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Seitenblicke auf die französische Sprachgeschichte

Akten der Tagung Französische Sprachgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München (13.-16. Oktober 2016)

Sektionen: Interne Sprachgeschichte, Sprachwissenschaftsgeschichte, Kreolsprachen, Okzitanisch, Semicolti / Peu-lettrés, Französisch außerhalb Frankreichs – Sprachkontakt

Barbara Schäfer-Prieß / Roger Schöntag

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0101-1

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Inhalt

  Vorwort

  Roger Schöntag/Barbara Schäfer-Prieß: Einleitung. Seitenblicke auf die französische Sprachgeschichte

  Roger Schöntag: Aktueller Forschungsstand zur französischen Sprachgeschichte: Ein selektiver Überblick

 Interne SprachgeschichteThomas Krefeld: Tacitus, der linke Niederrhein und die Etymologie von fra. bourg, ita. borgo usw.Benjamin Meisnitzer / Bénédict Wocker: Grammatikalisierung in der neueren französischen Sprachgeschichte: die Entstehung von ModalpartikelnBarbara Wehr: Zur Syntax des Subjektpronomens im ältesten Französisch (9.–12. Jh.)Hildegard Klöden: Farbbezeichnungen im Neufranzösischen

 SprachwissenschaftsgeschichteRoger Schöntag: Die Sprachauffassung von Julien Offray de La Mettrie in seinem Traktat L’homme machine (1748)Corina Petersilka: Die Grammaire française von Jean Jacques Meynier aus Erlangen. Eine hugenottische Französischgrammatik des 18. JahrhundertsGabriele Beck-Busse: Enseigner le français aux non-grammatisés: Christian Gottfried Hase et la Grammaire des Dames dans les pays de langue allemande

 KreolsprachenSilke Jansen: L’Histoire naturelle des Indes (« Drake manuscript », ca. 1600) à la croisée des langues de l’Amérique coloniale

 OkzitanischKathrin Kraller: An der Schwelle zur Volkssprache. Eine kommunikationsgeschichtliche Untersuchung überwiegend lateinischer Notarurkunden aus Südfrankreich

 Semicolti/Peu-lettrésStephanie Massicot: Nähesprachliche Elemente in Texten von semicolti? Untersuchung eines französischen Briefkorpus des 19. JahrhundertsHarald Thun: Substandard und Regionalsprachen. Das Corpus Historique du Substandard Français, die écriture populaire und die écriture alternative (1789–1918)Joachim Steffen: Antistandard als politisches Manifest. Umgangssprache, Argot und Normabweichung in Briefen der Pariser Anarchisten von 1892

 Französisch außerhalb Frankreichs – SprachkontaktGerda Haßler: Lokale, personale und temporale Deiktika in französischen privaten Briefen in Nordamerika (18./19. Jahrhundert)Jürgen Lang: Die französischen Lehnwörter im WolofPhilipp Burdy: Zum Französischen in Genf im Zeitalter der ReformationJessica Stefanie Barzen: Die Rolls of Parliament: eine Untersuchung zur Franzisierung anglonormannischer Skripta anhand von Parlamentstexten aus der Zeit Eduard II. (1307–1327)Nelson Puccio: La France hors de France – eine Typologie der französisch induzierten Toponymie in DeutschlandBarbara Schäfer-Prieß: Wälschen ist Fälschen. Sprachpurismus und Nationalismus bei Friedrich Ludwig JahnFrank Paulikat: Romanisches in der Carmina Burana. Untersuchungen zu CB 118Matthias Schöffel: Französische Bittschriften von Untertanen an Therese Kunigunde aus Bayern. Vorstellung des Korpus und exemplarische AnalyseMatthias Waldinger: Gallizismen im Bairischen. Gibt es spezifisch bairische Gallizismen?Aurelia Merlan: Frankophilie und Frankomanie in den rumänischen Fürstentümern im 19. Jh. und deren Repräsentation in KomödienInmaculada García Jiménez: Sobre galicismos y “zarramplines” en el Diccionario (1855) de Rafael María Baralt

Vorwort

Der vorliegende Sammelband vereinigt ausgewählte Beiträge, die aus der Tagung Französische Sprachgeschichte hervorgegangen sind, die vom 13.–15. Oktober 2016 an der LUDWIG-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT in München stattgefunden hat. Es sei an dieser Stelle nochmals allen Vortragenden und Gästen für ihr reges Interesse an der Veranstaltung gedankt, für die angenehme Atmosphäre und die konstruktiven Diskussionen zu den vielfältigen Themenbereichen. Des Weiteren gilt Dank der LMU und insbesondere dem INSTITUT FÜR ROMANISCHE PHILOLOGIE für die Unterstützung bei der Planung und Organisation sowie bei der Bereitstellung der Räumlichkeiten und technischen Ausstattung. Für den reibungslosen Ablauf sei auch den zahlreichen Hilfskräften gedankt, die uns tatkräftig zur Seite standen, sowie Marie Wieselsberger für ihre akribische redaktionelle Arbeit bei der Korrektur der Manuskripte und Claire Chesnais für die Durchsicht der französischen Resümees. Schließlich sei für die finanzielle Unterstützung dem INSTITUT FRANÇAIS, der UNIVERSITÄTSGESELLSCHAFT der LMU sowie Andreas Dufter (Lehrstuhl Sprachwissenschaft, Romanistik) an dieser Stelle ebenfalls Dank ausgesprochen.

München im Dezember 2017

Barbara Schäfer-Prieß (LMU München)

& Roger Schöntag (FAU Erlangen)

Einleitung

Seitenblicke auf die französische Sprachgeschichte

Roger Schöntag/Barbara Schäfer-Prieß

Der vorliegende Sammelband zur französischen Sprachgeschichte reiht sich insofern in die bisherige Forschung ein, als er, basierend auf einer Tagung mit zahlreichen Beitragenden und weiteren Gästen, wichtige Themen der historischen Betrachtung der französischen Sprache vereint. Der Titel Seitenblicke ist dabei programmatisch zu verstehen: Zum einen wurde im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen bewusst auf eine thematische und chronologische Einengung bzw. die Reduzierung auf einen Aspekt der Sprachgeschichte verzichtet, um eine möglichst breite Streuung der bearbeiteten Felder zu erzielen und damit zumindest einen Einblick in die Bandbreite aktueller wissenschaftlicher Tätigkeit auf diesem Gebiet zu geben. Zum anderen sollten hier spezifische Einzelperspektiven zusammengeführt werden, die womöglich ansonsten keine Repräsentation auf den gängigen einschlägigen Tagungen gefunden hätten und verstreut publiziert worden wären. Die Seitenblicke beanspruchen daher, unprätentiös aber dennoch im Sinne der Beiträger selbstbewusst, die mögliche Vielfalt und Breite der sprachgeschichtlichen Forschung zum Französischen darzustellen.

Entsprechend den einzelnen Sektionen der Tagung sind auch die folgenden Beiträge verschiedenen thematischen Sektionen zugeordnet, wobei die Themenblöcke eher als ineinandergreifend als streng voneinander abgrenzend zu verstehen sind: I: Interne Sprachgeschichte, II: Sprachwissenschaftsgeschichte, III: Kreolsprachen, IV: Okzitanisch, V: Semicolti/Peu-lettrés, VI: Französisch außerhalb Frankreichs – Sprachkontakt.

Die erste Sektion Interne Sprachgeschichte beginnt mit einem Beitrag von Thomas Krefeld, der sich mit einem etymologischen und gleichzeitig toponomastischen Problem beschäftigt, nämlich der Frage der Herkunft von frz. bourg (it. borgo etc.), für die er mit Hilfe einer präzisen Lektüre des Tacitus, des Abgleichs verschiedener Sprachkontaktszenarien sowie aktueller archäologischer Erkenntnisse neue Lösungsansätze konzipiert.

Der Artikel von Benjamin Meisnitzer und Bénédict Wocker widmet sich der Entstehungsgeschichte französischer Modalpartikeln, einer Wortart, die in den romanischen Sprachen verglichen mit dem Deutschen weniger ausgeprägt ist, dennoch kaum negiert werden kann. Der Beitrag zeichnet den Grammatikalisierungsprozess von quand même, bien und donc im 19. und 20. Jh. anhand einschlägiger Textbelege nach.

In der folgenden Untersuchung von Barbara Wehr zur Syntax des Subjektpronomens in den frühen altfranzösischen Texten (9.–12. Jh.) wird die These vertreten und durch eine Analyse der ältesten Texte belegt, dass entgegen verbreiteter Ansicht im Altfranzösischen seit Beginn der Überlieferung die Setzung des Subjektpronomens der Normalfall war und dass die Nichtsetzung festen Regeln folgte, die auffällige Parallelen in den mittelalterlichen germanischen Sprachen finden, weshalb ein Adstrateinfluss für plausibel erachtet wird.

Hildegard Klöden zeigt einige Entwicklungen moderner Farbbezeichnungen in den Bereichen rose, violet und orange auf und setzt diese mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in Bezug. Dabei rekurriert sie auf die im Rahmen der Basic Color Theory entworfenen Stadien der Entwicklungen der Farbbezeichnungen und beleuchtet auch die Wortgeschichte einzelner Termini und den sich wandelnden Gebrauchskontext.

Die folgende Sektion Sprachwissenschaftsgeschichte beginnt mit einem Beitrag von Roger Schöntag zur Sprachphilosophie von La Mettrie, der als radikaler Aufklärer am Hofe Friedrichs II. von Preußen Zuflucht fand. In seinem Traktat Lʼhomme machine (1748) räsoniert er über einige der gängigen Themengebiete der zeitgenössischen Sprachbetrachtung wie die Frage nach dem Sprachursprung oder dem Verhältnis von tierischer und menschlicher Kommunikation. Vor dem Hintergrund seiner konsequent materialistischen und atheistischen Weltanschauung bekommen seine diesbezüglichen Ausführungen eine besondere Brisanz.

Corina Petersilka widmet sich in ihrer Forschung den aus Frankreich geflohenen Hugenotten, die in Erlangen angesiedelt wurden und der dortigen Neugründung zu Wohlstand verhalfen. Die in diesem Kontext entstandene Grammaire française (1767) von Jacques Meynier, dem ersten Französischlektor der noch jungen Universität, ist nicht nur ein Zeugnis der bilingualen Sprachsituation, sondern vor allem ein bisher noch nicht untersuchtes Werk, welches zeitgenössische Lehrmethoden mit wissenschaftlicher Erkenntnis verbindet. Meynier war nicht nur ein äußerst produktiver Verfasser von verschiedensten Lehrwerken, sondern gab auch eine kommentierte Fassung der Grammatik von Port-Royal heraus.

In ihrem Artikel zur Grammaire des Dames von Christian Gottfried Hase erläutert Gabriele Beck-Busse das Konzept einer im deutschsprachigen Raumverbreiteten französischen Grammatik für „Ungelehrte und Frauenzimmer“, wie es Hase selbst formuliert. Anhand der im Original als Philosophische Anweisung zur französischen, italiänischen und englischen Sprache (1750) titulierten Grammatik zeigt Beck-Busse schlüssig die zeitgenössisch übliche Gleichsetzung von non-grammatisés/Dames in Opposition zu grammatisés/lettrés auf, wobei erstere Kategorie oft noch durch die Attribuierung von non-latinisants ergänzt wurde. Mit Hase liegt der für die Forschung besondere Glücksfall einer „doppelten“ Grammatik vor, insofern als in dieser zwei manuels enthalten sind, wobei eine Lehranweisung sich explizit an Gelehrte richtet und die andere an Ungelehrte und Frauen, was eine entsprechend andere Methodik und Versprachlichung zur Folge hat.

Im Rahmen der folgenden Sektion Kreolsprachen referiert Silke Jansen über ihre erstmalige Auswertung des sogenannten Drake manuscript für die sprachwissenschaftliche Forschung. Die in dieser Handschrift enthaltene Histoire naturelle des Indes von ca. 1600 ist eine Darstellung eines anonymen Autors der Fauna und Flora des neuen Kontinents sowie der Lebensumstände der indigenen Bevölkerung und der dorthin transportierten afrikanischen Sklaven in den spanischen Kolonien. Die lexikalische Analyse des dort vorzufindenen Spezialvokabulars zeitigt eine Mischung aus französischen (auch dialektalen) und spanischen Lexemen sowie solchen aus verschiedenen lokalen amerikanischen Sprachen. Dies dokumentiert einerseits die sprachliche Situation französischer Reisender jener Zeit, in der das Spanische die lingua franca dieses kolonialen Kontextes war, andererseits wird hier bereits eine erster Eindruck einer später sich herausbildenden langage des îles und schließlich eines französischbasierten Kreols geliefert.

In der Sektion Okzitanisch, die wie die vorherige Sektion bewusst in die Französische Sprachgeschichte inkorporiert wurde, um auch den „Grenzbereichen“ ein breiteres Forum zu bieten, berichtet Katrin Kraller über die Sprachverwendung in südfranzösischen Urkunden. In ihrer Analyse dreier Notariatsurkunden aus dem 12. Jh. zeigt sie auf, dass der Ablöseprozess des Lateinischen als Sprache schriftsprachlicher Distanz in diesem Bereich durch die romanischen Sprachen bzw. hier konkret zunächst das Okzitanische keineswegs linear verlief, sondern kommunikativ-pragmatischen Kriterien unterworfen war. Ein wichtiger Aspekt war dabei der der kommunikativen Reichweite, also der Verständlichkeit auch für illiterate Volksschichten. Demgegenüber stand das Bedürfnis nach Fachtermini, um die spezifischen juristischen Belange ausdrücken zu können, aber auch um an Rechtstraditionen anzuknüpfen. Die Wahl der Varietät (latin, latin farci, occitan), aber auch der jeweiligen konkreten Art der Versprachlichung (okz. vs. lat. Fachwortschatz) wurde maßgeblich durch die Kommunikationssituation determiniert.

Die anschließende Sektion wurde durch das Begriffspaar semicolti/peu-lettrés charakterisiert, in dem bereits ein Teil der in den folgenden Beiträgen anklingenden Problematik einer adäquaten Beschreibung von Schriftzeugnissen wenig geübter Schreiber, die in der Regel als Substandardsprecher zu identifizieren sind, angedeutet wird.

Stephanie Massicot wirft in einer Untersuchung zum Französischen des 19. Jhs. die Frage nach der oft postulierten konzeptionellen Nähesprachlichkeit in semicolti-Schriftzeugnissen auf. In ihrer Analyse von Bittbriefen von bagnards bzw. deren Angehörigen aus den Archives nationales d’outre-mer (ANOM) in Aix-en-Provence zeigt sie im Rahmen eines kommunikativ-pragmatischen Ansatzes, dass zwar durchaus nähesprachliche Elemente auftreten, diese aber weitaus differenzierter eingeordnet werden müssen und eine reine defizitorientierte Perspektive auf einzelne sprachliche Charakteristika zu kurz greift und ein Blickwinkel, der die gesamte Textgestaltung sowie den beabsichtigten Kommunikationsakt berücksichtigt, bestimmte Strategien und Verfahren der Schreiber ans Licht bringt.

Im daran anschließenden Beitrag stellt Harald Thun eine erste größere Analyse aus seinem Projekt des Corpus Historique du Substandard Français (CHSF) vor, welches 65.000 Textdokumente aus verschiedenen Archiven Frankreichs aus der Zeit von 1789 bis 1918 umfasst. Die meist (aber nicht immer) von Substandardsprechern stammenden, von ihm als „deviante“ Texte bezeichneten Schriftzeugnisse decken ein breites Spektrum sprachlicher Variation ab, das nicht nur das Französische und seine regionalen Ausprägungen umfasst, sondern auch die Regionalsprachen mit einschließt. Thun bezeichnet diese in zahlreichen Dokumenten, die den unterschiedlichsten Textsorten (Privatbrief, Bittschreiben, Beschwerde, Soldatenbrief etc.) zuzuordnen sind, sich widerspiegelnde Art des Schreibens als écriture populaire bzw. in Bezug auf die langues régionales als écriture alternative und postuliert damit eine bisher vernachlässigte Varietät einer „zweiten“ französischen Schriftsprache.

In seiner Untersuchung zur Sprache der Anarchisten in Frankreich rekurriert Joachim Steffen ebenfalls auf das Kieler Korpus zum Substandard (CHSF) und arbeitet die sprachlichen Merkmale und Kommunikationsabsichten der anarchistischen Droh- und Beleidigungsbriefe heraus, in denen ganz bewusst mit Normabweichungen vom bon usage gespielt wird. Der Verstoß gegen die Regeln in äußerer Textgestaltung, Orthographie, Textgliederung und diskurstraditioneller Versprachlichung sowie die Verwendung von gruppenspezifischem Vokabular (argot) geht dabei immer nur so weit, dass die Botschaft (d.h. die Drohung) noch verstanden wird, d.h. die Kommunikation nicht abbricht. Dieser Anti-Standard ist dabei Teil der politischen Haltung, deren sprachlicher Reflex nur vor dem Hintergrund einer ausgeprägten Norm funktionieren kann.

Die letzte Sektion beinhaltet die Themengebiete Französisch außerhalb Frankreichs und damit einhergehende Sprachkontakte. Der erste Beitrag in diesem Bereich ist eine Untersuchung von Gerda Haßler zu lokalen, personalen und temporalen Deiktika in Privatbriefen aus dem kolonialen Nordamerika des 18. und 19. Jahrhunderts. Die festgestellte hohe Dichte derartiger deiktischer Elemente ist dabei auf die Relevanz der Origo-Verortung des Schreibers in seiner Korrespondenz mit einem Leser in einem anderen Lebenskontext (Frankreich) zurückzuführen. Auch die Beschreibung der „neuen“ Lebensumstände als thematischer Schwerpunkt in den Briefen sowie emotionale Bindungen erklären wohl eine Häufung der deiktischen Ausdrucksmittel.

Im folgenden Artikel widmet sich Jürgen Lang einer afrikanischen Sprachkontaktsituation. Die hauptsächlich im Senegal sowie auch in Gambia und Mauretanien gesprochene Sprache Wolof, eine westatlantische Sprache, hat im Laufe der kolonialen und postkolonialen Sprachkontaktsituation mit dem Französischen eine nicht unerhebliche Anzahl an Lehnwörtern übernommen, die hier nach verschiedenen Bereichen aufgeschlüsselt werden. Des Weiteren wird die Art der lautlichen und grammatischen Integration der Lehnwörter diskutiert, ist doch das Wolof als sogenannte Klassensprache einer anderen typologischen Gruppe zuzuordnen. Die Untersuchung auf Basis des Dictionnaire wolof-français zeigt auch, dass es nicht nur Entlehnungen gab, um Bezeichnungslücken zu schließen, sondern auch zahlreiche französische Wörter ins Wolof eingingen, die in Konkurrenz zu einheimischen Lexemen standen und diese gegenbenenfalls auch verdrängten.

Der Beitrag von Philipp Burdy beschäftigt sich mit dem Französischen zur Zeit der Reformation (16. Jh.) im ursprünglich frankoprovenzalischen Sprachraum. Die Analyse der Registres du Consistoire de Genève, in der die Arbeit des von Calvin gegründeten Konsistoriums zur sittlichen und religiösen Überwachung der Genfer Bürger dokumentiert ist, zeigt zum einen, dass erst mit der Reformation das Französische in größerem Umfang als Schriftsprache in der Westschweiz Verwendung findet und die frankoprovenzalische Scripta ablöst und zum anderen, dass die Grundlage der heutigen regionalfranzösischen Varietät der Suisse romande auf dem regionalen français écrit dieser Epoche beruht. Die in den registres vorgefundenen sprachlichen Spezifika, die auf einzelne frankoprovenzalischer Subvarietäten bzw. der mittelalterlichen Scripta zurückgehen, werden sorgsam aufgelistet.

Jessica Barzen setzt sich in ihrem Artikel zum Anglonormannischen mit dem Einfluss des kontinentalen Französischen auf diese in England entstandene Varietät des Altfranzösischen auseinander. Anhand von drei bekannten phonographischen Besonderheiten der anglonormannischen Scripta diskutiert sie den Prozess der Franzisierung, der sich in den Rolls of Parliament zu Beginn des 14. Jahrhunderts widerspiegelt. Diese Veränderungen im Anglonormannischen können dabei auch Anhaltspunkte für eine Periodisierung dieser Varietät geben, die vom 11. bis zum 14. Jh. die Sprache der englischen Oberschicht und neben dem Lateinischen die Sprache der Verwaltung und Justiz war.

In seinem Beitrag zu französisch inspirierten Ortsnamen in Deutschland eröffnet Nelson Puccio ein besonderes Panorama des Sprach- und Kulturkontaktes zwischen beiden Nachbarländern. Die erstmalige Systematisierung makro- und mikrotoponomastischer Gallizismen (u.a. Siedlungsnamen, Schlossnamen, Straßennamen, Hotelnamen, u.a.) nach Bildungsmuster und spezifischer Entlehnungssituation in direktem Sprachkontakt oder durch allgemeinen Kulturkontakt zeigt eine vielschichtige Durchdringung im Bereich der Namensgebung und die damit verbundenen Konnotationen auf.

Die im deutschsprachigen Raum früher omnipräsente französische Sprache und Kultur ist auch Thema des Beitrages von Barbara Schäfer-Prieß, die sich den sprachpuristischen Ausführungen des „Turnvaters Jahn“ widmet. In einer Analyse zum Verhältnis von Nationalismus und Sprachpurismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts werden beispielhaft die beiden Schriften Deutsches Volksthum (1810) und Merke zum deutschen Volksthum (1833) von Friedrich Ludwig Jahn untersucht, dessen als Sprachpatriotismus zu kategorisierende Einstellung auf einer Idealvorstellung der unvermischten Nationen und Völker und dementsprechend auch Sprachen beruht. Seine Abneigung richtet sich dabei nicht unbedingt rein gegen die im Deutschen jener Zeit reichlich vertretenen Gallizismen, sondern allgemein gegen Sprachmischung sowie elitäre Sprachverwendung. Ein Ausblick zeigt, wie sich der Sprachpurismus im Verlauf des 19. Jh. in verschiedenen Facetten noch steigert und dann im 20. Jh. nach einer Phase relativer Toleranz im Nationalsozialismus zunächst einen neuen Höhepunkt erreicht, dann aber zugunsten einer ideologischen Internationalisierung und einer Abwendung von dem alten Konzept der Einheit von Sprache und Nation wieder zurückgefahren wird.

Frank Paulikat unterzieht den Text der in der Abtei Benediktbeuern von Andreas Schmeller entdeckten 1803 und 1847 erstmals editierten, berühmten Dichtung der Carmina Burana einer eingehenden Analyse bezüglich der dort vorkommenden romanischen Elemente. Der Codex Buranus (CB), so wie er uns überliefert ist (Bayerische Staatsbibliothek, clm 4660), entstand wahrscheinlich in Südtirol um 1230 und weist nach heutiger Erkenntnis zwei Schreiber auf (h1, h2). Inhaltliche Anspielungen und sprachliche Eigenheiten weisen auf ein nicht erhaltenes französisches Original hin. Die Analyse der Passagen CB 95, CB 204, CB 218 und vor allem CB 118 zeigt, dass der Schreiber h2 wahrscheinlich aus dem norditalienischen Sprachraum stammte und bei der Abschrift derfranzösischen und okzitanischen Stellen der ursprünglichen Fassung seine Muttersprache mit einfließen ließ, was die italienischen Elemente erklärt.

Einen Beitrag zum Französischen am bayerischen Hof liefert Matthias Schöffel, der Bittschriften an die Gattin von Herzog Maximilian II. untersucht. Es sind Schreiben von Untertanen niedriger sozialer Schichten an Therese Kunigunde (1676–1730), in denen um eine Anstellung bei Hofe oder um finanzielle Unterstützung nachgesucht wurde. Die aus Polen stammende zweite Frau des bayerischen Kurfürsten sprach wie zu jener Zeit üblich Französisch und lernte das Deutsche nie wirklich, was die Untertanen wohl dazu nötigte, ihr Anliegen in der lingua franca des europäischen Adels vorzutragen. Die orthographische und syntaktische Analyse einiger dieser Bittbriefe zeitigt gängige semicolti-Phänomene, da die Verfasser das Französische wohl hauptsächlich mündlich erworben bzw. zumindest praktiziert hatten. Das Spektrum der unterschiedlich ausgeprägten Schreibkompetenz ist dabei erheblich und liefert ein lebendiges Bild von den Französischkenntnissen außerhalb Frankreichs jenseits der Oberschicht.

Dem Sprach- und Kulturkontakt zwischen Bayern und Frankreich widmet sich auch die Untersuchung von Matthias Waldinger, der einen Versuch unternimmt, die Gallizismen im Bairischen daraufhin zu prüfen, ob sie nur in dieser Varietät vorkommen oder auch in anderen Dialekten des Deutschen bzw. in der Hochsprache. Der größte Teil der im Bairischen vorhandenen Entlehnungen aus dem Französischen geht auf die sogenannte Alamode-Epoche zurück, als der Einfluss des Französischen am stärksten war. Sie „sickerten“ wohl meist als Lehnwörter über die deutsche Standardsprache, vor allem die Schriftsprache, im Sinne eines indirekten Kulturkontaktes ins Bairische, aber auch Entlehnungen über Nachbardialekte oder durch direkten Sprachkontakt von einzelnen Migranten bzw. Migrantengruppen (z.B. Savoyards) können prinzipiell nicht ausgeschlossen werden. Dementsprechend zeigt die Analyse, dass die allerwenigsten der bairischen Gallizismen letztlich plausibel als „spezifisch bairisch“ charakterisiert werden können; allerdings fehlt hierzu wie auch zu anderen deutschen Dialekten noch eine umfassende Dokumentation über Vorkommen und Entlehnungswege.

Um Gallizismen geht es auch im folgenden Beitrag von Aurelia Merlan, die den Einfluss des Französischen auf das Rumänische des 19. Jh. untersucht. Anhand der Komödien dreier Dichter, Costache Facca (ca. 1801–1845), Vasile Alecsandri (1821–1890) und Ion Luca Caragiale (1852–1912), verdeutlicht sie die unterschiedliche Intensität der rumänischen Frankophilie (bis hin zur Frankomanie), die bereits im 18. Jh. begann (Moldau, Walachei) und nicht unerhebliche Auswirkungen auf die rumänische Gesellschaft hatte. Man kann diesen französischen Kultureinfluss in drei Etappen unterteilen: 1780–1830, 1830–1863/66 und nach 1863/66. Die dem Realismus zuzuordnenden Komödien eignen sich deshalb besonders gut als Untersuchungsgegenstand, weil sie als ein Spiegelbild der Art der Verbreitung der Gallizismen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und Regionen fungieren. Die Studie liefert zudem ein wichtiges Inventar an literarisch belegten Lehnwörtern.

Im letzten Beitrag wird der Einfluss des Französischen in Bezug auf eine ganz andere Sprachkontaktsituation und deren lexikographischen Aufarbeitung beleuchtet. Inmaculada García Jiménez setzt sich mit der Kritik an dem Diccionario de galicismos (1855) des Venezolaners Rafael Maria Baralt auseinander, die vor allem seitens des venezolanischen Universalgelehrten und Grammatikers Andrés Bello und des französischen Philologen Henri Peseux-Richard laut wurde. Ein weiterer Aspekt des Beitrages gilt den von Baralt kritisierten traductores zarramplines, die für zahlreiche französische barbarismos in der spanischen Sprache verantwortlich seien. Wer sich hinter den von Baralt nicht genannten „unfähigen“ Übersetzern verbirgt, war bisher nicht bekannt, doch vorliegende Untersuchung zeigt, dass zumindest zwei von ihnen mit einer gewisser Plausibilität ausgemacht werden können, nämlich Antonio de Capmany und José de Covarrubias.

Ergänzend zu den hier von den Herausgebern gelieferten Kurzvorstellungen der einzelnen Beiträge des Sammelbandes sei auch auf die von den jeweiligen Autoren selbst verfassten abstracts auf Französisch verwiesen, die den auf Deutsch verfassten Artikeln vorangestellt sind.

Aktueller Forschungsstand zur französischen Sprachgeschichte: Ein selektiver Überblick

Roger Schöntag

Eine Übersicht über alle Facetten der französischen Sprachgeschichte, die in der Forschung bisher oder in den letzten Jahren behandelt wurden, zu liefern – und die zudem den Anspruch auch nur einer gewissen Vollständigkeit reklamieren würde – wäre ein Unterfangen, das an dieser Stelle nicht geleistet werden kann und auch nicht soll. Dennoch erscheint es sinnvoll, einleitend zu vorliegendem Sammelband zumindest eine Auswahl rezenter Publikationen und Forschungsprojekte vorzustellen (ab den 2000er Jahren), um einerseits einen Einstieg in die einzelnen Aspekte aktueller wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Sujet zu ermöglichen und andererseits, um die vorliegende Publikation in der derzeitigen Forschungslandschaft zu verorten.1

Zunächst seien einige Tagungen (colloques) bzw. Veranstaltungsreihen vorgestellt, die sich mit historischen Aspekten des Französischen befassen. Eine der jüngsten Kongressreihen wird von der Société Internationale de Diachronie du Français (SIDF) organisiert, die nach eigenem Bekunden ein colloque biennal zur histoire du français veranstaltet. Bisher stattgefunden haben die Tagungen in Nancy (I: 2011), in Cambridge (II: 2014) und Paris (III: 2016); die nächste wird in Neuchâtel (IV: 2018) anberaumt. Als Publikation mit entsprechendem thematischem Schwerpunkt ist aus dieser Vortragsreihe allein Ayres-Bennett/Rainsford (2014) hervorgegangen. Eine ebenfalls erst kürzlich ins Leben gerufen Tagungsreihe ist die von Maria Iliescu begründete des Repenser l’histoire du français, die in loser Folge bisher viermal abgehalten wurde, und zwar in Innsbruck (I: 2007), Chambéry (II: 2011), Neuchâtel (III: 2014) sowie in München (IV: 2016) und als nächstes in Erlangen stattfinden wird (V: 2018). Die dazu erschienenen Sammelbände vereinigen Beiträge mit den jeweils angesetzten Schwerpunkten: Lagorgette (2014), Kristol (2017) und demnächst Dufter/Grübl/Scharinger (im Druck 2018). Eine weitere, schon etwas länger laufende Tagungsreihe, ist die vom Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) initiierte und als DIACHRO betitelte, die bisher bereits achtmal abgehalten wurde (I: Paris 2002 [unpubliziert], II: Paris 2004, III: Paris 2006, IV: Madrid 2008, V: Lyon 2010, VI: Leuven 2012, VII: Paris 2015, VIII: Strasbourg 2017), als prinzipielles Untersuchungsziel die phénomènes de changement en français ausgibt und einige Publikationen zeitigte: Combettes/Marchello-Nizia (2007), Fagard/Prévost/Combettes/Bertrand (2008), Combettes/Guillot/Oppermann-Marsaux/Prévost/Rodríguez Somolinos (2010), Guillot-Barbance/Combettes/Lavrentiev/Oppermann-Marsaux/Prévost (2012), Carlier/Goyens/Lamiroy (2015), Prévost/Fagard (2017). Eine letzte Tagungsreihe, die hier vorgestellt werden soll, sind die sich spezifisch nur dem Mittelfranzösischen widmenden Colloques internationales sur le moyen français, die über mehrere Jahrzehnte stattgefunden hatten (1974–2004), das letzte Mal (XII.) in Montréal. Es sei diesbezüglich nur auf die letzten Aktenbände verwiesen: Buridant (2000), Duval (2003), Vanderheyden/Mortelmans/De Mulder/Venckeler (2007), Di Stefano/Bidler (2007). Ihre Fortsetzung findet die Tagungsreihe in den colloques der Association Internationale des Études sur le Moyen Français (AIEMF), die bisher sechsmal abgehalten wurden (I: Montréal 2004, II: 2006 Poitiers, III: Gargano del Garda 2008, IV: Lovain-la-Neuve 2010, V: Helsinki 2014, VI: Turin 2016) und als nächstes in Paris (2018) stattfindet. Die daraus hervorgegangenen Actes sind folgende: Di Stefano/Bidler (2007) [gleichzeitig letzte Tagung der Vorgängerveranstaltung], Galderisi/Pignatelli (2007), Timelli/Ferrari/Schoysman (2010), Delsaux/Haug (2012). Selbstverständlich findet sich weitere aktuelle Forschung zur französischen Sprachgeschichte im Rahmen anderer, thematisch weitergefasster Tagungen, wie die von der Société de Linguistique Romane, dem Conseil International de la Langue Française (CILF), dem Romanistenverband oder dem Frankoromanistenverband veranstalteten Kongresse. Eine diachrone Sektion hat beispielsweise auch die alle zwei Jahre stattfindende DIA-Tagungsreihe (I–V, 2010–2018).

Es soll nun im Folgenden eine kleine Auswahl von Sammelbänden, Kongressakten und Monographien vorgestellt werden, die in den letzten Jahren erschienen sind und selektiv einige Themenfelder abdecken.

Spezifisch zum Altfranzösischen sei auf Wüest (2017) zur frühen Historiographie verwiesen, auf Varga (2017) zu Syntax und Diskurstradition, auf Gleßgen/Trotter (2016) zur lexikalischen Diversität, auf Floquet/Giannini (2015) zum anglo-français, auf die von Bellon (2015) herausgegebene Festschrift für Queffélec mit grammatischen Einzeluntersuchungen, auf Grübl (2014) zur Koineisierung und Standardisierung,2 auf Zimmermann (2014) zu denSubjektpronomen, auf Arteaga (2013) zur internen Sprachentwicklung, auf Burdy (2013) zur diachronen Wortbildung, auf Glikman (2011) zur syntaktischen Subordination, auf Rainsford (2011) zur Akzentstruktur, auf Kleinheinz/Busby (2010) zur Vielsprachigkeit im mittelalterlichen Kontext, auf Goldbach (2007) zur Pronominalisierung sowie auf Völker (2003) zu Skripta und Variation. Arbeiten zur Editionsphilologie und textliche Einzeluntersuchung zum Altfranzösischen liegen mit Zwink (2017), Gabel de Aguirre (2015), Videsott (2015), Ducos (2014), Gleßgen/Kihaï/Videsott (2011), Carles (2011), Schauwecker (2007), Overbeck (2003) und Holtus/Overbeck/Völker (2003) vor. Die Urkunden- und Literatursprache des Deutschen und Französischen im13./14. Jh. wird bei Gärtner/Holtus (2005) behandelt. Ein weiteres wichtiges Werk zum Altfranzösischen ist zweifellos die umfassende Grammatik von Buridant (2000).3

Zur Übersetzung im Alt- Mittel- und Renaissancefranzösischen liegt der Band von Galderisi/Vincensini (2015) vor, zur Editionsphilologie des Mittelfranzösischen der Aktenband von Van Hemelryck/Marzano (2010) und zu historischen Einzelaspekten u.a. des français ancien, des français moyen und des français classique die Festschrift für Bernard Combettes von Bertrand/Prévost/Charolles/François/Schnedecker (2008).

Soziolinguistische Arbeiten zu verschiedenen Epochen des Französischen wurden von Kremnitz (2013), Pooley/Lagorgette (2011), Lusignan (2004), Ayres-Bennett (2004) und Lodge (2004) vorgelegt, von Buridant (2006) mit zusätzlichem Bezug zum Okzitanischen und von Lusignan/Martineau/Morin/Cohen (2011) die Variation im amerikanischen Kontext mitberücksichtigend. Der Einfluss des Französischen auf andere Sprachen im Verlauf seiner Geschichte thematisiert beispielsweise die Monographie von Gadet/Ludwig (2015) sowie der Kongressband von Horiot (2008).

