Kitabı oku: «Systemische Erlebnispädagogik»

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ISBN 978-3-937 210-96-4
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ISBN 978-3-944 708-31-7 (eBook)
| Verlag: | ZIEL – Zentrum für interdisziplinäres erfahrungsorientiertes Lernen GmbHZeuggasse 7–9, 86150 Augsburg, www.ziel-verlag.de 1. Auflage 2007, 2. korrigierter Nachdruck 2015 |
| Grafik undLayoutgestaltung: | Hans-Peter Häderli, Hans-Peter Hufenus |
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Inhaltsverzeichnis
Systemische Erlebnispädagogik
Kreativ-rituelle Prozessgestaltung in Theorie und Praxis
1. Weiche Wirklichkeiten
Astrid Habiba Kreszmeier:
Im Spiel der Phänomene Phänomene
Edmond Tondeur:
Menschen stärken – Sachen klären Systemische Haltung
Robert Hepp, Susanne Doebel:
Von der Offenheit für das Geheimnis Prozessorientierung
Stephan Schmid:
Bildwerfer Menschenbild
Andreas Bühler, Peter Thomas, Karin Wabersich:
Posteingang (1): Stuttgarter Betrachtungen Wahrnehmung, Handlungsorientierung, Ressourcen
Andrea Zuffellato:
In der Lösung liegt die Kraft Lösungsorientierung
2. Pädagogischer Prozess
Konstanze Thomas:
Perspektiven systemischer Sprachführung Sprachbegleitung
Evelyn Pöhl:
Die Geschichte vom Königreich Leitung
Silvia Heller:
Handelnd lernen im Unternehmenskontext Ziele & Auftrag
Andrea Guth:
Mit Jugendlichen auf Quellensuche Naturerfahrung
Hilde Scheikl:
Suchtprävention in Szene gesetzt Szenische Arbeit
Bettina Grote:
Wer spielt hier alles mit? Szenische Arbeit
Claudia Fantz:
Eine Reise ins eigene Leben Kreativtechnik
Hanspeter Hufenus, Astrid Habiba Kreszmeier:
Rituelle Raumstrukturen Rituelle Gestaltung
Johannes Halsmayer:
Das Ineinanderfließen der vier Felder Interventionsformen
3. Harte Wirklichkeiten
Catherine Meyer:
Über den Körper und die Einkörperung Outdoor-Skills
Josef Eder:
Räumlich betrachtet Raumgestaltung
Jürg Meier:
Unsicherheit als Werkzeug Sicherheit
Dominik Schwindt:
Kleines Brevier in Sachen Marketing Marketing & Präsentation
Hanspeter Hufenus:
Ein roter Faden ist eigentlich ein rotes Netz Projektmanagement, Qualitätsmanagement, Logistik
Vollendung und Neubeginn
Dank
Die Herausgeberinnen
Der Krpg-Globo

Diese Übersicht umfasst stichwortartig alle Prinzipien und Faktoren der Kreativ-rituellen Prozessgestaltung (Krpg). Daher dient sie im Folgenden immer wieder als inhaltlicher Bezugspunkt (vgl. auch Text Seite 8).
1. Weiche Wirklichkeiten
Einführung
Vor zehn Jahren entwickelten Astrid Habiba Kreszmeier und Hanspeter Hufenus die Kreativ-rituelle Prozessgestaltung (Krpg), ein Konzept zur Begleitung von Personen und Gruppen, welches auf der Verbindung erlebnispädagogischer Methoden mit einer systemischen Haltung beruht. In der Verknüpfung von Naturerfahrung, Kreativtechniken, Szenischer Arbeit und ritueller Gestaltung wird ein Lernprozess gestaltet, der den Einzelnen darin unterstützt, sich wahrzunehmen, Verhaltensweisen und gegebenenfalls Muster zu erkennen sowie Lösungen zu entwickeln, um mit einem Bewusstsein der individuellen Ressourcen und im lebendigen Austausch mit der Umwelt den guten Platz in der Gruppe, im Team oder in der Familie einnehmen zu können.
Seit 1997 haben viele Personen am Lehrgang für systemische Erlebnispädagogik teilgenommen, die mit Menschen in unterschiedlichen beruflichen Kontexten arbeiten: Sozialpädagogen, Berater, Geschäftsführer, Personalleiter, Händler, Physiotherapeuten, Lehrer, Arbeitsagogen, Bergführer, Künstler, um nur einige zu nennen. Sie nahmen die Kreativ-rituelle Prozessgestaltung in ihre professionellen Welten mit, verknüpften sie mit anderen Methoden oder passten sie den Anforderungen ihrer Zielgruppen an, und trugen so zur Vertiefung und Weiterentwicklung bei. Von ihren Erfahrungen, Wagnissen und Schritten berichten die Artikel dieses Herausgeberbandes.
In den Jahren der Lehrgangspraxis hat sich als theoretische und praktische Grundlage der Kreativ-rituellen Prozessgestaltung eine Übersicht herauskristallisiert, der „Krpg-Globo“, der als Abbildung auf Seite 7 zu sehen ist. Im Zentrum steht der pädagogische Prozess, welcher von unterschiedlichen Faktoren bestimmt, getragen und geführt wird, die wir in der Fachsprache weiche und harte Wirklichkeiten nennen. Der Weg dieses Bandes führt uns Schritt für Schritt durch diesen Krpg-Globo, Ausgangspunkt sind die weichen Wirklichkeiten. Diese beinhalten all jene Prinzipien des pädagogischen Handelns, die sich aus unserem Selbstverständnis ergeben. Es sind Bedeutungen, die wir geben, Haltungen, die wir einnehmen, gedankliche Verbindungen, die wir herstellen, Ideen, denen wir vertrauen; kurz, es ist die pädagogische Brille, mit der wir schauen.
Im Spiel der Phänomene
Astrid Habiba Kreszmeier
Menschen stärken – Sachen klären
Edmond Tondeur
Von der Offenheit für das Geheimnis
Robert Hepp, Susanne Doebel
Bildwerfer
Stephan Schmid
Posteingang (1): Stuttgarter Betrachtungen
Andreas Bühler, Peter Thomas, Karin Wabersich
In der Lösung liegt die Kraft
Andrea Zuffellato

Im Spiel der Phänomene
Astrid Habiba Kreszmeier
Eine phänomenologisch orientierte Pädagogik (wofür sich die Kreativ-rituelle Prozessgestaltung hält) baut ihren Rahmen, ihre Rhythmik und ihre methodisch-didaktische Interventionsführung auf der Annahme auf, dass der pädagogische Prozess von Phänomenen unterstützt oder gar geleitet werden kann. Wenn ich hier einige Sichtweisen zu diesem „Spiel der Phänomene“ im pädagogischen Kontext darstelle, dann im Bewusstsein, dass ich mich auf ein weites Feld begebe, dem ich nicht umfassend gerecht werden kann. Das hat einerseits mit unserer eigenen Begrenztheit, aber ebenso mit dem Gegenstand der Betrachtung zu tun, an den sich die Menschheit schon seit langer Zeit und aus vielen verschiedenen Forschungsrichtungen letztlich immer nur herantastet. So werde auch ich mich einer solchen Pädagogik hier nur fragmentarisch und assoziativ annähern, hoffe aber dennoch, einige hilfreiche Bilder und Gedanken mitteilen zu können.
Was ist (hier) ein Phänomen?
Ein Phänomen ist einfach gesagt „etwas, das sich zeigt“, „etwas, das sichtbar wird“, „etwas, das unter vielen anderen sichtbaren Ereignissen oder Dingen besonders hervorsticht“.
Wenn durch einen Seminarraum ein Tiger laufen würde, aber niemand sieht ihn, dann wäre er nicht nur kein Phänomen, sondern nicht einmal existent. Wenn sich in diesem Raum ein Schmetterling auf meinen Handrücken setzen würde, angenommen genau in dem Moment, in dem ich das berühmte Beispiel vom Flügelschlag eines Schmetterlings in China, der dann in Südamerika ein Erdbeben mitbewegt, erzähle, dann wird dieser Schmetterling erst dann wirklich, wenn ich oder irgendjemand ihn wahrnimmt. Aber selbst dann muss er noch kein Phänomen sein. Zum Phänomen wird er erst, wenn etwas zwischen mir und dem Schmetterling oder zwischen anderen und dem Schmetterling geschieht, das dieser Begegnung Bedeutung schenkt und die Beteiligten „berührt“.
Ein Phänomen ist also nicht per se ein Phänomen, sondern wird erst durch den Akt der Wahrnehmung und Beziehung zu einem solchen. Eine phänomenologisch orientierte Pädagogik ist also kurz gesagt eine Pädagogik der beziehungsstiftenden Wahrnehmung. Was die Sache nicht zwingend einfacher macht, weil die Wahrnehmung wohl einer der komplexesten Seinsvorgänge ist, mit denen wir uns befassen können.
Ein paar Gedanken zur Wahrnehmung
In uns allen fließt – weil über viele Jahrhunderte so gesehen und gelehrt – die Vorstellung, dass unsere Wahrnehmung ein Vorgang ist, durch den eine äußere Wirklichkeit objektiv und objektgetreu abgebildet wird. Das führt dazu, dass wir konsequent davon ausgehen, dass das, was wir wahrnehmen, genauso wirklich ist, dass es dort draußen, getrennt und unabhängig von uns, existiert.
Daran haben auch die Erkenntnisse der Physik, der Biologie, der Wahrnehmungspsychologie etc. der vergangenen 90 Jahre noch kaum etwas verändert, umso wichtiger, uns daran immer und immer wieder zu erinnern:
Das, was wir wahrnehmen, ist nichts Objektives, sondern das, was wir durch den Wahrnehmungsprozess, der von vielen vorbewussten Mustern und Selektionsverfahren geprägt ist, als Wirklichkeit herausfiltern.
Die Lebensfadenspinnmaschine
Demnach ist Wahrnehmung weit mehr als die Abbildung einer Wirklichkeit, sie ist ein Prozess, der aktiv an der Erschaffung dieser Wirklichkeit beteiligt ist. Meine Wahrnehmungsart beeinflusst nicht nur meine Wirklichkeit, sondern darüber hinaus auch die Wirklichkeit des Wahrgenommenen. Damit wird auch deutlich, dass Wahrnehmen kein einseitiger, sondern ein interaktiver Vorgang ist, bei dem die vorher so klaren Grenzen des Innen und Außen ziemlich rasch verschwimmen.
Für gewöhnlich geht der Wahrnehmungsprozess, das heißt auch der „Bedeutungsgebungsvernetzungsakt“ so schnell vor sich, dass er sich unserem Bewusstsein entzieht, wie die vielen Bilder im Film, die wir nie einzeln sehen, ohne die es beim schnellen Abspielen aber keine Bewegung gäbe. Und das macht auch Sinn, denn durch diesen Akt der Auswahl, Betonung, Ausblendung und Verknüpfung erzeugen wir eine kontinuierliche Ich-Identität und unser Leben erhält einen roten Faden.
Hinderlich ist, dass dieser sich hin und wieder ziemlich verheddert und auch, dass er uns manchmal hartnäckig von dem abhält, was das Leben auch noch zu bieten hätte, und wir an Lebendigkeit verlieren.
So gesehen ist die Wahrnehmung als bedeutungs- und wirklichkeitsstiftender Vorgang ein zentraler Faktor für menschliche Entwicklung. Wenn es gelingt, unsere Wahrnehmungsstruktur zu verändern, verändert sich unsere Welt – oder kurz gesagt, wer anders wahrnimmt, nimmt anderes wahr.
Ein Phänomen stört und erweitert die Kreise …
Davon ausgehend, dass Wahrnehmung ein stetiger Bedeutungsgebungsvernetzungsakt sein könnte, ist ein Phänomen (im pädagogischen Kontext) eine Erscheinung, die zunächst nicht ins Schema passt, die den Akt stört, die irritiert, schockiert, bremst, belustigt und anderes mehr. Ein Phänomen taucht aus der Fülle des Möglichen auf, materialisiert sich sozusagen vor der Nase des Protagonisten und bietet Begegnung und Beziehung an; es ist wie ein Angebot des Lebens, auch noch anders und anderes wahrzunehmen. Ob das dann auch geschieht, hängt freilich davon ab, ob der, um den es geht, in seiner Lebensfadenspinnmaschine dafür empfänglich werden kann. Denn wie schon weiter oben erwähnt: selbst ein überaus deutlicher Wink mit dem Zaunspfahl wird unbemerkt bleiben, wenn die Gemeinten ihn entweder nicht sehen oder sich nicht mit ihm in Beziehung bringen. Geschieht es jedoch, dass ein Phänomen wirkt, dann ist dies ein großes Geschenk für den Betroffenen und für den Pädagogen:
Es erhöht augenblicklich die Aufmerksamkeit, verdichtet den Moment, erweitert den Raum, in dem etwas Neues stattfinden oder ausprobiert werden kann, fördert Lernbereitschaft bzw. die Wirkfaktoren, die Lernen ermöglichen. Ein Phänomen ist vielleicht noch kein Torschuss, aber allemal ein präzises Zuspiel, das die Chance auf einen Treffer erhöht. Wobei ein Tor in diesem Kontext nichts anderes ist, als der nächste mögliche Lern- und Entwicklungsschritt, der jemandem zur Erweiterung seiner Lebenskreise offensteht.
Einige Erscheinungscharakteristika
Um verwirrenden Vorstellungen vorzubeugen: Ein Phänomen ist in diesem Sinn nicht unbedingt etwas Besonderes. Es kann ein kleiner Stein am Weg sein, ein Lufthauch, der durch Blätter streicht oder sonst etwas Kleines, das aus dem Moment heraus zu etwas Bedeutsamem wird.
Phänomene sind also Ereignisse, Zeichen, Begegnungen, die den Menschen von außen geschenkt werden, und die die Kraft besitzen, den kontinuierlichen Schöpfungsakt, in dem wir uns befinden, um neue Fäden oder Strickmuster zu erweitern.
Phänomene sind originell und einmalig, sie entziehen sich der Wiederholbarkeit, und ebenso den klassischen Kriterien von Überprüfbarkeit und Wissenschaftlichkeit. So gesehen gehören sie schon eher zur Welt der Magie, salopp gesprochen, weil da etwas wirkt und ins Wirken kommt, was rein rational unerklärlich bleibt. Phänomene lassen sich daher auch nicht klassifizieren, dennoch gibt es ein paar Auffälligkeiten, die immer wieder vorkommen und die auf einen Phänomenprozess verweisen können.
• Die Wiederholung
• Die Überraschung, das Absurde, das Unmögliche
• Das bescheidene Geschenk
• Begegnungen mit Tieren, Natur- und Wettererscheinungen
• Das Wunder
• Und über all dem die Zeit: der opportune Moment, die Wahrnehmung von Koinzidenzen und Synchronizitäten
Hinweise für phänomenologische Pädagogen und solche, die es werden wollen …
Eines sei gesagt: Phänomene kann man nicht machen, nicht planen, nicht steuern, man hat keinen Zugriff auf sie. Fast könnte man sagen: wer sie unbedingt will, verscheucht sie. Was man aber tun kann, ist, sie zulassen, ihnen Möglichkeiten geben, sich zu zeigen, sich von ihnen ergreifen lassen.
Oft fragen uns Studierende, wie wir es anstellen, dass so viel geschieht, während wir scheinbar so wenig tun, oder auch, worauf wir genau schauen, damit all das sichtbar wird, was sich zeigt. Cito antwortet dann manchmal zum Unverständnis einiger: „Wir schauen gar nicht so genau, richtig genommen übersehen wir ganz viel, damit das, was gesehen werden will, in Ruhe auftauchen kann.“ Das ist genauso paradox, wie es klingt; damit Phänomene wahrgenommen werden können, brauchen sie einen leeren oder vielleicht besser einen absichtslosen Raum.
Ein diagnostischer Blick, ein allzu schnelles Wissen, worum es geht, was es bedeutet und was zu tun ist, gezielte Beobachtung und Ähnliches verhindern, dass Phänomene wirksam werden können.
So ist der wichtigste Beitrag eines phänomenologisch orientierten Pädagogen nicht seine Fähigkeit, Phänomene zu erkennen, sondern seine Wahrnehmungshaltung, die hilft, den Raum mit zu kreieren, in dem diejenigen, um die es geht, ihren Phänomenen begegnen können. Dazu braucht es Schulung und Übung in einer Art des „Schauens“, die anders ist – die nicht trennt, sondern öffnet und verbindet mit den unendlichen sichtbaren und unsichtbaren Manifestationen des Lebens. Dieses Schauen oder diese Haltung, der man auch noch Qualitäten wie Durchlässigkeit, liebevolle Zeugenschaft oder freie Achtsamkeit zuschreiben könnte, erinnern eher an spirituelle „Skills“ als an pädagogische. Und so unpassend es auch scheinen mag: je länger, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass gewisse methodische und fachliche Fertigkeiten von Schlüsselqualifikationen spiritueller Natur abhängig sind, die nicht einfach vom Himmel fallen, sondern die man sich durch Zuwendung, Übung und Praxis erwerben kann.
