Kitabı oku: «Professionelles Handlungswissen für Lehrerinnen und Lehrer»

Die Herausgeberin, die Herausgeber

Dr. Elsbeth Stern ist Professorin für Lehr- und Lern-Forschung an der ETH Zürich. Sie führt ein großes Forschungsteam und trägt die Gesamtverantwortung für die Lehrerinnen- und Lehrerausbildung an der ETH.

Dr. Henrik Saalbach ist Professor für Pädagogische Psychologie mit dem Schwerpunkt Lehren, Lernen und Entwicklung an der Universität Leipzig und in dieser Funktion auch mitverantwortlich für das Lehramtsstudium.

Lic. phil. I Peter Greutmann ist seit 2005 Geschäftsführer des ETH-Kompetenzzentrums für Lehren und Lernen (EducETH) und Dozent für Erziehungswissenschaften im Rahmen dieser Ausbildung. Er arbeitet seit 1993 als Gymnasiallehrer für Deutsch und Philosophie an der Kantonsschule Schaffhausen und betreut in diesem Rahmen auch Praktika von Lehrdiplom-Studierenden der Universität Zürich.
Peter Greutmann, Henrik Saalbach, Elsbeth Stern (Hrsg.)
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.
1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-031785-7
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-031786-4
epub: ISBN 978-3-17-031787-1
mobi: ISBN 978-3-17-031788-8
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 1 Professionelles Handlungswissen von Lehrerinnen und Lehrern – eine Auslegeordnung
3 Peter Greutmann, Henrik Saalbach und Elsbeth Stern
4 1.1 »Teachers make a difference«
5 1.2 Das Angebot-Nutzungs-Modell und der Aufbau des Buchs
6 1.3 Wie man dieses Buch nutzen kann
7 2 Wer lehren will, muss das Lernen verstehen: Die kognitionspsychologischen Grundlagen des menschlichen Lernens
8 Elsbeth Stern
9 2.1 Einleitung
10 2.2 Der Begriff des Lernens
11 2.3 Lernen als Verhaltenssteuerung
12 2.4 Lernen als Aufbau von Wissen
13 2.4.1 Das 3-Speicher-Modell des Gedächtnisses
14 2.4.2 Die Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses
15 2.4.3 Lernen als Verdichtung von Wissen: Chunking und Prozeduralisierung
16 2.4.4 Lernen als Explikation und Vernetzung: Der Aufbau von deklarativem Wissen
17 2.4.5 Verstehendes Lernen als Konzeptwandel
18 2.4.6 Intelligentes Wissen als der Schlüssel zum Können: Der Erwerb von Kompetenzen
19 2.5 Wer lernt leichter? Intelligenzunterschiede und ihre Auswirkungen auf die Konstruktion und die Nutzung von Wissen
20 2.5.1 Die wichtigsten Befunde der Intelligenzforschung in Bezug auf das schulische Lernen
21 2.5.2 Intelligenz und Arbeitsgedächtnisfunktionen
22 2.5.3 Intelligenz und Motivation: Zwei unterschiedliche Konstrukte, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen
23 2.6 »Hirnforschung« und »Lernfenster«: Kaum relevant für schulisches Lehren und Lernen!
24 2.7 Zusammenfassung und Bezüge zur Unterrichtspraxis
25 3 Die lang-, mittel- und kurzfristige Planung schulischer Lerngelegenheiten
26 Peter Greutmann, Sarah Hofer und Lennart Schalk
27 3.1 Einleitung
28 3.2 Langfristige Planung von Unterricht: Einen Semesterplan erstellen
29 3.2.1 Terminologische Klärungen
30 3.2.2 Einen Semesterplan im eigenen Fach entwickeln
31 3.3 Mittel- und kurzfristige Planung von Unterricht
32 3.3.1 Leitideen und Lernziele
33 3.3.2 Lernzieltaxonomien für die Planung von Unterricht
34 3.3.3 Der Einsatz der PUT bei der Unterrichtsplanung
35 3.4 Die Gestaltung einer einzelnen Schulstunde
36 3.4.1 Die zeitliche Strukturierung einer Schulstunde: 5 Phasen
37 3.4.2 Die zeitliche Strukturierung einer Schulstunde: Tabellenform
38 3.5 Zusammenfassung und Bezüge zur Unterrichtspraxis
39 4 Unterricht methodisch lernwirksam gestalten
40 Peter Greutmann und Elsbeth Stern
41 4.1 Einleitung
42 4.2 Die Methode der Direkten Instruktion
43 4.2.1 Einsatz der Direkten Instruktion
44 4.2.2 Die 6 Elemente der Direkten Instruktion
45 4.2.3 Fazit
46 4.3 Kooperative Lernformen
47 4.3.1 Kooperative Lernformen aus lernpsychologischer Sicht
48 4.3.2 Allgemeine Merkmale von kooperativen Lernformen
49 4.3.3 Allgemeine Erfolgsfaktoren von kooperativen Lernformen
50 4.3.4 Stolpersteine und Fragen im Zusammenhang mit kooperativen Lernformen
51 4.3.5 Kooperative Lernformen im Einzelnen
52 4.4 Vier Unterrichtstechniken zur Kognitiven Aktivierung
53 4.4.1 Erfinden mit kontrastierenden Fällen
54 4.4.2 Aufträge zum Formulieren von Selbsterklärungen
55 4.4.3 Holistischer Vergleich von Modellen
56 4.4.4 Metakognitive Fragen
57 4.5 Frage- und Aufgabenformate
58 4.5.1 Die Frage
59 4.5.2 Aufgabenformate
60 4.6 Unterrichtsmaterialien und Hilfsmittel
61 4.6.1 Die lerntheoretische Grundlage: Die Cognitive-Load-Theorie
62 4.6.2 Unterrichtsmaterialien: Die Gestaltung von Arbeitsblättern
63 4.6.3 Der Einsatz von Hilfsmitteln
64 4.7 Hausaufgaben
65 4.7.1 Die Befunde aus der Unterrichtsforschung
66 4.7.2 Hinweise für die Praxis
67 4.8 Zusammenfassung und Bezüge zur Unterrichtspraxis
68 5 Das individuelle Lernen unterstützen: Formatives Assessment
69 Sarah Hofer und Lennart Schalk
70 5.1 Einleitung
71 5.2 Anzahl der Schülerinnen und Schüler = Anzahl der Lernwege?
72 5.2.1 Formen von Heterogenität
73 5.2.2 Wie mit Heterogenität umgehen?
74 5.3 Formatives Assessment
75 5.3.1 Was ist Formatives Assessment?
76 5.3.2 Techniken des Formativen Assessments
77 5.3.3 Technische Hilfsmittel zur Unterstützung des individuellen Lernens
78 5.4 Zusammenfassung und Bezüge zur Unterrichtspraxis
79 6 Lernleistung bewerten: Summatives Assessment
80 Peter Edelsbrunner, Sarah Hofer und Lennart Schalk
81 6.1 Einleitung
82 6.2 Summatives Assessment vs. Formatives Assessment
83 6.3 Bezugsnormen bei der Leistungsbewertung
84 6.3.1 Leistungsbewertung in Mathematik: Ein Gedankenexperiment
85 6.3.2 Die drei Bezugsnormen der Leistungsbewertung im Einzelnen
86 6.3.3 Welche Bezugsnorm für die schulische Praxis? Eine Abwägung
87 6.4 Testkonstruktion, Testgütekriterien und Gefahren bei der Bewertung
88 6.4.1 Testkonstruktion
89 6.4.2 Testgütekriterien
90 6.4.3 Gefahren bei der Bewertung und Auswege
91 6.5 Schrittweise Prüfungsgestaltung
92 6.5.1 Schritt 1: Konzipieren der Prüfung
93 6.5.2 Schritt 2: Punktezuweisung
94 6.5.3 Schritt 3: Festlegen der Mindestkompetenz
95 6.5.4 Schritt 4: Anlegen der Notenskala
96 6.5.5 Schritt 5: Durchführung der Prüfung
97 6.5.6 Schritt 6: Beschreibung der Leistung (Korrektur)
98 6.5.7 Schritt 7: Bewertung der Leistung (Benotung)
99 6.5.8 Schritt 8: Statistischer Qualitätscheck
100 6.5.9 Handlungskonsequenzen
101 6.6 Zusammenfassung und Bezüge zur Unterrichtspraxis
102 7 Klassenführung: Die Voraussetzungen für effektives Lehren schaffen
103 Anne Deiglmayr
104 7.1 Einleitung
105 7.2 Was ist Klassenführung?
106 7.3 Prävention von Unterrichtsstörungen
107 7.3.1 Regeln und Routinen etablieren
108 7.3.2 Für einen möglichst reibungslosen Unterrichtsfluss sorgen
109 7.3.3 Breite Aktivierung: Möglichst viele Schülerinnen und Schüler gleichzeitig einbeziehen
110 7.3.4 Eine positive Lernatmosphäre schaffen
111 7.3.5 Präsent sein
112 7.4 Intervention bei Unterrichtsstörungen
113 7.4.1 Frühzeitige und niederschwellige Reaktion
114 7.4.2 Angemessene, gestufte Sanktionen
115 7.4.3 Umgang mit Emotionen
116 7.4.4 Hintergrundwissen zum Lernen aus «Konsequenzen»
117 7.5 Zusammenfassung und Bezüge zur Unterrichtspraxis
118 8 Psychosoziale Anforderungen im Lehrberuf
119 Peter Greutmann
120 8.1 Einleitung
121 8.2 Psychische und körperliche Gesundheit im Lehrberuf
122 8.3 Der Begriff Stress
123 8.3.1 Das Stressgeschehen
124 8.3.2 Wann wird Stress im Lehrberuf problematisch?
125 8.3.3 Strategien der Stressbewältigung im Lehrberuf
126 8.4 Sozial kompetente Kommunikation im Kontext Schule
127 8.4.1 Grundbegriffe der Kommunikationstheorie
128 8.4.2 Kommunikative Instrumente I: Das Modell Schulz von Thuns
129 8.4.3 Kommunikative Instrumente II: Vier Situationstypen von sozialer Kompetenz
130 8.4.4 Kommunikative Instrumente III: Aktives Zuhören
131 8.4.5 Kommunikative Instrumente IV: Paraverbale und nonverbale Elemente
132 8.4.6 Professionell kommunizieren in schulischen Kontexten
133 8.5 Selbstregulation als Lehrperson
134 8.5.1 Selbstregulation I: Allgemeine Prinzipien für eine erfolgreiche Planung
135 8.5.2 Selbstregulation II: Zeitmanagement
136 8.5.3 Selbstregulation III: Aufgabenmanagement
137 8.6 Zusammenfassung und Bezüge zur Unterrichtspraxis
138 9 Wissenschaftstheoretischer Hintergrund: Die Methoden der empirischen Lehr- und Lern-Forschung
139 Peter Edelsbrunner
140 9.1 Einleitung
141 9.2 Die Verlässlichkeit von Studien: Experiment, Quasi-Experiment und Korrelationsstudie
142 9.2.1 Zufällige Zuteilung in kontrollierte Versuchsbedingungen: Das Experiment
143 9.2.2 Wenn man Schülerinnen und Schüler nicht zufällig in Gruppen einteilen kann: Das Quasi-Experiment
144 9.2.3 Zwei oder mehr Dinge einfach nur beobachten: Die Korrelationsstudie
145 9.3 Weitere Prinzipien und Eigenschaften verlässlicher Lehr- und Lern-Forschung
146 9.3.1 Die Messung von Lernerfolg und dessen Voraussetzungen
147 9.3.2 Notwendige Stichprobengrößen, um für die Verlässlichkeit von Aussagen zu sorgen
148 9.3.3 Die Interpretation wichtiger statistischer Maße: Hypothesentest und Effektstärke
149 9.4 Zusammenfassung und Bezüge zur Unterrichtspraxis
150 10 Schlusswort der Herausgeber
151 Peter Greutmann, Henrik Saalbach und Elsbeth Stern
152 Literaturverzeichnis
153 Sachregister
Vorwort
Im Jahr 2006 wurde Elsbeth Stern auf die Professur für Lehr- und Lern-Forschung an die ETH Zürich berufen, und bis heute leitet sie in dieser Funktion ein Team aus Wissenschaftlern und Lehrern. Mit der Professur übernahm sie gleichzeitig die Gesamtverantwortung für die Lehrerinnen- und Lehrer-Ausbildung der ETH und hat zusammen mit ihrem Team den Ausbildungsgang neu gestaltet.
Die leitende Idee bei dieser Neugestaltung war klar: Es galt, die Befunde der empirischen Lehr- und Lern-Forschung so aufzubereiten, dass sie angehende Gymnasiallehrpersonen unterstützen, ihren Unterricht nach dem Stand der Forschung, also evidenzbasiert, vorzubereiten und durchzuführen. Möglichst hohe Lernwirksamkeit! Das war und ist der Leitgedanke, der letzten Endes all unseren Bemühungen in Forschung und Lehre zugrunde liegt.
In die Neukonzeption des Ausbildungsganges waren sehr viele Personen involviert, und zwar nicht nur Forscherinnen und Forscher, sondern auch Lehrpersonen, die ihre Erfahrungen aus der Praxis bei der Festlegung und bei der Gewichtung der Themen einbrachten. In einem mehrjährigen Prozess entstand dank dieser vielfältigen Ressourcen ein kohärentes Ausbildungskonzept, das gleichermaßen theoretisch fundiert und praxisbezogen ist.
Schon während dieses ganzen Prozesses (und auch während der zahlreichen Aktualisierungen und Verbesserungen) wurde geplant, die Inhalte einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Denn wir waren und sind davon überzeugt, dass das Wissen, das wir seit über 10 Jahren unseren Studierenden vermitteln, auch für erfahrene Lehrpersonen, für Schulleitungen, aber auch für Entscheidungsträgerinnen und -träger in der Bildungspolitik relevant ist. Als dann im Herbst 2017 der Kohlhammer-Verlag anfragte, ob wir Interesse hätten, unsere Expertise zu publizieren, rannte er offene Türen ein – und das vorliegende Buch ist das Ergebnis dieser Anfrage. Auch wenn an der ETH Zürich nur Lehrerinnen und Lehrer für die MINT-Fächer am Gymnasium ausgebildet werden, sind die Inhalte dieses Buchs für Lehrkräfte aller Schulstufen und Fächer relevant. Dafür sorgte auch der Mitherausgeber Henrik Saalbach, der als Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Leipzig u. a. für die Ausbildung von Grundschullehrerinnen und -lehrer zuständig ist.
Weder die Neugestaltung der Lehre noch die Publikation dieses Buchs wären ohne das Engagement zahlreicher Personen möglich gewesen. Allen, die in irgendeiner Form mitgewirkt haben, sei an dieser Stelle unser Dank ausgesprochen. Insbesondere bedanken möchten wir uns bei Prof. Roland Grabner (Karl-Franzens Universität Graz) und Prof. Michael Schneider (Universität Trier). Zusammen mit Henrik Saalbach haben sie als Oberassistenten auf kreative Weise entscheidend an der Neukonzeption der Lehre mitgearbeitet. Des Weiteren gebührt unser herzlicher Dank den Autorinnen und Autoren Prof. Dr. Anne Deiglmayr (Universität Leipzig), Dr. Peter Edelsbrunner (ETH Zürich), Dr. Sarah Hofer (Ludwig-Maximilians Universität München) und Prof. Dr. Lennart Schalk (PH Schwyz). Sie alle waren oder sind als Dozierende in die Lehrerinnen- und Lehrer-Ausbildung der ETH eingebunden und haben ihr großes Knowhow (und ihre Zeit!) für das Entstehen des Buchs eingebracht.
Ein besonderer Dank geht auch an Armin P. Barth, Mittelschullehrer für Mathematik und langjähriger Mitarbeiter am MINT-Lernzentrum der ETH Zürich, für seine wertvollen und motivierenden Rückmeldungen sowie die sorgfältige Lektüre des Manuskriptes.
Ein weiterer Dank geht an Claudia Boschung, die uns bei der Endredaktion mit vielen wichtigen Hinweisen und Verbesserungsvorschlägen unterstützte.
Ebenfalls bedanken möchten wir uns bei Falco Kilchmann und Elisabeth Daix. Die beiden haben selbst die Ausbildung an der ETH Zürich absolviert und uns aus der Sicht von Studierenden kritisch-konstruktive Rückmeldungen zu einer frühen Fassung des vorliegenden Buchs gegeben. Ihre wertvollen Anregungen haben wir gerne aufgenommen.
Insgesamt gebührt allen Lehrdiplom-Studierenden unser Dank: Viele Rückmeldungen zu unseren Lehrveranstaltungen sind in deren permanente Verbesserung eingeflossen – und damit indirekt auch in die Gestaltung dieses Buchs. Last but not least sind wir dem Kohlhammer Verlag zu großem Dank verpflichtet. Ohne die Anfrage durch Klaus-Peter Burkarth wäre dieses Werk nicht entstanden und sein sorgfältiges Lektorat hat wesentlich zur Qualität beigetragen.
Somit übergeben wir das Werk der Öffentlichkeit. Möge es auf wohlwollende, interessierte, aber auch kritische Leserinnen und Leser in Universitäten, Schulen und der Bildungspolitik treffen. Möge es aber auch – und das bleibt unser eigentliches Desiderat! – den Weg in die Schulzimmer finden. Wir hoffen, einen Beitrag zur beruflichen Entwicklung und Professionalisierung von Lehrerinnen und Lehrern und damit letztlich zum erfolgreichen Lernen der Schülerinnen und Schüler zu leisten. Mit diesem letzten Satz des Vorwortes möchten wir verdeutlichen, dass wir das gesamte Geschlechtsspektrum auf Schüler- und Lehrerseite ansprechen. Im Text selbst verzichten wir jedoch öfters auf die Nennung beider Geschlechter, um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen.
Zürich/Leipzig im Juni 2020
Peter Greutmann Henrik Saalbach Elsbeth Stern
1 Professionelles Handlungswissen von Lehrerinnen und Lehrern – eine Auslegeordnung
Peter Greutmann, Henrik Saalbach und Elsbeth Stern
»Obwohl mich das Fach Deutsch weniger als andere Fächer interessiert, hat es Frau F. geschafft, dass ich in diesen 4 Jahren mehr gelernt habe als in allen anderen Fächern. Für mich persönlich ist dies eine große Kunst! Deshalb danke ich Frau F. für die 4 spannenden, unterhaltsamen, lustigen und informativen Jahre.«
Bei diesem Zitat handelt es sich um eine Rückmeldung einer Schülerin oder eines Schülers nach vier Jahren Unterricht an einem Schweizer Gymnasium. Die Aussagen sind im Rahmen einer anonym durchgeführten Klassenbefragung entstanden – und sie sind (mit Ausnahme des Namens der Lehrperson) nicht fingiert.
1.1 »Teachers make a difference«
In den drei Sätzen kommt aus Schülersicht zum Ausdruck, was auch in der einflussreichen Hattie-Studie (Hattie, 2009) klar wird: Neben vielen wichtigen Erkenntnissen über die Wirksamkeit verschiedener Lehrmethoden, individuellen Merkmalen der Schüler oder strukturellen Merkmalen des Bildungssystems war ein Kernbefund, dass die Lehrperson tatsächlich sehr wichtig für den Lernfortschritt ist: Mit ihrem Unterricht haben Lehrerinnen und Lehrer einen entscheidenden Einfluss darauf, wie und in welchem Ausmaß ihre Schüler ihre Intelligenz investieren.
Die besondere Bedeutung der Lehrperson mag dem einen oder der anderen sicher als Binsenweisheit erscheinen. Tatsächlich spielte diese aber in öffentlichen Debatten zur Verbesserung des Bildungssystems lange kaum eine Rolle. Hier wurde hauptsächlich der Bedeutung der Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler oder strukturellen Merkmalen des Bildungssystems (wie etwa das mehrgliedrige Schulsystem, Eigenschaften der Schulleitung oder die Klassengröße) Beachtung geschenkt.
Manchen Lehrpersonen mag auch die (im Grunde falsche) Überzeugung in die Karten gespielt haben, dass sie oder er eigentlich keinen großen Einfluss auf den Lernerfolg der Schüler hat. Die Verantwortung wurde gerne auf die unzulänglichen kognitiven Voraussetzungen oder die fehlende Motivation der Lernenden, die mangelhafte Erziehung durch die Eltern oder die falsche Bildungspolitik abgeschoben. Die Hattie-Studie zeigt uns aber deutlich, dass es durchaus auf die Lehrperson ankommt: Teachers make a difference!
Gleichzeitig wissen wir aus anderen Studien, dass damit gerade nicht eine angeborene Lehrerpersönlichkeit gemeint ist und dass es nicht reicht, nur über einen ausgezeichneten fachlichen Wissensstand zu verfügen oder für sein Fach zu »brennen«. Das entscheidende Merkmal für die Unterrichtsqualität und damit für das erfolgreiche Lernen der Schülerinnen und Schüler sind die professionellen Kompetenzen der Lehrpersonen, also zum Beispiel ihr Wissen über das Lernen ganz allgemein, über lernwirksame Methoden und über eine konstruktive Klassenführung. Aus dieser Befundlage ergeben sich mindestens zwei wichtige Konsequenzen.
Erstens müssen sich die Lehrpersonen ihrer Verantwortung für die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler bewusst werden und ihr professionelles Handeln entsprechend gestalten. Nach unserer Auffassung sind die Zeiten, in denen Lehrpersonen so unterrichten können, »dass es einfach zu meinem persönlichen Stil passt«, endgültig vorbei. Dazu liegen zu viele und empirisch zu gut abgesicherte Befunde zum menschlichen Lernen aus der Lehr- und Lern-Forschung sowie aus der Kognitionspsychologie vor. Nur wenigen käme es heute noch in den Sinn, in einem medizinischen Notfall eine Ärztin oder einen Arzt aufzusuchen, die oder der aus einer persönlichen Vorliebe heraus nach den Gepflogenheiten des 19. Jahrhunderts diagnostiziert und behandelt. Vielmehr erwartet man eine professionelle Behandlung nach dem state of the art der medizinischen Forschung – und der ist in jedem Fall evidenzbasiert. Genauso gibt es in der seit rund einem halben Jahrhundert betriebenen empirischen Lehr- und Lern-Forschung mittlerweile eine große Zahl von stabilen Befunden zum menschlichen Lernen, denen man sich unseres Erachtens als professionelle Lehrperson schlicht nicht mehr entziehen kann.
