Kitabı oku: «Sprache und Kommunikation in der beruflichen Aus- und Weiterbildung»
Sprache und Kommunikation in der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Ein interdisziplinäres Handbuch
Christian Efing / Karl-Hubert Kiefer
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2018 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8233-0102-8
Inhalt
Vorwort
Das Berufsbildungssystem in DeutschlandVorbemerkungen1. Betriebliche Berufsbildung1.1 Gesetzliche Grundlagen1.2 Berufsausbildungsvorbereitung1.3 Betriebliche Berufsausbildung im Dualen System1.4 Betriebliche Weiterbildung2. Schulische Berufsbildung2.1 Gesetzliche Grundlagen2.2 Schularten des beruflichen Schulwesens3. Leistungen und Probleme des BerufsbildungssystemsLiteratur
A Disziplinen und AkteureEin Blick aus der AusbildungsforschungVorbemerkung1. Ein Blick auf „Sprach“-Entwicklungen2. Sprache, Kommunikation und KompetenzentwicklungLiteraturDie Perspektive der Angewandten Sprachwissenschaft1. Angewandte Sprachwissenschaft2. Kommunikation in Institutionen und Organisationen3. Beispiel CoachingLiteraturDie Perspektive der DeutschdidaktikVorbemerkung1. Zur Geschichte der deutschdidaktischen Perspektive auf Deutschunterricht an berufsbildenden Schulen2. Fazit und AusblickLiteraturDas Arbeitsfeld Berufsbezogenes Deutsch – DaZ-Lernen in der beruflichen Weiterbildung1. Zur Historie des Arbeitsfeldes Berufsbezogenes Deutsch2. Instrumente zur Planung und Durchführung von berufsbezogenem DaZ-Unterricht3. Erweiterung der Instrumente zum berufsbezogenen DaZ-Lernen: der Ansatz des Integrierten Fach- und Sprachlernens (IFSL)4. Professionalisierung von Lehrkräften im Arbeitsfeld Berufsbezogenes Deutsch5. HandlungsbedarfeLiteraturDie Perspektive der Interkulturalitätsforschung1. Einleitung2. Interkulturalität und Kultur3. Interkulturelles LernenLiteraturDie Perspektive der Berufs- und Wirtschaftspädagogik1. Die Bedeutung der Sprache für berufliche Bildungs- und Sozialisationsprozesse2. Sprachkompetenz, kommunikative Kompetenz3. Kommunikative Kompetenz als Bedingung für die Aufnahme einer Berufsausbildung4. Sprachgebrauch am Ausbildungs- und Arbeitsplatz5. Auf die Professionalisierung pädagogischen Personals für berufliche Schulen bezogene Arbeiten6. Reflexion der vorgestellten Studien hinsichtlich der Aufgaben der Berufs- und WirtschaftspädagogikLiteraturDie Perspektive der Organisationsforschung. Narration in der Kommunikation von Organisationssystemen1. Einleitung2. Organisationen als Systeme3. Textsorten und Kommunikationsbereich4. Funktion von Textsorten in Organisationen und ihrer Umwelt5. Narration und Storytelling6. Anforderungen an die Aus- und Weiterbildung7. FazitLiteraturDie Perspektive der Wirtschaft1. Einleitung2. Sprachliche Kompetenzen von Schulabgängern im Spiegel von Unternehmensbefragungen3. Sprachliche Kompetenzen: Befunde aus empirischen Kompetenzüberprüfungen4. Einstellungstests der Unternehmen5. Sprachliche Mindestanforderungen aus Sicht der Wirtschaft6. Bildungs- und arbeitsmarktpolitischer Handlungsbedarf zur Sicherung sprachlicher KompetenzenLiteraturDie Perspektive der Berufsbildungspolitik1. Einleitung2. Sprache …3. Abschließende BetrachtungenLiteraturDie Perspektive der Lehrwerkspraxis1. Einleitung2. Berufsorientierung oder Allgemeinbildung: Welches Verständnis vom Deutschunterricht liegt den Lehrwerken zugrunde?3. Sprache und Kommunikation in den Lehrwerken – theoretischer Hintergrund4. Förderung der kommunikativen Fähigkeiten – Ziele und MittelLiteratur
B Exemplarische Domänen: Ausgewählte Berufsfelder/FachgruppenÄrztliche Gesprächsführung in der Medizinerausbildung – Probleme, Chancen und Methoden1. Einleitung: Evidenz und Rahmenbedingungen2. Das ärztliche Gespräch3. Evidenzbasiertes Kompetenzmodell und Interdisziplinarität4. Stellenwert kommunikativer Kompetenzen im Medizinstudium5. Lehre und Prüfung kommunikativer Kompetenzen im Rahmen eines longitudinalen Kommunikationscurriculums am Beispiel von CoMeD (Universität Düsseldorf)6. ZusammenfassungLiteraturAusbildung kommunikativ-fachspezifischer und interkultureller Handlungskompetenz im berufsorientierten Deutsch als Fremdsprache-Unterricht für den Tourismus (DaFT)1. Einleitung2. DaFT als Berufssprache3. Der aufgaben- und inputorientierte DaFT-Unterricht als intergrierter Ansatz am Beispiel Spanien4. Methodologische Prinzipien und didaktische Überlegungen5. Zusammenfassung und AusblickLiteraturBedeutung und Förderung sprachlich-kommunikativer Kompetenzen im Friseurhandwerk1. Kommunikation und Interaktion als Grundlage beruflichen Handelns und beruflicher Identitätsbildung2. Berufshistorischer Exkurs: Vom Handwerks- zum Dienstleistungsberuf3. Zunehmende Bedeutung sprachlich-kommunikativer Fähigkeiten in der Berufsausbildung zum Friseur/zur Friseurin4. ZusammenfassungLiteraturKommunikative Anforderungen im Ingenieurberuf und deren Vermittlung im Ingenieurstudium1. Einleitung2. Kommunikative Anforderungen in Ingenieurberufen3. Berufliche Texte und ihre Gestaltungsmöglichkeiten4. Stand der Förderung schriftsprachlicher Kompetenzen in der Ingenieurausbildung5. Didaktische HerausforderungenLiteraturAusgewählte Berufsgruppen: Fachgruppe der Pflege- und Betreuungsberufe1. Hintergrund2. Problemstellungen3. Kommunikation lehren und lernen4. FazitLiteraturWozu lesen?! Subjekt- und kontextspezifische Lesekompetenzförderung am Beispiel des Berufsfeldes Bautechnik1. Ausgangslage2. Forschungsstand3. Untersuchungsdesign4. Ergebnisse5. Konsequenzen für eine adressaten- und domänenspezifische Förderung von LesekompetenzLiteratur
C Ansätze und Methoden der Erhebung von s-k Anforderungen, Bedarfen und Gebrauch im BerufMethoden zur Erhebung, Analyse und Beschreibung kommunikativer Anforderungen, Praktiken und Verhaltensweisen in beruflichen und Ausbildungs-Kontexten1. Vorbemerkung2. Überblick3. Kommunikations-Anforderungs- bzw. Sprachbedarfsermittlungen4. BeispieleLiteratur
D Sprachliche Dimensionen/Fertigkeiten; literarische Text- und Diskursarten: Diagnose und FörderungFunktionaler Analphabetismus in der beruflichen Bildung und Arbeitswelt1. Einleitung2. Funktionaler Analphabetismus in Deutschland: Ein Phänomen der Arbeitswelt3. Funktionaler Analphabetismus in der Berufsausbildung4. FazitLiteraturRegisterbezogene Förderung der Sprachkompetenz in der beruflichen Bildung: Berufs-, Bildungs- und Fachsprache1. Einleitung2. Berufsweltbezogene kommunikative Kompetenz und die Rolle der Register hierfür3. Zur Förderung berufsrelevanter RegisterLiteraturLiteraturunterricht an beruflichen Schulen1. Einführung/Begriffsbestimmung2. Versuche zur Begründung einer eigenständigen Deutschdidaktik für berufsbildende Schulen3. Gegenwärtige Strömungen der Literaturdidaktik4. Der aktuelle Stellenwert des Literaturunterrichts, dargestellt anhand der „Rahmenvereinbarung über die Berufsschule“ (2015) und anhand von Auszügen aus Lehrplänen5. Der Stellenwert der Literatur in Deutschlehrwerken6. FazitLiteraturPoetry Slam im Deutschunterricht an Berufsschulen1. Poetry Slam: eine Veranstaltungsform2. Die Poetry-Slam-Schreibwerkstatt3. Ausblick: Science SlamLiteratur
D1 Sprechen/ZuhörenDiagnose von Gesprächskompetenz im Bereich der beruflichen Bildung1. Gesprächskompetenz2. Gesprächskompetenz diagnostizieren3. Diagnostische VerfahrenLiteraturFörderung von Gesprächskompetenz im Bereich der beruflichen Bildung1. Berufsweltbezogene Gesprächskompetenz2. Ziele und Inhalte des Deutschunterrichts3. Methoden der Förderung der Gesprächskompetenz4. AusblickLiteraturAusbildungsvorbereitende Gesprächsförderung in der Sekundarstufe I1. Einleitung2. Gesprächskompetenz & Gesprächsförderung: Eine Einordnung3. Gesprächs-Anforderungssituationen in Ausbildung und Beruf4. Gesprächsförderung im Unterrichtsfach Deutsch: Ein Blick auf curriculare Vorgaben und Unterrichtsmaterial5. Methodisch-Didaktische Perspektiven für eine ausbildungsvorbereitende Gesprächsförderung in der Sekundarstufe ILiteraturKommunikative Kompetenzen für beratende Dienstleistungen im Rahmen von Verkaufsgesprächen und ihre Vermittlung im berufsbezogenen Deutschunterricht1. Die kommunikative Praktik des „Beratens“ im Rahmen von Verkaufsgesprächen2. Kommunikative Herausforderung beratender Dienstleistungen: Sprachliche „Flexibilität“3. Kommunikative Teilkompetenzen des Beratens4. Die Vermittlung von Beratungs-Kompetenzen in der berufsbezogenen Deutschausbildung5. Fazit und AusblickLiteraturErklären/Instruieren1. Einleitung2. Mündliches Erklären & Instruieren: Einordung und Modellierung3. Erklären und Instruieren in Schule und Ausbildung: Ein Blick in die Praxis4. Diagnose und Förderung der Erklärkompetenz in Schule und AusbildungLiteraturMündliche Bewerbungskompetenz beschreiben und entwickeln1. Charakteristika des Gesprächstyps Bewerbungsgespräch2. Kommunikatives Wissen und prozedurales Können als globale Gesprächskompetenz für das Bewerbungsgespräch3. Grundzüge eines didaktisch-methodischen KonzeptsLiteratur
D2 SchreibenDiagnose von Schreibkompetenzen in der beruflichen Bildung1. Einordnung2. Gütekriterien zur Erfassung der Schreibkompetenz3. Studien zur Schreibkompetenz in der beruflichen Bildung in den letzten beiden Dekaden4. Fazit mit AusblickLiteraturFörderung der allgemeinen Schreibkompetenz im Bereich der beruflichen Bildung1. Einleitung2. Das Konstrukt Schreibkompetenz3. Didaktische Prinzipien der Schreibförderung4. Studien zur Förderung der allgemeinen Schreibkompetenz im Bereich der beruflichen Bildung5. Zusammenfassung und AusblickLiteraturAusbildungsvorbereitende Schreibförderung in der Sekundarstufe I1. Einleitung2. Schreibbezogene Anforderungen der Berufsausbildung3. Zur (Recht-)Schreibkompetenz von (Berufs-)Schülerinnen und Schülern4. Fazit: Die Notwendigkeit eines ausbildungsvorbereitenden DeutschunterrichtsLiteraturverzeichnisTechnische Redaktion1. Veränderungen im Berufsfeld „Technische Redaktion“2. Modularisierung, Standardisierung und Wiederverwendung3. Zielgruppen- und Textsortenneutralität?4. Ebenen der Standardisierung5. FazitLiteraturFormulare als textuelle Herausforderung in der beruflichen Ausbildung1. Einleitung2. Formulare in kommunikativer Perspektive – eine Annäherung3. Formulare – linguistische Beschreibung und Kategorisierung4. Formulare in Ausbildung und Beruf5. FazitLiteratur
D3 LesenDiagnose von Lesekompetenz – Ansätze und Instrumente in der beruflichen Bildung1. Problemstellung2. Lesen als Gegenstand von Diagnostik3. Modellierung von Lesekompetenz4. Instrumente zur Diagnose von Lesekompetenz im beruflichen Kontext5. BilanzLiteraturFörderung von Lesekompetenz im Bereich der beruflichen Bildung1. Ausgangslage2. Auswahl der Förder- und Forschungsprojekte3. Fazit und kritische ReflexionLiteraturInfografiken in der Fachsprache der beruflichen Bildung1. Infografiken als diskontinuierliche Textsorte2. Überblick über die Vielfalt an Infografiken3. Sieben Schritte zur Lesekompetenz von Infografiken4. SchlussbemerkungLiteratur
E Aspekte inter- und transkulturellen s-k Lernens für den Beruf – MehrsprachigkeitZugänge zu und Inhalte von Fördermaßnahmen für Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache in der beruflichen Ausbildung1. Einleitung2. Zielgruppen der Förderung3 Rechtliche Vorgaben und Zugänge zu Förderung4. Gegenstand und Inhalte der FörderungLiteraturDie Förderung neu Zugewanderter an beruflichen Schulen1. Einleitung2. Entstehung des Handlungsfelds3. Zentrale Förderbereiche4. Zur Praxis in den Ländern5. Aktuelle Herausforderungen und DesiderataLiteraturFach- und berufsbezogener DaF-Unterricht an Schulen und Hochschulen im Ausland1. Einleitung: Deutsch als nützliche Sprache2. Das scheinbare Paradox: Berufsbezug durch Allgemeinsprache?3. Berufsbezogene Germanistik?4. Deutsch im Fachstudium5. Fach- und Berufsschulen6. FazitLiteraturFremdsprachen in der Aus- und Weiterbildung und im betrieblichen Weiterbildungsmanagement1. Fremdsprachliche kommunikative Anforderungen der Arbeitswelt2. Fremdsprachen in der schulischen und beruflichen Ausbildung3. Bedarfsermittlung und Lerntransfer in Unternehmen4. Fremdsprachenunterricht in Unternehmen5. Ausblick auf neue LernkonzepteLiteratur
F Didaktik und Methodik der VermittlungDidaktische Szenarien in der berufsbezogenen Sprachausbildung1. Gegenstand, Begriff und Abgrenzung von „Szenario“2. Szenarien im berufsbezogenen Deutsch- und Fremdsprachenunterricht3. Konzeption, Einsatz und ausgewählte Beispiele von Szenarien4. Fazit und AusblickLiteraturAnsätze des Integrierten Fach- und Sprachlernens in der beruflichen Bildung1. Einleitung2. Sprache im Fachunterricht der beruflichen Bildung3. Sprache im Fachunterricht der beruflichen Bildung – Ansätze des Integrierten Fach- und Sprachlernens4. Integriertes Fach- und Sprachlernen – Empirische Evidenz5. Resümee und AusblickLiteraturDidaktik und Methodik der Vermittlung sprachlich kommunikativer Kompetenzen in Aus- und Weiterbildung: Prüfungsformate1. Einleitung2. Was zeichnet eine gute Sprachprüfung aus?3. Welche Prüfungen für berufsorientiertes Deutsch gibt es?4. FazitLiteraturDidaktik und Methodik der Vermittlung sprachlich-kommunikativer Kompetenzen: Der Einsatz von Neuen Medien im berufsbezogenen Deutschunterricht1. Einleitung2. Mediale Mehrwerte und Medienadäquatheit3. Technische Fachsprachen und ihre elektronischen Arbeitswerkzeuge4. Lernwerkzeuge5. Inhaltsbasiertes Lernen und Lehren von Sprachen6. Handlungsorientierung7. Handlungsorientiertes Lernen mit elektronischen Medien8. Lernplattformen und Infrastruktur9. AusblickLiteraturInternet
AnhangWeiterführende Hinweise1. Auswahlbibliographie (Monographien, Sammelbände, Sonderhefte)2. Zeitschriften3. Relevante Internetadressen (Auswahl) (Stand: 27.02.2018)4. Einschlägige TagungenVerzeichnis der Autorinnen und AutorenSachregister
Vorwort
Sprache und Kommunikation im Beruf ist ein gesellschaftsrelevantes Thema, das schon seit längerem von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen rege beforscht wird. Die Zuspitzung auf den Bereich der Aus- und Weiterbildung, die ganz eigene bildungspolitische und (sprach)didaktische Implikationen mit sich bringt, ist jüngeren Datums. Disziplinen wie die (Angewandte) Linguistik, die Sprachdidaktik, die Berufs- und Wirtschaftspädagogik, die (Arbeits-)Soziologie und andere mehr haben Interesse an diesem Thema, ebenso verschiedenste Institutionen wie Universitäten, das Bundesinstitut für Berufsbildung, das Institut der deutschen Wirtschaft oder das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung. Eine Vielzahl weiterer Akteure arbeitet forschend wie fördernd am Thema Sprache und Kommunikation in Aus- und Weiterbildung für verschiedenste Zielgruppen: Deutsch-Erst-, -Zweit-, -Fremdsprachler, Akademiker, Auszubildende im dualen System usw. Die gegenseitige Wahrnehmung und Befruchtung der einzelnen Disziplinen und Akteure ist angesichts dieser Feldaufteilung noch optimierbar; ihrer Förderung hat sich das vorliegende Handbuch verschrieben, indem interdisziplinär und überinstitutionell der state of the art der verschiedenen Akteure zusammengefasst wird, was nicht nur den gegenseitigen Austausch über Themen, Methoden, Ergebnisse und Standards fördert, sondern auch Desiderate für die zukünftige Weiterarbeit hervortreten lässt.
Das vorliegende interdisziplinäre Handbuch zu Sprache und Kommunikation in der beruflichen Aus- und Weiterbildung bietet demnach – aus deutsch(sprachig)em Blickwinkel – einen breiten Überblick über die Interessen, Perspektiven und Ansätze der verschiedensten Disziplinen und Institutionen auf das Themenfeld. Dabei stehen methodische Fragen der Forschung und Erhebung ebenso wie didaktische Fragen der Diagnose und Förderung sprachlicher und kommunikativer Anforderungen und Kompetenzen von Personen in der Aus- und Weiterbildung im Fokus.
Das Handbuch ist in nach einem einleitenden Artikel zum Berufsbildungssystem in Deutschland in sechs Hauptrubriken gegliedert. In der ersten, „Disziplinen und Akteure“, werden die Perspektiven verschiedenster Interessensgruppen auf Sprache und Kommunikation in Aus- und Weiterbildung überblicksartig dargestellt. In der folgenden Rubrik, „Exemplarische Domänen“, werden ausgewählte Fachgruppen und Berufsfelder mit Blick auf sprachlich-kommunikative Anforderungen und Förderansätze dargestellt. Dabei folgte die Auswahl der beispielhaften Berufsgruppen der Prämisse, sowohl akademische wie nicht-akademische und sowohl produktions- wie dienstleistungsorientierte Berufe vorzustellen. In der dritten Rubrik werden verschiedene Methoden zur Erhebung, Analyse und Beschreibung kommunikativer Anforderungen, Praktiken und Verhaltensweisen in beruflichen und Ausbildungs-Kontexten beschrieben. Die zentrale vierte, didaktische Hauptrubrik stellt, untergliedert nach den sprachlichen Teilfertigkeiten des Sprechens/Zuhörens, Schreibens und Lesens, generell wie exemplarisch zu bestimmten Text- und Diskursarten, Ansätze zur Diagnose und Förderung von Sprache und Kommunikation dar. Zusätzlich werden quer zu diesen Teilfertigkeiten liegende didaktische Themen beleuchtet. Die folgende fünfte Hauptrubrik hebt „Aspekte inter- und transkulturellen sprachlich-kommunikativen Lernens für den Beruf“ sowie Aspekte der Mehrsprachigkeit hervor, die in der heutigen Arbeitswelt immer zentraler werden. Schließlich versammelt die letzte Rubrik „Didaktik und Methodik der Vermittlung“ Artikel zu teilfertigkeitsunabhängigen Ansätzen der Förderung sprachlich-kommunikativer Kompetenzen und geht dabei auf spezifische Lernsettings und Medienpotenziale ein.
Aus organisatorischen Gründen entfielen kurz vor Druckschluss leider Artikel zu den zentralen Themen der Aus- und Weiterbildung von Ausbildungspersonal im Bereich Sprachförderung (Train the Trainer), zur Perspektive des Deutschen als Fremdsprache sowie zu multimedialen Lernplattformen, für die kurzfristig keine Ersatzautoren gefunden wurden.
Das Handbuch richtet sich mit seiner interdisziplinären Ausrichtung und dem Ziel der Förderung der gegenseitigen Wahrnehmung dezidiert an Vertreter aller Disziplinen, die sich mit Sprache und Kommunikation in der Aus- und Weiterbildung beschäftigen. Dabei werden sowohl Forscher als auch Praktiker angesprochen, die sich mit dem Thema aus einer konkreten Förderperspektive – etwa in (Berufs-)Schulen – befassen. Insbesondere ist es geeignet als Grundlage für die universitäre Ausbildung von Forschern wie Berufsschullehrern und anderen (zukünftigen) Akteuren im Bereich der Sprachbildung und Sprachförderung in der Aus- und Weiterbildung wie generell im Beruf.
Dieses Handbuch wäre nicht zustande gekommen ohne die Expertise und Bereitschaft der vielen Autoren, die sich auf seine Idee und Konzeption eingelassen und über die lange Wegstrecke oft viel Geduld bewiesen haben. Ihnen allen gilt unser herzlicher Dank. Da ein Buch nicht nur eine inhaltliche, sondern auch eine formale Seite hat, möchten wir an dieser Stelle Frau Larissa Schlößer und Frau Kristina Rendl danken, die als wissenschaftliche Hilfskräfte unermüdlich und mit akribischem Blick dafür gesorgt haben, dass die Manuskripte korrigiert und formal korrekt eingerichtet wurden.
Wuppertal und Berlin, im September 2018 Christian Efing und Karl-Hubert Kiefer
Das Berufsbildungssystem in Deutschland
Günter Kutscha
Vorbemerkungen
Gegenstand des vorliegenden Beitrags sind die grundlegenden Strukturen und Funktionen der betrieblichen und schulischen BerufsbildungBerufsbildungssystem in Deutschland (Gesamtüberblicke siehe Baethge 2008, Kutscha 2010, Schanz 2006, Spöttl 2016). Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Entwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung nicht allein und primär ein schulinterner Vorgang war, sondern auf zwei unterschiedlichen Systementwicklungs- und Steuerungskonzepten basiert. Die betriebliche Berufsbildung entstand und vollzieht sich im Rahmen privatwirtschaftlicher Unternehmen und korporativer Organisationen (Kammern, Sozialpartner) mit dominanter Ausrichtung des Qualifikations-, Selektions- und Sozialisationsbedarfs auf innerbetriebliche Erfordernisse und überbetriebliche Herausforderungen des Beschäftigungssystems (vgl. Harney 1997). Bei den beruflichen Schulen handelt es sich in der Regel trotz aller Bemühungen um die Einführung neuer Steuerungs- und Managementkonzepte nach wie vor um nichtrechtsfähige „Anstalten“ unter staatlicher Schulaufsicht und systeminternen Unterrichts-, Prüfungs- und Berechtigungsmodalitäten, die sich dem unmittelbaren Einfluss des Arbeitsmarkts weitgehend entziehen. Jede Diskussion zum Verhältnis von schulischer und betrieblich-korporativer Berufsbildung betrifft folglich nicht nur pädagogische Alternativen, sondern das Verhältnis zweier Systeme mit je eigener institutioneller Logik. Übergreifend für die schulische und betriebliche Berufsbildung gilt das Prinzip der BeruflichkeitBeruflichkeit (vgl. Bolder et al. 2012). Es ist in den diversen Bereichen des Berufsbildungssystems unterschiedlich ausgeprägt, besonders markant in den Strukturen des Dualen Systems von betrieblicher Berufsausbildung und Berufsschulunterricht (vgl. Deißinger 1998).
1. Betriebliche BerufsbildungBerufsbildungbetriebliche
1.1 Gesetzliche Grundlagen
Grundlegend für die formale betriebliche Berufsbildung ist das Berufsbildungsgesetz (BBiG)Berufsbildungsgesetz von 1969 in der Neufassung aus dem Jahr 2005 (Berufsbildungsreformgesetz) und die daran angepasste Handwerksordnung (HwO). „Berufsbildung“ im Sinne des Berufsbildungsgesetzes (§ 1 Abs. 1 BBiG) „sind die Berufsausbildungsvorbereitung, die Berufsausbildung, die berufliche Fortbildung und die berufliche Umschulung.“ Das Berufsbildungsgesetz gilt für die Berufsbildung, soweit diese nicht in berufsbildenden Schulen durchgeführt wird. Daraus ergibt sich für den speziellen Fall der Berufsausbildung im Dualen Systemduales System, dass der betriebliche Teil durch Gesetze und Rechtsverordnungen des Bundes geregelt wird, während die Aufsicht und Regelung der Berufsschule in die Zuständigkeit der Länder fällt. Die Dualität der Lernorte in Ausbildungsbetrieben und Berufsschulen korrespondiert mit der Dualität der Regelungsbefugnisse von Bund und Ländern.
1.2 Berufsausbildungsvorbereitung
Die BerufsausbildungsvorbereitungAusbildungsvorbereitung dient laut BBiG dem Ziel, durch die Vermittlung von Grundlagen für den Erwerb beruflicher Handlungsfähigkeit an eine Berufsausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf heranzuführen. Sie richtet sich an Personen, deren Entwicklungsstand eine erfolgreiche Ausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf noch nicht erwarten lässt. Die wichtigste Form der betrieblichen Berufsausbildungsvorbereitung ist die Einstiegsqualifizierung Jugendlicher (EQJ). Es handelt sich um eine mindestens sechs Monate und längstens bis zu einem Jahr dauernde praxisnahe betriebliche Qualifizierung. Sie kann unter bestimmten Umständen einer anschließenden Berufsausbildung im Dualen System angerechnet werden.
1.3 Betriebliche Berufsausbildung im Dualen System
Schwerpunkt der betrieblichen Berufsbildung ist die Berufsausbildung im Rahmen des Dualen Systems (vgl. Spöttl 2016). Zum Begriff Berufsausbildung führt das Berufsbildungsgesetz (§ 1 Abs. 3 BBiG) aus:
Die Berufsausbildung hat die für die Ausübung einer qualifizierten beruflichen Tätigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt notwendigen beruflichen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten (berufliche Handlungsfähigkeit) in einem geordneten Ausbildungsgang zu vermitteln. Sie hat ferner den Erwerb der erforderlichen Berufserfahrungen zu ermöglichen.
Die wesentlichen Merkmale der betrieblichen Berufsausbildung im Dualen System lassen sich gemäß dieser Legaldefinition auf folgende Punkte fokussieren: (1.) Berufsausbildung bereitet auf „qualifizierte“ berufliche Tätigkeiten vor. So genannte „Anlernberufe“ mit kurzer Anlernzeit, wie sie vor Verabschiedung des Berufsbildungsgesetzes üblich waren, gibt es nicht mehr. Die weit überwiegende Zahl der Ausbildungsordnungen sieht eine Ausbildungsdauer von drei Jahren vor. Daneben gibt es eine nicht unbeträchtliche, aber abnehmende Zahl von Ausbildungsberufen mit dreieinhalbjähriger und zweijähriger Ausbildungsdauer. (2.) Die Berufsausbildung hat „berufliche Handlungsfähigkeiten“Handlungskompetenz zu vermitteln. Das Leitbild der beruflichen Handlungsfähigkeit zielt darauf ab, Auszubildende zu befähigen, Arbeitsabläufe selbständig zu planen, durchzuführen und zu kontrollieren. Hintergrund für die Orientierung am Leitziel der beruflichen Handlungsfähigkeit ist der Trend zur Höherqualifizierung und Flexibilisierung der Arbeitsanforderungen. (3.) Die in der Berufsausbildung zu vermittelnden Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten sind in einem „geordneten Ausbildungsgang“ zu vermitteln, und zwar auf der Grundlage bundeseinheitlicher Ausbildungsordnungen. Zur Wahl stehen derzeit über 300 geregelte AusbildungsberufeAusbildungsordnung. Für einen anerkannten Ausbildungsberuf darf nur nach der Ausbildungsordnung ausgebildet werden. In anderen als anerkannten Ausbildungsberufen dürfen Jugendliche unter 18 Jahren nicht ausgebildet werden (Ausschließlichkeitsgrundsatz gemäß § 4 BBiG). Ausbildungsordnungen haben als Rechtsverordnung der zuständigen Bundesministerien Gesetzeskraft. An der Entwicklung von Ausbildungsordnungen sind nicht nur staatliche Akteure beteiligt, sondern paritätisch auch Sachverständige der Arbeitnehmer und Arbeitgeber (Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände). Es gilt das KonsensprinzipKonsensprinzip, wonach Ausbildungsordnungen im Einvernehmen der Akteure von Staat, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden verbindlich geregelt werden (korporative Steuerung). (4.) Der Erwerb der „erforderlichen Berufserfahrungen“ erfolgt in der betrieblichen Praxis aufgrund eines privatrechtlichen Ausbildungsvertrags zwischen Ausbildenden und Auszubildenden. Der Vertragsabschluss ist nach dem Grundrecht der Berufsfreiheit den Ausbildenden und Auszubildenden überlassen; die Durchführung der Ausbildung selbst unterliegt den Bestimmungen der Ausbildungsordnungen.
1.4 Betriebliche WeiterbildungWeiterbildungbetriebliche
Im Vergleich zur Berufsausbildung ist die betriebliche Weiterbildung nur wenig geregelt und deshalb schwer überschaubar (vgl. Schanz 2006:91–99). Das Berufsbildungsgesetz spricht nicht von Weiterbildung, sondern von „beruflicher FortbildungFortbildungberufliche“ und unterscheidet dabei vier Anlässe bzw. Arten: Anpassungsfortbildung, Erweiterungsfortbildung, Erhaltungsfortbildung und Aufstiegsfortbildung. Bei der abschlussbezogenen Aufstiegsfortbildung, zum Beispiel zum Meister oder zum Techniker, kann das Bundesministerium für Bildung und Forschung Fortbildungs- und Umschulungsordnungen erlassen; ansonsten obliegt die Regelung der Fortbildungs- und Umschulungsprüfungen den „zuständigen Stellen“ (z.B. den Handwerks- sowie den Industrie- und Handelskammern).
Darüber hinaus besteht eine Vielzahl gesetzlich nicht geregelter betrieblicher Weiterbildungsaktivitäten, zum Beispiel die Anpassungsweiterbildung am Arbeitsplatz im Fall technischer Innovationen oder organisatorischer Änderungen. Insgesamt liegt die Weiterbildungsbeteiligung der Betriebe in Deutschland bei rund 50 %. Der betriebliche Weiterbildungsbereich ist hoch selektiv (vgl. Dummert & Leber 2016:40–48). So nehmen höher qualifizierte Beschäftigte (z.B. mit abgeschlossener Berufsausbildung oder Hochschulabschluss) deutlich häufiger an Weiterbildungsmaßnahmen teil als gering qualifiziertes Personal. Differenziert nach Betriebsgrößenklassen zeigt sich, dass die Weiterbildungsbeteiligung der Betriebe mit Zahl der Beschäftigten steigt. Einer der wichtigsten Gründe für diesen Befund ist, dass größere Betriebe eher als kleinere über die finanziellen und organisatorischen Voraussetzungen verfügen, um Qualifizierungsmaßnahmen durchführen zu können.
2. Schulische BerufsbildungBerufsbildungschulische
2.1 Gesetzliche Grundlagen
Bei Gründung der Bundesrepublik Deutschland knüpfte die Entwicklung des beruflichen SchulwesensSchuleberufliche unter neuen verfassungsrechtlichen Voraussetzungen an die in der Weimarer Republik und zur Zeit des Nationalsozialismus geschaffenen institutionellen Strukturen an. Schulpolitische Entscheidungen werden seither durch den föderalen Staatsaufbau und die hiermit verbundene Aufgaben- und Kompetenzverteilung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden bestimmt (vgl. Kultusministerkonferenz 2015a:6–8). Der einzige spezielle Schulartikel des Grundgesetzes (Art. 7) unterstellt das gesamte Schulwesen der Staatsaufsicht. Darunter fallen die öffentlichen wie die privaten, die allgemeinbildenden wie die berufsbildenden Schulen. Die Gesetzgebung über das berufliche Schulwesen liegt bei den einzelnen Bundesländern.
Die föderale Kompetenzverteilung und insbesondere die Zuständigkeit der Länder für die Regelung und Aufsicht des Schulwesens führte schon frühzeitig dazu, Einrichtungen für die Koordination und Abstimmung schulpolitischer Entscheidungen zu treffen. Eine herausragende Rolle spielt hierbei die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (Kultusministerkonferenz, KMK)Kultusministerkonferenz. Speziell für das berufliche Schulwesen hat die Kultusministerkonferenz insofern eine besondere Bedeutung, als sie Vereinbarungen über die Anerkennung und Gleichwertigkeit von Abschlüssen und über Rahmenlehrpläne für den beruflichen Unterricht trifft und am Zusammenwirken der betrieblichen und schulischen Berufsausbildung, etwa bei der Abstimmung von Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrplänen, beteiligt ist.
2.2 Schularten des beruflichen Schulwesens
2.2.1 Gesamtüberblick und Klassifikation der Schularten an berufsbildenden Schulen
Die Vielfalt berufsbezogener Schularten und Bildungsgänge (vgl. Statistisches Bundesamt 2016) lässt sich nach der Systematik des nationalen Bildungsberichts folgenden Teilbereichen zu ordnen (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016:105):
Duales System: Teilzeit-Berufsschule,
Schulberufssystem: Berufsfachschulen, soweit sie eine vollständige Berufsausbildung mit berufsqualifizierendem Abschluss vermitteln,
Übergangssystem: Bildungsgänge ohne berufsqualifizierenden Abschluss (Berufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundbildungsjahr, Berufsfachschulen ohne Berufsabschluss),
Weiterbildung: Fachschulen für berufliche Fortbildung.
Nicht berücksichtigt sind im Bildungsbericht berufliche Schulen, die primär eine Schullaufbahnberechtigung vermitteln. Dazu gehören insbesondere: Berufsaufbauschulen mit Abschluss der Fachschulreife (kaum noch von Bedeutung), Fachoberschulen mit Abschluss der Fachhochschulreife, Berufsoberschulen mit Abschluss der fachgebundenen Hochschulreife, Fachgymnasien mit Abschluss der allgemeinen Hochschulreife (vgl. Schanz 2015:83–85).
2.2.2 BerufsschulenBerufsschule im Dualen System
Weit mehr als die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler an beruflichen Schulen besucht außerhalb der betrieblichen Ausbildungszeit die (obligatorische) Teilzeit-Berufsschule. Der Berufsschulunterricht umfasst nach Vereinbarung der Kultusministerkonferenz (2015b) zwölf Wochenstunden, davon entfallen acht Stunden auf den berufsbezogenen und vier Stunden auf den berufsübergreifenden Unterricht. Gegenstand der KMK-RahmenlehrpläneCurriculumRahmenlehrplan ist nur der berufsbezogene Unterricht. Er orientiert sich nicht an der Fachsystematik von Unterrichtsfächern, sondern an LernfeldernLernfeld, die unter Bezugnahme auf berufsrelevante Arbeitssituationen handlungssystematisch aufgebaut sind (Kultusministerkonferenz 2011). Damit soll dem gemeinsamen Bildungsauftrag von Berufsschule und Ausbildungsbetrieben unter dem Leitziel der beruflichen Handlungskompetenz entsprochen werden. Die Lehrplanung für den berufsübergreifenden Unterricht obliegt den einzelnen Ländern. Sie haben sich verpflichtet, dass die Berufsschule „durchgängige Sprachbildung“ ermöglicht (Kultusministerkonferenz 2015b:3). Die Fächer des berufsübergreifenden Bereichs sind von Land zu Land verschieden; so sehen die Berufsschullehrpläne für Nordrhein-Westfalen die Fächer Deutsch/Kommunikation, Religionslehre, Politik/Gesellschaftslehre und Sport/Gesundheitsförderung vor. Darüber hinaus gibt es einen Differenzierungsbereich, der unterschiedlich genutzt werden kann, z.B. bei entsprechenden schulischen Voraussetzungen zum Erwerb der Fachhochschulreife.
Der Berufsschulbesuch führt zu einem eigenen zertifizierten Abschluss, der allerdings nicht mit einer eigenen Prüfung verbunden ist. Das Berufsbildungsgesetz sieht am Ende der Berufsausbildung eine AbschlussprüfungAbschlussprüfung in Eigenverantwortung der „zuständigen Stellen“ (Kammern) vor, und zwar ohne Abstimmungserfordernisse mit den Ländern bzw. Berufsschulen. Berufsschulverbände sehen darin eine Ungleichgewichtigkeit von betrieblicher und schulischer Berufsbildung im Dualen System und fordern, neben der so genannten Kammerprüfung eine eigene Berufsschulprüfung einzuführen, um damit den fachtheoretischen und allgemeinbildenden Inhalten des Berufsschulunterrichts stärker Geltung verschaffen zu können (vgl. Krüger 2014).
2.2.3 BerufsfachschulenBerufsfachschule im Übergangs- und SchulberufssystemSchulberufssystem
Hinter der Sammelbezeichnung Berufsfachschule verbirgt sich eine Vielzahl von Schulformen mit Vollzeitunterricht von mindestens einjähriger Dauer. Für deren Besuch wird – im Unterschied zu den Fachschulen als Einrichtungen der beruflichen Fortbildung – keine Berufsausbildung oder berufliche Tätigkeit vorausgesetzt. Die Rahmenvereinbarung der Kultusministerkonferenz (2013) über Berufsfachschulen rechnet diesen Schularten Bildungsgänge zu, (1.) die eine breit angelegte berufliche Grundbildung (z.B. für Berufsfelder wie Wirtschaft und Verwaltung, Metall-, Elektrotechnik) vermitteln; sie dienen der Vorbereitung auf eine berufliche Ausbildung und können auf die Ausbildungszeit in anerkannten Ausbildungsberufen angerechnet werden; (2.) die auf der Grundlage der entsprechenden Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrpläne zu einem Abschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf führen; (3.) die einen Berufsausbildungsabschluss anbieten, der nur über den Besuch einer beruflichen Schule erreichbar ist; dazu gehören Bildungsgänge nach Bundesrecht (z.B. bundesrechtlich geregelte Berufe im Gesundheitswesen) und nach Landesrecht (z.B. staatlich geprüfter/geprüfte Kinderpfleger/Kinderpflegerin, Assistentenberufe).
Bedeutung und Nutzen der Berufsfachschule werden in der Fachliteratur unterschiedlich beurteilt. Hierbei spielt die Vielfalt und Multifunktionalität der Berufsfachschule eine entscheidende Rolle. Ein- und zweijährige Berufsfachschulen ohne anerkannten Berufsabschluss übernehmen zu einem großen Teil die Funktion einer „Warteschleife“ für Jugendliche, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz gefunden haben. Sie werden deshalb dem „Übergangssystem“ zugeordnet. Gleichwohl ist zu berücksichtigen, dass diese Schulen für Hauptschulabsolventen die Möglichkeit bieten, den Realschulabschluss zu erwerben und damit die Chancen am Ausbildungsstellenmarkt zu verbessen.
Voll qualifizierende Berufsfachschulen von drei- und mehrjähriger Dauer, die zu einem Berufsabschluss führen, setzen den Realschulabschluss oder einen gleichwertigen Abschluss voraus und schließen mit einer staatlichen Abschlussprüfung nach Bundes- oder Landesrecht ab. Im Schuljahr 2013/14 wurden rund 215000 Schüler und Schülerinnen an Berufsfachschulen für einen Schulberuf ausgebildet, davon gut zwei Drittel weiblich (Schanz 2015:81). Schwerpunkt der vollzeitschulischen Berufsausbildung an Berufsfachschulen sind (landesrechtlich geregelte) Berufsausbildungen, deren Abschlüsse nur schulisch erreichbar sind. Dazu gehören die Berufsbereiche der Technischen Assistenten, der Wirtschaftsassistenten und der Dienstleistungsassistenten.
2.2.4 Fachschulen als Einrichtungen der beruflichen FortbildungFortbildungberufliche
Mit den Berufsschulen und Berufsfachschulen gehören die FachschulenFachschule zu den ursprünglichen Kernbereichen der schulischen Berufsbildung. Im Unterschied zu Berufsschulen und Berufsfachschulen setzt der Unterricht an Fachschulen den Abschluss einer Berufsausbildung und – nach Fachgebieten und Regelungen der einzelnen Bundesländer unterschiedlich – eine mehr oder weniger lange (in der Regel mindestens einjährige) Berufstätigkeit voraus. Die Berufstätigkeit kann vielfach auch parallel zur Fachschulausbildung abgeleistet werden. Bei Vollzeitunterricht liegt die Dauer des Fachschulbesuchs zwischen sechs Monaten und drei Jahren, bei Teilzeitunterricht im Fall einer Berufstätigkeit beträgt sie bis zu vier Jahren.
Nach Beschluss der Kulturministerkonferenz (2009) über den „Hochschulzugang für beruflich qualifizierte Bewerber ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung“ Hochschulzugangsberechtigung erhalten Inhaber von Abschlüssen der Fachschulen entsprechend der jeweils geltenden KMK-Rahmenvereinbarung die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Damit konnte nach dem Prinzip der GleichwertigkeitGleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung eine wichtige Lücke im staatlichen Berechtigungssystem geschlossen werden. Allerdings werden die Möglichkeiten der formellen Durchlässigkeit in diesem Bereich nur minimal genutzt, was darauf hindeutet, dass die herkunfts- und sozialisationsbedingten Bildungsbarrieren bisher zu wenig beachtet und in geeignete Fördermaßnahmen beim Übergang von der Berufstätigkeit in den Hochschulbereich und während des Studiums umgesetzt worden sind.
