Kitabı oku: «Romanistik und Wirtschaft»
Lidia Becker / Julia Kuhn
Romanistik und Wirtschaft
Romanistisches Kolloquium XXXIII
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2021 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISBN 978-3-8233-8420-5 (Print)
ISBN 978-3-8233-0277-3 (ePub)
Inhalt
Einleitung
Zwischen Terminologie und Allgemeinsprache1 Ein Beispiel2 Einleitung3 „Allgemeine Wissenschaftssprache“ und „Fachstil“ nach Forner und Tutin 2007a4 Augmenter, diminuer…: Quantitive Ausdrücke in Wirtschaftsdiskursen5 Rankings in Sport- und in Wirtschaftsdiskursen5.1 Der statische Aspekt5.2 Der dynamische Aspekt (Wettrennen-Metapher)6 SchlussBibliographie
Sprachverwendung im digitalen Arbeitsmarkt 1 Einführung 2 Zum Neologismus ubériser / ubérisation / uberizzare / uberizzazione 3 Der Sprachgebrauch der Gig-Economy 4 Schlussbetrachtung Literatur Internet-Links [letzter Zugriff jeweils 21.11.2018]
Semantisch-konzeptuelle Asymmetrien zwischen deutscher und spanischer Wirtschaftssprache 1 Einleitung 2 Externe Wortvorstellung 3 Interne Wortvorstellung: Motivationsbeziehungen 4 Interne Wortvorstellung: syntagmatische Relationen 5 Die Begriffsebene: Landesspezifika 6 Die Begriffsebene: Sprachspezifika 7 Schlusswort Bibliographie
Corporate Social Responsibility kommunizieren1 Einleitung2 Gas Natural Fenosa – Naturgy3 Methode und Korpus4 Die diachrone Perspektive5 Die regionale Perspektive6 SchlussfolgerungenBibliographieKorpusSekundärliteratur
Das funktionale Spektrum der Metonymie1 Einleitung2 Der Metonymiebegriff3 Metonymien in Marketingtheorie und -praxis3.1 Metonymische Werbung3.2 Metonymische Markennamen3.3 Metonymische Marketingtermini4 SchlussbetrachtungBibliographieSekundärliteraturBeispiele
Zur Synonymie in der französischen Wirtschaftssprache am Beispiel einer Textsorte der externen Unternehmenskommunikation0 Einleitung1 Zum Synonymiebegriff im vorliegenden Beitrag2 Zur Situierung der Textsorte Konzerngesamtergebnisrechnung in der Unternehmenskommunikation3 Zur terminologischen Variation in Konzernabschlüssen3.1 état du résultat net (Konzerngesamtergebnisrechnung)3.2 produits (Umsatzerlöse)3.3 résultat opérationnel (Betriebsergebnis)3.4 résultat financier net (Finanzergebnis)3.5 résultat avant impôt (Gewinn vor Steuern)3.6 résultat net (Gewinn)3.7 Fazit zur terminologischen Variation4 Zu den Sinnrelationen zwischen den diskursiven, textsortenfunktionalen Nahe-Synonymen4.1 produits (Umsatzerlöse)4.2 résultat net (Gewinn)5 FazitBibliographieInternetquellen
Carlo Colucci Uomo Mare und Chevalier de Bayard1. Einleitung2. Material und Methode3. Die romanischen Sprachen im Zeitverlauf3.1 Die romanischen Sprachen insgesamt3.2 Die romanischen Sprachen im Vergleich untereinander4. Funktionen der verschiedenen romanischen Sprachen in deutschen Markennamen5. Zusammenfassung und AusblickLiteraturInternetquellen
Echo der anderen romanischen Sprachen in italienischen Markennamen1 Italienische Sprachpolitik und fremdsprachliche Markennamen1.1 Die Rolle der Sprachauswahl bei den Markennamen1.2 Das untersuchte Corpus2 Analyse des Materials aus den Corpora2.1 Die romanischen Sprachen im Corpus 1904-19802.2 Die romanischen Sprachen im Corpus 2004-20082.3 Die romanischen Sprachen im Corpus aus den Jahren 2014-20152.4 Die romanischen Sprachen im Corpus aus den Jahren 2015-20173 SchlusswortBibliographieSitographie
Strategien der Benennung von WLAN-Netzen in der Romania1 Einleitung2 Korpus und Analysemethode3 Benennungsstrategien öffentlicher WLAN-Netze4 Benennungsstrategien privater WLAN-Netze4.1 Eigennamen mit oder ohne Lokalisierungsangaben4.2 Selbstcharakterisierungen: Bezug auf persönliche Vorlieben4.3 Der spielerisch-kreative Bezug auf die technischen Modalitäten der WLAN-Nutzung4.4 Die kreative Abwandlung von Lexemen und Redensarten4.5 Zitate4.6 Die direkte Ansprache von Personen5 Zusammenfassung und AusblickLiteratur
Neologismen in der italienischen Mediensprache 1 Einleitung 2. Anthroponyme und anthroponymisch basierte blends als Markennamen 3. Phonologische Aspekte des blendings in Paarnamen 4. Semantische Aspekte der/in/bei Paarnamen 5. Pragmatische Aspekte der Verwendung anthroponymbasierter blendings 6. Erklärungsversuche 7. Conclusio Bibliographie Internetquellen
Lang kreyòl kòm dezyèm lang ofisyel 1 Die Handelsorganisation CARICOM 2 Französisch und Kreolisch in Haiti 3 Französisch als offizielle Sprache der CARICOM 4 Die Rolle des Kreyòl ayisyen in der CARICOM 5 Haiti und die Frankophonie 6 Aktuelle Entwicklung und Fazit Bibliographie Digitale Quellen
S’est riches de nostre desserte Cil, por cui nos nos traveillons1 Einleitung: Text und Übersetzung(en)2 Modernität der Textstelle2.1 Sozialer Realismus?2.2 Kritische Stimmen3 Erkenntnisse der mittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte4 Normannisch-byzantinischer Hintergrund5 Funktion der EpisodeLiteratur
ʻWirtschaft und Sprachenʼ 1 Einführung 2 Der Studiengang 3 Fazit
Wirtschaftsromanistik 1 Wirtschaftsromanistik 2 Wirtschaftslinguistik 3 Der Kernbereich der Wirtschaftskommunikation 4 Der Erweiterungsbereich der Wirtschaftslinguistik 5 Überblick über Themen von Abschlussarbeiten im Bereich der Wirtschaftsromanistik 6 Schlussfolgerungen und Desiderata Bibliographie

Einleitung
Das XXXIII. Romanistische Kolloquium, das vom 31. Mai bis 2. Juni 2018 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena veranstaltet wurde, widmete sich dem Thema „Romanistik und Wirtschaft“. In einer Zeit, in der Wirtschaft und Arbeitsmarkt durch rezente Phänomene wie Globalisierung, gemeinsame Märkte, länderübergreifende Handelsorganisationen, Zollunionen, Digitalisierung, neue Wirtschaftsformen – die mitunter sozial prekäre Beschäftigungsverhältnisse implizieren – starken Veränderungen unterworfen sind, ist es eine der zentralen Aufgaben der Linguistik, die sprachlichen Auswirkungen und Implikationen dieser rezenten Entwicklungen zu thematisieren und aufzuzeigen, welche diskursiven Realitäten konstruiert, welche sprachlichen Verschleierungsstrategien angewandt werden, welche neuen Textsorten interkulturell hervorgebracht werden, welche konzeptionellen Asymmetrien in den Wirtschaftssprachen verschiedener Länder auftreten, welche assoziativen ergonymischen Strategien angewandt werden, welche machtpolitischen Auswirkungen die Sprachenwahl gemeinsamer Märkte mit sich bringt u.v.m..
Die Beiträge des Bandes widmen sich dementsprechend in erster Linie zwei großen Themenbereichen: einerseits der Auseinandersetzung mit der aktuellen Fachsprache Wirtschaft in der Romania, andererseits der Ergonymik und Neologismenbildung in den romanischen Sprachen. Daran schließen sich zusätzlich Ausblicke auf die Sprachpolitik gemeinsamer Märkte, auf die textuelle Darstellung historischer wirtschaftlicher Realitäten, auf universitäre Studienmöglichkeiten von Wirtschaft und Sprache, sowie auf zukünftige Betätigungsfelder und Desiderata an.
Konkret thematisiert dieser Band verschiedene Zusammenhänge, die zwischen Romanistik und Wirtschaft bestehen. Ausgehend von der Frage, ob die Annahme einer klaren Dichotomie zwischen wirtschaftlicher Fachsprache und Allgemeinsprache ausreiche, oder eine „Mittlere Schicht“ zusätzlich anzusetzen sei, führt der Band weiter zu neuen, digital bedingten Wirtschaftsformen und der Sprachverwendung in diesen neuen Kontexten. In der Folge wird die relative Einheitlichkeit von Fachsprache durch die Hegemonie des Englischen thematisiert, gleichzeitig auf bestehende fehlende Bedeutungsentsprechungen deutscher und spanischer Wirtschaftstermini eingegangen. Der Band führt weiter zu einem innerhispanophonen Vergleich kultureller Anpassung anhand der Textsorte Nachhaltigkeitsbericht. In der Folge wird der bestehende linguistische Informationsbedarf im Bereich des Marketings thematisiert und ausgehend von kognitionslinguistischen Theorien das funktionale Spektrum von Metonymien im Marketing beschrieben. Es folgt eine Betrachtung von Synonymie und Konzernabschlüssen. Weiter führt der Band in den Bereich der Produktonomastik, geht auf romanische Namen sowohl in Deutschland als auch in Italien ein und zeigt Benennungsstrategien von WLAN-Netzen in Frankreich und Italien. Im Anschluss werden anthroponymbasierte blendings in der Mediensprache thematisiert. Es folgt die Auseinandersetzung mit der Sprachenfrage von Handelsorganisationen wie CARICOM und deren Auswirkungen. Die historische Perspektive wird mit der Betrachtung der Pesme Aventures in Chrestiens Yvain (um 1170) als Abbildung der wirtschaftlichen Realität der Zeit und Hinterfragung deren Funktion aufgegriffen. Der Band schließt mit Ausblicken auf Studienmöglichkeiten von Romanistik und Wirtschaft an deutschen Universitäten und der Formulierung von nach wie vor bestehenden Desiderata in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Romanistik und Wirtschaft.
Die einzelnen Beiträge gestalten sich dabei wie folgt: Den Einstieg bildet der Beitrag von Eva Lavric („Zwischen Terminologie und Allgemeinsprache“), die argumentiert, dass das Ansetzen einer Dichotomie Allgemeinsprache vs. Fachsprache Wirtschaft nicht ausreicht, sondern vielmehr zusätzlich eine „Mittlere Schicht“ anzunehmen ist. Darunter versteht Lavric nicht-terminologische sprachliche Elemente, die durch ihre Frequenz und Funktion bestimmte – aber nicht alle – fachsprachlichen Diskurse kennzeichnen, wobei verwandte Fächer quasi gebündelt gewisse semantische (beispielsweise Sport-Metaphern wie Wettrennen) und syntaktische Elemente bevorzugen.
Im Anschluss thematisiert Antje Lobin die „Sprachverwendung im digitalen Arbeitsmarkt“. Sie zeigt, dass die Digitalisierung zu tiefgreifenden Veränderungen des Arbeitsmarktes geführt hat, die neue Wirtschaftsformen und Beschäftigungsmodelle, wie etwa die Gig-Economy, hervorgebracht haben. Diese gesellschaftlichen und unternehmerischen Entwicklungen schlagen sich auch im Sprachgebrauch nieder. Um den hier implizierten vielfach geringeren Grad an Bindung und Verantwortung gegenüber den (Gelegenheits-)Beschäftigten zu kaschieren, werden euphemistisch Argumente wie Selbstbestimmung und Autonomie angeführt sowie eine Rhetorik der Vergemeinschaftung gewählt. Die entsprechenden Begrifflichkeiten und Benennungsmuster können zu den Konzepten der political correctness oder des doublespeak in Beziehung gesetzt werden. In einer Fallstudie zum Italienischen und Französischen beleuchtet und systematisiert die Verfasserin diese.
Weiterführend geht Franz Rainer („Semantisch-konzeptuelle Asymmetrien zwischen deutscher und spanischer Wirtschaftssprache“) auf die Fachsprache der Wirtschaft ein. Er zeigt, dass diese vor allem durch die Hegemonie des Englischen, in ihrer begrifflichen Struktur über die Sprachen hinweg außerordentlich homogen ist. Dennoch stößt man bei der Suche nach Entsprechungen zwischen deutschen und spanischen Wirtschaftstermini immer wieder auf Fälle, in denen keine genaue Übereinstimmung in den Bedeutungen gegeben ist. In Franz Rainers Beitrag, der aus der lexikographischen Praxis erwachsen ist, wird auf der Basis von Andreas Blanks Bedeutungsbegriff eine Systematisierung der angetroffenen Asymmetrien unternommen.
Auf die Textsorte Nachhaltigkeitsbericht gehen im Anschluss Pilar Pérez Cañizares und Johannes Schnitzer ein („Corporate Social Responsibility kommunizieren: Intertextuelle Beziehungen in den Nachhaltigkeitsberichten des spanischen Unternehmens Gas Natural Fenosa“): Corporate (Social) Responsibility (CSR) und Nachhaltigkeit sind in der kurzen Zeit ihres massiven Gebrauchs zu Schlüsselwörtern in der Unternehmenskommunikation avanciert. Die Textsorte Nachhaltigkeitsbericht ist bisher jedoch aus linguistischer Perspektive eher wenig untersucht worden. Insbesondere die Frage ihrer Entwicklung und ihrer Anpassung an unterschiedliche Kulturräume ist weitgehend unerforscht. Beiden Fragen wird in diesem Beitrag anhand einer exemplarischen Analyse nachgegangen. Zu diesem Zweck wurden die CSR-Berichte eines spanischen Unternehmens mit starker Präsenz in lateinamerikanischen Ländern unter zeitlicher und regionaler Perspektive miteinander verglichen, um Unterschiede und Parallelitäten zwischen diesen Dokumenten festzustellen. Die Ergebnisse dieser ersten Untersuchung weisen darauf hin, dass sich das Spannungsfeld zwischen Adaptierung und Beibehaltung einer konzernweiten Identität komplexer darstellt, als man intuitiv vermuten würde.
Im Kontext von Marketing und Linguistik ist Regina Gökes Beitrag „Das funktionale Spektrum der Metonymie. Beispiele aus Marketingtheorie und -praxis“ angesiedelt, der von kognitonslinguistischen Theorien ausgehend Metonymie und deren funktionales Spektrum beschreibt. Denn obwohl das Fach Marketing tendenziell eher quantitativ ausgerichtet ist, gibt es qualitative, sprachorientierte Forschungsansätze. Diese Arbeiten stellen vor allem Metaphern ins Zentrum ihrer Betrachtungen. Andere Tropen wie die Metonymie oder die Synekdoche bleiben eher ausgeklammert oder werden als Unterarten der Metapher aufgefasst. Zudem werden aktuelle kognitionslinguistische Theorien kaum berücksichtigt. Insgesamt besteht innerhalb des Marketings also ein linguistischer Informationsbedarf, und dieser wird neuerdings auch von qualitativ orientierten Marketingforschern aufgezeigt. An dieser Schnittstelle zwischen Marketing und Linguistik ist Regina Gökes Beitrag zu verorten. Er geht von aktuellen kognitionslinguistischen Theorien aus und beschreibt anhand verschiedener Beispiele aus Marketingtheorie und -praxis das funktionale Spektrum von Metonymien. Darüber hinaus werden Forschungsdesiderata in diesem interdisziplinären Grenzbereich benannt.
Lexikalische Relationen behandelt auch Miriam Leibbrand in ihrem Beitrag „Zur Synonymie in der französischen Wirtschaftssprache am Beispiel einer Textsorte der externen Unternehmenskommunikation“. Die Verfasserin setzt sich mit Synonymie am Beispiel von Konzernabschlüssen börsennotierter Unternehmen auseinander und orientiert sich dabei an empirisch erhobenen Daten authentischen Sprachgeschehens.
Es folgt eine Reihe von Beiträgen, die (produkt-)onomastische Fragestellungen thematisieren. So der Beitrag von Elke Ronneberger Sibold („Carlo Colucci Uomo Mare und Chevalier de Bayard. Romanische Sprachen in deutschen Markennamen (1894 – 2008)“), in dem die Verfasserin zeigt, dass romanische Sprachen in deutschen Markennamen vor allem verwendet werden, um sowohl das benannte Produkt durch positive Assoziationen mit den entsprechenden Ländern als auch seinen Käufer oder seine Käuferin durch die (unterstellte) Kenntnis der romanischen Sprachen und Kulturen aufzuwerten. In beiden Hinsichten unterscheiden sich vor allem das Französische einerseits und die Sprachen der Mittelmeerreiseländer Italienisch, Spanisch und Portugiesisch (im Beitrag „romanisch“ genannt) andererseits. Auch die vorwiegenden sprachlichen Mittel zur Erzeugung der positiven Assoziationen und die bevorzugt benannten Waren sind verschieden. Von 1894 bis 1994 wechselten sich „französische“ und „romanische“ Epochen ab. Erst im neuen Jahrtausend werden die französischen Namen durch spezifisch italienisch markierte abgelöst. Die historische Entwicklung lässt sich weitgehend durch die parallele politische, soziokulturelle und wirtschaftliche Geschichte Deutschlands erklären.
