Kitabı oku: «Qualitative Medienforschung»
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Die Herausgeber:

Prof. Dr. Lothar Mikos lehrt im Studiengang Medienwissenschaft der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Er hatte Gastprofessuren in Aarhus, Barcelona, Glasgow, Göteborg, Klagenfurt, London und Tarragona. Er ist Vorsitzender des Kuratoriums der Deutschen Kindermedienstiftung Goldener Spatz. Er gründete die Television Studies Section der European Communication Research and Education Association (ECREA). Seine Arbeitsschwerpunkte: Fernsehen und Digitalisierung, Transnationale Medienkultur, Rezeptionstheorie und -forschung, Populärkultur, qualitative Methoden der Medienforschung, Film- und Fernsehanalyse, Film- und Fernsehtheorie, vergleichende Geschichte von Film und Fernsehen.

Seit 2007 lehrt Prof. Dr. Claudia Wegener in den Studiengängen Digitale Medienkultur und Medienwissenschaft an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Sie ist zweite Vorsitzende im Kuratorium des »Kinder- und Jugendfilmzentrums in Deutschland« (seit 2004) und Mitglied im Aufsichtsrat der Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH (seit 2010). Ihre Arbeitsschwerpunkte: digitale Medienkultur, Mediensozialisation, Kinder- und Jugendmedienkultur, Kommunikationstheorie, qualitative Medienforschung.
Lothar Mikos Claudia Wegener (Hg.)
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1. Auflage 2005
2. Auflage 2017
© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2017
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Einbandfoto: © Rashad Ashurov / Shutterstock.com
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UTB-Band Nr. 8314
ISBN 978-3-8463-8647-7 (Print)
ISBN 978-3-8463-8647-7 (EPUB)
Inhalt
Einleitung
1 Grundlagen qualitativer Medienforschung
Wissenschaftstheorie und das Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung UWE FLICK
Gütekriterien qualitativer Sozialforschung JO REICHERTZ
Kohärenz und Validität UWE FLICK
Forschungsethik und Datenschutz MATTHIAS RATH
Medien RALF VOLLBRECHT
2.1 Theoretischer Hintergrund qualitativer Medienforschung
Wissenssoziologische Verfahren der Bildinterpretation JO REICHERTZ
Kommunikative Gattungen ANGELA KEPPLER
Cultural Studies RAINER WINTER
Handlungstheorien FRIEDRICH KROTZ
Habitus und Lebensstil MICHAEL MEYEN
Medienhandeln und Medienerleben: Agency und »Doing Media« 112 SUSANNE EICHNER
Strukturanalytische Rezeptionsforschung KLAUS NEUMANN-BRAUN / ANJA PELTZER
Diskursanalyse RAINER DIAZ-BONE
2.2 Medienforschung – Alltagsforschung
Alltagshandeln mit Medien LOTHAR MIKOS
Der Domestizierungsansatz JUTTA RÖSER / KATHRIN FRIEDERIKE MÜLLER
Kommunikative Figurationen UWE HASEBRINK / ANDREAS HEPP
Medienökologie SONJA GANGUIN / UWE SANDER
Der medienbiographische Ansatz EKKEHARD SANDER / ANDREAS LANGE
Mediensozialisation in semiotischen Kontexten unserer disparaten Kultur BEN BACHMAIR
Konvergierende Medienumgebungen CORINNA PEIL / LOTHAR MIKOS
3 Forschungsdesign
Wie lege ich eine Studie an? CLAUDIA WEGENER / LOTHAR MIKOS
Das Babelsberger Modell LOTHAR MIKOS / ELIZABETH PROMMER
Medienproduktion (Production Studies) HANS-DIETER KÜBLER
Rezeptionsforschung ELIZABETH PROMMER
Inhaltsanalyse CLAUDIA WEGENER
Triangulation KLAUS PETER TREUMANN
Forschung mit Kindern und Jugendlichen INGRID PAUS-HASEBRINK
Kulturvergleichende Studien MIRIAM STEHLING
Einzelfallanalyse NINA BAUR / SIEGFRIED LAMNEK
4 Erhebungsmethoden
Qualitatives Interview SUSANNE KEUNEKE
Experteninterview DAGMAR HOFFMANN
Das narrative Interview in der Biographieforschung FRIEDERIKE TILEMANN
Qualitative Onlinebefragungen ULF-DANIEL EHLERS
Die mobile Onlinebefragung ANDREAS FAHR / VERONIKA KARNOWSKI
Gruppendiskussion BURKHARD SCHAFFER
Teilnehmende Beobachtung LOTHAR MIKOS
Medientagebücher YULIA YURTAEVA
Kinderzeichnungen als Erhebungsmethode NORBERT NEUSS
Szenisches Spiel FRIEDERIKE TILEMANN
Experiment VOLKER GEHRAU / HELENA BILANDZIC
Lautes Denken HELENA BILANDZIC
5 Aufzeichnung qualitativer Daten
Protokollierung ELIZABETH PROMMER
Transkribieren RUTH AYASS
Sequenzprotokoll HELMUT KORTE
Datenbeschreibung MAREIKE HUGGER / CLAUDIA WEGENER
Codierung ELIZABETH PROMMER / CHRISTINE LINKE
6 Auswertung
Konversationsanalyse RUTH AYASS
Dokumentarische Methode RALF BOHNSACK / ALEXANDER GEIMER
Diskursanalyse und Filmanalyse THOMAS WIEDEMANN
Onlinediskurs-Analyse STEFAN MEIER
Qualitative Inhaltsanalyse PHILIPP MAYRING / ALFRED HURST
Computerunterstützte Inhaltsanalyse UDO KUCKARTZ
Film- und Fernsehanalyse LOTHAR MIKOS
Videospielanalyse SUSANNE EICHNER
Analyse von Filmmusik und Musikvideos CLAUDIA BULLERJAHN
Videographie und Videoanalysen ANJA SCHÜNZEL / HUBERT KNOBLAUCH
Webformat-Analyse MARTINA SCHUEGRAF / ANNA JANSSEN
Netzwerkanalyse und Onlineforschung CHRISTIAN NUERNBERGK
Typenbildung FLORIAN REITH / UDO KELLE
Objektive Hermeneutik JÖRG HAGEDORN
Interpretative Ethnographie RAINER WINTER
Grounded Theory CLAUDIA LAMPERT
Heuristische Sozialforschung ISABEL SCHLOTE / CHRISTINE LINKE
Anhang
Autorinnen und Autoren
Allgemeine Bibliographie
Index
Einleitung
LOTHAR MIKOS/CLAUDIA WEGENER
Qualitative Medienforschung versteht sich als qualitative Sozialforschung, die sich über ihren Gegenstand, die Medien, definiert. Allerdings geht es nicht ausschließlich um die Medien, sondern um ihre Nutzung und Aneignung in der Lebenswelt und um die Rolle, die sie im Alltag der Menschen spielen. Denn: »Nicht das Medium ist die Message, sondern seine Rolle in der sozialen Anwendung« (Hienzsch/Prommer 2004, S. 148). Medien leisten einen wesentlichen Beitrag »zur gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit« (Peltzer/Keppler 2015, S. 14). Sie sind Teil der sozialen und kulturellen Praxis der Menschen. Qualitative Medienforschung folgt damit dem Anspruch, den Flick, von Kardorff und Steinke (2015, S. 14) generell für qualitative Forschung markiert haben: »Qualitative Forschung hat den Anspruch, Lebenswelten ›von innen heraus‹ aus der Sicht der handelnden Menschen zu beschreiben. Damit will sie zu einem besseren Verständnis sozialer Wirklichkeit(en) beitragen und auf Abläufe, Deutungsmuster und Strukturmerkmale aufmerksam machen.« Die Offenheit für die Erfahrungen der Menschen ist ein wesentliches Merkmal dieser Forschung. Das unterscheidet sie von der quantitativen Forschung, die auf generalisierbare Merkmale Wert legt und nicht in die Tiefenstruktur sozialer Wirklichkeit eindringt.
Qualitative und quantitative Medienforschung werden von uns jedoch nicht als Gegensätze begriffen, die sich ausschließen. Beide Verfahrensweisen haben ihre erkenntnistheoretischen und empirischen Möglichkeiten und Grenzen. Daher ergänzen sie sich (→ Flick, S. 18 ff.). Während die quantitative Forschung in der Lage ist, statistisch verwertbare Daten zu liefern, z. B. über den Medienkonsum in Form des Marktanteils von Fernsehen, Zeitungen oder Zeitschriften, kann die qualitative Forschung Auskunft über tieferliegende Motive und Strukturen der Mediennutzung liefern, da sie mit ihren Verfahren den Alltag und die Lebenswelt der Mediennutzer »von innen heraus« zu verstehen sucht. Sie hat ihren eigenen Stellenwert. Qualitative Forschung passt die Methoden ihren Fragestellungen und zu untersuchenden Gegenständen an. Bei ihr stehen nicht große Zahlen und Datenmengen im Mittelpunkt, sondern sie sieht ihre Aufgabe darin, kleinere Fallzahlen intensiv auszuwerten (→ Baur/Lamnek, S. 290 ff.). Die Reflexivität bezüglich der Methoden, der Subjektivität des Forschers, des Forschungsprozesses und der Darstellung der Ergebnisse zeichnet sie aus. Charakteristisch für die qualitative Medienforschung ist nicht nur ein häufig theoretisch interdisziplinärer Ansatz, sondern ebenso methodische Integration. Die Begrenztheit bzw. Reichweite ihres methodischen Ansatzes ist qualitativen Forschern bewusst, eine Kombination von quantitativen und qualitativen Verfahren schließen sie in ihren Untersuchungen von komplexen Kommunikations- und Medienphänomenen nur selten aus.
Die qualitative Medienforschung hat seit den 1980er Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Zwar werden qualitative Methoden der Datenerhebung und Datenauswertung in zahlreichen Studien, die sich mit der Nutzung und Aneignung von Medien befassen, eingesetzt, doch können sie weder in der traditionellen Publizistik- und Kommunikationswissenschaft noch in der sich weitgehend analytisch und theoretisch definierenden Medienwissenschaft als etabliert gelten. Ihr umfassender Einsatz findet eher in Disziplinen wie Erziehungswissenschaft, Psychologie, Sprachwissenschaft und Soziologie statt, die auf eine längere Tradition qualitativer Forschung zurückblicken können. Erst in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts haben sich einige Vertreter der Kommunikationswissenschaft mit qualitativen Methoden auseinandergesetzt (vgl. Averbeck-Lietz/Meyen 2016; Meyen/ Löblich/Pfaff-Rüdiger/Riesmeyer 2011).
Wie sinnvoll qualitative Verfahren in der Medienforschung sind, zeigt sich beispielsweise im Rahmen medienpädagogischer Forschung, die sich mit der Untersuchung kindlicher Mediennutzung beschäftigt (→ Paus-Hasebrink, S. 276 ff.). Hier kommt man mit standardisierten Untersuchungen nicht weit, methodische Kreativität ist gefordert. Eine wichtige Methode bei der Untersuchung von kindlichem Medienumgang und kindlicher Mediennutzung sind neben teilnehmender Beobachtung und verschiedenen Spielformen, in denen Themen aus den Medien, insbesondere dem Fernsehen, zum Gegenstand gemacht werden, vor allem Kinderzeichnungen (→ Neuß, S. 380 ff.). Wenn Kinder ihre Medienerlebnisse und -erinnerungen bildlich darstellen, haben Forscher manchmal Schwierigkeiten, sie auf den ersten Blick zu verstehen. Denn für die Kinder sind an den Bildern auch Dinge wichtig, die dem Auge des erwachsenen Betrachters ohne Erklärung verborgen bleiben. Ist einmal mithilfe der Kinder ein Zugang gefunden, lassen sich zahlreiche Hinweise auf den Medienalltag der Kinder, ihre häusliche Umgebung sowie die Strukturen der Familien, in denen die Kinder aufwachsen, finden.
Qualitativer Medienforschung geht es vor allem darum, das Medienverhalten und den Umgang mit Medien in seiner ganzen Komplexität zu erfassen oder, wie es Dieter Baacke und Hans-Dieter Kübler einmal formuliert haben, »die Ganzheit einer Kommunikationssituation ins Auge zu fassen«, denn: »Nicht die präzise Isolation von Variablen zur methodisch sauberen Erfassung ist das primäre Ziel dieses Ansatzes, sondern eine möglichst angemessene Annäherung an die Wirklichkeit« (Baacke/Kübler 1989, S. 5). Dazu dürfen keine künstlichen Laborwelten geschaffen werden, sondern die Forscher gehen in den Alltag der Menschen, um die dort vorhandenen Muster und Strukturen zu beschreiben, zu analysieren und zu erklären.
Qualitative Medienforschung ist nicht gleich qualitative Medienforschung. So unterscheiden sich in den entsprechenden Studien nicht nur der Bezug zu den Medien und die Methoden der Datenerhebung, die Arten der Datenaufzeichnung und die Strategien der Auswertung. Auch der Forschungskontext und die damit verbundene Absicht divergieren. Drei Arten können in diesem Sinne idealtypisch unterschieden werden:
Angewandte Medienforschung, die von zahlreichen Instituten im Auftrag von Fernsehsendern oder anderen Medieninstitutionen durchgeführt wird. Sie ist im Wesentlichen auf schnelle Verwertung angelegt, steht sie doch im Dienste der Programmplanung. Moderationsformen, Sendungskonzepte und Serien werden mit qualitativen Methoden getestet. Dabei bleibt selten Zeit, sich grundlegenderen Forschungsfragen zu widmen.
Grundlagenforschung, die sich im Wesentlichen auf grundsätzliche Fragen der Mediennutzung konzentriert und von Universitäten und Forschungseinrichtungen wie zum Beispiel dem Deutschen Jugendinstitut oder dem Hans-Bredow-Institut geleistet wird.
Angewandte medienpädagogische Forschung, die von einigen Instituten wie zum Beispiel dem Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF) in München sowie von einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Auftrag vor allem der Landesmedienanstalten durchgeführt wird. Daher konzentriert sich das Forschungsinteresse hier auf medienpädagogische Probleme und Fragen des Jugendschutzes.
In der Medienforschung haben qualitative Verfahren ihren eigenen Stellenwert, der sich nicht aus der Konkurrenz zur quantitativen Forschung ergibt, sondern aus den ihnen zugrunde liegenden Forschungsfragen und den je spezifischen Forschungsabsichten, die lebensweltliche Einbindung und sinnhafte Deutung zu entdecken versuchen. Und sie haben ihre eigenen Gesetze von Repräsentativität, die sich weniger an großen Fallzahlen orientieren als vielmehr an der Intensität des Forschungsprozesses und der Überprüfbarkeit der Ergebnisse. Qualitative Medienforschung erschöpft sich nicht allein in der Anwendung so genannter qualitativer Forschungsmethoden. Dahinter steht vielmehr eine grundsätzlich andere Haltung dem Forschungsprozess und den erforschten Menschen gegenüber. Denn es geht in erster Linie darum, das Medienhandeln der Menschen in alltäglichen Strukturen zu verstehen und seine Bedeutung in lebensweltlichen Zusammenhängen nachzuzeichnen (→ Sander/Lange, S. 183 ff.; → Eichner, S. 112 ff.; → Hasebrink/Hepp, S. 164 ff.; → Mikos, S. 146 ff.; → Röser/Müller, S. 156 ff.). Dazu gehört, dass man die Zuschauer, auch die kindlichen und jugendlichen Zuschauer, in ihrem alltäglichen Verhalten ernst nimmt und sich auf sie einlässt. Denn in der qualitativen Forschung können Ergebnisse nur gemeinsam mit den Untersuchten erzielt werden.
Qualitative Medien- und Kommunikationsforschung ist nicht der »Königsweg«. In Zeiten pluraler Lebenswelten kann es den auch nicht geben – sie bietet aber verschiedene Möglichkeiten und Wege, sich der Wirklichkeit gesellschaftlicher Kommunikationsverhältnisse und dem alltäglichen Medienumgang zu nähern. Qualitative Forschung ist grundsätzlich im Zusammenhang mit hermeneutischen und ethnographischen Verfahren (→ Hagedorn, S. 580 ff., → Winter, S. 588 ff.) sowie mit einem Selbstverständnis der Forscher zu sehen, die davon geleitet werden, den Gegenstand ihrer Forschung, die handelnden Subjekte in ihren alltäglichen Lebensäußerungen zu verstehen. Denn der Gegenstand der Forschung ist die subjektive Deutung von medialen Kommunikationsverhältnissen und kulturellen Praktiken, die in ihrem Sinn für die Zuschauer, Nutzer bzw. das Publikum sinnhaft zu verstehen sind. Da generalisierte Medien der Lebenswelt verhaftet bleiben und kulturelle Praktiken nur im Rahmen von Sozialwelten denkbar sind, muss sowohl der Kultur als auch der Alltagsund Lebenswelt der handelnden Subjekte in der qualitativen Medienforschung große Bedeutung beigemessen werden. Qualitative Forschung ist eine Form kommunikativer Praxis.
Die Geschichte qualitativer Medien- und Kommunikationsforschung in Deutschland zeigt, dass sie – sind diese Prämissen erfüllt – auch eine gewisse Bedeutung erlangt. Noch trifft das kaum auf die klassische Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zu, auch wenn sich dort im Jahr 2016 ein Netzwerk Qualitative Methoden gegründet hat. Größere Bedeutung hat sie in der medienpädagogischen Forschung, der sprachwissenschaftlichen und linguistischen Medienforschung sowie der wissenssoziologischen Medien- und Kulturforschung erlangt. Die Rezeption der so genannten »British Cultural Studies« in der Medienwissenschaft hat einen wesentlichen Beitrag zur qualitativen Wende der Medienforschung geliefert, da ethnographische Verfahren in den Cultural Studies eine wesentliche Rolle spielen. Zugleich gehen die Cultural Studies (→ Winter, S. 86 ff.) von einem theoretischen Selbstverständnis aus, das ähnlich wie in der Handlungs- bzw. Aktionsforschung Partei für die handelnden Subjekte ergreift. Arbeiten der Cultural Studies zielen darauf ab, die kulturellen und sozialen Praktiken der handelnden Subjekte nicht nur sinnhaft zu verstehen und deutend zu interpretieren, sondern diese Praktiken zugleich zu kontextualisieren, d.h. sie in den Zusammenhang von ökonomischen, sozialen, politischen und anderen Strukturen zu stellen. Grundlage ist dabei aber immer, dass es die Forschenden mit symbolischen Äußerungen und Handlungen der Subjekte zu tun haben, mit einem von den Subjekten selbstgesponnenen Bedeutungsgewebe, das es nicht zu entschlüsseln gilt, wie häufig fälschlich angenommen wird, sondern das es sinnhaft zu verstehen gilt. Der Anthropologe Clifford Geertz hat deshalb für den Prozess der ethnographischen Forschung gefordert, die Bedeutungsstrukturen, in die Menschen verstrickt sind, herauszuarbeiten und anschließend eine »dichte Beschreibung« dieser Strukturen zu liefern (Geertz 1987). Dabei geht es nicht allein darum, die beobachteten kulturellen und sozialen Praktiken in eine konsistente Interpretation und kohärente, ethnographische Erzählung (→ Winter, S. 588 ff.) zu verwandeln, sondern auch die Inkonsistenzen anzuerkennen. In seinem Grundlagenwerk zur interpretativen Soziologie, die viele Gemeinsamkeiten mit dem Projekt der Cultural Studies aufweist, hat Anthony Giddens (1984, S. 181; H. i. O.) auf diesen Aspekt besonders hingewiesen: »Was aber für Konsistenzen innerhalb von Bedeutungsrahmen gilt, trifft auch auf Inkonsistenzen und auf strittige oder umkämpfte Bedeutungen zu, d.h. diese müssen ebenfalls hermeneutisch verstanden werden.«
Gerade deshalb hat Lawrence Grossberg (1994) für die Cultural Studies auch gefordert, sich durch Theorien nicht den Blick auf die alltäglichen Praktiken der Subjekte verstellen zu lassen, sondern die alltäglichen Praktiken als Anregung für die Theorieentwicklung zu begreifen. Für die qualitative Medienforschung heißt dies, ihre Methoden dem Gegenstand anzupassen, offen für die Erfahrungen der untersuchten Menschen zu sein, um so Anregungen für die Theorieentwicklung zu erhalten und weitere empirische Forschungen zu generieren.
Das Ziel, kulturelle und soziale Praktiken zu verstehen, oder anders ausgedrückt: das Alltagsleben und die Sozialwelt in ihrem sinnhaften Aufbau für die handelnden Subjekte – und damit die verschiedenen Medienpublika – zu verstehen, bedeutet für die qualitative Forschung eine eigenständige Etablierung und einen gleichberechtigten Platz neben der quantitativen Forschung. Für die Medienforschung heißt dies insbesondere, dass qualitative Forschung nicht nur als methodisches Vorgehen, sondern als sozial- und kulturwissenschaftliches Verfahren der Erkenntnisgewinnung und als theoretisches Selbstverständnis einen besonderen Stellenwert erhält. Dies gilt umso mehr, als Medien und Medienprodukte ihre Bedeutung erst im alltäglichen Handeln und der sozialen und kulturellen Praxis der Menschen entfalten (→ Eichner, S. 112 ff.; → Ganguin/Sander, S. 175 ff.; → Hasebrink/ Hepp, S. 164 ff.; → Keppler, S. 77 ff.; → Krotz, S. 94 ff.; → Meyen, S. 104 ff.; → Mikos, S. 146 ff.; → Röser/Müller, S. 156 ff.).
Qualitative Medienforschung ist weitgehend mit qualitativer Rezeptionsforschung gleichgesetzt worden (→ Peltzer/Neumann-Braun, S. 122 ff., → Prommer, S. 249 ff.). Die Analyse der Produktion (→ Kübler, S. 237 ff.) sowie von Produkten, Texten und Diskursen erlebt in der Medienforschung zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen neuen Aufschwung. Das mag damit zusammenhängen, dass insbesondere die strukturalistische Variante der qualitativen Forschung ganz im Sinne quantitativer, aber auch qualitativer Inhaltsanalyse bemüht ist, einen manifesten oder latenten Sinn in medialen Produkten oder Texten ausfindig zu machen (→ Mayring/Hurst, S. 494 ff. und Wegener, S. 200 ff.). In der Folge poststrukturalistischer Debatten und als Konsequenz interaktionistischer Konzepte hat sich in Teilen der Medienwissenschaft und in den Cultural Studies ein anderer Textbegriff durchgesetzt, der davon ausgeht, dass Texte keine freizulegende Bedeutung haben, sondern dass sie erst im Rahmen sozialer und kultureller Diskurse Sinn machen. Daher bedarf die Medienanalyse auch der Erweiterung in eine Diskursanalyse (→ Diaz-Bone, S. 131 ff.).
Ein Problem ist dabei nach wie vor, dass es die Analyse von medialen und populärkulturellen Texten nicht nur mit diskursiven, sondern auch mit präsentativen Symbolen zu tun hat (→ Bullerjahn, S. 534 ff., Eichner, S. 524 ff., Korte, S. 432 ff.). Es gilt also nicht nur Sprache und Schrift zu analysieren (→ Ayaß, S. 421 ff.), sondern vor allem die Bilder in ihrem Zusammenspiel mit Tönen, Sound, Sprache, Schrift und Musik. Im Ansatz der »struktur-funktionalen Film- und Fernsehanalyse« wird dies miteinander verbunden (→ Mikos, S. 516 ff.). Im Mittelpunkt der Analyse steht nicht die Frage, welche Bedeutung der Inhalt von Filmen oder Fernsehsendungen hat, sondern in welcher Weise sich Inhalt, Narration und formale Gestaltung von medialen Produkten mit dem Wissen der Zuschauer und den sozialen und kulturellen Diskursen verbinden, um so audiovisuelle Produkte auch wirklich als Material symbolischer Kommunikation im Rahmen des Alltags und der Lebenswelt der als Zuschauer handelnden Subjekte sinnhaft verstehen zu können (vgl. Mikos 2015).
Patentrezepte und einfache Lösungen gibt es sicher nicht: Die qualitative Medien- und Kommunikationsforschung muss anhand ihrer Gegenstände ihr innovatives und kreatives Potenzial entfalten, um neue methodische Wege einzuschlagen. Dann kann sie ihre Ergebnisse verfeinern, weil sie noch näher am Alltag ist, ihre Untersuchungsobjekte noch ernster nimmt und mit ihnen in einen intensiven kommunikativen Prozess tritt. Qualitative Medienforschung richtet den genauen Blick auf die alltäglichen Bemühungen der Menschen, ihrem Leben einen Sinn zu geben – auch mit Medien. Darin liegt ihre große Stärke. Sie zeigt, wie das Leben wirklich ist. Und dieses Leben gehorcht keinen einfachen Wirkungsmechanismen. Es ist erheblich komplexer und widerständiger als mitunter angenommen wird. Die qualitative Medienforschung ist bemüht, diese Komplexität und Widerständigkeit zu beschreiben und zu erklären. Sie überzeugt durch Plausibilität, Reflexivität und Validität → Reichertz, S. 27 ff., → Flick, S. 36 ff.). Das macht ihre Ergebnisse nicht nur für den Diskurs der Medien- und Kommunikationswissenschaft attraktiv, sondern auch für Medienmacher und -Produzenten, denn in den Äußerungen von Zuschauern scheint alltägliche Medienkompetenz im Umgang mit Medienprodukten deutlicher hervor als in Angaben zu Marktanteilen.
Die zunehmende Bedeutung der qualitativen Medienforschung hängt auch mit den gesellschaftlichen Veränderungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts zusammen. Der für die Gesellschaft konstatierten Pluralisierung von Lebenswelten und Lebensstilen, die als Ausdruck der Individualisierung gesehen wird, entspricht die Aufsplitterung des Publikums in vielfältige Zielgruppen. Die Fernseh- und Kinoprogramme, die verschiedenen Zeitungs- und Zeitschriftentitel haben kein beliebiges Publikum mehr im Visier, sondern spezifische Zielgruppen. Mit der Digitalisierung haben diese Praktiken einen neuen Schub bekommen. Algorithmen passen die Inhalte an die Nutzungsmuster von Konsumenten an, und mit Big-Data-Analysen kann man deren Verhalten bis in kleinste Verästelungen aufspüren. Diese quantifizierenden Methoden können aber eins nicht, den subjektiven Sinn verstehen, den die Konsumenten ihrer Mediennutzung geben. Dazu bedarf es dann der qualitativen Forschung, denn deren besondere Stärke liegt darin, die Vielfältigkeit der Medien im Lebensalltag des einzelnen Rezipienten zu berücksichtigen, ihre je spezifische Bedeutung im Kontext von individuellem Umgang und Aneignung erfassen zu können und gleichzeitig auch Aspekte von Globalisierung sowie deren Sinndeutung im Medienalltag des Individuums nachzuzeichnen (→ Stehling S. 283 ff.).
Die qualitative Untersuchung von Medienprodukten sowie deren Verwendung im Alltag und der Lebenswelt der Menschen leistet einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis sozialer Wirklichkeit. Ihre Stärke liegt in ihrem offenen Charakter und ihrer Zielsetzung als eine »entdeckende Wissenschaft« (Flick/von Kardorff/Steinke 2015), die nicht theoretische Vorannahmen zu bestätigen sucht, sondern sich gerade von der Nähe zur sozialen und kulturellen Praxis der Menschen zu neuen theoretischen Einsichten inspirieren lässt.
Das Handbuch ist als fundierte Einführung gedacht, die nicht nur theoretische Grundlagen bietet und einen Einblick in die zentralen Anwendungsfelder qualitativer Medienforschung gibt, sondern darüber hinaus als detaillierte Anleitung zum qualitativen Forschen verstanden werden kann. Das kreative Potenzial qualitativer Methoden, sowohl in ihrer singulären Anwendung als auch im methodischen Verbund herauszustellen, dabei auch den Stellenwert neuer Medien im Forschungsund Auswertungsprozess aufzuzeigen und klassische Erhebungsmethoden ebenso wie innovative und außergewöhnliche Vorgehensweisen im qualitativen Forschungsprozess darzulegen, ist ein wesentliches Anliegen des Buches.
Es soll Forschenden und Studierenden verschiedener Disziplinen, die Medienforschung betreiben, ein Hilfsmittel sein, um Studien zu planen und die ihrem Gegenstand angemessenen Methoden zu finden. Es ist als Bestandsaufnahme, Überblick und Positionsbestimmung der qualitativen Medienforschung gedacht.
Das Handbuch gliedert sich in sieben Bereiche. Im ersten Teil werden die Grundlagen qualitativer Forschung dargestellt, von der wissenschaftstheoretischen Verortung über Gütekriterien und Kohärenz bis hin zum Begriff der Medien und Fragen der Forschungsethik und des Datenschutzes. Der zweite Bereich widmet sich den theoretischen Hintergründen der qualitativen Medienforschung, der noch einmal unterteilt ist: Im ersten Teil werden theoretische Ansätze vorgestellt, die für die qualitative Medienforschung wichtig sind; im zweiten Teil werden Aspekte der alltagsnahen Medienforschung dargestellt – von der Mediensozialisation bis hin zur Mediennutzung in konvergierenden Medienumgebungen. Der dritte Teil widmet sich der Konzeption, Planung und dem Design von qualitativen Medienforschungsprojekten und berücksichtigt dabei die klassischen Bereiche der Medienforschung ebenso wie einzelne spezifische Themenfelder. Im vierten Teil werden verschiedene Erhebungsmethoden beschrieben, die zahlreiche Möglichkeiten der Generierung von Aussagen darstellen. Der fünfte Teil stellt Verfahren zur Aufzeichnung und Dokumentation qualitativer Daten vor. Der sechste Teil setzt sich mit den verschiedenen Auswertungsmethoden auseinander. Im siebten Teil schließlich, dem Anhang, werden neben dem Autorenverzeichnis, einer allgemeinen Bibliographie, welche Bücher zur qualitativen Medien- und Sozialforschung enthält, auch Fachzeitschriften und Websites aufgelistet, die sich der qualitativen Forschung widmen. Ein umfangreiches Register erleichtert die Arbeit mit dem Handbuch. Verweise auf Beiträge innerhalb des Handbuchs sind mit Pfeilen gekennzeichnet.
Seit der ersten Auflage dieses Handbuchs sind zwölf Jahre vergangen, in denen sich die Medienlandschaft teilweise rasant gewandelt hat. Daher wurden in die Neuauflage zahlreiche neue Beiträge aufgenommen, die einerseits theoretische Entwicklungen reflektieren und andererseits auf neue methodische Herausforderungen eingehen, die auf Grund der Digitalisierung entstanden sind.
Die Zusammenstellung eines so umfangreichen Handbuchs braucht seine Zeit. Dank gilt allen Autorinnen und Autoren, besonders jenen, die ihre Beiträge frühzeitig lieferten und daher umso länger auf das Erscheinen warten mussten. Dank gilt auch allen Leserinnen und Lesern und den Kolleginnen und Kollegen, die uns nach der ersten Auflage mit Kommentaren aller Art erfreuten. Sie haben auch die neue Auflage ermöglicht. Für Korrekturen gebührt der Dank der Herausgeber Simone Neteler und Jessy Lee Noll, sowie Sonja Rothländer und Rüdiger Steiner, die das Projekt beim Verlag mit Geduld und Nachdruck betreuten.
Aarhus/Potsdam, im März 2017
Literatur
Averbeck-Lietz, Stefanie/Meyen, Michael (Hrsg.) (2016): Handbuch nicht standardisierte Methoden in der Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden.
Baacke, Dieter/Kübler, Hans-Dieter (1989): Zur Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Qualitative Medienforschung. Konzepte und Erprobungen. Tübingen, S. 1–6.
Flick, Uwe/Kardorff, Ernst von/Steinke, Ines (2015): Was ist qualitative Forschung? Einleitung und Überblick. In: Dies. (Hrsg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek (11. Auflage), S. 13–29.
Geertz, Clifford (1987): Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur. In: Ders.: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt, S. 7–43.
Giddens, Anthony (1984): Interpretative Soziologie. Eine kritische Einführung. Frankfurt.
Grossberg, Lawrence (1994): Cultural Studies. Was besagt ein Name? In: IKUS Lectures, 3, 17/18, S. 11–40.
Hienzsch, Ulrich/Prommer, Elizabeth (2004): Die Dean-Netroots: Die Organisation von interpersonaler Kommunikation durch das Web. In: Hasebrink, Uwe/Mikos, Lothar/Prommer, Elizabeth (Hrsg.): Mediennutzung in konvergierenden Medienumgebungen. München, S. 147–169.
Meyen, Michael/Löblich, Maria/Pfaff-Rüdiger, Senta/Riesmeyer, Claudia (2011): Qualitative Forschung in der Kommunikationswissenschaft. Eine praxisorientierte Einführung. Wiesbaden.
Mikos, Lothar (2015): Film- und Fernsehanalyse. Konstanz. (3. überarbeitete und aktualisierte Auflage).
Peltzer, Anja/Keppler, Angela (2015): Die soziologische Film- und Fernsehanalyse. Eine Einführung. Berlin/ Boston.
1 Grundlagen qualitativer Medienforschung
Wissenschaftstheorie und das Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung
UWE FLICK
In diesem Beitrag wird zunächst die wissenschaftstheoretische Grundlage qualitativer Forschung in den verschiedenen Varianten des sozialen bzw. radikalen Konstruktivismus verortet. Dabei soll deutlich werden, dass qualitative Forschung sich der Untersuchung von Wissensherstellung auf unterschiedlichen Ebenen widmet. Im zweiten Teil wird die aktuelle Diskussion um die Verbindung qualitativer und quantitativer Forschung vor diesem Hintergrund skizziert und beleuchtet.
Einleitung
Im Folgenden soll zunächst kurz auf die wissenschaftstheoretische Grundlage qualitativer Forschung eingegangen werden, die sich an verschiedenen Varianten des Konstruktivismus festmachen lässt. Im zweiten Teil wird die zunehmend an Aktualität gewinnende Verknüpfung qualitativer und quantitativer Forschung kurz behandelt werden. Die methodische Diskussion qualitativer Methoden stand lange Zeit im Zeichen der Kritik an quantifizierenden Methoden und Forschungsstrategien. Einerseits sind die Auseinandersetzungen um das jeweilige Wissenschaftsverständnis noch nicht beigelegt (vgl. Becker 1996). Andererseits hat sich auch in der Medienforschung in beiden Bereichen eine umfängliche Forschungspraxis entwickelt, die jeweils für sich steht, unabhängig davon, dass es gute und schlechte Forschung in beiden Bereichen gibt. Ein Zeichen dafür, dass qualitative Forschung unabhängig von quantitativer Forschung und von Grabenkämpfen gegen diese geworden ist, lässt sich auch darin sehen, dass etwa das Handbuch von Denzin und Lincoln (2000) ohne ein eigenes Kapitel über die Beziehungen zu quantitativer Forschung auskam und dass es kaum Bezüge dazu in seinem Stichwortverzeichnis gab. Jedoch gewinnt die Kombination beider Strategien eine Perspektive, die in unterschiedlicher Gestalt diskutiert und praktiziert wird, zunehmend an Reiz (vgl. etwa Tashakkori/Teddlie 2010; Flick 2011, 2017). Für eine solche Auseinandersetzung ist es jedoch hilfreich, kurz die wissenschaftstheoretischen Grundlagen qualitativer Forschung zu betrachten.
Wissenschaftstheoretische Grundlagen qualitativer Forschung
Qualitative Forschung ist in ihren unterschiedlichen Spielarten verschiedenen Leitfragen verpflichtet. Sie interessiert für den Nachvollzug subjektiv gemeinten Sinns, die Beschreibung der Herstellung sozialen Handelns und sozialer Milieus und der Rekonstruktion tiefer liegender Strukturen sozialen Handelns (vgl. hierzu Lüders/Reichertz 1986). In diesen drei Perspektiven wird mit unterschiedlicher Akzentuierung die Konstruktion sozialer Wirklichkeiten fokussiert. Damit schließt qualitative Forschung wissenschaftstheoretisch an Ansätze des Konstruktivismus an. Unter der Bezeichnung »Konstruktivismus« werden Programme mit unterschiedlichen Ansatzpunkten zusammengefasst. Gemeinsam ist allen konstruktivistischen Ansätzen, dass sie das Verhältnis zur Wirklichkeit problematisieren, indem sie konstruktive Prozesse beim Zugang zu dieser behandeln. Konstruktionsleistungen werden auf verschiedenen Ebenen angesiedelt:
1) In der Tradition von Jean Piaget (1937) werden das Erkennen, das Wahrnehmen der Welt und das Wissen über sie als Konstruktionen verstanden. Der radikale Konstruktivismus (Glasersfeld 1996) führt diesen Gedanken dahingehend fort, dass jede Form der Erkenntnis schon aufgrund der neurobiologischen Prozesse, die dabei involviert sind, nur zu den Bildern von der Welt und der Wirklichkeit, nicht jedoch zu beidem direkt Zugang habe.
2) Sozialer Konstruktivismus in der Tradition von Schütz (1971), Berger und Luckmann (1969) sowie Gergen (1994) fragt nach den sozialen (z. B. kulturellen oder historischen) Konventionalisierungen, die Wahrnehmung und Wissen im Alltag beeinflussen.
3) Konstruktivistische Wissen(schaft) ssoziologie in der als »Laborkonstruktivismus« (Knorr-Cetina 1984) bezeichneten Forschung untersucht, wie soziale, historische, lokale, pragmatische etc. Faktoren wissenschaftliche Erkenntnis so beeinflussen, dass wissenschaftliche Fakten als soziale Konstruktionen (»lokale Erzeugungen«) aufzufassen sind.
Konstruktivismus ist kein einheitliches Programm, sondern entwickelt sich parallel in verschiedenen Disziplinen. Von den drei angesprochenen Richtungen sind vor allem die ersten beiden für qualitative Forschung relevant. Das empirische Programm des (Labor-) Konstruktivismus wurde bislang noch nicht auf qualitative Forschung angewendet. Im Folgenden ist der Gedanke leitend, dass der Konstruktivismus damit beschäftigt ist, wie Wissen entsteht, welcher Wissensbegriff angemessen ist und welche Kriterien zur Bewertung von Wissen herangezogen werden können. Für qualitative Forschung ist dies in doppelter Hinsicht relevant, da sie wie jede Forschung Wissen produziert und dabei (häufig zumindest) an spezifischen Wissensformen empirisch ansetzt – z. B. biographisches Wissen, Experten- oder Alltagswissen etc.
Erkenntnistheoretische Annahmen zum Charakter sozialer Wirklichkeit
Alfred Schütz hat festgehalten, dass Tatsachen erst über ihre Bedeutungen und ihre Interpretationen relevant werden:
»Genau genommen gibt es nirgends so etwas wie reine und einfache Tatsachen. Alle Tatsachen sind immer schon aus einem universellen Zusammenhang durch unsere Bewusstseinsabläufe ausgewählte Tatsachen. Somit sind sie immer interpretierte Tatsachen: entweder sind sie in künstlicher Abstraktion aus ihrem Zusammenhang gelöst, oder aber sie werden nur in ihrem partikulären Zusammenhang gesehen. Daher tragen in beiden Fällen die Tatsachen ihren interpretativen inneren und äußeren Horizont mit sich« (Schütz 1971, S. 5).
Von den verschiedenen Konstruktivismen von Schütz bis Glasersfeld wird in Frage gestellt, dass die äußere Realität unmittelbar zugänglich sei – d. h. unabhängig von Wahrnehmungen und Begriffen, die wir verwenden und konstruieren. Wahrnehmung wird nicht als passiv-rezeptiver Abbildungsprozess, sondern als aktiv-konstruktiver Herstellungsprozess verstanden. Dies hat Konsequenzen für die Frage, ob eine Repräsentation (der Wirklichkeit, eines Prozesses oder Gegenstandes) auf ihre Richtigkeit hin am »Original« überprüft werden kann. Diese Form der Prüfbarkeit wird vom Konstruktivismus allerdings in Frage gestellt, da das Original nur über andere Vorstellungen (oder Konstruktionen) zugänglich ist. Deshalb können nur die verschiedenen Vorstellungen oder Konstruktionen miteinander verglichen werden. Für konstruktivistische Erkenntnistheorie und darauf basierende empirische Forschung werden Wissen und die enthaltenen Konstruktionen der relevante Zugang zu den Gegenständen, mit denen sie sich beschäftigen.
Konstruktion des Wissens
An drei zentralen Autoren lässt sich verdeutlichen, wie das Zustandekommen von Wissen und seine Funktion konstruktivistisch beschrieben wird.
Schütz (1971, S. 5) geht von folgender Prämisse aus: »Unser gesamtes Wissen von der Welt, sei es im wissenschaftlichen oder im alltäglichen Denken, enthält Konstruktionen, das heißt einen Verband von Abstraktionen, Generalisierungen, Formalisierungen und Idealisierungen, die der jeweiligen Stufe gedanklicher Organisation gemäß sind.« Für Schütz wird jede Form des Wissens durch Selektion und Strukturierung konstruiert. Die einzelnen Formen unterscheiden sich nach dem Grad der Strukturierung und Idealisierung, der von ihren Funktionen – konkreter als Basis alltäglichen Handelns oder abstrakter als Modell in der wissenschaftlichen Theoriebildung – abhängt. Schütz benennt verschiedene Prozesse, denen gemeinsam ist, dass die Bildung des Wissens über die Welt nicht als reine Abbildung gegebener Fakten zu verstehen ist, sondern die Inhalte in einem aktiven Herstellungsprozess konstruiert werden.
Dieses Verständnis wird im radikalen Konstruktivismus weiterentwickelt, dessen »Kernthesen« Glasersfeld (1992, S. 30) formuliert:
»1. Was wir ›Wissen‹ nennen, repräsentiert keineswegs eine Welt, die angeblich jenseits unseres Kontaktes mit ihr existiert. […] (Der) Konstruktivismus führt ähnlich wie der Pragmatismus ein modifiziertes Konzept von Erkennen/Wissen ein. Danach bezieht sich Wissen auf die Art und Weise wie wir unsere Erfahrungswelt organisieren.
2. Der Radikale Konstruktivismus leugnet keineswegs eine äußere Realität. […]
3. Mit Berkeley stimmt der Radikale Konstruktivismus darin überein, dass es unvernünftig wäre, etwas die Existenz zu bescheinigen, was nicht oder nicht irgendwann wahrgenommen werden kann/könnte. […]
4. Von Vico übernimmt der Radikale Konstruktivismus die grundlegende Idee, dass menschliches Wissen eine menschliche Konstruktion ist. […]
5. Der Konstruktivismus gibt die Forderung auf, Erkenntnis sei ›wahr‹, insofern sie die objektive Wirklichkeit abbilde. Stattdessen wird lediglich verlangt, dass Wissen viabel sein muss, insofern es in die Erfahrungswelt des Wissenden passen soll […].«
Wissen organisiert demnach Erfahrungen, die erst die Erkenntnis der Welt außerhalb des erkennenden Subjekts oder Organismus ermöglichen. Erfahrungen werden durch die Begriffe und Zusammenhänge, die das erkennende Subjekt konstruiert, strukturiert und verstanden. Ob das dabei entstehende Bild wahr oder richtig ist, lässt sich nicht beantworten. Jedoch lässt sich seine Qualität durch seine Viabilität bestimmen, das heißt inwieweit das Bild oder Modell dem Subjekt ermöglicht, sich in der Welt zurechtzufinden und in ihr zu handeln. Dabei ist ein Ansatzpunkt die Frage, wie die »Konstruktion von Begriffen« (Glasersfeld 1996, S. 132 ff.) funktioniert.
Für den sozialen Konstruktivismus erhalten die sozialen Austauschprozesse bei der Entstehung von Wissen, insbesondere der verwendeten Begriffe, eine spezielle Bedeutung. In diesem Sinne formuliert Gergen (1994, S. 49 ff.) folgende »Annahmen für eine sozialkonstruktionistische Wissenschaft«:
»Die Begriffe, mit denen wir die Welt und uns selbst erklären, werden nicht von den angenommenen Gegenständen solcher Erklärungen diktiert […]. Die Begriffe und Formen, mittels derer wir ein Verständnis der Welt und von uns selbst erreichen, sind soziale Artefakte, Produkte historisch und kulturell situierter Austauschprozesse zwischen Menschen. […]. Inwieweit eine bestimmte Erklärung der Welt oder des Selbst über die Zeit aufrechterhalten wird, hängt nicht von der objektiven Validität der Erklärung, sondern von den Eventualitäten sozialer Prozesse ab. […] Sprache leitet ihre Bedeutung in menschlichen Angelegenheiten aus der Art, in der sie in Beziehungsmustern funktioniert, ab. Die Bewertung vorhandener Diskursformen heißt Muster kulturellen Lebens zu bewerten; solche Bewertungen verschaffen anderen kulturellen Enklaven Gehör.«
Wissen wird in sozialen Austauschprozessen konstruiert, basiert auf der Rolle von Sprache in sozialen Beziehungen und hat vor allem soziale Funktionen. Die angesprochenen Eventualitäten sozialer Prozesse beeinflussen, was als gültige oder brauchbare Erklärung überdauert.
Fazit
Indem sich qualitative Forschung wissenschafts- und erkenntnistheoretisch am Konstruktivismus orientiert, gibt sie verschiedene Annahmen auf, die für standardisierte empirische Forschung leitend sind: Es geht bei empirischer Forschung weniger um die Abbildung von Fakten als um die Analyse von Bedeutungen und Herstellungsleistungen in Bezug auf die untersuchte Wirklichkeit. Diese kann weder als gegeben noch als unmittelbar zugänglich aufgefasst werden. Objektive Fakten werden damit zu sozialen Konstruktionen in bestimmten Kontexten – seitens der untersuchten Personen, aber auch durch die Forschung selbst. Dieses Wirklichkeitsverständnis hat einerseits Konsequenzen für die Gestaltung qualitativer Forschungsstrategien und ihr Verhältnis zur untersuchten Wirklichkeit (vgl. hierzu Flick 2016, Kap. 8). Andererseits wird es für die Gestaltung des Verhältnisses zu quantitativer Forschung relevant, die von einem anderen Verständnis der Beziehung von Forschung und untersuchter Wirklichkeit ausgeht.
Zum Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung
Das Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung lässt sich auf verschiedenen Ebenen behandeln bzw. realisieren:
• hinsichtlich der Erkenntnistheorie und Methodologie (sowie erkenntnistheoretische bzw. methodologische Unvereinbarkeiten),
• in Forschungsdesigns, die qualitative und quantitative Daten und/oder Methoden kombinieren bzw. integrieren,
• über Forschungsmethoden, die sowohl qualitativ als auch quantitativ sind,
• durch die Verknüpfung von Ergebnissen qualitativer und quantitativer Forschung,
• in Bezug auf die Verallgemeinerung oder
• bezüglich der Bewertung der Forschungsqualität: Anwendung von Kriterien aus der quantitativen Forschung auf qualitative Forschung oder vice versa.
Auf der Ebene von Erkenntnistheorie und Methodologie werden qualitative und quantitative Forschung unterschiedlich in Beziehung gesetzt. Es findet sich die Betonung der Inkompatibilitäten qualitativer und quantitativer Forschung in ihren erkenntnistheoretischen und methodologischen Prinzipien (z. B. Becker 1996), in ihren konkreten Zielen oder in den Zielsetzungen, die mit Forschung generell verfolgt werden sollen. Dies wird häufig mit unterschiedlichen theoretischen Positionen verknüpft wie Positivismus versus Konstruktivismus (s. o.) oder (im englischen Sprachraum) Postpositivismus. Gelegentlich werden diese Unvereinbarkeiten als unterschiedliche Paradigmen bezeichnet und beide Seiten in »Paradigmen-Kriege« verstrickt gesehen (z.B. Lincoln/Guba 1985). Eine Lösung in dieser Diskussion zielt auf das getrennte Nebeneinander der Forschungsstrategien, abhängig von Gegenstand und Fragestellung der jeweiligen Forschung. Wer etwas über das subjektive Erleben bei der Rezeption bestimmter Fernsehsendungen wissen will, sollte offene Interviews mit einigen Nutzern führen und detailliert analysieren. Wer etwas über die Häufigkeit und Verteilung solcher Nutzungsweisen von Medien in der Bevölkerung wissen will, sollte eine Studie auf der Basis der Einschaltquoten durchführen. Für die eine Fragestellung sind qualitative Methoden zuständig, für die andere sind quantitative Methoden eher geeignet.
Seit einigen Jahren sind mehrere Trends zu beobachten, die eine strikte Trennung zwischen qualitativer und quantitativer Forschung überwinden sollen. Ausgangspunkt ist die sich langsam durchsetzende Erkenntnis, »dass qualitative und quantitative Methoden eher komplementär denn als rivalisierende Lager gesehen werden sollten« (Jick 1983, S. 135). Solche Trends laufen auf die Verbindung qualitativer und quantitativer Forschung hinaus. Allgemeiner unterscheidet Bryman (2001) zwei Ebenen, auf denen das Verhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung diskutiert wird: Auf der Ebene der »epistemology« geht es eher um die grundsätzliche Unvereinbarkeit beider Zugänge, gelegentlich unter Rückgriff auf die jeweils spezifischen Paradigmen. In der »technical version« der Diskussion werden dagegen diese Unterschiede gesehen, aber nicht als unüberwindbar oder zumindest nicht als unmöglich zu berücksichtigen betrachtet. Vielmehr geht es hierbei mehr um den Nutzen und Beitrag des einen Ansatzes für den anderen. In eine ähnliche Richtung argumentiert Hammersley (1996, S. 167 f.), der drei Formen der Verknüpfung qualitativer und quantitativer Forschung unterscheidet: Die Triangulation beider Ansätze setzt den Akzent auf die wechselseitige Überprüfung der Ergebnisse; die Facilitation betont die unterstützende Funktion des jeweils anderen Ansatzes – z. B. liefert der eine Ansatz Hypothesen und Denkansätze für die Weiterführung der Analysen mit dem anderen Ansatz; und schließlich können beide Ansätze als komplementäre Forschungsstrategien kombiniert werden.
Bryman (1992) identifiziert elf Varianten der Integration quantitativer und qualitativer Forschung. Die Logik der Triangulation (1) sieht er in der Überprüfung etwa qualitativer durch quantitativer Ergebnisse. Qualitative kann quantitative Forschung unterstützen (2) und vice versa (3), beides wird zur Herstellung eines allgemeineren Bildes des untersuchten Gegenstandes (4) verknüpft. Strukturelle Aspekte werden durch quantitative und Prozessaspekte durch qualitative Zugänge erfasst (5). Die Perspektive des Forschers ist die treibende Kraft in quantitativen Zugängen, während qualitative Forschung die subjektive Sicht der Akteure in den Vordergrund stellt (6). Das Problem der Generalisierbarkeit (7) lässt sich für Bryman vor allem durch die Hinzuziehung von quantitativen Erkenntnissen für die qualitative Forschung lösen, wohingegen qualitative Erkenntnisse (8) die Interpretation von Zusammenhängen zwischen Variablen quantitativer Datensätze erleichtern können. Die Beziehung zwischen Mikro- und Makroebene in einem Gegenstandsbereich (9) kann durch die Kombination qualitativer und quantitativer Forschung geklärt werden, die wiederum in verschiedenen Phasen des Forschungsprozesses (10) eingesetzt werden können. Schließlich sind noch Hybridformen (11) – etwa die Verwendung qualitativer Forschung in quasiexperimentellen Designs – zu nennen (vgl. Bryman 1992, S. 59 ff.).
Insgesamt gibt diese Übersicht eine breite Palette von Varianten wieder. Dabei sind die Varianten 5, 6 und 7 davon bestimmt, dass qualitative Forschung andere Aspekte als quantitative Forschung erfasst und deren Kombination sich in dieser Unterschiedlichkeit begründet. Kaum eine Rolle in den genannten Varianten spielen theoretische Überlegungen, der gesamte Ansatz von Bryman ist stark der Forschungspragmatik verpflichtet.
Darüber hinaus ist häufig von der Integration qualitativer und quantitativer Verfahren (Kluge/ Kelle 2001) oder von »Mixed Methodologies« (Tashakkori/Teddlie, 2010), aber auch von der Triangulation von qualitativen und quantitativen Methoden (Kelle/Erzberger 2000; Flick 2011, 2018; → Treumann, S. 264 ff.) die Rede. Die Wortwahl zeigt jeweils schon, dass diese Ansätze unterschiedliche Ansprüche verfolgen. Bei den »Mixed Methodologies« geht es vor allem darum, eine pragmatische Verknüpfung von qualitativer und quantitativer Forschung zu ermöglichen, wodurch die »paradigm wars« beendet werden sollen. Dieser Ansatz wird zu einem »third methodological movement« (Tashakkori/Teddlie 2003, S. ix), wobei die quantitativen Methoden als erste, die qualitativen Methoden als zweite Bewegung verstanden werden. Die Zielsetzung einer methodologischen Auseinandersetzung mit diesem Ansatz dient der Klärung von Begrifflichkeiten (»Nomenclature«), von Design- und Anwendungsfragen der »Mixed-Methodology«-Forschung sowie der Fragen des Schlussfolgerns darin. Unter methodologischen Gesichtspunkten geht es um die »paradigmatische Begründung« für eine »Mixed-Methodology«-Forschung. Durch die Verwendung des Paradigma-Begriffs in diesem Zusammenhang wird jedoch von zwei geschlossenen Ansätzen ausgegangen, die wiederum differenziert, kombiniert oder jeweils abgelehnt werden können, ohne dass eine Auseinandersetzung mit den konkreten methodologischen Problemen der Verknüpfung realisiert werden muss. Die Ansprüche an »Mixed-Methodology«-Forschung werden wie folgt umrissen:
»We proposed that a truly mixed approach methodology (a) would incorporate multiple approaches in all stages of the study (i. e., problem identification, data collection, data analysis, and final inferences) and (b) would include a transformation of the data and their analysis through another approach« (Tashakkori/Teddlie 2003b, S. xi).
Diese Ansprüche sind sehr weitgehend, vor allem wenn man die Überführung (Transformation) von Daten und Analysen (qualitative in quantitative und vice versa) berücksichtigt. Mittlerweile hat sich der Ansatz der Mixed Methods stärker etabliert, ist aber auch im eigenen Lager in die Kritik geraten (vgl. Flick 2017 für einen Überblick).
Der Ansatz der Integration qualitativer und quantitativer Verfahren geht noch einen Schritt weiter. Dabei wird vor allem an der Entwicklung integrativer Forschungsdesigns (Kluge 2001) und an der Integration von qualitativen und quantitativen Ergebnissen (Kelle/Erzberger 2015) angesetzt, wobei allerdings der Begriff der Integration nicht ganz klar formuliert wird. Seipel und Rieker (2003) leiten daraus den Ansatz der Integrativen Sozialforschung ab, der vor allem auf die Lehre in einem integrierten Methodencurriculum abzielt.
Dieser knappe Überblick zeigt, in welchen Kontexten die Verbindung qualitativer und quantitativer Ansätze aktuell diskutiert wird.
Verknüpfung in der Forschungspraxis
In der Literatur zur qualitativen Forschung finden sich unterschiedliche Vorschläge zur praktischen Verknüpfung qualitativer mit quantitativen Methoden – in unterschiedlicher Reihenfolge oder parallel, mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung. So werden Barton und Lazarsfeld (1979) immer wieder als Beispiel dafür angeführt, wie qualitative Forschung auf Vorstudien für die eigentliche, d. h. quantitative Forschung reduziert wird (für eine Auseinandersetzung mit dieser Lesart vgl. Flick 2011, Kap. 5). Miles und Huberman (1994) haben verschiedene Designs zur sequenziellen und parallelen Verknüpfung von qualitativer und quantitativer Forschung vorgestellt.
Verknüpfung qualitativer und quantitativer Ergebnisse
Häufiger wird die Kombination beider Zugänge realisiert, indem Ergebnisse qualitativer und quantitativer Forschung verknüpft werden, die aus einem oder aus verschiedenen Projekten stammen, die wiederum parallel oder nacheinander durchgeführt wurden (vgl. Kluge/Kelle 2001). Ein Beispiel kann die Verknüpfung einer Umfrage mit einer Interviewstudie sein. Diese Kombination kann mit verschiedenen Zielen realisiert werden:
Erkenntnisse über den Gegenstand der Studie zu gewinnen, die umfassender sind als diejenigen, die der eine oder der andere Zugang erbracht hätten, oder die Ergebnisse beider Zugänge wechselseitig zu validieren.
Im Wesentlichen können drei Erträge durch diese Kombination erzielt werden (vgl. auch Kelle/Erzberger 2015, S. 304):
1) Qualitative und quantitative Ergebnisse konvergieren, das heißt, sie stimmen tendenziell überein und legen dieselben Schlussfolgerungen nahe.
