eine zweite Story zu schreiben: Eine zusätzliche Hommage an den Jubilar.

Bewusst haben die Herausgeber auf einen Themenhinweis bei jeder einzelnen Geschichte verzichtet. Das wäre natürlich möglich gewesen, hätte aber sozusagen »den Spaß an der Freud« gemindert. Denn so haben die Leserinnen und Leser dieser Geschichtensammlung die Gelegenheit, eine Zuordnung selbst vorzunehmen. Zu diesem Zweck ist dem Band auf den letzten Seiten eine Liste der Bände 1 bis 50 angefügt. Doch Vorsicht: So manche dieser Miniaturen kann auch mehrfach und damit verschiedenen Themenbänden zugeschrieben werden. Für den Jubilar allerdings an seinem Jubeltag, dem 13. August 2021, sicherlich eine leichte Aufgabe.

Hier gilt es noch, den Jubilar für listenreiches Vorgehen um Verzeihung zu bitten. Nur so war es möglich, dass in dem Thomas gewidmeten Band von ihm selbst eine neue Geschichte enthalten ist (nach den gleichen Kriterien geschrieben wie von uns allen); in seinem Falle angereichert mit einem kleinen Interview zu den »Phantastischen Miniaturen«.

Wir gratulieren im Namen aller Autorinnen und Autoren, die jemals in den »Phantastischen Miniaturen« publizieren durften:

Alles Gute, Thomas!

Und:

Auf viele weitere Jahre im Auftrag

und im Interesse der phantastischen Literatur.

Monika Niehaus | Karla Weigand | Jörg Weigand

Maren Bonacker:
Mismatching Mitchells

Als die Pakete kamen, war die ganze Familie in heller Aufregung. Zum einen, weil für jede Sendung allein vier Drohnen im Einsatz waren, was schon eine kleine Sensation war. Zum anderen, weil der ersehnte Paketinhalt so vielversprechend war.

»Ich nehme das Erste«, sagte Alex schnell, kaum dass es auf dem Boden aufgekommen war.

»Nein, das will ich«, maulte Lilly, knuffte Alex mit einem äußerst spitzen Ellbogen in die Seite und schob sich schnell vor ihn. Unsanft zog er sie an den Haaren zurück und achtete nicht darauf, dass sie dabei ins Straucheln geriet. Er war der Ältere der beiden Geschwister, und das erste Paket gebührte ihm, so viel war mal klar.

Gar nichts war klar, fand indes Lilly und biss ihn kurzerhand in die Wade. In dem Getümmel, das daraufhin entstand, hätten die beiden beinahe das zweite Paket mitsamt den Drohnen heruntergerissen.

Ihre Eltern, Susan und Frank Mitchell, warfen sich einen resignierten Blick zu. Szenen wie diese waren keine Ausnahme. Seit Lilly und Alex sich jenseits ihrer Babylauftrainer frei bewegen konnten, gingen sie aufeinander los. Sie hatten Angst, das größere Stück Beyond-Beef zu verpassen, kämpften erbittert um elterliche Zuneigung, gönnten einander kein Stück Stevia und mussten immer und auf jeden Fall die erste Rolle spielen. Hatten ihre Eltern die kleinen Auseinandersetzungen anfangs noch drollig gefunden, verärgerte sie der Zwist, je länger er andauerte. Obwohl ihre Wohneinheit exakt auf die vierköpfige Familie abgestimmt war und alle über den gleichen Raum verfügten, steigerten sich die Geschwister in zerstörerische Eifersüchteleien hinein und raubten den Eltern mit ihrem Gezänk den letzten Nerv. Besuche beim Familiencoach blieben erfolglos; alle Versuche, zu schlichten oder zu besänftigen, brachten nur für kurze Zeit Ruhe, bevor die Kinder eine neue Nichtigkeit fanden, über die sie sich erbittert in die Haare gerieten.

Als die Nachricht vom PaedX3.0 über die Screens flimmerte, schöpften die Mitchells Hoffnung. Als humanoider Gefährte war er für Alleinstehende oder kinderlos gebliebene Paare konzipiert. Tadellos im Benehmen, anspruchslos im Bedarf war der PaedX3.0 nur im positiven Sinne wahrzunehmen. Er parlierte aufs Artigste, konnte einfache Melodien auf verschiedenen Instrumenten spielen und erwies sich als kultivierter Gesprächspartner, der nie die Grenzen des guten Geschmacks verletzte. Vertrat er argumentativ die Gegenseite, dann nur, um die Kommunikation interessant zu gestalten. Sobald seine fein gestimmten Sensoren Unbehagen oder gar Verärgerung bei seinem menschlichen Gegenüber wahrnahmen, schaltete er in der Diskussion auf beifällige Zustimmung um und vermied so jeglichen Konflikt. Die Mitchells sahen eine Chance: In die Familie integriert könnte es der PaedX3.0 vielleicht schaffen, ihre Kinder zu einem besseren Miteinander anzuregen. Vorgelebte Harmonie, natürliche innerfamiliäre Liebe (wenn auch maschinell gestärkt), die perfekte Demonstration friedlichen Miteinanders – so wollten sie ihren Kindern ein positives Modell vorsetzen, dessen vorbildliches Verhalten hoffentlich auf Alex und Lilly abfärben würde. Sie schickten aktuelle 3-D-Bilder ihrer Kinder an die KI-Zentrale und beschlossen gleich zwei der kostspieligen Modelle zu leasen, die für den entsprechenden Zeitraum in ihrem Äußeren bis ins Detail an Alex und Lilly angepasst sein würden. So könnte Alex mitmenschlichen Umgang mit dem Konterfei seiner Schwester trainieren und Lilly zwistfreie Kommunikation mit dem Abbild ihres Bruders. Hatten Lilly und Alex gelernt, respektvoll und freundlich miteinander umzugehen, würde ein unkompliziertes Resetting persönliche Daten aus den elektronischen Gehirnen des PaedX3.0 zuverlässig löschen und die humanoiden Gefährten könnten – runderneuert – anderen Familien zugestellt werden.

Die Mitchells waren glücklich. Der Tag, an dem die Drohnen die beiden Pakete zustellten, sollte den Anfang einer neuen, harmonischeren Familie markieren. Dass zwei Mitglieder der Familie in just diesem historischen Moment ineinander verkeilt und verbissen über den allzeit staubfreien Teppich rollten, war zu verschmerzen; ein Ende der Ära »Mismatching Mitchells« endlich absehbar. Dachten die Mitchells.

Doch in den folgenden Wochen zeigte sich, dass Alex’ und Lillys Hang zu Rechthaberei, Neid und Streit deutlich stärker ausgeprägt war, als die Eltern geahnt hatten. Alex3.0 und Lilly3.0, wie sie ihre neuen Hausgenossen liebevoll getauft hatten, schalteten von angepasstem Betragen schnell auf unterwürfiges Hab-mich-lieb um und waren doch weit davon entfernt, durch ihre Nachgiebigkeit Frieden zu ernten. Vielmehr wurden sie geknufft und getreten, und einmal versuchte Lilly gar, Alex3.0 ein Glas Wasser in die Elekronik zu kippen. Nur die hautähnliche Rundumversiegelung verhinderte das Schlimmste.

Nach sechs Monaten kam wie vereinbart der Fragebogen über eine mögliche Leasingverlängerung. Frank und Susan saßen traurig über den Dokumenten und mussten sich eingestehen, dass sie gescheitert waren. Alle Versuche der positiven Interaktion hatten zu nichts geführt. Alex3.0 und Lilly3.0 waren jedermanns Liebling – nur an Alex und Lilly perlte ihre gleichbleibende Freundlichkeit ab. Das Experiment fortzuführen, hatte wenig Sinn, aber Frank und Susan wollten sich ihre Entscheidung nicht zu leicht machen.

»Wir könnten es noch sechs Monate versuchen«, wagte Susan zaghaft vorzuschlagen. Die Erinnerung an das freundliche Lächeln der beiden humanoiden Gefährten, als Lilly und Alex sie am ersten Tag aus ihren Verpackungen gerissen hatten, schmerzte. So hatten sie immer ihre Kinder sehen wollen – glücklich, unbeschwert, vielversprechend. Der PaedX3.0 entsprach genau ihrer Vorstellung von einem perfekten Kind.

Ihr Blick traf den ihres Mannes. »Wir könnten …« Aber als sie Franks entschlossenen Gesichtsausdruck bemerkte, brach sie ab. Dann nickte sie.

In stummem Einvernehmen packten sie die beiden Pakete. Sorgfältig polsterten sie alles aus – sie hatten die beiden doch irgendwie lieb gewonnen. Doch nun hieß es Abschied nehmen und nach vorn zu schauen, in ein anderes Leben; friedlicher und harmonischer als es je gewesen war. Und als die Drohnen am kommenden Morgen die Pakete mitnahmen und Susan und Frank Hand in Hand mit ihren humanoiden Gefährten auf der Veranda standen, wussten sie, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatten.

Gerald Bosch:
Phonetischer Paradigmenwechsel

»Potztausendsakrament! Patagonischer Pavianarsch! Pest und Pocken! Parbleu!«

Leicht irritiert blickte ich von meinem Clipboard hoch.