Neben der beschriebenen Wahrnehmungsart spielen auch die Wahl des Raumes, die gesamte Raumdidaktik, die Rahmengestaltung des Lernsettings sowie die sprachliche Installation eine bedeutsame Rolle. Wer alles plant, alles weiß, alles erklärt, der lässt keinen Platz für Phänomene – wozu sollten sie denn auch noch kommen?
Eine allgemeingültige Gebrauchsanweisung für den Umgang mit Phänomenen gibt es nicht. Zu vielfältig, zu einmalig jede Situation, jeder Mensch. Als Leitlinien können aber gelten:
Alles einrichten, was nötig ist, dann aber gelassen auf den günstigen Moment warten, im Zweifelsfall selbst das scheinbar Auffälligste vorbeiziehen lassen, sich nicht weiter wundern, wenn alle Spatzen es schon von den Bäumen pfeifen, aber der Betroffene noch immer nichts ahnt, Interpretationen unterlassen und auf den Herzschlag des „Protagonisten“ lauschen.
Da uns die Phänomene oft auf spielerische, neckische Weise das Staunen wieder lehren, ist es hilfreich, mit ihnen auch so umzugehen. Spielerisches Staunen ist ihnen zuträglicher als allzu ernst gemeintes Erkennen. Freies Kombinieren und Wiederloslassen ist hilfreicher und lebensnäher als übereifrige Verknüpfung.
Als Anregung zum Weiterforschen möchte ich anstelle einer abschließenden Aussage lieber zwei interessante Fragen in den Raum stellen:
Welche Kraft dort draußen oder hier drinnen ist Bringerin der Phänomene?
Und wieso wählt solch eine kreative Kraft nicht einen direkteren Weg? Wozu die Verschlüsselungen? Wozu die Umwege?
Literatur
Sheldrake, McKenna, Abraham (2004): Denken am Rande des Undenkbaren. München (Piper)
Jung, C.G. (2001): Synchronizität, Akausalität und Okkultismus. München (dtv)
Astrid Habiba Kreszmeier
Geboren in der Steiermark, Österreich (1964), Buchhändlerin, Diplom Heil- und Sonderpädagogik, Diplom Erwachsenenbildung, Anerkennung als Systemische Psychotherapeutin und Supervisorin, seit 1994 Initiandin in Orixá-Traditionen und Naturkosmologien, Zusatzqualifikationen in Aufstellungsarbeit und körperorientierter Psychotherapie, Gründung und Leitung der Terra Sagrada (2006), seit 1994 Mitarbeit in der Wildnisschule, seit 2002 Mitbegründung und Leitung der Nachfolgeinstitution planoalto, Lehrtrainerin und Begleiterin in allen planoalto-Weiterbildungen, Autorin und Herausgeberin von sieben Büchern und zahlreichen Artikeln.

Menschen stärken – Sachen klären
Edmond Tondeur
Als „lebenslanger Autodidakt und Grenzgänger“ stellte ich mich 1998 auf der Teilnehmerliste im zweiten Lehrgang „Kreativ-rituelle Prozessgestaltung“ vor. Die Bezeichnung war nicht mutwillig gewählt, sie drückt vielmehr aus, wie ich mich, damals nahe 70, heute schon eher in Richtung 80, als Gast und Spross dieses Planeten verstehe.
Der Autodidakt hat sich also in die Lernerfahrung eines Outdoor-Didakten gewagt. Da lässt sich fragen, wie sich diese Erfahrung einfügte in das zuvor Gelernte, und gleich noch konkreter: Wie verbinden sich die Erkenntnisse und Erlebnisse aus dem Krpg-Lehrgang mit meinem Verständnis von Organisationsberatung und Führungsbegleitung, in der ich während Jahrzehnten tätig war und noch immer bin?
Dieser Frage werde ich im Folgenden nachspüren, und ebenso der Frage, wie sich Krpg im Selbstgebrauch nutzen lässt – womit sich der Kreis vom Outdoor- zum Autodidakten wieder schließen lässt. Dazu vorweg eine Beobachtung an mir selbst und anderen während des Lehrgangs: Keiner durchlief diese zwei Jahre unverändert, jeder und jedem sah man bestimmte Wirkungen des Lernprozesses an, in der Haltung und nicht nur in der methodischen Kompetenz. Diesem Zusammenhang zwischen Haltung und Methode begegne ich in der Führungsbegleitung ganz stark. Die Qualität des Führens verbessert sich nie primär durch die Anwendung neuer Methoden und Modelle, sondern durch die klarere, einfühlsamere Haltung der Leitenden gegenüber den Mitarbeitenden. Dies also vorweg, nun aber „der Reihe nach“.
Während Jahrzehnten habe ich Menschen in Organisationen, das heißt im Erfahrungsfeld Leistung / Zusammenarbeit / Wirtschaftlichkeit in ihren vielfältigen Erscheinungsformen beraten, begleitet. Die Kompetenz für mein Mitwirken erwarb ich mir Schritt für Schritt, im Lernen durch das Tun, autodidaktisch eingeschworen, im Austausch mit Berufskollegen, im Studium der Fachliteratur und natürlich im Besuch ungezählter Kurse, Tagungen usw.
Noch wichtiger als die beruflich-fachliche Kompetenz war mir, schon frühzeitig und mit den Jahren immer bewusster, die Wahrnehmung und Würdigung der Menschen, die meine Mithilfe beanspruchten. Die Rolle des Experten, der sein (oftmals praxisfernes) Fachwissen für teures Geld an gutgläubige Klienten verkauft, lag mir nie. Mich interessierten die Menschen, mit ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten, in ihren so unterschiedlichen Leistungs- und Wirkungsfeldern. Als Lernender unter Lernenden versuchte ich meine Rolle je nach Auftrag so zu gestalten, dass aus dem Auftragsverhältnis auch so etwas wie eine „gute menschliche Begegnung“ erwuchs.
Dies, so erscheint es mir heute deutlicher denn je, ist ein zentraler Ansatz des Führens, dem wir auch im Krpg-Lehrgang sehr wachsam nachgegangen sind. Das Wort „ressourcenorientiert“ darf nicht zum trendigen Schlagwort verkommen. Es verlangt vom Führenden (Leitenden wo und wann auch immer) zunächst eine besondere Haltung sich selbst und anderen gegenüber. Ich bin erst dann ressourcengerichtet, wenn ich die Menschen wahrnehme und würdige, mit ihrem jeweils besonderen Potenzial, ihrer Einzigartigkeit (bis hin zum Fingerabdruck!), ihrem Lebensanspruch und Selbstwert.
Menschen so zu sehen und zu leiten ist keineswegs leicht, weil diese sich selbst oftmals nicht so einschätzen und aufführen. In der Tat wollen Menschen oft direktiv und als „unmündige“ Wesen be-handelt werden. Sie fordern die Leitenden auf, klar und deutlich auszusprechen, was sie von ihren „Untergebenen“ erwarten und verlangen. Das Dilemma der Leitenden ist es dann, zwischen direktiven Weisungen und zumutender (sprich: ressourcengerichteter) Aufgabenstellung das gute Maß zu finden. Manche der Methoden, die wir im Lehrgang kennen lernten, dienen gerade dazu, dass sich Menschen, zumindest für einige Momente, aus ihren selbstbegrenzenden Mustern herauslösen, mit ihren wirklichen Ressourcen vertrauter werden.
Anhand einiger Arbeitssituationen im betrieblichen Zusammenhang möchte ich die Bedeutung des Gesagten veranschaulichen.
Leitung von Arbeitsteams: Vorgesetzte, die im täglichen Kontakt mit Mitarbeitenden Leitungsverantwortung tragen, haben großen Einfluss darauf, ob sich die Mitarbeitenden verstanden, ernst genommen, als ganze Menschen wahrgenommen fühlen. Dies macht den Vorgesetzten noch keineswegs zum „Sozialarbeiter“ – Fordern und Fördern gehen in der Praxis Hand in Hand. Entscheidend finde ich die – jeden Tag erneuerte – Ausrichtung auf den Mitarbeiter als Ressource, als vielleicht noch nicht entdeckten Schatz, als wertvoll. Aus vielen Teambegleitungen weiß ich, wie sich dieses im besten Sinne zumutende Führungsverständnis auszahlt, menschlich und wirtschaftlich.
Mitarbeitergespräch: Über die Wünschbarkeit solcher (periodischer) Gespräche ist längst alles gesagt, was es zu sagen gibt. Dennoch überwiegt manchenorts bei Leitenden so etwas wie Berührungsangst. Hundert Vorwände und nicht zuletzt der Zeitdruck (auch ein Vorwand!) versetzen das Mitarbeitergespräch in die Kategorie der „aufgeschobenen = aufgehobenen“-Dinge. So wird dann das obligatorische, jährliche Qualifikationsgespräch zum Horror für alle Beteiligten. Dabei könnte auch hier die Ausrichtung auf den Mitarbeiter als Ressource viel Gutes bewirken.
Weiterbildungsprogramme: Weiterbildung hat zu tun mit Anforderungen, Veränderungen und menschlichen Potenzialen. Die Anforderungen ergeben sich aus den zu erfüllenden Aufgaben, die Veränderungen hängen damit zusammen, dass sich Bedürfnisse (der Kunden) ändern, aber auch die Rahmenbedingungen der Leistung (Konkurrenz, behördliche Sparprogramme usw.). Um mit Veränderungen Schritt zu halten, sind oft Anforderungen zu erfüllen, die über schon Gelerntes hinausgehen, eventuell auch davon abweichen. Damit sind wir bei den Potenzialen der Mitarbeitenden, den Ressourcen. Weiterbildung, die den Namen verdient, findet nur statt, wenn sie von den beteiligten Menschen bejaht und mitgetragen wird. Daran führt kein Weg vorbei. Verordnete Weiterbildung ist keine, mögen die Programme noch so gescheit abgefasst sein.
Führen beginnt also damit, andere wahrzunehmen, die Realität und Potenzialität der anderen zu erkennen und zu schätzen. Nun ist Wahrnehmung anderer eng verknüpft mit dem Wahrnehmen seiner selbst, dem eigenen Selbstkonzept. Banal und doch wie wahr: Wer sich selbst nicht mag, wird kaum je andere mögen. Und wer zu seinen Ressourcen keinen Zugang hat, wird sie anderen nicht zugestehen oder allenfalls die Ressourcen anderer missbrauchen.
Die ganze Arbeit mit Kreativ-ritueller Prozessgestaltung hängt sehr davon ab, ob die Anleitenden selbst in der Achse sind, will heißen: bei sich und ihren Ressourcen. Fehlt diese Sender-Qualität, verkommt die Anleitung sehr bald zur bloßen Technik, eventuell zur Manipulation.
Psychotherapeutische Ansätze verfolgen, übers Ganze gesehen, ein ähnliches Ziel, nämlich die Befreiung des Individuums zu sich selbst. Im heute aktuellen Wortgebrauch lässt sich formulieren: Erst die Verbindung von Emotionaler Kompetenz mit Sozialer Kompetenz (uff!) begründet die Fähigkeit, andere zu würdigen. Sinn und Wirksamkeit der psychotherapeutischen Disziplinen stehen hier nicht zur Debatte. In Organisationen und Arbeitskontexten sind sie kaum anwendbar, im Unterschied zu manchen Methoden der Krpg, die niedrigschwelliger und spielerischer in die verschiedenen Bereiche der Führungspraxis eingebracht werden können.
Nun zu einem anderen zentralen Begriff: der systemischen Sicht. In der Führung von Organisationen hat diese Sicht schon seit langem ihre Entsprechung: Führen wird heute weithin charakterisiert als: in vernetzten Bezügen bewusst denken und handeln. Eine Zeit lang war dafür noch der Begriff des „Ganzheitlichen“ gebräuchlich.
Wer, in welcher Bildungsarbeit auch immer, den ganzen Menschen erreichen und bewegen will, kommt an der systemischen Betrachtungsweise nicht vorbei. Ganz ist der Mensch ja eben darin, dass er nicht nur für sich besteht, sondern Teil eines sich selbst organisierenden Universums ist. (Rupert Sheldrake hat dafür den Begriff der morphogenetischen Felder eingeführt, in deren Resonanz und Wandel sich die Evolution des Kosmos als unablässiger Lernprozess abspielt.)
In der Führungspraxis gerät dieses Denken und Handeln in Zusammenhängen leider nicht selten ins Hintertreffen. Kurzfristige (kurzsichtige) Handlungszwänge oder Erfolgsverheißungen engen das Visier ein. Der Virus des „Zupackens, ohne lange zu fackeln“ greift um sich, die „Macher“ beherrschen die Szene. Dabei ist gegen „zupackendes Führen“ (vgl. „in die Handlung gehen“) nichts einzuwenden. Nur bleibt der Stellenwert dieses Handelns zu prüfen, der Reifegrad, und es stellt sich die Frage, ob auf dem Deck des sturmgepeitschten Schiffes überhaupt noch jemand die Aufgaben des Weitblicks und des Steuerns wahrnimmt.
Dem „Systemischen“ ordne ich auch folgenden Gedanken zu: Unternehmen und Organisationen jeder Art sind so etwas wie Kreuzpunkte (oder eher: Kreuz-Räume) von Laufbahnen, Biografien, Reisen vom Ich zum Du, Lernfelder für soziales Zusammenleben. Dieses Biografie-Bewusstsein kann zur wichtigen Stütze werden im Gleichgewicht von Aufgabe / Ich / Wir (man denke an Ruth Cohn‘s Modell der Themenzentrierten Interaktion). Biografie-Bewusstsein kann auch in Organisationen entwickelt und genutzt werden, durch Methoden des „Sozialen Kosmos“, durch „Aufstellungen“ und „Psychodrama“. Da kommt es beispielsweise zu Fragen wie:
Welche Beziehungen und Beziehungsfelder sind für die Beteiligten (Führende und Geführte) energetisch bestimmend?
Welche Bündnisse, Vermächtnisse und Rollenerbschaften wirken sich auf die Zusammenarbeit aus?
Welche Geschichte hat die Organisation, welchem „Mythos“ ist sie entsprossen, und auf welche Vision hin bewegt sie sich?
Zu meinen, für solcherlei „gründliche“ Sichtweisen bestünde im „Durcheinander der Postmoderne“ kein Platz mehr, ist ein grobes Verkennen der Wirklichkeit, in der wir leben und durch die wir, oft ahnungslos und auf banalsten Pragmatismus fixiert, eben doch geformt werden. Führungspersonen, die von alledem nichts wissen wollen, holt früher oder später ihre Kurzatmigkeit ein; davon soll später noch die Rede sein.
„Wir arbeiten mit dem, was geschieht“ und nicht nach vorgefassten Konzepten, diese Botschaft war im Krpg-Lehrgang wegleitend, implizit noch mehr als explizit (ging es doch nicht um Doktrin). Heute hört man und liest man es allerorten: Wir sind prozessorientiert.
Doch was es wirklich bedeutet, dem Prozess zu folgen und sich selbst als Teil dieses Prozesses zu verstehen, erfahre ich in der Führungsbegleitung regelmäßig als Stolperstein. Selbst aufgeschlossene Vorgesetzte neigen leicht dazu, den Prozess in ihrer Organisation gleichsam von außen zu beobachten und je nach Ermessen (sprich: Ungeduld) laufen zu lassen, ohne zu intervenieren. Sie erkennen nicht, wie sie auch mit dieser Beobachterrolle Teil des Prozesses sind, indem sie die Macht, einzugreifen oder geschehen zu lassen, bei sich behalten.
Die Gratwanderung zwischen Ermöglichen (facilitate!) und Manipulieren folgt der Bruchlinie von Vertrauen versus Widerstand (bei den Geführten). Lebendigkeit des Führens hat viel damit zu tun, ob und wie die Leitenden im Biotop ihrer Arbeitsbeziehungen fassbar und transparent sind. Ränkeschmiede, Karrieristen und Graue Eminenzen führen jedenfalls nicht prozessorientiert; sie bleiben an der Peripherie des sozialen Kosmos, den jede Arbeits- und Erwerbsgemeinschaft in ihrem menschlichen Kern darstellt.
Sicher scheint mir zu sein: Die hohe Zeit der Konzepte und generalstäblichen Planung ist zu Ende. Sie macht einem neu verstandenen Lernen-durch-Tun Platz, neu verstanden deswegen, weil es nicht um einen Rückfall in Pragmatismus geht, sondern um die stärkere Gewichtung des Prozesses. In die Handlung gehen, um miteinander zu lernen und zu wachsen. Wie einfach erschien doch Führen noch in den Jahren der Stab-Linien-Organisation: Hier die Vor-Denker, dort die Ausführenden, und dazu die „drei K-Prinzipien“: Kommandieren, Kontrollieren, Korrigieren. Der Chef als Befehlshaber, als Kapitän auf dem Schiff, oder idyllischer: als Kutscher, der die Zügel seiner Pferde fest in Händen hält. Ganz andere Metaphern drängen sich heute auf, zum Beispiel die des Architekten (Führen als Systembau und -gestaltung), das des Orchesterdirigenten (Führen als Anleiten und Inspirieren zur konzertierten Aktion). Gewiss gibt es noch heute auch die Metapher des Spielers: Team-Player, Global Player, Games Man. Doch spätestens im Money-Power-Game wird der gnadenlose Ernst des Spiels unverkennbar.