2) Die Ergebnisse beider Zugänge fokussieren unterschiedliche Aspekte eines Gegenstandes (z. B. die subjektive Bedeutung einer Krankheit und ihre soziale Verteilung in der Bevölkerung). Damit verhalten sie sich komplementär zueinander, das heißt, sie ergänzen sich gegenseitig.
3) Qualitative und quantitative Ergebnisse divergieren, das heißt, sie widersprechen einander.
Wenn das Interesse an der Verbindung qualitativer und quantitativer Forschung darin begründet ist, mehr (breiteres, besseres, vollständigeres etc.) Wissen über den Forschungsgegenstand zu gewinnen, sind alle drei Erträge hilfreich. Im dritten (möglicherweise auch im zweiten) Fall wird eine theoretisch fundierte Interpretation oder Erklärung der Divergenzen und Widersprüche notwendig. Wenn beide Zugänge mit dem Ziel der Validierung von Ergebnissen miteinander kombiniert werden, sind der dritte und möglicherweise auch der zweite Fall Hinweise für die Grenzen dieser Validität. Dass dieser Ansatz der Validierung durch unterschiedliche Methoden nicht unproblematisch ist, wird ausführlicher in der Literatur zur Triangulation diskutiert (Flick 2011, 2018).
Praktische Probleme der Verknüpfung qualitativer und quantitativer Forschung
Verschiedene praktische Fragen sind mit der Verknüpfung qualitativer und quantitativer Methoden in einer Studie verbunden. Zunächst einmal stellt sich die Frage, auf welcher Ebene die Verbindung konkret ansetzt. Hier lassen sich zwei Alternativen unterscheiden: Eine Triangulation qualitativer und quantitativer Forschung kann am Einzelfall ansetzen. Dieselben Personen, die interviewt werden, gehören auch zu der Gruppe, die einen Fragebogen ausfüllt. Ihre Antworten auf die Fragen in beiden Methoden werden auch auf der Ebene des Einzelfalles miteinander verglichen, zusammengeführt und in der Auswertung aufeinander bezogen. Sampling-entscheidungen werden in zwei Schritten getroffen. Dieselben Fälle werden für beide Teile der Untersuchung ausgewählt, aber im zweiten Schritt wird entschieden, welche der Teilnehmer an der Umfrage für ein Interview herangezogen werden.
Die Verbindung kann jedoch auch zusätzlich oder ausschließlich auf der Ebene der Datensätze hergestellt werden. Die Antworten auf den Fragebögen werden in ihrer Häufigkeit und Verteilung über die ganze Stichprobe analysiert. Die Antworten in den Interviews werden interpretiert und verglichen, und es wird beispielsweise eine Typologie erstellt. Dann werden die Verteilung der Fragebogenantworten und die Typologie in Beziehung gesetzt und verglichen (vgl. Abb. 1).

Fazit
Die Kombination von qualitativer und quantitativer Forschung wird immer häufiger eingesetzt. Verschiedene methodische Fragen sind bislang noch nicht befriedigend gelöst. Bei einer Reihe von Ansätzen der Kombination tritt teilweise die Systematik auf der methodischen Ebene hinter eine Forschungs- oder Konzeptpragmatik zurück. Versuche der Integration beider Ansätze laufen häufig auf ein Nacheinander (mit unterschiedlichem Vorzeichen), Nebeneinander (mit unterschiedlichem Ausmaß der Unabhängigkeit beider Strategien) oder eine Über- bzw. Unterordnung (ebenfalls mit unterschiedlichem Vorzeichen) hinaus. Die Integration konzentriert sich meist auf die Ebene der Verknüpfung von Ergebnissen oder bleibt oft auf die Ebene des Forschungsdesigns begrenzt – die kombinierte Verwendung verschiedener Methoden mit unterschiedlichem Ausmaß der Bezugnahme aufeinander. Weiterhin bestehen die Unterschiede in den beiden Strategien hinsichtlich der angemessenen Designs und Formen der Bewertung von Vorgehen, Daten und Ergebnissen weiter. Die Frage, wie dem bei der Kombination beider Strategien Rechnung getragen werden kann, bleibt weiter zu diskutieren.
Abschließend lassen sich jedoch einige Leitfragen für die Einschätzung von Beispielen der Kombination qualitativer und quantitativer Forschung formulieren.
• Wird beiden Zugängen gleiches Gewicht eingeräumt (in der Planung des Projekts, in der Relevanz der Ergebnisse und in der Bewertung der Forschung beispielsweise)?
• Werden beide Zugänge lediglich getrennt angewendet, oder werden sie tatsächlich aufeinander bezogen? So werden in vielen Studien qualitative und quantitative Methoden eher unabhängig voneinander angewendet, und die Integration beider Teile beschränkt sich auf den Vergleich von deren Ergebnissen.
• Was ist die logische Beziehung von beiden? Werden die Methoden nur sequenziell verknüpft und wie? Oder werden sie tatsächlich integriert in einem Multi-Methoden-Design?
• Welche Kriterien werden zur Bewertung der Forschung insgesamt genutzt? Dominiert ein traditionelles Verständnis von Validierung, oder werden beide Arten der Forschung mit jeweils angemessenen Kriterien bewertet?
• Und schließlich: Wie wird mit den epistemologischen Inkompatibilitäten zwischen qualitativer Forschung und ihrem konstruktivistischen Wirklichkeitsverständnis und quantitativer Forschung, die häufig eher auf einem abbildtheoretischen Zugang zur Wirklichkeit basiert bei der Kombination von Methoden, Daten und/oder Ergebnissen umgegangen?
Literatur
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Gütekriterien qualitativer Sozialforschung
JO REICHERTZ
Ausgehend von dem Befund, dass eine gegenüber der eigenen Praxis und den eigenen Methoden reflexive qualitative Sozialforschung um ihre nicht hintergehbare Perspektivenbindung weiß, werden die gängigen Muster der Rechtfertigung qualitativer Forschung mit dem Ziel untersucht, deren Nützlichkeit für eine Bestimmung von Gütestandards zu ermitteln. Abschließend werden einige Verfahren benannt, die geeignet sind, die Zuverlässigkeit, die Repräsentativität und auch die Validität qualitativer Sozialforschung zu begründen.
Was ist die Frage?
Wenn Sozialwissenschaftler sich in Ausübung ihres Berufes der sozialen Welt mit dem Ziel zuwenden, die Bedeutung von Texten, stillen Bildern, Wohnzimmereinrichtungen, Sportveranstaltungen, Heiratsbräuchen, Landschaftsparks oder Ähnlichem zu verstehen, dann müssen sie deren (gesellschaftliche) Bedeutung rekonstruieren. Für wissenschaftliche Rekonstruktion aller Art gilt nun, dass sie – wie auch alle alltäglichen Rekonstruktionen – nicht hintergehbar, vor allem perspektivengebundene, kommunikativ erarbeitete Konstruktionen sind (Keller/ Knoblauch/Reichertz 2012, Reichertz 2013b). Denn: Die Wissensproduktion für die Gesellschaft ist auch von der Gesellschaft organisiert (vgl. Berger/Luckmann 1977, Soeffner 2004; Reichertz 2016).
Eine reflexive Sozialforschung weiß um diesen Sachverhalt (Bourdieu/Wacquant 1996). Für sie gibt es keinen Durchblick auf die wirkliche Wirklichkeit, sondern alles, was ihr gegeben ist und was sie untersuchen kann, ist gesellschaftlich erbautes, gesellschaftlich verteiltes, aber auch geteiltes Wissen von Bedeutung. Auch wenn unterstellt wird, dass jenseits des gesellschaftlichen Wissens brute facts existieren, so ist es dem Wissenschaftler nicht möglich, auf sie zuzugreifen. Seine Deutung der Welt arbeitet sich an gesellschaftlich erbauten Deutungen ab, an ihnen, und vor allem: mit ihnen arbeitet er, um dann zu seiner Deutung zu gelangen.
Diese reflexive Wendung hat für die Wissenschaftler (also wissenschaftsintern) zweierlei Konsequenzen: zum einen Freisetzung, zum anderen Verunsicherung. Freisetzung deshalb, weil die Verabschiedung eines exklusiven Wegs zur Erkenntnis strukturell die Suche nach neuen Wegen und Prozeduren eröffnet und zugleich die Konzeptionierung neuer Methodologien ermöglicht. Diese Freisetzung hatte im Windschatten (ebenfalls wissenschaftsintern) zugleich aber auch eine tiefgreifende Verunsicherung zur Folge: Gemessen an dem Stand wissenssoziologisch informierter (Selbst-) Reflexion lassen sich nämlich keine verbindlichen Standards für die Erlangung von Validität mehr angeben: Denn jede Forschungsarbeit muss in dieser Perspektive mit der (weder zu leugnenden noch zu beseitigenden) Tatsache leben, selektiv und damit nur bezogen auf eine Perspektive gültig zu sein. Diese Verunsicherung findet auf Forscherseite ihren Ausdruck in der sprunghaften Zunahme von Anything-goes-Forschung und der deutlichen Bevorzugung der spritzigen Formulierung vor dem guten Argument.
Wissenschaftsextern hat die reflexiv gewordene Wissenssoziologie mit ihrer Erkenntnis wissenschaftlicher Perspektivengebundenheit, die übrigens meistens nur in Form eines kruden Wissenspluralismus (»Jede Erkenntnis ist gleich gut, deshalb auch beliebig!«) wahrgenommen wurde, ebenfalls eine tiefe Verunsicherung ausgelöst – mit dem paradoxen Ergebnis einer verstärkten Nachfrage nach Gültigkeit und dem Verlangen nach Forschungsevaluation. In dieser Situation stellt sich die Frage, wie einerseits wissenschaftsintern mit der Unsicherheit wissenschaftlicher Erkenntnis umgegangen wird (z. B. mithilfe von Methodendebatten) und wie andererseits extern die Gültigkeit wissenschaftlicher Aussagen gerechtfertigt werden kann.
Im Beitrag soll versucht werden – wohl wissend, dass die Frage nach der Gültigkeit wissenschaftlicher Ergebnisse eingebunden ist in einen sozialen Prozess der Wissenslegitimierung –, die Frage nach der Validität (→ Flick, S. 36 ff.) sozialwissenschaftlicher Rekonstruktionen dadurch anzugehen, den Diskurs über die Gültigkeit sozialwissenschaftlicher Erkenntnis nachzuzeichnen, um so gewisse Standards für die Bestimmung von Gütekriterien zu entwickeln. Es geht dabei jedoch nicht um eine Neuauflage der erkenntnistheoretischen Debatte, um die Möglichkeit von Erkenntnis und auch nicht um die Diskussion der gängigen Wahrheitstheorien, auch wenn im Weiteren immer wieder auf Erkenntnis- und Wahrheitstheorien Bezug genommen werden muss, um die Probleme bei der Entwicklung sozialwissenschaftlicher Gütekriterien sichtbar zu machen.
Typische Verfahren der Wissenslegitimierung in der Sozialforschung
Eine reflexiv gewordene Wissenssoziologie ist ein gutes Gegengift gegen gedankenlosen Empirismus, theorieloses Forschen und Messinstrumentengläubigkeit. Sie ist jedoch keinesfalls ein Vorwand oder gar eine theoretische Begründung für methodische und methodologische Beliebigkeit. Die Einsicht in den Konstruktionscharakter wissenschaftlicher Erkenntnis hat nur, wenn man zu kurz schließt, eine postmoderne Wissenschaft zur Folge, in der statt des besseren Arguments die Pointe punktet. Die Einsicht in die Perspektivität von Erkenntnis stellt nicht die Selbstaufklärung still, sondern hebt sie auf eine neue Stufe. Denn es ist keineswegs gesagt, dass mit der Unhintergehbarkeit der Perspektivität von Erkenntnis der Weg für wohl formulierte Beliebigkeit eröffnet ist. Diesseits dieser fruchtlosen Alternative von Alles-oder-Nichts erstreckt sich eine weite Region von Aussagen, die weder völlig gültig noch völlig ungültig sind, und die man durchaus als besser oder schlechter einordnen kann. Denn aus der Tatsache, dass man in Krankenhäusern keine völlig keimfreien Umgebungen herstellen kann, folgt gerade nicht, dass man Operationen genauso gut auch in Kloaken vornehmen kann (vgl. Geertz 1987, S. 42 f.).
Die verschiedenen Verfahren qualitativer Sozialforschung (vgl. Lüders/Reichertz 1986, Reichertz 2016), gleichgültig, ob sie quantitative oder qualitative Inhaltsanalyse, Dokumentarische Methode der Interpretation oder Grounded Theory, Narrations- oder Diskursanalyse, Objektive Hermeneutik oder hermeneutische Wissenssoziologie heißen (→ Wegener, S. 256 ff., Mayring/Hurst, S. 494 ff., → Lampert, S. 596 ff., → Diaz-Bone, S. 131 ff., → Hagedorn, S. 580 ff., → Reichertz, S. 66 ff.), sind mit dem Dilemma, um die eigene Perspektivengebundenheit zu wissen und gleichzeitig dem Gültigkeitsanspruch nicht abschwören zu wollen bzw. zu können, in unterschiedlicher Weise umgegangen. Betrachtet man die bisherige Geschichte der qualitativen Sozialforschung, so lassen sich drei Großstrategien unterscheiden, mit deren Hilfe man sich eine Absicherung bzw. Heiligung der Ergebnisse versprach:
• die Begründung durch persönliches Charisma,
• die Begründung durch Verfahren und
• die Begründung durch den innerwissenschaftlichen Diskurs.
Das Vertrauen auf persönliches Charisma
Die erste Großstrategie steht in der Tradition des Arguments, bestimmten Wissenschaftlern sei eine persönliche und außerordentliche Hellsichtigkeit zu eigen. Die Strategie besteht darin, dass (auch dann, wenn Daten analysiert werden) der entscheidende Erkenntnissprung, die Abduktion (vgl. Reichertz 2013a) beispielsweise, nicht als Ergebnis von Arbeitsprozessen betrachtet wird, sondern als genialischer Akt, der nur der jeweiligen Person möglich war. Hier liefert also ein (reklamiertes und oft auch inszeniertes) Charisma die Fundierung von Gültigkeit. Zugespitzt: Selbst-Charismatiker nenne ich solche Wissenschaftler, die zwar vorgeben, mit Daten zu arbeiten, ihre Forschungsergebnisse jedoch nicht mehr an eine intersubjektive Nachvollziehbarkeit binden, sondern an eine persönliche, meist exklusive Gabe. Vertreter dieser Strategie findet man in allen Varianten qualitativer Sozialforschung. Allerdings neigen Forscher, die an die Objektivität ihrer Rekonstruktionen glauben, eher dazu, diese Strategie zu wählen.
Das Vertrauen in Verfahren
Die zweite Großstrategie versucht ihre Ergebnisse mithilfe von spezifischen Verfahren zu legitimieren. Es ist nicht mehr die Person des Forschers, die aufgrund eines göttlichen Geschenks die Gültigkeit verbürgt, sondern es sind die wissenschaftlich etablierten Methoden, die Gültigkeit hervorbringen und garantieren. Gefragt nach der Basis von Validität, wird als Antwort ein spezifisches Verfahren genannt. Allerdings finden sich innerhalb dieser Großstrategie die drei folgenden Varianten:
1) Rechtfertigung mithilfe der Methode der phänomenologischen Reduktion,
2) Rechtfertigung mithilfe des Verfahrens der Methodentriangulation und
3) Rechtfertigung mithilfe der Methode datengestützter Perspektivendekonstruktion.
Die Methode der phänomenologischen Reduktion (auch Epoché genannt) möchte zu den Sachen selbst dadurch vordringen, dass man bei der Welterkenntnis die eigenen Vorstellungen von Welt von allen sozialen Einkleidungen befreit und zugleich alle Vorstellungen von Welt ihrer historischen Deutung entledigt. Ziel ist, den sozialen Schleier wegzuziehen, in der Hoffnung, auf diese Weise der Dinge selbst ansichtig zu werden. Dieses Verfahren ist insbesondere von den Vordenkern der Wissenssoziologie sehr stark favorisiert worden. Eine Auseinandersetzung mit diesem Verfahren hat in den letzten Jahren zu der Erkenntnis geführt, dass man so nicht bei den Sachen selbst, sondern vor allem und einzig in der Sprache landet, dass man also die Perspektivität keineswegs verliert.
Die zweite Unterstrategie, die ich hier Methodentriangulation nennen möchte, versucht die Erkenntnis von der wissenschaftlichen Perspektivität produktiv zu nutzen, indem sie als Gütegarant eine als positiv deklarierte Multi-Perspektivität anstrebt (vgl. Flick 2004; → Treumann, S. 264 ff.). Qualitative Verfahren werden mit quantitativen ergänzt, die Feldstudie mit Interviews und Fragebogen, die Interaktionsanalyse mit Experiment und Beobachtung. Die Grundidee (bzw. die zugrunde gelegte Metapher) dieser Strategie ist der Geometrie entlehnt: Um einen nicht erreichbaren Punkt (Erkenntnis) zu bestimmen, peile ich diesen Punkt von zwei (oder mehr) bekannten Perspektiven (Methoden) aus an, bestimme das Verhältnis der bekannten Perspektiven zueinander und deren Winkel zum angepeilten Punkt und kann dann mithilfe trigonometrischer Berechnungen den unbekannten Punkt bestimmen. Bei der Methodentriangulation geht es also nicht darum, die Perspektivität zu leugnen, sondern sie zum Programm zu erheben. Dennoch sind auch hier die realistischen Hoffnungen nicht zu überhören: Unzweifelhaft ist nämlich diesen Forschern der Glaube zu eigen, dass auf diese Weise nicht nur andere Ergebnisse erzielt werden, sondern dass diese Art der Welterkundung besser und die so gewonnenen Aussagen valide sind.
Diese letzten realistischen Hoffnungen sollen vor allem mithilfe der dritten Unterstrategie getilgt werden – der Rechtfertigung der Gültigkeit von Aussagen aufgrund datengestützter Perspektivendekonstruktion. Damit ist nicht nur, aber insbesondere die Sequenzanalyse angesprochen. Allerdings muss hier auf die methodologische Rechtfertigung geachtet werden. Favorisiert man z. B. innerhalb der Objektiven Hermeneutik die Sequenzanalyse vor allem deshalb, weil sie sich vermeintlich den Sachen selbst anschmiegt (vgl. Oevermann u. a. 1979 und 200; Garz/Raven 2015, → Hagedorn, S. 580 ff.), dann zeigt sich darin eine recht beachtliche realistische Sicht von Wissenschaft. Eine reflexive Wissenssoziologie verwendet die Sequenzanalyse jedoch gerade nicht in der Hoffnung, so dem Gegenstand nahe zu kommen, weil die Sequenzanalyse den realen Prozess der Interaktion nachzeichnet. Das wäre ein grobes realistisches Missverständnis. Die Sequenzanalyse wird dagegen von Wissenssoziologen deshalb besonders gerne angewendet, weil sie ein ausgesprochen unpraktisches Verfahren ist. Die strikte Durchführung einer Sequenzanalyse (also der extensiven hermeneutischen Auslegung von Daten in ihrer Sequenzialität) kostet nicht nur immens viel Zeit, sondern sie zerstört im Prozess der systematischen und gesteigerten Sinnauslegung alle Selbstverständlichkeiten der eigenen Perspektivik und der eigenen Sprache. Strikte Sequenzanalysen führen dazu, dass alle geltenden oder für uns gültigen Vorurteile, Urteile, Meinungen und Ansichten in der Regel schnell zusammenbrechen. Die Sequenzanalyse dient also gerade nicht dazu, sich an den Gegenstand anzuschmiegen, sondern Sequenzanalyse ist nur ein Verfahren zur Zerstörung unserer gesamten sozialen Vorurteile – auch wenn dies nicht immer gelingt. Ist die Perspektivik mittels Sequenzanalyse einmal zerstört, entwirft der Forscher abduktiv Aussagen zu dem untersuchten Gegenstandsbereich (vgl. Peirce 1976; Reichertz 2013a).
Soweit erst einmal die zweite Großstrategie der Begründung von Gültigkeit über Verfahren. Die Betrachtung der drei Unterstrategien hat gezeigt, dass die jeweils zum Einsatz gebrachten Methoden sehr unterschiedliche realistische Einfärbungen aufweisen. Aus meiner Sicht ist vor allem eine richtig verstandene Sequenzanalyse eine besonders gut geeignete Methode datengestützter Perspektivendekonstruktion und damit für Wissenssoziologen interessant.
Das Vertrauen auf den innerwissenschaftlichen Diskurs
Die dritte Großstrategie, die Gültigkeit von Aussagen zu fundieren, besteht darin, die Perspektivenvielfalt der Berufsgruppe zu nutzen – also auf den innerwissenschaftlichen Diskurs zu setzen, man vertraut auf ihn. Man rechtfertigt dann das, was man als gültige Erkenntnis vorstellt, nicht mehr damit, dass auf Verfahren oder die eigene Hellsichtigkeit verwiesen wird, sondern man tritt bescheiden zurück und sagt: »Ich habe meine Erkenntnisse in den wissenschaftlichen Diskurs eingespeist. Dort wurden sie durch die Mühlen des wissenschaftlichen Diskurses gedreht. Zwar weiß man nicht genau, welche Mühlen dort mahlen oder welche Körner zerkleinert werden, aber die Erkenntnis X ist dabei rausgekommen, und weil sie den Diskurs überstanden hat und übrig geblieben ist, muss sie auch gültig sein.« Hier zeigt sich das in diesem Ansatz eingelassene Vertrauen auf die soziale Kraft einer Professionsgruppe und in die in ihr eingelassene Perspektivenvielfalt. Die Macht, Gültigkeit zu verleihen, wird auf diese Weise nicht mehr an eine objektivierbare, kontrollierbare und intersubjektiv nachvollziehbare Prozedur (also an etwas Nicht-Subjektives) gebunden, sondern ausdrücklich dem Diskurs interessierter Wissenschaftler (und damit einem sozialen Prozess) überantwortet.
Alle drei hier besprochenen Großstrategien (Begründung durch Charisma, Verfahren oder Diskurs) versuchen mit dem Problem umzugehen, dass eine über sich selbst aufgeklärte Wissenssoziologie nicht mehr problemlos von der Gültigkeit ihrer Aussagen sprechen kann, insbesondere dann nicht, wenn sie für die Gesellschaft Planungswissen zur Verfügung stellen will bzw. soll.
Es ist nun müßig, (erneut) die Frage ernsthaft zu diskutieren, ob die o. g. Verfahren wirklich in der Lage sind, unsere Perspektivität zu beseitigen. Denn es kann keinen Zweifel daran geben, dass sie dazu nicht in der Lage sind: Keines dieser Verfahren vermag es, den Schleier von den Sachen selbst wegzuziehen, also einen Zugang zur wirklichen Wirklichkeit zu ermöglichen.
Gibt man nun aber die Utopie einer wissenschaftlichen Aufklärung bis zur letzten Konsequenz auf und akzeptiert, dass mit einem gewissen Maß an Vagheit (auch als Wissenschaftler) durchaus gut zu leben ist, dann dreht die Methodologiedebatte nicht mehr (ohne vorwärts zu kommen) durch, sondern kann durchaus gute von weniger guten Argumenten unterscheiden. Denn es gibt nicht nur die Alternative zwischen der absoluten Aufklärung auf der einen und der Blindheit auf der anderen Seite, sondern man kann auch, wenn man nicht alles sehr klar sieht, mit entsprechenden Vorkehrungen immer noch ganz gut seinen Weg finden.
Die entscheidende Frage, die wir uns stellen müssen, lautet deshalb, wie aus sozialwissenschaftlicher Perspektive explizite Qualitätskriterien für die Zuverlässigkeit der Datenerhebung, für die Repräsentativität der Datenauswahl und für die Gültigkeit der (generalisierten) Aussagen bestimmt und kanonisiert werden können, die jedoch nicht an den (zu Recht fragwürdigen) Idealen einer kontextfreien Sozialforschung orientiert sind, sondern z. B. auch das Wechselspiel von Forschern und Beforschten, Forschung und gesellschaftlicher Verwertung bzw. Anerkennung und auch die Besonderheiten der »social world« (Strauss 1991b, vgl. auch Strauss 1991a) der Wissenschaftler mit reflektieren.
Welche Bedeutung haben Gütestandards?
Angesichts einer solchen Aufgabenstellung kann man leicht mit großem Pessimismus reagieren, aber dieser Pessimismus wird erheblich verstärkt, wenn man sich auf der Suche nach Lösungen des Gültigkeitsproblems die herrschende Praxis qualitativer Forschungsarbeit, oder genauer: deren Beschreibung in Forschungsberichten ansieht. Denn ein etwas gründlicherer Überblick über die vielen Research-Reports qualitativer Forschung zeigt, dass die Anything-goes-Forschung längst Alltag qualitativen Arbeitens geworden ist: Daten werden oft zufällig eingesammelt, deren Besonderheit wird weder diskutiert noch berücksichtigt, Auswertungsverfahren werden oft ohne Rücksicht auf Gegenstand, Fragestellung und Daten fast beliebig ausgewählt (ad hoc) und aufgrund der Spezifik der Forschungssituation vor Ort reflexionsfrei modifiziert, Einzelfälle werden nicht selten ohne Angabe von Gründen zu Typen stilisiert, und immer wieder werden die Geltungskriterien für eine schillernde und kurzweilige Formulierung aufgegeben.
Dass die Lage so ist, wie sie ist, hat nur zum Teil etwas damit zu tun, dass der kämpferische Aufbruchdrang der Qualitativen, die sich ja stets im Besitz der besseren Methoden wähnten und deshalb auch stets an deren Verbesserung gearbeitet haben, angesichts ihres Erfolgs erheblich nachgelassen hat: Heute ist nicht ein zu wenig qualitativer Sozialforschung zu verzeichnen, sondern eher ein zu viel (des Unreflektierten) – es gibt nur noch sehr wenige Wirklichkeitsbereiche, die noch nicht von (manchmal auch dilettantischen) qualitativen Untersuchungen überzogen wurden. Aber diese Allgegenwart der qualitativen Forschung spricht nur auf den ersten Blick für deren Erfolg. Auch die landesweite Normalität qualitativer Methodenunterweisung innerhalb der sozialwissenschaftlichen Hochschulausbildung, deren Absegnung durch den Berufsverband der Soziologen und die Einrichtung einer eigenen Sektion »Qualitative Methoden« in der DGS (Deutsche Gesellschaft für Soziologe) erfolgt ist, sind hierfür lediglich Indizien.
Möglicherweise ist dieser Erfolg aber auch eine Ursache für die oft geringe Qualität qualitativer Arbeiten. Denn die sprunghafte und sehr schnelle Ausweitung der Methodenausbildung (noch vor der Entwicklung und Kanonisierung von Geltungskriterien) produziert nicht nur mehr gute Arbeiten, sondern naturgemäß noch mehr schlechte. Zudem findet allzu oft qualitative Forschung nur auf der Ebene selbst finanzierter Qualifikationsarbeiten innerhalb der Hochschulen statt. Hat sie sich jedoch den Ansprüchen von (wissenschaftlichen, politischen, privatwirtschaftlichen) Förderinstitutionen und deren Standards zu stellen, dann sind qualitative Forschungsanträge deutlich weniger erfolgreich – und das zunehmend.
Dies liegt nun nicht daran, dass die Verfahren der Gütesicherung bei den Qualitativen weniger hart sind als bei den Quantitativen (wenn auch die Ersten wegen der etwas jüngeren Forschungstradition gewiss noch mehr Reflexions- und Verbesserungsbedarf haben) – vorausgesetzt, man berücksichtigt bei der Anlage des Forschungsdesigns die Fragen der Gütesicherung (was vielleicht manche Qualitative noch nicht ernsthaft genug tun) und immer eingedenk des Sachverhaltes, dass die quantitative und qualitative Sozialforschung (die sich im Übrigen keineswegs ausschließen, sondern im Gegenteil: sie ergänzen einander gut) sich auf andere Gegenstandsbereiche und Fragestellungen beziehen. Zielt die erste nämlich vor allem auf die Bestimmung der mengenmäßigen Verteilung und Relation von geäußerten Meinungen und Handlungen innerhalb großer Grundgesamtheiten, so geht es der zweiten vor allem um die (Re-) Konstruktion der manifesten bzw. latenten Handlungsmotivierung sozialer Akteure (vgl. Lüders/Reichertz 1986). Schon allein deshalb, also weil strukturell verschiedene Gegenstände untersucht werden und weil der Anspruch der Ansätze sich so stark unterscheidet, können naturgemäß die Methoden der Gütesicherung bei qualitativer und quantitativer Forschung nicht identisch sein (vgl. Erzberger/Kelle 1998, Kelle 2008).
Auf dem Weg zu Gütestandards qualitativer Sozialforschung
Will man die Güte qualitativer Forschung im wissenschaftlichen Diskurs (aber vor allem auch im Diskurs mit potenziellen Bewertern) verteidigungsfähig machen (anregend hierfür: Steinke 1999; Flick 2007, 485 ff.; Reichertz 2006, Flick 2014, Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014, 21 ff.; Reichertz 2013b), dann gelingt dies heute keinesfalls mehr durch die Berufung auf die Autorität verstorbener Säulenheiliger der Wissenschaft, auch nicht durch den empiriefreien Einsatz wissenschaftlicher Vernunft und ebenfalls nicht durch die Unterstellung persönlicher Hellsichtigkeit. Stattdessen lässt sich die Güte von Aussagen nur über empirische Forschung rechtfertigen und deren Güte wiederum über spezifische (nach Gesellschaft, Zeit und Fachgebiet variierende) Standards der Qualitätssicherung. Letztere werden sich jedoch dabei (zumindest im westlichen Wissenschaftsprogramm) auf die Fragen der Zuverlässigkeit und der Repräsentativität der Datenerhebung und auf die Gültigkeit der Generalisierung beziehen müssen – will man in dem Wettbewerb um ökonomisches Forschungskapital im Spiel bleiben.
Kann bei der Bewältigung dieser nicht einfachen Aufgabe die qualitative Forschung (im Allgemeinen) unter Zugrundelegung eines (unreflektierten) Realismus solche Verfahren favorisieren, die versprechen, näher an der Wirklichkeit zu sein, so kann dieses Kriterium innerhalb einer reflexiven Sozialforschung so nicht gelten – hat sie sich doch von der Möglichkeit der Wirklichkeitsansicht verabschiedet – allerdings verbunden mit der Hoffnung, empirische Forschung und wissenschaftlicher Diskurs produzierten, wenn schon keine guten, dann jedoch bessere Einsichten. Sozialforschung kann deshalb letztlich nur auf die systematische und organisierte Produktion von Zweifeln (in jeder Phase des Forschungsprozesses) und die dadurch erreichte Fehlerausmerzung vertrauen.
Für diesen Zweck hat sich die sozialwissenschaftliche Forschung (trotz der nicht allzu weit zurückreichenden Forschungstradition) durchaus sinnvolle und auch harte Gütekriterien erarbeitet.
• So sichert z.B. die Bevorzugung natürlicher Daten, also solcher Daten, die nicht erzeugt wurden, um von Wissenschaftlern untersucht zu werden, und deren Erhebung und Fixierung mit Medien, die möglichst viel von der Qualität der Daten und der ihnen inhärenten Zeitstruktur konservieren, die Zuverlässigkeit der Datenerhebung (Reichertz 2006). Die Vorrangstellung natürlicher Daten bedeutet nun keinesfalls, dass Interviews oder Feldprotokolle für die qualitative Sozialforschung wertlos sind, sondern sie weist darauf hin, dass solche Daten immer unter Berücksichtigung der interaktiven Einbettung analysiert werden müssen – außer man interessiert sich z. B. dafür, was Menschen in Interviews sagen.
• Die Repräsentativität des Datensamples wird in der Regel hinreichend durch das Theoretical Sampling (Glaser/Strauss 1974; Strauss/ Corbin 1996; Bryant/Charmaz 2010; Equit/ Hohage 2016) gesichert, also eine Methode, die entweder nach dem Verfahren des minimalen und maximalen Kontrasts oder theoriegeleitet solange Daten innerhalb des Untersuchungsfeldes sucht, bis alle relevanten Variablen erfasst sind. Das Sample ist dann komplett und damit auch repräsentativ, wenn durch die Aufnahme weiterer Daten die Ergebnisse nicht weiter angereichert werden können.
• Die Gültigkeit von Generalisierungen resultiert dabei einerseits aus der Überprüfung der aus den Daten (mittels Abduktion oder qualitativer Induktion) gewonnenen Hypothesen am weiteren Datenbestand mittels Sequenzanalyse (Oevermann 2000; Soeffner 2004; Reichertz 2007 und 2016). Einmal gefundene Lesarten werden dabei anhand des Datenmaterials sequenzanalytisch auf Stimmigkeit überprüft, was bedeutet, dass die jeweilige Lesart als zu testende Hypothese gilt. Findet sich im weiteren Datenmaterial eine Lesart, die mit der zu testenden Hypothese nicht vereinbar ist, gilt diese als widerlegt, finden sich jedoch nur passende Lesarten, dann gilt die zu testende Hypothese als vorläufig verifiziert (Validierung am Text).
• Neben dieser Validierung am Text stellt sich die Güte von Generalisierungen andererseits dadurch her, dass meist gemeinsam in Gruppen interpretiert wird (Reichertz 2013b), dass weitere Validierungen (1) durch Kontrollinterpretationen anderer Mitglieder der Forschergruppe und (2) den wissenschaftlichen Diskurs (auf Tagungen) herbeigeführt wird (Validierung durch Diskurs). Hierbei geht es um die systematische Kontrolle durch die Perspektivenvielfalt und zugleich um deren Einbeziehung (Flick 2014).
Absolute Gewissheit über die Validität von Generalisierungen ist jedoch auch so nicht zu erreichen. Wahrheit im strengen Sinne des Wortes findet sich auf diese Weise nicht. Was man allein auf diesem Wege erhält, ist eine intersubjektiv aufgebaute und geteilte Wahrheit.
Eine qualitativ verfahrende Datenanalyse, deren Validität sowohl durch den Datenbezug als auch durch konkurrierende Lesartenkonstruktionen und den wissenschaftlichen Diskurs gesichert werden soll, hat notwendigerweise zur Voraussetzung, dass mehrere ausgebildete Wissenschaftler das Material unabhängig von einander interpretieren und auch immer wieder ihre Ergebnisse einer wissenschaftlichen Kritik aussetzen. Die Sicherung der wissenschaftlichen Ressourcen, um eine solche Überprüfung von Lesarten, Hypothesen und theoretischen Verallgemeinerungen vorzunehmen, trägt dabei nicht unwesentlich zur Erhaltung selbstverständlicher Standards und wissenschaftlicher Anforderungen an die Validität von Untersuchungen bei – was bedeutet, dass die qualitative Forschung nicht weiter auf den Schultern von Einzelkämpfern ruhen darf, sondern die kooperative und konkurrierende Teamarbeit muss selbstverständlicher Standard werden.
Fazit
Nur wenn die Standards wissenschaftlicher Güteprüfung in der qualitativen Forschung fest etabliert und auch weiter ausdifferenziert werden, hat dieses Forschungsprogramm unter den aktuellen Bedingungen eine Chance, auf dem Markt zu bleiben und auch dort zu bestehen. Gelingt eine solche Ausarbeitung, Abwägung und Kanonisierung der Standards in absehbarer Zeit nicht, dann werden qualitative Studien zwar in den Medien ein gewisses Echo finden, aber ansonsten werden sie eine gute Chance haben, bedeutungslos zu werden: Der qualitativ ausgebildete Nachwuchs wird schwerer in einen Beruf finden, qualitative Projekte werden minimal oder gar nicht mehr finanziert werden – was schlussendlich zur Marginalisierung dieser Forschungstradition führen wird.
Qualitative Sozialforschung – egal welche spezifische Methode sie im Einzelnen favorisiert – wird nur dann überleben können, wenn es ihr gelingt, mit guten Gründen die bereits vorhandene Grundlagentheorie, Methodologie und Methode weiter aus zu buchstabieren. Sie wird dabei nicht daran vorbeikommen, sich eindringlicher als bisher mit Fragen der Gütesicherung der Forschungsarbeit auseinanderzusetzen – allerdings immer eingedenk der wissenssoziologischen Einsicht, dass alle Arten von Gütekriterien Ergebnis gesellschaftlicher Konstruktionsprozesse sind.
Literatur
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Bourdieu, Pierre/Wacquant, Loic (1996): Reflexive Anthropologie. Frankfurt a. M.
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Equit, Claudia/Hohage, Christoph (2016): Handbuch Grounded Theory. Wiesbaden.
Erzberger, Christian/Kelle, Udo (1998): Qualitativ vs. Quantitativ? In: Soziologie, Heft 3, S. 45–54.
Flick, Uwe (2004): Triangulation. Wiesbaden.
Flick, Uwe (2007): Qualitative Sozialforschung. Reinbek.
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Garz, Detlev/Raven, Uwe (2015): Theorie der Lebenspraxis. Wiesbaden.
Geertz, Clifford (1987): Dichte Beschreibung. Frankfurt a. M.
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Kelle, Udo (2008): Die Integration qualitativer und quantitativer Methoden in der empirischen Sozialforschung: Theoretische Grundlagen und methodologische Konzepte. Wiesbaden.
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Lüders, Christian/Reichertz, Jo (1986): Wissenschaftliche Praxis ist, wenn alles funktioniert und keiner weiß warum – Bemerkungen zur Entwicklung qualitativer Sozialforschung. In: Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau, H. 12, S. 90–102.
Oevermann, Ulrich (2000): Die Methode der Fallrekonstruktion in der Grundlagenforschung sowie der klinischen und pädagogischen Praxis. In: Klaus Kraimer (Hrsg.): Die Fallrekonstruktion. Sinnverstehen in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Frankfurt am Main, S. 58–156.
Oevermann, Ulrich/Allert, Tilman/Konau, Elisabeth/Krambeck, Jürgen (1979): Die Methodologie einer »objektiven Hermeneutik« und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften. In: Soeffner, Hans-Georg (Hrsg.): Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften. Stuttgart, S. 352–434.
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Reichertz, Jo (2007): Qualitative Sozialforschung – Ansprüche, Prämissen, Probleme. In: Erwägen – Wissen – Ethik 18 (2007) Heft 2, S. 195–208.
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Soeffner, Hans-Georg (2004): Auslegung des Alltags – Der Alltag der Auslegung. Konstanz.
Steinke, Ines (1999): Kriterien qualitativer Forschung. Weinheim.
Strauss, Anselm (1991a): Grundlagen qualitativer Forschung. München.
Strauss, Anselm (1991b): Creating Sociological Awareness. New Brunswick.
Strauss, Anselm/Corbin, Juliette (1996): Grundlagen qualitativer Forschung. Weinheim.
Kohärenz und Validität
UWE FLICK
Die Frage der Qualität qualitativer (Medien-) Forschung wird hier für zwei Ansätze behandelt. Kohärenz meint dabei einerseits die Stimmigkeit der gefundenen Ergebnisse, andererseits die Stimmigkeit des gewählten Vorgehens und seiner Einzelschritte. Kohärenz wird zwar gelegentlich als Kriterium für die Qualität qualitativer Forschung diskutiert, hier aber eher im Sinne einer Strategie zur Steigerung dieser Qualität behandelt. Als konkrete Vorschläge zur Umsetzung werden hier die Klärung der Indikationsfrage für Methoden und Ansätze des Qualitätsmanagements skizziert. Validität ist eines der klassischen Gütekriterien standardisierter Forschung, das teilweise auf qualitative Forschung übertragen wird, teilweise mit Blick auf diese reformuliert wird. Auch hier schlagen verschiedene Autoren einen Wechsel zur Strategie der Geltungsbegründung – von der Validität zu Validierung – vor.
Zur Qualität qualitativer Forschung
Qualitative Forschung ist – nicht speziell im Bereich der Medienforschung, sondern generell – seit längerem mit der Frage konfrontiert, wie und wodurch die Qualität der Forschung, der Vorgehensweisen und Ergebnisse bestimmt werden soll. So wird versucht, einen Kriterienkatalog für qualitative Forschung zu entwickeln. Diese Kriterien sollen dann für qualitative Forschung insgesamt oder für einen bestimmten Ansatz im Spektrum qualitativer Forschung oder für eine konkrete Methode gelten. Es existieren mittlerweile eine ganze Reihe von Vorschlägen für solche Kriterien (vgl. Flick 2016, Kap. 28 und 29 für einen Überblick). Dabei sind vor allem zwei Probleme aufgetreten, die die Unterschiede zur Situation in der quantitativen Forschung deutlich machen: Keiner der Vorschläge ist bislang so allgemein akzeptiert wie die Kriterien Reliabilität, Validität und Objektivität in der quantitativen Forschung. Und die bislang vorliegenden Vorschläge für Kriterien beinhalten in der Regel keine Grenzwerte oder Markierungen zur Unterscheidung schlechter von guter Forschung. Bei der Reliabilitätsbestimmung in der quantitativen Forschung wird immer auch ein Grenzwert festgelegt, wie groß die Übereinstimmung zwischen wiederholt durchgeführten Messungen sein muss, damit diese noch als reliabel betrachtet werden können. Bei Kriterien wie Authentizität, die wiederholt für die qualitative Forschung vorgeschlagen wurden (Lincoln/ Guba 1985), lässt sich keine vergleichbare Grenzziehung vornehmen.
Andererseits wird deshalb die Frage der Qualitätsbestimmung qualitativer Forschung an bestimmten Strategien der Qualitätssicherung festgemacht. Hier sind verschiedene Ansätze zu nennen wie die Analytische Induktion, die Triangulation (vgl. Flick 2011; 2018) und Ähnliches. Kohärenz nimmt hier eine Zwischenstellung ein. Einerseits wird sie zu einem Kriterium vor einem konstruktivistischen Hintergrund (etwa bei Steinke 1999), andererseits lässt die Herstellung bzw. Erhöhung der Kohärenz im Forschungsprozess sich als eine Strategie der Qualitätssicherung bzw. -förderung im qualitativen Forschungsprozess beschreiben. Die Herstellung von Kohärenz im Forschungsprozess ist eine solche Strategie, die auf unterschiedliche Weise realisiert bzw. umgesetzt werden soll. Entsprechend werden im nächsten Schritt solche Strategien diskutiert, bevor auf Kriterien wie Validität und ihre Alternativen eingegangen wird.
Kohärenz qualitativer Forschung
Definition von Kohärenz
Kohärenz in der qualitativen Forschung kann sich auf verschiedene Aspekte beziehen: Einerseits kann im Rahmen einer Theoriebildung – etwa mit dem Ansatz der Grounded Theory von Glaser und Strauss (1979; → Lampert, S. 596 ff.) – die entwickelte Theorie an dem Anspruch gemessen werden, ein kohärentes Erklärungsmodell oder zumindest eine kohärente Beschreibung des untersuchten Phänomens zu liefern (vgl. hierzu Steinke 1999). Weiterhin kann in der Anwendung unterschiedlicher empirischer Zugänge – im Sinne der Triangulation (vgl. Flick 2011, 2017a; → Treumann, S. 264 ff.) – geprüft werden, ob sie ein kohärentes oder ein divergentes Bild des untersuchten Gegenstandes liefern. Schließlich kann unter einer Prozessperspektive auf den qualitativen Forschungsprozess analysiert werden, inwieweit die einzelnen Schritte und die darin angewendeten methodischen Zugänge ein kohärentes Bild ergeben. Konkreter ist damit gefragt, ob die gewählte Erhebungsmethode mit dem gewählten Sampling und der angewendeten Interpretationsmethoden für die erhobenen Daten zusammenpasst und schließlich die Form der Darstellung des Vorgehens und der Resultate dem angemessen ist.1
Ansätze zur Realisierung von Kohärenz
Indikation qualitativer Forschung(-sansätze): Hinsichtlich der Herstellung von Kohärenz im qualitativen Forschungsprozess ist zunächst die weitere Klärung der Indikationsfrage ein Desiderat – ähnlich wie dies in der Medizin und Psychotherapie für die Eignung von Behandlungsmethoden bei bestimmten Problemen und Personengruppen geklärt wird. Auf den hier behandelten Kontext übertragen ist damit die Frage gemeint, warum eigentlich bestimmte – und nicht andere – Methoden für die jeweilige Untersuchung verwendet wurden. Nicht nur in qualitativer Forschung, sondern in empirischer Forschung generell geben Lehrbücher kaum eine Hilfestellung für die Entscheidung, wann man sich für eine bestimmte Methode in einer Untersuchung entscheiden sollte. Die meisten dieser Bücher behandeln die einzelnen Methoden oder Forschungsdesigns separat, wenn sie ihre Eigenschaften und Probleme beschreiben. In den meisten Fällen gelangen sie nicht zu einer vergleichenden oder gegenüberstellenden Darstellung verschiedener methodischer Alternativen oder zur Formulierung von Ansatzpunkten dafür, wie eine spezielle (und nicht eine andere) Methode für einen Forschungsgegenstand ausgewählt werden sollte. Entsprechend ist für die qualitative Forschung die weitere Klärung der Frage der Indikation eine Notwendigkeit. In Medizin oder Psychotherapie wird die Angemessenheit einer spezifischen Behandlung für bestimmte Probleme und Patientengruppen – die Indikation (der Behandlung) – geprüft. Die Antwort auf diese Frage lautet, ob eine spezifische Behandlung im konkreten Fall angemessen (indiziert) für ein bestimmtes Problem ist oder nicht. Überträgt man diese Prüfung auf qualitative Forschung, heißen die relevanten Fragen: Wann sind welche qualitativen Methoden angemessen – für welchen Gegenstand? Für welche Fragestellung? Für welche Untersuchungsgruppe (Population) oder welches Untersuchungsfeld etc.? Wann sind quantitative Methoden oder eine Kombination von quantitativen und qualitativen Methoden indiziert (vgl. Abb. 1)?
Die Beantwortung dieser Fragen soll einer einseitigen Festlegung auf bestimmte qualitative Methoden (die man schon immer angewendet hat) vermeiden helfen. Ein zweiter Weg der Förderung der Konsistenz im Forschungsprozess soll hier kurz vorgestellt werden.
Qualitätsmanagement in der qualitativen Forschung: Anregend für die Weiterentwicklung von Qualitätskriterien zur Beurteilung der Daten der qualitativen Forschung (→ Reichertz, S. 571 ff.) und ihrer Interpretation kann die Diskussion zum Qualitätsmanagement (Kamiske/Brauer 1995) im Bereich der industriellen Produktion, Dienstleistungen oder im Gesundheitswesen sein. Dieser Ansatz lässt sich auf die medienwissenschaftliche Forschung übertragen, um eine Diskussion über Qualität in der Forschung voranzutreiben. Über das Konzept des Auditings ergeben sich bereits erste Anknüpfungspunkte. So wird für die Überprüfung der Verlässlichkeit qualitativer Daten von Lincoln/Guba (1985) ein Prozess des »Auditings« vorgeschlagen, der am Vorgang der Buchprüfung im Finanzwesen orientiert ist. Dafür wird ein »Überprüfungspfad« (»auditing trail«) skizziert: Ein Auditing Trail erfasst

• die Rohdaten, ihre Erhebung und Aufzeichnung;
• Datenreduktion und Ergebnisse von Synthesen durch Zusammenfassung, theoretische Notizen, Memos etc., Summarys, Kurzdarstellungen von Fällen etc.;
• Datenrekonstruktionen und Ergebnisse von Synthesen anhand der Struktur entwickelter und verwendeter Kategorien (Themen, Definitionen, Beziehungen), Erkenntnisse (Interpretationen und Schlüsse) sowie die erstellten Berichte mit ihren Integrationen von Konzepten und den Bezügen zu existierender Literatur;
• Prozessnotizen, d. h. methodologische Notizen und Entscheidungen auch hinsichtlich der Herstellung von Vertrauens- und Glaubwürdigkeit der Erkenntnisse;
• Materialien in Bezug auf Absichten und Anordnungen wie die Forschungskonzeption, persönliche Aufzeichnungen und Erwartungen der Beteiligten;
• Informationen über die Entwicklung der Instrumente einschließlich der Pilotversionen und vorläufigen Pläne (vgl. Lincoln/Guba 1985, S. 320 f.).
Damit ist bereits die Prozessperspektive angelegt, die alle relevanten Schritte des Forschungsprozesses umfasst, der zu den Daten und ihrer Interpretation geführt hat. Im Kontext des Qualitätsmanagements ist ein Audit »die systematische, unabhängige Untersuchung einer Aktivität und deren Ergebnisse, durch die Vorhandensein und sachgerechte Anwendung spezifizierter Anforderungen beurteilt und dokumentiert werden« (Kamiske/Brauer 1995, S. 5). Insbesondere das »Verfahrensaudit« ist für die Forschung interessant. Ein Verfahrensaudit soll sicherstellen, »dass die vorgegebenen Anforderungen eingehalten werden und für die jeweilige Anwendung zweckmäßig sind. […] Vorrang hat immer das nachhaltige Abstellen von Fehlerursachen, nicht die einfache Fehleraufdeckung« (ebd., S. 8). Solche Qualitätsbestimmungen werden nicht abstrakt – etwa an bestimmten Methoden per se – vorgenommen, sondern mit Blick auf die Kundenorientierung und die Mitarbeiterorientierung (ebd., S. 95 f., S. 110 f.). Dabei ergibt sich die Frage, wer eigentlich die Kunden medienwissenschaftlicher Forschung sind. Im Qualitätsmanagement wird zwischen internen und externen Kunden unterschieden. Während Letztere die Abnehmer des jeweiligen Produktes sind, gehören zu den Ersteren die Beteiligten an der Herstellung im weiteren Sinn (z. B. Mitarbeiter anderer Abteilungen). Für die Forschung lässt sich diese Unterteilung übersetzen in diejenigen, für die das Ergebnis nach außen produziert wird (Auftraggeber, Gutachter etc. als externe Kunden), und diejenigen, für die und an denen das jeweilige Ergebnis zu erzielen gesucht wird (Interviewpartner, untersuchte Institutionen etc. als interne Kunden). Zur Überprüfung lassen sich beide Aspekte explizit analysieren: Inwieweit ist die Untersuchung so verlaufen, dass sie die Fragestellung beantwortet (externe Kundenorientierung) und den Perspektiven der Beteiligten ausreichend Raum lässt (interne Kundenorientierung)?
Die Mitarbeiterorientierung will berücksichtigen, dass »Qualität unter Anwendung geeigneter Techniken, aber auf der Basis einer entsprechenden Geisteshaltung entsteht«, wobei die »Übertragung von (Qualitäts-) Verantwortung auf die Mitarbeiter durch die Einführung von Selbstprüfung anstelle von Fremdkontrolle« (ebd., S. 110 f.) ein weiterer Ansatzpunkt ist. Entsprechend bezeichnet Qualitätsmanagement »Tätigkeiten […], die die Qualitätspolitik, die Ziele und Verantwortlichkeiten festlegen sowie diese durch Mittel wie Qualitätsplanung, Qualitätslenkung, Qualitätssicherung/Qualitätsmanagement-Darlegung und Qualitätsverbesserung verwirklichen« (ISO 1994; zit. nach Kamiske/Brauer 1995, S. 149).
Qualität im qualitativen Forschungsprozess (→ Reichertz, S. 27 ff.; Flick 2018b) wird sich nur realisieren lassen, wenn sie mit den beteiligten Forschern gemeinsam hergestellt und überprüft wird. Zunächst wird gemeinsam festgelegt, was eigentlich unter Qualität in diesem Zusammenhang zu verstehen ist und verstanden wird:
• eine möglichst klare Festlegung der zu erreichenden Ziele und einzuhaltenden Standards des Projekts; daran müssen alle Forscher und Mitarbeiter beteiligt werden;
• eine Festlegung, wie diese Ziele und Standards und allgemeiner die angestrebte Qualität zu erreichen sind; damit sind eine Einigung über die Weise der Anwendung bestimmter Methoden und ihre Umsetzung, etwa durch gemeinsame Interviewtrainings und deren Auswertung, Voraussetzungen für Qualität im Forschungsprozess;
• die klare Festlegung der Verantwortlichkeiten für die Herstellung von Qualität im Forschungsprozess und
• die Transparenz der Beurteilung und Sicherstellung der Qualität im Prozess.
Dabei sind die Bestimmung, was Qualität ist, deren Herstellung und Sicherstellung im Prozess und die Erfahrung, dass Qualität sich nur in der Kombination von Methoden und einer entsprechenden Haltung realisieren lässt, Anknüpfungspunkte zur Diskussion um Qualitätsmanagement in der medienwissenschaftlichen Forschung. Im Unterschied zu anderen Ansätzen der Qualitätsprüfung in der qualitativen Forschung wird beim Qualitätsmanagement zunächst mit allen Beteiligten geklärt, was unter Qualität verstanden wird, welche Qualitätsziele sich daraus ableiten lassen und wie diese im Einzelnen zu erreichen sind. Hier wird der Gedanke, Forschungsqualität ließe sich allgemein, abstrakt und von außen bestimmen, zu Gunsten einer gemeinsamen Klärung des Qualitätskonzeptes und seiner Umsetzung aufgegeben (vgl. hierzu ausführlicher Flick 2016, Kap. 29; → Reichertz, S. 27 ff.).
Validität qualitativer Forschung
Validität (vgl. Kvale 1995) wird für die qualitative Forschung häufig diskutiert. Die Frage der Validität lässt sich auch darin zusammenfassen, ob »der Forscher sieht, was er […] zu sehen meint« (Kirk/Miller 1986, S. 21). Bei der Übertragung und unmittelbaren Anwendung klassischer Validitätskonzeptionen in der qualitativen Forschung ergeben sich verschiedene Probleme. Die interne Validität soll z. B. erhöht bzw. sichergestellt werden, indem man ausschließt, dass andere als die in der Untersuchungshypothese enthaltenen Variablen den beobachteten Zusammenhang bestimmen (z. B. Bortz/Döring 2001, S. 53). In diesem Verständnis liegen bereits die Probleme bei der Übertragung auf qualitative Forschung begründet: Die interne Validität soll durch eine möglichst umfassende Kontrolle der Kontextbedingungen in der Untersuchung erhöht werden. Dazu dient die weitgehende Standardisierung der Erhebungs- bzw. Auswertungssituation. Der dafür notwendige Grad an Standardisierung ist jedoch mit dem größten Teil der gängigen qualitativen Methoden nicht kompatibel bzw. stellt ihre eigentlichen Stärken in Frage. Ähnlich lässt sich für die anderen Formen der Validität aufzeigen, warum sie nicht direkt auf qualitative Forschung übertragen werden können (vgl. hierzu Steinke 1999).
Insgesamt betrachtet wird der Anspruch formuliert, qualitative Forschung müsse sich zumindest den Fragen stellen, die mit Konzepten wie Reliabilität und Validität (z. B. bei Morse 1999, S. 717) oder Objektivität (Madill u. a. 2000) verknüpft sind (vgl. hierzu Flick 2018b). In der Umsetzung überwiegt jedoch die Modifikation oder Reformulierung der Konzepte.2 Generell stellt sich bei der Übertragung der klassischen Kriterien quantitativer Forschung das Problem, dass deren Umsetzung dort wesentlich auf der Standardisierung (des Vorgehens, der Methoden und ihrer Anwendung) beruht, was sich auf qualitative (bzw. nicht-standardisierte) Forschung aufgrund ihres expliziten Verzichts auf Standardisierung nicht übertragen lässt.
Reformulierung der Validität
Daher wird Validität in verschiedener Hinsicht neu gefasst. Legewie (1987) schlägt eine spezifische Validierung der Interviewsituation (zur Methode des Interviews → Keuneke, S. 302 ff.) ausgehend von den verschiedenen Geltungsansprüchen in Habermas’ »Theorie des kommunikativen Handelns« (1981) vor. Demnach sind als Geltungsansprüche, die ein Sprecher im Interview erhebt, zu differenzieren (und damit differenziert zu überprüfen), »(a) dass der Inhalt des Gesagten zutrifft […]; (b) dass das Gesagte in seinem Beziehungsaspekt sozial angemessen ist […]; (c) dass das Gesagte in seinem Selbstdarstellungsaspekt aufrichtig ist.« Ansatzpunkt für die Validierung biographischer Äußerungen ist die Untersuchung der Interviewsituation daraufhin, inwieweit »die Voraussetzungen nicht-strategischer Kommunikation« gegeben waren und »Ziele und Besonderheiten des Interviews […] in Form eines mehr oder weniger expliziten […] ›Arbeitsbündnisses‹ […] ausgehandelt werden« (Legewie 1987, S. 145 ff.).
