Kitabı oku: «Spiritualität in der Seelsorge»

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Arbeitsgemeinschaft Theologie der Spiritualität

Spirituelle Theologie

Band 1

Cornelius Roth (Hg.)

Spiritualität in der Seelsorge


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

© 2011 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter-verlag.de

Gestaltung: Hain-Team, Bad Zwischenahn (www.hain-team.de)

ISBN 978-3-429-04599-9 (PDF)

ISBN 978-3-429-06007-7 (EPUB)

Inhalt

Andreas Wollbold Die AGTS und ihre Aufgaben

Cornelius Roth Vorwort

Peter Schallenberg Spiritualität in Berufung und Sendung

Cornelius Roth Die Rolle der Spiritualität in der katholischen Priesterausbildung – Grundlagen, Konkretionen, Desiderata

Peter Zimmerling Die Rolle der Spiritualität im Rahmen des Studiums der evangelischen Theologie

Hans Schaller Seelsorge für die Seelsorger – eine ignatianische Glosse

Martin Kopp Wie tragfähig ist unsere Spiritualität als Seelsorgende? Anfragen aus dem Alltag

Wunibald Müller Seelsorge für Seelsorger und Seelsorgerinnen – Wie kann das Leben als Seelsorger und Seelsorgerin gelingen?

Michaela Christine Hastetter Das Verhältnis von Priestern und Laien in der Seelsorge – oder: Was meint eigentlich „Laienspiritualität“?

Besprechungen von Veröffentlichungen der Mitglieder

Die AGTS und ihre Aufgaben

Andreas Wollbold

Vor 15 Jahren entschlossen sich einige Hochschullehrer des deutschsprachigen Raums und seiner Nachbarn zur Gründung der „Arbeitsgemeinschaft Theologie der Spiritualität (AGTS)“; am 16. Oktober 1998 gaben sie sich eine Satzung (www.theologie-der-spiritualitaet.de). Sie waren von der wachsenden Bedeutung der Spiritualität für Theologie, Kirche und Gesellschaft überzeugt und wollten ihr in allen Fächern der Theologie auch Rechnung tragen. Dem neuerwachten breiten Interesse an spirituellen Lehren und Vollzügen sollte auch eine eigentlich wissenschaftliche Beschäftigung zur Seite stehen. Viele Mitglieder der AGTS richteten zwar schon seit langem ihr persönliches Augenmerk in Forschung und Lehre auf die Fragen der spirituellen Theologie. Dennoch mussten sie feststellen, dass diese an vielen Hochschulen institutionell heimatlos war. Ihre Themen, Fragestellungen und Methoden kamen in den Studienordnungen faktisch nicht vor. Selbst in der Moraltheologie, die sich in unseren Ländern traditionell auch der spirituellen Theologie widmete, wurden meist andere Themen dominant. Andererseits wiesen Neuansätze in vielen theologischen Disziplinen auf die Bedeutung spiritueller Erfahrung und Lehre hin. Nicht zufällig stießen in den folgenden Jahren Kolleginnen und Kollegen sowie Nachwuchswissenschaftler aus ausnahmslos allen Fächergruppen der Theologie zur AGTS, aus biblischen, historischen, systematischen und praktisch-theologischen Disziplinen. Ihre Ansätze, Interessen und methodischen Zugänge könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf diese Weise entstand in der AGTS aber schon bald ein interdisziplinäres Wissenschaftsforum, das seinesgleichen sucht. „Zweck des Vereins ist es,“ so gibt die Satzung in § 2 an, „Theorie und Praxis einer Theologie der Spiritualität zu fördern

– durch wissenschaftliche Begleitung der Entwicklungen im Bereich der Aus- und Weiterbildung

– durch den Erfahrungsaustausch unter den Mitgliedern

– durch Forschungsprojekte und Veröffentlichungen.“

Die wichtigste Veranstaltung ist die Jahrestagung in der dritten Septemberwoche, die neben Austausch, Mitgliederversammlung und Gottesdiensten wesentlich einem Thema gewidmet ist. Die hiermit erstmals erscheinende Reihe „Spirituelle Theologie“ dokumentiert die Vorträge der Tagung.

Der Gründungsvorsitzende der AGTS war Bardo Weiß (Mainz), ihm folgten Josef Weismayer (Wien) und Andreas Wollbold (München) nach. Obwohl die Idee zur Gründung zunächst im römisch-katholischen Raum entstand, erhielt die AGTS von Anfang an eine ökumenische Prägung, und zu ihren engagierten Mitgliedern gehören evangelisch-theologische, christkatholische und orthodoxe Kolleginnen und Kollegen.

Vorwort

Cornelius Roth

Die Frage, inwieweit Theologie und Spiritualität eine Einheit bilden oder zumindest stärker in Beziehung zueinander gesetzt werden müssen, beschäftigt die Theologie schon seit langem. Die wohl beiden größten Theologen des 20. Jahrhunderts – Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar – haben sich immer wieder damit auseinander gesetzt, wohl wissend, dass nur eine Theologie, die erfahrungsbezogen ist und die geistliche Dimension unseres Nachdenkens über Gott thematisiert, den Menschen von heute noch etwas zu sagen hat.

Die „Arbeitsgemeinschaft Theologie und Spiritualität“ (AGTS), die mit diesem Band eine neue Reihe mit Arbeiten zur Theologie der Spiritualität beginnen möchte, beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit auf verschiedene Weise mit diesen Fragen. Die Tagung im September 2009 in Würzburg blickte dabei besonders auf die Rolle der Spiritualität im Leben der Seelsorgerinnen und Seelsorger von heute. Nach einigen systematischen Überlegungen zur Rolle der Spiritualität in Berufung und Sendung (Peter Schallenberg) wurde zunächst die Bedeutung der Spiritualität in der Ausbildung thematisiert. Von katholischer Seite aus scheint dabei die Spiritualität in der Priesterausbildung eine klare, institutionalisierte Rolle inne zu haben, die durch die Grundlagendokumente des Konzils und der Nachkonzilszeit gedeckt ist, was aber nicht heißt, dass es weiterhin Desiderata gibt (Cornelius Roth). Innerhalb der evangelischen Ausbildung ist man noch stärker auf der Suche hinsichtlich der Institutionalisierung bzw. Implementierung spiritueller Inhalte in das Studium. Allerdings gibt es auf diesem Gebiet vielversprechende Anstöße verschiedener evangelischer Theologen (Peter Zimmerling).