Während sich Ronneberger-Sibold mit romanischen Namen in Deutschland auseinandersetzt, thematisiert Paola Cotticelli in ihrem Beitrag „Echo der anderen romanischen Sprachen in italienischen Markennamen. Konnotationen im Vergleich“ fremdsprachige Ergonyme in Italien. Sie untersucht die Verwendung von Fremdsprachen in italienischen Markennamen und zeigt, dass diese den wechselnden sprachpolitischen Tendenzen im Laufe des 20. Jahrhunderts entsprechen. Waren demnach am Anfang des 20. Jahrhunderts fremdsprachliche Markennamen noch selten zu finden, und wenn überhaupt, nur für bestimmte Produkte, werden vor allem anglisierte Namen seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts häufiger gebraucht. Cotticelli zeigt jedoch, wie es sich mit Markennamen verhält, die sprachlich den romanischen Sprachen näherstehen und analysiert ihre Verwendung in Bezug auf die damit verbundenen Konnotationen.
Nadine Rentel stellt in ihrem Beitrag „Strategien der Benennung von WLAN-Netzen in der Romania“ französisch- und italienischsprachige Benennungen von öffentlichen und privaten WLAN-Netzen gegenüber und zeigt, dass die bei klassischen Produktnamen zu beobachtende werbende und valorisierende Funktion bei der Benennung von WLAN-Netzen eine weit geringere Rolle spielt. Daher sind z. B. öffentliche, frei zugängliche WLAN-Netze wenig originell, dafür aber transparent benannt, während private Access-points selbstcharakterisierende oder zitierende Benennungen aufweisen.
Einen Blick auf die Mediensprache und die hier intendierte werbende bzw. Aufmerksamkeiterregende Funktion von diskursiven Elementen werfen Holger Wochele und Fiorenza Fischer in ihrem Beitrag „Neologismen in der italienischen Mediensprache. Entwicklungstendenzen in der Wortbildung und Erklärungsversuche zu möglichen auslösenden Faktoren“. Sie thematisieren als Neologismen in der Mediensprache auftretende binäre anthroponymbasierte blendings wie z. B. Renzusconi und analysieren diese phonologisch, semantisch und pragmatisch.
Auf die Betrachtung von Benennungsstrategien im (weiten) Marketingkontext folgt die Auseinandersetzung mit der Sprachpolitik gemeinsamer Märkte. So thematisiert Andre Klump in seinem Beitrag „Lang kreyòl kòm dezyèm lang ofisyel“ die Sprachenfrage in der regionalen Handelsorganisation CARICOM. Es zeigt sich, dass ähnlich wie im Falle des Gemeinsamen Marktes Südamerikas, dem MERCOSUR, bei dem im Jahre 2006 eine indigene Sprache – das Guaraní – als dritte offizielle Sprache neben dem Spanischen und Portugiesischen eingeführt wurde, auch die Karibische Gemeinschaft CARICOM seit 2011 die strategische Frage der Institutionalisierung einer neuen Verwaltungs- und Arbeitssprache neben dem Englischen bewegt. Die damalige Forderung des haitianischen Präsidenten Michael Martelly, diesen Status dem Französischen zu verleihen, löste in seinem Land eine lebhafte Sprach(en)debatte zum Stellenwert des Kreyòl ayisyen aus. Andre Klumps Beitrag dokumentiert am Beispiel Haitis, wie die Sprachpolitik länderübergreifender Handelsorganisationen, regionaler Märkte und Zollunionen einen öffentlichen nationalen Diskurs um Potential, Wertigkeit und Funktionalität des eigenen Idioms auslösen können.
Historisch ausgerichtet ist der Beitrag von Philipp Burdy „S’est riches de nostre desserte Cil, por cui nos nos traveillons. Ein früher französischer Wirtschaftsdiskurs (Chrestien de Troyes, Yvain, vv. 5191–5337)“, der die Episode der Pesme Aventure in Chrestiens Yvain (um 1170) thematisiert. Diese ist bereits vielfach kommentiert und gedeutet worden, und zwar mehrheitlich als Abbildung sozialer und wirtschaftlicher Realität im Frankreich des 12. Jahrhunderts. Burdys Beitrag liefert einen Überblick über die fachwissenschaftliche und publizistische Rezeptionsgeschichte dieser Textstelle, die durch ihre ökonomische Aktualität überrascht, geht auf textkritische Probleme ein und wirft erneut die Frage nach möglichen Quellen und der Funktion der Passage auf.
Die beiden abschließenden Beiträge von Anna Scheer („ʻWirtschaft und Sprachenʼ. Vorstellung eines interdisziplinären Studienprogramms der Friedrich-Schiller-Universität Jena“) und Otto Winkelmann („Wirtschaftsromanistik. Erfahrungen und Perspektiven“) führen zurück in die Gegenwart und blicken in die Zukunft. Die VerfasserInnen stellen Studiengänge an deutschen Universitäten (wie die Friedrich-Schiller-Universität Jena und die Justus-Liebig-Universität Gießen) vor, die Romanistik und Wirtschaft verbinden. Otto Winkelmann formuliert zudem ausblickend aus seiner Sicht weiterhin bestehende Desiderata und zeigt auf, welche Bereiche im Kontext „Romanistik und Wirtschaft“ zukünftig noch zu bearbeiten bleiben.
Die HerausgeberInnen bedanken sich bei Kathrin Heyng (Narr Francke Attempto Verlag) für die Betreuung der vorliegenden Publikation sowie bei Claudia Brauer für ihre unermüdliche, umsichtige und sorgfältige Unterstützung bei der Erstellung der Druckvorlage.
Lidia Becker
Julia Kuhn
Christina Ossenkop
Claudia Polzin-Haumann
Elton Prifti
Zwischen Terminologie und Allgemeinsprache
Fachdiskurse haben eine „Mittlere Schicht“1
Eva Lavric
1 Ein Beispiel
Kann sich nach dem Brexit Paris Hoffnungen darauf machen, London als europäisches Finanzzentrum abzulösen? Und wäre das überhaupt gut für die „Stadt der Liebe“? Lesen wir, was der Kommentator des „Figaro“ dazu zu sagen hat:
| 1) | Londres est la plus grande place financière mondiale. Elle gère 20 % des actifs des hedge funds mondiaux, 85 % des actifs des hedge funds européens et 45 % du marché des dérivés de gré à gré. […] Elle est la première place mondiale pour le marché des changes, contrôlant plus de 40 % du marché des devises […]. Elle est première aussi pour les crédits bancaires internationaux, les produits dérivés, les marchés des métaux et de l'assurance. Elle occupe la deuxième place du palmarès mondial (derrière New-York) pour les emprunts internationaux, dont elle fournit près de 20 % des prêts. Elle assure 60 % des mouvements financiers européens et est la seule place financière européenne vraiment globale. […] Paris ne peut ni ne doit chercher à remplacer Londres. Si Paris devenait le nouveau hub financier de l'Europe et attirait les 400 000 professionnels de la finance de la City, avec leur fort pouvoir d'achat, cela provoquerait une explosion du coût de l'immobilier, déjà astronomique dans la capitale française. Paris est la deuxième ville la plus chère d'Europe, derrière Londres où les prix ont bondi de 76 % de 2009 à 2016 (alors que les salaires britanniques n'ont pas augmenté). Socialement, un coût de l'immobilier élevé contribue à la montée des injustices et des inégalités et met en difficulté des pans entiers de la population, reléguant les plus faibles loin des métropoles. 1 |
Das ist ein Wirtschafts-Text, aber aus einer Tageszeitung, es spricht also ein Experte zu einem – wahrscheinlich interessierten und eher gut informierten – Publikum. Um zu zeigen, was mit der „Mittleren Schicht“ und der Zone „zwischen Terminologie und Allgemeinsprache“ gemeint ist, werde ich in diesem Text verschiedene Arten von Elementen unterstreichen.
Ich beginne (unterstrichen) mit jenen Ausdrücken, die man als wirtschaftliche Fachtermini bezeichnen kann; diese Termini sind für ein (Mehr-oder-weniger-)Laien-Publikum mehr oder weniger transparent; ihre Dichte und ihre partielle Opazität genügen, um diesen Text gegenüber einem allgemeinsprachlichen Diskurs als fachsprachlich zu kennzeichnen:
| 1) | Londres est la plus grande place financière mondiale. Elle gère 20 % des actifs des hedge funds mondiaux, 85 % des actifs des hedge funds européens et 45 % du marché des dérivés de gré à gré […]. Elle est la première place mondiale pour le marché des changes, contrôlant plus de 40 % du marché des devises […]. Elle est première aussi pour les crédits bancaires internationaux, les produits dérivés, les marchés des métaux et de l'assurance. Elle occupe la deuxième place du palmarès mondial (derrière New-York) pour les emprunts internationaux, dont elle fournit près de 20 % des prêts. Elle assure 60 % des mouvements financiers européens et est la seule place financière européenne vraiment globale. […] Paris ne peut ni ne doit chercher à remplacer Londres. Si Paris devenait le nouveau hub financier de l'Europe et attirait les 400 000 professionnels de la finance de la City, avec leur fort pouvoir d'achat, cela provoquerait une explosion du coût de l'immobilier, déjà astronomique dans la capitale française. Paris est la deuxième ville la plus chère d'Europe, derrière Londres où les prix ont bondi de 76 % de 2009 à 2016 (alors que les salaires britanniques n'ont pas augmenté). Socialement, un coût de l'immobilier élevé contribue à la montée des injustices et des inégalités et met en difficulté des pans entiers de la population, reléguant les plus faibles loin des métropoles. |
Ich habe diese Termini eigentlich nur deswegen unterstrichen, weil ich zeigen möchte, dass sie nicht die Gesamtheit des Texts ausmachen, sondern dass zwischen ihnen etwas bleibt, was als „Umfeld der Termini“ bezeichnet werden kann. Dieses „Umfeld“ ist das Eigentliche, was mich in diesem Beitrag interessiert. Die Umgebung der Termini im Fachdiskurs besteht nämlich nicht ganz einfach aus „Allgemeinsprache“, „Alltagssprache“, oder wie immer man all das bezeichnen will, was nicht der Fachsprache zugeordnet werden kann. Ein Großteil des Umfelds der Termini besteht aus Elementen, die zwar nicht terminologisch, aber für die jeweilige Fachsprache bzw. den jeweiligen Fachdikurs in hohem Maße charakteristisch sind (fett):
| 1) | Londres est la plus grande place financière mondiale . Elle gère 20 % des actifs des hedge funds mondiaux , 85 % des actifs des hedge funds européens et 45 % du marché des dérivés de gré à gré. […] Elle est la première place mondiale pour le marché des changes, contrôlant plus de 40 % du marché des devises […]. Elle est première aussi pour les crédits bancaires internationaux, les produits dérivés, les marchés des métaux et de l'assurance. Elle occupe la deuxième place du palmarès mondial (derrière New-York) pour les emprunts internationaux, dont elle fournit près de 20 % des prêts. Elle assure 60 % des mouvements financiers européens et est la seule place financière européenne vraiment globale. […] Paris ne peut ni ne doit chercher à remplacer Londres. Si Paris devenait le nouveau hub financier de l'Europe et attirait les 400 000 professionnels de la finance de la City, avec leur fort pouvoir d'achat, cela provoquerait une explosion du coût de l'immobilier, déjà astronomique dans la capitale française. Paris est la deuxième ville la plus chère d'Europe, derrière Londres où les prix ont bondi de 76 % de 2009 à 2016 (alors que les salaires britanniques n'ont pas augmenté ). Socialement, un coût de l'immobilier élevé contribue à la montée des injustices et des inégalités et met en difficulté des pans entiers de la population, reléguant les plus faibles loin des métropoles. |
Die sprachlichen Mittel in Fettdruck sind charakteristisch für Wirtschaftsdiskurse, und zwar durch ihre Frequenz wie auch durch ihre spezielle Funktion. Sie können auch in Diskursen verwandter Disziplinen auftreten, aber ihre Frequenz in der „Allgemeinsprache“ wie auch in den Sprachen entfernterer Disziplinen ist deutlich niedriger, sie sind dort nicht als besonders typisch anzusehen. Beschränken wir uns bei den Hervorhebungen nun ausschließlich auf die im Fokus stehenden Elemente:
| 1) | Londres est la plus grande place financière mondiale . Elle gère 20 % des actifs des hedge funds mondiaux , 85 % des actifs des hedge funds européens et 45 % du marché des dérivés de gré à gré. […] Elle est la première place mondiale pour le marché des changes, contrôlant plus de 40 % du marché des devises […]. Elle est première aussi pour les crédits bancaires internationaux, les produits dérivés, les marchés des métaux et de l'assurance. Elle occupe la deuxième place du palmarès mondial (derrière New-York) pour les emprunts internationaux, dont elle fournit près de 20 % des prêts. Elle assure 60 % des mouvements financiers européens et est la seule place financière européenne vraiment globale. […] Paris ne peut ni ne doit chercher à remplacer Londres. Si Paris devenait le nouveau hub financier de l'Europe et attirait les 400 000 professionnels de la finance de la City, avec leur fort pouvoir d'achat, cela provoquerait une explosion du coût de l'immobilier, déjà astronomique dans la capitale française. Paris est la deuxième ville la plus chère d'Europe, derrière Londres où les prix ont bondi de 76 % de 2009 à 2016 (alors que les salaires britanniques n'ont pas augmenté ). Socialement, un coût de l'immobilier élevé contribue à la montée des injustices et des inégalités et met en difficulté des pans entiers de la population, reléguant les plus faibles loin des métropoles. |
In dieser kurzen Textpassage stoßen wir auf:
Nominalisierungen (explosion, montée, difficulté), Relationsverben (provoquer, contribuer à) und weitere typische Kennzeichen des Nominalstils;
Zahlen (400 000), Prozentsätze (25 %, 85 %, 45 % etc.), Steigen-und-fallen-Verben (bondir, augmenter) mit der ganzen für sie charakteristischen Syntax (ont bondi de 76 % de 2009 à 2016), quantitative Adjektive (fort, cher, élevé), Modulatoren (près de) usw. usf., also jede Menge quantitative Ausdrücke;
und schließlich eine Vielfalt an Ausdrücken aus dem Bereich der Rankings: Superlative und Ausdrücke der Unizität (la plus grande, la seule, la plus chère), Ordinalzahlen (première, deuxième), Adjektive, die die Grundgesamtheit eines Vergleichs anzeigen (européen/ne, mondial/e); weiters Ausdrücke, die das Ranking selbst (palmarès), oder einen Rang darin bezeichen (place), mit den dazugehörigen Verben (occuper); nicht zu vergessen die Präposition pour, die das Kriterium des Rankings (pour le marché des changes, pour les crédits bancaires internationaux) und die Präposition derrière, die das vorangehende Element im Ranking einleitet (derrière New-York, derrière Londres).
2 Einleitung
In diesem Beitrag soll es um all das gehen, was – wie die soeben aufgezählten Elemente – abgesehen von der Terminologie für Fachdiskurse bestimmter Fächer oder verwandter Fächerbündel charakteristisch ist. Denn die Terminologie allein reicht nicht aus, um einen Text zu konstituieren; sie braucht die Ergänzung durch nicht-terminologische Mittel auf lexikalischer und syntaktischer Ebene, die die terminologischen Elemente als Umfeld, als Umwelt, als Biotop einbetten.
In diesem Zusammenhang steht zunächst das Konzept des „Fachstils“, also jener „allgemeinen wissenschaftlichen Fachsprache“, die für das Französische in etlichen Publikationen von Werner Forner beschrieben worden ist und der in jüngerer Zeit eine Sondernummer der « Revue française de linguistique appliquée » (Tutin 2007a) gewidmet war. Es geht um sprachlich-stilistische Procédés bzw. eine gewisse „allgemeine wissenschaftssprachliche Lexik“, die Fachzeitschriften bzw. -publikationen und divulgativen Fachtexten so gut wie sämtlicher Disziplinen bzw. breiter Disziplinenbündel (technische Wissenschaften, Sozialwissenschaften) gemeinsam sind; aber das ist es nicht, was uns hier primär interessieren wird.