Zur zentralen Frage wird hier, ob Interviewpartner in der Interviewsituation einen Anlass hatten, bewusst oder unbewusst eine spezifische, d. h. verfälschende Version ihrer Erfahrungen zu konstruieren, die sich nicht (oder nur begrenzt) mit ihren Sichtweisen bzw. dem erzählten Geschehen deckt. Die Interviewsituation wird nach Hinweisen für solche Verzerrungen untersucht. Dies soll Anhaltspunkte dafür liefern, welche systematischen Verzerrungen oder Täuschungen Bestandteil des aus dem Interview entstandenen Textes sind und inwieweit und wie genau diese bei der Interpretation zu berücksichtigen sind. Dieser prüfende Ansatz des Forschers lässt sich durch die Einbeziehung der Interviewpartner weiter ausbauen.
Kommunikative Validierung in einem zweiten Termin nach Abschluss des Interviews und der Transkription (→ Ayaß, S. 421 ff.) ist hier ein entsprechender Ansatz (vgl. Scheele/Groeben 1988). Gelegentlich wird die kommunikative Validierung auch in Bezug auf die Ergebnisse der Interpretation von Texten bzw. Daten diskutiert (vgl. Heinze 1987). Aufgrund der bei der Konfrontation mit Interpretationen auftretenden ethischen Probleme (vgl. hierzu Köckeis-Stangl 1982) hat dieses Verständnis kommunikativer Validierung an Bedeutung verloren. Baumeler (2003) greift diese Verwendungsweise der kommunikativen Validierung im Kontext einer ethnographischen Studie wieder auf und demonstriert die Probleme, die sich dabei ergeben. Vor einer allgemeineren Anwendung solcher Strategien sollten Antworten auf zwei Fragen gesucht werden:
1) Wie sollte das methodische Vorgehen bei der kommunikativen Validierung gestaltet werden, damit es den untersuchten Sachverhalten und der Sicht der Subjekte tatsächlich gerecht wird?
2) Wie lässt sich die Frage der Geltungsbegründung jenseits der Zustimmung der Subjekte weitergehend beantworten? Hierzu sind andere Qualitätsprüfungen notwendig, die eine kommunikative Validierung ergänzen (vgl. als Überblick Flick 1987 und 2010).
Mit dem Konzept der Prozeduralen Validierung in der Reformulierung des Konzepts der Validität geht Mishler (1990) einen Schritt weiter. Sein Vorschlag fokussiert den Prozess der Validierung und nicht den Zustand der Validität. Mishler definiert Validierung als »soziale Konstruktion von Wissen« (1990, S. 417), durch die wir »Behauptungen über die ›Vertrauenswürdigkeit‹ berichteter Beobachtungen, Interpretationen und Verallgemeinerungen aufstellen und diese bewerten« (ebd., S. 419). Schließlich lassen sich durch »Validierung, verstanden als der soziale Diskurs, durch den Vertrauenswürdigkeit hergestellt wird, solche vertrauten Konventionen wie Reliabilität, Falsifikation und Objektivität« umgehen. Als empirische Basis für diesen Diskurs und die Konstruktion von Vertrauenswürdigkeit erörtert Mishler die Verwendung von Beispielen aus narrativen Studien.
Wolcott (1990, S. 127 f.) formuliert für den Prozess ethnographischer Forschung neun Punkte, deren Realisierung der Sicherung von Validität dienen sollen:
(1) Der Forscher soll im Feld weniger selbst reden, sondern möglichst viel zuhören. Er soll (2) möglichst genaue Aufzeichnungen erstellen und (3) frühzeitig zu schreiben beginnen, und zwar (4) in einer Form, die es dem Leser seiner Aufzeichnungen und Berichte ermöglicht, selbst zu sehen, d. h. soviel an Daten mitzuliefern, dass Leser ihre eigenen Schlüsse ziehen und die des Forschers nachvollziehen können. Der Bericht soll möglichst (5) vollständig und (6) offen sein. Der Forscher soll im Feld oder bei seinen Kollegen (7) Feedback zu seinen Ergebnissen und Darstellungen suchen. Darstellungen sollen eine Balance (8) zwischen den verschiedenen Aspekten aufweisen und (9) durch Genauigkeit im Schreiben gekennzeichnet sein.
Diese Schritte zur Sicherstellung der Validität im Forschungsprozess lassen sich einerseits als Versuch des sensiblen Agierens im Feld und andererseits als Verlagerung des Problems der Validität in der Forschung in den Bereich des Schreibens über Forschung sehen.
Altheide und Johnson (2011, S. 586 f.) formulieren das Konzept der »Validität-als-reflexive-Erklärung«. Darin setzen sie die Forscher, den Gegenstand und den Prozess der Sinnfindung in Beziehung und machen Validität am Prozess der Forschung und den verschiedenen Beziehungen fest:
1) der Beziehung zwischen dem, was beobachtet wird (Verhaltensweisen, Rituale, Bedeutungen), und den größeren kulturellen, historischen und organisatorischen Kontexten, innerhalb derer die Beobachtungen durchgeführt werden (die Materie);
2) den Beziehungen zwischen dem Beobachter, dem bzw. den Beobachteten und dem Setting (der Beobachter);
3) der Frage der Perspektive oder der Sichtweise, ob diejenige des Beobachters oder die der Mitglieder des Feldes verwendet werden, um eine Interpretation der ethnographischen Daten anzufertigen (die Interpretation);
4) der Rolle des Lesers im Endprodukt (die Leserschaft);
5) der Frage des darstellenden rhetorischen oder schriftstellerischen Stiles, der von dem oder den Autoren verwendet wird, um eine Beschreibung und/oder Interpretation anzufertigen (der Stil) (ebd., S. 586 f.).
Validierung wird hier unter der Perspektive des gesamten Forschungsprozesses und der beteiligten Faktoren behandelt. Die Vorschläge bleiben dabei jedoch eher auf der Ebene der Programmatik, als dass konkrete Kriterien oder Anhaltspunkte formuliert werden, anhand derer sich einzelne Studien oder Bestandteile davon beurteilen lassen. Versuche, Validität und Validierung in der qualitativen Forschung zu verwenden oder zu reformulieren, haben insgesamt betrachtet mit verschiedenen Problemen zu kämpfen: Formale Analysen des Zustandekommens von Daten in der Interviewsituation beispielsweise können noch nichts über Inhalte und ihre angemessene Behandlung im weiteren Verlauf der Forschung aussagen. Das Konzept der kommunikativen Validierung (oder auch: Member Checks; vgl. Lincoln/Guba 1985) ist mit dem Problem konfrontiert, dass die Zustimmung dort als Kriterium schwierig ist, wo die Sicht des Subjekts systematisch überschritten wird – in Interpretationen, die ins soziale oder psychische Unbewusste vordringen wollen oder sich gerade aus der Unterschiedlichkeit verschiedener subjektiver Sichtweisen ableiten. Entsprechend gab es hierzu eine heftige Kritik an solchen Ansätzen seitens der Vertreter der Objektiven Hermeneutik (→ Hagedorn, S. 580 ff.). Insgesamt betrachtet zeichnen sich die behandelten Reformulierungen des Validitätskonzepts durch eine gewisse Unschärfe aus. Sie bieten der Forschungspraxis durch ihre generelle Problematisierung und Programmatik nicht unbedingt eine Lösung für die Frage der Geltungsbegründung an. Als gemeinsame Tendenz bleibt jedoch eine Verlagerung von Validität zur Validierung und von der Beurteilung des einzelnen Schritts oder Bestandteils der Forschung zur Herstellung von Transparenz über den Forschungsprozess festzuhalten.
Schließlich wird die Anwendung klassischer Kriterien auf qualitative Forschung in Frage gestellt, da »das Wirklichkeitsverständnis« beider Forschungsrichtungen dafür »zu unterschiedlich« (Lüders/Reichertz 1986, S. 97) sei. Ähnliche Vorbehalte formulieren schon Glaser und Strauss (1979, S. 92).
Sie »bezweifeln, ob der Kanon quantitativer Sozialforschung als Kriterium […] auf qualitative Forschung […] anwendbar ist. Die Beurteilungskriterien sollten vielmehr auf einer Einschätzung der allgemeinen Merkmale qualitativer Sozialforschung beruhen – der Art der Datensammlung […], der Analyse und Darstellung und der […] Weise, in der qualitative Analysen gelesen werden.«
Big Tent Kriterien
Aktueller schlägt Tracy (2010) acht »Big Tent« Kriterien vor. Mit diesem Begriff bezeichnet sie, dass die Kriterien sich nicht auf einen einzelnen Schritt im Forschungsprozess beziehen. In einer Validitätsprüfung in der quantitativen Forschung wird die Gültigkeit der Messung geprüft. Andere Aspekte, werden eher außer Acht gelassen, etwa ob in der jeweiligen Studie überhaupt ein relevantes Problem (vgl. Charmaz 2014, die dies als Kriterium für Grounded Theory Forschung formuliert) untersucht wird. Tracy bezieht solche Aspekte ebenfalls mit ein und definiert ihre Kriterien wie folgt:
»[…] high quality qualitative methodological research is marked by (a) worthy topic, (b) rich rigor, (c) sincerity, (d) credibility, (e) resonance, (f) significant contribution, (g) ethics, and (h) meaningful coherence« (2010, S. 839). Dabei beschreibt sie alle Kriterien detaillierter. Bspw. bezeichnet »Worthy topic«: »The topic of the research is relevant; timely; significant; interesting«. »Rich rigor« bezieht sich auf Folgendes: »The study uses sufficient, abundant, appropriate, and complex theoretical constructs; data and time in the field; sample(s); context(s); data collection and analysis processes« (2010, S. 840; S. 841).
Im Kriterium »credibility« sind Strategien wie Triangulation, member checks und der Umgang mit abweichenden Fällen (hier unter dem Stichwort ›multivocality‹ diskutiert) zusammengefasst (2010, S. 844). Tracys Vorschläge sind aber ebenfalls mit dem Problem konfrontiert, das den Ansatz von Lincoln und Guba (1985) betrifft: Es lassen sich keine Grenzen (oder Grenzwerte) definieren, wieviel »worth«, »rigor«, »credibility« oder »sincerity« gegeben sein sollten, damit eine Studie diese Kriterien erfüllt. Ihre Kriterien sind allerdings Orientierungspunkte für eine Bestimmung der Qualität in der qualitativen Forschung.
Fazit
Es sollte deutlich geworden sein, dass die Fragen der Qualität, Qualitätssicherung und -förderung in der qualitativen Forschung noch nicht hinreichend beantwortet sind, auch wenn die Sensibilität für diese Themen in den letzten Jahren deutlich gewachsen ist. Die Antwort wird zwischen der Formulierung von Kriterien und der Entwicklung von Strategien gesucht. Sowohl Kohärenz als auch Validität werden in diesem Zusammenhang als mögliche Kriterien diskutiert (etwa bei Steinke 1999), gleichzeitig aber auch als Ausgangspunkt für die Formulierung von Strategien der Geltungsbegründung genommen. Im einen Fall lässt sich durch die Beantwortung der Indikationsfrage und durch die Anwendung von Strategien des Qualitätsmanagements (→ Reichertz, S. 27 ff.) ein Beitrag zur Kohärenz qualitativer Forschung leisten. Im anderen Fall wird der Akzent von der Validität zur Validierung verlegt, wobei ebenfalls eher der gesamte Forschungsprozess als der einzelne, einer Validitätsprüfung zu unterziehende Schritt (etwa die Durchführung eines Interviews) in den Blick gerät.
Anmerkungen
1 Für eine auf diese Form der Kohärenz abzielende Darstellung qualitativer Methoden und Schritte des Forschungsprozesses vgl. Flick 2016.
2 Für eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob die klassischen Kriterien auf qualitative Forschung übertragbar sind bzw. warum nicht vgl. Steinke 1999.
Literatur
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Baumeler, Carmen (2003): Dissens in der kommunikativen Validierung – Eine Absage an die Güte wissenschaftlicher Forschung? In: Sozialer Sinn, 2, S. 313–329.
Bortz, Jürgen/Döring, Nicola (2001): Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler, 3. Auflage. Berlin u. a.
Charmaz, Kathy (2014): Constructing Grounded Theory: A Practical Guide Through Qualitative Analysis (2nd edn). Thousand Oaks, CA.
Flick Uwe (1987): Methodenangemessene Gütekriterien in der qualitativ-interpretativen Forschung. In: Bergold, Jarg B./Flick, Uwe (Hrsg.): Ein-Sichten. Zugänge zur Sicht des Subjekts mittels qualitativer Forschung. Tübingen, S. 246–263.
Flick, Uwe (2010): Gütekriterien qualitativer Forschung. In: Mey, Günter/Mruck, Katja (Hrsg.) Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie. Wiesbaden, S. 391–403.
Flick, Uwe (2011): Triangulation – Eine Einführung, 3. Auflage. Wiesbaden.
Flick, Uwe (2016): Qualitative Sozialforschung – Eine Einführung. Völlig überarbeitete Neuauflage Reinbek.
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Flick, Uwe (2018b): Managing the Quality of Qualitative Research. London/ Thousand Oaks, CA.
Glaser, Barney G./Strauss, Anselm L. (1979): Die Entdeckung gegenstandsbegründeter Theorie: Eine Grundstrategie qualitativer Forschung. In: Hopf, Christel/Weingarten, Elmar (Hrsg.): Qualitative Sozialforschung. Stuttgart, S. 91–112.
Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns (2 Bd.). Frankfurt a. M.
Heinze, Thomas (1987): Qualitative Sozialforschung. Opladen.
Kamiske, Gerhard F./Brauer Jan P. (1995): Qualitätsmanagement von A bis Z – Erläuterungen moderner Begriffe des Qualitätsmanagements, 2. Auflage. München.
Kirk, Jerome/Miller, Marc L. (1986): Reliability and Validity in Qualitative Research. Beverley Hills.
Köckeis-Stangl, Eva (1982): Methoden der Sozialisationsforschung. In: Hurrelmann, Klaus/Ulich, Dieter (Hrsg.): Handbuch der Sozialisationsforschung. Weinheim, S. 321–370.
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Legewie, Heiner (1987): Interpretation und Validierung biographischer Interviews. In: Jüttemann Gerd/Thomae, Hans (Hrsg.): Biographie und Psychologie. Berlin, S. 138–150.
Lincoln, Yvonna S./Guba, Egon G. (1985): Naturalistic Inquiry. London/Thousand Oaks/New Delhi.
Lüders, Christian/Reichertz, Jo (1986): Wissenschaftliche Praxis ist, wenn alles funktioniert und keiner weiß warum. Bemerkungen zur Entwicklung qualitativer Sozialforschung. In: Sozialwissenschaftliche Literaturrundschau, 12, S. 90–102.
Madill Anna/Jordan, Abbie/Shirley, Caroline (2000): Objectivity and Reliability in Qualitative Analysis: Realist, Contextualist and Radical Constructionist Epistemologies. In: British Journal of Psychology, 91, S. 1–20.
Mishler, Elliot G. (1990): Validation in Inquiry-Guided Research: The Role of Exemplars in Narrative Studies. In: Harvard Educational Review, 60, S. 415–442.
Morse, Janice M. (1999): Myth #93: Reliability and Validity are not Relevant for Qualitative Inquiry – Editorial. In: Qualitative Health Research, 9, S. 717–718.
Scheele, Brigitte/Groeben, Norbert (1988): Dialog-Konsens-Methoden zur Rekonstruktion Subjektiver Theorien. Tübingen.
Steinke, Ines (1999): Kriterien qualitativer Forschung. Ansätze zur Bewertung qualitativ-empirischer Sozialforschung. Weinheim/München.
Tracy, Sarah J. (2010): Qualitative Quality: Eight, »Big-Tent« Criteria for Excellent Qualitative Research. In: Qualitative Inquiry 16, S. 837–851.
Wolcott, Harold F. (1990): On Seeking – and Rejecting – Validity in Qualitative Research. In: Eisner, Elliot W./Peshkin, Alan (Hrsg.): Qualitative Inquiry in Education. The Continuing Debate. New York, S. 121–152.
Forschungsethik und Datenschutz
MATTHIAS RATH
»Forschungsethik« ist ein unklar verwendeter Begriff. Häufig bezeichnet er nur die kollektiv vereinbarten Wertannahmen einer Wissenschaft, die sich zwar konsensuell auf diese Regulierungen geeinigt hat, diese aber selbst nicht normativ begründen kann. Der Beitrag verweist auf die Notwendigkeit, Kriterien und Prinzipien der Forschungsethik im Sinne der philosophischen Ethik durch eine philosophische oder informierte Reflexion einzuholen, bestimmt die Medienforschung als Objekt einer solchen Forschungsethik, beschreibt dann die maßgebenden forschungsethischen Probleme der Medienforschung (informed consent, Auftragsforschung, politische Instrumentalisierung von Forschungsergebnissen) und differenziert abschließend zwischen den rechtlich obligatorischen Regelungen des Datenschutzes und den diesen voraus liegenden ethischen Fragestellungen.
1. Zum Begriff einer »Forschungsethik«
Die Bedeutung von »Forschungsethik« für Sozialwissenschaften, also auch die qualitative Medienforschung, ist häufig unklar. Definitionsversuche, wie die von Hopf (2016, S. 195)
»Prinzipien und Regeln […] in denen mehr oder minder verbindlich und mehr oder minder konsensuell bestimmt wird, in welcher Weise die Beziehungen zwischen den Forschenden auf der einen Seite und den in sozialwissenschaftliche Untersuchungen einbezogenen Personen auf der anderen Seite zu gestalten sind«, machen das Dilemma deutlich, das eine normative Reflexion auf forschendes Handeln für eine sich empirisch verstehende Forschung darstellt. Was hier (und in vergleichbarer Weise auch von anderen Autoren) als »Ethik« vorgestellt wird, ist zunächst einmal nur ein Regelkanon, der entweder »verbindlich« (juristisch) oder »konsensuell« bestimmt ist. Im Fall konsensueller Vereinbarungen haben ständische Vertretungen oder fachwissenschaftliche Verbände Standards des forschenden Handelns durch Mehrheitsentscheid für die jeweilige Profession oder Wissenschaft als verbindliche Prinzipien der Forschung festgelegt. Es handelt sich also um eine gruppenspezifisches Norm- oder Wertüberzeugung, die man auch als Gruppenmoral bezeichnen kann (vgl. Rath 2014, S. 38). Hammersley und Traianou (2011, S. 380) warnen in diesem Zusammenhang berechtigterweise vor einem »moralism«, der forschungsunabhängige Wertvorstellungen dem Forschungsprozess zuweise und/oder Forschende normativ überfordere. Aber für die Frage nach den anwendbaren und zu berücksichtigenden Werten können sie ebenfalls keine Hinweise geben, wie diese jenseits konsensueller Übereinkunft festzulegen wären. Denn die faktische Geltung dieser Regelungen, die in Gesetzestexten, dem Standesrecht oder den Kodizes für eine »gute wissenschaftliche Praxis« (vgl. z. B. DFG 2013) festgelegt ist, wird von den jeweiligen deskriptiven Disziplinen nicht selbst geleistet. Für die Findung und Kodifizierung geltender Regelungen sind außerwissenschaftliche Verfahren mit eigenen Präferenzen, z. B. politischen, weltanschaulichen oder ökonomischen Vorannahmen, maßgebend. Diese Regelungen gehören selbst nicht zum wissenschaftlichen Objekt der Disziplinen noch verfügen diese über wissenschaftliche Verfahren, um diese Regelungen über die faktische Geltung hinaus zu plausibilisieren (vgl. Rath 2006). Insofern muss man zwischen der normativen Institutionalisierung und einer im eigentlichen Sinne Normativität begründenden Disziplin wie der Ethik unterscheiden (vgl. Stapf 2006). Die Bezeichnung »Forschungsethik« ist daher irreführend.
Von dieser Geltung, die außerwissenschaftlich festgelegt werden muss, ist daher die Frage zu unterscheiden, ob solche Handlungsorientierung auch allgemeine Gültigkeit beanspruchen darf. Diese Frage ist das Thema der philosophischen Ethik, die als »Theorie rational eingeholter Normativität« (vgl. Rath 2016) die kritische Analyse und ggf. argumentative Plausibilisierung von Norm- und Wertüberzeugungen zu leisten vermag. »Forschungsethik« meint daher in einem wohlverstandenen Sinne die philosophische oder philosophisch informierte Reflexion auf Begründungsmuster oder die Frage, ob die konsensuell gesetzten Handlungspräferenzen über den faktischen Konsens hinaus auch eine argumentative Verallgemeinerung zulassen. In diesem Sinne ist Forschungsethik eine Teildisziplin der allgemeinen Ethik oder der das Forschungsfeld der jeweiligen Einzelwissenschaft betreffenden angewandten Ethik, für den Bereich der Medienforschung die Medienethik (vgl. Köberer 2015).
Hier können Ethik als wissenschaftliche Disziplin und das Kooperationsfeld von Medienforschung und Medienethik (vgl. Karmasin et al. 2013) nicht explizit dargestellt werden. Im Folgenden geht es daher primär um Medienforschung als Objekt einer Forschungsethik.
2. Medienethik als Objekt einer Forschungsethik
Wissenschaft stellt selbst ein Handlungsfeld dar. Menschliches Handeln im Rahmen der wissenschaftlichen Forschung wie auch im Rahmen der Anwendung wissenschaftlicher bzw. wissenschaftlich-technischer Erkenntnisse steht unter dem Anspruch normativer Selbstbestimmung, z. B. im Rahmen eines Berufsethos oder einer Standesmoral, und der moralischen Infragestellung. Ethische Reflexionen zur Begründbarkeit moralischer Überzeugungen in Bezug auf wissenschaftliches und wissenschaftlich-technisches Handeln sind Aufgabe und Ziel der verschiedenen Wissenschafts- und Forschungsethiken (Ströker 1984; Erwin et al. 1994). Sigrid Graumann (2006) plädiert dafür, die Begriffe »Forschungsethik« und »Wissenschaftsethik« dabei klar zu trennen. Wissenschaftsethik umfasse »die Trias Wissenschaft, Technik und Gesellschaft« (ebd., 253), Forschungsethik hingegen beschränke sich auf Forschung als wissenschaftliche Praxis. Dieser analytischen Trennung wird im Folgenden weitgehend, wenn auch nicht ausschließlich, gefolgt, zumal, wie Beispiele zeigen, Forschungspraxis sehr wohl Folgen für gesellschaftliche Diskurse und Praktiken haben kann (vgl. z. B. Milgram 1974).
Zum klassischen Bestand forschungsethischer Reflexion gehört die Medizinethik, die sowohl die Anwendung als auch die Forschungspraxis der Medizin schon lange reflektiert und ein breites Corpus an einschlägigen nationalen und internationalen Regelungen und Vereinbarungen hervorgebracht hat (vgl. Honnefelder/Rager 1994; Schmidt 2008, S. 96–128). Für die empirischen Humanwissenschaften stellte sich im Nachgang zur Medizin ebenfalls die ethische Frage, ob all das am und mit dem Menschen gemacht werden darf, was methodisch möglich ist und aus einzelwissenschaftlicher Sicht sogar wünschenswert oder notwendig erscheint (vgl. Ott 1997).
3. Ethische Probleme der Medienforschung
Die empirischen Humanwissenschaften, die zur Erhebung wissenschaftlich relevanter Ergebnisse auf empirische Methoden zurückgreifen, müssen sich demnach mit der moralischen Infragestellung ihrer Forschungspraxis auseinandersetzen. Seit den frühen 1980er Jahren wird auch für die deutschsprachige empirische Sozialforschung über Regelungen und Kodices nachgedacht. Es wurde dabei deutlich, dass eine ganze Anzahl von Maßnahmen, die zum gängigen, vor allem experimentellen Forschungsinstrumentarium der empirischen Sozialforschung gehören, unserer moralischen Intuition zuwiderlaufen bzw. sich nicht ohne weiteres ethisch rechtfertigen lassen. Diese in Kodizes und der Literatur immer wieder genannten Problembereiche sind z. B.
• die Täuschung oder Missinformation von Probanden,
• ihre psychische und/oder physische und/oder soziale Gefährdung oder gar Beeinträchtigung und Schädigung,
• die Verletzung der Privatsphäre,
• die Gefährdung des Datenschutzes.
Selbst wenn man für manche Untersuchungen die Notwendigkeit solcher moralisch intuitiv fragwürdiger Methoden bezweifeln kann und alternative Forschungstechniken anmahnt, so bleiben doch grundsätzliche methodische Erwägungen bestehen, die diese Vorgehensweisen geradezu fordern. Dieses »Dilemma zwischen ethischen und methodologischen Normen« (Schuler 1982, S. 16) weißt auf die wichtige Unterscheidung zwischen wissenschaftsinterner und externer Verantwortung (vgl. Lenk 2006) hin. Wissenschaftsintern geht es um die Berücksichtigung der als »gute wissenschaftliche Praxis« ausgezeichneten Forschungsverfahren. Externe Verantwortung berücksichtigt vor allem die von Graumann (2006) der Wissenschaftsethik zugewiesenen Themenfelder. Beide Bereiche sind analytisch auch unterscheidbar, kommen aber in der Person der Forschenden zusammen. Forschende sind immer auch »kompetente Bürger«, die Verantwortung innerhalb der Gesellschaft und im Maße ihres Einflusses für die Gesellschaft tragen. Aus dieser Überlegung folgt noch eine weitere wichtige Differenzierung. Für die genannten und mögliche weitere Themenfelder der Forschungsethik ist darauf zu achten, ob sie nicht bereits nationalstaatlich oder supranational rechtlich geregelt sind. Im Gegensatz zu innerwissenschaftlichen Verfahrens- und Methodenfragen sind gesetzliche Regelungen von der handlungsleitenden Bindung her nicht mehr optional. Ein »Dopplung« in einer Professionsregelung scheint daher prima facie unnötig, es reicht u. U. der Hinweis auf die grundsätzliche Bereitschaft der Profession geltendes Recht zu achten. Allerdings kommt aus ethischer Sicht auch einer gesetzlichen Regelung nicht per se der Charakter der allgemeinen Plausibilität und Verallgemeinerbarkeit zu. Dies führt uns zum hauptsächlichen und wichtigsten Prinzip einer forschungsethischen Begründung, der Informationspflicht der Forschenden gegenüber ihren Probanden, da diese einerseits zwar gesetzlich im Rahmen des Selbstbestimmungsrechts garantiert ist, aber konkret im Forschungsprozess ganz unterschiedlich eingeholt werden kann.
Vor allem in der medizinischen Ethik ist die Informiertheit der Probanden (informed consent), welche die Voraussetzung darstellt für eine freie Zustimmung zur Beteiligung am Forschungsprozess, durch den Übergriff und die Erfahrungen im sogenannten »Dritten Reich« zum Grundbestand der wissenschaftlichen Selbstverpflichtung geworden (vgl. Yuko/ Fisher 2015). In Forschungsverfahren, die nicht auf Experimente, sondern methodisch auf Befragung, Interview (→ Keuneke, S. 302 ff.) und daran anschließend auf qualitative Interpretation der erhaltenen Aussagen setzt (vgl. die Beiträge im Abschnitt 6 dieses Handbuchs), steht weniger die Erhebung selbst als die Intention der Forschenden und die Verwendung der erhobenen Daten im Mittelpunkt (vgl. Friedrichs 2014). Wie aber auch schon in experimentalen Forschungskontexten ist auch hier nach dem Verhältnis von Erkenntniswille, Informationsanspruch und sozialem Interesse an bestimmten Daten (z. B. dem Einkommen der Befragten) zu fragen und dieses abzuwägen. Dabei ist nicht nur die jeweilige unterschiedliche Einschätzung des Verhältnisses von Individuum und Gemeinschaft oder Gesellschaft ein Problem (vgl. Friele 2012), sondern auch das Forschungssetting als solches – ein partizipativer Ansatz, der gerade in qualitativen Forschungsvorhaben häufig anzutreffen ist, wird informed consent grundlegender fassen als eher quantitative Befragungen, die individuelle Daten anonymisiert erheben oder verarbeiten (vgl. Gelling/Munn-Gidding 2011). Unabhängig davon wird man von ethischer Seite her die individuelle Entscheidungsfähigkeit höher einschätzen als kulturelle Relativierungen. Allerdings sehen die Kodizes experimentell arbeitender Wissenschaften und auch die meisten philosophischen Ethiker hierbei die Notwendigkeit, zwischen der Gefährdung der Probanden bzw. Versuchspersonen und dem Nutzen, der aus der Forschung entstehen kann, abzuwägen (risk benefit balance).
Informed consent in qualitativer Medienforschung spielt mehr in den Bereich der Sicherung des Probandenschutzes (vgl. Jacob et al. 2013, 226–227) hinein, der formal auch dem Datenschutz und dem Schutz der Privatsphäre zuzuweisen wäre. Informed consent scheint daher entgegen der Tradition der experimentell arbeitenden Wissenschaften im Rahmen der qualitativen Sozialforschung auch die anderen oben genannten Aspekte der Forschungsethik zu tangieren bzw. den Kern qualitativer Forschungsethik auszumachen. Daher sind für die qualitative Medienforschung eigenständige Analysen (und ggf. eigene Strukturen für die Entwicklung forschungsethischer Institutionalisierungen wie Ethikkommissionen) notwendig (vgl. Burr/Reynolds 2010).
Obwohl also einerseits die unmittelbare Gefährdung des Individuums wie auch der Gesellschaft in qualitativer bzw. nichtexperimenteller und nicht primär technisch umsetzbarer Forschung gering oder z.T. auch zu vernachlässigen sind, so stehen andererseits gerade die Medienforschung und speziell die Medienwirkungsforschung unter einem sozialen und politischen Legitimationsdruck. Sie sind der Praxis ihres Forschungsobjekts sehr nahe, zum einen, weil sie Ergebnisse zeitigt, die unter Umständen dieser Praxis im Sinne handlungsleitender Imperative dienen, zum anderen, weil ihre Ergebnisse zugleich das Rohmaterial abgeben für normative Bewertungen eben dieser Praxis, z.B. auf dem Gebiet der Rahmengesetzgebung. Der erste Aspekt eröffnet der Medienforschung (und anderen anwendungsbezogenen Forschungsbereichen) das lukrative Feld der privaten Auftragsforschung, der zweite Aspekt deutet auf die Gefahr einer Verstrickung anwendungsbezogener Forschung in forschungsfremde Interessen hin.
4. Medienforschung als Auftragsforschung
Als Auftragsforschung ist die Medienforschung spätestens seit Einführung der privaten Rundfunksender in Deutschland auch außerwissenschaftlich besonders relevant. Mit dem Aufbrechen des öffentlich-rechtlichen Rundfunkmonopols Anfang der 1980er Jahre begann die Diskussion um die Qualität des privaten Rundfunks – Schlagwörter sind hierfür vor allem Pornographie und Gewalt. Die klassische Kommunikationsforschung konnte hierbei nur einen bedingten Beitrag leisten, wenn auch die klassische Bestimmung ihrer Grundfrage von Lasswell (1948, S. 37), »Who Says What In Which Channel To Whom With What Effect?«, die Wirkung bereits als Thema benennt. Von der Quotenforschung abgesehen blieb Medienforschung an einzelne Auftraggeber gebunden, private wie öffentlich-rechtliche.
Dieser Sachverhalt ist zunächst einmal nicht problematisch. Auftragsforschung ist in vielen Bereichen gang und gäbe. Für manche wissenschaftliche Institution ist Auftragsforschung Grundbestandteil der Finanzierung und damit unabdingbar. Die Finanzierungsform kann zunächst also nicht als ein ethisches Kriterium herhalten. Um die ethische Problematik zu erkennen, ist es sinnvoll, eine Unterscheidung aufzugreifen, die bereits Irle (1983) für eine andere anwendungsbezogene Sozialwissenschaft, die Marktpsychologie, erarbeitet hat. Er unterscheidet zwischen einer »quasiparadigmatischen«, theoriegeleiteten Forschung, einer problemorientierten oder »Domain«-Forschung und schließlich der praxisorientierten »technologischen« Forschung. Die technologische Forschung unterscheidet sich von den anderen Forschungsformen durch ein zusätzliches Forschungsziel. Sie soll »rationale Maßgaben dafür bereitstellen, was getan werden soll, um etwas hervorzubringen, zu vermeiden, zu verändern, zu verbessern usf.« (ebd., S. 836). Die Auftragsforschung »instrumentalisiert« also ihre Probanden zu einem außerwissenschaftlichen Zweck. Daraus ergibt sich eine erhöhte ethische Sorgfaltspflicht, vor allem im Bereich des informed consent, zum Beispiel mit der Pflicht, immer den Auftraggeber der Forschung mitzuteilen. Aber es ergibt sich im Medienbereich noch eine weitere Differenzierung. Medienforschung kann ein Instrument operativer Produktplanung oder strategischer Öffentlichkeitsarbeit sein.
4.1 Medienforschung als »in-house«-Phänomen
Als »in-house«-Phänomen dient die Medienforschung vor allem dazu, Bedeutung, Leistung, Akzeptanz und Wirkung medialer Produkte zu erheben, um dem Medienanbieter ein operatives Instrument in die Hand zu geben, seine Produkte zu optimieren. In diesem Fall hat der Auftraggeber Interesse an einer möglichst genauen und wissenschaftlich korrekten Erforschung des jeweiligen Objekts. An der Praxis medialer Vermarktbarkeit orientiert, will der Auftraggeber wissen, wie seine Produkte wirken, wo sie Defizite, gemessen an einem bestimmten Akzeptanzmaß (Einschaltquote, verkaufte Auflage, Leser pro werbeführende Seite, Klicks) haben und, im idealen Fall, wie er diese Defizite ausgleichen und seine Produkte marktgerecht optimieren kann. Für diese Forschung gelten zunächst die gleichen Prinzipien wie für »öffentlich« finanzierte Forschung: Sie muss den methodischen und ethischen Prinzipien wissenschaftlicher Forschung überhaupt entsprechen.
Der Forscher muss sich allerdings vor Augen halten, dass der Weg von der Ergebniserhebung hin zur Verwertung seiner Ergebnisse ein extrem kurzer ist. Damit stehen die aus der Anwendung der Forschungsergebnisse sich ergebenden Folgen viel mehr als in einer theoriegeleiteten oder problemorientierten Forschung in der Verantwortung des Forschenden. Denn anders als in der quasiparadigmatischen oder Domain-Forschung hat der Forschende auf die Anwendung seiner Ergebnisse unmittelbaren Einfluss. Seine Ergebnisse legen bestimmte Lösungswege nahe, orientiert an außerwissenschaftlich vorgegebenen Handlungszielen. Dies deutet auf ein grundsätzliches Problem der sich seit Max Weber werturteilsfrei verstehenden Sozialwissenschaften hin (vgl. Rath 2014, S. 150–152). Eben weil empirische Forschung kein Sollen aus dem erforschten Sein ableiten kann, ist sie instrumentalisierbar für Fremdzwecke. Vor allem bei der Nutzungsforschung können die Forschenden die vorgesehene Anwendung der Forschungsergebnisse absehen. Es liegt nahe, auch an diese Folgen der Forschung ähnliche Faustregeln anzulegen wie an empirische (Human-) Forschung überhaupt. Wenn der informed consent der »Zielgruppe« gegeben ist, z. B. im Falle einer verdeckten Manipulation der Wahrnehmung bei Mediennutzern, oder die »risk benefit balance« sich einseitig zugunsten eines Medienanbieters verschiebt, dann sind die Medienforschenden, wenn nicht als Wissenschaftler, so doch als kompetente Bürger, ethisch in der Pflicht.
4.2 Medienforschung in der strategischen Kommunikation
Anders stellt sich die Auftragsforschung ethisch dar, wenn sie als ein Instrument strategischer Öffentlichkeitsarbeit dient. In diesem Fall ist der Auftraggeber nicht oder nicht nur an einer möglichst genauen und wissenschaftlich korrekten Erforschung des jeweiligen Objekts oder Problembereichs interessiert. Vielmehr soll die Berechtigung einer bestimmten, meist im politischen Kontext formulierten Position des Auftraggebers nachgewiesen werden. Ethisch relevant ist dabei nicht nur die Frage, ob diese Ergebnisse nach den methodischen Regeln des wissenschaftlichen Forschens entstanden sind, sondern auch, ob die zu stützenden Positionen des Auftraggebers ethisch vertretbar sind. Dies mag unproblematisch sein, wenn es um Tatsachenbehauptungen geht, z. B. bestimmte Medienprodukte seien nicht gewaltverherrlichend oder der inhaltsanalytisch zu erhebende Anteil bestimmter Programmgenres (z. B. Information, Unterhaltung und Bildung) habe eine bestimmte Größe. Ethisch relevant wird es dann, wenn die wissenschaftlichen Ergebnisse eingebettet sind in strategische Forderungen. In diesem Fall muss der Forschende abwägen, ob er sich in den Dienst bestimmter, z. B. medienpolitischer Interessen nehmen lässt.
Allerdings kann grundsätzlich jede veröffentlichte wissenschaftliche Position aufgegriffen und normativ interpretiert werden. Im Gegensatz zu dieser klassischen Form der »Finalisierung« (Böhme/Daele/Krohn 1973) wissenschaftlicher Forschung ist die Auftragsforschung in strategischer Absicht jedoch häufig nicht in der Lage, ihre Ergebnisse eigenständig, z. B. in wissenschaftlichen Organen, zu veröffentlichen. Die Publikation wissenschaftlicher Forschung im Kontext strategischer Öffentlichkeitsarbeit steht immer im Konflikt zwischen Objektivität und Parteilichkeit. Diesen Konflikt gegenüber dem Auftraggeber zu formulieren und gegenüber der Öffentlichkeit auflösen zu können, ist eine zentrale ethische Aufgabe der Auftragsforschung. Dabei ist es zunächst gleichgültig, ob die betroffenen Forscher als kompetente Bürger die zu stützende Position des Auftraggebers teilen. Hier verschiebt sich der Schwerpunkt zwischen Experte und Bürger im Gegensatz zur inhouse-Forschung. Als Wissenschaftler sind sie verpflichtet, auf eine objektive, sachliche und vor allem differenzierte Darstellung ihrer Ergebnisse zu drängen, auch wenn auf dem »Markt der Meinungen« die griffige Formel, das verkürzende Schlaglicht häufig die angemessene Form zu sein scheint.
4.3 Medienforschung zwischen Forschung und Politik
Anders liegen die ethischen Problemlagen politischer Instrumentalisierung durch gesellschaftlich relevante Gruppen bzw. die politischen Eliten. Gerade die Diskussion um Gewalt und Pornographie im Fernsehen in den letzten 30 Jahren zeigt, wie stark Ergebnisse der Medienforschung zu diesen Themenfeldern in das medienpolitische Alltagsgeschäft Eingang gefunden haben. Stärker noch als in der Auftragsforschung stehen in der politischen Auseinandersetzung mit Ergebnissen vor allem der Medienwirkungsforschung normative und ideologische Überzeugungen im Vordergrund. Eine von Kerlen (2005, S. 42) als »Medienmoralisierung« bezeichneter Grundzug der Medienbewertung in Deutschland seit dem Kaiserreich bedient sich einer selektiven Rezeption der Medienforschung, die Forschende meist nur zur Kenntnis nehmen können – eine relativierende, differenzierende Klarstellung über Reichweite, Bedeutung und Interpretierbarkeit der Ergebnisse bleibt, wenn sie überhaupt Eingang in die öffentliche Diskussion findet, marginal. Der politischen Instrumentalisierung ist jedoch im Vorfeld kaum wirklich zu begegnen. Hier ist nicht der einzelnen Forschende, sondern die scientific community in Verbänden und Institutionen verpflichtet, sich aufklärend an der öffentlichen Diskussion zu beteiligen.
Doch die Verpflichtung der Medienforschung zur medialen Aufklärung über mediale Zusammenhänge liegt auch in ihrem eigenen Selbstverständnis als Wissenschaft begründet. Mag auch eine totalitäre Instrumentalisierung der Medienforschung östlicher (vgl. Gansen 1997) bzw. »Finalisierung« westlicher Provenienz nicht bzw. nicht mehr akut zu befürchten sein – die Tendenz zur »symbolischen Politik« (Sarcinelli 1987), die nur noch inszeniert (vgl. Meyer et al. 2000), d. h. medial vollzogen wird, erhöht die Gefahr, dass Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung in simplifizierender Form im Sinne normativer politischer Überzeugungen genutzt werden.
5. Forschungsethik und Datenschutz
Die Feststellung von Unger et al. (2014, S. 6), dass forschungsethische Themen im öffentlichen Raum »eng mit datenschutzrechtlichen Fragen verknüpft« seien, ist um so verständlicher, als dieser Aspekt in modernen, mediatisierten Gesellschaften zu den sensiblen Bereichen politischer Regelungen zählt. Die informationstechnischen Zugriffsmöglichkeiten auf Datennetze haben diese Sensibilität nicht nur allgemein politisch, sondern auch forschungsethisch in den Fokus gerückt. Dabei erfährt wiederum der informed consent eine breite Diskussion, da digitalisiert vorliegende, häufig online zugängliche Daten den Forschungsprozess in weiten Teilen auf die Sicherung der Privatsphäre der Probanden fokussiert (vgl. Miller/Boulton 2007; Appelbaum 2015).
Allerdings stellt der Datenschutz, obwohl er so breit und intensiv diskutiert wird, kein eigentliches forschungsethisches Problem dar. Denn im Gegensatz zu allgemeinen Fragen des informed consent sowie eines Auftraggebereffekts ist der Datenschutz keine Frage der normativen Orientierung der Forschenden, sondern ist selbst juristisch verbindlich geklärt. Hier bedarf es keiner eigenständigen forschungsethischen Abwägung möglicher Handlungspräferenzen, sondern die vorliegenden Regelungen geben das Maß ab für das konkrete Vorgehen im Forschungsprozess (vgl. Häder 2009). Die Anwendung dieser rechtlichen Vorgaben zum Datenschutz ist eher praktischer als ethischer Natur. Die Information der Probanden über die maßgebenden Aspekte (vgl. (Jacob et al. 2013, S. 230) Freiwilligkeit, Anonymität, »Folgenlosigkeit der Nicht-Kooperation« für die Beteiligten entspricht zwar dem Prinzip des informed consent, ist aber in der Ausgestaltung lediglich eine Konkretion der Rechtsnorm.
Ethisch relevante Überlegungen betreffen vielmehr die der Datenerhebung vorausliegenden Entscheidungen, zum einen in Bezug auf die Zumutbarkeit der Befragung für den Probanden, zum anderen in Bezug auf die Forschenden selbst, z. B. in Bezug auf die Pflicht, sich ausreichend und sorgfältig mit den Regelungen des Datenschutzes vertraut zu machen.
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Medien
RALF VOLLBRECHT
Die meisten Menschen assoziieren mit Medien vermutlich Massenmedien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen, vielleicht auch Social Media oder Geräte wie DVD-Player, Computer oder Smartphones und eventuell sogar Institutionen wie Fernsehanstalten und Verlage. Lehrer und Erwachsenenbildner denken bei Medien bestimmt auch an Unterrichtsmedien wie Tafel, Smartboards oder computergestützte Lernprogramme. In den Naturwissenschaften versteht man unter einem Medium auch einen Träger physikalischer oder chemischer Vorgänge. So ist Luft zum Beispiel ein Medium für die Schallübertragung und damit auch der Sprache. Verstehen wir Medien als Träger von Kommunikation, so wäre die Sprache das entscheidende Medium, über das wir uns verständigen. Der erste Lexikoneintrag des Begriffs »Medium« findet sich angeblich in Meyers Konversationslexikon von 1888, wo neben der lateinischen Herkunft (Mittel, etwas Vermittelndes) auf die spiritistische Bedeutung des Begriffs verwiesen wird (vgl. Faulstich 1991, S. 8 f.).
Ein derart weiter Medienbegriff, unter den so Unterschiedliches subsumiert werden kann, ist für wissenschaftliche Zwecke wenig sinnvoll. Die mit Medien befassten Fachwissenschaften, vor allem die Kommunikationswissenschaft, haben daher verschiedene Definitionen hervorgebracht, die den Medienbegriff enger zu fassen versuchen. Diese Definitionen konkurrieren teilweise miteinander und manche überschneiden sich auch. Sie lassen sich also nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen, denn dafür sind die Medienverständnisse und erkenntnisleitenden Perspektiven in den Medienwissenschaften zu unterschiedlich. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden im Folgenden die wichtigsten Begriffsverständnisse dargestellt, wobei die in der Pädagogik verwendeten stärker berücksichtigt werden.
Allgemeine und universelle Medienbegriffe
Noch immer gilt, was Schanze bereits vor knapp vierzig Jahren beobachtet hat: Der Begriff »Medium« tritt meist in Komposita auf (Massenmedien, Medienwirkung, Medienkompetenz), wird fast immer im Plural (»Medien-«, »Media-«) gebraucht und teilweise in angloamerikanischer Aussprache verwendet, »was dem Benutzer offenbar eine gewisse Exklusivität verleihen soll. Die Komposita steuern zur Begriffsschärfe wenig bei. Nicht von einem einheitlichen Begriffsgebrauch ist deshalb auszugehen, sondern eher von einer bunten Vielfalt von Medienbegriffen« (Schanze 1976, S. 25). Auch in Fachtexten werden Medien häufig mit Massenmedien (publizistische Medien) gleichgesetzt – zumindest bis dem Web 2.0 –, der Medienbegriff umstandslos vorausgesetzt oder Medien sehr allgemein als Objekt, Träger und/oder Mittler von Information oder im Sinne eines Zeichen- und Informationssystems aufgefasst.
Kübler weist darauf hin, dass in philosophischen, kulturgeschichtlichen und kunstbezogenen Diskursen (zu Letzterem siehe z. B. Weibel 1990) sowie in poststrukturalistischen Wirklichkeitskonzepten und kulturwissenschaftlichen Medientheorien universelle Medienbegriffe immer wieder auftauchen. Ein bekanntes Beispiel ist der Medienbegriff von Marshall McLuhan, der Medien als »Erweiterung des Menschen« auffasst und dabei auf das »Mängelwesen Mensch« aus Arnold Gehlens philosophischer Anthropologie rekurriert (und bereits 1964 den Computer als Medium und nicht als bloße Rechenmaschine gesehen hat; McLuhan 1968, 71). Obwohl der Begriff sich nicht durchsetzte, finden sich noch immer ähnliche Sichtweisen wie z. B. bei Wolfgang Coy, für den Computer »zu global vernetzten Prothesen der Sinne« werden (Coy 1994, S. 37). Kübler (2003, S. 91) konstatiert mit Verweis auf Baltes u.a. (1997), Ludes (1998, S. 77 ff.) und Kloock/Spahr (2000, S. 39 ff.) – zu ergänzen wäre Meder (1995, S. 9) – sogar eine »Tradition des McLuhanismus«.
Umfassender ist Werner Faulstichs Medienbegriff, der »der vom schlichten ›Mensch-Medium‹ bis zu komplexen systemtheoretischen Kategorien wie Kanal, Organisation, Leistung und gesellschaftlicher Dominanz alles einzuschließen vorgibt« (Kübler 2003, S. 91). Empirisch ebenso schwer fassbar und wohl eher als Metapher zu bezeichnen ist das von Dieter Baacke in der Auseinandersetzung mit mediendidaktischen Modellen erwähnte Mycelium-Modell des Kommunikationswissenschaftlers Marten Brouwer: »Das Geflechtswerk unter der Erde soll das unvermittelte System der Interkommunikation symbolisieren, während der daraus gebildete Pilz über dem Boden das Massenkommunikationssystem bezeichnen soll. Das Modell ist insofern glücklich, als es in der vegetativen Analogie die Lebendigkeit und Unübersichtlichkeit der ständig neu entstehenden oder sich gegenseitig ersetzenden Kommunikationskanäle des sozialen Lebens plastisch macht und dieses nicht lediglich als eine technisch-kybernetische Apparatur verstehen lässt« (Baacke 1973, S. 7).
Kittler unterscheidet in seiner Geschichte der Kommunikationsmedien technische Medien von Schriftmedien:
»Technische Medien, anders als Schrift, arbeiten nicht auf dem Code einer Alltagssprache. Sie nutzen physikalische Prozesse, die die Zeit menschlicher Wahrnehmung unterlaufen und nur im Code neuzeitlicher Mathematik überhaupt formulierbar sind« (Kittler 1993, S. 180).
Technische Medien (»Aufschreibsysteme«) werden dabei funktional definiert als historisch sich verändernde Mittel zum Speichern, Übertragen und Verarbeiten (Berechnen). Mit dem Computer ist für Kittler das Mediensystem geschlossen, denn »Speicher- und Übertragungsmedien gehen beide in einer Prinzipschaltung auf, die alle anderen Informationsmaschinen simulieren kann, einfach weil sie in jeder einzelnen Programmschleife speichert, überträgt und berechnet« (Kittler 1989, S. 196).
Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht halten es Bentele und Beck für sinnvoll, folgende Typen von Medien zu unterscheiden:
• »materielle Medien wie Luft, Licht, Wasser, Ton, Stein, Papier, Zelluloid;
• kommunikative Medien oder Zeichensysteme wie Sprache, Bilder, Töne;
• technische Medien wie Mikrofone, Kameras, Sende- und Empfangseinrichtungen;
• Medien als Institutionen, also die einzelnen Medienbetriebe (bestimmte Zeitung oder Fernsehanstalt) und die ›Gesamtmedien‹, z. B. ›der Film‹, ›der Hörfunk‹, ›das Fernsehen‹« (Bentele/Beck 1994, S. 40).
Eine Unterscheidung in primäre, sekundäre und tertiäre Medien geht auf Harry Pross (1972) zurück. Primäre Medien sind für ihn »menschliche Elementarkontakte« wie die non-verbale Sprache der Körperhaltung, Mimik, Gestik und ebenso auch die Verbalsprache. Zwischen Sender und Empfänger ist kein Gerät geschaltet. Dagegen benötigen sekundäre Medien auf Seiten des Senders Geräte für die Herstellung von Mitteilungen (Flaggensignale, Grenzsteine, Rauchzeichen, Schreib- und Druckkunst). Als tertiäre Medien bezeichnet Pross jene Vermittlungsprozesse, die technische Erstellung, technische Sender und technische Empfänger erfordern (Rundfunk, Telefon etc.), also auf Empfänger- wie Senderseite technische Geräte benötigen.
Nach heutigem Verständnis wird in Kommunikationswissenschaft und Medienpädagogik die Sprache in der Regel nicht zu den Medien gerechnet. Neuere Definitionen gehen beim Medienbegriff immer von einer technischen Vermittlung aus. Die Doppelseitigkeit des allgemeinen Medienbegriffs wie auch von Sprache, die nicht nur das Mittel der Verständigung im jeweiligen einzelnen sprachlichen Akt (pa-role) ist, sondern selber auch System, das Verständigung überhaupt ermöglicht (langue), bleibt jedoch grundlegend für jeden Medienbegriff in den unterschiedlichen fachspezifischen Ausformungen (vgl. Schanze 1976, S. 26).
Der technische Medienbegriff
Der technische Medienbegriff verweist auf die Materialität der Kommunikation, beginnend bei der Schrift, manchmal auch erst bei der mechanischen Vervielfältigung durch die Druckerpresse (etwa Hiebel u.a. 1999). Zu Verwechselungen kommt es dadurch, dass sowohl Trägermaterialien (CD-ROM) als auch Vervielfältigungsfaktoren (CD-Player) unter diesen Begriff fallen.
Ausgangspunkt aller kommunikationstheoretischen Medienbegriffe ist das technisch-mathematische Modell der Nachrichtenübertragung zwischen technischen Systemen (Shannon/Weaver 1949), das man generell auf die Strukturierung des Problembereichs Kommunikation zu übertragen versuchte. Das informationstechnische Medienmodell sieht (je nach Autor) mindestens vier Elemente vor: Sender, Empfänger, Kanal und Code. Entscheidend für den Medienbegriff ist der Kanal als Übertragungssystem für Signale sowie der Code, also die verwendete Zeichenkonvention. Während es nachrichtentechnisch in erster Linie um die Frage der (Vermeidung von) Kanalstörungen geht, also um Übertragungsfehler, ist medienbegrifflich relevant, dass der Kanal auch den Möglichkeitsraum für Signale und verwendete Codes bestimmt: »Eine Nachricht muss kanalgerecht kodiert werden – das ist die erste Bedingung, die ein technischer Code erfüllen muss. Die Morse-Schrift ist für die Telegrafie ein kanalgerechter Code, sie ist es aber auch für optische und akustische Signale. Dagegen ist eine gesprochene Nachricht für die telegrafische Übertragung nicht kanalgerecht, sie muss umkodiert werden« (Flechtner 1966, S. 21).
Obwohl die Metapher der Übertragung suggeriert, dass der Übertragungsweg (abgesehen von Störungen) keinen Einfluss auf die Inhalte hat, zeigt sich hier, dass er sogar ein bestimmendes Element der Nachrichtenübertragung ist. In Bezug auf neue Medien wird auch deutlich, dass sich jeweils erst ein Code entwickeln oder vereinbart werden muss, um ein Medium kommunikativ zu nutzen.
Zur Beschreibung menschlicher Kommunikation reicht dieses klassische Modell der Kommunikationstheorie nicht aus. Da der Zusammenhang zwischen übertragenen Signalen nicht mitübertragen wird, sind Bedeutungen grundsätzlich nicht mitteilbar, sondern nur generierbar. Begriffe wie »Störung« oder »kanalgerechte Codierung« erfassen weder die zeitliche Dynamik von Kommunikation, noch kann der Sender als ausschließlich aktiv und der Empfänger als ausschließlich passiv modelliert werden, da er Empfänger Sinnstrukturen rekonstruieren (Bedeutungen zuschreiben) muss. Ferner sind Kommunikationsprozesse eingebettet in sich verändernde gesellschaftliche Strukturen und historische Kontexte – Medien können daher nicht unabhängig von der jeweiligen gesellschaftlichen Wirklichkeit gesehen werden (vgl. Baacke 1973, S. 7). Die disziplinär zuständigen Fachwissenschaften haben daher erweiterte und spezielle Medienbegriffe entwickelt.
Der organisationssoziologische Medienbegriff
Medientechnologien und ihre Vermarktung bedürfen ausdifferenzierter Organisations- und Arbeitsformen. Die »Doppelnatur des Systems Medium« (Saxer 1975, S. 209) besteht darin, dass jedes (publizistische) Medium einerseits ein bestimmtes kommunikationstechnisches Potenzial aufweist, sich andererseits bestimmte Sozialsysteme um diese Kommunikationstechnologie herum bilden. Im Anschluss an Saxer (1998) zählt Burkart (2002) folgende für einen »medienwissenschaftlich angemessenen« Begriff von »Medium« charakteristischen Begriffsbestandteile auf:
• Medien sind Kommunikationskanäle, die auditive, visuelle bzw. audiovisuelle Zeichensysteme transportieren bzw. vermitteln;
• bei Medien handelt es sich zumeist um (arbeitsteilige) Organisationen, die vielfältige Leistungen und Funktionen für die Gesellschaft (bzw. jeweilige Zielgruppen) erbringen;
• Medien bilden für Herstellungs-, Bereitstellungs- und Empfangsprozesse mehr oder weniger komplexe soziale Systeme;
• Medien stellen Institutionen dar, da Medien um ihres umfassenden Funktionspotenzials willen in das jeweilige gesellschaftliche Regelsystem eingefügt, institutionalisiert (Saxer 1998, S. 55) werden (vgl. Burkart 2002, S. 42 ff.).
Begrifflich unterscheidet man auch zwischen Medien erster Ordnung, die gewissermaßen eine technische Infrastruktur mit bestimmter (publizistischer) Potenzialität darstellen, und Medien zweiter Ordnung, die unter Beteiligung institutionalisierter Kommunikatoren Massenkommunikation ermöglichen (Kubicek/Schmid/Wagner 1997, S. 32 ff.). Medien erster Ordnung dürfen dabei nicht als neutral oder kulturell beliebig missverstanden werden, sondern sind wie jede Technik immer auch schon Kulturobjekt, »kodierte Bedeutung« (Hörning 1989, S. 100).
In der sozialwissenschaftlichen Technikgeneseforschung hat sich eine institutionelle Perspektive durchgesetzt, der zufolge um technische Innovationen herum Institutionen entstehen. Die Implementierung neuer Medientechniken erscheint aus dieser Perspektive im weitesten Sinne als ein Prozess der Organisationsentwicklung technisch vermittelter Kommunikationssysteme (vgl. Kubicek/Schmid 1996).
Medienentwicklung lässt sich auch als ein Prozess der »Technisierung symbolischer Prozesse« (Rammert 1993, S. 307) beschreiben. Medien sieht Rammert als technische Interaktionssysteme, die bestimmte soziale Interaktionsund Kommunikationsprozesse reproduzieren oder ermöglichen. Kommunikation kommt freilich nur zustande, wenn »jemand sieht, hört, liest – und so weit versteht, dass eine weitere Kommunikation anschließen könnte« (Luhmann 1996, S. 14). Diese für die Entwicklung einer neuen Medientechnik zu einem sozialen Medium notwendige Verständigung erfordert den Aufbau sozialer Regelsysteme und Instanzen, durch die die Verwendungsweisen des Mediums in einem bestimmten Kontext definiert werden durch gemeinsam geteilte Codes und Regeln sowie Wissens- und Sinnbezüge, in die das medienbezogene Handeln eingebettet ist.