Einzelne Phänomene der französischen Sprachgeschichte, die ebenfalls verschiedene Epochen betreffen, wurden in folgenden Arbeiten behandelt: das françois italianizé in der Frühen Neuzeit von Scharinger (im Druck 2018), kommentierte Privattexte des 17. und 18. Jhs. von Ernst (im Druck 2018) und Ernst/Wolf (2005), die manuels épistolographiques von Große (2017), die Grammatikschreibung von Beck-Busse (2014), Französischunterricht im England des 15. Jh. von Nissile (2014), Französischlehrwerke in Deutschland des 19. Jh. von Willems (2013), Reflexivmarkierungen von Waltereit (2012), der „Antiakkusativ“ von Heidinger (2010), die Sprachpolitik in der Aufklärung von Große/Neis (2008), Grammatikalisierungsphänomene von Klump (2007), der Normierungsprozess bzw. seine Vertreter von Caron (2004), Texte und Institutionen von Haßler (2001).

In Bezug auf den Sonderbereich der französischbasierten Kreolsprachen sei nur auf Neumann-Holzschuh (2011), auf Hazaël-Massieux (2008) und das noch im Entstehen begriffene Handbuch von Stein/Mutz/ Krämer (2019 im Druck) verwiesen.

Ein gewisser Schwerpunkt der Betrachtungen zur französischen Sprache liegt bei aller Vielfalt wohl auf strukturellem Wandel und Grammatikalisierungsprozessen, wie sie auch zahlreiche Sammelbände zu den romanischen Sprachen im Allgemeinen widerspiegeln; beispielhaft sei diesbezüglich nur auf folgende hingewiesen: Ayres-Bennett/Carlier/Glikman/Rainsford/Siouffi/Skupien-Dekens (im Druck 2018), Dufter/Stark (2017), Detges/Waltereit (2008) und Stark/Schmidt-Riese/Stoll (2008).

Zweifellos werden innerhalb der Romanistik auch zahlreiche andere Themen abgehandelt. Auch diesbezüglich sei nur auszugsweise auf einige Sammelbände verwiesen, in denen auch Einzeluntersuchungen zum Französischen zu finden sind: zur Sprache in der Renaissance Herling/Hardy/Sälzer (2016), zu Entwicklungen im Wortschatz Hillen/Jansen/Klump (2013), zur Pragmatik Wehr/Nicolosi (2012) sowie Iliescu/Siller-Runggaldier/Danler (2010), zu Manuskripttraditionen Wilhelm (2012), zum mittelalterlichen Wissenstransfer Dörr/Wilhelm (2009), zur historischen Semantik Lebsanft/Gleßgen (2004), zum Sprachbewusstsein Haßler/Niederehe (2000).4

Die letzten Monographien zur gesamten französischen Sprachgeschichte oder einzelnen Epochen, die aktuell erschienen sind, stellen im Wesentlichen Neuauflagen älterer Editionen dar, wie beispielsweise Cerquiglini (2013), Klare (2011), Berschin/Felixberger/Goebl (2008), Zink (2007) oder Picoche/Marchello-Nizia (2001). Relativ neu hingegen ist die neu aufgelegte Zusammenschau von Huchon (2016) sowie die kurzen Übersichten zum Alt- und Mittelfranzösischen von Ducos/Soutet (2012) und Duval (2009). Die lautliche Entwicklung und die Morphologie des Altfranzösischen finden sich in den beiden Neuauflagen von Joly (2004, 2009); die zahlreichen reinen Lehrbücher zum Altfranzösischen seien hier nicht berücksichtigt. Maßgeblich sind entsprechend dem allgemeinen Trend in den historischen Wissenschaften größere Kompendien mit einer Sammlung von Einzeldarstellungen. Ein solches Werk wie es beispielsweise für das Spanische mit der Sprachgeschichte von Cano Aguilar (2005) oder für das Italienische mit der mehrbändigen Sprachgeschichte von Serianni/Trifone (1993–1994) erschien, liegt, wenn auch nicht so differenziert wie letzteres, für das Französische mit der Neuauflage von Chaurand (2012) vor. Die umfangreichste Darstellung der französischen Sprachgeschichte bleibt jedoch nach wie vor die von Brunot (1905–1938).5 Was die aktuelle Forschung anbelangt ist zudem vor allem auf die einzelnen einschlägigen Artikel der dreibändigen Romanischen Sprachgeschichte von Ernst/Gleßgen/Schmitt/Schweickard (2003–2008) aus der HSK-Reihe zu verweisen, auf die wenigen historisch ausgerichteten kurzen Beiträge aus dem Handbuch Französisch von Kolboom/Kotschi/Reichel (2008) sowie ganz aktuell auf die entsprechenden Einzeldarstellungen aus dem Manuel de linguistique française von Polzin-Haumann/Schweickard (2015). Ergänzend dazu können auch die entsprechenden historischen Artikel aus dem zu den Fach- und Gruppensprachen vorliegenden Manuel von Forner/Thörle (2016) herangezogen werden, aus dem zur Editionsphilologie von Trotter (2015) und aus dem zur francophonie von Reutner (2017), alle aus der neugegründeten MRL-Reihe.

Zuletzt sei noch auf einige Wörterbuchprojekte hingewiesen, die entweder kürzlich abgeschlossen wurden oder die sich noch in Arbeit befinden, sowie auf damit zusammenhängende und weitere Digitalisierungs- und Datenbankprojekte. Es stehen mit Greimas (2012) zum Altfranzösischen und Greimas/Keane (2007) zum Mittelfranzösischen zwei aktuelle je einbändige Wörterbücher zur Verfügung, die ergänzt werden durch die überarbeiteten etymologischen Wörterbücher von Picoche (2015) und von Dubois/Mitterand/ Dauzat (2011) sowie durch das mehrbändige zur Wortgeschichte von Rey (2016), dessen aktuellste und erweiterte Auflage gerade erschienen ist. Im Wörterbuch von Enckell (2017) wird die historische Schichtung des français non conventionnel dargestellt. Das über mehrere Jahrzehnte entstandene Französische Etymologische Wörterbuch (FEW) von Walther von Wartburg (1922–2002), welches 2002 einen vorläufigen Abschluss gefunden hatte, wird zur Zeit in Nancy (ATILF/CNRS/Université de Lorraine) weiterverfolgt und dort digitalisiert (bisher nur images) – weitere Faszikel sind zumindest in Planung. Noch im Entstehen begriffen ist das Dictionnaire étymologique de l’ancien français (DEAF), welches von Kurt Baldinger begründet wurde und nun von Frankwalt Möhren in Heidelberg weitergeführt wird, zudem gleichzeitig als DEAFél digitalisiert wird. Ebenfalls noch im statu nascendi sind die beiden Wörterbuchprojekte zum Okzitanischen, das DAO und das DAG, die in München respektive Heidelberg fortgeführt werden. An der Heidelberger Akademie der Wissenschaften ist unter der Leitung von Martin-Dietrich Gleßgen auch die Digitalisierung des gaskognischen Wörterbuchs realisiert worden (DAGél). Digitalisiert und mit einer Suchfunktion versehen wurde das nun schon betagte, aber nichtsdestoweniger immer noch dienliche Wörterbuch zum Altfranzösischen von Godefroy (1881–1902), das von Classiques Garnier in Paris gehosted wird, sowie das an der Universität in Stuttgart angesiedelte von Tobler/Lommatsch (1925–2002), beide nach wie vor unverzichtbare Referenzen. Zwar nicht grundsätzlich historisch ausgerichtet aber mit knapper und valider etymologischer Referenz versehen ist die Online-Version des TLF, die in Form des TLFi in Nancy (ATILF/CNRS/Université de Lorraine) verortet ist. Dort ist zudem das elektronische Wörterbuch DMF zum Mittelfranzösischen angesiedelt sowie das Dictionnaire Électronique de Chrétien de Troyes (DÉCT), welches sich aus den Dichtungen Érec, Cligès, Lancelot, Yvain und Perceval speist, sowie das gesamtromanische etymologische Wörterbuch DÉRom unter der Leitung von Wolfgang Schweickard (Saarbrücken) und Éva Buchi (CNRS/ATILF). Ein spezifisches Wörterbuch ist das Anglo-Norman-Dictionary (AND), das 2005 neu aufgelegt wurde und zusätzlich nun an den Universitäten von Aberystwyth und Swansea nach und nach digitalisiert wird (Anglo-Norman Online-Hub). Ebenfalls historisch spezifisch sind die in Bamberg angesiedelten etymologischen Wörterbuchprojekte zum französischen Kreol von Annegret Bollée (als Ergänzung des FEW gedacht), das DECOI (1993–2007) und das DECA (2017–2018). Nicht diatopisch, sondern fachsprachlich orientiert sind die Wörterbuchprojekte DFSM (Paris) zur mittelalterlichen Wissenschaftssprache des Französischen und DiTMAO (Göttingen) zum medizinisch-botanischen Fachwortschatz des Okzitanischen. Einem grammatischen Phänomen widmet sich das Grazer Projekt des Dictionnaire historique de l’adjectif-adverbe (DHAA).

Ein digital aufbereitetes Korpus zum Alt- und Mittelfranzösischen (9.–15. Jh.) steht mit der von Christiane Marchello-Nizia begründeten Base de Français Médiéval (BMF) zur Verfügung, die am ENS in Lyon gehosted wird. Das aktuell von Achim Stein und Pierre Kunstmann an der Universität Stuttgart betriebene Nouveau Corpus d’Amsterdam (NCA) stellt im XML-Format aufbereitete Texte des Altfranzösischen vom Anfang des 11. bis Ende des 14. Jh. zur Verfügung.6 Bei beiden Datenbanken bedarf es zur Nutzung einer Registrierung. Eine Recherche zur älteren Sprachstufe des Französischen bzw. seiner Entwicklung ist auch über die Datenbank von FRANTEXT (ATILF/ CNRS/Université de Lorraine) möglich, die prinzipiell Schriftzeugnisse vom 10.–21. Jh. enthält und verschiedene ergänzende Teildatenbanken umfasst (Frantext Moyen Français, Frantext AFNOR, Frantext CTLF). Während die allgemeine Version (Frantext intégral) 79 Texte zum Altfranzösischen und 279 zum Mittelfranzösischen enthält, beinhaltet die Spezialdatenbank des Frantext MF allein 219 Texte zum Mittelfranzösischen (1330–1550).

Noch im Entstehen ist das deutsch-französische Projekt einer Datenbank zu lateinischen und frühen französischen Texten (PaLaFra), geleitet u.a. von Maria Selig in Regensburg. An der LMU München wird von Thomas Krefeld und Stephan Lücke das alternative geolinguistische Projekt VerbaAlpina betrieben, welches jenseits von Nationalgrenzen operierend auch die Varietäten des französisch- und okzitanischsprachigen Alpenraumes abdeckt.

An elektronischen Editionen der ältesten französischen Texte arbeitet Martin Gleßgen in seinen Projekten an der Universität Zürich (z.B. DocLing, Gleßgen 2015), während Maria Lieber italienische und französische Manuskripte der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden (SLUB) zu erschließen sucht.

Korpora zur jüngeren Sprachgeschichte des Französischen wären beispielsweise das in vorliegendem Sammelband präsentierte Korpus CHSF zum Substandard zwischen 1789 und 1918 von Harald Thun (Kiel) oder das zur Grammaire Générale (CGEC) von Jürgen Trabant an der FU Berlin.

Eine ganze Reihe von Korpora mit sprachhistorischem Bezug werden bei Classiques Garnier gehosted, von denen beispielhaft nur auf das Corpus des remarques sur la langue française (XVIIe siècle) unter der Leitung von Wendy Ayres-Bennett, das Grand Corpus des grammaires françaises, des remarques et des traités sur la langue (XIVe-XVIIe siècles) von Bernard Colombat, Jean-Marie Fournier und Wendy Ayres-Bennett sowie das Corpus de la littérature médiévale des origines au 15e siècle von Claude Blum, Dominique Boutet, Elisabeth Gaucher und Elisabeth Lalou hingewiesen werden soll. Eine andere Übersicht zu Korpora-Projekten findet sich auch auf der Homepage der FU Berlin unter der Rubrik Französische Korpora und Textdatenbanken.

Als übergreifendes Forschungsprojekt zur Diachronie des Französischen sei auf das 2014 gegründete internationale Réseau Corpus Français Préclassique et Classique (RCFC) an der FU Berlin verwiesen, unter dessen Dach verschiedene Einzelprojekte und deren Korpora angesiedelt sind, die sich mit Variation, Sprachwandel und Grammatikalisierung beschäftigen. Des Weiteren sei auf das Laboratoire de Français Ancien (LFA) an der Universität Ottawa unter der Leitung von Pierre Kunstmann aufmerksam gemacht, welches mit dem ATILF und der Universität von Kopenhagen in Kooperation steht und sich der Digitalisierung mittelalterlicher Texte widmet sowie sprach- und literaturwissenschaftliche Studien fördert, die mit diesen Korpora arbeiten.

Abschließend sei nochmals darauf hingewiesen, dass natürlich auch zahlreiche Artikel zur französischen Sprachgeschichte jenseits der hier erwähnten Sammelbände erschienen sind, sowohl in einschlägigen Fachzeitschriften als auch in Sammelbänden zu allgemein romanistischen Themen oder in Festschriften, die hier nicht alle berücksichtigt werden können. Deswegen der womöglich redundante, aber vielleicht dennoch hilfreiche Verweis – jenseits von bekannten Bibliographien – sowohl auf Kommunikationsorgane wie romanistik.de, die Homepages der jeweiligen Organisationen und Projekte (v. supra) sowie der einschlägigen Lehrstühle und ihrer Mitarbeiter.

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Interne Sprachgeschichte
Tacitus, der linke Niederrhein und die Etymologie von fra. bourg, ita. borgo usw.

Thomas Krefeld

Le type lexical fra. bourg/ita. borgo etc. passe pour être un emprunt germanique ou – au moins – le croisement d’un type gréco-latin avec un emprunt germanique. À la lumière d’une lecture critique des sources antiques d’une part et d’une analyse onomasiologique de l’autre, ces deux opinions se révèlent être mal fondées. Il apparaît, par contre, beaucoup plus plausible d’inverser la direction de l’emprunt et d’attribuer le type allemand et germanique Burg à une base gréco-latine.

1 Einige Toponyme

In einer merkwürdigen Stelle, in der Dichtung und Wahrheit eng miteinander verwoben sind, kolportiert der Historiograph und Politiker (Senator) Tacitus (ca. 58–120 n. Chr.), Odysseus sei vom Meer her ins Rheinland gekommen und habe dort am Ufer des Rheins, das zu seiner Zeit noch immer besiedelte Asciburgium gegründet; im Übrigen seien im Grenzgebiet zwischen Germanien und Rätien Monumente und Grabmäler mit Inschriften in griechischem Alphabet zu finden.

ceterum et Ulixen quidam opinantur longo illo et fabuloso errore in hunc Oceanum delatum adisse Germaniae terras, Asciburgiumque, quod in ripa Rheni situm hodieque incolitur, ab illo constitutum nominatumque; aram quin etiam Ulixi consecratam, adiecto Laërtae patris nomine, eodem loco olim repertam, monumentaque et tumulos quosdam Graecis litteris inscriptos in confinio Germaniae Raetiaeque adhuc extare. quae neque confirmare argumentis neque refellere in animo est: ex ingenio suo quisque demat vel addat fidem. (Tacitus, Germ. 3, 1914:134)

To return. Ulysses also – in the opinion of some authorities – was carried, during those long and storied wanderings, into this ocean, and reached the countries of Germany. Asciburgium, which stands on the banks of the Rhine and has inhabitants today, was founded, they say, and named by him; further, they say that an altar dedicated by Ulysses, who coupled therewith the name of his father Laertes, was once found at the same place, and that certain barrows with monuments, inscribed with Greek letters, are still extant on the borderland between Germany and Raetia. I have no intention of furnishing evidence to establish or refute these assertions: everyone according to his temperament may minimise or magnify their credibility. (Tacitus, Germ. 3, 1914:135)

Die Stelle ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert; sie konstruiert einerseits und ohne jede historische Fundierung einen mythischen Zusammenhang zwischen der Irrfahrt des Odysseus und der Romanisierung des Niederrheingebiets; andererseits ist sie jedoch frappierend, da ja nicht nur aus Gallien, sondern gerade auch aus der nachmaligen Provinz Raetia ‚Rätien‘ gallische Inschriften in griechischer Schrift belegt sind (vgl. Lambert/Lejeune 1994, Petersmann 2016), und dies – nach Auskunft der beschriebenen Scherbe von Manching (bei Ingolstadt) – bereits in vorrömischer Zeit (cf. David 2015). Darüber hinaus wurden in Rätien etliche nicht verständliche Inschriften gefunden, die in einem Alphabet verfasst sind, das von der heutigen Forschung als „rätisch“ bezeichnet wird und das über etruskische Vermittlung ohne jeden Zweifel ebenfalls auf ein westgriechisches Alphabet zurückführt. Man kann also geradezu den Eindruck haben, das Wissen um die griechischen Inschriften bzw. die Inschriften in griechischem Alphabet habe Tacitus auf die Idee gebracht, ausgerechnet Odysseus zum „Entdecker“ des Rheinlands zu erheben.

Hier ist jedoch vor allem der keineswegs sagenhafte, sondern bis heute mindestens teilweise erhaltene Ortsname Asciburgium relevant, der im zitierten Passus genannt wird: Während die zweite Konstituente –burgium im Laufe der Geschichte durch phonetisch ähnliches –berg ersetzt wurde, hat sich die erste Konstituente bis in die heutige Form Asberg erhalten; dieser Ort, ein Stadtteil des heutigen Moers, gehört zu den bedeutenden provinzialrömischen Fundorten in der ehemaligen Provinz Germania inferior, die nicht allzu lange vor der mutmaßlichen Abfassung von Tacitus’ Schrift (98 n. Chr.?) von den Batavern geplündert worden war (69 n. Chr.), wie wiederum Tacitus in seinen Historiae (4, 33; 1931:60) berichtet, und danach unter Vespasian (Kaiser von 69–79 n. Chr.) neu belegt und wieder ausgebaut worden ist. Die Mitteilung dieses Namens hatte daher womöglich eine gewisse Aktualität. Ein Blick auf die Tabula Peutingeriana (online) zeigt übrigens, dass sich in unmittelbarer Nähe von Asciburgium ein Name mit der Variante burgus-, nämlich Burginatium,1 das heutige Kalkar, findet:


Abbildung 1: Visualisierung des Ausschnitts aus der Tabula Peutingeriana nach Verba Alpina (online: https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de?page_id=133&tk=199)

Eine spätere Quelle, Ammianus Marcellinus (ca. 325-ca. 395 n. Chr.), belegt wiederum am Rhein in einer Aufzählung mehrerer gut identifizierbarer Orte, die Kaiser Iulian (Kaiser 360–363 n. Chr.) wieder instand setzen ließ, ein Quadriburgium, das mit dem heutigen Qualburg in der Gemeinde Bedburg-Hau (Kreis Kleve) übereinstimmen dürfte:

Et utrumque perfectum est spe omnium citius. Nam et horrea veloci opere surrexerunt, alimentorumque in eisdem satias condita, et civitates occupatae sunt septem: Castra Herculis Quadriburgium Tricensima et Novesium, Bonna Antennacum et Vingo, ubi laeto quodam eventu, etiam Florentius praefectus apparuit subito, partem militum ducens, et commeatuum perferens copiam, sufficientem usibus longis. (Ammianus XVIII, 4; 1950:406–408)

For not only did the granaries quickly rise, but a sufficiency of food was stored in them; and the cities were seized, to the number of seven: Castra Herculis [= Arnhem-Meinerswijk], Quadriburgium [= Qualburg], Tricensima [= Xanten] and Novesium [= Neuss], Bonna [= Bonn], Antennacum [= Andernach] and Vingo [= Bingen], where by a happy stroke of fortune the prefect Florentius also appeared unexpectedly, leading a part of the forces and bringing a store of provisions sufficient to last a long time. (Ammianus XVIII, 4; 1950:407–409)

Zwei weitere burgus-Namen bezeugt die Tabula Peutingeriana in Pannonia inferior, nämlich Tittobvrgo, das heutige Dalj (ganz im Nordosten Kroatiens)2 und Bvrgenis, das heutige Novi Banovci (20 km. nordwestlich von Belgrad; cf. RE, Band III, 1, Sp. 1062). In beiden Fällen handelt es sich um Auxiliarkastelle die ebenfalls bereits auf augusteisch-tiberische Zeit (30 v. Chr.-37 n. Chr.) zurückgehen.3

Das bei Tacitus erwähnte Asciburgium präsentiert sich im 1. Jahrhundert n. Chr., zur Zeit der Erwähnung, so wie alle früh belegten Kastelle als eine Anlage mit Erdwällen und wohl auch mit einer zugehörigen Zivilsiedlung (canaba); man darf also hinter der namensbildenden Konstituente burg(i)us ein Appellativ mit der Bedeutung ‚nicht durchgängig in Stein ausgeführtes Grenzkastell mit einer peripheren canaba‘ vermuten.

2 Ein appellativischer Beleg

Einen wortgeschichtlich bedeutsamen Beleg von burgus in appellativischer Verwendung liefert nun eine etwas oberhalb des Moseltals, zwischen Bernkastel-Kues und Koblenz, in Mittelstrimmig (Ortsteil Liesenich), gefundene Bauinschrift. Dort heißt es:

Qui burgum (a)edificaverunt Lup(ulinius) Am/minus pr(a)efectus Sab(inius) Acceptio Vid(ucius) / Perpetu(u)s Flavius Tasgillus CO() Lepidus / Min(ucius) Luppus cum C(a)es(ius) Ursulus paratus / est Victorino Augusto et / Sa(n)cto co(n)s(ulibus) X Kal(endas) Iunias

Hier erbauten der Präfekt Lupulinus Amminus, Sabinius Acceptio Viducius, Perpetuus Flavius Tasgillus, CO(), Lepidus Minucius Luppus gemeinsam mit Caesius Ursulus einen Burgus; er wurde für den Herrscher Victorinus und für Sanctus, die Konsulen, eingerichtet, 10 Tage vor den Kalendae des Juni (Übers. Th.K.)1

Die Inschrift ist auf einen 23. Mai datiert, der von der Forschung dem Jahr 270 n. Chr. zugeschrieben wird.2

Der Beleg ist für die Wortgeschichte von zentraler Bedeutung; denn burgus referiert hier auf einen spezifischen, unmittelbar vor Anbringung der Inschrift ausgeführten Gebäudetyp und nicht auf einen gesamten Siedlungskomplex (Grenzkastell mit canaba), nämlich auf eine kleinere, aber in massiver Steinbauwiese ausgeführte, turmähnliche Befestigungsanlage.

Durch Wiederstandsmessungen im Erdreich des Vicus bei Mittelstrimmig ließ sich die inschriftlich belegte Kleinfestung genauestens lokalisieren. Mächtige Mauern schützten ein 13x18 m großes durch Räume unterteiltes Gebäude mit kleinem Innenhof. Der Festungsbau war von zwei Gräben umgeben. Die bis zu 48 m langen Gräben zeigen keine Unterbrechung, der Zugang führte über Brücken. (Thoma 2006:online; cf. auch die dort veröffentliche Rekonstruktion des Gebäudes). Bemerkenswert ist auch die frühe Datierung der Inschrift, denn erst ca. 100 Jahre später, im Zuge des Ausbaus des Limes unter Valentinian (Kaiser von 364–375) wurden Gebäude dieser Art zur Sicherung in regelmäßigen Abständen an der gesamten Reichsgrenze ausgeführt, wie durch Ammianus Marcellinus bezeugt wird:

At Valentinianus magna animo concipiens et utilia, Rhenum omnem a Raetiarum exordio, ad usque fretalem Oceanum, magnis molibus communiebat, castra extollens altius et castella, turresque assiduas per habiles locos et opportunos, qua Galliarum extenditur longitudo: non numquam etiam ultra flumen aedificiis positis, subradens barbaros fines. (Ammianus Marcellinus XVIII, 2, 1; 1950:122)

But Valentinian, meditating important and useful plans, fortified the entire Rhine from the beginnings of Raetia as far as the strait of the Ocean with great earthworks, erecting lofty fortresses and castles, and towers at frequent intervals, in suitable and convenient places as far as the whole length of Gaul extends; in some places also works were constructed even on the farther bank of the river, which flows by the lands of the savages. (Ammianus Marcellinus XVIII, 2, 1; 1950:122)

Ausgerechnet der Ausdruck burgus wird hier allerdings nicht genannt; er findet sich jedoch bei einem anderen Autor, Vegetius, mit Bezug auf dasselbe Befestigungsprogramm. Vegetius empfiehlt in seinen Epitoma rei militaris (Ende des 4. Jhs.) die Sicherung von außerhalb der Siedlungen gelegenen Wasserstellen durch Mauern und weiterhin durch Errichtung kleiner Kastelle, die als burgus bezeichnet werden:

[…] castellum paruulum, quem burgum vocant, inter ciuitatem et fontem conuenit fabricari ibique ballistas sagittariosque constitui ut aqua defendatur ab hostibus (Flavius Vegetius Renatus IV, 10; 1885:135)

[…] es ist angebracht, zwischen Stadt und Quelle ein kleines Kastell zu errichten, das Burgus genannt wird, und dort Wurfmaschinen und Bogenschützen zu stationieren, damit das Wasser vor den Feinden verteidigt wird. (Übers. ThK.)

In diesen Kontext der systematischen Grenzbefestigung gehören auch die beiden oben genannten Namen aus Pannonien sowie drei andere, im CIL (online) dokumentierte appellativische Verwendungen von burgus in römischen Bauinschriften; sie stammen allesamt direkt von der Reichsgrenze, nämlich aus Ybbs an der Donau (Noricum, CIL 03, 05670a), aus Etzgen am Hochrhein (Germania superior, CIL 13, 11538 ) und aus Esztergom (Pannonia superior, CIL 03, 03653). Der Bezeichnungstyp ist dann in der Neuzeit auch als terminus technicus in die provinzialrömische Archäologie eingegangen. Wichtiger ist jedoch in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass man genau in dem mit burgus bezeichneten spätrömischen Festungstyp den Vorläufer der mittelalterlichen Steinburgen sehen muss. David Thomas (2017; s.v. Burgus) weist darauf hin, dass nicht selten sogar eine unmittelbare Bebauungskontinuität in situ festgestellt werden kann: „Oft sind diese strategisch vorteilhaft gelegenen Befestigungen überlagert von mittelalterlichen Burgen.“

3 Zur Kontaktgeschichte der romanisch-germanischen Kognaten

Vor diesem sachgeschichtlichen Hintergrund kann der lexikologische Zusammenhang von lat. burgius/burgus (mitsamt den romanischen Kognaten fra. bourg, ita. borgo usw.) einerseits und deu. Burg (mitsamt den germanischen Kognaten dän./schwed. borg usw.) andererseits vernünftigerweise nicht bezweifelt werden. Es wurde deshalb, von Seiten der deutschen Latinistik, versucht, den lateinischen Typ aus dem Deutschen herzuleiten, wie z.B. von Otto Seeck (1897) in der Realencyclopädie der Altertumswissenschaften:

Burgus, ein urdeutsches Wort, das allen germanischen Stämmen gemeinsam ist und sich schon in so alten Ortsnamen wie Asciburgium (Tac. h. IV 33; Germ. 3) findet. Die Römer haben es wohl von ihren barbarischen Grenznachbarn entlehnt; jedenfalls hat es mit dem griechischen πύργος nichts gemein. (Seeck 1897:1066)

Zwar hat Seeck hier die Nähe zum griechischen πύργος ‚Turm (aus Stein)‘ gesehen; einen Zusammenhang lehnt er jedoch kategorisch, ohne jegliche Begründung ab. Seine Behauptung ist umso fragwürdiger, als Seeck genau von der Bedeutung ausgeht, die sich aus der Stelle bei Vegetius ergibt (castellum parvulum, quem burgum vocant; Veg. IV, 10). Da nach Auskunft der Archäologen damit turmartige, in jedem Fall steinerne Kleinfestungen bezeichnet werden, liegt die Nähe zum griechischen Wort jedoch auf der Hand, wie er einschlägige Artikel des LSJ bestätigt:

πύργος, ὁ, tower, esp. such as were attached to the walls of a city, Il.7.219, al., Hes.Sc.242, Hdt.3.74, al., Th.2.17, al., Plb.5.99.9, etc.: in pl., city walls or ramparts with their towers, Il.7.338, 437; in sg., ἧντ’ ἐπὶ πύργῳ 3.153, cf. 22.447; πόλιος ἣν πέρι πύργος ὑψηλός Od.6.262; πέριξ δὲ πύργος εἶχ’ ἔτι πτόλιν E.Hec.1209; πύργους ἐπὶ τῶν γεφυρῶν ἐπιστῆσαι Pl.Criti.116a. (LSJ:online, s.v. πύργος)

Das formal ähnliche und semantisch immerhin naheliegende lateinische burg(i)us könnte diese spezifischere, neue Bedeutung gut aus dem Griechischen entlehnt haben, denn die massivere Grenzbefestigung war keineswegs auf den germanisch-rätischen Limes beschränkt, sondern galt auch für den Donaulimes, wo sie sogar schon früher, unter Traian (Kaiser von 98–117 n. Chr.), durchgeführt wurde. Unabhängig von dieser relativ späten Bedeutungsentlehnung deutet die formale Ähnlichkeit der lateinischen und griechischen Wörter auf eine gemeinsame vorindogermanische (mediterrane?) Ausgangsform hin, wie auch Kluge 2012 (s.v. Burg) im Hinblick auf die Ähnlichkeit von griech. πύργος mit Pérgamos ‚Burg von Troja‘ vermutet.

Jedenfalls war ein entsprechender, massiver Steinbautyp den Germanen vollkommen fremd; sie haben ihn ja, wie im übrigen die gesamte Steinbauweise, gerade von den Römern, oder im Fall der Goten eben von den Griechen übernommen; das gotische baurgs wird in Streitberg (1910:18) als ‚Turm‘, ‚Burg‘, jedoch „häufig“ als ‚Stadt‘, d.h. synonym mit griechisch πόλις glossiert; bevor die nomadisierenden Goten in Kontakt mit dem Griechentum gelangten, war auch ihnen die Steinbauweise ganz gewiss unbekannt: Die Entlehnung eines gotischen Worts dieser Bedeutung ins Griechische muss man daher ausschließen (so auch Kluge 2012). Gewiss ist der Bezeichnungstyp – umgekehrt – vom Griechischen ins Gotische gelangt. Die Goten haben sich bekanntlich recht schnell akkulturiert, wie schon ihre frühe Christianisierung zeigt.

Lat. burgus in der Bedeutung ‚kleine, turmartige Grenzbefestigung in massiver Steinbauweise‘ lässt sich somit als charakteristische Bezeichnung des Lateins der spätkaiserzeitlichen Grenzgebiete charakterisieren, die als Substratentlehnung in den dialektalen Varianten von deu. Burg ‚befestiger Wohn- und Wehrbau in massiver Steinbauweise‘ bzw. in den genannten Ortsnamen weiterlebt. Dieser lexikalische Typ hat sich ausgehend von den spätantiken und frühmittelalterlichen germanischen Kontaktvarietäten in andere germanische Varietäten verbreitet und wurde weiterhin ins Standarddeutsche übernommen.

Im Romanischem hat sich diese Bedeutungsvariante des Worts jedoch gerade nicht erhalten, oder besser gesagt: sie hat sich nicht über die alten Grenzgebiete hinaus verbreitet, sondern ist gemeinsam mit deren Latein untergegangenen. Die romanischen Formen, d.h. fra. bourg/ita. borgo mitsamt ihren Varianten, lassen sich dagegen problemlos an die weniger spezifische, ältere Bedeutung ‚Grenzkastell mit canaba‘ anschließen, die bereits dem früh belegten burg(i)us im Namen Asciburgium zugrunde gelegen hat; es muss lediglich eine leichte Bedeutungverschiebung in Richtung ‚nicht städtische Zivilsiedlung (eventuell bei einem Kastell)‘ vorausgesetzt werden. Die im FEW (15/2, 15–23) gesammelten Dialektbelege bedeuten durchweg so viel wie ‚Weiler, Markflecken, kleines Dorf mit Kirche‘ usw.; eine eventuelle Befestigung ist allenfalls sekundär. Dasselbe gilt für ita. borgo, wie die alten Belege des TLIO (online, s.v. borgo) zeigen; sie lassen sich mehrheitlich unter den Bedeutungen ‚piccolo centro abitato‘ oder, im Sinne des lat. canaba, ‚centro abitato posto allʼesterno delle mura, soggetto alla giurisdizione cittadina‘ zusammenfassen.

Auch den Siedlungskomplex ‚Grenzkastell mit canaba‘, auf den der Namensbeleg bei Tacitus referiert, darf man sich keinesfalls in spezifisch ‚germanischer‘ Bautradition vorstellen. Denn der römische Historiograph insistiert auf der ihm fremden Tatsache, dass die Germanen weder Städte noch Steinbau kennen; als besonders auffällig erscheint ihm dabei die Tatsache, dass die Behausungen, die Tacitus als sedes im Gegensatz zu den römischen aedificia bezeichnet, jeweils für sich stehen und einander nicht berühren.

Nullas Germanorum populis urbes habitari satis notum est, ne pati quidem inter se iunctas sedes, colunt discreti ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit. vicos Iocant non in nostrum morem conexis et cohaerentibus aedificiis: suam quisque domum spatio circumdat, sive adversus casus ignis remedium sive inscitia aedificandi. ne caementorum quidem apud illos aut tegularum usus: materia ad omnia utuntur informi et citra speciem aut delectationem. quaedam loca diligentius inlinunt terra ita pura ac splendente, ut picturam ac liniamenta colorum imitetur. soient et subterraneos specus aperire eosque multo insuper fimo onerant, suffugium hiemis et receptaculum frugibus, quia rigorem frigorum eius modi loci molliunt, et si quando hostis advenit, aperta populatur, abdita autem et defossa aut ignorantur aut eo ipso fallunt, quod quaerenda sunt. (Tacitus 1914:16)

It is well known that none of the German tribes live in cities, that even individually they do not permit houses to touch each other: they live separated and scattered, according as spring-water, meadow, or grove appeals to each man: they lay out their villages not, after our fashion, with buildings contiguous and connected; everyone keeps a clear space round his house, whether it be a precaution against the chances of fire, or just ignorance of building. They have not even learned to use quarry-stone or tiles: the timber they use for all purposes is unshaped, and stops short of all ornament or attraction; certain parts are smeared carefully with a stucco bright and glittering enough to be a substitute for paint and frescoes. They are in the habit also of opening pits in the earth and piling dung in quantities on the roof, as a refuge from the winter or a root-house, because such places mitigate the rigour of frost, and if an enemy comes, he lays waste the open; but the hidden and buried houses are either missed outright or escape detection just because they require a search. (Tacitus 1914:16)

Bis heute ist das typische Kennzeichen eines z.B. in Italien als borgo bezeichneten älteren kleinen Siedlungskerns die direkte bauliche Verbindung aller Gebäude zu einem einzigen Komplex. Diese sachgeschichtliche Schwierigkeit bei der Herleitung des Typs aus dem Germanischen sieht auch Kluge (2012). Mit dem germ. Wort seien „– da die alten Germanen keine Städte hatten – zunächst römische oder sonstige antike Anlagen“ bezeichnet worden (online-Ausgabe, s.v. Burg). Wenn man sich diese Sicht zu eigen macht, müsste man davon ausgehen, dass der von Tacitus erwähnte Name des römischen Kastells auf die Entlehnung der germanischen Bezeichnung eines spezifisch römischen Siedlungstyps nicht lange nach Errichtung dieser Siedlung zurückzuführen sei. Diese Annahme ist in höchstem Maße unwahrscheinlich. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht überzeugend mit dem DELI einen „infl[usso] del germ. burgus ‚luogo fortificato‘“ (DELI 1988:156) oder mit dem FEW (15/2, 21) und TLFi (s.v. bourg) eine germanisch-romanische Wortkreuzung anzunehmen.