Zweitens müssen Lehrpersonen durch eine adäquate Aus- und Weiterbildung auch tatsächlich in die Lage versetzt werden, dieses professionelle Handeln zu entwickeln. Und gerade an diesem Punkt setzt das Konzept für das vorliegende Buch an. Als vor rund 15 Jahren die Lehrpersonenausbildung an der ETH Zürich neu strukturiert werden musste, haben wir uns als Team intensiv mit der Frage beschäftigt: Welches fachübergreifende, professionelle Handlungswissen können wir auf welche Weise den angehenden Lehrpersonen mit auf ihren beruflichen Weg geben? Wir sahen uns also mit der Herausforderung konfrontiert, die aktuellen Befunde der Lehr- und Lern-Forschung einschließlich entwicklungspsychologischer Inhalte in nur vier Modulen mit insgesamt 30 Kreditpunkten zu vermitteln. Daher mussten wir uns auf die Inhalte beschränken, die aktuellen Befunden zufolge als die am relevantesten gelten, um lernwirksamen Unterricht vorzubereiten und durchzuführen.
In dem vorliegenden Buch haben wir die Inhalte des erziehungswissenschaftlichen Teils der Lehrpersonenausbildung an der ETH Zürich (Lehrdiplom für Maturitätsschulen) so aufbereitet, dass sie einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Bei der Auswahl der Inhalte haben wir uns auf die Themen konzentriert, die in aktuellen bildungswissenschaftlichen Studien, wie etwa der Hattie-Studie, als besonders wichtig und relevant identifiziert wurden. Wir sind überzeugt, dass sich das Buch daher sehr gut für angehende Lehrpersonen aller Schulstufen während des Studiums zur Entwicklung einer konzeptuellen Wissensbasis oder zur Prüfungsvorbereitung eignet. Es kann ebenso von Lehrpersonen während des Berufseinstiegs beigezogen werden, um das Vorwissen zu aktivieren bzw. zu aktualisieren und dieses bei den Lektionsplanungen oder bei anderen Gelegenheiten im Schulalltag zu verwenden. Schließlich sei es auch erfahrenen Lehrpersonen empfohlen, um etwa ihre Lehrerfahrungen vor dem Hintergrund der aktuellen Befundlage mit dem Ziel einer professionellen Weiterentwicklung zu reflektieren.
Alle Autorinnen und Autoren sind aufgrund ihrer Forschungstätigkeit wie auch aufgrund ihrer teilweise langjährigen Unterrichtstätigkeit vor allem an Gymnasien davon überzeugt, dass das in diesem Buch zusammengetragene Wissen, wenn es sich denn in der alltäglichen Praxis spiegelt, einen großen Unterschied machen kann. Nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für den Erfolg der Lehrpersonen selber als professionell agierende Expertinnen und Experten im Schulzimmer!
1.2 Das Angebot-Nutzungs-Modell und der Aufbau des Buchs
Das Unterrichten ist eine außerordentlich komplexe und herausfordernde Aufgabe (Xiaodong, Schwartz & Hatano, 2005; Stern, 2009). Deshalb suchten wir nach einem konzeptuellen Rahmenmodell, in das sich die Erkenntnisse der Lehr- und Lern-Forschung gut einordnen ließen. Gleichzeitig sollte das komplexe Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren im Lehr-Lern-Geschehen verdeutlicht werden. Wir wählten dafür eine modifizierte Variante des Angebot-Nutzungs-Modells (Fend, 1981; Helmke & Weinert, 1997; Helmke, 2010). Abbildung 1 zeigt eine für die ETH-Lehrpersonenausbildung angepasste und erweiterte Version des Modells.
Dazu nur so viel: Das Ziel von schulischem Unterricht ganz allgemein ist in diesem Modell der Ertrag, also die Kompetenzen, die die Schülerinnen und Schüler erwerben. Wie umfangreich und tiefgehend diese Kompetenzen sind, hängt wesentlich davon ab, wie die Schülerinnen und Schüler Lerngelegenheiten im Klassenzimmer nutzen. Diese Nutzung wiederum basiert auf dem Angebot, das ihnen während der Schulstunden gemacht wird – und damit sind wir beim wesentlichen Faktor angelangt, der Lehrperson. Deren Fachwissen und ihre Fähigkeit, das Fachwissen pädagogisch-didaktisch aufzubereiten und zu einem lernwirksamen Angebot zu bündeln, beeinflusst entscheidend, wie die Schülerinnen und Schüler das Angebot nutzen – und somit wiederum, wie viel sie lernen!
Um die Einleitung nicht zu überladen, belassen wir es an dieser Stelle mit dieser groben Vereinfachung, die nichtsdestotrotz den Kern des Modells und auch unserer ganzen Bemühungen, professionell unterrichtende Lehrpersonen auszubilden, zusammenfasst. Alle acht Kapitel dieses Buchs lassen sich im Angebot-Nutzungs-Modell verorten (was in den folgenden kurzen Kapitelzusammenfassungen auch geschieht). Aber die von uns in diesem Buch vorgelegte Reihenfolge der Kapitel orientiert sich nicht primär am Modell, sondern vielmehr an der beruflichen Realität von Lehrpersonen (unserem Zielpublikum). Das heißt: Die Kapitel 3 bis 6 decken gewissermaßen alle

Abb.1: Das Angebot-Nutzungs-Modell
Aspekte der Unterrichtsvorbereitung ab, während die Kapitel 7 und 8 die Unterrichtsdurchführung im engeren Sinne im Blick haben. Eine Sonderstellung nehmen die Kapitel 2 (kognitionspsychologische Grundlagen) und Kapitel 9 (wissenschaftstheoretischer Exkurs zur Lehr- und Lern-Forschung) ein.
Kapitel 2: Wer lehren will, muss das Lernen verstehen. Die kognitionspsychologischen Grundlagen des menschlichen Lernens
Kapitel 2 (
Kap. 2) befasst sich im Wesentlichen mit dem Lernprozess selbst und dessen Ergebnis, dem Ertrag des Lernens, also den verschiedenen Wissensformen, die sich die Schülerinnen und Schüler aneignen. Der Text bildet sozusagen die begriffliche Grundlage für alle nachfolgenden Kapitel. Wir sind der Auffassung, dass Lehrpersonen eine Vorstellung davon haben sollen, wie menschliches Lernen ganz allgemein und somit auch das schulische Lernen funktioniert. Nur dann sind sie in der Lage, entsprechende Lernumgebungen zu gestalten und vor allem auch nachvollziehen zu können, was während des Unterrichts in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler vor sich geht.
Kapitel 3: Die lang-, mittel- und kurzfristige Planung schulischer Lerngelegenheiten
Im Kapitel 3 (
Kap. 3) richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Planung des Unterrichts oder, bezogen auf unser Modell, auf die Gestaltung des Angebots durch die Lehrperson. Dabei beginnen wir mit einer langfristigen Perspektive (dem Erstellen eines Semesterplans) und zoomen stufenweise zur didaktischen Planung kleinerer Einheiten, bis hin zur einzelnen Schulstunde. Als zentrales Planungsinstrument führen wir eine neue Lernzieltaxonomie ein (die PUT), die Lehrpersonen darin unterstützen soll, Lernziele und die Wahl der Unterrichtsmethoden aufeinander abzustimmen.
Kapitel 4: Unterricht methodisch lernwirksam gestalten
Das vierte Kapitel (
Kap. 4) führt Kapitel 3 unmittelbar fort, da die Unterrichtsmethoden hier detailliert behandelt werden (der Fokus bleibt also bei der Gestaltung des Angebots). Auch hier gehen wir zuerst auf die didaktischen Großformen (Direkte Instruktion bzw. Kooperative Lernformen) und ihren möglichst lernwirksamen Einsatz im Unterricht ein. Dann widmen wir uns den Feinheiten bei deren Ausgestaltung. Wir stellen vier Techniken der Kognitiven Aktivierung vor und referieren, welche Gesichtspunkte beim Stellen von Fragen und beim Formulieren von Aufgaben zu berücksichtigen sind. Auch die wichtigsten Befunde zum Thema Hausaufgaben fassen wir zusammen. Da wir in diesem Buch weitgehend fach- und inhaltsunabhängige Themen behandeln, möchten wir bereits an dieser Stelle auf die Unterrichtseinheiten des MINT-Lernzentrums verweisen. Hier werden unter anderem in den Fächern Chemie, Mathematik und Physik Unterrichtseinheiten entwickelt, die auf Erkenntnissen der Lehr- und Lern-Forschung beruhen. Die daraus entstandenen Bücher und Artikel können auf der Homepage des MINT-Lernzentrums eingesehen werden (Link: https://educ.ethz.ch/lernzentren/mint-lernzentrum.html).
Kapitel 5: Das individuelle Lernen unterstützen
Wenn wir hier den Anspruch verfolgen, die in der Lehr- und Lern-Forschung festgestellten Befunde zur Lernwirksamkeit von Unterricht für die schulische Praxis aufzuarbeiten, dann spielt das Kapitel 5 (
Kap. 5) eine Schlüsselrolle. Es wird aufgezeigt, inwiefern Lehrpersonen ihre Schülerinnen und Schüler effektiv darin unterstützen können, das Angebot aufgrund der je individuell vorhandenen Lernvoraussetzungen möglichst optimal zu nutzen. Mit dem sogenannten Formativen Assessment steht nämlich ein hochwirksames Mittel zur Verfügung, damit dies tatsächlich gelingt. Das Kapitel thematisiert einerseits ganz allgemein, wie man mit der zum Teil ausgeprägten Heterogenität in Klassen umgehen kann, ohne sich selber zu überfordern; andererseits wird auch eine Reihe von Techniken des Formativen Assessments vorgestellt, die zumeist recht niederschwellig, aber hoch lernwirksam im Unterricht einsetzbar sind.
Kapitel 6: Lernleistung bewerten: Summatives Assessment
Das Kapitel 6 (
Kap. 6) befasst sich schließlich mit dem Ertrag des Lernens, also mit dem Wissen, das die Schülerinnen und Schüler durch die Nutzung der Lernangebote erworben haben (sollen). Wenn wir auch immer wieder betonen, dass der Lernprozess im Zentrum des schulischen Lehrens stehen soll, so ist uns natürlich auch bewusst, dass die Beurteilung und somit auch die Selektion nach wie vor eine zentrale Aufgabe von Lehrpersonen ist. Dieser Tatsache trägt das Kapitel 6 unter dem Begriff Summatives Assessment Rechnung. Auf der theoretischen Grundlage der Psychometrie legen wir dar, welche Anforderungen Tests bzw. Prüfungen eigentlich auch in schulischen Kontexten genügen müss(t)en. Darüber hinaus führen wir Lehrpersonen anhand von neun Schritten durch den gesamten Prozess von der Konzeption über die konkrete Gestaltung bis hin zur Korrektur und kritischen Prüfung einer Prüfung selbst.
Kapitel 7: Klassenführung: Die Voraussetzungen für effektives Lernen schaffen
Mit dem Kapitel 7 (
Kap. 7) – Klassenführung – betreten wir gleichsam das Schulzimmer, womit die Lehrperson selber (im Modell die Kästchen ganz links) in den Fokus rückt: Die Vorbereitungsphase ist beendet, die Glocke signalisiert den Unterrichtsbeginn, Sie stehen vor einer Gruppe von Kindern oder Jugendlichen und müssen diese während einer oder mehrerer Lektionen zum Lernen anleiten. Nach einem kurzen Abriss über die Geschichte der Forschung zu diesem Thema legen wir dar, welche Maßnahmen einer Lehrperson zur Verfügung stehen, wenn es darum geht, Unterrichtsstörungen präventiv zu verhindern oder aber, falls sie auftreten, möglichst wirksam zu intervenieren, um sie wieder zu beenden. Dabei bleibt immer das Ziel, eine gute Beziehung zur Klasse aufrecht zu erhalten und somit die Basis zu schaffen, damit der (aufwändig) vorbereitete Unterricht (das Angebot) möglichst lernwirksam durchgeführt, d. h. genutzt werden kann.
Kapitel 8: Psychosoziale Anforderungen im Lehrberuf
Auch in Kapitel 8 (
Kap. 8) steht nicht primär das Lehren und Lernen im Fokus, sondern die Lehrerinnen und Lehrer als Personen. Unterrichten ist eine komplexe Angelegenheit – der Lehrberuf ist somit unbestritten eine sehr vielseitige und abwechslungsreiche Profession; langjähriger Schuldienst kann aber auch anstrengend und unter Umständen belastend sein. Der Autor dieses Kapitels ist selbst langjähriger Lehrer und weiß, wovon er redet. Daher widmen wir ein ganzes Kapitel den psychosozialen Anforderungen, mit denen Lehrpersonen gerade auch am Anfang ihrer Tätigkeit konfrontiert sind. Wir zeigen auf, mit welchen Stressoren man es bei der Berufsausübung zu tun hat und wie sie produktiv bewältigt werden können. Zentrale Faktoren, um dieses Ziel zu erreichen, sind einerseits die Fähigkeit, mit allen am Schulleben Beteiligten in schwierigen Situationen kompetent zu kommunizieren, und andererseits, sich selbst beim Arbeiten so zu regulieren, dass man dem permanenten Handlungsdruck nicht ins Messer läuft.
Kapitel 9: Wissenschaftstheoretischer Hintergrund: Die Methoden der empirischen Lehr- und Lern-Forschung
Lehrpersonen stehen jeden Tag vor einer Vielzahl von Entscheidungen: Was will ich vermitteln? Welche Lernziele sollen erreicht werden? Welche Methode ist dafür geeignet? Wie gehe ich mit den beiden Störenfrieden in der hintersten Reihe um? Usw. Die seit rund 5 Jahrzehnten betriebene Lehr- und Lern-Forschung versucht, auf solche Fragen evidenzbasierte Antworten zu liefern, um damit Lehrpersonen letztlich darin zu unterstützen, Entscheidungen nicht einfach aus dem Bauch heraus, sondern aufgrund von empirisch überprüften Befunden (man nennt dies auch evidenzbasiert) zu treffen. Auf solchen Befunden basieren auch unsere Ausführungen in den Kapiteln 2–8. Doch wodurch ist diese Forschungsrichtung selbst geprägt, welches sind ihre Methoden, wie verlässlich und wie praxisrelevant sind die durch sie hervorgebrachten Resultate? Das letzte Kapitel (
Kap. 9) gibt einen Abriss über dieses faszinierende Forschungsgebiet, zeigt aber auch dessen Probleme und Grenzen auf. So werden interessierte Lehrpersonen in die Lage versetzt, eigenständig Fachartikel (auch kritisch) zu rezipieren und den Wahrheitsgehalt von Medienberichten zu Bildungsthemen einzuschätzen.
Es mag sein, dass Sie als Leserin oder Leser im vorliegenden Buch ein Kapitel über die sogenannte »Digitalisierung« vermissen. Natürlich ist es uns auch bewusst, dass dieser Trend unaufhaltsam ist, nicht nur in der Schule. Und natürlich ist gegen den gezielten Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologien im schulischen Unterricht nichts einzuwenden, im Gegenteil. Nichtsdestotrotz ist es für uns aus kognitions- und lernpsychologischer Sicht völlig klar: Ob man nun als Hilfsmittel die Wandtafel oder aber ein digitales Gadget nach dem neusten Stand der Technik einsetzt, ist zunächst einmal zweitrangig. Entscheidend ist in jedem Fall, dass etwa die Fachinhalte auf Lernziele heruntergebrochen werden, dass die Lehrperson an das bei den Schülerinnen und Schülern bestehende Vorwissen anknüpft und eine zur Erreichung der Lernziele adäquate Methode auswählt. Wenn diese Arbeit nicht professionell geleistet wird, dann bringt auch der Einsatz noch so elaborierter Technologien keinen Vorteil vor dem traditionellen Unterricht mit Papier und Wandtafel.
1.3 Wie man dieses Buch nutzen kann
Wir haben es im vorangehenden Kapitel schon mehrfach betont: Unterrichten ist ein komplexes Handwerk, das Unterrichtsgeschehen ein von zahlreichen und letztlich wohl niemals ganz überschaubaren Faktoren bestimmter Prozess. Niemand kann in jeder Lektion alle Faktoren berücksichtigen, die perfekte Lektion gibt es nicht. Das heißt aber keinesfalls, dass man als Lehrperson nun resigniert die Segel streichen soll – im Gegenteil! Je differenziertere Kenntnisse man über alle im Schulzimmer auftretenden Phänomene hat, desto größer wird in einer (evtl. auch kritischen) Entscheidungssituation die Zahl an günstigen Handlungsoptionen. Oder wie es der erfolgreiche Harvey Specter in der Anwaltsserie Suits einmal (notabene sinngemäß) zu seinem kongenialen Juniorpartner unnachahmlich sagte:
»Einer hält dir eine Pistole an die Schläfe. Tust du, was er sagt? Falsch! Du nimmst ihm die Pistole weg. Oder du ziehst eine größere Pistole. Oder du sagst, er bluffe nur. Oder du tust eine andere von 146 weiteren Möglichkeiten, die du hast!«
Was heißt das nun für dieses Buch? Jedes Kapitel stellt einen Faktor – oder genauer: ein Bündel von Faktoren – des Unterrichtsgeschehens dar, und zwar in einer weitgehend in sich abgeschlossenen Form. Allerdings ergibt sich erst aus dem Buch als Ganzem ein Gesamtbild, das alle Aspekte des Unterrichtens abdeckt und zueinander in Beziehung setzt. Daher sehen wir auch mehrere Möglichkeiten für die Lektüre.
• Die einzelnen Kapitel können je nach Interesse jedes für sich gelesen werden. (Ihre von der Sache her unvermeidliche Verwobenheit haben wir mit zahlreichen Verweisen wenigstens ansatzweise einzufangen versucht.)
• Angehenden Lehrpersonen, die noch in Ausbildung sind und am Anfang ihrer Berufsbiographie stehen, können und sollten das Buch zunächst einmal als Ganzes lesen. Damit erhalten sie einen Überblick über alle relevanten Aspekte, die ihren beruflichen Alltag prägen werden. Wenn sie dann tatsächlich (etwa bei einer Stellvertretung oder einem ersten Lehrauftrag) in ein Klassenzimmer treten, dürften zunächst einmal die Kapitel 2 (Planung), 3 (Methoden) 7 (Klassenführung) und 8 (Psychosoziale Anforderungen) oberste Priorität haben.
• Bei erfahrenen Lehrpersonen (auch bei uns selber!) sehen wir die berufliche Weiterentwicklung in kleinen Schritten. Man fokussiert auf einen bestimmten Aspekt seines Schulalltags, konsultiert das entsprechende Kapitel – und transferiert das erworbene Wissen auf die eigene konkrete Situation. Das klingt einfach, ist aber anspruchsvoll genug – und gelingt wahrscheinlich auch nicht immer (jedenfalls nicht beim ersten Mal…). Ein Beispiel: Eine Klasse hat sich über die inhaltliche Ausgestaltung und Beurteilung einer Prüfung beschwert. Nun könnte man das abtun als »pubertäres Quengeln« – oder aber man nimmt die Aussagen zunächst einmal ernst, informiert sich anhand von Kapitel 9 darüber, wie man eine valide Prüfung konzipiert – und gestaltet die nächste einmal minutiös nach dem von uns vorgeschlagenen Leitfaden. Und noch ein zweites Beispiel: Seit Wochen »regt man sich über zwei dauernd schwatzende Schülerinnen in der hintersten Reihe auf«. Statt sich weiter aufzuregen, lese man Kapitel 7.3 über die Prävention von Unterrichtsstörungen und setze in den folgenden Lektionen zwei, vielleicht auch drei oder vier Maßnahmen um…
• Für Schulleitungen und Personen aus der Bildungsadministration oder Bildungspolitik kann das Buch oder können zumindest ausgewählte Kapitel dazu beitragen, die Evaluation der Lehrkräfte zu überdenken. Unseres Erachtens sind wir es den Schülerinnen und Schülern schuldig, möglichst lernwirksamen Unterricht zu bieten, der wesentlich auf professionell agierenden Lehrpersonen beruht. Unter diesem Gesichtspunkt bieten die einzelnen Kapitel zahlreiche, evidenzbasierte Handreichungen, um mit den Lehrpersonen zusammen die Qualität des Unterrichts zu reflektieren und gegebenenfalls zu verbessern.
2 Wer lehren will, muss das Lernen verstehen: Die kognitionspsychologischen Grundlagen des menschlichen Lernens
Elsbeth Stern
2.1 Einleitung
Das vorliegende Buch befasst sich im Wesentlichen mit der Haupttätigkeit von Lehrpersonen, dem Lehren in einem so genannten institutionellen Kontext, also dem Unterrichten an verschiedenen Arten von Schulen. Unser Hauptanliegen besteht darin, angehenden und praktizierenden Lehrpersonen alle wesentlichen Instrumente in die Hand zu geben, um ihre Lernumgebungen so zu gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler maximal davon profitieren können. Alle Kapitel dieses Buchs zielen darauf ab, die Lernwirksamkeit des Unterrichts zu optimieren.
Um aber einsichtig zu machen, weshalb die von uns zusammengetragenen und erläuterten Instrumente gemäß den aktuellen Befunden der empirischen Lehr- und Lern-Forschung tatsächlich lernwirksam sind, ist es uns auch ein Anliegen, die wichtigsten Ergebnisse aus der Kognitions- und Lernpsychologie zum Wissenserwerb darzustellen. Anders gesagt: Nur wer verstanden hat, wie Menschen lernen, insbesondere wenn es um anspruchsvolle Inhalte geht, hat auch ein Begründungswissen dafür, weshalb gewisse Maßnahmen in der Unterrichtsgestaltung einen größeren Effekt haben als andere.