Massenmedien
Der Begriff Massenmedien ist von allen Medienbegriffen der wohl am besten definierte und auch in der Forschung noch immer geläufigste. »Massenmedien«, »Medien der Massenkommunikation« oder schlicht »Verbreitungsmittel« sind austauschbare Bezeichnungen für »technische Instrumente oder Apparate, mit denen Aussagen öffentlich, indirekt und einseitig an ein disperses Publikum verbreitet werden« (Maletzke 1963, S. 35). Diese in einer Studie zur Psychologie der Massenkommunikation entwickelte Definition ist weithin rezipiert worden und bis heute anerkannt. Synonym gebraucht wird manchmal der Begriff publizistische Medien. Nicht durchgesetzt haben sich die Bezeichnungen Programm-Medien oder Öffentliche Medien, die beispielsweise Baacke statt Massenmedien vorgeschlagen hat, da Masse (im Gegensatz zum Publikum der Massenmedien) »eher an ein ungegliedertes, unstrukturiertes Miteinander einander fremder Menschen denken lässt« (Baacke 1994, S. 315).
Maletzke (1963) differenziert den klassischen Medienbegriff, indem er drei Unterscheidungen vornimmt: zwischen direkter und indirekter Kommunikation, gegenseitiger und einseitiger Kommunikation sowie privater und öffentlicher Kommunikation. Massenkommunikation ist immer indirekte Kommunikation. Während direkte Kommunikation im Gespräch, also face to face stattfindet, gibt es bei indirekter (beispielsweise schriftlicher) Kommunikation eine »räumliche oder zeitliche oder raumzeitliche Distanz zwischen den Kommunikationspartnern« (ebd., S. 28). Anders als im Gespräch, bei dem die Sprecherrolle ständig wechselt (gegenseitige Kommunikation), sind bei Massenkommunikation die Rollen von Kommunikator und Rezipient durch das Medium klar verteilt: »Alle Massenkommunikation verläuft einseitig« (ebd., S. 28). Private Kommunikation definiert Maletzke als »ausschließlich an eine bestimmte Person oder an eine begrenzte Anzahl von eindeutig fixierten Personen« gerichtet. Bei öffentlicher Kommunikation ist der Adressatenkreis weder begrenzt noch definiert, da »die Aussage in der Intention des Aussagenden für jeden bestimmt ist, der in der Lage ist, sich Zugang zur Aussage zu verschaffen, und der willens ist, sich der Aussage zuzuwenden«. Massenkommunikation ist »immer öffentlich in diesem Sinne« (ebd., S. 28).
Dem so definierten Bereich der Massenmedien ordnet Maletzke zunächst vier Medienbereiche zu: Presse, Film, Hörfunk und Fernsehen. Den Begriff der Presse verwendet Maletzke dabei »in seiner weitesten und ursprünglichsten Bedeutung« und versteht darunter »alles veröffentlichte Gedruckte« (Maletzke 1963, S. 36). Neben Zeitung und Zeitschrift, also gedruckten Periodika, sind mit diesem Pressebegriff auch »Buch und Flugblatt, Groschenheft und Werbeprospekt« (ebd.) erfasst (vgl. Abb. 1).
Das entscheidende Kriterium zur Unterscheidung von Massenmedien und »Medien überhaupt« ist das »disperse Publikum« der Massenmedien, das sich vom Präsenzpublikum dadurch unterscheidet, dass Orts- und Zeitfixierung nur auf Letzteres zutrifft. Theater, Zirkus oder Vorträge sind demzufolge keine Massenmedien, dagegen die Schallplatte (ähnlich CD, Video, DVD, Musikstreamingdienste etc.) »als zusammenfassender Begriff für alle zur Veröffentlichung bestimmten Schallaufzeichnungen« (Maletzke 1963, S. 32) sehr wohl. Das Beispiel zeigt, dass bei den Trägermedien die Abgrenzung schwer fällt, da sie sowohl für ein Massenpublikum als auch von einzelnen Nutzern individuell für kleine private Kreise produziert werden können.
Der Begriff »technisches Verbreitungsmittel« schließt die direkte Gesprächssituation aus und dient als Oberbegriff zur genaueren Definition des Mediums, wobei die »Technik« die Unterschiede der Massenmedien begründet. Schanze weist darauf hin, dass Maletzkes Interesse jedoch nicht gerichtet ist auf das »Abstractum der technischen Verbreitungsmittel bzw. auf die verschiedenen Techniken, sondern gerade auf den Komplex der spezifischen Wirkungen der Massenmedien auf das disperse Publikum. Eine Isolation des Medienbegriffs verbietet sich von diesem Ansatz von selbst. Erst das Phänomen Massenmedium als Institution des öffentlichen Lebens kann Untersuchungsgegenstand werden, an dem sich die Theorie der Massenmedien bewährt« (Schanze 1976, S. 34).

An seine Grenzen kommt der Begriff »Massenkommunikation« durch Hybridmedien wie das Internet. In den Computernetzwerken wird Individualkommunikation ebenso praktiziert wie interpersonale Kommunikation in virtuellen Gemeinschaften oder auch Massenkommunikation (vgl. z.B. Höflich 1994, 1995). Angesichts der definitorischen Zuordnungsschwierigkeiten stellt sich daher die Frage, ob man überhaupt noch von Massenmedien reden sollte oder neue Begriffe wie »Massen-Individual-Medien« schaffen müsste.
Wenn man Netzwerke unter Medien subsumiert, lässt sich jedenfalls nicht mehr materialreich nach Medienfeldern (Zeitung, Rundfunk), sondern nur unscharf nach medialen Funktionen differenzieren. Versteht man andererseits Netzwerke nicht als Medien, steht man »den Reichweiten binärer Netze, den verteilten Informationsknoten, den spezifischen Formen informationeller Selbstversorgung, der Mensch-Medien-Interaktivität u.v.a.m. ohne adäquate Beobachtersprache gegenüber« (Faßler 2000).
Medien aus Sicht der Kritischen Theorie
Vor allem in der (Medien-) Pädagogik sind bis in die achtziger Jahre die Medienanalysen und Medienthesen der Kritischen Theorie ebenso einflussreich gewesen wie Maletzkes Modell der Massenkommunikation. Horkheimer und Adorno diagnostizieren in ihren Thesen zur »Kulturindustrie« (1944; 1969) ein stark ungleichgewichtiges Verhältnis zwischen Medien und Publikum mit Abhängigkeiten und Bewusstseinsmanipulation der Rezipienten. Die industrielle Produktion von Kulturwaren kritisieren sie als anti-aufklärerisch, als Massenbetrug. Die Kulturindustrie spricht mit ihrem Medienbegriff eine »nach-autonome Kultur« an (Kausch 1988), die weder hohe Kunst noch Volkskunst ist, sondern prozessierende Medialität, die nach dem Muster reiner Vermittlung abläuft und einen innerhalb des Medialen nicht mehr aufzudeckenden »Verblendungszusammenhang« erzeugt (vgl. Halbach/Faßler 1998, S. 42).
Die Annahmen der Kulturindustriethese sind aus heutiger Sicht überholt (vgl. z. B. Vollbrecht 2001, S. 120 f.). Ein theoretischer Anschluss an die Fragestellungen der Kritischen Theorie ist in der von Prokop vertretenen »neuen kritischen Medienforschung« zu sehen. Unter Medien versteht Prokop ausschließlich »Massenmedien, und das sind populäre Inszenierungen aller Art – informierend wie unterhaltend –, die beim Publikum beliebt sind, sich gut verkaufen, hohe Einschaltquoten, Auflagen, Chartpositionen bringen« (Prokop 2000, S. 11).
Drei Merkmale sind nach Prokop (2001) für Massenmedien wesentlich:
»1. Medien im Sinne von Massenmedien gibt es nur dort, wo es große Publika gibt, die real oder potenziell als Öffentlichkeit agieren. Die großen Publika sind nicht die Medien, aber sie sind deren Voraussetzung. […]
2. Massenmedien gibt es nur, wenn spezielle öffentliche Anbieter vorhanden sind, die mit ihrem Angebot spezielle Interessen verfolgen: Repräsentanz von Macht, Propaganda, Profit, Aufklärung. Die Anbieter selbst sind keine Massenmedien, sondern deren infrastrukturelle Voraussetzung. […]
3. Massenmedien gibt es nur, wenn öffentlich präsentierte Produkte spezielle Inszenierungen anbieten. Diese Inszenierungen, wenn sie populär sind – d. h. bei Bevölkerungsmehrheiten beliebt sind, wahrgenommen, gekauft und debattiert werden – sind die eigentlichen Massenmedien« (Prokop 2001, S. 11 f.).
Abweichend vom Mainstream der Kommunikationswissenschaft fließen in diese Definition als Bestimmungsmomente von Massenmedien der Erfolg beim Publikum ebenso ein wie die Interessen der Anbieter und die Kopplung von Produkt und Konsumtion in der Inszenierung. Dagegen fehlt der Aspekt der technischen Vermittlung, sodass z. B. auch (erfolgreiche) Theater und Musicals als Massenmedien gefasst werden. Wesentlich ist bei Prokop der Fokus auf die Anbieterinteressen, die den »Medienkapitalismus« bzw. den »Kampf um die Medien« (so die beiden Buchtitel) letztlich entscheiden. Für ideologiekritische Analysen oder auch Polemiken ist dieser Medienbegriff wohl eher geeignet als für empirische Studien, denn schon durch die Kopplung des Medienbegriffs an den Publikumserfolg entfällt eine detailreiche Betrachtung der Medialität.
Systemischer Medienbegriff
Systemische, konstruktivistische oder auch kulturwissenschaftliche Mediendefinitionen dehnen im Bemühen um theoretische Vollständigkeit ihre Medienbegriffe weit aus und nähern sich dadurch den universellen Medienbegriffen an.
So verwendet Niklas Luhmann in seiner Systemtheorie den Medienbegriff ebenfalls in sehr weiter Bedeutung (zu Luhmanns Medienbegriff s.a. Grampp 2006). Für Luhmann ist ein Medium alles, was unterschiedliche Formen annehmen kann, die sich immer wieder neu zusammenfügen lassen und zerfallen, ohne dass das Medium verbraucht wird. »Ein Medium ist also Medium nur für eine Form, nur gesehen von einer Form aus. […] Das Gesetz von Medium und Form lautet: dass die rigidere Form sich im weicheren Medium durchsetzt« (Luhmann 1995, S. 44). In dieser operativen Bestimmung von Medien mit der Unterscheidung von Medium und Form, bezeichnet Form die Seite der beobachtbaren Kommunikate, in denen Bedeutung sich aktualisiert, während die Medien selbst unsichtbar bleiben und nur an der Kontingenz der Formbildungen erkennbar sind.
Ferner unterscheidet Luhmann drei Typen von Kommunikationsmedien:
• »Sprache ist ein Medium, das sich durch Zeichengebrauch auszeichnet. Sie benutzt akustische bzw. optische Zeichen für Sinn.«
• »Aufgrund von Sprache haben sich Verbreitungsmedien, nämlich Schrift, Druck und Funk entwickeln lassen.« Sie sind auch die Grundlage für die Massenmedien in der modernen Gesellschaft.
• Drittens gibt es die »symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien«, die jeweils einzelnen Funktionsbereichen der Gesellschaft zugeordnet werden. »Wichtige Beispiele sind: Wahrheit, Liebe, Eigentum/Geld, Macht/ Recht« (Luhmann 1984, S. 220 ff.).
Neben diesen Medienbegriffen definiert Luhmann auch den Begriff »Massenmedien«, und zwar im Sinne technischer Verbreitungsmedien, bei denen keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfängern stattfinden kann. Unter Massenmedien versteht er »alle Einrichtungen der Gesellschaft […], die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen [… und dafür] Produkte in großer Zahl mit noch unbestimmten Adressaten erzeugen« (Luhmann 1996, S. 10).
Luhmanns Medienbegriff ist von systemtheoretisch und konstruktivistisch orientierten Kommunikationswissenschaftlern aufgegriffen und in unterschiedlichen Varianten weiterentwickelt worden. Als Beispiel soll hier nur der Medienbegriff von Schmidt und Zurstiege vorgestellt werden, die Medien als einen Kompaktbegriff sehen, der semiotische Kommunikationsinstrumente, Medientechnologien, sozialsystemische Institutionalisierungen medientechnischer Dispositive und Medienangebote umfasst, die unter den jeweiligen sozialhistorischen Bedingungen als Gesamtmediensystem selbstorganisatorisch und ko-produktiv zusammenwirken und auf die Entfaltung gruppen- oder gesellschaftsspezifischer Wirklichkeits- und Identitätskonstruktionen einwirken.
Zu unterscheiden sind also »vier Komponentenebenen:
• Kommunikationsinstrumente, d. h. materielle Zeichen, die zur Kommunikation benutzt werden, allen voran natürliche Sprachen;
• Medientechniken, die eingesetzt werden, um Medienangebote etwa in Form von Büchern, Filmen oder E-Mails herzustellen, zu verbreiten oder zu nutzen;
• institutionelle Einrichtungen bzw. Organisationen (wie Verlage oder Fernsehsender), die entwickelt werden, um Medientechniken zu verwalten, zu finanzieren, politisch und juristisch zu vertreten etc.;
• schließlich die Medienangebote selbst, die aus dem Zusammenwirken aller genannten Faktoren hervorgehen (wie Bücher, Zeitungen, Fernsehsendungen etc.)« (Schmidt/Zurstiege 2000, S. 170).
In der Forschungspraxis sind derart weite Medienbegriffe nicht ohne weiteres verwendbar und müssen im Hinblick auf die jeweilige Forschungsfrage eingegrenzt werden.
Pädagogische Medienbegriffe
Die Bezugswissenschaften der (vergleichsweise jungen) Medienpädagogik sind vor allem die Kommunikationswissenschaft und die Erziehungswissenschaft. Medienpädagogische Medienbegriffe entsprechen daher im Allgemeinen den kommunikationswissenschaftlichen. Unterschiedlich sind dagegen die Forschungsinteressen, die in der Medienpädagogik stärker der pädagogisch relevanteren Rezeptionsseite zuneigen. Der pädagogische Impetus zeigt sich beispielsweise in folgender Begriffsbestimmung:
»Medienpädagogik umfasst alle Fragen der pädagogischen Bedeutung von Medien in den Nutzungsbereichen Freizeit, Bildung und Beruf. Dort, wo Medien als Mittel der Information, Beeinflussung, Unterhaltung, Unterrichtung und Alltagsorganisation Relevanz für die Sozialisation des Menschen erlangen, werden sie zum Gegenstand der Medienpädagogik, wobei Sozialisation die Gesamtheit intendierter und nicht intendierter Einwirkungen meint, die den Menschen auf kognitiver und emotionaler Ebene sowie im Verhaltensbereich prägen. – Gegenstände medienpädagogischer Theorie und Praxis sind die Medien, ihre Produzenten und ihre Nutzer im jeweiligen sozialen Kontext. Medienpädagogik untersucht die Inhalte und Funktionen der Medien, ihre Nutzungsformen sowie ihre individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen. Sie entwirft Modelle für medienpädagogisches Arbeiten, mit dem die Nutzer über die Kompetenzstufen Wissen und Analysefähigkeit in ihren spezifischen Lebenswelten zu medienbezogenem und medieneinbeziehendem Handeln geführt werden sollen« (Neubauer/Tulodziecki 1979, S. 15).
Innerhalb der Erziehungswissenschaft grenzt sich die Medienpädagogik in ihrem disziplinären Selbstverständnis einerseits von der Sozialpädagogik und andererseits von der Schulpädagogik ab. Sowohl im sozialpädagogischen Kontext als auch immer dann, wenn von Medien als Hilfsmitteln im Unterricht (Mediendidaktik, e-learning, Erwachsenenbildung) die Rede ist, sind meist andere als kommunikationswissenschaftliche Medienbegriffe gemeint.
Als sozialpädagogische Medien bezeichnet man Mittler zur Gestaltung der pädagogischen Beziehung wie Gestalten, Bewegen, Darstellen. Dazu zählen Spiel, kreative Ausdrucksmedien wie z. B. Musik, Tanz, Theater sowie ausgewählte Gestaltungstechniken. Einbezogen werden jedoch auch technische Medien in ihren Möglichkeiten für Eigenproduktionen, z. B. Videofilme. Mit diesem sozialpädagogischen Medienbegriff werden Medien nicht einem disziplinären Gegenstandsfeld zugeschlagen, sondern einer sozialpädagogischen Handlungskompetenz, die sich richtet
1) auf die Vermittlung spezifischer Sinneswahrnehmungs- und Darstellungsqualitäten (Ästhetik),
2) auf die Ermöglichung des verbalen und nonverbalen Austauschs mit Anderen (Kommunikation),
3) auf den konzeptionell fundierten und handlungsorientierten Einsatz kreativer Kompetenzen für die sozialpädagogische Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen und Problemlagen (Intervention) (vgl. Studienordnung Sozialpädagogik der FH Darmstadt).
Unübersichtlicher ist der Medienbegriff in der Schulpädagogik. Da die (Massen-) Medien und ihre sozialisatorischen und gesellschaftlichen Effekte auch zum Lehrauftrag der Schule gehören, also Lerngegenstand sind, und der erzieherische Auftrag der Schule auch Medienerziehung umfasst, werden insoweit auch hier kommunikationswissenschaftliche Medienbegriffe verwendet.
Aus schulischer Sicht des eigenen Handlungsfelds kommt jedoch – neben dieser medienpädagogischen Perspektive auf die Massenmedien – der Mediendidaktik und den Unterrichtsmedien ein ungleich höherer Stellenwert zu. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass Medienpädagogik häufig entweder synonym mit Mediendidaktik verwendet oder darunter subsumiert wird. So ist noch 1994 im »Handbuch der Medienpädagogik« (hrsg. von Hiegemann/Swoboda) der einzige definitorische Artikel zum Medienbegriff ausschließlich der mediendidaktischen Sicht gewidmet. Dort heißt es, dass Paul Heimann (1970) in der allgemeinen Didaktik die Medien als »selbständigen Faktor der Unterrichtstheorie« (Wokittel 1994, S. 25) fasst.
Während den didaktischen Reflexionen zum Medieneinsatz hohe Bedeutung zugemessen wird, ist der Medienbegriff meist unterbelichtet. Von Tafel und Kreide über Overhead-Projektor, Lehrfilm und Landkarte bis zu Computer, Smartboard, digitalen Lernspielen und Lernprogrammen, kann alles als Unterrichtsmedium bezeichnet werden.
Überschneidungen der drei pädagogischen Medienbegriffe zeigen sich in den Begriffen individuell handhabbare Medien sowie Medienverbund. Unter individuell handhabbaren Medien versteht man in der handlungsorientierten (oder auch: aktivierenden) Medienpädagogik alle technischen Medien, mit denen ohne spezialisierte Kommunikatoren und ohne institutionellen Aufwand mediale Eigenproduktionen hergestellt werden können – in schulischen oder sozialpädagogischen Settings ebenso wie auch privat. Medienverbund bezeichnet eine Kooperation von Massenmedien und Erwachsenenbildung, bei der beispielsweise gedruckte Lehrmaterialien und Bildungssendungen im Radio oder Fernsehen aufeinander abgestimmt zum Einsatz kommen.
Davon abweichend wird manchmal auch jenseits pädagogischer Vermittlungsabsicht von Medienverbund gesprochen, wenn eine intermediale Verschränkung verschiedener Einzelmedien (treffender: Medienkonvergenz) gemeint ist. In technikzentrierter Sicht formuliert Norbert Bolz: »Menschen sind heute nicht mehr Werkzeugbenutzer, sondern Schaltmomente im Medienverbund. Deshalb setzen sich immer mehr Computermetaphern für Selbstverhältnisse durch – wir rasten in Schaltkreise ein.« (Bolz 1993, S. 116). Man könnte hier auch von Medien als einer Matrix sprechen.
Fazit
Die neueren Medienentwicklungen zeigen, dass der Mensch in der medialen Kommunikation nicht nur immer weiter in den Hintergrund tritt. Vielmehr lässt sich eine Verschränkung von Big Data und Post- bzw. Transhumanismus (vgl. Sanders 2016) konstatieren, die mit einer Immaterialisierung der Zeichen von den Körpern begann. Wer redet, redet zu anwesenden Personen. Mit der Schrift löst sich nicht nur der zeitliche und räumliche Konnex auf – auch der Adressat (insbesondere der der Massenmedien) wird zu einem unbestimmten, gedachten Publikum, das durch das Medium erst hergestellt wird. Und wenn in den Computernetzen Daten erzeugt, übertragen und gespeichert werden, bleiben die menschlichen Sinne bei der Decodierung der Medien außen vor, weil sie nicht formatkompatibel sind. Die Daten zirkulieren nicht-materiell (im Sinne des Datentransports) und gesteuert von Algorithmen, die für die menschlichen Mediennutzer in der Regel nicht durchschaubar, geschweige denn beherrschbar sind. Das Verhältnis von Mensch und Medien wird offensichtlich zunehmend komplexer.
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2.1 Theoretischer Hintergrund qualitativer Medienforschung
Wissenssoziologische Verfahren der Bildinterpretation
JO REICHERTZ
Der Artikel gibt zunächst einen Überblick über die methodischen und theoretischen Prämissen der hermeneutischen Wissenssoziologie, um dann die wichtigen Elemente des methodischen Vorgehens zu erläutern. Anhand der Interpretation eines Fotos (Homepage der österreichischen Beraterfirma Neuwaldegg) wird abschließend nicht nur gezeigt, wie eine solche Analyse im Einzelnen vonstattengeht, sondern auch, welche Gewinne sich erzielen lassen, wenn man dieses Verfahren für zeitdiagnostische Fragestellungen nutzt.
Methodisch-methodologische Einordnung
Die hermeneutische Wissenssoziologie, anfangs auch »Sozialwissenschaftliche Hermeneutik« genannt, ist eine wissenssoziologisch arbeitende und hermeneutisch die Daten analysierende Forschungsperspektive innerhalb der qualitativen/ rekonstruktiven Sozialforschung. Sie hat zum Ziel, die gesellschaftliche Bedeutung jeder Form von Interaktion (sprachlicher wie nichtsprachlicher) und aller Arten von Handlungsprodukten (Fotos, Filme, Denkmäler, Bauten etc.) zu (re) konstruieren (Soeffner 1989, Schröer 1994, Hitzler/Reichertz/Schröer 1999, Reichertz/Englert 2011). Die hermeneutische Wissenssoziologie hat sich in der aktuellen Form zum einen durch die Kritik an der »Metaphysik der Strukturen« der objektiven Hermeneutik, zum anderen durch die Auseinandersetzung mit der sozialphänomenologischen Forschungstradition (Berger/Luckmann 1977) herausgebildet und verortet sich in den letzten Jahren zunehmend als Teil eines kommunikativen Konstruktivismus (Reichertz 2009, Keller/Knoblauch/Reichertz 2012). Methodisch verbindet sie bei der Bildinterpretation Sequenzanalyse (→ Korte, S. 432 ff.) und Grounded Theory (Strauss 1991; → Lampert, S. 596 ff.).
Prämissen einer wissenssoziologischen Interpretation von Bildern
Bild und Bildtext
Bilder aller Art sind in gewisser Weise optische Sinfonien. Denn beim Betrachten von stehenden und bewegten Bildern (und natürlich auch bei technisch erzeugten Grafiken) trifft eine Vielzahl von Tönen gleichzeitig beim Betrachter ein. Insofern ist das Ansehen eines Fotos nur ein besonderer Fall visueller Wahrnehmung, und diese löst (ähnlich wie die Wahrnehmung von Gerüchen, Berührung, Wärme etc.) direkte Körperreaktionen aus, ohne dass die Wahrnehmung in einen Text umgewandelt werden muss. Bilder deuten kann man jedoch nur, soll zumindest eine gewisse Nachvollziehbarkeit und damit eine Überprüfbarkeit geschaffen werden, wenn man den Wahrnehmungsprozess einerseits systematisiert und andererseits den mit der Bildbetrachtung in Gang gesetzten Prozess der Sinnzuschreibung fixiert. Protokolliert man also die Wahrnehmung des Bildes, produziert man erst einmal einen Text. Und dieser Text hat notwendigerweise immer eine andere Ordnung als das Bild und deshalb auch immer eine andere Wirkung.
Ein Bild und der Protokolltext des wahrnehmenden Zugriffs auf dieses Bild unterscheiden sich strukturell. Zwar sind sowohl Bild als auch Text fixiert und damit der analytischen Arbeit beliebiger Rezipienten immer wieder verfügbar, Bild und Text sind also nicht so unaufhebbar flüchtig wie das Leben in der Welt, doch bleibt das Bild eine Sinfonie und der Text eine Reihe von sequenziell geordneten, nach den Regeln der Grammatik, Semantik und Pragmatik einer Gesellschaft ausgewählten Wörtern. Der Text zerstört unwiederbringlich die Gleichzeitigkeit des Eindrucks und schafft eine neue Ordnung des Nacheinanders, des sequenziellen Geordnetseins.
Auch wenn man einräumt, dass Bilder zeichenhaft sind, also mit den allgemeinen Regeln der gesellschaftlichen Bedeutungskonstitution arbeiten, können nur ausgemachte Optimisten unterstellen, die Bildbedeutung ließe sich identisch auf einen Bildtext abbilden. Deshalb gibt es für die Analyse von Bildern nicht nur ein Problem der Beschreibbarkeit, sondern es ist zudem zentral (siehe vor allem Müller/Raab/Soeffner 2014, auch Reichertz 2014).
Die (hermeneutische) Interpretation von Fotos (und Filmen) hat in Deutschland nach einem zögerlichen Beginn in den 1990er Jahren (Oevermann 1979, 1983, Englisch 1991; Haupert 1992; Loer 1992, Reichertz 1992, 1994, 2000) in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung erlebt – weshalb manche von einem pictorial turn sprechen (Schade/Wenk 2011). Eine Fülle von Bildinterpretationsverfahren haben sich im deutschsprachigen Raum entwickelt: Einen guten Überblick über die Entwicklung und die einzelnen Verfahren findet sich in Netzwerk Bildphilosophie 2014. Zudem macht eine Reihe von Sammelbänden das Vorgehen und die Reichweite der einzelnen Verfahren sichtbar: Marotzki & Niesyto 2012, Lucht/Schmidt/Tuma 2013, Kauppert/Leser 2014, Przyborski/Haller 2014 und Eberle 2016. Konsens herrscht darüber, dass die Interpretation und Transkription von stehenden Bildern sich kategorial von der Interpretation und Transkription laufender Bilder unterscheidet (Corsten/Krug/Moritz 2010). Elaborierte qualitative und sozialwissenschaftliche Methoden und Methodologien zur Bildinterpretation sind bislang vor allem von der Rekonstruktiven Sozialforschung (Bohnsack 2001, 2005, 2009, Bohnsack/Michel/Przyborski 2015), der objektiven Hermeneutik (Oevermann 2014, Loer 1992, 1996, 2010, Wienke 2001, Kraimer 2014) und der hermeneutischen Wissenssoziologie (Soeffner 2000, Kurt 2008, Raab 2008, Reichertz 2000, 2010; Reichertz/Englert 2011, Reichertz/ Wilz 2016), die figurative Hermeneutik (Müller 2012) und der Segmentanalyse (Breckner 2010) vorgelegt worden.
Bild und Bildbedeutung
Bilder bedeuten etwas. Allerdings bedeuten sie nicht immer dasselbe. Die Bedeutung eines Bildes hängt nämlich davon ab, welche Frage man an das Bild stellt. Geht es (so eine Frage) um die Ermittlung der Intention des oder der Produzenten des Bildes, also um das, was einzelne Macher bewusst mit der Gestaltung eines Bildes erreichen wollten? Oder soll angezielt werden, die notwendigerweise singuläre und subjektive Zuschreibung von Bedeutung im Moment der Rezeption zu ermitteln, also das zu bestimmen, was im Augenblick der Aneignung im Bewusstsein des Rezipienten geschieht? Oder will man gar – dem Programm der Cultural Studies folgend (vgl. hierzu Bromley u. a. 1999 und Hall 1999; eine interessante, nicht nur von den Cultural Studies inspirierte Einführung in die Filmanalyse liegt mit Mikos 2015 vor) – den kommunikativen und interaktiven Umgang mit Bildern, also deren Aneignung und weitere Verwendung?
Die ersten beiden, im Kern subjektiven und von der individuellen und sozialen Biographie geformten Bedeutungsvorstellungen sind soziologisch von geringem Belang und zudem nicht zugänglich. Deshalb fallen sie hier als Zielpunkte der Analyse aus. Auch soll hier unter Bildanalyse nicht die Suche nach der dritten Bedeutung verstanden werden, also dem sozialen Umgang mit Bildern und der in der kommunikativen Aneignung erschaffenen Bedeutung, die durchaus soziologisch relevant und mittels Ethnographien prinzipiell ermittelbar ist. Weil diese Art der Bedeutungsermittlung ihre Daten außerhalb des Bildes sucht, gehört sie nicht mehr zur Bildanalyse. Insgesamt bleibt hier die Abnehmerseite eines Bildes, also die Ermittlung der Aneignung von Bedeutung in konkreten Kommunikationssituationen, außen vor.
Die wissenssoziologische Bildanalyse im engen Sinne fragt nun nach der in Bildern aller Art eingelassenen gesellschaftlichen Bedeutung.
Zur Methode einer hermeneutischen Wissenssoziologie
Gezeigte Handlung versus Handlung des Zeigens
Das hier vorgestellte Datenanalyseverfahren ist die hermeneutische Wissenssoziologie (allgemein hierzu Hitzler/Reichertz/Schröer 1999; Soeffner 1989 und Schröer 1994). Die hermeneutische Wissenssoziologie soll sinnstrukturierte Produkte menschlichen Handelns auf ihre Handlungsbedeutung hin auslegen und ist als solche in der Lage, sowohl Texte als auch Bilder, Grafiken und Fotos jeder Art auszulegen.
Die hermeneutische Wissenssoziologie interpretiert dabei ausschließlich Handlungen, also auch Sprech- und Darstellungshandlungen. Bei der Analyse von Bildern, (digitalisierten) Fotos, Filmen und Grafiken ergibt sich allerdings die Frage, welches Handeln überhaupt Gegenstand der Untersuchung sein soll. Hier gilt ganz allgemein – und dies im Anschluss an Peters 1980 und Opl 1990 –, zwischen der gezeigten Handlung (also der im Bild gezeigten Handlung) und der Handlung des Zeigens (also der mit dem Bild gezeigten) zu unterscheiden1 (ausführlich hierzu Reichertz/Englert 2011). Mit Ersterem wird das Geschehen bezeichnet, das mithilfe des Bildes aufgezeichnet und somit gezeigt wird, mit Letzterem der Akt der Aufzeichnung, also des Zeigens durch die Gestaltung des Bildes (plus die Gestaltung des von dem Bild Aufgezeichneten). Bild meint hier nicht nur ein Foto, sondern ganz allgemein einen Apparat des Aufzeichnens, Fixierens mit einer darin eingelassenen spezifischen Selektivität.
Zur Handlung des mit der Bildgestaltung Zeigens gehört also vor allem (1) die Wahl des Ortes zur Inszenierung einer Handlung vor der Kamera, (2) die Wahl der Kulissen und des sozialen Settings, (3) die Auswahl und Gestaltung des Bildausschnitts, (4) die Art und das Tempo der Schnittfolge, (5) die Kommentierung des Abgebildeten durch Filter, eingeblendete Grafiken, Texte, Töne oder Musik, (6) die Auswahl und Ausrüstung des Aufzeichnungsgeräts (Kamera) und (7) die Gestaltung der Filmkopie (Format, Qualität).
Alle Handlungen greifen in der Regel auf kulturell erarbeitete Muster und Rahmen (ikonographische Topoi) zurück, weshalb die Handlung des Zeigens sich immer auch auf andere, zeitlich frühere Handlungen des Zeigens bezieht. Da die (impliziten oder expliziten) Entscheidungen über die wesentlichen Elemente der Bildgestaltung zeitlich der Handlung im Bild meist vorangehen bzw. diese dominieren, bildet die Bildgestaltungshandlung den für die (alltägliche und wissenschaftliche) Interpretation dominanten Handlungsrahmen, in dem die Handlung im Bild unauflöslich eingebunden ist.
Allerdings findet sich oft für die Bildgestaltungshandlung bei näherer Betrachtung kein einzelner personaler Akteur, da z. B. im Falle eines Filmes der Regisseur in der Regel nicht für alle Kamerahandlungen zuständig ist. Meist sind (z. B. beim Film) an der Kamerahandlung auch Kameraleute, Maskenbildner, Tontechniker, Kulissenschieber, Ausleuchter, Kabelträger, Kreative, Text- und Songschreiber, betriebseigene Medienforscher u. v. a. m. beteiligt. Das durch Professionsstandards angeleitete Zusammenspiel all dieser Funktionen bringt schlussendlich das zustande, was als Film gesendet wird oder als Bild, Grafik, Werbeanzeige oder Homepage veröffentlicht wird. Wird im Weiteren von dem Autor der Bildgestaltung gesprochen, dann ist immer ein korporierter Akteur (= Summe aller Handlungslogiken, die an der Aufnahme und Gestaltung eines Bildes mitwirken – siehe Reichertz 2016) gemeint.
Stets kommentiert und interpretiert der korporierte Akteur durch die Handlung der Bildgestaltung die Handlung im Bild. Auch der Versuch, mit der Bild-Darstellung nur das wiederzugeben, was den abgebildeten Dingen (scheinbar von Natur aus) anhaftet, ist ein Kommentar, allerdings ein anderer als der, wenn die Kamera z. B. durch Schärfentiefe, Verzerrungen etc. auf sich selbst weist. Im ersten Fall versucht der korporierte Akteur sein Tun und die Bedeutung seiner Handlungslogik zu leugnen bzw. zu vertuschen, im zweiten Fall schiebt er sich zwischen Abgebildetem und Betrachter und bringt sich damit selbst ins Gespräch.
Aus diesem Grunde geht es bei der Analyse von Bilddaten nicht allein um die Rekonstruktion der Bedeutung des gezeigten Geschehens. Bildanalyse kann und darf sich nie auf die Bild-inhaltsanalyse bzw. auf die Analyse der vor der Kamera gesprochenen Worte beschränken, da die Kamerahandlung stets konstitutiver Bestandteil des Films ist. Sie hat sich durch eine Fülle nonverbaler Zeichen in den Film eingeschrieben, sie hat im Film einen bedeutsamen Abdruck hinterlassen. In jeder bildlichen Darstellung von Handlungen finden sich also immer zwei Komplexe von Zeichen: zum einen die Zeichen, welche auf die Regeln der abgebildeten Handlungen, zum anderen die, welche auf die Regeln der Handlung der Abbildung verweisen.
Deuten als schrittweise Sinnrekonstruktion
Methodisch verfolgt eine hermeneutische Wissenssoziologie bei der Interpretation von Bildern folgenden Weg: Die Daten werden entlang der oben vorgeschlagenen Differenzierung möglichst genau deskribiert. Der so entstandene Text enthält dann eine fixierte und nach wissenschaftlichen Standards codierte Version des beobachteten Bildes, er ist ein formalisiertes Protokoll dieser Beobachtung. Eine hermeneutische Wissenssoziologie schlägt nun vor, dieses Beobachtungsprotokoll als Feldprotokoll zu betrachten und mit dem auch von der Grounded Theory entwickelten Verfahren (vgl. z. B. Strauss 1991) zu behandeln.
In der Anfangsphase wird das Beobachtungsprotokoll, also der Bildtext, offen codiert, will sagen: das Dokument wird extensiv und genau analysiert »und zwar Zeile um Zeile oder sogar Wort für Wort« (Strauss 1991, S. 58). Entscheidend in dieser Phase ist, dass man noch keine (bereits bekannte) Bedeutungsfigur an den Bildtext heranführt, sondern mithilfe des Textes möglichst viele, mit dem Text kompatible Lesarten des Bildes konstruiert.
In der Phase des offenen Codierens sucht man nach größeren Sinneinheiten, die gewiss immer schon theoretische Konzepte beinhalten bzw. mit diesen spielen und auf sie verweisen. Hat man solche gefunden, sucht man in der nächsten Phase der Interpretation nach höher aggregierten Sinneinheiten und Begrifflichkeiten, welche die einzelnen Teileinheiten verbinden. Außerdem lassen sich jetzt im Sinne eines »Theoretical Samplings« (Strauss 1991, S. 70; → Wegener/Mikos, S. 220 ff., → Lampert, S. 596 ff.) gute Gründe angeben, weshalb man welche Bilddaten neu bzw. genauer nacherheben sollte. Man erstellt also in dieser Phase der Interpretation neue Beobachtungsprotokolle, wenn auch gezielter. So regt die Interpretation die weitere Datenerhebung an, aber zugleich, und das ist sehr viel bedeutsamer, wird die Interpretation durch die nacherhobenen Daten falsifiziert, modifiziert, erweitert oder bestätigt.
Demnach werden Beobachtungsprotokolle in einem gerichteten hermeneutischen (und auch selbstreflexiven) Deutungsprozess in mehreren Phasen so codiert, dass die Elemente der Beobachtung und der Beobachtungstexte sich zu einem bedeutungsvollen Ganzen zusammenfügen. Am Ende ist man angekommen, wenn ein hoch aggregiertes Konzept, eine Sinnfigur gefunden bzw. mithilfe des Bildtextes konstruiert wurde, das alle Elemente zu einem sinnvollen Ganzen integriert und im Rahmen einer bestimmten Interaktionsgemeinschaft verständlich macht.
Anwendungsbeispiel
Auswahl der Daten
Gegenstand der beispielhaften Analyse ist ein Foto, das sich (zumindest in den Jahren 2003 und 20042) auf der ersten Seite der Homepage einer österreichischen Firma befand. Bei dieser Firma handelt es sich um die Beratergruppe Neuwaldegg, die sich mit viel Erfolg auf die strategische Beratung von Großfirmen spezialisiert hat (zur Interpretation der Neuwaldegger Homepage siehe Reichertz 2010: 243 ff).
Noch eine letzte Bemerkung vorweg: Die hier vorgestellte Interpretation gibt in keiner Weise den wirklichen, äußerst langwierigen und mühseligen Interpretationsprozess wieder. Der besseren Lesbarkeit wegen, aber auch in der Absicht, Leser von der Auslegung zu überzeugen, wurde oft schon sehr früh verdichtet, zugespitzt und pointiert.
Die im Bild gezeigte Handlung
Das Bild, das auch im Original auf der Homepage in Schwarz-Weiß erscheint, zerfällt deutlich in einen Vorder- und Hintergrund: Letzterer besteht aus gebüsch- oder baumartigen Strukturen an beiden Seitenrändern und einer hellen, fast weiß strahlenden Fläche, die etwa zwei Drittel des verbleibenden oberen Hintergrunds ausfüllt. Im Vordergrund befindet sich am unteren Bildrand eine Gruppe von dreizehn Menschen zwischen 30 und 50 Jahren (neun Männer und vier Frauen).
Die Personen, die leicht gestaffelt nebeneinanderstehen und von denen jeweils nur der Oberkörper (etwa bis zur Hüfte) sichtbar ist, sind etwa gleich groß, schlank und weisen keine sichtbaren körperlichen Mängel auf. Alle abgebildeten Personen wirken gepflegt und weisen Zeichen des beruflichen Erfolgs auf: Sieben Männer tragen zum dezenten Anzug einen Schlips und eine Kurzhaarfrisur (zwei haben auf den Schlips verzichtet und tragen ihr gebügeltes Hemd offen), die Frauen tragen zum Kostüm Halskette und sichtbar vom Friseur gestaltete Haare. Obwohl die 13 Menschen teilweise eng nebeneinanderstehen, berührt niemand den anderen. Jeder steht allein und für sich und doch in einer Gruppe.
Alle Gesichter sind nach vorn gewandt. Mit hochgezogenen Augenbrauen schauen sie lächelnd und optimistisch nach vorn, ohne dass sich die Blicke aller auf ein einziges vor ihnen gemeinsam liegendes Ziel richten würden. Die ganze Gruppe scheint sich in einer Bewegung nach vorn zu befinden, die vor einiger Zeit inmitten des leuchtend hellen Hintergrunds begonnen hat, jedoch noch andauert und nur im Moment des Fotografierens und durch das Fotografieren kurz angehalten und eingefroren wurde. Insbesondere die bewegten Arme und die angedeutete Drehung aus der Körpermitte heraus unterstützen den Eindruck fortdauernder Dynamik. Durch diese Bewegung nach vorn erhält das eingefrorene Geschehen eine Zeitstruktur: Es gab ein Vorher im Bildhintergrund (in der Helligkeit), es gibt eine Gegenwart (die Gruppe ist am vorderen Bildrand angekommen), und es wird eine Zukunft geben (dort, wo der Betrachter ist).
Auf diese Weise vermittelt sich dem Betrachter folgende Gesamthandlung: Eine Gruppe von gut situierten und beruflich erfolgreichen und somit auch machtvollen Männern und Frauen kommt zusammen (als Gruppe, also nicht einzeln oder in kleinen Grüppchen) aus der Helligkeit (evtl. Waldlichtung). Jetzt strebt allerdings jeder Einzelne (zwar noch in der Gruppe, aber doch schon jeder für sich) voller Tatendrang nach vorn auf jemanden, den Betrachter, zu. Ihn lächelt man freundlich an und ihm bietet man sich (aber nicht als Gruppe, sondern als Einzelner) an, um (mit ihm) das vor ihnen Liegende voller Optimismus anzugehen. Alle kommen sie aus dem Licht. Das Licht hat etwas mit ihnen gemacht, hat sie verändert. Jeder Einzelne von ihnen ist erleuchtet worden. Das unterscheidet sie von anderen.
Die Handlung des Zeigens mit der Bildgestaltung
Schon auf den ersten nur flüchtigen Blick erkennt der Betrachter, dass die Abgebildeten von dem Akt des Abbildens Kenntnis haben, dass sie mit ihrer ganzen Erscheinung darauf reagieren, sich sogar zum Zweck der Abbildung in besonderer Weise aufgestellt und mittels Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Körperspannung und Kleidung entweder selbst typisiert haben oder von anderen so hingestellt und gestaltet wurden. Das Arrangement der Einzelnen fügt sich zu einem eigenen Ornament, zu einem Symbol für einen Bund egalitärer Gleichgesinnter und Gleichkompetenter. Insofern handelt es sich bei dem Bild um eine hochgradig typisierte Inszenierung.
Erst auf den zweiten Blick kann man erkennen, dass es sich bei den Abgebildeten nicht um Models, also typisierte Modelle von Körper und Persönlichkeitstypen, handelt, sondern um wirkliche Personen mit individuellen Besonderheiten und Eigentümlichkeiten, die sich selbst nur entlang gesellschaftlicher Modelle modelliert haben.
Auf den dritten Blick erkennt man, dass es sich bei dem Gruppenbild nach der Erleuchtung um eine mit den Mitteln der computergestützten Bildverarbeitung erzeugte echte Simulation handelt, also um die Montage verschiedener disparater Elemente zu einem neuen, scheinbar einheitlichen Bild – wenn auch mit wirklichen Personen und nicht mit Models. Die hier vorliegende Simulation ist insofern eine besondere, da sie sich zwar ein wenig tarnt, aber nicht wirklich viel Mühe gibt, als solche nicht erkannt zu werden. Im Gegenteil: Schaut man genauer hin, dann entdeckt man an vielen Stellen die massiv gestaltende Hand des (korporierten) Fotografen.
Hier ein paar der markantesten Eingriffe in das Geschehen (vor dem Bild): (1) Dreizehn Personen in Reihe und aus einer solchen Nähe wären nur mit einem starken Weitwinkelobjektiv zu erfassen gewesen, was aber zu erheblichen Verzeichnungen der Gesichter und Personen geführt hätte; (2) trotz der weißen, sehr hellen Strahlung von hinten und oben sind die Gesichter gut durchgezeichnet, was bei Gegenlichtaufnahmen ohne Aufhellungsblitz unmöglich wäre; (3) die Gesichter sind, wie der Schlagschatten zeigt, nicht von einer und zentralen, sondern von unterschiedlichen und unterschiedlich positionierten Lichtquellen beleuchtet worden und (4) die Schärfentiefe der 13 Gesichterabbildungen variiert (das Bild hat keinen einheitlichen Raum).
Zu diesen eher fototechnisch bedingten Eingriffen, die Sinn machen, wenn man viele Personen möglichst deutlich und unverzeichnet abbilden will, die also im Dienste der Wirklichkeitsabbildung stehen, finden sich andere Eingriffshandlungen, die Sinn machen, wenn der Fotograf eine bestimmte Deutung erzeugen bzw. nahelegen will und die so weder fototechnisch noch durch die Wirklichkeit bedingt sind, die also der strategischen Wirklichkeitsveränderung dienen. Hier zeigt sich die erzählerische Aktivität des Fotografen besonders deutlich, und deshalb ist deren Ermittlung und Deutung für jede Bildauslegung unabdingbar.
Der auffälligste Eingriff des fotografischen Autors ist vielleicht die teilweise Umrahmung einiger Personen mit einer diffusen weißen Linie, die aus den Lichtverhältnissen (Lichtbrechung am Rand) so nicht erklärbar ist und die auch nicht als moderne Form des christlichen Nimbus angesehen werden kann. Auch fällt auf, dass die Personen, verlängert man ihren Körper, nicht auf demselben Boden stehen (besonders deutlich bei Person 3 und 4): Manche scheinen auf Fußbänken zu stehen. Offensichtlich wurden zu große Unterschiede der Körperlänge so ausgeglichen, dass eine dynamische Gipfellinie der Köpfe entstehen konnte. Auffällig an dieser Gipfellinie ist nicht nur das stetige Auf und Ab, sondern die Randpositionen (also Person 1 und 13): Sie bilden die äußeren hoch aufragenden Gipfel, die sich als Einzige von der Gruppe weg, also nach außen neigen, was auf deren besondere Stellung hinweist. Drittens zeigen die abgebildeten Körper trotz ihrer Nähe zueinander keinerlei Ko-Orientierung. Die Körper reagieren nicht aufeinander, sondern stehen wie Puppen nebeneinander. Man könnte das Abbild einer Person wegnehmen und ein anderes Abbild einfügen, ohne dass dies auffallen würde.
Nimmt man all diese Hinweise zusammen, so muss man davon ausgehen, dass es niemals ein Gruppenfoto der abgebildeten Personen gab, sondern dass alle Personen erst einzeln digital fotografiert wurden, und später dann der Fotograf oder ein Designer die Einzelfotos mithilfe von Photoshop oder einer vergleichbaren Software vor einem ebenfalls gesondert erstellten Hintergrund montierte. Das Bild besteht somit aus mindestens 14, eher 15 Einzelbildern ohne inneren Zusammenhalt oder eine verbindende Handlung. Eine solche gemeinsame Handlung, nämlich die Vorwärtsbewegung, wird allein durch die Handlung des korporierten Fotografen nahegelegt. Er hat nach seinen Vorstellungen und Darstellungsabsichten (und so kann man vermuten: im Auftrag seiner Geldgeber) aus unverbundenen Teilen eine neue Gestalt geschaffen und damit auch eine neue, strategisch geplante Bedeutungsstruktur.
Das für die Interpretation Wichtige dabei ist, dass der Fotograf bei der Gesamtkomposition des neuen Bildes fast unabhängig von den Zwängen der Natur (Größe der Personen, Lichtverhältnisse, Besonderheiten des Hintergrunds etc.) nur seinen Darstellungsabsichten folgen konnte. Deshalb gilt für dieses Artefakt in gesteigertem Maße, was auch für andere Produkte menschlicher Praxis gilt: Order at all points.
Objektiv bedeutet das gewählte Verfahren der Bildkomposition (und das ist eine erste Annäherung an die Bedeutung) vor allem die Austauschbarkeit aller Elemente, also auch der abgebildeten Personen. Jeder und jedes kann leicht und schnell ausgewechselt werden – und das nicht nur auf dem Bild. Die Gruppe ist allein eine Fotografenfiktion – eine Simulation eines faktisch nie Realisierten (gemeinsamer Fototermin).
Die vom Fotografen benutzte Bildsprache arbeitet auf mehreren Ebenen, um einen Eindruck von Gruppenhaftigkeit zu erzeugen: Zum Ersten wird durch die einheitliche Bekleidung und die Gesichtsausdrücke der Personen eine Uniformität ohne Uniform hergestellt. Die Individualität spiegelt sich eher in Details und Varianten der Kleidung, etwa der Entscheidung für oder gegen eine Krawatte, wider als in wesentlichen Unterschieden. Die Beschränkung auf Grauwerte in der Darstellung vereinheitlicht das Bild weiter.
Zum Zweiten wird durch die nachträglich vereinheitlichte Körpergröße, die Nähe und Verschränkung der Körper zueinander und die mittels geringer Schärfentiefe zurückgenommene soziale Staffelung eine Gruppe der Gleichen geschaffen. Durch die Ausrichtung aller Personen nach vorn und die Reduktion der Abbildung auf die obere Körperhälfte verlieren die Personen zudem einen großen Teil an Geschlechtlichkeit und Körperlichkeit, was sie vor allem zu personalen Typen, zu Personen (also nicht konkreten Individuen) mit Herz und Kopf macht.
Zum Dritten wird diese Gruppe durch die Nutzung eines im christlichen Abendland weit verbreiteten und sehr bekannten ikonographischen Topos in besonderer Weise gedeutet und überhöht. Denn mittels Bildsprache ruft die Art der Darstellung der dreizehn Personen Assoziationen an Leonardos Abendmahl hervor. Dieser Aufruf des Abendmahls des Leonardo macht jedoch auf eine Spezifik des Bildes der Beratergruppe aufmerksam, die bedeutsam ist: Dem Bild der Wiener Unternehmensberater fehlt das Zentrum. Die charismatische Gestalt befindet sich nicht in der Mitte. Auch nicht an einem anderen Platz. Niemand der dreizehn Menschen ragt sichtbar über die anderen hinaus oder ist herausragend markiert, z. B. durch einen Nimbus. Allein die Außenpositionen nehmen eine Sonderstellung ein, da sie die Gruppe (auch durch ihre nach außen geneigte Körperhaltung) einfassen und zusammenhalten. Sie eröffnen den Rahmen, in den sich die übrigen einfügen. Sie geben Stabilität und Zusammenhalt. Aber auch sie sind austauschbar.
Doch nicht nur die Anklänge an das Abendmahl arbeiten mit der christlichen Ikonographie: Auch der Einsatz des Lichtes im Bildhintergrund entspringt religiöser Bildsprache. Das von oben kommende und nach unten abstrahlende helle Licht (besonders oft bei dem Motiv Johannes tauft Jesus eingesetzt) steht für die göttliche Eingebung von oben – zugespitzt: Der heilige Geist kommt über einen Menschen und erfüllt ihn (mit Einsicht). Die Quelle des strahlenden Lichtes liegt bei dem Bild der Beratergruppe oberhalb der Gruppe, also im Himmel. Diese himmlische Erleuchtung ist über die Gruppe (über das Unternehmen?) gekommen und hat den Erleuchteten mehr gegeben, als sie vorher hatten. Das empfangene Wissen ist nicht von dieser Welt, es transzendiert diese Welt und das bislang erworbene Wissen.
Fasst man all diese Beobachtungen zusammen, dann fügt es sich zu einer Sinnfigur – nämlich der Inszenierung von Charisma. Jedoch geht es hier nicht um die Darstellung von Einzelcharisma, sondern um Gruppencharisma. Nicht der Einzelne ist vom Licht umgeben, auch ist nicht ein Einzelner ausgezeichnet worden: Alle kommen sie aus dem Licht.
Sinnfigur: Abschied von der Rationalität oder Ergänzung?
Nicht nur auf den ersten Blick verblüfft es, wenn eine Beratungsfirma, die ihr Geld damit verdienen will, dass sie andere Wirtschaftsunternehmen mit dem Ziel der Erhaltung oder Steigerung wirtschaftlicher Rationalität berät, ihre Mitarbeiter in der öffentlich zugänglichen Unternehmensvorstellung als Erleuchtete inszeniert. Das scheint ein Widerspruch in sich selbst zu sein, da die Logik der Erleuchtung, des Charismas auf Hingabe, Intuition und Nichtberechenbarkeit setzt, während die Logik wirtschaftlicher Rationalität der Macht, dem Kalkül und der Vorhersehbarkeit verpflichtet ist. Einer solchen Firma die Geschicke des eigenen Unternehmens anzuvertrauen (zumindest auf dem Papier), wäre dann vergleichbar mit dem Versuch, bei der Lösung eines mathematischen Problems ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken. Schaden kann es nicht, aber kann es auch nützen? Die Diagnose eines solchen Falles wäre knapp und bündig: ein großer Abschied von der Rationalität des Wirtschaftens oder der Sieg postmoderner Beliebigkeit auf dem Feld des Wirtschaftens, ein Abschied vom Projekt der Moderne mithin.
Nun könnte man einwenden, eine solche Strategie sei ein eklatanter Fehler – entweder ein handwerklicher Fehler der Agentur, die für die Konzeption der Homepage verantwortlich war, oder ein strategischer Fehler der Neuwaldegger, sich so stark in der Nähe des Himmels zu platzieren. Günstiger wäre es doch, so das Argument, sich zukünftigen Kunden entweder als Firma zu präsentieren, die bereits viele große Firmen erfolgreich (big success) beraten hat oder aber als Unternehmen, das bei seiner Arbeit auf die Kompetenz angesehener Wissenschaftler (big science) zurückgreifen kann. Auf eines dieser Verfahren greifen fast alle Unternehmensberaterfirmen zurück, weil sie in besonderer Weise das Legitimitätsproblem (Wer oder was legitimiert die Unternehmensberater eigentlich?) zu lösen vorgeben.
Das erste Verfahren (»Unser Erfolg spricht für sich selbst.«) versucht im Kern, das Legitimitätsproblem zu umgehen, da die eigene Kompetenz nicht über einen besonders hohen Stand wirtschaftlichen Wissens (Diplome etc.) nachgewiesen wird, sondern im Gegenteil: Die Quelle des Erfolgs wird verdunkelt, was allein zählen soll, ist der Erfolg: Denn wer erfolgreich ist, hat auch Recht. Das zweite Verfahren begibt sich unter den Baldachin der Wissenschaft. Hier wird reklamiert, dass die besten lebenden Köpfe oder einige der zweitbesten oder zumindest deren Wissen, dass also das ganze System der Wissenschaft bei der Beratung zum Einsatz kam, somit mit dem Segen des Systems ausgestattet ist, das als der Hort allen irdischen Wissens gilt.
Beide Verfahren legitimieren somit irdisch und menschlich. Denn der Erfolg ist von dieser Welt und er ist von normalen Menschen erarbeitet: Einmal verdankt er sich einer pragmatischen und praxiserprobten Verpflichtung auf den Erfolg, im zweiten Fall der konsequenten Anwendung systematischen und explizierbaren Wissens.
Schaut man sich nun die gesamte Homepage der Neuwaldegger an (und verlässt damit die eigentliche Bildanalyse), dann kann man leicht feststellen, dass sie wie andere Beraterfirmen auch ebenfalls auf diese beiden Verfahren der Eigenlegitimation zurückgreifen: Buchpublikationen sowohl der Beratergruppe als auch einzelner Mitglieder werden ausführlich dargestellt, die wissenschaftlichen Titel einiger Mitarbeiter tauchen in ihrer Individualbeschreibung ebenfalls auf. Auf frühere Beratungserfolge wird hingewiesen – quasi objektiviert durch wörtliche Zitate von (natürlich zufriedenen) Kunden. Beratungserfolge werden somit genannt, wenn auch ohne Trommelwirbel, wissenschaftliche Ausbildungen und wissenschaftliche Publikationen der Berater ebenfalls. Man ist in der Praxis erfolgreich und zugleich in der wissenschaftlichen Forschung tätig. All das steht geschrieben und findet sich im Inneren der Homepage. Es ist wichtig und deshalb erwähnenswert – aber es steht hinten im normalen Text – wie alles Selbstverständliche. Auf der Vorderseite wird aber das Nichtselbstverständliche, das Besondere gezeigt: Erleuchtung nämlich. Das hat man mehr, das unterscheidet einen von den anderen.
