Kitabı oku: «Spiritualität der Ökumene - Ökumenische Spiritualität»

Yazı tipi:

Arbeitsgemeinschaft Theologie der Spiritualität

Spirituelle Theologie

Band 2

Corinna Dahlgrün (Hg.)

Spiritualität der Ökumene – Ökumenische Spiritualität

echter

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

© 2011 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter-verlag.de Gestaltung: Hain-Team, Bad Zwischenahn (www.hain-team.de) ISBN 978-3-429-04622-4 (PDF) ISBN 978-3-429-06002-2 (EPUB)

Inhalt

Corinna Dahlgrün

Vorwort

Josef Freitag

Spiritualität der Ökumene

Manfred Seitz

Bibelarbeit zu Eph 4,1–6.11–15

Kees Waaijman

Ökumenische Aspekte in säkularer Spiritualität

Corinna Dahlgrün

Der Ökumenische Kirchentag in München

Corinna Dahlgrün

Ökumenische Spiritualität in der AGTS – Gestalten und Visionen

Josef Freitag

Bibelarbeit Eph 2,11–22: Die Einheit von Juden und Heiden in Christus

Corinna Dahlgrün

Iona – Ökumenische Spiritualität in der Praxis

Rowan Williams

The Fellowship of the Baptized

Vorwort

Corinna Dahlgrün

Die „Arbeitsgemeinschaft Theologie der Spiritualität (AGTS)“ ist seit ihren Anfängen ökumenisch zusammengesetzt, mittlerweile ist sie eine von ihrer Intention wie ihrer Struktur her ökumenische Gemeinschaft. Nun hat es ökumenisches Bemühen gegenwärtig nicht leicht: Missverständnisse erschweren die Gespräche, Irritationen bei allen Partnern weisen auf das Noch-nicht-Verheiltsein alter Verwundungen hin, verschiedentlich werden Stagnation der Bemühungen und Abkühlung der Kontakte konstatiert. In dieser Situation schien es uns sinnvoll, innerhalb der AGTS die Frage der Ökumene, genauer: des Zusammenhangs von Spiritualität und Ökumene zum Thema zu machen. Während der Tagung im September 2010 in Würzburg bedachten wir also in Form von Vorträgen, Bibelarbeiten (eine vom Deutschen Evangelischen Kirchentag her vertraute Form der Eröffnung des Tages) und substanzreichen Diskussionen, wie die Spiritualität der Ökumene und wie eine spezifisch ökumenische Spiritualität aussehen könnten. Der Ertrag unseres Nachdenkens ist in diesem zweiten Band der Reihe „Spirituelle Theologie“ dokumentiert.

Der Eröffnungsvortrag von Josef Freitag zur „Spiritualität der Ökumene“ weist mit Nachdruck auf das allen ökumenischen Partnern gemeinsame Fundament in Christus hin, auf die allen in der Taufe gegebene neue Wirklichkeit. Von dorther bestimmt er die Sensibilisierung für den Schmerz, der aus der Trennung erwächst, und die Achtsamkeit für die jeweiligen Verwundungen als unverzichtbar, ebenso aber das Bemühen um ein ‚Leben aus der Begegnung’. Ein solches Leben könne in konkreten ‚ökumenischen Haltungen‘ realisiert werden, wie sie etwa im Gebet als ‚Zugangsweg zum Anderen‘ oder in der Wertschätzung der ‚Ökumene vor Ort‘, der Ökumene mit konkreten Partnern gegeben seien.

Die Bibelarbeit von Manfred Seitz zu christlicher Einheit (Eph 4,1–6.11–15) fordert mit dem Verfasser des Epheserbriefes Respekt für den anderen, wenn Einheit fehle, und bestimmt weiterhin ‚Einheit‘ als ‚Pluralität mit einem tragenden Grund’, der in Christus gegeben sei.

Kees Waaijmans Vortrag „Ökumenische Aspekte säkularer Spiritualität“ weitet den Blick auf primordial bestimmte inidigene (im Sinne von dem Menschen in seiner geschöpflichen Ausstattung mitgegebene) Spiritualitäten, die sich gleichermaßen in den biblischen Schriften, etwa den Psalmen, in der Areopagrede des Paulus (Act 17), in den „Werken der Barmherzigkeit“ und in heutiger säkularer Spiritualität fänden, wie sie in Interviews mit Bauern oder Mitarbeitern im Gesundheitswesen wahrzunehmen sei. Dabei lässt die Konzentration auf die gemeinsamen Strukturen die ökumenische Übereinstimmung und nicht mögliche Differenzen in den Vordergrund treten.

Einige Beobachtungen zu Ökumenischen Kirchentagen stellt Corinna Dahlgrün an. Sie fokussiert dabei einige besondere Formen ökumenischer Annäherung und resümiert: Eine solche Bewegung aufeinander zu, wie im Vorschlag Philipp Harnoncourts zum punktuellen eucharistischen Fasten oder in der gemeinsamen Mahlfeier von Altkatholiken und Anglikanern, bedeute für die jeweils Beteiligten immer auch ein partielles Aufgeben von Vertrautem, eine Veränderung des eigenen Standpunktes. Dies aber ermögliche Verbundenheit trotz differierender Meinungen.

Die verschiedenen Impulse wurden in einer immer wieder auch kontroversen Diskussion aufgenommen, über die Corinna Dahlgrün berichtet. Die positiven Erträge der Gespräche werden wegen ihrer möglichen Bedeutung für die Anliegen der Ökumene hier wiedergegeben: Die ökumenischen Partner seien um der Ganzheit willen aneinander gewiesen; dies könne in gemeinsamem Tun und Beten und in einem wechselseitigen Mitleben und Mitfeiern der jeweiligen Gottesdienste zum Ausdruck kommen.

Eine weitere Bibelarbeit zum Epheserbrief (Eph 2,11–22) von Josef Freitag ergänzt das Bisherige um die wesentliche Frage, wie denn die Feindschaft untereinander zu überwinden sei, und betont mit der Perikope, dass dies nur in Christus geschehen könne, in dessen Person allein die Versöhnung bereits geschehen sei: „Denn er ist unser Friede.“

Schließlich erfolgt ein Blick auf eine tatsächlich gelebte Form ökumenischer Spiritualität, wie sie sich in der Kommunität von Iona zeigt. Corinna Dahlgrün zeichnet anhand der ‚rule of life‘ die besonderen Akzente dieser Gemeinschaft nach, die darin gesehen werden könnten, dass hier jeder seine Mitchristen als ebenso ernsthaft in der Gottesliebe und auf dem Weg der Nachfolge Christi befindlich ansehe wie sich selbst.