Im Sinne des Angebot-Nutzungs-Modells (
Kap. 1,
Abb. 1) gesprochen: Das vorliegende Kapitel 2 befasst sich damit, wie Schülerinnen und Schüler (bzw. Menschen ganz allgemein) schulische Lernangebote auf der Grundlage ihrer kognitiven und motivationalen Ausstattung nutzen. Nachdem im Kapitel 2.2 (
Kap. 2.2) der dem Buch zugrunde liegende allgemeine Begriff des Lernens eingeführt wird, geht es im Kapitel 2.3 (
Kap. 2.3) zunächst darum, einen Begriff von Lernen darzulegen, der sich auf das Verhalten abstützt (behavioristische Theorie). Zudem wird ein Bezug zum schulischen Unterricht hergestellt, der dann im Kapitel 7 (
Kap. 7) zum Thema Klassenführung vertieft wird. Anschließend stellen wir ein von uns entwickeltes Modell der menschlichen Informationsverarbeitung vor, anhand dessen die verschiedenen Formen des schulischen Lernens im Sinne von Wissensaufbau verortet werden können (
Kap. 2.4). Im Kapitel 2.5 (
Kap. 2.5) schließlich gehen wir auf den Zusammenhang von Intelligenz und Wissensaufbau ein, wobei auch die Bedeutung der Motivation für das schulische Lernen erörtert wird. Auf das Thema der Emotionen bei Lehrpersonen und bei Schülerinnen und Schülern wird im Kapitel zur Klassenführung, genauer im Kapitel 7.4.3 (
Kap. 7.4.3), eingegangen.
2.2 Der Begriff des Lernens
Unter Lernen verstehen wir im vorliegenden Buch den »… Prozess, bei dem es zu überdauernden Änderungen im Verhaltenspotenzial als Folge von Erfahrungen kommt« (Hasselhorn & Gold, 2013, S. 35). Lernen vollzieht sich also in der Interaktion zwischen einem Individuum und seiner Umgebung und ermöglicht es allen Lebewesen, die sich im jeweiligen Lebensumfeld stellenden Anforderungen und Herausforderungen zunehmend besser zu bewältigen (Stern, Schalk & Schumacher, 2016).
Von Lernen spricht man nicht bei zufällig auftretendem Verhalten, sondern nur bei einer klar umgrenzten, auf ein Problem ausgerichteten und nachhaltigen Veränderung, die allerdings von Rückschlägen begleitet sein kann. Wir alle kennen aus der persönlichen Lernerfahrung solche Rückschläge: Gestern konnten wir flüssige englische Sätze produzieren, und heute fallen uns selbst einfache Vokabeln nicht ein. Die im Lernprozess aufgebauten Gedächtnisspuren zerfallen auch schnell wieder, wenn sie nicht genutzt werden.
Lehrpersonen können nicht in die Köpfe der Schülerinnen und Schüler hineinschauen. Damit ist es unmöglich, einen Lernprozess und den Lernerfolg direkt zu beobachten. Lehrpersonen müssen also indirekt überprüfen, ob der Unterricht zum Ziel geführt hat, zum Aufbau von Wissen und Kompetenzen. Diese indirekte Überprüfung funktioniert über die Beobachtung und Analyse des Verhaltens. Dazu gehören im schulischen Kontext bspw. die mündliche Beteiligung, das Beantworten von Fragen oder das Lösen von Problemen und Testaufgaben (sogenannte Assessments (
Kap. 5 und
Kap. 6)). Das Verhalten in solchen Anforderungssituationen wird als Performanz bezeichnet. Durch diese beobachtbare Leistung wird dann auf die zugrunde liegende Kompetenz, auf Lernprozesse und Lernerfolg geschlossen (im Detail dazu Blömeke, Gustafsson & Shavelson, 2015).
2.3 Lernen als Verhaltenssteuerung
Viele Formen des Lernens laufen bei Menschen und Tieren vergleichbar ab. Dazu gehören Konditionierungsprozesse, die darin bestehen, dass Reize und Reaktionen, die vorher unverbunden waren, im Gedächtnis gekoppelt werden.
Bei der klassischen Konditionierung steuern die Reize das Verhalten: Es geht um die Identifikation von Merkmalen aus der Umwelt, die auf positive oder negative Konsequenzen hinweisen und dem Individuum damit einen Verhaltensvorteil verschaffen können. Hinweise auf Gefahren ermöglichen eine rechtzeitige Flucht, und Hinweise auf Ressourcen bieten einen Vorsprung vor Konkurrenten.
Beim operanten Konditionieren kann ein Individuum durch sein Verhalten das Auftreten von Reizen steuern. Folgt auf ein Verhalten eine positiv erlebte Konsequenz, wird es erneut gezeigt; folgt hingegen eine als Strafe erlebte Konsequenz, wird es unterlassen.
Konditionierung spielt auch beim schulischen Lernen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sie kann sehr viel zu einem geordneten Unterricht beitragen oder aber so manches Desaster auslösen, wenn die Lehrperson die Mechanismen nicht durchschaut. So muss man wissen, dass Strafreize grundsätzlich ungeeignet sind, den Aufbau von erwünschtem Verhalten zu fördern, weil sie Flucht- und Vermeidungsverhalten auslösen. Werden beispielsweise Hausaufgaben als Strafe angedroht, muss damit gerechnet werden, dass sie nur sehr oberflächlich ausgeführt und zudem noch emotional negativ besetzt werden. Möchte man, dass sich ein schwatzender Schüler am Unterrichtsgeschehen beteiligt, reicht es nicht, ihn für das Schwatzen zu bestrafen, sondern man muss parallel dazu erwünschtes Verhalten aufbauen (etwa durch positive Verstärkung in Form von Belohnung).
Inwiefern die sogenannten operanten Lernprinzipien (Skinner, 1953) zur gezielten Verhaltenssteuerung im Klassenzimmer wichtig sind, wird im Detail im Kapitel 7.4.4 (
Kap. 7.4.4) im Zusammenhang mit dem Thema Klassenführung aufgezeigt.
2.4 Lernen als Aufbau von Wissen
Menschliches Lernen geht aber weit über Konditionierung hinaus. Beim schulischen Lernen steht der Erwerb von Wissen im Mittelpunkt, welches über Symbolsysteme wie Sprache, Schrift und mathematische Zeichen vermittelt wird. Zwar kann gewisser Schulstoff durch Konditionierung erworben werden, zum Beispiel das Einmaleins oder die Vokabeln einer Fremdsprache. Wer die Aufgabe »7 x 3 =« richtig mit »21« beantwortet, wird gelobt. Auch einen Grundwortschatz englischer Vokabeln kann man so erwerben.
Wenn aber im Kopf der Schülerinnen und Schüler lediglich von außen gesteuerte, in ihnen gleichsam automatisch ablaufende Prozesse (Assoziationen) aufgebaut werden, dann wird unflexibles und deshalb häufig unbrauchbares, sogenanntes träges Wissen erworben. Wenn das kleine Einmaleins durch Verstärkung der richtigen Antwort auswendig gelernt wurde, kommt zwar die Antwort auf »4 x 8 =« wie aus der Pistole geschossen, aber die Schülerinnen und Schüler wissen nicht, dass man die Zahl nur verdoppeln muss, wenn man »4 x 16 =« ausrechnen soll. Wenn man im GedächtnisAssoziationen wie »Stuhl – chair, Tisch – table oder Teppich – carpet« gespeichert hat, dann bedeutet das nicht automatisch, dass man diese Vokabeln auch nutzen kann, um sinnvolle englische Sätze zu bilden.
Die besondere geistige Kompetenz des Menschen besteht aber gerade darin, nicht nur in diesem Sinne rein assoziativ zu lernen. Wir bauen nicht einfach nur Verbindungen im Gedächtnis auf, die von außen gesteuert werden. Vielmehr ist der menschliche Geist in der Lage, Wissenselemente aktiv und ohne äußeren Anstoß so zu konstruieren und/oder umzustrukturieren, dass sie auch zur Bewältigung von Aufgaben herangezogen werden können, zu deren Lösung wir bisher keine Anleitung bekommen haben.
Gerade in der Schule geht es somit darum, Kinder und Jugendliche bei ihrer eigenen (Re-)Konstruktion von Wissen zu unterstützen, das in einem kulturellen Kontext entstanden und anspruchsvoll ist. Sie müssen die Schrift, die Mathematik oder naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten zwar nicht erfinden – das haben kluge Menschen vor ihnen getan –, aber sie müssen sie für sich konstruieren und in ihr eigenes Wissensnetzwerk einbauen. Da dieser Prozess sehr komplex ist, führen wir im folgenden Kapitel ein Modell ein, das den Wissensaufbau besser fassbar macht.
2.4.1 Das 3-Speicher-Modell des Gedächtnisses
Obwohl Menschen Jahrtausende brauchten, um die in westlichen Ländern übliche Lautschriften zu entwickeln, können die meisten Kinder nach wenigen Monaten Schulbesuch lesen. Auch wenn das arabische Zahlensystem erst vor etwa 1200 Jahren entwickelt wurde, können fast alle Grundschulkinder dividieren und verstehen, dass die Null eine Zahl ist. Wollen wir den Erwerb solcher Kompetenzen verstehen, müssen wir den Lernbegriff erweitern: Es geht nicht nur um Konditionierung, Assoziation und Verhaltensänderung, sondern vor allem um Wissenskonstruktion.
Um den Prozess der Wissenskonstruktion zu veranschaulichen, haben wir ein Modell der menschlichen Informationsverarbeitung entwickelt, das alle im Folgenden genutzten Begrifflichkeiten zur Informationsverarbeitung und dem Lernen in einen Zusammenhang stellt. In dessen Zentrum stehen drei Typen von Gedächtnis.
In der Wissenschaft herrscht Einigkeit darüber, dass das menschliche Gedächtnis am besten durch ein 3-Speicher-Modell beschrieben werden kann. Dieses wurde in den Grundzügen bereits 1968 durch die Psychologen Atkinson und Shiffrin vorgestellt. Demnach gibt es
• ein Ultrakurzzeitgedächtnis (englisch: Sensory Memory)
• ein Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis, das aktuelle Information verarbeitet und zielgerichtetes Verhalten ermöglicht sowie
• ein Langzeitgedächtnis für die längerfristige Abspeicherung von Information.
Jedes Lebewesen braucht ein Ultrakurzzeitgedächtnis, das zunächst einmal alle eingehenden Sinnesreize aufnimmt. Dieses Gedächtnis ist artenspezifisch, da sich unterschiedliche Spezies in ihrem Wahrnehmungsspektrum unterscheiden. Das Spektrum an wahrnehmbaren Tönen ist beispielsweise bei Hunden größer als bei Menschen, während Menschen ein differenzierteres Spektrum an visuellen Reizen haben.
Für alle Spezies gilt: Von den eingehenden Sinnesreizen wird nur ein Bruchteil weiter verarbeitet. Welcher Reiz das Rennen macht, hängt von der Intensität der eingehenden Reize, vom Motivzustand und den Emotionen des Lebewesens ab. Gefahren signalisierende Reize werden prioritär wahrgenommen, und ein hungriges

Abb. 2: An menschlichem Lernen beteiligte Gedächtnisprozesse und geistige Ressourcen (entwickelt von Elsbeth Stern und Lennart Schalk).
Lebewesen wird Hinweise auf Nahrung bevorzugt weiterverarbeiten. In einer klassischen Untersuchung von Georg Sperling (1960) konnte gezeigt werden, dass bei Menschen visuelle Information nach etwa 250 Millisekunden zerfällt, wenn sie nicht zielgerichtet verarbeitet wird.
Wie wird nun von einem Lebewesen ausgewählt, welchen Reizen im Ultrakurzzeitgedächtnis Aufmerksamkeit geschenkt wird und ob sie in das Langzeitgedächtnis gelangen? Die hierfür zuständige Instanz wird Arbeitsgedächtnis genannt. Es ist das wichtigste Konstrukt der wissenschaftlichen Psychologie und so zentral wie etwa das Atom in der Chemie oder die Zelle in der Biologie.
Während davon ausgegangen werden muss, dass alle Lebewesen eine Instanz haben, die zwischen dem Ultrakurzzeit- und dem Langzeitgedächtnis vermittelt, spricht vieles dafür, dass Struktur und Funktion des Arbeitsgedächtnisses ganz wesentlich für die Unterschiede in der geistigen Leistungsfähigkeit zwischen Menschen und anderen Lebewesen verantwortlich sind. Seit längerer Zeit ist bekannt, dass das Frontalhirn an Arbeitsgedächtnisfunktionen maßgeblich beteiligt ist. Menschen, die aufgrund von Unfällen oder Gehirnkrankheiten Schädigungen in diesem Bereich aufweisen, fällt es schwer, längerfristige Ziele zu verfolgen, da sie sich von allen möglichen Reizen ablenken lassen. Anders ausgedrückt: Das gezielte Ausblenden von nicht zielführender Information ist diesen Menschen nicht oder nur sehr schwer möglich. Bildgebende Verfahren wie EEG (Elektroenzephalografie) und fMRI (funktionelle Magnetresonanztomographie), die strukturelle und funktionale Merkmale und Vorgänge im Gehirn erfassen, belegen die Bedeutung des Frontalhirns für das Arbeitsgedächtnis und damit für die Bewältigung von Aufgaben, die die Steuerung von Aufmerksamkeitsfunktionen erfordern.
Kern der Arbeitsgedächtnisfunktionen ist es, eingehende Information in das bestehende Wissen zu integrieren. Daraus wiederum werden Handlungen initiiert, welche die Bewältigung der gerade anstehenden Anforderungen ermöglichen. Um handlungsfähig zu bleiben, muss jedes Individuum aus der großen Flut an eingehenden Reizen eine Auswahl treffen. Die begrenzte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses ist deshalb höchst funktional, stellt aber für das Lernen eine besondere Herausforderung dar.
Der Zugang vom Ultrakurzzeitgedächtnis zum Arbeitsgedächntnis kanninzidentell (also unbeabsichtigt bzw. zufällig) oder aber intentional (absichtlich) gesteuert sein. Bei intentional gesteuerten Prozessen verfolgt das Individuum ein Ziel. Es wird deshalb bevorzugt Information auswählen, die das Erreichen des Ziels unterstützt. Hat sich eine Person entschieden, den Inhalt eines Textes zu verstehen, wird sie nicht auf die Farbe der Buchstaben achten. Die intentional gesteuerte Begrenzung des Arbeitsgedächtnisses ermöglicht somit ganz wesentlich die Konzentrationsfähigkeit.
Allerdings hätte kein Lebewesen eine Überlebenschance, wenn das Arbeitsgedächtnis völlig »dicht« machen könnte. Für Hinweise auf drohende Gefahren sowie auf besondere Belohnungen muss ein Weg offenbleiben. Unerwartete und besonders intensive Informationen werden über den inzidentellen Weg weitergeleitet. So wird man sich als konzentrierte Leserin oder als konzentrierter Leser vielleicht nicht daran erinnern, ob die Schrift eines Textes blau oder schwarz war. Sind die Buchstaben hingegen in leuchtendem Pink, wird dies auch demjenigen Lesenden auffallen, der sich ganz auf den Inhalt konzentrieren kann. Neben dem intentionalen wird es also immer auch den inzidentellen Weg geben, über den Informationen in das Arbeitsgedächtnis gelangen.
Dass Lernen ein Langzeitgedächtnis voraussetzt, geht schon aus der im Kapitel 2.2 (
Kap. 2.2) eingeführten Definition hervor: Erfahrung muss gespeichert werden, ansonsten wäre eine nachhaltige Verhaltensänderung gar nicht möglich. Das gilt für die Ameise wie auch für den Menschen. Die Gehirne aller Lebewesen müssen flexibel genug für den Aufbau neuer Reiz-Reaktions-Verbindungen im Langzeitgedächtnis sein. Gleichzeitig ist das Gehirn eines Lebewesens bei seiner Geburt kein völlig unbeschriebenes Blatt, sondern enthält bereits Information, welche die Anpassung an die zukünftige Umwelt erleichtert. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von festverdrahteten Strukturen im Informationsverarbeitungssystem, die weder durch Erfahrung erworben noch durch diese modifiziert werden können. Optische Täuschungen wie z. B. die Müller-Lyer Täuschung (siehe dazu unten die Abbildung 3) (
Abb. 3) sind Beispiele dafür. Selbst wenn wir beide Strecken mit dem Lineal messen und feststellen, dass sie gleich lang sind, sehen wir sie als unterschiedlich lang. Dieses zunächst scheinbar problematische Phänomen hat aber eine wichtige Funktion, da es uns beim Tiefensehen unterstützt, wie Abbildung 4 (
Abb. 4) zeigt. Obwohl im zweidimensionalen Bild Wand B kürzer ist als Wand A, wissen wir, dass in der dreidimensionalen Realität Wand A und B gleich lang sind und der dargestellte Raum einem Quader entspricht.
Abb. 3: Müller-Lyer-Täuschung. Ist die untere Linie wirklich nicht länger als die obere?

Abb. 4: Kein schiefer Raum: Dank der Müller-Lyer-Täuschung können wir in zwei Dimensionen dargestellte dreidimensionale Räume korrekt verarbeiten.
Neben festverdrahteten Strukturen gibt es auch vorverdrahtete Strukturen, die flexibler sind und durch Erfahrung geformt werden. Im Tierreich spricht man auch von Instinkten oder von Prägungslernen, wie es beispielsweise von dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz nachgewiesen wurde. Frisch geschlüpfte Graugänse folgen dem ersten bewegten Objekt, das sie sehen – typischerweise die sich aus dem Nest erhebende Mutter. Unter artifiziellen Bedingungen, also wenn die Gänse künstlich ausgebrütet wurden, folgten sie beispielsweise den Stiefeln von Konrad Lorenz. Es war also gerade nicht ein festverdrahtetes Vorstellungsbild einer erwachsenen Gans, welches die Kleinen in der Natur dazu bringt, ihrer Mutter zu folgen, sondern eine flexiblere, aber bereits vorgeprägte Struktur, nämlich einer Bewegung zu folgen – von welchem Objekt auch immer.
Dass Tiere mit Instinkten geboren sind, wird seit langem akzeptiert. Seit einigen Jahrzehnten wissen wir aber auch, dass Menschen nicht völlig unvorbereitet auf die Welt kommen, sondern mit Grundlagen ausgestattet sind, dem sogenannten »Kernwissen«. Dieses erleichtert eine Anpassung an die zu erwartende soziale und physische Umgebung. Aus den Blickbewegungen von Säuglingen lässt sich ableiten, dass sie der Sprache, Veränderungen von kleinen Mengen und Bewegungen von Objekten besondere Aufmerksamkeit schenken (Pauen, 2012).
Auf der Grundlage dieses Kernwissens lernen Kinder beispielsweise ohne professionelle Instruktion in ihrem natürlichen Umfeld das Verstehen und Produzieren von sprachlichen Inhalten sowie das Zählen von diskreten Mengen. Zudem haben sie eine Vorstellung davon, wie sich in der physikalischen Welt feste Gegenstände zueinander verhalten. So reagieren bereits wenige Monate alte Kinder mit weit aufgerissenen Augen auf physikalisch unmögliche Szenarien, in denen beispielsweise ein fester Gegenstand ohne Halt in der Luft zu hängen scheint. Dies erklärt z. B., warum Babys von Mobiles fasziniert sind. Wie genau das angeborene Kernwissen für das weitere Lernen genutzt wird, wird noch kontrovers diskutiert (mehr dazu bei Pauen, 2012), aber es ist unbestritten, dass Menschen auf der Grundlage des Kernwissens vieles von dem, was zur Bewältigung des Alltags benötigt wird, ohne große Anstrengung und ohne gezielte Unterstützung erwerben können.
Die Tatsache, dass Säuglinge und Kleinkinder beiläufig so vieles lernen können, worauf sie im Laufe der Evolution vorbereitet wurden, kann zu Fehleinschätzungen der allgemeinen Lernfähigkeit im Kindesalter und einem unrealistischen Anspruch an Frühförderung führen. Manchmal geistern Vorstellungen durch die Medien, wonach unsere Umwelt die unbegrenzte Lernfähigkeit von Kindern gezielt zerstöre, weil es zu wenig oder die falsche Anregung gebe. Spätestens mit Schuleintritt sei dann die Lernmotivation zerstört.
Solche falschen Vorstellungen entstehen, wenn nicht zwischen biologisch vorbereiteten Kompetenzen und dem Erwerb von Kulturtechniken unterschieden wird. Letztere haben sich erst vor wenigen Jahrtausenden, Jahrhunderten oder Jahrzehnten entwickelt, also lange nach dem Zeitpunkt, an dem sich das menschliche Genom weitgehend stabilisiert hat. Der Erwerb von Kulturtechniken setzt ein effizient funktionierendes Arbeitsgedächtnis voraus, welches sich jedoch erst im Laufe der Kindheit entwickelt und seine vollständige Funktionsfähigkeit erst in der Adoleszenz erreicht. Auch das lässt sich durch Befunde aus der Hirnforschung belegen.
2.4.2 Die Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses
Vor den Zeiten von mobilen Online-Karten und Navigationstechnologien musste man in einer fremden Stadt oft nach dem Weg – z. B. zu einem Museum – fragen und bekam etwa die folgende Antwort: »Gehen Sie bis zur nächsten Strasse geradeaus, biegen Sie links ab und dann gleich wieder rechts. Nach 100 Metern kommt eine Ampel, da müssen Sie wieder links gehen und dann nochmal rechts. Dann gehen Sie direkt auf das Gebäude zu.« Man bedankte sich für die Auskunft, hatte sich noch den Anfang der Instruktion merken können, und wenn man einmal links und einmal rechts abgebogen war, musste man erneut fragen. Die gesamte Wegbeschreibung hatte die Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses überschritten.
Das Beispiel soll veranschaulichen: Die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses ist begrenzt, und in einer solchen Situation ist das natürlich hinderlich. Aber diese Begrenzung ist der Tatsache geschuldet, dass im Arbeitsgedächtnis parallel Prozesse ablaufen müssen, die uns ermöglichen, selbst gesetzte oder von der Umgebung eingeforderte Ziele zu verfolgen. Das erfordert selektive Aufmerksamkeit: Aus der Umgebung sollte nur Information aufgenommen und weiterverarbeitet werden, welche der Erreichung des Ziels dient. Ist die relevante Information einmal identifiziert, muss sie im Arbeitsgedächtnis gehalten werden, bis das Ziel erreicht wird, z. B. durch Wiederholung oder durch Vorstellungsbilder. Um effizient agieren zu können, muss ein Individuum also gleichzeitig parallel zur Selektion der eingehenden Informationen im Langzeitgedächtnis nach Informationen suchen, welche ebenfalls zur Erreichung des Ziels beitragen können (Wiedererkennen). Auch diese Informationen müssen aktiviert und im Arbeitsgedächtnis gehalten werden.