Immer wieder wurde auf der Tagung deutlich, wie groß die Bedeutung der ignatianischen Spiritualität hinsichtlich der Einheit von Leben und Amt ist. Die Regeln zur Unterscheidung der Geister sind gerade auch für das geistliche Leben im Alltag eine wichtige Hilfe (Hans Schaller). Aus seiner Erfahrung als Generalvikar und Begleiter von Priestern und pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kann Martin Kopp berichten. Wie tragfähig die Spiritualität im Alltag wirklich ist, zeigt sich in den Herausforderungen der heutigen pastoralen Umbruchsituation, die für den einen oder anderen eine Überforderung darstellt. Es wird in Zukunft immer wichtiger sein, eine geistliche Heimat zu haben, eine Quelle, aus der man schöpfen kann.

Wie Seelsorger und Seelsorgerinnen zu einem positiven Selbstwertgefühl gelangen können, schildert aus psychotherapeutischer Sicht der Leiter des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach, Wunibald Müller. Die verschiedenen durch archetypische Bilder charakterisierten „Energien“, die in jedem Menschen und Seelsorger mehr oder weniger stark vorhanden sind, können dabei positive Kräfte freisetzen, die zu einem gelingenden Leben als Seelsorger führen.

Wenn wir von Seelsorgern sprechen, sind nicht nur Priester gemeint. Welche wichtige Rolle heute und in Zukunft die Spiritualität der Laien – seien sie hauptamtlich oder ehrenamtlich tätig – in der Kirche spielt und inwiefern das Verhältnis von Priestern und Laien in der Seelsorge nicht immer unproblematisch war und ist, zeigt zum Schluss der Beitrag von Michaela Christine Hastetter.

Es ist uns wichtig, hinzuzufügen, dass die Vorträge und Artikel etwa vier Monate vor Bekanntwerden des sexuellen Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche verfasst wurden. Insofern konnte die Krise, die ja auch das Leben der Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Gemeinden betrifft, nur im Nachhinein von den Autoren berücksichtigt werden. Der Umgang mit der eigenen Sexualität, Nähe und Distanz, Ehrlichkeit und Offenheit, Schuld und Sühne spielt eine wichtige Rolle in der Spiritualität eines Priesters oder pastoralen Mitarbeiters. Deshalb werden diese Themen gerade in der Ausbildung noch deutlicher angesprochen werden müssen. Dennoch ist die Spiritualität eines Seelsorgers umfassender zu konzipieren. Aufgabe der Tagung war zum einen, die positiven Ressourcen und Quellen der Spiritualität im Alltag eines Seelsorgers darzustellen (also die Frage zu beantworten, woraus der /die Einzelne geistlich lebt), und zum anderen, den Umgang mit Belastungen und Anfragen an das eigene Selbstverständnis zu thematisieren. Die Missbrauchsproblematik, welche die Kirche sicher noch länger beschäftigen wird, hat in dieser Hinsicht zwar durchaus mit der Spiritualität eines Seelsorgers zu tun, ist aber für sich genommen noch einmal ein anderes Thema, das einer eingehenderen Behandlung bedürfte.1

Alles in allem gilt: Die Herausforderungen, die auf die Seelsorgerinnen und Seelsorger in Zukunft zukommen, sind nur von einem starken geistlichen Fundament her zu bewältigen. Die Frage, wie die Spiritualität immer mehr das Leben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kirche tragen kann, ist nichts weniger als eine Überlebensfrage – für den einzelnen wie für die Kirche. Deswegen bleibt das Thema hochaktuell und der erste Band der Reihe „Arbeiten zur Theologie der Spiritualität“ der AGTS hofft, in der Diskussion dabei einiges Wegweisendes beitragen zu können.

1 Weiterführende Hinweise finden sich dazu bei W. Müller, Verschwiegene Wunden. Sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erkennen und verhindern, München 2010.

Spiritualität in Berufung und Sendung

Peter Schallenberg

1. Zunächst sollen zwei Vorbemerkungen das Thema näher bestimmen und skizzieren. Klaus Demmer MSC, ehemals an der Gregoriana in Rom lehrender und jetzt im Ruhestand in Münster lebender Moraltheologe, notiert in seinem Buch „Gottes Anspruch denken“: „Die Trennung der Spirituellen Theologie von der Moraltheologie hat zu einem reduktiven Verständnis der schöpferischen Einbildungskraft sittlicher Vernunft geführt. Vorgängig zu allem Arbeiten an Normen ist es ihr aufgetragen, Inseln der Sinnhaftigkeit zu entdecken, die Normen lebbar machen.“1 Das meint mit Blick auf das Thema der Berufung: Berufung und Sendung des getauften Christen ist ein Thema der richtigen und guten Lebensführung, und damit ein genuines Thema der spirituellen Moraltheologie, die vor jedem normativen Anspruch Tugendethik ist, sich also als Anleitung zum guten und gottgewollten Leben versteht. Dass ein Mensch und zumal ein getaufter Christ in seinem Leben einen letzten, absoluten und von Gott gestifteten Sinn, also eine von Gott geschenkte Berufung entdeckt und sich von dieser Berufung her versteht, bildet den unhintergehbaren Kern der individuellen Moralität, weit vor jeder Erfüllung von Gesetz und Norm. Und nochmals ist es Klaus Demmer, der unterstreicht: „Es gilt als ein theologischer Gemeinplatz, dass die sittliche Praxis des Christen Antwort auf Gottes zuvorkommendes Heilshandeln ist. Der Theologe führt ihn wie selbstverständlich im Munde (…) Wenn er seinen Glauben ernst nimmt und den geforderten Lebenseinsatz leistet, dann kann es nur die eine Frage sein: Wie erfahre ich Gott in meinem Leben, wo zeichnen sich Entsprechungen ab zwischen der denkerischen Zumutung des Glaubens und meiner Lebensgeschichte?“2 Moralität des von Gott zugemuteten Lebens ist also nichts anderes als die Antwort auf Gottes Zumutung und Ruf, so dass die Lebensgeschichte Züge einer Berufungsgeschichte annimmt und sich versteht als von Gott geschenkter Freiheitsraum einer sich entfaltenden Individualität – so geschieht Gottes Wille!