Naturgemäß ist die Zahl der Fragestellungen, die bei einer Tagung gemeinsam bedacht werden können, begrenzt, und naturgemäß fehlen darum in diesem Band wichtige Themen aus dem Zusammenhang ökumenischer Spiritualität. Darum ist es uns eine besondere Freude, eines dieser Themen im Nachhinein ergänzen zu können, das der konfessionsverbindenden Ehen und Familien. Rowan Williams, der Erzbischof von Canterbury, hat uns freundlicherweise erlaubt, seinen Vortrag „The Fellowship of the Baptized“ in unserem Jahrbuch ein weiteres Mal zu veröffentlichen1. Er macht deutlich, dass die in Christus Getauften dort seien, wo Christus infolge der Inkarnation wie infolge seines Sterbens und Auferstehens sei, nämlich in der Gemeinschaft mit Gott und zugleich im Zentrum der Finsternis, des Chaos. Für die Gemeinschaft der Getauften bedeute das, dass sie ebenso in Christus geeint wie durch Spaltung untereinander und durch Trennung von Gott verwundbar seien. Doch im Leib Christi wirke der Geist immer von neuem heilend, darum sei die Gemeinschaft der Getauften immer zugleich gebrochen und erneuert. In diesem Zusammenhang seien die konfessionsverbindenden Ehen ein sakramentales Zeichen der göttlichen Gnade für die gesamte Kirche. Sie machten in besonderer Weise das Wesen der Taufe deutlich, denn sie seien eine physisch greifbare Verkörperung der verheißenen Liebe in allen Enttäuschungen und Trennungen und wiesen damit zugleich über sich selbst hinaus als ein eschatologisches Zeichen mit transformativer Kraft.

Gemeinsames Tun ist, so wurde auf der Tagung immer wieder festgestellt, ein Weg zu ökumenischer Gemeinschaft. In diesem Sinne kann hoffentlich auch die Veröffentlichung der gehaltenen Vorträge und Bibelarbeiten zum Nachvollziehen des gemeinsam Getanen und so als ein Schritt zur „Einheit in Christus“ dienen.

1 Die Erstveröffentlichung erfolgte in: INTAMS review 16 (2010) 83–87.

Spiritualität der Ökumene

Josef Freitag

Was ich vortragen möchte, entstammt eigenen ökumenischen Erfahrungen, eigener Praxis und eigener Reflexion. Es ist weder eine Abhandlung des Themas noch aus einschlägiger Literatur zusammengestellt. Es ist nicht abgeschlossen, sondern ein offenes Angebot.

Beim Lesen eines Bildbandes von Marko Ivan Rupnik SJ, slowenischer Jesuit, Künstler und Theologe, der im Centro Aletti (Rom) lebt und östliche und westliche christliche Glaubenswelt zu verbinden versucht, fand ich ein mögliches Motto für mein Vorhaben:

Love is the force that creates a symphony out of contrasts.

The heart of the universe desires a unity without mutilations.

Liebe ist die Kraft, die eine Symphonie aus Kontrasten heraus erschafft.

Das Herz des Universums verlangt nach einer Einheit ohne Verletzungen.1

Auf der gleichen Seite schreibt er: God is free relationship, communion, love. Sin divorces humanity from God, forcing us into isolation and thus towards death, since everything that is not in communion dies.

Gott ist freie Beziehung, Gemeinschaft, Liebe. Sünde scheidet die Menschen von Gott und zwingt uns in Isolation und so zum Tod, denn alles, was nicht in Gemeinschaft steht, stirbt.

Jesus sagt unmissverständlich: „Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben.“ (Mk 3, 24 f par) Ökumenische Spiritualität hat im Endeffekt exakt mit dieser Spannung von Gemeinschaft und Leben einerseits, Trennung, Spaltung, Isolation und Tod andererseits zu tun

1. Grundlagen: Wie sagen wir wir? Wie wollen wir wir sagen?

Wen meinen wir, wenn wir als Christen wir sagen? Vielleicht können wir uns anhand dieser Frage über unsere ökumenische Einstellung und Spiritualität klarer werden.

Wer sind, wenn wir wir sagen, die anderen, die nicht zum wir gehören? Wo ziehen wir, ohne nachzudenken, die Grenze?

In den offiziellen Papieren reden beide großen Kirchen in Deutschland, die katholische wie die evangelische, von Kirche fast immer so, als gäbe es die andere Kirche nicht, sondern nur die eigene. Das ist eigentlich der alte theologische Singular aus vorökumenischer Zeit. Wer sind „die anderen“, wenn wir von uns als Kirche reden? Sind sie auch Christen oder wirklich Nichtchristen? (Übrigens bleibt die Rede in beiden Fällen selbstbezogen, ist nie vom anderen her oder mit ihm zusammen gedacht). Sind die anderen (Christen) ein bloßes Gegenüber? Auf dem Boden welcher – verbindenden – Gemeinsamkeit sind sie die anderen oder andere? Welches Verhältnis haben wir zu ihnen? Ist es stärker von der Gemeinsamkeit oder von der Differenz, dem Anderssein, bestimmt?

Sind sie andere als Fremde, als eine gegenüber stehende, unbekannte Gruppe, oder sind sie andere, wie Yves Congar programmatisch formuliert hat, als chrétiens désunis, als un-geeinte Christen, die einmal zusammengehörten, aber infolge von Spaltung, Trennung oder Scheidung bis heute ent-zweit, genauer: ent-eint sind? Das Gemeinte ist zu verdeutlichen.

Aus Münster in Westfalen gebürtig, arbeite ich jetzt in Erfurt/Thüringen. Neue Bundesländer oder ehemalige DDR oder Osten oder „anderes“ Deutschland wird diese Gegend zumeist genannt. Immer wird der Unterschied benannt, nicht das dortige Selbstverständnis.

