Kitabı oku: «Praxis Krisenintervention»

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Die Herausgeber*innen


Wolf Ortiz-Müller

geb. 1961, Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor (BDP), Weiterbildung in Gestalttherapie, systemischer Familientherapie, Verhaltens- und Schematherapie, Dozent und Seminarleiter bei Bildungsträgern und Fortbildungsinstituten. Lehraufträge an Hochschulen in Deutschland. In der Krisenintervention tätig von 1991–2009, beteiligt am Aufbau des Berliner Krisendienstes. Seit 2008 Leiter der Beratungsstelle Stop-Stalking (www.stop-stalking-berlin.de) Niedergelassener Psychotherapeut.


Dr. med. Stefan Gutwinski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Psychotherapeut für tiefenpsychologisch orentierter Psychotherapie. Zertifizierter Therapeut für Dialektisch-Behaviouraler Therapie (DBT) nach M. Linehan. Oberarzt der Tagesklinik und Institutsambulanz Wedding der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus. Leiter der Arbeitsgruppe Psychotrope Substanzen an der Charité. Im Rahmen des wissenschaftlichen Werdeganges Max-Planck-Stipendium, Postdoc Stipendium an der Humboldt-Universität zu Berlin und Postdoc Stipendium an der Berlin School of Mind and Brain. Forschungsinteressen: Wohnungsnot von Menschen mit seelischen Erkrankungen, epidemiologische Aspekte von Suchterkrankungen, Armut bei Menschen mit seelischen Erkrankungen.


Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner

geb. 1966, Studium der Sozialen Arbeit, Promotion in Klinischer Psychologie, Habilitation in den Erziehungswissenschaften, langjährig in der Praxis der Sozialarbeit und Psychotherapie tätig. Seit 2005 als Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit mit den Lehr- und Forschungschwerpunkten psychosoziale Diagnostik, Psychotherapie und Beratung, Bindungs- und Beziehungsgestaltung, qualitative Forschungsmethoden und Psychotraumatologie, zunächst an der Evangelischen Hochschule Ludwigshafen, danach an der Alice Salomon Hochschule Berlin tätig.

Ortiz-Müller/Gutwinski/Gahleitner (Hrsg.)

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3., überarbeitete Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-035577-4

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-035578-1

epub: ISBN 978-3-17-035579-8

mobi: ISBN 978-3-17-035580-4

Autor*innenverzeichnis

Dr. med. Volkmar Aderhold

geb. 1954, Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin, Lehrender für Systemische Therapie und Beratung (DGSF)

arbeitet seit 1982 in der Psychiatrie. 10 Jahre Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf

Bis zur Berentung Mitarbeiter des Instituts für Sozialpsychiatrie an der Universität Greifswald. Aktuell Gastwissenschaftler der Charité

Aktuell freiberuflich: Qualifizierungsmaßnahmen zum »Offenen Dialog«, Vorträge Veröffentlichungen und Beratung von psychiatrischen Organisationen bei der Strukturentwicklung. Mitherausgeber des Buches »Psychotherapie der Psychosen – Integrative Behandlungsansätze aus Skandinavien«. Weitere Publikationen zu: Minimale und kooperative Neuroleptikatherapie der Psychosen, Mortalität durch Neuroleptika, Frontale Hirnatrophie durch Neuroleptika, Behandlungskonferenz, Diagnosen als soziale Konstrukte, Epigenetik der Psychosen, Trauma und Psychose, Menschenrechte in der Psychiatrie, Soteria, Bedürfnisangepaßte Behandlung und Offener Dialog, Unterstützte Entscheidungsfindung im Offenen Dialog

E-Mail: v.aderhold@gmx.de


Prof. Dr. Burkhart Brückner

geb. 1962, Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Professor für Sozialpsychologie inkl. Psychosoziale Prävention und Gesundheitsförderung, Hochschule Niederrhein. Seit 1992 Kriseninterventionsarbeit, ab 1999 Mitarbeiter des Berliner Krisendienstes, dort bis 2006 Aufbau und Begleitforschung des Projektes Zukunft im Alter. Veröffentlichungen u. a. »Geschichte der Psychiatrie« (2. Aufl., 2014), »Psychologie für die Soziale Arbeit« (2. Aufl., 2019, Mithrsg.), »Die abklingende Psychose. Verständigung finden, Genesung begleiten« (2017, mit J.E. Schlimme). Arbeitsgebiete in Forschung und Lehre: Klinische Sozialpsychologie, Beratungspsychologie, Geschichte der Psychiatrie.

E-Mail: burkhart.brueckner@hs-niederrhein.de


Dr. phil. Wolfram Dorrmann

geb. 1954, Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Lehrtherapeut und Supervisor für verhaltenstherapeutisch fundierte Psychotherapie, Lehrbeauftragter für Hypnose an der Universität Eichstätt, Mitglied im Leitungsgremium und Gründungsmitglied des Instituts für Verhaltenstherapie, Verhaltensmedizin und Sexuologie (IVS). Leiter der MEG-Regionalstelle-Nürnberg/Fürth der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose, 1982–1996 Wiss. Mitarbeiter bzw. Lehrbeauftragter im Studienschwerpunkt Klinische Psychologie und Verhaltensmodifikation an der Universität Bamberg. Veröffentlichungen u. a. zu Suizidprophylaxe, Depressionsforschung, Psychotherapieausbildung. Arbeitsschwerpunkte: Menschen in Krisen, Traumatherapie u. Sexualtherapie.

E-Mail: wolfram.dorrmann@ivs-nuernberg.de


Carlos Escalera

geb. 1963, Dipl. Päd. (Universität Madrid). Mitarbeiter der Evangelischen Stiftung Alsterdorf im Beratungszentrum Alsterdorf mit dem Arbeitsschwerpunkt: Begleitung bei der Krisenbewältigung und Krisenintervention im Zusammenhang mit Angst, Aggressivität, Gewalt und geistiger Behinderung, Referententätigkeit.

E-Mail: c.escalera@alsterdorf.de

Ilse Eichenbrenner

geb. 1950 in Waiblingen. Mitglied in der Redaktion der Zeitschrift »Soziale Psychiatrie«. Bis 2014 als Sozialarbeiterin im Sozialpsychiatrischen Dienst Charlottenburg; von 1990–1999 Koordination des Psychiatrischen Notdienstes Charlottenburg-Wilmersdorf (Träger: Platane 19 e. V.). Tätigkeit als Lehrbeauftragte und Autorin.

E-Mail: ilseichen@aol.com


Dr. med. Dipl.-Psych. Detlev E. Gagel

geb. 1956, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen, Psychologischer Psychotherapeut. Seit 1999 im Sozialpsychiatrischen Dienst tätig, seit 2004 Leitung des Sozialpsychiatrischen Dienstes und stellvertretender Amtsarzt in Berlin Pankow. Gründungsmitglied des Bundesnetzwerks Sozialpsychiatrischer Dienste, dabei Ansprechpartner der regionalen Netzwerkes Ost. Gründungsmitglied des Weiterbildungsinstituts für Psychosomatische Frauenheilkunde Berlin. Auszeichnung mit dem Gläsernen Globus für eine wissenschaftliche Videoproduktion. Freiberufliche Tätigkeit als Dozent, Gutachter, Supervisor und Therapeut, zahlreiche Publikationen und Vorträge.

E-Mail: detlev@gagel.de


Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner

geb. 1966, Studium der Sozialen Arbeit, Promotion in Klinischer Psychologie, Habilitation in den Erziehungswissenschaften, langjährig in der Praxis der Sozialarbeit und Psychotherapie tätig. Seit 2005 als Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit mit den Lehr- und Forschungschwerpunkten psychosoziale Diagnostik, Psychotherapie und Beratung, Bindungs- und Beziehungsgestaltung, qualitative Forschungsmethoden und Psychotraumatologie, zunächst an der Evangelischen Hochschule Ludwigshafen, danach an der Alice Salomon Hochschule Berlin tätig.

E-Mail: sb@gahleitner.net


Dr. med. Stefan Gutwinski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Psychotherapeut für tiefenpsychologisch orentierter Psychotherapie. Zertifizierter Therapeut für Dialektisch-Behaviouraler Therapie (DBT) nach M. Linehan. Oberarzt der Tagesklinik und Institutsambulanz Wedding der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus. Leiter der Arbeitsgruppe Psychotrope Substanzen an der Charité. Im Rahmen des wissenschaftlichen Werdeganges Max-Planck-Stipendium, Postdoc Stipendium an der Humboldt-Universität zu Berlin und Postdoc Stipendium an der Berlin School of Mind and Brain. Forschungsinteressen: Wohnungsnot von Menschen mit seelischen Erkrankungen, epidemiologische Aspekte von Suchterkrankungen, Armut bei Menschen mit seelischen Erkrankungen.

E-Mail: Stefan.Gutwinski@charite.de

Dr. med. Jonathan Henssler

geb. 1986, Assistenzarzt für Psychiatrie und Psychotherapie und in Weiterbildung in psychoanalytischer und mentalisierungsbasierter Psychotherapie. Seit 2015 an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus. 2013–2015 Notfallmedizin und Innere Medizin. Leitung der Spezialambulanz für das Absetzen von Antidepressiva und für ADHS im Erwachsenenalter. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie, Uniklinik Köln. Forschungsschwerpunkte: Meta-Analytik, Antidepressiva, transgenerationale Suizidalität, Mentalisierung.

E-Mail: jonathan.henssler@charite.de


Iris Hölling

M. A., Studium der Philosophie, Romanistik und Anglistik in Freiburg, Paris und Berlin. Systemische Organisationsberaterin und Mediatorin. Von 2002–2016 Geschäftsführerin bei Wildwasser e. V. in Berlin. Seit 2016 Jugendamtsleiterin in Berlin Treptow-Köpenick. Mitgründerin des Weglaufhauses, von 1996–2001 Mitarbeiterin im Weglaufhaus. Mitgründerin und bis 2009 Vorsitzende des World Network of Users and Survivors of Psychiatry (WNUSP). Seit 1994 aktiv im Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e. V. Vorstandsmitglied der DGfPI e. V. Fortbildungs- und Vortragstätigkeit zu verschiedenen Themen.

E-Mail: iris.hoelling@ba-tk.berlin.de oder hoelling@dgfpi.de


Prof. Dr. Heiner Keupp

Jahrgang 1943, Studium der Psychologie und Soziologie in Frankfurt am Main, Erlangen und München. Diplom, Promotion und Habilitation in Psychologie, 1978–2008 Professor für Sozial- und Gemeindepsychologie an der Universität München. Vorsitz der Berichtskommission für den 13. Kinder- und Jugendbericht. Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Gastprofessuren an den Universitäten in Innsbruck und Bozen. Arbeitsinteressen beziehen sich auf soziale Netzwerke, gemeindenahe Versorgung, Gesundheitsförderung, Jugendforschung, individuelle und kollektive Identitäten in der Reflexiven Moderne und Bürgerschaftliches Engagement, systemische Bedingungen sexueller Gewalt in kirchlichen und pädagogischen Institutionen.

E-Mail: heinerkeupp@psy.lmu.de; Heiner.Keupp@unibz.it

Anja Link

geb. 1972, Dipl.-Sozialpäd. (FH), neben Heiner Dehner und Christiane Tilly Mitinitiatorin des Borderline-Trialogs, Koordinatorin der daraus entstandenen Borderline-Trialog Kontakt- und Informationsstelle (www.borderlinetrialog.de), einem Projekt des Fördervereins Ambulante Krisenhilfe e. V. in Nürnberg. Arbeitsschwerpunkte: Verbreitung und Umsetzung des Trialog-Gedankens, Bündelung von Erfahrungs- und Fachwissen zur Borderline-Störung, Beratung, dialogische Fortbildungs- und Informationsveranstaltungen.

E-Mail: anja.link@borderlinetrialog.de


Sigrid Meurer

geb. 1958, Dipl-Psych., Psychologische Psychotherapeutin. Tätig in der Beratungsstelle neuhland, Kriseneinrichtung mit Schwerpunkt suizidgefährdete Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und in eigener Praxis. Dozentin in unterschiedlichen Bereichen der psychotherapeutischen und pädagogischen Arbeit, Supervision.

E-Mail: sigrid.meurer@neuhland.net


Dr. med. Tomislav Majić

geb. 1975, Psychiater und Psychotherapeut für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Weiterbildung in Dialektisch-Behaviouraler Therapie (DBT) nach M. Linehan, sowie aktuell Weiterbildung für Übertragungsfokussierte Psychotherapie nach O. Kernberg. Oberarzt der Ambulanz und Tagesklinik für Doppeldiagnosen an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus Berlin. Ambulanz Psychoaktive Substanzen für Menschen mit psychischen Problemen nach Einnahme von psychoaktiven Substanzen. Herausgeber des Handbuchs Psychoaktive Substanzen.

E-Mail: tomislav.majic@charite.de


Wolf Ortiz-Müller

geb. 1961, Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor (BDP), Weiterbildung in Gestalttherapie, systemischer Familientherapie, Verhaltens- und Schematherapie, Dozent und Seminarleiter bei Bildungsträgern und Fortbildungsinstituten. Lehraufträge an Hochschulen in Deutschland. In der Krisenintervention tätig von 1991–2009, mit dem Trägerverein KUB e. V. beteiligt am Aufbau des Berliner Krisendienstes. Seit 2008 Leiter der Beratungsstelle Stop-Stalking (www.stop-stalking-berlin.de) Niedergelassener Psychotherapeut.

E-Mail: w.ortiz-mueller@stop-stalking-berlin.de


Mag. Bernhard Penz

Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut (Schwerpunkt Verhaltenstherapie). Jahrelange Tätigkeit als Notfallpsychologe, Supervisor und Ausbildungsleiter im Bereich Krisenintervention. Leitender Psychologe der Streitkräfte im österreichischen Bundesheer bis 2018. In eigener Praxis tätig.

E-Mail: penz.bernhard@gmail.com


Prof. em. Dr. Reinhard Peukert

geb. 1945, em. Professor für Gemeinde- und Sozialpsychiatrie sowie Sozialmanagement an der Hochschule RheinMain (Wiesbaden), FB-Sozialwesen, dort zuletzt. Leitung des Masterstudienganges MAPS Gemeindepsychiatrie; Vorstandsmitglied der Aktion Psychisch Kranke e. V.; Mitinitiator des GeschwisterNetzwerkes.de; ca. 15 Jahre 1. Vorsitzender des Landesverbandes Hessen der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Lebt z. Zt. häufig in der Türkei und bemüht sich dort um die Bildung einer Angehörigenbewegung.

E-Mail: reinhard.peukert@hs-rm.de; peukert@geschwisternetzwerk-de


Dr. Katharina Purtscher-Penz

Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, seit 2004 Ärztliche Leiterin der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Graz. Psychotherapeutin, Traumatherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (Zertif. DeGPT), Vorsitzende des Interdisziplinären Forums für Psychotherapie von Kindern, Jugendlichen und deren Familien (IFP); Mitbegründerin und fachliche Leitung des Kriseninterventionsteams (KIT) Land Steiermark von 1990–2003, seit 2004 Wissenschaftliche Leitung des Kriseninterventionsteams (KIT) Land Steiermark.

Eva Reichelt

geb. 1963, in eigener Praxis tätig als Psychoanalytikerin und Supervisorin; Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Interessenschwerpunkte: Interkulturalität in Psychoanalyse und Psychotherapie; Ethnopsychoanalyse; psychische Gesundheit und Menschenrechte für Geflüchtete und Migrant*innen; genderspezifische Aspekte in Psychoanalyse und Psychotherapie; psychisches Trauma; analytische Psychosentherapie.

E-Mail: eva.reichelt@aerzte-berlin.de


Petra Risau

geb. 1971, Dipl.-Päd. und systemische Beraterin, Fortbildungsreferentin, Lehrbeauftrage und Mentorin für psychosoziale Online-Beratung sowie freie Mitarbeiterin beim Forschungsprojekt Kinderschutzportal e. V., Schwerpunkt: Prävention sexualisierter Gewalt (http://www.kinderschutzportal.de), Redaktionsmitglied www.e-beratungsjournal.net, Arbeitsschwerpunkte u. a.: Qualifizierung von Online-Berater*innen, Entwicklung und Konzeptionierung virtueller Beratungsangebote für den psycho-sozialen, gesundheitlichen und Bildungsberatungsbereich.

E-mail: petra.risau@googlemail.com


Dr. Manuel Rupp

geb. 1945, Dr. med., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH in psychotherapeutischer Praxisgemeinschaft in Basel, Systemischer Therapeut, Supervisor, jahrelange Tätigkeit als Notfallpsychiater in aufsuchender Hilfe, Buchautor zu den Themen Notfall- und Krisenintervention sowie Gewaltprävention, Tätigkeit als Weiterbildner im ganzen deutschen Sprachraum.

E-Mail: manuel.rupp@bluewin.ch


Claudia Schmitt

Studium der Psychologie an der Freien Universität Berlin, Psychologische Psychotherapeutin (Schwerpunkt: Verhaltenstherapie). Zusatzqualifikationen in Integrativer Gestalttherapie, Dialektisch Behavioraler Therapie (DDBT) und spezieller Psychotraumatherapie (EMDR), seit über 15 Jahren tätig als Stationspsychologin der DBT-Sucht Station der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus Berlin und seit 2010 als ambulante Therapeutin mit Schwerpunkt DBT-Sucht- und Traumatherapie, Trainerin I im DDBT und an der AWP Berlin als Trainerin tätig, seit 2007 Dozentin am Institut für Fort- und Weiterbildung der Alexianer, Supervisorin.

E-Mail: claudia.schmitt@alexianer.de


Dr. med. Stefanie Schreiter

geb. 1987, Assistenzärztin in der Weiterbildung für Psychiatrie und Psychotherapie, arbeitet seit 2014 in der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus sowie am Charité Campus Mitte, Leitung des Prävention- und Therapiezentrums für bipolare Störungen der Charité Campus Mitte. Interessenschwerpunkte: Psychischen Erkrankungen und Versorgung von marginalisierten Gruppen wie Geflüchteten und wohnungslosen Menschen, Ätiologie und Behandlung psychotischer Erkrankungen (insbesondere der Schizophrenie und bipolaren Störung).

E-Mail: stefanie.schreiter@charite.de


Dr. phil. Christiane Tilly

geb. 1970, Erziehungswissenschaftlerin, Ergotherapeutin, Mitbegründerin des Borderline-Trialogs, Autorin verschiedener Bücher zum Thema Borderline-Persönlichkeitsstörung, Mitarbeiterin in einer allgemeinpsychiatrischen Klinik.

E-Mail: christiane.tilly@lwl.org

Inhaltsverzeichnis

1  Autor*innenverzeichnis

2  Das Buch stellt sich vor

3  Danksagung

4 Wolf Ortiz-Müller, Silke Gahleitner und Stefan Gutwinski

5  Teil I: Theorie – Krisenintervention verstehen

6  1 Die Normalität der Krise oder die Krise der Normalität. Krisenpotenziale im globalisierten Netzwerkkapitalismus

7 Heiner Keupp

8  1.1 Wächter der Normalität

9  1.2 Die Deutungshoheit des »medizinischen Modells« verliert an Bedeutung

10  1.3 Der integrative Brückenschlag von George L. Engel

11  1.4 Notwendigkeit einer Gesellschaftsdiagnostik

12  1.5 Krise der Normalität und Normalität der Krise

13  1.6 Was ist Krise – sozialpsychologisch betrachtet

14  1.7 Die gesellschaftliche Auflösung stabiler Koordinaten

15  1.8 Wie produktive Angstbewältigung aussehen könnte

16  1.9 Schlussgedanke

17  Literatur

18  2 Krisenintervention: Theorie, Handlungsmodell und praktisches Vorgehen

19 Wolf Ortiz-Müller

20  2.1 Krisentheorien

21  2.1.1 Die Krisenkonzepte der 1940er–1970er Jahre: Traumatische Lebensveränderungs- und Entwicklungskrise

22  2.1.2 Benachbarte Forschungs- und Praxisfelder

23  2.1.3 Erweiterungen der Krisenbeschreibungen

24  2.1.4 Kritische Lebensereignisse und Krisenauslöser

25  2.1.5 Zwischenergebnis: Keine allgemein akzeptierte Systematisierung von Krisen

26  2.2 Krisenbewältigung

27  2.3 Ein schlüssiges Handlungsmodell und die Praxis vor Ort

28  2.3.1 Das Handlungsmodell

29  2.3.2 Die Praxis vor Ort

30  2.4 Fazit und Ausblick

31  Literatur

32  3 »Ohne sie wäre ich sicher nicht mehr da« – zur Bedeutung von Bindung, Beziehung und Einbettung bei schweren und wiederholten Krisenerfahrungen

33 Silke Birgitta Gahleitner

34  3.1 (Krisen-)Verhältnisse in der zweiten Moderne

35  3.2 Zum Beispiel Maria: Eine Krisenintervention mit vielen Hindernissen

36  3.3 Erste Schritte in neues Vertrauen und Beziehungsnetzwerke

37  3.4 Sich auf Basis von Beziehung und Einbettung durch die Krise arbeiten

38  3.5 Zurückblicken, wieder in den Lebensalltag treten und weiter vorsorgen

39  3.6 Ausblick

40  Literatur

41  4 Was hilft den Krisenhelfer*innen? – Kurze Praxis der Notfall- und Krisenintervention

42 Manuel Rupp

43  4.1 Einführung: von der Improvisation zur Profession

44  4.2 Was sind Krisen und Notfälle – und wie entstehen sie?

45  4.3 Notfall- und Krisenintervention ist eine interdisziplinäre Aufgabe

46  4.4 Die drei Dimensionen der Notfallintervention

47  4.4.1 Sich schnell orientieren trotz unvollständiger Information (qualitative Dimension): das Konzept der Schlüsselsyndrome

48  4.4.2 Methodisch vorgehen je nach Schweregrad der Störung (quantitative Dimension)

49  4.4.3 Methodisch vorgehen je nach Stadium der Intervention (zeitliche Dimension)

50  4.5 Methodische Prinzipien der Notfallintervention

51  4.6 Fazit und Ausblick

52  Literatur

53  5 Konzept eines Trainingsseminars für Berater*innen und Psychotherapeut*innen zur Suizidprophylaxe

54 Wolfram Dorrmann

55  5.1 Voraussetzungen bei Therapeut*innen für die Arbeit mit Suizidalen

56  5.1.1 Bearbeitung eigener suizidaler Tendenzen

57  5.1.2 Ängste von Therapeut*innen

58  5.1.3 Therapeutisch günstige Grundeinstellungen zum Suizid

59  5.1.4 Sensibilität für Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse

60  5.2 Diagnostik der Suizidalität

61  5.3 Strategien und Techniken im Umgang mit Selbsttötungsabsichten

62  5.3.1 Ein Prozessmodell und allgemeine Hinweise zu Krisengesprächen

63  5.3.2 Rapport zu Patient*innen herstellen

64  5.3.3 Zeit gewinnen und Brücken bauen

65  5.3.4 Antisuizid-Verträge

66  5.3.5 Konfrontation mit rationalen Argumenten

67  5.3.6 Konfrontation durch Imagination

68  5.3.7 Arbeit mit Gefühlen

69  5.3.8 Stationäre Unterbringung

70  5.4 Übliche Fehler und riskante Interventionen

71  5.5 Rechtliche Aspekte

72  5.6 Literatur und Adressen

73  Literatur

74  Teil II: Praxis – Mit den Nutzer*innen arbeiten

75  6 Freischwinger oder Wartebank? – Klient*innen zwischen Sozialpsychiatrischem Dienst und Krisendienst

76 Ilse Eichenbrenner und Detlev Gagel

77  6.1 Einführung

78  6.2 Das Arbeitsfeld

79  6.2.1 Der Sozialpsychiatrische Dienst

80  6.2.2 Klient*innen, Kund*innen, Nutzer*innen

81  6.2.3 Der Alltag im Amt

82  6.3 Die Zusammenarbeit der beiden Dienste: Freund*innen, Kolleg*innen, Kontrahent*innen?