2. An der Wurzel einer Berufungsgeschichte steht stets die Grundentscheidung der Person, die sich und ihre Geschichte vor Gott bedenkt und versteht. Im Hintergrund wird eine bestimmte Metaphysik der Person sichtbar, die das Grundverständnis der in Frage stehenden Berufung erhellt. Person wird nämlich verstanden als „gelebte Relation, Entwurf auf Gott als die Vollkommenheit aller Vollkommenheiten“3, und dies im Sinn des anselmischen Gottesbeweises und seiner Zuspitzung auf Gott als „id quo maius cogitari nequit“4, also auf den, über den hinaus Größeres und Besseres der menschliche Geist nicht denken kann. Eine solche sittliche Grundentscheidung ist letztlich immer Gestalt gewordene Identität ihres Trägers; in ihr kondensiert sich mithin ein tragendes Lebensprojekt oder ein allmählich ans Tageslicht tretender Lebensentwurf. Damit geht es um eine reflexive Psychologie der Gnade5, und zwar mit Blick auf das spezifisch christliche Selbstbewusstsein des gerechtfertigten, getauften Christen, das dem vollkommenen Selbstbewusstsein Jesu als des „homo perfectus“6 gleichgestaltet wird. Was aber ist jene Perfektibilität, jene Vollkommenheit des Gottmenschen Jesus Christus? Sie besteht in nichts anderem als in seinem Bewusstsein seiner selbst als unbedingt und unzweifelhaft vom Vater geliebt; dies Bewusstsein wird dem Christ in der Taufe als neues Sein geschenkt, oder anders: Jene Transformationskompetenz des neuen Lebens in der Nachfolge und in der Sendung Christi verdankt sich der Taufe.

3. An dieser Stelle nun muss unterschieden werden zwischen einer transzendentalen Gutheit der Motivation, gleichsam als Möglichkeitsbedingung der Erfüllung von Normen, und der daraus folgenden kategorialen Richtigkeit der Einzelhandlungen. Auf diesem Hintergrund ist dann die Grundentscheidung der „transzendenzverwiesene(n) Ausgriff der Freiheit auf das Gute, als Möglichkeitsbedingung für die gute und richtige Verwirklichung kategorialer Güter.“7 Hier setzt eine richtig verstandene katholische Existentialethik als Ethik der Entscheidung an;8 gedacht ist an eine schrittweise Umsetzung der sittlichen Vorentscheidung9 und der daraus folgenden Grundentscheidung in konkrete Einzelentscheidungen; der Last des notwendigen Kompromisses kann dabei nicht ausgewichen werden.

4. Daraus lässt sich nun ein erster Ansatz zu einer Theologie der Berufung, verstanden als lebensgeschichtliche Entfaltung einer Grundentscheidung zum Guten10, skizzieren: Eine so verstandene „Berufung zum Heil aus Gnaden prägt dem Gesamtspektrum sittlichen Handelns das unverwechselbare Profil ein; der Christ handelt immer als Christ, und das ist zunächst eine ontologische Aussage.“11 Und das heißt jetzt näherhin und mit Blick auf das neue Selbstbewusstsein des Christen, das im theologischen Begriff des Glaubens gefasst wird: „Wenn Gnade darin besteht, Gott auf den Spuren Christi denken zu können, und wenn im Gefolge dessen anthropologische Grunddaten mit den ihnen gemäßen ethischen Zielsetzungen entdeckt werden, dann agiert die Grundentscheidung als Impulszentrum dieses Vorgangs. Sie speichert das durch den Glauben erwirkte Vorwissen von der ewigen Vollendung und schmilzt es handlungsrelevant um.“12 Nochmals anders gewendet: „Die Naturneigung zum Guten erscheint als personale Befindlichkeit, die zur expliziten Stellungnahme nicht nur herausfordert, sondern im Verlauf der Lebensgeschichte jeweils unterschiedliche Thematisierungsgrade annehmen kann, Persönlichkeitswerdung bindet sich an diesen Prozess.“13