Vielmehr lässt sich die skizzierte Wort- und Entlehnungsgeschichte abschließend wie folgt schematisieren:


Abbildung 2: Schematische Darstellung der Wortgeschichte von lat. burg(i)us

Literatur

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Grammatikalisierung in der neueren französischen Sprachgeschichte: die Entstehung von Modalpartikeln

Benjamin Meisnitzer / Bénédict Wocker

L’existence de particules modales dans la langue française ainsi que dans toutes les langues romanes fait l’objet de controverses parmi les chercheurs. Le but de cette contribution est de montrer qu’il n’existe pas de paradigme de particules modales comme en allemand mais qu’il existe certains lexèmes comme quand même, bien et donc qui ont connu un processus de grammaticalisation au cours des 19e et 20e siècles et qui sont clairement devenus des particules modales du point de vue fonctionnel/pragmatique et sémantique. Cette grammaticalisation s’est accompagnée de changements formels au niveau morphosyntaxique et phonologique.

1 Gibt es Modalpartikeln im Französischen? – Stand der Forschung

Modalpartikeln, häufig auch als Abtönungspartikel bezeichnet, sind ein nähesprachliches Phänomen (cf. Koch/Oesterreicher 1985). Umstritten aber ist, ob Modalpartikeln auch außerhalb der germanischen Sprachen beziehungsweise des Deutschen existieren. Insbesondere für die romanischen Sprachen verneinen dies diverse Autoren (cf. u.a. Waltereit 2006:2). Als Argumente werden dabei in der Regel syntaktische Unterschiede, wie das (durchaus diskussionswürdige) Fehlen eines Mittelfelds/Mittelfeldäquivalents, also des prototypischen Orts der Okkurrenz deutscher Modalpartikeln (cf. Abraham 1988; Coniglio 2011; Thurmair 1989; Waltereit 2006), herangezogen. Dennoch kennt z.B. das Französische einige Lexeme, bei denen auch Kritiker Parallelen zu den deutschen Modalpartikeln nicht von der Hand weisen können: So stellt Waltereit (2006:76–78) trotz seiner Positionierung pragmatische Ähnlichkeiten einiger französischer Lexeme mit deutschen Modalpartikeln fest und auch bei Weydt (1969) finden sich bereits ähnliche Aussagen. Aber erst neuere Arbeiten erkennen vollumfänglich an, dass es auch im Französischen Elemente gibt, die als Modalpartikelnangesehen werden müssen. Einer jener Befürworter der jüngsten Zeit ist Schoonjans (2013; 2014; 2015), der im Rahmen seiner Forschung zu französischen Modalpartikeln mehrere potenzielle Kandidaten durch korpusbasierte Übersetzungen ausmachen konnte. Zwar basiert seine Argumentation in erster Linie auf der pragmatisch-funktionalen Äquivalenz der in den Übersetzungen verwendeten Lexeme, doch postuliert er in Schoonjans (2015) zudem die Existenz eines Mittelfelds auch im Französischen. Nichtsdestotrotz sind Schlussfolgerungen, die weitgehend auf Basis von Übersetzbarkeit entstehen, problematisch. Aufbauend auf Meisnitzer (2012) warben wir deshalb an anderer Stelle (cf. Gerards/Meisnitzer 2017) dafür, romanische Lexeme nach einem festen Kriterienkatalog dahingehend zu bewerten, ob sie als Modalpartikeln zu klassifizieren sind oder nicht. Jener Kriterienkatalog ist kontrastiv und wurde in Anlehnung an die formalen und funktionalen Definitionskriterien von deutschen Modalpartikeln entwickelt. Das Deutsche ist und bleibt die prototypische Modalpartikelsprache, da es – im Gegensatz zu den romanischen Sprachen – ein Modalpartikelparadigma besitzt.

Um die Grammatikalisierung von Modalpartikeln im Französischen nachzuzeichnen, werden wir zunächst in Kapitel 2 die definitorischen Kriterien für Modalpartikeln auf den unterschiedlichen sprachlichen Ebenen darstellen, um dann in Kapitel 3 die Herausbildung der französischen Modalpartikeln quand même, donc und bien korpusbasiert zu beschreiben. Darauf folgen Ausführungen zu den Fragen, ob es sich bei der Entstehung um einen Grammatikalisierungs- oder einen Pragmatikalisierungsprozess handelt (Kapitel 4) und ob die semantische Relation zwischen dem Quelllexem und der Modalpartikel Homonymie oder Polysemie ist (Kapitel 5). Abschließend werden wir in einem Ausblick auf die Notwendigkeit der Berücksichtigung von Modalpartikeln in einer deskriptiven Grammatik des Französischen eingehen.

2 Kriterien zur Definition von Modalpartikeln

Um Grammatikalisierungsprozesse von Modalpartikeln betrachten zu können, muss vorab definiert werden, durch welche Eigenschaften sich Modalpartikeln von anderen Wortarten unterscheiden. Auch muss geklärt werden, ob und welche Modalpartikeln im Französischen überhaupt existieren, da hinsichtlich dieser Thematik in der Fachliteratur keine Einigkeit herrscht. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, sich noch vor einer diachronen Betrachtung den neueren Erkenntnissen der (gallo-)romanistischen Modalpartikelforschung zuzuwenden. Schoonjans (u.a. 2014; 2015) nennt eine verhältnismäßig große Zahl an französischen Lexemen, welche er als Modalpartikeln klassifiziert. Es handelt sich dabei um bonnement, donc, encore, quand même, seulement, simplement, tout de même und un peu. Schoonjans (2014; 2015) begründet sein Postulat hauptsächlich mit der Existenz eines Mittelfelds im Französischen sowie der Übersetzbarkeit der deutschen Modalpartikeln mit den jeweiligen Lexemen. Insbesondere für quand même konstatierte auch bereits Waltereit (2004; 2006) eine Eigenschaft, die sich von der des Ursprungslexems, dem konzessiven Adverb, unterscheidet: Das Adverb quand même dient dazu, eine konzessive Kookkurrenz zu markieren (cf. Waltereit 2006:76). Im Gegensatz dazu existieren Fälle, bei denen ein Widerspruch, wie dies eine solche Kookkurrenz darstellen würde, nicht möglich ist. Waltereit (2006) distanziert sich jedoch von der Aussage, dass es sich um Modalpartikeln handele. Seine Ansicht begründet er damit, dass es im Französischen kein Mittelfeld gebe, welches aber die notwendige syntaktische Position für diese Wortart sei.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern untersucht Meisnitzer (2012) einige Lexeme, die als Modalpartikeln bezeichnet werden könnten, unter Berücksichtigung der funktional-kognitiven Komponente der deutschen Modalpartikeln. In Anlehnung an Leiss (2009) übernimmt er dabei das Konzept des Fremdbewusstseinsabgleichs, im Sinne einer Assertion über die Annahme des Adressaten bezüglich des Inhalts der Proposition. Dies ähnelt in gewissem Maße der Annahme Coniglios (2006:57–58), der die kognitive Funktion der Modalpartikeln in einer Kodierung der Meinung des Sprechers gegenüber dem Gesagten ausmacht. Jedoch trifft dies auch für Modaladverbien und epistemische Modalverben zu.

 (1) Hans: Max ist wahrscheinlich / vermutlich Mod. Adv. krank gewesen.[+ Sprechereinschätzung von p]

 (2) Hans: Max soll / dürfte EMV krank gewesen sein.[+ Sprechereinschätzung von p; + Quelle der Information]

Wie die Beispiele (1) und (2) verdeutlichen, können nicht nur Modalpartikeln die Sprechereinschätzung/-meinung beziehungsweise Haltung des Sprechers gegenüber dem Gesagten kodieren. Deshalb ermöglicht eine Unterscheidung anhand dieser von Coniglio (2006) beschriebenen pragmatischen Funktion nur bedingt eine Abgrenzung von Modalpartikeln.1 Vergleicht man (1) und (2), fällt als Unterscheidungskriterium zwischen Modaladverbien und Modalverben die Berücksichtigung der Quelle der Information der Proposition auf, die bei Modaladverbien im Gegensatz zu Modalverben nicht berücksichtigt wird. In (2) gibt es Indizien, Evidenzen oder Aussagen, die dafür sprechen, dass Max krank war. In (1) hingegen liegt lediglich eine Einschätzung beziehungsweise Vermutung des Sprechers vor. Eine Abgrenzung der Modalpartikeln gegenüber Modaladverbien und Modalverben ist ebenfalls unter Berücksichtigung der sprachlichen Handlung, die dem Sprechakt zugrunde liegt, und dessen, was im Sprecher beim Formulieren seiner Proposition auf kognitiver Ebene geschieht, möglich.

 (3) Hans: Max ist doch / ja Modalpartikel krank gewesen.[+ Sprechereinschätzung von p; + Quelle der Information; + Fremdbewusstseinsabgleich]

Zwar wird durch die Modalpartikel weiterhin sowohl die Meinung des Sprechers als auch die Quelle der Information kodiert, jedoch tätigt der Sprecher zusätzlich eine Einschätzung über den Kenntnisstand des Adressaten. Gleichzeitig wird es dem Gesprächspartner implizit ermöglicht, ja er wird geradezu dazu aufgefordert, auf die vom Sprecher getätigte Einschätzung Bezug zu nehmen (cf. Abraham 2011:14). Dies bezeichnet Abraham (2009) als Fremdbewusstseinsabgleich: Der Hörer kann die Einschätzung des Sprechers über den Kenntnisstand des Adressaten ohne einen Gesichtsverlust (face keeping strategy) bestätigen oder korrigieren. In (3) gibt Hans dem Hörer zu verstehen, dass diesem der Inhalt der Proposition bekannt sein müsste, sei es, weil er ihm die Information bereits mitgeteilt hat oder sei es durch eine andere Quelle. Eine Auslassung der Modalpartikel würde zwar keine Veränderung der Proposition und deren Wahrheitswerts bewirken, jedoch hätte dies Auswirkungen auf illokutionärer Ebene. Eine Verneinung der Kenntnis des Inhalts der Proposition durch den Adressaten wäre nicht ohne einen Gesichtsverlust möglich.

Ungeachtet der jeweils betrachteten Sprache reichen pragmatisch-kognitive Kriterien allein jedoch nicht aus, um Modalpartikeln zu identifizieren. Aufbauend auf Meisnitzer (2012) kombinieren Gerards/Meisnitzer (2017) aus diesem Grund den oben dargelegten pragmatisch-kognitiven Ansatz mit phonologischen und morphosyntaktischen Kriterien, welche aus zahlreichen anderen Studien vor allem in der deutschen Modalpartikelforschung exzerpiert wurden. Dies sind die folgenden Kriterien:

 MP besitzen homophone Lexeme mit lexikalischer Semantik (Abraham 2011:129).

 MP haben metakommunikative, illokutionäre Kraft = Sprechaktmodifizierung; Skopus über gesamten Satz (cf. Coniglio 2011:138; Waltereit 2006:1; Wegener 1998:43).

 MP sind fakultativ, meist unbetont und nicht flektierbar (cf. Waltereit 2006:1).

 MP haben gegenüber ihrem Quelllexem an syntaktischer Mobilität verloren (= stärkere Grammatikalisierung); Dt.: im Satzmittelfeld (cf. Abraham 1988:457).

 MP sind im Wesentlichen ein root-Phänomen (cf. Thurmair 1989:44–45).

 MP können nicht alleine auftreten, nicht alleine als Antwort auf eine Frage fungieren und sind nicht erfragbar (cf. Waltereit 2006:1).

 MP sind miteinander kombinierbar, unterliegen hierbei jedoch Restriktionen. Sie sind nicht koordinierbar (cf. Waltereit 2006:1).

 MP sind nicht modifizier- oder erweiterbar (cf. Waltereit 2006:1).

 MP sind nicht negierbar (cf. Waltereit 2006:1).

 MP haben keinen Konstituentenstatus und sind nicht satzwertig (cf. Schoonjans 2013:135).

 MP sind syntaktisch und prosodisch (und deshalb auch grafisch) in den Satz integriert (cf. Schoonjans 2013:135).

Eine derartige kontrastive Herangehensweise bezüglich der definitorischen Kriterien von Modalpartikeln bietet sich angesichts der offenen Frage nach deren Existenz in den romanischen Sprachen an. Von Übersetzungsvergleichen wurde in der vorliegenden Studie, ebenso wie in Vorgängerarbeiten (cf. Meisnitzer/Gerards 2016 und Gerards/Meisnitzer 2017), abgesehen. Wir sind der Überzeugung, dass Übersetzungen sowohl zu einer forcierten Verwendung von Lexemen zwecks (vermeintlich) detailgetreuer inhaltlicher Wiedergabe als auch zur Auslassung potenziell verfügbarer Modalpartikeln führen können. Mit anderen Worten: Übersetzungsvergleiche können sowohl zu einer fälschlichen Konstatierung der Nichtexistenz von Modalpartikeln als auch zu einer irrigen Klassifizierung von Lexemen als Modalpartikeln führen. Übersetzungen alleine geben zudem per se keinerlei Auskunft über die Idiomatizität der verwendeten sprachlichen Mittel.

Unter Berücksichtigung des genannten Kriterienkatalogs plädiert Meisnitzer (2012:345–347) dafür, die französischen Lexeme bien, quand même und donc als Modalpartikeln zu klassifizieren. Aus sprachhistorischer Sicht stellt sich nun allerdings die Frage, wie es zur Genese dieser Modalpartikeln kam. Sprachkontakt als flächendeckender Erklärungsansatz scheidet angesichts der punktuellen Existenz von Modalpartikeln in nahezu allen romanischen Sprachen, die zudem auf verschiedenste Quelllexeme zurückgehen, aus. Dies invalidiert nicht die Annahme, dass Sprachkontakt den Wandel einzelner Lexeme beziehungsweise spezifische Modalpartikel-Verwendungsweisen begünstigt haben kann, wie im Fall von ya und pues im Spanischen im Kontakt mit dem Baskischen (cf. Meisnitzer/Gerards 2016:140, 144).

Eine Schwierigkeit bei der Erforschung der Diachronie von Modalpartikeln stellt die Tatsache dar, dass diese charakteristisch für nähesprachliche Kontexte sind und selbige in diachronen Korpora unterrepräsentiert sind. Zudem verfügen wir erst in neuerer Zeit über die Möglichkeit der Speicherung von und somit des Zugriffs auf gesprochene Sprache, die prozentual gesehen häufiger nähesprachlich konzipiert ist als schriftliche Textproduktionen.

Bei der Grammatikalisierung von Modalpartikeln handelt es sich um Sprachwandelphänomene der neueren französischen Sprachgeschichte. Erste mögliche Belege finden sich im 19. Jahrhundert und erst im 20. Jahrhundert sind in den Korpora Okkurrenzen auffindbar, die gemäß der phonologischen, morphosyntaktischen, semantischen und pragmatisch-funktionalen Kriterien eindeutig als Modalpartikeln einzuordnen sind. Zudem handelt es sich dabei um eine gewissermaßen „marginale“ (oder besser „marginalisierte“) Erscheinung, denn die französische Sprache verfügt nicht über ein eigenes Modalpartikelparadigma. Dies erklärt auch, weshalb die Kategorie in der präskriptiv-normativen Grammatikschreibung keine Erwähnung findet. Im Rahmen einer deskriptiven Grammatikforschung darf die Existenz von Modalpartikeln im Französischen jedoch keinesfalls a priori ausgeschlossen werden, da eine Kategorisierung als Adverb (bien, donc) oder Konjunktion (quand même) aus funktionaler Sicht falsch wäre.

3 Herausbildung und diachrone Entwicklung der Modalpartikeln im Französischen

In einer an Meisnitzer (2012) anschließenden empirischen Korpusstudie konnten Meisnitzer/Wocker (2017) zeigen, dass quand même, bien und donc die einzigen Lexeme sind, welche bereits die oben genannten definitorischen Kriterien von Modalpartikeln erfüllen. Weitere Lexeme befinden sich zum Teil in mitten des Grammatikalisierungsprozesses, können aber noch nicht als vollwertige Modalpartikeln bezeichnet werden. Wie bereits einleitend festgestellt, existiert bisher keine Forschung zur Herausbildung der Modalpartikeln im Französischen – ganz im Gegensatz zum Deutschen, wo diese bereits sehr gut erforscht wurden (cf. u.a. Wegener 1998; Autenrieth 2002). Wie bei der Ermittlung der Modalpartikeln in der Synchronie (cf. Meisnitzer/Wocker 2017) soll auch die vorliegende diachrone Untersuchung und Überprüfung der Modalpartikeln im Französischen kontrastiv zu den prototypischen Beispielen im Deutschen erfolgen. Um diesem Desiderat gerecht zu werden, wird in der vorliegenden Studie anhand des FRANTEXT-Korpus1 der Verschiebungsprozess vom Ursprungslexem hin zur Modalpartikel beschrieben. Die Wahl des Korpus musste dabei mit einem erheblichen Kompromiss einhergehen, da kein Korpus existiert, welches gesprochene Sprache in ausreichendem Maße wiedergibt und gleichzeitig eine diachrone Betrachtung bis zurück in das 18. Jahrhundert ermöglicht. Die Größe sowie die Binnendifferenzierung des FRANTEXT-Korpus in verschiedene Textgattung erlauben es jedoch, der gesprochenen Sprache in begrenztem Maße „auf die Spur zu kommen“. Bei der Auswertung wurde in diesem Sinne eine Beschränkung auf Texte des Genres théatre vorgenommen, da dieses einen überdurchschnittlich hohen Grad an fingierter Mündlichkeit (im Sinne von Goetsch 1985) aufweist: Theaterstücke bedienen sich häufig prototypisch nähesprachlicher Elemente, um ein hohes Maß an Authentizität zu erreichen. Dennoch bleibt das Dilemma bestehen, dass zur diachronen Analyse lediglich geschriebene Sprache zur Verfügung steht.

Wegener (1998) fasst die Grammatikalisierung der deutschen Modalpartikeln in drei Hauptphasen zusammen:

 (1) Verlust an phonologischer Substanz,

 (2) Verlust an semantischer Substanz und

 (3) Verlust an syntaktischer Freiheit.

Dieses Ergebnis spiegelt dabei sowohl typische Parameter von Grammatikalisierungsprozessen im Sinne von Lehmann (2002) als auch die definitorischen Kriterien der Modalpartikeln, die in diesem Aufsatz bereits aufgezeigt wurden, wider. Der Verlust der phonologischen Substanz führt dazu, dass das Lexem, welches als Quelllexem durchaus betont sein kann (cf. Adverbien), nach seinem Wandel zur Modalpartikel nicht mehr betonbar ist. Dies gilt sowohl für die Quelllexeme der Modalpartikeln im Deutschen als auch im Französischen. Im Französischen zeichnete sich – wohl auch durch die syntaktische Verschiebung ausgelöst – dieselbe Tendenz wie im Deutschen ab. Während „j’ai dormi quand même“ eindeutig ein Adverb beinhaltet, welches durch den französischen Phrasenakzent betont ist, zeichnet sich die Modalpartikel in „j’ai quand même dormi“ durch Unbetontheit aus. Ob eine Verringerung der Silbenzahl des Lexems wie im Deutschen konstatiert werden kann (cf. Wegener 1998:39), kann in unserer Studie für das Französische nicht überprüft werden, da in den herangezogenen Korpora nur die schriftsprachliche Notation erfasst wird und die Reduktion der phonologischen Substanz gegebenenfalls noch keine Auswirkungen auf graphematischer Ebene hatte (anders als beim italienischen pur und ben; cf. Meisnitzer 2012:348–349).

Der Verlust an semantischer Substanz (cf. Wegener 1998:40), auch semantic bleaching genannt, ist hingegen auch nachträglich nachweisbar. Das Resultat dieses Verlustprozesses erlaubt die Weglassbarkeit der Modalpartikel und lässt die Verwendung in syntaktischen Kontexten zu, wo das Quelllexem undenkbar wäre, wie wir zeigen werden. So kann eine Modalpartikel im Gegensatz zum Adverb weggelassen werden, ohne dass der propositionale Wahrheitswertverändert werden würde. Eine solche Verschiebung muss im Lauf der Grammatikalisierung vollzogen werden, wobei fraglich ist, ob sich dies im Nachhinein anhand der Korpusbeispiele chronologisch korrekt einordnen lässt. Der Prozess des Verlustes der syntaktischen Mobilität (cf. Wegener 1998:41) ist ebenso in der Diachronie beobachtbar. So ist eine variable Einsetzbarkeit der Ursprungslexeme hin zu einer festen Mittelfeldposition im Deutschen und zu einer festen syntaktischen Position im Französischen durch die Korpusbeispiele belegbar.

Im Französischen fällt die vergleichsweise hohe Zahl an Okkurrenzen innerhalb der Verbalklammer auf, welche eine gewisse Ähnlichkeit zur syntaktischen Struktur des deutschen Mittelfelds aufweist. Zwar wird auch eine zunehmend stärkere Restriktion der Kombinationsmöglichkeiten im Fortlauf des Grammatikalisierungsprozesses beschrieben (cf. Wegener 1998:41). Da es sich im Französischen um rezente Erscheinungen handelt und sich die Lexeme noch in ihrem Grammatikalisierungsprozess befinden, konnte jedoch kein Beleg für eine Kombination französischer Modalpartikeln nachgewiesen werden. Dies ist sicherlich auch durch die im Verhältnis zum Deutschen deutlich geringere Zahl an Modalpartikeln bedingt. Während im Deutschen Modalpartikeln existieren, die ähnliche beziehungsweise sich nicht gegenseitig ausschließende pragmatisch-semantische Merkmale aufweisen, sind die französischen (semantisch vollwertigen) Pendants zu heterogen und die Ziellexeme noch zu „schwach“ grammatikalisiert, als dass eine Kombination möglich wäre. Der Ansatz von Detges und Waltereit (2016) ist weitestgehend mit dem soeben beschriebenen Prozess deckungsgleich, wobei der Aspekt der zunehmenden pragmatischen Funktion noch stärker in den Fokus gerückt wird. Während die Ausgangslexeme die Proposition nur mit eingeschränktem Skopus beeinflussen, geht diese Fähigkeit verloren. Modalpartikeln haben Skopus über den gesamten Satz, da sie sich auf die Illokution auswirken (cf. Detges/Waltereit 2016). Diese Zunahme der illokutionären Kraft beschreibt bereits Abraham (1991). Sowohl Abraham (1991) als auch Detges und Waltereit (2016) definieren die Grammatikalisierung einer Modalpartikel als einen Prozess, bei dem das Lexem eine Veränderung von einem lexikalischen hin zu einem grammatikalischen beziehungsweise stärker grammatikalisierten Element erfährt (cf. Abraham 1991; Detges/Waltereit 2016:635).

Das Alter der deutschen Modalpartikeln scheint bisher nicht geklärt zu sein. Dagegen datiert Waltereit (2006:89) für das Französische erste Tendenzen der Grammatikalisierung hin zum Lexem, welches als Modalpartikel zu bezeichnen ist, auf das Ende des 19. Jahrhunderts.2

3.1 Die Entstehung der Modalpartikel quand même

Waltereit (2006:89) datiert die Grammatikalisierung von quand même zur Modalpartikel auf das Ende des 19. Jahrhunderts. Zuvor beschreibt er jedoch eine Ableitung des Adverbs quand même aus dem holophrastischen Gebrauch. In beiden Fällen wird durch quand même Konzessivität ausgedrückt. Eine erste Verschiebung dieser Verwendung kann anhand des Korpus erstmals im späten 19. Jahrhundert nachgewiesen werden.

 (4) Et le soir, en se déshabillant, il soupira : demain, je coucherai dans une cellule ; c’est quand même étonnant, lorsqu’on y songe ! (HUYSMANS, Joris-Karl, En route, 1895, p. 283)

Im Gegensatz zur Verwendung als Adverb und im holophrastischen Gebrauch hat quand même in (4) offensichtlich nicht mehr die Funktion, einen Gegensatz auszudrücken. Vielmehr dient quand même in dem Beispiel dazu, an die Erwartung des Hörers oder Lesers anzuknüpfen und dessen Haltung vorwegzunehmen beziehungsweise einzubeziehen. In diesem Beispiel wird die evozierte Verwunderung besonders betont, zumal der Kontext nur bedingt eine Verwunderung auslöst. Die Semantik des Quelllexems quand même (holophrastischer Gebrauch oder Adverb), welche mit trotzdem ins Deutsche übersetzt werden könnte, ist in dem Beispiel verblichen.

Zeitgleich mit diesem Wandel scheint die syntaktische Positionierung direkt nach dem finiten Verb eingetreten zu sein. Dies entspricht dem oben beschriebenen Prozess des Verlustes der syntaktischen Variabilität. Im Korpus konnten zumindest keine Fälle nachgewiesen werden, bei denen entweder das semantic bleaching oder die veränderte Positionierung unabhängig voneinander eintraten. Auch der Skopus ist im Vergleich zu dem des Adverbs deutlich erweitert und erstreckt sich nun auf den gesamten Satz. Am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sind Belege wie der oben zitierte relativ selten zu finden.1 Erst gegen Mitte des 20. Jahrhunderts scheinen die Okkurrenzen stark zuzunehmen, sodass auch weitere Fälle vorkommen, bei denen die Annahme gerechtfertigt scheint, dass es sich um eine Modalpartikel handele. Das verstärkte Auftreten ab diesem Zeitpunkt entspricht einer Routinisierung im Sinne von Detges und Waltereit (2016).

 (5) C’est quand même quelque chose ! (DUPUY Aline, Journal d’une lycéenne sous l’Occupation, Toulouse, 1943–1945, p. 129)

Beispiel (5) belegt eine Verwendung von quand même, bei der derselbe Prozess wie in (4) zu beobachten ist. In diesem Beispiel nimmt der Sprecher auch einen Fremdbewusstseinsabgleich vor: Der Sprecher assertiert dem Hörer Verwunderung über den Inhalt der Proposition. Außerdem ist der Skopus erweitert und bezieht sich auf den gesamten Satz, was für ein (konzessives) Adverb untypisch ist. Formal sind ebenfalls alle Kriterien für eine Modalpartikel erfüllt. So ist beispielsweise quand même nach dem finiten Verb situiert, was dem deutschen Mittelfeld nicht unähnlich ist, und in dieser Position durch die französische Prosodie eindeutig unbetont. Durch den Verlust semantischer Merkmale des Lexems und die gleichzeitige Zunahme an pragmatischer Funktionalität kann somit bereits ab dem späten 19. Jahrhundert ein Wandel zur Redestrategie verzeichnet werden, welche durch Modalpartikeln versprachlicht wird. Schließt man nun die Prozesse ein, welche das Adverb selbst erfährt, wird deutlich, dass sowohl die Grammatikalisierung vom Adverb zur Modalpartikel als auch die vorherigen Prozesse stets stufenweise ablaufen. Es liegt somit kein gleichmäßig verlaufender Prozess vor, sondern ein Ablösungsprozess, bei dem das Erreichen einer nächsten Stufe längere Zeit dauert. Aus diesem Grund ist die folgende Einteilung auch nicht als feste Chronologie, sondern eher als sich abzeichnende Tendenz zu verstehen. Die zeitlichen Angaben richten sich nach den Phasen der Grammatikalisierung, wenn ein Phänomen gehäuft auftritt, was einen Hinweis auf eine Routinisierung liefert.


bis zum Beginn des 19. Jh. quand même als Konjunktion und konzessives Adverb; hauptsächlich satzinitial. Übersetzung: obwohl, trotzdem
ab Beginn des 19. Jh. quand même als konzessives Adverb; hauptsächlich satzfinal. Übersetzung: trotzdem, dennoch
ab Ende des 19. Jh. quand même auch als Modalpartikel; nach dem finiten Verb. Übersetzung: doch, aber
ab Mitte des 20. Jh. häufigere Verwendung von quand même als Modalpartikel mit Auswirkung auf illokutionärer Ebene; Prozess der Routinisierung

Tab. 1: Skizzierung des Grammatikalisierungsprozesses von quand même vom Adverb zur Modalpartikel

3.2 Die Entstehung der Modalpartikel bien

Die ersten Prozesse, bei denen ein Wandel vom Ursprungslexem bien ‘gut’ hin zur Modalpartikel zu verzeichnen ist, konnten anhand des Korpus deutlich früher nachgewiesen werden als bei quand même. Eine erste semantische Verschiebung von ‘gut’ zu ‘gern’ ist bereits im Mittelalter attestiert (6). Hier ist bien aber noch immer Adverb. Derartige Beispiele nehmen in der Folge an Frequenz zu und sind vor allem ab dem 17. Jh. (7) sehr häufig. Zusätzlich ist bien ab jener Zeit auch in Interrogativsätzen (8) belegt. Hier ist eine adverbiale Lesart ‘gern’ zwar nach wie vor möglich, aber eine Interpretation im Sinne eines Fremdbewusstseinsabgleichers ‘wohl’ erscheint uns ebenfalls möglich und wohl naheliegender als in (7). Besonders interrogative Beispiele wie (8) stellen nach unserem Dafürhalten also bridging-Kontexte dar, in denen bien alternativ nicht mehr als Adverb klassifiziert werden muss, sondern funktional auch als Modalpartikel klassifiziert werden kann. Aus formaler Sicht sei noch hinzugefügt, dass allen Okkurrenzen (6) – (8) gemein ist, dass bien nach dem finiten Verb steht:

 (6) […] quar Diex le nos rendra bien quant lui plaira […] (Villehardouins, La conquête de Constantinople (60 ,15), ca. 1202, apud: Michaud 1836: 20)

 (7) Et pour vous, qui êtes le seigneur, je suis persuadée que vous le voudrez bien, par la raison que je n’en relève pas moins de vous et que c’est une augmentation au nombre de vos paroisses. (SÉVIGNÉ (DE) Mme, Correspondance, t. 3: 1680–1696, 1696, p. 97)

 (8) *CLARICE : Paresseux, qui tardez si longtemps à venir,Devinez la façon dont je veux vous punir.*PHILISTE : M'interdiriez-vous bien l'honneur de votre vue ?

  (CORNEILLE Pierre, La Veuve (1682), p. 428)

Wie bereits erwähnt, sollte im Fall von (8) die Satzart nicht unbeachtet gelassen werden. Möglicherweise ist diese es, die in derart frühen Belegen für eine Lesart im Sinne eines Fremdbewusstseinsabgleichs noch nötig ist, während ein Fremdbewusstseinsabgleich im Falle einer grammatikalisierten Modalpartikel keines besonderen Satztypus mehr bedarf. Trotz der genannten Einschränkung ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Lexem bien ab dem späten 17. Jahrhundert und frühen 18. Jahrhundert einen Wandel erfuhr, der sich durch einen Verlust der lexikalischen Semantik zugunsten einer verstärkten pragmatischen Funktion und einer gleichzeitig abgeschwächten syntaktischen Mobilität kennzeichnet. Dies entspricht einer Distanzierung vom Adverb durch Erhöhung der Grammatikalität, was typisch für den Beginn des Grammatikalisierungsprozesses von Modalpartikeln ist.

 (9) C’est bien une femme ?C’est même une dame… jeune et jolie… la malheureuse !(SARDOU Victorien, Rabagas, 1872, p. 21)

Der oben beschriebene Verlust der lexikalischen zugunsten einer stärker grammatischen Semantik tritt verstärkt zum Ende des 19. Jahrhunderts auf, wie das Beispiel (9) belegt. Hier ist die ursprüngliche (lexikalische) Semantik des Adverbs bien fast vollständig verblichen. Das Lexem kann beispielsweise nicht mehr mit ‚gut‘ übersetzt werden. In diesem Beispiel hat bien eine eindeutig verstärkte funktionale Wirkung, welche ein Adverb nicht haben kann. Auch die mittelfeldähnliche Position nach dem finiten Verb wird beibehalten. Die Einschränkung, es würde kein Fremdbewusstseinsabgleich ausgelöst, trifft in diesem Fall nicht mehr zu. Dies kann folgendermaßen paraphrasiert werden: Der Sprecher gibt in der Frage mit Aussagecharakter preis, dass der Kommunikationspartner die Information bereits kennt, und erbittet eine Stellungnahme. Eine durch Empathie ausgelöste Vorwegnahme – das Wissen über das Wissen des Kommunikationspartners – und der Einbezug dieses Wissens in den Gesprächskontext ist eine Besonderheit der Modalpartikeln, die diese von Adverbien unterscheidet (cf. Leiss 2009; Meisnitzer 2012). Besonders auffällig ist auch die Antwort des Kommunikationspartners auf die Frage. Dieser bestätigt den Wahrheitswert und sein Wissen. Eine solche Reaktion ist nur bei einem Fremdbewusstseinsabgleich, wie ihn Modalpartikeln auslösen, zu erwarten. Ein weiterer Faktor, der ein Indiz für einen stattfindenden Grammatikalisierungsprozess ist, ist der Einfluss des Lexems auf den modus dicendi auf illokutionärer Ebene ohne Veränderung der Proposition beziehungsweise deren Inhalt. Dieser wird wie auch bei allen deutschen Modalpartikeln nicht verändert (cf. Waltereit 2006).

 (10) Oui, c’est bien l’année de la mort de mon père; ce qui confirme ma mémoire, c’est une conversation de ma mère avec Miss Ashburton, sitôt après notre arrivée. (GIDE André, La Porte étroite, 1909, p. 497)

Die später belegte Okkurrenz in Beispiel (10) bestätigt die eben ausgeführte Annahme und belegt den Beginn einer Routinisierung von bien in der funktional neuen Verwendung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommt zu dem oben zitierten Fragesatz der Einsatz der Modalpartikel bien in Aussagesätzen hinzu. In diesem Fall kann der Fremdbewusstseinsabgleich folgendermaßen interpretiert werden: Der Sprecher gibt sein Wissen und seine Position gegenüber dem Gesagten, wie auch die, die er dem Gegenüber zuordnet, an. Der Adressat hat im Anschluss die Möglichkeit, ein anderes Wissen oder eine andere Position zu vertreten, den Wahrheitswert also zu verändern, oder der Aussage und somit dem Wahrheitswert zuzustimmen unter Wahrung seines Gesichtes. Diese Funktionsweise des Fremdbewusstseinsabgleichs, welche der Paraphrasierung des oben zitierten Fragesatzes ähnlich ist, entspricht sowohl im Deutschen als auch im Französischen (und auch in weiteren Sprachen) der Funktion einer Modalpartikel (cf. Thurmair 1989; Abraham 2011; Meisnitzer/Gerards 2016 u.a.).

Eine Parallele zwischen dem Verlauf der Grammatikalisierung von bien und quand même ist anhand der bisher getroffenen Konstatierungen evident. Lediglich eine zeitliche Verschiebung beider Verläufe lässt sich erkennen. Die ersten Veränderungsprozesse von bien traten im Vergleich zu denen von quand même deutlich früher auf. Die eigentliche Grammatikalisierung, bei der das Lexem einen mehr oder weniger kompletten Verlust der lexikalischen Semantik und einen Wandel hin zur Modalpartikel erfuhr, wie sie auch heute vorzufinden ist, trat jedoch bei bien und quand même fast zeitgleich ein.

Wie Meisnitzer (2016) zeigt, ist die mit der Modalisierung einhergehende Abtönung in Form einer Abschwächung der Proposition durch die Modifizierung des illokutionären Akts auch in der Grammatikalisierung von bien als Höflichkeitsmarker erkennbar. In einigen Okkurrenzen verändert bien die Illokution dahingehend, dass sie Höflichkeit ausdrückt, was wiederum eine Ableitung der versprachlichten Abtönung ist. Semantisch gesehen unterscheidet sich bien in dieser Funktion wiederum von quand même, was sich durch den noch sehr jungen Grammatikalisierungsprozess erklären lässt, in Folge dessen noch eine gewisse Affinität zu den jeweiligen bridging-Kontexten besteht. Gemeinsam haben beide Lexeme eine Abschwächung der Proposition als Ergebnis des ausgelösten Fremdbewusstseinsabgleichprozesses, der bei beiden Partikeln durch die Miteinbeziehung des Wissenstandes des Adressaten ausgelöst wird.

Dieser weitere Schritt im komplexen Grammatikalisierungsprozess von bien wurde zunächst durch den Konditional getriggert und führte dazu, dass dessen Verwendung letztlich obsolet wurde und bien heute als Höflichkeitsmarker eingesetzt werden kann.