Was ist wirklich vorgegangen, dass wir und bis wir Deutschland, wenn auch mit Mühe, auf welchen Wegen auch immer, irgendwie wieder zusammen gebracht und als Einheit verwirklicht haben? Gerade weil Deutschland infolge des Nationalsozialismus und des Krieges de facto machtmäßig, politisch und vor allem ideologisch gespalten war, gehörte paradoxer wie unvermeidlicher und bezeichnender Weise zur Identität der DDR die BRD dazu und zur Identität der BRD die DDR. Keiner der beiden Staaten konnte sich selbst verstehen und in seiner Selbstbestimmung handeln, ohne zugleich den anderen als zur eigenen Identität im Kontrast als dazugehörig, wenn auch ungewollt zugehörig, zu wissen und zu berücksichtigen. Man konnte die DDR nicht ohne Bundesrepublik denken und die Bundesrepublik nicht ohne DDR – gerade wegen des Alleinvertretungsanspruches (vgl. die Hallsteindoktrin). Das Gegenüber gehörte gerade durch die Abgrenzung zur eigenen Existenz. Hier war der andere, den man unreflektiert im Sinn hatte, so etwas wie der Systemkonkurrent, der für das eigene Selbstverständnis unbewußt und ungewollt mitkonstitutiv war, ohne den man sich selbst de facto nicht verstand; der wohl abgeblendet wurde, aber nicht auszublenden war.

Der Andere ist unter Umständen zugleich der Böse, der das Unrecht begeht, das wir systematisch ablehnen. Der Gewalt ausübt, die wir nicht anwenden. Der Unterdrückung betreibt, die bei uns nicht vorkommt. Der kollektiv denkt, was bei uns nicht der Fall ist, usw. So lebt man aus Kontrasten (bis zu Projektionen), statt aus einem Verhältnis zur Wirklichkeit des anderen und des eigenen Selbst.

Ein solches enteintes Gegenüber kann unter Umständen viel schärfer trennen als ein sogenannter „Erbfeind“, der immer schon der andere, der Feind war. Die DDR und unter Umständen der andere Christ ist der andere, das Gegenüber geworden – das ist viel schmerzhafter und trifft viel tiefer, als wäre er von Anfang an ein fremder, äußerer anderer gewesen.

Wir haben als Christen eine gemeinsame Geschichte, wir sind durch denselben tragenden Bezugspunkt miteinander verbunden, mehr noch: zur Gemeinschaft gerufen. Genau in dieser Verbundenheit aber sind wir gespalten, enteint.

Kann man den Anderen, das Gegenüber, auch in einem ganz anderen Bild verstehen, mit einem anderen „Schlüssel“ erschließen statt wegschließen, nämlich wie das Gegenüber beim Tennis, eben als anderen, ohne den Tennis überhaupt nicht zu spielen ist? Er ist dann der andere als Partner, ohne den nichts geht, ohne den man allein gar nicht spielen kann. Er ist mein Gegner nur insofern, als ich mich spielerisch besser erweisen, mich trainieren, an ihm steigern will und kann. Aber ich muss ihn nicht besiegen, schon gar nicht ausschalten oder absorbieren (vielmehr von ihm lernen, wo er besser spielt als ich). Ich brauche den „Gegen-spieler“ als Mitspieler. Spiele ich so, dass ich mit ihm spielen kann und dass ich mit ihm spielen kann?

In welchem Sinn ist der andere Christ, die andere Kirche für mich mein Gegenüber? Wie stehe ich und wie verhalte ich mich zu ihr und wie gehe ich mit ihr um?

Spiritualität der Ökumene sieht im anderen Christen und der anderen Kirche ein relatives Gegenüber, mit dem ich auf gemeinsamem Grund und Boden stehe, nämlich dem Boden des Glaubens an Jesus Christus. In diesem Glauben sind mindestens die Taufe und der Heilige Geist gemeinsam gegeben (die Sünde, der Widergeist, trennt immer!), d. h. das Fundament und das tragende wie leitende Prinzip.

Die Formel dafür, dass das Tragende und Verbindende stärker ist als die Spaltung, lautet: Die Spaltung ist nicht bis in die Wurzel gegangen.

Oder: Was uns eint, ist stärker als das, was uns trennt.

Doch wird in diesen Formeln nicht mitgesagt und bleibt meist unbedacht, was weiterhin trennend wirkt und was das Entzweitsein, die Ungeeintheit und Trennung umso schmerzhafter oder widersinniger andauern lässt. Das Trennungspotential darf man um der Einheit willen nicht außer Acht lassen, auch wenn es nicht grundlegend und tragend ist. Es steht nicht in Entsprechung zum tragenden und verbindenden Grund und kann und darf daher nicht entscheidend bleiben.

Deswegen heißt Spiritualität der Ökumene oder ökumenische Spiritualität: Es gibt diesen gemeinsamen Wurzelgrund, der fundamental verbindet, trägt und nährt. Er ist die eigentliche und wirkliche Kraft, aus der wir leben und die uns verbindet. Aber sie hat die Trennung noch nicht überwinden können, ihre volle Wirksamkeit und ihr Ziel noch nicht erreicht. Wie kann sie umfassend verbindend werden? Wie entsteht aus Kontrasten die Symphonie? Wie kommt es zur Versöhnung der Getrennten (wie zwischen BRD und DDR, wie zwischen Deutschland und Frankreich)?

Biblisch drückt der Hebräerbrief die trennende Differenz und die diese Differenz überwindende Kraft im Tiefsten so aus. „Er, der heiligt und sie, die geheiligt werden, [der Erlöser und die zu Erlösenden, die Sünder], stammen alle von dem einen ab. Deswegen scheut er sich nicht, sie Brüder zu nennen.“ (Hebr 2, 11; das „deswegen“ fasst Hebr 1,1–2,10 zusammen) Der eine Ursprung aus Gott, dem Vater, vermag den Abgrund der Spaltung sogar zwischen Heiligendem und Sündern zu überwinden. Warum dann nicht auch die Differenz unter Brüdern, unter Geschwistern?

Im 2. Vatikanischen Konzil (1962–1965) hat die katholische Kirche mühsam gelernt, statt von acatholici von getrennten Brüdern (fratres seiuncti, losgebundenen, ent-bundenen) zu reden; dabei ist Bruder (bzw. Schwester) das Nomen, getrennt ist das Adjektiv, die Zustandsbeschreibung, nicht die Substanz der Sache. Diese liegt in der Bruderschaft, die als Brüderlichkeit/Geschwisterlichkeit gelebt sein will. Die Annahme durch Christus ist entscheidender als alle Ablehnung und daraus resultierende Trennung untereinander.