Zurück zur Führungsachse, zur Haltung, auf die es in jedem Führen ganz wesentlich ankommt. Wer sich die Merkmale dieser Führungsachse näher anschaut (und Führende in ihrem Wirken näher anschaut), erkennt Eigenheiten, die viel mit individueller Lebensgeschichte und Persönlichkeitsstruktur zu tun haben. Wir alle haben im Zusammenhang mit Führen und Geführtwerden unsere persönliche Geschichte, die mit dem ersten Erleben der Eltern begann, sich über die Erfahrung mit Autoritätspersonen in den Jahren des Heranwachsens fortsetzte, bis hin zu den später folgenden Rollen als Untergebene und / oder Führungsverantwortliche.
Schon daraus lässt sich folgern: Führen ist nur teilweise eine Disziplin (eine Methodenkomposition), die man / frau lernt wie irgendeinen Beruf. Vorverständnisse, Beweggründe, Ängste, Erfolgsbedürfnisse usw. wurzeln in der individuellen Geschichte der Führenden wie der Geführten. Damit diese Grunderfahrungen in der Führungssituation nicht zum Störfaktor werden (zum Beziehungsdrama!), müssen sie von den Exponenten (und Exponierten!) mindestens ein Stück weit aufgearbeitet und geklärt werden.
Führen hat immer mit Menschen zu tun, also mit Beziehungsarbeit. Menschen mit Leitungsaufgaben müssen sich als Beziehungsarbeiter verstehen und bewähren. Sind sie darin ungeschickt und unsensibel, wirkt sich dies auf die ganze Atmosphäre im organisatorischen Umfeld aus. Ein Altmeister der Wirtschaftswissenschaft, der Amerikaner Herbert A. Simon, erhielt 1978 (!) den Nobelpreis für seine „Verhaltenstheorie der Unternehmung“. Diese Theorie lässt sich in sechs Punkten wie folgt zusammenfassen:
• Unternehmungen (jedwelcher Art, also nicht nur Firmen) bestehen zuallererst aus Menschen, deren Verhalten durch ihre Individualität (Einmaligkeit) geprägt wird.
• Menschen lassen sich auch in ihren Berufstätigkeiten von ihren persönlichen Wünschen und Zielen leiten (bewusst oder unbewusst).
• Besonders gilt dies für Führungspersonen, das heißt Menschen mit einer Laufbahn-Perspektive und dem Anspruch, auf die Dinge Einfluss zu nehmen.
• Leistung und Entwicklung in einer Organisation hängen somit in erster Linie von menschlichen Beweggründen und deren Dynamik ab. Was wiederum bedeutet: Frustrierte Menschen behindern die Leistung und Entwicklung einer Organisation.
• Jede Art von Struktur und Führungsinstrumenten bleibt dieser psychischen Dynamik nachgeordnet und hat ihr Rechnung zu tragen.
• Die Unternehmung ist also nicht primär ein formales Gebilde, sondern eine Koalition von Menschen, die sich immer wieder entscheiden, ob sie auf eine gemeinsame Aufgabe hin zusammenwirken wollen oder nicht.
Als diese Leitsätze des Nobelpreisträgers publiziert und gefeiert wurden, war ich 45, seit gut zehn Jahren freiberuflich in der Unternehmensberatung tätig und wie viele meiner damaligen Weggefährten davon überzeugt, dass der Erfolg einer jeden Organisation primär von einer menschengerechten Führung und Personalentwicklung (damals als Human-Resource-Development neu definiert) abhängen würde.
Dreißig Jahre später blicke ich in eine Führungslandschaft, in der dieser Vorrang des Menschen von dramatischen Neuentwicklungen in der Wirtschaft, im Management und vorab auch in den öffentlichen Finanzhaushalten abgelöst oder zumindest überlagert wurde. Die sachbezogenen Kriterien der Leistungserbringung und -bewirtschaftung haben ein Gewicht und eine Dringlichkeit bekommen, die schon beinahe als erdrückend bezeichnet werden müssen. Besonders im Bereich der Nonprofitdienstleistungen (öffentlich oder privat) wurden neue Führungsinstrumente eingesetzt, die allesamt auf eine rigorose Transparenz und Messbarkeit der Leistungsprozesse hinzielten.
So verständlich und sogar unumgänglich diese Durchforstung aller Tätigkeiten und Aufwendungen im Zeichen der öffentlichen Sparpolitik sein mochte, so unübersehbar waren die Auswirkungen auf das Arbeitsklima und die Leistungsmotivation bei den Mitarbeitenden. Es soll hier nicht schwarz-weiß gemalt werden. Der anhaltende Druck auf den Leistungs- und Qualitätsnachweis im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen hat auch Gutes bewirkt. Ebenso trifft aber zu, dass unter dem „Ansturm“ neuer Instrumente und Formulare, bis hin zu umwälzenden Reorganisationen der Arbeitsprozesse, vielerorts eine (sogar beabsichtigte!) Entmenschlichung der betrieblichen Kultur Platz gegriffen hat. Die Mitarbeitenden erleben sich manchenorts als Sparpotenzial, als Vollstrecker eines digitalen Perfektionismus, mit dem sie gleichsam den Nachweis ihrer eigenen Überflüssigkeit (Stellenabbau!) erbringen sollen.
Aus Sicht der Führungs- und Teambegleitung fällt mir vor allem auf, dass durch die starke Gewichtung der sachlichen und finanziellen Aspekte im letzten Jahrzehnt die Beziehungsarbeit, der menschenbezogene Teil der Führungsaufgabe erheblich gelitten hat. Das, was die Amerikaner leadership nennen und dabei deutlich von management abgrenzen, ist nun schon als Folge der zeitlichen Beanspruchung der Leitenden durch die neuen „Führungssysteme“ an den Rand gerückt. Vorgesetzte eilen von Sitzung zu Tagung, werden in neue Projekte eingespannt und „erfolgreich“ daran gehindert, der Beziehungsarbeit im eigenen Führungsumfeld den notwendigen Platz einzuräumen. Die Mitarbeitenden wiederum fühlen sich von ihren Vorgesetzten im Stich gelassen, distanziert und schlimmstenfalls verraten an die Sparstrategien der obersten Leitungsgremien. Ich male nicht schwarz, ich sehe auch nicht schwarz, ich blicke nur, kritisch-engagiert, in die derzeitige Führungslandschaft. Und frage mich: Wie kann ich in meinem Wirken als Führungsbegleiter (neudeutsch: Coach!) zu einem Führungsverständnis beitragen, das den einzelnen Menschen mit seinen besten Kräften, seinem Potenzial an Lebendigkeit, seiner Sehnsucht nach dem guten Leben (wieder) in die Mitte rückt?
Dieser Spur bin ich in den letzten Jahren gefolgt, nicht zuletzt mit dem Vermächtnis des Krpg-Lehrgangs in meinem Herzen und in meinem Kopf. In der Einzelarbeit wie auch in zyklisch angelegten Retreats mit Führungspersonen gewann die Leitidee, wonach jede Führungsperson in sich selbst die wichtigste Führungsressource für die Organisation darstellt, an Konturen und Anwendungsbreite: Jede, jeder hat in sich die Ressourcen, die sie / er braucht. In der Hast des Alltags wird dies oft vergessen; wir re-agieren dann nur mehr auf Situationen und Probleme und handeln nicht aus der Fülle unserer Möglichkeiten, unseres wirklichen Potenzials. Burn-out ist dafür eines von vielen Indizien, Burn-in meine Antwort darauf: wieder zum inneren Feuer finden in der Nähe zu sich selbst. Ich konnte darin so etwas wie die Essenz meiner Erkenntnisse und Erfahrungen im weiten Feld des Führens (und der Selbstführung) einfließen lassen, dies nicht so sehr als Experte, sondern als gereifter Mensch mit einer eigenen Lebens- und Führungsgeschichte.
Ich will mich mit diesen Hinweisen nicht brüsten, sondern die Qualität der Begegnung mit meinen Klienten ansprechen: eine Begegnung von Mensch zu Mensch, im gegenseitigen Respekt vor der Einmaligkeit und Würde des anderen.
Als Fazit dieses Bestrebens, „gutes Führen“ und „gutes Leben“ innig aufeinander einzustimmen, mögen die nachfolgenden fünf Kriterien für gutes Führen verstanden sein:
Erstens: Überblick wahren, Zusammenhänge erkennen
Dies bedeutet, mich selbst als Teil des ganzen Feldes, in dem ich arbeite und wirke, zu erkennen. Führen erfordert eine besondere Qualität im Wahrnehmen von Aufgaben, einerseits auf Ziele hin, anderseits in der Wechselwirkung mit anderen Aufgaben. Wem dieser Überblick abgeht, erledigt einfach Pendenzen, lebt von der Hand in den Mund, reagiert nur, ohne zu gestalten.
Zweitens: Die Menschen in meinem Umfeld wertschätzen
Führen ist zu einem bedeutenden Teil Gestaltung von Beziehungen, zu Kollegen, Mitarbeitenden, Vorgesetzten. Diesen Menschen in Wertschätzung zu begegnen, sie mit ihren jeweils besonderen Fähigkeiten, ihren unterschiedlichen Charakteren wahrzunehmen und zu stärken, ist ein Dauerauftrag. Diese Sensibilität für Menschen darf nie so genannten Sachzwängen geopfert werden.
Drittens: Die Sachen klären, um handlungsfähig zu sein
Das Leben ist komplex und letztlich unergründlich. So sind auch Führungsaufgaben häufig komplex, in ihrer Herkunft und Tragweite kaum wirklich auszuloten. Dennoch heißt gut führen: zur Einfachheit und Eindeutigkeit des Tuns zu finden, Komplexität immer wieder auf den Punkt zu bringen. Gelebte Einfachheit inmitten aller Komplexitäten ist die (nur scheinbar paradoxe) Ergänzung zum erstgenannten Kriterium.
Viertens: Die verschiedenen Führungsrollen erkennen und dosiert ausfüllen
Mit den verschiedenen Aufgaben und Situationen des Alltags sind verschiedene Führungsrollen verbunden, so etwa beim Vereinbaren von Zielen, beim Auswerten von Ergebnissen, bei Konfliktinterventionen, im persönlichen Mitarbeitergespräch, usw. Führen erfordert ein gutes Maß an Rollenbewusstsein und -flexibilität. Hinter jeder Rolle muss dennoch die Führungsperson als Mensch erkennbar und spürbar sein.
Fünftens: Mich selbst so führen, dass die Kriterien eins bis vier zum Tragen kommen Wer führt, muss sich selbst gegenüber Sorge tragen. Der Führungsauftrag ist immer auch der Auftrag, sich (beim Führen) zu entwickeln, an Schwierigkeiten zu wachsen, zur eigenen Mitte zu finden, bei sich zu sein. Dies ist kein Egotrip, sondern die Voraussetzung dafür, auch andere in ihrer Entwicklung stärken zu können. Dazu noch eine radikale Aussage: Führen ist nicht primär die Ausübung von Macht, sondern: Ermächtigung anderer (neudeutsch: Empowerment).
Schließen möchte ich diesen Beitrag mit einigen Bemerkungen zum Selbstgebrauch der Krpg. Tatsächlich war meine Anmeldung zu diesem Lehrgang (1997) vor allem vom Wunsch bestimmt, mich in einem für mich ungewohnten Setting neuen Erfahrungen mit dem Lernen und mit mir selbst auszusetzen. Ungewohnt waren die Menschen, denen ich begegnete; die Situationen draußen und drinnen; die Arbeitsweisen und Lebenstechniken; die Erlebnisse, die mich bis zu Grenzerfahrungen hinführten (z. B. im Boot auf dem Meer).
Mein Lernen in diesem Lehrgang war also primär dem Selbstgebrauch zugedacht, meinem Lebensalter entsprechend keine Vorbereitung auf neue Berufsaufgaben, dennoch das beherzte Wagnis eines neuen Anfangs. Dieses Anfangserlebnis, von Tag zu Tag, von Situation zu Situation, war wohl der größte Gewinn, den ich aus dem Lehrgang zog. Erfinderisch leben im Zeichen von Wandel und Vergänglichkeit! Mit dem, was geschieht, leben und arbeiten. Meinen 1001 Vorverständnissen und Vorurteilen entkommen. Die ganze dichte Präsenz der Menschen, der Dinge, der Natur genießen und gegebenenfalls auch erleiden.
So weiß ich jetzt: Kreativ-rituelle Prozessgestaltung kann meinen Alltag befruchten und verändern, wo auch immer und wie auch immer, in der Essenz, in den Grundhaltungen und natürlich auch in einzelnen Methoden. Kleines Beispiel dafür: Wenn ich den Ablauf meiner täglichen Lebenshandlungen, vom ersten Aufstehen bis zur Vorbereitung der Nachtruhe als rituelle Gestaltung auffasse und begleite, entwickelt mein Leben eine höhere Schwingungsfrequenz und Wachheit. Ich erliege dann weniger der Macht meiner Gewohnheiten, den Wiederholungszwängen, den eingespielten Mustern meiner Selbstbegrenzung. So bleibt mir (will‘s hoffen!) einiges von den Trostlosigkeiten erspart, die sich mit dem Älterwerden so oft einschleichen.
Es geht ums Verbundensein! Mich immer wieder verbinden mit dem Leben, das gerade geschieht; mit den guten Kräften; mit der Gnade in jedem Einatmen und Ausatmen. Etwa so kann ich den Auftrag zusammenfassen, den mir dieser Lehrgang mitgab. Ein Auftrag mir selbst und anderen gegenüber. Rose Ausländer, die Dichterin, hat den Auftrag wie folgt in Sprache gegossen: Was du noch nicht warst/ wirst du einmal sein /Nichts bleibt dir erspart/im unendlichen Wandel / Sei was du jetzt bist/ein Mensch.
Edmond Tondeur
Jahrgang 1931, lebt in Zürich (Schweiz)
Bisher: Kaufmännische Ausbildung, zehn Berufsjahre in Werbung und Marketing, Sozialarbeiter bei Pro Juventute, autodidaktische Weiterbildung in Sozial- und Humanwissenschaften, nebenbei freier Journalist und Publizist; ab 1965 selbstständiger Unternehmensberater; 1980 dreijähriges Timeout; anschließend Entwicklungsprozesse in Nonprofitorganisationen begleiten; seit 1985 Berater und Begleiter von Führungspersonen, Führungsgremien, Arbeitsteams; seit 1995 Beschäftigung mit den Themen „Neues Altern“, Reife, Lebenswandel; mehrjährige Ausbildung in Astrologischer Psychologie
Derzeit: Lebens-Wandel-Beratung für Menschen jeder Altersstufe; ‚Erfinderisch leben im Zeichen von Vergänglichkeit‘.
Homepage: www.lebenswandel.ch
E-Mail: tondeur.e@bluewin.ch

Von der Offenheit für das Geheimnis
Robert Hepp, Susanne Doebel
Robert: Wir hatten uns zu einem Trekking in der Wüste entschlossen. Am Morgen des zweiten Tages stellten wir der Gruppe die Aufgabe, die das Vertrauen zueinander und zur natürlichen Umgebung Wüste Sinai stärken sollte. Vor uns lag eine unbekannte und weglose Passage durch ein Wadi (Bergschlucht) hinauf auf eine Hochebene, zu einer kleinen Oase – circa drei Stunden Gehzeit. Die Gruppe hatte eine Stunde Vorbereitungszeit für die selbstverantwortliche Gestaltung dieses Abschnittes. Es sollte eine Leitungsperson installiert werden, ein vorbereitetes Kurzreferat zur dortigen Geologie platziert werden, Lunch und Trinkwasser organisiert sein, und sie sollten den Beduinenguide als Orientierungsressource einbeziehen. Der Titel dieser kleinen Reise hieß „Weg unseres Vertrauens“.
Alles verlief nach Plan: die Vorbereitungen, der Anstieg, der Vortrag, der Lunch, sogar das Erreichen des geografischen Ziels nach vier Stunden. Nur offensichtlich war das der Gruppe so nicht genug. Sie fühlten sich anscheinend unterfordert, vielleicht hielten sie den Auftrag für nicht erfüllt, war der Weg unseres Vertrauens noch nicht zu Ende oder stimmten die Vorstellungen und Bilder, die im Vorfeld entstanden waren, nicht mit dem Ergebnis überein.