Allerdings ist diese Erleuchtung klein gehalten, sie bleibt noch im Rahmen: Die Berater sind weder als kreative Freaks noch als vergeistigte Gurus inszeniert, sondern sie weisen alle die Zeichen und Symbole wirtschaftlichen Erfolgs auf. Sie haben nicht mit der Logik des Wirtschaftens gebrochen, sondern sich beim erfolgreichen Wirtschaften der Logik der Erleuchtung erfolgreich bedient. Wirtschaftliche Rationalität ist also nicht verabschiedet, sondern ergänzt worden. Der Rahmen ist geblieben, nur die Mittel sind erweitert worden.
Anmerkungen
1 Durchaus vergleichbar mit dieser wichtigen Unterscheidung ist der Vorschlag Bohnsacks, bei der Interpretation von Bildern zu unterscheiden zwischen dem, was dargestellt wird, und der Art und Weise, wie etwas dargestellt wird (vgl. Bohnsack 2003a, S. 155–172 und 2003b).
2 Aktuell, also Anfang 2016, findet sich kein Gruppenbild mehr auf der Homepage der Firma, sondern die Personen werden einzelnen mit einem klassischen Passbild visualisiert.
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Kommunikative Gattungen
ANGELA KEPPLER
Die ursprünglich in einem soziologischen Rahmen entwickelte Theorie kommunikativer Gattungen hat sich als tragfähig auch für eine qualitative Untersuchung der medialen Kommunikation erwiesen. Mit dieser Theorie ist zugleich ein methodisches Programm verbunden, das es ermöglicht, Kontexte, Strukturelemente und Muster kommunikativer Vorgänge systematisch zu beschreiben. Kommunikative Gattungen werden hierbei als für eine gewisse Dauer feststehende Prozeduren der Rede verstanden, für die bestimmte Arten der Ausbildung und des Austauschs von Informationen und Orientierungen aktualisiert werden. Überträgt man diesen Zugang auf eine Analyse medialer Kommunikation, so muss die spezifische Verbindung aus verbalen und nonverbalen, aus inszenatorischen und dramaturgischen Elementen der entsprechenden Produkte berücksichtigt werden. Eine derart erweiterte Theorie kommunikativer Gattungen ermöglicht zugleich eine umfassende empirische Untersuchung des kommunikativen Haushalts gegenwärtiger Gesellschaften.
Gattungstheorien
Mit dem Gattungs- bzw. Genrebegriff, der in einer Vielzahl von Wissenschaftsdisziplinen – von der Biologie über die Sprachwissenschaften bis hin zur bildenden Kunst und Literaturwissenschaft – Verwendung findet, sind in den jeweiligen Wissenschaften recht unterschiedliche Vorstellungen verbunden. Gemeinsam ist den insgesamt höchst heterogenen Gattungskonzepten, dass sie sich in erster Linie als Klassifikationssysteme verstehen. Im Bereich der Medienwissenschaften zielen Gattungskonzepte dementsprechend darauf ab, Formen technisch vermittelter Kommunikation zu differenzieren und zu charakterisieren.
Die Gattungsforschung im Bereich der Kommunikation blickt auf eine lange Tradition zurück. Untersuchungen von »genera dicendi« in der Rhetorik und Forschungen zur biblischen Formengeschichte in der Theologie sind erste Anfänge. Im 20. Jahrhundert bildeten sich dann recht unterschiedliche Strömungen heraus. Die bekannteste und umfangreichste ist die literaturwissenschaftliche Gattungsforschung, die sich vorwiegend auf schriftsprachlich konstituierte Texte der Hochkultur konzentriert. Die medienwissenschaftliche Gattungsforschung lehnt sich in einem hohen Maß an literaturwissenschaftliche Gattungs- und Genrekonzeptionen an. So sieht etwa David Duff (2000) einen engen Zusammenhang zwischen literarischen und filmischen Gattungen, wenn er den Begriff des Genres wie folgt erläutert:
»A recurring type or category of text, as defined by structural, thematic and/or functional criteria. A term increasingly used in the classification of non-literary (and non-written) as well as literary texts; notably films and media programmes.« (ebd., S. xiii)
Einigkeit herrscht in der Medienwissenschaft vor allem darin, dass Klassifizierungen für kommunikative Formen auf gemeinsamen Merkmalen beruhen, die sich vor dem Hintergrund typischer Stoffgruppen, Themen, Motive und Erzählmuster ergeben (vgl. Schweinitz 1994). Die zahlreichen filmwissenschaftlichen Genreanalysen haben sich entsprechend mit den klassischen Genres des Kinos und ihren Transformationen beschäftigt. Auch in der sprachwissenschaftlichen Forschung entwickelten sich diverse Richtungen, die sich mit Textgattungen befassen. Insbesondere Ansätze innerhalb der angewandten Linguistik beziehen sich – ähnlich wie die der literaturwissenschaftlichen Tradition – auf schriftsprachlich konstituierte Texte. Texte werden in aller Regel daraufhin untersucht, inwieweit sie einer prototypischen Gattung entsprechen. Erst im Rahmen der Textlinguistik wurden auch mündliche Textgattungen in die Analysen miteinbezogen. Anders hingegen verfahren Forschungsrichtungen, die ihren Forschungsgegenstand vor allem – aber nicht ausschließlich – in mündlichen Formen der Kommunikation sehen, wie etwa die folkloristische bzw. volkskundliche Gattungsforschung. Besonders zu erwähnen ist hier die Untersuchung von André Jolles (1974) zu »einfachen Formen« der Rede, die für das Konzept der Theorie kommunikativer Gattungen eine wichtige Inspirationsquelle darstellte. Aus der Tradition der linguistischen Anthropologie ist darüber hinaus die von Dell Hymes geprägte Forschungsrichtung der Ethnographie der Kommunikation zu nennen, deren zentrales Anliegen eine Beschreibung des Sprechens in sozialen Situationen ist. Dell Hymes (1979) ging es vor allem darum, dass sprachliche Strukturen und sozialer Kontext immer in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander begriffen werden müssen (vgl. dazu auch Gumperz/Hymes 1964). Auch von diesen Studien gingen entscheidende Impulse für das soziologische Konzept der kommunikativen Gattungen aus.
»Kommunikative Gattungen«
Angeregt von Jolles, Hymes, aber auch z. B. von Überlegungen Valentin N. Volosinovs (1975) bzw. Mikhail M. Bachtins (1986), die Gattungen als interaktive Handlungsmuster und vor allem als Bindeglieder zwischen Gesellschaft und Sprache betrachten, entwickelten Thomas Luckmann und Jörg Bergmann innerhalb der Soziologie das Konzept der kommunikativen Gattungen. Es verbindet Überlegungen der oben genannten Traditionen und stellt sie in einen wissenssoziologischen und handlungstheoretischen Rahmen. Diese Forschungen zur Theorie kommunikativer Gattungen nahmen ihren Ausgangspunkt bei der Frage nach der allgemeinen Struktur kommunikativer Vorgänge, in denen gesellschaftliche Wissensbestände verschiedener Explizitheitsgrade vermittelt werden (Luckmann 1986). In jeder Gesellschaft stellt sich das elementare Problem, wie Ereignisse, Sachverhalte, Wissensinhalte und Erfahrungen in intersubjektiv verbindlicher Weise unter verschiedenen Sinnkriterien thematisiert, vermittelt, bewältigt und tradiert werden können (vgl. Schütz/Luckmann 1984, S. 11 ff.). Für diese Probleme muss es organisierte, d. h. nicht zufällige Lösungen geben. Als kommunikative Gattungen werden solche mehr oder minder wirksamen und verbindlichen »Lösungen« von spezifisch kommunikativen »Problemen« bezeichnet. Sie stellen vorbereitete Arten der interaktiven Bezugnahme dar. In allen Gesellschaften gibt es kommunikative Handlungen, in denen sich der Handelnde schon im Entwurf seines Redebeitrags an einem Gesamtmuster orientiert. Diese kommunikativen Vorgänge weisen in ihrem Ablauf ein hohes Maß an Gleichförmigkeit auf.
»Diese Gleichförmigkeit kann daraus resultieren, dass die Handelnden selbst ein Routinewissen haben über die Form des kommunikativen Geschehens, in dem sie sich gerade befinden, und das sie mit ihrem Tun verwirklichen, indem sie sich an diesen Formvorgaben orientieren.« (Bergmann 1987, S. 35)
Kommunikative Gattungen sind aber selbst »keine Institutionen des Tuns, sondern festgelegte Gesamtmuster des Redens (und allgemeiner: der Kommunikation)« (Luckmann 1986, S. 203).
Das Vorhandensein eines sprach- und handlungsbezogenen Wissens macht es aber keineswegs nötig, dass die Handelnden selbst über eine ausformulierte Gattungstheorie verfügen. So bezeichnet beispielsweise der Terminus »Belehrung« auch ganz alltäglich einen kommunikativen Vorgang, der im analytischen Sinn gattungsnahe Strukturen aufweist. Das heißt aber nicht, dass wir als Alltagsmenschen die Regeln angeben können, nach denen wir verfahren, wenn wir andere belehren, oder dass wir den Grund dafür wüssten, warum wir uns in seltenen Fällen gern, in aller Regel aber sehr ungern belehren lassen. Man muss nicht über die Form und Funktion von Belehrungen Bescheid wissen, um zu wissen, was eine Belehrung ist (Keppler 1989; Keppler/Luckmann 1992). »Dieses Wissen und seine unter Umständen recht elementaren Begrifflichkeiten genügen als erstinstanzliche, empirische Basis für die systematische Anwendung des analytischen Begriffs.« (Luckmann 1986, S. 203)
Das Konzept der kommunikativen Gattungen bezieht sich zwar auf Typisierungsprozesse im Alltagsverstand; der Begriff »kommunikative Gattung« jedoch ist ein Begriff zweiter Ordnung, ein wissenschaftlicher Begriff, der sich in der beschriebenen Weise auf Begriffe erster Ordnung, also solche des Alltagsverstandes, bezieht. Diese »Konstrukte erster Ordnung« (Schütz 1971a, S. 70) müssen bei der typologischen Analyse von kommunikativen Gattungen (»Konstrukten zweiter Ordnung«) berücksichtigt werden, da sie für die Handlungsentwürfe wie für die Handlungsvollzüge der Interagierenden von entscheidender Bedeutung sind. Handelnde orientieren sich in ihrem Handeln an einem solchen vortheoretischen und »ethno«-theoretischen Wissen. Sie sind sich etwa dessen bewusst, dass sich bestimmte kommunikative Gattungen für bestimmte soziale Situationen eignen und für andere nicht. Indem sie als Orientierungsmuster benutzt werden, werden kommunikative Gattungen von den jeweils an der Interaktion Beteiligten auch immer wieder neu reproduziert. In diesem Sinne sind sie »reale kulturelle Objekte«, die einer wissenschaftlichen Deutung zugänglich sind. Wie Hans-Georg Soeffner schreibt, ist »Wissenschaft – und damit sind nicht nur die Sozial- und Geisteswissenschaften gemeint – die organisierte und reflektierte Bearbeitung von Alltagserfahrung, Alltagswissen und Alltagshandeln. Diese – soweit sie dokumentiert, fixiert oder rekonstruierbar sind – stellen für die Wissenschaft ein System von Texten, von Protokollen alltäglichen Handelns dar, die in der wissenschaftlichen Analyse interpretiert, das heißt in den Möglichkeiten ihrer Entfaltung und in ihrer spezifischen historischen Ausformung verstanden werden können.« (Soeffner 1989, S. 23) Die sozialwissenschaftliche Interpretation mehr oder weniger standardisierter Kommunikationsformen ist zu verstehen als distanzierende, systematisierende und begründende Aufdeckung und Erläuterung von Orientierungen, über die die Handelnden, deren Handeln Gegenstand dieser Wissenschaft ist, in einer weit weniger durchsichtigen Form verfügen.
Für die Identifizierung und morphologische Beschreibung kommunikativer Gattungen können nun ganz unterschiedliche Bestimmungsmerkmale relevant sein. Diese reichen von der Phonologie und Prosodie bis hin zu Semantik, Syntax und Stil. Mechanismen der Redezugorganisation und der Sequenzformate spielen dabei ebenso eine Rolle wie spezifische Formen der Wissensautorisierung oder bestimmte Kontextualisierungsprinzipien (wie etwa die Verpflichtung zu einem rezipientenspezifischen Zuschnitt der Äußerungen). Generell unterscheiden sich einzelne kommunikative Gattungen auch durch den Verfestigungsgrad des sequenziellen Ablaufs voneinander, d. h. durch den Grad und das Ausmaß, mit dem sie die Handelnden auf die genaue Befolgung eines vorgezeichneten Kommunikationsmusters verpflichten. Diese Verpflichtung kann sehr starr und rigide sein und den Handelnden wenig Interpretations- und Gestaltungsfreiheit lassen; sie kann aber auch relativ schwach und unverbindlich sein; sie liegt aber immer über der relativen Beliebigkeit gattungsmäßig nicht fixierten (»spontanen«) kommunikativen Handelns. Dabei beeinflusst der Grad der Reglementierung der sozialen Situation im Ganzen auch den Grad der Striktheit der Befolgung gattungsinterner Vorgaben. Welche spezifischen Funktionen kommunikative Gattungen erfüllen und unter welchen Bedingungen es z. B. zu einer gattungsmäßigen Verfestigung kommt – dies sind Fragen, wie sie in der an die Theorie kommunikativer Gattungen anschließenden empirischen Forschung gestellt werden. Deren Ziel ist es, diese kommunikativen Vorgänge in ihrer Formenvielfalt und konkreten Ausprägung im Detail zu beschreiben und theoretisch zu erfassen.
Grundsätzlich gilt aber, dass der Begriff dieser Gattungen immer bezogen ist auf kommunikative Handlungsformen, die auf spezifischem Wissen derer, die sie hervorbringen, beruhen und die als »Muster zur Lösung kommunikativer Probleme gesellschaftlichen Handelns« (Luckmann 1986, S. 200) betrachtet werden müssen. Gattungen sind in diesem Sinn für eine gewisse Dauer feststehende Prozeduren der Kommunikation, für die bestimmte Arten der Ausbildung und des Austauschs von Informationen und Orientierungen aktualisiert werden. Das Repertoire dieser Gattungen und die Formen ihrer Aktualisierung sind zusammen, wie Luckmann auch sagt, konstitutiv für den »kommunikativen Haushalt« einer Gesellschaft, d. h. für die Praktiken, die ihr für die soziale Gewinnung, Aushandlung und Transformation handlungsleitenden Wissens zur Verfügung stehen. Eine qualitative Untersuchung des Bestandes und der jeweiligen Veränderungen dieser Praktiken, so die methodische Folgerung, erlaubt es nicht zuletzt, Prozesse des sozialen Wandels detailliert zu beschreiben.
Methodisches Programm
Mit der Theorie kommunikativer Gattungen ist von ihrer Anlage her ein methodisches Programm verbunden: Dieses fordert dazu auf, Kontexte, Strukturelemente und Muster kommunikativer Vorgänge systematisch zu beschreiben, um auf der Grundlage struktureller Gemeinsamkeiten Typen zu bilden. Hierfür werden grundsätzlich zwei Analyseebenen unterschieden, die Binnenstruktur und die Außenstruktur. Auf der Ebene der Außenstruktur werden allgemeine gesellschaftliche Kontextbedingungen in den Blick genommen, die sich auf die Kommunikation niederschlagen können (z. B. soziale Milieus, Geschlecht, Alter, Status). Auf der Ebene der Binnenstruktur wird die interne Struktur kommunikativer Vorgänge mit ihren typischen Elementen und Mustern untersucht; dazu zählen die nonverbalen wie die verbalen Bestandteile des kommunikativen Geschehens (z. B. Mimik, Gestik, Prosodie oder die Wahl bestimmter Ausdrucksmittel). Mit der »situativen Realisierungsebene«, die im Konzept der kommunikativen Gattungen quasi als eine Zwischenebene eingeführt wurde, wird der besonderen Bedeutung der Phänomene des interaktiven Austauschs und des engeren sozialen Kontextes, in dem die Kommunikation stattfindet, Rechnung getragen (z. B. Zuteilung des Rederechts, Sprecherwechsel, Beziehungsstatus der Interagierenden, Themenentwicklung etc.) (vgl. Bergmann 1987; Keppler 1994; Günthner/Knoblauch 1994; Knoblauch/ Luckmann 2000). Insbesondere hier zeigt sich, dass das Konzept der kommunikativen Gattungen nicht ohne den Einfluss der ethnomethodologischen Konversationsanalyse (Bergmann 1988; 1991) denkbar ist. Die Methode der Konversationsanalyse hat sich in den 1960er-Jahren zunächst vor allem in den USA und England als eigene soziologische Forschungsrichtung aus der Ethnomethodologie heraus entwickelt. Diese wurde entscheidend von den Arbeiten Harold Garfinkels geprägt, aber auch von den Interaktionsanalysen Erving Goffmans. Die Konversationsanalyse konzentrierte sich zunächst hauptsächlich auf die Analyse sogenannter »ordinary conversations«, also auf Alltagsgespräche im weitesten Sinn. Gegenstand der Konversationsanalyse waren hier vor allem Aufzeichnungen von real abgelaufenen »natürlichen« kommunikativen Interaktionssituationen. Die Konversationsanalyse befasst sich dabei nicht mit der Formulierung und dem Testen vorgängiger Hypothesen. Vielmehr ist es ihr Ziel, über induktive Forschungsstrategien die Merkmale und wiederkehrenden Regelmäßigkeiten verbaler und nonverbaler Kommunikation zu identifizieren. Mittlerweile haben sich hier u. a. zahlreiche Forschungsrichtungen etabliert, die sich vor allem der Analyse von Kommunikationen in institutionellen Zusammenhängen widmen. Hier geht es um Kommunikationsformen, in denen mehr oder weniger offizielle oder formalisierte aufgaben- bzw. rollenbezogene Aktivitäten im Mittelpunkt stehen: z. B. um Interaktionen zwischen Arzt und Patient, um Gesprächsstrategien in Gerichtsverhandlungen, um Vorstellungsgespräche, um Unterrichtsstunden in der Schule und in der Universität und schließlich auch um medienspezifische Kommunikationsformen, hier insbesondere im Rahmen von Radio und Fernsehen (Keppler 2011; Ayaß 2004).
Ganz ähnlich gilt für das Konzept und die Theorie der kommunikativen Gattungen, dass hier die Untersuchungen von kommunikativen Vorgängen der interpersonalen Face-to-Face-Kommunikation im Mittelpunkt der Betrachtungen standen. Dennoch gab und gibt es von Anfang an Arbeiten, die sich in diesem Kontext auch mit technisch vermittelter Kommunikation auseinandergesetzt haben (vgl. Keppler 1985; Ulmer/Bergmann 1993; Keppler 1994; Ayaß 1997; Schmidt 2000). Diese Analysen verweisen darauf, dass bei einer Analyse von Kommunikationsformen, die im Unterschied zur Face-to-Face-Kommunikation durch technische Medien vermittelt sind, vielfältige Inszenierungsmöglichkeiten über Kameraoperationen oder auch über Einblendungen von Musik und Geräuschen hinzutreten. Diese mediale Mischung aus verbalen und nonverbalen, aus inszenatorischen und dramaturgischen Elementen muss berücksichtigt werden, will man die Theorie kommunikativer Gattungen für die Analyse medial vermittelter Kommunikation adäquat weiterentwickeln. Trotz gravierender Unterschiede lässt sich der Grundgedanke dieses Vorschlags auch auf die Untersuchung medial vermittelter Kommunikation übertragen.1 Denn auch hier haben wir es mit Kommunikationsformen zu tun, die auf ihre Weise Antworten auf kommunikative Probleme oder Bedürfnisse anbieten.
Eine medientheoretische Erweiterung
Einen paradigmatischen Fall audiovisuell verfasster Kommunikationsformen, die sich ebenfalls im Kontext spezifischer Gattungen vollziehen, stellt das breite Spektrum filmischer Produkte dar. Gegenüber ihren direkten interpersonalen Formen ist hier die Kommunikationssituation jedoch eine durchaus andere. Gesprächssituationen im Fernsehen beispielsweise sind hochgradig institutionalisiert, inhaltlich mehr oder weniger vorbestimmt und inszeniert. Bei fiktionalen Sendungen (in Spielfilmen oder Unterhaltungsserien) folgen die Dialoge meist einer schriftsprachlich konstituierten Vorlage, dem Drehbuch. In nicht fiktionalen Sendungen gibt es Sendetypen, in denen Sprachhandlungen ebenfalls bis ins Detail vorgeplant sind. Hier können indes Elemente des eher »spontanen« Sprechens eingebaut sein (wie bei einem Interview zwischen Journalist und Politiker in den Nachrichten). Es gibt aber auch Sendetypen, in denen Sprachhandlungen nur grob vorgeplant sind, in denen die Handelnden also gewisse Spielräume für Spontaneität haben (z. B. bei Talkshows). Und es gibt Sendungen, in denen der verbale Austausch gar nicht im Zentrum der audiovisuellen Kommunikation steht – man denke an Sportübertragungen, Musiksendungen oder Filme mit nur sparsamen Dialogen. Das bedeutet, dass man, wenn man die Gattungsanalyse des hier beschriebenen Typs zur Untersuchung medial vermittelter Kommunikationsprozesse heranzieht, auf eine besondere Weise der spezifischen materialen Verfasstheit der audiovisuellen technischen Kommunikation Rechnung tragen muss.
Mediale Gattungen sind dann als eine Unterklasse der Gattungen der Kommunikation zu verstehen. Gattungen der Kommunikation sind Schemata der Ordnung kommunikativer Sequenzen, die den Teilnehmern eine Orientierung über die Art des stattfindenden Kommunikationsprozesses bieten. Gattungen in diesem Sinn sind für eine gewisse Dauer feststehende Prozeduren der Kommunikation. Das Besondere an Gattungen der Kommunikation ist gerade, dass sie bereits durch die Art ihres Verlaufs eine Orientierung erzeugen, die alles prägt, was im Verlauf der jeweiligen kommunikativen Einheit zur Sprache und zur Anschauung kommt. Dies ist bei der direkten mündlichen Kommunikation der Fall, etwa wenn eine Belehrung stattfindet, über jemanden geklatscht wird oder ein Ereignis der Vergangenheit rekonstruiert wird (Keppler 1989; Keppler/Luckmann 1992; Bergmann 1987; Keppler 1987). Entsprechend stellen mediale Gattungen verfestigte Arten der Inszenierung dar – festliegende Arten, in denen z. B. im Film von etwas berichtet, eine Geschichte erzählt oder ein Gesprächsverlauf dargeboten wird. Zu den für eine Gattung charakteristischen Faktoren können z. B. bildliche Motive, narrative Abläufe, die Wahl von Schauplätzen, Arten der Kommentierung, der Einsatz von Musik oder bestimmte visuelle Dramaturgien gehören. Welche dieser Faktoren ausschlaggebend sind, lässt sich nicht allgemein sagen; sicher ist nur, dass Gattungen stets signifikante Konfigurationen filmischer Merkmale darstellen. Zu einer Talkshow beispielsweise gehört der Schauplatz einer Gesprächssituation, an der mindestens zwei Personen beteiligt sind, deren Gespräch auch das Zentrum der visuellen Dramaturgie des Films bildet, und außerdem ein Gesprächsverlauf, der – im Vergleich etwa zum politischen Interview – eher auf persönliche Episoden und Erfahrungen gerichtet ist.
Für das Vorhaben einer Mediengattungsanalyse im Anschluss an die Theorie kommunikativer Gattungen ist es notwendig, über die für gängige Verfahren beispielsweise der Filmanalyse übliche Berücksichtigung filmsprachlicher Strukturen hinauszugehen und auch feinste sprachliche Strukturen (inklusive Prosodie und Stimmqualität) zu berücksichtigen. Grundsätzlich gilt auch hier, dass das mediale Produkt Richtungen seiner Wahrnehmung vorgibt, die von den Zuschauern teils befolgt werden müssen, teils befolgt werden können und teils befolgt werden sollen. Anders als die Beteiligten an einer mündlichen Konversation jedoch können die Zuschauer angesichts filmischer Verläufe nicht jederzeit den Gang der Ereignisse beeinflussen. Sie können weder den Gang der Dinge unterbrechen noch Zäsuren markieren, Widerspruch anmelden oder die Verbindlichkeiten des gewählten Gesprächsformats absichtlich oder unabsichtlich verletzen. Denn die Zuschauer von Filmen sind dem klangbildlichen Geschehen – der äußeren Abfolge der jeweils sichtbaren Ereignisse, dem Wortwechsel zwischen den Figuren etc. – zwangsläufig ausgesetzt, so lange sie den Film überhaupt verfolgen. So groß ihr Deutungsspielraum auch sein mag, den visuellen und akustischen Rhythmus der betrachteten Produkte können sie nicht verändern. Dieser liegt vor, an diesem verändert sich im Lauf der filmischen Kommunikation nichts. Es sind feststehende Strukturen des Produkts, innerhalb derer sich erst der Raum für eine Zuweisung von Bedeutungen, Wertungen und Typisierungen bildet.
Dennoch, und das ist nun wieder das Gemeinsame, hat etwa auch das technisch unvermittelte mündliche Erzählen z. B. einer Geschichte bestimmte zeit- und kulturbedingte Formen, die durchaus vorgeben, wie eine Geschichte zu gliedern, zu beginnen und abzuschließen ist (Sacks 1971). In der Praxis des Erzählens haben sich Regeln ausgebildet, die Sprecher und Zuhörer beachten müssen (bzw. nicht nicht beachten können), wenn sie einander eine Geschichte oder einen Witz erzählen wollen. Die durch frühere kommunikative Praktiken entstandene Vorgabe kommunikativer Muster legt bestimmte Möglichkeiten fest, innerhalb derer ein – je nach Formalisierungs- und Verfestigungsgrad der Gattung – mehr oder weniger weiter Variationsspielraum besteht.
Bei der Analyse der audiovisuellen technischen Kommunikation kommt es wesentlich darauf an, diese in der Einheit ihrer sichtbaren und hörbaren Komponenten zu erfassen. Denn allein deren Zusammenwirken macht den kommunikativen Gehalt der entsprechenden Produkte aus. Grundsätzlich gilt es daher, die hier oft noch vorherrschende Konzentration auf den sprachlichen Kanal zu überwinden und die entscheidende Rolle, die den Bildern im Rahmen des filmischen Diskurses zukommt, in die Analyse einzubeziehen. Viele der von entsprechenden Produkten angebotenen Wahrnehmungsmöglichkeiten sind den Zuschauern so vertraut, dass sie ihnen gar nicht eigens bewusst werden. Man denke nur an die Zeichen auf der Wetterkarte und die Bewegungen, die Ansagerinnen vor dieser vollführen. In der Welt des Alltags, »in der der hellwache, erwachsene Mensch inmitten seiner Mitmenschen handelt und auf die er einwirkt, einer Welt, die er in der natürlichen Einstellung als Wirklichkeit erlebt« (Schütz 1971b, S. 238), verstehen wir das Gezeigte und Gesagte, weil der Wetterbericht ein längst vertrautes Format des Fernsehens ist. Als Zuschauer verstehen wir uns auf diese Sendungen, so wie wir uns auf Konventionen des Grüßens, Klatschens oder Geschichtenerzählens verstehen. Wir wissen, wie die Sendung gegliedert ist, worauf es in ihr ankommt und was wir von ihr zu erwarten haben. Diese Verständnisse sind der Sendung durch ihren bildlichen und akustischen Aufbau inkorporiert, sie bestimmen auf diese Weise das Verstehen, das wir ihnen entgegenbringen. Die durch die mediale Inszenierung der Information über das Wetter der kommenden Tage quasi mitgelieferte Anleitung, wie die Information zu verstehen ist, lässt sich nun unter besonderer Beachtung der Bildregie, der Wahl der Symbole, der Farbgebung, der Gestik der Ansagerinnen usw. analysieren. Auf diese Weise wird auch in der Analyse medialer Kommunikationsformen das primäre (alltagsweltliche) Verstehen fortgeführt zu einem methodisch-wissenschaftlichen Verstehen: zu einer ausführlichen Explikation der Möglichkeiten des Verstehens, das die Sendung entwirft und enthält. Bei komplexeren Produkten wie einer ganzen Nachrichten- oder Magazinsendung, einer Talkshow oder einem Spielfilm verlangt dies eine sehr viel aufwendigere Interpretation, aber das Prinzip ist dasselbe. Das mediale Produkt, wie immer es auch gestaltet ist, stellt eine Objektivation manifester und latenter Sinnmöglichkeiten dar, die in ihrer Wahrnehmung erfasst oder nicht erfasst, gesucht oder gemieden, geschätzt oder verworfen werden können. Diese Möglichkeiten des Verstehens liegen in der Gestaltung der Produkte selbst, einer Gestaltung allerdings, die durch ihre Gattungszugehörigkeit und Gattungsbezogenheit ihre Signifikanz niemals in einem neutralen Feld gewinnt, sondern inmitten von ähnlichen bis alternativen Kommunikationsmöglichkeiten, wie sie in der medialen Praxis gängig sind. Gattungsanalyse medialer Produkte heißt also: das kommunikative Potenzial herausarbeiten, das in der gesamten audiovisuellen Verfassung medialer Produkte zu einer bestimmten Zeit2 angelegt ist.
An dieser Stelle ist es wichtig, sich noch genauer den Status von Gattungen vor Augen zu führen – und zwar zunächst den Sinn, den diese Einteilung weniger in der Theorie als vielmehr in der Praxis des Umgangs mit filmischen Bildern hat. Filmische Gattungen jedweder Art sind vonseiten der Hersteller wie auch der Zuschauer stets mit Erwartungen verbunden, man könnte geradezu sagen: Sie sind Erwartungen, die von beiden Seiten mit den jeweiligen audiovisuell verfassten Produkten verbunden sind. Die Produzenten erwarten, dass sie beim Publikum so und so aufgenommen werden, das Publikum erwartet, dass es durch den Film so und so informiert oder unterhalten wird. Diese Erwartungen können erfüllt oder enttäuscht werden. Eine Gattung bildet sich nur dann heraus, wenn die mit ihren Exemplaren verbundenen Erwartungen einigermaßen verlässlich erfüllt werden: wenn das Publikum in den Produkten das findet, was es erwartet hat oder auch etwas, das seine Erwartungen übertrifft; wenn die Produzenten etwas finden oder erfinden, was vom Publikum entsprechend geschätzt wird. Insofern sind filmische Gattungen etwas, deren Bestehen und deren Kontur zwischen Produzenten und Publikum gleichsam ausgehandelt werden muss; in diesem Sinn sind sie Resultate der filmischen Kommunikation, Resultate aber, die in jeder weiteren Kommunikation, in ihrer Fortsetzung immer wieder auf dem Prüfstand stehen.3 Denn nicht allein die einzelnen Filme oder Sendungen, so folgt hieraus, auch die Gattungen, zu denen sie gruppiert werden, haben eine Bedeutung, die auf diejenige der jeweiligen Produkte einwirkt. Für die Verfassung eines filmischen Produkts ist daher seine – wie immer fragile – Gattungszugehörigkeit ein wichtiger Bestandteil. Für eine soziologische Gattungsanalyse medialer Kommunikationsformen, der es vom Grundsatz her immer um eine Offenlegung der im jeweiligen Produkt angelegten Orientierungsmöglichkeiten geht, stellt die jeweilige Gattungszugehörigkeit des Untersuchungsgegenstandes daher einen wertvollen Untersuchungskontext dar. Indem das jeweils betrachtete Produkt in Beziehung zu anderen gesetzt wird, die entweder derselben oder einer anderen Gattung zugehörig sind, werden die charakteristischen Elemente der einzelnen medialen Produkte erst im vollen Sinn deutlich: die Art nämlich, in der das Produkt seinen kommunikativen Beitrag als Exemplar einer oder mehrerer Gattungen leistet – oder als ein Produkt, das die Grenzen der bisherigen Gattungen erweitert, transformiert oder sprengt.4
Eine auf diesem Weg um eine Analyse medialer Gattungen erweiterte Theorie kommunikativer Gattungen ermöglicht zugleich eine erweiterte empirische Untersuchung des kommunikativen Haushalts gegenwärtiger Gesellschaften. Denn auch die Inszenierungsweisen audiovisueller Produkte tragen zusammen mit den Praktiken ihrer Aneignung zu einer Präfigurierung individueller wie sozialer Orientierungen und somit des – unter heutigen Bedingungen gewiss heterogenen – Wissens über die gesellschaftliche Wirklichkeit bei (Keppler 2015).
Anmerkungen
1 Mediale Kommunikation, wie ich sie hier verstehe, vollzieht sich auf der Empfänger- wie auf der Senderseite im Gebrauch technischer Geräte. Harry Pross (1972) spricht in diesem Zusammenhang von »tertiären« Medien, wozu neben Telefon, Rundfunk, Film, Fernsehen usw. die elektronischen Geräte der Erzeugung, Speicherung und Verbreitung von sprachlichen, akustischen und visuellen Daten aller Art gehören (Pross 1972, S. 224).
2 Der Zusatz »zu einer bestimmten Zeit« ist nötig, da sich die Bedeutung medialer Produkte mit der Zeit ihrer Rezeption fast zwangsläufig ändert, weil die betreffenden Formate zu einer späteren Zeit im Kontext anderer medialer Kommunikationsformen stehen.
3 Vgl. hierzu die aufschlussreiche Diskussion zum Thema eines »kommunikativen Kontrakts« im Rahmen einer Pragmatik des Films in der Zeitschrift montage/av 2002, Jg. 10, H. 2 und 2003, Jg. 11, H. 2.
4 Erst durch dieses komparative Verfahren kann beides erreicht werden: eine genaue Interpretation einzelner Produkte und eine am Material belegte Interpretation der übergreifenden Formen, in denen sich die Kommunikation von Film und Fernsehen zu einer bestimmten Zeit vollzieht (Peltzer/ Keppler 2015).
Literatur
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Cultural Studies
RAINER WINTER
Cultural Studies betreiben seit ihren Anfängen in Birmingham qualitative Medienforschung. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Analyse des Verhältnisses von Erfahrungen, medialen Texten und sozialen Kontexten, wobei ihr transdisziplinär orientierter Forschungsprozess durch Bricolage und Perspektivenvielfalt gekennzeichnet ist. Ausgehend von den Machtstrukturen in den Gesellschaften der Gegenwart ist ein Schwerpunkt ihrer empirischen Analysen die Existenz von Formen des Widerstandes und deren Bedeutung. Dabei werden mediale Texte immer in ihrer kontextuellen Situierung untersucht. Dekonstruktive Interpretationsstrategien tragen dazu bei, Texte aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Ergänzend bemüht sich die »neue Ethnographie« im Rahmen von Cultural Studies, durch plurale Forschungs-, Schreib- und Darstellungsstrategien den Perspektiven der Anderen so gerecht wie möglich zu werden.
Die Perspektive der Cultural Studies
Zentrales Merkmal der qualitativen Medienforschung im Kontext von Cultural Studies ist die theoretische und empirische Untersuchung des Verhältnisses von Erfahrungen, medialen Texten und sozialen Kontexten. Anders formuliert, ihr transdisziplinär orientiertes Forschungsinteresse gilt dem komplexen und vielschichtigen Zusammenhang von alltäglich erlebter, diskursiver und gesellschaftlicher Wirklichkeit in der globalen Ära des 21. Jahrhunderts. Diese dreiseitige Ausrichtung bringt unterschiedliche methodologische Orientierungen mit sich, deren wechselseitige Verknüpfung Cultural Studies seit ihren Anfängen bestimmen. Die Singularität und Kreativität dieses Forschungsansatzes, der sich dem »whole way of life« im Sinne von Raymond Williams (1958) verschrieben hat, beruhen auf der gegenseitigen Ergänzung und Bereicherung, aber auch auf den nicht vermeidbaren und produktiv genutzten Widersprüchen, die aus den differenten methodologischen Optionen resultieren.
So hat z.B. die qualitativ-empirische Erforschung der Medienrezeption einen phänomenologischen und hermeneutischen Schwerpunkt, da es um das Verständnis von »lived realities«, von Erfahrungen und Praktiken, geht (Winter 2010). Die Analyse medialer Texte stützt sich auf strukturalistische bzw. poststrukturalistische Ansätze. Denn die Logik eines Spielfilms oder einer Fernsehserie kann sich erschließen durch das Aufzeigen der Werte, die sich in der binären Logik von medialen Texten verstecken, der diskursiven Rahmungen, die mediale Wirklichkeiten strukturieren, oder der intertextuellen Bezüge, die ein medialer Text unterhält und die den mediatisierten Charakter unserer Wirklichkeitserfahrung und unseres Wissens hervorheben. Dagegen hat die Analyse der sozialen und politischen Kontexte, in der mediale Texte rezipiert und angeeignet werden, notwendigerweise einen »realistischen« Charakter, so z. B. in der Deskription des situationalen Settings, in der sich eine Medienrezeption vollzog, oder der zunehmenden globalen Vernetzung.
Cultural Studies zeichnen sich nun dadurch aus, dass sie die auf diese Weise entstehenden Spannungen, Konflikte und durch die Verknüpfung unterschiedlicher Perspektiven manchmal überraschenden Einsichten ins Zentrum ihrer Analysen rücken. Die Bricolage des Forschungsprozesses (Kincheloe/McLaren/Steinberg 2011), die Triangulation unterschiedlicher Methoden und Theorien je nach Forschungsfrage (→ Treumann, S. 264 ff.), veranschaulicht, dass diese transdisziplinär ausgerichtete Forschungstradition mit der positivistischen Agenda gebrochen hat, dass es das Ziel von Forschung sei, Hypothesen oder Theorien darüber aufzustellen, was in der Welt »wirklich« vor sich geht, und dann durch die methodisch erzeugte und kontrollierte Analyse von (harten) Daten herauszufinden, ob dies »wirklich« so ist. Dagegen zeigen Cultural Studies, dass Forschungsfragen, -methodologien und -interessen durch soziale, politische und historische Kontexte geprägt werden (Grossberg 2010). In der Forschung wird nicht Realität »objektiv« analysiert, vielmehr ist die Forschung Teil der Wirklichkeit, die sie erzeugt und sozial konstruiert. Da Methodologien und Schreibweisen der Forscher die Wirklichkeit nicht widerspiegeln, ist es angebracht, durch unterschiedliche Methoden auch verschiedene Wirklichkeiten zu erzeugen und zur Darstellung zu bringen. So wird die Partikularität von Perspektiven deutlich, und deren differenten Wirklichkeitskonstruktionen wird Rechnung getragen. Das gewonnene Wissen ist immer sozial und politisch lokalisiert, sodass die Forscher/-innen auch dazu aufgefordert werden, die Diskurse und Positionen, die ihr Denken prägen, kritisch zu hinterfragen. Dabei haben die neueren Ansätze von Cultural Studies einen »performance turn« vollzogen (Denzin 2003, Gergen/Gergen 2012). Sie sind sich dessen bewusst, dass sie Kultur in ihren Widersprüchen und Konflikten »zur Aufführung« bringen, wenn sie über sie forschen und schreiben. »Reflexive Performance« und (Auto-)Ethnographie rücken ins Zentrum der neueren qualitativen Forschung.
Gelebte Erfahrungen und widerspenstige Praktiken
Widerstand ist ein elementarer Begriff in den Cultural Studies, der durch Antonio Gramscis Hegemonieanalysen (Gramsci 1991 ff.), seine Überlegungen zur Popularkultur und vor allem durch Michel Foucaults Analytik der modernen Macht (Foucault 1976, 1977) bestimmt wird. Trotz massiver Kritik nimmt er bis heute eine sehr wichtige Rolle in der Analyse gelebter Erfahrungen und Praktiken ein. Seine wichtige Bedeutung veranschaulicht, dass Cultural Studies kulturelle und mediale Prozesse im Kontext sozialer und kultureller Ungleichheit sowie als Teil der Dispositive der Macht betrachten. Ihre Perspektive ist immer auch die »von unten«, die das Leiden an der Gesellschaft, das Elend der Welt, registriert, analysiert, gleichzeitig aber auch Möglichkeiten von Utopie und gesellschaftlicher Transformation aufzeigen möchte (Kellner 1995, Denzin 2010).
So wundert es nicht, dass Widerstand zur zentralen Kategorie dieser kritisch interventionistischen Theorie und Forschungspraxis wurde. Gerade im alltäglichen Gebrauch von Medien, in deren Rezeption und (produktiver) Aneignung, finden sich die Merkmale und Spuren widerspenstiger Praxis und kreativen Eigensinns, die mediale Texte gegen den Strich lesen und zur Artikulation eigener Perspektiven nutzen (Winter 2001). Zum Streitpunkt wurde dabei die Frage, wie weitreichend dieser Widerstand gegen Macht sein kann und welche Bedeutung ihm im Kontext gesellschaftlicher Herrschaftsstrukturen zukommt. Hat der Widerstand (nur) symbolischen Charakter oder auch »reale« Auswirkungen? Als methodologisch schwierig erweist es sich nämlich, die kreativen und widerständigen Elemente alltäglicher Erfahrung zu erfassen, da diese immer bereits von Diskursen durchdrungen und strukturiert werden.
In der frühen Widerstandsforschung, die allerdings keine von einem Programm ausgehende einheitliche Tradition darstellt, wird bereits ein zentraler Aspekt von Cultural Studies deutlich: ihr Kontextualismus. Widerspenstige Praktiken lassen sich nur dann verstehen, wenn der Kontext (re-)konstruiert wird, in dem sie sich ereignen und den sie (mit)konstituieren. Für Lawrence Grossberg (1999, S. 60, 2010, S. 169–226) werden die Cultural Studies von einem radikalen Kontextualismus geprägt: »Um es für Cultural Studies auf den Punkt zu bringen: der Kontext ist alles, und alles ist kontextuell.«
So kann Paul Willis in seiner in der Zwischenzeit zum Klassiker gewordenen ethnographischen Studie Spaß am Widerstand (1979) in einer dichten Beschreibung zeigen, wie die »lads«, Jungs aus der Arbeiterklasse, eine lebendige und aufmüpfige Gegenkultur schaffen, die die Mittelklassenormen ihrer Schule ablehnen und subversiv unterlaufen. Ihre kreativen Praktiken prangern Langeweile und Entfremdung schulischer Sozialisation an, führen jedoch nicht zu einer Transformation »realer« Herrschaftsstrukturen, weil den schlecht ausgebildeten »lads« nämlich nichts anderes übrig bleibt, als nach der Schule Arbeiterjobs anzunehmen. Damit ist ihr Protest, den sie subjektiv als Freiheit erfahren, in die Reproduktion sozialer Ungleichheit eingebunden.
In ihrer ebenfalls berühmt gewordenen Studie Reading the Romance (1984), die multidimensional angelegt ist und historische Betrachtungen mit narrativen Analysen von Romanen und empirischer Erforschung der Perspektive der Leserinnen verbindet, kam Janice Radway zu dem Ergebnis, dass die Rezeption von Liebesromanen, zunächst unabhängig von ihrem Inhalt, eine grundsätzlich positive Bedeutung für Frauen haben kann. Die regelmäßige und enthusiastische Lektüre, das Sich-Verlieren im Lesen, helfe ihnen nämlich, sich von den sozialen Pflichten und Beziehungen des Alltags zu distanzieren und einen Freiraum für sich selber im häuslichen Ambiente zu schaffen, wo von ihnen ansonsten erwartet wird, ausschließlich für die Familie da zu sein und ihre Selbstfindung daran zu binden. Im Weiteren kann Radway dann zeigen, wie in den Liebesromanen auch weibliche Sinnangebote gegen die des Patriarchats ausgespielt und als höher eingestuft werden. Die scheinbar harmlose Praktik des Lesens von relativ standardisierten Liebesromanen erweist sich als widerspenstig und führt zur Bildung einer lebendigen, widerständigen Subkultur. Allerdings kommt Radway zu dem Schluss, dass die realen patriarchalen Strukturen, die familiäre und gesellschaftliche Beziehungen durchdringen, nicht transformiert werden. Der Widerstand kann sogar zu ihrer Stärkung beitragen.
Die Analysen des Widerstandes innerhalb von Cultural Studies beschäftigen sich also mit auf den ersten Blick trivialen, unbedeutenden alltäglichen Erfahrungen und Praktiken untergeordneter Gruppen, die in ihrer Eigenart, insbesondere wie sie den realen Strukturen von Macht und Herrschaft widerstehen, untersucht werden. Auch wenn in der Lesart von Cultural Studies Ideologien und die hegemoniale Kultur das Verhältnis der Handelnden zur Welt vermitteln, kennen sie diese Strukturen jedoch mittels ihres praktischen Wissens, was die Voraussetzung für ihren Widerstand ist, der in der Regel jedoch im Imaginären verbleibt und vergeblich ist.
Methodologisch werden die alltäglichen Erfahrungen und Praktiken, so z. B. die Medienrezeption, ernst genommen und damit auch deren Bedeutung. Allerdings kontextualisiert sie der Forscher und bestimmt damit ihre eigentliche Bedeutung. In diesem Zusammenhang wird in der neueren Diskussion oft die Kritik geäußert, dass dieser »Durchblick« des Forschers seiner Selbstreflexivität im Wege steht. So kann er z. B. nicht erkennen, wie die von ihm analysierten »realen« Herrschaftsstrukturen durch seine eigenen theoretischen Vorannahmen oft erst begriffliche Kontur gewinnen. Sowohl Willis als auch Radway wurden dahingehend kritisiert, dass ihre theoretischen Vorannahmen zur Ausbildung blinder Flecke führen, was freilich für jede Forschung gilt. In der neueren ethnographischen Diskussion wird etwas übertrieben eingewendet, dass man oft mehr über die theoretische Perspektive der Forscher/-innen erfährt als über die untersuchten Personen. Diese Kritik wurde auch an John Fiske geübt, der als der wichtigste Vertreter des Widerstandsparadigmas gilt und dessen Analysen in der Exploration von Möglichkeiten in dem Dickicht der Lebenswelt für viele einen zu optimistischen Charakter annehmen.
In seinen Analysen des Populären in der Gegenwart (Fiske 1989) knüpft er eng an Foucaults (1976) Unterscheidung zwischen Macht und Widerstand an. »Widerstand« kann in spezifischen historischen Situationen im Verhältnis von diskursiven Strukturen, kultureller Praxis und subjektiven Erfahrungen entstehen. Fiske begreift den Alltag als kontinuierliche Auseinandersetzung zwischen den Strategien der »Starken« und den Guerillataktiken der »Schwachen«. Im Gebrauch der Ressourcen, die das System z. B. in Form von medialen Texten und anderen Konsumobjekten zur Verfügung stellt, versuchen die alltäglichen Akteure ihre Lebensbedingungen selbst zu definieren und ihre Interessen auszudrücken. Dabei interessiert er sich nicht für die Aneignungsprozesse, die zur sozialen Reproduktion beitragen, sondern für den heimlichen und verborgenen Konsum, der im Sinne von Michel de Certeau (1988) eine Fabrikation, eine Produktion von Bedeutungen und Vergnügen ist, in der den Konsumenten ihre eigenen Angelegenheiten deutlicher werden und die (vielleicht) zur allmählichen kulturellen und sozialen Transformation beitragen kann (Winter 2001).
Fiske (Fiske 1999; Winter/Mikos 2001) dekonstruiert in seinen Analysen die unterschiedlichsten populären Texte von Madonna über Stirb langsam bis zu Eine schrecklich nette Familie mit dem Ziel ihr Potenzial an Bedeutungen aufzuzeigen, das je nach sozialer und historischer Situation der Zuschauer von diesen unterschiedlich realisiert wird. Er zeigt die Inkonsistenzen, die Unabgeschlossenheit, die widersprüchliche Struktur oder die Polyphonie medialer Texte auf, arbeitet heraus, wie eng populäre Texte auf die gesellschaftliche Wirklichkeit bezogen sind und soziale Differenzen artikulieren. Die Rezeption und die Aneignung von Texten werden zu einer kontextuell verankerten gesellschaftlichen Praxis, in der die Texte als Objekte nicht vorgegeben sind, sondern erst auf der Basis sozialer Erfahrungen produziert werden. Damit gelingt es Fiske, die situative Einzigartigkeit und Signifikanz kultureller Praktiken aufzuzeigen, die an einem besonderen Ort zu einer besonderen Zeit realisiert werden.
Wie bei Radway und bei Willis stellt sich jedoch auch bei Fiske die Frage, welche über den unmittelbaren Kontext hinausgehende Bedeutung diese symbolischen Kämpfe haben können. Eine nahe liegende Kritik lautet, dass widerständiger Medienkonsum, wie Fiske (2001) ihn in seiner berühmt gewordenen Madonna-Studie aufzeigt, ineffektiv bleibt, weil er die patriarchalen Herrschaftsstrukturen nicht ändert. So zu argumentieren, heißt jedoch, nicht sehen zu wollen, dass Fiske dies zum einen nicht behauptet. Zum anderen geht es ihm gerade darum, die Bedeutung, ein Madonna-Fan zu sein, ernst zu nehmen und – vor allem in seinen späteren Arbeiten – die Singularität kultureller Erfahrungen und Praktiken in spezifischen Kontexten herauszuarbeiten, ohne überhaupt den Anspruch auf Generalisierung oder unmittelbare Transformation von Herrschaftsstrukturen zu stellen. Allerdings entgeht auch Fiske nicht der Kritik, dass er als Forscher vorgibt, die Bedeutung der Praktiken der Untersuchten besser zu verstehen als diese selbst.
Diesem für die Forschungen zum Widerstand charakteristischen Dilemma versucht man in neueren Arbeiten dadurch zu entgehen, dass Phänomene aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden und auf diese Weise das methodologische Instrumentarium sensibler für die Erfahrung des Anderen werden soll. So wird untersucht, welchen Einfluss Widerstandspraktiken in einem spezifischen Kontext auf Ereignisse und Prozesse in anderen Bereichen haben, wie sie mit diesen artikuliert sind. Zudem werden Erfahrungen, Praktiken und Diskurse in multiplen lokalen Kontexten analysiert, sodass sich verschiedene Formen von Subordination und Widerstand aufzeigen lassen (Saukko 2003). Innerhalb von Cultural Studies spielt die Analyse subversiven Medienkonsums also weiterhin eine wichtige Rolle, auch wenn die damit verbundenen optimistischen Hoffnungen nicht mehr im Zentrum der Betrachtung stehen.
Texte in Kontexten
Ein weiteres zentrales methodologisches Merkmal von Cultural Studies ist ihre Analyse von medialen Texten, die nicht als diskrete Entitäten betrachtet werden, in ihrer kontextuellen Verankerung. Sie interessieren sich dafür, wie Texte und Diskurse mit sozialen, historischen oder politischen Kontexten artikuliert werden. Von Anfang an haben sie die traditionell marxistische Vorstellung abgelehnt, dass Kultur im Wesentlichen im Rahmen einer dominanten Ideologie begriffen werden kann. Vor allem Stuart Halls berühmtes »Encoding/Decoding«-Modell (Hall 1980) machte deutlich, dass in der Produktion und Rezeption von Nachrichtensendungen um die Bedeutung der dargestellten Ereignisse gerungen wird. Mediale Texte werden zum Ort der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen sozialen Gruppen, die ihre eigenen Interpretationen durchsetzen möchten.
Daher spielten schon in der Frühphase der Cultural Studies in Birmingham semiotische und strukturalistische Analysen eine wichtige Rolle. Zeichen wurden als polysem und multiakzentuell begriffen, die Verknüpfung zwischen Signifikant und Signifikat war in der Lesart von Cultural Studies vor allem politisch motiviert. Mediale Texte, wie z. B. die Studie zu James Bond (Bennett/Woollacott 1987) zeigte, wurden in ihrer intertextuellen Verankerung (Winter 1992; Mikos 1994) analysiert, um den oft formalistischen Charakter semiotischer und narrativer Analysen, die an primären Texten orientiert sind, zu überwinden. Durch die Berücksichtigung textueller und sozialer Kontexte gewannen die Analysen populärer Texte an Tiefe und Komplexität, weil ihre gesellschaftliche Bedeutung ins Zentrum rückte, die in Beziehung zu komplexen sozialen und kulturellen Kräften entsteht.
Sehr früh wurden auch die Charakteristika postmoderner Medientexte bestimmt, die Anleihen im Archiv der verfügbaren Medientexte machen und sich primär im Kontext dieser zirkulären Bezüge – und nicht als Referenz auf eine medial unvermittelte »Realität« – verstehen lassen (Denzin 1991). Dabei geht ein umstrittener Film wie Natural Born Killers selbstreflexiv und kritisch mit Medienbildern sowie mit unserem medial vermittelten Wissen über Serienkiller um. Nicht jeder hat aber eine postmoderne Sensibilität ausgebildet und versteht daher den Film als Parodie auf mediale Gewalt. Cultural Studies betonen daher, dass jede Lesart kontextgebunden ist und politischen Charakter hat. Das Wissen über Texte und Praktiken, deren räumliche und zeitliche Eigenschaften bestimmt werden müssen, ist immer ein situiertes Wissen. Wie die Forschungen zur Populärkultur zeigen, existieren Texte und Praktiken an besonderen Orten zu besonderen Zeiten für besondere Publika (Jenkins u. a. 2002). Deshalb lässt sich die Bedeutung eines medialen Textes nie erschöpfend bestimmen. Gerade im Bereich der Populärkultur vervielfachen sich die Bedeutungen, wenn Konsumenten und Forscher die Texte im Kontext ihres eigenen sozialen Lebens und ihrer kulturellen Identität verstehen. Im Rahmen von Cultural Studies sind oft die persönlichen Erfahrungen im Umgang mit medialen Texten ein Einstieg für deren kritische Analyse (Grossberg 1988). So geht es in der Folge darum, in selbstreflexiver Weise die sozialen Grundlagen unserer Interpretationen und damit auch deren Grenzen zu bestimmen.
In neueren, poststrukturalistisch orientierten Arbeiten der Cultural Studies werden hierzu auch genealogische und dekonstruktive Analysen durchgeführt. Im Anschluss an Foucault kann die Genealogie aufzeigen, wie unsere Auffassungen, Begriffe, Problembeschreibungen oder wissenschaftlichen Wahrheiten historischen Kontexten und spezifischen sozialen und politischen Prozessen entsprungen sind. So sind die Bilder, die wir uns von uns selbst, der Gesellschaft oder der Geschichte machen, nie vollständig oder unabhängig. Sie bleiben an die gesellschaftlichen Praktiken gebunden, aus denen sie hervorgegangen sind. Ein Genealoge versucht die medialen Praktiken unserer Kultur zu verstehen, die wir mit anderen teilen und die uns auch zu dem gemacht haben, was wir sind.
Die Dekonstruktion ermöglicht eine kritische Analyse der Logik medialer Texte. Hierzu werden z.B. binäre Oppositionen aufgedeckt und problematisiert. Hinter diesen verbergen sich Werte, ideologische Vorannahmen und kulturelle Hierarchien. Darüber hinaus zeigen dekonstruktive Lektüren die grundlegende Unbestimmtheit des Sinns medialer Texte auf, die durch ein unbegrenztes Spiel von Differenzen konstituiert werden und für vielfältige Lesarten in unterschiedlichen Kontexten offen stehen. Daher haben dekonstruktive Cultural Studies auch einen interventionistischen Charakter. Es geht ihnen darum »to expose the underlying ›structural‹ preconceptions that organize texts and to reveal the conditions of freedom that they suppress« (Denzin 1994, S. 196).
Cultural Studies haben also das Bestreben, mediale Texte von möglichst vielen Perspektiven aus zu analysieren, um die Diskurse aufzudecken (→ Diaz-Bone, S. 131 ff.), die sowohl diese als auch unser Alltagsverständnis und unsere Forschungsstrategien strukturieren. Der Forscher muss sich über seine eigenen Verpflichtungen, Interessen und Auffassungen klar werden, die historisch, politisch und sozial geprägt sind (vgl. Winter 2014).