Verlegen räusperte sich der Typ auf der Chaiselongue. »‘tschuldigung, Tourette.«

Auch das noch! Seitdem ich vor zwei Jahren bei der Word & more Consulting als Live Coach angefangen habe, sind mir schon ein paar schräge Vögel untergekommen, aber der hier hatte sich schon beim Reinkommen in die Top Ten Playlist hochgewuppt. Summa summarum ein eher spirreliger Typ, mit durchgestrecktem Rücken und geschwollener Brust, platter Nase, Pickeln und Pomadentolle. Schon der erste Eindruck hätte sofort die Geschmackspolizei alarmieren müssen: Pastellgrüne Popelinehose, purpurner Pullunder, pinkes Piquéhemd – gut, in diesem Punkte gibt es eventuell Diskussionsbedarf. Doch seine weiteren Accessoires wie Plüschpantoffeln, Piratenhut und Pincenez – absolutes No Go! Mental machte ich mir eine Notiz, ihm einen Termin bei meiner Kollegin Ramona zu besorgen, ihres Zeichens Expertin für Farb- und Stilberatung.

»Was führt Sie zu mir, Herr …«, mein Blick schweifte über die Liste, »… Peeh!«

»Please, bloß P«, stöhnte gequält mein Gegenüber. Seine Lippen formten hauchend den richtigen Laut. »Ohne e. Schlicht und einfach nur P. Puristenkacke! Putain!«

Blitzartig schoss mein Adrenalinspiegel auf Milchstraßenniveau: Mist, schon wieder einer dieser durchgeknallten Lettern aus dem Gutenbergprojekt, mit dem mein Chef voriges Jahr freudestrahlend von der Frankfurter Buchmesse zurückgekehrt war. Wie sich herausstellte, eine globale Imagekampagne für Buchstaben, die erst in die digitalen Wechseljahre und dann in kommunikative Vergessenheit geraten waren.

Als abgebrochener Kunstgeschichtsstudent und Hobbysinologe mit drei Jahren Berufserfahrung in der Eventgastronomie hatte ich bei W&mC recht bald den Ruf weg, ein fantasievoller Querdenker zu sein. Mein Erfolg schien diesem Image gerecht zu werden. Pech nur, dass mein Chef mir seitdem stets die hoffnungslosesten Fälle zuschusterte, an denen sich andere bereits alle Zähne ausgebissen hatten. Letzte Woche erst hatte ich bei einem schnöseligen M und einem verhuschten D (beides verkrachte Altphilologen) einen verborgenen Faible für große Zahlen entdeckt und die Jungs mit einem Crash Kurs in lateinischer Numerik für das Börsengeschäft in Italien fit gemacht. Und fast jeden Tag bekomme ich überschwängliche E-Mails von einem blassen C aus Madrid, das dank meiner aufmunternden Zurede – verbaler Tritt in den Allerwertesten wäre die wohl eher zutreffende Wortwahl – zur leitenden Position in der spanischen Kohlenstoffchemie aufgestiegen war. Die Wesenheit auf der Couch fiel offenbar in eine ähnliche Kategorie.

»Was stört Sie denn an Ihrem Dasein als Konsonant? Das Gros von Ihnen findet doch immer einen passenden Vokal als Partner für eine optimale Klangharmonie. Und wenn sie nicht gestorben sind … Geht dieses Konzept bei Ihnen etwa nicht auf?«

»Pshaw, meist schon. Doch die Monotonie geht mir auf den Geist: Immer nur Pe, Peh, Pee. Und dann schubbert dieses dösige e dauernd seinen Rücken an mir. In Kombi mit den anderen Selbstlauten steh ich übrigens keinen Deut besser da. Nehmen wir nur mal das o. Möchten SIE gerne jeden Morgen als ›Gesäß‹ begrüßt werden?«

Eins zu null für dich, mein Freund, dachte ich grimmig. Zuckersüß kam dann auch meine nächste Frage: »Könnten Sie sich denn eine Liaison mit einem anderen Konsonanten vorstellen?«

Frustriert winkte mein Gegenüber ab. »Hab ich schon probiert. Sowohl mit h wie mit s. Ging voll in die Hose. Beide sind mit meinem Pass und zwei minderjährigen is nach Griechenland durchgebrannt, wo sie kreuzfidel unter neuer Identität firmieren – Ψ & Φ Kyrillikon GmbH & Co. KG. Tolle Wurst.«

Diese Alternative brachte uns auch nicht weiter. »Hmm, Ihnen schwebt also eher ein völlig neues Leben als Single vor?« Ein breites Grinsen über seine beiden Pausbäckchen war mir Antwort genug. Dieses nerdige P als phonetischer Rambo? Tricky. Ein Hardlinerlabiallaut im Alleingang? Noch schwerer vorstellbar. Die Challenge gestaltete sich kniffliger als gedacht, und meinen Großhirnsynapsen gingen allmählich die Neurotransmitter aus.

Ein leises Pling! aus dem Laptop riss mich aus meinem Gedankenchaos. Schon wieder eine Mail von diesem überaus dankbaren Señor Carbonico. Der nervt allmählich, dachte ich mir … doch dann kam mir blitzartig die Erleuchtung.

»Ein vollständiger Existenzwechsel ohne Wenn und Aber? Sehr gut, ich hätt’ da vielleicht ‘ne Idee. Phonetisch gehören Sie doch zu den Plosiven, oder? Das wär’ schon mal die halbe Miete. Sie müssten sich allerdings von Ihrem bisherigen farblichen Outfit trennen und ausschließlich Rot, Weiß oder Schwarz tragen. Alles Weitere steht in diesem Infotext.«

Skeptisch überflog er meine Broschüre. »Periodensystem der Elemente? Sichere Existenz? Und obendrein mit hohem Unterhaltungswert?«

»Genau, anorganische Chemie ist DIE Lösung: V. Hauptgruppe Platz 15. Da geht die Post ab, sag ich Ihnen, als roter Phosphor können Sie's so richtig krachen lassen. Aus PLOSIV wird exPLOSIV. Party pur.«

Dem verschmitzten Lächeln nach zu urteilen, schienen meinem Kunden diese Aussichten zu gefallen. Ich hatte mal wieder den richtigen Riecher gehabt.

»Sollten Sie irgendwann doch wieder Stabilität und Ruhe in Ihrem Leben wünschen: Ich hätte da vier arbeitslose Os im Angebot, die nur darauf brennen, unter Ihrem Kommando die Arbeitsgruppe PHOSPHAT zu bilden. Und mit drei zusätzlichen Hs – die gibt’s auf dem freien Markt wirklich en masse – könnte Ihr chemisches SWAT-Team dann auch richtig schön ätzend werden. Projekt Phosphoric Acid. Geil, gell? – Abschließend nur noch eine klitzekleine Frage: Sie haben doch grundsätzlich keine Bindungsängste, oder?«

Maike Braun:
Systemrelevant

»Wir wissen nicht genau, worin die Bedrohung besteht«, sagte El Jefe, vulgo: Polizeikommandant des Úmbigo-Systems. »Es kann sich um einen Cyberangriff auf Global City handeln, um eine schmutzige Bombe, selbst das Platzieren von Mini-Schwarzen-Löchern, mit deren Hilfe unser gesamtes Torsystem lahmgelegt werden kann, ist nicht ausgeschlossen.«

»Wissen wir, wer dahinter steckt?«, fragte jemand.

El Jefe verzog das Gesicht. »Leider nein.«

Der Verbindungsoffizier der Dusaner, ein Zweimeter-Waran, schlug mit seinem Schwanz gegen die Wand. Mit einem Klirren fiel die Ernennungsurkunde des Kommandanten zu Boden.

»Zum Glück bekommen wir Verstärkung von Terra«, sagte der Chef schnell. Der Dusaner brummte etwas. Die Monkis, die sich bei der ersten Regung des Dusaners hinter ihrem Schreibtischen verschanzt hatten, setzten sich wieder auf den Schreibtisch und selbst die Lubas in ihren Wassertanks pressten jetzt interessiert die Saugnäpfe gegen die Glasscheiben. Die Terraner waren ein abergläubisches Völkchen, in Ermittlungen aber erstaunlich effizient.

In dem Moment betrat eine kleine Frau in Blümchenkleid und mit blondem Haarmopp den Raum.

Unwillkürlich strich ich mir über meinen Bürstenschnitt.

»Darf ich vorstellen: Heidi Baumann«, sagte der Chef und wollte der Kollegin gerade die Lage schildern, als die abwinkte. Sie tippte sich gegen die Schläfe und sagte: »Ich habe mich auf dem Hinflug informiert.«

Auf seinen fragenden Blick hin ergänzte sie: »Schläfenlink.« Dann deutete sie auf ihre Augen. »Retinakameras. Sobald wir eine Verbindung mit Ihrem System hergestellt haben, können Sie alles verfolgen, was ich sehe und höre.«

El Jefe winkte mich herbei. »Das ist Joara«, sagte er. »Unsere IT-Expertin.«

Sobald die Verbindung stand, wandte sich die Baumann zum Gehen. »Wohin wollen Sie?«, fragte ich.

»Zum Friseur«, sagte sie.

Als Blümchenkleid kurz darauf an den Empfangstresen des Salons trat, warf ihr die Fari einen mitleidsvollen Blick zu und führte sie umgehend zu einem Waschbecken. Linkerhand färbte eine Monki gerade einem Dusaner die Stirnplatten in Metallfarben.

Kurz darauf rollte eine Monkifrau auf ihrem motorisierten Friseurwagen herbei und begann, der Baumann mit allen vier Armen gleichzeitig das Haar zu schamponieren.

Mit den Worten »Schon was Neues?« holte mich der Chef in das Hier der Polizeistation zurück.

»Die Haare werden gerade gewaschen«, antwortete ich.

Auf dem Frisierstuhl nutzte die Kollegin den Spiegel, um sich unbemerkt umzusehen. Mir fiel eine Gestalt im Wartebereich auf.

Weiter nach links, bitte, sagte ich daher per Schläfenlink, sorry, nach rechts.

Die Baumann musterte den Mann, graues Hemd, dunkelgraue Hosenträger, der in irgendwelchen bunten Heftchen blätterte.