2.2.5 Studienpropädeutische Bildungsgänge an beruflichen Schulen
Anders als Berufsschulen, Berufsfachschulen und Fachschulen dienen die studienpropädeutischen Bildungsgänge beruflicher Schulen (Fachoberschulen, Berufsoberschulen, Fachgymnasien) nicht primär berufsqualifizierenden Zwecken. Bei ihnen stehen Schullaufbahnberechtigungen bezüglich des Hochschulzugangs im Vordergrund (vgl. Schanz 2015:83–85). Die Gründung und Verbreitung studienpropädeutischer Bildungsgänge ist einzuordnen in die seit den 1960er Jahren initiierten Reformversuche zur Verbesserung der Bildungschancen im segmentierten, nach allgemeiner und beruflicher Bildung getrennten Schulwesen. Als Aufbaugymnasien boten und bieten BerufsoberschulenBerufsoberschule und FachgymnasienFachgymnasium (z.B. Wirtschaftsoberschulen und Wirtschaftsgymnasien) Jugendlichen, die nach der Grundschule nicht ins Gymnasium wechseln, die Möglichkeit, nach Beendigung der Vollzeitschulpflicht in der Sekundarstufe I (mit Abschluss der Mittleren Reife) im beruflichen Schulwesen studienberechtigende Abschlüsse zu erwerben. Die überwiegende Mehrheit der Absolventen an Berufsoberschulen und Fachgymnasien strebt ein Universitätsstudium an (vgl. Georg 2008:15). Die FachoberschuleFachoberschule verdankt ihre Einrichtung einer systemintern geschaffenen „Berechtigungslücke“. Sie entstand als „Zulieferin“ für die seit Ende der 1960er Jahre errichteten Fachhochschulen. Mit der schulorganisatorischen Zuordnung der Fachoberschule zum Bereich der beruflichen Schulen war zwar der Anspruch verbunden, auch beruflich verwertbare Qualifikationen zu vermitteln; tatsächlich aber ist der Berufsbezug nur in wenigen Ansätzen vorhanden.
3. Leistungen und Probleme des Berufsbildungssystems
Im Unterschied zu markt- oder schuldominierten Qualifizierungssystemen (z.B. Großbritannien einerseits, Frankreich andererseits; vgl. Greinert 1999) liegen die Vorzüge des Dualen Systemsduales System in Deutschland neben der Verbindung von theorie- und praxisbezogener Ausbildung in Betrieb und Schule (Dualitätsprinzip)Dualitätsprinzip darin, dass mit der Kooperation von staatlichen Instanzen, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften bei der Ordnung der Berufsausbildung ein hohes fachliches Kompetenzpotenzial zur Verfügung steht und ein Ausgleich zwischen betrieblichen und überbetrieblichen Interessen angestrebt werden kann (Konsensprinzip)Konsensprinzip. Die Ausbildung ist nicht eingeschränkt auf enge betriebsspezifische Qualifikationsbedarfe, sondern bezogen auf arbeitsmarktrelevante berufliche Handlungskompetenzen, deren Vermittlung durch staatlich anerkannte Ausbildungsordnungen geregelt werden (Berufsprinzip). Damit ist im internationalen Vergleich ein weitgehend reibungsloser Übergang von der Berufsausbildung in die anschließende Berufstätigkeit und dementsprechend eine relativ niedrige Jugendarbeitslosigkeit verbunden (OECD 2016). Anerkannt werden im OECD-Bericht ausdrücklich auch Reformen zur Verbesserung der Möglichkeiten, auf dem Weg über die berufliche Bildung weiterführende Schulabschlüsse zu erwerben und ein Hochschulstudium aufzunehmen.
Wie ausgeführt, findet Berufsausbildung in Deutschland nicht nur im Dualen System, sondern in beträchtlichem Umfang auch im SchulberufssystemSchulberufssystem statt. Es kompensiert nicht primär Ungleichgewichte am (betrieblichen) Ausbildungsstellenmarkt, sondern bietet für solche Berufsbereiche eine vollständige Ausbildung an, die weitgehend nur in schulisch organisierter Form durchgeführt werden kann. Duales System und Schulberufssystem ergänzen sich, womit für Deutschland ein hohes Qualifizierungspotenzial unterhalb der akademischen Ausbildung gesichert ist. Hinzu kommt, dass sowohl die betriebliche als auch die schulische Berufsausbildung Anschlüsse für Berufskarrieren über den Weg der beruflichen und schulischen Aufstiegsfortbildung bereitstellen. Die Berufsbildungspolitik der jüngsten Zeit zielt verstärkt darauf ab, GleichwertigkeitGleichwertigkeit von allgemein- und berufsbildenden Abschlüssen herzustellen und durch ein Netzwerk von Anrechnungen den Zugang zum Hochschulstudium auf den Weg der beruflichen Bildung zu erleichtern.
Trotz internationaler Anerkennung und bemerkenswerter Leistungen ist das Berufsbildungssystem in Deutschland unter Druck geraten. Kritik greift allerdings zu kurz, wenn sie nur Mängel und Unzulänglichkeiten innerhalb des Berufsbildungssystems in den Blick nimmt. Denn zentrale Probleme entstehen nicht allein im institutionell abgezirkelten Bereich der Berufsbildung, sondern sind immer auch in deren Bezug und Konkurrenz zu anderen Bildungsinstitutionen und zu Einflussfaktoren außerhalb des Bildungssystems angelegt. So lassen der demographische Wandel und der anhaltende Akademisierungstrend die Zahl der Ausbildungsabschlüsse sinken. Gleichzeitig wachsen in Zeiten der verstärkten Digitalisierung (Industrie 4.0 bzw. Wirtschaft 4.0) in vielen Ausbildungsberufen die Leistungsanforderungen. Der AusbildungsmarktAusbildungsmarkt ist durch Widersprüche gekennzeichnet. Der Berufsbildungsbericht spricht von „Passung als zentrale Herausforderung“ (Bundesministerium für Bildung und Forschung 2016: 68–72). Gab es in der Vergangenheit erhebliche Ungleichgewichte, weil der Rückgang an betrieblichen Ausbildungsplatzangeboten einherging mit einem demographisch bedingten Anstieg der Ausbildungsnachfrage, zeichnet sich seit dem letzten Jahrzehnt wegen des Rückgangs der Schulabsolventen und des erwarteten Anstiegs von Absolventen, die ein Studium aufnehmen wollen, das Risiko eines gravierenden Defizits an Ausbildungsplatzbewerbern und Ausbildungsplatzbewerberinnen ab. Dennoch wurde das Potenzial im unteren, aber teilweise auch im oberen Qualifikationsbereich nur unzureichend genutzt (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016:121). Hauptschulabsolventen waren und sind – mehr denn je – die Modernisierungsverlierer der so genannten Bildungsexpansion.Bildungsexpansion Als Quintessens halten Baethge & Wieck (2015:5) fest, „dass Jugendlichen mit maximal HauptschulabschlussHauptschulabschluss nur noch ein begrenztes Spektrum an Berufen offen steht.“ Dem dualen Ausbildungssystem drohe, eine seiner großen Stärken einzubüßen: „Jugendlichen aus den sozial benachteiligten Schichten eine gute berufliche Perspektive zu bieten“ (ebd.).
Kritische Beobachter machen darauf aufmerksam: Ohne grundlegende Reformen könnte das deutsche Bildungs- und Ausbildungssystem in eine BildungspolarisierungBildungspolarisierung hinein geraten, die den künftigen Anforderungen des Gesellschafts- und Wirtschaftssystems zuwider laufen. Als Optionen für die Weiterentwicklung der beruflichen Bildung werden u.a. genannt: Verbesserung der Finanzierungs- und Qualitätsmodalitäten beruflicher Bildung sowie kontinuierliche und nachhaltige Qualifizierung und Förderung des betrieblichen und schulischen Berufsbildungspersonals (vgl. Blaß & Himmelrath 2016). Nicht zuletzt steht das Verhältnis von beruflicher Bildung und Hochschulstudium zur Diskussion, und zwar nicht einseitig unter dem Gesichtspunkt von Durchlässigkeit und Qualifizierungsstandards auf Seiten des beruflichen Bildungssystems, sondern auch in Bezug auf Öffnung und Gestaltung des Hochschulsystems für Studium und Weiterbildung im Medium von Wissenschaft und Beruf (vgl. Kutscha 2015).
Literatur
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A Disziplinen und Akteure
Ein Blick aus der Ausbildungsforschung
Hans G. Bauer & Nicolas Schrode
Hinter dem begrifflichen Wandel steht ein Wandel des zu Begreifenden.
Erpenbeck 1996:9
Vorbemerkung
Seit der sogenannten kompetenzorientierten Wende der 1990er Jahre stellen sich für die berufliche Aus- und Weiterbildung neue Fragen gerade auch an den Komplex Sprache und Kommunikation in der beruflichen Bildung. Es ist vor allem der Kompetenzgedanke, der die bislang übliche Methodik/Didaktik und damit verbundene (Lehr-/Lern-)Haltungen zum Gegenstand des arbeitswissenschaftlich-/berufspädagogischen Diskurses und der Veränderungsbemühungen gemacht hat. Hoch interessant dabei, dass der Kompetenzansatz hinsichtlich seiner ideengeschichtlichen Wurzeln auf maßgeblichen Grundlagenarbeiten von Sprachwissenschaftlern (insb. N. Chomsky‘s „competence/performance“) basiert. Der sozial-kommunikativen Kompetenz kommt in allen beruflichen Handlungsfeldern immer größere Bedeutung zu.
These: Formal-funktionalistische, linguistische Spracherwerbskonzepte reichen nicht mehr aus, wenn es um den Erwerb von Kompetenzen geht. Denn Kompetenzentwicklung fordert und spricht durch ihre benötigte Methodik/Didaktik und Haltung eine eigene Sprache. Wer (sprachliche) Kompetenzen entwickeln und fördern will, muss selbst die „Sprache der Kompetenzentwicklung“ sprechen. Dies gilt für den Lehrenden und dessen persönliche (Sprach-)Haltung, wie auch für die besonderen methodisch-didaktische Strukturen, die er sprechen lässt. Eine solche Sprache wird jedoch noch nicht überall gesprochen.
1. Ein Blick auf „Sprach“-Entwicklungen
1.1 Unterweisung als Methodenikone des Taylorismus
Der Notwendigkeit, sich sprachlich mitteilen zu können, kam in tayloristisch geprägten Arbeitsstrukturen relativ geringe Bedeutung zu. Bezogen auf die berufliche Aus- und Weiterbildung spiegelt das die vorherrschende sogenannte Vier-Stufen-Methode, die einen ähnlich methodisch-ikonischen Rang erreicht hat(te) wie der Frontalunterricht in der schulischen Bildung: Die „unterweisende“ DominanzfigurUnterweisung des Ausbilders (in männlicher Rollenvorherrschaft) bereitet die Lehr(!)situation durch Erklärung vor (Stufe 1), macht das zu Erlernende vor (Stufe 2), was der/die Lernende dann nachmacht (Stufe 3), welches dann vertieft wird (Stufe 4)Lernendurch Nachahmen. Zwar zunächst am Arbeitsplatz eingesetzt, wurde dieser berufliche Lehransatz dann, der schulischen Trennung von Leben und Lernen folgend, insbesondere in industriellen Zusammenhängen in dafür geschaffenen Lehrwerkstätten praktiziert. Auch wenn dabei dem Tun und Üben eine wichtige Rolle zukommt: Lerntheoretische Patenfiguren sind vor allem der Behaviorismus, der Instruktionalismus, die Wissensdominanz des Lerndenkens. Arbeitsorganisatorisch spiegeln sich klare, steile Hierarchien, die Vorherrschaft des Fachwissens und anweisungsbezogene Kommunikationsstrukturen, kurz: die Erfordernisse des dominierenden Tätigkeitstypus „herstellender Arbeit […] für den die wesentlichen Kompetenzen der Mehrheit der Beschäftigten arbeitsintegriert nach dem Prinzip ‚Anschauen und Nachahmen‘ in betrieblichen Ausbildungsprozessen vermittelt werden konnte, ohne dass ein hohes kognitives Niveau der Auszubildenden erforderlich gewesen wäre“ (Baethge 2011:16).
Die „Sprache der Unterweisung“, so könnte man zusammenfassen, zeichnet sich aus durch Direktivität (Befehlen, Anordnen, Kritisieren, einseitiges Fragenstellen, Irreversibilität der Aussagen). Ein Wissender spricht im Habitus eines Wissenden mit einem Unwissenden, der sich in diesem Verhältnis von Dominanz und Subordination in den Habitus des Unwissenden zu begeben hat und sich in die Abhängigkeit des Wissenden begibt.
1.2 Die Schlüsselqualifikationsdebatte
Mit der „Schlüsselqualifikationsdebatte“Qualifikation der 1980er Jahre hat die Berufsbildung auf die massiv eingetretenen Wandlungsbedingungen in der Arbeitswelt reagiert. Vor allem die Veränderungen hin zu einer wissensbasierten Dienstleistungsökonomie weisen auf grundlegend neue Qualifikationsanforderungen hin. War in der älteren Qualifikationsforschung noch die Rede von der wachsenden Bedeutung extrafunktionaler/prozessunabhängiger Qualifikationen, ging es danach um fachübergreifende „Schlüssel“-Qualifikationen, die zur Erschließung von sich schnell änderndem Fachwissen und zur Selbstanpassung an neue Arbeitssituationen genutzt werden können. Die „Neuordnungen“ verschiedener Berufe (1987) nimmt Elemente des „selbständigen beruflichen Handelns“ auf, womit sich ein Paradigmenwechsel in der Aufgabenstellung der beruflichen Bildung andeutet: von einem Ort der Fachqualifizierung hin zu einem Medium der Persönlichkeitsbildung bzw. -entwicklung (vgl. Brater & Bauer 1992:50–69).
Folgt man der Baethge’schen Diagnose über die Veränderung der Tätigkeitsstrukturen, lassen sich „zwei qualifikatorische Basisdimensionen ausmachen, die zunehmende Bedeutung besitzen: Kommunikationsfähigkeit und Wissen. Beide gehen bei moderner Dienstleistungsarbeit eine Kombination ein und erlangen einen neuen Stellenwert.“ Er „resultiert aus dem Zusammenhang von interaktiver (Dienstleistungs-)Arbeit und dem fortgeschrittenen Stadium der Wissensbasierung aller Arbeits- und Kommunikationsprozesse. […] Kommunikationsfähigkeit wird als fachübergreifende Kompetenz bei interaktiver Arbeit die Basiskompetenz (Baethge 2011:17).kommunikative Kompetenz
Angesichts der Neukonstituierung der Arbeits- wie Lernwelten, die von „offenen Entwicklungstendenzen“ und „komplexen Ungleichzeitigkeiten der Bewegung“ (Kirchhöfer 2004:13) gekennzeichnet sind, hat sich der Schlüssel-Gedanke der fachübergreifenden Perspektive als fruchtbar erwiesen. Schwieriger verhält es sich mit den Qualifikationen. Die Ermittlung eines Qualifikationsbedarfs ergab/ergibt sich üblicherweise aus den unternehmerischen Zielvorgaben und den aktuellen Qualifikationsdefiziten. Hier fließen zwei Problematiken zusammen: Zum einen die Annahme eines „linearen Transformationsprozesses“ (Schäffter 1998:25) – des Übergangs von einem bekannten Zustand A in einen bekannten Zustand B – der in den Betrieben tendenziell in kürzeren Intervallen erfolgt. Dem folgte (und folgt) die betriebliche Bildungsarbeit durch die Vermittlung formaler fachlicher und sozialer Qualifikationen. Trotz des Additivs „sozial“ verbleibt jedoch die zweite Problematik des QualifikationsdenkensLernennach Schablone: QualifikationenQualifikation orientieren sich an einem Maßstab, der von einem Menschen erfüllt werden muss, um einer Tätigkeit nachzugehen. Sie sind daher Konstrukte, die, wenn sich die qualifikatorische Bedingung verändert, „nur noch Aussagen über denjenigen zu treffen vermögen, der sie als Maßstab verwendet, nicht unbedingt jedoch über den, an den das Maß angelegt wird“ (Lang-von Wins & Triebel 2006:38). Letzterer tritt damit immer als Qualifikationsdefizit in Erscheinung.
In der „Sprache des Qualifikationsdenkens“ kommt dem Wissen und den formalen Formen des Erwerbs große Bedeutung zu. Beurteilung und Defizitorientierung sind wichtiger als Ressourcenorientierung. In den Vordergrund rückt der Begriff der Vermittlung. Positiv gesehen beinhaltet er ein Kommunikationsverhältnis, das ein herzustellendes Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden im Blick hat. Oft aber bleibt es beim Begriffsaustausch: Unterweisung heißt jetzt Vermittlung.
1.3 Kompetenzorientierte Wende
Mit der sogenannten Kompetenzorientierten WendeKompetenz-Orientierung etwa ab Beginn der 1990er Jahre wurde ein Leitbegriff adaptiert, der geeignet schien, die Herausforderungen zunehmender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Individualisierung, Beschleunigung, Globalisierung, der Virtualisierung organisatorischer Strukturen u.ä. aufgreifen zu können. Auch sollte den Menschen in den neuen Bundesländern mit der Qualifizierungsoffensive verdeutlicht werden, dass „mit der Arbeit an neuen Werthaltungen und Einstellungen begonnen werden sollte“ (Kirchhoff 2007:85). Begriffe wie Werte und Haltungen stehen dem subjektzentrierten Kompetenzverständnis sehr nahe. Letzteres rückte in den Vordergrund:
Die alte Bildungslogik muss […] ergänzt werden durch eine neue Logik, die auf die Entdeckung und Entwicklung der individuellen Kompetenzen bei den Beschäftigten in der Aus- und Weiterbildung setzt (Wittwer 2015:7).
Im Kern geht es dem Kompetenzansatz daher um die Hinwendung zum arbeitenden und lernenden Subjekt.
Damit steht die jeweilige Besonderheit der Person, d.h. deren individuelle Kompetenzen im Vordergrund der Bildungsarbeit. Nur so kann das individuelle Potenzial im Sinne des Individuums, der Organisation bzw. des Unternehmens sowie der Gesellschaft genutzt werden (Wittwer 2015:3).
Kompetenzen stellen immer „das Individuum in den Fokus der Betrachtung“ (Lang-von Wins & Triebel 2006:39). Die Begrifflichkeit z.B. der „Selbstorganisationsdisposition“ Selbstorganisationsdisposition(Erpenbeck & Rosenstiel 2003: XXXI) verweist darauf, dass Fertigkeiten, Fähigkeiten, Wissen und Qualifikationen zwar unumgängliche Voraussetzungen, für sich genommen aber noch keine Kompetenzen sind.
Das, was Kompetenzen ausmacht, beinhaltet immer auch Hinweise auf die spezifischen Bedingungen ihres Erwerbs: Die Selbstorganisationsdisposition muss durch Handlung zum Leben, zur Sprache kommen. Da es bei Kompetenzen um die Bewältigung komplexer Anforderungen geht, benötigt man zu ihrer Entwicklung Lernsituationen mit direktem Praxisbezug, möglichst ein Lernen in Realsituationen. Über Wissen, Fertigkeiten und Qualifikationen hinausgehend sind auch „interiorisierte, also zu eigenen Emotionen und Motivationen verinnerlichte Regeln, Werte (Bewertungen) und Normen“ (ebd.:XXXI) Kernbestandteile von Kompetenzen. Damit wird der Wertebereich zum zentralen Drehpunkt des SubjektbezugsSubjektbezug des Kompetenzansatzes. Auf emotional gesättigte Erlebens- und Erfahrungssituationen als „Grundlagen des Kompetenzerwerbs“ (Arnold & Erpenbeck 2014:13) kommen wir noch zurück.
Der Kompetenzbegriff ist heute zu einem „Containerbegriff“ geworden, „in den man alles hineinpacken kann“ (Wittwer 2015:10). Vielfach besteht die kompetenzorientierte Wende in einer schlichten Umbenennung bisher benutzter Fähigkeits- und Qualifikationsbegriffe. Auch in diesem Band trifft man vielfach auf Kompetenzgebilde wie Sprach-, Gesprächs-, Kommunikations-, Erklärungs-, Schreib-, Lesekompetenz u.ä.m., bei denen es sich eher um Voraussetzungen für Kompetenzen handelt, nicht aber um Kompetenzen selbst. Das Verständnis von Kompetenz scheint sich „trotz gegenteiliger Beteuerung“ wieder in Richtung Qualifikation zu bewegen. Es geht jetzt „weniger um die Entwicklung ganz persönlicher Kompetenzen als um den Erwerb gesellschaftlicher bzw. betrieblich erwünschter Kompetenzen“, um den „Wunsch nach einer ‚sicheren‘ Prognose des menschlichen Verhaltens im Arbeitsprozess und dem Einsatz der Kompetenzen als betriebliches Steuerungsinstrument. […] Dieser Wunsch steht allerdings im Widerspruch zum Subjektbezug des Begriffs.“ (Wittwer 2015:11).
2. Sprache, Kommunikation und Kompetenzentwicklung
2.1 Kompetenzentwicklung/-reifung
Kompetenzen benötigen ihrer besonderen Merkmale wegen zu ihrer Entwicklung – Arnold & Erpenbeck sprechen sogar von „Kompetenzreifung“ – auch eine eigene Methodik/DidaktikKompetenzreifungMethodik der. Einige Stichworte hierzu haben wir bereits skizziert. Einem konkreten methodisch/didaktischen Konzept bereits näher kommen u.E. die folgenden Anregungen, die einem – akademisch sehr unüblich – in einem gemeinsamen Band publizierten Dialog (!) entstammen (Arnold & Erpenbeck 2014:57f.):
(1) Lernen ist Aneignung. Dieses ‚lebt‘ von den Umgangserfahrungen des Subjekts mit sich selbst und seiner Selbstwirksamkeit, seiner Stellung in sozialen Systemen und mit überlieferten bzw. übergebenen Wissensbeständen.→ Eine Kompetenzdidaktik muss deshalb „gezielt günstige Gelegenheiten für ein solches reflexives Lernen schaffen.“
(2) Das Eigene ist mächtig, es kann nicht übersehen oder dementiert werden. Es ist in erster Linie emotionale Identität, d.h. die Summe der biografisch zu Mustern des Wollens und Könnens geronnenen Selbstwirksamkeitsgefühle des reifenden Subjekts.→ Diese emotionale Identität bestimmt bereits den Bereich der Wissensaufnahme und -vermittlung. Eine methodisch-didaktische Konsequenz besteht daher in der besonderen Aufmerksamkeit für Werte, Haltungen, Emotion, Motivation und den damit verbundenen methodisch-didaktischen Umgehensweisen wie emotionale Labilisierung, Wertinteriorisation.
(3) Kompetenzentwicklung gelingt nur in Eigenregie des lernenden Subjekts. Dieses muss die Ziele, um die es geht, möglichst früh und möglichst präzise kennenlernen – in einer Weise, die es ihm ermöglicht, kontinuierlich den eigenen Prozess zu überprüfen und immer wieder neu zu justieren.→ Dazu verhilft, wie z.B. im Konzept der Lernprozessbegleitung veranlagt, eine dialogische Beziehungsstruktur zwischen Lehrenden und Lernenden.
(4) Lehren ist eine Inszenierung von Erfahrungsräumen, in denen den Lernenden Erklärungs-, Vertiefungs- und Diskursmöglichkeiten eröffnet werden, die sie zu ihren Bedingungen nutzen können, ohne dass diese unmittelbar auf die Lernenden einwirken oder ihre Kompetenzentwicklung ohne deren innere Zustimmung nachhaltig beeinflussen können.→ Eine Konsequenz besteht in der Orientierung an einer „Ermöglichungsdidaktik“ (vgl. z.B. Arnold 2012).
Was besagt das alles hinsichtlich unserer anfänglichen Frage nach der Entwicklung sprachlicher bzw. sozial-kommunikativer Kompetenzen?
2.2 Anwendung auf die Entwicklung von Sprache und Kommunikation – Beispiele
Die Wandlungsbedingungen in der Arbeits- und Berufswelt lassen keinen Zweifel daran, dass das Subjekt zunehmend auf sich, seine Handlungserfahrungen und inneren Orientierungen angewiesen ist und eine sozial-kommunikative Kompetenz eine Handlungsanforderung darstellt, die durchgängig an Bedeutung gewinnt. Ihre Benennung als sozial und kommunikativ beschreibt die real wachsende Verflechtung dieser Anforderungen: „kommunikativ und kooperativ selbstorganisiert zu handeln, d.h. sich mit anderen kreativ auseinander- und zusammenzusetzen, sich gruppen- und beziehungsorientiert zu verhalten, und neue Pläne, Aufgaben und Ziele zu entwickeln“ (Erpenbeck & Rosenstiel 2003:XVI).
Zumindest in Annäherung haben wir in verschiedenen Projekten Konzeptbestandteile einer Methodik/Didaktik der Kompetenzentwicklung herausgearbeitet und erprobt. Zwar ohne spezifische Linguismus-Expertise zum Sprachlernen wollen wir einige Erkenntnisse und Erfahrungen beisteuern, die u.E. besonders der Entwicklung einer sozial-kommunikativen Kompetenz dienen können. Als übergreifendes Konzept gilt dabei das der „Lern(prozess)begleitung“ (Bauer et al. 2006), das sich insbesondere durch seine individuelle Lernorientierung und die dialogisch-reflexive Struktur radikal vom Unterweisungslernen absetzt und daher auch in weitere Projekte eingeflossen ist. Eine Grundlage hierfür bildet auch die Beschäftigung mit dem Erfahrungsgeleiteten LernenLernenerfahrungsgeleitetes, dessen Sprache sehr direkt auf die für die Kompetenzentwicklung so bedeutsamen Kategorien eines objektivierenden und eines subjektivierenden Handelns und Lernens hinweist (s. Bauer 2007).
2.2.1 Das Beispiel „Lernbegleitung“LernbegleitungMethode
Geht man vom Ziel der Kompetenzentwicklung aus, erfolgreich komplexe physische wie geistige Handlungssituationen bewältigen zu können, die ohne Selbstorganisationsprozesse nicht zu bewältigen wären, sieht man sich mit einem pädagogischen Paradoxon konfrontiert: Lernende müssen in eine Situation gebracht werden, deren Bewältigung sie ja erst lernen sollen. Dies bedeutet für die Lernenden eine Belastung. Sie benötigen deshalb eine einfühlsame Begleitung. Diese Lernbegleitung ist eine gesprächsbasierte BegleitmethodeMethodegesprächsbasierte Begleit- des Lernens, die dem Lernenden Angebote macht und ihm hilft, diese auf- und anzunehmen, damit er sein Können und Lernen verbessern kann. Sie besteht aus den folgenden, logisch aufeinanderfolgenden Schritten bzw. Phasen:
| 1. Individuellen Lernbedarf feststellen: |
| In einem Lernbedarfsgespräch tauschen sich Lernender und Lernprozessbegleiter über Selbst-/Fremdbeobachtung, Anforderungen und eigene Ziele aus. Ergebnis ist ein gemeinsam vereinbarter Lernbedarf. |
| 2. Lernweg entwickeln: |
| Er besteht in einer Arbeit/Aufgabe, die es dem Lernenden ermöglicht, seinen Lernbedarf zu decken. Sie soll jene Kompetenzen herausfordern, die der Lernende erwerben will. Dafür muss sie ausreichend komplex und problemhaltig sein. |
| 3. Lernvereinbarung treffen: |
| Lernender und Lernprozessbegleiter treffen eine Vereinbarung darüber, wie der Lernweg beschritten werden soll. Ggf. gleich damit verknüpft: |
| 4. Aufgabe zum Lernen aufbereiten und übergeben: |
| Ziel ist die möglichst selbständige Bearbeitung der komplexen Aufgabe. Dazu muss sie speziell für den Lernenden aufbereitet werden. Folgende Instrumente stehen dazu zur Verfügung: Erkundungsaufgaben: Sie leiten den Lernenden dazu an, die nötigen Informationen zu recherchieren und sich das nötige Wissen selbständig zu erarbeiten. Lernarrangement: Die komplexe Arbeitsaufgabe soll auf den individuellen Lernenden zugeschnitten werden (variiert werden dabei vor allem die Vorgaben für die Bearbeitung). Kontrollpunkte: vereinbarte Gespräche zur Abstimmung zwischen Lernendem und Begleiter, z.B. nach Abschluss der Planung, vor wichtigen Schritten, und jederzeit nach Bedarf. Ziel: kontinuierliche Reduzierung der Kontrollpunkte, der Lernende soll selbständig werden. |
| 5. Begleitung des Lernprozesses: |
| Vor allem durch „aktive Passivität“ des Lernbegleiters. Aktiv ist er in seiner Passivität darin, den Lernenden zu beobachten, ihn mit den richtigen Fragen auf eine weiterführende Lösungsspur zu bringen. Ansonsten geht es um „Heraushalten“. |
| 6. Auswertung des Lernprozesses: |
| Wenn Lernenden unklar bleibt, was sie durch die Bewältigung einer komplexen Aufgabe gelernt haben, bleibt das Lernen implizit. Lernender und Begleiter führen daher ein auf den Lernprozess rückblickendes Auswertungsgespräch. Das Erlebte wird zur Erfahrung, das Gelernte zur bewussten Kompetenz. |
Übersicht 1: Lernbegleitung als dialogischer Lehr-/Lernprozess (vgl. Bauer et al. 2006; Bauer & Dufter-Weis 2012)Methodeder Lernbegleitung
Der Lernende ist an der Gestaltung aller Phasen seines Lernprozesses maßgeblich beteiligt. Von höchster struktureller Bedeutung sind die Echtheit des „Lernarrangements“ (reale Arbeitsaufgaben) und methodisch-didaktisch die dialogischen (inkl. feedback- und reflexionsorientierten) Elemente, die als Lernbedarfsgespräch, Vereinbarungsgespräch, als Zwischengespräche an Kontrollpunkten, als Feedback zwischendurch und als Auswertungsgespräch am Ende alle Phasen des Lernprozesses durchziehen.
Sozial-kommunikatives Handeln ist somit nicht Curriculum, sondern integrativer Strukturbestandteil des LernprozessesLernensozial-kommunikatives – der durchaus auch dem Erwerb fachlicher Sprachkompetenzen dienen kann.
2.2.2 Das Beispiel „Graswurzel“ MethodeGraswurzel-
Im Modellversuch „Entwicklung, Erprobung und Verbreitung einer ausbildungsprozessintegrierten Qualitätsentwicklung und -sicherung in der betrieblichen Berufsausbildung (Graswurzel QES)“ wurde ein bottom-up-orientiertes Verfahren entwickelt (vgl. Brater 2013, Maurus et al. 2016), das es ermöglicht, die Qualität von Lehr-Lernprozessen zu sichern und zu entwickeln. Die Gestaltung der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden ist das Kernelement, das über die Qualität von Lehr-Lernprozessen entscheidet. Entsprechend wurde an der Basis, bei den Lehrenden und Lernenden ansetzend, eine „wiederkehrende Abfolge von Schritten der allmählichen Annäherung eines Istzustandes an ein Soll über eine Kette von Handlungen“ (Brater 2013:17) entwickelt, inkl. der zugehörigen Überprüfungen, Modifikation etc. Es handelt sich hier um eine dialogische, auf „gleicher Augenhöhe“ angelegte Kommunikationsstruktur zwischen Lehrenden und Lernenden, die ganz besonders beim Element der „gemeinsamen Gestaltung der Lehr-/Lernprozesse“ zum Ausdruck kommt. Denn „für hohe Ausbildungsqualität sind […] bestimmte anspruchsvolle Kommunikationsformen wichtig, die das Lernen stützen und einen tragenden klimatischen Rahmen schaffen (Beziehungsgestaltung, gegenseitige Anerkennung und Achtung usf.)“ (ebd.:19).
Diese im Sinne der erwähnten Ermöglichungsdidaktik angelegte Struktur der Kommunikation berücksichtigt auch, dass die Möglichkeiten des Miteinander-Sprechens nicht in erster Linie von der Sprachfähigkeit der Lernenden abhängt, sondern sehr deutlich auch davon, ob sich ein Lernender sozial eingebunden fühlt, wie mit ihm persönlich gesprochen wird (bspw. wertschätzend oder abwertend). Seine Möglichkeiten, Machbarkeit, Beherrschung und Erfolg beim Lernen zu erleben, sind wiederum eng damit verbunden, wie mit ihm über seine Arbeit kommuniziert wird. Werden in erster Linie Fehler sprachlich (negativ) thematisiert, Fortschritte jedoch kaum, wirkt das völlig anders als wenn Fortschritte in den Mittelpunkt sprachlicher Rückmeldung gerückt und Fehler als Chance kommuniziert werden.
Was bedeutet das konkret für die Sprache und Kommunikation von Ausbildenden bzw. Lernbegleitern? Im Graswurzel-Kontext wurde hierzu auf den personenzentrierten Ansatzpersonzentrierter Ansatz von Rogers (2014) zurückgegriffen, der besagt, dass Menschen sich nur verändern können, wenn sie das Empfinden einer „sicheren Beziehung“ haben. Förderlich für eine dergestaltige Sprache und Kommunikation sind demnach vor allem Akzeptanz, Empathie und Kongruenz. Dies hat entscheidende Konsequenzen für die Haltung sowie die sprachliche wie auch nonverbale Kommunikation seitens der ausbildenden/lehrenden Personen:
| „Sprache der Achtung und positiven Zuwendung (Akzeptanz)“ |
| Die Sprachäußerungen, Aktivitäten, Gestik und Mimik zeigen, dass jeder Lehrende die Lernenden als Personen grundsätzlich gleichen menschlichen Wertes ansieht und respektiert. Die Äußerungen sind sozial-reversibel, d.h. Lernende können sie dem Lehrenden gegenüber in gleicher Weise verwenden, ohne dass ein Mangel an Achtung/Respekt vorhanden wäre. Lehrende empfinden Anteilnahme/Wärme für den Lernenden, sind rücksichtsvoll, haben eine positive, annehmende Einstellung gegenüber dessen Erlebniswelt, akzeptieren die Person. Sie suchen, die Selbstbestimmung und persönliche Entwicklung des Lernenden deutlich zu fördern. Sie haben keinen Wunsch, über die Lernenden zu dominieren, Macht auszuüben oder sie in Abhängigkeit zu halten. Sie nehmen Schwierigkeiten der Lernenden ernst, berücksichtigen deren Wünsche und Bedürfnisse bzw. nehmen darauf Rücksicht, selbst dann, wenn sie diese nicht erfüllen können – es ist keine Abwertung, kein Herabblicken vorhanden. |
| „Sprache des einfühlenden, nicht-bewertenden Verstehens der Erlebniswelt des Gegenübers (Empathie)“ |
| Die Anliegen, Gedanken, Motive, Gefühle, die Art, wie Lernende sich und ihre Umwelt wahrnehmen, wollen verstanden werden (aktives Zuhören, Paraphrasieren, Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte). Lehrende bemühen sich, aktiv und intensiv zu verstehen, welche Bedeutungen die eigenen Äußerungen und Verhaltensweisen für die Lernenden haben und wie sie sich fühlen. Sie verstehen die Schwierigkeiten der Lernenden und berücksichtigen die seelische Situation Lernender – wenn situationsangemessen: Mitteilung dazu an Lernende. |
| „Sprache der Kongruenz, Aufrichtigkeit und Echtheit“ |
| Aufrichtigkeit, Echtheit: Übereinstimmung von Fühlen, Denken, Äußerungen und Handlungen des Lehrenden gegenüber Lernenden, aufrichtige Äußerungen. Keine Fassadenhaftigkeit, panzerndes professionelles, routinemäßiges Gehabe. Lehrende verhalten sich natürlich, spielen keine (falsche) Rolle, geben sich so, wie sie wirklich sind und sind offen für Verbesserungswünsche und Kritik der Lernenden, und fragen auch danach. |
Übersicht 2: Kompetenzentwicklungsförderlicher Sprachgebrauch der Lehrenden (nach Maurus & Schrode 2015: 5–8)
Das „Graswurzel“-Modell, das grundsätzliche Elemente der Lernbegleitung aufnimmt, sucht somit bereits auf der Strukturebene, Möglichkeiten für die Entwicklung sozial-kommunikativer Kompetenz zu ermöglichen und zu verankern. Diese Struktur bliebe allerdings leer und „sprachlos“, würde sie nicht belebt durch die persönliche „dialogische Haltung“ (vgl. Maurus et al. 2016:107) der Lehrenden – die ihren Ausdruck auch in ganz spezifischen, insb. „subjektivierenden“ Sprachformen findet, etwa in (nach-)fragenden, in bildhaften, assoziativen, beziehungsstiftenden u.ä.
Der Gedanke der Kompetenzentwicklung/-reifung ermutigt aus unserer Sicht zur Orientierung an den individuellen Stärken und Ressourcen der LernendenRessourcenorientierung-StärkenorientierungRessourcenorientierung und zur Nutzung der Potenziale handlungsbestimmter, selbstorganisierter Lernprozesse in sprechenden, weil realen Kontexten. Kompetenzen entstehen durch Handeln. Sozial-kommunikative Kompetenzen entstehen in Lern- und Sprachstrukturen, welche die Herausforderung zu selbstorganisatorischem und kreativem Handeln in sich tragen – etwa dem Gedanken folgend:
Nicht zufällig bezog sich Chomsky, der Erfinder der Sprachkompetenz, auf Humboldt. Auf das Vermögen, von den endlichen Mitteln einer Sprache selbstorganisiert und kreativ unendlichen Gebrauch zu machen (Arnold & Erpenbeck 2014:32).
Literatur
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Die Perspektive der Angewandten SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte
Jan Gerwinski, Christine Hrncal, Sabine Jautz, Britta Thörle & Antje Wilton
Am Übergang von der Schule zum Beruf werden Auszubildende mit Formen fachlich, beruflich und institutionell geprägter Kommunikation konfrontiert, mit denen sie durch ihre bisherige (schulische) Ausbildung häufig nicht vertraut sind und die bestimmte Kompetenzanforderungen an sie stellen. Diese Anforderungen betreffen u.a. die Beherrschung von Terminologien und Fachtextsorten – unter Umständen auch in einer Fremdsprache –, die aktive Teilnahme an institutionell geprägten GesprächstypenGesprächstypen und die Kommunikation mittels fach- oder organisationsspezifischer MedieninfrastrukturenMedieninfrastrukturen. Mit der Zunahme des Anteils der Kommunikationsarbeit an der Berufstätigkeit (etwa durch die Expansion des Dienstleistungssektors), durch die Globalisierung in vielen professionellen Bereichen sowie durch technische Innovationen verändern sich auch die sprachlichen und kommunikativen Anforderungen an Auszubildende und Berufstätige. Sie müssen über entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, diese im betrieblichen Kontext nach und nach einüben oder sich diese in Weiterbildungen aneignen, um erfolgreich in beruflichen Kontexten agieren zu können.
Vor diesem Hintergrund sehen wir die Aufgabe der Angewandten SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte darin, Beschreibungen berufsbezogener kommunikativer Praktiken zur Verfügung zu stellen, sprachliche und kommunikative Anforderungen an Arbeitsplätzen zu erfassen, entsprechende Kompetenzen von Berufstätigen zu beschreiben und damit die Basis für eine angemessene Vermittlung dieser Kompetenzen in der Aus- und Weiterbildung zu schaffen. Dabei spielen sowohl die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten, Defizite und Lernprozesse des Individuums eine Rolle (Mikroebene) als auch die gesellschaftlichen, arbeitsmarkt- und bildungspolitischen Rahmenbedingungen (Makroebene). Dazwischen liegt die Mesoebene der OrganisationenOrganisation und InstitutionenInstitution mit den darin eingebetteten Interaktionen, die die berufliche Kommunikation in besonderer Weise prägen. Sie bildet den Ausgangspunkt unserer Überlegungen (vgl. auch Habscheid et al. 2014).
1. Angewandte SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte
Die Angewandte SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte ist ein Betätigungsfeld, das vielfach an praktischen Problemen ansetzt und in dem Forscherinnen und Forscher mit den im Feld tätigen Akteuren gemeinsam daran arbeiten, Probleme zu identifizieren, zu verstehen und Lösungswege zu entwickeln (vgl. www.aila.info/en/about). Dieses Betätigungsfeld ist weit und heterogen. Es umfasst die Arbeitsbereiche sprachwissenschaftlicher Subdisziplinen wie beispielsweise der FachsprachenforschungFachsprache, der Wirtschaftslinguistik oder der Angewandten GesprächsforschungGesprächsforschung und dehnt sich auch über nicht primär linguistische bzw. interdisziplinär ausgerichtete Forschungsrichtungen aus wie beispielsweise die Sprachlehrforschung oder die Transferwissenschaft. Mehr als um eine eigene, autonome Disziplin mit klar abgegrenztem Gegenstandsbereich und festgelegten methodischen Prinzipien handelt es sich bei der Angewandten SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte deshalb um einen „specific, problem-oriented way of ‚doing linguistics’ related to the real-life world“ (Knapp & Antos 2009:xi), der sich durch ein hohes Maß an Interdisziplinarität, Empirie und Praxisorientierung auszeichnet. Angewandt sprachwissenschaftliche Forschung basiert in der Regel auf authentischen, im Feld erhobenen Daten, die für die Analyse dokumentiert und aufbereitet und ggf. auch für die Rückmeldung an die Praxis oder zur Entwicklung von Trainingsangeboten eingesetzt werden können. Die Aufgabe linguistischer Forschung ist in erster Linie deskriptiv in dem Sinne, dass faktisches sprachliches und kommunikatives Verhalten auf der Grundlage wissenschaftlicher Theorien und Methoden erhoben und beschrieben wird. Deshalb sehen manche Forscherinnen und Forscher das Anliegen der Angewandten SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte hauptsächlich in der kritischen Beschreibung und Bewusstmachung der (problemverursachenden) Eigenschaften von Sprache und Kommunikation („awareness raising“, vgl. Stegu 2011:32). Andere wiederum betrachten es darüber hinaus auch als Aufgabe der Angewandten SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte, Messinstrumente und Handlungsempfehlungen für gelingende Kommunikation zu formulieren sowie konkrete Beratungsangebote und Trainingskonzepte auf sprachwissenschaftlicher Basis zu entwickeln (vgl. z.B. Becker-Mrotzek & Brünner 2004).