Was ich beschreiben möchte, das ist eine bestimmte Schicht lexikalisch-syntaktischer Mittel, die nicht allen Disziplinen gemeinsam sind, sondern ganz bestimmten Bündeln verwandter Disziplinen: zum Beispiel der Sprache der Wirtschaft oder jener des Sports. Jedes Fach und jedes Fächerbündel verfügt jenseits der Terminologie über charakteristische sprachliche Mittel, die zwar aus der Allgemeinsprache übernommen, aber durch ihre Frequenz und spezielle Funktion doch für das jeweilige Fach/die jeweiligen Fächer charakteristisch sind; weswegen man auch Fachsprachen und Fachdiskurse nur dann zutreffend beschreiben oder lehren kann, wenn man diese Ausdrucksmittel mit einbezieht. Dazu gehören für Wirtschaftstexte die Ausdrücke für das Steigen und Fallen von Zahlen und Werten, und für die Wirtschaftssprache und die Sportsprache gemeinsam, die Ausdrücke für Rankings und deren Veränderung.
Anhand dieser Beispiele möchte ich jenes Phänomen beschreiben und illustrieren, das ich als die „Mittlere Schicht“ der fachsprachlichen Diskurse bezeichne. Es zeigt sich, dass diese „Mittlere Schicht“ in jedem Fach eng mit jenen grundlegenden Konzeptualisierungen der jeweiligen Disziplin verbunden ist, welche in Form von fachspezifischen Grundmetaphern das Weltbild des Faches prägen.
Abschließend werde ich versuchen, in Form einer konzeptuellen Metapher das Feld der Fachdiskurse mit seinen mehr oder weniger zentralen versus peripheren Elementen zu beschreiben und in diesem Rahmen die „Mittlere Schicht“ zu situieren.
3 „Allgemeine Wissenschaftssprache“ und „Fachstil“ nach Forner und Tutin 2007a
Ich beginne hier mit der Beschreibung dessen, was eigentlich nicht im Zentrum meines Interesses steht, was also nicht die „Mittlere Schicht“ ist, aber von ihr abgegrenzt werden muss. Es handelt sich um ein bestimmtes Register bzw. Repertoire sprachlicher Mittel, das in der Forschung als « langue scientifique générale » (Phal 1968, 8) oder als „allgemeine wissenschaftliche Fachsprache“ (Hoffmann 21984, 63) bezeichnet worden ist. Es entspricht der Gesamtheit jener sprachlichen Mittel, die den Fachdiskursen der verschiedensten Fächer gemeinsam sind. Diese Kategorie „allgemeine Wissenschaftssprache“ und noch mehr „allgemeine wissenschaftliche Fachsprache“ ist in gewisser Weise paradox, denn das Besondere an Fachsprache und damit auch an Wissenschaftssprache ist ja, dass sie für ein bestimmtes Fach – und eben nicht für sämtliche Fächer gemeinsam – charakteristisch ist. Es existieren aber sehr wohl einige interessante Versuche, eine solche „allgemeine Wissenschaftssprache“ zu definieren und zu beschreiben.
Gemeint ist im Wesentlichen eine Art genrespezifisches Register1: die Sprache wissenschaftlicher Publikationen bzw. auch anspruchsvoller populärwissenschaftlicher Artikel. Man kann sich diesem Register aus verschiedenen Perspektiven annähern, einerseits über die Stilistik und Syntax und andererseits über die Lexik. Ersterer „Approach“ ist der von Werner Forner, letzterer wird von den Pionieren Phal (1968 und 1971) und Coxhead (1998 und 2000) vorgegeben und in der Sondernummer Tutin 2007a der «Revue française de linguistique appliquée » vertieft.
Definiert man die „allgemeine Wissenschaftssprache“ als eine Art „Fachstil“ mit spezifischen Ausdrucksmitteln, die – allerdings in geringerer Frequenz – auch in der Allgemeinsprache anzutreffen sind, so kann man versuchen, diese « langue scientifique générale » über ihre spezifischen stilistischen Merkmale zu beschreiben. Der Forscher, der sich diesem Programm für das Französische Jahrzehnte hindurch gewidmet hat, ist Werner Forner2. Er spricht von « style scientifique » bzw. von „registerspezifischen Vertextungsstrategien“ (stratégies de textualisation propres au registre scientifique). Um einen ersten Eindruck davon zu geben, was unter diese Bezeichnung fällt, kann man gewisse Konjunktionen anführen, weiters Aufzählungen, metatextuelle Verweise und andere Eigenheiten der Wissenschaftssprache:
| 2) | d’une part – de l’autre/d’autre part ; d’un côté – de l’autre ; d’un autre côté premièrement… deuxièmement… troisièmement ; d’abord… ensuite… enfin ci-dessus, ci-dessous, ci-contre nous venons de voir que… |
Elemente wie diese interessieren Werner Forner allerdings nur am Rande. Was er wirklich beschreibt, das ist eine Reihe von sprachlichen Procédés, die dazu beitragen, einem Text ein « air de spécialité », einen Anschein von Fachlichkeit, zu verleihen, die es also – in einer Art syntaktischer Kosmetik – genügt anzuwenden, damit ein Text sofort fachlich bzw. wissenschaftlich klingt (vgl. Forner 1985 und v.a. 1998). Hier ist die Liste jener sprachlichen Mittel, die laut Forner dieses « air de spécialité » ausmachen (vgl. Forner 1985, 206-207):
die Nominalspaltung, durch die ein simples, bedeutungstragendes Substantiv sich in eine komplexe nominale Struktur verwandelt, in der der nominale Kern nur mehr eine sehr allgemeine kategoriale Bedeutung transportiert, während der eigentliche semantische Inhalt in ein spezifizierendes Relationsadjektiv verlagert wurde:
| 3) | les forêts → le patrimoine forestier les mines → les ressources minières la production → l’activité de production |
die Verbalspaltung, die ein einfaches, bedeutungstragendes Verb in einen komplexen Verbalausdruck überführt, in dem das neue Verb nur mehr eine sehr blasse, allgemeine Bedeutung hat und die eigentliche semantische Last auf ein nominales Objekt übergegangen ist:
| 4) | investir → effectuer un investissement planifier qc. → faire la planification de qc. s’accroître → connaître un accroissement |
Die Verbalspaltung ist ein Sonderfall der Nominalisierung; diese Nominalisierung ist das dritte charakteristische Procédé, das den „Fachstil“ nach Forner ausmacht. Durch sie verwandeln sich ganze Haupt- oder Gliedsätze in simple Nominalsyntagmen, die auf diese Weise als Module fungieren können, deren Kombination inhaltlich hoch komplexe, mit Bedeutung geradezu vollgestopfte Sätze ergibt; die Nominalisierung dient also vor allem der inhaltlichen Verdichtung:
| 5) | la bourse est instable → l’instabilité boursière les ventes ont fortement augmenté → la forte augmentation des ventes la crise persistera encore plusieurs années → la persistance de la crise dans les années à venir |
Erinnern wir uns an dieser Stelle an die Nominalisierungen in unserem Beispiel (1):
| 6) | l’immobilier coûte cher → un coût de l’immobilier élevé il y a plus d’injustices et d’inégalités → la montée des injustices et des inégalités l’immobilier devient rapidement plus cher → une explosion du coût de l'immobilier |
Die durch Komprimierung erzeugten nominalen Module fungieren charakteristischerweise als Argumente von Relationsverben, das sind Verben, die genau genommen Konjunktionen ersetzen:
| 7) | résulter de, empêcher, conduire à, précéder, signifier, être dû à, expliquer, impliquer, comporter… |
Aus komplexen Sätzen werden so einfache Sätze mit Relationsverb und inhaltlich satzwertigen nominalen Argumenten. Nominalisierungen kombiniert mit Relationsverben bilden das komplexeste und wichtigste Procédé bei der von Forner beschriebenen Transformation eines allgemeinsprachlichen in einen fachsprachlichen Stil; hier eines seiner Beispiele für eine solche Transformation:
| 8) | il y a moins d’exportations et pour cette raison il y a plus de chômage → le déclin des exportations a conduit à une augmentation du chômage |
Dazu passen zwei charakteristische Passagen aus unserem Beispiel (1):
| 9) | (Si Paris […] attirait les 400 000 professionnels de la finance de la City […],…) l’immobilier deviendrait rapidement plus cher → cela provoquerait une explosion du coût de l'immobilier Lorsque l’immobilier coûte cher, il y a plus d’injustices et d’inégalités et la situation de la population devient plus difficile → un coût de l'immobilier élevé contribue à la montée des injustices et des inégalités et met en difficulté […] la population |
Nun, da wir die von Forner ins Zentrum gerückten sprachlichen Mittel illustriert haben, stellt sich tatsächlich die Frage, ob es sich um Eigenheiten der Fachdiskurse, um Besonderheiten der Wissenschaftsdiskurse (als Teilmenge der Fachdiskurse) oder um Phänomene auf Registerebene handelt? Weder um Fachdiskurse noch um Wissenschaftsdiskurse ganz allgemein, würde ich meinen; denn der „Fachstil“, wie ihn Forner beschreibt, ist nicht für sämtliche Fachdiskurse charakteristisch, und auch nicht für sämtliche Wissenschaftsdiskurse. Er hat z. B. sehr viel mit Schriftlichkeit oder jedenfalls mit Distanzsprache im Sinne von Koch/Oesterreicher 1990 zu tun, sei es nun in wissenschaftlichen Publikationen oder in anspruchsvollen Divulgationstexten, wie man sie z. B. in der Qualitätspresse oder in Enzyklopädien findet. Es geht um das spezifische Register bestimmer Textsorten bzw. des „deskriptiv-argumentativen“ Texttyps. Deren Stil und seine typischen Procédés unterscheiden diese « Genres » deutlich von anderen, nicht-fachlichen Diskursen, z. B. von narrativen Texten (vgl. Wilde 1994, 101, apud Forner 2000, 219). Die beschriebenen sprachlichen Mittel verdienen also durchaus eine Analyse im Rahmen der Fachsprachenforschung.
Andererseits ist aber auch bekannt, dass Fachdiskurse weitaus vielfältiger sind als nur ihre schriftlich-formellen Varianten. Es gibt auch informelle, nähesprachliche Formen des Fachdiskurses, z. B. im schriftlichen Bereich fachspezifische Diskussionsforen im Internet, und natürlich im mündlichen Bereich die ganze Bandbreite mehr oder weniger spontaner, mehr oder weniger informeller Varianten, z. B. Diskussionen bei Tagungen und Projektmeetings. Dieser weniger formelle und v.a. mündliche Anteil an den Fachdiskursen sollte bei deren Untersuchung und Beschreibung immer auch mitgedacht werden.
Derselbe Einwand ist natürlich auch gegen den zweiten hier vorzustellenden Approach zu erheben, jenen, der über die „allgemein wissenschaftssprachliche“ Lexik geht, denn auch dieser beschränkt sich auf Fachdiskurse in der Form von schriftlichen wissenschaftlichen Publikationen (bzw. gelegentlich wissenschaftlichen Divulgationstexten). Gegenüber der „Fachstilistik“ von Forner konzentriert sich die Analyse hier auf die Lexik, ursprünglich in Form von Einzelwörtern, in jüngeren Studien auch vermehrt in Form von Phraseologismen und Kollokationen. Diese wird mit elektronischen Mitteln aus großen Korpora extrahiert und zu Ergebnissen in Form von Wortlisten verdichtet. Pionier ist für das Französische der bereits erwähnte Phal mit seinem Buch aus 1971 « Vocabulaire général d’orientation scientifique (VGOS) » (dazu auch schon Phal 1968). Die englische Entsprechung dazu stammt übrigens von Coxhead 1998 „An academic word list“ (bzw. 2000 „A new academic word list“).
Le vocabulaire scientifique général est […] commun à toutes les spécialités. Il sert à exprimer les notions élémentaires dont elles ont toutes également besoin (mesure, poids, rapport, vitesse, etc.) et les opérations intellectuelles que suppose toute démarche méthodique de la pensée (hypothèse, mise en relation, déduction et induction, etc.). (Phal 1971, 9 apud Pecman 2007, 85)
Man muss bis 2007 warten, bis eine Sondernummer der Revue française de linguistique appliquée sich dieses Themas vertiefend annimmt. Unter dem Titel « Autour du lexique et de la phraséologie des écrits scientifiques » sammelt Agnès Tutin Beiträge zur allgemeinen wissenschaftlichen Lexik und Phraseologie. Ich möchte darunter insbesondere Tutins Einleitung (Tutin 2007b) sowie die Artikel von Drouin 2007, Pecman 2007 und Blumenthal 2007 hervorheben.
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als könnte man hier auf eine systematische Analyse der „Mittleren Schicht“ gestoßen sein: Spricht doch Tutin in ihrer Einleitung von « un lexique de genre, entre terminologie et langue générale » (S. 5),3 und sie illustriert das Gemeinte (wie übrigens auch Pecman 2007), wie ich es oben getan habe, mit einer Passage aus einem wissenschaftlichen Text, in der nicht die Fachtermini hervorgehoben sind, sondern jene sprachlichen Mittel, die das diskursive Umfeld dieser Termini bilden. Hoch anzurechnen ist ihr auch, dass sie innerhalb des analysierten Texts mehrere Schichten (« strates lexicales ») unterscheidet und sogar noch innerhalb der nicht-allgemeinsprachlichen und nicht-terminologischen Elemente weiter differenziert, vgl. die Punkte 1, 2 und 3 im folgenden Zitat (S. 7):
1 Le lexique propre aux écrits scientifiques […]
2 Le lexique abstrait non spécialisé […]
3 Le lexique méthodologique disciplinaire […]
4 Le lexique terminologique […]
5 Le lexique de la langue « générale » ou « commune » […]
Sieht man sich jedoch die einzelnen Studien in dieser Sondernummer genauer an, so muss man erkennen, dass es den AutorInnen gerade nicht darum geht, disziplinspezifische nicht-terminologische Lexik zu erheben (das wäre in etwa Tutins Schicht 3, wobei ich ja nicht nur an methodologischer Lexik interessiert bin). Sie sammeln vielmehr (wie schon Phal und Coxhead) gezielt jene Lexik und jene Phraseologismen/Kollokationen, die in einer möglichst breiten Auswahl möglichst disparater Disziplinen gleichermaßen zur Anwendung kommen (also Tutins Schicht 1).
So arbeitet Drouin 2007 an einem Korpus französischer Dissertationen aus den Bereichen Psychologie, Recht, Geschichte, Geographie, Archäologie, Physik, Technik, Informatik und Chemie, das er gegen ein Vergleichskorpus der Zeitung « Le Monde » abhebt. Kriterium für seine Wortlisten ist, dass ein Ausdruck oder eine Kollokation in mindestens der Hälfte der von ihm untersuchten Fächerkorpora signifikant oft vorkommt.
Pecman 2007, der die Phraseolexik – also die Ausdrücke plus ihre syntaktische Konstruktion und Umgebung – untersucht, arbeitet an einem Korpus wissenschaftlicher Texte aus den « sciences dures », konkret aus den Disziplinen Biochemie, molekulare Chemie, Botanik, Biowissenschaften, Erdwissenschaften, Physik, Mechanik, Astronomie und Astrophysik. Auch ihm geht es darum, lexikalische Einheiten zu identifizieren, die sämtlichen Disziplinen gemeinsam sind. Er kommt zu dem Schluss, dass es eine „allgemeine Wissenschaftssprache“ auf der Ebene der Phraseolexik (im Gegensatz zur terminologischen Ebene) tatsächlich gibt. Auch hier bleiben wir allerdings in Tutins erster Schicht, auch wenn nicht der Anspruch erhoben wird, Aussagen über die lexikalischen Überschneidungen sämtlicher existierender Disziplinen zu treffen.
Sehr breiten Disziplinenbündeln widmet sich auch Blumenthal 2007, der zwei (populär-)wissenschaftliche Korpora vergleicht, eines aus den « Sciences de l’Homme » und eines aus den « Sciences exactes » (beide aus Enzyklopädien). Ihm geht es darum, durch das Studium der transdisziplinären Lexik der beiden Bereiche nachzuweisen, dass es sich tatsächlich um zwei ganz unterschiedliche Wissenschaftskulturen handelt. Auch hier sind die Fächerbündel zu breit, um meinem eigenen Interesse zu entsprechen, das ja jenen sprachlichen Mitteln gilt, die, ohne terminologisch zu sein, für eine Disziplin oder auch für ein kleines Bündel verwandter Disziplinen charakteristisch sind. Eben jene „Mittlere Schicht“, bei der noch immer eine regelrechte Forschungslücke klafft, die ich hier ein wenig zu schließen versuchen werde.
4 Augmenter, diminuer…: Quantitive Ausdrücke in Wirtschaftsdiskursen1
Ich komme mit diesem Kapitel zum Kern meines Beitrags, denn die quantitativen Ausdrücke entsprechen im Rahmen der Wirtschaftssprache genau dem, was ich als „Mittlere Schicht“ beschreiben möchte. Im Gegensatz zur Terminologie und in ähnlicher Weise wie die Rankings, denen das folgende Kapitel 5 gewidmet sein wird, sind die quantitativen Ausdrücke nicht nur für ein Fach charakteristisch, sondern für ganze Bündel verwandter Disziplinen. Zum Beispiel kann man die sprachlichen Mittel untersuchen, mit denen Statistiken wiedergegeben werden, und das betrifft dann eine ganze Reihe von Fächern, in den Natur- wie auch in den Sozialwissenschaften, zwischen denen es allerdings signifikante Unterschiede geben dürfte. Und – um ein weiteres Beispiel zu geben – die Ausdrücke für Ursachen und Wirkungen sind wahrscheinlich nicht identisch in Diskursen der technischen und der naturwissenschaftlichen Disziplinen, wobei es auch Überschneidungen geben könnte.