»Wer ist das?«, fragte sie die Monki, die mit dem Schneiden begonnen hatte.

»Unser Hausgeist.«

»Hausgeist?«, fragte die Baumann.

Manchmal fragte ich mich, ob die Terraner hinter dem Mond lebten. Jedes Kind wusste, dass ohne Hausgeister kein Geschäft lange gut lief.

»Erst vor einer Woche hat ein Dusaner eine Fari angebrüllt, weil diese zuerst bedient wurde«, erzählte die Monki. »So eine Zweimeter-Echse braucht eine Fari nur anzuschnauben und sie fliegt gegen die Wand, so leicht, wie die sind.«

Die Baumann nickte.

»Sofort hat unser Hausgeist dem Dusaner eine Geschichte vorgelesen«, fuhr die Monki fort, »das hat ihn beruhigt.«

»Um was ging es denn in der Geschichte?«

Wenn die Baumann so weiter machte, waren wir morgen noch hier.

Nur Geduld, funkte da die Baumann zurück. Hatte ich etwa zu laut gedacht?

»Es ging um einen Kartoffelfehler«, sagte die Monki. »Ein ernst zu nehmendes Problem für einen Dusaner.«

Was ist ein Kartoffelfehler?, fragte ich.

Keine Ahnung. Sie können es später nachlesen. Im Moment haben wir Wichtigeres zu tun.

»Ihr Hausgeist sieht ein bisschen blass aus«, meinte die Baumann.

Die Monki ließ die Scheren sinken und nickte traurig. »Wenn wir nicht bald Nachschub an neuen phantastischen Geschichten bekommen, wird er sich ein anderes Etablissement suchen.«

Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass schon seit Monaten keine neuen Hefte mehr geliefert wurden. Checken Sie mal, wo die herkommen, funkte die Baumann mir zu.

Schon in Arbeit.

Die Storys stammten von einer eingeschworenen Gemeinschaft von Phantasten auf Terra. Allerdings hatte sich eine Gegenbewegung formiert, die sogenannten Neorealisten. Die bekämpften alles, was nicht q.e.d.-bar war. Der Brandanschlag auf eine Lagerhalle in Lunex vor einer Woche ging auf das Konto der Gruppe.

Ich schickte die Info an die Baumann, der die Monki gerade Strähne für Strähne auf Lockenwickler rollte.

Müssen Frachter von Terra nicht auf Lunex einen Zwischenstopp zum Auftanken einlegen, bevor sie hier im Úmbigo-System landen?

Ich veranlasse sofort die Überprüfung sämtlicher Frachter aus Lunex, funkte ich zurück.

Die Dauerwelle der Baumann war gerade trocken, als das Einsatzkommando aus Menschen und Dusanern den Containerhafen stürmte. Bereits beim zweiten Container wurden die Kollegen fündig. Er enthielt unmarkierte Ampullen. Der Kommandant ließ die Biogefahrentruppe anrücken.

»Und?«, fragte die Baumann, als sie frisch eingefärbt und dauergewellt ins Präsidium zurück kehrte.

»Das Labor sitzt noch dran. Aber wir haben auf Lunex nachgefragt. Dort befindet sich ebenfalls eine kleine Truppe von Phantasten, die sich ein Virus eingefangen haben. Seit Tagen bringen die nur noch drögen Realismus hervor.«

Es stellte sich heraus, dass sich in den Ampullen just dieses Virus befand. Es griff gezielt den rechten Gyrus angularis an und beschädigte das dort angesiedelte Sprachverständnis sowie die Vorstellungskraft.

Ein Gegenmittel war schnell gefunden, der Nachschub an phantastischen Geschichten lief wieder.

Ich ließ es mir nicht nehmen, dem Hausgeist die neuen Hefte persönlich vorbeizubringen – und mit metallisch schimmernden Haarstacheln wiederzukehren.

El Jefe schaute ziemlich schockiert und fragte mich, ob ich mir aus Versehen eine Überdosis Phantasmus eingefangen hatte.

»Heidi hat’s gefallen«, sagte ich. Außerdem habe der Fall ja wohl gezeigt, dass Phantastik systemrelevant sei.

Barbara Büchner:
Die Geschichte vom Knaben und dem Totenbeinchen

Einst kam ein Zauberer in ein kleines Dorf und stieg in der einzigen Herberge dort ab. Der Wirt war ein armer, aber rechtschaffener Mann, der drei hübsche Söhne hatte. Als nun der Zauberer die Knaben sah, dachte er bei sich: ›Die muss ich haben, koste es, was es wolle.‹ Es konnte aber dieser Zauberer alle Gestalten annehmen, auch die schönsten und reinsten, und er hatte die Gestalt eines hohen vornehmen Herrn angenommen. Als nun der Wirt ihm die Speisen auftrug, tat er ihm recht freundlich und sagte zuletzt: ›Eure Not rührt mich sehr, guter Mann! Da ihr nicht die nötigen Mittel habt, eure Söhne ein Handwerk lernen zu lassen, so überlasst mir doch einen von ihnen. Ich will ihn gern an Kindes statt annehmen, es soll ihm bei mir an nichts fehlen.‹ Und mit allerlei Überredungskünsten und vielen guten Worten gelang es ihm schließlich, den Wirt, der von dem Handel erst gar nicht angetan war, umzustimmen.

So zog der Zauberer mit dem Knaben fort auf sein Schloss. Dort sagte er zu dem Kind: ›Ich muss gleich wieder fort; sorge du inzwischen für mein Hab und Gut.‹ Und er gab ihm alle Schlüssel zum Hause, zugleich aber einen kleinen goldenen Schlüssel, von dem sagte er: ›Die Türe, die dieses Schlüsselchen sperrt, darfst du niemals öffnen, sonst bist du des Todes.‹ Damit ritt er fort.

Eine Weile hielt der Knabe sich an diesen Befehl, aber als der Zauberer nicht so bald zurückkam, sperrte er doch eines Tages das verbotene Türchen auf. Da war nichts dahinter als ein Zimmerchen mit einem steinernen Tisch darin, auf dem lag eine abgehauene Hand. Erschrocken schloss er die Türe wieder zu.

Nach einer Weile kam der Zauberer wieder und verlangte seine Schlüssel zurück, und sofort sperrte er auch das Pförtchen auf und rief: ›Warst du die ganze Zeit alleine, Hand?‹

›Nein‹, rief die Hand zurück, ›es war ein Knabe da, der hat mich besucht.‹

Da geriet der Zauberer in hellen Zorn. ›So also hältst du es mit meinen Befehlen! Komm nur gleich mit mir!‹, rief er. Und er führte das unglückliche Kind in ein unterirdisches Verlies, in dem Leichenteile an großen Haken aufgehängt waren. ›Hier siehst du, was auch aus dir werden wird‹, sagte er, packte den Knaben und hängte ihn an einem der Haken auf.

Danach machte er sich aufs neue auf den Weg zu dem armen Wirt und sagte zu ihm: ›Eurem Sohn gefällt es so gut bei mir, dass er gar nicht mehr zurückkehren möchte, er bittet aber, dass sein Bruder ihn besuchen darf.‹ Und wieder gelang es ihm, den Wirt zu überreden.

Da ging es dem zweiten Jungen wie dem Ersten: Er sperrte das Türchen auf, spähte hinein, und die Hand verriet ihn an ihren Herrn, sodass er ebenfalls in dem Leichenkeller gehenkt wurde.

Als nun der Zauberer auch den dritten Sohn holte, ahnte dieser, dass ihm nichts Gutes bevorstand. Er besaß aber ein Totenbeinchen, das ihm schon oft gut geraten hatte, das fragte er nun, was er tun sollte.

›Höre‹, sagte das Totenbeinchen, ›es wird dir nichts anderes übrig bleiben, als mit dem Zauberer zu gehen, denn er hat deinen Vater betört, sodass er dich mit ihm ziehen lässt. Deine Brüder sind beide tot, aber dir will ich heraushelfen, wenn du nur gehorsam tust, was ich sage.‹ Und als sie dann ins Schloss des Zauberers gekommen waren und dieser dem Knaben seinen Schlüsselbund gab, da riet ihm das Beinchen, ganz wohlgemut zu sein und sich's in dem prächtigen Schloss wohlergehen zu lassen. Dann sagte es: ›Wenn du das Türchen aufsperrst – und ich weiß, dass du das tun wirst, obgleich's dir verboten ist –, dann nimm die Hauskatze mit, aber gib ihr vorher drei Tage lang nichts zu fressen.‹

Das tat der Junge. Wie er nun die verbotene Türe aufsperrte, da sprang die hungrige Katze mit einem Satz hinein, schnappte die Hand und schlang sie hinunter. Ohne die Hand aber hatte der Zauberer seine Macht verloren. Als er zurückkehrte und das Zimmerchen leer fand, fiel er augenblicklich tot nieder, dass er dröhnend auf den Fliesenboden des Schlosses stürzte, sein Kopf vom Körper fiel und sein Blut durch den ganzen Saal spritzte.

»Gut gemacht«, sagte das Totenbeinchen. »Nun nimm das Haupt des Zauberers und wirf es ins Feuer!« Das brachte der Knabe aber nicht fertig, so sehr graute ihn vor dem abgehauenen Kopf, der ganz blau geworden war und ihn aus seinen glasigen Augen böse anzustarren schien. Von Angst und Schrecken gepackt, warf er das Haupt des Zauberers in das verfluchte Zimmer und sperrte die Türe hinter sich zu, und seit der Zeit wagte nie wieder jemand, diesen Raum zu betreten. Zuweilen hörte man, wie das Haupt darin herumrollte und -polterte, und zuweilen soll der eine oder andere gewagt haben, durchs Schlüsselloch zu spähen: Dann sah man es zumeist auf dem Kaminsims stehen, so rot und blutig wie an dem Tag, an dem es abgeschlagen worden war. Merkte es aber, dass jemand hereinguckte, so machte es Augen wie ein Käuzchen, stürzte sich sofort vom Sims und rollte blitzschnell auf die Türe zu, sodass keiner der Späher Lust hatte, noch länger das Auge ans Schlüsselloch zu halten.