Zudem müssen irrelevante Reize aus der Umgebung ausgeblendet werden. Stellen wir uns eine Studentin vor, die in eine Vorlesung gehen möchte. Eigentlich ist sie müde und würde lieber etwas anderes machen. Sie weiß, in welchem Gebäude die Vorlesung stattfindet, muss aber noch den Raum suchen. Bis sie im Hörsaal angekommen ist, wird ihr Arbeitsgedächtnis gefordert. Sie hat eine ungefähre Ahnung von dem Aufbau des Gebäudes. Dieses Wissen wird aktiviert, also in das Arbeitsgedächtnis geladen. Gleichzeitig muss sie die Raumnummer im Arbeitsgedächtnis halten und sich vergegenwärtigen, in welchem Stockwerk sie sich gerade befindet und welche Treppe man sinnvollerweise nimmt. Unterwegs sieht sie Freunde, die sich gemütlich mit einem Kaffee niedergelassen haben. Sich nicht zu ihnen zu setzen, sondern in den Hörsaal zu gehen, erfordert die gezielte Unterdrückung von Bedürfnissen nach sozialem Austausch. Einmal im Hörsaal angekommen, sollte sie den Prozess des Wegfindens aber vollständig aus ihrem Arbeitsgedächtnis entfernen und dieses auf die Verarbeitung der Vorlesungsinhalte einstellen.
Nur wenige selbst gesetzte oder von der Umwelt vorgegebene Anforderungen basieren auf einem einzigen Ziel. Sie lassen sich vielmehr durch eine Zielhierarchie beschreiben, in der es ein übergeordnetes Ziel gibt, das in Unterziele aufgeteilt ist. Das stellt besondere Herausforderungen an das Arbeitsgedächtnis, da für die unterschiedlichen Ziele verschiedene Informations- und Wissenselemente mit unterschiedlichen Prioritäten im Arbeitsgedächtnis gehalten werden müssen.
Mit anderen Worten: Die unterschiedlichen Elemente sind zu unterschiedlichen Zeitpunkten relevant und dementsprechend muss ihr Aktivierungsniveau an den Zeitverlauf angepasst werden. Ein Beispiel dazu: Wenn der Plan gefasst wurde, für acht Personen eine anspruchsvolle Mahlzeit zuzubereiten, ist die Aktivierung der Personenzahl bei manchen Unterzielen – z. B. dem Einkaufen oder bei der Entscheidung, wann man genug Kartoffeln geschält hat – relevant. Ist man hingegen gerade dabei, die Sauce Hollandaise vorzubereiten, muss man sich darauf konzentrieren, das Gerinnen der Eier zu verhindern. Deshalb ist gerade nicht relevant, wie viele Personen zum Essen kommen. Aber die Information darf nicht ganz in Vergessenheit geraten, da sie später wieder aktualisiert werden muss. Gleichzeitig muss das Arbeitsgedächtnis noch irrelevante Information hemmen. Der Lärm eines vorbeifahrenden Zuges muss zunächst als ungefährlich erkannt und dann ausgeblendet werden. Das Eigelb beim Zubereiten der Sauce Hollandaise erinnert vielleicht an einen Sonnenuntergang – aber wenn die Sauce gelingen soll, darf man sich diesen Erinnerungen nicht hingeben. Aus den Beispielen wird deutlich, dass das Arbeitsgedächtnis die Funktion hat, zwischen im Langzeitgedächtnis gespeicherter und eingehender neuer Information zu vermitteln. Wie das genau geschieht, wird von der zu bewältigenden Anforderung und dem damit verbundenen Ziel bestimmt.
Man kann sich das Arbeitsgedächtnis als ein flexibles Beleuchtungskonzept vorstellen, mit mehreren dimmbaren Glühbirnen. Die maximale Helligkeit (die der Arbeitsspeicherkapazität entspricht) ist vorgegeben und kann entweder auf viele oder auf wenige Glühbirnen verteilt werden. Entsprechend variiert die Helligkeit der einzelnen Glühbirnen. Ist man gerade sehr fokussiert, leuchten nur wenige Glühbirnen sehr hell, lässt man den Geist wandern, leuchten viele Glühbirnen stark gedimmt. Information, die für ein Unterziel erst zu einem späteren Zeitpunkt benötigt wird, entspricht einer gedimmten Glühlampe. Erlischt eine Glühlampe, welche eine noch benötigte Informationseinheit repräsentiert, wird die Anforderung nicht angemessen bewältigt.
Wenn wir bei dieser – stark vereinfachenden – Analogie bleiben, dann zeigt sich das Ausmaß von geistiger Leistungsfähigkeit zum einen in der zur Verfügung stehenden maximalen Helligkeit und zum anderen in der Geschwindigkeit, in der die Beleuchtungsstärke variiert werden kann. Menschen unterscheiden sich in der Kapazität, der Flexibilität und der Geschwindigkeit, mit der sie Information verarbeiten können. Im folgenden Kapitel (
Kap. 2.4.3) geht es zunächst um die Frage, wie man durch Lernen die Effizienz des Arbeitsgedächtnisses steigern kann.
2.4.3 Lernen als Verdichtung von Wissen: Chunking und Prozeduralisierung
Lernen ganz allgemein, insbesondere auch schulisches Lernen, heißt, die bestehende Wissensbasis so zu verändern, dass eine bessere Anpassung an die Erfordernisse der Umgebung ermöglicht wird. In diesem Kapitel soll gezeigt werden, dass es von der Repräsentation des Wissens im Langzeitgedächtnis abhängt, wie effizient die Arbeitsgedächtnisfunktionen für das Lernen und Problemlösen genutzt werden. Die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses ist zwar begrenzt, aber wenn Wissen effizient im Langzeitgedächtnis gespeichert ist, können im gleichen Zeitraum größere Mengen aktiviert werden; man kann dann, salopp gesagt, schneller denken. Dies setzt allerdings vorangegangene Lernprozesse voraus, in denen Wissen durch wiederholte Aktivierung verdichtet wird.
Chunking
Verdichtung entsteht zunächst einmal durch Chunking (Bündelung) von Information. Einzelne Wissenselemente werden zu übergeordneten Einheiten zusammengefasst. Ein Beispiel: Wer die Ziffern 91119893101990 hört, wird sich diese kaum auf Anhieb merken können. Im Allgemeinen kann ein Mensch nur sieben bis neun Ziffern spontan im Arbeitsgedächtnis halten. Ergänzt man die Zahlenreihe hingegen mit Punkten, sieht man, dass es sich bei den Ziffern um zwei wichtige Daten der jüngsten deutschen Geschichte handelt, nämlich den Tag des Mauerfalls in Berlin und den Tag der deutschen Wiedervereinigung. Dann kann man die Zahlenreihe problemlos noch Jahre später reproduzieren: 9.11.1989 3.10.1990.
In der Kognitionspsychologie wird diese Vergrößerung der Gedächtniskapazität durch Komprimierung des Wissens als Chunking (Bündelung) bezeichnet. Einzelne Reize, die zuvor als eigene Einheiten abgespeichert waren und deshalb einzeln für die Verarbeitung im Arbeitsgedächtnis aktiviert werden mussten, werden durch wiederholte gemeinsame Aktivierung gleichsam fest zusammengeschweißt. Handlungen rufen sich gegenseitig auf, das Arbeitsgedächtnis wird trotz großer Informationsmengen nur geringfügig belastet.
Bleiben wir bei der schon oben (
Kap. 2.4.2) verwendeten Glühlampenanalogie: Für die Aktivierung einer gebündelten Wissensrepräsentation wird weniger Lichtenergie gebraucht als für die Aktivierung aller einzelnen Elemente. Verdichtung von Wissen durch gemeinsame oder zeitlich benachbart aktivierte Stimulus- und Reaktionselemente spart Arbeitsspeicherkapazität und erlaubt eine schnellere Aktivierung und Deaktivierung von komplexeren Wissens-Netzwerken.
Unserer Fähigkeit zur Bündelung verdanken wir es, dass wir in Sekundenschnelle das Wort Mississippidampfschifffahrtsgesellschaftskapitän lesen können. Geübte Leserinnen und Leser erkennen Buchstaben auf einen Blick und haben so enge Assoziationen zwischen Buchstaben und Lauten aufgebaut, dass beides zusammen aktiviert wird. Ein im Lesen ungeübter Mensch hingegen muss jeden Buchstaben in einen Laut übertragen und daraus mühsam ein Wort konstruieren. Es wird Arbeitsspeicherkapazität gebunden, die für das Sinnverständnis nicht mehr zur Verfügung steht.
Daraus folgt: Aus Texten lernen können nur Menschen, die Buchstabenansammlungen als Wortbilder gespeichert haben, so dass sie das Arbeitsgedächtnis voll für das Inhaltsverständnis nutzen können. Das erfordert zunächst sehr viel Übung. Dabei lernt man, wie bestimmte Buchstabenkombinationen in Laute und Silben und schließlich in Worte umgesetzt werden. Nebenbei werden auch andere Merkmale der Wörter abgespeichert, z. B. der Anfangs- und der Endbuchstabe sowie die Wortlänge. Mit diesen Wissensnetzen ausgestattet, können geübte Leserinnen und Leser problemlos den unten als Zitat dargestellten Text lesen. Ungeübte Leser hingegen können dies nicht. Sie haben die richtig geschriebenen Wörter entweder nicht häufig genug gesehen, oder sie haben sie nicht so detailliert verarbeitet, dass sie die Merkmale zu größeren Einheiten – also Wörtern – gebündelt haben. Sie erkennen dann trotz der Redundanz der Sprache diese bei leichten Abweichungen nicht wieder.
Ehct ksras! Gmäess eneir Sutide eneir Uvinisterät ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wort snid, das ezniige, was wcthiig ist, dass der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoion snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsinöldn sein, tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, weil wir nicht jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wort als gzeans enkreenn. Ehct ksras! Das ghet wicklirh! Und dfüar ghneen wir jrhlaeng in die Slhcue!
Lernen aus Texten setzt das Worterkennen voraus. Müsste man Buchstabe für Buchstabe identifizieren und daraus das Wort konstruieren, würde keine Arbeitsspeicherkapazität für den Inhalt bleiben.
Die Verdichtung von Wissen durch Chunking muss möglichst fehlerfrei erarbeitet werden, wenn man sich geistige Flexibilität erhalten möchte. Das soll am Beispiel der arithmetischen Grundoperationen verdeutlicht werden. Menschen, die nicht über ein gut vernetztes Zahlenwissen verfügen – die also zum Beispiel nicht sofort abrufen können, was die Hälfte von 70 ist oder was 27 plus 5 ergibt –, stehen schon im Alltag schnell vor Problemen. Es ist deshalb wichtig und richtig, dass in der Primarschule viel Zeit auf Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division verwendet wird. Dabei können unterschiedliche Strategien zum Einsatz kommen. Das Ergebnis von 5 + 3 = kann ermittelt werden, indem von Grund auf gezählt wird: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8. Man kann auch ab 5 aufzählen: 6, 7, 8. Bei jeder Berechnung wird eine Verbindung zwischen 5 + 3 = und 8 hergestellt. Wenn diese Verbindung eine gewisse Assoziationsstärke erreicht hat, wird »8« aktiviert, bevor die Rechenoperation abgeschlossen ist. Es wurde also Wissen so verdichtet, dass die Abrufstrategie zum Tragen kommt.
Multiplikation wird auf ähnliche Weise erworben: Zunächst als wiederholte Addition und später als Faktenabruf. Allerdings wird nicht jede Kombination so ausgiebig geübt, dass sich durch Wiederholung eine Verdichtung einstellt. Deshalb wird das 1 × 1 auswendig gelernt. Allerdings besteht die Gefahr, dass ein unflexibles Faktennetz aufgebaut wird. Zwar wird man auf die Aufgabe »7 × 8 =« wie aus der Pistole geschossen antworten, aber dafür länger für die Frage »Welches Ergebnis ist größer, 6 × 8 = oder 7 × 4 = ?« brauchen. Deshalb sollte die Multiplikation in der Primarschule mit der Ableitungsstrategie geübt werden: 7 × 9 = 7 × 10 – 7 × 1 = ? oder 6 × 8 = 5 × 8 + 1 × 8 = ? Wer auf diese Weise das 1 × 1 lernt, wird bei ausreichender Übung ein Netz an Faktenwissen aufbauen, welches es ermöglicht, jede 1 × 1-Aufgabe durch schnelles Erinnern zu lösen. Gleichzeitig ist das numerische Netzwerk so komplex und flexibel, dass es Verbindungen zu anderen Zahlen und Aufgaben herstellt. 36 ist verbunden mit 6 × 6, 9 × 4, 7 × 5 + 1 usw.
Prozeduralisierung (Automatisierung)
Neben dem Chunking ist auch die Prozeduralisierung, also die Entstehung von weitgehend automatisiertem Handlungswissen, ein wichtiger Prozess beim Aufbau von Wissen. Das prozeduralisierte Wissen kann einer anderen Person nicht ohne weiteres kommuniziert werden, zumindest nicht im Detail. Wir können niemandem das Schreiben oder das Fahrradfahren so genau erklären, dass er es auf Anhieb kann. Diese Aktivitäten werden durch viele kleine aufeinander abgestimmte Handlungsschritte ermöglicht, die sich mit zunehmender Übung nacheinander aufrufen, ohne dass sich das Arbeitsgedächtnis einschalten muss. Man spricht deshalb auch von Automatisierung.
Die Prozeduralisierung von Teilen des Wissens ist in allen Inhaltsbereichen Voraussetzung für höhere geistige Tätigkeiten. Das gilt für Mathematik wie auch für das Lernen von Fremdsprachen. Wer die binomischen Formeln als Muster abgespeichert hat, wird beim Auflösen einer algebraischen Gleichung auf einen Blick erkennen, was man vereinfachen kann. Wer Vokabeln einer Fremdsprache gelernt hat, kann diese mit geringem Aufwand aktivieren und sich bei der Konstruktion eines Satzes auf die Grammatikregeln konzentrieren.
2.4.4 Lernen als Explikation und Vernetzung: Der Aufbau von deklarativem Wissen
Dass wir das geschriebene Wort »Maschine« auf einen Blick erkennen, ist unserer Fähigkeit zum Chunking (
Kap. 2.4.3) geschuldet. Dass wir hingegen anderen Menschen erklären können, was eine Maschine ist, basiert auf deklarativem Wissen. Damit ist in der Kognitionspsychologie eine Wissensart gemeint, die sich in Symbolsysteme wie Sprache, Schrift, Formeln oder Bilder überführen lässt. Den Kern dieses Wissens bilden Begriffe bzw. Konzepte, Beispiele dafür sind »Hund«, »Säugetier«, »Gerechtigkeit«, »Primzahl« oder »Relativitätstheorie«.
Deklaratives Begriffswissen entsteht durch die Verbindung zu anderen Begriffen. Dies können Eigenschaften sein wie z. B. »rot« und »rund« oder aber Begriffe auf der gleichen kategorialen Ebene wie »Ball« und »Teddybär«, die zusammen die Grundlage für Oberbegriffe wie »Spielzeug« bilden können. Aus der Verbindung zwischen Begriffen entstehen Netzwerke, die unterschiedlich umfangreich und verschieden strukturiert sein können. Der passionierte Hundebesitzer wird bei dem Begriff »Hund« sofort den Namen und visuelle Vorstellungen seines Hundes aktivieren, die professionelle Biologin hingegen einen übergeordneten Begriff wie »domestiziertes Säugetier«.
Ein wichtiger Grund für die oft wenig erfolgreiche Kommunikation zwischen Menschen, insbesondere jene zwischen Lehrpersonen und Lernenden, besteht darin, dass zwar die gleichen Wörter verwendet werden, währenddem die konzeptuellen Netzwerke, in die sie eingebettet sind, sehr unterschiedlich sind. So wird das Begriffswissen von so genannten Novizen, also Menschen, die sich in einem Gebiet nur sehr oberflächlich auskennen, zunächst von charakteristischen Oberflächenmerkmalen und nicht von theoriegeleiteten, definitorischen Merkmalen bestimmt. Novizen lassen sich bei der Bildung von Begriffen in erster Linie von ihrer Wahrnehmung leiten. Da Kinder aufgrund fehlender Lerngelegenheiten in den allermeisten Gebieten so genannte universelle Novizen sind, ist bei ihnen besonders häufig eine Konzentration auf charakteristische Oberflächenmerkmale zu beobachten. Dies – und nicht wie von dem berühmten Entwicklungspsychologen Jean Piaget angenommen die fehlende Abstraktionsfähigkeit – ist die Ursache für altersbedingte Unterschiede in der Denkleistung (Stern, 2005).
Jüngere Grundschulkinder bejahen zum Beispiel die Frage, ob ein Haufen Reis, verneinen aber die Frage, ob ein einzelnes Reiskorn etwas wiege. Diese zunächst unverständliche Antwort wird nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt, dass jüngere Kinder »Gewicht« und »sich schwer anfühlen« noch miteinander gleichsetzen. Auch dass der Wal ein Säugetier und kein Fisch ist, ist für Kinder schwer zu verstehen, weil sie Tiere zunächst nach ihrem Lebensraum einteilen. Dass die Art der Fortpflanzung – die man im Allgemeinen nicht zu sehen bekommt – ein sinnvolles Kriterium bei der Klassifikation von Tieren sein kann, versteht man erst auf der Grundlage von zusätzlichem und tiefer gehendem biologischen Wissen. Erst wenn ein Verständnis für den theoretischen Hintergrund vorliegt, der die Unterteilung in Säugetiere und Fische notwendig macht, werden nicht mehr charakteristische (lebt im Wasser), sondern definitorische Merkmale (Nachwuchs wird lebend geboren und mit Muttermilch ernährt) zur Unterscheidung herangezogen (Carey, 2000).
Kommen wir auf das Beispiel der Maschine zurück. Kinder schreiben dem Begriff Maschine etwa die charakteristischen Eigenschaften zu, dass diese aus Stahl sei, von einer fossilen oder elektrischen Energiequelle angetrieben werde und Krach mache. Wer hingegen Newtons Axiome verstanden hat, wird das Konzept der Maschine in den Kontext der Mechanik einordnen und somit nicht das Arbeitsgedächtnis mit Begriffen wie Metall, Lärm oder Bewegung belasten. Vielmehr wird diese Person eine Maschine als ein Werkzeug verstehen, das zur Umwandlung einer Kraft dient, um diese möglichst zweckmäßig zur Verrichtung von Arbeit einzusetzen. Auch wenn die Person bisher nicht darüber nachgedacht hat, dass auch eine simple Holzschraube eine Maschine sein kann, wird sie die Frage »Ist eine Schraube eine Maschine?« mit »ja« beantworten. Ein nach definitorischen Merkmalen und in einen Theoriekontext eingebettetes Begriffsnetzwerk optimiert die Nutzung der Arbeitsgedächtnisfunktionen und damit unser Denken in gleicher Weise wie Prozeduralisierung und Chunking.
Man stelle sich vor, auf einer Party treffe man auf einen Biologen, dessen Spezialgebiet Saolas sind. Wer noch nie die Bezeichnung »Saola« gehört hat, aber erfährt, dass es sich um ein vietnamesisches Waldrind handle, weiß schon eine Menge über das Tier, wenn die Konzepte »Huftier« und »Säugetier« und »Boviden« bekannt sind. Letztere sind Hornträger und Wiederkäuer. Auf die Frage »Frisst ein Saola Fleisch?«, wird man mit »nein« antworten können, selbst wenn man immer noch nicht weiß, wie ein Saola aussieht. Verfällt der Biologe in einen Monolog über Details der Lebensweise von Saolas, wird man vielen Details folgen können, weil auf Boviden nicht zutreffende Eigenschaften (Fleisch als Nahrungsquelle, Baumkronen als Lebensort, mehr als zwei Nachkommen in einem Wurf als Standardfall) deaktiviert wurde, während Wissen, welches wichtig werden könnte (Fressfeinde, Art der Pflanzennahrung, Herde als Lebensform) stärker aktiviert wird, so dass eingehende Information daran angebunden werden kann und somit nicht verloren geht.
Ein gut strukturiertes Wissensnetzwerk in einem Inhaltsbereich ermöglicht also dem Arbeitsgedächtnis eine gezielte Hemmung und Aktivierung von bestehendem Wissen in Abhängigkeit von der zu bewältigenden Anforderung, also dem übergeordneten Ziel. Dieses setzt eine Erwartungshaltung in Gang, die vom Arbeitsgedächtnis gemanagt wird. Wie gut dies gelingt, hängt von zwei Faktoren ab: Der Effizienz der Arbeitsgedächtnisfunktion, in der sich Intelligenzunterschiede niederschlagen (das wird unten (
Kap. 2.5) noch ausgeführt) und der Organisation des Wissens im Sinne einer Verdichtung und einer Vernetzung von Wissenselementen.
Ein gut organisiertes Wissensnetzwerk erlaubt die Konstruktion neuen Wissens durch schlussfolgerndes Denken. Bleiben wir bei dem Beispiel des Saolas, von dem wir nur wissen, dass es ein vietnamesisches Waldrind ist. Alles, was wir über die definitorischen Eigenschaften von Rindern wissen – Säugetiere, Pflanzenfresser, Wiederkäuer, Huftiere –, können wir auf das Saola übertragen. Wer über ein nach definitorischen Merkmalen abgespeichertes Konzept »Rind« verfügt, wird nicht die charakteristischen Merkmale der ihm bekannten Charolais-Rinder – wie z. B. Größe oder Fellfarbe – auf das Saola übertragen, weil er weiß, dass verschiedene Rinderarten in diesen beiden Merkmalen stark variieren können.
2.4.5 Verstehendes Lernen als Konzeptwandel
Die Art und Weise, wie eine Person ein Konzept gespeichert hat, kann im Grad der Allgemeinheit deutlich variieren: Bello, der real existierende Schäferhund, Schäferhund als Hunderasse, Hund als Gattung, als Haustier, Säugetier, Tier, Lebewesen. Die letzte Ebene bezieht sich auf konkrete, sinnlich wahrnehmbare Entitäten, nämlich alles, was als Lebewesen bezeichnet wird – sei es ein Bakterium, ein Grashalm oder ein Elefant. All diese Entitäten nehmen Raum ein und sind – wenn auch im Falle des Bakteriums nur mit technischen Hilfsmitteln – sinnlich wahrnehmbar.