Der Anwendungsbereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung hat in der Angewandten SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte bisher wenig Berücksichtigung gefunden (vgl. jedoch die frühe Arbeit von Brünner 1987 sowie die neueren Studien von Efing, z.B. 2010). Dabei bietet der in der Angewandten SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte durchaus intensiv beforschte Bereich „Sprache und Arbeit“ zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Beschäftigung mit Sprache und Kommunikation in der Aus- und Weiterbildung. Ausgehend von einem breiten Aufgabenspektrum (siehe oben) finden sich Anschlussmöglichkeiten auf mehreren Ebenen:
1 Faktische Beschreibung: Die Angewandte SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte beschreibt sprachliche Varietäten, Text- und GesprächstypenGesprächstypen sowie (aus kommunikations- bzw. interaktionszentrierter Perspektive) organisationale Prozesse am Arbeitsplatz. In Texten und Gesprächen am Arbeitsplatz werden Auszubildende mit der FachspracheFachsprache ihres Berufs konfrontiert, möglicherweise auch mit Fachfremdsprachen, die sie im Laufe der Zeit beherrschen und für die auf der Basis linguistischer Forschung Lehrkonzepte entwickelt werden (Forner 2016). Beschreibungen von Gesprächstypen am Arbeitsplatz wie z.B. Besprechungen, (interkulturelleinterkulturell) Verhandlungen, Verkaufs- und Reklamationsgespräche (siehe für einen Überblick Brünner 2000) bieten einen empirisch basierten Einblick in die für diese Gespräche typischen Handlungsschemata, Beteiligungsrollen und Konfliktpotenziale. Die Beschreibungen können dazu dienen, empiriebasierte Kompetenzprofile für Auszubildende in bestimmten Berufen zu formulieren sowie entsprechende Lehr- und Trainingskonzepte zu entwickeln (siehe unten). Wichtig erscheint hierbei jedoch, Anforderungen und Schulungsmodelle nicht losgelöst von der konkreten kommunikativen Praxis der Auszubildenden zu formulieren. So zeigen empirische Studien, dass Anforderungen an Auszubildende nicht nur fachlicher Natur, sondern auch zunehmend organisatorischer Art sind, da beispielsweise die Einführung der Projektarbeit in die Ausbildung neue kommunikative Aufgaben im Zusammenhang mit der Koordination im Projektteam und mit der Präsentation von Ergebnissen mit sich bringt (vgl. Efing 2010:5f.). Außerdem ist zu bedenken, dass das Gelingen von Aus- und Weiterbildung nicht allein von den Kompetenzen der Auszubildenden abhängt. Für das Funktionieren der OrganisationOrganisation ist es entscheidend, dass sich die Arbeit des Einzelnen möglichst reibungslos in die Gesamtorganisation einfügt, wofür etwa ein Unternehmen entsprechende Rahmenbedingungen und Infrastrukturen schaffen muss. Hier kann sprachwissenschaftliche Forschung dazu beitragen, die tatsächliche kommunikative Praxis an Arbeitsplätzen zu erheben, Divergenzen aufzudecken und ggf. auf notwendige Strukturveränderungen hinzuweisen (vgl. Hartung 2011).
2 Kriterienbildung und EvaluationEvaluation: Die Angewandte SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte liefert empirisch und theoretisch fundierte Kriterien für die Definition von Kompetenzen und die Beurteilung der Qualität sprachlicher Produkte und kommunikativer Prozesse. Für die Ausbildung relevante Ansätze sind hier u.a. das Konzept der „TextkompetenzTextkompetenz“, das ein zentrales Bildungsziel im Sinne von Literalität darstellt und insbesondere in der Deutsch- und DaF-Didaktik fruchtbar gemacht wird (z.B. Portmann-Tselikas 2002), sowie das im Rahmen der Angewandten GesprächsforschungGesprächsforschung diskutierte Konzept der „GesprächskompetenzGesprächskompetenz“ (Becker-Mrotzek & Brünner 2004). Wie Deppermann (2004:19) zeigt, ist die Formulierung von Kompetenzen aus linguistischer Sicht allerdings nicht unproblematisch, da die Beschreibung von Kompetenzen als optimale Handlungsformen über die empirisch basierte Deskription faktisch beobachtbarer Handlungsweisen hinausgeht. Kompetenz als normativer Begriff kommt aber im Wissenschaftsverständnis z.B. der Gesprächsforschung nicht vor, weshalb die Angewandte Gesprächsforschung hier einer theoretischen und methodischen Reflexion und Weiterentwicklung bedarf.Bei der Beurteilung der Güte sprachlicher Produkte und kommunikativer Prozesse geht es u.a. um die Verständlichkeit und Optimierung von Texten der externen UnternehmenskommunikationUnternehmenskommunikation (vgl. Lutz 2015). Ansätze in diesen Bereichen sind typischerweise interdisziplinär und verbinden sprachwissenschaftliche mit kognitionslinguistischen, psychologischen, pädagogischen oder betriebswirtschaftlichen Grundlagen.
3 Vermittlung: Die Angewandte SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte beteiligt sich an der Entwicklung von Unterrichts-, Beratungs- und Trainingskonzepten für die Vermittlung sprachlicher und kommunikativer Kompetenzkommunikative Kompetenz. Dieses Anliegen schlägt sich nicht nur in der Verzahnung zwischen Sprachwissenschaft und (schulischer) Sprachdidaktik nieder, sondern beispielsweise auch in der Entwicklung von sprachwissenschaftlich fundierten Ratgebern (z.B. Porila & ten Thije 2008 für die interkulturelleinterkulturell Kommunikation), Beratungskonzepten für die betriebliche Praxis (vgl. z.B. Hartung 2011) sowie in der Diskussion verschiedener Methoden für Kommunikationstrainings (z.B. Fiehler & Schmitt 2011).Quer zu den drei Bereichen faktische Beschreibung, Kriterienbildung und EvaluationEvaluation sowie Vermittlung liegen die verschiedenen Gegenstandsbereiche angewandt sprachwissenschaftlicher Forschung (siehe für eine erste Übersicht Knapp et al. 2011), von denen die folgenden aus unserer Sicht von besonderer Relevanz für die Untersuchung von Sprache und Kommunikation in Aus- und Weiterbildung sind.
2. Kommunikation in InstitutionenInstitution und OrganisationenOrganisation
Linguistische Forschung zu Kommunikation in InstitutionenInstitution und OrganisationenOrganisation sollte mindestens folgende Interaktionseinflüsse analytisch und konzeptionell einbeziehen:
die Rahmenbedingungen der Interaktion (u.a. bestehende Strukturen und Hierarchien, Machtverteilungen, die OrganisationOrganisation von Arbeitsabläufen sowie juristische, räumliche und institutionsspezifische Möglichkeiten und Grenzen der Interaktion) – Kontextsensitivität
verwendete (und ggf. alternative) Kommunikationsformen (inkl. MedienMedien und Kommunikationskanäle) – Medien- und Kommunikationsformensensitivität
kommunikative Gattungen und kleinere Formen bei mündlichen sowie Textsorten bei schriftlichen Kommunikationsformen – Mustersensitivität
Unabhängig davon, ob das vornehmliche Untersuchungsziel faktische Beschreibung, Kriterienbildung und EvaluationEvaluation oder Vermittlung ist, kann die Erforschung nicht in angemessener Weise ohne Reflexion der o.a. Einflüsse erfolgen. Dies hat seinerseits Einfluss auf die Forschungsmethodik. So sind authentische Interaktionen in natürlichen Situationen unabdingbar, die für umfassende (kommunikationsfokussierte) Auswertungen konserviert und möglichst interpretationsarm aufbereitet werden müssen. Für Gespräche heißt das, dass unabhängig von der Forschung stattfindende Gespräche möglichst wenig situationsverzerrend aufgezeichnet, für die anvisierten Zwecke hinreichend genau transkribiert (also verschriftlicht) und möglichst alle situations- und kontextrelevanten Aspekte erfasst werden sollten. Letzteres macht eine wenigstens zeitweise und stichprobenhafte Teilnahme der Forscherinnen und Forscher an den zu untersuchenden Interaktionssituationen erforderlich (teilnehmende BeobachtungBeobachtungteilnehmende), so dass diese möglichst alle Rahmenbedingungen erfassen können. Des Weiteren muss ein (idealiter regelmäßiger) Austausch mit den Aufgenommenen und weiteren Personen unterschiedlicher Hierarchiestufen und Organisationseinheiten erfolgen, um deren (Arbeitsalltags-)Expertise zu nutzen und damit unvermeidbare blinde Flecken zu entdecken und so gut wie möglich zu bearbeiten (vgl. Deppermann 2013). Außerdem können so auch fachliche (und weitere) Wissenslücken geschlossen und Probleme aus Sicht der Akteure eruiert werden.
Ein großer Vorteil dieses Vorgehens ist die präzise Erfassung der tatsächlichen Ereignisse, ohne dass diese durch Gedächtnisprotokolle der Forscherinnen und Forscher und/oder durch vage Erinnerungen einzelner Akteure rekonstruiert werden müssen. So können zu mündlichen Kommunikationen auch kleinste Formulierungs- und weitere Gesprächspartikel erfasst und deren interaktionale Auswirkungen sowie interaktionale Bedeutungsaushandlungen untersucht werden (siehe z.B. Deppermann 2015). Dies erfolgt, indem die Interaktionen sequenzanalytisch, also schrittweise (‚Turn‘ für ‚Turn‘), einer detaillierten Betrachtung unterzogen und vorläufige Ergebnisse durch nachfolgende Gesprächsbeiträge der Akteure sowie durch die Gesamteinbettung (ins Gespräch und des Weiteren bestimmt durch die o.a. Interaktionseinflüsse) überprüft werden.
Neben der Sequenzialität und der Einbettung in spezifische institutionelle und organisationale Kontexte spielen in kommunikationsgeprägten beruflichen Zusammenhängen MedienMedien eine entscheidende Rolle, indem sie zum einen als massenmediale InstitutionenInstitution Öffentlichkeit und Teilöffentlichkeiten herstellen, in denen OrganisationenOrganisation wie Betriebe, Unternehmen, Parteien und Vereine mit ihren Kundinnen und Kunden, Wählerinnen und Wählern oder Mitgliedern in Austausch treten. Zum anderen nehmen Medien als kommunikationsunterstützende TechnologienMedientechnologie nicht nur auf die äußeren Bedingungen der mit ihnen möglichen Kommunikationsprozesse Einfluss (mediale Affordanz, vgl. Zillien 2009), sondern auch auf die interaktionsstrukturellen und sprachlichen Mittel sowie die Gepflogenheiten, die für einen bestimmten medial unterstützten Kommunikationsanlass als angemessen beurteilt werden. In der innerbetrieblichen KommunikationKommunikationinnerbetriebliche beispielsweise müssen sich Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in elektronischen Kommunikationssystemen wie Intranetzen, Videokonferenzen und E-Mail-Verkehr bewegen (vgl. Kleinberger 2013). Für die externe UnternehmenskommunikationUnternehmenskommunikation sind mediengesellschaftliche Entwicklungen wie die Nutzung sozialer Netzwerke, die neue Formen der Kundenkommunikation, -rezeption und -partizipation ermöglichen, zunehmend wichtig (vgl. Ettl-Huber et al. 2013). Durch den Einsatz von und den Umgang mit Medien(technologien) verändern sich auch die Anforderungen an die kommunikativen Kompetenzenkommunikative Kompetenz von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Bei der Erforschung der Rolle der medialen InfrastrukturenMedieninfrastrukturen und der damit verbundenen sprachlichen Merkmale für betriebliche Prozesse und somit auch für berufliche Kompetenzanforderungen hat die Angewandte SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte deutliche Überschneidungsbereiche mit der Medienlinguistik, den Kultur- und den Kommunikationswissenschaften (vgl. z.B. Androutsopoulos 2014). In gesellschaftlichen InstitutionenInstitution wie der Wirtschaft, der Politik, der Wissenschaft und in den Medieninstitutionen selbst beinhaltet der kompetente Umgang mit Kommunikationstechnologien und -medien die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten, die diese Medien erfordern. Besonders offensichtlich wird die Relevanz medienbezogener sprachlicher Kompetenzen in journalistischen Berufsfeldern. Für angehende Journalistinnen und Journalisten sowie Redakteurinnen und Redakteure sind beispielsweise neue Formen des multimedialen Schreibens und Publizierens wie das Public Storytelling wichtige Ausbildungsinhalte, die von Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftlern erforscht, beschrieben und entwickelt werden (vgl. Perrin et al. 2009).
Sprache und Kommunikation in InstitutionenInstitution und OrganisationenOrganisation sind schließlich durch ihre Musterhaftigkeit geprägt, die sich sowohl in rekurrenten funktionalstilistischen Eigenschaften des (Fach-)Sprachgebrauchs als auch in spezifischen Textsorten und Handlungsmustern niederschlägt. Wie die Studie von Efing (2010) zeigt, ist der im engeren Sinn fachsprachliche Bedarf in der Ausbildung eher gering. Von größerer Relevanz ist hingegen die BerufsspracheBerufssprache, die Efing (2014:429f.) definiert als „eigenständiges, berufs(feld)übergreifendes Register auf einem Kontinuum zwischen Allgemein- und FachspracheFachsprache“, das gekennzeichnet ist
durch ein Set typischer berufsbezogener Sprachhandlungen (ANLEITEN/INSTRUIEREN, ERKLÄREN, DEFINIEREN …), Textsorten (Bericht …) und Darstellungsformen (Tabellen, Formulare …), die für zahlreiche Berufstätigkeiten als charakteristisch gelten können.
Diese Beobachtung deckt sich mit den Ergebnissen von Studien zur mündlichen FachkommunikationFachkommunikation, die sich weniger auf die in der gesprochenen Fachkommunikation tatsächlich sehr reduzierten fachstilistischen Merkmale konzentrieren (Brünner 1993:751) und sich stattdessen etwa mit kommunikativen Gattungen und Formen (Müller 2006) bzw. typischen Handlungsschemata am Arbeitsplatz beschäftigen, wie sie beispielsweise in Besprechungen vorkommen. Fachlexikalische und fachstilistische Eigenschaften sind in der mündlichen Kommunikation am Arbeitsplatz allerdings keineswegs unwichtig, sie erfüllen mitunter nur andere Funktionen als eine rein referentielle und dienen im Gespräch unter anderem der Rollenkonstitution (Experten, Fachleute), dem Ausdruck von Gruppenzugehörigkeit und zum Anzeigen spezifischer Orientierungsrahmen (vgl. Thörle 2005:227f.).
3. Beispiel CoachingCoaching
Am Beispiel von CoachingCoaching als Gegenstand und Anwendungsfeld von Gesprächsanalyse soll gezeigt werden, wie aus angewandt sprachwissenschaftlicher Perspektive berufsbezogene kommunikative Praktiken beschrieben werden können und wie Produkte dieser Gesprächsanalyse in der Aus- und Weiterbildung eingesetzt werden können. Gemeinsam mit Nazarkiewicz & Krämer (2012:59) verstehen wir Coaching allgemein als
eine zielorientierte, systematische und zeitlich begrenzte Unterstützung eines Entwicklungs- und Veränderungsprozesses im Rahmen beruflicher oder privater Neuorientierung […]. Übergeordnetes Ziel ist die methodisch geförderte Verbesserung oder Wiederherstellung von professioneller Leistungsfähigkeit und privater Zufriedenheit des Coachingpartners […].
Dass eine solche Unterstützung häufig nachgefragt wird, führen die Autorinnen auf eine komplexe und sich verändernde, häufig interkulturelleinterkulturell Lebens- und Arbeitswelt zurück (ebd.).
Im Zuge der Globalisierung und gesellschaftspolitischer Entwicklungsprozesse gewinnt die Fähigkeit, in interkulturellen und mehrsprachigenmehrsprachig Begegnungssituationen adäquat kommunizieren zu können – und damit auch die Vermittlung dieser Fähigkeit im Rahmen verschiedener Aus- und Weiterbildungsformate – immer mehr an Bedeutung. Linguistische Analysen interkulturellerinterkulturell und mehrsprachiger KommunikationKommunikationinterkulturell, mehrsprachig (vgl. u.a. Kotthoff & Spencer-Oatey 2007), beispielsweise in Behörden (vgl. u.a. Porila & ten Thije 2007) oder im medizinischen Kontext (vgl. z.B. Roberts 2007), zeigen, dass Probleme in interkulturellen Kommunikationssituationen in InstitutionenInstitution und OrganisationenOrganisation aufgrund unzureichender sprachlicher sowie interkulturellerinterkulturell Kompetenz(en) für die Beteiligten erhebliche Folgen haben können. Die Angewandte SprachwissenschaftSprachwissenschaftAngewandte kann durch Analysen authentischen Sprachmaterials aus der Praxis theoretisch und empirisch fundiert kulturell divergierende Kommunikationspraktiken sowie möglicherweise darin begründete Ursachen von Missverständnissen aufdecken und beschreiben sowie – auch in Zusammenarbeit mit den Beteiligten – z.B. im Rahmen von interkulturelleminterkulturell Training oder CoachingCoaching (vgl. Nazarkiewicz & Krämer 2012) Lösungen erarbeiten und Strategien für den Umgang mit Kommunikationsproblemen entwickeln und vermitteln.
Sprache und Kommunikation spielen im CoachingCoaching eine zentrale Rolle und sind sowohl Gegenstand als auch Modus Operandi (vgl. Habscheid 2015:256f.). Einerseits benennen Klienten oftmals Kommunikationsprobleme als Grund für die gewünschte Unterstützung („Wie sage ich’s meiner Chefin?“; vgl. allgemein Nothdurft 1984 zu Problemschilderungen). Andererseits setzen Coachs – neben verschiedenen Arten des Zuhörens (vgl. Albrecht & Perrin 2013) – hauptsächlich sprachlich realisierte Interventionen ein, um Klienten anzuregen, Routinen zu durchbrechen und damit selbst Veränderungen herbeizuführen. Ein Beispiel sind verschiedene Arten von (offenen) Fragen als wichtiges Instrument im Coaching (vgl. z.B. Richter 2010), u.a. zirkuläre Fragen („Was würde Ihre Chefin antworten, wenn Sie sie fragen, warum ihrer Ansicht nach die Zusammenarbeit in der Abteilung nicht funktioniert?“), Wunderfragen („Wenn Ihr Problem wie durch ein Wunder plötzlich gelöst wäre, woran würden Sie das erkennen?“) oder Skalierungsfragen („Sie sagen, dass Sie auf einer Skala von 1 bis 10 schon bei 4 stehen, was die Erreichung Ihres Ziels angeht. Woran merken Sie, wenn Sie bei 5 sind?“). Zur Benennung und einer allgemeinen Beschreibung der verschiedenen Fragearten bedarf es keiner dezidiert sprachwissenschaftlichen Expertise. Wenn es aber darum geht zu illustrieren, welche vorab (nicht) diskutierten Aspekte ein Coach in einer Frage aufgreift oder auf welchen Aspekt einer Frage oder auf welche Formulierung eine Klientin reagiert (etwa, indem sie im Verlauf des Gesprächs mittels Wiederholung darauf Bezug nimmt und Lösungsansätze für ihr Problem entwickelt), oder wie sich (Macht- und Wissens-)Asymmetrien und Perspektivendivergenzen sprachlich manifestieren (vgl. Jautz 2017), bedarf es einer detaillierteren (Sprach-)Analyse längerer Gesprächssequenzen. Um Äußerungen in ihrem jeweiligen Kontext analysieren zu können und im Idealfall auch para- und nonverbales Verhalten miteinbeziehen zu können, benötigt man Transkripte von Coachingsitzungen. Diese lassen sich am besten mit einem interdisziplinären Ansatz untersuchen. Graf et al. (2010) empfehlen, verschiedene diskursanalytische Methoden zu kombinieren (Konversationsanalyse, Ethnomethodologische GesprächsforschungGesprächsforschung, Kritische Diskursanalyse, Diskursive Psychologie, Interaktionale Soziolinguistik und Pragmatik), um das Datenmaterial aus unterschiedlichen Perspektiven und mit Blick auf unterschiedliche Fragestellungen betrachten zu können – beispielsweise mit Blick darauf, wie Sprecherwechsel stattfinden oder ob ein Einfluss unterschiedlicher Sprecherrollen konstatiert werden kann. Bei einer (multimodalen) Betrachtung im Kontext kann deutlich werden, was Adressaten „anspricht“ und was nicht, was Rapport herstellt und aufrechterhält und was zu Veränderungen der Sicht auf ein Problem (und damit ggf. zu Veränderungen) führt. Hier zeigt sich der Nutzen der Sprachwissenschaft: Schaut man sich beispielsweise Nachfragen, Bitten um Beispiele oder Fortführungen von vom Gesprächspartner angefangenen Äußerungen durch einen Coach an, so kann man diese als Dominanz und Divergenz signalisierende Elemente interpretieren, die womöglich das Gespräch stören. Sie können – im jeweiligen Kontext – aber auch Symmetrie und Perspektivenkonvergenz herstellen und einem guten Rapport zwischen Coach und Klient dienen (vgl. Jautz 2017).
Eine solche Analyse funktionaler wie auch dysfunktionaler Kommunikation ist nicht nur aus theoretischer Perspektive interessant, sondern kann gerade in der Aus- und Weiterbildung gewinnbringend eingesetzt werden. Wenn Teilnehmerinnen und Teilnehmer mithilfe von Transkripten ihre eigenen Coachingübungen nachvollziehen können und ihre Eindrücke mit denen von Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftlern abgleichen, die bei ihrem Blick auf das Datenmaterial möglicherweise ganz andere Aspekte fokussieren als Coachs, kann dies zu einer Erweiterung des Verständnisses von Kommunikationsproblemen und berufsbezogenen kommunikativen Praktiken beitragen, die eine reine Auflistung von Interventionen nicht zu leisten vermag.
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Die Perspektive der Deutschdidaktik
Christian Efing
Vorbemerkung
Die berufliche Bildung fristet im Rahmen der deutschdidaktischen Lehre und Forschung ein relatives Schattendasein, nur wenige Deutschdidaktiker beschäftigen sich mit dem Zusammenhang bzw. der Rolle von Sprache und Literatur in der und für die berufliche(n) Bildung. Selbst für die politisierten 1970er Jahre, als die Berufspädagogik die Sprache „als wichtigstes Medium für den Erwerb der Berufsrolle“ (Grundmann 2001:89) entdeckte, konstatiert Grundmann ein „nahezu völlige[s] Desinteresse“ am und eine „Abstinenz der Deutschdidaktiker gegenüber dem berufsbildenden Schulbereich“ (ebd.:95, 92). Hierzu passt, dass es in Deutschland bis heute keinen eigenen Lehrstuhl für Deutschdidaktik in der beruflichen Bildung und auch keine deutschdidaktische Fachzeitschrift mit berufsbildendem Schwerpunkt gibt. Diese Abstinenz verwundert angesichts der Diskrepanz zwischen nicht erst seit Neuestem allseits beklagten Defiziten von Berufsschülern und Berufsschülerinnen im Bereich sprachlich-kommunikativer Kompetenzen einerseits und allseits konstatierten steigenden sprachlich-kommunikativen Anforderungen andererseits – es gäbe also genug zu tun für die Deutschdidaktik.
Andere Disziplinen, wie etwa die Berufs- und Wirtschaftspädagogik, und andere Institutionen, wie das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), das Institut der deutschen Wirtschaft/Köln oder das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE), die sich forschend und fördernd mit dem Thema Sprache und Kommunikation (und ihrer Vermittlung) in der beruflichen Bildung beschäftigen, können dieses Fehlen der Deutschdidaktik nicht kompensieren, da sie eigene Perspektiven, Fragestellungen und Ansätze verfolgen; dennoch sind sie eine wertvolle Bereicherung der deutschdidaktischen Perspektive. Bisweilen wird es angesichts von interdisziplinärem Austausch, interdisziplinärer (inhaltlicher, methodischer) Befruchtung und Zusammenarbeit schwer zu sagen, was genau noch oder schon (auch) als genuin deutschdidaktische Perspektive betrachtet werden kann; dennoch versucht der folgende Beitrag diese zu skizzieren.
Ausgehend von einer historischen Aufarbeitung der Beschäftigung der Deutschdidaktik der letzten Jahrzehnte mit dem Bereich der beruflichen Bildung stellt der Beitrag insbesondere die nach dem PISA-Schock und der Empirisierung der SprachdidaktikSprachdidaktikEmpirisierung der in den 2000er Jahren aktuellen Tendenzen und Herausforderungen in der Deutschdidaktik vor.
1. Zur Geschichte der deutschdidaktischen Perspektive auf Deutschunterricht an berufsbildenden Schulen
Angesichts zweier vorliegender Monographien sowie eines Aufsatzes zur Geschichte des DeutschunterrichtsDeutschunterrichtGeschichte des an berufsbildenden Schulen (Ludwigsen 1981, Jahn 2000, Grundmann 2001) wird die Geschichte in diesem Kapitel nur überblicksartig zusammengefasst; der Schwerpunkt dieses Beitrags liegt auf der Darstellung der deutschdidaktischen Perspektive auf berufliche Bildung nach dem Jahr 2000. Auch wenn umstritten ist, ob die Deutschdidaktik den Deutschunterricht an berufsbildenden Schulen – ein „Stiefkind der Didaktik“ (Grundmann 1977) – erst in den 1960ern/70ern entdeckte (vgl. Ludwigsen 1981:424), soll in diesem Beitrag zeitlich genau hier angesetzt werden.
Eine von Beginn an grundlegende und kontinuierlich bis auf den heutigen Tag immer wieder geführte Debatte in der berufsschulbezogenen Deutschdidaktik ist die um die „Ungeklärtheit des Verhältnisses von allgemeinerAllgemeinbildung und beruflicher BildungBildungberufliche“ (Grundmann 2001: 13), wobei Grundmann diese Ungeklärtheit gar „als Geburtsfehler der berufsbildenden Schulen“ (ebd.) bezeichnet. Jahn (2000:12) sieht im „Widerspruch von allgemeiner und beruflicher BildungBildungberufliche“ ein Dilemma für das Unterrichtsfach Deutsch als allgemeinbildendes Fach. Es stellte sich sowohl die Frage nach der Legitimation von Deutschunterricht an berufsbildenden Schulen generell wie die nach dessen (berufsbezogenen?) Themen und Inhalten sowie (eigenen, spezifischen?) Zielen (Hebel & Hoberg 1985:7) zwischen einem humanistischen vs. technischen Bildungsideal, zwischen Hochliteratur vs. Unterschichtenpädagogik, zwischen PersönlichkeitsPersönlichkeitsbildung- und IdentitätsbildungIdentitätsbildung vs. berufspragmatischer VerwertbarkeitVerwertbarkeitberufspragmatische/utilitaristischem Ansatz (ausführlich vgl. etwa Hebel 1987, Grundmann 2010).
Umstritten seien deshalb sowohl die Inhalte und Gegenstände (bzw. die Frage nach ihrem Berufsbezug) des Deutschunterrichts als auch die dort zu fördernden Fähigkeiten (nur die betrieblich verwertbaren oder auch die persönlichkeitsbildenden?) bzw. anzustrebenden Lernziele wie generell die Rolle des Faches Deutsch im Fächerkanon der berufsbildenden Schulen und die Legitimation seiner dortigen Existenz (Grundmann 2001: 13). Die Geschichte des Deutschunterrichts an berufsbildenden Schulen sei daher „in erster Linie die Geschichte des permanenten Kampfes dieses Unterrichtsfaches gegen seine Funktionalisierung durch berufsspezifische Fächer“ bzw. eines „allgemein bildendenAllgemeinbildung Faches um seine Existenzberechtigung an berufsbildenden Schulen“ (ebd.:14), das nicht nur Wissen vermitteln und ausbilden, sondern auch erziehen und individuell bilden wolle. Eng hiermit verknüpft ist die Frage nach der Rolle des Ästhetischen bzw. der Existenzberechtigung und Relevanz des Literaturunterrichts an berufsbildenden Schulen (vgl. Hummelsberger 2002 sowie D: Riedel, S. 241 in diesem Band) wie generell nach der Aufmerksamkeit für die Leseinteressen und -sozialisationLesesozialisation der Berufsschülerinnen und Berufsschüler (vgl. Mittmann 1981, Katz 1994).
1.1 Deutschdidaktik und berufliche Bildung zwischen 1960–2000
Einen wegweisenden Diskussionsbeitrag in Richtung Ablösung vom traditionellen deutschen Bildungsbegriff stellt Robinsohns bildungspolitisch breit rezipiertes Werk „Bildungsreform als Revision des Curriculum“ (1967) dar, das eine Abkehr von inhalts- hin zu lernzielzentrierten Curricula forderte und dabei den outcome- und Nützlichkeits-orientierten Begriff der Qualifikationen akzentuiert – mit der Folge, dass die strikte Trennung von allgemeinerAllgemeinbildung und beruflicher BildungBildungberufliche aufweicht und allgemeinbildendeAllgemeinbildung Inhalte an berufsbildenden Schulen marginalisiert werden und zwischenzeitlich das „Verwertungsprinzip“ im Deutschunterricht die „PersönlichkeitsbildungPersönlichkeitsbildung“ als Ziel dominiert, ehe ab Mitte der 1970er Jahre auch allgemeinbildendeAllgemeinbildung Aspekte wieder stärker in den Vordergrund der deutschdidaktischen Diskussion rücken und Modelle der Integration von allgemeinerAllgemeinbildung und beruflicher BildungBildungberufliche diskutiert wurden, die den Gegensatz der beiden überwinden sollten. Ohnehin ist die in der Deutschdidaktik wesentlich häufiger und stärker vertretene Position diejenige, dass der Deutschunterricht im sprachlich-kommunikativen wie literarischen Bereich auch allgemeinbildendenAllgemeinbildung Zielen der Persönlichkeitsentwicklung dienen solle.
Ehe sich die Deutschdidaktik neben dieser Grundsatzdebatte für spezifischere, konkretere Themen und Aspekte interessiert, dauert es bin in die 1980er Jahre. „[Z]u Beginn der 70er Jahre [wird] der Deutschunterricht an berufsbildenden Schulen schlicht nicht zur Kenntnis genommen“, und noch 1977, als die Zeitschrift Diskussion Deutsch ihr insgesamt 34. und dabei erstes Heft zu „Deutschunterricht an beruflichen Schulen“ vorlegt, konstatieren die Herausgeber in ihrem Vorwort selber, Deutsch in der Berufsschule sei „weitgehend noch terra incognita“ (zitiert nach Grundmann 2001:102, 94). Auch in Sammelbänden und Lexika zum Deutschunterricht sowie zur SprachSprachdidaktik- und LiteraturdidaktikLiteraturdidaktik kommt der Deutschunterricht an berufsbildenden Schulen in dieser Zeit „nicht einmal am Rande vor“ (ebd.). Grundmann führt dies auf die „Sozialisation der Fachdidaktiker an den Universitäten“ zurück, die wahrscheinlich „während ihrer Schullaufbahn nicht ein einziges Mal mit dem beruflichen Schulwesen in Berührung gekommen“ seien (ebd.:95). Selbst die Deutschlehrer an beruflichen Schulen traten in den 1970er Jahren nicht in Erscheinung (Ludwigsen 1981:347). Kurz danach aber kommt es zur „Entdeckung des Deutschunterrichts an berufsbildenden Schulen durch die Fachdidaktik Deutsch“ (Grundmann 2001:103).
Im Rahmen eines durchaus so zu nennenden deutschdidaktischen Wahrnehmungs- und Publikationshöhepunktes zu berufsbildenden Schulen in den 1980er Jahren (Grundmann 1980, 1981, 1985, Ludwigsen 1981, Hebel 1983, 1987, Hoberg 1983, Hebel & Hoberg 1985) erscheinen auch Handbuchartikel zum Deutschunterricht speziell an berufsbildenden Schulen, werden spezifische berufsschul-deutschdidaktische Sektionen bei Tagungen ausgerichtet, es wird durch Franz Hebel und Rudolf Hoberg die Zeitschrift „Sprache und Beruf“ (1980–1986) gegründet und explizit und detailliert die Frage nach einer eigenen berufsschulbezogenen Deutschdidaktik und damit auch „die Frage nach der Legitimation einer eigenen Deutschlehrer-Ausbildung für Berufsschulen“ (Hebel & Hoberg 1985:7), also die Frage und Forderung nach eigenen Hochschul-Curricula, gestellt. Auch rücken speziell die Gruppe der „ausländische[n] Jugendliche[n]“ und ihre „Sprachprobleme“ (Hoberg 1983) ins Blickfeld. Spezifischere diskutierte Themen sind etwa „erste Grundlagen für einen berufsschulspezifischen Literaturunterricht“ (Grundmann 2001:142) sowie eine weiterführende Beschäftigung mit dem Teilbereich Literaturunterricht und dem Lesen generell; Sprachreflexion/(politische) Sprachkritik, Rechtschreibung, die Rolle von FachspracheFachsprache und ihrer Vermittlung (Funk & Ohm 1991, Fluck 1992) usw.
In den 1990er Jahren lässt das wissenschaftliche Interesse der Deutschdidaktik am berufsschulischen Deutschunterricht nach einer Abarbeitung am Begriff der SchlüsselqualifikationenSchlüsselqualifikation (Grundmann 1991) partiell wieder nach – zumindest, wenn man die Anzahl an Dissertationen im thematischen Feld als Indikator heranzieht (Grundmann 2001:136; vgl. jedoch die Arbeiten von Katz 1994, Wyss Kolb 1995, Jahn 1998). Jedoch vermittelt die Durchführung verschiedener Projekte ein anderes Bild einer wesentlich regeren, kontinuierlichen deutschdidaktischen Forschung von den 1980er bis in die 1990er Jahre, etwa die Modellversuche GOLEM (1987–1991 zu Computern in Sprache und Literatur), TEFAS (Texterschließung Fachsprachen für ausländische Jugendliche) und TEBA (Textverstehen in der Berufsausbildung – Arbeit mit interaktiven Texten) der drei Darmstädter Sprachdidaktiker Franz Hebel, Rudolf Hoberg und Karl-Heinz Jahn, die das Ziel hatten, auf Forschungsbasis Unterrichtsmaterialien zum Umgang mit neuen Technologien sowie mit traditionellen Fachtexten im Deutschunterricht zu entwickeln. In Zusammenhang dieser Arbeiten erklärt Grundmann (2001:165f.), dass die Technische Universität Darmstadt (bzw. ihre Deutschdidaktik) „zu einem Zentrum wurde, von dem bis in die jüngste Vergangenheit die meisten Anstöße zu einer veränderten Einstellung dem Deutschunterricht an berufsbildenden Schulen gegenüber ausgegangen sind“. Hierfür steht insbesondere Franz Hebel als zentrale Figur der berufsschulbezogenen Deutschdidaktik und Vater des sog. „Darmstädter Modells“ für einen berufsschulspezifischen Deutschunterricht zwischen allgemeinerAllgemeinbildung und beruflicher BildungBildungberufliche, der sich von einer reinen BedarfsorientierungBedarfsorientierung abwendet und der mit Sprach- und Literaturunterricht sowohl prozessgebundene wie prozessungebundene Qualifikationen fördert – und den Grundmann (2001:168) daher mit dem Schlagwort „Zweckrationalität und sinnfordernde Deutungsleistungen“ zusammenfasst. Unter „sinnfordernden Deutungsleistungen“, die auf eine „symbolische Sinnwelt“ und „das ‚Ganze‘ der Gesellschaft […] und auf das ‚Ganze‘ des Lebens gerichtet sind“, versteht Hebel berufsrollenunspezifische Leistungen, „die auf Legitimierung und Motivierung im Dienste der sozialen Integration bezogen sind“ und den Schülerinnen und Schülern, die auf „Sinnkonstanz“ angewiesen sind, helfen, die Welt als sinnvoll zu ver- und Krisen zu überstehen. Der Deutschunterricht sei hier gefordert, da Sprache und Literatur „die Vermittler unserer moralischen und ästhetischen Erfahrungen sind und diese begründen“ – und daher müsse der Deutschunterricht die Verbindung dieser moralischen und ästhetischen Inhalte zum beruflichen Wissen erkennen helfen und die Schüler somit zu einer kulturellen Aneignung ihrer Berufsrolle (statt einer unreflektierten Akzeptanz) befähigen (Hebel 1985, zitiert nach Grundmann 2001:172–182). Jahn fasst das Darmstädter Modell wie folgt zusammen:
Ein wesentliches Moment der Didaktik des Faches Deutsch aus dieser Sicht ist die Verknüpfung sprach- und literaturwissenschaftlichen Grundwissens mit Themen, die eine hohe Relevanz für die jungen Berufstätigen haben. Rechtschreibung, Grammatikwissen, Entwicklung von Leseverständnis gegenüber fiktionalen und pragmatischen Texten ist immer eingebunden in den Bedürfniszusammenhang, der sich aus der Berufsausbildung ergibt. […] Leitbild ist der junge Berufstätige, der die Erfordernisse seines Berufes erfüllt und vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist, der in der Lage ist, im Beruf, in der Öffentlichkeit und im Privatleben an der Kommunikation teilzuhaben, sich Informationen zu verschaffen, sie auszuwerten und inhaltlich zu prüfen. (Jahn 2000:11f.)
Stärker auf berufspädagogische Begründungszusammenhänge beruft sich Hilmar Grundmann in seinem dem „Darmstädter Modell“ didaktisch-methodisch dennoch ähnlichen „Hamburger Modell“ des berufsschulspezifischen Deutschunterrichts, der auf personale Sinnerfahrung und -findung durch berufliche Tätigkeit sowie auf Vermittlung von Orientierungswissen und Förderung von IdentitätsausbildungIdentitätsbildung durch den Deutschunterricht abzielt und sich somit eher als berufliche Erziehung denn als Wissensvermittlung versteht (Grundmann 2001:198–251).
Während die Deutschdidaktik neben diesen Grundsatzdebatten insgesamt ein bevorzugtes Interesse am „‘Berufsschüler als Leser‘“ von literarischen wie Fachtexten (Grundmann 2001:144) hat, vernachlässigt sie mit Blick auf berufsbildende Schulen andere Themen fast gänzlich, wie etwa den Grammatikunterricht (vgl. – mit Verweis auf die wenigen Ausnahmen – Grundmann 2001:142–144). Und erst spät in den Blick geraten im Bereich der sprachlichen Förderung nach einem Fokus auf „ausländische“ (zweitsprachige) Jugendliche auch die Deutsch-Erstsprachler. Karl-Heinz Jahn (1998) zeigt in seiner Untersuchung („Sprachstandsanalyse“) zur Fachtexterschließung, dass jedoch auch Letztere erhebliche Probleme mit der FachspracheFachsprache haben und deswegen Ziel der Förderbemühungen werden müssen. Hierbei diskutiert er den Einsatz von interaktiven multimedialen Lernsystem gegenüber traditionellen Lehr-Lern-Materialien – ein Ansatz (Lernen mit Neuen MedienMedien), der auch in den Folgejahren weiter zentral bleibt.
1.2 Deutschdidaktik und berufliche Bildung nach dem Jahr 2000
Nach dem PISA-Schock rund um das Jahr 2000 dominiert allerdings, neben den medienbezogenen (vgl. etwa die Beiträge in Hebel et al. 2002, Jahn & Wyss 2003) und allgemeineren Themen (vgl. als Überblick Josting & Peyer 2002), das Thema LesekompetenzLesekompetenz schnell auch die berufsschulbezogene Deutschdidaktik – zumal in der empirischen Forschung. In verschiedenen Disziplinen gibt es Projekte und Modellversuche zur Diagnose und Förderung sprachlich-kommunikativer Kompetenzen (etwa LAU, ULME, VERLAS, MDQM), aber die Deutschdidaktik fokussiert in gleich drei größeren Unternehmungen deutlich das Lesen: an der TU Darmstadt wird im Rahmen des Modellversuchs VOLI (2004–2006) die allgemeine wie fachsprachliche LesekompetenzLesekompetenzfachsprachliche von Berufsschülerinnen und Berufsschülern diagnostiziert und (u.a. mit Strategietrainings, Textentlastung/-aufbereitung und Leseportfolio-Arbeit) gefördert (Efing 2006a, 2006b, 2008a); zeitlich wie inhaltlich sehr vergleichbar gehen ein von der Universität zu Köln begleitetes (Becker-Mrotzek et al. 2006, Drommler et al. 2006) sowie ein Schweizer Projekt zur Leseförderung vor (Schiesser & Nodari 2007). Einen Fokus auf FachspracheFachsprache und fremdsprachige Deutsch-Lerner nehmen weiterhin Ohm et al. (2007) ein.
Am Rande nimmt bereits VOLI das SchreibenSchreibkompetenz aus diagnostischer wie Förderperspektive mit in den Blick (Efing 2008b); systematischer erhält das Schreiben aber erst in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit der Deutschdidaktik; hier sind insbesondere Astrid Neumann (etwa Neumann 2006, 2015) sowie das Forscherteam Hoefele/Konstantinidou (u.a. Hoefele/Konstantinidou 2016, Hoefele et al. 2017) aus der Schweiz zu nennen, das Förderprogramme – insbesondere für Zweitsprachler – erstellt und empirisch in ihrer Wirksamkeit evaluiert. Die GesprächskompetenzGesprächskompetenz (Weber 2014) bleibt weiterhin, wie an anderen Schulformen, Stiefkind unter den sprachlichen Teilfertigkeiten, wird aber mittlerweile ebenfalls stärker auf genereller (vgl. Grundmann 2007; sowie Kirndorfer und auch Hoffmann in Terrasi-Haufe & Börsel 2017) wie auf Ebene bestimmter kommunikativer Praktiken – wie z.B. dem Erklären – aus diagnostischer wie Förderperspektive erforscht.
Doch die Deutschdidaktik entdeckt und verfolgt auch quer zu den einzelnen Teilfertigkeiten liegende methodische Forschungs- und Förderansätze: Neben der Diskussion um den Zusammenhang von sprachlichen Kompetenzen und AusbildungsfähigkeitAusbildungsfähigkeit und die Prävention von sprachlich-kommunikativen Defiziten bei den angeblich immer sprachschwächeren Auszubildenden (Grundmann 2007, Efing 2013) sowie der bereits genannten empirischen Wirksamkeitsanalyse zu spezifischen Förderansätzen sind dies etwa die Anforderungs- bzw. BedarfsermittlungSprachbedarfsermittlung (siehe C: Efing/Kiefer, S. 195 in diesem Band, Efing 2014b, Efing 2015) als Grundlage für die Entwicklung von empirisch basierten Curricula, Aufgabenformaten und Förderansätzen; die Perspektive auf sprachliche RegisterRegister als Fördergegenstand jenseits nur der FachspracheFachsprache, die mittlerweile als eine geringere Hürde eingeschätzt wird (Efing 2014a), sowie Ansätze zur Sprachförderung im sprachsensiblen Fachunterrichtsprachsensibler FU bzw. integriertes Fach- und SprachlernenFach- und Sprachlernenintegriertes. Generell werden dabei handlungsorientierteHandlungsorientierung Förderansätze favorisiert (Efing 2017, Roche & Terrasi-Haufe 2017 sowie das Projekt „Bildungssprache Deutsch für berufliche Schulen“ der LMU und TU München, 2014–2017).
Im Rahmen der aktuellen Migrationssituation erlangt zudem jüngst auch die Entwicklung von DaZ-Curricula für Seiteneinsteiger eine hohe Relevanz (vgl. Müller, Weber und Wiażewicz in Efing & Kiefer 2017), wie generell der Bereich der Mehrsprachigkeit und Integration (vgl. Daase et al. 2017, Terrasi-Haufe & Börsel 2017) und der interkulturellen Bildung (vgl. A: Middeke, S. 63 in diesem Band) in der beruflichen Bildung auch durch eine interdisziplinär orientierte Deutschdidaktik entdeckt wird. In diesem Zusammenhang rückt auch die Frage nach dem Verhältnis von Sprache, Beruf und Integration in den deutschdidaktischen wie interdisziplinären Fokus (vgl. IQ konkret 2017).