83  6.3.1 »Bitte wenden Sie sich außerhalb dieser Zeiten an den Krisendienst!«

84  6.3.2 Die Vermittlung: »Ich habe Ihre Nummer vom Krisendienst«

85  6.4 Die Dynamik zwischen den Diensten: »It takes two to Tango«

86  6.5 In Zukunft: Allein machen sie dich ein

87  6.6 Fazit

88  Literatur

89  7 Wohnungslos und Wohnungsnot – Krisenhilfe aus sozialpsychiatrischer Perspektive

90 Stefanie Schreiter und Stefan Gutwinski

91  7.1 Einleitung

92  7.2 Definition – Obdachlosigkeit oder Wohnungslosigkeit?

93  7.3 Wie häufig ist Wohnungslosigkeit?

94  7.4 Wie häufig sind psychische Erkrankungen und wie verläuft damit der Weg in die Wohnungslosigkeit?

95  7.5 Besonders gefährdete Gruppen

96  7.6 Wohnungslos – was tun? Konkrete Hilfen im Versorgungssystem

97  7.6.1 Was tun, wenn jemand wohnungslos ist und auf der Straße lebt?

98  7.6.2 Drohender Wohnungsverlust – was tun?

99  7.6.3 Mietschulden verhindern

100  7.7 Allgemeine Handlungsorientierungen für die Hilfe wohnungsloser Menschen in Krisen

101  7.7.1 Aufsuchende Versorgung

102  7.7.2 Kollaboration und Kooperation – Vernetzung der Versorgungseinrichtungen für wohnungslose Menschen

103  7.7.3 Information

104  7.8 Schlusswort

105  Literatur

106  8 Eine Krise, die viele Krisen entstehen lässt – Krisenintervention und geistige Behinderung

107 Jonathan Henssler und Carlos Escalera

108  8.1 Einführung

109  8.2 Die geistige Behinderung und ihre Klassifizierung

110  8.2.1 Komorbidität

111  8.2.2 Übertragbarkeit des Krisenbegriffes auf Menschen mit geistiger Behinderung

112  8.3 Besonderheiten von geistiger Behinderung und Krisenbewältigung

113  8.3.1 Strategien der Konfliktbewältigung

114  8.3.2 Umgang mit der Zeit

115  8.4 Krisen der Klient*innen, Krisen der Helfer*innen

116  8.5 Dimensionen menschlicher Aggressivität

117  8.6 Mit Eskalationen umgehen – Beispiele

118  8.6.1 Beschleunigung der physiologischen Prozesse, der Emotionen, der Ereignisse

119  8.6.2 Radikalisierung der Schlussfolgerungen und der Beurteilungen

120  8.6.3 Einengung der Wahrnehmung

121  8.6.4 Polarisierung Gut/Böse

122  8.6.5 Erregung

123  8.7 Berührungsängste der Helfer*innen

124  8.8 Die Intervention in einer Akutsituation

125  8.9 Fazit und Ausblick: Fachliche und persönliche Anforderungen an die Helfer*innen

126  Literatur

127  9 »Fremde sind wir uns selbst« – Krisenintervention bei Migrant*innen und Geflüchteten

128 Eva M. Reichelt

129  9.1 Einführung

130  9.2 Hintergrund: »Die Migration als Trauma und Krise«

131  9.2.1 Migration und Sprache

132  9.2.2 Migration und Lebensalter

133  9.2.3 Zweite und dritte Generation von Migrant*innen

134  9.2.4 Migration und Geschlecht

135  9.2.5 Das Konzept der sequentiellen Traumatisierung

136  9.3 Migrant*innen und Geflüchtete in der Krisenberatung: Wie geht es den Beratenden?

137  9.4 Haltungen in der Krisenberatung mit Geflüchteten und Migrant*innen

138  Literatur

139  10 »Eigentlich will ich leben, aber so wie jetzt kann ich nicht mehr weiter« – Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen

140 Sigrid Meurer

141  10.1 Zur Einführung

142  10.2 Krisen bei Kindern und Jugendlichen

143  10.2.1 Krisen bei Kindern (bis zu einem Alter von ungefähr 12 Jahren)

144  10.2.2 Krisen bei Jugendlichen (Alter von ca. 12 Jahren bis zum jungen Erwachsenenalter)

145  10.2.3 Einige Risikofaktoren für die Entwicklung schwerwiegender Krisen im Kindes- und Jugendalter

146  10.3 Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen

147  10.3.1 Einige Signale und Alarmzeichen, die auf eine Suizidgefährdung hinweisen können

148  10.3.2 Was empfinden suizidale junge Menschen?

149  10.3.3 Umgang mit suizidgefährdeten Kindern und Jugendlichen

150  10.3.4 Weitere wichtige Punkte bei der Beratung suizidgefährdeter junger Menschen

151  10.4 Beispiele für Krisensituationen im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen im Krisen- und Rettungsdienst

152  10.4.1 Unterbringung eines Elternteils nach PsychKG

153  10.4.2 Einsätze nach Schadensereignissen

154  10.4.3 Überbringen von Todesnachrichten

155  10.5 Fazit: Wer bringt nun Licht ins Chaos?

156  Literatur

157  11 »Alter schützt vor Torheit nicht!« – Alterskrisen als Aufgabe der Krisenintervention

158 Burkhart Brückner

159  11.1 Einführung

160  11.2 Die Grundhaltung und das Basiswissen

161  11.2.1 Die verstehende Grundhaltung

162  11.2.2 Ältere Klient*innen im Krisendienst

163  11.2.3 Beziehungskonflikte im Alter

164  11.2.4 Altersdepressionen und Suizidalität

165  11.2.5 Altersverwirrtheit und Demenz

166  11.3 Über den Umgang mit verwirrten älteren Menschen

167  11.3.1 Fallbeispiel

168  11.3.2 Kommentar zum Fallbeispiel

169  11.3.3 Validation in der Krisenintervention

170  11.4 Die institutionelle Vernetzung und die Rolle der Helfenden

171  Literatur

172  12 Krisenintervention bei Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren

173 Tomislav Majić und Stefan Gutwinski

174  12.1 Einleitung

175  12.2 Welche Arten von Krisen können bei Menschen auftreten, die psychoaktive Substanzen konsumieren?

176  12.2.1 Akute Komplikationen in Abhängigkeit von den eingenommenen Substanzen

177  14.2.2 Entstehung von Sucht und Krisen bei Suchterkrankungen

178  12.3 Welche Besonderheiten haben psychische Krisen bei Konsument*innen von psychoaktiven Substanzen?

179  12.3.1 Konsumereignisse und Rückfälle als Indikatoren für Krisen bei der Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen

180  12.4 Welche therapeutischen Haltungen sind im Umgang mit Krisen bei Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren, hilfreich?

181  12.4.1 Das Modell »Stages of Change« von Prochaska & DiClemente

182  12.4.2 Das Konzept des Motivational Interviewing nach Miller und Rollnick

183  12.5 Wo finden Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren, Hilfe in Krisen?

184  12.5.1 Harm reduction und psychedelische Krisenintervention

185  Literatur

186  13 Krisenintervention bei psychotischen Krisen – Was wir von den Skandinaviern lernen können

187 Volkmar Aderhold

188  13.1 Einleitung

189  13.2 Entwicklungsgeschichte

190  13.2.1 Therapieversammlung bzw. Netzwerktreffen

191  13.2.2 Therapeutische Prinzipien

192  13.2.3 Weitere Besonderheiten

193  13.3 Evaluation des bedürfnisangepassten Behandlungsansatzes und Dialogs

194  13.4 An einem Praxisbeispiel soll der Ansatz weiter verdeutlicht werden

195  13.5 Fazit und Ausblick

196  Literatur

197  14 Therapeutische Haltungen und unterstützende Interventionen für Menschen in Krisen, die unter einer Borderline Persönlichkeitsstörung leiden

198 Claudia Schmitt und Stefan Gutwinski

199  14.1 Diagnosekriterien einer Borderline Persönlichkeitsstörung

200  14.2 Mögliche Ursachen für die Entwicklung einer Borderline Persönlichkeitsstörung

201  14.3 Hilfreiche therapeutische Haltungen

202  14.3.1 Therapeutische Grundannahmen in der DBT

203  14.3.2 Kernaspekte therapeutischen Handelns im Umgang mit Patient*innen mit BPS

204  14.4 Was bedeutet dies für Kriseninterventionen?

205  14.4.1 »Normale« Krise in Abgrenzung zu Krise mit akuter Lebensgefahr und Gefahr eines potentiell lebensbedrohlichen Verhaltens

206  14.4.2 Mögliche Strategien in der Krise

207  14.4.3 Aufbau von alternativen Fertigkeiten in der Krise

208  14.5 Was sonst noch hilfreich sein kann

209  14.6 Fazit und Ausblick

210  Literatur

211  15 Krisenintervention nach akuter Traumatisierung

212 Katharina Purtscher-Penz und Bernhard Penz

213  15.1 Klassifikation traumatischer Lebensereignisse

214  15.1.1 Unterscheidung nach Lebensereignissen

215  15.1.2 Unterscheidung nach der Verursachung

216  15.1.3 Unterscheidung nach traumatischen Situationsfaktoren

217  15.2 Reaktionen im zeitlichen Verlauf

218  15.3 Diagnostik

219  15.3.1 Akute Belastungsreaktion (F43.0), (Dilling & Freyberger, 2019)

220  15.3.2 Akute Belastungsreaktion bei Kindern und Jugendlichen

221  15.3.3 Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) (F43.1), (Dilling & Freyberger, 2019)

222  15.4 Aufgaben und Ziele der Akutbetreuung

223  15.4.1 Interventionen in der Akutphase

224  15.4.2 Erstversorgung von traumatisierten Menschen

225  15.4.3 Besondere Hilfestellung für Kinder und Jugendliche in der Akutbetreuung

226  15.5 Rollenvielfalt und das Zusammenspiel verschiedener Ebenen der Krisenintervention

227  Literatur

228  16 Umgang mit gewalttätigen Patienten – Prinzipien der Deeskalation

229 Manuel Rupp

230  16.1 Gewalttätigkeit in psychiatrischen Institutionen

231  16.1.1 Was ist Gewalt, Aggression, Eskalation?

232  16.2 Die Dynamik der Gewalttätigkeit

233  16.3 Der Umgang mit den Risiken

234  16.3.1 Risiken erkennen

235  16.3.2 Risiken durch professionelle Deeskalation vermindern

236  16.3.3 Risiken durch Vorbeugung in der Institution vermindern – ein Beispiel

237  16.3.4 Risiken durch eine Kultur von Respekt, Anerkennung und Verbindlichkeit vermindern

238  16.4 Fazit und Ausblick

239  Literatur

240  17 Endlich traue ich mich – Chancen und Herausforderungen der Online-Beratung für Betroffene sexualisierter Gewalt

241 Petra Risau

242  17.1 Die Bedeutung der Online-Beratung für Betroffene von sexualisierter Gewalt

243  17.2 Besonderheiten, Chancen und Möglichkeiten der Online-Beratung für Betroffene von sexualisierter Gewalt

244  17.2.1 Erkenntnisse und Erfahrungen

245  17.2.2 Zu Beratungsverlauf und Ziel der Beratung

246  17.3 Ausblick

247  Literatur

248  Teil III: Krisenintervention aus Sicht der Angehörigen und Krisenerfahrenen

249  18 Krisenintervention – (k)ein Angebot für Psychiatrie-Betroffene? – Krisenintervention aus antipsychiatrischer Sicht

250 Iris Hölling

251  18.1 Begriffsklärungen: Wer sind Psychiatrie-Betroffene?

252  18.2 Kritik am bestehenden (Berliner) Kriseninterventionssystem

253  18.3 Wünsche von Psychiatrie-Betroffenen an Kriseninterventionsangebote

254  18.3.1 Die Wahl haben

255  18.3.2 Zugangshürden abbauen

256  18.3.3 Anforderungen an Professionelle

257  18.4 Fazit

258  Literatur

259  19 Krisenintervention aus der Perspektive der »Vielmelder/Heavy User« eines Krisendienstes

260 Anja Link und Christiane Tilly

261  20 Leidenschaftlich gefordert, selten erreicht – Krisenhilfe aus Sicht der Angehörigen

262 Reinhard Peukert

263  20.1 Einführung

264  20.1.1 Die Situation der Angehörigen

265  20.1.2 Persönliche Vorbemerkung oder: vom Profi zum Angehörigen

266  20.2 Leben mit einem psychisch kranken Familienmitglied

267  20.2.1 Ein Prozess

268  20.2.2 Exkurs: Der Einrichtungstyp »Familie« ist gegenwärtig nicht nur das Größte, sondern auch das flexibelste Angebot der (Gemeinde-)Psychiatrie

269  20.2.3 Die Lebenssituation aller Familienmitglieder verändert sich positiv – aber die Ungleichzeitigkeit der psychiatrischen Reformprozesse bleibt

270  20.3 Krisendienste bieten unbeabsichtigte Lernchancen

271  20.3.1 Was Krisendienste leisten

272  20.3.2 Krisendienst oder Krisenhilfe-Funktion?

273  20.3.3 Die Grenze von Krisendienst und »klassischer« Krisenfunktion

274  20.4 »Der Familiengast« – die etwas andere Intervention in »sub-akuten Krisen«

275  20.5 Schlussbemerkung

276  Literatur

277  Stichwortverzeichnis

Das Buch stellt sich vor
Wolf Ortiz-Müller, Silke Gahleitner und Stefan Gutwinski

Wir freuen uns sehr, Ihnen die dritte Auflage des Handbuches »Praxis Krisenintervention« vorstellen zu können. Um den aktuellen Entwicklungen im Bereich der Krisenintervention in besonderem Maße Rechnung zu tragen, haben wir neue Autor*innen gewonnen, deren Beiträge sich zu einer neuen Gesamtkonzeption zusammenfügen. Andere Artikel sind von Grund auf überarbeitet und aktualisiert worden; leider haben wir uns von einigen Beiträgen schweren Herzens verabschieden müssen. Eine ganz entscheidende Veränderung zur vorhergehenden Ausgabe besteht darin, dass wir Stefan Gutwinski als Co-Herausgeber in der Nachfolge von Ulrike Scheuermann, der wir weiterhin verbunden sind, gewinnen konnten. Er setzt in der vorliegenden Ausgabe vor dem Hintergrund seiner langjährigen Arbeit in der Psychiatrie neue Akzente und eröffnet damit einen noch leichteren Zugang zu einer großen Gruppe unserer bisherigen Leser*innen1, den Student*innen und Mitarbeiter*innen unterschiedlicher Fachrichtungen des psychiatrischen Feldes.

Praxis Krisenintervention, diese Kurzformel schien uns dennoch – auch für die dritte Auflage des vorliegenden Buches – am besten geeignet, unser Anliegen auf den Punkt zu bringen: Wir, die Herausgeber*innen und die Mehrzahl der Autor*innen kommen aus der Praxis und schreiben für die Menschen in der Praxis. Dementsprechend ist auch das Spektrum der Berufsgruppen, die wir mit diesem Buch ansprechen möchten, wieder ebenso breit aufgefächert wie in der letzten Ausgabe. Unter »helfenden« Berufen verstehen wir dabei nicht nur Ärzt*innen, Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und Pflegekräfte in der psychosozialen Versorgung, sondern in ähnlicher Weise auch Betreuer*innen nach dem Betreuungsgesetz und Fachkräfte innerhalb der Feuerwehr, der Polizei und anderer Rettungsdienste, die mit Krisen alltäglich oder auch nur gelegentlich zu tun haben.

Nach den Grundsatzartikeln, die eine Einführung und einen Überblick geben möchten, behalten wir die Orientierung an den Praxisfeldern bei, da sie sowohl »Neulingen« als auch »alten Hasen« ermöglicht, die bisherigen Kenntnisse über Krisenintervention zu überprüfen und zu erweitern. Keiner kann in allen Bereichen der Krisenintervention gleichermaßen fit sein. Wenn dann im eigenen Arbeitsumfeld eine Krise umsichtiges Handeln verlangt, deren Umstände hier praxisnah beschrieben werden, so ist es der Anspruch des Handbuchs, damit eine erste Orientierung zu ermöglichen. Dieses Buch will, dass praktisch Tätige es »zur Hand nehmen«, dann »die Sache in die Hand nehmen«, vielleicht gelegentlich sogar Klient*innen »an die Hand nehmen« (sie aber auch rechtzeitig wieder loslassen!), und dass wir über dieses Arbeiten mit den Nutzer*innen nachlesen und reflektieren können.

Krisenintervention galt einst als exotisches Pflänzchen innerhalb der psychiatrischen Landschaft, für das einige Pionier*innen unter den Psychiater*innen, Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen eigene Räume erkämpft hatten: die Kriseninterventionsstationen innerhalb psychiatrischer Abteilungen oder auch ambulante Krisendienste in der Gemeindepsychiatrie. Heute ist Krisenintervention als Thema – und häufig genug bereits als eigenes Tätigkeitsfeld – in nahezu jeder Einrichtung präsent, die mit Menschen arbeitet, seien sie nun krank oder behindert oder »einfach nur« Menschen, die in einer Lebenskrise stecken. Ambulante Krisendienste in einem ausgebauten gemeindepsychiatrischen System gehören eigentlich längst zum fachlichen Standard, sind jedoch bis heute nicht flächendeckend tatsächlich auch eingerichtet. Um diesen Sachverhalt differenziert zu verstehen, müssen die Hintergründe der Krisenhilfe eingehender reflektiert werden.

I Theorie – Krisenintervention verstehen

Im ersten Teil des Buchs Theorie – Krisenintervention verstehen suchen fünf Beiträge ganz unterschiedliche, gleichwohl aufeinander bezogene Zugänge zur Krise und Krisenintervention. Sie spannen einen Bogen von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen über Krisenmodelle hin zu strukturellen Notwendigkeiten für adäquate Krisenhilfe. Hilfe für Krisenhelfer*innen und die Weiterbildung in der Kernproblematik der Suizidalität runden diese Einführung ab.

Kapitel 1

Angesichts der weltweiten Krisenerscheinungen, die nicht nur wirtschaftliche und politische Umwälzungen nach sich ziehen, sondern auch tief in den sozialen Nahraum hineinwirken, erscheint der Einführungsartikel aktueller denn je. Heiner Keupp erläutert in seinem Beitrag Die Normalität der Krise oder die Krise der Normalität. Krisenpotenziale im globalisierten Netzwerkkapitalismus unter Referenz auf Gegenwartsanalysen der Soziologie die Allgegenwärtigkeit von Krisenerfahrungen. Für das Anliegen dieses Buchs spielen die Konsequenzen für insbesondere sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen innerhalb dieses »spezifisch postmodernen Angstmilieus« eine wichtige Rolle.

Kapitel 2

Krisenintervention - Theorie, Handlungsmodell und praktisches Vorgehen nennt Wolf Ortiz-Müller seinen neu gestalteten und erweiterten Überblicksartikel, der die Entwicklungsgeschichte des Krisenverständnisses und der Krisenintervention nachzeichnet, ohne die die aktuellen Ausdifferenzierungen der Krisenbeschreibungen nicht verständlich wären. Er widmet sich den spannenden Diskussionen, was unter Krisenbewältigung zu verstehen ist und stellt ein Handlungsmodell in sechs Schritten vor, das die Interventionen im praktischen Vorgehen strukturieren kann.

Kapitel 3

Fragen und Themen, die Keupp in seinem sozialpsychologisch-gesellschaftlichen Beitrag aufwirft, finden im Beitrag von Silke Birgitta Gahleitner eine Entsprechung auf der Ebene des Individuums und seiner sozialen Einbindung als weitreichenden Unterstützungsfaktor im tagtäglichen krisenbedrohten Geschehen. Unter dem Titel »Ohne sie wäre ich sicher nicht mehr da«: zur Bedeutung von Bindung, Beziehung und Einbettung bei schweren und wiederholten Krisenerfahrungen führt sie in die Komplexität sozialer Einbettungsprozesse in der Behandlung schwerer und wiederholter Krisen ein. Dabei zeigt sich auch: Ohne ein Wissen um einerseits soziale und gesellschaftliche Prozesse und andererseits klinische Phänomene wie kumulative und komplexe Traumata sind manche Folgeerscheinungen und Bewältigungsstrategien, zu denen insbesondere auch Suizidalität und Selbstverletzung gehören, schwer verständlich und damit auch schwer behandelbar.

Kapitel 4

Der Beitrag von Manuel Rupp Was hilft den Krisenhelfer*innen? –Kurze Praxis der Notfall- und Krisenintervention beschreibt die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen Notfall und Krise und stellt die jeweils spezifischen Vorgehensweisen, wenn die Helfenden im ambulanten Setting den Ort der Krise aufsuchen, anschaulich in prägnanten »Checklisten« dar.

Kapitel 5

Wolfram Dorrmanns Beitrag Konzept eines Trainingsseminars für Berater*innen und Psychotherapeut*innen zur Suizidprophylaxe schlägt gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Die Leser*innen lernen ein in seiner langjährigen Praxis bewährtes didaktisches Konzept der Weiterbildung zu diesem Thema kennen. Zweitens erhalten sie Anregungen für die Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen im Umgang mit suizidalen Menschen und sie lernen drittens praxisnah, wie auch bei starker Selbstgefährdung noch therapeutisch interveniert werden kann.

II Praxis – Mit den Nutzer*innen arbeiten

Der zweite Teil des Buchs nimmt in 12 Kapiteln besondere Zielgruppen der Krisenintervention in den Fokus. Der Aufbau ermöglicht es den Leser*innen rasch die Spezifika einer Klientel oder eines Settings nachzuschlagen, um ihr Wissen zu vertiefen oder sich für eine Kontaktaufnahme mit vielleicht weniger vertrauten Krisensituationen zu präparieren.

Kapitel 6

Detlev Gagel und Ilse Eichenbrenner skizzieren in ihrem Beitrag Freischwinger oder Wartebank? – Klient*innen zwischen Sozialpsychiatrischem Dienst und Krisendienst die Verbindungen und Übergänge der Krisenintervention, die vom Sozialpsychiatrischen Dienst zum ambulanten Krisendienst bestehen. Hier wie dort wird Krisenintervention betrieben, der jeweilige Auftrag und Rahmen zeigen aber große Unterschiede – die Nutzer*innen auch?

Kapitel 7

Diesen Aspekt greifen Stefanie Schreiter und Stefan Gutwinski aus einer anderen Perspektive auf. Unter dem Titel Wohnungslos und Wohnungsnot – Krisenhilfe aus sozialpsychiatrischer Perspektive geben Sie Einblick in die Welt von Menschen, die aus vielen Netzen herausgefallen sind, die ihren »Ort« verloren haben und für die der Ortswechsel das Konstante ist: Wohnungslose in Krisen. Wie können wir verhindern, dass diese Menschen durch die Maschen des Hilfenetzes zwischen Suchthilfe, sozialpsychiatrischer Hilfe und Wohnungslosenhilfe fallen?