Ein Alltagskonzept von »Lebewesen« zu erwerben, stellt keine besondere kognitive Anforderung dar: Die Unterscheidung zwischen belebten und unbelebten Objekten ist als Kernwissen verfügbar, also vermutlich in unserem Genom verankert, wie wir aus Ergebnissen der Säuglingsforschung ableiten können. Sechs Monate alte Kinder zeigen unterschiedliche Blickbewegungen, je nachdem, ob sich ein Gegenstand kontinuierlich bewegt, wie es typisch für Fremdeinwirkung ist, oder diskret wie bei Tieren und Menschen. Das Interesse für Tiere entwickelt sich sehr früh, und ein Konzept von »Lebewesen« wird in der Vorschulzeit erworben. Zwar geht dieser Lernprozess mit einer Reihe von Missverständnissen einher – u. a. glauben Kinder zunächst, dass Pflanzen keine Lebewesen sind –, aber durch Fragen und analoges Schließen präzisieren sie ihren Begriff von Lebewesen (Inagako & Hatano, 2006).
Das gilt auch für den Unterbegriff der Arten. Bis zu einem Alter von fünf Jahren denken Kinder, dass ein Tier seine Art verändert (aus einem Eichhörnchen wird ein Stinktier, wenn man ihm dessen Fell überzieht), aber solche Missverständnisse werden schnell aufgegeben. Man benötigt keine Kenntnisse über Genetik und Mikrobiologie, um zu verstehen, dass die Zugehörigkeit zu einer Art ein stabiles Merkmal ist.
Mit zunehmender Lernerfahrung wird das Konzept von Lebewesen komplexer und kann verstanden werden als »organisierte Einheit«, die unter anderem zu Stoffwechsel, Fortpflanzung, Reizbarkeit, Wachstum fähig ist und evolutionären Prozessen unterliegt.
Viele wissenschaftliche Begriffe aus der Biologie und der Chemie unterscheiden sich in ihrer Komplexität und Differenziertheit vom Alltagsverständnis, aber ein gemeinsamer Kern bleibt. So kann man sich unter Stoffwechsel etwas vorstellen, ohne dass man die zugrundeliegenden biochemischen Prozesse versteht. Auch dass Materie aus kleinsten Teilchen zusammengesetzt ist, ist intuitiv einsichtig, spätestens nachdem man mit Bauklötzen gespielt hat. Unüberbrückbare Distanzen entstehen bei Detailfragen, wenn es um konsistente Erklärungen geht. Was hält die Atome zusammen, wie formen sie ein Objekt? Hier gehen Alltagsvorstellungen und wissenschaftliche Erkenntnisse auf inkompatible Weise auseinander.
Da Menschen nach konsistenten und schlüssigen Erklärungen streben, die sich möglichst widerspruchsfrei in ihr Weltbild einfügen, können bereits Kinder erstaunlich komplexe naive Theorien aufbauen. Werden 6-Jährige mit der Tatsache konfrontiert, dass die Erde keine Scheibe ist, sondern eher einem Ball ähnelt, stellt sich ihnen die Frage, warum Lebewesen und Dinge auf dem unteren Bereich nicht runterfallen. Diesen Widerspruch lösen die Kinder, indem sie ein Modell der Erde als Halbkugel konstruieren, wo die Menschen entweder im Innenraum oder auf einer Scheibe wohnen, die die Halbkugel bedeckt. Sie bilden also ein synthetisches Konzept aus ihrer Erfahrung, dass die Erde flach ist, und der Information, dass die Erde rund ist (Vosniadou & Brewer, 1992).
Was die kleinsten Teile – also die Atome – zusammenhält, beschäftigt Kinder und sie entwickeln ihre eigenen Vorstellungen dazu. Eine davon ist das Kugel-Sackmodell: Die kleinen Atome sind wie Tennisbälle in einem Sack. In sich konsistente, aber dennoch falsche Vorstellungen über Vorgänge in der Welt, die besonders änderungsresistent sind, halten sich bis in das Erwachsenenalter. Der Kern der Evolutionslehre wird mit »Recht des Stärkeren« gleichgesetzt, was zu einer unzulässigen Trivialisierung zentraler evolutionärer Prozesse wie Mutation, Adaptation und Selektion führt.
Esoterische Ideen zur Ernährung und zur Landwirtschaft folgen ähnlichen Prinzipien. Die Idee der Entschlackung des Körpers durch Fasten entsteht aus einer unangemessenen Generalisierung des Verbrennungsbegriffs. Die Umwandlung fossiler Brennstoffe in Wärme und Licht hinterlässt Rückstände, auch als Schlacke bezeichnet. Nahrungsaufnahme dient der Energiezufuhr. Sie wird in Bewegung und Wärme umgewandelt und hinterlässt nicht verwertbare Rückstände, die abgeführt werden. Nach Auffassung einiger selbsternannter Ernährungsexperten hinterlässt aber die moderne ungesunde Nahrung Rückstände, mit denen der Stoffwechsel nicht fertig wird, weshalb Heilfasten zur Entschlackung zu empfehlen sei. Der Begriff »Schlacke«, der im Bergbau benutzt wird, um Verbrennungsrückstände zu bezeichnen, wird fälschlicherweise auf die menschliche Verdauung übertragen. Die Liste der pseudowissenschaftlichen Alltagstheorien, die auf der Trivialisierung biologischer und chemischer Erklärungen beruhen, könnte beliebig fortgeführt werden.
Chemie und vor allem Biologie gelten im Allgemeinen als interessante Schulfächer, selbst wenn die Leistungen nicht immer zufriedenstellend sind. Das mag auch daran liegen, dass die in diesen Fächern angebotenen Konzepte und Theorien reichlich Stoff für eigene Vorstellungen und Erklärungen bieten und häufig emotional geladen sind. Chemie als negativer Gegensatz zur reinen Natur oder eine enge Assoziation zwischen Genetik und Euthanasie prägt manche Weltbilder. Auch soll es immer noch Menschen geben, die sich weigern, Tomaten zu essen, die Gene enthalten, und die nichts anfassen möchten, was Atome enthält. Aber auch Menschen mit verzerrten oder falschen Konzepten aus Biologie und Chemie gehen davon aus, dass sie etwas verstanden haben, und manche fühlen sich in ihrem Wissen sicherer als Experten.
Zwei Schulfächer, die mehrheitlich negativ besetzt sind, ohne dass sie bei den meisten Menschen einen starken Einfluss auf ihr Weltbild haben, sind Physik und die höhere Mathematik. Die diesen Fächern zugrundeliegenden Konzepte sind so abstrakt und alltagsfern, dass sie sich nicht als Grundlage für Trivialisierung und naive Theorien eignen. Hinzu kommt, dass es bei den Aufgaben, die in diesen Fächern gestellt werden, eindeutig richtige oder falsche Lösungen gibt, weshalb eine »gefühlte Kompetenz«, die bei Biologie und Chemie auftreten kann, keine Chance hat.
In Mathematik kommen viele Schüler spätestens ab der Behandlung von Algebra nicht mehr mit dem Abstraktionsgrad zurecht. Das Verständnis von Konzepten wie Variable und Parameter wird am Gymnasium erwartet, aber selten auf eine Weise verstanden, die auf die Informatik übertragbar ist (Hromkovic & Kohn, 2018). Bruch- und Prozentrechnung sowie Dezimalzahlen haben noch einen Alltagsbezug, auch wenn ihr Erwerb eine Umstrukturierung des Zahlkonzeptes erfordert. Im Arithmetikunterricht wurde der Umgang mit natürlichen Zahlen mit den Grundrechenarten geübt. Zwischen zwei beliebigen Zahlen konnte man die exakte Menge der dazwischenliegenden Zahlen ermitteln. Aus den zahlreichen Rechenübungen wurden implizit oder explizit Prinzipien abgeleitet: Multiplikation und Addition führen zur Vergrößerung, Subtraktion und Division zur Verkleinerung (obwohl schon in der Arithmetik die Zahlen 0 und 1 Ausnahmen darstellten). Werden Bruch- und Dezimalzahlen eingeführt, muss das Verständnis von Zahlen erweitert werden. Man muss verstehen, dass 1/7 größer ist als 1/8 und dass zwischen 0,1 und 0,2 unendlich viele rationale Zahlen liegen. Dass 50 % von 1000 Franken weniger Geld ist als 10 % von 10000 Franken stellt höhere Anforderungen an das Arbeitsgedächtnis, da der Vergleich die Repräsentation von Relationen erfordert.
Tatsächlich stellt das Verständnis von Zahlen als Relation einen ersten Schritt in Richtung eines fortgeschrittenen mathematischen Verständnisses dar (Stern, 1993, 1995). So können fast alle Vorschulkinder die folgende Aufgabe lösen: »5 Vögel haben Hunger. Sie finden 3 Würmer. Wie viele Vögel bekommen keinen Wurm?«. Hingegen liegt bei denselben Kindern die Lösungsrate unter 20 %, wenn die Aufgabe mit der Frage endet »Wie viel mehr Vögel als Würmer gibt es?« Die Diskrepanz ist nicht auf sprachliche Probleme zurückzuführen (Stern & Lehrndorfer, 1992; Stern, 1993), sondern auf ein eingeschränktes Verständnis von Zahlen als Zählinstrumente. In verschiedenen Längsschnittstudien konnte die Bedeutung eines frühen Relationszahlenverständnisses für ein späteres mathematisches Verständnis nachgewiesen werden (Stern, 2009; Schalk et al. 2016).
Die Entwicklung eines Zahlenverständnisses, das über die Zählfunktion hinausgeht und das die Grundlage für reelle und rationale Zahlen ist, stellt für alle Kinder eine Herausforderung dar. Wie gut diese bewältigt wird, hängt von der Unterrichtsqualität und der Intelligenz der Kinder ab (Staub & Stern, 2002). Es kann davon ausgegangen werden, dass überdurchschnittlich intelligente Kinder, die keinen guten Mathematikunterricht erhalten, Bruch-, Dezimal- und Prozentrechnung durch alltagsnahe Lernangebote erwerben, wenn auch mit Verzögerung. Hingegen können auch sehr intelligente Schülerinnen und Schüler an abstrakten Inhalten in Mathematik und Physik scheitern, weil Lernangebote nicht genutzt werden oder schlecht gestaltet sind. Sie werden zu Underachievern, also Minderleistern (Hofer & Stern, 2017). Sie setzen ihre Intelligenz nicht in brauchbares prozedurales und konzeptuelles Inhaltswissen um.
Kommen wir zurück zu den Fächern Physik und Mathematik am Gymnasium. In einer an der ETH Zürich durchgeführten Studie konnte gezeigt werden, dass selbst in der hoch selegierten Gruppe der Erstsemester in Physik und Mathematik Defizite im konzeptuellen Verständnis von Differential- und Integralrechnung zu beobachten waren (Deiglmayr et al, in Vorbereitung). Noch offensichtlicher wurde dies in Physik, insbesondere in der Mechanik. Wer souverän mit Formeln wie »Kraft = Maße × Beschleunigung« umgehen konnte, hatte nicht immer auch die in der Formel implizierten Konzepte verstanden. Spätestens seit der Entwicklung des Force Concept Inventory (FCI, Hestenes, 1992) ist bekannt, dass auch sehr intelligente Schülerinnen und Schüler, die ihren Physikkurs mit guten Noten abgeschlossen haben, kein konzeptuelles Weltbild im Newtonschen Sinne aufgebaut hatten. Das ist in der Tat sehr schwierig, weil es erfordert, dass sehr plausible und mit dem Körperempfinden kompatible Vorstellungen aufgegeben werden müssen. Dass jede Bewegung eines Gegenstandes oder eines Lebewesens das Einwirken einer Kraft voraussetzt und dass man Kraft aufwenden muss, um die Geschwindigkeit beizubehalten, ist kompatibel mit allen Alltagsvorstellungen und Erfahrungen. Im Rahmen des Newtonschen Weltbildes hingegen sind Konzepte wie Trägheit und Beschleunigung zentral. Ohne Einwirkung einer Kraft behält ein sich geradlinig bewegender Gegenstand seine Geschwindigkeit aufgrund der Trägheit bei, während eine Kraft einen Gegenstand negativ oder positiv beschleunigt, also die Geschwindigkeit und/oder die Richtung verändert.
Noch schwerer ist das Konzept der Gegenkraft (actio = reactio) zu verstehen. Dass auch nicht-magnetische Körper sich gegenseitig anziehen, müssen wir nicht wissen, um angemessen in der Umwelt zu navigieren. Ebenso wenig müssen wir wissen, dass wir uns im Auto aufgrund des Trägheitsprinzips anschnallen müssen. Das Alltagskonzept von »nach vorn geschleudert werden« reicht aus, um uns zu überzeugen. Aber fälschlicherweise impliziert »geschleudert werden« das Einwirken einer Kraft. Kraft ist ein theoretisches Konstrukt, und die Mechanismen der Anziehung sind bisher nicht aufgeklärt. Aber mit der Annahme von Kraft und Gegenkraft kann man alle physikalischen Vorgänge der Welt exakt vorhersagen.
Warum sind solche abstrakten Konzepte so schwer zu verstehen? Oder andersherum: Warum sind andere Konzepte wie zum Beispiel »Lebewesen«, obwohl sie einen ebenso hohen Allgemeinheitsgrad haben, einfacher zu verstehen? Letztere können auf konkrete, sinnlich wahrnehmbare Ereignisse reduziert werden, wie z. B. meinen Hund Bello. Eine solche Reduktion auf eine Basiseinheit ist bei Begriffen wie Kraft, Trägheit oder Energie nicht möglich, da sie bereits die unterste Ebene, also die Letzterklärungen bilden. Sie können nicht mit einer Bedeutung versehen werden, indem sie auf konkrete Einheiten heruntergebrochen werden.
Das ist gerade auch in der Mathematik der Fall. Während man die Grundrechenarten mit natürlichen Zahlen noch auf konkrete Situationen (hinzufügen, wegnehmen, vermehren, aufteilen) reduzieren kann, wird bei Operationen mit rationalen Zahlen der Bezug zur realen Welt mühsamer. Zwar kann man Brüche als Teil eines Ganzen verstehen, aber spätestens wenn es um die Multiplikation oder Division mit nicht-natürlichen Zahlen geht, stösst man an Grenzen. Dass nicht jede Multiplikation zu einer Vergrößerung und jede Division zu einer Verkleinerung einer Menge führt, zeigt sich bei Zahlen <1. Negative Zahlen kann man noch als Schulden verstehen, aber dass die Multiplikation zweier negativer Zahlen eine positive Zahl ergibt, lässt sich nur noch schwer in realen Situationen abbilden. Versuche, dies mit dem Weggeben von Schuldscheinen zu veranschaulichen, helfen bestenfalls partiell, da sie bei Division bzw. Dezimal- und Bruchzahlen nicht mehr stimmig sind.
Innermathematische Erklärungen sind sehr viel konsistenter, wenn auch abstrakter. So lässt sich beispielsweise mit dem Distributivgesetz zeigen, dass es keine Alternative gibt zur Annahme, dass das Ergebnis der Multiplikation zweier negativer Zahlen eine positive Zahl sein muss. Auch dass man durch 0 nicht teilen darf, lässt sich nicht aus der Veranschaulichung von Handlungen ableiten. Versteht man teilen als das Zerkleinern von Einheiten, sollte die Einheit erhalten werden, wenn 0-mal geteilt wird. 6 : 0 sollte also 6 ergeben, was aber der inversen Beziehung zwischen Multiplikation und Division widersprechen würde, da 6 × 0 nicht 6, sondern 0 ergibt.
An anderer Stelle (Stern, 1998) wurde ausgiebig diskutiert, wie man schon in der Grund- und Primarschule durch einseitige Fokussierung auf eine lebensweltliche Veranschaulichung Barrieren aufbaut, die ein genuin mathematisches Verständnis erschweren. Insbesondere mathematische Textaufgaben zur Multiplikation und zur Division in der Grund- bzw. Primarschule können den Grundstein für ein erweitertes Verständnis legen, wie es für Bruch- und Prozentrechnung, spätestens aber für Algebra benötigt wird.
2.4.6 Intelligentes Wissen als der Schlüssel zum Können: Der Erwerb von Kompetenzen
Wie aber erwirbt man abstraktes und wissenschaftlich konformes Begriffswissen? Hierbei ist oft nicht das fehlende, sondern das bestehende Wissen ein Problem. Was spricht dagegen, die Sonne als ein mächtiges Lebewesen zu sehen, das uns Erdenbewohnern in regelmäßigen Abständen Licht schenkt? Wer einen Strudel im Fluss oder abfließendes Wasser in der Badewanne beobachtet hat, kann sich durchaus vorstellen, dass das Wasser saugt. Wenn in Wasser eingetauchte Gegenstände untergehen, wird dies konsequenterweise damit erklärt, dass das Wasser sie nach unten saugt. Wer gesehen hat, wie der Wind – von Kindern mit Luft gleichgesetzt – Gegenstände aufwirbelt, wird die Tatsache, dass manche Gegenstände nicht im Wasser untergehen, damit erklären, dass die Luft sie nach oben zieht.
Eine Erklärung dafür, dass vom Physikunterricht so wenig hängen bleibt, ist die, dass die Schülerinnen und Schüler bereits lange, bevor das Fach in der Schule gelehrt wird, sich viele Gedanken über Begriffe wie Energie, Arbeit oder Geschwindigkeit gemacht haben. Ihre eigenen Vorstellungen und Konzepte sind dann so stabil, dass für die Feinheiten, die die Physiklehrperson zu vermitteln versucht, in ihrem Wissensnetz kein Platz mehr ist (Carey, 2000). Nur wenn eine sogenannte konzeptuelle Umstrukturierung erfolgt, können die Schülerinnen und Schüler die physikalische Definition einer Maschine verstehen. Also erst, wenn bisher als zentral angesehene Merkmale (z. B. »Eine Maschine besteht aus Stahl.«) als peripher eingestuft werden, dafür aber das Verrichten von Arbeit im physikalischen Sinne als definitorisches Merkmal betrachtet wird, kann ein wissenschaftlich adäquates Begriffsnetzwerk aufgebaut werden.
Während sich bei manchen Konzepten, wie z. B. beim Gewicht, der Wandel ganz nebenbei vollzieht, bedarf es bei vielen anderen Konzepten der professionellen Instruktion. Welche Lernformen die Schülerinnen und Schüler beim Erwerb von tragfähigem konzeptuellem Wissen besonders effektiv unterstützen können, wird im Kapitel 4.8 (
Kap. 4.8) behandelt.
Um Menschen beim Lernen zu unterstützen, müssen Lernziele formuliert werden, die die anzustrebenden Kompetenzen explizit machen (z. B. Hattie, 2009). Welche Kompetenzen sollen aber die Lernenden beherrschen? In dem Modell in Abbildung 1 (
Abb. 1) sind Kompetenzen als kognitive Prozesse bezeichnet. Sie beziehen sich auf die unten eingeführte und erläuterte Lernzieltaxonomie PUT (
Kap. 3.3.2) und können Lehrpersonen helfen, Prüfungs- und Lernaufgaben zu formulieren. Die Lernzieltaxonomie hat eine hierarchische Struktur: Man kann nur verstehen, was man erinnern kann, und nur analysieren, was man anwenden kann usw.
Ein grobes Missverständnis wäre es aber zu meinen, dass man im Unterricht die kognitiven Prozesse nacheinander abarbeiten müsste: Erst Fakten lernen, dann die Beziehung zwischen den Fakten verstehen, danach Anwendung usw. Im Unterricht geht es darum, prozedurales und deklaratives Wissen aufzubauen, um die in Abbildung 1 (
Abb. 1) aufgelisteten kognitiven Prozesse zu ermöglichen. Dabei darf man sich den Aufbau von Wissen jedoch nicht wie das Besteigen einer Treppe oder einer Leiter vorstellen, sondern eher als einen nicht kontinuierlich verlaufenden Prozess der Optimierung von Netzwerken aus deklarativem und prozeduralem Wissen.
Wissen kann durch unterschiedliche Aktivitäten entstehen. Ein Merksatz oder eine Definition kann zum Aufbau, zur Erweiterung oder zur Umstrukturierung eines Konzeptes führen. Allerdings kann nicht erwartet werden, dass diese Art des Lernens ausreicht, um das Begriffswissen zur Bewältigung neuer Anforderungen heranzuziehen. Der Erwerb einer flexiblen Wissensbasis, in der die Bündelung von Faktenwissen, prozeduralisierten Handlungen und Konzepten integriert ist, wird durch die Bewältigung von Anforderungen erworben. Kern der professionellen Expertise von Lehrpersonen ist die angemessene Auswahl von Aufgaben und Aufträgen sowie ein angemessener Unterrichtseinstieg, der die Schülerinnen und Schüler dazu motiviert, sich mit dem Thema zu befassen. Sie sollen wissen, was auf sie zukommt.
2.5 Wer lernt leichter? Intelligenzunterschiede und ihre Auswirkungen auf die Konstruktion und die Nutzung von Wissen
Menschen mit vergleichbaren schulischen und außerschulischen Lerngelegenheiten können sich beträchtlich im Lernerfolg unterscheiden. Ein Teil dieser Unterschiede lässt sich auf Begabungsunterschiede zurückführen, die sich seit ungefähr 100 Jahren mit Intelligenztests messen lassen. An dieser Stelle wird eine kurze Einführung in die Intelligenzforschung gegeben, welche sich an ausführlichere Darstellungen anlehnt (Neubauer & Stern, 2007; Stern & Neubauer, 2013; 2015; 2019).
2.5.1 Die wichtigsten Befunde der Intelligenzforschung in Bezug auf das schulische Lernen
Intelligenztests enthalten sprachliche, mathematisch-rechnerische oder figural-räumliche Aufgaben, aus denen sich der Intelligenzquotient (IQ) errechnen lässt. Dieser folgt einer Normalverteilung (Gausschen Glockenkurve), das heißt, die meisten Menschen haben mittlere Ausprägungen (ca. 70 % liegen im Bereich von 85 bis 115 um den mittleren IQ von 100), während in den Extrembereichen sehr hoher (über IQ 130) oder sehr niedriger Intelligenz (unter 70) nur jeweils 2 % der Menschen anzutreffen sind. Der IQ ist keine absolute Grösse wie z. B. Masse oder Länge, sondern er beschreibt die Abweichung einer Person von der mittleren Testleistung einer Population. Wissenschaftler sind sich inzwischen einig, dass die Effizienz der im vorangegangenen Kapitel beschriebenen Arbeitsgedächtnisfunktionen Intelligenzunterschiede gut erklären kann.