Noch wenig deutschdidaktisch bzw. stärker von anderen Disziplinen beforscht ist die Frage der Grundbildung/Alphabetisierung (vgl. D: Heisler/Reißland, S. 221 in diesem Band und für die Deutschdidaktik Sturm 2016), der Textoptimierung (vgl. jedoch Schlenker-Schulte & Wagner 2006) und leichten Sprache für spezifische Zielgruppen sowie generell die Perspektive der beruflichen Weiterbildung; gänzlich brach liegt das zentrale Thema der Wortschatzförderung.
Generell lässt sich sagen, dass die Themenbreite in den letzten 20 Jahren deutlich zugenommen hat (die Themen Rechtschreibung und Grammatik und zunehmend auch Literatur bleiben in der aktuellen Diskussion jedoch zugunsten von kommunikativen Aspekten des Sprachhandelns weitgehend unbeachtet) – und dass es einen deutlichen Umschwung von theoretischen Grundsatzdebatten über Stellenwert und Ziele von Deutschunterricht in der beruflichen Bildung hin zu detaillierten empirischen Untersuchungen zu einzelnen Teilfertigkeiten und konkreten sprachlich-kommunikativen Fragestellungen und Förderansätzen gegeben hat. Dabei zeigen die meisten Untersuchungen, dass der Bedarf der Berufsschülerinnen und Berufsschüler an allgemeinen, d.h. an standard- und bildungssprachlichen Kompetenzen, bereits auf allen sprachlichen Ebenen (Lesen, [Recht-]Schreiben, Wortschatz, Grammatik) hoch ist und Deutschförderung an beruflichen Schulen nicht verengt werden kann und darf auf fach- und berufssprachliche oder berufsspezifische Aspekte, die natürlich dennoch relevant bleiben. Zur Zielgruppe der Förderung gehören dabei neben den Flüchtlingen bzw. Seiteneinsteigern und Zweitsprachlern auch viele Deutsch-Erstsprachler, sodass sich hier Ansätze und Methoden der Didaktik des Deutschen als Erst-, Zweit- und Fremdsprache (vgl. etwa Funk 2010) in der beruflichen Bildung gegenseitig wahrnehmen und befruchten müssen. Gerade auch der Bereich des Deutschen-als-Fremd- und Zweitsprache steht hier angesichts vieler Seiteneinsteiger im berufsfähigen Alter, angesichts prekärer Arbeitsverhältnisse von Zweitsprachlern in Deutschland sowie angesichts der Verlagerung von Arbeitsplätzen von Deutschland ins Ausland vor neuen Herausforderungen eines frühen Fach(fremd)sprachenlernens.
2. Fazit und Ausblick
Es ist fraglich, ob man auch heutzutage von der Existenz einer eigenständigen berufsschulspezifischen Deutschdidaktik sprechen kann oder sollte – oder ob nicht eher herausragende Individuen wie Franz Hebel und Hilmar Grundmann durch individuelle Schwerpunkte die Diskussion präg(t)en, ohne dass dadurch eine eigene Teildisziplin der Deutschdidaktik entstanden wäre. Inhaltlich-thematisch ist eine starke Konstanz der Themen und v.a. der Selbstbeschäftigung der Deutschdidaktik mit ihrem eigenen Stellenwert und ihren grundlegenden Zielen in der beruflichen Bildung festzustellen. In einer zunehmend interdisziplinär agierenden und sich gegenseitig befruchtenden Forschungslandschaft wird es schwer und wohl auch nicht zwingend nötig, noch eine eigene, unabhängige berufsschulbezogene Deutschdidaktik zu entwickeln: Es macht mehr Sinn, von einer Didaktik des Deutschunterrichts und der Sprach- und Kommunikationsförderung in der beruflichen Bildung zu sprechen, die ebenso bestimmt wird etwa von der Berufs- und Wirtschaftspädagogik wie von der Deutschdidaktik. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die berufliche Bildung keine ganz eigenen deutschdidaktischen Diskussionen benötigt! Was die Deutschdidaktik zur Diskussion um die Didaktik des Deutschunterrichts und der Sprachförderung beitragen kann, kann nur die Deutschdidaktik mit ihrer disziplinären Perspektive und linguistischen und sprachdidaktischen Expertise beitragen – aber sie muss dabei offen sein für inhaltliche und (forschungs-)methodische Ansätze aus anderen Disziplinen. Diese interdisziplinäre und institutionenüberschreitende Zusammenarbeit am Thema Sprache und Kommunikation in der beruflichen Bildung zeigt sich an gemeinsamen Tagungen, Publikationen, Internet-Plattformen (www.berufsbildungssprache.de), Mailinglisten (skibb@kbx7.de), an interdisziplinären Förderprojekten („Berufssprache Deutsch“ in Bayern) wie v.a. auch an größeren, interdisziplinären Forschungsverbünden wie etwa der Studiengruppe „Deutsch am Arbeitsplatz (DaA)“ (2007–2009) oder dem BIBB-Projekt „Sprachlich-kommunikative Anforderungen in der beruflichen Ausbildung“ (2013–2015), an dem Deutschdidaktiker im Rahmen von interdisziplinären Teams beteiligt waren.
Insgesamt lässt sich sagen, dass die berufliche Bildung innerhalb der Deutschdidaktik zwar recht randständig ist, aber mittlerweile wieder einen stabileren Platz eingenommen hat, was etwa die gesonderte Behandlung in einschlägigen Handbüchern (Efing 2017) und die aktuell recht rege Publikation von einschlägigen Sammelbänden belegt – die oft von der Deutschdidaktik herausgegeben werden, aber den Blick weit über die eigene Disziplin hinaus werfen. Auch hat die Deutschdidaktik ihren Blick ausgeweitet weg nur vom Deutschunterricht an beruflichen Schulen hin zu Anforderungen und Fördermöglichkeiten im Betrieb im Rahmen der Aus- und Weiterbildung. Die Diskussion um die Ausrichtung und Lernziele des berufsschulischen Deutschunterrichts scheint zu einem Konsens geführt zu haben, da Anforderungsanalysen zeigen, dass zweckgerichtete und zweckfreie Bildung, dass allgemeineAllgemeinbildung und berufliche BildungBildungberufliche und dass demnach auch PersönlichkeitsbildungPersönlichkeitsbildung und BerufsvorbereitungBerufsvorbereitung keine sich ausschließenden Gegensätze, sondern eng miteinander verzahnt sind.
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Das Arbeitsfeld Berufsbezogenes Deutsch – DaZ-Lernen in der beruflichen Weiterbildung
Iris Beckmann-Schulz & Jana Laxczkowiak
Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit der Rolle des Berufsbezogenen Deutsch im Bereich der (geförderten) beruflichen Weiterbildung. Entwicklungen und Konzepte in der beruflichen Ausbildung werden im Beitrag von Schrage & Ricart Brede (S. 429 in diesem Band) näher ausgeführt, was keinesfalls bedeutet, dass die fachliche Diskussion in den beiden Feldern getrennt voneinander geführt wurde und wird: Das Arbeitsfeld Berufsbezogenes Deutsch lebt von einer dynamischen und interdisziplinär geführten Diskussionskultur, in der Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft und Praxis sowie Verantwortliche für Förderprogramme und -mittel miteinander in Austausch kommen und Entwicklungsprozesse gemeinsam initiieren.
Von maßgeblicher Bedeutung sind in diesem Arbeitsfeld die integrations- und arbeitsmarktpolitischen Rahmungen der letzten Jahrzehnte sowie die entsprechenden Fördervorgaben und deren Implikationen für die Praxis. Der Beitrag erfolgt aus der Perspektive der Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch, einer Einrichtung im Förderprogramm Integration durch Qualifizierung (IQ)1, die an dieser Schnittstelle von Wissenschaft, Weiterbildungspraxis und Förderverwaltung arbeitet.
1. Zur Historie des Arbeitsfeldes Berufsbezogenes Deutsch
1.1 Anfänge und Entwicklungen
Die Anfänge der Diskussion und Entwicklungen in diesem Arbeitsfeld reichen bis in die 1970er Jahre zurück, eine Zeit, die bis in die 1990er Jahre geprägt war von einer „Ausländerpolitik“, die primär auf Konzepte zur temporären Integration und nicht dauerhaften Partizipation von Migrantinnen und Migranten an Weiterbildung und Beschäftigung ausgerichtet war. Geschah die Anwerbung und Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf dem deutschen Arbeitsmarkt ursprünglich mit dem vorrangigen Ziel, Arbeitsplätze für Geringqualifizierte zu besetzen, bei denen allenfalls ein Weiterbildungsbedarf zum Thema Arbeitsschutz gesehen wurde (Nispel & Szablewski-Çavuş 1996a), änderte sich dies mit Beginn der 1990er Jahre im Zuge der Veränderungen innerhalb der Gruppe der Zugewanderten (zweite Generation, nachziehende Familienangehörige, hohe Zahl an Asylsuchenden) sowie insbesondere vor dem Hintergrund des fortschreitenden technischen Wandels in der Arbeitswelt (vgl. Kaufmann 1996). Als Voraussetzung für eine dauerhafte Teilhabe am Erwerbsleben wird nun die Bereitschaft zu einer kontinuierlichen beruflichen Weiterbildung postuliert.
Mit dem Forschungsprojekt Berufliche Weiterbildung mit MigrantInnen des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) wurde von 1992 bis 1995 erstmalig systematisch der Fragestellung nachgegangen, welchen Beitrag die Erwachsenenbildung zur Verbesserung der Chancen von Migrantinnen und Migranten in der beruflichen Weiterbildung leisten kann (Nispel & Szablewski-Çavuş 1996a). In den Ergebnissen und Praxisempfehlungen (Nispel & Szablewski-Çavuş 1996b) wird der Vermittlung von berufs- und qualifizierungsbezogenen Deutschkenntnissen eine entscheidende Bedeutung für die erfolgreiche Teilnahme an beruflicher Weiterbildung beigemessen.
Die Frage danach, was „guter“ berufsbezogener Deutschunterricht ist und wie er gestaltet werden muss, um sowohl den kommunikativen Anforderungen des Arbeitsmarktes und des Betriebs als auch der beruflichen Weiterbildung sowie den Lernbedürfnissen der Teilnehmenden gerecht zu werden, fand in der Forschung bis dahin kaum Berücksichtigung. Einen wichtigen Beitrag leistete hier das Projekt „Deutsch am Arbeitsplatz“ des DIE (2007–2011)1, dessen Ergebnisse maßgeblich zur Entwicklung der unter Punkt 2 dargelegten Instrumente des berufsbezogenen DaZ-Unterrichts beigetragen haben. Darüber hinaus konnten zentrale Empfehlungen für die Umsetzung des ESF-BAMF-Programms zur berufsbezogenen Sprachförderung (BAMF 2007) gegeben werden (vgl. Grünhage-Monetti 2010 und 2013, Berg & Grünhage-Monetti 2009).
1.2 Neu-Orientierung im Zuge des Zuwanderungsgesetzes: Programme zur Systematisierung
Demografischer Wandel und zunehmender Fachkräftebedarf einerseits und andererseits die Erkenntnis, dass die Teilhabe schon langjährig in Deutschland lebender Migrantinnen und Migranten an Bildung und Beschäftigung vielfach nicht gelungen ist,1 erforderten Anfang der 2000er Jahre neue Regelungen und Instrumente zur Steuerung des Zuzugs und zur nachhaltigen Erwerbsbeteiligung zugewanderter Menschen. Mit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes 2005 ging u.a. die Einführung der Integrationskurse als verpflichtendes Instrument zum Deutschlernen einher. Darüber hinaus wurden u.a. mit dem Förderprogramm IQ bundesweit Strukturen geschaffen, die durch regionale Netzwerke dazu beitragen, dass die Beratung, Qualifizierung und Arbeitsmarktintegration von Migrantinnen und Migranten befördert werden.
Das Förderprogramm IQ hat 2005 berufsbezogenes Deutschlernen als ein zentrales Handlungsfeld aufgenommen. Dabei kam der jetzigen IQ Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch von Beginn an die zentrale Aufgabe zu, bestehende Konzepte und Materialien zu bündeln und der Fachöffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, Praxishandreichungen zu publizieren, die bundesweite Fachdiskussion zu koordinieren sowie Fortbildungskonzepte für Lehrkräfte in der sprachlichen und beruflichen Weiterbildung zu entwickeln.
Im Jahr 2007 wurde mit der Einführung des bundesweiten ESF-BAMF-Programms der besonderen Bedeutung von zweitsprachlicher berufsbezogener Sprachkompetenz für die Teilhabe an beruflicher Qualifizierung und am Arbeitsmarkt seitens der Politik erstmals insofern Rechnung getragen, als flächendeckend Kurse vorgehalten werden, mit denen Personen mit Migrationshintergrund durch die Vermittlung berufsbezogener Deutschkompetenzen der Zugang zu Qualifizierung und zum Arbeitsmarkt erleichtert werden soll.
Mit Inkrafttreten der neuen Verordnung über die berufsbezogene Deutschsprachförderung (DeuFöV) auf der Grundlage des § 45a Aufenthaltsgesetz startete im Juli 2016 ein erstmalig aus Bundesmitteln finanziertes regelhaftes Programm zum Berufsbezogenen Deutsch. Vorgesehen ist u.a. die Verknüpfung arbeitsmarktpolitischer Instrumente mit den berufsbezogenen Sprachmodulen des Programms. Bildungspolitisch ist dies ein Meilenstein; ob diese Verzahnung aber im Sinne eines integrierten Ansatzes von Fach- und Sprachlernen (s. Punkt 3) gelingt, wird maßgeblich von der Gestaltung der Rahmenbedingungen und Fördervorgaben abhängen.
2. Instrumente zur Planung und Durchführung von berufsbezogenem DaZ-Unterricht
Zu den zentralen Aufgaben der Fachstelle gehört es, die Qualität von Deutschlernangeboten zu verbessern, indem u.a. Instrumente und Handreichungen für die Bildungspraxis entwickelt bzw. deren Einsatzmöglichkeiten im berufsbezogenen Deutschunterricht diskutiert werden. Im Folgenden werden die gegenwärtig zentralen Instrumente zur Planung und Umsetzung von Angeboten skizziert.
2.1 Qualitätskriterien für den berufsbezogenen Unterricht Deutsch als Zweitsprache
Berufs- und arbeitsplatzbezogene Sprachkurse haben zum Ziel, die Teilhabe an betrieblichen Arbeits- und Kommunikationsprozessen und beruflicher Weiterbildung zu verbessern. Dafür ist die Bearbeitung und Vermittlung von Sprachhandlungen essentiell, die notwendig sind für den Zugang zum Arbeitsmarkt (z.B. sich bewerben, sich vorstellen), zur Informationssicherung, -verarbeitung und -weitergabe (z.B. Nachfragen zur Sicherung des Verständnisses und zu Hintergrundinformationen), zur Etablierung von sozialen Netzwerken am Arbeitsplatz und zur Teilhabe an betrieblichen Prozessen (sich einbringen in Pausengespräche, sich beschweren), zur Bewältigung mündlicher und schriftlicher Interaktionssituationen (z.B. beschreiben, verhandeln, dokumentieren, Störungen melden) (Beckmann-Schulz & Kleiner 2011:12). Eine weitere zentrale Aufgabe berufsbezogener Deutschkurse ist es, die für den Erwerb (fach-)sprachlich-kommunikativer Kompetenzen erforderlichen Lerntechniken und Methodenkompetenzen zu vermitteln (Beckmann-Schulz & Bethscheider 2013:6).
Um diesen vielfältigen Aufgaben in der Umsetzung von Lernangeboten begegnen zu können, wurden im Förderprogramm IQ Qualitätskriterien für den berufsbezogenen Deutschunterricht entwickelt, die als Instrument zur Planung, Umsetzung und Evaluation von Angeboten dienen. Sie basieren auf den Prämissen der Handlungs-, Teilnehmer- und Bedarfsorientierung, die jeweils für unterschiedliche Angebotstypen in Fragenkataloge aufgeschlüsselt sind und zur Entwicklung und Sicherung einer Mindestqualität der Bildungsangebote beitragen.
Zentrales Instrument zur Ermittlung der teilnehmer- und kursrelevanten berufsbezogenen sprachlich-kommunikativen Anforderungen ist die Sprachbedarfsermittlung.
2.2 Sprachbedarfsermittlung
Eine teilnehmer- und bedarfsorientierte Planung und Durchführung berufsbezogener DaZ-Angebote setzt im Vergleich zu allgemeinsprachlichen Deutschkursen eine intensive Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen der Teilnehmenden sowie deren jeweiligen beruflichen Bedarfslagen voraus. Im deutschsprachigen Raum spielten Konzepte der Sprachbedarfsermittlung bis dato allenfalls in betrieblichen und wissenschaftlichen Zusammenhängen eine Rolle (Weissenberg 2012, vgl. auch Haider 2008, Maurer 2010, Szablewski- Çavuş 2009, im Kontext von Ausbildung Efing 2010 und Settelmeyer 2015). Weissenberg hat mit dem Praxis-Leitfaden Sprachbedarfsermittlung im berufsbezogenen Unterricht DaZ ein Instrument zur Ermittlung von sprachlichen und kommunikativen Bedarfen für die Planung und Unterrichtsgestaltung berufsbezogener DaZ-Kurse entwickelt (Weissenberg 2012).
2.3 Die Szenario-Methode im berufsbezogenen Unterricht Deutsch als Zweitsprache
Mit der gleichnamigen Handreichung (Eilert-Epke & Sass 2014) werden die bisher in der Praxis entwickelten Lernszenarien in ein Gesamtkonzept für den Unterricht eingebettet und Anleitungen für die Erstellung und Anwendung von Szenarien gegeben. Darüber hinaus leitet die Handreichung zu einer zyklischen Kursplanung und -umsetzung an, bei der auf der Grundlage der Kann-Beschreibungen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) die Szenario-Methode u.a. zur Lernfortschrittsmessung eingesetzt wird (vgl. ebd. 2014:24).
Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen (GER) (Sheils 2001) hat sich seit seiner Einführung 2001 weitgehend als normatives Bezugssystem für die Niveauzuordnung und Leistungsmessung1 durchgesetzt. Für den berufsbezogenen Spracherwerb verweist Kuhn sowohl auf die Unzulänglichkeiten dieses Instruments in Bezug auf die authentische Sprachverwendung im Arbeitsalltag (Kuhn 2014:234) als auch auf dessen Rolle bei der berufsbezogenen Bedarfs-, Material- und Unterrichtsplanung (Kuhn 2007:251). Darüber hinaus gibt sie Empfehlungen zu zusätzlichen Konzepten und Instrumenten (Profile Deutsch, Arbeitsplatz Europa), um bestehende Lücken zu füllen.
3. Erweiterung der Instrumente zum berufsbezogenen DaZ-Lernen: der Ansatz des Integrierten Fach- und Sprachlernens (IFSL)
3.1 Integrative Ansätze der Sprachförderung in beruflicher Weiterbildung
Die geförderte berufliche Weiterbildung hat die Aufgabe, die Chancen auf eine Arbeitsmarktintegration zu verbessern. Jedoch ist die Teilhabe von Migrantinnen und Migranten an beruflicher Weiterbildung geringer als die von Personen ohne Zuwanderungsgeschichte (vgl. Bethscheider et al. 2010:3, BMBF 2013:12). Vor diesem Hintergrund und der Erkenntnis, dass die in allgemeinsprachlichen Kursen erworbenen Deutschkenntnisse für die spezifischen sprachlichen Anforderungen in beruflicher Weiterbildung häufig nicht ausreichen (vgl. Bethscheider et al. 2010, Ohm 2010 und 2014, Kimmelmann 2010), entstanden Konzepte, die sprachliches und fachliches Lernen miteinander verzahnen:
Das Positionspapier Weiterbildungsbegleitende Hilfen (WbH) empfiehlt bspw., sprachliche Förderung als Kernaufgabe in der beruflichen Aus- und Weiterbildung zu verankern (Bethscheider et al. 2010). WbH werden beschrieben als ein flankierender sprachsensibler Förderunterricht in Kleingruppen, der sich auf fachliche Inhalte bezieht und individuelle Unterstützungsbedarfe der Teilnehmenden aufgreift.
In der beruflichen Weiterbildungspraxis hat sich insbesondere der Begriff der Integrierten Sprachförderung durchgesetzt, der jedoch nicht einheitlich konzeptuell hinterlegt ist. Es handelt sich dabei häufig um additive Sprachkursangebote, die einer fachlichen Qualifizierung entweder vorgeschaltet, nachgeschaltet oder begleitend angeboten werden. Im Sinne eines integrativen Ansatzes wird auf unterschiedliche Weise versucht, diese Angebote mit den fachlichen Lerninhalten zu verknüpfen. Erfahrungen mit solchen Konzepten sind nur teilweise erfasst (vgl. z.B. Pinkert et al. 2012).
Der Ansatz eines sprachsensiblen oder sprachaufmerksamen Fachunterrichts (vgl. Leisen 2010, Schmölzer-Eibinger et al. 2013) wurde ursprünglich für die allgemeinbildende Schule entwickelt und fand in den letzten Jahren Eingang in die berufliche Weiterbildung. Im sprachsensiblen Fachunterricht werden fachrelevante sprachliche Lernziele explizit gefördert und von entsprechend fortgebildeten Fachlehrenden umgesetzt (s. Punkt 4 sowie den Beitrag F: Niederhaus, S. 485 in diesem Band).
3.2 Berufliche Weiterbildung im Kontext von Anerkennungsverfahren: Der Ansatz des Integrierten Fach- und Sprachlernens (IFSL)
Die Fachstelle hat es sich zur Aufgabe gemacht, die in Punkt 2 genannten qualitätssichernden Instrumente durch die Entwicklung eines Konzeptes zu erweitern, das einen berufs(feld)spezifischen sprachlichen Kompetenzerwerb eng mit fachlichen Lernzielen verzahnt.
Der Bedarf einer konsequenten Verzahnung ergibt sich aus der Situation erwachsener DaZ-Lernender in der beruflichen Weiterbildung. Seit 2015 werden im Förderprogramm IQ vor dem Hintergrund des Gesetzes zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen Qualifizierungsmaßnahmen durchgeführt, die auf berufliche Anerkennung zielen und teilweise (z.B. in Pflegeberufen) mit der Anforderung verbunden sind, ein bestimmtes Sprachniveau zu erreichen. Oftmals bildet hier das allgemeinsprachliche Niveau jedoch nur unzureichend die Sprachkompetenzen ab, die für erfolgreiches berufliches Handeln notwendig sind. Hinzu kommt, dass das Lernen in diesen Qualifizierungsmaßnahmen zunehmend individualisierter abläuft: Lerninstrumente, Lernorte und Organisationsformen werden flexibler, Lernziele werden auf Einzelne oder kleine Gruppen mit speziellen Bedürfnissen ausgerichtet. Diese besonderen Lernbedarfe werden durch das Konzept des Integrierten Fach- und Sprachlernens1 aufgegriffen. Es fußt auf der Annahme, dass passgenaue sprachlich-kommunikative Kompetenzen ein professionelles Handeln im Beruf ermöglichen.
Aufgabe des IFSL ist somit, bedarfsgerechte Unterstützungsangebote zum weiterführenden Deutschlernen in beruflicher Qualifizierung zu gestalten. In der Umsetzung heißt das, sprachliche Kompetenzen als zentralen Teil beruflicher Handlungsfähigkeit zu gewichten, als Konsequenz daraus fachliches und sprachliches Lernen gleichberechtigt miteinander zu verzahnen und die Lernplanung interdisziplinär zu gestalten.
Dabei verstehen wir den Begriff IFSL als Schirmbegriff, der unterschiedliche Deutschlernangebote im Rahmen beruflicher Qualifizierungen umfasst. Das sind zum einen flankierende Angebote wie DaZ-Kurse, digitale Lernangebote (vgl. Moodle-Kurs „Kommunikation in der Pflege“, VHS Main-Taunus-Kreis), individuelles Sprachcoaching (vgl. Kaplinska-Zajontz 2015), Tutorials oder Sprachpatenschaften (vgl. Dimpl & Feger 2014). Zum anderen bieten sich inklusive Formate an, wie ein sprachsensibler Fachunterricht (vgl. Kimmelmann et al. 2014) oder auch Team-Teaching von Fach- und Sprachlehrenden (vgl. Scheerer-Papp 2015). Diese Instrumente können abhängig von den Rahmenbedingungen, Qualifizierungszielen und Bedürfnissen der Lernenden bedarfsgerecht, flexibel und individuell miteinander kombiniert werden.
Der hier grob skizzierte Ansatz bedarf jedoch noch einer differenzierten Ausgestaltung mit folgenden Aufgaben für die Zukunft:
Interdisziplinäre Teamprozesse gestalten.
Instrumente (weiter)entwickeln.
Auf der Grundlage vorliegender Rahmenkonzepte (vgl. BAMF 2017), Handbücher (vgl. z.B. Günter et al. 2013) oder Projektdokumentationen (vgl. z.B. Cehak-Behrmann & Schulz 2014) weitere berufsspezifische Lehr-Lern-Materialien entwickeln.
Alle Beteiligten müssen durch geeignete Schulungsformate auf ihre Aufgaben vorbereitet und im Prozess unterstützt werden.
4. Professionalisierung von Lehrkräften im Arbeitsfeld Berufsbezogenes Deutsch
Um den Qualitätskriterien für berufsbezogenen DaZ-Unterricht gerecht zu werden, ist die Fortbildung des Lehrpersonals essenziell (vgl. Daase & Stallbaum 2010, Beckmann-Schulz & Kleiner 2011). Aufgrund der Heterogenität von Zielvorgaben und Lerngruppen erfordert das Unterrichten in berufsbezogenen Deutschkursen und integrativen Deutschlernangeboten über die Qualifizierung im Bereich DaZ hinaus zusätzliche methodische und didaktische Fertigkeiten sowie das Bereitstellen von Materialien. Das IQ Förderprogramm übernimmt hier seit 2009 die praxisbegleitende Weiterbildung u.a. der im ESF-BAMF-Programm tätigen DaZ-Lehrkräfte.
Die Gruppe der Fachlehrkräfte in beruflicher Qualifizierung ist weitaus heterogener. Sie umfasst alle Personen, „die berufliches Wissen vermitteln, in berufliche Tätigkeiten einführen bzw. anleitend tätig sind“ (Kimmelmann et al. 2014:5). Kurse mit Teilnehmenden unterschiedlicher Herkunftssprachen, Sprachniveaus und Lernerfahrungen stellen diese Lehrkräfte ebenfalls vor hohe Anforderungen im Bereich DaZ.
Kimmelmann et al. (2014) haben im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprojektes SpraSiBeQ – Sprachsensibilisierung für Fachlehrende in beruflicher Qualifizierung ein Rahmencurriculum entwickelt, das zehn Kompetenzbereiche beschreibt. Ziel war es, Kompetenzen von Fachlehrkräften zu modellieren, die notwendig sind, um sprachlich sensibel auf Lernende eingehen zu können. Der Entwicklung ging eine Bedarfserhebung voraus, sodass hiermit eine wichtige wissenschaftliche Grundlagenarbeit für die Entwicklung von Schulungsangeboten geleistet wurde.
Ein weiteres Ziel des Projektes wurde mit der Konzeption und Erprobung von drei Modulen zur berufsübergreifenden Sprachsensibilisierung von Fachlehrkräften verwirklicht. In einem Anschlussprojekt Integriertes Fach- und Sprachlernen in beruflicher (Anpassungs-)Qualifizierung wurden für ausgewählte Berufsfelder weitere Fortbildungsmodule für Lehrkräfte entwickelt (Projektdauer 2015–2017).1
Für die Verzahnung von Sprachlernangeboten und beruflicher Qualifizierung benötigen beide Gruppen von Lehrkräften übergreifende Kompetenzen des kooperativen Arbeitens. Gemeinsam geht es darum, fachliche und sprachliche Lernziele zu ermitteln, curricular zu verknüpfen und in enger Abstimmung die methodische Umsetzung zu planen und durchzuführen. Die größte Herausforderung eines solchen interdisziplinären Arbeitens besteht in den Rahmenbedingungen, wie z.B. die meist institutionelle Trennung von Deutschkursen und Angeboten beruflicher Weiterbildung, die freiberufliche Tätigkeit sowohl von DaZ- als auch von Fachlehrkräften und die fehlenden Ressourcen für Planungs-, Abstimmungs- und Teambildungsphasen.
5. Handlungsbedarfe
Zusammenfassend bestehen aus unserer Sicht folgende Handlungsbedarfe im Arbeitsfeld Berufsbezogenes Deutsch:
Weitere systematische Evaluationen von Deutschlernangeboten
Weitere Analysen berufsspezifischer sprachlich-kommunikativer Anforderungen
Entwicklung von weiteren Rahmenkonzepten zu berufsspezifischen Deutschlernangeboten und von entsprechenden Lehr-Lern-Materialien sowie digitalen Lernangeboten
Entwicklung von Qualitätskriterien des Integrierten Fach- und Sprachlernens
Weiterentwicklung und Erprobung der Szenario-Methode als Instrument der Lernfortschrittsmessung
Entwicklung innerbetrieblicher Deutschlernangebote
Forschung zu Anforderungen an Teilnehmende, Fachlehrende, DaZ-Lehrkräfte, betriebliche Akteure
Weiterentwicklung von flächendeckenden Fortbildungsangeboten für DaZ- und Fachlehrkräfte
Integration des Berufsbezogenen Deutsch in DaZ-Studiengänge
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Die Perspektive der Interkulturalitätsforschung
Annegret Middeke
1. Einleitung
In der diversifizierten, durch Migration und Globalisierung geprägten Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts, in der auch die lokalen und regionalen Arbeitsmärkte international vernetzt sind, ist jeder Arbeitsplatz (potentiell) multikulturell und multilingual. Für viele berufstätige und arbeitssuchende Menschen ist die anzuwendende Arbeitssprache nicht ihre Erst- bzw. Herkunftssprache, sodass außer berufssprachlichen auch interkulturelle HandlungskompetenzenHandlungskompetenzinterkulturelle bei allen Akteuren aufgebaut werden müssen (Grünhage-Monetti & Svet 2014:186).
Sprach- und Kulturkompetenz hängen insofern zusammen, als die kognitive Erschließung, die Artikulation und Konstruktion von Welt primär über den Erwerb und die Anwendung von Sprache erfolgen (Oomen-Welke 2008:479f.) und auch die persönliche Identität eines jeden Menschen großenteils über sprachliche und kulturelle Vermittlung konstruiert wird (ebd.:480). Das Zusammentreffen und die Auseinandersetzung mit (einer) fremden Sprache(n) bedeuten somit eine Infragestellung, aber auch eine Erweiterung der eigenen kulturellen Identität.
In realen Kommunikationssituationen wird kulturelle Diversität von den Interaktanten oft erst dann wahrgenommen, wenn Verständigungsprobleme auftauchen. In einer explorativen Studie über multikulturelle Pflegeteams wird festgestellt, dass von migrationsbedingten sprachlichen Schwierigkeiten nicht nur hetero-, sondern auch autostereotype Fremdheitszuschreibungen abgeleitet werden (Stagge 2016:186f.). So neigen Pflegekräfte mit Zuwanderungsgeschichte dazu, sich wegen begrenzter Sprachkenntnisse „isoliert, sozial ausgegrenzt, gestresst und nicht ernst genommen“ sowie „bei Aufstiegsmöglichkeiten benachteiligt“ zu fühlen (ebd.:133), wobei sie als Grund für die Benachteiligung oft ihre Hautfarbe oder ethnische Herkunft annehmen. Über solche Mitgliedschaftskategorisierungen werden Differenzen konstruiert, die in der Realität möglicherweise nicht vorhanden sind und dennoch – schon durch die aufgebauten Erwartungshaltungen – wirkungsmächtig das Handeln der Interaktanten beeinflussen können.
Dass interkulturelle Kompetenz eine professionelle Schlüsselqualifikation ist, zeigt auch die Auswertung von 45 am 7.10.2016 in den Jobbörsen „Kimeta“ und „indeed“ erschienenen Stellenanzeigen, in denen „interkulturell“ bzw. „Interkulturalität“ vorkommt. Davon fällt eine Stelle in den Bereich „Öffentlichkeitsarbeit“, fallen je zwei in „Kultur“, „Schulverwaltung“, „Büro“ und „Pflege“, je drei in „Soziales (kirchlich)“, „(Sozial-)Pädagogik“ und „Wissenschaftliche Forschung und Lehre“, je vier in „Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht“ und „Öffentlicher Dienst“, fünf in „Soziales (gemeinnützig)“ sowie 14 in die sog. kommunikationsarmen Bereiche der „Wirtschaft und Industrie“ (Entwicklungsingenieur, IT-Spezialist, Produktmanager u.a.m.). Entsprechend rasant vergrößert und erweitert hat sich das Angebot an interkulturellen Trainings, Coachings, Consultings und Mentorings (Kinast 2005:182, Ang-Stein 2015:19). Dabei geht es nicht mehr nur um die personalisierte Vorbereitung von Beschäftigten großer Unternehmen und Non-Profit-Organisationen auf Arbeitseinsätze im Ausland, sondern auch um die Vorbereitung ganzer Institutionen (Schulen, Ämter, Firmen etc.) auf multikulturelle Kontexte als ubiquitäre Alltagsrealität.
2. Interkulturalität und Kultur
Seit Johann Gottfried von Herders in seinen geschichtsphilosophischen „Ideen zur Philosophie der Menschheit“ (1784–1791) dargelegter essentialisierender Vorstellung von dem Eigenwert einer jeden Volkskultur, der ein je spezifischer Volksgeist innewohne, haben sich zahlreiche Kultur- und Interkulturalitätsbegriffe herausgebildet, die in unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Systematisierungen (etwa Casper-Hehne 1999, Bolten 2012, Ang-Stein 2015:105–139 u.v.a.m.) typologisiert wurden. Was im aktuellen Fachdiskurs konsensual nicht (mehr) als Interkulturalität verstanden wird, fasst Bolten (2016:77f.) zusammen: zum einen das Beharren auf Objektivitätsbehauptungen und Substanzverständnissen von Kultur, Homogenitätsprämissen, monokausalen Erklärungen von kulturellen Entwicklungen sowie auf einem Interkulturalitätskonstrukt als eigenständigem „Drittem“ (A + B = C); zum anderen die Reduktion von Interkulturalität auf Binärkonstruktionen, nationalkulturelle Bezüge, sog. Kulturvergleiche sowie auf sog. interkulturelle Missverständnisse und Krisen.
Jüngere Interkulturalitätsdefinitionen basieren auf einem sozialkonstruktivistischen, wissens- und bedeutungsbasierten Kulturbegriff, der Kulturen als dynamische, nach außen offene und nach innen differenzierende diskursive Konstruktionen versteht und grundsätzlich von kulturellen Mehrfachzugehörigkeiten und Netzwerkorientierungen des Individuums ausgeht. Der Paradigmenwechsel von einem monokulturell angelegten Kulturverständnis hin zu einem hybriden, prozessualen lässt sich am besten an den Begriffen „Kohärenz“ und „Kohäsion“ veranschaulichen. Das Kohärenzparadigma basiert auf der Vorstellung von kultureller Homogenität und damit von Merkmalskongruenz zwischen dem Individuum und dem meist national definierten Primärkollektiv (Rathje 2009:92–94). Das Kohäsionsparadigma hingegen nimmt Diversität, Heterogenität, Divergenzen und Widersprüche als kulturelle Gegebenheit an und sucht nach dem Verbindenden und Gemeinschaftsstiftenden als stabilisierenden Faktoren. Geht man von der „Multikollektivität des Einzelnen“ (Hansen 2000), d.h. der netzwerkartigen Mehrfachverortung von Individuen in zahlreichen lokalen, nationalen und inter-/transnationalen Kollektiven, aus, so stellt die Berufstätigkeit eine organisationale Kollektivmitgliedschaft dar, bei der weitere Kollektivkonstellationen zusammentreffen (Gewerkschaften, Abteilungen, Arbeitsgruppen, Personalrat, Geschäftspartner etc.). Maßgebender Kohäsionsfaktor für den Zusammenhalt zwischen Kollektiven (nicht trotz, sondern wegen der inhärenten Differenzen) ist neben den für alle geltenden Gesetzen und übergeordneten Institutionen eine gemeinsame Sprache, die das Fundament für die Reziprozität des kommunikativen Handelns innerhalb eines Kollektivs und zwischen den Kollektiven bildet, ohne das eine gegenseitige Anerkennung nicht möglich wäre. Die differenztheoretische Idee von der Bekanntheit und Normalität kultureller Differenzen als Bestandteil sozialer Praktiken lässt sich auf das gesamte Feld der interkulturellen Berufskommunikation übertragen (z.B. Rathje 2006, 2009, 2010, Bolten 2007, 2016).
2.1 Transkulturalität und Kulturspezifik
Transkulturalität und Interkulturalität werden häufig synonym verwendet oder als Konkurrenzkonzepte behandelt, wie es der Urheber des Begriffs „Transkulturalität“, Wolfgang Welsch (1994), selbst tut, wenn er Interkulturalität auf überwundene Kohärenzparadigmen reduziert. Er überträgt den philosophischen Begriff „Transversalität“ auf die Kulturtheorie und betont das Hindurchgehen „durch die klassischen Kulturgrenzen“ (ebd.: 28). Bauer (2015) schlägt vor, den Begriff „Transkulturalität“ für jene Räume und Produkte vorzubehalten, die kulturell nicht markiert sind, etwa Dinge und Orte „‚außerhalb‘ kulturspezifischer Deutungsmuster“ wie Flughäfen, internationale Hotelketten, Supermärkte etc. (ebd.: 202f.). Transkulturalität steht in enger Verbindung mit Internationalisierungs- und Globalisierungsprozessen und ist eine zentrale Kategorie in Corporate Identity-Strategien internationaler Unternehmen, bei denen mit dem Ziel der Alleinstellung im globalen Markt der Markenkern in maximalem Umfang auf eine gemeinsame, transkulturelle semantische Kodierung reduziert wird.
Die realen die Kommunikationsprozesse in transnationalen Unternehmen hingegen zeichnen sich trotz einzelner pankollektiver Klammern durch Disparität und Differenzen aus (Rathje 2010:19). Vor dem Hintergrund der mangelnden Umsetzbarkeit des Kohärenzprinzips zeigt sich, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl von Gruppen nicht durch Anpassung und Cultural Fit, sondern durch die Aktivierung differenzerhaltender Dynamiken entsteht, da dies ein Klima der gegenseitigen Anerkennung und Wertschätzung ermöglicht.
Als Gegenreaktion auf die globalen, transkulturellen Homogenisierungstendenzen und die damit einhergehende schwindende Rückversicherung der individuellen Identität in regionalen oder nationalen Kulturmustern (Bauer 2015:208) kommt es zu neuen, partikularistischen Ausdifferenzierungen der eigenen kulturellen Identität. Die verstärkte Reaktivierung von autokulturellen Wahrnehmungs- und Handlungsmustern in transkulturellen Kontexten nennt Bauer „katakulturell“. Katakulturelle Rückgriffe auf regionale, nationale und ethnische Stereotype findet man häufig in der Werbung, weshalb eine Vielzahl von Werbeskandalen auf interkulturelle Problematiken zurückgeht, seien es ungeschickte Pannen oder strategisch geplante kulturelle Tabubrüche.
In der interkulturellen Berufskommunikation spielt Kulturspezifik bzw. kulturspezifisches Wissen dann eine wichtige Rolle, wenn es um die national- und regionalspezifischen rechtlichen, ökonomischen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen von Berufsfeldern, Berufen und Arbeitsplätzen geht. Berufsprofile divergieren im internationalen Vergleich, was Zugangsbedingungen, Ausbildungswege und -inhalte, zu erwerbende Qualifikationen und Abschlüsse, aber auch was die Verdienstmöglichkeiten und das Sozialprestige anbelangt. Ein Übersetzungsinstrument zur Förderung der Komparabilität von Qualifikationen in Europa und der europaweiten Mobilität von Lernenden und Berufstätigen stellt der „Europäische Qualifikationsrahmen“ (EQR) dar. Der „Deutsche Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen“ (DQR)“ ist die nationale Umsetzung des EQR, in welchem es um die Besonderheiten des deutschen Bildungssystems bezogen auf die allgemeinen Deskriptoren des EQR geht. Auch über „weiche“ Faktoren wie Arbeitsorientierung und -einstellung (Kern 2004), Leistungsmotivation (Storch 2012), Arbeitszufriedenheit (Bosau 2009) u.v.a.m. liegen datenbasierte Forschungsarbeiten vor, bei denen es sich i.d.R. um kulturkontrastiv angelegte Ländervergleiche handelt, die das jeweils Kulturspezifische hervorheben.
2.2 Interkulturelle Kompetenz und ihre Messung
Maßgebende Impulse zur Erforschung von interkulturellen Kommunikationsprozessen im Berufs- und Arbeitsleben kommen aus der Kontakt- und der interaktionalen Soziolinguistik, die sich ab den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkt mit Kommunikationsschwierigkeiten der sog. Gastarbeiter beschäftigte und primär problembasiert war. Neutraler definieren zu dieser Zeit Knapp/Knapp-Potthoff (1990:66) „Interkulturelle Kommunikation“ als „interpersonale Interaktion zwischen Angehörigen verschiedener Gruppen, die sich mit Blick auf die ihren Mitgliedern jeweils gemeinsamen Wissensbestände und sprachlichen Formen symbolischen Handelns unterscheiden“. Dieser frühen Definition liegt bereits der hybride Kulturbegriff zugrunde, nach dem jede Kommunikation (potentiell) interkulturell ist.
Ebenso vielfältig wie die Kultur- und Interkulturalitätskonstrukte sind die Definitionen von interkultureller Kompetenz. Es kursieren zahlreiche alternative Begriffe wie interkulturelle kommunikative Kompetenz, interkulturelle Handlungskompetenz, interkulturelle Kommunikationsfähigkeit, interkulturelle Sensibilität, interkulturelles Bewusstsein, interkulturelle Bewusstheit, (inter-)kulturelle Intelligenz, internationale Kompetenz (vgl. z.B. Thomas et al. 2005, Otten et al. 2007, Barmeyer & Bolten 2010, Moosmüller 2009), die sich oft nur in ihren Schwerpunktsetzungen unterscheiden oder aber synonym verwendet werden.