Kapitel 8

Komplexer Problemlagen spielen im Beitrag von Johannes Henssler und Carlos Escalera eine entscheidende Rolle. Eine Krise, die viele Krisen entstehen lässt – Krisenintervention und geistige Behinderung macht deutlich, wie stark die gegenseitige Beeinflussung von Helfer*innensystem und Klient*innen ist und wie sensibel demzufolge interveniert werden muss, um Eskalationen auf beiden Seiten zu vermeiden. Die Autor*innen geben Hinweise, wie Krisen bei Menschen mit geistiger Behinderung erkannt, verstanden und behandelt werden können. Woran erkennen wir, wann es sich bei den Krisenzuständen der geistig Behinderten im Kern um Krisen des Helfersystems handelt? Wie intervenieren wir, um latenter und manifester Gewaltausübung strukturell zu begegnen?

Kapitel 9

Eva Reichelt nennt ihren Beitrag. »Fremde sind wir uns selbst« – Krisenintervention bei Migrant*innen und Geflüchteten, und weist paradigmatisch auf die Unumgänglichkeit der Selbstreflexion der Helfer*innen hin, um das vermeintlich Fremde verstehen zu können. Menschen, die nach Deutschland eingewandert oder geflohen sind, stellen ebenso wie jene, die vielleicht schon in zweiter oder dritter Generation hier leben, besondere Anforderungen an unser Selbstverständnis als Helfer*innen. Wie können sprachliche, aber auch kulturspezifische Besonderheiten hinsichtlich Krankheit, Hilfestellung und Erwartungshaltung berücksichtigt werden?

Kapitel 10

Das Thema der Erreichbarkeit beschäftigt Sigrid Meurer im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit. »Eigentlich will ich leben, aber so wie jetzt kann ich nicht mehr weiter« – Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen nennt sie ihren anschaulichen Beitrag, in dem deutlich wird, dass es besondere Angebote geben muss, um Jugendliche zu erreichen und um ihren Krisen gerecht zu werden. Ein großer Schwerpunkt liegt dabei auf der Suizidgefährdung.

Kapitel 11

Burkhard Brückner nähert sich in seinem Beitrag »Alter schützt vor Torheit nicht« – Alterskrisen als Aufgabe der Krisenintervention dem entgegengesetzten Ende der Lebensspanne: Die alten Menschen, die stärker noch als andere Altersgruppen als suizidgefährdet gelten müssen. Eingebunden in das System der Familien oder der Altenhilfe – oder aus beidem herausgefallen – stellt sich die Frage, welche Herangehensweisen sich empfehlen, die den Besonderheiten des Alters gerecht werden.

Kapitel 12

Tomislav Majic und Stefan Gutwinski legen in ihrem Kapitel Krisenintervention bei Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren die Hintergründe für das Entstehen von Substanzgebrauchsstörungen, sowie hilfreiche therapeutische Haltungen im Umgang mit diesen Menschen dar.

Kapitel 13

Unter dem Titel Krisenintervention bei psychotischen Krisen – Was wir von den Skandinaviern lernen können bringt Volkmar Aderhold die Ergebnisse seiner Forschungen und Erfahrung in den deutschen Psychiatrie- und Krisendiskurs ein. Psychosen als eine mögliche Ausprägungsform von Krisen bedürfen sowohl eines spezifischen Umgangs als auch eines außerstationären Settings, um frühzeitig und effektiv unter Einbeziehung des Betroffenen und seines familiären bzw. sozialen Umfelds bearbeitet zu werden und einer Chronifizierung entgegenzuwirken.

Kapitel 14

Claudia Schmitt und Stefan Gutwinski schildern in dem Kapitel Therapeutische Haltungen und unterstützende Interventionen für Menschen in Krisen, die unter einer Borderline Persönlichkeitsstörung leiden ganz konkret mögliche Haltungen und Strategien im Umgang mit Menschen mit Borderline Störungen. Das Kapitel ist aus dem Klinikleitfaden der Psychiatrischen Universitätsklinik im St. Hedwig Krankenhaus entstanden, welcher über Jahre von Psycholog*innen, Pflegekräften, Ärzt*innen Sozialarbeiter*innen und anderen Mitarbeiter*innen entwickelt wurde.

Kapitel 15

Unter dem Titel Krisenintervention nach akuter Traumatisierung führen Katharina Purtscher-Penz und Bernhard Penz in die theoretischen Grundlagen und die Praxis der Akutintervention im Traumabereich ein. Sowohl für betroffene Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche stellen sie sowohl Basiswissen als auch praxisnahe Strategien vor, die helfen, Akutintervention sinnvoll und schonend zu gestalten und Menschen in dieser Situation wieder Hoffnung zu vermitteln.

Kapitel 16

Manuel Rupp widmet sich in seinem Beitrag dem Umgang mit gewalttätigen Patient*innen: Prinzipien der Deeskalation und stellt dabei die Komplexität Opferschaft – Täterschaft und den professionellen Umgang mit diesen hoch belastenden Dynamiken in den Vordergrund.

Kapitel 17

Ein Bereich, der sich extrem rasant weiterentwickelt hat, ist die Krisenberatung im Internet. Petra Risau hat hierfür ihren Beitrag Endlich traue ich mich – Chancen und Herausforderungen der Online-Beratung für Betroffene sexualisierter Gewalt komplett neu überarbeitet. Der Onlinebereich ist ein stark angewachsener Bereich, der die Hilfelandschaft radikal verändert hat und immer weiter verändern wird. Dies hat auch Rückwirkungen auf die Angebote des traditionellen »Face-to-Face-Kontakts«. Ein wichtiger Grund, diesen Entwicklungen nicht hinterherzulaufen, sondern die Relevanz für das eigene Institutionenprofil zu überprüfen.

III Krisenintervention aus Sicht der Angehörigen und Krisenerfahrenen

Die ersten beiden Teile des Buchs sind jeweils aus der Sicht der professionellen Helfer*innen auf spezifische Zielgruppen geschrieben. Zwar reflektieren sich auch die Helfenden in ihren jeweiligen Rollen und sind darum bemüht, das Hilfesystem und die Angehörigen in ihr Denken und ihre Interventionen miteinzubeziehen, jedoch kommen die Betroffenen und Angehörigen nicht selbst zu Wort. Daher widmet sich der dritte Teil des Buchs Beiträgen, die die Perspektive umkehren und aus je eigener Betroffenheit einen Blick auf das Hilfesystem und die in ihm Tätigen werfen.

Kapitel 18

Iris Hölling setzt sich in ihrem Artikel Krisenintervention – (k)ein Angebot für Psychiatriebetroffene? – Krisenintervention aus antipsychiatrischer Sicht mit der Frage auseinander, was das Hilfesystem den Psychiatriebetroffenen zu bieten hat oder wo es eher mit seiner Gewaltförmigkeit Selbsthilfepotenziale untergräbt. Unter dem Stichwort »was stattdessen hilfreich wäre« formuliert sie Herausforderungen an professionelle Helfer*innen, die deren Berufsethos verändern könnten.

Kapitel 19

Anja Link und Christiane Tilly schildern, ebenfalls aus Betroffenensicht ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Hilfesystem in ihren suizidalen und mit Selbstverletzung verbundenen Krisen. Entstanden ist der für diese Auflage nochmal deutlich aktualisierte Beitrag Krisenintervention aus der Perspektive der »Vielmelder/Heavy User« eines Krisendienstes, der für Nutzer*innen, ihre Angehörigen sowie Helfer*innen gleichermaßen wertvolle wie praxisrelevante Einblicke in subjektives Krisenerleben gewährt.

Kapitel 20

In seinem Beitrag Leidenschaftlich gefordert – selten erreicht. Krisenintervention aus Sicht der Angehörigen vertritt Reinhard Peukert konsequent die Perspektive der Angehörigen, die sich häufig von den Krisen ihrer Kinder, Partner, Geschwister oder Eltern überfordert und vom Hilfesystem im Stich gelassen fühlen. Die zugrundeliegende Fragestellung ist: Wie sähe die Hilfe aus, die die Angehörigen selbst formulieren und in den Trialog von Angehörigen, Betroffenen und Profis mit einbringen? In jedem Falle würde sie sich mehrdimensionaler, nicht so punktuell und »lediglich notfallorientiert« gestalten.

Berlin, im Herbst 2020

Wolf Ortiz-Müller, Stefan Gutwinski und Silke Birgitta Gahleitner

1 Wir haben uns in der dritten Auflage für das »Gender*« entschieden, um der Diskussion Rechnung zu tragen, dass es mehr Identitäten gibt, als die binäre Geschlechterlogik (männlich/weiblich) zulässt. Die daraus für manche resultierende Irritation beim Lesen muten wir Ihnen in der Annahme zu, dass auch unsere Lese-und Denkgewohnheiten sich aktualisieren dürfen.

Danksagung

Wir danken all jenen Menschen, ohne deren Begleitung, Unterstützung und kritische Reflexion dieses Buch nicht möglich gewesen wäre.

An erster Stelle möchten wir den »alten« und »neuen« Autor*innen für ihre ausgearbeiteten Beiträge danken. Den »Alten« danken wir für die Mühen der Durchsicht und Aktualisierung, die vielfach mit einer Rundum-Überarbeitung verbunden war. Den »Neuen« danken wir dafür, dass sie mit ihrer Expertise die bereits in sich schlüssige Erstauflage um weitere Facetten der Krisenintervention bereichern.

Auch die dritte Auflage entwickelte sich aus einem fruchtbaren Dialog zwischen Herausgeber*innen und Autor*innen, dessen Gegenstand die je einzelnen Beiträge sowie ihre Verknüpfung untereinander waren. Davon konnten und können, so glauben wir, beide Seiten, vor allem aber auch die Leser*innen profitieren.

Wir haben mit Freude festgestellt, dass das Buch sich nicht nur als Arbeitsmaterial für unsere eigenen Fortbildungen in Ausbildungsinstituten und bei freien Trägern eignet, sondern auch an vielen Hochschulen von Dozenten für ihre Seminare über Krisenintervention genutzt wird. Diesen möchten wir an dieser Stelle, ebenso wie den zahlreichen Rezensent*innen, die den Band positiv kritisch würdigten, danken. Wir hoffen, mit der vorliegenden dritten Aauflage eine ebenso anregende wie brauchbare Arbeitsgrundlage für die Weiterbildung vorlegen zu können.

Wir danken unseren Lektorinnen Annika Grupp und Manuela Pervanidis für ihre gute Betreuung und immerwährende Ansprechbarkeit über alle Phasen des Entstehungsprozesses.

Für die Unterstützung bei der Erstellung des Index und der Textdurchsicht danken wir Frau Klara Ronzheimer und Frau Sonja Radde.

Und nicht zuletzt danken wir unseren Familien und Freund*innen, die ein weiteres Mal unsere Launen aus- und uns den Rücken freihielten.

Herbst 2020

Wolf Ortiz-Müller, Silke Birgitta Gahleitner und Stefan Gutwinski

Teil I: Theorie – Krisenintervention verstehen

1 Die Normalität der Krise oder die Krise der Normalität. Krisenpotenziale im globalisierten Netzwerkkapitalismus
Heiner Keupp

Eine Welt im Krisenmodus ist normal geworden. Unsere Vorstellungen von Krise gehen von einer dramatischen Veränderung der psychischen und/oder gesellschaftlichen Bedingungen aus, die eine normale alltägliche Lebensführung gewährleistet haben. Sie gehen meist aber auch davon aus, dass die Krise bewältigt und ein Zustand an Normalität wiedergewonnen werden kann. Dieses Modell scheint seit Längerem nicht mehr zu funktionieren. Ob es um nationale oder globale Krisen geht, sie nehmen kein Ende: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, populistische Massenbewegungen, Gewalt und Terror. Die Hoffnung, dass die politischen Institutionen die Lösungskompetenzen haben, solche Krisen dauerhaft zu bewältigen und eine Normalitätsordnung (wieder) sicherzustellen, ist bei vielen Menschen verloren gegangen. Wir erleben eine Welt in einem ausgeprägten Erschöpfungszustand.

Die Begriffe Normalität und Abweichung benennen ein Koordinatensystem, das im Alltag, aber auch in den entsprechenden professionellen Diskursen Grenzen für gesellschaftlich akzeptiertes Erleben und Verhalten zieht. Im Alltag sprechen wir problemlos davon, dass etwas »normal« sei. Jede Kultur hat ihre eigenen Vorstellungen von »Normalität« und »Abweichung«, und innerhalb einer Kultur lässt sich in historischer Perspektive zeigen, dass sich Normalitätsvorstellungen wandeln. Solche Vorstellungen sind für die Ordnung eines sozialen Systems unverzichtbar, und sie sind für die Individuen in einer Gesellschaft hoch bedeutsam. Sie liefern Kriterien für die Zugehörigkeit zu einer sozialen Welt, aber auch für den Ausschluss (die Soziologie spricht von »Inklusion« oder »Exklusion«).

Differenzierte moderne Gesellschaften haben Professionen, Institutionen und Dienstleistungssektoren geschaffen, die die Grenze von Normalität und Abweichung »bewachen« und kontrollieren bzw. Menschen durch Beratung und Therapie auf den »Pfad der Normalität« bringen sollen. Psychiatrie, Psychotherapie, Sozial- und Sonderpädagogik oder Kriminologie haben genau dadurch ihr Mandat erhalten. Sie haben differenzierte Klassifikationssysteme geschaffen, die das Abweichungsfeld ordnen, und sie haben ein diagnostisches Handwerkszeug entwickelt, das eine möglichst zuverlässige Zuordnung von Anzeichen für eine Devianz zu der spezifischen Ordnungskategorie leisten soll.

1.1 Wächter der Normalität

Gibt es objektivierbare Kriterien für Normalität und Abweichung? Den Anspruch für solche Differenzkriterien hatte lange die Psychiatrie und in ihrem Gefolge auch die klinische Psychologie. Bis in die Gegenwart dieser Disziplinen wird deutlich, mit welcher Selbstverständlichkeit, aber auch mit welchen teilweise fatalen Konsequenzen dieser Anspruch vertreten wurde. Dass sich die Psycho-Expert*innen schon immer als aktive Produzent*innen und Wächter*innen von Normalitäten verstanden und dabei jeweils aus den dominanten Selbstverständnis- und Normalitätsbeständen ihrer Kultur, Klasse und Gesellschaftsformation geschöpft haben, wird in einem historischen Streifzug schnell deutlich.

Gesundheitsexpert*innen haben sich schon immer nicht nur auf das Kurieren von Krankheiten beschränkt, sondern sich auch Gedanken über Lebensformen und ihre Auswirkungen auf Gesundheit und Krankheit gemacht. Sie haben sich häufig ihre eigenen Gesellschaftstheorien entworfen, innerhalb derer sie die speziellen gesellschaftsinterventionistischen Handlungsimperative für Ärzt*innen bestimmen konnten.

Hierbei hat es fatale Fehlbewertungen gegeben. Als Beispiel wäre Kurt Hildebrandt (1923) zu nennen, Psychiater und Mitglied des Stefan-George-Kreises, der in seinem Buch »Norm und Entartung des Menschen« ein Koordinatensystem bestimmt, bei dem Abweichungen als Entartung bezeichnet werden. Bei Emil Kraepelin und Ernst Rüdin ausgebildet, beteiligte er sich auch an der Psychiatrisierung von Akteur*innen der Räterepublik, denn Personen, die sich an einer Revolution beteiligen, können nur außerhalb der Normalität angesiedelt sein (Hildebrandt, 1920). Hildebrandt war auch ein früher Vertreter der Rassenpsychologie, die seinem Denken eine biologische Grundlage lieferte, und es überrascht keineswegs, dass er auch ein offensiver Vertreter der eugenischen Bewegung war. Ob er auch an Euthanasieprogrammen beteiligt war, ist nicht belegt.

Aber auf der Basis dieses eliminatorischen Koordinatensystems konnte sich im nationalsozialistischen Staat eine mörderische Selektionspraxis entwickeln, die in den Euthanasieprogrammen hunderttausende von Menschen das Leben gekostet hat. Hier wurde die diagnostizierte Abweichung von der Norm zu einem Todesurteil oder führte zu einer Zwangssterilisierung. 1935 hat z. B. Werner Villinger, ein Kinder- und Jugendpsychiater, in einem Vortrag Aussagen getroffen, die ihn als Euthanasiearzt prädestinierten:

»Mit Schaudern denken wir an die Jahre nach dem Krieg zurück […]. Fortschrittsglaube, Freihandel, Frauenemanzipation, Pazifismus, Koedukation, Gleichheit aller Menschen, Aufklärung, Nacktkultur, vor allem aber ›Freiheit‹, und diese wieder am uneingeschränktesten auf dem Gebiete der ›Liebe‹, – wir kennen alle diese Schlagwörter und Bestrebungen, die in jener Zeit die Köpfe […] verwirrten […]. Bis endlich der langersehnte Umschwung kam und mit ihm biologisch fundiertes Denken und Handeln beim Staat und von da aus auch bei unserem ganzen Volk seinen Einzug hielt.« (Villinger, 1935, S. 247)

Bemerkenswert ist, dass Villinger, der als Begründer der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie gilt, von 1934 – 1940 Direktor in Bethel war, von 1951 – 1953 Präsident der Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater und 1955/56 auch noch Rektor der Universität Marburg. Er ist außerdem (Mit-)Begründer der Lebenshilfe. Aufgegeben hat er sein Fadenkreuz von Normalität und Abweichung nie. So ließ er noch 1950 keinen Zweifel daran, wer die Deutungshoheit über Normalität und Abweichung hat: »Die Unterscheidung zwischen ›normal‹ und ›abnorm‹ kann nur der Psychiater treffen« (Villinger, 1950, S. 55).

Diese Deutungsdominanz war bis in die 1960er Jahre der kaum infrage gestellte Mainstream der Psychopathologie. Aber mit der kritischen Debatte über die katastrophalen Zustände in der Anstaltspsychiatrie, der 1969 in Auftrag gegebenen Psychiatrie-Enquête und mit der allmählichen Aufarbeitung der Beteiligung führender Vertreter der Psychiatrie an den Euthanasieprogrammen erhielt auch eine kritische Debatte zur soziokulturellen Konstruktion von Normalität und Abweichung erheblichen Aufwind. Sie ist engstens mit der sozialpsychiatrischen Reformbewegung der 1960er und 1970er Jahre verknüpft. Das »medizinische Modell« wurde radikal dekonstruiert.

1.2 Die Deutungshoheit des »medizinischen Modells« verliert an Bedeutung

Der kulturrevolutionäre Zweifel, aus dem die Student*innenbewegung ihre kritische Potenz bezog, sah in dem vorherrschenden Krankheitsbegriff ein Disziplinierungsmittel, mit dem alle Widerstandsformen gegen die Eindimensionalität der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung erstickt werden sollten. Zentral war die »Befreiung« aus dem paradigmatischen Gefängnis des »medizinischen Modells«. Es entstand eine bemerkenswerte Resonanz für die Debatten um Normalität und Abweichung und für »gute Gründe«, in einer »verrückten Gesellschaft« verrückt zu werden. Es gab einen Diskurs zur Überwindung (klein)bürgerlicher Normalitätsgehäuse, und die »Verrückten« wurden als Avantgarde idealisiert, die sich bereits auf eine »Reise« begeben hatten, auf der wir ihnen möglichst bald nachfolgen sollten.

Herbert Marcuse war für die Debatten der damaligen Zeit einer der wichtigsten Ideengeber. Wiederentdeckt wurde damals ein Vortrag von ihm (Marcuse, 1968), in dem er 1956 auf einem Kongress amerikanischer Psychiater*innen die Frage stellte, ob angesichts der Irrationalität der gesellschaftlichen Verhältnisse, die in Rüstung, Verkehr, Umweltzerstörung und Ausbeutung ein historisch einmaliges Destruktionspotenzial entfalten, die Anpassung daran als Pathologie der Normalität zu bezeichnen wäre und nicht das Verweigern der Anpassung als psychisch krank.

Nur eingebettet in diesen intensiven fachlichen und politischen Kampf um eine angemessene Sicht auf psychosoziales Leid wird verständlich, wie leidenschaftlich die Kontroverse um das »medizinische Modell« geführt wurde (Keupp, 1972, 1979).

Eröffnet wurde diese Kontroverse durch einen Aufsatz, den Thomas S. Szasz 1960 im »American Psychologist«, dem wichtigen Fachorgan der American Psychological Association (APA), dem American Psychologist, publizierte. Szasz, an der State University of New York psychoanalytisch ausgebildeter Psychiater, löste eine intensive Diskussion um das bislang vorherrschende Krankheitsmodell in der Psychopathologie aus. Seine Kritik hatte eine doppelte Zielrichtung: Einerseits bestritt er die Berechtigung, ein biomedizinisches Modell auf das menschliche Handeln zu übertragen. Das sei erkenntnistheoretisch nicht vertretbar, weil es das Handeln biologistisch verkürze. Außerdem sei es ethisch fragwürdig, weil es dem Subjekt die Handlungsfreiheit abspreche. Andererseits machte er das »medizinische Modell« verantwortlich für eine höchst fragwürdige gesellschaftliche Rolle der Psychiatrie, die die Bearbeitung gesellschaftlicher Konflikte und Widersprüche, die seiner Auffassung nach das Leiden der Menschen erzeugten, verhindere. Dadurch übernehme sie die Funktion eines »sozialen Tranquilizers«, der verhindere, dass Konflikte bearbeitet und ausgetragen würden. Insofern leiste sie einen fragwürdigen Beitrag, den gesellschaftlichen Status quo zu sichern.

Diese Doppelbotschaft, erkenntnistheoretisch und herrschaftskritisch zugleich, hat Szasz in den 1960er und 1970er Jahren eine große Resonanz verschafft, zumal er ein Buch nach dem anderen schrieb.1 Sie alle sollten seine ursprüngliche Kernkritik weiter ausformulieren:

1. Anschlussfähig waren seine Argumente für die sich entwickelnde Klinische Psychologie und vor allem für die expansiv auftretende Verhaltenstherapie, die sich ein eigenständiges Fachprofil in klarer Absetzung vom »medizinischen Modell« erhoffte (exemplarisch sei das Lehrbuch von Ullman & Krasner, 1969, genannt). Wenn man sich von einer naturgeschichtlich gedachten Biogenese psychischen Leids mit guten Argumenten absetzen kann, haben psycho- und soziogenetische Zugänge eine große Durchsetzungschance.

2. Einem Wissenschaftsverständnis, das auf ontologische Wahrheiten ausgerichtet war – und so wurden auch die Krankheitseinheiten der Psychopathologie verstanden –, wird von Szasz (1960) ein konstruktivistisches Wissenschaftsmodell entgegengesetzt. Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit war vor allem durch die Soziologie (Berger & Luckmann, 1966/1982) und die Philosophie (Searle, 1995/2011) zu einer wichtigen Analyseperspektive geworden, weil sie die Möglichkeit eröffnet hat, starre Welt- und Fachinterpretationen zu dekonstruieren und die Frage zu stellen, welche soziokulturellen Kontextbedingungen die Bedeutungen aufladen, die wir Subjekten und ihrer Welt zuschreiben. Und zugleich enthält diese Perspektive die Möglichkeit, alternative Bedeutungszuschreibungen zu entwickeln und für ihre Geltung zu kämpfen.