 (11) Tu prendrais un petit café?

 (12) Tu prendrais bien un café.

 (13) Tu prends bien un café.

Der in den Beispielen (11) bis (13) skizzierte Pfad spiegelt den Fortlauf der Grammatikalisierung des semantischen Merkmals [+HÖFLICHKEIT] von bien wieder, wie er im FRANTEXT-Korpus nachgewiesen werden konnte. Während vor Mitte des 19. Jahrhunderts ausschließlich der Konditional zur Kodierung von Höflichkeit genutzt wurde, kann im Laufe der Jahre ein Ablösungsprozess durch die Modalpartikel bis hin zu deren alleiniger Verwendung konstatiert werden. Es muss jedoch einschränkend gesagt werden, dass auch heute der Konditional noch zur Abtönung im Französischen genutzt wird (cf. Waltereit 2006).

Diese Konsolidierung der grammatischen Semantik mit unterschiedlichen Funktionen, die jedoch immer noch stark im Schatten der Semantik des Ausgangslexems steht, zeigt, dass die Modalpartikeln im Französischen noch nicht vollständig grammatikalisiert und in die Sprache integriert zu sein scheinen. Dasselbe gilt für den Höflichkeitsmarker bien. Wäre der Grammatikalisierungsprozess vollständig abgeschlossen, würde möglicherweise aus sprachökonomischen Gründen eine der konkurrierenden Strategien der Abtönung früher oder später verloren gehen.

3.3 Die Entstehung der Modalpartikel donc

Die Grammatikalisierung des dritten, eindeutig als Modalpartikel ausgemachten Lexems donc nahm ihren Verlauf im Vergleich zu den beiden erstgenannten Beispielen deutlich später. Erste Hinweise auf eine Grammatikalisierung lassen sich erst in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts nachweisen.

 (14) Laisse-moi donc finir. (DELAVIGNE Casimir, Les Enfants d’Édouard, 1833, p. 131)

Auffällig bei der Grammatikalisierung dieses Lexems ist die Verschiebung von donc, welches normalerweise vor dem finiten Verb steht und als Modalpartikel die mittelfeldähnliche Position zwischen finitem und infinitem Verb einnimmt. Während auf syntaktischer Ebene die Evidenzen sehr klar für eine Grammatikalisierung als Modalpartikel sprechen, sind diese auf semantischer Ebene bei weitem nicht so eindeutig.

Aus semantischer Sicht ist es durchaus nicht selbstverständlich anzunehmen, dass es sich in den entsprechenden Belegen für donc nicht weiterhin um Verwendungen als Konjunktion handelt – das Ausgangslexem in diesem Grammatikalisierungsprozess. Wir haben es bei den Belegen meist mit bridging-Kontexten zu tun. Dass es sich in den entsprechenden Fällen jedoch nicht mehr eindeutig um eine Konjunktion handelt, bekräftigt eine Betrachtung der kommunikativen Interaktion in den entsprechenden Okkurrenzen, die zeigt, dass durchaus ein Fremdbewusstseinsabgleichprozess ausgelöst wird. Auch die Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes der Okkurrenzen lässt keine sichere Schlussfolgerung auf einen Grammatikalisierungsprozess zu, wobei der syntaktische Wandel, der typisch für den entsprechenden Prozess ist (cf. Wegener 1998; Detges/Waltereit 2016), zweifelsfrei ersichtlich ist.

Die Veränderung der Illokution, wie sie bei bien besonders eindeutig und anschaulich ist, kann für donc zwar belegt werden, jedoch ist sie in ihrerEindeutigkeit nicht vergleichbar – zumindest nicht bei den gefundenen Korpusbelegen. Eine Validierung durch eine Erweiterung der Korpusrecherche und eine Durchführung möglicher Tests zur Perzeption und zum Verständnis mit L1-Sprechern wären daher in diesem Fall erforderlich. Die Veränderung der Illokution durch donc, das lediglich in Aufforderungssätzen nachgewiesen werden konnte, wie bereits Meisnitzer (2012:347) konstatiert, schwächt in Kombination mit entsprechender Intonation die Proposition der Aufforderung ab, da dem Adressaten die Möglichkeit gegeben wird, das gemeinsame Wissen zu verhandeln. Die syntaktische Positionierung, wie sie für Modalpartikeln typisch ist, konnte in Aufforderungssätzen erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachgewiesen werden.

 (15) Reconnais-moi donc ! (CLAUDEL Paul, La Jeune fille Violaine [2e version], 1901, p. 642).

Eine Funktion von donc als Adverb zur Bekräftigung des Gesagten kann zwar nicht vollständig ausgeschlossen werden, ist jedoch wegen der funktionalen und pragmatischen Ähnlichkeit mit den Modalpartikeln, wie sie im heutigen Französisch vorkommen, unwahrscheinlich. Eine weitere Zunahme der Okkurrenzen von donc als Modalpartikel lässt sich – wie auch bei den anderen zuvor besprochenen Modalpartikelkandidaten – im Laufe des 20. Jahrhunderts beobachten.

Anhand der Skizzierung der Grammatikalisierung der Modalpartikeln im Französischen wurde ersichtlich, dass die jeweiligen Prozesse analog zu denen der deutschen Pendants verlaufen und den Beobachtungen zu den Etappen des entsprechenden Prozesses führender Forscher auf dem Gebiet der Modalitätsforschung entsprechen (cf. z.B. Wegener 1998; Detges/Waltereit 2016). So konnte bei allen Lexemen auf dem Weg vom Quelllexem hin zur Modalpartikel eindeutig ein Verlust der syntaktischen Mobilität und der lexikalischen Semantik nachgewiesen werden, auch wenn dieser unterschiedlich weit fortgeschritten und z.B. im Fall von donc bei einigen Okkurrenzen bei weitem noch nicht so eindeutig wie bei bien und quand même ist und daher noch stärker von der Intonation abhängt. Es konnten hingegen keine Fälle nachgewiesen werden, bei denen der Verlust der semantischen Substanz vor einer syntaktischen Veränderung auftrat, vielmehr scheinen die beiden Schritte Hand in Hand zu gehen und zu korrelieren. Da auch heute jede Modalpartikel noch ein volllexikalisches Pendant aufweist und Okkurrenzen in bridging-Kontexten immer noch nachweisbar sind, kann gefolgert werden, dass die jeweiligen Grammatikalisierungsprozesse noch nicht vollständig abgeschlossen, aber unterschiedlich weit fortgeschritten sind. Es handelt sich somit auch in der Gegenwart noch um on-going Grammatikalisierungsprozesse.

Diese Einsicht legt es nahe, eine Prototypizitätsskala zu erstellen, welche die verschiedenen Grade der Grammatikalisierung von Modalpartikeln erfasst. Hierbei könnten auch weitere potenzielle Kandidaten, für die es jedoch bisher keine eindeutigen Belege gibt, sondern vielmehr Beispiele von Verwendungen in möglichen bridging-Kontexten attestiert sind, integriert werden. Wünschenswert wäre dabei auch eine Erweiterung der Daten unter Integration synchroner sprachlicher Beispiele aus der Nähesprache. Dies hätte den Mehrwert, dass eine genauere Erforschung der Grammatikalisierung von Modalpartikeln möglich würde, da eine Rekonstruktion dieser von bereits (mehr oder weniger) vollständig grammatikalisierten Modalpartikeln, wie bereits problematisiert wurde, durchaus Grenzen aufweist und stark interpretationsabhängig ist.

Eine Datierung/Periodisierung der Entwicklungsetappen kann aufgrund des konservativen Charakters der geschriebenen Sprache nur tentativ vorgenommen werden unter Angabe von Tendenzen und mit der Gewissheit, dass die Verwendungen in der gesprochenen Sprache bereits wesentlich früher routinisiert waren beziehungsweise stärkere Routine aufwiesen.

3.4 Die französischen Modalpartikeln heutzutage

Abschließend ist festzuhalten, dass eine vorausgehende Korpusstudie zur Synchronie der französischen Modalpartikeln (cf. Meisnitzer/Wocker 2017) zwar nicht überwältigend viele Belege hervorbrachte, jedoch eindeutig zu viele, um diese zu ignorieren. So ergibt eine Auswertung des Rhapsodie-Korpus für quand même folgendes Ergebnis:


quand même Gesamtzahl als Adverb in bridging-Kontexten als Modalpartikel
Vorkommen (absolut) 41 24 9 8
Vorkommen (in Prozent) 58,5 % 22,0 % 19,5 %

Tab. 2: Quantitative Verteilung der Okkurrenzen von quand même im Rhapsodie-Korpus (mit 34.000 Wörtern) als Adverb, Modalpartikel und in bridging-Kontexten (Meisnitzer/Wocker 2017: 249)

Betrachtet man exemplarisch die Zahl der Okkurrenzen für quand même, so besteht kein Zweifel daran, dass eine deskriptive Grammatik durchaus sensibel für diese Fälle von marginaler Mikrovariation sein muss, da sie profunde Auswirkungen auf den Sprachgebrauch hat und man mit den traditionellen Kategorien der präskriptiven Grammatik keine adäquate Beschreibung der Verwendung erreichen kann.

Angesichts der Konstatierung, dass es Modalpartikeln im Französischen gibt – wenn auch nur vereinzelt – und der Einsicht, dass diese in ihrer Zahl der Okkurrenzen nicht vernachlässigt werden können, ist es im Folgenden das Ziel, deren Herausbildungsprozess zu beschreiben.

4 Die Entstehung von Modalpartikeln: ein Fall von Grammatikalisierung oder Pragmatikalisierung?

In der klassischen Forschungsliteratur angelsächsischer Prägung (cf. u.a. Wegener 1998; Waltereit 2004, 2006) wird ohne weitere Begründung für die Genese vom Ausgangslexem hin zur Modalpartikel von einem Grammatikalisierungsprozess gesprochen. In neueren Studien besonders in der Romanistik wird jedoch stärker der Begriff der Pragmatikalisierung geprägt, wenn es um die Entwicklungsprozesse von Diskursmarkern und Gesprächspartikeln beziehungsweise Modalpartikeln geht, sofern diese differenziert betrachtet werden. Pragmatikalisierung ist der Prozess, innerhalb dessen eine sprachliche Einheit in einem entsprechenden Kontext ihren semantischen Gehalt und ihre sprachliche Funktion zugunsten einer rein diskursorganisierenden Bedeutung und Funktion verliert (cf. Frank-Job 2009:300).

Gemäß der angeführten Definition von Pragmatikalisierung stellt sich die Frage, ob die Entstehung der Modalpartikeln durch routinisierte Verwendungen nicht eher einem Pragmatikalisierungsprozess zuzuschreiben sind als einem Grammatikalisierungsprozess im Lehmannʼschen Sinne (cf. Lehmann 2002). Wie bereits festgestellt, verlieren die Ursprungs- beziehungsweise Quelllexeme in ihrer Entwicklung zur Modalpartikel an lexikalischer Semantik zugunsten einer verstärkten illokutionären und pragmatischen Kraft (cf. Wegener 1998:43). Dies entspricht ebenfalls der oben zitierten Definition und tritt sowohl bei deutschen als auch bei französischen Modalpartikeln auf. Ein weiteres Kriterium, welches die Fragestellung berechtigt, ist die Zunahme des Skopus der Modalpartikeln über den gesamten Satz (cf. Waltereit 2006; Coniglio 2011:138). Dies widerspricht der Auffassung Lehmanns (2002:128), dass grammatikalisierte Lexeme eine Einschränkung des Skopus durch Kondensierung erfahren.

Auf den ersten Blick scheinen die Argumente für eine Pragmatikalisierung zu sprechen. Zu bedenken ist allerdings, dass Modalpartikeln sich zwar auf den illokutionären Akt auswirken und somit ihre Wirkung nicht primär auf der Ebene der konkreten sprachlich-kodierten Proposition haben (derenWahrheitsbedingung unverändert bleibt), die Wirkungsebene der Diskursmarker jedoch gerade über der Grenze des Satzes liegt, sodass eine terminologische Zusammenfassung der (sehr unterschiedlichen) Entstehungsprozesse beider Wortarten als Pragmatikalisierung - in Abgrenzung zur Grammatikalisierung keinerlei Vorteile bringt (vgl. Detges/Waltereit 2016; Diewald 2012). Dies ist ein Grund, weshalb wir auch für einen Erhalt des Terminus der Grammatikalisierung und gegen die Prägung des Begriffs Pragmatikalisierung plädieren. Außerdem ist Detges und Waltereit (2016) zuzustimmen, dass bei der Genese von Modalpartikeln nicht von Pragmatikalisierung gesprochen werden kann, da Faktoren wie z.B. die Restriktion der Modalpartikel auf einen bestimmten syntaktischen Kontext, Verlust an phonologischer Substanz und Abbau lexikalischer Semantik entscheidend sind und diese eher für einen Grammatikalisierungsprozess sprechen. Zwar wurde auch in diesem Aufsatz bei einer Häufung der Okkurrenzen von einer Routinisierung gesprochen, allerdings ist dies nicht per se ein Indiz für eine Pragmatikalisierung. Auch grammatische Elemente müssen eine Phase der Routinisierung durchlaufen, um von der Ebene der parole auf die Ebene des Systems angehoben zu werden und einen Ausbau im Sinn einer Erweiterung auf unterschiedliche Diskurstradition zu erfahren (cf. Detges/Waltereit 2016:253–254).

Ein starkes Argument gegen die Klassifikation als Pragmatikalisierung im Fall der Entstehung der Modalpartikeln bildet jedoch die Einsicht, dass diese keine diskursorganisierende oder strukturierende Funktion haben, sondern ihre Wirkung auf der Ebene der Illokution verankert ist. Um die Rolle der kommunikativen Interaktion zu betonen, könnte man den Prozess, der zur Grammatikalisierung führt, als Pragmatikalisierung beschreiben, da bereits grammatische Lexeme stärker funktional auf die Regelung der kommunikativen Interaktion ausgerichtet werden. Das Ergebnis wäre jedoch in jedem Fall eine Grammatikalisierung im Sinne von Lehmann (2002). Außerdem sind Sprachwandelprozesse immer das Ergebnis kommunikativer Strategien, die routinisiert werden.

Die Entscheidung für den Begriff Grammatikalisierung im Lehmannʼschen Sinne und gegen den der Pragmatikalisierung im Falle der Modalpartikeln ist folglich naheliegend und geht konform mit der Auffassung von Diewald (2012), welche die Herausbildung von Modalpartikeln aus ihren homonymen Lexemen als Grammatikalisierung klassifiziert. Gemäß der Auffassung von Lehmann (2002) sind Modalpartikeln das Ergebnis eines Wandelprozesses bei dem Lexeme auf einer Skala stärker grammatikalisiert werden können. Es gibt hierbei eine klare Entwicklungslinie. Die entsprechenden Lexeme verlieren sukzessive lexikalisch-semantische Merkmale und erhöhen dafür ihre funktionalen (grammatisch-pragmatischen) Merkmale gegenüber dem Quelllexem.

5 Modalpartikeln und ihre volllexikalischen Pendants: ein Fall von Homonymie oder Polysemie?

Nach Abraham (2011:129) ist für Modalpartikeln die Existenz homonymer Lexeme kennzeichnend, die eine andere Semantik aufweisen, jedoch das Quelllexem der daraus grammatikalisierten Modalpartikel darstellen. Diese gemeinsame Quelle stellt jedoch terminologisch ein Problem dar, wie sich im Folgenden zeigen wird.

Wie bereits dargestellt, gibt es Lexeme, die sich noch in der Phase der Grammatikalisierung befinden und daher weder eindeutig von ihrem Ursprungslexem unterschieden noch eindeutig als Modalpartikeln eingestuft werden können. Bei den drei Lexemen, welche als französische Modalpartikeln klassifiziert wurden, ist diese Phase, in welcher sie in bridging-Kontexten auftraten, bereits weitestgehend zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgeschlossen. Da die Modalpartikel und das homonyme Lexem im Grammatikalisierungsprozess dem Quell- und dem Ziellexem entsprechen und somit eine gemeinsame Wurzel beziehungsweise ein Etymon aufweisen, ist es angebrachter, von polysemen Lexemen und einem Fall von Polysemie zu sprechen (cf. Autenrieth 2002:2; Meibauer 1994:5–6; Schulz 2008:286). Hierfür spricht ebenfalls die Tatsache, dass kontextuelle Restriktionen bei der Verwendung durchaus noch „Reste“ beziehungsweise Spuren der Semantik des Quelllexems durchscheinen lassen und diese auch meistens noch im Bewusstsein der Sprecher mitschwingen. Es handelt sich somit diachron gesehen um einen Fall von Polysemie, synchron aus funktionaler Sicht hingegen um Homonymie, da wir Funktionswörter mit unterschiedlichen Funktionen haben, die formal identisch sind (gleich lauten, gleich geschrieben werden, jedoch unterschiedliche Funktionen haben). Man könnte zusammenfassen, dass es sich bei vollständig grammatikalisierten Modalpartikeln und Quelllexemen um synchrone Homonyme handelt, wenn die Semantik des Ausgangslexems nicht mehr mitschwingt. In bridging-Kontexten und frühen Grammatikalisierungsstadien haben wir es hingegen mit polysemen Lexemen zu tun.

6 Fazit: Einsichten aus der deskriptiven Grammatikforschung und die Notwendigkeit, die neuere Sprachgeschichte zu überdenken

Auch wenn die Modalpartikeln im Französischen kein eigenes Paradigma bilden, so ist ihr Ausblenden aus Sicht einer deskriptiven Grammatik unzulässig. Zu häufig sind dafür Okkurrenzen, wie sie Tabelle 2 für quand même belegt. Die Sprachgeschichte darf sich nicht mit der Beschreibung von radikalen Umbrüchen innerhalb des Sprachsystems begnügen, sondern muss besonders in der neueren Zeit auch subtile Fälle von Variation, die letztlich Wandel auslösen, berücksichtigen.

Für das Französische konnten wir in unserer korpusbasierten Studie die Entstehung der Modalpartikeln quand même, bien und donc skizzieren, deren Status als Modalpartikeln in einer weiteren Studie herausgearbeitet wurde (cf. Meisnitzer/Wocker 2017).

Als Forschungsdesiderat wurde bereits die Entwicklung einer einzelsprachlichen Prototypizitätsskala für Modalpartikeln und potenzielle Kandidaten, die bereits in bridging-Kontexten nachgewiesen werden können, formuliert. Hierbei müsste man quantitativ vorgehen und weitere Korpora und Daten der gesprochenen Sprache einbeziehen. Auch könnte bei einer entsprechenden Studie der Aspekt des Verlustes der phonologischen Substanz stärker berücksichtigt und anhand der Reaktionen der Adressaten der vorgenommene Fremdbewusstseinsabgleich besser herausgearbeitet werden. Anders als bei einer diachronen Studie mit historischen Korpora wie dem FRANTEXT wäre man dadurch nicht auf medial fixierte Schriftsprache angewiesen, was die Ergebnisse unweigerlich verzerrt und den Nachteil hat, dass Wandelprozesse erst zeitlich verschoben überhaupt attestiert werden und die Okkurrenzen daher viel punktueller sind als im realen zeitgenössischen gesprochenen Sprachgebrauch. Eine Aufnahme in die Schriftsprache findet erst statt, wenn das sprachliche Mittel in seiner Akzeptanz etabliert ist und eine Routinisierung durchlaufen hat. Dabei ist für den besonderen Fall der Modalpartikeln festzuhalten, dass diese selbst bei Routinisierung in der geschriebenen Sprache kaum gebraucht werden. Eine genaue Aussage über den funktionalen Wandel und somit die genaue Datierung kann daher auch im Rahmen einer diachronen Studie nicht geleistet werden.

Wie der Fall der Modalpartikeln belegt, zwingt uns die deskriptive Grammatik, besonders in den Kapiteln der neueren Sprachgeschichte auch marginale Sprachwandelprozesse zu berücksichtigen. Diese stellen zwar im Hinblick auf das gesamte Sprachsystem lediglich Fälle von Mikrovariation dar, sie dürfen jedoch für eine adäquate Beschreibung der sprachlichen Mittel nicht ausgeblendet werden – anders als dies in den traditionellen präskriptiv-normativen Grammatiken der Fall ist. Es ist daher wichtig, die Kategorien der traditionellen Grammatik zu überdenken.

Literatur

Abraham, Werner (1988): „Vorbemerkungen zur Modalpartikelsyntax im Deutschen“, in: Linguistische Berichte 118, 443–465.

Abraham, Werner (2009): „Die Urmasse von Modalität und ihre Ausgliederung. Modalität anhand von Modalverben, Modalpartikeln und Modus. Was ist dasGemeinsame, was das Trennende, und was steckt dahinter?“, in: Abraham, Werner/Leiss, Elisabeth (Hrsg.): Modalität – Epistemik und Evidentialität bei Modalverben, Adverb, Modalpartikeln und Modus. Tübingen: Stauffenburg, 251–302.

Abraham, Werner (2011): „Über Unhintergehbarkeiten in der modernen Modalitätsforschung“, in: Diewald, Gabriele/Smirnova, Elena (Hrsg.): Modalität und Evidentialität. Modality and Evidentiality. Trier: Wissenschaftlicher Verlag (= Fokus, 37), 125–147.

Autenrieth, Tanja (2002): Heterosemie und Grammatikalisierung bei Modalpartikeln: eine synchrone und diachrone Studie anhand von „eben“, „halt“, „e(cher)t“, „einfach“, „schlicht“ und „glatt“. Tübingen: Niemeyer (= Linguistische Arbeiten, 450).

Coniglio, Marco (2006): „German Modal Particles in the Functional Structure of IP“, in: University of Venice Working Papers in Linguistics 16, 57–95.

Coniglio, Marco (2011): Die Syntax der deutschen Modalpartikeln. Ihre Distribution und Lizensierunng in Haupt- und Nebensätzen. Berlin: Akademieverlag (= Studia Grammatica, 73).

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Zur Syntax des Subjektpronomens im ältesten Französisch (9.–12. Jh.)

Barbara Wehr

Dans notre contribution, nous nous proposons de reprendre la discussion sur le sujet pronominal en ancien français et son origine. Tandis qu’une partie des chercheurs pense que l’expression du sujet pronominal se serait peu à peu grammaticalisée dans l’histoire du français, d’autres sont d’avis que le sujet pronominal était présent dès le début (par exemple Price 1979). Pour répondre à cette question, il faut se rappeler qu’en ancien français l’expression ou non du sujet pronominal dépendait de l’ordre des mots. Si un élément autre que le sujet („X“) se trouvait en position initiale, dans la plupart des cas il y avait omission du sujet pronominal: X–V–Ø. On avait donc

(1) anc. fr. Il vint

mais

(2) anc. fr. Lors vint Ø a son oncle.

Dans notre étude, nous examinerons l’expression et la non-expression du sujet pronominal en ancien français dans les plus anciens textes transmis. L’excellente étude de Franzén sera un point de référence important. Tout porte à croire que l’existence du pronom sujet ainsi que la règle ou la tendance à sa non-expression sont dues à l’interférence de l’ancien francique occidental à l’époque du proto-français.

1 Situierung des Problems

Im Folgenden soll die Frage nach der Entstehung des Subjektpronomens im Altfranzösischen noch einmal aufgenommen werden, die kontrovers diskutiert wird.1 Nach allgemeiner Ansicht hat sich die Setzung des Subjektpronomens vom Altfranzösischen zum Neufranzösischen in einem Prozess zunehmender Grammatikalisierung entwickelt. Da nach der communis opinio das Subjektpronomen im Altfranzösischen noch nicht obligatorisch war, war man an einer Interpretation der Setzung des Subjektpronomens immer mehr interessiert2 als an dessen Nicht-Setzung, die sozusagen das „Erwartbare“ war.3 Man könnte aber auch die Auffassung der „Nicht-Obligatorität“ des Subjektpronomens im Altfranzösischen präzisieren und die Meinung vertreten, dass das Subjektpronomen unter bestimmten syntaktischen Bedingungen regelmäßig gesetzt wurde und unter bestimmten anderen syntaktischen Bedingungen regelmäßig nicht gesetzt wurde. Dann wären Setzung und Nicht-Setzung nicht „beliebig“, sondern folgten klaren Regeln. Erst mit dem dem Wegfall dieser Regeln würde die Grammatikalisierung der Verwendung des Subjektpronomens dann ihren Lauf nehmen können.

Bevor wir uns genauer mit dieser Hypothese auseinandersetzen und anhand einiger der ältesten überlieferten Texte (9.–12. Jh.) überprüfen, müssen wir uns die Regeln der Setzung des Subjektpronomens im Altfranzösischen noch einmal vergegenwärtigen.

2 Zur Setzung bzw. Nicht-Setzung des Subjektpronomens im Altfranzösischen

Nach einem satz-einleitenden Nicht-Subjekt, im Folgenden „X“ genannt,1 steht das nominale Subjekt regelmäßig in Inversion (cf. Foulet 1968 [1930]:§ 450). Es heisst also

 (1) Li rois dist: …

aber:

 (2) Lors dist li rois: …

Das ist die berühmte „V2“-Regel des Altfranzösischen (cf. etwa Marchello-Nizia 1999:41).2 Ist das Subjekt hingegen pronominal, wird es meist nicht gesetzt, wenn es in Inversion nach „X“ stünde. Es heisst also

 (3) Il dist: …

aber:

 (4) Lors dist Ø: …

Die Nicht-Setzung des Subjektpronomens, stünde es in Inversion, wurde auf klare Weise von Foulet (1968 [1930]) und Franzén (1939) beschrieben. Foulet nennt dieses Merkmal zu Recht „un des faits les plus curieux de la syntaxe médiévale“:

[L]’inversion du sujet est souvent masquée par une habitude qui constitue un des faits les plus curieux de la syntaxe médiévale […]: si le sujet est un pronom personnel, il sera très souvent sous-entendu. C’est là un point fondamental de la syntaxe du vieux français: l’inversion du sujet entraîne facilement dans le cas du pronom personnel l’omission du sujet. (Foulet 1968 [1930]:§ 457; Hervorhebung von ihm)

Franzén beschreibt die Nicht-Setzung des Subjektpronomens sowohl in Haupt- als auch in Nebensätzen. Zur Nicht-Setzung in Hauptsätzen bemerkt er:

[Le sujet n’est pas exprimé quand] [l]e verbe est précédé d’un membre de phrase accentué, ce qui entraîne le plus souvent l’omission du pronom sujet. (Franzén 1939:24)

Dasselbe gilt auch für Nebensätze:

[Q]uand le verbe de la subordonnée était précédé d’un membre de phrase à accent propre, le pronom sujet était à l’ordinaire omis. (Franzén 1939:27)

Allerdings ist die Position des nicht-gesetzten Subjektpronomens im Haupt- und Nebensatz nicht identisch: während sie sich im Hauptsatz nach dem Prädikat befindet (cf. Beisp. (4)), ist sie im Nebensatz vor dem betonten Element anzusetzen:

 (5) Quant Ø infans fud (Leodegarlied V. 13)3

Cf. Foulet (1968 [1930]:§ 466) und das folgende Beispiel

 (6) Qu’elle Deo raneiet (Eulaliasequenz V. 6)

wo das Subjektpronomen ausnahmsweise gesetzt wird.4

In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig festzuhalten, dass die Nicht-Setzung des pronominalen Subjekts nicht etwa von seiner Referenzidentität mit einem unmittelbar zuvor genannten Subjekt abhängt; cf. Franzén zu Haupt- und Nebensätzen: „[I]l n’est pas nécessaire que le sujet sous-entendu soit identique à celui de la proposition précédente“ (1939:26)5 und „Cette règle était observée, que le sujet de la subordonnée fût identique, ou non, à celui de la principale“ (Franzén 1939:27, Anm. 5). Die Nicht-Setzung des Subjektpronomens ist also syntaktisch bedingt. Dasselbe gilt auch für seine Setzung: „The use of the unstressed subject pronoun in OFr depends mainly on the structure of the clause“ (Price 1979:§ 11.5.2). Sie hat, den Bemerkungen von Foulet, Franzén und Price zufolge, nichts mit einem etwaigen „Subjektwechsel“, „Topicwechsel“6 oder einer besonderen Hervorhebung des Subjektreferenten7 zu tun, sondern stellt den „Normalfall“ dar. Wenn diese Auffassung richtig ist, müssen wir also nicht die Setzung, sondern im Gegenteil die Nicht-Setzung des Subjektpronomens erklären.

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die unterschiedliche Frequenz der Setzung des Subjektpronomens in Haupt- und Nebensätzen. Da Hauptsätze im Altfranzösischen sehr häufig durch ein Element „X“ eingeleitet werden, das die Inversion auslöst, kommen Subjektpronomina in Hauptsätzen viel seltener als in Nebensätzen vor, wo die einleitende Konjunktion oder das Relativpronomen8 nicht als „X“ zählen (cf. Foulet (1968 [1930]:§ 459). Das Subjektpronomen steht folglich ganz regulär nach der Konjunktion oder dem Relativpronomen (sofern nicht ein betontes Element dem Verb vorausgeht):

 (7) la nef […] ou il deveit entrer (Alexiusleben V. 77)

Franzén (1939:29) fasst diesen Sachverhalt folgendermaßen zusammen:

Quand le sujet n’était pas un substantif, la principale se construisait, dans l’immense majorité des cas, complément + verbe, tandis que, dans la subordonnée, la construction conjonction + pronom sujet + verbe (+ complément) prédominait dès l’époque de l’Alexis.

Daraus ergibt sich eine offensichtliche „Asymmetrie“ zwischen Haupt- und Nebensätzen,9 ohne dass dafür etwaige pragmatische Gründe geltend gemacht werden können.

Im Folgenden sollen im Licht dieser Erkenntnisse die ältesten Sprachdenkmäler des Altfranzösischen einer genauen Analyse in Bezug auf die Setzung/Nicht-Setzung des Subjektpronomens unterzogen werden, von den Straßburger Eiden (9. Jh.) bis zu den Quatre Livre des Reis (12. Jh.).10 Dass die meisten der bis dahin überlieferten Texte metrisch gebundene Texte sind, ist für eine syntaktische Untersuchung ein Nachteil, der sich aber nicht umgehen lässt.

3 Empirische Untersuchung
3.1 Vorbemerkungen

Untersucht werden deklarative Hauptsätze (keine Fragesätze, Imperativsätze und Optativsätze) und Nebensätze. Nicht berücksichtigt werden weiter impersonale Ausdrücke, da die Setzung des expletiven il oder „il neutre“ (dt. „es“) der Setzung des referentiellen Subjektpronomens chronologisch nachgeordnet ist; cf. dazu Moignet (1965:96–97) und Buridant (2000:§ 342, S. 427): „La non-expression est particulièrement fréquente dans le cas des verbes impersonnels, où il sujet neutre ne s’impose que lentement“. Die Setzung bzw. Nicht-Setzung des expletiven il muss von derjenigen des referentiellen Subjektpronomens daher unbedingt getrennt beschrieben werden.1

Festzuhalten ist, dass auch die Negation als Element „X“ funktionieren kann, welches dann Inversion bewirkt, mit der Folge der Nicht-Setzung eines pronominalen Subjekts:2

 (8) [Ewruin:] Ne vol Ø reciwre Chielperin (Leodegarlied V. 57)

Cf. dazu Franzén (1939:24, 66–67, 128) und Buridant (2000:§ 340). Grund ist nach Franzén, dass die Negation ursprünglich ein betontes Element war.

Vorauszuschicken ist auch noch eine Bemerkung zur Nicht-Setzung des Subjektpronomens innerhalb derselben Satzkonstruktion in syndetischer oder asyndetischer Parataxe bei dem Vorliegen eines identischen Subjektreferenten. In solchen Fällen muss der Referent, der das aktuelle Diskurstopic darstellt, nicht noch einmal genannt werden. Zunächst zu syndetischer Parataxe mittels et:3

 (9) Après parlat ses filz envers Marsilies,Et Ø dist al rei: „[…]“ (Rolandslied V. 496)

Noch im Neufranzösischen ist bei Topic-Kontinuität nach et eine nochmalige Nennung des Subjektreferenten nicht nötig, cf. Il mange un bifteck et Ø boit un verre de rouge. Zu asyndetischer Parataxe:

 (10) Voldrent la veintre li Deo inimi,Ø Voldrent la faire dïaule servir. (Eulaliasequenz V. 3–4)

 (11) La domnizelle celle kose non contredist:Ø Volt lo seule lazsier, si ruovet Krist. (Eulaliasequenz V. 24)

 (12) Ille amat Deu, Ø lo covit;Ø rovat que litteras apresist. (Leodegarlied V. 17–18)

Da die Interpunktion von dem modernen Herausgeber stammt, können wir auch einen Doppelpunkt wie in Beisp. (11) und ein Semikolon wie in Beisp. (12) unter „Topic-Kontinuität innerhalb derselben komplexen Satzkonstruktion“ subsumieren, denn der Herausgeber hätte ja auch ein Komma schreiben können.4

Im Fall von syndetischer und asyndetischer Parataxe sind es also pragmatische Gründe (Topic-Kontinuität), die für die Nicht-Setzung des Subjektpronomens verantwortlich sind.5

3.2 Corpus-Untersuchung1
3.2.1 IX. Jh.

Straßburger Eide (843) 1

(Textumfang: 14 Zeilen)

Vorbemerkungen: om „man“ (Z. 6) wird nicht als Subjektpronomen angesehen, und auch io in ne io ne neuls (Z. 13), ein disjunktes Pronomen, das nicht weggelassen werden kann, wird nicht als Subjektpronomen gezählt, obwohl io hier Subjekt von er (Z. 14) ist.

Der althochdeutsche (genauer: rheinfränkische) Wortlaut wird nur angegeben, wenn Parallelen zwischen dem altfranzösischen und dem althochdeutschen Text aufgezeigt werden sollen.2

 (13) [Der Ostfranke Ludwig der Deutsche leistet den Schwur auf Altfranzösisch:]31 Pro Deo amur […]42 et nostro commun salvament […],3 in quant Deus savir et podir me dunat,4 si salvarai eo cist meon fradre Karlosō haldih thesan mīnan bruodher5 et in aiudha et in cadhuna cosa,6 si cum om per dreit son fradra salvar dift,7 in o quid il mi altresi fazet,in thiu thaz er mig sō sama duo,8 et ab Ludher nul plaid nunquam prindrai Ø,indi mit Ludheren in nohheiniu thing ne gegango Ø,9 qui, meon vol, […] in damno sit.

 (14) [Die Heerführer leisten den Schwur in ihrer jeweiligen Muttersprache – derjenige Karls des Kahlen auf Altfranzösisch und derjenige Ludwigs des Deutschen auf Althochdeutsch:]10 Si Lodhuuigs sagrament que Ø son fradre Karlo jurat conservat,Oba Karl then eid, then er sīnemo bruodher Ludhuuuīge gesuor, geleistit11 et Karlus […] non l’ostanit,12 si io returnar non l’int pois,ob ih inan es iruuenden ne mag:13 ne io ne neuls cui eo returnar int pois,noh ih noh thero nohhein, then ih es iruuenden mag,14 in nulla aiudha contra Lodhuuuig nun li iu er.

Alle Setzungen bzw. Nicht-Setzungen des Subjektspronomens sind „regelkonform“, mit einer einzigen scheinbaren Ausnahme (v. infra). Im altfranzösischen Wortlaut wird viermal das Subjektpronomen gesetzt,5 einmal im Hauptsatz: si salvarai eo (Z. 4) und dreimal im Nebensatz: in o quid il [...] fazet (Z. 7); si io [...] pois (Z. 12); cui eo [...] pois (Z. 13), ohne jede Hervorhebung. Der althochdeutsche Wortlaut weist in allen Fällen eine Entsprechung auf.

In zwei Fällen wird das Subjektpronomen nicht gesetzt; einmal im Hauptsatz nach „X“: X prindrai (Z. 8)6 (genauso im Althochdeutschen) und einmal im Nebensatz in Verbindung mit „X“: que [.…] jurat (Z. 10).