Wir, das sind für alle Christen grundlegend alle Christen, alle Getauften, nicht nur die eigenen Gruppe! (Jede Spaltung macht beide Seiten zu einem Teil des Ganzen, stuft sie zur Gruppe herab. Das Ganze ist keiner der Teile mehr, selbst wenn ein Teil behauptet, die Strukturen zu haben, das Ganze darzustellen.)

Christus geht in seinem Brudersein viel weiter und tiefer, als wir Menschen es können. Wenn wir aus ihm und seinem Bruderwerden leben, kann seine Kraft, sein Geist der Versöhnung, zum Zuge kommen. Es geht darum, in unserer christlichen Geschwisterlichkeit deren Quelle, das Bruderwerden Christi, der in allem uns gleich wurde außer der Sünde (vgl. Hebr 4,15: versucht wurde, aber nicht gesündigt hat), wirklich zur Wirkung kommen zu lassen.

Die ökumenische Spiritualität nicht nur als eine Frage der Weite (alle Christen), sondern gerade der Tiefe, nämlich der Haltung Christi, zu sehen, lernte ich von Kardinal Bea, dem ersten Präsidenten des 1960 neu errichteten vatikanischen Einheitssekretariates. Er hielt noch vor Konzilsbeginn allenthalben Vorträge, um mit einer Theologie der Taufe, dass diese alle Getauften sakramental verbinde und überdies in die Brüderlichkeit Christi hineinnehme, Bischöfe und Katholiken für den ungewohnten, bis dahin nicht akzeptierten Ökumenismus zu gewinnen. Er erntete kräftigen Widerspruch von Kardinal Ottaviani aus der Glaubenskongregation: Wenn dem so sei, repräsentierten dann die Konzilien der katholischen Kirche wirklich die Universalkirche? Müssten nicht die anderen Christen einbezogen werden? Solche Fragen lassen sich von einem Ansatz bei der Taufe nicht trennen. Aber sie zeigen weniger seine Ambivalenzen als vielmehr seine Amplitude, d. h. seine Weite und Tiefe.

Es heißt von Christus ausdrücklich: „Er scheut sich nicht, sie Brüder zu nennen, denn …“ Die Quelle zur Versöhnung und die Versöhnungsnotwendigkeit ist nicht nur die tatsächliche Grundlage, sondern auch die nicht versiegende Quelle und treibende Kraft des Ökumenismus. Wir dürfen die Weite und Tiefe des Handelns und Geistes Christi nicht unterbieten, verkürzen, depotenzieren oder der Welt vorenthalten.

Die in der Taufe mitgegebene Wirklichkeit, in der alle Christen deutlich geeint sind, ist der Hl. Geist. Jedem Christ und jeder Christin ist durch die Taufe der Hl. Geist gegeben. Das macht die Unterscheidung der Geister nicht überflüssig, sondern erfordert sie permanent, aber eben, weil der Hl. Geist gegeben und deswegen in seinen Weisungen zu befolgen ist. Ohne die anderen Christen als Geistbegabte und Geistgeführte, wenn auch gegebenenfalls in concreto Irregeführte anzunehmen, kommen wir in der Ökumene keinen Schritt weiter, ja missachten wir das Christsein des anderen, d. h. seine größte, verbindende Stärke. Das Konzil formuliert diesen Sachverhalt sehr klar, und zwar nicht nur für die einzelnen Christen, sondern auch für ihre Gemeinschaften, die mit der katholischen nicht geeinten Kirchen: „Daher sind diese getrennten Kirchen und Gemeinschaften, auch wenn sie, wie wir glauben, mit jenen Mängeln behaftet sind, keineswegs ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles. Denn der Geist Christi weigert sich nicht (non renuit), sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen, deren Kraft sich von der Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet, die der katholischen Kirche anvertraut ist.“ (UR 3 = DH 41892) Deren Anspruch auf Fülle wird damit zur Aufgabe über alle eigenen Grenzen hinaus und nimmt sie ökumenisch unbedingt in Pflicht.

Was heißt es für Katholiken, dass weder Christus noch der Hl. Geist sich zu schade waren und sind, nichtkatholische Gemeinschaften als Instrumente des Heils zu gebrauchen?

Können wir mehr und anderes tun als dem Wirken des Geistes zu folgen? Was anderes sollte Spiritualität überhaupt und Spiritualität der Ökumene konkret sein? Achten wir in der Ökumene auf diese Gemeinschaft in dem und durch den Heiligen Geist, der nicht nur heiligt, sondern führt und durch unterschiedliche Gaben verbindet? Welchen Stellenwert gewinnt die Taufe in ihrer Weiten- und Tiefendynamik? Weder der Geist noch Christus scheut sich … Reden wir wie sie von „uns“, und gehen wir wie sie mit unseren Brüdern und Schwestern um?

Die ökumenische Bewegung, die nicht vor dem Ziel aufhören kann, sich und alle zu bewegen, hat im 20. Jahrhundert historisch klarere Konturen bekommen. Im Rückblick zeigt sich, dass die Weltmissionskonferenz von Edinburgh 1910 (vor genau 100 Jahren) zum Startschuss für die Ökumene mindestens des zwanzigsten Jahrhunderts geworden ist. Im 2. Vatikanischen Konzil hat die Katholische Kirche diese Ökumene für sich aufgenommen. Warum? Weil sie nach dem Ökumenismusdekret auf den Hl. Geist zurückgeht (UR 1 = DH 4186). Wenn Kirche und Christen nicht wider den Heiligen Geist sündigen wollen, müssen sie sich auf ökumenische Bewegung, Veränderung und Entwicklung einlassen.

Unübersehbar und bewusst hat hier die katholische Kirche von den evangelischen Kirchen gelernt und profitiert. Mehr noch, die Ökumene hat eine innerkatholische Umkehr bewirkt. Die Eigenart der katholische Kirche macht Ökumene weder überflüssig (weil in der katholischen Kirche schon die Einheit gegeben sei) noch zu einem gefährlichen Mittel der Abspaltung, sondern es braucht die Ökumene, um die ursprüngliche Einheit wiederherzustellen. Ökumene ist ein, ja der Weg dahin.