Inhaltlich beschrieben wurde interkulturelle Kompetenz zunächst als Summe von Teilkompetenzen wie z.B. Empathie, Rollendistanz, Respekt vor kultureller Vielfalt u.a., die in Merkmallisten zusammengefasst wurden. Eine systematische Zuordnung der Teilkompetenzen in kognitive, affektive und konative Teilkonstrukte leistet das sog. Strukturmodell. Dieses wurde ergänzt um den prozessualen Aspekt der synergetischen Interdependenz der in den Listen genannten Wissensbestandteile, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Einstellungen und Motive, da diese ohne deren funktionierendes Zusammenwirken nur eine Ressourcenbasis bilden. Interkulturelle Kompetenz bezeichnet Bolten (2007:27) als „anwendungsbezogene[n] Spezialfall allgemeiner Handlungskompetenz“, der sich wie folgt darstellen lässt:
Abb. 1:
Interkulturelle Kompetenz als „Spezialfall allgemeiner Handlungskompetenz“ (Bolten 2007:27)
Interkulturelle Handlungskompetenz als transversale Orientierungskompetenz ist aber nicht nur „ein Spezialfall“, sondern bildet im Zuge der Internationalisierung aller Lebensbereiche auch die Voraussetzung für die Wirksamkeit anderer – fachlicher, sprachlicher, strategischer und weiterer – Handlungskompetenzen in interkulturellen Berufskontexten (Rathje 2006:9, Hammerschmidt 2010:218f., Bolten 2012:126–130). Sie umfasst sowohl kulturspezifische Kenntnisse der jeweiligen Rahmenbedingungen als auch kulturübergreifende Verständigungskompetenzen. Berufsbezogene interkulturelle Kompetenz kann als berufsfeldadäquate Diskurs- und Handlungsfähigkeit in interkulturellen Kommunikationssituationen (Middeke 2014:162) zusammengefasst werden, die dazu beiträgt, im Berufsalltag Normalität zu stiften und Kohäsion zwischen den auf dem Berufsfeld (inter-)agierenden Kollektiven zu erzeugen.
Zwecks Entwicklung von Instrumenten und Maßnahmen zur bedarfsökonomischen Förderung von interkultureller Kompetenz wurden Messungen zur Feststellung des Ist-Zustandes erforderlich. Die Messbarkeit von interkultureller Kompetenz ist aufgrund fehlender psychometrischer Gütekriterien umstritten, wohingegen Konsens darüber herrscht, dass interkulturelle Kompetenz sich bei unbegleitetem Kulturkontakt nicht automatisch entwickelt, sondern einer reflexiven und (bei Kindern und Jugendlichen) einer pädagogischen Unterstützung bedarf. Zur Kompetenzbeschreibung wurde in dem von der EU geförderten INCA-Projekt (Intercultural Competence Assessment, 2001–2003) nach dem Vorbild des „Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen“ ein interkultureller Referenzrahmen entwickelt, der eine Einstufung in niedrige, mittlere, hohe Kompetenz nachfolgenden Profilen vorsieht: I) Ambiguitätstoleranz, II) Verhaltensflexibilität, III) Kommunikationsbewusstsein, IV) Wissenserwerb, V) Offenheit gegenüber anderen Kulturen, VI Empathie). Die textbasierten Kompetenzbeschreibungen („can do“) erfolgen anhand von drei Testarten: Fragebögen, Szenarios und Rollenspiele. Zielgruppen sind laut Inca Assessorenhandbuch (2004:4) alle Berufstätigen von den Lehrlingen und Angestellten (zwecks Förderungen der individuellen Mobilität in einem globalen Arbeitsumfeld) bis zum Arbeitgeber in der Industrie (zwecks Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit).
Prinzipiell können die Messverfahren interkultureller Kompetenz subjektiv wie objektiv sein, sich auf Selbst- oder Fremdeinschätzung oder auf empirische Beobachtungsverfahren stützen, sie können kulturspezifisch oder kulturallgemein, status- oder förderdiagnostisch sowie punktuell oder systemisch angelegt sein (Over et al. 2008:76). Bei den punktuellen geht es um die Beurteilung einzelner Teilmerkmale wie z.B. Empathiefähigkeit, Ambiguitätstoleranz, Rollendistanz u.a., bei den systemisch-prozessualen um das ausgewogene Zusammenspiel aller Teilkompetenzen in interkulturellen Handlungskontexten (Bolten 2007:28–31). Unter den fünf gängigen Methoden (Over et al. 2008:70–77) der Messung von interkultureller Kompetenz – Fragebogenverfahren, Kognitive Strukturtests, Critical-Incident-Methode, Repertory Grid, Assessment-Center – ist letztere die bekannteste und am weitesten verbreitete (Kinast 2005:168, Stumpf 2007). Interkulturelle Assessment Center können eignungsdiagnostisch, z.B. für Stellenbesetzungen, oder förderdiagnostisch, z.B. in multikulturellen Schulen, angewendet werden.
3. Interkulturelles Lernen
Maßnahmen zur Förderung von interkultureller Kompetenz waren lange Zeit auf den tertiären Bildungsbereich beschränkt (Göbel & Buchwald 2008:115), etwa auf die Vorbereitung auf Arbeitseinsätze im Ausland, werden aber zunehmend zur Unterstützung von kultursensibel angemessenem Professionshandeln in multikulturellen Arbeitskontexten im Inland genutzt (Kinast 2005:182). Zu den Maßnahmen interkultureller Kompetenzentwicklung „on the job“ zählen interkulturelle Mentorings und Coachings, zu denen „off the job“ interkulturelle Trainings und Consultings. Aber auch im Fremdsprachenunterricht mit berufsvorbereitenden, -begleitenden und -qualifizierenden Kurszielen spielt Interkulturalität eine zentrale Rolle.
3.1 Interkulturelle Trainings, Consultings, Mentorings, Coachings
Die Methoden interkultureller Trainings sind entweder informatorisch wissensorientiert oder interaktionistisch erlebnisorientiert. Der informatorische Ansatz ist zumeist kulturspezifisch, er hat ein kognitives Trainingsziel, das durch die Vermittlung von faktenorientiertem Wissen über die sog. Zielkultur erreicht werden soll. Der interaktionsorientierte Ansatz kann kulturspezifisch und kulturallgemein sein (in der Praxis zumeist Letzteres), er hat primär affektive, konative und behaviorale Trainingsziele, die mit interkulturellen Rollenspielen, Szenarios, Fallsimulationen etc. erreicht werden sollen. Kulturspezifische und kulturallgemeine Trainingsinhalte schließen einander nicht notwendig aus, sondern können sich mit entsprechendem Methodenmix auch ergänzen. Folgende Trainingstypen werden unterschieden:
Abb. 2:
Trainingstypen interkultureller Kompetenz nach Kinast (2005:200), Göbel & Buchwald (2008:126), Bolten (2012:129)
Mit TRIKK bzw. TRIKK-R liegt ein an den Entwicklungsaufgaben, der Lebenswelt, den subjektiven Lebenstheorien und der Berufswelt von Heranwachsenden orientiertes Training für Berufsschüler vor, das diese auf multikulturelle Arbeitskontexte vorbereiten soll (Over & Mienert 2008).
Zunehmend an Bedeutung gewinnen, insbesondere für die Zusammenarbeit in interkulturellen virtuellen Teams in der Wirtschaft, aber auch in akademischen Kontexten, webbasierte Angebote zum interkulturellen Lernen wie informatorische Trainingsmodule, Culture Assimilators, E-Planspiele, E-Assessment-Center etc. (Zeutschel 2005, Bolten 2007:30, Hochschulforum Digitalisierung 2015).
Interkulturelles Consulting ist ein Instrument des diversitätssensiblen Personalentwicklungsmanagements ebenso wie Interkulturelle Mentorings. Geht es beim Consulting um professionelle Expertenberatung, z.B. bei der Zusammenstellung internationaler Teams, so steht bei den Mentorenprogrammen die Austauschbeziehung zwischen berufserfahrenen Mentoren und weniger berufserfahrenen Mentees mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zu deren betrieblicher Integration und frühzeitiger Vorbereitung auf Führungspositionen im Mittelpunkt (Voigt 2013). Auch Interkulturelle Coachings sind individualisierte Beratungs- und Fördermaßnahmen der Personalentwicklung, i.d.R. für Fach- und Führungskräfte in Unternehmen und anderen Organisationen, und passgenau auf deren Persönlichkeit und professionellen Bedarfe zugeschnitten (Kinast 2005:217–226, Barmeyer 2007, Bolten 2012:153–158).
Die Wirkungen von Maßnahmen zur Förderung interkultureller Kompetenz sollen über einen Transpositionseffekt erzielt werden, bei dem internalisiertes Gelerntes in interkulturellen Erfahrungen sukzessiv in automatisierte Handlungen überführt wird (Kinast 2005:213). Jedoch stößt die Lerntransferevaluation an ihre Grenzen, da bei einem qualitativ wie quantitativ so schwer zu erfassenden Gegenstand wie interkultureller Handlungskompetenz die Indikatoren für den Kompetenzzuwachs weder zuverlässig identifiziert noch kontextsensibel operationalisiert werden können.
3.2 Interkulturelles Lernen im Rahmen von berufsbezogenem DaF-/DaZ-Unterricht
Interkulturalität und Mehrsprachigkeit gelten trotz berechtigter Zweifel an der Evaluierbarkeit von interkultureller Kompetenz (Koreik 2008) als grundlegende didaktische Prinzipien des modernen Fremdsprachenunterrichts. Wie in den interkulturellen Trainings können im berufsbezogenen Deutsch als Fremd- und Zweitspracheunterricht (DaF/DaZ), der berufsvorbereitend, -begleitend oder -qualifizierend ausgerichtet sein kann (Kuhn 2007:135), sowohl kulturspezifisches Wissen, bezogen auf die rechtlichen, ökonomischen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen der Zielsprachenkulturen, als auch allgemeine interkulturelle Sprachhandlungskompetenzen vermittelt werden (Middeke 2014:163). Die Forderung nach Authentizität schließt die Simulation professioneller wie auch interkultureller Interaktionen ein (Reuter 2011, Middeke 2016) und lässt sich am besten in handlungsorientierten Lernarrangements wie Fallstudien, Berufsszenarien, Planspielen etc. umsetzen (s. die Beiträge von Kiefer und Roche unter „F: Didaktik und Methodik der Vermittlung“ sowie von Bosch Roig unter „B: Exemplarische Domänen“ in diesem Buch).
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Die Perspektive der Berufs- und Wirtschaftspädagogik
Jens Siemon
1. Die Bedeutung der Sprache für berufliche Bildungs- und Sozialisationsprozesse
Die Berufs- und Wirtschaftspädagogik beantwortet Forschungsfragen nach Bedingungen, Voraussetzungen, Prozessen und Ergebnissen beruflicher Bildung und beruflicher Sozialisation. Es geht dabei zumeist um Jugendliche und junge Erwachsene, die erstmals eine berufliche Beschäftigung anstreben. Für die erste Phase der Professionalisierung des pädagogischen Personals in diesem Segment sind eigene Studiengänge an den Universitäten eingerichtet. Die Berufs- und Wirtschaftspädagogik ist in diesen Studiengängen für den pädagogischen Teil inklusive der Fachrichtungsdidaktik verantwortlich. Forschungsergebnisse können direkt in die Lehre einfließen, um zukünftige Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen und weiteres pädagogisches Personal auf durch Wissenschaft erkannte, systematisierte und reflektierte Problemlagen und Lösungsstrategien im beruflichen Bildungssystem vorzubereiten.
Eine ganze Reihe solcher Problemlagen und Lösungsstrategien stehen in direktem Zusammenhang mit Sprache und Kommunikation. Das Vorhandensein von Sprache verstanden als Mittel der Verständigung, was neben natürlicher Sprache auch nonverbale, technische, symbolische und formale Sprachen miteinschließt, ist eine notwendige Voraussetzung für jeden Bildungsprozess. Wegen der Komplexität von Sprache und dem Sprachgebrauch lassen sich kaum einfache Zusammenhänge identifizieren.
Einen Forschungsstand zu charakterisieren, welche Erkenntnisse zu Sprache und Kommunikation in der beruflichen Bildung vorliegen, die sich auf die Professionalisierung des pädagogischen Personals beziehen oder dort Verwendung finden sollten, wird das Hauptanliegen dieses Textes sein. Zuvor wird umrissen, um welche Kompetenzen es geht bzw. was unter Sprachkompetenz und kommunikativer Kompetenz verstanden wird. Mit einigen zusammenfassenden Thesen wird der vorliegende Text beendet. Der vorliegende Text schließt an eine frühere Zusammenstellung des Forschungsstandes (Siemon 2016) an. Mittlerweile liegt eine Vielzahl neuerer Ergebnisse vor, sodass die für den Forschungsstand hier herangezogenen Studien nur geringfügige Überschneidungen zur vorherigen Zusammenstellung aufweisen.
2. Sprachkompetenz, kommunikative Kompetenz
Die in diesem Kapitel vorgenommene kurze Einordnung von zentralen Begriffen soll dazu beitragen, die anschließend beschriebenen Studien besser verstehen und aufeinander beziehen zu können.
Unter Kompetenz sollen entsprechend Weinert
die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können (2001:27f.)
verstanden werden. Der Terminus Sprachkompetenz wird teilweise mit der Idee eines endlichen Inventars von Elementen und Verknüpfungsregeln assoziiert, über die ein Mitglied einer Sprachgemeinschaft verfügt und aus der er eine unendliche Anzahl an Sprachverwendungen generieren kann (Chomsky 1981). Dieser sehr regelbasierten Kompetenzerfassung steht die Idee der kommunikativen Kompetenz gegenüber, die heute das vorherrschende Paradigma der Sprachlehr- und -lernforschung und der Sprachdidaktik ist. Kommunikative Kompetenz wird als ein Zusammenwirken von grammatikalischer Kompetenz, soziolinguistischer Kompetenz, Diskurskompetenz und strategischer Kompetenz angesehen (Hymes 1974, Canale & Swain 1980, Canale 1983).
Im deutschen Sprachraum werden Sprachkompetenz und kommunikative Kompetenz vielfach Synonym oder undifferenziert verwendet. Eine Zusammenführung beschreibt Efing (2012, vgl. ähnlich auch Trim 2001:109), der Sprachkompetenz entgegen Chomsky als die didaktisch beeinflussbare Fähigkeit eines Individuums ansieht, die Vorgaben eines Sprachsystems bzw. einer Sprachnorm einzuhalten. Davon grenzt er die Sprachgebrauchskompetenz ab, die die kontextuellen Bedingungen in kommunikatives Handeln einbezieht. Für die Sprachstandsdiagnostik wird von Ehlich et al. (2005) das Modell der sprachlichen Basisqualifikationen vorgeschlagen. Dieses differenziert in phonetische, semantische, morpho-syntaktische, literale, diskursive und pragmatische Anteile.
Die Unterscheidung in eine eher alltags- oder umgangssprachlichen Kommunikation und eher schriftsprachlich-akademischen Kommunikation geht auf Cummins (2008) zurück. Dieser unterscheidet die basic interpersonal communicative skills (BICS) von der cognitive academic language proficiency (CALP). Eine solche Unterscheidung ist gerade für bildungswissenschaftliche Fragestellungen von großer Bedeutung, da sich damit erklären lässt, warum es auch für Schüler und Schülerinnen mit Deutsch als Erstsprache sprachliche Barrieren gibt, sich in der eigenen Sprache Bildungsinhalte zu erschließen. Dieser Gedanke steht auch hinter dem Konzept Bildungssprache (Gogolin 2009), mit dem kontext- und fachbezogene Kommunikation, wie sie unter anderem in Bildungseinrichtungen anzutreffen ist, von Alltagskommunikation unterschieden wird.
Im den weiteren Kapiteln werden nun thematisch zusammenhängende Gruppen von Studien vorgestellt, die typisch für eine bestimmte Forschungsrichtung sind und sich mit Sprache und Kommunikation in der beruflichen Bildung auseinandersetzen.
3. Kommunikative Kompetenz als Bedingung für die Aufnahme einer Berufsausbildung
Im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit formulierte eine Expertengruppe aus Vertretern der Arbeitgeberverbände, beruflicher Schule, der Wissenschaft sowie der Bundesagentur selbst Mindestanforderungen für die Aufnahme einer Berufsausbildung. Dahinter steht der Gedanke, dass eine Berufsausbildung nur dann gelingen kann, wenn ein Jugendlicher bereits vor der Ausbildung über ein Mindestmaß an personellen und kognitiven Dispositionen verfügt. In dem von der Expertengruppe formulierten Anforderungskatalog finden sich Merkmalsbereiche der schulischen Basiskenntnisse, psychologische Leistungsmerkmale, physische Merkmale, psychologische Merkmale des Arbeitsverhaltens und der Persönlichkeit sowie die Berufswahlreife (Bundesagentur für Arbeit 2006). Auch eine Reihe von Merkmalen, die der kommunikativen Kompetenz zugerechnet werden können, sind in den Mindestanforderungen enthalten. Dies sind im Bereich der schulischen Basiskenntnisse die Merkmale Rechtschreiben, Lesen, mit Texten und Medien umgehen sowie Sprechen und Zuhören. Zu den psychologischen Leistungsmerkmalen zählt die Sprachbeherrschung und zu den psychologischen Merkmalen des Arbeitsverhaltens zählt die Kommunikationsfähigkeit.
Obwohl das von den Experten erarbeitete Konzept nicht empirisch überprüft wurde, hat es mittlerweile unter dem Namen Ausbildungsreife eine weite Verbreitung gefunden. Es dient nicht nur als Orientierungsrahmen für Jugendliche, Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer, sondern wird auch in der Berufsberatung eingesetzt und dient als Entscheidungshilfe, ob Jugendliche Informationen zu offenen Ausbildungsplätzen erhalten oder ihnen empfohlen wird, zunächst weiterführende Schulen zu besuchen.
Zur Überprüfung der schriftsprachlichen Anteile der sogenannten Ausbildungsreife untersuchte Baumann (2014) eine Kohorte von 164 Auszubildenden in den Ausbildungsberufen Anlagenmechaniker bzw. Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik, Friseur bzw. Friseurin sowie Verkäufer bzw. Verkäuferin. Die Quote der Auszubildenden mit Hauptschulabschluss lag zwischen 58 und 68 %. Das Geschlechterverhältnis war in der Kohorte ungefähr gleich verteilt, allerdings mit nur einem Prozent Anlagenmechanikerinnen und 88 % bei den Friseurinnen. 88 Auszubildende waren im ersten Ausbildungsjahr, 76 Auszubildende im letzten Ausbildungsjahr des jeweiligen Ausbildungsberufs. Über die deutsche Staatsangehörigkeit verfügten 85 %, in Deutschland geboren waren 86,6 % und Deutsch als Erstsprache gaben 72,4 % der Auszubildenden an. Die der Arbeit zu Grunde liegende Überlegung von Baumann ist, dass wenn Auszubildende identifiziert werden können, die trotz Unterschreitung der Mindestanforderungen der Ausbildungsreife eine Ausbildung aufgenommen haben, ihre Abschlussprüfung bestehen und gegebenenfalls auch noch eine unbefristete Beschäftigung in ihrem Ausbildungsberuf aufnehmen können, das Konzept der Ausbildungsreife im Sinne einer Mindestanforderung nachgewiesenermaßen fehlerhaft sein muss.
Zur Feststellung der schriftsprachlichen Fähigkeiten benutzt Baumann ein breites Spektrum an Instrumenten. Sie setzt einen Rechtschreibtest (Lehmann et al. 2005) mit geschlossenem Antwortformat, einen Test zur Textproduktion (Dirim & Döll 2009) sowie einen Test zur Leserlichkeit der Handschrift (Mahrhofer 2004) ein. Sie überprüft Orthografie und Interpunktion zusätzlich anhand des Vorgehens von Dürscheid et al. (2010) und quantifiziert diese mithilfe des Oldenburger Fehleranalysewerkzeuges (Thomé & Thomé 2010). Zusätzlich werden unter Rückgriff auf verschiedene Ansätze auch Verständlichkeit und Kohärenz der Textproduktion beurteilt. Zudem werden Selbst- und Fremdeinschätzungen zu den schriftsprachlichen Fähigkeiten der Auszubildenden erhoben (Baumann 2014).
Hinsichtlich der eingesetzten Tests erreichen weniger als 20 % der Probanden zu Beginn ihrer Berufsausbildung ein Niveau, das als normnah oder normal bezeichnet werden kann. Die allermeisten untersuchten Jugendlichen sind also bezogen auf ihre kommunikative Kompetenz normabweichend oder normfern und konnten trotz dieses Defizits eine Berufsausbildung beginnen. Insgesamt bestanden 93,4 % der Auszubildenden im dritten Ausbildungsjahr ihre Abschlussprüfung im ersten oder zweiten Versuch. Der Anteil derer, die zum Zeitpunkt der Prüfung hinsichtlich ihrer kommunikativen Kompetenz normabweichend oder normfern waren, lag bei 84 %. 86,2 % der Jugendlichen mit einer erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildung, die über eine Festanstellung in ihrem erlernten Ausbildungsberuf verfügen, hatten zum Zeitpunkt ihrer Abschlussprüfung normabweichende oder normferne kommunikative Kompetenzen (Baumann 2014:245). Auch wenn Baumann dies etwas vorsichtiger formuliert, muss man feststellen, dass zum Glück nicht das Konzept der Ausbildungsreife über die Aufnahme einer Berufsausbildung entscheidet, sondern die ausbildenden Unternehmen, die einen Auszubildenden einstellen. Bezogen auf die Teile des Konzeptes der Ausbildungsreife, die sich auf die schriftsprachliche Kompetenz beziehen, muss festgestellt werden, dass diese Anforderungen aufweisen, die keinesfalls eine Mindestanforderung für die Aufnahme einer Berufsausbildung sind.
4. Sprachgebrauch am Ausbildungs- und Arbeitsplatz
Welche der im vorangehenden Kapitel untersuchen kommunikativen Kompetenzen tatsächlich am Ausbildungs- und Arbeitsplatz erforderlich sind, untersuchen eine Reihe von Studien, die in diesem Kapitel vorgestellt werden.
Im Rahmen ihres BMBF-geförderten Projekts „Alpha-Quali“ beschäftigen sich Hanisch und Heisler (2016) mit der Frage, warum Menschen trotz Schulbesuchs und Berufsausbildung nicht richtig lesen und schreiben können. Dabei knüpfen sie vor allem an die Ergebnisse der leo.Level-One Studie (Grotlüschen & Riekmann 2012) an, die davon ausgeht, dass etwa 7,5 Mio. Menschen in Deutschland als funktionale Analphabeten zu bezeichnen sind. Über 70 % dieser Menschen sind erwerbstätig, wobei etwa 68 % von ihnen einen Abschluss im dualen Ausbildungssystem erworben haben und sich 6,5 % noch in der Ausbildung befinden. Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass das Risiko für funktionalen Analphabetismus mit dem Alter steigt, in der Schule erworbene Fähigkeiten also wieder verloren gehen.
Um herauszufinden, wie sich die schriftsprachlichen Fähigkeiten von Auszubildenden im Laufe der Ausbildung verändern, befragten Hanisch und Heisler (2016) in einer eigenen Studie insgesamt 217 Auszubildende im ersten und dritten Lehrjahr verschiedener Berufe, die sich laut leo.-Studie durch einen besonders hohen Anteil an funktionalen Analphabeten auszeichnen, nach der Häufigkeit und Art der in ihrer Ausbildung wahrgenommenen Lese- und Schreibanlässe. Eine Schwäche der Studie liegt darin, dass sie aus Zeitgründen nicht als Längs-, sondern als Querschnittsstudie durchgeführt wurde und so nicht festgestellt werden konnte, wie sich die schriftsprachlichen Kompetenzen einzelner Auszubildender im Laufe der Ausbildung veränderten.
Im Ergebnis wurde deutlich, dass im Laufe der Ausbildung nicht im Allgemeinen weniger geschrieben und gelesen wird, sondern vielmehr vermehrt spezifische Lese- und Schreibanlässe wahrgenommen werden, andere aber wegfallen. So gaben zum Beispiel die Auszubildenden im dritten Lehrjahr im Vergleich zu den Auszubildenden im ersten Lehrjahr an, mehr Diagramme zu lesen, dafür aber weniger Berichte zu schreiben. Dies deutet auf eine zunehmende Funktionalisierung des Einsatzes der Schriftsprache hin. Ob hierin jedoch ein Risiko für die Entstehung von funktionalem Analphabetismus zu sehen ist, konnte im Rahmen der Studie nicht geklärt werden.
In ihrem Verbundprojekt Sprachsensibilisierung in der Beruflichen Qualifizierung (SpraSiBeq) beschäftigen sich Birnbaum et al. (2016) mit den schriftsprachlichen Herausforderungen, denen die Fachlehrer in der beruflichen Aus- und Weiterbildung aufgrund einer zunehmenden Anzahl an Teilnehmenden mit Deutsch als Zweitsprache begegnen. Mit dem Ziel, ein Weiterbildungskonzept für Fachlehrer zu entwickeln, wurde zunächst eine Bedarfsanalyse durchgeführt, in deren Rahmen konzeptionelle Dokumente sowie Lehr- und Lernmaterialien untersucht, Lehrende und Teilnehmende befragt und in Weiterbildungsmaßnahmen hospitiert wurden. Dabei wurden Materialien und Kurse aus Branchen gewählt, die gemäß dem statistischen Bundesamt besonders häufig von Teilnehmenden mit Migrationshintergrund besucht werden. Zur Analyse herangezogen wurden 30 konzeptionelle Dokumente, Lehr- und Lernmaterialien im Umfang von 1.153 Seiten, 46 verwendbare Fragebögen sowie 15 Hospitationen.
Auch wenn die Inhalte konzeptioneller Dokumente darauf schließen lassen, dass die Teilnehmenden in der Lage sein sollen, verschiedene Textsorten zu produzieren, beschränken sich die Anforderungen in den Lehrwerken zu 60 % auf das „Nennen“ bestimmter Punkte. Erklären (19 %), Beschreiben (14 %) oder Begründen (7 %) sind weitaus weniger gefordert. Ähnliches ließ sich in den Hospitationen beobachten. In sieben von 15 Fällen fanden keine schriftlichen Arbeitsphasen statt. Die durchgeführten schriftlichen Aktivitäten beschränkten sich meist auf das Mit- und Abschreiben oder die Arbeit mit einzelnen Begriffen oder Stichpunkten. Die Produktion umfangreicherer Texte wird im Unterricht nicht behandelt, aber in Prüfungen abgefragt, was die Teilnehmenden vor große Herausforderungen stellt.
Reich und Settelmeyer (2016) gehen der Frage nach, inwiefern von Migranten in Deutschland gesprochene Sprachen den Sprachenbedarf in Unternehmen abdecken können. Den Sprachenbedarf in Unternehmen skizzieren die Autoren unter Zuhilfenahme einer Unternehmensbefragung des Instituts der deutschen Wirtschaft (Schöpper-Grabe & Weiß 1998), einer Analyse von Anforderungen für Ausbildungsstellen (Settelmeyer et al. 2017) und 2006 und 2012 durchgeführten repräsentativen Erwerbstätigenbefragungen des Bundesinstituts für Berufsbildung und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hall 2007, 2013). Auf Grundlage dieser Studien stellen Reich und Settelmeyer fest, dass neben Englisch zahlreiche andere Sprachen mit bemerkenswerter Häufigkeit gebraucht werden, wobei der Bedarf von 2006 bis 2012 signifikant um 8,5 % angestiegen sei. Fremdsprachenkenntnisse werden vor allem in Dienstleistungs- und als anspruchsvoll betrachteten Berufen benötigt.
Das Angebot an Migrantensprachen, das der Nachfrage in Unternehmen gegenübersteht, lässt sich nur schwer umreißen, da die in Deutschland gesprochenen Sprachen nirgendwo zentral erfasst werden. Lokale Erhebungen bei Grundschulkindern in Hamburg (Fürstenau & Yagmur 2003) und Essen (Chlosta et al. 2004) und eine repräsentative Befragung der Bundesagentur für Arbeit (BA, zit. nach Reich & Settelmeyer 2016:128) erfassten etwa 150 verschiedene Sprachen, die teilweise von nur wenigen Sprechern gesprochen werden. Reich und Settelmeyer gehen davon aus, dass in Deutschland 33 andere Sprachen als Deutsch mit mehr als zehntausend Sprechern vertreten sind. Die individuellen Sprachkenntnisse können je nach Migrationsbiographie sehr unterschiedlich sein. Erste explorative Studien (Meyer 2008, Settelmeyer 2010) gehen davon aus, dass Migranten ihre Sprachkenntnisse besonders in sozialen und Verkaufsberufen einbringen können. Das Potenzial, Sprachbedarfe in Unternehmen durch Migranten zu decken, wird vor allem bei den Sprachen Spanisch, Russisch, Italienisch, Türkisch, Portugiesisch und Polnisch gesehen. Jedoch kann nicht immer davon ausgegangen werden, dass die zu Hause erworbenen Sprachkenntnisse den Ansprüchen am Arbeitsplatz gerecht werden, wo auch Fachkenntnisse und schriftsprachliche Fähigkeiten gefragt sind. Hier könnte herkunftssprachlicher Unterricht an Berufsschulen dazu beitragen, eine Lücke zu schließen. Dementsprechend wäre auch die Vermittlung der Didaktik von Herkunftssprachen als reguläres Fach in der Lehrerbildung gefragt. Zusätzlich zum herkunftssprachlichen Unterricht können Kenntnisse in Migrantensprachen zum Beispiel durch die Einbeziehung in das KMK-Zertifikat „Fremdsprachen in der beruflichen Bildung“ oder Auslandsaufenthalte, etwa im Rahmen des Leonardo-Programms, sowie binationale Projekte an Berufsschulen gefördert und aufgewertet werden.
Rexing et al. (2016) befragten 188 Auszubildende des Berufsfelds Bautechnik zu ihrer Lesemotivation. Es handelte sich um ausschließlich männliche Probanden im Alter von durchschnittlich 19 Jahren, mehrheitlich mit Hauptschulabschluss. Den Probanden wurde ein Fragebogen mit insgesamt 30 Items vorgelegt, der sich teilweise an einem innerhalb des bundesweiten Projektes ProLesen entwickelten Fragebogen (Philipps 2008) und an PISA-Items (Artelt et al. 2010:75) orientierte.
Die habituelle Lesemotivation der befragten Auszubildenden war sehr gering. Nicht elektronische Medien wie Bücher, Zeitschriften und Zeitungen werden nur selten gelesen. Digital beschränkt man sich hauptsächlich auf Social Media-Plattformen und Kommunikation. Das Lesen wird nicht als sinnvolle Freizeitbeschäftigung wahrgenommen, auch wenn die Bedeutung des Lesens für das Privatleben und die Informationsbeschaffung durchaus erkannt wird, was aber wohl eher mit Nützlichkeit als mit Lesefreude verbunden wird.
Zwischen der habituellen und der schulspezifischen Lesemotivation zeigt sich ein signifikanter Zusammenhang. Auch in der Schule wird ungern gelesen und wenn, dann vorzugsweise Texte mit beruflicher Relevanz. Deutsch/Kommunikation gehört zu den unbeliebtesten Fächern. Je höher die Schüler jedoch die Relevanz des Lesens bzw. des Unterrichtsfaches Deutsch/Kommunikation für ihren Beruf einschätzten, desto positiver war auch ihre Einstellung hierzu.
Generell erkennen die Auszubildenden die Bedeutung des Lesens im Berufsleben, jedoch wird im Betrieb primär mündlich kommuniziert. Zur Bewältigung beruflicher Anforderungen muss nur selten gelesen werden. Bei der Frage nach relevantem Textmaterial werden in erster Linie Zeichnungen genannt.
Die Lesemotivation wird nicht durch den Schulabschluss bestimmt, sondern ist davon abhängig, ob der Auszubildende die Bedeutung des Lesens für seine Arbeit und berufliche Entwicklung im Betrieb erkennt. Um Lesekompetenz zu stärken, sollte den Auszubildenden also zunächst vermittelt werden, welche Bedeutung das Lesen für ihre zukünftige berufliche Entwicklung haben kann. Im Betrieb können Auszubildende in Leseanlässe einbezogen werden, die sonst eher von Fach- und Führungskräften erledigt werden. In der Berufsschule sollten zur Förderung der Lesekompetenz fachlich relevant erscheinende Texte ausgewählt werden. Aufgrund der größeren Beliebtheit beruflicher Fächer könnte es von Vorteil sein, Leseaktivitäten verstärkt in diesen Fächern zu verorten.
5. Auf die Professionalisierung pädagogischen Personals für berufliche Schulen bezogene Arbeiten
Wie von Seiten der Akteure der Lehrerbildung auf die beobachtbare Diskrepanz zwischen sprachlichen Anforderungen auf der einen Seite und den Kompetenzen der Ausbildungsplatzbewerberinnen und Ausbildungsplatzbewerber auf der anderen Seite reagiert werden könnte, untersuchen die in diesen Kapitel vorgestellten Studien.
Happ et al. (2016) untersuchen die Entwicklung sprachlicher Kompetenzen im Verlauf des Studiums sowie den Einfluss des Faktors „Sprache“ auf die Entwicklung des Fachwissens im Studienverlauf bei angehenden Lehrkräften für den kaufmännisch-verwaltenden Bereich.
Hierbei greifen sie auf durch das BMBF-Projekt ILLEV erhobene Daten zurück. Im Rahmen des Projektes wurde in einem längsschnittlichen Design an vier über drei Jahre verteilten Terminen die verbale Intelligenz von Lehramtsstudenten im kaufmännisch-verwaltenden Bereich erfasst. Getestet wurde diese mithilfe der Analogien aus dem Intelligenz-Struktur-Test (Liepmann et al. 2007). Das Fachwissen der Studierenden wurde mit Aufgaben aus dem Wirtschaftswissenschaftlichen Bildungstests (WBT) (Beck et al. 1998) sowie einer Kurzversion des Business Administration Knowledge Tests (BAKT) (Bothe et al. 2006) getestet. Außerdem wurde die Muttersprache der Probanden erfasst.
Insgesamt wurden 3.571 Beobachtungen ausgewertet, wobei einschränkend erwähnt werden muss, dass die Stichprobe nicht nur aus Studierenden der Wirtschaftspädagogik, sondern zu einem Anteil auch aus Studenten der Wirtschaftswissenschaften ohne Lehramtsoption bestand.
Happ et al. (2016) stellen fest, dass es sich bei der verbalen Intelligenz um ein konstantes Persönlichkeitsmerkmal handelt, das sich im Verlauf des Studiums nicht verändert. Sie sehen außerdem einen Zusammenhang zwischen sprachlichen Defiziten und Rückständen im Bereich Fachwissen. Probanden mit schlechteren sprachlichen Eingangsvoraussetzungen konnten ihre sprachlichen Defizite oder deren Einfluss auf die Wissensentwicklung im Laufe des Studiums nicht ausgleichen.
Bethscheider et al. (2016) gehen der Frage nach, wie betriebliche Ausbilder und Ausbilderinnen für den Umgang mit Auszubildenden mit sprachlich-kommunikativem Förderbedarf sensibilisiert und qualifiziert werden können.
Um Situationen zu identifizieren, in denen sprachliche Schwierigkeiten von Auszubildenden und ihr Umgang mit diesen die Vermittlung beruflicher Handlungskompetenzen beeinträchtigen, wurden zunächst 12 leitfadengestützte Interviews mit Ausbildern und Ausbilderinnen aus Betrieben unterschiedlicher Branchen und Größe sowie mit Personal aus Förderprojekten durchgeführt. Dabei wurden insbesondere Berufe ausgewählt, die einen deutlichen Anteil an mündlicher Kommunikation aufweisen.
In den Interviews stellen die Ausbilder und Ausbilderinnen vor allem fest, dass das Sprachrepertoire der Auszubildenden dahingehend eingeschränkt ist, dass diese nicht in der Lage sind, zwischen unterschiedlichen sprachlichen Registern zu wählen, sich also wenig differenziert und umgangssprachlich ausdrücken. Dies erschwert vor allem den Kundenkontakt, kann aber auch betriebsintern Kommunikationsschwierigkeiten nach sich ziehen, wenn zum Beispiel der Gebrauch von Jugendsprache die Verständigung mit den älteren Ausbildern und Ausbilderinnen erschwert. Sprachlichen Schwierigkeiten selbst begegnet man unterstützend, solange sie nicht mit fehlendem Problembewusstsein und Vermeidungsverhalten einhergehen. Es wird dabei wenig danach differenziert, ob die/der jeweilige Auszubildende Deutsch als Erst- oder als Zweitsprache erlernt hat.
6. Reflexion der vorgestellten Studien hinsichtlich der Aufgaben der Berufs- und Wirtschaftspädagogik
Die vorgestellten Studien geben einen Einblick in die Vielfalt der Fragestellungen, die von Berufs- und Wirtschaftspädagogen hinsichtlich der Sprache und Kommunikation in der beruflichen Bildung bearbeitet werden. Die Erkenntnisse und Ergebnisse können für die Professionalisierung des zukünftigen pädagogischen Personals nutzbar gemacht werden. Überlegungen dazu sollen den vorliegenden Text beenden.
Studierende sollten während ihres Professionalisierungsprozesses umfassendes Wissen zu wissenschaftlichen Methoden aufbauen. Damit könnten fehlerhafte Aussagen, Interpretationen und Schlussfolgerungen identifiziert und hinsichtlich der eigenen Lehraktivitäten korrigiert werden. Z.B. würde so die Idee der Mindestanforderung des Ausbildungsreifekonzeptes bereits auf der Basis von Alltagsbeobachtungen kritisch hinterfragt werden können. Eine Verwechselung von Befragungen und empirisch beobachtbaren Fakten würde vermieden. Schülerinnen und Schüler würden bzgl. ihres beruflichen Werdegangs besser beraten werden können.
Lehrerprofessionalisierung wird kaum in der Breite auf Migrantensprachen eingehen können. Dafür gibt es zu viele Sprachen und das Beherrschen auch nur einer weiteren Sprache stellt viele Lehramtsstudierende vor große Herausforderungen. Im Professionalisierungsprozess könnte aber auf eine Sprachsensibilisierung mehr Wert gelegt werden. Dies würde schon für deutsche Schülerinnen und Schüler hilfreich sein, um fachliche Defizite ggf. auf sprachliche Defizite zurückführen zu können. Es könnte dann auch gezielter auf die sprachlichen Anforderungen von Abschlussprüfungen vorbereitet werden. Zudem würden sprachliche Barrieren ggf. gar nicht erst entstehen.
Studierende sollten in deutlich stärkerem Maße die Chance erhalten, Diversität zu erfahren. Dies gelingt vor allem durch längere Auslandsaufenthalte. So würden nicht nur zweit- und drittsprachliche Kompetenzen aufgebaut, sondern vor allem auch Offenheit und Akzeptanz gegenüber Diversität, auch sprachlicher Diversität, entstehen.
Da kommunikative Kompetenz für die Dauer eines Ausbildungsabschnittes als kaum bis gar nicht veränderbar angesehen werden kann, gleichzeitig aber umfangreiche fachliche Entwicklungen angestrebt werden, muss die Professionalisierung von pädagogischem Personal das Ziel haben, Kompetenzen zur Entwicklung sprachsensibler Lehr- Lernmaterialien und -arrangements aufzubauen.
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Die Perspektive der Organisationsforschung
Narration in der Kommunikation von Organisationssystemen
Annika Schach
Der Beitrag stellt im ersten Teil den systemtheoretischen Blick auf Organisationen und die Rolle von Sprache und Textsorten im wirtschaftlichen Kontext vor. Im zweiten Teil liegt der Fokus auf der Beschreibung des narrativen Kommunikationsmodus, der als Storytelling-Technik in Organisationen eine immer größere Bedeutung erlangt und die Anforderungen für die Aus- und Weiterbildung verändert.
1. Einleitung
Das Spektrum von Kommunikation im Unternehmenskontext ist breit: vom Gespräch des Vertriebsmitarbeiters mit einem Kunden bis zum Protokoll der Vorstandssitzung. Alle mündlichen und schriftlichen Kommunikationsformen werden mit dem Begriff der OrganisationskommunikationOrganisationskommunikation umschrieben, der die gesamte Kommunikation in und über die Organisation umfasst. Aus der Perspektive der soziologischen Organisationsforschung ist ein solch breites Kommunikationsfeld folgerichtig, da soziale Systeme aus systemtheoretischer Perspektive aus Kommunikation bzw. Kommunikation in der Form von Entscheidungen bestehen (Luhmann 1984). Nach der CCO-Perspektive (Communication Constitution of Organizations) entstehen und überdauern Organisationen erst dadurch, dass Sprachhandlungen im Namen der Organisation vollzogen werden (Hoffjann 2015:106). In der Unternehmenspraxis haben sich die Anforderungen an die Sprachkompetenz in vielen Bereichen differenziert und verbreitert. Das lässt sich anhand der manifesten Differenzierung der Textfunktion diverser Textsorten in der Wirtschaft ableiten: Waren beispielsweise in der externen UnternehmenskommunikationUnternehmenskommunikation1 ehemals hauptsächlich Informations- und Appellfunktionen zu identifizieren, kommen heute vielfältige Textsorten der Kontaktfunktion im Rahmen der DigitalisierungDigitalisierung und Textsorten mit Obligationsfunktion wie Leitbilder und Compliance-Richtlinien vor (Schach 2015:45). Die Veränderungen in der Organisationsumwelt, insbesondere im Journalismus, bewirken neben der Ausdifferenzierung ebenso eine Änderung des KommunikationsmodusKommunikationsmodus bzw. der Vertextungsstrategie. War die externe Organisationskommunikation, d.h. die Public Relations, vornehmlich durch deskriptive Textsorten geprägt, werden heute narrative Textstrukturen immer dominanter. Dem Einsatz von Geschichten wird eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit bei der Erreichung der gewünschten Aufmerksamkeits- und Einstellungsziele von Organisationen zugeschrieben.
