Kitabı oku: «Standardsprache zwischen Norm und Praxis»
Standardsprache zwischen Norm und Praxis
Theoretische Betrachtungen, empirische Studien und sprachdidaktische Ausblicke
Winifred V. Davies / Annelies Häcki Buhöfer / Regula Schmidlin / Melanie Wagner / Eva Lia Wyss
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
[bad img format]
© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
www.francke.de • info@francke.de
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-7720-0024-9
Inhalt
Regula Schmidlin, Eva L. Wyss & Winifred V. Davies: Plurizentrik revisited – aktuelle Perspektiven auf die Variation der deutschen Standardsprache
I. Theoretische BetrachtungenMartin Durrell: Die Rolle der deutschen Sprache in ideologischen Konstrukten der NationRegula Schmidlin: Normwidrigkeit oder Variationsspielraum? Die Varianten des Standarddeutschen als sprachliche ZweifelsfälleKonstantin Niehaus: Die Begrenztheit plurizentrischer Grenzen: Grammatische Variation in der pluriarealen Sprache DeutschRobert Möller: Deutsch in Ostbelgien – ostbelgisches Deutsch?
II. Empirische StudienWinifred V. Davies: Gymnasiallehrkräfte in Nordrhein-Westfalen als SprachnormvermittlerInnen und SprachnormautoritätenEva L. Wyss: Sprachnormurteile im Dilemma. Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer an Deutschschweizer Gymnasien beurteilen Sprachkompetenzen, Sprachgebrauch und ZweifelsfälleMelanie Wagner: Deutsch im gymnasialen Unterricht: Das Beispiel LuxemburgRudolf de Cillia, Ilona E. Fink & Jutta Ransmayr: Varietäten des Deutschen an österreichischen Schulen. Ergebnisse des Forschungsprojekts „Österreichisches Deutsch als Unterrichts- und Bildungssprache“Aivars Glaznieks & Andrea Abel: „So einen Fehler wird einem das ganze Leben lang verfolgen.“ Empirische Untersuchung grammatischer Kompetenzen am Ende der Oberschule
III. Interdisziplinäre ZugängeKarin Gehrer, Maren Oepke & Franz Eberle: Der EVAMAR II-Deutschtest für GymnasiastInnen – Implikationen für die Plurizentrik-Debatte?Stefan Neuhaus: Wertung mit Grenzen. Das Zusammenspiel von literarischem Kanon und Geographie im deutschsprachigen Raum (und darüber hinaus)
IV. Sprachdidaktische AusblickeKlaus Peter: Sprachwissen als Schlüsselfaktor beim Umgang mit sprachlicher Variation im DeutschunterrichtAdriana Gatta: Untersuchung des Korrekturverhaltens von Lehrpersonen auf der Sekundarstufe II in Bezug auf nationale Varianten der Schweizer StandardspracheChiara Scanavino: Die Teutonismen in der Lernerlexikographie des 21. Jahrhunderts. Aktueller Forschungsstand und Zukunftsperspektiven
Plurizentrik revisited – aktuelle Perspektiven auf die Variation der deutschen Standardsprache
Regula Schmidlin, Eva L. Wyss & Winifred V. Davies
Im deutschen Sprachraum finden sich unterschiedliche Konstellationen von Standardvarietäten, Umgangssprachen und Dialekten. Diese bestehen aus mündlichen und schriftlichen Repertoires, welchen die Sprecherinnen und Sprecher bestimmte Einstellungen entgegenbringen. Im vorliegenden Band fokussieren wir die Standardsprache in ausgewählten Regionen Deutschlands, in der Deutschschweiz, in Österreich, Luxemburg, Südtirol und Ostbelgien. Diese weist auf allen linguistischen Ebenen Besonderheiten auf und unterliegt unterschiedlichen Verwendungsbedingungen. Die Diskussion, wie die Variation der Standardsprache in den deutschsprachigen Ländern theoretisch adäquat beschrieben werden kann, wird schon lange geführt. Sie intensivierte sich ein erstes Mal in den 1980er Jahren im Kontext der Plurizentrikdebatte1 und wird seit dem Erscheinen des Variantenwörterbuchs des Deutschen (Ammon et al. 2004, Ammon et al. 2016) auch im Hinblick auf empirisch-lexikographische Fragestellungen in verschiedenen Expertenkreisen geführt. Der monozentrische Blick auf die deutsche Sprache, der von einer geographischen Lokalisierbarkeit der Standardsprache ausging, wich der Fokussierung auf verschiedene so genannte Zentren (Ammon 1995), die aufgrund politisch und historisch autonomer Entwicklung eigene Varietäten hervorbrachten. Dies ist auch daran ersichtlich, dass zumindest teilweise zentrumseigene Kodices aus dieser Entwicklung hervorgingen und es damit zur Endonormierung der Standardsprache in den jeweiligen Zentren kam. Dem plurizentrischen Konzept mit einer plurinationalen Ausprägung (z.B. Clyne 1995) wurde sodann das pluriareale Konzept (Scheuringer 1996) mit einer regionalen Ausprägung kritisch gegenübergestellt. Die Unterschiede zwischen diesen Konzepten lassen sich folgendermassen beschreiben: Das plurizentrische Konzept geht davon aus, dass es gleichwertige, von staatlichen Grenzen beeinflusste (nationale) Standardvarietäten des Deutschen gibt und auch in so genannten Halbzentren (Südtirol, Liechtenstein, Luxemburg und Belgien) standardsprachliche Besonderheiten der deutschen Sprache zu finden sind; Ammon (1995) entwickelte ein theoretisch und terminologisch differenziertes Modell, das neben dem Variantenwörterbuch (Ammon et al. 2004, 2016) eine Reihe von empirisch fundierten Arbeiten zur Folge hatte (z.B. Markhardt 2005, Ransmayr 2006, Schmidlin 2011, Wissik 2014). Das Variantenwörterbuch dokumentiert auch länderübergreifende und regionale Phänomene, wobei für den bundesdeutschen Raum gemeinhin sechs und für Österreich vier regionale Räume angenommen wurden.2 Das pluriareale Konzept (vgl. Ammon 1998) hingegen wurde zunächst in den 1990er Jahren, bisweilen sehr emotional (vgl. Scheuringer 1996, Seifter & Seifter 2015), als eine konzeptuelle und sprachenpolitische Gegenposition vorgebracht, ohne dass eine weitergehende theoretische Ausarbeitung und ein systematisches Begriffsinventar zur Analyse entwickelt wurden (Glauninger 2015). Im Gegenzug zum plurizentrischen Zugang betont man aus pluriarealer Perspektive sprachliche Unterschiede gerade innerhalb Deutschlands zwischen Norden und Süden oder innerhalb Österreichs zwischen Osten und Westen und führt die zahlreichen grenzüberschreitenden Gemeinsamkeiten auf, z.B. Übereinstimmungen zwischen Süddeutschland, Österreich und der Schweiz oder zwischen Westösterreich und Südostdeutschland oder zwischen Vorarlberg, Liechtenstein und der Schweiz. Auf dieser Basis hat sich im Rahmen detaillierter empirischer linguistischer Analysen, auch im Zuge der Weiterentwicklung der Korpuslinguistik, eine neue Ausprägung des pluriarealen Ansatzes entwickelt, der zwar, soweit Publikationen vorliegen, theoretisch (noch) nicht so ausgebaut und terminologisch ausdifferenziert ist wie die plurizentrische Theorie, der aber gewichtige empirische Befunde für eine pluriareale Konzeptualisierung des Deutschen vorlegt (s. Elspaß & Niehaus 2014, Dürscheid, Elspaß & Ziegler 2015, Niehaus in diesem Band). Anhand konkreter empirischer Analysen zur Variation in der Grammatik des Standarddeutschen (z.B. dem Gebrauch des Adjektivs n-jährig oder diskontinuierlicher Richtungsadverbien) wird argumentiert, dass der pluriareale Zugang standardsprachliche Variation adäquater erfassen kann als der plurizentrische und auch die Dynamik der Variation besser zum Ausdruck bringt (Herrgen 2015, Niehaus in diesem Band).
In diesem theoretischen Spannungsfeld – und darüber hinaus – widmet sich der vorliegende Band der vertieften Reflexion und theoretischen Weiterentwicklung des Begriffsinventars, der Untersuchung spezifischer soziolinguistischer Praktiken und Bewertungsmuster in Bezug auf die Varietäten der deutschen Standardsprache. Die Beitragssammlung gliedert sich in vier Teile mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Während im ersten Teil stärker theoretische Aspekte wie zum Beispiel die Frage nach der Bestimmung und Abgrenzung von Standardsprachen gegeneinander sowohl aus plurizentrischer als auch pluriarealer Perspektive diskutiert werden (Durrell, Schmidlin, Niehaus, Möller), gibt der zweite Teil Einblicke in neuere empirische Studien, die an der Schnittstelle zwischen Norm und schulischer Praxis zu Forschungsergebnissen zu den Standardvarietäten in Österreich, Deutschland, Luxemburg, Südtirol und der Deutschschweiz geführt haben (de Cillia, Fink & Ransmayr; Davies; Wagner; Wyss; Glaznieks & Abel). Im dritten Teil des Bandes wird die Diskussion sowohl in Richtung Bildungswissenschaft als auch in Richtung Literaturwissenschaft geöffnet: Darin werden Fragen zum schulischen Normvermittlungserfolg und zu geographisch-territorialen Aspekten literarischer Kanonisierung behandelt (Gehrer, Oepke & Eberle; Neuhaus). Im vierten Teil werden sprachdidaktisch relevante Überlegungen zur Bewertung von Varianten vorgestellt – in Abhängigkeit von Sprachbewusstheit und Sprachwissen sowie in Abhängigkeit weiterer, aussersprachlicher Faktoren (Peter, Gatta). Abgeschlossen wird der vierte Block mit einem Beitrag zur Thematisierung von Teutonismen in Lernerwörterbüchern (Scanavino).3
Im Folgenden werden die Hauptargumentationslinien der Beiträge kurz skizziert.
I. Theoretische Betrachtungen
Im einleitenden Beitrag dieses Bandes stellt Martin Durrell zwei Ansichten über das Verhältnis zwischen Sprache und Nation im deutschsprachigen Raum des 18. und 19. Jahrhunderts zur Diskussion. Da ist zunächst die Annahme, dass die deutsche nationale Identität eine ethnolinguistische Basis hat und dann der daraus resultierende Topos, dass in Deutschland die sprachliche Einheit der politischen Einheit vorausging und die unabdingbare Voraussetzung für diese bildete. Durrell argumentiert, dass der Mythos einer grundlegenden, homogenen Sprache dazu beiträgt, dass die faktische Heterogenität der deutschen Sprache (vor allem auf mündlicher Ebene) ausser Acht gelassen wird und dass man sich auf die standardisierte schriftliche Varietät des Deutschen bezieht, wenn man die Sprache als Symbol der nationalen Identität instrumentalisiert. Dieser Mythos der einheitlichen Sprache hat auch die Perzeption des Deutschen als monozentrischer Sprache geprägt. Ferner zeigt Durrell mit Bezug auf neuere historische Untersuchungen des „Alten Reichs“, dass die sprachliche Einigung doch in einem Staatsgebilde stattfand, mit dem sich die Bildungselite identifizierte und das sich nicht so stark von einem modernen Nationalstaat unterschied, wie oft angenommen wird.
Entlang von Kleins Modell zur Erfassung sprachlicher Zweifelsfälle (Klein 2003) zeigt Regula Schmidlin, dass die Varianten des Standarddeutschen als freie, graduelle und konditionierte Zweifelsfälle betrachtet werden können. Dabei erweitert sie Kleins Modell um die Sprecherperspektive, hängt doch die Beurteilung der Korrektheit von regionalen und nationalen Varianten des Standarddeutschen von der regionalen Herkunft des zweifelnden Subjekts ab. Schmidlin plädiert dafür, nicht nur der Dynamik der Varietäten selbst, sondern auch der Dynamik der Einschätzung der Varietäten in Lehr- und Lernkontexten vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken. Das Zweifeln über die Richtigkeit und Angemessenheit sprachlicher Varianten ist ein willkommener Anlass und Anfang von Sprachreflexion. Ein kompetenter Umgang mit lexikographischen und korpuslinguistischen Hilfsmitteln kann dabei Inkongruenzen zwischen subsistenten, statuierten und intuitiv vermuteten Normen aufzeigen.
Konstantin Niehaus präsentiert Erkenntnisse aus dem österreichisch-schweizerischen Projekt „Variantengrammatik des Standarddeutschen“, das die grammatische Variabilität des Standarddeutschen untersucht. Der Autor fokussiert den Mehrwert der korpus- und systemlinguistischen Zugangsweise und zeigt anhand von exemplarischen Analysen einzelner Konstruktionen, dass verschiedene Teilbereiche der Grammatik des Standarddeutschen eine areale Variation aufweisen. Da diese Variation über Staatsgrenzen hinausgeht, wird sie – laut Niehaus – adäquater mit einem pluriarealen Modell als mit dem plurizentrischen erfasst. Der Autor geht auch auf sprachdidaktische Folgerungen für den Deutschunterricht ein und argumentiert für mehr Variationstoleranz, die man seiner Meinung nach eher durch das pluriareale Modell und die höhere theoretische Gewichtung relativer Varianten als durch das plurizentrische Modell erreichen kann.
Die Eigenständigkeit der Standardsprache in Belgien stellt Robert Möller zur Diskussion, denn Deutsch ist in Belgien die Sprache einer kleinen Minderheit. Diese hat in den vergangenen Jahrzehnten zwar an Bedeutung gewonnen und spielt für die Identität der heutigen Ostbelgier eine wichtige Rolle. Die ostbelgischen Varianten werden aber explizit von der deutschen Standardsprache abgegrenzt (im Sinne von Varianten der „Regionalsprache“). In einem Überblick stellt Möller die Heterogenität der Konstellation in den Vordergrund, indem er den dialektalen Hintergrund der Region und ihre Teilung in das südliche Moselfränkisch und das nördliche Ripuarisch sowie die nachbarschaftliche Nähe zu Deutschland hervorhebt und dabei auch historische Entwicklungen in Verwaltung und Schulwesen identifiziert. Schliesslich weist er darauf hin, dass gerade die Identifikation mit Belgien dazu führt, dass die Pflege der Mehrsprachigkeit zumeist einen höheren Stellenwert hat als die eingehende Beschäftigung mit dem Deutschen.
II. Empirische Studien
In den Beiträgen von Winifred V. Davies, Eva L. Wyss & Melanie Wagner werden die Ergebnisse der Studie „Deutsch im gymnasialen Unterricht: Deutschland, Luxemburg und die deutschsprachige Schweiz im Vergleich“ vorgelegt, die an den Universitäten Aberystwyth, Basel und Luxemburg durchgeführt wurde. Das Projekt untersucht das Normbewusstsein und -wissen von DeutschlehrerInnen an Gymnasien in Luxemburg, Deutschland (Nordrhein-Westfalen) und der deutschsprachigen Schweiz und beschäftigt sich mit ihrer Rolle als Sprachnormautoritäten. Anhand von Daten, die mit Hilfe von Fragebögen erhoben wurden, werden die Praktiken der Lehrenden in den drei verschiedenen Ländern beleuchtet, in denen die deutsche Sprache eine jeweils unterschiedliche Rolle spielt:
Winifred V.Davies beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Rolle von DeutschlehrerInnen in einer bestimmten deutschen Region (Nordrhein-Westfalen) und untersucht, inwiefern das Plurizentrik-Modell, das in der Soziolinguistik bisher dominant war, den Lehrenden überhaupt bekannt ist und sich auf ihre Praxis auswirkt. Davies zeigt, dass das Modell in den Lehrplänen, die die Lehrenden befolgen sollen, nicht vorkommt und keine Relevanz für sie besitzt. Sie zeigt auch, dass die Meinungen der Lehrenden darüber, was als korrekt bzw. standardsprachlich gilt, nicht immer mit den Meinungen der Kodifizierer übereinstimmt, was das Konzept einer einheitlichen variationsfreien Standardsprache weiter in Frage stellt.
Mit einem Fokus auf die Schweizer Sprachsituation zeigt Eva L.Wyss die Komplexität, die der Überlagerung von Diglossie und Plurizentrik in der Deutschschweiz erwächst. In einem ersten Teil werden die aktuellen Ergebnisse zu konstellativen, medialen, spracherwerbsbezogenen und unterrichtlichen Spezifika des deutschschweizerischen Raumes zusammengefasst, was in einer Kritik am weit verbreiteten Diglossiekonzept mündet, das gemäss Wyss durch eine differenzierte Sprachgebrauchsbeschreibung abgelöst werden sollte. Im zweiten Teil werden die Daten der erwähnten international vergleichenden Studie aus Deutschschweizer Perspektive ausgewertet. Hier finden sich bei den DeutschlehrerInnen sehr vage und variate Standardsprachkonzepte, die auch in den Curricula (vgl. Davies in diesem Band) nachgewiesen werden können. Darauf abgestützt erstaunt nicht weiter, dass auch die sprachdidaktische Situation von DeutschlehrerInnen nicht einhellig als muttersprachlich wahrgenommen wird. Schliesslich werden die divergierenden Einschätzungen der Sprachsituation und wenig loyale Bewertungen von deutschschweizerischen Standardkonstruktionen durch die Lehrenden in drei Typen unterschieden – einmal als Anpassung an die höher bewertete Sprachform, dann als Eigenständigkeit sowie als eine Lücke im Sprachwissen. Diese Sprachgebrauchsrealität wird im Anschluss mit der Metapher des „schielenden Blicks“ erläutert, durch die eine konzeptionelle Inkohärenz als eine Überlagerung der Eigen- und Fremdperspektive begriffen wird.
Melanie Wagner widmet sich in ihrem Beitrag dem Status der deutschen Sprache im luxemburgischen Gymnasium. In einem ersten Schritt beleuchtet sie die Sprachensituation Luxemburgs sowie die aktuell angewandte Lehrmethode für das Fach Deutsch im luxemburgischen Schulsystem. Sodann stellt sie die Ergebnisse einer Befragung von DeutschlehrerInnen vor und liefert eine Analyse der Curricula des Fachs Deutsch im Gymnasium sowie von Leitlinien zur Sprachplanung und Sprachpolitik in Luxemburg. Anhand der Ergebnisse der Befragung und der Analyse der Dokumente zeigt sie, dass eine klare Kategorisierung der Lehrmethode für das Fach Deutsch (Deutsch als Erst-, Zweit- oder Fremdsprache) nicht möglich ist, was die Frage aufwirft, ob Luxemburg, wo Deutsch hauptsächlich Schulsprache, jedoch weder Umgangs- noch Erstsprache ist, heutzutage tatsächlich noch ein Halbzentrum im plurizentrischen Modell darstellt (vgl. Ammon 1995).
Rudolf de Cillia, Ilona Fink & Jutta Ransmayr berichten über das FWF-Forschungsprojekt „Das österreichische Deutsch als Unterrichts- und Bildungssprache“. Anhand einer Analyse von Lehrplänen, Studienplänen an Universitäten und pädagogischen Hochschulen, Lehrmitteln und einer Fragebogenerhebung bei Lehrpersonen und SchülerInnen aus ganz Österreich wird untersucht, ob das Konzept der Plurizentrik in der Ausbildung von Lehrenden bekannt ist, wie das Korrekturverhalten zur Sprachloyalität der eigenen Varietät in Beziehung gesetzt werden kann und ob eine Sensibilisierung der SchülerInnen für die Variation der deutschen Sprache stattfindet. Auch wenn das Konzept der Plurizentrik kaum bekannt ist, ist ein Bewusstsein für unterschiedliche Ausprägungen der deutschen Standardsprache durchaus vorhanden. Allerdings fallen die Einschätzungen der Varietäten unterschiedlich aus – beispielsweise je nach dem, ob man die Korrektheit oder Gleichwertigkeit von Varianten thematisiert. Es ergibt sich ein Komplex unterschiedlicher Variablen, die die Spracheinstellungen der Lehrkräfte beeinflussen, was wichtige Ansatzpunkte für künftige Vergleiche mit Lehrpersonen aus anderen Regionen des deutschen Sprachgebiets darstellt.
Der Aufsatz von Aivars Glaznieks & Andrea Abel präsentiert Ergebnisse linguistischer Analysen zur grammatischen Kompetenz aus einem korpuslinguistischen Forschungsprojekt zum Thema „Bildungssprache im Vergleich“, in dem auf der Basis von ca. 1300 Erörterungsaufsätzen aus Südtirol, Nordtirol und Thüringen die Schreibkompetenz von Oberschülerinnen und -schülern ein Jahr vor der Matura bzw. dem Abitur beschrieben wird. Interessant ist dabei die Tatsache, dass die Alltagssprache der meisten Schülerinnen und Schüler nicht mit der schulischen Varietät, der sogenannten Bildungssprache, gleichzusetzen ist, die im schulischen Kontext erwartet und schliesslich auch bewertet wird. Je nach Region kann die Alltagssprache mehr oder weniger grosse Unterschiede zur Standardsprache aufweisen und zudem durch regionale und nationale Varianten charakterisiert sein. In der Untersuchung gehen Glaznieks & Abel auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Schreibenden bei grammatischen Normverstössen ein. Dazu gehört die Frage, ob und gegebenenfalls welche regionalen Unterschiede bei Schreibenden im deutschen Sprachraum feststellbar sind, oder die Frage, inwiefern andere aussersprachliche Variablen wie Schultyp und Geschlecht in Bezug auf die Verteilung grammatischer Normverstösse eine Rolle spielen. Dabei stehen in der Darstellung der Ergebnisse Analysen zur Rektion im Mittelpunkt. Glaznieks & Abel interpretieren die meisten vorkommenden Rektionsfehler als Normunsicherheiten, die auf die gleichzeitige Beherrschung von verschiedenen Normen zurückzuführen sind. Bei Präpositionen mit Nebenkasus wird aber davon ausgegangen, dass sie als Zweifelsfälle beschrieben werden können, die vielen Deutschsprachigen Schwierigkeiten bereiten, egal, ob diese mehr als eine Norm beherrschen oder nicht. Es wird vorgeschlagen, authentische Beispiele für Zweifelsfälle, die in den Texten der Schülerinnen und Schüler vorkommen, im Unterricht zu verwenden, um eine Diskussion über angemessenen Sprachgebrauch anzuregen sowie die Lernenden unter Umständen auch auf Sprachwandelprozesse aufmerksam zu machen.
III. Interdisziplinäre Zugänge
Karin Gehrer, Maren Oepke & Franz Eberle überprüfen, ob die für die Schweiz repräsentativen empirischen Daten der Studie EVAMAR II für die sprachwissenschaftliche Plurizentrik-Debatte innerhalb des Deutschen ein gewisses Analysepotenzial bieten und ob für sprachliche Leistungsunterschiede auf universitärem Niveau empirische Hinweise für den Einfluss der Familiensprache (bzw. der Familienvarietät) gefunden werden können. Es wird gezeigt, dass bei MaturandInnen aus einem Elternhaus mit Sozialisation in Schweizerdeutsch und Schweizer Standardsprache gegenüber MaturandInnen aus einem Elternhaus mit bundesdeutscher Standardsprache weder im Gesamttest noch in den einzelnen Subskalen (Grammatik/Orthographie, Leseverstehen, Wortschatz) signifikant voneinander abweichende Ergebnisse erzielt werden. Es existieren somit auf den ersten Blick keine auffälligen Sprachstandsunterschiede. Allerdings vermuten die AutorInnen, dass dies auch an den insgesamt hohen Hürden für das Gymnasium in der Schweiz liegt, die auf die Ausprägung der sprachlichen Fähigkeiten bereits selektiv wirken. Brisant sind dabei die grossen Unterschiede in den Leistungen zwischen den Schülerinnen und Schülern und das Defizit am unteren Ende der Leistungsskala.
Die Literaturauswahl, kanonisiert in Literaturgeschichten, orientiert sich traditionell – wie Stefan Neuhaus zeigt – an den geographisch-territorialen Grenzen eines gesamtdeutschen Sprachraums. Weder die Betonung von Frauen- noch von MigrantInnen-Literatur haben diese territoriale Dominanz der Kategorisierung brechen können. Neben nationalen (die Literatur von Österreich und der Schweiz ist von deutschen Literarhistorikern allzu gern zur ‚deutschen‘ Literatur gerechnet worden) sind regionale Perspektiven auf Literatur dazugekommen. Obschon aber nach 1945 die Nationalismen zurückgedrängt wurden und Literaturgeschichten dem Nationalismus abgeschworen haben, orientieren sich diese weitgehend an dem früheren, an staatlichen oder regionalen Grenzen orientierten Einteilungssystem. Die Literatur spielt im Identitätsdiskurs eines Landes nach wie vor eine zentrale Rolle. Neuhaus beschreibt eine seit dem 18. Jahrhundert laufende Entwicklung, die von der gewachsenen Bedeutung der Grenzen einer imaginären deutschen, österreich-ungarischen oder schweizerischen Nation über eine Auflösung des Nationalitätsdispositivs hin zu einer erneuten Stärkung der nationalen oder auch regionalen, in jedem Fall geographischen Komponente im gesellschaftlichen Diskurs führt. Dies sei z.B. an der gewachsenen Bedeutung von nationalen oder regionalen Literaturgeschichten, Literaturarchiven oder Literaturpreisen ablesbar.
IV. Sprachdidaktische Ausblicke
In seiner Pilotstudie zum deklarativen Wortwissen von Lehrpersonen zeigt Klaus Peter, welche Rolle Sprachbewusstheit und Sprachwissen der bewertenden oder korrigierenden Person beim Umgang mit sprachlicher Variation spielt. Das Sprachwissen ist einerseits als Bedeutungswissen und andererseits als enzyklopädisches Wissen konzeptualisiert. In Bezug auf die Erforschung von Bewertungen regionaler Varianten folgert Peter, dass eine umfassende Interpretation einer Variantenbewertung nur dann gelingen kann, wenn sowohl Daten zu den Spracheinstellungen als auch zum individuellen Sprachwissen (oder der individuellen Sprachbewusstheit) der bewertenden Person vorliegen. Seine Ausführungen zeigen somit einen Schwachpunkt vieler bisheriger Spracheinstellungsuntersuchungen auf; dass nämlich oft zu wenig unterschieden wird, ob einer Gewährsperson eine Variante bekannt ist oder ob sie gerade im Bereich der Semantik über volle Kompetenz im Sinne von Besitz von enzyklopädischem Wissen zu einem Wort verfügt oder nicht.
Einsichten in das Normverständnis von Schweizer Lehrkräften bietet der Beitrag von Adriana Gatta. Sie untersucht, wie Lehrpersonen auf der Sekundarstufe II mit Helvetismen in Aufsätzen verfahren, ob und wie die Lehrpersonen die Helvetismen korrigieren und wie sie diese bewerten. Die Auswertung erfolgt nach den aussersprachlichen Faktoren Alter, Ausbildung, Schulstufe und Unterrichtserfahrung der Lehrpersonen. Zwar zeigen sich jüngere Lehrpersonen etwas toleranter gegenüber Helvetismen als ältere, die anderen Faktoren scheinen auf die festgestellte Helvetismenskepsis jedoch keinen Einfluss zu haben (vgl. Davies in diesem Band, Wyss in diesem Band). Ein Effekt zeigt sich jedoch in Bezug auf die sprachliche Ebene der Variation; so wurden syntaktische Helvetismen am häufigsten korrigiert.
Einen kritischen Blick auf die Lernerlexikographie wirft Chiara Scanavino. Zunächst thematisiert sie Missverständnisse, die sich aus der gängigen Terminologie zur Beschreibung der Varianten und ihrer Positionierung gegenüber den Nicht-Varianten ergeben können (vgl. dazu schon von Polenz 1988), und schlägt bspw. für letzteren Fall interdeutsch anstelle von gemeindeutsch vor. Es folgt ein Überblick über die Darstellungsweisen von Teutonismen in Lernerwörterbüchern, wobei die Auto-Kennzeichnungen sowohl der österreichischen und schweizerischen Varianten als auch der Varianten der Bundesrepublik Deutschland von Scanavino für die Angemessenheit der lexikographischen Darstellung als wichtiges Kriterium betrachtet wird. Insgesamt bezeichnet Scanavino die Darstellung von Varianten der Standardsprache in Lernerwörterbüchern als noch nicht zufriedenstellend. Sie plädiert für eine stärkere strukturelle Orientierung an enzyklopädischen Wörterbüchern und fordert eine nestalphabetische Darstellung der Lemmata, wobei auch deren Frequenz und kontextuelle Einbettung berücksichtigt werden sollen.
Fazit und Ausblick
Der Blick auf den Entwicklungszusammenhang der deutschen Standardsprache, der den Auftakt des vorliegenden Bandes bildet, weist auf die historische Verankerung der Plurizentrik des Deutschen.4 Die deutsche Standardsprache wurde zwar als Kultursprache hypostasiert. Gleichzeitig kann ihre Einheitlichkeit für keine Epoche nachgewiesen werden. Welches Gewicht soll nun aber heute der nationalen Zugehörigkeit beigemessen werden, wenn es zur Kategorisierung der Varietäten der deutschen Standardsprache kommt? Die Beantwortung dieser Frage erweist sich deshalb als schwierig, weil erstens die nationale Zugehörigkeit historisch und kulturell zwar weiterhin sozial verankert ist, was sich etwa in der literarischen Kanonbildung noch immer nachweisen lässt, weil aber zweitens gleichzeitig Nationalismen als soziale Kategorien (zu Recht) hinterfragt werden und ihre Überwindung gefordert wird. Die soziokulturelle Wirkung national-territorialer politischer Grenzen bei der Beschreibung von Sprachvariation zu negieren, wäre unseres Erachtens aber der falsche Weg. Gerade in Bezug auf die Verwendung der deutschen Standardsprache zeigt sich die Wechselwirkung der statuierten und subsistenten Normen, die die Sprecherinnen und Sprecher nachweislich prägen, wodurch bestimmte Formen des Standardsprachgebrauchs weitertradiert werden, die sowohl national als auch regional erkennbar bleiben. Wenn nun Vertreterinnen und Vertreter des plurizentrischen Ansatzes, die biographisch meist selbst aus kleineren Zentren stammen, mit dieser Modellierung auch die ökonomische, sprachliche und diskursive Dominanz des bundesdeutschen Zentrums thematisieren, wird dies zuweilen als Aufbegehren der sprachlich Dominierten ausgelegt, das mit einem nationalistisch motivierten Variantenpurismus einhergehen kann. Dabei wird ausgeblendet, dass auch eine plurizentrische Modellierung der Sprachvariation Überlappungen von Merkmalen entlang verschiedener Kontaktzonen darstellen kann und die nationale Variationsdimension als eine neben anderen Variationsdimensionen verstanden werden kann.
Ziel dieses Bandes war es nicht, sich zwischen der rege diskutierten, einer stärker der Dialektologie verpflichteten pluriarealen Modellierung einerseits und der soziolinguistisch-institutionell argumentierenden plurizentrischen Modellierung andererseits zu positionieren. Vielmehr können die hier vorliegenden Beiträge zeigen, dass mit den pluriarealen resp. plurizentrischen Modellen nicht die deutsche Standardsprache mit ihren Varietäten erschöpfend erfasst werden kann, sondern dass sie sich besser oder schlechter eignen können, um bestimmte Repräsentationsformen der deutschen Standardsprache darzustellen: mündlich, schriftlich; lexikalisch, lautlich, syntaktisch; in Bezug auf ihre (schulische) Bewertung; in Bezug auf regionale oder überregionale Pressetexte; in Bezug auf literarische Sprache oder Schulbuchtexte; in der Lernersprache; in Lernerwörterbüchern. Dazu kommt die Heterogenität der Areale selbst. So wird die deutsche Standardsprache in Luxemburg und Belgien unter ganz anderen Bedingungen verwendet als in den so genannten Vollzentren, was entsprechende theoretische Konsequenzen für die Beschreibung ihrer Variation nach sich zieht.
Einige der hier versammelten Beiträge gehen insofern über die strukturelle Beschreibung der Varianten hinaus, als sie ihre kognitive Repräsentation zusätzlich begrifflich zu fassen versuchen, so etwa als Perspektivenüberlagerung (Wyss) oder als freie, graduelle oder konditionierte Zweifelsfälle im Urteil der Sprecherinnen und Sprecher (Schmidlin). Wie schon frühere Studien (Scharloth 2005, Schmidlin 2011), so zeigen auch einige der hier vorliegenden Beiträge, dass selbst unter den Vollzentren, die von Ammon als gleichrangig betrachtet werden, eine sprachmarktbedingte Asymmetrie besteht, die gerade von Deutschlehrerinnen und -lehrern verinnerlicht zu werden scheint und ihre Korrekturpraxis dahingehend prägt, dass die (nicht-bundesdeutschen) Standard-Varianten primär als Normabweichungen gesehen werden. Es ist zu vermuten, dass, nicht zuletzt aus arbeitsökonomischen Gründen im Schulalltag, die Lehrkräfte sich für ihre Beurteilung eher auf subsistente Normen stützen denn auf Kodices, wo die standardsprachlichen Varianten durchaus thematisiert würden. Besonders hingewiesen sei an dieser Stelle auf Peters berechtigte Forderung, Spracheinstellungserhebungen mit Sprachwissenserhebungen zu koppeln. Da wir diese Forderungen im Hinblick auf zukünftige Studien, die die Einstellungen von Sprecherinnen und Sprechern gegenüber den Varianten des Standarddeutschen thematisieren, für wichtig halten, seien sie an dieser Stelle wiederholt:
1 Die Bewertung von sprachlichen Varianten ist nicht nur Ausdruck der Spracheinstellungen, sondern immer auch Ausdruck der Sprachbewusstheit oder des Sprachwissens der bewertenden Person.