Demnach hat die katholische Kirche erstens von anderen gelernt und zweitens an ihnen sogar umgelernt, d. h. sich bekehrt – und konnte dann auch sagen, dass es keinen Ökumenismus ohne Bekehrung [der Kirchen] gibt. Sie hat etwas gelernt und aufgenommen, was ihr vorher fehlte. Sie hat vorher gar nicht gemerkt, was ihr fehlte, sondern hat das erst an den anderen gelernt, dass ihr etwas und was ihr fehlte. Ihre Umkehr bestand darin, dass sie mit Vollzug der Ökumene merkte, dass sie in der Ablehnung des Ökumenismus einer Fehlinterpretation des Katholischen aufgesessen war. Sie hatte ihre eigene Fülle oder Vollständigkeit in ihrer Dynamik missverstanden. Die Ökumene hat sie korrigiert und tiefer verstehen lassen, wie ihre Fülle und ihre beanspruchte Vollständigkeit genauer oder konkreter zu begreifen und zu verwirklichen ist und sich, als gegeben, noch realisieren muss, aber auch kann. Anders gesagt: wie ihre Katholizität gegeben ist und gegeben wird; wie sie sich entwickeln kann, soll und muss, um ihre im Modus der Zusage empfangene Fülle real zu verwirklichen.

Die katholische Kirche hat realisiert, dass ihr etwas, ja manches fehlte. Sie hat von anderen etwas über ihre eigene Katholizität gelernt und für ihr eigenes Christ- und Kirchesein empfangen. Sie hat eine eigene Fehlinterpretation korrigiert. Rechnen wir als Katholiken damit, dass wir in der Ökumene auch weiterhin weitere Überraschungen erleben, die bisherige Sichten nicht nur korrigieren und neu ordnen, sondern die uns selber verändern und damit anderen nicht nur verträglich(er) machen, sondern uns eigentlich auch zum ursprünglich Eigenen führen, nämlich weiterer und wachsender Gemeinschaft, auch wenn das fast immer erst nachträglich sichtbar wird?

Was ich hier ausgeführt habe, gilt an vielen „Baustellen“ der Ökumene und macht etwas von der Kehrseite der dunklen Aspekte der Kirchengeschichte deutlich, dass da auch Umkehr-, Erneuerungs- und Veränderungsprozesse vorkommen, in den Vordergrund treten und das Bild bestimmen.

2. Haltungen
2.1 Logik der Spaltung und Logik der Versöhnung

Es geht in ökumenischer Spiritualität und in der Spiritualität der Ökumene um Versöhnung, nicht nur um Lehrkompromisse und Lehrkonsense; es geht um Heilung von Verletzungen, nicht nur um Weite und den größeren Horizont. Die Wahrheit eint nicht schon als solche, sondern nicht ohne Liebe in konkreten Schritten gegenseitiger Vergebung und auf dem Weg der Versöhnung und daher nicht ohne Erkenntnis und Bekenntnis der eigenen Fehler. Weil es keine Ökumene ohne Umkehr gibt, deswegen geht es nicht ohne (gegenseitige) Bitte um und Zusage von Vergebung und Versöhnung.

Auch dazu macht das Ökumenismusdekret Unitatis redintegratio deutliche Aussagen. Es gibt keine Ökumene ohne Erneuerung (renovatio, UR 6), nicht ohne innere Bekehrung, nicht ohne Neuheit des Geistes (UR 7). Dann dort wörtlich: „In demütigem Gebet also erbitten wir Verzeihung von Gott und von den getrennten Brüdern, so wie auch wir unseren Schuldnern vergeben“ [wörtlich aus dem Vater unser].3 „Diese Bekehrung des Herzens und der Heiligkeit des Lebens sind zusammen mit privaten und öffentlichen Bittgebeten für die Einheit der Christen als Seele der ganzen ökumenischen Bewegung zu erachten und können mit Recht geistlicher Ökumenismus genannt werden.“ (UR 8)

Ohne Ökumene fehlt jeder Erneuerung einer Kirche etwas; umgekehrt gelingt Ökumene nie ohne Erneuerung der Kirche. Erneuerung, Umkehr, Bekehrung und Ökumene sind untereinander verbunden wie kommunizierende Röhren.

Es gibt, weil die Geschichte der Christen auch eine Geschichte gegenseitiger Verletzungen ist, – und die erfahrenen Verletzungen werden bei jedem ökumenischen Gespräch zur Sprache kommen oder unausgesprochen im Hintergrund stehen – keine Ökumene ohne Vergebung und Versöhnung. Lehrkonsense, auch weiter reichende differenzierte Lehrkonsense, reichen nicht, Spaltungen und Verwundungen zu heilen. Mögliche Konsense sind nur ein – notwendiger – Teil solcher Heilung.4 Ein klassisches Beispiel für das Gemeinte (bzw. Angemahnte) ist die Nachgeschichte der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung (1999 unterzeichnet). Auch da, wo in der Lehre der trennende Charakter der Rechtfertigungslehre überwunden erscheint (nicht von allen wird diese Sicht und Entscheidung geteilt, gerade wegen der ekklesiologischen „Konsequenzen“), können unter dieser Oberfläche einer geschlossenen Wunde noch alle bisherigen Verletzungen leicht wieder aufbrechen, alle Nerven angesichts befürchteter Verletzungen angespannt bleiben und die tradierten Urteile und Erinnerungen leicht neu virulent werden. Daher muss jede ökumenische Spiritualität oder Spiritualität der Ökumene in Substanz und Dynamik eine Spiritualität der Sensibilisierung und der Versöhnung sein. Wie wirksam die alten Wunden und Ängste sofort wieder werden und wie sehr die Wahrheit (Lehrkonsens) in ihrer Wirksamkeit an der glaubwürdigen Liebe hängt, zeigen ebenso die Erfahrungen des katholisch-orthodoxen Dialoges, der in der Frage des Uniatismus zum Stillstand kam und bis heute nicht weiter trägt als das gegenseitige Vertrauen. Wahrheit hilft oder eint nur im Maße der für den Partner glaubwürdigen Liebe, wenigstens der glaubwürdigen Achtung und des Verzichtes auf Überlegenheit durch Macht.

2.2 Leben aus der Begegnung

Wer bereit wird, vom anderen zu lernen, dass ihm etwas und was ihm selber fehlt (das ohne den anderen gar nicht wahrzunehmen ist), und so von der Logik der Selbstgenügsamkeit, der Selbstverteidigung und Selbstbehauptung zur Logik der Versöhnung wechselt; wer an der eigenen Beschränktheit (oder gar Borniertheit), die ihm am anderen aufgeht, diese Beschränktheit mit Hilfe des anderen in Selbstumkehr überwindet, beginnt, statt aus der Logik des Gegensatzes aus der Logik der Begegnung zu leben.