Alle diese Fälle entsprechen der „Prognose“ in § 2 bis auf Z. 4, wo es im Hauptsatz heisst: si salvarai eo… Si ist Adverb und löst Inversion aus; hier steht also ausnahmsweise das Subjektpronomen in Inversion (ebenso im althochdeutschen Wortlaut: sō haldih). Es werden uns noch weitere derartige Fälle begegnen. Bei der Prognose bezüglich der Nicht-Setzung in Inversion handelt es sich also nicht um eine strikte „Regel“, sondern nur um eine mehr oder weniger ausgeprägte „Tendenz“. In den Zitaten in § 2 aus Foulet und Franzén heisst es ja auch, dass das Subjektpronomen in Inversion „très souvent“, „le plus souvent“ fehle, aber eben nicht immer.7

3.2.2 X. Jh.

Eulaliasequenz (um 900) 1

(Textumfang: 29 Zeilen)

Das Subjektpronomen wird hier siebenmal ohne jede Hervorhebung gesetzt, viermal im Hauptsatz: Elle nont2 eskoltet (V. 5), Il […] enortet (V. 13), Ellent3 adunet (V. 15), Elle […] non auret (V. 20), und dreimal im Nebensatz: Qu’elle […] raneiet (V. 6), Qued elle fuiet (V. 14), Qu’elle perdesse (V. 17).

Das Subjektpronomen wird im Hauptsatz elfmal nicht gesetzt (ohne Berücksichtigung der impersonalen Verbform chielt, V. 13), davon neunmal nach „X“, z.B. bel auret corps (V. 2),4 und zweimal in asyndetischer Parataxe nach einem Komma/Doppelpunkt des Herausgebers bei identischem Subjekt/Topic, cf. oben die Beispiele (10)-(11). Im Nebensatz wird dreimal das Subjektpronomen nicht gesetzt, davon zweimal in Verbindung mit „X“ vor dem Verb (V. 26, V. 28).5 Alle Setzungen/NichtSetzungen sind „regelkonform“ mit einer Ausnahme:

 (15) Enz enl fou lo6 getterent com Ø arde tost:Elle colpes non auret, poro nos coist. (V. 19–20)

wo im Nebensatz nach com das Subjektpronomen elle gesetzt werden sollte. Die Nichtsetzung in V. 19 ist sicher dem Metrum geschuldet, denn wir hätten sonst in dieser Zeile mit elf Silben, die mit der folgenden elfsilbigen Zeile in V. 20 durch die Assonanz gebunden ist, zwei Silben mehr.7 Cf. dazu auch Buridant (2000:426, § 341): „[D]ans les textes versifiés, des facteurs métriques peuvent jouer dans le choix entre expression/non-expression“. Dasselbe gilt auch für die frühen assonierenden Texte.

Jonasfragment (2. Viertel 10. Jh.) 8

(Textumfang: ein Folium; 226 Zeilen)

(Mischsprachlich lat.-afrz.)

Es handelt sich um das Fragment einer Homilie über den Propheten Jonas, z.T. in Tironischen Noten auf der Basis des Lateinischen geschrieben. Die recto-Seite ist in so schlechtem Zustand überliefert (cf. die Abbildung von Vorder- und Rückseite des Foliums bei de Poerck 1955, nach S. 40), dass sie sich kaum auswerten lässt. Immerhin fällt ein Subjektpronomen im Nebensatz ins Auge, das festzuhalten ist, auch wenn der Kontext fehlt:

 (16) quant il lo… (Z. 22)9

Die verso-Seite ist besser lesbar. Hier fallen im Hauptsatz auf:

 (17) tu douls mult a… (Z. 178)

 (18) e jo ne dolreie de tanta milia hominum […]? (Z. 181–182)

und im Nebensatz:

 (19) inde habuit misericordias si cum il semper solt haveir de peccatore. (Z. 115–116)„daher hatte er Mitleid mit dem Sünder, wie er [es] immer zu haben pflegte“10

 (20) cum il faciebat de perditione Iudeorum. (Z. 127)

 (21) porqet il en cele durecie et en cele encredulitet permes sient. (Z. 166–167)

 (22) si cum il ore sunt. (Z. 173)

 (23) cum co uidit qet il se erent convers de uia sua mala (Z. 194)

 (24) liberi de cel peril qet il habebat discretum (Z. 196–197)

Andererseits fehlt das Subjektpronomen „regelkonform“ in Inversion nach si:

 (25) si escit Ø foers de la ciuitate. e si sist Ø contra orientem ciuitatis. e si auardevet11 Ø cum Deus parfereiet… (Z. 136–138)

Wir finden sogar eine Reihe von nicht gesetzten Subjektpronomina im Nebensatz in Verbindung mit „X“ (cf. § 2, Beisp. (5) und Z.10 der Straßburger Eide):

 (26) qe Ø super els metreiet. (Z. 118)

 (27) [als Fortsetzung von Beisp. (24)]: qe Ø super els mettreiet. (Z. 197)

 (28) <et preparavit Dominus> un edre sore sen cheve qet Ø umbre li fesist. (Z. 145–146)12

 (29) <tant laveient of>fendut. qe Ø tost le uolebat delir. (Z. 187)

 (30) E poro si vos avient <qe bie>n faciest cest triduanum ieiunium qet Ø oi comenciest. (Z. 201–203)

 (31) poscite li qe cest fructum qe Ø mostret nos habet qel nos conservet. (Z. 214–216)

Das Fazit ist, dass sich auch in dieser schwer beschädigten Handschrift die Regeln der Setzung bzw. Nicht-Setzung des Subjektpronomens deutlich erkennen lassen. Den angeführten Beispielen kommt eine besondere Bedeutung zu, da sie die Mechanismen zeigen, denen nicht-literarische, metrisch nicht gebundene Gebrauchstexte (zu denen auch die Straßburger Eide gehören) folgen. Der Setzung des Subjektpronomens in den Beisp. (16)-(24)), die den in § 2 vorgestellten Prinzipien folgen, kommt keinerlei „Hervorhebungsfunktion“ zu. Von größtem Interesse sind auch die nicht gesetzten Subjektpronomina in Nebensätzen in Verbindung mit einem dem finiten Verb vorangestellen „X“ (Beispiele (26)-(31)).

Leodegarlied (um 1000) 13

(Textumfang: 240 Verse)

Regelkonforme Setzungen des Subjektpronomens im Hauptsatz (z.B. Il lo reciut, V. 21) und im Nebensatz (z.B. cum il l’audit, V. 42) müssen hier und im Folgenden nicht mehr kommentiert werden, und auch nicht mehr die häufige Nicht-Setzung im Hauptsatz nach „X“ (z.B. Dominedeu devemps Ø lauder, V. 1). Es sollen also nur noch interessante Fälle und „Ausreißer“ zur Sprache kommen.

Die Nicht-Setzung des Subjektpronomens kommt im Hauptsatz, außer nach „X“ und in Verbindung mit der Negation (cf. Beisp. (8)), auch in Teilsätzen vor, die bei identischem Subjektreferenten/Topic in asyndetischer Parataxe angeschlossen sind, cf. Beisp. (12). Im Nebensatz finden wir die Nicht-Setzung in Verbindung mit einem betonten Element vor dem Verb. Auch sie ist als regelkonform anzusehen (cf. oben zum Jonasfragment).

„Ausreißer“ im Hauptsatz sind nur zwei Vorkommen des Verbs in absoluter Initialstellung:

 (32) Ø Uarda, si vid grand claritet (V. 201)

 (33) Ø Rendet ciel fruit espiritelquae Deus li auret per donet. (V. 215–216)

In beiden Beispielen ist der Subjektreferent mit dem des vorausgehenden Subjekts und Topics identisch (Topic-Kontinuität), aber es beginnt ein neuer Satz (ein Punkt geht voraus). Franzén (1939:50) bemerkt zu solchen Fällen nur kurz, sie kämen mit Vorliebe in den Chansons de geste vor.

Im Hauptsatz gibt es ein paar Fälle, in denen das Subjektpronomen trotz der Anwesenheit eines vorausgehenden „X“ gesetzt wird, z.B.

 (34) fid aut.il grand e veritet (V. 34)„lealtà ebbe egli grande e scrupolo della verità“14

Die Konstruktion X-V-Spr wird hier durch das Metrum (den Achtsilbler) bedingt sein. Aber auch in nicht metrisch gebundenen Texten kann die Setzung des Subjektpronomens nach „X“ vorkommen (cf. Z. 4 der Straßburger Eide), so dass diese Konstruktion nicht als „Ausreißer“ gelten soll.

In den folgenden beiden Beispielen fällt hingegen die unregelmäßige Setzung des Subjektpronomens auf:

 (35) Dominedeu [= DO], // il lo laissat (V. 127)15

 (36) Dominedeu [= IO] // il les lucrat (V. 214)„al Signore Iddio li guadagnò“16

Hier würde die Nicht-Setzung des Subjektpronomens nach dem einleitenden Element „X“ Dominedeu das Metrum des 2. Halbverses zerstören, das vier Silben erfordert:

 (35') *Dominedeu // laissat Ø

 (36') *Dominedeu // les lucrat Ø

In Beisp. (36') wäre außerdem aufgrund des „Tobler-Mussafia-Gesetzes“ die Stellung des unbetonten Objektpronomens zu Beginn des zweiten Halbverses nicht zulässig (cf. dazu Foulet 1968 [1930]:§ 162).

Unregelmäßig, aber im Altfranzösischen zuweilen (v.a. in Versepen) vorkommend, ist auch die Wiederaufnahme eines lexikalischen Subjekts durch das Subjektpronomen:

 (37) [Am Laissenanfang:] Rex Chielperings // il se fud mors; (V. 115)

Dieser Konstruktionstypus, der formal wie ein Subjekts-Left detachment im modernen Französisch aussieht, besitzt jedoch im Altfranzösischen eine andere Funktion, die man „rhetorisch“ und „rhythmisch“ nennen kann; cf. die Diskussion bei Wehr (2007:486–488).

Auch im Nebensatz gibt es ein paar „Ausreißer“, nämlich die Nicht-Setzung des Subjektpronomens nach der Konjunktion und dem Relativpronomen, die den Nebensatz einleiten. Hierbei ist zu unterscheiden, ob die (zu erwartende) Setzung das Metrum verändern würde oder nicht:

 (38) [Leodegar ist Topic:] cum Ø vit les meis, a lui ralat. (V. 90)

Hier würde cum il vit den Achtsilbler zerstören. Im folgenden Beispiel hätte aber por cio qu’il fud… keinerlei Folgen für das Metrum:

 (39) por cio que Ø fud de bona feit (V. 53)

Fazit: Die Setzung bzw. Nicht Setzung des Subjektpronomens in diesem Text ist fast durchgehend regelkonform, mit ein paar Ausnahmen, die z.T. dem Metrum geschuldet sind wie in Beisp. (35), (36) und (38). Nur Fälle wie Beisp. (39), in denen das Subjektpronomen im Nebensatz nicht steht und dieses Fehlen nicht durch das Metrum bestimmt wird, stellen tatsächlich Ausnahmen von der Regel dar.

3.2.3 XI. Jh.

„Griffonnages“

(Textumfang: zwei Sätze)

Wenn das Jonasfragment der einzige erhaltene „Prosatext“ des 10. Jh.’s ist, so sieht die Beleglage für die Prosa im 11. Jh. noch schlechter aus, denn hier finden wir nur zwei kurze Sätze, die unten auf die Seite einer Handschrift gekritzelt sind (cf. Woledge/Clive 1964:12). Darauf machte Moignet (1965:89, Anm. 3) aufmerksam. Es handelt sich um eine Handschrift aus Douai (Dép. Nord), die eine Vita Sancti Cilliani enthält; vielleicht waren diese Notizen für eine Predigt gedacht. Moignet betont zu Recht die Tatsache, dass diese beiden kurzen Sätze drei Subjektpronomina enthalten, ohne jede Hervorhebungsfunktion:1

 (40a) […] en noster segneur… ie croi ke uos amee par amos nostre segnor. bin est raison car il uos puet bin rendere2(Woledge/Clive 1964:12, 73; Gysseling 1949:210; „d’une main maladroite et assez archaïque du 11e s.“)

Auf der nächsten Seite derselben Handschrift findet man noch einmal dieselbe Formulierung, diesmal besser geschrieben und von einer späteren Hand („par une main 11e-12e siècle qui écrit mieux“, Gysseling 1949:210):

 (40b) ie croi ke uos ames par amoes nostre segnor(Woledge/Clive 1964:73; Gysseling 1949:210)

Wie im Fall des Jonasfragments sind diese Belege sehr wertvoll, denn sie zeigen, dass auch hier wieder in einem Gebrauchstext, der keinen metrischen Einschränkungen unterlag, die Regeln der Setzung des Subjektpronomens (einmal im Hauptsatz und zweimal im Nebensatz) angewendet wurden.3

Alexiusleben (Ende 11. Jh.) 4

(Textumfang: 625 Verse)

Alle Setzungen bzw. Nicht-Setzungen sind regelkonform, nur fehlt manchmal zu Beginn einer Laisse das Subjektpronomen (cf. dazu Beisp. (32)-(33)):

 (41) Ø Fud baptizet (V. 31)

 (42) Ø Noment le terme (V. 46)

 (43) Ø Vint en la cambre (V. 136)

 (44) Ø Eist de la nef (V. 211)

Wir finden Nicht-Setzung des Subjektpronomens in Verbindung mit der Negation und in asyndetischer Parataxe nach Komma, Semikolon oder Doppelpunkt bei identischem Subjektreferenten/Topic. Beide Phänomene brauchen nicht mehr kommentiert zu werden (cf. § 3.1). Auch die Konstruktion X-V-Spr, die schon mehrfach erwähnt wurde (cf. Z. 4 der Straßburger Eide), ist nur eine scheinbare Ausnahme von der Regel, denn wir haben gesehen, dass es diesen Konstruktionstypus durchaus gibt, auch wenn er zunächst nur selten vorkommt.

Im Nebensatz finden wir einige „echte“ Ausreißer, nämlich die Nichtsetzung des Subjektpronomens nach der unterordnenden Konjunktion oder dem Relativpronomen, ohne dass ein Element „X“ dafür verantwortlich ist. Zwei Beispiele sind:

 (45) [Alexius ist Topic:] Escrit la cartra tute de sei medisme,Cum Ø s’en alat e cum il s’en revint. (V. 284–285)

 (46) E ço lur dist cum Ø s’en fuït par mer,E cum il fut en Alsis la citét (V. 381–382)

In V. 285 sollte man Cum il s’en alat und in V. 381 cum il s’en fuït par mer erwarten; diese Unregelmäßigkeiten sind zweifellos dem Metrum (einem Zehnsilbler) geschuldet.5

3.2.4 XII. Jh.

Rolandslied (um 1100) 1

(Untersuchtes Corpus: Laisse I-XXXVII, V. 1–500)

Die Hauptsätze beginnen hier meist mit einem Element „X“, mit der Folge, dass die Setzung des Subjektpronomens in der Struktur X-V-Ø regulär unterbleibt. Dieses Phänomen ist uns zwar nicht neu, es tritt aber im Rolandslied außerordentlich häufig auf:

 (47) Ben en purrat Ø [= Charlemagne] lüer ses soldeiers.En ceste tere ad Ø asez osteiét:En France, ad Ais, s’en deit Ø ben repairer. (V. 34–36)

Auch bei Topic-Kontinuität innerhalb desselben Satzgefüges wird es in asyndetischer Parataxe nicht gesetzt. Hier eine Folge derartiger Teilsätze ohne Setzung des Subjektpronomens:

 (48) Marsilies fut esculurez de l’ire,Ø Freint le seel, getét en ad la cire.2Ø Guardet al bref, Ø vit la raisun escrite (V. 485–487)

Auch in Verbindung mit der Negation wird das Subjektpronomen oft nicht gesetzt. Während alle genannten Merkmale durchaus den Regularitäten der altfranzösischen Syntax entsprechen, fallen Initialstellungen des Verbs ohne einleitendes Subjektpronomen heraus:

 (49) Ø Vindrent a Charles, ki France ad en baillie (V. 94)

 (50) „Ø Voelt par hostages“, ço dist li Sarrazins (V. 147)3

 (51) Ø Entret en sa veie, si s’est achiminez. (V. 365)4

Bei Stempel (1964:289–292) wird dieses Merkmal ausführlicher diskutiert; er spricht von „Verbalasyndese“, und dies in einem Kapitel, das „Epische Asyndese“ überschrieben ist. Auch Franzén (1939:50) sieht die Initialstellung des Verbs ohne das zu erwartende vorausgehende Subjektpronomen als ein Charakteristikum der Chansons de geste an (cf. den Kommentar zu Beisp. (32)-(33)).

Es fällt auch auf, dass im Nebensatz das Subjektpronomen oft nach der unterordnenden Konjunktion oder dem Relativpronomen fehlt; eine weitere Unregelmäßigkeit:

 (52) „S’Ø en volt ostages, e vos l’en enveiez“ (V. 40)

 (53) Quant Ø se redrecet, mult par out fier lu vis. (V. 142)

 (54) Quant Ø le dut prendre, si li caït a tere. (V. 333)

In diesem Text gibt es damit eine Reihe von Auffälligkeiten gegenüber dem in § 2 Gesagten. Die verb-initialen Strukturen in Beisp. (49)-(51) entsprechen einem „epischen Stil“, und die fehlenden Subjektpronomina in Beisp. (52)-(54) sind höchstwahrscheinlich dem Metrum (einem Zehnsilbler) geschuldet. Auch aufgrund der häufigen regulären Nichtsetzungen wie in Beisp. (47)-(48) kann leicht der Eindruck der „Beliebigkeit“ der Setzung des Subjektpronomens in diesem Text entstehen.

Adamsspiel (2. Hälfte 12. Jh.) 5

(1. Teil. Textumfang: 588 Verse)

Dieser Text, der metrisch gebunden ist (Acht- und Zehnsilbler), konstituiert das älteste religiöse Drama (cf. Hasenohr/Zinc 1992:863); er wurde also gesprochen.6 Hier finden wir sehr häufig das Subjektpronomen am Satzanfang vor dem Verb; vor allem auch in der 1. Ps. Sg. und 2. Ps. Sg.:

 (55) F. [= Figura (Gott)]: Je te aj fourme a mun semblant (V. 3)7

 (56) F.: Je tai dune bon cumpainun (V. 8)

Diese Tatsache ist natürlich der genannten Textsorte geschuldet, in der die Dialogpartner häufig Subjektfunktion haben. Aber auch in den anderen Personen steht das Subjektpronomen häufig satzeröffnend:

 (57) D. [der Teufel/die Schlange]: Il [= Adam] est plus durs que nest emfersE. [Eva]: Il est mult francs (V. 222–223)

Es gibt nur selten ein „X“ in Initialstellung, das die Inversion und damit die Nicht-Setzung des Subjektpronomens auslösen würde. Das ist meines Erachtens generell der Grund für die höhere Frequenz des Subjektpronomens in den Passagen direkter Rede als in den narrativen Textpassagen.8

Vereinzelte „Ausreißer“ sind im Hauptsatz die Nicht-Setzung des Subjektpronomens am absoluten Satzanfang:

 (58) F.: Adam – A.: Sire – F.: Ø Dirrai toi mon auis (V. 80)

 (59) F.: Ø Manias le fruit sanz mon otroi (V. 423)

und in Nebensätzen fehlt manchmal das Subjektpronomen nach der unterordnenden Konjunktion oder dem Relativpronomen:

 (60) F.: Si Ø uos faire ma uolente (V. 26)

Beide Phänomene sind wahrscheinlich dem Metrum geschuldet.

Li Quatre Livre des Reis (QLR; 2. Hälfte 12. Jh.) 9

(Untersuchtes Corpus: Buch II (= 2. Buch Samuel), Kap. I, 1 – VII, 7 (S. 61–71))

(Anglofranzösisch)

Zusammen mit den Interlinearübersetzungen der Psalmen, die zeitlich früher entstanden sind (v. infra), konstituieren die QLR die älteste überlieferte französische Prosa. Curtius (1911: XCIII-XCV) macht gute Gründe dafür geltend, warum diese Sprachdenkmäler gerade in England entstehen konnten. Vorlage des Übersetzers der vier Bücher der Könige war der Text der Vulgata, aber in einer anderen Rezension als der heute gültigen. Neben gewissen Veränderungen am Text wurden auch zahlreiche Glossen in die QLR eingefügt (cf. Curtius 1911:LX-LXXI).

Franzén (1939:33–34) hat Buch II (S. 61–109) in Bezug auf die Setzung des Subjektpronomens untersucht und kommentiert. Er konnte nur diejenigen Passagen mit der lateinischen Vorlage vergleichen, in denen der Wortlaut der QLR dem heute gültigen Text der Vulgata entspricht. In diesen stellt er fest, dass der Übersetzer das Subjektpronomen regelmäßig am Satzanfang hinzufügt:

 (61) Doleo super te: Jo duil sur tei (I, 26; S. 62)

und in Nebensätzen:

 (62) loca, quae transivi: les liéus ú jó passái (VII, 7; S. 71)10

Dabei stellt Franzén verblüffende Parallelen mit der altfranzösischen Interlinearversion des Psalters in der Hs. Arundel 230 fest, die er ebenfalls analysiert hat (cf. dazu infra).

Auch Herman (1990 [1954]:260–284) hat sich detailliert mit einem Auszug der QLR (Buch III, Kap. VII-XX, S. 126–165) befasst.11 Neben nominalen Subjekten in der Position vor und nach dem Verb listet er in einer Tabelle (S. 262) die Ergebnisse für seine Zählung der Subjektpronomina auf. In Hauptsätzen zählt er in seinem Corpus 75 Fälle in Voranstellung und 10 Fälle in Postposition. In Nebensätzen findet er sogar 148 Fälle, alle in Voranstellung vor dem Verb. Für die Setzung des Subjektpronomens versucht er, funktionale Gründe zu finden.12

Weder Franzén (1939) noch Herman (1990 [1954]) erwähnen die Tatsache, dass in den QLR der Hauptsatz oft mit dem Verb beginnt, ohne dass das Subjektpronomen davor gesetzt würde, da sie sich nur für dessen Setzung interessieren. In meinem Teilcorpus habe ich auf 10 Seiten 16 Fälle gezählt. Zwei Beispiele:

 (63) Reparlad en ceste maniere á ces de Benjamin. (III, 19; S. 66)

 (64) Vint en Ebron […] (III, 20)

Die lateinischen Entsprechungen in der Vulgata lauten:13

 (63') Locutus est autem Abner etiam ad Benjamin.

 (64') Venitque ad David in Hebron […]

Diese auffälligen Nicht-Setzungen des Subjektpronomens am Satzanfang widersprechen der Beleglage in den bisher untersuchten Corpora, wo es nur vereinzelte „Ausreißer“ dieser Art gab, cf. Beisp. (32)-(33) im Leodegarlied, Beisp. (41)-(44) im Alexiusleben und Beisp. (49)-(51) im Rolandslied. Da in den QLR weder das Metrum eine Rolle spielt noch „epischer Stil“ vorliegen kann, haben wir es aller Wahrscheinlichkeit nach hier mit einen Latinismus zu tun.14

Psalmen

Die anglofranzösischen Interlinearübersetzungen der Psalmen sollen an den Schluss unseres Überblicks gestellt werden, obwohl sie zeitlich vor den QLR anzusetzen sind;15 sie sind aber nicht Teil unseres Corpus.

Franzén (1939) hat die Hs. von Arundel (Arundel 230) untersucht und gezeigt, dass es sich um eine „Wort für Wort“-Übersetzung – z.T. ohne Rücksicht auf die altfranzösische Syntax, cf. Franzén (1939:30) – aus dem Lateinischen handelt. Dennoch hat der Übersetzer in 322 Fällen das Subjektpronomen hinzugesetzt, ohne dass die Vorlage einen Anlass dazu bot. Franzén bemerkt dazu: „En exprimant les pronoms sujets […], il [le traducteur] n’a fait que suivre les habitudes syntaxiques de sa propre langue“ (Franzén 1939:30). Das Subjektpronomen wird im Hauptsatz am absoluten Satzanfang hinzugesetzt:

 (65) Odisti oms16 qui opantur17 iniquitatem: Tu hais tuz cels ki ouerunt felunie(Franzén 1939:31)

Das Subjektpronomen steht jedoch nicht, wenn dem Verb ein betontes Element vorausgeht (ibid. 31). Im Nebensatz steht das Subjektpronomen zwischen dem subordinierenden Element und dem Verb:

 (66) cum clamauero ad eum: quant io crierai a lui(Franzén 1939:31)

Auch Herman (1990 [1954]:240–259) hat die Psalmen untersucht. Im Psalter von Cambridge (C) zählt er 355 Fälle von hinzugesetzten Subjektpronomina, von denen 332 Fälle dem Verb vorausgehen (ibid. 252–253). Er schließt aus, dass die Setzung mit einem „besoin de clarté“ zu tun habe, da die Verbendungen vollständig erhalten sind, und schlägt stattdessen vor, dass das Subjektpronomen, das er als betontes Element ansieht, als „,introducteur‘ accentué“ (ibid. 254) diene, damit das Verb nicht in die Erstposition gerate, und si ablöse, das im Jonasfragment mehrfach in Initialposition auftrete (ibid. 255). Nach Franzén (der bei Herman 1990 [1954]:254 ausführlich zitiert wird) ist das Subjektpronomen allerdings unbetont. Dafür hat Franzén überzeugende Argumente, vor allem die gehäuften Vorkommen in Nebensätzen:

On ne saurait expliquer l’usage fréquent qu’ont fait des pronoms sujets le traducteur des Quatre livres des rois et celui du manuscrit Arundel, à moins qu’on n’admette l’emploi atone de ces mots dès le XIIe siècle. Encore n’est-il pas question d’un développement naissant, mais d’un usage solidement établi, ce que prouve avant tout la fréquence des pronoms sujets dans les subordonnées. (Franzén 1939:34)

Franzén geht auch auf die Frage ein, ob sich das Französische in England im 12. Jh. von dem des Kontinents unterschieden habe. Das verneint er:

Les traductions que nous venons d’examiner [= die Psalmen und die QLR] sont – on le sait – d’origine anglo-normande. Le français continental ne se distinguait pas de l’anglo-normand en ce qui concerne l’emploi des pronoms sujets. La statistique qui précède montre une grande conformité entre tous les textes examinés, quelle que soit leur origine. Si, au XIIe siècle, les pronoms sujets étaient devenus atones dans le dialecte anglo-normand, il en était assurément de même dans la langue du continent. (Franzén 1939:34)

Auch Moignet (1965:91), der Franzéns Analyse aufgreift, ist dieser Meinung, wenn er resümiert: „C’est donc que, pour les traducteurs des Psautiers, le verbe français accompagné du pronom est l’équivalent exact du verbe latin sans pronom“.

Diese Beobachtungen passen gut zur folgende Annahme von Price (1979:§ 11.5.4): „It seems probable that the construction SpV was already well-established in the pre-literary period.“

4 Diskussion
4.1 Synchrone Beschreibung der Fakten

Sowohl Foulet (1968 [1930]) als auch Franzén (1939) haben die Regelmäßigkeiten der Setzung bzw. der Nicht-Setzung des Subjektpronomens im Altfranzösischen beschrieben. Beide stellten auch schon die „Asymmetrie“ der Setzung im Hauptsatz und im Nebensatz fest (cf. § 2): da unterordnende Konjunktionen oder das Relativpronomen nicht als Element „X“ gelten, das die Inversion i.a. mit der Folge der Nicht-Setzung des Subjektpronomens auslöst, erscheinen Subjektpronomina wesentlich frequenter in Nebensätzen als in Hauptsätzen. Was fehlt, ist noch eine Erklärung dieser Tatsache.1

4.2 Zu einer Erklärung: Sprachkontakt mit dem Altwestfränkischen

Kuen (1970 [1957]) hatte mit überzeugenden Gründen die Meinung vertreten, dass die Existenz des Subjektpronomens im Altfranzösischen auf Interferenzen des Altwestfränkischen mit dem Galloromanischen zurückzuführen sei. Die Entdeckung, die die Nicht-Setzung des Subjektpronomens unter bestimmten syntaktischen Voraussetzungen erklären kann, ist Hilty (1968) zu verdanken, der zufällig Kenntnis von der Züricher Dissertation Eggenbergers (1961) bekommen hatte, in der die Setzung des Subjektpronomens im Althochdeutschen beschrieben wird. Daraus geht hervor, dass in der Inversion das Subjektpronomen im Althochdeutschen fehlen kann und meist auch fehlt (cf. Eggenberger 1961:143–144). Nach Auskunft von Damaris Nübling (Mainz) ist diese Tatsache bei den Germanisten „Standardwissen“. Die Parallelen mit dem Altfranzösischen sind frappierend. So vergleicht z.B. Kattinger (1971) in Kap. III seiner Arbeit die Daten des Altfranzösischen mit denjenigen des Althochdeutschen und Altenglischen.1 Nicht nur im Althochdeutschen, sondern auch im Altenglischen erfolgt nach „betonten Ausdrücken“ am Satzanfang Inversion oder Nicht-Setzung des Subjektpronomens (zu Unterschieden des Altenglischen gegenüber dem Althochdeutschen und Altfranzösischen cf. Kattinger 1971:167). Zum Althochdeutschen konstatiert Kattinger: „Ähnlich wie im Afrz. ist […] auch im Ahd. die ungerade Wortfolge (Typ VI, VIa) für den Hauptsatz, die gerade Wortfolge (Typ I) für den Nebensatz charakteristisch“ (ibid. 170).2 Mit anderen Worten: auch im Althochdeutschen ist die Setzung des Subjektpronomens in Nebensätzen wesentlich häufiger als in Hauptsätzen (cf. Eggenberger 1961:143, Sonderegger 1979:268, Szczepaniak 2011:119 und Fleischer 2011:199–200, 202). Man ist erstaunt zu sehen, dass Hiltys wichtige Bemerkungen, die die identischen Phänomene in beiden Sprachen miteinander in Verbindung bringen, in der Forschung bislang offenbar unbeachtet blieben.3 Vermutlich hat das mit der Abneigung der Forschung in den Sechziger Jahren gegenüber jeder Art von „Substrat- und Superstrat-Theorie“ zu tun, mit der zugegebenermaßen oft übertrieben wurde. Die negativen Besprechungen von Hiltys Artikel (1968) durch Stempel (1970) und Hunnius (1975) werden dazu beigetragen haben.4

Die Regel der Nicht-Setzung des Subjektpronomens nach „X“ gibt es übrigens noch in den aktuellen bairischen und alemannischen Dialekten bei der 2. Ps. sg. (cf. auch Kaiser 2014:269). So heisst es im Bairischen zwar Du spinnst!, aber in Inversion

 (67) Jetzt spinnst Ø aber

 (68) Da legst Ø di nieder!

Da hier eventuell der auslautende Dental der Verbform in der 2. Ps. sg. das Subjektpronomen absorbiert haben könnte, seien noch eindeutige Beispiele aus dem Alemannischen angeführt. Im alemannischen Dialekt heisst es Du bisch, aber

 (69) Mit Achtzig bisch Ø en alte Maa.5

 (70) jetz bisch Ø aber verschrocke6

4.3 Zu Zimmermanns Kritik (2014) an dem „Borrowing approach“

Zimmermann (2014) möchte in Kap. 3.1.4 „The ‚borrowing approach‘“ (ibid. 79–84) seines Buchs in fünf Kritikpunkten die Annahme widerlegen, die Existenz des Subjektpronomens im Französischen sei auf Interferenz des (Proto-) Altfranzösischen mit dem Altwestfränkischen zurückzuführen. Er kommt zu dem Schluss: „[A]n approach to the expression of expletive and referential subject pronouns in terms of (syntactic) borrowing in the context of language contact is highly improbable“ (Zimmermann 2014:84). Gehen wir die Punkte nacheinander durch. Vorauszuschicken ist, dass borrowing (‚Entlehnung‘) in diesem Zusammenhang kein geeigneter Terminus ist, denn es sind „Reliktmerkmale“ in der Sprache der Sprecher, die die Sprache gewechselt haben (und die dann von anderen Sprechern imitiert werden).1

1. Zur Tatsache, dass Subjektpronomina im Altfranzösischen häufiger in Nebensätzen als in Hauptsätzen auftreten: „This is unexpected under the present approach, given its crucial underlying assumption that in the Germanic variety of the Franks, expletives and referentials are consistently expressed“ (ibid. 81). Dazu ist erstens zu sagen, dass expletive und referentielle Pronomina nicht gemeinsam beschrieben werden dürfen (cf. § 3.1; im Folgenden verstehe ich unter „Subjektpronomen“ immer das referentielle Subjektpronomen), und zweitens, dass im Althochdeutschen (und folglich wohl auch im Altwestfränkischen) das Subjektpronomen in Inversion fehlen kann und meist auch fehlt, wie Eggenberger (1961) gezeigt hat; es ist also nicht „constantly expressed“.

2. Zur chronologischen Diskrepanz. Dass sich die obligatorische Setzung des Subjektpronomens erst im 17. Jh. vollständig durchsetzt, ist für Hunnius (1975) und Zimmermann ein gewichtiges Argument, Superstrat-Einfluss zurückzuweisen. Dazu hat jedoch schon Hilty (1975:425) auf klare Weise Stellung bezogen.2 Er weist darauf hin, dass nach der Epoche des Altfranzösischen die Inversionsregel abgeschafft wurde, die für die (fast) regelmäßige Nicht-Setzung des Subjektpronomens verantwortlich war. Damit setzt sich ab dem Mittelfranzösischen die Stellung X-Spr-V durch, die zuvor extrem selten war. In Hiltys Worten: „Es ging weitgehend um die Eliminierung jenes häufigen altfranzösischen Satztypus, in dem das Subjektpronomen nicht gesetzt wurde, weil die Inversionsregeln spielten [also X-V-Ø, B.W.], und um die Verallgemeinerung jenes anderen Satztypus, in dem das Pronomen seit ältester Zeit auftrat [also Spr-V, jetzt auch in X-Spr-V; B.W.].“3

Man muss sich natürlich fragen, wieso die Inversionsregel samt der Regel oder der Tendenz der Nicht-Setzung des Subjektpronomens ab dem Ende des 13. Jh.’s/Anfang des 14. Jh.’s entfiel. Dafür kann man den Prozess der „Degermanisierung“ im Mittelfranzösischen verantwortlich machen, cf. Wehr (2013:199–205; 2017:80). Was in den folgenden Jahrhunderten bezüglich der Setzung/Nicht-Setzung im Französischen geschieht, ist eine Entwicklung, die uns in diesem Zusammenhang nicht weiter zu interessieren braucht (cf. den Überblick bei Zimmermann 2014:19–25).

3. Unter diesem Punkt werden Ansichten zur zunehmenden Setzung des Subjektpronomens ohne die Funktion von Emphase oder Kontrast in den südamerikanischen Varietäten des Portugiesischen und Spanischen referiert, die ich für die vorliegende Diskussion für irrelevant halte.

4. Syntaktische Entlehnungen seien zweifelhaft („Syntactic borrowing is dubious“). Hierbei handelt es sich um ein verbreitetes Vorurteil. In Adstrat-Situationen oder Phasen der Bilingualität kann einfach alles durch Interferenz übernommen werden (cf. Thomason 2001:63). Bei Interferenzen durch Sprachkontakt sind als erstes Phonetik/Phonologie und die Syntax betroffen, cf. Thomason/Kaufman (1988:39): „[U]nlike borrowing, interference through imperfect learning does not begin with vocabulary: it begins with sounds and syntax“ (Hervorhebung von Thomason/Kaufman) und „Moderate to heavy substratum/superstratum/adstratum interference, especially in phonology and syntax“ (ibid. 50).4 Kuen (1970 [1957]:168–171) führt überzeugend eine Reihe von Beispielen aus romanischen Sprachen und Dialekten im Kontakt mit dem Germanischen und dem Griechischen an. Die nördliche Galloromania zur Zeit des Altfranzösischen ist ein besonders fruchtbares Forschungsgebiet für syntaktische Interferenzen, denn hier kann neben der Voranstellung des attributiven Adjektivs auch die Endstellung des Prädikats in Nebensätzen auf germanischen Einfluss zurückgeführt werden (cf. Wehr 2013:197–198).5 Es ist auch nicht so, dass in eine Sprache nur übernommen werde, was in ihr schon „angelegt“ sei (so Hilty 1968; cf. dazu Wehr 2013:210–211) – auch das gehört zu den verbreiteten Vorurteilen.