Beginnen wir also mit den quantitativen Ausdrücken, und hier mit dem Teilbereich der sprachlichen Mittel für das Steigen und Fallen von Zahlen und Werten; es handelt sich um einen Bedeutungsbereich, der im Sinne der kognitiven Linguistik auch als „Frame“2 beschrieben werden kann. Schon in unserem Text (1) gab es mehrere Beispiele dafür:
| 10) | …cela provoquerait une explosion du coût de l'immobilier, déjà astronomique dans la capitale française. Paris est la deuxième ville la plus chère d'Europe, derrière Londres où les prix ont bondi de 76 % de 2009 à 2016 (alors que les salaires britanniques n'ont pas augmenté ). Socialement, un coût de l'immobilier élevé contribue à la montée des injustices et des inégalités |
Diese kurze Passage ist deswegen interessant, weil das Steigen und Fallen in mehreren syntaktischen und semantischen Varianten vorkommt: von der Standard-Variante in verbaler (augmenter) und nominaler (montée) Form, bis zu metaphorischen Ausdrücken für denselben Sachverhalt, ebenfalls verbal (bondir) und nominal (explosion). Auffällig ist auch die Präpositionalsyntax, die diese Einheiten umgibt: V augmente (V ist der Wert – la valeur – deren Veränderungen man verfolgt), V bondit de n (n symbolisiert eine Zahl, hier einen Prozentsatz), une explosion de V, la montée de V. Ich beginne mit einer kurzen semantischen Einteilung dieser Ausdrücke, um dann deren Metaphorik und schließlich die sie umgebende Syntax zu analysieren.
Die sprachlichen Mittel des Bedeutungsfelds/Frames Steigen/Fallen können nach folgenden Kriterien eingeteilt werden:3
Steigen vs. Fallen vs. Veränderung ohne Richtungsangabe vs. Gleichbleiben (augmenter, diminuer, osciller, se maintenir)
Verbale vs. nominale Ausdrücke (s’accroître – accroissement; se réduire – réduction; osciller – oscillation; stagner – stagnation)
Autonome vs. passive Veränderung = Intransitivität vs. Transitivität (s’améliorer – améliorer, se réduire – réduire)
Positive / negative / neutrale Evaluation der Veränderung (envolée – explosion – bond)
Was die Metaphorik anbelangt, so stellt man fest, dass sogar die Standardvariante metaphorisch ist, denn hier werden numerische Werte in den Raum projiziert. Das entspricht einer konzeptuellen Metapher, wie sie Lakoff/Johnson (1980) beschreiben: WENIG = UNTEN, VIEL = OBEN, bzw. in einer komparativen Variante: WENIGER = UNTEN, MEHR = OBEN. Auch die „sekundären“, viel deutlicher metaphorischen, Varianten bondir und exploser entsprechen im Übrigen derselben konzeptuellen Metapher, zu der allerdings weitere Metaphorisierungen hinzukommen. Den grundlegenden metaphorischen Prozess dabei beschreibt Schifko (1992, 560-562):
Der entscheidende Schritt von der direkten zu einer metaphorischen Ausdrucksweise geschieht durch die Projizierung der quantitativen Äußerung in den Raum. […] Die erste Stufe, bei der nicht immer klar entscheidbar ist, ob es sich um eine metaphorische handelt, ist die Transposition des Mehr- bzw. Wenigerwerdens in ein Größer- bzw. Kleinerwerden, d.h. die Sicht der Anzahl als räumliche Dimension. […]
Bei Aufwärtsbewegungen geht es mit den Meßzahlen ‚nach oben‘ […], bei Abwärtsbewegungen ‚nach unten‘ […], wohl einem menschlichen Urempfinden entsprechend, welches auch bei den die Daten begleitenden Graphiken zum Ausdruck kommt […]. Die Bewegung kann abstrakt oder konkretisiert als Fliegen, Tauchen, Klettern, Graben, etc., in Erscheinung treten.
Wenn man es genauer betrachtet (Abb. 1), erkennt man allerdings, dass die Basismetapher über die simple Vertikalität hinausgeht und einem wesentlich komplexeren Schema entspricht. Der Schlüssel liegt in jenen Graphiken, die bereits von Schifko (s.o.) erwähnt werden: Das Steigen und Fallen von Werten wird im Allgemeinen in Form von Kurvengraphiken visualisiert, mit der Zeit auf der X-Achse und den Werten auf der Y-Achse. Auf genau diese Art von Graphiken beziehen sich die entsprechenden sprachlichen Ausdrücke.
Abb. 1:
Kurvengraphik – steigen – fallen – gleichbleiben
Quelle: http://lelabodanissa.blogspot.com/2015/11/analyser-un-graphique.html [30/12/2018]
Es gibt übrigens noch eine weitere sekundäre Metaphorisierung (Abb. 2), die diese graphische Darstellung überlagern kann: Wenn die Fluktuationen der Werte eine Zeichnung ergeben, die einer Gebirgslandschaft ähnelt, dann kann man das so interpretieren, dass die Werte klettern (grimpent) oder einen Gipfel erreichen (atteignent un sommet).4 Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass die Metapher der Kurvengraphik für sämtliche Teildisziplinen der Wirtschaftswissenschaft absolut fundamental ist. Wahrscheinlich ist sie es auch noch für eine Reihe anderer Fächer, nämlich für all jene, in denen Statistiken eine wichtige Rolle spielen. Die auf die Kurvengraphik referierenden sprachlichen Mittel zu analysieren, ist daher unabdingbar für jede Beschreibung der Wirtschaftssprache wie auch für deren Unterricht – und das, obwohl die entsprechenden Ausdrücke nicht als terminologisch angesehen werden können. Diese Feststellung unterstreicht die Bedeutung der „Mittleren Schicht“ für das Verständnis der grundlegenden kognitiven Strukturen der betreffenden Fächer.
Abb. 2:
Beispiel einer Kurvengraphik vom Typ „Bergkette“
Quelle: http://astuces.jeanviet.info/bureautique/excel-2007-creer-des-graphiques-qui-reagissent-a-vos-donnees.htm [30/12/2018]
Aus Freude an der Vielfalt der fachsprachlichen Mittel möchte ich hier eine Auswahl an weiteren sekundären Metaphern anschließen, die die Kurvengraphik- oder jedenfalls Vertikalitäts-Metapher überlagern und sich teilweise auf sie stützen. Diese Metaphern sind unterschiedlich, je nachdem ob die Entwicklung positiv oder negativ bewertet wird, und sie sind überall dort zahlreicher, wo eine Evaluierung stattfindet und nicht einfach eine neutrale Berichterstattung; vgl. die Ausdrücke s’envoler und bondir im Vergleich zu exploser, aber auch das nicht ganz so dynamische s’alourdir (z. B. über Schulden), alle im Sinne der Vertikalität.5 Häufig wird die Steigerung auch als eine Beschleunigung (accélération) dargestellt, die Verringerung dementsprechend als Verlangsamung (ralentissement, z. B. der wirtschaftlichen Aktivität), das entspricht der Interpretation der Kurve als Bewegung. Dabei besteht ein Zusammenhang mit den Maschinen- und insbesondere mit den Verkehrsmittel-Metaphern (les moteurs de la croissance, un coup de frein aux exportations). Architektur-Metaphern (der Vertikalität) kommen vor, wenn ein Grenzwert (un plafond / un plancher) über- oder unterschritten wird. Dazu gibt es auch eine Bewegungs-Metapher aus dem Bereich der Seefahrt: passer le cap des mille milliards de dollars. Nicht zu vergessen natürlich die anthropomorphischen oder generell die Lebewesen-Metaphern, die so gut wie immer eine positive oder negative Evaluierung mit sich führen: le gonflement des carnets de commandes versus une cure d’amaigrissement de la fonction publique, le ramollissement des critères de convergence versus le redressement de l’emploi, l’entreprise XY redresse la tête après plusieurs exercices difficiles versus le fléchissement de la conjoncture; auch hier ist fast immer oben positiv.
Wozu aber sind all diese Metaphern gut? Warum werden sie so gerne eingesetzt und unendlich variiert? Meines Erachtens dienen sie vor allem der stilistischen Variation – denn im Wirtschaftsjournalismus geht es ja eigentlich immer um dieselbe Art von Fakten, um ein Steigen oder Fallen des Wachstums, der Beschäftigung, der Exporte etc. für ein Land, bzw. des Personalstands, der Gewinne, der Marktanteile für ein Unternehmen. Was kann man tun, um sich da nicht endlos zu wiederholen? Vor dieses Dilemma gestellt, sind die JournalistInnen wenn schon nicht um Innovation, dann doch zumindest um größtmögliche Variaton bemüht. Nur sehr selten stößt man in der Tat auf wirklich Originelles, oft allerdings auf extreme Vielfalt, die aus dem reichen Fundus der Steigen-Fallen-Ausdrücke schöpft und so die Lektüre der Wirtschaftsberichte mit einer Prise von Infotainment zu würzen versteht.
Bevor wir nun zu einem verwandten und von denselben stilitischen Variations-Zwängen geprägten Bereich übergehen – den Ranking-Ausdrücken im Sport und in der Wirschaft –, möchte ich noch einige interessante syntaktische Aspekte beleuchten, die mit den Steigen-Fallen-Ausdrücken verbunden sind. Konkret soll beschrieben werden, wie sich rund um die verbalen und nominalen Ausdrücke des Steigens und Fallens herum der Ausdruck wichtiger „Frame“-Elemente gestaltet; zu diesem „Frame“ gehören ja z. B. die Variable, die am Steigen und Fallen ist (diese ist ein Pflicht-Element), die Ursache bzw. der Urheber der Veränderung (fakultativ) und vor allem auch (hochfrequent), der Umfang der beobachteten Veränderung in Form einer Zahl, häufig eines Prozentsatzes. Wir werden uns ganz besonders diesem letzteren Element zuwenden, das sich in einer speziellen Syntax ausdrückt, die (jedenfalls im Vergleich zum Deutschen) allerlei Überraschendes zu bieten hat.
Vorher sei uns noch ein kleiner Exkurs zur allgemeinen Syntax der Ausdrücke für Zahlen und Werte im Französischen gestattet, also ausnahmsweise ohne Bezug auf das Steigen oder Fallen. Die Angabe eines Wertes ohne Erwähnung einer Veränderung geschieht mit Hilfe von speziellen verbalen Ausdrücken, die jeweils eine eigene Präposition (meist de oder à) regieren: s’élever à, être de, correspondre à, se chiffrer à… Es gibt aber auch transitive Verben, die den Wert als Objekt nehmen, wie z. B.: l’Autriche connaît une inflation de 2,1 %, ce pays compte 8 millions d’habitants, il enregistre une croissance de 2 % etc. Wenn der Wert oder Prozentsatz ein Nomen ergänzt, geschieht das mittels der Präposition de, manchmal auch mit à hauteur de: des dépenses de 6 milliards, des recettes à hauteur de 8 milliards; aber die Rollen können auch vertauscht werden: 6 milliards de dépenses. Die Präposition avec erscheint, wenn der Wert in Form einer Apposition hinzugefürgt wird: Seule la Suisse, avec 3 %, se voit attribuer un score meilleur. Ein Sonderfall ergibt sich, wenn ein und derselbe Wert mittels zweier unterschiedlicher Zahlen ausgedrückt wird, einer absoluten Zahl und eines Prozentsatzes. Der Standard-Ausdruck ist in diesem Fall soit: 4 milliards d’euros, soit 3,6 % du PIB. Handelt es sich um einen Einheits- oder Durchschnittswert, z. B. einen Wert pro Einwohner oder pro Tag, dann verwendet man par: 23 800 US dollars par tête d’habitant. Interessant sind auch die Ausdrücke für Approximation: de l’ordre de, environ, autour de, aber auch plus de und moins de sowie dessen Äquivalent près de, letztere für Annäherungen von oben oder von unten. Und nicht zuletzt verfügt das Französische über eine systematische Reihe von approximativen Zahl-Substantiven: dizaine, douzaine, quinzaine, vingtaine, trentaine, quarantaine, cinquantaine, soixantaine, centaine und millier.
Nach diesem kurzen Exkurs zur Syntax der numerischen Werte ganz allgemein kommen wir nun zum Steigen und Fallen zurück und werden die in diesem Bereich ganz spezifische (Präpositional-)Syntax beschreiben. Der Steigen-und-Fallen-Frame umfasst grundsätzlich drei numerische Elemente (Abb. 3): den Ausgangswert (A), den Endwert (B) und die Differenz (C).
Abb. 3:
Steigen/Fallen: Ausgangswert (A), Endwert (B), Differenz (C)
Quelle: Eigengraphik (E.L.)
Das Deutsche hat für jeden dieser drei Werte eine spezifische Präposition: steigen / fallen von A auf B um C; von ist für den Ausgangswert zuständig, auf für den Endwert, und um für den Unterschied zwischen den beiden. Im Französischen ist die Sache allerdings nicht so einfach, denn dieser Sprache stehen in demselben Bereich nur zwei Präpositionen, de und à, zur Verfügung. Für eine/n Germanophone/n erscheint das als eine echte sprachliche Lücke, denn sie zwingt die französische Sprache zu einer Reihe von Umschreibungen und komplizierten Konstruktionen (die, nebenbei gesagt, LernerInnen erhebliche Schwierigkeiten bereiten). So muss das Französische, wenn es alle drei Elemente gleichzeitig nennen will, auf Kombinationen von zwei verschiedenen Verben zurückgreifen: augmenter de 6 points pour s’inscrire à 20 % / pour se fixer à 20 % / passant ainsi à 20 %. Konkret sieht das System aus wie folgt:
de ist die Standard-Präposition für die Differenz C: s’accoître de 3 %, se réduire de 3 millions de dollars;
Will man den Ausgangs- und den Endwert, also A und B, ausdrücken, kann man daher eben gerade nicht auf de und à zurückgreifen, weil de ja schon vergeben ist; daraus ergeben sich übrigens sogar Schwierigkeiten, wenn man den Endwert mit à einleiten will.6 Die einzige praktikable Lösung bietet die Verwendung eines Spezialverbs; passer ist in der Tat das einzige Verb, das man mit den Präpositionen de und à verbinden kann, um Ausgangs- und Endwert anzugeben: passer de A à B. Auffällig ist, dass das Verb die Richtung der Veränderung offen lässt – diese geht ja ohnehin aus den Werten A und B hervor. Wenn man es genau nimmt, ist passer mit dieser seiner Besonderheit doch nicht ganz allein, denn auch revenir de A à B und être ramené de A à B (beide im Sinne einer Verringerung) funktionieren mit dem Präpositionen-Paar de und à.
Die Ausdrücke des Typs augmenter de 6 points pour s’inscrire à 20 % / pour se fixer à 20 % / passant ainsi à 20 % entsprechen einem gängigen Verwendungstyp von de…à, bei dem à den Endpunkt B einleitet, de allerdings auf die Differenz C beschränkt bleibt; der Ausgangspunkt A wird dabei nicht genannt, er kann allerdings aus den beiden anderen Werten erschlossen werden.
Wir gehen nun zur Analyse eines semantischen Feldes über, das mit den quantitativen Ausdrücken verwandt ist und bei dem sich die Sport- und die Wirtschaftssprache treffen.
5 Rankings in Sport- und in Wirtschaftsdiskursen1
Zu Beginn dieser Präsentation der Ranking-Diskurse möchte ich auf eine entsprechende Passage aus unserem Beispiel (1) zurückgreifen:
| 11) | Londres est la plus grande place financière mondiale . […] Elle est la première place mondiale pour le marché des changes […]. Elle est première aussi pour les crédits bancaires internationaux, les produits dérivés, les marchés des métaux et de l'assurance. Elle occupe la deuxième place du palmarès mondial (derrière New-York) pour les emprunts internationaux […]. Elle […] est la seule place financière européenne vraiment globale. […] Paris est la deuxième ville la plus chère d'Europe, derrière Londres […]. |
Rankings sind ein konzeptuelles Feld,2 das für eine ganze Reihe von Fachdiskursen konstitutiv ist: vom Sport über die Wirtschaft, die Musik, das Verlagswesen und die Politik, bis hin zu den Universitäten und wissenschaftlichen Zeitschriften, die es sich alle gefallen lassen müssen, nach Leistung oder „Qualität“ gerankt zu werden. Ausgangspunkt soll hier ein konzeptuelles Modell des Rankings sein, also eine Art Frame oder Szenario, mit prototypischen Beteiligtenrollen, den Beziehungen zwischen diesen Rollen und den Handlungen und Prozessen, die charakteristischerweise zwischen ihnen ablaufen.