2 Eine umfassende Interpretation einer Variantenbewertung kann nur dann gelingen, wenn nicht nur Daten zu den Spracheinstellungen, sondern auch zum individuellen Sprachwissen (oder der individuellen Sprachbewusstheit) der bewertenden Person vorliegen.
3 Bei Untersuchungen zur Bewertung von Sprachvarianten sollte jeweils auch die Kenntnis der Variantenbedeutung kontrolliert werden. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Tatsache, dass Sprecherinnen und Sprechern ein Wort bekannt ist, noch wenig darüber aussagt, ob sie auch alle Verwendungsweisen des Wortes im aktuellen Sprachgebrauch kennen. (Peter in diesem Band, Kap. 5.)
Welche Konsequenzen die schulische, asymmetrische Korrektur von Varianten des Standarddeutschen für den Erwerb von Schriftsprache und Textkompetenz in verschiedenen Regionen des deutschen Sprachgebiets hat, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschätzt werden. Die Frage, wie sich die eingangs des vorliegenden Kapitels erwähnten unterschiedlichen Varietäten-Konstellationen auf das schulische Schreiben und den Umgang mit Normen auswirken, und zwar sowohl auf die Textproduktion der SchülerInnen als auch auf die Textbewertung der LehrerInnen, ist bislang noch nicht systematisch untersucht worden. Es wäre lohnenswert, hier korpusanalytisch zu untersuchen, worin sich unter einheitlichen Bedingungen erhobene Schülertexte aus den verschiedenen Regionen des deutschen Sprachraums auf verschiedenen sprachlichen Ebenen unterscheiden. Dabei könnte in variationstheoretischer Hinsicht geprüft werden, inwiefern sich die Konzepte der Plurizentrik bzw. der Pluriarealität der deutschen Standardsprache, wie sie für die Beschreibung lexikalischer und grammatischer Variation vornehmlich der geschriebenen Mediensprache im deutschen Sprachraum herangezogen werden können, für die Beschreibung der Sprachnormkonzepte eignen oder ob sich Struktur- und Diskursmuster in den Schülertexten (bspw. in argumentativen Texten) sowie die Bewertungsmuster räumlich entweder gar nicht oder dann abweichend von den Konzepten der Plurizentrik oder Pluriarealität fassen lassen. Daher wäre es wünschenswert, die Frage der Standardvarietäten im internationalen deutschsprachigen Raum in der Ausbildung von DeutschlehrerInnen stärker mitzuberücksichtigen und insbesondere auch bei der Schulbuchkonzeption (für alle Stufen und Schultypen) im Blick zu haben. Eine Erweiterung der Perspektive in kulturlinguistische Richtung könnte mit einer Verknüpfung bisheriger Ergebnisse mit diskurstheoretischen Untersuchungen zur Schulkultur erreicht werden, bei der die Art und Wirkung von auf- und abwertenden Kulturpraktiken in der schulischen Interaktion fokussiert werden. Dabei könnte untersucht werden, auf welche Weise diskursive Präferenzen zu einem Normalisierungsprozess im institutionellen Kontext der Schule führen.
Gegenwärtig wird in einem Sprachkulturraum, in dem interkulturelle Begegnungen alltäglich sind, in vielen Kontexten sprachliche Flexibilität erwartet. Im deutschsprachigen Raum verwenden zahlreiche Sprecherinnen und Sprecher in ihrem Alltag mehrere Sprachen und Varietäten und partizipieren somit an verschiedenen Varietätenkulturen. Dennoch erleben sie ihre innere Mehrsprachigkeit oft nicht als Gewinn, sondern als Defizit. Die Varianten des Standarddeutschen, auch wenn diese als standardsprachlich kodifiziert und in der Schriftsprache belegbar sind, betrachten sie letztlich doch eher als Normabweichung denn als Bereicherung ihres sprachlichen Repertoires. Wir meinen, dass diese Problematik es verdient, in der DeutschlehrerInnenausbildung und im Deutschunterricht auf allen Stufen regelmässiger thematisiert zu werden.
Dank
Im Namen aller Herausgeberinnen sei den Kolleginnen und Kollegen herzlich gedankt, die die Beiträge in einem anonymen Peer-Review-Verfahren kritisch begutachtet und somit zur Qualität des vorliegenden Bandes beigetragen haben. Nadine Mathys, Regula Gschwend und Alexandra Schiesser, Universität Freiburg (Schweiz), danken wir für ihre grosse Hilfe bei der Einrichtung und Korrektur der Beiträge. Den Beiträgerinnen und Beiträgern selbst danken wir nicht nur für ihre Texte und die gute Zusammenarbeit, sondern auch für ihre Geduld.
Literatur
Ammon, Ulrich, Hans Bickel & Alexandra N. Lenz (2016) (Hrsg.): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie in Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. 2., völlig neu bearb. und erw. Aufl. Berlin: de Gruyter.
Ammon, Ulrich, Hans Bickel, Jakob Ebner, Ruth Esterhammer, Markus Gasser, Lorenz Hofer, Birte Kellermeier-Rehbein, Heinrich Löffler, Doris Mangott, Hans Moser, Robert Schläpfer, Michael Schlossmacher, Regula Schmidlin & Günter Vallaster (2004): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin, New York: de Gruyter.
Ammon, Ulrich (1995): Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Problem der nationalen Varietäten. Berlin, New York: de Gruyter.
Ammon, Ulrich (1998): Plurinationalität oder Pluriarealität? Begriffliche und terminologische Präzisierungsvorschläge zur Plurizentrizität des Deutschen – mit einem Ausblick auf ein Wörterbuchprojekt. In: Ernst, Peter & Franz Patocka (Hrsg.): Deutsche Sprache in Raum und Zeit. Festschrift für Peter Wiesinger zum 60. Geburtstag. Wien: Edition Praesens, 313–322.
Auer, Peter (2013): Enregistering pluricentric German. In: da Silva, Augusto Soares (Hrsg.): Pluricentricity. Language Variation and Sociocognitive Dimensions. Berlin, Boston: de Gruyter, 17–43.
Clyne, Michael G. (1995): The German Language in a Changing Europe. Cambridge: Cambridge University Press.
Dürscheid, Christa, Stephan Elspaß & Arne Ziegler (2015): Variantengrammatik des Standarddeutschen. Konzeption, methodische Fragen, Fallanalysen. In: Lenz, Alexandra N. & Manfred M. Glauninger (Hrsg.): Standarddeutsch im 21. Jahrhundert – Theoretische und empirische Ansätze mit einem Fokus auf Österreich. Wien: Vienna University Press, 207–235.
Elspaß, Stephan & Konstantin Niehaus (2014): The standardization of a modern pluriareal language. Concepts and corpus designs for German and beyond. In: Orð og tunga 16, 47–67.
Glauninger, Manfred M. (2015): (Standard-)Deutsch in Österreich im Kontext des gesamtdeutschen Sprachraums. Perspektiven einer funktional dimensionierten Sprachvariationstheorie. In: Lenz, Alexandra N. & Manfred M. Glauninger (Hrsg.): Standarddeutsch im 21. Jahrhundert. Göttingen: V&R unipress, 11–57.
Herrgen, Joachim (2015): Entnationalisierung des Standards. Eine perzeptionslinguistische Untersuchung zur deutschen Standardsprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In: Lenz, Alexandra N. & Manfred M. Glauninger (Hrsg.): Standarddeutsch im 21. Jahrhundert. Göttingen: V&R unipress, 139–164.
Kellermeier-Rehbein, Birte (2014): Plurizentrik. Einführung in die nationalen Varietäten des Deutschen. Berlin: Schmidt.
Klein, Wolf-Peter (2003): Sprachliche Zweifelsfälle als linguistischer Gegenstand. Zur Einführung in ein vergessenes Thema der Sprachwissenschaft. In: Linguistik online 16, 4/03.
Markhardt, Heidemarie (2005): Das Österreichische Deutsch im Rahmen der EU. Frankfurt am Main: Peter Lang.
Polenz, Peter von (1988): ‚Binnendeutsch‘ oder plurizentrische Sprachkultur. Ein Plädoyer für Normalisierung in der Frage der ‚nationalen‘ Varietäten. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik 16, 198–218.
Ransmayr, Jutta (2006): Der Status des Österreichischen Deutsch an Auslandsuniversitäten. Eine empirische Untersuchung. Frankfurt am Main etc.: Peter Lang.
Reiffenstein, Ingo (2001): Das Problem der nationalen Varietäten. Rezensionsaufsatz zu Ulrich Ammon: Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 120, 78–89.
Scharloth, Joachim (2005): Asymmetrische Plurizentrizität und Sprachbewusstsein. Einstellungen der Deutschschweizer zum Standarddeutschen. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 33/2, 236–267.
Scheuringer, Hermann (1996): Das Deutsche als pluriareale Sprache: Ein Beitrag gegen staatlich begrenzte Horizonte in der Diskussion um die deutsche Sprache in Österreich. In: Die Unterrichtspraxis/Teaching German 29, 147–153.
Schmidlin, Regula (2011): Die Vielfalt des Deutschen: Standard und Variation. Gebrauch, Einschätzung und Kodifizierung einer plurizentrischen Sprache. Berlin: de Gruyter.
Seifter, Thorsten & Ingolf Seifter (2015): Warum die Frage, ob sich „pfiati vertschüsst“, keine linguistische ist. Zur Fundamentalkritik am „Österreichischen Deutsch“. In: Lüger, Heinz-Helmut (Hrsg.): Beiträge zur Fremdsprachenvermittlung. Landau: Verlag Empirische Pädagogik, 65–90.
Sutter, Patrizia (2017): Diatopische Variation im Wörterbuch. Theorie und Praxis. Berlin: de Gruyter.
Wissik, Tanja (2014): Terminologische Variation in der Rechts- und Verwaltungssprache. Deutschland – Österreich – Schweiz. Berlin: Frank & Timme.
I. Theoretische Betrachtungen
Die Rolle der deutschen Sprache in ideologischen Konstrukten der Nation1
Martin Durrell
1 Sprache und Nation im deutschsprachigen Raum
2 Der ethnolinguistische Nationalismus im 18. und 19. Jahrhundert
3 Die sprachliche Situation aus der Perspektive der Soziolinguistik
4 Zu einer Neuevaluierung der Bedeutung des „Alten Reichs“ im Standardisierungsprozess
5 Literatur
1. Sprache und Nation im deutschsprachigen Raum
In diesem Beitrag werden zwei Ansichten über das Verhältnis zwischen Sprache und Nation im deutschsprachigen Raum im 18. und 19. Jahrhundert zur Diskussion gestellt, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, die jedoch, wie hier gezeigt werden soll, eng miteinander verknüpft sind und auf Auffassungen über den Verlauf der deutschen Geschichte in dieser Zeit zurückzuführen sind, die die neueste historische Forschung in Frage gestellt hat.
Als erstes geht es um die ethnolinguistische Grundlage des deutschen Nationalismus, m.a.W. um die Annahme, dass die deutsche nationale Identität in Ermangelung anderer signifikanter identitätsstiftender Merkmale, wie z.B. eines klar definierbaren Territoriums, allein auf der gemeinsamen Sprache basieren könnte. Daraus entstand der besonders im 19. Jahrhundert verbreitete Topos, dass in Deutschland die sprachliche Einheit der politischen Einheit vorausging und die unabdingbare Voraussetzung für diese bildete – in den von Meinecke (1908) geprägten Termini hatte nach der nationalistischen Ideologie der Zeit eine Sprachnation (und eventuell auch eine Kulturnation) schon lange bestanden, die die Bildung einer Staatsnation in der Gestalt des „kleindeutschen“ Reichs von 1871 rechtfertigte.
Aus der Perspektive der Soziolinguistik erscheint der Begriff einer einheitlichen deutschen Sprache im frühen 19. Jahrhundert jedoch hoch problematisch, denn das Sprachgebiet bestand um diese Zeit aus einem äußerst heterogenen Dialektkontinuum, in dem Sprecher aus entfernten Gegenden sich nur mit großer Schwierigkeit verständlich machen konnten. Wie Barbour (1994: 332) sagt: „[…] probably no other European language is so diverse, and groups of dialects elsewhere which show a similar diversity are considered to be several languages“ (vgl. auch Durrell 2002). Dieser Topos trat in einer Rezension von Misha Glenny (2014) in der britischen Zeitung „The Observer“ neulich wieder auf, in der er anlässlich eines Buches über die ethnische und sprachliche Vielfalt Indonesiens schrieb: „What was it that bound Catholic Bavaria to Protestant Prussia? It clearly wasn’t religion, or language.“ Hier spielt er klar auf die alltägliche Beobachtung an, dass man in Berlin anders spricht als in München, aber in diesem Zusammenhang interessieren vor allem die Anspielungen auf die Mythen um die Bildung eines deutschen Nationalstaats.
Diese sprachliche Heterogenität steht anscheinend in krassem Widerspruch zu der Annahme, dass sich die politische Einigung auf die Einheit der Sprache gründete und darin ihre Rechtfertigung fand. Diese Auffassung war jedoch im 19. Jahrhundert – vor allem im Nachhinein, nach der Reichsgründung 1871 – allgemein akzeptiert, und sie gilt auch heute noch als Gemeinplatz der Geschichte. In einer Rezension des Bandes, in dem Durrell (2002) erschien, schrieb Bonnell (2003: 146), dass Durrells Beitrag „challenges long-conventional assumptions about German linguistic unity preceding political unity“. An dieser Stelle möchte ich jedoch die in Durrell (2002) vertretenen Ansichten sowie auch den Topos der sprachlichen Einheit als Grundlage für die politische Einigung revidieren, denn erstens ist es klar, dass man trotz der eben besprochenen Vielfalt der Erscheinungsformen schon im ausgehenden 18. Jahrhundert von einer „deutschen Sprache“ in einem in diesem Zusammenhang relevanten Sinne sprechen kann. Und zweitens hat es um diese Zeit trotz der späteren Behauptungen einer nationalistischen Ideologie auch ein politisches Gebilde gegeben, das wir mit guten Gründen als einen „deutschen“ Staat bezeichnen dürfen und in dem die deutsche Sprache die wesentlichen Stadien im Prozess der Standardisierung durchmachte. Dieses Gebilde war dann ein wichtiger Fokus für die nationale Identität. Diese Erkenntnis ist m.E. eine klare Folgerung aus der neuen historischen Forschung, insbesondere Whaley (2012) und Wilson (2016), die die Geschichte des „Alten Reichs“ völlig neu evaluiert hat und Einsichten bietet, die eine Überprüfung der herkömmlichen Ansichten über das Verhältnis von Sprache und Nation im deutschsprachigen Raum in dieser Zeit notwendig machen.
2. Der ethnolinguistische Nationalismus im 18. und 19. Jahrhundert
Bei dem ersten der zu besprechenden Themen ist es aus der Perspektive der modernen Soziolinguistik klar, dass die Tatsache der sprachlichen Heterogenität für die Annahme einer vorwiegend ethnolinguistischen Grundlage für den deutschen Nationalismus im 19. Jahrhundert problematisch erscheinen dürfte. Jedoch erscheint diese Annahme durch die Aussagen zeitgenössischer Autoren als vollständig gerechtfertigt. Im 1785 erschienenen 2. Teil seiner „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ hatte Herder die Ansicht vertreten, dass die Sprache die menschliche Natur widerspiegele und dass jede Sprache also der unverkennbare Ausdruck des Charakters eines besonderen Volkes in der menschlichen Gemeinschaft sei. Für ihn waren alle Sprachen gleichberechtigt und hatten jeweils das Wesentliche der Identität des Sprachvolks durch alle Zeiten gestiftet. So sei nach ihm der natürlichste Staat (Herder 1984: III/1, 337) „also Ein Volk, mit Einem Nationalcharakter“, denn die Sprache verbinde ein Volk mit seiner Vergangenheit und die Grenzen eines jeweiligen Staates sollten sich mit dem historischen Territorium des Sprachvolks decken.
Herders Überlegungen zum Verhältnis von Volk, Sprache und Staat wurden während der traumatischen Jahre der napoleonischen Kriege und nach dem Ende des „Alten Reichs“ weiter ausgebaut zu einem klar artikulierten nationalistischen Diskurs. Dieser neue Nationalismus sah genau wie Herder die Sprache als bestimmendes Merkmal der deutschen Nation. Das dringendste Ziel war aber jetzt die Befreiung der deutschen Lande und der deutschen Kultur von der Bedrohung durch die fremde Herrschaft und so findet man etwa bei Fichte nicht mehr Herders Annahme einer grundsätzlichen Gleichheit aller Sprachen, sondern die Vorstellung der grundlegenden Überlegenheit der deutschen Sprache insbesondere gegenüber der französischen. So liest man in den „Reden an die deutsche Nation“ (zit. nach Dieckmann 1989: 45):
Das deutsche Volk ist das ursprüngliche, das unverfälschte Volk, das gegen die militärische wie kulturelle Unterjochung durch Frankreich um seine Freiheit und Identität kämpft und dabei im Dienste eines höheren geschichtlichen Auftrags handelt. […]
Nach Jahrtausenden, und nach allen den Veränderungen, welche in ihnen die äußere Erscheinung der Sprache dieses Volks erfahren hat, bleibt es immer dieselbe Eine, ursprünglich also ausbrechenmüssende lebendige Sprachkraft der Natur, die ununterbrochen durch alle Bedingungen herab geflossen ist, und in jeder so werden mußte, wie sie ward, am Ende derselben so seyn mußte, wie sie jezt ist, und in einiger Zeit also seyn wird, wie sie sodann müssen wird. Die reinmenschliche Sprache zusammengenommen zuförderst mit dem Organe des Volks, als sein erster Laut ertönte; was hieraus sich ergiebt, ferner zusammengenommen mit allen Entwiklungen, die dieser erster Laut unter den gegebnen Umständen gewinnen mußte, giebt als letzte Folge die gegenwärtige Sprache des Volks. Darum bleibt auch die Sprache immer dieselbe Sprache.
Hier findet man alle wesentlichen Bestandteile des ethnolinguistischen Nationalismus, so etwa den Begriff eines Volks, das durch seine einzigartige, überlegene Sprache gekennzeichnet ist. Der Charakter des Volks findet in dieser Sprache seinen unvergleichlichen Ausdruck; anders als die Franzosen, die ihr ursprüngliches Fränkisch gegen das Romanische getauscht haben, hat das deutsche Volk seine Sprache immer bewahrt, und zwar in einer Form, die trotz oberflächlicher Veränderungen immer gleich geblieben ist. Dieses Volk hat das Recht auf ein unabhängiges, einheitliches politisches Gebilde in seinem ererbten Territorium ohne Fremdherrschaft.
Im 19. Jahrhundert wurde dann die Gleichsetzung von Sprache und Nation in Deutschland (wie auch oft anderswo) kaum hinterfragt. Für Hegel bildete der Volksgeist die Basis des Staats (vgl. Barnard 1965: 166–167) und für Jacob Grimm (1884: VII, 557) war bekanntlich „ein volk […] der inbegriff von menschen, welche dieselbe sprache reden“, wie er in seiner berühmten Rede auf der Germanistenversammlung in Frankfurt im Jahre 1846 behauptete. Der britische Historiker Eric Hobsbawm (1992: 103) erklärte, dass man insbesondere in Bezug auf Deutschland nicht darüber staunen sollte, dass diese Ein-Volk-eine-Sprache-Ideologie vor allem dort verbreitet war, denn:
For Germans […], their national language was not merely an administrative convenience or a means of unifying state-wide communication […]. It was more even than the vehicle of a distinguished literature and of universal intellectual expression. It was the only thing that made them Germans […], and consequently carried a far heavier charge of national identity than, say, English did for those who wrote and read that language.
Am wichtigsten ist jedoch die Perzeption von gebildeten Deutschen im 19. Jahrhundert, dass für sie in erster Linie die Sprache identitätsstiftend war, dass dieses Identitätsgefühl das Streben nach einem einheitlichen Staat legitimierte und die Basis dafür bilden sollte. Der Topos, dass es allein die gemeinsame Sprache gewesen sei, die die Nation während der Jahre der politischen Fragmentierung nach dem Wiener Kongress zusammengehalten habe, sowie auch deren ideologische Bedeutung für die Reichsgründung 1871, kommt in einer Streitschrift von Emil du Bois Raymond vom Jahre 1874 sehr klar zum Ausdruck (zit. nach Dieckmann 1989: 348): „Die Sprache war lange beinahe das einzige Band, welches die jetzt das Reich ausmachenden deutschen Stämme zusammenhielt. Ihr verdankt das Reich seine Neuerstehung.“ Und in seinem großen Standardwerk zur Geschichte der deutschen Sprache akzeptiert von Polenz (2013: 10–11) sehr klar die Annahme, dass die politische Einigung auf der Basis der eher erfolgten identitätsstiftenden sprachlichen Einigung geschah:
Im Laufe des 18. Jh.s hat die kulturpatriotische Bewegung – mehr als ein Jahrhundert vor der Gründung eines deutschen Nationalstaates – die Kodifizierung und gesellschaftliche Anerkennung der deutschen Schriftsprache als Kulturnationalsprache in den Oberschichten erreicht und auch in den deutschen Mittelschichten bis um 1800 eine mindestens passive deutsche Schriftsprachkompetenz und Sprachloyalität von der Nord- und Ostseeküste bis in die Alpenländer bewirkt. Sie stellt eine wichtige, aber noch rein kulturelle, noch nicht auf staatliche Macht hin orientierte Voraussetzung für die Entstehung des schwierigen, zwischen Kultur und Politik widersprüchlichen deutschen Nationalbewusstseins im 19. Jh. dar.
3. Die sprachliche Situation aus der Perspektive der Soziolinguistik
3.1. Zur Heterogenität des deutschen Sprachraums
Wie Durrell (2002) zeigen wollte, muss diese Vorstellung von dem Verhältnis von Sprache und Nation im 19. Jahrhundert jedoch im Lichte der sprachlichen Vielfalt des deutschsprachigen Raumes hinterfragt werden, denn die Frage stellt sich, wie es angesichts der Heterogenität der damals existierenden Sprachformen zur Annahme einer einheitlichen „deutschen Sprache“ kommen konnte. Auch ist das von Herder, Fichte und nationalistischen Ideologen aufgestellte Postulat, dass eine solche grundlegende „deutsche“ Sprache seit Jahrhunderten (etwa seit dem Karolingerreich, wenn nicht noch früher) existiert habe, eine klare Fiktion. Dieses Postulat fußt jedoch auf verbreiteten Mythen über die Sprache, so wie sie Watts (2011, 2012) beschreibt, und zwar insbesondere auf dem „Mythos der grundlegenden homogenen Sprache“, dem „Mythos der unveränderlichen Sprache“ und dem „Mythos der althergebrachten Sprache“. Watts bezieht sich dabei in erster Linie auf das Englische, aber seine Einsichten lassen sich ohne grundsätzliche Änderungen auf das Deutsche übertragen, denn diese Mythen lassen sich ohne Weiteres im deutschsprachigen Raum belegen – nicht zuletzt weil sich die Skepsis gegenüber dem Konzept der Plurizentrizität letztendlich auf die Annahme des verbreiteten Mythos der grundlegenden homogenen Sprache zurückführen lässt. Auch ist es klar, dass die oben dargestellten Vorstellungen von Herder, Fichte und anderen über Sprache in solchen Mythen verankert sind. Dass sie grundlegende Probleme dieser Vorstellungen erkannt haben könnten, lässt sich gut aus Fichtes Versuch ersehen, die Tatsachen der beobachtbaren sprachlichen Änderungen zu verniedlichen und dadurch die Annahme einer seit Jahrhunderten bestehenden einheitlichen Sprache des Volks zu retten.
Die in Durrell (2002) geäußerten Ansichten über die mit dem Versuch verbundenen Probleme, die Vorstellung einer einheitlichen „deutschen Sprache“ mit der Tatsache der Heterogenität der existierenden Sprachformen zu vereinbaren, liegt die Einsicht von Barbour (1991: 45) zugrunde, die „deutsche Sprache“ sei um 1800 „little more than a standard language spoken by a tiny minority of the population, superimposed on a group of related but highly divergent dialects with often almost no mutual comprehensibility“. Auch Mattheier (2000: 1951) schreibt, dass das Hochdeutsche um diese Zeit „eine minimale soziolinguistische Realität“ gehabt habe. Das „Hochdeutsche“ war nämlich Anfang des 19. Jahrhunderts eine fast ausschließlich in der Schrift verwendete Varietät, die im Laufe eines (zu dieser Zeit noch nicht vollständigen) schreibsprachlichen Standardisierungsvorgangs entstanden war. Sie wurde allein von einer bürgerlichen Elite verwendet und diese hatte sie nur im Bildungsprozess erwerben können, denn sie war keiner irgendwo gesprochenen Sprachform entstammt, sondern war das Ergebnis eines Selegierungsprozesses unter den regionalen Schreibsprachen der frühen Neuzeit. Haugen (1966) hat die europäischen Standardsprachen, die aus solchen Prozessen hervorgegangen sind, sehr treffend als „kulturelle Artefakte“ bezeichnet, und das gilt in sehr hohem Maße für das Hochdeutsche. Wie Barbour (1991, 1994) dargestellt hat, gibt es keinen rein linguistischen Grund, warum sich aus den regionalen Schreibsprachen der frühen Neuzeit nicht drei oder vier Standardsprachen entwickelten – und letztendlich lässt sich die heutige Plurizentrizität des Deutschen z.T. auf diese Unterschiede zurückführen.
Im Hinblick auf die Vielfalt der gesprochenen Varietäten im deutschsprachigen Raum um 1800 und die Künstlichkeit und soziale Beschränktheit des Hochdeutschen muss gefragt werden, wie eine derartige sprachliche Einheitlichkeit vorausgesetzt werden konnte, die als ethnolinguistische Rechtfertigung für das Streben nach einem Nationalstaat im 19. Jahrhundert angesehen werden konnte. Trotz der oben angeführten Behauptungen von Herder, Fichte und anderen hat es im Karolingerreich natürlich kein einheitliches „deutsches“ Volk mit einer einheitlichen Sprache gegeben, der man dann eine ungebrochene Existenz bis in die Neuzeit zusprechen könnte. Diese Vorstellung war in den gebildeten Bevölkerungsschichten weit verbreitet, das lässt sich jedoch sehr klar auf die gängige Annahme einer (mythischen) grundsätzlich unveränderlichen, homogenen, althergebrachten Sprache zurückführen. Unter anderem widerspricht das Ablösen des Niederländischen aus dem westgermanischen Sprachkontinuum in der frühen Neuzeit und seine Entwicklung als selbstständige Standardsprache der These einer seit frühester Zeit erkennbaren und von den Sprachteilhabern selbst erkannten sprachlichen Einheit eines Volkes, das stets die gleiche „deutsche“ Sprache gesprochen habe (vgl. Durrell 2002, 2009). Mit der verbreiteten Akzeptanz dieser These kamen aber dann auch wissenschaftliche Bemühungen auf, die Geschichte dieser „Nationalsprache“ zu ergründen, die auf eine historisch basierte Legitimierung für einen Nationalstaat hinzielte, dessen Ursprung sich ebenfalls bis in früheste Zeiten zurückverfolgen ließe. Ähnliche Sprachgeschichten mit einer nationalistischen Zielsetzung entstanden zu dieser Zeit in anderen europäischen Ländern, z.B. in England (vgl. Crowley 2003). Die angeblich jahrhundertealte Einheit eines Volkes, das stets das gleiche „Deutsch“ gesprochen hätte, ist letztendlich ein Mythos der nationalistischen Sprachgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert, die das Ziel hatte, die politische Einigung im Nachhinein zu rechtfertigen. Eine „Geschichte der deutschen Sprache“ wurde nämlich geschaffen, um zu beweisen, dass eine als „Deutsch“ erkennbare Sprache, und daher ein „deutsches“ Volk, mindestens seit der Gründung des Karolingerreichs existiert hätte. So gelang es den Sprachhistorikern, das ideologische Konstrukt von einem Volk zu etablieren, dessen Nationalbewusstsein sich bis zum Anfang seiner Geschichtsschreibung mit der Gründung seines ersten Staatsgebildes zurückverfolgen lässt. Dieses Nationalbewusstsein gründet sich seinerseits auf die Perzeption, dass die Mitglieder des Volks die gleiche Sprache redeten, die sie immer noch besitzen und nach der sie sich bezeichnet hatten (vgl. Durrell 2009), und nach der Auffassung der nationalistischen Sprachgeschichtsschreibung hätten sie dieses Bewusstsein einer grundlegenden ethnolinguistischen Einheit durch die Jahrhunderte der politischen Fragmentierung bewahrt. Dieses Konstrukt, das sich auch mit der gleichzeitig aufkommenden Vorstellung der „verspäteten Nation“ bzw. des deutschen „Sonderwegs“ (vgl. Wilson 2016: 3 u. 678) verbinden lässt, hatte einen außerordentlich kräftigen Symbolwert, vor allem weil es die Gründung eines neuen deutschen Nationalstaats durch den Bezug auf einen früheren legitimierte. Indem es auch auf andere gängige Vorstellungen über die deutsche Geschichte anspielt, hat es den Vorteil einer gewissen Plausibilität. Aber das Konstrukt ist letztendlich ein Mythos.
3.2. Zur sozialen Bedeutung von Standardsprachen
An dieser Stelle müssen wir jedoch die Grenzen der soziolinguistischen Perspektive erkennen und uns vor deren Beschränktheit hüten. In den letzten 50 Jahren hat sich die relativ neue soziolinguistische Forschung darum bemüht, das ganze Spektrum der Variation in einer Sprachgemeinschaft und die Bedingungen des Gebrauchs von Varietäten und Varianten eingehend zu untersuchen und die Funktion der Variation in der Gesellschaft zu verstehen, neuerdings auch in einem historischen Kontext (vgl. u.a. Elspaß et al. 2007). Die Prestige- bzw. Standardvarietät sollte nicht mehr den alleinigen Fokus der linguistischen Untersuchung bilden, wie es früher oft der Fall gewesen war, und Sprachwissenschaftler sind von den präskriptiven und normativen Traditionen der Vergangenheit abgekommen, die Milroy & Milroy (1999) treffend als die „Ideologie des Standards“ bezeichnet haben. Dazu gehört die Vorstellung, dass es nur eine gültige, bzw. „korrekte“ Form einer Sprache gebe und dass jede Abweichung von den Normen dieser Varietät als unrichtig oder schlecht zu betrachten sei. Auch wurde die Entstehung sowie auch der Status von Standardvarietäten in Sprachgemeinschaften eingehend untersucht, was zu der schon erwähnten Erkenntnis von Haugen (1966) führte, dass es sich bei diesen grundsätzlich um „kulturelle Artefakte“ handelt, die charakteristischerweise durch die häufig absichtlichen Bestrebungen einer Bildungselite entstehen, der es im Laufe der Zeit gelingt, die Sprachgemeinschaft zu überzeugen, dass nur die von ihr präferierten Sprachformen Gültigkeit besitzen und dass andere konkurrierende Formen nicht korrekt bzw. einfach schlecht seien (vgl. für das Deutsche Davies & Langer 2006). Dabei ist zu erkennen, dass diese Elite von dem Mythos einer grundsätzlich homogenen und unveränderlichen Sprache ausgeht und ihre Bemühungen als die Festlegung dieser Varietät für alle Zeiten versteht (vgl. Joseph 1987). Solche Standardsprachen sind dann typischerweise Sprachen der Macht, die ihr Prestige von der kulturellen Elite gewinnen, die sie geschaffen hat, und sie werden im Bildungswesen als die allein gültigen Formen aufgezwungen und des Öfteren mit dem Staat als „Nationalsprachen“ identifiziert. In diesem Fall entwickeln sie einen enormen Symbolwert als repräsentativ für die Einheit und Selbstständigkeit des Staates oder der Nation und können letztendlich als Legitimierung für die Existenz des Staates benutzt werden. Viele Staaten haben Maßnahmen ergriffen, um die Vorherrschaft einer solchen Sprache sicherzustellen und dabei eine Situation zu schaffen, die mit Herders Vorstellung übereinkommt, dass der ideale Staat ethnolinguistisch einheitlich sein sollte, mit einem einzigen Sprachvolk in dessen erblichem Territorium.