3. Die Kritik am medizinischen Modell wurde auch durch Forschungsbefunde aus der transkulturellen Psychiatrie und der Ethnopsychoanalyse gestützt. In der deutschen Debatte war vor allem Erich Wulff (1969) von überragender Bedeutung, der als junger deutscher Psychiater nach Vietnam ging und dort die Erfahrung machte, dass die Kernsymptome etwa der Schizophrenie in Vietnam nicht genauso verstanden und eingeordnet wurden, wie er sie in seiner westdeutschen Sozialisation zu diagnostizieren gelernt hatte. Die europäische Sicht des Individuums, das eine klare und abgegrenzte Ichvorstellung unterstellt, führt dazu, Personen, die diese Vorstellung nicht entwickelt haben, als psychisch krank zu benennen. In Vietnam hingegen werden Menschen, die sich durch ihre Individualitätskonstruktionen aus dem kulturellen Kollektiv herauslösen, nicht als psychisch krank eingeordnet. Wulff (1969) konnte zeigen, wie stark die gesellschaftlichen Produktionsbedingungen die Vorstellungen von Normalität und Devianz bestimmen.

Einer herrschaftskritischen Sichtweise der Psychiatrie und auch der traditionellen Klinischen Psychologie hat der Text von Szasz (1960) insofern eine wichtige Steilvorlage geliefert, als er ein theoretisches Modell nicht nur als kognitiv-wissenschaftliche Figur kritisierte, sondern auch dessen gesellschaftlich-politischen Konsequenzen thematisierte. So war es möglich, die institutionellen Muster »totaler Institutionen« (Goffman, 1961/1972) und deren Folgen für psychiatrische Patient*innen zu identifizieren, die die klassische Psychopathologie umstandslos als integralen Bestandteil des Krankheitsverlaufes interpretierten. Die empirischen Studien zu den Hospitalisierungsschäden in psychiatrischen Krankenhäusern (vgl. Finzen, 1974) lieferten für diese Dekonstruktion genügend praktische Belege. Sehr prominent wurde in dieser Zeit die »Labeling-Perspektive«. Diese thematisiert und untersucht die jeweils für eine Gesellschaft typischen institutionellen Reaktionsmuster auf abweichendes Verhalten und wie diese den »Karriereverlauf« einer Devianz durch ihren spezifischen Prägestempel erheblich mitbestimmen (Keupp, 1976).

1.3 Der integrative Brückenschlag von George L. Engel

Die Diskussion um das »medizinische Modell« war jetzt an einem Punkt angelangt, wo sie noch einmal von George L. Engel, einem renommierten amerikanischen Psychiater und Psychosomatiker, resümiert werden konnte. In diesem Artikel wird die reduktionistische Tendenz des traditionellen Krankheitsbegriffs kritisiert und festgehalten, »das den wissenschaftlichen Aufgaben und der sozialen Verantwortung von Medizin« (Engel, 1977/1979, S. 64) nicht mehr gerecht werde. Ausgangspunkt seiner Argumentation war der Begriff Krankheit. Dieser lege »die Grenzen angemessenen professionellen Handelns« (Engel, 1977/1979, S. 64) fest und beeinflusse »die Einstellung zu und den Umgang mit den Patienten« (Engel, 1977/1979, S. 64). Seine Kritik zielt im Kern darauf, dass Krankheit im biomedizinischen Modell nur durch somatische Parameter definiert werde, was in der Konsequenz bedeute, dass bei seiner solchen professionellen Perspektive psychosoziale Probleme ausblendet oder als irrelevant beiseitegelassen würden. Engel (1977/1979) forderte deshalb, dass psychologische, soziale und kulturelle Faktoren besonders berücksichtigt werden sollten. Er erachtete die Lebensumstände als bedeutsame Variable, die den Krankheitsverlauf beeinflussten. Zudem betonte er, dass die Grenzen zwischen Gesundheit und Krankheit bei Weitem nicht klar seien und es auch niemals sein könnten, denn sie würden durch kulturelle, soziale und psychologische Erwägungen verwischt. Schon begrifflich wird die Trias zentraler menschlicher Basisbedingungen genannt: Bios, Psyche und Soziales. Dieser Vorschlag entsprach auch den Kooperationsformen zwischen unterschiedlichen Professionen, die sich in der Sozial- und Gemeindepsychiatrie herausbildeten. In den ambulanten sozialpsychiatrischen Einrichtungen wurden Ärzt*innen, Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen zu multiprofessionellen Teams zusammengeführt. Hier ging es nicht mehr um Dominanzkultur eines spezifischen disziplinären Blicks. Vielmehr konnten sich über solides Kooperationswissen aller Beteiligten handlungspraktisch tragfähige gemeinsame Sichtweisen entwickeln. Aus einem dogmatischen »monotheistischen« Störungsverständnis war zunehmend eine tolerante »polytheistische« Perspektive entstanden (vgl. etwa das plurale Spektrum bei Jaeggi, Rohner & Wiedenmann, 1990; oder bei Franke, 2006). Dies lässt sich durchaus auch an der Entwicklung der internationalen Klassifikationssysteme wie ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, 10. Revision: WHO,dt. Ausgabe hrsg. von Dilling et al.2015) oder DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Revision: American Psychiatric Association, 2018) ablesen. Sie konstruieren eine Zusammenschau unterschiedlicher Achsen, wobei nicht nur biologisch-neurologische Fakten, sondern auch entwicklungspsychologische und soziale Kontextbedingungen einbezogen werden. Die frühe Forderung nach mehrfaktoriellen Modellen schien damit erfüllt zu sein.

Hat Engel (1977/1979) mit seinem Vorschlag einen historischen Kompromiss ermöglicht? Auf dem Feld der theoretischen Fechtübungen mag das so gewesen sein. Die Paradigmakontroversen flauten ab, und es zeichneten sich deutlich handlungspragmatische Lösungen ab, in denen die »heiligen Kriege« um die Wahrheit nicht mehr so bedeutsam waren.

1.4 Notwendigkeit einer Gesellschaftsdiagnostik

Das renommierte naturwissenschaftliche Journal »Nature« ruft im ersten Januarheft 2010 eine »Dekade für psychiatrische Störungen« (Campbell, 2010) aus. Begründet wird diese Priorität damit, dass psychische Störungen wie Schizophrenie und Depressionen die vorherrschenden Störungen der Altersgruppe von 15 – 44 Jahre ausmachten. Hinzu kommt die wachsende Anzahl von ADHS-Diagnosen bei Kindern. Die Behandlung dieser Störungen machen etwa 40 % der medizinischen Kosten in den USA und Kanada aus. Die biologische Psychiatrie reklamiert für sich die zeitgemäßen Erklärungen und Therapien!

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) bezieht sich ausdrücklich auf diese Position von »Nature« (Campbell, 2010) und fordert 2010 ein »Deutsches Zentrum für Psychische Störungen«. Begründet wird diese Forderung damit, dass die psychischen Störungen eine Volkskrankheit seien, die sich in den modernen Gesellschaften sukzessiv ausweiteten. Die Zeit sei reif für eine wissenschaftliche Revolution! Was darunter genau zu verstehen ist, wird von wichtigen Vertretern der DGPPN so ausgeführt:

»Die rasche Entwicklung von Forschungsmethoden in der Genomik (parallele Erfassung einer Vielzahl von genetischen und funktionellen Varianten) und Bildgebung haben unser Wissen über psychische Krankheiten in relativ kurzer Zeit enorm bereichert. So wurden auch neue Methoden in die Psychiatrie übernommen, so z. B. die genetische Epidemiologie, die systemischen Neurowissenschaften, funktionelles Neuroimaging, Genomic Imaging oder Proteomik. Ein erheblicher Erkenntniszuwachs resultiert auch aus der Entwicklung von innovativen Tiermodellen. Ein weiterer zukünftiger Entwicklungsschritt ist von der Stammzelltechnologie zu erwarten, mit welcher zellbiologische Modelle für psychische Erkrankungen entwickelt werden könnten.« (Schneider, Falkai & Maier, 2012, S. 14)

Hat diese Programmatik noch etwas gemeinsam mit dem biopsychosozialen Modell von Engel? Wo ist der Bezug auf die psychische Situation, die sozialen Lebensbedingungen und auf ökologische Systemfaktoren? Bei aller Begeisterung für die Biosphäre der menschlichen Existenz, die durch die Neurowissenschaften und die Genforschung ausgelöst wurde, fragt man sich, ob denn auf dieser Grundlage etwa die Zunahme von Burn-out und Depressionen oder Zuwachsraten bei den ADHS-Diagnosen erklärt werden können. Und es stellt sich die Frage, ob angesichts eines offensiven Rebiologisierungsprozesses in der Psychiatrie und zunehmend auch in der Psychologie die von Engel (1977/1979) vorgeschlagene Balance zuungunsten der Sozialwissenschaften verloren geht und deshalb jetzt eine selbstbewusste sozialwissenschaftliche Initiative im Sinne einer expliziten »Gesellschaftsdiagnostik« (Keupp, 2013) und eine »Re-Sozialisierung« von Normalität und Abweichung notwendig sind.

Ein neuer Höhepunkt im revitalisierten Medikalisierungstrend ist mit dem DSM-5 erreicht, bei dem immer weiter in den Alltag eingreifenden Pathologisierungshaltung auch in der psychiatrischen Fachszene heftige Kritik ausgelöst hat. Exemplarisch dafür steht die Streitschrift von Allen Frances (2013), die unter dem Titel »Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnose« in deutscher Sprache erschien. Frances ist kein psychiatriekritischer Geist, sondern gehört zum fachlichen Establishment und war verantwortlicher Vorsitzender der Kommission, die das DSM-5 erarbeitet hatte. Der Autor reflektiert seine eigene frühere Rolle und zeigt auf, wie problematisch es ist, wenn neue Krankheitsbilder konstruiert werden, die vor allem der Pharmaindustrie neue Profitmöglichkeiten eröffnet. Beim DSM-5 sieht er vor allem die Gefahr, dass zum Alltag und zum menschlichen Leben gehörende Sorgen und Gefühlslagen zu psychischen Krankheiten umgedeutet werden (vgl. die kritischen Analysen von Greenberg, 2013; Burstow, 2015).

Der unverzichtbare Beitrag der Sozialwissenschaften lässt sich exemplarisch an der Auseinandersetzung aufzeigen, warum die Depression – bis hin zur Weltgesundheitsorganisation –als »Volkskrankheit Nr. 1« bezeichnet wird. Der Buchtitel von Alain Ehrenberg (1998/2004) »Das erschöpfte Selbst« ist zum nichtfachlichen Synonym für den Zustand der Depression geworden, aber nicht im Sinne einer vermeintlich kontextfreien psychopathologischen Diagnostik, sondern als Teil einer Gesellschaftsdiagnostik, die einen Zusammenhang zwischen subjektiven Erfahrungen und gesellschaftlichen Entwicklungen herstellt.

In der Geschichte der Diskurse über Normalität und Abweichung haben sich charakteristische Verschiebungen der Deutungsmächte vollzogen. Solange Abweichung von der Norm als Verletzung einer Ordnung angesehen wurde, die einem göttlichen Schöpfungsplan folgt, gab es eine religiöse Deutungsdominanz. Mit der Verwissenschaftlichung des Devianzfeldes wurden höchst unterschiedliche Erklärungsmodelle für Abweichungen von der Norm formuliert. Das »Pathologiemodell« unterstellte spezifische Krankheitsursachen und -einheiten und suchte seine Gewissheiten über naturwissenschaftliche Erklärungen zu gewinnen. Die psychogenetischen Modelle haben unterschiedliche biografische Entwicklungsverläufe oder Lerngeschichten entwickelt, um Normalitätsverfehlungen erklären zu können. Erweitert werden diese noch durch soziogenetische Konzepte, die Devianzentstehung aus den sozialen Lebensbedingungen heraus plausibel machen. Diese Modelle haben sich mit ihren jeweiligen Alleinvertretungsansprüchen heftig bekämpft. Inzwischen hat sich auf breiter Grundlage eine konstruktivistische Perspektive durchgesetzt, die allen Wahrheitsansprüchen den Boden entzieht und Devianzkategorien den Status pragmatisch sinnvoller Konstrukte zuordnet, die wiederum den zuständigen Professionen Kommunikations- und Handlungssicherheit geben sollen. Von Bedeutung ist nicht mehr die »Wahrheit« von Normalität und Abweichung, sondern das Interventionspotenzial: Welche therapeutischen, beraterischen oder korrektiven Maßnahmen können oder sollen eingeleitet werden, um den Störungswert eines Verhaltens oder Erlebens so zu verändern, dass sie den normativen Erwartungen innerhalb einer jeweiligen Kultur besser entsprechen?

Gibt es aber in pluralen Gesellschaften überhaupt noch einheitliche Normalitätsstandards, oder besagt nicht die Feststellung, dass wir uns in einer postmodernen Gesellschaft befinden, dass »anything goes«? Innerhalb einzelner Lebenswelten und Milieus gibt es meist sehr klare Vorstellungen für das, was als Normalität und Abweichung angesehen wird, und hier entsteht auch der Ausgrenzungsdruck auf Menschen, die den Erwartungen nicht entsprechen, oder der Leidensdruck bei Personen, die den Erwartungen nicht entsprechen können, obwohl sie genau dies wollen.

Wenn Normalität und Abweichung als soziale Konstruktionen rekonstruiert werden können, ist es auch möglich, sie zu »dekonstruieren«. Dekonstruktion kann als »konstruktive Zerstörung und Demystifikation« angesehen werden. In aller Regel sind diese dekonstruktiven Prozesse eingebunden in soziale Bewegungen, die die soziale Wahrnehmung und die gesellschaftliche Stellung spezifischer Gruppen verändern wollen (von der Frauen-, der Schwulen- und Lesbenbewegung bis zur Behindertenbewegung). Wenn sie erfolgreich sind wie im Falle der Schwulenbewegung, gelingt es, eine sexuelle Orientierung, die über Jahrzehnte als pathologische Abweichung galt, in das Diskursfeld der Normalität zu verschieben.

Es gibt gute Gründe, sich von der Polarität von Normalität und Abweichung zu verabschieden und mehr danach zu fragen, welche Ressourcen Menschen in spezifischen Lebenssituationen brauchen, um zu einer souveränen Lebensführung zu gelangen.

1.5 Krise der Normalität und Normalität der Krise

Auch wenn sich reflektierte Vertreter*innen der Psychiatrie aktuell dem Thema Normalität zuwenden und viele der schon benannten kritischen Diskurse aufnehmen (vgl. Finzen, 2018), würden sie der radikalen Relativierung von Normalitätsprinzipien, die von Steingart (2011) vorgenommen wird, kaum zustimmen:

»Wir selbst sind Gegenstand einer Transformation, die auf geheimnisvolle Weise in uns wirkt. Die Verrücktheit der Außenwelt spiegelt sich in uns wider. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, sagte einst Theodor Adorno. Heute müsste man hinzufügen: Es gibt kein normales Leben in Zeiten sich auflösender Normalität. […] Wir erleben in unserer Gegenwart nicht das Ende der einen und den Beginn einer anderen Normalität, sondern das Ende von Normalität.« (Steingart, 2011, S. 136)

Dieser Text gehört zu den unzähligen Stimmen, die traditionelle Regulationsprinzipien des Alltags und gesellschaftlicher Abläufe infrage stellen. Das erzeugt Verunsicherungen und Krisen allüberall, und es stellt sich die Frage, ob in unserem Bewusstsein etwas zur Regel wird, was eigentlich den Ausnahmefall oder die Abweichung von der Normalität bezeichnen sollte. Wenn man sich umhört, wo über Krise gesprochen und wie das getan wird, fährt man gerade in den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskursen unter dem Stichwort »Krise« eine reiche Ernte ein. Sich umhören heißt ja heute u. a., dass man seine Internet-Suchmaschinen anwirft.

1.6 Was ist Krise – sozialpsychologisch betrachtet

Margret Dross (2001) hat eine gut nachvollziehbare Definition von Krise vorgelegt und sagt, dass von einer Krise dann zu sprechen ist, wenn

• »ein Zustand psychischer Belastung eingetreten ist, der sich deutlich von der Normalbefindlichkeit einschließlich ihrer Schwankungen abhebt, als kaum mehr erträglich empfunden wird und zu einer emotionalen Destabilisierung führt,

• die widerfahrenen Ereignisse und Erlebnisse die bisherigen Lebensgewohnheiten und -umstände und die Ziele massiv infrage stellen oder unmöglich machen,

• die veränderte Situation nach Lösungen verlangt, die aber mit den bisher verfügbaren oder selbstverständlichen Möglichkeiten der Problemlösung oder Anpassung nicht bewältigt werden können.« (Dross, 2011. S. 10)

In dieser Begriffsbestimmung wird betont, dass eine Krise dadurch gekennzeichnet ist, dass Menschen aus der Normalität ihrer gewohnten und verlässlichen alltäglichen Selbstverständlichkeiten herausfallen. In diesen Selbstverständlichkeiten bündelt sich unser jeweils erreichtes Balancierungsverhältnis von inneren Welten mit dem, was wir als Realität erleben. In unserer alltäglichen Identitätsarbeit arbeiten wir an dieser Integration oder Passung (vgl. Keupp et al., 1999/2013).

Mit dem Verweis auf ein klassisches sozialwissenschaftliches Experiment möchte ich noch einmal die Bedeutung alltäglicher Routinen und Selbstverständlichkeiten für das herausarbeiten, was wir als »Normalität« bezeichnen könnten. Der nordamerikanische Ethnomethodologe Harold Garfinkel (1967) hat in seinem »Krisenexperiment« auf elegant-einfache und zugleich dramatische Weise gezeigt, wie Krisen auftreten, wenn uns die Basisselbstverständlichkeiten genommen werden. Er schickte seine Student*innen mit dem Auftrag ins Wochenende, sich zu Hause konsequent wie Gäste zu verhalten. Wenn Töchter oder Söhne diese Anweisung konsequent durchhielten, erzeugten sie Krisen in ihren Familien. Diese waren teilweise so heftig, dass besorgte Eltern die psychiatrische Krisenintervention eingeschaltet haben. Wenn eingespielte Regeln und Normen alltäglicher Lebensführung infrage gestellt oder außer Kraft gesetzt werden, beginnt der Boden unter uns zu schwanken. Krisen können durch akute lebensverändernde Ereignisse ausgelöst werden, die für einzelne Personen oder Mikrosysteme die Alltagsnormalitäten gefährden können. Es gibt aber auch Krisen der Normalität selber, wenn sich die Grundlagen eines soziokulturellen Systems so verändern, dass bislang tragfähige Schnittmuster der Lebensgestaltung ihre Tauglichkeit verlieren. In einer solchen »Normalitätskrise« befinden wir uns gegenwärtig, und genau dieses Stichwort soll meine weiteren Überlegungen bestimmen, auf die ich mit der folgenden These vorbereiten möchte:

In seinem klassischen Werk »Das Unbehagen in der Kultur« hat Sigmund Freud (1930) aufgezeigt, dass uns zivilisatorische Absicherungen zwar ein befriedetes Leben bringen können, uns aber auch um unser Glück »betrügen«. Ist das heute noch eine befriedigende Sicht? Ist mit dem Siegeszug der Globalisierung, dem digitalen Kapitalismus und dessen neoliberalem Menschenbild des fitten und ultraflexiblen Subjekts nicht längst der Sicherheitspfad verlassen? Wir leben in einer gesellschaftlichen Periode, in der sich in dramatischer Weise gewohnte Lebens- und Arbeitsformen verändern, ohne dass sich schnell wieder neue Lebensroutinen ausbilden. Diese gesellschaftlichen Veränderungen erleben viele Menschen als Befreiung aus traditionellen Lebensmodellen, sie sehen den gewachsenen Spielraum für die selbstbewusste Gestaltung offener Normalitäts- und Identitätsmodelle. Aber genauso viele Menschen reagieren angstvoll auf den Verlust von gewohnten Lebenskonzepten und Sicherheitsgaranten sowie auf eine ungesicherte Zukunft. Die erlebte Gegenwartsgesellschaft hat für das subjektive Umgehen mit diesen Erfahrungen noch keine »einbettende Kultur« geschaffen, in der das »Handwerk der Freiheit« hätte kollektiv gelernt werden können. Das aktuell hohe »Angstmilieu« ist eine Reaktion darauf.

Normalität heute – im Unterschied zu jener Phase, die als »Postmoderne« bezeichnet wird – ist kein »Freifahrtschein« für Lebenskünstler*innen, die nur noch ihren eigenen kreativen Intuitionen folgen. Auch wenn auf den Identitätsbaustellen nicht mehr nach kulturell normierten Bauplänen gearbeitet wird, herrscht dort kein Reich der Freiheit. Es geht immer noch um Passung zwischen Subjekten und einem globalisierten Netzwerkkapitalismus, und die Identitätsarbeit der Person hat diese Passung zu erbringen. Die »Normalitätsschablonen« haben nicht mehr fixen Normen zu entsprechen, sondern bilden sich einen permanent steigernden Fitness-Parcours. Und »Fitness« bedeutet Affirmation. Und wenn Affirmation zur Normalität wird, ist sie ein »Krisentreiber«.

1.7 Die gesellschaftliche Auflösung stabiler Koordinaten

An den aktuellen Gesellschaftsdiagnosen hätte Heraklit seine Freude, der ja alles im Fließen sah. Heute wird uns eine »fluide Gesellschaft« oder die »liquid modernity« (Bauman, 2000) zur Kenntnis gebracht, in der alles Statische und Stabile zu verabschieden ist. In der Überschreitung bislang eingehaltener Grenzziehungen von Normalbiografien, Normalitäten und alltäglichen Selbstverständlichkeiten entstehen neue Arrangements und neue Kombinations- und Fusionsmöglichkeiten, die nicht mehr dem klassischen Muster sozialen Wandelns folgen. Nachdem Veränderungen zu einer großen Krise führen, können mit deren Bewältigung auch wieder neue stabile und berechenbare Geschäfts- und Lebensgrundlagen entstehen. Normalität wird sich wohl kaum mehr als ein relativ überdauernder stabiler Erwartungshorizont konstituieren. Vielleicht ist es eher die Gewissheit des »unheilbar« offenen Horizontes und der – je nach subjektiver Konstellation – gelassenen Sicherheit, in diesem widersprüchlich-offenen Prozess mit einer eigenen Identitätspositionierung zurechtzukommen ( Abb. 1.1).