Neue Formen von Ethnographie
Die bereits erwähnte Kritik an der Theorielastigkeit der Forschungen zum Widerstand führte innerhalb der Cultural Studies zur Diskussion und Entwicklung neuer Forschungsstrategien, die der gelebten Wirklichkeit angemessener sind. Eine wichtige Bedeutung kommt dabei dem Dialog zwischen dem Selbst des Forschers und der Perspektive des Anderen, dem Untersuchungsobjekt, zu (Lincoln/Denzin 2003). Dessen Welt soll nicht von außen beschrieben werden, sondern es geht um eine Interaktion bzw. eine Begegnung zwischen verschiedenen Welten, bei der die Perspektive des Untersuchten möglichst unter dessen aktiver Mitwirkung »authentisch« erfasst werden soll. So muss sich der Forscher zunächst klar machen, was ihn daran hindert, die Welt des Anderen, der z. B. leidenschaftlich gerne Horrorfilme schaut oder Gangsta Rap hört, zu verstehen. Sich der eigenen Grenzen bewusst zu werden, fördert dann die Sensibilität gegenüber fremden und radikal differenten Erfahrungswelten. Ergänzt wird dieser Reflexionsprozess durch neue Formen des Schreibens (Richardson 2000, Leavy 2013), die persönlich, literarisch und experimentell auch die nicht rationalen Aspekte der Erfahrung des Forschers darstellen, die sich auf die (Medien-) Welten der Anderen beziehen. Die Forschungsberichte, die deren Erleben möglichst gerecht werden sollen, sind oft multivokal gestaltet. Eine Strategie besteht auch darin, die Ergebnisse in einer Performance zu vermitteln (Denzin 1999, Winter/Niederer 2008, Gergen/Gergen 2012). Auf diese Weise kommen ästhetisch geprägte Formen der Wahrnehmung und des Wissens zur Geltung, die die Konstruktionen von Selbst und Anderen verändern können (Gergen/Gergen 2012). Zudem wird den Untersuchten genügend Platz zugestanden, ihre eigene Perspektive darzustellen, bevor sie dann vom Forscher lokalisiert und reflektiert wird. Des Weiteren wird in diesen neuen Formen von Ethnographie hervorgehoben (→ Winter, S. 588 ff.), dass die untersuchten (Medien-)Welten eine Vielzahl an Stimmen beinhalten und so die Perspektiven unterschiedlicher Akteure in ihrer jeweiligen Lebenssituation eingeholt werden sollen.
Ethnographische Praktiken im Rahmen von Cultural Studies erweisen sich so in der globalen Medienwelt des 21. Jahrhunderts auch als ein moralischer Diskurs (Denzin 1997, Denzin 2010, Winter/Niederer 2008), der (problematische) Lebens- und Medienerfahrungen zugänglich macht und Einblick in (neue) Formen sozialer und kultureller Ungleichheit geben kann.
Fazit
Cultural Studies betreiben qualitative Medienforschung im Rahmen umfassender Kultur- und Gesellschaftsanalysen. So ist ihre Stärke gerade die Herstellung von Zusammenhängen über einzelne Erfahrungsräume hinweg und damit der Nachweis, dass Kultur eine »ganze Lebensweise« (»a whole way of life«) ist. Ihre Theorien und Modelle werden als Antwort auf die sozialen Probleme und Fragestellungen spezifischer Kontexte entwickelt (Grossberg 2010). Cultural Studies sind sowohl konstruktivistisch, so z. B. in der Herstellung von Kontexten, als auch kritisch, so in der Analyse von Machtverhältnissen, orientiert. Stuart Hall bestimmt als ihr Ziel »to enable people to understand what [was] going on, and especially to provide ways of thinking, strategies for survival, and resources for resistance« (Hall 1990, S. 22).
Literatur
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Handlungstheorien
FRIEDRICH KROTZ
Der Beitrag beschäftigt sich mit Handlungstheorien in ihrem Bezug zu qualitativen Forschungsmethoden. Dazu werden zunächst Handlungstheorien von anderen sozialwissenschaftlichen Theorien abgegrenzt und ihre Bedeutung für qualitative Verfahren erläutert. Sodann werden Typen von Handlungstheorien voneinander unterschieden, wobei die je mit einer Handlungstheorie verbundene methodologische Orientierung als Unterscheidungskriterium dient – wir unterscheiden quantitativ und qualitativ konnotierte Handlungstheorien. Sodann werden einige der qualitativ konnotierten Handlungstheorien genauer umrissen. Weiter werden dann beispielhaft einige Begriffe wie Rolle und Situation erläutert, mit deren Hilfe derartige Handlungstheorien Handeln konzeptionell fassen. Schließlich wird kurz berichtet, wie und in welchem Zusammenhang sich diese Ansätze in der Kommunikationswissenschaft finden.
Handlungstheorien und ihre Bedeutung für qualitative Methoden
Sozialwissenschaftliche Theorien lassen sich ganz allgemein als aufeinander bezogene Aussagenzusammenhänge begreifen. Als Handlungstheorien werden derartige Theorien bezeichnet, wenn sie von kulturell und gesellschaftlich geprägtem, individuellem Handeln als einer Grundkategorie der Sozialwissenschaft ausgehen, wobei diese Grundkategorie sich empirisch nicht weiter rechtfertigen muss, sondern gesetzt ist. Erleben, Denken, Kommunizieren gelten dann als besondere Formen eines so verstandenen allgemeinen (sozialen) Handelns. Das bedeutet nicht, dass man Handeln und dessen Bedingungen und Konsequenzen nicht empirisch untersuchen kann. Vielmehr rechtfertigt sich jede sozialwissenschaftliche Theorie über empirische Untersuchungen. Aber jede Theorie beruht implizit oder explizit auf grundlegenden, gesetzten Annahmen, und Handlungstheorien beruhen dementsprechend darauf, dass (soziales) Handeln als Fundamentalkategorie angenommen wird.
Sozialwissenschaftliche Theorien, die keine Handlungstheorien sind, lassen sich demgegenüber etwa in Gesellschaftstheorien und Systemtheorien unterscheiden. Gesellschaftstheorien gehen von einer Eigenständigkeit übergeordneter sozialer Phänomene wie etwa dem Begriff der Gesellschaft aus. Systemtheorien stellen ein abstraktes funktionales Prinzip, nämlich das Konzept des Systems in den Mittelpunkt und versuchen, soziales Geschehen von daher zu beschreiben und zu analysieren. Natürlich gibt es auch im Rahmen von Gesellschafts- und Systemtheorien Aussagen darüber, warum und wie Menschen handeln; dann werden aber aus den jeweiligen Basisannahmen abgeleitete oder von irgendwo anders her übernommene Handlungsbegriffe verwendet, denen nur eine abgeleitete Bedeutung zukommt.
Im Rahmen einer Darstellung von empirischen Methoden und Verfahren sind Handlungstheorien wichtig, weil sich qualitative Verfahren vor allem im Zusammenhang mit handlungstheoretischen Konzeptionen sozialer und kultureller Wirklichkeit entwickelt haben und dort auch vor allem angewandt werden. Demgegenüber sind Gesellschafts- und Systemtheorien meist entweder quantitativ orientiert, oder es hängt von der jeweiligen Forschungsperson (oder der Fragestellung) ab, welche Art von Methoden angewandt wird. Allerdings sind natürlich nicht alle handlungstheoretischen Ansätze qualitativ orientiert, wie zu sehen sein wird; wir unterscheiden deshalb methodisch qualitativ konnotierte und quantitativ konnotierte Handlungstheorien.
Arten von Handlungstheorien und ihre Relevanz für Forschungsverfahren
Das Feld der Handlungstheorien ist nur schwer einheitlich beschreibbar. Nach Lüdtke kann man wahrnehmungs- und motivationspsychologische, lerntheoretische, interaktionistische, entscheidungs- und rollentheoretische Handlungstheorien voneinander unterscheiden (Lüdtke 1978, S. 269). Felsch und Küpper (1998) dagegen unterteilen Handlungstheorien danach, ob sie rational oder normativ sind: Zu den Ersteren lässt sich zum Beispiel das Konzept des Homo oeconomicus rechnen, das auf Austauschtheorien und Nutzenoptimierung und damit auf Theorien beruht, die am Handeln als Wählen zwischen Alternativen ansetzen. Ein Beispiel für normative Handlungstheorien liegt mit dem Ansatz des Homo sociologicus und damit beispielsweise mit dem Werk des Strukturfunktionalisten Talcott Parsons vor, der Gesellschaft primär als durch normenbezogenes Handeln konstituiert versteht.
Es gibt also unterschiedliche Konzeptionen von Handeln. Im Hinblick auf das Verhältnis von Handlungstheorien und Forschungsverfahren lassen sich zwei Grundpositionen unterscheiden: Entweder wird Handeln so definiert, dass es von einem unabhängigen Beobachter von außen gültig beschrieben werden kann. Oder es wird davon ausgegangen, dass Handeln allein durch Beobachtung von außen nicht gültig beschrieben werden kann, weil dabei innere Prozesse des Menschen von zentraler Bedeutung sind, die ohne seine Mithilfe nicht verstanden werden können. Im ersten Fall sprechen wir von einer quantitativ konnotierten Definition, im zweiten von einer qualitativ konnotierten. Diese Unterscheidung hängt eng mit der wissenschaftsgeschichtlich wichtigen Unterscheidung zwischen Verhalten und Handeln zusammen, ist aber damit nicht identisch, sie ist vielmehr methodologisch ausgerichtet.
Zum quantitativ konnotierten Typus von Handeln gehören offensichtlich Ansätze von Handeln, die den Menschen als eine Art schwarze Kiste begreifen, die auf äußere Reize unter Rückgriff auf allenfalls mittelbar erschließbare innere Mechanismen reagiert. Die verhaltenstheoretische Soziologie, die zum Beispiel Kommunikation in Gruppen primär nach objektiv feststellbaren Kontakthäufigkeiten untersucht und daraus auf Gruppenstrukturen schließt, ist hier als Beispiel zu nennen. Dennis McQuail (1994) unterscheidet im Feld der Kommunikationswissenschaft vier paradigmatische Arten, wie Kommunikation verstanden wird. Zwei davon fallen unter diesen ersten Typus:
• Kommunikatives Handeln kann als Zuwendung von Aufmerksamkeit des Rezipienten zu medialen Reizen verstanden werden, eine Vorstellung, wie sie die Werbeforschung meist benutzt, weil sie ja die Erregung von Aufmerksamkeit beabsichtigt.
• Kommunikation kann als Transport von Informationen begriffen werden, der zwischen Menschen oder zwischen Mensch und Medium stattfindet.
In beiden Ansätzen sind weder die antizipierenden Aktivitäten bei der Herstellung eines Kommunikats noch das, was als »Verstehen« von Kommunikation bezeichnet wird, Teil des eigentlichen kommunikativen Handelns – was mindestens im Falle zwischenmenschlicher Kommunikation, also der Urform von jeder Kommunikation, eine ausgesprochen reduktionistische Annahme ist. Wenn man diese Position weiter treibt, so wird dann der Verstehensprozess als unerforschbar ignoriert und nach extern feststellbaren Wirkungen gesucht. Auch Theorien, die Handeln auf Wählen zwischen vorgegebenen Alternativen oder Kommunikation auf Selektionsprozesse beschränken, sind diesem Typus zuzurechnen (z. B. Jäckel 1996).
Derartige handlungstheoretische Ansätze beziehen sich im Allgemeinen auf eine quantitative, als objektiviert verstandene Messmethode, wenn es um empirische Forschung geht. Denn Messen setzt eine vom Messinstrument unabhängige und zumindest für den Messvorgang stabile, intersubjektiv feststellbare Wirklichkeit voraus, und genau darauf bezogen definieren solche theoretischen Ansätze Handeln und Kommunizieren.
Demgegenüber geht der Typus der qualitativ konnotierten Handlungstheorien von auf innere Prozesse bezogenen Konzepten wie Sinn und Bedeutung aus, über die Handeln, Erleben, Denken und Kommunizieren erst zustande kommen. Eine wesentliche und immer wieder zitierte Version dieses Verständnisses findet sich in den Arbeiten von Max Weber, einem der so genannten »Klassiker der Soziologie«. Für Weber war Soziologie eine Wissenschaft, »welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ›Handeln‹ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei, ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ›Soziales‹ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinen von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und darin in seinem Ablauf orientiert ist« (Weber 1978, S. 9).
Hier wird Handeln als Grundkategorie der Sozialwissenschaft entworfen, das auf Sinn und Bedeutung beruht, die vom Handelnden konstituiert werden. Die Benutzung einer Waschmaschine ist offensichtlich ein Fall sinnvollen Handelns, die Teilnahme an einem Fußballspiel ebenso ein Fall sozialen Handelns wie das Sprechen mit anderen oder die Nutzung von Kommunikationsmedien.
Sinnbezogenes Handeln muss, um in Webers Sprache zu bleiben, deutend verstanden werden, wenn es um empirische Untersuchungen geht. Das geht nicht durch ein als objektiv verstandenes Beobachten, sondern bedarf offener, kommunikativ angelegter Forschungsstrategien. Ein derartiges Konzept von Handeln auf der Basis von subjektiver Sinnkonstruktion unterstellen die beiden anderen, von McQuail (1994) beschriebenen Paradigmen der Kommunikationswissenschaft:
• Das »rezeptionsbezogene Paradigma«: Danach wird Kommunizieren primär durch das Verstehen definiert, ohne das von (geglückter) Kommunikation nicht die Rede sein kann. Verstehen heißt dabei, anschaulich gesprochen, dass der Rezipient die Medieninhalte mit seinen eigenen Vorstellungen und Gedanken zusammenbringt und sich so das Kommunikat aneignet.
• Das »rituelle Paradigma«: Danach wird Kommunikation vor allem als Basis von Gemeinschaft verstanden – dann steht im Vordergrund, dass die Menschen durch ihr Kommunizieren Teil sozialer Gemeinschaft werden. Plakativ ausgedrückt, ist es in diesem Paradigma wichtig, dass man Zeitung liest, nicht, was man darin genau liest.
In diesen Fällen muss wissenschaftliche Empirie Kommunikation in ihrem Ablauf rekonstruieren und dabei die Konstitution von Sinn und Bedeutung durch die handelnden Subjekte im Blick haben. Dies ist nur mit qualitativen Erhebungsund Auswertungsmethoden möglich, die grundsätzlich von einer gemeinsamen Wirklichkeit von Forscher und Beforschten ausgeht, durch die Forschung nicht behindert oder verfälscht, sondern erst möglich wird. Damit wird bei diesen beiden Paradigmen grundsätzlich ein Menschenbild unterstellt, das sich von dem unterscheidet, das zu den beiden ersteren Paradigmen gehört: Der Mensch ist Bewohner einer kommunikativ konstituierten symbolischen Welt, die über Sprache und andere Symbolsysteme sozial und kulturell vermittelt hergestellt wird. Im Gegensatz zum pawlowschen Hund, dessen Speichelproduktion durch das Klingeln unmittelbar und automatisch angeregt wird, handeln Menschen im Normalfall nicht automatisch oder rein reaktiv im Hinblick auf beobachtbares Geschehen. Sie handeln vielmehr aufgrund der Bedeutungen, die ein Objekt, ein Geschehen, ein Reiz oder allgemein, ein Zeichen für sie hat. Objekte, Geschehen, Reize sind Zeichen, die für etwas stehen, und dieses individuell bedeutsame, sozial konstituierte Etwas ist relevant für die Art, wie Menschen mit etwas umgehen.
Die Möglichkeit und die Wirklichkeit des Hantierens mit Zeichen und Symbolen auf der Basis von kommunikativ konstituierten Bedeutungen und insbesondere die Sprache trennen im Übrigen den Menschen auf charakteristische Weise vom Tier. Denn der Mensch ist Mensch nur dadurch, dass er bzw. sie über Kommunikation, symbolisch vermittelte Interaktion und über Sprache verfügt, und zwar in einer Elaboriertheit, die kein Tier beherrscht.
Unterschiedliche qualitativ konnotierte handlungstheoretische Ansätze
Den im Folgenden genauer dargestellten handlungstheoretischen Ansätzen liegt nun die Annahme zugrunde, dass Handeln auf der Basis von Sinn und Bedeutung zustande kommt. Insbesondere finden deshalb beim (kommunikativen) Handeln stets auch innere Prozesse statt, ohne die man gar nicht von Kommunikation sprechen kann: Kommunikate müssen etwa von ihren Konstrukteuren im Hinblick auf die anderen Beteiligten antizipierend entworfen werden, und sie müssen von den Rezipienten verstanden werden. Diese Aktivitäten sind deshalb Teil von Kommunikation. Sie können von einem Außenbeobachter nicht »objektiv« beschrieben oder gar verstanden werden. Deshalb müssen derartige Handlungstheorien mit qualitativen Verfahren, die von einer kommunikativ konstruierten Wirklichkeit ausgehen, empirisch untersucht werden.
Fünf unterschiedliche Typen solcher handlungstheoretischer Ansätze sollen kurz skizziert werden, wobei zu berücksichtigen ist, dass sich diese Ansätze nicht immer scharf voneinander unterscheiden.
1. Symbolischer Interaktionismus
Der durch die Schriften George Herbert Meads (1969, 1973) begründete Symbolische Interaktionismus geht davon aus, dass menschliches Handeln immer auch symbolisches Handeln ist, das im Rahmen einer sozial begründeten und individuell interpretierten Wirklichkeit stattfindet. In Anlehnung an Herbert Blumer, der den oft gescholtenen Begriff des Symbolischen Interaktionismus erfunden hat, kann man diesen sozialpsychologisch begründeten Ansatz auf drei handlungstheoretisch formulierte Grundaussagen zurückführen: Menschen handeln Dingen und Menschen gegenüber auf der Grundlage von Bedeutungen, die diese Dinge bzw. Menschen für sie haben; diese Bedeutungen sind in den Interaktionen der Menschen untereinander für die einzelnen entstanden; und sie werden von den Menschen im Rahmen ihrer Alltags-praktiken gehandhabt und dabei rekonstruiert und weiter entwickelt (Blumer 1967).
Umgekehrt – und darin liegt eine Besonderheit dieses Ansatzes – zeigt Mead, wie der Mensch durch die soziale Gemeinschaft, in der er entsteht, aufwächst und lebt, Kommunikationskompetenz erwirbt und im Zusammenhang damit zu dem Menschen seiner Zeit und Kultur wird, der er ist. Bewusstsein und Selbstbewusstsein, Identität und innere Struktur, Kompetenz und Erfahrung sind demnach durch soziales und kommunikatives, aufeinander bezogenes Handeln entstanden (vgl. auch Burkitt 1991, Burkart 1995, die sich beide auch mit Bezug derartiger Überlegungen zu anderen Theorien beschäftigen).
Wie komplex die damit verbundenen Prozesse sind, zeigen etwa die empirischen Studien von Erving Goffman (1980, 1997), der sich diesem Ansatz zurechnen lässt. Auch das Konzept der parasozialen Interaktion und der parasozialen Beziehungen, das auf zwei Arbeiten von Horton/Wohl (1956) sowie Horton/Strauss (1957) gründet, ist in diesem Rahmen entstanden (und von anderen theoretischen Ansätzen adaptiert worden). Und mit der so genannten Methode der Grounded Theory hat Anselm Strauss (zusammen mit dem nicht symbolischinteraktionistisch orientierten Barney Glaser) ein allgemeines Verfahren der Konstruktion von Theorien entwickelt (Glaser/Strauss 1967) – »Grounded Theory«, weil man damit systematisch und nachvollziehbar in empirischen Daten begründete Theorien gewinnt (die einer weiteren, etwa quantitativen Prüfung nicht mehr bedürfen, vgl. auch Kleining 1995; → Lampert, S. 596 ff.).
2. Phänomenologische Ansätze
Von ihrer klassischen sozialwissenschaftlichen Fundierung her sind sodann hermeneutisch und phänomenologisch begründete Handlungstheorien zu nennen. Phänomenologische Ansätze werden beispielsweise von Harold Garfinkel (1973), Alfred Schütz (1971) sowie Peter L. Berger und Thomas Luckmann (1980) vertreten. Sie gehen davon aus, dass die Menschen ihren Alltag als kreative Methodologen konstituieren und sich den subjektiven Sinn ihres Handelns wechselseitig anzeigen. Dies tun sie in Bezug auf eine Art sozialer Grammatik, an der sie ihr Handeln und ihr Kommunizieren orientieren. Dabei ist diese Grammatik allein natürlich nicht für eine Beschreibung konkreten Handelns ausreichend – wichtig sind zudem die Kontexte, in denen Handeln stattfindet. Auf diese Handlungstheorie bezogene empirische Verfahren sind die Ethnomethodologie und die Konversationsanalyse, die einerseits diese Handlungsgrammatik herausarbeiten, andererseits die Analyse kommunikativ konstituierter Lebenswelten möglich machen. Dabei werden die feststellbaren Phänomene als eine Art Indikatoren begriffen, von denen auf diese sozialen Hintergründe geschlossen werden kann.
Hermeneutische Ansätze (z. B. Hitzler/Honer 1997) gehen demgegenüber davon aus, dass es darauf ankommt, den subjektiven, mit Handlung bzw. Kommunikation verbundenen sozialen Sinn herauszuarbeiten, um soziales Geschehen wissenschaftlich zu erforschen (→ Reichertz, S. 66 ff., → Hagedorn, S. 580 ff.). Sie konzentrieren sich deshalb mehr auf das Problem des Verstehens dieses subjektiven, aber objektiv feststellbaren Sinns, der sich im Handeln und Kommunizieren ausdrückt. Dieser Sinn kann in einem beschreibbaren Verfahren mehr oder weniger intersubjektiv unabhängig festgestellt werden, wobei unterschiedliche Vorgehensweisen zum Einsatz kommen können (Oevermann 1983; Reichertz 1997). Derartige Untersuchungen können allerdings ausgesprochen aufwändig sein, etwa wenn ein Verfahren so angelegt ist, dass zunächst alle möglichen subjektiven Sinndeutungen ermittelt und dann durch Textanalysen die nicht zutreffenden eliminiert werden.
3. Cultural Studies
Als weiterer handlungstheoretischer Ansatz dieses Typs müssen die Cultural Studies Erwähnung finden (→ Winter, S. 86 ff.). Sie werden auf der Basis ihres semiotischen Grundverständnisses der sozialen und kulturellen Welt zu den Handlungstheorien gerechnet, die für die Kommunikationswissenschaft relevant sind. Zwar zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie theoretisch auch auf unterschiedliche Theorien ganz anderer Art Bezug nehmen: insbesondere auf einen modifizierten Marxismus, der am Konzept der Hegemonie von Gramsci ansetzt, auf eine semiotisch begründete Psychoanalyse in Anlehnung an Lacan sowie auf Foucault und den (Post-) Strukturalismus (vgl. z. B. Storey 1998). Jedoch liegt in der darin angelegten Verweigerung einer monolithisch abgeschlossenen Theorie die These verborgen, dass alles Soziale und Kulturelle konkret ist, was sich besonders in der Rezeptionsvorstellung des »Texts are made by the readers« ausdrückt und erkenntlich macht, dass Realität durch das konkrete Individuum in der Gesellschaft hergestellt wird. Im Hinblick auf die empirische Forschung im Rahmen der Cultural Studies werden zwar ganz unterschiedliche Verfahren verwendet, um multimethodisch die Dinge von verschiedenen Seiten her zu beleuchten; dazu zählen auch quantitative Verfahren. Doch kann man sagen, dass ethnographische Forschungsdesigns zusammen mit textanalysierenden Verfahren wie der Diskursanalyse zum Kernbestand der Forschungsmethoden der Cultural Studies gehören und andere Verfahren eine bloß ergänzende Rolle spielen.
4. Strukturelle Anthropologie
Im Anschluss daran ist auf einen mittelbar handlungstheoretischen Ansatz zu verweisen, der durch seine Orientierung an ethnographischen Vorgehensweisen als eine Art strukturale Anthropologie menschlicher Kommunikation verstanden werden kann – dieser Ansatz erschließt sich als eigenständig nur mittelbar, indem man beachtet, wie hier Handeln und Kommunizieren untersucht werden. Der Ethnograph lässt sich auf die Welt ein, insofern er einerseits alltäglich an ihr Teil hat, in ihr handelt und damit den Anspruch aufstellt, Kultur und Gesellschaft durch sein praktisches Handeln mitzugestalten, weil er sich dadurch die Kultur aneignet (Hirschauer/Amann 1997). Andererseits versucht er, Gastkultur und Gastgesellschaft systematisch zu durchdringen und in ihren Sinnzusammenhängen rekonstruktiv zu beschreiben, also die eigene Praxis zu reflektieren. Ethnographie beschäftigt sich dementsprechend mit einer »Vielfalt komplexer, oft übereinander gelagerter oder ineinander verwobener Vorstellungsstrukturen, die fremdartig und zugleich ungeordnet und verborgen sind und die er zunächst einmal irgendwie fassen muss. […] Ethnographie betreiben gleicht dem Versuch, ein Manuskript zu lesen (im Sinne von ›eine Lesart entwickeln‹) […]« (Geertz 1991, S. 15).
Sie ist auf Beobachtung beruhende Interpretation praktischen Geschehens, sodass »dichte Beschreibungen« von Kultur und Gesellschaft entstehen (→ Eichner, S. 112 ff., → Mikos, S. 362 ff., → Winter, S. 588 ff.). Dabei wird »dicht« als etwas verstanden, das im Gegensatz zu der abstrakten Blässe mathematischer oder funktionaler Zusammenhänge steht, mit denen sich quantitative Empirie häufig begnügt. Die basale Unterstellung der Ethnographie ist damit die fundamentale Bedeutsamkeit des alltagspraktischen Handelns für Kultur und Gesellschaft.
5. Weitere handlungstheoretische Ansätze
Schließlich ist auf weitere handlungstheoretische Ansätze zu verweisen, die in der Regel qualitative Forschungsmethoden verlangen: Die Psychoanalyse hat als naturwissenschaftliche Theorie begonnen, beinhaltet aber in vielen späteren Versionen eine eigenständige, qualitativ konnotierte Handlungstheorie, etwa in der auf die Sozialwissenschaften gerichteten Konzeption von Alfred Lorenzer (1972). Lorenzer rückt ein Konzept von szenischem Handeln in den Mittelpunkt, das jenseits von Rationalitäts- und Bewusstheitsannahmen über den Prozess des szenischen Verstehens kommuniziert wird und darüber auch methodisch kontrolliert rekonstruiert werden kann (wenn auch nicht von jedermann zu jeder Zeit). Erwähnenswert sind weiter der an Mead und Moreno anknüpfende Versuch von Hans Joas, deren rollenbezogene Handlungskonzepte zu erweitern, insofern Handeln auch als kreativer Akt deutlich wird (Joas 1989), in dem sich der Mensch realisiert, oder an den Entwurf einer prozessual gedachten Verbindung von Handlungs- und Systemtheorien von Jürgen Habermas (1987) – um nur einige weitere theoretische Konzeptionen zu nennen.
Allen diesen Ansätzen und generell allen handlungstheoretischen Ansätzen gemeinsam ist das Problem, dass es bisher schwer fällt, vom Handeln der Menschen ausgehend die Existenz übergreifender, objektiviert erlebter Strukturen und Phänomene wie die Existenz einer Gesellschaft oder einer Kultur herzuleiten, auch wenn Kultur und Gesellschaft als Handlungsbedingungen beschrieben werden können.
Vom Handlungsbegriff zu handlungstheoretischen Konzepten
Natürlich bleiben Handlungstheorien nicht dabei stehen, den Begriff des Handelns zu diskutieren. Vielmehr versuchen sie, ihre Handlungsorientierung zu begründen und darauf unter Verwendung geeigneter Begriffe komplexere Theorien aufzubauen. Dazu entwickeln sie ein Instrumentarium von mehr oder weniger kodifizierten und empirisch fruchtbaren Konzepten, die sich als Bedingungen und Konsequenzen von Handeln begreifen lassen. Dies soll hier exemplarisch am Beispiel des Symbolischen Interaktionismus skizziert werden (vgl. auch Charon 1979; Krotz 2001a)
• Zunächst hängt jedes Handeln und Erleben ab vom (symbolischen) Standpunkt des Individuums und damit von der Perspektive, von der aus erlebt und gehandelt wird. Perspektive ist dabei eine spezifische Strukturierung der Wahrnehmung, in der nicht alles gleichberechtigt ist, sondern die einen Ausschnitt als relevant definiert und diesen ordnet.
• Damit hängt eng der Begriff der Situation zusammen, in der Menschen in Bezug zueinander handeln (Goffman 1980; Markowitz 1979). Dabei meint »Situation« die je aktuelle Interaktionsgrundlage, die alle Beteiligten von ihrer Eingangsdefinition aus fortlaufend aushandeln. Situation ist damit einerseits ein prozessuales Konzept, andererseits der stets notwendige Rahmen, mittels dessen abgegrenzt wird, was zu einer Situation gehört und was nicht, was in ihr möglich ist und was nicht. Hier ist auf das so genannte Thomas-Theorem hinzuweisen, nach dem eine Situation nicht objektiv geprüft werden kann (Thomas/Thomas 1973). Vielmehr gilt, dass Menschen auf der Basis ihrer Definition der Situation handeln, die sie für wahr und wirklich halten – Situationen beinhalten dementsprechend objektive Elemente, sind aber immer Subjekt gedeutete Entitäten, weil sie nur dadurch ihre Kraft entfalten.
• Weiter ist auf den Begriff der Rolle hinzuweisen, durch die die Menschen in einer Situation präsent sind, ein Konzept, das auf die Metapher vom sozialen Geschehen als Theater verweist (Goffman 1997). Ebenso wie in jeder Situation beispielsweise Perspektive und Standpunkt das Erleben der beteiligten Individuen einerseits strukturieren, andererseits einschränken, ist auch der Mensch in keiner Situation als abstraktes Ganzes mit seiner gesamten Biographie und Erfahrung, mit seinem »Wesen« präsent. Vielmehr präsentiert er sich immer in einer situativ bezogenen intentionalen Form, einer Rolle, in der ihn die anderen erleben. Deshalb sind Rollen auch nicht nur gespielt, sondern müssen theoretisch und empirisch als situativer Ausdruck von Identität und Person verstanden werden.
• In seinen sozialen und individuellen Beziehungen, in der Vielfalt der erlebten und gestalteten Rollen und in den darin gemachten Erfahrungen und deren Reflexion entwickelt sich der Mensch als Individuum, das sich umgekehrt dann auch wieder in seiner Identität und seinem Selbstverständnis als Prozess präsentiert (Krappmann 1975). Auf die Bedeutung dieses Begriffs im Rahmen von Handlungstheorien kann hier nur knapp verwiesen werden (vgl. auch Winter u. a. 2003).
Qualitativ konnotierte handlungstheoretische Ansätze in der Kommunikationswissenschaft
Die oben skizzierten handlungstheoretischen Ansätze lassen sich in verschiedenen Ausprägungen in der Kommunikationswissenschaft finden. Während die Vorformen der modernen Kommunikationswissenschaft den Menschen zunächst mehr oder weniger als ein Objekt medialer Einflüsse untersucht haben, war in den 50er und 60er Jahren eher vom aktiven Mediennutzer die Rede. In beiden Fällen wurden aber meist objektivierte Handlungstheorien als Basis von Kommunikation vertreten, z. B. von Paul F. Lazarsfeld und später vom Uses-and-Gratifications-Ansatz, der die Wichtigkeit mehr oder weniger überdauernde Bedürfnisse empirisch zu belegen versuchte (Rubin 1994), also ein quantitativ konnotierter handlungstheoretischer Ansatz.
Demgegenüber haben sinn- und bedeutungsbezogene Handlungstheorien in den 70er Jahren in die deutsche Kommunikationswissenschaft Einzug gehalten. So wurde der Symbolische Interaktionismus durch zwei Aufsätze von Will Teichert (1972, 1973) in die deutsche Kommunikationswissenschaft eingeführt (vgl. aber auch Rapp 1973); mit dem so genannten Nutzenansatz hat Karsten Renckstorf (1973) versucht, diesen Ansatz mit quantitativen Methoden zu verbinden. Im Laufe der Zeit liegt eine allmählich anwachsende Zahl von Texten dazu vor, von denen hier nur einige genannt werden können (Altheide/Snow 1979; Fritz 1991; Fry/Alexander/ Fry 1989; Höflich 1979; Krotz 2001a; vgl. auch Krotz 2001b). Auch die Verwendung entdeckender empirischer Methoden (Glaser/Strauss 1967; Kleining 1995) nimmt zu.
Auf phänomenologische und auf hermeneutische Forschung bezogene Handlungstheorien finden sich ebenfalls in der deutschen Kommunikationswissenschaft. Zu ihnen sind beispielsweise konversationsanalytische Untersuchungen zu rechnen, wie sie von Angela Keppler (1994) oder Ruth Ayaß (1997, → Ayaß, S. 416 ff.) betrieben werden. Danach manifestiert sich die Bedeutung von Medien primär im Sprechen über ihre Inhalte, das von daher als Untersuchungsobjekt im Vordergrund steht. Im Anschluss daran kann man auch auf die Untersuchungen von Reichertz (1997) und Hitzler (1997) verweisen. Mit der so genannten strukturanalytischen Rezeptionsforschung, die sich des Verfahrens der Objektiven Hermeneutik von Oevermann bedient, haben Michael Charlton und Klaus Neumann-Braun sowie ihre Mitarbeiterinnen (1990) den Medienumgang von kleinen Kindern in ihrer sozialisatorischen Bedeutung untersucht; andere Untersuchungen dieser Art fanden im Bereich der Medienpädagogik und etwa der Computerspiele statt. Ethnographische und am handlungstheoretischen Ansatz der Cultural Studies orientierte Arbeiten (→ Winter, S. 86 ff. und 588 ff.) finden sich etwa von der soziologisch arbeitenden Trierer Forschungsgruppe um Waldemar Vogelgesang, die sich mit (auch) medial konstituierten Jugendszenen beschäftigen (Vogelgesang 1996; Hepp 1998). Zu nennen ist hier auch das im Rahmen der Genderforschung gesammelte empirische und theoretische Wissen, das für qualitativ konnotierte handlungstheoretische Ansätze eine große Rolle spielt (vgl. z. B. Röser 2002), wobei hier aber nicht immer von einer handlungstheoretischen Konzeption ausgegangen wird. Zudem findet sich eine Reihe kommunikationswissenschaftlich angelegter Studien in psychoanalytischen bzw. sonstigen qualitativ konnotierten Bezugssystemen (Hipfl 1997; Holly/Püschel 1993; Zeul 1994).
Literatur
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Habitus und Lebensstil
MICHAEL MEYEN
Die Konzepte Habitus und Lebensstil rücken zwar beide das Individuum in den Mittelpunkt, stammen aber aus unterschiedlichen Theorietraditionen und sind in der qualitativen Medienforschung auch unterschiedlich stark verankert. Während der Begriff »Lebensstil« den Spielraum bei der Gestaltung des Lebens betont, deshalb vor allem in Studien zu Konsum und Freizeit genutzt wird und dort die traditionellen Merkmale sozialer Ungleichheit ergänzt oder ersetzt (etwa: Alter, Geschlecht und Einkommen), zielt Pierre Bourdieus Schlüsselbegriff »Habitus« auf die sozialen Bedingungen unserer Entscheidungen. Was wir tun und wie wir denken, hängt hier von den Erfahrungen ab, die wir aufgrund unserer sozialen Position gemacht haben. Das Habitus-Konzept ist so sehr gut mit den Prinzipien qualitativer Forschung vereinbar und wird überall da eingesetzt, wo es um menschliches Handeln geht.
Theoretisch-methodologische Einordnung
Habitus und Lebensstil in einem Beitrag für das Handbuch Qualitative Medienforschung gemeinsam zu behandeln, gleicht auf den ersten Blick der Quadratur des Kreises. Beide Konzepte zielen zwar auf das Individuum, und es gibt einige Autoren, die Habitus mit »Stil« übersetzen und auch den Begriff »Lebensstil« verwenden, wenn sie mit Bourdieu das Handeln von Personen empirisch untersuchen (vgl. Beck u.a. 2013, S. 239), eigentlich aber handelt es sich um zwei getrennte Forschungstraditionen, die das Verhältnis von Akteur und Struktur unterschiedlich konzeptualisieren und in der qualitativen Forschung auch nicht gleich stark verankert sind.
Wer sich mit Lebensstilen beschäftigt, streicht normalerweise die Rolle des Individuums gegenüber den gesellschaftlichen Bedingungen heraus und nimmt an, dass wir in unserem Handeln mehr oder weniger frei gewählten Überzeugungen folgen. Dieses Konzept findet sich vor allem in der Mediennutzungsforschung und wird häufig mit quantifizierenden und elaborierten datenanalytischen Verfahren verknüpft. Der Begriff hat seine Wurzeln zwar in der klassischen Sozialwissenschaft (Thorstein Veblen, Georg Simmel, Max Weber), wird heute in der Marktforschung aber häufig einfach als Verhaltensmuster im Konsum- und Freizeitbereich definiert und dabei manchmal auch in »soziales Milieu« übersetzt. Einem solchen Milieu werden die Menschen nach ihren Aktivitäten, Werten oder Einstellungen zugeordnet.
Auch der Begriff »Habitus« hat eine lange ideengeschichtliche Tradition, wird aber heute vor allem mit der Soziologie Pierre Bourdieus verbunden (vgl. Wiedemann 2014, S. 88). Habitus steht dort für den Versuch, den Dualismus von Handeln und Struktur zu überwinden (vgl. Park 2014, S. 3), und wird in der Literatur deshalb auch als Mittelweg »zwischen Subjektivismus und Objektivismus« beschrieben (Schwingel 2005, S. 73 f.). Von Anhängern des Lebensstil-Konzepts ist Bourdieu vorgeworfen worden, den Menschen zum Gefangenen der gesellschaftlichen Strukturen und vor allem seiner sozialen Position zu machen. Diese Vorwürfe sind richtig und falsch zugleich. Wenn man annimmt, dass soziale Unterschiede nahezu unbedeutend geworden sind und dass deshalb heute jeder Mensch relativ frei von den Vorgaben einer sozialen Position und ohne Not im »Raum der Möglichkeiten« seinen eigenen Lebensentwurf wählt, dann kann man mit Bourdieu nicht viel anfangen (vgl. Schulze 1992). Der Habitus ist bei ihm nicht angeboren, sondern speist sich aus den Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben macht. Diese (individuellen und kollektiven) Erfahrungen wiederum hängen in erster Linie von der sozialen Position ab und führen zu »Systemen dauerhafter Dispositionen«, die als »strukturierende Strukturen« wirken (Bourdieu 1976, S. 165), als »Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata« (Bourdieu 1987a, S. 101). Übersetzt: Der Habitus legt fest, was möglich ist – wie ein Akteur die Welt wahrnimmt, wie er andere bewertet, welchen Geschmack er hat, wie er denkt und handelt, wie er seinen Körper präsentiert und wie er sich bewegt (Bourdieu 1976, S. 165–167). Bourdieu selbst hat zwar jede Festlegung auf ein bestimmtes methodologisches Lager abgelehnt und z. B. auch mit Statistiken gearbeitet (vgl. Park 2014), gerade das Habitus-Konzept aber, das versucht, individuelles Handeln mithilfe der Lebensgeschichte zu erklären, legt einen qualitativen Zugang nahe.
Lebensstil
Der Lebensstil-Begriff wurde in den 1960er-Jahren wiederbelebt, um Umfrageergebnisse besser strukturieren und so das Kaufverhalten genauer vorhersagen zu können (vgl. Meyen 2004, S. 41–43). Offenbar genügten die traditionellen Merkmale sozialer Ungleichheit wie Einkommen, Beruf, sozialer Status, Bildung, Geschlecht, Alter und Wohnortgröße nicht mehr. Die entsprechenden Typologien sind ebenso bekannt wie die Versuche, möglichst griffige Bezeichnungen zu finden. Da steht der »Spaßorientierte« dem »Häuslichen« gegenüber, der »Sachbearbeiter« aus dem Harmonie- dem »Studenten« aus dem Selbstverwirklichungsmilieu und der »flexible Privatfunk-Nutzer« dem »Medien- und Kulturvermeider«. Schon diese Namensvielfalt lässt das Problem ahnen: Was taugen solche Typologien? Diese Frage stellt sich umso schärfer, wenn man erstens weiß, dass die Ergebnisse von Cluster- oder Faktorenanalysen stark von den Vorgaben der Forscher abhängen, und zweitens die Interessen berücksichtigt, die z. B. hinter der Mediennutzertypologie von ARD und ZDF stehen (Vermarktung von Werbezeiten, vgl. Eckert/Feuerstein 2015). Alexander Haas hat untersucht, ob sich ein Medienmenü (alles, was ein Nutzer insgesamt an Medienangeboten nutzt) besser über die klassischen soziodemografischen Merkmale erklären lässt oder über Lebensstil-Modelle (hier am Beispiel der Sinus-Milieus). Das Ergebnis fiel eindeutig zugunsten der Soziodemografie aus (vgl. Haas 2007). Die Konsumentenforschung wusste schon vor 20 Jahren (also lange vor dem Trend zur Singularisierung), dass sich ein Drittel der Menschen und mehr anders verhalten als der Typ, zu dem sie eigentlich gehören müssten (Gleich 1996, S. 603).
Der schwedische Kommunikationswissenschaftler Karl Erik Rosengren (1996) hat das Konzept des Lebensstils modifiziert und darauf hingewiesen, dass alle Handlungen (und damit auch die Nutzung von Medienangeboten) durch strukturelle, positionelle und individuelle Merkmale und Bedingungen determiniert seien. Rosengren hat drei Typen von Handlungsmustern unterschieden:
Lebensformen sind dabei strukturell bestimmt – Handlungsmuster, die Menschen, die in Industriegesellschaften leben, von denen in Agrargesellschaften unterscheiden, Großstadt- von Dorfbewohnern und muslimische Länder von der westlichen Welt.
Der Begriff »Lebensweise« zielt auf die Position des Menschen, auf Geschlecht, Schicht, Alter und Bildung. Die Hochschullehrerin abonniert andere Zeitungen als der Fernfahrer (oder würde es zumindest gern, wenn sie denn Zeit zum Lesen hätte), und ein 17-Jähriger, der auf ganz verschiedenen Gebieten noch auf der Suche ist, hat andere Bedürfnisse als eine 80-Jährige, die kein Wissen mehr akkumulieren muss und die niemand mehr fragt, welche Bücher sie gerade liest.
Als Lebensstile bezeichnete Rosengren dagegen die Handlungsmuster, die individuell bestimmt sind und nicht von der gesellschaftlichen Struktur und von der Position, die der Mensch gerade besetzt – Handlungsmuster, die der Einzelne mehr oder weniger bewusst selbst gestaltet und bei denen er seinen Werten und Überzeugungen folgt.
Natürlich gibt es weder Lebensformen noch Lebensweisen oder Lebensstile in Reinkultur. Alltagshandeln ist vielmehr immer eine Mischung aus allen drei Arten von Handlungsmustern. Rosengren hat deshalb davor gewarnt, den hier definierten »Lebensstil« mit Lebensmustern einzelner Menschen zu verwechseln. Der persönliche Lebensstil sei etwas ganz anderes. Mit Rosengrens Modell lässt sich vor allem der Einfluss individueller Merkmale bestimmen und die Frage beantworten, welchen Spielraum der Mensch bei der Gestaltung seines Lebens hat. Wie wirkt sich beispielsweise der Wert »Sicherheit in der Familie« auf den Musikgeschmack aus – wie stark im Vergleich mit positionellen Merkmalen (Geschlecht, Schicht, Bildung), wie stark im Vergleich mit strukturellen Merkmalen (Leben in der Großstadt etwa)?
In der qualitativen Medienforschung eignet sich das Modell nicht nur für die Erklärung unterschiedlicher Muster im Umgang mit Medienangeboten, sondern auch für die Auswahl von Untersuchungsteilnehmern. Mit seinen Begriffen »Lebensform« und »Lebensweise« liefert Rosengren Hinweise auf Determinanten der Mediennutzung und damit mögliche Kriterien für Studien, die mit dem Verfahren der theoretischen Auswahl arbeiten (vgl. Meyen u.a. 2011, S. 67–73). Das Wort »Hinweise« ist dabei mit Bedacht gewählt. Es ist zwar einleuchtend, dass strukturelle und positionelle Merkmale und Bedingungen alle Handlungen mitbestimmen, die Skala der möglichen Faktoren aber scheint nach oben offen zu sein. Rosengren selbst hat die positionellen Merkmale Alter, Geschlecht, Bildung und Stellung im Beruf genannt. Wie sieht es mit dem Einkommen aus, wie mit Zahl und Alter der Kinder sowie mit der Familiengröße? Ist nicht der Begriff »Lebensphase« viel besser als »Alter«? In einem Vierpersonenhaushalt mit zwei Kleinkindern läuft der Alltag ganz anders als bei einem Single. Bei den strukturellen Determinanten ist Rosengren noch allgemeiner geblieben und hat nur drei Bereiche aufgezählt: den Grad der Industrialisierung, die Urbanisierung und die Religion. Deckt dies die gesamte Bandbreite ab? Welche Rolle spielen Traditionen (beim Thema Mediennutzung auch überlieferte Rezeptionsmuster), welche das politische System und das Medienangebot und welche das Klima, die Geografie und die Bevölkerungsdichte? Diese Fragen sollen zeigen, dass hinter dem Lebensstil-Modell von Rosengren ein ähnliches Problem steht wie hinter vielen Arbeiten aus der Uses-and-Gratifications-Tradition (vgl. Meyen 2004, S. 15–48): Es fehlt eine Sozialtheorie, die das Verhältnis von Handeln und Struktur konzeptualisiert und damit erlaubt, Untersuchungsdesign und Ergebnisse nachzuvollziehen.
Habitus I: Theoretische Grundlagen
Ein Beispiel für eine solche Sozialtheorie ist die Soziologie Bourdieus, die den Anspruch hat, alle Spielarten menschlichen Handelns und unterschiedlichste Strukturen erklären zu können und sich deshalb nicht nur in der Mediennutzungsforschung anwenden lässt, sondern in nahezu allen Feldern der Kommunikationswissenschaft (vgl. Wiedemann/Meyen 2013; Park 2014). Bei Bourdieu werden wir von dem Wunsch angetrieben, uns von anderen Menschen abzuheben. »Ein Punkt, ein Individuum in einem Raum sein« und damit »etwas bedeuten«, heiße nichts anderes als »sich unterscheiden« (Bourdieu 1998, S. 22). Real ist für Bourdieu die Beziehung zu den anderen, der Abstand zum Gegenüber. Dieser Abstand wird immer wieder aufs Neue markiert, meist ohne die entsprechenden strategischen Absichten und ohne dass uns dieses Ziel überhaupt klar sein muss. Arenen für solche Kämpfe zwischen Menschen sind soziale Felder, die bei Bourdieu aus Akteuren bestehen (und zwar aus allen, die z. B. Politik betreiben oder Kunst und Literatur erzeugen und verbreiten) sowie aus »den objektiven Beziehungen« zwischen diesen Akteuren (ebd., S. 20). Um das Gewicht des einzelnen Akteurs und damit seinen Handlungsspielraum messen zu können, arbeitet Bourdieu mit dem Kapital-Konzept und unterscheidet vier Kapitalformen (ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital, vgl. Wiedemann 2014, S. 89). Die Begriffe »Feld« und »Kapital« gehören zusammen, weil in jedem sozialen Feld eine andere Kapitalmischung Erfolg verspricht und weil in den einzelnen Feldern jeweils spezifische Formen von Kapital entstehen.
Die beiden anderen zentralen Denkwerkzeuge Bourdieus werden hier erwähnt, weil der Habitus untrennbar mit der Kapitalausstattung verbunden ist sowie mit den sozialen Feldern, in denen sich Menschen bewegen. Unsere Erfahrungen, die sich in den Habitus einschreiben, hängen von der Position ab (in sozialen Feldern, im sozialen Raum) sowie von den verfügbaren Kapitalien. Bei Bourdieu (1987a, S. 277) ist der Habitus der Rahmen für Handlungen, Einstellungen zu Handlungen und Ursachen von Handlungen – das »Erklärungsprinzip«, auf dem alles basiert und von dem alles abhängt. Das Konzept zielt zwar auf dauerhafte Dispositionen und betont, dass frühe Erfahrungen (etwa in der Kindheit) spätere formen, der Habitus ist aber nichts Starres und Unveränderliches, sondern wird immer wieder modifiziert. Obwohl der Habitus durch die Gesellschaft und durch die Stellung im sozialen Raum geprägt ist und obwohl die jeweils verfügbaren Ressourcen Handlungsgrenzen markieren, gesteht Bourdieu dem Menschen innerhalb dieser Grenzen sehr wohl Freiheit, Individualität und die Chance auf Innovationen zu. Der Habitus legt noch nicht »die Praktiken an sich« fest, sondern lediglich den »Spielraum«, in dem sich ein Akteur bewegt (Schwingel 2005, S. 69): Was ist möglich und was nicht? Welche Dinge schockieren uns, was ist undenkbar und was würden wir garantiert nie tun? Dieser Spielraum ist allerdings deutlich kleiner als in den extremen Varianten des Lebensstil-Konzepts.
Um konkrete Praxisformen (wie etwa die Nutzung einer Onlinezeitung, die Arbeit eines Nachrichtenredakteurs oder die Verwendung bestimmter Methoden in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung) beschreiben und untersuchen zu können, hat Bourdieu vorgeschlagen, den Habitus analytisch zu teilen – in ein Opus operatum und einen Modus Operandi. Der Modus Operandi (wie und warum handelt man?) wird dabei durch das Opus operatum definiert, durch die persönliche Lebensgeschichte, die sich an äußerlichen Merkmalen festmachen lässt (Alter, Geschlecht, Aussehen, Körpergröße), an der Sozialisation (Herkunft, Ausbildung, Berufsstationen) und an der aktuellen Lebenssituation (Familie, Kinder, Kapitalausstattung, Aktivitäten außerhalb des Berufs, Zukunftsperspektiven). Anders ausgedrückt: Im Opus operatum (im »Ursprung« des Habitus) wird die soziale Position sichtbar. Der Kapitalbesitz einer Person wird inkorporiert und so in dauerhaften Dispositionen Teil des Habitus – Bildung beispielsweise als kulturelles Kapital. Das System dieser Dispositionen ist nicht starr, sondern wird immer wieder modifiziert (vgl. Bourdieu 1987b, S. 105–107).
Im Modus Operandi wird der Habitus zum »Erzeugungsprinzip von Praxisformen« (Bourdieu 1976, S. 165). Wie Spieler, die Spielregeln verinnerlicht haben, handeln Menschen entsprechend ihres Habitus, ohne sich dessen bewusst sein zu müssen (Bourdieu 1998, S. 24). So ist auch »rational« vorherbestimmt (ebd., S. 17), ob jemand regelmäßig online Nachrichten liest oder mit Freunden chattet. Dass wir über solche Voraussetzungen normalerweise nicht nachdenken und auch ihre Entstehungsgeschichte vergessen, erfasst Bourdieu mit dem Konzept des »praktischen Sinns«, der wie ein Instinkt funktioniert und Akteuren erlaubt, »auf alle möglichen ungewissen Situationen und Mehrdeutigkeiten der Praxis zu reagieren« (Bourdieu 1987a, S. 190 f.). Die Habitus-Kapital-Feld-Theorie ist deshalb auch als »goldener Mittelweg« zwischen den »beiden Extremen« beschrieben worden, die soziale Praxis entweder »in einer Mechanik struktureller Zwänge« sehen oder als Ergebnis »freier Entscheidungen« (wie etwa im Lebensstil-Konzept). Habitus (»Leib gewordene Geschichte«) und Feld (»Dingcharakter gesellschaftlicher Verhältnisse«) gehören bei Bourdieu zusammen, weil »die objektiven sozialen Strukturen den Habitus ebenso strukturieren« wie dieser die Praxis (Schwingel 2005, S. 73 f.).
Folgt man Bourdieu, dann ist menschliches Handeln nicht ohne den Habitus und ohne die soziale Position zu erklären. Das hat Folgen für das Untersuchungsdesign – vor allem für die Kategorien, die meine Untersuchung leiten, und damit dann z. B. auch für den Leitfaden, mit dem ich in Interviews gehe, und für die Ergebnisse, die ich aus entsprechenden Gesprächsprotokollen ableite (vgl. Löblich 2016). Um den praktischen Sinn zu verstehen, den ein Mensch etwa mit der Nutzung von Medienangeboten verbindet (Habitus als Modus Operandi), muss ich wissen, wie er sozialisiert wurde, wie er lebt und über welche Dispositionen er verfügt (Habitus als Opus operatum), wie viel Kapital er besitzt und wie sich dieses Kapital zusammensetzt (Position im sozialen Raum). Außerdem dürften Medienangebote auch genutzt werden, um Kapital zu akkumulieren (Kapitalmanagement), um die eigene Position zu erkennen und um diese Position zu markieren. Diese Form des Identitätsmanagements kann über soziale Netzwerke erfolgen, über Fernsehsendungen oder über Internetseiten für Spezialinteressen – Angebote, die sowohl dazu dienen, Signale in den sozialen Raum zu senden (das ist mein Kapital, diesen Normen und Werten fühle ich mich verpflichtet), als auch diesen Raum zu beobachten und so die eigene Position zu bestimmen. Zeitungen, Zeitschriften, TV-Sendungen oder Internetangebote versprechen kulturelles und symbolisches Kapital und können darüber hinaus zum sozialen und zum ökonomischen Kapital beitragen (vgl. Meyen u.a. 2009). Bei Bourdieu streben letztlich alle Menschen nach Kapital, um sich von anderen abzuheben und ihre Position zu verbessern. Da allerdings erstens in jedem sozialen Feld eine andere Kapitalmischung Erfolg verspricht und da die Investition in bestimmte Kapitalarten zweitens auch von der Einschätzung der eigenen Position und damit der Erfolgsaussichten abhängt, unterscheiden sich die Mediennutzer sowohl bei der konkreten Kapitalakkumulation als auch in der Bedeutung, die sie Medien insgesamt oder einzelnen Anwendungen zuschreiben (vgl. Jandura/Meyen 2010).
Habitus II: Anwendungen in der qualitativen Medienforschung
Neben Untersuchungen zur Mediennutzung und zur Medienaneignung (vgl. Meyen 2007; Scherer 2013) wird Bourdieus Soziologie in der qualitativen Medienforschung überall dort genutzt, wo menschliches Handeln im Mittelpunkt steht (vgl. die Überblicksdarstellungen in Park 2014 und Wiedemann 2014 sowie die Beispiel-Arbeiten in Wiedemann/Meyen 2013): in der Journalismusforschung (hier vor allem in Studien zum journalistischen Selbstverständnis, zum Arbeitsalltag in Redaktionen, zu den Beziehungen zwischen Journalisten und Politikern sowie zur Kodifizierung von journalistischer Qualität), im Bereich Organisationskommunikation und Public Relations (etwa wenn es um den Berufshabitus geht, um die Kapitalformen, die im Feld geschätzt werden, oder um strategische Kommunikation), in der Medieninhaltsforschung (Stichworte Sprache, symbolische Macht und Autorität), in der Mediensystemforschung (Beziehungen zwischen Medienangebot und sozialem Raum) sowie in der wissenschaftssoziologisch orientierten Fachgeschichtsschreibung. Thomas Wiedemann (2012) hat das Habitus-Konzept in seiner Biografie von Walter Hagemann z. B. erstens geholfen, das Untersuchungsmaterial einzuschränken und zu strukturieren, und zweitens intersubjektive Nachvollziehbarkeit gesichert – ein zentrales Qualitätskriterium gerade bei qualitativ angelegten Fallstudien.
Einige Arbeiten nutzen Bourdieus Terminologie auch für Kollektivbiografien. Solche Gruppenporträts stützen sich auf vergleichsweise große Datensätze (etwa: alle Vertreter einer bestimmten Professoren-Generation oder möglichst viele und theoriegeleitet ausgewählte Akteure eines nationalen journalistischen Feldes) und beschreiben eine Art Norm: Wie alt war der »durchschnittliche« Professor oder die »durchschnittliche« Journalistin, als er oder sie in das jeweilige Feld eintraten, welche Qualifikationen und welche Herkunft waren für die erste feste Stelle nötig und wann gab es eine Beförderung? Wie war die Situation 1975, wie 1990 und wie 2010? Die entsprechenden Werte helfen dann, individuelle Karrieren einzuordnen und zu bewerten. Die Beschreibung eines Kollektiv-Habitus macht auch deshalb Sinn, weil sich die Position der sozialen Felder im sozialen Raum genauso unterscheidet wie die Position von Subfeldern oder Akteuren in einem bestimmten Feld selbst. Kommunikationswissenschaft und Medienforschung z. B. sind im wissenschaftlichen Feld eher in einer untergeordneten Position zu finden (im Vergleich zu Leitdisziplinen wie Biologie, Hirnforschung oder Physik) – mit Folgen für den Habitus aller Fachvertreter. Den entsprechenden Mechanismus kann man auch in einer Kollektivbiografie von DDR-Journalisten studieren, die Michael Meyen und Anke Fiedler (2013) konstruiert haben. Quelle waren 121 Lebensläufe, die zum einen mithilfe von Memoiren und weiteren biografischen Quellen zusammengestellt wurden und zum anderen über persönliche Interviews. Vergleichbarkeit und Nachvollziehbarkeit sicherten hier ganz ähnlich wie bei Thomas Wiedemann (2012) Kategorien, die der Soziologie Bourdieus entlehnt wurden und vor allem auf den Habitus der Journalisten zielten.