Jedoch kann eine zu enge soziolinguistische Perspektive zu einer Unterschätzung der Funktion und des Status von Standardvarietäten und zu einer Überbewertung der Bedeutung der sprachlichen Variation führen. Auch heute wird diese Perspektive außerhalb der Sprachwissenschaft selten vollständig wahrgenommen, so dass die mit der „Ideologie des Standards“ verbundenen Mythen in weiten Kreisen der Bevölkerung häufig ohne Hinterfragung akzeptiert werden, insbesondere die Vorstellung, dass es eine einzig gültige, homogene Sprachvarietät gibt, so wie sie in den gängigen Standardwerken kodifiziert ist, und dass Abweichungen davon als Sprachverfall oder dgl. zu bewerten seien und von einem Mangel an Bildung, niedrigem sozialem Status, rustikaler Rückständigkeit oder sittlicher Verderbtheit zeugen. Diese Vorstellung herrschte aber schon Ende des 18. Jahrhunderts vor, zu einer Zeit, als Kompetenzen im Hochdeutschen ausschließlich im Bildungsprozess erworben werden konnten, weil es niemandes Primärsprache war. Für die Bildungselite galt aber diese Varietät als die „deutsche Sprache“ schlechthin. Für die Grammatiker des 17. und 18. Jahrhunderts, die die endgültige Form der Standardsprache kodifizierten, waren die Mythen einer homogenen, unabänderlichen Sprache eine Selbstverständlichkeit und sie stellten es sich als Ziel vor, die – in den Termini von Schottel (vgl. McLelland 2011) – grundrichtigen und somit für alle gebildeten Sprachteilhaber verbindlichen Formen dieser Sprache festzustellen. Wie Joseph (1987: 17) zu diesem Prozess schreibt: „There existed a general belief in an original God-given language, and in original, perfect and static forms of existing languages, from which actual usage could err“. Dialekte und andere gesprochene Varietäten wurden für korrupte Abweichungen von diesen festen Normen oder einen von Ungebildeten herrührenden Sprachverfall gehalten. Man nahm an, dass diese ursprüngliche, „echte“ Sprache mit Hilfe von Vernunft und Logik aufgedeckt und ihre Grammatik und Lexik dann für alle Zeiten in der Form von Präskriptionen kodifiziert werden konnte.
Diese Schreibsprache war im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts weitgehend kodifiziert (vgl. von Polenz 2013: 144–192) und im ganzen Reich als verbindliche Form des geschriebenen Deutsch akzeptiert worden – auch im Norden trotz des großen Unterschieds zu den autochthonen niederdeutschen Mundarten und in Österreich, wo bis zur theresianischen Sprachreform etwas andere Normen gegolten hatten (vgl. Wiesinger 2000). Und dieses Hochdeutsch war es und nicht irgendwelche gesprochenen Varietäten, das den wichtigsten Fokus für die Bestrebungen nach der Gründung eines Nationalstaates im 19. Jahrhundert bildete. Typisch für allgemeine Vorstellungen über Sprache im 19. Jahrhundert – sowie oft noch heute – war die Tatsache, dass man die Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache nicht zur Kenntnis nahm und dass man allein auf die geschriebene Sprache achtete. Wie Anderson (1991: 43–46) erkannt hat, genießen allein „print-languages“ Prestige, was sich auf drei Funktionen gründet. Erstens sind sie ein einheitliches Kommunikationsmittel für alle Sprecher der vielen Varietäten, die eine auch nur lose Verwandtschaft mit dieser Schriftsprache aufweisen. Dabei handelte es sich zunächst vielleicht um eine kleine Bildungsschicht, aber für diese bedeutete sie eine gemeinsame Kultur, die schon seit langem bestanden hatte, und für gebildete Deutsche im 19. Jahrhundert war die „Nation“ genau die durch diese Sprachform gestaltete Kulturnation. Zweitens haben „print-languages“ den Anschein der Permanenz. Sie entsprechen dadurch dem Mythos der Homogenität und der Unabänderlichkeit und scheinen die Vorstellung zu bestätigen, dass sie die ursprüngliche, althergebrachte, „reine“ Sprache verkörpern. Diese ahistorische Betrachtungsweise, die Annahme, dass es diese Sprache in genau dieser Form (wie auch das dazu gehörige Sprachvolk) immer gegeben hat, ist wesentlich für die Vorstellungen des 18. Jahrhunderts über Sprache und liegt den Ansichten Herders über das Verhältnis von Sprache und Volk zugrunde, sowie auch Fichtes Ideen über die Ursprünglichkeit des deutschen Volks und seiner Sprache. Drittens sind „print-languages“ die Sprachen von Herrschaft und Macht, sie wurden vornehmlich von einer Bildungselite geschaffen und deren Verbreitung ist ein Zeichen für die anhaltende kulturelle Dominanz dieser Elite. Abweichende Varietäten werden stigmatisiert und marginalisiert. Anderson (1991) verweist in diesem Kontext ausdrücklich auf das Beispiel des Niederdeutschen, und in der Tat stellt eine der bemerkenswertesten und zugleich wichtigsten Aspekte der deutschen Sprachgeschichte der Ersatz des Niederdeutschen als Schriftsprache in Norddeutschland nach 1600 dar (vgl. Sanders 1982 und von Polenz 2013: 234–240), denn dadurch sind die Einwohner des Nordens „Deutsche“ geworden (bzw. geblieben) und ihre angestammten Dialekte gelten als Varietäten der deutschen Sprache, obwohl sie linguistisch gesehen dem Niederländischen näher stehen.
Ein besseres Verständnis der Entwicklung wird daher nur möglich, wenn wir die Sprache und insbesondere die sprachliche Variation aus der zeitgenössischen Perspektive betrachten und nicht aus dem heraus, was uns die moderne Soziolinguistik darüber gelehrt hat. Denn es ist letztendlich das standardisierte Hochdeutsch gewesen, das im 19. Jahrhundert zum zentralen Fokus der nationalistischen Ideologie wurde, obwohl es sich, wie oben ausgeführt, von allen gesprochenen Varietäten des Deutschen unterschied und fast ausschließlich in der Schrift von einer kleinen Bildungselite verwendet wurde, wie Heinrich Bauer im ersten Band seiner Vollständige[n] Grammatik der neuhochdeutschen Sprache bestätigte (1827: I, 146): „In keiner Provinz Deutschlands wurde Hochdeutsch je gesprochen“ (zit. nach Evans 2004: 21). Diese Unterschiede in den tatsächlich verwendeten gesprochenen Varietäten waren jedoch nicht relevant, denn diese wurden als ungebildete Abweichungen aufgefasst, da allein die homogene und kodifizierte schriftliche Varietät als das echte korrekte Deutsch galt. Wie Hobsbawm (1992: 113) schreibt, am wichtigsten ist „the written language, or the language spoken for public purposes“, denn „linguistic nationalism was the creation of people who wrote and read, not of people who spoke.“ Und diese Gruppe, das Bildungsbürgertum, war es, die im 19. Jahrhundert die Ideen von Herder, Fichte, Humboldt und anderen über die Einzigartigkeit von Sprachvölkern aufnahm: Die ethnolinguistische Einheit der Sprach- oder Kulturnation, so wie diese auf der Basis der in der Schrift verwendeten Varietät empfunden wurde, galt als Legitimierung für das Streben nach einer Staatsnation, einem Ziel, das dann durch die Reichsgründung 1871 erfüllt wurde – obwohl das kleindeutsche Reich keineswegs dem Herderschen Ideal eines ethnolinguistisch einheitlichen Staats entsprach, dem alle deutschen Muttersprachler, und nur diese, angehörten.
4. Zu einer Neuevaluierung der Bedeutung des „Alten Reichs“ im Standardisierungsprozess
Mit der kleindeutschen Reichsgründung unter preußischer Führung wurde jedoch dann eine narrative Teleologie assoziiert, nach der sie als Endpunkt eines natürlichen und unabänderlichen geschichtlichen Prozesses aufgefasst wurde. Diese wurde schon in den 1840er Jahren von Droysen in seinen Vorlesungen über das Zeitalter der Freiheitskriege suggeriert, wo er nach Sheehan (1989: 842–843) die Meinung vertrat, dass „it belonged to the true nature of the state to be national, and to the true nature of the Volk to have a state“, und sie kommt auch nach der Reichsgründung in Treitschkes Deutsche[r] Geschichte im neunzehnten Jahrhundert sehr klar zum Ausdruck. Diese These bezeichnet Hughes (1988: 150) als „a deliberate perversion of Germany’s history designed to present it as unbroken progress towards the Prussian-led creation of Kleindeutschland in 1871“. Allerdings lebe sie nach ihm immer noch im allgemeinen Bewusstsein weiter. Nach dieser Auffassung wurde durch die deutsche Einigung 1871 das natürliche Schicksal der Nation erfüllt, das im Mittelalter durch den Zerfall des Reichs nach der Stauferzeit und später durch die Einmischung fremder Mächte vereitelt worden war, was die ungerechte Verspätung der deutschen Nationsbildung zur Folge gehabt hatte. Dies war nun überwunden, und das deutsche Volk hatte nunmehr den Nationalstaat, der ihm immer zugestanden hatte. Diese Darstellung des Laufs der deutschen Geschichte gilt heute als vollkommen überholt, obwohl Wilson (2016: 3) schreibt, dass sie „still continues as the ‘basso continuo’ of German historical writing and perception, not least because it appears to make sense of an otherwise thoroughly confusing past“, aber ein Aspekt davon lebt immer noch weiter, und zwar die Vorstellung, dass das „Alte Reich“ ein im 18. Jahrhundert völlig überholtes Staatsgebilde gewesen sei, eine strukturlose Zusammensetzung von unbedeutenden Duodezfürstentümern und dgl., die keineswegs als nationaler Staat der Deutschen angesehen werden kann.
Damit gelangen wir jedoch zur zweiten eingangs gestellten Frage, und zwar wie bzw. warum trotz der Vielfalt der sprachlichen Variation eine einzige standardisierte Varietät der deutschen Sprache in diesem zerbröckelnden Reich ohne Hauptstadt und ohne zentrale Machtbasis entstehen konnte. Eine Antwort lässt sich nur finden, wenn wir die heute noch verbreiteten Vorstellungen über das „Alte Reich“ und den Verlauf der deutschen Geschichte in der frühen Neuzeit hinterfragen sowie auch die damit verbundene These, dass die sprachliche Einigung der politischen Einigung vorausging und erst die Basis für diese schuf. Dazu ist eine grundsätzliche Neubewertung des herkömmlichen Bilds des Heiligen Römischen Reichs nötig, indem wir erkennen müssen, dass das traditionelle in der deutschen Geschichtsschreibung kolportierte Konstrukt auch zur besprochenen „deliberate perversion of German history“ (Hughes 1988: 150) beiträgt, und zwar zur Darstellung der Reichsgründung unter preußischer Führung als Überwindung des Partikularismus, unter dem die deutsche Nation nicht nur nach dem Wiener Kongress gelitten hatte, sondern auch während des ganzen Bestehens des „Alten Reichs“.
Diese herkömmliche Darstellung des Verlaufs der deutschen Geschichte seit dem Mittelalter wurde jedoch in letzter Zeit stark revidiert. In der einleitenden Zusammenfassung des Inhalts von Evans et al. (2011) heißt es:
Over the last forty years or so, research on the history of the Holy Roman Empire of the German Nation (1495–1806) has been transformed almost beyond recognition. Once derided as a political non-entity, a chaotic assemblage of countless principalities and statelets that lacked coercive power and was stifled by encrusted structures and procedures, the Reich has been fully rehabilitated by more recent historiography. […] The multi-layered, federal structure of the old Empire and its system of collective decision-making have been held up as a model for a peace-loving, multi-ethnic Europe, a European Union avant la lettre. Other historians have described the Reich as the first German nation-state, a political configuration based not on power and expansion, but on rights and liberties, the rule of law and a structural lack of capacity for aggression.
Ausführliche Darstellungen dieser Neubewertung findet man außer bei Evans et al. (2011) vor allem bei Schmidt (1999), Whaley (2012) und Wilson (2016). In diesen Arbeiten wird z.B. die Ansicht vertreten, dass das Reich genauso gut als ein zusammenhängender, kohärent organisierter Staat zu betrachten sei wie andere, die zu dieser Zeit in Europa existierten, insbesondere nach der Reichsreform am Wormser Reichstag 1495. Es war natürlich kein Staat im modernen Sinne, aber wir müssen uns davor hüten, geschichtliche Staatsgebilde nach modernen politologischen Kriterien zu beurteilen. Insbesondere sind die Bemerkungen von Whaley (2012: 650) für unsere Diskussion relevant: „The constructed memories after 1871 came to overlay any sense of the Reich as it had actually existed“ sowie (2012: 441): „Diversity and complexity was no obstacle to a sense of belonging to a larger system or to identifying this system with the wider national community of the Germans. […] the overwhelming majority of educated Germans seems to have associated the Reich with the ‚nation‘.“ Wilson (2016: 7) beurteilt die Situation ähnlich: „Germans already saw themselves as a political nation well before unification in 1871, identifying the Empire as their natural home“. Eine ausführlichere Darstellung der sprachlichen Verhältnisse im „Alten Reich“ bietet Wilson (2016: 259–262).
Diese neuen Forschungsergebnisse führen unabdingbar zu dem Schluss, dass die These einer politischen Einigung auf der Basis einer schon vorhandenen sprachlichen Einigung auch ein ideologisches Konstrukt der nationalistischen Geschichtsschreibung um die Zeit der Reichsgründung war, mit dem Ziel, diese durch nicht-politische Argumente zu rechtfertigen. Die Neubewertung der Geschichte des „Alten Reichs“ lehrt uns aber, dass man sich als Deutscher vornehmlich durch die Identifizierung mit einem Territorium, und zwar mit dem des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, bezeichnete und letztendlich Untertan des Kaisers war, und nicht weil man Deutsch als Muttersprache hatte. Allerdings war, wie Abb. 1 zeigt, Deutsch die dominante Sprache innerhalb dieses Territoriums. Dann (1996: 45) behauptet zwar:
Aufgrund seines universalen Charakters und seiner territorialen Dimension konnte dieses Reich nicht zum Nationalstaat eines einzigen Volkes werden; seine politischen Grenzen deckten sich fast nirgendwo mit den ethnischen Siedlungsgrenzen seiner Bevölkerung.

Abb. 1: Reichsgrenze und Sprachgrenze1
Bei näherem Hinsehen ist diese Ansicht aber keineswegs stichhaltig. Erstens gibt es kaum einen heutigen europäischen Nationalstaat, dessen politische Grenzen mit sprachlichen übereinstimmen und der somit ethnisch einheitlich wäre. Aus Abb. 1 lässt sich klar erkennen, dass das „Alte Reich“ in dieser Hinsicht viel einheitlicher war als das Deutsche Reich von 1871, denn es fanden sich verhältnismäßig wenige Deutschsprachige außerhalb seiner Grenzen – wir haben es vorwiegend mit den relativ neulich vom Reich abgespalteten Gebiete des Elsass und der Schweiz, sowie Gebieten, die nie zum Reich gehörten, wie Ostpreußen und den Sprachinseln im Osten zu tun – und innerhalb des Reichs waren verhältnismäßig wenige Nicht-Deutsche – vor allem in den südlichen Niederlanden, in Böhmen und Mähren, im Tirol und im heutigen Slowenien. In Preußen und dem Habsburger Reich waren natürlich sehr viele Angehörige anderer Volksgruppen, aber diese Gebiete lagen jenseits der eigentlichen Reichsgrenzen.
Durch diese Schlussfolgerung wird natürlich die These, dass im deutschen Sprachgebiet vor allem die Sprache identitätsstiftend war, grundsätzlich in Frage gestellt. Wir können weiter daraus schließen, dass der Standardisierungsvorgang im Deutschen ebenso sehr mit einem Staatsterritorium verbunden war wie im Falle von ähnlichen Vorgängen bei den anderen größeren europäischen Sprachen und auf der Identifizierung mit diesem Territorium als Nationsstaat beruhte. Da dieser Staat kein politisches Zentrum und keine Hauptstadt hatte, entstand die Standardvarietät, anders als in Frankreich, England oder Spanien, nicht an einem königlichen Hof und hatte keine Verbindung mit einer gesprochenen Varietät (etwa an einem fürstlichen Hof). Sie entstammte einem relativ komplizierten und erst in letzter Zeit einigermaßen einwandfrei erforschten Selegierungsprozess unter regionalen Schreibvarietäten (vgl. z.B. von Polenz 2013: 144–192). Aber sie war nicht minder eine werdende National- und Staatssprache als die anderen europäischen Sprachen, und die kulturpatriotischen Grammatiker und Dichter, die sie pflegen wollten, haben sie explizit als solche betrachtet. Insbesondere sind Gottscheds Bemühungen in der Deutschen Gesellschaft so zu verstehen, denn sie bezeugen nach Whaley (2012: 342) „a growing identification with the Reich“ und stellten sich als Ziel vor, dass
true patriots should seek to speak a common High German language free of dialect or provincial elements, and in this way the cultivation of the common language would be the first step towards the promotion of the ‚honour of the Germans‘.
So entstand im 17. und 18. Jahrhundert eine standardisierte Sprache, die den zeitgenössischen Ansprüchen an eine homogene Kultursprache entsprach, in einem Staatsgebilde, mit dem sich die maßgeblich am Prozess der Standardisierung beteiligte Bildungselite identifizierte und die es als „Deutschland“ bezeichnete. Auf diese Weise unterstützt der hier dargestellte Standardisierungsvorgang die von Schmidt (1999), Whaley (2012) und anderen vorgeschlagene Neubewertung des „Alten Reichs“ und widerlegt die traditionelle Annahme, dass in Deutschland die sprachliche Einigung vor der politischen Einigung erfolgte. Wir konnten zeigen, dass es sich bei dieser These um ein ideologisches Konstrukt handelt, das die Gründung des kleindeutschen Reichs 1871 unter preußischer Führung rechtfertigen und diese gleichzeitig als den lang ersehnten ersten echten deutschen Nationalstaat vorstellen sollte, der es eigentlich nicht war. Und auf dieser Basis lässt sich natürlich auch erklären, dass diese Sprache nach der modernen Etablierung unabhängiger Staaten mit Deutsch als offizieller Landessprache auch polyzentrisch geworden ist.
5. Literatur
Anderson, Benedict (1991): Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism. London, New York: Verso.
Barbour, J. Stephen (1991): Language and nationalism in the German-speaking countries. In: Meara, Paul & Ann Ryan (Hrsg.): Language and Nation. London: BAAL & CILT, 39–48.
Barbour, J. Stephen (1994): Language and nationalism. Britain and Ireland, and the German-speaking area. In: Parry, Mair M. et al. (Hrsg.): The Changing Voices of Europe. Social and Political Changes and their Linguistic Repercussions, Past, Present and Future. Papers in Honour of Glanville Price. Cardiff: University of Wales Press, 325–335.
Barnard, Frederick M. (1965): Herder’s Social and Political Thought. From Enlightenment to Nationalism. Oxford: Clarendon Press.
Bonnell, Andrew G. (2003): Rez. von Umbach, Maiken (Hrsg.) (2002): German Federalism. Past, Present, Future. In: Australian Journal of Politics and History 49/1, 145–146.
Crowley, Tony (2003): Standard English and the Politics of Language. Basingstoke, New York: Palgrave Macmillan.
Dann, Otto (1996): Nation und Nationalismus in Deutschland 1770–1990. München: Beck.
Davies, Winifred V. & Nils Langer (2006): The Making of Bad Language. Lay Linguistic Stigmatisations in German: Past and Present. Frankfurt am Main etc.: Peter Lang.
Dieckmann, Walter (Hrsg.) (1989): Reichthum und Armut deutscher Sprache. Reflexionen über den Zustand der deutschen Sprache im 19. Jahrhundert. Berlin, New York: de Gruyter.
Durrell, Martin (2002): Political unity and linguistic diversity in nineteenth-century Germany. In: Umbach, Maiken (Hrsg.): German Federalism. Past, Present, Future. Basingstoke, New York: Palgrave, 91–112.
Durrell, Martin (2009): Deutsch: Teutons, Germans or Dutch? The problems of defining a nation. In: Horan, Geraldine et al. (Hrsg.): Landmarks in the History of the German Language. Oxford etc.: Peter Lang, 169–188.
Elspaß, Stefan et al. (Hrsg.) (2007): Germanic Language Histories ‚from Below‘. Berlin, New York: de Gruyter.
Evans, Robert J.W. (2004): Language and state-building. The case of the Habsburg monarchy. In: Austrian History Yearbook 35, 1–24.
Evans, Robert J.W. et al. (Hrsg.) (2011): The Holy Roman Empire 1495–1806. Oxford: Oxford University Press.
Glenny, Misha (2014): Rez. von Pisani, Elizabeth: Indonesia Etc. Exploring the Improbable Nation. In: The Observer, 24 July 2014 (http://www.theguardian.com/books/2014/jul/24/indonesia-etc-exploring-improbable-nation-elizabeth-pisani-review. Zuletzt am 21.04.2016).
Grimm, Jacob (1884): Kleinere Schriften. Berlin: Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung.
Haugen, Einar (1966): Language, Dialect, Nation. In: American Anthropologist 68, 922–935.
Herder, Johann Gottfried (1984): Werke. Hrsg. von Wolfgang Pross. Band III, Teil 1. Hanser: München.
Hobsbawm, Eric J. (1992): Nations and Nationalism since 1780. Programme, Myth, Reality. 2. Aufl. Cambridge: Cambridge University Press.
Hughes, Michael (1988): Nationalism and Society. Germany 1800–1945. London: Edward Arnold.
Joseph, John E. (1987): Eloquence and Power. The Rise of Language Standards and Standard Languages. London: Frances Pinter.
König, Werner et al. (2015): dtv-Atlas Deutsche Sprache. 18. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
Mattheier, Klaus J. (2000): Die Durchsetzung der deutschen Hochsprache im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert: sprachgeographisch, sprachsoziologisch. In: Besch, Werner et al. (Hrsg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 2. Aufl. Berlin, New York: de Gruyter, 1951–1957.
McLelland, Nicola (2011): J.G. Schottelius’s Ausführliche Arbeit von der Teutschen HauptSprache (1663) and its Place in Early Modern European Vernacular Language Study. Chichester, Malden MA: Wiley-Blackwell.
Meinecke, Friedrich (1908): Weltbürgertum und Nationalstaat: Studien zur Genesis des deutschen Nationalstaates. München: Oldenbourg.
Milroy, James & Lesley Milroy (1999): Authority in Language. Investigating Language Prescription and Standardisation. 3. Aufl. London: Routledge & Kegan Paul.
Polenz, Peter von (2013): Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. 2. Aufl. bearb. von Moulin, Claudine. Berlin, Boston: de Gruyter.
Sanders, Willy (1982): Sachsensprache, Hansesprache, Plattdeutsch. Sprachgeschichtliche Grundzüge des Niederdeutschen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Schmidt, Georg (1999): Geschichte des alten Reiches. Staat und Nation in der frühen Neuzeit 1495–1806. München: Beck.
Sheehan, James J. (1989): German History 1770–1866. Oxford: Oxford University Press.
Treitschke, Heinrich von (1879–1894): Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. 5 Bände. Leipzig: S. Hirzel.
Watts, Richard J. (2011): Language Myths and the History of English. Oxford: Oxford University Press.
Watts, Richard J. (2012): Language myths. In: Hernández-Campoy, Juan M. & J. Camilo Conde-Silvestre (Hrsg.): The Handbook of Historical Sociolinguistics. Malden MA, Oxford: Wiley-Blackwell, 585–606.
Whaley, Joachim (2012): Germany and the Holy Roman Empire (1493–1806). 2 Bde. Oxford: Oxford University Press.
Wiesinger, Peter (2000): Nation und Sprache in Österreich. In: Gardt, Andreas (Hrsg.): Nation und Sprache. Die Diskussion ihres Verhältnisses in Geschichte und Gegenwart. Berlin, New York: de Gruyter, 525–562.
Wilson, Peter H. (2016): The Holy Roman Empire. A Thousand Years of Europe’s History. London: Allen Lane, The Penguin Press.
Normwidrigkeit oder Variationsspielraum? Die Varianten des Standarddeutschen als sprachliche Zweifelsfälle
Regula Schmidlin
1 Einleitung
2 Varianten als Zweifelsfälle
3 Zur linguistischen Konzeptualisierung standardsprachlicher Variation
4 Zur Einschätzung standardsprachlicher Variation
5 Standardsprachliche Variation im Kräftefeld der Norminstanzen
6 Literatur
1. Einleitung
Sprachliche Varianten werden dort besonders deutlich wahrgenommen, wo es ein erhöhtes Bedürfnis gibt, sprachlichen Normen gerecht zu werden. Dies ist beim Gebrauch der Standardsprache, ganz besonders in ihrer schriftlichen Form, sicherlich der Fall. Dass die Standardsprache kein homogenes Gebilde ist, sondern über unterschiedlich verbreitete, aber gleichermassen korrekte Varianten verfügt, deren Angemessenheit kontextuell bedingt sein kann, ist hinlänglich bekannt. Auf welche Weise wird die standardsprachliche Variation in der (germanistischen) Linguistik konzeptualisiert (Kap. 3)? Wie gehen Sprecherinnen und Schreiber damit um und wodurch werden ihre Auffassungen von Korrektheit und Standardsprachlichkeit geprägt (Kap. 4)? Wie stellen sich Normautoritäten dazu (Kap. 5)? Diesen Fragen geht der vorliegende Beitrag nach und knüpft teilweise an die Beiträge von Gatta, Davies und Wyss in diesem Band an. Zunächst wird jedoch dafür argumentiert, dass die Varianten des Standarddeutschen als Zweifelsfälle betrachtet werden können. Dabei wird auf Kleins theoretisches Modell zur Erfassung sprachlicher Zweifelsfälle zurückgegriffen (Klein 2003), das insofern modifiziert wird, als unterschiedliche Sprecherperspektiven berücksichtigt werden (Kap. 2).
2. Varianten als Zweifelsfälle
Varianten mit dem Potenzial, sprachliche Zweifelsfälle zu sein, können auf allen sprachlichen Systemebenen vorkommen und haben verschiedene Ursachen. Manchmal sind sie ein Begleitphänomen des sich durch den Sprachgebrauch allmählich ergebenden Sprachwandels. Wenn eine ältere Variante, z.B. sie gebiert, von der neueren Variante, sie gebärt, dabei ist, abgelöst zu werden, kommt es zu einer Überlappung der Geltung einer älteren und einer neueren Form. Dies fordert entsprechende metasprachliche Erklärungen in den Kodices. Neue oder alternative Formen lösen aber nicht nur Zweifel und Fragen aus – Was ist richtig? Wie soll es heissen? –, sondern unterliegen auch Wertungen, wenn auch zuweilen nur individuellen ästhetischen Präferenzen. Dies zeigen zahlreiche, aus der jüngsten Rechtschreibreform des Deutschen hervorgegangene Formen, die gleichermassen korrekt sind (Albtraum, Alptraum). Zudem kommt es bei jeder Form synchroner Variation innerhalb der Standardsprache, die teils subsistenter, teils aber statuierter und lexikographisch kodifizierter Normierung unterliegt, zu Wertungen. So kann man das Graphem <ß>, das im Schweizerhochdeutschen (ausser in der Schreibung von Eigennamen mit originärem <ß>) nicht praktiziert wird, schöner finden als <ss> und es in einem Text mit Deutschschweizer Autorschaft vermissen; oder man kann in Deutschland und Österreich bedauern, dass die ß-Schreibung neu geregelt worden ist. Mit genau demselben Recht kann man hingegen das <ß> umständlich finden, ja sogar störend beim elektronischen Datenaustausch.
Sprachliche Varianten und somit potenzielle Zweifelsfälle entstehen nicht nur durch Sprach(normen)wandel und Sprachkontakt, sondern auch durch fachsprachliche Prägungen, unterschiedliche Stillagen und regionale sowie – vgl. das soeben erwähnte Beispiel des Graphems <ß> – nationale Variation. Gerade in Produktionssituationen mit hohen Normerwartungen, also in formellen beruflichen und schulischen Kontexten, im öffentlichen Sprachgebrauch und generell bei der schriftlichen Textproduktion, hat man auch als kompetente(r) L1-Sprecher(in) immer wieder Zweifel an der Korrektheit und Angemessenheit bestimmter sprachlicher Formen. Da in der gesprochenen Sprache eine höhere Normtoleranz und Variantenakzeptanz vorliegen, kommen Zweifelsfälle oft erst in der schriftlichen Sprachproduktion auf. Bereits die historische Betrachtung von Zweifelsfällen zeigt die Stigmatisierung sprachlicher Varianz auf. Die Herausbildung der deutschen Schriftsprache vom 18. Jahrhundert an bestand unter anderem gerade darin, Zweifelsfälle, die sich durch Doppelformen ergaben, zu beseitigen. Die Vorstellung, dass Kulturräume durch eine einheitliche Standardsprache zusammengehalten respektive gegeneinander abgegrenzt werden müssen, kulminierte in der Zeit der Herausbildung der Nationalstaaten zudem in der Überzeugung, dass ein Staat im Idealfall durch eine Sprachnation gebildet werden soll, die von einer einheitlichen, „reinen“ Hochsprache umklammert wird. Konsequenterweise wird hier sprachliche Variation als Störfaktor empfunden. Dass nicht nur die Mundarten, sondern auch Standardsprachen dynamische Systeme sind, die keine vollständige Einheitlichkeit aufweisen und ebenfalls räumlich strukturiert sind, wurde unter dem Einfluss der (zunächst anglophon geprägten) Sozio- und Variationslinguistik von der Mitte des 20. Jahrhunderts an zunehmend thematisiert und erforscht.
Was nun die sprachlichen Zweifelsfälle anbelangt, zu welchen die Dynamik von Sprachsystemen führt, so rückt damit der Sprecher selbst in den Fokus, d.h. der Prozess, den die Zweifelsfälle auslösen, nämlich das Zweifeln als Begleitprozess der Sprachproduktion oder der (bewertenden) Sprachrezeption.
Gemäss Klein wurde die Erforschung von sprachlichen Zweifelsfällen lange marginalisiert (Klein 2009: 141). Er spricht dann von Zweifelsfällen, wenn eine Unsicherheit nicht partikulär ist, sondern ein kollektives Problem darstellt. Ein sprachlicher Zweifelsfall liege dann vor,
wenn (kompetente) Sprecher kommunizieren, im Blick auf die eigene Sprachproduktion (plötzlich) über verschiedene sprachliche Möglichkeiten (Varianten) nachdenken und sich nicht (einfach) für eine der bewusst werdenden Möglichkeiten entscheiden können (Klein 2009: 142).
An anderer Stelle sagt er:
Ein sprachlicher Zweifelsfall ist eine sprachliche Einheit (Wort/Wortform/Satz), bei der kompetente Sprecher (a.) im Blick auf (mindestens) zwei Varianten (a, b…) in Zweifel geraten (b.) können, welche der beiden Formen (standardsprachlich) (c.) korrekt ist […] (Klein 2003: 2).
Mit (a.), (b.) und (c.) spezifiziert Klein drei Bedingungen für Zweifelsfälle: dass es sich (a.) um kompetente Sprecher und nicht etwa um Lernende handelt, dass (b.) die Fähigkeit zu zweifeln ein metasprachliches Bewusstsein voraussetzt und dass (c.) die Existenz von Zweifelsfällen auf die Standardsprache beschränkt ist. Als Beispiele nennt Klein: Friede oder Frieden?, Kriegführung oder Kriegsführung?, des Kindes oder des Kinds? Klein fokussiert auf Zweifelsfälle, deren Varianten formseitig teilidentisch sind. Dies ist allerdings für das sprachliche Zweifeln keine Bedingung.
Das zweifelnde Subjekt ist also der kompetente Sprecher. Varianten, die aufgrund mangelnden Wissens von Lernenden erzeugt werden, gelten in dieser Systematik folglich nicht als Zweifelsfälle. Klein (2003) unterscheidet deren drei Typen: Freie Variation: a und b sind ohne Restriktionen gebräuchlich, z.B. gern/gerne. Graduelle Variation: a ist gebräuchlicher als b, z.B. magrer/magerer. Nullvariation: a ist gebräuchlich und richtig, b ist ungebräuchlich und falsch, z.B. Felsblöcke/Felsblocks. Letzterer Typ, die Nullvariation, scheint zunächst mit der Kategorie Fehler zusammenzufallen. Den Unterschied zwischen Fehler und Zweifelsfall sieht Klein (2003: 8) darin, dass ein Fehler nachträglich als solcher erkannt und beurteilt wird. Beim Zweifelsfall hingegen bleibe auch rückblickend der Zweifel, welche der Formen, die zur Wahl stehen, die adäquate sei, bestehen.
Weiter unterteilt Klein die Zweifelsfälle in konditionierte und unkonditionierte. Diese unterscheiden sich darin, dass die Varianten der konditionierten Zweifelsfälle zumindest teilweise in unterschiedlichen Kontexten verankert sind (Klein 2009: 150). Demnach lassen sich Voraussetzungen für die jeweilige Variante bestimmen, z.B. in Bezug auf ihre regionale oder nationale Geltung, die kommunikative Praktik (Fiehler 2000), in der sie geäussert wird, in Bezug auf die individuelle Kommunikationssituation oder die mediale Übertragungsform. Unkonditionierte Zweifelsfälle hingegen können nicht an einen Kontext oder an eine Bedingung gebunden werden. Ihr Gebrauch schwankt unabhängig vom Gebrauchskontext. Sie sind für Klein „Zweifelsfälle im engeren Sinn“ (Klein 2009: 151). In dieser Dichotomie figurieren die Nullvarianten offensichtlich nicht mehr.