2. Organisationen als Systeme
In der Organisationsforschung ist die systemtheoretische Perspektive auf Organisationen als geschlossene Systeme weit verbreitet. Durch ihre Schnittstelle zu einer systemtheoretisch orientierten Textlinguistik lassen sich die Funktionen von Texten und Sprache in der Organisation und ihrer Umwelt besser beschreiben. (Gansel, 2011) Die textlinguistische Analyse liefert Ergebnisse, wie Textsorten in der System-Umwelt-DifferenzSystem-Umwelt-Differenz zu strukturellen Kopplungen mit anderen Systemen führen können. Zudem lassen sich mittels textlinguistischer Kategorien Veränderungsprozesse in Bezug auf die Themenentfaltung von Textsorten der Wirtschaft bzw. der Organisationskommunikation identifizieren. Die funktional-strukturelle Systemtheorie ist in der Organisationsforschung in unterschiedlicher Prägung ausgearbeitet worden. Sie ist angelegt als komplexe Gesellschaftstheorie, die eine Grundlage bietet, die Entstehung von Systemen zu beschreiben. Ein entscheidender Vorteil der Systemtheorie liegt darin, dass sich mit ihr Phänomene der Mikroebene (Kommunikation), der Mesoebene (Organisationen) und der Makroebene (Gesellschaften und Funktionssysteme) gleichermaßen beschreiben und erklären lassen (Merten 2009:68). So lassen sich auch Beziehungen zwischen diesen Systemen sowie zwischen Organisationssystemen erläutern. In der Systemtheorie Luhmann‘scher Prägung besteht die Gesellschaft aus funktional ausdifferenzierten Teilsystemen wie z.B. Wirtschaft, Recht und Wissenschaft, die operativ geschlossen und autopoietisch strukturiert sind. Das bedeutet, dass soziale Systeme von der Umwelt lediglich irritiert werden und diese Irritationen auf der Basis eigener Strukturen auflösen können. Die unterschiedlichen Funktionssysteme übernehmen exklusiv bestimmte Aufgaben für die Gesellschaft. So übernimmt das Wirtschaftssystem die Allokation knapper Güter (Luhmann 1998). In allen Funktionssystemen operieren Organisationen, die eine KomplexitätssteigerungKomplexitätssteigerung der jeweiligen Funktionssysteme ermöglichen, wie beispielsweise Unternehmen im Wirtschaftssystem. So müssen die einzelnen Systeme bei der Erfüllung ihrer spezifischen Funktionen nur einen Teil der gesamtgesellschaftlichen Komplexität bewältigen, das Prinzip ist demnach eine „Steigerung durch Reduktion von Komplexität“ (Luhmann 1984:507). Organisationen sind demnach Sinnsysteme, d.h. Sinnproduktion ist die spezifische Basis der Operationen ihrer Selbstreproduktion, um stabile Grenzen zur Umwelt aufrechtzuerhalten“ (Szyszka 2009:136). Im Unterschied zu gesellschaftlichen Funktionssystemen haben Organisationen eine besondere Operationsweise: Sie treffen Entscheidungen. Durch diese Fähigkeit sind Organisationen handlungs- und kommunikationsfähig. Sie sind damit die beobachtbaren und durch Kommunikation adressierbaren Operatoren der Funktionssysteme. Ihre Entscheidungen sind dabei immer doppelt kodiert: Sie folgen einerseits der Leitunterscheidung des Funktionssystems, dem sie angehören, und andererseits dem organisationseigenen Code, der der Sicherung der eigenen Existenz dient. Unternehmen folgen dem allgemeinen Code des Wirtschaftssystems (Zahlung/Nichtzahlung) und orientieren sich andererseits an der eigenen Effektivität und am eigenen Fortbestand (Krüger 2015:32). Allerdings wird die Gesellschaft im Zuge der Differenzierung heterogener und vielfältiger, da durch die Emergenz zusätzlicher Teilsysteme die Anzahl gesellschaftlicher Beobachterperspektiven steigt (Hoffjann 2007:92). Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit von Konflikten zwischen Systemen. Durch die wachsende Differenzierung steigt der Bedarf für Abstimmungen sowohl zwischen den Funktionssystemen als auch den Organisationen. Die Folge ist eine kontinuierliche Zunahme gesellschaftlicher Kommunikation, die wiederum zu einem wachsenden Wettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit führt. Die direkte Kommunikation über Systemgrenzen hinweg ist aus systemtheoretischer Perspektive unmöglich, da jedes Funktionssystem geschlossen ist und ausschließlich nach dem eigenen, exklusiven Code als Leitdifferenz operiert. Allerdings greifen hier die Konzepte der strukturellen und operativen Kopplung sowie der gegenseitigen Irritation.
3. Textsorten und Kommunikationsbereich
Auch in der textlinguistischen Perspektive wird ein systemtheoretisches Begriffs- und Definitionsinstrumentarium zur Analyse von Textsorten herangezogen, um den Kommunikationsbereich von Textsorten zu untersuchen, die menschliches Handeln im Allgemeinen reflektieren und sich in verschiedensten Kommunikationsbereichen ausprägen (vgl. Gansel 2011:12).
Der Begriff des KommunikationsbereichsKommunikationsbereich weist Parallelen zu der Begrifflichkeit des sozialen Systems der sozialwissenschaftlichen Systemtheorie auf. Nach Luhmann werden soziale Systeme als Systeme sinnhafter Kommunikation bezeichnet, Kommunikationen werden als „Elementarteilchen“ derselben definiert. Kommunikationen sind demnach sinnhafte soziale Ereignisse, die durch ein bestimmtes Medium aufeinander bezogen werden müssen (Krause 2001:26). Die Beschäftigung mit funktional ausdifferenzierten Teilsystemen kann so bei der Klassifizierung von Textsorten wichtige Impulse liefern. Dem System kommt in der systemtheoretisch orientierten Textlinguistik eine entscheidende Bedeutung zu, da sich die Textsorten nur in ihrem System und nach entsprechenden systeminternen Regeln und Funktionsweisen der Reflexivität entfalten und verändern können. Das System oder – textlinguistisch gesprochen – der Kommunikationsbereich determiniert und koordiniert sprachliche Handlungsweisen und sollte somit immer der Bezugspunkt sein.
Textklassen erfüllen ihre Aufgaben im Rahmen sozialer Systeme (Kommunikationsbereiche), die eine systemerhaltende Funktion haben und Leistungen für andere Systeme erbringen. Es geht dabei um die Leistungen in übergeordneten sozialen Handlungen für ein System und dessen Interaktion mit anderen Systemen der Gesellschaft (Gansel 2011:17).
Die Textsortenanalyse eignet sich daher als Methode für die Beschäftigung mit Textsorten in Organisationen, um organisationstheoretische Veränderungsprozesse nachzuweisen und zu beschreiben.
4. Funktion von Textsorten in Organisationen und ihrer Umwelt
Textsorten erfüllen ihre Aufgaben im Rahmen sozialer Systeme, da sie eine systemerhaltende Funktion haben und Leistungen für andere Systeme erbringen. Es geht dabei um die Leistungen von Textsorten in übergeordneten sozialen Handlungen für ein System und dessen Interaktion mit anderen Systemen der Gesellschaft. Aus systemtheoretischer Perspektive handelt es sich bei Kommunikation auf der Mikroebene um einen wechselseitigen Konstruktionsprozess bestehend aus der Synthese von drei kontingenten Selektionen: Information, Mitteilung und Verstehen (Luhmann 1984:203). Texte werden als Mitteilungen im Textproduktionsprozess erzeugt und stehen für Verstehensprozesse zur Verfügung. Sie provozieren weitere Vertextungen, fixieren Sinn und sichern die Anschlussfähigkeit der Kommunikation. Textsorten erzeugen strukturelle Kopplungen zwischen Systemen (Neumann 2011, Christoph 2009). Als strukturelle Kopplungen werden in der Systemtheorie medial vermittelte Beziehungen zwischen autopoietischen Systemen gesehen. Derartige Beziehungen liegen vor, „wenn ein System bestimmte Eigenschaften seiner Umwelt dauerhaft voraussetzt und sich strukturell darauf verlässt“ (Luhmann 1993:441). Diese festen, dauerhaften Kopplungen sind über standardisierte Textsortenexemplare beständig reproduzierbar. Textsorten ermöglichen wie Programme Handlungen überindividuell, machen sie wiederholbar. In dieser Weise prägen Textsorten erwartbare Kommunikationsprozesse. Mit ihren Eigenschaften der Erlernbarkeit und Wiederholbarkeit erleichtern sie das Kommunizieren, übernehmen für Systeme bestimmte Leistungen und stützen strukturelle Kopplungen operativ (Holtfreter 2011:342). Zu differenzieren sind dabei drei Varianten:
1 Kerntextsorten sind die für ein soziales System konstitutiven Textsorten.
2 Textsorten der konventionalisierten, institutionell geregelten Anschlusskommunikation sind Textsorten, die die Reaktion auf das Kommunikationsangebot des eigenen Systems bedeuten und diese erfordern (Beziehungen zwischen Subsystemen) (Gansel 2011:55).
3 Textsorten der strukturellen Kopplung dienen der Sicherung fester Beziehungen zwischen Systemen (Gansel & Jürgens 2007:78).
Eine Textsorte wie die Pressemitteilung zum Beispiel kann demnach als eine Textsorte der strukturellen Kopplung bezeichnet werden: Sie stützt die feste strukturelle Kopplung der Systeme Unternehmen und Massenmedien operativ und kann im Rahmen eines wechselseitigen Prozesses der SelbstirritationSelbstirritation der Systeme beschrieben werden. Diese operieren nach ihrem eigenen Code und stellen somit systemintern die Distanz zwischen System und Umwelt sicher. Luhmann illustriert das am Beispiel der Werbung:
„Im Bereich der Werbung ist also die Wirtschaft ebenso auf das System der Massenmedien angewiesen wie dieses auf sie; und es läßt sich, wie typisch für Fälle struktureller Kopplungen, keine sachlogische Asymmetrie, keine Hierarchie feststellen.“ (Luhmann 2004: 122) Konkret wird das System Wirtschaft irritiert, weil finanzielle Ausgaben für Marketing nicht immer und automatisch zum Erfolg führen. Eine Strategie zur Bewältigung der Irritation liegt darin, die Werbebotschaften stärker den redaktionellen Inhalten der Medien anzupassen. Die Irritation auf Seiten der Massenmedien wiederum liegt in den untypisierbaren Reizen aus der Wirtschaft in Form von werblich durchsetzten Texten oder Angeboten. Die Massenmedien können sie nicht in der werbetypischen Form verarbeiten, sondern selektieren nach ihrem systemeigenen Code und überarbeiten im Fall einer Veröffentlichung (Neumann 2011: 351).
5. Narration und Storytelling
Die zunehmende Differenzierung und Komplexitätssteigerung in allen gesellschaftlichen Teilbereichen verändert die öffentliche Kommunikation und stellt auch die professionelle Organisationskommunikation vor neue Herausforderungen. Obwohl viele Organisationen aus der Wirtschaft ihre Umweltbeziehungen managen, scheinen sie immer häufiger daran zu scheitern, mit ihren Themen und Botschaften durchzudringen und ihre Sinnentwürfe gesellschaftlich anschlussfähig zu machen und durchzusetzen (Krüger 2015:18). Dies liegt vermutlich auch an ihrer eigenen Ausdifferenziertheit und Komplexität:
Gerade Wirtschaftsunternehmen, die unter permanentem Entscheidungsdruck stehen, haben zahlreiche Mechanismen zur Herbeiführung, Erklärung, Rationalisierung und Legitimierung ihrer Entscheidungen entwickelt. Hierzu zählen neben Organisationsstrukturen und Rollensystemen beispielsweise komplexe Kennzahlensysteme und ein in immer kürzeren Intervallen aktualisiertes Berichtswesen (Krüger 2015:18).
Obwohl diese Strukturen und Argumentationslogiken des Wirtschaftssystems im Zuge einer gesellschaftsweiten Ökonomisierung auch vor anderen Gesellschaftsbereichen nicht haltmachen, erweisen sie sich offenbar als nur begrenzt geeignet, um Unternehmenshandeln dauerhaft gegenüber gesellschaftlichen Teilbereichen zu legitimieren. Geschichten sind in den vergangenen Jahrzehnten zu einem zentralen Gegenstand in der Organisationsforschung geworden und scheinen für eine Organisation zu jeder Zeit von Bedeutung zu sein (Czarniawska 2009:63, Schach 2016:15). Neue Organisationen brauchen Geschichten, um diversen gesellschaftlichen Anspruchsgruppen das noch unbekannte Unternehmen bzw. Produkt darzustellen (Lounsbury & Glynn 2001). Auch etablierte Organisationen erzählen Geschichten, manche sogar Erfolgsgeschichten oder organisationale Mythen und Sagen, die die Identifikation der Mitglieder mit der Organisation stärken (Czarniawska 2009:64). Grundsätzlich bezeichnet StorytellingStorytelling alle Konstruktionsformen auf der narrativen Ebene öffentlicher Kommunikation (Szyszka 2015:620). Es kann als Kommunikationsoperation beschrieben werden, die prinzipiell geeignet ist, die Kommunikation von Organisationen, auch über Funktionssystemgrenzen hinweg, anschlussfähig zu machen. Die Organisationskommunikation nutzt demnach an Stelle des Codes des Muttersystems den Code eines anderen Systems (z.B. den Code der Massenmedien) und simuliert diesen. Der Kommunikationsmodus unterscheidet sich von den im Wirtschaftssystem vorherrschenden zweckrationalen Argumentationsmustern und der rein deskriptiven Informationspolitik. Storytelling wird stattdessen als narrativer Kommunikationsmodus verstanden, der Sinn vermittelt, indem er gesellschaftlich anschlussfähige Mitteilungen in narrativer Form hervorbringt (Krüger 2015:16). Dieser Kommunikationsmodus unterstützt die LegitimationLegitimation von und das Vertrauen in Organisationen über die Grenzen des eigenen Funktionssystems hinaus. Die Wiederentdeckung des Erzählens in Teilen der Kommunikationspraxis von Organisationen ist der Suche nach einem Kommunikationsmodus geschuldet, der es ermöglicht, Komplexität effektiv zu reduzieren, öffentliche Aufmerksamkeit sicherzustellen und Zustimmung zu bestimmten Sinnentwürfen zu erlangen. Die Anschlussfähigkeit spielt dabei eine große Rolle:
Geschichten und die in ihnen enthaltenen Erzählmuster bilden als Teil des kollektiven Gedächtnisses der Gesellschaft den kommunikativen „Kitt“, der Verstehen in einer komplexen und funktional differenzierten Gesellschaft ermöglicht und gesamtgesellschaftlich anschlussfähigen Sinn vermittelt (Krüger 2015:31).
Geschichten von wirtschaftlichen Akteuren liefern zudem Hinweise, wie Beziehungsgefüge wahrgenommen werden und helfen Organisationen sich zu präsentieren bzw. die Konkurrenz zu beobachten (Mützel 2010:40). Storytelling in den Public Relations bedeutet, „den internen und externen Bezugsgruppen Fakten über die Organisation gezielt, systematisch geplant und langfristig in Form von Geschichten zu erzählen“ (Frenzel et al. 2006:3). Grundsätzlich beziehen sich Narrationen auf Ereignisse, die von einem Konflikt zwischen unterschiedlichen Wertvorstellungen handeln. Diese Komponenten werden dabei in einem kulturell überlieferten Grundmuster (einem Basis-Narrativ) miteinander in eine fassbare Verbindung von Konflikt und Konfliktlösung gebracht (Brinker et al. 2014:74). Die Kernbotschaft, die eine Geschichte in der Organisationskommunikation transportiert, wird in der Regel implizit vermittelt und nicht explizit erklärt. Sie kann mehrere Aussageebenen beinhalten und unterschiedliche Bedeutungen bekommen – je nach Kontext (Huck-Sandhu 2014:661). Narration umfasst textlinguistisch drei thematische Grundkategorien: Situierung, Repräsentation und Resümee. Situierende Elemente können kontinuierlich oder diskontinuierlich vorkommen oder auch gänzlich fehlen. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Repräsentation des Ereignisses, das sich aus einer oder mehreren Ereignisphasen konstituiert. Die Kategorie Resümee bezeichnet die zusammenfassende Einschätzung vom Erzählzeitpunkt aus (Brinker 2014:71). Ein zentraler Aspekt des Storytellings als Technik ist jedoch die strategische Ausrichtung (Hillmann 2011:63). Der Schritt zur Strategie vollzieht sich meist anhand der Frage, welche Geschichten erzählt werden. Diese Einigung auf Kerngeschichten wirkt auf das Tun der Organisation, sobald Geschichten aufgenommen und weitergetragen werden (Ettl-Huber 2014:19). In Organisationen lassen sich dabei verschiedene Stufen identifizieren, unterschieden danach, inwiefern die Integration von Storytelling vorangeschritten ist – vom unbewussten bis zum strategischen Storytelling.
6. Anforderungen an die Aus- und Weiterbildung
Strategisches Storytelling ist als Technik für die Außendarstellung von Organisationen ein omnipräsentes Thema. In der internen Kommunikation und der betrieblichen Weiterbildung lassen sich narrative Techniken ebenfalls nutzen, wenn es um die Unternehmenskultur, die Vermittlung von Leitbildern und Werten der Organisation oder um Veränderungsprozesse geht. Will man die Unternehmenskultur beeinflussen, muss man sie erst kennen. Letztlich geht es um die Bewusstmachung und sukzessive Veränderung geheimer Spielregeln, die einer professionellen Kommunikations- und Kooperationskultur entgegenlaufen oder sie fördern, um sie mit den offiziell gewünschten Leitbildern in Deckung zu bringen. Hier spielen Narrationen eine entscheidende Rolle, können sie doch sowohl Einblick in die geltenden Normen und Werte geben als auch zu einem Wandel eben jener beitragen. Dazu gehören beispielsweise sogenannte Springboard Storys, die beim Zuhören einen „mentalen Sprung“ im Verständnis für einen Veränderungsprozess im Unternehmen ermöglichen (Erlach & Thier 2005:153). Auch im Wissensmanagement und in Leaving Experts Debriefing-Prozessen, wenn erfahrene Mitarbeiter aus einem Unternehmen ausscheiden, kann mittels narrativer Verfahren eine Know-how-Sicherung unterstützt werden. Narration eignet sich in der Organisationskommunikation im Besonderen für interne Lern- und Veränderungsprozesse. In der innerbetrieblichen Aus- und Weiterbildung eignen sich Storytelling-Techniken, wenn es z.B. um Geschäftsfelderweiterungen, Fusionen, Cultural Change-Prozesse oder die Markteinführung neuer Produkte geht (Thier2006:5). Geschichten in Unternehmen verstärken die Bindung zu einem Unternehmen, fungieren als soziale Landkarte und Orientierungshilfe für neue Mitarbeiter und zeigen den sozialen Stand von Personen bzw. erhöhen ihn. Sie dienen einer Interpretation von Vergangenem und der Beschreibung der Zukunft mittels sinnstiftender und bedeutsamer Ereignisse. Insofern können sie bei allen Weiterbildungsprozessen, die in einem Zusammenhang mit Wissenserhalt und -weitergabe stehen, sowie bei Schnittstellen zu unternehmenskulturellen Themen strategisch nutzbar sein. Die Methode setzt auf die Einbeziehung der Mitarbeiter, indem „Erfahrungswissen von Mitarbeitern über einschneidende Ereignisse im Unternehmen wie z.B. ein Pilotprojekt oder eine Fusion aus unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erfasst, ausgewertet und in Form einer gemeinsamen Erfahrungsgeschichte aufbereitet wird“ (Thier 2006:17). Mit ihrer Hilfe können Erfahrungen dokumentiert und für die gesamte Organisation übertragbar und nutzbar gemacht werden.
In dem Aufgabenspektrum der externen Kommunikatorinnen und Kommunikatoren von Organisationen ist Storytelling ein wichtiger Kommunikationsmodus, insbesondere wenn es um die mediale Kommunikation geht. Welche Anforderungen müssen dementsprechend in der beruflichen Aus- und Weiterbildung erfüllt werden, um den Ansprüchen der Organisationen gerecht zu werden? Zunächst ist festzuhalten, dass der Zugang zum Berufsfeld der Organisationskommunikation sehr heterogen ist. Das Kommunikationsmanagement ist geprägt durch die kontinuierliche Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung der Medien- und Informationsgesellschaft, wodurch auch das Berufsfeld stark expandiert ist. Kennzeichnend ist die unterschiedliche disziplinäre Herkunft und berufliche Identität vieler Kommunikatorinnen und Kommunikatoren (Zerfaß & Dühring 2014:164). Nahezu 42 Prozent der Kommunikatorinnen und Kommunikatoren in Unternehmen und Organisationen haben ein geistes- und sozialwissenschaftliches Studium ohne publizistische Ausrichtung absolviert (Bentele et al. 2015:45). Der Anteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit publizistischem Hintergrund in der Hochschulausbildung ist jedoch in den vergangenen Jahren auf etwa 32 Prozent im Jahr 2015 gestiegen (Bentele et al. 2015:45). Bis Anfang des 21. Jahrhunderts wurden Fragen der Organisationskommunikation im deutschsprachigen Raum nur in Vertiefungsfächern in kommunikationswissenschaftlichen Studiengängen (Public Relations) und in der Betriebswirtschaftslehre (Marketingkommunikation) vermittelt. Üblich waren berufspraktische Zusatzqualifikationen für den Berufseinstieg von Absolventinnen und Absolventen oder für berufstätige Quereinsteiger. Die fortgeschrittene Professionalisierung von spezialisierten Studiengängen der Organisationskommunikation an Universitäten und Fachhochschulen trägt jedoch dazu bei, dass insbesondere auch die Textsorten-Kompetenz eine größere Relevanz innerhalb der akademischen Ausbildung für die Organisationskommunikation erhält. Wenn in der Praxis in Organisationen neben den deskriptiven und argumentativen Kommunikationsmodi zudem narrative Strategien gefordert werden, müssen die Curricula diesen Umstand stärker berücksichtigen, wenngleich Public Relations überwiegend als strategische Managementfunktion verstanden werden, was sich in der beruflichen Qualifikation in Studium und Weiterbildung widerspiegelt. Eine sprachwissenschaftliche Beschäftigung mit Kommunikation im Allgemeinen bzw. Textsorten im Speziellen bieten das benötigte Rüstzeug für die unterschiedlichen Anforderungen in Organisationen in Bezug auf die sprachliche Kompetenz. Kommt sie in der akademischen Ausbildung nicht vor, sind betriebliche Weiterbildungen zu diesem Thema ein alternativer Weg, der in der Praxis zu einem breiten Angebot von Weiterbildungsmaßnahmen führt. Da es bei der Technik des Storytellings jedoch nicht ausschließlich um die narrative Aufbereitung von Fakten geht, sondern um die strategische Vermittlung von Werten und Botschaften, spielt auch die konzeptionelle und strategische Kompetenz eine große Rolle für eine erfolgreiche Umsetzung in der Kommunikation der Organisation. In der internen und externen Organisationskommunikation gilt es bestimmte, festgelegte Kommunikationsbotschaften einem heterogenen Kreis von Anspruchsgruppen zu vermitteln. Diese Kommunikationsbotschaften basieren auf der organisationalen Basisgeschichte, die es zu ermitteln gilt. Dies erfordert analytisches und strategisches Know-how, welches die textliche Kompetenz abrunden muss.
7. Fazit
Die Kommunikation von Organisationen ändert sich in Folge von Anpassungs- und Kopplungsoperationen zu ihrer Umwelt. Die Digitalisierung und der Medienwandel bewirken eine Ausdifferenzierung der Textsorten in der Organisationskommunikation, die sich in Bezug auf die Themenentfaltung unterscheiden. Die ehemals deskriptiv geprägte Informationspolitik von Unternehmen erweitert sich um narrative Kommunikationsmodi, denen eine höhere Aufmerksamkeit bei den entsprechenden Anspruchsgruppen zugeschrieben wird. In der externen als auch der internen Organisationskommunikation ist daher die Methode des Storytellings sehr gefragt. Dem strategischen Einsatz von Geschichten in der Kommunikation werden bestimmte kommunikative Wirkungen zugetraut, die deskriptive Textsorten nicht zu erreichen vermögen. Nicht nur in Unternehmen, sondern auch im Mediensystem kommt Storytelling zum Einsatz, um Fakten in Form von Erzählungen zu vermitteln. Doch nicht nur im Bereich der Unternehmensdarstellung ist die Technik des Storytellings hilfreich, auch für das betriebsinterne Wissensmanagement und die kommunikative Begleitung von Veränderungsprozessen können narrative Formen eingesetzt werden. Die akademische Ausbildung von Unternehmenskommunikatorinnen und -kommunikatoren ist jedoch im Vergleich zu anderen Berufsfeldern sehr heterogen. Die Herausforderung besteht darin, die gefragte Textsortenkompetenz zu vermitteln, um Texte unterschiedlicher Funktionalität produzieren zu können. Im Berufsfeld Public Relations ist aufgrund der vielfältigen Zugänge der Bereich der beruflichen Weiterbildung relativ ausgeprägt. Viele Agenturen und Unternehmen bieten Volontariate und Traineeprogramme als „Onbording“-Maßnahme in die Organisationen an. Anders jedoch als im Journalismus sind Volontariate in Kommunikationsberatungen wenig standardisiert. Wenn mit externen Schulungsmaßnahmen gearbeitet wird, sollten Agenturen besonders die sprachliche Kompetenz der Volontärinnen und Volontäre im Blick haben, jedoch in dem Sinne einer Vermittlung von theoretischem und strategischem Know-how, weniger einem reinen Schreibtraining. Auch für die Neueinrichtung und Etablierung von berufsbegleitenden MBA-Studiengängen in Deutschland, die derzeit stattfindet, gilt es das sprachwissenschaftliche Rüstzeug für die Textsortenvielfalt in der Organisationskommunikation zu vermitteln und zu verankern. Dazu gehören Kenntnisse aus den Bereichen der Situativität, Funktionalität, Thematizität und Formulierungsadäquatheit von Texten, die in einen anwendungsorientierten Bezug zur Schreibpraxis in Organisationen gesetzt werden sollten.
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Die Perspektive der Wirtschaft
Helmut E. Klein & Sigrid Schöpper-Grabe
1. Einleitung
Wirtschaftliches Handeln bedingt immer auch zweckgerichtetes sprachliches Handeln. Ohne ausreichende Sprachbeherrschung gelingt keine erfolgreiche Kommunikation am Arbeitsplatz oder mit Kunden und Geschäftspartnern. Sprache ist die Basis für Vertragsverhandlungen, für die Präsentation von Produkten und für die Werbung. Da Unternehmen Institutionen sind, gelten formelle institutionelle Regelungen für das Handeln – auch für das sprachliche Handeln. Neben einheitlichen fachsprachlichen Benennungen sowie standardisierten Berichts- und Kommunikationsformen findet betriebliche Kommunikation zweifelsfrei auch auf informellem Wege statt (Brünner 2000:10). Damit ist Sprache ein unabdingbares Medium der Interaktion und Kommunikation in Unternehmen – und erklärt, weshalb die Fähigkeit verstehend zuzuhören, zu sprechen, zu schreiben und zu lesen nicht nur in der Schule, sondern auch in der Aus- und Weiterbildung unverzichtbar und Gegenstand des Lernens ist.
Allerdings wird der hohe Stellenwert von Sprache in Unternehmen als Voraussetzung reibungsloser Kommunikation häufig erst dann erkannt, wenn Störungen entstanden sind und es zu Reibungen, Konflikten oder Fehlern kommt. Es sind vor allem diese Formen von Betriebsstörungen aufgrund defizitärer Sprachkompetenzen, die den Blick der Wirtschaft auf notwendige sprachliche Fähigkeiten ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Prämisse funktionierender betrieblicher Kommunikation gelenkt haben. Dabei steht außer Zweifel, dass Unternehmen sehr genau wissen, welche Mindestanforderungen sie an die sprachlichen Fähigkeiten ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen (Klein & Schöpper-Grabe 2012a, 2012b).
Fördern Unternehmen unzureichende grundlegende sprachliche Kompetenzen in der Aus- und Weiterbildung, um die Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeterinnen und Mitarbeiter zu sichern, verweist dies auf eine nicht erfüllte „Bringschuld“ des Schulsystems. Denn die originäre Verantwortung für die Vermittlung grundlegender sprachlicher Fähigkeiten ist in dem kodifizierten Bildungsauftrag und dem Qualitätsversprechen schulischer Bildung gemäß der Qualifikationsfunktion von Schule (Fend 1980) verankert. Wenn Unternehmen die Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten für Beschäftigte unterschiedlicher Hierarchieebenen und Funktionen an (höhere) betriebliche Anforderungsniveaus anpassen, handelt es sich um Maßnahmen im Rahmen der betrieblichen Weiterbildung.
Der vorliegende Beitrag legt den Fokus auf die basalen sprachlichen und kommunikativen Kompetenzen aus Sicht der Wirtschaft. Die Ausführungen orientieren sich dabei an den Ergebnissen verschiedener Unternehmensbefragungen (Klein & Schöpper-Grabe 2012a) und empirischer Überprüfungen der vorhandenen Sprachkompetenzen (Grotlüschen & Riekmann 2011, Rammstedt 2013) von Schulabsolventen und Erwachsenen. Danach werden die sprachlichen MindestanforderungenMindestanforderungen der Wirtschaft an Ausbildungsplatzbewerber (Klein & Schöpper-Grabe 2012a) und an GeringqualifizierteGeringqualifizierte (Schöpper-Grabe 2012b) zur Diskussion gestellt (Klein & Schöpper-Grabe 2015). Diese nachschulische Vermittlung von SprachkompetenzenSprachkompetenzen ist nicht nur individuell und gesellschaftspolitisch, sondern auch (bildungs-)ökonomisch betrachtet zeitaufwendig und kostenintensiv und stellt ein Beschäftigungshemmnis für geringqualifizierte Erwachsene und Unternehmen dar. Abschließend beleuchtet der Beitrag mögliche Qualifikationsansätze sowie den bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Handlungsbedarf zur Sicherung basaler sprachlicher Kompetenzen.
2. Sprachliche Kompetenzen von Schulabgängern im Spiegel von Unternehmensbefragungen
Dass die sprachlichen Kompetenzen sowohl von Auszubildenden als auch von erwerbstätigen Erwachsenen teilweise erhebliche Schwächen aufweisen, ist kein vereinzelter Befund (Ehrenthal et al. 2005, Klein & Schöpper-Grabe 2009, 2012a, 2012b). Bereits seit mehr als zwanzig Jahren sind diese Ergebnisse sowohl durch Unternehmensbefragungen als auch durch empirische Überprüfungen der vorhandenen Kompetenzen oder durch Einstellungstests von Unternehmen dokumentiert. Schon Mitte der 1990er Jahre unterstrich eine bundesweite Unternehmensbefragung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln 1997), dass rund jede vierte Lehrstellenbewerberin und jeder vierte Lehrstellenbewerber für eine Ausbildung nicht oder nur bedingt geeignet ist. Etwa zehn Jahre später belegte der Expertenmonitor des Bundesinstituts für Berufsbildung (Ehrenthal et al. 2005), dass die Rechtschreibung (87 %) und schriftliche Ausdrucksfähigkeit (85 %) die Liste der festgestellten Mängel von Schulabsolventen anführen.
Auch in der Ende 2010 vom IW Köln (Klein & Schöpper-Grabe 2012a:48) durchgeführten repräsentativen Online-Unternehmensbefragung werden bei der Frage nach den GrundbildungsdefizitenGrundbildungsdefizite von Ausbildungsbewerberinnen und Ausbildungsbewerbern am häufigsten die Rechtschreibung und Zeichensetzung (93 %) sowie die schriftliche Ausdrucksfähigkeit (91 %) genannt. Danach folgen zum Beispiel Defizite in der Dreisatz- und Prozentrechnung (78 %) oder in den Sozial- und Selbstkompetenzen (74 %). Nach wie vor sind Lesen und Schreiben – trotz und auch gerade wegen der neuen Technologien – in der Berufsausbildung unverzichtbar. Zwar sind die Anforderungen an das für die berufliche Ausbildung erforderliche Sprachniveau durchaus unterschiedlich, zum Beispiel im Vergleich von gewerblich-technischen Auszubildenden und kaufmännischen Auszubildenden, aber ohne ausreichende schriftsprachliche Kompetenzen ist eine Berufsausübung kaum möglich. In einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages gaben etwas mehr als die Hälfte der Unternehmen an, dass sie Defizite in Deutsch bei den Auszubildenden festgestellt haben – gefolgt von 44 % der Unternehmen, die Schwächen der Ausbildungsplatzbewerberinnen und Ausbildungsplatzbewerber in Mathematik konstatierten (DIHK 2015:20).
Obwohl in Deutschland eine mindestens neunjährige Schulpflicht in einem hoch entwickelten Schulsystem besteht, verlassen nach wie vor jährlich zu viele junge Menschen die Schule ohne ausreichende Kompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen. Nach der internationalen PISA-Studie traf dies 2012 auf jeden siebten Schüler und jede siebte Schülerin zu (OECD 2014). Die Defizite, die beim Übergang von der Schule in den Beruf vorhanden sind, beheben sich im Laufe der Erwerbstätigkeit nicht von allein, sondern bleiben dauerhaft, wenn keine nachholenden unterstützenden Maßnahmen ergriffen werden. So bieten nach der DIHK-Umfrage 36 % der Unternehmen bereits Nachhilfe zur Kompensation von Defiziten für schwächere Auszubildende an (DIHK 2015). Im Vergleich zum Vorjahr war dieser Anteil um fünf Prozentpunkte gestiegen. Allerdings ist es nicht die Aufgabe von Unternehmen, Literalitätsmängel der Auszubildenden zu beheben, sondern das Schulsystem hätte dies verhindern müssen.
3. Sprachliche Kompetenzen: Befunde aus empirischen Kompetenzüberprüfungen
Nicht nur aus Sicht von Unternehmen werden sprachliche Schwächen am Übergang Schule-Beruf bzw. bei erwerbstätigen Erwachsenen konstatiert, sondern auch nationale (Grotlüschen & Riekmann 2011) und internationale Studien (Rammstedt 2013) der Kompetenzüberprüfung kommen zum Ergebnis, dass Erwachsene ohne ausreichende Lesekompetenzen und alltagsmathematische Kompetenzen große Probleme haben, erfolgreich am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und sich spezielle berufliche Kompetenzen anzueignen. Nach der PIAAC-Studie (Rammstedt 2013) – das Akronym steht für Programme for the International Assessment of Adult Competencies – liegt der Anteil der Erwachsenen mit mangelnder Lesekompetenz in Deutschland im Durchschnitt bei 17,5 %. Zudem weist der Befund, dass es in Deutschland 7,5 Millionen funktionale Analphabeten – also Menschen mit eingeschränkten Lese- und Schreibfähigkeiten (Grotlüschen & Riekmann 2011) – gibt, auf die langfristigen Folgen von schulischen Defiziten für die Erwerbstätigkeit und Beschäftigungsfähigkeit hin.
Wie wichtig sprachliche Kompetenzen für Erwerbstätige sind, untermauert das Ergebnis der PIAAC-Studie, dass fast alle Arbeitsplätze in Deutschland Lesefertigkeiten erfordern. Nur 5 % der Befragten gaben an, nie an ihrem Arbeitsplatz lesen zu müssen. Bei der Mehrheit der Arbeitsplätze sind auch Schreib- und Rechenfertigkeiten gefragt (88 % bzw. 81 %). Diese AnforderungenAnforderungen sind in Deutschland ähnlich hoch wie im Durchschnitt der an PIAAC beteiligten OECD-Länder (Rammstedt 2013:139).
4. Einstellungstests der Unternehmen
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass viele Unternehmen Einstellungs- und Eignungstests mit Ausbildungsbewerberinnen und Ausbildungsbewerbern durchführen, bei denen auch schriftsprachliche Kompetenzen überprüft werden. So zeigt eine Analyse des IW Köln von 51 Eignungs- und Einstellungstests, die zur Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern um einen Ausbildungsplatz eingesetzt werden, dass fast jedes Unternehmen mathematisches Basiswissen (vor allem die Grundrechenarten, Dreisatz- und Prozentrechnung) sowie die sozialen und personalen Kompetenzen testet. Lese- und Schreibkompetenz, logisches Denken und Allgemeinwissen werden von zwei Dritteln der Unternehmen überprüft (Klein & Schöpper-Grabe 2010a:6). Mit solchen Auswahlverfahren reagieren die Unternehmen – soweit es die Ressourcen zulassen – auf die Tatsache, dass Zeugnisnoten von allgemeinbildenden Schulen keine verlässliche Einschätzung der Leistungen dokumentieren. Es geht den Unternehmen nicht darum, Ausbildungsplatzbewerberinnen und Ausbildungsplatzbewerber zum Beispiel mit einem Hauptschulabschluss auszugrenzen, sondern um die Notwendigkeit, Bewerberinnen und Bewerber, die für eine duale Berufsausbildung das notwendige literale und basale Rüstzeug mitbringen, überhaupt erst einmal zu identifizieren. Bei den Tests werden somit keine spezialisierten Fachinhalte überprüft, sondern grundlegende Kompetenzen. Es handelt sich um eine Kompetenzfeststellung, die Aufschluss über die Anschlussfähigkeit der für eine Berufsausbildung erforderlichen grundlegenden literalen Fähigkeiten gibt. In dieser Hinsicht verfügen viele Ausbildungsbetriebe über eine ausgewiesene Expertise bei der Kompetenzüberprüfung im Auswahlverfahren von Bewerberinnen und Bewerbern.
5. Sprachliche MindestanforderungenMindestanforderungen aus Sicht der Wirtschaft
Die Frage, welche Mindestanforderungen an sprachliche Kompetenzen bei Schulabsolventinnen und Schulabsolventen gestellt werden, beantwortet eine bundesweite repräsentative Online-Unternehmensbefragung des IW Köln (Klein & Schöpper-Grabe 2012a). In der Studie wurden die Unternehmen gebeten, die basalen Grundbildungskompetenzen zu benennen, die Schulabsolventen zwingend zur Aufnahme einer Ausbildung benötigen und die als unverzichtbarer Bestandteil von Grundbildung bezeichnet werden können. Ganz eindeutig hatte die ausreichende Sprachbeherrschung den größten Stellenwert als Voraussetzung zur Aufnahme einer dualen Berufsausbildung neben mathematischen Grundlagen und sozialen und personalen Kompetenzen.
Mehr als acht von zehn Unternehmen halten diese sprachlichen Kompetenzen für „unverzichtbar“ oder „eher unverzichtbar“:
| Deutsch |
| Informationen einholen Die eigene Meinung begründet vertreten Informationen zusammenfassen Sich konstruktiv und sachlich an Diskussionen beteiligen Gespräche (zum Beispiel Bewerbungsgespräche) situationsangemessen führen Sachverhalte (zum Beispiel einen Unfall) verständlich darstellen Redebeiträge (zum Beispiel Kurzvorträge, Diskussionsbeiträge, Arbeitsanweisungen) verstehen und angemessen wiedergeben Fernseh- und Nachrichteninformationen verstehen Sach- und Gebrauchstexte verstehen und nutzen Informationen aus Texten zusammenfassen Wichtige Informationsträger kennen und nutzen Informationen aus Texten bewerten Grundlegende Lesetechniken kennen und anwenden (zum Beispiel sinnerfassendes Lesen, Überschriften formulieren) Rechtschreibung beherrschen Zeichensetzung beherrschen Wissen, dass unterschiedliche Kommunikationssituationen eine unterschiedliche Sprachverwendung erfordern Schriftlich argumentieren und Stellung nehmen Zwischen unterhaltenden, informierenden und wertenden Texten unterscheiden und die Textabsicht erkennen Berichte und Beschreibungen erstellen Grundregeln der Grammatik kennen und anwenden Schreiben sachgerecht formulieren |
Tab. 1:
Sprachliche Mindestkompetenzen von Schulabsolventen im Sinne der AusbildungsreifeAusbildungsfähigkeit (Klein & Schöpper-Grabe 2012a:55f.) (n = 911 ausbildungsaktive Unternehmen)
Die von den Unternehmen erwarteten sprachlichen Kompetenzen waren dabei nahezu identisch mit den in sämtlichen von Klein & Schöpper-Grabe untersuchten Lehrplänen angegebenen elementaren schulischen Bildungsinhalten (2012a:53). Das Ergebnis unterstreicht die hohe Deckungsgleichheit der in einer Berufsausbildung benötigten kommunikativen Kompetenzen „mit denen […], die ein Individuum im Alltag und für eine allgemeine gesellschaftliche Handlungsfähigkeit und Persönlichkeitsentfaltung benötigt“ (Efing 2013a:14). Nach Efing weisen unterschiedliche Studien aus der angewandten Linguistik, Deutsch- und Fremdsprachendidaktik darauf hin,
dass die Bedeutung von (fach- und berufsspezifischer) Fachsprache im Beruf bislang weit überschätzt wurde und stattdessen die Beherrschung einer weitgehend fach- und berufsunabhängigen Berufssprache, die der Allgemeinsprache nahe steht, von Relevanz für eine berufliche Handlungsfähigkeit ist (Efing 2013a:14).
Insofern widerlegen diese Befunde zu den mindestens erforderlichen sprachlichen Kompetenzen auch die Behauptung (Winkler 2008:71), von Auszubildenden würden zunehmend Kompetenzen erwartet, für deren Entwicklung erst die Ausbildungsinstanzen selbst zuständig seien.
Solchen Vorhaltungen tritt auch der von den Partnern des Nationalen Ausbildungspakts veröffentlichte „Kriterienkatalog zur AusbildungsreifeAusbildungsfähigkeit“ (BA 2006) entgegen. In diesem Katalog definieren Arbeitgeber- und Industrieverbände, Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern, das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Bundesministerien sowie die Bundesagentur für Arbeit einen an Schulen und Schulabsolventen gerichteten Orientierungsrahmen, der die zu erfüllenden Anforderungen – unter anderem an schulische Basiskenntnisse wie Schreiben und Lesen – für die Aufnahme einer Berufsausbildung beinhaltet. In einer jüngeren Publikation plädiert die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände dafür, „junge Menschen in der Schule mit einer ausbaufähigen und nachhaltigen Grundbildung auszustatten und ihre Ausbildungsreife zu sichern“ (BDA 2015:19) – ein impliziter Hinweis auf die für eine Berufsausbildung erforderliche Literalität.
Dass mangelnde Sprachkenntnisse ein Ausbildungshemmnis sind und zur Kompensation zusätzliche Unterstützungsmaßnahmen der Ausbildungsbetriebe erfordern, bestätigt mittelbar eine BIBB-Studie über Jugendliche mit Hauptschulabschluss in der betrieblichen Ausbildung: „Besonders förderlich für einen hohen Anteil Jugendlicher mit Hauptschulabschluss scheint zu sein, wenn Betriebe sich in der Förderung deutscher Sprachkenntnisse engagieren“ (Gerhards et al. 2013:13). Vor diesem Hintergrund wird erneut deutlich, dass die Schule ihrem Bildungsauftrag nur suboptimal gerecht wird und welche langfristigen Folgen die fehlenden GrundkompetenzenGrundkompetenzen für die Teilhabe an Gesellschaft und Beruf für den Einzelnen haben.