„Wo stehen wir? Ich meine, was machen die da? Ich verstehe nicht, was hier passiert. Wo wollen sie hin? Ich habe den Eindruck, hier inszeniert sich etwas, was ich nicht kenne. Warum tun sie das?“, fragend schauten wir uns an, als wir, eine Zeit nach der Gruppe das Ziel erreichten und Folgendes beobachteten:
Sie gehen in einer Schlange hintereinander her, die Hände auf den Schultern des Vordermanns, alle bis auf den Ersten haben verbundene Augen und in einer eigentümlich wirkenden Rhythmik hört man Rufe wie „Stein links“, „großer Stein rechts“, „Steine rechts“ usw. Das alles geschieht mitten in der steinigen Hochgebirgswüste im Sinai. Sozialpädagogen, Jugendhelfer, Kommunikationstrainer, ein Matrose, deren Ziel es ist, als zukünftige Erlebnispädagogen mit anderen Menschen zu arbeiten. Wir werden der Reise dieses fast blinden und ängstlichen 22-Füsslers durch die Steinwüste mit unseren Blicken folgen. Man würde ihn noch weit hören können, Verlustängste kommen da nicht auf. Wie lange mag das wohl noch dauern? Die Sonne geht bald unter, das Abendessen wird gerade von den Beduinen vorbereitet und wir, das Leitungsteam dieser erlebnispädagogischen Zusatzausbildung, wollen eigentlich noch eine zusammenfassende Reflexion zu diesem Tag durchführen. „Vorsicht, großer Stein rechts!“ „Steine links“ …
„Mir reicht es jetzt! Ich finde das anstrengend und nervend!“
Das hört sich nach einer Erlösung für alle an.
„Ich denke, wir sollten das jetzt durchziehen, damit jeder mal vorne war.“
Vielleicht sollten wir doch intervenieren und dem Ganzen ein Ende bereiten, sonst passiert noch etwas. Es ist paradox, genau das wollen wir ja eigentlich, dass etwas passiert! Also lassen wir den Wurm weiterkriechen, auch wenn wir nicht verstehen.
Es dauerte noch eine Weile, bis sich die Rebellion durchsetzte und das „Tier“ zum Stehen kam. Der unbekannte Abschnitt bis zu dieser Oase lief für die Gruppe reibungslos, die vertraute und ohne unseren Auftrag angehängte Übung führte zu Chaos und Streit. Die selbst auferlegte Reflexionsrunde fand im direkten Anschluss statt und war eine Tortur für die Gruppe, aber sie konnten lange kein Ende finden.
„Ich fand diese Vertrauensübung total nervenaufreibend…“ „Jeder sollte vorne einmal in der Leitung sein und das auf seine Art und Weise machen. Dazu muss auch jeder mitmachen, auch wenn es lange dauert…“ „Wer kam überhaupt auf diese Idee?“
Sie waren in eine nicht endend wollende Auseinandersetzung geraten. Wir, die Leitung, saßen bewusst in Hörweite, denn sie sollten wissen, dass wir zuhörten und auf das Ende ihres Projektes warteten. Wir hatten unseren ursprünglichen Plan, eine Reflexionsrunde zu starten, endgültig aufgegeben. Wir warteten. Unwissend, aber mit wohlwollender Neugier, was uns dieser Prozess noch bringen würde, saßen wir im kühler werdenden Abendwind unter einem der seltenen Bäume. Wir hatten Fragen auf den Lippen, aber wir durften nicht fragen, noch nicht. Auf die selbst installierte Leitung konnten wir nicht mehr hoffen, sie hatte sich längst verabschiedet. Es war lange kein Ende abzusehen, aber glücklicherweise riss unser Geduldsfaden nicht. Irgendwann wurde das Schielen zu uns auffälliger, selbstironische Bemerkungen häuften sich und schließlich einigten sie sich darauf, dass der Auftrag erfüllt und damit die Aktion zu Ende sei. Wir waren als kompetente Leitung gewünscht und gefordert, jetzt unseren Beitrag zur Aufklärung ihres Mysteriums „Weg unseres Vertrauens“ zu leisten.
Gerne, aber wie? Was hätten wir sagen können, ohne alles kaputt zu machen, was sie sich hart erarbeitet hatten. Das Ziel für diesen Tag war erreicht. Die Teilnehmer hatten sich in dieser selbst gewählten Übung aneinander gerieben, auch unfreundliche Seiten an sich und den anderen erlebt, was zu tieferem Kennen und damit zu mehr Vertrauen in die Gruppe geführt hatte. Die Wüste ist groß und geduldig, wir waren gemeinsam angekommen. Wenn auch auf anderen Wegen, als wir es in der Leitung „geplant“ hatten.
Susanne: Dieses Beispiel gefällt mir gut. Es verdeutlicht, unter anderem, dass es viel Vertrauen braucht, wenn man in prozessorientierter Haltung leiten will. Es ist fast so, als wäre dieser Prozess ein Wesen, das seinen eigenen Gesetzen folgt. Man bietet ihm einen Rahmen und eine Richtung, und dann macht es, was es will. Man muss aushalten und geschehen lassen können, was man durch den Auftrag oder das momentane Ziel gerufen hat. Letztlich ist der Weg das Ziel. Falls man konkrete Bilder im Sinn hat, wie der Prozess genau vonstattengehen sollte, damit er als erfolgreich gelten kann, gerät man leicht ins Schwitzen, wenn es dann ganz anders läuft. Mir kommt dazu gerade die Metapher des Flusses in den Sinn: Will ich mich auf einem Fluss bewegen, den ich noch nicht kenne, schaue ich vorher auf der Karte, wohin er fließt und wo ich aussteigen will. Später ist es dann aber der Fluss, der meine Bewegung bestimmt und seine Stromschnellen, Hindernisse, Biegungen, Landschaften fordern mich zu Reaktionen und immer neuen Perspektiven heraus, sie verlangen meine Gegenwärtigkeit. Ich kann mich auch am Ufer festhalten, aber auf Dauer muss ich mich doch entscheiden, mich dem Wesen des Flusses hinzugeben oder lieber zurück ans Ufer zu gehen.
Ein weiterer Aspekt, der mir anhand deines Beispiels zur Prozessorientierung in den Sinn kommt, ist das Prinzip der Autopoiese. Dieser Begriff aus der Erkenntnistheorie wurde von der Systemtheorie adaptiert und beschreibt die selbstorganisatorischen Kräfte in Systemen. Ihr habt der Gruppe grundsätzlich einmal Vertrauen entgegengebracht und sie machen lassen. Dadurch, dass ihr nicht interveniert habt, konnten sie sich als Wüsten-Tausendfüßler so lange aushalten, bis sich so etwas durchgesetzt hat wie ein „Sinn für Sinnhaftigkeit“. Dennoch kann man diese Erfahrung ja nicht als sinnlos bezeichnen, denn sie hat – wie du ja auch schreibst – die Begegnung mit Schattenaspekten ermöglicht. Das war offenbar ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Ziel. Würde man sich in der Leitung nur auf drei oder vier Wege beschränken, die man in Bezug auf diese Aufgabe für richtig hält, dann könnte es sein, dass man ihren Sinn nicht erfasst. So gesehen öffnet Prozessorientierung immer wieder Räume für Unerwartetes und vor allem für Lernen – sowohl für die Leitung als auch für die Teilnehmer.
Robert: Für mich ist Prozessorientierung im Grunde ein Anteil der Haltung und setzt eine für Phänomene offene Wahrnehmung voraus. Das gelingt nur, wenn in mir ein neugieriges Fragezeichen angeschaltet ist, manchmal sogar vom Kontext unabhängig. So als ob die Vergangenheit und die Zukunft des „prozessierenden“ Systems undeutlich verschwimmen. In diesen Momenten der Gegenwart nehme ich Auffälligkeiten im besten Fall erst einmal wertneutral wahr, soweit das überhaupt möglich ist. Glücklicherweise gibt es einen Auftrag und damit auch mindestens ein Ziel, die dem System, inklusive der Leitung, Orientierung bieten. An diesem roten Faden spielt sich der differenzierte Umgang mit neuen Informationen ab. „Was nehme ich wahr?“ und dann „Was hat das mit dem Auftrag bzw. Ziel zu tun?“. „Welche Hypothese war entscheidend für die Methodenwahl?“ und „Was verändert es jetzt im System?“. „Welche Lösung liegt in der Luft?“ und „Interveniere ich aktiv oder passiv?“.
Im Krpg-Globo steht die Prozessorientierung ja im Feld der „weichen Wirklichkeiten“, zwischen Menschenbild und Haltung einerseits und Handlungs- und Lösungsorientierung andererseits. Die Interventionsformen sinnvoll anzuwenden, setzt die Fähigkeit voraus, sich am Prozess zu orientieren. Diese nährt sich unter anderem aus einer klaren Haltung und einer geschulten Wahrnehmung. Darin liegt für mich der Unterschied zwischen Methoden „kennen“ und „können“. Wie schnell ist der Wüstenstaub nur aufgewirbelt …
Susanne: Aus deinen Ausführungen ergeben sich für mich zwei weitere Ansatzpunkte zur Prozessorientierung. Du sprichst die Phänomene an, die für die Prozessgestaltung entscheidend sind. Gab es in der Geschichte, die du erzählt hast, solche Phänomene? Oder anders gefragt: Hat die Natur mit einer ihrer Interventionen auf das Geschehen reagiert? Vielleicht fällt dir ja auch noch ein Beispiel ein, in dem Phänomene den weiteren Prozessverlauf bestimmt haben.
Und dann sprichst du von aktiven und passiven Interventionen. Um zu verstehen, wie man passiv intervenieren kann, braucht es sicher systemisches Grundverständnis. Vielleicht kann man sich aber auch an deinem Beispiel orientieren. Die bloße Präsenz der beiden Leitungspersonen in der Nähe des Gruppengeschehens und auch das, was sie nicht aussprechen oder tun, wirkt sich auf den Prozess aus. Ist es das, was du damit meinst?
Robert: Als Zuschauer und Zuhörer danebenzusitzen, war in gewisser Weise eine Intervention. Wir hatten eine Absicht und waren bei der Sache. Also waren wir auch aktiv, aber eben nicht im gewohnten Sinne einer Intervention. Damit wird meistens ein direktes Eingreifen in den Prozess verbunden. Wir hingegen wirkten für die Außenwelt recht passiv – deshalb die von mir vorgenommene Unterscheidung zwischen aktiv und passiv, was auch einen Link zur systemischen Haltung herstellen soll. Die Leitung ist in diesem Verständnis immer Teil des Systems und beeinflusst allein schon durch ihre Zeugenschaft und Beobachtung.
Deine Frage nach einem prozessbestimmenden Phänomen löst in mir Ungläubigkeit und Verunsicherung aus. Es fällt mir nicht ein einziges Beispiel ein. Natürlich haben die Teilnehmer nach ihrem später folgenden Solo so einiges erzählt, was ich dem Feld der Phänomene zuschreiben würde: wenn Felsformationen zu Gestalten und Gesichtern werden oder merkwürdige Tierbegegnungen geschehen, die dann vom Protagonisten in seine Geschichte und sein Thema metaphorisch eingebaut werden, dann beeinflusst dies zumindest den persönlichen Prozess der Teilnehmer. Aber eine Situation, in der wir als Leitung uns von Phänomenen führen ließen?
Vielleicht rührt meine Beispiellosigkeit daher, dass der Begriff Phänomen so ein großes Wort ist und ich die kleinen Hinweise an unserem „Wegrand“ zwar als nützlich angenommen habe, aber nicht den Begriff Phänomen verwenden will, weil es im Allgemeinen zu spektakulär klingen könnte. Vielleicht kann man in diesem Kontext „Auffälligkeiten“ im weitesten Sinn auch dem Begriff Phänomen zuordnen, aber darüber gibt es ja einen anderen Beitrag in diesem Buch.
Tatsächlich erlebten wir eine partielle Sonnenfinsternis gleich zu Beginn unseres Wüstentrekkings. Wir wussten vorher davon, aber nicht, dass der Moment unseres Aufbruchs der gleiche wie jener der Finsternis sein würde. Dieses scheinbar „klassische“ Phänomen hatte aber mit unserem Prozess nichts zu tun. Auf dieser Ebene ist einfach nichts in Resonanz getreten und so haben wir auch nicht versucht, irgendetwas hineinzuinterpretieren. Es war einfach ein beeindruckendes Naturschauspiel, welches die Teilnehmer allenfalls für eine phänomenologisch achtsame Wahrnehmung (im oben erwähnten Sinne) sensibilisierte.
Da fällt mir ein, dass du mir einmal vom Leben und den Überlebensstrategien der noch heute existierenden Naskapi-Indianer erzählt hast. Ich habe in Erinnerung, dass sich diese Menschen an ihren Träumen orientieren, um an ausreichend Lebensmittel zu gelangen. Wie dogmatisch übersetzen sie die geträumten Bilder in ihre Tagesrealität? Was glaubst du, würde ein Naskapi unter Prozessorientierung verstehen?
Susanne: Schön, dass du dieses Beispiel ansprichst. Ich habe tatsächlich gerade heute an die Naskapi gedacht, weil ich in einem Seminar über Traumdeutung von ihnen erzählen möchte. Es handelt sich um einen Indianerstamm im Nordosten Kanadas, der über viele Jahrhunderte unter sehr unwirtlichen Bedingungen auf der Labrador-Halbinsel überlebt hat. Ihre Überlebensstrategie war – und das könnte man vermutlich von vielen Naturvölkern behaupten – völlige Prozessorientierung.
Sie pflegten eine innige Beziehung zu ihrem Mista‘peo, was man mit „großer innerer Mensch“ übersetzen könnte. Er sprach durch Träume oder Ereignisse in der Natur und konnte durch die Trommel, durch Lieder oder Tanz gerufen werden. Mista‘peo war nicht irgendeine abstrakte Idee, sondern eine vitale innere Instanz, die für ihr Überleben von größter Bedeutung war. Im Winter waren die Lebensumstände der Naskapi besonders hart. Die Temperaturen waren extrem streng, die Landschaft unwegsam und die
Karibu-Herden nicht immer in der Nähe. Wenn sie nicht mehr weiterwussten, riefen sie Mista‘peo mit der Trommel oder baten um einen Traum. Tatsächlich gibt es viele eindrückliche Beispiele dafür, wie wirksam dieser Dialog mit dem großen inneren Menschen sein kann und wie konkret und unmittelbar sie die Hinweise befolgten, die ihnen durch Zeichen oder Bilder übermittelt wurden. Eines davon will ich hier erzählen:
Der Schwiegervater von Cimon, ein Jäger von Lake St. John, hatte einen mächtigen Mista‘peo. Einst hielt er sich zusammen mit seiner Familie am nördlichen Ufer des Aschuapmouchouan-Flusses auf, zu einem Zeitpunkt im Frühling, als eben das Eis zu brechen begann. Sie kamen zu spät und konnten den Fluss nicht mehr zu Fuß überqueren. Sie hatten auch kein Kanu. Nachdem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, gab er sich in der Nacht ganz dem Singen und Wünschen hin. Nach kurzer Zeit blieb das Eis an einer bestimmten Stelle des Ufers hängen und türmte sich zu einer Brücke von einem Ufer zum anderen auf, die sechs bis acht Fuß breit war. Sie war gerade breit genug, um ans andere Ufer zu gelangen. Ober- und unterhalb schäumte das angestaute Wasser. Nachdem sie am anderen Ufer angelangt waren, brach die Eisbrücke ein. (Speck)
Naturvölker, wie die Naskapi, sind der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten hautnah ausgesetzt. Ihr Überleben war und ist davon abhängig, dass sie in einen vitalen Dialog mit Bäumen, Tieren, Steinen, Himmelskörpern eintreten und in Harmonie mit ihnen leben. Sie haben komplexe Formen der Anrufung entwickelt, um mit den geistigen Kräften der Natur in Kontakt zu treten und günstige Bedingungen zu erbitten; und sie wissen, dass sie die Zeichen, die sie erkennen, ernst nehmen müssen.
In unserem Kulturkreis haben wir gelernt, uns von der Natur abzugrenzen und uns vor ihren Bedingungen zu schützen. Wir haben sie entmystifiziert, indem wir ihre Gesetze erklären und sie uns zunutze machen können. Auch ist der rein physische Erhalt unseres Lebens nicht tagtäglich gegenwärtig und so haben wir uns an die Freiheit gewöhnt, unser Leben nach unseren Ideen und Wünschen zu planen und uns Ziele zu setzen, die über den existenziellen Erhalt hinausgehen. Dazu dienen uns Erfahrungswerte, vor allem aber auch ein kausaler Zugang zum Leben, der besagt: „Wenn ich A mache, dann kommt B dabei heraus.“
Prozessorientierung hingegen erfordert, neben dem rationalen Denken auch ein feinstoffliches Bewusstsein und neben dem kausalen auch ein synchronistisches Weltbild zuzulassen. Und schon ist‘s vorbei mit so mancher Planerei – man begibt sich sozusagen bewusst und freiwillig auf unbekanntes Terrain. Wenn ich so arbeiten will, muss ich akzeptieren können, dass unser Sein mehr ist als eine logische Kette von Ereignissen und dass es Brücken gibt zwischen der materiellen und der geistigen Welt, die uns Phänomene bescheren und Hinweise geben, die wir nicht planen oder vorausahnen können, die aber für den Prozess, in dem wir uns bewegen, von großer Bedeutung sind. Prozessorientierung heißt auch, sich innerhalb eines festgelegten Zeitraums im Kontext unseres linearen Zeiterlebens auf Momente einzulassen, die neben der Zeit zu liegen scheinen. Momente, die mit der Uhr als kurz zu messen sind, dehnen sich beispielsweise aus und füllen sich mit Informationen. Ebenso kann es passieren, dass plötzlich Dinge in der Umgebung, die wir sonst allenfalls wahrnehmen, auf einmal zu bedeutungsvollen Symbolträgern werden. Das ist immer auch eine Art Spurensuche auf dem Weg entlang der größten Energie innerhalb einer durch den Auftrag definierten Passage. Vor diesem Hintergrund, und nachdem mir wieder in den Sinn gekommen ist, dass das Wort Methode von dem griechischen methodos abstammt, was übersetzt nachgehen heißt, wird mir noch klarer, warum die Prozessorientierung im Feld des methodischen Könnens angesiedelt ist.