Den Elementen einer Grundgesamtheit (Ländern, Regionen, Firmen, Produkten, Personen, insbesondere Sportlern oder Teams) werden über ein Kriterium (Punktewertung, Rennzeit, Wirtschaftsleistung, Marktanteil, Arbeitslosenrate, Einschaltquote etc.) numerische Werte zugeordnet. (Manchmal geschieht die Zuordnung bzw. Be-Wertung durch eine Instanz wie eine Rating-Agentur oder einen Schiedsrichter.) Aufgrund dieser Werte werden dann die Elemente gereiht, d.h. es erfolgt eine Zuordnung zu den Zahlen von 1 bis n (n = Anzahl der Elemente der Grundgesamtheit).3 Die so entstandene Rangordnung hat ein gutes und ein schlechtes Ende. Meist ist Rang 1 das gute und Rang n das schlechte Ende, aber wenn es sich bei dem, was bewertet wird, um Negatives wie z. B. Korruption, Krankheiten etc. handelt, ist es umgekehrt. Ist das Kriterium eine Art von Leistung, dann wird im Sport (und in der Wirtschaft metaphorisch) an die ersten drei ein Preis vergeben, und sie steigen auf das Siegerpodest, um eine Trophäe zu erhalten.
Im Französischen und in anderen Sprachen gibt es spezielle Ausdrücke für das Ranking selbst, für jeden einzelnen der Rangordnungs-Plätze und für diejenigen, die diesen Rang einnehmen. Es gibt auch eine eigene Kriteriums-Syntax (premier en termes de PIB) und Adjektive, die die Grundgesamtheit angeben (troisième producteur mondial de […]).
Jedes Element der Grundgesamtheit hat einen bestimmten Rang; sie können über diesen Rang verglichen werden, aber auch über die Werte, die sie beim Kriterium erreichen, z. B. kann der Abstand zwischen Erstem und Zweitem gemessen werden. Innerhalb des Rankings können außerdem Untergruppen gebildet werden, z. B. die Spitzengruppe, das Mittelfeld, die Schlusslichter – und für all das gibt es eine jeweils eigene Syntax wie auch eigene idiomatische Ausdrücke und Kollokationen.
Das ist der statische Aspekt des Rankings. Zusätzlich gibt es aber noch einen sehr wichtigen dynamischen Aspekt: Man erkennt ihn z. B. im Gegensatz zwischen dem Sieger (vainqueur), der ein für alle Mal feststeht (das ist der „perfektive“ Aspekt), und dem Führenden (leader), der lediglich zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt das Klassement anführt („imperfektiver“ Aspekt). Das Ranking entwickelt sich also in der Zeit, weil sich über einen gewissen Zeitraum hinweg die Kriteriums-Werte jedes Elements der Grundgesamtheit ändern und damit auch die Rangordnungs-Plätze verschieben. Damit wird das Ranking zum (dynamischen) Wettrennen/Wettlauf, dessen Elemente meist als konkurrierende Akteure konzeptualisiert werden, wie das im Wettkampf-Sport tatsächlich zutrifft. Jedes einzelne Ranking wird damit zur Momentaufnahme in einem dynamischen Konkurrenz-Feld, was jedenfalls die Darstellung deutlich dramatisiert und in journalistischen Texten weidlich ausgeschlachtet wird. In diesem Bereich der Veränderungen über die Zeit ist es schwer, neutrale, nicht-metaphorische Bezeichnungen zur Beschreibung des Ranking-Schemas zu finden. Gewisse Teile des Schemas sind nämlich besonders „metaphern-anfällig“, insbesondere der erste und in geringerem Maße der letzte Platz, sowie eben die Konkurrenz um die Erstreihung. Der Kampf zwischen Führendem und Verfolger oder Verfolgern ist es, der bei Rankings vor allem die Aufmerksamkeit auf sich zieht, wie ja auch schon unser Beispiel (1)=(11) zeigt. In den Beschreibungen dieses „Wettlaufs“ häufen sich die Metaphern; die sprachlichen Mittel dafür sind extrem vielfältig und oft sehr originell, wie wir in der Folge sehen werden. Dabei werden wir uns hier vor allem mit den verschiedenen Elementen des Ranking-Frames beschäftigen und gleichsam en passant die interessanten metaphorischen Konzeptualisierungen mitnehmen.
Die Vorgangsweise ist dabei zunächst dezidiert onomasiologisch; sie gewinnt eine semasiologische Seite dazu, weil Texte aus dem Internet untersucht und darin systematisch die Ranking-Ausdrücke erhoben werden.4 Die daraus hervorgegangene Sammlung illustriert den Reichtum dieses Feldes und seine interessanten metaphorischen Konzeptualisierungen.
Bezüglich der Metaphern ist der Sport die Schlüsseldomäne der Rankings, bei der sich alle anderen Fächer, und insbesondere die Wirtschaft, ihre Konzeptualisierungen gleichsam „ausborgen“.5 Aber nicht alle Sportarten sind als Bildspender gleich wichtig: Die wichtigste metaphorische Konzeptualisierung ist das Wettrennen, dessen Konzepte auf andere Sportarten sowie auf wirtschaftliche Zusammenhänge übertragen werden.
Ich präsentiere hier nur einen kurzen Überblick über die wichtigsten sprachlichen Mittel, mit denen Rankings im Französischen ausgedrückt werden sowie über die gängisten Metaphorisierungen in diesem Bereich; in den Beispielen6 wird sich zeigen, dass die Ranking-Ausdrücke in den Sport- und in den Wirtschaftsdiskursen – und auch in den Diskursen der verschiedensten Sportarten – sehr ähnlich sind. Ich beginne (5.1) mit den Ausdrücken für den statischen Aspekt und werde dann zum dynamischen Aspekt der Rankings fortschreiten (5.2).
5.1 Der statische Aspekt
Im Zusammenhang mit dem statischen Aspekt kann man die Ausdrücke anführen, die das Ranking selbst bezeichnen (classement, liste, ranking, vgl. Bsp. 12, palmarès, aber auch le top 100, le top 10, etc.); begleitet werden sie oft von Adjektiven, die die Grundgesamtheit angeben (classement mondial, classement des meilleurs) oder von Ausdrücken, die das Kriterium benennen (en termes de valeur, en termes de volume).
Wichtig sind auch die Wörter, die Plätze im Ranking bezeichnen (place, position, rang); sie werden von Ordinalzahlen begleitet (à la 17e place, en 26e position). Aber diese Zahlen werden auch oft substantiviert und bezeichnen dann den Inhaber1 des jeweiligen Ranges (le premier, le deuxième); im Französischen gibt es außerdem eine Konstruktion mit dem Numerale (als Bezeichnung des Rang-Inhabers) als « attribut du sujet » (être deuxième, arriver troisième, se classer quatrième, finir cinquième).
| 12) | HEC, une première place incontestée Dans le célèbre ranking du quotidien britannique Financial Times, le MBA d’HEC arrive 18e, celui de l’Insead, 7e. En ce qui concerne le classement 2007 du FT des meilleurs business schools européennes, HEC arrive sur la première marche du podium avant London Business School.2 |
Zu erwähnen sind auch die Ausdrücke für die ersten drei Plätze und deren InhaberInnen: Dafür steht metonymisch das Siegerpodest (podium, vgl. Bsp. 12, gelegentlich auch piédestal), das typischerweise mit dem Verb se hisser auftritt: eine Vertikalitäts-Metapher (Bsp. 13).
| 13) | Cavalier de haute précision (Steve Guerdat) A l’automne, un titre acquis au Grand Prix de Rio de Janeiro permet au trentenaire de se hisser, durant un mois, à la première place du classement Rolex Ranking de la FEI. Rejoignant sur ce piédestal ses prédécesseurs et compatriotes Markus Fuchs et Pius Schwizer, Steve Guerdat confirmait ainsi la force de frappe de l’équitation helvétique sur l’échiquier mondial.3 |
Das Französische verfügt über einen besonderen Reichtum an Verben, die diese Platz-Zuweisungen einleiten,4 und zwar sowohl aktiv (arriver quatrième, se classer deuxième, occuper le troisième rang, obtenir la deuxième place, finir dernier) als auch passiv (la troisième place est occupée par / est attribuée à…, être classé deuxième). Die originellsten davon betonen die aktive Rolle des Teilnehmers (se hisser au troisième rang, se positionner quatrième, prendre/décrocher les trois premières places, émerger/pointer au quinzième rang). Das folgende Beispiel illustriert die Verwendung von mehreren der hier beschriebenen Verben:
| 14) | Google, Apple, Samsung ou Sony, quelles sont les marques les plus réputées ? La marque bavaroise BMW arrive en tête du classement pour la deuxième année consécutive avec un résultat de 78.39/100. Son compatriote germanique Daimler (Mercedes-Benz) pointe à la 5e place (76.58/100) et Volkswagen à la 13e place (74.38/100). La première entreprise américaine est The Walt Disney Company, seconde du classement avec une note de 77.76/100 tandis que la manufacture horlogère helvétique Rolex ferme le podium en prenant la troisième place avec 77.23 points.5 |
In derselben Gruppe, die nämlich den Teilnehmer als aktiv darstellt, findet man s’adjuger un titre, als ob der Sportler seine eigene Jury wäre; die Darstellungsweise ähnelt der bei ravir (z. B. ravir la première place, vgl. Bsp. 16), aber s’adjuger ist sozusagen „legitimistischer“.
Wir kommen nun zu den Ausdrücken, die den ersten Platz im Klassement bzw. metonymisch den Erstplatzierten bezeichnen: Hier finden sich wenig überraschend le premier rang, la première place, la première marche du podium (vgl. Bsp. 12). Aber der Ausdruck, der selbst an der Spitze steht, wenn es darum geht, über den ersten Platz zu sprechen, ist das französische Äquivalent von ‚an der Spitze‘, nämlich en tête. Es wird mit einer ganzen Reihe verschiedener Verben kombiniert und bestätigt so die Beobachtung, dass das Französische bei Rankings vor allem die verbale Kategorie besonders gut ausgebaut hat. Man findet also être en tête, arriver en tête, courir en tête, se positionner en tête, aber auch (ohne Präposition) garder la tête, prendre la tête. In den meisten dieser Ausdrücke kann tête eine Erweiterung beinhalten, die das ‚Klassement als Ganzes‘ oder die ‚Gruppe der Mitbewerber‘ bezeichnet, z. B. en tête du classement, en tête de peloton (Radfahr-Metapher) und andere. Die Metapher erscheint auf den ersten Blick simpel: ein Anthropomorphismus, wie er im Buche steht, kombiniert mit dem Schema von Lakoff/Johnson 1980 OBEN = POSITIV, UNTEN = NEGATIV. Aber die Dinge liegen dann doch nicht so einfach. Denn das Gegenteil von en tête de peloton, ist nicht etwa *aux pieds du peloton, sondern: en queue de peloton! Wir müssen also zunächst einmal unsere ganze Geometrie umdrehen, denn hier haben wir ein horizontales und nicht ein vertikales Schema: VORNE = POSITIV, HINTEN = NEGATIV. Und außerdem müssen wir auf biologischer Ebene umschalten, denn der Kopf von en tête de gehört nun plötzlich nicht mehr einem Menschen, sondern einem Tier – einem Tier, das läuft.
Es ist nun an der Zeit, in einem Exkurs über die beiden geometrischen Achsen nachzudenken, die vertikale und die horizontale. Beide spielen eine wichtige Rolle bei der Konzeptualisierung von Rankings. Das Prinzip OBEN = POSITIV, UNTEN = NEGATIV, also die vertikale Achse, hängt vor allem in der Wirtschaft (s.o., Kap. 4) mit den Graphiken zusammen, die die Entwicklung eines Indikators über die Zeit darstellen. Auch im Sport und bei den Sportmetaphern ist diese Achse wichtig, weil sie dem Siegerpodest und der Reihenfolge der drei Besten entspricht. Aber die wichtigere der beiden Achsen ist bei Rankings, im Sport wie überall anders, eigentlich die horizontale, also die Konzeptualisierung VORNE = POSITIV, HINTEN = NEGATIV. Es geht um das Bild des Siegers, der vorne, an der Spitze (en tête) liegt, während der Letzte den Schwanz darstellt (la queue), und die Menge der Mitbewerber das Feld (le peloton). Die Grundmetapher ist die des Wettrennens, das für tête und queue noch einmal metaphorisiert wird, nämlich, wie schon erwähnt, als ein Tier, das läuft. Beim peloton hat ursprünglich das Stricken die Armee inspiriert, die ihrerseits das Radrennen inspiriert hat, und dieses inspiriert nun seinerseits alle anderen Bereiche. Im Sport wird übrigens die Metapher des Wettrennens auch in all jenen Sportarten angewandt, die eigentlich kein Wettrennen enthalten (von Ski über Tennis bis Fußball), denn man hat ja immer eine (Leistungs-)Rangordnung, die in Bewegung, in Veränderung, begriffen ist; in der Wirtschaft und in vielen anderen Lebensbereichen wird die Wettrennen-Metapher ebenfalls auf sämtliche Indikatoren angewandt, solange sie nur ein Ranking ergeben können.
5.2 Der dynamische Aspekt (Wettrennen-Metapher)
Die Konzeptualisierung als Wettrennen leitet nun endgültig zur dynamischen Seite der Rankings über. Das Wettrennen ist dabei im Übrigen ein sehr allgemeines Konzept, es konkretisiert sich manchmal als Wettlauf, manchmal als Autorennen, manchmal als Pferderennen und sehr oft als Radrennen. Beim Pferderennen existiert (Bsp. 15) ein besonders origineller Ausdruck, der die verbale und metaphorische Kreativität des Französischen illustriert. Um nämlich eine Führung zu beschreiben, die völlig unbestritten ist, kann man vom Protagonisten sagen, il caracole en tête des concurrents!1 Dieser Ausdruck caracoler en tête, also wörtlich vielleicht ‚lässig und souverän an der Spitze herumtänzeln‘, entspricht der Vorstellung einer mühelosen und absolut sicheren Führung, während die Konkurrenten sich mächtig anstrengen und den Führenden doch niemals erreichen können. Vom Ersten wird auch gesagt (Bsp. 15): il sème ses concurrents. Das ist das Bild des Führenden, der den anderen davonläuft oder davonfährt, während die Konkurrenten hinten bleiben; aber weil jeder unterschiedlich schnell ist, verteilen sie sich auf seiner Spur wie Körner, die er ausgesät hätte.
| 15) | Audiences TV : R.I.S. Police scientifique caracole en tête sur TF1 JEUDI 21 FEVRIER – Avec 24 % de parts de marché, la série policière de TF1 sème ses concurrents . France 2, France 3 et M6 forment le reste du peloton avec des audiences au coude à coude . Avec 6,4 % de parts de marché, TMC prend la tête des chaînes de la TNT. 2 |
Dieses Beispiel (15) leitet gleichzeitig vom Pferderennen über zum Radrennen, denn es ist darin die Rede vom reste du peloton. Das ist übrigens auch die dominierende Metapher, wenn es um dynamische Rankings im Französischen geht – man könnte beinahe sagen, la course cycliste caracole en tête des sources d’images pour les classements. Oder, um eine Radsport-Metapher zu bemühen: Der Radsport trägt das gelbe Trikot, le maillot jaune, der Bildspenderbereiche.
Dieses maillot jaune, eine im Französischen in allen sportlichen wie ökonomischen Bereichen hochfrequente metaphorische Bezeichnung, die selbstverständlich vom Tour de France kommt, kombiniert sich mit einer beeindruckenden Palette von Verben (obtenir, endosser, revêtir, décrocher, remporter, arborer, détenir, garder, être, rester le maillot jaune), aber auch Substantiven (le maillot jaune des dépenses, des villes où il fait bon vivre, des villes les mieux décorées, des élus locaux, des entreprises nationalisées). Es bezeichnet metaphorisch den ersten Platz, aber per Metonymie dann auch fast ebensooft denjenigen, der diesen Platz innehat. Im Radsport ist das maillot jaune das Trikot des Führenden, es gehört also zum imperfektiven Aspekt; aber metaphorisch wird der Ausdruck auch oft für perfektive Tatsachen, nämlich für vollendete Siege, verwendet.
Genau genommen – und das ist nun ein weiterer Exkurs – sind die beiden Aspekte, der perfektive (vainqueur) und der imperfektive (leader) nur schwer zu trennen, denn – um mit Camus zu sprechen – alle Siege sind immer nur provisorisch. Ein Sportler, der heute ein Rennen oder einen Renndurchgang gewinnt, kann auf diese Weise seine Position im Gesamt-Weltcup oder in der Weltrangliste verbessern. Andererseits kann der Weltranglisten-Führende bei Rennen X oder der Tour-de-France-Führende bei Etappe Y irgendwo im Mittelfeld liegen und also vom Tagessieger überholt werden. Noch provisorischer sind Bestplatzierungen in der Wirtschaft, wo es ja nicht jährlich abgehaltene Meisterschaften oder Turniere gibt, sondern ständig sich erneuernde und verändernde Erhebungen und Statistiken, die jeweils nur eine Momentaufnahme eines Feldes einfangen, das in ständiger Bewegung und Umordnung begriffen ist. Wenn aus einer Statistik also dieses oder jenes Unternehmen als bestes hervorgeht, dann kann das nichts anderes sein als eine momentane Führung. Im Sport ist es übrigens ganz ähnlich, denn Meister ist man immer nur für ein oder zwei Jahre, und auch die Weltrangliste kann niemand für immer anführen.