Am ehesten wahrnehmbar wird diese Logik durch ihr Fehlen, wenn sie nicht zur Wirkung und Geltung kommt: Wenn nämlich die Resultate eines Dialoges oder auch eines Konzils einfach als unmittelbar umsetzbare Fertigprodukte weitergegeben und übernommen werden (sollen). Ohne dass die Adressaten und intendierten Rezipienten eines Dialogs oder einer Synode den entsprechenden Dialog- oder Synodalprozess durchgemacht oder wenigstens nachvollzogen haben, fehlen ihnen für die Übernahme und Anwendung der Ergebnisse wesentliche Veränderung ihrer Erfahrung und Prägung ihres Denkens durch den Begegnungsprozess. Kann jemand die Spitze eines Berges als Gipfel und die dort neue und weite Sicht wirklich in ihrer Bedeutung für die Perspektive im Tal einschätzen, wenn er mit dem Hubschrauber hinaufgebracht wurde, statt die Mühen des Aufstieges durchzumachen und seine Sicht Schritt für Schritt zu weiten?

Anders gesagt: Spiritualität der Ökumene lebt, wo Begegnung mit dem anderen geschieht. Sie lebt aus der Begegnung. Sie lebt zutiefst aus dem Überraschenden, aus dem Ungeahnten und in diesem Sinne aus dem Eigenen des anderen, das mir unvertraut war, aber nicht ganz fremd ist bzw. bleibt. Sie lebt vom Neuen, im Glauben so noch nicht Gesehenen, Erlebten, Bedachten, das mich anfragt, in mir arbeitet, mich verändert. Dann ist zu unterscheiden, ob es mehr zur gemeinsamen Mitte und zum gemeinsamen Grund hin oder davon wegführt. Ob es verbindet, einen gemeinsamen Weg eröffnet oder weiter auseinanderführt.

Zwei Beispiele: In der Begegnung mit evangelischen Christen, Kirchen und Theologien haben Katholiken und katholische Kirche deutlich gemerkt, dass die Verkündigung im katholischen Gottesdienst zu kurz kam. Das Wort Gottes musste einen anderen Stellenwert für das Leben des einzelnen, der Kirche, des Gottesdienstes und der Theologie bekommen. Katholische Exegese ging bei den Protestanten in die Schule, besonders in die historisch-kritische Klasse. In dieser Rezeption stellten sich viele bekannte Fragen in einem neuen Kontext. Es blieb nicht bei den bisherigen Antworten und die neuen wirkten auf die alten zurück. Vor allem: Wozu dieses historisch-kritische Unterscheiden? Damit wir, wenn wir das Nötige und das nötige Unterscheiden gelernt haben, wieder intern katholisch sind auf etwas höherem Niveau? Ohne weitere Veränderungen!?

Oder damit wir eine andere Art des Denkens lernen, die methodisch sogar über die Exegese hinausgreift? Was macht dieser „Bazillus“ historisch-kritischen Denkens mit den Katholiken? Lernen wir, zu unterscheiden, genau hinzuschauen, um der Sache und der intellektuellen Ehrlichkeit willen? Das wäre schon sehr viel. Oder um wissenschaftlich auf der Höhe zu sein? Auch nicht schlecht. Oder – und jetzt kommen Interessen und „Ideologien“ ins Spiel, eben die Motive –: Unterscheidet man, um zu vereinen, so ein Buchtitel von Jacques Maritain: Distinguer pour unir5 (so auch der Hl. Geist, vgl. 1 Kor 12.14.), oder unterscheidet man, um Trennung und Autonomie aufrecht erhalten zu können? Um den status quo zu bewahren? Um die Selbstbehauptung nur intelligenter zu gestalten? In den gleichen Fragestellungen kann die gleiche Intelligenz und sogar die gleiche Feststellung mit sehr verschiedenen Motiven verbunden werden, die zu entsprechend verschiedenen Antworten, Haltungen und Strategien führen. Hier kommt erneut und anders die Spiritualität ins Spiel: Von welchen Motiven lässt sich jemand bestimmen, welche sind in ihm am Werk?

Im Ringen der Motive spielen Begegnungen eine entscheidende Rolle. Motive klären sich meistens in Begegnungen.

In der Ökumene entscheiden die Motive über die Ergebnisse mit. Es bleibt nie bei bloßen Feststellungen. Ist Versöhnung gewollt oder nicht? Wer gleicht sich wem an? Wer behauptet sich? Wer ist oder wird stärker? Hier werden leicht alle Ängste und Befürchtungen wach, aber auch alle Machtinstinkte.

Muss der Schwächere weichen? Regiert der Porporz? Gelingt gegenseitige Rücksicht oder Abstimmung oder gar Bereicherung? Kommt es zu einer größeren, gemeinsamen Annäherung an Christus, an die Schrift? Darf das Entdeckte verändernde, verwandelnde Kraft entfalten?

Darf ich mich auf den bisherigen Gegner einlassen? Die letzte Frage kann man klar antworten: Wir haben es getan, bewusst und unbewusst, seit der Reformation. Gestaltbar ist nur das Wie des Sicheinlassens.

Die Reformation und dann auch die katholische Antwort (ob in Trient, als Gegenreformation oder katholische Reform oder was immer) sind mitein-

ander verquickt. Die Entwicklung der Reformation und der Katholischen Kirche ist überhaupt nicht zu verstehen, ohne den jeweiligen Gegenpart. Auch die Kontroverse ist eine Form der Gegenseitigkeit. Beide haben sich de facto gegenseitig geprägt. Die Frage ist nur, wie das geschieht, ob kontrovers gegeneinander im kämpferischen, feindlichen Sinne oder ob in gegenseitigem verstehenden Miteinander auf einer gemeinsamen Basis, die für beide tragend und verbindend ist. Weil wir aus der Gegenseitigkeit überhaupt nicht herauskommen, können wir bewusst nur überlegen, wie wir sie gestalten wollen. Das ist, meine ich, letztlich eine spirituelle Frage, eine Frage der Spiritualität: Von welchem Geist lasse ich mich bestimmen? Diese Frage umfasst mehr als nur bestimmte (Lehr-)Inhalte. Es ist auch mehr als eine Frage des Stils des Erfolgs. Es ist die Frage, welchen Stellenwert Gemeinschaft und Einheit für den christlichen Glauben hat und wie er Gemeinschaft stiftende statt trennende Kraft entfaltet.