Deshalb ist die Türe heutzutage auch immer verschlossen. Aber ich weiß, wo ihr den goldenen Schlüssel finden könnt.

Karl-Ulrich Burgdorf:
Frau Bertha

Und nun ist der Heinrich also gestorben. Möge Gott der HERR seiner Seele gnädig sein! Hat er sich doch arg gegen mich und wohl auch gegen andere versündigt. Angefangen hat das alles mit dem Pudel. Der ist ihm auf seinem Osterspaziergang mit dem Famulus Wagner zugelaufen, ein verlaustes schwarzes Vieh, aber irgendwie scheint’s dem Heinrich gefallen zu haben, denn er hat es mit nach Hause gebracht, wo ich grad dabei war, das Ostermahl zu richten. Da hat der Pudel dann sogleich versucht, mir den Braten vom Tisch zu stehlen, aber ich hab’s ihm tüchtig mit dem Kochlöffel gegeben, dass er ganz jämmerlich gejaulet hat. Aber das mochte der Heinrich nicht leiden, sondern hat mich gar wüst darob gescholten und gesagt, so könne man doch nicht mit einem unverständigen Tier umgehen.

Zum Glück ist das Vieh nicht lang bei uns geblieben, denn schon am nächsten Tag ist ein Mann aufgetaucht und hat es weggeholt. Das Vieh hab ich dann nimmermehr gesehen, seinen Besitzer aber umso öfter. »Der Stoffel«, sprach mein Mann – so nannte er ihn immer, den richtigen Namen hab ich nie vernommen, er wird wohl Christoph oder so ähnlich gewesen sein – »der Stoffel ist ein rechter Mann, er versteht was von der Welt.« Und er, der immer nur in seiner Studierstube über den Büchern gehockt hatte, ist dann bald ganz unter den Einfluss vom Stoffel geraten. Als erstes hat er sich ein Pferd gekauft, weil man das als Mann von Welt haben müsse, aber nicht so eine Schindmähre, nein, ein edler Rappe musste es schon sein, und ich konnte zusehen, wie ich mit dem knapperen Haushaltsgeld auskam! Und dann sind er und der Stoffel fortgeritten, habe andere Städte besucht und sich dort die Zeit vertrieben. Zuerst – das ward mir später von einer Base hinterbracht, deren Mann es selbst gesehen hatte – haben sie wohl nur in einer Kneipe, Auerbachs Keller hat sie geheißen, mit Studenten pokuliert. Mit Studenten! Ein gestandener Professor wie mein Heinrich, für den sich so etwas doch wirklich nicht geziemt! Aber das hat nicht lange gedauert, weil der Stoffel es wohl mit dem Vorführen etwelcher Taschenspielertricks ein weniges übertrieben hat, sodass es zu Hader und Streit gekommen ist. Schläge seien meinem Heinrich und dem Stoffel angedroht worden, Messer blankgezogen, und die beiden seien so gerade eben noch mit dem Leben davongekommen.

Was ein armes Frauenzimmer wie ich so gar nicht versteht, ist, daß dieses Abenteuer die Lust auf weitere und noch schlimmere beim Heinrich wohl noch angeregt hat. Der Stoffel hat ihn mit einer übel beleumundeten Person zusammengebracht, der stadtbekannten Kupplerin Marthe Schwerdtlein. Und die hatte auch gleich ein blondes Luder an der Hand, das gar zierlich die Spröde zu spielen verstand, auf dass der Heinrich nur tüchtig mit Gold und Geschmeide um sie buhlen möge, um bei ihr sein Ziel zu erreichen, welches Sie als Mann von Welt ja kennen werden. Bei uns hingegen war ab da Schmalhans Küchenmeister, denn wie soll man mit nichts die Mäuler dreier unmündiger Kinder stopfen? Den Heinrich hat das alles nicht geschert, denn er ist fast gar nicht mehr nach Hause gekommen, sondern war nur noch bei seinem süßen Gretchen, wie er’s nannte, am Herumcharmieren und Poussieren. Aber das ist ihm am Ende nicht so wohl bekommen, denn das blonde Luder hat ihm die Französische Krankheit angehängt, und da war ich zum ersten Mal froh, dass er schon seit vielen Jahren darauf verzichtet hatte, seine ehelichen Pflichten bei mir zu erfüllen.

Ob es noch schlimmer kam? Aber gewiss, denn eine Missetat zieht die andere nach sich, wie es im Sprüchwort heißt. Denn so geschickt seine Buhle im Verführen war, so ungeschickt war sie, wie’s scheint, darin, den Folgen ihres unziemlichen Tuns zu wehren. Schwanger ist sie geworden, von meinem Heinrich, und das war ihr nun gar nicht recht, und der Marthe Schwerdtlein und Gretchens Bruder auch nicht.

Ach, von dem Bruder habe ich noch gar nicht gesprochen? Nun, Bruder nannte er sich zwar, aber ob’s stimmt, das weiß nur der Herrgott allein. Jedenfalls ist er zum Heinrich gegangen und hat von ihm gefordert, die Ehre seiner Schwester wieder herzustellen, indem er sie heirate. Aber das ging ja nicht, weil er schon mit mir, der Bertha Faust, verheiratet war, was er dem Gretchen natürlich nicht verraten hatte. Aber jetzt kam es heraus, der Stenz zog blank, Heinrich und Stoffel auch, und alsbald lag Gretchens saub’rer Bruder tot in seinem Blute. Dass Stoffel und nicht Heinrich den tödlichen Stich tat, will ich wohl glauben, denn noch in jener Nacht verließ der böse Bube die Stadt und das Land, und seinen verflohten Pudel wird er wohl auch mitgenommen haben.

Es war dieselbe Nacht, in der die Buhle ihr Kind gebar, aber als Heinrich zu ihr eilte, hatte sie’s schon umgebracht, damit es ihr weiteres Leben nicht über Gebühr beschwere. Weiteres Leben! Hingerichtet hat man sie, und das war auch der Grund, weshalb Heinrich an jenem Nervenfieber erkrankt ist, das nun seinen Tod herbeigeführt. Und wer hat ihn bis an sein Ende gepflegt? Ich, Bertha Faust, die Ehefrau!

Aber eines, Herr Geheimrat, hat mich dann doch ein wenig mit ihm versöhnt. Denn als es mit ihm zu Ende ging, da hat er noch einmal die Augen aufgeschlagen, mich angelächelt und gesagt: »Verweile noch, du bist so schön.« Und in dem Moment hätt’ ich ihn beinah wieder lieb gehabt.

Nadine Dennhardt:
Teebeutel

»Hudson, ich habe mich klar ausgedrückt. Du gehst rein, tätigst den Kauf und dann direkt wieder raus. Du bist verkabelt. Wir hören alles mit, und die Knopfkamera zeichnet alles auf. Keine Alleingänge wie beim letzten Mal.«

Ich nickte und tippte auf meinen Ohrstöpsel, aus dem ich meinen Partner Dom klar und deutlich hören konnte.

Der Fall des illegalen Tierhändlerrings beschäftigte mich jetzt schon seit Monaten. Die völlig skrupellosen Gangster verschifften vom Aussterben bedrohte Tiere von einem Kontinent zum anderen. Aber was mich wirklich nicht losließ, waren die Wesen, die ich auf den Fotos nicht identifizieren konnte. Ich war nicht der Typ, der an Kryptozoologie glaubte, aber das, was ich da gesehen hatte … Nervös kratzte ich mich an der Hand. Meine Ichthyose war wieder aufgeflammt. Meine Hand sah aus, als hätte sie Fischschuppen.

Ich nickte meinem Kollegen noch einmal zu und stieg dann aus dem unauffälligen Van, der eine Querstraße von dem Zoohandel entfernt geparkt war. Ich zog den Leinenanzug glatt und rückte meinen Hut zurecht. Die Sonne spiegelte sich in meinen feinen Lederslippern. Das perfekte Bild des wohlhabenden Sonderlings, der auf der Suche nach dem Besonderen war.

Ein Glöckchen klingelte, als ich eintrat, und ein freundlich lächelnder, älterer Herr mit einem Vogeltattoo am Hals betrat den Verkaufsraum. Das stille Rauschen von mehreren Hundert Aquarien erfüllte den Raum. Über der Theke prangte ein Schild, das stolz den Namen des Geschäfts verkündete: Dädalus Tierimport.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich bin auf der Suche nach etwas Besonderem. Etwas, das man nicht in jedem Zooladen erwerben kann.« Dann legte ich die Visitenkarte, die ich von einem Informanten bekommen hatte, auf die Theke.

Ein Glitzern kam in die Augen des Mannes.

»Ah, Sie sind auf der Suche nach etwas, das geradezu my-thisch wirkt? Dann kommen Sie doch bitte mit nach hinten ins Lager.«

Er öffnete eine Tür hinter der Theke und ließ mich passieren. Wir standen in einem Raum, der nur eine weitere Tür besaß, die mit einem hochmodernen Schloss gesichert war. Der Mann, laut seinem Namensschild der Inhaber Dädalus selbst, zog einen Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn ins Schloss. Er sah mich an, und sein Blick blieb an dem Ausschlag an meiner Hand hängen.