5. Der Grundentscheidung folgt dann die Lebensentscheidung als erste konkretere Ausformung der grundsätzlichen Entschiedenheit zu einem Leben nach dem Willen Gottes. Dabei steht die Lebensentscheidung in einer Linie mit der geglückten Annahme seiner selbst als von Gott gewollte und in Freiheit gesetzte Persönlichkeit. Diese Selbstannahme aber vollzieht sich ja gerade im Medium der Zeit und angesichts der Vergänglichkeit, ja letztlich des Todes. So verdichtet sich die Lebensentscheidung zur Annahme des eigenen Todes und eines Lebens in der Hoffnung auf die Vollendung des fragmentarisch bleibenden Lebens bei Gott.14 „In ihr verdichtet sich auf exemplarische Weise das Verhältnis des Menschen zu seiner ihm zubemessenen Lebenszeit. Deren gnadenloses Auslaufen stimuliert das Denken, schließlich ist nichts beklemmender als der missliche Verdacht, ein bedeutungsloses Leben, jenseits des tiefen Wunsches nach Erfüllung, gelebt zu haben. Der Schatten des Todes darf nicht die Oberhand behalten, und die Lebensentscheidung stellt sich diesem Verhängnis in den Weg. Der Vergänglichkeit muß ein Projekt eingeprägt werden, dessen Sinnhaftigkeit den Tod überlebt.“15 Die Berufung zu solch einem unvergänglichen Lebensprojekt bindet sich an die unwiderrufliche Wahl eines Lebensstandes, klassisch in den „Exerzitien“ des hl. Ignatius von Loyola im Medium der einzuübenden Indifferenz16 und hin zur Wahl der sakramental bindenden Ehe17 oder des im Gelübde bindenden Rätestandes. „Ein konkreter Rätestand muß so beschaffen sein, dass er persönliche Entwicklungen auffängt und in ein fest umrissenes Bett lenkt. Es gibt eine gesunde Reibung an den Grenzen, die er vorzeichnet und Entwicklungen nicht ins Uferlose schießen läßt.“18 Der von Gott zu einer konkreten Lebensentscheidung berufene Mensch ist daher zutiefst immer ein jenseitiger und aus der Hoffnung auf ewige Vollendung lebender Mensch. „In das Rohmaterial der Zeit wird ein Projekt einskulpiert. So zerfließt es nicht richtungslos, sondern steht im Banne einer klaren Zielsetzung, die für den Glaubenden die Form einer Verheißung annimmt.“19

6. Im Hintergrund steht eine ausgeprägt neuzeitliche Gnadentheologie, wie sie nach dem Konzil von Trient sich entfaltet hat, nämlich der Molinismus. Dies wird etwa auch in den „Regeln zur Unterscheidung der Geister“ in den schon erwähnten „Exerzitien“ des hl. Ignatius von Loyola deutlich20: Gottes Wille offenbart und konkretisiert sich in der individuellen Willensentscheidung auf der Grundlage des Dekaloges. „Der Christ versteht seine Wahl, jenseits aller menschlichen und inner-weltlichen Bindungen, als Antwort auf Gottes Treue, wie sie sich ein für alle Mal in Jesus Christus erwiesen hat.“ Das heißt dann konkret Nachfolge Christi: „Die Bedingungen der Nachfolge werden sich exemplarisch auf dem Feld der Lebensentscheidung und der Treue zu ihr zur Geltung bringen. So bleibt die Theologie der Berufung in eine Anthropologie lebensgeschichtlicher Bewährung umzuschmelzen.“21

1 K. Demmer, Gottes Anspruch denken. Die Gottesfrage in der Moraltheologie, Freiburg i. d. Schw. 1993, 120, Anm. 28.

2 Ders., Die Wahrheit leben. Theorie des Handelns, Freiburg i. Br. 1991, 33.

3 Ders., Fundamentale Theologie des Ethischen, Freiburg i. d. Schw. 1999, 243.

4 Anselm von Canterbury, Proslogion II.

5 Vgl. P. Fransen, Pour une psychologie de la grace divine, in: Lumen vitae 12 (1937) 209–240.

6 Vgl. II. Vaticanum, Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ Nr. 22.

7 K. Demmer, Fundamentale Theologie des Ethischen, 244; vgl. auch H. Reiners, Grundintention und sittliches Tun, Freiburg i. Br. 1966.

8 Vgl. J. Brantl, Entscheidung durch Unterscheidung. Existentialethik als inneres Moment einer medizinischen Ethik in christlicher Perspektive, Münster 2007; daneben D. J. Dorr, Karl Rahner’s „Formal Existential Ethics“, in: Irish Theological Quarterly 36 (1969) 211– 229; B. Fraling, Vermittlung und Unmittelbarkeit. Beiträge zu einer existentialen Ethik, Freiburg i. d. Schw. 1994; D. M. Nelson, Karl Rahner’s Existential Ethics, in: The Thomist 51(1987) 461–479.

9 Vgl. H. Kramer, Die sittliche Vorentscheidung. Ihre Funktion und ihre Bedeutung in der Moraltheologie, Würzburg 1970.

10 Vgl. zum Hintergrund M. Flick / Z. Alszeghy, L’opzione fondamentale della vita morale e la grazia, in: Gregorianum 41 (1960) 593–619.

11 K. Demmer, Fundamentale Theologie des Ethischen, 244.

12 Ebd., 245; vgl. auch ders., Treue zwischen Faszination und Institution, in: Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie 44 (1997) 18–43.

13 Ders., Die Wahrheit leben, 191; vgl. auch G. Höver, Sittlich handeln im Medium der Zeit, Würzburg 1988.

14 Vgl. N. Hinske, Todeserfahrung und Lebensentscheidung, in: Trierer Theologische Zeitschrift 82 (1973) 206–227.

15 K. Demmer, Fundamentale Theologie des Ethischen, 249.

16 Vgl. neuestens dazu D. Terstriep, Indifferenz. Von Kühle und Leidenschaft des Gleichgültigen, St. Ottilien 2009; klassisch immer noch E. Przywara, Majestas divina, Augsburg 1925.

17 Vgl. K. Demmer, Die Ehe als Berufung leben, in: Intams Review (Brüssel) 2 (1996) 39–62.

18 Ders., Fundamentale Theologie des Ethischen, 251, Anm. 43; ders., Die Lebensentscheidung. Ihre moraltheologischen Grundlagen, Paderborn 1974.

19 Ders., Gott denken – sittlich handeln. Fährten ethischer Theologie, Freiburg i. d. Schw. 2008, 247.

20 Vgl. L. Bakker, Freiheit und Erfahrung. Redaktionsgeschichtliche Untersuchungen über die Unterscheidung der Geister bei Ignatius von Loyola, Würzburg 1970; A. Keller, Zur „Unterscheidung der Geister“ in den Ignatianischen Exerzitien, in: Geist und Leben 51 (1978) 38–54; M. Schneider, „Unterscheidung der Geister“. Die ignatianischen Exerzitien in der Deutung von E. Przywara, K. Rahner und G. Fessard, Innsbruck 1987; G. Switek, „Discretio spirituum“. Ein Beitrag zur Geschichte der Spiritualität, in: Theologie und Philosophie 47 (1972) 36–76.