Die Frage nach den genetischen Ursachen von Intelligenzunterschieden wird unter Experten nicht länger kontrovers diskutiert, führt aber in der Öffentlichkeit immer noch zu Missverständnissen, die sich vor allem bei der Interpretation von Prozentangaben zeigen. Wie ist der Satz »Intelligenz ist zu 50 bis 80 % erblich« zu verstehen? Erblichkeitsschätzungen beziehen sich nie auf die Intelligenz eines Individuums, sondern immer auf Unterschiede innerhalb einer Gruppe. Der statistische Fachausdruck hierfür ist »Varianz«, und in diese Größe geht – vereinfacht gesprochen – die Abweichung jeder einzelnen Person vom Durchschnittswert ein. Wissenschaftlich korrekt muss es heißen »Intelligenzunterschiede sind zu 50 bis 80 % erblich.«
Aber wie lässt sich die große Spanne von 50 bis 80 % rechtfertigen? Erblichkeitsschätzungen basieren auf Zwillingsstudien. Gemeinsam aufgewachsene eineiige, also genetisch identische Zwillinge zeigen eine sehr hohe Übereinstimmung im IQ. Einen Rückschluss auf den Einfluss der Gene lässt das aber noch nicht zu, weil Zwillinge von der Befruchtung bis ins Erwachsenenleben hinein einer Vielzahl von Umwelteinflüssen gemeinsam ausgesetzt sind: Uterus, Elternhaus, Ernährung, Freundeskreis, Kita oder Schule zählen dazu.
Gemeinsamen Umwelteinflüssen sind aber auch zweieiige Zwillingspaare ausgesetzt, insbesondere gleichgeschlechtliche. Ihr genetischer Code ist nicht identisch, sondern weist eine mit »normalen« Geschwistern vergleichbare Übereinstimmung auf. Hätten Gene keinerlei Einfluss auf das Zustandekommen von Intelligenzunterschieden, sollten sich zweieiige Zwillingspaare genauso stark ähneln wie eineiige. Das ist aber ganz klar nicht der Fall, wie alle Studien zeigen. Zudem ist die Übereinstimmung im IQ bei zweieiigen Zwillingspaaren kaum höher als bei »normalen« Geschwisterpaaren, obwohl diese aufgrund ihrer Altersdifferenz größere Unterschiede in der Umwelt aufweisen.
Angesichts dieser Befundlage müssen wir uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, alle Menschen ließen sich zu geistigen Überfliegern machen. Statistische Analysen, in denen – grob gesagt – die Übereinstimmung bei eineiigen Zwillingspaaren mit jener bei zweieiigen in Beziehung gesetzt wird, lassen derzeit folgenden Schluss zu: In entwickelten Ländern mit allgemeiner Schulpflicht sind mindestens 50 % der Intelligenzunterschiede auf Variationen in den Genen zurückzuführen. Warum »mindestens«? Und was hat der Schulbesuch mit der Intelligenz zu tun, wenn diese doch in die Gene geschrieben ist?
Zunächst zu Letzterem: Intelligenz wird als das Potenzial einer Person verstanden, sich die mündliche und schriftliche Sprache sowie den Umgang mit mathematischen und anderen Symbolsystemen der jeweiligen Kultur anzueignen und dieses Wissen für schlussfolgerndes Denken zu nutzen. Die genetischen Voraussetzungen, die alle Menschen – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – dafür mitbringen, können sich aber nur bei entsprechender familiärer und schulischer Förderung entfalten. So wie eine Pflanze nur an einem guten Standort und bei ausreichender Bewässerung und Düngung jene Größe erreicht, die ihre Gene vorsehen.
Hier kommen wir zu einem scheinbar paradoxen Schluss, der das »mindestens« erklärt: Dass nicht sogar 100 % der Intelligenzunterschiede auf genetische Variation zurückzuführen sind, liegt im Wesentlichen an der ungleichen Verteilung von Bildungschancen in allen Ländern der Welt. In einer Gesellschaft, in der alle Kinder von Anfang an die für ihre geistige Entwicklung optimale familiäre und schulische Unterstützung vorfänden, könnte jedes die in seinen Genen angelegte Intelligenz erreichen. Die Anzahl richtiger Antworten im IQ-Test würde bei allen ansteigen, die Unterschiede aber würden bestehen bleiben oder sogar noch zunehmen, weil einige Gene erst unter optimalen Bedingungen wirksam würden. Weil wir aber von einer solchen Bildungsgerechtigkeit weit entfernt sind, gilt: Erreicht ein rundum gefördertes Akademikerkind »nur« einen durchschnittlichen IQ, ist davon auszugehen, dass seine Gene nicht mehr hergeben. Wird hingegen bei einem Kind aus bildungsfernem Hause derselbe Wert gemessen, ist anzunehmen, dass es sein genetisches Potenzial nicht optimal in Intelligenz umsetzen konnte und unter besseren Bedingungen einen höheren IQ erzielt hätte. Dass Erblichkeitsschätzungen zwischen 50 und 80 % schwanken können, liegt also nicht daran, dass die Psychologie eine weiche Wissenschaft ist, die zu keinen genaueren Aussagen in der Lage ist, sondern es liegt an den großen Unterschieden in den Umweltbedingungen, denen verschiedene Gruppen von Menschen ausgesetzt sind.
Intelligenzunterschiede wirken sich auf die Geschwindigkeit und die Tiefe des Lernens im akademischen Bereich aus. Je intelligenter ein Mensch ist, umso effizienter und schneller kann er Information in Form von Symbolen repräsentieren, auf dieser Grundlage neue Schlussfolgerungen ziehen und damit in abstrakte Wissensgebiete eindringen. Es gibt Wissensgebiete (z. B. Differentialrechnung), die sich weniger intelligente Menschen nicht in einem vertretbaren Zeitraum aneignen können und die deshalb separierte Lerngelegenheiten erfordern. Solange jedoch Lernziele verfolgt werden, die von allen Schülern erreicht werden sollen (z. B. lesen und schreiben können, Bruch- und Prozentrechnung verstehen), ist eine Separierung nicht zwingend, da bislang keine qualitativen Unterschiede in den Lernwegen mehr oder weniger intelligenter Schüler gefunden werden konnten. Intelligenzunterschiede zeigen sich vor allem in der Lerngeschwindigkeit, der Verarbeitungstiefe und einer geringeren Anzahl von Fehlern. Die Art der Fehler und Missverständnisse sind jedoch nicht prinzipiell anders. Die Vorstellung von unterschiedlichen Lerntypen oder Lernstilen ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu rechtfertigen (dazu auch Felten & Stern, 2012). Solange es sich um Stoff der schulischen Allgemeinbildung handelt, sollte man zwar den unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten Rechnung tragen, aber es müssen keine prinzipiell unterschiedlichen Übungen und Erklärungen angeboten werden. Innere Differenzierung, Individualisierung und jahrgangsübergreifender Unterricht könnten demnach eine aus Sicht der Intelligenzforschung sinnvolle Alternative zu einem früh einsetzenden mehrgliedrigen Schulsystem darstellen.
Hinweise auf die Intelligenz eines Menschen gibt es zwar schon ab der frühen Kindheit, aber wirklich aussagekräftig sind Intelligenzmessungen frühestens ab dem Alter von etwa zehn Jahren. Seriöse Experten für Hochbegabung stellen deshalb keine Diagnose vor dem zehnten Lebensjahr. Das betont der Marburger Hochbegabtenforscher Detlef Rost, der in einer großen Längsschnittstudie die Lern- und Berufswege von Schülern mit einem IQ über 130 verfolgt hat. In seinen Studien konnte er mit vielen Vorurteilen aufräumen, u. a., dass Hochbegabte besonders anfällig für psychische Störungen seien. Eher ist das Gegenteil der Fall (Rost, 2009). Intelligente Menschen haben in vieler Hinsicht Vorteile: Sie lernen nicht nur schneller und können ein Thema tiefer durchdringen, sondern sie zeichnen sich auch durch eine bessere Gesundheit und ein längeres Leben aus (Deary, 2004).
Wichtige Botschaften aus der Intelligenzforschung für die Bildung sind: Interindividuelle Unterschiede im Lernpotenzial sind gegeben, und diese Unterschiede werden im Laufe der Schulzeit nicht geringer. Intelligente Menschen nutzen die ihnen gebotenen Lerngelegenheiten meist effizienter und können so ihren Vorsprung ausbauen. Dessen ungeachtet gilt aber, dass in vielen Gebieten ein Weniger an Intelligenz durch ein Mehr an Lernen im Sinne der Wissenskonstruktion ausgeglichen werden kann. Der Grund hierfür ist, dass durch Chunking und Prozeduralisierung Wissensstrukturen aufgebaut sind, für deren Aktivierung nur wenig Arbeitsspeicherkapazität benötigt wird. Auch wenn die Einzelheiten noch ungeklärt sind, ist es in der Intelligenzforschung unbestritten, dass das Arbeitsgedächtnis die kognitionswissenschaftliche Grundlage der Intelligenz ist. Lösungszeit und Lösungsrate von einfachen Aufgaben, in denen Ziele gewechselt werden müssen, wie in Abbildung 5 dargestellt, korrelieren hoch mit Intelligenz.
2.5.2 Intelligenz und Arbeitsgedächtnisfunktionen

Abb. 5: Mögliche Aufgaben aus Intelligenztests
In Abbildung 5 sind drei Aufgaben – eine sprachliche, eine numerische und eine räumlich-visuelle – aufgeführt, wie sie in Intelligenztests zu finden sind. Oberflächlich unterscheiden sie sich, aber gemeinsam ist ihnen, dass aus bekanntem Material neue Schlüsse gezogen werden müssen. Schlussfolgerndes Denken, also die Generierung neuen Wissens durch Induktion oder Deduktion aus bestehendem Wissen, ist der Kern menschlicher Intelligenz. Es stellt hohe Anforderungen an das Arbeitsgedächtnis: Die gesamte Information muss zunächst gespeichert werden, die einzelnen Elemente müssen miteinander verglichen und irrelevante Aspekte deaktiviert werden. Parallel dazu müssen Lösungen generiert und auf ihre Richtigkeit geprüft werden. So sind »Analogien finden« typische Intelligenzaufgaben. Es wird ein Wortpaar vorgegeben, zwischen dem eine Beziehung besteht: »Wald : Baum«. Diese Beziehung soll auf ein anderes Wortpaar übertragen werden, wobei ein Wort bereits vorgegeben wurde: »Wiese«. Man hat die Auswahl zwischen »Gras, Heu, Futter, Grün, Weide«. Die gemeinsame Farbe von Wald, Bäume und Wiese ist zweifellos »grün«, die Wahl wäre aber falsch, da es nicht um die Gemeinsamkeit der drei Wörter geht, sondern um die Gemeinsamkeit der Beziehung zwischen zwei Wortpaaren. Das erfordert eine zusätzliche Abstraktionsstufe. »Wiese« steht zu drei weiteren Begriffen in enger Beziehung, nämlich als Futterquelle für Wiederkäuer, die auf der Wiese weiden oder das Gras in getrocknetem Zustand fressen können.
Solche Überlegungen gehen aber in die falsche Richtung, da sie nichts mit der Beziehung zwischen Wald und Bäumen zu tun haben. Intelligente Menschen würden deshalb zunächst darüber nachdenken, was genau die Beziehung zwischen Wald und Bäume ausmacht. Zu sagen, dass im Wald Bäume stehen, wäre zu ungenau. Im Wald können auch Pilze sein, so wie auf einer Wiese Heu liegen kann. Entscheidend ist, dass Wald durch die Existenz von Bäumen definiert ist, so wie die Wiese durch die Existenz von Gräsern. Die Herausforderung bei der Lösung dieser Aufgabe ist also einerseits die Hemmung von naheliegenden Assoziationen mit »Wiese« und andererseits die Aktivierung der abstrakten Beziehung »definiert durch«.
Die Leistungen in oberflächlich sehr unterschiedlichen Intelligenzaufgaben korrelieren bedeutsam miteinander, d. h., es macht keinen großen Unterschied, ob schlussfolgerndes Denken auf numerischer, sprachlicher oder räumlich-visueller Basis erfasst wird. Bereits vor mehr als 100 Jahren hat Charles Spearman mithilfe von faktorenanalytischen Verfahren die statistische Gemeinsamkeit unterschiedlicher Intelligenzaufgaben erfasst, das sogenannte »positive Manifold«, indem er den g-Faktor bestimmte – die generelle kognitive Leistungsfähigkeit. Der g-Faktor ist also ein Maß für die gemeinsame Variation in der Leistung von vielen Personen über verschiedene kognitive Leistungsbereiche hinweg. Bedeutsame Fortschritte wurden in den letzten Jahren in der Verortung von Intelligenz im Drei-Speicher-Modell der menschlichen Informationsverarbeitung gemacht: Das Arbeitsgedächtnis, also die Instanz, die zwischen der in das Ultrakurzzeitgedächtnis eingehenden Information und dem im Langzeitgedächtnis gespeicherten Wissen vermittelt, ist am Zustandekommen von zielgerichtetem Handeln und von schlussfolgerndem Denken entscheidend beteiligt. Um komplexe Anforderungen, welche aus Ober- und Unterzielen bestehen, bewältigen zu können, muss das Arbeitsgedächtnis eines Menschen gleichzeitig vier Funktionen erfüllen. Diese sind: Eingehende Information verfügbar halten, bestehendes Wissen aus dem Langzeitgedächtnis aktivieren, vom Ziel ablenkende Information hemmen und Zielwechsel einleiten. Die Leistung in Aufgaben, welche diese Funktionen erfassen, korrelieren substantiell mit der Leistung in Intelligenztests. Obwohl es zu kurz gegriffen wäre, Intelligenzunterschiede vollständig auf Unterschiede in Arbeitsgedächtnisfunktionen zurückzuführen, haben letztere einen entscheidenden Einfluss auf die Lern- und Denkfähigkeit von Menschen.
Anforderungen, die sich beim Lösen von Intelligenzaufgaben zeigen, stellen sich auch beim schulischen Lernen: Wird ein Text gelesen, muss man immer die übergeordnete Fragestellung präsent haben, sonst verliert man den roten Faden. Beim Lösen einer mathematischen Textaufgabe muss man von den konkreten Situationen abstrahieren und die Beziehungen zwischen den genannten Größen modellieren. Naturwissenschaftliche Kompetenzen zeigen sich in der Bildung abstrakter Konzepte, die man auf oberflächlich sehr unterschiedliche Anforderungen anwenden kann. So ist beispielsweise die Gemeinsamkeit einer Batterie und einem Stausee die Speicherung von Energie. Zudem zeigen sich naturwissenschaftliche Kompetenzen in der Abwägung von Evidenzen: Was spricht für und was spricht gegen eine bestimmte Erklärung? Welche Variablen müssen bei einem konklusiven Experiment variiert und welche konstant gehalten werden? Auch hier geht es darum, Information zu halten, zu vergleichen, zu deaktivieren und immer wieder zu überprüfen, ob man auf dem richtigen Weg ist. Gleiches gilt für Fremdsprachenkompetenzen. Man lernt Grammatikregeln und Vokabeln zunächst separat und muss beides beim Lesen oder mündlichen Kommunizieren integrieren. Gleichzeitig muss man Einwürfe der sehr dominanten Erstsprache abwehren, die falsche Freunde vorschickt, wie z. B. »When will I become my Schnitzel?«.
In Intelligenztestaufgaben werden sozusagen im Reagenzglas geistige Fähigkeiten erfasst, die unter natürlichen Bedingungen zum Tragen kommen, auch wenn sie unter den komplexen Lernbedingungen an Schule und Universität nur selten isoliert betrachtet werden können. Werte in Intelligenztests und in akademischen Leistungstests, wie sie in der Schule und an Universitäten durchgeführt werden, korrelieren substantiell miteinander, wobei standardisierte Tests höhere Zusammenhänge ergeben als Noten. Menschen mit hoher Intelligenz haben über das akademische Lernen hinaus Vorteile bei der Bewältigung von Anforderungen. Sie sind beruflich erfolgreicher, gesünder und weniger vulnerabel im Umgang mit Lebenskrisen, auch weil sie Risiken besser abschätzen können. Dass Intelligenzunterschiede ihre Ursachen in Genvariationen haben, lässt sich aus Zwillingsuntersuchungen ableiten und ist unter Wissenschaftlern unbestritten. Bei der Intelligenz handelt es sich um ein polygenetisch vererbtes Merkmal mit großer Reaktionsnorm, deshalb kommen Umweltfaktoren bei der Entwicklung des Intelligenzpotenzials und der Intelligenzunterschiede eine große Bedeutung zu. In einer Gesellschaft, die allen Mitgliedern optimale Bedingungen zur Intelligenzentwicklung bietet, sind 100 % der Unterschiede in dem Merkmal auf Genvariationen zurückzuführen.
Obwohl Intelligenzmessung zu den seriösen wissenschaftlichen Errungenschaften der Psychologie gehört, fällt es vielen Menschen – auch einigen wissenschaftlich ausgebildeten Psychologen – schwer, die daraus entstandenen Erkenntnisse anzuerkennen. Dabei gleichen sich die Abwehrstrategien: Man sucht nach Konstrukten und Eigenschaften, die für schulischen Erfolg und beruflichen Erfolg mindestens so wichtig oder sogar wichtiger sind. Das ist natürlich legitim und zeugt von gutem wissenschaftlichem Diskurs.
So hat man in sehr vielen wissenschaftlichen Studien zur Erklärung von Leistungsunterschieden in einem bestimmten Inhaltsgebiet die überragende Rolle von Vorwissen gefunden. Eine weniger intelligente Person mit besserem Vorwissen wird mit großer Wahrscheinlichkeit bessere Leistung erbringen als eine Person mit umgekehrtem Profil. Das wurde z. B. für Gebiete wie Fußball und Schach gezeigt, welche zwar anspruchsvoll, aber nicht so abstrakt sind, dass nur weit überdurchschnittlich intelligente Menschen sich einarbeiten können. Das Forschungsdesign kann man jedoch nicht einfach auf beliebig andere Gebiete übertragen: Einen nur leicht überdurchschnittlich intelligenten theoretischen Physiker wird man nicht finden. Wenn es darum geht, Neues zu lernen oder bestehendes Wissen auf neue Gebiete anzuwenden, werden intelligentere Menschen verglichen mit weniger intelligenten Vorteile haben. Die Ergebnisse zur Bedeutung des Vorwissens stellen keineswegs die Bedeutung der Intelligenz in Frage. Sie machen aber deutlich, dass Intelligenz ihre Wirkung nur über den Erwerb und die Nutzung von Wissen entfalten kann.
2.5.3 Intelligenz und Motivation: Zwei unterschiedliche Konstrukte, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen
Weite Verbreitung – gern mit Genugtuung gepaart – finden auch Ergebnisse, welche zeigen, dass motivationale Variablen Leistungsunterschiede besser erklären können als Intelligenz. Insbesondere die Psychologin Angela Duckworth wurde bekannt für ihre Arbeiten zur Bedeutung von Leidenschaft und Ausdauer. Ohne diese und vergleichbare Ergebnisse in Frage stellen zu wollen, muss der Geltungsbereich der Befunde klarer kommuniziert werden. An den in Philadelphia durchgeführten Studien nahmen überdurchschnittlich intelligente Schülerinnen und Schüler teil, d. h., die eingeschränkte Varianz reduzierte die Korrelation zwischen Intelligenz auf die Schulleistung. Hinzu kommt, dass als Schulleistung mathematische Kompetenzen in der Sekundarstufe wie Bruch- und Prozentrechnung erfasst wurden. Diese Inhalte sind für die untersuchte Gruppe nicht übermäßig anspruchsvoll, weshalb auch leicht überdurchschnittlich intelligente Schülerinnen und Schüler, die besonders fleißig üben, mit weniger fleißigen, aber intelligenteren Schülerinnen und Schülern gleichziehen können. Daraus darf jedoch nicht abgeleitet werden, dass durch Fleiß und Durchhaltevermögen jede geistige Hürde unabhängig von der Intelligenz genommen werden kann. Sobald es um sehr anspruchsvolle Inhaltsbereiche mit komplex interagierenden abstrakten Konzepten geht, machen sich Intelligenzunterschiede gerade auch im oberen Bereich bemerkbar.
In einer extrem selektiven Längsschnittstudie mit Höchstbegabten (z. B. Lubinsky & Benbow, 2006) zeigten sich immer noch Unterschiede im beruflichen Erfolg: Das oberste Viertel in dieser extrem selegierten Gruppe (1 : 10.000) war besser aufgestellt als das unterste. Auch in der hoch, wenn auch nicht ganz so hoch selegierten Gruppe von Studierenden in Physik, Mathematik und Maschinenbau an der als anspruchsvoll geltenden ETH Zürich zeigte sich ein Einfluss der Intelligenz auf Prüfungsergebnisse in Mathematik nach dem ersten Studienjahr (Berkowitz & Stern, 2018). Etwa ein Viertel der Gruppe kann als hochbegabt (IQ>130) gelten und kaum ein Student hatte einen IQ unter 120. Die Botschaft aus beiden Studien ist: Auch in einer selegierten Gruppe mit eingeschränkter Varianz in der Intelligenz kann diese noch Leistungsunterschiede in sehr anspruchsvollen Inhaltsgebieten erklären.
Mit der Betonung dieser Ergebnisse soll keineswegs die Bedeutung von Motivation und Durchhaltevermögen in Frage gestellt werden. Anspruchsvolle Inhaltsbereiche können sich auch sehr intelligente Menschen nicht nebenbei aneignen. Diszipliniertes Arbeiten, das mit dem Verzicht auf manche kurzfristigen Anreize einhergeht, ist unabdingbar. Nur gilt eben nicht, dass man mit einer starken Motivation und großem Durchhaltevermögen alles erreichen kann – unabhängig von der Intelligenz. Man sollte niemandem mit einem durchschnittlichen IQ ein Physik- oder Mathematikstudium empfehlen – egal wie motiviert diese Person ist. Idealerweise sollten alle Menschen vor Ausbildungs- und Berufswahlentscheidungen wissen, welches Maß an Anstrengungsbereitschaft und Intelligenz für das Erreichen der Ziele erforderlich ist.