Robert: Die Erzählung über das Geschehen am Fluss ist wirklich spannend.
Mit einem Ziel unterwegs zu sein, an einer Stelle nicht mehr weiterzukönnen und auch keine Lösung in Aussicht zu haben, kommt mir natürlich sehr bekannt vor. In solchen Momenten sich nicht panisch und aktionistisch zu verhalten, sondern zuerst etwas aufzugeben, eine Idee, ein mitgebrachtes Lösungsbild oder den Anspruch an sich selbst, es sogleich wissen zu müssen, ist manchmal eine Herausforderung. Diesen damit einhergehenden Gefühlszustand aushalten und dabei weiter in die Sache vertrauen ist jedoch eine wichtige Voraussetzung, um für hilfreiche Impulse oder gegebenenfalls Phänomene offen zu sein. Ist das die kompetente Inkompetenz? Zumindest ist es eine Kernkompetenz für prozessorientiertes Führen und Leiten von Menschen. Manchmal hilft eben nur das Warten auf den richtigen Zeitpunkt, auf diesen Moment, wenn sich etwas verdichtet und, wie in deinem Beispiel von den Naskapi, einem sogar Brücken gebaut werden.
Susanne: Ich denke spontan an Wu wei aus dem Taoismus. Das ist der Weg, der zum Tao führt, und er wird definiert als Handeln durch Nichthandeln bzw. als Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns. In dieser fernöstlichen Lehre des Weges ist das Tao das ursprüngliche Wirkungsprinzip, das die Wandlung und Ordnung der Dinge bewirkt. Wu wei soll allerdings nicht zu Faulheit verleiten, sondern eher zu einem absichtslosen Handeln einladen, in dem sich Raum für spontane Eingebungen öffnet.
Dazu passt abschließend noch ein Zitat von Heidegger: „Die Gelassenheit zu den Dingen und die Offenheit für das Geheimnis gehören zusammen. Sie gewähren uns die Möglichkeit, uns auf eine ganz andere Weise in der Welt aufzuhalten.“
Literatur
Heidegger, M. (1959): Gelassenheit. Pfullingen (Neske)
Speck, F. G. (1935): Naskapi. The Savage Hunters of the Labrador Peninsula. Oklahoma (University Press)
Susanne Doebel
Jahrgang 1966, lebt in Landsberg / Lech (Deutschland)
Aus- und Weiterbildungen: Fremdsprachenkorrespondentin Englisch, Französisch, Spanisch (IHK-Diplom), Systemische Gesprächsführung, Systemische Naturtherapie, Studium am Zentrum für Tiefenpsychologie (C. G. Jung), Schweiz
Derzeitig: Geschäftsführerin spektrum-Institut für systemische Prozessbegleitung; Systemisches Coaching, Beratung, Naturtherapie, Referentin
Robert Hepp
Jahrgang 1962, lebt in Landsberg / Lech (Deutschland)
Aus- und Weiterbildungen: Systemische Gesprächsführung, Naturtherapie, Krpg, Outdoor-Guide, Reiseverkehrskaufmann
Derzeit: Roadmovie-Begleiter, Outwardbound-Lehrtrainer, Projektleiter für Reise-Incentive und -Event, Gesellschafter spektrum-Institut für systemische Prozessbegleitung
Homepage: www.spektrum-institut.de
E-Mail: kontakt@spektrum-institut.de

Bildwerfer
Stephan Schmid
Schwierig ist es, einen Dialog mithilfe der Sprache herzustellen zwischen zwei so verschiedenen Welten, Wirklichkeiten. Mein Versuch daher, über Bilder zur Sprache zu gelangen. Bilder, die ich zum einen im Rahmen des Lehrgangs zum kreativ-rituellen Prozessgestalter und zum anderen aus meinem Arbeitsalltag im Strafvollzug entwerfe und einander gegenüberstelle.
Es sind Bilder, die nicht meine tägliche Arbeit, sondern meinen Ort der täglichen Arbeit beschreiben, was ich und der Insasse sehen. Dem stelle ich dann eine zweite Welt entgegen, einen Ausschnitt aus dem Lehrgang.
Die Brücke schlage ich über meine ganz persönliche Wahrnehmung, z. B. der hohen technischen Sicherheit, die ich in meinem Arbeitsalltag erlebe, den Mauern und Gittern hinter denen ich den Menschen begegne und andererseits dem Schutzraum, den die Natur mir bietet.
Ich will nicht infrage stellen und auch nichts als Besonderes hervorheben. Mein Interesse gilt alleine dem persönlichen Wahr-nehmen, der Verbindung dieser beiden Wirklichkeiten, die sich in mir ergibt.
Wir stehen vor unseren Rucksäcken. Gelächter, Zwischenrufe. Es geht darum, sich und den Rucksack von Überflüssigem, Alltäglichem zu befreien. Auf das Nötigste reduzieren, das, was jeder denkt, was er in den nächsten vier Tagen braucht, um sich im Wald zurechtzufinden. Viel Sichtbares bleibt liegen. Wir haben vor, zusammen und gleichzeitig jeder für sich allein, auf eine Reise zu gehen. Eine Reise zu sich, jenseits aller Eile und Hast.
Immer wieder geht er durch den Metalldetektor, Blinken und Piepsen zeugen von noch vorhandenem Metall, Gürtelschnalle, Ringe und Halskette, Schuhsohlen und Jackenknöpfe. Langsam und misstrauisch reagiert er auf die Anweisungen. Er deponiert alles in einer grauen Kiste, zur Kontrolle. Geführt und durch mehrere Türen gelangt er in einen bestimmten Trakt des verzweigten Gebäudes.
Es gibt Hinweise, Anregungen, aber keine Kontrolle. Jeder entscheidet selber, auf was er nicht verzichten kann. Das Allgemeingut wird auf jeden Einzelnen verteilt. Noch mit der Welt verbunden, in der wir leben, in einzelne Gespräche verwickelt, betreten wir einen neuen Raum und erschaffen uns ihn gleichzeitig selber. Versuchen, ihn zu lesen mit all unseren Sinnen. Es wird stiller um uns, in uns.
Wieder in seiner Zelle, allein. Die Einrichtung ist karg, nüchtern. Graue Betondecke, weiße Wände, ein Bett, ein Stuhl, Tisch und Fernseher, eine von Holzwänden abgeschirmte Toilette. Die Ordnung ist gegeben. Zu lange sitzt er schon in diesem Raum, mit sich allein, unterbrochen von täglichen Spaziergängen im kleinen Hof, überdeckt von einem Gitter, oder dem angeordneten Gang zur Dusche, die einzigen Möglichkeiten, ein kurzes Gespräch aufzubauen.
Fichten, dichter Fichtenwald, eine steht neben der anderen, zwar unregelmäßig und doch wie ein Gitter, ein Gitter in dreidimensionaler Form, dazwischen dunkles Summen, ein Schutzraum, ich kann mich darin frei bewegen. Einen Platz suchen für einen ersten Rückzug, die erste Nacht. Auf dem Boden liegend, kommt mir Wärme entgegen, ich bin aufgehoben, geborgen.
Ich spanne ein leichtes, schützendes Dach, ein Nest entsteht.
Gitter, runde, schwarze Eisenstäbe, einer neben dem anderen, eindimensional in Reih und Glied, gefüllt mit Luft, dazwischen graues Licht mit leisem Summen, Druckluft, Machtraum. Er steht dahinter mit seinem Erinnern, Träumen, Nachdenken und Sinnieren. Entsprechende Handlungsimpulse sind beschränkt oder blockiert. Endlich ist die Untersuchung abgeschlossen, der innere Kampf mit der eigenen Wahrheit und der äußere mit all den Vorwürfen.
Er hat den vorzeitigen Strafantritt unterschrieben, kommt aus dieser Zelle raus, in eine andere Abteilung.
Ich sitze in der Nähe eines Feuers, eine Gruppe Männer und Frauen, vertieft in meinem Bemühen, aus einem Stück Holz einen Löffel zu schnitzen, zu brennen, spüre die Geschäftigkeit der anderen, die Funken, die überspringen, höre das Schnipseln der Messer, Lachen, Gesprächsfetzen, Knistern, Wärme, es gibt Suppe und wir haben noch kein Besteck, um sie zu essen, mit jedem Holzspan, der fällt, bin ich mit einem Gedanken mehr präsent, komme hier in diesem Raum an.
Auch er spürt Unsicherheit, zu vertraut ist ihm die Einsamkeit unterdessen, der Rhythmus des eigenen Alltags. Natürlich ist auch Unvorhergesehenes passiert, plötzliche Wendungen in der Beweisführung der Polizei, Gegenüberstellungen, Briefe naher Verwandter, erste ungelenke Besuche seiner Frau und ihres gemeinsamen Kindes, die ihm Einblick gaben in sein Verhalten.
Wie ein Wettstreit, zurückgeworfen auf mich selbst arbeite ich mich an diesem Stück Holz voran, schnitze, brenne; feile ich an mir herum? Wiege ab, halte inne. Verborgenes sucht sich einen Weg nach außen durch meine verlängerte Hand zu diesem Stück Holz, kann‘s nicht benennen, vielleicht erahnen. Hab‘s vor dem Feuer bewahrt, das verbindet schon.
Und immer wieder die Begegnung mit dem, was er tat, warum er hier ist, all die dahinterstehenden Umstände, Verstrickungen, eigene und fremde Zwänge, das Erinnern an das, was er nicht vergessen kann, Eingestehen eigener Fehler und verpasster Chancen, es kommt ihm vor wie ein Abtasten entlang seiner Lebenskette.
Lege Holz ins Feuer. Die Vertiefung im Holzstück, das mein Löffel wird, nimmt Form an, es ist Handwerk. Ich fische Glut aus dem Feuer und lege sie in die noch kleine Vertiefung, blase und brenne so langsam und konzentriert eine Wölbung ins Holz. Die Vertiefung findet sich auch in mir, bin in innere Welten abgetaucht. Ein Versuch, Unnötiges wegzuschnitzen, der Löffel soll gut fassbar in der Hand liegen, soll Platz haben für Suppe und anderes. Gleichgewicht, ausgewogen.
Sind da auch Perlen, die sich aneinanderreihen oder nur steinerne, holzige Kugeln? Unterdessen weiß er, dass er eine längere Zeit als gedacht hinter diesen Mauern verbringen wird. Ein Vollzugsplan wurde erstellt, Ziele formuliert, neue Kugeln auf seine Lebenskette gezogen. Daran kann er sich orientieren, es gibt ihm Halt und Richtung zugleich.
Ich assoziiere, in Gedanken bin ich bei Nahrung, innere und äußere, wie gehe ich damit um, wie nähre ich meine Kraft, was bin ich bereit, dafür zu geben, zu tun, wie nehme ich Nahrung zu mir, in welchen Formen, wie groß muss mein Löffel sein, wie die Form, um all das, was ich benötige, zu schöpfen. Ich nehme Kontakt auf zu meiner Umgebung, den Menschen, dem Boden, den Bäumen.
Klare Regeln, feste Strukturen, als ob das ihm erst Möglichkeit gebe, zu innerer Freiheit zu gelangen.
Wir trennen uns, jeder geht auf seinen Weg, der Abschied ritualisiert und die Ankunft bei sich mit einer Waschung vollzogen. Geräusche sind so schnell, meine Augen verbunden, sehe mit den Fingerkuppen, ein moosbedeckter Stein, weicher Waldboden, feine Tannennadeln, strecke die Fühler aus, mein Platz für die Nacht.
Eine kleine, flache Vertiefung auf einer Hügelkuppe. Knappe drei auf zwei Meter, genügend Platz für ein Feuer, mein Gepäck und gemütlich Liegen.
Vereinzelung heißt das in der Fachsprache, mein Eintritt in diese Mauern, stehe in einem Raum so groß wie eine Telefonkabine, in der Mitte am Boden ein großer runder Kreis, da muss ich draufstehen, die Türe vor mir kann ich erst öffnen, sobald die Türe hinter mir geschlossen ist, technische Sicherheit ritualisiert, ich transformiere mich.
Auf drei Seiten geht es runter, auf einer Seite durch einen großen Stein begrenzt, er hat die Form einer riesigen Vagina, was wird hier geboren?
Nach vorn den Hügel rauf zu einer kahlgeschlagenen Lichtung, von der Abendsonne hell beleuchtet, höre Äste knacken, ein fernes Singen, es sind Kollegen / -innen in meiner Nähe, dabei wollte ich ganz allein sein. Ebne meinen Schlafplatz, spanne die Plane, sammle Holz fürs Feuer, schmücke meinen Platz mit Gesammeltem, ruhig und ohne Hast, lasse aufkommende Gedanken an mir vorbei, ohne nachzuhaken, will sie nicht einfangen, nur anschauen und ziehen lassen. Konzentriere mich auf das, was ich tue, esse mit meinem Löffel, lasse ihn so grob geschnitzt, wie er ist, er passt zu mir.
Der erste Kontakt mit einem Arbeitskollegen, er steht hinter Glasscheiben im Zentrum, ich bekomme mein PSS (Personenschutzgerät), ab jetzt bin ich überwacht und erreichbar, in Sicherheit, noch ist Trägheit spürbar.
Die nächste Tür öffnet sich, wie ist meine Haltung, meine Wahrnehmung, die nächste Tür, ein Klick, aber öffnen muss ich selber, dann der endgültige Eintritt, ich brauche zum ersten Mal meinen Schlüssel, Schleuse im Arbeitsalltag, Gang durch den Erschließungstrakt, Vertrautheit, die ersten Geräusche, die auf menschliches Leben schließen lassen, mein Weg durch den Trakt überwacht durch Kameras. Wie ist meine Haltung? Eine kunstvoll mit Glassplittern gefüllte Wand, dann rohe Eisenplatten, gegenüber Glasbausteine, die Licht vom Innenhof durchlassen, Kunst am Bau.
Zu viel ist in Bewegung um mich, werde abgelenkt, die Aufmerksamkeit auf Nachbarn von mir gerichtet, packe schon früh am Morgen, will weiter, in die Höhe und in den Wald, will meinen eigenen Rhythmus, versuche, ihn in der eigenen Bewegung, dem eigenen Tempo zu finden.
Gebe einen sechsstelligen personifizierten Code ein, mit dem Schlüssel identifiziere ich mich auf dem Leser, kann die Türe öffnen. Die technische Sicherheit gibt mir auch den Raum, um das wahrzunehmen, was um mich geschieht. Ich trete in einen rechteckigen Raum, das dumpfe Geräusch der Belüftung, dicker Zigarettenrauch, Männer an schwarz-grauen Tischen, auf schwarz-grauen Stühlen, vor dunklem Kaffee, schweres Gelächter oder stumme Anspannung, Frühstück, ich setze mich zu ihnen. Ruhig, ohne große Worte und ohne Hast beginnt unser Tag, jeder auf seine Art damit beschäftigt, die nächtlichen Träume zu verscheuchen.
Auf dem Waldboden eingeschlafen erwache ich, liege im eigenen, noch offenen Grab und schaue in das grüne Dach über mir, darin verfangen ein riesiger abgebrochener Ast. Er wirkt nicht bedrohlich und doch, ein kleiner Windstoß und er würde direkt auf mich runterfallen. Das schützende grüne Dach über mir, darin verwoben das Zerbrechliche, Vergängliche. Ich drehe mich zur Seite und stehe vorsichtig auf, als ob ich durch meine Bewegung den Windstoß auslösen könnte. Warum habe ich das nicht gesehen, als ich mich hinlegte und lange in das Blätterdach schaute, bevor ich einschlief? Was bedeutet dieser Traum?
Langsam füllt sich der Arbeitsraum, ich bin am Mich-Einlesen, Mails, Logbuch, Vorfälle und Beobachtungen. Das Gelesene steht zwischen mir und den Männern, die jetzt an ihren Arbeitsplätzen sitzen, zum Teil neu verteilt, der Neue hat seinen Platz in der Hierarchie der Gruppe bekommen. Lasse es geschehen. Wir stellen uns vor, erkläre ihm die Regeln und was ich von ihm erwarte, was er von mir erwarten kann.