Der kollektivbiografische Ansatz wird auch von Klaus Beck, Till Büser und Christiane Schubert (2016) aufgenommen, die für die Analyse von Mediengenerationen die Konzepte Feld der Medien, mediales Kapital und medialer Habitus entwickelt und genutzt haben. Während in dieser Studie alle Medienakteure zum Feld der Medien gehören (professionelle und gelegentliche Kommunikatoren genauso wie Rezipienten), beschreibt der Begriff »mediales Kapital« die Kapitalformen, die in diesem Feld symbolisch wirksam werden. Dazu gehören auf Rezipientenseite z. B. Medienkompetenzen und Geräteausstattung, aber natürlich auch das Eigentum an Medienproduktionsmitteln oder die Fähigkeit von Akteuren oder Gruppen, »mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, Öffentlichkeit für sich und die eigenen Belange herzustellen und auf die journalistische Berichterstattung Einfluss zu nehmen« (Beck u. a. 2013, S. 245).
Der Begriff »medialer Habitus« erfasst bei Beck, Büser und Schubert (2013, S. 251) die »mediale Seite des persönlichen Habitus, also alle Dispositionen, Bewertungen, Erfahrungen und Erwartungen mit Bezug zum Medienhandeln«. Weiter im Text: Der mediale Habitus einer Person »beschreibt ein Handlungsrepertoire, einen Spielraum auf dem Handlungsfeld der Medien. Empirischer Mediennutzungsforschung zugänglich sind die Folgen des Habitus in Gestalt des konkreten Medienhandelns und die Interpretationen dieses Handelns durch die Akteure selbst. Diese können in Befragungen, Tiefeninterviews oder Tagebüchern über ihre Medienhandlungen und ihre Dispositionen (als wesentliche Komponenten des Habitus) Auskunft geben« (ebd., S. 251).
Diese Arbeiten von Beck, Büser und Schubert (2013; 2016) werden hier auch deshalb vergleichsweise ausführlich erwähnt, weil sie zeigen, wie die theoretische Perspektive den Untersuchungsgegenstand formt. Mit dem Habitus-Konzept »geraten statt der spontanen Motive, Heuristiken und Kalküle der Mediennutzungsepisode stärker auch die habitualisierten und ritualisierten Formen des Medienhandelns in den Blick« (Beck u. a. 2013, S. 253). Außerdem fragen Mediennutzungsstudien, die auf Bourdieu aufbauen, nach dem »praktischen Sinn des Mediengebrauchs, und zwar aus der Sicht der Akteure: Medienrepertoires, Medienstile und Medienbewertungen stehen dabei im Mittelpunkt« (ebd.).
Auch in den anderen Gegenstandsbereichen qualitativer Medienforschung lässt sich leicht zeigen, dass mit jeder Sozialtheorie nicht nur eine bestimmte Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte verbunden ist, sondern auch eine genuine Erkenntnisperspektive. Theoretische Ansätze sind nicht nur dazu da, falsifiziert zu werden (wie Vertreter des kritischen Rationalismus ihren Jüngern manchmal glauben machen wollen). Theorien stellen zuallererst Begriffe bereit, die einen Zugang zur Realität erlauben (vgl. Wiedemann/ Meyen 2013, S. 9). Wer mit Bourdieu arbeitet, will weder beweisen noch widerlegen, dass es so etwas wie einen Habitus oder soziale Felder gibt. Diese Denkwerkzeuge werden vielmehr genutzt, um die soziale Welt zu analysieren. Dass hier am Beispiel von Bourdieus Habitus-Konzept für die Nutzung von Sozialtheorien in der qualitativen Medienforschung plädiert wird, wurzelt in einem Wissenschaftsverständnis, das sich auf Systematik, intersubjektive Nachvollziehbarkeit und Reflexion stützt (vgl. Meyen u.a. 2011). Dazu gehört, die theoretische Perspektive offenzulegen, die den Zuschnitt des Gegenstandes bestimmt hat. Wie wollte man, um nur auf das Beispiel der Hagemann-Biografie von Thomas Wiedemann (2012) zurückzukommen, die unendliche Fülle eines Lebens zwischen zwei Buchdeckel pressen, wenn nicht mithilfe einer Theorie, die nicht nur die Fragestellung bestimmt, sondern auch die Lebensstationen und Facetten der Persönlichkeit, die man sich näher anschaut (hier: gesehen durch die Habitus-Brille), und damit letztlich sogar die Auswahl der Quellen?
Literatur
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Beck, Klaus/Büser, Till/Schubert, Christiane (2016): Mediengenerationen. Biografische und kollektivbiografische Muster des Medienhandelns. Konstanz.
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Bourdieu, Pierre (1987b): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a. M.
Bourdieu, Pierre (1998): Vom Gebrauch der Wissenschaft. Für eine klinische Soziologie des wissenschaftlichen Feldes. Konstanz.
Eckert, Matthias/Feuerstein, Sylvia (2015): Veränderung und Grundcharakteristik der Mediennutzertypen. In: Media Perspektiven, H. 11, S. 482–496.
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Park, David (2014): Pierre Bourdieu. A Critical Introduction to Media and Communication Theory. New York.
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Schwingel, Markus (2005): Pierre Bourdieu zur Einführung. Hamburg.
Wiedemann, Thomas (2012): Walter Hagemann. Aufstieg und Fall eines politisch ambitionierten Journalisten und Publizistikwissenschaftlers. Köln.
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Wiedemann, Thomas/Meyen, Michael (Hrsg.) (2013): Pierre Bourdieu und die Kommunikationswissenschaft. Internationale Perspektiven. Köln.
Medienhandeln und Medienerleben: Agency und »Doing Media«
SUSANNE EICHNER
Agency und Doing Media verbinden das konkrete Medienerleben mit dem allgemeinen Medienhandeln, verstanden als sinnhaftes soziales Handeln innerhalb der Lebenswelt. Dies beinhaltet die bedeutungsvolle und sinnstiftende Aneignung der rezipierten Inhalte in das eigene Leben, aber auch Wahrnehmungsprozesse und kognitive Informationsverarbeitung im konkreten Rezeptionsprozess, fortlaufende Interpretationsaktivitäten, Partizipations-, Interaktivitäts- oder Spielprozesse, vor- und nachgelagerte Selektionsprozesse, Umdeutungsprozesse oder den kreativen und gestalterischen Umgang mit Medienprodukten. Agency und Doing Media stellen damit ein medienübergreifendes (medien-)handlungstheoretisches Konzept dar, das seine theoretischen Bezugspunkte in der soziologischen Handlungstheorie hat und diese mit kognitionspsychologischen und rezeptionsästhetischen Modellen verbindet.
Agency und Doing Media – Begriffe und Konzepte
Der Begriff »Agency« bezieht sich auf die Handlungsbefähigung, welche Rezipientinnen und Rezipienten in sämtlichen Phasen der Medienkommunikation mit Selektions-, Rezeptionsund Aneignungsprozessen ausüben. Agency ist ein präzisiertes Verständnis der allgemeineren Rezeptionsaktivitäten (»audience activities«) und im weiteren Feld der Medienhandlungstheorien (→ Krotz, S. 94 ff.) verortet. Innerhalb der qualitativ konnotierten handlungstheoretischen Ansätze der Kommunikations- und Medienwissenschaft hat sich die Vorstellung von Rezeption als ein aktiver und sinnstiftender Prozess durchgesetzt. Insbesondere die Einbeziehung des Symbolischen Interaktionismus (Mead 1967; Blumer 1969) und der Semiotik (Pierce 1977; de Saussure 1967/2001) in die Kommunikations- und Medienwissenschaften – nicht zuletzt durch die Cultural Studies – können als zentral für den Paradigmenwechsel vom Transmissionsmodell hin zum Bedeutungsmodell der Medienkommunikation und damit hin zur aktiven Rezipientin gesehen werden (eine frühe Unterscheidung der beiden Richtungen liefert Carey 1989: »transmission model« vs. »ritual model«). Grob lässt sich dieser Entwicklungsprozess über die frühe Medienwirkungsforschung (»Effect Studies« und »Limited Effect Studies«), den Nutzenansatz (»Uses and Gratifications«), die Cultural Studies und schließlich die Medienrezeptionsforschung nachvollziehen (vgl. Butsch 2014; Jensen/Rosengren 1990). Ausgehend von einem Entwurf der machtvollen Massenmedien einerseits, und einem beeinflussbaren Publikum andererseits, bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts setzte sich zunehmend die Einsicht durch, dass Rezipienten dem Einfluss der Medien durchaus etwas entgegenzusetzen haben. So stellte Elihu Katz bereits 1959 die Frage danach, was die Menschen eigentlich mit den Medien machen – und nicht umgekehrt: »What do people do with media?« (Katz 1959, S. 2). In jüngster Zeit werden Fragen der Publikums- bzw. User-Aktivitäten vor dem Hintergrund konvergierender Medienumgebungen und der zunehmend vernetzten Gesellschaft unter neuen Vorzeichen diskutiert. Erlaubt die dialogische Struktur vernetzter Medien mehr Handlungsmacht als lineares Fernsehen, oder sind die Nutzerinnen und Nutzer mehr denn je der Macht der Medien und großen Medienmogulen wie Google und Facebook ausgeliefert?
Neben dem generellen Verständnis des Medien-Rezipienten-Verhältnisses hat Agency noch eine weitere Komponente – die des individuellen Erlebens: Der Psychologe Albert Bandura weist darauf hin, dass ein wesentlicher Aspekt von Agency (ins Deutsche als Selbstwirksamkeit übersetzt) das Kontrollerleben ist, welches wiederum die Essenz des Menschseins selbst sei (Bandura 2001, S. 1). In diesem Zusammenhang kommt dem Sich-seiner-selbst-bewusst-Sein eine wichtige Bedeutung zu: Um überhaupt in der Lage zu sein, Agency zu erlangen, müssen Menschen sich zunächst als handlungsfähige Subjekte wahrnehmen. Dieses Bewusstsein wird im Laufe des Sozialisationsprozesses erworben. Es beginnt sich zu manifestieren, wenn Kleinkinder zum ersten Mal bemerken, dass sie Objekte manipulieren können, und ist, so lässt sich vermuten, niemals ganz abgeschlossen. Agency ist also einerseits erworben und in ihrer Ausprägung von äußeren determinierenden Faktoren abhängig. Sie ist damit niemals absolut, sondern stets graduell und lässt sich, einmal verfestigt, nur schwer greifen, da Agency-Prozesse sich auf metakognitiver Ebene abspielen. Agency ist also lediglich als generelles Gefühl vorhanden, das sich nur schwer anhand einzelner Handlungen verdinglichen lässt. Andererseits lässt sich anhand empirischer Studien nachweisen, dass Teilnehmerinnen einer experimentellen Studie in der Regel sehr wohl wissen, wann sie in Kontrolle der Ereignisse sind und wann nicht – ungeachtet dessen, ob im Experiment die Resultate manipuliert wurden (Metcalfe/Greene 2007).
Diese Untersuchungen zeigen, dass Agency in der Kommunikations- und Medienwissenschaft auf zwei Ebenen Relevanz hat: einerseits, um ein grundlegendes Verständnis von den beteiligten Prozessen von Handlung und von Medienrezeptionsaktivitäten zu erlangen. In diesem Sinn können Rezipienten – egal welchen Mediums – nicht nicht aktiv und handlungsbefähigt sein. Andererseits ermöglicht es, Handlungsbefähigung – Agency – nicht nur als Voraussetzung von Medienkommunikation zu verstehen, sondern auch als eine seiner Erlebensqualitäten. Agency lässt sich unter bestimmten Voraussetzungen ästhetisch erfahren – immer dann, wenn die spezifischen Taktiken der Agency für die Rezipientinnen bewusst oder signifikant werden. Interaktivität, Medienkompetenz, Flow-Erleben oder Partizipation können so als spezifische Varianten von Agency betrachtet werden.
Der Begriff »Doing Media« entlehnt seinen Ursprung aus performativen Ansätzen der Sprach- und Kulturwissenschaft. Der von Candace West und Don Zimmerman (1987) in den 1980er-Jahren geprägte Begriff wurde durch Judith Butler (1990) aufgegriffen und weiter ausdifferenziert. Butler macht insbesondere auf den verkörperlichten Zusammenhang von Bedeutungskonstruktion aufmerksam: Gender ist nicht, es wird sprachlich hergestellt und inkorporiert. Der Begriff »Doing Media« will damit die Aufmerksamkeit für die Vielschichtigkeit von Medienhandlungsprozessen schärfen – einerseits in Bezug auf die Zeitlichkeit (vor, während und nach der konkreten Rezeptionsphase) und die Multiplizität (viele Plattformen, Inhalte, Zugänge oder Formen) von Mediennutzung, andererseits in Bezug auf die Vielschichtigkeit des Handelns selbst, das mindestens kommunikativ und performativ erfolgen kann.
Agency und ihr soziologischer Ursprung
Der Ansatz von Agency als Handlungsbefähigung von Individuen in größeren sozialen Systemen findet bei Alfred Schütz, Max Weber oder Talcott Parsons, bei Pierre Bourdieu, Anthony Giddens oder Michel Foucault Beachtung. Er stellt ein zentrales Moment in der soziologischen Handlungstheorie dar. In weitgehender Übereinstimmung lässt sich Agency dabei als die grundlegende Befähigung beschreiben, Handlungen auszuüben, während der Prozess der Handlung selbst (»action«) sich davon unterscheidet. Agency ist hier deswegen so zentral, da sie als das Moment betrachtet wird, durch das Individuen gesellschaftliche Transformationsprozesse anstoßen können. Doch trotz ihrer zentralen Stellung gilt Agency als eine »Blackbox«, da die konkreten Prozesse zwar theoretisch beschrieben, aber empirisch wenig untersucht worden sind.
Das dargestellte Spannungsfeld zwischen Aktivitäten und Handlungsmacht der Nutzer auf der einen und der strukturellen Macht der Medien auf der anderen Seite schließt an die Agency-Structure-Debatte der Soziologie an: Die Systemtheorien sind an der übergeordneten Gesellschaftsstruktur interessiert und wenden entsprechend eine Makroperspektive an. Doch lassen sich auch handlungstheoretische Konzepte ausmachen, die sich eher als Meso- bzw. Mikroperspektive beschreiben lassen und in denen das menschliche, soziale Handeln und damit auch die Kommunikationsprozesse im Fokus der Betrachtungen stehen. Lässt sich diese Aufteilung noch in der frühen Soziologie nachvollziehen, kann genau das Zusammenspiel von Struktur und Agency als das zentrale Anliegen der modernen soziologischen Forschung betrachtet werden. Der Ansatz von Anthony Giddens und seine »Strukturationstheorie« (Giddens 1984) stehen dabei exemplarisch für eine Reihe soziologisch-praxeologischer Ansätze, die erklären, wie sich das reziproke Gefüge von strukturierender Gesellschaft und individuellem Handeln ausgestaltet (siehe z.B. Bourdieu und Habitus, Foucault und Power/ Knowledge, Joas und Kreativität des Handelns). Von soziologischem Interesse ist es, herauszufinden, »how any habitus or structure can produce actions that fundamentally change it« (Ahearn 2001, S. 119) – wie also Strukturen Handlungen bedingen können, die das Potenzial haben, eben jene Strukturen zu verändern. Ohne Agency, so die grundlegende Annahme, sind weder Handeln selbst noch gesellschaftliche Transformationsprozesse möglich.
Der Agency-Ansatz in der Medienkommunikation
Der Agency-Ansatz in der Medienkommunikation begreift Medienhandeln konsequent als Form des sozialen, kommunikativen Handelns und wendet dies auf Medienumgebungen an. Dies betrifft sowohl die Kommunikation zwischen Medienprodukten und deren Rezipientinnen (z. B. Film und Fernsehsendungen) als auch die Kommunikation zwischen Menschen mittels Medien (z. B. soziale Medien wie Facebook). Der Ansatz ist dabei konsequent rezipientenorientiert, d. h., er vermutet keine Abhängigkeit der Agency von bestimmten Medien und deren Medialität, sondern betrachtet Agency als grundsätzlich vorhanden – allerdings moduliert durch bestimmte mediale und textuelle Strukturen und bestimmte Dispositionen der Rezipienten (vgl. Eichner 2014, S. 229). Diese Perspektive – ausgehend von den Rezipientinnen und Rezipienten und deren Agency – ist insofern bedeutsam, als dass sie auch eine irrtümliche Aktiv-Passiv-Dichotomie verhindert: In einer medienzentrierten Sichtweise entstanden beispielsweise Ansätze, welche die Möglichkeiten des Internets und die damit verbundene Transformation von Zuschauern in User, Produser und Co-Kreatoren und deren vermeintlich demokratisierendes Potenzial feierten und das Fernsehen als passives Medium abstempelten (zur näheren Erläuterung vgl. van Dijck 2009, S. 43). Wird Medienhandeln jedoch im oben beschriebenen Sinn als grundsätzlich agentischer Prozess konzeptualisiert, ist evident, dass Medienkommunikation immer aktives, sinnstiftendes und potenziell transformatives Handeln ist.
Am deutlichsten kommt der Bezug zur Agency in den Cultural Studies unter Rückgriff auf praxeologische Ansätze der Soziologie zum Tragen: Bereits in den späten 1970er-Jahren entwarf Stuart Hall in seinem Encoding/Decoding-Modell das Konzept der drei Lesestrategien, welches die Rezipientenaktivitäten radikaler fasste als der damalige dominante Nutzenansatz. Hall erkennt mit seinem Modell an, dass Rezipientinnen nicht automatisch der strukturellen Macht der Medien unterworfen sind, sondern kreative und soziale Ermächtigungsstrategien anwenden (vgl. Hall 1980). Sein Ansatz kann als maßgeblich für den folgenden paradigmatischen Wechsel vom Transmissionsmodell hin zum Bedeutungsmodell gesehen werden. Noch deutlicher auf die Handlungsbefähigung der Rezipienten bezogen gestaltete sich die Argumentation von Fiske (2009/1987), der – unter Rückgriff auf Barthes writerly und readerly texts – die Polysemie von Texten betont. Nicht der Text oder das Publikum sind in seinem Ansatz entscheidend, sondern dass sich Bedeutung im Akt der Rezeption überhaupt erst konstituiert (→ Winter, S. 86 ff.). In den 1990er-Jahren wurde Fiskes Ansatz insbesondere durch die aufkommenden Fan Studies (vgl. Jenkins 1992; Bacon-Smith 1992) aufgegriffen und seitdem vielfach weiterentwickelt (siehe z.B. Baym 2000; Hills 2002). Ein zentraler Argumentationsstrang bezieht sich dabei auf Michel de Certeaus Konzept des Poaching, verstanden als kreative und imaginative Textarbeit, in der Versatzstücke anderer Medien sowie Versatzstücke des eigenen Selbst in den jeweiligen Text integriert werden. Dieser wird in Folge unkontrollierbar, da er nicht nur im Sinne des Encoding/Decoding-Modells unterschiedlich interpretiert, sondern grundsätzlich verändert wird.
In Zeiten konvergierender Medienumgebungen, entgrenzter Medientexte und produzierender Mediennutzerinnen hat die Beschäftigung mit der Medien-Agency aktuelle Relevanz gewonnen und gerät jüngst verstärkt in das Blickfeld der Kommunikations- und Medienwissenschaft sowie der Mediensoziologie (siehe z.B. Couldry 2004; Eichner 2014; Evans 2011; van Dijck 2009). Die Ansätze konzeptualisieren Medienhandeln in Anlehnung an soziologische und praxeologische Handlungstheorien und tragen so zur Präzisierung des Rezeptionsaktivitätskonzepts (»audience activities«) bei. Couldry spricht in diesem Zusammenhang von media practices und betont damit die Rolle, die mediale Praktiken in einem hierarchischen Geflecht aus sozialen Alltagspraxen einnehmen – »the media practices’ role in the ordering of social life« (Couldry 2004, S. 128). Abweichend davon lässt sich Medienhandeln als umfassender Prozess begreifen, als Doing Media, der den vielschichtigen, der Rezeption vor- und nachgelagerten Aktivitäten sowie der zunehmenden multiplen und teils gleichzeitigen Mediennutzung Rechnung trägt. Eine weitere Richtung, durch die sowohl die Terminologie der Agency selbst als auch deren soziologische Wurzeln Beachtung finden, ist die Technoscience mit Ansätzen wie die der Actor-Network-Theory (Latour 2007), dem Konzept der Distributed Agency (vgl. Rammert/Schulz-Schaeffer 2002) oder dem Ansatz der Akteursfiktion (Werle 2002). Diese Ansätze beschäftigen sich mit unterschiedlichen Resultaten zu der Frage, wie und ob Technologien und Objekte in verschiedenen kommunikativen Settings zu Agenten, ausgestattet mit Agency, werden können.
Agency, Textualität und Affordance
Filmische Informationsverarbeitung und Agency
Um die »Blackbox« der Agency aufzubrechen und Handlung und Agency auch als erfahrbaren Moment beschreiben zu können, müssen die konkreteren Prozesse der Medienrezeption betrachtet werden. Einen fruchtbaren Ansatz für die Mikroprozesse der Rezeption liefert die Schema- und Skript-Theorie, die sich mit kognitiven Wahrnehmungsprozessen beschäftigt (siehe z.B. Fiske/Taylor 1984). Diesem Ansatz folgend ist Wahrnehmung schemageleitete Informationsverarbeitung, während derer Stimuli zu Wissenskategorien gebündelt werden. Mit dem Ansatz lässt sich erklären, wie Menschen in der Lage sind, aus der Fülle auf sie einstürmender Informationen durch Informationsreduktion Sinn zu generieren. Die Informationsverarbeitung geschieht dabei zugleich in Bottom-up-Prozessen – der Herausbildung neuer Schemata – und Top-down-Prozessen – der konzeptgeleiteten Einordnung in bereits existierende Schemata. In den Kommunikationswissenschaften – insbesondere in Verbindung mit Framing-Ansätzen – wurde das Modell vielfach herangezogen und weiterentwickelt, aber auch aufgrund seines inhärenten Reduktionismus kritisiert (vgl. dazu zusammenfassend Müller 2016, S. 68).
In der kognitiven Filmtheorie wurde die Schema- und Skript-Theorie ausführlich bei Bordwell (1989) für die Rezeption von Filmen operationalisiert. So bilden die ästhetischen, narrativen und dramaturgischen Gestaltungsmittel filmische Cues (Hinweise), auf deren Grundlage die Zuschauerinnen und Zuschauer Hypothesen bilden, die sich im weiteren Verlauf der Rezeption bestätigen oder auf Grundlage neuer Informationen verworfen und neu angepasst werden. Medienkommunikation stellt dabei in der Regel keine gänzlich neue Situation dar, sondern beruht auf früheren Seh- sowie auf lebensweltlichen Erfahrungen, die sich bereits zu Schemata verfestigt haben (ebd., S. 144 ff.). Je konventionalisierter ein Hinweis ist, desto leichter lassen sich die entsprechenden Schemata aufrufen. Das Prinzip der Schemata ist insofern basal, als dass es nicht nur erklärt, wie man die Komplexität eines medialen Stimulus reduziert, sondern die Welt an sich, um überhaupt interpretations- und handlungsfähig zu bleiben. Schemata sind somit verkörperlichte Prototypen, die typische Situationen speichern. Medienprodukte können aber auch neue Ereignisse einführen oder »Leerstellen« enthalten (Iser 1994, S. 236). Leerstellen sind unklare Hinweise oder Auslassungen, die potenziell offen sind für unterschiedliche Interpretationen. Genresignale, Cues und Leerstellen bilden so eine Appellstruktur, welche die Rezipienten adressiert, zur Kommunikation auffordert und so ein Aktionsangebot darstellt. Ein Verständnis von der jeweiligen Textualität – sei es eine narrative, spielerische oder informierende Organisationsform – ist damit die Voraussetzung, um den kommunikativen Prozess zwischen Rezipientinnen und Medientexten zu erfassen.
Neben einem grundsätzlichen Verständnis der Interpretationsleistung oder der interpretativen Agency (Couldry 2013, S. 14), wie es insbesondere die Cultural Studies unter Rückgriff auf die Semiotik hervorgehoben haben, sind für das Medienerleben die oben dargestellten Mikroprozesse bedeutsam. Denn Handlung und Handlungsbefähigung beruhen nicht zuletzt auf Denken, Verstehen und Kommunizieren. Hypothesenbildung und deren Abgleich mit der medialen Darstellung im narrativen Film – aber auch bei alltäglichen Ereignissen – sind also Prozesse, die handlungsbefähigende Elemente beinhalten können. Es hängt jedoch von der konkreten Struktur des Medientextes ab, inwieweit er das Spiel mit der Hypothesenbildung als strukturierendes Element derart in den Vordergrund stellt, dass es bewusst erlebbar wird. Erst dann wird Agency zur erfahrbaren Form des Medienerlebens. Ein klassisches Beispiel hierfür ist der Suspense-Film, in dem mit der Informationskontrolle und Zuschauerwissen gespielt wird (Ohler/ Nieding 2001, S. 134). Wuss bezeichnet dies als passive Kontrolle (»passive control«: Wuss 2009, S. 165), eine Konstellation, in der die Zuschauer zwar einen dargestellten Konflikt nicht wirklich ändern oder lösen können, aber eine Form der Kontrolle erlangen, die auf Prognosen, Vorausschau und Antizipation beruht.
Partizipatorische Strukturen im Fernsehen
Medienhandeln beinhaltet also verschiedene Formen des Wirksamwerdens. Interpretative Aktivitäten gehören ebenso dazu wie kognitiv-informationsverarbeitende Aktivitäten. Im Alltagsgebrauch wird Handeln jedoch hauptsächlich mit physischen, verkörperlichten Aktivitäten gleichgesetzt. Interaktivität, mit der haptischen Bedienung von Steuerungselementen gleichgesetzt, gilt deswegen im allgemeinen Verständnis als aktive, als kognitiv-interpretierende oder kommunizierende Handlungen. So wird beispielsweise das lineare Fernsehen oftmals als nicht interaktives Medium ohne Feedbackstruktur dargestellt. Aus handlungstheoretischer Perspektive ist diese Argumentation jedoch nicht haltbar, denn die Rezipientinnen müssen im oben erläuterten Sinn auf vielfältige Weise aktiv werden, um sich eine Fernsehsendung zu erschließen. Doch weist die überkommene Aktiv-Passiv-Dichotomie auf einen durchaus relevanten Punkt hin: Haptische Aktivitäten ergänzen auch hier die vielfältigen kognitiven (und emotionalen) Aktivitäten. Bereits seit seinen Anfängen experimentierte das Fernsehen mit verschiedenen Formen der interaktiven Publikumseinbindung. In Westdeutschland wurde 1964 mit Der goldene Schuss das erste interaktive Fernsehprogramm vorgestellt, bei dem die Zuschauer anrufen konnten und per Zuruf eine auf einer Kamera befestigte Armbrust steuerten. Mit Einführung der TED-Technologie (1979) übernahmen zahlreiche TV-Shows das Prinzip der Zuschauerpartizipation in die Struktur ihrer Sendung. Eines der erfolgreichsten Showformate der letzten Jahre, Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! (RTL, seit 2004), bindet die Zuschauerinnen und Zuschauer mittels permanenter Ansprache durch das Moderatorenteam als strukturellen Bestandteil des TV-Textes ein und ermöglicht ihnen zugleich, über zahlreiche mediale Kanäle wie Twitter oder Facebook auf verschiedene Weise zu partizipieren (vgl. Eichner 2014, S. 201 ff.). Auch narrative TV-Formate bemühen sich mitunter um mehr Zuschauerpartizipation, so beispielsweise der Tatort Plus (2012, 2013 und 2014), in dem das Publikum selbst in ein Begleitspiel eingebunden online ermitteln konnte, oder die transmediale ARTE-Produktion About Kate (2013), in der die Zuschauer die Möglichkeit hatten, über soziale Medien mit der fiktiven Figur Kontakt aufzunehmen.
Das Fernsehen lässt sein Publikum also auf verschiedenen Ebenen eingreifen – beispielsweise durch Televoting, die Einbindung von sozialen Medien oder auch durch Mitspielen auf der Website. Konvergierende, computerbasierte Technologien und Infrastrukturen ermöglichen direkte Rückkopplungskanäle, welche die traditionelle Einteilung in lineare, nicht interaktive Medien wie Film und Fernsehen auf der einen Seite und nicht lineare, interaktive Medien wie Videospiele und Internet auf der anderen Seite auflösen. Schließlich stellt sich in Zeiten konvergierender Medien die grundsätzliche Frage nach einem neuen Verständnis von Medienkommunikation, das nicht mehr vom Medium oder vom Medientext aus denkt, sondern die sozial eingebetteten Medienaktivitäten der Nutzerinnen und Nutzer, die Doing Media, als Ausgangspunkt nimmt (vgl. ebd., S. 100).
Handeln im Computerspiel
Das Medium, in dem die haptischen Aktivitäten programmatisch in den Vordergrund treten, ist das Computerspiel. Die Agency oder Selbstwirksamkeit der Spielenden, die das Spiel auf verschiedenste Weise beeinflussen und dessen Verlauf graduell mitbestimmen können, ist seit dem Aufkommen der Game Studies eines ihrer zentralen Anliegen. In den deutschsprachigen medienpädagogischen und medienpsychologischen Game Studies wird Agency in der Regel als Selbstwirksamkeit erforscht (siehe z. B. Klimmt 2006; von Salisch/Kristen/Oppl 2007; Trepte/ Reinecke 2010). Insbesondere die Faszination von Kindern im Kontrollerleben wird hier als eines der zentralen Momente verhandelt (siehe z. B. Fritz 2003).
Janet H. Murray (1997) prägte als eine der ersten Forscherinnen das Konzept der Agency als Form des Computerspielerlebens. Aufbauend auf Laurels Arbeit über Human-Computer Interaction (Laurel 1993) definiert Murray Agency zusammen mit Immersion und Transformation als elementare Charakteristika des Spielerlebens: Agency ist die »satisfying power to take meaningful action and see the results of our decisions and choices« (Murray 1997, S. 126). Da durch die spezifische Feedback-Loop-Struktur eines Computerspiels die (haptische) Eingabe der Spielerinnen und Spieler direkt in eine sichtbare Veränderung des Bildschirms übersetzt wird, können die eigenen Handlungsentscheidungen unmittelbar nachvollzogen werden. Computerspielumgebungen sind demnach ein ideales (aber nicht singuläres) Umfeld, um das Gefühl der Selbstwirksamkeit bzw. Agency entstehen zu lassen. Murrays Ansatz hat noch weiterführende Implikationen: Zunächst ist Agency als Form des Erlebens, als »aesthetic pleasure« konzeptualisiert (ebd., S. 128), welches durch bestimmte textuelle Strukturen bedingt ist. Darüber hinaus weist Agency drei verschiedene Ausprägungen auf: die Modifikation der Umgebung, die Navigation durch den Raum und die absichtliche Fehlinterpretation einer virtuellen Umgebung (ebd., S. 129 ff.), also eine Um-Interpretierung.
Murrays und Laurels Pionierarbeit hat eine Vielzahl von Folgearbeiten zu Agency und Computerspielen angestoßen, die jedoch nur selten über eine oberflächliche Beschreibung des Phänomens hinausgehen. Die überwiegende Mehrheit der Ansätze erkennt zudem nicht das medienübergreifende Potenzial und enthält keine Verortung des jeweiligen Ansatzes in handlungstheoretischen und kommunikationswissenschaftlichen Theorien. Ansätze, die das Konzept in einiger Tiefe behandeln, finden sich z. B. bei Carr u. a. (2004), Jørgensen (2003), Mateas (2004), Pearce (2002), Tanenbaum/ Tanenbaum (2010) oder Wardrip-Fruin u.a. (2009). In Anlehnung an psychologische Konzepte der Agency (z. B. Bandura 2001) kristallisiert sich auch in den Game Studies die Notwendigkeit heraus, Agency als differenziertes Erleben zu betrachten, das sich auf individueller Ebene beispielsweise durch das Lösen von Problemen (Jørgensen 2003; Mateas 2004; Wardrip-Fruin u. a. 2009), auf kollektiver Ebene durch gemeinsames Spielen (Pearce 2002) und auf einer kreativen Ebene z. B. durch die Erstellung von Fan Art (Schott 2008) abspielt. Für die Textebene zeigt sich, dass die Affordance, der Aufforderungscharakter eines Textes, als wichtiges Element für die Entstehung von Agency einbezogen werden muss (Wardrip-Fruin u.a. 2009, S. 3). Um die Spielende im Spiel zu aktivieren, muss das Material, d. h. die mediale Gestaltung, ihnen verdeutlichen, was sie konkret im Spiel machen können.
Den unterschiedlichen Ansätzen ist gemein, dass zwischen einer arbiträren Interaktivität (Tastenbedienung) und einer nachhaltigen Form der Einflussnahme, der Agency, unterschieden wird. Es wird also zwischen verkörperlichten Handlungen unterschieden, die für die Bedeutungsebene des Spiels relevant sind (Agency), und solchen, die lediglich das Spiel in seiner Materialität erhalten (haptische Interaktivität).
Agency im Medienerleben
Das Beispiel der Computerspiele verdeutlicht, dass unterschiedliche Medien und Medientexte unterschiedliche Formen der Agency ermöglichen. Die verschiedenen Formen des Handelns lassen sich dabei als Taktiken beschreiben, die situational bedingt sind. In der Medienkommunikation bilden, neben der allgemeinen umgebenden sozialen Situation, die jeweilige Textualität, Medialität und Affordance-Struktur den situativen Rahmen und stellen einen Aufforderungscharakter an die Rezeption dar. So muss ein Computerspiel gespielt werden, der Film im Kino hingegen fordert in der Regel zu keiner haptischen Interaktion auf. Wird eine Handlungstaktik im Akt der Rezeption dominant, wird Agency für die Nutzerinnen und Nutzer ästhetisch erlebbar.
Diese spezifischen Taktiken der Medien-Agency können als Interaktivität, Partizipation, passive Kontrolle, allgemeine Medienkompetenz oder als diverse Fan-Aktivitäten auftreten – und dies auf individueller, kreativer und kollektiver Ebene. Kreative Agency kann sich beispielsweise als de Certeaus kreative und imaginative Textarbeit äußern oder lässt sich im Produzieren von Fan Art erfahren und ist dem eigentlichen Medienrezeptionsprozess damit oft zeitlich nachgelagert. Kollektive Agency ergibt sich in kollaborativen Medienumgebungen, wie es insbesondere soziale Medienkontexte erlauben, aber auch die spezifische Erfahrung des gemeinsamen Fan-Seins und der gemeinsam erlebten Fan-Aktivitäten.
Im Rezeptionsprozess unmittelbar erfahrbar sind die Taktiken der individuellen Agency. Bei narrativen Formaten wird Agency als Medienerleben beispielsweise dann dominant, wenn die Narration im Sinn der Hypothesenbildung und -abgleichung Erfolg hat. Ein stark konventionalisierter Genrefilm wie Selbst ist die Braut (Anne Fletcher, 2009) legt eine deutliche Übereinstimmung von Top-down- und Bottom-up-Prozessen in der Hypothesenbildung nahe und ermöglicht seinen Zuschauern so ein hohes Maß an passiver Kontrolle. Diese Taktiken können als interpretative Agency bzw. als Mastering Narration (Eichner 2014, S. 164) bezeichnet werden. Kognitive Aktivitäten und Interpretationsleistungen der Rezipientinnen sind im Medienrezeptionsprozess als »audience activities« zwar prinzipiell vorhanden, doch geht es im Erleben von Agency um jene spezifische Text-Rezipienten-Konstellation, die das kognitive Spiel als strukturierendes Textprinzip und Aufforderungs-Struktur in den Vordergrund stellt.
Eine andere Form der Agency-Taktik besteht in der Möglichkeit, eine bedeutsame Wahl zu treffen. Erlaubt ein Showformat die Benennung eines Kandidaten via Televoting oder wird eine subjektiv einflussreiche Entscheidung in einem Computerspiel getroffen, lässt sich dies als Mastering Choice erfassen (ebd., S. 167). Eine Wahl zu haben, setzt dabei immer eine Form von Kontingenz voraus. Anthony Giddens (1984) bezeichnet dies als den Zustand des »could have acted differently«, welchen er als einen Grundpfeiler menschlicher Handlungsbefähigung und Agency betrachtet.
Auch die Orientierung im Raum ist für das Rezeptionserleben audiovisueller Medien wesentlich. In grafischen Computerspielen wird am deutlichsten, wie erfolgreiches räumliches Navigieren zum dominanten Modus werden kann. Murray (1997) sieht die »spatial navigation« (ebd., S. 129) als eine Form von Agency-Erfahrung, die typisch für digitale Umgebungen und prinzipiell positiv besetzt ist. Auch narrative Medien, wie beispielsweise der Film Lola rennt (Tom Tykwer, 1998), »triggern« mit einem spezifischen räumlich-zeitlichen Organisationsprinzip Taktiken der Agency, die als Mastering Space zusammengefasst werden können (Eichner 2014, S. 171).
Die Taktik, in der Agency im Medienhandeln offensichtlich wird, ist die interaktive Nutzung von Medien mittels eines Interfaces, die Mastering Action (ebd., S. 169). In diesem Zusammenhang wurde Agency in den Game Studies als zentrale Form des Medienerlebens bereits oben beschrieben. Die erfahrene Selbstwirksamkeit ist hier besonders spürbar, weil sich das eigene Medienhandeln, also kognitive und verkörperlichte Handlungen, unmittelbar auf dem Bildschirm manifestiert. In zunehmend konvergenten Medienumgebungen ist diese Form der Medien-Agency jedoch nicht auf Computerspiele beschränkt. Erstens, da Medieninhalte auch trans- und crossmedial auftreten können, und zweitens, weil auch lineare Fernsehformate Strategien bereithalten, die verkörperlichte Handlungen (z. B. das Benutzen eines Smartphones zum Televoting) auf dem Bildschirm visualisieren können (wenn z. B. in einer Publikumsabstimmung einer Talentshow der Balken zugunsten des favorisierten Kandidaten ansteigt).
Fazit
Agency ist also ein mehrdimensionales Phänomen, dessen Taktiken sich in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation und den soziokulturell bedingten Fähigkeiten der Individuen, diese agentischen Taktiken anzuwenden, ausprägen. In Medienumgebungen ist eine Situation neben dem gesellschaftlichen Kontext auch durch die spezifische Medienkommunikationssituation konstituiert und somit immer auch durch den Medientext mit seiner Textualität und Aufforderungsstruktur. Mit der Terminologie Doing Media wird auf das gesamte Handlungsspektrum der Medienkommunikation aufmerksam gemacht und so auf die Nutzerinnen und Nutzer fokussiert. Agency ist dabei gleichzeitig Grundvoraussetzung medienbezogenen Handelns als auch eine Form des Medienerlebens selbst.
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Strukturanalytische Rezeptionsforschung
KLAUS NEUMANN-BRAUN / ANJA PELTZER
Die strukturanalytische Rezeptionsforschung, verstanden als handlungstheoretisches Modell der Rezeption und Aneignung von Medienangeboten, nahm ihren Ausgangspunkt in der Auseinandersetzung mit der nationalen und internationalen Medienwirkungsforschung Anfang der 1980er Jahre. Wesentlich für das Modell ist die Sicht auf den Rezipienten als aktiv handelndes Individuum, das die Auseinandersetzung mit Medien durch seine Auswahl, selektive Zuwendung und seine thematisch voreingenommene Auffassung vor, während und nach der eigentlichen Rezeption bestimmt. In methodologisch-methodischer Hinsicht macht sie die rekonstruktiven Methoden der hermeneutischen Sozialforschung für die empirische Rezeptionsforschung fruchtbar. So stehen im Zentrum der Analysen einerseits Fallrekonstruktionen, andererseits Strukturexplikationen von Medienhandlungen.
Einordnung des Modells der Strukturanalytischen Rezeptionsforschung in die traditionelle Medienforschungslandschaft
Die Entwicklung des Modells nahm ihren Ausgangspunkt in der Auseinandersetzung mit der nationalen und internationalen Medien wirkungsiorschung Anfang der achtziger Jahre (vgl. Kaase/Schulz 1989) und wurde von der Forschungsgruppe um den Psychologen Michael Charlton und den Soziologen Klaus Neumann-Braun entwickelt. Seinerzeit geriet das bis dahin vorherrschende behavioristisch orientierte Modell der Medienwirkungsforschung stark unter Druck. Als Alternative zu deren Verhaltensmodell wurde von den beiden genannten Autoren in interdisziplinärer Perspektive ein handlungstheoretisches Modell (→ Krotz, S. 94 ff.) der Rezeption und Aneignung von Medienangeboten entworfen, das auf folgenden Annahmen basiert: Erstens findet die Medienrezeption (nicht in einem experimentellen Forschungslabor, sondern) im Alltag der Menschen statt (→ Mikos, S. 146 ff.), sie entsteht aus und in ihm, und sie wird von Alltagspraxis begleitet und wirkt auf diese zurück. Zweitens sind Rezipienten nicht passiv, reizkontrolliert und inputabhängig, sondern vielmehr aktive, konstruktiv Sinn erzeugende Leser, Hörer und Zuschauer, die sich mit Medienangeboten deutend auseinandersetzen. Die Rezeption von Medien ist drittens als ein prozessuales, mehrphasiges Geschehen zu begreifen, in welchem sich ein sozial situierter und biographisch geprägter Rezipient zu einem medialen Sinnangebot in Beziehung setzt. Und funktional gesehen, nutzt der Rezipient schließlich die Beschäftigung mit Medienangeboten für seine Lebensbewältigung und Identitätsbehauptung im Alltag.
Die Konzeption der strukturanalytisch orientierten Rezeptionstheorie sollte weiterhin einen Beitrag zur Systematisierung der medien- und kommunikationswissenschaftlichen Theorie leisten und orientiert sich konsequent an der von Ulrich Oevermann und Jürgen Habermas entworfenen Theoriearchitektonik: Diese basiert auf einem Subjekt- und Handlungsmodell, das die Kompetenztheorien der strukturalen Epistemologie (Jean Piaget u.a.), die struktural-generativen Theorien des Sprachgebrauchs (Noam Chomsky u.a.), die Stufenmodelle der sozialen Kognition und des moralischen Handelns (Lawrence Kohlberg u.a.) sowie psychoanalytische Handlungstheorien (Alfred Lorenzer u.a.) berücksichtigt. Die Vermittlung von Gesellschaftsstrukturen und Subjektstrukturen wird als Ergebnis eines Ko-Konstruktionsprozesses, d. h. als ein Zusammenwirken von individueller Konstruktionstätigkeit und sozialer Konstitution (Max Miller u.a.) angesehen. In interdisziplinärer Perspektive werden Anschlüsse an die Forschungen der Sprach- und Literaturwissenschaften (Leser-Text-Interaktion), der (Sozial-) Psychologie (Identity Themes, Coping-Strategien), des kulturtheoretisch orientierten Konstruktivismus (Siegfried J. Schmidt) sowie der Cultural Studies (Stuart Hall, John Fiske, → Winter, S. 86 ff.) – um die wichtigsten Referenztheorien zu nennen – hergestellt.
In methodologisch-methodischer Hinsicht werden auf der Grundlage einer Kritik des kausalnomologischen Modells der traditionellen Medienwirkungsforschung (Charlton 1987) die rekonstruktiven Methoden der hermeneutischen Sozialforschung (vor allem: Strukturale Hermeneutik (→ Hagedorn, S. 580 ff.) und Konversationsanalyse (→ Ayaß, S. 460 ff.) für die empirische Rezeptionsforschung (→ Prommer, S. 249 f.) fruchtbar gemacht: Im Zentrum der Analysen stehen einerseits Fallrekonstruktionen (Charlton/Neumann[-Braun] 1986), andererseits Strukturexplikationen von Medienhandlungen (Charlton/Neumann [-Braun] 1990).
Das Modell der Strukturanalytischen Rezeptionsforschung
Unter dem Begriff der Rezeption wird ein komplexer Prozess der Auseinandersetzung mit medialen Angeboten jeglicher Art (Film, Fernsehen, Smartphone, Radio, PC, Buch, Zeitung, Journale u. Ä.) gefasst. Die Rezeption beginnt mit der Zuwendung zu einem Medium, in der Regel nach einem vorausgegangenen Wahlvorgang (man entscheidet sich z. B. für ein bestimmtes Fernsehprogramm aus dem vielfältigen Angebot). Die Beschäftigung mit dem Fernsehprogramm kann konzentriert und ohne Unterbrechungen erfolgen. Praktiziert werden aber auch Rezeptionspausen (man verlässt z. B. vorübergehend das Fernsehzimmer) bzw. -abbrüche (man wechselt das Programm oder beendet den Fernsehkonsum). Die Motive für den Medienkonsum sind vielfältig: Sie reichen vom puren Unterhalten-werden-Wollen bis zur intensiven Reflexion seines eigenen Lebens im Spiegel von Mediengeschichte und Medienakteur. Oft wird der Medienkonsum von sozialer Kommunikation begleitet (man schaut sich z. B. ein Programm im Kreis von Freunden oder Familienmitgliedern an, entsprechend komplex fällt dann das gegenseitige Kommentieren des Gesehenen aus). Im Anschluss an die Rezeption findet eine Aneignungsphase statt: Der Rezipient vermittelt die Medienerfahrung mit seiner eigenen Alltagswelt, er ordnet das Gesehene oder Gehörte in seinen Lebenszusammenhang ein. Auch dieses Aneignungsgeschehen wird in der Regel von sozialer Kommunikation begleitet: In vielen Alltagssituationen kommt man beiläufig auf Medienereignisse zu sprechen und tauscht sich über seine Medienerlebnisse mit anderen aus. Solche Folgekommunikationen können vielfältige Funktionen erfüllen: Medieninformationen können eine Meinungsführerschaft bekräftigen, oder Medienerlebnisse können eine interpretative Gemeinschaft (Fangruppe) intensiver »zusammenschweißen«. Damit schließt sich ein Kreislauf: Die Medienrezeption entsteht in der Alltagspraxis, sie wird von ihr begleitet und sie wirkt auf diese zurück (→ Mikos, S. 146 ff.).
Der angesprochene handlungs- und subjekttheoretisch orientierte Blick auf die Praxis des Medienhandelns eröffnet einen mikroskopischen Blick auf Regeln, Formen und Funktionen der Auseinandersetzung von Individuen und Gruppen mit Massenmedien. Das Modell der Strukturanalytischen Rezeptionsforschung stellt folgendes Begriffsinventarium zur Verfügung (Charlton/Neumann [-Braun] 1992; Neumann-Braun 2000):
Unterschieden werden strukturelle und prozessuale Aspekte: Die strukturellen Aspekte der Medienrezeption (kultureller und situativer Kontext) umfassen zum einen die äußeren Rahmenbedingungen, zu denen sowohl allgemeine gesellschaftlich-kulturelle Gegebenheiten in der Gesellschaft zu zählen sind, als auch konkrete Interaktionserfahrungen innerhalb der Nahumwelt, womit an die spezifische Gestaltung der Rezeptionssituation gedacht ist, in der es regelhaft zur Ausbildung von Gewohnheiten und Ritualen kommt. Zum anderen sind die inneren Rahmenbedingungen aufzuführen, die der Rezipient aufgrund seiner kognitiven Kompetenz, seines Wissensstandes sowie seiner Bedürfnisstruktur (systematisch ableitbar über sozial-, entwicklungs- und tiefenpsychologische sowie lebenslauf- und biographieorientierte Referenztheorien; vgl. Charlton/Neumann[-Braun] 1990, 1992) mitbringt: Der Gebrauch von Individual- und Massenmedien ist einerseits an Verstehensleistungen gebunden, andererseits erfolgt er auf der Basis des Interesses des Rezipienten an bestimmten Inhalten und Themen, die sich aus seiner Bedürfnislage und seiner Lebenssituation ergeben und als handlungsleitende Themen die Wahrnehmung, Interpretation und Verarbeitung äußerer und innerer Vorgänge steuern. Diese bedürfnisbasierten Themen bestimmen den Verlauf der Auseinandersetzung mit den Medienangeboten. Entsprechend seiner thematischen Voreingenommenheit und der von ihm bevorzugten Abwehr- und Bewältigungskompetenzen (Ich-Prozesse) verarbeitet der Rezipient die objektive, allen Rezipienten gleichermaßen dargebotene Sinnstruktur des Medienangebots (das Video auf einer Online-Plattform, den Film, die Fernsehsendung etc.) selektiv und individuell.
Die Bedürfnisse, Motive und Themen, die Zuschauer und Hörer in der Medienrezeption verfolgen möchten, lassen sich von der Annahme herleiten, dass die Rezeption von Medien als ein wichtiges Moment der Lebensbewältigung aufzufassen ist, das vornehmlich den Prozessen von Identitätsaufbau und -bewahrung sowie der Selbstverortung dient. Das gesellschaftliche Sinnsystem stellt dem Rezipienten kognitive, normative und ästhetische Kategorien zur Entwicklung eines Selbst- und Weltverständnisses zur Verfügung. Die im Mediengebrauch verfolgten Ziele lassen sich systematisch zum einen auf besondere, persönliche Themen beziehen, zum anderen aber auch auf allgemeine Themen, die durch den gesellschaftlichen Zusammenhang vorgegeben sind. Aus psychologischen und soziologischen Theorien sowie Forschungsergebnissen lassen sich allgemeine Erwartungen ableiten, mit welchen zentralen Entwicklungs- und Lebensaufgaben sich eine Person in einem bestimmten sozialen Milieu und mit einer bestimmten Biographie (wichtig hier: Alter bzw. Entwicklungsstand, s.o.) auseinanderzusetzen hat. In dieser Perspektive lassen sich insbesondere auch die längerfristigen Themen und Lebensbewältigungsroutinen erkennen, die die einzelnen Rezeptionshandlungen beeinflussen. Diese Themen nehmen das Denken und Fühlen von Individuen intensiv »in Beschlag« und führen – wie erwähnt – zu thematischen Voreingenommenheiten. Rezipienten steuern die Auseinandersetzung mit Medien durch ihre Auswahl, selektive Zuwendung und ihre thematisch voreingenommene Auffassung vor, während und nach der eigentlichen Rezeption.
Die Medienrezeption im engeren Sinne lässt sich in prozessualer Perspektive in drei Phasen unterteilen, nämlich in eine Vorphase (soziale Einbettung der Rezeption), eine zweigliedrige Hauptphase (thematisch voreingenommenes Sinnverstehen und Rezeptionssteuerung) und eine zweigliedrige Nachphase (Aneignung und Vermittlung zwischen Medienangebot, Biographie und sozialer Lage sowie Folgekommunikation).
Ganz am Anfang der Rezeption – in der Vorphase – steht häufig ein Entscheidungspunkt, welche Medien man in welcher Situation wie und mit wem nutzen möchte. Der Gebrauch von Medien definiert Handlungssituationen in spezifischer Weise sozial – auch im Falle der Alleinnutzung: Die Nutzung eines MP3-Players in öffentlichen Verkehrsmitteln zum Beispiel schafft dem Hörer nicht nur ein persönliches sinnliches Musikvergnügen, sondern strukturiert gleichzeitig auch seine Beziehungen zur Mitwelt, gegenüber der er sich in diesem Fall sozial abgrenzt. Werden Medien gemeinsam genutzt, wenn beispielsweise Fotos auf dem Smartphone gezeigt werden, bedarf es expliziter sozialer Abstimmungsprozesse (vgl. Keppler 2013). Solche Abstimmungen können routinisiert sein, sie können aber auch aktueller Aushandlungen bedürfen. Virulent werden dann die Handlungsdimensionen der (1) Handlungskoordination (z. B. Herstellen eines gemeinsamen Aufmerksamkeitsfokus, Steuerung von Dialog und Auseinandersetzung, Erhalt bzw. Aufbau von Rollenverteilungen in Kleingruppen), (2) Macht und Selbstbehauptung (z. B. Ausüben von sozialem Druck, Beweisen von Kompetenz und Überlegenheit, Kontrollieren von Gruppenstimmungen, sich im Kontext der Mediennutzung dem Einfluss anderer entziehen) sowie (3) affektiven Beziehungsgestaltung (z. B. sich selbst mit Bezug auf Medienangebote mitteilen, sich mit Mediengeschichten versorgen/verwöhnen lassen [individuelle Playlisten erstellen, oder den eigenen Video-on-Demand-Account teilen], Herstellung von emotionaler Gemeinsamkeit über einen Medienbezug, Ablenken von sich selbst und seinen Bedürfnissen). Ganz unabhängig von einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit einem Medienangebot kommen demnach im Verlauf eines Rezeptionsvorgangs sehr vielfältige soziale Bedürfnisse und Motive zum Tragen. Es lässt sich folgern, dass es im Mediengebrauch immer auch darum geht, soziale Beziehungen in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen.
Wenn es dem Rezipienten mehr um die Inhalte als um die sozialen Rahmenbedingungen geht, gewinnt die zweite Rezeptionsphase besondere Bedeutung: Rezipienten gehen entsprechend ihren handlungsleitenden Themen thematisch voreingenommen in die Rezeptionssituation. Sie wählen zunächst aus einem breiten Angebot ein bestimmtes Medium bzw. einen bestimmten Medieninhalt aus. Selbst wenn ein Medienkonsument den Fernseher einschaltet und sich scheinbar gedankenverloren dem »programflow« mit der Fernbedienung in der Hand zu überlassen scheint, verfügt er doch normalerweise über wirksame Strategien der Aufmerksamkeitssteuerung – und sei es, dass er dem Reiz des Spektakels folgt und bei spektakulären Bildern »hängen bleibt«. Untersuchungen zeigen, dass Rezipienten tendenziell überwiegend die Themenwahl nach überdauernden thematischen Vorlieben vornehmen, es besteht aber auch die Möglichkeit, sich auf neue Inhalte assimilativ (d.h., Inhalte werden verändert, um sie der eigenen Weltsicht anzupassen) oder akkomodativ (d.h., Inhalte werden in die eigene Weltsicht integriert und verändern diese partiell) einzulassen.
Der Auswahl eines Medienangebots folgt die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Medieninhalt auf der Basis thematisch voreingenommenen Sinnverstehens sowie unter Anwendung von Strategien der Rezeptionssteuerung: Der Rezeptionseinstieg kann direkt oder mit Unterbrechungen erfolgen. Weiterhin kann zwischen verschiedenen illusiven (hier nicht als Täuschung, sondern als ergriffener Mitvollzug einer fiktiven Welt gemeint) respektive inlusiven (distanziertes Miterleben) Rezeptionsmodi (Rapp 1973) gewählt werden (TV-Programme können kommentiert oder passiv-selbstversunken angeschaut werden etc.). Darüber hinaus sind verschiedene Formen der Distanzierung zum Mediengeschehen (vorübergehende Distanzierung, Parallelhandlungen, vorübergehende Unaufmerksamkeit etc.) und der Beendigung des Medienkonsums (vorzeitiger Rezeptionsabbruch etc.) praktizierbar, gefolgt von der Frage, wie sich das Anschlussgeschehen gestaltet (erneuter Medienkonsum, andersartige Beschäftigung etc.).
Auf einer abstrakteren Ebene lassen sich spezifische Rezeptionshaltungen und -stile unterscheiden: Man kann sich dem Medienangebot – wie erwähnt – emotional gleichsam überlassen, womit es zu einer Form von unmittelbarem Miterleben kommt, das ganz im Zeichen von Illusion und Identifikation steht (aber auch hier lassen sich im Übrigen die soeben beschriebenen Distanzierungsstrategien zur Nähe-Distanz-Regelung einsetzen), oder der Rezipient setzt sich während des Sehens oder Hörens immer wieder reflexiv mit dem Medienangebot auseinander (etwa wenn er mit den Medienakteuren, laut oder leise, zu diskutieren beginnt), oder ein Rezipient kommentiert das Gesehene in den sozialen Medien oder auch mit anwesenden Ko-Rezipienten, deren Anwesenheit ihm wichtig ist (z. B. die Freundinnenclique, die zusammen eine Soap anschaut, resp. die Freundesclique, die zusammen Horrorfilme goutiert) – hier können sich individuelle Rezeptionsstile herausbilden wie z. B. der »coole Analytiker«, der die Mörder immer findet, oder der »hartgesottene Profi«, der auch die schlimmsten in einem Horrorfilm gezeigten Grausamkeiten ohne Wimpernzucken erträgt.
Ein Blick in die Handlungspraxis gemeinsamen Fernsehens zeigt, dass die Zuschauer dabei viel sprechen, wobei die Kommunikation meist knapp und komprimiert erfolgt, was dazu geführt hat, sie als »Häppchenkommunikation« zu bezeichnen. Diese »empraktische«, d. h. handlungsbegleitende Ko-Kommunikation, erfüllt situativ und ökonomisch angemessen spezifische Funktionen (z.B. Kooperationsorganisation, Verstehen und Deuten, Bewerten, sich Vergnügen [Lästern]), ohne dass dabei das Fernsehgeschehen verpasst würde) (Baldauf/Klemm 1997). Dies gilt übrigens auch für die Kommentierungen von Fernsehangeboten in den sozialen Medien (Michel 2015).