»Wasserwesen? Ja, ich denke, da finden wir etwas Passendes.«

Er drehte den Schlüssel hin und her, und auf dem digitalen Feld oberhalb des Schlosses leuchteten nacheinander die alchemistischen Symbole für Feuer und Erde auf. Dann erschien das Symbol für Wasser, ein Dreieck, das auf der Spitze stand. Er öffnete die Tür in eine Lagerhalle, die sich mehrere Hundert Fuß in die Länge streckte. Er hielt mir die Tür auf, und ich trat ein. Im gleichen Moment knackte mein Ohrstöpsel. Der Funk fiel aus, aber angesichts der zahlreichen Wesen in kleinen und großen Wassertanks, fehlten mir sowieso die Worte.

»Haben Sie schon ein besonderes Haustier, oder ist es Ihr erstes?«

Ich schluckte trocken. »Das Erste.«

»Dann würde ich Ihnen empfehlen, mit etwas Kleinem anzufangen. Bitte folgen Sie mir.«

Der Mann führte mich vorbei an Tanks, in denen Sirenen schalldicht neben frisch geschlüpften Scylla lagen. Die Jungtiere fraßen ihre Eierschalen und gelegentlich auch einander, während die Sirenen einander gelangweilt die Haare flochten.

»Wir sind gleich da.«

Er führte mich tiefer in die Halle vorbei an Wasserwesen, für die ich nicht mal einen Namen hatte.

Dann traten wir in einen Raum, dessen Wände von vier Regalen gebildet wurden. In den Regalböden standen kleine Vier-Liter-Wassertanks.

»Für den Anfänger empfehle ich eine Wassernymphe. Eine Naiade oder eine Heleionomae vielleicht?«

In den Gläsern und Tassen saßen kleine menschenähnliche Wesen. Meist weiblich und mit langen Haaren, die zu Zöpfen geflochten waren, an denen ein Zettelchen angebracht war, das über den Rand hing. Fast wie ein Teebeutel in menschlicher Gestalt. Meistens steckte eine Blume oder ein grüner Zweig mit im Wasser.

Ich tippte an ein Glas und die winzige Nymphe sah mich erschrocken an. Sie klammerte sich an ihren Stil Pfefferminze. Vorsichtig nahm ich das Zettelchen in die Finger, um sie nicht an den Haaren zu ziehen. Auf dem Papier stand:

Heleionomae

Süßwasser,

liebt Pfefferminz,

täglich frisches Wasser.

Keine Zusatzstoffe verwenden!

»Ich hätte gerne diese hier.«

»Eine hervorragende Wahl. Sie können sie auch in eine Vase setzen. Dann bleiben die Blumen länger frisch. Oder in eine Tasse, wenn Sie Pfefferminztee mögen.«

Er lächelte und trat direkt auf mich zu. Erschrocken riss ich die Augen auf. Aber er griff nur an mir vorbei nach dem kleinen Wassertank. Dädalus hatte eine Plastiktüte in der Hand. Er kippte den Tank samt Inhalt, Nymphe und Stängel, hinein. Dann verschloss er sie mit einem Gummiband und reichte sie mir.

»Das macht dann zweitausend Dollar.«

»Nehmen Sie auch Karte?«

»Natürlich.«

Er schob mich vor sich her zum Ausgang, und noch bevor ich es richtig erfasst hatte, stand ich wieder vor dem Laden. In der Hand hatte ich die Tüte mit der kleinen Nymphe. Sie schwamm aufgeregt hin und her und blinzelte in die Sonne.

Es knackte wieder in meinem Ohr und ich hörte Doms Stimme. »Verdammt, Hudson, wir hatten den Kontakt verloren. Geht es dir gut?«

Ich nickte, bis mir einfiel, dass Dom mich nicht sehen konnte. »Ja, alles in Ordnung. Ich habe den Beweis. Du kannst das Amazonenkorps reinschicken.«

Ich zog den Ohrstöpsel heraus. Dann stupste ich gegen den Beutel.

»Und mit dir Mentha werde ich mich jetzt darüber unterhalten, was es heißt, dass du nicht meinen Fluss verlassen sollst.«

Paul Felber:
Späte Rache

Nachdem Robert Wirz aus Zürich, der sich an diesem schicksalhaften Tag im Spätherbst auf einer Urlaubsreise durch die Südstaaten von Nordamerika befand, die Gedenkstätte von Andersonville verlassen hatte, stieg er wieder in seinen Mietwagen und machte sich auf die Suche nach einer Unterkunft in der näheren Umgebung.

An diesem geschichtsträchtigen Ort im Bundesstaat Georgia befand sich zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges von 1861 bis 1865 das größte Gefangenenlager der Konföderierten. Tausende durch schwere Krankheiten gezeichnete Soldaten der Nordstaaten wurden wegen der katastrophalen Bedingungen dahingerafft wie die Fliegen! Der Lagerkommandant war ein gewisser Captain Henry Wirz aus Zürich gewesen, der nach dem Krieg als Südstaatler und Kriegsverbrecher in Washington gehängt wurde.

Während der Fahrt beschäftigte ihn ein böser Verdacht. War dieser Henry Wirz vielleicht ein entfernter Verwandter von ihm gewesen? Er kannte jedoch seinen Familienstammbaum zu wenig gut, um in dieser Hinsicht Gewissheit zu haben. Es dunkelte bereits, als er kurz darauf auf die etwas heruntergekommene, herrschaftlich aussehende Villa mit den drei Giebeln stieß. Sie stand in einer parkähnlichen Grünanlage, etwas abseits der Durchgangsstraße. Über der imposanten Veranda leuchtete ein grüner Schriftzug: GUESTHOUSE.

Er stieg die Holzstufen hinauf und trat durch die halb offene Tür, was ihn kurz verwunderte, in das Gebäude. Der Vorraum und die im Halbdunkel befindliche Rezeption waren verlassen. »Hallo, ist hier jemand?« Keine Antwort. Er wollte seine Frage gerade wiederholen, als ein älterer Mann mit Vollbart, der eine Uniformjacke der Konföderierten trug, aus einem Nebenraum trat und ihn freundlich begrüßte. Mit dem breitkrempigen Hut auf dem Charakterkopf glich er auffallend dem berühmten General Robert E. Lee. Vermutlich ein Patriot. Wirz erkundigte sich nach dem Preis für eine Nacht. Obwohl ihm der Betrag zu hoch schien, war er damit einverstanden. Während er auf dem Registrierschein seine Personalien eintrug, fragte er den Uniformierten nach weiteren Logiergästen.

»Nein, Sir, Sie sind heute mein einziger Gast. Normalerweise ist das Haus zu dieser Jahreszeit ausgebucht. Weshalb es in diesem Herbst anders ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich gebe Ihnen die Suite im Obergeschoss, die zum Park hinausgeht. Sehr ruhig. Sie wird Ihnen gefallen«, dann nahm er das ausgefüllte Formular von Robert Wirz entgegen, warf einen kurzen Blick darauf und stutzte, als er den Namen las.

»Mister Wirz, sind Sie etwa ein entfernter Verwandter von Captain Henry Wirz? Der Mann wurde meiner Meinung nach zu Unrecht hingerichtet. Die wahren Schuldigen saßen damals in der Regierung von Präsident Jefferson Davis. Der Captain hat nur seine Pflicht getan. Wenn Sie mehr darüber wissen möchten, erzähle ich Ihnen die Geschichte morgen beim Frühstück.« Er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: »Glauben Sie an Geister?«

Wirz erstaunt über die seltsame Frage, verneinte vehement. Der Patriot nickte kurz und sagte dann: »Unzufriedene Gäste, die meisten davon aus dem Norden, Yankees, behaupten immer wieder, dass es in meinem Haus spuke, dass ihre Nachtruhe gestört würde durch seltsames Geflüster und laute Schritte auf dem Korridor. Vor allem Gäste in der einzigen Suite in der oberen Etage beschwerten sich öfters bei mir. Das ist Unsinn, purer Aberglaube! Sie werden bestimmt gut schlafen.«

Der Bärtige übergab seinem Gegenüber den Schlüssel zu seinem Zimmer, wünschte ihm eine gute Nacht und zog sich wieder in den Nebenraum zurück. Robert Wirz nahm sein Gepäck und stieg die knarrende Treppe zum Obergeschoss hinauf. Plötzlich glaubte er, hinter sich Schritte zu vernehmen. Überrascht blickte er zurück. Aber da war niemand. Er schüttelte den Kopf und ging den kurzen Korridor entlang zu seinem Zimmer. Verwundert sah er, dass die Tür halb offen stand. Er betrat den Raum, der nach abgestandener Luft und nasser Erde roch. Als er sie gerade schließen wollte, spürte er eine kalte Berührung! Erschrocken fuhr er zusammen. Was war das? Sein Herz klopfte heftig. Hatte er sich das nur eingebildet? Bevor er die Tür ganz zumachte und abschloss, warf er nochmals einen prüfenden Blick auf den verlassenen Korridor, der nur schwach beleuchtet war.

Er ging zum Fenster und öffnete es. Die hereinströmende Nachtluft erfrischte und beruhigte ihn. Müde von den Ereignissen des Tages, zog er sich um und ging zu Bett. Wenig später fiel er in einen unruhigen, traumgequälten Schlaf. Überall sah er abgemagerte Soldaten in zerfetzten blauen Uniformen keuchend und stöhnend herumliegen. Aber das Schlimmste war der anklagende Blick in ihren tief liegenden Augen, der Schmerz in ihren ausgezehrten Gesichtern.