21 K. Demmer, Fundamentale Theologie des Ethischen, 253; vgl. auch ders., Treue zur empfangenen Berufung, in: IKaZ 36 (2007) 362–370.

Die Rolle der Spiritualität in der katholischen Priesterausbildung – Grundlagen, Konkretionen, Desiderata

Cornelius Roth

Hinführung

Es ist schon einige Zeit her, dass auf einem Symposion zur Priesterausbildung in Paderborn (2002)1 die menschliche und geistliche Formung als die wichtigsten Dimensionen der Ausbildung von den anwesenden Regenten und anderen Priesterausbildern ausgemacht wurden. Durch den Missbrauchsskandal, der die katholische Kirche 2010 beinahe überrollt hat, hat dieses Votum wieder an Aktualität gewonnen. Jenseits der Inhalte, die auch im Bereich der Spiritualität vermittelt werden können, stellt man sich seitdem immer mehr der Frage, welche Spiritualität notwendig ist, damit junge Männer zu (auch sexuell) reifen Persönlichkeiten werden, die in guter Weise ihr zölibatäres Leben gestalten und die positiven Kräfte darin entdecken können.

Desweiteren ist zu fragen: Was kann in der Ausbildung hinsichtlich der Spiritualität grundgelegt werden? Worauf ist zu achten bei evtl. Einseitigkeiten? Sind sie Ausdruck einer legitimen Vielfalt der Spiritualität oder gibt es Formen, die so „verschroben“ sind, dass sie eher krank machen als stärken? Wie sieht es mit der Weltoffenheit aus? Vermitteln wir eine Spiritualität, die den Geist unserer Zeit ernst nimmt, ohne darin aufzugehen? In diesem Zusammenhang spielt der souveräne, reife Umgang mit Frauen, Kindern und Jugendlichen eine wesentliche Rolle. Es ist letztlich eine Beziehungsfrage im Hinblick auf Gott.

Häufig stellt sich den Ausbildern auch die Frage: Was nehmen die angehenden Priester am Ende eigentlich mit? Sind sie überhaupt noch formbar im geistlichen Bereich, und wenn nicht, ist das nicht in gewisser Weise schon ein Ausschlusskriterium? Dass viele Seminaristen nicht „wachsen“ (und zwar geistlich!) ist eine deprimierende Tatsache, mit der man sich häufig konfrontiert sieht. Eine letzte Frage wäre, ob man „Spiritualität“ überhaupt lehren kann. Muss man sie nicht vielmehr leben? Geht unsere Ausbildung in diesem Bereich in die Tiefe, so dass sie zu einem selbständigen geistlichen Leben führt?

Diese Fragen können hier nicht alle beantwortet werden. Aber sie sollen im Hintergrund stehen, wenn wir uns in diesem Artikel zunächst auf die einschlägigen Dokumente zur Priesterausbildung beziehen, sodann die Rolle der Spiritualitätsausbildung konkret in einem Priesterseminar in den Blick nehmen und schließlich Schlüsse daraus ziehen bzw. Desiderate für die Zukunft aufstellen.

1. Grundlagendokumente
a) Das Dekret des II. Vatikanums über die Priesterausbildung Optatam totius (1965)

Mit der Spiritualität beschäftigen sich die Artikel 8–12 des Dekrets über die Priesterausbildung. Unter der Überschrift „Die Sorge um die gründlichere geistliche Formung“ werden verschiedene Richtlinien gegeben:

– Betont wird die Verbindung des geistlichen Lebens mit der wissenschaftlichen und pastoralen Ausbildung (Art. 8). Das geistliche Leben soll eine Anleitung zur „Christussuche“ durch Meditation, Eucharistie und Stundengebet sein. Dabei ist es sinnvoll, verschiedene Frömmigkeitsformen aus der Tradition kennen zu lernen. Allerdings soll sich die geistliche Ausbildung nicht darin erschöpfen und nicht einseitig das religiöse Gefühl ansprechen. Vielmehr geht es darum, „die Gesinnung des Betens zu erwerben“.

– Zur Spiritualität eines zukünftigen Priesters gehört die Liebe zur Kirche (Art. 9). Die Seminaristen sollen sich bewusst machen, dass sie „nicht zum Herrschen oder für Ehrenstellen bestimmt“ sind. In diesem Zusammenhang wird die Einübung in eine arme Lebensweise im Geist der Selbstverleugnung gefordert2, die die Bereitschaft einschließt, „auf erlaubte, aber unnötige Dinge zu verzichten“. Sehr aktuell ist der Hinweis, man solle die Lasten und Schwierigkeiten des Priesterlebens kennen, aber keine Angst vor der pastoralen Tätigkeit haben. Sie ist keine „Gefahrenquelle“, sondern der Ort, an dem Spiritualität erprobt wird.

– Auch die Annahme des Zölibates in einer reflektierten und reifen Form prägt das geistliche Leben (Art. 10). Er soll „nicht etwa bloß als eine Vorschrift kirchlicher Gesetzgebung, sondern als ein kostbares Geschenk Gottes“ angesehen werden, d. h. es geht darum, einen positiven Sinn dahinter zu entdecken. Der Hinweis auf die „Gefahren, die ihrer Keuschheit besonders in der gegenwärtigen Gesellschaft drohen“, ist im Hinblick auf die heutigen Möglichkeiten im Internet durchaus aktuell. Ziel ist auch für den Zölibatären „eine höhere menschliche Reife“.