Es gibt keinen sichtbaren Weg. Zwischen riesigen Felsbrocken steige ich den Hang entlang. In Gedanken verstrickt vom Gebären und Sterben, stehe ich plötzlich am Rand einer kleinen Waldlichtung, mittendrin ein Wasserloch. Verwundert und fasziniert bleibe ich stehen. Was für eine unergründliche Kraft von diesem Ort ausgeht. Eine wunderbare Zufriedenheit überkommt mich. Schließe die Augen. Bilder aus vergangenen Zeiten tauchen auf. Taste mich vorsichtig voran, verbinde sie. Eine Lebensbilderkette entsteht. Ob ich sie mir um den Hals legen kann?
Stephan Schmid
Jahrgang 1956, lebt in Luzern (Schweiz)
Derzeit: Arbeitsagoge im Strafvollzug

Posteingang (1): Stuttgarter Betrachtungen
Andreas Bühler, Peter Thomas, Karin Wabersich
20.12. I Betreff: Was ich schon immer mal fragen wollte
Liebe Karin, lieber Andi, vor gut drei Jahren habe ich meine Ausbildung in Kreativ-ritueller Prozessgestaltung abgeschlossen. Ich erinnere mich noch immer gern an diese zwei außergewöhnlichen Jahre. Sie haben bei mir eine dauerhafte Wirkung hinterlassen in der Art und Weise, wie ich heute arbeite. Besonders in Erinnerung sind mir die emotional und spirituell berührenden Momente, wie zum Beispiel meine Ahnengalerie in Griechenland. Außerdem habe ich ein neues Verhältnis zu meinem Körper und zur Natur gewonnen. Als „Kopfmensch“ ist mir das Lernen über den Körper näher gekommen.
Bei meinen ersten Rückblicken sind mir natürlich einzelne Erlebnisse eingefallen, aber die sind nicht immer so leicht zu erzählen. Da bin ich auf eine interessante Einteilung gestoßen: Die Wirkung eines Lernprozesses lässt sich gut erklären, wenn zwischen beruflicher, fachlicher und persönlicher Rolle unterschieden wird. Die berufliche Rolle bezieht sich auf die berufliche Tätigkeit. Die fachliche Rolle meint die Ausbildung, die man im Studium oder in der Lehre bekommen hat und die persönliche Rolle ist das Private. Ist euch zum Beispiel aufgefallen, dass wir alle drei während unserer Fortbildung die berufliche Rolle verändert haben oder dass bei uns in der Institution mittlerweile aus fachlicher Sicht viel mehr systemisch gearbeitet wird?
Für mich selbst würde ich sagen, dass es die persönlichen und fachlichen Aspekte sind, die das größte Gewicht hatten in meinem Lernprozess. Im Zusammenspiel zwischen Körper und Kopf hat sich Entscheidendes verändert. Ich vermute, es sind die Wahrnehmung und die Philosophie, die sich heute deutlich von der Zeit vor der Ausbildung unterscheiden. Wenn ich früher vor allem auf den Kopf gehört habe, dann folge ich heute auch meinen Körperwahrnehmungen. Brauchte früher alles eine Erklärung, finde ich es heute reizvoll, manches offenzulassen.
Ihr beide habt die Ausbildung nach mir durchlaufen und seid nun auch schon eine Weile damit fertig. Welche Wirkung haben die zwei Jahre bei Euch hinterlassen?
Ich selber bin ja immer gut zu begeistern für grundsätzliche Themen wie die Philosophie, ebenso interessieren würde mich die praktische Ebene, zum Beispiel Fragen der Wahrnehmung und Handlungsorientierung. Ein lieber Gruß aus Sindelfingen. Peter PS: Wie geht es Dir in der Schwangerschaft, Karin?
30.12. I Betreff: Leicht und schwer liegen dicht beieinander
Lieber Peter, lieber Andi, die letzten Tage vor der Geburt meines ersten Kindes sind doch etwas schwerfällig, aber zugleich auch aufregend. Es ist so eine Art „Zwischenzeit“, in der ich mich immer wieder frage, ob ich denn schon bereit bin und was es überhaupt bedeutet, bereit zu sein. Ich fühle mich extrem schwanger und irgendwie gibt es kein Zurück mehr. Ich freue mich auf die Geburt, habe aber auch großen Respekt davor. Zudem kommt die Ahnung, dass gleichzeitig ein neues, noch völlig unbekanntes Leben für mich beginnt. Das finde ich schon alles ganz schön spannend!
Das erinnert mich an die von Campbell beschriebene „Heldenreise“ 1. Sie bezieht sich auf den immer gleich stattfindenden Zyklus bei Entwicklungsschritten. An einer Stelle in diesem Zyklus steht der Protagonist vor der großen Herausforderung, die Schwelle ins Unbekannte zu übertreten und sich ganz auf das einzulassen, was ihn dort erwartet. Mit diesem Bild der Heldenreise haben wir viel gearbeitet während der Ausbildung, so dass mir die einzelnen Schritte sehr vertraut geworden sind und sie mich seither nicht mehr losgelassen haben. Auch in den Bereichen meines Lebens spüre ich Auswirkungen und Entwicklungen, die ich auf die Zeit des Lehrgangs zurückführe, es war für mich im eigenen Erleben und durch die Anteilnahme am Erleben der anderen eine sehr erfahrungsreiche und schöne Zeit.
Am stärksten hat mich die Auseinandersetzung mit, und die Wahrnehmung von Prozessen und den Möglichkeiten ihrer Gestaltung beeindruckt. Ich versuche heute, unvoreingenommener an Situationen heranzugehen, und schaue auf das Gelingen eines Vorhabens, also auf die Lösung. Mein Verständnis von Verantwortung hat sich durch die Auseinandersetzung mit den systemischen Grundhaltungen sehr verändert. Ich erlebe dadurch in meinen Aufgaben eine größere Leichtigkeit und mehr Vertrauen auf das Gelingen.
Ich schicke Euch beiden herzliche Grüße, wünsche Dir, Peter, einen schönen Urlaub und melde mich, sobald es Neues zu berichten gibt. Karin
10.1. I Betreff: Man kann das alles auch anders sehen
Liebe Karin, lieber Andi, während ich schreibe, ist Karin vielleicht schon Mutter geworden. Da merke ich, wie schnell immer ein paar Wochen vergehen zwischen unseren Briefen. Wenn ich Karin richtig verstanden habe, hat sich für sie vor allem ihre Wahrnehmung von Prozessen verändert – bei mir hat sich eher die Wahrnehmung von Ergebnissen oder Zuständen verändert. Damit meine ich auch die viel zitierte Ressourcenorientierung: Nicht alles, was ich früher spontan als „Hindernis“ bezeichnet hätte, würde ich heute genauso sehen. Oft ist es wirklich ein Ausgangspunkt oder Impuls für positives Wachstum, eine Ressource eben.
Ich lese gerade das Buch „Der Glücks-Faktor“ von Martin Seligman2. In diesem verdeutlicht er beeindruckend, dass wir Glück – im Sinne von gutem Leben – in der Gegenwart vor allem dann empfinden, wenn wir beim Blick in die Vergangenheit Dankbarkeit und Vergebung walten lassen und zugleich beim Blick in die Zukunft dem Optimismus viel Raum geben. Erstaunlicherweise deckt sich das mit meinen Erfahrungen. Früher habe ich eher dazu geneigt, gerade nach den Schwierigkeiten und Verletzungen zu suchen, statt nach den Dingen, aus denen ich lernen kann und die mich stärken.
Ich verschwinde am Sonntag in den Urlaub. Dort will ich viel wandern. Wie ihr Euch sicher noch erinnern könnt, habe ich mich in vergangenen Zeiten eher am Schreibtisch oder in einem Sessel auf dem Balkon vergraben, wenn ich meine Gedanken sortieren oder wandern lassen wollte. Heute bin ich selber in Bewegung und merke, wie viel besser dies funktioniert. Ein lieber Gruß. Peter
22.1. I Betreff: Haltung und Anspruch
Liebe Karin, lieber Peter, vielen Dank für Eure Briefe.
Peter, bei Deinen Ausführungen zu Seligman und zu Deiner Hinwendung zu Ressourcen im Allgemeinen ist mir sofort das Buch „Es ist nie zu spät, eine schöne Kindheit gehabt zu haben“ von Ben Furman3 in den Sinn gekommen. Dabei wird sehr schön beschrieben, wie es gelingen kann, prägende Erfahrungen aus unserer Kindheit – positive wie negative – als Ressource zu betrachten. Auch negative oder gar traumatische Erfahrungen können nach Furman wertvolle Impulse für eine gute Weiterentwicklung geben. Der Titel sagt eigentlich schon alles – ich habe das Buch nahezu verschlungen.
Ich will heute versuchen, auf einen Zusammenhang einzugehen, der mich momentan am meisten beschäftigt. Dabei geht es um die Haltung, mit der wir anderen Menschen (nicht nur unseren Kunden bei der Arbeit) gegenübertreten. Während des Lehrgangs war ich immer wieder sehr beeindruckt davon, wie wertfrei und offen unsere Trainer bei Übungen und Gesprächen mit den Gruppenteilnehmern umgegangen sind. Bei mir selbst habe ich hingegen öfters entdeckt, wie schnell ich mich in meiner Rolle als Anleiter oder Gesprächspartner hinreißen lasse, über Zusammenhänge die Folie meines persönlichen Rasters zu legen. Damit nehme ich eine Bewertung von Aussagen oder Erfahrungen meines Gegenübers vor und gleichzeitig positioniere ich mich. Das kann hilfreich sein. Ich laufe dabei aber auch Gefahr, den Anspruch auf eine abstinente Leitung aufzugeben und damit mir und meinem Gegenüber Scheuklappen aufzusetzen, die den Blick auf gute Lösungsschritte erheblich einschränken können.
Solche Bewertungen stehen zudem in engem Zusammenhang mit einer Anspruchshaltung an mich selbst und an meine Umwelt. Es scheint mir das Wesen von Ansprüchen und Forderungen zu sein, dass ihnen nicht nachgekommen werden kann, zumindest dann nicht, wenn sie das Verhalten von Menschen oder gar ihre Biografien betreffen. Damit sind Unzufriedenheiten vorprogrammiert, die einen wie auch immer gearteten Prozess ins Stocken bringen und viele Lösungsansätze im Keim ersticken.
Was ich während meiner Krpg-Zeit in diesem Zusammenhang gelernt habe, ist zunächst, mein eigenes Wertesystem als eine riesige Ressource zu betrachten, die ich gewinnend nutzen kann und soll. Neu ist auch die Erkenntnis, dass eine solche Anspruchshaltung nicht zwangsläufig an ein funktionierendes Wertesystem angeschlossen sein muss. Um in diesem Sinne offen und vor allem frei mit meiner Umwelt umzugehen, muss ich jedoch selbst dazu in der Lage sein, ein stimmiges Verhältnis zwischen Anspruch und Leistung zu leben und hinsichtlich meiner Bewertungen gnädig mit meiner Umwelt und mir selbst umzugehen.
Ich betrachte es momentan als große Herausforderung, die Gestaltung meines Alltags, meine Handlungen und meine Bedürfnisse durch diese Brille zu betrachten. Ein äußerst spannendes Unterfangen, das mir bereits viele überraschende Einsichten beschert hat!
Lieber Peter, Dir wünsche ich einen erholsamen Urlaub und vor allem, dass sich Dein Anliegen erfüllt und sich Dir neue und inspirierende Perspektiven eröffnen. Karin, Dir drücke ich ganz fest die Daumen für die bevorstehende Geburt.
Ich grüße Euch herzlich aus Gündelbach. Andi
18.2. I Betreff: 2 Imperative
Hallo Andi, hallo Karin. Karin ist seit meinem letzten Brief Mutter geworden, und ich habe meine zwei Monate Auszeit hinter mir und werde mein Leben wohl gründlich umbauen. Während dieser drei Wochen auf Gran Canaria habe ich mehrfach die in der Fortbildung erworbene Technik der Naturerfahrung für meine eigenen Fragen genutzt. Ich habe eindrückliche Momente erlebt, bei denen mir die Natur manchen Impuls für weitere Überlegungen gegeben hat. Bei einer Tour durch einen Barranco bei starkem Regen habe ich mich entschieden, meine berufliche Karriere in ihrer bisherigen Form nicht fortzusetzen. Der Weg war fast wie eine Wanderung durch Symbole.
Ich will auf Andis Thema der Werte und des Be- oder Verurteilens anderer Menschen eingehen. Dazu habe ich im Urlaub ein paar spannende Zeilen gelesen: Aristid von Schlippe beschreibt vier ethische Grundpositionen systemischer Therapie:
1. Denke und handle ökologisch valide.
Oder: Es gibt immer einen größeren Kontext.
2. Achte auf die Definitionen und Bewertungen, die du vornimmst.
Oder: Es könnte auch alles ganz anders sein.
3. Besinne dich auf deine persönliche Verantwortung.
Oder: Es gibt kein Richtig und Falsch, aber du bist Teil des Kontextes und alles, was du tust, hat Konsequenzen!
4. Achte darauf, in respektvoller Weise Unterschiede zu schaffen.
Oder: Füge dem Bild des / der Klienten etwas Neues hinzu. 4
Das trifft doch ganz gut, was du formuliert hast, wie es besser sein könnte, wenn man nicht immer aus dem eigenen Wertesystem urteilen will, oder? Und noch kürzer schreibt das Heinz von Foerster (Ihr merkt, ich hatte mal wieder viel Zeit zum Lesen.):
„Der ästhetische Imperativ: Willst du erkennen, lerne zu handeln.
Der ethische Imperativ: Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen.“ 5
Das gefällt mir auch sehr gut als Grundhaltung für systemisches Arbeiten. Vor allem, weil es meiner eigenen Spiritualität oder meinem Wertesystem nicht im Weg steht. Es mahnt in der Arbeit mit Menschen eben lediglich dazu, ihnen nicht das eigene System überzustülpen. Ich grüße Euch beide herzlich. Peter
02.3. I Betreff: Willkommen im neuen Leben
Lieber Andi, lieber Peter, hallo, hier bin ich wieder. Seit dem letzten Brief sind einige Wochen vergangen und mein Leben hat sich komplett umgekrempelt. Ich bin Mutter eines wunderbaren Kindes geworden, mein bisheriger Tag- und Nachtrhythmus ist einem „Aha! … das geht 24 Stunden und alle 2 – 3 Stunden machen wir das volle Programm“ gewichen. Ich trainiere meine Arme rund um die Uhr mit einem 3,5-Kilo-Paket und ich träume mit offenen Augen davon zu schlafen, einfach mal ein paar Stündchen zu schlafen. Besonders unglaublich an meinem momentanen Zustand finde ich die Vorstellung, dass Kinder zu bekommen und eine Familie zu sein, ja auch nicht direkt etwas Außergewöhnliches ist. Jeden Tag erblicken auf der ganzen Welt neue Menschenkinder das Erdenlicht und machen neue Eltern glücklich, stolz und müde. Es muss unzählbar viele sehr, sehr müde Menschen auf der Welt geben! Hoffentlich sind sie auch alle so glücklich wie ich es bin!
In den letzten Briefen habt Ihr über Ressourcenorientierung, Glück und wertfreie Haltung geschrieben. Das sind auch für mich wichtige Stichworte bezogen auf die Aufgabe, Menschen in Prozessen zu begleiten, oder bezogen auf eigene Entwicklungsprozesse. Sie fließen in meine Wahrnehmung mit ein.
Zum Thema Prozessgestaltung sind mir noch ein paar Veränderungen in meiner Vorgehensweise aufgefallen. Zum einen geht es dabei um Strukturelemente von Prozessen, die ich heute anders verstehe und anwende. Beispielsweise bei der Wahl des Settings habe ich die eigenen Möglichkeiten eines (Natur-) Raumes und die Platzgestaltung stärker im Blick. Auch bei der Zeitplanung habe ich erst durch die Krpg ein wirkliches Verständnis von „weniger ist mehr“ entwickelt. Themen und Handlungen brauchen Zeit zum Wirken.
Andererseits sind es weitere Ebenen: zum Beispiel beziehe ich mein Bauchgefühl oder spirituelles Erleben und Deuten jetzt viel bewusster in meine Wahrnehmung ein. Dadurch ergeben sich wesentlich mehr Handlungsmöglichkeiten.
Ganz besonders bemerkenswert in diesem Zusammenhang finde ich übrigens die Frage nach der Verantwortung vom Gelingen oder Misslingen von Prozessen. Ausgehend von der systemischen Sichtweise, leisten alle am System Beteiligten ihren Beitrag für das Gelingen einer Sache. Sie tun dies bewusst oder unbewusst. Es gibt für die Leitung also höchstens die Möglichkeit, ein Klima zu gestalten, in dem sich alle gern für eine bestimmte Sache einsetzen. Ob das aber letztlich gelingt oder wie das Ergebnis genau aussieht, liegt nicht allein in ihrer Hand. Das finde ich super und erlebe es darüber hinaus auch als große Entlastung.
So Ihr beiden, ich werde nun von meinem hungrigen Sohn an die Milchbar gerufen!