Versucht man nun, Varianten des Standarddeutschen nach Kleins Kategorien einzuteilen, zeigt sich, dass es freie Variation gibt, wenn in Österreich sowohl Vorrang als auch Vorfahrt für das ‚Recht, eine Kreuzung oder Einmündung zeitlich vor einem anderen herankommenden Fahrzeug zu passieren‘ verwendet wird; graduelle Variation, wenn die Pluralform Balkone im deutschen Sprachraum insgesamt gebräuchlicher ist als Balkons; konditionierte Variation, wenn in bestimmten Gebieten des Deutschen Sprachraums das E-Mail häufiger vorkommt als die E-Mail (Näheres dazu s. Niehaus Kap. 4.2. in diesem Band) oder wenn die Bevorzugung einer Variante von einem bestimmten Verwendungszusammenhang abhängt. Dies ist beispielsweise bei der lexikalischen ost-österreichischen Variante Obers für ‚oben schwimmender, fetthaltiger Teil der Milch; flüssiger Süßrahm‘ der Fall, für die in Rezepten und in Fremdenverkehrsgebieten auch häufig Sahne gebraucht wird (s. Ammon et al. 2016: 612f.). In Bezug auf die kognitive Verfügbarkeit von Variantenreihen gelingt die Übertragung von Kleins Zweifelsfallmodell, wonach kompetente Sprecher (plötzlich) über verschiedene sprachliche Möglichkeiten nachdenken, nicht in allen Fällen. Auch wenn z.B. für die Bedeutung ‚Recht, eine Kreuzung oder Einmündung zeitlich vor einem anderen herankommenden Fahrzeug zu passieren‘ die Sprecherinnen und Sprecher tatsächlich mehrere Varianten in ihrem mentalen Lexikon zur Verfügung haben dürften, trifft dies nicht bei allen Variantenreihen zu. Um der Dynamik der Variation auch innerhalb der Standardsprache gerecht zu werden, gilt es, Kleins Typen von Zweifelsfällen jeweils mit der spezifischen Sprecherperspektive in Verbindungen zu bringen und zwischen der Eigen- und Fremdperspektive zu differenzieren. Ein Modell, das die Perspektivierung nicht nur im Hinblick auf unterschiedlich konditionierte Textprodukte, sondern auch im Hinblick auf das zweifelnde Subjekt berücksichtigt, ist die Konzeption der Plurizentrik bzw. Pluriarealität von Standardsprachen.
3. Zur linguistischen Konzeptualisierung standardsprachlicher Variation
Das Modell der Plurizentrik von Standardsprachen trägt dem Umstand Rechnung, dass Standardsprachen überall dort, wo sie National- oder Amtssprachen sind, aufgrund politisch-historischer Eigenentwicklung der betreffenden Gebiete Besonderheiten aufweisen. Dass das Nebeneinander (und nicht hierarchische Übereinander) von Standardvarietäten nicht zum kommunikativen Chaos führt, zeigt uns die Anglophonie (Trudgill & Hannah 2008). Britizismen gelten nicht als korrektere Varianten als Varianten anderer englischer Varietäten. Umgekehrt halten bspw. Amerikaner Britizismen nicht für weniger korrekt als die Varianten des General American Standard, auf den man sich global zunehmend bezieht und der (in Bezug auf den kommunikativen Umsatz weltweit) deshalb als dominante Varietät gelten dürfte. Das Englische kann auch auf eine lange plurizentrische lexikographische Tradition zurückblicken – begünstigt durch seine globale Verbreitung und die geographische Abgrenzung der einzelnen Standardvarietäten. Auch die Varietäten der südlichen Hemisphäre sind Teile des englischen Standardvarietätenkonglomerats. Wie verhält es sich im Vergleich dazu mit der Plurizentrik des Deutschen?
Die lexikalischen und semantischen nationalen und regionalen Varianten des Standarddeutschen sind mittlerweile gut dokumentiert und lexikographiert (Ammon et al. 2004, Ammon et al. 2016.) Die Variation der Standardsprache wird nicht durch die Landesgrenzen allein strukturiert, sondern ist auch regional bedingt (vgl. dazu sowie zur theoretischen Debatte zur Plurizentrik und Pluriarealität des Deutschen Niehaus in diesem Band). Quantitativ von geringerer Bedeutung als lexikalische und semantische Varianten sind grammatische Formen, deren systematische Erforschung erst in jüngster Zeit eingesetzt hat. Allerdings ist auch dieser Bereich nicht zu unterschätzen, wie die aktuellen Ergebnisse des Projekts Variantengrammatik des Standarddeutschen zeigen (Dürscheid & Elspaß 2015). Nachfolgend werden einige Beispiele solcher grammatischen Formen genannt, die Anlass zum Zweifel geben könnten, wo jedoch mehrere Varianten als korrekte Standardsprache gelten. Ich stütze mich bei den Beispielen auf Götz (1995), Bickel & Landolt (2012), Elspaß, Engel & Niehaus (2013), Dürscheid, Elspaß & Ziegler (2011), Dürscheid & Sutter (2014), aber auch auf Material des Variantenwörterbuchs (Ammon et al. 2004, 2016). Um der Anschaulichkeit willen werden die genannten Fälle im Folgenden gleich in Sprechakten des Zweifelns formuliert: Wo sagt man bin gestanden und wo habe gestanden? Darf man auch in einem formellen Text ich bin am Arbeiten schreiben, wenn man meint, dass man gerade dabei ist zu arbeiten? Was ist häufiger: Bestandesaufnahme oder Bestandsaufnahme, Mittelklass- oder Mittelklassehotel? Ist die artikellose Konstruktion bei Anfang oder Ende plus Zeitangabe (Ende Jahr, Anfang Februar) korrekt, inkorrekt oder salopp? Heisst es gewoben oder gewebt, gespiesen oder gespeist? Fragt man bei jemandem an oder jemanden an? Nimmt man sich jemandem an oder jemandes an? Mit welchen Genera können diese Wörter vorkommen: Salami, Achtel, Radio, Spray, Kamin? Welche Pluralformen haben Park und Bogen? Heisst das Wetter ändert etwas anderes als das Wetter ändert sich? Bereits sind die Professuren besetzt – ist an dieser Satzstellung etwas falsch? Vergleichbar selten, aber markant und lexikographisch bzw. grammatikographisch schwierig darstellbar sind pragmatische Unterschiede, also Unterschiede im Sprachgebrauch in bestimmten Situationen. Was sagt man nach einer kurzen Unterbrechung eines Telefongesprächs: Da bin ich wieder? Sind Sie noch da? Ebenfalls auf der Ebene der Sprachpragmatik anzusiedeln sind textuelle Unterschiede. In der geschäftlichen Brief- und Mailkorrespondenz zum Beispiel setzt man in der Deutschschweiz gewöhnlich nach der Anrede kein Komma und beginnt die erste Zeile der Nachricht mit Grossschreibung.
Rechtfertigen es nun solche Beispiele, von der Plurizentrik des Deutschen zu sprechen? Dazu hat es in der Linguistik einige Diskussionen gegeben. Einwände gegenüber dem plurizentrischen Konzept der deutschen Standardsprache können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden. Genannt sei als erstes die quantitative Argumentation. Aus dieser Perspektive handelt es sich bei der plurizentrischen Variation um ein paar hundert lexikalische Besonderheiten, die nicht genügen, um von einer eigenen Varietät sprechen zu können – im Sinne Wardhaughs (1987), der in Bezug auf das Englische meinte, dass die Standardvariation eher eine Frage von flavor als von substance sei. Quantitativ argumentiert wird auch in Bezug auf die Lautung. So hat Besch (1990) vorgebracht, dass es die nationale und regionale Variation zwar gebe, dass sie sich aber auf die lautliche Ebene beschränke. Wer wesentliche Elemente nationaler Variation in der Schriftlichkeit suche, suche am falschen Platz, so Besch. Die Schrifteinheit, wie er es nennt, sei die Klammer der deutschen Sprachkultur. Weiter gibt es die Argumentation in Bezug auf die normative Geltung. Aus dieser Sicht gibt es zwar Varianten, diese seien aber dialektal. Konkrete Fälle standardsprachlicher Variation würden nicht nur von Laien, sondern auch von Sprachexperten unterschiedlich eingeschätzt. Dadurch, dass man sich in bestimmten Fällen auch unter Modellsprechern, Kodifiziererinnen und Normautoritäten über den standardsprachlichen Status der Varianten uneinig ist, sei sowohl das Konzept der Plurizentrik als auch der Pluriarealität in Frage gestellt. Ein weiterer Einwand gegen das plurizentrische Sprachkonzept ist derjenige, dass die postulierten nationalen Varietäten zu wenig einheitlich seien und es bereits innerhalb dieser Nationalvarietäten grosse areale Unterschiede gebe (vgl. Greule 2002: 58). Hier wird die alte Gliederung des deutschen Sprachraums stärker gewichtet als es die heutigen Staatsgrenzen werden. Gegenüber dem plurizentrischen Modell von Standardsprachen werden ferner kulturpolitische Einwände geäussert. Aus dieser Sicht ist die sprachliche und kulturelle Einheit durch standardsprachliche Varietäten bedroht. Scharfe Kritik wird schliesslich an der Begrifflichkeit der Plurizentrik-Theorie geübt, namentlich am tatsächlich problematischen Begriff Teutonismus (Schmidlin 2011: 75).
Was kann diesen Kritikpunkten entgegengehalten werden? Was die strukturlinguistisch und quantitativ orientierten Einwände anbelangt, ist auf den Unterschied zwischen Types und Tokens hinzuweisen. Gemessen an den Types, also am lexikalischen Inventar, betrifft die Variation der Standardsprache, wie bereits erwähnt, tatsächlich nur einen kleinen Teil des Wortschatzes. Je nach Textsorte kommen diese Wörter aber als Tokens recht oft vor und führen zu Differenzen in der Wahrnehmung von Texten (Schmidlin 2011: 177). Was die normative Geltung anbelangt, so trifft es zwar zu, dass die Einschätzung der Standardsprachlichkeit von Varianten divergieren kann, sogar unter Lexikographinnen und Lexikographen. Jedoch kommen Varianten auch in Qualitätszeitungen vor, welche in der modernen Lexikographie als Beleglieferanten eingesetzt werden, und ein deskriptiver lexikographische Ansatz fordert die Berücksichtigung dieser Varianten ein. Ferner kann das Argument, die Normautoritäten seien sich in Bezug auf die Beurteilung der Standardsprachlichkeit von Varianten des Standarddeutschen selbst nicht einig, dadurch entkräftet werden, dass dies bei anderen Variationsdimensionen, etwa der Stilebene, nicht anders ist. Zum areallinguistischen Einwand, wonach die nationalen Varietäten regional bereits sehr uneinheitlich seien, sei gesagt: Im plurizentrischen Konzept haben beide Variationstypen Platz. Die regionale und die nationale Variation schliessen einander nicht aus. So weist auch Reiffenstein (2001) auf die Durchkreuzung und Unterlagerung der nationalen Varietätsgrenzen durch regionale Variation hin. Niemand wird bestreiten, dass unspezifische Varianten – solche, die sich über die Regionen von mehr als einem Zentrum erstrecken (z.B. Bayern und Österreich) – ungleich häufiger sind als spezifische (z.B. nur in Österreich geltend). Dennoch gibt es sprachliche Bereiche, bei denen Staatsgrenzen kognitiv als Isoglossen wirken können. Mit den Staatsgrenzen gehen Sachspezifika und ein institutionell bedingter Wortschatz einher, wie etwa die Sprache der Gesetzgebung. Diese lexikalischen Spezifika wirken besonders auf die sprachliche Identitätsbildung und Identitätserkennung ein. Dem areallinguistischen Einwand kann also entgegengehalten werden, dass es die nationalen Varianten durchaus gibt, wenn auch viele davon Ausdrücke sind, die an nationale Sachspezifika gebunden sind, namentlich die politischen Systeme, das Schulwesen und das weite Feld der übrigen amtssprachlichen Bereiche. Was schliesslich die gefürchtete Bedrohung der sprachkulturellen Kohäsion betrifft: Die deutsche Sprache blickt auf eine lange plurizentrische Tradition zurück. Insgesamt war ihre Entwicklung seit der frühen Neuzeit eher eine Entwicklung der Konvergenz als der Divergenz. Beispiele für letztere (vgl. etwa DDR-Varianten) sind selten. Was für die Plurizentrik (unter Mitberücksichtigung der pluriarealen Variation) vor allem spricht, ist die sprachliche Realität selbst. Als Tokens lassen sich Varianten der Standardsprache besonders in alltäglichen und institutionellen Domänen in hoher Frequenz belegen, auch über Texte mit Lokalkolorit hinaus. Sie werden produziert und als solche von den Sprechern wahrgenommen. Das bedeutet nicht, dass die Varietäten des Deutschen als starre und klar definierte Konstrukte gesehen werden sollen; als System im System sind sie innerer und äusserer Dynamik unterworfen. Dass sich Sprecherinnen und Sprecher verschiedener Standardvarietäten in der Interaktion einander anpassen können und exonormative Varianten übernehmen können, muss ebensowenig als Widerspruch gegenüber dem Modell der Plurizentrik gelten; die Möglichkeit der sprachlichen Akkommodation der Sprecherinnen und Sprecher spricht nicht per se gegen Varietäten, mit denen sich die Sprecherinnen und Sprecher identifizieren.
Kommt dazu, dass man sich in einigen Fällen – das betrifft besonders die Lexik – für eine Variante aus einer Variantenreihe entscheiden muss, weil es keine überdachende gemeindeutsche Variante gibt. Dies zeigen z.B. die Variantenreihe Fleischer, Metzger, Fleischhauer, Schlachter etc. und Institutionalismen wie Matura, Matur und Abitur. Dies wird oft vergessen, wenn das monozentrische Modell (wonach die Standardsprache ein geographisch lokalisierbares Zentrum hat und eine Peripherie, die sich mit den Dialekten mischt) dem plurizentrischen Modell als das auch in der Didaktik einfacher handhabbare Modell gegenübergestellt wird mit dem Empfehlung, auf das Gemeindeutsche oder „Binnendeutsche“ (zur Problematik dieses Begriffs Schmidlin 2011: 87) zu fokussieren.
4. Zur Einschätzung standardsprachlicher Variation
Wie ich an anderer Stelle ausführlich dargelegt habe (Schmidlin 2011, Schmidlin 2013), gilt aus Sicht der Sozio- und Variationslinguistik das monozentrische Modell zwar als überholt, es ist jedoch dasjenige Modell, auf das im Zweifelsfall zurückgegriffen wird. Aus der Psychologie wissen wir, dass Einstellungen eine affektive, eine kognitive und eine konative Komponente haben. Mit konativ ist gemeint, dass Einstellungen handlungsleitend sind. Wenn wir davon ausgehen, dass das Zweifeln an der Korrektheit und Angemessenheit sprachlicher Varianten eine Form sprachlichen Handelns darstellt und dass dieses Handeln von Einstellungen geleitet wird, lohnt es sich zu fragen, welche Faktoren diese Handlung beeinflussen.
In Schmidlin 2011 werden mittels eines Internetfragebogens bei über 900 Sprecherinnen und Sprechern aus dem ganzen deutschen Sprachraum Gebrauch und Einschätzung nationaler und regionaler Varianten des Standarddeutschen erhoben. Dabei wurde nicht nur die nationale, sondern auch die regionale Herkunft der Gewährspersonen als Einflussfaktoren erfasst, womit dem im vorliegenden Aufsatz vertretenen Postulat der Perspektivierung des Zweifelns entsprochen wird. U.a. wurden die Gewährspersonen gefragt, mit welchem Wort sie den Satz Er stolperte und bemerkte, dass seine … offen waren am ehesten ergänzen würden, wenn sie diesen in einem Brief oder einem Schulaufsatz schreiben müssten. Sie hatten Schuhbändel, Schuhbänder, Schnürsenkel und andere Varianten zur Auswahl. Als markanteste Variantenloyalitätsgrenze zeigte sich hier die Landesgrenze. Die Gewährspersonen aus Deutschland wählten am ehesten diejenige Variante, die gemäss areallinguistischen und lexikographischen Befunden „ihre“ eigene Variante ist – d.h. die Südwestdeutschen wählten Schuhbändel, die Nord- und Mitteldeutschen Schnürsenkel. Mittlere Loyalitätswerte wiesen Gewährpersonen aus Österreich auf: Sie wählten Schuhbänder neben Schnürsenkel. Die Deutschschweizer aber hielten in dieser Versuchsanlage jeweils Schnürsenkel für angemessener – sie wählten die „eigene“ Variante also eher ab. Auch bei der Beurteilung einer Serie von Varianten im Hinblick darauf, ob sie dialektal, eher dialektal, eher standardsprachlich oder standardsprachlich sind – z.B. einlangen, speditiv, Klassenfahrt, besammeln –, zeigt sich die Landesgrenze als kognitive Grenze, halten doch alle Gewährspersonen aus Deutschland die südlichen Varianten eher für dialektal (was aber die Südwestdeutschen interessanterweise nicht davon abhält, „ihre“ Variante im Lückentext zu wählen), während ihnen die Gewährspersonen aus der Schweiz und vor allem aus Österreich eher standardsprachlichen Status zuschreiben. Aber insgesamt zeigt sich, dass am standardsprachlichen Status der empirisch belegbaren und als standardsprachlich kodifizierten Varianten des Standarddeutschen in einer elizitierten Beurteilungssituation generell gezweifelt wird. Inwiefern sie sie für konditionierte Zweifelsfälle halten, konnte mit dem verwendeten Untersuchungsdesign allerdings nicht erhoben werden.
Beim Befund, dass regionale und nationale Varianten trotz ihrer Belegbarkeit in der Mediensprache und trotz ihrer Aufnahme in die einschlägigen Kodices in den Augen der Sprecherinnen und Sprecher Zweifelsfälle sind, wenn sie einzeln und in eingeschränktem textuellen Kontext abgefragt werden, zeigt sich eine gewisse Widersprüchlichkeit, wie sie die Kolleginnen und Kollegen aus Österreich bezogen auf die österreichische Standardvarietät immer wieder erwähnen (Wyss in diesem Band spricht vom „schielenden Blick auf die eigene Sprache“). Im elizitierten Zweifelsfall, in dem Varianten zur Auswahl gegeben werden, greift man offenbar auf ein Standardsprachenkonzept zurück, das auf die National- und Einheitssprachenideologie des 19. und 20. Jahrhunderts verweist (vgl. dazu Elspaß 2005). Warum tut man das? Die Soziolinguistik hat es vor langer Zeit gezeigt, und auch die Laienlinguistik oder Folk-Linguistik weist es nach: Spracheinstellungen beeinflussen das sprachliche Handeln massgeblich. Sie tun dies, weil sich Sprecherinnen und Sprecher über den Sprachgebrauch sozial nach verschiedenen Parametern gegenseitig bewerten. Man schliesst vom Sprachgebrauch auf persönliche und soziale Eigenschaften. Indem wir also aus der Fülle der stilistischen, fachsprachlichen oder auch regionalen Varietäten, die uns zur Verfügung stehen, auswählen, bestärken oder verhindern wir Bewertungen. Sprachbiographisch gesehen werden wir ja bei weitem nicht nur in Lern- und Lehrkontexten für die Art und Weise, wie wir uns sprachlich ausdrücken, bewertet; es ist ein soziolinguistischer Automatismus, den wir selber dauernd erfahren und den wir selber dauernd praktizieren. Dies könnte auch die Variantenskepsis beim schriftlichen Sprachgebrauch, welcher bei den in diesem Kapitel referierten Erhebungen mit ihrem metasprachlichen Fokus den Rahmen bildete, erklären. In der Meinung, gute Standardsprachkompetenz mit variantenfreien Texten nachweisen zu müssen, nimmt man bei der elizitierten Bewertung wenn immer möglich von Varianten Abstand – auch wenn es sich dabei aus linguistischer Sicht nicht um (gefürchtete) Dialektinterferenzen handelt. Der Widerspruch aber zum regelmässigen Vorkommen von Varianten1 in Textsorten, die durchaus Vorbildcharakter haben, bleibt.
5. Standardsprachliche Variation im Kräftefeld der Norminstanzen
Wie die in Kap. 3 erwähnte Internetbefragung von über 900 Gewährspersonen zeigt, ist das in der Variationslinguistik und Lexikographie gut etablierte Konzept der Plurizentrik, das auf einer soliden empirischen Basis fusst (vgl. z.B. Schmidlin 2011: 144–177), in den Einstellungen der Sprecherinnen und Sprecher kaum vorhanden (vgl. Schmidlin 2011: 179–281). Insbesondere den Varianten des südlichen deutschen Sprachgebiets wird der standardsprachliche Status nicht zugetraut, selbst wenn ebendiese Varianten in Qualitätszeitungen belegt werden können und in den Kodices als standardsprachlich ausgewiesen sind.
Auch die Art und Weise, wie Lehrpersonen Sprachnormen vermitteln, wird von ihren eigenen Einstellungen gegenüber der Sprachvariation und ihrem theoretischen Konzept der Standardsprache geprägt. Lehrpersonen bilden einen Teil des Kräftefeldes, welches hinter der Standardisierung und Normierung von Sprachen steht: Sie werden als Normautoritäten wahrgenommen, die neben Lexikographinnen und Lexikographen, Modellsprechern und -schreiberinnen sowie Sprachexpertinnen und -experten das Kräftefeld der Sprachnormierung bilden (vgl. Ammon 1995: 80), auch wenn sie sich dieser Rolle möglicherweise nicht immer bewusst sind. Über die Gewichtung dieser einzelnen Akteure in Ammons Modell kann man diskutieren; unabhängig davon sind Normen nichts anderes als das Produkt sozialer Prozesse, in denen bestimmte sprachliche Phänomene einen normativen Status bekommen oder dabei sind, diesen zu bekommen, andere nicht oder noch nicht (vgl. Auer 2014). Normen sind nichts mehr als dies, aber auch nichts weniger.
Wird jedoch verinnerlicht, in einer Sprachregion zu leben, wo nicht richtig Hochdeutsch gesprochen (oder sogar geschrieben) wird, kann sich dies negativ auf das Selbstbild in Bezug auf die standardsprachliche Kompetenz auswirken – zum Selbstbild der Standardsprachkompetenz bei Deutschschweizerinnen und Deutschschweizern vgl. z.B. Schläpfer, Gutzwiller & Schmid (1991), Hägi & Scharloth (2005), Schmidlin (2011: 231f) sowie Studler (2013).1 Um dem negativen Selbstbild in Bezug auf die Standardsprachlichkeit entgegenzuarbeiten, sollen sprachliche Zweifelsfälle nicht als Kristallisationspunkt der eigenen vermuteten standardsprachlichen Defizite verstärkt werden – „weil ich in der Standardsprache unsicher bin, weiss ich nie, ob man Bahnhofbuffet oder Bahnhofsbuffet schreibt“ –, sondern als Zeichen der Dynamik des Sprachsystems betrachtet werden. Die innere Mehrsprachigkeit (de Cillia 2014) soll nicht in sprachliche Selbstzweifel münden („ich spreche verschiedene Varietäten des Deutschen, ich mische sie, ich fühle mich unsicher“), sondern als Ausgangspunkt für eine Form des Nachdenkens über Sprache dienen, das über die Dichotomie von korrekter vs. nicht korrekter Standardsprache hinausgeht (vgl. Rastner 1997, de Cillia 2014: 16) und vor der vielschichtigen Frage der situativen2, textuellen3 und inhaltlichen Angemessenheit4 bestimmter Varianten nicht zurückschreckt.5
Man könnte jetzt den Standpunkt vertreten, dass bereits die nicht regional und national bedingten Zweifelsfälle (vgl. den „Zweifelsfälle-Duden“, DUDEN 2011) genug sprachdidaktische Arbeit verursachen, und dass man den schulischen Unterricht mit der Kategorie der Zweifelsfälle, die durch die plurizentrische Sprachvariation entstehen, nicht zusätzlich belasten möchte. Tatsächlich ist gemäss Dürscheid & Sutter (2014) der Anteil der Zweifelsfälle im Zweifelsfälle-Duden, die ganz explizit auf regionale und nationale Varianten zurückgeführt werden können, gering: Nur 348 Einträge enthalten einen expliziten Verweis auf ein Geltungsareal (nordd. 29, südd. 63, deutschl. 10, schweiz. 97, österr. 149).6 Regional und national bedingte Zweifelsfälle nun aufgrund ihrer relativ geringen Anzahl Types zu vernachlässigen, halte ich nicht für angemessen, da die Varianten als Tokens – z.B. bin gestanden und habe gestanden – durchaus häufig sind. Zudem sind im Korpus, das dem Zweifelsfälle-Duden zugrunde liegt, vor allem die „Süddeutsche Zeitung“, die „Frankfurter Rundschau“, „Die Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ massgeblich. Dagegen wurden die überregionale Presse Österreichs und der Schweiz nur in sehr geringem Umfang berücksichtigt. Das Wörterbuch der Zweifelsfälle, von dem man ja annehmen könnte, es sei für alle Zweifelsfälle des Deutschen das einschlägige Referenzwerk, scheint in Bezug auf die regionale und nationale Variation des Standarddeutschen also nicht umfassend genug zu sein. Die Situation wird jedoch dadurch entschärft, dass man sich über die Standardsprachlichkeit von sehr vielen Varianten bereits in anderen Wörterbüchern ein Bild machen kann – oder könnte, wenn man wollte.
Es gibt verschiedene Studien, die nachweisen, dass Lehrkräfte in ihren Korrekturen sprachliche Formen und Ausdrucksweisen anstreichen, die von den Kodices eigentlich zugelassen werden (vgl. Davies 2000 und Davies in diesem Band), von den Lehrkräften dennoch mehrheitlich als falsch angestrichen werden – im Sinne von Klein 2003 also wie eine Nullvariante behandelt wird. Henggeler (2008) zeigte ebenfalls auf, dass einige Konstruktionen von Lehrerinnen und Lehramtsanwärtern als falsch angestrichen werden, obwohl die Kodizes die Formen ausdrücklich akzeptieren, wie z.B. der doppelte Akkusativ neben der ebenfalls standardsprachlich anerkannten Dativ-Akkusativ-Konstruktion (Dieses Abenteuer kostete mich /mir fast das Leben). Ferner sind Korrekturen von Lehrkräften heterogen und zuweilen widersprüchlich. Häcker (2009) (vgl. Dürscheid 2011: 163) konnte grosse Unterschiede in der Korrektur von Abiturarbeiten nachweisen. Die Fragilität des Fehlerbegriffs und die Varianz der Fehlerwahrnehmung und Fehlerkorrektur auch bei professionell mit Sprache umgehenden Personen zeigt eindrücklich Henning (2012) (vgl. Schneider 2013: 30).
An dieser Stelle fragt man sich vielleicht, wie es zu diesen Divergenzen und teilweise ungerechtfertigten Korrekturen kommen kann, die doch durch den Blick in einschlägige Wörterbücher und Grammatiken hätten vermieden werden können. Es geht mir hier nicht etwa darum, Wörterbücher gegen die sprachliche Intuition der Lehrerinnen und Lehrer in Stellung zu bringen, sondern vielmehr um ein Plädoyer für die Differenzierung zwischen statuierten, subsistenten und individuell vermuteten Normen. Die vielfältigen lexikographischen und korpuslinguistischen Mittel, die aus variationslinguistischer Forschung hervorgegangen sind, können dabei hilfreich sein.
Wie gut ist der Griff zum Wörterbuch oder zur Grammatik im Alltag von Lehrpersonen verankert? Wie bekannt sind die mittlerweile gut ausgebauten lexikographischen elektronischen Portale oder auch, für die explizite Thematisierung von Zweifelsfällen auf höheren Schulstufen, die durchsuchbaren Korpora wie DWDS7, OWID8 und COSMAS9? Auch zur im vorliegenden Aufsatz diskutierten standardsprachlichen Variation gibt es neben dem Variantenwörterbuch (Ammon et al. 2004, 2016) einige lexikographische Werke: Bickel & Landolt (2012), Meyer (2006), Ebner (2009), Österreichisches Wörterbuch (2012). Aber bereits in den Vollwörterbüchern (DUDEN Deutsches Universalwörterbuch 2015, Wahrig 2006) und in Wörterbüchern für Deutsch als Fremdsprache (z.B. Langenscheidts Grosswörterbuch Deutsch als Fremdsprache 2003) bekommt man Informationen zu nationalen und regionalen Varianten des Standarddeutschen. Selbst die Aussprachevariation der Standardsprache ist dokumentiert – s. z.B. König (1989) und Krech et al. (2010). Die lexikographische Datenlage zu den regionalen und nationalen Varianten des Standarddeutschen kann also als gut bezeichnet werden. Dennoch: Einzelne Studien weisen darauf hin, dass generell nicht gern in Wörterbüchern nachgeschlagen wird (Engelberg & Lemnitzer 2009: 86) – lieber nehme man ein grosses Mass an Unsicherheit bei der Textproduktion in Kauf, als dass man ein Wörterbuch zurate ziehe. Eine gewisse Wörterbuchabstinenz ist auch in anderen so genannten Sprachberufen beobachtbar. So wies Markhardt (2005) darauf hin, dass professionelle Übersetzerinnen und Übersetzer Zweifelsfälle eher informell im Fachkollegium klären, als sie in Wörterbüchern nachzuschlagen. Inwiefern trifft dies auch für Lehrerinnen und Lehrer zu? De Cillia (2014: 17) zitiert eine Interviewerhebung des Klagenfurter Deutschdidaktikers Werner Wintersteiner, woraus hervorgehe, dass für die Beurteilung der standardsprachlichen Korrektheit letztendlich die individuellen Normvorstellungen der Lehrkräfte ausschlaggebend seien. Gerade die Varietätenfrage finde im Unterricht kaum Niederschlag. Empirische Untersuchungen zum Nachschlage-Verhalten von Lehrkräften zur Klärung von varietätenbedingten Zweifelsfällen liegen erst punktuell vor. So hat z.B. eine Befragung von Läubli (2006) von 15 Lehrpersonen ergeben, dass zwar der Rechtschreibduden neben einem Schülerwörterbuch regelmässig konsultiert wird, aber keine Varianten überprüft werden.
Wie bereits erwähnt, gibt es eine Reihe von lexikographischen Werken, die Zweifelsfälle, die durch regionale und nationale Variation der Standardsprache entstehen können, zu klären helfen. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Kodices selbst nicht immer konsistent sind. Dürscheid & Sutter (2014) zeigen auf, dass das Wörterbuch Schweizerhochdeutsch. Wörterbuch der Standardsprache in der deutschen Schweiz (Bickel & Landolt 2012), das Variantenwörterbuch (Ammon et al. 2004) und das Wörterbuch Richtiges und gutes Deutsch. Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle (Duden 2011) Zweifelsfälle, die national und regional bedingt sind, teilweise unterschiedlich behandeln. Dies hänge einerseits damit zusammen, dass es keine klare Unterscheidung von standardsprachlichen und nonstandardsprachlichen Varianten gibt. Dürscheid & Sutter (2014) monieren zudem, dass das Variantenwörterbuch die Kategorie „Grenzfall des Standards“ in 10 % der Einträge vergibt. Dies trage nicht zur Klärung bei und sei für den Benutzer unbefriedigend. In einem Wörterbuch zur standardsprachlichen Variation erhoffe man sich eindeutige Aussagen zum Status einer Variante. Wo das nicht möglich sei, solle man besser auf einen Eintrag verzichten. Meines Erachtens handelt es sich bei diesen 10 % nicht um einen hohen, sondern im Gegenteil um einen geringen Anteil an Varianten, deren standardsprachlicher Status als nicht eindeutig ausgewiesen ist. Und anders, als Dürscheid & Sutter (2014) dies sehen, erachte ich die Markierung „Grenzfall des Standards“ gerade als besonders hilfreich bei der Klärung von (in Kleins Begrifflichkeit) konditionierten Zweifelsfällen, also solchen, deren Standardsprachlichkeit je nach Verwendungszusammenhang unterschiedlich beurteilt wird. Gerade die Grenzfälle des Standards halte ich als Ausgangspunkt für die Sprachreflexion für besonders wichtig. Sowohl Lehrkräfte als auch Lernende müssen damit umgehen lernen – auch mit dem Umstand, dass Varianten ihren Status ändern können. Dürscheid & Sutter (2014) nennen dazu das Beispiel, dass die nicht-reflexive intransitive Verwendung von ändern bspw. in Das Wetter ändert erst seit 2013 im Rechtschreib-Duden figuriert, und selbst die Mitglieder des Schweizerischen Dudenausschusses seien sich über die Standardsprachlichkeit dieser Konstruktion nicht durchwegs einig. Widersprüche in den Kodices liegen in der Natur der Dynamik von Varietätensystemen. Widersprüche in den Kodices sollen keine Entschuldigung sein, Wörterbücher nicht zu verwenden.