– Betont werden „die neueren Erkenntnisse einer gesunden Psychologie und Pädagogik“, die zur Charakterformung, geistiger Entschlossenheit und insgesamt der „Entfaltung einer reifen Persönlichkeit“3 dienen (Art. 11). Interessant hinsichtlich der Leitungsstile in den Seminaren ist der Hinweis: „Die Regeln der Hausordnung … sollen dem Alter der Alumnen so angepasst werden, dass sie allmählich lernen, auf sich selber zu stehen, und sich daran gewöhnen, ihre Freiheit vernünftig zu gebrauchen, aus eigener Initiative und Überlegung zu handeln und mit den Mitbrüdern und den Laien zusammenzuarbeiten.“

– Das geistliche Leben muss individuell gefördert werden (Art. 12). Daher sieht das Konzil die Möglichkeit zur Studienunterbrechung ebenso vor wie die Erhöhung des Weihealters und eine längere Ausübung des Weihediakonats.

b) Das nachsynodale Schreiben Pastores dabo vobis (1992)

Im nachsynodalen Schreiben „Pastores dabo vobis“ von 1992 wird die spirituelle Formung als Weg „in Gemeinschaft mit Gott und auf der Suche nach Christus“ beschrieben. Dabei ist die geistliche Formung „das wichtigste Element in der Priesterausbildung“ (Art. 45).

– Zentral ist der Gedanke der Freundschaft mit Christus (Art. 46). Die Suche nach Gott (quaerere Deum), die einen jungen Mann im Ideal-fall ins Priesterseminar führt (dass es auch andere Motive gibt, bezeugt allerdings die Erfahrung), muss auch im Leben und Dienst des Priesters weitergehen. „You must be a seaker“, hat uns einmal auf einer Studienreise nach Indien ein katholischer Priester gesagt, der einen christlichen Ashram leitete.

– Priester sind auch Gebetserzieher (Art. 47). „Die Christen hoffen, im Priester nicht nur einen Menschen zu finden, der sie aufnimmt, sie gern anhört und ihnen aufrichtige Sympathie entgegenbringt, sondern auch und vor allem einen Menschen, der ihnen hilft, auf Gott zu schauen und auf ihn zuzugehen“. Daher ist eine „Erziehung zum tief menschlichen Verständnis und zum religiösen Wert der Stille“ unabdingbar.

– Die Bedeutung der Eucharistie für die priesterliche Spiritualität wird in den Mittelpunkt gerückt (Art. 48). Die tägliche Mitfeier soll zu einem tieferen Verständnis führen. Zur eucharistischen Spiritualität gehören aber auch die Betrachtung und Anbetung des in den eucharistischen Gestalten wirklich gegenwärtigen Christus.

– Man kann nicht geistlich sein, ohne auf den Nächsten zu schauen (Art. 49). Deshalb ist die vorrangige Liebe für die Armen ein wesentlicher Bestandteil priesterlicher Spiritualität.

– Der Zölibat wird in „Pastores dabo vobis“ – wie schon in „Optatam totius“ – als „kostbares Geschenk“ bezeichnet (Art. 50). Das heißt jedoch nicht, dass die Schwierigkeiten, die mit dem Leben des Zölibates verbunden sein können, nicht thematisiert werden sollen. Es gilt, den Zölibat in der Ausbildung „mit aller Klarheit, ohne jede Doppeldeutigkeit und in seinem positiven Gehalt“ darzustellen. Für das Gelingen des zölibatären Lebens sind eine psychische und sexuelle Reife notwendig, die gerade in der heutigen Zeit nicht immer gegeben sind. Die Diskussionen im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal in nahezu allen katholischen Bistümern haben das gezeigt. Hilfen sind ein „echtes Gebetsleben“, die Führung durch einen geistlichen Begleiter (die gerade in den ersten Priesterjahren von enormer Wichtigkeit ist) und das Pflegen priesterlicher Freundschaften. Auch die „Annahme der Einsamkeit“ wird genannt, womit im positiven Sinn die Entwicklung einer „Kultur des Alleinseins“ verbunden werden kann. Nicht leichter macht es den Priestern von heute die Tatsache, dass das Verständnis des Zölibats bei gläubigen Laien nicht mehr verbreitet ist. Deshalb soll auch dies gefördert werden.

c) Rahmenordnung für die Priesterbildung (2003)

In der Rahmenordnung für die Priesterausbildung in der Fassung von 2003 fällt auf, dass das geistliche Leben in noch engerer Verbindung zur menschlichen Reife gesehen wird. Außerdem konkretisiert sich das geistliche Leben in den einzelnen Ausbildungsabschnitten auf je verschiedene Weise. Grundlegend sind die Artikel 8–13.

– Geistliches Leben hat sein Fundament in Christus (Art. 8): „Der Priester, der in Christi Person und Aufgabe handelt, ist ganz und gar darauf angewiesen, aus dem Geist Christi zu leben; nur so wird sein Dienst glaubwürdig, nur so ist er fähig, in den ihn oft überfordernden Beanspruchungen standzuhalten; nur so wird auch seine Menschlichkeit gewahrt und erfüllt.“4 Aus dieser Beziehung erwachsen eine größere Sicherheit und eine höhere Frustrationstoleranz, „Haltungen wie Geduld, Starkmut und Zuversicht“.

– Geistliches Leben vollzieht sich mit der Kirche (Art. 9): Die eigene Spiritualität muss von der Erfahrung der Gemeinschaft geprägt und getragen sein. Deswegen darf es keine Sonderfrömmigkeit, keine Ghettoisierung und Isolierung geben. Man muss lernen, die Kirche zu lieben und in ihr zu leben (selbst dann, wenn man subjektiv nicht mit allem einverstanden ist). Vorbild dieses communialen und ekklesialen Lebens ist Maria, „das Urbild der Kirche und die Mutter der Glaubenden“. Sie kann „Leitbild des Dienstes und der ungeteilten Hingabe sein“.

– Geistliches Leben versteht sich als Leben für die Welt (Art. 10): Wichtig ist eine weltoffene Spiritualität. Der Priester soll „immer neu auf die Menschen zugehen und vor Isolation bewahrt bleiben“. Dabei gilt seine Sorge v. a. „den Armen und Schwachen, den Leidenden und Zurückgesetzten, den Suchenden und Hoffnungslosen“.