Plötzlich erwachte er schweißgebadet und knipste die Nachttischlampe an. Er spürte, dass er nicht mehr allein war im Zimmer. Ein widerlicher Geruch von Fäulnis und Moder breitete sich im Raum aus. Von allen Seiten vernahm er Geflüster, krankhaftes Husten, und ganz deutlich vernahm er jetzt schwere Schritte vom Korridor her, und was ihn besonders entsetzte, war eine Stimme, die den Namen von Henry Wirz erwähnte! Auf einmal fühlte er, wie etwas Eiskaltes seine Beine anfasste. Und als er zur Seite schaute, sah er eine bis zum Skelett abgemagerte, menschliche Gestalt unter dem Bettlaken hervorkriechen. Mit offenem Mund, als wollte sie ihm etwas sagen, starrte sie ihn an!

Und in diesem Moment fing Robert Wirz zu schreien an. »Nein, nein, ich bin unschuldig, bitte nicht!« Immer wieder gellte seine angstvolle Stimme durch das Haus. Er bemerkte den Mann von der Rezeption nicht, der ins Zimmer stürmte und den wild um sich Schlagenden zu beruhigen versuchte. Verwundert nahm der Patriot einen unangenehmen Geruch wahr und sah verblüfft einen Uniformknopf an einem blauen Stofffetzen, der neben dem Bett lag. Robert Wirz aber war wahnsinnig geworden!

Kai Focke:
Eine Führung durch die Phantastische Bibliothek Wetzlar

Mit großen Augen folgte die zehnköpfige Besuchergruppe Thomas Le Blanc durch die mit über dreihunderttausend Büchern gefüllten Räume des ehemaligen Hessischen Staatsbauamts. Thomas Le Blanc war sowohl Gründer als auch Leiter der 1989 eröffneten Phantastischen Bibliothek Wetzlar, der mittlerweile größten und in ihrer Vollständigkeit einzigartigen Sammlung deutschsprachiger phantastischer Literatur.

Die Führung hatte in der Kinder- und Jugendbuchabteilung begonnen. In den liebevoll mit Kuscheltieren und Spielfiguren dekorierten Zimmern waren die Bücher jedoch nicht nach Autoren, sondern thematisch geordnet.

»Unseren kleinen Leseratten ist es egal, wer etwas geschrieben hat, sie suchen gezielt nach ihren Interessengebieten«, begründete Thomas Le Blanc die ungewöhnliche Systematik. »Daher haben wir die Bücher nach Drachen-, Ritter-, Feen- oder Tiergeschichten sortiert.«

Nachdem die Gruppe erfahren hatte, dass sich das Bibliotheksteam auch aktiv in der Sozialarbeit engagiert und beispielsweise Lesepaten ausbildet, gelangte sie über eine breite Steintreppe ins erste Untergeschoss. Das Herzstück bildete der bereits unzählige Male fotografierte Büchergang, ein breiter, auf beiden Seiten von Regalreihen gesäumten Korridor. Auf dieser Ebene befanden sich weiterhin das, um ein Himmelbett herum aufgebaute Märchenzimmer, Areale mit Werken der High-Fantasy und der traditionellen Phantastik, ein überschaubares, jedoch stetig wachsendes Steampunk-Archiv sowie eine Sammlung klassischer Sagen und Legenden aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Die Besucher zeigten sich beeindruckt, aber auch erstaunt über einen großzügigen, mit Schreibtischen und Flipcharts ausgestatteten Arbeitsbereich.

»Die Phantastische Bibliothek wird nicht nur von fantasiebegeisterten Bücherwürmern besucht, sondern auch von Studenten, Doktoren und Professoren«, hob Thomas Le Blanc nicht ohne Stolz hervor. »Beispielsweise untersuchen Germanisten das Schriftgut mithilfe literaturwissenschaftlicher Methoden, Soziologen betrachten die Abhandlungen in Romanen oder Heftreihen im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen und Zukunftsforscher versuchen, sowohl Trends als auch Ideen aus den Werken der Science-Fiction herauszulesen. Letzteres konkretisiert sich in der Sektion Future Life, die in Zusammenarbeit mit Unternehmen, Verbänden und Hochschulen hilft, innovative Produkte zu entwickeln sowie Studien veröffentlicht.«

»Zukunftsforschung: Das ist doch Spinnerei!«, warf eine Besucherin kritisch ein.

»Eben haben Sie den Büchergang mit Ihrem Smartphone fotografiert«, stellte Thomas Le Blanc spitzbübisch fest. »Die Entwicklung der Mobiltelefone, die Vorgänger Ihres Smartphones, wurden nicht zuletzt von den Tricordern in Raumschiff Enterprise inspiriert, einer Fernsehserie aus den 1960er-Jahren. Dies ist nur ein Beispiel von vielen: Science-Fiction bringt uns die Zukunft näher.«

Das zweite Untergeschoss beherbergte sämtliche seit 1961 wöchentlich erscheinenden Perry-Rhodan-Hefte – in allen fünf Auflagen – sowie die gebundenen Ausgaben, eine fünfundvierzig bibliothekarische Regalmeter umfassende Bücherwand voller Star-Trek-Romane sowie zwei von Kunststoffspinnen und Plüschfledermäusen bewachte Räume mit Horrorliteratur. Ein vollständig aus Perry-Rhodan-Sammelbänden gefertigter Thronsessel lud zum Verweilen ein und erfreute sich als Hintergrund für Erinnerungsfotos großer Beliebtheit.

Auf dem Rückweg ins Erdgeschoss lag die Toilettenanlage der Bibliothek. Verwundert stellten die Besucher fest, dass es statt zwei insgesamt drei Toilettentüren gab, wobei die dritte Tür nicht etwa ein Transgendersymbol zierte, sondern ein großes A mit dem Schriftzug Aliens.

»Das ist unsere Alientoilette«, erklärte Thomas Le Blanc, »zu der es eine amüsante Geschichte gibt. 2018 wurde ein in Wetzlar anberaumter Parteitag einer rechtsextremen Partei verboten. Da man gewalttätige Demonstrationen beider Seiten des politischen Spektrums erwartete, waren umfangreiche Polizeikräfte im Einsatz. Die auf offener Straße ihren Dienst verrichtenden Ordnungshüter sahen sich nach mehreren Stunden verständlicherweise mit einem uns allen gut bekannten Bedürfnis konfrontiert. Sie baten daher, die Toilettenanlage der Phantastischen Bibliothek benutzen zu dürfen. Aufgrund des Andrangs an Uniformierten fragten sie schließlich nach, ob man – neben der Herren- und Damentoilette – auch den Abort für Außerirdische öffnen könnte.« Nach einer kurzen Pause fuhr Thomas Le Blanc schmunzelnd fort: »Wir mussten an uns halten, um nicht in Gelächter auszubrechen. Die Alientoilette ist natürlich nur ein Spaß. Tatsächlich befindet sich hinter der Tür ein ordinärer Putzraum.«

Die Besucher lachten und ein älterer Herr mit Sakko und Krawatte meldete sich zu Wort: »Eine schöne Anekdote! Existieren noch weitere Geschichten oder Mythen?«

»Sicher«, bejahte Thomas Le Blanc. »Es wird gemunkelt, dass unsere Bibliothek in Vollmondnächten von Aliens und Fabelwesen besucht wird. Buchwichtel, bibliophile Verwandte der Heinzelmännchen, die nachts unsere Räume säubern und die Bestände sortieren, überwachen dann die Ausleihe. Warum sollten sich junge Drachen oder Aliens nicht auch für die Abenteuer der Zauberschüler von Hogwarts interessieren?«, fügte er mit einem vieldeutigen Augenzwinkern hinzu.

Der Krawattenträger lächelte versonnen. Ihm war anzusehen, dass er sich gerade vorstellte, wie ein Marsmännchen den Standort der Harry Potter-Romane bei einem Buchwichtel erfragte …

»Lassen Sie uns zum Abschluss der Führung den Konferenz- und Raritätenraum besichtigen«, forderte Thomas Le Blanc zum Weitergehen auf. »Dort verwahren wir einzigartige Schätze der deutschen Science-Fiction, darunter auch Zukunftsliteratur aus den Zeiten der Weimarer Republik.« Erwartungsvoll setzte sich die Gruppe wieder in Bewegung.

Stunden verstrichen, der Vollmond erklomm den Nachthimmel und die Phantastische Bibliothek öffnete erneut ihre Pforten.

»… und dazu noch Nebenan von Bernhard Hennen«, wisperte Schavart, während er den Titel auf der Leihkarte vermerkte.

Mit einem dankbaren Nicken nahm die Angesprochene den Bücherstapel entgegen und gab den zuvor entliehenen Toilettenschlüssel zurück.

»Ich habe gehört, dass sich hinter den beiden anderen Türen in Wirklichkeit Putzräume befinden würden. Stimmt das?«

»Möglicherweise. Es gibt hier viele Bücher und noch mehr Gerüchte«, hauchte Schavart grinsend. »So heißt es, die Menschen würden unsere Bestände als Phantastik bezeichnen. Dabei handelt es sich doch offensichtlich um Sach- und Gegenwartsliteratur.«

Mit einem vieldeutigen Augenzwinkern verabschiedete der greise Buchwichtel die junge Marsianerin.