Bei der Vermittlung lexikographischer Kompetenzen sind die sprachwissenschaftliche Grundausbildung und die Fachdidaktik gleichermassen gefordert. Es geht nicht nur darum, dass Lehrkräfte Wörterbücher benutzen, sondern auch darum, das informative Potenzial von Wörterbüchern zu vermitteln und zu üben, wie man mit der Makro- und Mikrostruktur von Wörterbüchern umgeht. Gemäss Engelberg & Lemnitzer (2009) werden in Wörterbüchern generell vor allem die Rechtschreibung verifiziert sowie Bedeutungserklärungen nachgeschlagen. Andere Informationsangebote von Wörterbüchern werden ungleich seltener genutzt bzw. es wird nicht der für die spezifische Information vorgesehene lexikographische Slot verwendet. So würden Syntaxinformationen aus den Beispielen extrahiert anstatt aus dem grammatischen Apparat des Wörterbuchartikels (Engelberg & Lemnitzer 2009: 88). Die Umtexte von Wörterbüchern, welche explizite Erklärungen zur Lesart der Artikel liefern würden, werden selten zur Kenntnis genommen. Insgesamt konstatieren Engelberg & Lemnitzer (2009: 88–90) einen generellen Mangel in der Nachschlagkompetenz von Lernenden. Insbesondere in der muttersprachlichen Didaktik des Deutschen werde die Wörterbucharbeit nur unzureichend (sowie einseitig auf die Rechtschreibung fokussiert) berücksichtigt. Das Informationsangebot zur Angemessenheit der Lexik und Semantik und zu weiteren Sprachgebrauchsangaben wird offenbar zu wenig genutzt. Von zentraler Wichtigkeit im Zusammenhang mit regionalen und nationalen Zweifelsfällen scheint mir die Vermittlung des Stellenwerts arealer Markierungen zu sein. Möglicherweise kommt die Variantenskepsis dadurch zustande, dass die Markierungen schweiz. oder österr. nicht als Angabe zur Herkunftsregion einer standardsprachlichen Variante gelesen wird, sondern als Warnhinweis bei der Verwendung von Standardsprache – neben einem weiteren, weit verbreiteten Missverständnis, wonach ein Helvetismus eine Dialektvariante sei, die bei der Redaktion standardsprachlicher Texte eliminiert werden müsse.10 Dabei bräuchte es gerade für die Differenzierung zwischen Dialektalismen und standardsprachlichen Varianten – wahrscheinlich die grösste Herausforderung im Umgang mit variationsbedingten Zweifelsfällen – linguistisches Wissen und lexikographische Informiertheit. Die Variantentoleranz ist keineswegs ein Freipass für Dialektinterferenzen. Zum linguistisch-lexikographischen Wissen gehört, dass es keinen Grund gibt, das Poulet durch das Hähnchen oder das Trottoir durch den Bürgersteig zu ersetzen, aber dass gewunken als Partizip für winken standardsprachlich nicht korrekt ist, ebenso wie die einten und die andern anstatt die einen und die andern, anderst statt anders oder der ach-Laut anstelle des ich-Lauts bei der Aussprache, oder der ich-Laut anstelle des ach-Lauts.
Es gilt, zwischen dem Zweifeln selbst und den Zweifelsfällen zu unterscheiden (Dürscheid 2011: 155). Das didaktisch Interessante scheint der Prozess des Zweifelns zu sein, das Abwägen von Korrektheit und Angemessenheit. Antos (2003: 43) (vgl. Dürscheid 2011: 161) bringt es so auf den Punkt: „Dumme, Ignoranten, Stolze können nicht zweifeln. Ihnen fehlt gerade jenes Wissen, das sie benötigten, um Lücken, Unklarheiten oder Grenzen überhaupt erst erkennen zu können.“ Bleibt zu hoffen, dass die digitalen Möglichkeiten, lexikographische und grammatikographische Mittel zu nutzen, sowie korpusgestützte Analysen von Zweifelsfällen (vgl. dazu Konopka 2011) vermehrt Einzug in die Lehrerausbildung halten. Nicht nur, um Korrektheit und Angemessenheit von Varianten gezielt zu überprüfen, sondern auch um damit umgehen zu lernen, dass Varianten ihren Status ändern können und ihre Angemessenheit an einen spezifischen Verwendungszusammenhang gebunden sein kann, aber nicht muss.11
6. Literatur
Ammon, Ulrich (1995): Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Problem der nationalen Varietäten. Berlin, New York: de Gruyter.
Ammon, Ulrich, Hans Bickel, Jakob Ebner, Ruth Esterhammer, Markus Gasser, Lorenz Hofer, Birte Kellermeier-Rehbein, Heinrich Löffler, Doris Mangott, Hans Moser, Robert Schläpfer†, Michael Schlossmacher, Regula Schmidlin & Günter Vallaster (2004): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin, New York: de Gruyter.
Ammon, Ulrich, Hans Bickel & Alexandra Lenz (2016): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. Berlin, Boston: de Gruyter.
Antos, Gerd (2003): „Imperfektibles“ sprachliches Wissen. Theoretische Vorüberlegungen zu „sprachlichen Zweifelsfällen“. In: Linguistik online 16, 4/03.
Auer, Peter (2014): Enregistering pluricentric German. In: Silva, Augusto Soares da (Hrsg.): Pluricentricity. Language Variation and Sociocognitive Dimensions. Berlin, Boston: de Gruyter Mouton, 19–48.
Besch, Werner (1990): Schrifteinheit – Sprechvielfalt. Zur Diskussion um die nationalen Varianten der deutschen Standardsprache. In: German Life and Letters 43/2, 91–102.
Bickel, Hans & Christoph Landolt (2012): Schweizerhochdeutsch. Wörterbuch der Standardsprache in der deutschen Schweiz. Mannheim: Bibliographisches Institut.
Davies, Winifred V. (2000): Linguistic norms at school. A survey of secondary-school teachers in a central German dialect area. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, LXVII, 129–147.
De Cillia, Rudolf (2014): Innersprachliche Mehrsprachigkeit, Sprachnorm und Sprachunterricht. In: Ransmayr, Jutta, Andrea Moser-Pacher & Ilona Elisabeth Fink (Hrsg.): Österreichisches Deutsch und Plurizentrik. Innsbruck: Studien Verlag, 9–19.
Dudenredaktion (2011) (Hrsg.): Richtiges und gutes Deutsch. Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle. Mannheim: Dudenverlag.
Duden (2013): Die deutsche Rechtschreibung. Hrsg. von der Dudenredaktion. 26. Aufl. Berlin: Bibliographisches Institut GmbH.
Duden (2015): Deutsches Universalwörterbuch. Das umfassende Bedeutungswörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Hrsg. von der Dudenredaktion. Berlin: Dudenverlag.
Dürscheid, Christa (2011): Zweifeln als Chance? Zweifeln als Problem? Sprachliche Zweifelsfälle im Deutschunterricht. In: Köpcke, Klaus-Michael & Arne Ziegler (Hrsg.): Grammatik – Lehren, Lernen, Verstehen. Zugänge zur Grammatik des Gegenwartsdeutschen. Berlin, Boston: de Gruyter, 155–173.
Dürscheid, Christa & Patrizia Sutter (2014): Grammatische Helvetismen im Wörterbuch. In: Zeitschrift für angewandte Linguistik 60/1, 37–65.
Dürscheid, Christa & Stephan Elspaß (2015): Variantengrammatik des Standarddeutschen. In: Kehrein, Roland, Alfred Lameli & Stefan Rabanus (Hrsg.): Areale Variation des Deutschen – Projekte und Perspektiven. Berlin, New York: de Gruyter, 563–584.
Dürscheid, Christa, Stephan Elspaß & Arne Ziegler (2011): Grammatische Variabilität im Gebrauchsstandard – das Projekt Variantengrammatik des Standarddeutschen. In: Konopka, Marek et al. (Hrsg.): Grammar & Corpora/Grammatik und Korpora 2009. Tübingen: Narr, 123–140.
Ebner, Jakob (2009): Wie sagt man in Österreich? Wörterbuch des österreichischen Deutsch. Mannheim: Dudenverlag.
Elspaß, Stephan (2005): Zum sprachpolitischen Umgang mit regionaler Variation in der Standardsprache. In: Kilian, Jörg (Hrsg.): Sprache und Politik. Deutsch im demokratischen Staat. Mannheim etc.: Duden, 294–313.
Elspaß, Stephan, Julia Engel & Konstantin Niehaus (2013): Areale Variation in der Grammatik des Standarddeutschen – Problem oder Aufgabe?. In: German as a Foreign Language, 2/2013, 44–64.
Engelberg, Stefan & Lothar Lemnitzer (2009): Lexikographie und Wörterbuchbenutzung. Tübingen: Stauffenburg-Verlag.
Fiehler, Reinhard (2000): Über zwei Probleme der Untersuchung gesprochener Sprache. In: Sprache und Literatur 85/2000, 23–42.
Götz, Ursula (1995): Regionale grammatische Varianten des Standarddeutschen. In: Sprachwissenschaft 20, 222–238.
Greule, Albrecht (2002): Deutsch am Scheideweg: National- oder Internationalsprache? Neue Aspekte der Sprachkultivierung. In: Hoberg, Rudolf (Hrsg.): Deutsch – Englisch – Europäisch. Impulse für eine neue Sprachpolitik. Mannheim etc.: Dudenverlag, 54–66.
Häcker, Roland (2009): Wie viel? Wozu? Warum? Grammatik in der Schule. In: Konopka, Marek & Bruno Strecker (Hrsg.): Deutsche Grammatik – Regeln, Normen, Sprachgebrauch. Berlin, New York: de Gruyter, 309–332.
Häcki Buhofer, Annelies (2002): Steuert Sprachbewusstheit den eigenen Sprachgebrauch? Überlegungen zum Zusammenhang an Beispielen aus der deutschen Schweiz. In: Der Deutschunterricht 3/2002, 18–30.
Hägi, Sara & Joachim Scharloth (2005): Ist Standarddeutsch für Deutschschweizer eine Fremdsprache? Untersuchungen zu einem Topos des sprachreflexiven Diskurses. In: Linguistik online 24, 3/05.
Henggeler, Kerstin (2008): Zum Normverständnis und Korrekturverhalten von Deutschlehrern. Eine linguistische Untersuchung bei Lehrpersonen der Sekundarstufe II. Universität Zürich: Unveröffentlichte Lizentiatsarbeit.
Henning, Mathilde (2012): Was ist ein Grammatikfehler? In: Günthner, Susanne et al. (Hrsg.): Kommunikation und Öffentlichkeit. Sprachwissenschaftliche Potenziale zwischen Empirie und Norm. Berlin etc.: de Gruyter, 125–151.
Klein, Wolf Peter (2003): Sprachliche Zweifelsfälle als linguistischer Gegenstand. Zur Einführung in ein vergessenes Thema der Sprachwissenschaft. In: Linguistik online 16, 4/03.
Klein, Wolf Peter (2009): Auf der Kippe? Zweifelsfälle als Herausforderung(en) für Sprachwissenschaft und Sprachnormierung. In: Konopka, Marek & Bruno Strecker (Hrsg.): Deutsche Grammatik – Regeln, Norm, Sprachgebrauch. Berlin, New York: de Gruyter, 141–165.
König, Werner (1989): Atlas zur Aussprache des Schriftdeutschen in der Bundesrepublik Deutschland. Ismaning: Hueber.
Konopka, Marek (2011): Grammatik verstehen lernen und korpusgestützte Analysen von Zweifelsfällen. In: Köpcke, Klaus-Michael & Arne Ziegler (Hrsg.): Grammatik – Lehren, Lernen, Verstehen. Zugänge zur Grammatik des Gegenwartsdeutschen. Berlin, Boston: de Gruyter, 265–285.
Krech, Eva-Maria, Eberhard Stock, Ursula Hirschfeld & Lutz-Christian Anders (2010): Deutsches Aussprachewörterbuch. Berlin: de Gruyter.
Langenscheidt (2003): Grosswörterbuch Deutsch als Fremdsprache. Das einsprachige Wörterbuch für alle, die Deutsch lernen wollen. Hrsg. von D. Götz et al. Berlin: Langenscheidt.
Läubli, Martina (2006): Nationale Varietäten: Eine Herausforderung für die Lexikografie. Wie deutschsprachige Wörterbücher mit Helvetismen umgehen. In: Dürscheid, Christa & Martin Businger (Hrsg.): Schweizer Standarddeutsch. Beiträge zur Varietätenlinguistik. Tübingen: Narr, 113–130.
Markhardt, Heidemarie (2005): Das Österreichische Deutsch im Rahmen der EU. Frankfurt am Main etc.: Lang.
Meyer, Kurt (2006): Schweizer Wörterbuch. So sagen wir in der Schweiz. Mit einem Beitrag von Hans Bickel. Frauenfeld: Verlag Huber.
Österreichisches Wörterbuch (2012): Auf der Grundlage des amtlichen Regelwerks. Hrsg. im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur. 42. Aufl. Wien: öbv.
Rastner, Eva-Maria (1997): Sprachvarietäten im Unterricht. Eine Umfrage unter Österreichs LehrerInnen zu Standardsprache – Umgangssprache – Dialekt. In: Informationen zur Deutschdidaktik 21/3, 80–97.
Reiffenstein, Ingo (2001): Das Problem der nationalen Varietäten. Rezension zu Ulrich Ammon: Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Problem der nationalen Varietäten. Berlin, New York 1995. In: ZfdPh 120, 78–99.
Schläpfer, Robert, Jürg Gutzwiller & Beat Schmid (1991): Das Spannungsfeld zwischen Mundart und Standardsprache in der deutschen Schweiz. Spracheinstellungen junger Deutsch- und Welschschweizer. Eine Auswertung der Pädagogischen Rekrutenprüfungen 1985. Aarau etc.: Sauerländer.
Schmidlin, Regula (2011): Die Vielfalt des Deutschen: Standard und Variation. Gebrauch, Einschätzung und Kodifizierung einer plurizentrischen Sprache. Berlin, New York: de Gruyter.
Schmidlin, Regula (2013): Gebrauch und Einschätzung des Deutschen als plurizentrische Sprache. In: Schneider-Wiejowski, Karina, Birte Kellermeier-Rehbein & Jakob Haselhuber (Hrsg.): Vielfalt, Variation und Stellung der deutschen Sprache. Berlin, New York: de Gruyter, 23–41.
Schneider, Jan Georg (2013): Sprachliche ‚Fehler‘ aus sprachwissenschaftlicher Sicht. In: Sprachreport 1–2/2013, 30–37.
Studler, Rebekka (2013): Einstellungen zu Standarddeutsch und Dialekt in der Deutschschweiz. Erste Ergebnisse einer Fragebogenstudie. In: Hettler, Yvonne et al. (Hrsg.): Variation, Wandel, Wissen. Studien zum Hochdeutschen und Niederdeutschen. Frankfurt am Main etc.: Lang, 203–222.
Trudgill, Peter & Jean Hannah (2008): International English. A guide to the varieties of standard English. London: Hodder Education.
Wahrig (2006): Deutsches Wörterbuch. Hrsg. vom Bertelsmann-Lexikon-Institut. Gütersloh: Wissen Media Verlag.
Wardhaugh, Ronald (1987): Languages in Competition. Dominance, Diversity, and Decline. Oxford: Basil Blackwell.
Die Begrenztheit plurizentrischer Grenzen: Grammatische Variation in der pluriarealen Sprache Deutsch1
Konstantin Niehaus
1 Einführung
2 Plurizentrisch oder pluriareal?
3 Empirische Zugänge zur Pluriarealität – das Projekt ‚Variantengrammatik des Standarddeutschen‘
4 Grammatische Fallbeispiele
5 Sprachdidaktische Bedeutung der Pluriarealität
6 Fazit und Ausblick
7 Literatur
1. Einführung
Der folgende Beitrag stellt das A-CH-Projekt ‚Variantengrammatik des Standarddeutschen‘1 vor, präsentiert einige seiner Ergebnisse und diskutiert die Frage, welche Bedeutung den gewonnenen Erkenntnissen in der Sprachdidaktik in Zukunft zukommen kann.
Die bisherige Forschung zur arealen Variation innerhalb des Standarddeutschen konzentriert sich ganz wesentlich auf die linguistischen Ebenen des Wortschatzes (vgl. ‚Variantenwörterbuch des Deutschen‘, Ammon et al. 2004 [im Folgenden: VWB]) und der Aussprache (‚Atlas zur Aussprache des Gebrauchsdeutschen‘, Kleiner 2011ff.). Die areale Variation in der standarddeutschen Grammatik hingegen ist bislang nicht systematisch untersucht worden, obwohl doch ausgerechnet die Grammatik grundlegend für die Konstitution sprachlicher ‚Systeme‘ – wie ich sie für areale Varietäten hier annehmen will2 – wäre. Zumindest aber sollte uns die grammatische Variabilität des Standarddeutschen etwas über die Stärke des Faktors Arealität für das Standarddeutsche, vielleicht sogar generell für die Sprache Deutsch, verraten. In Bezug auf das innere Varietätenspektrum des Deutschen würde eine Untersuchung der grammatischen Variation im Standarddeutschen Aufschluss darüber geben, ob denn tatsächlich die „neuhochdeutsche Standardsprache […] anders als die Dialekte kaum regionale syntaktische Variation“ (Fleischer & Schallert 2011: 29) zeigt – und in welchem quantitativen Rahmen sowie an welchen sprachgeografischen Unterschieden sich dies feststellen lässt. Und freilich wären aus einer etwaigen Arealität des Standarddeutschen auch sprachdidaktische Folgerungen für den Deutschunterricht zu ziehen, bedenkt man allein die national wie teilweise föderal geprägten Strukturen in den Bildungssystemen deutschsprachiger Länder. Alles in allem scheint es also dringend angeraten, die grammatische Variabilität im Standarddeutschen empirisch breit und systematisch zu erforschen. Ein erstes Ziel des folgenden Beitrags ist es, einen Einblick in die bisherige Erforschung dieser Variabilität durch das Projekt ‚Variantengrammatik des Standarddeutschen‘ zu geben. Hierzu werde ich einige grammatische Fallbeispiele präsentieren. Anhand dieser Beispiele soll illustriert werden, inwieweit das Standarddeutsche überhaupt über grammatische Variation verfügt und welche Bereiche der Grammatik überhaupt betroffen sind.
Meine Darstellung verfolgt jedoch noch ein zweites Ziel: Das Projekt ‚Variantengrammatik‘ geht davon aus, dass es sich bei der deutschen Sprache nicht um eine plurizentrische, sondern vielmehr um eine pluriareale Sprache handelt. Obwohl das plurizentrische Modell heute in weiten Teilen der Germanistik als akzeptierte Lehrmeinung gelten kann, ist dieses mit einigen problematischen Grundannahmen behaftet. Demgegenüber bietet die pluriareale Sichtweise theoretische wie methodische Vorteile, die im Folgenden herausgestellt werden sollen.
In einem abschließenden Punkt werde ich auch noch darauf eingehen, welche sprachdidaktischen (und sprachpolitischen) Vorteile ein pluriarealer Ansatz bietet. Dies ist das dritte und letzte Ziel des Beitrags.
Zum Aufbau der folgenden Ausführungen: Ich werde mit einer knappen Darstellung der Diskussion um plurizentrische vs. pluriareale Forschungsmeinungen beginnen und dabei den Schwerpunkt bereits auf die erwähnten Vorteile des pluriarealen Modells legen. Hieran schließt sich eine genauere Darstellung des Projekts ‚Variantengrammatik des Standarddeutschen‘ an, das aufbauend auf ebenjenem pluriarealen Ansatz einige methodische Spezifika entwickelt hat. Diese gilt es darzustellen, um die dann folgenden Beispiele einordnen zu können: Einzelne grammatische Phänomene werden analysiert. Sie zeigen, dass grammatische Variation im Standarddeutschen in vielen Formen auftreten kann und durchaus nicht an nationalen Grenzen haltmacht. Überlegungen zu sprachdidaktischen Implikationen schließen diesen Teil ab. Diese Ausführungen werden mangels größerer sprachdidaktischer Forschungen eher knapp und vorläufig ausfallen müssen. Die Darstellung endet mit einem kleinen Fazit und einem Ausblick auf weitere Forschung.
2. Plurizentrisch oder pluriareal?1
Vor ca. drei Jahrzehnten löste sich die Sprachgermanistik allmählich von der Vorstellung eines mehr oder weniger einheitlichen ‚Binnendeutschen‘ und forcierte plurizentrische Darstellungen zum Standarddeutschen. Wegweisend waren dabei die Arbeiten von Clyne (1992) und besonders Ammon (1995), letztere ist denn auch eingegangen in die Konzeption des VWB und ist von Schmidlin (2011) und Kellermeier-Rehbein (2014) fortgeführt und erweitert worden. Das plurizentrische Modell teilt das Standarddeutsche bzw. den Gebrauch des Standarddeutschen nach Nationen ein, die Deutsch als Amtssprache führen, mit Deutschland, Österreich und der Schweiz als Vollzentren sowie Ostbelgien, Luxemburg, Liechtenstein und Südtirol als Halbzentren (vgl. Ammon 1995: 96). Die deutschen Standardvarietäten fungieren dabei als kodifizierte, amtlich und schulisch institutionalisierte ‚Dachsprachen‘ (vgl. Ammon 1995: 2–4). Variation innerhalb einer Nation wird dabei als nicht varietätenkonstitutiv angesehen, d.h. es gibt nach plurizentrischer Vorstellung z.B. keine ‚bayerische‘ Standardvarietät, sondern „einfache unspezifisch nationale“ oder „sehr unspezifisch nationale“ Varianten innerhalb einer deutschländischen/bundesdeutschen Standardvarietät – dies im Gegensatz zu absolut „spezifisch nationalen“, ausschließlich in einem Land auftretenden Varianten (vgl. hierzu Ammon 1995: 106–110). Theoretisch bedeutet das, dass Mehrheitsvarianten ausschlaggebend für die Nomenklatur und bedeutsamer für das Modell insgesamt sind als Minderheitsvarianten. Das plurizentrische Modell versucht schließlich auch, politisch ‚up-to-date‘ zu bleiben, indem zum einen die sprachgeschichtlich gewachsene Wichtigkeit nationaler Kommunikationsräume betont wird (vgl. von Polenz 1999: 125), zum anderen laut Plurizentrikern ehemalige politische Räume wie die DDR keine Grundlage für eine Varietät des Standarddeutschen (mehr) bilden können, ein Ausschluss, der mit politischen Argumenten (Übernahme der Zwei-Staaten-eine-Nation-Lehre der BRD, vgl. Ammon 1995: 386–389), nicht mit (sozio-)linguistischen begründet wird.
Bereits ab den 1990er Jahren gab es starke Kritik am plurizentrischen Modell. Aus dieser Phase hervorzuheben sind dabei Wolf (1994), Scheuringer (1997), Koller (1999) und – in Reaktion auf Ammon (1995) und von Polenz (1999) – auch noch Reiffenstein (2001). Sie alle wandten sich auf der Basis der Lexik, die damals die bevorzugt beachtete linguistische Ebene war (auch in plurizentrischen Arbeiten), gegen eine rein nationale Gliederung des Deutschen: weil die Existenz des in vielen Fällen ‚grenzüberschreitenden‘ Wortschatzes der standardnahen Alltagssprache der postulierten nationalen Spezifik faktisch widerspreche, weil ein konkretes Zentrum pro Land im Sinne von plurizentrisch nicht auszumachen sei (vgl. zu beidem Wolf 1994: 71–74), weil eine ‚nationale‘ Variante nur eine areale Form von vielen sei (vgl. Scheuringer 1997: 343) und weil kulturpolitisch eine (Über-)Betonung nationaler Spezifika ohnehin bedenklich sei (vgl. Koller 1999: 137). Reiffenstein (2001) nimmt eine Sonderstellung unter den Vertretern des pluriarealen Ansatzes ein: Er schlägt vielmehr ein ‚regio-plurizentrisches‘ Modell vor und betont den Aspekt, dass gerade historische Kontinuitäten in Sprache und Kultur einflussreicher seien als politische Konstrukte, wobei bei dieser historisch-kulturellen Raumkonzeption jedoch durchaus Kernräume und Zentren auszumachen seien (vgl. Reiffenstein 2001: 87–88). Alle oben genannten Kritikpunkte wurden in der Folge immer wieder von Vertretern pluriarealer Modelle aufgegriffen, darunter Eichinger (2005a, 2005b) und Elspaß (2005). Letzterer deutet z.B. an, dass der politisch statt empirisch motivierte, theoretische Ausschluss eines möglichen DDR-Standarddeutsch dem tatsächlichen Sprachgebrauch nicht notwendigerweise folgen muss (vgl. Elspaß 2005: 302–303).
Ein aus heutiger Sicht theoretischer Vorteil des pluriarealen Modells ist es dagegen, über Aussehen und Stärke der Areale weniger strikte Vorannahmen zu tätigen bzw. generell schlicht mehr Möglichkeiten neben der derzeit gültigen nationalen Gliederung in Betracht zu ziehen. Nationale areale Varianten können im pluriarealen Modell immer noch ihren Platz finden, sie sollen ja gleichberechtigt neben arealen Varianten des Standarddeutschen bestehen statt durch diese ersetzt werden.2 Bei Farø (2005) sowie in der jüngeren Diskussion (z.B. Dürscheid et al. 2015) wird ein weiteres Argument vorgebracht: Minderheitsvarianten sollten für eine möglichst exhaustive Beschreibung der Variabilität ebenso für die Konstitution von Varietäten berücksichtigt werden wie Mehrheitsvarianten, vgl. Abb. 1 (adaptiert nach Scherr & Niehaus 2013: 78).

Abb. 1: relative Varianz, adaptiert nach Scherr & Niehaus (2013: 78)
Modellhaft soll hier gezeigt werden, dass sich das Vorkommen einer Variante x und einer Variante y keineswegs auf ein Areal beschränken muss, wie dies hier nur für Variante z gilt. Relative Varianten, die mal Mehrheits- mal Minderheitsvariante sein können (z.B. x in Areal A mit 70 % gegenüber nur 30 % in Areal B), können neben absoluten bestehen. Methodisch soll deswegen die im plurizentrischen Ansatz oft fehlende oder mangelnde Betrachtung der relativen Varianz überwunden werden (vgl. z.B. Dürscheid et al. 2015: 218–219). Neu ist also, dass auch geringere Anteile als 50 % an einer Variable zur Charakterisierung eines Areals berücksichtigt werden können, d.h. auch Minderheitsvarianten eines bestimmten Areals ausdrücklich als dort in Verwendung stehend ausgewiesen werden.
Wie eine Methodik nach dem pluriarealen Modell dabei konkret aussehen kann, werde ich im nächsten Punkt ausführen, und zwar an Beispielen aus dem Projekt ‚Variantengrammatik des Standarddeutschen‘.
3. Empirische Zugänge zur Pluriarealität – das Projekt ‚Variantengrammatik des Standarddeutschen‘
3.1. Gebrauchsstandard als Untersuchungsgrundlage
Die Untersuchungsbasis der ‚Variantengrammatik des Standarddeutschen‘ – d.h. das, was man als Standarddeutsch ansehen kann – ist der sogenannte „Gebrauchsstandard“ (Ammon 1995: 88, 94), der auf standardsprachliche Kommunikation abzielende (aber [noch] nicht in Nachschlagewerken kodifizierte) Formen meint. Diese Formen sind pro Areal funktional äquivalent (vgl. Scherr & Niehaus 2013: 78–79), d.h. areal unterschiedliche Varianten haben die gleiche Funktion, der Kommunikation auf Standarddeutsch zu dienen, und befinden sich deshalb alle innerhalb des Standarddeutschen (das gilt nicht nur arealübergreifend, sondern auch für Mehrheits- und Minderheitsvarianten innerhalb eines Areals). Genau genommen gibt es also nicht den Gebrauchsstandard, sondern mehrere Gebrauchsstandards, wobei nach pluriarealer Vorstellung die Anzahl dieser nicht von vornherein fest ist (im Gegensatz zum nach Nationen einteilenden plurizentrischen Ansatz). Diese Definition von Standarddeutsch geht vom Sprecher und Schreiber, nicht vom Rezipienten aus.
Die Vorgehensweise des Projekts ‚Variantengrammatik des Standarddeutschen‘, die ich im Folgenden näher erläutere, beschränkt sich auf die geschriebenen Gebrauchsstandards des zusammenhängenden deutschsprachigen Raums. Ich gehe hier noch weiter auf die Eingrenzung geschriebener Gebrauchsstandards ein, indem ich die Quellenauswahl begründe. Die areale Zusammensetzung bzw. Sektoralisierung der Quellen beschreibe ich dann im folgenden Schritt, im Kapitel über das Korpusdesign.
Es besteht mittlerweile weitgehend Einigkeit darüber, dass man das Deutsch, das in Zeitungen verwendet wird, als Standarddeutsch klassifizieren kann. Eisenberg (2007: 217) will dies noch auf überregionale Zeitungen beschränkt wissen. Diese Beschränkung scheint nicht ganz nachvollziehbar, wenn man der Definition des Gebrauchsstandards folgt, denn Eisenbergs Quellenauswahl suggeriert, der Sportteil der Frankfurter Allgemeinen wäre standarddeutsch, der Politikteil einer Regionalzeitung hingegen nicht unbedingt (vgl. Dürscheid et al. 2011: 126). Auch andere Gründe sprechen gegen die Beschränkung auf überregionale Zeitungen: So scheint es durchaus zulässig, nicht nur die relativ kleine schreibende Elite der Journalisten, sondern auch die große Menge regionaler Journalisten in den Blickpunkt einer Analyse zu rücken. Dass diese in Zeiten, da in der öffentlichen Kommunikation in Ländern mit Deutsch als Amtssprache kaum eine andere Varietät als Standarddeutsch akzeptiert wird, tatsächlich nicht standarddeutsch schrieben, erscheint äußerst unrealistisch (und entspricht außerdem wohl kaum ihren Intentionen).
Hinzu kommt noch ein weiterer Vorteil bei der Analyse von Regionalzeitungen: eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, überhaupt auf areale Varianten der deutschen Standardsprache zu stoßen. Denn, so meint etwa Hugo Moser, diese fänden sich „vor allem im Deutsch der Zeitungen, namentlich in den regionalen, viel weniger in den überregionalen und auch für Leser anderer Gebiete bestimmten Blättern wie im wissenschaftlichen und schönen Schrifttum“ (Moser 1982: 328).1 Gerade also, wenn man Antworten auf die Frage nach der Arealität des Standarddeutschen sucht, sollte man sich auf die Regionalzeitungen konzentrieren – auch, um etwa Entscheidungen zugunsten eines arealen Modells (Plurizentrik vs. Pluriarealität) auf empirischer statt politischer Basis zu fällen.
3.2. Korpusdesign und korpuslinguistische Methodik
Die ‚Variantengrammatik des Standarddeutschen‘ hat zum Ziel, eine Grammatik in Form eines stichwort-alphabetischen Nachschlagewerks vorzulegen, das für Laien wie für Forscher gleichermaßen verständlich und zugänglich ist. In einem ersten Schritt wird dazu zunächst online ein Wiki erstellt, das derzeit mit Lemmaeinträgen gefüllt wird1 und bisher in geschlossener Form betrieben wird, schließlich aber öffentlich einsehbar sein soll. Eine Printversion ist ebenfalls angestrebt.

Abb. 2: Screenshot des ‚Varianten-Wiki‘
Die ‚Variantengrammatik‘ bezieht ihre Daten aus einem kompilierten Großkorpus, das Crawls aus 69 Online-Regionalzeitungen (ca. 600 Mio. Textwörter, 1699115 einzelne Zeitungsartikel) der Zeit 2012–2013 umfasst. Dabei wurden die Regionalzeitungen nach einem Arealschlüssel gesammelt, der in Tab. 1 wiedergegeben ist.
Diese Einteilung orientiert sich – mit einigen kleineren Abweichungen – am VWB (vgl. Ammon et al. 2004: XVIII-XIX). Allerdings ist die Einteilung im ‚Variantengrammatik‘-Projekt datengesteuert und somit dynamisch handzuhaben, sowohl in ihrer grundsätzlichen Gliederung als auch im Einzelfall: So wird etwa die Schweiz nicht weiter in Kantone oder dialektale Kleinräume untergliedert. Eine dialektale Gliederung wurde zunächst im Korpusdesign des Projekts verankert, dann jedoch aufgegeben, weil eine solche Untergliederung nicht statistisch abgesichert nachgewiesen werden konnte.
| Arealbezeichnung | Regionen |
| Deutschland Nordwest | Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen |
| Deutschland Nordost | Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg (ohne Region Niederlausitz), Berlin, Region Altmark (Sachsen-Anhalt), Region Magdeburger Börde (Sachsen-Anhalt), Landkreis Jerichower Land (Sachsen-Anhalt) |
| Deutschland Mittelwest | Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz (ohne Region Rheinpfalz), Hessen |
| Deutschland Mittelost | Region Harz (Sachsen-Anhalt), Region Halle (Saale) [Sachsen-Anhalt], Thüringen, Sachsen, Region Niederlausitz (Brandenburg) |
| Deutschland Südwest | Rheinpfalz (Rheinland-Pfalz), Saarland, Baden-Württemberg |
| Deutschland Südost | Bayern |
| Österreich West | Vorarlberg, Tirol (inkl. Osttirol), Bezirk Zell am See/„Pinzgau“ (Bundesland Salzburg) |
| Österreich Mitte | Bundesland Salzburg (ohne Bezirk Zell am See/„Pinzgau“), Oberösterreich |
| Österreich Südost | Kärnten, Steiermark |
| Österreich Ost | Wien, Niederösterreich, Burgenland |
| Schweiz | gesamt |
| Ostbelgien | gesamt |
| Liechtenstein | gesamt |
| Luxemburg | gesamt |
| Südtirol | gesamt |
Tab. 1: (derzeitige) Einteilung der deutschsprachigen Regionen in Areale im ‚Variantengrammatik‘-Projekt
Eine pluriareale innerschweizerische Gliederung kann bislang nicht (statistisch) bestätigt werden;2 die areale Grundgliederung wurde entsprechend im Projektverlauf angepasst. Dadurch, dass die Sitze der jeweiligen Zeitungen als Metadaten erhoben wurden, sind von Fall zu Fall sogar noch kleinräumigere Einteilungen möglich (etwa, wenn die Zeitungen aus Altbayern – also nur einem Teil des Areals Deutschland Südost – und Österreich einen ähnlichen Sprachgebrauch aufwiesen). Der Vorteil dieser Vorgehensweise ist evident: Nationale Grenzziehungen im plurizentrischen Sinne sind dank der Annotation der jeweiligen Ländernamen weiterhin möglich, aber solche Grenzziehungen sollen nur noch dort zum Einsatz kommen, wo sie tatsächlich quantitativ nachweisbar sind. Dass dabei bisher ‚nur‘ die Schweizer Areale (ursprünglich unterschied das Projektteam in West, Ost und Süd) wieder zusammengefasst worden sind, lässt an dieser Stelle bereits erahnen, dass die pluriareale Anlage für Deutschland und Österreich bisher der Empirie angemessener scheint. (Dazu gleich mehr, wenn es um einzelne Phänomene geht.) Abschließend hierzu sei noch thematisiert, dass auch die ‚regionalen‘ Einteilungen mehrheitlich geopolitische sind, sich nämlich an Bundesländern und Bezirken orientieren. Man kann dies mit einer radikalen Auslegung des pluriarealen Ansatzes durchaus kritisieren und stattdessen rigoros historische und dialektale Sprachräume als Areale fordern (wobei sich auch diese ja ebenfalls bereits in historischen politischen Einheiten ausgeprägt haben können). Bedenkt man jedoch, dass Standarddeutsch (v.a. in Deutschland) zu einem beträchtlichen Teil in föderalen Schulstrukturen vermittelt wird, sich zudem (v.a. in Österreich) kulturelle Schranken mit kleineren politischen decken können (z.B. im Falle des Salzburger Pinzgaus, der anders als das übrige Salzburger Land sprachlich-kulturell eher dem Westen Österreichs zuzuordnen ist) und außerdem die Verbreitung der Printversionen der herangezogenen Zeitungen mit kommunalen oder Landesgrenzen zusammenfallen kann (v.a. bei ehemaligen DDR-Bezirks-Zeitungen, die heute als Regionalzeitungen weiterbestehen3), macht eine Einteilung nach Bundesländern und Bezirken durchaus Sinn.