Wenn wir uns der Frage zuwenden, welche gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen die gesellschaftlichen Lebensformen der Menschen heute prägen, knüpft dies an den Gedanken des »Disembedding« (Giddens, 1990/1995) oder der Enttraditionalisierung an. Dieser Prozess lässt sich als tief greifende Individualisierung einerseits und als explosive Pluralisierung andererseits beschreiben. In dem Maße, wie sich Menschen herauslösen aus vorgegebenen Schnittmustern der Lebensgestaltung und zunehmend ein Stück eigenes Leben gestalten können, aber auch müssen, wächst die Zahl möglicher Lebensformen und damit möglicher Vorstellungen von Normalität und Identität. Peter Berger (1992/1994, S. 83) spricht von einem »explosiven Pluralismus«, ja von einem »Quantensprung«. Seine Konsequenzen benennt er so:

»Die Moderne bedeutet für das Leben des Menschen einen riesigen Schritt weg vom Schicksal hin zur freien Entscheidung. […] Aufs Ganze gesehen gilt […], daß das Individuum unter den Bedingungen des modernen Pluralismus nicht nur auswählen kann, sondern daß es auswählen muß. Da es immer weniger Selbstverständlichkeiten gibt, kann der Einzelne nicht mehr auf fest etablierte Verhaltens- und Denkmuster zurückgreifen, sondern muß sich nolens volens für die eine und damit gegen die andere Möglichkeit entscheiden. […] Sein Leben wird ebenso zu einem Projekt – genauer, zu einer Serie von Projekten – wie seine Weltanschauung und seine Identität.« (Berger, 1992/1994, S. 95; Hervorh. i. Orig.)

Als ein weiteres Merkmal der »fluiden Gesellschaft« (Bauman, 2000) wird die zunehmende Mobilität benannt, die sich u. a. in einem häufigeren Orts- und Wohnungswechsel ausdrückt. Die Bereitschaft zu diesen lokalen Veränderungen folgt vor allem aus der Logik der Arbeitsmärkte, die ein flexibles Reagieren auf veränderte Marktbedingungen erfordert und die immer weniger beständige Betriebszugehörigkeiten sichert. Der »flexible Mensch« (wie ihn Sennett 1998 beschrieben hat) – so

Abb. 1.1: Reflexive Modernisierung: fluide Gesellschaft, eigene Darstellung nach Barz, Kampik, Singer und Teuber (2001)

jedenfalls die überall verkündete Botschaft – muss sich von der Idee der lebenslangen Loyalität gegenüber einer Firma lösen, er muss sich in seinem Arbeitsmarktverhalten an die ökonomisch gegebenen Netzwerkstrukturen anpassen.

Individualisierung, Pluralisierung, Flexibilität und Mobilität gehören also immer mehr zu den Normalerfahrungen in unserer Gesellschaft. Sie beschreiben strukturelle gesellschaftliche Dynamiken, die die Lebensformen von Menschen heute prägen. Anthony Giddens (1999/2001), einer der wichtigsten sozialwissenschaftlichen Zeitdiagnostiker, hat aufgezeigt, dass ein so abstrakter Begriff wie Globalisierung dann anschaulich wird, wenn er auf seinen subjektiv erfahrenen Kern verdichtet wird:

»Die wichtigste der gegenwärtigen globalen Veränderungen betrifft unser Privatleben – Sexualität, Beziehungen, Ehe und Familie. Unsere Einstellungen zu uns selbst und zu der Art und Weise, wie wir Bindungen und Beziehungen mit anderen gestalten, unterliegen überall auf der Welt einer revolutionären Umwälzung. […] In mancher Hinsicht sind die Veränderungen in diesem Bereich komplizierter und beunruhigender als auf allen anderen Gebieten. […] Doch dem Strudel der Veränderungen, die unser innerstes Gefühlsleben betreffen, können wir uns nicht entziehen.« (Giddens, 1999/2001, S. 69)

Globalisierung verändert also den Alltag der Menschen in nachhaltiger Form und damit auch ihre psychischen Befindlichkeiten. Und dieser Alltag verändert sich so, dass es keinen Rückweg zu einer einfachen und überschaubaren Erfahrungswelt mehr gibt. Bezogen auf die Pluralisierung von Lebenswelten hat dies Isolde Charim (2018) eindrucksvoll aufgezeigt. Aber viele Menschen erleben gerade einen Veränderungsdruck, der ihnen Angst macht. Wird diese Angst zu stark und finden die Menschen keine produktiven Lösungen, entsteht leicht Gewalt, aber auch Apathie und Demoralisierung. Es können aber auch Ersatzlösungen Konjunktur bekommen: Ressentiments gegen alles Fremde und Neue, eine rückwärtsgewandte Verklärung der Vergangenheit. Sekten und politische Rattenfänger bieten »Lösungen«, die die Möglichkeit von Ordnung, Sicherheit und Klarheit suggerieren.

1.8 Wie produktive Angstbewältigung aussehen könnte

Wenn die kulturell eingeregelten Muster für die Auseinandersetzung und Bewältigung mit und von Krisen nicht mehr ausreichen, entstehen Ängste. Ja, Angst tritt auf, wenn im Alltag die Vertrauensgrundlage für unser Handeln infrage gestellt ist. In ihrer subjektiven Befindlichkeit sind Menschen von ihren Lebensbedingungen in hohem Maße abhängig. Sie benötigen gesicherte Alltagsfundamente. Ich muss mich beim Aufstehen darauf verlassen können, dass die meisten unserer normalerweise eingespielten Handlungsroutinen auch noch gültig sind und tragen. Aber das ist in einer Zeit hoher Wandlungsdynamik nicht immer der Fall. Es lässt sich ein weites Panorama von sozialen Krisen und Belastungen aufzeigen, die die Lebensführung, das konkrete Erleben und Handeln von Subjekten betreffen, also auch systematische Quellen für Ängste bilden können.

Entscheidend ist die Klärung der Ursachen der Ängste. Für alle Ängste, die nicht nur einen ganz privaten Hintergrund haben, sind kollektive Klärungen notwendig und darauf aufbauend konstruktiv-produktive Formen der Bewältigung, die nicht das einzelne Subjekt individualistisch zu suchen hat, sondern es bedarf gesellschaftlicher Lösungen.

Wie könnte gesellschaftliche Angstverarbeitung aussehen? Ich möchte den Blick auf drei Formen richten:

(1) Gesicherte Normalitätsschablonen: Naturkatastrophen, auch Kriege führen zu Angst, Krisen, Not und Leid in oft dramatischem Ausmaße. Aber sie verändern nicht unbedingt die bestehenden »Normalformtypisierungen«,2 die Konzepte von Normalität. Sie stellen nicht nur für die positive Gestaltung von Biografien, Identitäten oder Berufskarrieren »einbettende Kulturen« dar, sondern auch für Krisen und Ängste. Christian von Ferber (1995) hat dies eindrucksvoll an der Verarbeitung der deutschen Katastrophen in diesem Jahrhundert aufgezeigt. Er geht von der These aus, dass

»gesellschaftliche Umbrüche zu individuellen Krisen (werden), wenn sie eine als selbstverständlich geltende Normalität bedrohen, gefährden oder aufheben. Gesellschaftliche Umbrüche sind mit individuellen Krisen durch Interpretationen von Situationen, durch Deutungen also verbunden. Für die politischen und für einige wirtschaftliche Veränderungen liegen aus den Erfahrungen in diesem Jahrhundert gesellschaftliche Deutungsmuster bereit, die diese Verknüpfungen herstellen und sie sinnhaft strukturieren. […] Für die Folgen von Kriegen, politischen Systemwechseln, für wirtschaftliche Massenarbeitslosigkeit ist ein Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Umbrüchen und individuellen Krisen hergestellt und in kollektiven Deutungsmustern aufgearbeitet.« (Christian von Ferber, 1995, S. 18 f.)

Allerdings ist genau dieses Bewältigungsmuster heute brüchig geworden, wie Ferber ausführt:

»Für die westlichen Industrieländer […] stellt sich gegenwärtig die Frage, ob die überkommenen Deutungsmuster ausreichen, ob die quantitativen Veränderungen im Wirtschaftswachstum und im Massenwohlstand nicht auch zu einem qualitativen Wandel, zu Einbrüchen oder Zäsuren in der als selbstverständlich geltenden Normalität geführt haben.« (Christian von Ferber, 1995, S. 18 f.)

Die Rückkehr zu einem solchen unverrückbaren Konzept von Normalität, an dem man den eigenen Lebensentwurf immer wieder ausrichten könnte, wird es nicht mehr geben. Es kommt vielmehr darauf an, in diesen Normalitätsveränderungen und -pluralisierungen eine Chance und eine Notwendigkeit zu sehen. Viele trauern Lebensmodellen hinterher, die zwar ein Gerüst für die individuellen Identitäten boten, aber zugleich den Charakter eines Korsetts oder einer Prothese hatten. Selbstgestaltung, die Möglichkeit zu einem eigenen Lebensentwurf – das sind neue Potenziale, die sichtbar gemacht werden müssen. Hier muss über die erforderlichen Ressourcen und Möglichkeiten gesprochen werden, materielle, soziale und psychische, die in unserer Gesellschaft immer ungleicher verteilt sind, und damit auch über die Lebenschancen.

(2) Soziale Bewegungen können individualisierte Ängste als kollektive Bedrohungen definieren und politische Veränderungsinitiativen aufbauen. So können Ängste als motivationale Basis für gesellschaftliches Umdenken produktiv werden. Die Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mag hier als Beispiel dienen. Dieser menschheitsbedrohende Unfall hat nicht nur die Risiken der Kernkraft deutlich gemacht, er hat vor allem eine emotionale Tiefenwirkung erlangt, die sich in eindrucksvolle Widerstandspotenziale transformiert hat. Manuel Castells (1997/2002) fragt im zweiten Band seiner Trilogie (deutscher Titel: »Die Macht der Identität«) nach den Konsequenzen der globalisierten »Netzwerkgesellschaft« (Castells, 1997/2002, S. 60) für die Herausbildung kollektiver Identitäten. Er sieht zunächst den zunehmenden Funktionsverlust aller Formen von »legitimierender Identität« (Castells, 1997/2002, S. 8). Das sind jene Muster, die sich an den klassischen Spielregeln nationalstaatlicher Gesellschaften ausgerichtet haben. Als eine spezifische identitätspolitische Reaktanzbildung auf die »Netzwerkgesellschaft« (Castells, 1997/2002, S. 60), in der sich lokale und Verbindlichkeit vermittelnde soziale Beziehungen verflüchtigen, sieht er weltweit das Entstehen von fundamentalismusträchtigen Formen einer »Widerstandsidentität« (S. 10): Sie entstehen aus einer defensiven Identitätspolitik von Gruppen, sozialen Bewegungen oder auch einzelnen Personen, die sich gegen die vorherrschende Dominanzkultur der »realen Virualität« (S. 72) in der Gestalt von konstruierten kollektiven Wir-Figurationen wehren, die auf lokale, kulturelle oder religiöse Eindeutigkeiten und Grenzziehungen bestehen. Ihr Grundprinzip formuliert Castells (1997/2002) als »den Ausschluss der Ausschließenden durch die Ausgeschlossenen« (S. 11). Von diesen Reaktanzformen kollektiver Identität unterscheidet Castells das Muster der »Projektidentität« (S. 10). Ihr Entstehungsprozess läuft in aller Regel über irgendeine Form von widerständiger Identität, aber sie bleibt nicht in der Verteidigung partikularistischer eingespielter Lebensformen stehen, sondern entwirft Vorstellungen neuer selbstbestimmter Identitätsfigurationen in einer zivilgesellschaftlichen Perspektive, die in ihrem Anspruch universalistisch ausgerichtet ist. Projektidentitäten bilden sich in sozialen Bewegungen (z. B. in der Frauen- oder in ökologischen Bewegung) heraus.

(3) Auch wenn in einer individualisierten Gesellschaft die Basis für gesellschaftsweite Bewegungen schwieriger geworden ist, bleiben Chancen für die Vergesellschaftung der Angstsignale und Krisenerfahrungen in Gestalt von Selbsthilfegruppen und Projekten bürgerschaftlichen Engagements.

1.9 Schlussgedanke

Die psychosoziale Arbeit könnte für das Aufzeigen von Zusammenhängen zwischen krisenhaften gesellschaftlichen Lebensbedingungen und psychischen Problemen eine wichtige seismografische Funktion haben. Sie arbeitet an den Krisen der Subjekte und ist damit konfrontiert, dass ihnen die Ressourcen fehlen, die sie zu ihrer Bewältigung bräuchten. Die Häufung spezifischer Krisen und Störungsbilder verweist aber über das einzelne Subjekt hinaus und macht es erforderlich, den kulturell-gesellschaftlichen Hintergrund, der diese Krisen fördert, zu beleuchten und zu benennen. Sind die psychosozialen Professionen auf eine solche Aufgabe vorbereitet? Ist es noch ein Thema in psychotherapeutischen Kontexten, sich zu vergewissern, in welcher Gesellschaft wir uns eigentlich befinden und was es bedeutet, in einem solchen Rahmen psychotherapeutisch zu arbeiten?

Der Psychoanalytiker Cyrus Khamneifar (2008) stellt fest, »dass die kultur- und gesellschaftskritische Seite der Psychotherapie im ›offiziellen‹ klinischen Alltag unterrepräsentiert zu sein« (S. 4) scheint. Aber er wollte es genauer wissen und sich nicht nur auf unsystematische Impressionen verlassen. Vor allem ist ihm aufgefallen, dass in den eher informellen Gesprächen durchaus über gesellschaftliche Veränderungen und ihre Auswirkungen auf das eigene Leben und das der Klient*innen gesprochen wurde. Aber die Frage blieb, wie sich solche Diskurse auf die fachlich-psychotherapeutische Arbeit auswirken. Er hat Psychotherapeut*innen folgende Frage gestellt, auf die noch weitere differenzierende Fragen folgten: »Erleben Sie den gesellschaftlichen Wandel oder anhaltende gesellschaftliche Veränderungsprozesse in der Gesellschaft, und wenn ja, wie?« (Khamneifar, 2008, S. 8).

Thematisiert wurde der Weg zu postmodernen Familienverhältnissen, in denen sich auch das Geschlechterverhältnis aus traditionellen Genderkonstruktionen herauslöst. Es wird deutlich, dass sich die Sozialisationsbedingungen für Heranwachsende strukturell verändern. Der Strukturwandel der Arbeitswelt führt zu weniger stabilen Karrieren und Sicherheiten. Der von der Wertewandelforschung untersuchte säkulare Wertewandel wird von den Psychotherapeut*innen klar benannt und vor allem der immer höhere Stellenwert des Anspruchs auf Selbstverwirklichung in seiner durchaus ambivalenten Form thematisiert. Als komplementär-widersprüchliches Muster wird die Sehnsucht nach Heimat und sozialer Verortung herausgestellt. Die immer stärker erlebte Unsicherheit und Ungewissheit befördern die Suche nach Wissen, aber auch nach Strategien mit Erfahrungen des Nichtwissens oder der »Unlesbarkeit« der Welt, wie es Richard Sennett (1998) formuliert.

Im nächsten Schritt fasst Khamneifar (2008) die spätmodernen Anpassungsversuche der Subjekte an ihre strukturell veränderte Alltagswelt zusammen, und auch hier erweisen sich die Befragten als sensible Beobachter*innen. Sie sprechen Phänomene an wie die Fitnessideologie, Anspruch auf Selbstmanagement, Konsumismus, wachsenden Leistungsdruck, unaufhaltsame Beschleunigung, zunehmenden Jugendlichkeitskult und Abhängigkeit von neuen Technologien. Auch bei der Frage, welche Folgen der gesellschaftliche Wandel für die Psychotherapie hat, zeigen sich die Gesprächspartner*innen von Khamneifar (2008) als durchaus problembewusst. Sie thematisieren bei den Rahmenbedingungen psychotherapeutischen Handelns eine problematische Ökonomisierung, Modularisierung und Medikalisierung. Ebenso werden die im gesamten Sozial- und Gesundheitssektor einsetzende sogenannte »Qualitätssicherung« und die damit verbundenen »staatlichen und quasi-staatlichen (Selbst-)Verwaltungsreglementierungen« (Khamneifar, 2008, S. 182) angesprochen. Mich hat die gesellschaftliche Problemsensibilität der befragten Psychotherapeut*innen beeindruckt. Sie unterscheidet sich deutlich von der Fachliteratur, den Lehrbüchern (Ausnahme: Auckenthaler, 2012) und den Ausbildungscurricula. Hier ist es auf jeden Fall legitim, von Gesellschaftsvergessenheit zu sprechen.

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1 Seine Publikationstätigkeit hat sich bis in die jüngste Zeit gehalten (z. B. Szasz, 2007, 2008, 2009, 2011). Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Szasz – laut Wikipedia – »zusammen mit der Scientology-Organisation […] die amerikanische ›Citizens Commission on Human Rights‹ (CCHR)« (https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Szasz, Zugriff am 21.10.2019) gründete, sich aber »distanzierte […] von dem Eindruck, dass diese Zusammenarbeit mehr als ein Zweckbündnis und dass er selbst Scientologe sei« (ebd.; vgl. auch Bracken & Thomas, 2010).

2 Jürgen Link (2013, 2018) hat dafür den Begriff des »Normalismus« geprägt.

2 Krisenintervention: Theorie, Handlungsmodell und praktisches Vorgehen
Wolf Ortiz-Müller

Der Beitrag gibt einen Überblick über die Entstehung von Krisenintervention als eigenständigem Konzept der psychosozialen Wissenschaften. Krisenintervention war und ist immer wieder eine Antwort auf Anforderungen der Gesellschaft an die im Hilfesystem Arbeitenden. Unterschiedliche Autor*innen entwickeln Krisentheorien und beschreiben Handlungsmodelle, an denen sich die Praxis in spezifischen Einsatzbereichen orientiert. Deutlich werden die Schwierigkeiten exakter Klassifizierung der Krisenformen und der Abgrenzung zwischen »gesund« und »krank«. Die Auffächerung der Begrifflichkeit in Veränderungskrise, traumatischen Krise, Entwicklungskrise, Verlustkrise und des psychiatrischen Notfalls bezeichnet die vielfältigen Erscheinungen des Krisenerlebens. Dieses kann, je nach dem spezifischen Kontext, in dem professionelle Helfer*innen den Menschen in Krisen begegnen, auch variieren.

Krisenintervention will durch aktiv-strukturierendes Vorgehen die der Krise innewohnenden Gefahren minimieren und die in ihr liegenden Chancen für die Klient*innen nutzbar machen. Anhand eines Handlungsmodells werden konkrete Vorgehensweisen skizziert und die professionellen Rahmenbedingungen der Krisenintervention beschrieben.

2.1 Krisentheorien

In den siebzehn Jahren nach der ersten Auflage 2004 sind weitere wichtige Beiträge erschienen, die uns helfen, das psychosoziale Krisengeschehen besser einzuordnen, jedoch ohne dass die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelten Krisentheorien in übergreifende Neukonzeptionen einmünden. Es lassen sich aber sowohl fundierte Überblicksarbeiten zur Bedeutung kritischer Lebensereignisse (Filipp & Aymans 2009) als auch differenzierende Werke zur Methodik und den Anwendungsmöglichkeiten von Krisenintervention (Stein, 2020) finden. Je nach Standpunkt und Arbeitsfeld der Autor*innen werden die tradierten Konzepte mal wohlwollender, mal kritischer gewürdigt. Um der entstandenen Vielfalt in der Krisenintervention gerecht zu werden, wird häufig ein ähnlicher Ansatz wie in diesem Band gewählt, nämlich die Auffächerung der Darstellung nach den mannigfachen Praxisfeldern (Riecher-Rössler, Berger, Yilmaz & Stieglitz 2004).

Aus benachbarten sozial- und gesundheitswissenschaftlichen Feldern sind neue Ansätze in die Krisenarbeit integriert worden wie umgekehrt das Verständnis der Krisenintervention Einzug in manche Bereiche gehalten hat, z. B. der klinischen Sozialarbeit (Ortiz-Müller, 2008). In einer Gegenwart, in der gesellschaftliche Veränderungsprozesse rasant verlaufen und Sozialsysteme erodieren, während die Zwei-Klassen- Gesundheitsversorgung fortgeschrieben wird, erleben scheinbar »alte« Ansätze wie die der Sozialen Diagnose von Alice Salomon eine Wiederentdeckung (Salomon, 1926; Gahleitner, Pauls & Glemser, 2018). Ein psychosozialer, biografiesensibler Blick sollte danach in der Lage sein, beide Dimensionen des (Er-)Lebens, das Innerpsychische in seiner Wechselwirkung mit dem sozialen Kontext, miteinander zu verknüpfen.

Keupps Beschäftigung mit den Chancen und Risiken der Netzwerkgesellschaft ( Kap. 1 Keupp, sowie Keupp 2003) oder Lenz’ Beiträge zur Bedeutung sozialer Netzwerke als Ressource in einer Gesellschaft, die von Fragmentierungsprozessen und raschem Wertewandel bzw. -verfall geprägt ist (Lenz, 2007; vgl. auch Nestmann, 2010), nehmen eine verstärkt sozialwissenschaftliche Perspektive ein und verdeutlichen die immanenten Schranken eines ausschließlich individualpsychologischen Verständnisses. Jedoch auch frühere Arbeiten aus dem sozialwissenschaftlichen Spektrum weisen bereits auf die Bedeutung sozialer Netzwerke für die Bewältigung postmoderner Lebensverhältnisse hin (Nestmann, 1988). Das soziologische Begriffspaar von Inklusion und Exklusion (Luhmann, 1999) dient dazu, gesellschaftliche Einschluss- bzw. Ausgrenzungsprozesse zu beschreiben, die wegen der häufigen Wechselwirkung von psychischen Störungen mit materieller Verarmung auch einen Großteil der Krisenklientel betreffen kann. Das gesellschaftliche Krisenerleben – trotz gewachsener Wirtschaftsleistung und scheinbar gestiegenem Wohlstand – drückt sich in der gesamten westlichen Welt in nationalistischen und oftmals rassistischen Selbstvergewisserungstendenzen aus. Diese beruhen auf einem »Wir« gegen »die Anderen«, egal ob für die Konstruktion des abgrenzenden »Anderen« Herkunft, Geschlecht, Religion oder Hautfarbe herangezogen werden (Mecheril, 2018).

Demgegenüber haben die Arbeiten zur Salutogenese (Antonovsky, 1997) und die Resilienzforschung (Werner, 2005; Welter-Enderlin & Hildenbrand, 2006) es vielen Professionellen ermöglicht, von der Defizitorientierung, vom Fokussieren auf die Mängel wegzukommen und stattdessen das Augenmerk darauf zu richten, wie trotz schwieriger Ausgangsbedingungen im Leben vieler Klient*innen deren (Über-)leben gewürdigt und gefördert werden kann. Ansätze der Prävention und des Empowerments bei unterschiedlichen Zielgruppen werden seit der Jahrtausendwende neu formuliert und finden sich in Arbeiten zur Krisenintervention wieder (Herriger, 2006; Lenz & Stark, 2002; Knuf, Osterfeld & Seibert 2007; Neumann, 2009). Der Begriff der Ressourcen hat die wohl stärkste Verbreitung in den Sozialwissenschaften gefunden; kaum ein Konzept möchte noch ohne Ressourcenorientierung auskommen (Schürmann, 2007).

Bereits 1993 hatte der Schweizer Psychiater Luc Ciompi geschrieben: »In den letzten 10–15 Jahren haben sich Krisentheorie und Kriseninterventionspraxis in eine unübersichtliche Vielfalt aufgefächert« (S. 15) Diese Tendenz hat sich die darauffolgenden 25 Jahre später fortgesetzt, sodass es hilfreich ist, zunächst chronologisch die historischen Ausgangsbedingungen der Gründergeneration nachzuvollziehen.