Der Erstplatzierte eines bestimmten Rankings ist damit, trotz fix errungenen Sieges, eigentlich nichts als ein momentan Führender. Der dynamische Aspekt der Rankings entsteht sehr häufig dadurch, dass bei der Darstellung des aktuellen Rankings die Veränderungen gegenüber dem vorjährigen mit-thematisiert werden (par rapport à l’année dernière, depuis l’année dernière,…). Durch den Vergleich zweier Momentaufnahmen, die ein Jahr auseinanderliegen, entsteht eine Dynamik in der Reihenfolge, die wiederum den Positionsveränderungen in einem Wettrennen nahekommt. So kann ein Konkurrent z. B. progresser d’une place, passer de la 5e place à la 12e, gagner/perdre une place, être relégué (dieses Verb ist immer negativ) à la 2e place. Kurioserweise findet man in solchen Texten dann auch vergleichsweise oft Konzeptualisierungen auf der vertikalen Achse, also Steigen und Fallen: So kann ein Protagonist évoluer (= monter) de 4 rangs, monter au 9e rang, remonter à la 3e place, tomber à la 2e place, chuter de la 6e à la 8e position; man spricht auch von une ascension oder une chute.
Jene, die länger unschlagbar an der Spitze bleiben, die leaders incontestés, werden mit metaphorischen Ausdrücken bezeichnet, die auf eine soziale Hierarchie anspielen: X domine; X règne sans partage sur le marché mondial; X règne en maître; X a pris les commandes du Grand Prix.
| 16) | TNT : D8 ravit la première place à TMC sur une semaine […] Tout un symbole. La semaine dernière, D8 s’est offert le luxe de détrôner TMC du podium des petites chaînes de la TNT. Sur l’ensemble de la semaine, elle totalise 3,5% de part d’audience, un record historique pour la chaîne rachetée par Canal+ en octobre dernier. En face, TMC (groupe TF1) fait 3,4% de part d’audience. D8 ne dépasse TMC que d’un cheveu , et seulement sur une semaine, mais c’est la première fois qu’elle détrône TMC qui règne en maître sur la TNT depuis trois saisons, occupant ainsi la position de cinquième chaîne nationale . 3 |
Die Verben régner und détrôner in diesem Beispiel sind ganz eindeutig dem Bildspenderbereich ‚Monarchie‘ entlehnt. Die Monarchie wird offensichtlich als der Prototyp einer stabilen sozialen Rangordnung empfunden. Für eine länger andauernde dominierende Position werden daher gerne Monarchie-Metaphern bemüht; allerdings sind diese im Französischen weniger häufig und weniger vielfältig als im Italienischen und Spanischen, wo es in den Rankings nur so von Kaisern und Königen, Thronen, Zeptern und Kronen wimmelt. Sollte es der République française tatsächlich gelungen sein, in die Vorstellungswelt ihrer BürgerInnen demokratischere Bilder einzuschleusen?
Im Rahmen des dynamischen Aspekts, also des Wettrennens, gibt es bei den Verben einerseits solche, die einen Zustand beschreiben (suivre, être/se placer/se situer devant/derrière) (perfektiver Aspekt) und andererseits solche, die eine Veränderung wiedergeben, eine Neuordnung des Feldes der Konkurrenten (imperfektiver Aspekt): Ein Teilnehmer am (wirklichen oder metaphorischen) Rennen kann einen anderen z. B. devancer oder doubler, also überholen; er kann passer devant oder s’imposer devant lui. Durch Passivierung ergibt sich dabei ein Perspektivenwechsel vom Führenden zum Verfolger: X dépasse Y / devance Y versus Y est devancé par X, Y se voit devancé par X, Y se fait doubler/dépasser par X. Und umgekehrt kann es sein, dass X retombe derrière Y, mit einem aktiven Verb, das die Perspektive des Verlierers ausdrückt. Diese horizontale Wettlauf-Metapher, mit den Positionen vor oder hinter einem Konkurrenten und den ständigen Veränderungen in der Reihenfolge, steht im Zentrum des Ranking-Frames und des dynamischen Aspekts der Rangordnungen.
| 17) | Samsung dépasse Nokia et talonne Apple […] Suite à une progression fulgurante sur le marché, le coréen atteint les 19,2 millions de smartphones vendus au 2e trimestre, et se place donc entre Apple (20,3 millions), et Nokia (16,7 millions). Le combat pour la première place va donc faire rage entre Samsung et Apple, le premier comptant sur la sortie de son Galaxy SII sur le marché nord-américain, tandis que l’autre espère garder la tête avec son futur iPhone 5 et la sortie de son iCloud, une solution de cloud computing pour mobile.4 |
Dieses Beispiel (17) illustriert zwei sehr interessante Aspekte: erstens, den Ausdruck talonner für ‚sehr nahe folgen‘ – eine anthropomorphische Metapher aus dem Bereich des Laufens, zu der es übrigens einen äquivalenten Ausdruck gibt, für den das Radrennen Pate gestanden hat: sucer la roue. Dieser bezieht sich auf die Technik des ‚im Windschatten Fahrens‘ (cf. Gabillon 2009): Ähnlich wie Zugvögel platzieren sich die Fahrer während des Rennens in einer Art V-Formation, so dass sie durch den jeweiligen Vordermann vor dem Wind geschützt sind und sich weniger anstrengen müssen. Nur der Vorderste muss dabei mehr Energie aufbringen, daher wechseln einander die Rennfahrer in dieser Position meist ab. Die Vorstellung vom Saugen erklärt sich durch die physische Nähe des Vordermannes, aber auch durch das Konzept des Vorteils, des Schmarotzens. In der Wirtschaft wird diese Metapher konsequenterweise dort verwendet, wo ein Unternehmen die Produkte der anderen kopiert.
Der zweite interessante Aspekt in Beispiel (17) entspricht der Passage Le combat pour la première place va donc faire rage entre Samsung et Apple. Sie leitet über zu einem der wichtigsten und sprachlich vielfältigsten Bereiche der Rankings, nämlich der Konkurrenz zwischen dem Ersten und seinen Verfolgern. Der wichtigste Verfolger ist dabei natürlich der Zweite, der mit dem Ersten in direktem Wettbewerb um die Führung steht. Dieses Duell zwischen den beiden Spitzenreitern, qui se disputent la première place, zieht die Aufmerksamkeit der AnalystInnen und JournalistInnen unweigerlich auf sich, sei es nun im sportlichen oder im wirtschaftlichen Bereich:
| 18) | Apple perd sa place de première capitalisation boursière mondiale Le groupe informatique Apple, maltraité cette semaine par le marché qui craint un ralentissement de sa croissance, a perdu, ce vendredi, sa place de première capitalisation boursière mondiale, retombant à la clôture de Wall Street derrière le groupe pétrolier ExxonMobil. Devant ExxonMobil en août 2011 […] Apple était passé pour la première fois devant ExxonMobil en août 2011. Les deux groupes avaient bataillé pour la première place les mois suivants, Apple finissant par l’emporter.5 |
| 19) | GP 250 : Aoyama plus près du titre que jamais Malmené depuis trois Grands Prix, Hiroshi Aoyama a repris l’avantage à l’occasion de l’avant-dernière épreuve de la saison. Le pilote Honda s’est en effet brillamment imposé sur le circuit de Sepang. Longtemps devancé par Jules Cluzel et Marco Simoncelli, Aoyama a pris la tête peu après la mi-course, et à la force du poignet a réussi à semer ses adversaires. Derrière, Jules Cluzel s’est mis par terre, tout comme Mike Di Meglio et Alvaro Bautista. Quant à Marco Simoncelli, il a cédé sa deuxième place sur la ligne d’arrivée à Hector Barbera.6 |
Bei den Metaphern findet man hier, nicht sehr überraschend, alle Varianten des Kampfes und auch des Krieges: le combat va faire rage (Bsp. 17), batailler pour la première place (Bsp. 18), être maltraité (Bsp. 18), être malmené (Bsp. 19), se mettre par terre (Bsp. 19). Auffällig ist auch eine Reihe von Ausdrücken, die Rangordnungswechsel als mehr oder weniger freiwillige Übertragung von Besitz konzeptualisieren: Da ist zunächst prendre la tête (Bsp. 19) oder garder la tête (Bsp. 17), prendre la première place (Bsp. 15), perdre sa place de premier (Bsp. 18), reprendre l’avantage (Bsp. 19), bis hin zu céder sa place (Bsp. 19) und ravir la première place (Bsp. 16). Nicht zu vergessen zwei häufige verbale Äquivalente von gagner/vaincre: l’emporter (Bsp. 18) und s’imposer (Bsp. 19) – das erste entspricht dem Typus ‚Übertragung von Besitz‘, das zweite dem ‚Kampf gegen einen Gegner‘, bzw. dem ‚Erringen der Macht‘.
Ich möchte diesen Beitrag mit einer Erinnerung an jene beenden, die in den Rankings nicht vorne, sondern ganz hinten kommen: les derniers, die Letzten. Von ihnen heißt es: ils arrivent en dernière position, ils se classent au dernier rang, ils sont relégués en queue de peloton. Sie haben aber ganz alleine für sich auch eine sehr schöne und sprechende Metapher: Es ist das Bild vom Schlusslicht, von der lanterne rouge. Das ist eine Technik-Metapher, noch präziser eine Fahrzeug-Metapher, die daher kommt, dass an einem Fahrzeug hinten ein rotes Licht angebracht sein muss:
| 20) | La filière porcine française lanterne rouge européenne Les bons résultats techniques des éleveurs de porcs français ne suffisent pas à compenser les insuffisances industrielles. Pour la compétitivité, la France se classe au cinquième et dernier rang des principaux producteurs de porcs en Europe selon une étude réalisée par l’fip (Institut technique du porc). 7 |
Wie schon bei den quantiativen Ausdrücken, so entspricht auch bei den Rankings der Reichtum an sprachlichen Mitteln paradoxerweise vielleicht gerade der Banalität der Inhalte: Alle diese Texte könnte man genau genommen auch durch nummerierte Listen ersetzen – der Kern der Information bliebe erhalten. Aber gerade da besteht die Kunst und das Können der JournalistInnen darin, aus einer solchen Rangordnung einen interessanten Text zu machen, indem man die Platzierungen vergleicht, begründet, kommentiert, und indem man – das ist der für uns interessanteste Aspekt – vor allem die sprachlichen Mittel variiert. Unsere Beispiele haben gezeigt, wie geschickt dabei die AutorInnen vorgehen, zur großen Freude ihrer LeserInnen wie auch der linguistischen Ranking-OlogInnen.
6 Schluss
Im Zentrum dieses Beitrags standen jene sprachlichen Mittel, die man als die „Mittlere Schicht“ der Fachsprachen bezeichnen kann. Ich hoffe, gezeigt zu haben, dass es hier einen breiten Bereich der Fachdiskurse gibt, der einer genaueren Beschreibung noch weitgehend harrt. Diese Schicht liegt, was den Fachlichkeitsgrad angeht, in der Mitte zwischen der hochspezifischen Fachterminologie der einzelnen Disziplinen einerseits und den generellen gemeinsprachlichen Mitteln andererseits, aus denen sich fachsprachliche Diskurse speisen; er ist dabei aber eindeutig fachspezifischer als die „allgemeine Wissenschaftssprache“.
Es handelt sich um nicht-terminologische sprachliche Elemente, die durch ihre Frequenz und Funktion bestimmte Fachsprachen und -diskurse kennzeichnen. Gewisse, aber nicht sämtliche, Fachdiskurse, denn das unterscheidet die „Mittlere Schicht“ von der sogenannten „allgemeinen Wissenschaftssprache“ oder dem „Fachstil“, wie er von Werner Forner und von den BeiträgerInnen zur Sammlung von Tutin 2007a beschrieben wurde. Er kennzeichnet aber gewisse Fachsprachen und -diskurse im Plural, denn meist verbinden sich mehrere verwandte Fächer in ihrer Präferenz für gewisse semantische und/oder syntaktische Elemente. Beispiele wären die Ausdrücke für das Steigen und Fallen von Werten, die in Kapitel 4 beschrieben wurden, und die nicht nur für Wirtschafts-, sondern auch für Soziologie- und Demographie-Diskurse charakteristisch sind. Wir haben außerdem gesehen, dass die Basismetapher dieses Bereichs, die Kurvengraphik, einer grundlegenden konzeptuellen Metapher der Wirtschaftswissenschaften entspricht. Die in Kapitel 5 analysierten Ranking-Ausdrücke verbinden ihrerseits die Wirtschaftssprache mit der Sprache des Sports, wobei eine ganze Reihe von Sport-Metaphern, insbesondere das Wettrennen, in eine Reihe anderer Domänen übernommen werden. In ähnlicher Weise könnte man die Ausdrücke für Ursache und Wirkung in verschiedenen Disziplinen vergleichend untersuchen: Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften, Technik. All diese sprachlichen Mittel sind generell nicht einer Einzeldisziplin zugehörig (wie es ja die Terminologie ist), und auch nicht andererseits der Gesamtheit wissenschaftlicher Disziplinen (wie die „allgemeine Wissenschaftssprache“), sondern sie bedienen Bündel verwandter Fächer, für die sie durch ihre Frequenz und Funktion charakteristisch sind. Diese typischen, präferierten sprachlichen Ausdrücke bilden die hier illustrierte und beschriebene „Mittlere Schicht“, ohne die man weder Fachdiskurse beschreiben noch Fachsprachen unterrichten kann.
Die Tatsache, dass es diese „Mittlere Schicht“ gibt, sollte uns auch zu denken geben, was die Struktur der Sprache und ihrer Varianten betrifft, und sollte uns abbringen von der Vorstellung der Fachsprachen als streng getrennter, jeweils für sich existierender Einzel-Codes, sozusagen als nicht kommunizierender Gefäße. Stattdessen hat man sie sich als Berglandschaften vorzustellen mit einzelnen Spitzen extremer Einzelfachlichkeit (z. B. in den Terminologien gewisser Fächer: Herzchirurgie, Quantenphysik, etc.), die aber aus breiten Hochebenen auftauchen, welche mehreren Disziplinen gemeinsam sind – eben die „Mittlere Schicht“ –, wobei die „allgemeine Wissenschaftssprache“ und noch weiter unten die nicht spezialisierte Allgemeinsprache als tief darunterliegende tektonische Platten zu denken sind.