Die Texte, einzelne Online-Zeitungsartikel, wurden sowohl nach den außersprachlichen Metadaten (Zeitung, Areal [‚Sektor‘], Land) wie auch linguistischen Aspekten (pos-Tagging, rfpos-Tagging, Satz- und Teilsatztagging, sowie Tagging nach dem topologischen Modell) automatisch annotiert. Mittels der Plattform CQPweb kann nun das gesamte Datenmaterial digital per Suchmaschine durchsucht werden, als Suchsyntax dienen reguläre Ausdrücke (was auch Platzhalter- und Zeichenabstand-Operatoren miteinschließt).

Abb. 3: Screenshot CQPweb (Abfrage für feminines Genus bei [E-]Mail)4
Um areale Varianten identifizieren zu können, wurde eine Datenbank erstellt, in der Hinweise auf bestehende areale Variation aus Gegenwartsgrammatiken und Stilratgebern gesammelt wurden. Diese mutmaßlichen bestehenden arealen Varianten wurden zunächst per Suchsyntax gesucht. Die Belege für Varianten werden dabei strikt nach ihrer Frequenz beurteilt. Das heißt: Standarddeutsch definiert sich nach diesem Ansatz nicht explizit, aber faktisch vorrangig nach Frequenz – was nicht frequent genug ist, kann zwar auch standarddeutsch sein, wird jedoch nicht von der ‚Variantengrammatik‘ beschrieben. Da die ‚Variantengrammatik‘ nur areale Varianten beschreiben möchte, die häufig genug sind, um sich mit ihrer Verwendung in einem bestimmten Areal möglichst unauffällig zu äußern, fallen also niederfrequente Varianten einem Frequenz-Bias ‚zum Opfer‘.
Die Festlegung beschreibenswerter Varianten fußt auf statistischen Tests wie dem Chi-Quadrat-Test. Bei hohen Belegzahlen (bei über 500 Belegen) werden bspw. Stichproben von 20 % der Belege gezogen und per Hand ausgezählt. Darüber hinaus berücksichtigt die ‚Variantengrammatik‘ Fehlerquoten beim Tagging (i.d.R. liegen diese bei 2 % und weniger). Für die folgende Darstellung sind v.a. die Verbalisierungen relevant, mit denen die ‚Variantengrammatik‘ für einzelne Varianten arbeitet:
| ‚mehrheitlich verwendet‘: | 51 %+ der Variable |
| ‚gebräuchlich‘: | 21–50 % der Variable |
| ‚kommt (selten) vor‘: | 5–20 % der Variable |
| ‚sporadisch‘: | <5 % der Variable |
Dabei ist ein Punkt essenziell: Falls nicht genügend absolute Belege, nämlich mindestens 10, für die Varianten einer Variable (oder für eine Variante ohne klar zu benennende Gegenvariante[en]) innerhalb eines Sektors zu finden sind, oder falls sich die Gegenüberstellung der Varianten als statistisch nicht signifikant herausstellt, wird die gesamte Variable als nicht untersuchbar bzw. nicht darstellbar bewertet. Die absolute Marke der 10 Belege wird auch bei Phänomenen vermerkt, die in anderen Arealen genügend Belege erreichen. D.h., falls dennoch in einem bestimmten Sektor für die Varianten weniger als 10 Belege vorliegen, werden diese Ergebnisse mit ‚(u.S.)‘ (‚unter Schwellenwert‘) markiert. Ohne einen solchen Hinweis darf der Leser davon ausgehen, dass die absoluten Belegzahlen höher liegen. ‚(u.S.)‘-Ergebnisse werden zudem nur sekundär in die Interpretation arealer Gegebenheiten miteinbezogen. Die Angabe ‚(k.B.)‘ drückt aus, dass sich in einem Sektor ‚keine Belege‘ für die gesamte Variable finden, in anderen Arealen aber sehr wohl. Alle Tests, Schwellenwerte und Bezeichnungen wurden im Projektverlauf erarbeitet und anschließend in der Praxis erprobt, es handelt sich also nicht um vorher festgelegte Vorgaben.
Die von der ‚Variantengrammatik‘ verfolgte quantitative Methodik zur Beschreibung des Standarddeutschen ist sicherlich diskutabel. Immerhin ist es jedoch die m.W. erste größere ihrer Art, die gänzlich auf statistisch-korpuslinguistischen Verfahren basiert und zudem nicht mit a-priori-Klassifizierungen arbeitet, sondern mit einer im Verlaufe des Projekts erarbeiteten und angepassten, darum hinreichend getesteten Methodik.
4. Grammatische Fallbeispiele
In diesem Kapitel präsentiere ich einige grammatische Phänomene, die areal im Standarddeutschen variieren. Ich habe diese zum einen danach ausgewählt, ob die Ergebnisse bereits hinreichend ausgewertet waren, zum anderen habe ich versucht, möglichst aus unterschiedlichen grammatischen Bereichen Beispiele zu zeigen: aus der Flexionsmorphologie (Pluralbildung mit -e vs. -s am Beispiel Balkon), aus der Morphosyntax (Genusvariation am Beispiel [E-]Mail), aus der Wortbildung (Adverbienbildung -Ø vs. -s am Beispiel durchweg-) und nicht zuletzt aus der Syntax (Trennbarkeit von Verben, hier widerspiegeln). Alle Ergebnisse sind als statistisch signifikant getestet. Die Treffer sind fast ausnahmslos grammatisch eindeutig, d.h. nicht ambig (mit einer durchschnittlichen Quote von ‚false positives‘ unter 2 %), die Treffer sind – wo dies vom Aufwand her möglich war – teilweise alle zusätzlich per Hand einzeln überprüft (z.B. sind bei 4.1 die Belege für Balkons so verifiziert), mindestens aber 20 % der Treffer.
4.1. Variation der Pluralbildung: Balkon
Bei einigen Wörtern kann die Bildung des Plurals areal im Standarddeutschen variieren. Der Gebrauch des -e-Plurals kann dabei dem des -s-Plurals gegenüberstehen, so z.B. bei den aus dem Französischen entlehnten Substantiven Balkon, Ballon und Karton (vgl. auch im VWB, Ammon et al. 2004: 44–45). Ich behandle hier nur den Fall Balkon; bei Ballon und Karton können areale Präferenzen zwar ähnlich, aber schwächer zum Vorschein kommen als bei Balkon. Die Beschreibung des VWBs lässt erwarten, dass der Plural Balkone eher im Süden des Sprachgebiets gebraucht wird, wohingegen Balkons eher im Norden verwendet wird, analog zu den Aussprachepräferenzen [bal’koːn] im Süden und [bal’kɔŋ] und [bal’kõː] im Norden (vgl. Ammon et al. 2004: 44–45).
Für Balkon als Simplex wie als Grundwort (Determinativum) einer Komposition liegen 219 Fälle von Plural auf -s vor (Balkons/ -balkons) gegenüber 1824 Fällen von Plural auf -e (Balkone/-balkone). Die areale Verteilung zeigen Tab. 2 und Abb. 4.
| Areal | Balkon-e | Balkon-s |
| Deutschland Nordwest | 159 (94 %) | 11 (6 %) |
| Deutschland Nordost | 431 (83 %) | 90 (17 %) |
| Deutschland Mittelwest | 258 (93 %) | 19 (7 %) |
| Deutschland Mittelost | 328 (82 %) | 72 (18 %) |
| Deutschland Südwest | 171 (97 %) | 5 (3 %) |
| Deutschland Südost | 222 (93 %) | 16 (7 %) |
| Österreich West | 51 (98 %) | 1 (2 %) |
| Österreich Mitte | 49 (98 %) | 1 (2 %) |
| Österreich Südost | 46 (92 %) | 4 (8 %) |
| Österreich Ost | 5 (83 %, u.S.) | 1 (17 %, u.S.) |
| Schweiz | 84 (100 %) | 0 (0 %) |
| Ostbelgien | 4 (100 %, u.S.) | 0 (0 %, u.S.) |
| Liechtenstein | 0 (0 %, k.B.) | 0 (0 %, k.B.) |
| Luxemburg | 2 (67 %, u.S.) | 1 (33 %, u.S.) |
| Südtirol | 14 (100 %) | 0 (0 %) |
Tab. 2: relative Verteilung von Balkons vs. Balkone innerhalb der einzelnen Areale im ‚Variantengrammatik‘-Korpus1

Abb. 4: Relative Verteilung von Balkons vs. Balkone innerhalb der einzelnen Areale im ‚Variantengrammatik‘-Korpus2
Zu erkennen ist, dass prinzipiell beide Pluralvarianten in fast allen untersuchten deutschsprachigen Regionen in Verwendung sind (wenn auch mit Werten u.S. für Luxemburg, Ostbelgien und Ostösterreich und gar keinen für Liechtenstein), und sich dies für Deutschland und Österreich auf die jeweils gesamte Landesfläche aufteilt. D.h., weder kann man von einem Gegensatz ‚österreichisch‘ Balkone vs. ‚bundesdeutsch‘ Balkons sprechen noch von einem solchen ‚süddeutsch-österreichisch-schweizerisch‘ Balkone vs. ‚norddeutsch‘ Balkons. Das mag etwas überraschen, hätte man ja auf der Basis unterschiedlicher Aussprachestandards, die der Duden online angibt,3 vor allem letztere Verteilung erwartet. Vielmehr zeigt sich jedoch, dass die Variante mit Plural auf -e, Balkone, stets die mehrheitlich bis ausschließlich verwendete Variante ist. Das VWB (Ammon et al. 2004: 44–45) suggeriert hier eine Zweiteilung des Sprachgebiets, die sich so nicht in den Daten bestätigt und die auch nicht so rigoros von der Aussprache abhängig gemacht werden kann. Letzteres zeigt sich erst bei der Betrachtung arealer Details: Im nord- und mittelöstlichen Deutschland häufen sich die Belege für den -s-Plural. Balkons kommt dort also eher vor als in anderen Arealen Deutschlands. Dies lässt sich durchaus analog zu einer Aussprachevariante des Gebiets – der ehemaligen DDR – sehen: Nach dem ‚Atlas zur Aussprache des deutschen Gebrauchsstandards‘ lässt sich der Nordosten und Mittelosten Deutschlands als Kerngebiet der Aussprachevariante [bal’kɔŋ] interpretieren (gegenüber eher westlich-südlichem [bal’koːn] und gelegentlichem [bal’kõː]).4 So oder so lässt sich der relativ häufige Gebrauch des -s-Plurals bei Balkon als spezifisch innerdeutsche Variation bezeichnen. Dies kann mit der pluriarealen Gliederung präzis beschrieben werden.
4.2. Genusvariation: (E-)Mail
Für die Variation im Bereich des Genus wurde der Fall (E-)Mail herausgegriffen, nicht nur aufgrund seines Bearbeitungsstatus, sondern auch ob seiner Prominenz. In Elspaß et al. (2013: 50–51) konnten nach Auswertung von DeReKo-Daten prinzipiell die Angaben zur arealen Verteilung im VWB (Ammon et al. 2004: 48, 152) bestätigt werden: (E-)Mail als in Deutschland feminin, in Österreich neutral und in der Schweiz zwischen beidem variierend (vgl. Elspaß et al. 2013: 50–51). Allerdings ließe sich dabei nach der Untersuchung von Elspaß et al. weiter differenzieren: Erstens würden beide Genera in allen drei Ländern verwendet (über kleinere Regionen und Länder kann dabei aufgrund des zugrundeliegenden Korpus, dem DeReKo in damaliger Form, nichts ausgesagt werden), zweitens sei die Verwendung als Neutrum – das Mail o.Ä. – in Österreich nur knapp mehrheitlich (und schon gar nicht absolut) verwendet (vgl. Elspaß et al. 2013: 50–51). Und drittens zeige sich innerhalb Österreichs ein klarer Verwendungsanstieg neutraler Formen im Osten des Landes (vgl. Elspaß et al. 2013: 51).
All dies lässt sich mit Hilfe des weitaus größeren und areal differenzierteren ‚Variantengrammatik‘-Korpus bestätigen und auch statistisch untermauern. Gesucht wurden sämtliche denkbaren Formen, von Simplizia wie E-Mail und Mail, über unterschiedliche (und generisch nicht ambige) Formen mit Artikeln und Attributen bis hin zum Gebrauch von .mail als Grundwort einer Komposition. Allgemein finden sich im ‚Variantengrammatik‘-Korpus 4415 Belege für eine Verwendung mit femininem Genus (die E-Mail, eine Mail o.Ä.) gegenüber 589 Belegen für eine neutrale Verwendung (das E-Mail, ein Mail o.Ä.). Die areale Distribution zeigen Tab. 3 und Abb. 5.
In Deutschland, Ostbelgien und Luxemburg sowie in Südtirol wird mehrheitlich bis fast ausnahmslos die feminine Variante verwendet. Für Österreich und die Schweiz fallen die Ergebnisse anders und variabler aus: In der Schweiz wird mehrheitlich die neutrale Variante geschrieben, in Österreich ergibt sich eine aus den bisherigen Untersuchungen erwartbar knappe Mehrheit für das/ein (E-)Mail (o.ä. flexivisch eindeutige Formen). Allerdings zeigt sich hier wie schon bei Elspaß et al. (2013: 50–51) ein deutlicher Unterschied zwischen Westösterreich und den östlicheren Arealen Österreichs: In Westösterreich überwiegt sogar – wie im angrenzenden deutschen Südosten und in Südtirol, wenn auch nicht so deutlich – die feminine Variante die/eine (E-)Mail o.Ä. Diejenigen Areale, die also eigentlich das Bild einer ‚österreichischen‘ Präferenz des neutralen Genus bei (E-)Mail prägen, sind die übrigen, östlicheren Areale, und selbst dann ist noch auf den österreichischen Südosten hinzuweisen, bei dem das Verhältnis von femininem und neutralem Genus ausgeglichen ist. Keineswegs also ließe sich der Fall vereinfachen zu nationalen Varianten: das/ein (E-)Mail in Österreich, die/eine (E-)Mail in Deutschland – nicht unbedingt, weil in Deutschland das neutrale Genus so häufig wäre, sondern vielmehr weil umgekehrt das feminine Genus in Österreich fast die Hälfte des Gebrauchsstandards ausmacht.
| Areal | Neutrum – das (E-)Mail | Femininum – die (E-)Mail |
| Deutschland Nordwest | 4 (1 %) | 500 (99 %) |
| Deutschland Nordost | 7 (1 %) | 593 (99 %) |
| Deutschland Mittelwest | 4 (1 %) | 595 (99 %) |
| Deutschland Mittelost | 5 (1 %) | 552 (99 %) |
| Deutschland Südwest | 13 (3 %) | 472 (97 %) |
| Deutschland Südost | 19 (2 %) | 884 (98 %) |
| Österreich West | 33 (37 %) | 56 (63 %) |
| Österreich Mitte | 79 (55 %) | 64 (45 %) |
| Österreich Südost | 148 (50 %) | 147 (50 %) |
| Österreich Ost | 20 (69 %) | 9 (31 %) |
| Schweiz | 155 (63 %) | 91 (37 %) |
| Ostbelgien | 1 (2 %) | 46 (98 %) |
| Liechtenstein | 2 (40 %, u.S.) | 3 (60 %, u.S.) |
| Luxemburg | 1 (5 %) | 19 (95 %) |
| Südtirol | 3 (14 %) | 19 (86 %) |
Tab. 3: Verteilung von das/ein (E-)Mail vs. die/eine (E-)Mail innerhalb der einzelnen Areale im ‚Variantengrammatik‘-Korpus

Abb. 5: relative Verteilung von das/ein (E-)Mail vs. die/eine (E-)Mail innerhalb der einzelnen Areale im ‚Variantengrammatik‘-Korpus
Interessant ist dabei, dass die insgesamt überwiegend gebrauchte Variante mit femininem Genus der tendenziellen (und bisher ungeklärten) Bevorzugung des Neutrums bei Fremdwörtern – unabhängig von der Ursprungssprache – widerspricht (Schulte-Beckhausen 2002: 75). Da die Genuszuweisung für Fremdwörter nicht eindeutig geregelt (oder genormt) ist, können sich im Laufe der Zeit – und mit zunehmender Integration des Fremdworts in das grammatische System des Deutschen – Varianten ergeben (vgl. Gregor 1983: 170); d.h., die hier areal auftretende Variation könnte auch den gegenwärtigen Stand einer diachronen Entwicklung darstellen. Nichtsdestoweniger ist der areale Unterschied zwischen Österreich, Liechtenstein und der Schweiz zu den übrigen Sektoren erklärungsbedürftig. Durch eine Analyse der Genusvariation bei weiteren Anglizismen sollte es der ‚Variantengrammatik‘ jedoch möglich sein, den Einfluss der Arealität zu bestätigen oder zu widerlegen. Die bisherigen Ergebnisse hierzu, auf die ich im gegebenen Rahmen nicht weiter eingehen kann (z.B. zu die/das App und die/das SMS), sprechen jedenfalls dafür, dass eher eine einzellexematische Variation vorliegt.
4.3. Variation bei der Adverbienbildung -Ø vs. -s: durchweg/durchwegs
Das Adverb durchweg kann entweder mit einem Nullmorphem gebildet werden oder durch Anhängen eines -s (weitere Fälle wären z.B. öfter/öfters und weiter/weiters). Nach den Angaben des VWBs ist eine Verwendung von durchwegs in Südostdeutschland, Österreich und der Schweiz zu erwarten (vgl. Ammon et al. 2004: 138).
| Areal | durchweg-Ø | durchweg-s |
| Deutschland Nordwest | 705 (100 %) | 3 (0 %) |
| Deutschland Nordost | 853 (100 %) | 0 (0 %) |
| Deutschland Mittelwest | 762 (100 %) | 3 (0 %) |
| Deutschland Mittelost | 811 (100 %) | 3 (0 %) |
| Deutschland Südwest | 926 (97 %) | 33 (3 %) |
| Deutschland Südost | 665 (51 %) | 643 (49 %) |
| Österreich West | 9 (5 %) | 167 (95 %) |
| Österreich Mitte | 7 (4 %) | 155 (96 %) |
| Österreich Südost | 6 (2 %) | 249 (98 %) |
| Österreich Ost | 1 (2 %) | 56 (98 %) |
| Schweiz | 17 (6 %) | 269 (94 %) |
| Ostbelgien | 39 (98 %) | 1 (2 %) |
| Liechtenstein | 1 (8 %) | 11 (92 %) |
| Luxemburg | 12 (92 %) | 1 (8 %) |
| Südtirol | 1 (2 %) | 48 (98 %) |
Tab. 4: Verteilung von durchweg vs. durchwegs innerhalb der einzelnen Areale im ‚Variantengrammatik‘-Korpus

Abb. 6: Relative Verteilung von durchweg vs. durchwegs innerhalb der einzelnen Areale im ‚Variantengrammatik‘-Korpus
Im ‚Variantengrammatik‘-Korpus ergeben sich für durchweg 4815 Belege und für durchwegs 1642 Belege. Dabei zeigt sich ein relativ klares Gebiet, in dem die Bildung auf -s, durchwegs, mehrheitlich, ja oft fast ausschließlich verwendet wird (vgl. Tab. 4 und Abb. 6): Es umfasst (von Ost nach West) Österreich, Südtirol, Liechtenstein und die Schweiz. In den übrigen Regionen wird demgegenüber oft fast ausschließlich durchweg benutzt, mit einer hervorstechenden Ausnahme: der Südosten Deutschlands, also Bayern. In diesem – interessanterweise an das für durchwegs die höchste Verwendungsrate aufweisende Österreich angrenzenden – Gebiet werden beide Adverbvarianten zu fast gleichen Teilen verwendet.
Eine Deutung erscheint hierbei schwierig. Nimmt man die Werte für den deutschen Südwesten als Indiz hinzu, könnte man vielleicht von einer Tendenz sprechen, durchwegs generell eher in Süddeutschland und – mit noch höherer Wahrscheinlichkeit – in den südlichen deutschsprachigen Ländern inkl. der Region Südtirol anzutreffen. Eine Herleitung aus dialektalen, oberdeutschen Gegebenheiten erscheint mir ob des stark distanzsprachlichen Charakters des Lexems eher unwahrscheinlich; wenn überhaupt, müsste es durchwegs bereits in der historischen obd. Schreibsprache gegeben haben.
Ob durchweg oder durchwegs – beides ist nach den vorliegenden Ergebnissen klar als standarddeutsch einzustufen.1
4.4. Variation in der Trennbarkeit von Verben: widerspiegeln
Dieser Fall wird ausführlich thematisiert in Niehaus (2015). Ich fasse mich deshalb hier etwas kürzer.
Einige Verben lassen sich (in Hauptsätzen) trennbar und untrennbar gebrauchen, z.B. aberkennen, anerkennen, auferlegen und widerspiegeln. Für widerspiegeln ergeben sich also folgende Varianten:
(1.) Die eingeladenen Mannschaften spiegeln die Handball-Weltklasse wider. (Kieler Nachrichten Online).
(2.) Das hochkarätige Line-up der „Duette“-Tour widerspiegelt einen Ausschnitt daraus. (1815 – Das Oberwalliser Nachrichtenportal).
Diese stark von der Syntax abhängige Variable ist im lexikalisch-semantisch vorgehenden VWB (mit Ausnahmen im Vorspann) nicht verzeichnet.
| Areal | widerspiegeln trennbar | widerspiegeln untrennbar |
| Deutschland Nordwest | 253 (100 %) | 0 (0 %) |
| Deutschland Nordost | 256 (82 %) | 56 (18 %) |
| Deutschland Mittelwest | 207 (100 %) | 0 (0 %) |
| Deutschland Mittelost | 265 (83 %) | 54 (17 %) |
| Deutschland Südwest | 239 (98 %) | 6 (2 %) |
| Deutschland Südost | 391 (99 %) | 5 (1 %) |
| Österreich West | 27 (84 %) | 5 (16 %) |
| Österreich Mitte | 60 (92 %) | 5 (8 %) |
| Österreich Südost | 60 (95 %) | 3 (5 %) |
| Österreich Ost | 9 (90 %) | 1 (10 %) |
| Schweiz | 18 (13 %) | 119 (87 %) |
| Ostbelgien | 12 (100 %) | 0 (0 %) |
| Liechtenstein | 0 (0 %, u.S.) | 7 (100 %, u.S.) |
| Luxemburg | 13 (100 %) | 0 (0 %) |
| Südtirol | 8 (80 %) | 2 (20 %) |
Tab. 5: Verteilung von trennbarer Verwendungsweise/untrennbarer Verwendungsweise bei widerspiegeln innerhalb der einzelnen Areale im ‚Variantengrammatik‘-Korpus
Im ‚Variantengrammatik‘-Korpus finden sich 1818 Belege für die trennbare Verwendung von widerspiegeln wie in (1) und 263 Belege für die untrennbare Verwendung wie in (2).1 Daraus könnte man ein überregional starkes Übergewicht der Variante (1) ableiten, allerdings zeigt sich, dass der Blick auf die Areale ein anderes Bild ergibt (vgl. Tab. 5 und Abb. 7): Die Belege für die untrennbare Variante (2) sind stark konzentriert auf die Schweiz, wo sie sogar die große Mehrheit des Gebrauchsstandards (87 %) darstellen, auf Westösterreich mit 16 % der Variable sowie auf den Nordosten und Mittelosten Deutschlands – also wiederum auf die Gebiete der ehemaligen DDR – mit 18 % bzw. 17 % der Variable. Im an die Schweiz grenzenden Westösterreich und in den ‚neuen Bundesländern‘ Deutschlands kommt die untrennbare Variante also durchaus relativ häufig vor verglichen mit den übrigen Arealen des jeweiligen Landes.

Abb. 7: Relative Auftretenshäufigkeit von trennbarer Verwendungsweise/untrennbarer Verwendungsweise bei widerspiegeln innerhalb der einzelnen Areale im ‚Variantengrammatik‘-Korpus
Zu revidieren ist die Annahme, die untrennbare Variante sei eine ausschließlich nationale, nämlich schweizerische Standardvariante (vgl. noch Dürscheid & Hefti 2006: 139).2 Eine weitergehende Erklärung steht hier noch aus, denkbar wären der Einfluss eines fachsprachlichen Registers3 oder das Vorliegen tradierter Schriftsyntaxkonventionen, in Nordost- und Mittelost-Deutschland etwa durch den behörden- und obrigkeitsgeprägten Stil der DDR-Bezirkszeitungen, deren Nachfolger die heutigen Regionalzeitungen dieses Gebiets sind.4
4.5. Zwischenfazit
Die Ergebnisse zu den behandelten Phänomenen vermitteln einen klaren Eindruck: Relative Varianten sind offenbar in der Grammatik nicht unbedingt eine Randerscheinung. Absolut nationale Varianten kann es auch geben, aber – so viel sei vorweggenommen – die präsentierten Ergebnisse stehen in einer allgemeinen Tendenz, die das Projekt ‚Variantengrammatik‘ bisher festhalten kann: nämlich, dass grammatische Varianten in vielen Fällen Relativität statt Absolutheit zeigen. Es dürfte anhand dieses Befundes zumindest für die Grammatik des Standarddeutschen anzuzweifeln sein, ob absolute Varianten in der Mehrheit sind und ob sich überhaupt eine Legitimation ergibt, national-arealen Varianten schon rein theoretisch derart viel Raum in der Charakterisierung und Benennung von Varietäten zu gewähren, wie dies das plurizentrische Modell tut. Theoretisch präziser und exhaustiver sowie empirisch angemessener ist auf Basis der bisher vorgelegten Ergebnisse jedenfalls die Betrachtung des Gebrauchsstandards nach relativen Frequenzen, für die sich das pluriareale Modell sehr gut eignet. Dies führt nun zur Frage, ob nicht das plurizentrische Modell trotz allem sprachdidaktisch vorteilhaft ist im Vergleich zum durchaus komplex erscheinenden pluriarealen Modell, ob also die Vereinfachung auf nationale Varietäten durch den plurizentrischen Ansatz didaktisch zulässig ist (und wo dabei Sprachdidaktik aufhört, im Kern didaktisch zu sein und stattdessen politisch zu werden).
5. Sprachdidaktische Bedeutung der Pluriarealität
Sprachdidaktik und Sprachpolitik scheinen in der Frage nach arealen Varietäten des Standarddeutschen besonders eng verwoben zu sein. Zur Klärung des genauen Zusammenhangs wie auch der Folgen plurizentrisch gegenüber pluriareal basierter Deutschdidaktik gibt es jedoch wenig Forschung. Insofern müssen alle folgenden Überlegungen als vorläufig gelten, bis empirisch weitreichende Untersuchungen unternommen worden sind. Dennoch will ich einige Punkte hervorheben, die zum einen als Einwände gegen eine plurizentrisch orientierte Didaktik gelten können, zum anderen als Anregung für sprachdidaktische Forschungsfragen dienen können.
Das plurizentrische Modell hat zur Folge, dass auch Mehrheitsvarianten im Sinne einer didaktischen Komplexitätsreduktion zu absoluten Varianten uminterpretiert werden können. Ich verdeutliche das hieran Problematische am Fall Westösterreichs: Gehen wir nur einmal von der Annahme aus, dass bspw. in Österreich Deutschlehrer sich in der Praxis auf das plurizentrische Modell stützen würden. Auch im Unterricht wäre es dann nicht unproblematisch, Frequenzvarianten wie Neutrum bei (E-)Mail in Österreich zu absoluten nationalen Varianten zu erheben. Dadurch entsteht der Eindruck einer monolithischen Nationalvarietät, die durch den tatsächlichen Sprachgebrauch nicht gedeckt ist – in Westösterreich werden laut unseren Ergebnissen nicht nur wie im Rest Österreichs beide Varianten geschrieben, sondern die ‚deutsche‘ Variante mit femininem Genus sogar mehrheitlich. Im konkreten Fall würde dieses Übergewicht einer ostösterreichischen Variante (der Variante mit neutralem Genus) besonders in Westösterreich eine Deutschdidaktik bedeuten, die offenbar den Schreibgewohnheiten nicht entspricht und wohl nicht zu kommunikativen Missverständnissen führen dürfte (anders als in der Lexik, vgl. Putz 2002: 71), aber zumindest Unverständnis unter den Schülern hervorrufen kann. D.h., es bliebe den Schülern unklar, warum man die E-Mail oder analoge Formen nicht verwenden sollte außer aus dem alleinigen Grund, es sei eine ‚deutsche‘ Variante, keine ‚österreichische‘. Und aus Sicht der österreichischen Lehrkräfte gefragt: Soll man die ‚deutsche‘ Variante dann korrigieren, obwohl ein großer Teil der Deutschsprachigen in Österreich die Variante geregelt als Standardvariante verwendet?1 Dann würde der Deutschunterricht in Österreich vorrangig dem Patriotismus, d.h. der Hebung eines Nationalgefühls mit ostösterreichischer Prägung, dienen – was aber auch explizit so kommuniziert werden müsste. Wie kontraproduktiv eine solche Betonung eines vermeintlich gesamtösterreichischen Standarddeutschen sein kann, hat Putz (2002: 61) bereits für die DaF-Didaktik Österreichs aufgezeigt. Für die Betrachtung der Grammatik bleibt es nicht auf diesen einen Fall der Genusvariation bei E-Mail beschränkt, auch in anderen Bereichen weist Westösterreich deutlich andere Frequenzverhältnisse des Gebrauchsstandards auf als Ostösterreich, etwa wie schon gesehen teilweise in der Trennbarkeit von widerspiegeln oder nicht zuletzt auch in der Serialisierung in Verbalkomplexen (vgl. Niehaus 2014: 305–306). Es ist anzunehmen, dass sich durch die areale Vielfalt innerhalb Österreichs die frühere Problematik des einheitlichen Binnendeutschen nur umlegen würde auf ein vermeintlich einheitliches ‚österreichisches Standarddeutsch‘. Und hinzu kommt, selbst wenn man vom Fall Westösterreich absieht: Auch in anderen Teilen Österreichs sind häufig, so auch beim Genus von (E-)Mail, mehrere Varianten als standarddeutsch hinreichend in Verwendung – und somit nach Argumentation des Forschungsprojekts als korrekter Sprachgebrauch zu betrachten. Insgesamt besteht also sprachdidaktisch die Gefahr, dass ohne empirische Grundlage ein sprachmonomaner Variantenabbau ‚von oben‘ auf eine einheitliche nationale Norm hin betrieben wird, d.h. das wissenschaftliche Fundament des Deutschunterrichts von politischen Wunschvorstellungen unterlaufen wird.