2.1.1 Die Krisenkonzepte der 1940er–1970er Jahre: Traumatische Lebensveränderungs- und Entwicklungskrise

Unser heutiges Verständnis von Krise hat mehrere historische Wurzeln. Als Ausgangspunkt der Konzeptualisierung der »traumatischen Krise« gilt der Cocoanut-Grove-Brand von 1942, als in einem Tanzlokal in Boston 492 Menschen ums Leben kamen. Der Psychiater Erik Lindemann begleitete die Überlebenden und untersuchte die Trauerreaktionen der Hinterbliebenen. Seine Veröffentlichung zur Symptomatik und Behandlung akuter Trauer (1944) legte die Grundlagen für das Verständnis traumatischer Verlusterfahrung und dysfunktionaler Bewältigung.

In seiner Nachfolge entwickelte der schwedische Psychiater Johan Cullberg (1978) ein Phasenmodell der traumatischen Krise.

Definition: »Die traumatische Krise ist eine durch einen Krisenanlass mit subjektiver Wertigkeit plötzlich aufkommende Situation von allgemeinschmerzlicher Natur, die auf einmal die psychische Existenz, die soziale Identität und Sicherheit und die fundamentalen Befriedigungsmöglichkeiten bedroht.«


Abb. 2.1: Phasen der traumatischen Krise (nach Cullberg, 1978)

Maßgeblichen Einfluss auf die Krisentheorie nahm in den 1960er Jahren Gerald Caplan (1964), der den Begriff der Veränderungskrise prägte. Gemeinsam mit Lindemann gründete er das erste Community Crisis Center, das von der sozialpsychiatrischen Idee geleitet war, psychiatrische Klinikaufenthalte vermeiden zu können, wenn gemeindenahe Hilfsangebote zur Verfügung stehen. Sein Phasenmodell wird in Abb. 2.2 dem von Cullberg gegenübergestellt.

Von Caplan stammt auch die Krisendefinition, die die weiteste Verbreitung gefunden hat.

Definition: Eine Krise ist durch den Verlust des seelischen Gleichgewichts gekennzeichnet, wenn ein Mensch mit Ereignissen oder Lebensumständen konfrontiert wird, die er im Augenblick nicht bewältigen kann, weil sie seine bisherigen Problemlösefähigkeiten übersteigen.

Er bezieht also bei der Betrachtung von Krisen die von ihnen in der Vergangenheit erworbenen Bewältigungsmuster in die aktuelle Herausforderung der Menschen mit ein. Zu einer Krise kommt es erst, wenn hier ein Ungleichgewicht entsteht, das zu einem anderen Zeitpunkt – früher oder später – nicht bestanden hat oder nicht weiterbestehen muss. Als Anlässe werden sowohl äußere Ereignisse begriffen, als auch – weitgefasster – Lebensumstände, die sich nicht notwendigerweise als dramatisch darstellen müssen.


Abb. 2.2: Phasen der Veränderungskrise (nach Caplan, 1964)

Eine einflussreiche Erweiterung erfährt der Krisenbegriff durch Erikson (1966), indem er eine Einteilung des Lebens in Stadien von Kindheit und Jugend bis ins hohe Alter trifft, in denen jeweils eine bestimmte Entwicklungsaufgabe zu lösen sei. Nach dieser Auffassung erscheint jeder Entwicklungsschritt als potenzielle Krise, insofern ein Gelingen oder aber ein Scheitern möglich ist ( Tab. 2.1).

Tab. 2.1: Eriksons Lebensphasen/Aufgaben-Modell (nach Erikson, 1966)


Mehr noch als bei den anderen Autoren wird deutlich, dass Krisen zum Leben dazugehören und Entwicklung mit dem Bestehen von Herausforderungen verknüpft sind, an denen man jedoch auch scheitern kann.

Während bei Lindemann, Caplan, Cullberg und Erikson der jeweilige Fokus auf dem Krisenverlauf lag, entstanden in anderen Feldern der Psychologie neue Erkenntnisse, die die Weiterentwicklung der Krisenintervention beeinflussten. Die wesentlichen Impulse seien hier skizziert:

2.1.2 Benachbarte Forschungs- und Praxisfelder
Stressforschung

Die amerikanischen Psychiater*innen Richard Lazarus und Susan Folkman (Lazarus & Folkman, 1984) entwickeln aus den Erkenntnissen der Stressforschung das Belastungs-Bewältigungs-Paradigma und die Copingtheorie. Das bereits bei Caplan (1964) benannte relationale Verhältnis zwischen einerseits Coping als Bewältigungsfähigkeit und andererseits Belastungsfaktoren wird um die subjektive Bewertung (Appraisal) erweitert. Solche kognitiven (Neu-)Bewertungen finden je nach eingesetzten Ressourcen und damit erzieltem Erfolg mehrfach statt, so dass an die Stelle eines linearen Phasenmodells eher eine Spiralbewegung tritt. In stetiger Wechselwirkung eigener emotionaler, kognitiver und handelnder Reaktionen durchläuft ein Mensch in der Auseinandersetzung mit der belastenden Umwelt mehrfache Schleifen, um seine Bedrohung einzuschätzen, um zu versuchen sie zu bewältigen, sie neu zu beurteilen. An das Ende der Stressbewältigung tritt eine Neubewertung, die die Anpassungs- und Lernprozesse reflektiert und die Grundlage für zukünftige Copingstrategien darstellt.

Suizidprävention

Bereits im frühen 20. Jahrhundert beginnt mit der Suizidprävention, oft in kirchlich geprägten Einrichtungen, eine eigene Entwicklungslinie, auf die hier nur hingewiesen werden soll, und die bis heute in der Telefonseelsorge fortbesteht. Fortgebildete, ehrenamtliche Laien bieten im deutschsprachigen Raum eine überregionale Rund-um-die-Uhr-Hilfe an. Die über viele Jahre in Europa sinkenden Suizidzahlen werden u. a. auf den Ausbau von Kriseneinrichtungen (Stein, 2012), die Enttabuisierung des Themas durch Medienberichterstattung (z. B. nach dem Suizid des Torhüters Robert Enke 2009) und auf umfassende Präventionsprogramme zurückgeführt. Eine Überblicksarbeit europäischer »Best Practice«-Suizidpräventionsstrategien findet sich bei Van der Feltz-Cornelis et al. (2011).

Sozialpsychiatrie

Ausgehend von der Psychiatrie-Enquete zur Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland von 1975 hat sich die »Soziale Psychiatrie« als multidisziplinärer Arbeitsansatz in gemeindepsychiatrischen Einrichtungen fest verankert. Seither hat sich eine ausdifferenzierte psychosoziale-psychiatrische Praxis im Umgang mit Menschen mit psychischen Störungen entwickelt (Clausen & Eichenbrenner 2016). Die Entstehung der ambulanten Krisendienste resultierte einerseits aus der Erfahrung, dass Krisen alle Menschen betreffen können, andererseits aber daraus, dass die sogenannten psychisch Kranken aufgrund ihrer erhöhten Vulnerabilität in besonderem Maß von Krisen betroffen und auf zeitnahe Krisenhilfe angewiesen sein können. In der Psychologie bezeichnen die Begriffe Krise, Krankheit und Gesundheit zunächst unterschiedliche Verfassungen; es gibt jedoch keine präzise beschreibbare »Nahtstelle« sondern nur fließende Übergänge.

Ob es sich um einen als gesund bezeichneten Menschen, einen »psychisch Kranken« oder eine Person mit einer geistigen Behinderung handelt, sie alle können in Krisen geraten und zeigen auch darin weiter gesunde, kranke oder behinderte Persönlichkeitsanteile. ( Kap. 8 Henssler & Escalera; Kap. 13 Aderhold).

Abb. 2.3: Fließende Übergänge bei Krisen

Psychotraumatologie

Kriegserfahrungen und erlittene Gewalt spielten für die Etablierung und Weiterentwicklung spezifischer Bereiche der Psychologie historisch mehrfach eine bedeutende Rolle. Die Rückkehr kriegstraumatisierter GIs aus Vietnam in den 1970er Jahren und das Bemühen, ihre Symptomatik zu verstehen, beförderten die Entwicklung der Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung (Herman, 1992). In der Notfallpsychologie und im Rettungswesen treten Krisen oft in der Überlappung somatischer und psychologischer Überforderung auf und erfordern eigene Konzepte (D’Amelio & Pajonk 2011). Auch die Thematisierung durch den Feminismus von häuslicher und sexualisierter Gewalt trug dazu bei, dass der Traumabegriff zu Beginn der 1990er Jahre Eingang in die psychiatrischen Diagnose-Manuale ICD-10 und DSM-III fand (Herman, 2015). Genderdiskurse vor und nach der #metoo-Debatte aufgrund diskriminierender Sozialisationserfahrungen von Frauen wirken zurück auf die Wahrnehmung und Behandlung spezifisch weiblicher psychischer Krisen (Wimmer-Puchinger, Gutierrez-Lobos & Riecher-Rössler, 2016).

Die aus diesen benachbarten Feldern gewonnenen Erkenntnisse beeinflussen seither das Verständnis von Krise.

2.1.3 Erweiterungen der Krisenbeschreibungen

Nahezu alle Fachrichtungen der Psychologie lieferten eigene Beiträge in der Diskussion um spezifische Kriseninterventionskonzepte. Simmich und Reimer untersuchten bereits 1998 rund 400 Publikationen zum Thema »Krise«: Für den Zeitabschnitt vor 1986 kamen sie zu dem Schluss, dass sich bis dahin ein großer Teil der Arbeiten mit der Rezeption der Gründergeneration Lindemann (1944), Caplan (1964) und Cullberg (1978) beschäftigt. Die Vielzahl der entstehenden Ansätze führt dazu, dass Häfner (1974) bereits früh feststellt, dass der relativen Unschärfe des Krisenbegriffs eine noch größere Unschärfe dessen, was Krisenintervention bedeuten soll, entspreche.

Die Autoren unterscheiden neue Interventionskonzepte aus der Perspektive verschiedener Therapierichtungen ( Abb. 2.4). Psychodynamische Beiträge zur Krisenintervention finden sich selten, gleichwohl eröffnen diese in der Folgezeit wichtige Perspektiven (Till, 2009). Beiträge, die ein störungsspezifisches oder ereignisbezogenes Herangehen entwickeln (z. B. für Krisen nach erlittener sexueller Gewalt, bei Naturkatastrophen, in Folge von Suchterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen (Bronisch 2009) nehmen großen Raum ein.

Während es zu (Entwicklungs-)Krisen in der Kindheit und Jugend bereits seit den 1980er Jahren viele Beiträge gibt ( Kap. 10 Meurer), hat die gleichfalls »kritische« Lebensphase des Alters nach der Jahrtausendwende vermehrte Aufmerksamkeit erfahren. ( Kap. 11 Brückner).

Die Abgrenzung der psychosozialen Krise vom psychiatrischen Notfall hat eine hohe Relevanz für die Bedingungen des praktischen Vorgehens. Daher wird diese Unterscheidung hier ansatzweise vorgestellt.

Psychiatrischer Notfall

Bei psychisch gesunden wie bei kranken Personen kann ihre Krise in einen psychiatrischen

Abb. 2.4: Übergreifende und störungsspezifische Ansätze (nach Simmich & Reimer, 1998)

Notfall umschlagen. Am Ausmaß und der Dynamik der Suizidalität und der Fremdgefährdung, die sich innerhalb kurzer Zeiträume zuspitzen oder entschärfen können, wird deutlich, wie fließend die Übergänge sein können (Dorrmann, 2012). Ein psychiatrischer Notfall ist somit davon gekennzeichnet, dass ein unmittelbarer Handlungsdruck besteht, weil die verbale Verständigung zwischen der psychisch dekompensierten und der helfenden Person und eine kooperative Beziehungsaufnahme eingeschränkt sind. Häufig finden sich Bewusstseinsstörungen und Verwirrtheit, gleichermaßen auch Wahn- und Erregungszustände. Wenn der betroffene Mensch keine Verantwortung für sein Wohlergehen mehr übernehmen kann, ist diese von den Helfer*innen zu übernehmen. Insbesondere, wenn Aggressionen und Gewaltbereitschaft ein Ausmaß annehmen, dass von akuter Selbst- oder Fremdgefährdung zu sprechen ist, greifen die gesetzlichen Regelungen für Zwangsmaßnahmen und Klinikunterbringungen auch gegen den Willen der Betroffenen. Diese sind in jedem Bundesland in den Gesetzen »über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten«, den sogenannten PsychKGs, verankert. In diesen Fällen ist die Kooperation mit der Polizei und Rettungskräften unumgänglich. Wo immer möglich, ist eine zeitnahe medizinisch-psychiatrische Abklärung angezeigt. Zimmermann (2001) betont, dass im ambulanten Bereich jedoch nicht nur die Psychiater*innen sondern auch andere Berufsgruppen der psychosozialen Versorgung damit konfrontiert sind ( Kap. 4, Rupp; Kap. 6 Eichenbrenner/Gagel).

Ausdifferenzierungen der psychosozialen Krise

In der Tradition von Gernot Sonneck (2000 und 2016), der das Wiener Kriseninterventionszentrum lange Jahre geprägt hat, nimmt dessen heutiger Leiter Claudius Stein weitere Differenzierungen der Krisenmodelle vor (2019). Zu den »klassischen Krisen« ( Kap. 2.1.1) treten Beschreibungen für die Besonderheiten folgender Subformen:

• Trauer- und Verlustkrise

• Akute Traumatisierung vs posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

• Burnout-Syndrom

• Narzisstische Krise

Als Verlustkrisen werden von Stein solche bezeichnet, die durch einen unumkehrbaren Verlust (von Menschen, Lebenschancen usw.) gekennzeichnet sind, auf den Trauern eine angemessene Reaktion darstellt, die sich jedoch krisenhaft zuspitzen kann.

Cullbergs traumatische Krise überlappt sich mit Erlebensweisen, die heute als akute Traumatisierung beschrieben und als posttraumatische Belastungsstörung F43.1 im Diagnosemanual ICD-10, (Dilling et al., 2015) codiert werden. Die historische Phaseneinteilung Cullbergs (Schock, Reaktion, Bearbeitung, Neuorientierung vs. Chronifizierung) changiert im ICD zwischen den Symptomen der akuten Belastungsreaktion und der PTBS. Diese wird als verzögerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis diagnostiziert, wenn nach Wochen bzw. Monaten das Erlebte sich in Form von Intrusionen aufdrängt, wenn ein Vermeidungsverhalten entwickelt wurde und eine vegetative Anspannung und Übererregung nicht abflaut. Die PTBS erscheint als Folgestörung einer zunächst nicht hinreichend bearbeiteten Traumatisierung und sollte nicht als eine Unterform der Krise eingeordnet werden.

Unter dem Burn-out-Syndrom wird ein Reaktionssyndrom verstanden, bei dem langanhaltende Überlastung und ein Mangel an Ressourcen und protektiven Faktoren zu emotionaler Erschöpfung und vollständiger Leistungseinbuße führen. Diese gehen häufig mit Selbstabwertungen einher. Das Burn-out-Syndrom ist von einer Depression abgrenzbar und führt zu psychischen Labilität, die sich rasch krisenhaft äußern kann, gefördert durch die Verleugnung von Problemen, den Rückzug aus Arbeit und Sozialkontakten oder auch Verlust- und Leeregefühle.

Die narzisstische Krise verortet Stein auf dem Hintergrund schwerwiegender Fehlentwicklungen in Kindheit und Jugend, die in der Folge zu einer (narzisstischen) Persönlichkeitsstörung geführt haben. Kennzeichnend ist die starke Kränkbarkeit durch scheinbar geringe Anlässe, die das Selbstwertgefühl und die gesamte Identität in Frage stellen können. Sie äußert sich oftmals in Suizidalität oder selbstverletzendem Verhalten; Krisenintervention kann sich hier nur kurzfristig um Stabilisierung bemühen.

2.1.4 Kritische Lebensereignisse und Krisenauslöser

Die Rolle sogenannter »Kritischer Lebensereignisse« als Krisenauslöser wird seit jeher diskutiert. Sigrun-Heide Filipp und Peter Aymanns (2018) haben mehr als 1 000 Publikationen ausgewertet, um übergreifende Zusammenhänge aufzuspüren, in denen Ereignisse und besondere Umstände regelhaft eine Krise auslösen können. Sie sichten sämtliche in der Literatur diskutierten Kategorien, die als Auslöser beschrieben wurden und ordnen diese systematisch ein.

Unter »stress of life« sind banal anmutende Alltagswidrigkeiten wie beispielsweise ein morgendliches Überkochen der Milch, ein Reißen des Schnürsenkels oder die unfreundliche Begrüßung auf der Arbeit zu verstehen. Ereignisse, die sich zu Überforderungsgefühlen summieren können. Hingegen gelten als »non-normativ« sowohl Naturkatastrophen als auch »man-made«-Erschütterungen, die kollektiv (wie der 9/11 – Terrorangriff auf die TwinTowers in New York) als auch individuell (wie ein unerwarteter Tod eines Kinds oder ein Raubüberfall) belastend wirken. Als geradezu erdbebenähnliche Ereignisse, »seismic events« gelten solche, die das eigene Modell der Welt als einem sicheren, im Wesentlichen kontrollierbaren Platz in Frage stellen. Etwa wenn Gewalt von einer nahestehenden Person ausgeübt wird. Jedoch auch »non-events«, der Nichteintritt positiver Ereignisse wie ein Ausbleiben einer lebenspartnerschaftlichen Bindung oder ein unerfüllter Kinderwunsch können Krisen auslösen. Universell gültige Merkmale der Krisenauslösung sind jedoch nicht beschreibbar, gleichwohl steigt die Wahrscheinlichkeit, in eine Krise zu geraten, mit der individuellen Außergewöhnlichkeit für die betroffenen Menschen.

Als eine naheliegende Möglichkeit die Krisenvielfalt zu ordnen, erscheint die Beschreibung der unterschiedlichen Krisenauslöser, woraus man auf ein weiteres Vorgehen bei der Intervention schließt. Dross (2001) wie auch Stein (2019) unterscheiden dabei zwei Arten von Krisenanlässen:

• Bedrohung oder Überforderung liegt vor bzw. wird antizipiert: beruflicher oder familiärer Stress, eine drohende Trennung vom Partner, die Gefährdung des Arbeitsplatzes, Entscheidungsdruck bei Lebensveränderungen usw.

Als gemeinsames Merkmal erscheint die Reversibilität aufgrund der Zeitdimension: Das »krisenhafte Ereignis« ist noch nicht eingetreten, der Arbeitsplatz ist noch nicht verloren, der Partner ist noch nicht weg. Somit scheint eine Einflussnahme noch möglich, was nur »droht«, kann noch abgewendet werden. Tritt das Ereignis dennoch ein, z. B. die Trennung des Partners, wird daraus oftmals ein irreversibler Verlust. Wie sehr sich damit die Qualität der Krise für die Betroffenen ändert, ist einzelfallabhängig.

• Verlust oder erlittene Schädigung (mit irreversiblem Ergebnis) einer nahestehenden Person, zum Opfer eines Unfalls oder einer Gewalttat werden, schwer verletzt oder erkrankt sein, in einer Prüfung versagen usw.

Auch diese Zuordnung weist für eine Orientierung in der Praxis ihre Tücken auf: Unter dem Auslösemerkmal »Verlust« versammeln sich dann doch sehr unterschiedliche Krisenarten: In der Praxis benötigen traumatische Krisen infolge eine Gewalttat ganz andere Vorgehensweisen als durch Prüfungsversagen ausgelöste Krisen, die zwar bis hin zur Suizidalität subjektiv enorm belastend sein können, dabei aber kaum an die ICD- oder DSM-Kriterien für eine akute Belastungsreaktion bzw. PTBS heranreichen ( Kap. 15 Purtscher-Penz & Penz).

Die konkreten Auslöser einer Krise differieren in der Praxis so stark, dass sie oft unterschiedlichen Krisentypen gleichermaßen zuzuordnen wären: Nimmt man den oft beschriebenen Krisenanlass »Verlust durch Tod eines nahen Menschen«, so ist ersichtlich, dass je nach Begleitumständen ganz unterschiedliche Krisenarten daraus erwachsen können.


Abb. 2.5: Krisenanlass und -verlauf

Sterben die eigenen Eltern zu einem Zeitpunkt, wo die Kinder bereits erwachsen sind, wird es häufig ohne Krisenerleben verarbeitet werden können oder als Reifungskrise verstanden werden. Geschieht der Tod der Eltern jedoch unerwartet, »vor der Zeit« oder haben die Eltern z. B. aufgrund einer nicht-erfolgten Ablösung eine überwertige Bedeutung für das Kind, kann ihr Tod sowohl Züge einer traumatischen Krise, als auch einer Veränderungskrise annehmen. Der Tod eines Kindes kann je nach Begleitumständen (plötzlich oder doch vorhersehbar) und Ressourcen sehr unterschiedlich wirken, oft sogar so, dass Vater und Mutter nicht dasselbe Krisenerleben und eine ähnliche Verarbeitung miteinander teilen können.

2.1.5 Zwischenergebnis: Keine allgemein akzeptierte Systematisierung von Krisen

Angesichts der Vielfalt der Krisenbeschreibungen verwundert es kaum, dass sich keine übergreifende Klassifizierung durchsetzen konnte. Doch nur vereinzelt gehen Autor*innen soweit, allen Systematisierungsversuchen eine Absage zu erteilen (Dross, 2001, S. 19):

»Die Forderung, eine theoretisch und empirisch begründete Kriseneinteilung zu entwickeln, aus der sich an angemessener Bewältigung orientierte Indikationen für das Vorgehen bei bestimmten Krisentypen ableiten ließen, ist gegenwärtig (und wahrscheinlich prinzipiell) unerfüllbar […] Typologische Reduktionen wie die Konzepte der traumatischen oder der Veränderungskrise sind empirisch nicht haltbar.«

Dennoch dürfte deutlich geworden sein, dass die Ausdifferenzierung der Krisenformen den Blick für Gemeinsamkeiten und Unterschiede eher schärfen kann, als ihn zu verstellen. Für die praktisch tätigen Krisenhelfer*innen lassen sich zusammenfassende Merkmale festhalten:

• »Menschen haben Krisen« – Krisen sind keine Krankheit

• Bereits die Deutung des überwältigenden Erlebens als Krise wirkt häufig orientierend und entlastend, es handelt sich um eine normale Reaktion auf eine unnormale Anforderung.

• Krisen folgen keinen starren Regeln, ihre Vorhersehbarkeit ist eingeschränkt

2.2 Krisenbewältigung

Krisenbewältigung ist ein komplexes Geschehen, das von vielen Einflussgrößen, die in der Person und in ihrem Umfeld begründet liegen, bestimmt wird. Bei der notwendig multifaktoriellen Betrachtung treten die Defizite der linearen Phasenmodelle deutlich zutage. Diese gehen jeweils von einem Auslöser, einem lebensverändernden Ereignis oder traumatischen Erlebnis aus, das auf die Person trifft. Diese reagiere darauf mit Verunsicherung, verstärkten Copingbemühungen, bevor – stark schematisiert – entweder die Lösung, die Neuorientierung oder der Zusammenbruch erfolge. Weitaus angemessener für erfolgreiche Krisenintervention erscheint es jedoch, die Lebensumstände der Person, die mit dem potentiell krisenauslösenden Ereignis konfrontiert wird, genauer und umfassend zu betrachten.