5. Hier geht es bei Zimmermann noch einmal um expletive Subjektpronomina, wobei auf widersprüchliche Weise6 festgestellt wird, sie seien im Althochdeutschen noch nicht obligatorisch gewesen. Aber das waren sie im Altfranzösischen ja auch noch nicht.

5 Fazit

Die in § 1 formulierte Hypothese konnte aufgrund der Corpusuntersuchung der ältesten überlieferten altfranzösischen Texte bestätigt werden. Nichts spricht gegen die Annahme, dass das Subjektpronomen im Altfranzösischen von Anfang an vorhanden gewesen war, wenn man die Regel kennt, dass es unter bestimmten syntaktischen Bedingungen nicht gesetzt wurde. Erst nachdem diese Regel durch den Prozess der „Degermanisierung“ am Ende der altfranzösischen Epoche außer Kraft gesetzt wurde, konnte die Grammatikalisierung des Subjektpronomens in der Position links vom Verb, mit Verzögerung, einsetzen.

Die Frage von Sprachwandel aufgrund von Sprachkontakt (contact-induced language change) ist in neuerer Zeit wieder aktuell geworden und durch neue Impulse belebt worden, z.B. durch die Arbeiten von Thomason/Kaufman (1988) und Thomason (2001). Es ist offensichtlich, dass die Abneigung gegen „Superstrateinfluss“ heute überholt ist.

Auch für die historisch arbeitende Germanistik sind die hier vorgestellten syntaktischen Interferenzen von Interesse. Da die frühesten Zeugnisse des Altfranzösischen noch aus der Epoche der germanisch-romanischen Zweisprachigkeit (zumindest in Teilen der Oberschicht) stammen, können sie möglicherweise ein Licht auf das untergegangene Westfränkische werfen. Die nördliche Galloromania bietet jedenfalls ein reiches Forschungsfeld und hält viele interessante Ergebnisse bereit. Wenn Thomason/Kaufman (1988:126–128) die Folgen des Sprachwechsels der Westfranken in der nördlichen Galloromania im Kapitel über „Slight interference“ (Hervorhebung von mir) anführen, so ist das zu korrigieren.

Anhang: Überblick über die vorkommenden syntaktischen Typen


HAUPTSATZ NEBENSATZ
Il vint a Venise qu’il vint a Venise
A Venise vint Ø que Ø a Venise vint

Dies sind die „Normaltypen“, cf. § 2.

Ebenfalls möglich, aber in unserem Corpus selten, sind:


A Venise vint il qu’il a Venise vint

Als „Ausreißer“ wurden festgestellt:


Ø Vint a Venise que Ø vint a Venise

Der Typus Vint a Venise kann im Rolandslied als „epische Verbalasyndese“ und in den QLR als Latinismus beschrieben werden. Für den Typus que vint a Venise wurde festgestellt, dass er nur z.T. metrischen Bedingungen gehorcht (in dem genannten Beispiel hätte das reguläre qu’il vint a Venise dieselbe Silbenzahl).

Literatur

Primärliteratur

Die angegebenen Siglen der DEAFBiblEl, die z.T. auf andere als die von mir zugrundegelegten Editionen verweisen, erlauben einen schnellen Zugriff auf Informationen zu der Datierung und Lokalisierung der Texte, ihrer handschriftlichen Überlieferung und zu Weiterem.

Adamsspiel = Sletsjöe, Leif (Hrsg.) (1968): Le Mystère d’Adam. Édition diplomatique accompagnée d’une reproduction photographique du manuscrit de Tours et des leçons des éditions critiques. Paris: Klincksieck. (AdamS)

Alexiusleben = Storey, Christopher (Hrsg.) (1968): La vie de Saint Alexis. Texte du Manuscrit de Hildesheim (L). Publié avec une Introduction historique et linguistique, un Commentaire et un Glossaire complet. Genève: Droz. (AlexisS2; cf. auch s. AlexisRo)

Eulaliasequenz = Berger, Roger/Brasseur, Annette (Hrsg.) (2004): Les séquences de Sainte Eulalie. Buona pulcella fut Eulalia. Édition, traduction, commentaire, étude linguistique. Cantica uirginis Eulaliae. Édition, traduction et commentaire. Avec les autres poèmes du manuscrit 150 de Valenciennes. Rithmus Teutonicus, Dominus caeli rex, Uis fidei. Genève: Droz. (EulalieB)

Avalle, d’Arco Silvio: „La Sequenza di Santa Eulalia“, in: Avalle (2002), 299–329, hier: 303–304.

Jonasfragment = De Poerck, Guy (1955): „Le sermon bilingue sur Jonas du ms. Valenciennes 521 (475)“, in: Romanica Gandensia 4, 31–66. (JonasP)

Avalle, d’Arco Silvio: „Il Sermone di Valenciennes“, in: Avalle (2002), 331–368, hier: 337–340.

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Farbbezeichnungen im Neufranzösischen

Hildegard Klöden

Les désignations des couleurs dans les différentes langues semblent évoluer selon un certain ordre chronologique (cf. Berlin/Kay 1969). Le rose, le violet et l’orange apparaîtraient ainsi à un stade relativement tardif. L’histoire de la langue française confirme cette these: l’ancien français ne distingue pas encore ces types de couleur (cf. Schäfer 1987:22).

Notre étude se concentrera sur l’orange, sans pour autant négliger les tons de rose et de violet. Elle montrera combien la palette de ces couleurs se diversifie – surtout pendant la période du français moderne et contemporain – en se référant en partie également à l’allemand et à l’anglais. Les raisons de cette différenciation sont assez complexes et reflètent les changements qui apparaissent dans la société.1

1 Einführung

„Esel verwechselt orangefarbenes Auto mit Karotte“ – so lautet die Überschrift eines Artikels auf S. 1 der Nürnberger Zeitung vom 17./18. September 2016:

Ein Esel hat in Hessen in ein orangefarbenes Auto gebissen und einen Schaden von etwa 30.000 Euro angerichtet. „Der Vierbeiner vermutete wohl, dass an der Weide eine überdimensionale Mohrrübe liege und biss zweimal in das Heck“ des Sportwagens, teilte die Polizei am Freitag mit.

Der Fahrer hatte sein Fahrzeug – einen 500.000 Euro teuren McLaren – am Donnerstag rückwärts vor der Koppel des Esels im hessischen Schlitz eingeparkt, um Besorgungen zu machen. Als er zurückkam und wegfahren wollte, biss das Tier zwei Mal in das Heck. Dabei beschädigte es unter anderem den Lack. „Ich sah in den Rückspiegel und entdeckte hinter meinem hochgefahrenen Heckflügel plötzlich Ohren! Und dann hörte ich ein komisches Geräusch,“ berichtet der Eigentümer einem hessischen Radiosender und nimmt es mit Humor: „Der Esel dachte wohl, das sei eine rollende Karotte.“

Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig Farben in unserer Welt sind und dass sie uns helfen, Gegenstände zu identifizieren, auch wenn dies im vorliegenden Fall gründlich misslungen scheint.

Das deutsche Farbwort orange ist natürlich eine Entlehnung aus dem Französischen, wie überhaupt Farbbezeichnungen häufig aus anderen Sprachen entlehnt werden. Im Altfranzösischen gab es den Farbausdruck orange noch nicht. Barbara Schäfer beschreibt dies in ihrem Grundlagenwerk Die Semantik der Farbadjektive im Altfranzösischen:

Bei den im Afr. fehlenden Grundfarbbereichen handelt es sich wie zu erwarten um die drei letzten, erst im Stadium VII erfassten Kategorien VIOLETT, ROSA und ORANGE. Das Afr. befindet sich somit in Stadium VI oder sogar erst im Übergang von V zu VI […]. (Schäfer 1987:120–121)

Sie bezieht sich hier auf die 1969 erschienene Untersuchung von Berlin und Kay, Basic Color Terms (1969:4), die eine universelle Entwicklung der Farbterminologie annimmt, welche sich in verschiedene Stadien einteilen lässt (Schäfer 1987:22):1


Auch Kristol (1978) nimmt in seinem Referenzwerk zu den Farben in den romanischen Sprachen auf Berlin und Kay Bezug:

Selon le système de classification par Berlin et Kay (op. cit., pp. 22–23 et 35–36) les langues romanes littéraires feraient donc partie du groupe des langues à système lexical chromatique évolué („stage VII systems“). Une seule divergence est à noter: leurs critères de delimitation du lexique de base étant trop formels […] ils sont amenés à intégrer l’orange dans les couleurs de base. Pour nous, cette couleur […] ferait plutôt partie d’un „stade évolutionnaire supplémentaire“ dont les auteurs américains prévoient l’existence. (Kristol 1978:48)

Kristol lehnt es ab, orange zu den Grundfarbwörtern der romanischen Sprachen zu zählen, da es ihm als Übergangsnuance unwichtig erscheint. Er unterscheidet zehn Farbfelder,2 zu denen auch die Violett- und Rosa-Bereiche gehören, die nach seinen Angaben (wie im Übrigen auch orange) im klassischen Latein inexistent waren:

La distinction de dix champs s’éloigne assez du système „physique“ des couleurs du spectre dont nous nous servons d’habitude, couleurs qui d’ailleurs ne sont au nombre de sept – violet, indigo, bleu, vert, jaune, orange, rouge – que parce que de cette façon la scolastique médiévale était satisfaite […]. Nous y trouvons en plus le *brun* et le *rose*, ainsi que les couleurs „achromatiques“, *blanc*, *gris* et *noir*. Manquent par contre l’indigo et l’orange qui dans nos langues sont des nuances de transition trop peu importantes. (Kristol 1978:48)

Ich möchte hier die bisher weitestgehend unerforschten Farbfelder der orange-, rosa- und lilafarbenen Töne etwas näher in Augenschein nehmen (zu Rosa gibt es eine umfangreichere Studie von Anne Mollard-Desfour aus dem Jahr 2002; Kristol (1978:329): „[…] il nous manque encore les résultats d’une étude du *violet*“; cf. aber zuletzt Ilea (2017), vor allem zu violet als Basic Color Term).

2 Das französische Farbwort orange und benachbarte Bezeichnungen

Nachdem orange auch von Kristol ausgeschlossen wird, soll auf dieser Farbe der Schwerpunkt liegen, wenngleich mein Vorgehen selektiv und subjektiv bleiben muss. Viele Farbbezeichnungen entstehen erst im Neufranzösischen bzw. im Französischen der Gegenwart, weshalb mein Interesse vor allem auf diese Periode gerichtet ist, mit Ausblicken auf das Mittelfranzösische sowie auf andere Sprachen wie das Deutsche und gelegentlich das Englische.

Schlägt man im Petit Robert unter dem Lemma orange nach, so wird dort für das Farbwort kein Erstbeleg angegeben. Orangé wird hingegen auf das 16. Jh. datiert. Orange als Farbadjektiv muss also schon vorher existiert haben. Barbara Schäfer (1987:125–126) verweist auf das FEW (16. Jh.), nennt selbst aber einen Beleg von jaune orenge aus dem im 15. Jahrhundert entstandenen Blason des Couleurs. Orange ist auf jeden Fall in mittelfranzösischer Zeit als Farbbezeichnung aufgekommen. Der Name der Frucht ist im Französischen nach PR seit 1515 belegt; cf. Heller (32006:259): „Vor der Orange gab es kein Orange. In allen Sprachen ist der Name der Farbe identisch mit dem Namen der Frucht.“ Ein wirklicher Unterschied zwischen orange und orangé wird aus den Wörterbucheinträgen nicht erkennbar. Als weitere Synonyme werden abricot und tango genannt. Für tango, das nach PR erstmals 1914 auftritt, findet sich die Erklärung „Couleur mise à la mode lors de la vogue du tango. Orange très vif, orange foncé“. Eine Entsprechung im Deutschen sehe ich in diesem Fall nicht. Der Farbtyp Orange wird also im Französischen noch weiter differenziert. Bei allen weiteren Farbbezeichnungen handelt es sich jedoch nicht mehr um Basic Color Terms (BCT), sondern um Hyponyme bzw. Kohyponyme der Farbbezeichnung orange, d.h. um sogenannte Secondary Color Terms, oder um farbliche Nachbarbereiche, die den BCTs orange, rosa oder violett zugeordnet werden können.

Für abricot findet sich in PR folgende Definition: „Couleur jaune orangé très doux“, wiederum ohne Zeitangabe für den Erstbeleg. Die Frucht selbst wurde erstmals 1512 im Französischen bezeichnet, als Übernahme aus dem Katalanischen, das dieses Wort aus dem Arabischen entlehnt hat. Im Deutschen wird diese Farbbezeichnung aus dem Französischen oder zuweilen dem Englischen übernommen, wobei letzteres dieses Wort wiederum aus dem Französischen bezogen hat.

Auch das Farbadjektiv mandarine wird im PR als „De couleur orange“ definiert, ebenso im TLF, der als Erstbeleg das Jahr 1902 angibt. Die Abgrenzung zwischen den einzelnen Farbnuancen wird aus der Definition in den Wörterbüchern und vielleicht auch in der Realität nicht immer klar. So wird z.B. parme im PR als „Mauve comme la violette de Parme“ beschrieben, so dass die Abgrenzung zu mauve nicht eindeutig ist bzw. eine Zirkeldefinition vorliegt.

Im weiteren Sinne könnte man auch cognac sowie ocre und ocré zu den Orangetönen zählen. Ersteres wird in PR als „De la couleur orangée du cognac“ ausgewiesen, wieder ohne Erstbeleg (das Getränk selbst tritt erstmals 1836 in Erscheinung, also handelt es sich auch hier um ein jüngeres Farbadjektiv). Ocre wird in PR als „Couleur d’un brun jaune ou orangé“ bezeichnet, beide nähern sich den Brauntönen. Roux, das vor allem in Bezug auf die Haarfarbe verwendet wird (wie auch auburn, das aus dem Englischen entlehnt wurde), nähert sich den Rottönen, ebenso wie terre cuite (als Entsprechung zu ital. terracotta). Letzteres wird nicht wirklich datiert (TLF gibt Belege von 1923 und 1938). Auch carotte wird als Farbadjektiv gern auf die Haare bezogen (Poil de carotte) und könnte als Orangeton gewertet werden (so auch in unserem Eingangsbeispiel). Der Übergang zu den Rottönen ist hier fließend, ebenso wie bei renard, das im TLF mit „D’un roux ardent“ umschrieben wird (ob es sich bei dem angegebenen Beleg von 1923 um den Erstbeleg handelt, ist unklar).

Auf der anderen Seite der Skala nähert sich Orange den Rosétönen. Während melon noch – ähnlich wie abricot – als sanftes Orange bezeichnet werden kann und mangue als Farbadjektiv im TLF als „Couleur rose-orangé“ charakterisiert wird, tendieren saumon/saumoné und corail schon stärker zum Rosé-Bereich, auch wenn saumon in PR wie folgt definiert wird: „D’un rose tendre tirant légèrement sur l’orangé“ (Erstbeleg nach TLF: 1860/1903 (saumoné)). Corail existiert laut TLF seit 1907. Flamant bzw. flamant rose (das Deutsche kennt Flamingo als aktuelle Modefarbe) dienen ebenfalls als Farbbezeichnungen aus dem Rosa-Spektrum. PR führt es nicht in dieser Funktion, TLF gibt Belege von 1944 und 1953, so dass es sich also auch hier um Neubildungen des Gegenwartsfranzösischen handelt. Daneben wäre noch pêche zu nennen, das nach TLF als „d’un rose pâle“ definiert wird und 1803 erstmals als Farbwort auftritt.

3 Die französischen Farbwörter rose und violet sowie benachbarte Bezeichnungen

Die zentralen Bezeichnungen rose und rosé finden sich als Wortform bereits im Altfranzösischen, bleiben aber teilweise in ihrer Bedeutung unklar (cf. Schäfer 1987:59). PR datiert rose auf das 15. Jahrhundert: „Qui est d’un rouge très pâle, comme la rose“ (Rosen gab es damals offenbar nur in dieser Farbe).

Ein kräftiger bzw. dunkler Rosa-Ton wird im Deutschen heute häufig mit Pink benannt, das aus dem Englischen übernommen wurde. Das Französische kennt dieses Wort kaum, vielleicht weil man Anglizismen im Französischen häufig ablehnend gegenübersteht. Am ehesten entspricht wohl rose bonbon diesem Farbton (im PR ohne Datierung), vielleicht ist auch fuchsia (cf. Mollard-Desfour 2002, s.v.) als französische Entsprechung zu pink geeignet, wird im PR aber nicht als Farbwort ausgewiesen. Des Weiteren käme noch cyclamen in Frage, das aber bereits einen Übergang zur Violettskala bedeutet. PR: „couleur mauve propre à cette fleur“ (ohne Datierung). Hinzu kommen in den letzten Jahren Beerentöne, die ebenfalls zwischen dem ROSA- und dem VIOLETT-Bereich liegen. So verwendet die Firma Deerberg die englische Bezeichnung cranberry für einen Rosarotton. Bei Land’s End wird das französische baie gebraucht (im PR nicht als Farbe angegeben).

Was die Violett-Töne angeht, so kennt das Altfranzösische hier bestenfalls po(u)rpre, das einem Rotlila nahekommt, und violete (cf. Schäfer 1987:94) (heutiges violet wird nach PR als „mélange du bleu et du rouge“ definiert), die „sich aber dennoch weder durch Anwendungsbreite noch durch hohe Belegzahlen als Repräsentanten eines eigenen Grundfarbbereichs qualifizieren“ (Schäfer 1987:119). Auch hier nimmt die Ausdrucksvielfalt in der Entwicklung zum Neufranzösischen erheblich zu. Der Eintrag violet im PR verweist auf Synonyme wie violacé, lilas, mauve, parme sowie neben dem immer noch existenten pourpre auch violine („De couleur violet pourpre“), des Weiteren auf aubergine, lie-de-vin und prune, letztere in der Bedeutung „violet foncé“. Lilas wurde über dasSpanische und Portugiesische aus dem arabisch-persischen Sprachbereich entlehnt und ist erstmals um 1600 belegt, violine datiert aus dem Jahr 1872, mauve als Farbbezeichnung aus dem Jahr 1875, parme ist erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts belegt. Für lie-de-vin als Farbadjektiv ist im PR kein Erstbeleg angegeben (TLF: 1797 bzw. 1804), ebensowenig wie für aubergine. Dieses ist von der gleichnamigen Frucht abgeleitet, die 1750 erstmals im Französischen auftaucht, d.h. das Farbadjektiv wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit erst danach gebildet. TLF nennt hier den Erstbeleg 1866. Violacé (PR: „Qui tire sur le violet“) findet sich erstmals 1777. Mûre und cassis gelten im PR nicht als Farbbezeichnungen. Prune ist als Farbe laut PR seit 1780 belegt. Hinzu käme lavande, das im PR in der Farbwortfunktion nur als „Bleu lavande, bleu mauve assez clair“ aufscheint, also offensichtlich der Blauskala zugerechnet wird, während mauve wohl eher zum Violett-Spektrum gehört (PR: „D’une couleur violet pâle“, seit 1892).

4 Zwischenfazit

Fassen wir zusammen: Die Farbtypen ORANGE, ROSA und VIOLETT spezialisieren sich im Lauf der französischen Sprachgeschichte immer mehr.1 Ihrerseits bereits Mischfarben (Sekundärfarben), dienen sie zusammen mit anderen Farben als Grundlage für weitere Nuancierungen. Wie schon erwähnt, finden im Bereich der Farbbezeichnungen häufig Entlehnungsprozesse statt. In diesem Fall hat das Französische oft die Rolle der Gebersprache. Im Deutschen finden wir u.a. rosé, violett, mauve, beige (cf. zu letzterem Müller 2017) und natürlich orange und cognac, ebenso das seit einigen Jahren als Modefarbe gern verwendete taupe, ein Grau-Braun-Ton, und bleu als ,mot aller et retour‘, während nude als Modefarbe der letzten Jahre, die für einen sehr blassen Roséton steht und im Deutschen auch mit hautfarben wiedergegeben werden könnte, aus dem Englischen entlehnt wurde. Französisch war lange Zeit die führende Sprache auf dem Gebiet der Mode, wird heute aber zum Teil durch das Englische abgelöst.

5 Aktuelle Tendenzen der Farbbezeichnungen im Französischen und Deutschen

Bei den neueren Farbbezeichnungen im Französischen fällt auf, dass es sich in zahlreichen Fällen um unveränderliche Adjektive handelt. Sie schwächen die Kategorie ‚Genus‘ nicht nur im gesprochenen, sondern auch im geschriebenen Französisch und verstärken damit die Tendenz zur Prädetermination. In der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle sind sie von Substantiven durch Konversion abgeleitet und entsprechen so einem verbreiteten Wortbildungstrend des modernen Französischen. Außerdem erhöhen sie die semantische Differenzierung im Lexikon bzw. die Polysemie. Eine Besonderheit im Französischen bilden Dubletten wie rose/rosé, orange/orangé, ocre/ocré und saumon/saumoné.

Als Quelle für diesen lexikalischen Reichtum des modernen Französisch dienen in erster Linie Blumen bzw. Pflanzen im allgemeinen, (exotische) Früchte und Gemüsesorten, die in ihrer Farbgebung auffällig bzw. neu sind, daneben auch einzelne Vertreter aus dem Tierreich (flamant (rose), saumon, renard). Seltener sind Tanz- (tango) oder Städtebezeichnungen (parme) die Grundlage.

Grundsätzlich stellt sich die Frage: Brauchen wir solch differenzierte Farbsysteme? Warum reichen die Grundfarben und nicht einmal die Sekundärfarben mehr aus?

Zunächst denkt man in diesem Kontext sicher an den Bereich der Mode: Modefarben wechseln fast jede Saison, so dass hier spezifische und immer wieder neue Bezeichnungen geradezu notwendig erscheinen (auch Autofarben wären ein lohnendes Untersuchungsgebiet). Ähnliches gilt für die Bereiche Dekoration und Einrichtung, die ebenfalls einer gewissen Mode unterworfen sind.1 Ich habe daher einige Zeitschriften zu diesen Feldern auf das Vorkommen von Farbbezeichnungen hin analysiert – mit teils überraschenden Ergebnissen.

Ich beginne mit einer Textstelle aus Brigitte Nr. 13 (8.6.2016). Dort heißt es S. 82:

Die frischen Beauty-Farben für diesen Sommer machen gute Laune und Lust auf Obst! Erdbeer, Orange oder Melone für den Mund, Drachenfrucht-Pink oder Aprikose auf den Wangen.

Auch im Bereich ‚Kosmetik‘ benötigen wir also eine stark differenzierte Farbskala. Was hier für das Deutsche illustriert wird, lässt sich zumindest teilweise auf das Französische übertragen, wenngleich melon als Farbbezeichnung im PR nicht ausgewiesen ist und es sich bei Drachenfrucht-Pink wohl nur um eine Augenblicksbildung handelt. Dennoch verdeutlicht letzteres den Entstehungsprozess zahlreicher Farbbezeichnungen. Eine bisher weitgehend unbekannte Frucht liefert die Grundlage für einen neuen Farbton, der auch nach ihr benannt wird, cf. papaye, nectarine etc., die ebenfalls den ORANGE-Bereich ausweiten. Fraise ist (ebenso wie framboise) im Französischen eher ein Rotton, während er im Deutschen wohl dem Rosa-Spektrum zuzurechnen ist.

Die Analyse von marie claire idées no 116 (septembre-octobre 2016) – eine an ein weibliches Publikum gerichtete Zeitschrift aus dem Kreativbereich – hat die Rosa-Skala um folgende Töne erweitert: rose poudré, rose sable und vieux rose (S. 127), ebenfalls eine häufige Wortbildungsmöglichkeit im französischen Farbwortschatz, wobei das Farbadjektiv durch ein weiteres Adjektiv oder ein Substantiv näher determiniert wird. Auch das Deutsche kennt derartige Determinativkomposita (Puderrosa, Altrosa). Sogar der aus dem Englischen entlehnte Farbton nude findet sich in einer Farbpalette von Dior.

Ein besonders treffendes Beispiel für die fantasievolle Benennung von Farben zeigt folgende Textpassage aus marie claire idées no 116 (septembre-octobre 2016, S. 38), bei der es darum geht, ein Skateboard mit Sprühfarben zu gestalten:

Bombes de peinture coloris discret, chrome cuivré, argenté glitter, moberry, bleu polaire, fluoro pink, potion.

Fröhlich werden hier Anglizismen und originär französische Bestandteile gemixt. Auch über diesen Weg können Anglizismen relativ unbemerkt ins Französische gelangen. Die Skala der hier ins Auge gefassten Farben erweitert sich stetig, wobei davon auszugehen ist, dass viele dieser Farbnuancen bzw. ihre Bezeichnungen dem einzelnen Sprecher wohl kaum bekannt sind, auch wenn wir im Normalfall nach Kronberger (2017) ca. 100 000 Farbtöne unterscheiden können.

Cf. zu dieser Thematik auch den Kommentar von Klaus Schamberger, einem bekannten Nürnberger Kolumnisten, in einem Artikel der Nürnberger Zeitung vom 10. Oktober 2016, S. 10:

Jetzt drängt es mich aber noch zur löblichen Erwähnung eines sehr schönen Möbelhauses, dessen Prospektdichter einen Kleiderschrank in Form einer nahezu nobelpreisverdächtigen Sensationsmeldung anbietet. „Der Kleiderschrank […] bietet durch endlose Kombinationsmöglichkeiten jede Menge Stauraum.“ […] Noch dazu in folgenden scheint’s extra für mich erfundenen Farben: in Macchiato, Vulcan, Lava, Pacific blue, Lilac grey, und obacht! in Wildeiche. Bei der Wildeiche erheben sich in mir allerdings zwei Fragen […]: 1. Warum heißt die Farbe nicht Wild Oak, und 2. Gibt es neben der Wildeiche auch eine Zahmeiche?

Die Entwicklung von Farben bzw. ihren Bezeichnungen steht zweifelsohne stark mit kulturellen und gesellschaftlichen Tendenzen in Verbindung (cf. in diesem Sinne ebenso Pastoureau 2013), auch wenn diese im Einzelfall noch näheruntersucht werden müssten. So ist auffällig, dass heute, wo Kochshows eine große Rolle spielen, viele Farbtöne nach Gewürzen benannt werden. Im Katalog der Textilfirma Landsʼ End finden sich z.B. Dunkel Ingwer (für ein dunkles Orange), Vintage Zimt (braunorange), Dunkel Koriander (heller Braunton), Dunkel Gewürz Braun (dunkelbraun) sowie Orangenzeste für ein dunkles Orange (burnt orange). Die deutsche Vogue (4/2016) präsentiert auf S. 68 ein À la carte Modemenü unter dem Motto „von Safran bis Zimt“ (beide fungieren auch im Französischen als Farbwörter). InStyle (April 2017, S. 36) propagiert Curry als aktuelle Modefarbe.

Noch deutlicher werden diese Zusammenhänge im Eintrag für die Farbe Orange auf der Website der Einrichtungszeitschrift Schöner Wohnen:

Orange ist eine Modefarbe. Das erkennt man schon daran, dass die Farbpsychologie vor ein paar Jahren feststellte, von Orange sei niemand sonderlich angetan, Frauen nur wenig, Männer gar nicht. Wie oft sieht man Orange heute! Seit der „orangenen Revolution“ in der Ukraine im Winter 2004/05, seit sich politische Parteien, große Firmen und Fernsehsender eine Corporate Identity in Orange zulegen, boomt die Farbe und demonstriert, wie schnell die Stimmungen wechseln können. Mit Orange zeigen sich die Bereitschaft zum Verändern und die Lust zum Trend. (Schöner Wohnen Farbe, online: s.v. Orange)

Trend ist als Wohnfarbe laut Schöner Wohnen Farbe aktuell u.a. Sahara, das sehr poetisch beschrieben wird:

Dieses Goldorange ist wie ein Spüren von Geräuschen, ein Horchen in die Natur, ein Nachfühlen über frohe Gedanken; „Sahara“ hat eine intensive Gefühlslage. Wer sein Zuhause zum Erlebnis machen möchte, das die Atmosphäre durchweht, das Freude macht, das die Wärme schenkt, liegt mit „Sahara“ goldrichtig. (Schöner Wohnen Farbe, online: s.v. Sahara)

Farben vermitteln Emotionen, wie uns diese Passage deutlich vor Augen führt. Sie wirken auf uns, oft ohne dass wir uns dieser Wirkung bewusst sind. Dieses Potential lässt sich u.a. für die Behandlung von Krankheiten nutzen (cf. u.a. Riedel 51986; Eberhard 81990). So können z.B. Orange- und Pinktöne bei der Behandlung von Depressionen unterstützend eingesetzt werden.

6 Fazit

Im Hinblick auf die hier behandelte Thematik stellt sich eine grundsätzliche Frage: Was passiert, nachdem Sprachen das von Berlin und Kay angenommene Stadium VII erreicht haben? Ergibt sich damit auch eine lineare Proliferation der Secondary Color Terms oder entwickeln sich solche Farbbezeichnungen unter Umständen auch wieder zurück?

Einige Modezeitschriften, die ich analysiert habe, legen diese Deutung nahe. In Modestrecken werden Farbtöne oft überhaupt nicht mehr benannt, man überlässt es dem Leser, die jeweiligen Farben zu identifizieren, was natürlich auch durch die hochentwickelte Drucktechnik ermöglicht wird, die es erlaubt, auch kleinste Farbnuancen wiederzugeben. So kommt auf ca. 80 Seiten Mode in marie claire 2 (automne-hiver 2014/2015) keine einzige Farbbezeichnung vor, mit Ausnahme der Bezeichnung off-white, die hier aber als Firmenname fungiert. Wieweit dies markenrechtlichen Gründen geschuldet ist, wäre zu überprüfen. Auffällig ist zudem, dass viele Autohersteller ihre Farbskala deutlich reduziert haben und oft nur noch Schwarz, Weiß, Silber und Blau zur Verfügung stehen. Cf. zur Farbe Blau in diesem Kontext u.a. Braem (102012:II): „Die neue Gefühls- und Bewußtseinsmatrix der globalen, mobilen Gesellschaft heißt offensichtlich Blau.“

Orange, nach Braem (102012:III) „von Natur aus der lebhafte, quirlende Gegenpol zum eher ruhigen Blau“ hat damit aber noch nicht ausgedient, denn: „Beide Farben scheinen sich gegenseitig zu bedingen“ (Braem 102012:III). Sie bilden einen sogenannten Komplementärkontrast. Orange hat keinen universellen Farbfocus (cf. dazu Müller 2017), kann aber – wie jede Farbe – individuelle Assoziationen hervorrufen (ibid.). Wie alle Farben vereint auch Orange gegensätzliche Bedeutungen in sich: von Aggressivität bis Aktivität (zu Orange in der Werbung siehe auch Müller 2017). Und: „Wer ein Kinderzimmer so streicht, wird auch fröhliche Kinder haben, heißt es.“1 Die Trendhaarfarbe für 2017 ist übrigens blorange, sprachlich wie farblich eine Mischform aus blond und orange (cf. u.a. Nivea, online).

Literatur

Sekundärliteratur

Berlin, Brent/Kay, Paul (1969): Basic Color Terms. Their Universality and Evolution. Berkeley/Los Angeles: University of California Press.

Braem, Harald (102012): Die Macht der Farben. Bedeutung & Symbolik. Wien: Amalthea Signum [München: Langen-Müller/Herbig 11985].

Eberhard, Lilli (81990): Heilkräfte der Farben. Farben als Heilmittel. Anwendung in der Praxis. Ergolding: Drei Eichen [11974].

Glanemann, Claudia (2003): Farbe zwischen Universalismus und Relativismus. Gebrauch und Bedeutung der Farbbezeichnungen im heutigen Französischen, mit Berücksichtigung des Italienischen und Deutschen. Münster (Westfalen): Universität Münster [Dissertation].

Heller, Eva (32006): Wie Farben wirken. Farbpsychologie, Farbsymbolik, kreative Farbgestaltung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt [11989].

Ilea, Martina (2017): Die PURPLE-Kategorie der Basic Color Terms im Französischen. München: Universität München [Zulassungsarbeit].

Kay, Paul/McDaniel, Chad K. (1978): „The Linguistic Significance of the Meanings of Basic Color Terms“, in: Language 54, 610–646.

Kristol, Andres M. (1978): Color. Les langues romanes devant le phénomène de la couleur. Bern: Francke.

Küppers, Harald (22012): Farbenlehre. Ein Schnellkurs. Köln: DuMont [12005].

MacLaury, Robert E. (2001): „Color terms“, in: Haspelmath, Martin/König, Ekkehard/ Oesterreicher, Wulf/Raible, Wolfgang (Hrsg.): Language Typology and Language Universals. An International Handbook. Vol. 2. Berlin/New York: de Gruyter (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 20.2), 1227–1251.

Mollard-Desfour, Annie (2002): Le rose. Préface de Bernard Cerquiglini. Paris: CNRS (= Le dictionnaire des mots et expressions de couleur du XXe siécle).

Pastoureau, Michel (2013): Blau. Die Geschichte einer Farbe. Aus dem Französischen von Antoinette Gittinger. Berlin: Wagenbach.

Riedel, Ingrid (51986): Farben. In Religion, Gesellschaft, Kunst und Psychotherapie. Stuttgart/Berlin: Kreuz [11983].

Schäfer, Barbara (1987): Die Semantik der Farbadjektive im Altfranzösischen. Tübingen: Narr (= Tübinger Beiträge zur Linguistik, 311).

Zollinger, Heinrich (1999): Color. A Multidisciplinary Approach. Zürich: Helvetica Chimica Acta.

Wörterbücher

PR = Robert, Paul (2017): Le Petit Robert, Dictionnaire alphabétique et analogique de la langue française. Texte remanié et amplifié sous la direction de Josette Rey-Debove et Alain Rey. Paris: Le Robert.

TLF = Centre National de la Recherche Scientifique (1971–1994): Trésor de la langue française. Dictionnaire de la langue du XIXe et du XXe siècle (1789–1960). Publié sous la direction de Paul Imbs. 16 tomes. Paris: Éditions du Centre National de la Recherche Scientifique.

Zeitschriften

Brigitte Nr. 13 (08.06.2016).

Brigitte Nr. 20 (14.09.2016).

marie claire 2 (hors-série) automne-hiver 2014/2015.

marie claire no 769 (septembre 2016).

marie claire idées no 116 (septembre-octobre 2016).

Vogue 4/2016.

InStyle April 2017.

WOHNEN Träume 2/2016.

Zeitungsartikel

Nürnberger Zeitung, 3. November 2012.

Nürnberger Zeitung, 27./28. April 2013, Magazin am Wochenende, S. 1, Martina Hildebrand: „Jetzt wirdʼs bunt“.

Nürnberger Zeitung, 17./18. September 2016.

Nürnberger Zeitung, 10. Oktober 2016, S. 10, Klaus Schamberger: „Verloren im Dickicht der Warenwelt“.

Kataloge

Landsʼ End Oktober 2016.

Deerberg Frühjahr/Sommer 2017.

Internet

Schöner Wohnen Farbe. Hamburg: Gruner + Jahr [online: www.schoener-wohnen-farbe.com; letzter Zugriff am 16.11.2017].

Nivea. „Trendhaarfarbe 2017: Was ist blorange?“. Hamburg: Nivea (Beiersdorf) [online: http://www.nivea.de; letzter Zugriff am 16.11.2017].