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Sprachverwendung im digitalen Arbeitsmarkt
Eine Fallstudie zu Neologismen und Euphemismen im Italienischen und Französischen
Antje Lobin (Mainz)
1 Einführung
Im Zusammenhang mit der Digitalisierung ist der Arbeitsmarkt seit einigen Jahren tiefgreifenden Veränderungen unterworfen. Neben der Sharing-Economy, in deren Zentrum der Gemeinschaftskonsum steht und die durch das systematische Ausleihen von Gegenständen und das gegenseitige Bereitstellen von Räumen und Flächen gekennzeichnet ist (Gabler 2009)1, prägt die sog. Gig-Economy in immer stärkerem Maße die gegenwärtige Arbeitswelt. Die Anfänge der Gig-Economy sind in den USA und der dortigen Wirtschaftskrise im Jahr 2009 zu suchen. Nach dem Vorbild des amerikanischen Fahrtenvermittlers UBER werden in Unternehmen wie DELIVEROO und FOODORA, meist über eine Online-Plattform, kleinere Aufträge kurzfristig an Freiberuflerinnen und Freiberufler vergeben. Die Arbeitskräfte sind nicht fest angestellt, sie werden je Auftrag (Gig) bezahlt. Sie haben kein festes Einkommen und i.d.R. auch keine Absicherung für den Krankheitsfall oder das Alter. Sie werden daher auch als „digitale Tagelöhner“ bezeichnet.2 Die Vermittlung über eine Online-Plattform hat diesen unternehmerischen Aktivitäten die Bezeichnungen „Plattformisierung der Arbeit“ und „Plattformkapitalismus“ eingebracht.3
Die neuen Geschäftsmodelle gehen einher mit Versprechungen von Flexibilität, Selbständigkeit und Selbstbestimmtheit. In einem Artikel der Zeit vom 10. November 2017 heißt es: „Die pinken Foodora-Kuriere sind das Sinnbild einer ultraflexiblen Arbeitswelt.“4 Die Relevanz der Argumentation der Flexibilität zeigt sich z. B. auch im Namen des Zusteller-Dienstes von Amazon AMAZON FLEX.5 Allerdings sorgen die „neuen“ Gründer nicht für Wirtschaftswachstum, sondern bleiben stets ihr einziger Angestellter.6 Daher wird auch vom Typus des „einzelkämpfenden Arbeitskraftunternehmers“ gesprochen.7
Im Zusammenhang mit der Bedrohung durch eine neue Form der Prekarisierung haben die Kurierfahrerinnen und -fahrer in Deutschland, aber auch in Italien und Frankreich, bereits den Arbeitskampf aufgenommen und fordern Regulierung. Die Forderungen reichen von einer Erhöhung des Stundenlohnes bzw. überhaupt seiner Einhaltung, über Verschleißpauschalen pro gefahrenem Kilometer, über die Garantie einer Mindestanzahl von Schichten hin zur Ver- und Absicherung.8 Hinsichtlich der Bedeutung und Verbreitung der Gig-Economy gehen die Zahlen weit auseinander. Nur verwiesen sei an dieser Stelle auf eine Studie von McKinsey Global Institutes aus dem Jahr 2016, wonach diese Wirtschaftsform in bestehenden Statistiken stark unterschätzt wird, und 30 % der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer diese Arbeitsform nicht freiwillig gewählt haben.9
Die skizzierten gesellschaftlichen und unternehmerischen Entwicklungen gehen mit einem Wandel des Arbeitnehmerbildes einher und schlagen sich auch in der Sprache nieder. Zum einen haben sich die deonomastischen Ableitungen ubérisation und uberizzazione zur Bezeichnung dieser Wirtschaftsform bereits im Französischen und Italienischen etabliert. So wurde das französische Verb ubériser inzwischen im Robert illustré (2017) aufgenommen, das italienische Nomen uberizzazione wird in der Enzyklopädie Treccani erfasst. Zum anderen wird sprachlich der geringe Grad an Bindung und Verantwortung gegenüber den (Gelegenheits-)Beschäftigten mit Argumenten wie Selbstbestimmung und Autonomie und einer Rhetorik der Vergemeinschaftung kompensiert. Analog zu den Zuschreibungen, wie sie für die political correctness beobachtet werden können, die Trabant (2017) als „Sprachwaschmaschine“, Merle (2001, 8) als art de l’esquive und Canobbio (2009, 40) als abile maquillage linguistico bezeichnen, beobachten wir im Bereich der digitalen Plattformwirtschaft, in der Unternehmen als Vermittler von Dienstleistungen auftreten, ein rimodellamento del lessico e delle sue regole d’uso (Canobbio 2009, 36). Zu bedenken ist jedoch, dass die neuen Begriffe nicht in jedem Fall der eindeutigen Kommunikation zuträglich sind. Vielmehr erfolgt eine Verschleierung, die im Dienste der Euphemisierung steht, und die es näher zu beschreiben gilt. In diesem Sinne versteht sich der Beitrag als Fallstudie, in der die italienischen und französischen Begrifflichkeiten und Benennungsmuster, die im Zusammenhang mit dem digitalen Arbeitsmarkt aufkommen, beleuchtet und systematisiert werden.
Im Zentrum der Untersuchung steht der Sprachgebrauch auf den beiden Plattformen DELIVEROO und FOODORA. Es handelt sich hierbei um Online-Lieferdienste, über die die Kunden mit Gerichten aus verschiedenen Partner-Restaurants beliefert werden können.
2 Zum Neologismus ubériser / ubérisation / uberizzare / uberizzazione
Der Begriff uberiser, dessen Graphie bezüglich des accent aigu noch instabil ist, wurde von Maurice Lévy in einem Interview gegenüber der Financial Times im Dezember 2014 erstmalig verwendet. Maurice Lévy wird zitiert mit den Worten: Tout le monde a peur de se faire ubériser.1 Im Robert illustré (2017, 1985) wird zum Lemma ubériser folgende Definition gegeben:
ubériser v. tr. (de Uber, nom d’une start-up) Transformer (un secteur d’activité) avec un modèle économique innovant tirant parti du numérique. Start-up qui ubérise le secteur de l’hôtellerie. n.f. ubérisation.
Bemerkenswert an dieser Stelle ist die Tatsache, dass im Journal Officiel vom 28.07.2001 zwei Äquivalente zu start-up gegeben werden: jeune pousse und entreprise naissante.2 Dass in semantischer Hinsicht bezüglich des Begriffs uberiser Klärungsbedarf besteht, veranschaulicht ein Presseartikel im Figaro am 9.11.2015 mit dem Titel Ce que cache exactement le nouveau mot «ubérisation»3:
Le néologisme créé à partir du nom de l’entreprise de VTC a submergé les médias et l’univers du numérique ces derniers mois. Sa définition varie pourtant d’un interlocuteur à un autre et le terme possède autant de nuances que de détracteurs. / J’ubérise, tu ubérises, il ubérise… À lire certains médias et à entendre les acteurs du numérique français, tout est ubérisable – si ce n’est pas déjà ubérisé. L’économie, la politique […] sont autant de secteurs où l’ubérisation serait en marche. Les uns vantent son avènement quand les autres mettent en garde contre ses dangers. Elle passionne autant qu’elle divise. Mais surtout, elle intrigue. Que signifie donc ce néologisme barbare?
Der Begründer der Namensagentur Nomen, Marcel Botton, äußert sich im oben erwähnten Zeitungsartikel wie folgt zum Potenzial des Begriffs ubérisation: „Le terme ‚ubérisation‘ constitue une gigantesque campagne de communication dont Uber profite, sans débourser un sou.“ Auch im Treccani wird uberizzazione definiert und anhand von Pressebelegen kontextualisiert:
Derivato dal nome d’azienda Uber con l’aggiunta del suffisso -izzazione.
s. f. 1. Trasformazione di servizi e prestazioni lavorative continuativi, propri dell’economia tradizionale, in attività svolte soltanto su richiesta del consumatore o cliente. 2. Adozione o imitazione del modello di attività economica caratteristico della multinazionale Uber.4
Gegenüber der Definition, die im Robert Illustré für das Französische gegeben wird, fehlt hier allerdings das Argument der Plattformisierung. Für das deonomastische Substantiv uberizzazione gibt es in Überschriften und im Fließtext von Presseartikeln zahlreiche Belege. Exemplarisch seien die Folgenden angeführt: „Uberizzazione unica via.“ (Foglio.it, 11.01.2016)5; „[…] il pericolo vero non è l’uberizzazione del terziario bensì la sua mutazione ad opera di un inedito motore di fiducia.“ (Corriere di Bologna.it, 11.07.2016)6
Der Begriff ubérisation taucht inzwischen als Titel in wirtschaftlichen Publikationen auf, so in Uberisation = Économie déchirée? von Teboul und Picard (2015) oder in Uberisation: Un ennemi qui vous veut du bien? von Jacquet und Leclercq (2016). Darüber hinaus gibt es in Orcemont ein Observatoire de l’ubérisation. Schließlich wird der Name Uber in kreativer Weise zur Bildung weiterer Namen verwendet, wie die Reihe UberFresh, UberCargo und UberKittens zeigt.7
Nur am Rande sei auf einen historischen Vorläufer der Zuschreibung eines Begriffes der Wirtschaftssprache als „barbarisch“ hingewiesen, wie dies im oben genannten Artikel des Figaro geschieht. In ihrem puristischen Wörterbuch aus dem Jahr 1877 Lessico dell’infima e corrotta italianità (1877-1881) richten sich Pietro Fanfani und Costantino Arlìa gegen die Einflüsse aus dem Französischen sowie zahlreiche bürokratische Ausdrücke. Exemplarisch sei der Eintrag zu monopolizzare vorgestellt:
MONOPOLIZZARE: È voce barbara, cara agli scrittori di Economia; per es.: Il Governo dovrebbe impedire, che sotto il pretesto della libertà di commercio due, tre monopolizzino tutto il grano. […]. Metti incettare, Fare incetta, e sarà il parlare proprio e regolare. (Fanfani / Arlìa 1890, 357)
3 Der Sprachgebrauch der Gig-Economy
Im Rahmen der Betrachtung des Sprachgebrauchs auf den beiden Plattformen DELIVEROO und FOODORA sei der Blick zunächst auf die Bezeichnungen der Fahrrad-Kuriere gerichtet. Im Französischen wird auf beiden Plattformen der Begriff coursier verwendet. Im Larousse wird eine Definition angegeben, die die Übersetzung mit ‚Laufjunge‘ nahelegt:1 „Employé chargé des diverses courses à faire en ville pour une administration, un commerçant, un atelier etc. Le féminin coursière est rare.“ Die gleiche Bedeutung wird auch im TLFI angegeben.2 Im Petit Robert wiederum wird der Begriff in dieser Bedeutung nicht aufgeführt. Die neosemantisierte Form findet auch Eingang in Komposita, so in coursiers partenaires. Darüber hinaus werden die Kuriere bei DELIVEROO als biker(s) bezeichnet. Im Petit Robert wird dieser Begriff zwar aufgeführt, allerdings als Ableitung von amer. Engl. bike « moto, bécane » und somit anderer Bedeutung (Étym. 1987).3 Im Larousse sowie im TLFI wird biker nicht erfasst.
Im Italienischen wird auf beiden Plattformen der Begriff rider verwendet, mitunter mit dem Firmennamen als determinierender Konstituente: rider FOODORA. Rider ist in diesem Jahr als Neologismus im Treccani aufgenommen worden.4
rider s. m. e f. Fattorino che si sposta a bordo di una bicicletta equipaggiata per la consegna a domicilio degli articoli acquistati dai clienti; ciclofattorino. […] Dall’ingl. rider (‚chi va a cavallo, in bicicletta, in motocicletta‘), con una evidente restrizione e specializzazione di significato rispetto alla voce ingl.
Im Zingarelli ist rider nicht erfasst bzw. nur die Kollokation free rider. Zu rider besteht – insbesondere im pressesprachlichen Gebrauch5 – das Synonym ciclofattorino, das der Treccani ebenfalls als Neologismus verzeichnet.6 Im Zingarelli wird diese Neubildung noch nicht erfasst. Mit coursier, biker und rider sind drei der vier Bezeichnungen der Kuriere durch Bedeutungsverschiebung gegenüber einer eigenen oder fremdsprachlichen Form entstanden. Eine ausdrucksseitige Innovation ist lediglich ciclofattorino.
Zentrales Argument bei der Akquise der Fahrradkuriere ist das Versprechen von Flexibilität und Autonomie. Dies geht so weit, dass Autonomie als Profileigenschaft gefordert wird. Bei FOODORA wird unter den Anforderungen, die an die Mitarbeit gestellt werden, Folgendes genannt: être autonome. Die Belege sehen für die beiden Plattformen DELIVEROO (D) und FOODORA (F) im Einzelnen wie folgt aus:
Französisch:
Travaille en toute liberté (D)
Flexibilité, indépendance, revenus attractifs (D)
Tu es libre de rouler quand tu le souhaites et selon tes besoins (D)
Choisis quand livrer (D)
Vous choisissez quand vous souhaitez travailler en fonctions de vos disponibilités (F)
Vous choisissez le mode de livraison qui vous convient […] (F)
Besoin d’un boulot sympa et flexible ? (F)
Italienisch:
Lavoro flessibile (D)
Flessibilità, ottimi guadagni e un mondo di vantaggi per te (D)
Scegli tu quando lavorare (D)
Sarai un lavoratore autonomo libero di lavorare in base alla tua disponibilità (D)
Decidi tu quando lavorare (F)
Über den „wahren“ semantischen Gehalt der Wortfamilie um Flexibilität schreibt Trifone (2007, 163):
[…] le parole-simbolo del nuovo mercato del lavoro, flessibile e flessibilità, con i neologismi derivativi flessibilizzare e flessibilizzazione, sono a ben guardare sinonimi molto più astuti di licenziabile, licenziabilità, licenziare e licenziamento.
Neben der Herausstellung von Flexibilität und Autonomie zeichnet sich der Sprachgebrauch auf den genannten Plattformen sowohl für das Italienische als auch für das Französische durch eine Vielzahl an vergemeinschaftenden Formulierungen aus.
Französisch:
Tu feras partie de la plus grande communauté de livreurs en France (D)
Rejoignez notre communauté de coursiers ! (F)
Une seule équipe (F)
Vous recherchez […] une équipe sympa ? (F)
Italienisch:
Unisciti a noi (D)
Diventa parte del team FOODORA (F)
Entra a far parte della community dei rider (F)
An der Grenze zwischen vergemeinschaftendem und verdunkelndem Sprachgebrauch liegen die Verbalformen bzw. deren Präpositionen Vieni a lavorare come rider con FOODORA (F) und Pourquoi travailler avec nous (D). Im Petit Robert heißt es travailler pour un patron, im Zingarelli lavorare per un azienda. Das Problem eines euphemistischen und verschleiernden Sprachgebrauchs liegt auch vor bei équipement de qualité (D) bzw. equipaggiamento di qualità (D), deren Referent eine Uniform ist. Gleichfalls irreführend sind die Bezeichnungen prestataire indépendant (D) ‚unabhängiger Dienstleister‘ und lavoratore autonomo (D). Bereits in ihrer frühen Studie aus dem Jahr 1964 stellte Galli deʼ Paratesi fest, in welch hohem Maße das Themenfeld des Arbeitsmarktes (inklusive der Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, den Aspekten Einstellung, Entlassung und Bezahlung) von Euphemismen geprägt ist: „Nei rapporti tra le ditte e i lavoratori sono molti gli eufemismi circa i concetti di lavoro, assunzione, pagamento e simili.“ (Galli deʼ Paratesi 1964, 137) Als Beispiele euphemistischen Sprachgebrauchs führte sie collaborazione für lavoro, inserimento für assunzione und livello retributivo für paga an. Im Zusammenhang mit den neuen Arbeitsformen, die in der Folge verschiedener gesetzgeberischer Maßnahmen7 zur Flexibilisierung der Arbeit um die Jahrtausendwende in Italien entstanden sind (z. B. die Zeitarbeit), schreibt Trifone (2007, 161):
La nuova disciplina del lavoro temporaneo e atipico, la conseguente nascita delle agenzie per il cosiddetto „lavoro in affitto“, la parallela crescente diffusione di lavoratori precari hanno determinato lo sviluppo di una sorta di gergo interinalese, fatto di termini e locuzioni che hanno per lo più […] una componente eufemistica, che tendono cioè a occultare o edulcorare una realtà di fatto spiacevole e talvolta drammatica.
In besonderer Weise betroffen von der euphemisierenden Einführung neuer Begrifflichkeiten sind Berufsbezeichnungen. Trifone (2007, 160) schreibt ihnen eine aufwertende, mitunter rehabilitierende Funktion zu, die in seinen Beispielen von Anglizismen erfüllt wird:
Se persino il caporeparto […] diventa un teamleader, si capisce che il bistrattato venditore porta a porta cerchi di riabilitarsi assumendo la definizione ben più professionale di seller door to door.
Für den Wechsel im Bereich der Berufsbezeichnungen gibt es in historischer Sicht viele Vorläufer. Wahrgenommene Bedeutungsverschlechterungen führen im Zeitablauf zu regelrechten Bezeichnungsketten, wobei die jeweils neue Bezeichnung zur Aufwertung des entsprechenden Berufs beitragen soll (Galli deʼ Paratesi 1964, 137). Als Beispiel möge die folgende Kette dienen: serva → donna di servizio → donna → domestica → cameriera → persona di servizio (Galli deʼ Paratesi 1964, 137). Im weiteren Verlauf ist sie um den Ausdruck COLF (collaboratore familiare) ergänzt worden. Neben der aufwertenden und euphemistischen Funktion sieht Dardano (2000, 327) darin auch eine hierarchisierende Funktion am Wirken. Diese bildet letztlich die zunehmende und immer feingliedrigere Spezialisierung und den Zuschnitt einzelner Tätigkeiten in der Gesellschaft ab:
La causa di tali cambiamenti […] è eufemistica e al tempo stesso gerarchizzante: la sistemazione puntigliosa delle sempre nuove specializzazioni e mansioni nella società di oggi comporta lo sviluppo di neologismi, scemi classificatori e iperonimi. I centri di potere producono di continuo eufemismi.
Wenn es auch im vorliegenden Fall weniger um die Umbenennung einer bestehenden Tätigkeit geht als vielmehr um die Benennung eines neu entstandenen „Berufsbildes“, ist doch Crisafulli (2004, 96) zuzustimmen, der über den sog. nominalismo schreibt: „Il nominalismo crede nel potere magico del nominare, è un idealismo linguistico […].“
Wenden wir uns den euphemisierenden Begrifflichkeiten équipement de qualité / equipaggiamento di qualità sowie prestataire indépendant / lavoratore autonomo zu. Insofern als hier in gewisser Weise eine Form der Tabuisierung vorliegt, könnten die Begriffe in die Nähe der political correctness gerückt werden. Hier besteht allerdings ein zentraler Abgrenzungsfaktor. Denn während die political correctness den sprachlichen Schutz von Minderheiten im Sinne hat, geht es im vorliegenden Fall um die Verschleierung der direkten Bezeichnung eines Sachverhalts (Reutner 2009, 369). In ihrer Studie zu französischen und italienischen Euphemismen aus dem Jahr 2009 etabliert Reutner eine Kategorie, die sie mit dem Etikett „Ethik ohne Moral“ versieht (Reutner 2009, 368) und die hier zum Tragen kommt. Ethik ist hier im Sinne von Verhaltenskodex zu verstehen, Moral wiederum als gemeinwohlorientierte Moral und nicht als individuelle Geschäfts- bzw. Wohlstandsmoral (Reutner 2009, 368). Die beobachtete Verschleierung lässt sich zudem mit dem Konzept des doublespeak von Lutz (1989, 1) erfassen. Es ist zu verstehen als:
[…] language that makes the bad seem good, the negative appear positive, the unpleasant appear attractive or at least tolerable. Doublespeak is language that avoids or shifts responsibility, language that is at variance with its real or purported meaning.