Das Modell veranschaulicht die unterschiedlichen Einflussfaktoren. Der soziokulturell-ökonomischen Kontext ist die leicht zu erfassende äußere Einflussgröße: Das Ereignis trifft auf einen Menschen, der zu diesem Zeitpunkt unter einem Ressourcenmangel leiden oder aber über ausgeprägte externe Ressourcen verfügen kann. Diese finden sich

Abb. 2.6: Einflussfaktoren der Krisenbewältigung

beispielhaft in einem intakten sozialen Umfeld, in der Familie oder bei Freund*innen. Auch kann eine geregelte Lohnarbeit, der Zugang zu Sprache, kultureller Verankerung und Bildung die Person stützen. Ebenso, wenn sie über eine Wohnung und ausreichende Gesundheitsversorgung, ganz allgemein über materielle Sicherheit und geordnete Lebensverhältnisse verfügt. Je größer die vorhandenen Ressourcen, desto gesicherter ist die Basis, ungewohnten Herausforderungen begegnen zu können, ohne aus dem Tritt zu geraten. Meistens jedoch treffen Berater*innen in der Krisenintervention auf Menschen, deren »Säulen der Identität« (Petzold, 2003) wenig Stabilität verheißen.

Die Biographie als Einflussgröße ist von einer Vielzahl an Erfahrungen geprägt, wie Menschen die sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten stellenden Herausforderungen bestanden oder an ihnen gescheitert sind. Konnten ihre Grundbedürfnisse nach Sicherheit und körperlicher Unversehrtheit, nach Bindung und Geborgenheit, nach Teilhabe und Zugehörigkeit, nach Anerkennung und Bestätigung erfüllt werden, so ist eine wichtige Grundlage einer stabilisierenden Resilienz gelegt. Diese bedeutet keine allumfassende Widerstandsfähigkeit, diese muss vielmehr stets als spezifisch und ereignisbezogen verstanden werden. Auf den Verlust der Arbeitsstelle beispielsweise reagiert jemand gelassen, jedoch auf das Zerbrechen der Partnerschaft höchst vulnerabel. Bei einem anderen Menschen kann es gerade umgekehrt sein.

Der Hirnforscher Gerald Hüther (Hüther & Sachsse 2007) spricht davon, dass auf Grundlage erfüllter Grundbedürfnisse solche Metakompetenzen wie Selbstwirksamkeitskonzept, Handlungsplanung, Impulskontrolle, Folgeabschätzung, Frustrationstoleranz ausgeprägt werden können. Diese ermöglichen es einer Person, für kommende Herausforderungen gut gewappnet zu sein: Das psychische »Handwerkszeug« einer problemfokussierenden Auseinandersetzung ist vorhanden und einsetzbar, dennoch ist eine Überforderung der Person bei einem Krisenereignis nie auszuschließen.

Wurden die oben beschriebenen Grundbedürfnisse nicht gewährleistet, weil die Person durch die Erfahrung von Mangel, Vernachlässigung, Diskriminierung oder Gewalt verletzt wurde, so müssen wir von erhöhter Vulnerabilität ausgehen. Eklatante Verletzungen der Grundbedürfnisse können bereits früh zur Ausprägung problematischer Bewältigungsmuster führen. Aus der Verhaltensbiologie kennen wir die Reaktionsschemata von »flight, freeze and fight«, die sich vereinfacht als Flucht oder Vermeidung, als Erstarrung oder Unterwerfung, sowie als Angriff, Überkompensation und Selbstbehauptung auf menschliche Reaktionsschemata übertragen lassen. Grundsätzlich ist mit der Verhaltensbiologie davon auszugehen, dass jeder lebendige Organismus immer auf das beste ihm zur Verfügung stehende Bewältigungsmuster zurückgreift. Einer Bedrohung begegnen die meisten Lebewesen mit einem Fluchtimpuls. Erscheint diese nicht möglich, stellen sie sich der Gefahr durch Selbstbehauptung, Verteidigung und Gegenangriff. Ist auch diese Möglichkeit versperrt, bleibt eine Art des Totstell-Reflexes, der Erstarrung und Unterwerfung unter Aufgabe wesentlicher Bedürfnisse. Diese Grundmuster entsprechen den Erkenntnissen der Neurobiologie und Stressforschung, die von einem Panik- und einem Furchtsystem (Panksepp 2004) ausgehen. Die psychophysiologischen Reaktionen für die Entstehung von Traumata auf hirnorganischer Ebene (Amygdala, Hippocampus) und die zugehörigen Symptomatiken (Intrusionen, Hyperarousal, Vermeidungsverhalten) sind vielfach beschrieben ( Kap. 15 Purtscher-Penz & Penz).

Die Einteilung unterschiedlicher Bewältigungsmuster weist Ähnlichkeiten mit dem Konzept der Über- und Unterstimulierungskrise von Kast (1987) auf. Überstimulierungskrise meint eine Reaktionsweise, die von überschießenden Emotionen und starker Expressivität gegenüber der Umwelt gekennzeichnet ist. Umgekehrt erscheinen als Unterstimulierungskrisen solche, die still und oft unbemerkt verlaufen, weil sich die Menschen als Verarbeitungsreaktion von ihren Gefühlen distanzieren und innerlich erstarren und damit nicht mehr nach außen treten.

Die früh gelernten Bewältigungsmuster können als adaptiv in dem Sinne gelten, dass sie damals einer Person das Überleben gesichert haben. Werden sie jedoch zeitlebens beibehalten, so erweisen sie sich häufig als zunehmend maladaptiv und inadäquat. Neuen Herausforderungen wird dann nicht mit inzwischen erlangten Metakompetenzen von Reflexion, Impulskontrolle und Handlungsplanung begegnet, sondern es werden die verankerten biografischen Schemata zum Beispiel der Hilflosigkeit oder des Ausgeschlossenseins angetriggert. In der Folge werden leicht die alten impulsiven Bewältigungsmuster von Flucht, Vermeidung, Erstarrung oder Überkompensation und Erregung aktiviert. Diese Überlegungen basieren auf dem Modusmodell der Schematherapie als einem integrativen Therapieverfahren, das die aktuelle emotionale Aktivierung (Verletzung, Wut, Verzweiflung etc.) auf die Ausprägung früh erworbener Schemata bezieht (Young, Klosko & Weishaar 2005, Roediger 2011). Entscheidend für die Aktivierung unterschiedlicher Bewältigungsmuster ist die subjektive Bedeutungsgebung (Filipp & Aymanns 2009), die die Person dem Ereignis in einem Kontext zu einem gewissen Zeitpunkt auf dem Hintergrund der erworbenen Vulnerabilitäten bzw. Resilienzen zumisst. Zum typischen Krisenerleben einer Einengung des Denkens, Fühlens und Handelns kommt es dann, wenn die eigenen Copingfähigkeiten in der Spiralbewegung fortgesetzter Situationsbewertungen als unzureichend erscheinen. Krisenbewältigung bedeutet demzufolge, dass in der fortgesetzten Neueinschätzung und Ressourcenaktivierung schließlich die reflektierenden Kompetenzen der Person gegenüber den reflexartig einsetzenden Reaktionsmustern die Oberhand gewinnen, so dass sie wieder ihre Selbstwirksamkeit erfahren kann.

Die Krisenbewältigung hängt ab

• vom auslösenden Ereignis,

• von den dann verfügbaren internen und externen Ressourcen und,

• vom Verhältnis der biographisch erworbenen Resilienz zur eigenen Vulnerabilität.

Das Zusammenwirken dieser Einflussfaktoren und ihre subjektive Bedeutungsgebung bestimmen, ob sich ein Mensch als »in der Krise« erlebt.

Für die Überwindung der Krise sind die Bewältigungsmuster und Copingstrategien ausschlaggebend, die günstigenfalls fortwährend der Situation angepasst werden können.

Diese Bewältigungsmuster unterscheiden sich in der Anpassungsleistung. Sie zielen entweder auf die äußere Realität, die die Person durch eigene Anstrengungen verändern möchte oder es erfolgt eine innere Anpassung der Person an gegebene unveränderbare Umstände. Die damit geleistete Verminderung der »Ist-soll-Diskrepanz« hat zur Folge, dass dieselben anfangs krisenauslösenden Umstände im weiteren Verlauf nicht mehr als krisenhaft bedrohlich erlebt werden. Für den einen ist die Krise des Arbeitsplatzverlustes erst abgewendet, wenn er eine neue Stelle hat, ein anderer findet sich damit ab und lebt unter veränderten, vielleicht eingeschränkten materiellen Bedingungen nicht unzufrieden weiter. Ein Dritter kann seine bedrohliche Krankheit akzeptieren und mit ihr leben, während ein Vierter um seiner Selbstbehauptung willen immer weiterkämpfen muss, und sich dafür in der Krisenintervention Mut und externe Ressourcen holt.

Daraus ergibt sich, dass keine verallgemeinerbaren Kriterien angegeben werden können, woran erfolgreiche Krisenbewältigung festgemacht werden kann. Dross (2001) schreibt dazu:

»Allgemeine Homöostase-Modelle der »Wiederanpassung« sind ebenso wie generelle Vorstellungen über »Wachstum durch die Krise« als erfolgreiche oder »Einmündung in Krankheit« als erfolgloser Krisenlösung zu einfach, um den sehr vielfältigen Ausgängen von Krisengeschehen gerecht zu werden« (S. 19).

So wenig, wie die Forschung universelle Auslöser finden konnte, so wenig lassen sich generell gültige Bewältigungsmuster formulieren. Filipp & Aymanns (2009) konstatieren:

»Das Gelingen der Bewältigung zeigt sich darin, inwieweit die Betroffenen das fragliche Ereignis in einem positiven Licht sehen können, daraus subjektiv einen Gewinn gezogen oder es als Teil ihres Lebens angenommen haben« (S. 19).

Das kann Berater*innen ermutigen, die individuellen Bewältigungsansätze mit Offenheit zu begleiten. Nicht zuletzt sollte die ganz überwiegend positive retrospektive Bewertung der professionellen Krisenhilfe durch ihre Nutzer*innen, stärker wahrgenommen werden (Gastner & Huber, 2007). Mit der Fragestellung, was im Kern geholfen hat, bedarf es weiterer wissenschaftlicher Verlaufsforschung der Krisenarbeit.

2.3 Ein schlüssiges Handlungsmodell und die Praxis vor Ort

Unterschiedliche Autor*innen haben Modelle entworfen, in welchen Schritten das praktische Vorgehen erfolgen kann. Nachfolgend wird das gut ausgearbeitete Stufenmodell von Schnyder (2000) vorgestellt, das eine umfassende Orientierung ermöglicht, auf welche Faktoren zu achten ist.

2.3.1 Das Handlungsmodell


Abb. 2.7: Handlungsmodell der Krisenintervention (nach Schnyder, 2000)

In der mittleren Säule werden die sechs aufeinander folgenden Schritte dargestellt. Links und rechts davon finden sich die auf jede Stufe bezogenen Interventionen und Aufgaben, die Berater*innen und Klient*innen in einer gemeinsamen »Suche-und-finde-Bewegung« durchlaufen sollten. Da die Krisenverläufe von Klient*innen individuell stark variieren, muss nach meiner Erfahrung die Reihenfolge oftmals angepasst werden. Ob die emotionale Entlastung gleich zu Beginn einer Beratung möglich und nötig ist oder erst, wenn eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut werden konnte, wird vom Einzelfall abhängen. Mal kann das Vermitteln von Hoffnung ganz am Anfang stehen und zur Voraussetzung für die Problemanalyse und die Zieldefinition werden, ein anderes Mal verläuft der Prozess umgekehrt. Die Grafik verzichtet der Übersichtlichkeit halber auf weitere Pfeile, die die Spiralbewegung der Wahrnehmungen und Interventionen angemessen darstellen würden.

Das Modell hilft, die innere Wahrnehmung der Berater*innen zu schärfen, welche Aspekte das krisenhafte Erleben umfassen kann. Im Sinn einer »Checkliste « dient es dazu, im Gespräch mit den Klient*innen alle Dimensionen der Krisenintervention zu berücksichtigen.

2.3.2 Die Praxis vor Ort
Die Nutzer*innen bestimmen das Setting – oder das Setting bestimmt die Nutzer*innen

Ein Schlüssel zum Verständnis einander manchmal widersprechender Klassifizierungen liegt im unterschiedlichen institutionellen Setting, in dem Krisenintervention betrieben wird. Der eigene berufliche Rahmen erscheint leicht als »normal« und so werden die Einteilungen und Merkmale von Krisen vor diesem Hintergrund entwickelt. Während bei der stationären Krisenintervention in der Regel Psychiater*innen darüber befinden, ob eine Indikation zur Aufnahme besteht, liegt bei vielen ambulanten Einrichtungen – dem Konzept der Niedrigschwelligkeit folgend – häufig das Definitionsrecht bei den Nutzer*innen, die selbst entscheiden dürfen, ob sie eine Krise haben (Schürmann, 2001). Daraus resultiert im ambulanten Bereich vielfach eine Krisenerfahrung und Krisenbeschreibung, die »an den Rändern ausfranst«, da sie zu weit gefasst ist.

Die Wiener Psychiater*innen Heinz Katschnig und Teresa Konieczna nehmen eine Unterteilung zwischen gewollten und problematischen Nutzer*innen vor, die sich an der breitgefassten Klientel in niedrigschwelligen Einrichtungen orientiert (1987).

Gewollte Nutzer*innen seien:

• Menschen mit akuten psychiatrischen Krankheitsbildern, für die medizinische und psycho-soziale Interventionskompetenz erforderlich ist.

• Menschen in akuten psychosozialen Krisensituationen, in die Gesunde durch z. B. Verlustereignisse geraten, die aber auch vorbelastete Menschen treffen können.

• Chronisch psychisch Kranke, die bereits im gemeindepsychiatrischen System leben und von Haus aus labil erscheinen.

• Demgegenüber erscheinen ihnen als problematische Nutzer*innen:

• Solche mit geringfügigen Problemen, die ihre Selbsthilfefähigkeiten einbüßen, wenn sie sich von professioneller Krisenhilfe abhängig machen.

• Die chronische Klientel: Dauer- und Wiederholungsanrufer*innen, die sich genötigt sehen, eine Notsituation zu kreieren, um darüber in Kontakt treten zu dürfen.

Dieses Krisenverständnis bezieht also »Gesunde«, »Kranke« und »Chroniker« bei der Klassifizierung psychosozialer und psychiatrischer Krisen gleichermaßen mit ein. Differenziert wird hier jedoch nach Art und Anlass der Inanspruchnahme.

Was Sonneck (2000) – scheinbar in sich widersprüchlich – als »chronifizierte Krisen« bezeichnet, hat starke Entsprechungen mit den chronisch-psychisch Kranken, denen ein »abweichendes Krisenbild« aufgrund ihrer erhöhten Vulnerabilität zugestanden wird. Deren hochfrequente Inanspruchnahme ambulanter Kriseneinrichtungen kann jedoch schnell Züge annehmen, die sie als Dauerklient*innen erscheinen lassen, und für die ein angemessener Umgang entwickelt werden muss, weil sie enorme Personalressourcen binden können (Neumann 2002). Kliniken haben damit aufgrund der höheren Zugangsschwelle, wo die psychiatrische Diagnostik den Eingangsschlüssel für die Aufnahme darstellt, seltener ein Problem.

Kriseneinrichtungen für »psychisch Gesunde« ebenso wie für »psychisch Kranke«?

Die Frage, für welchen Personenkreis Kriseninterventionseinrichtungen bereitstehen sollen, ist stark vom Auftraggeber und vom Typus der Einrichtung abhängig. Geht es eher um sogenannte gesunde Menschen, die durch widrige Lebensumstände in eine Krise geraten können, oder sollen auch – vielleicht sogar vor allem – sogenannte psychisch kranke Menschen in den »Genuss« von Krisenintervention kommen können? Vielerorts vollzog sich in den 1990er Jahren mit dem Abbau stationärer Betten in Krankenhäusern und Heimen, der sogenannten Enthospitalisierung, eine Verschiebung der Zielgruppen hin zu Menschen mit bereits vorhandenen Störungen und Einschränkungen. Dem liegt eine veränderte Auffassung und generelle Erweiterung des Krisenverständnisses zugrunde: Alle Menschen haben Krisen, und längst nicht jede beobachtete Verschlechterung innerhalb eines Krankheitsbildes geht auf die angenommene Eigendynamik einer Depression, einer Psychose oder auch einer körperlich-geistigen Behinderung zurück ( Kap. 8 Henssler & Escalera). Nicht zuletzt durch die Etablierung des Vulnerabilitätskonzepts ist bei vielen Helfer*innen die Wahrnehmung dafür geschärft worden, wie scheinbar nichtige Anlässe einen verletzlichen Menschen völlig aus dem psychischen Gleichgewicht bringen können. Das müssen nicht nur »kritische Lebensereignisse« wie Scheidung oder eine Entlassung sein, manchmal genügt ein problematisches Telefonat mit den Eltern (um gegebenenfalls beide Seiten in die Krise zu stürzen).

Krankheit und Krise schließen daher einander nicht aus, sondern treten, wie viele Untersuchungen belegen, kumulativ auf oder gehen ineinander über. Dross (2001) stellt fest: »In der aktuellen Situation sind Krisen als passagere Ausnahmezustände und solche Krisen, die in Verbindung mit überdauernder Störung stehen, oft schwer zu unterscheiden« (S. 29).

Es gilt, sowohl in der Krise die dahinter liegende Krankheit zu sehen, als auch in der Krankheit die sie verschärfende oder überlagernde Krise. Während ambulante niedrigschwellige Einrichtungen regelhaft meist auch mit psychisch kranken Menschen arbeiten, besteht bei der stationären Aufnahme die Tendenz zu einer Aufteilung der Klientel in sogenannte Gesunde, die der Krisenstation und »Psychiatrie-Erfahrene«, die der psychiatrischen Station zugeordnet werden ( Kap. 18 Hölling).

2.4 Fazit und Ausblick

Nach dieser Zusammenschau der Entwicklungsstränge der Krisenintervention möchte ich dazu einladen, sich den vielfältigen Praxisfeldern und ihren noch vielfältigeren Klient*innen zuzuwenden. Krisenintervention findet immer in der Begegnung (mindestens) zweier Menschen statt, zwischen ratsuchender und helfender Person. Für eine gelingende Beziehungsgestaltung sind wir Helfer*innen in unserer Authentizität und Subjektivität gefragt. Denn Krisen machen unseren Klient*innen regelmäßig Angst; die Anforderungen der Krisenintervention können bei Berater*innen gleichfalls Ängste und Unsicherheiten auslösen, die oftmals im Sinn einer Gegenübertragung mit dem Erleben der Klient*innen korrespondieren. Um die eigenen Ängste nicht auf die Ratsuchenden zu übertragen müssen wir sie in Supervision und Intervision bearbeiten. Es macht jedoch Sinn, über die reflektierte eigene Verunsicherung den Zugang zu unseren Klient*innen zu gewinnen. Die Schweizer Psychologin Verena Kast, formuliert in ihrem frühen Standardwerk (1987) »Der schöpferische Sprung« die der Krise innewohnenden Chancen und prägt diesen Leitsatz:

»Krisenintervention meint zunächst einmal, mit der Krise in Kontakt zu kommen« (S. 11).

Alle ausgefeilten Theorien und Konzepte nützen nichts oder können sogar kontraproduktiv sein, wenn wir uns dahinter verschanzen, anstatt uns von den Menschen in ihrem oftmals verzweifelnden Bemühen berühren zu lassen. Entsteht eine emotionale Resonanz in uns, wirkt diese auf die Ratsuchenden zurück.

Trotz unserer Expertise sollten wir Berater*innen die Ergebnisse einer Befragung von Psychiatrie-Erfahrenen (Nouvertné, 1993), was sie an Krisenberater*innen am meisten schätzen, als Leitschnur nehmen: Unser Fachwissen stand an letzter Stelle, an erster dagegen wurde die persönliche Krisenkompetenz genannt. Damit ist die Fähigkeit der Profis gemeint, Ratsuchende am Überwinden selbst erlebter Krisen angemessen teilhaben zu lassen. Darüber hinaus werden die Fähigkeit von Berater*innen zur menschlichen Anteilnahme, der Offenheit für »fremde« Lebensstile und die hohe Toleranz ungewöhnlichen Verhaltens gewürdigt.

Wir freuen uns, wenn die folgenden Kapitel die in der Krisenintervention Tätigen weiterbilden können, in diesem Sinne mit den Nutzer*innen zu arbeiten.

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3 »Ohne sie wäre ich sicher nicht mehr da« – zur Bedeutung von Bindung, Beziehung und Einbettung bei schweren und wiederholten Krisenerfahrungen
Silke Birgitta Gahleitner

Unsere aktuelle Lebenswelt ist durch Entgrenzung geprägt, die Möglichkeitsräume haben sich erweitert. Aber auch die geforderten Eigenleistungen eines jeden Menschen bei der Gestaltung des Lebenslaufs sind gestiegen. Für benachteiligte und beeinträchtigte Menschen ist dies jedoch häufig nicht einzulösen. Dies gilt insbesondere im Falle früher traumatischer Erfahrungen, die im weiteren Lebensverlauf zu fortgesetzten Krisenrisiken führen. Es bedarf daher adäquater Interventionsformen, um die jeweils angemessene Unterstützung für die jeweiligen Problemlagen bieten zu können. Der grundlegende Interventions- und Unterstützungsfaktor sind soziale Beziehungs- und Einbettungsverhältnisse. Kenntnisse der Vertrauenstheorie, Bindungstheorie und Netzwerktheorie sind daher unabdingbar für eine qualifizierte Krisenarbeit – insbesondere in der Arbeit mit traumatisch bedingten schweren und wiederholten Krisen. Der Artikel beschreibt entlang eines Fallbeispiels Möglichkeiten der Krisenarbeit in diesem Bereich.

3.1 (Krisen-)Verhältnisse in der zweiten Moderne

In seinem einführenden Artikel setzt Heiner Keupp ( Kap. 1, Keupp) Krisenpotenziale in den Kontext des globalisierten Netzwerkkapitalismus. Krisen haben, so arbeitet er heraus, eine gewisse Normalität im aktuellen Lebensalltag erlangt, normale Biografien umfassen eine Reihe von Krisenerfahrungen. Im vergangenen Jahrhundert z. B. mussten in Deutschland zwei Weltkriege und die Verantwortung für die umfassendsten Gewalttaten der Geschichte verkraftet werden, für Angehörige anderer Länder und kultureller Kontexte lassen sich noch weit mehr und aktuellere Einschnitte verzeichnen. Zudem sind tragende kulturelle Deutungsmuster und Normalitätsvorstellungen aus dem alltäglichen Leben gewichen. Während in der Vergangenheit stark vorgegebene Sozialisationsverläufe üblich waren, »also bestimmte Entwicklungsachsen« (Böhnisch, Lenz & Schröer, 2009, S. 9), sind lineare Lebensverläufe heute selten geworden.