Denn künftig sind Jobs für Geringqualifizierte noch rarer, als sie es bereits heute sind. Fast die Hälfte aller Arbeitslosen ist aufgrund der unzureichenden Qualifikationen auf der Suche nach einem Helferjob (Bogai et al. 2014). Sprachliche Kompetenzen sind dabei neben dem fachlichen Qualifikationsniveau ein entscheidender Faktor für die Erwerbstätigkeit. Dass Geringqualifizierte überwiegend in einfachen Tätigkeiten unterhalb des Facharbeiterniveaus tätig sind, bedeutet nicht, dass für die Ausübung der Tätigkeit keine MindestkompetenzenMindestkompetenzen oder Qualifikation erforderlich sind (Klein & Schöpper-Grabe 2012b:74–76). Einfache Tätigkeiten verlieren weniger ihre Relevanz, sondern es ändert sich vielmehr ihre Qualität, was zu erweiterten Kompetenzanforderungen an Geringqualifizierte führt (Weber & Kretschmer 2012:40f.), die zu einem großen Teil auch mit höheren Anforderungen an die Lese- und Schreibfähigkeit verknüpft sind.
So gaben bei einer IW-Unternehmensbefragung zur Grundbildung und Weiterbildung von Geringqualifizierten 17 % der Unternehmen an, dass sie bei vielen ihrer Beschäftigten Defizite im Lesen und Schreiben in Deutsch festgestellt hatten (Klein & Schöpper-Grabe 2015:118). Etwas über die Hälfte der Unternehmen bestätigte dies in Bezug auf einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Denn längst haben Unternehmen begonnen, auch bei der Suche nach An- und Ungelernten auf die vorhandenen Grundqualifikationen zu achten und überprüfen diese auf vielfältige Weise (Klein & Schöpper-Grabe 2015:121). Tabelle 2 zeigt, welche sprachlichen Mindestkompetenzen Unternehmen von Geringqualifizierten erwarten.
Wenn unzureichende sprachliche Kompetenzen von Geringqualifizierten zu Problemen führen, zum Beispiel zu Fehlern im Produktionsprozess oder Missverständnissen, können arbeitsplatzorientierte Grundbildungsangebote abgestimmt auf den jeweiligen Bedarf unterstützen. Zwar hat die aktuelle Diskussion um die Sicherung des Fachkräftenachwuchses den Blick zunehmend auf die qualifikatorischen Potenziale an- und ungelernter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelenkt; allerdings erschweren nicht nur die kognitiven (Lern-)Voraussetzungen, das Bildungsniveau und die bisherigen Lernerfahrungen dieser Zielgruppe die Teilnahme an Weiterbildungen. Ebenso können auch knappe zeitliche Ressourcen sowie mangelnde passgenaue Angebote bei Bildungsträgern vor Ort die Durchführung von Fördermaßnahmen behindern.
| Mindestkompetenzen | Ja, unverzichtbar | Eher unverzichtbar | Summe |
|---|---|---|---|
| Situationsangemessen deutsch sprechen | 77,1 | 19,2 | 96,3 |
| Sachverhalte mündlich verständlich darstellen | 65,5 | 28,5 | 94,0 |
| Tätigkeitsrelevante Texte verstehen | 55,6 | 34,1 | 89,7 |
| Redebeiträge verstehen und angemessen wiedergeben (Arbeitsanweisungen, Kundenkontakte) | 43,1 | 39,9 | 83,0 |
| Einfache Sachverhalte schriftlich formulieren | 46,8 | 35,7 | 82,5 |
Tab. 2:
Sprachliche Mindestkompetenzen von GeringqualifiziertenGeringqualifizierte aus Sicht der Unternehmen (Klein & Schöpper-Grabe 2012a:75) (Differenz zu 100 %: Antwortkategorien „Eher nein“ und „Nein, verzichtbar“, Rundungsdifferenzen möglich, n = 1.114 Unternehmen)
So haben rund 80 % der Unternehmen, die Geringqualifizierte beschäftigen, in den letzten fünf Jahren mindestens eine Weiterbildungsmaßnahme für Geringqualifizierte angeboten. Bei knapp einem Drittel der Unternehmen handelte es sich um eine Maßnahme zur Förderung der arbeitsplatzorientierten Grundbildung, allerdings spielte die Förderung von sprachlichen Kompetenzen bislang eine marginale Rolle: Acht Prozent der Maßnahmen entfielen auf Kurse zur Förderung der Lese- und Schreibfähigkeiten für Beschäftigte mit nicht-deutschsprachigem Hintergrund und vier Prozent auf entsprechende Kurse für Beschäftigte mit deutschsprachigem Hintergrund (Klein & Schöpper-Grabe 2015:122–124).
6. Bildungs- und arbeitsmarktpolitischer Handlungsbedarf zur Sicherung sprachlicher Kompetenzen
Grundlegende sprachliche Kompetenzen, die beim Verlassen der Schulen nicht vorliegen und nachgeholt werden müssen, sind nicht nur eine Hypothek für das Individuum, sondern für die Gesellschaft und Wirtschaft. Schließlich ist – bildungsökonomisch betrachtet – der nachträgliche Erwerb dieser Grundlagen etwa im Übergangssystem, in Ausbildungsbetrieben oder bei der arbeitsplatzorientierten Grundbildung für Geringqualifizierte, sehr zeitaufwendig und kostenintensiv. Hinzu kommt, dass tendenziell gerade für die Zielgruppen mit den meisten Defiziten im Sinne des Matthäus-Effekts am wenigsten ausdifferenzierte übergreifende Förderansätze zur Verfügung stehen.
So fehlt es beispielsweise in der beruflichen Bildung „an empirischer, evaluativer Begleitforschung und einem Konsens, wie Sprachförderung […] aussehen sollte, damit sie wirksam ist“ (Efing 2013b:2). Neben den Konzepten der SprachförderungSprachförderung sind vor allem die zeitlich eingeschränkten Ressourcen in berufsbildenden Schulen zu berücksichtigen. So sind in den berufsvorbereitenden Bildungsgängen der beruflichen Schulen in der Regel nur ein bis drei Stunden Deutschunterricht vorgesehen. Selbst wenn auch der Fachunterricht sprachliche Kompetenzen im Blick hat, können vorhandene Defizite in Deutsch eher nicht ausgeglichen werden. Es stellt sich die Frage, inwieweit ein ein- bis zweijähriger Bildungsgang mit bis zu drei Unterrichtsstunden Deutsch basale Sprachkompetenzen im Sinne nachholender Grundbildung vermitteln kann, die offenbar schon von vielen Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern in neun oder zehn Jahren des allgemeinbildenden Unterrichts nicht vermittelt werden konnten.
Inzwischen haben besonders die berufsvorbereitenden Bildungsgänge eine kompensatorische bzw. kurative Funktion erhalten, der sie aufgrund der vorhandenen Rahmenbedingungen nicht oder nur bedingt gerecht werden können. Auf der einen Seite sollen sie GrundbildungsdefiziteGrundbildungsdefizite – und sprachliche Kompetenzen haben dabei eine entscheidende Rolle – ausgleichen und auf der anderen Seite einen allgemeinbildenden Schulabschluss nachholen, was ein fast unlösbares curriculares Dilemma darstellt.
Wie gravierend die vorhandenen sprachlichen Mängel der Schülerinnen und Schüler in diesen Bildungsgängen sind, zeigt zum Beispiel eine Analyse der schriftsprachlichen Korrektheit in fast 100 Deutscharbeiten an nordrhein-westfälischen Berufskollegs (Klein & Schöpper-Grabe 2010b), in der ein durchschnittlicher Fehlerquotient von 13,5 % ermittelt wurde. Bereits ab einem Fehlerquotienten von mehr als 6,5 % im Bereich Rechtschreibung und Grammatik wird in Thüringen zum Beispiel die Note 6 gegeben oder in der Handelsschule der Freien Hansestadt Bremen ab einem Quotienten von 10,1 % (Brück et al. 2009). Ein so hoher durchschnittlicher Fehlerquotient – selbst in Bildungsgängen mit in der Regel eher leistungsschwachen Jugendlichen – ist bemerkenswert.
Sprachliche und kommunikative Kompetenzen sind das Ergebnis eines langjährigen Lernprozesses, dessen Basis – bezogen auf das Schulsystem – bereits in den Grundschulen gelegt wird. Eine empirische Studie belegt, dass die Rechtschreibfehler in Texten von Viertklässlern seit 1972 dramatisch zugenommen haben. Untersucht wurden Texte aus den Jahren 1972, 2002 und 2012. Im Vergleich zu 1972 hatte sich die Fehlerzahl in den neueren Texten beinahe verdoppelt (Steinig & Betzel 2014), während im Wortschatz und der Textgestaltung beachtliche Verbesserungen festgestellt wurden. Die Wahrscheinlichkeit einer Empfehlung von der Grundschule auf das Gymnasium hängt heutzutage sogar stärker vom Bildungsstand des Elternhauses und dem Rechtschreibniveau ab als zuvor, was zeigt, wie früh sich die Bedeutung sprachlicher Kompetenzen im Hinblick auf die Eröffnung von Bildungswegen bemerkbar macht (Steinig & Betzel 2014:353) und wie wichtig es ist, frühzeitig mit der gezielten Förderung zu beginnen und sie kontinuierlich zu begleiten – mit aufeinander aufbauenden FörderkonzeptenFörderkonzepte auf allen Bildungsstufen.
Aus Perspektive der Wirtschaft sind systematische und zeitintensive Sprachförderungen in der Aus- und Weiterbildung nicht möglich. Gleichwohl ist mit Blick auf die demografische Entwicklung davon auszugehen, dass die Bereitschaft der Betriebe künftig zunehmen wird, bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen mehr als bisher auch auf leistungsschwache Jugendliche zurückzugreifen, um den eigenen Fachkräftebedarf zu decken. Damit rückt die nachholende Sprachförderung in den Fokus. Allerdings müssen dabei immer die Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität der Unternehmen gesichert bleiben und die nötigen Ressourcen für das aufwendige, zeitintensive Nachschulen sowie für die Betreuung dieser Jugendlichen vorhanden sein.
Um die Sprachförderung in diese Nachhilfeangebote stärker einbinden zu können, ist eine geeignete staatliche Unterstützung der Ausbildungsbetriebe und der Ausbilder erforderlich, beispielsweise im Rahmen der speziellen Einsteigerprogramme in Großunternehmen sowie der staatlich geförderten Einstiegsqualifizierungen. Ein ähnlicher Handlungsbedarf trifft auch auf die Geringqualifizierten mit unzureichenden SprachkompetenzenSprachkompetenzen in Unternehmen zu: Damit niedrigschwellige sprachbezogene Weiterbildungsangebote für die Zielgruppe in größerem Umfang implementiert werden können, ist es unverzichtbar, vorhandene arbeitsmarktpolitische Förderinstrumente entsprechend auszuweiten. So können bei modularen Teilqualifizierungen bislang Grundbildungsmaßnahmen nicht systematisch vorgeschaltet werden. Durch die Anerkennung von Grundbildungsinhalten – und damit auch der sprachlichen Kompetenzen – als Voraussetzung zur beruflichen (Nach-)Qualifizierung werden Unternehmen und Bildungsträger unterstützt, passgenaue Sprachförderkonzepte in Qualifizierungsmaßnahmen für An- und Ungelernte integrieren zu können.
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Die Perspektive der Berufsbildungspolitik
Anke Settelmeyer & Christina Widera
1. Einleitung
Die Perspektive der BerufsbildungspolitikBerufsbildungspolitik auf Sprache und Kommunikation in der beruflichen Ausbildung darzustellen erweist sich als schwierig, denn die Berufsbildungspolitik mit einer zentralen Institution für Berufsbildung gibt es nicht. Berufsbildungspolitik ist vielmehr geprägt von einer Vielzahl von Institutionen und Akteuren, die zudem von Bildungs-, Wirtschafts-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitiken beeinflusst werden (Bohlinger 2013:2). Berufsbildungspolitische Entscheidungen werden national auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene getroffen sowie von der Europäischen Union beeinflusst. Weiterhin zeichnet sich die Berufsbildungspolitik aus durch (Büchter 2013:3):
eine Orientierung an Zielen verschiedener Systeme, in erster Linie an denen des Bildungs- und Beschäftigungssystems,
eine korporatistische Steuerung durch eine Vielzahl von Akteuren: Interessenverbände, Sozialpartner und staatliche Institutionen, die Aufgaben z.T. an Bündnisse, Arbeitsgruppen und Koordinierungsstellen delegieren. Es gibt ständige Gremien, z.B. den Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), und zeitlich begrenzte Arbeitsgruppen zur Bearbeitung spezieller Themen, z.B. die Allianz für Aus- und Weiterbildung. Die Gestaltung der Berufsbildungspolitik ist durch „vielfältige gesellschaftliche Verflechtungen geprägt“ (Slopinski 2015:189),
unterschiedliche Geltungsbereiche von Gesetzen und Verordnungen, z.B. Schulrecht, Berufsbildungsgesetz und Handwerksordnung,
unterschiedliche Finanzierungsquellen insb. durch Wirtschaft, Bund, Länder und Kommunen,
eine inhaltliche und z.T. institutionelle Ausdifferenzierung, z.B. von Berufsorientierung bis zu Fort- und Weiterbildung.
Innerhalb der Berufsbildungspolitik besteht ein Konsens hinsichtlich der elementaren Bedeutung von Sprache für den Erwerb beruflicher Handlungskompetenz und für berufliches Handeln. Zudem gilt eine angemessene Sprachverwendung als Ausdruck beruflicher Expertise (vgl. Kultusministerkonferenz 2015, Pätzold 2010). Gleichwohl unterscheiden sich berufsbildungspolitische Dokumente erheblich bzgl. der Konzeptualisierung sprachlicher Aspekte und ihrer Elaboriertheit. Im Folgenden wird untersucht, in welcher Weise Sprache in berufsbildungspolitischen Instrumenten thematisiert wird. Im Einzelnen werden vorgestellt
der Europäische Referenzrahmen Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen, der die Kompetenzen benennt, die über Bildungs- und Lebensphasen hinweg als zentral in einer sich wandelnden Welt erachtet werden,
die Ausbildungsreife als zentrales Konzept im Übergang Schule – Ausbildung,
der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR), der die Gleichwertigkeit der Abschlüsse allgemeiner, hochschulischer und beruflicher Bildung hervorhebt, und der zugehörige Metarahmen – der Europäische Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQR), der Lernleistungen und erworbene Qualifikationen über die Länder Europas transparent macht,
die Ordnungsmittel als Grundlage für die Gestaltung dualer Ausbildung.
Diese Auswahl ermöglicht es, die Bedeutung der Sprache in unterschiedlichen Phasen der beruflichen Bildung auf nationaler und europäischer Ebene zu analysieren.
2. Sprache …
2.1 … im Europäischen Referenzrahmen Schlüsselkompetenzen für lebenslanges LernenEuropäischer Referenzrahmen Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen
Der 2006 verabschiedete Referenzrahmen Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen ist Teil der Strategie der Europäischen Union, um auf Veränderungen des Arbeitsmarktes durch Globalisierung und die Zunahme wissensbasierter Beschäftigung zu reagieren. Um langfristig Wirtschaftswachstum und Konkurrenzfähigkeit zu sichern, muss die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen erhalten werden, insb. ihre Anpassungsfähigkeit an neue Erfordernisse. Hierfür wird die Entwicklung bestimmter Schlüsselkompetenzen als vordringlich erachtet (Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rates, 18.12.2006). Der Referenzrahmen stellt einen Bezugspunkt für die strategische und inhaltliche Ausrichtung der nationalen Bildungspolitiken dar. Obwohl er lediglich als Empfehlung gilt, orientieren sich die EU-Staaten an ihm (Bohlinger 2013:10f., vgl. Kommission der europäischen Gemeinschaften, 25.11.2009). So fließen die Empfehlung z.B. in Programme des lebenslangen Lernens und der Kompetenzfeststellung ein.
Die Bedeutung der Schlüsselkompetenzen wird nicht nur mit dem Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit begründet, sondern auch mit der persönlichen Entfaltung, dem aktiven Bürgersinn und sozialem Zusammenhalt. Diese breite Verankerung untermauert die Relevanz der Schlüsselkompetenzen. Kompetenzen werden verstanden als Einheit von Wissen, Fähigkeiten und Einstellungen.
Das dem Referenzrahmen zugrunde gelegte Konzept des lebenslangen Lernens impliziert, dass die Schlüsselkompetenzen auch nach Abschluss der allgemeinbildenden Grundausbildung von Jugendlichen und Erwachsenen stetig weiter zu entwickeln sind.
Es werden acht gleichwertige Schlüsselkompetenzen genannt. Zwei davon, mutter- und fremdsprachliche Kompetenz, sind ausschließlich sprachlichen Themen gewidmet, bei den anderen, z.B. der mathematischen und unternehmerischen, bilden sprachlich-kommunikative Kompetenzen grundlegende Bestandteile.
Muttersprachliche KompetenzMuttersprache wird definiert als „die Fähigkeit, Konzepte, Gedanken, Gefühle, Tatsachen und Meinungen sowohl mündlich wie schriftlich ausdrücken und interpretieren zu können“ sowie sprachlich angemessen und kreativ in allen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten handeln zu können. Dies umfasst im Einzelnen:
„Kenntnisse in Wortschatz, Grammatik und den Funktionen von Sprache“ und Bewusstsein für z.B. Text- und Gesprächssorten, für Merkmale verschiedener Sprachstile und -register sowie für die Kontextabhängigkeit von Sprache und Kommunikation,
die Fähigkeit, mündlich wie schriftlich eine Vielzahl von Kommunikationsanlässen situationsspezifisch zu bewältigen, das eigene Kommunikationsverhalten zu beobachten und anzupassen wie auch Hilfsmittel zu nutzen, z.B. Nachschlagewerke;
die Bereitschaft und das Bestreben zum kritischen und konstruktiven Dialog und das Interesse an der Interaktion mit anderen sowie das Bestreben, Sprache nach ästhetischen Gesichtspunkten zu verwenden (siehe Empfehlung des Europäischen Parlamentes und des Rates 2006).
FremdspracheFremdsprachliche Kompetenz wird entsprechend operationalisiert, ergänzt um das Wissen über kulturelle Aspekte von Sprache und deren Verwendung sowie die Fähigkeit, diese Kenntnisse umzusetzen und Fremdsprachen auch informell lernen zu können. Darüber hinaus soll – auf der Einstellungsebene – kulturelle Diversität geschätzt und Interesse an interkultureller Kommunikation und an Sprachen entwickelt werden.
Mit der umfassenden und expliziten Konzeptualisierung von mutter- und fremdsprachlicher Kompetenz werden ambitionierte Ziele für die Entwicklung dieser Kompetenzen formuliert.
2.2 … im Konzept der AusbildungsreifeAusbildungsfähigkeit
Ausbildungsreife ist ein zentrales Konzept beim Übergang von der allgemeinbildenden Schule in die berufliche Ausbildung. An der Diskussion sind Akteure aus der Wirtschaft, den Gewerkschaften, der Bundesagentur für Arbeit, der Bundesregierung und der Wissenschaft beteiligt, deren Interessen sich z.T. erheblich unterscheiden (Dobischat et al. 2012:23–44).
Eine allgemeingültige Definition von Ausbildungsreife liegt bislang nicht vor. Übereinstimmend werden derzeit darunter die Voraussetzungen verstanden, die Jugendliche befähigen, eine berufliche Ausbildung im Allgemeinen (nicht auf einen bestimmten Beruf bezogen) aufzunehmen und erfolgreich zu beenden (Ebbinghaus 2000). Dem Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland 2010–2014 zufolge ist „Ausbildungsreife … Voraussetzung für Ausbildung“ (2010:5).
Die Feststellung von Ausbildungsreife dient der Differenzierung von an Ausbildung interessierten Jugendlichen in ausbildungsreife und nicht ausbildungsreife, was als Etikettierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung verstanden werden kann (Rützel 1995:111, nach Dobischat et al. 2012:75). Nur ausbildungs- und berufsgeeignete Jugendliche werden von der Bundesagentur für Arbeit als Ausbildungsstellen-Bewerber geführt und vermittelt. Noch nicht ausbildungsreife Jugendliche können berufsvorbereitende Maßnahmen in Anspruch nehmen. Insb. große Betriebe ermitteln über eigene Auswahlverfahren die Ausbildungsreife von Jugendlichen. Verbindliche Angaben zur Anzahl der Jugendlichen, die als (nicht) ausbildungsreif eingestuft werden, liegen nicht vor (Müller-Kohlenberg et al. 2005: 20–23).
Ausbildungsreife ist ein mehrdimensionales Konstrukt, zu dessen Operationalisierung häufig schulische Basiskompetenzen, psychologische Merkmale der Leistung und des Arbeitsverhaltens sowie physische Merkmale herangezogen werden. Dabei werden auch sprachlich-kommunikative Kompetenzen ausdrücklich genannt (Eberhard 2006:18–22). Dies ist auch in dem weit verbreiteten Konzept zur Ausbildungsreife der Bundesagentur für Arbeit (2009) der Fall, das bei der Berufsberatung der Bundesagentur eingesetzt wird. Die Beratenden sollen entsprechende Kompetenzen und Interessen der Bewerberinnen und der Bewerber auf der Grundlage vorliegender (berufsbezogener) Dokumente (Zeugnisse, Lebenslauf, schriftliche Informationen der Bundesagentur über Berufe) und des Beratungsgesprächs einschätzen. Bei Bedarf wird der Psychologische Dienst zu einer differenzierten Sprachstandsfeststellung hinzugezogen (zu den Verfahren vgl. Fachstelle berufsbezogenes Deutsch 2014:26f).
Die schulischen Basiskenntnisse umfassen(Recht)Schreiben: Einfache Texte sollen handschriftlich leserlich, verständlich und zusammenhängend unter Anwendung von Grundkenntnissen der Rechtschreibung und Zeichensetzung verfasst werden.Lesen: Texten sollen unter Anwendung von Texterschließungsstrategien Informationen entnommen werden; Interesse am Lesen soll vorhanden sein.Sprechen/Zuhören: Hierzu gehören sich verständlich und zusammenhängend sowie der Situation angemessen ausdrücken zu können.
Zu den psychologischen Leistungsmerkmalen zählen u.a. die Fähigkeit, mit anderen angemessen, situations- und kontextspezifisch zu kommunizieren wie auch weitere personale und soziale Kompetenzen, bei deren Einschätzung unter anderem die Art der Verwendung von Sprache berücksichtigt wird. Konfliktfähigkeit umfasst z.B. die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse deutlich ansprechen zu können.
Auch dem Konzept der Ausbildungsreife liegt ein umfassender Begriff von Sprache zugrunde. Dieser wird jedoch nicht explizit formuliert, sondern muss aus den Operationalisierungen erschlossen werden. Die Attestierung der Ausbildungsreife erfolgt auf der Grundlage aller Merkmale, ohne dass der Stellenwert einzelner Aspekte eigens ausgewiesen wird. Welche Bedeutung sprachlichen Aspekten bei der Attestierung zukommt kann daher nicht präzise beziffert werden.
Wie relevant die sprachlich-kommunikativen Aspekte, die bei der Einschätzung der Ausbildungsreife herangezogen werden, im Verlauf der beruflichen Ausbildung tatsächlich sind, ist nur teilweise erforscht (Baumann 2014, Ebbinghaus et al. 2016, Ehrenthal et al. 2005).
2.3 … im Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen – EQR und im Deutschen Qualifikationsrahmen – DQR
Mit dem Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQR)Europäischer Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQR) sollen Lernleistungen und erworbene Qualifikationen über die Länder der EU hinweg transparent gemacht werden und so zu einer guten Beschäftigungsquote auf dem europäischen Arbeitsmarkt sorgen sowie die Wettbewerbsfähigkeit steigern. Er dient als Metarahmen, um verschiedene nationale Qualifikationsrahmen zu verknüpfen.
Im EQR werden Lernergebnisse durch Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen dargestellt. Unter Kenntnissen wird das Theorie- und Faktenwissen zusammengefasst, das durch die Verarbeitung von Informationen erlernt wird. Fertigkeiten werden nach kognitiven und praktischen Fertigkeiten unterschieden. Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit, Kenntnisse, Fertigkeiten sowie persönliche, soziale und methodische Fähigkeiten zu nutzen. Sie wird mit der Übernahme von Verantwortung und Selbstständigkeit umschrieben. Im EQR werden acht Niveaus unterschieden (Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rates 2008).
Entsprechend der Empfehlung der Europäischen Kommission von 2005 wurden Expertinnen und Experten aus Schule, Wirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaft, Bildungspraxis und dem BIBB beauftragt, einen Deutschen QualifikationsrahmenDeutscher Qualifikationsrahmen (DQR) (DQR) zu entwickeln, der die Lernergebnisse allgemeiner, hochschulischer und beruflicher Bildung in einzelnen Niveaus beschreibt. Hinsichtlich der Zuordnung allgemeinbildender Schulabschlüsse konnte bisher kein Konsens erreicht werden. Zudem werden zurzeit nicht-formal und informell erworbene Kompetenzen ausgeschlossen.
Wie der EQR setzt sich der DQR aus acht Niveaus zusammen; es werden aber unterschiedliche Kompetenzbereiche differenziert. Grundlage der Zuordnung von Qualifikationen sind die Niveauindikatoren und Deskriptoren des DQR. Die Lernergebnisse werden dabei unabhängig vom Input (Ausbildungsdauer, Lernort oder -form) formuliert. Der Niveauindikator beschreibt die Anforderungsstruktur in einem Lern- oder Arbeitsbereich, in einem wissenschaftlichen Fach oder beruflichen Tätigkeitsfeld. Die Zuordnung zu den Niveaus gibt den Grad fachlicher und personaler Kompetenzen wieder, über den eine Person mindestens verfügen soll. Dabei können die Qualifikationen auf unterschiedlichen Bildungswegen erreicht werden. Hiermit wird die Gleichwertigkeit der Bildungswege betont. Der DQR ersetzt aber nicht bestehende Zugangsberechtigungen im formalen Bildungssystem.
Die Fachkompetenz ist unterteilt in Wissen und Fertigkeiten. Wissen entsteht in Lernprozessen und bezeichnet die Kenntnisse über Fakten, Grundsätze, Theorien und Praxis. Dabei wird zwischen der Tiefe und Breite des Wissens differenziert. Die Fähigkeit, Wissen anzuwenden, entspricht den Fertigkeiten. Sie können sowohl kognitiver als auch praktischer Art sein. Bei der Beschreibung der Niveaus wird auf die instrumentellen und systematischen Fertigkeiten sowie die Beurteilungsfähigkeit verwiesen (Bund-Länder-Koordinierungsstelle für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 2013:14).
Die personale Kompetenz ist untergliedert in Sozialkompetenz und Selbständigkeit. Zur Sozialkompetenz werden die Team- und Führungsfähigkeit, die Fähigkeit zur Mitgestaltung und Kommunikation gezählt. Selbständigkeit beinhaltet eigenständiges und verantwortungsbewusstes Handeln, die Reflexion des eigenen Handelns und des Handelns anderer sowie die Weiterentwicklung der eigenen Handlungsfähigkeit (Bund-Länder-Koordinierungsstelle für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 2013:14).
Ein ausdrücklicher Hinweis auf kommunikative Kompetenzen findet sich im Rahmen der Sozialkompetenz. Kommunikation wird hier im Sinne eines handlungstheoretischen Zugangs als soziales Handeln verstanden. Zweck der Kommunikation ist der Informationsaustausch zwischen Personen, in Gruppen und Organisationen mit dem Ziel der Verständigung (Bund-Länder-Koordinierungsstelle für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 2013:16).
Die duale Berufsausbildung ist im DQR bei den Niveaus 3 (zweijährige Ausbildungsberufe) und 4 (drei- und dreieinhalbjährige Ausbildungsberufe) verortet. Entsprechend dem Inklusionsprinzip des DQR werden die Kompetenzen der vorangehenden Niveaus eingeschlossen. Im Hinblick auf die kommunikativen Kompetenzen von Absolventinnen und Absolventen von Ausbildungsberufen bedeutet das, dass sie
„sich mündlich und schriftlich informieren und austauschen“ können (Niveau 1);
„in mündlicher und schriftlicher Kommunikation situationsgerecht agieren und reagieren“ können (Niveau 2);
„Ergebnisse adressatenbezogen darstellen“ können (Niveau 3) und
je nach Dauer der Berufsbildung „über Sachverhalte umfassend kommunizieren“ können (Niveau 4) (Bund-Länder-Koordinierungsstelle für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 2013:17f.).
Im Vergleich zum EQR wird im DQR auf verschiedene Niveaus kommunikativer Kompetenzen explizit hingewiesen; im EQR sind sie in den einzelnen Niveaus der Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen implizit vorhanden. Er ist abstrakter formuliert, um verschiedene nationale Bildungssysteme zu integrieren.
2.4 … in den Ordnungsmittel der dualen Berufsausbildung
Aufgrund von technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen fallen Berufe weg oder müssen modernisiert oder neu geordnet werden. Die außerschulische Berufsausbildung wird dabei durch das Berufsbildungsgesetz einheitlich und bundesweit geregelt. Grundlage bilden die AusbildungsordnungenAusbildungsordnung. Die AusbildungsrahmenpläneAusbildungsrahmenplan der Ausbildungsordnungen für die Betriebe werden mit den entsprechenden RahmenlehrplänenCurriculumRahmenlehrplan für die Berufsschulen abgestimmt, damit betriebliche Berufsausbildung und Berufsschulunterricht einander ergänzen. Dies läuft über einen festgelegten Prozess ab, an dem der Bund (das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die für die Ausbildungsordnung zuständigen Fachministerien, das Bundesinstitut für Berufsbildung), die Länder, Arbeitgeber, Gewerkschaften und die Berufsbildungsforschung beteiligt sind. Zuerst werden die „Eckwerte“ (z.B. Berufsbezeichnung, Ausbildungsdauer) festgelegt; dann werden Ausbildungsordnungen für die Betriebe und Rahmenlehrpläne für die berufsbildenden Schulen erstellt und aufeinander abgestimmt. Erst wenn alle Beteiligten dem Entwurf zustimmen (Konsensprinzip), erfolgt die Verordnung durch das zuständige Ministerium im Einvernehmen mit dem BMBF (Bundesinstitut für Berufsbildung 2015).
Die Ausbildungsordnung beinhaltet die Bezeichnung des Ausbildungsberufs, die Ausbildungsdauer, das Ausbildungsberufsbild – eine Zusammenfassung der für einen Beruf benötigten Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten –, den Ausbildungsrahmenplan – einen sachlich und zeitlich gegliederten Plan zur Vermittlung der Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten – und die Prüfungsanforderungen (§ 5 Absatz 1 BBiG). Ziel der Ausbildung ist, eine umfassende berufliche Handlungsfähigkeit zu vermitteln. Der Hauptausschuss des BIBB betont in seiner Empfehlung (2016), dass die berufliche Handlungsfähigkeit dem Konzept der Handlungskompetenz des DQR entspricht.
Im Berufsbild werden Aufgabenbündel (Berufsbildpositionen) beschrieben. Dem Modell der vollständigen Handlung folgend sind in den Berufsbildpositionen das selbständige Informieren, Planen, Entscheiden, Vorbereiten und Ausführen, Kontrollieren und Bewerten implizit enthalten. Die Lernfelder des KMK-Rahmenlehrplans für die Berufsschule ergeben sich aus den Berufsbildpositionen (Arbeitsgruppe des Hauptausschusses zur Struktur und Gestaltung von kompetenzorientiert formulierten Ausbildungsordnungen 2016).
Sowohl in den betrieblichen als auch in den berufsschulischen Ordnungsmitteln werden Mindestanforderungen beschrieben, die an eine qualifizierte Fachkraft gestellt werden. Die Lernergebnisse werden dabei möglichst unabhängig von der technischen Ausstattung und funktionsorientiert formuliert und enthalten keine methodischen Vorgaben für den Unterricht. Sie bleiben somit für neue Entwicklungen offen. Dies ist eine Voraussetzung, damit Betriebe Nachwuchs ausbilden, der Unterricht an die Erfordernisse der Länder angepasst werden kann und Arbeitnehmerinnen und -nehmer auf berufliche Entwicklungen flexibel reagieren können (Bundesinstitut für Berufsbildung 2015, Kultusministerkonferenz 2016a).
Wie im DQR werden in den Ordnungsmitteln sprachlich-kommunikative Kompetenzen im Rahmen der Sozialkompetenz thematisiert. Ausführliche Beschreibungen der sprachlich-kommunikativen Kompetenzen finden sich nicht. Analysen der Ordnungsmittel verschiedener Ausbildungsberufe zeigen, dass einige sprachlich-kommunikative Anforderungen eindeutig einzelnen Dimensionen des sprachlichen Handels – Schreiben, Lesen, Sprechen, (Zu)Hören – zugeordnet werden können. Jedoch gibt es in den Ordnungsmitteln auch Positionen, die zwar auf sprachliches Handeln schließen lassen, ohne jedoch die sprachlich-kommunikativen Anforderungen eindeutig zu benennen (vgl. Kaiser 2012, Keimes et al. 2011, Settelmeyer & Widera 2015, Wengel 2013). In Ergänzung zu den Ordnungsmitteln stehen dem ausbildenden Personal weitere methodisch-didaktische Hilfen für die betriebliche Ausbildungspraxis (z.B. in der Schriftreihe des BIBB Ausbildung gestalten und im Forum für Ausbilderinnen und Ausbilder foraus.de unter https://www.foraus.de/html/foraus_1331.php) sowie Vorgaben und Umsetzungshilfen für die berufsschulische Praxis (Kultusministerkonferenz 2016b) zur Verfügung. In diesen werden teilweise sprachlich-kommunikative Anforderungen mit Referenz auf die vier Dimensionen sprachlichen Handelns präzisiert.
3. Abschließende Betrachtungen
Ziel des Beitrags ist es, anhand verschiedener Instrumente die Sicht der Berufsbildungspolitik auf Sprache darzustellen. Es zeigen sich erhebliche Unterschiede in der Konzeptualisierung und expliziten Nennung sprachlicher Kompetenzen.
Im Europäischen Referenzrahmen Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen werden mutter- und fremdsprachliche Kompetenzen als Schlüsselkompetenzen bezeichnet und umfassend und differenziert dargestellt. Bezüglich der Entwicklung dieser Kompetenzen, einem der Ziele des Referenzrahmens, werden damit klare und sehr ambitionierte Ziele formuliert. Auch im Konzept der Ausbildungsreife wird Sprache thematisiert und zur Feststellung der Ausbildungsreife operationalisiert. Es liegt die Annahme zugrunde, dass eine berufliche Ausbildung nur dann erfolgreich aufgenommen und abgeschlossen werden kann, wenn ein gewisses Maß an allgemeinen sprachlichen Kompetenzen vorliegt. Im EQR werden Lernergebnisse als Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen definiert. Sprachliche Aspekte finden keine explizite Beachtung. Der DQR und die Ordnungsmittel zielen auf die berufliche Handlungskompetenz ab. Sprachliches Handeln wird hier als Teil der beruflichen Handlungskompetenz betrachtet und unter dem Begriff Kommunikation den Sozialkompetenzen zugerechnet. Eine eigenständige Konzeptualisierung von Sprache erfolgt nicht. Im DQR wird die kommunikative Kompetenz als Indikator zur Beschreibung der Niveaustufen verwendet und operationalisiert. Die hierbei verwendeten Aspekte, z.B. Situations- und Adressatenbezug, können als Hinweise auf ein handlungsbezogenes Konzept von Sprache verstanden werden.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Prominenz von Sprache und Kommunikation in der beruflichen Ausbildung sich nicht in allen berufsbildungspolitischen Instrumenten gleichermaßen widerspiegelt. Mit Ausnahme des Europäischen Referenzrahmens Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen, in dem mutter- und fremdsprachliche Kompetenz selbst Schlüsselkompetenzen sind, werden sprachliche Kompetenzen als Bestandteil übergeordneter Kompetenzen gesehen und hinsichtlich ihrer Performanz teilweise sehr vage formuliert. Das zugrundeliegende Verständnis von Sprache muss aus den Darstellungen erschlossen werden.
Literatur
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Die Perspektive der Lehrwerkspraxis
Ulrich Nill
1. Einleitung
Lehrwerke für den Deutschunterricht an beruflichen Schulen sind ein interessanter Gegenstand für eine Untersuchung, weil sie nicht nur die Unterrichtspraxis prägen, sondern auch widerspiegeln, welche Konzepte und Überzeugungen sich dort wiederfinden. Die Bücher sollen den Aufbau von Wissen und Können fördern, das den Schülerinnen und Schülern im Beruf und in ihrem übrigen Leben zugutekommt – eine wichtige Aufgabe, wenn man an die sich offenbar immer weiter öffnende Schere von steigenden sprachlich-kommunikativen Anforderungen in Beruf und Ausbildung einerseits und sinkenden sprachlich-kommunikativen Kompetenzen bei Berufsschülerinnen und Berufsschülern andererseits denkt (Efing 2013).
Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei die Berufsschule, also eine Schulart, die es in allen Bundesländern gibt und die sich von beruflichen Vollzeitschulen dadurch unterscheidet, dass sie neben der betrieblichen Ausbildung die zweite Säule des dualen Ausbildungskonzepts darstellt. Bei aller Heterogenität, die etwa auf die Verschiedenartigkeit der Ausbildungsberufe oder länder- oder betriebsspezifische Ausbildungsbedingungen zurückzuführen sind, gibt es bei Berufsschülerinnen und Berufsschülern auch wichtige Gemeinsamkeiten: Sie müssen sich erstmals in einem beruflichen Umfeld bewähren und sind mit Herausforderungen konfrontiert, die nicht mehr in erster Linie schulisch sind. Die kommunikativen Aspekte dieser neuen Lebenssituation zu reflektieren und die Schülerinnen und Schüler bei deren Bewältigung zu unterstützen, sind naheliegende Ziele des Deutschunterrichts. Weitere wichtige Rahmenbedingungen für den Deutschunterricht in der BerufsschuleDeutschunterrichtBerufsschule sind die heterogenen schulischen Vorgeschichten der Lernenden, die aber alle bereits viele Jahre Deutschunterricht in der Sekundarstufe I hatten, und eine extreme Zeitknappheit. Das Fach Deutsch wird z.B. an den Berufsschulen in Baden-Württemberg mit nur einer Wochenstunde unterrichtet.1 Daraus ergibt sich, dass eine Beschränkung auf das Wesentliche, d.h. eine klare didaktische Fokussierung erforderlich ist.
Es fragt sich, wie der Deutschunterricht an der Berufsschule2, auf den sich die hier untersuchten Lehrwerke beziehen, auf die spezifische Situation seiner Zielgruppe reagiert, also in welcher Weise und in welchem Ausmaß die berufliche Situation der Auszubildenden im Deutschunterricht berücksichtigt wird. Schon diese Frage berührt das Selbstverständnis von Deutschlehrerinnen und -lehrern an der Berufsschule und die Auffassungen von der Aufgabe und den Zielen des Fachs Deutsch. Dasselbe lässt sich von den weiteren Leitfragen sagen, die dieser Untersuchung zugrunde liegen: Wie sieht es mit der inhaltlichen Orientierung aus? Entspricht das, was beim Einsatz des jeweiligen Lehrwerks gelehrt und gelernt werden soll, dem state of the art in Sprachdidaktik, Bildungsforschung und Fachwissenschaft oder handelt es sich vielmehr um Inhalte und Verfahren, die ihre Legitimation vor allem aus einer schulischen Tradition und schulischen Praktiken beziehen? Dieser Frage wird am Beispiel des Themas Argumentation nachgegangen. Welche didaktischen Grundüberzeugungen werden erkennbar? Entspricht das Lernen dem, was wir heute über den Aufbau berufsweltbezogener kommunikativer Kompetenz (siehe Efing 2015a) wissen? Anders gefragt: Wie sollen die Schülerinnen und Schüler das „richtige Kommunizieren“ lernen?
Da viele LehrwerkeLehrwerke sich auf mehrere berufliche Schularten beziehen, die sich wie auch die Rahmenbedingungen wiederum von Bundesland zu Bundesland unterscheiden, ist die Situation auf dem Schulbuchmarkt ausgesprochen unübersichtlich. Bei den ausgewählten Lehrwerken handelt es sich um eine Stichprobe von ca. 20, bei der vor allem solche Bücher berücksichtigt wurden, die aktuell am Markt zu finden sind und eine gewisse Verbreitung haben. Darüber hinaus wurde darauf geachtet, dass die Produkte der großen Schulbuchverlage in ausgewogener Weise berücksichtigt wurden. Für das Textkorpus gilt dabei dasselbe wie für die Analysekriterien: Die Untersuchung ist exemplarisch und bleibt notwendigerweise lückenhaft.
2. BerufsorientierungBerufsorientierung oder AllgemeinbildungAllgemeinbildung: Welches Verständnis vom Deutschunterricht liegt den Lehrwerken zugrunde?
Wenn man berücksichtigt, dass die Situation der Berufsschülerinnen und Berufsschüler sich von der anderer Schülerinnen und Schüler grundlegend unterscheidet, ist es doch einigermaßen überraschend, dass viele der untersuchten Lehrwerke den Deutschbüchern anderer Schularten sehr ähneln und ein breites Feld von traditionellen Inhalten des Deutschunterrichts vor allem aus der Sekundarstufe I abdecken. Viele der untersuchten Bücher bieten ein „Gemischtwarenangebot“ und beziehen sich nicht speziell auf die Berufsschule oder gar auf einzelne Berufe, sondern allgemeiner auf berufliche Schulen, ohne ein Bundesland zu nennen. Dahinter steckt offenbar das verlegerische Kalkül, dass die Werke möglichst universell in verschiedenen Schularten und verschiedenen Bundesländern einsetzbar sein sollten, da sie durch ihr reichhaltiges inhaltliches Angebot verschiedene Lehrpläne abdecken. Alle Bücher räumen sowohl der Literatur als auch sprachsystematischen Aspekten (Grammatik, Rechtschreibung) viel Platz ein.
Zumindest bei der Auswahl der Materialien, z.B. den Themen der literarischen Texte, die behandelt, und der Beispiele, die in den verschiedenen Lernbereichen verwendet werden, versuchen die Autorinnen und Autoren an berufliche Erfahrungen anzuknüpfen. Das gelingt vor allem bei den Büchern, die sich dezidiert an eine bestimmte Berufsgruppe wenden, z.B. den Bänden zu Körperpflege, Hotel und Gastronomie, zu Ausbildungsberufen im Gesundheitswesen, in der Altenpflege etc. Dort können dann z.B. RechtschreibproblemeOrthografie (z.B. die Schreibweise von Komposita mit dem Grundwort Salat) mit beruflichen Situationen aus der Gastronomie in Verbindung gebracht werden (Feurig et al. 2016:120f.), eine Argumentationsübung kann sich auf ein Kundengespräch zu Haarpflegeprodukten im Friseursalon beziehen (Tully et al. 2012:54f.), Gesprächsführung kann im Zusammenhang mit schwierigen Patienten in der Arztpraxis thematisiert werden (Neuhaus 2016:64–69), Dokumentation und Bericht können sich auf konkrete Situationen in der Altenpflege beziehen (Kirks et al. 2012:100–106) usw.