Tatsächlich ist es nicht sinnvoll und auch wissenschaftlich nicht haltbar, Motivation und Intelligenz als miteinander konkurrierende Einflussfaktoren zu betrachten. Es handelt sich um unterschiedliche Konstrukte, die Unterschiedliches zum Zustandekommen von Leistung beitragen. Während es sich bei Intelligenz um ein stabiles und situationsunabhängiges Persönlichkeitsmerkmal handelt, ist Motivation als situationsbedingter Zustand zu verstehen, der durch äußere Bedingungen formbar ist. Die bekannte Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation, also ob man etwas der Sache oder der Konsequenzen wegen macht, charakterisiert eher die Enden eines Kontinuums als zwei distinkte dauerhafte Zustände. Selbst wenn man eine Sache um ihrer selbst willen macht (z. B. eine Doktorarbeit schreiben), ist dies zeitweilig mit Aktivitäten verbunden, die wenig motivierend sind. Sich dennoch »aufzuraffen« ist eine Kompetenz, die man erwerben kann und zu der sowohl Eltern als auch Lehrer beitragen können.
Nach der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (2000) lassen sich Menschen in Situationen motivieren, in denen Kompetenzerleben, Autonomie und soziale Einbindung ermöglicht werden. Gelingt es Lehrerinnen und Lehrern, diese Aspekte bei der Gestaltung von Lerngelegenheiten zu berücksichtigen, steigt die Anstrengungsbereitschaft auch bei jenen Schülerinnen und Schülern, die sich nicht übermäßig für das Thema begeistern.
Ein fatales Missverständnis mancher Lehrpersonen ist, dass ihre Schülerinnen und Schüler nur Lernbereitschaft zeigen, wenn sie bereits mit hoher intrinsischer Motivation in den Unterricht kommen. Tatsächlich können Lehrer durch schlechten Unterricht Schülerinnen und Schüler mit positiven Erwartungen und intakter Lernbereitschaft vergraulen, aber mit gutem Unterricht können sie auch unmotivierte Schülerinnen und Schüler zum Lernen bewegen.
Die Botschaft ist also: Anders als Intelligenz ist Motivation kein überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal, sondern bezeichnet die auch kurzfristig beeinflussbare Handlungs- und Anstrengungsbereitschaft. Motiviert ist man nicht per se, sondern immer auf ein Ziel bezogen. Der Satz »Dieser Mensch ist überdurchschnittlich intelligent.« ist auch ohne einen weiteren Kontextbezug sinnvoll; der Satz »Dieser Mensch ist überdurchschnittlich motiviert.« hingegen nicht. Motivation und Anstrengungsbereitschaft steuern unsere Ziele, unsere Entscheidungen und unser Verhalten, und es gilt: Jede Entscheidung für etwas ist eine Entscheidung gegen etwas anderes. Hört man in einem Vortrag zu oder checkt das Smartphone unter dem Tisch? Das hängt davon ab, ob man aus dem Vortrag im Sinne der Selbstbestimmungstheorie Gewinn ziehen kann. Natürlich spielt dabei auch die Qualität des Vortrages und die Rhetorik eine Rolle, aber entscheidend sind die kognitiven Voraussetzungen des Zuhörers. Knüpft der Inhalt des Vortrags (oder des Textes) an das bestehende Wissen an und wird dieses erweitert oder korrigiert?
Hier machen sich Intelligenzunterschiede bemerkbar: Intelligentere Menschen verfügen aufgrund ihrer effizienteren Informationsverarbeitung über mehr und besser vernetztes Wissen als weniger intelligente Menschen. Deshalb wird Wissen auch als die Intelligenz des Alters bezeichnet (Ackerman, 2017). Und selbst wenn sehr intelligente Menschen kein detailliertes Wissen in einem Gebiet haben, können sie aufgrund ihrer besseren Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken auch Beziehungen zwischen Inhaltsgebieten herstellen, die auf den ersten Blick nicht zusammenhängen.
Wenn es Menschen nicht gelingt, eingehende Information auf sinnvolle Weise an ihr bestehendes Wissen anzuknüpfen (sei es wegen fehlendem Vorwissen oder mangelnder Intelligenz), dann werden sie nicht die nötige Motivation aufbringen und aufrechterhalten. Sie erleben weder Kompetenzzuwachs noch Autonomie und fühlen sich fremd in dem Lernkontext – um auch an dieser Stelle wieder die Selbstbestimmungstheorie heranzuziehen. Um Menschen solche Erfahrungen zu ersparen, ist es empfehlenswert, bei Berufs- und Ausbildungswahl im Zweifelsfalle die eigenen Fähigkeiten stärker zu gewichten als das Interesse (Neubauer, 2018).
Es liegen inzwischen viele groß angelegte Schulstudien vor, in denen erklärt werden soll, warum Schülerinnen und Schüler sich im Lerngewinn unterscheiden. Wenn ein Mindeststandard an Unterrichtsqualität in allen Klassen sichergestellt ist, findet sich sehr konsistent, dass individuelle kognitive Voraussetzungen wie Intelligenz und Vorwissen die Unterschiede im Lerngewinn besser erklären können als die zwischen den Schulklassen zu beobachtenden Variationen in der Unterrichtsqualität. Mit anderen Worten, auch bei sehr guter Unterrichtsqualität wird ein Schüler mit ungünstigen Voraussetzungen nicht mehr dazulernen als ein Schüler mit günstigen Voraussetzungen bei nicht ganz so guter Unterrichtsqualität. Die Unterrichtsqualität bestimmt, wie gewinnbringend das Potential Intelligenz in den Erwerb inhaltsspezifischer Kompetenzen investiert werden kann. Lehrer haben ihren Job gut gemacht, wenn alle Schülerinnen und Schüler dazulernen, aber die Leistung nach dem Unterricht höher mit Intelligenz korreliert als die Leistung vor dem Unterricht.
2.6 »Hirnforschung« und »Lernfenster«: Kaum relevant für schulisches Lehren und Lernen!
Zum Schluss dieses Kapitels gehen wir noch auf zwei weit verbreitete Mythen ein, die das schulische Lernen betreffen – und die Lehrpersonen oft unnötig unter Druck setzen: die Rolle der Hirnforschung und die Auffassung von sogenannten altersspezifischen »Lernfenstern«.
Wer Lernen erforscht, weiß, dass das Gehirn des Menschen das wichtigste Körperteil ist. Ein körperlich behinderter Mensch ist in seiner motorischen Lernfähigkeit eingeschränkt, aber keineswegs zwangsläufig beim Erwerb geistiger Inhalte, sofern ihm Hilfsmittel bei der Beschaffung und Nutzung von Lernmaterial zur Verfügung stehen. Sind hingegen Hirnfunktionen beeinträchtigt, bestehen – wenn überhaupt – nur noch eingeschränkte Möglichkeiten, die von der Umgebung angebotenen Lerngelegenheiten zu nutzen.
Aber obwohl unsere Lernfähigkeit von der Funktionsweise des Gehirns abhängt, ist es nicht das neurobiologische Wissen über das Gehirn, welches zum professionellen Handlungswissen der Lehrpersonen gehört. In welchem Ausmaß die Amygdala, der Hippocampus oder die Großhirnrinde an den Lernprozessen beteiligt sind, ist für die Gestaltung schulischer Lerngelegenheiten völlig irrelevant (ganz davon abgesehen, dass die Erkenntnisse der Neurobiologie in diesem Bereich noch sehr rudimentär sind). Die in diesem Kapitel eingeführten wissenschaftlichen Konstrukte wie Arbeitsgedächtnis,prozedurales Wissen oder konzeptuelles Wissen haben natürlich ihre Korrelate im Gehirn – auch wenn wir sie nur rudimentär kennen. Aber ihre wissenschaftliche Rechtfertigung erhält die Unterscheidung zwischen prozeduralem, konzeptuellem und deklarativem Wissen eben nicht durch ihre hirnphysiologischen Grundlagen, sondern durch die Tatsache, dass sie durch unterschiedliche Lernwege erworben werden. Nicht die physiologischen Grundlagen machen einen Begriff oder eine Erklärung aus der Lernforschung »wissenschaftlich«, sondern seine kausale Wirksamkeit in Vorhersagen. An anderer Stelle (Stern, 2005; Stern, Schumacher & Grabner, 2005; Stern, Schumacher & Grabner, 2015) wird erörtert, dass es zwar erstrebenswert ist, die neurophysiologischen Grundlagen des Lernens besser zu verstehen, dass diese jedoch den kognitionspsychologischen Zugang nicht ersetzen können.
Und noch ein abschließendes Wort zur Bedeutung des Alters der Lernenden. Das menschliche Gehirn unterliegt von der Geburt (und schon früher) bis zum Tod ständigen Veränderungen. Insbesondere in der Kindheit und im Jugendalter führen Entwicklungs- und Reifungsprozesse zu Veränderungen im Frontalhirn, die die Arbeitsgedächtnisfunktionen und damit das Lernen beeinflussen. Wenn Kinder oder Jugendliche Schwierigkeiten beim Lernen haben, kann dies auf fehlendes Vorwissen oder auf noch nicht ausgereifte Frontalhirnfunktionen zurückgeführt werden oder aber mit fehlendem Wissen erklärt werden (Erinnerung: Kinder sind universelle Novizen).
Beide Erklärungen schließen sich nicht aus. Auch im Erwachsenenalter können unbefriedigende Lernergebnisse (z. B. wenn es um das Erinnern von Namen bekannter Personen geht) mit einer altersbedingten Beeinträchtigung von Gehirnfunktionen (inklusive Krankheiten wie Alzheimer) oder mit fehlendem bzw. interferierendem Wissen erklärt werden. Letztere Erklärung greift vor allem bei dem allseits bekannten Namensphänomen: Dass wir uns mit zunehmendem Alter die Namen neu hinzukommender Personen immer schlechter merken können, kann daran liegen, dass wir sie mit bereits bekannten Personen verwechseln. Bestehendes Wissen kann sich auch negativ auf das Lernen auswirken.
Mit diesem kurzen Exkurs soll noch einmal die Erklärungskraft von Wissen für zukünftiges Lernen verdeutlicht werden, selbst wenn andere Erklärungen hinzukommen können. Es gibt beim Lernen keine »besonders günstigen Zeitfenster«, vielmehr ist für die wirksame Planung von Lerngelegenheiten und für die effiziente Rückmeldung an die Lernenden jeden Alters entscheidend, dass sich Lehrerinnen und Lehrer ein möglichst adäquates Bild vom (Vor-)Wissen der Schülerinnen und Schüler machen können.
2.7 Zusammenfassung und Bezüge zur Unterrichtspraxis
• Ob und wie die Schülerinnen und Schüler gelernt haben, ist für Lehrpersonen (ebenso wenig wie für Forschende) nicht direkt beobachtbar, sondern muss aus der Bearbeitung von Aufgaben oder den Beiträgen in Klassen- bzw. Gruppengesprächen (der Performanz) erschlossen werden. Nur auf Grundlage dieses Wissens können Lehrpersonen nachvollziehen, was sich in den Köpfen ihrer Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts abspielt – sei es nun, dass das Lernen erfolgreich verläuft, sei es aber auch, dass es (zumindest teilweise) scheitert.
• Umso wichtiger ist es für Lehrpersonen zu wissen, wie das menschliche Lernen funktioniert und in welchen Formen das Wissen in unserem Gedächtnis gespeichert wird. Es ist deshalb unabdingbar, dass die in der Psychologie und den Kognitionswissenschaften entwickelten Konstrukte zum menschlichen Lernen zum selbstverständlichen geistigen Handwerkzeug von Lehrpersonen werden.
• Bei der Vermittlung anspruchsvoller Inhalte müssen die folgenden Aspekte bei der Festlegung der Lernziele (
Kap. 3) wie auch bei der Methodenwahl (
Kap. 3 und
Kap. 4) zwingend berücksichtigt werden:
– Neues Wissen entsteht, wenn Schülerinnen und Schüler neue Informationen mit ihrem bestehenden Vorwissen verbinden.
– Nur wenn dieses Vorwissen ausreichend vorhanden und verfügbar ist, kann ein anspruchsvoller Lernprozess erfolgreich sein.
– Der Vorgang, bei dem neue Informationen mit dem bestehenden Vorwissen verbunden wird, muss von jeder Schülerin und jedem Schüler selber aktiv vollzogen oder eben (re-) konstruiert werden. Von der Lehrperson erklärt, heißt also noch lange nicht gelernt!
– Das bestehende Vorwissen kann auch falsch, mangel- bzw. lückenhaft sein. Ist dies der Fall, ist es unabdingbar, falsche Vorstellungen im Unterricht zu thematisieren. Ansonsten unterrichtet man schlichtweg über die Köpfe der Schülerinnen und Schüler hinweg.
Ein Beispiel: Oft bestehen bei den Schülerinnen und Schülern aus früheren Lernphasen sogenannte Fehlkonzepte (misconceptions), die das Lernen erschweren oder gar verunmöglichen. Dabei genügt es nicht, anstelle dieser alten Begriffe einfach die neuen, »korrekten« einzuführen, sondern es bedarf eines Begriffswandels (conceptual change) (
Kap. 2.4.5).
– Je nach Vorwissen der Lerngruppe und je nach Wissensform, die durch den Unterricht vermittelt werden soll, bedarf es gezielter, professioneller Methoden.
– Chunking und Prozeduralisierung bedürfen intensiven und repetitiven Trainings.
– Der Aufbau von deklarativem Wissen kann bspw. gut durch Direkte Instruktion vermittelt werden, wenn diese mit interaktiven kognitiv aktivierenden Methoden kombiniert wird. Bei einem tiefen Verstehen von wissenschaftlichen Konzepten und insbesondere beim Begriffswandel sind oftmals durchdachte Formen des Kooperativen Lernens angezeigt oder aber Techniken, die die Schülerinnen und Schüler auf mannigfaltige Weise kognitiv aktivieren. Zu diesen Methoden zählen beispielsweise Selbsterklärungen, metakognitive Fragen oder die Kontrastierung von Konzepten (
Kap. 4.4), wie sie in Hofer et al. (2018) überprüft und in den Unterrichtseinheiten des MINT-Lernzentrums umgesetzt wurden (https://educ.ethz.ch/lernzentren/mint-lernzentrum.html).
– Soll das Ziel intelligentes Wissen sein (also ein flexibel handhabbares Begriffsnetzwerk zu einem komplexen Themengebiet), dann braucht es neben dem Faktor Zeit auch die Anwendung unterschiedlicher Methoden. Wer die Schule verlässt, sollte die sehr unterschiedlichen Lernerfahrungen erfolgreich absolviert haben. Er oder sie sollte längere Textstellen gelesen, Vorträge gehört und im Gespräch mit anderen Zusammenhänge erörtert haben. Es ist deshalb wichtig, dass Lehrpersonen alle Lernformen wirksam in ihren Klassen umsetzen können.
• Menschen unterscheiden sich nicht nur in ihrem Vorwissen, sondern auch in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit, die sehr gut mit Intelligenztests erfasst werden kann. Interindividuelle Unterschiede in der Intelligenz haben ihre Ursachen überwiegend in genetischen Unterschieden. Wie viele andere genetisch determinierte Merkmale kann sich die Intelligenz eines Individuums nur in einer hinreichend anregenden Umwelt, wie sie die Schule idealerweise bietet, entfalten. Eine kurzfristige und gezielte Förderung der Intelligenz durch Eltern und Lehrpersonen ist jedoch nicht möglich. Lehrerinnen und Lehrer haben hingegen einen direkten Einfluss auf die Investition der Intelligenz in Wissen.
3 Die lang-, mittel- und kurzfristige Planung schulischer Lerngelegenheiten
Peter Greutmann, Sarah Hofer und Lennart Schalk
3.1 Einleitung
Zentrale Merkmale von gutem Unterricht sind eine klare Strukturierung und eine transparente Leistungserwartung (Meyer 2004; Holzberger & Kunter 2016). Schülerinnen und Schüler müssen wissen, was von ihnen in Leistungskontrollen fachlich erwartet wird, damit sie ihr eigenes Lernen einschätzen und langfristig organisieren können.
Damit die Lehrperson sich selber über die Sachstruktur wie auch über die beurteilungsrelevanten Lernziele im Klaren ist und diese im Sinne der beiden oben genannten Qualitätsmerkmale den Schülerinnen und Schülern frühzeitig kommunizieren kann, ist eine umfassende Planung des Unterrichtes unabdingbar. Es handelt sich somit um eine Kernkompetenz, die – im Sinne des Angebot-Nutzungs-Modells – einen wichtigen Teil von Lehrerprofessionalität ausmacht. Denn nur so ist gewährleistet, dass der anspruchsvolle Weg zum Wissensaufbau (
Kap. 2) erfolgreich beschritten werden kann.
Dies gilt einerseits für die langfristige Planung des Unterrichtes über ein Semester (Halbjahr) bzw. ein ganzes Schuljahr. Dies gilt aber insbesondere auch für die mittelfristige Planung einer thematisch in sich geschlossenen Unterrichtseinheit über mehrere Lektionen und ebenso für die kurzfristige Planung einer einzelnen Schulstunde. Erst wenn man als Lehrperson die Inhalte insgesamt überblickt, ist man auch in der Lage, den Schülerinnen und Schülern die Kohärenz zwischen den Themenblöcken aufzuzeigen und den Sinn des einzelnen Lehrstoffes im Ganzen zu verorten.
In diesem Kapitel wird daher der Fokus zunächst auf die langfristige Unterrichtsplanung gelegt. Es geht dabei aus Sicht der Lehrperson hauptsächlich um die Festlegung der inhaltlichen Themenbereiche, den zeitlichen Umfang der inhaltlichen Themenbereiche, die Gliederung der einzelnen Themenbereiche in Sequenzen und deren konkrete Verteilung auf die zur Verfügung stehenden Lektionen.
Ein durchdachter Semester- oder Jahresplan schafft nicht nur bei den Schülerinnen und Schülern Orientierung, sondern hilft auch der Lehrperson (und dabei vor allem Novizen im Lehrberuf), den anfallenden Arbeitsaufwand abzuschätzen. So wird die Arbeit besser planbar (
Kap. 8.5) und Stresssituationen während des laufenden Unterrichtes können präventiv vermieden werden (
Kap. 8.3) Oder wie es einmal ein Student in einer unserer Lehrveranstaltungen treffend formuliert hat:
»Ich persönlich habe [mit dem Erstellen eines Semesterplans] äußerst positive Erfahrungen gemacht. Zwar war der Aufwand zum Erstellen der Planung und der Dokumente im Vorfeld ziemlich groß (2–3 Tage), dafür lief der Unterricht während dem Rest des Semesters sehr entspannt.«
Im anschließenden Kapitel 3.2 (
Kap. 3.2) werden entsprechend die Grundzüge und das Vorgehen bei der langfristigen Planung von Unterricht dargestellt.
Im Kapitel 3.3 (
Kap. 3.3) nehmen wir dann die mittel- und kurzfristige Planung von Unterricht in den Fokus. Das heißt, die in der Langfristplanung definierten Themen und Teilthemen werden nun didaktisch aufbereitet, indem man zu ihnen konkrete Leitideen und Lernziele festlegt. Es ist also nicht mehr »nur« die Rede davon, was die Schülerinnen und Schüler wissen, sondern auch, was sie können sollen – wodurch sich direkt eine Kompetenzorientierung ergibt (
Kap. 2.4.6). Damit einher geht natürlich sofort auch die Frage, wie die Lehrperson überprüfen kann, ob die Schülerinnen und Schüler tatsächlich das können, was sie können sollen, und wie sie durch die Auswahl der geeigneten Instruktion zu diesem Können geführt werden.
3.2 Langfristige Planung von Unterricht: Einen Semesterplan erstellen
Wenn von langfristiger Unterrichtsplanung gesprochen wird, dann begegnet man in verschiedenen Kontexten verschiedenen Begriffen, die aber keineswegs klar voneinander unterschieden werden können: Curriculum,Lehrplan,Rahmenlehrplan, Semesterplan,Fachrichtlinien u. Ä. Somit wird es zunächst darum gehen, diese Begriffe kurz zu erläutern und zwei grundlegend unterschiedliche Konstruktionsprinzipien bei der Unterrichtsplanung zu explizieren: das analytische und das synthetische Vorgehen. Anschließend wird Schritt für Schritt dargelegt, wie ein Semesterplan entwickelt werden kann.
3.2.1 Terminologische Klärungen
Mit Curriculum wird primär die langfristige, fachliche Planung von Unterricht bezeichnet – wobei langfristig hier auch mehrere Jahre oder sogar einen ganzen (schulischen) Bildungsweg umfassen kann. In diesem Sinn wird der Begriff vor allem auf der (schul)politischen Ebene verwendet oder aber im Forschungskontext. Hier bedeutet er eine (fach)wissenschaftlich fundierte Anordnung von Themen über einen längeren Zeitraum im Hinblick auf ein bestimmtes Lernziel (Klauer & Leutner, 2007).
Sogenannte Rahmenlehrpläne sind das Bindeglied zwischen den bildungspolitischen Erwägungen und Zielen für ein Schulsystem und dessen konkreter Ausprägung. Rahmenlehrpläne legen relativ grob die Inhalte und Lernziele fest, die im Unterricht (oder durch eine bestimmte Schulstufe) vermittelt bzw. erreicht werden sollen. Sie sind meist sehr allgemein abgefasst und lassen so einen mehr oder weniger großen Spielraum für das Abfassen konkreter Lehrpläne.
Auf ein Fach bezogene Lehrpläne definieren schon relativ konkret, welche Fachinhalte in welcher Reihenfolge vermittelt werden sollen. Je nach den institutionellen Rahmenbedingungen haben solche Lehrpläne eine unterschiedliche Reichweite – sie können sich auf eine einzelne Schule oder eine ganze Schulstufe in einer schulpolitischen Einheit beziehen.