Die zunehmende Entgrenzung eröffnet eine Reihe von Freiheiten zu aktiver Identitätsarbeit (Keupp, in diesem Band), allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Wer mit einer guten Ressourcenausstattung schnell wechselnde soziale und kulturelle Bedingungen flexibel zu nutzen weiß, sieht sich einem vielfältigen Angebot an Lebenswegen und Gestaltungsmöglichkeiten gegenüber. Die neue Lebensform erfordert jedoch eine ausgeprägte »Selbstorganisation« (Böhnisch et al., 2009, S. 10) und hohe Flexibilität (vgl. Sennett, 1998/2000). Die Notwendigkeit, auf die schnell wechselnden Bedingungen flexibel und dennoch hinreichend gesund zu reagieren, ist jedoch für viele Menschen nicht einzulösen. Es kommt zu einer Beschleunigung und Verdichtung der Alltagswelt, das ermöglicht bei ausreichenden Ressourcen eine Vielzahl an Erfahrungen, die damit verbundenen Anforderungen bei gleichzeitiger Enttraditionalisierung produzieren jedoch auch Risiken (Beck, 1986) und Exklusionsprozesse, »Disembedding-Prozesse« (Giddens, 1999/2001). Diese treffen vor allem beeinträchtigte und benachteiligte Menschen.

Dies gilt insbesondere für den Traumabereich. Eine Studie zu frühen Traumata in der Kindheit (ACE-Studie; u. a. Feliti, Fink, Fishkin & Anda 2007) z. B. zeigt: Menschen, die bereits früh schwierige Lebensereignisse meistern müssen, leiden ungleich häufiger an Armut, Arbeitslosigkeit, Mittellosigkeit, Krisen, unzureichender oder unsicherer Unterkunft bzw. Wohnungslosigkeit, sind stärker sozial gefährdet und sterben früher als Menschen ohne solche Belastungen. Der Bericht der WHO (2001) zeigt diese Verschränkung biopsychosozialer Prozesse und Strukturen seit Jahrzehnten kontinuierlich auf. Als Antwort auf diese ungleichen (Krisen-)Verhältnisse bedarf es daher einer Entwicklung adäquater Reaktions- und Interventionsformen, um allen Menschen in ihren aktuellen Lebenskontexten angemessene Unterstützung bieten zu können und Disembedding-Prozessen entgegenzuwirken. Dies soll an einem konkreten Fallbeispiel verdeutlicht werden.

3.2 Zum Beispiel Maria: Eine Krisenintervention mit vielen Hindernissen

Maria war als Nachzüglerkind und Mädchen der lang erhoffte Sonnenschein ihrer Mutter. Die eigene leidvolle Geschichte der Mutter mit einer Reihe von Gewalterfahrungen und die Überforderung durch die bereits erwachsenen Brüder von Maria, die zu diesem Zeitpunkt bereits in zahlreiche Drogendelikte verwickelt waren, stellten die Mutter vor große Herausforderungen. Die Familie lebte am Rande des Existenzminimums, obwohl Marias Mutter ganztägig berufstätig war und sich nach Kräften um die Versorgung der Kinder bemühte. In den ersten zwei Jahren des Kindes sprang der Großvater für die Betreuung von Maria ein, später fiel diese Rolle Marias Bruder zu. Als Maria ins Jugendalter kam, ereignete sich eine für das sonst aufgeschlossene und unkomplizierte Mädchen eine spezielle Szene: Der Terrier der Familie hatte einen Tischtennis-Ball verschluckt und starb in ihrem Arm. Dass Maria daraufhin entsetzt und traurig reagierte, verstand jeder aus ihrem Umfeld. Als Maria jedoch begann, sich selbst durch Schnitte und Brandwunden massiv zu verletzen und schließlich versuchte, ihrem Leben ein Ende zu setzen, reagierten alle ratlos: die Mutter, die Geschwister und zunächst auch die regional zuständige Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Nicht immer sind die in Krisen entstehenden Reaktionen für die Angehörigen und auch Krisenhelfende nachvollziehbar, wie im obigen Fall beschrieben. Es liegt daher nahe, von einem Kontinuum (Sonneck, 2000) zwischen »psychosozialer Krise« und »psychiatrischem Notfall« als auch von unterschiedlichen Definitions- und Modellannahmen auszugehen. Dennoch gibt es inzwischen eine Reihe bewährter Vorgehensweisen der Krisenintervention, die letztlich alle eine ähnliche Schrittfolge vorschlagen (vgl. für einen Überblick über den aktuellen Diskurs zu Krisenmodellen Kap. 2, Ortiz-Müller). Einig ist man sich insbesondere darin, dass zu Beginn ein vorsichtiger Beziehungsaufbau steht bzw. ein Arbeitsbündnis ermöglicht und abgeklärt werden muss, wie gut oder nicht gut der*die Hilfesuchende sozial eingebettet ist. Erst dann kann ein behutsames Zulassen emotionaler Entlastung seinen Platz finden. Eine Krisenanamnese führt im Anschluss zu einer dialogisch entwickelten Problemdefinition und Beschreibung der Krise, die die Basis für eine Zieldefinition abgibt. Erst auf diesem Boden kann nach neuen Lösungen gesucht werden. Abschließend kann ein Rückblick unternommen und eine Bilanz gezogen werden.

Bei Maria wurde relativ schnell deutlich, dass bereits der erste Schritt des Beziehungsaufbaus eine Herausforderung darstellte. Das Mädchen hatte sich in eine rätselhafte Welt von Selbstverletzung, Suizidgedanken und Ängsten zurückgezogen und war für nahezu niemanden erreichbar. Zunächst ihre Situation zu verstehen und Bindung, Beziehung und Einbettung zu ermöglichen, hatte also absolute Priorität. Ohne diesen behutsamen Beziehungsaufbau dagegen ist ein tragfähiges Arbeitsbündnis in der Krisenintervention gar nicht zu erreichen. Wie aber können dafür erste Schritte – über viel erworbenes Misstrauen hinweg – erfolgen?

3.3 Erste Schritte in neues Vertrauen und Beziehungsnetzwerke

Im Laufe eines mehrmonatigen Klinikaufenthaltes gelang es einer Psychiaterin, Stück für Stück Vertrauen und Beziehung zu Maria aufzubauen und einzelne Aspekte ihrer Vorgeschichte zu erahnen. Sie vermittelte das Mädchen daher an eine auf Traumata spezialisierte sozialtherapeutische Wohngruppe. Bei einer ständigen Gratwanderung zwischen Suizidalität, Klinikaufenthalten und massiven Selbstverletzungen entfaltete sich Millimeter für Millimeter in weiteren Vertrauensbeziehungen Marias Biografie: Wie bereits erwähnt, wurde Maria in den ersten zwei Lebensjahren aufgrund der Berufstätigkeit der Mutter von ihrem Großvater, nach dessen Tod von ihrem Bruder betreut. Der noch minderjährige Junge agierte seine Frustration und Enttäuschung über seine eigene vernachlässigte Situation in psychisch und physisch gewalttätigen Handlungen aus. Im Grundschulalter wurde Maria über Jahre hinweg von einem Freund des Bruders sexuell misshandelt. Die beiden älteren Geschwister waren zu diesem Zeitpunkt bereits inhaftiert. Ihre Mutter wollte Maria auf keinen Fall noch mehr belasten. Die einzige Stütze boten Maria die Haustiere der Familie.

Krisenverhältnisse von einer Komplexität wie der vorliegenden erfordern für eine adäquate Begleitung reichhaltige (diagnostische) Kenntnisse und Erfahrungen über Entstehungsbedingungen, Auswirkungen und Bewältigungsformen traumatischer Ereignisse (vgl. ausführlich Gahleitner, 2011). Insbesondere die Auswirkungen früh beginnender und langanhaltender Traumata gipfeln häufig in immer wiederkehrenden Krisensituationen, suizidalen Phasen und Suizidversuchen. Janoff-Bulman (1985) beschreibt dieses Phänomen als »shattered assumptions«, eine fundamentale Erschütterung grundlegender Überzeugungen wie die der eigenen Unverletzbarkeit, der Gerechtigkeit der Welt und der positiven Selbstwahrnehmung der eigenen Person. Es kommt zu Dissoziationen und einer Reihe weiterer schwerer Symptomatiken. In den letzten Jahren hat sich dafür der Begriff »komplexe Traumatisierung« durchgesetzt (sogenannte Typ-II-Traumata gegenüber Typ-I-Traumata; Terr, 1995; Kolk et al., 1996). Viele Traumaopfer bewegen sich daher – wie Maria – auf einem dünnen Lebensgrat, der von andauernden Krisen, chronischer Selbstzerstörung und Suizidgefahr geprägt ist.

Neben dem Gefühl absoluter Hilflosigkeit und Ohnmacht sowie dem Verlust der Fähigkeit zur Selbstregulation führt dies häufig auch zur Isolation und Deprivation der Betroffenen. Dies beobachtete bereits der Kinderarzt und -psychiater Bowlby (1951/1973) in den 1950er-Jahren bei sozial benachteiligten Kindern. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte er in der Trilogie »Attachment« (1969/2006), »Separation« (1973/2006) und »Loss« (1980/2006) die Bindungstheorie. Er begründete damit eine beziehungsbezogene Perspektive von Entwicklung, nach der Menschen fundamental auf (emotionale) Bindungssicherheit angewiesen sind. Gelungene oder weniger gelungene Interaktionen werden aus dieser Perspektive zu einem grundlegenden Organisationsprinzip der gesamten Entwicklung. Die (emotionale) »Abwesenheit« von Bindungspersonen behindert dagegen Entwicklung. Ein destruktiver Teufelskreis entsteht, der desorganisierte Bindungsstile oder gar sog. Bindungsstörungen zur Folge hat (Brisch, 1999). Aus frühen Bindungsentbehrungen entstehen so komplexe Entwicklungsstörungen auf der physischen, psychischen und sozialen Ebene.

Menschen, die sich in desolaten Verhältnissen befunden haben oder befinden, sind daher existenziell auf soziale Ressourcen angewiesen, die als positive Gegenhorizonte eine stabile psychosoziale Geborgenheit verkörpern (Gahleitner, 2017). Zu Beginn der Hilfegestaltung ist die Kluft zu beziehungserschütterten Menschen jedoch – wie bei Maria – häufig unüberwindlich. Es herrscht Misstrauen vor. In einem ersten Schritt ist es daher bedeutsam, Vertrauen zu schaffen und »schützende Inselerfahrungen« (Gahleitner, 2011, S. 40) zu ermöglichen. Fachkräfte müssen dafür in »Vorleistung« gehen und vorab »Vertrauen schenken« (Luhmann, 1973, S. 45 f.). Der Vertrauensaufbau gelingt im besten Falle zunächst auf der Ebene der Dyade, muss sich in der Folge aber auch auf der Ebene des umgebenden Netzwerks und der Institutionen tragfähig gestalten. Letztlich geht es also um die Herstellung eines sozial unterstützenden »Milieus« als »biografisch verfügbarer sozialräumlicher und sozialemotionaler Kontext« (Böhnisch, 1994, S. 222), also um die sorgfältige Entwicklung tragfähiger sozialer Unterstützungsnetzwerke (Nestmann, 2010). Neue hilfreiche Bindungen wirken also besonders stark, wenn sie sich nicht nur in einer Dyade, sondern innerhalb eines Beziehungsnetzwerkes unterstützender Personen, Lebewesen und Einrichtungen entfalten. Nicht selten spielen Tiere in der Vertrauensbildung und dem entstehenden Einbettungsgefüge eine wichtige Rolle (Levinson, 1962).

3.4 Sich auf Basis von Beziehung und Einbettung durch die Krise arbeiten

Körperliche Nähe als erreichbar, aber auch begrenzbar, Beziehungen als vertrauenswürdig und belastbar sowie Konflikte als lösbar zu erleben, schien für Maria zu Beginn des Aufenthaltes in der Einrichtung außerhalb jeder Vorstellung. Über viele Jahre hinweg hatte Maria ihre verzweifelte Situation vor dem Rest der Familie zu verbergen versucht. Als der Druck für sie nicht mehr auszuhalten war, kam es zu den massiveren autoaggressiven Gewalthandlungen und suizidalen Attacken. In der Einrichtung zeigte sie diese Symptomatik erstmals in ihrem vollen Ausmaß. In der Begegnung mit anderen ebenfalls stark belasteten Mädchen erfuhr sie dabei – jeweils durch das sozialtherapeutische Team begleitet – Unterstützung und Verbundenheit. Vorsichtig versuchte sich Maria in weiteren Interaktionen mit anderen Mädchen aus der Jugendhilfe-Gruppe und dem sozialtherapeutischen Team. Bewährte traumapädagogische Übungen und psychoedukative Elemente ermöglichten ihr eine traumaadäquate, behutsame Chance auf Veränderungsprozesse ihrer Emotionen und einen vorsichtigen Wiederaufbau der Selbstorganisation. Krisensituationen konnten gemeinsam und dialogisch in den Blick genommen werden.

Auch krisentheoretisch betrachtet ist nach der gelungenen Beziehungsaufnahme eine Entlastung der akuten emotionalen Überforderung durch aufmerksames und beruhigendes Dasein und Zuhören Programm. Auch Stabilsierungsarbeit kann jetzt mit sehr viel mehr Wirkung eingesetzt werden als ohne eine emotionale Anbindung. Bereits Bowlby (1951/1973) weist darauf hin, dass Exploration nur stattfinden kann, wenn Bindungssicherheit (zumindest ansatzweise) vorhanden ist. Werden in diesem Zustand emotional bedeutsame Erlebnissequenzen von bedeutsamen Bezugspersonen empathisch unterstützt, entwickeln sich vage Selbstempfindungen zu adäquaten »internalen Arbeitsmodellen« – im Gegensatz zu eingeschränktem, starrem, »wirklichkeitsunangemessenem« Verhalten (Grossmann & Grossmann, 2004). Auf dieser Basis kann es auch – wie am Beispiel von Maria soeben geschildert – möglich werden, negative Lebensereignisse über Unterstützungs- und Mentalisierungsprozesse in Resilienz zu transformieren (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2015). Das bedeutet: »Besonders in schwierigen Lebensumständen müssen sprachliche Repräsentationen vom Denken, Fühlen und Handeln […] durch offene Kommunikation mit vertrauten Personen ›ko-konstruiert‹ werden« (Grossmann & Grossmann, 2004, S. 427).

Auch die soeben zitierte ACE-Studie (Felitti et al., 2007) lehrt uns nicht nur, wie sehr Menschen nach frühen schädigenden Erfahrungen ins Abseits geraten, sie lehrt uns auch, wie solche Prozesse wieder rückgängig gemacht werden können. Entlang von Ergebnissen zum sog. »posttraumatischem Wachstum« (vgl. Tedeschi & Calhoun, 1996) können nach einschneidenden Erfahrungen und Krisen wertvolle biografische Wachstums- und Bildungsprozesse angeregt und ermöglicht werden, wenn soziale (Netzwerk-)Ressourcen zur Verfügung stehen (Nestmann, 2010). Bekannt ist das Einbettungsphänomen auch aus dem klientenzentrierten Bereich. Als erster Vertreter aus dem helfenden Spektrum formulierte tatsächlich Rogers (1957) eine umfassende wachstumsfördernde Beziehung als notwendige und hinreichende Grundbedingung von Hilfeprozessen. In der Bindungs- und Milieutheorie spricht man auch von »emotional korrigierenden Erfahrungen« (Brisch, 1999, S. 94; vgl. bereits Cremerius, 1979; Alexander & French, 1946) oder »emotional-orientierten Dialogen« (Kühn, 2009, S. 31).

Um diese Chance zu wissen, hat große Bedeutung für Krisenarbeiter*innen, die stets »durch die Beziehung hindurch« mit Klient*innen verbunden sind und gemeinsam mit ihnen an Veränderungsprozessen arbeiten. Ist es auf diese Weise möglich geworden, sich konkret dem vorliegenden Problem zuzuwenden, kann eine Anamnese der Krisenauslöser und -hintergründe erfolgen, nicht jedoch ohne auch ausführlich auf bisherige Bewältigungsleistungen und Ressourcen Bezug zu nehmen. Die Krise und ihre Anbahnung – gemeinsam mit dem subjektiven Erleben des*der Hilfesuchenden – zu verstehen, ist für eine sinnvolle Zielklärung erforderlich. Die Zielsetzung ist zudem davon abhängig zu machen, in welcher Verfassung Klient*innen sich befinden. In der Problembearbeitung ist daher zu prüfen, welche Schritte im jeweiligen Setting möglich sind und welche Schritte oder Schutzmaßnahmen vielleicht auch netzwerkorientiert den Einsatz weiterer Einrichtungen aus dem Kriseninterventionsbereich erfordern.

3.5 Zurückblicken, wieder in den Lebensalltag treten und weiter vorsorgen

Auf diese Weise wurde es bei Maria möglich, dass manche der lebensgefährlichen, wiederkehrenden Situationen, wie beispielsweise Flashbacks und die massiven Selbstverletzungsattacken, sich mithilfe der Stabilisierung und behutsamer »Traumazuordnungsarbeit« während des Aufenthalts in der Wohngruppe merklich verringerten. Dazu gehörte auch die Rückverortung der Verantwortung an die beiden Verursachenden des Geschehens. Psychosomatische Erscheinungen und vereinzelt auch Selbstverletzungen stellten jedoch weiterhin einen wichtigen Anzeiger für Belastungs- und Überforderungssituationen dar. Allmählich gelang es Maria, auch diesen Belastungen bewusste Handlungen entgegenzusetzen und Beziehungen angemessener zu gestalten, die zumeist in ihrer Instabilität den Anlass für die Selbstzerstörung darstellten. Die Angstproblematik außerhalb des vertrauten Wohnbereichs jedoch lockerte sich nur bedingt. Musste der vertraute und einbettende Rahmen aufgegeben werden, kam Maria noch schnell an Grenzen.

Ist die Krise irgendwann überwunden, so die Krisentheorie, kann zu den ursprünglichen Themen und Zielen zurückgekehrt werden, falls sie sich durch das Krisenerleben nicht verändert haben. Bei komplex traumatisierten Betroffenen ist jedoch zu erwarten, dass sich krisenhafte Phasen und Situationen im Leben stets wiederholen. Es empfiehlt sich, dafür in gewisser Weise eine Vorsorge zu treffen. Über den ganzen Zeitraum hinweg korrigierend beziehungsorientiert zu arbeiten, schützt vor erneuten Beziehungsabbrüchen und Beziehungsenttäuschungen. Im Falle von Maria blieb das Beziehungsgefüge z. B. fragil und musste immer wieder neu restituiert werden. Alle Beziehungsaspekte wirken besonders stark, wenn sie sich nicht nur in einer Dyade, sondern innerhalb eines Beziehungsnetzwerkes unterstützender Personen und Einrichtungen entfalten (Gahleitner, 2011). Gelingt dies nicht, kann es zu weiteren Einbrüchen und Desastern kommen.

Maria hat auf dem Weg ins Erwachsenwerden einen entscheidenden Schritt hinter sich gebracht, ein erfolgreicher Suizid konnte bis zum 18. Lebensjahr verhindert werden. Im Rahmen der Jugendhilfe war es jedoch aufgrund der aktuellen Praxis, so schnell wie möglich in den Erwachsenenbereich zu überführen, nicht möglich, sie weiter zu begleiten. Beim Übergang in die wesentlich niedrigfrequentere Erwachseneneinrichtung kam es zu einem weiteren Suizidversuch. Erneut wird im Hilfesystem eine sorgfältige interinstitutionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich, um den Faden an dieser Stelle aufzunehmen und in einer Anschlusshilfe weiter zu verfolgen. Nach einigen Suchbewegungen konnte eine stabile neue Einrichtung für sie gefunden werden. Lockere Kontakte und Besuche der jungen Frauen in der bisherigen Einrichtung – ebenso wie Kontakt zur Klinikärztin – sind jedoch weiterhin nötig, um die erfahrene »schützende Inselerfahrung« weiter wirken zu lassen und den auf ihrem Lebensweg mit Sicherheit wieder auftretenden Krisensituationen wirksam vorzubeugen bzw. sie für sie bewältigbar zu machen.

3.6 Ausblick

Komplex traumatisierte Klient*innen sind besonders stark auf trauma- und krisenqualifizierte Versorgungsstrukturen angewiesen. Sie machen dann eine positive, emotional korrigierende Erfahrung, wenn sie auf Professionelle treffen, die vor einem Hintergrund von bindungstheoretischem und psychotraumatologischem Wissen feinfühlig und kompetent auf sie reagieren. Voraussetzung dafür ist eine beziehungssensible diagnostische Abklärung, die der Biografie, der Lebenswelt und dem sozialen Umfeld angemessenen Stellenwert einräumt und von Beginn an ein möglichst nahtloses Anknüpfen an den »jeweiligen Beziehungsstatus« gestattet (ausführlicher hierzu Gahleitner, Pauls & Glemser, 2018). Für die Bindungsdiagnostik kann das eigens dafür entwickelte »Adult Attachment Interview« (»AAI«; vgl. George, Kaplan & Main, 1985; aktuell Gloger-Tippelt, 2012/2016) in die Diagnostik integriert werden. Auch eine florierende Hilfelandschaft mit einer ausreichenden Personaldecke, einem interdisziplinären, engagierten Team sowie Möglichkeiten zu Intervision, Supervision, Fort- und Weiterbildung sind Voraussetzung, um in der komplexen Anforderung gute Arbeit zu leisten.

Letztlich gilt für Professionelle wie Klient*innen gleichermaßen: Positive Bindungs- und Beziehungserfahrungen sind die entscheidende Ressource gegen Überforderung, Überschreitung eigener Grenzen, Krisendynamiken, Selbstdestruktion und Suizidalität. In der Anpassung an die moderne Umwelt stellen sie wichtige Gegenpole zu gesellschaftlichen Vereinzelungsphänomenen und Autonomieanforderungen dar, die in der Prävention von Krisensituationen und suizidalen Phasen eine große Bedeutung besitzen.

Maria ist es auf jeden Fall gelungen, Halt zu gewinnen, inzwischen ist sie erwachsen. Der letzte einer Reihe von Suizidversuchen liegt noch nicht lange zurück. Zur Ärztin hat sie bis heute Kontakt, obwohl sie seit vielen Jahren nicht mehr für sie zuständig ist. Für Maria hatte sie eine entscheidende Schlüsselposition auf dem Weg zurück ins Leben: »Ohne sie« – so sagt sie – »wäre ich heute nicht mehr da«.

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4 Was hilft den Krisenhelfer*innen? – Kurze Praxis der Notfall- und Krisenintervention
Manuel Rupp

In den letzten rund 40 Jahren entwickelte sich die Krisenintervention in Mitteleuropa zu einem eigenständigen Fachbereich. Diese Entwicklung wird kurz nachgezeichnet. Die wichtigsten Begriffe werden erklärt. Es wird dargestellt, wie sich die Entstehung von Krisen und deren Zuspitzung in der Notfallsituation verstehen lassen und welche Prinzipien ein professionelles Vorgehen ermöglichen. Um die Bewegung und Destabilisierung verkrusteter Verhältnisse in einer dramatischen Situation konstruktiv zu nutzen, braucht es eine aufs Wesentliche eingegrenzte, übersichtlich angelegte Interventionsweise, deren Prinzipien und Methoden ausgeführt werden. In einem Ausblick werden kurz Tendenzen bei der Weiterentwicklung der Krisen- und Notfall-Methodik erwähnt.

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