In einem letzten Punkt seien darum auch sprachpolitische Aspekte kurz diskutiert, wobei ich mich hier besonders auf Österreich und Deutschland konzentriere. Für Deutschland besteht die Gefahr, dass sich eine klischeehafte Metonymie ‚nord(west)deutsch = deutsch‘ (in Österreich auch: ‚deutsch = preußisch‘) ausbreitet – schon bei der Lexik konnte man feststellen, dass sogenannte ‚Teutonismen‘ „sofern sie nicht offizielle Amtswörter sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit norddeutsch geprägt“ sind (Eichinger 2005a: 157). Die große areale Vielfalt einer Nation wie Deutschland, die nicht nur im Wortschatz, sondern – wie die obigen Beispiele zeigen – durchaus auch innerhalb der Grammatik des Standarddeutschen bestehen kann, wird dadurch vernachlässigt. Für Österreich mag man Hoffnungen in das plurizentrische Modell dahingehend setzen, dass es bspw. den Österreichern durch die Vereinfachung auf nationale Varietäten die von Auer (2013: 41) sogenannte „asymmetrical pluricentricity“ gewissermaßen ‚austreibt‘, d.h. den ständigen Vergleich des eigenen Sprachgebrauchs mit dem der Bundesdeutschen (obwohl von letzteren kein solcher stattfindet) als müßig vermittelt wird. Letztlich soll das plurizentrische Modell also zu einem positiven sprachlichen Selbstbewusstsein in Österreich führen. Die Chance absoluter sprachpolitischer Gleichwertigkeit ist jedoch m.E. eher im pluriarealen Ansatz gegeben, und zwar aus folgendem Grund: In Österreich herrscht ein scheinbar widersprüchlich zwischen ‚österreichischer‘ und ‚deutscher‘ Variante schwankender Gebrauch des Standarddeutschen. Auf der Basis des pluriarealen Modells wird dies als Mythos entlarvt, weil solche nationalen Zuschreibungen im Regelfall nicht exakt oder gar nicht zutreffen und grundsätzlich beide Gruppen, Österreicher wie Deutsche, beide Varianten verwenden – nur eben auch innerstaatlich unterschiedlich häufig (ebenjene Häufigkeiten werden im Übrigen auch transparent gemacht). Ein Grundverständnis für solch frequenzielle Verhältnisse trägt zur Variationstoleranz bei. Und erst, wenn eine solche verinnerlicht wurde, mag man auch auf eine Identitätsbildung in Österreich hoffen, die die sprachgeschichtlich wie gegenwartssprachlich engen Querverbindungen zu Deutschland reflektiert und als Chance, nicht als Risiko, begreift.
6. Fazit und Ausblick
Die Einzelanalysen zeigen, dass in der Grammatik des Standarddeutschen areale Variation durchaus in unterschiedlichsten grammatischen Teilbereichen vorhanden ist und dass diese Arealität bislang als pluriareal einzustufen ist. Einige Vorteile des pluriarealen Ansatzes sind offensichtlich: die höhere theoretische Gewichtung relativer Varianten, die methodische Offenheit bezüglich der Stärke arealer Grenzen und die mit beidem einhergehende vergleichsweise hohe Flexibilität des Korpusdesigns wie generell Anpassungsfähigkeit des Modells an die Empirie. Zur Methodik ist noch zu sagen, dass diese außer den dargestellten Chancen freilich auch ein Risiko birgt: nämlich, einen Ansatz mittels digitaler Großkorpora nur mit linguistischer, nicht aber mathematischer Kritik zu hinterfragen. Bspw. könnte man einwenden, manches Auftreten einer Variante in bestimmten, eigentlich für sie ‚untypischen‘ Arealen komme einfach durch die schiere Masse der Texte zustande und ergebe sich aus reiner Wahrscheinlichkeit: Wenn ein Korpus groß genug ist, wird sich auch irgendwann eine bestimmte Form darin finden, so einflussreich außersprachliche Faktoren auch sein mögen. Hiergegen sind zwei Argumente vorzubringen: Erstens sprechen Fälle dagegen, in denen sehr wohl kein einziger Beleg für eine Variante zu finden ist, trotz der Masse an Texten (z.B. durchwegs im deutschen Nordosten). Und zweitens sind neben dem absoluten Auftreten immer die relativen Zahlen zu beachten – so gehen vereinzelte Belege als ‚statistisches Rauschen‘ sozusagen in der Masse an Belegen für die Gegenvariante unter (z.B. durchwegs im deutschen Nordwesten). Freilich löst das nicht das grundsätzliche Problem, aber es sind doch sehr bedenkenswerte Gegenbeispiele. Und im Grundsatz wäre immerhin noch darauf zu verweisen, dass die ‚Variantengrammatik‘ all diese Daten zugänglich macht, sodass man überhaupt darüber diskutieren kann – präzise Angaben zu Quantitäten bzw. ein zugrundeliegendes systematisch quantitatives Raster findet sich (teilweise auch aufgrund früherer eingeschränkter Möglichkeiten) bisher kaum in Wörterbüchern und Grammatiken, auch nicht in denen mit wissenschaftlichem Anspruch.
Die Erforschung der arealen Variation des Standarddeutschen ist selbstverständlich nicht abgeschlossen, weder in der Grammatik noch in anderen Bereichen. Doch die bisherigen Befunde des Projekts ‚Variantengrammatik‘ zeigen, dass die Einstufung des Deutschen als pluriareale Sprache durchaus ihre empirische Berechtigung hat, wenn Sprachen (auch) über ihre (Standard-)Grammatik von anderen Sprachen abgegrenzt werden sollen.
Sprachdidaktisch wurde dafür argumentiert, die Verzahnung von Sprachdidaktik und Sprachpolitik nicht zu eng zu führen und Variationstoleranz als Grundlage eines selbstbewussten arealen Sprachgebrauchs zu sehen. Allerdings muss abschließend darauf hingewiesen werden, dass für den schulischen Deutschunterricht – wie im Übrigen auch für die universitäre Germanistik – dringend systematisch in größerem Maßstab erforscht werden müsste, in welchem Umfang und mit welcher Methodik areale Varianten des Standarddeutschen überhaupt im Unterricht der deutschsprachigen Länder und Regionen behandelt bzw. allgemein gelehrt werden und welche Auswirkungen eine plurizentrische bzw. pluriareale Orientierung der jeweiligen Didaktik hat. Andernfalls werden Schlussfolgerungen bestenfalls heuristische ‚educated guesses‘ bleiben.
7. Literatur
Ammon, Ulrich (1995): Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Problem der nationalen Varietäten. Berlin, New York: de Gruyter.
Ammon, Ulrich, Hans Bickel, Jakob Ebner et al. (2004): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die deutsche Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin, New York: de Gruyter.
Atlas zur Aussprache des deutschen Gebrauchsstandards = Kleiner, Stefan (2011ff.): Atlas zur Aussprache des deutschen Gebrauchsstandards (AADG). Unter Mitarbeit von Ralf Knöbl. http://prowiki.ids-mannheim.de/bin/view/AADG/ (zuletzt am 26.02.2017).
Auer, Peter (2013): Enregistering pluricentric German. In: da Silva, Augusto Soares (Hrsg.): Pluricentricity. Language Variation and Sociocognitive Dimensions. Berlin, Boston: de Gruyter, 19–48.
Clyne, Michael (1992): German as a pluricentric language. In: Clyne, Michael (Hrsg.): Pluricentric Languages. Differing Norms in Different Nations. Berlin, New York: de Gruyter, 117–147.
Dürscheid, Christa, Stephan Elspaß & Arne Ziegler (2011): Grammatische Variabilität im Gebrauchsstandard: das Projekt ‚Variantengrammatik des Standarddeutschen‘. In: Konopka, Marek et al. (Hrsg.): Grammatik und Korpora 2009. Dritte Internationale Konferenz, Mannheim 22.–24.09.2009. Tübingen: Narr, 123–140.
Dürscheid, Christa, Stephan Elspaß & Arne Ziegler (2015): Variantengrammatik des Standarddeutschen. Konzeption, methodische Fragen, Fallanalysen. In: Lenz, Alexandra N. & Manfred Glauninger (Hrsg.): Standarddeutsch im 21. Jahrhundert. Theoretische und empirische Ansätze mit einem Fokus auf Österreich. Göttingen: V&R unipress, 207–235.
Dürscheid, Christa & Inga Hefti (2006): Syntaktische Merkmale des Schweizer Standarddeutsch. Theoretische und empirische Aspekte. In: Dürscheid, Christa & Martin Businger (Hrsg.): Schweizer Standarddeutsch. Beiträge zur Varietätenlinguistik. Tübingen: Narr, 131–161.
Dürscheid, Christa & Patrizia Sutter (2014): Grammatische Helvetismen im Wörterbuch. In: Zeitschrift für Angewandte Linguistik 60/1, 37–65.
DWB = Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854–1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971. Abzurufen unter: http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&mode=Vernetzung&hitlist=&patternlist=&lemid=GA00001 (zuletzt am 13.01.2016).
Eichinger, Ludwig M. (2005a): Norm und regionale Variation. Zur realen Existenz nationaler Varietäten. In: Lenz, Alexandra & Klaus J. Mattheier (Hrsg.): Varietäten – Theorie und Empirie. Frankfurt am Main etc.: Peter Lang, 141–162.
Eichinger, Ludwig (2005b): Deutsch in Österreich. In: German as a Foreign Language 1/2005, online unter: http://www.gfl-journal.de/1-2005/eichinger.html (zuletzt am 26.02.2017).
Eisenberg, Peter (2007): Sprachliches Wissen im Wörterbuch der Zweifelsfälle. Über die Rekonstruktion einer Gebrauchsnorm. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 3/2007, 209–228.
Elspaß, Stephan, Julia Engel & Konstantin Niehaus (2013): Areale Variation in der Grammatik des Standarddeutschen – Problem oder Aufgabe? In: German as a Foreign Language 2/2013, 44–64.
Elspaß, Stephan (2005): Zum sprachpolitischen Umgang mit regionaler Variation in der Standardsprache. In: Kilian, Jörg (Hrsg.): Sprache und Politik. Deutsch im demokratischen Staat. Mannheim etc.: Duden, 294–313.
Farø, Ken (2005): Plurizentrismus des Deutschen – programmatisch und kodifiziert. Zu: Variantenwörterbuch des Deutschen […]. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik 33.2/3, 380–395.
Fleischer, Jürg & Oliver Schallert (2011): Historische Syntax des Deutschen. Eine Einführung. Tübingen: Narr.
Gregor, Bernd (1983): Genuszuordnung. Das Genus englischer Lehnwörter im Deutschen. Tübingen: Niemeyer.
Kellermeier-Rehbein, Birte (2014): Plurizentrik. Eine Einführung in die nationalen Varietäten des Deutschen. Berlin: ESV.
Koller, Werner (1999): Nationale Sprach(en)kultur in der Schweiz und die Frage der „nationalen Varietäten des Deutschen“. In: Gardt, Andreas, Ulrike Haß-Zumkehr & Thorsten Roelcke (Hrsg.): Sprachgeschichte als Kulturgeschichte. Berlin, New York: de Gruyter, 133–170.
Löffler, Heinrich (1988): Tendenzen der Gegenwartssprache in Schweizer Printmedien. In: Stein, Peter K., Andreas Weiss & Gerold Hayer (Hrsg.): Festschrift für Ingo Reiffenstein zum 60. Geburtstag. Göppingen: Kümmerle, 163–182.
Moser, Hugo (1982): Regionale Varianten der deutschen Standardsprache. In: Wirkendes Wort 32, 327–339.
Niehaus, Konstantin (2014): Kontinuität im Neuhochdeutschen ‚von unten‘ und ‚von oben‘. Ein variationslinguistisches Nutzungsszenario. In: Ágel, Vilmos & Andreas Gardt (Hrsg.): Paradigmen der aktuellen Sprachgeschichtsforschung. Berlin, Boston: de Gruyter, 299–313.
Niehaus, Konstantin (2015): Areale Variation in der Syntax des Standarddeutschen. Ergebnisse zum Sprachgebrauch und zur Frage Plurizentrik vs. Pluriarealität. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 82, 134–168.
Polenz, Peter von (1999): Deutsch als plurinationale Sprache im postnationalistischen Zeitalter. In: Gardt, Andreas, Ulrike Haß-Zumkehr & Thorsten Roelcke (Hrsg.): Sprachgeschichte als Kulturgeschichte. Berlin, New York: de Gruyter, 115–132.
Putz, Martin (2002): „Österreichisches Deutsch als Fremdsprache?“ Kritische Überlegungen. In: German as a Foreign Language 3/2002, 48–76.
Reiffenstein, Ingo (2001): Das Problem der nationalen Varietäten. Rezension zu Ulrich Ammon: Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Problem der nationalen Varietäten. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 120, 78–89.
Scherr, Elisabeth & Konstantin Niehaus (2013): … weil man den Gebrauchsstandard erheben wird wollen. Variabilität und funktionale Äquivalenz in der Standardsyntax am Beispiel der ‚Zwischenstellung‘ in Verbalkomplexen. In: Hagemann, Jörg, Wolf Peter Klein & Sven Staffeldt (Hrsg.): Pragmatischer Standard. Tübingen: Stauffenburg, 75–84.
Scheuringer, Hermann (1997): Sprachvarietäten in Österreich. In: Stickel, Gerhard (Hrsg.): Varietäten des Deutschen. Regional- und Umgangssprachen. Berlin, New York: de Gruyter, 332–345.
Schmidlin, Regula (2011): Die Vielfalt des Deutschen. Gebrauch, Einschätzung und Kodifizierung einer plurizentrischen Sprache. Berlin, New York: de Gruyter.
Schmidt, Hartmut (2000): Entwicklung und Formen des offiziellen Sprachgebrauchs der ehemaligen DDR. In: Besch, Werner et al. (Hrsg.): Sprachgeschichte – ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 2., vollst. neu bearb. und erw. Aufl. Berlin, New York: de Gruyter, 2016–2037.
Schulte-Beckhausen, Marion (2002): Genusschwankung bei englischen, französischen, italienischen und spanischen Lehnwörtern im Deutschen: eine Untersuchung auf der Grundlage deutscher Wörterbücher seit 1945. Frankfurt am Main etc.: Peter Lang.
Straßner, Erich (1999): Zeitung. 2., veränd. Aufl. Tübingen: Niemeyer.
Wilke, Jürgen (2009): Presse. In: Noelle-Neumann, Elisabeth, Winfried Schulz & Jürgen Wilke (Hrsg.) (2009): Fischer Lexikon: Publizistik Massenkommunikation. 5., aktualisierte, vollst. überarb. und ergänzte Aufl. Frankfurt am Main: S. Fischer, 459–500.
Wolf, Norbert Richard (1994): Österreichisches zum österreichischen Deutsch. Aus Anlaß des Erscheinens von: Wolfgang Pollak: Was halten die Österreicher von ihrem Deutsch? Eine sprachpolitische und soziosemiotische Analyse der sprachlichen Identität der Österreicher. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 61, 66–76.
Deutsch in Ostbelgien – ostbelgisches Deutsch?
Robert Möller
1 Einleitung
2 Deutsch in Ostbelgien
3 Die Position des Deutschen in Belgien heute
4 „Das“ ostbelgische Deutsch – Besonderheiten des Deutschen in Ostbelgien
5 Loyalität gegenüber den belgischen Varianten
6 Zur Bewertung der ostbelgischen Varianten
7 Zusammenfassung
8 Literatur
1. Einleitung
Deutsch ist in Belgien die Sprache einer kleinen Minderheit, die Zahl der Sprecher in dem offiziell deutschsprachigen Landesteil liegt bei ca. 70000,1 das sind ca. 0,6 % der belgischen Bevölkerung. Aufgrund der in den vergangenen Jahrzehnten ständig gewachsenen Autonomie der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist das Deutsche als Sprache der informellen wie formellen Kommunikation hier jedoch nicht im Geringsten gefährdet. Für die Identität der heutigen Ostbelgier spielen sowohl die deutsche Sprache als auch die belgische Nationalität eine wichtige Rolle, die meisten identifizieren sich klar mit einer durch beides zusammen definierten Heimat.2 Differenzierter zu betrachten ist jedoch die Frage, wie weit das belgische (Standard-)Deutsch sich durch die knapp hundertjährige politische Trennung des Gebiets von Deutschland zu einem besonderen ostbelgischen (Standard-)Deutsch entwickelt hat.
Ammon (1995: 96, s.a. Ammon et al. 2004: XXXI) stuft Belgien als „Halbzentrum“ ein, „halb“ wegen des Fehlens einer eigenen Kodifizierung, „Zentrum“ wegen der nationalen Eigenständigkeit. Will man nun nicht automatisch bei nationaler Eigenständigkeit (im Fall Ostbelgiens nicht im Sinn einer Eigenständigkeit des ganzen Gebiets, sondern einer Unabhängigkeit von anderen deutschsprachigen Ländern) immer von einem eigenen sprachlichen Zentrum ausgehen, ist zu prüfen, ob hier tatsächlich vorgefunden werden kann, was durch nationale Eigenständigkeit unzweifelhaft begünstigt wird: die Entwicklung einer spezifischen Varietät, etwa infolge eines vorwiegend im nationalen Rahmen stattfindenden Ausgleichs bei Neuerungen, einer Orientierung an nationalen Medien und Institutionen, einer bestimmten Sprachpolitik, einem an politischen Grenzen orientierten Umriss des „eigenen“ Sprachraums auf der mental map der Sprecher und entsprechender (Nicht-)Bereitschaft zur Übernahme von Neuem, einer spezifischen Sprachkontaktsituation o.ä. In den letzten Jahren sind jedenfalls Bemühungen um eine Bestandsaufnahme der eigenen Varianten und – in begrenztem Rahmen – auch Ansätze zu einer offiziellen Anerkennung spezifisch belgischer Ausdrücke zu beobachten.
2. Deutsch in Ostbelgien
2.1. Das deutschsprachige Gebiet
Das offiziell deutschsprachige Gebiet in Belgien (Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens, oft abgekürzt als DG, häufig auch als Ostbelgien bezeichnet) bildet einen in der Mitte unterbrochenen Streifen im Osten des Landes, zwischen dem französischsprachigen Teil und Deutschland, der im Norden an die Niederlande grenzt und im Süden an Luxemburg. 90 % der Bewohner der Deutschsprachigen Gemeinschaft bezeichnen Deutsch als ihre Erstsprache (weitere 7 % Französisch), insofern handelt es sich um eine sprachlich weitgehend homogene Region (polis+sinus 2011: 13). Die meisten Bewohner sind jedoch mindestens zweisprachig, mit Französisch als Zweitsprache. 57 % der von polis+sinus Befragten charakterisierten die Deutschsprachige Gemeinschaft als eine mehrsprachige Region (polis+sinus 2011: 18f). In den letzten Jahrzehnten haben sich vor allem wegen der niedrigeren Immobilienpreise auch zahlreiche Deutsche hier angesiedelt. Nach der Umfrage von 2011 machten sie 18 % der DG-Bevölkerung aus, im Nordteil wegen der Nähe zu Aachen sogar 28 % (polis+sinus 2011: 1). Größter Ort der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist Eupen (ca. 19000 Einwohner), dort ist der Sitz der Regierung und des Parlaments der DG, des Rundfunks, der Tageszeitung und der Autonomen Hochschule der DG. Allerdings ist nicht das ganze Gebiet gleichermaßen auf Eupen als nächstgelegenes Zentrum hin orientiert, sondern nur die Nordhälfte, das „Eupener Land“. Die Südhälfte, von Ostbelgiern meistens als „Eifel“ bezeichnet, mit dem eigenen Zentrum St. Vith (knapp 10000 Einwohner), ist in verschiedener Hinsicht davon abgetrennt, in erster Linie verkehrstechnisch durch das fast unbesiedelte, jahrhundertelang unwegsame Hochmoorgebiet des Hohen Venns. Das Hohe Venn markiert aber auch einen historischen Gegensatz: Hier war die Grenze zwischen dem limburgischen und dem luxemburgischen Territorium, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts das heutige Ostbelgien politisch teilte. Etwa hier verlaufen auch mehrere Isoglossen, die die nördlichen Dialekte deutlich von den südlichen unterscheiden – der Dialekt von Eupen ist südniederfränkisch, der von St. Vith moselfränkisch. Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Teilen besteht schließlich nach wie vor darin, dass der Süden in erster Linie landwirtschaftlich und v.a. forstwirtschaftlich geprägt ist und abgelegen von den großen Verkehrsachsen, während der Norden stärker besiedelt und urbanisiert und stellenweise industrialisiert ist und von der Durchgangsstrecke Köln-Aachen-Brüssel/Paris durchquert wird.
Diese Zweiteilung der Deutschsprachigen Gemeinschaft reflektieren schon die genannten unterschiedlichen Fremd- und Eigenbezeichnungen („Eupener Land“ vs. „Eifel“), sie ist auch sprachlich deutlich wahrzunehmen (s.u.) und in spottenden bzw. distanzierenden Äußerungen und Stereotypen greifbar. Riehl (2001: 42) weist sogar auf zwei verschiedene Jugendkulturen hin, die sich geographisch verteilen: „eine ländlich orientierte, deutschsprachige Jugendkultur, die vor allem in der Eifel gepflegt wird, und eine städtisch-moderne, französischsprachige Jugendkultur“.
Die offizielle Deutschsprachige Gemeinschaft umfasst eigentlich nicht das gesamte belgische Gebiet, in dem germanische Dialekte gesprochen werden/wurden, die traditionell vom Gemeindeutschen als Schrift- und Kultursprache überdacht wurden: Dieses Gebiet reicht an mehreren Stellen noch weiter nach Westen (und Süden). Diese westlicheren Teile gehören jedoch schon seit der Staatsgründung 1830 zu Belgien (daher auch als „Altbelgien“ bezeichnet) und nicht erst, wie das Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft („Neubelgien“), seit 1920. Da der Abbau der Dialekte auch in Altbelgien heute weit fortgeschritten ist und das Deutsche als überdachende Standardsprache hier eindeutig vom Französischen abgelöst worden ist, hängt es von der Perspektive ab, wie weit hier überhaupt noch von einer deutschsprachigen Minderheit die Rede sein kann1 – Deutsch als Standardsprache hat hier heute eigentlich nur noch eine etwas bevorzugte Position im Fremdsprachenunterricht. Diese Entwicklung hat mit der Praxis der belgischen Sprachen- und insbesondere Schulsprachenpolitik seit dem 19. Jahrhundert zu tun (vgl. z.B. Henkes 2012, Pabst 1979). Hintergrund dafür sind u.a. wiederum die geringe Sprecherzahl und auch die Diskussion um die Zuordnung der südniederfränkischen Ortsdialekte im Norden zum Deutschen oder zum Niederländischen (vgl. z.B. Henkes 2012: 6). Wesentlich hinzu kommt aber noch die politische bzw. patriotische Aufladung der Entscheidung zwischen Deutsch und Französisch vor allem durch den Ersten Weltkrieg, die eine bewusste Hinwendung der altbelgischen Bevölkerung zum Französischen mit sich brachte (während Neubelgien im Ersten Weltkrieg ja noch zum Deutschen Reich gehörte). Im Zweiten Weltkrieg kam es infolge der Annexion von Neubelgien und Teilen Altbelgiens durch Deutschland im altbelgischen Gebiet zu einer zweiten „romanisation patriotique“, die auch nach Kriegsende andauerte; nach dem Krieg wandten sich auch die Neubelgier teilweise bewusst dem Französischen zu (s. Pabst 1979: 30, Darquennes 2013: 345f.).
Ein besonderer Fall ist das altbelgische Gebiet um Arel/Arlon, das im Osten nicht an Deutschland, sondern an Luxemburg grenzt: Im Zuge des Ausbaus des Luxemburgischen zur Standardsprache ordnen die Dialektsprecher dieses Gebiets ihren Dialekt zunehmend dem Luxemburgischen zu (s. Darquennes 2013: 358 Anm. 4). Auch hier geht die Dialektkenntnis deutlich zurück, v.a. aus wirtschaftlichen Gründen gibt es aber ein neues Interesse am Erwerb des Luxemburgischen (ebd.: 358f.).
2.2. Geschichtliche Entwicklung
Das heutige Ostbelgien war nur von 1815 bis 1919 Teil eines (fast) rein deutschsprachigen Staats (zum Folgenden s. z.B. Pabst 1979); dass es jedoch heute eine eindeutig deutschsprachige Minderheit in Belgien gibt, geht vor allem auf diese Zeit zurück – zugespitzt: die Deutschsprachigkeit auf die Zugehörigkeit zu Preußen ab 1815 und die Minderheiten-Rolle auf die Abtrennung von Deutschland 1920. Vor der Angliederung an Frankreich 1794–1815 gehörte der Norden, das Eupener Land, zum Herzogtum Limburg, der Süden zum Herzogtum Luxemburg. Gesprochen wurden die jeweiligen Dialekte, als Schriftsprache wurde, nach der Ablösung der regionalen Schreibsprachen, im 17./18. Jh. im Eupener Land vorwiegend das Niederländische verwendet und nur im Süden die neuhochdeutsche Schriftsprache, daneben spielte in beiden Regionen auch das Französische eine Rolle. Auch im Norden war allerdings das (Hoch-)Deutsche Kirchen- und Schulsprache. Unter der französischen Herrschaft 1794–1815 wurde das gesamte Gebiet des heutigen Ostbelgien Teil des neuen Départements Ourthe, in dem als Verwaltungs- und Gerichtssprache nur noch Französisch anerkannt war (s. Ködel 2014: 162). Als Sprache in Kirche und Schule behielt das Neuhochdeutsche gleichwohl seine Position. Die endgültige Durchsetzung des Deutschen folgte dann auf die Angliederung (ungefähr) des Gebiets der heutigen DG an Preußen, im Wiener Kongress 1815. Hier kommt auch zum Tragen, dass die gut 100jährige Zugehörigkeit zu Preußen und dem Deutschen Reich, mit Deutsch als einziger Amts- und Unterrichtssprache, gleichzeitig die Phase war, in der infolge der zunehmenden Durchsetzung der Schulpflicht (1825 in der preußischen Rheinprovinz eingeführt) immer mehr Menschen die überregional einheitliche Schriftsprache beherrschten und diese auch zunehmend gesprochen wurde. So gehörte „Eupen-Malmedy“ dann – abgesehen von den immer schon französisch- bzw. wallonischsprachigen Ortschaften im Kreis Malmedy – ganz eindeutig zum deutschsprachigen Gebiet, als die beiden Kreise 1920 Belgien zugesprochen wurden. Die deutsche Sprache wurde dabei für die neuen Kantone zumindest theoretisch als gleichberechtigte Amtssprache neben dem Französischen anerkannt und blieb im Prinzip Schulsprache in der Primarschule; der Sekundarschul-Unterricht hingegen war französisch. Dieser Zustand wurde auch nach dem 2. Weltkrieg wieder hergestellt, das heißt: „die Unterrichtssprachenpolitik wurde zum Instrument der ‚Reassimilierung‘ der deutschsprachigen Belgier“ (Darquennes 2013: 356), bis zu den gesetzlichen Neuerungen ab den 1960er Jahren.
3. Die Position des Deutschen in Belgien heute
Die heutige Autonomie der Deutschsprachigen Gemeinschaft hat sich schrittweise ab den 1960er Jahren entwickelt (s. genauer Brüll 2010). Sie hat mit der gewachsenen Rücksicht auf Sprachminderheiten in Europa zu tun, ist aber eigentlich nicht so sehr die Folge einer emanzipatorischen Bewegung der Ostbelgier, sondern eher ein Nebenprodukt des flämisch-wallonischen Konflikts: Bei der Föderalisierung Belgiens, die vor allem auf dessen Lösung abzielte, sind „die institutionellen Kompromisse […] relativ großzügig, dafür allerdings ziemlich undifferenziert auf die Deutschsprachige Gemeinschaft übertragen worden. Dies hat den Deutschsprachigen ein herausragendes Autonomiestatut und damit auch gelegentlich den Titel ‚bestgeschützte Minderheit Europas‘ beschert“ (Thomas 2010: 84, vgl. a. Minke 2010: 3, Brüll 2010: 45).
Das mehrsprachige Belgien wurde im Zuge mehrerer Staatsreformen ab den 1960er Jahren nach dem Territorialitätsprinzip in mehrere im Prinzip einsprachige Sprachgebiete aufgeteilt, ein französisches, ein niederländisches, ein deutsches und daneben das zweisprachige Brüsseler Gebiet.1 Dies bedeutet, dass die jeweilige Sprache im entsprechenden Landesteil Amtssprache ist und in Verwaltung, Justiz und Schulwesen allein zu verwenden ist. Für eine festgelegte Reihe von Gemeinden sind allerdings in Schulwesen und Administration sprachliche Sonderrechte („Fazilitäten“/„Spracherleichterungen“) zugunsten von Minderheiten vorgesehen, die eine der anderen beiden Sprachen sprechen; dazu gehören alle Gemeinden der Deutschsprachigen Gemeinschaft, wo hierdurch „de facto Französisch zweite Amtssprache ist“ (Kern 1999: 214); gewisse Rechte werden im Schulwesen auch Niederländischsprachigen zugestanden. Umgekehrt gelten in einigen französischsprachigen Gemeinden Sonderrechte für die deutschsprachigen Bewohner.
Auf nationaler Ebene ist das Deutsche im Prinzip gleichrangige dritte Landessprache (vgl. Nelde 1987: 10). So ist der deutsche Text der Verfassung genauso verbindlich wie der französische und der niederländische (Henkes 2012: 16). Die Bewohner der DG haben das Recht, auf Deutsch mit der föderalen Verwaltung zu kommunizieren (und ebenso mit derjenigen der wallonischen Region), auch Gerichtssprache ist für sie Deutsch, jedenfalls in erster Instanz im Gerichtsbezirk Eupen, und auch bei Berufungsverfahren vor den höheren und den obersten Gerichten außerhalb der DG muss bei Bedarf das Deutsche zugelassen werden (s. genauer Henkes 2012 und Sommadossi 2013). Es gibt allerdings Klagen über eine unzureichende Beachtung der sprachengesetzlichen Regelungen in der Praxis (s. De Fijter 2012, Henkes 2012: 40), neben gelegentlichem Unwillen steht dahinter meist Mangel an finanziellen Mitteln und sprachkompetenten Personen. In jüngerer Zeit wird insbesondere kritisch konstatiert, dass Internetseiten zwar in englischer, aber nicht in deutscher Version zugänglich sind (De Fijter 2012: 69). Proteste gegen unzureichende Berücksichtigung des Deutschen durch Privatunternehmen verkennen allerdings oft, dass für diese keine entsprechenden gesetzlichen Verpflichtungen existierten, dass also z.B. Geschäftsbedingungen nicht auf Deutsch veröffentlicht werden müssen (Henkes 2012: 41).
Infolge der Reformen ist der Föderalstaat heute in doppelter Weise (ohne Hierarchie)2 untergliedert: Es gibt einerseits drei „Gemeinschaften“ (vormals „Kulturgemeinschaften“), in deren Kompetenz Kultur, Bildung und Teile der Sozialpolitik liegen: die Flämische Gemeinschaft, die Französische Gemeinschaft und die Deutschsprachige Gemeinschaft.3 Andererseits gibt es drei „Regionen“, die vor allem für die wirtschaftlichen und umweltbezogenen Belange zuständig sind: die (überwiegend frankophone) Wallonische Region, die (niederländischsprachige) Flämische Region und die (zweisprachige) Brüsseler Region.4 Für das deutschsprachige Gebiet gilt also eine Asymmetrie: Auf der Ebene der Gemeinschaften steht es gleichberechtigt neben den beiden anderen Gemeinschaften, wie diese hat es eine eigene Regierung und ein eigenes Parlament, auf der Ebene der Regionen jedoch nicht, da ist es Teil der Wallonie. Bestrebungen, dies zu ändern und – wie das niederländischsprachige Flandern – auch eine eigene Region zu bilden, haben sich bisher nicht durchsetzen können (vgl. z.B. Thomas 2010: 84f., Reiter 2015, polis+sinus 2011: 68).
Entscheidend für die Position der deutschen Sprache ist aber vor allem die eigenständige Regelung der Sprachenpolitik und des Unterrichtswesens (s. dazu Dries 2010), die seit den 1980er Jahren in der Kompetenz der DG liegt (seit 1989 eigene Lehrpläne), seit dieser Zeit verfügt die DG auch über eine Autonome Hochschule. Diese bietet allerdings nur die Ausbildung zum/zur Kindergärtner/in und Primarschullehrer/in sowie zum/zur Krankenpfleger/in an. Das bedeutet unter anderem, dass die in der DG tätigen Sekundarschullehrer sowohl die fachliche als auch die (theoretische) fachdidaktische Ausbildung normalerweise an einer der wallonischen Universitäten auf Französisch absolviert haben und die deutschen Fachterminologien außerhalb des Studiums oder erst in der Praxis erwerben müssen, sofern sie nicht überhaupt auf Französisch unterrichten (s.u.). Für das Fach Deutsch bedeutet es überdies, dass die fachdidaktische Vorbereitung sich weitgehend nicht auf die Anforderungen des muttersprachlichen Deutschunterrichts in der DG richtet (dessen Inhalte sich nach den Lehrplänen wenig von denen des Deutschunterrichts in deutschen Bundesländern unterscheiden), sondern auf die Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache.
Immerhin ist für die Anstellung von Lehrern in der DG seit 2004 der Nachweis guter Deutschkenntnisse (mindestens Niveau B2 des Europäischen Referenzrahmens) obligatorisch. Gleichzeitig hat im Unterrichtswesen der DG jedoch der Erwerb des Französischen einen sehr hohen Stellenwert, er beginnt schon in der Vorschule und entspricht vom vorgesehenen Zeitumfang her in der Primar- und Sekundarschule fast oder ganz dem Deutschunterricht. In der Sekundarschule kann außerdem bis zu 50 % (oder sogar mehr) des Sachunterrichts in Französisch erteilt werden.5 Die gesetzlichen Regelungen der DG hinsichtlich der Sprachen im Schulwesen weisen also immer auf ein doppeltes Ziel hin: Konsolidierung des Deutschen als Erstsprache bei gleichzeitiger massiver Förderung von Französisch als Fremdsprache.
Neben dem Schulunterricht stützen auch die eigenen Medien das Deutsche in Ostbelgien. Es gibt eine viel gelesene deutschsprachige Tageszeitung, das 1927 gegründete Grenz-Echo mit einer Auflage von derzeit 11500 Exemplaren, und einen eigenen Sender (Belgischer Rundfunk – BRF) mit zwei Radiokanälen und einem kleinen Fernsehprogramm, das auf Nachrichten konzentriert ist (das bundesdeutsche Fernsehen spielt daneben auch eine wichtige Rolle – die finanziell motivierte Entfernung der öffentlich-rechtlichen Programme aus Deutschland aus dem belgischen Kabelnetz 2013 führte zu starken Protesten. An ihre Stelle traten aber bundesdeutsche Privatsender).