An anderer Stelle spricht Lutz (1989, 11) von „language of nonresponsibility“. Doublespeak kommt in verschiedenen Ausprägungen vor (Lutz 1989, 2-7). Eine relevante Kategorie sind bei Lutz die Euphemismen, die mit der Absicht des Täuschens hervorgebracht werden.
4 Schlussbetrachtung
Der Sprachgebrauch der Gig-Economy lässt sich – wie derjenige anderer wirtschaftlicher Systeme auch – mit Lutz (1996, 128) wie folgt beschreiben:
Economist are in the business of creating verbal maps. That is, they create a world with words. As with all verbal maps, there is no necessary connection between their words and the reality they purport to represent.
Diese spezifische „Welt aus Worten“ ist in lexikalischer Hinsicht durch die Versprachlichung der Aspekte „Flexibilität“ und „Autonomie“ geprägt. Wie wir anhand der Bezeichnungen der Kuriere gesehen haben, sind auch Bedeutungserweiterung und Entlehnungen betroffen, hier insbesondere eigenständige semantische Entwicklungen in der Empfängersprache. Schließlich werden Euphemismen gewählt, und zwar weniger zum Schutz der Interaktanten als vielmehr zur Verschleierung wahrer Tatsachen. Es gilt allerdings zu bedenken, dass ein Ausdruck nicht per se als Euphemismus zu betrachten ist, sondern erst im Sprachgebrauch zu einem Solchen wird, wie Galli deʼ Paratesi (1964, 9) ausführt:
Infine è importante tenere presente che di una parola non si può dire che essa è un eufemismo in sé, ma soltanto che essa può avere un uso eufemistico. Un termine isolato dal contesto difficilmente può essere un eufemismo poiché l’essere eufemismo non è una proprietà insita nella parola, come le qualità fonetiche o il genere, ma è un valore che la parola assume nell’uso che se ne fa rispetto al contesto verbale in cui la si utilizza e alla situazione in cui la si usa. (Galli deʼ Paratesi 1964, 9)
Wenn auch die einzelsprachliche Ausgestaltung ebenso wie die historischen Bezüge zu weiteren „kritisierten“ Sprachformen (man denke an die sog. anti-lingua oder das sog. Hexagonal) unterschiedlich sein mögen, ist es doch Aufgabe der romanistischen Linguistik, die in der Sprache sichtbaren Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungsprozesse in vergleichender Perspektive in den Blick zu nehmen und hierfür übergreifende Deutungsversuche anzubieten.
Literatur
Baucher, Bérangère et al. (eds.) (2017): Le Robert illustré, Paris, Dictionnaires Le Robert.
Canobbio, Sabina (2009): „Confini invisibili: l’interdizione linguistica nell’Italia contemporanea“, in: Iannàccaro, Gabriele/Matera, Vincenzo (eds.): La lingua come cultura, Turin, UTET, 35-47.
Crisafulli, Edoardo (2004): Igiene verbale. Il politicamente corretto e la libertà linguistica, Firenze, Vallecchi.
Dardano, Maurizio (2000): „Lessico e semantica“, in: Sobrero, Alberto A. (ed.): Introduzione all’italiano contemporaneo. Le strutture, Rom/Bari, Laterza, 291-370.
Fanfani, Pietro/Arlìa, Costantino (31890): Lessico dell’infima e corrotta italianità, Mailand, Paolo Carrara.
Galli de’ Paratesi, Nora (1964): Semantica dell’eufemismo. L’eufemismo e la repressione verbale con esempi tratti dall’italiano contemporaneo, Torino, Giappichelli.
Jacquet, Denis/Leclercq, Grégoire (2016): Uberisation: Un ennemi qui vous veut du bien? Paris, Dunod.
Lutz, William (1996): The New Doublespeak: Why No One Knows What Anyone's Saying Anymore, New York, Harper Collins.
Lutz, William (1989): Doublespeak. From "Revenue Enhancement" to "Terminal Living". How government, business, advertisers, and others use language to deceive you, New York et al., Harper & Row.
Merle, Pierre (2011): Politiquement correct. Dico du parler pour ne pas dire, Paris, Les Éditions de Paris/Chaleil.
Reutner, Ursula (2009): Sprache und Tabu: Interpretationen zu französischen und italienischen Euphemismen, Tübingen, Niemeyer Verlag.
Teboul, Bruno / Picard, Thierry (2015): Uberisation = Économie déchirée?, Annecy, Kawa.
Trabant, Jürgen (2017): „Die Erfindung der Sprachwaschmaschine“, in: Zeitschrift für Ideengeschichte, XI/1, 123-126.
Trifone, Pietro (2007): „Call center. Fenomenologia del nuovo latinorum“, in: Trifone, Pietro (ed.): Malalingua. L’italiano scorretto da Dante a oggi, Bologna, Il Mulino, 155-163.
Internet-Links [letzter Zugriff jeweils 21.11.2018]
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http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/vor-und-nachteile-der-gig-economy-14357206.html
https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2017/offenheit/was-war-noch-mal-die-gig-economy
https://www.zeit.de/arbeit/2017-11/foodora-fahrer-proteste-gewerkschaft-verhandlungen
https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2017-11/amazon-flex-lieferservice-privatleute-berlin
https://www.mckinsey.com/mgi/overview/in-the-news/exploding-myths-about-the-gig-economy
https://www.zeit.de/arbeit/2017-10/kurierfahrer-foodora-arbeitsbedingungen-gewerkschaft-protest
www.latribune.fr/technos-medias/20141217tribd1e82ceae/tout-le-monde-a-peur-de-se-faire-uberiser-maurice-levy.html
http://www.culture.fr/franceterme/result?francetermeSearchTerme=start-up&francetermeSearchDomaine=292&francetermeSearchSubmit=rechercher&action=search
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http://www.treccani.it/vocabolario/uberizzazione_res-5c91c9a5-89ee-11e8-a7cb-00271042e8d9_%28Neologismi%29/ [letzter Zugriff am 21.11.2018]
https://www.ilfoglio.it/articoli/2016/01/11/news/uberizzazione-unica-via-il-caso-yellow-cab-e-quello-serve-ai-taxi-per-non-sparire-91406/
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http://www.treccani.it/magazine/lingua_italiana/articoli/scritto_e_parlato/Neologismi2.html
Semantisch-konzeptuelle Asymmetrien zwischen deutscher und spanischer Wirtschaftssprache
Franz Rainer
1 Einleitung
Zumindest für Linguisten ist es eine Binsenweisheit, dass sich der Wortschatz verschiedener Sprachen nicht nur durch die Bezeichnungen für Begriffe unterscheidet, sondern auch die begriffliche Ebene selbst unterschiedlich gegliedert sein kann. So finden wir Deutschsprachige mit einem einzigen Wort Fisch das Auslangen, wo man sich im Spanischen für pez oder pescado entscheiden muss, je nachdem, ob der Fisch noch im Wasser schwimmt oder aber bereits im Fischgeschäft, in der Pfanne oder auf dem Teller liegt. Im Vergleich zur Gemeinsprache unterscheidet sich der Wortschatz vieler Fachsprachen begrifflich wesentlich weniger von Sprache zu Sprache, was auf den jahrhundertelangen geistig-sprachlichen Austausch zwischen den europäischen Kulturen zurückzuführen ist. Allerdings gibt es auch in diesem Bereich große Unterschiede von Fach zu Fach. Während die Juristerei trotz aller Bemühungen, supranationales Recht zu etablieren, weiterhin stark in nationalen Traditionen verhaftet bleibt, bieten die Wirtschaftswissenschaften ein Bild weitgehender begrifflicher Gleichschaltung. Diese begriffliche Homogenität bildete sich in diesem Fach allmählich im Laufe der Neuzeit heraus, als die Ausarbeitung wirtschaftlicher Doktrinen noch eine wesentlich polyphonere Angelegenheit war als heute (vgl. Rainer 2017). In chronologischer Reihenfolge dominierte zuerst das Italienische, dann das Französische und schließlich das Englische, wobei im 19. Jahrundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch der Beitrag des Deutschen nicht unterschätzt werden sollte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erlangte das Englische seine Stellung absoluter Hegemonie. Seitdem begnügen sich die übrigen Sprachen weitgehend damit, das auf Englisch Vorgekaute jeweils mit eigenen Mitteln wiederzukäuen. Aus der Sicht des Lexikographen oder Übersetzers hat dieser Umstand den Vorteil, dass sich die Suche nach einer Entsprechung meistens auf die Bezeichnungsebene beschränkt. Die folgenden Beispiele mögen genügen, um den allgemeinen Fall zu veranschaulichen:1
| Monopol, Duopol, Oligopol | monopolio, duopolio, oligopolio |
| Handelsbilanz | balanza comercial |
| Bad Bank, Abbaubank | banco malo, banco tóxico |
| Abwrack-, Verschrottungsprämie | prima de/por desguace |
| Marketing | marketing, mercadotecnia |
| abschöpfen | descremar |
| usw. |
Im Allgemeinen ist die begriffliche Isomorphie in den akademischen Sphären der Wirtschaftssprache am größten, während wir in jenen Bereichen, die näher an der wirtschaftlichen Praxis liegen, durchaus begriffliche Asymmetrien antreffen können. Im vorliegenden Beitrag will ich versuchen, Asymmetrien, die mir im Zuge der Arbeit an einem deutsch-spanischen Wirtschaftswörterbuch2 begegnet sind, zu systematisieren.
Betrachten wir zur Einstimmung ein paar konkrete Beispiele. Für das deutsche Wort Erholungsurlaub bietet Pons3 als einzige Entsprechung vacaciones (de reposo). Der Duden4 definiert das Wort als „der Erholung dienender Urlaub“. Wenn man sich die Verwendung dieses Wortes jedoch etwas näher ansieht, bemerkt man, dass es sich auf zwei verwandte, aber dennoch unterschiedliche Begriffe beziehen kann. Es kann einerseits jeden Urlaub bezeichnen, der der Erholung dient („Ein kurzer Erholungsurlaub täte ihr gut.“5), andererseits ist es im Arbeitsrecht aber auch der Fachausdruck für den langen Urlaub, der Arbeitnehmern einmal im Jahr zusteht („Der ‚normale‘ Urlaub wird auch als Erholungsurlaub bezeichnet“). Während man Erholungsurlaub im ersten Sinn mit vacaciones de reposo, oder geläufiger mit vacaciones de descanso übersetzen kann, ist die Entsprechung im arbeitsrechtlichen Sinn vacaciones anuales („Las vacaciones anuales deben disfrutarse por el trabajador dentro del año natural.“). Mit der Unterscheidung von zwei Begriffen kann dieses Problem also aus lexikographischer Sicht einfach gelöst werden, denn beide Begriffe existieren identisch in den deutsch- und spanischsprachigen Ländern.
Dasselbe gilt auch für unser nächstes Beispiel, Bierbrauer. Pons gibt als einzige Entsprechung cervecero. Diese deckt jedoch nur einen von zwei Begriffen ab, mit denen das Wort im Deutschen verbunden ist, nämlich ‚Fachmann für die Herstellung von Bier‘ (Duden). Neben dieser gibt es im Deutschen aber noch eine zweite Verwendung, in der das Wort metonymisch auf ein entsprechendes Unternehmen, eine Brauerei oder einen Bierkonzern, bezogen wird („Bierbrauer Heineken verdient deutlich mehr.“). In dieser zweiten Verwendung muss das Wort im Spanischen mit (empresa) cervecera widergegeben werden, da die im Deutschen produktive metonymische Übertragung Fachmann > Unternehmen im Spanischen nicht üblich ist. Es handelt sich hierbei um eine systematische Lücke, die alle Ausdrücke dieser Art betrifft, im Duden wie in den deutsch-spanischen Wörterbüchern.
Nicht immer jedoch lassen sich Fallunterscheidungen so eindeutig bewerkstelligen. Für den Ausdruck Wirtschaftsstandort liefert Pons die alleinige Entsprechung emplazamiento económico. Diese Bezeichnung findet man zwar schon einige hundert Male im Internet, aber praktisch nur auf Seiten, die offenkundig einen deutschen Ausgangstext ins Spanische übersetzt haben, wahrscheinlich mithilfe von Pons! Der Ausdruck ist im Spanischen nämlich unüblich. Das Problem liegt hier darin begraben, dass die deutsche Bezeichnung, die seit einigen Jahrzehnten zu einem Modewort geworden ist, eine reiche Polysemie entwickelt hat, die es erforderlich macht, von Fall zu Fall unterschiedliche spanische Entsprechungen zu suchen. Wird der Ausdruck im Zusammenhang mit der Attraktivität für Investoren verwendet, so kann destino de inversiones eine gute Lösung sein: „Deutschland hat als Wirtschaftsstandort an Attraktivität eingebüßt. / Alemania ha perdido atractivo como destino de inversiones.“ Geht es nicht nur um Investitionen, sondern allgemeiner um Geschäfte, kann lugar para hacer negocios die bessere Lösung sein: „Wien ist ein attraktiver Wirtschaftsstandort. / Viena es un lugar atractivo para hacer negocios.“ In wieder anderen Zusammenhängen wird der Ausdruck jedoch auch einfach auf die Wirtschaft insgesamt bezogen und kann/sollte dementsprechend mit economía übersetzt werden: „Der Mittelstand ist eine der Stärken des Wirtschaftsstandorts Deutschland. / El Mittelstand es una de las fortalezas de la economía alemana.“ Damit sind die Übersetzungsmöglichkeiten sicher nicht erschöpft, aber es dürfte klargeworden sein, dass es auch im neuesten Wirtschaftswortschatz Ausdrücke gibt, die mangels exakter begrifflicher Entsprechung für den Lexikographen und den Übersetzer eine beträchtliche Herausforderung darstellen.
Um etwas Ordnung in die folgende Diskussion zu bringen, werde ich mich an den breiten Bedeutungsbegriff von Blank (1997, 95) anlehnen, der nicht nur den semantisch-begrifflichen Kern eines Wortes umfasst, sondern auch andere Ebenen, die für eine erfolgreiche Verwendung ausschlaggebend sind. Im Wesentlichen entspricht eine solche Auffassung Wittgensteins Gebrauchstheorie der Bedeutung, in der die Bedeutung als die Summe der impliziten Regeln betrachtet wird, die die Verwendung eines Wortes in einer Sprachgemeinschaft steuern. Konkret unterscheidet Blank folgende Ebenen:
1 Das „Semem“, d.h. das einzelsprachlich bestimmte begriffliche Wissen, also z. B. all jene Merkmale, die mir erlauben, ein Arbeitsamt von einer Jobbörse zu unterscheiden.
2 Von diesem einzelsprachlich bestimmten Wissen unterscheidet Blank strikt das außersprachliche Wissen sowie Konnotationen, die mit der persönlichen Erfahrung zusammenhängen. Das Wissen, dass sich von meiner Wohnung aus gesehen in der nächsten Querstraße ein Arbeitsamt befindet, ist außersprachliches Wissen, das nicht dem Semem von Arbeitsamt zugerechnet werden sollte. Auch Konnotationen können ganz persönlicher Natur sein: wer einmal schlechte Erfahrungen mit dem Arbeitsamt gemacht hat, wird mit diesem Wort unangenehme Gefühle verbinden. Im Gegensatz zu Blank glaube ich allerdings nicht, dass es möglich ist, das sememische Wissen wirklich klar vom Weltwissen zu trennen. Auch bei den Konnotationen finden wir denselben fließenden Übergang zwischen einzelsprachlich systematischer Festlegung und individueller Ausprägung.
3 Als dritte Ebene unterscheidet Blank das einzelsprachlich-lexikalische Wissen. Dabei handelt es sich um Wissen, das nicht den begrifflichen Kern des Wortes, sondern seine sonstigen Verwendungsbedingungen in der Sprachgemeinschaft betrifft. Blank unterscheidet zwischen interner und externer Wortvorstellung. Die interne Wortvorstellung betrifft u.a. das Wissen über Genus, Motivationsbeziehungen oder Polysemie, aber auch jenes über die Kombinierbarkeit eines Wortes (so kann man in Österreich nicht nur zum, sondern auch auf’s Arbeitsamt gehen). Die externe Wortvorstellung hingegen betrifft soziokulturelle Determinanten der Wortverwendung, also z. B. das Wissen, dass Arbeitsamt nur mehr selten verwendet wird und dass die entsprechende Institution heute in Deutschland Arbeitsagentur und in Österreich Arbeitsmarktservice, kurz AMS, heißt.
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