Auf der untersten Stufe sind die Fachrichtlinien anzusiedeln. In ihnen werden innerhalb einer Schule und innerhalb eines Faches Vereinbarungen zwischen den Lehrpersonen eines Fachkreises festgehalten. Solche Absprachen definieren konkrete Inhalte und Anforderungen zum Beispiel bei Prüfungen. Fachrichtlinien sind im Gegensatz zu Curricula, Rahmenlehrplänen und Lehrplänen in der Regel nicht öffentlich zugänglich.
Bei der Planung eines Semesters oder eines Schuljahres besteht nun die erste Aufgabe einer Lehrperson darin (sofern es den entsprechenden Spielraum bei der Unterrichtsgestaltung überhaupt gibt), aufgrund der aktuellen und gültigen Lehrpläne bzw. Fachrichtlinien einen auf die konkrete Unterrichtssituation adaptierten Semesterplan zu erstellen. Dabei spielen auch gesellschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle, auf die unten (
Kap. 3.2.2) eingegangen wird.
Wenn man als Lehrperson die Fachinhalte für eine längere thematische Einheit aufbereitet – z. B. Satzlehre im Deutschunterricht, Plattentektonik in der Geographie oder Evolutionstheorie in der Biologie –, dann stellt sich die Frage, in welcher Reihenfolge man die einzelnen Subthemen und Konzepte präsentieren will. Um zu verdeutlichen, welches Problem damit einhergeht, nehmen wir das Beispiel aus der Biologie. Angenommen, es soll eine Einführung in die Evolutionstheorie gegeben werden, wobei die folgenden Begriffe eingeführt werden sollen: Evolution – Fortpflanzung – Selektion – Mutation – Rekombination – DNA – Allele. Allein schon eine Reduktion des Themenkomplexes auf diese sieben Begriffe ergibt 5040 theoretisch mögliche Abfolgen (vgl. dazu Klauer & Leutner, 2007). Auch wenn von der Sachlogik her natürlich sehr viele Optionen gar nicht in Frage kommen, bleiben immer zahlreiche Möglichkeiten bestehen (vgl. dazu Koedinger, Booth & Klahr 2013), aus denen eine sinnvolle, kohärente Reihenfolge generiert werden kann.
Aus der Sicht der Curriculums-Konstruktion bieten sich nun zwei grundsätzlich unterschiedliche Herangehensweisen an:
a) Man vermittelt den Schülerinnen und Schülern zunächst die elementaren Begriffe auf der Mikroebene und fügt diese sukzessive zu einem Gesamtbild zusammen; dann spricht man vom synthetischen Vorgehen. Also beispielsweise zuerst DNA, Allele usw., dann Mutation und Rekombination und schließlich über die Fortpflanzung zum umfassenden Konzept der Evolution.
b) Man vermittelt den Schülerinnen und Schülern zunächst die Phänomene auf der Makroebene (Grundzüge der Evolutionstheorie) und zergliedert diese in die sie konstituierenden Elemente. Dieses Verfahren wird analytisches Vorgehen genannt.
Grundsätzlich sind beide Vorgehensweisen möglich, um ein Curriculum oder eben auch ein konkretes Semesterprogramm zu erstellen. Entscheidend ist, dass man sich bewusst ist, dass es diese beiden Vorgehensweisen gibt.
Natürlich wird es in der schulischen Praxis so sein, dass man kaum ein Thema rein synthetisch oder rein analytisch aufbaut. Vielmehr sind auch Mischformen adäquat, indem man zum Beispiel vom Gesamtphänomen ausgeht (im Beispiel Evolution), dann aber bei den Elementen beginnt und dabei immer wieder auf das Gesamtphänomen Bezug nimmt, um die Bedeutung der Elemente zu veranschaulichen.
3.2.2 Einen Semesterplan im eigenen Fach entwickeln
Bereits oben (
Kap. 3.1) wurde erwähnt, dass das umsichtige Erstellen eines Semesterprogramms ein wichtiger Faktor ist, um die Arbeits- und damit auch die psychische Belastung während eines laufenden Semesters präventiv zu reduzieren. Es gibt aber noch weitere Gründe, ausreichend Zeit in das Verfassen eines Semesterplan zu investieren.
Vier gute Gründe, warum ein Semesterprogramm Sinn macht
1. Beim Erstellen eines Semesterplans ist es unabdingbar, sich auf der Grundlage eines Lehrplans über die zu lehrenden Inhalte einen Überblick zu verschaffen. Gerade einer Novizin oder einem Novizen im Lehrberuf wird damit klar, ob allenfalls eine tiefere Beschäftigung mit den fachlichen Inhalten oder gar eine spezifische fachliche Weiterbildung nötig ist. Die an den Hochschulen erworbene Expertise ist nicht immer deckungsgleich mit den schulischen Lehrinhalten (auch nicht mit denen am Gymnasium). Sich dieses Sachverhaltes frühzeitig bewusst zu werden, schützt vor bösen Überraschungen während eines bereits laufenden Semesters. Man weiß frühzeitig, wie groß in etwa der Arbeitsaufwand für ein individuelles fachliches Update sein wird und kann auch abschätzen, welche Materialien man bereitstellen, beschaffen oder selber herstellen muss, um gut vorbereitet in die ersten Lektionen gehen zu können.
2. Eine Übersicht über die Unterrichtsinhalte ermöglicht es auch, alle Themen und Subthemen mengenmäßig auf ein Semester hin anzupassen. Gerade Neulinge haben die Tendenz, die Dauer eines Semesters und damit die vermittelbare Stoffmenge zu überschätzen. Ein realistisches Zeitbudget für die zu behandelnden Kernthemen verhindert, dass man nach zwei Dritteln der Zeit noch immer beim ersten von fünf Subthemen ist, weil man »mit dem Stoff nicht durchkommt« (wie es dann so schön heißt). Außerdem ermöglicht eine Übersicht, den roten Faden der Inhalte (im synthetischen oder analytischen Sinn,
Kap. 3.2.1) im Auge zu behalten und den Schülerinnen und Schülern immer wieder Orientierung im Lernprozess zu bieten.
3. Ein weiterer Vorteil einer vorgängigen Semesterplanung ist es, dass auf der Basis der institutionellen Rahmenbedingungen ein detaillierter Terminplan erstellt werden kann. Dies ist umso wichtiger, da gerade beim Einstieg in den Lehrberuf oft vergessen geht, wie viele Lektionen in einem Semester aufgrund unbeeinflussbarer Ereignisse ausfallen können. Es ist also unverzichtbar, aufgrund des eigenen Stundenplanes, den man in der Regel einige Wochen vor dem Beginn eines neuen Semesters bekommt, eine Agenda zu erstellen, die diese institutionellen und gesellschaftlichen Termine berücksichtigt.
4. Wenn einmal ein solcher Semesterplan vorliegt, ist es möglich, ihn bei einem Schulbesuch durch die Schulleitung oder die Aufsichtsbehörde als Visitenkarte vorzulegen. Er kann dann dazu dienen, die besuchende Person schnell und prägnant zu informieren, wo man gerade steht. Ein elaborierter und übersichtlich gestalteter Semesterplan zeugt von einer umsichtigen Unterrichtsplanung – sicher kein schlechtes Zeichen für die eigene professionelle Kompetenz.
Vorgehen beim Erarbeiten eines Semesterplans
Vor allem für Berufsanfängerinnen und -anfänger ist das Erstellen eines durchdachten Semesterplans relativ aufwändig. Daher empfiehlt es sich, frühzeitig mit dieser Arbeit zu beginnen, entweder bereits am Ende des noch laufenden oder aber in den unterrichtsfreien Wochen vor einem neu beginnenden Semester. Beim Vorgehen sind die folgenden Punkte zu beachten:
• Zunächst gilt es, sich den aktuellen und gültigen Lehrplan zu beschaffen, sei es bei den Fachkolleginnen und Fachkollegen, bei der Schulleitung oder aber im Internet, sofern der Lehrplan online zur Verfügung steht.
• Ausgehend vom Lehrplan werden die großen Themen aufgestellt, die in einem Semester (oder allenfalls in einem ganzen Schuljahr) behandelt werden sollen.
• Anschließend gilt es, diese Großthemen in Teilthemen aufzugliedern und die Teile in einer von der Sachlogik her sinnvollen, kohärenten Reihenfolge anzuordnen. Dabei ist im Auge zu behalten, welche Themen eher analytisch bzw. welche Themen eher synthetisch behandelt werden sollen (
Kap. 3.2.1).
• Anschließend sind die Teilthemen in den von der Schule vorgegebenen Stundenplan einzugliedern. Damit wird auch schnell klar, wie viele Lektionen für die einzelnen Themen bzw. Teilthemen aufgewendet werden können und ob allenfalls schon hier Ergänzungen bzw. Kürzungen notwenig sind.
• Entscheidend beim vorherigen Schritt ist auch, die gesellschaftlichen und schulischen Terminvorgaben zu beachten.
– Der wichtigste Termin ist dabei der Notenabgabetermin, also jenes Datum, an dem die Noten im eigenen Fach an die Schulleitung abzugeben sind. Ausgehend von diesem Termin können die Prüfungen in einem sinnvollen Rhythmus auf das Semester verteilt werden. Insbesondere der letzte Prüfungstermin sollte ausreichend lange vor dem Notenabgabetermin angesetzt werden, um unnötigen Termindruck für die Lehrperson und auch für die Schülerinnen und Schüler zu vermeiden. Ein weiterer Vorteil einer frühzeitigen Festlegung der Prüfungstermine ist es, dass man sie gleich zu Beginn des Semesters kommunizieren kann.
– Die unterrichtsfreie Zeit darf dabei nicht vergessen werden. Dazu gehören selbstverständlich die Ferien, aber auch nationale und lokale Feiertage.
– Auch die von der Institution Schule festgelegten Termine sind hier zu berücksichtigen. Aufgrund der entsprechenden Jahresagenda sind höchstwahrscheinlich weitere Unterrichtsausfälle aufgrund von Konferenzen, Sitzungen, Schulanlässen, Exkursionen usw. zu erwarten.
3.3 Mittel- und kurzfristige Planung von Unterricht
Nachdem der Unterricht langfristig mittels eines Semesterplans vorstrukturiert wurde, folgt die Aufgabe konkret festzulegen, wie genau ein spezifisches Thema im Unterricht dargestellt und vermittelt werden soll. Auch hierbei sind Lehrpläne natürlich wieder die leitende Vorgabe, an der sich der Unterricht orientiert. Als mittelfristig bezeichnen wir die sich typischerweise über mehrere Lektionen ziehende Planung, wie ein in sich (mehr oder weniger) geschlossenes Thema im Unterricht erarbeitet werden soll. Als kurzfristig bezeichnen wir die Planung einzelner Lektionen. Im Gegensatz zur langfristigen Planung erfordert die kurz- und mittelfristige Planung eine explizite Überlegung und Festlegung, mit welchen Unterrichtsmethoden (
Kap. 4) die in der Planung definierten Lernziele erreicht werden sollen, wie man den Lernprozess überwachen (
Kap. 5) und wie man die Erreichung der Lernziele überprüfen kann (
Kap. 5 und
Kap. 6).
Zur kurz- und mittelfristigen Unterrichtsplanung bietet sich die Nutzung einer Lernzieltaxonomie an. Lernzieltaxonomien beschreiben unterschiedliche Arten von Kompetenzen (z. B. »sich erinnern können« oder »etwas anwenden können«), die im Unterricht aufgebaut werden sollen und verbinden diese mit Inhalten. Im Folgenden werden wir exemplarisch einige bestehende Taxonomien vorstellen und davon ausgehend eine neue vorschlagen, die verschiedene Probleme bestehender Taxonomien umgeht und dabei gleichzeitig einfach und pragmatisch handhabbar ist.
Da uns keine vergleichenden empirischen Daten bezüglich der Effektivität der verschiedenen Taxonomien vorliegen, möchten wir Lehrende nicht auf eine Taxonomie festlegen – aber wir plädieren nachdrücklich dafür, die kurz- und mittelfristige Unterrichtsplanung mithilfe einer Taxonomie zu strukturieren. Bevor wir unsere pragmatische Unterrichtsplanungstaxonomie (PUT) vorstellen, bestimmen wir zunächst, was unter Leitideen und Lernzielen zu verstehen ist.
3.3.1 Leitideen und Lernziele
Wird der Unterricht für das nächste Thema und die damit verbundenen Lektionen geplant, sollte dies möglichst explizit gemacht werden. Häufig hört man den Einwurf: »Aber ich habe doch im Kopf, was ich in den nächsten Stunden unterrichten werde.« Praktisch zeigt sich jedoch häufig, dass man sich mit einer derartigen Einstellung selbst täuscht – schnell schleichen sich Unklarheiten ein. Diese können die Schülerinnen und Schüler verwirren, weil bspw. bestimmte Begrifflichkeiten genutzt werden, die noch gar nicht eingeführt wurden. Oder die Lehrperson macht ständig einschränkende Bemerkungen, dass die Schülerinnen und Schüler erst in einer der nächsten Lektionen bestimmte Dinge richtig verstehen werden.
Eine explizite Ausformulierung hingegen ermöglicht Orientierung für die Lehrperson und die Schülerinnen und Schüler. Wir plädieren dabei nicht dafür, jede Unterrichtsminute akribisch durchzustrukturieren. Aber es sollte genau festgelegt werden,
• welche Voraussetzungen notwendig sind, um die geplanten Unterrichtsinhalte zu verstehen, und
• mittels welcher Methoden die Inhalte erarbeitet und die Lernziele erreicht werden sollen.
Wenn dies geschehen ist, können auch Aufgaben entwickelt werden, um den realen Lernstand der Schülerinnen und Schüler zu diagnostizieren. Und solche Aufgaben ermöglichen es auch, den Lernfortschritt zu überwachen und, wenn notwendig, die Instruktion anzupassen.
Ein erster Schritt der kurz- und mittelfristigen Planung ist die Formulierung einer Leitidee, von der ausgehend spezifische Lernziele abgeleitet werden können. Eine Leitidee buchstabiert einen Grundgedanken aus. Bekannt sind Leitideen wohl am ehesten als übergeordnete Titel, die ganze Curricula oder längere Unterrichtssequenzen umschreiben. So gibt es bspw. im Lehrplan 21 der Schweiz die sehr umfassende Leitidee »Nachhaltige Entwicklung«; schaut man sich deutsche und schweizerische Lehrpläne für den Mathematikunterricht an, findet man u. a. die Leitidee »Messen«. Diese Leitideen fallen somit eher in den Bereich der langfristigen Unterrichtsplanung. Wir betonen jedoch, dass es gute Gründe gibt, auch die mittelfristige Planung mit der Formulierung einer Leitidee zu strukturieren.
Bei der mittelfristigen Planung steckt die Leitidee das Gebiet ab, womit sich die Schülerinnen und Schüler in den nächsten Lektionen beschäftigen werden. Dabei sollte auch explizit gemacht werden, weshalb das Thema für die Schülerinnen und Schüler relevant ist. Dementsprechend ist die Formulierung (meist) allgemein gehalten. Ein Beispiel: In den nächsten Lektionen geht es darum, Primarschülerinnen und -schülern ein grundlegendes Verständnis der Konzepte Dichte und Auftrieb zu vermitteln; sie verstehen, warum diese Begriffe wichtig sind, um zum Beispiel die Frage »Warum schwimmt ein großes Schiff aus Eisen?« beantworten zu können.
Die Leitidee kann aber auch deklarativ ausdrücken, was der Inhalt der nächsten Stunden ist und was von den Schülerinnen und Schülern erwartet wird – in der Mathematik etwa: »Die Schülerinnen und Schüler können Körper und räumliche Beziehungen darstellen.« Mithilfe einer solchen Leitidee lassen sich dann relativ einfach auch motivierende Unterrichtseinstiege finden, indem bspw. konkrete Anwendungen und Probleme skizziert werden, für deren Verständnis und Lösung über die folgenden Lektionen hinweg das relevante Wissen erarbeitet wird. Selbstverständlich ist es somit auch hilfreich, die Leitidee an die Schülerinnen und Schüler zu kommunizieren.
Anhand einer Leitidee lassen sich auch gut Verbindungen zu vorherigen Lerninhalten herstellen. Die Schülerinnen und Schüler können sich auf diese Weise besser im Unterricht orientieren und lernen, wie größere Themenkomplexe innerhalb eines Faches (oder auch über Fachgrenzen hinweg) in einem Zusammenhang stehen. Im besten Fall erkennen sie so den Sinn der einzelnen Schritte im gesamten Lernprozess.
Ausgehend von der Leitidee können spezifische Lernziele für einzelne Lektionen oder eine ganze Lektionsreihe konkret ausgearbeitet werden. Lernziele sind Aussagen, die eine Kompetenz der Schülerinnen und Schüler beschreiben, deren Erwerb im Unterricht unterstützt und erreicht werden soll. Lernziele stellen somit eine Verbindung her zwischen dem zu vermittelnden Stoff und dem Denken und Handeln der Schülerinnen und Schüler; sie bilden die Verbindung zwischen Angebot und Nutzung (
Kap. 1).
Die Formulierung der Lernziele hilft einer Lehrperson auch konkret festzulegen, welche Unterrichtsmethode angewendet werden sollte und mit welchen Aufgaben überprüft werden kann, ob die Lernziele erreicht wurden. Hat man etwa in einem Lernziel festgelegt, dass Schülerinnen und Schüler lediglich die Definition eines naturwissenschaftlichen Prinzips erinnern sollen, legt dies eine andere Unterrichtsmethodik nahe, als wenn Schülerinnen und Schüler zusätzlich in der Lage sein sollen, das Prinzip auf neue Probleme anwenden zu können.
Wie bei Leitideen ist es auch bei Lernzielen sinnvoll, diese den Schülerinnen und Schülern transparent zu machen. Das heißt nicht, dass man Lernziele, die unter Umständen sehr technisch formuliert wurden, genauso den Schülerinnen und Schülern zu kommunizieren hat. Sie sollten in einer Sprache präsentiert werden, mit der sie etwas anfangen können. Dann funktionieren die Lernziele als Strukturierungshilfe (bzw. advance organizer, Ausubel, 1960) für die Schülerinnen und Schüler. Sie wissen, was auf sie zukommt und was von ihnen erwartet wird – eine solche Orientierung wirkt sich positiv auf den Lernerfolg aus (Mayer, 1979; Seidel & Shavelson, 2007).
3.3.2 Lernzieltaxonomien für die Planung von Unterricht
In der wissenschaftlichen Literatur findet sich eine Vielzahl von Vorschlägen, wie Lernziele zu formulieren sind und wie sich diese Lernziele in tatsächliches Unterrichtshandeln übersetzen lassen. Sie alle betonen, dass Lernziele zu spezifizieren haben,
• welches Wissen im Unterricht entwickelt und erreicht werden sollte, und
• dass es unerlässlich ist, eine klare Passung (auf Englisch als Alignment bezeichnet) zwischen Lernzielen, konkreter Unterrichtsgestaltung und der Überprüfung der Lernziele herzustellen.
Im Folgenden werden wir zunächst kurz die wohl bekannteste Taxonomie und ihre revidierte Version vorstellen, um davon ausgehend eine eigene pragmatische Unterrichtsplanungstaxonomie einzuführen.
Die Bloom’sche Taxonomie
Der weit verbreitete und vielzitierte Klassiker unter den Lernzieltaxonomien für die Planung von Unterricht stammt von Bloom, Engelhart, Furst, Hill und Krathwohl (1956). Allgemein bekannt ist sie unter dem verkürzten Namen Bloom’sche Taxonomie. Diese Taxonomie umfasste in ihrer vollständigen Fassung nicht nur die kognitive, sondern auch die affektive Domäne. Übernommen wurde in die Praxis jedoch fast ausschließlich die Beschreibung der kognitiven Domäne. Ziel der folgenden Ausführungen ist es, in groben Zügen wiederzugeben, inwiefern die Bloom’sche Taxonomie bzw. ihre revidierte Fassung für die Unterrichtsplanung relevant ist.
In der kognitiven Domäne werden verschiedene Denkhandlungen spezifiziert. Dabei wird immer gefragt: Welche kognitive Leistung wird von den Schülerinnen und Schülern in Bezug auf einen bestimmten Inhalt erwartet? Die Bloom’sche Taxonomie definiert sechs grundlegende Kategorien für diese kognitive Domäne. Diese sind
• Wissen (knowledge)
• Verständnis (comprehension)
• Anwendung (application)
• Analyse (analysis)
• Synthese (synthesis) und
• Beurteilung (evaluation).
Diese sechs übergeordneten Kategorien wurden zudem in weitere Subkategorien aufgeteilt; so umfasst z. B. die Dimension Verstehen Translation, Interpretation und Extrapolation, wobei diese Subkategorien kaum in der Praxis verwendet werden und wir daher hier auch nicht weiter auf diese eingehen. Die sechs Hauptkategorien ordnen sich von einfach zu komplex und vom Konkreten zum Abstrakten (beginnend bei der Stufe Wissen hin zur Stufe Beurteilung). Dabei ist die Ordnung als kumulative Hierarchie zu verstehen: Die einfacheren Kategorien bilden die Voraussetzung für die kognitive Bewältigung von Lernzielen in den höheren Kategorien. Dies ist direkt einleuchtend. Die Beurteilung eines Sachverhalts oder eines Konzeptes ist nicht möglich, wenn man kein Wissen und Verständnis über den Sachverhalt oder das Konzept hat.
Die Kategorie des Wissens in der Bloom’schen Taxonomie umfasst tatsächlich verschiedene Arten von Wissen (z. B. Wissen über bestimmte Terminologien, Wissen über Prinzipien) sowie verschiedene kognitive Handlungsaspekte. Letztere spezifizieren, ob man das Wissen etwa in Aufgaben wiedererkennen oder ob man es spontan abrufen können sollte. Damit unterscheidet sich diese Kategorie von den anderen fünf Kategorien, in denen jeweils der kognitive Handlungsaspekt klar im Vordergrund steht. Trotzdem erscheinen alle sechs Kategorien gleichberechtigt in der Taxonomie. So wurde eine Eindimensionalität über die sechs Kategorien hinweg erreicht, obwohl die Kategorien eigentlich nicht direkt miteinander vergleichbar waren, da sie eben unterschiedlich umfassend sind. Diese Inkonsistenz war der hauptsächliche Grund, der zur Überarbeitung der Taxonomie führte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.