Vorträge

Kronberger, Markus (2017): „Zwischen den Farben … von Farbtheorien und sinnlicher Farbharmonie“. 22. März 2017. Nürnberg, Kunstvilla.

Müller, Jakob (2017): „Die Farben und das Unbewusste“. Eine Einführung in die Psychologie der Farben. 28.01.2017. Nürnberg, Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse.

Sprachwissenschaftsgeschichte
Die Sprachauffassung von Julien Offray de La Mettrie in seinem Traktat L’homme machine (1748)

Roger Schöntag

Cette contribution est consacrée aux aspects linguistiques de l’œuvre du médecin et philosophe Julien Offray de La Mettrie (1709–1751). Comme cet érudit du siècle des Lumières a été souvent réduit à ses positions provoquantes, c’est-à-dire à son athéisme, à son hédonisme et à son matérialisme, et ne fut par conséquence pris en compte que relativement tard dans l’histoire de la philosophie, il est assez mal connu pour ses idées linguistiques. La présente étude examine les différents domaines thématiques de sa réflexion linguistique qu’on trouve surtout dans son œuvre principale L’homme machine (1748), et les replace dans le contexte de la philosophie du langage de l’époque.

1 Zielsetzung

Der vorliegende Beitrag über den Arzt und Philosophen Julien Offray de La Mettrie (1709–1751), der in der Philosophiegeschichte erst relativ spät entsprechend gewürdigt wurde und in der sprachwissenschaftlichen Rezeption bisher nur punktuell Beachtung fand,1 soll einen ersten größeren Gesamtüberblick über die von ihm herausgearbeiteten Aspekte der Sprachreflexion liefern und diese vor dem Hintergrund seiner radikalen Aufklärungsphilosophie und den zeitgenössischen sprachphilosphischen Positionen verorten. Das zentrale Werk hierzu ist die Abhandlung L’homme machine (1748), doch werden auch andere Traktate aus seinem Œuvre, in denen sich einige Anklänge zu seinen Überlegungen zur Sprachursprungstheorie, der Verknüpfung von Sprache und Denken oder Sprache und Gesellschaft ausmachen lassen, Berücksichtigung finden.2

2 Biographischer Hintergrund

Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) wird als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie (Textilgewerbe) in St. Malo in der Bretagne geboren. Er besucht die Collèges von Coutances und Caen (Jesuitenschule), an denen er erste geisteswissenschaftliche Grundlagen lernt (Rhetorik, etc.). Um diese erste Studien abzuschließen, geht er nach Paris, wo er in den Humanités einen bachelier (bzw. maître-ès-arts) am Collège d’Harcourt macht (1726/1727). Anschließend an seine Ausbildung in nimmt er ein Studium der Philosophie/Theologie am Collège du Plessis auf,1 da er von seinen Eltern für die klerikale Laufbahn vorgesehen ist. Er bricht jedoch das Philosphiestudium bald ab und wechselt zur medizinischen Fakultät von Paris und beendet dieses Studium dann 1733 mit einem bachelier; den Doktortitel (thèse de médecine) erwirbt er jedoch in Rennes (cf. Vartanian 1960:1–2; Baruzzi 1968:175; Christensen 1996:245–246; Laska 2004:VIII).2

Da er die medizinische Ausbildung an Frankreichs Universitäten für ungenügend erachtet (cf. Mensching 2008:508), studiert er weiter, und zwar in den Niederlanden bei der europaweit anerkannten Koryphäe Herman Boerhaave (1668–1738) in Leiden (Leyden), der ihm zum wichtigsten Lehrer wird. La Mettrie schreibt in der Folgezeit einige medizinische Abhandlungen (z.B. Dissertation sur les maladies vénériennes, 1735) und übersetzt das Werk Boerhaavens aus dem Lateinischen ins Französische (Système de M. Herman Boerhaave, 1735). Von 1734 bis 1742 praktiziert er als Arzt in seiner Heimatstadt, auch in den dortigen Krankenhäusern (Hôpital Générale von Saint-Servan und Hôtel-Dieu von St. Malo; cf. Lemée 1954:21), wo er gegen die Cholera kämpft und selbst befallen wird (1741). Er heiratet und gründet eine Familie (mit Marie-Louise Droneau, 1739),3 doch Ende 1742 geht er zurück nach Paris und nimmt eine Stellung als médecin domestique beim Duc de Grammont (Colonel des Gardes Françaises) an und begleitet ihn als Sanitätsoffizier in die Schlachten des österreichischen Erbfolgekrieges (cf. Becker 1990:VIII; Christensen 1996:247–249; Laska 2004:X-XI).

La Mettrie kehrt nach dem Tod des Herzogs 1745 nach Paris (und St. Malo) zurück und arbeitet als Medizininspekteur von Armeespitälern; in seinen Schriften wendet er sich philosophischen Themen zu bzw. versucht seine medizinischen Kenntnisse in allgemeine philosophische Betrachtungen einzubringen. Sein erstes philosophisches Werk, die Histoire naturelle de l’âme (1745), welches er unter dem Eindruck eines fièvre chaude verfasste – so die wohl „anekdotische Rekonstruktion“ (Christensen 1996:250) –, wird beschlagnahmt und verbrannt, seine polemische Schrift Politique du médecin de Machiavel (1746) des Folgejahres, in der er die Missstände in der französischen Medizin anprangert, wird ebenfalls verbrannt und einer drohenden Verhaftung kann er nur durch seine Flucht nach Holland entgehen. Dort findet er vorübergehend Geldgeber und schreibt neben der satirischen Komödie La faculté vengée (1747) gegen die Pariser Ärzteschaft sein wichtigstes Werk, L’homme machine (1747, vorausdatiert auf 1748). Aufgrund der Radikalität der dort vertretenen Ansichten, die selbst den liberalen Holländern zu weit geht, wird sein Verleger, Elie Luzac (1721–1726), verhaftet, La Mettrie sieht sich genötigt sein Werk zu verleugnen und muss 1748 mit Hilfe Luzacs wiederum fliehen (cf. Becker 1990:VIII-IX; Christensen 1996:251–255).

Er nimmt die Einladung seines Landsmannes Pierre Louis Moreau de Maupertuis (1698–1759) aus St. Malo, der Präsident (1746–1759) der Königlichen Akademie der Wissenschaften (Académie Royale des Sciences et Belles-Lettres) in Berlin ist,4 an und begibt sich auf dessen Vermittlung hin an den Hof Friedrich II. von Preußen (geb. 1712; Kg. 1740–1786) nach Potsdam. Von 1748 bis zu seinem Tod 1751 bleibt er am Hofe Friedrichs, wird dessen Arzt, Gesellschafter und Vorleser sowie Mitglied der Akademie und verfasst weitere philosophische und polemische Schriften: u.a. L’homme plante (1748), Discours sur le bonheur (1748) als Einleitung einer Seneca-Übersetzung (Anti-Sénèque) getarnt, Les animaux plus que machines (1750), L’art de jouir ou l’école de la volupté (1751), Le petit homme à longue queue (1751), Œuvres philosophiques (1750, vorausdatiert auf 1751). Die Radikalität seiner Schriften, insbesondere des Anti-Sénèque, in Bezug aufReligion (Atheismus), Moral (sexuelle Freizügigkeit) und Politik (Herrscherkritik) bringen Friedrich dazu, 1749 die von ihm im Sinne der Aufklärung abgeschaffte Zensur wieder einzuführen (Edict wegen der wieder hergestellten Censur); er wirft 10 Exemplare des letztgenannten Werkes La Mettries eigenhändig ins Feuer (cf. Laska 2004:XIII), hält aber persönlich weiterhin an ihm fest.5 Im Jahre 1751 stirbt La Mettrie, wohl an einer verdorbenen Fleischpastete.6 Friedrich II. hält trotz der Differenzen, die er mit La Mettrie hatte, anläßlich seines Todes eine konziliante Lobrede (Eloge de La Mettrie, 1752), in der er ihn als honnête homme, âme pure, eloquenten und unterhaltsamen Zeitgenossen sowie als savant médecin würdigt, weniger jedoch als Philosophen (cf. Christensen 1996:255–268; Mensching 2008:509).7

3 Philosophische und geistesgeschichtliche Verortung

Um La Mettries philosophische Haltung zu verstehen, ist es zunächst vonnöten seine Stellung innerhalb der medizinischen Wissenschaften zu betrachten, die die Basis für seine späteren radikalen Ansichten darstellt.

Sein medizinischer Lehrer Herman Boerhaave, dem er nach eigenen Aussagen seinen eigentlichen Erkenntnisfortschritt in der Kunst der Medizin verdankte – d.h. implizit nicht dem medizinischen Studium in Frankreich – und dessen Werke er ins Französische übersetzte, stand der iatrophysikalischen Lehre nahe. Diese hängt mit der Entdeckung des Blutkreislaufes zusammen und versucht die physischen Vorgänge des menschlichen Körpers zu messen und physikalisch zu erklären, d.h. der lebendige Körper wird als eine Konstruktion wahrgenommen, welche auf mechanischen Abläufen beruht, eben als eine Maschine. Ähnlich wie auch die Iatrochemie, die die Funktionen des Körpers durch die in ihm ablaufenden chemischen Vorgänge zu erklären versucht, handelt es dabei um einen materialistischen Erklärungsansatz. Dabei ist ‚materialistisch‘ hier so zu verstehen, dass man sich ausschließlich auf diemessbaren Veränderungen des Körpers stützt; Ursachen und erste Prinzipien werden hingegen unberücksichtigt gelassen (cf. Christensen 1996:21).

Von Boerhaave übernimmt La Mettrie nicht nur die materialistische iatrophysikalische Grundhaltung, sondern auch seinen Eklektizismus und die Ablehnung eines alles erklärenden einheitlichen Systems. Hier stehen sowohl Boerhaave als auch später La Mettrie im Gegensatz zu René Descartes (1596–1650), der seine Philosophie auf grundlegenden Prinzipien aufbaut. La Mettrie folgte Boerhaave auch dahingehend, dass dieser die Medizin als eine fachübergreifende Disziplin betrachtete und neben der Klinischen Medizin auch Botanik und Chemie unterrichtete sowie die Praxis der Anwendung am Patienten selbst und dabei auch chirurgische und anatomische Kenntnisse erwartete. Gerade letzteres ist zu jener Zeit nicht selbstverständlich, da die Praktiker der Chirurgie und die Theoretiker der Medizin sich oft feindlich gegenüberstanden, da letztere die Deutungshoheit beanspruchten (cf. Christensen 1996:21–22).

La Mettrie geht aus diesem Studium in Leiden als jemand hervor, den man heutzutage als open-minded bezeichnen würde, was sich allein daran zeigt, dass er zum einen auf Französisch publiziert und sich damit vom elitären und hermetischen Latein seiner Kollegen bewusst absetzt und seine ersten medizinischen Arbeiten der allgemeinen Verbesserung des öffentlichen Gesundheitswesens und der medizinischen Aufklärung widmet (Le bien public); Adressaten waren dabei neben den medizinischen Kollegen auch Chirurgen und interessierte Laien: Lettres sur l’art de conserver la santé et de prolonger la vie (1734), Dissertation sur les maladies vénériennes (1735), Dissertation sur l’origine, la nature et la cure de ces maladies (1735) [Einl. zur Übersetzung v. Systéme de M. Hermann Boerhaave sur les maladies vénériennes], Traité du vertige (1737), Traité de la petite vérole (1740), Observations de médecine pratique (1743) (cf. Christensen 1996:22–24).

Zum anderen greift er auch in den in Frankreich tobenden Kampf zwischen Medizinern und Chirurgen ein (Höhepunkt 1724–1743), in dem es um die traditionelle Vormachtsstellung der Mediziner geht, die von den Chirurgen zunehmend in Frage gestellt wird. Er kritisiert dabei beide Seiten und plädiert im Gefolge von Boerhaave für ein Ineinandergreifen beider Wissensbestände.1 Dies kommt sowohl in seinen medizinischen Schriften zum Ausdruck, als auch konkret in Pamphleten (z.B. Saint Cosme vengée, 1744) und Satiren (z.B. La faculté vengée, 1747; Le chirurgien converti, 1748), in denen er die Hybris der Mediziner, die Eifersucht und Autonomieforderung der Chirurgen und die Zustände im Gesundheitswesen anprangert. Er plädiert vielmehr für eine stärkere Ausrichtung der Medizin an der Empirie, zugleich aber für die Stärkung der Grundlagenforschung; er kritisiert zudem die Trennung von Theorie und Praxis; d.h. Voraussetzung für einen guten Mediziner nach la Mettrie sind neben der eigenen Forschung und Beobachtung breite Kenntnisse in Anatomie, Botanik, Chemie, Physik, Mechanik und Chirurgie. Wichtig ist ihm dabei nicht so sehr die Suche nach den verborgenen Ursachen (causes cachées), sondern nach den mit Vernunft und Experiment fassbaren sekundären Ursachen (causes secondes) und die methodische Offenheit: „le meilleur système est de n’en point avoir“ (La Mettrie 1743:IV, o.pagin.) (cf. Christensen 1996:24–39).

Dieser medizingeschichtliche Hintergrund bildet die Grundlage des sich daraus entwickelnden philosophischen Gedankengebäudes La Mettries. Die wichtigsten Erkenntnisse fließen dabei in sein weiteres philosophisches Œuvre ein, und zwar vor allem die Systemoffenheit, die Betonung der Empirie und das materialistische Weltbild.

Bereits in seiner ersten rein philosophischen Schrift, der Histoire naturelle de l’âme (1745) – überarbeitet als Traité de l’âme in den Œuvres philosophiques (1751) – zeigen sich wesentliche Bestandteile seiner Denkrichtung. Dabei versteht er die im Titel des Werkes genannte Naturgeschichte als eine Naturbeschreibung, ganz im Sinne von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), der historia ebenfalls als observatio verstand. Grundlage der wissenschaftlichen Betrachtung ist bei La Mettrie demnach die Empirie, d.h. die auf Beobachtung begründete Erfahrung, so wie sie vor allem John Locke (1632–1704) in seinem Essay Concerning Human Understanding (1689) vertritt, der zwar auch ins Französische übersetzt wurde (1700 v. Pierre Coste), aber in erster Linie durch die Lettres philosophiques (1733) Voltaires2 (1694–1778) Verbreitung fand (cf. Becker 1990:IX; Christensen 1996:40–43; Klingen-Protti 2016:138).

La Mettries Kritik in seiner Histoire naturelle, in der er versucht ein naturwissenschaftliches Verfahren auf die Geisteswissenschaften zu übertragen, zielt auf den Rationalismus und die Metaphysik als Grundlage der Wissenschaften, wie sie bei Descartes formuliert ist. Er plädiert für einen philosophischen Neuanfang bei der die empirischen Naturwissenschaften, allen voran die Medizin, die Basis aller Wissenschaften bilden sollten. Dabei entwickelt La Mettrie einen an Locke orientierten Sensualismus, eine théorie de sensation, und zwar bereits ein Jahr vor Étienne Bonnot de Condillac (1714–1780) und seinem Essai sur l’origine des connoissances humaines (1746) und lange vor dessen Traité des sensations (1754).3

La Mettrie argumentiert folgendermaßen: Da nach Locke alle Ideen aus der Erfahrung stammen, müssen auch die Wissenschaften (und zwar alle) empirisch vorgehen, d.h., dass auch zur Erklärung philosophischer Fragen nur das der sinnlichen Wahrnehmung Zugängliche als Basis dienen dürfe, also nur Materielles. Die Materie ist demnach bei La Mettrie und seiner Kritik an spekulativen und metaphysischen Denksystemen ein zentrales Element. Das radikale an seiner Kritik ist, dass er damit die Behandlung der Seele aus der Theologie und Philosophie herausnimmt und der naturwissenschaftlichen Beschreibung zuführt,4 d.h. die Seele bzw. das, was sich an seelisch-geistigen Vorgängen im Menschen äußert, ist auch Materie und damit beschreibbar, woraus sich in letzter Konsequenz auch sein Atheismus ableitet. Außerdem erklärt dies sein Primat der Medizin, weil für ihn nur die empirische Beschreibung des Funktionierens des Menschen letztlich zu weiteren philosophischen Schlüssen berechtigt.5 Er argumentiert damit gegen Descartes (cf. Discours de la méthode, 1637; Meditationes de prima philosophia, 1641) und seine Unterscheidung einer res cogitans und einer res extensa, d.h. Materie ist für Descartes rein in Ausdehnung zu messen, da sie empfindungs- und bewegungslos ist (cf. Baruzzi 1968:24–29; Wellman 1992:169–170; Christensen 1996:47–55).

Für La Mettrie ist aus der Materie heraus sowohl Bewegung (puissance motrice) als auch Empfindung möglich (faculté de sentir), was in einen sensualistischen Materialismus mündet. Bezüglich der Seelenvermögen unterscheidet er dabei die âme végétative (Pflanzen, Tiere, Menschen), die âme sensitive (Tiere, Menschen) und die âme raisonnable (Menschen). Dabei ist ersteres Vermögen für Ernährung, Fortpflanzung und Wachstum zuständig, zweites für die durch Gehirn und Nervenbahnen gesteuerten Empfindungen und Wahrnehmungen und drittes schließlich für das Denk- und Urteilsvermögen.6 Er schafft damit ein Kontinuum der Lebewesen (Pflanzen, Tiere, Menschen).7 Der Begriff der ‚Maschine‘ bzw. des Menschen als Maschine wie ihn La Mettrie dann in L‘homme machine (1747/1748) entwickelt, rekurriert auf eben diese Vorstellung von der Materie (cf. Mensching 2008:509–510; Klingen-Protti 2016:139–140).

Für ihn ist folgerichtig der Mensch nichts weiter als organisierte Materie, eben komplexer organisierte als bei Pflanzen oder Tieren, aber nichtsdestoweniger reine Materie. Dies bedeutet auch eine Materialisierung der Seele und mündet in eine antimetaphysische Metaphysik.8 Er lehnt damit den Dualismus von Leib und Seele ab (cf. Descartes)9 sowie die grundsätzliche Willensfreiheit des Menschen, da die jeweiligen durch die organisierte Materie geschaffenen unterschiedlichen Dispositionen des Einzelnen ihn eher determinieren als ihn frei agieren lassen (cf. Becker 1990:XIII; Hausmann 2003:392).

Bereits die Materialisierung der Seele, die (fast) Gleichsetzung von Mensch und Tier (er betont das Kontinuum zwischen beiden) und die Einschränkung der Willensfreiheit des Menschen machen ihn für Kirche und Gesellschaft untragbar, was die Verbrennung seiner Schriften und die ihm drohenden Inhaftierungen erklärt. Dass er schließlich aus der sensualistischen und materialistischen Position heraus im Discours sur le bonheur (1750) und der L’art de jouir (1751) die Kunst des Genießens predigt,10 was nicht nur, aber auch die volupté beinhaltet, macht ihn endgültig zur persona non grata. Um überhaupt publizieren zu können, versteckt er in den meisten seiner Schriften seine radikalen Ansichten hinter Ironie und Polemik;11 er erarbeitet zudem kein in sich geschlossenes System (cf. supra: die Ablehnung von Systemen). All dies, d.h. Atheismus, radikaler Materialismus, sexuelle Freizügigkeit, Ablehnung gesellschaftlicher Institutionen und Hedonismus, ein schwer dechiffrierbares Werk sowie seine fehlende Verbindung zu philosophischen Zirkeln (wie z.B. den Enzyklopädisten),12 erklärt seine nur sporadische und selektive Rezeption, zum Teil bis ins 20. Jahrhundert.13

4 Sprachwissenschaftliche Aspekte
4.1 Sprachursprungstheorie

Ausgehend von der nicht möglichen Beweisbarkeit, wer der erste Mensch war der einst zu sprechen begann bzw. wie sich die menschliche Sprache entwickelte und was ihr Ursprung war, zieht La Mettrie verschiedene Parallelen zu anderen, empirisch beobachtbaren und damit beweisbaren Phänomenen im Zusammenhang mit Sprache, nämlich der Sprache im Tierreich, dem kindlichen Erstsprachenerwerb sowie sprachlichen Defiziten beim Menschen (Wolfskinder, Taubstumme). Damit folgt er ganz den Argumentationsschemata seiner Zeit,1 ist aber entsprechend seinem philosophischen Gedankengebäude in manchen Schlussfolgerungen weitaus radikaler. Das grundsätzliche Nichtwissen-Können (cf. Descartes 1960:52–53, § 33; 1992:31–41, § 17–24) formuliert er dabei folgendermaßen:

Mais qui a parlé le premier? Qui a été le premier Précepteur du Genre humain? Qui a inventé les moiens de mettre à profit la docilité de notre organisation? Je n’en sai rien; le nom de ces heureux et premiers Génies a été perdu dans la nuit de tems. (La Mettrie, HM 1990:54)

Da La Mettrie in seiner materialistischen Philosophie Tier und Mensch als aus der gleichen Materie aufbauend annimmt und zwischen beiden ein Kontinuum sieht, liegt es für ihn auch nahe, bei dem Menschen nah verwandten Tieren wie dem Affen grundsätzlich ein Vermögen zur Erlernung der Sprache zu postulieren. Die Sprechorgane (organes de la parole) seien beim Affen zwar nicht ganz ausreichend, doch glaubt er, dass es durch einen evtl. kleinen operativen Eingriff (ähnlich wie man es an der Eustachischen Röhre bei den Tauben macht) und durch anhaltende Lehrbemühungen möglich wäre, Affen das Sprechen beizubringen; schon allein deshalb, weil diese im inneren und äußerem Bau dem Menschen so sehr ähneln würden (cf. Haßler/Neis 2009:182–183).2

Seine diesbezügliche Schlussfolgerung ist modern, radikal und blasphemisch, denn für ihn ist der Mensch letztlich nichts anderes als ein Tier einer bestimmten Gattung, was für ihn durchaus positiv konnotiert ist (cf. Christensen 1996:187); dabei sei der Übergang zwischen Affen und Menschen als fließend anzunehmen.

Des Animaux à l’Homme, la transition n’est pas violente; les vrais Philosophes en conviendront. (La Mettrie, HM 1990:52)

Für die Frage nach dem Ursprung der Sprache bedeutet das letztendlich, ohne dass er dies expliziert, ebenfalls ein Kontinuum bzw. eine Entwicklung von der Sprache der Tiere zu der des Menschen. Das von seinen Zeitgenossen, wie z.B. Condillac oder Herder, formulierte klare Abgrenzungsmerkmal derÜberlegenheit des Menschen gegenüber dem Tier, nämlich die Sprache, wird damit eindeutig relativiert (cf. Haßler/Neis 2009:183).3

Letztlich sei es auf das größere Gehirnvolumen des Menschen zurückzuführen, dass seine Sprache elaborierter sei als die der Tiere, wie er in seinem Traité de l’âme (1751) darlegt.4 Dadurch hätte der Mensch mehr Ideen, diversifiziertere Vorstellungen, was sich wiederum auf die Sprache auswirken würde. Wenn man nun die Frage mit der Erlernbarkeit der menschliche Sprache durch die Affen und die reine Nachahmung der Laute bei Papageien außer Acht läßt, dann besteht der wesentliche Merkmalsunterschied zwischen tierischer und menschlicher Sprache darin, dass erstere aus Gestik besteht, während die der Menschen sich durch Worte konstituiert, was nicht immer von Vorteil sein müsse, da dies mitunter auch in Schwatzhaftigkeit münden könne (cf. Christensen 1996:88; Haßler/Neis 2009:182).

Quelle différence y a-t-il donc entre notre faculté de discourir, & celle des bêtes? La leur sé fait entendre quoique muette, ce sont d’excellents pantomines; la notre est verbeuse, nous sommes souvent de vrais babillards. […] Ces signes sont perpétuels, intelligibles à tout animal du même genre, & même d’une espece différente, puisqu’ils le sont aux hommes mêmes. (La Mettrie, TA 1774:120, §III)

Entsprechend der beim Menschen gegenüber den Tieren ausgefeilteren Gehirntätigkeit stellt sich La Mettrie die Erschaffung der Sprache eng verbunden mit der zunehmenden komplexen geistigen Entwicklung des Menschen vor: Durch Gefühl und Instinkt hätten die Menschen Geist erworben, durch den Geist Kenntnisse. Dadurch hätten sich wiederum neue Ideen und die Fähigkeit ergeben, verschiedene Wahrnehmungen besser zu unterscheiden. Um die Welt diversifizierter aufnehmen zu können, braucht es wiederum Zeichen und mit Hilfe der zum exakteren Denken entstandenen Zeichen, konnten die Menschen dann auch kommunizieren.

Voilà comme je conçois que les Hommes ont emploié leur sentiment, ou leur instinct, pour avoir de l’esprit, et enfin leur esprit, pour avoir des connoissances. Voilá par quels moiens, autant que je peux les saisir, on s’est rempli le cerveau des idées, pour la reception desquelles la Nature l’avoit formé. (La Mettrie, HM 1990:54)

[…] dès que qu’une fois les yeux bien formés pour l’Optique, ont reçu la peinture des objets, le cerveau ne peut pas ne pas voir leurs images et leurs différences; de même, lorsque les Signes de ces différences ont été marqés, ou gravés dans le cerveau, l’Ame en a nécessairement examiné les rapports; examen qui lui étoit impossible, sans la découverte des Signes, ou l’invention des Langues. (La Mettrie, HM 1990:56)

Hier scheint eine wechselseitige Abhängigkeit vorzuliegen, denn durch die Sprache, bzw. die Wörter und Zeichen schärfte sich laut La Mettrie wiederum der Geist des Menschen.5

Les Mots, Les Langues, Les Loix, Les sciences, les Beaux Arts sont venus; et par eux enfin le Diamant brut de notre esprit a été poli. (La Mettrie, HM 1990:52)

Bezüglich des kindlichen Spracherwerbs stellt La Mettrie wiederum das Kind in gewisser Weise auf eine Stufe mit dem Tier, indem er postuliert, dass die Erlernung der Laute ähnlich wie bei einem Papageien zunächst nur auf Imitation beruhen.

Quelle différence y a-t il entre l’enfant & le perroquet qu’on instruit? ne redisent-ils pas également les sons dont on frappe leurs oreilles, & cela avec tout aussi peu d’intelligence l’un que l’autre. (La Mettrie, TA 1774:121, §III)

Dabei beschreibt er ganz mechanisch bzw. medizinisch den Zusammenhang zwischen den äußeren Sinnen (dem Gehör) und den inneren Sinne (Willen zur Artikulation) und die dadurch ausgelösten Muskelkontraktion (Sprechen) (cf. Haßler/Neis 2009:183).

Dass die Frage nach dem Sprachursprung für ihn mit dem kindlichen Spracherwerb zusammenhängt, zeigt sich implizit daran, dass er bestimmte Parallelen zieht: So kann das Kind zwar z.B. Strohhalme oder Holzstäbchen in seiner Hand erkennen, aber noch nicht zählen oder diese nach ihrer Art unterscheiden, und zwar aufgrund des Mangels der noch nicht entwickelten Sprache bzw. der für diese Unterscheidung notwendigen Zeichen in der Vorstellung (cf. La Mettrie, HM 1990:56). Das Kind befinde sich geradezu auf einer noch niedrigeren Stufe als die Tiere, da es zu Beginn seines Lebens die Fähigkeiten des menschlichen Geistes noch nicht ausgebildet habe und gleichzeitig aber weniger Instinkt als das Tier besitze und damit klar im Nachteil sei (cf. La Mettrie, HM 1990:70).

Ebenfalls auf eine Stufe mit den Tieren stellt La Mettrie sogenannte Wolfskinder und Taubstumme,6 die man nur unter günstigen Umständen die Sprache lehren könne, wobei er wiederum dies zur Möglichkeit der Erlernung der Sprache bei einem Affen parallelisiert (cf. Haßler/Neis 2009:365–357).

Das Besondere an La Mettries Sprachursprungtheorie ist sicherlich die Nivellierung des Unterschieds von Mensch und Tier und das wenig spekulative, sondern eher empirisch Ausgerichtete seiner Forschung sowie die Negierung eines göttlichen Ursprungs der Sprache – zweifellos auch in der Epoche der Aufklärung hochgradig brisante Postulate.

4.2 Sprache und Denken: Kognition

Die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Denken war zunächst an die Bedeutungshaftigkeit der Zeichen geknüpft, wie z.B. bei Platon, der in seinem Kratylos über die Richtigkeit der Benennung der Dinge räsoniert (physei-thesei), oder an eine Bezeichnungsnotwendigkeit wie sie Varro in De lingua latina darlegt.1 Im 17. Jh. wird hingegen eher die Frage des wechselseitigen Einflusses von Denkprozessen und Sprache thematisiert. Man diskutiert beispielsweise inwieweit Denken auch ohne Sprache möglich ist oder aber Sprache den Denkprozess fördern kann bzw. ihn erst möglich macht (cf. Haßler/Neis 2009:402–403).

So findet sich bei Locke – einem der wichtigsten Referenzphilosophen für La Mettrie – die Vorstellung wie wichtig Sprache zum Ausdruck der menschlichen Ideen ist und um Kenntnisse über Dinge zu erlangen (cf. Haßler/Neis 2009:438). Der zentrale Begriff bei Locke ist dabei die Idee (idea); diese wiederum hängt eng mit dem Geist und dem Denken zusammen, d.h. Kognition und Kommunikation greifen ineinander:

Besides articulate sounds therefore, it was further necessary that he should be able to use these sounds as signs of internal conceptions; and to make them stand as marks for the ideas within his own mind, whereby they might be made known to others, and the thoughts of men’s minds be conveyed from one to another. (Locke 1959 II:3; III, 1, 2)

Descartes hingegen spricht sich für eine Nicht-Abhängigkeit von Sprache und Denken aus. Gemäß seiner grundsätzlichen Vorstellung vom Dualismus von Körper und Seele, ist auch das Denkvermögen von der materiellen Erscheinung der Sprache losgekoppelt. Dies zeigt sich u.a. daran, dass Tiere zwar Sprache nachahmen könnten, aber nicht das Denken; auch Maschinen, also künstliche Automaten, die zwar Handlungen ausführen könnten, unter Umständen sogar Sprechhandlungen, es würde ihnen jedoch die Vernunft fehlen.2

[…] de façon que ce qu’ils font mieux que nous ne prouve pas qu’ils ont de l’esprit; car, à ce compte, ils en auraient plus qu’aucun de nous, et feraient mieux en toute chose; mais plutôt qu’ils n’en ont point, et que c’est la nature qui agit en eux, selon la disposition de leurs organes: ainsi qu’on voit qu’un horloge, qui n’est composé que de roues et de ressorts, peut compter les heures, et mesurer le temps, plus justement que nous avec toute notre prudence. (Descartes, Discours 1960:96; § 59)

Bei La Mettrie, der sich grundsätzlich eher auf Locke bezieht und sich klar von Descartes abgrenzt, spielt die ‚Vorstellung‘ bzw. ‚Vorstellungskraft‘ (imagination) eine zentrale Rolle,3 um die Denkprozesse im Zusammenhang mit der Sprache zu beschreiben.

Bereits im Traité de l’âme stellt La Mettrie unmissverständlich den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken her und verweist zudem auf die Linearität von beiden.

Toutes nos pensées s’expriment par des mots, & l’esprit ne pense pas plus deux choses à la fois, que la langue ne prononce deux mots. (La Mettrie, TA 1774:148; XIII, §VI)

Im L’homme machine geht La Mettrie ausführlich auf die imagination ein und ihre Bedeutung für das Denken,4 den Erkenntnisgewinn und letztlich auch für die Wissenschaften.

La plus belle, la plus grande, ou la plus forte imagination, est donc la plus propre aux Sciences, comme aux Arts. (La Mettrie, HM 1990:66)

La Mettrie warnt dabei vor einem Missbrauch der Wörter (bzw. der Sprache), dahingehend, dass eine metaphernreiche Sprache Sachverhalte verunklart und etwas Metaphysisches suggeriert, obwohl das menschliche Denken endlich sei.5

[…] et encore une fois, c’est par un abus honteux qu’on croit dire des choses différentes, lorsqu’on ne dit que différens mots ou différens sons, auxquels on n’a attaché aucune idée, ou distinction réelle. (La Mettrie, HM 1990:66)

Die imagination ist dabei Voraussetzung für den Geist oder das Genie eines Menschen, also die Möglichkeit komplexe Zusammenhänge zu erkennen. Es ist bei La Mettrie einer der wichtigsten Begriffe, die sein ganzes Werk durchzieht und dessen Funktion nur schwer zu fassen ist, wie er selbst zugibt.6 Man kann die imagination aber als eine Art kreative Grunddisposition des Menschen charakterisieren, die eindeutig sensualistisch geprägt ist und damit bei La Mettrie auch mechanistisch-materialistisch, von der aber auch die Urteilskraft des Menschen abhängt, also die ratio (cf. Klingen-Protti 2016:145–149). Im L’homme machine versucht er dazu eine Definition:

Je me sers toujours du mot imaginer, parce que je crois que tout s’imagine, et que toutes les parties de l’Ame peuvent être justement réduites à la seule imagination, qui forme toutes; et qu’ainsi le jugement, le raisonnement, la mémoire ne sont que des parties de l’Ame nullement absolües, mais de véritables modifications de cette espèce de toile médullaire [Markgewebe], sur laquelle les objets peints dans l’œil, sont renvoiés, comme d’une Lanterne magique. (La Mettrie, HM 1990:58)

Die Einbildungskraft (imagination) speist sich hauptsächlich aus Empfindungen, dadurch werden mehr oder weniger unkontrolliert eine Vielzahl von Ideen hervorgebracht, die es zu bändigen gilt bzw. der Mensch muss lernen seine Urteilskraft einzusetzen, um diese Ideen exakter zu betrachten, um zu einem vernünftigen Denken zu gelangen und um die Welt adäquat erfassen zu können (cf. Christensen 1996:184–185; cf. auch: La Mettrie, HM 1990:62–64, 124).

Au contraire si dès l’enfance on acoutume l’imagination à se brider elle-même; à ne point se laisser emporter à sa propre impétuosité, qui ne fait que des brillans Entousiastes; à arrêter, contenir ses idées, à les retourner dans tous les sens, pour voir toutes les faces d’un objet: alors l’imagination prompte à juger, embrassera par le raisonnement, la plus grande Sphère d’objets […]. (La Mettrie, HM 1990:68)

In seiner Konzeption von den Wahrnehmungs- und Denkprozessen radikalisiert La Mettrie den Empirismus und wendet sich dabei gleichzeitig von seinen Vorbildern Boerhaave, Locke und Descartes ab, die allesamt sich nicht von metaphysischen Prämissen gelöst haben, während er selbst alle Voraussetzung in der organisierten Materie sieht und versucht jedwede Grunddisposition medizinisch und materialistisch zu erklären.7 Was seine Vorstellung von Sprache anbelangt bzw. den Zusammenhang von Sprache und Denken erscheint oberflächlich gesehen kein wesentlicher Unterschied zu beispielsweise Locke und seinen Ideen, die sich in der Sprache wiederspiegeln, doch bekommt die ganze Beziehung durch seinen radikaleren, oder besser, konsequenteren Grundansatz, eine andere Dimension, auch insofern als in seiner Konzeption Denken und Sprache enger zusammengedacht werden.