Ein extremes Beispiel fehlender Berufsorientierung liefert Der Deutschlotse, ein Buch das dezidiert (auch) für Berufsschulen gedacht ist. Von mehr als 300 Seiten entfallen nach dem Inhaltsverzeichnis gerade einmal 11 auf „Berufsorientierte Kommunikationsformen“ (Frericks et al. 2011:43–53). Im fraglichen Kapitel geht es dann um Präsentieren und freies Reden vor der Klasse (!), um das Beschreiben von Gegenständen (z.B. der eigenen Armbanduhr) und Vorgängen (z.B. dem Binden eines Krawattenknotens!), um den Unfallbericht, um eine Telefonnotiz zu einer Situation aus der Arbeitswelt und um den Aufbau eines Protokolls von einer Gemeinderatssitzung. Der angebliche Bezug zur Berufswelt ist hier nicht mehr als ein Feigenblatt. Wesentlich mehr Raum gibt man den traditionellen Inhalten des Deutschunterrichts, vor allem der Auseinandersetzung mit Literatur, etwa der Lyrikanalyse (einschließlich Metrik) oder der Inhaltsangabe literarischer Prosatexte.
Deutschunterricht in der Berufsschule ist, wenn man von den Lehrwerken ausgeht, wohl in erster Linie Deutschunterricht, d.h. an die schulischen Traditionen des Fachs gebunden und dem pauschalen Anspruch auf Allgemeinbildung (dazu Efing 2013a) verpflichtet. Erst in zweiter Linie werden Antworten und Lösungen für die spezifische Situation der Berufsschülerinnen und Berufsschüler gesucht. Dieser Befund passt zu dem Unbehagen, mit dem sich Berufsschülerinnen und Berufsschüler in Interviews darüber äußern, dass ihre Lehrerinnen und Lehrer an der Berufsschule wenig über die berufliche Wirklichkeit in den Ausbildungsbetrieben wüssten (Wengel 2013:152).
3. Sprache und Kommunikation in den Lehrwerken – theoretischer Hintergrund
Wenn in den Lehrwerken der (mündliche oder schriftliche) Sprachgebrauch analysiert, bewertet, verbessert oder trainiert wird, verlangt dies implizite oder explizite theoretische Bezugspunkte, d.h. ein theoriegestütztes Verständnis vom fraglichen Gegenstand, von dessen Beschaffenheit und Funktion. Ein aufschlussreiches Beispiel für den Theoriebezug der Lehrwerke ist das Verständnis von ArgumentationArgumentation, das ihnen zugrunde liegt. Die wissenschaftlichen Grundlagen der Argumentation sind dabei gar nicht leicht zu bestimmen. Schließlich gibt es dazu unterschiedliche Auffassungen verschiedener Disziplinen: Rhetorik, Logik, Pragmatik, Textlinguistik etc.
In jedem der untersuchten Lehrwerke taucht das Thema Argumentation auf, und das in einer sehr ähnlichen Weise. Die Struktur einer ArgumentationArgumentationStruktur besteht demnach immer aus drei Teilen: aus These, Argument und Beispiel (z.B. Maier 2013:116–120, Hufnagl et al. 2013:120–123, Frericks et al. 2011:87–89, Ansel-Röhrleef et al. 2015:166–167). Diese Einsicht findet sich in jedem der untersuchten Bücher, wobei sich die verwendete Terminologie geringfügig unterscheidet. Terminologisch unscharf ist z.B. Das Deutschbuch für Berufsschulen, in dem der Begriff ArgumentArgument einerseits auf die gesamte Argumentation verweist („Wie man ein Argument aufbaut“), andererseits aber einen Teil dieser Argumentation benennt (Ansel-Röhrleef et al. 2015:166). Der Dreischritt wird in den Büchern zur Norm erhoben, die offenbar für jede Argumentation gilt, egal ob mündlich oder schriftlich, und die den Anspruch erhebt, sowohl bei der Analyse von Argumentationen als auch bei deren Produktion eine Hilfe zu sein. Vereinzelt finden sich Differenzierungen. So wird in deutsch.kompetent darauf hingewiesen, dass nicht alle Teile einer Argumentation explizit genannt werden müssen, sondern auch impliziert werden können, und es wird ausgeführt, dass die Argumentation an die Zielgruppe angepasst werden sollte (Maier 2013:116).
Die große Einigkeit der Schulbücher im Hinblick auf die Struktur von Argumentationen überrascht nicht nur wegen der fehlenden wissenschaftlichen Fundierung,1 sondern auch wegen der geringen Brauchbarkeit dieser Auffassung für die kommunikative Praxis. Dafür gibt es mehrere Gründe, die hier nur angerissen werden können: 1. Die Struktur des Argumentationsschemas lässt sich in authentischen Beispielen von Argumentationen allenfalls im Ausnahmefall einmal auffinden (Becker-Mrotzek et al. 2010:5). 2. Die in den Büchern verwendeten Kategorien sind oft nicht trennscharf. So ist es in der Praxis oft ausgesprochen schwierig zu entscheiden, ob es sich bei einer Äußerung um die These, das Argument oder das Beispiel handelt. 3. Es wird nicht berücksichtigt, dass nicht jede SprachhandlungSprachhandeln, bei der Begründungen vorkommen, eine Argumentation ist. Die Abgrenzung gegenüber verwandten Handlungsformen wie dem Informieren, dem Beschreiben oder dem Erklären (die für berufsbezogene Kommunikation ebenfalls sehr wichtig sind) gelingt nur über die Kategorie des Strittigen, die in den Büchern kaum verwendet wird. Man kann von einem „pragmatischen Kontinuum“ sprechen, das die verschiedenen Handlungsformen verbindet (Feilke 2005:49). 4. Die didaktisch vielversprechende pragmatische Fundierung von Argumentationen (Wohlrapp 2008, Hümmer 2014) ist nur möglich, wenn die Einbettung dieser Handlungen in einen situativen Kontext und damit ihre Funktion klar ist. Die Beispiele, die in den Lehrwerken verwendet werden, sind in vielen Fällen kontextfreie schulische Erörterungsfragen (z.B. „Burka-Verbot in Deutschland?“, Frericks et al. 2011:87). 5. Nur wenn der Handlungszusammenhang berücksichtigt wird, kann „die monologische Halbierung“ der Argumentation (Steinseifer 2014:200) vermieden werden und die Verbindung zwischen dem Referieren der fremden und der argumentativen Festigung der eigenen Position in einem „virtuellen Dialog“ (Steinseifer 2014:203f.) hergestellt werden.
Das Beispiel der Argumentation zeigt, dass sich die Autorinnen und Autoren nicht in erster Linie an der Fachwissenschaft oder der FachdidaktikFachdidaktik orientieren, sondern an der schulischen Tradition und/oder an den anderen Lehrwerken, und so das „didaktische Brauchtum“ (Efing 2013b:252) pflegen. Die Herkunft des Dreischritts von These, Argument und Beispiel dürfte die traditionelle Aufsatzlehre zur Erörterung sein. Was ursprünglich die Anleitung für die Produktion einer schulisch normierten Schreibform war, wird so zur ubiquitären Argumentationstheorie.
Der Eindruck, dass die Lehrwerke nicht immer den wissenschaftlichen state of the art widerspiegeln, entsteht immer wieder, auch an eher randständigen Themen. Da wird dann „die moderne Lernforschung“ für das längst überholte Konzept der Lerntypen verantwortlich gemacht (Ansel-Röhrleef et al. 2015:10), als Gegenbegriff zur „minderwertigen Trivialliteratur“ dient „Belletristik“ (Krohne et al. 2011:282f.), der für berufsbezogenen Sprachgebrauch so wichtige Aspekt des Registers bzw. der Varietät wird meist unter dem Begriff „Sprachebenen“ (z.B. Hufnagl et al. 2013:49) erfasst, die angestaubte „AIDA-Formel“ gilt als Schlüssel zum Verständnis von Werbewirkung (Maier 2013:24, Ansel-Röhrleef et al. 2015:273, hier auch noch im Zusammenhang mit Anti-AIDS-Werbung!), die jeder Alltagserfahrung widersprechende Auffassung, „dass der weitaus größte Anteil der Interaktionsmöglichkeiten in der menschlichen Kommunikation bei nonverbalen Ausdrucksmitteln liegt“ (Frericks et al. 2011:32), wird mit dem Hinweis auf „verschiedene Untersuchungen“ kolportiert usw. Neuere linguistische Einflüsse oder überhaupt linguistische Einflüsse sucht man dagegen meist vergeblich.
Während sprachwissenschaftliche Modelle in den Lehrwerken kaum eine Rolle spielen, sind einige psychologische TheorienKommunikationpsychologische Theorien gewissermaßen kanonisch, z.B. aktives Zuhören und der Gegensatz von Ich- und Du-Botschaften (Ansel-Röhrleef et al. 2015:20f., Maier 2013:82f., Hufnagl et al. 2013:54 und 67, Frericks et al. 2011:30f. und 37 usw.). In der Regel wird die Quelle des dahinter stehenden Verständnisses von Kommunikation nicht benannt. Es handelt sich um Auffassungen, die in den USA in der Mitte und der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sind und die zunächst vor allem im psychotherapeutischen Zusammenhang standen (klientenzentrierte Gesprächsführung von Carl Rogers). Rogers‘ Ideen wurden von seinen Schülerinnen und Schülern weiterentwickelt und popularisiert, vor allem von Thomas Gordon, der in seinem Bestseller „Familienkonferenz“ (Gordon 2012) Rezepte zur Lösung von Konflikten (z.B. Ich-Botschaften)Ich-Botschaft lieferte. Marshall B. Rosenberg, ein anderer Schüler von Rogers, ist ebenfalls sehr einflussreich, und zwar mit einem weiteren Bestseller, der den suggestiven Titel „Gewaltfreie Kommunikation“Kommunikationgewaltfreie trägt. Auch der charismatische Rosenberg, dessen rigorose Dichotomie von gewalttätiger und gewaltfreier Kommunikation eher an eine Heilslehre als an Wissenschaft denken lässt, taucht in mehreren Lehrwerken auf, vor allem in denen mit sozialpädagogischer Ausrichtung (Langenmayer & ter Haar 2013:73–77, Seedorf 2015:89f.).
Ein weiterer wichtiger theoretischer Bezugspunkt für die Lehrwerke ist Paul Watzlawick et al. (2011). Allerdings hat man auch bei diesen Autoren den Eindruck, dass lediglich weitergegeben wird, was schon in anderen Schulbüchern steht. Das kann im Einzelfall auch falsch sein. Beispielsweise wird das bekannte nachrichtentechnische Sender-Empfänger-Kommunikationsmodell von Shannon/Weaver Paul Watzlawick zugeschrieben (Maier 2013:78, Maier 2016:24).
Sollte man aber auf der Grundlage der untersuchten Lehrwerke entscheiden, welche Theorie zur Kommunikation in der Geschichte der Menschheit die bedeutendste ist, so fiele die Entscheidung leicht: Friedemann Schulz von Thun taucht mit seinem Vier-Seiten-ModellVier-Seiten-Modell (oft als Vier-Ohren-Modell bezeichnet) in jedem der Bücher auf. Nicht immer ist dabei ersichtlich, welchen Nutzen das Modell den Lernenden bringt (dazu Antos 1996:122–130).
4. Förderung der kommunikativen Fähigkeiten – Ziele und Mittel
Während linguistische Theorien eigentlich immer deskriptiv sind, verlangt die Didaktik der Lehrwerke Präskription und Normen.1 „Richtig“ und „falsch“ oder zumindest „weniger gut“ und „besser“ bezieht sich bei den Lehrwerken nicht nur auf Sprachrichtigkeit, sondern auch auf strategischen SprachgebrauchSprachgebrauchstrategischer in der mündlichen und der schriftlichen Kommunikation, einen Aspekt, der gegenüber den Lehrwerken der Sekundarstufe I (Efing 2013:244f.) neu ist.2 So findet sich z.B. in komm.de der folgende Dialog.
Alexa: Am besten ist, du gehst in eine andere Gruppe. Das letzte Mal hast du bei uns nur herumgesessen, hast fast nichts gearbeitet und dann eine gute Note kassiert.
Birthe: Du bist nur nachtragend. Du weißt doch gar nicht, wie ich heute arbeite. Und was du über die letzte Gruppenarbeit sagst, siehst du nur durch deine Brille.
Alexa: Also, dann wirst du dieses Mal alles mitschreiben, unsere Ergebnisse in den PC eingeben und auch alleine vortragen.
Birte: Ich soll also eigentlich alles machen!? (Maier 2016:11)
Dieser Dialog gilt als fehlerhaft. Weshalb das so ist, kann man auf derselben Seite nachlesen.
Verhalten bei Kritik
Beschränken Sie sich auf die aktuelle Situation, wenn Sie jemanden kritisieren. Vermeiden Sie Vorwürfe zu Vergangenem.
Formulieren Sie Ihre Kritik als Ich-Botschaft, damit der andere sein Gesicht wahren und sich leichter wehren kann.
Beispiel:
Ich habe den Eindruck, dass du zu viel in kurzer Zeit erledigen möchtest.
Suchen Sie bei strittigen Fragen nach Übereinstimmungen oder Möglichkeiten eines Kompromisses. (Maier 2016:11)
Alexa hat gegen alle drei Regeln verstoßen, das ist klar. Weniger klar ist, was die Schülerinnen und Schüler bei einem solchen Vorgehen gelernt und verstanden haben, inwiefern sich dieser Einzelfall auf andere Situationen übertragen lässt, was die Grundlage für diese Regeln ist. Darf ich generell keine Vorwürfe zu Vergangenem erheben, auch wenn mein Gesprächspartner gestern mein Fahrrad kaputt gemacht hat? Weshalb soll ich jede Kritik in jeder Situation als Ich-BotschaftIch-Botschaft formulieren? Muss ich wirklich immer nach den Möglichkeiten eines Kompromisses suchen, auch wenn ich daran gar kein Interesse habe?
Sprachliche Verhaltensweisen, die ihren Ursprung in der Psychotherapie haben, werden zum Ausgangspunkt für Handlungspräferenzen, diese werden dann zu einer allgemein gültigen NormNormierung erhoben und in ein Rezept für gutes Kommunizieren umgewandelt. Die Schülerinnen und Schüler können auf dieser Grundlage KommunikationsfehlerKommunikationsfehler entdecken, diese korrigieren oder selbst Äußerungen nach einem solchen Muster erstellen. Die Ergebnisse erinnern manchmal an eine Parodie. So finden sich in Das Deutschbuch für Berufsschulen (Cornelsen) zwei Dialoge. Bei Dialog 2 werden all die Ratschläge zum „aktiven Zuhören“Zuhören berücksichtigt, mit deren Hilfe man „dem Gesprächspartner Wertschätzung vermittelt“, nämlich Bestätigungslaute wie „aha, mhm“ zu verwenden, klärende Rückfragen zu stellen und Aussagen in eigenen Worten zusammenzufassen (Ansel-Röhrleef et al. 2015:20).
Dialog 1
Ömer: Ich komme in dem Betrieb einfach nicht klar!
Tim: Ach, du übertreibst bestimmt.
Ömer: Nein, wirklich, ich verstehe manches nicht.
Tim: Mach dir nichts draus! Ich verstehe auch nicht immer alles, wird schon, immer locker bleiben!
Ömer: Ich weiß nicht …
Dialog 2
Ömer: Ich komme in dem Betrieb einfach nicht klar!
Tim: Aha?
Ömer: Es ist immer so hektisch da, der Meister hat nie Zeit für mich!
Tim: Der Meister hat also nie Zeit für dich?
Ömer: Na ja, ‚nie‘ ist vielleicht übertrieben. Vielleicht sollte ich mehr auf günstige Zeitfenster achten!
Tim: Ja, das solltest du vielleicht tun. (Ansel-Röhrleef et al. 2015:20)
Der Kontext dieser Dialoge bleibt völlig offen, man weiß nicht, wie Ömer und Tim zueinander stehen, in welcher Situation sie sprechen, welche Interessen sie verfolgen. So muss man zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass jedes Gespräch in jeder Situation besser wird, wenn man in der hier demonstrierten Weise aktiv zuhörtZuhören – ein mehr als fragwürdiges Lernergebnis.
Die Vorliebe für Normierung lässt sich in den Büchern auch beim Umgang mit schriftlicher Kommunikation feststellen. Eigentlich liefert die neuere SchreibdidaktikSchreibdidaktik (z.B. Becker-Mrotzek & Böttcher 2012) Konzepte, die sich gut für berufsbezogenes Schreiben eignen. Statt den Umgang mit einer schulischen Aufsatzform zu lernen, sollen die Schülerinnen und Schüler die Funktion des Schreibens in der jeweiligen Situation zum Ausgangspunkt der Schreibplanung, der Formulierung und der Überarbeitung dieses Textes machen. Das Schreiben kann so als sinnvoll erlebt werden, weil es die Lösung eines konkreten Problems darstellt. Dieses Verständnis von Schreibdidaktik findet man in den Lehrwerken nur in Ansätzen. So werden etwa Methoden wie die Schreibkonferenz oder die Textlupe eingesetzt, in manchen Fällen wird das Schreiben durch eine konkrete Situation motiviert (z.B. Das Deutschbuch für Berufsschulen), teilweise sollen vorgegebenen Texte überarbeitet werden.
Bei Schreibaufgaben, die realen, d.h. auch beruflichen Anforderungen entsprechen, werden Schreibplanung und Schreibprozess dadurch gesteuert, dass sich die Schreibenden mit der konkreten Situation auseinandersetzen und sich überlegen, welche Ziele sie verfolgen, welche Interessen die Adressaten haben, welche Einwände und Widerstände eventuell berücksichtigt werden müssen. Daraus ergibt sich dann alles Weitere, z.B. Auswahl und Nutzung von Material, Aufbau und Umfang des Textes, geeignete Formulierungen usw. Der Schreibauftrag muss dabei so aussehen, dass sich die relevanten Faktoren aus ihm ableiten lassen.
Die untersuchten Lehrwerke gehen schreibdidaktisch allerdings meist einen anderen Weg. Geschrieben werden Texte, die entweder einen erkennbaren Bezug zur Lebens- und Berufsrealität haben können (z.B. Protokolle, Berichte, etwa von Unfällen, Geschäftsbriefe, etwa Reklamationen etc.), oder solche, die in dieser isolierten Form nur in der Schule vorkommen (Inhaltsangaben von literarischen Texten, Beschreibung von Schaubildern, Visualisierungen, kreatives Schreiben usw.). Das Vorgehen ist in beiden Fällen identisch: Dem Text, der verfasst werden soll, werden Merkmale zugewiesen, diese werden dann teilweise noch durch Mustertexte illustriert (z.B. Maier 2013 und 2016). Die Qualität der Schülertexte wird danach bemessen, ob und in welchem Maße diese der NormNormierung entsprechen. Man könnte diese Vorgehensweise als „Didaktik des goldenen Buchs“ bezeichnen, die von der Vorstellung ausgeht, dass es an einem geheimen Ort (Lehrerzimmer? Kultusministerium?) besagtes Buch gibt, das allgemein gültig festlegt, wie genau gute Texte aussehen müssen. Das Lernen besteht dann darin, dass den Lernenden dieses verborgene Wissen durch das Schulbuch und den Unterricht zugänglich gemacht wird. Schülerinnen und Schüler müssen dann nicht nach der konkreten Situation oder der Funktion ihrer Texte fragen, es genügt, wenn sie die in jeder Situation gültigen Rezepte aus dem goldenen Buch verwenden – eine recht bequeme Vorstellung, aber leider auch eine, die den Aufbau echter Schreibkompetenz nicht fördert, sondern behindert.3
Als kurzes Fazit lässt sich festhalten, dass nicht alle Lehrwerke die spezifische (vor allem berufliche) Situation der Berufsschülerinnen und Berufsschüler angemessen berücksichtigen, dass die Bücher vor allem auf ein breites, für die knappe Unterrichtszeit viel zu umfangreiches Angebot von „klassischen“ Inhalten des Deutschunterrichts aus der Sekundarstufe I setzen, aus dem die Lehrkräfte eine relativ beliebige Auswahl treffen sollen. Dabei ist die inhaltliche Orientierung, die festlegt, was gelernt werden soll und worauf das fragliche Wissen beruht, nicht in allen Fällen überzeugend, wie am Beispiel der Argumentation oder der Verwendung psychologischer Gesprächsstrategien gezeigt wurde. Ähnlich kritisch lassen sich auch die didaktischen Überzeugungen kommentieren, die in vielen Büchern erkennbar werden. Die so wichtige und dringend notwendige Förderung der kommunikativen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler beruhen oft auf einer „Didaktik des goldenen Buchs“, also auf fragwürdigen Normierungen und dem Vermitteln von starren Mustern, die reproduziert werden sollen, ohne dass der jeweilige Funktionszusammenhang von Texten und Äußerungen angemessen berücksichtigt würde.
Literatur
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B Exemplarische Domänen:
Ausgewählte Berufsfelder/Fachgruppen
Ärztliche GesprächsführungGesprächsführungärztliche in der MedizinerausbildungMedizinerausbildung – Probleme, Chancen und Methoden
Sascha Bechmann & André Karger
1. Einleitung: Evidenz und Rahmenbedingungen
Hemmschwellen, Rollenasymmetrien, unterschiedliche Informationsinteressen, divergierende Krankheits- und Gesundheitsmodelle, interkulturelle Verständigungsschwierigkeiten u.v.m. wirken auf das Arzt-Patienten-GesprächArzt-Patienten-Kommunikation in besonderer Weise ein, sodass diese Form des Gesprächs gerade im Hinblick auf die universitäre Ausbildung eine besondere Würdigung aus medizinischer wie auch aus linguistischer Perspektive verdient.
Seit den 1970er-Jahren werden die gesprächsinteraktiven Besonderheiten und andere kommunikative Aspekte der Patienten-Arzt-KommunikationArzt-Patienten-Kommunikation intensiv und interdisziplinär beleuchtet. Die Datenheterogenität aus gegenwärtig über 5.000 Studien zur Arzt-Patienten-KommunikationArzt-Patienten-Kommunikation erschwert die Umsetzung von Forschungsbefunden und deren curriculare Verankerung in der medizinischen Aus- und Fortbildung. Dennoch hat sich an den Hochschulen ein Bewusstsein für kommunikative Kompetenzen herausgebildet. Curriculare Festschreibungen sowie strukturierte longitudinale Ausbildungskonzepte liegen vor und werden in der Verantwortung der Fakultäten durch z.T. eigens eingerichtete Bereiche umgesetzt (Roch et al. 2010, Schultz et al. 2007, Jünger & Köllner 2003, Mortsiefer et al. 2012). Dabei orientieren sich die Fakultäten i.d.R. an dem Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM), mit dem seit 2015 eine an einem breiten Referenzrahmen ausgerichtete Kompetenzbeschreibung (i.S. eines Kerncurriculums) auch für den Bereich Kommunikation gegeben ist. Die Überführung von Kompetenzfestschreibungen in konkretes Gesprächs- und Kommunikationshandeln findet jedoch (noch) nicht einheitlich statt. Vielmehr bemühen sich die Fakultäten, den Bereich Kommunikation in das enge Korsett des Lehrplans einzubinden, was nicht immer einfach ist und die Vergleichbarkeit zwischen den Universitäten erschwert.
2. Das ärztliche Gespräch
Das Arzt-Patienten-GesprächArzt-Patienten-Kommunikation ist einer der wichtigsten Wirkungsfaktoren in der Medizin, denn ärztliches Kommunizieren ist immer zugleich auch ärztliches Handeln (Bechmann 2014). Es handelt sich um eine Form der Kommunikation, die in einem Spannungsfeld zwischen der Lebenswelt der Patienten und der professionell-wissenschaftlich und bis heute weitgehend an somatischen Fakten orientierten Welt der Medizin stattfindet.
Trotz einer immer differenzierteren Medizintechnik stellt das Gespräch zwischen Patient und Arzt zusammen mit den körperlichen Untersuchungen das wichtigste diagnostische Instrument dar, mit dessen Hilfe bis zu 90 % aller Diagnosen richtig gestellt werden können (Martina 1997). Die Kosten, die volkswirtschaftlich durch mangelhafte Diagnosen und damit durch falsche Therapieoptionen entstehen, sind neben dem oftmals hohen Leidensdruck für die Patienten ein wichtiger Grund, die ärztliche Gesprächsführung auf den Prüfstand zu stellen.
Die Wirkung von Kommunikation im medizinischen Bereich ist gut vergleichbar mit einer Waagschale: Gute Kommunikation kann Krankheiten lindern, schlechte Kommunikation kann Krankheitsverläufe und das subjektive Krankheitsgefühl der Patienten negativ beeinflussen. Ein erfolgreiches Gespräch kann sich in vielen Fällen positiv auf die Gesundheit der Patienten auswirken (Mead & Bower 2002, Stewart 2003, Kelley et al. 2014).
Eine umfassende und vor allem verständliche Informationsvermittlung durch den behandelnden Arzt wird auch von den meisten Patienten als sehr wichtig eingestuft – wobei gerade einmal ein Drittel der Ärzte diesem Anspruch in der Patientenwahrnehmung gerecht wird (Dierks 2001). Gerade in der hausärztlichen Praxis möchte nur etwa jeder vierte Patient mit einem Rezept in der Hand die Praxis verlassen (Little et al. 2001). Verständigungsschwierigkeiten haben im medizinischen Bereich bisweilen Folgen, die sich auf die Gesundheit der Patienten auswirken können. Es ergibt sich eine Kausalitätenkette, die ärztliches Gesprächshandeln in einen konkreten Behandlungszusammenhang stellt – mit allen damit verbundenen Konsequenzen, wenn das Gespräch scheitert:
1 Ärztliches Kommunikationshandeln ist immer auch medizinisches Handeln.
2 Medizinisches Handeln ist Behandeln.
3 Ärztliche Handlungsfehler sind Behandlungsfehler.
4 Ärztliche Sprachhandlungs- bzw. Kommunikationshandlungsfehler sind so verstanden ebenfalls Behandlungsfehler.
Dass insbesondere 3. und 4. von besonderer Bedeutung sind und zudem als Rechtfertigung für jegliche Bemühungen um eine professionalisierte akademische Lehre im Bereich Kommunikation dienen dürfen (wenn nicht sogar müssen), zeigen u.a. die Forschungsergebnisse aus der Psychoonkologie von Herschbach & Heußner (2008): Ineffektive Arzt-Patienten-KommunikationArzt-Patienten-Kommunikation führt zu unrealistischen Behandlungserwartungen, psychischer Komorbidität, psychosozialer Belastung, Behandlungsunzufriedenheit, geringerer Lebensqualität und zu einer ungünstigeren Krankheitsbewältigung. Zudem können Mängel in der Kommunikation zu einer emotionalen Belastung mit langfristig negativen Folgen (Burnout) auf Seiten der Ärzte führen (Graham et al. 2002).
3. Evidenzbasiertes Kompetenzmodell und Interdisziplinarität
Entgegen der Ansicht, dass Empathie und wertschätzende Gesprächsführung nicht lernbar – und damit auch nicht transparent lehr- und prüfbar – sind, zeigen zahlreiche neuere Studien, dass kommunikative und psychosoziale Kompetenzen sowohl lern- als auch lehrbar sind (Kurtz et al. 1998, Neumann et al. 2009, Langewitz 2012, Karger 2013, Frischenschlager et al. 2013). Dies gelingt nicht voraussetzungsfrei: Wenn man Kompetenz im Sinne ganzheitlichen Lernens als die Integration von Haltungen, Wissen und Fähigkeiten begreift, muss man sich die Frage stellen, was davon trainierbar ist. Kommunikative Fähigkeiten i.S.v. funktionaler Sprachgebrauchskompetenz (vgl. Efing 2012:7) lassen sich leicht in den Kontext medizinischen Handelns einbinden und damit professionalisieren. Für Haltungen gilt das nicht, weshalb subjektive Kriterien weder in der Ausbildung noch in der Prüfung eine Rolle spielen dürfen. Eine Fokussierung auf grundlegende Techniken, möglichst in Form von Algorithmen, ermöglicht es, Lehrkonzepte zu entwickeln und Prüfungsmodelle transparent zu machen.
Es erfordert ein geschultes Bewusstsein auf Seiten der Ärzte, um alle Facetten des Patientengesprächs richtig deuten zu können und um das Gespräch effektiv zu steuern. Den kommunikativen Kompetenzen, zu denen neben rein sprachlichen Fähigkeiten vor allem die kommunikativen Fähigkeiten zählen, fällt dabei eine besondere Rolle zu. Es verfügt derjenige über kommunikative Fähigkeiten, der „fähig ist, seine sprachlichen Fähigkeiten [Sprachsystemkompetenz] in einem konkreten Handlungskontext situativ, sozial und funktional angemessen zu aktivieren“ (Efing 2012:7). So verstandene kommunikative Kompetenzen, die über die Fähigkeit, Sprache grammatisch-syntaktisch angemessen zu verwenden, hinausgehen (was im Übrigen bei ausländischen Ärzten bereits ein Problem darstellt), fallen Ärztinnen und Ärzten nicht qua Approbation zu. In kommunikativen Fähigkeiten kumulieren „Aspekte wie Sprachbewusstheit, Fähigkeit zur Sprachreflexion, Perspektivübernahme und Strategiewissen“ (Efing 2012:7). Solche Fähigkeiten müssen a) evidenzbasiert entwickelt, b) mit praktischem Bezug vermittelt und c) nachhaltig evaluiert werden. Der Linguistik und insbesondere der Sprachdidaktik fällt bei diesen Aufgaben eine besondere Rolle zu: Die Spezifikation sprachlichen Wissens und Könnens in einem curricular verankerten Kompetenzmodell setzt eine Theorie darüber voraus, was jemand weiß und kann, der in einer asymmetrischen, institutionalisierten und professionalisierten, d.h. im Kern gesteuerten und zweckorientierten Kommunikationssituation erfolgreich sprachlich tätig ist. Diese Theorie und die geeigneten Methoden zu erarbeiten, ist nicht (allein) Aufgabe der medizinischen Fächer, sondern genuine Aufgabe der Linguistik sowie der Sprachdidaktik im Schulterschluss mit den medizinischen Fakultäten. Die Entwicklung eines evidenzbasierten Kompetenzmodells muss, ebenso wie dessen Umsetzung in der universitären Lehre, interdisziplinär verankert werden: „Sprachwissenschaftler können durch ihre Analysen kommunikative Aufgabenstellungen und typische Lösungen und deren jeweilige Folgen rekonstruieren und so Ärzten Hilfestellungen für ihre Gesprächsführung geben“ (Spranz-Fogasy 2007:8). Dazu ist es erforderlich, die spezifischen Analysemethoden der Linguistik (Gesprächs- und Diskursanalyse, kognitionslinguistische Ansätze, Fachsprachenforschung etc.) mit Blick auf die Anforderungen der Medizin zu überprüfen und dabei auf der Basis einer gründlichen Bedarfsanalyse sowohl das methodische Vorgehen (quantitative Studien statt qualitative Studien) als auch die Datenaufbereitung (z.B. in Form von Checklisten oder durch Publikation in medizinischen Periodika) anzupassen. Die medizinischen Fächer sind zugleich angehalten, in Fragen kommunikativer Kompetenzen bei den (so verstandenen) Hilfswissenschaften Rat einzuholen, wenn sie ein Kompetenzmodell entwickeln wollen, das sprachwissenschaftlich abgesichert sein will. Die meisten Kommunikationsmodelle (beispielsweise die Calgary-Cambridge-Guides) sind schließlich aus qualitativen Untersuchungen empirisch gewonnen worden, etwa aus linguistischen gesprächsanalytischen Studien zu bestimmten Gesprächsphasen, bei denen reale Patienten-Arzt-GesprächeArzt-Patienten-Kommunikation zunächst aufgezeichnet, später transkribiert und mit den Methoden der GesprächsanalyseGesprächsanalyse ausgewertet werden. Die Ergebnisse solcher qualitativer Einzelstudien sollten auch künftig in Kommunikationsmodelle einfließen.
Dass mit dem seit 2015 vorliegenden Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog (NKLM) ein konsentierter Qualifikationsrahmen für das Medizinstudium in Deutschland vorliegt, der evidenzbasiert kommunikative Kompetenzen einfordert, ist deswegen erfreulich, weil Kompetenzen hier von theoretischem Wissen ohne Praxis- und Realitätsbezüge abgegrenzt werden:
Kommunikative Kompetenzen sind erst vorhanden, wenn diese neben dem Wissen über Kommunikationsstrategien im Arbeitsalltag mit PatientInnen auch erfolgreich eingesetzt werden (Sator & Jünger 2015:335).
Ein im Kern integrativer Ansatz fördert und fordert Interdisziplinarität: Das Wissen über Kommunikationsstrategien der sprach- und kommunikationswissenschaftlichen Fächer wird pragmatisch verwoben mit fachpraktischen Fähigkeiten medizinischen Handelns. Die auf den Linguisten Austin zurückzuführende (programmatische) Frage How to do things with words? lässt sich in der Kompetenzzuweisung des NKLM umformulieren zu How to do medicine with words?. Die Beantwortung dieser Frage gelingt nur, wenn man a) weiß, was sprachliches und nichtsprachliches Handeln dem Wesen nach ist (linguistische Dimension des Wissens) und b) dieses Wissen z.B. aus der linguistischen GesprächsanalyseGesprächsanalyse in medizinisches Gesprächshandeln überführen kann (medizinische Dimension der fachpraktischen (kommunikativen) Fähigkeiten). Sowohl methodisch als auch didaktisch ist damit ein Schulterschluss unumgänglich, was in beiden Disziplinen zu einer veränderten Lehr- und Forschungspraxis führen muss: Die Linguistik muss zunächst mit ihren spezifischen Analysemethoden Wissen generieren und bereitstellen, welches von Seiten der Sprachdidaktik für die Fachdidaktik der Medizin in praxisnahes Handeln auf der Grundlage von Erprobungen (dann später evidenzbasiert) überführt werden kann. Die Auswertung von Maßnahmen der kommunikativen Schulung, die im Wesentlichen den medizinischen Fächern selbst obliegen sollte, ist in diesem zirkulären Prozess eine wichtige Aufgabe der Linguistik, der Berufspädagogik, der Bildungsforschung im Schulterschluss mit der Sprachdidaktik. Zudem haben diese Disziplinen entscheidend dazu beizutragen, Desiderate mit Blick auf die Kompetenzfestlegungen des NKLM aufzulösen. Dazu gehören u.a.:
1 Spezifikation der normativen Empfehlungen aus sprachhandlungstheoretischer Sicht,
2 Überführung von Forschungswissen in interaktive Handlungsempfehlungen,
3 Modellierung von phasenspezifischen Kommunikationsstrategien und Gesprächsroutinen (z.B. Empfehlungen für die Prämedikationsphase zur Förderung der Compliance),
4 Interaktionsanalytische Überprüfung und Verbesserung bestehender Gesprächsmodelle (z.B. WWSZ oder NURSE) auf der Grundlage von Evidenzstudien,
5 Erforschung des verstehensrelevanten Wissens durch Frame-Analysen,
6 Quantitative Studien, im Idealfall auf den systematischen Befunden von Metastudien für eine wesentlich differenziertere und komplexere Erforschung verbaler Kommunikation durch z.B. ante/post-Experimente und Anschluss der qualitativ orientierten Diskursforschung an die v.a. quantitativ ausgerichteten Paradigmata des Medizindiskurses und der Medizinsoziologie zur Arzt-Patient-Kommunikation,
7 Entwicklung linguistischer Kategorien,
8 Ermöglichung einer Manualisierung durch Bündelung der qualitativen Befunde in einer Übersichtsarbeit und daraus Entwicklung praxisnaher Algorithmen für das Arzt-Patienten-GesprächArzt-Patienten-Kommunikation,
9 Gesprächsanalytische Aufbereitung/Auswertung von authentischen Transkripten oder Videoaufzeichnungen auf der Basis von Bedarfen (einschließlich Bedarfsanalyse für Textkorpora),
10 Mitwirkung an der Curriculumentwicklung für Train-the-trainer-Schulungen in Konzeption und Durchführung,
11 Entwicklung eines differenzierten, theoretisch und empirisch gesprächsanalytisch fundierten Analyse- und Bewertungsinstruments für die Arzt-Patienten-Interaktion zur quantitativen Analyse (Sator & Jünger 2015).
4. Stellenwert kommunikativer Kompetenzen im Medizinstudium
Zahlreiche empirische Studien zeigen, dass grundlegende kommunikative und soziale Kompetenzen im Laufe des Medizinstudiums für die Studierenden an Bedeutung verlieren (Neumann et al. 2011). Dies ist unter anderem zurückzuführen auf die somatische Fragmentierung der Patienten aufgrund der im Studienverlauf zunehmenden Bezogenheit auf biomedizinische Daten und Fakten in der Lehre sowie in der praktischen Ausbildung. Zum anderen verändern sich kognitive Wissensbestände der Studierenden: Mit zunehmendem Fachwortschatz und medizinischem Wissen verschlechtert sich die Übersetzungsfähigkeit medizinischer Fakten in laienverständliche Sprache. Man muss davon ausgehen, dass sich das sogenannte verstehensrelevante Wissen, also jenes Wissen, das man benötigt, um einen Begriff selbst zu verstehen (und anderen zu erklären), aufgrund der zunehmenden Fachsprachlichkeit und der damit verbundenen Erweiterung des eigenen Wortschatzes verändert. Studierende in höheren Semestern können deutlich schwerer als Studierende zu Beginn des Studiums abschätzen, ob ein Wort fachsprachlich oder (noch) laienverständlich ist. Daher müssen angehende Ärztinnen und Ärzte vom ersten Semester an und studienbegleitend bis zum Staatsexamen in den grundlegenden Gesprächskompetenzen ausgebildet und in ihrer patientenzentrierten Haltung gestärkt werden (Bachmann et al. 2009, Kiessling & Langewitz 2013).
Das Ideal einer holistischen Kommunikationsausbildung besteht in der Verknüpfung kommunikativen Wissens (z.B. über die allgemeinen Konversationsmaximen nach Herbert Paul Grice) und kommunikativer Fähigkeiten (z.B. Fragetechniken) mit medizinischen Besonderheiten und Gesprächsanforderungen (z.B. unterschiedliche Gesprächsphasen wie Anamnese und Befundmitteilung) auf der Basis kommunikationspsychologischer Modelle. Es zeigt sich, dass sowohl in der Entwicklung eines Kompetenzmodells als auch in der Umsetzung in der akademischen Lehre ein enger und intensiver Austausch der unterschiedlichen, für die Ganzheitlichkeit entscheidenden, Disziplinen notwendig ist. Bislang besteht hier noch die Notwendigkeit der Öffnung der medizinischen Fächer für den interdisziplinären Dialog.
An den Bedürfnissen der Studierenden ausgerichtete Lehr- und Lernmethoden können und müssen das Bewusstsein der Studierenden für kommunikative Aspekte des Arztberufs schärfen und damit zugleich die Akzeptanz von Lehrveranstaltungen erhöhen. Das kongruente Erleben der (quasi-)realen Situation ist die Voraussetzung, das eigene Handeln ernsthaft auf den Prüfstand stellen zu können und zu wollen. Daher haben sich in der Lehre an vielen Hochschulstandorten der moderierte Einsatz von spezifisch trainierten Schauspielern oder Laien als Patienten (Simulationspatienten) und von Video-Feedback-Methoden etabliert. Es hat sich dabei gezeigt, dass solche Formen der Intervention deutlich bewusster reflektiert werden, weil zum einen Praxisbezüge durch die Art der Fallsimulation hergestellt und zum anderen Möglichkeiten der nachträglichen Auswertung (Sicherung durch Aufzeichnungen) gegeben sind. Solche Formen des bewussten Erlebens von Kommunikation in ihren vielfältigen Facetten tragen nachhaltig zu einer Kompetenzverbesserung bei. Hierbei kommt es zu einem positiven Zusammenspiel sprachlicher und visueller Kommunikation mit realitätsnahen interaktionalen Abfolge- und Beteiligungsstrukturen, was in der Folge zu einer Abkehr von der arztzentrierten Forschungseinstellung hin zu einer patientenorientierten Betrachtung führen kann. Kommunikative Kompetenzen werden – steuerbar mit Blick auf die unterschiedlichen Kompetenzlevel im Studienverlauf, also longitudinal – verwoben mit klinischen Kompetenzen, wobei sich auf diese Weise eine Kompetenzerweiterung um immer neue Aspekte ergeben sollte (Lernspirale).
Von entscheidender Bedeutung für diesen Prozess der professionalisierten Kompetenzerweiterung sind unserer Ansicht nach die folgenden Aspekte (in gleichwertiger Betrachtung):
1 Integrierung/Praxisbezug,
2 Longitudinalität,
3 Kontinuität,
4 Interdisziplinarität und
5 Transparenz (mit Blick auf Prüfungen).
Hinzu kommt die didaktische und fachliche Qualifizierung der Lehrenden, die ebenfalls an den gerade genannten fünf Kriterien ausgerichtet sein muss und für die es gegenwärtig keine überörtlichen Curricula gibt. Die Schulung konkreter kommunikativer Fertigkeiten und Techniken sowie interaktionaler Strategien muss ebenso wie die Vermittlung didaktischer Kompetenzen für Lehrende verpflichtend sein. Hier darf Erfahrungswissen allein nicht der Maßstab sein, nach dem Tutoren und Dozenten eingesetzt werden.
Dies ist insbesondere deswegen wichtig, weil die Curricula für das Medizinstudium Prüfungen vorsehen, wobei kommunikative Kompetenzen entweder formativ (zur Ermöglichung eines Feedbacks) oder summativ (zur Überprüfung von Standards mit Bestehensrelevanz) überprüft werden sollten. Möglich wird dies durch komplexe Prüfungsformate wie die OSCE-Prüfung (Objective Structured Clinical Examination), bei denen die Studierenden auf der Basis ihres jeweiligen Fachwissens, ihres Handlungs- und Begründungswissens und ihrer, dem Studienverlauf angepassten, Handlungskompetenz ein Gespräch mit einem standardisierten Simulationspatienten führen sollen. Die Bewertung erfolgt mit dem Fokus auf nonverbale und verbale Kommunikation nach festgelegten (und zuvor bekannt gemachten und trainierten) Bewertungskriterien (Nikendei & Jünger 2006).
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