Konkret zeigt sich die Antwort darin, wie und worin wir unsere Identität festmachen bzw. woran wir sie je gewinnen: Ist Katholizität noch zu verstehen aus der Frontstellung gegen evangelische Positionen? Oder umgekehrt: Ist etwas sicher evangelisch, wenn es nicht katholisch ist? Gilt die gegenseitige Exklusivität? Oder dämmert beiden Seiten, dass ihre Identität nicht gegeneinander, nicht aus der Exklusion, sondern aus der Entsprechung zu Jesus Christus, aus dem Hören auf das Wort Gottes, aus den Zeichen der Zeit und durch die Führung des Heiligen Geistes zu gewinnen ist, gleich wo sie gefunden wird? Dann gibt es eine andere Gegenseitigkeit und ein anderes Verhältnis untereinander. Dann wird aus dem Ringen gegeneinander ein Ringen miteinander.6

2.3 Ökumenische Haltungen

Als weitere Form der ökumenischen Spiritualität möchte ich ökumenische Haltungen nennen, die mir aufgegangen sind. Dabei ist die Reihenfolge der Aufzählung nicht als Rangfolge zu verstehen.

1. Ich beginne mit dem Gebet als Zugangsweg zum anderen (und umgekehrt des anderen zu mir). Wo ich den anderen als Betenden erlebe, erfahre ich ihn in seinem Glauben(svollzug), in seinem Christus- und Gottesbezug. So erlebe ich ihn konstruktiv, nicht als Gegner oder beängstigend. Einem Bittenden gegenüber brauche ich mich nie zu behaupten, da fällt die Falle der Selbstbehauptung oder Feindschaft weg. Stattdessen zeigt sich der andere vom selben Grundvertrauen bestimmt, das auch mich trägt.

Wer den anderen als Betenden erfährt und sich selber als Betenden zeigen darf, dem wird klar, dass der gelebte Gottesbezug das Entscheidende ist und das Verhältnis untereinander wie die Verbindung miteinander prägt. Das gemeinsame Gottesverhältnis eröffnet Gegenseitigkeit.

Im Gespräch mit der Selbständigen Evangelisch Lutherischen Kirche in ökumenischer Absicht habe ich selbst erfahren, wie Vertrauen schaffend und Verbundenheit stiftend es sein kann, von der offiziellen Liturgie der jeweiligen Gemeinschaften her auf den Glauben zu schauen in Rückgriff auf das alte Axiom Lex orandi – Lex credendi. Im Verhältnis zu lutherischen Kirchen hat ein solches Vorgehen noch den zusätzlichen Charme, dass für lutherische Theologie das Gottesverhältnis im Kern ein personales, also ein Gebetsverhältnis ist, das der Gottesdienst spiegelt.

2. Ökumene konkretisiert und vertieft sich weiter, wo etwas im Glauben und aus Glauben gemeinsam getan wird oder geschieht. Das lässt die Beteiligten erleben, was der Glaube vermag, auch wenn er gegenseitig noch unvertrauter Glaube ist. Außerdem wird dann Ökumene nicht mehr als Zusatzbelastung erlebt, sondern wird zur Vollzugsform, Bewährung und Weitung des eigenen Glaubens, die verbindet und Vertrauen schafft.

3. Wir haben alle nur einen begrenzten ökumenischen Aktionsradius. Daher ist es wichtig, die konkreten, wirklichen, wenn auch scheinbar kleinen Chancen in der Ökumene vor Ort oder in der eigenen konkreten Lebenswelt zu ergreifen. Es ist wichtig, das hier Mögliche zu tun ohne sich mit der Überzeugung zu dispensieren, die wirklich zählenden, entscheidenden Schritte könnten wir gar nicht tun, weil wir viel zu weit unten in der Hierarchie stünden. Es gibt umgekehrt Chancen, die nur vor Ort, nur in dieser Konstellation wahrzunehmen sind und erst dann und deswegen ansteckend wirken können. Ökumene geht immer nur mit konkreten Partnern. Vor Ort gibt es Chancen, die es auf höheren Ebenen nicht gibt, weil man sich vor Ort persönlich kennt, weil die Wirkung des Tuns begrenzt bleibt (kein Präzedenzfall wird) und weil man nicht strikt die offizielle Linie vertreten muss, sondern konkret handeln und auch experimentieren darf. Kirchenleitungen haben diese Freiheit nicht.

4. Erfahrungen der ökumenischen Bewegung lehren, dass sie als Bewegung entscheidend von Leuten gelebt hat und lebt, die ökumenische Partner gefunden haben. Beispielhaft will ich nur das Zeugnis Frère Rogers von seiner ersten Begegnung mit Johannes XXIII. nennen; sie war für ihn noch vor dem Konzil die eigentliche Durchbruchserfahrung. Beide waren sich ohne Worte einig, miteinander versöhnt, und haben in diesem Geist, der bei beiden ganz verschiedene Ausprägungen gewann, die Ökumene sehr viel weitergebracht, wenn auch noch nicht ans Ziel. Sie „konnten“ miteinander.

Von da aus die Frage: Habe ich einen Vertrauten, einen Freund/Freundin in der anderen Kirche? In der anderen Gemeinschaft? In der anderen Konfession? Eine(n), mit dem/der ich wirklich „kann“? Von dem/der her mir die Wirklichkeit und das Verhalten dieser Gemeinschaft neu aufgeschlossen wird? Von dem/der her ich Vertrauen zu dieser Gemeinschaft gewinne? Eine Person, die ich auch dann fragen kann, wenn ich etwas nicht verstehe, wenn ich von Reaktionen, Verhaltensweisen oder Handlungen konsterniert bin, den eigenen Glauben missverstanden oder brüskiert fühle?

Kann ich auf diesem Weg zunehmend in das Selbstverständnis der anderen hineinwachsen, es nachvollziehen, gar teilen? Werde ich umgekehrt für andere ein solcher Ansprechpartner und Vertrauter? Jemand, der auskunftsfähig ist, aber darüber hinaus den eigenen Glauben in einer solchen Weise lebt, dass der Andere nicht misstrauisch oder zurückhaltend werden muss, sondern freimütig sich zu fragen traut oder seine Bedenken äußern kann?