4.3 Sprache und Gesellschaft: Zeichentheorie

Auf den Zeichencharakter der Sprache kommt La Mettrie in dem schon erwähnten Zusammenhang mit der Problematik der Abgrenzung von Tier und Mensch zu sprechen. Bereits im Traité de l’âme werden dabei verschiedene Aspekte thematisiert. So stellt La Mettrie vor dem Hintergrund des alten physei-thesei-Streits (cf. Platon, Kratylos) die Arbitrarität des Zeichens heraus (thesei). Die Wörter der Sprache sind willkürliche Repräsentanten der dahinterstehenden Ideen, grundsätzlich also so wie auch heute noch das arbitraire du signe in der Konzeption von Saussure verstanden wird. Das ist zunächst nicht weiter revolutionär, da die Arbitrarität des Zeichens sich weitgehend durchgesetzt hatte und sich ähnliches z.B. auch bei Sanctius (1523–1601), Marin Mersenne (1588–1648), Antoine Arnauld (1612–1694) und Pierre Nicole (1625–1695),1 Géraud de Cordemoy (1626–1684) oder John Locke (1632–1704) und später u.a. bei Nicolas Beauzée (1717–1789) findet (cf. Haßler 1983:515–519; Haßler/Neis 2009:206–211).2

La Mettrie geht aber insofern darüber hinaus als er diese Willkürlichkeit nicht nur für die menschliche Sprache postuliert, sondern auch für die tierische.3 Die herrschende Meinung dieser Zeit ist jedoch, dass Tiere kein komplexes Zeichensystem haben, sondern nur ihre Empfindungen ausdrücken, wie es z.B. Johann Amos Comenius (1592–1670), Marin Mersenne oder Georges-Louis Leclerc Buffon (1707–1788) vertreten.4 La Mettrie greift hingegen auf ältere Positionen zu dieser Thematik zurück, wie sie sich bei Pierre Gassendi (1592–1655), Michel Montaigne (1533–1592) oder Jean de La Fontaine (1621–1695) finden lassen und radikalisiert diese (cf. Gunderson 1964:204; Wild 2006:142; Haßler/Neis 2009:179).

Verfolgt man die Ausführungen zur Tiersprache bei La Mettrie genau und parallelisiert man diese mit der zur menschlichen Sprache, so zeigt sich deutlich, dass er eine Saussure (cf. Cours de linguistique générale, 1916) sehr ähnliche Konzeption des Zeichens hatte: Vorstellungen (idées), Zeichenvorstellungen (signes d’idées) und willkürlich damit verknüpfte phonische oder graphische Zeichen.

Voilà des idées & des signes d’idées qu’on ne peut refuser aux bêtes, sans choquer le sens commun. […]

Qu’on ne nous objecte pas que les signes du discernement des bêtes sont arbitraires, & n’ont rien de commun avec leurs sensations: car tous les mots dont nous nous servons le sont aussi, & cependant ils agissent sur nos idées, ils les dirigent, ils les changent. (La Mettrie TA 1774:120; XI, §III)

Er geht in diesem Zusammenhang auch darauf ein, dass die Buchstaben der Schrift ebenfalls arbiträr sind und, auch hier Saussure vorgreifend, sekundär sind und später „erfunden“ wurden.

Les lettres qui ont été inventées plus tard que les mots, étant rassemblées, forment les mots, desorte qu’il nous est égal de lire des caracteres; ou d’entendre les mots qui en sont fait, parce que l’usage nous y a fait attacher les mêmes idées, antérieures aux unes & aux autres lettres, mots, idées, tout est donc arbitraire dans l’homme […]. (La Mettrie, TA 1774:120; XI, § III)

Wie so oft bei La Mettrie findet sich eine provokative Überspitzung (alles im Menschen ist willkürlich), die aber sicherlich mit Vorsicht zu genießen ist, was die eigentliche Intention anbelangt.

In dem obigen Zitat verbirgt sich jedoch ein weiteres wichtiges Moment in Bezug auf die Frage nach der Zeichenhaftigkeit der Sprache, nämlich die der Konvention, der gesellschaftlichen Übereinkunft (cf. Saussure),5 die La Mettrie dadurch ausdrückt, dass er den usage dafür verantwortlich macht, der die idées mit den mots bzw. den lettres verknüpft.

Im L’homme machine betont La Mettrie wiederum die Arbitrarität des Zeichens und verweist zusätzlich vor allem auf die gesellschaftliche Funktion des Zeichensystems der Sprache; nebenbei erklärt er, wiederum wie gewohnt eher mechanistisch-medizinisch, wie Kommunikation funktioniert.6

Rien de si simple, comme on voit, que la Mécanique de notre Education! Tout se réduit à des sons, ou à des mots, qui de la bouche de l’un, passent par l’oreille de l’autre, dans le cerveau, qui reçoit en même tems par les yeux la figure des corps, dont ces mots sont le Signes arbitraires. (La Mettrie, HM 1990:52, 54)

Diese prägnante Schilderung des Kommunikationskreislaufes, bei dem sowohl die physikalische Komponente der Übertragung impliziert wird, als auch die kognitive Repräsentation der Vorstellungen und deren Umsetzung in Zeichen, die von Mensch zu Mensch übertragen werden, ähnelt in vielen Elementen dem Saussure’schen Konzept und damit nicht zuletzt dem aktuellen Stand der sprachwissenschaftlichen Forschung.

La Mettrie betont außerdem die Schlüsselposition der Zeichen und damit der Sprache (v. supra) bei dem Erwerb von Kenntnissen und Erkenntnis (d.h. auch Wissenschaft).

Tout s’est fait par des Signes; chaque espèce a compris ce qu’elle a pu comprendre; et c’est de cette manière que les Hommes ont acquis la connoissance symbolique, ainsi nommée encore par nos Philosophes d’Allemagne.7 (La Mettrie, HM 1990:52)

Hier verknüpft sich der Themenkreis der Zeichenhaftigkeit bzw. des Zeichens in der Gesellschaft wieder mit der Frage nach dem Sprachursprung, insofern der Mensch grundsätzlich ein Bedürfnis hat (wie auch die Tiere) seine Empfindungen mitzuteilen; mit wachsender Komplexität der Gesellschaft und der damit verbundenen, komplexer werdenden Sprache wird der Geist des Menschen geschliffen (v. supra) und sein Kenntnisstand über die Welt wächst.

5 Fazit

Resümiert man nun die bei La Mettrie angesprochenen Aspekte der Sprachphilosophie bzw. die Reflexionen zur Sprache, so läßt sich folgendes konstatieren:

Die Ausführungen La Mettries zur menschlichen Sprache sind wie bei vielen anderen Philosophen der Zeit kein zentraler eigenständiger Abhandlungsgegenstand. Vielmehr sind seine Betrachtungen zur Sprache eng mit seiner philosophischen Gesamtkonzeption verbunden. Basierend auf seinen medizinischen Studien, die eben auch die physiologischen Aspekte des Körpers umfassen (Anatomie) und in direkter Auseinandersetzung mit seinen wichtigsten Vorbildern Boerhaave (Empirismus, Medizin, Chirurgie), Locke (Empirismus, Sensualismus) und Descartes (Rationalismus) kommt er zu einem sensualistischen-mechanistischen Weltbild, in dessen Mittelpunkt die sich selbst bewegende (force motrice) und empfindende Materie steht, aus der heraus alles erklärbar wird. In der Negierung von allem Metaphysischen wird die kreative Natur und die dort entstehende komplexe organisierte Materie, also das was man empirisch beschreiben kann, als die einzige Erklärungsbasis akzeptiert. Daraus resultiert auch seine Radikalität, d.h. sein reiner Materialismus, sein Atheismus und der bedingungslose Empirismus. Anders als der Titel seines Hauptwerkes L’homme machine suggeriert, ist dabei der Mensch mitnichten eine rein mechanistische seelenlose Maschine, sondern sein monistischer Materialismus veranlasst ihn dazu ein Kontinuum der Lebewesen Pflanze – Tier – Mensch zu postulieren, innerhalb dessen er z.B. auch den Tieren Empfindungen zugesteht (im Gegensatz zu Descartes) und bereits vor Rousseau zu einer sehr positiven Bewertung der Natur kommt. Die „menschliche Maschine“ ist bei ihm äußerst dynamisch und voller physikalisch-biologisch erklärbaren Empfindungen mit einem hedonistischen Telos.

Für seine Sprachauffassung, deren wesentliche Aspekte hier dargestellt wurden, bedeutet dies, dass er auch dort kompromisslose Positionen einnimmt. Dies gilt vor allem für die annährende Gleichsetzung von Mensch und Tier, sowohl was das Zeichensystem der Sprache anbelangt als auch das Erklärungsmodell zum Sprachursprung, im Zuge dessen er den Mensch letztlich der Gattung Tier zuschlägt und dies auch noch positiv bewertet. Diese Annahme ist für die damalige Zeit (und noch lange darüber hinaus), in der in erster Linie die Sonderstellung des Menschen (supériorité de l‘homme) vor dem Hintergrund der göttlichen Schöpfung betont wird, unerhört.

Die diesbezüglichen einzelnen Argumentationsstränge sind bei La Mettrie dabei nicht besonders originell, gehorchen sie doch den Themen der Zeit (wilde Kinder, Taubstumme, Papageien, Affen etc.), doch vor dem Hintergrund seiner radikalen Philosophie erscheinen sie in einem anderen Licht. Das gleiche gilt auch bezüglich der Arbitrarität der Zeichen und der Sprache in der Gesellschaft, denn auch hier bringt La Mettrie die einzelnen Aspekte sehr klar und deutlich hervor, betont die Wichtigkeit der Kommunikation in der Gesellschaft, den Zusammenhang von Sprache und Denken und den fortschreitenden Erkenntnisgewinn, der eben nur über Sprache, über die Zeichen repräsentierende imagination erfolgen kann, so dass Ideen entwickelt werden können. Dabei bleibt er im Gegensatz zu Cartesianern, die in der Sprache einen Ausdruck der ratio sehen, was wiederum die Existenz der menschlichen Seele beweisen würde und damit letztlich einen göttlichen Ursprung, streng bei einem naturwissenschaftlichen, medizinischen und atheistischen Erklärungsansatz.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass La Mettrie vor den wichtigen Schriften zur Sprachphilosophie von Condillac, Rousseau oder Herder schreibt und er hier trotz seiner dürftigen Rezeption als wichtiger Repräsentant und Impulsgeber der Sprachreflexion in der Aufklärung gesehen werden kann.

Literatur

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Abkürzungen

La Mettrie, HM = L’homme machine

La Mettrie, TM = Traité de l’âme

La Mettrie, HP = L’homme plante

Die Grammaire française von Jean Jacques Meynier aus Erlangen

Eine hugenottische Französischgrammatik des 18. Jahrhunderts

Corina Petersilka

La Grammaire Francaise, Reduite A Ses Vrais Principes, Ouvrage Raisonné est l’œuvre de Jean Jacques Meynier (1710–1783) qui fut le premier lecteur de français à l’université d’Erlangen où il resta en poste pendant plus de 40 ans. Ce descendant d’immigrés huguenots qui se disait « Français » publia à Erlangen en 1767 les deux tomes de cet ouvrage comportant une partie théorique et une partie pratique avec vocabulaire, thèmes, dialogues et lettres. Le premier tome s’inscrit dans la tradition de la grammaire latine en insistant scrupuleusement sur les pièges grammaticaux et lexicaux dans lesquels tombent communément les Allemands. À maintes reprises, Meynier relève aussi les erreurs qu’il observe dans l’expression orale de ses concitoyens huguenots « demi-français » (Meynier parle de « Teutsch-Franzosen »). Mais le volume théorique reflète également une réflexion linguistique approfondie qui se nourrit de la prise en compte de grammaires françaises comme celle de Port-Royal, De la Touche, Buffier, Restaut et Des Pepliers. De surcroît, la Grammaire francaise témoigne des méthodes d’enseignement qui régnaient à l’époque dans le Nord de la Bavière, nous informant en filigrane du processus d’intégration linguistique des réfugiés huguenots à Erlangen.

1 Leben und Werk Jean Jacques Meyniers

Jean Jacques Meynier wurde am 26.8.1710 in Offenbach als Sohn eines Strumpffabrikanten geboren (Höfer 1865:Sp. 291). Jean Jacquesʼ Großeltern waren aus Frankreich geflüchtet.1 Über seine schulische oder universitäre Ausbildung ist nichts bekannt. Der Hugenotte scheint sich autodidaktisch Kenntnisse in der französischen Sprache und Literatur sowie im Lateinischen und Griechischen verschafft zu haben. Zunächst unterrichtete der Verfasser der grammaire française in Offenbach als Privatlehrer Französisch (Schröder 1992 III:203). Im Kirchenbuch von Neu-Isenburg wird Jean-Jacob bzw. Jean Jacques Meynier anlässlich seiner ersten Hochzeit (1732 mit Susanne Grôs) schon als „Lecteur, Chantre et Maître d’École de l’Église Françoise Réformée“ in Offenbach bezeichnet (cf. Abbildung 1).


Abb. 1: Eintrag im Kirchenbuch der Ev.-Ref. Gemeinde in Neu-Isenburg anlässlich der Hochzeit Jean Jacques Meyniers mit Susanne Grôs, 1732.

Im Jahre 1738 wurde Meynier Kantor bei der französisch-reformierten Gemeinde in Christian Erlang2 und bekleidete dieses Amt bis 1745 (Fikenscher 1806 III:253). 1742 erhielt er den Posten des Lektors der französischen und italienischen Sprache an der Friedrichs-Akademie zu Bayreuth,3 die 1743 zur Universität erhoben wurde und nach Erlangen zog. Die Erlanger Neustadt beheimatete zu dieser Zeit etwa tausend Hugenotten samt ihren Nachfahren und circa doppelt so viel deutschstämmige Einwohner (cf. Hudde 1993:547; Lausberg 2007:142; Bischoff 1982:68). Meynier wirkte als Französischlektor an der Erlanger Universität und möglicherweise zumindest zeitweise auch am 1745 gegründeten Erlanger Gymnasium Fridericianum bis zu seinem Tod im Jahre 1783 (cf. Schröder 1992 III:203).4

Die meisten Schriften Meyniers sind Materialien für den Französischunterricht (Aufstellungen der Titel bei Fikenscher 1806 III:253–256; Schröder 1992 III:204–205; Höfer 1865 XXXV:Sp. 291–292). Von diesen ist die bedeutenste Frucht, die aus seiner umfangreichen Unterrichtspraxis und der Auseinandersetzung mit anderen Grammatiken (cf. Kap. 2.1) hervorgegangen ist, die hier zu behandelnde Grammaire française, reduite à ses vrais principes, ouvrage raisonné, Erlang und Nürnberg 1767. Diese Grammatik erzielte immerhin fünf Auflagen: 1767, 1776, 1783, 1781 und eine 1798 vom Sohn besorgte Ausgabe (cf. Stengel 1976:98). Teile dieser Grammatik bzw. des Vokabular-, Brief- und Gesprächsteils im zweiten Band veröffentlichte der Autor später nochmals getrennt und leicht überarbeitet unter anderen Titeln.5 Meynier verfasste auch Oden, Literarisches und Übersetzungen philosophischer und theologischer Schriften.6 Trotz herber Angriffe durch die Zensur des Markgrafen unternahm es der Hugenotte zwischen 1744 und 1771 immer wieder mit Buchhändlern aus Erlangen und Nürnberg verschiedene französische Zeitungen herauszugeben. Leider sind keine Exemplare der „Erlangische[n] Französische[n] Politische[n] Zeitung“, der „Nouvelles choisies“, des „Mélange curieux“, der „Evènements mémorables du Monde littéraire“, des „Echo de Nouvelles“ oder des „Raconteur“ erhalten (cf. Schmidt-Herrling 1930:98–101; Schröder 1992 III:205; Seifert 1972:14; Bischoff 1982:80). Dass diese „Gazetten“ erschienen sind, steht jedoch außer Zweifel, denn sie sorgten für ernste Konflikte zwischen der Universität und dem Bayreuther Markgrafen Friedrich III. (1711–1763), die in den Universitätsakten dokumentiert sind.7 Zunächst musste sich Meynier gegen den Kommerzienrat Brunner aus Bayreuth wehren, der auf sein Zeitungsprivileg pochte. Schließlich forderte der Markgraf Friedrich selbst die Universitätsleitung am 24.5.1756 auf, dass Meynier „die Zeitung liegen lassen“ solle. Zumindest sollte sie darauf achten, dass sich der Lector linguae gallicae der Zensur eines gewissen Cabrol unterwerfe. Dem Markgrafen, einerseits Schwager Friedrichs II. von Preußen, andererseits Reichsfürst, der während des Siebenjährigen Krieges eine neutrale Haltung zwischen den kriegsführenden Mächten einnehmen wollte, missfiel die offen friderizianische, preußenfreundliche Gesinnung Meyniers (Schmidt-Herrling 1930:99). Die Universität, die sich in ihrer akademischen Freiheit angegriffen sah, verteidigte den Lektor gegen den Markgrafen und wollte keinen auswärtigen, unstudierten Zensor akzeptieren.

Es lässt sich kein Hinweis auf eine Reise Meyniers nach Frankreich oder einen längeren Aufenthalt dort finden. Er starb am 9.10.1783 in Erlangen.

Der Hugenotte war viermal verheiratet. Die erste, dritte und vierte Frau schenkten ihm insgesamt sieben Töchter und sechs Söhne, wobei sechs der Kinder bereits im Kleinkindalter verstarben.8

Am meisten Spuren hinterließ der Sohn Jean Henri, später Johann Heinrich Meynier (1764–1825). Johann Heinrich trat als Französischlektor an der Erlanger Universität von 1788 bis 1825 in die Fußstapfen des Vaters. Französisch unterrichtete der Sohn auch zwischen 1791 und 1802 am Erlanger Gymnasium, wo er ebenso wie an der Universität zudem Zeichenunterricht gab (Bischoff 1982:80). Johann Heinrich Meyniers Interessen waren künstlerischer und breiter gefächert als die des Vaters. Zwar veröffentlichte auch Johann Heinrich zahlreiche Unterrichtsmaterialien fürs Französische, am bedeutendsten das Bildwörterbuch Neuer Orbis Pictus in deutscher und französischer Sprache : ein Hülfsmittel, Kindern viele nüzliche Kenntnisse beizubringen, die Lust zu Erlernung der französischen Sprache in ihnen zu erwecken, und die Fertigkeit im Sprechen zu befördern; mit vielen illuminirten Kupfern (Nürnberg 1812, 1818, 1822, 1834), sowie bei Johann Jakob Palm in Erlangen 1800 ein französisch-deutsches und 1802 ein deutsch-französisches Handwörterbuch für die Schulen und den Bürgerstand (cf. Hausmann 1989:42–45). Der Schwerpunkt seines äußerst umfangreichen schriftstellerischen Schaffens lag jedoch im Bereich der Pädagogik und Geschichte. Über 120, meist schön bebilderte Publikationen, die der naturkundlichen, historischen, geographischen und charakterlichen Bildung von Kindern und Jugendlichen dienen sollten, können Johann Heinrich Meynier zugeschrieben werden, wobei etwa die Hälfte unter einem Dutzend verschiedener Pseudonyme erschienen ist (cf. Strobach 1977:A90-A94; Bischoff 1982:80; Hausmann 1989:41–45; Schröder 1992 III:206–212; Stadtbibliothek Paderborn 1978:14–21; Hamberger/Meusel 1797:219–220).

Zwei der Töchter Jean Jacques Meyniers, nämlich Jeanette (geb. 1758) und Louise Meynier (1766–1856), arbeiteten als Erzieherinnen (cf. Stammbaum StAE III.107.M.1). Louise Meynier, verheiratete Mühler verfasste auf Deutsch zahlreiche pädagogische Kinderschauspiele und Erzählungen (cf. Bennewitz 2007:432–434).

2 Die Grammaire française von Jean Jacques Meynier
2.1 Aufbau und Bezug auf andere Grammatiken

Bereits der Titel La Grammaire Française, reduite a ses vrais principes, ouvrage raisonné lässt durch das Postulat raisonné erkennen, dass sich Meynier in die Tradition der rationalistischen Grammaire générale et raisonnée de Port-Royal der Autoren Claude Lancelot und Antoine Arnauld stellte. Der erste Kanzler der Universität Erlangen, der Hugenotte Daniel de Superville, hatte die Grammatik von Port-Royal in der Ausgabe Brüssel 1676 der Universität geschenkt, worauf der Jurist Roßmann den Lektor Meynier auf das Werk und auf das Dictionnaire von Bayle aufmerksam machte (Meynier 1746:avertissement). Der Lektor besorgte 1746 eine Neuauflage der Grammatik von Port-Royal, die er mit zahlreichen Anmerkungen versah,1 in denen er die lateinischen und griechischen Beispielsätze ins Französische übersetzte, auf die konstrastive Komponente Französisch-Deutsch abzielte oder seine Unterrichtserfahrung einfließen ließ.2 (Leider verkaufte sich diese Port-Royal-Grammatik nicht Meyniers Vorstellungen entsprechend, so dass er bei der Universitätsleitung um Erlaubnis bat, eine Bücher- und Silberlotterie veranstalten zu dürfen, bei der anscheinend jeder, der Silberzeug erloste, auch eine Grammatik kaufen musste.3)

Der ausführliche, zeitgemäß schwülstige Titel der Grammaire française (cf. Abb. 2) liefert bereits einen Überblick über ihre Gliederung. Im Folgenden soll nach einer kurzen Vorstellung der praktischen Inhalte des zweiten Bandes hauptsächlich der erste Band, also die eigentliche Grammatik, behandelt werden.


Abb. 2: Titelblatt der Grammaire française von Jean-Jacques Meynier. http://idb.ub.uni-tuebingen.de/diglit/42A14572

Der Vorstellung Meyniers nach soll der Lerner die im ersten theoretischen Teil erworbenen Kenntnisse über den Aufbau der Sprache im zweiten praktischen Teil anwenden und einüben. Festigen soll sich die im ersten Teil erworbene Regelkenntnis vor allem durch das Hin- und Herübersetzen der Texte im zweiten Teil. Meynier pocht auf die Wichtigkeit der Erlernung und Anwendung von Grammatikregeln (cf. I préface, 4 recto) und setzt sich somit von der älteren Parliermethode, also der ungesteuerten Immersion ins Französische mit einer französischen Gouvernante oder einem Hauslehrer, ab (cf. zur Parliermethode: Kuhfuß 2014:508). Mit seiner Grammaire française veröffentlichte Meynier schon 16 Jahre vor Johann Valentin Meidinger, dessen Praktische Französische Grammatik 1783 zum ersten Mal erschien, ein Lehrbuch, das der Grammatik-Übersetzungs-Methode zuzurechnen ist. Die Grammatik-Übersetzungs-Methode, auch synthetische, gemischte und später „traditionell“ genannte Methode, war die bis weit ins 19. Jahrhundert vorherrschende Vermittlungsmethode (Kuhfuß 2014:509–516). Mit seinem ausführlichen, kontrastiv französisch-deutschen Regelteil und seinem auf Nützlichkeit und Anwendung ausgerichteten praktischen Teil mit Musterdialogen und vor allem Übersetzungen zur Regeleinübung lieferte Meynier ein frühes Beispiel für die Umsetzung dieser gemischten Vorgehensweise. Der Hugenotte befand sich also methodisch-didaktisch auf der Höhe seiner Zeit (cf. Hausmann 1989:40).

Im Titel wirbt Meynier damit, dass in seinem Werk „alles nach dem Grundriß der Grammaire des Herrn des Pepliers“ verfasst sei. Diese Aussage trifft zu, es gibt aber viele Unterschiede in der Anordnung und Ausführlichkeit der Kapitel sowie bei den Beispielsätzen. Meyniers Grammaire française ist insgesamt etwas umfangreicher als die Des Pepliers und enthält im Unterschied zu Des Pepliers zahlreiche thèmes.4 Bei Meynier wird mehr erklärt, bei Des Pepliers finden sich längere Beispiellisten. Ein systematischer Vergleich von Meyniers mit Des Pepliers Grammatik kann hier jedoch nicht geleistet werden.5 Im Folgenden werden nur einige Schlaglichter auf die unterschiedlichen Schwerpunkte in diesen Grammatiken geworfen. Des Pepliers Grammaire royale françoise, Berlin 1689, erreichte bis 1811 über hundert Auflagen und wurde ins Dänische, Russische, Schwedische und Niederländische übersetzt. Es handelte sich um eine der berühmtesten und meist verkauften Fremdsprachengrammatiken des 18. Jahrhunderts (Kuhfuß 2014:351).6 Des Pepliers stand z.B. auch auf dem Lehrplan des 1745 gegründeten Erlanger Gymnasiums (Gymnasium Fridericianum 1950:40).

2.1.1 Struktur des praktischen Teils

Meyniers zweiter Band enthält thematisch geordneten französisch-deutschen Wortschatz zu sämtlichen Lebensbereichen (Religion, Verbrechen, Tugenden, Handwerke, Fechten, Spiele, Pflanzen, Länder, Wasserwege etc., II, 1–192) jeweils begleitet von deutschen Texten, die das fragliche Vokabular enthalten und die ins Französische übersetzt werden sollen. Diese thèmes sind bei Des Pepliers nicht vorhanden.1 Meistenteils handelt es sich bei dieser Wortkunde um nominallastige Wortlisten. Meynier fügt jedoch auch immer wieder Anmerkungen zu „Redensarten“, aus heutiger Sicht zu Fragen der korrekten Kollokation ein, welche die Ausbeute seiner langjährigen Unterrichtserfahrung sind.2 Ein weiterer Bestandteil des zweiten Bandes sind 50 Musterdialoge auf Französisch (II, 193–243).3 Die recht biederen Gespräche, z.B. über das Wetter, die Gesundheit, das Essen oder Anstandsregeln, liefern Mustersätze für die Alltagskommunikation, Phrasen zur Anwendung in Gesellschaft, bei einem Arztbesuch, beim Ausritt, auf Reisen, beim Schneider, im Theater, etc. Manche Dialoge weisen ein gewisses fränkisches Lokalkolorit auf.4 Aufschlussreich ist in unserem Zusammenhang vor allem der 50. Dialog Le maître et le disciple, in dem der Schüler fragt, wie er die Grammaire française benutzen soll. Hier stellt Meynier nochmals ausführlich seine auf Regelkenntnis und Hin- und Herübersetzung basierende Methode dar. Darauf folgen 101 Saillies heureuses (II, 243–263). Es handelt sich um geistreiche historische Zitate und Episoden. Nicht fehlen darf in einem Lehrbuch der Zeit eine Abhandlung übers Briefeschreiben. In seinen Remarques sur les lettres (frz., II, 264–268) gibt Meynier auch kontrastiv-pragmatische Hinweise, z.B. übers Glückwunschschreiben.5 Gefolgt werden diese theoretischen Äußerungen von 81 französischen Beispielbriefen (II, 269–298), jeweils Schreiben mit Antwortschreiben, die Gängiges (Liebesbrief mit positivem und negativem Antwortbrief), aber auch aus heutiger Sicht Kurioses enthalten wie z.B. die notification de la mort d’un fils libertin (II, 271). Geschäftsbriefe (frz., II, 285–298), begleitet von Erklärungen zu Wechselbriefen Des lettres de change (frz., II, 298–302), nehmen wenig Raum ein. Es findet sich zudem ein Titularteil (frz., II, 302–310) Courtes Instructions Sur La manière d‘écrire & d’adresser les lettres. Auf diese Hinweise zu Anreden und Schlussformeln in Briefen folgt Von den Überschriften der Briefe (dt., II, 310–313), wo abgehandelt wird, wie die Adresse auf dem Briefumschlag zu verfassen ist. Der zweite Band schließt mit einigen Seiten (dt., II, 313–318) zu Namen der Bedienungen, Würden, Charakters und Professionen.

2.1.2 Struktur der eigentlichen Grammatik

Kommen wir nun zum Aufbau der eigentlichen Grammatik im ersten Band. Auf ein französisch formuliertes préface, auf dessen programmatische Aussagen noch zurückzukommen sein wird, und ein deutsch verfasstes Register folgt der Theorieteil der Grammatik auf Deutsch, was sich dadurch erklärt, dass sich diese Lernergrammatik an deutsche Schüler, Studenten und Lehrer richtete. Meynier entschuldigt sich am Ende des préface für sein schlechtes Deutsch: „Si mon stile allemand n’est pas partout dans sa pureté; on n’a qu’a se rapeler, que je suis Français“ (I, 5 verso).1 Diese Aussage erstaunt einigermaßen von einem in Deutschland geborenen Hugenotten der dritten Generation und war vielleicht als Verkaufsargument gedacht.

Meyniers Werk zeigt die klassische Anordnung in der Tradition der lateinischen Grammatik (cf. Chevalier 1994:12): auf Ausführungen zu Orthographie, Aussprache und Prosodie folgen Kapitel zur Etymologie (das ist Morphologie-Syntax) und schließlich zur Syntax.

Im ersten Abschnitt (I, 1–56) behandelt Meynier die Orthographie und Aussprache von Vokalen,2 Konsonanten, die Silbenlänge, die Liaison und die Orthograpie aus kontrastiv französisch-deutscher Perspektive. Dieses Kapitel ist weit ausführlicher als bei Des Pepliers – Meynier hatte ja bereits zuvor zur Aussprachelehre publiziert3 – und weist die für die Zeit typische terminologische Unschärfe zwischen Laut und Buchstabe auf. So schreibt Meynier zur Vokallänge:

Lang sind auch mehrentheils die End-Sylben, wenn sie einen oder einige hartlautende Consonantes haben, als: toujours, amour, trésor, constant, patient &. (Meynier 1767 I:37)

Er trennt also nicht immer klar zwischen Lauten, d.h. in seiner Sicht Buchstaben, die ausgesprochen werden wie das –r in amour, und Buchstaben, die schon zum Ausgang des Mittelalters verstummt sind wie –t in constant und patient. Meynier versucht, die Aussprache des geschriebenen Französischmithilfe der französischen und deutschen Grapheme sowie anhand von Vergleichen mit dem Deutschen4 bzw. mit deutschen Varietäten wie Fränkisch5 oder Niederdeutsch6 zu beschreiben. An zwei Stellen beruft er sich zur Entscheidung der Sprachrichtigkeit auf Pierre Restaut.7 Bisweilen behilft er sich mit der Aussage, man müsse diesen oder jenen Laut „aus dem Munde eines Franzosen pronunciren lernen“.8 Meyniers Ausführungen spiegeln die Aussprache des 18. Jahrhunderts wider,9 wobei er bei manchen Aussprachegewohnheiten einen Sprachstand früherer Jahrhunderte besessen zu haben scheint.10 Einige seiner Empfehlungen muten schließlich seltsam an.11 In vielerlei Hinsicht ähnelt seine Aussprache der, die sich bei seinem Zeitgenossen Friedrich II., König von Preussen, der von Hugenotten erzogen wurde, anhand seiner phonographischen Schreibweise rekonstruieren ließ.12

Im zweiten Abschnitt De l’Etimologie […] Von der Wortforschung“ (I, 57–171) beschreibt Meynier, weiterhin stets aus einer kontrastiv französisch-deutschen Warte, die einzelnen Wortarten. Wie Port-Royal und Des Pepliers unterscheidet er neun partes orationis: Articulus, Nomen, Pronomen, Verbum, Participium, Adverbium, Praeposition, Conjunction und Interjection (I, 57). Dieser Teil entspricht mit Umstellungen in der Reihenfolge und unterschiedlicher Ausführlichkeit dem Vorgehen bei Des Pepliers. Meynier behandelt z.B. die Genus- und Numerusmarkierung beim Nomen sehr detailliert und liefert unter Regeln vom Genere für einen Lateiner eine gereimte Liste von Wörtern, die im Französischen im Gegensatz zum Lateinischen feminin sind (I, 68–76). Zu Beginn dieses Wortartenkapitels verweist Meynier (I, 57) wie Des Pepliers (1767:20) auf den Père Buffier, der nur Nomen und Verbum unterschieden habe.13 Meynier bezieht sich außerdem auf Port-Royal, wenn er schreibt, dass auch er „nach der Vernunftlehre oder Logic“ eigentlich nur zwei Hauptteile, Nomination und Affirmation, unterscheide und empfiehlt zu diesem Thema seine Allgemeine Sprachkunst (I, 57).14

Meynier (wie Des Pepliers) hält an der Übertragung der lateinischen Kasusbezeichnungen aufs Französische fest. In der Grammatik von Port-Royal, die Meynier ja selbst mit einer Edition bedacht hatte und deshalb gut kannte, wurde das Konzept ‚Kasus‘ fürs Französische schon in Frage gestellt:

Il est vrai, que, de toutes les langues, il n’y a peut-être que la grèque & la latine, qui aient proprement des cas dans les noms. (Meynier 1746:35)15

Das Konzept complément entstand erst durch Du Marsais und Beauzée, vorbereitet von Buffier, Restaut und Girard, die versuchten, sich von der lateinischen Grammatiktradition zu lösen (Swiggers 1983:275; Chevalier 1968:650).

Mehr Raum als Des Pepliers räumt Meynier in diesem zweiten Abschnitt z.B. dem Gebrauch der Präpositionen ein (I, 142–145, 164–167), deren Erlernung er als „eins der Nothwendigsten Stücke in der Französischen Sprache“ (I, 166) bezeichnet.

Dieser Teil schließt mit einem Kapitel zur Wortforschung (I, 152–172), das sich bei Des Pepliers nicht findet und in dem Meynier kenntnisreiche Ausführungen zu historischer Lexikologie, zu Wortbildungsregeln, Semantik (Polysemie, Metaphorik) und Varietätenlinguistik avant la lettre liefert.

Der dritte und größte Abschnitt der Grammatik, de la sintaxe (I, 172–318), behandelt, „wie diese Materialien müssen zusammen gefüget und gebrauchet werden“ (I, 172). Immer wieder nennt Meynier aus einer spürbar jahrzehntelangen Unterrichtserfahrung heraus all die Fallen, in die freilich auch heutzutage noch die germanophonen Französischlerner tappen.16 Meyniers didaktischer Impetus ließ ihn ausführlicher als Des Pepliers vor allem auf folgende Fragen eingehen: Satzgliedstellung (I, 185–200), Verneinung (I, 182–184, 295–302), Particuln (kontrastiver Artikelgebrauch, I, 206–216, 229–231), unpersönlicher Ausdruck (I, 240, 290–294), die Ungewissen (Indefinitpronomen und Indefinitbegleiter; I, 246–250). Wichtig sind ihm die Kasus (Präpositionalgebrauch oder direkter Anschluss, u.a. I, 250–260). Tiefer gehend ist auch der Abschnitt über das participe présent, gérondif und adjectif verbal (I, 271–275). Weniger hing sein Grammatikerherz offensichtlich am Adverb, am accord des Participio Passivo oder Supino (also des participe passé) und an Tempus- und Modusfragen, was er kürzer abhandelt als Des Pepliers. Interessant ist jedoch seine Bemerkung, das passé surcomposé sei „im gemeinen Reden fast unentbehrlich“ (I, 281). Sein Beispielsatz zum Imparfait, „wann eine oft wiederholte Handlung soll exprimieret werden“, verrät vielleicht etwas über den Unialltag im 18. Jahrhundert:

Quand j’étois à Erlang, j’alois au manége, & j’y montois ordinairement 3. chevaux par jour; je faisois des armes, j’aprenois à dancer, je m’apliquois aux Etudes & c. (Meynier 1767 I:278)

Meyniers Syntaxkapitel schließt mit einem bei Des Pepliers nicht enthaltenen Abschnitt zur Phraseologie (I, 313–318), in dem es um Idiomatik, Barbarismi, Solecismi (Fehler des „Pöbel“), Gallecismi und „gaskognische Böcke“ geht. Dort führt er aus, dass er gerne ein phraseologisches Dictionaire verfassen würde, in dem man alle Gallecismi und Germanismi (frz.-dt. und dt.-frz.) nachschlagen könnte. Als Vorbild zitiert er das Buch des Jesuiten Pomey über die Particuln (I, 318).17 Immer wieder hadert Meynier mit der Grenze zwischen Grammatik und Lexikon bzw. „Phraseologie“ (I, 317) und ermahnt sich selbst, keine überlangen Beispiellisten aufzuführen für idiomatische Ausdrücke, die man besser aus dem Wörterbuch lernen solle (z.B. I, 303 zu Adverbien, I, 259, 260, 305 zu Präpositionen, I, 307 zur Konjunktion que). Für die Wortschatzarbeit empfiehlt er zu Fragen der Polysemie und der Adjektivstellung das Wörterbuch Richelets und rät „daß mann fleißig in einem guten Dictionnair oder gute Autores lese, wo mann dann mehr lernen wird als durch verdrießliche Regeln und Exceptiones“ (I, 178).18

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