– Geistliches Leben meint ungeteilte Nachfolge Christi (Art. 11): Dies geschieht durch die geistliche Einhaltung der evangelischen Räte, dem Geist der Armut (Anspruchslosigkeit in Lebensstil und Lebenshaltung), dem Geist des Gehorsams (Anregungen und Kritik ernst nehmen, aber auch den Anspruch Gottes vor den Menschen freimütig verkünden) und dem Geist der Keuschheit / Ehelosigkeit (Zeichen für die vom Geist Christi gewirkte Freiheit der Kinder Gottes in der Ganzhingabe an ihn).

– Geistliches Leben ist eng verbunden mit der menschlichen Reifung (Art. 12): Der künftige Priester soll sich u. a. üben „in Aufrichtigkeit der Gesinnung, in wachem Sinn für Gerechtigkeit, in guten Umgangsformen, im Einhalten des gegebenen Wortes, in mit Liebe verbundener Bescheidenheit beim Gespräch …, in der Fähigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten.“ Unglücklich formuliert ist m. E. die Forderung nach einer „harmonischen Verbindung der menschlichen und übernatürlichen Fähigkeit“. Hier wäre zu klären, was „übernatürliche Fähigkeiten“ sind – sicher nicht magische Fähigkeiten, sondern die Gnade, die der Priester durch die sakramentale Weihe verliehen bekommen hat, „in persona Christi“ zu handeln, was aber ein Handeln in und mit der Kirche („in persona ecclesiae“) nicht aus-, sondern einschließt.5

– Geistliches Leben bewährt sich im geistlichen Alltag (Art. 13): Quellen des geistlichen Lebens sind Gottes Wort, die Sakramente der Kirche, v. a. die Feier der Eucharistie, das Bußsakrament, das Stundengebet, in das man sich langsam einleben soll, das Beispiel Christi und das gemeinsame und persönliche Gebet, „auch in der Form eucharistischer Anbetung“, Meditation, Besinnungstage und Exerzitien. Der zukünftige Priester braucht „Zeiten der Besinnung und Erneuerung, aber auch der Erholung und Entspannung, damit er weder dem Aktivismus noch der Resignation verfällt, sondern durchdringt zu einer inneren Einheit von Gebet und Alltag, pastoralem Einsatz und persönlicher Frömmigkeit.“

Als Fazit der Durchsicht der drei wichtigsten offiziellen Dokumente zur Priesterausbildung in den letzten 50 Jahren kann dreierlei festgehalten werden:

– Der Eindruck, den die Dokumente hinsichtlich ihrer Aussagen zur geistlichen Ausbildung der Priesteramtskandidaten hinterlassen, ist zunächst erschlagend. Es wird ein Bild gezeichnet, das leicht zu Überforderungen führen kann. Aber das haben offizielle Dokumente, die immer das Ideal vor Augen halten wollen, häufig an sich. Sie dürfen daher wohl nicht als wörtliche Anleitung gelesen werden, sondern als Rahmen, innerhalb dessen der Einzelne seinen Weg mit Christus finden soll.

– Umgekehrt fällt auf, dass die Probleme und Herausforderungen, vor denen wir heute – auch im Zusammenhang mit dem Problem des sexuellen Missbrauchs – stehen, durchaus in den Dokumenten angesprochen werden, v. a. in der 2003 wieder aufgelegten Rahmenordnung. Fragen der menschlichen Reifung und des geistlichen Alltags werden ebenso thematisiert wie die Weltoffenheit und die notwendige Gestaltung des zölibatären Lebens (Stichwort: „Lebbarkeit“), auch wenn die Sexualität als solche nicht direkt angesprochen wird (was sicherlich ein Desiderat für zukünftige Dokumente ist). Immer mehr wird den Priesterausbildern bewusst, dass die Entwicklung einer reifen Sexualität auch in das „forum externum“ der Ausbildung gehört, also nicht allein mit dem geistlichen Begleiter besprochen werden kann. Studientage, Recollectiones, aber auch psychologische Tests bieten sich hier an.

– Zusammenfassend kann von einer christologischen und ekklesiologischen Schwerpunktsetzung gesprochen werden. Das geistliche Leben vollzieht sich in der radikalen Nachfolge Christi und im Rahmen der Kirche. Dabei haben die evangelischen Räte in ihrer Gesamtheit eine wichtige Bedeutung und sollten in je neuer Weise in der Ausbildung eine Rolle spielen. Armut und Keuschheit (durch die Betonung des Zölibates) werden bislang stärker hervorgehoben als der Gehorsam.

– Dazu kommt: Spiritualität bezieht sich immer auf die Praxis und den Alltag. Wichtig ist – das zeigt die Erfahrung in der Priesterausbildung –, dass den Seminaristen Hilfen für das geistliche Leben im pastoralen Alltag gegeben werden, damit sie später einmal außerhalb des Seminars als geistliche Menschen auftreten, die ihre persönliche Beziehung zu Jesus Christus (verbunden mit einem persönlichen Stil des geistlichen Lebens) gefunden haben.

2. Spirituelle Ausbildung konkret – die Praxis im Priesterseminar Fulda

Wie können die Vorgaben der offiziellen Dokumente im konkreten Seminaralltag nun umgesetzt werden? Hinter dieser Frage steht immer die Überzeugung, dass „Spiritualität“ nicht „gelehrt“ werden kann, wohl aber Hilfen und Impulse gegeben werden können, die für die Entwicklung eines geistlichen Lebens förderlich sind.

a) Vorlesung „Geschichte christlicher Spiritualität“ (Regens)

Seit WS 2001/2002 wird vom Autor im Rahmen der Theologischen Fakultät Fulda eine Vorlesung zum Thema „Geschichte christlicher Spiritualität“ angeboten. Ursprüngliche Idee der Vorlesung war, bei den Seminaristen Interesse für geistliche Literatur zu wecken und geistliche Gestalten (Heilige, Philosophen, Theologen) zu behandeln, die sonst im Rahmen der akademischen Ausbildung nicht (oder nur sehr selten) angesprochen werden. Systematischer Leitfaden ist dabei die vierbändige Ausgabe der „Quellen geistlichen Lebens“6, v. a. hinsichtlich der Epocheneinteilung. Was die Vertreter/-innen der jeweiligen Spiritualität betrifft, wurden allerdings Kürzungen und manchmal auch Ergänzungen vorgenommen.