In naturgemäß bescheidenem Rahmen hat auch die ostbelgische Literatur seit den 1970er Jahren einen Aufschwung erlebt (vgl. Combüchen 2008: 57, Beck 2010). Die Lebendigkeit des Deutschen in Ostbelgien steht also völlig außer Frage. Im Folgenden ist nun näher zu betrachten, wie weit es sich dabei – nach fast 100 Jahren staatlicher Trennung von Deutschland – um ein bestimmtes ostbelgisches Deutsch handelt.
4. „Das“ ostbelgische Deutsch – Besonderheiten des Deutschen in Ostbelgien
Das Deutsche in Ostbelgien ist in den letzten 50 Jahren Gegenstand verschiedener Darstellungen und Untersuchungen gewesen (u.a. Magenau 1964, Nelde 1987, Nelde & Darquennes 2002, Heinen & Kremer 1986 u.ö., Kern 1999, Hladky 1999, Riehl 2001, Strothkämper 2012). Im Folgenden wird auf diese zurückgegriffen, besonders auf die extensivste jüngere Sammlung, die von Heinen & Kremer (2011 und 2015), die auf den Internetseiten der DG zu einer „Regionalsprachendatenbank der DG“ ausgeweitet worden ist. Die meisten der genannten Arbeiten beziehen sich auf den Wortschatz, z.B. bei Heinen & Kremer (1986) finden sich jedoch auch Hinweise auf „typische“ grammatische Varianten. Die Frage der Einstufung der belgischen Varianten als standardsprachlich oder nicht wird im Folgenden zunächst etwas zurückgestellt, weil die Basis dafür gerade bei einer kleinen Zahl von Sprechern und Texten noch unsicherer ist als sonst (zu den Schwierigkeiten vgl. a. Ammon 1995: 82).
4.1. Dialektbasierte Charakteristika
4.1.1. Dialektaler Hintergrund
Die dialektalen Ausgangsbedingungen (s. dazu genauer Cajot & Beckers 1979 und Cajot 1989) begünstigen die Entwicklung einer spezifisch belgischen Varietät des Deutschen nicht: Das kleine Gebiet der deutschsprachigen Minderheit ist kein geschlossener Dialektraum, sondern ein Übergangsgebiet, dessen Pole sich sehr deutlich voneinander unterscheiden, dagegen kaum von den anschließenden deutschen, niederländischen und luxemburgischen Dialekten abheben. Mehrere wichtige Isoglossen durchschneiden Ostbelgien: Die Benrather Linie (2. Lautverschiebung: maken vs. machen etc.), die traditionelle Grenzlinie zwischen niederländischen/niederdeutschen und hochdeutschen Dialekten, trennt Eupen und sein nordwestliches Umland (südniederfränkische Dialekte wie im angrenzenden niederländischen Limburg) von den östlicheren Orten in Richtung Aachen sowie vom Süden der DG. Eine weitere Lautverschiebungsgrenze (dorp vs. dorf) sowie auch die Grenze zwischen Dialekten mit und ohne Diphthongierung von westgermanisch ī und ū (iis vs. eis) durchschneidet das Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft knapp südlich des Hohen Venns. Nach der älteren, mit grenzmarkierenden Isoglossen arbeitenden Dialekteinteilung „zerfällt“ das ostbelgische Gebiet also in einen vorwiegend moselfränkischen Süden, der zum selben Dialektraum gehört wie das Luxemburgische und das deutsche Moselgebiet, einen kleineren Ausläufer des ripuarischen Dialektraums in der Mitte und ein Teilgebiet des Südniederfränkischen (ohne klare Grenze zu den niederländisch-limburgischen Dialekten und denen des deutschen Niederrheins) im Norden. Auch wenn eine solche auf einzelne Isoglossen fixierte Zerteilung dem Charakter von Übergangsgebieten nicht gerecht wird, lässt sie erkennen, dass hier kaum davon ausgegangen werden kann, dass die dialektale Grundlage dem ostbelgischen Deutsch einen bestimmten, einheitlichen Charakter verleiht. Die Nord-Süd-Teilung ist in den Dialekten auch auf lexikalischem Gebiet sehr deutlich (vgl. z.B. die Wortkarten des „Kleinen Dialektatlas von Ostbelgien und den angrenzenden Gebieten in Deutschland“, Möller & Weber (2014) – hier ist der häufigste großräumige Gegensatz der zwischen Eupener Land und Eifel, in über der Hälfte dieser Fälle stimmt das Wort in der Eifel dabei mit dem bundesdeutschen Standardwort überein).
Dazu kommt noch, dass der Rückgang des Dialektgebrauchs sehr unterschiedlich ist: Im größten Teil des Eupener Lands, wo zum einen der Dialekt weiter von Standard entfernt ist und zum anderen die Urbanisierung weiter fortgeschritten ist als im Süden, ist Dialektkompetenz schon nur noch selten anzutreffen, in den Dörfern der Eifel ist der Dialekt dagegen auch unter jungen Leuten häufig noch Alltagssprache. Auch hierin ist die Ähnlichkeit zwischen der jeweiligen ostbelgischen und der angrenzenden Region in Deutschland größer als die zwischen dem Norden und dem Süden von Ostbelgien (vgl. Weber 2009).
4.1.2. Regionale Lexik
Die als „ostbelgisch“ angesehene (nichtdialektale) Lexik spiegelt diese Situation wider. Bei den lexikalischen Varianten, die bei Heinen & Kremer (2011) (bzw. in der Regionalsprachendatenbank) als charakteristisch für die „besondere Regionalsprache“ Ostbelgiens (ebd. S. 5) aufgeführt sind, spielen indigene Varianten zwar zunächst einmal quantitativ eine erheblich größere Rolle als der französische Kontakteinfluss.1 Eine Teilauswertung dieser Sammlung (Alphabetstrecke A-F, 362 Lemmata) ergibt einen Anteil von nur gut 15 % Lehnwörtern und knapp 2 % Lehnübersetzungen. Die übrigen sind jedoch in der großen Mehrzahl keine spezifisch belgischen Varianten,2 sondern zu über 85 % auch für das deutsche Rheinland belegt, auch in deutlicher Entfernung zu Ostbelgien, im zentralen Rheinland, im Ruhrgebiet oder im Bergischen Land, oder noch über das Rheinland hinaus im deutschen Nordwesten.3 Bei den restlichen, auf Belgien beschränkten, gilt wiederum die Mehrheit (78 %) nach den Angaben in der „Regionalsprachedatenbank“ nicht in ganz Ostbelgien, sondern nur in einem Teilgebiet – meistens entsprechend der erwähnten Nord-Süd-Teilung. Oft ist auch beides gleichzeitig der Fall, wie z.B. bei dem „typischen“ Merkmal holen statt nehmen (auch in zahlreichen Partikelverben wie abholen ‚abnehmen‘, mitholen etc.), das oft Gegenstand von (selbst-)ironischer Metakommunikation ist: Diese Variante ist nicht nur im Süden der DG üblich, sondern auch im angrenzenden Deutschland und in Luxemburg,4 im Eupener Land dagegen ist sie ungebräuchlich.
Auch im Wortatlas der deutschen Umgangssprachen in Belgien (Nelde 1987) schließt das Kartenbild für die DG sich in fast allen Fällen nahtlos an das entsprechende Kartenbild im Wortatlas der deutschen Umgangssprachen (Eichhoff 1977–2000) an, die Ausnahmen hiervon gehen auf das Französische bzw. das Wallonische zurück (kalt haben ‚frieren‘ Kt. 2, Makai ‚Quark‘, Kt. 40) zeigen auch innerhalb Ostbelgiens wieder den Nord-Süd-Kontrast (Kt. 34 ‚auf dem Eis entlangrutschen‘).
Wenn Heinen & Kremer (2011) die von ihnen gesammelten Varianten grundsätzlich als „zwischen Dialekt und Standardsprache“, also als nicht standardsprachlich, einstufen, widerspricht das zwar der Tatsache, dass eine Reihe davon unmarkiert in standardsprachlichen Texten verwendet wird und einige sogar zur offiziell festgelegten belgischen Rechts- und Verwaltungsterminologie gehören (s.u.). Jedoch weist bei vielen Lemmata die Bedeutung darauf hin, dass der Ausdruck tatsächlich eher einem familiären Register angehört. Dies betrifft besonders die nicht entlehnten Wörter. So haben gerade diese oft eine bewertende oder bewertungsrelevante Komponente oder bezeichnen – teilweise onomatopoetisch – auffällige Bewegungen, Verhaltensweisen oder Lautproduktionen oder äußerlich auffällige Personen oder Gegenstände etc. (‚schlagen‘, ‚geräuschvoll kauen‘, ‚unruhig, zappelig‘, ‚Durcheinander‘, ‚sich beim Essen oder Trinken beschmutzen‘ u.ä.). Für die aus dem Französischen entlehnten Wörter gilt dies weniger (‚LKW‘, ‚LKW-Plane‘, ‚Kugelschreiber‘, ‚Kanister‘ u.ä.).
So ist es nicht überraschend, dass – entgegen den Gewichtsverhältnissen in der Sammlung von Heinen & Kremer (2011) – in dem ostbelgischen Zeitungskorpus, das Nelde (1974) untersucht hat, zwar diverse Besonderheiten in Form von Entlehnungen aus dem Französischen auftreten, dialektbasierte Varianten dagegen kaum eine Rolle spielen, genauer: nur in der Karnevalszeit vorkommen (ebd: 249).
4.1.3. Phonologische und grammatikalische Merkmale
In der Phonologie ist es ähnlich: Die meisten (sekundären) Dialektmerkmale, die im ostbelgischen Regiolekt und regionalen Gebrauchsstandard eine Rolle spielen, sind auch in großen angrenzenden Gebieten in Deutschland und in Luxemburg verbreitet, aber umgekehrt oft nicht in ganz Ostbelgien. So ist z.B. die Koronalisierung von [ç] zu zu [ɕ] bzw. [ʃ], ein bekannter „rheinischer“ Marker und im Ripuarischen und Moselfränkischen eins der stabilsten regionalen Merkmale, zwar im Süden der DG geläufig und stereotypisiert, in Eupen dagegen nicht üblich (s. z.B. die Karte zu ig im Auslaut im Atlas zur Aussprache des deutschen Gebrauchsstandards, Kleiner 2011ff.).1 Auch in der kurzen Aufzählung phonologischer Erscheinungen, die „sehr deutlich die Alltagssprache prägen“, bei Heinen & Kremer (2011: 5) erscheinen nur Merkmale, die die „Eifler“ oder die „Eupener“ charakterisieren, nicht aber beide.
Dementsprechend erwies sich in einem Test mit Personen aus Ostbelgien und aus dem deutschen Grenzgebiet,2 dass sie in Sprachproben (Regiolekt bis Gebrauchsstandard) in erster Linie den Nord-Süd-Unterschied identifizierten. Jedoch gelang es auch vielen von ihnen, die ostbelgischen Sprecher von den deutschen zu unterscheiden – offenbar (meistens unbewusst) vor allem anhand eines einzigen spezifischen Merkmals: der fast systematisch konsonantischen Realisierung von auslautendem /r/nach Vokal ([χ]), im Gegensatz zu der Vokalisierung auf deutscher Seite.
„Typische“ grammatische Varianten des ostbelgischen Deutschen, die auf den Dialekt zurückgehen, sind kaum anzutreffen. Die Liste ostbelgischer grammatischer „Abweichungen“ bei Heinen & Kremer (1986: 5–13) enthält jedenfalls außer Transferenzen aus dem Französischen (s. unten) vor allem großräumig bis überregional verbreitete als Non-Standard eingestufte Phänomene, teilweise Dauerbrenner der Sprachkritik: den am-Progressiv, wie oder als wie bei Komparativ, die tun-Periphrase, wo als Relativpartikel, hin statt her usw. Regionalspezifisch ist dagegen wohl die Umlautung der Konjunktiv-II-Formen von wollen (wöllte) auch außerhalb des Dialekts; der analytische Komparativ (mehr groß) ist dagegen heute weitgehend auf den Dialekt beschränkt und auch dort nicht durchgehend üblich (Theissen 2015). Kasusverwechslungen bei Wechselpräpositionen (im Haus gehen, im Griff bekommen, an jdm. denken, s. Hladky 1999: 90) spielen vor allem im Nordteil der DG eine gewisse Rolle, was auf das Substrat der dortigen Dialekte ohne Dativ-Akkusativ-Differenzierung zurückgeht (s. Feyen 1999: 110).
Insgesamt ist ein innerbelgischer Ausgleich zugunsten bestimmter regionaler (aus den Dialekten stammender) Varianten nicht erkennbar, die anzutreffenden Merkmale mit dialektalem Hintergrund spiegeln immer noch die dialektalen Raumstrukturen wider (und damit die dialektale Uneinheitlichkeit von Ostbelgien) und nicht die nationalen Grenzen. In einem pluriarealen Konzept kann Ostbelgien damit eigentlich nur einen kleinen Abschnitt des äußersten Westrands eines mittel-/nordwestdeutschen Übergangsraums darstellen.
Als nationale Besonderheit, die den Gebrauch im ganzen Gebiet verbindet und nach außen abgrenzt, erweist sich demgegenüber jedoch der französische (bzw. teilweise belgisch-französische oder wallonische) Kontakteinfluss.
4.2. Der Kontakteinfluss aus dem Französischen
Wenngleich in der Deutschsprachigen Gemeinschaft allgemein Deutsch die Verkehrssprache ist und auch Frankophone, die dort beschäftigt sind, das Deutsche soweit erlernt haben, dass sie auf Deutsch z.B. mit Kunden interagieren können, ist das Französische im Alltag in Ostbelgien omnipräsent. Werbung, Aufschriften aller Art, Hinweisschilder sind häufig zweisprachig oder auch einsprachig französisch, bei vorübergehend aufgestellten Verkehrsschildern wechseln Deutsch und Französisch offenbar frei, Produktbeschriftungen sind dreisprachig oder auch nur zweisprachig französisch-niederländisch, in Geschäften werden frankophone Kunden auf Französisch bedient. Im Berufsleben wird zumeist Zweisprachigkeit verlangt, auch bei einfachen Tätigkeiten (vgl. Riehl 2001: 40). Angesichts des eingeschränkten Angebots der Autonomen Hochschule setzt, wie schon gesagt, auch ein Hochschulstudium in Belgien gute Französisch- oder Niederländischkenntnisse voraus; die nächstgelegene belgische Universität ist die frankophone Universität Lüttich.
Dank dem Stellenwert des Französischunterrichts im Schulwesen sind bei großen Teilen der Bevölkerung die entsprechenden Kenntnisse vorhanden (s. Dries 2010: 157 u.ö, Strothkämper 2012: 29). Viele Ostbelgier haben auch frankophone Elternteile oder Lebenspartner, und die Einstellung dem Französischen gegenüber ist zumeist positiv (s.a. Riehl 2001: 40),1 wenngleich zumindest Teile der Bevölkerung heftig reagieren, wenn sie – z.B. von Seiten der Wallonischen Region – die Eigenständigkeit des deutschsprachigen Gebiets und/oder die Geltung der deutschen Sprache dort missachtet sehen.2
Angesichts der weit verbreiteten Zweisprachigkeit und der starken Präsenz des Französischen in der Gegenwart und in der Geschichte Ostbelgiens drängt sich die Frage nach Kontakteinflüssen also auf. In einer Reihe von Studien ist allerdings immer wieder festgestellt worden, dass der Lehneinfluss weniger stark ist als erwartet (s. etwa Riehl 2001: 251, Strothkämper 2012: 72). Nach der Entlehnungsskala3 von Thomason & Kaufman (1988: 74–76) entsprechen die Entlehnungen nur einer geringen Kontaktintensität („gelegentlicher Kontakt“). So ist in erster Linie eine Reihe von entlehnten Inhaltswörtern anzutreffen, vor allem Substantive, seltener (über -ier- integrierte) Verben. In der Sammlung von Heinen & Kremer (2011) erscheinen als Entlehnungen einige Sachspezifika, aber auch eine Reihe von Bezeichnungen für Gegenstände, die im bundesdeutschen Gebrauch andere, indigene, Bezeichnungen haben (Bic ‚Kugelschreiber‘, Mazout ‚Heizöl‘, Makai ‚Quark‘, Farde ‚Ordner‘, Flic ‚Polizist‘, Frigo ‚Kühlschrank‘, Bidon ‚Kanister‘, Camion ‚Lastwagen‘, Garagist ‚Autohändler; Automechaniker‘, Dalle ‚Betonträger; Steinplatte, Deckstein‘, Bulle ‚Kugel‘, Cric ‚Wagenheber‘, Bigoudi ‚Lockenwickler‘ usw.). In einigen Fällen gibt es auch kein einfaches deutsches Äquivalent, wie bei den Verben affonieren ‚in einem Zug austrinken, auf Ex trinken‘, panikieren ‚in Panik geraten‘, depannieren ‚Pannenhilfe leisten‘ oder auch bei Bol ‚tiefe Schüssel oder Tasse ohne Henkel‘.
Des Weiteren finden sich verschiedene Lehnbedeutungen bzw. Fälle von Übereinstimmung mit der französischen Verwendung bei Wörtern, die als Entlehnung aus dem Französischen oder Lateinischen auch in Deutschland existieren, aber in anderer Bedeutung, so z.B. Café ‚Wirtschaft, Kneipe‘, Garage ‚Autowerkstatt; Autohaus‘, Agenda ‚Terminkalender‘, Kompass ‚Zirkel‘ u.a. Auch bei indigenen Wörtern kann sich der semantische Einfluss der französischen (Teil-)Übersetzungsäquivalente zeigen, etwa im ostbelgischen Gebrauch von Wörtern wie etwas fragen ‚etwas verlangen, um etwas bitten‘, nach frz. demander, oder Akte ‚Sache, Fall, Projekt‘ nach frz. dossier, empfangen ‚Sprechstunde abhalten‘ nach frz. recevoir. In einzelnen Fällen kann auch die Veränderung grammatischer Eigenschaften von Einzellexemen beobachtet werden (vgl. Heinen & Kremer 1986, s.a. Nelde 1974: 243–247), allerdings eben nur im Hinblick auf den einzelnen Lexikoneintrag, nicht systematisch im Hinblick auf grammatische Regeln. Solche Fälle sind z.B. Reflexivität bei sich basieren auf, Nicht-Reflexivität bei intransitivem ändern – etwa Der Ablauf hat geändert, entsprechend frz. changer –, oder (seltener) an jemanden fragen, jemanden glauben. Auch Konstruktionen wie die zur Angabe des Alters (20 Jahre haben) oder des Temperaturempfindens (warm haben) zeigen französischen Einfluss. Heinen & Kremer (1986), Nelde (1974: 244) und Hladky (1999: 87) weisen ferner auf Fälle von „abweichendem“ Präpositionalgebrauch hin, die sich sehr wahrscheinlich nach französischem Vorbild richten (Angst für statt um, in der Straße, zum Kino, am Fernsehen, für sich auszuruhen), ferner auf den Gebrauch des Pronomens man für wir (wie frz. on) und auch auf „unmotivierte“ Ausklammerungen von Präpositionalphrasen, z.B. in Der Minister weist hin auf eine baldige europaweite Verbotsregelung (Hladky 1999: 92).
Die Kontakteinflüsse aus dem Französischen, vor allem die häufigeren lexikalischen Entlehnungen, erscheinen auch in standardsprachlichen Kontexten und unterscheiden das Deutsch im Norden und Süden der DG insgesamt vom angrenzenden bundesdeutschen Deutsch. Es handelt sich zwar nicht durchgehend um spezifisch belgische Varianten, sondern derselbe französische Einfluss findet sich teilweise auch im Schweizer Standarddeutsch, so bei Camion oder Garage/Garagist. Aus belgischer Perspektive werden diese Entlehnungen trotzdem als typische Belgizismen wahrgenommen, da die Kontrastfolie schon aus Gründen der Geographie das angrenzende bundesdeutsche Deutsch ist.
Cajot (1989), der die Rolle der neuen Staatsgrenzen für die Entwicklung der Lexik4 im Grenzraum zwischen Belgien, den Niederlanden, Deutschland und Luxemburg untersucht, konzentriert auf neuere Begriffe, kommt zu dem Ergebnis: „Die Abweichungen [des ostbelgischen Deutschen] gegenüber dem Binnendeutschen bestehen hauptsächlich aus fr[anzösischen] Lehnwörtern“ (ebd.: 293). Allerdings wird auch noch bei den nach 1920 aufgekommenen Begriffen in Ostbelgien meistens doch dasselbe Wort verwendet wie in Deutschland (Fernseher, Filzstift, Moped, Staubsauger, Strumpfhose, Tiefkühltruhe, Vollkaskoversicherung etc.), die Staatsgrenze erscheint also nicht als sehr trennend (anders als – auch im Dialekt – die ehemalige Staatsgrenze zwischen Alt- und Neubelgien).
Auch Hladky (1999: 99) stellt fest, dass die Besonderheiten in den von ihr untersuchten Ausgaben des Grenz-Echos von 1997 „fast ausschließlich“ auf das Französische zurückzuführen sind (vgl. a. Nelde 1974). Es ist dabei allerdings oft nicht ganz klar, ob es sich um typische (übliche) ostbelgische Varianten handelt oder um gelegentlich anzutreffende Erscheinungen, die jeweils unmittelbar auf französischen Einfluss zurückgehen und von ostbelgischen Rezipienten selbst als Fehlleistung gewertet würden.
4.2.1. Okkasionelle Einflüsse und Übersetzungen
Bei den Studien von Magenau (1964), Nelde (1974), Hladky (1999) und Strothkämper (2012), die jeweils deutschbelgische Zeitungskorpora auf Abweichungen vom bundesdeutschen Gebrauch bzw. speziell auf Transferenzen aus dem Französischen untersucht haben, reflektieren die aufgeführten Belege vielfach wohl nicht einen in Ostbelgien üblichen Gebrauch, sondern individuelle, punktuelle Kontakteinflüsse. Solche unsystematisch auftretenden, aber sich aufgrund des Systemkontrasts doch in ähnlicher Weise wiederholenden französischen Interferenzen sind im Deutschen in Belgien häufig anzutreffen. Teilweise handelt es sich dabei um Produktionen von Ostbelgiern, die das Verfassen komplexerer Texte vor allem im Studium, d.h. auf Französisch, gelernt haben, und bestimmte Strukturen des elaborierten Französischen auf das Deutsche übertragen. Dazu kommt aber noch, dass zahlreiche offizielle und kommerzielle Texte von Nicht-Muttersprachlern und/oder unter Zeitdruck aus dem Französischen oder aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt werden.1 Solche grammatikalischen Interferenzen sind z.B. die Nachstellung erweiterter adjektivischer Attribute, wie im folgenden Satz aus der offiziellen Übersetzung des Gesetzes über den Sprachengebrauch in Gerichtsangelegenheiten:
Wenn im Bereich des Appellationshofes von Lüttich kein Richter des Strafvollstreckungsgerichts oder kein Staatsanwalt, spezialisiert in Strafvollstreckungssachen, die Kenntnis der deutschen Sprache nachweist, wird ein Dolmetscher hinzugezogen.2 (Hervorhebung R.M.)
oder die Trennung des Genitivattributs vom Bezugswort durch ein vorausgehendes Präpositionalattribut (entsprechend der Position des Attributs mit de im Frz.) im Titel des „Collas-Gesetzes“ von 2007: Gesetz zur Regelung der Veröffentlichung in deutscher Sprache der Gesetze, der Königlichen Erlasse und der Ministeriellen Erlasse föderalen Ursprungs.3 (Hervorhebung R.M.)
Hierbei handelt es sich nicht um spezifische Strukturen des belgischen Deutschen, sondern um kontaktinduzierte Abweichungen von grammatischen Regularitäten, die normalerweise auch dort gelten – Abweichungen, die in der gesprochenen Sprache ostbelgischer muttersprachlicher Deutschsprecher nicht zu beobachten sind. Da solche Texte mit Interferenzen im muttersprachlichen Input deutschsprachiger Belgier quantitativ nicht ganz zu vernachlässigen sind (hinzu kommt gelegentlich der mündliche Gebrauch z.B. von Lehrern, deren Muttersprache nicht das Deutsche ist, s. Dries 2010: 157), ist das bei Ostbelgiern häufig anzutreffende Gefühl der Unsicherheit im Deutschen (besonders im Vergleich zu Sprechern und Schreibern aus Deutschland – s.u. 6.1) wohl nicht allein nur auf einen „Minderheiten“-Komplex zurückzuführen, sondern teilweise auch damit zu erklären, dass Gelesenes und Gehörtes immer wieder das erworbene Sprachwissen in Frage stellt bzw. die Abgrenzung zwischen deutschen und französischen Strukturen in der bilingualen Kompetenz der Rezipienten nicht verfestigt, sondern unsicherer macht.
Umgekehrt kann der ständige Umgang mit dem Französischen und mit französischen Transferenzen im Deutschen dann auch zu einem generellen Misstrauen gegenüber Gallizismen und Latinismen führen. So hat ein/e Internet-Benutzer/in eine Reihe von Zitaten aus dem Grenz-Echo ins Internet gestellt, um zu zeigen, dass die These, dass „belgisches Deutsch angeblich mehr und mehr von deutschem Deutsch abweicht“, sich bei näherem Hinsehen tatsächlich bestätige: „Hier sind einige Exempel von Ostbelgischem Hochdeutsch aus dem Grenz-Echo!“.4 In den meisten Fällen5 handelt es sich hier jedoch – soweit überhaupt erschlossen werden kann, welcher Ausdruck im angeführten Zitat gemeint ist – um Gallizismen und Latinismen, die auch in Deutschland völlig üblich sind, wie z.B. Kollision, Resultat, kontrovers, favorisieren, etablieren. Sicherlich spielt auch die Frequenz solcher Wörter in Texten eine Rolle (vgl. Nelde 1974: 239). Das Phänomen einer Übervorsicht bezüglich möglicher Kontakteinflüsse zeigt sich aber z.B. auch darin, dass die Ausklammerung von Präpositionalphrasen (s.o.) in Ostbelgien teilweise als grundsätzlich falsch gilt.
4.3. Terminologie in Administration, Recht und Bildungswesen
Während die bisher besprochenen Varianten von vielen Sprechern und Normautoritäten als Fehler oder zumindest als umgangssprachlich beurteilt werden, ist die Anerkennung einer eigenen deutschen Fachterminologie in Recht und Administration seit einigen Jahren gesetzlich verankert.
In Umsetzung des Dekrets zur Regelung der Rechtsterminologie in deutscher Sprache vom 19.1.2009 wurde ein Terminologieausschuss geschaffen, der für die Festlegung der deutschsprachigen belgischen Rechtsterminologie zuständig ist; diese Terminologie ist in der öffentlichen Verwaltung verbindlich1 und in Form der Datenbank Debeterm zusammen mit den französischen und niederländischen Äquivalenten im Internet zugänglich. Allerdings ist dieser Kodifikationsprozess noch im Gang (bislang 3000 Termini). Bis zur Einrichtung des Terminologieausschusses wurde nur – ohne kritische Diskussion – vom Zentralen Übersetzerdienst gesammelt, welche terminologischen Lösungen (oft ad hoc, vgl. z.B. Nelde 1974: 242) bei der Übersetzung von Gesetzestexten gewählt worden waren.2
Die Existenz einer eigenständigen belgischen Rechts- und Verwaltungsterminologie auf Deutsch erklärt sich teilweise schon aus den unterschiedlichen Systemen und entsprechenden Sachspezifika, etwa Föderalstaat (nicht dasselbe wie Bundesstaat in Deutschland und Österreich) oder Schöffe („‚Ressortleiter‘ des Gemeinderats unter Leitung des Bürgermeisters“, s. Combüchen 2008: 55f., vgl. a. weitere Beispiele bei Sommadossi 2013: 300–304).
Über den Fall von Sachspezifika hinaus gibt es jedoch noch andere Gründe für die Festlegung einer spezifisch belgischen Terminologie, nämlich zum einen die Tradition einer engen Anlehnung an das dominierende Französische und zum anderen die enge Verwandtschaft zwischen Deutsch und Niederländisch, die oft eine Orientierung am Vorbild der niederländischen Termini nahelegt (vgl. Henkes 2012: 32). Ein Beispiel wie Zivilgesetzbuch zeigt das meistens stärkere Gewicht des Französischen hierbei (Code civil – niederländisch Burgerlijk Wetboek entspräche dem deutschen Bürgerliches Gesetzbuch). Die ältere Maxime war, „dass in jedem Zweifelsfall (und manchmal auch noch darüber hinaus) zunächst auf eine belgo-belgische Lösung hin zu arbeiten sei, notfalls durch Wortschöpfungen, die dem juristischen Laien, sprich dem Rechtsuchenden, nicht unbedingt einleuchten mussten“ (Henkes 2012: 32). Henkes (ebd. Anm. 102) führt dies an einigen Beispielen vor: Prokurator des Königs (nicht Leitender Oberstaatsanwalt) oder Greffier (nicht Kanzler, Kanzleivorsteher bzw. Rechtspfleger, Gerichtsekretär oder Geschäftsstellenbeamter etc.) bzw. Chefgreffier, „in Gleichklang mit dem Französischen und dem Flämischen; dagegen wählte man jedoch Staatsanwalt (und nicht den im Nachkriegsostbelgien während der ‚Säuberung‘ sattsam bekannten Begriff ‚Substitut‘), um dem geschichtlichen und kulturellen Hintergrund der Bevölkerung Rechnung zu tragen. Diese Begriffe haben sich durchgesetzt“ (ebd., Anm. 102, vgl. weitere Beispiele bei Sommadossi 2013: 300–304 und Combüchen 2008: 55f.).
Aus den aktuell geltenden Leitlinien des Terminologieausschusses geht jedoch hervor, dass bei neuen Festlegungen heute im Prinzip Konvergenz mit anderen deutschsprachigen Ländern angestrebt ist, an erster Stelle mit Deutschland. Diese Leitlinien sehen folgendes Vorgehen vor:3
Ausgangspunkt bei der Erarbeitung der deutschen Rechtsterminologie ist der bereits in der Vergangenheit vom Ausschuss festgelegte Wortschatz. Als erweiterte Grundlage wird die von der Zentralen Dienststelle für Deutsche Übersetzungen verwendete Terminologie herangezogen, die dabei einer kritischen Überprüfung unterzogen wird.
Sind die beiden im vorherigen Absatz genannten Quellen erschöpft und es müssen neue Benennungen geschaffen werden, gilt folgende Prioritätsreihenfolge als Richtlinie:
1. Anlehnung an die bundesdeutsche Rechtsterminologie;
2. Anlehnung an die Rechtsterminologie anderer deutschsprachiger Länder;
3. Anlehnung an die in der belgischen Rechtspraxis (Rechtsprechung am Gericht u.ä.) bereits verwendete deutsche Rechtsterminologie;
4. Bildung von Wortneuschöpfungen in Anlehnung an die französische oder niederländische Ausgangsterminologie bzw. durch Vereinnahmung existenter deutscher Terminologie, die ggf. mit einem neuen Bedeutungsinhalt belegt wird.
Die Kontinuität im belgischen Rahmen hat also, sofern eine eigene Tradition existiert, noch den Vorrang vor Konvergenz im deutschsprachigen Raum, aber bei Neubildungen steht das Bestreben nach Übereinstimmung speziell mit Deutschland explizit an erster Stelle.
Auch im Bildungswesen hat – in vergleichsweise geringerem Umfang – die Autonomie der deutschsprachigen Gemeinschaft zusammen mit Einrichtungen und Traditionen, die dem frankophonen Belgien folgen, zu einer spezifischen Terminologie geführt. Auch hier gibt es Sachspezifika wie Schulnetz (frz. réseau scolaire, Schulen in einer der koexistierenden Trägerschaften, s. Dries 2010: 150f.) oder Dispenz (Befreiung von einer Prüfung). Darüber hinaus werden im Rahmen dieser eigenen Tradition teilweise auch dann eigene, am Französischen orientierte Termini verwendet, wenn das Konzept kein belgisches Spezifikum ist, etwa bei Klassenrat für ein Gremium aus den Lehrern, die in einer Klasse unterrichten (frz. conseil de classe – bundesdeutsch Klassenkonferenz) oder Rahmenplan (bundesdeutsch Lehrplan). Umgekehrt haben Sachspezifika teilweise – in Übereinstimmung mit dem Französischen – Bezeichnungen, die in Deutschland in anderer Bedeutung verwendet werden, so bezeichnet (Klassen-)Tagebuch (frz. journal de classe) ein Heft, in dem täglich Aufgaben und Bemerkungen eingetragen werden, Studienbörse (frz. bourse d’études; ndl. studiebeurs) ein Stipendium (und nicht eine Art ‚Bildungsmesse‘) (vgl. Combüchen 2008: 56), Schulprojekt die Leitlinien, die eine Schule im Rahmen ihres Gestaltungsspielraums für sich festgelegt hat (und nicht eine bestimmte, von der Schule projektartig betriebene Aktivität). Eine Besonderheit ist schließlich auch der Plural des Worts Unterricht (Unterrichte), der in Deutschland unüblich, in Ostbelgien dagegen ganz geläufig ist.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.