Ich glaube, dass solche Beziehungen unendlich wichtig sind.

5. Ich erinnere mich einer Studentin, die als Jüdin ein Stipendium an der Gregoriana in Rom hatte. Sie hat von ihren Begegnungen und Austauscherfahrungen so gesprochen, dass mir nachher klar wurde, dass ich den Psalmvers über Jerusalem: „Wegen meiner Brüder und Freunde / will ich sagen: in dir sei Friede“ (Ps 122,8) ab jetzt um ihretwillen für Jerusalem neu und konkret beten kann und muss. Kann ich so auch um einzelner anderer Christen willen für ihre Gemeinschaft/Kirche beten?

Eine solche Erfahrung und Praxis ist zunächst verblüffend und theologisch nicht unmittelbar zwingend, handelt es sich doch um einen Einzelfall, der die Wirklichkeit der Gruppe nicht verändert. Und doch ist eine solche Erfahrung wirksam und eine solche Reaktion theologisch stimmig, weil diese Gemeinschaft, Gruppe oder Kirche einen solchen Glaubenden hervorgebracht hat. Dann hat diese Gruppe ganz andere Potentiale als bisher gedacht. Dann stellt sich die Frage durchaus so: Warum sind die anderen nicht wie diese Person? Es ist eben nicht zu bestreiten, dass die erlebte Ausnahme die möglichen Potentiale der Gruppe aufzeigt. Deswegen werden alle Pauschalurteile unmöglich. Von daher dürfen und müssen wir lernen, auf den Glauben des einzelnen zu schauen und was aus ihm erwächst. Dann entdecken wir vielleicht, was Liebe vermag. Was bringt das? Liebe bleibt nicht individualistisch, sie strahlt aus, wie die geschilderte, eigene Erinnerung beweist. Liebe hat die besseren Augen und ist die bessere Theologin. Sie schafft und lässt entdecken, was ich als Motto erwähnte (und was die innerste, die verwandelnde Kraft der Ökumene ist): Love is the force that creates a symphony out of contrasts. Darin liegt die innere Hoffnung, Kraft und Überzeugung ökumenischer Spiritualität; und sie ist theologisch durchaus im Recht, weil davon auszugehen ist, dass in der Ökumene der andere als Getaufter geprägt ist mit dem Siegel Christi und begabt ist mit dem Heiligen Geist. Deswegen kann all das, was ich wahrnehme und worauf ich setze, ihm nicht notwendig abgesprochen werden, sondern kann überraschend konstruktiv wirken.

2.4 Ökumenische Wege, Einsichten, Optionen

Ich nenne jetzt nur Dinge, die mir in grundlegender Form bei Roger Schutz und der Communauté de Taizé aufgegangen sind.

1. Die Communauté lebt ein Gleichnis der Gemeinschaft, noch nicht die endgültige Form der Gemeinschaft von Christen oder Kirchen. Das geschieht, ohne Besonderes zu tun, indem die Brüder, die aus den großen christlichen Traditionen kommen, als Gemeinschaft zusammenleben. Sie zeigen: Eine Lebensgemeinschaft der großen christlichen Traditionen ist möglich. Sie müssen nicht getrennt bleiben, sie können zusammenleben. Ökumene ist keine Utopie.

2. Die Gemeinschaft von Taizé ist als Gemeinschaft in ihrer Entwicklung unterwegs (La Dynamique du Provisoire); sie ist noch nicht am Ziel, aber schon zusammen unterwegs. Diese Dynamik des Vorläufigen, das je auf die nächste Möglichkeit hin gelassen bzw. um- oder ausgebaut wird, ist die schwache Stärke der Ökumene. Wenn es mit der Ökumene stimmt, kann sie immer je nur vorläufig sein. Jedes Mal muss bzw. darf sie sich mit dem nächsten Schritt selbst überholen. Sie bleibt vor-läufig. Genau darin liegt ihre Dynamik: ihre Kraft und ihre Bewegung.

3. Die Unterschiede der Konfessionen machen die Gemeinschaft der Brüder nicht leichter, aber sie sprengen die Gemeinschaft nicht. Geht das ohne die Grundoption, zusammenbleiben zu wollen? Taizé zeigt, wie prägend ein Gleichnis der Gemeinschaft werden kann. Roger Schutz hat die Option, das Wollen, die Einsicht und Entscheidung dahinter auch „verraten“ und benannt: keine neue Kirche gründen – wohl aber einen neuen Stil von Kirche leben, vor allem Kirche selbst leben, das Geheimnis der Gemeinschaft.

2.5 Ökumenische Offenheit – multilaterale Ökumene

Es gibt in der Ökumene nicht nur bilaterale Verhältnisse zwischen zwei Partnern, sondern mindestens ein ökumenisches Dreieck. Selbst bei katholisch-evangelischer Einigung wäre die ökumenische Aufgabe noch nicht zu Ende, nur die „Frontlinie“ verändert (ebenso bei orthodox-katholischer Einigung). Das Bild vom Dreieck soll das kriegerische Bild der „Front“ überwinden und auf multilaterale Beziehungen öffnen. Denn Ökumene kann nur multilateral, letztlich universal, ans Ziel kommen. Nach meiner Einschätzung müssen wir uns gegenwärtig mindestens auf ein Fünfeck (oder Vieleck) öffnen, denn auch die Freikirchen (vielleicht sogar die synkretistischen Independent Churches), die Evangelicals und Pentecostals (am schnellsten wachsend) gehören in die Ökumene hinein. Der Ökumenische Weltrat der Kirchen hat diese Entwicklung mit dem neuen ökumenischen Forum schon aufzugreifen versucht.

Im Maße ihres Gelingens, nicht ihres Scheiterns, dürfte der universale Horizont der Ökumene in den Blick kommen, ohne den sie nicht ans Ziel gelangt. Jede Einigung hilft über ihren Bereich hinaus nur in dem Maße, als sie auf den nächsten und den je weiteren Horizont hin offen ist; sonst besteht die Gefahr, dass zwei Kirchen ihre Einigung als trautes Glück zu zweit genießen, ohne dass aber ihnen wie den anderen entscheidend zur Einheit geholfen ist. Die Mauern würden nur umgebaut und auf anderen Linien neue Trennungen errichtet.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.