Bis bald, seid lieb von mir gegrüßt. Karin
18.3. I Betreff: Perspektivenwechsel
Liebe Karin, lieber Peter,
Mit einem Schmunzeln habe ich Deine Zitate Aristid von Schlippes gelesen, Peter. Die treffen natürlich genau das, was ich gemeint habe. Ernüchternd und erhebend zugleich. Von Schlippe formuliert hier kurz und bündig eine sehr gute Zusammenfassung von dem, was ich mühevoll formuliert hatte. Das ist ernüchternd. Erhebend ist aber, dass andere meine Erfahrung teilen und vergleichbare Schlüsse daraus ziehen.
Ich stelle ebenso wie Ihr beide fest, dass sich meine Wahrnehmung in den vergangenen Jahren deutlich verändert hat. Das wirkt sich bei mir vor allem darauf aus, wie ich Ereignisse und Eindrücke deute und wie ich sie in mein Welt- und Menschenbild einordne.
Ich bin eher in der Lage, das, was mir begegnet, als Ressource zu sehen und mich von der Frage leiten zu lassen, welche Hinweise ich darin für mein Handeln finde. Eine neue Deutung, die sich an Wachstum und Weiterentwicklung orientiert.
Diese Veränderung ist etwa so, als würde ich einen Schritt zurücktreten, um die Dinge mit etwas mehr Abstand zu betrachten. Dieser Abstand weitet nicht nur den Blick für vorhandene Ressourcen, sondern schafft gleichzeitig so etwas wie einen Sicherheitsabstand. Emotional betrachtet, nehme ich mir viele Dinge nicht mehr so zu Herzen und systemisch betrachtet bedeutet es, dass ich so eher in der Lage bin, einzelne Systeme neutraler wahrzunehmen und aktiv und reflektiert zu agieren, anstatt mich passiv darin verstricken zu lassen. Die Energien bleiben so dort, wo sie hingehören. Ich glaube, durch ein unbedachtes „Sich-in-Zusammenhänge-verstricken(-lassen)“ raube ich einem System Energie, die in ihm selbst benötigt wird.
Genau wie Du, Karin, fühle ich mich bezüglich der Frage nach der Verantwortung dadurch freier. Übertragen auf Situationen, in denen ich Verantwortung habe, beispielsweise in Leitungsfunktionen, heißt das auch für mich, dass ich nicht allein für den Verlauf von Prozessen verantwortlich bin, sondern dass es auf das Mittun aller am System Beteiligten ankommt.
Erstaunlicherweise entdecke ich immer mehr einen Zusammenhang zwischen dem, was ich Systemen zutraue, und dem, was sie zu leisten imstande sind. Je mehr ich auf diese Leistungsfähigkeit und vor allem darauf vertraue, dass alle Teile ihren Beitrag leisten, desto erfolgreicher verlaufen Prozesse, die ich initiiere und desto zufriedener bin ich. Offensichtlich hat allein meine innere Haltung einen wesentlichen Einfluss auf die Dynamik in Gruppen und Prozessen.
Zum Thema Veränderung will ich noch anmerken, dass ich interessanterweise auch Monate nach dem Ende des Lehrgangs noch immer das Gefühl habe, mich in einem Veränderungsprozess zu befinden. Ich bin zwar nicht sicher, ob meine Umwelt das genauso wahrnimmt, aber es fühlt sich an wie Unterwegssein, wie Wachstum mit viel Spannung und Vorfreude. Für mich macht dieses Unterwegssein einen großen Teil Menschsein aus.
So Ihr beiden, das waren meine Gedanken für heute (zumindest zu diesem Thema). Ich werde mich jetzt meinem Haushalt widmen (auch beim Bügeln kann man unterwegs sein) und grüße Euch ganz herzlich. Bis bald. Andi
30.3. I Betreff: Bewegung
Lieber Andi, lieber Peter,
Beim Weiterdenken am Thema Wahrnehmung bin ich auf das Stichwort Handlungsorientierung gestoßen. Den Auslöser gab Deine Beschreibung, Andi, dass Du die Dinge inzwischen mit einem gewissen Abstand zu betrachten in der Lage bist. Mir geht es auch so, dass ich oft einen Schritt zurücktreten und dadurch einen breiteren Blick auf die Geschehnisse werfen kann. Wenn wir es dabei belassen würden, wäre das aber zu wenig. An dieser Stelle muss etwas in Bewegung kommen. Und die beste Möglichkeit, in Bewegung zu kommen, ist handeln.
Nach der Betrachtung einer Situation gehen meine Gedanken schneller als früher in Richtung des nächsten Schrittes. Wie kann es weitergehen? Wie kommt Bewegung in festgefahrene, schwere und komplexe Situationen? Immer wieder mache ich die wohltuende Erfahrung, dass allein der Beginn des Handelns dabei das lösende Moment sein kann. Manchmal hilft es schon, aufzustehen, den Ort zu wechseln und ein paar Schritte zu laufen, damit sich neue Ideen einfinden können. Oder um ein ganz konkretes Mutter-Kind-Beispiel zu nennen: Wenn mein Sohn schreit und tobt und ich ihn beruhigen will, dann gehe ich mit ihm durch die Wohnung. In dieser Situation sitzen zu bleiben würde mich und wahrscheinlich auch ihn in den Wahnsinn treiben.
In meiner beruflichen Rolle verstehe ich meine Aufgabe darin, anderen neue Bewegung zu ermöglichen. Das geschieht dann mit den Möglichkeiten, die sich dafür eignen. Manchmal ist das körperliche Bewegung, aber es ist ebenso das Repertoire der sprachlichen Begleitung, also Fragen entsprechend zu stellen, um neue Perspektiven zu ermöglichen. Handeln beginnt auch im Kopf!
Wenn ich es genau überlege, hat die Krpg meine Geduld, in schwierigen Situationen endlos auszuharren sehr verringert. Darüber bin ich richtig froh. Im Grunde bin ich schon immer eine sehr lebensfrohe Person gewesen und trotzdem ist mir sehr viel klarer geworden, wie destruktiv es sein kann, ungute Situationen auszuhalten. Manchmal habe ich das Gefühl, es treibt mich richtig in die Bewegung, weil ich weiß, dass es nicht so sehr darauf ankommt, ob der nächste Schritt die Komplettlösung bringt, sondern dass zunächst einmal Bewegung ins Gesamte kommt.
Ich schicke Euch ganz herzliche Grüße. Karin
09.4. I Betreff: Ich vermisse das Handeln und ein Hauch Philosophie
Liebe Karin, lieber Andi, heute schreibe ich Euch aus dem ICE zwischen Heidelberg und Stuttgart. Ich befinde mich auf der Heimfahrt von meiner Ausbildung als „Systemischer Berater“. Diese ist für mich eine gelungene Vertiefung zu dem, was ich im Krpg-Lehrgang bereits gelernt habe, zugleich aber auch eine Art Trockenversion davon, weil es an Handlungsorientierung fehlt.
Wir haben heute drei Fälle aus unterschiedlichen familiären Milieus bearbeitet. Ein Fall wurde im Wesentlichen besprochen, zum zweiten gab es ein Rollenspiel und beim dritten Fall eine Aufstellung. Es wird Euch wenig verwundern: Für mich – und wohl für den größten Teil der Gruppe – war die Aufstellung das eindrücklichste Element des Tages. Hier hat sich wesentlich mehr verdichtet und geklärt als bei den anderen Methoden der Supervision.
Ganz oft genieße ich im Rahmen dieses Lernens, die Theorie weiter zu vertiefen. Wenn es dann aber an die Umsetzung geht, dann wünsche ich mir mehr Handeln. Auch wir arbeiten mit Aufstellungen, Bewegungsübungen, Rollenspielen und vielem mehr. Trotzdem fehlt es mir an kreativen und rituellen Elementen und vor allem an der Naturerfahrung, die ich so fruchtbar erlebt habe. Erst jetzt wird mir so richtig klar, wie wichtig diese Methoden für meinen Lernprozess waren.
Könnt Ihr Euch noch an das Kapitel aus den „Wagnissen des Lernens“ erinnern, in dem Astrid Habiba Kreszmeier und Hans-Peter Hufenus schreiben: „Schöpferisches Chaos und Wahrnehmung, beseelte Natur und Beziehung, tragender Lebensstrom und Verantwortung – das sind die zentralen Stichworte am ‚gewagten‘ Grund der Kreativ-rituellen Prozessgestaltung.“ 6
Für mich hat sich dieser gewagte Grund immer schön und reizvoll angehört, auch wenn ich ihn in manchen Punkten noch gar nicht vollständig verstehe oder auch nicht mit denselben Worten beschreiben würde.
Am Beispiel der beseelten Natur kann ich das gut verdeutlichen: Heute Morgen, es ist Sonntag, habe ich den Psalm 148 entdeckt, in dem davon gesungen wird, dass Engel, Sonne, Mond, Himmel, Wasser, Meeresdrachen, Feuer und Hagel, Schnee, Nebel, Sturmwind, Berge und Hügel, Fruchtbäume, Zedern, wilde Tiere und alles Vieh und der Mensch den Schöpfer loben sollen. Das ist doch auch eine wunderschöne Beschreibung für eine Natur, in der in jedem Teil etwas Göttliches steckt. Sicher ganz anders als die animistische Annäherung im oben genannten Buch, aber für mich mit derselben Konsequenz für den Umgang mit und das Lernen in der Natur.
Am meisten beeindruckt und getragen hat mich der Gedanke, dass „alle Menschen einen Platz haben und einen Weg beschreiten können, der ihren Möglichkeiten entspricht. Das Leben lädt uns ein, mitzufahren, einzusteigen in den großen Fluss, mitzuschwimmen.“ 7 Für mich ist das der Kern der Philosophie einer Kreativ-rituellen Prozessgestaltung. Und noch besser als in dem Buch von Seligmann, von dem ich euch geschrieben habe, steht das für mich in anderen Worten in meinem philosophischen Lieblingsbuch „Schönes Leben?“ von Wilhelm Schmid. Aus dem Buch mag ich Euch zum Schluss noch eine Passage zitieren, weil sie so trefflich formuliert, dass es im Leben nicht um dauerndes Glücklichsein geht, sondern um viel mehr:
„Lebenskunst kann (…) heißen, sich ein schönes Leben zu machen, im Sinne von: Das Leben bejahenswerter zu machen, und hierzu eine Arbeit an sich selbst, am eigenen Leben, am Leben mit Anderen und an den Verhältnissen, die dieses Leben bedingen, zu leisten. Die Selbstmächtigkeit, die kunstvolle Gestaltung der Existenz, der Akt der Wahl, die Sensibilität und Urteilskraft, die Realisierung von Schönheit: All diese Momente kommen darin überein, zu einem erfüllten Leben beizutragen, das bejahenswert ist. Dieses Leben besteht nicht nur aus Glücksmomenten, die Widersprüche sind aus ihm nicht ausgeschlossen, sondern bestenfalls zu einer spannungsvollen Harmonie zusammengefügt; es handelt sich nicht unbedingt um das, was man ein leichtes Leben nennt, eher um eines, das voller Schwierigkeiten ist, die zu bewältigen, ja sogar zu suchen sind, voller Widerstände, Komplikationen, Entbehrungen, Konflikte, die ausgefochten oder ausgehalten werden – all das, was gemeinhin nicht zum guten Leben und zum Glücklichsein zählt. Erst in der Bedrängnis leuchtet das Schöne.“ 8
Und damit schließe ich auch meinen kleinen philosophischen Ausflug und mache jetzt einen konkreten Ausflug hinaus in einen wunderbar sonnigen Tag.
Ein lieber Gruß. Peter
Literatur
Campbell, Joseph (1999): Der Heros in tausend Gestalten. Frankfurt am Main (Insel TB)
Seligman, Martin E. P. (2005): Der Glücksfaktor. Warum Optimisten länger leben. Bergisch Gladbach (Bastei-Lübbe)
Furman, Ben (1999): Es ist nie zu spät, eine schöne Kindheit gehabt zu haben. Basel (Borgmann)
Schlippe, A. v. (1991): Systemische Sichtweise und psychotherapeutische Ethik. In: Praxis der Kinderpsychologie und -psychatrie 40 (10)
Foerster, H. v. (1981): Das Konstruieren einer Wirklichkeit. In: Watzlawick, P. (Hrsg.) (1981): Die erfundene Wirklichkeit. München (Piper)
Kreszmeier, Hufenus (2000): Wagnisse des Lernens. Aus der Praxis der Kreativ-rituellen Prozessgestaltung. Bern (Haupt)
Schmid, Wilhelm (2000): Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst. Frankfurt am Main (Suhrkamp)
Fischer, Klawe, Thiesen (1985): (Er) leben statt reden. Weinheim (Juventa)
Andreas Bühler
Jahrgang 1969, lebt in Vaihingen / Enz (Deutschland)
Aus- und Weiterbildungen: Diplom-Sozialpädagoge (FH), Krpg
Derzeitige Tätigkeit: Projektleiter bei einem Bildungsprojekt für benachteiligte Jugendliche, Bildungsreferent bei einem kirchlichen Jugendverband
E-Mail: andi-buehler@t-online.de
Peter Thomas
Jahrgang 1969, lebt in Sindelfinden (Deutschland)
Aus- und Weiterbildungen: Diplompädagoge, Krpg, Systemischer Berater
Derzeitige Tätigkeit: Leiter des Bischöflichen Jugendamtes und Diözesanleiter des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend in der Diözese Rottenburg-Stuttgart
E-Mail: peter.thomas@t-online.de
Karin Wabersich
Jahrgang 1974, lebt in Filderstadt (Deutschland)
Aus- und Weiterbildungen: Diplom-Sozialpädagogin (BA), Krpg, Führen und Leiten Derzeitige Tätigkeit: Bereichsleiterin im Bischöflichen Jugendamt der Diözese Rottenburg-Stuttgart
E-Mail: karin.wabersich@gmx.de
1 Vgl. Campbell, Joseph (1999): Der Heros in tausend Gestalten, Frankfurt am Main
2 Seligman, Martin E.P. (2005): Der Glücksfaktor. Warum Optimisten länger leben, Bergisch Gladbach
3 Vgl. Furman, Ben (1999): Es ist nie zu spät, eine schöne Kindheit gehabt zu haben, Basel
4 Schlippe, Astrid von (1991): Systemische Sichtweise und psychotherapeutische Ethik. In: Praxis der Kinderpsychologie und -psychatrie 40 (10), S. 371
5 Foerster, Heinz von (1981): Das Konstruieren einer Wirklichkeit. In: Watzlawick, P. (Hrsg.) (1981): Die erfundene Wirklichkeit, S. 60
6 Kreszmeier, Astrid H., Hufenus, Hans-Peter (2000): Wagnisse des Lernens. Aus der Praxis der Kreativ-rituellen Prozessgestaltung, Bern, Stuttgart, Wien, S. 37
7 a. a. O., S. 36
8 Schmid, Wilhelm (2000): Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst, Frankfurt am Main, S. 179f.

In der Lösung liegt die Kraft
Andrea Zuffellato
Die Auseinandersetzung mit dem Begriff Lösung führt rasch zu dem wohltuenden, öffnenden und bisweilen rettenden Tunwort lösen, welches die Bildhaftigkeit wohl besonders entfalten kann, wenn heilende Hände verkrampfte und verhärtete Muskeln lösen, wenn rettende Hände die Fesseln von Gefangenen lösen oder geduldige Hände die Knoten eines Wollknäuels lösen – lösen bedingt handeln, bedingt Veränderung und einen Zustand oder Ausgangspunkt, der reif für Veränderung ist.
Im pädagogischen und therapeutischen Kontext dreht sich das Lösen meist um Problemsituationen, Zustände der Unzufriedenheit und Krisen. Es geht um Lösungen von Anliegen. Auch in der Begleitung von Menschen ist Handeln von zentraler Bedeutung und auch das Lösen von Problemen ist wohltuend und öffnend, vielleicht manchmal sogar rettend.
Lösungsorientierung ist indes eine Haltung, sie bedarf keiner aktuellen oder akuten Probleme, sie ist eine treibende Kraft, die Menschen mit ihrem Potenzial wahrnimmt, das eigene Leben glücklich zu meistern. Sie basiert auf einem Vertrauen in das Leben und dessen fließenden und wandelnden Charakter. Lösungsorientierung ist aber gleichermaßen auch Methode und bietet viel praktisches Handwerkszeug.
In diesem Exkurs lade ich ein auf eine Forschungsreise in den Bereich der Lösungen und Möglichkeiten. Lade ein, den Versuch eines Querschnittes durch lösungsorientierte Ansätze in der Kreativ-rituellen Prozessgestaltung zu explorieren und Wirkungsmöglichkeiten in Praxisbeispielen zu entdecken. Vom Großen ins Kleine führt der Text von Gedanken rund um die Auswirkungen der lösungsorientierten Arbeit im pädagogischen Kontext, über eine Pendelbewegung zwischen Sprache und Handlung, hin zu Prinzipien und zur konkreten Technik lösungsorientierten Handelns, bis zur Einbettung in die Kreativ-rituelle Prozessgestaltung.