Im viersemestrigen Programm werden u. a. folgende Schriften, Personen und Bewegungen behandelt:

– Biblische Spiritualität (AT: Torah, Propheten, Hohelied; NT: Johannes und Paulus)

– Patristische Spiritualiät (Frühes Mönchtum: Wüstenväter; Dionysius Areopagita; frühe lateinische Mystik: Johannes Cassian, Ambrosius, Hieronymus; Augustinus und Gregor der Große als die „Gründerväter“ der abendländischen Spiritualität)

– Mystik des Mittelalters (Monastische Theologie: Bernhard von Clairvaux, Wilhelm von St. Thierry und die Zisterziensermystik; Franziskanische Spiritualität: Franziskus und Bonaventura; Dominikanermystik: Eckhart, Tauler, Seuse; Deutsche Frauenmystik: Schule von Helfta; Devotio moderna; Orthodoxe Mystik: Palamismus und Philokalie)

– Stile neuzeitlicher Spiritualität (angefangen von Ignatius von Loyola und die Karmelitenspiritualität – Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz – über prägende Gestalten der folgenden Jahrhunderte wie Franz von Sales, Blaise Pascal, Angelus Silesius, den hl. Pfarrer von Ars, John Henry Newman, Sören Kierkegaard, Therese von Lisieux und Charles de Foucauld)

– Spiritualität im 20. Jahrhundert und der Gegenwart (hier kommen noch stärker Philosophen und Theologen in den Blick: Teilhard de Chardin, Romano Guardini, Edith Stein, Dietrich Bonhoeffer, Simone Weil, Madeleine Delbrêl, Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar). Außerdem werden einige der neuen geistlichen Gemeinschaften vorgestellt, die in ökumenische Gemeinschaften (Taizé, Fokolare), charismatische Gemeinschaften (Charismatische Erneuerung, Gemeinschaft Emmanuel) und sozial-politische Gemeinschaften (San Egidio, Arche) unterteilt sind.

Die Vorlesungen werden meist mit einer mehr oder weniger langen Biographie begonnen. Dann werden die wichtigsten Werke vorgestellt und evtl. einige Literaturempfehlungen gegeben (z. B. die „Confessiones“ oder der „Bericht des Pilgers“). Schließlich werden Bezüge zum geistlichen bzw. priesterlichen Leben aufgezeigt. Die Erfahrung nach nun 9 Jahren zeigt, dass der ein oder andere wichtige Impuls für die persönliche geistliche Lektüre gegeben werden konnte. Das Interesse ist je nach Semester unterschiedlich groß, da das Fach – zumindest bisher – nicht prüfungsrelevant ist, was sich durch das neu modularisierte Studium allerdings ändern wird.

Die Vorlesungen zur Geschichte christlicher Spiritualität wollen Spiritualität nicht „lehren“, sondern Kenntnisse über Gestalten und Bewegungen aus der Kirchengeschichte vermitteln, deren Glaubenserfahrungen neue Horizonte aufgerissen haben, die auch heute noch von Bedeutung sein können – auch für das eigene geistliche Leben.

b) Einführung in das Geistliche Leben und Gebetsleben (Spiritual)

Neben dieser Vorlesung, die vom Regens verantwortet wird, ist „Spiritualität“ im Priesterseminar natürlich auch Thema in den geistlichen Vorträgen bzw. Anleitungen, die vom Spiritual verantwortet werden.7 Anhand begleitender Literatur8 werden (thesenartig) folgende Themen behandelt:

– Was ist Gebet?

– Beten, wie geht das konkret? – Hinweise zu Gebetszeit, Gebetsort, Disposition zum Gebet, Gebetshaltungen

– Gebetsformen – Gebet der liebenden Aufmerksamkeit (Tages-Examen; Ereignis-Examen; Nachfolge-Examen; Hoffnungs-Examen; Partikular-Examen); Beten mit Psalmen (Stundengebet); Beten mit der Heiligen Schrift (Schriftbetrachtung in fünf Schritten und einem Rückblick); Rosenkranzgebet; Eucharistische Anbetung; Die Feier der Eucharistie

– Zur Praxis der geistlichen Begleitung – Hilfen und Hinweise (Der Begleitete, Der Begleiter, Ziele geistlicher Begleitung)

– Lebensprojekt Berufung – Dimensionen (Berufung aller, Ganzheitlichkeit, Lebenspädagogik, Lebensentscheidung); Kriterien (Unterscheidung, Reifung, Vertiefung, Ursprünglichkeit, Innigkeit, Einfachheit, Ehrfurcht); Anfragen (Krisenanzeiger Biographie; Krisenanzeiger Reifung; Krisenanzeiger Ausbildung; Krisenanzeiger Studium)

– Theologie der evangelischen Räte – Gehorsam, Jungfräulichkeit, Armut

Bei all diesen Runden besteht natürlich die Möglichkeit zum Austausch. Mittwochs ist, jeweils nach einer Gesprächsrunde, eine kleine praktische Gebetsübung vorgesehen. Dabei sollen die Seminaristen v. a. in das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit (Tagesrückblick) und die Schriftbetrachtung (Betrachtung des Evangeliums des nächsten Tages) eingeführt werden.

Am Anfang des neuen Jahres nehmen die Erstsemester an Exerzitien teil. Wesentliche Elemente sind dabei: Vortrag, Schweigen, gemeinsames Gebet, Einzelgespräch.

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