Die Phantastische Bibliothek (www.phantastik.eu) befindet sich in der Turmstraße 20 in Wetzlar und heißt – während der Öffnungszeiten – Interessierte jeden Alters herzlich willkommen. Sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, an einer Führung teilnehmen, dann verraten Sie bitte nicht das Geheimnis der Alientoilettentür …

Sabine Frambach:
Eckstein, Eckstein

»Du musst bis hundert zählen!«

Aisha und Renée rannten los. Tammy presste die Stirn gegen die Wand, spürte den Putz, aufgeheizt durch die Sonne. Sie legte einen Arm über den Kopf und kniff die Augen zu, sie blinzelte niemals, schummelte nicht. »Eins. Zwei. Drei.«

Sie zählte laut, übersprang keine Zahl. »Einundsechzig, zweiundsechzig.« Das Licht schwand; Kälte auf ihren Armen. Gänsehaut. Tammy zählte weiter. »Achtundneunzig, neunundneunzig. Hundert.« Sie hob den Kopf und rief: »Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein, über mir, unter mir, links und rechts neben mir, hinter mir, das gilt ja nicht, eins, zwei, drei, vier: Ich komme!«

Erst jetzt durfte sie von der Wand fort. Tammy rieb über ihre Arme. Die Sonne war verschwunden. Aisha versteckte sich fast immer hinter einem Baum, und Renée lief bis zur Scheune. Mama sagte, dass sie dort nicht spielen sollten. Sie stand seit Jahren leer, nur die Spinnen wohnten darin, spannten die Netze und warteten auf Fliegen. Die Dielen in der Scheune knarrten unter jedem Schritt. Irgendwann stürzte sie wohl ein, das Dach hatte Löcher, und es roch nach fauligem Holz. Doch Renée rannte immer wieder dorthin und stieg die Leiter bis zum Boden hinauf. Tammy schlich weiter, sie durfte die anderen nur nicht übersehen und an ihnen vorübergehen. Wenn Aisha und Renée zur Wand liefen, hatten sie gewonnen. An der Hauswand waren sie sicher.

Leise, die knackenden Äste auslassend, schlich Tammy den Weg entlang, die Bäume wisperten, die Luft schmeckte feucht. Kalt war es hier unter dem Blätterdach. Tammy glaubte, Aishas rotes Shirt hinter einer Eiche zu sehen, doch als Tammy um den Baum lief und rief: »Hab dich!«, war niemand dort. Die Scheune, sie mussten beide zur Scheune gelaufen sein!

Tammy rannte los. Es wurde bereits dunkel. Vor ihr sah sie die Scheune, der Platz davor säuberlich gefegt, ein paar Hühner stoben davon. Tammy riss die Tür auf, sie quietschte nicht. Es roch nach sauberem Stroh. »Gleich hab ich euch!«, rief Tammy, griff nach der Leiter und stieg hinauf. Die dritte Stufe, sie knarrte nicht. Tammys Fuß schwebte, sie stellte ihn nochmals auf, doch die Stufe gab nicht nach, seufzte nicht, knarrte nicht. Tammy schaute durch die Luke. Stroh, säuberlich geschichtet.

»Du suchst bestimmt deine Freundinnen.«

Die Stimme kam von unten, Tammy schaute hinab. Ein Mann stand da, die Hände hinter dem Rücken. Älter als Papa schätzte Tammy, obwohl er aufrecht stand. Sie hatte ihn nie zuvor gesehen. Tammy schwieg.

»Deine Freundinnen sind im Haus. Komm doch hinunter. Wir trinken Milch mit Honig. Komm mit. Du willst sie doch wiedersehen.«

Tammy nickte. Sie kletterte vorwärts hinab, die Hände nach hinten gestreckt, um den Mann zu sehen. Die dritte Stufe. Kein Knarren. »Wer bist du?«, fragte Tammy.

»Ich bin Herr Eckstein«, antwortete der Mann. »Ihr habt meinen Namen gerufen. Wie oft ihr mich gerufen habt, doch ich fand euch nicht. Deine Freundinnen waren im Stroh versteckt, dieses Mal habe ich sie entdeckt. Nun sind sie meine Gäste. Komm mit.«

Tammy nickte. »Ich komme!«, rief sie. Dritte Stufe. Sie knarrte nicht. Zweite Stufe. Der Mann schaute sie an, legte den Kopf schief und leckte hastig über seine Lippen. Tammy starrte zurück, beugte die Knie, stieß sich mit den Händen ab und sprang auf den Mann zu. Er wich im letzten Moment aus, die Augen weit aufgerissen. Tammy schlug einen Haken und stürzte an ihm vorbei. Ein kleiner Spalt, sie drückte gegen die Tür, schob sich hindurch und rannte. Seine Stimme folgte ihr, ein Echo aus der Ferne. »Komm zurück, komm, deine Freundinnen warten auf dich!«

Hinter ihr dröhnten Schritte, immer lauter, je näher sie kamen. »Gleich hab ich dich«, rief er. Tammy schaute sich nicht um. Nicht hinsehen, nicht umdrehen, sie rannte durch den Wald, über die knackenden Zweige, hinter ihr tobte die Kälte, hinter ihr hallte die Stimme. Tammy floh, streckte die Hände aus, der Wind fuhr ihr mit eisigen Fingern ins Gesicht, da prallte sie gegen die Hauswand. Hier war sie sicher, hier konnte nichts geschehen. Wer an der Hauswand stand, war geschützt. Dunkelheit leckte über den Boden, doch Tammy kniff die Augen zu, legte einen Arm über den Kopf, ihre Stirn presste gegen den Putz. Sie wollte zurück, nur zurück. Kalte Finger glitten über ihren Rücken. Leise zählte Tammy: »Hundert, neunundneunzig, achtundneunzig.« Die Finger tasteten über ihr Gesicht, die Stimme kreischte. »Zweiundsechzig, einundsechzig.« Tammy schluckte und zählte immer weiter. »Drei. Zwei. Eins.« Sie schaute auf. Es war hell. Sie fuhr herum, wischte mit dem Ärmel die Tränen fort. Aisha und Renée starrten sie an. »Was ist jetzt, Tammy? Wir wollen Verstecken spielen.«

Tammy trat fort von der Wand, wischte nochmals über ihr Gesicht, rieb mit den Händen über die Arme und schüttelte den Kopf. »Lieber nicht. Ich bin zu alt für Verstecken.«

Hans-Dieter Furrer:
Das wundersame Puppenhaus

Tante Sofia wohnte in einem schmucken Haus aus der Gründerzeit. In ihrer »guten Stube«, einem Wohnzimmer, das fast nie benutzt wurde, standen auserlesene Stilmöbel. Im Buffet bewahrte Tante Sofia ihr feinstes Porzellan auf. Und in einer gläsernen Vitrine stand das große Puppenhaus, das seit Generationen in Familienbesitz war. Seine Zimmer waren aufs Feinste ausgestattet und möbliert. Tischchen und Stühlchen mit gedrechselten Beinchen, handgeknüpfte Teppiche, gehäkelte Vorhänge. An den tapezierten Wänden hingen miniaturisierte Meisterwerke der Malerei. In der Küche stand ein Herd mit kleinen Pfännchen und Töpfchen aus Kupfer. Und im Studierzimmer ein volles Bücherregal mit winzigen Büchern.

Eigentlich war das Puppenhaus zum Spielen viel zu schade. Aber als Amelie kurz nach ihrem siebten Geburtstag ihre Tante besuchte, machte diese eine Ausnahme. Sie öffnete ihren Sekretär, ein stilvolles Möbel, in dem sie Briefschaften, Verträge und Quittungen aufbewahrte, nahm einen kleinen Schlüssel aus einem Fach ganz oben und schloss damit die gläserne Vitrine auf. Amelie durfte sich auf einen kleinen Hocker vor das Puppenhaus setzen.

»Sei bitte vorsichtig!« mahnte Tante Sofia. »Es ist ein sehr wertvolles Puppenhaus.« Dann ging sie in die Küche, um nach dem Schokoladekuchen zu sehen, den sie Amelie zuliebe in den Backofen geschoben hatte. Und Amelie war schon bald völlig in ihre Spielwelt versunken. Was es in diesem Puppenhaus nicht alles gab! Bei einem Kommödchen konnte sie behutsam die Schublädchen herausziehen. Und im Schlafzimmerschrank fand sich eine ganze Garderobe für die Puppendame des Hauses. Neben dem Schlafzimmer gab es ein Kinderzimmer mit zwei kleinen Bettchen und einem fein geschnitzten Schaukelpferdchen. Daneben stand ein Turm aus winzigen Bauklötzchen. Das Puppenhaus bewohnten kleine Stoffpuppen. Eine ganze Puppenfamilie, die Amelie jetzt im Wohnzimmer versammelte. Sie holte die Mutter aus der Küche, den Vater aus seiner Studierstube, die zwei Kinder aus ihren Bettchen und setzte alle auf Stühlchen rund um den Tisch. Als sie dann so überlegte, wie das Spiel weiter gehen sollte, fiel ihr Blick wie zufällig auf den blau lackierten Briefkasten mit dem gelben Posthorn an der Seitenwand des Puppenhauses. Im Einwurf steckte ein briefmarkengroßer Umschlag, den Amelie neugierig herauszog und öffnete. Ein Kärtchen mit folgendem Text in klitzekleiner Schrift kam zum Vorschein:

Willst du hinein,

dann denk dich klein,

ich lass dich rein.

Leise vor sich hin murmelnd las Amelie das Sprüchlein und stellte sich vor, dass sie ganz klein wäre wie die Bewohner des Puppenhauses. Und schwupp! Schon stand sie im Wohnzimmer und war püppchenklein. Erst war sie erschrocken, dann konnte sie es kaum glauben. Sie setzte sich auf einen freien Stuhl am Tisch und musterte die reglosen Stoffpuppen mit ihren aufgemalten Gesichtern. Die Puppenfamilie war gekleidet wie auf den alten Fotografien, die ihr Tante Sofia einmal gezeigt hatte. Am besten gefiel Amelie der Vater. Sein Hals steckte in einem steifen hohen Hemdkragen, den Tante Sofia einen »Vatermörder« nannte, was Amelie irgendwie unheimlich fand. Nach einer Weile stand sie auf. »Ich sehe mich ein bisschen im Haus um«, sagte sie mehr sich selbst als zu den stummen Puppen, ging in die Küche und zählte die Pfannen und Töpfe. Dann ging sie einen Stock höher ins Schafzimmer und schüttelte die Decken. Was war das für ein wundersames, aber auch irgendwie seltsames Gefühl, durch ein Puppenhaus zu gehen. Sie trat ins Kinderzimmer, setzte sich auf das Schaukelpferdchen und sah sich um. Da entdeckte sie das Puppenhaus. Es sah ganz genau so aus, wie das Puppenhaus, in dem sie sich befand. Und Amelie fragte sich, ob darin ein weiteres Puppenhaus war? Und in diesem noch eins?