Lösungen sind gesund
Time-out Schule und passage-moti sind zwei Programme, die Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, Lösungen zu erarbeiten und diese zu realisieren. passage-moti integriert erfolgreich stellensuchende Jugendliche aus allen Bildungsschichten und Herkunftsländern nachhaltig in die Arbeitswelt. Die Time-out Schule bietet der Volksschule die Hand im Umgang mit betreuungsaufwändigen Schülerinnen und Schülern in schwierigen Situationen, mit dem Ziel einer Reintegration. Zwei Institutionen, die schon von der Anlage her Lösungen generieren sollen – nachhaltige Anschlusslösungen als Auftrag, persönliche Problemlösungen als Ziel.
Gerade in der Arbeit in diesen potenziellen „Problemfeldern“ und mit vorbelasteten Menschen scheint mir die eigene Ausrichtung besonders entscheidend. Für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen in solchen Programmen lassen sich einige Leitlinien etwa wie folgt formulieren:
Für Menschen, die in potenziellen Problemfeldern arbeiten, scheint mir die Ausrichtung besonders entscheidend.
Wir versuchen, Probleme zu sehen und anzuerkennen, doch unsere Energie und Arbeitskraft richtet sich auf die gemeinsame Arbeit an Lösungsszenarien und deren konkrete Umsetzungen. Lösungen sind existent, sie sind im System vorhanden und werden oft als unscheinbare Ausnahmen beschrieben. Unsere Aufgabe ist die Suche nach diesem positiven Ausnahmezustand sowie schrittweise dessen Stärkung und Ausbau.
Die nötigen Ressourcen zur Erreichung der Lösung sind ebenfalls im System vorhanden. Die Arbeit in der Begleitung ist das Sichtbarmachen, Aktivieren und Festigen dieser Ressourcen.
Stellensuchende Jugendliche sind oft enttäuscht und desillusioniert; sie hängen im leeren Raum zwischen dem Gefühl, nicht gebraucht zu werden und nichts zu können. Kinder, die in ein Time-out kommen, sind meist Symptomträger blank liegender Systeme. Die ausgesprochenen und mitunter auch lauthals verschwiegenen Androhungen von Schulausschluss und Heimplatzierungen werfen ihre Schatten über Familien, Klassen und Lehrkräfte.
In diesen Situationen ist ein Standortgespräch mit Lösungsfokus, ein Aufzeigen von verschiedenen Möglichkeiten nicht selten der erste Silberstreif am Horizont seit langem. Das Suchen und Festhalten von vorhandenen Fähigkeiten, Talenten und Ressourcen, die Ausnahmen der alles überschattenden Problemwelt sind die Anknüpfpunkte, die für uns ein Miteinander oft überhaupt erst ermöglichen.
Die Überzeugung, dass es eine Lösung gibt, pflanzt sich wie ein Antikörper in ein krankmachendes Problemsystem.
In dieser Arbeit sind Ressourcen- und Lösungsorientierung nicht bloß Schlagworte und leere Hülsen, häufig sind dies die Grundlagen unserer Arbeit überhaupt. Unsere Behauptung und die feste Überzeugung, dass es irgendwo da draußen, respektive da drinnen, eine Lösung gibt, pflanzt sich wie ein Antikörper in ein krankmachendes Problemsystem. Die konsequente Fokussierung auf Erfolge und bereits bestehende oder noch zu entdeckende Ressourcen beschleunigen und sichern den „Heilungsprozess“.
Die Wirkung der systemischen Haltung ist wechselseitig, sie mobilisiert bei den Protagonisten Selbstwirksamkeitskräfte und Eigenverantwortung und fördert durch den Fokuswechsel vom Problem zur Lösung bei der professionellen Begleitung die Motivation und Freude an der Arbeit und wirkt so last but not least Burnout-prophylaktisch.
Zwischen Handlung und Sprache
Der systemisch lösungsorientierte Ansatz, wie er in die Kreativ-rituelle Prozessgestaltung einfließt, ist geprägt von den konstruktivistischen Theorien Watzlawicks und wurde unter anderem ausformuliert, erforscht und erfolgreich angewendet von Insoo Kim Berg, Steve de Shazer u. a.
Die Sprache ist ein zu wirksames Instrument, um auf sie zu verzichten.
Ein Credo der Krpg ist die Handlungsorientierung und damit verbunden, so ist man versucht zu denken, eine gewisse Abkehr von der versprachlichten Welt. Krpg versucht jedoch den goldenen Mittelweg zu gehen, so wenig Sprache wie möglich, so viel als nötig. Und wenn schon Sprache, dann gezielt, effizient und im Sinne des Auftrages, also lösungsorientiert. Die Sprache ist ein zu wirksames Instrument, um auf sie zu verzichten. Einmal abgesehen davon, dass auch dies bekanntlich Kommunikation wäre. In der Sprache liegt große Kraft und in gewissem Sinne ist unsere Identität immer auch Sprachidentität. Die Frage ist demnach nicht, ob sprechen, sondern was und wie?
Der Vorteil einer handlungsorientierten Vorgehensweise wie der Kreativ-rituellen Prozessgestaltung liegt in der Möglichkeit, Sprache metaphorisch sichtbar oder auch konkret erfahrbar zu machen, Lösungsszenarien zu erleben.
Ein faszinierendes Lösungsexperiment gelang uns mit einer Teilnehmerin vom Motivationssemester, einer kecken, jungen Frau mit tragischer Biografie, langjähriger Heimkarriere, vielen Jahren Therapiererfahrung, Drogenkindheit und längerem Leben auf der Straße. In der Zeit im moti war sie clean und hatte ein funktionierendes Zuhause, sie war damals 22 Jahre alt und die Älteste der Gruppe. Sie hatte Charisma, war eine starke Persönlichkeit mit sturem Kopf, eisernem Willen, strahlendem Lachen und beachtlichen Führungstalenten. Ihre Ressourcen setzte sie leider oft gegen die Leitung ein, sie wurde dann intrigant, extrem kritisch und mitunter sehr destruktiv. Es fiel ihr leicht, sich schnell eine entsprechende Oppositionsposition zu schaffen und weitere Teilnehmer um sich zu scharen, um dann auf Kollisionskurs zu steuern. Dieses Verhalten schien in langjährigem Umgang und Kampf mit Sozialpädagoginnen und Therapeuten gelernt, eine Strategie, die durch zahlreiche Verletzungen entstanden war. Gleichzeitig war sie jedoch auch fasziniert von unserem Programm, den neuen Möglichkeiten und unserem Umgang mit ihr und sie engagierte sich immer wieder fürs Gruppengeschehen. Irgendwie roch die Situation nach einem Schritt in die Erwachsenenwelt.
In der Praktikumszeit konnten wir sie für einen Einsatz als Co-Leiterin für eine erlebnispädagogische Intensivwoche im Time-out gewinnen. Eine Funktion, die ihr genau diesen Ebenenwechsel abverlangte. Sie war schnell zu begeistern und ließ sich auf diese Erfahrung ein. Die Woche verlief nicht reibungslos, doch sie konnte sich immer wieder aufraffen und leistete wirklich gute Arbeit. Sie durchlief einen bewegenden Prozess, über den sie in Coachings erzählen konnte, und kam damit ihren selbst formulierten Zielen große Schritte näher. Am eindrücklichsten für mich bleiben aber die ersten zehn Minuten; ihre Gegenüberstellung mit den ihrerseits unbändigen, frechen und destruktiven, aber auch verletzten und unsicheren Mädchen vom Time-out, sechs bis acht Jahre jünger, ähnliche Geschichten, ähnliches Potenzial. Diese Mädchen sahen in ihr jedoch nicht ein größeres Vorbild, sondern irgendeine junge Sozi-Praktikantin, und so begegneten sie ihr. Zehn initiatorische Minuten!
Kanufahren als Sinnbild für handlungsorientiertes Arbeiten an Lösungen.
Sinnbild für handlungsorientiertes Arbeiten an Lösungen im erlebnispädagogischen Kontext ist für mich das Kanufahren. Wo sonst kann so lebensnah erfahren und erlebt werden, wie direkt sich die Fokussierung von Durchfahrten oder Hindernissen, von Lösungen oder Problemen auf unser Weiterkommen bzw. sogar auf unser Wohlbefinden auswirkt? Kein Fluss sollte ohne Kenntnis über die Schwierigkeitsstufen, über die Hindernisse und Schlüsselstellen befahren werden. Auf der Kanufahrt selbst müssen wir jedoch immer nach der Durchfahrt Ausschau halten, uns auf das fließende Wasser konzentrieren. Im Fluss sein, ist dann gleichbedeutend, wie sich in einem Prozess befinden. Es braucht die Fähigkeiten des Sich-Einlassens, sowie das Gewahrsein der Hindernisse mit der ständigen Ausrichtung auf die Durchfahrt.
Wenn wir mit Jugendlichen aus passage-moti oder des Time-out Schule auf Flüssen unterwegs sind, also mit vornehmlich urbanen und konsumorientierten Paddel-Greenhorns, wirkt diese Metapher oft ohne weitere Erklärungen. Auffahrkollisionen und kleinere Tauchgänge, erfolgreiche Durchfahrten und elegante Manöver machen die Zusammenhänge kommentarlos deutlich. Die Jugendlichen entwickeln die kreativsten Manövriertechniken und steuern sich so den Fluss hinunter. Gelebtes Chairman-Prinzip.
In der Praxis stellten sich die theoretischen Erkenntnisse der lösungsorientierten Ansätze für mich als sehr sinnig und praktikabel, als unglaublich nützlich und erfolgreich heraus. In erster Linie manifestiert sich der Unterschied jedoch im angenehmeren Arbeitsklima und einem wertschätzenden Umgang mit den Menschen.
Ein schulisches Time-out beginnt für jeden Schüler mit einem Eintrittsgespräch. Zu diesem „runden Tisch“ kommen Kind und Eltern, Klassenlehrerin und evtl. Fachlehrer, Schulleiterin und allenfalls andere Bezugspersonen wie Beistände, Therapeuten o. Ä. Ein großer Aufmarsch, viel Kompetenz, großes Potenzial, aber auch große Bedrohung für Eltern und Kind. Als wir mit unserer Arbeit im Time-out begannen, wurden wir mit vielen eskalierten Situationen konfrontiert. In den Gesprächen wurde Dampf abgelassen und Feuer gelöscht. Oft füllten die vielen Erklärungen der Ursachen und die Ausführungen der genauen Problematik Gesprächsstunden. Für die Kinder war unser erster Kontakt dann geprägt von den Schilderungen ihrer Verfehlungen und Auflistungen ihrer Missetaten und Fehler. Grundsteine der Zusammenarbeit waren die Probleme, dementsprechend schwierig gestaltete sich oft die Einstiegszeit im Time-out. Obwohl wir um die Wichtigkeit sowohl der Kenntnis der Problematik, als auch der Psychohygiene der Lehrkräfte wussten, waren diese Bedingungen für uns eine unbefriedigende Ausgangslage.
Wir konzipierten daraufhin einen Gesprächsleitfaden nach lösungsorientierten Kriterien, inspiriert von den Forschungsarbeiten de Shazer‘s im bftc (brief family therapy center).
Die Konzeptänderung der Eintrittsgespräche veränderte wesentlich das Arbeitsklima im Time-out Schule.
Dieser Leitfaden und die gestärkte Haltung, mit der wir durch dessen Erarbeitung an den nachfolgenden Eintrittsgesprächen auftraten, zogen weit greifende Konsequenzen nach sich. Die Problemsituation wurde praktisch ausschließlich in einem vorgängigen Telefonat besprochen, im Eintrittsgespräch wurden bezüglich der Problematik höchstens noch Verständnisfragen gestellt oder die Sicht der Eltern und des Kindes eingeholt. Die verbleibende Zeit wurde von uns dazu genutzt, vorhandene Ressourcen zu aktivieren, gemeinsame Lösungsszenarien zu entwickeln und Zielvereinbarungen festzuhalten. Das Gesprächsklima war im Gegensatz zu den anfänglichen Gesprächen geprägt von Hoffnung und Tatendrang, anstatt von Schuldgefühlen,
Aggressionen und aussichtsloser Wut. Die Möglichkeit einer Veränderung und die Fähigkeiten, die wir bei den Einzelnen bereits erkannten, bildeten fortan die Grundsteine. Diese Konzeptanpassung der Eintrittsgespräche veränderte wesentlich das Arbeitsklima im Time-out Schule, die Arbeitsverhältnisse zu den Eltern und Herkunftssystemen und nicht zuletzt unsere Erfolgszahlen. Viele Kinder fingen an, sich auf ein Time-out zu freuen, waren überzeugt, dass ihnen die Auszeit weiterhilft, und sie hatten oft bereits eine Ahnung von dem, was sie lernen wollten. Die Lösungen zeichneten sich ab, vom ersten Tag an. Es gab sogar das eine oder andere Gespräch, das zu keinem Eintritt ins Timeout führte, weil innerhalb des Kind-Eltern-Schule-Systems so etwas wie eine gesunde „Wir schaffen das aus eigenen Kräften“-Überzeugung entstanden war.
Die Einfachheit, die den Unterschied ausmacht
Reframing, das Umdeuten von Sachzusammenhängen in andere Erfahrens- oder Lebensbereiche, Techniken wie Skalierungsfragen, zirkuläre Interviews oder die Wunderfrage sind einfache und wirkungsvolle Techniken. Wenn diese Art der Gesprächsführung beherrscht, mit einer ehrlichen Neugier gepaart und einer authentisch wohlwollenden Haltung gelebt wird, sind die Kriterien für erfolgversprechende Lösungsorientierung erfüllt.
„Wenn etwas funktioniert, mach mehr davon, wenn etwas nicht funktioniert, mach was anderes!“
„Wenn etwas funktioniert, mach mehr davon, wenn etwas nicht funktioniert, mach was anderes!“ Die Leitlinien von lösungsorientierten Gesprächsformen und Arbeitshaltungen sind oft verblüffend einfach, wenn auch in der Praxis nicht immer leicht zu realisieren. Wenn mich im pädagogischen Alltag ein frecher Jugendlicher permanent nervt, dann schaffe auch ich es nicht immer, ihm zu seinem Durchsetzungsvermögen und seiner vielen Energie zu gratulieren. Vielleicht gelingt es mir aber ab und zu, ihn auf dieser Ebene abzuholen, und ihn beispielsweise bei einer Öffentlichkeitsumfrage in die Verantwortung zu nehmen.
Das „Mehr-desselben“-Prinzip ist in unserer Kultur weit verbreitet, leider nicht nur in Situationen, in denen dies auch angebracht wäre. Viel öfter finden wir es in festgefahrenen Problemszenarien, bei Gewalt und Repressionen in Familien oder Schulklassen, bei erfolglosen Bewerbungsstrategien, bei Lerntechniken und Prüfungsangst oder bei Gruppenprozessen und Lärmpegelkontrollen. Schaffen wir in diesen Situationen einen Schritt zur Seite, zurück von der Front des pädagogischen Alltags, besinnen uns auf unseren Auftrag und erspinnen alternative Lösungsstrategien, spüren wir oft eine angenehme Erleichterung. Es gelingt uns dann, zu relativieren und lockerer am Puls des Geschehens zu sein.
Der Schlüssel liegt auch in diesen Situationen nicht selten offen auf der Hand. „Versuch es doch mal so …“-Lösungen fokussieren heißt oft erst mal, Druck abbauen, Kräfte sammeln und umleiten, selbst erzeugte Eingrenzungen überwinden, anderes ausprobieren. Beispielsweise könnte das bedeuten, sich persönlich in Betrieben vorzustellen und zu bewerben anstatt nur Briefe zu schreiben, keine Strafaufgaben für fehlende Aufgaben zu verteilen, sondern einmal freiwillige Hausaufgaben machen zu lassen und diese zu würdigen, die Sitzdistanz in einer Gruppenarbeit zu verdoppeln, um laute Kommunikation zu provozieren.
Beratungsgespräche werden zu Backstuben von Lösungen.
Kreativität ist eine der wichtigen Fähigkeiten, die Menschen die Entwicklung von Lösungsszenarien erleichtern. Je flexibler du denken kannst, desto vielseitiger wirst du an Probleme herangehen können. Je empathischer du dich in der Wirklichkeit einer Jugendlichen bewegen kannst, desto eher wird sie dich auf Entdeckungsreise mitnehmen. Dann wird es möglich, mit ihr Hintertüren zu öffnen und sie auf neue Aussichtspunkte zu führen, um gemeinsam neue Zusammenhänge zu entdecken, alternative Wege zu gehen, revolutionär Wände und Barrieren einzureißen oder Fakten umzudeuten. Mit einer Mischung aus Querdenken, Verrücktheit, aufrichtiger Neugier und gesundem Forschergeist, mit viel Respekt und Feingefühl werden so Beratungsgespräche zu Backstuben von Lösungen.
Wichtig scheint mir die Ausgangslage, dass wir nicht von der Lösung für ein bestehendes Problem sprechen, sondern von einer Vielzahl so genannter Lösungsszenarien, von einer breiten Palette an Lösungsmöglichkeiten, die wir zusammen mit der Protagonistin explorieren und Schritt für Schritt herausarbeiten. Diese Tatsache entlastet insofern, dass wir nicht auf eine ominöse, optimale Lösung fixiert zu sein brauchen, sondern Bewegungs- und Denkfreiheit bekommen. Viele Wege führen nach Rom!
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