Das Ende eines Filmanschauens oder einer Lektüre darf nicht mit dem Ende des Rezeptionsprozesses gleichgesetzt werden. Es schließt sich in der Nachphase eine Aneignungsphase an, die für die Identitätsbewahrung von besonderer Bedeutung ist. In dieser Phase wird das Rezipierte an die eigene Lebenssituation assimiliert, oder der Rezipient akkomodiert seine Sicht der Dinge an die dargebotene Perspektive des Medien-anderen (parasoziale Interaktion mit einem medialen anderen i.S. des generalized other nach George H. Mead). Die Vermittlungstätigkeit zwischen Subjekt und kulturellem Angebot ist zeitlich nicht begrenzt: Häufig geht das Gespräch mit sich selbst (intrakommunikative Medienverarbeitung) in ein Gespräch mit anderen (interkommunikative Medienverarbeitung) über. Dies kann während der Rezeption (s. o.), unmittelbar nach ihr oder oft auch zeitversetzt erfolgen (am nächsten Morgen am Arbeitsplatz oder beim nächsten Treffen im Freundeskreis). Solche Re-Thematisierungen im Rahmen von Folgekommunikationen können aspekthaft vorgenommen werden (kurze Medienverweise) oder großflächig erfolgen (umfangreiche Medienrekonstruktionen), implizit (Medienspuren) oder explizit. Für viele Serienfans gehört das »Gespräch danach«, oder auch das Twittern zum Tatort, konstitutiv zum Anschauen der jeweiligen Sendung dazu, sie rezipieren die aktuelle TV-Folge also schon auf das spätere Gespräch oder das begleitende Twittern hin. Dann ist es bereits zu einer Verknüpfung von eigentlicher Rezeptionssituation und späterer Kommunikationssituation mit relevanten anderen gekommen, auf der Basis dessen, dass man etwas mit ihnen teilen möchte, sich also im Gespräch mit einem Gegenüber sozial verorten will. Die Förderung resp. Beeinträchtigung dieser Vermittlungsaktivität hängt insbesondere von der Art und Weise ab, wie gewohnte Darstellungs- und Denkschablonen bei der ästhetischen Gestaltung des Medienthemas transzendiert werden und eine Auseinandersetzung mit der Sachwelt, der sozialen Umwelt sowie mit sich selbst und seiner sozialen Positionierung monologisch oder dialogisch angeregt wird.
Die Medienkommunikation eröffnet wichtige Handlungsoptionen, die in natürlichen Face-to-Face-Situationen nicht gegeben sind: So entlastet z.B. die Fernsehrezeptionssituation von Handlungsverpflichtungen, das heißt, man kann fiktiv am Handlungsgeschehen teilnehmen, ohne dass man in dieses real verstrickt wäre und spezifischen Handlungsverpflichtungen nachkommen müsste. Die Rezeption von Medienangeboten ermöglicht somit eine besondere Art von identitätsrelevantem »Probehandeln«: Der Rezipient kann sich in seinem Prozess der Identitätsaushandlung aus der Sicht konkreter Bildschirmakteure resp. intersubjektiver Perspektive sehen und erkennen (Spiegelung; Looking-glass self [Charles H. Cooley]). Insofern die dargebotenen Identitätsangebote über die Routinen des Alltags hinausweisen, erfährt der Rezipient die Chance einer Horizonterweiterung. Medienerfahrungen sind also entsprechend von anderer Qualität als die in Face-to-Face-Beziehungen gewonnenen. Im Alltag werden diese beiden Formen von Erfahrung in spezifischer Weise verknüpft: Was im »stillen Kämmerlein« aus einem spezifischen Grund angeschaut wird (z. B. Soaps und das Vergnügen an Klatsch-Kommunikation), kann in der interpersonalen Folgekommunikation ganz anders begründet werden (z. B. Rechtfertigung der Soap-Rezeption durch berufliche Gründe im Kontext späterer Gespräche mit Kollegen). Damit wird ersichtlich, dass die Rezeption von Medienangeboten als ein längerer Prozess, als eine »Kaskade von Rezeptionsakten« (Krotz, 1997, S. 82) aufzufassen ist, die über die Rezeption einer einzelnen TV-Sendung weit hinausgehen, in dem mediale und interpersonale Kommunikationen sowie intra- und interkommunikative Prozesse in ein komplexes Verschränkungsverhältnis eintreten.
Für die beschriebenen Rezeptionsphänomene ist die Annahme der Aktivität und Autonomie des Rezipienten eine notwendige Voraussetzung. Nur wenn davon ausgegangen werden kann, dass Rezipienten über ihre Medienauswahl und den Verlauf der Auseinandersetzung mit einem Medienangebot wirklich selbst bestimmen können, macht es Sinn, von der Rezeption als einem komplexen und vor allem auch selbstverantworteten Geschehen zu sprechen. Die Frage ist jedoch, ob diese Annahme unter den Bedingungen des gegenwärtigen Mediensystems überhaupt zu halten ist. Insbesondere die Anhänger der so genannten Cultivationhypothesis (Gerbner/Gross 1976) gehen davon aus, dass das Angebotsspektrum an Medienthemen in unserer heutigen Mediengesellschaft aufgrund von politisch-wirtschaftlichen Interessen eine spezifische Engführung und Gleichschaltung erfährt: Unpopuläre Informationen geraten in den Hintergrund, während modische Themen doppelt und dreifach in den Medien verhandelt werden (»Schweigespirale«). Entsprechend wird die These formuliert, die inhaltliche Konsonanz der boulevardisierten Medienkommunikation übe eine nivellierende Wirkung auf die Rezipienten aus. Die Autonomie des Zuschauers finde demnach seine Grenzen an dem vereinheitlichten, entpolitisierten Themenangebot der Sender (»mainstreaming«). Der Weg wäre dann nicht mehr weit, bis der Medienkonsument im »kommunikativen Patt des Orientierungszirkels der Quotenmedien« (Schulze 1995) selbst aufgehe. Die Gegenposition wird z.B. durch dem Cultural-Studies-Ansatz verpflichtete Autoren (Stuart Hall, John Fiske) vertreten, die auf Seiten der Rezipienten die Rezeptionselemente von Eigensinn und Widerstand betonen: Medienprodukte, die sich als offene Texte (Umberto Eco) verstehen lassen, bieten einen großen Spielraum für Interpretationen, die einen souveränen und tendenziell bereichernden Umgang geradezu nahelegen. Auch das Rezeptionsvergnügen wird hier anders gesehen: Das Vergnügen der Zuschauer oder Hörer (»die Leute«) an der Rezeption von Unterhaltung kann geradezu als eine Art von Politik des Alltags gegen den Machtapparat von Medien, Wirtschaft und Politik (»der Machtblock«) angesehen werden. Wie so häufig scheint die Wahrheit in der Mitte zu liegen: Die Autonomie des Zuschauers ist eine Freiheit in Grenzen. Das Publikum wird in beiden Perspektiven zumindest prinzipiell doch als – mehr oder weniger stark ausgeprägt – aktiv, widerständig und autonom angesehen. Der minimale Widerstand besteht darin, bestimmten Themen und Programmen ausweichen zu können, er liegt also letztlich (immerhin) in der Nein-Stellungnahme zum ungeliebten Medienangebot (ausschalten). Er geht als maximale Variante darüber hinaus, wenn Medienthemen kritisch reflektiert bzw. selbst Medienangebote hergestellt werden (im Rahmen z. B. verschiedener Online-Video-Portale, Blogs und Webseiten oder auch der Angebote der »Offenen Kanäle«). Individuelle und gesellschaftliche Konstruktionen wirken immer in einem Prozess der Ko-Konstruktion zusammen, wenn Menschen sich im Spannungsfeld von »medialer Überwältigung und kritischer Rezeption« (Sutter 1995) mit Medienangeboten beschäftigen und auseinandersetzen.
Diskussion und Weiterentwicklung des Modells der Strukturanalytischen Rezeptionsforschung
Die handlungs- und subjekttheoretische Perspektive in der Massenkommunikationsforschung sieht die Rezeption von Medienangeboten als Teil der Alltagspraxis. Auf diesen grundsätzlichen Ausgangspunkt hin sind zwar alle inzwischen entwickelten handlungstheoretisch orientierten Modelle und Theorien ausgerichtet, in ihrer theoretischen Fundierung sind sie jedoch recht unterschiedlich konzipiert (Charlton 1997, S. 22 f.). Das bislang vorgelegte, vor allem frühe, empirische Material der Strukturanalytischen Rezeptionsforschung bezieht sich überwiegend auf die Rezipientengruppen der (Klein-) Kinder und Jugendlichen. Diese Fokussierung ist jedoch keineswegs theorieimmanenten Gründen oder Zwängen geschuldet, was z. B. biographietheoretische Analysen (Neumann-Braun/Schneider 1993), Studien zur Rundfunkkommunikation, Untersuchungen von Unterhaltungsangeboten für Erwachsene (Neumann-Braun 1993), jüngere Arbeiten zur Lesesozialisation (Charlton/Pette 1999, Groeben/ Hurrelmann 2002) oder zum Medienhandeln junger Erwachsener (Höfer, 2012) zeigen. Die Entwicklungspotenziale des Ansatzes der Strukturanalytischen Rezeptionsforschung zum Ende der 1990er Jahre hin wurden von Charlton (1997, S. 32 f.) skizziert. Darin wird insbesondere auf die Untersuchung der Frage nach Aktivität und Autonomie von Rezipienten sowie auf die Bedeutung von Ko-Texten und sozialen Kontexten für die Medienaneignung verwiesen und schließlich für eine Fortführung einer forciert interdisziplinären Rezeptionsforschung plädiert (vgl. Charlton u.a. 1995). In jüngerer Zeit werden in theoretischer Perspektive zentrale Begrifflichkeiten des Modells präzisiert (z.B. Pseudoadressierungen als eine Form von parasozialer Interaktion, vgl. Sutter 1999) sowie Anschlüsse an Konstruktivismus und Systemtheorie (Sutter/ Charlton 1999, 2001) sowie an Wissenssoziologie und einer Theorie des Alltags (Weiß 2001) diskutiert. In methodischer Perspektive erfahren die Verfahren von Ethnographie und Konversationsanalyse für die empirische Medienrezeptionsforschung eine Fortentwicklung (Schmidt/Neumann-Braun 2003b; Schmidt 2004).
Es ist insbesondere die Gleichzeitigkeit aus der Fokussierung des Individuums als Medienhandelnder und dessen radikaler Kontextualisierung (jede Medienhandlung wird im Kontext seiner sozialen Situation betrachtet und zwar stets vor, während und nach dem Medienkonsum einschließlich der gemachten Erfahrungen und eingebrachten Erwartungen des Mediennutzers), die die strukturanalytische Rezeptionsforschung insbesondere auch für Untersuchungen des aktuellen Medienwandels so wertvoll macht. Denn im Zuge der Mediatisierung erfährt das individuelle Medienhandeln in seiner Komplexität eine Intensivierung, was sowohl die Medienumgebung des Rezipienten betrifft als auch die Anforderungen, die damit für das Individuum (z. B. bei den je eigenen Identitätsbildungsprozessen, Schmidt/Neumann-Braun 2003a) mit einhergehen. Portable Smartphones, Tablets und immer erschwinglicher werdende Flatrates lassen Medienrezeptionsprozesse in ganz verschiedenen sozialen Situationen stattfinden und alltäglich werden. Diese zunehmende mediale Vernetzung des Individuums sowie die allgegenwärtige Verfügbarkeit verschiedenster Medienangebote (Games, Filme, Clips, Musik, Nachrichten etc.) erfordert eine Rezeptionsforschung, die zum einen den Rezipienten dort wahr- und ernst nimmt, wo sich sein Medienhandeln ereignet, nämlich im Alltag und zum anderen den Rezeptionskontext in seiner Komplexität und Unberechenbarkeit nicht außen vorlässt.
Literatur
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Diskursanalyse
RAINER DIAZ-BONE
Ein Ansatz für die Analyse kollektiver, massenmedial repräsentierter Wissensbestände ist die Diskurstheorie von Michel Foucault. Diese hat sich im interdisziplinären Feld der Diskurstheorien als eine der einflussreichsten etabliert. Auf dieser Grundlage sind verschiedene Methodologien für die praktische Diskursanalyse entwickelt worden. Diskursanalysen im Anschluss an Foucault können als Formen qualitativer Methodologie aufgefasst werden, die eine nicht subjektbezogene Form der Interpretation verwenden. Gemeinsame Zielsetzung dieser Diskursanalysen ist die systematische Rekonstruktion kollektiver Wissensordnungen und Wissenspraktiken. Diskursanalysen wollen aufzeigen, wie Diskurse in Wechselwirkung zu Institutionen und Kollektiven stehen, welche Machtwirkungen, Identitätsstiftungen und soziale Prozesse sie ermöglichen. Der Diskurstheorie unterliegt dabei eine konstruktivistische Perspektive, die dementsprechend auch der Grundzug der Methodologie der Diskursanalyse ist.
Theoretisch-methodologische Einordnung
Unter der Bezeichnung »Diskursanalyse« ist in den letzten drei Jahrzehnten ein interdisziplinäres und internationales Forschungsfeld entstanden (vgl. van Dijk 1997a, 1997b; Williams 1999; Keller 2011; Keller u.a. 2010, 2011; Wrana u.a. 2014). Dabei haben nicht nur verschiedene Disziplinen von der Linguistik, der Geschichtswissenschaft, der Psychologie bis hin zur Soziologie Beiträge zur Theorie des Diskurses und der Methode seiner Analyse eingebracht, es haben sich auch innerhalb einzelner Disziplinen verschiedene Diskurstheorien mit je unterschiedlichen Konzepten von »Diskurs« herausgebildet. Die Diskursforschung, die sich auf die Diskurstheorie von Michel Foucault bezieht, stellt derzeit die einflussreichste Form sozialwissenschaftlicher Diskursforschung dar. Die foucaultsche Diskurstheorie ist keine vollständige sozialwissenschaftliche Theorie in dem Sinne, dass sie beanspruchen kann, alle sozialen Phänomene beschreiben zu können. Die Diskurstheorie beinhaltet dennoch soziologische Theoreme, die als Elemente für eine Gesellschaftstheorie aufgefasst werden können und je nach Untersuchungsansatz ergänzt werden. Aus Sicht Foucaults werden Gesellschaften durch Diskurse maßgeblich mitorganisiert. Diskurse bringen Weltbilder, Gesellschaftsdeutungen und sozial wirksame Klassifikationen hervor. Sie führen zur Bildung von Institutionen und sie sind in Institutionen mit weiteren Praktiken verkoppelt, sodass sie soziale Machtwirkungen ausüben. Insgesamt prägen Diskurse Subjektivitäten und Lebensstile, sie führen zur Bildung von Kollektiven und sozialen Bewegungen. In differenzierten Gesellschaften stellen die verschiedenen Massenmedien Foren für diese Wissensordnungen dar. Diskurse können dabei auf soziale Felder oder Bereiche begrenzt sein, sie können spezifisch für soziale Gruppen und Kollektive sein oder sie können als Interdiskurse soziale Felder und Themenbereiche übergreifen und aneinander vermitteln.
Mit dem Begriff »Diskursforschung« (Keller 2011) können sowohl die Theorie des Diskurses als auch die Methodologie der Diskursanalyse umfasst werden. Die foucaultsche Diskursanalyse ist nicht einfach eine frei verwendbare Methode der Gesprächs- oder Wissensanalyse, die mit allen sozialwissenschaftlichen Theorieansätzen kombinierbar wäre. Wenn es einige soziologische Ansätze gibt, die in neuerer Zeit mit der Diskurstheorie vermittelt werden, so ist dies möglich, weil diese Theorien Grundpositionen vertreten, die mit der Diskurstheorie kompatibel sind. Damit wird deutlich, dass die Diskursanalyse nicht einfach nur ein Auswertungsverfahren für qualitative Daten ist, sondern ein empirischer Forschungsansatz, dem ein zugehöriges theoretisches Diskursmodell vorangeht und dessen Methodologie die theoretischen Grundpositionen in sich wiederholt. Die Diskursanalyse wird damit eine Form der Analyse (vorwiegend) von Medieninhalten, die auch ein theoretisches Denken in die Medienforschung einbringt. Diskursanalysen versuchen zunächst, Diskurse als kollektive Praxisformen und Wissensordnungen (als Resultate dieser Praxisformen) zu identifizieren und deren innere Organisation zu rekonstruieren. Danach wird der Fokus erweitert und nach den Wechselwirkungen zwischen Diskursen einerseits und nicht-diskursiven sozialen Vorgängen (institutionellen Prozeduren, Handlungsroutinen, Techniken) andererseits gefragt.
Obwohl Michel Foucault die Diskurstheorie einflussreich ausgearbeitet hat (Foucault 1973) und selbst materialreiche historische Studien angefertigt hat, hat er keine eigene explizite und auf andere Studien übertragbare Methodologie oder methodische Schrittfolge vorgelegt. Mittlerweile ist dies aber von Diskursforschern nachgeholt worden (Jäger 2012; Keller 2011), was zu verschiedenen Entwürfen für diskursanalytische Schrittfolgen geführt hat. Charakteristisch ist, dass immer wieder als Ausgangspunkt für die Entwicklung der Diskursanalyse die Kritik an der Inhaltsanalyse (content analysis) angeführt wird. Dieser wird kritisch vorgehalten, dass sie die Prozesse der Bedeutungskonstitution nicht erfassen kann, sondern diese einfach als a priori gegeben voraussetzen muss (Jäger 2012; Pêcheux 1982). Auch wird durch die Inhaltsanalyse die semantische Organisation des Wissens nicht zum Gegenstand gemacht. Stattdessen erfasst die Inhaltsanalyse die Häufigkeiten von vorher festgelegten Bedeutungseinheiten, die dann statistischen Häufigkeits- und Korrelationsanalysen unterzogen werden. Die Inhaltsanalyse reflektiert dabei nicht, wie die Semantik ihrer Codiereinheiten (z.B. Sätze) zustande kommt. Diskurstheoretisch betrachtet ist die Bedeutung ein Effekt im Kontext eines Aussagensystems. Dieses Aussagensystem kann aber nicht als Messkategorie vorab entschieden werden, sondern muss aus dem Material erst rekonstruiert werden. Die Inhaltsanalyse untersucht eben nicht die Entstehung von Bedeutungseffekten in Aussagensystemen, sie liefert keine Theorie der Bedeutungspraxis, sie exploriert nicht die Ordnung von Wissen und sie betrachtet Wissen nicht im weiteren sozialhistorischen Entstehungskontext. Semantik ist für die Inhaltsanalyse ein Datum (das unter Codierern verhandelt wird), für die Diskursanalyse ist Semantik ein Explanandum und Resultat einer diskursiven Praxis.
Die Methodologie der Diskursanalyse
Was ist also nach Foucault ein Diskurs? Ein Diskurs besteht nicht aus den Aussagen eines Sprechers, als ob das Sprecherkonzept eine Klammer für die Einheit des Diskurses und die Bedeutung wäre (wie in der Sprechakttheorie). Ein Diskurs ist auch nicht die zwanglose und aufgeklärte Konversation, die der Verständigung zwischen vernunftbegabten (und deshalb autonomen) Subjekten dient, wie in der Diskursethik von Habermas. Auch ist der Diskurs nicht eine grammatikalische Organisation von Aussagen, also nicht die satzübergreifende formale linguistische Textstruktur (wie in der Diskurslinguistik).
Ein foucaultscher Diskurs besteht aus den tatsächlich aufgetretenen Aussagen, die in einer Epoche in einem sozialen Feld ein Aussagensystem gebildet haben oder bilden. Diese Aussagen sind wirkmächtig, sie sind Wissen hervorbringende und reproduzierende Praktiken sowie mit Machtwirkungen verkoppelte Sprechpraktiken. Dreyfus und Rabinow (1987) bezeichnen die foucaultschen Aussagen daher als seriöse Sprechakte und unterscheiden sie damit von den austinschen Sprechakten. Von einem Aussagensystem spricht man in der foucaultschen Diskurstheorie deshalb, weil die Aussagen eines Diskurses durch die Regeln ihrer Hervorbringung zusammengehören und als Ermöglichungszusammenhang für die je einzelne Aussage zusammenwirken. Wer was wann mit welchen Äußerungsformen anhand welcher Argumentationsstrategien über welche Sachverhalte sagen konnte und Beachtung erhielt, was abstrakte Konzepte bedeutet haben, welche Problematisierungen sie getragen oder auf sich gezogen haben, was zu einer Zeit denkmöglich war, all das ist durch die Regeln eines Aussagensystems strukturiert. Aber woher stammen diese Regeln, und wer hat sie definiert? Nach Foucault entstehen Diskurse als reglementierte Aussagensysteme nicht durch die Absichten einzelner Akteure, sondern sie sind selbst historisch in anonymen und überindividuellen Prozessen entstanden. Sind sie aber erst einmal vorhanden, stellen sie für eine relative historische Dauer ein wirkmächtiges eigengesetzliches Wissenssystem dar, das auf andere (nicht-diskursive) Praxisformen einwirkt.
Foucault hat anstelle des Begriffs »Diskurs« auch den Begriff der »diskursiven Praxis« verwendet um hervorzuheben, dass Diskurse konstruiertes Wissen in einem sozialen Feld darstellen und nicht eine diskursunabhängige vorgängige Realität einfach abbilden. Er hat zunächst vier Bestandteile eines Diskurses unterschieden. In einem Aussagensystem treten (1) »Objekte« im Wissen erst als Objekte hervor, die nun thematisiert, klassifiziert und problematisiert werden können. Dies geschieht mit Bezug auf ebenso im Diskurs hervorgebrachte (2) »Begriffe«, also Denkkonzepte, Fachwörter, Prinzipien, Kategorien usw., die im Aussagensystem eine reglementierte Verwendungsweise und damit eine bestimmte Bedeutung haben. Akteure, die in sozialen Bereichen als (3) »Sprecher« Aufmerksamkeit erhalten wollen, bedienen sich vorbewusst der reglementierten Äußerungsmodalitäten, damit das von ihnen Geäußerte auch Geltung erhält. In einem Feld werden dann in der Weise, wie Objekte und Begriffe vernetzt, bewertet und problematisiert sind (4), thematische Wahlen (was kann thematisiert werden, und was wird ausgeblendet?) sowie denkbare Strategien und Handlungsperspektiven möglich. Diese vier Bestandteile hat Foucault diskursive Formationen genannt. Die vier diskursiven Formationen der Begriffe, Objekte, Sprecherpositionen und thematischen Wahlen/Strategien treten dabei nicht als isoliert zu betrachtende Aspekte, sondern in Verbindung miteinander auf. Insbesondere in seinen frühen Untersuchungen hat Foucault hervorgehoben, dass diese vier Formationen durch ein zugrundeliegendes Denkschema, eine Art Tiefenstruktur des Wissens, die er Episteme genannt hat, integriert werden und dass diese Episteme das Denken einer Epoche in gleich mehreren Wissensbereichen (denjenigen vom Sprechen/der Sprachwissenschaft, vom Tauschen/der Ökonomie und vom Leben/der Biologie) zu integrieren in der Lage war (Diaz-Bone 2013).
Die foucaultsche Analyseperspektive ist zunächst diejenige der (von ihm so benannten) »Archäologie«. Wie der Archäologe sich Monumenten einer vergangenen Epoche ohne Vorwissen und ohne die Kenntnis der Deutungsmuster dieser Epoche nähert, so betrachtet der Diskursanalytiker einen zeitgenössischen Diskurs, ohne die verstehende Perspektive von Akteuren einzunehmen und mit der erkenntnistheoretischen Distanzierung, dass ein Diskurs keine simple Abbildung einer nicht-diskursiven Wirklichkeit sei. Die Frage des Archäologen ist dann: Welche Wissensordnung ist anhand welcher Klassifikationen, Denkprinzipien, Begriffe, Konzepte möglich? Foucault hat eine für Europäer befremdliche Klassifikation angeführt, die er zwar als fiktive Klassifikation bei dem Schriftsteller Jorge Luis Borges entlehnt hat, die aber gut demonstriert, was den archäologischen Blick ausmacht: die Einnahme einer außenstehenden Perspektive auf die zu analysierenden Wissensordnungen. Borges berichtet von einer »chinesischen Enzyklopädie«, in der Tiere anhand einer Taxonomie wie folgt klassifiziert werden: 1) Tiere, die dem Kaiser gehören, 2) einbalsamierte Tiere, 3) gezähmte, 4) Milchschweine, 5) Sirenen, 6) Fabeltiere, 7) herrenlose Hunde, 8) in diese Gruppierung gehörige, 9) die sich wie Tolle gebärden, 10) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, 11) und so weiter, 12) die den Wasserkrug zerbrochen haben, 13) die von weitem wie Fliegen aussehen. Foucault zählt die Kategorien auf und konstatiert anschließend: »Bei dem Erstaunen über diese Taxonomie erreicht man mit einem Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber eines anderen Denkens bezeichnet wird die Grenze unseres Denkens: die schiere Unmöglichkeit, das zu denken« (Foucault 1971, S. 17; H.i.O.). Und Foucault fragt von hier aus weiter: Was ist eigentlich möglich für uns zu denken? Das zu beantworten soll Aufgabe der Archäologie sein. Die archäologische Analyseperspektive wird ergänzt durch die genealogische Analyseperspektive, die nun auch nicht-diskursive Praktiken einbezieht und nach den Wechselbeziehungen zwischen diskursiven Praktiken und nicht-diskursiven Praktiken fragt. In dieser heute so bezeichneten Dispositivanalyse (Link 2013; Jäger 2012) wird das Beziehungsgeflecht aus Wissenspraktiken einerseits und Institutionen, Verfahrensweisen, Techniken andererseits untersucht. Die genealogische Perspektive betrachtet die Diskurse sowohl als Resultat als auch als Grundlage sozialer (Macht-) Prozesse und bezieht in die Analyse solche theoretischen Konzepte ein, die zur Veränderung der diskursiven Formation (der Regeln) beitragen.
Mit dem Begriff des diskursiven Ereignisses wird in der Diskurstheorie denkbar, dass diskursive Prozesse nicht einfach Ent-Faltungen von im Diskurs angelegten »Logiken« sind, sondern beeinflusst werden durch die Eigenschaft von Aussagensystemen, Aussagen mit Ereignischarakter hervorzubringen. Aussagen können nicht einfach wiederholt werden, wenn sie etwas Ereignishaftes, das heißt etwas Einmaliges an sich haben: Wiederholt man einfach eine Aussage, ist der Sinn im Aussagensystem ein anderer, und es liegt ein anderes Ereignis vor! Aussagen können eine ungeplante nicht teleologische Veränderung des Regelsystems hervorbringen. Hier öffnet sich der strukturalistische Ansatz zu einer poststrukturalistischen Sicht auf Regelsysteme der diskursiven Praxis, die in Veränderung sind und die nur virtuell geschlossen zu denken sind. Michel Pêcheux (1982) hat darauf hingewiesen, dass Diskurse (abgrenzbare durch Regeln beschreibbare Wissensordnungen) eingebettet sind in Interdiskursordnungen. Letztere bewirken, dass in Diskursen Widersprüche und Inkohärenzen auftreten, die die diskursive Praxis zu verbergen versucht, die aber dennoch für eine stetige und produktive Unruhe in Diskursen sorgen. In Deutschland hat Jürgen Link die Interdiskurstheorie aufgegriffen und gezeigt, dass sich unterscheiden lässt zwischen Spezialdiskursen (wie z. B. juristischen oder Wissenschaftsdiskursen) und Interdiskursen, die im Wortsinn eher als allgemeine, populäre Wissensregionen zu verstehen sind, die massenmedial verankert sind und die den Austausch zwischen Spezialdiskursen bewerkstelligen, sodass diese für große Bevölkerungsgruppen »übersetzt« werden. Bei dieser Übersetzung spielen Kollektivsymbole eine wichtige Rolle (vgl. Becker u.a. 1985). Soll etwa der ökonomische oder finanzpolitische Diskurs massenmedial aufbereitet und popularisiert werden, helfen Kollektivsymbole, wie dasjenige des »Motors« aus: Die Weltwirtschaft springt an, muss geschmiert werden oder gerät ins Stocken etc. Kollektivsymbole können als epistemische, also Interdiskurse auf tieferer Ebene organisierende Elemente aufgefasst werden. Diskursanalyse wird dann zur Kollektivsymbolanalyse und der Analyse von Diskurspositionen, die sich durch einen unterschiedlichen Gebrauch der in Interdiskursen vorhandenen Repertoires von Kollektivsymbolen auszeichnen. Diskurspositionen unterscheiden sich danach, wie sie Kollektivsymbole verwenden, nicht dadurch, dass ihnen unterschiedliche Repertoires von Kollektivsymbolen zur Verfügung stehen. Beispiel: das Kollektivsymbol des sozialen »Netzes« kann als Sicherheit verbürgende Metapher eingebracht werden (soziales Netz = Auffangnetz für sozial Schwache) oder als Metapher für Faulenzertum (soziales Netz = soziale Hängematte). Jede massenmediale verfasste Gesellschaft weist eine solche Kollektivsymbolordnung (die Link »System synchroner Kollektivsymbole« nennt) auf, die die Infrastruktur für massenmedial wirksame Interdiskurse bildet.
Siegfried Jäger (2012) hat mit Bezug auf Link und Pêcheux die Diskursstränge zum Konzept der Diskursanalyse gemacht. Diskursstränge stellen für Jäger die vernetzten Bestandteile von Diskursen dar, die bei Foucault die vier Formationen waren. Bei Jäger werden Diskurse daraufhin analysiert, aus welchen Diskurssträngen (Themensträngen) sie bestehen, wie die Diskursstränge sich entwickeln und wie sie im Diskurs miteinander vernetzt werden. Alle sozialwissenschaftlich interessierten Diskursanalytiker in der Tradition Foucaults haben gemeinsam das Interesse, zum einen zu versuchen, nicht einzelne Diskurse zu analysieren, sondern Diskurse einmal (in synchroner und diachroner Perspektive) mit anderen Diskursen zu vergleichen und zum anderen Diskurse im Zusammenhang mit nicht-diskursiven Praktiken zu betrachten. Zielsetzung ist, den Gehalt der sozialkonstruktivistischen Ansätze auch analytisch einzulösen. Dass das Soziale durch soziale Prozesse hervorgebracht ist, ist mittlerweile ein Allgemeinplatz. In detaillierten Analysen zu zeigen, wie diese Konstruktion erfolgt ist, ist Aufgabe empirisch orientierter sozialkonstruktivistischer Forschung, wozu auch die Diskursanalyse zu zählen ist. Praktisch erfolgt dies durch den Beleg, dass soziale Wissensordnungen und Dispositive in ihrer Entstehung kontingent sind. Diesen Nachweis kann man einmal anhand der Vergleichsperspektive einzulösen versuchen. Denn wenn demonstriert werden kann, dass Wissen nicht einfach nur Wissen-von-etwas ist (im Sinne einer sprachlichen Wiederholung vorgängiger objektiver und vorsprachlicher Welt), sondern eine davon weitgehend abgekoppelte Sphäre ist, dann sieht man, dass in den sozialen Feldern jeweils verschiedene »Weltauslegungen« möglich sind, dass die vorsprachliche Welt sinnhaft unvollständig ist und deshalb Interpretation erfordert, und dass es Diskurse sind, die in die soziale Welt Wertungen, Wertigkeiten, Deutungen und letztlich Ordnung einbringen und somit Verstehen möglich machen. Die diskursanalytische Vergleichsperspektive kann dann aufzeigen, dass eine vorhandene Weise der Weltauslegung auch anders möglich wäre. Dieser konstruktivistische Blick zersetzt oder entzaubert damit Alltagsevidenzen (Deontologisierung): in historischer (diachroner) Perspektive durch den Nachweis, wie Diskurse in sozialen Prozessen entstanden sind, ohne eine innere Teleologie (Zielgerichtetheit) der Diskursentwicklung zu unterstellen, in synchroner Perspektive durch die Suche nach vergleichbaren sozialen Feldern (oder Teilfeldern) und den Nachweis, wie sich die dort vorfindbaren Diskursordnungen warum unterscheiden.1
Die foucaultsche Diskursanalyse ist durch eine poststrukturalistische Hermeneutik charakterisierbar. Dreyfus und Rabinow (1987) haben diese Hermeneutik »interpretative Analytik« genannt, die von subjektzentrierten Hermeneutiken und strukturalistischen Interpretationsansätzen abgrenzbar ist (Diaz-Bone 2013, in Vorbereitung). Es geht in der Rekonstruktion und Deutung von Diskursen als Sinnregionen nicht um die Erfassung von Subjektverstehen, also um die Bedeutung, die Diskurse als Wissensregionen für die Beteiligten haben. Diskurse werden als Praxisformen aufgefasst mit Regeln, die für die in Diskurse »verwickelten« Individuen nicht vollständig bewusst sein müssen. Erst wenn man ein Aussagensystem als Wissensordnung in einem sozialen Feld untersucht und eine vergleichende oder distanzierende Perspektive in der Analyse einnimmt, kann versucht werden, die Grundmuster des Wissens und die Regeln der diskursiven Praxis nach und nach zu rekonstruieren, wie sie den Beteiligten gar nicht vor Augen stehen müssen. Die interpretative Analytik ist auch zu unterscheiden von im engeren Sinne strukturalistischen Interpretationsansätzen, da nicht angenommen wird, dass die Wissensordnung und die diskursive Praxis als statisch oder durch universale Oppositionen organisiert werden. Die diskursive Praxis ist eine strukturierte, also eine durch Regelmäßigkeiten beschreibbare Praxisform, die sich verändert und die je nach sozialem Feld und Epoche unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Auch vertritt der frühe Strukturalismus die erkenntnistheoretische Position von einer Objektivität (Positivität) der Regeln für Wissensproduktion. Die interpretative Analytik ist dagegen eine konstruktivistische Methodologie. Darunter ist zu verstehen, dass Diskursanalytiker vor Beginn der Untersuchung unterstellen, es gebe Diskurse in bestimmten sozialen Feldern und Epochen, die durch rekonstruierende Analyseschritte herausgearbeitet werden könnten. Das Resultat von Diskursanalyse hat dann aber den Status einer sozialen (wenn auch wissenschaftlichen) Konstruktion, es handelt sich um einen methodisch erarbeiteten Diskurs über Diskurse. Die diskursanalytische Vorgehensweise führt eine konstruktivistische Doppelbewegung aus:
1) Diskurse sind nicht einfach als abgrenzbares Aussagensystem direkt und offen erkennbar. Die Diskursanalyse konstruiert eingangs eine Forschungsperspektive, die theoretisch gestützt unterstellt, dass eine abgrenzbare Regelhaftigkeit der Wissensproduktion, also eine diskursive Formation (von »Begriffen«, »Objekten«, Sprecherpositionen, thematischen Wahlen/Strategien) mit einer bestimmten Tiefenstruktur in einer Epoche in einem sozialen Feld vorfindbar ist.
2) Anhand von methodischen Schritten wird Material zusammengestellt, von dem angenommen wird, dass sich aus ihm die Regeln der diskursiven Praxis diskursanalytisch herausarbeiten lassen. Diese interpretative Analytik ist ebenfalls eine Konstruktion, da sie versucht, schließend (»abduktiv«) aus dem bedeutungstragenden Material (dem »Wissen«) die Praxis zu rekonstruieren, die dieses hervorbringt.
Beide Schritte sind Teil des methodologischen Versuchs, die diskurstheoretische Perspektive zu realisieren. Aus dem Material muss dann das System der diskursiven Regelmäßigkeiten nach und nach rekonstruiert werden. Dabei liegt eine Art »Münchhausen-Problem« vor: Wie der Lügenbaron sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen haben will, so muss sich die Diskursanalyse ohne A-priori-Kategorien auf das unstrukturierte Material einlassen, um dann nach und nach die Ordnungsdimensionen im Material zu erkennen.
Ausgangssituation für Diskursanalysen sind Fragestellungen, die in aller Regel nicht allein diskurstheoretische sind. Denn die Diskurstheorie ist »unterspezifiziert«, sie allein ist keine vollständige theoretische Perspektive. Die Diskurstheorie kann in unterschiedlicher Weise ergänzt werden, zum Beispiel um Sozialstrukturmodelle, um Handlungs- und Strukturtheorien, um Feldtheorien, um Theorien sozialer Institutionen und Organisation (wie Medieninstitutionen), um Theorien sozialer Identitätsbildung und sozialer Konflikte. Diskurstheorien können sinnvoll mit solchen soziologischen Theorien verknüpft werden, die dem kollektiven Wissen zwar eine wichtige Rolle zuerkennen, aber selbst nicht ausreichend anleiten, wie man dieses Wissen als eine konstruktive Praxis konzipieren und/oder systematisch analysieren kann. Bedingung dabei ist jeweils, dass die anzukoppelnden Theorien nicht mit Grundpositionen der Diskurstheorie (wie z.B. Konstruktivität des Sozialen, Ablehnung einer subjektzentrierten Hermeneutik oder Ablehnung eines zielgerichteten Geschichtsmodells) in Konflikt geraten. Eine solche Verknüpfung ergänzt die Diskurstheorie um wichtige begriffliche Konzepte und klärt, warum welche Diskurse analysiert werden sollen und wofür die Resultate einer Diskursanalyse gebraucht werden. Bevor eine Skizze vorgestellt wird, wie der Ablauf einer Diskursanalyse anhand typischer Phasen unterteilt werden kann, sei darauf hingewiesen, dass der Begriff »Diskursanalyse« ein Forschungsprogramm bezeichnet, dem verschiedene Forschergruppen zugehören. Aber dieses Forschungsprogramm ist nicht durch eine kanonisierte, also eine festgelegte und für alle Diskursforscher einheitliche Methode gekennzeichnet (Keller 2011), »einen Königsweg gibt es nicht« (Jäger 2012).
Ablauf einer Diskursanalyse
Die diskursanalytische Vorgehensweise lässt je nach Untersuchungsfrage verschiedene Strategien zu. Mittlerweile liegen verschiedene Entwürfe für die Methodologie der Diskursanalyse vor, an denen sich Diskursforscher orientieren können. Die folgende konkretisierte Schrittfolge für Diskursanalysen berücksichtigt einige dieser Entwürfe, sie ist stark an den Arbeiten Foucaults orientiert und aus einer empirischen Diskursanalyse von kulturellen Wissensordnungen hervorgegangen. Sie ist aber auf unterschiedliche Diskursanalysen anwendbar. Als Unterstützung für die Handhabung größerer Korpora, für die Dokumentation der Schritte und die Organisation der prozessbegleitenden Reflexion hat sich der Einsatz einer qualitativen Datenanalysesoftware (QDAS) bewährt (vgl. dazu ausführlicher Diaz-Bone/Schneider 2010; → Kuckartz, S. 445 ff.)
(1) Theorieformierung
Wie bei jeder Sozialforschung steht am Anfang ein Untersuchungsinteresse. Für Diskursanalysen ist dabei kennzeichnend, dass zunächst nicht das Interesse an Diskursen per se im Zentrum steht. Ausgangspunkte sind sozialwissenschaftliche Fragestellungen, bei denen sich herausstellt, dass die Entstehung (Evolution) von Institutionen, Denkweisen, Handlungsformen, institutionellen Umgangsformen mit Menschen, Gesetzen, sozialen Bewegungen, Identitäten und Konflikten sowie anderen gut sichtbaren sozialen Phänomenen nur im Zusammenhang mit spezifischen diskursiven Praktiken zu verstehen ist. Diskursanalytische Fragestellungen versuchen zu rekonstruieren, wie der Ermöglichungszusammenhang von diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken entstanden ist und oftmals auch warum er sich verändert. Oder: Diskursanalysen vergleichen verschiedene Wissensformationen und zeigen dann in synchroner Perspektive die Kontingenz der diskursiven Regelmäßigkeiten auf. Diese Kontingenz kann man dann zu erklären versuchen, indem man diese als systematische Variation von Diskursordnungen deuten kann. Ursachen für eine Variation können unterschiedliche Kontext-einbettungen (z. B. in Dispositive) sein.
(2) Sondierungsphase
In der Sondierungsphase wird die empirische Arbeit aufgenommen, wie das Untersuchungsfeld grob strukturiert ist, welche Institutionen, Akteure und Datenbestände vorliegen. Im Unterschied zur anschließenden Diskursanalyse dient die empirische Arbeit hier der Beschaffung von Informationen, die zur Feldsondierung dienen und von solchen Informationen, anhand derer die Korpuserstellung zunächst noch provisorisch begründet werden kann (Keller 2011; Diaz-Bone 2010).
(3) Provisorische Korpuserstellung, Formulierung heuristischer Fragen
Zusammenstellung von Materialien (Medientexte, Transkriptionen von Interviews, aber auch andere bedeutungstragende Materialien wie Plakate, Bilder usw.), von denen theoretisch gestützt behauptet werden kann, dass sich eine einheitliche Wissensordnung vorfinden lässt und sich deshalb ein kohärentes Regelsystem rekonstruieren lässt. Entwicklung eines Systems von heuristischen Fragestellungen, die auf die Elemente der diskursiven Formation hinführen und den »analytischen Blick« sensibilisieren helfen. Beispiele für solche heuristischen Fragestellungen finden sich in Jäger (2012), Kendall/Wickham (1999), Diaz-Bone (2010) oder Keller (2011).
(4) Oberflächenanalyse
Suche nach den im Sprachfluss auftretenden »Objekten«, »Begriffen« und thematischen Wahlen/Strategien. Welche wiederkehrenden Thematisierungen, Problematisierungen finden sich? Wie treten Sprecher auf, was sind die Modalitäten der Argumentation? Dabei geben die heuristischen Fragstellungen ein theoretisches Raster vor für das Auffinden relevanter Textstellen.2
(5) Interpretative Analytik
1. Schritt: Beginn der Rekonstruktion der diskursiven Beziehungen
Ausarbeitung des Codesystems. Schluss auf erste Regeln der Aussagen. Was findet sich »regelmäßig« als Problematisierung als Kategorie, als Bewertung? Welche Verknüpfungen finden sich, welche Oppositionen werden ins Spiel gebracht? Identifizierung von Kohärenzen und Widersprüchlichkeiten. Rückbezug zu den Textstellen und Versuch einer rekursiven Prüfung an den codierten Aussagen mit evtl. anschließender Verfeinerung bzw. Korrektur. Klärung: Muss weiteres Material erhoben werden, um den Korpus zu vervollständigen? Dies wäre der Fall, wenn die gefundenen Elemente der diskursiven Formation nicht ausreichend belegt sind oder sich abzeichnet, dass der Korpus ein Regelsystem nicht vollständig abbildet.
(6) Interpretative Analytik
2. Schritt: Fertigstellung der Rekonstruktion Weitere Vernetzung der Diskurselemente. Schluss auf die unterliegende Organisation der Oppositionen und Schemata. Welche impliziten Klassifikationsprinzipien lassen sich erschließen? Lassen sich die gefundenen Oppositionen und Klassifikationen hierarchisch organisieren? Gibt es fundamentale Schemata? Anhand welcher fundamentalen Oppositionen sind die Elemente der diskursiven Formation angeordnet? Rekonstruktion der enthaltenen Tiefenstruktur (Episteme, System der Kollektivsymbole). Rücküberprüfung an den Ergebnissen der beiden vorherigen Schritte. Erneute Klärung: Ist die Regelhaftigkeit ausreichend hinsichtlich aller vier Bereiche rekonstruiert oder erscheint der Diskurs noch unvollständig abgebildet? Gegebenenfalls muss nun selektiv der Korpus noch erweitert werden. Verdichtung auf die zentralen Organisationsprinzipien der Diskursordnung.
(7) Ergebnisaufbereitung und Rückbezug
Darstellung der herausgearbeiteten Wissensordnung. Bei vergleichender Vorgehensweise können nun die verschiedenen Wissensordnungen gegenübergestellt werden. Interpretative Verknüpfung der gewonnenen Ergebnisse zur diskursiven Praxis mit nicht-diskursiven Praxisformen. Mit Bezug auf die Resultate der Theorieformierung und der Sondierungsphase kann nun der Rückbezug erfolgen. Was bedeuten die Befunde über die Diskursordnung und die Regeln der diskursiven Praxis für den Ermöglichungszusammenhang von diskursiven und nicht-diskursiven (institutionellen) Praktiken (= Dispositivanalyse)? Wie stehen verschiedene Diskurse in Beziehung zueinander und wie ist das Verhältnis von Spezialdiskursen und Interdiskursen zu denken (= Interdiskursanalyse)? Welche sozialen Kollektive, Identitäten und sozialen Konflikte sind durch Diskurse wie ermöglicht und artikuliert worden (= Lebensstil- und Sozialstrukturanalyse)? usw.
Anwendungsbeispiel
Theorieformierung: Pierre Bourdieu (1982) hat in seiner einflussreichen Untersuchung »Die feinen Unterschiede« aufgezeigt, dass die unterschiedlichen materiellen Lebensbedingungen in einer Gesellschaft sich in verschiedenen Lebensstilen niederschlagen. Anhand der symbolischen Distinktion, d. h. der Art und Weise, wie Lebensstilkollektive sich unbewusst in der Weise ihres Konsums von Kulturgütern und dem Ausüben kultureller Praktiken (inkl. Sportarten und Freizeittätigkeiten) symbolisch gegeneinander abgrenzen, zeigen sich die Trennlinien einer Gesellschaft. Die in einer Gesellschaft vorhandenen Kulturformen (Genres), also die kulturellen Praktiken und kulturellen Güter werden der Distinktionstheorie zufolge zum zentralen »Material« für die Artikulation von sozialen Unterschieden und damit Identitäten. Die Frage, die sich stellt, ist, wie die Zuordnung von Kultur zu den Lebensstilgruppen, wie also das identitätsstiftende Band zwischen den Dingen und Praktiken einerseits und den Menschen andererseits zustande kommt. Bourdieu hat hier wenig Hinweise gegeben (die dann letztlich materielle Erklärungen bleiben). Hinzu kommt, dass heutzutage die Exklusivität (also der Preis) bei nur wenigen Kulturformen ein Zuordnungskriterium ist. Die meisten Kulturformen sind massenmedial vermittelt, viele werden für Massenmärkte hergestellt, einige sind staatlich subventioniert, die Zugangsbarrieren sind daher zumeist gering. Und: Die heftigsten Distinktionen finden in den Milieus der Mitte statt, wo die Erklärung der Zuordnung durch die materiellen Eigenheiten der Kultur schwierig wird.
Erweitert man die Distinktionstheorie um die Diskurstheorie wird folgende These denkbar: Die Konstruktion des Bandes zwischen Kultur und Lebensstilgruppen erfolgt diskursiv und das kulturelle Wissen ist Resultat einer diskursiven Praxis, sodass man eine »diskursive Kulturproduktion« in den Kulturwelten finden wird. Dort werden nicht nur die kulturellen »Objekte« diskursiv hervorgebracht, sondern auch kulturelle Wissenskonzepte (»Begriffe«) und Problematisierungen, die folgende ästhetische Aspekte diskursivieren: Wie die Kultur hergestellt werden soll, wie sie rezipiert werden soll und wie sie Sinn stiftender Teil der Lebensführung werden kann. Die Rekonstruktion der Tiefenstruktur des jeweiligen kulturellen Wissens verspricht deshalb, eine diskursiv verfasste Ästhetik zu Tage zu fördern, die als eine Erklärung für die identitätsstiftende Wertigkeit der kulturellen Genres für die Lebensstilgruppen angesehen werden kann. Insgesamt wird also die Distinktionstheorie Bourdieus diskurstheoretisch erweitert und zudem ergänzt um Ansätze der neueren amerikanischen Kultursoziologie (des Institutionalismus und der Kulturproduktion in Kulturwelten). Diese Theorie wurde anhand einer beispielhaften Untersuchung »angewandt«, d. h., es sollte gezeigt werden, dass (1) eine Diskursanalyse auf eine Tiefenstruktur stoßen würde (dass es sie also tatsächlich gab) und dass (2) eine vergleichende Diskursanalyse verschiedener Kulturwelten verstehbar machen würde und zeigen, warum sie Produktionsorte für die diskursive Kulturproduktion für unterschiedliche Lebensstilgruppen sind.
In der Sondierungsphase wurde deshalb nach vergleichbaren Kulturwelten gesucht. Populäre Musikformen schienen geeignet zu sein, da Musik so nach Genres und Subgenres unterdifferenziert ist, dass erwartet werden konnte, dass sich unterschiedliche Diskursordnungen als Spezialdiskurse im massenmedialen Interdiskurs herausgebildet hatten (Diaz-Bone 2010). Die Musikwelten von Techno und Heavy Metal wurden ausgewählt, da sie zu den einflussreichsten Genres der 1990er Jahre gehörten, beide eine starke Distinktionskraft hatten und belegt werden konnte, dass die Hörerschaften sich sozialstrukturell in verschiedenen Regionen der Mitte verorten ließen. Diana Crane (1992) hat ein Modell der Mediendifferenzierung vorgeschlagen, das sich auf die Differenzierung zwischen Spezialdiskursen von Kulturwelten (z. B. Special-Interest-Zeitschriften) und Interdiskursordnungen des Medien-Mainstreams (z. B. nationale Zeitungen, die populären Formate der Fernsehsender) beziehen lässt. Etwas vereinfachend kann man sagen, dass die Medienperipherie die kulturweltlichen Medien-foren beinhaltet, während das Medienzentrum im Sinne Links die Sphäre der Interdiskurse ist. Als kulturweltliche Medienforen für die populären Musikwelten wurden spezielle Musikzeitschriften als »Zentralorgane« der diskursiven Distinktion ausgemacht, hier wurde mit den Redaktionen eine bedeutende Sprecherposition ausgemacht, anhand von Texten war der Diskurs über »Musik« gezwungen sich niederzuschlagen, waren alle Thematisierungen, Problematisierungen, Strategien der Musikwelten textlich dokumentiert. Es wurden Daten gesammelt, welche Zeitschriften vorhanden waren, was ihre Auflagen waren, und es wurde in Gesprächen mit Vertretern aus beiden Musikwelten und anhand vorgängiger Forschungen geprüft, welchen Status welche Medien in der Technowelt und der Metalwelt innehatten. Da absehbar wurde, dass eine größere Textmenge in zwei Korpora eingehen würde, wurde geprüft, ob ein qualitatives Datenanalyseprogramm die Diskursanalyse hinsichtlich Materialorganisation, Rekursivität und Systematik unterstützen konnte. Problematisch war dabei, dass das elaborierte QDAS auf die Methodologie der Grounded Theory (→ Lampert, S. 596 ff.) bezogen ist. Entsprechend musste das Codiermodell kontrolliert und diskursanalytisch umgearbeitet werden. Schließlich wurde ATLAS/ti verwendet.
Für die beiden Korpora wurden die redaktionellen Beiträge der Zeitschriften Raveline und METAL HAMMER der ersten Jahreshälfte 1999 herangezogen. Diese wurden eingescannt. Um die analytische Sensibilität zu erhöhen und die Aufmerksamkeit für die ersten Analyseschritte kontinuierlich beizubehalten, wurde ein Set heuristischer Fragestellungen entwickelt, die auch die Funktion hatten, die Anwendung der Theoriebasis auf den Korpus zu unterstützen. Darunter waren Fragen wie: Welche Qualitäten werden als verantwortlich für die Entstehung der Qualität von »Kunst« und »Kultur« thematisiert? Worin besteht die Leistung der Produzenten? Wie werden Arbeitsbedingungen und das Arbeitsethos dargestellt? Welche Dimensionen treten für die Klassifikation der Kunst und Kultur hervor? Welche Adjektive, Metaphern, Symbole werden verwendet? Was gilt als Werk? Woraus besteht es, welche Bedeutung hat es? Was sind Kriterien für gute und schlechte Kunst und Kultur? Wer kann sich legitim äußern? Was befähigt ihn dazu? Wie sollen Kunst und Kultur ausgestellt, aufgeführt und vertrieben werden? Wie soll das Werk erlebt werden? Wie soll das Publikum mit den Werken umgehen und sich verhalten? Für wen ist die Kunst und Kultur gedacht? usw.
Die Oberflächenanalyse konnte damit aufgenommen werden. Hier wurden zunächst der Textkorpus der Zeitschrift METAL HAMMER (Metalwelt) mehrfach durchgesehen und nach und nach festgehalten (codiert), welche Aspekte (»Begriffe«, »Objekte«, »Sprechermodalitäten«, »Thematischen Wahlen/Strategien«) auftraten. Anschließend wurden für den Textkorpus der Zeitschrift Raveline (Technodiskurs) diese Durchsichten absolviert. Dabei wurde darauf geachtet, dass die ersten Befunde für den Metaldiskurs nicht einfach als Analysekategorien auf die Analyse des Technodiskurses übertragen wurden, sondern die beiderseitigen Besonderheiten zur Geltung kamen.
Im nächsten Schritt wurde die interpretative Analytik durchgeführt. Deren Resultate zeigen, dass die Musik in beiden Musikwelten völlig unterschiedlich diskursiv konstruiert und mit anderen Themen verknüpft wird. Vergegenwärtigt man sich, dass heutzutage im Grunde jede Musik (also auch Heavy Metal) rein elektronisch hergestellt werden könnte, dass die Elektronik und die digitale Nachbereitung in die Verstärkertechnik des Heavy Metal längst Einzug gehalten hat, viele Heavy Metal-Subgenre dem Sound von angrenzenden Techno-Subgenres nicht unähnlich sind, so wird schnell deutlich, dass die nicht-diskursive »Realität« keine Erklärungsgrundlage bietet für die diametral kontroversen Diskurse. Erst die Diskurse machen aus der »Musik« eine sozial relevante Sinnsphäre, die ohne diskursive Praktiken semantisch offen, also unbestimmt bliebe. Insgesamt lässt die Metalwelt eine handwerkliche Diskurslogik erkennen, in der die Erarbeitung und die handwerkliche Qualität der Musik das Arbeitsethos der Musiker ausmacht. Sich schrittweise steigern (wie die Stufen der handwerklichen Ausbildung: Lehrling-Geselle-Meister), intensiv proben, hart seinen eigenen Erfolg erarbeiten und so rechtfertigen, die eigenen Stücke selbst und arbeitsteilig herstellen (komponieren, aufnehmen und aufführen) können, auf der Bühne die Musik selbst auch so reproduzieren können, wie sie auf dem Album klingt, sind zentrale Elemente des Metaldiskurses. Die Band wird als die dauerhafte, identitätsstiftende Produktionseinheit gedacht, die letztlich verantwortlich ist für die Integration verschiedener Musiker und die Kontinuität ihrer Produkte. Der Technodiskurs hat eine Nähe zum Berufsethos von Selbständigen und Freiberuflern. Hier zählt das Grenzgängertum (Transfergewinne erzielen) und das Sampeln von Stücken anderer, die man eben nicht selbst komponiert hat. Das Arbeitsethos integriert Spaß und Professionalität, die künstlerische Identität speist sich diskursiv aus dem Netzwerk verschiedener Projekte und ist nicht eingeengt durch die Erwartung einer kontinuierlichen Entwicklung und Steigerung. Technomusiker sind im engeren Sinne Allrounder, Programmierer und Mixer; das dominierende Selbstkonzept ist dasjenige von Künstler-Unternehmern.
Ergebnisaufbereitung und Rückbezug: Verdichtet man die aufgefundenen Diskurselemente und schließt auf die Tiefenstruktur der beiden Diskursordnung, kann man anhand von Aspekten, wie sie ausschnittsweise in Abbildung 1 dargestellt sind, eine vergleichende Gegenüberstellung durchführen.
Die ersten beiden Reihen stellen hier die Grundstruktur (Tiefenstruktur) der beiden Diskurse dar. Hierbei handelt es sich um eine epistemische Grundstruktur, die auch Sozio-Episteme genannt werden kann. Die unterschiedliche Diskursivierung der Musik und der darauf bezogenen Lebensstilformen führt in beiden Musikwelten zu je eigenen, diskursiv formulierten Ethiken. Die von Bourdieu behauptete Verbindung zwischen Ästhetik (was wird warum als schön empfunden) und Ethik (im Sinne eines Ethos, der die Grundhaltung zu Dingen und Menschen ist), wird diskursiv hergestellt: Erst durch das Wissen um die »Musik«, wird diese zu einem Wissenselement. So erhält sie einen sozialen Sinn, der in der Lage ist, das Band zwischen den Lebensstilkollektiven und der Kultur zu bilden. Praktisch wirkt sich die Sozio-Episteme zum Beispiel als organisierendes Schema für das Erleben (die Rezeption) der Musik aus. Der Rückbezug der diskursanalytisch gewonnenen Resultate erfolgt dann, indem die Schlussfolgerungen für die soziologische Sozialstrukturanalyse gezogen wurden.

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