»Amelie, es gibt Schokoladekuchen! Kommst du?«, rief Tante Sofia. Aus der guten Stube kam keine Antwort. »Amelie, kommst du bitte!« Immer noch keine Antwort. Und als die Tante die gute Stube betrat, fand sie den Hocker vor dem Puppenhaus leer.

»Amelie, wo bist du? Wo hast du dich versteckt?« Tante Sofia suchte in allen Ecken, in jedem Zimmer, sah unter Tische, öffnete Wandschränke. Keine Spur von Amelie! Beunruhigt lief Tante Sofia die Treppe hinunter ins Erdgeschoss und durch die Hintertür hinaus in den Garten. »Amelie! Amelie!«

Wie aus weiter Ferne hörte Amelie die Rufe ihrer Tante. Sie hatte die Zeit völlig vergessen. Sie musste schnell in die gute Stube zurück, aber wie? – Jetzt nur keine Panik! Das Kärtchen! Darauf stand bestimmt auch, wie man wieder aus dem Puppenhaus hinaus kam. Sie eilte nach oben ins Wohnzimmer und griff nach dem kleinen Umschlag, den sie auf den Tisch gelegt hatte. Rasch zog sie das Kärtchen heraus, drehte es um – und war erleichtert. Auf der Rückseite stand:

Willst du hinaus,

denk dich vors Haus,

ich lass dich raus.

Kaum hatte Amelie diese Zeilen gelesen und sich vors Haus »gedacht«, sass sie wieder in voller Größe auf dem Hocker vor dem Puppenhaus. Schnell steckte sie den kleinen Umschlag, den sie immer noch zwischen den Fingern hielt, in den blauen Briefkasten an der Seitenwand. Und dann lief sie ins Wohnzimmer, wo Tante Sofias feiner Schokoladekuchen auf dem Tisch stand.

Außer Atem kam die Tante aus dem Garten ins Haus zurück. »Wo warst du, Kind? Ich hab dich überall gesucht!«

»Ich war im Puppenhaus, ich war ganz klein«, antwortete Amelie keck und blickte ihre Tante treuherzig an.

»Was heißt das, im Puppenhaus? Das ist unmöglich! Das hast du dir nur ausgedacht. Du hast eine blühende Fantasie, mein Kind!«

Was war eine blühende Fantasie? Amelie wollte Tante Sofia fragen, ließ es dann aber sein und stellte sich ein über und über mit fantastischen Blumen bewachsenes Puppenhaus vor.

Esther Geißlinger:
Im Papierparadies

Schlimmer als der Elefant im Porzellanladen

ist ein Drache im Bücherregal.

Bibliothekaren-Sprichwort

Woher das Ei stammte, ließ sich später nicht feststellen. Es lag in einem Korb, der eines Morgens auf meinem Schreibtisch stand. Als ich es in die Hand nahm, zerbrach die Schale.

Zu jenem Zeitpunkt leitete ich die Bibliothek seit fünf Jahren. Sie war mir als Erbteil zugefallen, obwohl ich einem verarmten Zweig der gräflichen Familie entstamme und mit dem alten Grafen Gundamar nur weitläufig verwandt war. Doch anders als seine Kinder teilte ich seine Liebe zu Büchern, hielt mich am liebsten in der Bibliothek auf und sog ihren Geruch nach Leder und Staub ein wie ein Parfüm. Zuerst verjagte Gundamar mich, den armen Hausgast, aus seinem Papierparadies, doch als ich mich wieder und wieder zurückschlich, duldete er mich, wurde mein Lehrer und väterlicher Freund. Häufig, wenn wir über einem Text brüteten, sagte er: »Dankwart, eines Tages ist dies alles dein.«

Als er starb, saß ich an seinem Bett, während seine Söhne und seine Tochter in fernen Ländern weilten und erst zur Testamentseröffnung ins Schloss zurückkehrten. Für sie enthielt der Letzte Wille ihres Vaters eine Überraschung, und es war keine freudige. Während der Verlesung tastete mein Vetter Florbert nach seinem Dolch, Sigmar ballte die Fäuste, und meine Base Eidrun stieß »Erbschleicher!« durch ihre prallen Lippen. Doch an dem Text gab es nichts zu deuteln: Mein war die Bibliothek, mein war das Schloss, um die kostbaren Bücher zu lagern, und mein war das Vermögen, um den Schatz zu erhalten. Meine Verwandten verließen den Stammsitz der Familie unter Flüchen, und ich winkte ihnen ein Lebewohl hinterher.

Der Erhalt einer solchen Bibliothek erfordert Geld und Erfahrung. Ersteres hatte das Erbe mir verschafft, Letztere errang ich im Lauf der Zeit durch Austausch, Gespräche, den Zukauf neuer Werke und zwei, drei Bändchen aus eigener Feder. Fünf Jahre nach Antritt des Erbes stand die gräfliche Bibliothek weithin in hohem Ansehen. Von meinen Vettern und der Base hörte ich nur gerüchteweise: Eidrun war ins Ausland gegangen und gänzlich heruntergekommen, Florbert bei einem Duell gestorben. Einzig Sigmar, der ältere Sohn Gundamars, schien Ruhe gefunden zu haben. Er lebte in einem nahen Wald, wo er der Jagd nachging und die Natur erforschte.

Als das Ei in meiner Hand zerbrach, schob sich eine spitze Schnauze heraus. Aus winzigen Nüstern kräuselte Rauch, grüne Augen starrten mich an. Im nächsten Moment sprang ein Drache, kaum größer als eine Hand, aber perfekt bis in die Krallen, aus dem Ei, entfaltete winzige Flügel und flatterte auf ein Regal, wo er zwischen den Büchern verschwand.

Drachen bleiben an dem Ort, an dem sie schlüpfen. Dort bauen sie ein Nest und horten ihre Schätze. Eine Höhle, einen Wald oder eine Ruine, die ein Drache sich als Wohnort wählt, sollten Menschen meiden. Aber das Schloss und alle Bücher darin dem Drachen überlassen? Niemals!

Wir versuchten, das Untier zu töten. Nächtelang lauerte ich ihm auf, während meine Gehilfen Krach schlugen, um es aufzuscheuchen. Wir hörten den Drachen rumoren und poltern – je größer er wurde, desto schwerer seine Tritte, desto lauter das Flappen seiner Flügel. Doch es vergingen Wochen, bis ich unversehens zwischen zwei Regalen auf ihn stieß. Er hatte bereits die Größe eines Ponys und hätte mich verletzten können, aber er schnaubte nur und floh.

In dieser Nacht ging ich allein in die Bibliothek, mit einer Lampe statt mit dem Schwert. Ich wanderte durch die Gänge, leuchtete in alle Ecken. Bisher hatte der Drache keinen Schaden angerichtet, niemanden angegriffen, kein Buch beschädigt. Dafür nahm der Bestand an Mäusen im Schloss stetig ab. Vielleicht mussten wir den Eindringling gar nicht töten oder vertreiben?

In der großen Halle trafen wir aufeinander. Der Drache schwebte von der Decke herab, als ich eintrat. Seit unserer Begegnung schien er erneut gewachsen zu sein, nun war er groß wie ein Pferd. Seine Schuppen glänzten im Lampenlicht, seine runden, tassengroßen Augen starrten mich an. Aus ihnen sprach Intelligenz, wenn auch keine menschliche.

»Verstehst du mich?«

Er neigte den Kopf.

Ich beschloss, das als Ja zu nehmen. »Du frisst die Mäuse. Das ist gut. Du hast kein Buch beschädigt. Das ist auch gut.« Tief atmete ich durch. »Wollen wir uns vertragen?«

Er stieß ein Zischen aus, Rauch stieg aus seinen Nüstern.

»Kein Krach, kein Feuer!«, mahnte ich streng. »Dies ist eine Bibliothek, mein Freund.«

»Freuuunn…« Sein Maul war nicht gemacht für menschliche Sprache, aber er gab sich Mühe.

»Wenn die Mäuse nicht reichen, bringe ich dir Futter«, bot ich an. Der Unterhalt eines Drachen kostete Geld, aber ich konnte Gehälter für Wachen sparen. Sacht legte ich ihm eine Hand auf den schuppigen Hals.

Zwei Jahre später unternahm ich den ersten Ritt auf seinem Rücken. Der Flug führte uns in den Wald, in dem mein Vetter lebte. Als der Drache, nun schon ein stattlicher Bursche von acht Meter Länge, vor der Hütte landete, stürzte Sigmar schreckensbleich heraus.

»Du hast mir das Ei geschickt«, sagte ich anstatt eines Grußes. »Was hast du gedacht – dass der Drache mich umbringt?«

Sigmars Gesicht verzog sich hasserfüllt: »Die verdammten Bücher sollte er verbrennen!«

Schnaubend schob sich der Kopf des Drachen auf Sigmund zu: »Büücher düüüürfen nicht brrrennen!«

Sacht klopfte ich auf seine Flanke. »Wir sind Bibliothekare, wir bringen keine potenziellen Leser um.« Zu Sigmar sagte ich: »Komm ruhig vorbei, es ist täglich geöffnet. Nur eines: Wenn jemand Flecken in ein Buch macht oder die Leihfrist überschreitet, versteht mein Freund gar keinen Spaß.«

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192 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783957658494
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